T. F. E. 1. Brief . Amalie an Fanny I. Brief Amalie an Fanny Beste teuerste Freundin ! Wenn Du jenes gutherzige Mädchen bist , so öffne deinen Busen meinem Kummer . Seit einer Stunde ! - Gott im Himmel ! - Seit einer Stunde ist meine Mutter tot ! - Diese teure , für mich so gütige Freundin ist nicht mehr ! - O , fühle , wenn Du kannst , die Last dieses Schmerzens ! Aber Du kannst unmöglich das mit mir fühlen , denn Du verlorst keine Mutter , keine Führerin , keine Beschützzerin , wie ich ! O Mutter ! Mutter ! Könnten Dich meine Tränen zurückrufen ! Könntest Du sehen , wie dieser Verlust in mir tobt ; wie er mir hineingreift in das Innerste meiner Seele ; wie es mich drückt , dieses Andenken ; wie es mich ängstigt ; meine Leiden spannen sich auf den höchsten Grad der schwarzen Schwermut ! - O Fanny ! Sage mir doch nie wieder , daß Enthusiasmus die Menschen glücklich mache ! Matt und ohne Tränen überdenke ich meine Lage , finde nirgends Trost , und außer deinem Busen scheint mir alles hart und unbarmherzig ! Die Menschen sagen immer , Luft müsse man sich machen und seinen Brocken Elend wegseufzen . - Gut wäre dies - für mich besonders gut ! Aber sind doch die meisten Menschen zum wahren Anteil so ungeschickt , so hölzern ! - Doch Du , meine Freundin , bist keine von diesen , Du bist nicht von der Alltagsgattung , dein Gefühl ist fein genug , um mich zu verstehen . O ! ich erinnere mich noch recht gut , wie sich deine Tränen mit den meinigen mischten . Und wenn ich dann gleichwohl diese Tränen unter stärkeren Herzensstößen herausweinte , so war mein Weinen doch nicht so bitter , weil Du mitweintest . Wahrhaftig es rollt diesen Augenblick etwas feuchtes aufs Papier ! - o , Gott sei Dank , es ist eine Träne ! Jetzt kommen sie , diese Erleichterungen meines schweren Herzens ; ich will sie zu tausenden wegschluchzen , und dann setz ich meinen Brief weiter fort . - Um etwas ist es mir jetzt leichter , doch freilich ist dieses Etwas nur wenig . Glaube mir , Fanny ! auch bei kälterem Blute scheint mir der Verlust meiner Mutter gräßlich ! Alles erinnert mich augenblicklich daran . Die Leere in unseren Zimmern , der Mangel meiner Mutter in allen Anlässen , ihre müßigen Kleidungsstücke ! - Gott ! Gott ! ich habe sie verloren , sie kommt nicht wieder , meine innigstgeliebte Mutter ! Bis jetzt war ihr Tod für mich bloß ein halbwahrer , dumpfer Gedanke , mein Gehirn war zu heiß , um seiner Ursache nachzudenken ; aber jetzt , liebe Mutter , erinnere ich mich , daß Unglück und Missvergnügen deine Mörder waren ! Die Blüte deiner Jahre ist doch ein zu teurer Preis ! - Nicht wahr , Fanny , Du kennst die Güte meines Vaters ? Wehe uns armen Kindern , wenn sein verheirateter Bruder fortfährt , auf den Sturz unseres Hauses anzutragen ! Er ist ein verschwenderischer Heuchler , und mein Vater ist zu gut und zu leichtgläubig . Welch eine gefährliche Gabe ist doch ein gutes Herz ! Wie oft muß es sich treten lassen , und wie wenig bindet es sich an Erfahrung ! Selten entwischt ein zu gutes Herz der Gefahr betrogen zu werden , und wenn es ihr entwischt , so wirkt eigener Unwille kontrastmäßig auf seinen Hang zur verschwenderischen Gutheit ; immer wird so ein Herz von Bösewichtern umgeben und bezaubert , und ehe sich der Betrug sonnenklar entwickelt , bleibt solch ein Herz gewiß hartnäckig gut . Lebe wohl , gutes , liebes Mädchen , und bedaure deine arme Amalie . 2. Brief . Amalie an Fanny II . Brief Amalie an Fanny Meine Beste , Liebste ! Weist Du es wohl , daß der denkende Mensch weit mehr leidet , als der nichtdenkende ? Der letzte fühlt weiter nichts als den ersten Streiche des Unglücks , aber der erstere den ganzen Widerhall . Die Grade unseres Gefühls mißt unsere Einbildungskraft ab , und wo der Tiefsinn mehr oder minder wirkt , da drückt er mehr oder weniger . - Enge Köpfe und steife Herzen sind arme , aber ruhige Geschenke . Das ist nun richtig , daß auch mit meiner Einbildung mein Kummer wächst . Jener unersättliche Oheim reißt unser Vermögen mit Riesenmacht ins Verderben . Vater , dachte ich letzthin , deine Güte ist Verschwendung , aber keine lasterhafte Verschwendung , möchte Dich der Himmel entschuldigen ! - Weiter würde ich noch gedacht haben , aber mein Herz war Wachs , Tränen rollten gewaltig auf meinen Busen . - Nun Mädchen ! jetzt wirst Du ausrufen , zu was all dein Jammern ? Hast schon Recht , Fanny ! Wenn nur die lockende Hoffnung kein so elender Trost wäre , so möchte ich mich an diesen Pfad allein halten ; aber sich von dieser Heuchlerin täuschen , und so oft täuschen lassen , das ist hart ! Nicht wahr , Liebe ! Glück und Unglück hat einen gewissen Lauf , und wen das letztere schlägt , der hat Stärke nötig , seine Streiche auszuhalten ? Denn es ist eine so hartnäckige Schlange , die sich von einem Gliede zum anderen windet , überall den Elenden verwundet und doch nicht tötet . Wenn für mich eine so lange Reihe von Martern bestimmt wäre ! - - Wie ich mich doch so eigensinnig in die Zukunft drängen möchte ! Das Hineingucken ist eine Plage , die der melancholische Mensch überall mit sich schleppt ; klein und rasch sind seine Erholungen , aber anhaltend und schwarz seine darauffolgende Leiden . O Fanny ! mein Vater scheint gebeugt , und ich bin zu blöde , um ihm seinen Kummer abzuzärteln . Ich möchte ihm kein Geständnis ablocken , das ihm hart ankäme . Ach Mutter ! - Warum bist Du hin , für uns alle hin ? Mädchen ! mir ahndet , und meine Ahnung ist gewiß nicht ohne Grund . Mein Vater steckt in Schulden , und die rohen Menschen gaben ihm nur wenige Wochen Termin . Kein Ausweg ist vorhanden , keine nahe Rettung läßt sich blicken . Gott ! wir sind im Elend ! Amalie . 3. Brief . Fanny an Amalie III. Brief Fanny an Amalie Liebe unglückliche Freundin ! Wenn es Mittel gäbe , einen so tiefen Gram , wie der deinige ist , zu lindern , dann hätte ich Dich gewiß nicht so lange warten lassen , was hätte ich Dir wohl mitten in deinem Jammer sagen sollen ? Es gehört eine gewisse Kunst dazu , Unglückliche zu trösten , und Du sagtest mir schon selbst , daß ich hierzu sehr ungeschickt wäre . Ich habe Dich also im Inneren bedauert und viele stille Tränen für Dich verweint . Wenn ich schon nicht , wie Du , alles exzeßmäßig fühle , so fühle ich doch gewiß tief , sehr tief . Tröste Dich , beste Amalie , tröste Dich über den Verlust deiner Mutter , überdenke das menschliche Schicksal , und sieh zu , ob dieses Opfer nicht eine Folge der Menschlichkeit sei ? Wahr ist es , die Natur empört sich , wenn ein so teurer Teil sich in Nichts verwandelt , wenn es aber so sein will , so sein muß , warum soll denn ein Mensch gegen eine unabänderliche Bestimmung rasen ? Ja , Freundin ! Enthusiasmus macht glücklich , wenn er nicht überstimmt wird , und Du besonders , liebes Kind ! Du räumst ihm nur im Tragischen einen Platz ein ; deine Einbildung wird mehr dein Tirann als dein Wohltäter . Bestes Mädchen , suche Dich gelassener zu stimmen ; vielleicht ist es noch Zeit , wenn Du anders deine Heftigkeit nicht schon zu stark gezögelt hast . Und dann , meine Liebe , wo ist dein Zutrauen auf die Vorsicht ? Willst Du nicht lernen groß denken und im Elend sich fest an Den halten , der die Tränen der Unglücklichen zu belohnen weiß ; an Den , der uns retten kann , wenn wir es verdienen gerettet zu sein ? Dein Vater , Du und deine Schwester sind bedaurungswürdig . Es ist eine grausame Gabe um ein gutes Herz ; es läßt sich so leicht bis zum Leichtsinn heruntertäuschen . Doch , liebes Mädchen , es ist einmal dein Vater ; ehre seine Würde und beweine seine Handlungen . Ich kenne dein Herz , beste Amalie , es ist so edel gestimmt , es schlägt so rein , glaube deiner Freundin , es kann nicht unbelohnt bleiben . - Nein es kann nicht ! Gutes Mädchen ! Wie edel ist nicht dein Kummer über einen innerlichen Vorwurf deines Vaters ! Du duldest so viel , und bist doch noch so sanft , so äußerst gutherzig . Amalie ! Dein Gefühl hat einen Wert , der sich nicht bestimmen läßt , weil es so selten unter Kindern zu finden ist . All dein Unglück muß Dich doch weniger drücken , wenn Du denkst , mein Herz verehrt ihn dennoch , Den - der mir das Leben gab . Fahre fort , Freundin , so zu handeln , ich will Dich ewig verehren und nie aufhören zu sein , deine teuerste Fanny . 4. Brief . An Fanny IV. Brief An Fanny Teures Mädchen ! Was mit uns vorgeht , verdient aller Menschen Mitleid . Mein Vater weint , und seine Tochter badet sich in seinen Tränen . Die fühllosen Gläubiger ! Die garstigen Menschen ! Ich weiß es freilich schon , daß die bestimmte Zeit vorbei ist . Man schreit um Geld , und Freunde entfernen sich . Welch ein Anblick ! - Wie barbarisch muß der Vorwurf an meines Vaters Herzen nagen ! Seine Liebkosungen gleichen einer freudigen Verzweiflung . Er flieht mich zuweilen ! - Ja , ja , er flieht ! Ha ! - Das schrecklichste , was er mir tun kann ! Du gütige , sanfte Stimme des Bluts , hänge dich an ihn , reiße ihn mit Gewalt an den Busen seiner Tochter hin , laß es ihm nicht fühlen , laß ihm seine Schuld nicht fühlen ! Man sagt mir , er würde seinen Aufenthalt ändern , wenn es wahr wäre ! wenn er sich von seinem Bruder losrisse ! wenn er es täte ! - O Gott ! leite sein Herz ! Wie gerne , wie warm , wie zärtlich sollte er von mir seine Tage verlängern sehen ! Sein Alter wäre für mich ein Heiligtum , daß ich ohne Aufhören küssen und verehren würde . Mit der sorgfältigsten Aufmerksamkeit würde ich seiner pflegen , dem unbedeutendsten seiner Wünsche zuvorkommen , um ihn der möglichsten Ruhe genießen zu lassen . Kein Elend dürfte sich zu unserer Ökonomie drängen ; ich würde eine gute Hausmutter machen , alles so mäßig einzurichten suchen als möglich , nicht prahlen und doch glücklich sein . Sein gutes Herz würde ich geizig an mich ziehen , und sein Bruder sollt und könnt es sodann nicht weiter aussaugen . Ich würde ihn aufzuraffen suchen , und mitten im mutwilligsten Scherze wollte ich ihm Freudentränen ablocken , ihm um den Hals fallen und sagen : Vater ! wir sind so glücklich ! - - Wie gefällt Dir mein Ideal ? meinst Du wohl , daß es wahr werden könnte ? Du glaubst nicht , was ich mir oft für himmlische Situationen zu schaffen weiß ? O wenn doch nur einige wahr würden ! Wie leicht lies sich hernach aller Gram wegdenken ! Lebe wohl , und sei meiner Zärtlichkeit gewiß . Amalie. 5. Brief . An Fanny V. Brief An Fanny Liebe , gute Fanny ! unsere Abreise ist nach Verfließen einiger Tage festgesetzt . Freue Dich ! Das ist nun seit zwei Jahren der erste Brief , den ich Dir mit leichtem Herzen schreibe . Mein Gefühl ist also der Freude noch offen ? Aber wenn mein Ausschnaufen nur ein Anschein von Erholung wäre , und wenn sich alles das bald wieder ins Trübe zöge ! Unglückliche sind doch gegen alles misstrauisch ! - Mein Vater überließ einen Teil seiner Güter den Gläubigern , und der Überrest ist für seine noch übrigen Tage bestimmt ! Klein und rasch ist diese Erholung ! Doch , wenn er sich von diesem Wust losreißt , so kann uns kein hülfloses Elend drohen . Glücklicher Entschluß , der Himmel hat dich gezeugt ! Jetzt scheint mir der gute Mann nicht mehr so finster , seine Zärtlichkeit wirkt übernatürlich auf mein Herz . Er zürnt nicht mehr , und fährt mich auch nicht mehr so hitzig an . Wenn schon mein ganzes Wesen ihm zu lebhaft scheint , so lächelt er und zankt nicht . Mich dünkt es , als ob er sich über meine Haspelei freute , und , wenn ich mich nicht irre , so sieht er meine Lebhaftigkeit für eine gute Grundlage an . Mehrmals nennt er mich einen kleinen Husar , und ich säume gar nicht , diesen Namen zu verdienen . Zu Dir im Vertrauen ! Oft dachte ich bei mir selbst : ein wackerer Junge möchte ich gar zu gerne sein ! Das ist ein Wunsch , den ich beständig im Kopf herumjage und dessen Grund ich kaum angeben kann . Wenn ich mich oft so selbst frage : warum ? dann bleibt meine Antwort über dem Zwang unseres Geschlechts stehen . Kann etwas Unbemerkteres auf der Welt sein , als ein Weibergeschöpf , und gibt es was Elenderes , wenn sie zu stark bemerkt wird ? Sind wir nicht ein wahres Schlachtopfer eines gewissen Vorurteils , und ist dieses Vorurteil bei unserer Erziehung nicht nötig um unsere Eitelkeit zu schrecken und der Männer Herrschsucht ihr Opfer zu bringen ? Das ist doch allerliebst ! Was uns zum Laster angerechnet wird , das ziert ihre Freiheit , und wenn es ihnen gleichwohl keinen Ruhm macht , so bestraft oder beschnarcht sie doch Niemand darüber , am wenigsten aber sie sich selbst untereinander . Sie reizen uns zu Fehltritten , wir geben ihnen Gehör , und wenn es alsdann fehlschlägt , so fällt die ganze Last nur auf uns . Sie nennen uns schwach , und wir sind doch in gewissen Fällen weit stärker als sie . Überhaupt finde ich sie in vielen Stücken äußerst ungerecht , und gäbe es unter uns nicht so viele leere , hirnlose Puppen , ich würde die erste Rebellin werden , alle andere zur gesunden Vernunft aufzuhezzen . Daß man uns so fad erzieht , und daß sich so wenige von uns auszeichnen und zu regieren wissen , das mag wohl die Ursache eines so strengen Gesetzes sein ; und da haben die Männer Recht . Denn dumme Weiber sind oft aus Notwendigkeit tugendhaft , und gescheite Weiber schweifen aus Eitelkeit aus . Bei einem anderen Anlaß ein Mehreres über diesen Punkt . Gute Nacht , Liebe ! Amalie . 6. Brief . An Amalie VI. Brief An Amalie Lose Freundin , schon wieder kein Mittelweg ! Wie reimen sich wohl deine letzteren Briefe mit den übrigen ? - Meine Lage ist anders , also auch andere Briefe : wirst Du sagen . Ja ja ! Aber lauter , lauter Extreme in allen Sachen . Doch um deine Briefe zu beantworten : Dein Vater hat also seinen Wohnort geändert ? Nun , das mag gut gehen , nur wünscht ich , daß er recht weit wegzöge ! Doch was nützt mein Wunsch ? Es wird doch gehen , wie es gehen muß , und wir Menschen wissen meistens zum Voraus , daß wir für Nichts wünschen , und doch wünschen wir . Er mag schon Recht haben , daß in Dir zu viel Feuer braust . Mädchen , Mädchen ! sieh zu und mache es mir nach , sonst wirst Du bald stürmischer , als ein junger Bursche ; und Du weißt , wie Gram die meisten Geschöpfe bei unserer Zeit einer Amazonen sind . - Kleine Närrin ! wie kommst Du auf den Einfall : ich möchte ein Junge sein ! Glaubst Du wohl , daß die Männer so gar vielen Vorzug vor uns haben ? Du hast Recht , sie können freier handeln als wir , aber im Gegenteil setzen sie sich auch mehreren Zufällen aus . Ihr Leben steht bei ihnen beständig auf der Waagschale ; ein Streit , ein Krieg - und weg ist es . Es ist nun einmal so eingeführt , daß wir auf dieser Weltbühne als Geschiedene Geschöpfe agieren müssen . Kann es wohl anders sein ? Man legt uns Zwang an ; aber es gibt würdige Weiber , für die kein Zwang bestimmt ist ; Zwang ist nur für armselige , blöde , widerspenstige Weiber , die sich an Kleinigkeiten binden und große Pflichten verabsäumen , weil sie in allen Stücken aus Dummheit maschinenmäßig nachhandeln müssen . Ein ungebildetes Weib ist das schlimmste Geschöpf auf Erden ; ein Ding , daß der Menschheit zur Last herumwandelt ; ein Geschöpf voll Eigensinn und Hochmut ; eine Kreatur , die alles , was um sie ist , fast zu Tode martert . Wenn ein Weib boshaft ist , so ist sie es in einem Grade , wozu kein Mann gelangen kann . Siehst Du , Freundin , so ist unser Geschlecht bestellt . Glaubst Du also wohl , daß solche Geschöpfe keinen Zwang nötig haben ? Was würde wohl aus einer menschlichen Gesellschaft werden , wenn man einen solchen Haufen ( denn auszeichnen tun sich nicht viele ) wenn man sie nach ihrer blöden Einsicht und ihrer Dummheit angemeßen handeln ließe ? - Meine Amalie ! es ist so schon recht ! bleibe du immer ein Mädchen , kannst dessentwegen doch männlich denken ! Lebe wohl und schlafe wohl ! Fanny . 7. Brief . An Fanny VII. Brief An Fanny Das Abschiednehmen ist doch eine unnüzze aber traurige Sache . Liebe hat bis daher von mir noch keinen Tribut gefordert ; aber ebendeswegen , weil sie mich so lange durchschlüpfen lies , schnürt sie mich jetzt bis zur Tyrannei . Wenn ich nur in diesem Fache mich zu mäßigen wüßte ! Aber es reißt so gewaltig an meinem Herzen und drückt so stark in meinem Kopfe , daß ich selbst nicht weiß , ob es mich zum Weinen oder zum Seufzen zwingen will . Wenn ich so nacheinander meine Wünsche untersuche , dann gehen sie wie Lauffeuer stracks zu Dem hin , der mir gefällt , und wenn sie dort sind - diese Wünsche , und ich mit ihnen , dann ist es mir wohl . - Du glaubst es nicht , Beste , das ist ein so namenloser Hang , den ich nicht Laster , aber auch nicht Tugend nennen kann . Jetzt wieder auf das Abschiednehmen ! - Ich stehe mit einem Jungen in Bekanntschaft , ich möchte mich gerne bereden , daß er mir gut wäre , aber gegen meine Zärtlichkeit , gegen meine Wärme ist es ausgemacht , ist er ein wahrer Hackstock . Ich versuche alles , um ihn recht oft zu sehen ; aber so zornig bin ich , wenn ich mich an den verzweifelten Kontrast seiner Kaltblütigkeit erinnere . Warum fühlt er nicht auch meine Unruhe ? Warum ist er nicht auch eifersüchtig , wenn andere Herrchen mich reizend finden ? Seine Seele ist so gedankenlos , so einbildungsleer , wenn ich so im Taumel von Zufriedenheit recht unschuldig und doch wie Glut an seiner Seite Sitze . Ich sollte also fortfahren ihn zu lieben ? Mich quält es ja doch , und ich finde kein wahres Mitleid . - Halt , Amalie , wirst Du denken , Du fingst deinen Brief mit Abschiednehmen an , und nun ist Liebe dein Thema ! Vielleicht hast du Recht ! aber wer plaudert denn nicht gerne von Liebe , besonders wem sie noch so fremd ist ? - Alle , Alle müssen opfern , nur ist diese Einbildung ohne Ende so verschieden . Gestern um diese Stunde sah ich ihn das letztemal , ich weinte , eins , zwei , drei Tränchen , und er - er zupfte indessen an seinen Manschetten . Pfui , pfui ! dachte ich , meine Zärtlichkeit ist übel angerannt . - Adieu Monsieur , und husch zur Tür hinaus . Ich schreibe Dir bald wieder . Lebe wohl ! - Amalie. 8. Brief . An Amalie VIII. Brief An Amalie Nicht wahr , liebes Mädchen , wie sich meine Laune Trotz meinem Flegma nach der deinigen stimmt , da ich sonst jeden deiner Briefe nicht so geschwind beantwortete ? Aber nun siehst Du , daß ich Dir schon zum zweiten Male keine Antwort schuldig bleibe . Freilich ist das Abschiednehmen eine unnüzze Sache und ein Zeremoniell , wider welches alle empfindsame Herzen protestieren sollten . Doch zu was Wichtigerem ! Gott helfe Dir ! Du dauerst mich , denn Liebe ist für ein Herz , wie das deinige , eine gefährliche Sache . Ich erschrak , als ich die Ausdrücke , die Dir deine erhitzte Einbildungskraft eingab , überlas . Mädchen , Du hast viele Anlagen zu einer unglücklichen Schwärmerin . Wenn ich Dir raten darf , so schränke deine Einbildungskraft mehr ein , wenn sie Dir so feurig von Liebe vorschmeichelt ; und tust Du das nicht , so glaube mir , Du wirst gewiß noch elend . Sei nicht böse über meine Einwendung ; ich kenne Dich , und nie würde ich Dir so nachreden , wenn ich nicht wüßte , daß dein zukünftiges Los aus Träumen bestehen könnte . Wahr ist es , jetzt lachest , jetzt tändelst Du noch ; deine Seele ist nur obenhin berührt , Leichtsinn und Unerfahrenheit lassen Dir und deinem Kopfe nicht so vielen Raum übrig , um Dich unzufrieden und taub zu machen . Findest Du aber einmal Den , der sich in dein Herz schleicht , Den , worauf sich dein Eigensinn steif angeheftet hat , dann magst Du Acht haben , was aus Dir werden wird ! Du bist keine gemeine Seele , die ohne Kopf lieben wird ; deine Eigenliebe wird sich stark ins Spiel mischen , Du wirst Gegenliebe fordern , und vielleicht von einem Menschen , den der Zufall zu ungeschickt geschaffen hat , um deine Eitelkeit zu nähren . Das wird Dich aufbringen , und doch ! wenn Du vielleicht schon zu stark hingerißen bist , so wirst Du leiden , und dennoch mit Dem nicht brechen , der Dich von der Weiber Lieblingsseite zu küzzeln weiß . Nun wird sich noch Eifersucht , Furcht , Wünsche , und was weiß ich alles , dazu gesellen ; dann merke auf , wie Dir_es um das Herz sein wird ? - Du wirst Dir Ideale in deinem Liebling schaffen , und findest Du Dich in etwas getäuscht , so wirst Du murren und üble Laune bekommen . Dein Stolz wird sich empören , Du wirst keinen Anbeter nach deinen Schimären stimmen wollen ; widerspricht er Dir , so wirst Du toll werden ; dann wird es Zank absetzen , und nach diesem Maulhenkerei , und nach diesem Tränen , Schwermut , und so kann es sich leicht fügen , daß Du Dich schlaflose Nächte hindurch mit deiner Todfeindin , mit der Liebe , herumbalgest . Morgen sage ich Dir noch mehr , magst sauer oder süß drein sehen , mußt es doch wissen . Lebe wohl ! Fanny . 9. Brief . An Fanny IX. Brief An Fanny Teure Fanny ! Wir kamen in W** glücklich an . Der Graf empfing uns sehr gut . Mein Vater ist jetzt heiterer als jemals . Die Reise und das Lossein von seinem Bruder machten ihn munter . Meine Hausgeschäfte sind häufig , alles liegt mir jetzt auf dem Halse . Doch Kleinigkeiten für ein williges Mädchen ! Mein Schwesterchen wächst recht artig heran , sie ist der Liebling meines Vaters , und da er mir nebst dem auch noch ziemlich wohl will , so kann ich die häufigen Liebkosungen an sie leicht ertragen . - Nun für Dich ein Reisehistörchen : Wir kamen in F*** Abends in einer ehrbaren , sauberen Schenke an ; ein halbreifer Junge empfing uns an der Treppe . Mein Vater hatte Louise an der Hand und ging der Stube zu , ich hintendrein , und das an der Seite besagten Kerlchens . Seine emsige Bedienung , sein : Mademoiselle schaffen sie nicht ? machten mich lachen . Mein Vater merkte den Eifer dieses Jungen nicht , weil er sich eben mit Fremden in ein Gespräch eingelaßen hatte ; aber stelle Dir nur vor : Der Flegel machte sich dieser Gelegenheit zu nutze und wich nie von meiner Seite . Er tat sein Möglichstes , aber mit dem half es bei mir nichts . Halte mich ja nicht etwa für spröde ! aber lies zuvor die Schilderung dieser drolligen Kreatur : Ein junger müßiger Held , mit glattem Kinn , ohne Gehirn , kraftlos und ungeschickt in seinen Ausdrücken und im Hut verliebt wie eine Katze . Du weist , daß ich der Liebe gar nicht Feind bin ; aber da hieß es : Mein Herr ! Sie sind zu gütig ! - ich wünschte Ihnen eben so viele Vorsicht , - und so weiter . Aber Mademoiselle , können sie mir verdenken , wenn ich in Sie rasend verliebt bin ? - Ich könnte unmöglich rasende Leute entschuldigen . - So haben sie denn kein Herz ? O ja , sagte ich , und das ein recht zärtliches . Nun wenn das so ist , warum denn ? jetzt fiel ich ihm in die Rede : Das Warum und das Darum sind keine Sachen für Sie . - Sie wollen also meine Pein ? Sie wollen , daß ich - Hier haben Sie mein Riechfläschchen , wenn Sie es nicht mehr ausstehen können . Lose Schöne ! schrie er aus , wie schalkhaft sind Sie nicht ! und Sie mein Herr ! wie unerträglich sind Sie nicht ! Ich ? ich ? - fragte er betroffen ; bin doch gegen Sie mit keinem zweideutigen Worte aufgetreten ! Das hätten sie noch wagen sollen , um ganz ihre Schwäche von einem Mädchen bestrafen zu lassen ! - O diese Strafe wäre ja süß . Noch hatte er den halben Gedanken im Munde , als der Papa rief : Amalie ! nimm deine Schwester bei der Hand , wir gehen zu Bette . Und das taten wir auch , schliefen so ziemlich wohl , Stunden wieder früh auf , und nun ging_es weiter nach W** zu . - Bleibe mir gut , Beste ! Du weist wie sehr ich bin Deine Amalie . 10. Brief . An Amalie X. Brief An Amalie Vermutlich mußt Du , meine Liebe , deinen letzten Brief , den ich Dir heute auch beantworten werde , abgeschickt haben , ehe Du meine letztere Antwort erhieltest . Ich sagte Dir rund heraus , wie es Dir gehen könnte , wenn Du Dich einmal im Ernste vergafftest . Freilich kannst Du mir entgegenschreien : Freundin ! nicht Allen muß es so gehen ! Laß sehen , armes Kind , was Du allenfalls einzuwenden hast . O , schon höre ich Dich widersprechen ! Wenn ich liebe , so werde ich aus Simpathie und nicht aus Eigensinn lieben . Gut , meine Beste , muß ich Dir sagen , können wir uns nicht täuschen ? Glaubt nicht oft ein enthusiastischer Kopf , daß er da oder dort Simpathie erhascht habe ? Laß ihn nur wieder kälter werden , diesen Kopf ; laß ihn seinen Abgott , den er sich nach seiner ganzen glühenden Hitze so schuf , wie es ihm gefiel , noch einmal , laß ihn denselben mit kaltem Blute und kritischer Menschenkenntnis untersuchen , dann gib Acht , ob es noch Simpathie ist ! Glaubst du denn , daß die Menschen so leicht und so oft simpathisiren ? Ist nicht der größte Menschenteil so sehr verdorben , daß man unter einer großen Zahl Geschöpfe wenige wahre Menschen findet ? und wird nicht ein gutes , gefühlvolles Herz zehnmal betrogen , ehe es das Glück hat , eine andere gute Seele zu finden ? Es gibt gleichdenkende Menschen , aber selten oder nie findet man sie . Sei misstrauisch , liebes Mädchen , ich bitte Dich , wenn Du dein Herz keinen Misshandlungen aussezzen willst . Ich mag Dir nun keine Silbe mehr weiter zureden , Du möchtest sonst Ekel bekommen , und das mag ich nicht ; also zu deiner Reisebeschreibung : Du bist ein neckisches Ding ! Wenn Du deine Avanturen alle so komisch behandeln könntest , dann würde ich weniger Sorge haben ; aber nicht allemal wird deine Kritik über deine Neigung siegen ; so lang dein Herz noch gesund bleibt , und deine Einbildung nicht verstimmt wird , so hast Du nichts zu fürchten ; wenn Dich aber einmal witzige , galante schöne Herrchens , statt solchen halbreifen Jungen , verfolgen werden , wie wird es dann aussehen ? Es gibt Männer , die unser Geschlecht so gut kennen , und die uns tändelnd zur Liebe zu reizen wissen . Du bist offenherzig und empfindsam , Du hast Menschen gesehen aber sie nicht studiert , und was braucht es mehr , um deine Leichtglaubigkeit zu täuschen ? Der Himmel bewahre Dich vor solchen Ruhestörern ! Sei aufrichtig gegen mich , und Du wirst finden , daß Dich niemand mehr liebt als deine Fanny . 11. Brief . An Fanny XI. Brief An Fanny Beste ! Ich möchte Dir von uns Neuigkeiten sagen , und weiß doch keine . Bisher geht alles im alten Trabe fort , und außer deiner Amalie gibt_es in unserem Hause nichts Abenteuerliches . Du kennst ja meinen Oheim in K** ? er ist ein seelenguter Mann ! Von ihm erhielt ich zwei schöne Kopfzeuge , die mir aber mein Vater recht sehr verbitterte . Ihm will die alte Mode durchaus nicht aus dem Kopfe , und ich habe mich ganz in die neue vergafft . Wir Mädchen haben ja unseren besonderen Abgott , ich kann eben nicht sagen , daß ich ihm eigensinnig durchaus alles opfern will ; aber eitel bin ich doch , wie wir alle sind . Die Männer sind es mit einem gelinderen Überzug , und wir sind es in Kindereien . Wenn doch dieser Vater nur suchte , meine Eitelkeit mit gelinderen Mitteln zu bändigen ! Aber so Raschweg , alles , was nicht erst großmuttermäßig aussieht , zu verbieten , das schmerzt . Vorhin ging ich nie so oft zum Spiegel , aber seit mein Vater mir es so macht , bespiegle ich meine altfränkische Haube so oft , und sinne auf Alles , um ihn zu bewegen , daß er mich einen anderen Putz tragen läßt . Mein Oheim weiß auch schon , daß eine ziemliche Portion Eitelkeit in mir steckt ; aber er zankt nicht in seinen Briefen , er lärmt nicht , vielmehr sucht er sie auf Nachahmung und Ehrgeiz festzusezzen ; und wenn ich mein Herz recht untersuche , so ist es mehr auf das Ernsthafte , nützliche , als auf das Lächerliche angewandt . Es wird sich zeigen . - Wenn Du , meine Liebe , wissen könntest , was für eine Menge avantürische Hoffnungen mir durch den Kopf kreuzen , Du würdest lachen . Sollten das wohl Ahnungen von einer besonderen Zukunft sein ? Das wollen wir uns von heute in acht Jahren sagen können . Noch Eins ! Ich bin eben so faul nicht , wie Du Dir vorstellest ; meine Tagesordnung scheint mir doch so ziemlich wohl eingerichtet und vollständig . Aufstehen und ankleiden , in die Kirche gehen , und nach diesem hurtig im Hause herumhüpfen und anordnen , so wird es Abend , ehe ich mir es versehe . Dann heißt es meinem Vater vorlesen , eins mit ihm in Karten spielen , hernach auf mein Zimmer , noch eins lesen , und ins Bett . Du kennst ja den jungen B*** , den mein Vater vor zwei Jahren nach Mainz schickte ? Er bildet sich trefflich und schreibt wackere Briefe . Und wenn er ja gleichwohl ein Kind von jenem vielgeliebten Bruder meines Vaters ist , so zeichnet er sich doch aus . Mein Vater liebt ihn unaussprechlich , ich bin ihm auch recht gut ; und da meine Brüder tot sind , so wünsche ich einen Ersatz in ihm . Wie lebst denn Du ? Steht es gut um deine Gesundheit ? - Bist du noch immer so flegmatisch ? Wie glücklich bist Du nicht mit deinem ruhigen Temperament ! Ich liebe Dich gewiß feurig , glaube es deiner Amalie. 12. Brief . An Fanny XII. Brief An Fanny Gutes Mädchen ! So hat doch nichts eine Dauer . Schon wiederum Auftritte , die mein Vater mit mir durchlebte , und nun laufen Nachrichten ein , die uns schon wieder drohen . Mir scheint es natürlich was man sagt . Stelle Dir nur einen Mann vor , wie sein Bruder ist , der durch üble Kinderzucht alles in Abgrund liefert ; einen Mann , der auf der Haut meines Vaters ruhig forttrommelte , und nun fehlt ihm Letzteres ; er ist bloß sich selbst und der Verschwendung seiner Kinder überlassen . Der Aufwand ist groß , die Stütze ist weg ; also wohin ? wo aus ? Das mag die Vorsicht wissen , ich nicht . Himmel ! wenn dieser Bruder uns samt seinem Anhang wieder - Nein , ich mag es nicht ausdenken ! Wie ! eine solche Last sollte uns wieder aufs neue drücken ? Klein ist jetzt unser Aufwand , aber doch hinlänglich . Ja , weiß Gott ! wenn er größer würde , so wäre bitteres Elend unser Ziel ! O Freundin ! wir sollten darben ? Kennst Du was Grausames ? Es schreckt mich der bloße Anblick , wenn ich Andere in solch einer bedaurungswürdigen Lage sehe ; wie schwer würde mich erst die Erfahrung selbst drücken ! Der Philosoph schränkt seine Wünsche ein , aber was Natur und Gesellschaft fordert , an das wird er sich doch nicht wagen . Seitdem wir Menschen so viele Bedürfnisse haben , seitdem sind wir auch unglücklicher . Es ist ja Alles so unregelmäßig ausgeteilt , der Schurke ist reich und der Rechtschaffene arm , und doch reich , aber nur in seinem Herzen . Der Mensch muß dem Interesse nachjagen , weil er dazu gezwungen wird . Meinetwegen möchte man Alles versuchen , um ehrlicher Weise Geld zu gewinnen , wenn nur die Menschen es wieder für andere Menschen verwendeten ; aber wer hat mehr Geld als viele Menschen ? und wer ist hartherziger als eben diese ? Höre doch noch was ! Mein Vetter in Mainz schreibt mir vieles artiges Zeugs . Der Lose , wie er meiner Eitelkeit küzzelt ! er nennt mich ein erhabenes Mädchen ; er schwört mir Liebe , Freundschaft und Treue zu . Was meinst Du wohl ? Sind denn die Männer so gutherzig wie wir ? Dies Geschlecht ist noch für mich ein Rätsel . Möchte es immer eins bleiben ! aber ich zweifle . Mein Gefühl wächst , und ich wünsche mir bald ein solches Untier . Mein Herz , mein Enthusiasmus , Alles in mir ist zum Lieben geschaffen . Oft , wenn ich einsam bin , fühle ich mich so leer , so öde , überdies so wünschvoll , und Tränen sind gemeiniglich das Ende meiner Schwärmerei . Wie nötig hätte ich jetzt den Rat meiner Mutter ! Aber ach ! Freundin ! - Du mußt sie sein ; nicht wahr , Du willst ? Amalie . 13. Brief . An Fanny XIII. Brief An Fanny Daß doch meine Ahnungen fast immer eintreffen müssen ! Begreife , wenn Du kannst , liebes Mädchen , meinen wirklichen Zustand . Vor wenigen Wochen kam der Bruder meines Vaters mit acht Kindern hier an ; mein Vater vergaß bei diesem Anblicke , Folgen und Zukunft , nahm sie auf , und nun ist unser Schicksal gänzlich in des Himmels Händen . Ja , Freundin ! wäre auch diese Last unseren ökonomischen Umständen angemessen , so würde doch eine solche pöbelhafte Gesellschaft für mich Zuchthausstrafe sein . Fünf Mädchen und drei Buben , lauter grobe , boshafte Kinder , die kurzweg Kontraste von meiner Erziehung sind . Kreaturen , die zur Plage anderer guten Menschen in der Gesellschaft herumirren . Geschöpfe , die ohne Grundsätze erzogen wurden , und im Unflat aufwachsen . Mancher Plage kann man , wenn man sie vorsieht , ausweichen ; aber dummen , bösen Menschen , die täglich um uns sind , wie ist es möglich diesen auszuweichen ? Ach Fanny ! wie bitter ist doch die Jugend deiner Amalie ! Mein Leben besteht aus zu mannigfaltigem Verdruß , als daß in mir nicht verschiedene Wünsche entstehen sollten . Ich liebe meinen Vater , aber ich würde seine Knie weit feuriger umfassen , wenn er sich von den Unwürdigen loszureißen suchte ; aber sein gutes Herz läßt ihn nicht ; geduldig stürzt er sich in sein eigenes Verderben , und ist ungehalten , wenn ihn seine Tochter deswegen ahndet . So ganz von Gram übertäubt fiel mir letzthin ein , weg - weit weg von diesem Hause ! - Undankbare ! Deinen Vater kannst du verlassen ? - Gott kennt mein Herz , es ist nicht Undank ; es ist eine volle Seele , die alles dieses nicht länger erträgt . überdenke nur , Freundin ! wie grässlich mir alle die Ausschweifungen , alle die unsinnigen Schwärmereien meiner Vettern und Basen auffallen müssen . Keine Ordnung , keine Ehre , keine Tugend läßt sich in der geringsten Handlung blicken . Meinem Vater selbst muß es heimlich über diese zügellose Kinder Ekeln . Unser Haus gleicht einem Zuchthause , in dem man alle Gattungen von Gebrechen antrifft ; nur bin ich unter diesen Tollen am meisten zu bedauern ; denn ich muß das werden aus Gram , was die anderen aus Leichtsinn sind . Wahrhaftig , meine Beste , ich fühle mich ganz am Rande des Trostes . Ich ehre die Vorsicht , aber wenn der Mensch sich selbst gedankenlos stürzt , dann verdient er ja diese Vorsicht nicht . Und was tut denn mein Vater anders , als aus seinen Kindern Elend zögeln ? Meinem Oheim zu K*** werde ich schreiben ; der soll reden , der muß reden , sonst ist er mein Oheim nicht . Schlafe wohl ! Es schlägt zwei Uhr , und noch versagt mir die Natur ihren Zoll . Amalie . 14. Brief . An Amalie XIV. Brief An Amalie Liebe Freundin ! Dein Schicksal ist wirklich wider Dich , und besonders in Rücksicht deiner wirklichen Lage . Schon freute ich mich über deine Ruhe , schon dachte ich , es wird besser werden , denn sie sind fort von Dem , der sie zu Grunde richten wollte . O Freundin ! wie oft täuschen wir Menschen uns doch , und freuen uns über ein Nichts ! Das ist gerade der Fall , wenn ich auf Dich zurücksehe ; ich möchte Dich so gerne gründlich trösten : aber finde ich wohl hinlänglichen Trost , um Dich zu beruhigen ? Ich will tun was mir möglich ist . Wahr ist es , das ungeschliffene Betragen deiner Basen ist und muß für Dich auffallend sein . Denn deine Bildung und ihre Ungezogenheit sind zu starke Widersprüche , als daß Du dadurch nicht solltest gekränkt werden . Doch was ist zu tun ? Ändern wirst und kannst Du sie nicht ; dulde sie , so lange es dein Schicksal fordert , beruhige Dich mit einem edlen Stolz , der Dich weit über sie wegsezzen muß . Es gibt Geschöpfe in der Welt , die man nicht einmal einer Verachtung würdigt , und Verachtung ist doch der letzte Grad , mit dem man einen Beleidiger strafen kann . Deine Basen verdienen Mitleid , aber ihre Eltern verdienen Verachtung , denn ihr Betragen ist eine bloße Folge ihrer Erziehung . Strafbar sind jene Eltern , die ein so wichtiges Werk versäumen , wovon unser ganzes Leben abhängt ; aber noch unglücklicher sind ihre Kinder , wenn sie ein Opfer der dummen Nachlässigkeit ihrer Eltern werden müssen . Dein Vater ist sehr bedaurungswürdig , und ihr armen Kinder seid es mit ihm . Siehst du , Freundin , daß zu gut nicht gut ist ? Ein allzu guter Mensch ohne Überlegung gleicht einem trägen Insekt , das sich aus Schlafsucht treten läßt , ohne seinen Untergang zu fühlen . Nie muß man über Anderen sich selbst vergessen . Die Menschheit selbst bürdet uns keine Pflicht auf , wenn sie auf Unkosten unseres eigenen Wohls geht . Es gibt auch blöde Menschen , die man für gut ausgibt , und im Grunde sind sie es nicht . Ihre Wohltaten verschwenden sie mehr aus Schwachheit als aus überzeugter Güte . Jede Wohltat muß ihren Endzweck haben ; aber bei solchen Menschen kann sie keinen haben , weil sie sie ohne Vernunft so oft unwürdig verschwenden . Das ist wirklich der Zustand deines Vaters , er macht sich und seine Kinder elend , tut Gutes aus Unbesonnenheit , und nährt das Laster , weil es über seine Schwachheit siegt . Traue auf Den , der die Quelle deines Kummers einsehen muß . Ich bin zu sehr über deinen Gram gerührt , als daß ich Dir mehr sagen könnte . Schreibe mir bald wieder , nie soll es an mir fehlen , Dir ewig zu sagen , daß ich Dich mit Tränen in den Augen heute verlasse . Lebe wohl , Amalie ! Fanny. 14. Brief . An Fanny XV. Brief An Fanny Ich schrieb Dir lange nicht , Beste , und würde es jetzt noch nicht tun , wenn Du nicht ein so gutes Geschöpf wärest . Es muß Dir ja über meinen Ton Ekeln ; doch nur mein Schicksal und deine Güte sind Anlas zu meinen Klagen . Ich könnte es nicht allein ertragen , wenn ich es auch nicht mitteilen dürfte . Oft weine ich so in einem Winkel und umfasse eine Säule oder einen Fensterstock und bilde mir ein , er nehme Anteil an meinen Leiden . Könnten wir uns nicht mitteilen , wir wären weit unglücklicher ; das ist so etwas , worin wir fühlen , wie gut unser Schöpfer ist . Stelle Dir nur vor , liebe Freundin , ein neuer Mischmasch von Unordnung nimmt jeden Tag in unserem Hause seinen Anfang , und endet nicht eher , bis diese Kreaturen sich genug herumgebalgt haben . Ihre Spötteleien , ihre Bosheiten , ihre Tollheiten sind mir unerträglich , sind Sachen , worüber ich den Verstand verlieren möchte . Selbst mein Vater , ihr Wohltäter , dient öfters zum Gegenstand ihrer Ungezogenheit ; kurz , wo ich nur immer hinsehe , sehe ich nichts , als garstige , unflätige Herzen , Kinder , die im Zorne Gottes müssen geschaffen sein ; wie schrecklich bange ist mir für meine arme Schwester ! Gott im Himmel ! was könnte wohl aus einem so zarten Kinde bei einem solchen Beispiele werden ? Das Mädchen muß um sie sein , ich kann es nicht ändern . O könnte ich das , Fanny , könnte ich das ! heute noch würde ich sie mir alle vom Halse schaffen ; aber Du weißt es , Freundin , ich kann es nicht , gar nicht , denn mein Vater verbot mir die geringste Anmerkung über diesen Punkt und drohte mir dabei so fürchterlich , daß ich es nun nicht mehr wage , meine Tränen an seinem Busen zu verweinen . Auch dieser Trost ist für mich nicht mehr ; ich zittre jetzt mehr als je vor seinen Blicken und verberge meinen Kummer , der so tief in meiner Seele herumschleicht . Glaube mir , Freundin , jetzt schon fangen wir alle an die Folgen einer solchen Last zu fühlen , denn es geht so abgekürzt in unserer Ökonomie zu , als ob sie schon an Mangel grenzte . Mein Vater sucht es zu verbergen , aber für mich nützen solche Kunstgriffe nichts ; denn ich allein , vor allen Anderen , überrechne unsere Ausgaben , und jammere gewiß nicht um des bloßen Schattens Willen . Könnte mein Gram uns retten , so hättest Du , meine Liebe , heute gewiß den letzten Abriß unseres Elends . Lebe wohl ! Denke doch an deine Amalie . 16. Brief . An Fanny XVI. Brief An Fanny Liebe Fanny ! Siehe doch , wie geschwind das Menschenschicksal sich ändert ! Du weißt , wie sehr ich mich hinwegsehnte , und schon heute erhältst Du diesen Brief aus meiner Vaterstadt . Geschäfte , die Niemand anders besorgen konnte , bestimmen mich hierher . Meinen Vater verlies ich unter tausend Tränen , und ohne seinen Willen wäre ich gewiß nicht fort . Er selbst fand es nötig , ich sah es auch ein , und so reiste ich in Gesellschaft seines Bruders und eines seiner Söhnen ab . Müde bin ich noch ziemlich , denn wir mußten die Reise aus Geldmangel zu Fuße machen . Es war ein kleiner Spaziergang von dreißig Meilen , schlechter Weg und eine hartherzige Gesellschaft dazu . Das Letztere besonders fiel mir schwer , sehr schwer ; auch mein Herz empfand eine solche Demütigung ; aber dennoch überhüpfte meine Jugend diese Epoche mit einer Art von Leichtigkeit . Meine Begleiter waren , wie gesagt , hartherzig und unartig ; oft verdoppelten sie ihre Schritte , ließen mich stundenlang in den fürchterlichen Gegenden zurück , und dann mußte ich sie atemlos einholen . Ja , Freundin , so muß ich mein Schicksal nachschleppen . Ich gewöhne mich nach und nach an verschiedene Arten von Unbequemlichkeiten , und lerne recht fleißig Sachen ertragen , die nur für Unglückliche bestimmt sind ; zum Glücke , daß mein Körper dauerhaft ist , sonst müßte ein Mädchen von meinem Alter gewiß unterliegen . Tausend Dank meiner Mutter , daß sie mich ohne Weibersucht erzog . Wenn mich auf dieser Reise meine Einbildung gemartert hätte , wenn ich über ein rohes Lüftchen , über eine Erhizzung , einen Jammer , aus Gewohnheit , anderen Leuten zur Last angestimmt hätte , da Fanny , wäre es mir gewiß übel ergangen ! aber geduldig , wie ein Schulfrazze , mußten mich meine Beine fortschleppen ; fort hieß es , und so kamen wir hier an . Ein Vetter und eine Base nahmen mich in ihr Haus auf . Mit Nächstem etwas weitläufiger von dieser Base . Für jetzt Schlaf wohl , recht wohl ! Ich bin Deine Amalie . 17. Brief . An Fanny XVII. Brief An Fanny Beste , teuerste Freundin ! Wieder ein neuer Auftritt , und für mich ganz neu . Meine Base , die Törin , ist auf mich eifersüchtig . Was wird mein Vater sagen , wenn ihm das tolle Weib im Taumel ihrer Leidenschaft schreibt ? Doch er kennt mich , wird nichts schlimmes glauben . Gewis , Freundin , ich bin unschuldig . Ich konnte ja die kleinen Gefälligkeiten ihres Mannes nicht mit Gewalt von mir abwenden . Oft stand mir der Schweiß auf der Stirn , wenn er so auf mich lauerte und nach jeder Gelegenheit haschte , um mir seinen Eifer zu zeigen . Bis jetzt kann ich Dir in Rücksicht seiner keinen Bescheid geben , denn wenn er nicht dringender wird , so mag es noch immer hingehen . Indessen kümmert mich doch diese Avantüre , denn zu was ist wohl eine eifersüchtige Frau nicht fähig ? Ich wünschte Dich bei mir , um von Dir zu lernen , wie man dergleichen Auftritte mit Vernunft ausharren muß . Jetzt noch ein Bisschen von meinen hiesigen Verrichtungen : Du weist , daß meine Mutter ein Vermögen hinterließ , so für uns Kinder in Verwahre genommen worden . Du kannst leicht denken , wie es aussehen mag , da mein Vater schon seit zwei Jahren keine Rechnung von unserem Vormunde erzwingen kann . Stelle Dir vor , ich bin hier , um meinen rohen , fühllosen Vormund zur Gewissenhaftigkeit zu zwingen , und das mag wohl eine nicht kleine Unternehmung sein , denn mein Vormund sieht einem geizigen Advokaten ähnlich , der unter dem Schein der Rechtschaffenheit seinen Beutel spickt . - Er empfing mich mit einer Staatsmine die an Barbarei grenzt . In wenig Tagen mehr von diesem Taffe . - Jetzt rufen mich Geschäften . Lebe wohl , meine Fanny ! Deine Amalie. 18. Brief . An Amalie XVIII. Brief An Amalie Nicht wahr , meine Beste , meine Kleinmut , die Du in meinem letzten Briefe magst bemerkt haben , war Ursache , daß Du mir so lange nicht schriebst ? - Vergib mir , ich bitte Dich ! - Es war Liebe zu Dir , die mir auf einmal das Herz brach und mich zur armseligsten Philosophin machte . Es gibt gewisse Augenblicke wo man fühlt , daß man Mensch ist , und keine Moral ist in einem solchen Zeitpunkte kräftig genug , unserem Kummer Schranken zu setzen . Du hieltest mich immer für flegmatisch ; aber nicht Flegma war es , sondern eine Art von Philosophie , die ich mir frühe schon eigen machte , um etwas ruhiger die Leiden der Menschheit zu durchwandern . - Doch auch im Auge eines Philosophen steht eine mitleidige Träne reizend . - Und nun , meine Liebe , bist Du also in deinem Vaterland ? - Fürwahr deine Reise war ziemlich mönchenmäßig . - Nicht wahr , Freundin , wie künstlich das Schicksal uns auch an Unbequemlichkeiten zu gewöhnen weiß ? Hätte Dich deine Mutter in der Erziehung verzärtelt , so würdest Du nicht mit solchem Mut eine Reise vollendet haben , die Dir Ehre macht . Man kann vieles Elend ertragen , wenn es nur nicht durch Lästerzungen verbittert wird . - Einem Menschen von guter Geburt und Erziehung ist die Erniedrigung mehr Qual , als dem Bettler , weil er nie was anders als Bettler war und noch ist . - Aber was , meine Teuerste , was sagst Du ? - Deine Base ist auf Dich eifersüchtig ? Mein Gott ! - Welcher Unsinn ! - Ein Mädchen , die nicht die geringste Spur von Ausschweifung an sich blicken läßt ; wie kann man die mit Argwohn kränken ? - Übrigens , meine Liebe , hast Du Überlegung genug , die Gefälligkeiten deines Vetters zu untersuchen , findest Du sie anstößig , so gibt_es ja Mittel und Wege , seinen Lüsten zu entgehen . Jedes Mädchen muß so viel Vernunft besitzen , um den Männern Ehrfurcht einzuflößen ; wollen sie nicht nachgeben , je nun , so straft man ihre Verwegenheit durch eine tüchtige Satire ! - Die Männer sind nun einmal zum Angriffe bestimmt und gewöhnt , und oft kommt es auf uns Mädchen an , sie durch Delikatesse zu gewinnen . - Gibt ein solcher stürmischer Ritter nicht nach ; dann verdient er weiter nichts als einen trocknen Verweis . - Das , liebe Freundin , ist mein angenommenes Sistem und meine unmaßgebliche Meinung in Ansehung der Herren Männer . Und ich denke immer , die Angriffe von Seiten der Männer würden seltener sein , wenn die meisten Mädchen mehr Denkkraft über diesen Punkt im Kopfe trügen . - Nun noch eins , meine Traute ; ich bin recht zufrieden über den guten Fortgang deiner Geschäfte ; gib mir bald nähere Nachrichten von ihrem Ausgang und sei indessen der Redlichkeit deiner Fanny gewiß . 19. Brief . An Fanny XIX. Brief An Fanny O , meine Beste ! - Ich bin ganz außer mir ! Mein hirnloser nervenstumpfer Vormund jagt mir täglich mehr Galle ins Blut . - Unter seiner schwarzen , zerzausten Perücke steckt eine große Portion Spitzbüberei verborgen . - Du kannst Dir leicht vorstellen , daß dieser Mann uns arme Kinder gewissenlos einem schändlichen Eigennutz aufopfert . Er entwandte uns einige Kleinodien von großem Werte , und ich armes Mädchen konnte ihm diese Dieberei nicht beweisen , ob ich sie gleichwohl sichtbarlich entdeckte . Aber , so wahr Gott lebt ! - Er soll es mir gewiß unter vier Augen zu verstehen bekommen , wie klar ich seine betrügerische Larve durchsah ! - Und nun , meine Teuerste , zu etwas anderem : Du erinnerst Dich doch noch jener eifersüchtigen Base , wovon ich Dir schon einmal schrieb ? - Das Weib wird immer wütender , und bald macht sie mir es zu bunt ! - Du lieber , gütiger Himmel ! - Was diese Kreatur für Bosheiten in sich trägt . - Sie macht selbst Seitensprünge und sucht sorgfältig die Laster in ihrem Manne auf , um die ihrigen damit zu Mänteln . - Jeder Bissen Brot , den ich in diesem Hause genieße , wird mir von ihr verbittert ; sie ist ein gallsüchtiges Untier , nährt sich vom Misstrauen , und lauert dabei auf jeden meiner Schritte . Meine selige Mutter hat viele Wohltaten an sie verschwendet , und mich lohnt sie dafür mit Undank . Freundin ! - Wenn es nicht mehrere gute Menschen in der Welt gibt , als ich bis jetzt kennen lernte , so ist ja die Welt ein Sammelplatz von Missgeburten , die sich an der sanften Mutter Natur , versündigen . Möchte sich doch das eifersüchtige Fieber meiner Base von selbst heilen ; durch mich soll es wenigstens nicht tödlich werden ; eher breche ich auf , und ziehe weiter . - Zu dem wird ihr Mann gegen mich immer dringender . Seine Sinnen scheinen ganz betäubt , aber die meinigen um desto wachender , und so hat es noch keine nahe Gefahr . Freilich ist das Gewinsel eines solchen Weichlings für mich ekkelhaft , wenn ich so einen Sklaven der Wollust um mich herum muß kriechen sehen . - Doch , Freundin , wundere Dich ja nicht über meine Kälte gegen so viele Versuche auf mein siedheißes Blut ; halte sie nicht für Romanenstärke ; sie ist die natürlichste Folge meiner noch unentwickelten Empfindung . - Ich bin zu wenig noch mit dem Gebrauch der Sinnen bekannt , um nach dem lüstern zu sein , was mein sauberer Vetter mir wider meinen Willen abdringen will . - Mein Herz ist frei von Leidenschaft und Interesse ; das sind zwei gefährliche Klippen , woran so viele Mädchen scheitern . - Nicht , daß ich etwa ein Triumphlied über meine Enthaltsamkeit anstimmen will ; mich deucht , ich würde dadurch die Menschheit lästern , wenn ich ihre Triebe für unbezwinglich hielte . - Ich glaube zwar gerne , daß einige Mädchen von gelindem Temperamente , gewisse Jugendjahre rein platonisch durchwandern ; nur ahndet mir , ( ob mich meine Ahnung betrügt , weiß ich nicht ) daß der dümmere Teil strauchelt , noch ehe er Hymens Brautbett besteigt . Ein Mädchen , das nicht denkt , kann ihren Sinnen ja keine Überlegung entgegensetzen . - Der Vernunft einiger Romandichter muß es also sehr sauer ankommen , wenn sie durchaus alle Mädchen bloß schimärisch engelrein in Romanen handeln lassen . - Mir scheint , dergleichen Bücher bilden aus jungen Leuten Fantasten , und dienen dem Menschenkenner zum Gespötte . - Du wirst mir sagen , ob mein Schluß richtig ist . - Wäre es denn nicht besser , die jungen Mädchen durch eine wahre Schilderung der Welt von Irrwegen abzuhalten , als durch eine erdichtete Romanenmoral ihre Einbildung bis zur Engelssphäre zu spannen , damit sie noch tiefer fallen , wenn ein empfindsamer Schurke an ihrer Seite seine Rolle gut zu spielen weiß ? - Ich meines Teils würde nicht halb so neugierig sein ; wenn ich ganz wüßte , wie es in der Welt zugeht , und was allenfalls das Verhältnis der menschlichen Kräfte nicht überstiege . - Nicht wahr , Freundin , eine allerliebste Anmerkung , für so ein junges Ding von meiner Art ? - Je nun ! Bin ich denn nicht alt genug , um über eine Sache zu plaudern , die alle , durchaus alle Mädchen von Fleisch und Blut angeht . - Also nichts für ungut ! Und nun gute Nacht von Deiner Amalie. 20. Brief . An Amalie XX. Brief An Amalie Vortreffliches Mädchen ! - Du räsonnierst ziemlich deutsch über einen für euch junge Mädchen so gefährlichen Punkt . - Doch das Mehrere hierüber hernach . - Für jetzt wünsche ich Dir Geduld , bis dein verworrener Handel mit deinem Vormund zu Ende geht . Indessen tröste Dich , Teure ! - Es gibt ja doch noch viele gute Menschen in der Welt , leider , daß eben die meisten davon unglücklich sind , und sich aus eigenem Elend ihren Mitmenschen nicht bemerkt machen können . Aber nun rate ich Dir , Mädchen , mache Dich von deinem dringenden Verführer bald los ; wir sind Menschen , und ehe wir es uns versehen , fühlen wir es nur zu sehr , daß wir es sind . - Gegen unsere Sinnen läßt sich_es weder tändeln , noch trotzen ; das erstere ist gefährlich , und das letztere lächerlich . - Wohl Dir ! Meine Liebe , wenn deine Eimpfindung noch lange unentwickelt bleibt , sonst würdest Du vielleicht zu bald erfahren , wie schwach wir alle sind . Du kennst Dich selbst und unser Geschlecht zu wenig , wir haben so reizbare Nerven , so feurige Sinnen , eine so baufällige Vernunft und können so leicht überrascht werden , wäre es auch bloß aus Gutherzigkeit . - Viele Männer sind undankbar genug , diese Himmelsgabe an uns Weibern zu ihrem Vorteil zu nützen . - Was nun den Dichter eines Romans betrifft , so will ich Dir sagen ; dieser muß seine Heldin engelrein schildern , um zu beweisen , daß er bloß als Dichter - und nicht als Mensch schreibt . - In so vielen Dutzend Romanen erscheinen die meisten Heldinnen mit Larven ; was dahinter steckt , muß sich der Vernünftige selbst denken , denn die Fälle in der Welt sind zu verschieden und die wenigsten originell geschildert . - Wäre der Stoff des Dichters immer Original , so würde die Welt voll von unschuldigen Mädchen Strazzen . - Dergleichen gute Beispiele sollen nun freilich zur guten Nachahmung führen , sie würden auch ihren Zweck erreichen , wenn ihr Verfasser nicht über die Menschheit hinausschwärmte , und nicht unnachahmlich wäre . Wir wissen ja , daß es in der Natur des Menschen liegt , Fehler zu begehen ; warum wollen wir sie verleugnen ? Und findet man auch zuweilen einige seltene Menschen in der Welt , die beinahe völlig Herren über ihre Sinnen sind , so können doch diese einzelne nicht zum Beweis für viele hundert schwächere dienen , worunter der Hauptteil von gröberen Empfindungen , bloß zur Einschränkung ihrer Begierden , nicht aber zu Heldenzügen von gänzlicher Enthaltsamkeit , Anlage in sich fühlt . - Zur Ausübung einer geistigen Schwärmerei gehören ganz eigene Köpfe ; bisweilen finden sich solche gleichgesinnte Enthusiasten : Furcht - Neuheit der Liebe - Stolz - Blödigkeit - gegenseitige Schamhaftigkeit und Ehrfurcht schrecken die wärmsten Begierden zurück , ob aber dies reine platonische Feuer nach mehreren Jahren von Umgang rein bleibt ? - Diese Frage beantworte ich mir ganz still in mein eigenes Ohr , und für Dich junges Mädchen mag_es so lang ein Geheimnis bleiben , bis Du mir einstens selbst die Frage bejahest oder verneinest . - Liebe , traute Kleine ! - Sei während deiner Unerfahrenheit geizig auf die Ruhe deiner Seele und die Reinheit deines Körpers , die Stunden sind selig so lang der letztere schweigt . Tobende Leidenschaft möge Dich nie quälen ! das ist der aufrichtigste Wunsch Deiner Fanny. 21. Brief . Amalie an Fanny XXI . Brief Amalie an Fanny Nun ist_es entschieden , meine liebe Fanny ! - Die Eifersucht meiner Base wurde mir unausstehlich ! - Ich verlies dieses Haus , ging zu einer anderen Verwandten , und nun endlich gar von dem nämlichen Orte weg . - Auch erhältst Du jetzt diesen Brief aus dem Hause meines Oheims von mütterlicher Seite , der in L wohnt . Auch dessen Weib , ist eine von den Alltagsseelen , die man so häufig gerade unter Blutsverwandten findet . Sie empfing mich mit einer stolzen Fühllosigkeit , die mich beim ersten Eintritt zurückgeschreckt hätte , wenn mir nicht meine gute Großmutter desto zärtlicher um den Hals gefallen wäre . Die arme alte Frau ! - Wie dauert sie mich ! Sie hatte die gutherzige Unbesonnenheit , ihr ganzes Vermögen ihrem Sohne und seiner unbarmherzigen Ehehälfte zu überlassen . Wofür sie sich ein Leben voll Zank und Misshandlungen eintauschte . Die junge ausgemästete Schwiegertochter poltert , schreit , lärmt , wie eine Furie , in ihrem Hauswesen , und stopft mit der armen Alten die Dienste einer Kindsmagd aus . - Die bitteren Tränen einer grauen Mutter rühren den Sohn nicht , weil ihn sein Weib bei seiner Schwäche Pakt , und ihm alle Klagen dieser Frau als Grillen des Alters schildert . - Hier denke ich wohl nicht lange mehr zu verweilen , denn ich kann die sauren Gesichter meiner Tante eben so wenig leiden , als die allzusüßen , womit mich mein Oheim beehrt . - Bloß um meiner lieben Großmutter Willen zögere ich noch einige Tage , denn das Bild meiner verlorenen Mutter erneuert sich in mir durch ihren Anblick . - Auch wünscht mich mein lieber Vater , durch seine Briefe , mit jedem Posttage zurück . - Und wie leid tut es mir , daß ich ohne Rechnung von meinem Vormund zurückkehren muß , da dies doch eigentlich die Absicht meiner Reise war . - Muß mich nun mein Vater nicht für nachlässig in diesem Geschäfte halten ? - Aber wer kann Schurken zur Redlichkeit zwingen ? - Wenigstens konnte ich keine Rechnung von ihm erzwingen . Auch muß ich Dir noch sagen ; nicht weit von der hiesigen Stadt , wohnt eine Bekannte von mir , die ich ehemals als ein gutes Mädchen kannte ; vorher noch will ich diese besuchen , und dann kehre ich in die Arme meines Vaters zurück . - Dieses Mädchen hat sich erst vor Kurzem verheiratet , und ich bin äußerst neugierig , wie ihr das neue Eheband schmeckt ? - Ehemals sprachen wir Beide oft miteinander von Liebe , aber sehr wenig von der Ehe , weil wir zu verschiedene Begriffe davon hatten , und uns oft ein wenig darüber zankten . - Sie hielt den Ehestand für Tändelei , für Blumenfesseln ; ich hingegen hielt ihn für den gefährlichsten Schritt in unserer weiblichen Laufbahn . Sie war eine Scheckerin von der ersten Gattung , und immer etwas leichtsinniger als ich . Eben darum bin ich begierig , wie es mit ihr ausgefallen ist . - Das nächstemal ein mehreres , lebe wohl , liebe ernsthafte Freundin ! Deine Amalie. 22. Brief . An Amalie XXII. Brief An Amalie Liebe Freundin ! - Daß doch fast alle deine Blutsverwandte , ein einiger ausgenommen , so roh dich behandeln ! - Was mag wohl für Blut in diesen Geschöpfen rinnen , wenn sie die Stimme dieses Bluts so wenig hören wollen ? - Sei froh , daß Du entfernt von der eifersüchtigen Base bist , sie ist deiner zu ihrer Beruhigung los und Du ihrer . Der kalte Empfang deiner Tante ist Hochmut , und dieser ist fast überall die Folge der Dummheit . Setze Dich darüber hinweg , dies ist die beste Rache des Vernünftigen . - Deiner bedaurungswürdigen Großmutter bin ich herzlich gut , und ich wünsche ihr hinlängliche Seelenstärke , die Bosheiten ihrer Schwiegertochter mit Geduld zu ertragen . - Hat denn ihr undankbarer Sohn keine Augen , keine Ohren ? oder trägt er diese bloß für sein boshaftes Weib ? - So einem Halbmann gehört die Rute , der sich von seinem Weibe bis zur Hartherzigkeit einschläfern läßt . Was ist das für eine Schande , wenn der Mann ein kriechender Hausknecht seines Weibes ist ! - So einer feigen Memme könnt ich mehr Gram sein , als einem in seinen Schranken stürmischen Manne , der sein Hausrecht nicht so leicht vergibt . Doch genug hiervon ! Du bist jetzt vermutlich schon bei dem jungen Eheweibchen ? - Ich bin sehr neugierig auf Nachrichten von ihrer neuen Verbindung . Der Ehestand wird ihren Leichtsinn schon dämpfen , er ist ein tüchtiges Mittel wider die gute Laune , besonders wenn er nach der alltäglichen Mode gestiftet wird . Zum Ehestand gehört eine große , standhafte Vernunft , um eines Anderen Gebrechen und Torheiten mit Güte zu besseren oder geduldig zu ertragen . Und dann die ewige Gewohnheit , die jedem Dinge den besten Geschmack raubt , bringt oft im Ehestand Wirkungen hervor , die gräßlich sind , wenn nicht durch beiderseitige Nachsicht und Güte des Herzens alle üblen Folgen verhütet werden . Der Ehestand ist bei den Meisten ein Chaos voll rosenfarbenen Elendes . Du hast Recht , Mädchen , diesen Schritt für gefährlich , für entscheidend zu halten ; er reizt , lockt , beglücket und vergiftet eben so geschwind das Leben , je nachdem man es trifft ; und - leider sind so wenig Treffer in diesem Glückstopfe ! - Ich möchte Dir zwar nicht gerne einen üblen Vorschmack von einem Stande beibringen , der auch Deiner wartet . Aber kann ich wohl von einer Sache schweigen , die in unserem Leben eine so unglückselige Epoche ausmacht ? - Neigung , Vernunft , Güte des Herzens sollten diese Bande knüpfen , und nicht Eigennutz , Übereilung , Sinnlichkeit , Konventionen , oder Eitelkeit . Die wenigsten Ehen haben wahre Harmonie der Herzen zum Grund , und die jungen Eheleute finden sich eben darum nach dem abgekühlten Taumel getäuscht . Grobe Herrschsucht , Gebieterei des Mannes weckt die Eitelkeit , den Starrsinn des Weibes auf ; Zank , Widerspruch , Brausen gegen einander sind die richtigen Merkmale zweier missverstandener Gemüter . Ekel und beiderseitige Verbitterung , ist die Glocke , welche der Liebe zu Grabe läutet , und das Ende davon , ein schändliches beiderseitiges Lasterleben , unter dem Deckmantel der heiligsten Verbindung . Laß uns abbrechen , Freundin , von so schrecklichen Auftritten der Menschheit ! - Ein Mädchen , wie Du , darf vorsichtig wählen , aber deswegen sich nicht abschrecken lassen . - Schreibe mir bald wieder und erinnere Dich deiner besten Fanny . 23. Brief . An Fanny XXIII. Brief An Fanny Daß ich zu dem neuverheirateten Weibchen reisen wollte , sagt ich letzthin , und daß ich nun bei ihm bin , sage ich Dir heute . - O Gott ! - Wie hat sich dies Geschöpf geändert ! - Weg ist aller Leichtsinn , weg alle Lebhaftigkeit , weg alle Freuden der Jugend ! - Sie lebt mit ihrem Manne in einer Kälte , die nahe an Gleichgültigkeit grenzt . Sie schweift nicht aus , aber erfüllt mürrisch ihre Pflichten , sie läßt ihn keine Bosheit fühlen , aber zeigt ihm auch kein gutes Herz , sie ist nicht munter , aber auch nicht empfindsam traurig , sie liebt nicht und haßt nicht , kurz sie ist eine freudenlose Maschine . Ihr Mann ist auf sie eifersüchtig und misstrauisch , und setzt dem guten Weibchen gerade auf der rohen Seite zu . Gelinde Vorwürfe sind dermalen schon von beiden Seiten aus ihrem Umgange entfernt , und es wird nicht lange dauern , so bricht eine Rebellion gegen das Bisschen Duldung aus , das sie einander aus Wohlstand noch schuldig sind ; und dann gute Nacht Hausfrieden , gute Nacht Ehre ! - Ich mag jetzt der Unglücklichen keine Vorwürfe über den zu leichten Begriff , den sie von der Ehe hatte , machen ; sie würde sonst den Betrug und ihr Elend doppelt fühlen . Und zu Dir im Vertrauen , liebe Freundin , ich habe wenig Hoffnung zu glücklicheren Zeiten für diese zwei jungen Leutchen , denn beide besitzen einen so halsstarrigen Eigensinn , der für den Zuschauer bis zum Ekel geht . Überdies noch sind die Mutter und Schwester des Mannes sehr wider die junge Frau eingenommen , und die schieben Holz zum Feuer , so oft und viel sie können . Übrigens bin ich hier wohl aufgenommen und gut bewirtet worden . Auch will ich mich einige Tage länger hier aufhalten , und wäre es auch bloß um eines gewissen Doktors Willen , der mir so ziemlich ans Herz geht . Du weist ja , daß es nur einer schmachtenden , süßen Schwärmerei bedarf , um meiner schon fertig gestimmten Einbildungskraft zu begegnen . Und denke Dir nur , das allerliebste Herrchen scheint mich ganz zu verstehen . Er ist witzig , scheckernd , tändelnd , und bringt meiner Eigenliebe manches Opfer . Stürmisch ist er nicht , aber sanft , gut und gefällig ; kurz , was weiß ich , was meine gehrende Einbildung noch alles für Vorzüge in ihm entdeckt ? - Du wirst mir wieder mit einem tüchtigen Sittenspruch in deiner Antwort entgegen kommen , das weiß ich schon zum Voraus . Aber bei einer Träumerin von meiner Gattung , bleibt es leider immer beim Sittenspruch und nicht bei seiner Wirkung . Sage mir aber dennoch deine Meinung darüber ; aber , liebe Freundin , nur nicht mehr so strenge . - Ich freue mich auf deine Strafpredigt und küße Dich zur guten Nacht . - Deine Amalie . 24. Brief . An Amalie XXIV. Brief An Amalie Kannst wirklich froh sein , ausgelaßenes Dingelchen ! daß ich Dir mitten in meinen vielen Geschäften doch antworte . Ohne Strafpredigt wird es zwar nicht ablaufen , das darfst Du Dir nicht einbilden ; aber vorher zur Sache des jungen Weibchens . - Die hat sich also so sehr geändert ? - Ja , mein liebes Mädchen ! - Die Männer im Ehestand bleiben weiter nichts , als Männer , und keine Anbeter , die ehemals auf den Knien krochen , und jetzt mit den Füßen stampfen , wenn das liebe Weibchen nicht hübsch folgen will . Im Ehestand fällt der Schleier von beiden Seiten weg , und man erblickt sich als Mensch , wo man zuvor den Engel sah . Die Wünsche sind befriedigt , und keine Furcht einander zu verlieren , hält die gegenseitigen Ungefälligkeiten im Zaum . Der Mann wird finster , befehlend ; das Weib , das ehe_dessen an tausend Schmeicheleien gewohnt war , rast , tobt gegen so neue Auftritte , und wird zuletzt ein unnachgiebiger Haust . Fehlt es dergleichen Eheleuten obendrein an Erziehung , dann sind niedrige Schlägereien der tägliche Schluß eines solchen Jaunerlebens . - Doch denke ich , die meisten Ehen würden glücklicher sein , wenn mehrere Men schen hinlänglich gute Herzen hätten , um dasjenige , was man aus tausend Gründen nicht mehr schwärmerisch lieben kann , doch wenigstens nicht zu verachten und nicht zu kränken . Es gibt eine Art von vernünftiger Duldung , die jede Ehe vor öffentlichen Auftritten schützt . Es muß aber sowohl vom Manne als vom Weibe dazu beigetragen werden , sonst arbeitet der eine Teil bloß , um den anderen in der Bosheit zu bestärken . Von beiden Seiten gutwillig nur halb seine Pflicht erfüllen , ist besser , als sie ganz zu erfüllen scheinen , und dabei - besonders von Seiten des Mannes - mancherlei Betrügereien hinter dem Rücken zu spielen . Hinterlist , heimlicher Aufwand von einem luderlichen Ehemanne , ist tausendmal sträflicher , als seine Unbeständigkeit in der Liebe . Unsere Neigung ist das Spiel eines Augenblicks , und nicht jeder findet liebenswürdige Abwechslung genug in seinem Weibe , um sie ewig fort leidenschaftlich lieben zu können . Aber sein Weib misshandeln , seine Kinder ins Elend stürzen , aus Unbeständigkeit sogar hartherzig werden , so was kann nur ein Schurke tun . Seine Gattin freundschaftlich ehren , sein Hauswesen nicht versäumen , seine Kinder gut erziehen , das hängt von jedem Ehemann ab , er mag übrigens auch noch so flatterhaft denken . Aber sogar , wie es jetzt Mode wird , sein Weib verlassen , das ist teuflisch und unmenschlich ! - Wie wenig kostet nicht einem vernünftigen Ehemanne Güte des Herzens gegen die ehemalige Schöpferin seiner Freuden ? - Ist es nicht Pflicht , ist es nicht Stimme der Natur , daß man seine unglückliche Gattin wenigstens mit einer schönen Lüge schadlos hält ? - Und dann sie mit Sanftmut und Aufrichtigkeit belehren , daß Kälte gegen sie , nicht Mangel an Pflicht , sondern bloß in der unbeständigen Menschheit liege , daß zu langer Besitz endlich ermüde und die Einbildungskraft in etwas abspanne ? - Jedes vernünftige Weib wird sodann mit ihrem Manne Mitleid fühlen und das nicht mit Gewalt fordern , was ihre Bemühung , durch Großmut , durch Nachsicht mit den Schwachheiten ihres Mannes , wieder nach und nach zu erlangen hofft . Wie viele würdige Weiber bezauberten schon ihre Männer aufs Neue durch Nachgiebigkeit , durch Rücksichten , die ein Undankbarer nicht vermutet hätte . Und wie viel , Freundin , könnte ich Dir noch über diesen Punkt sagen . Aber nun zur Geschichte deines Doktors . Ich sage deines , und kann mich doch nicht bereden , daß er dein ist , oder werden wird . Warum ? - wirst Du fragen . Aufrichtig , Freundin , um Dir Schwärmerin ans Herz zu gehen , brauchts eben so viel Mühe nicht . Ob aber Du ihm wirklich auch ans Herz gehst ? - Ja , das ist nun eine andere Frage . Es braucht ein wenig mehr , als bloß lebhafter Witz , um der Männer ihre ernsthafte Seite zu treffen . Sie tändeln oft statt der Liebe mit unserer Eitelkeit , wir desgleichen mit der ihrigen , bis eine jüngere Tändelei der älteren Platz macht . - Die Herrchen sind galant , weil es ihnen nur um Galanterie zu tun ist ; witzig , um mit ihrem Witz zu glänzen ; aus Stolz nicht stürmisch , aber desto schlauer im Schleichen . Du verstehst mich doch ? - Überhaupt , Mädchen , bist Du zu leichtgläubig . Misstrauen am rechten Ort angebracht , ist ein treffliches Mittel für junge unerfahrene Seelen . Lebe wohl , lose Schwärmerin ! - Lebe wohl ! Deine Fanny . 25. Brief . An Fanny XXV. Brief An Fanny Herzliebe Freundin ! - Du bist ja eine leibhafte Misanthropin geworden - Freudenstörerin will ich eben nicht sagen , denn dazu ließ es dein gutes Herzchen nicht kommen .- Aber sage mir nur , warum bist Du denn so äußerst misstrauisch gegen die Männer ? - Die armen Narren dünken mich doch so gut , oder wenigstens scheinen sie es zu sein . Freilich könnte Leichtgläubigkeit bei mir ein Fehler werden , aber noch ist er es nicht . Ich kann mir doch nicht vorstellen , daß ich gerade das Unglück haben müsse , auf einen Modegecken zu stoßen , der mich betrügen will ? - Noch habe ich am Doktor keine Spur von Schleicherei bemerkt . Laß mir doch diese liebe Träumerei ; ist doch alles Traum , was man Gutes hat auf der Welt ! - Wenn ich in der Liebe kein Vergnügen suchen dürfte , wo sollte ich es denn finden ? - Menschen , die nicht lieben , haben Sand im Herzen und Wasser im Gehirne . Die Lebhaftigkeit meiner Einbildungskraft fordert durchaus Liebe , und alle deine Kernworte werden diese glühende Einbildungskraft vielleicht leiten , aber nicht abkühlen . Der liebe Wohlstand mag es mir nicht Übeldeuten , wenn ich ungeheuchelt einem Triebe folge , den ich mir nicht in die Seele gelegt habe . - Alle Einwendungen , die ich mir darüber mache , sind ein schwacher Damm , die den Strom zwar aufhalten , aber desto heftiger anschwellen . Es wohnt in mir nur ein großer , feuriger Gedanke , und wenn ich ihn verdrängen will , so teilt er sich in tausend kleinere , aber husch ist der große Gedanke wieder in meinem Kopfe da und herrscht in meiner Seele . Kurz , Freundin , meine Einbildungskraft muß ziemlich brennen , denn weil ich mir unter Tags Zwang antun muß , so rebelliert sie desto heftiger bei der Nacht . - Als ich letzthin , Scheckerei halber , bei meiner Freundin im nämlichen Bette schlief , ( ihr Mann war abwesend ) beging ich einen Streiche , der mich des anderen Morgens Schamrot machte . Denke dir einmal : Im Schlaf umfaßte ich meine Freundin , küßte , herzte sie und seufzte laut den Namen des Doktors dazu . Die boshafte Beischläferin störte mich gar nicht in meiner Freude , und als ich aufwachte , schämte ich mich fast zu Tode , denn ich erinnerte mich nur zu gut meines begeisterten Traumes . Leugnen half jetzt nichts und der unschickliche Ort , wo ich meine Gefühle ausdrückte , war für mich eine ärgerliche Erinnerung . Was mich aber vor Zorne weinen machte , war der Leichtsinn , mit dem meine Freundin diesen Vorfall dem Doktor erzählte . - Nun ist der junge Herr von meiner Schwachheit ganz überzeugt . - Wirklich Schwachheit , denn meine Neigung ist um viele Grade heftiger , als die seinige . Bin ich nicht eine Törin , daß ich meinem Gefühl so den Zügel lasse ? - Vielleicht wieder für einen Undankbaren lasse ? - Nun ja wieder ! Liebte ich nicht schon einmal , und das umsonst , ohne Gegenliebe ? - Hilf mir der liebe Gott ! Was wird aus meinem weichen Herzchen werden , wenn es nicht bald seinen Widerhall findet ? - Und ist denn ein solcher Widerhall so leicht zu finden ? Gegenliebe scheint mir ein so seltenes Ungefähr , daß es einem schaudern sollte , welche zu suchen . Haben denn die Männer in der Liebe wirklich so selten eine ernsthafte Seite ? - Was gäbe ich nicht , Freundin , wenn ich ganz misstrauisch sein könnte ! - Wie soll ich es denn anfangen , um es zu werden ? - Mein ganzes Wesen ist offen , und immer dachte ich mir andere Menschen auch so . Und besonders Dich , Freundin , kann ich zu meinem Trost nicht anders , als äußerst redlich und äußerst liebevoll denken . - Amalie . 26. Brief . An Amalie XXVI. Brief An Amalie Wahrhaftig ! - Du bist ein tolles Mädchen ! In deiner verliebten Schwärmerei sehr gefährlich für deine eigene Ruhe . Es würde Dir sehr übel bekommen , wenn man Dich so deinen Trab fortschlendern ließ . Höre , Mädchen , meine Furcht in der Liebe hat ihre Ursachen , wenn Dir diese Liebe , die bei Dir so herzlich willkommen ist , so oft und so garstig den Kopf verrückt hat , wie mir , denn wirst Du Dich gewiß auch vor ihr hüten . Noch einmal ! Du bist zu leichtgläubig gegen die Männer ; - oder hast Du etwa mit den Zufällen in der Welt einen Bund geschloßen , daß sie just dich vor einem Modegecken schützen ? - Dünkt Dich denn die Zahl der bieder Liebenden so groß ? - Warum willst Du Dich so leicht von einer Hoffnung täuschen lassen , die so lockend zum Abgrunde führt , und nur Wenige nicht betrügt ? - Blinde Träumerin ! - Dein Doktor wird so dumm nicht sein , und sein Schleichen merken lassen . Dem Feind zur Schlacht Mut machen , tut kein erfahrener Kriegsheld . - Fahre meinetwegen fort , so oft und so lange zu lieben als Du willst , nur nicht zu aufrichtig , zu heftig , ehe Du gewiß bist , daß man Dich wieder liebt . - Freundin , sei mir nicht zu gutherzig gegen die Männer ; die wenigsten verdienen es . Adle deine Neigung mit Misstrauen , hernach darfst Du Dir nicht so vielen Zwang antun ; denn jedes Mädchen , das in der Liebe sich verstellt , stolpert um desto geschwinder , weil Zwang einen feurigeren Ausbruch zubereitet . Es gibt Menschen , die eine Zeitlang unterdrückt handeln , aber um so viel närrischer nach der Hand , wenn der Daumen wieder wegglitscht , den sie auf die Leidenschaften drückten . - Dein Traum vom Doktor war drollig ; so etwas muß freilich die Eitelkeit eines Liebhabers kizzeln . - Nur hätte deine Freundin ihn nicht wieder erzählen sollen , das war unvorsichtig von ihr gehandelt . - Es taugt gar nicht , daß er nun ganz überzeugt von deiner Liebe ist . Wer weiß , ob er bei dieser Gewißheit nicht aufs Neue nach einer anderen lüstern wird , wenigstens ist dies die herrschende Krankheit unserer jetzigen Adamssöhnen . - Ich wünsche zum Schluß von Herzen , daß Du bald einen harmonischen Widerhall finden mögest - für jetzt kann ich es noch nicht glauben . Lebe wohl ! Deine Fanny . 27. Brief . An Fanny XXVII. Brief An Fanny Freundin ! - Die Zeit meiner Abreise kam , ich mußte zurück zu meiner alten Großmama . - Kannst Dir leicht denken wie mir_es so bang war , daß ich alle meine guten Bekannten verlassen mußte . - Der Abschied vom Doktor war von meiner Seite äußerst angreifend , er aber zeigte sich kälter und munterer als ich , und das ging mir durch die Seele . Während als mein Wagen einige Stunden fortrollte , schwärmte ich in einer Hitze fort von dem Zurückgelassenen , und mein Blut war so in Wallung , daß ich gar nicht mehr weiß , wie ich in das Haus meines Oheims zurückkam . Der zweite Empfang meiner hochnasigten Tante schien mir etwas milder , ich war aber gar nicht heiter genug , um auf das was vorging , hinlänglich aufzumerken , denn mich verlangte nach Einsamkeit ; ich trug eine Last im Herzen , die mich sehr drückte . Wenn alle Verliebten sich so lange fühlen , wie ich mich fühlte , so sind sie arme Würmchen , die sich mit Herzensfreude treten lassen , und sich wenig um die Folgen kümmern . Ich war so ganz voll Qual , voll Unruhe , voll Leiden ! - Meine heitere Laune , wo ist sie hingekommen ? - Ich wage es kaum Dir zu sagen : der Doktor liebte mich nie . Wäre er nicht noch zum letzten Abschied in meine Arme geflogen ? - Er versprach mir heilig nach L zu kommen , ehe ich gänzlich diese Gegenden verlassen würde . - Aber der Elende kam nicht ! - Heißt das nicht hartherzig sein ? - Auch nicht einmal schrieb er mir . Warum weckte der Leichtsinnige meine Empfindung auf ? - Warum reizte er mich zur Liebe ? Warum nährte er einen Hang in mir , den kein ehrlicher Mann nährt , wenn er nicht wieder lieben will ? - Man sagte mir , er habe schon ein Mädchen vor mir geliebt ; sie soll sehr schön sein ; wenn das wahr ist , dann muß ich es leiden . - Muß ! - Ein garstiges Wort für freigeborene Menschen ! - O meine verwünschte Eigenliebe ! die war an der ganzen Geschichte Schuld ! - Diese garstige Betrügerin ist es , die mir von Gegenliebe vorschwatzte ; und nun bin ich getäuscht . Aber mit Blut will ich das Wort Täuschung in mein Herz schreiben , und der es auslöschen will , muß es tausendfach würdig sein , oder es bleibt stehen . Ich weiß auch gar nicht , warum die Männer kühn genug sind , mit uns zu wizzeln , und mit jedem Wort auf Liebe zu zielen , wenn sie denn durchaus nur lügen und nicht lieben wollen . Das sind doch abgefeimte Heuchler , die ihre Lügen mit so vieler Anmut in ein junges Mädchenherz hineinräsonnieren ! Mich reut meine gute Laune , mit der ich den Bösewicht so viele Stunden unterhielt . Aufs Gesicht hätte ich es ihm schreiben sollen : Du bist ein Betrüger ! - Damit das vor mir betrogene Mädchen noch frühe genug von ihrem Schicksal wäre unterrichtet worden . Ich mag wohl seinem Kopf besser , als seinem Herzen getaugt haben sonst hätte er nicht so viele Stunden mit mir verplaudert . Wäre ich von seiner ersten Bekanntschaft unterrichtet gewesen , so hätte ich ihn wie Gift geflohen , und kein nagender Gram hätte sich meiner bemächtigt . Nun sei es aber geschworen , ich will die Männer von nun an fürchten , ich will sie fliehen , ich will ihnen ausweichen , wenn sie mein Gefühl in Versuchung führen wollen . Aber die verwünschte Verkettung meines Schicksals bringt mich auch immerfort in die Gesellschaft der Männer ; es dauert nur wenige Tage , so muß ich schon wieder mit zweien anderen zu meinem Vater reisen . Aber ich beteure Dir , Freundin , sie mögen gut oder böse sein , wild oder zahm , mein Herz soll Stein bleiben . Es sollen , so wie ich höre , Kaufleute sein , denen mich meine ökonomische Tante nur deswegen übergibt , damit ihre Börse besser geschont werde , denn diese ist ihr Abgott . - Es mag nun bequem oder nicht bequem sein , meine Reisegefährten mögen höfliche oder unhöfliche Leute sein , mir ist es gleichviel ; nur von Liebe soll mir keiner sprechen , wenn er nicht Zank haben will . Du erhältst bald eine vollständige Reisebeschreibung von deiner besten Amalie . 28. Brief . An Fanny XXVIII. Brief An Fanny Vergib mir , Freundin , daß ich schon wieder an Dich schreibe , ehe ich Antwort von Dir erhielt . Du weist , Aufrichtigkeit ist für mich Bedürfnis geworden . Eben mit der nämlichen Aufrichtigkeit muß ich Dir doch zeigen , was ich für ein flatterhaftes Ding bin . - Stelle Dir einmal vor , auf der ganzen Reise dachte ich sehr wenig auf den hinterlassenen Doktor . War es Zerstreuung der Reise , oder was war_es ? - Das ist nun sehr natürlich , jede Schwärmerei muß aufhören , wenn sie nicht erwidert wird . Aber so geschwind meinem Herzen Richtung zu geben , das habe ich mir nicht vermutet . Was ich Dir letzthin von Standhaftigkeit gegen die Männer vorschwatzte , war ein Vorsatz , wie aller Menschen Vorsäße sind ; feurig , wenn man sie nimmt , aber um desto schwächer , wenn es zur Ausführung kommt . Denn meine Schwüre , keine Artigkeiten mehr vom anderen Geschlecht anzuhören , sind gebrochen . An hartnäckiger Unglaubigkeit lies ich es Anfangs gegen einen meiner Reisegefährten nicht fehlen , aber sein sanftes ehrerbietiges Wesen reizte mich doch zur Aufmerksamkeit ; aber weiter soll es auch nicht kommen . Er ist ein feingebildeter Protestant , ganz Duldung , ganz edler Mensch , ganz voll von allem dem , was diese Art von guten Menschen an sich haben , die mehr empfinden , als sie sagen können . Alle seine Reden waren überdacht , und so mit einer gewissen reizenden Schwermut begleitet , daß ich ihn bewunderte . Er säumte gar nicht mit seiner Menschenkenntnis einen Blick in mein Herz zu werfen , und wenn ich aus Groll gegen die Männer ganz bittere Sätze verteidigte , so versicherte er mich , daß das nicht die Sprache eines aufrichtigen , eines redlichen Gefühls wäre , und daß nichts in der Welt existierte , das nicht eine Ausnahme litte . Er traf meinen Sinn so stark , daß ich mit allem meinem Geplauder gutwillig schwieg und nur ihm zuhörte . Dieser Mann , liebe Freundin , ist fürwahr ein ganz neues Original ; er hat gar nichts von der grellen Lüsternheit , von der lächerlichen Selbstgefälligkeit , die so viele seines Geschlechts haben . Er ist so viel möglich Herr über seine Begierden , und Mann über seine Eigenliebe . Seine Gefühle sind nicht entlehnt , oder auf Worte geschraubt , sie kommen vom Inneren und gehen wieder dahin zurück . Nun auch ein paar Wörtchen von seinem Mitgesellschafter . Dieser gehört ohne Widerrede unter die Alltagsmenschen und empfindet weiter nichts als das Quantum seiner Prozenten . Mich deucht es also wohl nicht der Mühe wert , weiter von ihm zu sprechen . - Endlich kamen wir alle sehr guten Muts in St*** an . Meines Freundes Gattin drückte , küßte mich bloß , weil ich in Gesellschaft ihres Mannes war . Ich mußte mit Gewalt einige Tage da verweilen , sah die schöne Gegend ganz , und mir wurde recht wohl . Tausend Menschen , die einen ähnlichen Fall nicht kennen , werden es nicht begreifen wollen , daß außer einem schüchternen Mäulchen , mit meinem Freund weiter nichts vorging . Ich verehrte den Mann so , daß er mir in wenig Tagen nach meiner Abreise unentbehrlich wurde . Seine Lehren , seine Macht über sich selbst , seine Großmut , meine Schwachheit nicht einmal prüfen zu wollen , seine Gefälligkeiten nähren in mir ein ewiges , heiliges Andenken ! Von seiner Hand geführt , stieg ich ins Schiff , das mich von ihm trennen sollte , er drückte mir mit dem Ausdruck einer kämpfenden Seele einen Kuß auf , unter den Worten : Freundin ! Leben Sie wohl , bis aufs Wiedersehen , ist es hier nicht , so ist es dort ! Das ausgeredet und verschwunden war er aus meinen Augen . Ich weinte ihm häufige Tränen des Danks nach und empfand um mich herum eine Leere , die meine Reise zur See sehr traurig machte . Denn jetzt erst lernte ich den Verlust wahrer Menschen kennen . Nun bin ich zu Hause , und gestern traf wider Vermuten ein Brief von meinem sanften Freunde ein . Vor der Hand hatte ich nicht so viel Zeit gefunden , das Bild dieses vortrefflichen Mannes , meinem Vater zu entwerfen . Mein Vater stutzte gewaltig über den Anblick dieses Briefs , weil er überzeugt ist , daß ich ihm nie etwas verhehle . Auch hatte ich nie Ursache ihm etwas zu verbergen , denn er ist äußerst duldend gegen junge Leute . Nur kann er keine Verstellung leiden ; denn daher , sagt er , käme das Verderbnis der jungen Herzen . Sehr ernsthaft stellte er mich vor Eröffnung des Briefs zur Rede , aber kaum las er die Züge eines herrlichen Mannes , so freute er sich herzlich über diese Bekanntschaft , und befahl mir , ihm zu antworten . Hier hast Du die ganze Beschreibung dieser Reise , so wie ich Dir es versprach . Lebe wohl , und vergiß dein Malchen nicht . 29. Brief . An Amalie XXIX. Brief An Amalie Ja wohl , Freundin , bist Du ein flatterhaftes Mädchen ! Mit einem solchen Grade Überspannung über den Verlust eines Liebhabers zu winseln , und dann doch diesen Verlust nicht länger beklagen , als bis sich der Ort aus den Augen verloren , den er bewohnt ! - Ich würde Dir Vorwürfe über diese geschwinde Veränderung machen , wenn es der Undankbare nicht um Dich verdient hätte . Siehst Du , wir Menschen alle sind in unseren Handlungen so widersprechend ! - Besonders ist die Liebe ein unbeschreibliches Wesen , die von Umständen und Begriffen ihre Charakteristik erhält , und da die meisten Menschen sich in jeder Handlung ihres Lebens so wenig verstehen und mit einander nicht übereinkommen , so muß also auch die Liebe dieser Unordnung und Verschiedenheit der Gemüter ausgesetzt sein . Für nichterwiderte Liebe ist Stolz das beste Heilungsmittel . Man muß sich seine Ruhe durch stolze Verachtung wieder zurückbringen , die so ein Schandbube vielleicht auf einige Zeit raubte . Doch ist bei einem empfindsamen Mädchen der feste Entschluß , nicht wieder zu lieben , ein elendes prahlendes Nichts , daß bei der ersten besten Gelegenheit , wie ein Hauch zusammenstürzt . Diese Erfahrung habe ich leider mehrmals selbst gemacht ; und beinahe glaube ich , daß Du , Mädchen , mit der Zeit mehr von diesem Punkt wirst sprechen können als ich ; wenigstens ist deine Anlage dazu gefährlicher . Ich habe schon manches betrogene Mädchen während ihren Tränen über einen verlorenen Liebhaber aus Eitelkeit lächeln gesehen , wenn ein geschickter Schmeichler ihre schwache Seite zu berühren wußte . Ich kann einmal nicht anders von unserem Geschlecht sprechen ; die Güte unserer Herzen und die Reizbarkeit unserer Nerven machen uns zu schwachen Geschöpfen . Ein Weib mit dem besten Herzen wird am leichtesten überrascht , weil ihre Gutheit in der Liebe keinen Widerspruch kennt . - Bloß Religion , Vernunft und Ehre kann uns Weiber im Zaum halten , aber die Liebe spielt über kurz oder lang ihre Rolle , und wir alle spielen mit , mehr oder weniger , doch gerade so viel , als uns Schicksale und Umstände ins Spiel mischen . Indessen freut es mich doch , daß Du Dich mit deinem neuen Freunde so tapfer hieltest , und um so mehr freut es mich , weil es so wenig Männer gibt , welche die Gesellschaft eines reizenden Mädchens bei einer solchen Gelegenheit nicht missbraucht hätten . Dein sanfter Freund muß bessere Grundsätze haben , als unsere meisten brutalen Mädchenstürmer , die alles , was ihnen unter die Hände kommt , pflücken wollen . - Doch , Mädchen , erlaube mir auch über deinen Freund eine Anmerkung : Glaube ja nicht , daß ein Mann mit so vielem Gefühl , wie dieser war , lange um Dich herum ohne Leidenschaft hätte ausdauern können . Der strengste Moralist über diesen Punkt ist so wohl Mensch als andere , wenn ein überraschender Augenblick ihn hinreißt . Und wenn er vielleicht seine Gattin bloß ehrt und nicht liebt , was würde ihm übrig geblieben sein , als ein volles Herz und unbefriedigte Wünsche für Dich ? - Du bist nun schon in den Jahren , wo man so etwas mit Dir sprechen darf ; schaffe Dir das leichtgläubige Zeug aus dem Kopfe und schaue den Männern scharf hinter ihre Larve - und Du wirst Menschen finden . Doch ist ein Mann , der mit seinen Leidenschaften kämpft , viel verehrungswürdiger und reizender , als ein frecher Weichling , der , ohne Rücksicht auf die Person , bloß den Trieben seines Temperaments folgt . Es schmeichelt uns Weibern gar zu sehr , wenn wir an unserer Seite einen so stillschmachtenden Liebhaber seufzen sehen , der aus lauter Ehrfurcht sich beinahe zu Tode martert . Die Männer heißen das Koketterie . - Laß Dir aber nichts darüber in Kopf setzen . Ein Mädchen muß bis zur Überzeugung daß es wahrhaft geliebt wird , ein wenig die Kokette spielen , sonst weh ihrem guten Herzchen , es würde zerrissen , getreten , und äußerst oft betrogen . - Ich weiß , daß Dir diese Lehre nicht behagen wird , denn ich kenne deine Liebe zum Rohmanenmäßigen . Künftig ein Mehreres über dieses Kapitel von Deiner Fanny . 30. Brief . An Fanny XXX. Brief An Fanny Liebe ernsthafte Freundin ! - Du ahndest in deinem Letzteren meine Flatterhaftigkeit ; aber sage mir nur , was blieb mir bei einer so traurigen Verfassung übrig ? - Mußte ich nicht Den vergessen lernen , der mich betrog ? - Ganz vergessen habe ich ihn demungeachtet nicht , es gibt dann und wann noch stille ungestörte Augenblicke , wo das Bild des Undankbaren lebhaft vor meinen Augen schwebt . Aber sich so fest an etwas zu ketten , wie ich mich zu ketten pflege , ist Unsinn , ist Höllenmarter ! - Doch was nützt es ? ich bin einmal schon so unglücklich gestimmt , und Betrug ist mir so wenig bekannt , daß ich ihn hinter keinem Sterblichen vermute . Ja wohl sind wir Menschen widersprechend in unseren Handlungen , ja wohl ist die Liebe eine Sache , die vom Zufall regiert wird . Ich glaube immer , die meisten Menschen fangen umgekehrt zu lieben an . Wenn unser Geschlecht ein Widerspruch in der Liebe ist , so liegt es gewiß in unserer unfesten Erziehung . Bis dahin haben mich die Herren Männer mit Temperamentsversuchen so ziemlich in Ruhe gelassen . Mein sanfter Freund war gerade von Denen einer , die ihre Seligkeit nicht bloß im Körper finden . - Und was in Zukunft aus ihm geworden wäre - das hätte ich erwarten müssen . Daß der Kampf eines wünschenden Liebhabers für uns ein Opfer ist , mag wahr sein ; doch , liebe Fanny ! - Laß mir meinen Glauben an platonische Liebhaber ; es würde übel genug für mich sein , wenn ich vom Gegenteil überzeugt sein müßte . Koketterie , heißt in meinen Augen so viel , als seine Empfindungen vertuschen , und Freude an den Martern der Männer haben . Gott bewahre mich vor einer solchen Verstellung ! - Ich würde ja mein Herz lästern und die liebe Natur beleidigen , die uns zum Fühlen schuf ! Weh dem , der einst mein redliches , aufrichtiges Gefühl nicht erwidert , und doppelt weh ihm , wenn mich die Rückerinnerung schmerzte , wenn ich mich ihrer zu spät schämen müßte ! Hier hast Du meine Gesinnung ; noch sind wir um ein ziemliches in unserer Denkungsart von einander entfernt . Vielleicht kommt ein Tag , wo Du Recht erhalten wirst ; aber für jetzt laß mir meinen glücklichen Schlendrian in der Liebe . Doch , demungeachtet , höre von mir noch ein Geständnis : - Es wacht in mir seit der Zeit meines hiesigen Aufenthalts ein gewisser avantürischer Geist auf , der mir die einsame Lebensart meines Vaters unschmackhaft macht . Ich möchte so gerne die Welt sehen und mehrere Menschen kennen lernen . Eben aus dieser Ursache wandte ich mich an meinen Oheim in K*** , der Nichtschweiger als geizig ist . - Er ist mir sehr gut und wird den Mittler zwischen mir und meinem Vater machen ; denn mein Vater will von meinem Wünsche ( bald wieder in die Welt hinein zu reisen ) nichts weiter hören ; aber mein Oheim ist desto billiger und wird gewiß bald Auswege finden , mich unter fremde Leute zu bringen , damit ich mich in Putzarbeiten so gut als möglich für die Zukunft bilden kann . Gibt mein Vater aber seine Einwilligung nicht , so reise ich nicht , denn ungehorsam war ich nie . Bald schreibe ich Dir wieder , dann kannst Du mir mit einer Mühe zweien Briefe beantworten . Deine beste Amalie . 31. Brief . An Fanny XXXI. Brief An Fanny Über dein Stillschweigen bin ich weiter nicht böse , und um Dich vollkommen davon zu überzeugen , so fiel mir es gerade jetzt ein , an Dich zu schreiben ; und zwar eine Neuigkeit , die darin besteht , daß ich mit nächstem nach A*** abreisen werde . - Ich komme dort in das Haus einer Bekannten , um als Kostgängerin Modearbeiten zu lernen . Mein Vater gab , auf das gütige Ansuchen meines Oheims , seine Einwilligung , weil er einsieht , daß alle Arten Arbeiten für ein Mädchen nötig sind . - Wie es mir dorten gehen wird und was ich auf der Reise für Bemerkungen machen werde , sollst Du alles hören . Es hat sich hier während dieser Zeit ein junger Laffe an mich gemacht , der mir unausstehlich ist . Nur Schade , daß ihn mein Vater gut leiden kann und er uns unter diesem Vorwande öfters besucht . Ich glaube , mein Vater hätte Lust mir dieses Geschöpf zum Manne anzuhängen . Das wäre entsetzlich , wenn ich so einem jungen Springer zu Teil würde ! Er stützt seine Neigung für mich auf das Ansehen meines Vaters und wird dabei den Kürzeren ziehen , denn in meinen Herzensangelegenheiten kenne ich keinen Zwang . Dieser Mensch hat mir seit mei einem Hiersein schon manche bittere Stunde gemacht ; ich würde mich darüber ärgern , wenn mich nicht der Umgang meines Vetters aus Mainz dafür schadlos hielte . Erinnerst Du Dich noch , was ich Dir einmal alles für gute Sachen von diesem Jungen sagte ? - Er war immer mein Liebling und hat sich auf der Universität trefflich gehalten . Wir bewohnen einen der schönsten Gärten in unserer Gegend , und oft schleichen wir beide zusammen ganz Gefühl mit einem Buch in dem Garten herum . - Er ist noch weit romanenmäßger als ich , und wären wir beide nicht so nahe verwandt , so gäbe es aus uns ein nettes Pärchen . Der Junge liest so reizend vor , und empfindet so vieles dabei , daß ich ihm mit der größten Wollust manche liebe Stunde zuhöre . Auch sind seine Gefühle so harmonisch mit den meinigen , er fühlt alles so heftig , und wird leider mit seinem Herzen eben so wenig glücklich werden als ich ! - Er ist sehr traurig über meine baldige Abreise . Auch meine Schwester ist durch seine Leitung ein artiges Mädchen geworden , nur Schade , daß sie noch so jung ist . O , Freundin , könnt ich doch das Glück dieser Lieben machen ! - Sie darben nicht , aber wenn mein Vater sterben sollte , dann weh den Hinterlassenen ! - Diesmal verlaß ich meine Familie mit schwerem Herzen . Gott soll meine Ahnung nicht übel ausschlagen lassen ! - Ich küße Dich herzlich und bin wie allezeit Deine Amalie . 32. Brief . An Amalie XXXII. Brief An Amalie Laß Dir mein Stillschweigen nicht auffallen , meine Liebe ; Du weist , man kann nicht allezeit wie man will . - Du willst also schon wieder reisen , oder mußt vielmehr zu deinem Nutzen reisen ? - Die Absicht deiner Reise ist gut , nur bin ich böse , daß dein unruhiger Kopf nirgends fest hält . Zu was soll all das Avantürische in deinem Kopfe ? - Die verwünschten Romanen haben deine Einbildung mit Schimären angefüllt . Glaube mir , Mädchen , unter jedem Himmelsstriche findet man mehr Böses als Gutes , und ein Mädchen wird heute oder morgen unzufrieden , wenn es sich in seinen Hoffnungen getäuscht sieht . - Dein Wunsch , die Welt zu sehen , wäre so übel nicht , aber daß Du Dir von der Welt mehr versprichst , als Du erhalten wirst , ist für mich ein trauriger Gedanke . Du kennst den Wirrwarr unter den Menschen zu wenig , um nicht davor zu zittern . Leider bist Du eines von jenen Geschöpfen , die wider ihren Willen den Änderungen des Schicksals ausgesetzt sind ; aber deine bestimmten Wege vernünftig durchzuwandern , ist nun deine Pflicht . Schreibe mir , so oft Dir etwas Widriges aufstößt , Du kennst mein Herz , mit dem ich Dich immer leitete und noch ferner leiten werde . Ich bin in der Tat froh , wenn Du von deinem schwärmenden jungen Vetter wegkommst ; der würde Dir den Kopf vollends verrücken . Empfindelei und wahres Gefühl sind zwei verschiedene Dinge ; das erstere ist schädlich , das letztere für die Menschheit rühmlich . Daß man Dich in dem Hause , worein Du bestimmt bist , lieb haben wird , dafür ist mir nicht bange , denn Du hast eine Art von gutem Willen an Dir , der Jedermann an sich reißt . - Die Stadt , worein du kommst , ist groß und folglich mit mehreren Verführern angefüllt ; Du weist , was ich sagen will , und dessen magst Du Dich erinnern , wenn es nötig sein wird . Schreibe deinem lieben Vater oft , damit er nicht Anlaß bekommt , über Dich zu murren . - Sei rechtschaffen , liebenswürdig und bescheiden , wenn Du deiner Fanny Freude machen willst . 33. Brief . An Fanny XXXIII. Brief An Fanny Vor allem , Fanny , muß ich Dir den ersten Satz deines Briefs beantworten . Ist es wohl meine Schuld , wenn sich eine Art avantürischer Hang in meiner Einbildung festgesetzt hat ? - Mich deucht , jeder Mensch reitet sein Steckenpferd , und das ist nun gerade das meinige . Ich würde diesen Hang ganz unterdrücken lernen , wenn mich nicht mein abwechselndes Schicksal darin bestärkte . Wäre ich zu einem ruhigen , einfachen Leben bestimmt , so würde sich mein flüchtiger Geist nach und nach legen , so aber wird er durchs Reisen und durch die vielen unwillkürlichen Abänderungen genährt . Wenn meine Ahnung wahr spricht , so wartet auf mich eine gewaltig unruhige Zukunft . Wer nicht Meister über seine ökonomischen Umstände ist , der muß sich in der Welt wie ein Ball herumwerfen lassen ; und dann bei solchen Lagen , wohl dem Mädchen , das Grundsätze hat ! Daß es so viele böse Menschen in der Welt gibt , habe ich , wie mich dünkt , schon bemerkt ; es wird Unglück genug für mich sein , wenn ich in der großen Welt die wenigen guten eben nicht finde . Ob ich nun meine Schicksale gelassen und vernünftig durchwandern werde - das weiß Gott ; aber daß meine Schwachheiten nicht zu Bosheiten ausarten sollen , dafür stehe ich . - Dann müßte mich alles Gefühl meiner Erziehung verlassen haben , und der Gedanke an eine Freundin nicht mehr in meinem Herzen wohnen , die so nachsichtsvoll mich von jedem Irrwege zurückrufen würde . Mein phantasierender Vetter schreibt mir jetzt eben so phantasierende Briefe , und ich gestehe es , seine Schwärmerei ist für mich ansteckend . - Ich bin nun schon einige Wochen hier ; der Abschied von meinem Vater war mir diesmal äußerst drückend ; ich weinte bitter , und doch riß mich die Notwendigkeit von den Meinigen weg ; Notwendigkeit ist ein gräßlicher Tirann unter den Menschen , sie trennt die besten Geschöpfe . - Ich stieg so traurig , so schluchzend in den Postwagen , daß meine Reisegefährten , die schon im Wagen saßen , darüber stutzten . - Ich fühlte mich zwei Stunden lang äußerst fremd unter dieser Gesellschaft , und mein Herz wollte sich durchaus nicht der Freundlichkeit öffnen , mit der mir alle diese Leute begegneten . Ich weiß nicht , war es Zagheit ; genug ich war den ganzen Tag für alles kalt , was um mich vorging . Die Gesellschaft bestand aus einem Frauenzimmer , zweien jungen Offiziers und einem Juristen . Man scheckerte , lachte , philosophierte , moralisierte durcheinander bis es dunkel wurde . Ich blieb bei allem dem stumm , und würde es ferner geblieben sein , wenn mich der Wohl stand nicht zum Danken genötigt hätte , indem der Wagen stille hielt , und mich gleich darauf der eine Offizier heraushob . Jetzt ging alles ins Posthaus , das Mädchen an der Seite des einen Offiziers , und ich mit meinem Nachbar , der mir um vieles schüchterner zu sein schien , als sein Reisegesellschafter . - Man aß , man trank , und während als ich mit meinem Nachbar und mit dem Juristen schwatzte , verlor sich jener Offizier mit unserer Reisegefährtin und kamen beide nach einer halben Stunde sehr zerstört zur Gesellschaft zurück . Was zwischen ihnen unterdessen vorgegangen , mag der Göttin der Wollust besser bekannt sein , als mir . Das Mädchen schien mir an das löbliche Handwerk schon ziemlich gewöhnt , denn sie scheckerte mit einer Frechheit , die mich erzürnte ; doch dünkte sie mich dabei äußerst arm , und eben darum entschuldigte ich sie mit einer Duldung , die jeder Vernünftige seinem Nebenmenschen schuldig ist . Endlich fing der Postillion an zu blasen , wir stiegen wieder in den Wagen , und rollten so die ganze Nacht durch fort . An meiner Seite saß jetzt der stürmische Krieger , dem es vermutlich nach etwas Neuem gelüstete , weil es ihm an seiner ersten so leichten Eroberung schon zu Ekeln schien . Es war dunkel , und was braucht es mehr um das Zügellose eines solchen Geschöpfes zu reizen ? - Der Ritter fing an , an meiner Seite unruhig zu werden , und zwar so unruhig , daß ich , um mich vor ihm zu sicheren , ihm seine neugierigen Hände fast blau zwickte . Schreien wollt ich nicht , denn das schien mir zu affektiert , zu heldenmäßig , und plagen wollt ich mich doch auch nicht lassen ; also was glaubst Du wohl , daß ich in dieser kritischen Lage tat ? - Ich nahm ein Paar Stecknadeln zu Hilfe , und peinigte seine Hände so , daß er heimlich darüber zu allen Teufeln fluchte . Das Schnaufen , das Geräusche der Kleider mußten einige im Wagen bemerkt haben , denn die Dirne fing helllaut an zu lachen und wollte eben zotige Anmerkungen darüber machen , als der andere sanftere Offizier sich meiner annahm und sagte : Bruder , laß mir deinen Platz und nimm Du den deinigen wieder ; denn gleich und gleich gesellt sich gerne . - Nun wechselte man die Plätze ; ich verkroch mich in eine Ecke des Wagens und hütete mich sehr meinem neuen Nachbar nur mit einem Finger zu begegnen . Zwei Stunden vergingen ganz ruhig , alles schnarchte wieder , nur ich und mein Nachbar schliefen nicht . Durch ein Ungefähr erhaschte er meine Hand , hielt sie fest und drückte sie an seine Lippen . Mir fing bei diesem neuen Sturm an bange zu werden ; doch als ich merkte , daß er sehr mit sich selbst kämpfte und nicht so unverschämt wie der andere war , schlief ich ruhig ein . - Aber wie das zuging , weiß ich nicht ; - genug , als ich erwachte , fand ich , daß mein Kopf an seinen Busen gelehnt war . Ob mich nun das fatale Stoßen des Postwagens in diese Stellung gebracht , oder ob der junge Herr mich im Schlafe selbst hinzog ; - ist mir unbewußt . - Doch schlief ich in dieser Lage ruhig und süß , und , wenn ich mich nicht irre , so träumte mir_es , als ob mich mein Nachbar im Schlafe recht sanft geküßt hätte . Wir Mädchen sind doch närrische Dinger ; nichts reizt uns mehr , als wenn die Männer sanft genug sind , mit ihren eigenen Trieben recht lange zu kämpfen und mit uns recht platonisch zu schwärmen . Fanny , löse mir doch dies Rätsel in deiner Antwort auf ; ich bitte Dich darum . - Auf diese Art also verstrich der erste Tag meiner Reise , und für heute nichts weiter mehr , als lebe wohl ! - Deine Amalie. 34. Brief . An Amalie XXXIV. Brief An Amalie Mädchen , grüble mir nicht schon wieder in die Zukunft hinein ! - Daß Du zu einem abwechselnden Schicksale bestimmt bist , glaube ich selbst ; dafür hat Dir aber auch der Schöpfer Geist und Talente gegeben , nun kömmts auch viel auf Dich an , guten Gebrauch davon zu machen . Du hast völlig Recht , daß die ökonomischen Umstände den Menschen in der Welt manchmal zum Untiere machen . Denn man sagt gewöhnlich : Not hat keine Gesetze ; und der größte Philosoph ist ein elender Wurm , wenn ihn hungert . Mäßig essen und uns standsmäßig kleiden , das müssen wir , wenn aber uns alles das Trotz unserer Bemühung versagt wird ? - Nicht wahr , dann fallen wir Menschen in die rohe Natur zurück , suchen , wo wir finden , um unsere Bedürfnisse zu befriedigen , die wir unwillkürlich an uns haben ? - Es gibt nun eine Menge dummdenkender Köpfe , die weder die Welt , noch ihre Zufälle , und am allerwenigsten das heimlich dringende Elend mancher Unglücklichen kennen . Diese Strohköpfe behaupten , es dürfe kein Mensch verhungern , wenn er nur arbeiten wolle . - Der Bettler verhungert auch nicht , wenn er nur täglich seine Kapuzinersuppe genießt . Aber gibt es nicht noch tausend andere Klassen von Menschen , denen sogar diese armselige Suppe versagt ist ? - Gibt es nicht Winkel der Erde , wo Schande , Gefühl , Mangel und Verzweiflung an den Herzen der Notleidenden nagt ? - Findet man nicht oft in den finstersten Löchern arme Familien aufs Stroh hingestreckt , die von ihrem Kummer sich nähren , ihren Durst mit eigenen Tränen stillen , und dem Zufall fluchen , daß er seine Reichtümer bloß an hartherzige Teufel verschwendet hat ? - Keine Tugend ist seltener als Menschenfreundlichkeit , und keine wird so wenig geübt , als eben diese . Der Reiche prahlt mit diesem herrlichsten Gefühle der Schöpfung , und kennt es nicht , will es nicht kennen , oder wendet dieses Gefühl gerade nicht da an , wo er dazu aufgefordert wird . Der wahre Menschenfreund muß geizig jeden Anlaß suchen , die Tränen der Notleidenden zu stillen ; er muß Gefühl , gutes Herz , Menschenkenntnis besitzen , er muß vom Vorurteil frei , ohne Rücksicht auf Stand oder Person , das Elend oder die gekränkte Ehre untersuchen , er muß sich vor der ganzen Welt nicht schämen einen zerfetzten Elenden an seinem Arm zu führen , wenn er in ihm das gelungene Meisterstück der Schöpfung entdeckt hat . - Er muß stolz auf eine solche Handlung sein , weil sie ihn vom gemeinen Trosse wie einen Gott unterscheidet . Er muß selbst dem Spötter kaltblütig den Rücken zeigen , und sich größer dünken als der tapferste Krieger , der sich durch seine Mordsucht adelt . Er muß im vollen Verstand gut gegen sein Mitgeschöpf sein und das nur für Zufall ansehen , daß er reicher als sein Nebenmensch ist ; auch muß er seine Wohltaten bescheiden und mit der feinsten , sanftesten Kunst austeilen , sonst martert er das fühlende Herz eines Unglücklichen weit ärger , als ihn der langsam verzehrende Mangel mordete ! - Elend ohne Zeugen ist für den Denkenden schwer , aber Elend mit Zeugen ist noch schwerer , besonders für Den , der nicht Vernunft genug hat , sich auch in der Armut erhaben zu fühlen und den übel ausgeteilten Durcheinander für weiter nichts als Chaos anzusehen . Wenn Du länger in der Welt lebst , meine Liebe , wirst Du noch viele solche dürftige Geschöpfe finden , die aus Mangel an Nahrung mit ihrem Körper Gewerbe treiben müssen , doch gibt es mehrere dergleichen Mädchen , die aus Liebe zum Putz , aus Hang zum Wohlleben , aus Gewohnheit und Übertäubung , aus Faulheit und Unverschämtheit , aus Mangel an richtigem Gefühl und Erziehung , sich im Lasterleben fortwälzen , bis zu gewissen einsamen Stunden , wo der Ekel der Natur in diesen Elenden aufwacht und ihr Inneres weit ärger martert , weit ärger zerreißt , als Reue über ihre Sünden , deren sie aus Verzweiflung , aus Abscheu gegen sich selbst , keiner mehr fähig sind ! - So ungefähr kommt mir der Zustand die sehr Bedaurungswürdigen vor . Denn , wenn weder Gesetz noch Religion wäre , so liegt doch wider ein solches Leben etwas Schauderndes in der Natur ! - Woher käme sonst die Verachtung , der Abscheu , die Scham , der Ekel eines abgekühlten Wolllüstlings gegen so eine Verworfene ? - Ich habe mehr als einmal das Geständnis der größten Weichlinge mit Erstaunen angehört , die mich versicherten , daß der bitterste Haß auf den Genuß folge , und daß der erste Augenblick von Überlegung ein bitterer Fluch über sich und die Gehilfin ihrer Ausschweifungen sei ! - Was ist nun dieses Erwachen anders , als Scham über sich selbst ? - Was ist es anders , als Eingeständnis des Lasters und Meineids an der Liebe ? - Was ist es anders , als ein übelverschwendeter Instinkt , der einem jeden ohne Herz , ohne reine Liebe , ohne Empfindung , ohne Dank erwidert wird . Muß sich da nicht bei kaltem Blute der Stolz eines jeden sich fühlenden Mannes empören , daß er seine Triebe mit so etwas Allgemeinem beschmutzte ? - Ist sein eigener Wert nicht dadurch sehr erniedrigt ? - Ein Mann , der denkt , opfert seine Triebe einer Herzensfreundin und der Liebe . - Mich deucht , nur Männer , die sich unwürdig fühlen wahrhaft geliebt zu werden , können Schritte tun , wovor sie sich selbst im Inneren schämen müssen . - Genug hiervon ! - Nun zu deiner Stecknadelanekdote : Du bist wahrlich eine tapfere Heldin ! - Glaube mir , Mädchen , wenn sich alle bösen Buben durch Stecknadeln zurückschrecken ließen , so würden ihrer eine Menge mit blutenden Händen umherlaufen . Der Einfall war indessen launig und fein ausgedacht , nur glaube ich nicht , daß Du immerfort bei jedem Angriffe mit Stecknadeln bei der Hand sein wirst . Daß Stürmer Dir nichts abgewinnen , das weiß ich schon lange , aber um desto gefährlicher sind deinem empfindsamen Herzen die sanften Männer . Nimm Dich in Acht , Malchen , und schlafe mir ja nicht so leicht ein , wenn Du wieder an die Seite eines solchen Nachbars zu Sitzen kommst ! Die Männer lauern immerfort , und heucheln sich zuerst in unser Zutrauen , damit sie hernach mit einem unwiderstehlichen Feuer uns um desto sicherer überraschen können . Heute deucht mich genug geplaudert zu haben . Lebe wohl , Beste ! - Deine Fanny . 35. Brief . An Fanny XXXV. Brief An Fanny Traute , liebe Freundin ! - Ich habe Dir in meinem letzten Briefe vieles von meiner zurückgelegten Reise vorgeplaudert , daß ich Dir gar nichts in Rücksicht des Hauses , darin ich mich gegenwärtig aufhalte , sagen konnte . Die Familie , bei der ich wohne , besteht aus Vater , Mutter und einer erwachsenen Tochter . Von dem Charakter der beiden Alten läßt sich eben nicht viel Gutes , aber auch nicht viel Böses sagen . Sie folgen beide dem gewöhnlichen Schlendrian alter Leute , der in Andächtelei und pedantischer Moral besteht . Die Tochter aber lebt schon auf einem aufgeklärteren Fuß , und liebt mich eben so herzlich als ich sie . Wir scheckern und lesen oft zusammen und schwazzen überdies von unseren kleinen Liebeshistörchen . Letzthin erlaubte uns Frau Mama , nach vielen Bitten , das Schauspielhaus zu besuchen . Für mich war es ganz was Neues ; denn in meinem Leben hatte ich noch kein Schauspiel gesehen . Wie stark aber dieses erste auf meine Nerven wirkte , kann ich Dir nicht sagen . - - Ich weinte ... staunte ... fühlte ... und das Bild der Liebe , das darin erschien , riß mich bis zum Entzücken hin ! - Ich habe die Tage meines Lebens keine Unterhaltung gefunden , die für mich mehr zur Leidenschaft werden könnte , als eben diese . Als wir beiden Mädchen wieder zu Hause waren , sprach ich den ganzen Abend durch kein Wort , aß nichts , und träumte unaufhörlich von dem , was ich gesehen hatte . Die Vorstellung war ein Trauerspiel , Romeo und Julie genannt . Ob die Schauspieler gut spielten , kann ich Dir nicht sagen , weil meine Kenntnis in diesem Fache noch klein ist . Aber so viel weiß ich , daß mir die Liebe des guten , liebevollen Romeo äußerst ins Herz drang , und daß ich vollkommen das ängstliche , ungeduldige Sehnen und Warten der Julie mitfühlte , wenn sie voll Liebe und Wollust , voll Furcht und Zärtlichkeit , bange nach ihrem Geliebten seufzt ! - Unter so vielen unangenehmen Dingen , denen die Menschen unterworfen sind , deucht mich für einen feurig , ungeduldig wünschenden Kopf das Warten das grausamste . Wie schrecklich mag es wohl erst für Verliebte sein , wenn furchtsame Phantasien ihre Augenblicke zu Jahrhunderten schaffen ! Ich muß jetzt von dem Artikel der Liebe abbrechen , sonst würde er zu sehr auf mein Herz wirken ; und nun zu einigen Stellen deines Briefs gerückt ! Deine Äußerung , daß die Not so viel Unheil unter den Menschen stiftet , erfüllte mich mit Traurigkeit . Bald hätte ich Lust mit Dir die Einrichtungen in der Welt zu verwünschen , welche die Menschen aus Eigennutz erfunden haben . Die Natur fordert doch so wenig , und gibt uns alles , was wir am nötigsten brauchen . Hätte sich nicht Politik und Herrschsucht unter uns eingeschlichen , so wüßte man nichts vom Reichtum , nichts vom Vorzug , nichts von überflüssigen Wünschen ; aber so müssen die Menschen gleichsam in einer Kette durcheinander geschlungen leben , wovon dem einen ein großes Stück , dem anderen aber gar nichts zu Teil wird . - Und hat denn der Arme , der vom gleichen Stoff , wie der Reiche , geschaffen ist , nicht Ursache sich zu beklagen ? - Was kann er dafür , daß ihm seine Eltern in einem Augenblicke des Vergnügens sein Dasein gaben , um ihn durch unverdiente Armut von dem Schicksale martern zu lassen . Unsere Geburt ist unwillkürlich , und die Last unserer Schicksale drückt uns so oft unschuldig , aber desto schrecklicher ! - Ich will gerne glauben , Freundin , daß es Dummköpfe gibt , die das heimliche Elend so vieler Menschen nicht kennen . Überfluß macht den Reichen faul , gedankenlos und hart . Wenn die lüsternen Wünsche des Reichen befriedigt sind , dann wird er schläfrig , untätig , auch ist die Vernunft und das Gefühl da am wenigsten zu Hause , wo Taumel von aller Art Wollust herrscht . - Fast gar keine Reiche gibt es , die mitten im Wohlleben der Menschheit eine Träne zollen . Du hast , meine Liebe , das Bild eines Menschenfreundes so vortrefflich entworfen , daß sich selbst der Schöpfer darüber freuen müßte , wenn er Viele unter seinen Geschaffenen fände , die diesem Bilde glichen ! - Auch muß die Wollust , die der Menschenfreund nach einer schönen Tat empfindet , die größte Seligkeit sein . - Kein Andenken in der Welt gräbt sich tiefer ins fühlende Herz , als Menschenfreundlichkeit und die Erinnerung an eine gute Handlung ; alle übrigen wetzt die Zeit aus , aber der Gedanke , einen Elenden unterstützt zu haben , bleibt ewig , und muß dem wohltätigen in seiner letzten Todesstunde Vorgeschmack des Himmels sein ! - Die Tränen des Danks ... Die Freude eines Geretteten . . . Die Verlängerung seines Lebens ... sind lauter Lorbeeren , die sich der Menschenfreund um sein Haupt sammelt , die seine Todesstunde versüßen und ihn triumphierend zum gerechten Richter führen ! Wie viele Laster kann der Menschenfreund verhindern , die oft von Generation zu Generation erblich sind , wenn Armut die Quelle davon war . Den Großen der Erde und ihren Vertrauten käme es zu , in ihren Städten jeden Stand in Klassen einzuteilen , und Alles , was darin lebt und webt , durch vernünftige Anstalten so viel möglich vor Mangel zu schützen . Warum richtet man nicht für so viele müßige Freudenmädchen eine Art von Fabrikke auf , wo jede ihrem Stand angemessene Beschäftigung bekäme ? - Dirnen , die aller Besserung unfähig wären , werfe man , nach allen nur möglichen vorhergegangenen Versuchen , an den Ort , der für öffentliche Bedürfnisse privilegiert wäre . - Dann bekäme doch das Laster lauter freiwillige Auswürflinge und keine Unschuld mehr durch Armut verführt zum Raub ! - Überhaupt , um bessere Grundsätze der Jugend einzuflößen , als sie oft bei ihren nichtswürdigen Eltern bekommen , wäre ein allgemeines Erziehungshaus für arme Kinder der zuträglichste Ort , von dem unsere Nachkömmlinge bessere Sitten zu hoffen hätten . Wider den Willen der Eltern hätten die Großen das Recht , nach befundener übler Erziehung und Armut , für das Wohl der Jugend zu sorgen und sie in besagtes Haus aufzunehmen . Gewalt zum Guten hat jeder regierende Herr . - Wenn von der Erziehung nicht so viel geschrieben und mehr ausgeführt würde , so bekäme die Menschheit eine ganz andere Wendung . Denn in der Erziehung liegt Glück oder Verderben . - So ungefähr , meine Freundin , denke ich mir die Sachen . - Lebe wohl , meine Beste ! - Deine Amalie . 36. Brief . An Amalie XXXVI. Brief An Amalie Mich freut es außerordentlich , liebe Amalie , daß Du Dich bei so redlichen Leuten befindest . - Laß dem Alter immer seine Gewohnheiten , dafür sind wir jung um diese Schwachheiten zu ertragen . - Du warst also in dem Schauspiele ? - Will es gerne glauben , daß es deinen Sinnen auffiel . Du hast ja ohnehin Überfluß an Gefühl , ein unverdorbenes Herz , und Sinnen , die reizbar sind . Und nichts bringt diese Sinnen mehr in Gehrung , als eben das Schauspiel . - Es ist der Weg zur Bildung für junge Leute , wenn es nicht von einer falschen Seite genommen wird , aber auch zur Ausschweifung . - Übrigens hast Du ganz Recht , meine Freundin , Armut und Not sind die herrschenden Leiden in dieser Welt , und es wird so wenig über diese zweien Gegenstände nachgedacht , daß es unglaublich scheint , wenn so viele Elende , Verlaßene , ohne bemerkt zu werden , heimlich ihr Grab finden ! Der überflüssige Aufwand ist nun einmal eingeführt , wer ihn nicht bestreiten kann und der Tugend getreu bleiben will , wird verspottet , verachtet und verhöhnt . - Kein Wunder , wenn sich so viele Schwache an der Armut zu rächen suchen und nur zu oft auf Irrwegen nach Hilfe schnappen . Der einzige Trost , der einem Armen übrig bleibt , ist Religion ; diese allmächtige Mutter kann Stärke , kann Seelenkraft geben , und wo diese nicht ist , tritt Ausschweifung und Verzweiflung an ihre Stelle . - Was könnte sonst den darbenden Armen vom Selbstmord abhalten , wenn er nicht auf eine bessere Belohnung hoffen dürfte ? Er müßte gegen die Vorsicht murren , statt , daß er sie im Herzen segnet ; er müßte über sein Leben bitter eifern , wenn er nicht eine Seele hätte , die auf dauerhaftere Glückseligkeit Ansprüche machen könnte . - Religion macht den Armen duldsam , den Elenden standhaft , den Verfolgten erhaben , den Gekränkten stark , den Verlassenen mutig , überall hofft der Unglückliche von seinem Schöpfer Hilfe . - Er überläßt sich der Vorsicht , und grübelt nicht über ihre herrlichen Fügungen nach , weil er sie verehrt . Daß es nun in der Welt so wenig Menschenfreunde gibt , ist auch wieder Mangel an Religion . Liebe Gott und deinen Nächsten , sind Worte , die man der katholischen Jugend zu wenig ins Herz schreibt . überflüssige Bigotterie , sinnloses Gebet , Frazzereien , damit wird ein junges Herz angefüllt . - Liebe , Gefühle und Duldung für seine unglücklichen Mitgeschöpfe wird es nicht gelehrt . Daher so viele Afterchristen , die ihre Religion zum Handwerk machen , und grausame Untiere statt liebender Brüder werden . Wie kann der Mensch in seinen alten Tagen menschlich handeln , wenn er in seiner Jugend nicht hat fühlen gelernt ? - Wie kann er Mitleid empfinden , wenn er nicht gelernt hat , seine Brüder zu lieben ? - Wie kann die Stimme der Religion auf ihn Eindruck machen , wenn er nicht durch sie überzeugt wird , daß wir alle Brüder und Schwestern sind ? - Auch der niedrigste Pöbel hat wenigstens ein Fünkchen Gefühl für seinen Mitmenschen im Herzen , wenn es durch die Lehrer der Religion erhalten , statt erstickt wird . - Aber Unmenschlichkeit , Menschenhaß , Höllenfluch , ist meistens die Sprache der bigotischen Lehrart ; ihr Eigensinn , ihre Dummheit macht der Natur Schande , die uns doch alle für einander schuf . Ist es nicht ein häßliches Vorurteil , daß man den gemeinen Katholiken das Lesen so vieler vortrefflichen Bücher verbietet , oder seine Leichtgläubigkeit durch Sündenfurcht abschreckt ? - Wenn der Mensch fühlen will , so muß er zuerst denken lernen , und wie kann der gemeine Mann bei den Katholiken über die Pflichten der Religion und Menschenliebe denken , wenn er so selten durch ein gutes Buch , durch eine vernünftige Predigt , oder durch die sanfte Anweisung seines Seelsorgers dazu geleitet wird ? - Gebt dem gemeinen Manne so viel Aufklärung , als er nötig hat , und er wird ein gutherzigerer Mensch und ein besserer Christ werden . - - Aber nun , meine Beste , will ich dir das Übrige deines Briefs beantworten : Du hast Recht , meine Freundin , die Großen der Erde könnten alles , was unter ihrer Sicht steht , vor Mangel schützen , wenn sie nur wollten , oder wenn sich ihre Vertrauten weniger in der Wollust herumwälzten , damit es ihnen zu dergleichen rühmlichen Projekten nicht an Zeit fehlte . - Den großen Schwarm von Freudenmädchen zu vertilgen , stünde bloß in der Gewalt der Großen , weil durch ihre Schuld so viele tausend Menschen vom Tode hingerafft werden , und durch deren Abschaffung oder Verminderung diesem Übel gesteuert würde . - Wenn man die häufigen Opfer in mehreren Städten Deutschlands bedenkt , die an Lustseuchen elend dahin sterben , so möchte man bis zu Tränen gerührt werden ! - Dein Vorschlag , meine Liebe , Fabrikken zu errichten , könnte für die Zügellosigkeit unseres Zeitalters treffliche Dienste tun , wenn sich die Großen der Erde mit Ernst darein mischen wollten . Doch müßten diese Häuser mit den mildesten , vernünftigsten Gesetzen geziert werden , damit Vernunft und Religion , durch anständige Freiheiten , die man diesen Mädchen zukommen lies , über sie den Sieg erhielten , der vielleicht noch bei vielen zu finden wäre , die aus Armut und Verführung zum Lasterleben hingerissen wurden . Man dürfte nur die Verfertigung und den Verkaufe der Puzwaaren außerhalb diesen Fabrikken verbieten , und es würden dadurch die Einkünften hinlänglich genug , alle Mädchen nach ihrem Stande zu nähren , zu kleiden und zu beschäftigen . - Die Mädchen müßten nach Maßgabe ihrer Aufführung Freiheit genießen . - Den vernünftigen Aufseherinnen stünde es dann zu , die Mädchen zu untersuchen , ob mit Sanftmut , oder mit Gewalt mehr auszurichten wäre ? Die , welche Trotz aller Ermahnungen die Stimme der Ehre überhörten , müßten dann einer schärferen Züchtigung übergeben werden . - Fremde und Einheimische könnten in einem solchen Hause zu einer Besserung ihres Schicksals gelangen . O , meine Beste ! - Welch eine Wonne wäre es für uns , wenn diese unsere gute Meinung in die Hände eines Menschenfreundes fielen , und irgend einem Großen der Erde zum Wohl der Menschheit übergeben würden . Lebe wohl , meine Liebe ! - - Deine Fanny . 37. Brief . An Fanny XXXVII. Brief An Fanny Wenn ich Dich so lange Zeit auf einen Brief warten lies , so schreibe diese Nachlässigkeit nicht auf Rechnung meines Herzens . Die vielen Modearbeiten gaben mir und meiner Freundin so viel zu tun , daß ich mein Lieblingsgeschäft , Dir zu schreiben , hintansezzen mußte . Ich habe seither im Putz wacker arbeiten gelernt , und Frau Mama lies mich zur Belohnung meines Fleißes öfters das hiesige Schauspielhaus besuchen . Da sah ich allerhand Zeugs und besonders mehr schlechte als gute Stücke . - Meine Kenntnisse in diesem Fache fangen nun an sich zu entwickeln , weil ich jede Vorstellung in Gesellschaft von Kennern mitansehe und beobachte . Da wird denn nun vieles über diese Kunst gesprochen und kritisiert , bei welcher Gelegenheit ich mir immer das Wichtigste merke . Das Schauspiel ist mir nun nicht mehr so neu , als da ich es zum erstenmal besuchte , und eben darum sind jetzt meine Urteile mit kälterem Blute abgefaßt und wie mir dabei dünkt , richtiger , als zu Anfang , wo meine lebhafte Einbildungskraft alles gierig verschlang , was ich vorher noch nicht gesehen hatte . Der Direktor der Gesellschaft ist Herr Sch*** , ein schöner junger Mann ; Schade nur , daß seine Gesundheit durch ein unregelmäßiges Leben auf der Neige steht . - Eine gewisse M spielt die Rolle einer Liebhaberin auf der Bühne mit viel treuer Schwärmerei ; wenn sie nur außer der Bühne nicht das Gegenteil behauptete ! - Des Direktors Weibchen ist ein lebhaftes , feuriges Ding , handelt aber wie die meisten Schauspielerinnen , denen es an Erziehung fehlt , ohne Grundsätze , bloß sinnlich . - Mangelt es bei solchen herumreisenden Gesellschaften dem Haupte davon an guten Sitten , so weiß man , was sich von den Übrigen denken läßt . Während der Zeit , daß diese Schauspielergesellschaft sich hier aufhielt , fielen unter ihnen einige merkwürdige Auftritte vor , die dem Zuschauer jede Moral , die aus dergleichen Leute Munde kommt , unwahrscheinlich machen muß . So feurigen Hang ich in mir fühle , mich einstens dieser Kunst widmen zu können , so sehr schreckt mich der zügellose Wandel dieser Leute davon ab . - Ist es nun zu verwundern , wenn der gesittete Mann die Türe vor solchen Geschöpfen schließt ? - Ist es zu verwundern , daß der gemeine Mann , der nicht Einsicht genug hat , hie und dort eine Ausnahme zu machen , den Schauspieler bei lebendigem Leibe für verdammt hält ? - Ich finde es unverzeihlich , daß die Obrigkeit auf reisende Schauspieler kein wachsameres Auge hat . Sie machen doch einen wichtigen Gegenstand aus , und sollten eben darum , weil sie zu Verbesserung der Sitten bestimmt sind , zu einem exemplarischeren Lebenswandel , als andere Menschen , gehalten werden . Doch jetzt zu anderen Neuigkeiten ! Ich schrieb meinem Vater von hier aus schon einige Briefe , und letzthin antwortete mir der junge schwärmerische Vetter B**** im Namen meines Vaters . Ich kann Dir nicht genug sagen , wie sehr er meine Schreibart erhebt . Lies einmal eine Stelle aus einem seiner Briefe , die ich Dir hersezzen will . - Du bist ein teures vortreffliches Geschöpf , und wirst einstens manchem von unserem Geschlecht den Kopf verdrehen ! Dein Geist bildet sich täglich mehr , und welche Wonne für Den , der Dich einstens mit deinen Engelsvorzügen ganz besitzen wird ! - Ei , du kreuzbraver Schmeichler ! dachte ich mir bei Lesung seines Briefs , und antwortete ihm mit einer beissenden Satire . - Aber , nicht wahr , meine Freundin , er hat sie verdient ? - Warum schreibt mir der Junge Albernheiten von der Art ? - Die gefährlichen Jungen , wenn sie kaum lallen können , so fangen sie schon an uns zu schmeicheln , und wissen recht gut , daß das bei den meisten Mädchen der Weg zum gefallen ist . Zu allem Unglück für uns hat uns die Natur weich genug gemacht , diesen Weihrauch mit Güte des Herzens zu erwidern . Ich wünschte , daß alle Mädchen philosophisch dächten , um jedes Gefühl vom anderen Geschlecht für Betrug anzusehen und die Männer so lange mit Ungewißheit zu kränken , bis sie uns besser und treuer behandelten . Überall findet man so viele von beiden Geschlechtern betrogen . Woher kommt denn doch ein so ungeheures Chaos von beiderseitigem Betrug ? - Ich bin so böse , wenn ich die wechselseitigen Lügen betrachte , die man sich in der Liebe so leicht , so ungezwungen hinsagt . - In meinen vaterländischen Alpen , da geht es nicht so zu , man sagt einander nie was von Liebe , wenn man es nicht fühlt , aber wenn man es sagt , dann hält man sich auch Wort . Mich deucht , nur standhafte Liebe allein kann das Band der Glückseligkeit im menschlichen Leben knüpfen , und ich freue mich so herzlich , wenn ich so von ungefähr auf zwei Verliebte stoße , ich möchte alsdann den Schöpfer laut loben , der der Urheber dieser beiderseitigen namenlosen Gutherzigkeit ist , die zwei Zärtliche so grenzenlos mit einander teilen ! - Länger kann ich aber heute nicht mehr mit Dir schwazzen , und außer einem Mäulchen , das ich dir aufdrücke , sage ich bloß noch , daß ich bin Deine Amalie . 38. Brief . An Amalie XXXVIII. Brief An Amalie Hättest Du mir noch einen Monat länger nicht geschrieben , so würde ich mich schon bei Dir selbst gemeldet haben , denn mir war für dein Schicksal bange . - Übrigens , meine Liebe , bin ich mit deinen Bemerkungen über das Schauspiel sehr zufrieden , und will Dir jetzt auch meine Meinung darüber sagen : Die Sitten reisender Schauspieler sind fast durchaus verdorben . Der Grund davon liegt in unendlichen , wovon ich nur den Hauptteil berühren will . Die Bühne ist der letzte Zufluchtsort aller Gattung verlaßener Menschen . Die meisten sind liederliche Bursche , oder ausgelaßene Mädchen , die die Kunst bloß zum Deckmantel wählen . Die allerkleinste Anzahl davon sind wahre Unglückliche , die aus Schicksal , aus Mangel diesen Stand wählten . Wenn nun diese erstere Klasse von Menschen ohne Erziehung , ohne Ehrengefühl , mit grenzenlosen Leidenschaften begabt , eine Bahn betreten , wo so viel tausend Gelegenheiten diese Leidenschaften reizen , so müssen solche Menschen weit ausschweifender werden als andere , die in den engen Schranken ihres bürgerlichen Lebens nichts vom Neid , nichts vom Eigennutz und nichts von der Wollust wissen . Schwäche der Seele , wenige Moral bei so häufigen Versuchungen sind die Fehler dieser Unglücklichen , die sich den Lüsten eines Jeden darstellen müssen und nicht Stärke genug haben , den Angriffen auszuweichen , die das Vorurteil so frei , so allgemein , besonders bei den Schauspielerinnen wagt . Man rechnet diese Frauenzimmer unter die allgemein buhlenden , und die meisten leider beweisen es auch mit der Tat , daß man ihnen nicht Unrecht tut , sie darunter zu rechnen . Veränderung der Lage , Armut , weibliche Eitelkeit , Liebe zur Verschwendung , die durch schwärmerische Rollen gereizte Nerven , Neuheit der Bekanntschaften , wozu diese Leute auf ihrem Herumreisen verleitet werden , alles das zusammen genommen , bringt diese Schwachen zu so vielen Ausschweifungen ; und da die meisten aus ihrer Kunst ein Handwerk machen , so ist es sehr wahrscheinlich , daß die Moral , die sie täglich auf der Bühne im Munde führen , auf sie selbst nicht mehr wirkt . Ich habe Schauspielerinnen gekannt , die es so weit im Mechanismus brachten , daß sie hinter den Kulissen manche der Moral widrige Handlungen trieben , und einen Augenblick hernach mit allem möglichen Schein auf der Bühne ernsthafte Empfindungen und eine Art Träume nachahmten , daß der gröbere Teil des Publikums ihnen sogar Beifall zuklatschte . - Der Kenner sieht nun freilich durch so eine Larve hindurch , und weiß recht gut zu unterscheiden , was für Gefühle Mutter Natur in eine Schauspielerin gelegt hat , oder nicht . - Es ist kein richtigerer Weg um die hervorragenden Züge der Charakteristik eines Schauspielers zu entziffern , als sein Spiel selbst ; besonders bei dem Frauenzimmer kann man es beinahe auf den Wink erraten , welcher Charakter im bürgerlichen Leben ihnen eigen ist , wenn man sie lange und ohne Vorurteil beobachtet . Die Kokette wird in der sanftesten Rolle mit einer gewissen Frechheit hervorblicken , und das gutgezogene Mädchen wird im Gegenteil in der ausschweifenderen Rolle der Kokette doch hervorschimmern . - Und gesetzt , beide von dieser Art Schauspielerinnen hätten es auch in ihrer Kunst so weit gebracht , die Täuschung fast glaubbar zu machen , so ist es doch für den echten Menschenkenner nichts Unmögliches , so eine Person in Rollen , die sie bloß als Künstlerin liefert , zu karakterisiren und ihren sittlichen Wandel zu entdecken . Wenn der Kopf einer Schauspielerin in Rollen , die nicht auf ihren Charakter passen , allein arbeitet , so merkt es der feinfühlende Kenner recht gut , daß das Herz dabei fehlt . - Wenn gewisse Sinnen des empfindsamen Zuschauers nicht durch das vollkommene Spiel des Schauspielers befriedigt werden , so wird er über kurz oder lang das Fehlende am Schauspieler entdecken , woraus er die Hauptleidenschaften seines Charakters von seiner spielenden Rolle unterscheiden kann . - Der Schauspieler selbst , so weit er es auch im Studium gebracht hat , muß es an sich fühlen , daß ihm entweder der Ton , das Gefühl , oder das Wahre fehlt , wenn er in einer Rolle spielt , die nicht mit seinem Charakter harmoniert . Erinnere Dich , meine Liebe , dieser Bemerkungen , und sie werden Dich zu Kenntnissen führen , die bloß in der Natur liegen und also untrüglich sind . Es gehört aber lange Erfahrung und eine genaue Beobachtung dazu , sonst kann man sich leicht irren ; besonders junge Mädchen , die des Schauspielers sittlichen Charakter bloß aus der glänzenden Rolle beurteilen , und ihm eben die Tugenden außerhalb der Bühne zuschreiben , die ihnen ihre Neigung für sein Spiel ( es mag gut oder schlecht sein ) eingibt . Man ist auch gar zu sehr geneigt , den Charakter im sittlichen Leben nach der Güte einer Rolle abzumessen und man betrügt sich nur zu oft gräßlich , denn die Moral ist auch in dem Munde eines Nichtswürdigen geduldig , und sträubt sich nicht , ob sie ein guter oder böser Mensch auf die Welt bringt . Dazu gehört aber tiefe Kenntnis der Kunst , wenn man unterscheiden will , ob der Spielende der Natur seines Charakters gemäß arbeitete ; ob er die Moral als trugloser Heuchler so darstellte , daß man es für Harmonie mit seinen Tugenden halten kann ; oder ob er bloß durch die Kunst eine glänzende Larve trägt , die durch Festigkeit auf der Bühne , durch seine eigene Einsicht für den Zuschauer so täuschend wird , daß man das für die Sprache der Tugend hält , was bloße Gewohnheit im Handwerk ist . - Manchem unschuldigen Mädchen glitscht so ein moralischer Pasquillant unvermerkt ins Herz , und reizt mit seinem Flitterstaat ihr Auge so sehr als ihr Zutrauen . Denn dem Mädchen oder dem Jungen ohne Erfahrung ist_es unbegreiflich , daß es Schauspieler geben könne , die mit der Moral so vertraut sind , und doch dabei so ausschweifend handeln . Die Jugend ist gar zu sehr geneigt für die Schauspieler und Schauspielerinnen Leidenschaften der Liebe zu empfinden , weil ihre vorteilhaften Rollen und überhaupt ihr ganzes Äußerliches unendlich reizt ! - Nun zum Beschluß ein warmes Mäulchen von deiner Freundin ! Fanny. 39. Brief . An Fanny XXXIX. Brief An Fanny O teure , Beste ! - Schlag , auf Schlag donnert das Elend meine Jugend nieder ! - Noch kann ich die entsetzliche Nachricht kaum fassen , die mich vollends zur Waise machte ! - Mein Vater ist tot , und mit ihm alle Freuden der Schöpfung , die mich durch die vertrauten Bande der Natur noch an sie fesselten . So schnell , so früh hat sie ihn mir entrißen , die Hand des Schicksals ! - Und mich nebst meiner noch unerzogenen Schwester zu verlaßenen Waisen gemacht ! - Alle Menschen , die um mich herum waren , suchten mit dem äußersten Gefühl des Mitleids mir diese herzerschütternde Neuigkeit zu verbergen , weil man die Heftigkeit meines Grams kennt . O , das war ein grausam barmherziger Aufschub ! - Denn die Ungewißheit , die ich auf allen Gesichtern im Hause las , folterte meine Seele um so mehr , weil ich zum Voraus von der Krankheit meines Vaters unterrichtet war . Sinnlose Betäubung , so behutsam diese Menschenfreunde ihre Nachricht einkleideten , schlug mich zur Erde hin !!! - Und als ich zum neuen Menschenelend wieder erwachte , war anhaltender Gram mein Los ! - Die Trennungen des Bluts sind die schrecklichsten in der Natur ; wenn diese Urheberin unseres Daseins einen Teil ihrer schönsten Harmonie von uns reißt , dann fühlt sich der übrig gebliebene einem kränkelnden Blümchen ähnlich , das bloß noch zur marternden Strafe sein Leben behält . Ich dünke mich jetzt elternlos so verloren in der ganzen weiten Schöpfung ! - Gepeinigt von dem drückenden , für glückliche Menschen so unbegreiflichen Kummer , und erst jetzt bin ich überzeugt , daß Furcht , Zagheit und äußerster Jammer das Erbteil des nervenschwachen Weibes sind ! - Meine Schwester ! - Das unschuldige Opfer des Zufalls ! - Meine Schwester ! Was wird aus ihr werden ? - Ihre Erziehung , die ich aus Mangel an Glücksgütern nicht besorgen kann , ist ein Gegenstand mehr , der mir meinen Kummer noch verbittert ! - Gott im Himmel , wie mich der Gedanke durchzittert ! - Daß vielleicht ihre junge , weiche Seele aus Zwang in die Hände ihres Vormunds fällt , unter die Aufsicht eines Manns , der zwischen Tier und Mensch bloß den Unterschied der Gestalt trägt . - Ich muß hin zu meiner Schwester , ich will sie ihm aus den geizigen Klauen reißen , diese arme verwaiste Unschuld ; deren verwahrloste Bildung mich einstens schrecklich in meiner letzten Stunde drücken würde ! - Die Natur hat mir Jugend , ein gutes Herz , Kopf und Gesundheit gegeben , ich muß dies alles mit meiner Schwester teilen , das sagt mir die wohltätige Stimme der Natur , das sagt mir mein Gewissen , das sagt mir der Geist meines Vaters , der mich diesem Kinde zur Trösterin , zur Mutter hinterließ ! - Wie viel bittere Tränen wird das arme Mädchen auf dem Grabe ihres Vaters verweinen ! - Was sie jammern wird , die Verlaßene , um meine Zurückkunft ! - - Was ihrem jungen Gefühle die Bilder des Grams für Wunden schlagen werden ! Kaum öffnet sich ihr zartes Herz den Eindrücken der Freude , und schon wird diese Freude durch Angst und Leiden getrübt ! - O Schiksal ! - Du bist manchmal gegen deine Untergebenen zu hart , daß du nicht einmal die blühende Unschuld verschonst ! - Fanny ! - Wenn ich mir das Kind , neben dem kalten Leichnam meines Vaters , blaß und verweint denke , wie sie da steht , einsam und verlassen , seine starre Hand ergreift , sie tausendmal küßt , und nicht weiß , an welches fühlende Menschenherz sie sich wenden soll , weil ihr mit dem Vater Alles starb , woran sie sich ketten konnte ! - Ich muß mich wegwenden von diesem schrecklichen Bilde , sonst beugt es mich zu tief ! - Gott ! - Wie elend ist der Mensch , wenn er das Bisschen Freude wegrechnet , das er während seines unschuldigen Puppenspiels genießt ! - Mit ihm wird Gram und Drangsal geboren und die Freude über seine Geburt ist der Tod seiner Zufriedenheit . Traum des menschlichen Glücks , du bist es , der das hervorragende Elend nur mehr vergiftet ! - Weil du die lüsterne Sinnen der Menschen auf einige Minuten zu belügen weißt ! - Immer behält das Unglück unter der Menschheit die Oberhand , und wer sich auf etwas besseres freut , hält sich an eine Seifenblase , die mit jedem Hauche wieder verschwindet . Bei meinem Alter sollte mich die Natur von allen Seiten anlachen , und doch ist finsterer Tiefsinn das Los , was sie mir zuwarf ! - Nicht einmal ein wenig Leichtsinn gab sie mir , diese Mutter ihrer Kinder ; nein ! - So barmherzig war für mich die Natur nicht ; sie hat mich dafür tief fühlen gelehrt , sie hat mir weiche Nerven gegeben , damit ich die Härte meiner Schicksale weit schrecklicher als ihre Lieblinge empfinde , die mit ihren kalten Herzen eben dieser Natur nicht einmal eine Träne des Danks zu weinen im Stande sind ! Teuerste ! - Du allein bist Zeuge meiner unglücklich verlebten Tage , sei also auch Zeuge meines Dankes , den ich jetzt kniend dem Schöpfer bringe , der mich zu allen diesen Martern bestimmt hat ! - Bitte mit mir , Fanny , den Vater im Himmel um seinen Beistand für meine trostlose Schwester und mich ! - Gerne würde ich jetzt beim Troste der Religion mit Dir verweilen , aber man ruft mich wegen einem Brief , der vom guten Oheim aus K*** eintraf . Ich muß hineilen , vielleicht enthält er Trost ! Und dann , meine Liebe , bin ich bald wieder bei Dir . ..... Fanny ! - Das Herz meines Oheims in K*** ist einer Krone wert ! - Ist es möglich , daß der Mann bei seinen wenigen Einkünften die reiche Tigerbrut meiner übrigen Anverwandten in der Großmut so sehr beschämt ! - Im Kloster S... G. .... lebt noch ein reicher Oheim zu mir . - Ein Mann , der heimliche Schätze besitzt und sich aus Fühllosigkeit in die Kutte wickelte . - Kalt , hartherzig , voll Bigotterie und Pfaffenstolz ist seine Seele . Geiz und Eigennutz haben die Unmenschlichkeit in ihm erzeugt , - auch nicht eine Träne dringt von uns armen Waisen in sein Felsenherz , das er mit Heuchelei der leidenden Menschheit verschließt . Und dieser Unmensch , der der geistlichen Würde Schande macht , ist eben sowohl mein leiblicher Oheim als der in K*** . letzterer hat ihn zur Hilfe für uns elternlose Kinder aufgefordert , und ein lügenhaftes Kazzengeschrei von geschworener Armut und dergleichen Gaukeleien war seine Antwort . Es ist doch bewiesen , daß dieser harte Mann jährlich eine ansehnliche Summe Spielgeld von seinen Oberen erhält , die er freilich mit mehr Sinnlichkeit verschwenden wird , als wenn er es für die hinterlassenen Kinder seines gegen ihm so wohltätig gewesenen Bruders anwenden würde . Es scheint unbegreiflich , daß so verschiedene Herzen durch das nämliche Blut belebt werden können . - Auch mein teurer , gütiger Oheim in K*** ist ein Diener Gottes , aber zur Ehre dieses Gottes gefühlvoll und menschlich , wohltätig , aufgeklärt , barmherzig , ohne Heuchelei , und nicht wie jener unreine Priester der Religion , der aus Eigennutz die Stimme der Natur ersticket . - Vergib mir , meine Liebe , wenn ich keine Larve leiden kann , die mancher gutherzige Tor nicht so leicht durchsieht , wenn sie ihm unter dem Deckmantel der Andächtelei aufgetischt wird . Tugend an einem Gesalbten zu vermissen , kränkt mich weit mehr , als an anderen Menschen , weil er als ein treuer Diener der Tugend , wenigstens nur öffentlich , erscheinen soll . - Wahr ist_es , der würdige Priester hat , bei den so sehr verdorbenen Sitten der Priesterschaft , Stärke der Vernunft nötig , um das Vorurteil zu beschämen , und verdient Lorbeeren , wenn er seine Moral aufs gute Beispiel und auf das Wohl der Menschheit festsetzt . In diese letztere Klasse gehört gewiß mein würdiger Oheim in K*** . Er steht in Diensten seines Fürsten , hat keine andere Einkünften , als die Belohnung seiner Dienste , und ist doch dabei so überschwenglich menschenfreundlich , als ob ihm das Schicksal überflüssige Glücksgüter zugeworfen hätte . - Reich an gutem Herzen wird dieser Mann von allen Unglücklichen verehrt , geliebt und , ich darf es wohl sagen , als eine feste Stütze der Religion , als ein duldender Christ , als ein sanfter biederer Freund der Elenden beinahe angebetet . - O , dieser Gute ! - Er beschwört mich , über den Verlust meines Vaters nicht meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen , er wundert sich über meine übertriebene Kleinmut und öffnet mir sanft sein neues Vaterherz , drückt mich in Gedanken tröstend an seinen Busen , und ist willig , sein Äußerstes für uns arme Waisen zu tun . Nur bittet er um Zutrauen , um Beruhigung , um Schonung meiner Gesundheit . In wenig Tagen reise ich auf seinen Wink zu dem Grabe meines Vaters und in die Arme meiner besten einzigen Schwester . - Vergiß deine gebeugte Amalis nicht ! - 40. Brief . An Amalie XL. Brief An Amalie Liebe , teure , unglückliche Freundin ! - Wenn mich in meinem Leben jemals , mit all meiner Religion , ein Schicksal gebeugt hat , so ist es das deinige ! - So anhaltend - so unaussprechlich , wie es Dich verfolgt , - so Kummer auf Kummer - ist meinem Gefühle unbegreiflich . - Die feurigste Einbildungskraft des geschicktesten Dichters wäre zu schwach , um das hartnäckige Unglück so hinlänglich zu ersinnen , wie die Wahrheit deines bitteren Schicksals es mit sich führt . - - So bist Du denn zum Leiden geboren ? - Bist Du denn geboren , um Alles neben Dir unglücklich zu machen , was mit Dir harmoniert ? - Die gütige , sonst so mitleidige Natur rächt sich wahrlich an Dir , denn sie gab Dir ein schmelzendes Herz , einen unglücklichen Schwung der Einbildungskraft , Weiberschwäche und ein unendliches , ineinander gewebtes , unerbittliches Schicksal ! - Aber sie gab Dir auch Vernunft , eine Vernunft deren Stärke über die leidenden Teile des Körpers mächtig zu herrschen im Stande ist . - Laß sie immer auf den gekränkten Busen rinnen , die Tränen des schwächlichen Körpers , laß es ausklopfen das bange , vom Schicksal geängstigte Herz , es ist das Los der unvollkommenen Menschheit , es ist die Versicherung künftiger Belohnungen , wenn wir mit Christenstandhaftigkeit die Hand küßen , die uns dazu bestimmte . Wenn der Tod einen Vater oder eine Mutter vom Kinde reißt , so läßt dieser traurige Verlust einen Widerhall zurück , der die ganze Natur im Kinde erschüttert ! - Trift es nun ein fühlendes , bebendes , schwaches Mädchen , dann schleppt er sie hin , der zehrende Gram zum Altar der Tränen und der Wehmut ! - Ich begreife deinen Jammer , fühle ihn mit , und wenn warme Tränen der innigsten Teilnahme Linderung schaffen können , nun so drücke ich Dich an mein Herz , Amalie , und diese Tränen seien Dir so lange geweint , bis es Dir leichter wird ums kranke Gemüt . - Du mildes , gutes Geschöpf ! - Mit welcher Engelsgüte sprichst Du von dem Wohl deiner Schwester ! Er wird deine Seufzer hören , der mächtige Vater der Waisen , er wird sie aufzeichnen ins Buch der Ewigkeit , die Güte deines unverbesserlichen Herzens ! Wenn deine Schwester das Ebenbild deiner Güte wird , so seid ihr zwei Mädchen , die der Schöpfung zur Ehre ihr Dasein erhielten . Ich will Dir nicht schmeicheln , aber innigst gerührt über den großmütigen Zug deiner Sorgfalt wegen der Erziehung deiner noch unmündigen Schwester , möchte ich es die ganze Welt wissen lassen , was Du für ein Mädchen bist ! - Vortreffliche Freundin ! - Die schönste Gabe Gottes ist dein Herz , ein Geschenk , worin für Dich und Andere tausendfaches Wohl liegt ! - Wohl für Andere , weil es sich so grenzenlos mitteilt , aber auch Weh für Dich , weil es zu unaussprechlich tief fühlt ! - Bei dem festen Band unserer Freundschaft beschwöre ich Dich , verkürze die Tage deines Lebens nicht durch übermäßigen Gram ! Lerne Dich selbst schonen um deines besten Oheims , um meinetwillen ! - Die Stunden unseres Traums sind so kurz , und warum willst Du in der Blüte deiner Jahre mit gewaltsamer Hand ihren Lauf hemmen ? - Deine Schwermut ist Dir zur Wollust geworden , ich gönne sie Dir gerne , diese Schmeichlerin des leidenschaftlichen Tiefsinns , ich selbst opfere dieser Göttin der denkenden Leiden oft genug mit blutendem Herzen , aber nur überlasse Du Dich nicht zu viel dem schmeichelnden Gifte , das deine Gesundheit untergräbt . - Ich kann zwar die allzu lustigen Mädchen auch nicht leiden , denn ihr Leichtsinn macht ihre Seele stumpf und verjagt jedes Gefühl , was zum ernsthafteren Glücke der Menschheit beiträgt . - Eine zum stillen Leiden gewöhnte Seele ist allen Eindrücken der Tugend offen , nur muß Witz und Laune bei einem ganz liebenswürdigen Mädchen durch eigene Überlegung die Wunde der Schwermut zuweilen ausheilen , die durch die Kenntnis des menschlichen Elends in ihr ist aufgerissen worden . Dein Oheim in S... G. .... ist das , wozu ihn der Eigennutz umschuf ; das abscheulichste aller Laster ! - Ein Laster , das alle andere überwägt und den Menschen zur gräßlichsten Hartherzigkeit verleitet . Siehst Du nun , meine Liebe , die gute Mutter Natur hat Schatten ins Licht geworfen , da sie ihn und seinen herrlichen Bruder schuf , damit der Letztere das in der Religion verherrliche , was der Andere , der gleichfalls ihr Beschützer sein sollte , an ihr versäumte . Die Priester sind Menschen wie wir , und hängen , was ihren moralischen Charakter betrifft , von der Erziehung , vom Beispiel und von ihren Leidenschaften ab , die nur darum auf Unkosten ihrer Nebenmenschen gehen , weil man so wenig Priester in ihrer Jugend fühlen und unterscheiden lehrt . Deinem Herzen muß freilich ein solcher grausamer Mann Zentnerschwer auffallen ! - Aber , glaube mir , ein einziger guter Geistlicher , der sein Herz vor Religionshaß , vor Dummheit und Vorurteil verwahrt , hält uns für alle übrigen schadlos . In jedem Stande findet man eine größere Anzahl Sünder als Tugendhafte , nur ist dieser geheiligte Stand mehr den Vorwürfen ausgesetzt , weil er von der Religion zum guten Beispiel bestimmt ist . - Die Beschreibung deines edeldenkenden Oheims in K*** versüßte mir den Ärger wieder , den mir dein anderer Oheim verursachte . Was für ein treffliches Herz , was für gute Grundsätze muß dieser Menschenfreund nicht haben ? - So ein glänzendes Beispiel der Menschheit sollte billig die Verehrung eines jeden grenzenlos genießen . Tausend Segen dem wohltätigen , und Dir tausend Küsse von Deiner Fanny . 41. Brief . An Fanny XLI. Brief An Fanny So wie ich Dir letzthin schrieb , reiste ich von A... nach W... und diese gefühlvolle Träne , die jetzt in meinem Auge glänzt , hat sich auf dem einsamen Grabe meines Vaters darein gedrängt ! - Wie war es mir möglich diesen schaudernden Anblick zu ertragen , als ich in das fürchterlich stille Zimmer trat , wo bloß der Geruch des Todes und meine arme , weinende Schwester mich bewillkommten ? - Das arme Kind fiel mir hastig um den Hals und stotterte etwas vom Papa und dergleichen . - Dieser Auftritt der sprechenden Natur würde jedem eine Träne des Mitleids entlockt haben , wenn er anders zum geheiligten Tempel der Empfindung jemals Zutritt gehabt hätte . - Ein treues , gutes Dienstmädchen , die sich schon lange bei uns aufhält und meine Schwester leidenschaftlich liebt , entzückte mich bei dem Eintritt ins Haus durch den herzlichen Anteil , den sie an unserem Schicksal nahm . Gewis , Fanny ! - Auch unter gemeinen Leuten gibt es Seelen von höherem Schwung der Empfindungen , und manches gute Menschengefühl geht im niedrigen Stande verloren , weil es so selten Anlaß bekommt sich zu üben . Der junge Vetter B*** ist auch noch hier , empfing mich aber flüchtiger , als ich vermutet hatte . Man sagt der gute Junge hinge an dem Umgang eines Weibs , die eben nicht viel taugte , und daher mag wohl sein ehemaliges Gefühl für Freundschaft und Wohlwollen einen kleinen Stoß erlitten haben . Indessen war er doch äußerst gebeugt über den schnellen Hintritt meines Vaters und seines Wohltäters . - Man versicherte mich , daß er beim Begräbnis desselben , in ein lautes , fürchterliches Stöhnen ausgebrochen wäre . Der Bedaurungswürdige verlor mit mir Unterstüzzung und Trost , und wird eben so wohl als ich dem flüchtigen , ungewissen Schicksale Preis gegeben . Noch ist unser Aller Schicksal unentschieden . Unser Oheim in K*** befahl sein Gutdünken darüber abzuwarten . Was mich aber sehr kränkt , ist der verachtungswürdige , niederträchtige Vormund , der so bald er den Todesfall erfuhr , unverzüglich hierher reiste , vermutlich um seine interessierte Grausamkeit aufs äußerste zu treiben . Er überraschte mich mit der schrecklichen Nachricht , daß er entschloßen wäre , meine Schwester mit sich zu führen und von den Interessen unseres Vermögens im Kloster erziehen zu lassen . Ich verbat mir diese Unternehmung aufs Ernsthafteste und berief mich auf die Entscheidung unseres Oheims , der jetzt Vaterstelle bei uns Kindern vertreten würde . - Großer Gott ! - Freundin ! - Was höre ich ? - Was ist das für ein Lärm , der mein Ohr erschüttert ? - Ich muß nachsehen ; mein Herz schlägt ängstlich ! - Bald bin ich wieder bei Dir . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . O , bei dem Allmächtigen ; das ist zu viel ! - Zu viel in einer Christenheit , die uns Gerechtigkeit vorheuchelt und dabei Barbarei ausübt !!! - Ha ! - So hat er es denn mit Gewalt weggerißen , das Opfer seines unersättlichen Geizes ! - O , meine Schwester ! - Meine Schwester ! - Du bist auf ewig für mich verloren ! - Teure , einzige ! - So bist du denn wirklich in der Gewalt dieses hungrigen Satans , der zu sehr Andächtler ist , um kein Bösewicht zu sein ! Barmherziger Richter der Gekränkten ! - In diesen , von den Tränen armer Waisen feuchten Händen liegt also die ewige und zeitliche Glückseligkeit meiner Schwester ! - Wenn mir dieser einzige Gedanken nicht meine Seele zerreißt , o ! dann hat diese Seele Heldenstärke , um mehrere Angriffe von dergleichen Scheusalen zu ertragen ! Verzeihe , Liebe , dem Schwindel meines Kopfs und den Bangigkeiten meines Herzens , wenn ich in Wildheit ausarte ! - Wenn mir jetzt die Sinnen nicht ihren Beistand versagen , so will ich Dir erzählen , was ich gesehen , was ich gehört habe : Als ich mich dem Auftritt nahte , der mich im Schreiben dieses Briefs unterbrach , fand ich wegen der übergab meiner Schwester den heftigsten Streit zwischen Vetter B*** und meinem vor Galle rasenden Vormund . Wir alle sträubten uns bis zum Entsetzen gegen sein Vorhaben , wir hielten das Kind fest , das er uns mit Gewalt wegreißen wollte , B*** eilte nach Hilfe , mich riß in dem entscheidenden Augenblick meine Heftigkeit zur Sinnlosigkeit hin . - Gewalt ging während dieser Pause über Recht ; er schleppte das wehrlose Kind zum Wagen , und führte sie mit sich ins Kloster . - Die Natur hatte mir während dieser Ohnmacht nicht den letzten Stoß gegeben ; ich mußte noch einmal zum neuen Elend erwachen ! Heulend lief ich zum Richter , forderte meine Schwester ; aber seine Fühllosigkeit ging so weit , daß er sie in den Händen dieses Mannes für besser versorgt hielt , als in den meinigen , indem er mir meine Jugend und meine wenige Erfahrung vorwarf . Gebeugt bis zum Unsinn kehrte ich jammernd in meine Wohnung zurück , und nun mag der Menschenvater aus mir machen , was er will , ich bin meiner nicht mehr Meister !!! - Deine bitterweinende Amalie . 42. Brief . An Fanny XLII. Brief An Fanny Ich zittre , liebe Freundin , Dir die Verstimmung meiner Seele zu entdecken ; sie ist nur allein mir begreiflich , an jedem anderen Kaltblütigeren glitscht sie ab ... muß abglitschen ! - Eine fürchterliche Kleinmut , ein feuriges Sehnen nach Auflösung , kühne , wollüstige Reize , die nach glücklicheren Gegenden verlangen , setzen meine gräßlich arbeitende Phantasie in Bewegung . Die Angst des Todes scheint sich von mir zu entfernen und der Gedanke meiner Rettung tritt verführerisch lockend an ihre Stelle . Die Religion allein hält noch die schwachen Bande , da es bloß eines mutigeren Augenblicks bedürfte , um sie zu zerreißen ! - Der Selbstmord ist nicht immer Zagheit der schwachen Seele , er ist nur gar zu oft ein Rätsel , das in dem ewigen Chaos verborgen liegt . - Jemehr die Einbildungskraft feurigen Schwung hat , jemehr naht sie sich jener unglücklichen Sphäre , wo die Vernunft vom Gram übertäubt , nicht mehr mächtig genug ist , dem Sturm zu gebieten . Der Schwermütige sieht hoffnungslos dem Labyrinthe seines Elends entgegen , träumt sich in einer anderen Welt bessere Zeiten und nährt den lindernden Gedanken einer augenblicklichen Zernichtung so lange in seinem jammernden Busen , bis der schwindelnde Kopf sich vergißt - und den innerlich tobenden Leidenschaften zum Ausbruch den Weg öffnet ! - Der Hang zur Schwermut liegt bei vielen Menschen im Temperamente , nur wird er durch Nachsinnen und durch harte Schicksale mehr in einem Herzen genährt , daß sich von allen Seiten gepeitscht , zerfleischt , und getreten sieht . - Der heimliche Wurm , der im Inneren frißt , ist dem Gesunden , dem Nichtschwermütigen so fremd , als dem Schwermütigen die Freuden sind , die von seinen stumpfen , kranken Nerven zurückprellen . - O wenn nur kein dicknerviges Menschengeschöpf diesen Brief einstens zu lesen bekommt , die Empfindung darin würde mich noch in der Ewigkeit reuen ! - Es gibt leere Köpfe genug , die den Zustand eines Schwermütigen nicht fassen können ; - die es sogar wagen über solche Unglückliche zu spotten . - Mir sind diese Art Märtirer ihrer Leidenschaften , ihres feinen Gefühls nicht neu . - Verrückung der Sinnen ist ja eine Krankheit , die man so häufig in der so vielen Gebrechen unterworfenen Menschheit erblickt . - Und braucht es denn mehr , als einen Augenblick Verrückung um einen Selbstmord zu begehen und dem kochenden Blute Luft zu machen , das wie sprudelndes Feuer sich nach dem Gehirne drängt ? - Eine Melancholie , die schon zur Krankheit geworden , hat ihre reifenden Zeitpunkte ; rasch steigt manchmal durch eine Gehrung die wirkende Galle auf - und geschehen ist_es um das Leben eines Menschen , auf dessen Vernunft man Häuser gebaut hätte . Ich zeige Dir heute mit Vorbedacht die Spuren meiner kränkelnden Vernunft , damit Du sie , durch deine milde , sanfte Güte wieder in die Schranken zurückbringst , worin sie als Führerin des duldenden Menschen ihren Wohnsitz zum Triumph der Religion behaupten soll . Ja , meine Liebe , scharfe Vorwürfe würden mir jetzt tötendes Gift sein !!! Denn nichts in der Welt ist delikater zu behandeln und leichter zu Grunde zu richten , als ein schwermütiger Mensch , dem man roh begegnet . Wenn bei solchen Elenden das Fieber sich meldet , wenn fürchterliche Stöße das schwellende Herz bäumen , wenn die Nerven sich dehnen , wenn die Träne aus dem Auge flieht , wenn der Zustand der eiskalten Fühllosigkeit , dem dicken Blute seinen Lauf hemmet , wer kann denn da die Gefahren des Selbstmords begreifen , wenn er diesen Zustand nicht schon selbst empfunden hat ? - Und es gibt leider nur zu viel Menschen in der Welt , deren Seelen eben so bengelstark als ihre Nerven sind , und Weh dann dem Schwermütigen , wenn er in solche Gesellschaft gerät ! - Solche Klötze von Menschen opfern oft aus Mangel an Menschenkenntnis und Gefühl manches unglückliche Wesen dem Selbstmord . - Erst kürzlich hat ein liebekrankes Mädchen sich in die kalten Arme des Todes gestürzt . - Das ruhigere , kälter gestimmte Gefühl ihres Liebhabers ahndete nichts Arges , hielt ihre Schwermut für Romanansprache und traute einer weichgeschaffenen Weiberseele den Mut nicht zu , eigenmächtig ihren Kerker zu sprengen . Du wirst Dir es leicht vorstellen , meine Teure , warum der finstere , melankolische Ton von mir heute so unendlich verfolgt wird ; - warum ich mich so lange bei Schilderungen aufhalte , die meinem armen Herzen so eine gewisse Erleichterung geben ? Das ungewisse Schicksal meiner so sehr geliebten Schwester , die kalte Begegnung des jungen B*** , der tückische Trotz seines protegierten Weibes , das frische Grab meines Vaters , die unendlichen Gefühle meiner herumirrenden Seele , Alles das wird Dir hinlänglich sein , um mich heute zu verstehen . Deine Amalie. 43. Brief . An Amalie XLIII. Brief An Amalie Zweien Briefe auf einmal will ich Dir heute beantworten ! doch ist der erstere nicht so wichtig für deine Ruhe , als der letztere . - Um Gotteswillen , reiße Dich weg , Freundin , von dem Grabe deines Vaters ; - dies traurige Andenken wütet zu sehr in deinem Inneren ! - Eben darum will ich Dich so viel möglich von diesen Gedanken abzuleiten suchen . Und nun zu einer anderen Stelle deines Briefs ! - Freilich , meine Beste , gibt es manchmal unter gemeiner Gattung Menschen recht gute Herzen , weil die Natur sie einförmig und ohne Falten schuf . - Auch sind die Wünsche gemeiner Menschen mäßiger , als derjenigen ihre , welche seit ihrer Geburt an Überfluß und Bedürfnisse gewöhnt worden sind . Menschen von gemeiner Gattung bleiben meistens ohne raffinierten Eigennutz , ohne Forderungsgeist , ohne Lüsternheit , unverdorben und zufrieden mit jener Lage , worein sie ihre niedrige Geburt setzte . Doch weiter ! Wahrhaftig , meine Liebe , der junge B*** muß seinen Verstand verloren haben , daß er Dir nicht mit derjenigen Sanftmut und Liebe begegnet , die deinem blutenden Herzen so nötig ist . - Es ist in der Tat unstreitig ; die Leitung eines Weibs , kann den Mann gut oder schlimm machen . - Das Wort Mann verfängt sich so leicht in den Schlingen der Wollust und verliert durch einen einzigen hinreißenden Blick seine Stärke . Denn nie ist das Herz eines Mannes zur Tugend und zum Laster empfänglicher , als wenn er in den Armen der Liebe schwelgt . - Sonst wäre es schon mancher Buhlerin nicht geraten , ganze Länder zu Grunde zu richten . Ich verzeihe zwar diesem Jungen eine Schwachheit gerne , aber nur soll er nicht ein Mädchen roh behandeln , das die Schonung aller Menschen verdient . Weist Du noch , was der Junge Dir ehemals für enthusiastische Briefe schrieb ? - Und das Alles sollte bloß Federwiz gewesen sein , wovon sein Herz keine Silbe wußte ? - Aber so machen sie es die Helden der Falschheit ; schwärmend schreiben sie ihre Moral , ohne ihr Herz zu fragen , ohne Überlegung aufs geduldige Papier hin , üben ihren Witz , und ihr Herz bleibt nicht länger an diesen schönen Lügen kleben , als bis der Brief aus ihren Händen ist . Es ist mir wirklich unbegreiflich , wie man so von Grundsätzen , von Moral , von Großmut , von Liebe und Standhaftigkeit in Briefen Windbeuteln kann , ohne danach zu handeln . - Ich selbst habe mich einstens sechs Monate lang von dergleichen giftigen Lokspeisen hintergehen lassen ; und als ich nach der Hand die Briefe gegen den Handlungen abwog , da entsetzte mich der Abstand , und ich zitterte für junge Mädchen , die sich so gerne und so oft solche gefährliche Speise auftischen lassen , - um nach der Hand zu rasen , wenn das Zutrauen gegen ihren Liebhaber durch seinen Wankelmut in Kot sinken muß ! - Jetzt ein Paar Worte von deinem Vormunde ! Mir graute über sein Betragen . Aber beruhige Dich , Beste , er wird nicht Unmensch genug sein , um deine Schwester darben zu lassen . Du kannst Dich ja bisweilen unter der Hand nach ihr erkundigen , oder dein Schicksal ändert sich vielleicht während dieser Zeit , damit Du sie selbst retten kannst . Der tobende Ausbruch deiner leidenschaftlichen Schwesterliebe über die Christenheit , war von Dir sehr stark , sehr feurig . Du fängst an stark kolerisch zu werden . An deinem Feuer ginge ein Mann verloren , Du würdest aus Liebe zur Rechtschaffenheit manchem lockern Buben die Hölle warm gemacht haben . - Doch nun zur Beantwortung deines letzteren Briefs , den Du sicher nicht mit gesunder Vernunft schriebst ! - Aber Liebe und Güte seien allein meine Wegweiserinnen zu deinem gepreßten Herzen , zu diesem Herzen , dessen Leiden einen großen Teil seiner Veredlung ausmachen . - Du bist eine duldende Streiterin für das unsterbliche Wohl deiner Seele , und nie wirst Du es wagen über unsere sterbliche Hülle zu murren , die nach einem schnell hineilenden Traume des Lebens sich von selbst losreißt ! - Laß , meine Traute , deinen Geist nicht bis zur Schwachheit heruntersinken , er ist zu großen Opfern bestimmt , und schimmert erst alsdann mit wahrem Glanz , wenn ihn keine gemeine Tugend adelt . So , meine Amalie , kenne ich den Wert deiner Seelenstärke , und so , meine Freundin , wollen wir einst eng aneinander geschloßen hin zum barmherzigen Richter , wenn dieser Richter endlich die Fesseln der rebellischen Menschheit von uns löst . Sanfte , gute Seele , knie hin vor den allmächtigen Tröster der Unglücklichen , Ruf ihm deine Leiden mit warmer , feuriger Zuversicht zu , laß sie ausbrechen , die lindernden Seufzer der Wehmut ; weine laut , weine so lange , bis es Dir leichter wird ! - Denn der gütige Vater im Himmel läßt auch nicht eine Träne unvergolten ! - Ich weiß es recht gut , daß der Schwermütige bei der kalten alltäglichen Moral nur noch schwermütiger wird , daß er seinen eigenen , den verrückten Sinnen angemeßenen Ton haben will , wenn er von dem schaudernden Scheideweg unverletzt zurückkehren soll , der zwischen seinem verhaßten Dasein und dem Tode liegt . - Der Selbstmord könnte ganz gewiß öfter verhütet werden , wenn Menschen für Menschen aufmerksamer , vernünftiger und sanfter handelten . Derjenige , welcher am meisten denkt und nachsinnt , nährt auch diese Krankheit am meisten in seinem Körper , und gesellt sich dann die hinreißende Wirkung eines gallsüchtigen Temperaments noch dazu , so wird sie zur gefährlichen Hypochondrie , deren Folgen oft durch Lebhaftigkeit des Temperaments die gefährlichsten sind ! - Fast überall wirket die Sorgfalt der Ärzte in jeder anderen Krankheit zur Ehre ihrer Kunst ; aber in dieser Art Krankheit sind noch wenig ausgezeichnete Kuren gemacht worden . So viele Ärzte kennen nicht einmal das heimlich schleichende Gift der inneren Schwermut , und werfen dabei keinen Blick in die stille Seelenkrankheit , die beim ruhigsten Puls um sich frißt und manchmal plötzlich den Faden des Lebens abreißt , ehe sich_es der Arzt versieht . - Ich fordere durchaus , daß ein Arzt ein vorzüglicher Menschenkenner sein muß . - Ich fordere , daß er die Teile der verschiedenen Leidenschaften bei jeder Gattung von Krankheiten genau kennen muß . - Ich fordere , daß er die verschiedenen Grade der Reizbarkeit der Nerven zu unterscheiden weiß . - Ich fordere , daß er solche Patienten so gelassen , so gefühlvoll , so sanft , so gutherzig , wie ein Kind , behandelt ; denn wenn der Arzt den Grad der Krankheit nicht durch Zutrauen zu erfahren sucht , wenn er bloß den dummen , trocknen , Pulsverkündiger beim Krankenbett vorstellt , so prellt seine Kur am melancholischen Kranken ab und er bleibt Doktor fürs Geld und weiter nichts . - Ich bin weit in der Welt gekommen , und die meisten Ärzte , die ich antraf , waren entweder alte , steife , eigensinnige Pedanten , deren Gefühl eben so rostig als ihre Beurteilungskraft aussah , oder junge , flüchtige , schwindelnde , unerfahrene Gecken , die ihre Kunst eben so handwerksmäßig trieben , als ob es in der lieben Natur eine Lüge wäre , daß alle Krankheiten nach den Verschiedenheiten der Temperamenten müßten behandelt werden . Einsicht , Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften , Überlegung , genaue Untersuchung des herrschenden Temperaments werden immer die Wege sein , die einem schlußfähigen Mann seine Kuren bei Melancholischen erleichtern . - Eine starke Gemütsbewegung , wilde Konvulsionen , eine Erstarrung der Glieder , dumpfes Ächzen , die Ergießung des Bluts durch Mund und Nasen , und dann die darauf folgenden Schwachheiten sind lauter Grade der Krankheit , denen besonders das weibliche Geschlecht unterworfen ist , und die dem forschenden Auge des Arztes nicht entgehen dürfen . Nur ist es leider traurig , daß die Herren Doktoren dergleichen Krankheiten manchmal nicht zu unterscheiden wissen , von welchen Leidenschaften sie eigentlich herrühren , - und das öfters für Mannssucht halten , was im Grunde die tiefste , eingewurzeltste Schwermut ist , deren Wirkung von der Verschiedenheit der Schicksale herkommt . - Unvermerkt eilt der Raum dieses Briefs zu Ende , und Du , meine Beste , hättest Ursache über seine Länge zu klagen , wenn Du mich nicht liebtest . - Deine ganz eigene Fanny . 44. Brief . An Fanny XLIV. Brief An Fanny Dank , Millionen Dank , meine Werteste , für den Trost , den Du mir in deinem letzteren Brief mitteiltest . - Du wälztest mir durch deine vortreffliche Moral den Stein der drückenden Schwermut vom Herzen . Wie künstlich Du mir in meinem verstockten Zustand des Schmerzens Tränen abzulocken wußtest ! - Wie Du hineindrangst in die schwache empörende Natur , wie Du sie hervorsuchtest , die wankende Tugend aus dem gefährlich kranken Körper ! Gott lohne deine Mühe , deine Güte ! - Laß nicht ab , Freundin , mich von den Abgründen zurückzurufen , denen mich mein tirannisches Schicksal Preis gibt . - Dort in jenen ruhigen Gefilden wirst Du den Lohn deiner Bemühungen einernten . O , Freundschaft ! Gütige Wohltäterin der Menschheit ! - Dein Besitz ist Götterseligkeit für den Unglücklichen ! - Mit einem Herzen voll unaussprechlicher Güte , mit einem Kopf voll Sorge und Wachsamkeit über den innerlichen Zustand des der Freundschaft anvertrauten Gutes , hängst du dich fest an die Seite des jammernden Freundes , ruhst nicht eher , als bis der Friede wieder in seine Seele zurückkehrt , woraus ihn namenlose Leiden verbannten . Dieser unendliche Hang des beiderseitigen Wohls , dieses Zittern bei irgend einer Gefahr seines Freundes , diese unersättliche gegenseitige Gutheit , diese lautschreiende , nachsichtsvolle Stimme im bekümmerten Herzen gegen die Schwachheit eines Freundes , dieses Echo der unauflößlichen Harmonie , ist Übereinstimmung der Seele , ist Freundschaft , ist Wohltat , die der Schöpfer nur Wenigen erteilte . - Kein Alter , kein Stand ist von dieser festen Vereinigung ausgeschloßen ; es braucht nur ein unverdorbenes Herz , gleiche Grundsätze dazu , und geknüpft ist der Knoten der unzertrennlichen Freundschaft . So gar Lasterhafte fühlen eine Art von Entzücken in ihren Verbindungen , und wie weit seliger müssen die Reize sein , wenn Rechtschaffenheit , wenn Religion , wenn Streben nach dem Zwecke unserer Bestimmung , wenn standhaftes Dulden , wenn Menschenpflichten dieses Band unauflößlich durcheinander schlingen , bis der Tod zur ewigen Dauer es auf wenige Zeit von einander reißt , um es sodann vor dem gütigen Schöpfer desto fester auf ewig zu binden ! Die Menschen sind blind , daß sie mehr nach dem Taumel der sinnlichen fieberhaften Liebe greifen , als nach der zwecklosen , unveränderlichen Freundschaft . - Die Menschen sind rasend unbesonnen , daß sie so kalt , so wenig aneinander gekettet , so freudenlos , ohne Freundschaft ihr Leben verschlummern . Die Freundschaft hat ihren Wohnsitz im Heiligtum des Herzens , die meiste Liebe klebt am Körper und stirbt ohne Freundschaft für alle Menschen nach der Sättigung . - Nur Freundschaft kann sie zur Beständigkeit anfeuern . Der Kopf des Liebenden muß in dem Gegenstand seiner Liebe , durch Betrachtung seiner moralischen Vorzüge , Beschäftigung finden ; seine Verehrung muß für diesen Gegenstand zunehmen , so wie die Neuheit der Sinnlichkeit sich verliert ; die Reize der Seele müssen die Wollust zu neuen Entzückungen auffordern ; es muß nach dem Genuß der Liebe eine ausgedehnte Freundschaft daraus entspringen , sonst scheitert die Standhaftigkeit mit dem Rausche der Liebe , und das Ende davon ist tolle abscheuliche Flatterhaftigkeit von beiden Seiten . Doch , meine Freundin , rede ich hier nur von denkenden Menschen , denn die übrigen gehören unters Vieh und werden wie Missetäter von dem Tempel der Freundschaft ausgeschloßen . So viel sagt mir meine natürliche Vernunft , so viel sagt mir mein Herz , das zur freundschaftlichen Liebe ein unstreitiges Recht behaupten will . - Wenn also je ein Glück in der Welt noch auf mich harret , so will ich es in der Freundschaft erwarten . Doch wie kann ich vom Warten sprechen ? Fand ich dieses Glück nicht schon überschwenglich in Dir ? - Bist Du nicht meine Führerin , meine Wohltäterin , meine Freude , mein Alles ? - Sind wir beide nicht bloß eine Seele , bloß ein Gedanke ? - Gießt sich nicht mein ganzes Dasein mit dem schrecklichsten Gewebe seiner Leiden in deinen für mich offenen Busen ? - Laß uns dieses Ineinandergießen mit dem feurigsten Kuß versiegeln ; laß uns einander unaufhörlich auch in den Stunden unserer Verirrungen mit der offenherzigsten Aufrichtigkeit begegnen , und die Wirkung dieses Betragens wird mächtiger auf unsere schwachen sündhaften Anlagen zur Besserung wirken , als das donnernde Gebrumm im Beichtstuhl eines gewalttätigen , unduldsamen , halsstarrigen Priesters , der von der schwachen Menschheit oft ohne Einsicht , ohne Überlegung , ohne in die Natur der Dinge zu dringen , mit Feuer und Schwert , als strenger Theologe , mehr fordert , als er selbst in der nämlichen Lage zu vollbringen im Stande wäre . Auch im Beichtstuhl , so wie am Krankenbette , meine Freundin , gehört tiefe Menschenkenntnis und viele , sehr viele Unterscheidungskraft den Schwachen von dem Boshaften , den Bigotten von dem wahren Andächtigen , den vernünftigen Mann von dem leichtgläubigen , phantastischen Bürger zu unterscheiden . - Auf das Herz , auf den guten Willen des Menschen , auf seine Begriffe von der Sünde muß der einsichtsvolle Priester einen Blick werfen , da muß er hineindringen , und das Laster nach dem Grade von Zutrauen seines Beichtkindes zu vertilgen wissen . Er muß nicht Einen wie den Anderen mit der nämlichen feuerspeienden Moral behandeln : Der Pöbel will sklavisch sein Urteil hören , der Vernünftige will überzeugte Beruhigung haben . ändert doch so oft bei dem weltlichen Richter der kleinste Umstand , der zur Entschuldigung des armen Sünders angeführt werden kann , das Todesurteil ; warum denn nicht im Beichtstuhl , wenn die Fehler aus der Natur der Dinge in etwas können entschuldigt werden ? - Die Protestanten beichten freiwillig und öffentlich ihre Fehler , und diese Fehler werden von ihnen keinem schwachen , gebrechlichen Nebenmenschen dem Detail nach zur Schau aufgetischt . - Und doch dringt wahre Reue dieser Christen sowohl und oft viel besser zum Schöpfer , als wenn die Reue bloß aus Furcht der Höllenstrafe bei den Katholiken von ihren Priestern erpreßt wird . Man lasse dem katholischen Pöbel die Ohrenbeichte , weil es einmal heißt , daß die Gewohnheit hie oder dort einige Schamhafte von der Sünde abhält ; - doch gehört diese mechanische , diese von der Politik erzwungene Tugend in die Reihe jenes pöbelhaften Verdienstes , das nicht aus freiwilliger Pflicht das Böse unterläßt . Wenn der Priester in der Beichte nicht künstlich in das menschliche Herz zu schleichen weiß , wenn er den Grund desselben nicht zu erforschen sucht , wenn er nicht hartnäckige Laster von Schwachheit , Gleisnerei und Mechanismus von der wahren innigen Zerknirschung des Sünders zu unterscheiden weiß , was nützt denn dem Lasterhaften und dem Schwachen ein solches einförmiges Geschwätz von Zuspruch , das an dem Ersteren aus Gewohnheit abglitscht und den Letzteren gar nicht rührt ? - Überhaupt , meine Freundin , ich könnte Dir über diesen Punkt noch vieles sagen , was meinem Verstand unbegreiflich ist , wenn ich nicht dächte , daß dergleichen Spekulationen für andere Köpfe als die unsrigen gemacht sind . - Und nun zu einer Neuigkeit : - Mein lieber Oheim in K*** hat sich entschloßen mich bei einem anverwandten Landgeistlichen zu Besorgung seines Hauswesens unterzubringen . - Eine Aussicht zu deren Ergreifung mich die Notwendigkeit zwingt , auch weil mir der hiesige Aufenthalt beim jungen B*** täglich saurer gemacht wird . Du weist ja , daß mein Oheim keine eigene Wirtschaft führt , sondern am geistlichen Hofe lebt und mich nicht zu sich nehmen kann . - Von dem Charakter dieses Landgeistlichen weiß ich Dir nichts zu sagen , aber so viel weiß ich , daß sich mein Oheim sehr lange bedachte , ehe er sich entschloß , mich ihm zu übergeben . Er hätte gewiß nicht darein gewilligt , wenn ich ihn nicht so dringend um die Abänderung meiner verdrußlichen Lage gebeten hätte . - Der junge B*** taumelt jetzt blind fort in den Armen seiner Buhlerin . Glück der Liebe kann es für diesen Jungen nicht sein , denn sie steckt sein Herz zur Verderbnis an . Ich bedaure ihn herzlich und wünschte , daß ihn ein würdigeres Geschöpf von dieser garstigen Leidenschaft heilte , die ihm diese künstliche Kokette einzuflößen wußte . Für heute genug des Geschwäzzes ; und nun lebe wohl , Beste , Einzige , Liebe aller Lieben ! Deine Amalie. 45. Brief . An Amalie XLV. Brief An Amalie Liebes , gutes Malchen ! - Dein letzter Brief freute mich unendlich , weil er das Gepräge der wieder heranrückenden Heiterkeit auf deiner Stirn an sich trug . - Deinem Herzen ist Anteil nötig . Ich fühle es , ich bin es überzeugt , daß Du die ganze Zeit deines Lebens nicht ohne Etwas wirst aushalten können , woran Du Dich nicht in deinen Trübsalen ketten kannst ; das ist das Schicksal jedes gefühlvollen Herzens , jedes feurigen Kopfes ; sie müssen sich ergießen , sie müssen sich mitteilen können , sonst gerät dieses Herz und dieser Kopf aus Mangel an Mitteilung auf Abwege , die nach dem Gang des Temperaments schon manchmal in gefährliche Leichtgläubigkeit ausarteten . Dein Temperament ist nun eben nicht das glücklichste , es grenzt zu sehr an Schwermut . Doch laß es gut sein , meine Freundin , und arbeite ihm wacker entgegen , diesem Feind deiner heiteren Stunden . Dein warmes Herz ist ja zu allem Guten offen , und wie unendlich sind diese Gefühle fürs Gute und Schöne in der lieben Natur , die deine Aufmerksamkeit beschäftigen können . Der Denkende hat nie Langeweile ; der Denkende fühlt jedes Glück doppelt ; der Denkende ist auch einsam zufrieden . - Nur hüte Dich , Dir zum Denken solche Gegenstände zu wählen , die deine Schwermut reizen und dein Temperament in Gehrung bringen . Deine Empfindungen über die Schwermut sind meisterlich aus deinem Herzen entworfen . Mit Wollust las ich diesen herrlichen Schwung von Einbildungskraft , mit Entzücken wiederholte ich diese Gefühle der innigsten , vertrautesten Freundschaft unter uns , und bedaure die Menschen , denen dieser Vorgeschmack des Himmels nicht zu Teil wird . - Wie ist es möglich , daß man das Wort Freundschaft in der Welt so misshandelt ? - Der Schurke , der Heuchler , der Lasterhafte , der Fühllose , der Dumme , der Niederträchtige , Jeder verschwendet dieses heilige Wort so leichtsinnig an den ersten Besten , der ihm begegnet . Es wird zur gemeinen Ware herabgewürdigt , ein Schleichhandel des Eigennuzzes wird damit getrieben , Betrügereien angesponnen , Gutherzige damit hintergangen , Unschuldige verführt , Weinende auf lügnerische Art getäuscht , und das alles unter der Larve der Freundschaft ! - Warum ist doch diese sanfte Leiterin der menschlichen Fehler so selten unter den Menschen ? - Fehlt es denn in der Welt so sehr an Gutmütigen , an Verständigen , an Tugendhaften ? - Mich dünkt , der Jüngling ist aus Übermaß seiner zügellosen Leidenschaften nicht so leicht der Freundschaft fähig ; wird er zum Mann , dann hält ihn Eigennutz und mürrische Laune davon zurück ; wird er zum Greis , o dann ist sein Herz vollends kalt für diese herrlichste der Gaben ! - Und bei unserem Geschlecht , da , meine Beste , sieht es vollends traurig um die Freundschaft aus . Das junge tändelnde Mädchen hascht gieriger nach einem Kopfputz als nach einer Freundin . Der Neid , die Eitelkeit , die Verleumdungssucht halten frühe schon eine weiche Weiberseele in ihrem Netze , und ersticken jedes Gefühl für Wohlwollen und Freundschaft , noch ehe der junge Verstand reift . Die meisten Weiber haben ihren angewöhnten Ton unter sich , feiner oder gröber , nach der Art ihrer Erziehung ; doch ist es immer der kalte Komplimententon , das abgeschmackte Alltagsgeschwätz , das am Ende doch immer mit Verleumdung aufhört . - So wenig Weiber wissen liebenswürdige Lebhaftigkeit in Gesellschaften ohne Koketterie , Offenherzigkeit ohne Ziererei , Anstand ohne Sprödigkeit , Freimütigkeit ohne sklavische Furcht anzubringen . Da Sitzen sie zusammengeschraubt , an die fade Etikette gebunden , an teuflische Verstellung und Politik gewöhnt , falsch eine gegen die andere , aus Hochmut , aus Dummheit , oder aus Eifersucht . - Der Mund ist süß , die Komplimenten zierlich und das Herz eiskalt und zurückhaltend . - Würden die Weiber ihrem Leben durch natürlichen , wizzigen , gesellschaftlichen Umgang , mehrere Nahrung geben , so würden beide Geschlechter glücklicher sein , und die Verleumdung müßte aufhören , wenn man bei den Weibern etwas mehr , etwas besseres , als bloßen Genuß ihres Körpers suchen könnte . - Aber so lange es so wenig unterhaltende Weiber im Umgange gibt , eben so lange wird die Vernünftige an der Seite ihrer Besuche mit all ihrer Unschuld unter die Buhlerinnen gerechnet . - Die meisten zur guten Gesellschaft unfähigen Weiber kennen nur zweien Wege im Umgang , den fleischlichen oder den gleichgültigen . Daher kommt der Unglauben an den reinen Umgang einer vernünftigen Frau mit Männern . - Doch nun wieder zur Freundschaft zurück : - Da nun die Verleumdungssucht den dummen Weibern so sehr anhängt , so sind sie ohne Grundsätze für Menschenliebe , ohne Standhaftigkeit im Charakter , ohne Gefühl fürs wahre gesellschaftliche Leben ; bloß Insekten , die sich untereinander vertilgen , so oft sie können , und durchaus mit solchen Denkungsarten zur Freundschaft unfähig . - Die Weiber teilen sich mit ihren Torheiten und Bosheiten in Klassen ein , und jede Klasse hat ihr Anstößiges , woran die Bande der Freundschaft scheitern . Die witzige ist nasenweise und verschließt ihr zu wenig gutes Herz aus Stolz . - Die Eitle opfert der Missgunst ihr Herz für ihre Moden , für ihre Stuzzer ; wagt es eine andere in der Gestalt einer reizenden Freundin ihren Neid zu empören , o dann stößt die Eitle den blutigen Dolch der Rache der Freundschaft , die ihr begegnet , tief ins Herz ! - Die Geschwäzzige naht sich der Freundschaft mit dem leichtsinnigen Geplauder einer faselnden , unsinnigen Törin , beschimpft die Tugend der Freundschaft durch niedriges Gassengewäsch ... und so wird auch die Geschwäzzige als eine Unwürdige von jedem fühlenden Herzen zurückgestoßen . - Die Fühllose schleppt ihr Maschinenherz in der Welt herum , und wird , von der Freundschaft ungesucht , dem elenden Schlendrian ihres ungeselligen Lebens überlassen . - Die ganz Dumme ist tot für die Natur , tot für die Freundschaft , tot für die Liebe , und ein unerträgliches Untier , das jede Gesellschaft mit ihrer Dummheit zum Stillschweigen zwingt . - Die Spielerin erstickt durch ihren Eigennutz die wohltätige Freundschaft und setzt ihrer göttlichen Großmut Geldbegierde entgegen . - Die Kokette missbraucht die arme Freundschaft in lauter Lügen , sie zerfetzt sie , und wirft die Teile davon verschwenderisch überall hin , und wird doch am Ende , als eine unwürdige Tochter derselben , aus dem Tempel der Redlichkeit und der Freundschaft verbannt . - Die Buhlerin ist ohnehin schon von der Natur von jedem Genusse des feinen Gefühls ausgeschloßen , und folglich auch von der Freundschaft . - Die Heuchlerin entsetzt sich bei den offenen , freien Blicken der Freundschaft und kriecht beschämt zum heimlichen Laster zurück . - Die Andachtlein ermüdet dieselbe mit ihrer Afterreligion und erhascht zu ihrer Geisel einen skrupulösen Schwarzrock zum Vertrauten ihres Aberglaubens . - Die freudenlose , finstere Hausmutter wagt es auch nicht , sich den Freuden zu nahen , die sie verschafft , und wird von der geselligen Freundschaft zum Umgang ihrer Bosheits-vollen , pöbelhaften Dienstboten verdammt . - Die adelige Dame versagt dem unadeligen ehrlichen Manne nur zu oft aus Ahnenstolz ihre Freundschaft , und gerät , zur Schande ihrer wenigen Philosophie , aus Langeweile , aus Bedürfnis , in die freundschaftlichen Arme ihres unadeligen Kammerdieners . - Ist es nicht traurig , meine Freundin , daß es unserem Geschlecht so sehr an einer guten , zur Freundschaft fähigen Denkungsart fehlt , die doch das Glück der meisten Weiber machen würde ? - Ich staune über mein Geschlecht , bemitleide es , und schweige . Doch nun zur katholischen Beichte : - Der Menschenkenner , der Philosoph im Beichtstuhl ist mir immer verehrungswürdig , aber den übrigen Lastträgern der Bigotterie sollte man dieses Amt durchaus verbieten . Sie machen den gemeinen Mann zum Märtirer seiner Sünden , und haben nicht Kopf genug , das Zutrauen des Denkers zu gewinnen . Warum wählt denn die weltliche Obrigkeit die Mitglieder ihres Gerichts , so viel möglich , aus der aufgeklärten Klasse von Menschen ? - Nicht wahr , bloß darum , damit keinem Schuldigen zu wenig und keinem Unschuldigen zu viel geschehe ? - Eben so gerecht sollte es im Beichtstuhl aussehen . Die Vernunft muß da ohne Vorurteil mit offenen Augen hinblicken , das Ohr muß mit Weltkenntnis zu unterscheiden wissen , und das weiche Herz des Priesters muß da Mitleid fühlen , wo es selbst vielleicht schon oft mit der nämlichen Schwachheit gefehlt hat . - Nun aber , meine Liebe , will ich abbrechen , mit dem Gefühl der ewigen festen Freundschaft - Deine Fanny . 46. Brief . An Fanny XLVI. Brief An Fanny Ha ! - Meine Freundin ! - So ist denn alles Betrug , Heuchelei und Verführung , wo ich nur immer meinen Fußtritt hinsezze ! - Der Oheim in K*** rief mich vor kurzem zu sich und übergab mich mit Tränen der Rührung jenem weitschichtigen geistlichen Vetter , wovon ich Dir letzthin sprach . Du hättest sie hören sollen , die seelendringende Moral , mit der mich mein Oheim diesem schwarzrockigen Heuchler empfahl . - " Sie kennen meine Lage , sagte er zu ihm ; Sie wissen , daß ich dieses Mädchen nicht bei mir behalten kann , handeln Sie großmütig , handeln Sie edel an ihr , sie ist eine Waise , und in den Jahren , wo sie Schutz , wo sie Hilfe benötigt ist . - Die Rechtschaffenheit dieses Mädchens sei Ihnen heilig ! Sie ist lebhaft , aber hat dabei ein gutes Herz . - Rein und unverdorben ist ihr Charakter , er teilt sich mit vollem Zutrauen Anderen mit . - Sie hat Vernunft , aber nicht hinlängliche Menschenkenntnis . Sie ist gerade in den Jahren , wo jeder Trieb in ihr zum Kampf und jede Leidenschaft zur Gefahr wird . " - So dringend sprach dieser Edle dem Verführer ins Herz . - Endlich reiste ich in seiner Gesellschaft ab . - Die Reise ging nach einem benachbarten gräflichen Hofe , wo eben dieser Geistliche noch zuvor den Grafen , seinen Freund , besuchen wollte . Arglos , voll Zutrauen saß ich neben ihm im Wagen , dachte an nichts , als an meinen zurückgelaßenen Oheim . - Der Stern , den dieser Elende auf der Brust trug , glänzte mächtig , aber um destoweniger das Herz , das darunter schlug . Seine prächtige Equipage , die vielen Bedienten , die auf jeden Wink von mir lauerten , um ihn zu erfüllen , kurz der große Ton , auf den wir reisten , gefiel meiner Eitelkeit unbeschreiblich , bis mir endlich auf einmal die schleichenden Gefälligkeiten dieses Weichlings verdächtig wurden . Ich hätte eher die Welt verwettet , als von so einem Manne Absichten auf mich armes verlaßenes Ding vermutet . Und doch , meine Fanny , fiel es diesem Verworfenen ein , mich mit Reden zu ängstigen , die mir die ganze Abscheulichkeit seiner Seele verrieten . Gott ! - Was werden das für Tage werden , in der Gewalt eines solchen Weichlings ! - Zwar ist mir mein freier Wille und mein Abscheu fürs Laster Bürge für jeden Fehltritt , wenn derselbe auch zu unverschämt dringend würde . Ein Mädchen , das Ehrengefühl und Kopf hat , läuft wohl Gefahr geplagt , aber nicht so leicht überrascht zu werden . Doch weiter : Wir blieben also etliche Wochen an obbemeldetem Hofe . Die Tage , die ich daselbst verlebte , waren mir zur Last . Ich sah da die Falschheit mit Schmeicheleien , mit Bücklingen und mit Küssen verschwistert ; ich sah die Lüge im goldenen Kleide prangen ; ich sah Wollust , Hartherzigkeit , Eigennutz , Betrug , Heuchelei vom Morgen bis in die späte Nacht in voller Bewegung . Dummheit , Neid , Torheit , Verleumdung wurden in das Gewand des Wizzes gehüllt . Redlichkeit , Gefühl , Menschenliebe hatte der Überfluß sogar aus dem Herzen des untersten Küchenjungen verjagt . Diese Höflinge schwelgten wie unsinnig im Laster und waren unter einander so wenig vertraut , daß sich Einer vor dem Betrug des Anderen fürchtete . Du kannst Dir leicht denken , was bei diesem Gaukelspiel das arme simple Naturmädchen für eine alberne Rolle spielte . Man gaffte mich an , ich machte es wieder so , man lachte , ich weinte , und als man mich um die Ursache fragte , war meine Antwort , in meinem Lande wäre es gebräuchlich , die Verrückten aus Mitleid zu beweinen : - und doch küßte man mir für diese aufrichtige Grobheit die Hand . - Diese Begegnung gab mir Mut bei jedem anderen lächerlichen Anlaß ohne Herzdrücken zu räsonnieren . - Es geschah rundweg , schweizerisch , wie ich mir es dachte . - Einige Zofen rümpften zwar bisweilen die Nase darüber , aber die Männer hielten mich dafür ziemlich schadlos . Es ist doch immer wahr , daß es leichter ist mit Männern fortzukommen als mit Weibern , besonders wenn die letzteren einmal anfangen ins Antike zu gehen , dann mischt sich die Schlange Eifersucht gleich ins Spiel . Auf einmal hatte nun dieser Hofbesuch ein Ende und wir reisten der Pfarrei zu . Der Ort besteht aus einem großen Schloß , das Dorf ist eine halbe Stunde weit davon entfernt . - Diese Pfarrei hat sieben Kirchen unter sich , ist groß , und ihre Einkünften beträchtlich . Sieben Kapläne sind zur Besorgung der Pfarrei bezahlt . - Sie halten sich im Schloß auf , speisen mit uns und verfaulenzen ihre übrigen Stunden auf ihren einsamen Zimmern . Ich kann Dir die wenige Lebensart und den Mangel an Aufklärung dieser Klötze nicht hinlänglich beschreiben . Ihr Verstand ist verwildert , ihre Sitten sind pöbelhaft , ihre Andacht maschinenmäßig und ihr Umgang bis zum Entsetzen roh und bäurisch . Es scheint sogar , daß sie ihr Bisschen auf den Schulen gelernten Studentenwitz vergessen haben , denn sie reden die ganze Tischzeit entweder gar nichts , oder doch alles mit einem solchen gravitätischen Tone , den sie sich gewiß bei den Bauern müssen angewöhnt haben . Wenn mir so von ungefähr die Namen Gellert , Geßner u. s.w. entwischen , o dann rasen diese Bigotten vollends und nennen mich öffentlich einen Freigeist . Ich habe die Wut des Despotismus nirgends fürchterlicher gefunden , als sie hier in B** unter diesen Söhnen der Dummheit herrscht . Menschenscheu , ungesellig , mürrisch leben sie , alle von einander entfernt . - Einer von diesen Kaplänen ist dem Geize bis zum Entsetzen ergeben . Er verbirgt sein zusammengescharrtes Geld in alte Scherben von zerbrochenen Krügen , er trägt , so wie unsere Bedienten sagen , bei der Sommerhizze kein Hemde , um die Wäsche zu ersparen , und läuft im bloßen Schlafrock im Zimmer herum . Er rafft auf der Straße die kleinsten Stückchen Papier zusammen und schreibt seine Predigten darauf ; - brennt kein Licht und hört fleißig Beichte , weil sie hier in B** bezahlt wird . - Er hält sich eine alte Rosinante von Pferd , um beim schlimmen Wetter auf die Pfarre und beim guten Wetter zu den Bäuerinnen auf die Sammlung zu reiten . Sein Anzug besteht aus einem uralten Kapotrokke , aus einem schmutzigen Häubchen , aus dem man Öl sieden könnte , aus selbstgeflickten Schuhen , die Peitsche in der Hand und den Sporn im Kopf , macht er manchen solchen Ritt , und kommt nie ohne Beute zurück . - Ich erstaunte , als ich diese Priester sah , die unmöglich zur Ehrfurcht reizen können . Sie haben letzthin über mich und meine kleinen Spöttereien meinem Vetter , dem Pfarrer , heimlich in die Ohren geflüstert , als stünde ich mit meiner Lebhaftigkeit auf dem geraden Weg zur Hölle . - Wunderlich ! - Als ob die Tugend nirgends , als in einem geschraubten Wesen stecken könnte . - Ich habe sie alle zusammen bei Tische für diesen Einfall büßen gemacht , ich neckte sie dafür , bis ich satt war , die Herren in Harnisch kamen , mürrisch aufstanden und brummend meine Gesellschaft verließen . - So einsam dieser Ort ist , so unterhält mich doch die drollige Charakteristik dieser Herren mit Herzenslust . So viel also , meine Liebe , für heute . Lebe wohl , und erinnere Dich deiner besten Amalie . 47. Brief . An Fanny XLVII. Brief An Fanny Du mußt gewiß auf deinem Landgut sein , meine Freundin , daß Du mir meinen letzten Brief so lange unbeantwortet laßest ; oder es halten Dich vielleicht deine vielen Geschäften ab . - Bei mir ist es nun ganz anders , ich habe dann und wann ein müßiges Stündchen , das ich Dir schenken kann , und meine Leidenschaften haben in meiner Seele nicht allein Platz , sie müssen sich ergießen können . Wirklich liefert mir mein Schicksal hinlänglichen Stoff , um täglich davon schreiben zu können . Stelle Dir vor , unsere Haushälterin bekam aus Eifersucht auf einmal den Raps , davon zu laufen . Nun so muß mich denn der Neid immer und ewig verfolgen ? - Ich habe diesem Geschöpf nichts zu Leide getan ; es müssen Heimlichkeiten dahinter stecken , sonst hätte sie nicht den Mut gehabt , mich , als Anverwandte , um kleine Vorzüge zu beneiden , die mir der Herr des Hauses einräumte . Ich habe nun um ein anderes Mädchen geschrieben , der dieser Dienst sehr willkommen sein wird . Es wird mir in jedem Betracht sehr lieb sein , wenn diese neue Haushälterin bald eintrifft . - Denn der Herr Pfarrer , mein Vetter , wird täglich stürmischer gegen mich , und sein Betragen schmerzt mich um so mehr , weil es das Zutrauen meines Oheims hintergeht . Ich wage es nicht , diesem Wohltäter etwas von den zügellosen Absichten dieses Mannes zu melden , es möchte ihn zu sehr schmerzen . Ich studiere Tag und Nacht , um diesem Verführer mit Vernunft auszuweichen . Meine hülflose Lage , entfernt von meinem Oheim , fordert durchaus eine gemäßigte Sprödigkeit und doch die strengste Rechtschaffenheit , wenn er es zu weit triebe . Unglück macht den Menschen überlegen , und nötigt ihn zu handeln , wie es die Klugheit fordert . Leib und Seele zittern mir oft , wenn er mich zur Ausrede umsonst und um nichts auf sein Zimmer rufen läßt . Ich habe immer , ehe ich dahin komme , eine Treppe zu steigen , auf welcher ein Kruzifix steht . Die Gefahr des drohenden Fehltritts empört sich in mir bei dem Anblicke dieses Bildes unseres Erlösers . - Mein unverdorbenes Herz wallt der religiösesten Empfindung entgegen , und noch immer flehte ich kniend vor diesem Bild um Mut , um Standhaftigkeit in diesen Versuchungen . Schamhaftigkeit und Ehrengefühl haben mich bis jetzt noch nie verlassen , und ich kann es nicht begreifen , warum just ich , ohne schön zu sein , doch die Sinnen reizen muß ? - Just ich , muß durch solche Gefahren laufen , da mir die Natur reizbare Nerven und ein fühlendes Herz in den Busen gab . - Doch ist wahrlich der Kampf eines jungen Mädchens , die ihr Herz frei hat , kein so großer Triumph , wie ihn die Romanendiger schildern , denn der Widerstand gegen einen Ungeliebten streitet mit keiner Neigung , und die Verachtung gegen den Verführer erweckt in dem Mädchen hinlänglichen Ekel , der es zu jenem halsstarrigen Eigensinn der Widerspenstigkeit bringt , den ein solches Mädchen mehr der Disharmonie der Gemüter als der Tugend zu verdanken hat . - Meine Sinnen habe ich so ziemlich durchs Denken in Ordnung gebracht , und wenn mich Liebe einstens nicht überrascht , dann glaube ich schwerlich , daß es andere Wege dahin bringen werden . Es ist übrigens ein trauriges Schicksal um dasjenige eines Mädchens , der die Natur keine Glücksgüter zuwarf . Armut ist fast immer das Grab der Unschuld , und ein armes Mädchen muß äußerst aufmerksam die lockenden Wünsche zum Wohlleben aus ihrem Herzen zu verbannen suchen , wenn ihre Enthaltsamkeit nicht wanken soll . Gestern erhielt ich einen Brief von meiner lieben Schwester : Der Vormund hat sie ins Kloster gesteckt , wo sie zwar ordentlich bedient wird , aber wenig Hoffnung zur Bildung ihres Geistes haben kann . Sie beschreibt mir mit sehr naiven Zügen die steife Erziehungsart der Nonnen , und bittet , ich möchte sie so bald als möglich aus diesem Hause der Sklaverei erretten . Bitter nagt der Gedanke der Unmöglichkeit an meinem Herzen . Mit der feurigsten Wollust würde ich es tun , wenn es in meiner Gewalt stünde . Wenn ich mich je einstens zu einer Heirat entschließe , geschieht es bloß um den Schutz dieses Mädchens auszumachen . Nun , meine Beste , schreibe mir bald , deine Briefe sind für mich alles , was man Entzücken in den Stunden der trüben Einsamkeit nennt . - Lebe wohl bis dorthin ! Das wünscht Dir dein trautes Malchen . 48. Brief . An Amalie XLVIII. Brief An Amalie Schon wieder , meine gütige , nachsichtsvolle Freundin , lies ich zweien Briefe von Dir zusammenkommen ; aber da Du meine Familiengeschäften kennst , so wirst Du mir es gewiß nicht übel deuten . Dein Schicksal , liebes Malchen , haßt Dich entsetzlich , daß Du immerfort auf unrechte Menschen stoßest , gerade als ob alle bloß auf Dich lauerten , nur um Dich zu kränken und zu martern . - Du hast Dich indessen unverbesserlich in einer Lage gezeigt , wo jedes Mädchen vielleicht gestrauchelt hätte . Bleibe standhaft , meine Freundin , der Tag der Rettung ist vielleicht nicht mehr ferne . - Mit Abscheu durchdrang mich die Schilderung jenes Mannes , der deinem Oheim hoch und teuer versprach Vaterstelle an Dir zu vertreten ; - jenes Mannes , der mit der heiligsten Würde seine Begierden nicht zu bemeistern weiß ; jenes Mannes , der mit seinem grauen Kopfe auch graue Leidenschaften in sich nährt . Glaube mir , meine Liebe , wenn sich die katholischen Geistlichen begatten dürften , so gerieten sie auch minder auf Abwege . Die Natur ist eine mächtige Bestürmerin des menschlichen Herzens und wenig Menschen sind ihrer Triebe mächtig . Ich begreife nicht , warum man in dem Menschen durch Gesetze Empfindungen ersticken will , die dem Schöpfer und seiner Macht Ehre machen . Der Mensch ist ein Tier , dessen Willen der Vernunft untergeordnet ist , er hat durch diesen Willen seine tierischen Triebe einzuschränken , zu verfeinern gelernt , aber aus dem Körper ganz vertilgt sind sie darum nicht , diese Triebe der schwachen Menschheit ; - und eben darum verdienen die Menschen , die man zwingt den Keim der gehrenden Menschheit zu unterdrücken , mein wahrhaftes Mitleid . - Nur müssen Geistliche von gewißem Alter , wie dein Verführer ist , nicht darunter gerechnet werden , denn da sind es nicht mehr Wallungen der hinreißenden Jugend , es sind Überbleibsel der sich angewöhnten Wollust . - Du hast vollkommen Recht , Dich so gegen diesen Mann zu betragen , wie es deine Grundsätze erlauben . - Die Tugend verdient erst alsdann eine Krone , wenn sie von der Vernunft einen strengen und wichtigen Sieg erhält . Die Beschreibung deines Hoflebens war lebhaft . Am Hofe findet man freilich das meiste Verderbnis . - Häufig eilen da die Herzen der Fäulnis zu , die Vernunft wird durch das Geräusch verjagt , die Überlegung vom Taumel übertäubt , und die Sitten durch das Beispiel vergiftet . Kaltblütig lernen da die Menschen lügen , der Leichtsinn ist die herrschende Triebfeder , Galanterie die Sprache der Gewohnheit , und so weicht das Menschengefühl für Wohlwollen und Tugend aus dem Herzen eines Höflings . Misstrauen wird einem jeden Höfling zur Regel , weil er selbst schwarze Falschheit im Busen trägt , und eben darum fürchtet er diese Falschheit mit so vieler Überzeugung an Anderen . Wenn dann unter diese Menschen hinein ein unverdorbenes Herz gerät , so wird es von ihnen gleich einem Fremdlinge betrachtet . Die Weiber buhlen bei Hofe bis es ihnen die Natur versagt , und die Männer werden durch frühe Ausschweifungen zu jungen Greisen . Doch weiter zu deinen possierlichen Kaplänen . - Nimmermehr hätte ich mir in einem Winkel der Erde solche Originale geträumt . Ist es möglich , daß man sie duldet , ist es möglich , daß das Vorurteil noch so in voller Stärke da thront ? - Diese Menschen müssen gar nicht denken , sonst würde sie die Natur selbst der Aufklärung etwas näher bringen . Ich bilde mir ein , daß diese Geschöpfe ihre Stunden so gleichgültig wegschlummern , so lange sich die Maschine , in der sie stecken , fortwälzt . Unwissenheit ist ihnen zu vergeben , denn es ist Mangel an Erziehung , an Einsicht ; aber Eigensinn , Verdammungsgeist , Theologenwut , ist sträflich , ist Meineid an der Natur , die alle Menschen von jeder Religion zum ewigen Frieden schuf . - Der Mensch kommt unwillkürlich zur Welt , der Mensch wird in der Folge das , was seine Eltern aus ihm ziehen ; und wer wollte es da wagen , dem Unschuldigen die Belohnung abzustreiten , die ihm von der Vorsicht in seiner Religion geöffnet wurde ? - Wozu denn Eigensinn und Zänkereien in der Religion , wenn es dem mächtigen Richter im Himmel selbst gefiel , mich in dieser oder jener Religion geboren werden zu lassen ? - Das Kind in Mutterleib ist das Werk der Allmacht ; seine Geburt macht es zum Menschen , die Erziehung zum Christen , und die gute Ausübung seiner Pflichten zum Seligen . Man lasse jedem , was ihm zur Beruhigung dient , und zanke sich nicht bloß untereinander , um den gegenseitigen Hochmut zu empören . Die Religion braucht keine Verteidiger , sie verteidigt sich in ihren wichtigsten Punkten selbst . - Jeder Schulfuchs glaubt sich an Dinge wagen zu dürfen , die bloß dem Vernünftigen , dem Hellsehenden zur Entscheidung überlassen werden müssen . Die Kopfrebellion ist die gefährlichste , weil die Dummheit am meisten in den Köpfen steckt . Duldung für Alle ruft uns der Schöpfer zu , und wer seine Stimme überhört , sündigt gegen die Rechte der Religion und Menschheit . Der Kern der Moral ist einfach , ein jeder genieße ihn nach seiner Weise . Der Willen steigt zum Ewigen , das Übrige ist das Werk der unruhigen Köpfe . Und nun auch noch ein Wörtchen von deinem geizigen Kaplan . - Ich habe mich über diese Schilderung fast krank gelacht . Daß doch die Leidenschaften überall ihren Wohnsitz haben ! - So ein Mann hat ja sein Auskommen , warum wagt er es , sich und seine Würde durch Geiz zu erniedrigen ? Was sagt denn der Pfarrer zu dieser Aufführung ? - Oder ist es vielleicht schon so stark zur Gewohnheit geworden , daß man diese Unanständigkeiten gar nicht mehr ahndet ? - Üble Gewohnheiten fassen tiefe Wurzeln , die der Wohlstand nicht so leicht mehr ausrottet , wenn sie verjährt sind . - Spare übrigens deinen Witz nicht gegen solche Menschen ; vielleicht läßt sich einst noch ein Schein von Empfindung blicken . - Was Du mir nach der Hand von der Eifersucht der Haushälterin erzählst , ist mir nicht unbegreiflich , ich kenne dieses Ungeheuer , das immer tief in dem Herzen der Weiber wohnt . Wenn die neue Haushälterin eintrifft , so gib Acht , sie ist gewiß kaum warm , so wird_es das Nämliche sein . Schone deinen Oheim noch mit der Nachricht von den Verfolgungen , die Du duldest , es ist noch Zeit genug , ihm Kummer zu machen , wenn Dir sonst keine Rettung mehr übrig bleibt . - Zum Beschluß eine feste Umarmung , und gute Nacht ! Fanny. 49. Brief . An Fanny XLIX. Brief An Fanny Drei volle Monate schrieb ich Dir nicht , weil mich seither die Schwermut , die Verwirrung meines Schicksals davon abhielt . Dafür sage ich Dir aber auch heute sehr vieles . - Erstens hat deine Prophezeiung bei der Haushälterin eingetroffen . Der Anlaß zu dieser Frechheit liegt in einem Geheimnis , das Du leicht erraten kannst . Wenn die Herren ihre Untergebenen zu Vertrauten machen , denn ist es immer schlimm in einem solchen Hause zu wohnen . Ich habe dieses Mädchen aus dem Staub des Elendes gezogen , ich habe ihr Brot verschafft , und nun ist sie samt dem Pfarrer meine erklärte Feindin . Wo des ersteren Verfolgung herrührt , weißt Du schon lange , und die Feindschaft der letzteren liegt in der Herrschsucht , im Eigennutz , in der weiblichen Eitelkeit . Sie arbeitet mit aller Macht ihrer Reize wider mich . Was nun der fühllose , unmoralische Pfarrer weiter aus mir machen wird , weiß ich nicht . - Wir haben jetzt eine Menge Gäste in unserem Hause , worunter sich auch der junge Vetter B*** befindet . Seine Donna hat ihn betrogen , beschimpft und verlassen . Das ist so das gewöhnliche Ende von unvorsichtigen Liebeshändeln . Die übrigen Gäste bestehen aus einer adeligen Familie von M , die hier der freien Landluft genießen . - Mann , Frau und Stieftochter des ersteren . Der Vater ist ein ausschweifender Mann , der sein liebes Stieftöchterchen zur Verzweiflung der Mutter mit schändlichen Absichten verfolgt . - Die Mutter ist ein Weib in ihren besten Jahren , voll Gefühl und Menschenliebe ; das Fräulein ein junges vortreffliches Mädchen und ganz das Ebenbild ihrer Mutter . Der junge schöne Vetter B*** , die Einsamkeit auf dem Lande , die schwärmerischen Bücher , das einfache Landleben , das wallende Blut eines feurigen Mädchens , rissen diese liebenswürdige Unschuld bald zu den Gefühlen hin , die dem Vetter B*** und ihrer Mutter sehr willkommen waren , aber um desto wütender raste im Stillen der Stiefvater darüber . Der Umgang wurde nun diesen beiden jungen Leuten von demselben untersagt , die Leidenschaften bäumten sich um desto heftiger , und jetzt sah man sich heimlich , aber desto öfter . Diese durch einander geflochtene Intrige von Eifersucht und Liebe , von Stolz und gehrenden Leidenschaften , bringt manchen bitteren Streit unter dieser Familie hervor . Der Vater widerspricht , die Mutter widerspricht , und die Tochter kämpft fürchterlich mit dem Gefühl der Liebe und des Gehorsams . Das Mädchen ist mir in die Seele gewachsen , wir schlafen beide in einem Zimmer . Sie weint ganze Nächte durch , die arme Gekränkte . Ihr Zustand wirkt auf den meinigen , die Leiden des Unglücks sind für mein wundes Herz ansteckend , und wir beide sind durch die Bande der teilnehmenden Freundschaft unzertrennlich aneinander gekettet . Sie ist nun freilich als ein Stadtfräulein eitler als ich , aber unsere Seelen harmonieren durch gleiche Grundsätze . Und dann hängt die Arme , wie eine eigensinnige Klette , immer an meinem Halse , wenn es ihr nicht gegönnt ist , den jungen B*** zu sehen . Die liebe Schwärmerin sagt , ich wäre sein Bäschen , und sie glaubte an meinem Busen sein Herz schlagen zu hören . Die Mutter ist ganz die Vertraute dieser Leidenschaft , und wünscht dem jungen Vetter B*** bald eine gute Versorgung , um das Glück ihrer Tochter zu machen . - Das Mädchen und der junge Mann sehen hoffnungslos einer finsteren Zukunft entgegen , und doch fühlen sie sich zu ohnmächtig , ihre schrecklich herrschenden Leidenschaften zu unterdrücken ! Ich bin trostlos für meine Freundin , ich leide mit ihr ! - Sie nährt in ihrem Busen eine zehrende Schwermut , und das Mitleid ihrer Mutter brachte sie auf den Einfall , mich zur tröstenden Gesellschaft auf einige Zeit vom Pfarrer auszubitten . Noch hat er ihr es nicht zugesagt . Wenn es diese Dame dahinbringt , so warten auf mich in der großen lebhaften Stadt M einige Tage Erholung für ein Jahr voll ausgestandener Leiden . - Schon vor einigen Wochen drang der eifersüchtige Vater meiner Freundin auf die Abreise , aber die vernünftige Gattin wußte es mit Anstand zu verhindern , denn seither ist sie noch immer mit Entwürfen beschäftigt , die jungen Leute zu verbinden und ihre Tochter den Augen des sträflichen Stiefvaters zu entziehen . - Eben dieser Mann ist gar mein Freund nicht , weil ihn das Vertrauen seiner Tochter zu mir ärgert . - Er blickt mit einem gewissen kalten Stolz auf mich herab . Er ist der Busenfreund des Pfarrers , weil gleiche Grundsätze , gleiche Laster die Harmonie ihres Umgangs befestigen . Man begegnet mir in diesem Hause jetzt schrecklich erniedrigend ; es scheint , als ob man mir mit jedem Blick die wenigen Wohltaten vorwerfen wollte , die man mich so aus ungefährer Barmherzigkeit genießen läßt . - So ist denn überall die Tugend den wütenden Fußtritten des Lasters ausgesetzt ! - Wird sie denn so fortdauern diese feste , aneinanderhängende Kette von unendlichen Verfolgungen ? - Bei Gott ! - Es ist unbegreiflich , daß ich rastlos und ohne Aufhören , wo ich nur hinkomme , Menschen finde , die mich durch und durch peinigen und verfolgen ! Dieses hartnäckige , unleidentliche Schicksal muß mit mir zur Welt gekommen sein , sonst könnte es mich nicht so gräßlich anhaltend verfolgen ! Manchem würden diese schnell aufeinander folgende Unglücksfälle unbegreiflich scheinen , und doch sind es lautere , reine Wahrheiten . Wer kann in das unendliche Chaos der Schicksale hineindringen ? - Wer kann es fassen , daß eine Waise von der ganzen Natur gehaßt wird ? - Wem wird es glaublich scheinen , daß die Jugend eines elternlosen Mädchens der Tirann ihrer Ruhe ist ? - Will so ein Mädchen der Stimme ihrer rechtschaffenen Erziehung folgen , will sie , ohne ins Abenteuerliche zu verfallen , ihr Herz rein behalten , was für Stürmen ist sie da nicht ausgesetzt ? - Es gibt ja der Niederträchtigen so viele , die auf die Verfolgung einer schwachen , wehrlosen Waise ein Recht der Unverschämtheit zu haben glauben . - Die Menschen sind fast alle verdorben , und nach dem Sturze desjenigen lüstern , der sich durch seine Unschuld auszeichnet . Wenn der ewige Vater nicht über mich wacht , so weiß der Himmel was in der Zukunft noch aus mir wird . - Wer bürgt mir für Standhaftigkeit in grenzenlosen Verfolgungen , in unbeschreiblichen Lagen ? - Romanenheldinnen doch nicht ? - Die Menschheit bleibt Menschheit , und der Gebeugte unterliegt oft da am ersten , wo er sich sicher glaubt . Ich habe bisher alle Gründe der Moral streng zu meiner Beruhigung hervorgesucht , ich habe mich fest an sie gekettet , ich habe jede Lage wohl überdacht ; aber wer steht mir bei drohendem Mangel für die Zukunft ? - Mein Oheim ist gütig , aber nicht reich ; meine Schwester lebt von meinen Zinsen , die gerade für sie hinlänglich sind ; durch Handarbeit zu leben , dazu brauchts Überlegung , Geld um sich dazu einzurichten , und hinlängliche Kunst sich mit Prahlerei zu empfehlen . Du kennst meine Schüchternheit , Freundin , besonders da sich bei so einem Gewerbe eine gewisse Art Schamhaftigkeit bei mir einschleicht . Ich bin nicht dazu geboren ; nur das Schicksal würde mich dazu erniedrigen . Zwar tausendmal besser als lasterhaft werden , aber doch immer ein schwerer Kampf für die Eitelkeit eines Mädchens von gutem Hause . Wahrlich , meine Teure , ich würde noch einen solchen Brief anfüllen , wenn ich Dir die Gedanken über mein künftiges Schicksal ganz hersagen sollte , wie sie in meinem Kopf herumirren . Nahrungssorge ist eine schreckliche Sache für ein denkendes Mädchen ! Du wirst so gut sein und mir nicht eher schreiben , als bis Du wieder einen Brief von mir erhältst . Ich möchte etwa während dieser Zeit abreisen und der Brief in unrechte Hände kommen . Lebe wohl ! Deine Amalie. 50. Brief . An Fanny L. Brief An Fanny Wie wirst Du aufspringen vor Wut , meine Fanny ! wenn Du hören wirst , was seither mir begegnete ! - Die unbarmherzigste , gräßlichste Handlung ist nun an mir vollendet ! - Von jenem geistlichen Vetter vollendet , der mich aus Rache verstoßen , hülflos , ohne Geld , der Verführung , dem Elend und der großen Welt Preis gab ! - Schrecklich wird der Richter einst von ihm Rechenschaft fordern für eine junge Seele , die er auf eine so niederträchtige , schlechte Art in die Welt hineinstieß . - Die Verzweiflung mag nun aus mir machen , was sie will , so geht es auf Rechnung dieses Ungeheures , der mich gewissenlos und heuchlerisch von sich entfernte . Er hat die Pflichten der Menschheit leichtsinnig zerrissen , er ist meineidig geworden an meinem Oheim , er hat an Gott und an mir ein Verbrechen begangen , das man nur bei Barbaren und nicht unter gesalbten Christen suchen würde . Sein Groll , die Anstiftung seiner Haushälterin , die gute Gelegenheit mich mit einer schicklichen Ausrede vom Halse zu bringen , alles half dazu , seine giftigen Anschläge zu erfüllen . - Sie waren gut ausgesonnen , diese Schlingen der überdachten Bosheit . Man lies mich ruhig und ohne daß ich je diese Falschheit hätte merken können , mit der Dame und ihrer Familie nach M abreisen . Wir alle argwohnten nichts , saßen zufrieden beisammen im Wagen , und vollendeten in zweien Tagen unsere kleine Reise . Ein feiler Schurke von Bedienten wurde mir unter dem Vorwand , daß er mich bedienen sollte , mitgegeben . Kaum waren wir in M , als dieser Bote des Lasters mir ein Billet folgenden Inhalts von seinem Herrn zustellte : " Madememoiselle ! Sie haben sich durch ihre wenige Verträglichkeit ihres hiesigen Aufenthaltes unwürdig gemacht . Wenn man nicht viel Vermögen hat , muß man sich in alle Menschen schicken können . Schreiben Sie sich nun alle Folgen selbst zu . Sie sind jung , schön , gesund und witzig ; suchen Sie nun ihr Glück in der großen Welt . - Das Versprechen , das ich Ihrem Oheim tat , war willkürlich , und folglich in meiner Gewalt es aufzuheben . Wenn Sie Ihren eigenen Vorteil verstehen , so werden Sie in dem Hause Ihres jetzigen Aufenthalts so lange schweigen , bis sich Ihnen einige Aussichten öffnen , damit Sie nicht zu frühzeitig das Recht der Gastfreiheit verscherzen . Der Bediente hat Ordre unter einem politischen Vorwand zurückzukehren , und von ihm werden Sie auch ihre wenigen Kleidungsstücke zu Ihrem Gebrauche erhalten . Ich wünsche , daß Ihr Köpfchen geschmeidiger werde , und mehr können Sie doch wahrhaftig nicht von mir fordern . " Ihr ergebener Diener ****** Ha ! - Fanny ! - Ich glaubte zu versinken , als ich diese Beweise der marmorherzigen Grausamkeit las ! - Ich warf mich wie unsinnig aufs Bett ! - Ich fühlte die Trostlosigkeit eines Fremdlings , der , wie ein überflüssiges Mitglied , von keinem Menschen geschätzt und geliebt , freudenlos in der Natur herumwandelt ! Meine Börse war so schlecht bestellt , daß sie mir für keinen Monat Unterhalt bürgte . Unentschloßen der Dame vom Haus etwas zu entdecken , misstrauisch gegen ihren Mann , niedergebeugt und schüchtern gegen das junge Fräulein , verlebte ich zweien schreckliche Tage . - Meine Schwermut lag mit hellen Zügen auf meiner Stirn ; Tränen glänzten in meinen Augen , so oft man mich um die Ursache dieser Schwermut fragte . Die Verstellung , die Unterdrückung meines Kummers preßte meine Seele zusammen , mein Kampf machte Aufsehen , und die Dame drang in mich . - Antworten konnte ich durchaus von Anfang nicht , denn die Wehmut erstickte mich beinahe . Ich gab ihr das empfangene Billet und harrte zitternd auf ihren Entschluß . Zu allem Glück beruhigte mich diese Menschenfreundin so gut sie konnte . Nur sagte sie mir , daß dieser Vorfall ihrem Gemahl noch ein Geheimnis bleiben müßte , bis sie die Entscheidung meines Schicksals von meinem Oheim , dem sie den ganzen Vorfall berichten wollte , erhielte . - Das Fräulein , die bei dieser Unterredung zugegen war , brauste feurig auf über die schlechte Behandlung eines Verwandten , eines Geistlichen . Mit dem heftigsten Feuer der beleidigten Freundschaft eilte sie zur Feder , und schrieb diesem Unmenschen einen sehr beissenden , empfindlichen Brief . - Sie lies ihn alle die Verachtung fühlen , die er verdiente . So harre ich ungewiß und bange , bis zu ferneren Nachrichten von meinem Oheim . Gewis , meine Liebe , nichts ist quälender , als wenn man es weiß , wenn man es fühlt , daß man der Menschenhülfe bedarf . Ich saß oft mit marternder Furcht bei Tische , wagte es kaum , das Bisschen Gastfreiheit zu genießen , weil ich alle Minuten ahndete , daß der Herr des Hauses meine Lage erfahren und mich für einen überflüssigen Gast ansehen könnte . Er war ohnehin kalt und mürrisch gegen mich , und das bloße Wiedervergeltungsrecht für die bei dem Pfarrer genoßenen Höflichkeiten hielten diesen Mann noch in den Schranken des Wohlstandes . Auf diese Art , meine Freundin , ist deine arme Amalie für diesmal in den Händen des Ungefähren . Ob es mich nun in Abgrund hinschleudert oder nicht ..... das sollst Du bald hören von deiner unglücklichen Amalie . 51. Brief . An Amalie LI. Brief An Amalie Ich würde lügen , meine Teure , wenn ich diese schändliche Entehrung der Menschheit kaltblütig übergehen könnte ! Ha ! - Religion ! - Ha ! - Tugend ! - Ha ! - Menschlichkeit ! - Was ist aus euch geworden ? - So seid ihr denn von einem Strafbaren auf einmal heruntergewürdigt , der nicht einmal den Schein seiner Würde zu behaupten wußte . So hat er es denn ohne Bedenken gewagt , dieser Elende , deine Jugend , deine Schwachheit dem Laster und seinen Lockungen entgegen zu stoßen ? - Mir steht vor Kummer der Verstand stille , wenn ich das Getümmel der großen Welt überdenke , dem er Dich ohne Rücksicht , ohne Mitleid , ohne Gewissensangst , ohne Vorwurf bloßgab ! - Mit Abscheu ist meine Seele für so ein Andenken angefüllt ! - Und ein Priester wagte es , die Unschuld den Verführungen des Lasters zu opfern ? - Wo soll die Tugend Trost finden , wenn er ihr von den Dienern der himmlischen Moral versagt wird ? - Ist so ein Ärgernis nicht tausendmal mehr Sünde , als das strafbarste Laster , das doch wenigstens vor den Augen der Welt verborgen bleibt ! Wenn Nächstenliebe in so einem Mann ihren Wohnsitz nicht hat , wo soll man sie denn finden ? - So hat denn die Unschuld keinen Retter , die Tugend und Menschheit keine Stimme mehr ? - Kein Vieh läßt sein Junges verhungern , und Menschen begegnen sich einander so fühllos ? - Menschen , die durch die Vernunft ihre Pflichten kennen , mit dem Mund vor den Augen Gottes Wahrheit schwören , und dabei eine garstige , rachsüchtige Seele im Busen tragen ! - Ich bin hingerißen vom Gefühl der äußersten Traurigkeit , über die Bosheit , die in dem Herzen der Menschen sich heimlich einnistet . Es ist ein trostloser Gedanke für den Guten , wenn er seinen Nebenmenschen bis in Staub der Niederträchtigkeit gesunken neben sich erblickt . In welchem Sturm der zerrütteten Leidenschaften mag dieser harte Mann wohl das für dich drückende Billet geschrieben haben ? - Verblendung für jene Dirne muß ihn hingerißen haben , sonst wäre es unmöglich , daß er mit einem Herzen im Leibe so hätte gegen Dich handeln können . Ich will Dir gerne glauben , meine Inniggeliebte , daß Dir dieser letzte unvermutete Streiche des gebrandmarkten Zutrauens bis in die Seele stürmte ! - Nichts ist gräßlicher , als auf unsere Unkosten das Lasterhafte zu entdecken , wo ein geheiligtes Ansehen uns für das Gegenteil bürgte . Falschheit , Mißhandlung , böses Herz , drücken den Verfolgten weit ärger , wenn sie unerwartet erscheinen . Nun , meine Liebe , halte Dich indessen an jene Dame , die nun deine einzige Beschützzerin ist . - Wie entzückte mich der gütige Eifer des wackeren jungen Fräuleins . - Unverdorbene Menschen müssen über die schwarzen Handlungen von Bösewichtern brausen , weil es ihnen schwer fällt , fremdes Laster zu dulden , wovon ihr eigenes Herz so rein ist . Wie beschämend ist die Moral eines so jungen Mädchens für einen Mann , der nach seinem Berufe eben diese Moral Anderen predigen sollte . Wenn dieser Verdorbene diese Stimme der Warnung fühlen könnte , wenn er merken wollte , daß ihm der Himmel eben durch die Moral dieses Fräuleins Besserung zuruft ! - Aber wie kann er es fühlen , wie kann er es merken , wenn die Gewohnheit schon die Gewissensbisse übertäubt hat ? - Doch überlassen wir ihn der ängstlichen Stunde des Todes , da mag er dann ringen um die grenzenlose Barmherzigkeit , die der gütige Schöpfer Keinem versagt , wenn er sein Laster wahrhaft bereuet . Übrigens , meine Liebe , sind die wenigen Wohltaten , die Du bei dieser Familie genießest , nur so lang Wohltaten , bis sie dein Oheim bezahlt , welches denn auch geschehen wird . Genieße sie also nicht mit so großer Zaghaftigkeit , Du möchtest dadurch dem unartigen Hausherrn zum Argwohn Anlaß geben , ehe es Zeit ist . - Heitere Dich auf , Amalie , noch ist keine nahe Gefahr , daß Du Dich mit Handarbeiten abgeben mußt . - Du wirst sehen , daß die Hilfe am nächsten , wenn das Unglück am größten ist . Und nun ein Kuß von deiner teilnehmenden Fanny . 52. Brief . An Fanny LII. Brief An Fanny Heute , meine gütige Fanny , kann ich Dir schon etwas Mehreres von meinem Schicksal sagen . Der liebe Oheim will in Zukunft für meinen Unterhalt sorgen . Doch wünschte er mich in dem stillen Aufenthalt eines Klosters zu sehen . Ich bin seinem Wünsche gar nicht entgegen ; mich verlangt selbst nach Einsamkeit , nach Ruhe . Nur fürchte ich , daß die Stille des Klosters zu stark auf meinen lebhaften Geist wirken wird , und daß sich meine Leidenschaften erst dann zu empören anfangen werden , wenn der Mangel an Freiheit sie aufweckt . Dieser Aufenthalt wird mir Anfangs ein Grab scheinen , wo man leblos den Freuden der Natur entsagt , und sich der Schöpfung nur verstohlener Weise in den traurigen Winkeln der Zellen freuen darf . Nie würde ich mich entschließen , ein Mitglied dieses unsinnigen Vorurteils zu werden . Aber so als Zuschauerin , als Beobachterin dieser heimlich Unzufriedenen auf einige Zeit einen solchen Aufenthalt zu wählen , dient mir zur Menschenkenntnis . Da mich mein Oheim nicht dazu zwingt , so ist meine Neugierde die Triebfeder meines freien Willens . Man wollte mich versichern , daß es in solchen Gefangenschaften eben so viel Zufriedene , als Unzufriedene gebe .- Dies kann ich unmöglich glauben ; bald sollst Du hierüber mein Urteil aus Erfahrung hören . Der Mann meiner Wohltäterin hat nun meine Lage durch ein Ungefähr erfahren . - Dieses und die fortdauernde Liebe des Fräuleins mit meinem Vetter B*** hat ihn so sehr in Harnisch gejagt , daß er mir es derb fühlen ließ . Seine Frau wußte diesem Groll vorzubeugen , und gab mich in das Haus ihrer Schwester . Das Fräulein und ihre Mama eiferten freilich wider meine Klostergedanken - und haben mir zu einer Heiratsabsicht die Bekanntschaft eines Mannes angezettelt , der jetzt eine ansehnliche Stelle beim hiesigen Hofe begleitet . Dieser Mann hat Talenten , stand ehe_dessen in spanischen Diensten als Offizier . Er hat Amerika , Spanien , Portugal , Frankreich , Italien und mehrere Länder durchreist . - Das stille bürgerliche Leben will nun freilich seinem unruhigen Geiste nicht behagen , er wird nächstens in andere Kriegsdienste treten , und dieser junge Mann buhlt um meine Liebe . Sein Blick ist etwas finster und untersichgeschlagen , er hat Lektur genug , um von Moral zu plaudern . Was übrigens für Leidenschaften in ihm herrschen und wie sein Herz aussieht , weiß ich nicht , denn er ist mehr verschloßen , als offen in seinem Wesen . - Frau von D , das Fräulein und meine Hausfrau loben ihn übrigens mit vielem Affekt . Er scheint in seinen Briefen einen fliegenden Enthusiasmus zu behaupten , denn er schrieb mit feurigem Schwung der Liebe wegen meiner an meinen Oheim . - Wenn ich mich je entschließen könnte , so ein Band zu knüpfen , so wäre meine liebe Schwester die Hauptursache davon . Denn ich muß das Mädchen bald in meine Arme rufen , sie ist es satt , eines Kerkers satt , den sie aus Zwang wählen mußte . - Indessen bleibt mein Entschluß für jetzt fest , mich auf einige Zeit nach A*** ins Kloster zu begeben . Vielleicht entscheidet die Vorsicht bald mein Schicksal , wenn mein Freier mit Standhaftigkeit auf meine Liebe dringt . Er hat zwar nicht vollkommen das an sich , was die Eitelkeit eines Mädchens befriedigen könnte . Doch ist er ohne häßlich zu sein , nur etwas steif und kalt , nach spanischer Art . - Wenn ich nun sein Herz besser kennen lernen wollte , so müßte das meinige weniger gut sein , denn eben dieses zu gute Herz macht mir bei jeder kritischen Anmerkung einen Dunst vor die Augen , der am Ende mein Unglück machen könnte . - Ich bin durchaus nicht im Stande Menschen zu untersuchen , weil es mir an Erfahrung und hinlänglicher Kälte fehlt , die Menschen zu erforschen . Ich finde aus angeborener Gutheit überall mein Echo , bis die leidige Überzeugung von Menschenfalschheit mich leider zu spät immer vom Gegenteile überführt . - Noch warte ich deine Antwort ab , und dann fort ins Kloster . Bis dorthin Deine Amalie . 53. Brief . An Fanny LIII. Brief An Fanny Freundin ! - Dein Malchen wird zur Lügnerin , ich muß Dir noch , ehe Du mir schreibst , vor meiner Abreise die gefährlichen Auftritte für mein Herz erzählen . - Das ist ausgemacht , entschieden , und ich bin_es auch jetzt zum erstenmal in meinem Leben überzeugt , daß die Liebe beim ersten Anblick einer Person hinreißt , bis zur süßen Schwermut hinreißt ! - Mein Unglücksstern führte mich gestern ins Schauspiel , ich kam gerade neben einem schwarzbraunen schönen Jungen zu Sitzen . Kaum war der düstere Nebel , von dem man gewöhnlich beim Eintritt überfallen wird , meinen Augen entflohen , so stieg mir auf den ersten Blick , den ich auf meinen Nachbar warf , eine brennende Röte ins Gesicht ! Wir saßen beide sprachlos , wie angenagelt , nur zuweilen begegneten wir uns mit Blicken . - Er fing endlich zu sprechen an , ich antwortete ihm so gut ich konnte , und dabei bat er mich um die Erlaubnis , mich bis an meine Haustür zu begleiten . Schon wartete ich auf den Antrag einer Bekanntschaft , aber mit einer getäuschten Hoffnung , die mir durch die Seele zitterte , sah ich mich auf einmal betrogen . - " Lange schon , fing er nun an , liebe ich Sie , mich deucht , daß sie erwidert würde von Ihnen , diese Liebe , wenn mich die Ehre nicht davon abhielt , nach einem Gut zu greifen , dessen Entbehrung mich vielleicht eben so schrecklich für immer verdammt ! - Ich bin arm , unversorgt , um ihre Hand buhlt ein Anderer , der Sie wenigstens durch seinen Stand glücklich machen kann . Gott segne Sie beide , und mir gebe er Ruhe , oder .... Tod ! " - Rasch flog dieser Jüngling von mir , und ich sah ihn seither nicht wieder , auch weiß ich nicht einmal wer er ist . Sein Andenken ist ein schleichender Wurm in meinem Herzen , und meine schmeichelnde Eigenliebe sagt mir immer , er hätte nicht entfliehen sollen , der Undankbare ! - Während dieser Zeit wuchs die Leidenschaft meines Freiers bis zum Grade , daß er Mitleiden verdient . - Der obige Auftritt hat mein Herz in etwas gegen ihn verstimmt , und da er mit seiner Leidenschaft vorbeieilte , ohne auf den Grad der meinigen zu achten , so sind wir beide noch um ein ziemliches von einander entfernt . - Mitleiden wallt in meinem Herzen für ihn , aber Mitleiden ist noch lange nicht Liebe . - Er hat übrigens einen Anschein von stiller Gemütsart , wenn es Solidität ist , dann wäre schon ein starker Grad meines Zutrauens gewonnen . Die Leute , die mit aller Überredungskunst auf diese Heirat dringen , behaupten durchaus , daß es wirklich ein fester , gebildeter Charakter sei . Furcht , Angst und Begierde nach Versorgung , um meine Schwester zu retten , streiten in meinem Kopfe . - Ich bin das elendeste Mädchen unter der Sonne , wenn sich mein gutes Herz leichtgläubig ins Spiel mischt , ehe die Vernunft und ihre Überlegung den Rat zu dieser Heirat gibt . Du weist , ich habe noch ein artiges Vermögen , auch spricht er mir davon , daß er welches besäße . . . Doch was kümmert mich Vermögen , wenn nur mein armes Herz Ruhe bei ihm fände ! - Ich bin traurig bis zum Tiefsinn ! - Lebe wohl ! Deine schwermütige Amalie . 54. Brief . An Amnalie LIV. Brief An Amalie Nun so verfällst Du denn schon wieder ins Abenteuerliche , meine Beste ! - Ich muß Dich zanken über deinen Klostergedanken . Vielleicht kommt dieser Brief zu spät , und dann gute Nacht heitere Tage meiner Amalie ! - Du , mit deiner Anlage zur Schwermut willst die Einsamkeit suchen ? - Du , mit deiner Lebhaftigkeit willst Dich unter die Kostgängerrute beugen ? - Du , mit deinem Freiheitssinn willst heucheln lernen .... oder Dich hassen lassen ? - Du , mit deiner Anlage zum Natürlichen , willst Dich in das Joch des Überspannten werfen ? - Du , mit deinem Herzen voll Liebe , willst zwischen Riegel und Gitter die Männer entbehren ? - O ! Du wirst gewiß auf meine Gründe der Warnung denken ! - Ich wette , was Du willst , dein Bräutigam siegt in dieser Lage über deine Liebe . Du bist dann entfernt von allen anderen Männern ; dein Herz muß Beschäftigung haben , und die Notwendigkeit wird gewiß das Los auf deinen Freier lenken . - Wenn mir je eine Übereilung im Geiste vorgeht , so ist es gewiß diese hier . - Und warum wähltest Du denn dieses Leben , da dein Oheim es nicht geradezu forderte ? - Nicht wahr aus Dankbarkeit , um diesen lieben Mann auch nicht mit einem Winke zu widersprechen ? - O ! Ich kenne deine Großmut ; Du bist aus Freundschaft und Dankbarkeit großer Handlungen fähig . - Was würdest Du erst aus Liebe tun , wenn Dich Einer recht zu bezaubern wüßte . - Es ist ewig Schade , daß der braune Junge so schnell von Dir abließ . Ihr zwei würdet euch fest aneinander gekettet haben . Harmonische Liebe wäre das Losungswort gewesen , und eine glückliche Ehe die Belohnung für deine Drangsalen . - Daß doch die besten Menschen arm sein müssen ! - Daß es dort liegen muß , das elende Metall , auf einem Haufen an der Seite des fühllosen Dummkopfs . - Doch , Freundin ! - Hänge dem Verlust dieses Jünglings nicht zu sehr nach ; er war Dir nicht von der Vorsehung beschieden . Was nun deinen Freier betrifft , so hast Du mich fast durch einige Anmerkungen über ihn erschreckt . - Wenn mich anders nicht die Versicherung deiner Wohltäterin in Betreff seines Charakters beruhigt hätte , so würde ich dieses zurückhaltende Wesen in ihm für verborgene Heuchelei halten . Sei vorsichtig , die Frau von D kann mit dem besten Herzen mit Dir betrogen werden . - Du kannst leicht die Züge seines Charakters Unrecht deuten , und das für Ruhe nehmen , was oft böses Gewissen oder tückisches Wesen ist . Überhaupt , Menschen , die keinen offenen Charakter haben , sind gefährlich . Ich will lieber Spuren der Leidenschaften in einem Mann erblicken , so kann man doch untersuchen , wie weit diese Leidenschaften gehen . - Dasjenige , was verschloßen ist , wütet beim Ausbruch desto heftiger . Ich zweifle gar nicht , daß Du seine Begierden entflammt hast . - Ein so hübsches , schlankes , vollbusiges , lebhaftes Schweizermädchen , kann schon Zerrüttungen in den Sinnen eines Mannes stiften . Doch wäre es mir weit lieber , wenn dein Anbeter minder heftig und mehr mit Überlegung liebte . Treibt man die Leidenschaften zu hoch , dann spannen sie sich um desto geschwinder ab. - Untersuche deine Wünsche wohl , prüfe Dich selbst , ob Du ihn lieben könntest ? - Denn die Ehe ist ein ewiges Band , und knüpft auch ewiges Verderben , wenn nicht Liebe den Grund dazu legt . - Lebe wohl in deiner Einsamkeit , wenn Du allenfalls schon darinnen sein solltest ! - Deine treue Fanny . 55. Brief . An Fanny LV. Brief An Fanny Dein letzter Brief , meine Liebe , wurde mir ins Kloster nach A*** nachgeschickt . Mit allem Fleiß habe ich ihn einen ganzen Monat bis zur Beantwortung liegen lassen . - Um Dir jetzt desto besser sagen zu können , wie mir meine Einsamkeit behagt . - Du hast alles erraten , meine Freundin ! - Die fürchterlich stillen Mauern reizen mich zum tiefsten Nachdenken . Das von Menschen entfernte Leben häuft Empfindungen in meinem Herzen , die in eine völlige Sehnsucht der Mitteilung ausbrechen . Ich finde , daß die Natur durchaus keinen anderen Zwang leidet , als den , der von der gesunden Vernunft gebilligt wird . - Ein Herz , das mit gesunden Gefühlen und mit einem heiteren Kopfe geschaffen worden , muß etwas haben , wo es sich anschmiegen kann . Liebe ist nun freilich das erste , nach welchem ein solches Herz greift , und wenn es dann im Kerker des Vorurteils eingesperrt nichts erhaschen kann , was zur Befriedigung seiner Leere beiträgt , dann ist es lebendig tot , dieses Herz . - Unzufrieden , mit einer todkranken Seele schleichen die armen Nonnen dem Grabe zu , das ihrer Jugend von Naturfeinden , von Menschenhassern so frühzeitig ist gegraben worden . - Das ist nun der erbärmliche Zustand so mancher gefühlvollen Nonne , die aus Leichtgläubigkeit oder Übereilung auf ewig der Liebe und ihren Seligkeiten entsagte ! - So manches gute Mädchen welkt da mit den tobenden Trieben der Natur im Busen als eine Märtirin der Grausamkeit dahin ! - Die ganze Natur erinnert sie im düstern Klostergarten an Freiheit , an Liebe ; mit Wehmut sieht sie die kleinsten Insekten sich paaren , und schrecklich schwer drückt dann der Gedanke der Unmöglichkeit ihr unglückliches Herz . - Sie flucht im Stillen der Schöpfung , weil sie ihr Triebe gab , die ihr zur lebenslänglichen Marter dienen . - Zwang reizt ohnehin jede Schwachheit zum Laster , und eine gute Seele braucht keine Schranken , weil sie sie selbst hinlänglich zu setzen weiß . - Dummköpfe und von der Natur Verwahrloste schleppen blind die Kette des Vorurteils , und kleiden ihre Ausschweifungen in die Maske der Heimlichkeit ein . - - - - Es ist zum Entsetzen , was man da leblose , gebeugte Mädchen an den hohen fürchterlichen Klostermauern herumschleichen sieht . - Die Unglücklichen können sich der Natur nicht freuen , weil sie ihnen eine fürchterliche Tirannin scheint , der sie mit tausend Kämpfen , mit tausend Tränen entgegenstreiten müssen . - Natur und Vernunft können recht gut miteinander bestehen , und die letztere gibt der ersteren mit gewisser Mäßigung nach . Aber Dummheit , Vorurteil , Bigotterie und Natur sind von jeher die schrecklichsten Feinde gewesen . - Mich deucht , die Einsamkeit des Klosters ist der Tugend eben so schädlich , als das große Getümmel der Welt . Das letztere überstimmt die Tugend , und führt aus Taumel , aus Zerstreuung , aus Beispiel zum Laster , und die erste aus Langeweile , aus Mangel der nötigen Erholung , wozu die Natur uns schuf . - Aber im mittelmäßigen Bürgerleben , entfernt von den Torheiten , frei vom Zwang in den Armen eines Gatten , ( scheint mir ) ist der Weg zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit . Der Mensch braucht in diesem mühsamen Leben Aufmunterung , und wo findet er sie besser , als in den Armen der tugendhaften Liebe ? - Weich gestimmt ist dann seine Seele , und selten wird man einen wahrhaft Liebenden lasterhaft sehen . Zufrieden im Zirkel seiner Wünsche arbeitet er fleißig , flieht das Geräusch , und lebt ohne übrige Leidenschaften , bloß für sich und seine Familie . - O meine Teuerste ! - Die Liebe hat für mich unendlich viele Reize . - Noch kenne ich zwar ihre Schicksale nicht ganz , aber wenn sie sich meinem schönen Ideal nur halb nahen , dann verlasse ich diese Mauern in aller Eilfertigkeit , so bald sich die Liebe meldet . Zum Denken ist mir zwar dieser Ort reizend , aber das Denken macht wollüstig , und eben dadurch fühlt ein junges Herz die traurige Leere desto heftiger . Ich habe hier eine Freundin ; sie ist schon seit einigen Jahren Nonne . Jung , feurig und voll Schwärmerei mußte sie aus tollem Eigensinn ihrer Eltern den Schleier ergreifen . Sie kann weder dem Gefühle der Liebe , noch der Frömmigkeit opfern ; ihr Wille ist zwar der Sklave ihrer Handlungen , aber ihr Herz , ihr Kopf murrt bis zum Grausen über die Vorgesetzten Regeln , womit man die Natur tirannisirt . - Die Frömmigkeit , die man in Gesetze einkleidet , ist immer das Werk der träumenden Bigotten , und nicht des freiwilligen Herzens . - Wenn das arme menschliche Herz nicht von selbst aus Überzeugung nach Moral greift , so ist das übrige ein erpreßtes Opfer aus Gewohnheit , aus Menschenfurcht . - Andacht und Laster haben ihre Extremen , beide werden zur kalten Gewohnheit , und manchmal ist das letztere nicht weit vom ersteren , wenigstens in Gedanken . Mich deucht , man kann in der Welt eben so gut das Gute üben und das Böse lassen , wie in Klöstern , und vielleicht besser , denn wer will in diesen Häusern des Haders dem Neid und der Feindschaft entgehen ? - Es gibt ja in Klöstern vollkommene Sündenerfinderinnen , die in ihren phantastischen Köpfen an ihrem Nebenmenschen Alles als strafbar verdammen . Kurz , unser Geschlecht ist zu seicht im Kopfe , um die reine Moral nicht ins Abenteuerliche zu verwandeln . Ebendeswegen sollte man durchaus keine solche Pflanzschulen des Aberglaubens dulden . Die Weiber , die sich auf ein Häufchen sammeln , sind zu blödsichtig , um das Ehrwürdige der Religion nicht auf lächerliche Abwege zu leiten . Ihre Absicht in den Mauern , der Natur zum Trotz , aus Selbstbezwingung zu vergrauen , mag für kurzsichtige Weiberköpfe gut sein , aber für hellere taugt sie nicht . Die Tugend , die keinen öffentlichen Streit auszuhalten vermag , hat keinen Wert . Die Gelegenheit zur Sünde , die man in der Welt freiwillig meidet , verdient weit mehr Belohnung , als die Aufopferung seiner Begierden in Klöstern , die nie anders als durch eigene Gedanken gereizt werden . - Wenn ein Mädchen in der Welt frühe ans Denken gewöhnt wird , wenn ihre Leidenschaften geordnet , ihr Herz gefühlvoll und gut ist , dann wird sie triumphierend mit ihrem Ehrengefühl durch das Verderbnis der Welt hinwandern , und wenn sie auch zuweilen strauchelt , so versöhnt ihre empfindsame Reue den Schöpfer weit besser , als jene monotonen Bußgebeter der Nonnen , die nur die Oberfläche von den bei ihnen im stillen wütenden Leidenschaften berühren . - Du wirst über meine Anmerkung lachen , und beinahe glauben , daß ich diesen Aufenthalt bloß wählte , um die darin herrschenden Torheiten auszukundschaften . - Ganz Unrecht hast Du darin wohl nicht . Lebe wohl ! Deine Amalie. 56. Brief . An Amalie LVI. Brief An Amalie Es freuet mich , meine Liebe , daß bei Dir meine Prophezeiung in Ansehung deines Klosterlebens eingetroffen hat . Nun siehst Du doch , daß meine Überlegungen eben nicht die unrichtigsten sind . - Das Einförmige , die wenige Beschäftigung in Klöstern nährt überhaupt alle Leidenschaften . Die Wünsche haben da mehr Macht in den Herzen der Menschen zu toben , weil keine Hoffnung , diese Wünsche jemals zu erfüllen , diese Macht hindert . Unzufriedenheit , nagende Schwermut ist das Erbteil dieser unglücklichen Schlachtopfer . - Melancholie , Hypochondrie , setzt sich in ihrem Busen fest , und wählt zum Gegenstand ihrer Nahrung , diese oder jene Leidenschaft . Doch ist Liebe die allgemein herrschende Qual für solche arme Mädchen . Sie opfern der Liebe oft im Stillen ihre Ruhe , ihre Gesundheit , ihre Seligkeit auf , denn Verzweiflung ist gewöhnlich die Nachbarin der Sklaverei . - Selbst die reinste , unerfahrenste Unschuld fühlt nicht so leicht Hang zum Laster , aber doch Hang zur Liebe , zur Begattung . - Die größte Schwärmerei der Religion ist nicht vermögend einen Trieb zu besänftigen , der so unwillkürlich im menschlichen Körper wohnt . - Auch die größten Bigotten halten im Stillen Liebe nicht für sträflich , und wenn sie über diese große Menschenbezwingerin siegen , so ist es tief eingewurzeltes Vorurteil , Heuchelei , oder glückliches Temperament . - Der Mensch hat da keinen freien Willen , wo die Natur ihr Recht fordert : aber diese Natur nicht durch gesetzwidrige Ausschweifungen zum Gegenstand der Zügellosigkeit zu machen , dazu hat der Mensch vom Schöpfer freien Willen erhalten . Jedes Mädchen hat doch wenigstens bisweilen einige Spuren der urteilenden Vernunft in sich . Eben diese Spuren werden ihr in den Stunden der Langeweile laut ins Ohr rufen : Törin ! - Die Natur hat Dich frei geschaffen , und Du wagst es zu deiner eigenen ewigen innerlichen Qual , Dich von Unwißenden in das Joch einer gezwungenen Enthaltsamkeit werfen zu lassen ! Die Religion selbst billigt Liebe , und zwischen Liebe und Laster ist ein großmächtiger Unterschied . - Die Klostermenschen versäumen immer die erstere , und haschen nach dem letzteren . Die Weltkinder hingegen vertauschen wahre Liebe mit Wollust , mit Sinnlichkeit . Liebe hat ihre besondere Gesetze , und das ist eben nicht Liebe , was man ohne Vereinigung der Moral , bloß zur Befriedigung der Begierden genießt . Wenn die Nonnen von ihren Eltern den wahren , würdigen Gebrauch der Liebe gelernt hätten , wenn sie gelernt hätten diesen Alles belebenden Trieb mit Vernunft , mit Überlegung , ohne Absichten , bloß zur Seelenentzückung zu genießen , welche Nonne würde nicht über die Mauern hinaus ohne Sündenfurcht in die Arme der Liebe springen ? - Die Begriffe , die man diesen armen Kindern beibringt , gehen meistens auf Unkosten der tugendhaften Liebe ; man malt diesen unerfahrenen Mädchen Ausschweifungen statt gemäßigten Trieben vor , man zeigt ihnen Laster , statt Tugend , in der wahren Liebe . - Man schreit über die böse Welt , und endlich überrascht von solchen schwarzen Schilderungen , eilt das junge leichtgläubige Mädchen hin zum Altar , und von diesem - in ewige Fesseln . - So verlieren aus Gewohnheit , aus Übermaß der Andächtelei , die wenig zufriedenen Nonnen , die etwa noch in Klöstern zu finden sind , ihr Gefühl für Gott und die Menschen . - Denn wer für Wohlwollen , für die Natur , für das gesellige Leben kein Gefühl hat , der hat auch keines für seinen Schöpfer . unnütz fürs Gute , leben diese Geschöpfe bloß der Nahrung , dem Schlaf , dem Neid , der Weiberei , und der mechanischen Religionsübung , die sie eben so wenig verstehen , als die Erziehung der Kinder , mit der sich einige Klöster zum Unheil der Menschheit beschäftigen . Du hast Recht , meine Liebe , ein mittelmäßiges Leben ist dem Kloster und dem Geräusch der großen Welt vorzuziehen . Beides ist überspannt , beides gefährlich . Indessen mußt Du Dir in den Armen eines Gatten nicht lauter Himmel versprechen ; es kommt erst darauf an , in wie weit deine Wahl gut ausschlägt . - Nicht jeder Jüngling hat gutes Herz genug , in der Ehe die beiderseitige Zufriedenheit zu befestigen . Du weißt , was Du mir selbst letzthin über jenes junge Weibchen schriebst . - Für dein Herz , für deine Vernunft stehe ich gut , wenn Du nur an Jemanden gerätst , der dieses Herz mit Güte zu leiten weiß . - Nur , meine Freundin , sind die besten Herzen immer die schwächsten , und geraten sehr leicht auf Irrwege , wenn ihnen Rohheit , oder brutales Betragen entgegengesetzt wird . - Du bist lebhaft , meine Teuerste ! - Du hast einen hellen Geist und sehr wenig Vorurteil ; zu welchen Exzessen wärest Du nicht aufgelegt , wenn Dich ein Gatte übel behandeln sollte ! - Überlege deine Heirat wohl , und versage deiner Freundin das Zutrauen nicht . Fanny. 57. Brief . An Fanny LVII. Brief An Fanny Teuerste , beste Fanny ! - Ich muß mich heute schon wieder ans Klosterleben halten , denn dieses liefert mir täglich mehr Stoff zum Lachen und zum Erbarmen . Zwar sind diese Sammelpläzze der Dummheit in den kaiserlichen Ländern jetzt sehr vermindert ; aber um desto schrecklicher schmachten die armen Nonnen in anderen Gegenden ohne Rettung , umsonst nach Freiheit , und beneiden jene um das Glück ihrer Sklaverei entledigt zu sein . Nun will ich Dir doch das Wichtigste vom Klosterleben entwerfen . Gehorsam und unverletzte Keuschheit ist der Nonnen Hauptregel . Die geringste Übertretung des ersteren wird unter ihnen fratzmäßig gestraft . - Da kann man alle Tage Nonnen am Kazzentischchen , andere mit hölzernen Kochlöffeln im Munde , wieder andere auf der Erden sitzend sehen , u. s.w. Zwanzigjährige Mädchen müssen da wie Kinder vor der Rute ihrer Mutter zittern ; müssen der Vernunft widrige Strafen dulden , die ihnen durch Weibergesezze aufgelegt werden . - Müßen einer kindischen Moral folgen , die ihren Kopf zum Starrsinn , und ihr Herz zur Fühllosigkeit bringt . - Steif zusammen gedrängt , trauen sich die armen Kinder kaum Gottes freie Luft zu genießen . Denn wohin reicht nicht das scharfe Auge einer stolzen , aufgeblasenen würdigen Mutter ? - Der Neid und die natürliche Schwatzhaftigkeit der Weiber dringt in den Klöstern bis zu den geringsten Fehlern des Nebenmenschen . Man besucht sich unter einander , bloß um Anmerkungen unter sich zu machen ; man plaudert zusammen , um Neuigkeiten zu erfahren ; kurz man macht willkürlich Jagd auf die Vergehungen Anderer , um sie zu verachten und der Missgunst Nahrung zu geben . Was nun die Keuschheit betrifft , diese wird in Heuchelei eingekleidet , so gut es einer Jeden möglich ist . - Freilich sind ihre Gedanken dabei zollfrei . - Nun wollen wir ihre Andachtsübungen untersuchen . - Die Nonnen beten viel , und doch nichts . Sie beichten oft , aber immer , aus Gewohnheit , kalt . Der Schlaf wird bei ihnen um Mitternacht gestört , aber desto träger , desto untüchtiger sind sie in ihren Empfindungen zum Lobe des Schöpfers , weil es ihrem Körper an der nächtlichen Ruhe mangelt . - Bei Tische genießen sie die Früchten der gütigen Natur mit milzsüchtiger Laune , denn ihre melancholischen Vorlesungen hemmen die Säfte der Verdauung . Ein barbarisches Stillschweigen ... man denke sich das Wort Weib hinzu ... martert ihre Seele , und macht sie jede Fröhlichkeit vermissen , die der gute Gott bloß zur Erholung der Tugendhaften schuf . Speis und Trank muß ihnen zur Last sein , weil sie es unter der Sicht der Tyrannei genießen . Es ist zum Entsetzen , wie erfinderisch der Unsinn da jede Freiheit vergiftet , die der liebe Vater im Himmel , uns Allen zur Erholung , der leidenden Menschheit mitteilte . Die Erholungsstunden der Nonnen bestehen aus Gaukeleien , aus Kinderspielen , worüber die Vernunft weinen möchte . - Die jungen Nonnen unterhalten sich aus Raserei , aus Langeweile , mit dergleichen läppischen Possen , weil ihnen jede geschmackvollere Unterhaltung untersagt ist . Die alten Nonnen verkriechen sich mürrisch in ihre Zellen , und freuen sich sehnsuchtsvoll auf ihren Tod . Bücher sind durchaus bis auf ein Paar Kapuzinerautoren bei hoher Strafe verboten . Schreiben darf keine Nonne ohne die Erlaubnis ihrer Oberin . Alle Briefe werden von dieser versiegelt , und auch die Antworten wieder von ihr gelesen . - Das ist doch eine unverzeihliche Nasenweisheit ! - Das beweist doch recht , daß man den Nonnen jeden Weg abschneidet , freiwillig im Kloster zu bleiben und freiwillig sich der Enthaltsamkeit zu opfern . So verleben diese Armseligen im ewigen Streit ihrer Leidenschaften , mit dem herznagenden Hang zur Freiheit ihre Tage , entfernt von allen Freuden des Lebens , entfernt von der gesunden Vernunft , entfernt von den Rechten der Menschheit . Unwissenheit , Menschenhaß , Vorurteil , Einfalt begleitet die Vorsteherin solcher Häufchen überall . - Ja wohl , meine Freundin , ist Klostererziehung die abgeschmackteste von der Welt . Wie können die Frauenzimmer , denen es selbst an Welt-und Menschenkenntnis fehlt , junge Seelen bilden ? - Wie können sie in jungen Mädchen Leidenschaften erforschen , wenn sie über ihre eigenen nicht nachdenken dürfen ? - Wie können sie die rohe Natur in Kindern zu verfeinern suchen , wenn sie die Stimme derselben in sich selbst ersticken und mit übertriebener Selbstverleugnung brandmarken müssen ? Wie können sie das Temperament eines Kindes nach seiner gehörigen Art zur Tugend ordnen , wenn in ihren eigenen Köpfen nichts als Rohheit , verwirrte Leidenschaften und wütender Gähzorn herrscht ? - Unzufriedene Menschen sind überhaupt mürrisch , und unfähig das zarte Herz eines weichen Kindes zu bilden . Wie viele zufriedene Nonnen haben wir denn , denen es nicht an Geduld zur Erziehung fehlte ? - Diese Eigenschaft , die , nebst eigener Erziehung , zu diesem Geschäfte höchst nötig ist , mangelt den Nonnen vorzüglich . - Das wenige Menschengefühl , das sie ins Kloster bringen , wird durch Vorurteil unterdrückt , verdorben , oder gar ausgerottet ; - und im Gefühl liegt doch der größte Keim der Tugend . - Aber um zu fühlen , muß man zuerst denken lernen , und um gut zu handeln , muß man fühlen lernen . Es ist ein wahres Elend , wenn man die an Seele und Sitten schwachen Klosterkostgängerinnen betrachtet . - Unerfahren , steif , blöde , ohne Herz , ohne wahren Begriff von Gott , ohne Menschenverstand , schüchtern wie Hasen , trippeln sie mit abgemeßenen Schritten , in der Schule umher . Jeder Keim von aufsteigendem Witz wird in diesen Schülerinnen zurückgeschreckt . - Die Lebhaftigkeit der Kinder wird in tückisches Wesen verwandelt . - Sie lernen heucheln , lügen , sie lernen sich aus sklavischer Furcht verstellen , sie lernen Falschheit und Bosheit . - Man spricht den Kindern von Lastern , und öffnet ihnen dabei den Weg , darüber nachzudenken . Man lehrt sie die Mannspersonen ohne Ausnahme verabscheuen ; Liebe zu ihnen schildert man den jungen Zöglingen als Verbrechen . Sie lernen dieses Geschlecht nicht anders als mit Vorurteil kennen ; bleiben von ihm entfernt so lange die Natur schweigt , überlassen sich dann aber desto zügelloser den Schmeicheleien der Stuzzer , wenn sie in die Welt treten , und nehmen in ihrer Leichtgläubigkeit das für bare Münze an , was ihnen jeder Geck vorlügt . Unerfahrenheit , Neuheit , wachsende Leidenschaften , Eitelkeit , Liebe zum Weihrauch , sind die baufälligen Säulen ihrer Klostertugend . Ihr Larvchen blendet den Wollüstling , und ihr Körper wird allen Denen zu Teil , die den Mut haben , sie zu überraschen . - Ein dummes Mädchen ist tausendmal schwächer , als ein vernünftiges . Witz , Wohlstand und Beurteilungskraft sind für junge Mädchen durchaus nötige Dinge , wenn sie nicht das Spiel eines jeden Angriffs werden will . Und wie ist es denn möglich , meine Beste , daß ein Mädchen zwischen den Mauern die Welt kennen lernen kann ? - Wie ist es möglich , daß man Nonnenerziehung nicht völlig abschafft ? - Sie taugt zu nichts , kann zu nichts taugen . Jetzt nur noch etwas weniges von meinem Freier : Er schreibt mir so schwärmerische Briefe , die gewiß jedes andere Mädchen zur unheilbarsten Leidenschaft hinreissen würden . So viel mich deucht , liebt mich der Mann mit einiger Leidenschaft ; nur tut es mir leid , daß diese Leidenschaft ihn so sehr martert . - Denn man schreibt mir , daß er seit meiner Abwesenheit kränklich sei . Was nun aus dieser Bekanntschaft noch werden wird , sollst Du bald hören von deiner ewig treuen Amalie . 58. Brief . An Fanny LVIII. Brief An Fanny Ich konnte unmöglich Deine Antwort abwarten , denn heute habe ich Dir viele und wichtige Dinge zu sagen . Meine arme Schwester schreibt mir und ruft mich im Tone des äußersten Jammers um Hilfe an ! - Der Vormund ist im Begriff sie wider ihren Willen zur Nonne zu machen . Die übrigen Nonnen , die um sie herum sind , wenden alle Kunstgriffe an , dieses unschuldige Geschöpf zum Vorteil ihres Klosters zu erobern . - Sie schreibt , sie vermute ganz sicher , der Vormund habe mit den Nonnen einen gewissen Kontrakt geschlossen , Kraft dessen der vierte Teil ihres Vermögens dem Vormund in Händen bliebe , der Überrest aber dem Kloster bestimmt wäre . Eigennutz muß doch dahinterstecken , sonst würde mein Vormund nicht so gewaltig auf die Einkleidung meiner Schwester dringen . - Sie lebt wirklich aus Zwang in den Tagen der Prüfung , und schaudert vor Furcht , wenn man sie zu einem Schwor zwingen sollte , wovon ihr Herz durchaus nichts wissen will . - Ewiger Gott ! - Ich würde rasend , wenn ich sie müßte hinschleppen lassen , diese arme Waise , zum Altar , und schwören lassen , die schwärzeste Lüge ! - Stürmen wollte ich den Altar , und laut ausrufen : Betrüger gebt mir sie zurück ! Wie doch die lasterhaften Kreaturen aus Eigennutz um das Unglück einer Seele buhlen ! Wie sie da stehen die Heuchlerinnen , mit Zuckerbrot , um das leichtgläubige Mädchen in das gräßliche Joch einer ewigen Gefangenschaft zu locken ! - Wie die Fratzzehnpriesterinnen der Tugend dem Kinde mit täuschender Wahrscheinlichkeit bloß das wenige Gute des Klosterlebens schildern , und dabei das Übermaß der Plagen verschweigen ! - Wie sie die Laster der Welt herzählen , und dabei ihre eigene verbergen ! - Nein ! - Beim Allmächtigen ! ich kann meine Schwester nicht einer so grenzenlosen Verzweiflung zueilen lassen ! - Ich will , ich muß auf Rettung denken , und wenn es auch auf Kosten meiner eigenen Ruhe wäre ! - Der Kopf möchte mir bersten , weil ich mir ihn durch unaufhörliches Projektieren beinahe Verrückte . - Seit dieser Nachricht ist der Schlaf aus meinen Augen entflohen ; so wie ich das Bett besteige , ist marterndes Nachsinnen meine unzertrennliche Gesellschaft . - Den Anbruch jedes Tages erlebe ich mit offenen Augen . Matt von den Anstrengungen einer schlaflosen Nacht , sind meistens bittere Tränen mein erstes Frühstück . Fanny ! - Fanny ! - Was wird es noch werden mit deiner armen Amalie ? - Wie werde ich mich herausreißen aus diesem neuen Auftritt meines unglückseligen Lebens ? - Alles stürmt wieder mit neuen Kräften auf mich los ! - Mein Oheim in K*** ist mit seinem Fürsten auf sechs Monate in entfernte Länder verreißt , und kommt zu meiner Schwester Verderben zu spät zurück . - Er befahl mir in meinem jetzigen Aufenthalt bis zu seiner Zurückkunft ruhig zu harren . Noch will er nicht zu meiner Verheiratung seine Einwilligung geben , und mein Freier dringt jetzt mehr als jemals auf meine Entscheidung . Seine Klagen über Ungewißheit zerreißen mein Herz ! - Es ist mir unmöglich , jemanden um meinetwillen leiden zu sehen ! Er war vor einigen Tagen heimlich hier , und jammerte so fürchterlich , daß mein banges Herz darüber laut pochte ! - Ich bin äußerst traurig über seinen Zustand ; seine Leidenschaft erweckt in mir jene taumelnde Unruhe , die so oft an Liebe grenzt . - Ich fühle , daß ich ihm mehr , als bloß gut bin ... . Die Entfernung von anderen Männern , sein eifriges Bestreben , sein weiches Herz , die Hoffnung , daß ich durch diese Verbindung meine unglückliche Schwester retten könnte ; o diese Hoffnung ist es , die einen Wunsch in mir nährt , den ich mir kaum einzugestehen traue . - Ich will ihn zum Vertrauten meiner Leiden machen , diesen rechtschaffenen Mann , ich will ihn bitten , sich meiner Schwester anzunehmen , und er wird es tun . - Dann meine Liebe , dann gebe ich ihm zum Lohne meine Hand . - Frau von D schreibt mir , daß ich die Hoffnung dieses jungen Mannes nicht länger martern sollte . Sie schreibt , daß er seit unserer letzten Zusammenkunft weit unglücklicher herum irre als vorher . Daß er zum Spotte der Menschen , wie ein bleicher Schatten herumschleiche , und daß sie es mir auf mein Gewissen gäbe , wenn ich die Verbindung nur noch um einen Monat verzögerte . - Aber um Gotteswillen , die Frau muß nicht wissen , daß mein Oheim abwesend ist , und daß mir seine Befehle heilig sind ! - Sie muß nicht wissen , daß ich keinen Schritt aus dem Kloster wagen darf , der meine Ehre , meinen guten Namen , und das Zutrauen meines Oheims entheiligen würde ! - Warum will mich denn die Frau zu einem Verbrechen zwingen , um die schmachtende Leidenschaft eines Mannes zu befriedigen , der mein Mitleid , meine Liebe ohnehin schon hat ? - Die Frau hat für diesen Mann viel gutes Herz ; sie hat alles angewandt , meine Eitelkeit für ihn in Gehrung zu bringen . Sie schilderte mir ihn so reizend , als es ihr nur möglich war . Sie schreibt , daß er wirklich wieder in Kriegsdienste getreten wäre , und daß er mir in der niedlichen Uniform gewiß mehr als vorher gefallen würde . Das ist wohl eine böse Frau von D ! Nicht wahr , Fanny ? - Amalie . 59. Brief . An Amalie LIX. Brief An Amalie Liebstes , bestes Malchen ! - Ich bin Dir zwei Antworten schuldig . Aber Du sollst sie heute reichlich ersetzt bekommen . Also zum Voraus zu deinem ersteren Briefe , in welchem Du mir so treffende Klosterschilderungen lieferst : Du bist glücklich , daß Du nicht unter die Klasse von armen Nonnen gehörst . Menschen , die sich mit gesundem Körper begraben ! - Menschen , die es wagen , aus Eigendünkel der Schöpfung zu widersprechen ! - Menschen , die aus Fantasterei ihren Leib kasteien , und dabei ihre Seele zu Grunde richten ! - Menschen , die dem Ewigen freventlich ins Richteramt greifen ! - Kurz , arme , bedaurungswürdige Menschen , die blind nach Fesseln , nach ewiger Unzufriedenheit haschen ! Möchte es doch jedem Monarchen einfallen , Bande zu lösen , die unmöglich zur Seligkeit dienen können . Möchten die Großen der Erde mit forschendem Blick hineinschleichen in die von Tränen der Unzufriedenen feuchten Mauern des Klosterkerkers ! - Möchten sie fühlen , möchten sie hören , wie der wütende Gram so vieler Nonnen laut wimmert ! - O daß eine milde Hand diese nach Freiheit seufzenden Mädchen trösten und retten möchte ! - O , daß diese Hand rächen möchte die missbrauchten Rechte der Natur ! - Dies , meine Teuerste , sind gewiß die wärmsten Wünsche meines Inneren ! - Was nun die Erziehung anbelangt , die in Klöstern gegeben wird , so ist es leicht zu begreifen , daß sie die Kinder mehr verderbt , als bessert , Weiber , die aus Vorurteil sich untereinander selbst martern , können unmöglich gute Menschen bilden . Das leidige Vorurteil ist das Grab der Vernunft , der Tod der Tugend und des guten Herzens . Man muß hell sehen , selbst empfinden und viel denken , wenn man Kinder erziehen will . - Es erfordert den schärfsten Blick , die reifste Überlegung und die richtigsten Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften , die in jedem Kinde verschieden wirken . Besonders sollten die Nonnen einen mitleidigen , nachsichtsvollen Blick mehr auf mannbare Mädchen werfen , bei denen sich der erste und heftigste Trieb der Liebe zu melden pflegt . Sie sollten sich dieser jungen Mädchen Zutrauen zu erwerben suchen ; dies wäre der einzige Weg , sie durch eben diesen Trieb der Liebe sanft zu ihrer Pflicht zu führen . Aber wie roh , wie unmenschlich , wie strenge werden von den Nonnen eben diese armen Mädchen behandelt . Man bewacht ihre Handlungen , aber nicht ihre Begierden , man droht ihren Leidenschaften , und macht die Liebe zum Eigensinn ausarten , man kerkert sie ein , und zeigt ihnen dadurch den Weg zu heimlichen , frechen Zusammenkünften . Die Nacht muß alsdann die Stelle des Tages vertreten , und tollkühn besteigt das feurig verliebte Mädchen die hohen , festen Mauern der Unempfindlichkeit , schwelgt , von dem Verbote gereizt , in den Armen ihres Lieblings . Liebe kann auch die besten Herzen zu Grunde richten , wenn ihr Züchtigung oder häßlicher Kontrast entgegengesetzt wird . Das unverdorbene Mädchen kämpft willig mit ihrer Leidenschaft , aber eine teilnehmende , vernünftige Vertraute muß ihr Aufmunterung und Hilfe darbieten . - Heftig brennt das Feuer der ersten Liebe , und gewaltsame Mittel fachen es nur noch mehr an . Vernunft ! - möchte ich laut diesen Schulvorsteherinnen zurufen ! - - Nun zu deinem zweiten Briefe : - Das Schicksal deiner Schwester liegt auf einer gefährlichen Waagschale ; sie steht am Scheideweg , die Arme , ihres ewigen Unglücks ! - Man will ihr barbarisch eine Freiheit rauben , deren Wert in dem Buche des gerechten Richters mußte verrechnet werden ! Der Vormund und die Nonnen sind leichtfertige Menschen , daß sie sich an den Willen eines Mädchens wagen , dem selbst der Schöpfer Freiheit gab . - Es ist unverantwortlich , den freigeborenen Menschen auf Zeit Lebens mit Leib und Seele dem Eigennutz zu verhandeln ! Die Nonnen geben zwar diesem Freiheitstausche einen ganz anderen Namen , sie nennen es Beruf , wenn ein junges unwissendes Mädchen aus Furcht , aus Mangel an Selbstkenntnis , gereizt von falschen Lokspeisen ein zaghaftes Ja daherstottert . Der freie Willen eines Mädchen wird vom öfteren Zureden übertäubt ; ihre Vernunft ist noch zu schwach , um den Folgen nachzudenken ; sie sieht nur das Gegenwärtige , und will Denen , die über ihr sind , nicht gerne widersprechen ; sie kann aus Mangel an Erfahrung nicht urteilen , und hält das selbst für Beruf , was ihr Leben vergiften wird ! - Das was die Nonnen Noviziat nennen , ist keine wahre Prüfung , sondern eine bloße Spiegelfechterei ihrer eigennüzzigen Absichten . Das schüchterne , an tausend Bußen gewöhnte Mädchen kann ihre Geduld in diesen Prüfungstagen nicht viel mehr auf die Probe setzen , als in der Kostgängerschule , wo sie eben so oft beten , fasten und auf dem Boden Sitzen mußte . Bloß zu Rettung ihres guten Namens brauchen die Nonnen bei der Aufnahme einer Schwester diese Zeremonie , damit die Welt glauben solle , daß jedes Mädchen seinen eigenen Willen dazu gäbe . Nun kann doch ein Mädchen vor fünf und zwanzig Jahren zu einem solchen Schwure keinen freien Willen haben , besonders , wenn sie die Welt gar nicht kennt , und mehr Böses als Gutes von ihr weiß . - Ich bleibe bei meinem Satz . Jede Einkleidung eines jungen unerfahrenen Mädchens ist ein mörderischer Raub an dem Menschengeschlecht . - Raffe Dich auf , Freundin ! und schleppe sie weg vom Altar , deine arme Schwester , wenn es je so weit mit ihr kommen sollte ! - Dein Oheim ist abwesend , Du bist diesem Kinde Elternpflicht schuldig . Doch beschwöre ich Dich , handle mit Vorsicht , und begehe keine Übereilung . - Ich kenne deinen hitzigen Kopf , und zittere für Dich ! - Schreibe Dir diese Worte tief ins Herz , meine teure , unglückliche Amalie ! - Jetzt auch noch ein Wörtchen von deinen Herzensangelegenheiten : Du liebst also deinen bestimmten Bräutigam ? - Doch nicht mit der lebhaften Leidenschaft glaube ich , wie er Dich liebt . - Eben dieser Unterschied , meine Liebe , verspricht mir von deiner Seite mehr Standhaftigkeit , als von der seinigen . - Man will behaupten , was in der Liebe zu überspannt sei , müsse brechen . - Doch in der Liebe ist nicht leicht zu raten , ich muß Dich für diesmal schon deiner eigenen Führung überlassen , weil ich den Mann nicht kenne , der sich mit Dir verbinden will . Nur scheint er mir - vergib mir meine Aufrichtigkeit - durch seinen zügellosen Wunsch , Dich so bald zu besitzen , etwas verdächtig . Ist es Furcht Dich zu verlieren ? - Du bist ja im Kloster gut verwahrt ! - Ist es reine grenzenlose Liebe ! - Nun , sie wird ihm ja erwidert ! - Aber , meine Liebe , wenn es bloß Begierde nach Genuß wäre ? - Wenn es ein stürmisches Sehnen nach Sättigung seiner Wollust wäre ? - Ich würde unsinnig , wenn Du Dich täuschtest ! - Sei vorsichtig ! - Das ruft Dir zu deine liebe Fanny . 60. Brief . An Fanny LX. Brief An Fanny Meine Beste ! Es sei nun in der Welt wie es wolle , wir Menschen hängen unstreitig von gewissen Augenblicken ab : Gestern trat er zu mir ins Zimmer , der liebe Junge ! - Du mußt aber auch wissen , daß ich außer der Klausur wohne , und folglich unter der Aufsicht meiner Aufseherin den Besuch meines Bräutigams annehmen darf . Also gestern sah ich ihn in seinem völligen Glanze . Er war geputzt wie ein Engel , und die Uniform steht ihm göttlich ! - Wie sie da stand vor mir die symmetrisch geputzte Puppe , meinem Auge so reizend , und meiner Eitelkeit so lockend . Der stille Gram der Liebe hat sein Gesicht gebleicht : und dieses schmachtende Aussehen stimmt ganz mit seinen langen blonden Haaren überein . - Meine Sinnen hingen heute zum erstenmal an der äußeren Seite eines Jünglings , und irrten verschwiegen und wollüstig auf seinen Reizen umher . Man mag mir sagen was man will , ein artiger Junge in der Uniform ist für das Auge eines Mädchens gefährlich , besonders wenn kein zügelloser Wildfang darinnen steckt , der zu wenig der Delikatesse der Mädchen schont . - Es ist nichts reizender , als ein milder , denkender , empfindsamer , gutgezogener , bescheidener junger Offizier . - überrascht von einem so seltenen Fand , muß jedes freie Mädchenherz schmelzen , wenn es anders die rohe Wildheit , die ungezogene Brutalität , die Verleumdungssucht der meisten übrigen Offiziers kennt . - Ich fordere nicht , daß ein Krieger Weib sein soll . - Aber an der Seite seines Mädchens , in den Armen der Liebe gewinnt seine Lebhaftigkeit unendlich , wenn weiches Gefühl der Dankbarkeit , wenn sanfter Affekt seine fühlende Seele adelt ! - Stürmerei im Umgang , Unverschämtheit der Sitten , ist doch immer die Sache des gemeinen Mannes , und läßt in der Uniform gar nicht . - Ich habe schon mehrere Offiziere von diesem Schlag in Gesellschaft gefunden , und es schien , als ob ihnen die Uniform ein Recht zur Ausgelaßenheit gäbe . Sie erhoben öfters ihren gebietenden Hochmut über die Tugend eines armen Mädchens , gerade als stünde diese Tugend unter der Subordination ihrer Begierden . Doch mein zukünftiges Männchen ist artiger , wenigstens hat er sich bis daher sehr liebevoll betragen . Du sprichst mir zwar in deinem Brief von Begierde nach Genuß . O du lieber Gott ! - Wer kann die Absichten eines Liebhabers so genau bestimmen ? - Er zeigt sich immer auf der besten Seite , und weiß unsere Leichtgläubigkeit so täuschend zu beruhigen . Ich versichere Dich , meine Beste , je mehr man den Liebhaber studiert , je weniger kennt man ihn . Ich schmeichle mir doch auch ein Bisschen Gehirne zu haben , und doch bin ich mit meiner unendlichen Bemühung ihn zu untersuchen nicht weiter gekommen , als bis dahin , wo er mich vielleicht mit voller Überlegung wollte kommen lassen . - Denn der Mann hat Kopf . - Was ist nun zu tun ? - Wie übel ist derjenige daran , der zwischen Liebe und Furcht zu wählen hat . ? - Die erstere ist bisweilen so übereilt , so geschwind entschlossen , daß keine späte Reue den Schritt mehr zurück tun kann , den sie vielleicht unbesonnen , bloß aus Uereilung wagte . - Mit banger Ängstlichkeit werde ich mich vielleicht einer Verbindung nahen , die mich zum glücklichen Weibe , oder zum elendesten Wurm machen kann . - So eben erhalte ich durch einen Expressen Boten einen Brief von meiner Schwester . Ich will ihn lesen , und wenn er Wichtigkeiten enthält , so werde ich ihn Wort für Wort hier einrücken . - - - - Ja wohl enthält er Wichtigkeiten dieser Brief ! - Die schrecklichsten , die wir Beide uns je denken könnten ! - Lies - und schenke ihr eine Träne , der Verfolgten ! ..... " Liebe , gute Schwester ! - - Schreibe mein langes Stillschweigen auf die Rechnung meiner Gefangenschaft , in der ich seit deinem letzteren Briefe halb verzweifelt schmachte ! - Du hieltst diese Pause meines Schicksals vermutlich für eine gute Wendung ; aber Du irrst Dich , denn mein Elend ist aufs Höchste gestiegen ! - Meine Prüfungszeit geht in wenig Tagen zu Ende , und dann will man mich hinschleppen zu jenen fürchterlichen Gebräuchen der Einkleidung ! - Sie haben mir meine Einwilligung abgezwungen , die grausamen Mörder meines Seelenheils ! - Ich werde mich in die finstere Totengruft unter die rasselnden Knochen , meiner verwesten Vorfahrerinnen verbergen , wenn Du , einzig geliebte Schwester , mich nicht rettest ! - Meine Gesundheit ist ohnehin angegriffen ; aber doch möchte ich die wenigen Tage meines Lebens nicht unter dem Drucke einer schändlichen Lüge seufzen ! - O meine verstorbene Eltern ! - Hört , hört eure nach Hilfe schreiende Tochter ! - Steigt hervor aus dem Grabe ihr schleichenden Schatten meiner Erlösung ! - Reißt es weg , das Leichentuch , wenn man es mir nahe am Altar der milden Gottheit über meinen Kopf wirft ! - Ich will den Kranz meiner Unschuld , den Brautschmuck meines Hochzeittages in Stücken zerfezzen , denn mein Schwor ist gezwungen , und folglich ungültig ! - Ich bin eine Waise ; Alles ist taub für mein Geschrei ! - Man wußte meine Zunge durch Furcht und Zagheit zu binden . Die Gutherzigkeit einer verliebten Nonne half mir zu dieser Gelegenheit an Dich zu schreiben . Zögerst Du nur noch auf wenige Tage , so ist auf ewig für Dich verloren deine jammernde Schwester Louise von B*** . " Verloren auf ewig für mich ! - Fühle diesen Schlag , der mein Herz zerreißt , wenn Du kannst , und laß mich !!! - - 61. Brief . An Fanny LXI. Brief An Fanny Es ist geschehen , meine Freundin ! - Zittere nicht ; deine Amalie ist vermählt ! - Und nun ist sie aus dem Kloster entflohen . - Die harten Nonnen haben mir meine Bitte abgeschlagen , zu meiner Schwester zu reisen , und was war mir in einer so dringenden Lage anders übrig ? - Ich bin undankbar an meinem Oheim geworden , ich habe pflichtlos an ihm gehandelt , und den Nonnen einen Streiche gespielt , an [ den ] sie denken werden ! - Ich habe einem Mann mit Zittern die Hand gegeben , dessen dürstende Leidenschaft den entscheidenden Zeitpunkt zu benützen wußte ! - Ich habe vielleicht unsinnig , rasend gehandelt , und das alles aus Liebe zu meiner Schwester ! - Aber eigennützig hätte mein Gatte meine Hand nicht erschleichen sollen ; es verrät zu viel Liebe zur Befriedigung . Doch , was konnte ich da in so verwirrten Augenblicken viel untersuchen ? - Ich sah meine Schwester im Totengewande vor meinem Bette knien , ich sah sie im Sarg liegen , sprang hastig aus meinem Schlafzimmer , und kroch im Dunklen über Stiegen und Brücken , öffnete mit Kühnheit Schlösser und Türen , achtete nicht des nächtlichen Grausens , das mir durch die Glieder schauerte ; und so kam ich eine Stunde vor unserer Abrede in den Klostergarten . Schweiß und Kälte lag auf meiner Stirn , das Rauschen eines jeden Blattes folterte mein Gewißen bis zur Todesangst ! - Ich fluchte der Erde , ihren Bewohnern und dem Schicksal ! - Ich fühlte Rache gegen die Nonnen im Herzen , weil sie mir meine Bitte abschlugen ; und doch zitterte ich vor dem Anblick dieser Schwestern der Fühllosigkeit . - Bang , wie ein entspringendes Reh , irrte ich im finsteren Garten herum . Mein Freund Mond hatte sich verhüllt , um meinen Frevel zu bedecken , den ich aus Schwesterliebe beging . Bald sah ich vor meinen Augen den durch mich gekränkten Oheim , bald den funkelnden Zorn der beleidigten Nonnen , die mir mit Bigottengrausamkeit nachfluchten , sobald sie meine Flucht entdeckten . - Mit Seelenangst erwartete ich jede Minute meinen Liebhaber ! - Fürchterlich , bis zum Entsetzen tobte der Gedanke der Ungewißheit in meinem Busen . - Wenn er dich nicht heiratet ! - Wenn er dich bloß entführt und entehrt ! - fuhr mir dann bei seinem langen Ausbleiben donnernd durch den Kopf ! - Schon hob ich den Fuß um ins Zimmer zurückzukehren , wo das Andenken meines Vergehens unauslöschlich eingeprägt bleiben wird . - Aber eine heilige sympathetische Macht hielt mich zurück . Ich sah meine Schwester mir wieder leibhaft nachschleichen ; ich fühlte gleichsam wie sie mich am Rocke festhielt ; ich sah sie ihre Hände ringen ; ich hörte ihr dumpfes Ächzen ; sie bat mich um die letzte schwesterliche Umarmung ; ich haschte nach ihr mit leidenschaftlicher Phantasie , als auf einmal der Wurf eines Steines meinen Sinnen wieder Richtung gab ! - Ich eilte schnell dem Orte zu , da dieses Zeichen gegeben worden - sank ohnmächtig .... wohin ? - in die Arme meines Geliebten ! - Mein Herz schlug heftig an seinem Busen ; ich bat ihn um Schonung und um Rettung meiner Schwester ! - Kampf , Furcht , weniges Zutrauen durchkreuzten meine Seele . - Ich hatte leichte Kleider an , war ohne Schuhe , und der Morgentau überfiel mich mit einer fieberhaften Kälte . - Meinem Liebhaber war für meine Gesundheit bange ; er schwor mir vor Gott , noch ehe der Tag anbräche mein Gatte zu werden ! - So ließ ich mich fortschleppen , um das unauflösliche Band des Ehestandes zu knüpfen . Er hielt auch Wort ; denn ehe zwei Stunden vergingen , waren wir vermählt . - Berauscht von Liebe und Wollust , taumelten wir einige Stunden fort ! - Doch grenzte mein Entzücken mehr an Wehmut , als an das gewöhnliche Entzücken junger Eheleute ! - Mein Gatte machte sich Tages darauf fertig zur Reise nach dem Kloster , wo meine Schwester mit Angst seiner wartete . Er hatte den Entschluß gefaßt , sie gutwillig oder mit Gewalt den Händen der Grausamkeit zu entreißen . - Jede Stunde erwarte ich Briefe von ihm , und schrecklich ängstlich sehne ich nach der Entwicklung dieses traurigen Romans ! - Teure ! - Bleibe doch meine Freundin , meine Vertraute im Kummer ! Solltest Du in meiner Handlung Schwachheit entdecken , so ahne sie mit Nachsicht ; denn sie kommt gewiß aus dem besten Herzen Deiner Amalie. 62. Brief . An Amalie LXII. Brief An Amalie Mädchen , Du läßt mich Dinge erleben , die mein Herz angreifen ! - So wirst du denn immer und ewig fortbrausen im Wirbel deiner hitzigen Leidenschaften ? - Ich möchte die Klosterweiber bei den Köpfen kriegen , daß sie Dir die Ausführung einer Handlung versagten , die deinem guten Herzen Pflicht war ! - Warum hast Du ihn aber auch gewählt , diesen Aufenthalt der eigensinnigen Bosheit ? - Ich wußte es schon vorher recht gut , daß dein Temperament durchaus keinen Widerspruch dulden würde - und besonders da nicht , wo Natur , Teilnahme und Rechtschaffenheit Dich zur Rettung aufforderten . Ewiges Weh über die Nichtswürdigen , wenn dein übereilter Schritt übel ausschlägt ! - Gutes unbegreifliches Geschöpf ! - Aus Gutherzigkeit opferst Du Dich selbst auf , um deine Schwester zu retten . Aus Gutherzigkeit wagst Du Ehre , guten Namen und vielleicht die ganze Ruhe deines Lebens ! - Wer kann so ein Herz begreifen ? - Wer kann es bezahlen ? - Wer kann ihm an Güte gleichkommen ? - Es ist wahr , der Brief deiner Schwester dringt bis ins Innerste ! - Aber Freundin ! - Freundin ! - Wie kühn und männlich wagtest Du es , aus einem Kloster zu entspringen , da unbeschreibliche Schande dein Los gewesen wäre , wenn man Dich eingeholt hätte ! - Du bist rasch in deinen Unternehmungen , Du bist standhaft in deinen Entschlüssen , Du bist fürchterlich in deinem Zorne , wenn man ihn reizt ! - Darf ich es sagen , ohne Dich zu beleidigen ? Du besizzest große Tugenden , hast aber auch zugleich Anlage zu großen Ausschweifungen . Bloß dein Herz bürgt mir dafür , daß die letzteren nie zum Ausbruch kommen werden , wenn es so geführt wird , wie ich es wünsche . Also jetzt , liebes Malchen , bist Du in den Armen deines Gatten , ruhst unter dem Schutze Dessen , der dir Alles sein muß ? - Amalie ! - Darf ich Dich wohl mit wenigen Worten um Nachsicht , um Sanftmut , um die strengste Erfüllung deiner Pflichten gegen ihn bitten ? - Erwarte in deinem Mann bloß den Menschen mit allen seinen anklebenden Gebrechen , und Du wirst Dich dadurch weniger selbst täuschen , Du wirst Geduld mit seinen Fehlern haben . Die Männer sind oft launig , mürrisch und roh . Fasse Dich auf alles , liebes Kind , dann wirst Du jeder seiner Leidenschaften mit Vernunft begegnen . - Wenn dein Mann seine Pflichten erfüllt , so bist Du ihm die der deinigen doppelt schuldig - als Gattin und als dankbare Freundin . - Und wirst Du endlich einst Mutter , o dann teile mir deine Freude mit , laß mich sie mitempfinden diese reizende Hoffnung deines verjüngten Ebenbildes . - Gerne würde ich mich heute länger mit Dir unterhalten , aber die Krankheit meiner Mutter hält mich davon ab. - Lebe ruhig - glücklich - und mir hold . - Das wünscht deine ewig zärtliche Freundin Fanny . 63. Brief . An Fanny LXIII. Brief An Fanny Von tiefem Schmerz angeschwollen ist mein Herz über die Streiche meines grausamen Schicksals ! - Sie ist hin , meine innig geliebte Schwester , sie ist tot ! - Der Gram hat sie geopfert ! - Sie haben ihren Zweck erreicht , die Mörder ihres Lebens ! - Sie haben sie so lange gequält , gemartert , gepeinigt , bis der schwache Körper mürbe war zum Grabe , das man ihr vorsätzlich grub ! - - Menschen-Grausamkeit geht über allen Ausdruck , denn sie ist so mannigfaltig , und hat so viele heimliche Triebfedern zu ihrer Ausübung . - Ich glaube , daß der Richter einst nichts so unbarmherzig strafen wird , als die Tränen , die man seinem Nebenmenschen abpreßt . - Wenigstens scheint in der Natur nichts sträflicheres , als dieses ! - Und doch richten sich die Menschen untereinander lachend zu Grunde ! - Also habe ich denn jetzt Alles mit dieser einzigen Schwester verloren , was meinem Herzen teuer war ? - Nun so bin ich denn hingeworfen , in die weite , für mich trostlose Schöpfung ! - Vater , Mutter , Schwester , alles ruht in der unendlichen Ewigkeit ! - Sie haben mich zurückgelassen , die Grausamen , in einer Welt , wo vielleicht keine Seele mehr mein Herz zu schätzen weiß . In einer Welt , wo ich , ohne von den Banden des Bluts gefesselt zu sein , verlassen herumirre . - Nichts werde ich diesen Teuren mehr mitteilen können , jede Last muß ich jetzt allein tragen ! - Zutrauen , Mitteilung , Linderung im Kummer , in welchem Menschenherz werde ich euch wieder finden ? - Wenn mein Gatte mein unendlich fühlbares Herz verkennte , wenn er mit Leichtsinn darüber hinweghüpfte ? - Wenn ihm die Feinheit meiner Empfindungen unbegreiflich wäre ? - Wenn ich mich irren sollte in seinem Charakter ? - O Tod ! - Tod ! - wie willkommen wärst du mir dann ! - Noch ist er nicht zurück , dieser einzige Mann in der Natur , auf dem mein Wohl oder mein Elend beruht . - Er schrieb mir , daß er meine Schwester mitten im hitzigen Fieber angetroffen hätte , daß ihr erster und letzter Laut mein Namen gewesen wäre , daß es ihn fast vor Wehmut erstickt hätte , diese Unschuld , diese Jugend am Rande des Grabes zu finden ! - Daß die Nonnen die Ursache ihrer Krankheit leugneten , und daß der Vormund mehr als jemals den Heuchler spielte . Mit Engelssanftmut starb diese Dulderin der Menschenbosheit ! - Mit inniger Seelengüte drückte sie meinen Mann , statt meiner , an ihre sterbenden Lippen . - Mit der heiligsten Wahrheit einer Sterbenden beschwor sie ihn , mir Alles zu werden , was zu meinem Trost gereichen könnte ! - Und so , meine Fanny , flog ihr Geist in die Arme ihres Erlösers . Ewig wird mir diese einzige geliebte Schwester unvergeßlich bleiben ! - Ich liebte sie eben so leidenschaftlich , wie ich überhaupt ohne Unterschied des Geschlechts zu lieben pflege . Denn meine Liebe ruht in der Güte des Herzens und nicht in der Wollust . Mit brennender Sehnsucht , mit marternder Ungeduld , kann ich den Tag kaum erwarten , wo mein Gatte zurückkehren wird . - Er wird mein Vermögen mitbringen , und wie glücklich bin ich , daß ich dadurch das seinige vergrößern kann ! - Bis jetzt habe ich aus Verwirrung der Umstände nicht im geringsten Einsicht in seine ökonomische Lage bekommen . Wenn er ein Betrüger sein wollte , er könnte sein Vermögen ganz verschwenden , ohne daß ich den geringsten Anspruch darauf machen könnte , denn ich habe mich in der rasenden Angst bloß an seine Ehrlichkeit verheiratet . - Glaube mir , Fanny , der Mensch gehört in gewissen entscheidenden Augenblicken nicht sich selbst zu . Ist meine Heirat nicht ein Beweis davon ? - Die Leidenschaft des Mitleidens bemächtigte sich meiner , und die kalte Überlegung bei einem so gewagten Schritt kam da zu spät , wo die Schwesterliebe so mächtig sprach ! - Ich habe gelernt das Elend Anderer tiefer zu fühlen als das meinige . Ich habe ein Herz , das nur dann zufrieden ist , wenn Andere es auch sind , Nächstenliebe war mir von Jugend an heilig und feurig ins Herz geschrieben , und wenn es etwa eine Strohseele gelüsten sollte , meine Handlung für übertrieben anzusehen , die will ich auf das Gesetz Gottes zurückweisen , das uns laut zuruft ; Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ! - Und wer war mir näher als meine Schwester ? - Wen liebte ich dazumal feuriger als meine teure Louise ? - O du holder verklärter Schatten Blicke zuweilen herab mit Mitleiden auf deine hinterlassene Amalie ! - Sei mein Schutzgeist im Leiden , meine Führerin auf den felsigen Wegen der gefährlichen Welt ! - Deine Unschuld sei meine Fürsprecherin vor dem Throne des Allmächtigen ! - Deine Tugend meine Begleiterin , und dein Andenken halte mein Herz der Rechtschaffenheit offen . Traurig ohne Dich werden meine Tage dahinschleichen ; aber die Hoffnung , Dich einstens dort wieder zu sehen , wird mir Stärke und Mut verleihen . Die Tränen , die ich jetzt während dieses Briefs weine , seien deiner Liebe geweiht , die Du mir in deinem letzten Atemzug noch zuhauchtest . - Liebste , beste Fanny ! - Schreibe es meiner Lage zu , wenn ich deine Seele mit Bildern der finsteren Schwertnut anfülle . Wer sollte nicht darüber nachdenken and empfinden ? - wenn eben diese Lage mein Herz von allen Seiten angreift ! - Hab Geduld , habe Nachsicht mit deiner unendlich leidenden Amalie . 64. Brief . An Amalie LXIV. Brief An Amalie Liebe , gute Amalie ! - Die neue Wunde , die Dir wieder dein Schicksal schlug , muß tief in dein Herz gedrungen sein ! - Aber ist es nicht der Vorsehung Werk ? - Beruhige Dich um Gotteswillen , du bist es Dir , Du bist es deinem Gatten , Du bist es deiner Fanny schuldig ! - Ich will Dir ja mit einem fühlenden Herzen Alles sein , Schwester , Mutter und Freundin ! - Kannst Du in einer an guten Menschen darbenden Welt mehr fordern ? - Mein Geschick ist zwar neidisch genug , mich nicht an deiner Seite zu lassen . - Aber Trost , Freundschaft , Rat , Tränen , Mitleid , das alles , mit Dir , auch in der Entfernung zu teilen , ist für mich Götterwollust ! Laß es austoben dein hartes Schicksal , es kann nicht immerfort so rasen , es muß brechen , wenn seine Wut auf den höchsten Gipfel gestiegen ist . Tröste Dich mit dem Leiden Anderer , es gibt noch weit Unglücklichere . Es gibt Menschen in der Welt , die im Stillen am tiefsten Gram dahinzehren . Die sich nicht einmal können , nicht einmal dürfen mitteilen , die finster , in sich geschlossen zurückgeschreckt von der Menschheit , durch die Folter ihrer Ruhe bis zum Grabe hingeschleppt werden ! Verlust der Ehre , des guten Namens , Gefangenschaften , verfolgte oder betrogene Armut , Falschheit der Freunde , Todesfälle , unglückliche Ehen , böses Gewissen , sind so ungefähr die herrschenden Plagen dieser Welt , auf die wir uns gefaßt halten müssen . Schon hast Du mehrere dieser Klassen durchwandert , und Dir dadurch einige Stufen zum ungestörten Leben jenseits gebaut . - Ist diese Hoffnung nicht reizend ? - Ist sie nicht ein starker Schutz gegen die Kleinmut ? - Sagt Dir nicht deine Vernunft , es eilt dahin dies träumende Leben zu einem besseren ? - Werden nicht alle irdischen Hoffnungen in dem unglücklichen Menschengehirn gestört ? - als gerade diese nicht , wenn sie in einem Herzen liegt , das sich der Religion öffnet . Diese Stimme , die jeden Christen bei den Abgründen seines grausamen Schicksals zurückruft , muß untrügliche Wahrheit sein , denn sie ist zu mächtig , zu tröstend für den armen Wanderer ! - Sei billig , meine Freundin , gegen die Fügungen des Schöpfers . Empfinde sie , aber murre nicht . Dein Herz ist zu groß , deine Seele zu erhaben , um nicht über kurz oder lang mit Standhaftigkeit eine Änderung abzuwarten . Anhaltendes Unglück untergräbt freilich unsere Gesundheit , wenn die Natur uns schwache Nerven gab , aber es bildet das Herz , veredelt die Seele , klärt den Verstand auf , und macht uns zu wahren denkenden Menschen . Unsere Empfindung wird durchs Unglück feiner , unser Herz mitleidiger , und unsere Tugend erhabener . - Ich glaube immer , der wahre gute Mensch muß wenigstens einmal in seinem Leben unglücklich gewesen sein , sonst kann er nicht wahrhaft gut sein , denn Befriedigung aller Wünsche im menschlichen Leben stumpft die Seele ab , erweckt Ekel und Hartherzigkeit . Die Menschen , die in ungestörten Freuden des Lebens dahin taumeln , mit nichts zu kämpfen haben , besitzen wenig Seelenkräfte , und besonders gar keine Standhaftigkeit , wenn es darauf ankommt Anderen zu helfen oder mit ihnen zu fühlen . Sie sind Maschinen , die , wenn sie dem Wohlleben entrißen werden , nichts weiter empfinden , als den Verlust ihrer unbefriedigten Sinnlichkeit . Im Unglück lernt man denken und moralisch handeln , denn kein Herz das einmal selbst geblutet hat , wird ein anderes zum bluten bringen . Man muß die Leiden selbst empfunden haben , wenn man Andere damit schonen will . Man muß schon mehrmals das Opfer der Untreue , der Falschheit , der Niederträchtigkeit gewesen sein , um sie nicht an Anderen auszuüben . Kurz , das Herz wird unstreitig durchs Unglück besser . Streite also mutig , Freundin , mit deinem Schicksale . Nimm es auf , wie es die Absicht des gütigen Schöpfers ist . Hättest Du nicht mit so unendlichen Schwierigkeiten zu kämpfen , wer weiß , ob nicht Leichtsinn und Ausschweifung bei deiner äußersten Lebhaftigkeit Dir zu Teil geworden wäre . - Wer weiß , ob Du nicht schon als ein Opfer der Wollust auf dem Krankenbette jammertest . - Wer weiß , ob dein Herz nicht stolz , ob alle deine Leidenschaften nicht über den Kopf geherrscht hätten . - Komme , meine Amalie , laß uns fest entschloßen , mit aller Tugend der Sanftmut , mit aller Ergebenheit für die Geheinmiße des unbegreiflichen Schicksals , bis zu jenen schaudernden Augenblicken fortwandeln , wo die Natur ihr Nichts wieder zurückfordert , und der Schöpfer eine Seele erwartet , die er zu seiner Verherrlichung in einen zertrennlichen Körper legte . Das ist unser Endzweck , meine Teure ; das übrige , was in dem menschlichen Leben vorgeht , ist ein Traum , der länger oder kürzer dauert . - Deine Fanny . 65. Brief . An Fanny LXV. Brief An Fanny Du liebe Freundin wirst über mein Stillschweigen gestaunt , gezittert und unabläßlich der Ursache davon nachgeforscht haben . Ich weiß , daß ich dadurch dein Herz zerrissen , deine Freundschaft beleidigt und deiner Seele Kummer gemacht habe . Es war nicht meine Schuld , Fanny ; halte es zurück dein Verdammungsurteil ! - Ich habe deinen letzteren Brief wohl tausendmal gelesen , eben so innig gefühlt , und ihn bei seiner Durchlesung durch Tränen des guten Willens völlig aufgezehrt . Bei Gott sei es geschworen , meine Freundin ! - Ich habe alles versucht , mein neues Unglück , das deine ganze Vernunft niederdonnern wird , zu dulden ! - Ich lebte vier ganzer Monat ohne Trost mit der Gelassenheit einer Christin ; aber nun harre ich nicht länger in der entsetzlichen Lage aus , ich muß mir Luft machen ! Du sollst es erfahren , was mit deiner Amalie vorgeht ; Du sollst mich in der Welt allein bedauern , denn von Anderen mag ich nicht bedauert sein ! - Ich kann ihn nicht wieder zurücktun , diesen Schritt , der mir eine schaudervolle Zukunft verspricht ! - Er ist geknüpft vor dem Altar der Knoten meines ewigen Kummers ! - Und nun höre wie deine Freundin für ihr gutes Herz belohnt wird . - Ungefähr einen Monat nach der Zurückkunft meines Mannes , genoss ich noch selige , wonnevolle Tage , doch die Täuschung wurde kurz hernach in eine schreckliche Aussicht verwandelt . Ich entdeckte in meinem Manne den leidenschaftlichsten Spieler , den je die Erde trug ! - Er war schon so tief in diesem Laster gesunken , daß er mich in dem zweiten Monate meiner Ehe ganze Nächte durch von ihm verlassen mit der Verzweiflung ringen lies . Ich versuchte alles , um ihn durch Sanftmut davon abzuhalten , anfänglich schien es auf ihn zu wirken , er versprach mir Besserung , aber der Schwache täuschte sich selbst , denn er war wieder auf dem alten Weg , ehe er mir nur Zeit lies , neue Kunstgriffe der Zärtlichkeit gegen ihn anzuwenden . Die Gewohnheit des Spiels half ihm zur Verstellung , zur Lüge , er täuschte meine Leichtgläubigkeit mit Unwahrheit , wenn er sein langes Ausbleiben mit nichts anders zu entschuldigen wußte . Er ist kalt , rauh , leichtsinnig , nachlässig in seiner Pflicht durchs Spiel geworden . Er nährt nur den Endzweck des Eigennuzzes , und diesen verfolgt er auf Kosten seiner Ehre und seines guten Namens . Er war von jeher Spieler von Profession ; und die niederträchtigen Stifter meiner Ehe , sagten mir es nicht , oder wußten es vielleicht selbst nicht . - Aus Barmherzigkeit , Freundin , gib mir Rat , gib mit Auskunft , wie ich mich in dieses Elend finden soll ! - Mein Mann herrscht unumschränkt über unser beiderseitiges Vermögen , und ist schon so weit verwildert , daß er mir keinen Blick in seine ökonomische Lage erlaubt . Er befriedigte zwar bis jetzt die Bedürfnisse des Hauses , lies es mir an nichts fehlen , aber ist übrigens verschloßen und geheimnisvoll . Ich habe ihn beobachten lassen ; er verspielt täglich große Summen und gewinnt selten ; er hat noch überdies die rasende Sucht an sich , das Spiel zwingen zu wollen , und nichts bringt ihn vom Spieltisch weg , wenn er sich_es in den Kopf gesetzt hat zu gewinnen . Gott ! - Gott ! - Wie kann ein fühlender Mensch seine Ruhe , die Liebe seines Weibs , die Glückseligkeit seines Hauses dem eigensinnigen Glück des Spiels entgegensetzen ? - lockere Gesellen sind sein Umgang , eine Art kalter Sorglosigkeit seine Philosophie , Ekel an Allem , außer dem Spiel , scheint seine Seele zu bemeistern . Sein Herz dünkt mich nicht ganz böse , aber seine Grundsätze sind nicht weit her . Er scheint mich mehr im Taumel seiner Leidenschaften zu vergessen als zu verachten . Seine Liebe sucht nicht die moralische Nahrung in meinem Herzen , die unser Beider Glück ausmachen könnte . Er sieht mehr auf die Befriedigung körperlicher Pflichten bei mir , als auf die Beruhigung meines verstimmten Gemüts . Er hat nicht unbefangenen Geist genug , um in den inneren unglücklichen Zustand meines Herzens zu dringen . Er hält mein sprachloses Leiden für Schüchternheit , meine Tränen für Schwachheit , meine Gutheit für Einfalt , mein Nachgeben für Sklaverei , meine Liebe für überspannt . So beurteilt er mich , und so bin ich sein Geschöpf , aus dem er machen kann , was er will . Heimliche Raserei hat sich schon oft meiner bemächtigt , oft war ich im Begriff bei Erblickung der nächsten lebenden Kreatur in lautes Geheul auszubrechen und ein Menschenherz zu suchen , das Anteil an meinen Leiden nähme ! Bloß die Schonung unseres beiderseitigen guten Namens hielt mich bis jetzt noch von Entschlüssen ab , die fürchterlich ausfallen könnten ! - In vier Wochen kommt mein Oheim von seiner Reise zurück ; wie werde ich mein Verbrechen vor ihm entschuldigen können ? - Wie werde ich erscheinen , vor einem Manne , der Freude an mir zu erleben glaubte ? - Wie werde ich beben , ihm das Geständnis meiner übel getroffenen Ehe zu entdecken ! - Wie gräßlich wird mein selbstgewähltes Schicksal seine Vorwürfe erschweren ! - Er wird mich von sich stoßen , er wird mich meinem Gram überlassen ! - Ich werde erliegen unter der Last meines Elends ! - O Freundin ! - Mitleiden - Mitleiden mit deiner äußerst schwermütigen Amalie . 66. Brief . An Amalie LXVI. Brief An Amalie Du hast mich , meine Liebe , während dieser vier Monaten manche Träne vergießen machen ! - Nichts ist quälender , als Ungewißheit über den Zustand einer Freundin , die man so liebt , wie ich Dich liebe . - Oft nahm ich mir vor , Dir zu schreiben , aber doch wagt ich es nicht , weil ich eine Ahnung im Herzen fühlte , die mich zurückschreckte ! - Wer weiß , in welcher Lage sie lebt ? - Wer weiß , ob sie Briefe ohne Aufsehen empfangen kann ? - Wer weiß , ob sie ihrem Gatten diese geheime und offenherzige Korrespondenz anvertraut hat ? - So , und dergleichen sagt ich mir wohl tausenderlei vor , bis endlich dein Brief kam , der mich bis zum unbegreiflichsten Gefühl beugte ! - Über jedes andere Laster , das dein Gatte an sich haben möchte , wäre ich nicht so erschrocken , als über seine Spielsucht , denn diese ist das entsetzlichste unter allen ! - Ein Spieler vergißt Gott , Natur und Menschen ! - Jedes Laster der Männer kann gesättigt werden , wenn ein vernünftiges Weib den Zeitpunkt zu nutzen weiß , wo die Leidenschaften den Mann zum Kinde machen . Aber Spielsucht ist ohne Sättigung , ist beinahe untilgbar aus dem Herzen eines Mannes , der das Spiel zur Hauptleidenschaft werden lies . Der Wollüstling kehrt zurück , wenn die Nachsicht seines Weibs ihn zur Überlegung zwingt , wenn er einzusehen anfängt , daß er das reine Herz seiner Gattin mit dem feilen Körper einer Buhldirne vertauschte . Der Trinker entsagt manchmal dem Trunk , wenn ein vernünftiges Weib seine Ehre vor den Menschen hinlänglich zu reizen weiß , oder wenn er durch den Trunk seine Gesundheit in Gefahr sieht . Der Geizige vergißt aus Liebe zu seiner Gattin den Reiz des Geldes , und überläßt ihr willig seine Ökonomie , wenn sie sich sein Zutrauen zu gewinnen weiß . Der Brausende mildert sein Feuer , wenn eine verstohlene Träne im Auge seiner Gattin ihn entwaffnet . Der Untätige wird fleißig , wenn er sein liebes Weibchen dankbar dafür sieht . Der Leichtsinnige lernt denken , wenn ihm die Tugenden seiner Gattin so häufig begegnen , daß er ihnen selbst folgen muß . - Aber der Spieler ist fast für alles fühllos , denn der Reiz des Gewinstes versüßt ihm die Gefahr des Verlusts und tilgt in ihm den Vorwurf der Verschwendung . Sein lasterhaftes Ideal ist auf eine trügerische Hoffnung gegründet . - Die Gewohnheit macht kühn , die Kühnheit im Spielen unternehmend , und nicht selten ist Verzweiflung , Dieberei und andere Niederträchtigkeiten , das endliche Los eines leidenschaftlichen Spielers . Es schmerzt mich schrecklich teure Amalie , daß ich Dir alles das sagen muß , es geschieht auch bloß um Dich anzufeuern , dein Alleräußerstes zur Besserung deines Mannes anzuwenden . Wer weiß , vielleicht hat diese Leidenschaft nicht gar zu tiefe Wurzeln ! - Vielleicht ist es Langeweile oder Verführung ! - Mache ihm ja keine Vorwürfe darüber , Du würdest ihn in dieser Gewohnheit stärken . Such ihn zu Hause in Gesellschaft guter Freunde zu unterhalten . Vielleicht vergißt er nach und nach seine übrigen Bekanntschaften . Zeige ihm nicht zu viel Gutheit , aber auch keinen Trotz ; suche seine Vernunft durch ein munteres Gespräch zu fesseln ; laß nur unvermerkt ein Wort in Betreff seiner üblen Gewohnheit fallen . Vielleicht gelingt Dir ein Meisterstück der Besserung an ihm . Ich hoffe alles von deinem Kopfe und Herzen . Ich weiß , daß , wenn er sich nicht bessert , es gewiß nicht deine Schuld ist . Darum bitte ich Dich , Liebe , Teure , laß deinen Gram nicht zu hoch steigen ! Es ist ja nicht deine Schuld , wenn er durchaus mit vollen Schritten dem Verderben zueilt . - Du verkennst übrigens das Herz deines Oheims , wenn Du Bitterkeiten von ihm erwartest , die gewiß nicht in seinem Charakter liegen . Er wird freilich ein wenig über deinen Ungehorsam zürnen , aber nie wird er ihn auf Rechnung deines Herzens schreiben . Ein Mann , wie dieser , kann keine Handlung verdammen , die aus Überfluß des Gefühls unternommen wurde . Er wird über deinen Ehestand trauern , weinen , aber Dich nie aus einem Herzen verstoßen , worin Du so tief eingegraben bist . Sei ruhig in Ansehung dieses , meine Liebe ; Du kannst es sein , Du darfst es sein ! Schreibe mir , ich bitte Dich , bald wieder , denn meine Angst um dein Wohl ist nicht klein . - Mitleiden gegen deinen Mann und Liebe für Dich , erfüllen meine ganze Seele , und stündlich flehe ich den Himmel an , Dir in deiner traurigen Lage Geduld zu verleihen . - Deine Fanny . 67. Brief . An Fanny LXVII. Brief An Fanny Vier Wochen sind wieder vorbei , und ich habe sie durchgeweint und durchgeseufzt ! - Es ist aus , meine Fanny , mit der Besserung meines Mannes ! - Ich habe Alles angewandt , Alles versucht , und nichts hat auf ihn gewirkt ! - Er fängt an über meine Sanftmut mürrisch zu werden , er bleibt jetzt des Nachts länger als jemals aus . Wenn er dann zu Hause kommt , so beherrscht ihn eine Laune , die mich durch und durch erschüttert ! - Schlaflos , voller Furcht , unter banger Erwartung schleichen meine Stunden des Nachts dahin , bis ich die Türe öffnen höre . Mein ganzer Körper fängt an zu zittern , noch ehe er sich mir naht . Erwürgen möchten mich beinahe der innerliche Schmerz über beleidigte Liebe , der Verdruß und Ärger über seine Zügellosigkeit ; und doch wagte ich es noch nie , nur eine Silbe von Vorwurf gegen ihn fahren zu lassen . - Ich bin gewiß , daß in dieser kurzen Zeit unser halbes Vermögen verspielt worden ist . Dieser Gedanke an seine Verschwendung tobt fürchterlich in mir ; ich betrachte ihn als einen Niederträchtigen ; der mich unsinnig dem Elend Preis geben wird . - Du weißt , Freundin , wir sind Menschen , wir haben Galle ... und wenn Du empfändest wie eiskalt mir seine Schmeicheleien , denen er sich bisweilen aus Temperament überläßt , durch den ganzen Körper schaudern , Du würdest Dich Entsetzen , und für meine Liebe zittern ! - Ich habe sein Herz , seinen Anteil an mir verloren , und nichts ist mir übriggeblieben , als die Bedürfnisse seines Temperaments . O das ist eine abscheuliche Entheiligung der Liebe , wenn ihre Triebe nicht aus gutem Herzen quellen ! - Und wie kann sein Herz gut sein , wenn er mich mit sich zur Dürftigkeit hinschleppt ? - Wenn er mich hinschleppt zu jenen Abgründen der Armut , die das wohlgezogene Weib entweder zum Grab führen - oder wenn sie nicht standhaft genug ist , wenn sie glitscht , die Elende , in die Arme der Ausschweifung . Gott ! - Ich kann den Überrest unseres Vermögens durch keine Zwangsmittel verwahren lassen . Ich laufe Gefahr von seiner Wut misshandelt zu werden ! - Und wer läßt überhaupt gerne die Streitigkeiten der Ehe wissen ? - Gutgezogene Menschen scheuen sich ihr Unglück öffentlich bekannt zu machen ; denn der Mitleidigen sind wenige , aber desto mehr der Verleumder , besonders bei einer unglücklichen Ehe , wo die Stimmen so geteilt sind . Oft trage ich in Gesellschaft , worein mich der Wohlstand zwingt , die lachende Gestalt der Freude , und im Herzen sieht es finster wie die Nacht aus . - Der Kummer welkt meine blühende Farbe , sie sind beinahe abgepflügt vom Gram , die Rosen des Frühlings . Alles neigt sich bei mir immer mehr und mehr zur Schwermut . Jede Kleinigkeit rührt mich bis zu Tränen , jeder Hauch erschüttert mich , jeder Schatten macht mich zittern ; sie fangen an zu sinken die weichen Nerven der weiblichen Natur ! - Und wenn ich denn vollends einen Blick auf mein Kind werfe , das ich unter dem Herzen trage , o dann wacht alles Feuer der Leidenschaft wieder in mir auf , ich möchte ihm dann um den Hals fallen , dem Vater meines Kindes ; ich möchte so lang an seinem Halse hängen bleiben , bis mein Schluchzen die Natur erweichte ! - Kurz war die Freude , die diese Nachricht meiner Schwangerschaft auf sein Herz machte ; kalt ist dieses Andenken des Entzückens in ihm ; übertäubt ist sein Gefühl vom Eigennutz . - Kein Mitleid , keine Schonung , keine Sorgfalt für die Mutter seines Kindes läßt er blicken . Das Spiel macht ihn grausam , hart und unmenschlich ! - Gott ! gib mir Mäßigung ! - Ich fürchte , ich fürchte , wenn meine Heftigkeit einstens losbricht , daß ich dann die Schranken der Gattin übertreten werde !!! - Lange läßt sich der Wurm treten ; aber wenn er sich loswindet , so sind seine letzten Krümmungen die schreckhaftesten ! - Bloß um meines Kindes Willen trage ich die Last mit der möglichsten Duldung . Aber wer bürgt mir für die Standhaftigkeit dieses Vorsazzes ? - Wer ist fühlloser Mensch genug , mich zur andauernden Marter zu verdammen ? - Fanny ! - Fanny ! - Ich bin in der gefährlichsten Stimmung ! - Nur die Religion ist mir noch ehrwürdig , sonst würde ich sie zerreißen diese Bande der Barbarei , die den Pflichtlosen an den Unschuldigen , zu des Letzteren Verzweiflung , ketten ! - Mein Oheim ist zurück ; er hat mir vergeben , und fordert Rechenschaft von meines Mannes Verhalten . Weh mir ! - Was kann ich ihm sagen , als .... o Gott ! Laß mich nicht murren , laß mich dulden , so lange es Dir gefällig ist ! Deine Amalie. 68. Brief . An Fanny LXVIII. Brief An Fanny Gegenwärtiger Brief wird meinen letzteren an Gram übertreffen , denn er hat seither in meinem Herzen Wurzeln gefaßt , dieser Gram , ist gewachsen und reif geworden ! - Alles stürmte auf mich los ! - Und ich wagte in der Verzweiflung einen Schritt , den nur eine Wahnsinnige wagen kann . - Lebhafte Temperamente sind die Mörder der Überlegung ; man rast der ersten besten Aussicht entgegen , die man sich im Anlauf der Galle so willkommen sieht ! - Hizzige , gallsüchtige Köpfe , denen es an guten Herzen fehlt , nehmen meistens ihre Rache an dem Beleidiger ; aber ich nahm sie an mir selbst , an meinem Kinde , an meiner Gesundheit , an meiner Ehre , an meiner Familie ! - Es ist freilich wahr , ich wurde mit mörderischer Hand misshandelt ! - Mein Kind ist durch Grausamkeit vertilgt worden aus dem Schoß ihrer Mutter ! - Sie ist dahin die Frucht meiner süßesten Hoffnungen ! - Ein wütender Augenblick meines Mannes hat mich bis zu dem Rande des Todes geschleppt , dem ich mit entzückender Erwartung entgegen sah ! - Ich will Dir diesen Auftritt seiner abscheulichen Leidenschaften schildern , um Dir , wenn es möglich ist , nur einen Schatten meines Elendes zu zeigen ! - Mein Mann blieb einstens , wie gewöhnlich , bis spät in die Nacht hinein in seiner Spielgesellschaft . - Was ich während diesen langen sechs Stunden , die ich schlaflos auf ihn vergebens harrte , ausstand , das läßt sich nicht beschreiben ! - Angst , Furcht , Schrecken , gräßliche Bilder der Zukunft , der hoffnungslose Gedanke seiner Besserung , die Kälte meines Oheims , den er durch Heuchelei zu gewinnen wußte , Sehnsucht nach einem anderen besseren Herzen , die Herannahung der drohenden Dürftigkeit machten meine Seele in einem Labyrinth des unbegreiflichsten Schmerzens verirren ! - Ich konnte weder weinen , noch klagen , ich konnte weder schlafen , noch wachen , ich träumte fort bis es mein Gehirn angriff , und der trostlose Zustand meiner Lage mich beinahe ums Leben brachte ! - Auf einmal hörte ich Lärm und Gepolter ; ein kalter Schauer durchzitterte meine Nerven , mein Mann stürzte rasend , mit zerrissenen Haaren , ins Zimmer , ich bebte , er sprang auf mich zu , faßte mich an und fluchte schrecklich ! - Die Todesangst trieb mich aus dem Bette , ich suchte ihn zu entwaffnen , stürzte zu seinen Füßen , aber seine Raserei wurde immer heftiger , er wand meine langen Haare um seine Hand und schleppte mich barbarisch im Zimmer herum ! Ich schrie nicht , ich klagte nicht , und das machte ihn noch boshafter , denn er hätte gern eine Furie in mir getroffen , um seiner Wut mehr Nahrung zu geben . Er tobte über meine Gelassenheit , und sehnte sich nach Anlaß , mir mit Recht so begegnen zu können . - Meine Standhaftigkeit , meine Seelengröße schien seine Wut zu verdoppeln ! - Er schäumte nach einer Mordtat , und wußte nicht , ob er sich oder mich zuerst umbringen sollte ! - Meine Natur und meine Leibesfrucht wurden über diesem Auftritt erschüttert ! - Ich sank in Betäubung hin , und er ließ mich mehrere Stunden sinnlos ohne Hilfe liegen . - Keine Seele von unseren Bedienten durfte ins Zimmer , worin ich mit ihm war . Endlich fiel ihm der Gedanke an sein Kind ein und erweichte ihn in etwas ; er nahte sich mir und fragte um meinen Zustand ? - Die erste Träne zitterte jetzt seit so vielen Stunden aus meinem Auge ! - Ich verhehlte ihm die Gefahr meiner Frucht und meines Lebens ; fragte ihn sanft um sein Befinden und um die Ursache seiner Krankheit ? - Er gestand mir , daß er diese Nacht beinahe das ganze Vermögen verspielt hätte , daß Verzweiflung sich seiner bemächtigt hätte , die ihn am Leben ekkelnmachte , daß er mich in dem Augenblick gehaßt hätte , weil ihm mein Anblick eine tötende Erinnerung seiner Ausschweifungen gewesen sei ! - Er gestand es selbst , daß ihn ewig und ewig nichts von der Spielsucht retten könnte ! - Er schien mich zu bedauern , und ging doch wieder aufs Kaffeehaus , seiner Neigung entgegen . Während dieser Zeit verließen mich meine Kräften , ich verlor mein Kind , und niemand zweifelte an meinem nahen Tode . - Man hinterbrachte ihm diese Nachricht , er schien darüber zu stutzen , aber kam demungeachtet mehrere Tage nicht nach Hause . Die Sorgfalt der Aufwärterin und meine Jugend beförderten bald wieder meine Gesundheit . Man riet mir , meinen Mann zu verlassen , um mein Leben zu schonen , das bei ihm in augenblicklicher Gefahr stünde . Ich hielt diesen Rat anfangs für abscheulich , bis ich endlich überlegte , daß die Pflichten gegen sich selbst immer die ersten sind , und verließ ihn heimlich , zwar ohne Plane , bloß mit der kleinen Hoffnung auf die Hilfe meines Oheims ; und so harre ich schon seit mehreren Wochen auf das Gutdünken desselben . Wie es weiter mit mir gehen wird , weiß ich nicht , aber so viel weiß ich , daß ich die Elendeste unter den Sterblichen bin ! - Amalie . 69. Brief . An Amalie LXIX. Brief An Amalie Arme , bedaurungswürdige Freundin ! So ist denn immer und ewig wahr , daß Du die Unglücklichste unter den weiblichen Geschöpfen bist ! - Gräßlich ist deine Lage , grausam das Betragen deines Mannes , tirannisch dein Schicksal ; ich möchte weinen , bis mir das Herz bräche , ich möchte trauern , bis zum Tage deiner Auflösung , wenn ich der Stimme ganz Gehör geben wollte , die mir laut zuruft : Herr Jesus ! - Wie wird mit deiner Amalie gehandelt ! - Man martert Dich bis auf den Tod ! - Man raubt Dir Gesundheit und Seelenruhe ! - So jung , und so unendlich unglücklich ! - So jung , und so erbärmlich misshandelt ! - Mein Gott ! - Mein Gott ! - Wenn ich nur bei Dir sein könnte ! - Wenn ich sie nur auffangen könnte , die Streiche deines schrecklichen Schicksals ! - Wenn ich nun vollends deine Lebhaftigkeit bedenke ; wenn ich denke , daß ein beleidigtes gutes Herz zu Allem fähig ist ; wenn ich denke , daß Dich einst Verzweiflung zu Allem verleiten könnte ; o dann schwindelt mir vor der Zukunft ! - Aber wie ? - Auch dein guter Oheim ist für Dich nicht mehr das , was er war ? - Nein , das ist unmöglich , Malchen ! - Die Heuchelei deines Mannes hat bloß die Oberfläche berührt , sie ist nicht in sein Herz gedrungen . Ich kenne sein Menschengefühl , ich kenne seine Liebe für Dich . Vaterliebe , Gewißen , Vernunft , Mitleiden , werden bald wieder an die Stelle dieser Kälte treten ; Du wirst siegen über ihn , dein Mann mag ihm geschrieben haben , was er will ! - Hat dieser Oheim Dich nicht erzogen ? - kennt er nicht die innersten Falten deines Herzens ? - Liebt er Dich nicht innig und warm ? - Getrost , Liebe ! bald wird dein Oheim Dich selbst trösten . - Herr Gott im Himmel ! - Wie der Gedanke an deinen Mann wieder von neuem in meinem Kopf stürmt ! - Und dieses Ungeheuer hatte den Mut , Dich arme Dulderin bei den Haaren herumzuschleppen ? - Und Du Engel der Sanftmut , ließest Dich ohne Murren , ohne den geringsten Laut von Dir zu geben , so teuflisch behandeln ! - O diese Standhaftigkeit ist unbegreiflich , ist die größte Seelenstärke , die je in einem Weibe wohnte ! - auftreten mag sie , das Weib in der Schöpfung , wenn es noch eine gibt , und mit Dir um Preis einer solchen Tugend ringen ! - Malchen ! - Malchen ! - Du mußt schon Überdruß an deinem Leben fühlen , sonst könntest Du nicht mit der Gelaßenheit die Gefahr Deiner Gesundheit ertragen . - Herrliche , brave Seele von einem Weib ! - Schone Dich um Gottes Willen , kehre zurück zu den Freuden der Natur ! - Höre auf , Dich selbst zu töten ! Welches Gesetz wird es billigen ? - Höre auf , dein Leben zu Grunde zu richten ! - Natur , Gott und Menschen sind nicht so grausam , daß sie eine Unschuldige mit den Ausschweifungen eines Lasterhaften geißeln wollen ! - Dein Mann ist verloren , keine Besserung ist mehr zu hoffen ! - Sein Gefühl ist weg für Dich , für ihn selbst ! - Wer könnte Dir raten an der Seite eines Barbaren zu schlafen , der alle Augenblicke bereit ist , dein Mörder zu werden ! - Wer wäre unempfindsam genug , ein holdes weibliches Geschöpf länger unter der Tyrannei eines Verrückten zu lassen ? - So ein armes schwaches Weibchen sollte , bei dem geringsten Geräusche , bei dem mindesten Knarren der Wand , zittern , beben , und Todesangst fühlen ? - sollte sich gutherzig unter den Klauen eines Unsinnigen würgen lassen ? - Und warum ? - Weil ihre Gutheit an einen Unglückseligen geriet , der sie nicht zu schätzen weiß ! - An einen Mann , der seine Übermacht bloß darum fühlt , weil seine Frau nicht pöbelhaft genug ist , bei dem Richter Hilfe zu suchen . - Bei Gott ! - Das wäre wider die Menschheit ! - Da sinkt sie hin in einem Winkel des Zimmers , das Opfer der schrecklichsten Grausamkeit , kämpft mit der augenscheinlichsten Lebensgefahr , schreit zu Gott um Beistand , ringt die Hände , und bittet im Stillen ihren Henker um den letzten Todesstreich ! - So ein armes , schwaches , empfindsames Weib sollte noch länger ihre feinen Glieder peinigen lassen ! - O menschliches Gesetz , ich würde dich verabscheuen , wenn du das fordern wolltest ! - Du hast wohl getan , Freundin , Dich zu entfernen , jede Pflicht ist nur dann heilig , wenn unsere Selbsterhaltung nicht darunter leidet ! - Wie kann die Religion , wie können die Gesetze von Dir ein so teures Opfer fordern ? - Ist Deine Entfernung nicht Klugheit ? - Nimmermehr kann ich zugeben , daß Du Dich neuen Auftritten bloßgibst . Laß ihn fortwandeln , den Verworfenen auf dem Wege , der zum Abgrunde führt ! - Bleibe seinem Auge verborgen ; Sorge für deine Gesundheit , und bitte den Allgütigen um Standhaftigkeit in deinem Entschluß . O Amalie ! - Was wäre Dir bevorgestanden , wenn Du geblieben wärest ! - Mord und Tod wäre vielleicht das Ende dieser unglückseligen Ehe ! - Wer weiß , ob Dich nicht Raserei zu einem blutigen Entschluß verleitet hätte ! - Ich kenne den Grad deiner Leidenschaften und deiner Melancholie . Dank dem Ewigen im Himmel , daß Du weg bist ! - Nimm hin tausend Küsse von Deiner Fanny . 70. Brief . An Fanny LXX. Brief An Fanny Dein letzter Brief traf mich etwas ruhiger . Nimm meinen wärmsten Dank für dein Mitleiden . Noch nie habe ich Dich mit solchem Feuer mein Wohl verteidigen gehört . - Noch nie hast Du Dich unterstanden , als aufgeklärte Philosophin , Pflichten gegen Andere mit der gesunden Vernunft abzuwägen . - Die Liebe zu mir riß Dich hin , die Liebe zu mir lies Dich vergessen , daß kleine Tugend kleines Opfer , und große Tugend großes Opfer fordert . - Was wäre es denn auch gewesen , wenn er ihn zum Krüppel gestoßen hätte , diesen elenden Körper , der über kurz oder lang doch zu Staub werden wird ? - Seine Mißhandlung war doch im Grunde bloß Übereilung und Krankheit des Gehirnes . Wäre ich so glücklich nur eine Spure von Besserung in ihm zu entdecken , so müßten tausend solche Misshandlungen nichts gegen meine Geduld sein ! - Die ganze Welt sollte mich dann nicht von ihm trennen , die ganze Menschheit nichts über mich vermögen , und alle Leiden meines kranken Körpers würde ich für lauter Andenken ansehen , die mir halfen über mich selbst zu siegen . Tugend ist in wahrhaft tugendhaften Menschen eben so äußerst standhaft , als groß das schwelgende Laster beim Niederträchtigen ist . - Unverdorbene Menschen können unmöglich mit Willen lasterhaft werden , denn die Leidenschaften unterjochen ihre Begierden , aber nicht ihren Willen . Noch hängt mein gutes Herz an dem bedaurungswürdigen Gegenstand der schrecklichsten Erinnerung . Noch kann ich mir den Gedanken der süßen Wiedervereinigung nicht aus dem Kopfe bringen . Was wird er machen ? - Wie wird er gerast haben über meine plötzliche Entfernung ? - Wie wird ihn in einsamen Stunden das Andenken an sein Weibchen ängstigen ? - Wie werden beissende Vorwürfe seinen Schlaf stören und sein Leben vergiften ! - O du gütiger Gott im Himmel , und an allem dem bin ich Schuld ! - Warum verlies ich einen unglücklichen Gatten , den die Leidenschaft des Spiels zu Boden drückte , um diese Fraße von einem jugendlichen Gesicht , um diese mürben Knochen zu schonen ? - Ha ! - Ich bin eine Verworfene ! - Eine Pflichtlose ! - Eine Nichtswürdige ! - Wie konnte ich mich so zur gemeinen Gattung von Weibern herabstimmen ? - Wie konnte Rache in meinem Herzen Platz finden , das bloß der Pflicht offen stehen soll ? - Freundin , deine Philosophie mag gut sein , aber sie beruhigt weder mich , noch mein Gewissen ! - Laß mich hineilen in die Arme meines Gatten , der mir gewiß verzeihen wird ! - Handlungen , die nicht aus bösem Herzen kommen , verzeiht man ja so leicht ! Auch mein Oheim wünscht unsere Wiedervereinigung . - O Gott ! - Wenn das zurückkehren nur schon überstanden wäre ! - Ich schäme mich vor meinem Manne zu erscheinen , der jetzt Beweise von meiner wankenden Tugend hat . - Nun habe ich sein Zutrauen verloren , ich Arme ! - Sieh herab , Vater meines Schicksals , sieh herab auf mich Elende , erfülle meinen feurigsten Wunsch , wieder zu meinen ehemaligen Pflichten zurückkehren zu können ! Sünde ist ja nur das , was mit Vorsatz und Bosheit geschieht ; und davon weiß ich nichts . - Schwachheit ist das Erbteil eines gefühlvollen Herzens ; aber Tugend wohnt darin , wenn der Gram es nicht verwildert . O hätte mein Gatte Überlegung genug , dränge er mit tiefer Untersuchung in mein Herz , wie glücklich könnte er sein ! - Ich fühle mich so ganz Nachsicht gegen seine Fehler , so ganz Gutheit gegen sein wildes Wesen , so ganz Sorgfalt für sein Wohl ! - Es sollen nicht zweien Tage vergehen , so bin ich wieder bei ihm , diesen Schritt bin ich den Augen der Welt und meiner Pflicht schuldig . Ist es wieder nicht von Dauer , so habe ich mir doch nichts vorzuwerfen , so bin ich doch nicht sträflich . Siehst Du , Freundin , so kämpft der Mensch auf dieser armseligen Erde mit Tugend und Laster , mit Leben und Tod , mit Elend und Glückseligkeit , mit Rechtschaffenheit und Versuchung , bis sie heranrückt die Stunde , wo wir Rechenschaft geben müssen , und wo der barmherzige Richter alles selbst untersucht . Wohl mir , wenn ich einst vor ihm mit reinem Herzen erscheinen kann ; wohl mir , wenn er nur Schwachheit und kein Laster in mir entdeckt ; und doppelt wohl mir , wenn mir die Belohnung zu Teil wird , die auf alle guten Seelen wartet ! - Lebe wohl Fanny ! - Antworte mir nicht , bis Du wieder Nachrichten von mir hast . Es küßt Dich innig Deine Amalie. 71. Brief . An Fanny LXXI. Brief An Fanny Seit wenigen Wochen bin ich wieder an dem Orte meiner Bestimmung . Mein Mann holte mich selbst zurück . Er schien Reue über sein Betragen zu fühlen . - Er bleibt nun Nachts nicht mehr so lange aus , wie sonst ; aber ich denke , daß seine leere Börse die Ursache davon ist ; denn er läßt mich jetzt förmlich darben . Bald wird mir meine Haushaltung den Spott der Dienstboten zuziehen ; bald werde ich außer Stand gesetzt sein , mit Anstand vor der Welt zu erscheinen . Einige Nichtswürdige von seinen Freunden nahmen sich die Kühnheit heraus , mir Unterstüzzung anzubieten . Wenn das eine Probe von Seiten meines Mannes ist , so könnte ich ihn verachten ! - Und eine Probe muß es sein , denn sonst hätten diese Elenden den Mut nicht , so etwas zu wagen . Armut ist ohnehin für Tausende eine Klippe ; aber für mich ist sie es nicht , denn ich habe denken und entbehren gelernt . Ich bin auf Alles gefaßt ; ich murre über nichts , als über den Verlust seines Herzens ! - Tödliche Langeweile plagt ihn jetzt sehr oft , Geldmangel versagt ihm das Spiel , und so sitzt er oft acht ganzer Tage in stummer Hypochondrie zu Hause ; sorgt für nichts , arbeitet nichts , und scheint heimlich sein Schicksal zu verfluchen ! - Es ist traurig , wenn zweien Menschen zur beständigen Gesellschaft so aneinander gekettet sind , um sich das Leben zu verbittern . Er rast und tobt nicht mehr mit mir , aber dagegen lebt er so unempfindlich fort , ohne an sein Dasein oder an meine Ruhe zu denken . Wenn ich ihm schmeichle , so stößt er mich mit einer geschickten Ausrede von sich . Und ich muß gestehen , Freundin , daß mein Herz seit dem letzteren Auftritt eine gefährliche Wunde bekommen hat , die ich in der Abwesenheit nicht so fühlte , und die mir Nichtschweiger als Abneigung schien . So bald Eheleute gegen einander die Achtung verlieren , dann ist Liebe und Zärtlichkeit ebenfalls dahin . Diese Achtung allein beherrscht das Herz , den Kopf und die natürlichen Triebe . So bald es unter Eheleuten zu niedrigen Auftritten kommt , so mischt sich eine Art von Haß ins Spiel , man vergißt wohl die Mißhandlung , aber der Eindruck bleibt doch , und der beiderseitige Stolz ist unversöhnlich beleidigt . Ich vergebe meinem Manne von Grund der Seele , aber Misstrauen , übler Begriff ist an die Stelle der Achtung getreten , mit der ich einen sanften , guthandelnden Gatten verehren würde . Ein gutgezogenes Weib ist in diesem Punkt äußerst delikat . - Mit guter Art , mit wohl Eingerichte Behandlung kann ein Mann von Erziehung alles mit einem solchen Weibe ausrichten . - Aber wenn er sich durch sein Betragen bis zum Pöbel erniedrigt , wenn er sich an ihren Körper wagt - o dann duldet das gute Weib , aber entsetzt sich dennoch über so ein gemeines Betragen . Doch weg davon , Liebe ! Ich hoffe , daß er sich nicht so leicht wieder vergessen wird , denn in weniger Zeit reisen wir beide zu meinem Oheim , er ist dorten für die Werbung bestimmt . Mein Oheim lernt ihn bei dieser Gelegenheit näher kennen : denn , ich muß Dir sagen , dieser gute Oheim ist , dem Vorgegangenen ungeachtet , noch sehr für meinen Mann eingenommen ; er läßt sich_es nicht aus dem Kopf reden , daß er nach seinen Briefen mehr Gefühl haben müsse , als ich ihm zugestand . Er erwartet uns beide mit Verlangen . Niemand ist darüber froher als ich . Da ist denn der Ort , wo sich mein Unglück dem Auge meines Oheims klar zeigen wird . Vielleicht bessert dieser gute Vater meinen Mann durch seinen Umgang . - Vielleicht öffnet er sein Herz , seinen Charakter , die so sehr verschloßen sind ; vielleicht erhalte ich seine Liebe wieder . - Ach ! - Wie viele Vielleicht wüßte ich mir noch zu sagen , um meinem kranken Herzen Freude zu machen . - Aber leider , daß es nur bloße Vielleicht , und keine Gewissheiten sind ! Ich muß Dir noch einen Sturm erzählen , den mein Herz durch einen Leichtfertigen ertrug : Jener Junge , den ich vor meinem Mann kannte , und der mich so großmütig zum Altar hinschleudern lies , hatte die Kühnheit , mir einen sehr schwärmerischen Brief heimlich zuzuschicken . - Er klagt über die Heftigkeit seiner jetzt aufwachenden Leidenschaften ; er flucht den Banden , die mich fesseln ; er erfuhr mein Unglück , und verabscheut seinen Urheber . Der Unglückselige macht mich zu einer heimlichen Verbrecherin , indem er jenes alte Feuer der Leidenschaft wieder anfacht , und in einer Lage anfacht , wo es nur zu gerne und zu geschwinde in helle Flammen ausbrechen könnte . - Mitleid , Missvergnügen , Anlage zu schwärmerischen Neigungen , Leere meines Herzens , der Wunsch leidenschaftlich beklagt zu sein , alles das reizte mich unwiderstehlich zum Antworten . Er ist zwar von mir entfernt , aber bin ich dadurch minder strafbar ? - Das Herz eines empfindsamen Weibes ist doch ein unbegreifliches Rätsel , das sich so leicht und so strafbar auflöst . - Da setzte ich mir so philosophische Sätze in Kopf , und bildete mir ein , daß sie nicht erwidert würde meine Liebe , die ich für meinen Mann nährte - und hielt sie also für Verschwendung . Undank schmerzt schrecklich , und unbelohnte Liebe ist Hölle für ein zur Liebe geschaffenes Weib . - So viel heute von deiner unzufriedenen Amalie . 72. Brief . An Amalie LXXII. Brief An Amalie Du bist also wieder bei deinem Manne , und mein Brief , worin ich Dich so innig bat , von ihm weg zu bleiben , tat auf Dich keine Wirkung ? - Liebes , liebes Malchen , diese Tugend ist übertrieben , aber sie macht demungeachtet deiner Denkungsart Ehre . Gott gebe , daß es lange bei ihm gut tun möge ! Wenn ich aber aufrichtig reden soll , so zweifle ich sehr daran . - Ihr beide habt nun einmal eure Herzen gegen einander verstimmt , und schwerlich werden sie sich wieder finden . Ist es möglich , dein Mann vernachlässigt sein Hauswesen und läßt Dich darben ? - Wahrhaftig Stoff genug zur vollkommenen Abneigung ! - Ein Herz dessen Güte durch die Not muß auf die Probe gestellt werden , hält selten die Probe aus . Ich zweifle nun nicht an der Güte deines Herzens , aber Mangel macht doch den willkürlichen Urheber desselben verabscheuen . - Wenn es in einer Haushaltung zu fehlen anfängt , o dann kommen tausend unerwartete Verdrüßlichkeiten dazu , die dem besten Menschen seine Geduld benehmen . Schulden , Trotz von Seiten der Dienstboten , Kummer für Nahrung beugen ein empfindliches Herz zu sehr , als daß es nicht oft in üble Laune ausarten sollte . Man fühlt sein Unglück weit lebhafter , wenn man die Ursache davon vor Augen sieht ; die Galle wirkt heftiger , sobald ihr der Stoff dazu alle Augenblicke aufstößt . - Gute Herzen sind zwar nicht unversöhnlich , aber wenn gute Herzen zu stark beleidigt werden , dann werden sie gleichgültig . - Daß Dir in deiner harten Lage niederträchtige Mannspersonen Unterstüzzung anboten , darüber wundere ich mich keineswegs . Es gibt ja eine Menge solcher Elenden , die ein kummervolles , zerrißenes Herz bloß um ihrer teuflischen Wollust Willen unterstützen . Wie kann man doch an einem Körper Freude haben , wenn die Seele darin blutet ? - Wie kann der reiche Schwelger um sein Geld bei armen , aber fein denkenden Frauenzimmern Gunstbezeugungen genießen , wenn jeder Angriff von ihm ein Schlangenbiß für so eine Unglückliche ist ? - O Menschen , wie lange wird es noch dauern , bis ihr denken lernt , und dadurch euer Gefühl verfeinert ? - Doch , um jetzt auf was anderes zu kommen : ja wohl ist es traurig , meine Freundin , daß oft so disharmonierende Charakter in der Ehe ewig an einander gefesselt bleiben müssen ! - Wir haben doch nur eine Glückseligkeit im menschlichen Leben , die in der Zufriedenheit eines mit uns gleichdenkenden Geschöpfs besteht , und wenn wir nun gerade das Unglück haben , an etwas Unrechtes zu geraten , so ruht der Fluch einer zeitlichen Verdammnis schwer auf unserem Herzen . Sie schleichen dahin , die schrecklichen Tage des Hasses , in Gesellschaft einer Person , mit der man nichts gemein hat , als den Zwang sich einander zur Last sein zu müssen . So lange die Eltern nicht in der Wahl für ihre Kinder vorsichtiger werden , so lange die Mädchen und Jungen nicht denken und absichtlos , bloß aus Güte des Herzens und mit Überlegung lieben lernen , eben so lange werden die vielen unzufriedenen Ehen nicht aufhören , und die Menschheit wird durch dieses göttliche Band mehr unglücklich als glücklich sein . Galanterie schleicht sich an die Stelle der Liebe , Eigennutz an die Stelle der Güte , Verstellung an die Stelle der Redlichkeit , Widerspruch an die Stelle der Nachsicht , Falschheit an die Stelle des Nachdenkens ; und so leben diese Mietlinge des Lasters mit entferntem Herzen , bloß zum Schein , in einer entlehnten und nie empfundenen Glückseligkeit ihre Tage fort , ohne Vergnügen , ohne Zutrauen , ohne wechselseitigen Anteil , kalt gegen einander bis ins Grab . Die adelige Dame schämt sich des Worts Mann , sie nennt ihren Gatten den Herrn von ... . Sie mag der Redlichkeit keine Lüge aufbürden , wenn sie ihren Gatten nach deutscher biederer Art ihren Mann nennen würde . - Der vertrauliche Ton der gefühlvollen Gutherzigkeit ist aus den adeligen Ehen verbannt . Komplimenten , steife Zurückhaltung , süße Betrügereien , affektierte Zierereien , ist der Gang ihrer beiderseitigen Lebensart . - Der Mann schläft in der vorderen Ecke des Hauses voll Projekten für das Wohl seiner Konkubinen ; die Frau in der hinteren Ecke voll Beschäftigung für die Erhaltung ihrer Sklaven . Keines kümmert sich um das Andere . Die Kinder , wenn je der erste Taumel der Triebe noch welche erzeugt hat , werden wie Fremdlinge , weit von Vater und Mutter erzogen , lernen , wenn sie wieder zu ihnen kommen dürfen , Stolz und Fühllosigkeit vom Vater , Torheit und Eitelkeit von der Mutter . - Das sind die sogenannten adeligen Verbindungen , wo bei der Wahl weder gesunde Vernunft noch Neigung , sondern bloß Eigennutz und Konvenienz herrscht . Doch nun wieder auf deine Ehe zurück : Du bist wirklich geschaffen das Glück eines guten Mannes zu machen . Mußtest Du denn gerade auf so einen Wildfang stoßen , der dein Herz verstimmt und deinen Kopf widerspenstig macht ? - O Schade ! - Schade , Amalie , für Dich ! - Das will ich Dir wohl glauben , daß seine rohe Behandlung deine Neigung verkleinert . Wenn sich der Stoff zur Hochachtung für einen Mann durch sein Betragen verliert , was bleibt denn dem guten Weib übrig , als Mitleid und Abneigung ? - Wir Weiber sind in diesem Stück zu tieffühlend , um den Mann schwärmerisch fortzulieben , der sich selbst unserer Hochachtung unwürdig machte . Wir bleiben einem solchen Manne wohl so treu , als möglich , aus Pflicht ; aber Pflicht ist doch noch lange nicht das entzückende Opfer der Liebe ! - Ein Opfer , das sonst ein schwärmerisch liebendes Weib so frei , so feurig ihrem Gatten bringt ! Wenn es den Männern gerät ein Weiberherz zur wirklichen Liebe zu reizen , o dann darf , bei Gott , keiner besorgen , daß sie ihm untreu werde . - Aber er muß Vernunft , Leidenschaft , Güte des Herzens besitzen und das Ehrengefühl eines Weibes anfachen können , auch manchmal kleinen Grillen auszuweichen wissen , und dann möchte ich das empfindsam denkende Weib sehen , die so einen Gatten nicht bloß lieben , sondern anbeten würde ! Versteht sich , wenn anders ihr Herz noch von Modesucht und Lastern frei ist . Die angeborene Güte eines Weibes ist so leicht für die Glückseligkeit eines Mannes zu gebrauchen , wenn der Mann Feinheit genug hat , diese Güte zu seinem Vorteil zu nützen und ihren Schwachheiten mit männlichen Grundsätzen zu Hilfe kommt . Das Weib ist nicht als Furie geboren , sie wird erst zur Furie gemacht , wenn ihre Güte durch Mißhandlung verhärtet , ihre Schwachheit durch Bosheit gereizt , und ihre Sanftmut durch Undank beleidigt wird . Das , meine Liebe , wäre gerade dein Fall , Du würdest das beste , getreueste , herrlichste Weibchen auf Gottes Erdboden sein , wenn deine Güte erkannt und nach Verdienst behandelt würde . Harre standhaft meine Traute , vielleicht knüpfest Du einst ein anderes Band , das Dir doppelte Seligkeiten verspricht . - Doch noch Eins : Brich den Briefwechsel mit dem Jungen ab , der an Dich schrieb ; er ist ein undankbarer Tollkopf , der zu spät an deine Rettung dachte . Die Liebe ist erfindsam , sie zwingt zwar nicht immer die Umstände , aber bei kalten , furchtsamen Menschen zwingen immer die Umstände die Liebe . Ein Weibergeklatsch , das Gebrumm der Verwandten kann leicht einen hasenfüßigen Liebhaber wanken machen . Aber so etwas , das wanken kann , war nie Liebe - es war Lüge , es war Betrug , es war elender Alltagskram ! - Warum ließ denn der Einfältige von Dir ab , sobald er fand , daß Du das Mädchen wärest , welches sein Leben beglücken könnte ? - Warum überließ er ein junges , unerfahrenes Mädchen dem Ungefähr der Lage ? - Warum überdachte er nicht statt Deiner die Folgen deiner Verbindung ? - Du gabst ihm ja Nachricht von deinen Aussichten ; hätte er sich nicht wenigstens als Menschenfreund , um den Charakter deines Mannes erkundigen sollen ? - Er brachte Dir aus Stolz ein Opfer seiner Leidenschaft , und ließ sich dabei fühllos , unvorsichtig einem Abgrund zugängeln , worein er sich jetzt selbst gerne noch stürzen möchte . Brich ab , Amalie , mit diesem unvernünftigen Geschöpfe , und erinnere Dich deiner Dich liebenden Fanny . 73. Brief . An Fanny LXXIII. Brief An Fanny Zürne doch nicht , Herzensfreundin , daß ich Dir erst jetzt Nachricht von mir und meinem Schicksal gebe . Gerade so , meine Traute , wie ich Dir letzthin schrieb , kam es mit dem Werbungsgeschäft zu Stande ; ich und mein Mann sind dermalen schon bei meinem Oheim in K... Du würdest staunen , Liebe , wenn ich Dir die vielen Verdrüßlichkeiten hinlänglich beschreiben könnte , die mir aus übler Wirtschaft meines Mannes noch vor meiner Abreise über den Hals fielen . - Ich glaube , es kann keine verdrußlichere Lage in der Welt sein , als die , wenn man Schulden bezahlen soll , und es aus Unvermögen nicht kann . - Ich meines Teils , wüßte mich in diese Lage gar nicht zu finden . Mein Mann kümmerte sich gar nichts darum , lief aus dem Hause , und überließ mich armes schüchternes Ding leichtsinnig den Grobheiten des Pöbels . Du glaubst nicht , was ich da für eine einfältige Figur spielte , als man Anforderungen an mich machte , zu stolz , um eine solche Erniedrigung nicht zu fühlen , und zu redlich , um unsere Gläubiger mit Lügen abzuweisen . - Endlich raffte ich mein Bisschen Geschmeide zusammen , zahlte wie ich konnte , und wir reisten in Gottes Namen ab . Daß uns nun mein Oheim mit aller Wärme empfing , das versteht sich von selbst , und davon bist Du auch zum Voraus überzeugt , weil Du sein Herz kennst . Daß aber mein guter Oheim beim ersten Anblick meines Mannes blind war , das wirst Du wohl nicht ganz begreifen können ? Es war wirklich ein sonderbarer Auftritt ! - Denn Du weißt , mein Mann trägt die untrüglichste Larve eines sehr soliden Mannes an sich . Der feinste Menschenkenner hat Mühe verborgene Leidenschaften auf seinem Gesichte zu entdecken . Er scheint gleichgültig gegen alle Versuchungen des Lasters und trägt das Ansehn eines tiefdenkenden Philosophen auf seiner Stirn . Als ihn nun mein Oheim mit dieser Maske zu sehen bekam , rief er mir bei Seite , und flüsterte mir ins Ohr : Malchen , Malchen ! Du hast mir die Unwahrheit geschrieben ; dein Mann sieht zu redlich aus , um das zu sein , was du behauptest . . . Nur Geduld , lieber Oheim , sagt ich ihm wieder ganz leise zurück - es wird sich schon zeigen , wenn Sie ihn einst näher kennen . - Jetzt wurde mein Mann auf unsere geheime Unterredung aufmerksam , und wir kehrten beide wieder zur Gesellschaft zurück , die sich eben versammelt hatte . - Dann fing man zusammen an zu essen , zu trinken und sich wechselseitig über unsere Ankunft zu freuen . Ich saß sehr nahe an der Seite meines guten Oheims , griff nach seiner Hand , so oft es sich schickte , und küßte sie mit Entzücken ! Mein Herz klopfte diesem herrlichen Manne bei jeder Bewegung entgegen , und ich ärgerte mich über die eiskalten Gespräche von Reisen und dergleichen , mit denen man sich während der Essenszeit unterhielt . Mein von Dankbarkeit volles Herz war unter dieser Zeit zum Weinen , zum Küssen gestimmt . - Ich hätte gerne mit der feurigsten Liebe alles getan , was nur ein fühlendes zärtliches Kind zu tun im Stande ist , wenn es nach einigen Jahren seinen Wohltäter , seinen Erzieher , seinen Vater wieder findet . Allgütiger im Himmel , wie glücklich ich mich da dünkte ! wie ich mich auf die Tage freute , die ich nun an der Seite dieses guten Vaters verleben würde ! - O liebe , liebe Freundin , der Mann ist gar zu sanft , gar zu gut gegen mich , ich verdiene es beinahe nicht . Aber schrecklich stark fühlte ich den Abstand zwischen der Behandlung meines Mannes und ihm . Was der liebe Vater sich meiner freute ; wie er jedem Ausdruck von mir holden Beifall zulächelte ; wie er heimlich stolz war auf mein Herz , dessen Bildung sein Werk ist ; wie er mit Vergnügen sah , daß ich seit einigen Jahren Abwesenheit so gewachsen sei , und wie er dann wieder sein Auge von wir wegwandte , um einer melancholischen Träne Luft zu machen ! Gott ! dabei muß ihm das Unglück meines Ehestandes eingefallen sein ! - - Und denke Dir nur , meine Gute , alle diese Auftritte sah mein stoischer Mann mit einer fühllosen Kälte mit an . O du lieber Gott , was es doch für Menschen in der Welt gibt ! - Nichts rührte den Empfindungslosen , als bloß die vorzüglich gute und höfliche Behandlung , mit der ihm mein Oheim und die Übrigen des Hofes begegneten . Sehr natürlich mußte so etwas seiner Eitelkeit schmeicheln , denn der Fürst selbst hatte , in Rücksicht meines Oheims , viele Gnaden für ihn . Den nämlichen Abend ging mein Oheim um unserer Gesellschaft Willen , nicht zur fürstlichen Tafel . - Wir speisten alle zusammen auf seinem Zimmer , und kaum waren wir einige Minuten zusammen , so versammelten sich mehrere Kavaliers , und freuten sich über unsere Ankunft . Baron Sch ... war auch einer davon ; wahrlich , ein sehr herrlicher junger Mann ! Er ist der beste Freund meines Oheims , und so ganz gefühlvoller Mensch , ohne Ahnenstolz , ohne Forderungsgeist ; nebst einer großen Seele trägt er ein vortreffliches Herz im Busen und den lebhaftesten Geist im Kopf , der ihn weit über alle Anderen erhebt ; es ist ein Mann ohne Vorurteil , der bloß der Freundschaft , der Redlichkeit und der Tugend lebt . Er ist sanft ohne Schüchternheit , gut ohne Schwachheit , lustig ohne Wildheit , erhaben ohne Hochmut , witzig ohne Ziererei ; kurz das Muster eines sehr würdigen Kavaliers . Die übrigen , so zugegen waren , sind muntere Herrchens , denen man es ansieht , daß es ihnen nicht am Wohlleben fehlt . - Du kannst Dir nicht vor stellen , liebe Fanny , wie aufgeweckt den nämlichen Abend mein Oheim noch geworden ist . Ich säumte gar nicht meinen ganzen Witz aufzubieten , um alles so gut als möglich zu unterhalten . - Du kennst ja meine Lebhaftigkeit , wenn ich anfange munter zu werden ? Schon oft wurde ich nachher über mich selbst ärgerlich , wenn meine Überlegung mir sagte , daß eben diese Lebhaftigkeit mir den Schein des Leichtsinns gäbe , der doch gar nicht in meinem Charakter liegt . - Aber ich bin nun einmal schon so , und kann nichts halb genießen , sondern alles ganz , alles äußerst . Doch freut mich in Gesellschaften nichts mehr , als wenn ich Anlaß bekommen kann , die Männer recht tüchtig zu satirisieren . Öfter treffen mich dann dabei auch tüchtige Hiebe ; und , Fanny , ich bin Dir dann Mäuschenstille dazu , wenn man mir wieder die Wahrheit zurücksagt . Überhaupt gefällt mir der fein-satirische Ton in Gesellschaften unendlich . Er muß zwar an keine Beleidigungen grenzen , aber er muß munter , vernünftig frei , nach Laune handeln dürfen . Es ist in Gesellschaften eine wahre Freude , wenn man die Stunden , so unter frohem Gelächter dahineilen sieht . O möchten sich doch die Frauenzimmer mehr aufs Gesellschaftliche verlegen ! - Möchten doch die langweiligen , unnüzzen Geschöpfe lernen die Männer mit etwas Besserem , als mit ihrem bloßen Körper zu unterhalten . Ausschweifung und Verachtung würde dann weniger obwalten , wenn die Männer nicht an der Seite der Weiber zur ersteren aus Langeweile , und zur letzteren aus Überzeugung schreiten müßten . - Es ist eine ewige Schande , daß die Männer bei den Weibern , bloß Genuß suchen können , und daß die Weiber nichts Besseres zu geben wissen . Daher kommt die gewaltige Mißhandlung der Männer , weil so wenig Weiber den guten Ton der Gesellschaft verstehen . Lebe wohl , beste , liebste meiner Freundinnen ! - Deine Amalie . 74. Brief . An Fanny LXXIV. Brief An Fanny Da bin ich Dir schon wieder , meine Teuerste , und will mich recht herzlich mit Dir unterhalten . Wenn Du mir aber so oft antworten müßtest , als ich Dir schriebe , so würdest Du wahrlich nicht viele andere Geschäfte daneben treiben können . Indessen will ich es mit Dir nicht so genau nehmen , wenn Du mir auf drei Briefe nur eine Antwort zukommen lässt , so bin ich völlig zufrieden . Genug ich habe es mir einmal vorgenommen , Dir so oft und so viel zu schreiben , als es mich gelüsten wird . Und auf diese Art , sollst Du heute schon wieder etwas von meinem ungezogenen Mann zu lesen bekommen . - Bedenke einmal , kaum sind wir Beide einige Wochen hier , und schon fängt der Leichtsinnige seine alten Ausschweifungen wieder an , ohne sich Schranken zu setzen . - Mein guter Oheim hat ihm mit dem besten Zutrauen Geld vorgestreckt ; das war gerade sein Verderben , weil er wieder damit aufs Neue zu spielen anfing . - Ich habe bis jetzt seine Aufführung mit allem Fleiß - bloß um nachher meinen Oheim desto augenscheinlicher davon zu überzeugen - verborgen gehalten . - Wenn der Elende aber so fortfährt , so wird er sich selbst bald in einem Lichte zeigen , worüber mein Oheim staunen wird . - Da er nebst dem so viele Werbungsgelder in Händen hat , so ängstige ich mich fast zu Tode , denn es sind lauter Reize fürs Spiel . - Auch ist er sehr unordentlich und nachlässig in seiner Pflicht . - Gott ! wie kann bei so einem Betragen sein guter Name vor den Stabsoffizieren ohne Argwohn bleiben ? - Selbst seine Untergebenen murren über seine Liederlichkeit ; und Militärdienste sollten doch heilig sein ; die geringste Nachlässigkeit darin ist ein Verbrechen . - Will denn um Gotteswillen dieser Mann nicht begreifen lernen , daß er ganz anders handeln muß , wenn er seiner Uniform Ehre machen will ? - Allgütiger , gib ihm doch Vernunft und Rechtschaffenheit ! - O möchte er als ehrlicher Mann sein Leben durchwandeln ! Möchte es mir nie an Geduld fehlen , seine Aufführung zu ertragen ; denn besseren werde ich ihn doch nimmermehr ! - Nun aber , holde Fanny , will ich von diesem Punkte abbrechen , sonst werde ich wieder schwermütig , und schade meiner Gesundheit . - Also zu etwas anderem ! - Und das wäre ? Was meinst Du wohl ? - Eine kleine Beschreibung vom hiesigen Orte will ich Dir jetzt liefern : Der Hof ist ein altes adeliges Stift , das aus lauter stiftsmäßigen Kavalieren besteht . Sie erwählen unter einander selbst ihren eigenen Fürsten , der zugleich souveräner Herr seines Landes wird . - Dieser Fürst hält sein eigen Militär und alle Zierden eines vornehmen Hofes , ist aber nebst den übrigen Stiftsherren einem geistlichen Orden zugetan , zu dessen Pflichterfüllung einige Stunden des Tages in der Frühe gewidmet werden . - So bald nun diese Stunden der Andacht vorüber sind , so genießen die Geistlichen alle möglichen Freuden eines weltlichen Hofes . Sie halten große Tafel , fahren , reiten , haben prächtige Zusammenkünften , Ergötzen sich auf ihren Landgütern , stellen Jagden an , u. s.w . Doch geschieht dies alles , wie ich glaube , mit Erlaubnis ihres Fürsten . - Ich muß überhaupt die ganze schöne Einrichtung dieses Hofes loben ; nur eines gefällt mir nicht ; und es will mir durchaus nicht in den Kopf , daß zwischen diesem Hofe und der so nahe daran gebauten protestantischen Stadt , bei unseren aufgeklärten Zeiten , noch ein Bisschen Religionshaß Platz findet . - Aber leider ist es nur zu wahr , man neckt sich von beiden Seiten ; man ist gegen einander mehr kalt als brüderlich , mehr misstrauisch als gütig , mehr böse als christlich , und das alles aus eingewurzeltem Vorurteil , das sich wie Klettensamen in den Familien fortpflanzt . - Übrigens haben bei allem dem die schönen Wissenschaften auch in der Stadt ihren Wohnsitz . - Versteht sich , wie in den meisten Reichsstädten , nur in einigen Häusern . Eben das ist auch die Ursache , warum der vortreffliche , aufgeklärte junge Baron Sch ... , so wie mein Oheim , sehr freundschaftlich mit diesen Häusern verbunden ist . Es herrscht unter diesen Denkern , trotz der Verschiedenheit ihrer Religion , eine Harmonie des Geistes , die kein katholischer Bigottismus und kein protestantischer Eigensinn zerstören kann . - Pressefreiheit , Duldung der besten Schriften ist auch da zu Hause ; und was braucht es mehr , um sich einstens die herrlichste Aufklärung von beiden Seiten zu versprechen ? - Mein Oheim arbeitet unermüdet an der beiderseitigen Duldung . Überall erblicke ich in ihm den tätigen Menschenfreund . Wirklich hat er auch einen jungen Anverwandten bei sich , den er selbst erzieht . Was der neunjährige Knabe für Talenten zeigt , ist nicht zu beschreiben ; und dann die liebevolle , schöne Art meines Oheims ihn zu bilden , läßt mir von diesem Jungen alles Gute hoffen . - Er ist jetzt schon frei und natürlich in seinem Betragen , offenherzig , gut und sanft , sein Herz öffnet sich allem Guten , das in der lieben Natur liegt . Der wackere Junge liebt seinen Oheim eben so sehr , als ich ihn liebe . So viel für heute , traute , liebe Fanny , von deiner Dich gewiß liebenden Amalie . 75. Brief . An Amalie LXXV. Brief An Amalie Willkommen , liebe Freundin , mit deinen herzigen zweien Briefen ! - Armes bedaurungswürdiges Malchen , so quält Dich denn dein Mann noch immerfort ! - Der Unbesonnene , konnte Dir vor eurer Abreise durch seine Schulden noch Plagen verursachen ! - Weiß denn der Fühllose nicht , daß , um Schuldner zur Geduld zu verweisen , eine gewisse Unverschämtheit oder Schamlosigkeit erfordert wird , die Du gewiß nicht in deiner Gewalt hast ? Fast immer ziehen mit Schulden beladene Menschen , denen es an Kühnheit mangelt , den Kürzeren , und werden von eigennüzzigen Gläubigern aufs empfindlichste beleidigt . - Besonders , wenn sie es mit Pöbel , oder noch weit ärger , wenn sie es mit jüdischen Kaufleuten zu tun haben . - Nichts macht den Kaufmann hartherziger als Eigennutz . - Man wird sehr wenig wahre gutherzige Leute in dieser Menschenklasse finden . - Der hassenswürdige Eigennutz macht die meisten von ihnen grausam , unempfindlich und stolz . - Um dieses Lasters Willen haben die wenigsten Kaufleute Gefühl für Großmut und fürs gesellschaftliche Leben . An den Eigennutz gewöhnt , fühlen sie nicht den Mangel An derer ; von dem Geize beherrscht , tirannisiren sie ihre Nebenmenschen ; im Überfluß vergraben , kennen sie die Empfindungen der Armut nicht ; und so bleiben sie von der Gesellschaft zurückgezogen für sich , stolz auf ihr Geld , und unerträglich für den Vernünftigen . Kann man etwas Widrigeres sehen , als einen alten Geizhals von Kaufmann , der steif wie Holz und mürrisch wie ein Menschenhasser , hinter seinem Geschäftpult neben seinem Geldkasten sitzt ? - Taub für das Elend der Dürftigen , lebt derselbe bloß für seinen Eigennutz . Möchte sich doch dieser Stand mehr für Menschenfreundlichkeit bilden ! Möchten die lieben Leutchen in ihren Reichsstädten aufhören ihre steife Etikette zu behaupten , welche sie zum Spott für Fremde und zur Ehre ihrer Geldkisten beibehalten . - Männer und Weiber aus diesem Stande verfallen fast immer auf zwei Extremitäten : Die ersteren sind entweder kahle , pedantische , unerträgliche Murrköpfe ; oder aufgeblasene französierende , junge Gecken . Und so geht es gerade mit den Weibern auch : Ein Teil opfert der Alfanzerei und dem Vorurteil , und der andere dem Hochmut und der Koketterie . Ich kenne keinen dümmeren , hervorstechenderen Stolz , als den Stolz einer Kaufmannsfrau . - Bald werden sie anfangen sich in Gesellschaften ihre Kapitalien vorzurechnen , um dadurch den ersten Platz auf einem Sofa zu erringen . Wem dies etwa unglaublich scheint , dem mag folgende wahre Geschichte zum Beweise dienen : Zwei hochmütige , auf ihr elendes Geld stolze Kaufmannsweiber , befanden sich vor einigen Wochen in einem Schauspielhause , und nahmen den Platz einer dreisizzigen Loge ein . Die Loge war nicht geschlossen , sondern fürs Geld dem ersten Besten zu Befehl . Ein braves munteres Weibchen , die Gattin eines Tonkünstlers , geriet aus Zufall in diese nämliche Loge , und wollte den dritten noch unbesetzten Platz einnehmen . Die Kaufmannsweiber , von sinnloser Eitelkeit hingerißen , weigerten sich dieser Frau Platz zu machen ; aber unser Weibchen , die als Künstlersfrau sich besser fühlte , als diese seichten , lieblosen Seelen , bestand auf dem begehrten noch freien Sitze , und lies sich für ihr Geld nicht abweisen ; nach langem Zanken mußten die Kaufmannsweiber dennoch rücken ; - aber jetzt ging es unter ihnen an ein Ohrenflüstern , das gar kein Ende nahm . Unser liebes kleines Weibchen aber dachte indessen auf Wiedervergeltung für diese abgeschmackte Aufführung ; und siehe da , auf einmal wußte sie die schönste Ohnmacht zu fingieren , die ihre Nachbarinnen nicht wenig erschreckte . Nun trat Heuchelei bei diesen Frazzenseelen an die Stelle der Menschenliebe , und geschwind wurde der Ohnmächtigen mit Riechfläschchens zu Hilfe geeilt . - Das Weibchen wurde gerüttelt , aufgeschnürt und mit wohlriechenden Wassern begossen , bis sie sich wieder erholte und die eine Kaufmannsfrau sie fragte : Madame , wird Ihnen noch nicht besser ? O Sie haben uns sehr erschreckt ! - Ach nein ! - erwiderte die boshafte Kranke - Ach nein ! - Es kann mir hier unmöglich besser werden , denn es riecht zu stark nach Stockfischen , nach Öl , nach Sardellen , u. s.w . Im nämlichen Augenblicke erscholl von den Umstehenden ein lautes Gelächter , und jede Ecke des Theaters war mit dieser Anekdote in einem Hui angefüllt . - Alles , was im Schauspielhause war , fing an zu zischen , zu stampfen , und zu pfeifen , bis die zwei Huldgöttinnen der Dummheit von einer Menge Buben begleitet nach Hause eilten . - Die Künstlersfrau aber trug das Lob eines wizzigen Weibes davon , und würde um diesen Preis wohl gerne noch mehr solche Ohnmachten ausstehen . Und nun , meine Beste , hast Du hier den wahren Beweis meines obigen Satzes , über den hervorragenden Hochmut der meisten Kaufmannsweiber . - Doch jetzt auch ein Paar Wörtchen über die Liebe zu deinem Oheim : - Dieser Edle muß nun ganz gewiß seine Herzenslust an Dir gehabt haben , wenn Du so glühend von Dank an seiner Seite saßest . - O wie sehr verdient dieser Vortreffliche deinen Dank , und Du das namenlose Entzücken danken zu können . Übrigens , Teuerste , kümmere Dich nicht in Gesellschaften über das Vorurteil in Ansehung deiner Lebhaftigkeit . Der Umgang eines denkenden Mädchens muß Feuer , muß Freiheit haben , sonst tut er keine Wirkung , und macht die Männer in Gesellschaften gähnen . Munterkeit und ein Bisschen wildes Wesen an einem Mädchen ist reizender , als der geschraubte , ängstliche Ton der Blöden , die unter dem Wort Wohlstand ihre wenige Beredsamkeit und ihre flegmatische Dummheit verbergen . Gerade diese Mädchen müssen die Männer lehren den bloßen Schein vom Laster selbst zu unterscheiden . - Sie müssen sie lehren einen Blick ins Innere eines Mädchenherzens zu werfen . Sie müssen über alles das die Männer lehren , daß nichts als ein liebenswürdiger Umgang das echte Mittel ist , die Männer vom Tierischen abzuhalten . - Die herrlichste aller weiblichen Künsten ist , die Männer mit Kopf zu unterhalten . - Dieser Vorzug gehört der Häßlichen so wie der Schönen , und nur zu oft welkt die letztere durch Krankheit frühe schon dahin , dahingegen die erstere mit ihren untilgbaren Reizen ihr ganzes Leben hindurch glänzet . O Mädchen , Mädchen ! wie lange wird es noch dauern , ehe ihr die Kunst , durch Vernunft zu gefallen , so hinlänglich werdet studiert haben , daß die Männer ( den Körper ausgenommen ) über euren Umgang nicht mehr die Nase rümpfen ? - So eben unterbricht man mich . Noch einen Kuß , und jetzt ein warmes Lebewohl von Deiner Fanny . 76. Brief . An Fanny LXXVI. Brief An Fanny Liebe , traute Freundin ! - Muß mich doch gleich hinsetzen und Dir dein letztes beantworten : - der Stoff , den Du darin über den Stolz der Kaufmannsweiber berührst , verdient wirklich meine Aufmerksamkeit . Deine Gedanken darüber sind richtig ; ich selbst habe es auf meinen Reisen erfahren , wie trocken , ungesellig , hochmütig und von oben herab einer Fremden in den meisten Handelsstädten begegnet wird . Und was mich noch dabei am empfindlichsten ärgerte , ist die niedrige Behandlung ihrer Dienerschaft . - Wenn ich so von ungefähr einen Blick in ein Comptoir tat , was ich da für dummen Stolz erblickte ! - Dieser unzeitige Despotismus der Kaufleute gegen ihre Bedienten schien mir ungerecht und verachtungswürdig . - - Jeder Untergebene gehört in der Menschheit in eine gewisse Klasse ; aber daß die Kaufmannsbedienten nicht in die Livereiklaße gehören , ist doch gewiß Jedem begreiflich . - Kann der große vorurteilsfreie Kaiser Joseph zu dem letzten seiner Beamten Sie sagen , so dünkt mich , wird_es der Kaufmann gegen seine Bedienten auch tun können , wenn er anders nicht beim bloßen Heringsfang ist erzogen worden . Der Kaufmann und sein Bedienter verrichten beide die nämlichen Geschäfte , und wenn der erstere den größten Nutzen davon zieht , so sehe ich gar nicht ein , warum er dem letzteren grob begegnen soll . - Der Unterschied zwischen dem Herrn und seinem Diener besteht nicht in der niedrigen , sklavischen Behandlung , wohl aber in der gegenseitigen Achtung , die sich beide verhältnismäßig und nach Massgabe des beiderseitigen Betragens schuldig sind . Geld und Glück gibt uns kein Recht , auf minder glückliche verächtlich herabzusehen . Verdienste , Fleiß und Talente sind unserer Achtung würdig , sie mögen wohnen in welcher Gegend der Erde sie wollen . Es muß einem Handlungsdiener von gutem Hause äußerst empfindlich sein , wenn er mit den Livereibedienten per Er behandelt wird . Woher hat ein Kaufmann das Recht seinem Mitgehilfen so viel Übergewicht fühlen zu lassen ? - Vorurteil ist es , vom Stolz erzeugtes Vorurteil , das ohnehin harte Schicksal eines Untergebenen nicht erleichtern zu wollen . - Wenn der Herr sein Ansehen auf keine gelindere Art , als durch dergleichen Herabsezzung zu behaupten weiß , dann ist er mit seinen Untergebenen zu beklagen , weil der erstere die ihm gehörige Ehrerbietung sklavisch erzwingt , und der letztere aus Zwang bloß mürrisch seine Pflichten erfüllt . - Der Kaufmannsstand sollte sich in unseren Gegenden so viel möglich von den Sitten des Pöbels zu unter scheiden suchen . - Es ist ein würdiger , nützlicher Stand ; Fleiß und gute Einrichtung sind seine ersten Pflichten ; schmutziger Eigennutz aber , Rohheit und Hochmut erniedrigen ihn . - Es ist mir unbegreiflich , wie man unter diesem Stande , bei so häufigen Glücksgütern , doch so wenig Bildung des Herzens und der Sitten trifft ? - Der Fehler liegt in der Erziehung . Kaufmannssöhne werden in ihrer ersten Jugend als Ladenjungen zu Knechtsarbeiten verdammt . - Mancherlei niedrige Verrichtungen und schmutzige Arbeiten sind ihre Beschäftigungen . In Gesellschaft von Knechten und Mägden vergessen sie ihr Herkommen , lernen eine pöbelhafte Lebensart , in welcher sie sich noch zu vervollkommnen suchen , weil es ihnen Pflicht scheint , sich in diese Gesellschaft schicken zu müssen . - Endlich geht in so einem armen Jungen alles Ehrengefühl verloren , erhabene Begriffe werden bei ihm erstickt , er lernt nicht denken , nicht empfinden , und lebt wie ein gutwilliges Lasttier auf seiner unwürdigen Laufbahn fort , bis ihn sein Schicksal zum Bedienten erhöht . - Da sitzt er nun wieder vom Morgen bis in die späte Nacht am Schreibtisch wie angenagelt , kritzelt seinen trocknen Schlendrian fort , und zittert wie ein Gefangener , wenn ihn sein roher , eigennütziger Gebieter in einer augenblicklichen Erholung überrascht . So viele mit Vorurteil bestrickte Herren nehmen sich sogar die Freiheit heraus ihren Bedienten nützliche Bücher zu verbieten , und schränken junge Leute bei müßigen Stunden zuchthausmäßig ein . O der steifen Dummheit , die ihrem Nebenmenschen jeden Weg zur Weltkenntnis und zur Bildung abschneidet ! Wie kann so ein junger Mensch Geist und Denkkraft erhalten ? - Wie kann er ein taugliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft werden ? Wie kann er als Herr einst vernünftiger gegen seine Untergebenen handeln , wenn er selbst so elend ist behandelt worden ? - Pöbelhafte Sitten , Unempfindlichkeit , Grobheit , Vorurteil müssen bei ihm ewig hervorscheinen , weil es die ersten Eindrücke sind , die er , als sogenannter Hundsjunge , in seiner frühen Jugend einsog . - Väter und Mütter , laßt eure Kinder Zuschauer von allen Beschäftigungen werden , die zu diesem Stande gehören ; aber hütet euch wohl , sie außer einem Notfall selbst an niedrige Arbeiten zu gewöhnen , sie kommen dadurch mit dem Pöbel in Gemeinschaft . - Ladenkehren , Einheizen , Kinder herumschleppen , Betten machen , u. s.w. sind lauter unwürdige Beschäftigungen , die ihr Herz und ihre Bildung verunedlen . - Bald schreibe ich Dir wieder mit eben dem Herzen , das nur Dir gehöret . Amalie . 77. Brief . An Fanny LXXVII. Brief An Fanny O meine gutherzige Freundin ! - Das war wieder für mich ein entsetzlicher Auftritt ! - Ein Auftritt , der jedes warme , fühlende Menschenherz zum innigen Mitleiden hinreißen muß ! - Ich will Dir ihn schildern diesen Auftritt , wenn ich es vermag : - Vor einigen Tagen mußte mein Mann einen Transport Mannschaft nach G. ... liefern . - Mein Oheim befürchtete diese Mannschaft möchte in den Händen der Unteroffiziere eben nicht am sichersten sein . - Aus diesem Grund riet er meinem Mann , er möchte aus Vorsicht selbst mitreiten . - So sauer nun diese kleine Reise meinen Mann ankam , so durfte er meinem Oheim doch nicht widersprechen , und es geschah . - Er machte sich nebst seinem Bedienten auf den Weg , geriet aber auf der Rückreise in eine Spielgesellschaft und - Gott erbarme sich seiner und meiner ! - - Er verspielte in eben dieser Gesellschaft Pferd , Geld und alle übrigen Kostbarkeiten , die er bei sich führte . - Ha ! - Meine Fanny ! Wie erschrak ich , als sein Bedienter mit dieser Nachricht bei mir anlangte ! - Der Kerl versicherte mich , daß Verzweiflung auf dem nächsten Dorf sich seines Herrn bemächtigt hätte ! - Starrend , staunend sah ich dem Burschen ins Gesicht , konnte weder denken noch handeln , alle Fassung hatte mich verlassen ! - - Es war mir unmöglich dieses Elend meinem Oheim anzukündigen ! - Ich sah jetzt seine Wut , seine Verwünschungen zum voraus ! - Und konnte ich es ihm verdenken diesem guten Manne , der sein ganzes Vermögen , seine Ruhe , seine Gesundheit an einen luderlichen Spieler gewagt hatte ? Ja , Fanny , Alles , Alles , bloß aus Liebe zu mir , aus Menschenfreundlichkeit , aus Hoffnung , daß er sich besseren würde . Er gab diesem Undankbaren was er nur immer entbehren konnte ; und nun betrogen , von einem Elenden , dessen Aufführung ihm und seiner Ehrenstelle bald öffentliche Schande gedroht hätte ! - Jesus Christus ! Ich komme fast von Sinnen , wenn ich die Folgen bedenke , die unserer Familie zur ewigen , unauslöschlichen Beschimpfung durch diesen Leichtsinnigen noch bevorstehen . Trostlos kämpfte ich lange mit fürchterlicher Bangigkeit , unentschlossen irrte ich im Hause herum , mehr als zehn Mal nahte ich mich der Treppe , um diese Nachricht meinem Oheim zu bringen ; aber umsonst , es war mir geradezu unmöglich ! - Was ? - den größten Wohltäter unter den Sterblichen soll ich so schrecklich beugen ! - Dies fuhr mir dann wieder durch den Kopf . - Endlich fing ich an zu rasen , zu wüten , mit den Zähnen zu knirschen , warf mich aufs Bett , rang die Hände , bis meine sinnlose Betäubung meine Qual einschläferte . - Ich phantasierte , rief meinem Mann mit gräßlicher Stimme - so viel erzählte man mir nachher - Rette dich , armer Sünder ! - schrie ich - rette dich - vor den Händen der Henker ! - Siehst du , wie sie dich packen wollen ! - Siehst du ! Haltet ein ! um Gotteswillen haltet ein ! - Hier ergriff ich den Bedienten beim Halse , der jammernd an meinem Bette stand , und riß ihm in der Verzweiflung seinen Halskragen in Stücke . - Der arme Junge wand sich von mir los , und lief mit Angstschweiss bedeckt nach Hofe zu meinem Oheim . Gott ! wie dieser gefühlvolle Mann zusammenfuhr , wie er hereilte zu meinem Krankenbette ! - Mit aller Wärme eines leidenden Freundes bemühte er sich lange umsonst , mich ins Leben zurückzurufen . Gräßlich schwer drückte der Anblick meines so schnelldrohenden Todes sein blutendes Herz ! - Dieses ängstliche Gefühl schien den Eindruck zu lindern , den er durch die pflichtvergessene Aufführung meines Mannes tief empfunden hatte . - Wenn mehrere Leiden auf den Sterblichen zusammenstürmen , sagte er mir nach der Hand , so sind doch immer diejenigen am stärksten , wofür sich die Stimme des Bluts verwendet ! - Meine kalte , konvulsivische Erstarrung dauerte noch so lange , bis die Tränen und Küsse meines Oheims mich wieder zum Leben erweckten . - In seinen Armen öffnete ich meine Augen , an seinem Herzen fühlte ich das meinige wieder zum ersten Male klopfen . Hoch pochte mein Busen auf , aber sprachlos war meine Zunge , bis mein Oheim mich versicherte , daß er von Allem unterrichtet wäre . Jetzt fing bei dieser Erklärung neuer Schrecken an durch meine Glieder zu schaudern ; alle Umstehenden zitterten vor einem Rückfall der Krankheit , und mein Oheim beschwor mich um seiner Liebe Willen , ruhig zu sein ! - Die Natur hatte sich ermattet , ein schwermütiger Schlaf gab mir die wenigen Kräften wieder , die sich noch in meinem kränkelnden Körper zu neuen Leiden befanden . - Als mich nun mein Oheim etwas stärker glaubte , fing er mit Männerkraft an über die Zügellosigkeit jenes Ehrvergessenen auszubrechen : Er ist ein Betrüger ! - Er mordet dich und mich ! - Wir wollen dieses Ungeheuer der menschlichen Gesellschaft verabscheuen ! - Fliehe ihn , meine Tochter ! Fliehe ihn ! - Er hat mutwillig , mit Vorsatz alle Bande zerrissen ! - Ach ! um seines Seelenheils Willen , mein Oheim , nur diesmal noch Verzeihung ! - Nur diesmal ! - Heilige Mutter Gottes , hilf mir bitten ! - Nur diesmal noch ! - Strafbares , zu gutherziges Weibchen , versetzte er , soll ich seine Laster durch neue Unterstüzzung nähren ? - Soll ich mich der Gefahr aussezzen , Schimpf und Schande an einem Buben zu erleben , der die Kühnheit hatte , fremde Gelder anzugreifen ? - Soll ich mein Ansehen , meinen guten Ruf , meine geistliche Würde dem Tadel Preis geben , verstockte Sünder durch unbesonnene Gutheiten im Laster gestärkt zu haben ? - Gewis , liebes Malchen , ich bin es bei Gott müde , länger einen Undankbaren zu schonen ! - Er hat meine Ruhe zerstört , er hat dich , meinen Liebling , dem Grab zugeschleppt ; er hat mich an Glücksgütern entblößt ; was will er denn mehr , der Verwegene ? - Um der Barmherzigkeit Gottes Willen , mein Oheim , nicht weiter ! - Sie töten mich ! - Vergib , arme gute Seele , vergib ! Der Eifer riß mich hin ! - Siehst Du , mein Kind , Dir zu Gefallen will ich jetzt Mann sein , und aus Liebe zu Dir , Herzens-Malchen , will ich auch diesmal auf Mittel denken , unsere allseitige Ehre zu retten . Nur hüte Dich , daß mir dein Mann nicht zu frühe unter die Augen kommt ; denn noch blutet die Wunde , die der schwärzeste Undank mir schlug ! - Noch siehst Du blaß aus , wie der Tod , meine Arme , und trägst die Zeichen der Grausamkeit auf deinem Gesichte ! - Ich gab diesem Edlen mein Wort , daß ich dafür sorgen würde , meinen Mann seinem Anblick zu entziehen , und so verlies mich der gute sanfte Vater . - Es dauerte aber nur wenige Stunden , so folgte eine Summe Gelds die dieser Herrliche auf seinen Kredit hin geborgt hatte , zum Ersatz für meines Mannes Rückstand . Tages darauf kam der niedrige Sklave seiner Leidenschaften wie ein Verdammter von seiner Reise zurück . Sein Gesicht war zerstört , seine Züge in Unordnung , seine Augen hohl , seine Farbe gelb , seine Haare zerrauft , seine Kleider kotig , und seine Laune stumm . - Rasch trat er ohne Gruß ins Zimmer ! - Angst , Seelenangst überfiel mich Armselige ! - Er schien weder meine Krankheit , noch meinen Gemütszustand bemerken zu wollen . Der beleidigte Hochmut empörte sich in ihm bei dem Gedanken sträflich zu sein , und übermannte ihn so sehr , daß er sich einen ganzen Tag lang ohne Speise zu sich zu nehmen in sein Zimmer verschloß . Er schien gar keine Reue zu fühlen . Die Notwendigkeit , wieder von meiner Seite Hilfe annehmen zu müssen , machte ihn beinahe rasend ! - Und doch zwangen ihn seine Werbungsgeschäften , daß er mir durch seinen Diener Geld abfordern lies . Ohne den mindesten Vorwurf schickte ich ihm die ganze Summe . Seit dieser Zeit sah ich ihn mit keinem Auge . Mein Unglück ist meine einzige Gesellschaft ! - O Fanny ! Warum nicht auch der Tod ? Wenn es in einer solchen Lage Verbrechen ist , ihn zu wünschen , o so vergib Allsehender , der gebeugten Amalie . 78. Brief . An Amalie LXXVIII. Brief An Amalie Holdes , liebes Malchen , es würde mir Sünde scheinen , Dich in deiner wirklichen Verstimmung nicht zu trösten . Meine Amalie , ich schrieb eine Lüge ! Denn welches menschliche Wesen hat in einer solchen Lage Trost für Dich ? - Keine Macht , keine Gründe , keine bittende Freundschaft vermögen Dich von einem Untier zu trennen , das Dich mit Hohngelächter zum Abgrunde hinschleppt ! - Bist Du denn seiner Mißhandlungen noch nicht müde ? - Hängt dein Herz noch immer an einem Barbaren , der Dich lebendig tausendfach würgt und doch nicht tötet ! - O das Weiberherz ist eine geringe Ware , die jeder Schandbube mißbrauchen kann , wenn er sie einmal im Besitz hat . - Teure Märtirerin der unaussprechlichsten Leiden , komme in meine Arme ; verlaß ihn den verabscheuungswürdigsten Unmenschen ; er ist für Dich und für die Tugend unwiederbringlich verloren ! - Wo Ehre weicht , weicht alles was zum rechtschaffenen Mann gehört . - Gott im Himmel ! - Er stürzt Dich und deinen Oheim ins Verderben ! - Sei vorsichtig , entferne Dich , dieweil es noch Zeit ist ! - Deine Standhaftigkeit ist eine Sünde , die Du auf Kosten deines Lebens und deiner Gesundheit begehst . - Warum hörtest Du nicht schon lange auf meine Warnungen ? - Warum folgtest Du nicht meinem Rate ? - Warum öffnetest Du ihm wieder ein Herz , das der Leichtfertige in Stücke zerreißt ? - Du bist Weib im vollen Verstande , ein schwaches Weib , sonst würdest Du deinem Mörder nicht selbst den Nacken darbieten . Deine sträfliche Gutherzigkeit ist ansteckend , Du betörst damit deinen Oheim , reißest ihn mit ins Verderben ! Grausames , unbesonnenes Geschöpf ! Höre die Wahrheit deiner Dich liebenden Freundin , und folge der Stimme der Vernunft ! - Ich bitte , ich beschwöre Dich jetzt zum letzten Mal , folge meinem Rat ! - Wer kann , wer darf ihn tadeln ? - Ist er nicht der Menschheit angemessen ? - Grausamkeit zu dulden , kann kein Gesetz fordern ! - Verhärtetes Laster muß hier oder dort gestraft werden , sonst weh dem Unschuldigen , wenn Niemand seine Klagen hören will ! - Und , gesetzt denn auch , die Ohren der geistlichen Richter wären unter euch Katholiken für so ein Elend taub , so dürfen es doch die deinigen nicht sein , gegen ein Leben , dessen Verkürzung Du einstens schwer deinem Schöpfer wirst verrechnen müssen ! Was könntest Du wohl länger einem Schurken an seiner Seite nützen , der sich mit Lasterwut im Kot herumwälzt ? - Oder sind Spielsucht , Mordsucht und Betrügerei etwa nicht hinlängliche Gründe zur ewigen Trennung ? - Wenn der eigene Mann sein angetrautes Weib durch Spielsucht der Armut und ihren Versuchungen Preis gibt ; ist er denn nicht sträflicher , als der gekannte Böswicht , der nicht wie dieser öffentlich , sondern im Stillen , unter dem Deckmantel der Religion Seelen mordet ? - Wenn so ein Meineidiger der am heiligsten Altar Fleiß , Sorgfalt und alle Arten von Pflichten schwor , wenn so ein heuchlerischer Lügner mit Satans Grausamkeit , durch Hunger , selbstverursachten Mangel und Mißhandlung die Gesundheit seiner Gattin schwächt , und ihr Leben verkürzt : O dann sagt mir , ihr eiskalten Richter , wo gibt es unter der Sonne einen Verdammungswürdigern Mörder , als in einer solchen Ehe ? - Wie er dann im Dunklen das an ihn gefesselte Weib dahinwürgt ! - Wie er als Mann überall den Stärkeren behaupten kann ; wie die Menschen geneigt sind , Männerhärte zu entschuldigen , und wie sie dann schreien und wimmern kann , die arme gepeinigte Unschuld , bis der Tod sie von Banden befreit , die leider nur bei den wenigen vernünftigen Protestanten , auf dieser Erde gelöst werden können . - Beim Himmel ! - Meine Freundin , zu wenig kann das Auge des Richters in die verschloßene Mauern so vieler unglücklichen katholischen Eheleute dringen , wo Tyrannei des Mannes und sanfte Duldung des gekränkten Weibes , das letztere hinwelken machen , weil dasselbe zu viel Ehrengefühl besitzt , um zur Schande des ersteren , ihr Hauskreuz öffentlich bekannt zu machen ! Es ist doch die schrecklichste Unmenschlichkeit , daß Tugend und Laster in einer solchen Ehe in einem Hause wohnen , an einem Tische speisen und in einem Bette schlafen muß ! - Wie leicht kann eine unerfahrene junge Waise , aus Umständen , aus Übereilung , mit einem leidenschaftlichen Bösewicht ein Band knüpfen und sich dadurch für die ganze Zeit ihres Lebens eine Hölle bereiten ! - Bei jeder Klage , die über üble Ehen vor den Richter kommt , sollte derselbe genau alle Umstände der beiderseitigen Unzufriedenheit untersuchen : Oft sind es disharmonierende Gemüter , oft Ausschweifungen und verhärtete üble Gewohnheiten , die eine Ehe ohne Hoffnung , daß sie besser werden könnte , vergiften . - Wir haben in katholischen Ländern kein häufigeres Übel , als unzufriedene Ehen . Würde man die vielen menschlichen Teufel , die einander täglich , stündlich wie Furien plagen , ohne Umstände von einander scheiden , so gäbe es minder boshafte Kinder und minder unglückliche Ehen . - Der Richter muß Menschenkenner genug sein , um ins Innere zweier Gemüter zu dringen , er muß mit Überlegung untersuchen , ob wegen Verschiedenheit der Herzen , der Temperamenten , der Gemütsarten , der Grundsätze , alle Hoffnung verloren ist , solche Leute je wieder zu vereinigen , daß kein Rückfall zu befürchten ist . Eingewurzelte , überwiesene Ausschweifung oder Sorglosigkeit des Mannes sind auch Ursachen , die durchaus Ehen für immer scheiden sollten ; besonders dann , wenn keine Kinder vorhanden sind . Man urteile nur selbst , ob nicht die Religion weit mehr durch die Unmöglichkeit der Trennung eines Bandes entheiligt werde , welche oft beide Eheleute zur Verzweiflung bringt , und sie in ihrem heimlichen Lasterleben nur noch hartnäckiger und verstockter macht , als durch die Lösung desselben , vermöge welcher vielleicht noch Besserung für den einen oder den anderen Teil zu hoffen ist . - Zwang nährt überhaupt alle Laster , aber freiwillige Tugend macht der Religion und ihren sanften Banden Ehre . - Es geschieht dann doch im Stillen in solchen Ehen so viel Übels , als man sich kaum denken kann . Und ist denn bei dergleichen Entdeckungen das Ärgernis nicht weit sträflicher als die Trennung ? - Sollen denn zwei abgeneigte , verbitterte Gemüter wie Kettenhunde so lange mit Wut an ihren Ketten nagen , bis sie von selbst zerbrechen ? - O Menschheit ! - Menschheit ! Wenn werden deine Gesetze anfangen der lieben Vernunft und der schönen Natur Ehre zu machen ? - Aber nun , meine bedaurungswürdige Amalie , sei Dir das genug gesagt , von einem Gesetz , das auch Dich unglücklich macht ! - O , meine Arme , wach auf aus deinem gutherzigen Schlummer , suche Ruhe , suche Zufriedenheit ; Du bist nicht dazu geschaffen , Dich durch eines Anderen Laster in Staub treten zu lassen . Amalie ! ich fühle dein Elend jetzt wieder aufs Neue zu tief ... um Dir etwas weiter zu sagen , als daß ich mit Dir unglücklich bin ! Deine fühlende Fanny . 79. Brief . An Fanny LXXIX. Brief An Fanny Ja wohl , meine einzige , vortrefflichste , gutherzigste Freundin ! Ja wohl , scheint mir Alles in meiner Lage trostlos ! - Nicht taub gegen deine Bitte , nicht taub gegen die Vernunft , aber unfähig zu jeder Unternehmung , schleppe ich meine Geschicke von Gedanke zu Gedanke , und kann keinen finden der mich beruhigt . - Ob ich der Misshandlungen meines Manns nicht müde bin ? - O meine Beste ! - Mein schwacher Körper ist es schon lange , aber mein Herz ist es nicht . - Laß es immer an dem Pflichtvergessenen hängen , dieses zu gute Herz ; mag er es bis zum letzten Schlage peinigen , so bleibt ihm die Strafe und mir die Belohnung dort oben übrig ! Und wenn denn doch Schandbuben so leicht aus teuflischem Leichtsinn das Herz eines guten Weibes zerfleischen können , so muß es unter unserem Geschlecht auch Weiber geben , die es bei ihnen so lang als möglich auszuhalten wissen . Wo bliebe sonst das sanfte , gutherzige Gefühl der Natur , das bloß dem Weibe zur Zierde von dieser gütigen Führerin zugeteilt wurde ? - Mein Gatte ist nun auf ewig für mich verloren ! aber werde ich glücklicher sein , wenn die Entfernung von ihm an meiner Seele noch schrecklicher nagt ? - Er hat mich arm gemacht , in Schande gestürzt , aber bin ich denn bei seiner Abwesenheit reicher ? - Ha ! - Meine Fanny , ich will Dir folgen , wenn Du mir die Seelenruhe wieder geben willst , deren Verlust mich sonst martern würde ! - Meine Standhaftigkeit wäre Sünde , sagst Du ? - O , dann ist seine Behandlung teuflisch und mein Nachgeben himmlisch ! - Doch pfui ! was meine Eigenliebe mir da wieder vorgaukelt ! - O , ich schäme mich ! - Das zu tun , wozu wir verbunden sind , verdient kein Lob , sonst verliert es seinen Wert . - Aber wahrlich , wahrlich , Du hast Recht , liebenswürdige Denkerin , ich bin ein schwaches , schwaches Weib , die gutwillig ihrem Tod zueilt ! Bei Gott ! das Weib ist , wie es alle Menschenkenner sagen - entweder Engel oder Teufel . - Und nun auch zum letzten Mal , meine Freundin : laß ab von deiner Forderung , ich kann , ich darf ihn nicht verlassen ! Was würde die Welt , was würden meine Feinde sagen ? Die Richter meinst Du ? - O , die Richter unserer Religion sind bloß Maschinen , die vom Vorurteil oder vom Eigennutz in Bewegung gebracht werden ! - Soll ich mich ihren fühllosen Untersuchungen und wenigen Einsichten Preis geben ? - Mein Schmerz würde mich vor ihrem Angesichte stumm machen , da indessen der kaltblütige , beredtere Ehemann seine Sache unter dem Schutz der Bigotterie mit Nachdruck verteidigen würde . Sollte ich unverschämt genug sein können , ihm vor Anderen seine Fehler vorzurücken , und mir selbst durch seine Galle vergrößerte andichten lassen ? Nur gemeine Weiber können in den Gerichtssaal hinstehen und ihre Männer mit sich öffentlich beschimpfen ! - Und wenn sie dann auch zu meinem Vorteil vollendet würde diese Scheidung , was würde es mir bei meiner Religion nützen ? Bin ich hernach freier ? - Kann ich meine Hand einem Anderen geben , die ewig durch Kirchengesezze gefesselt bleiben muß ! - O des gräßlichen Gedankens , der mir jetzt zentnerschwer aufs Herz fällt ! - Hinstürzen möchte ich zu den Füßen eines Josephs , und seine Weisheit , sein Menschengefühl mit aufgehobenen Händen anflehen ! - Dieser große Monarch , der die bigotische Tyrannei von dieser Art auch im Einzelnen untersucht , der ohne Geld , ohne Nebenwege gedrängten Eheleuten zu Hilfe eilt . - - Ha ! - Meine Fanny ! Das war bloß ein kleiner vorübereilender Trost , der mir in meiner kummervollen Lage nichts hilft . - Zaghaft ist jeder Unglückliche , und selten wagt es ein Weib sich dem Throne eines Fürsten zu nahen , wenn es auf Unkosten eines Gatten gehen soll . Und nun sage selbst , meine Freundin , was bleibt mir übrig ? Soll ich mich an geistliche Richter wenden , die eine unglückliche Ehe kaum dem Namen nach kennen ? - Soll ich diesen harten ans Zölibat gewöhnten Menschen meine Leiden vorjammern , die nur zu oft fremdes Elend gar nicht einmal begreifen . - Angejocht an ihren geistlichen Stand , tragen sie zu wenig Kenntnis der Welt in ihrem umnebelten Kopfe , um sich hinlänglich in die Lage einer unglücklichen Ehe hinein denken zu können . Und wenn denn auch unter diesen Richtern zuweilen ein denkender Kopf ist , der von keinem Vorurteil sein Gefühl ersticken läßt , was würde mir dieser einzelne nützen , da hingegen so viele andere zum Unheil der Menschheit ihre eingeführten grausamen Rechte behaupten müssen ! O ! für mich ist in dieser Welt keine menschliche Hilfe mehr ! Ich bin an Bande gefesselt , die Menschendummheit so enge , so unauflöslich bei meiner Religion zusammenknüpfen ! - Es ist schrecklich , schrecklich , die ganze Zeit seines Lebens lebendig tot ans Laster verheiratet sein zu müssen ; aber doch ist es nun einmal so , und der gütige , gerechte Gott im Himmel gebe mir Stärke , das fürchterliche Verhängnis zu dulden , das mir seine Geschöpfe auflegten ! Glaube mir , Fanny , wenn unsere Geistlichen sich begatten dürften , so würde hie oder dort einer fühlen , wie übel ausgeschlagene Ehen das Leben zur Hölle machen können . Ha ! - Wie würden sie eilen diese nun so kurzsichtigen Schwärmer , um ein Band zu lösen , unter dessen Druck auch sie schmachten müßten . - Nun aber leben diese vom Vorurteil selbst gefolterte Menschen schwer - schwer ihrer erzwungenen Enthaltsamkeit nach , und befriedigen ihre Triebe im Stillen , mehr oder weniger , nach der Anlage ihres Temperaments und vermöge ihrer Grundsätze . - Mich deucht , daß nur durch langes - langes Nachdenken und durch strenge Beobachtung ihrer selbst in ihnen können Triebe erstickt werden , denen so viele Tausend unterliegen . Der Körper wird beim bequemen Leben , bei nahrhaften Speisen so leicht Herr über die Seele , wenn er nicht durch äußerste Aufmerksamkeit fleißig bewacht wird . So viel gestand mir letzthin ein helldenkender , braver junger Geistlicher selbst . - Doch , liebe Fanny , wo gerate ich hin ? ich moralisiere über Andere und vergesse mein eigenes Elend . - Vergessen ? - O gewiß nicht - gewiß nicht ! - Meine teilnehmende Freundin ! es drückt zu schwer in dem Herzen deiner armen , armen Amalie . 80. Brief . An Amalie LXXX. Brief An Amalie Meine teuerste Amalie ! Was kann ich Dir auf deinen letzten Brief weiter sagen , als was ich Dir schon zu wiederholten Malen gesagt habe ? - Du bist zu gut , zu nachsichtsvoll gegen Fehler , die einer dritten Person Abscheu erwecken müssen . Nicht immer , meine Freundin , ist Gutheit Tugend . Wenn diese Gutheit das Laster nährt , dann wird sie sträflich . Erschöpft sind beinahe meine Worte , Dich zu einem Entschluß zu bewegen , den Du über kurz oder lang doch ergreifen mußt . Ich wollte mein Leben daran setzen , daß dein heilloser Mann Dich noch einstens von selbst verläßt ! - Gib Acht , wenn die Hilfsmittel erschöpft sind , an denen er sich bis hierher erholte , was dann geschieht ? - Ich sehe ins Innerste seines Herzens : Eigennutz hält ihn noch an Dich , und sonst kein anderes Gefühl . - Dein Heldenmut , Dich im Stillen martern zu lassen , ist überspannt . - Der gütige Gott im Himmel fordert von seinen Geschöpfen kein so teures Opfer , das dieselben zernichtet . - Er schuf uns zur Eintracht , und wenn wir in der Welt unglücklich genug sind , diese Eintracht unter unseren Mitbrüdern nicht zu finden , dann ist es unsere Pflicht , die Verfolger zu bedauern , aber nicht unsere gebrechlichen Körper unter ihre leichtsinnigen Bosheiten zu schmiegen . Ein jedes getretene Tierchen sucht Rettung und Hilfe ; und wenn es sich dann zur Verteidigung zu ohnmächtig fühlt , dann ist Flucht der erste Trieb dem es folgt . Und kann denn etwas Höfloseres unter den Menschen gefunden werden als ein Weib , die in Ansehung der Stärke sogar bei ihrer Schöpfung den Kürzeren zog ? - Wenn Sanftmut und Tränen das Herz eines Mannes nicht zum Mitleiden bewegen , was bleibt ihr dann übrig , einen so mächtigen Wüterich zu besänftigen ? Das Vorurteil hat schon von Anbeginn der Welt seinen Thron aufgeschlagen ; der Mann fühlt sein Übergewicht und läßt es so oft dem armen schwächeren Weib auch wieder fühlen . - Aber jetzt , meine Werte , komme ich auf den Punkt , ob Du in der Entfernung von deinem Manne glücklicher sein wirst oder nicht . - Hier sagt mir meine Vernunft : Ja , Du wirst glücklicher sein . Ist es nicht besser , bloß das traurige Andenken seiner Mißhandlungen zu tragen als die Mißhandlungen selbst ? - Und wie kann Dir dein Gewissen über einen Schritt Vorwürfe machen , zu dem er Dich selbst durch sein Betragen reizt ? - Du verläßt ja keinen Gatten , Du verläsest einen Peiniger , der Dich nur desto ärger martert , weil er deine Mutlosigkeit kennt . Ich wette alles , daß er sich in lockern Stunden , über deine Gutherzigkeit noch tapfer lustig macht . - Ich kenne das menschliche Herz : hat es einmal einen üblen Bug , dann ist es zu tausend Verwirrungen fähig . - Wenn das Herz eines Gatten an kleinen Gefühlen , die zur häuslichen Glückseligkeit gehören , keine Freude mehr hat , so ist in einer solchen Ehe der Friede auf ewig verloren ! - Rechnen wir einmal die großen Laster deines Mannes hinweg , und bleiben wir bloß bei den Kleinigkeiten stehen , die ein sorgender Mann seiner Gattin schuldig ist : - Aber weh uns , meine Freundin ! - Ich finde nicht einen Zug in ihm , der von Menschlichkeit zeugte ! - Ist er nicht mürrisch , gebieterisch , starrsinnig , unordentlich in seinem ganzen Wesen ? - Mußt Du ihn nicht wie einen achtjährigen Knaben pflegen ? - Bist Du nicht seine Magd , die aus Gutherzigkeit seine Erziehungsfehler mit Engelsgeduld erträgt ? - Genug davon , Amalie , ich weiß tausend Dinge , die Du mir nicht einmal schriebst , und die Dich in meinen Augen zur unbegreiflichsten Märtirerin machen ! - Übrigens , meine Freundin , was kümmert Dich das Gezisch deiner Feinde , bei einer Trennung , die jeder Vernünftige nach genauer Untersuchung billigen muß ? - Die Welt und deine Feinde , geben Dir ja deine Gesundheit nicht wieder , wenn Du vor Gram da liegst , am Rande deines jungen Lebens ! - Daß Du Dich nun , meine Liebe , in deinem Unglück keinen geistlichen Richtern anvertrauen willst , billige ich recht sehr . Sie würden Dir unstreitig dein Elend noch schwerer machen , wenn Du bei Menschen Hilfe suchen wolltest , die Dir sie am Ende des Prozesses doch nur zur Hälfte reichten . Du hast selbst Vernunft und edles Herz genug , um in dieser Sache dein eigener Richter zu sein . Wozu brauchst Du Erlaubnis zu einer Trennung , die die natürlichste Folge einer so unglücklichen Ehe ist ? - Laß sie auftreten , die strengen Richter , und deine Standhaftigkeit bei solchen ausgestandenen Leiden mit der ihrigen abwägen , und ich will verloren sein , wenn einer davon Dir den Sieg streitig machen würde ? - Was nun , traute Amalie , die Art bei euch Katholiken Ehen zu scheiden betrifft , Kraft welcher man Unzufriedene von Tisch und Bett trennt , so gefällt mir dieselbe durchaus nicht . - Die gegenseitigen oft vorkommenden skandalösen Klagen , sind für denkende Zuhörer solcher Prozeßführungen ekkelhaft , und die Kosten solcher Prozesse zu groß , um eine bloße Trennung von Tisch und Bette dadurch zu erhalten . - Diese Art Trennung macht , im Grunde genommen , Eheleute noch weit unglücklicher . Sie entgehen freilich dadurch vielen Zänkereien , aber nur zu oft werden feurige an Ehestand gewöhnte Temperamente noch weit unzufriedener . - An solche harte Fesseln gebunden zu sein , die Natur für alle Triebe wegen diesen Fesseln ersticken zu müssen , fühllos gegen alles zu werden , was uns aus Liebe das Leben versüßt , mag so ein Zustand nicht eine schleichende Verzweiflung hervorbringen ? - Doch , Liebe , jetzt kein Wort weiter mehr über einen Zustand , der mich für Dich , arme , gedrängte , gefühlvolle Seele , so manche Tränen kosten wird ! - Sei stark , meine Beste , bringe darin der Tugend ein Opfer , das mehr wert ist , als tausend heuchlerische Ordensgelübde einer Gattung Menschen , die sich so leicht der Enthaltsamkeit widmen können , weil ihre Gefühle abgestorben sind . - Doch bei dieser Gelegenheit etwas mehr über die Geistlichen von deiner Religion , wozu mir dein Anmerkung Anlaß gibt : Erst seit einigen hundert Jahren trauern diese Armen unter der Last des Zölibats . Vorzeiten war es ihnen erlaubt an dem sanften Busen einer Gattin hinzuschmelzen und im Gefühl der Liebe ihren Schöpfer zu preisen , der Natur zu danken , und ihr Herz wärmer zu stimmen für Religion und Rechtschaffenheit , die sie jetzt ehelos und kalt treiben müssen . - Es ist eine wahre Freude , wenn man den zärtlichen , den warmen , gefühlvollen protestantischen Geistlichen betrachtet ; wie er sein von Gattenliebe angefülltes Herz jedem seiner Nebenmenschen öffnet , wie er weich ist für Religion und Pflicht , wie er als Vater seiner Kinder , als guter Bürger seine Tage in den Armen seines liebevollen Weibes dahineilen sieht . - Da indessen der katholische Geistliche sein Gefühl tirannisirt , von Langeweile gemartert wird , die Religion kalt und unzufrieden ausübt , oder gar aus Menschenschwäche auf ärgerliche Irrwege gerät . - Gott ! - Gott ! - Warum duldest Du im Menschen so viele Erfindungskraft , sich unter einander selbst zu Grunde zu richten ? Warum legtest Du Gefühle in die Natur , deren mäßiger Gebrauch uns unaussprechlich glücklich macht ? - Und warum werden denn diese Gefühle von versengten Menschengehirnen uns zum Laster angerechnet ? O du guter Gott ! - Besser bist Du in deinen Geboten , als es die Menschen sind ! - Du strafst nur den Missbrauch deiner Wohltaten . Du schufst uns ja zur Liebe , zur Begattung ; und Menschen wollen es wagen deine Schöpfung zu tadeln , Triebe zu unterdrücken , die uns doch so weich zum Guten machen . - Es ist unstreitig wahr , meine Amalie , nur tugendhafte , auf Grundsätze befestigte Liebe macht den Menschen zum wahren Menschen . O , was man da alles fühlt ! In den Armen der Liebe ist Seligkeit genug , um jede andere Leidenschaft mit leichter Mühe zu unterdrücken ! Aber so lange die Menschen nicht lieben , und nicht durch das Lieben denken lernen , eben so lange wird das Laster noch überall seinen Wohnsitz behaupten . Lebe wohl für heute , teures Malchen ! Deine Fanny.- Zweiter Band 81. Brief . Amalie an Fanny LXXXI. Brief Amalie an Fanny Liebenswürdigste ! - Ich habe Dir heute eine sehr interessante Begebenheit zu erzählen , und kann mich also nicht an die Beantwortung deines letzten Briefs binden . Zudem ist ja der Inhalt desselben auch schon beiderseits beantwortet , also nichts weiter davon ! Es wird Dir aber fast unbegreiflich scheinen , wenn ich Dir sage , daß mein Mann zu seinen übrigen Fehlern auch noch Tollkühnheit hinzusetzt . - Eine Tollkühnheit , die vom wahren Mut zu weit entfernt ist , um Lob zu verdienen . - Aber nun höre ! - Ganz von Ungefähr lief vor einigen Tagen durch unsere Unteroffiziere die Nachricht ein , daß sich an dem jenseitigen Ufer des hiesigen Flusses sechs sehr wohlgewachsene Desertörs aufhielten , die auf einen fremden Werboffizier paßten , der sie anwerbe und übers Wasser brächte . - Eigennutz und Unbesonnenheit rissen meinen Mann bei dieser Nachricht bis zum kühnsten Entschluß hin ! - Er wagte es ohne Überlegung , mit seinem Bedienten in falscher Uniform ein fremdes Gebiet zu betreten , wodurch er Ehre und Leben aufs Spiel setzte , wenn mich nicht die Vorsicht noch frühe genug zu seiner Rettung gesandt hätte . - Ich beschwor ihn mit ängstlicher Ahnung , einen Schritt zu unterlassen , der mein ganzes Wesen erschütterte ! - Aber es half nichts ; er lief wie ein Rasender von der Werbungswut beseelt zu einem Schiffer an unserem Ufer . Donnernde Offiziersdrohungen und Geld beschleunigten eine Fahrt auf deren Unternehmung mit Militärpersonen der Verlust des Kopfes steht , wenn ein Schiffer es wagt solche Dienste zu leisten . - Aber genug , die kleine Reise ging vor sich , und bald kam mein Mann an den Ort hin , wo diese Unglücklichen mit heißhungriger Rettungsbegierde seiner warteten . - Er fand sie in einer Scheune aufs Stroh hingestreckt , mit Verzweiflung und Hunger ringend . - Schon mehrere Tage harrten die Elenden unter Kummer und Jammer auf den nahen Tod , den ihnen Verzweiflung oder Strafe drohten , wenn sie entdeckt würden . - Mutlos lagen die Kerls mit dem ängstigenden Gefühl des Verbrechens im Herzen da . - Bloß mit leichten Leinwandkitteln bedeckt starrten ihre sonst nervigen Glieder vor dem rauhen Frost des herannahenden Winters . - Die Furcht erkannt zu werden , machte sie diesen armseligen Anzug wählen . Einige davon fluchten jetzt bei reiferer Überlegung ihrem Schicksale , das sie sich selbst so unbesonnen zugezogen ; andere würden gerne den Rückweg angetreten haben , wenn sie nicht die Furcht der Strafe davon zurückgeschreckt hätte . - Endlich kam mein Mann und kündigte ihnen eine Erlösung an , bei der er selbst alles wagte , um sie zu Stande zu bringen . - Nun wurde die Abrede genommen und der Entschluß gefaßt , erst bei der dunklen Nacht den Weg ihrer Rettung miteinander anzutreten . Das Schwelgen raubte nun Allen die Besinnungskraft , und keiner davor ahndete das nahe Unglück , das ihnen wegen der herumstreifenden Häscher drohte . Meines Mannes Bedienter allein blieb bei gesundem Verstand , und eilte , so geschwind er konnte , auf seinem Pferd zu mir zurück . - Todesfurcht hatte unterdessen meine Einbildungskraft gefoltert ! - Schon sah ich meinen Mann in den Händen der Gerechtigkeit für sein Vergehen bluten ! - Der Bediente traf mich in einer Verstimmung an , die an stumme Verzweiflung grenzte ! - Seine Erscheinung ohne meinen Mann drang mir ein lautes Geschrei ab , denn er schien mir ein Bote des Unglücks zu sein . Der gute Kerl beschwor mich um Gotteswillen meine Sinnen zu sammeln , und auf eilige Mittel zu denken , seinen Herrn aus dieser schrecklichen Gefahr zu retten ! - Unglück macht erfinderisch , und die Angst bringt oft gute Köpfe in der Eile zu den besten Entschlüssen . - Von der Furcht getrieben riß ich schnell meine Kleider vom Leibe , zog bürgerliche Mannskleider an , lies mir ein Pferd satteln und meine Frauenzimmerkleidung dem Burschen in den Mantelsack stecken . Wie wir beide eilten , kannst Du leicht denken , und daß unsere Eile nötig war , ist unstreitig ; denn kaum waren wir ein halbes Stündchen vorwärts galoppiert , so begegneten uns jene fürchterlichen Diener der Gerechtigkeit , die auf dem Lande herumstreiften , um Strafbare aufzufangen . - Diese schnurrbärtigen Männer hielten den guten Lorenz an , und fragten nach meinem Namen , da ich gerade eine Strecke Weges vorausgeritten war . Aber der brave , treue Kerl hatte Mut genug , ihnen trozzig zu erwidern : " Mein Herr ist ein Jurist aus dieser Gegend , der sich mit einem Spazierritt erlustigt . " Doch ohne ihre Antwort abzuwarten , spornte er sein Pferd , und wir kamen in einer Stunde an den Ort , wo mein verwegener Mann ruhig im Taumel des Schlafes schnarchte . - Kaum vermochte ich so viel über den flegmatischen Wagehals ihn leise zu bereden meine Kleider anzuziehen , seine Uniform mit Steinen beschwert ins Wasser zu werfen und auf meinem mitgebrachten Pferde zurückzureiten . Zum Glücke schliefen die berauschten Desertörs hart genug , um von unserer Unterredung nichts zu vernehmen , sonst wären sie aus hoffnungsloser Verzweiflung vielleicht die ersten Verräter an meinem Manne geworden . Denn nun war für diese Armseligen alle Hoffnung der Rettung verloren . - Sie mußten entweder ihren Rücken der Spiessrute bieten , oder sich ins Wasser stürzen , da sie ohne Beistand eines Schiffmanns nicht überkommen konnten . - Während dieser geheimnisvollen Umkleidung mußte der wackere Lorenz Wache halten ; dabei sah er mit bebendem Herzen die Häscher in der Gegend umher lauern . - Mein Mann stand jetzt in Bürgerskleidern bereit zum Rückweg , und ich hatte nun auch meine mitgebrachten Frauenzimmerkleider wieder angezogen . - Endlich setzte sich mein Mann aufs Pferd und sprengte mit Lorenz in diesem Aufzug unerkannt vor den herumschwärmenden Häschern vorbei ! - Meine List hatte den erwünschtesten Erfolg , man sah ihn jetzt für mich an . Laut pochte aber mein Herz bei dieser gewagten Unternehmung , die vor meinen Augen eine fürchterliche Wendung hätte nehmen können , weil man schon lange zuvor bei ähnlichen Anlässen der Kühnheit meines Mannes nachgespürt hatte . - Ich folgte mit bebenden Schritten hintendrein zu Fuße , und sah meine Flüchtlinge den Zoll ohne Anstand passieren . Das Glück war auch meiner Verkleidung günstig , und bei meiner glücklichen Nachhausekunft dankte ich feurig dem Vater im Himmel für diesen Mut bei Drangsalen von so besonderer Art ! - Mein Mann schien sich der überstandenen Gefahr zu freuen ; aber doch wurmten ihm noch die schönen hinterlassenen Rekruten im Kopfe . Stadt des Dankes erhielt ich von ihm ein unzufriedenes Gebrumm über übereilte Zagheit eines furchtsamen Weibes und so weiter . Mein Oheim hingegen drückte und küßte mich für diese Handlung . - Du , meine Fanny , sollst mich aber bei Leibe nicht darüber loben . - Hörst Du , Liebe ? Besser , gar keine Antwort auf diesen Brief ! Denn Du weist ja , Lob verderbt nur zu gerne das ohnehin so sehr zur Eitelkeit gestimmte Herz eines Weibes . - So denkt Dein Dein Malchen . 82. Brief . Amalie an Fanny LXXXII. Brief Amalie an Fanny Innigstgeliebte Freundin ! - Fünf volle Wochen schrieb ich Dir keine Zeile ! - Gewis , meine Teuerste , ich wollte Dir durch die Nachricht von meiner sehr wankenden Gesundheit keinen Kummer verursachen . Ein schleichendes Fieber hat mich seither keinen Tag verlassen . Die Ärzte bezweifeln mein Aufkommen , und behaupten , es wäre verschloßener Gram , der im Inneren wütete . - Mein Zustand gleicht jetzt einem im Stillen lodernden Feuer , das heimlich um sich frißt . Bei mir sind die Leiden nun so hochgespannt , daß ich weder weinen noch klagen kann . Eine sprachlose Kälte für alles was in der Natur ist , hat meine Seele eingenommen , und beherrscht mich von frühe bis Abends . Diese stumme Fühllosigkeit - sagen die Ärzte - sei meiner Gesundheit weit nachteiliger als das in laute Klagen ausbrechende Gefühl , das sonst bei geringeren Leiden , als die jetzigen sind , bei mir gewöhnlich war . Mich dünkt , eine heimlich nagende Verzweiflung hat sich in meiner Seele eingeschlichen , und der letzte empfindliche Streiche , den mir mein Mann unlängst versetzte , wird vielleicht auch der letzte Stoß sein , den er meinem Leben gab ! - Ich fühle so etwas Drohendes in diesem kranken Körper , das mir jetzt sehr willkommen sein würde , wenn es lindernde Ankündigung meiner nahen Auflösung wäre ! - Aber ach , eine so schnelle und glückliche Erlösung gönnt mir die Natur nicht ! - Sie hat sich an mir vergriffen , da sie meinem Körper dauerhafte Anlage schenkte , diese unbarmherzige Erhalterin meines Lebens ! - Sie hat mich zur anhaltenden Verzweiflung geschaffen , und ahndete wohl nicht , daß grenzenloses Elend meine armseligen Tage verbittern würde ! - Doch wozu diese Klagen für ein Herz , das nicht einmal mehr die süße Wonne der Mitteilung fühlt ? - Sonst war es mir Linderung , Dir Tränen vorzuweinen , die mir das Unglück abnötigte . Aber nun ist sie vertrocknet die Quelle dieser Erleichterung ; aller Trost ist unvermerkt aus meiner Seele gewichen , und dumpfe Raserei an seine Stelle getreten ! - Ich will Dir jetzt mit dem eiskalten , verstockten Gefühl einer Trostlosen die barbarische Grausamkeit erzählen , die ich wieder aufs Neue von meinem Manne duldete ! - Eines Abends hatte das Spiel denselben wie gewöhnlich , gehaßt . Schon rückten die schwermütigen Dämmerungsstunden heran , und noch harrte ich seiner , von bangen Ahnungen gemartert , am Fenster . Tausendmal blickte ich mit hochangeschwollenem Herzen den schönbeleuchteten Himmel an , als ob ich seine Gestirne um Mitleid anflehen wollte ! - Die schauerliche Stille der Nacht harmonierte so ganz mit dem Kummer , der schwer auf meinem Herzen lag ! - Eine wollüstige Schwermut riß mich zu Träumen hin , die man gedankenlos genießt , wenn der leidenschaftliche Gram in dem Herzen eines Melancholischen ein Chaos von unnennbaren Ideen erzeugt . Nur bisweilen weckte mich die schauervolle Erinnerung meines abwesenden Mannes aus diesem fürchterlichen Schlafe ! - Ich sah ihn jetzt am Spieltische fremde Gelder in leidenschaftlicher Hitze darwerfen , zur Befriedigung des schändlichen Eigennuzzes seiner lockern Mitgesellen ! - Meine Tränen rollten auf seine sträflichen Hände , und flehten um Mitleid , um Erbarmung ! - Erschrocken blickte der Leichtsinnige um sich , und sah sein vom Kummer blaßes Weib vor seinen Augen stehen ! - Das Gefühl schien einige Minuten seine Rechte behaupten zu wollen , aber rasch , von dem übermannenden Laster hingerißen , vergaß er im nämlichen Augenblicke wieder seine leidende Gattin , die zitternd am Spieltische ihr Schicksal erwartete ! - So , meine Freundin , schwärmte meine herumirrende Phantasie fort , bis das Knarren meiner Türe mich darin störte , und der Bediente Licht brachte . Es war schon neun Uhr vorbei , und noch schwelgte mein Mann in den Armen des Lasters , da indessen meine Tränen stromweise flossen ! - Ich hatte nicht den Mut mich um ihn zu erkundigen , denn wie leicht würde sein vom Spiel gereizter Zorn mir Tod und Verderben gedroht haben ! - So oft nun die Glocke eine neue Stunde anzeigte , eben so oft fuhr mir ein schmerzhafter Stich der grausamsten Ungewißheit durch die Seele ! In dem Drang meiner unbeschreiblichen Marter eilte ich zu meinen Büchern , und wählte Cäcilies Leiden zur Zerstreuung . - Der Jammer dieser Dulderin milderte auf einige Minuten den meinigen . - Ich sah dieses gutherzige Mädchen als eine Gehilfin meiner Leiden an , die durch gleiches Schliksal an mich gekettet , meine Drangsalen mit mir teilte ! Ganz in diese für mich so passende Lektüre vertieft , durchblätterte ich mehrere Stellen dieses so herrlich schönen Buchs , das so ganz meinem Kummer Nahrung gab ! - Auf einmal öffnete sich die Türe des Zimmers , und mein Mann erschien in der Furiengestalt eines Wüterichs ! - Kaum vermochte ich mich aufrecht zu halten ! - Noch staunte ich ihn zitternd an , als er rasch mit verbißener Wut das aufgeschlagene Buch vom Tische auf den Boden warf ! - Wie eine unschuldige zum Gericht verurteilte arme Sünderin hob ich das Buch mit gänzlicher Ergebung wieder vom Boden auf ! Ich fühlte den Angstschweiß auf meinem Gesichte ; doch , ohne den geringsten Laut von mir zu geben , erwartete ich jeden Augenblick den letzten willkommenen Druck von einem Rasenden , der seine Vernunft verloren hatte ! - Auch hatte das Leben für mich wirklich zu wenig Reize mehr , um wegen dieser elenden Last nach Hilfe zu rufen . Ich schämte mich seiner Ausschweifungen zu sehr , um ihre schändlichen Folgen fremden Leuten zu offenbaren . Ehrengefühl übertäubte jetzt in mir die Furcht des Todes , und so sehr sich auch mein junges Blut gegen diese vielleicht plötzliche Zernichtung sträubte , so war doch meine Seele stolz genug , mit Männerstärke den Ausgang dieser Mörderszene ohne das geringste Winseln abzuwarten ! - Kaum hatte ich dem Schöpfer einen reuigen Seufzer über meine Sünden zugeschickt , so ergriff mich das Ungeheuer beim Halse , und war zum Morden bereit !!! - Jesus sei mir gnädig ! - rief ich ihm halb röchelnd zu ! - Dieser halb erstickte Schrei brachte ihn wieder zur Vernunft , und er lies ab von einer Handlung , die ihn in Henkershände würde geliefert haben , wenn er sie vollendet hätte ! - Die Todesangst mit all ihren Bangigkeiten trieb mich Arme jetzt von einem Zimmer ins andere ! - Überall suchte ich Erbarmen und Rettung ! - Bis ich endlich auf einmal dem Ausgang der Türe zutaumelte , forteilte zu meinem Oheim , und mehr tot als lebendig zu seinen Füßen hinstürzte ! - Ich lag bis den anderen Morgen betäubt im Blute , das durch die heftige Wallung durch Mund und Nase sich drängte ! - Die geschwinde Öffnung einer Ader kühlte aber auch bald wieder die fieberischen Zuckungen ab , welche diese Angst mir zugezogen hatte . Doch kaum konnte ich meinen Mund vor Schwachheit wieder öffnen , so war mein erstes Wort : Verzeihung dem Unsinnigen , der bloß aus kranken Sinnen nach meinem Blute dürstete ! - Noch stand mein Oheim versteinert an meinem Bette , als diese Erinnerung ihn schnell aufwärmte zur feurigsten Rache !!! - " O des marmorherzigen Mörders ! - schrie er jetzt - Ha ! - Bei meiner Priesterwürde sei_es geschworen , ich will ihm durch meinen Fürsten Schranken setzen lassen , diesem gräßlichen Untier ! - Ich will hineilen zu den Füßen meines Fürsten ; meine grauen Haare sollen meiner Forderung das Gewicht der Wahrheit geben ! - Ich will ihm diese brennenden Tränen eines Greises auf sein Herz weinen ; er wird mich hören , er wird ihn aufsuchen lassen , den Böswicht , der meine alten Tage mit der unmenschlichsten Grausamkeit vergiftet ! - Laß mich , mein Kind ! - laß mich ! - Bald sollst du von deinem Vertilger befreit werden ! - " Schon wollte der gefühlvolle Mann aus meinen kraftlosen Händen sich loswinden , als ich meine letzten Kräfte sammelte , und mich ihm fest an den Hals warf ! - Mein heulendes , dumpfes Schluchzen tönte unserem nahen Freunde gräßlich in die Ohren ! - Ganz unvermuther kam jetzt Baron von Sch . ... ängstlich ins Zimmer geeilt , und fand uns beide in dieser erschütternden Stellung ! - Aber doch war dieser würdige Mann stark genug , meine fest angeklammerten Hände von dem Halse meines Oheims zu lösen . Er wandte alle Künste der Beredsamkeit an , ihn zu besänftigen . " Nein , mein Freund , - sagte er - Sie müssen sich nicht durch ihn beschimpfen , wenn Sie seine Schande dem Richter aufdecken . Trennen Sie Amalie auf ewig von ihm , und überlassen Sie den Verworfenen seinem eigenen Verhängnis ! - " Nun , liebste , teuerste Fanny , hast Du hier eine Nachricht , die Dir gewiß willkommen sein wird . Gott gebe mir Kraft zur Ausführung , und Dir gebe er glücklichere , zufriedenere Stunden , als deine Amalie erlebt ! - - 83. Brief . Fanny an Amalie LXXXIII. Brief Fanny an Amalie Meine Beste ! Wollte der Himmel , daß alle Martern deiner sinkenden Kräfte deinem abscheulichen Manne auf die Seele fielen , damit er büßen möchte für deine Gesundheit , die er Dir so mörderisch raubte ! - Gott ! verzeihe mir_es ! - Noch nie hat mein Herz Böses gewünscht . Aber wäre es denn auch möglich , den Wert und die Leiden einer Amalie zu kennen , und nicht Dem zu fluchen , der so einen Engel misshandelt ? - O meine gutherzigste Dulderin ! - Wenn Du mich je liebtest , so raffe Dich auf von den Gefahren des Todes , die so drohend deiner warten ! - Um Gotteswillen pflege mit aller Vorsicht deiner Gesundheit ! - Bei meiner Liebe , bei den heiligsten Banden der Freundschaft beschwöre ich Dich , muntere Dich auf , verscheuche durch Zerstreuung den Kummer , der dein armes Herz benagt ! Der Gedanke , Dich vielleicht zu verlieren , ist für mich eine folternde Angst , und reißt mich zur tiefsten Wehmut hin ! - So selten findet man auf Erden ein Herz wie das deinige , und wer würde mir denn die Wonne der süßesten Vereinigung wiedergeben , wenn Du für mich hinwelktest in den Staub der Verwesung ? - Ha ! - deine fürchterliche Schwermut hat mich durch und durch erschüttert ! - Was doch dein Schicksal ein unglaubliches Labyrinth ist ! nur wenige Menschen würden seine andauernde Härte begreifen . - Ich selbst mit all meiner Überzeugung stand schon oft staunend dabei stille , und schlug die Hände über mir zusammen , wenn mir die Erfahrung für die Wirklichkeit bürgte . Die meisten Menschen würden deine Geschichte für das Hirngespinste irgend eines melancholischen Dichters halten , wenn sie ihnen unter die Augen käme , denn man ist zu sehr gewöhnt , in Romanen Lügen zu finden . Auch fehlt es den meisten Menschen zu sehr an Erfahrung , um das so mannigfaltige heimliche Elend ihrer Mitmenschen zu glauben . - Bosheit und Verfolgung wird unter ihnen zu heuchlerisch getrieben , um den Umfang ihrer Vertilgung zu kennen . - Nur dem Auge des Menschenkenners sind solche Schicksale begreiflich , der große Haufen hüpft darüber weg , sobald er das Unglück nicht auf dem öffentlichen Markte ausgeschrien findet . - Besonders gehen in der Liebe und Ehe oft Dinge unter beiden Geschlechtern vor , die man bei den wildesten Nationen kaum antrifft . - Es scheint , als ob alle Güte des Herzens bei Männern und Weibern in der Liebe und Ehe verschwunden wäre . Man findet gerade da die unmenschlichsten Grausamkeiten , wo die sanften Bande des Gefühls ihre beste Wirkung tun sollten . - Da doch aber Liebe und Ehe in dem menschlichen Leben die größten Epochen ausmachen , so sollten sich die Moralisten besonders Mühe geben , die gegenseitigen , so sehr einreißenden Misshandlungen durch gute , vernünftige Lehren zu verhindern . Wenn die Liebe den Menschen zum sanften Nachdenken hinreißt , warum sollte die Liebe nicht auch in jedem Stand Gutherzigkeit und Vernunft hervorbringen ? - Aber leider wird in unseren verdorbenen Zeiten die Liebe zur Buhlerei herabgewürdigt ! - Man knüpft ihre tugendhaft sein sollende Bande nur körperlich , und dann bleibt ihr nichts mehr übrig , als Sättigung . Selbst die Romanendiger entheiligen die Liebe mit ihren unechten Schilderungen . - Sie machen diese vortreffliche Lehrmeisterin zur empfindelnden Sucht , oder im Gegenteil zur heuchlerischen Heldin , die in der schwachen Menschheit keine Nachahmer findet . Die Menschen würden ihre beiderseitigen Betrügereien in der Liebe weit eher unterlassen , wenn das Männer- Herz durchs Denken moralischer , besser , und das weibliche stärker würde . - Von übelm Beispiele angesteckt , scheut sich kein Jüngling mehr , die Liebe durch Leichtsinn zu entweihen , und eine weinende , genoßene Unschuld barbarisch der öffentlichen Schande zu opfern ! - Eben so wenig als eine diebische Kokette es für Verbrechen hält , ganze Reihen voll Jünglinge an Seele und Leib zu Grunde zu richten . Gerade so sündhaft geht es in den jetzigen meisten Ehen zu . Der Mann brutalisiert das schwächere Weib , und sie beschimpft ihn dafür im Dunklen in den Armen eines Eheschänders ! - Doch weg , meine Freundin , von einem Gemälde , das jetzt gar nicht für dein blutendes Herz taugt . Könnt ich Dich doch mit etwas Beßerm trösten , als mit der Hoffnung einer glücklicheren Zukunft , die Dir in diesem Leben noch alles versüßen muß , was Dich bisher so gräßlich peinigte ! - Ha ! - Wie gerne würde ich all meine Vernunft zu diesem Vorsatz aufbieten , die meiner Freundin vielleicht Linderung verschaffte ! - Aber wir arme Menschen sind so ohnmächtig in unseren Unternehmungen , und können weiter nichts als bloß wünschen . - Doch sei ruhig , mein liebes , gutes , sanftes Malchen , und freue Dich über ein wohlwollendes , freundschaftlich pochendes weibliches Herz , weil Du keines unter den Männern fandest , das feurig genug für Dich schlug ! Ist dieses Andenken in einer so feindseligen Welt nicht Trost genug , um die Stunden deines Harrens zu erleichtern ? - Fasse Dich , meine sanfte Amalie ! Fasse Dich , und wähle Dir je eher je lieber einen ruhigeren Aufenthalt , wo bessere Tage deiner warten , als in dem Umgang eines blutdürstigen Tigers , der Dich in seiner Gallsucht unmenschlich würgte ! - Tausend Segen , Teuerste , zu deiner Trennung - und von mir Millionen Küsse mit einem Herzen voll schwesterlicher Liebe ! - Deine zärtliche Fanny . 84. Brief . An Fanny LXXXIV. Brief An Fanny Sie ist vollbracht die Trennung , meine Fanny , die meinem Herzen doch noch so viel Mühe kostete ! - Mich dünkt , es ist für eine gute Seele leichter , sich martern zu lassen , als Jemand zu kränken . Mein Herz bleibt mir ein ewiges Rätsel ! - Wenn alle Weiberherzen so viel Schwachheit besitzen , dann wundere ich mich nicht mehr über die vielen gutherzigen Fehler , die unserem Geschlecht so häufig ankleben . Kannst Du es begreifen , meine Freundin ? Ich habe bei seinem Abschiede noch Tränen der äußersten Wehmut vergoßen . Er schien mir jetzt ein hingeworfenes Opfer , das auf dem schlüpfrigen Pfade des Lasters ohne Freunde dem Abgrunde zustrauchelt ! - Der Friede wurde geschloßen , die Werbungen eingeschränkt , und er mußte zu seinem Regimente zurück . - Mein Oheim verließ den Armseligen mit einer empfindsamen Bitterkeit , die seinem so sehr beleidigten männlichen Charakter leicht zu vergeben ist . " Nimmermehr - sagte er letzthin - soll er es wieder wagen , dich oder mich zu beunruhigen ! - " Er hat aber auch diesen guten Oheim fast ganz an Glücksgütern entblößt , und nun zwingt ihn die Not , die Hilfe eines Freundes zu meiner ferneren Unterstüzzung anzurufen . - Ich habe mir selbst eine Art Kloster zu meinem Aufenthalte gewählt , dessen Orden mehr ans Weltliche grenzt . - Ich werde bald mit gewissen kleinen Vorbehältnissen dorten als Kostgängerin meine traurigen Tage verleben . Die Welt ist mir jetzt zu verhaßt , um ihrer Reize zu genießen , denen mein armes Herz sich gewiß nicht öffnen würde . Wenn die Schwermut einmal Wurzel gefaßt hat , dann hat sie ihre stillen Entzückungen , und man genießt ihrer im einsamen Nachdenken . Ich kann oft heftig zürnen , wenn es Jemand wagt , mich in einer Seligkeit zu stören , die ich in den stillen , sanften Stunden einer denkenden Schwermut genieße ! - Traurigkeit wird durch Gewohnheit zu einer Leidenschaft , die überall Stoff zur Nahrung findet , wenn sie in einem fühlenden Herzen ihren Wohnsitz hat . Das Unglück macht denken , das Denken wehmütig , und diese Wehmut vergilt dann wieder mit süßer , unaussprechlicher Wonne den Eindruck des ersten Schmerzens . Wenn die Menschen das entzückende , stille Gefühl einer schleichenden Melancholie recht zu empfinden wüßten , sie würden es gerne mit den wilden , rauschenden Vergnügungen vertauschen , die nur den gröberen Teil des Menschen sättigen . O Fanny ! - Ich will mich laben an meiner Lieblingslaune in den stillen Mauern der Einsiedelei ! Kein Zwang wird mich dann wie ehemals nach den Freuden der Welt lüstern machen . Ich werde freiwillig einer Unterhaltung entsagen , deren Genuß in meiner Willkür stünde . Du wirst Dich wundern , Fanny , ich darf Besuche annehmen , und auch wieder geben , nur alles unter gewissen Einschränkungen . Auch will ich in meinen Büchern schon Unterhaltung genug finden , die mich sättigen wird an Leib und Seele ; und denn wird es ja doch im Kloster etwa eine gute Seele geben , an die ich mich werde ketten können , sonst würde ich die Leere wohl nicht aushalten , das für empfindsame Herzen eine völlige Unmöglichkeit ist . - Ich will dann auch , meine Fanny , Dir zu Gefallen einer Gesundheit so viel möglich pflegen , von welcher deine Ruhe so sehr abhängt . Das Andenken meiner vorigen Tage soll mir dann die Ruhe der gegenwärtigen schmecken lassen - und sollten sich dann auch meine übrigen lebhaften Leidenschaften melden , die so stark in meinem Körperbau liegen , dann sei Du , meine Freundin , der Schutzengel , der mich leitet . Du hast einen so aufgeklärten Verstand , daß ich Dir nicht einmal meine Fehler verschweigen würde , weil ich deine sanfte Leitung kenne . - Aber nun , meine Teuerste , Reiseanstalten machen den heutigen Brief etwas kürzer ! Doch nichts in der Welt soll im Stande sein , ein Herz mit Kälte zu erfüllen , das ewig , ewig nur an Dir hängen wird . Amalie . 85. Brief . An Amalie LXXXV. Brief An Amalie Millionen Glückwünsche zu deiner Erlösung , gutes , sanftes Weibchen ! - Die Nachricht davon erfüllte mich mit unbeschreiblichem Entzücken ! - Meine Freude über deine Rettung brachte mich in einen Taumel von Seligkeit , dem ich mich nachher freiwillig überlies , um mich von der Wirklichkeit derselben ganz zu durchdringen . - O du gute , vortreffliche Seele , vergoßest noch Tränen bei dem Abschiede eines Undankbaren , der Dich vielleicht für die ganze Zeit deines Lebens unglücklich gemacht hätte ! - Aber , meine geliebte Amalie , deine gutherzige Schwachheit ist demungeachtet weit von jener sinnlosen Schwäche verschieden , die man bei unserem Geschlecht leider so oft findet ! - Ein Weib , das nicht denkt ; - und wie viele denken denn ? - Ein Weib ohne moralisches System , ist ein Wesen ohne Grundfeste , das der bloße Hauch des Lasters zu jeder Ausschweifung hinreißen kann . Wenn der Kopf eines Weibes ihrer Reizbarkeit nicht Grundsätze entgegensetzt , dann ist sie verloren für Ehre und Tugend . - Mangel an Denken macht sie bei ihrer ohnehin schwachen Anlage wankelmütig , leichtsinnig , eitel , und bereitet ihr am Ende manchmal unwillkürlich das Grab ihrer Tugend . Bei den meisten Weibern wird Liebe und Freundschaft verwahrloset oder gar verraten , wenn ihre angeborene Schwachheit durch Gewohnheit zum Laster ausartet . Ihr Herz führt sie ohne Beistand des Kopfs bei den geringsten Versuchungen irre . Das weibliche Herz ist von der Natur zu weich geschaffen , und ist durch seine Schwäche , wenn es nicht durch Vernunft zum Nachdenken geleitet wird , allzu empfänglich fürs Böse . - Die Ausschweifung der Weiber hat von jeher an Größe und Mannigfaltigkeit die Tollheiten der Männer übertroffen . Man wird immer weit mehr sträfliche Weiber als sträfliche Männer finden ; denn der Kopf taugt bei den wenigsten Weibern etwas , und dann sinken sie gedankenlos hin in alle Fehler der Menschheit , die sich ihrer Schwachheit darbieten : Bosheit , Dummheit und Eitelkeit sind ihre mächtigsten Triebfedern zu allen übrigen Ausschweifungen . Die meisten Weiber sind zu wankelmütig , um in der Liebe und Freundschaft jene Standhaftigkeit zu behaupten , die das Glück derselben ausmacht . Aus Romanensucht verliebt sich wohl hie und dort ein Mädchen ; aber kaum hat sie die Hindernisse der Liebe überstiegen , so gelüstet es ihrem leckern Gaumen schon wieder nach etwas anderem . - Das Wort Weib ist ein ewiges Geheimnis , dessen Charakteristik nie kann entwickelt werden . Ich habe manches Weib durch Liebe sehr glücklich gesehen , die in den Armen ihres Gatten alle nur mögliche Glückseligkeit zu genießen schien , und doch war oft der elendeste Stuzzer im Stande , die geheiligten Bande eines Biedermannes zu beflecken . Die abscheuliche Eitelkeit macht so viele Weiber zu tändelnden Kindern , denen man so leicht Flittergold , statt dem echten , in die Hände drücken kann . Das nichtdenkende Weib bleibt bloß am Sinnlichen hängen und ist samt seinem weichen Herzen nur zu oft das Opfer eines schöngewachsenen Schandbubens . Schmeichelei und Eigennutz macht den größten Haufen von Weibern zu elenden Werkzeugen der Wollust , dessen sich jeder Bösewicht bedienen kann , wenn er Kunst dazu besitzt . - Siehst Du , Amalie , so ist unser Geschlecht beschaffen . Ein Geschlecht , dem die meisten männlichen Schriftsteller so vielen Weihrauch streuen , so daß es sich nicht einmal besseren kann , wenn es auch schon wollte . - Fehler aus Höflichkeit nicht aufdecken wollen , war nie meine Sache , und das Bestreben die Mängel meines eigenen Geschlechts zu verbergen , würde mich zu jener elenden Eigenliebe herabwürdigen , die so leicht an kriechendes Wesen grenzt . - Wenn ich mir denn auch das Nasenrümpfen meiner eitleren Mitschwestern dadurch zuziehe , so ertrage ich es weit leichter als die Beschuldigung einer heuchlerischen Schilderung , die mir von Kennern zur Last gelegt werden könnte , die mit Aufmerksamkeit unser Geschlecht studiert haben . Gibt es nun unter unserem Geschlecht zuweilen auch Ausnahmen , so mögen mir diese Wenigen durch ihr ruhiges Gewissen beweisen , daß sie über eine Wahrheit nicht böse sein können , die nur die Schuldigen trifft . - Keine Würdige wird sich so leicht in meine Schilderung eindringen , dahingegen eine Getroffene sich vielleicht von selbst aus beleidigter Eitelkeit verrät . Aufrichtigkeit war von jeher mein erster Grundsatz , und ich kann unmöglich durch dieselbe meine Mitschwestern beleidigen , wenn bei ihnen die Verstellung nicht schon ganz die Aufrichtigkeit verdrängt hat . - Zu dem kümmere ich mich auch um unser Geschlecht zu wenig , als daß sein Zorn mich kränken könnte . Weiberzorn ist ja oft so ungegründet , und grenzt so sehr an tausendfache Dummheit ! - Der Neid meines Geschlechts war von meiner ersten Jugend an mein Gegner , und meine Gespielinnen verfolgten mich oft aus Gewohnheit , aus Langeweile , aus Hang zur Verleumdung , aus Missgunst , nie aber aus Überzeugung eines an mir entdeckten Lasters . Ich liebte sie als Menschenfreundin alle , wie sie mir aufstießen , aber schätzen konnte ich , wegen ihren abgeschmackten Bosheiten , nur wenige . - Wirklich , meine Amalie , außer Dir wird wohl mein Herz ewig der Freundschaft und Achtung für dieses Geschlecht verschloßen bleiben . - Aber , nicht wahr , meine Teuerste , heute verweile ich zu lange bei einem Punkte , der fast den ganzen Raum dieses Briefs anfüllt ? - Nun will ich aber auch geschwind wieder zu dem Aufenthalt deines Klosters zurückeilen : Ich zittere für deine Gemütsruhe , meine Liebe ; ich entdeckte in deinem Briefe zu viel Schwermut , um diese einsamen Mauern nicht als deine heimlichen Mörder zu betrachten , die Dich durch ihre betrügerischen Reize zur tödlichen Melancholie hinreißen werden ! - Es liegt eine gefährliche Anlage zur Verrückung der Sinnen in Dir ; Du nährst mit Wollust einen Hang , den das Unglück schon so tief in deiner Seele Wurzel fassen lies , um ihn wieder so leicht ausrotten zu können . Hüte Dich , Amalie , vor zu langwieriger Einsamkeit , sie würde in kurzer Zeit dein Blut vollends verdicken . - Und dann , wenn ich noch die Bedürfnisse deiner Empfindsamkeit bedenke , o , so möchte ich laut aufrufen : O gütiger Allvater im Himmel ! schenke meiner Amalie bald wieder einen anderen , besseren Gatten , in dessen Armen sie für Leib und Seele Nahrung findet ! - Lebe wohl , liebenswürdiges Weibchen , und vergiß nicht deine traute Fanny . 86. Brief . An Fanny LXXXVI. Brief An Fanny Seit vierzehn Tagen bin ich hier , bei den sogenannten englischen Fräulein . - Das Kloster ist ein sehr altes Gebäude , hat aber einen sehr hübschen Garten . - Die Damen dieses Stifts sind meistens adelige , die aus Familienverdrüßlichkeiten , aus Hang zur Einsamkeit , oder sonst aus geheimen Ursachen diesen Aufenthalt wählten . Auch nach dem Gelübde haben sie immer noch die Freiheit zu heiraten . Ihr Orden scheint bloß eine Geburt des weiblichen Eigensinns zu sein , um unter Müßiggang und verschiedenen Zänkereien ihren Launen abzuwarten . Die älteren Fräulein hängen sich an Bigotterie und ihre häßlichen Folgen ; die jüngern ergeben sich den schönen Wissenschaften und der Liebe . Doch muß ich es gestehen , es gibt unter diesen Damen , trotz den vielen männlichen Besuchen , selten auffallende Szenen , die ans Ärgerliche grenzten . Sie mißbrauchen ihre Freiheit nicht , sondern folgen willig der weisen Leitung einer vernünftigen Oberin , wenn sie das Glück haben , eine solche Führerin zu besitzen . - Die Beschäftigung einiger Damen ist Erziehung der Jugend , und die Schulen , worin mehrerlei Sprachen gelehrt werden . Aber auch da hat das Vorurteil in der Erziehungsart seine Stelle eingenommen ; freilich nicht so stark , wie in anderen Nonnenklöstern ; aber dennoch werden die Kinder steif und abgeschmackt erzogen . - Ein mechanisches Einerlei ist die Beschäftigung ihrer Kostgängerinnen von frühe bis Abends . - Die Arbeiten dieses Häufchens von jungen Mädchen teilen sich unter Nähen , stricken , Beten , Essen , Schlafen , Schwazzen und die Erlernung eines unregelmäßigen Dialekts der französischen Sprache . - Die Schulaufseherinnen geben sich zu wenig Mühe , die aufkeimenden Gefühle der Liebe in ihren schon etwas erwachsenen Kostgängerinnen zu studieren . Das achtzehnjährige Mädchen wird eben so strenge als das achtjährige bewacht , und muß seine Gefühle heuchlerisch unterdrücken . Männer statten bei ihren Lehrmeisterinnen Besuche ab , und reizen dadurch die Einbildungskraft eines empfindsamen Mädchens , die bei ihrer harten Einschränkung sich das nämliche Vergnügen wünscht . Und dann die Verschiedenheit der Herkunft dieser Mädchen , die alle beisammen wohnen und schlafen müssen , ist die gefährlichste Lage für ein gutartiges Gemüt , das , vom üblen Beispiele hingerißen , alle Unsittlichkeiten einsaugt , die durch Kinder aus dem Pöbel getrieben werden . Die jüngern werden von den älteren in allerhand Untugenden unterrichtet , und lernen oft vor der Zeit die Triebe der Natur kennen . Schwatzhaftigkeit , Neid , Boshaftigkeit und andere üble Gewohnheiten , keimen unter ihnen im Stillen , durch böses Beispiel erzeugt , hinter dem Rücken ihrer Lehrmeisterinnen auf , die ihre kurzsichtigen Augen nicht überall haben können , um so viele Kostgängerinnen in ihren einzelnen Leidenschaften zu beobachten . Die Tochter eines Edelmanns wird oft von der Tugend eines Bürgermädchens beschämt , und dann im Gegenteil wieder die Tochter eines Edelmanns durch das rohe Laster eines Bürgermädchens verdorben , ohne daß es ihre Lehrmeisterin einmal gewahr wird . Keine von diesen Mädchen erhält ihrem Stand angemessene Bildung . - Mich dünkt , der bloße Eigennutz ist der Endzweck dieser Erziehungsanstalt ; denn mehrmals wird eine reiche unartige Bürgerstochter im Schoße ihrer bestochenen Lehrmeisterin verzärtelt , da indessen die ärmere adelige unter der rohen Behandlung des großen Haufens mitlaufen muß . Man untersagt zwar den Kindern die Lesung guter Bücher nicht , aber man lehrt sie über kein Buch urteilen ; öffentliche Vorlesungen , durch welche die Kinder so viele Vorteile auf einmal erhalten , sind gar keine hier gebräuchlich . Man sucht den Kindern bloß das Gedächtnis durch Auswendiglernen zu überladen , ob sie dann mit oder ohne Gefühl lesen , das ist den Lehrmeisterinnen völlig gleich . - Diese mechanische Lesart erzeugt Dummköpfe , welche in der Zerstreuung hastig und eintönig die schönste Moral hinwegplappern , wobei sie gar nicht denken , und also ihrem Geiste wenig oder gar keine Nahrung dadurch geben können . Wer nicht beim Lesen denken lernt , kann nichts verstehen , und wer nichts versteht , der fühlt auch nichts . - Das laute Vorlesen beschäftigt fast alle Sinnen und gibt jedem eine regelmäßige Richtung . Die Fertigkeit im Lesen , der edle Ausdruck , werden unvermerkt einer solchen Schülerin zur Gewohnheit ; da indessen ihr Herz , ihr Verstand , ihr Gefühl , ihre Beurteilungskraft auch unendlich viel dabei gewinnen . - Man lege den jungen Mädchen Fragen über das Vorgelesene vor , damit solche von einer jeden nach ihren Begriffen schriftlich beantwortet werden ; und dann wird die Lehrmeisterin entdecken können , wer mit Vorteil gelesen oder zugehört hat . - Diese Art junge Seelen unterhaltend zu bilden , ist die größte Kunst , Menschen leicht denken und schließen zu lehren . - Es gibt auch bei Tische und in den Erholungsstunden so viele nützliche Unterhaltungen , die den jugendlichen Geist lehrreich und angenehm beschäftigen ; aber freilich dazu gehört ein Bisschen mehr , als bloß ein weiblicher Klosterkopf , um so eine Unterhaltung zum Nutzen anzuwenden . Jedes Alter unter denen Kostgängerinnen sollte seine besondere Lehrmeisterin , seinen besonderen Tisch und seine besonderen Zimmer haben . Kinder müssen wieder kindisch und spielend zum Denken und Fühlen angeleitet werden ; hingegen Mädchen von gewissen Jahren müssen durch ernsthaftere Anweisung , die gerade zu den sich allmählich entwickelnden Ideen paßt , geführt werden . Liebe , Freundschaft , Großmut , Ehestands- und Mutterpflichten , Religion und Lebensart müssen ihnen im reinen Lichte ohne Fantasterei , ohne Vorurteil vorgelegt werden , damit sie untereinander durch solche ungezwungene Unterredungen erhaben denken und handeln lernen . Alle Moral hat für die Jugend ihre Reize , wenn sie ihr sanft und offenherzig genug , so wie es der gütige Schöpfer haben will , ins Herz geprägt wird . - Die Lehrmeisterinnen dürfen an einem Zögling in Rücksicht auf Liebe durchaus keine Verstellung dulden , sie lehrt heucheln , und ist der erste Grund zum Verderben eines jungen Herzens . So bald aber die jungen Mädchen einsehen lernen , daß reine , wahre Liebe nicht sträflich ist , so haben sie sich nicht eines Triebes zu schämen , der öfters bloß aus Zwang ausartet . - Die zu scharfen Verbote einer sinnlosen Lehrerin in Ansehung der Liebe verderben die besten Herzen . - Ohne Zutrauen gegen ihre strenge Führung folgen dann solche Mädchen heimlich ihren Wünschen , und finden den Weg zum doppelten Laster , zur Lüge , und zur fleischlichen Befriedigung . - Das Verbot macht ihnen die Sünde kennbar , wo eine bessere Leitung in der Liebe sie zur Rechtschaffenheit geführt hätte . - Doch genug , meine Fanny , von einer Erziehungsart , die unter Weibern ewig nie zu Stande kommen wird . - Warum ? - Das beantworte Dir selbst ! Und nun für heute ein recht warmes Mäulchen von Deiner Amalie. 87. Brief . An Fanny LXXXVII. Brief An Fanny Meine Traute ! - Ich kann unmöglich deine Antwort abwarten , die Zeit würde mir sonst tödlich lange werden ! - Ich habe Dir letzthin die hiesige Erziehung in etwas entworfen . - Aber wie viel Stoff wäre noch vorhanden , um sie auszumalen , diese elende Erziehungsart . Täglich erweckt sie mir mehr Ekel . - Wo ich nur hinblicke , fallen meinem Auge neue Mängel darin auf . - Kaum kehrt die Lehrmeisterin ihren Zöglingen den Rücken , so geht es an ein Hadern , an ein Schreien unter diesen Mädchen , daß man gehörlos werden möchte . Schwatzhaftigkeit ist ohnehin von Natur der Fehler unseres Geschlechts . - Man denke sich nun so ein Häufchen weiblicher Geschöpfe in ihrer Freiheit zusammen , die in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin keinen Laut von sich geben durften . - Da Sitzen sie dann die armen Schlachtopfer der Dummheit , flüstern sich einander heimlich in die Ohren , und zittern bei dem geringsten Wort ihrer mürrischen Lehrerin . - Durch das strenge Verbot gereizt , werden sie lüstern nach Freiheit , und hängen dann in Gedanken dieser Lüsternheit so sehr nach , daß ihr Geist unfähig wird zum Lernen . - Unter einer vernünftigeren Einschränkung frei und munter begreifen die Kinder mit unendlich weniger Mühe . Der gute Willen eines Kindes durch Ehre angefeuert , erfüllt weit leichter und besser seine Pflichten , und führt dem Zwecke näher , als die rauhe Art , womit man sie dazu zwingen will . - Sie werden durch eine solche strenge Art verstockt , hinterlistig , verschmitzt , und lernen nie aus eigenem Trieb ihre Pflichten kennen . - Auch die Art , die etwas älteren Mädchen zu bestrafen , will mir durchaus nicht gefallen ! - Durch öffentliche kindische Züchtigungen wird das Ehrengefühl eines solchen armen Mädchens mehr verdorben als gebessert . - Sobald das erwachsene Mädchen mit dem Kinde einerlei Strafe dulden muß , so wird ihm diese kindische Beschämung zur Gewohnheit , und erstickt in ihr jene edle Begriffe von wahrer Schamhaftigkeit , die für ihre Jahre die erste Triebfeder zum Guten werden könnten . - Doch weg hiervon , meine Fanny ; und in den Speisesaal dieser Kostgängerinnen : Du wirst Dich wundern , wie sie ihr französisches Tischgebet so kalt und flüchtig Dacherschnattern , daß es dem lieben Gott im Himmel gewiß nicht gefallen kann . - Weder ihr Herz , noch ihr Kopf sind von den dankbaren Gefühlen durchdrungen , die wir doch Alle so warm dem Ewigen schuldig sind ! - Gemein weg , wie man es unter so vielen Katholiken antrifft , sind ihre Begriffe von Gott ; nie das , was sie sein sollten . Ihr Religionsgefühl ist der seichten Lehrart ihrer Vorsteherinnen angemessen . Sie werden Christinnen ohne Empfindung , bloß dem Munde nach . - Der Mangel ihres Gefühls läßt sie nicht weiter über die Größe Gottes nachdenken , als ihre Begriffe ihn fassen können , diesen so gütigen Gott , dessen Allmacht sie nicht einmal aus der Natur einsehen und verehren lernen ! Weinen möchte man darüber , daß der heiligste Gegenstand der Religion in der weiblichen Erziehung so verstümmelt wird ! - Bei ihren Mahlzeiten genießen diese armen Kinder Gottes gütige Gaben mit der äußersten Schüchternheit . Keine Silbe von Gespräch , durch welches man die Denkungsart der Kinder so leicht kennen lernt , darf in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin unter ihnen geführt werden ! - Sie lernen nicht einmal mit Anstand , ohne Zwang ihre Speisen genießen ; die Furcht schraubt sie in jeder ihrer Bewegungen wie Drahtpuppen zusammen . Nach Tische besteht ihre Erholung in einem Spaziergang im Garten ; aber auch hier dürfen sie nicht einmal der lieben Freiheit genießen . Wenn nun zwei sympathisierende Freundinnen sich einander gerne allein ihr Herz mitteilen möchten , so werden sie wie ein Blitz von der misstrauischen Lehrmeisterin getrennt , weil sie befürchtet , ihr Herz möchte sich dem Gefühl der Freundschaft öffnen . Sonntags müssen die Zöglinge paarweise in Gesellschaft einer Lehrerin , den Jünglingen zur Schau , eine Hauptkirche besuchen . Ganze Reihen junger Mannsleute stellen sich ihnen alsdann in den Weg , und reizen die schon zu fühlen beginnenden Mädchen zu heimlichen Leidenschaften . Diese sklavische Behandlung bringt sie nach und nach zur schändlichsten Erkältung in der Religion . - Hingerissen beim Kirchengehen vom Wohlgefallen am männlichen Geschlecht , opfern sie bei ihrer Andachtsübung eher dem Gott der Liebe , als dem Allgewaltigen im Himmel ! - Kann man die Religion den jungen Mädchen gefährlicher einkleiden , als in solche gleisnerische Bigotterie ? - Kurz , meine Fanny , überall finde ich , daß dieser Erziehungsplan gar nicht zum Wohl der Menschheit entworfen ist . Wäre ich auch mit Kindern überhäuft , so würde ich sie lieber an meiner Seite einfach , nach dem schönen Wink der Natur erziehen , als an solche Orte hingeben , wo jedes gute Gefühl in ihnen erstickt wird . - Die Erziehung ist ja so wichtig für unsere Glückseligkeit ; und doch gibt es Eltern , die sogar ihr Vermögen daran wenden , ihre Kinder an solchen Orten verderben zu lassen . - Kein Monarch sollte Erziehungshäuser dulden , wenn sie nicht vorher strenge untersucht worden sind . Vorurteil , Religionshaß , Bigotterie und Weibergrille sollten da durchaus nicht ihren Wohnsitz haben , wo es darauf ankommt , liebenswürdige Gattinnen , vernünftige Mütter und rechtschaffene Bürgerinnen zu bilden . - Aber was meinst Du wohl , Fanny , wenn die Weiber unter einander es wüßten , daß ich es wage Anmerkungen über sie zu machen ? - Hu ! - wie würde mich ihre gereizte Eitelkeit verfolgen ! - Doch , Missbräuche mit Wahrheit anfeinden , darf eine jede Denkerin . Ich schwöre Dir , daß ich es ungern tue , Dinge zu entdecken , die unserem aufgeklärten Jahrhundert nichts weniger als Ehre machen . - So viel für heute von Deiner Amalie. 88. Brief . An Amalie LXXXVIII. Brief An Amalie Deine beiden Briefe , meine Freundin , bestätigen ganz meinen Grundsatz , daß mit den wenigsten Weibern etwas vernünftiges anzufangen ist . - Ich kann nicht begreifen , wie man ihren Köpfen , die beinahe alle verdorben sind , das Werk der Erziehung anvertraut . - Die Nonnen erschleichen sich durch den Schein der Frömmigkeit das Zutrauen der leichtgläubigen Eltern , auf Unkosten der armen Jugend . Die Eltern sind gewohnt , das Kloster als eine sichere Festung der Tugend für ihre Kinder zu betrachten . - Riegel und Schlösser scheinen solchen blödsichtigen Leuten das beste Mittel , das jugendliche Feuer eines raschen Mädchens einzuschränken . Die Kurzsichtigen begreifen nicht , daß gerade das der Weg ist , ihre Töchter dem Abgrund zu nähern , dem sie an der Seite einer guten Mutter leichter entgehen würden . Lebhafte Temperamente bahnen sich durch Einsperrung den Weg zum hartnäckigen Laster . - Das beste Mädchen wird dann durch Zwang zur boshaften Dirne , und befolgt nur widerspenstig ihre Pflichten . Klostererziehung ist eine verderbende Seuche , die durch schiefe Leitung die besten Herzen zur Fäulnis bringt . Doch ist die üble Lehrart unter diesen Weibern nicht so sehr Nachlässigkeit , als Mangel an Einsichten . - Dumme Erziehung pflanzt sich von einer Nonne zur anderen fort , und nur selten gibt es ein Weib , die Fähigkeit genug besitzt , Menschen ( im ganzen Verstande dieses Wortes ) zu bilden . Ihr Despotismus ist gerade das gefährlichste Mittel , junge Seelen zu Grunde zu richten . Gutheit , Sanftmut , Vernunft , Nachdenken , Ergründung der Temperamenten ist zwar nicht die Sache einer Jeden , weil ihr dieser Weg , aus Mangel an eigener Erziehung , selbst fremd ist . Solche Nonnen arbeiten meistens fürs liebe Brot , und kümmern sich wenig um das einzelne Wohl eines Zöglings , der für sein Geld sich seinen Untergang eintauscht . - Wäre es diesen Weibern um das Glück ihrer Zöglinge zu tun , so würden sie nicht mehr Kostgängerinnen annehmen , als sie übersehen können . Die Vernünftigste unter ihnen kann denn doch in ihren Mauern die nötige Erfahrung nicht haben , um ein Mädchen mit Welt- und Menschenkenntnis zu erziehen . Wo findet man unter den Weibern so leicht selbsterworbene Menschenkenntnis ? - Ihre Köpfe sind mit etlich Dutzend Alltagssäzzen angefüllt , und auf diese gründet sich ihre ganze Erziehung , ohne Rücksicht auf die Verschiedenheit der Temperamente . Die klügeren Protestanten lehren ihre Kinder in keinem Kloster , sondern im Kindersesselchen schon die Pflichten gegen Gott und ihre Nebenmenschen kennen ; da hingegen die katholischen Klosterzöglinge manchmal ihr ganzes Leben hindurch kaum ihr Dasein fühlen . - Das Buch der göttlichen Offenbarung ist ihnen eben so fremd , als das schöne Gefühl der lieben Natur , worin die Allmacht des Schöpfers so kennbar geschrieben steht . Gellert , dieser vortreffliche Lehrer der erhabensten Begriffe von der Herrlichkeit Gottes ist in den Augen der meisten Nonnen ein Kezzer . Ihre rasende Ignoranz geht bis zum Abscheu ! - Die Wut des Vorurteils sitzt mächtig stark in ihren elenden Köpfen ; und so pflanzen sie die Unerträglichkeit auch in ihren Zöglingen fort . Die Protestanten sind weit gutherziger , und sorgen feuriger für das Wohl ihrer Kinder . - Ich selbst war einst Augenzeuge , daß die katholischen Starrköpfe von Nonnen ein protestantisches junges Mädchen nicht in ihre Verpflegung aufnehmen wollten . - Kann man den unsinnigen Haß weiter treiben ? Wer gibt diesen Boshaften das Recht , eine andere Religion anzufeinden ? - Die Elenden wagen es , ihrem unschuldigen Nebenmenschen Liebesdienste zu verweigern , die der Heiland selbst nicht versagte ! - Von elenden Grillen angesteckt , wandeln sie auf dieser Erde den verdienstlosen Weg fort , der ihnen von einem gallsüchtigen Gewissensrat vielleicht in der Beichte ist angewiesen worden . Wie kann denn ein junges Herz bei so einem Beispiel Menschenliebe lernen ? - Wer das Unglück seiner Mitbrüder nicht erleichtert , wer sie nicht liebt , sie mögen auch hingehören , wo sie wollen , der wird meineidig am Schöpfer ! - Und nun genug von einer Sache , die wir doch nicht ändern werden ! Lebe wohl , gutes Malchen ! - - Lebe wohl ! - Fanny. 89. Brief . An Fanny LXXXIX. Brief An Fanny Teuerste ! - So einsam mein Aufenthalt auch immer ist , so findet sich doch immer etwas zum plaudern . Durch meine Beobachtungen erweitere ich meine Kenntnisse , und erhalte dadurch eine Beschäftigung , die mich vor Langeweile schützt . Unter den Menschen findet man überall Stoff genug zum Denken . Unvermerkt lernt man Tugend von Gleisnerei , Schwachheit vom Laster unterscheiden . Wie nützlich wäre jedem Frauenzimmer Menschen- und Sittenkenntnis . Wie unterhaltend ist dieses Studium für ein denkendes Weib ! Die Frauenzimmer wären in der Glückseligkeit zu beneiden , wenn sie ihre müßigen Augenblicke dazu verwendeten . Sie würden eigene Fehler durch fremde kennen lernen , und überall den schlechten Zustand des menschlichen Herzens entdecken . Sie würden auch ihre Stunden weniger mit Putz an der Toilette töten , und dadurch ihrer sträflichen Eitelkeit eine Nahrung benehmen , die so oft in Laster ausartet . - Sie würden dann aufhören ihre übrige Zeit mit verleumderischer Schwatzhaftigkeit zu brandmarken . - Kurz , sie würden denken lernen , und durchs Denken fühlende , nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft werden . Weibliche Tändeleien , die den Kopf stumpf und das Herz zum Biedersinn unfähig machen , sind die unrühmlichen Beschäftigungen , womit sich unser Geschlecht abgibt . - Die Weiber sind oft in ihrem fünfzigsten Jahre noch unmündige Kinder , die in ihren eitlen Putz verliebt , vom frühen Morgen bis Nachts damit spielen ; leer im Kopf , und fühllos fürs Moralische im Herzen , freuen sie sich einer Arbeit , die bloß dem törichtsten Gott der Mode opfert . - Schöpfer und Pflichten werden über diesen allwichtigen Punkt ihrer Eitelkeit vergessen , und nur selten bleibt ein junges eitles Weib bloß eitel . - Ist doch eine Modekleinigkeit im Stande ihr schwaches Herz zu entzücken , um so viel leichter wird es die Schmeichelei eines Stuzzers zum Laster bereden . Die Liebe zum Putz wird unter den Frauenzimmern zur umsichfressenden Seuche , und raubt , unterstützt vom Eigennutz , ihnen ganz gewiß Ehre , Tugend und guten Namen . So viele Weiber machen aus Eitelkeit die Schande ihrer Männer , den Fluch ihrer Eltern und den Abscheu eines ganzen Publikums aus ! - Sie wollen durch Verschwendung ihre Larve zum gefallen zwingen , und erkaufen sich diese Reize durchs Laster , um sie wieder zum Laster zu benutzen . Es ist zum Erbarmen , wenn man unser Geschlecht betrachtet , wie erfinderisch es sich bemüht , durch Körper zu gefallen ! - Die Männer werden gleichsam gezwungen , nur nach dem lockenden Körper zu haschen , weil sie darin fast überall eine edle Seele vermissen . Die ganze Zeit ihres Lebens an physische Reize gewöhnt , leugnen die Männer sogar die seltene Tugend der Frauenzimmer rundweg . Würden die Frauenzimmer nicht ihre Verehrer bloß durch blendende , sinnliche Reize an sich ziehen , so gäbe es nicht eine so große Menge Lotterbuben , die durchgehends dem bloßen Genus nachjagen . O Freundinnen ! - Bei dem geheiligten Gefühl der Mutterliebe beschwöre ich euch , um das Wohl eurer künftigen Töchter , leitet das verwöhnte Männergeschlecht durch moralische Vorzüge zu der Achtung zurück , die es unserem Geschlecht schuldig ist ! - Lehrt es die wahre Liebe im Glanz ihrer göttlichen Zufriedenheit kennen ! - Macht das durch Brutalität verwilderte Männerherz sanft , empfänglich für eine Liebe , die der Schöpfer zur Triebfeder alles Guten so wonnevoll in den Bau unseres Körpers legte ! - Liebe Freundinnen ! - denkt über die Anträge der Männer selbst nach , und lernt genau , Liebe von Wollust , Gutherzigkeit von Galanterie , Temperament von wirklicher Zärtlichkeit unterscheiden . Beide Geschlechter werden dann aufhören unter dem Vorwand der Liebe einander zu hintergehen , und gegenseitige Treue wird in der wahren Liebe das bloße schändliche Bedürfnis beschämen , das man außer dieser so tierisch untereinander befriedigt . Gewis , meine Fanny , wenn ich den traurigen Zustand der gegenwärtig herrschenden Misshandlungen , von Afterliebe erzeugt , überdenke , so kostet es mich Tränen , wenn ich sehen muß , daß so viele Unschuldige den schändlichsten Betrügereien ihren Nacken aus Leichtgläubigkeit darbieten . - Jeder Betrug wird doch von den Gesetzen scharf bestraft , aber Betrug in der Liebe ahndet keine Seele , da er doch unter jungen Leuten um tausend Grade stärker als der andere getrieben wird . Man wechselt jetzt unter beiden Geschlechtern bloß Körper um Körper , und kein leichtsinniger Schurke bedenkt , daß oft die Seligkeit eines beschimpften Mädchens auf dem Scheideweg steht zur ewigen Verdammnis ! - Befriedigt sind nun seine Triebe im Schoße einer vertraulichen Unschuld , die , durch Schwüre erweicht , das hingab was an ihr heilig sein sollte , um dann durch seinen gebrochenen Eid reif zu werden , als Kindermörderin , zum Schafott ! - Schrecklich wird Gott einst so einen Bösewicht richten , der mit Tigergrausamkeit zwei Geschöpfe auf einmal mordete ! - Wie er dann da stehen wird , der meineidige Ehrendieb eines gutherzigen Geschöpfs , die von Kunstgriffen besiegt , ihm eine lange Ewigkeit durchflucht ! - Gott ! - Gott ! - wie mich dieser Gedanke hinreißt zum heftigsten Eifer ! - Ich muß abbrechen , Fanny ! - Mein Herz fühlt zu viel , bei einer Sache , die man in der Welt so häufig antrifft . - Gute Nacht für diesmal ! - gute Nacht ! - Amalie . 90. Brief . An Amalie XC. Brief An Amalie Herzens-Weibchen ! - Du hast in deinem Brief mit Wahrheit und Nachdruck über den beiderseitigen Betrug in der Liebe gesprochen , und ich Stimme Dir von Grunde des Herzens darin bei . Nur zuerst noch ein Wörtchen von der weiblichen Eitelkeit : - Ja , meine Freundin , diese abscheulichste aller Torheiten beherrscht das weibliche Geschlecht bis zur Sträflichkeit . - Auch das dümmste Weib ist selten zum Putz zu dumm . Es scheint , als ob die Eitelkeit im Mutterleibe schon auf die Töchter fortgepflanzt würde . Diese sträfliche Neigung hält unser Geschlecht vom Denken ab , und macht aus Menschen bloß Affen , die sich nach der Modegrille drehen . So viele Weiber taumeln träumend , mit ihrer Eitelkeit beschäftigt , die Tage ihres Lebens durch , und erinnern sich erst auf dem ungeputzten Sterbebette , daß sie Diebinnen der kostbaren Zeit waren . - Der Fehler rührt von der Mutter her , weil sie durch eigenes Beispiel ihrer Tochter leichtsinnig den Weg des zeitlichen und ewigen Verderbens zeigt . Ein elender Wunsch zu gefallen , macht die alte Matrone eben so erfinderisch im Puzze , als das junge schlecht erzogene Mädchen , die unter der Leitung ihrer koketten Mutter ihre größten Pflichten über der Mode versäumt . - Die erfinderischen eitlen Frauenzimmer haben die Reinlichkeit in kostbaren Staat verwandelt , der Ehemänner zu Grunde richtet , und Jungfrauen zu Buhldirnen macht . Dieser abscheuliche Hang öffnet das Herz eines Weibes dem Neid und der Missgunst . - Ehrabschneiderei hat unter den Frauenzimmern am meisten ihren Aufenthalt , weil ihre eitlen Herzen so leicht über den schöneren Putz ihrer Gespielinnen bluten . Kurz , Eitelkeit ist für ein schwaches weibliches Herz der erste Wegweiser zu allen Ausschweifungen . Kein Laster hält schwerer unter den Weibern auszurotten , als gerade Eitelkeit . - Eben durch diese wird oft im ehrlichsten Weibe eine heimliche Eroberungssucht genährt , die über kurz oder lang ihren Mann gewiß beschimpft . - Nur die liebende Gattin unterhält mit Geschmack und mäßigem Aufwande ihre reinlichen Kleider , und gefällt ihrem liebenden Manne weit besser , als die übertünchte Kokette ihrem buhlenden Stuzzer , dessen flatternder Neigung sogar am schönsten Puzze ekelt . - Würden die Weiber über ihre Bestimmung mehr nachdenken lernen , so bliebe ihnen zur verschwenderischen Eitelkeit keine Zeit übrig , die sie dann mit Buhlen oder Schminken töten müssen . Sie tragen ja bloß ihre verhunzte Larve zu Markte , und kümmern sich nicht , um den leichtgläubigen Käufer , wenn er nur ihre Eitelkeit , ihren Eigennutz befriedigt . - Die Männer haschen mit ihren feurigeren Trieben bloß nach dem , was sich ihnen so leicht darbietet , und vergessen im Taumel ihrer Befriedigung , daß sie eine öffentlich feile Ware vor sich haben . Eine Menge solcher feiler , eitler Weiber sind nicht im Stande , eine Männerseele zu reizen , und mitten im Genuß schon verlieren sie des Mannes Achtung . - Dann eilt dieses Männervolk auf den Flügeln der Wollust und Galanterie von Körper zu Körper , und vermißt bei so vielen Weibern das , wodurch er zur ernsthaften moralischen Liebe gefesselt werden könnte . Gewis , Freundin ! - Viel ist es auch die Schuld der Weiber , daß die Mannsleute überall hin flattern und so oft der bloßen Schale nachjagen . Die üble Gewohnheit , nur Bedürniße zu befriedigen , reißt unter jungen Leuten so sehr ein , daß sie darüber Menschenliebe , Ehre , gutes Herz und Rechtschaffenheit aus der Acht lassen . Wenn ihre rohen Triebe gesättigt sind , dann kümmern sie sich wenig um das Geschehene , und wenn es auch die gräßlichsten Folgen nach sich zöge ! Der vorbeieilende Taumel des Temperaments verhärtet das Herz eines Jünglings gegen das Weheklagen eines Gegenstandes , der seinem Körper bloß augenblickliche Dienste leistete . Kopf und Seele wird bei einer solchen Handlung zu wenig in dem flattern den Jüngling interessiert , als daß eine solche Gehilfin durch ihren Dienst auf einige Schonung und Rücksicht hoffen könnte . Die bloß tierische Befriedigung ist der äußersten Hartherzigkeit fähig . Jünglinge , die ihre Leidenschaften nicht durchs Denken verfeinern , verkennen am Rande des Grabes noch ihr eigenes Blut ; und nur zu oft fließen die Tränen einer verführten Unschuld für ihren angewöhnten Leichtsinn ohne sie zu rühren ; leicht vergessen ist von den Grausamen ein Mädchen , die sich ihren Lüsten anvertraute . - Treulosigkeit in der Liebe ist ein so gemeines Laster , daß man es unter den Menschen schon ohne Ahnung duldet . Der Fehler dieser Unbeständigkeit liegt auch sehr viel im weiblichen Geschlecht , weil es die Männer aus Mangel am Denken zu nichts Besserem gewöhnt . - Leichtsinn in der Liebe ist so üblich unter den Mannsleuten geworden , daß ein rechtschaffenes Frauenzimmer bei einem Liebesantrag eher zwanzig Jünglingen ins Gesicht schlagen sollte , ehe sie es wagte , Einem zu glauben . - Die gutherzigsten Mädchen werden gerade am meisten betrogen , weil ihnen Unbeständigkeit fremd ist . Wie manche gute weibliche Seele überläßt ihr ganzes Dasein einem heuchlerischen Schurken , der schlechtes Herz genug hat , sie nach dem Genuß zu verlassen . Aber alle Flüche der Erde sind eine zu leichte Strafe , für so einen Lügner , der die Kühnheit hat , die ganze Ruhe eines armen Geschöpfs zu zernichten ! - Galere und Gefängnisse sollten für dergleichen Ungeheuer eben so wohl offen stehen , als für andere Missetäter , die vielleicht nie mit Vorsatz ein gutes Herz zerfleischten ! - Wenn der vertrauliche Umgang eines ehrlichen Frauenzimmers so schändlich missbraucht wird , so hat die Arme das Recht einer Natur zu fluchen , die ihr Triebe gab , um sie aus Gefühl und Gutherzigkeit zur ewigen Schande von einem Ehrenräuber mißbrauchen zu lassen . - So bald der Ruf eines Frauenzimmers untadelhaft ist , so begeht ein Jüngling das größte Verbrechen , wenn er sie nach dem Genuß verläßt ! - Dieses enge , entzückende Band der seligsten Wonne , kann von einem denkenden Jüngling nie ohne Meineid gebrochen werden . So wie es ihm bei der feilen Befriedigung keine Pflichten , nur Abscheu auflegt ; eben so unzerreißlich muß es ihn in den Armen eines ehrlichen gefühlvollen Frauenzimmers binden , die voll Zutrauen ihre Ehre , ihre Ruhe , ihre ganze Seligkeit einem Geliebten überlies . - O der unmenschlichen Grausamkeit ! nach so einem warmen Zutrauen , nach so vielen Entzückungen diejenige zu verlassen , welche die Schöpferin eines Vergnügens war , das man ewig nie in den Armen einer feilen Dirne findet . - Möchten nun Jünglinge und Mädchen über meine Beobachtung nachdenken , Sie würden hineilen in die Arme der Liebe - und Schwelgerei , Eitelkeit und Bedürfnis nur den Lasterhaften überlassen . - Nächstens ein Mehreres von deiner Dich liebenden Fanny . 91. Brief . An Fanny XCI. Brief An Fanny Liebes Fangen ! - Ich habe Dir heute einen komischen Auftritt zu beschreiben , der Dich gewiß unterhalten muß ! - Was tut doch das Vorurteil nicht ; besonders unter einer gewissen Art Menschen , die ohnehin einen teuflischen Eigensinn besitzen ! - Vor einigen Wochen fühlte ich große Anlage zu meiner gewöhnlichen Schwermut . Ich fiel darüber auf den Gedanken , mir mit unseren Kostgängerinnen einen nützlichen Zeitvertreib zu verschaffen , um durch Zerstreuung dieser Krankheit vorzubeugen . - Du kennst nun meinen großen Hang zu Schauspielen . - Schon lange hätte ich darinnen gerne meine Anlage geprüft , aber bis jetzt hatte es sich noch nie schicken wollen . Zwei von unseren aufgeklärten jungen Damen , wovon die Oberin eine ist , billigten mein Vorhaben , und halfen mir in den Anstalten zur Aufführung eines Trauerspiels , - worin ich nebst einigen wenigen von diesen Kostgängerinnen zu spielen bestimmt waren . Ich unternahm da eine Sache , die mit nicht wenigen Schwierigkeiten verbunden war ; denn ich mußte mich dazu entschließen , Mädchen für Mädchen abzurichten . Die wohlgebautesten wählte ich zu männlichen Rollen , und die übrigen zu Nebenrollen . Das war für mich eine schwere Unternehmung , denn keine von den Mädchen hatte im mindesten Kenntnis vom Schauspiel . Einige darunter haben ihre ganze Lebenszeit kein Schauspielhaus betreten . Natürliche Anlage , den Dichter bei Lesung zu verstehen , und ihn wieder richtig auf die Welt zu schaffen , war bei keinem von diesen Mädchen zu finden . - Demungeachtet nahm ich mir vor , durch fleißigen Unterricht die Mädchen wenigstens mechanisch nur zu einer einzigen Rolle tauglich zu machen . Ich teilte unter ihnen die Rollen so gut als möglich nach ihren Temperamenten aus ; und befahl , daß sie dieselben bloß leise in Gedanken recht fest memorieren sollten . - Eine solche Arbeit war den jungen Mädchen sehr willkommen , und sie befolgten auch willig meine Vorschrift . - Nun nahm ich eine um die andere auf mein Zimmer , und lies sie ihre Rolle ohne die mindeste Deklamation bloß eintönig herunterbeten . Meine Absicht war , zu entdecken , ob sie gut memoriert hätten , um daß sie nach der Hand bei Erlernung der Deklamation nicht irre würden . - Die Mädchen waren jetzt bald in ihren Rollen fest , aber plapperten sie auch erbärmlich eintönig herab . - Nach diesem ersten Schritt in der Kunst , unterstrich ich in ihren Rollen diejenigen Worte , wo der Nachdruck hingehörte . Dann mußten sie mir diese Unterscheidungswörter des Sinns , aufs Neue memorieren . Endlich schritt ich mit ihnen zur lauten Deklamation , und lies sie fast alle Stellen so lange wiederholen , bis sie den echten Konversationston in etwas trafen . - Das war für mich nun freilich eine unbeschreibliche Mühe , und doch glückte es mir , diese Mädchen in Zeit von einem Monat , ohne eigene Kenntnis , bloß papageimäßig zu einer erträglichen Vollkommenheit zu bringen . - Ihren Gang , Bewegung und Mienenspiel , reinigte ich so viel möglich von lächerlicher Stellung , von Grimassen und falschen Gesten . Genug , die Kinder machten mir die äußerste Freude . - Ich lies sie öfters in ihren bestimmten Mannskleidern probieren , um durch die Übung eine Gewohnheit zur Natur zu machen . Das vielfältige Wiederholen brachte sogar in diesen Mädchen Empfindung hervor , und schon fingen sie an ihre Worte mit besserem Gefühl herzusagen . - Ihr Herz nahm an der Handlung einigen Teil , so wenig auch ihr Kopf davon verstand . Jede Stelle des Stücks erklärte ich ihnen so richtig , als es sein konnte , und hielt mit den Mädchen Vergleichungen aus dem menschlichen Leben , um ihnen den Sinn des Autors begreifen zu machen . Die witzigsten davon fanden eine tausendfache Unterhaltung in dieser Beschäftigung , und die dümmeren brachten mir , aller Mühe ungeachtet , eine Menge oratorischer Misstöne hervor , und ich hatte außerordentlich viel Arbeit , um wenigstens die wichtigsten Stellen vor falschem Sinn und Monotonie zu schützen . - Mein mühsames Werk war nun beinahe vollendet - und Niemand , außer den zwei Damen , wußte im Kloster ein Wörtchen davon . Bei dieser Verschwiegenheit bis zur Aufführung glaubte ich den Verdrüßlichkeiten desto leichter zu entgehen , die mir zum voraus ahndeten . Ich hatte ziemliche Unkosten gehabt , und aus meiner Börse im großen Gartensaal ein artiges Theater aufrichten lassen . Der Tag , der zur Aufführung des Stücks bestimmt war , rückte heran ; die letzten Hauptproben wurden gehalten ; die Noblesse der Stadt dazu eingeladen ; kurz , alles war jetzt richtig . - Als auf einmal der Satan zwei alte Fräulein mit Furien-Zorn zur Oberin führte , die dawider feierlich protestierten . - Man lies mich zur Oberin rufen , und ich mußte von den Weibern Dinge anhören , die mich bis zur Tollheit ärgerten ! - " Was ? - fingen die Betschwestern an - was ? - Sie wollen unser Kloster durch solches Teufelszeug entehren ? - Sie wollen junge Mädchen in Beinkleider stecken , und ihnen mit uns Anfechtungen bereiten ? - Sie wollen der ganzen Stadt Anlaß geben , über unsere Aufführung zu lästern ? - Sie wollen Komödiantinnen aus unseren Mädchen ziehen , damit sie samt Ihnen der Hölle zufahren können ? - O du keuscher , heiliger Aloysius ! Stehe den armen Kindern und uns bei , gegen die Versuchungen des Fleisches ! - - Nein , Madame , das geschieht gewiß nicht ! - Eher wollen wir unseren Schutzpatron bitten , daß er das ganze Haus samt der Teufelskapelle , worin sie spielen wollen , abbrennen lasse . - Ei - das wäre schön ! - fuhren die Weiber in einem Atem fort - ei , das wäre schön ! daß Sie uns durch ihre Komödie den Weg zur Unkeuschheit zeigten ! Wir haben ohnehin genug Feinde ! und kaum betritt ein ehrwürdiger Pater unsere Schwelle , so schreit die Welt gleich , er sei unser Liebhaber ; da wir doch noch so rein , wie Kinder im Mutterleibe sind . " - Zehnmal wollte ich diese hitzigen Schnattergänse unterbrechen , aber erst nach einer halben Stunde kam ich zum Wort . Meine Damen , fing ich an : legen Sie meine Absicht nicht so schwarzgallig aus ; ich kann Sie versichern , sie ist gut . Ich will weder Andere , noch Sie dadurch verführen , wenn Sie nicht schon lange ohnehin zum Verführen reif waren . Die Beinkleider können für Sie , meine Damen , keine Versuchung sein , wenn Sie noch unschuldig genug sind , ihr Herkommen nicht zu kennen ! - Wer heißt Sie über die Vorzüge der Beinkleider nachdenken ? - Wer nötigt Sie , den Unterschied zu bemerken , ob sie einen weiblichen oder männlichen Körper bedecken ? - Ihre Tugend muß sehr schwach sein , wenn der bloße Anblick von Beinkleidern Sie wanken macht . Lernen Sie erst Ihren Gedanken gebieten , wenn Sie den Willen in Ihrer Gewalt haben wollen , sonst gebe ich für ihre Enthaltsamkeit nicht einen Heller , die beim bloßen Beinkleideranschauen schon lüstern wird . Aber sehen Sie , meine Damen , ehe Sie die Beinkleider fliehen , müssen Sie zuerst dem Männerbesuch entsagen , denn Versuchungen von der Art sind weit gefährlicher , als die Beinkleider an Mädchenkörpern . " O , du heiliger Antonius von Padua ! - " wollte mich jetzt eine davon , vor Galle schäumend , unterbrechen . - Erlauben Sie , Madame ! - versetzte ich kalt - daß ich ihre Vorwürfe vollends beantworte ! - Glauben Sie nicht , daß vernünftige Leute in der Stadt über die Aufführung eines moralischen Stücks lästern werden ! Diese Beschäftigung gehört ja zur Erziehung , und bildet in den Zöglingen Herz , Kopf und Verstand . Auch wird keine davon so leicht eine öffentliche Schauspielerin werden . - Und , gesetzt denn auch ! so wird sie alsdann bloß ihre Aufführung , nicht aber ihr Stand zur Hölle liefern . - Wenigstens gerät eine wohlgesittete Schauspielerin nicht so geschwind , wie Sie , in Versuchung über unschuldige Beinkleider . - " Aber ums Himmelswillen ! - schrie die eine - so hören Sie doch einmal auf diesen sündlichen Namen zu wiederhoholen ! - Wahrhaftig , Sie machen mich ganz weich zum weinen ! - " Doch nicht aus Schamhaftigkeit , Madame ? - Aber nun genug , meine Damen ! - Ich habe die Erlaubnis der Oberin - und werde von meinem Vorhaben nicht abstehen , Sie mögen meinetwegen mit Bigottenwut das Kloster bestürmen , es gilt mir gleich viel ! - Jetzt brannte das Feuer aufs Neue über mich los ! - " So fahren Sie denn hin , verstockte Sünderin , ins .... Gott verzeihe mir ! - bald hätte ich geflucht ! - Aber daß Sie es nur wissen , schrien die Weiber zusammen - daß Sie es nur wissen , unsere Oberin hat nicht Macht , so was zu erlauben ! - Und kurz und gut , wir wollen gewiß Mittel finden , diese Kezzerei zu hintertreiben ! - Gott bewahre uns ! - Unser Gotteshaus soll nicht so angefochten werden von einer Freigeistin ! - Nein , das soll es nicht ! - " Und so rasten die Furien zur Türe hinaus , und schlugen sie hinter sich zu , daß alle Wände zitterten . - Der armen Oberin wurde jetzt ein Bisschen bange ; - sie lief hinter ihnen drein , um sie zu besänftigen ; - kam aber bald wieder zurück , um mir einen Vorschlag zu machen , der mich beinahe vor Lachen erstickt hätte . - So weit treibt es das Vorurteil ! - Die Weiber ließen mir durch die Oberin den Vorschlag machen - ich sollte den Mädchen wenigstens Schürzen vor die Beinkleider hängen ; dann sollt ich ihretwegen das Stück aufführen - sie wollten schon den Himmel bitten , daß der Teufel nicht sein Spiel dabei triebe . - " Madame ! die Fräuleins sind neidisch , sie beneiden sogar Andere um diesen Anblick . - Nein , das kann ich unmöglich eingehen , liebe Frau Oberin ; ich würde mich und das Trauerspiel lächerlich machen ! - Für heute schlafen Sie nur ruhig , morgen ein Mehreres von ihrer ergebensten Dienerin ! " - Und so verlies ich sie . - - Du sollst nächstens den Ausgang der Geschichte erfahren . - Das verspricht Dir Deine Amalie . 92. Brief . An Fanny XCII. Brief An Fanny Denke um aller Welt Willen , liebe Fanny ! - Denke , das Weibergeschmeiß hatte den Mut mich beim hiesigen Bischof wegen der Aufführung des Trauerspiels zu verklagen . Die bissigen Schlangen raunten heulend und schluchzend diesem Manne manche Lüge ins Ohr , die ihren Klagen über mich sicher Gewicht gegeben hätten , wenn sie nicht zum Glücke an einen würdigen , Vorurteilfreien Mann geraten wären . - Dieser brave , unparteiische Richter lies unsere Oberin nebst mir zu sich rufen , und forderte mit Sanftmut und Menschenliebe Beruhigung über eine Sache , der man den Schein des Bösen angehängt hatte . - Was mir die Kühnheit dieser Weiber im Kopfe wurmte ! O das kann ich Dir nicht genug sagen ! Demungeachter aber antwortete ich dem Bischof mit einer satirischen Fassung , die mehr an Spott als an Bitterkeit grenzte . - Der vernünftige Vorsteher lachte am Ende selbst über die tolle Grillenfängerei , womit die Weiber ihn bestürmt hatten . - Nun durfte ich frei eine Unternehmung fortsetzen , auf der ich jetzt eigensinniger als jemals beharrte . - Die Andächtlerinnen verkrochen sich während dieser Zeit brummend in ihre Zellen . Eine lief jetzt zur anderen , und es ging an ein heimliches Flüstern , daß der Himmel sich darüber hätte erbarmen mögen ! - Ebenfalls von Galle gereizt , lies ich diesen Friedensstörerinnen geradezu den Eintritt in mein Schauspiel verbieten , und kümmerte mich wenig um die ihrige , die sie jetzt untereinander über mich verspritzten . - Alle meine Anstalten zum Stück waren so lärmend , so pompös , daß ich dadurch nicht wenig , ungeachtet ihres Zorns , die Neugierde dieser Bigotten reizte . - Kaum hatten die schönen Vorbereitungen ihren Anfang genommen , und die glänzende Gesellschaft von Zusehern sich versammelt , als eine nach der anderen , aus Neugierde hinzuschlich , und sich unter der Menge versteckte . - Der Saal war enge angefüllt von Zusehern , welche größtenteils die Begierde zu spotten hergetrieben hatte , weil sie hier hinlänglichen Stoff dazu zu finden glaubten . - Schöngeister , Stuzzer , Muttersöhnchen , Maulaffen , Komödianten , allerhand Zeugs hatte sich ungeachtet der guten Anstalten unter die Zuseher gedrängt . Nur die Noblesse saß voll nachsichtlicher Erwartung stille an ihrem angewiesenen Orte - und machte ihrer Erziehung nicht durch voreiligen Spott Schande ; wenigstens geschah es nicht laut . Schon bei den Proben hatte ich von Kennern zu vielen Beifall in einer Rolle erhalten , die zu sehr zu meiner Schwermut paßte , als daß mich jetzt Bangigkeit hätte überfallen können . Auch selbst meine Schülerinnen waren zu gut geübt , um nicht weit erträglicher zu spielen , als so viele hölzerne Schauspieler , die mit ihrer stumpfen gefühllosen Seele so manches gute Publikum verstimmen . - Endlich war das Stück aufgeführt , und Vernünftige waren mit uns zufrieden , Fühlende weinten , Spötter schwiegen , und einige gegenwärtige eitle Gecken schlichen beschämt davon . - Mehrere Personen kamen zu mir hinter die Kulissen , und küßten mich wegen meiner wohlgespielten Rolle mit einer Begeisterung , die mich entzückte . - Ich fühlte aber auch ohne Eigenliebe mit meiner eigenen Theaterkenntnis , daß uns Allen , außer gehöriger Einrichtung des Theaters , nicht viel zur guten Aufführung eines Stücks gefehlt hätte , dessen Gang rasch auf einander folgte , so wie es die Leidenschaften erforderten . Selbst die boshaften Frazzengesichter von Nonnen weinten über die richtige Vorstellung des Gefühls . - Reichlich durch den allgemeinen Beifall für die Verdrüßlichkeiten belohnt , die ich vorher auszustehen gehabt hatte , verlies ich mit innigem Vergnügen den Gartensaal . Gewis , Freundin ! - Es kostet mich Mühe , diesem leidenschaftlichen Hang fürs Theater zu widerstehen . - Aber der Himmel bewahre mich ja vor seiner Befriedigung an öffentlichen Orten ! Nein außer der dringendsten Not würde ich nie so einen Schritt wagen ! - Zu viel kenne ich die jetzige schändliche Verfassung der meisten Bühnen , als daß mich nicht eine solche Aussicht abschrecken sollte ! - Lebe für jetzt tausendmal wohl , gute , beste , liebste Freundin ! Amalie . 93. Brief . An Amalie XCIII. Brief An Amalie Teuerste , liebste Amalie ! - Ich habe mich satt über deinen Weiberkrieg gelacht ! - Der Sieg , den Du aber auch davon trugst , war herrlich ! - Du hast es gewagt , dem Vorurteil und seinen Anhängern zu beweisen , daß man ihnen trotzen kann , wenn man anders den Mut dazu hat . Aber nimm Dich in Acht , Amalie , Du wirst überzeugt werden , daß diese Geschichte Dir unter dem Weibsvolke Feindseligkeiten zuziehen wird . Die Nonnen werden Dich durch tausend Neckereien so lange quälen , bis Du ihr Kloster gerne freiwillig verläsest . Die Verfolgung der Bigotterie ist anhaltend hartnäckig , und ruht nicht eher , als bis der verfolgte Gegenstand sie von selbst flieht , oder zu Boden liegt ! - Wie viele brave Männer haben leider dies Schicksal schon erlebt ! - Der äußerste Winkel der Erde war oft keine sichere Freistätte für solche Märtirer der Wahrheit , die es wagten , den Missbräuchen und Vorurteilen die Stirn zu bieten . Kaiser Joseph und König Friedrich waren die Schutzgötter so vieler von der Andachtssucht ins Elend verwiesener Unglücklichen , die mit der Aufrichtigkeit eines ehrlichen Mannes die Heuchelei entwaffneten , womit gutherzige Christen so viele Jahre durch geprellt wurden . Sei vorsichtig , meine Liebe ! die Schlingen unter dem Deckmantel der Religion gelegt , sind weit gefährlicher , als Du Dir vorstellst . Weißt Du nicht , Weiberhaß ist grenzenlos , er erreicht erst dann sein Ende , wenn die so ihn besitzt in den letzten Zügen liegt . Also vorsichtig , mein Malchen ! - Doch nun zu der Unterrichtung deiner Kostgängerinnen , die mir äußerst wohlgefiel . Es dürfte sich wohl mancher Vorsteher einer deutschen Schauspielergesellschaft diese Art merken , damit er sein Häuschen erträglicher stimmte , als die vielen herumschweifenden schlechten Gesellschaften , die außer dem Schuldenmachen und der Buhlerei nicht das geringste von der Kunst verstehen . Du hast es durch deine Bemühung bewiesen , daß die Kunst bloß durch starke Übung und Fleiß zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen ist . Aber noch immer verfehlt die deutsche Bühne ihren Endzweck ; noch immer stiftet sie mehr Schlechtes als Gutes , schaffet mehr unerträgliches Zeugs als Unterhaltung . Noch immer nicht ist diese Bühne rein von schlechtem Lebenswandel und abscheulichen Lastern . Noch immer Predigt die Ausschweifung selbst eine verdächtige Moral , die im Munde des luderlichen Schauspielers entheiligt wird . Ordnung und Gesetze zieren nur ganz wenig einige Nationaltheater ; unmöglich sind diese wenigen gutgesitteten Theater im Stande , den moralischen Nutzen zu ersetzen , der von so vielen herumziehenden Dieben und Diebinnen der Tugend durch ihr übles Beispiel geraubt wird . Man möchte vor Entsetzen schaudern , wenn man das herumstreichende verkappte Laster in den kleinsten Städten willkommen sieht . - Keine Obrigkeit scheint sich um diese heimlichen Stifter des Verderbens zu kümmern . Würde man nur wenige Bühnen dulden , und diese wenigen durch scharfe Gesetze in Ansehung der Sittlichkeit im Zaume halten , so hätte die kleinere Anzahl gesitteter Schauspieler bequemeres Brot zu genießen , und die übrige Menge von Landstreichern würden in ihre schändliche Atmosphäre zurückkehren , woselbst sie dem Zuchthause gewiß nicht entgangen wären , wenn sie nicht bei einer solchen Gesellschaft Zuflucht gefunden hätten . - Amalie , um Gotteswillen tue nur in der äußersten Not diesem Hang zum Theater Genüge ! - Du würdest Dir unbeschreibliche Leiden über den Hals laden . Denke nur einmal dem giftigen Neide nach , der Dich armes gefühlvolles Mädchen so geschwind ins Grab drücken würde . - Ewig nie würdest Du , eben so wenig als ich , mit deiner Aufrichtigkeit die wetterlaunische Gunst der boshaften Theaternimphen erhalten ; gerade so wenig , als Du mit deiner Beinkleidergeschichte den Anmerkungen einiger alten Zieraffen von Weibern entgehen wirst . So naiv , launig und wahr Du sie skizziertest , so wird sie doch ihrer Heuchelei , mit der sie gewohnt sind , ihre Keuschheit zu übertünchen , ein großes Hindernis sein . Diese heimlichen Sünderinnen scheuen sich nur , öffentlich von Beinkleidern zu sprechen , und sättigen dann ihre verborgene Lüsternheit unter vier Augen . - O , man traue nur keinem Weibe , wenn sie Ziererei affektiert ! denn dadurch verrät sie gerade Kenntnis des Lasters . - Ein schuldloses Geschöpf gibt jedem Kleidungsstück den einfachen Sinn , und findet ohne Erfahrung des Gegenteils nicht leicht eine Zweideutigkeit darin . - Glaube mir , Beste ; die Frauenzimmer , welche am ersten über ein anstößiges Wort in Gesellschaft schreien , hören es am liebsten , und entdecken nichts Neues darin . Die wahre Tugend bleibt mitten in allen Versuchungen kalt , und hängt unerschütterlich fest an den Grundsäulen ihrer Reinheit . - Das Frauenzimmer , das beim üblen Beispiel zwischen Verachtung und Wohlgefallen einen Mittelweg findet , ist gewiß das vernünftigste und tugendhafteste . Ein feiner Scherz entehrt ein Frauenzimmer eben so wenig , als ganz gewiß eine grobe , kühne Zote sie in Gesellschaften beschämt . - Aftertugend herrscht so allgewaltig in diesem Punkt unter den Frauenzimmern , und nur wenige wissen sich durch feinen Witz die Achtung eines Menschenkenners zu erwerben , der heuchlerische Ziererei von der Echtheit des Charakters zu unterscheiden weiß . - Wenn die Weiber über ihr Los nachdenken wollten , sie würden bis zu ihrer letzten Stunde nicht fertig . - Doch , meine Beste , für heute muß ich von Dir Abschied nehmen , weil es meine Geschäfte erfordern . - Lebe indessen ruhig , zufrieden , bis deine Fanny Dir bald wieder sagen wird , wie sehr sie Dich liebt ! - - 94. Brief . An Fanny XCIV. Brief An Fanny Liebste , Teuerste ! - Laß mich an deinem Busen ausweinen , und hilf mir dann tragen ! - Der Kummer fängt wieder aufs Neue an in mein Herz zu schleichen - und meine Schwermut rückt an ihre vorige Stelle . - O des elenden Kerls von einem Manne ! Er schreibt seit seiner langen Abwesenheit auch nicht eine Zeile des Dankes an meinen Oheim . Er kümmert sich mehr um seine Hunde , als um sein armes Weib . Dürftigkeit und Gram könnten mich hinraffen , ehe der Undankbare nur einen Laut von Erbarmung von sich hören ließe . Das Herz dieses Ruchlosen ist verstockt ; er hat mich jetzt auf ewig verlassen . Nun so lebe denn wohl , grausamer Störer meiner zeitlichen Ruhe ! - Genieße dein leichtsinniges Leben , Bösewicht , bis wir uns einst an jenem Tage wiedersehen , wo der Allgewaltige dir die Last meines Elends vorwägen wird ! - Gott möge an dir die Flüche nicht ahnden , die dein Leichtsinn mir abzwingt ! - Du - du Verworfener ! - wußtest mich in Ketten zu locken , die ich nun mein ganzes Leben hindurch verzweiflungsvoll nachschleppen muß ! - Gebunden ist jetzt meine Freiheit an dich , Sünder ! - O Freundin ! - verloren sind in der Zukunft für mich alle Freuden der Liebe ! - ersticken soll ich meine Gefühle für fremde , aber bessere Herzen . Widerspenstig gegen dieses Gebot werde ich hinwelken , bis mein Blut aus Raserei stockt ! - Gott im Himmel ! - Sieh herab auf meine Kämpfe ! - Erbarme dich meines Händeringens ! - Sieh , wie ich ringe und streite , um der Menschen grausame Gesetze zu befolgen ! - Sieh , wie die Wallung meines jugendlichen Bluts mir Angstschweiss kostet ! - Schon in meinen Kinderjahren war Liebe für mich das einzige Geschenk deiner Güte , das für mein fühlendes Herz so sehr paßte . Liebe war die einzige Empfindung , nach welcher ich so feurig haschte ! - Mein ganzes Wesen schien nur Liebe zu atmen . Alle meine Glückseligkeit suchte ich bloß in ihr ; und die seligste Wonne , mich an etwas Liebendes vertraut schmiegen zu dürfen , wurde mir dann zum Bedürfnis . Feurig klopfte mein warmes Herz einem zukünftigen Gatten entgegen , und .... O Allmächtiger ! - wie gräßlich fand ich mich betrogen !!! - So soll ich denn auf immer meine Stunden so einsam wimmern ? Soll ich gänzlich entsagen allen meinen schönsten Hoffnungen , die mir dieses irdische Leben in den Armen eines gutdenkenden Gatten schon zum voraus zum Paradiese schufen ! - Und das alles um eines Bubens Willen , der mich so künstlich zu einem unzerbrechlichen Schwor vor dem Altare lockte ! - Ha ! - weh mir ! - weh mir ! - Ich werde entweder rasend , oder unterliege ! - Außer der Liebe ist für mich alles zu einsam , zu leer ; eine tödliche Langeweile richtet mich zu Grunde ! - Meine unbeschäftigte Einbildungskraft kann sich an nichts mehr halten , was ihr in der Liebe Schwungkraft zu allem Entzücken gab . O , die Augenblicke des herrlichsten Vergnügens , wo die stärkste Liebe um noch stärkere gegenseitige zu erringen sich bemüht , dürfen sich mir von nun an nicht mehr nähern ! - Ich kann nicht hinsinken an den Busen eines anderen Gatten , um dorten unter wollüstigen Tränen meinen Kummer zu schwärmen ! - Das feurigste Verlangen nach einer anderen harmonischeren Vereinigung darf in meinem Herzen nicht auflodern ! Ich bin verbannt aus dem Vergnügen der seligsten Gattenliebe , für immer und ewig ! Man würde mich sonst als eine Verbrecherin mit Schande belegen , bei einer Religion , die keinen misslungenen Schritt zurücktun läßt ! - Und wenn ich darüber meinen Verstand verlöre , so muß ich Fesseln tragen lernen , die mir meine gutherzige Leichtgläubigkeit aufbürdete ! Gott ! - Gott ! - wie werde ich mich in einen Zustand schicken können , der alle meine Gefühle für Liebe in mir lebendig begraben soll ? - Freundin ! - Der hiesige Aufenthalt ist mir jetzt schrecklich zur Last ! Die Nonnen schleichen um mich herum , wie falsche Katzen . Schon bei ihrer Erschaffung teilte die Natur diesen Weibern den Fluch der Unempfindlichkeit mit ; und ich verachte sie um ihres wenigen Gefühls Willen . - Auch nicht einer einzigen davon möchte ich eine Träne anvertrauen ! - Ihr kalter , dummer Trost würde mich vollends unsinnig machen . - Das Blut in ihren Adern ist zu eingefroren , um dem meinigen harmonisch zu begegnen . Nur die wenigen gefühlvollen Nonnen haben meine Achtung , wenn sie wonnetrunken an dem Busen ihrer Lieblinge schwärmen . - Doch auch diese Auftritte reizen mich jetzt zum schrecklichsten Fluche über mein wirkliches Los ! - Ich beneide die Freuden dieser glücklichen , und empfinde dann meine Leiden desto schwerer !!! - Gerechter Himmel ! - nimm zurück ein Leben , das ich nicht länger mehr zu schleppen vermag . - - Liebe Fanny ! - o habe Mitleiden mit Deiner kämpfenden Amalie . 95. Brief . An Fanny XCV. Brief An Fanny Meine Beste ! - Vor einigen Tagen hat man mir auf die letzten Pulsschläge gewartet ! - Daß Krankheit in mir lag , mußt Du aus meinem letzten Briefe schon gemerkt haben . - Daß es aber so weit in dieser Krankheit mit mir kommen würde , hätte ich selbst nicht geglaubt . - Kaum war der Brief aus meinen Händen , so überfiel mich ein unüberwindlicher Menschenhaß ! - Ich floh alles im ganzen Kloster , ging nicht zum Tische , und saß ganze Tage allein auf meinem Zimmer . Von frühe bis Abends dachte ich in einer unbeweglichen Stellung bloß der Schrecklichkeit meines Schicksals nach ! - Selbst die Nonnen durften es nicht wagen , meine stille Schwermut zu stören . Ich verriegelte mit der größten Entschlossenheit meine Türe , und blieb einstens einen Tag lang ohne Nahrung . - Sie schrien und pochten umsonst . - Ich blieb trotz ihrem Gelärme fest auf meinem Stuhl , wie angenagelt , und hörte aus Übermacht des Grams nicht weiter auf ihr Geschrei . - Endlich entschlossen sie sich vermittels einer Leiter in mein Zimmer zu steigen , weil sie mich für tot hielten . - Kaum aber erblickte ich am Fenster den Kopf einer Nonne , so brach auch auf einmal meine schlummernde Wut los !!! Sie hatten Mühe mich von Gewalttätigkeit abzuhalten ! - Ich packte sie an , aber man bemächtigte sich meiner ! - Meine gallsüchtige Raserei stieg von Minute zu Minute , bis zu einem Grad , daß mich die Nonnen wirklich an Ketten legen wollten ! - Der eilends beschickte Arzt war während dieser Zeit auch gekommen , und verbot den Nonnen ihre fürchterliche Unternehmung . - Schon hatten diese Unbesonnenen meine Hände gefesselt , und eine blaurote Farbe auf meinen schwachen Knochen bewies die Schwere dieser drückenden Eisen . - Der Arzt zögerte jetzt nicht lange , mir zwei Adern auf einmal zu öffnen , und lies das sprudelnde Blut so lange herauslaufen , bis Kraftlosigkeit meine Raserei entwaffnete ! - Ohnmächtig sank ich dann in seine Arme ; und Dank sei es seiner Sorgfalt ! bald erhielten meine Sinnen wieder ihre vorige Richtung . - Dieser Mann war bescheiden genug , nicht in das Geheimnis meines Kummers zu dringen , ob er gleichwohl eine starke Gemütskrankheit in mir entdeckte . - Er schrieb sogleich durch einen Expressen an meinen Oheim . - Was ? - das weiß ich bis auf die jetzige Stunde noch nicht . Zweien Tage danach kam der Bote zurück , und stellte mir ein Briefchen von meinem guten Oheim zu , worin er mir schrieb , daß ich mich zu Herstellung meiner Gesundheit entschließen möchte , eine Lustreise zu unternehmen . Die Wahl einer Stadt , in Italien oder Frankreich , überlies mir dieser gefühlvolle Mann . - Doch wäre ihm das erste Land weit lieber , weil er mich dort Anverwandten empfehlen könnte , u. s.w . - Freudig dankte ich jetzt dem gütigsten der Menschen für diesen neuen Beweis seiner Liebe , und beschäftigte mich von nun an mit Reiseanstalten . Die Nonnen hatten Befehl , mir in der Eile für ein Dienstmädchen zu sorgen , und es dauerte nicht lange , so brachten sie mir zu dieser Absicht eine etwas ältliche Figur aufs Zimmer . - Das Gesicht dieses Mädchens gefiel mir ganz und gar nicht , aber die gute Empfehlung der Nonnen und meine Eile machten bald alle Schwierigkeiten vergessen . In etlichen Tagen reise ich nebst ihr von hieraus mit dem Postwagen nach Venedig . - Ein kühner Entschluß für meine Jugend , nicht wahr ? - Aber doch nicht zu kühn gegen meine Grundsätze , die mir auch außer den Mauern eines Klosters für alles bürgen . - Du weist übrigens , daß ich die italienische Sprache hinlänglich spreche , um durchzukommen ; auch meine Börse hat der gute Oheim in den nötigen Stand gesetzt ; und nun fehlt mir nichts als die völlige Herstellung meiner Gesundheit , um Dir bald eine umständliche Reisebeschreibung zuschicken zu können . - Lebe indessen wohl , meine ewig geliebte Freundin , und nimm hin diese Küsse auf Abschlag , bis deine Amalie wieder nach Deutschland zurückkehrt ! - 96. Brief . An Amalie XCVI. Brief An Amalie Ich eile , meine teure Amalie , Dir deine zweien Briefe zu beantworten : Holdes Weibchen ! - Vergiß doch einmal deinen abwesenden Henker ! - Hast Du denn je von ihm was anders erwartet , als daß Dich der Verabscheuungswürdige nicht auch ganz vergessen wird ? - Du armes gutherziges Kind willst immer den Widerhall deines guten Herzens finden , - und wirst dann am Ende schrecklich betrogen ! Tilg ihn aus diesen unwürdigen Namen aus deiner Brust , in der ihm zu wohnen nicht mehr vergönnt sein soll ! Laß deinen Mut nur nicht sinken , Beste , Liebste , die Freuden der Liebe können Dir einst wieder werden , wenn ihn sein ausschweifendes Leben hinruft in die Arme des frühen Todes . - Der Schöpfer gab Dir nicht umsonst ein Herz voll Liebe , seine weisen Absichten werden Dir auch Trost geben . All dein Jammer muß Dir noch an dem Busen eines edleren Gatten vergolten werden . - Dein Herz hält jetzt die größte Prüfung aus , und sein Wert wird durch seine Leiden erhöht . - Nur nicht zaghaft , liebe Kleine ! - Schicksale , die wir nicht ändern können , werden durch zu vieles Nachdenken nur noch unerträglicher . - Du zerrüttest deine Gesundheit , härmst Dich ab , und erweichst doch nicht die unbarmherzigen Gesetze . - Deine Tränen und dein Jammer dringen nicht ins Priester-Ohr , das sich für Dich , und andere Unglückliche so eigenmächtig verschloß ! - Der Heiland selbst würde in der Ehe gutherziger richten , wenn er wieder auf dieser Erde in Menschengestalt herumwandelte . Dieser gute Menschentröster im Himmel kann nichts dafür , daß seine Geschöpfe seinen Willen nach ihrem eigenen Kopf drehen . Er gab ihnen zum urteilen Vernunft , und wenn sie nun die Stimme derselben aus Eigendünkel überhören , so muß ganz gewiß auf diese Unbiegsamen das schrecklichste Strafgericht warten ! - Alle Unglücklichen von der Art , werden sich einstens versammeln , und dann jenen grausamen Priestern ewigen Fluch zuwerfen ! - Diese kühnen Starrköpfe sind es , die es wagten , aus einem bürgerlichen Vertrag unzertrennliche Bande zu machen . - Können die Priester durch Ansehen und Geld die katholischen Ehen lösen , warum denn nicht ohne dieses schändliche Hilfsmittel ? - Selbst der Schöpfer urteilt von der schwachen Menschheit mit Ausnahme , warum denn nicht seine Gesalbten bei übereilten Ehen ? - Hat der ärmere ein stärkeres Herz , die Leiden einer fehlgeschlagenen Verbindung zu ertragen , die von der anderen Seite mit Betrug , bloß aus Absichten , geknüpft wurde ? - Es ist zum Erstaunen , wenn man dieser Ungerechtigkeit bei deiner Religion nachdenkt ! - Wer nicht Glanz oder Vermögen hat , muß lebenslänglich an etwas Widersprechendes gefesselt bleiben ; und doch gibt es so viele Unschuldige , die unter diesem Joch seufzen . - Aber laß uns abbrechen von einer Sache , die mir Abscheu erweckt . - Sage mir , liebe , teuerste Amalie , ob es nun um deine Gesundheit besser steht . - Ob Du mir versprechen willst , es durch Nachgrübeln nie mehr so weit kommen zu lassen . - Ob Du mich noch hinlänglich liebst , um diese Bitte zu erfüllen . - Ob Du jetzt wohl schon auf der Reise bist . - Und ob Du auch überall das Bild deiner Freundin im Herzen trägst , die Dich mit Millionen Küssen durch die ganze Welt begleitet . - Deine beste Fanny . 97. Brief . An Fanny XCVII. Brief An Fanny Schon aus Venedig , meine Traute , erhältst Du diesen Brief . - Ja , ja , aus Venedig schon ! - Nicht wahr , das heißt zugefahren ? - Aber mein armer Körper fühlt es auch tüchtig ! - O ! der abscheuliche Postwagen stieß mir fast alle Rippen entzwei ! - Demungeachtet soll mich die äußerste Müdigkeit nicht abhalten Dir meine Reise zu beschreiben . - Nun wo blieb ich denn im letzten Brief an Dich stehen ? - Ach - Ha ! - weiß schon ! Als nun die älteren Nonnen den Tag meiner Abreise festgesetzt sahen , so fingen sie an , mich mit Skapulieren , Amuletten , und mit mehr dergleichen Kinderpossen schwer zu beladen . " Ja , - sagten diese einfältigen Närrinnen : - Ja , auf der Reise , da haben die Hexen just am meisten Gewalt ! und glauben Sie sicher , Madame , daß Ihre letzte Krankheit gar nicht natürlich war ; selbst der grundgelehrte Pater Guardian hat es bestätigt , als wir ihm Ihre Krankheit beschrieben . Gott segne von heute an alle ehrlichen Mutterkinder ! - Hier schickt Ihnen der Pater Guardian ein Päckchen hochgeweihtes Pulver , das Sie täglich vor Sonnenuntergang nebst einem heiligen Sprüchelchen mit Weihwasser gemischt , einnehmen müssen . " - Ich mußte mit Gewalt diesen Schwachköpfen ein bereitwilliges Ja zunicken , bloß um ihrer los zu werden . Endlich stieg ich unter ihren murmelnden Einsegnungen in den sündhaften Postwagen , der - nach ihrer Prophezeiung - einstens mit samt den Passagieren schnurstracks zur Hölle fahren würde ! - Es saß ein junger und ein alter Italiener im Wagen , die ich beide für Kaufleute hielt . Aber lange wurde meine Neugierde nicht befriedigt , weil ein allgemeines Stillschweigen herrschte ; ich beschäftigte mich indessen mit Nachdenken . Jemehr ich den jungen schwarzbraunen Mann betrachtete , desto minder konnte ich entdecken , zu welchem Stande er eigentlich gehörte ! - Sein Wesen war höflich , aber dabei geheimnisvoll . Sein Betragen mehr kriechend , als edel stolz , und seine Reden gar nicht zusammenhängend . Kurz , sein Charakter schien mir ein seltsamer Mischmasch zu sein . Übrigens war er nicht ungesellig , aber dennoch äußerst verschloßen , niemand konnte erraten , wohin seine Reise ginge . - Der alte Kaufmann hingegen gestand uns allen mit der äußersten Offenherzigkeit , daß er ein Bürger aus Verona wäre , und dorthin zu reisen gedächte . Dieser Mann gewann bald meine Achtung , und , so viel ich sah , ich auch die seinige . - Zuweilen ärgerte sich der gute Alte freilich ein Bisschen , wenn der jüngere Reisegefährte mir höflich begegnete ; da gab es dann wechselsweise grimmige Augen . - Doch schien mir , als wäre der junge Held zu feige , um laute Anmerkungen über den Kaufmann zu machen ; daher lies er mich auch ruhig mit demselben Fortplaudern , und , um sich schadlos zu halten , scheckerte er unterdessen mit meinem Kammermädchen . Das alte affektierte Ding fand sich ganz wohl dabei , und glaubte ganz sicher , daß ihre abgestandenen Reize mit Beihilfe der Kloster-Reliquien Mirakel gewirkt hätten . Fast hätte mich beinahe selbst die Kraft des Klosterfrauen-Krams in Erstaunen gesetzt ; bis auf einmal die gesunde Vernunft mir ins Ohr flüsterte : Der junge Ritter heuchelt bloß aus Neugierde dem verrunzelten Gesichte Schmeicheleien vor ! So strenge ich nun auch dieser alten unkeuschen Dirne das Vertrautthun mit dem jungen Menschen verwehrte , so konnte ich es doch nicht verhindern , daß sie nicht zusammen beim Aussteigen einen ganz kleinen Seitensprung machten . Doch da mir ihre Häßlichkeit für alle Folgen bürgte , so störte ich sie auch nicht weiter in ihrer mirakulösen Eroberung . - Indessen rollte jetzt unser Wagen unter starken Erschütterungen weiter ; schon waren wir über einen guten Teil eines Tirolerbergs weg . - Ein schneidender Wind bewillkommte uns alle , und hurtig wickelte mich der sorgfältige alte Kaufmann in seinen Pelzrock ein . - Meine Kammerzofe fing jetzt auch an über Kälte zu winseln , und geschwinde versah man sie mit einer Decke . Doch das Geschöpf gebärdete sich demungeachtet , als ob ihre Haut von Fließpapier wäre . - Ich ärgerte mich nicht wenig über so viel Ziererei , und durfte doch um des Wohlstandes Willen meiner Galle nicht Luft machen . - Endlich und endlich kamen wir in der Stadt T... an , wo jeder Mitreisende aufs Neue bezahlen mußte . Das unbarmherzige Stoßen des Wagens hatte alle so schwindelnd gemacht , daß keiner beim Aussteigen ohne Taumel einen Fuß auf die Erde setzen konnte . Es herrschte jetzt eine allgemeine Zerstreuung unter uns , und der junge Mensch benutzte diesen Zeitpunkt zu seinem Vorteil recht herrlich . - " Mein Freund ! - ( rief er dem Kaufmann zu ) sind Sie doch so gütig , und bezahlen einstweilen meinen Platz auf der Post bis Verona . Ich komme im Augenblick wieder . Ein kleines Geschäft nötigt mich geschwinde irgendwohin zu gehen ! - " Der truglose Mann gab ihm sein Jawort , und flugs verschwand unser Ritter durch die Gasse . - Wir beide eilten nun dem Postamt zu , und bezahlten unsere Plätze . - Noch hatte der Postillion nicht geblasen , und die nächste Wirtsstube mußte uns indessen vor Kälte schützen . Ich lies mir jetzt den süßen Tirolerwein recht gut schmecken ! - Selbst das verjährte Blut meines alten Begleiters wurde durch diesen herrlichen Trank aufgewärmt . Wir beide schwatzten nun mit geläufigerer Zunge über verschiedene moralische , philosophische Gegenstände , und der gutherzige Alte taumelte vor Entzücken über mein Bisschen Unterhaltung . Er trieb seine Zufriedenheit so weit , daß er so gar darüber die Forderung an den jungen Menschen vergaß , der während dessen auch wieder zu uns gekommen war . - Wir fuhren nun ab , und unterwegs machte mir der Alte einen Lobspruch um den anderen , worin der junge Bursche feurig beistimmte . - Holla ! - dachte ich jetzt bei mir selbst - der Vogel pfeift mit aus Eigennutz , und ist vielleicht gar ein Betrüger ! - Doch auf einmal sahen wir unter munteren Gesprächen die Stadt Verona vor uns liegen . - Der Postillion klatschte , und der Wagen hielt stille . Ein schmutziger Wirt , dem der italienische Eigennutz auf der Stirn geschrieben stand , hob mich unter vielen Bücklingen aus dem Wagen ; schnell haschte der gute Kaufmann nach meiner Hand und führte mich die Treppe hinan . Während dieser kleinen Pause machte sich der junge Ritter aus dem Staube , und prellte den guten Kaufmann um sein ausgelegtes Geld . - Es schien diesen alten ehrlichen Mann gar nicht zu befremden ; er zückte kaltblütig die Achseln , und eilte dann in die Arme seiner Familie . - Nun nahm ich mir vor , diesen Rasttag recht nützlich in dieser berühmten Stadt zuzubringen . Schon schlich ich in Gedanken bei den Altertümern Veronese umher , als plötzlich das laute Geheul meines Mädchens mich in diesem Traum störte : Sie gab vor , das Heimweh überfiele sie , und tat dabei wie halb verrückt ! - Ich fragte sie hin und her , was ihr wäre . - Lange wollte sie nicht mit der Sprache heraus ; als ich aber der Dirne Ernst zeigte - dann fing sie an die reine Wahrheit zu beichten : " Ach ! - Herzens-Madame ! ( schluchzte sie ) ich glaube , der junge Mensch hat mich um mein halbes Geld betrogen ! " - Ei , ( schrie ich lebhaft ) warum hast du dich betrügen lassen ? " Ja , - versetzte sie - Sehen Sie nur diese Brieftasche an ! - Er gab mir sie zum Unterpfand . Da , sehen Sie nur ein Bisschen hinein ! " ( das Leder war auf einer Seite etwas zerschnitten , um den Betrug glaublicher zu machen ) " Schauen sie nur ; es sieht wirklich einem Freimaurerpatent ähnlich ! - Aber reißen Sie das Schloß bei Leibe nicht auf ! ich darf es bis zu seiner Zurückkunft nicht erbrechen ; die Freimaurer würden ihn sonst lebendig rädern lassen , wenn sie erführen , daß dies Patent in Weiberhände gefallen ist ! - Es ist sein einziges Hab und Gut , fuhr sie fort - und wer weiß , ob der arme Mensch wirklich so ... " Plötzlich sprang ich jetzt mit beiden Füßen auf das Schloß der Brieftasche , und die arme Alte fiel darüber fast sinnlos auf die Erde hin , als sie lauter altes Papier herausrollen sah ! - Nun ging es bei ihr an ein Schimpfen , an ein Fluchen , an ein Schreien , daß ich ihr aus lauter Angst eilfertig die Geschenke des Pater Guardians auf die Stirn band . - Doch für diesmal half es nicht . Ich glaube , wenn ich ihr den frommen Pater Guardian selbst in eigener hochwürdiger Gestalt aufgebunden hätte , es würde bei dieser wütenden Furie wenig genützt haben . - Seine kräftigsten Bennediktionen wären gewiß an der wilden Kreatur abgeprellt , so sehr tobte sie ! - Ich wußte mir nun nicht mehr anders zu helfen , als ich versprach ihr , um sie zu besänftigen , den Verlust ihres Geldes zu ersetzen . Plötzlich riß dann die eigennüzzige Kreatur mit eigenen Händen alle Heiligtümer von ihrer Stirn los ! - - Gewis , Freundin ! ich bin sonst nicht feindselig gegen meine Dienstleute ; aber dieses Mädchen scheint mir eine alte Kupplerin zu sein , die ehe_dessen vom Handwerk lebte . - Ich kann sie gar nicht ausstehen , und wünschte sie gern wieder nach Deutschland zurück . - Morgen erhältst Du die Fortsezzung meiner Beschreibung ; - jetzt unterbricht mich der Wirt ! - 98. Brief . An Fanny XCVIII. Brief An Fanny Hinaus mit dir , elender Kuppler ! - schrie ich dem italienischen Wirt nach - und schlug die Zimmertüre hinter seinem Rücken zu , daß die Fenster zitterten ! - Was sich der infame welsche Kerl nicht alles unterstand ! - Was ? - mir , einer biederen , ehrlichen Deutschen , italienisches Laster anzubieten ? - Dafür habe ich ihn auch wacker heruntergehudelt , den bestochenen Schandbuben ! - Hu ! was meine Alte über diesen Auftritt für große Augen machte ! - Sie hat gewiß die liebe goldene Zeit zurückgewünscht , wo sie der Unzucht noch um bare Münze Opfer bringen konnte ; aber sie durfte sich bei allem dem nicht unterstehen , einen Laut von sich zu geben , sonst hätte ich sie wahrhaftig die Treppe hinuntergeworfen . - Es ist übrigens doch sehr traurig , daß ein Frauenzimmer nicht allein reisen darf , ohne sich dem Vorurteil auszusetzen . Die Menge herumziehender feiler Dirnen ist daran Schuld . - Ein Frauenzimmer muß nur in solchen Fällen nicht blöde sein , sonst spottet das freche Laster der Unschuldigen ins Gesicht , und hält sie für eine Romanenheldin . Diesmal kam mir mein Feuer recht gut zu Statten , sonst hätte mich der Wirt und die Alte gewiß heimlich verkuppelt . - Die übrigen Stunden meines Aufenthalts hielt ich mein Zimmer verschlossen , und die Alte durfte mir nicht von der Stelle . - Der Morgen meiner Abreise rückte heran ; ich eilte dieses Haus zu verlassen , ohne Veronese Merkwürdigkeiten gesehen zu haben . - Es ging nun unter uns Zwei ganz einförmig zu , denn der Postwagen war außer uns ganz leer . - Unter Denken , Grillenmachen und Schlafen kamen wir endlich in der schwarz gemauerten Stadt Padua an . - Das nächste beste Wirtshaus mußte uns bis zur Abfahrt des Marktschiffes für einen Tag lang zum Aufenthalt dienen . - Von essen und trinken war ich satt , Schlaf hatte ich keinen , und Madame Langeweile fing an mich gräßlich zu martern . Gretchen ! schrie ich , Pak meine Mannskleider aus , und zieh meine Amazone an ! - " Ei , Madame , was wollen Sie ? " - Nicht lange gefragt , Jungfer ! unterbrach ich das neugierige Ding . Sie brachte mir dieselben , und in wenig Minuten waren die Kleider am Leibe , der Mantel nach Stuzzerart bis über die Nase geschlagen , und so schlenderten wir beide einem Kaffeehause zu . - Alle Gäste lachten bei meinem Eintritt über die alte Matrone , und mich armen jungen Lecker schien man herzlich zu bedauern . Da es aber in Italien eine Menge dergleichen hungriger Burschen gibt , die den alten Damen ums Geld ihre süßen Gewohnheiten forttreiben helfen , so lies man mich auch in diesem Betracht ruhig . Ich setzte mich ganz getrost an ein Tischchen und stellte meine Beobachtungen über die versammelten Gäste an . Bescheidenheit läßt mir nicht zu , zu sagen , aus wie vielen Klassen dieselben bestünden , und es würde demjenigen unglaublich scheinen , der nicht selbst Augenzeuge davon war . - Jeder von dieser schönen Gesellschaft paßte mit begierigen Augen auf seine Kundleute , um den Hunger zu stillen . - An diesen Tischen wurde gebuhlt , an jenen moralisiert , wieder an anderen einander geheimnisvoll ins Ohr gelogen , oder laut die Ehre abgeschnitten . Hier wucherte ein alter Geizhals mit den Reizen seiner Tochter ; dort verschwendete ein ungeratener Sohn die vom Vater gesammelten Reichtümer ; - da hörte man plumpe Grobheiten ; dort höfliche Lügen ; - einer rauchte , der andere schnarchte , der dritte fluchte , der vierte seufzte , der fünfte schwadronierte , u. s.w . - Es war ein jämmerlicher Durcheinander . - Was in einem so großen Narrenhaus alles gelogen , betrogen , geheuchelt , gekuppelt und gewindbeutelt wird , ist nicht zu beschreiben . - Selbst meine gute Alte verlor fast ihre Sinnen über dem Schwarm von Müßiggängern und Stuzzern , die aus Neugierde um uns herumflatterten . - Diese frechen Tagdiebe redeten mich mit einer Kühnheit an , als ob es zwischen uns Brüderschaft gälte . - Ho ! Ho ! dachte ich mir , und blieb wie ein fester Deutscher auf meinem Stuhle Sitzen , bis ich endlich ihre Neugierde mit fremden Sprachen ermüdete , die sie nicht verstanden . Nun bekam ich auf einmal Luft meinen Kaffee in Ruhe auszuschlürfen . ( In Italien ist es Mode den Kaffee auszuschlürfen . ) Aber was ? schon neun Uhr ? - Hurtig , Gretchen , laß sie uns eilen ! Und nun trippelten wir dem Gasthause zu ; - aber hernach ? - ins Bett , meine Liebe ! - Madame , belieben Sie doch aufzustehen , sonst versäumen wir das Marktschiff ! ( raunte mir das Mädchen schon sehr frühe ins Ohr . ) Husch , flog ich aus dem Bette , trank meinen Tee , bezahlte meine Zeche , und eilte mit meiner Alten dem Ufer des Kanals zu . Schon war das Schiff über und über mit Leuten angefüllt . - Dienstfertige Nymphen , die ihren Fleischhandel hin und her trieben , alte Seelenverkäuferinnen , Juden , Bonzen , Mausfallkrämer , Fleischhacker , Murmeltierträger , welsche Sbirren und eine große Menge ausländischer vertriebener Spitzbuben eilten jetzt mit den übrigen der freien Republik Venedig zu . - Ich sah hin und her um ein gutes abgesondertes Plätzchen zu finden . - Endlich erblickte ich ein Seitenstübchen , worin sich vermutlich die Stiftmäßigen dieser löblichen Versammlung aufzuhalten schienen . Nun , nun , das ist eine saubere Gesellschaft ! - Ei was ? Dachte ich mir , Not hat in dringenden Fällen kein Gesetz ! - Also kurz und gut ; und ich befahl dann meinem Mädchen ins Seitenstübchen zu steigen . - " O du heiliger Johann von Nepomuk , stehe mir bei ! " rief sie laut , indem sie sich hartnäckig weigerte . - Poz alle tausend und ... wollte ich schon anfangen , als ich mich plötzlich faßte , und einem Lastträger herbeirief , der mir sie mit Gewalt ins Schiff schleppen mußte . - Jetzt riß die ganze Versammlung über meine Entschlossenheit Augen und Nasen auf ! - Überall bot man mir ( vermutlich aus Neugierde ) Platz zum Sitzen an ; was konnte ich in dieser Lage besseres tun , als mein Gesicht in Falten ziehen , um das freche Laster abzuschrecken , das sich so gerne an reisende Frauenzimmer wagt . - Doch , dem finsteren Gesichte ungeachtet , wagte es ein landstreicherischer Abbé meine ernsthafte Stille mit süßen Fragen zu unterbrechen . - Ich konnte diesen Zudringlichen durchaus nicht los werden ; er plapperte vieles von fremden Ländern ; kramte seine Zeugnisse so bereitwillig aus , als ob er mir seinen verdächtigen Kredit mit Gewalt aufzudringen suchen wollte . - Ich fing an dieses Kerlchen mit einigem Beifall zu beglücken , und er glühte darüber vor Entzücken . - Schon glaubte der Windbeutel meine Leichtgläubigkeit überredet zu haben , als ich ihm plötzlich mit bitterem Spotte das Gegenteil bewies . Nichts destoweniger bat er mich dringend um den Namen meines Absteigquartiers . - Und siehe da , der Graf Sakonello ( so war sein entlehnter Name ) war in wenigen Tagen vor meiner Haustür , von welcher er aber recht höflich abgewiesen wurde . - Doch , lassen wir diesen Einfaltspinsel ein Bisschen stehen , um ans Ufer zurückzukehren ! - Alles drängte sich da noch haufenweise unter sumsen , lärmen und schreien aus dem angekommenen Marktschiffe . Es herrschte lauter Getümmel und Verwirrung ; nur der Herr Abbé und ich blieben ganz ruhig bei dieser komischen Auswanderung im Schiffe an unserem Orte Sitzen , bis mir auf einmal die am Ufer stehenden , mit prächtigen Uhrketten behängten und vergoldeten Herrchen in die Augen fielen , welche gierig auf jeden aussteigenden Weiberrock lauerten . - Was mögen denn dies für Maulaffen sein ? fragte ich den Abbé ; der mir dann ganz geheimnisvoll ins Ohr flüsterte : " Es sind lauter Kuppler , die auf fremde Mädchen passen , um sie durch künstlichen Betrug in Bordells zu verhandeln . Nehmen Sie sich in Acht , Sie sind auch jung und nicht häßlich ! " - Herr Graf , erwiderte ich , jeder kehre vor seiner Tür ! - und so stieg ich ans Ufer , und er , er bückte sich , und ging ; ich hingegen mietete eine Gondel , und fuhr darin sanft bis an die Behausung meiner Anverwandten . - Und ? . . . Nicht zu viel gefragt , meine Freundin ! Morgen das Weitere ! - Endlich , meine Liebe , hat das Küssen und Herzen unter uns so ziemlich ein Ende , um auch wieder mit Dir plaudern zu können : Die Lage meiner Wohnung ist ganz nach meinem Geschmack . Das Haus liegt in einer einsamen Gegend und wird von einem Garten geziert , dessen Aussicht auf den lebhaften Kanal geht . Da Sitze ich dann am Fenster dieses Gartens , und manche liebe Stunde durch betrachte ich die vielen vorbeischwimmenden Gondeln , die große Welt samt ihren großen Torheiten . Zu Wasser und zu Lande findet man Verschwendung und Luxus ; überall beherrscht der Menschen Eitelkeit , Wollust und Schwelgerei . - In Deutschland fahren die Vornehmen in prächtigen Wägen , und hier in gezierten Gondeln ; dorten ziehen rasche Pferde ihre Herrschaft , und hier die ausgelassenen Gondolieri ; bei uns schmück man die Pferde mit Silber und bunten Federbüschen , hier die Gondolieri mit weiten Pumphosen und buntscheckiger Kleidung . - In Deutschland sind die Pferde die unwissenden Kuppler ihrer Herrschaft , und hier sind es die Gondolieri mit Vorbedacht . Hier ist es durchaus nötig , daß der Gondolieri die Kupplerei aus dem Grunde versteht ; bei uns überläßt es der Kutscher dem Bedienten oder dem Kammermädchen . - In Venedig kann kein Bursche sich auf den Dienst einer Dame Hoffnung machen , wenn er nicht gefällig und à Tempo den Vorhang in einer Gondel zu ziehen weiß ; in Deutschland hingegen begnügen sich die Damen mit einer langsameren Bedienung . Hier muß der Gondolieri die Schwelgereien seiner Gebieterin geduldig abwarten , und bei uns gebietet der begünstigte Lakai seiner Dame , wenn er sie mit einem vielbedeutenden Blick an ihre heimlichen Schwachheiten erinnert . In Venedig jagen die Damen den Fremdlingen nach ; in Deutschland sind sie mit ihren einheimischen Leuten zufrieden . - Ländlich , sittlich ! - dachte ich mir bei der Verschiedenheit dieses Geschmacks . - Die Weiber sind ja in allen Ländern in allen Stücken eigensinnig , folglich auch in der Wahl ihrer Bedienten . - Doch sind die hiesigen Damen in ihren Bequemlichkeiten weit mehr zu beneiden : Sie schwimmen ganze Tage in den Armen ihrer Lieblinge unbemerkt herum ; da hingegen unsere guten Damen ohne Rücksicht auf ihre adeligen Schwachheiten so leicht wegen ihren heimlichen Ausschweifungen unter dem Pöbel verschrien werden . - Was zahlte nicht bei uns manche Dame für so eine allerliebste Gondel , vermittels welcher sie ihre minder verborgenen Schlupfwinkel entbehren könnte ! Selbst der Putz der hiesigen Damen wird in diesen sanft fortschleichenden Behältnissen weniger verschoben , als in einem engen Gefährte in Deutschland , wo der schmachtende Nachbar unwillkürlich durch das Stoßen des Wagens vom Strichrock bis zum Kopfputz alles in Unordnung bringen muß . - Auch bedienen sich hier die Damen keiner Schminke mehr , weil die dunkle , verschlossene Gondel und der wohl abstechende Anstrich derselben ihre Wangen ohnehin schon hochrot färbt ! - Es ist eine allerliebste Erfindung um die Gondeln ! - sagte letzthin ein flatterhafter Ehemann zu mir , dem unter dem mitleidigen Schutz derselben manche galante Unternehmung geglückt war ; - und bei uns , schrie eine verbuhlte , leichtsinnige , hizzige italienische Brunette , bei uns kann kein beleidigter Ehemann seine Equipage mit eifersüchtigen Augen verfolgen ; denn bei uns sind die Gondeln alle gleich ; sie tragen die feurige Prinzessin mit ihrem Liebling eben so geheimnisvoll , als die ausschweifende Opersängerin mit ihrem ausgemergelten Prinzen . Bei Ihnen ( fuhr sie fort ) müssen die armen Damen ihre Kammermädchen , Bedienten , Weiber , oder gar Kupplerinnen um schweres Geld zu jeder kleinen Lustpartei erkaufen , und hier in Venedig versieht die Gondel den gleichen Dienst weit geringer . - Überall herrscht hier Freiheit und Liebe zur zeitlichen Freude . - Selbst die andächtigste Dame schwimmt hier , ohne sich dem mindesten Verdacht auszusetzen , mit ihrem Gewissensrat in die Kirche ... oder in seine Arme . - Belieben Sie einzuhalten . Madame ! - ( unterbrach ich sie ) In Deutschland schleicht das Laster nur kaltblütig unter den Menschen herum , und hier in Italien galoppiert es aus allen Kräften , besonders unter der Maske der Frömmigkeit ! Bei uns ist man aus übelm Beispiel oder aus Zufall lasterhaft , und bei Ihnen aus natürlicher Anlage und weniger Kultur . - Hier vergießt der Eigennutz täglich Blut , und bei uns treibt er es selten zu so einem Schritt . - Bei Ihnen liegt Falschheit und Mordsucht im Herzen , und bei uns kommen sie bloß zuweilen durch üble Erziehung oder Verführung hinein . - Ihre Damen beten viel und buhlen viel . - Die unsrigen beten weniger , aber buhlen auch weniger . - Das welsche Frauenzimmer ist betrügerisch , rachgierig , ausgelassen und wild ; das deutsche wohltätiger , sanfter , aber desto mehr koket . - Die deutschen Damen foppen mit ihren kalten Temperamenten die Männer nach Herzenslust , und die Italienerinnen wollen Sieg - oder Mord . - Übrigens ist Modesucht , Eigenliebe , Grillen und Ziererei unter unserem Geschlecht bei allen Nationen zu finden . - Wenn es aber unter den Weibern auf Betrügerei und Verstellung ankommt , so läuft in dieser Kunst doch immer die Italienerin der Deutschen den Rang ab . - Unser Geschlecht ist zwar überall ziemlich verdorben , nur verleitet die angeborene Gutherzigkeit eine Deutsche weniger zu Betrug . Das , Madame , sind meine unmaßgeblichen Gedanken ! - Und nun leben Sie wohl ! - sagte ich zu dem brünetten Frauenzimmer , und trollte mich gerades Weges nach Hause . - Bald das Mehrere von Deiner Amalie. 99. Brief . An Amalie XCIX. Brief An Amalie Meine teuerste Amalie ! - Ich durchlas deine Reisebeschreibung mit innigem Vergnügen , und freute mich herzlich über deine muntere Laune , die mir wieder für die Herstellung deiner Gesundheit bürgte . - Du bleibst doch immer das alte feurige Mädchen , das überall geschätzt werden muß . - Aber weißt Du auch , daß Du dabei eine recht lose Scheckerin bist , die ihre Anmerkungen in den launigsten Witz einzukleiden weiß ? - Hätten die Nonnen nur die Oberfläche deiner Grundsätze gekannt , ich wette , sie würden Dich nicht mit ihren gesegneten Gaukeleien beladen haben . - O Aberglaube , der du die Menschen so verfinsterst , verrücke doch die armen Nonnen nicht weiter ; - und du ehrwürdige gesunde Vernunft , sei ihren fantastischen Köpfen gnädig ! - Laß ihre schwache Leichtgläubigkeit nicht ferner durch schmarozzerische Mönche anfachen . Ist es möglich , daß die wahre Religion in ihrer schönen natürlichen Gestalt durch solche Possen so tief kann heruntergesetzt werden ? - Ihr Bonzischen Mörder der gesunden Vernunft , jagt dem schwachen Volke Furcht und Angst ein , bloß um eure Bäuche zu mästen ! - Gesegnet sei Kaiser Joseph , der in seinem Lande auf einmal diesem Puppenspiel ein Ende machte ! - Doch jetzt vorwärts zu der Geschichte deines jüngern Reisegesellschafters : Jeder Reisende ( dachte ich bei dieser Geschichte ) muß im Postwagen Augen , Ohren , Herz und Börse wohl in Acht nehmen , wenn er nicht betrogen sein will , denn fast immer sind die Postwägen von dergleichen Rittern und Ritterinnen angefüllt , die darauf Jagd machen ; - indessen ist es ( die Unbequemlichkeit weggerechnet ) im Postwagen äußerst unterhaltend zu reisen . Die Verschiedenheit der Gesellschaft unterhält den denkenden Kopf , und nirgends wird lebhafter raisoniert und mehr gescheckert , als in den Postwägen . Madame Neugierde ist da die Beherrscherin aller Herzen . - So viel über diesen Punkt ! - Aber nur Geduld , Leichtsinnige , nur Geduld ! Der Pater Guardian wird sich einst schon an Dir rächen ! Mache Dir ja auf die ganze Zeit deines Lebens auf keinen Kapuzinersegen Rechnung ; hörst Du ! - Was ? - Du hattest die Kühnheit über seine dicke Unwissenheit zu spotten ? - Warte nur , böses Weibchen , der rachsüchtige Bonze wird Dich bald behexen , und nicht enthexen , so sehr hast Du seine hochwürdige Dummheit angegriffen ! Aber nun laß uns auch ein Bisschen von dem italienischen Wirt schwazzen : Recht getan ! - recht getan , daß Du ihn aus dem Zimmer jagtest ! Ehrengefühl ziert das Weib eben so schön , als den Mann. - Glaube_es wohl , daß deine Alte über diesen Auftritt die Augen verzerrte , denn unser Geschlecht hat zu wenig gelernt die Tugend außer den Mauern ohne Affektation zu behaupten . - Suche Dir die Alte vom Halse zu schaffen , sie taugt für deine Denkungsart eben so wenig , als jene saubere Kaffeehausgesellschaft . - Siehst Du nun , meine Liebe , wie es in der großen Welt drunter und drüber zugeht ? - Wenn junge Leute noch unverdorben in solche Versammlungen eintreten , wie leicht können sie dann an solchen Orten durchs üble Beispiel ihre Unverdorbenheit verlieren ! - Aber um Gotteswillen , meine Liebe ! hüte Dich in Venedig , daß Dir deine Aufrichtigkeit nicht etwa Verdrüßlichkeiten zuziehet ! - Laß ja kein Wörtchen wider den Staat fahren , sonst bist Du ohne Rettung verloren ! - Auch sind die Italiener verschmitzte Bursche , die einer Deutschen mit leidenschaftlicher Hitze nachzustellen wissen , um sie ins Garn zu locken . - So unverschämt und zudringlich die Männer in Venedig sich aufführen , eben so tollkühn treiben es die Weiber mit deutschen Jünglingen : ihr hizziges Naturel macht sie zu jedem Laster fähig . Gott segne Dich und wache über Dich , meine Amalie ! - 100. Brief . An Fanny C. Brief An Fanny Also , wie gesagt , meine Beste , als ich die Gesellschaft der brünetten Dame verlies , ging ich nach Hause , legte mich zu Bette , und schlief herrlich , bis mich meine Base des anderen Morgens aufweckte . - " Kommen Sie , Sie müssen heute mit meinem Mann den Markusplaz besehen ! " - ( sagte sie mir ganz sanft ins Ohr . ) Ich rieb mir noch etliche Mal die Augen , und taumelte dann hin zur Toilette . - Nun wollte mich die gute Frau nötigen eine Maske vor mich zu nehmen , aber ich sträubte mich tapfer dagegen ! - Nicht doch , Frau Base ! - Warum soll ich das Gesicht , das mir Gott gegeben hat , verkappen ? - Darf ich dasselbe nicht sehen lassen ? - " O ja , mein Kind ! - Aber Sie müssen sich maskieren , es ist hier zu Lande durchaus nötig , um den Nachstellungen der Mannsleute zu entgehen . " - - Ei was Mannsleute ! - die werden mich doch nicht mit Gewalt am hellen Tag anpacken ! - Nein , so wahr ich eine Deutsche bin , Frau Base , ich verdecke mein Gesicht nicht ! - Und so zog ich meinen Vetter mit mir zur Tür hinaus . - Aber kaum hatten wir ein paar schmale Gäßchen durchwandert , so streiften schon eine Menge Masken sehr nahe und unglimpflich an mir vorbei . - Ich schob dieses Betragen auf die Rechnung des engen Raums der Straße , bis mein Vetter auf einmal zu brummen anfing , und mich überzeugte , daß seine Frau Recht gehabt hätte . - Die hiesigen Masken nehmen sich gegen ein fremdes unmaskiertes Frauenzimmer die ungezogensten Frechheiten heraus . - Eine Fremde muß sich in Mannskleider stecken , wenn sie ungestört über die Straße gehen will . - Bei uns setzt diese Art Verkleidung ein Frauenzimmer in üblen Ruf , und hier dient sie zu seiner Verteidigung . - O Vorurteil , du widersprechendes Wesen ! - sagte ich zu mir selbst - als wir gerade unter den gedeckten Seitengängen auf dem Markusplaz anlangten . - Hu ! - wie mir da der Kopf zu schwindeln anfing , als ich die Menge Masken erblickte , die auf Strohsesseln vor den Kaffeebuden saßen , und mich dabei so starr angafften , daß es mir ganz heiß in die Wangen stieg . Fast alle meine Sinnen waren über und über beschäftigt . - Ich sah jetzt in den offenen Kaffeebuden verwegen spielen , unverschämt buhlen , und jedes lasterhafte Gewerbe in voller Übung treiben . Auf allen Seiten unterhielten sich diese beschäftigten Müßiggänger mit ihren Modelastern . Spionen lauerten ; Spieler zankten ; Buhlerinnen scheckerten emsig mit ihrer feilen Ware ; - Andächtlerinnen seufzten über die Unerträglichkeit ihrer Keuschheit ; alte Weiber brummten an der Seite ihrer ungetreuen Anbeter ; junge Damen warfen nach ihrer Gewohnheit ihre Netze aus ; Bonzen liebäugelten ; Schurken lehnten sich tiefsinnig an die Seitenwand , und dachten auf spitzbübische Anschläge ; Stuzzer strikten Filet , fremde junge Windbeutel trugen ihre Figur zu Markte , und Ausländer , die kaum dem Galgen entronnen waren , genossen hier der goldenen Freiheit ! - Alles war in lebhafter Tätigkeit , und jeder schwelgte nach seiner Weise . - Mit zerstreuter Verwunderung schlenderte ich einigemal an dem Arm meines Vetters den Seitengang hin und her . - Der überraschende Lärm hatte meinen Körper in etwas aus seinem Gleichgewicht gebracht . - Ich schmiegte mich nahe an die rechte Seite meines Führers , und lehnte meine rechte Hand rückwärts auf meine Hüfte . - Schon glaubte ich in dieser Stellung unter dem Getümmel unbemerkt durchschlüpfen zu können ; schon fing ich an über alle diese Tollhäuser philosophisch nachzudenken , als ich plötzlich meine rückwärts gelehnte Hand feurig gepreßt fühlte ! - Ärgerlich blickte ich hinter mich , und sah ... lauter gleich gekleidete Masken . - Es schien mir in diesem Falle schwer den Täter zu unterscheiden ; ich zog daher meine Hand ganz stillschweigend aus dieser Stellung . - Um Streitigkeiten zu verhindern , verschwieg ich diese neue Unverschämtheit meinem Vetter , indem ich glaubte nun sicher und ruhig an seiner Seite fortwandeln zu können . Aber umsonst , kaum hatte ich einige Schritte vorwärts getan , so tändelte schon wieder eine Maske an meinen Haaren , die bis über meine Hüften hinunter hingen . - Endlich zwang mich die Notwendigkeit mit meinem Vetter in eine Gondel zu steigen , um nach Hause zu fahren . - Hier hast Du nun die Geschichte des heutigen Tags von Deiner besten Amalie . 101. Brief . An Fanny CI. Brief An Fanny Wenn wir gutchristlichen Katholiken in eine fremde Stadt geraten , so eilt sonst gewöhnlich unser erster Schritt der Kirche zu . - Bei mir war es zwar nicht der erste , aber der letzte soll es gewiß sein ! Ich begab mich in eine Kirche ; aber die schändliche Aufführung der italienischen Nation im Tempel Gottes hat mich sehr geärgert ! - Als ich in den Vorhof der Kirche trat , drängten sich die alten Bettelweiber haufenweise auf mich zu , und baten zur Liebe des heiligen Antonius um ein Almosen . Ich gab hin so viel ich konnte , ob ich gleichwohl beim Weggehen einige von diesen nämlichen alten Weibern besoffen in Winkeln liegen sah . - Die Kirche war dicht angefüllt ; alles murmelte mit verkehrten Augen Gebete daher . Die Damen zerschlugen sich aus Andacht die Brust , und die Männer schwitzten heuchlerisch im Gedränge . Die ganze Versammlung behauptete den Schein einer außerordentlichen Frömmigkeit . - Schon fing ich an mich über diese eifrigen Diener des Herrn zu freuen ; schon beklagte ich die kalten Deutschen , die in der Verehrung des Schöpfers so wenig Feuer im Äußerlichen zeigen . - O ! dachte ich , welch ein Unterschied ! - Hier Strazzen die Kirchen an Werktagen von Andächtigen , und bei uns kaum an Sonntagen ; und so würde ich weiter Vergleichungen angestellt haben , wenn mich nicht der verstohlene Seitenblick einer eifrig betenden Nachbarin darin gestört hätte . - Die gute fromme Scheinheilige schien nach etwas begierig zu schmachten , bis sich auf einmal ein frecher Bursche zu ihr hindrängte , und in ihr Gebetbuch ein Liebesbriefchen steckte . - Sie nahm dann ihr Buch zu sich , klopfte ans Herz , rief einigemal : O Dio Santo ! dazu , und verlor sich . - Als dieser Auftritt , den die übrigen frommen Christen nicht einmal bemerken wollten , sein Ende erreicht hatte , wollte ich nach meiner Uhr sehen , aber siehe da - man hatte mir sie gestohlen ! - Ich sah ganz natürlich links und rechts nach dem Dieb , und erblickte nichts , als Grimasse der Frömmigkeit . Was blieb mir nun außer der christlichen Geduld übrig an einem Orte , wo jeder Heuchler der Religion Ehre zu machen schien ? - Demungeachtet drängte sich mein Blut häufig dem Kopf zu , und es war mir unmöglich mich länger in einem Hause aufzuhalten , wo Andächtelei dem Laster den Schein der Ehrlichkeit borgen muß . - Ich drängte mich hin und her durch alle Lücken durch , um in die freie Luft zu kommen . Eine alte cara Mama zupfte mich rückwärts am Arme , und schien mir zu folgen . - Was mag denn die wollen ? - fuhr mir durch den Kopf , indem ich sie aufmerksam betrachtete . - Sie brummte ihre Gebete halb laut fort , hielt ihren Rosenkranz fest , stieß andächtige Seufzer aus , und folgte mir bis an die Treppe . - Carissima bella Signorina ! - redete sie mich an . - Gehe zum Henker , Alte , mit deinen Schmeicheleien ! - schrie ich ihr zu , als sie mich ganz andächtig bei Seite zog , und mir einen förmlichen Antrag zu einer Lustpartie machte : - Schandlose Heuchlerin ! - laß mich mit Friede , oder ... auf einmal war sie jetzt weg und wieder in der Kirche . - So geht es also hier im Tempel Gottes zu ! - Das ist das fromme , andächtige Volk ! - sagte ich unwillig zu mir selbst - und besuchte aus Neugierde mehrere Kirchen nach einander . - Alle fand ich eben so voll wie jene . - Gott im Himmel ! wie viel falsches Scheinopfer bringt man dir ! - seufzte ich dann laut - und kehrte zurück nach Hause . - Ja , meine Fanny ! - die Geschichte in der Kirche hatte mich so sehr erzürnt , daß ich mehrere Tage keinen Schritt aus dem Hause tun wollte . - Auf einmal wurde meine üble Laune dem guten Vetter zur Last , und ich mußte ihm mit Gewalt in eine adelige Gesellschaft folgen . Aber ums Himmels Willen , lieber Vetter , ich bin ja nicht stiftmäßig ; die Damen werden Bedenken tragen , mich unter sich aufzunehmen ! - sagte ich ihm sträubend . - " Ei was stiftmäßig ! - antwortete mein Vetter , hier braucht ein Fremder das nicht ; geben sie unserer Noblesse nur ihren Exzellenz-Titel , und Sie sind gewiß mit Ihrer Lebensart willkommen . " - Genug ich lies mich aus Neugierde bereden , und besuchte mit ihm eine solche Versammlung . - Als wir in Cassino anlangten , so wimmelten schon die Vorzimmer voll Bedienten . Ich streifte mit philosophischem Unwillen an diesem schimmernden Ungeziefer vorbei , das sich kriechend bis zur Erde beugte ; dann stellte man mich einigen Damen vor . Ich muß gestehen , ich fand einen himmelweiten Unterschied zwischen ihnen und unseren aufgeblasenen , stolzen Nasenrümpferinnen in Deutschland : Sie empfingen mich mit einer vernünftigen Güte und Leutseligkeit , die so willig eher dem Verdienst als einer bloß zufälligen Geburt ihre Arme öffnen . - Sie marterten mich mit keiner steifen Etikette , womit man Fremde in Deutschland zu quälen pflegt . Freiheit , Munterkeit und gute Laune herrschten überall in dieser Gesellschaft . - Die Damen flüsterten einander keinen Ahnenstolz in die Ohren , und fielen mir nicht mit naseweisen Fragen zur Last ; eben so wenig , als ich von ihnen geschraubte , hochmütige Antworten erhielt . - Keine gaffte mich mit deutscher Grobheit an , als ob sie sagen wollte : - " Selbst dein Anzug ist nicht einmal hochadelig ! - " In wenig Minuten achtete ich mich in dieser Versammlung schon nicht mehr fremde . - Man lies mir Freiheit , ohne mich aus Verachtung zu vergessen , und man schien mich zu vergessen , bloß um mir Freiheit zu lassen . - Niemand zwang mich zum Spiele . - Jedem stand es frei , sich mit Kopf und Herz nach seiner Weise zu unterhalten ; - weder Eifersucht noch Missgunst trübte die Damen unter einander . - Jede hielt ihren Liebling fest , ... und störte nicht durch Koketterie die Ruhe einer anderen .- Alle hatten für sich hinlängliche Herzens-Beschäftigungen . - Kurz , die hiesigen Damen sind selbst bei ihren raschen Leidenschaften weit erträglicher als die in Deutschland . - Liebe übertäubt alle ihre übrigen Leidenschaften ; und was Liebe nicht angreift , das beleidigt sie auch nicht . - Sie haben überhaupt im Durchschnitt mehr Kultur als die Männer . Mutter Natur war ihre Leiterin . Ziererei - Vapeurs - und Grillen scheinen sie gar nicht zu kennen . - In Gesellschaften handeln sie viel freier als die Deutschen , und bei Weitem nicht so geschraubt . - Die Hizzigkeit ihres Temperaments gestehen sie offenherzig , und verderben nicht ihr Herz durch heuchlerische Verstellung . - Unsere deutschen Damen hingegen verbergen ihre Herzens-Angelegenheiten , und werden dabei doppelte Sünderinnen . - Hier rechnen sich_es die Damen zur Schande , mehr als Einen zu lieben , und bei uns schämen sie sich dieser einfachen Zahl , und tändeln mit allen , die ihnen aufstoßen , aus Schwachheit , aus Überraschung oder aus Zufall . Liebe wird bei den Italienern zum ernsthaften Geschäfte , bei den Deutschen hingegen zur Galanterie , oder Heuchelei . - Wechsel ist hier Verbrechen , der den Stolz einer Dame beleidigt - und bei uns wechselt man mit der Liebe eben so gleichgültig , wie mit Handschuhen . - Die hiesigen Damen lernen außer ihrer Muttersprache selten eine andere , und saugen nicht , wie bei uns , mit der französischen Sprache zugleich französischen Leichtsinn ein . Sie studieren fleißiger ihre Muttersprache , als manche deutsche Dame , welche die ihrige kaum buchstabieren kann . - Auch Eigennutz verunstaltet ihre Seele nicht so leicht , weil sie weniger als bei uns dem Spiel , sondern mehr der Liebe nachhängen . - Verleumdungssucht ist ihnen fast durchaus fremde , denn sie scheckern ihre Stunden meistens in der Gesellschaft ihrer Liebhaber . - Selbst Eitelkeit hat sie weit weniger vergiftet , weil die Einförmigkeit ihrer Masken keinen so großen Aufwand erfordert . Wären nur die hiesigen Damen ihren Männern getreuer , schwelgten sie nur weniger ihre Gesundheit in den Armen der Wollust , man könnte diese Engel von Weibern nicht besser wünschen , als man sie hier unter dem adeligen Stande findet . - So weit ging meine heutige Beobachtung . Morgen auch etwas weniges von den hiesigen Männern ; und nun gute Nacht , meine Liebe , von Deiner Amalie. 102. Brief . An Fanny CII. Brief An Fanny Wort halten , ist Pflicht ! - ruft uns die alte deutsche Redlichkeit zu . Also muß ich wohl heute ihrer Stimme folgen , und Dir , meine Fanny , mein Versprechen erfüllen . So eben komme ich wieder aus einer adeligen Gesellschaft zu Hause ; und ich kann Dich versichern , daß die hiesigen Edelleute männlichen Geschlechts fast durchaus über eine Form gemodelt sind . - Ich fand in einem die anderen alle . Ihr Wesen ist einfach , und ihre National-Mundart ist dem einen wie dem anderen eigen . Selbst Liebe , die doch bei der italienischen Sprache sehr gewinnt , wird durch ihre Nationalsprache verunstaltet . - Schon einige haben es versucht , auf mein Herz Ausfälle zu wagen , aber sie prellten ab . - Das Zuhausesizzen versagt ihnen die nötige Kultur . Sie besitzen die hochmütige Grille , daß keiner von ihnen ohne fürstlichen Aufwand reisen dürfe ; und doch haben die wenigsten davon Glücksgüter genug , um diese Grille zu befriedigen ; also bleiben sie lieber an ihrem Kaminfeuer Sitzen , und gewöhnen sich dabei an eine simple nationale Lebensart , daß es dem Fremden schwer wird , den Edelmann vom Lakaien zu unterscheiden . - Sie lesen wenig , studieren ( ihre Landesgesezze ausgenommen ) fast gar nichts , und bleiben bis an ihr Ende gutwillige Pagoden zur Bedienung ihrer aufgeklärteren Damen . - Ihre besondere Höflichkeit , ihr hübscher Körperbau und ihre feurige Liebe für unser Geschlecht , sind noch die einzigen kleinen Vorzüge , die sie erträglich machen ; demungeachtet sind sie sehr zur Schwelgerei geneigt . Wenn ein junger Venezianer ohne Liebesfesseln lebt , dann lebt er gewiß bis zum Ekel ausschweifend . - Nun so ist denn doch Ausschweifung immer das gewöhnliche Extrem eines Gelehrten oder eines Dummkopfs ! - ( fuhr mir bei dieser Anmerkung durch den Sinn ... ) Doch weiter ! - Witz besitzen sie gar keinen , aber desto mehr Nationalsprüchelchen . Vernunft findet man noch am meisten unter den Advokaten , weil sie ihnen Geld einträgt . - Gecken sind sie fast alle , denn ihr Müßiggang macht sie dazu . Stolz auf ihre Freiheiten erlauben sie sich in ihren Masken viele kindische Torheiten . Bigottismus und Wollust schlürfen sie ohne den mindesten Vorwurf aus einem Becher , weil sie gewohnt sind , ihre Rechnung alle Monate wenigstens einmal in dem Beichtstuhl abzulegen . Der Grundzug ihres Charakters bleibt so lange gutherzig , bis er von einer Leidenschaft auf die Probe gestellt wird ; alsdann erst artet er in feurige Rachsucht aus . - So bald man ihren vaterländischen Stolz nicht beleidigt , so ist gut mit ihnen auszukommen . Literatur und schöne Wissenschaften verrosten gänzlich unter ihnen ; aber desto fleißiger üben sie Rechtsgelahrtheit und Handelsschaft . - Sie machen gutwillig die Küchenjungen ihrer Weiber ; aber nie die Sklaven ihrer Vorgesetzten . - Ein Venezianer läuft leichter mit dem Gemüskorb auf den Markt , als daß er nur um ein Haar seine Freiheit verletzen ließe . Sie lieben auch die Fremden , aber trauen ihnen nicht gerne . - Eine große Menge Advokaten leben da auf Kosten ihrer Klienten , deren Rechtssache sie auf dem Rathause öffentlich verteidigen müssen . Die Landestracht wird von dem Nobili und Advokaten nur an Gerichtstegen getragen , und besteht aus einer Knotenperücke , einem langen schwarzen Rocke mit einer silbernen Kette um den Leib . - Der Staat unterhält nur wenig Soldaten , aber desto_mehr Sbirren . Man behauptet , daß der Magistrat durch die Geschicklichkeit dieser Sbirren in kurzer Zeit den Namen und das Gewerbe eines Fremden wissen kann , wenn ihm die Neugierde ankommt . - Hm ! hm ! - Wie mag denn das zugehen ? - ( fragte ich mich selbst ) da man doch hier zu Lande keinen Fremden mit dem Namenaufschreiben tirannisirt ? - Aber desto aufmerksamer ist unsere Polizei , die den Unschuldigen nicht statt des Schuldigen plagt ! - ( flüsterte mir mein Vetter ins Ohr , der mein Selbstgespräch mußte gehört haben ) . Liebschaften , Mätressen , und alles , was ins Reich der Frau Venus gehört , steht nicht unter dem mindesten Zwang , - wenn nicht Mordtaten , oder Diebstähle damit verknüpft sind . - Wer sich in öffentlichen Häusern beschmuzzen will , kann es ohne Hindernis wagen . Doch laufen bei aller dieser Freiheit die hiesigen Männer weit weniger diesen Orten zu , als bei uns , wo Vorurteil , Fraubasen-Geklatsch , oder der bestochene Polizeirichter die Liebschaften von besserer Gattung so unbarmherzig stören . - Jeder unterhält sich hier sein eigenes Liebchen nach dem Maßstab seiner Einkünfte . Die öffentlichen Bedürfnishäuser werden meistens nur von Fremden , oder von den luderlichsten Einheimischen besucht . - Ich habe diesen Satz meinem Vetter nicht glauben wollen ; aber morgen , sagte er , müssen Sie Beinkleider anziehen , und ich will Sie davon überzeugen . - Lebe wohl unterdessen , meine Beste ! Deine Amalie. 103. Brief . An Amalie CIII. Brief An Amalie Liebste , Beste ! - Ländlich , sittlich ! - so sagtest Du letzthin selbst , und doch weigertest Du Dich , Dich zu maskieren ; wie kommt denn das ? - O Du eigensinniges Weibchen , Du ! - Verhülle in Zukunft dein blühendes Gesichtchen , sonst läufst Du Gefahr ferner beunruhigt zu werden . - Es muß übrigens doch für eine Fremde ein sonderbarer Anblick sein , wenn sie das lebhafte Gemische so vieler Masken erblickt ! - Mir würde zwar dieses Getümmel nicht behagen ; Mitleiden und Abscheu würden mich zur tiefsten Traurigkeit hinreißen ! - Schrecklich ist es , meine Freundin , zu hören , daß selbst der geheiligte Tempel Gottes vom Laster nicht geschont wird ! - Christen sollen das sein ? - Christen , die die Größe und Allmacht ihres Schöpfers weder fühlen , noch kennen ! - Christen , die aus keinem reinen Unterricht gelernt haben , die Gegenwart Gottes zu fürchten ! - Diese Verworfenen beten zu oft , um mit wahrer Zerknirschung des Herzens , mit wahrer Andacht beten zu können . - Ihr kaltes , flüchtiges , abwesendes Herz widmet sich aus Langeweile unter ihrem mechanischen Gebet bloß sündhaften Nebenbeschäftigungen . Sie hüllen ihre Laster in Andachts-Übungen ein , um desto freier ausschweifen zu können . - Bigottismus ist der Sünden Schutz , und ihr gleisnerisches Gebet ist ein gräßliches Verbrechen an der Majestät Gottes ! - Schein der Frömmigkeit ist bei den Italienern fast immer der Vorbote des Lasters . - Man hält in diesen Ländern vieles auf äußerliche Gebräuche , aber desto weniger auf das innere Gefühl eines denkenden Christen , der mit einem Worte seinen gütigen Schöpfer anzubeten weiß . - Da zwingt man die Menschen zum Gottesdienst ; sie müssen Predigten anhören , beichten , und alle Gebräuche mitmachen , wenn sie der Bonzen Wut entgehen wollen . - Der freie Willen wird unterjocht , und öffnet dann das Herz der Heuchelei und der Falschheit . - Wenn der Diener seinem Herrn nur aus Zwang unterwürfig ist , dann entfernt sich sein Gefühl weit von dem guten Willen , der das Lob seiner Herrschaft verewigen sollte . - Die Katholiken werden mit Gewalt zur Religions-Übung geschleppt , und ihr widerspenstiges wildes Gefühl artet dann bei diesem Zwang in Lüge aus , die sie bloß zum Schein dem Allmächtigen täglich vorheucheln . - Man verschließe diesen Afterchristen die Kirche , um sie erst den Wert Gottes fühlen und kennen zu lehren ! - Man rufe ihnen die donnernde Allmacht des Ewigen feurig ins Ohr , um sie aufmerksamer zu machen auf die Herrlichkeit Gottes , der bloß auf das Herz des Menschen sieht ! - Mit gefühlvoller Beredsamkeit sollten es die Seelsorger versuchen , ihr angewöhntes kaltes Gebet in warme , innige Empfindung zum Lobe des Allgütigen umzustimmen ! - Priester ! - ihr seid die Seelen-Hirten der Christen , ihr seid die Abgesandten des Weltheilandes ! - Euch kommt es zu , mit Eifer ins menschliche Herz zu dringen ; euch ist es Pflicht , das Gefühl für den Urheber der Natur darinnen aufzuwecken und es zu reinigen von falschen Empfindungen ! Dringt mit Kunst , mit Menschenkenntnis , mit Güte und Sanftmut hinein ; macht es willig zum Dienste Gottes ! - Rührt den freien Willen des Menschen , und ihr werdet siegen ! ... ... ... ... ... .... Ei , da bin ich ja gar zum Prediger geworden , und nahm mir doch vor recht launig zu schreiben . - Laß sehen , ob ich_es jetzt wieder dazu bringen kann ! - Ich für mein Teil , meine Liebe , will mich eher mit Ruten streichen lassen , als in die Gesellschaft unserer adeligen Damen treten . - Ein fühlendes Geschöpf muß sich da mit Leib und Seele Entsetzen über den stolzen , schnippischen Blick , womit sie empfangen wird , - wenn es ihr anders noch gelingt in eine solche Versammlung zu kommen . - Es ist gar zu drollig , wenn manchmal der aufgeklärte Kopf einer Bürgerin dem adeligen Strohkopf mit einer tiefen Verbeugung zunickt ! - Ist es möglich ? - So muß denn das wahre Verdienst des Herzens vor der Dummheit im Staube liegen bleiben ? - Natur , Nächstenliebe und Menschlichkeit werden von diesen Weibern erstickt . - Wer nicht das Glück hat , Ahnen zu zählen , muß mit dem edelsten Herzen , mit dem aufgewecktesten Geiste im Winkel stehen bleiben und die adeligen Gänschen bewundern . Würden die Weiber sich durch Tugend und Bildung auszuzeichnen suchen , dann möchte es wohl mancher Dame nicht gelingen , ihr Herz mit einer Unadeligen im Gleichgewicht zu halten . - Der unerträglichste Ahnenstolz verrückt das kranke Gehirn so vieler deutschen Damen , die sich aus Mangel an eigenem Verdienste durch dieses Unding allein wichtig machen müssen . Geburt ohne Philosophie ist ein Geschenk , das so gerne durch Hochmut bis zur Unmenschlichkeit ausartet ; denn wie oft vergessen nicht die Adeligen die Stimme des Mitleidens gegen ihre Untergebenen ? - Wenn das Andenken verdienstvoller Voreltern unter den Söhnen zur Aufmunterung fortgepflanzt werden kann , so geht es doch die Töchter nichts an . Ihre ganzen Heldentaten bestehen , wie die der Bürgerin , im Heiraten , Kindergebähren und Sterben . Sind das nicht Törinnen , die mit entlehntem Verdienste prahlen wollen ? - Herablassung ! - Herablassung , meine adeligen Damen , ruft ihnen der gesunde Menschenverstand zu ! - Bloß Geistesvorzug , Talenten , Menschenfreundlichkeit und edles Herz werden sie wahrhaft in aller Welt Augen adeln ; alles übrige ist Eigensinn , Eitelkeit oder Hirngespinst . - - Doch laß uns jetzt auch noch ein Bisschen die unterscheidenden Vorzüge der jungen Kavaliers untersuchen : - So simpel , gutherzig und albern die Venezianer auch immer sein mögen , so sind sie doch gewiß erträglicher , als unsere spöttischen , dummdreisten , naseweisen Stutzzerchen , die mit boshaftem Herzen in Gesellschaften ihren geborgten französischen Witz auskramen . - So ein gereister Zieraffe hat Dreistigkeit genug , das ehrwürdige Alter eines biederen Mannes lächerlich zu machen . - Ihre geistlichen Hofmeister , die sie meistenteils begleiten , lassen über der Neuheit der großen Welt das Herz ihrer Zöglinge aus der Acht , und genießen mit ihnen die Süßigkeiten der Schwelgerei . - Übles Beispiel , unerfahrene Hofmeister und Überfluß verderben auf Reisen so viele junge Leute . Flatterhaftigkeit , Laster , Galanterie-Krankheiten , Weichlichkeit , sind fast immer die Früchten ihrer Reisen . Nur selten kehrt ein junger Edelmann aufgeklärt , als wahrer Patriot und mutiger Held zurück . - Das ganze Verdienst dieser verwöhnten Muttersöhnchen besteht in der Windbeutelei und französischem Unsinn . - Diese wollüstigen Gecken verstehen die allerliebste Kunst , den Damen Strumpfbänder zu knüpfen , wohlriechende Wasser zu versprüzzen und mit Herzhaftigkeit eine Fliege tot zu schlagen , wenn sie es wagt auf eine hochadelige Nase zu Sitzen . - Der Kriegsdienst , dem sich unsere Edelleute widmen , macht sie gar zu oft brutal und unverschämt . - Wie oft wird ihr stumpfes , verdorbenes Gefühl von den besseren Empfindungen eines gemeinen Soldaten übertroffen ! - Unschuldige Mädchen verführen , den guten Namen ehrlicher Weiber verschreien , sich mit Gassennimphen beschmuzzen , Schulden machen , Bürger prügeln , ist alsdann die Beschäftigung , die sie in der Uniform in voller Übung treiben . - So roh unsere alten Deutschen auch immer waren , so hielten sie doch auf Zucht und Ehre , und befolgten als Biedermänner strenge ihre Gesetze , die nach ihren Begriffen gut waren . - Aber jetzt , meine Freundin , ist alte Redlichkeit in Staub gesunken ! - Milchbärte haben ihr Andenken entehrt ! - O das ist traurig , meine Amalie ! Doch ich muß schließen ! Ewig Deine Fanny . 104. Brief . An Fanny CIV. Brief An Fanny Denke nur , meine Liebe , mein Vetter lies mir nicht eher Ruhe , bis ich mich entschloß , mit ihm in Mannskleidern öffentliche Lusthäuser zu besuchen ; - er wollte mir durchaus die Wahrheit seines Satzes beweisen ; - und er behauptete ihn mit Recht ; denn wir fanden in diesen öffentlichen Lusthäusern mehr Ausländer , als Einheimische . - Da es eines Abends anfing dunkel zu werden , führte er mich in eines dieser Häuser . Eine sehr dunkle Treppe leitete uns in ein Vorzimmer , worin ein altes Weib saß , die laut betete . - Sie lies uns gerade so lange stehen , bis sie noch einige Korallen ihres Rosenkranzes hin und her geschoben hatte ; dann schlug sie das Kreuz über die Brust , ging ohne ein Wort zu reden ins Nebenzimmer , und eilte bald wieder mit der Antwort zurück : " Daß ihre Tochter bereit wäre , uns zu empfangen . " - Gerechter Himmel ! schon wieder eine solche heuchlerische Satans-Christin , die ihre lasterhafte Tochter unter frommer Lüge verkuppelt ! - So wollte ich eben laut seufzen , als wir gerade in das Zimmer der Buhlerin eintraten . - Die Dirne empfing uns mit einer frechen , zuversichtlichen Miene , und war schon so in ihrer schändlichen Kunst erfahren , daß sie mein Geschlecht auf den ersten Blick entdeckte . - " Mit Ihnen , junger Herr , ist wohl nicht viel zu unternehmen ; und du alter Kamerad , ( redete sie uns an ) du bist der Freude auch schon abgestorben ; also muß ich wohl auf andere Mittel denken , euch zu unterhalten ! - " Dann warf sie eiligst ihre schlampigen Kleider vom Leibe , und machte die schändlichsten wollüstigen Stellungen . - Das Blut stieg mir wie Feuer ins Gesicht ; ich wandte meine Blicke von dieser Schandmezze weg ; - sie merkte meine Verlegenheit , und spottete laut über die blöde Schamhaftigkeit der Deutschen . - Gott ! welcher Abscheu durchschauderte meine Seele ! - Tränen des Entsetzens rollten über meine Wangen ! - Die ganze Natur empörte sich in mir ! - Ich griff hastig nach meiner Börse , und warf dieser elenden Kreatur etwas Geld hin , wonach sie heißhungrig schnappte . - Mein Vetter konnte mich kaum mehr trösten , so schrecklich hatte mich dieser gräßliche Auftritt verstimmt . - Gebeugt , schwermütig , durchirrten wir einige Straßen ; als uns plötzlich das laute Weinen einer weiblichen Stimme aufmerksam machte . - Der Schall kam aus einem Stübchen , dessen Fenster nicht hoch von der Erde waren ; die ganze Wohnung hatte das Ansehen eines Bordells , worin das Laster sich durch Armut selbst zu strafen schien . Die Neugierde trieb uns hinein ; wir fanden den Hauswirt im heftigsten Streite mit einem jungen Mädchen , das verzweiflungsvoll die Hände rang ! - Als dieser Kerl uns erblickte , stimmte er augenblicklich seinen Ton um , kneipte das betrübte Mädchen in die Wangen , wünschte uns kriechend gute Unterhaltung , und verlies das Zimmer . - Das arme Geschöpf warf sich dann jammernd zu unseren Füßen , bat um Barmherzigkeit , um Schonung ! - So sehr auch diese Art Mädchen die Gewohnheit an sich haben , ganze Romanen zu erdichten , um ihren Lebenswandel zu entschuldigen , so fand ich doch bei dieser eine geheime Stimme der Wahrheit , die mein Herz zum warmen Mitleid rührte . - Mein Gott ! - fuhr mir in deutscher Sprache über die Zunge , - als die Arme mit feurigem Entzücken laut ausrief : Gott sei Dank ! Sie sind ein Deutscher ; Sie werden mich retten ! Mit kurzen Worten erzählte sie mir nun ihre Geschichte . - Sie ist eine Kaufmannstochter aus A. ... ; ein Böswicht entführte sie , und überlies sie dann in einem fremden Lande dem Mangel . - Sie geriet durch Kuppelei in die Hände dieses Wirts , dessen Eigennutz sie mit ihrem noch ungewöhnten Körper nicht hinlänglich befriedigte , und der sie eben deswegen schon seit einiger Zeit tirannisch behandelte . Sie rang in dieser Gefangenschaft des Lasters schon lange mit der äußersten Verzweiflung . - Ihr Flehen rührte keinen Wollüstling , keiner schonte ihrer Tugend , alle genossen die Sträubende mit teuflischer Lust , und achteten nicht der heißen Tränen , die auf ihre gewalttätige Hände brannten ! - Großer Weltbeherrscher ! - warum zögerte deine Strafe über diese Schänder der Menschheit ? - Warum gefiel es der unendlichen Barmherzigkeit nicht , sie augenblicklich auszurotten ? - O menschliches Gefühl ! wo sind deine Rechte ? - Wo ist deine Stimme ? - Kommen Sie , lieber Vetter , ich kann es nicht mehr aushalten ! - Ich küßte die Bedaurungswürdige auf die Stirn - versprach ihr Hilfe , - empfahl ihr Verschwiegenheit - und eilte nach Hause . - Daß ich dann noch in der nämlichen Stunde an ihre Eltern schrieb , wirst Du gewiß von meinem Herzen hoffen , dessen Empfindungen Du so genau kennst . - Lebe wohl , meine Teuerste ! - Lebe wohl ! - Amalie . 105. Brief . An Fanny CV. Brief An Fanny Ich wundere mich sehr , meine Teuerste , daß Du mich so lange ohne Nachrichten läßt . - Doch keine Vorwürfe ! - Vielleicht kreuzen sich unsere Briefe , oder Du hast Geschäften , welche Dich abhalten . - Freue Dich mit mir , beste Fanny , jenes unglückliche Mädchen , von dem ich Dir im letzten Briefe sprach , ist gerettet ! - Sie ruht nun im Schoße ihrer ausgesöhnten Familie ! - Dir Allgütiger ! sei dafür ewiger Dank gesagt , daß Du mir Gelegenheit gabst , einem meiner Nebenmenschen zu dienen . - O ! dieses selige Gefühl hält mich jetzt für alle Leiden meines Lebens schadlos ! - Venedig soll mir um dieses Glücks Willen nie aus meinem Andenken schwinden , so wenig ich sonst hier Unterhaltung für Kopf und Herz fand . - Selbst im Schauspiel genoß ich keine Geistes-Nahrung , weil es so äußerst schlecht bestellt ist . - Ton- und Tanzkunst ausgenommen , sind die hiesigen Schauspiele keinen Heller wert . - Elende Harlekinaden , Marionettenspielereien , Possenreissereien , damit wird der Zuschauer bis zur Langeweile eingeschläfert . - Ich habe keine einzige Komödie gesehen , deren Verfasser mit gesundem Kopfe geschrieben hätte . - Goldoni's Burlesken werden hier so zotenmäßig vorgestellt , daß man es dabei nicht aushalten kann . Trauerspiele hat man fast gar keine , und die wenigen schlechten , die man hier gibt , werden durch fratzhafte Episoden bis zum Ekel heruntergesetzt . - Man möchte toll werden , wenn man die steife , empfindungslose Opernsängerin wie eine Drahtpuppe in einem Trauerspiel agieren sieht . - Sie arbeitet so viel mit ihren Händen , deklamiert so widersinnig , als ob Kopf und Herz mit dem kalten Fieber behaftet wären . - Eine hiesige Opernsängerin ist so sehr Maschine , daß sie sich bloß hinter der Gardine hören lassen muß , wenn sie nicht will , daß fast alle Sinnen des Zuschauers , außer dem Gehör , ihre Ankläger werden . - Was kümmert mich eine helle Kehle , wenn ihre Besitzzerin nicht die Kunst versteht , die Töne durch Seelen-Affekt in mein Herz zu gießen ? - Ein bloßes musikalisches Instrument tut mehr Wirkung auf die Empfindung der Zuhörer , weil das Auge dabei keine Forderung machen darf . - Ich höre hier allen Opernsängerinnen mit geschlossenen Augen zu , um mir den Ärger über ihre hölzerne Geschmacklosigkeit zu ersparen . - Schade ist es für eine so feurige Nation , daß ihr die noch nötige Kultur fehlt ; sie könnte große Fortschritte in der Schauspielkunst machen , wenn sie durch Lektur und gute Anleitung geführt würde . Ich habe diese Bemerkung in ihren Balletten gemacht , die mir noch am besten gefielen . - Die Lebhaftigkeit gibt ihr einen so feurigen Schwung der Affekten , daß ich ihre leidenschaftlichen Pantomimen mit Vergnügen bewunderte . - Übrigens sind die Sitten dieser Leute noch fast verdorbener , als bei uns . - Die Mutter einer Schauspielerin wuchert ganz öffentlich mit der Unschuld ihrer Tochter , und bewahrt ihr Kind den Meistbietenden auf . - Bei jedem Theatereingange findet man eine Menge von anderen Freudenmädchen , und zur Seite des Schauspielhauses ganze Reihen von Bordellen . - Die Türen sind zu ebener Erde , eine jede davon ist nummeriert , und mit einem Marienbildchen , nebst einem kleinen Wachslichte geziert , welches alle Sonnabende von der Nymphe angezündet wird . Diese Kreaturen stehen am Eingang der Türe , um die Vorübergehenden zur Verführung zu locken ; und da die Gassen sehr enge sind , so schlüpfen viele Mannspersonen ( vermutlich aus Furcht zerdrückt zu werden ) in diese unreinen Winkel . - Wenn aber eine von diesen Nothelferinnen des Lasters ohne Bekehrung schnell dahinstirbt , so wird sie in einem Sack ins Meer geworfen . - Jede davon trägt einen Dolch zur Verteidigung bei sich . Man hat mich versichert , daß es Männer gegeben habe , die nach Befriedigung ihrer viehischen Begierden ihre Raserei so weit aus Abscheu getrieben hätten , daß sie ihre Gehilfin auf der Stelle ermordeten . - Bisweilen setzt es wegen Bezahlung oder Dieberei Streitigkeiten ab , daß man schon mehrmals dergleichen Weibsleute oder Mannsleute tot antraf . - Was nun die Einrichtungen ihrer Gesundheits- Umstände betrifft , so soll man in Berlin weit bessere getroffen haben . - Die hiesige Polizei mischt sich nicht so scharf in diese einzelnen Umstände , und überläßt es dem verdorbenen Geschmack eines Jeden sich der Gefahr auszusetzen . - Gerade ruft mich mein Vetter zu Tische . Nimm also diesen eiligen Kuß von Deiner Amalie. 106. Brief . An Amalie CVI. Brief An Amalie Liebes , gutes Malchen ! Eine kleine Lustreise hielt mich bis jetzt ab , deine letzteren Briefe zu beantworten ! Du schreibst es doch nicht auf Rechnung meines Herzens ? - O ich habe wohl unterdessen recht oft an Dich gedacht ; und dein erster Brief überraschte mich gerade in dieser liebevollen Beschäftigung . Ich durchlas ihn mit innigem Vergnügen ; nur befürchtete ich dabei zu sehr , daß Du Dich durch dein offenherziges Betragen einigen weibischen Lästermäulern bloßgeben möchtest . Sie werden nicht begreifen wollen , daß auch ein Frauenzimmer als Philosophin reisen kann , und daß es ihrem kritischen Auge ebenmäßig erlaubt ist , Stoff zum Denken zu suchen . - Aber richtiger werden dafür die wenigen Vernünftigen urteilen , die kein gallsüchtiges , neidisches Herz im Busen tragen . - Was kümmert uns übrigens das Vorurteil einiger abgelebten Matronen , die ohnehin bloß zum Ofensizzen und Gänsehüten geschaffen sind . Du lernst dadurch das menschliche Herz kennen ; und das ist einem jeden Vernünftigen Pflicht , der in der Welt nicht untätig leben will . - Aber noch staune ich , meine Amalie , über den italienischen Bigottismus , der , mit dem Laster verschwistert , einer Religion Schande macht , die im reinsten Gewande prangen könnte , wenn verdorbene Begriffe sie nicht zur Heuchelei entstellte . Gibt es denn in Venedig keine Priester , die solche abscheuliche Missbräuche zu verhindern wissen ? - Warum duldet man dergleichen Gebräuche ? - Ist das die reine Lehre Christi , die das menschliche Herz veredeln sollte ? - Die Italiener müssen den Wert der Religion eben so wenig kennen , als die Häßlichkeit des Lasters , sonst würden sie ihn nicht zur Ausübung solcher Missbräuche anwenden . Den Priestern käme es zu , Religion und Laster im echten Lichte den Menschen zu zeigen , und dann es ihrem Herzen zu überlassen , wenn es noch boshaft genug sein könnte , beides nach erlangter Kenntnis mit einander zu vermengen . Wer sich dann trotz diesem den öffentlichen Bedürfnissen Preis geben wollte , der könnte es auf Unkosten seiner eigenen Ruhe wagen . - Die Gewissensstimme wäre denn der verborgene Tirann , der so ein Herz bei müßigen Stunden grausam zerfleischte ! - Nicht immer unterdrückt Schamlosigkeit den Ekel der Natur . Es gibt Augenblicke , wo das Bildnis einer langen Ewigkeit so eine Kreatur gräßlich martert ! - Indessen kann ich doch diese Häuser nicht ganz missbilligen . Sie verhüten größere Ausschweifungen , und bieten dem verdorbenen Geschmack der Menschen Befriedigung an . - Die Triebe der Natur arten bloß durch Weichlichkeit und Bosheit zum Laster aus . - Der bloße Instinkt strebt nur nach genugsamer Befriedigung , aber die Einbildungskraft der Menschen schafft ihn zur ausschweifenden Wollust um . - Man betrachte das Tier ; es hat nur seine gewisse Zeiten zur Befriedigung ; aber der Mensch , dieser edlere Teil der Schöpfung , ist in seinen Lüsten unersättlich , weil er der Einbildungskraft den freien Zügel läßt . - Die meisten Menschen denken zu wenig , um ihre Begierden einschränken zu können . Ihre Sinnen verirren sich so leicht bei jedem neuen Gegenstande , wo hingegen das Tier keinen Unterschied kennt , um außer seiner gehörigen Zeit lüstern zu werden . - Gott gab den Menschen Vernunft , um ihre Handlungen nach der Mäßigkeit einzurichten ; aber die wenigsten hören auf ihre Stimme , sondern folgen , vom Beispiel hingerissen , den Reizen des Lasters auf Kosten ihrer Ehre , ihrer Gesundheit . - O ! die Menschheit ist ein unglückseliges , schwaches Wesen , das so leicht ausglitscht , wenn nicht genaue Aufmerksamkeit über sich selbst und Religion dieselbe leitet . - Man darf sich nur einen geringen Fehler nicht vorwerfen , dann eilt man schnell bis zum äußersten Grade des Lasters . - Fleißige Selbstbeobachtung ist der erste und sicherste Weg zur Tugend . So bald aber der Mensch leichtsinnig alles Gefühl in sich erstickt , dann wird er gerade so verstockt , so lasterhaft , wie jene Wollüstlinge , die das arme deutsche Mädchen im Bordell wider derselben Willen genießen konnten . - Gott segne die Gerettete in den Armen ihrer Familie , und Dich lohne er dafür einstens mit unaussprechlicher Glückseligkeit ! dein Herz verdient es in der Tat ! - Aber jetzt weiter zu deinem zweiten Brief : - Daß es in Italien außer der Malerei und Tonkunst mit den übrigen Wissenschaften schlecht bestellt ist , wußte ich schon lange . - Die Nation muß äußerst träge sein , daß sie Schauspielkunst und Lektur so sehr vernachlässigt . - Sie ist von jeher in der Aufklärung eine der letzten gewesen , und hat in der Literatur von ihren Geistesfrüchten wenig aufzuweisen . - Wenn ihr Gefühl durch Denken verfeinert würde , dann könnte sie nicht zu dem äußersten Grade des Lasters fähig sein . - Roh und gedankenlos folgt sie bloß der Stimme ihres leidenschaftlichen Bluts , und überlegt aus Mangel der Bildung zu wenig ihre feurigen Handlungen . - Lebhaftigkeit führt zur Tugend oder zum Laster , je nachdem sie geleitet wird . - Eigennutz ist auch ein Hauptfehler dieser Nation ; um ihrer Befriedigung Willen sind sie in Possenreissereien so erfinderisch . - Selbst bei uns belustigen sie einige deutsche Fürsten mit unsinnigen Fratzen . Mancher Hof bezahlt schweres Geld für eine welsche Opersängerin , die in Italien ums Almosen in Kaffeehäusern ihre schmutzigen Liedchen heruntertrillerte . - Bald werden die italienischen Landstreicher mit ihren Murmeltierchen auf deutschen Bühnen ihr Glück machen , da es einmal so sehr Mode ist , welsche Insekten zu dulden . - Keine auswärtige Nation lockt die unsrige zu sich und füttert sie . Wir gutherzigen , schwachen Deutschen allein bezahlen ausländischen Unsinn und ungesittete Aufführung . - Und warum ? - Aus Vorurteil ! - So lange der Deutsche dem inländischen Talent Schutz und Aufmunterung versagt , eben so lange bleibt er ein alberner Affe , der nach der verstimmten Pfeife eines Fremdlings tanzen muß . - O ! die Großen , die Großen könnten vieles anders einrichten , wenn sie wollten ! - Ist es nicht Schande , daß man fremde faule Ware auf Unkosten der fleißigeren , aufgeklärteren einheimischen duldet . - Einige Höfe Strazzen voll italienischer Comte und Markise , die es durch Speichelleckerei so weit zu bringen wußten , daß man ihre zerlöcherten Adelsbriefe nicht einmal in Verdacht hat ; besonders wenn sie das Glück hatten , irgend einer empfindsamen Fürstin zu gefallen . Diese Abenteurer machen sich der deutschen Gutherzigkeit zu nutze , und wandern häufig aus ihrem Vaterland , um den Hunger zu stillen und die besten Ämter verdienstvollern Patrioten wegzukapern . - Bisweilen misslingt ihnen dann ihre Rolle , und der Herr Comte verwandelt sich in einen Lakaien , der seinem Herrn mit dem Adelsbriefe als ein Betrüger entfloh . - Deutschland ist mir der Aufklärung ungeachtet in vielen Stücken ein Rätsel ! - So viel von Deiner besten Fanny . 107. Brief . An Fanny CVII. Brief An Fanny O Vorsehung ! wie wunderlich sind doch deine Wege ! - Unverhofft , Freundin , bin ich auf einmal , wenigstens in einem Punkt glücklich , ruhig an Seele und Leib , denn ich habe meine Freiheit wieder ! - Der Tod hat meinen ausschweifenden Mann früher hingerafft , als es von seinem Alter zu vermuten war . - Er ist dahin ; Gott gebe seiner Seele Friede , und mir die vorige Gesundheit wieder ! - Nichts hat er mir hinterlassen , als eine Menge Schulden , wofür mein guter Oheim noch bei seiner Lebzeit bürgte . - Dieser zu frühe Hintritt kann vielleicht doch für meinen Oheim und für mich üble Folgen haben . - Gott ! - Wenn ich dadurch die fernere Unterstüzzung meines Oheims verlöre ! - Ich kränkle ohnehin eine Zeit her , und werde wohl nimmermehr meine völlige Gesundheit wieder erhalten ! - Schon seit einigen Wochen verlasse ich mein Zimmer nicht . - Die große Welt ist mir zur Last , ich sehne mich von ihr hinweg ! - Das unruhige Getümmel füllt mein leeres Herz nicht aus ! - Du kannst nun leicht einsehen , daß Schwermut für mich eine Nahrung ist , der ich aus Langeweile nachhängen muß . - Mein Misstrauen gegen die Männer geht jetzt bis zur Menschenfeindlichkeit ; ich würde keinem trauen , und wenn er sich in der Gestalt eines Engels zeigte . - Daß mich doch meine Vernunft nie verlassen möge ; daß sie mir beistehe bei Begebenheiten , wie ich letzthin eine erlebte ! - An einem Morgen meldete mir mein Gretchen , daß ein Fremder mich zu sprechen verlange ; ich lies ihn , so wie ich es in Ansehung der Mannspersonen immer tat , abweisen . Er beharrte aber auf seiner Bitte , und lies mir melden , daß er Briefe von meinem Oheim zu übergeben hätte . - Die lebhafteste Freude durchströmte mich bei dieser Nachricht ; ungeduldig wartete ich jetzt seiner ; er kam , zog eilig seine Brieftasche heraus , und übergab mir den Brief . - Hastig , ohne die Schrift zu unterscheiden , riß ich das Petschaft auf - und fand .... einen buhlerischen Antrag vom römischen Konsul ! - Versteinert stand ich da , faßte mich aber eilig wieder ; griff nach einem Terzerol , und jagte den Kuppler aus meinem Zimmer ! - Dann sah ich Gretchen ihm nachschleichen , welches mich vermuten ließe , daß sie mit ihm einverstanden sei ! - Täglich wird mir diese Kreatur verhaßter ! - Sie darf ohne meinen Befehl mit keinem Fuß mein Zimmer betreten ; demungeachtet wagte es die freche Plaudertasche mich durch kahle Entschuldigungen zum Zorne zu reizen ! - Sie trieb es in Lügen so weit , daß ich ihr aus Ärger ein Glas nachwarf ! - Die Übereilung war hizzig , ich gestehe es selbst ; aber derjenige , welcher weiß , wozu mich die beleidigte Güte meines Herzens bringen kann , entschuldigt sie leicht ! - Morgen erst schließe ich diesen Brief . - Des anderen Tags . Nun so muß ich denn immer Schlangen im Busen nähren ! - So ist es denn mein ewiges Geschicke an Nichtswürdige zu geraten ! Mein undankbares Dienstmädchen hat mich nun gar bestohlen ! - Ich fand den Beweis in der Rechnung , als ich meine Börse untersuchte . - Die Dirne leugnete anfangs hartnäckig , bis ich sie überwies ; alsdann erst flehte sie kniefällig um Schonung . - Sie soll von dieser Stunde an meinen Anblick meiden , und so mag sie , bis ich selbst abreise , bei mir bleiben . Ich werde ohnehin vermutlich in wenig Wochen nach Deutschland zurückkehren müssen . - Dann kann ich Dir , liebe Fanny , vielleicht mündlich sagen , wie warm mein Herz für Dich schlägt . - Amalie . 108. Brief . An Fanny CVIII. Brief An Fanny Schon einige Wochen sind vorüber , und ich schrieb nicht an Dich ! - Die Erzählung meines Abenteuers soll Dich aber für diese kleine Nachlässigkeit recht sehr entschädigen . Du magst dann entscheiden , ob ich mich nicht dabei verhielt , wie es mir Zustand ? - Vor einiger Zeit führte mich mein Vetter Abends in sein gewöhnliches Kaffeehaus . - Um bei diesen letzten Karnevalstegen dem Schwarme der häufigen Masken auszuweichen , eilten wir beide einem Seitenstübchen zu . Es waren daselbst nur wenige Masken zugegen ; die einen davon spielten , die anderen plauderten , die übrigen schliefen auf den Bänken herum . - Ich hatte eine Kuriersmaske an , und setzte mich mit den plumpen Stiefeln so derbe zwischen zwei schlafende Masken , daß sie darüber aufwachten . Nun fingen die Masken an sich die Augen zu reiben , träge Töne herauszustammeln , und ihre Larve vom Gesicht zu lüpfen , um mich desto bequemer betrachten zu können . - Questo e una Donna ! sagte die eine Maske ; nein , erwiderte die andere , es ist kein Frauenzimmer . - Sie zankten sich wegen meiner aus Neugierde hin und her , bis die eine davon folgendes Gespräch mit mir anfing : - Die Maske Schöne Maske ! - hätten Sie nicht Lust , unseren Streit durch Ihr eigenes Bekenntnis zu entscheiden ? - Ich Wenn ich erkannt sein wollte , würde ich mich nicht maskiert haben . - Maske O ! Ihre Stimme verrät Sie ! - Sie sind ein Frauenzimmer . - Ich Aber demungeachtet doch nicht gemacht , um ihre Neugierde zu befriedigen . - Maske Wenn wir Sie aber recht freundlich bitten , uns ihr liebes Gesichtchen zu zeigen ; würden Sie uns diese Gefälligkeit abschlagen ? - Ich Es ist wider meine Gewohnheit , mit meiner Larve zu prahlen , um so weniger würde ich es wagen , da mein Gesicht dem Wuchs nicht das Gleichgewicht hält . Maske Das ist unmöglich ! - Verzeihen Sie , schöne Maske ; auf so einem zierlichen Körper muß auch ein hübsches Gesichte ruhen . - - - Ich Ihr Schluß leidet Ausnahme ; denn die Natur hat an mir nicht so verschwenderisch gehandelt . - Maske Klagen Sie Ihre Wohltäterin nicht an ! Mich dünkt , sie hat Ihnen Alles gegeben ; Schönheit und Gefühl . Warum handeln Sie denn so neidisch mit ihren Gaben ? - Ich Weil ich diese Gaben , wenn ich sie auch besäße , nicht der Gefahr aussezzen will , übel belohnt zu werden . Maske Sie halten uns also für Betrüger ? Ich Das nicht ; aber für Leute aus der großen Welt . - Hier wurde mir für diese Wendung so feurig die Hand geküßt , daß der laute Schall davon plötzlich mehrere Masken herbeilockte . Aber die vorige Maske lies sich nicht stören , und fragte mich weiter : - Maske Sie sind also unerbittlich - und wollen uns das Glück Ihrer Bekanntschaft durchaus nicht gönnen ? - Ich Es ist erst noch die Frage , ob es für Sie ein Glück sein würde ; ich möchte nicht gerne meine Eigenliebe auf eine so gefährliche Probe setzen ; denn wer weiß , in welche Vorzüge Sie eigentlich Ihr Glück setzen ? - Maske Auf die , die wir schon zum voraus an Ihnen bemerken . - Wagen Sie es kühn , ihr Gesicht sehen zu lassen , wenn es auch nicht ganz unserem Ideal entspräche ; Ihre übrigen Verdienste halten uns gewiß schadlos . - Ich Genug meine Masken ! der gefaßte Entschluß bleibt fest , ich demaskiere mich nicht ; weil Sie sich doch bloß nach einer glatten Haut sehnen , so mögen Sie für diesmal neugierig schlafen gehen ; - mir ist um keine Eroberung zu tun . Unser Gespräch fing an hizzig zu werden . Alle umstehenden Masken streuten mir Weihrauch ; jede drängte sich an mich hin , um ihre Neugierde zu befriedigen . Nur die Maske zu meiner Linken hatte bis jetzt ohne den mindesten Laut an meiner Seite gesessen . - Ein verschwiegener , sanfter Händedruck war alles , was sie zuweilen gegen mich wagte . - Schon war ich im Begriff mein Gespräch an sie zu wenden , als mich wieder auf einmal die vorige Maske unterbrach . - Maske Sie sind eine Dame von der besten Erziehung , das fühlen wir Alle , und Sie sollen sehen , daß wir Sie zu schätzen wissen ! - Nur eine Bitte versagen Sie uns nicht , bei deren Erfüllung Sie mehr gewinnen als verlieren ! - Ich Und worin bestünde denn diese Bitte ? - Maske Einige von uns werden sich die Freiheit nehmen an Sie zu schreiben . Versprechen Sie uns nur unseren Brief an einem dritten Orte abholen zu lassen ; und dann mögen Sie selbst entscheiden , wer unter uns Ihrer Bekanntschaft würdig ist ! - Ich Nun denn so viel verspreche ich Ihnen ; aber sehen Sie nur , mein Vetter gähnt ; er hat Schlaf . - Bona sera ! - sagte ich zu meinem Nachbar zur Linken , der bei meinem letzten Wort tief seufzte , und ging dann mit meinem Vetter nach Hause . - Der ganze Vorfall war mir des anderen Morgens aus dem Kopfe verschwunden ; als auf einmal mein Vetter lachend mit drei Briefen in der Hand bei mir erschien . - " Da lesen Sie einmal Bäschen ! - Lesen Sie doch ! Ich habe diese Briefe aus Spaß am dritten Orte abholen lassen . - " Er drang so launig in mich ; ich mußte sie erbrechen . - Zweien von diesen Briefen enthielten lauter unsinnige Schmeicheleien ; aber geschwind flogen sie dann auch aus meiner Hand ins Kaminfeuer . - Nur der letzte hielt mich seiner sonderlichen Sprache wegen für die übrigen schadlos . - Hier hast Du ihn ; - ich habe seinen Inhalt ins Deutsche übersetzt . - Verehrungswürdige Dame ! " Die vielen kriechenden Schmeichler , die gestern um Sie herum flatterten , machten mich an Ihrer linken Seite stumm . - Sie müssen mein Stillschweigen bemerkt haben , sonst wären Sie die Denkerin nicht , die Sie sind . - Nur im Stillen überströmte mein Herz von der Hochachtung , die ein Jeder Ihren Vorzügen schuldig ist . - Ein biederer Mann , der sich in den Augen einer solchen Menschenkennerin nicht verdächtig machen will , konnte bei dieser Gelegenheit nichts anders tun , als schweigen und fühlen . Ich trage ein redliches Herz im Busen ; bin Advokat ; wohne bei meinen Eltern in Campo Sankt Crisostomo . Wollen Sie mir auf diese Versicherung hin das Glück Ihrer Bekanntschaft schenken , so verbinden Sie durch dieses Zutrauen unendlich " Ihren ehrfurchtsvollsten Diener Geronimo Lustrini , Avocato . Ist dieser Brief nicht allerliebst naiv ? - Lies einmal meine Antwort ! - Mein Herr ! " Mit Mitleid sah ich gestern auf die Schmeichler herab , die durch alltägliche Kunstgriffe meiner Eitelkeit Schlingen legten , um dadurch ihre lüsterne Neugierde zu befriedigen . - Ich kenne die Welt , und halte aus Erfahrung mehr auf Gefühl , als auf leere Worte . - Hätte ich nun das Glück ein erträglicheres Gesicht zu besitzen , so würde ich keinen Augenblick anstehen , ihre Bekanntschaft zu machen . - Aber leider , so flüstert mir meine weibliche Eitelkeit ins Ohr , daß ich bei diesen traurigen Umständen in Ihren Augen unendlich verlieren würde . - Die meisten Männer hängen doch am Sinnlichen , und bloße Seelenvorzüge machen Sie über kurz oder lang kalt . - Um also diesem empfindlichen Streiche auszuweichen , muß ich mir die Ehre ihrer Besuche verbitten . - " Amalie von *** Nicht wahr , Fanny , das heißt fein gequält ? - Aber genug , ich bleibe bei diesem Vorwand ; und ehe er nicht die Probe ausgehalten hat , soll er mit keinem Fuß mein Zimmer betreten . Lies folgenden Briefwechsel , und dann urteile von meiner Standhaftigkeit ! Madame ! " Sie rechnen mich also auch unter die Wollüstlinge , die der bloßen Schönheit nachjagen ? - Hab ich dies wohl bei meinem ernsthaften Betragen um Sie verdient ? - Was kümmert mich Ihr Gesicht , wenn ich in Ihrem Umgang Nahrung für meinen Kopf und mein Herz finde ? - Ich dünke mich Philosoph genug , um es der weiblichen Eitelkeit nie fühlen zu lassen , daß ihr Gesicht von der Natur ist vernachlässigt worden . - Und warum wollen Sie mir demungeachtet ein Vergnügen versagen , das meine Glückseligkeit ausmachen würde ? - Empfangen Sie mich zu allen Zeiten , maskiert , wenn Sie wollen , und ich willige ein ; - wenn Sie aber über diesen Vorschlag meinen feurigsten Wunsch noch länger nicht befriedigen , so bringen Sie mich auf den Gedanken , daß Sie auf Ihre Seelenvorzüge sehr neidisch sind . - Sie haben das Wort Mann missbraucht ! - Nicht Männer , sondern Lecker hängen bloß dem Körperlichen an , und werden kalt , wenn eine andere Neuheit sie reizt . - Doch ist ungefähr meine Meinung mit der wärmsten Bitte vereinigt , mich nicht länger nach ihrem liebenswürdigen Umgang ringen zu lassen , den Sie einem jeden Rechtschaffenen gönnen müssen , wenn Sie anders nicht als Nonne sterben wollen . - " Ihr ergebenster Verehrer , G. Lustrini . Mein Herr ! " Ich bin sehr weit davon entfernt , Sie für einen Wollüstling zu halten ; sonst würde ich wahrlich nicht gesäumt haben , Ihren Brief mit den übrigen ins Feuer zu werfen . - Ihr Betragen hat das Ansehen eines Denkers , der mich verstehen kann , wenn er mich anders verstehen will . Nur müssen Sie mich dann auch gründlicher zu überzeugen suchen , daß Ihnen an meinem Gesichte sehr wenig gelegen ist , denn daß Sie aus bloßer Gefälligkeit meiner weiblichen Eitelkeit schonten , könnte meinen Stolz doppelt schmerzen . - Was sagen Sie ? - Ich sollte Sie beständig in der Maske empfangen ? -Bedenken Sie einmal die große Unbequemlichkeit , die damit verknüpft wäre ; und könnten Sie denn über alles das so unartig sein , und mir durch diese Verkappung das Andenken meiner Häßlichkeit fühlbarer machen ? - Wer weiß , ob Sie selbst Ihre Philosophie schon auf eine so schlüpfrige Probe stellten ? - Oder wollen Sie den Triumph genießen , sich mit eigenen Augen von meiner unglücklichen Gestalt zu überzeugen , damit Sie mir nach der Hand Ihr philosophisches Mitleiden zuwerfen könnten ? - Ist es etwa für ein weibliches Herz nicht genug , mit Aufrichtigkeit gegen sich selbst zu sprechen ? - Könnten Sie wohl um Ihres Wunsches Willen fordern , daß ich Sie gar der Gefahr aussetzte , bei meinem ersten Anblick aus dem Zimmer zu fliehen ? - Ich bin auf meine Seelenvorzüge nicht neidisch , aber außer der Maske weiß ich sie in der großen Welt nirgends hinzustellen , wo sie nicht eine barmherzige Figur machen würden . Ohne körperlichen Empfehlungsbrief prellen sie gewiß überall an der menschlichen Torheit ab , die so sinnlich selbst bei manchem Philosophen ihren Wohnsitz hat . - Man hat wenig Beispiele , daß Philosophen sich an ein verunstaltetes weibliches Gesichte nahten , um seine Abscheulichkeit zu lieben . - Diese Herren lieben entweder gar nicht , oder suchen doch wenigstens ein mittelmäßiges Gesicht ; - wenn ich es mit meinen Seelenvorzügen nur so weit bringe , in der Entfernung von einem Philosophen geliebt zu werden ; wäre ich dann nicht eine Törin , auf Unkosten meiner Eitelkeit mehr zu fordern ? - Was kann ich für das Wort Weib , dessen Los es ist , durchaus gefallen zu wollen ? - steckt nun hinter Ihren Wünschen keine sinnliche Neugierde , so werden Sie mit meinem Briefwechsel eben so zufrieden sein , als ich es mit dem Ihrigen bin . - Philosophen sollen ja so leicht ihre Sehnsucht unterjochen können , hat man mir gesagt . - Übrigens denke ich , nicht als Nonne , sondern vielmehr als Philosophin zu sterben . - " Ihre Ergebenste Amalie von *** . Madame ! - " Sie sind eine schalkhafte Sophistin , die mich ganz aus meiner philosophischen Ruhe herausschleudert ! - Wären Sie minder Spötterin , so wollte ich Ihnen von einem Gefühl vorsagen , welches Sie überzeugen könnte , wie äußerst nötig Ihr Umgang für meine Glückseligkeit ist . - Noch einmal beschwöre ich Sie , mir nichts ferner von Ihrer unglücklichen Gesichtsbildung vorzusagen ! - Ich ertrage sie gerne , sie mag aussehen , wie sie immer will ! - Lieben könnte ich sie so gar bei ihren anderen besseren Vorzügen , wenn ich die Erlaubnis dazu erhielte . Mein Herz ist gewohnt , in solchen Fällen willig meinem Kopf zu folgen . Seien Sie versichert , Madame , Sie sollen mein Mitleiden nicht erbetteln ! - Bald werde ich aber wohl das Ihrige anflehen müssen , so sehr erhizzen Sie durch Ihren Widerstand meine feurige Einbildungskraft ! - Ha ! mit welcher Zufriedenheit würde ich vorbereitet zu Ihnen eilen ! - Ihr Herz , Ihr Verstand , Ihr Witz , sind Verdienste , die mich weit über die Gestalt Ihres Gesichts erheben ! - Lassen Sie doch auch einmal für mich Ihr Gefühl sprechen , und sorgen Sie dann nicht um das Übrige ! - Ich wäre glücklich genug , Sie lebenslänglich bloß mit verbundenen Augen schätzen zu dürfen ; wenn mir dann nur Ihr Misstrauen nicht vergönnte , an Ihrer Seite zu Sitzen , Sie zu hören - und zu bewundern ! - Warum verdammen Sie mich eigensinnig zu einer Entfernung , die mir täglich bitterer wird ? - O , gelänge es mir doch Sie zu überzeugen , daß ich nur ihre schöne Seele anbete ! - Wollen Sie denn unerbittlich meinen sehnsuchtsvollen Kummer Ihrer grausamen Eitelkeit opfern ? - Gott sei mein Zeuge , daß ich es nie an der gehörigen Hochachtung werde gegen Sie ermangeln lassen ! - Das versichert Sie mit wahrem Gefühl " Ihr redlicher Freund und wahrer Verehrer G. Lustrini . Mein Herr ! " Kann man wohl in diesem flatterhaften Jahrhunderte Sophistin genug sein , um nicht betrogen zu werden ? - Wie konnte ich Sie aus Ihrer Ruhe herausschleudern , da ich nichts von Ihrer Liebe wußte ? - Nie werde ich über Gefühl spotten ; nur ist es mir unbegreiflich , daß Sie sich täglich mehr nach meinem häßlichen Gesichte sehnen . - Könnte ich doch mein Gesicht während Ihres Umgangs in ein Winkelchen hinlegen , dann würden wir heute noch einig ! - Aber so bin ich verzagt genug , zu glauben , daß Sie wohl keinen zweiten Besuch mehr bei mir machen würden , wenn Sie mich gesehen hätten . - Und überdenken Sie dann den Zustand , in dem Sie mich zurückließen ? - Hätte ich nicht Ursache meine unbesonnene Leichtgläubigkeit zu verwünschen ? - Nein , mein Herr ! so weit soll meine Übereilung nicht gehen , so sehr Sie sich auch darum mit Feinheit bemühen . Sagen Sie mir doch , wie kann ich durch einen Widerstand Ihre Einbildungskraft erhizzen , da es Ihnen doch bloß um meine moralischen Verdienste zu tun ist ? - Können Sie diese nicht hinlänglich auch abwesend schätzen ? - Ich glaube nicht , daß Herz , Vernunft und Witz Sie an meiner Seite so zufrieden stellen könnten , als es meine weibliche Eitelkeit verlangen würde , wenn Sie mir auch gleichwohl zuvor Ihr Wort gegeben hätten , an meiner Seite ganz auf mein Gesicht zu vergessen . Mein Gefühl würde dann von Ihnen Nachsicht fordern , und das Ihrige mir Sie gerne gewähren , wenn ... ja , wenn Ihre anderen Sinnen sich nicht so mächtig gegen diese Nachsicht sträubten . Wissen Sie nicht , daß das Auge sehr stark auf die übrigen Sinnen wirkt ? - Es kann freilich beim Philosophen durch die Einbildungskraft viel nach seinen Wünschen geleitet werden ; - wenn aber die Einbildungskraft gar nichts in einem entstellten Gesichte findet , woran sie sich halten kann , dann muß sie nebst dem Auge bis zum Ekel scheitern . - Opfern Sie Ihren Kummer der Klugheit auf , ich will den meinigen der Vorsichtigkeit opfern ; und so werden wir immer bei aller Entfernung die besten Freunde bleiben . - " Amalie von *** . Madame ! " Kann man wohl ein grillenhafteres Frauenzimmer finden , als Sie sind ? - So bald Sie mir den Charakter eines ehrlichen Mannes zutrauen , so muß die Furcht , betrogen zu werden , bei Ihnen auch wegfallen . - Ich Tor , habe Sie meine Liebe schon zu viel merken lassen , um nicht tirannisirt zu werden ! - Sie befriedigen mit Herzenslust ihre unersättliche Eitelkeit an meinem Gram ! - Alle meine Gründe werden auf Worte geschraubt und fein abgewiesen . - Immer geben Sie die Häßlichkeit Ihres Gesichtes vor , wenn ich Sie gleich immer mit Wärme versicherte , daß mein Herz diesem unerachtet schon so leidenschaftlich an Ihnen hängt ! - Laben Sie sich nur ferner an meiner marternden Sehen sucht ; es liegt in der weiblichen Natur , Unschuldige aus Eigensinn zu kränken ! - Noch einmal beteure ich Ihnen , daß , wenn Sie auch bis zum Abscheu häßlich wären , so würde mich doch Ehre zurückhalten , Sie nur mit einem Schatten zu beleidigen ! - Ihr Misstrauen kränkt meine Seele , und doch sehnt sie sich noch mitten unter dem Schmerz nach Ihrem Umgange ! - Sie zertreten bei Gott ein Herz , dessen Wert Sie nicht einmal kennen ! - schätzte ich Ihren Charakter nicht so unendlich hoch , bald würde ich vermuten , daß kokettische Kunstgriffe Sie so hart machten . - Gott ! - was fuhr mir da über die Zunge ! - Verzeihen Sie es einem Gepeinigten , der wie verloren herumirrt ! - " G. Lustrini . Nun hatte ich Zeit einzulenken ; der junge Herr fing an trozzig zu werden ; und da es mir doch in etwas um seine Beruhigung zu tun war , so schrieb ich ihm folgendes Briefchen : Mein Herr ! - " Um Ihre Achtung nicht zu verlieren , die Sie mir schenkten , muß ich wohl ihrem Trotz nachgeben . So schwer es mich auch ankommt , mein Gesicht Ihrer Entscheidung darzustellen . - Bringen Sie ja eine starke Portion Philosophie mit , damit ich nicht Ursache haben möge , mein Geschick zu beklagen . - Und nun leben Sie wohl , bis ich Ihnen mündlich sagen kann , mit welcher Achtung ich bin Ihre Ergebenste Amalie von *** . Kaum erhielt er diese wenige Zeilen , so eilte er zu mir , mit der völligen Gewißheit , die häßlichste Gestalt auf Gottes Erdboden zu finden ! - Noch sehe ich ihn an meiner Zimmertür staunen über ein Gesicht , das eben nicht schön , aber doch auch nicht häßlich ist . - " Und Sie konnten mich so auf die Probe stellen ? - So konnten Sie mich hintergehen ? "- rief er mir entgegen . Ich mußte laut lachen , unterhielt ihn aber dafür mit einer guten Laune , die ihn hinlänglich für meine Scheckerei zu entschädigen schien . - Innigste Zufriedenheit lächelte auf seinem Gesichte ; - und doch war er so bescheiden , seinen ersten Besuch abzukürzen . - Aber ich , meine Fanny ! ich muß wohl diesen Brief auch abkürzen , sonst wird er zu lange . Deine Amalie. 109. Brief . An Amalie CIX. Brief An Amalie Innigen Dank dem Allmächtigen , daß er Dir durch deines Mannes Tod wieder die vorige Freiheit schenkte ! - Richte Dich auf , meine Liebe , vielleicht ruhest Du bald wieder an dem Busen eines besseren Gatten ! - Kümmere Dich nicht zu viel über die Zukunft , es schwächt deine Seelenkräfte ! - Du wirst zwar in der großen Welt nie die sanfte Ruhe finden , deren Du bedarfst . - Sie ist für Herzen von unserem Schlage nicht gemacht . - Redlichkeit und Tugend trägt da die Larve der Verstellung , deren wir unfähig sind ! - Daß Du aber , meine Teuerste , keiner Mannsperson mehr trauen willst , ist eine Lüge , die Dir bloß deine Schwermut in düstern Stunden eingibt . - Vielleicht hat Lustrini jetzt schon dein Herz in Versuchung geführt ! - Du hast den guten Jungen doch äußerst gemartert . - Er wird sich schon rächen , wenn es ihm gelingt deine Neigung zu reizen . - Handle ja aufrichtig gegen mich über diesen Punkt , wenn Du mir wieder schreibst . - Um Dir mit gutem Beispiel vorzugehen , sollst Du jetzt offenherzig etwas von meinem Karl zu hören bekommen . - Ja , ja , Amalie ! - von meinem Karl , von dem ich Dir noch kein Wort schrieb . - Schon seit langer Zeit hielt er die größten Prüfungen der Standhaftigkeit aus . - So sehr mir auch das Andenken betrogener Liebe noch im Kopfe schwirrte , so konnte ich doch dem guten Jungen nicht länger widerstehen . Er liebt mich mit einem Feuer , das einstens meine Glückseligkeit ausmachen wird , weil es ihm gelang , die Wunden ganz zu heilen , die mir ein Treuloser schlug . - Liebe hat trotz der kältesten Vernunft eine so unumschränkte Gewalt über das menschliche Herz , daß es den größten Philosophen nicht immer gelingt ihr zu entgehen . - Mein Karl und ich Sitzen oft ganze Stunden beisammen und plaudern von Dir . - Er ist im Umgang ein allerliebster Junge , hat Kopf , Herz und vieles Gefühl . Möchten doch unsere Glücksumstände eine bessere Wendung nehmen - um Dich deinem ungewissen Schicksale entreißen zu können ! - Du wirst doch nicht vorbeireisen , ohne bei uns einzukehren ? - Aber bringe uns dein Gretchen nicht mit , sie taugt nicht unter uns . - Schaffe sie Dir mit Anstand vom Halse , sie ist ein verdorbenes , elendes Geschöpf . - Du magst es bei deiner Ankunft entscheiden , ob ich es aufs Neue wagen darf , ein Band zu knüpfen , das Karl so leidenschaftlich wünscht ! - Wenn er nur keine Stiefmutter hätte ! - Wenn er nur schon mit mir am Altar stünde ! - Wenn ... . Ha ! - Ich habe der Wenn noch so viele , die mir Kummer machen ! - Schreibe mir doch noch vor deiner Abreise , und sei meiner freundschaftlichen Liebe versichert , mit der ich immer sein werde Deine traute Fanny . 110. Brief . An Fanny CX. Brief An Fanny Ausgelacht , schöne Philosophin ! Ausgelacht ! - Endlich hat Herr Amor auch wieder einmal sein Spiel mit Dir ! Ei , Ei ! - so etwas hätte ich mir doch nie träumen lassen ! - Glück zu , Fanny ! - Ich wünsche Dir mit deinem Karl allen Segen des Himmels , aber auch ein Bisschen Eifersucht dazu , wenn ich bei Dir eintreffe , und deinen Karl mit gewissen Augen betrachte , die seine hochgepriesene Standhaftigkeit in Versuchung führen sollen . - Was meinst Du wohl , darf ich es wagen ? - Wirst Du Philosophin genug sein , um eine junge Witwe nicht zu fürchten , die bloß den siebenden Tag in der Woche in ihrer Gewalt hat , um in Gesellschaft nicht den Kopf zu hängen ; die sich über die geringste Kleinigkeit mit ihrer zügellosen Einbildungskraft ganze Tage langen Kummer schafft ; die manchmal alles flieht , was menschliche Töne von sich gibt , sich menschenfeindlich in ihr Zimmer verschließt und der Schwermut nachhängt ? - Dünkt Dir so ein Weibchen nicht gefährlich ? - Sei nur ruhig ! ich habe zu viel mit mir selbst zu schaffen , um Andere stören zu können . - Lustrini trägt für mich starke Leidenschaft im Busen , das merke ich täglich mehr . - Als ich ihm meine Abreise ankündigte , änderte sich seine Gesichtsfarbe ; der gute Junge dauert mich ! - Aber kann ich mein Schicksal ändern ? - Darf ich darin meinem Oheim widersprechen der es so gut mit mir meint ? - Der arme Junge suchte mich auf alle nur mögliche Weise zu bereden , in Venedig zu bleiben ; er wollte so gar an meinen Oheim selbst schreiben ; bis ich ihm die Unmöglichkeit seines Wunsches durch Gründe bewies ; dann verlies er mein Zimmer in tiefster Traurigkeit . - Der gute Junge hat das Unglück , eine sehr wankende Gesundheit zu besitzen . - Verschiedene Schicksale und ein fühlbares Herz sind die Ursachen davon . - Daß doch die besten Menschen auf dieser Welt so sehr leiden müssen ! - Daß sie austrinken müssen bis auf den letzten bitteren Tropfen den Becher des Schicksals ! - Morgen , meine Teuerste , reise ich von hier ab . - Ich kehre über Padua zurück , und schicke dann mein Mädchen seitwärts über K. ... nach ihrer Vaterstadt , aus der ich sie zwar nicht mitnahm ; demungeachtet will ich ihr die Wohltat erweisen , und sie frei dahin zurückliefern ; dann mag sie zusehen , was aus ihr wird ! - Behalten kann ich sie nicht mehr . - Noch eins ! Ich mache für diesmal meine ganze Reise in Mannskleidern aus Bequemlichkeit und aus Eigensinn . - Bald erhältst Du wieder eine Reisebeschreibung von deiner besten Amalie . 111. Brief . An Fanny CXI. Brief An Fanny Teuerste ! - Wenn mir doch nur der Himmel kein so weiches Herz gegeben hätte ! denn es ist die Quelle unendlicher Leiden . - Lustrini weinte wie ein Kind beim Abschiede - ich weinte ganz natürlich auch mit ! - Gott segne den braven Dulder , der glücklicher zu sein verdiente , als er ist ! - Traurig schlich er vom Ufer hinweg , als meine Gondel seinen Blicken entfloh . - Ich kann meinem damaligen Zustand noch keinen Namen geben . Ohnehin zur Schwermut geneigt , kränkten mich die Leiden des Hinterlassenen bis zur tiefsten Melancholie ! - Warum mußte ich denn die letzten Tage meines Aufenthalts noch diese gute Seele kennen lernen ? - Ohne ihn würde ich Venedig gleichgültig verlassen haben ; - und durch ihn wird mir doch das Andenken an diese Stadt teuer . - Bald wird er mir schreiben , ich werde ihm mit Vergnügen antworten . Dies ist doch alles , was ich in dieser Lage für ihn tun kann ! - Unter solchen finsteren Phantasien langte ich in Padua an . Aus Zerstreuung eilte ich ins Schauspiel , und fand es eben so schlecht bestellt , als in Venedig . - Da der Wagen erst des anderen Morgens spät abfuhr , so trieb mich die Langeweile in die Kirche des heiligen Antonius . Das Gebäude ist majestätisch schön , groß , aber etwas düster . - Das Grabmal des ebengemeldeten Heiligen bietet sich dem Auge dar , sobald man eintritt . - Meine Kenntnisse in der Baukunst sind zu gering , um dessen Wert beurteilen zu können . - Die heilige Stille , die in dieser Kirche herrschte , riß mich zur andächtigsten Empfindung hin ! - Ich würde sie mit einer tief gefühlten Seelenruhe verlassen haben , wenn mich nicht an der Kirchentüre die Bettelweiber , Kupplerinnen und andere liederliche Ware durch ihre unverschämte Zudringlichkeit verstimmt hätten . Dieses Ungeziefer trieb zuvor allerhand ausgelassenes Gespötte , sobald es mich aber über der Schwelle erblickte , so mußte ihm der Namen Gottes zum Mittel dienen , um durch Bettelei meine Ungeduld zu reizen . - Der italienische Pöbel ist äußerst eigennützig ; ums Geld ist er zu jeder Niederträchtigkeit fähig . - Die Armut mag wohl die stärkste Triebfeder dazu sein ; denn mich dünkt , es sind in diesem Lande zu wenig gute Anstalten , um dem Hunger vorzubeugen . - Unter dergleichen und mehr Gedanken kam ich mit Gretchen zu dem Postwagen . - Keine andere Seele saß darin , ich hatte bis Verona Muße genug meinen Grillen nachzuhängen . - Der alte Kaufmann war von meiner Ankunft unterrichtet , und empfing mich sehr artig . - Ich bat ihn , mich in die sogenannte Recke zu begleiten . Ein großes Tor führte uns an den Ort , wo die Alten ehe_dessen ihre öffentlichen Thierhezzen hielten . Der Anblick dieses großen runden Platzes durchschauderte meine Seele ! - Lebhaft zeigte mir da meine Einbildungskraft die von Christenblut gefärbte Erde ! ( Denn man sagt , daß hier die Christen mit den wilden Tieren kämpfen mußten . ) Mitten darin ist ein tiefer Brunnen , und rings umher sind stufenweise gebaute Mauern , worauf die Zuschauer saßen , und deren Gewölbe die tiefsten Kerker in sich schließen . Ich wagte es mit einem Blick diese fürchterlichen Gefängnisse zu übersehen . - Aber Entsetzen überfiel mich bei dem Andenken jener Unglücklichen , die vorzeiten als Märtirer da büßen mußten ! - Von da gingen wir auf die Akademie , die bei ihrem kleinen Umfange doch sehr artige Altertümer enthält . Am Ende sah ich dann in einem Bürgershause ein prächtiges Naturalien-Kabinett , dessen Sammlung ausnehmend schön , und wie mich dünkt , so ziemlich vollständig ist . - Da es aber anfängt spät zu werden , so muß ich wohl meine Reisebeschreibung für heute beschließen . - Am folgenden Tage . Diesmal war der Postwagen dicht angefüllt . - Einige Kaufleute , eine italienische Dame , nebst einem barmherzigen Bruder aus M. ... waren meine Gesellschafter . Die Dame war jung , schön und feurig , schien aber nicht in den besten ökonomischen Umständen zu sein . - Sie saß an meiner Seite und schmiegte sich nahe an mich hin . - Die muß eine große Liebhaberin von deutschen Milchbärten sein : fiel mir dabei ein , und ich lies sie bei ihrer Täuschung . - Einige aus der Gesellschaft errieten unerachtet meiner Verkleidung bald mein Geschlecht ; nur die Dame und der barmherzige Bruder schienen mich für einen Jüngling zu halten . - So oft wir ausstiegen , hing mir das Weib am Arme . - In jedem Gasthause fing ich an mit den Aufwärterinnen zu scheckern , um der Verlegenheit zu entgehen , in die mich ihre Zudringlichkeit setzte . Aber auf einmal überhäufte mich die eifersüchtige Italienerin mit Vorwürfen . Sie sprach : Wenn alle Deutschen so grob sind , gemeine Dirnen Damen von Stande vorzuziehen , dann wünsche ich mir lieber einen italienischen Handwerksburschen an die Seite ! - Ich Madame ! - Meinen Sie mich ? - Dame Wen sonst , als Sie ? - Sie zeigen sehr wenig Erziehung . - Ich Madame ! - Ich bin frei geboren , philosophisch erzogen , und halte nur dasjenige für grob , wozu keine Zudringlichkeit uns zwingt ; da ich nicht das Glück habe mit Ihnen in einiger Verbindung zu stehen , so kann ich auch leicht der Ehre entbehren , der Vorgänger eines italienischen Handwerksburschen zu werden . - Dame Höflichkeit steht aber einer jeden Nation gut ; Sie sollten sich schämen , das für Zudringlichkeit zu halten , was vielleicht ein anderer für sein größtes Glück schätzen würde . - Ich Was Andere tun , geht mich nichts an ; auch hat das Glück bei Frauenzimmern gar verschiedene Farben . Übrigens glaube ich gerne , daß Madame Verdienste besitzen , die meine blöden Einsichten überwägen . - Schieben Sie mein Betragen auf die Kälte meines Temperaments , das den meisten Deutschen angeboren ist . - - Was ? den Deutschen angeboren ? - schrie ein junger Geck aus vollem Halse aus einer Ecke der Stube hervor , und lies dabei auf die Dame einen feurigen Blick schießen . - Da irren Sie sich sehr , mein Herr ! - Es gibt Deutsche , denen es nicht am Feuer fehlt . - - - Dreissig , vierzig , fünfzig , sechzig Zekini und meiner Margret einen Unterrock , wenn wir des Handels einig werden wollen ! - So träumte jetzt ein schlafender Kaufmann . - Ein allgemeines Gelächter unterbrach nun unseren Streit , und die Dame kneipte mich zum Zeichen der Aussöhnung in die Backe . Sie schien mein Feuer durchaus nicht bezweifeln zu wollen . - Die Neigung dieses Weibes fing an mir zur Last zu werden ; ich zitterte vor ihrer Rache , und hatte doch nicht den Mut ihr mein Geschlecht zu entdecken ; ich dachte hin und her , wie ich mich , ohne öffentliches Aufsehen zu erregen , aus der Schlinge ziehen möchte , als sich auf einmal jener junge Geck , der zuvor das deutsche Feuer verteidigt hatte , zu ihr hinschlich , und ihr etwas ins Ohr flüsterte . Es muß meine Verkleidung betroffen haben , denn sie warf mir einen grimmigen Blick zu , und eilte an seinem Arm schnell in ein Seitenzimmer . In wie weit sie da ihren Streit über die Kälte des deutschen Temperaments entschieden haben , kann ich nun nicht mehr erfahren , denn ich nehme Extrapost , schicke mein Gretchen seitwärts , und eile zu Dir . - Du erhältst diesen Brief noch ehe ich ankomme . Lebe indessen wohl , meine Teuerste , und liebe Deine Amalie . 112. Brief . An Fanny CXII. Brief An Fanny Teure Herzens-Freundin ! - So bin ich denn wieder auf einmal deinen liebevollen Armen entrissen ! - Wie kurz dauerte dieser entzückende Traum ; und wie viel Wonne genoß ich doch in diesen wenigen Tagen an deinem Busen ! - Sage deinem Karl alles Schöne von mir ... O es ist ein vortrefflicher Junge , ganz deines Herzens würdig ! - Gäbe doch der Himmel euch beiden bessere Aussichten , so wäre auch mein ungewisses Schicksal gehoben . - Wien gefällt mir recht wohl ; nur wird mein hiesiger Aufenthalt durch ökonomischen Kummer getrübt . - Meine Ahnung ist erfüllt ! - Lies hier den Brief meines Oheims . - Liebste Nichte ! Mein Vaterherz möchte zerspringen , wenn ich die Umstände überdenke , die mich außer Stand setzen , dich fernerhin zu unterstützen . Die hinterlassenen Schulden deines Mannes setzen mich täglich mehr in Verlegenheit . Sie dringen auf Bezahlung und da ich Bürgschaft leistete , so kann ich ohne mein Ansehen zu verletzen , sie zu keiner Geduld mehr verweisen . - Du weißt , daß die Summe groß ist , und ich werde mich lange einschränken müssen , um sie wieder einzubringen . - Fasse dich , meine Liebe , und suche irgendwo als Gouvernanten unterzukommen . - Hier und da werde ich trachten , dir noch kleine Unterstützzungen zufließen zu lassen , aber deine Bedürfnisse standsmäßig zu bestreiten , steht leider nicht mehr in meiner Gewalt , so sehr ich es auch mit meinem gefühlvollen Herzen wünsche ! Dein bestgeneigter Oheim , ..... Siehst Du , meine Freundin , wie das Schicksal mich Schlag auf Schlag verfolgt ? - O , meine Fanny , der Kummer preßt mich heute zu sehr , um Dir mehr sagen zu können , als daß ich mit Schwesterliebe bin Deine Amalie . 113. Brief . An Fanny CXIII. Brief An Fanny Ich habe Dir mit Vorbedacht schon einige Wochen nicht mehr geschrieben , um Dir doch etwas mehreres von meinem Schicksal berichten zu können . - Glaubst Du wohl , daß es mir hier mit einer Gouvernantenstelle gar nicht glücken will ? - Trotz aller Mühe , nebst den besten Empfehlungen werde ich überall abgewiesen . - Der einen Dame bin ich zu jung , der anderen zu deutsch , der dritten zu lebhaft , der vierten zu belesen , u.s . w. O ! was ich mich über diese adeligen Dummköpfe ärgerte ! - Ich gehe jetzt ganz von dem Gedanken ab , je wieder solche Dienste zu suchen , wo man so sehr mit Weiberdummheit zu kämpfen hat . - Und was meinst Du wohl , was für einen Stand ich jetzt wählen will und wählen muß , aus dringender Not wählen muß ! - Erschrecke nicht bei dem Wort Theater ; habe Mitleiden mit mir , und urteile ohne Vorurteil . - Du kennst meine gute Anlage so wie meinen leidenschaftlichen Hang zu dieser Kunst . - Nun kommt gar das Schicksal noch dazu ; wie kann ich also in einer solchen Lage anders ? - Mich Jemanden anzuvertrauen , wäre für mich zu bitter . - Ich muß , meine Fanny , ich muß ; mir bleibt sonst nichts übrig , als die äußerste Dürftigkeit . - Sei versichert , daß es meinem Herzen nicht schaden soll . - Es ist freilich ein Platz , wo jeder gute Charakter Gefahr läuft verdorben zu werden : - aber bei meinen festen Grundsätzen darf ich es kühn wagen . Der Anblick so vieler Ausschweifungen wird mich noch mehr zum Denken leiten ; und Denken ist der sicherste Weg zur dauerhaften Rechtschaffenheit . Täglich erwarte ich die Erlaubnis meines Oheims zu diesem Schritte . - Er ist ein Mann ohne Vorurteil , und so schwer es ihm auch ankommt , so wird er es doch bei diesen dringenden Umständen zugeben . - Auch dein Gutdünken erwartet Deine beste Amalie . 114. Brief . An Amalie CXIV. Brief An Amalie Gott im Himmel ! - was ist das ? - Du auf die Bühne ? - Du aus Not an einen Platz hingestellt , wo jeder Weichling seinen wollüstigen Scherz an Dir kühlen wird ! - O , das hat mich ganz zu Boden geschlagen ! - Ich verwünschte im ersten Augenblick dein und mein Schicksal ! - Ich war untröstlich , weil ich die bitteren Folgen zum voraus sah , die Du wirst dulden müssen . - Nicht Vorurteil gegen den Stand , aber gegen die , die ihn zum Deckmantel brauchen , ist es , was mich dawider eifern macht . Gott ! - was wirst Du da alles ertragen müssen ! - Neid , Verfolgung , Unterdrückung und alle erdenkliche Misshandlungen werden dein Los sein . Dein Herz wird zwar nichts dabei verlieren ; Du kennst die Welt zu viel , um Reize an ihr zu finden . Aber bedenke einmal die schrecklichen Kabalen , die oft unter dem Publikum herrschen , wenn eine Schauspielerin sich nicht jedem Wollüstling Preis gibt , - und dann die schlechten ökonomischen Umstände , in denen sich die meisten Schauspielerinnen durch ihre schlechten Besoldungen bei herumirrenden Gesellschaften befinden . - Sie erhalten ja kaum so viel , um sich ernähren zu können ; - und wo bleibt denn der Putz , den sie bestreiten müssen ? - Gehört da nicht ein fester Charakter dazu , um sich über das alles wegsezzen zu können ? - O Amalie ! - Amalie ! - Bedenke es wohl ! - Könnte ich Dich an meinen Busen zurückrufen ! Wäre ich unabhängig , wie bald solltest Du bei mir sein ! - Ist Dir mit einer kleinen Hilfe gedient , so will ich Dir mein Spielgeld schicken . - Großer , gütiger Gott ! warum bin ich jetzt noch nicht die Gattin meines Karls ! - Wenn es doch nicht anders sein kann , so waffne Dich mit Standhaftigkeit ; sei munter , und betrete die Bühne mit einem edlen Selbstgefühl ; damit Du Dich auszeichnest von jenen unverschämten Buhlerinnen , die mit frecher Stirn auf Eroberung ausgehen . - Es muß in dem Wesen einer gutgezogenen Schauspielerin ein gewisses Etwas liegen , das den meisten Zuschauern Hochachtung einflößt . - Sanfte Bescheidenheit entwischt dem Auge des Kenners nie . Du hast ohnehin zuweilen einen tiefsinnig leidenden Blick an Dir , der den Zuschauer für Dich einnehmen wird . - Laß deine Lebhaftigkeit nicht zu viel hervorblicken , sie könnte Dir den Schein des Lasters geben . Und dann wandle hin mit meinem Segen an einen Ort , an den ich nicht ohne Tränen denken darf ! - Fanny. 115. Brief . An Fanny CXV. Brief An Fanny Edle Freundin ! - So sehr mein Herz blutet , meinem Schicksale folgen zu müssen , so will ich Dir dennoch eine sehr komische Unterredung zwischen mir und dem Direktor der Gesellschaft erzählen , unter der ich nun bald werde aufgenommen werden . Ich Mein Herr ! ich bin Schauspielerin , und wünsche bei Ihnen aufgenommen zu werden . Direktor Legen Sie ihren Mantel ab und lassen Sie sehen , ob Sie keine Kissen in der Schnurbrust tragen , ob Sie gut gewachsen sind , ob Sie einen schönen Fuß , eine schöne Hand haben . - ( Nun drehte er mich rund um , und fuhr fort ) Ihr Wuchs mag gut sein ! - Aber schminken müssen Sie sich , denn ihre dunkelroten Wangen sind bäurisch . - Ich Mein Herr ! Sie scheinen Fleischhacker gewesen zu sein , daß Sie mich von oben bis unten so betrachten , als ob Sie mich zur Schlachtbank führen wollten . Direktor Ja , meine schöne Madame ! - das müssen Sie sich nicht verdrießen lassen ! Unser einer muß gar genau auf eine schöne Figur sehen , wenn er sein Geld nicht einbüßen will . Ich Sie handeln also mit schönen Körpern , und treiben die Kunst bloß zur Ausrede ? - Direktor Die Sprache ist mir zu hoch , und ich nehme nicht gerne so schnippische Aktrisen an . - Wenn Sie bei mir bleiben wollen , so müssen Sie nicht böse werden , wenn ich auch noch mehrere Untersuchungen anstelle . - Ich Nur keine wider den Wohlstand , dann erlaube ich Ihnen jede andere Frage . - Direktor Sind Sie schon auf einer anderen Bühne gewesen ? - Wo ? - Wie lange ? - Und was haben Sie denn da gespielt ? - Ich Ich stand schon zwei Jahre in St... ( das mußte ich sagen , um nicht als Anfängerin gehunzt zu werden , ) und spielte immer erste Rollen . - Direktor Ja ! erste Rollen , die kann ich Ihnen nicht immer geben ! - Doch wir wollen sehen , ob Sie dem Publikum gefallen . - Was wollen Sie Besoldung ? - Ich Wöchentlich neun Gulden . - Direktor Sind Sie toll ? - Ich gebe keinen Heller mehr als sechs Gulden , und wenn Madame Sakko selbst käme ! Ich Darum wollen wir uns nicht streiten ; nur bitte ich mir mehr Zutrauen aus ! - Direktor Zutrauen ! - Ja , das sollen Sie haben ; aber können Sie auch lesen ? - Ich Herr !!! - Direktor Nur nicht so hizzig ! Ich habe noch selten eine Aktrise gehabt , die lesen konnte . Und hier zu Lande können ohnehin die wenigsten lesen . Der Souffleur muß Ihnen die Rollen eintrichtern . Ich Ha , ha , ha ! - Direktor Nun ! was lachen Sie denn so ? - Ich Über die sauberen Schauspielerinnen , die ihr Talent der Barmherzigkeit des Souffleurs abborgen ! - Das müssen doch allerliebste Schulfraßen sein , die alles aus einem anderen Hirnkasten mechanisch daherplappern . - Direktor Und ich kann Sie doch versichern , daß meinen Aktrisen allezeit rasend Beifall zugeklatscht wird . Ich Ja , mein Herr ! das glaube ich gerne ; aber der Beifall gilt nur selten der Kunst . - Direktor Genug , wenn Sie Lust haben , so komme ich morgen mit einem Theaterkenner zu Ihnen , und wir sprechen das weitere . - Ich Ich will Sie erwarten . - Leben Sie wohl ! - Warte Dummkopf , du sollst es bekommen ; und den nämlichen Abend machte ich noch folgenden Aufsatz . - " Wenn ein Schauspiel-Unternehmer seiner Bühne mit Ehre und Vorteil vorstehen will , so muß er die Schauspielkunst selbst aus dem Grunde studiert haben , sonst scheitert in der ersten Woche schon seine Ehre nebst dem Kredit . - Streng muß er unter seinen Leuten auf Zucht und gute Sitten halten , - sonst versäumt er den moralischen Endzweck und wird ein privilegierter Bordellwirt . - Gute Wirtschaft muß er nicht mit dem Schweiß seiner Untergebenen treiben , die ihm eben darum bloß aus Hunger arbeiten , und das gute Publikum um sein Geld betrügen . - Parteilichkeit im Rollenausteilen , Kabale , Feindschaft soll er durch sanfte , vernünftige Leitung zu verhindern suchen , sonst stürzt sein ganzes Gebäude zu sammen , ehe es völlig aufgeführt ist . - Wenn ein Unternehmer nicht selbst Lektur genug hat , um gute Stücke und wackere Schauspieler zu wählen , so gebe ich für seine ganze Unternehmung nicht einen Kreuzer . - Leider sind dermalen nur zu viele Unternehmer , die Oberherren einer Zigeunerbande , die auf schmutzige Abenteuer herumzieht . - - " Fertig ist jetzt mein Aufsatz , und morgen soll der Tölpel tüchtig für seine tolle Frage dadurch beschämt werden ! - O ich kann den morgenden Tag kaum erwarten ! - - - Holla , man pocht ... . Nur herein ! - - - Ah ha ! - Sind Sie es Herr Direktor ? - Noch so spät habe ich die Ehre ? - Ich habe Sie erst morgen erwartet . - Direktor Ja , morgen habe ich zu viel Geschäfte ; und ich habe die Ehre Ihnen diesen Abend noch diesen Herrn aufzuführen . Lassen Sie uns hören , ob wir des Handels einig werden können . - Ich Zweifle gar nicht daran ; - nur erst eine Bitte ! - Da hat man mir heute diesen Aufsatz zugeschickt ; wollten der Herr Direktor wohl die Gefälligkeit haben und mir ihn vorlesen . Direktor Ich Madame ? - Ich ? - Ich Ja , Sie ! - Wenn Sie so gut sein wollen . - Direktor Ja , sehen Sie ... ich ... ich ... ( jetzt rieb er sich die Augen ) ich kann die kleine Schrift nicht lesen ; - denn meine Augen sind etwas schwach . Ich Ei was Augen ! - Ei was kleine Schrift ! - Kommen Sie , kommen Sie ; stellen Sie sich doch gerade , als ob Sie nicht lesen könnten . - Dann hielt ich ihm den Aufsatz mit Gewalt vor die Nase , und er fing an zu lesen : We ... nn ... We ... nn ... We ... nn e... in ... ei ...n ein Unter ... Unter... Nehmer ... Unternehmer - Der Fremde lachte jetzt aus vollem Halse , nahm den Auffaz , und las ihn selbst vor . - " Eine schöne Moral ! - merken Sie sich_es , Herr Direktor , und fragen Sie Madame nicht weiter unüberlegt ; Sie sehen jetzt , wie viel Talent dieses Frauenzimmer hat . - Handeln Sie würdig gegen sie ; sie verdient es . - " Ach ja ! - ( seufzte der gute Jost von Bremen ) - und beide empfahlen sich . - Bald hörst Du das Weitere von Deiner Amalie. 116. Brief . An Fanny CXVI. Brief An Fanny Meine Liebste ! - Die Abreise der Schauspieler-Gesellschaft wurde festgesetzt , der kleine Zug ging nach S... . Ich genoß den Vorzug mit dem Direktor und seiner Favoritin zu fahren . Die Reise endigte sich mit ziemlichen Anstand . - Das erste Stück wurde gewählt , und die Hauptrolle darin mir bestimmt . - Ich hatte diese Rolle zum voraus schon studiert , um glauben zu machen , als ob sie von mir schon anderswo gespielt worden wäre . - Die Favoritin , eine kleine dicke Kokette , die den Direktor unter ihren Pantoffel schiebt , hat die Direktion dieser Gesellschaft . - Sie zeigte ihre Herrschsucht besonders bei den Proben ; machte dummdreiste Anmerkungen , hunzte die Schauspieler , lies aus Bosheit Szenen wiederholen , u. s.w. ; nur mich ganz allein schonte sie , weil ich ihr fühlen lies , daß ich ihrer Führung gar nicht bedürfte . - Der Abend war herangerückt , das Schauspielhaus angefüllt ; mir pochte das Herz ; meine Rolle nahm ihren Anfang , aber kaum hatte ich eine Stelle geendigt , so schallte schon lauter Beifall über und über . - Die feierlichste Aufmerksamkeit herrschte während meines Spiels . - Die Rolle harmonierte mir meinen Leidenschaften , sie war tiefsinnig schwärmerisch . - Diese Übereinstimmung der Affekten war es , die in mir alle Theaterfurcht übertäubte . Ich genoß jene Wonne , die ein heimlich Leidender immer genießt , wenn der innere Gram durch heftigen Ausbruch Luft bekommt . Kein Mensch kam auf den Einfall in mir eine Anfängerin zu vermuten . Das Publikum vergaß über dem Feuer meiner Deklamation die Unrichtigkeit des Theaterspiels . - Meine zu Boden gesenkten Augen hielt man für die Folge einer hervorragenden Schwermut , die mir durch Temperament eigen zu sein schien , und die so gut zu der traurigen Rolle paßte . - Nun ging das Schauspiel zu Ende , der Direktor kneipte mich in die Backe , seine Favoritin rümpfte die Nase , die Schauspielerinnen flüsterten ihren Neid hinter den Kulissen aus - und ich ging demungeachtet vergnügt auf mein Zimmer . - Der Beifall des Publikums schmeichelte mir zu sehr , um ihre Missgunst zu fühlen . - Aber wenig Tage hernach mußte ich eine etwas kältere Rolle spielen , worin meine heftigen Leidenschaften keine hinlängliche Beschäftigung fanden ; dann fühlte ich zum erstenmal die Furcht einer Anfängerin in mir . - Doch verlies mich die Gegenwart des Geistes nicht , und niemand wußte , was in mir vorging . - Ob es aber in Ansehung der Ökonomie in die Folge bei dieser Gesellschaft Dauer haben wird , daran zweifle ich sehr . - Weiberregiment und schlechte Anstalten drohen ihr den baldigen Sturz ; - bis jetzt erhielte ich meine richtige Bezahlung ; aber : - aber ... - Die eitle Favoritin spielte letzthin eine meiner Rollen , wurde aber durchs missvergnügte Publikum mit Auspfeifen zu Hause geschickt . - Nun rast sie furienmäßig , und schreit es für angezettelte Kabale meiner Anbeter aus , ob ich gleichwohl noch keine männliche Seele auf meinem Zimmer sah . - Das Laster ist gar zu sehr geneigt , seines gleichen zu suchen . - Unter der ganzen Gesellschaft ist nicht eine Seele , mit der ich Umgang haben möchte . - Sie schrien mich meiner einsamen Lebensart wegen für stolz aus , und necken mich hier und da so viel sie können . - Gott gebe mir Standhaftigkeit , es ferner zu ertragen . - Sollte während dieser Zeit eine Veränderung vor sich gehen , so sollst Du es erfahren von deiner Freundin Amalie . 117. Brief . Fanny an Amalie CXVII. Brief Fanny an Amalie Beste Amalie ! - Du hast ihn also wagen müssen den Schritt zum Theater ! - Du , ein Mädchen von gutem Herkommen , mußtest Dich dem Urteile eines Dummkopfs Preis geben , um eines Bissen Brotes Willen , der Dir nebst deiner harten Arbeit noch schrecklich vergällt wird . - Gott ! - wie verschieden sind doch Menschenschicksale ! - Kann es eine größere Demütigung geben , als aus Not , der Dummheit , dem Neid , der Bosheit , dem Laster , der Verfolgung seinen Nacken darbieten zu müssen ? - Und dies , armes Weibchen , ist jetzt dein Los ! - Doch wann der Mensch Vernunft besitzt , so weiß er auch dieses zu ertragen ; er wird mit Gewalt philosophisch . - O Teuerste ! - die Vorsicht wacht über Dich , laß dich nicht beugen . Der Beifall , den Du bei deinem Debüt erhieltst , freut mich eben so sehr , als mich der Neid schmerzt , der Dich schon im Anfange zu verfolgen beginnt . - Dieser abscheuliche Entehrer der Menschheit wütet beim Theater am ärgsten ! - Ich glaube nicht , daß bei der Bühne in die Länge ein einziges Herz unverdorben bleiben kann . - Führt nicht der Neid immer eine Reihe anderer Laster mit sich ? - Gar zu selten trifft man einen Schauspieler , dessen Herz nicht voll Vertilgungsgeist ist ; besonders sind die Weiber beim Theater äußerst zur Bosheit geneigt . Sie hängen sich gerne an die Wollust des Direktors , um andere Schauspielerinnen desto gräßlicher verfolgen zu können . - Die schmuzzigste Buhlerin wird nur zu oft der wahren verdienstvollen Schauspielerin vorgezogen . - Es geschehen Dinge beim Theater , die schnurstracks der gesunden Vernunft und der guten Ordnung zuwider sind . - Möchtest Du , Edle , nie mehr erfahren , als Du jetzt schon weißt ! - Möchtest Du bald wieder diesem elenden Stande entsagen können ! - O wie feurig wird deine Freundin den Himmel um diese Wohltat anflehen ! - Deine liebende Fanny . N. S. Mein Karl grüßt Dich herzlich . - 118. Brief . An Fanny CXVIII. Brief An Fanny Gott wolle mich ferner vor dergleichen Schauspieler-Gesellschaften bewahren ! - Ich geriet unter ein wahres Gesindel . - Einige davon wagten es sogar unter einer Ausrede in mein Zimmer zu schleichen , von meiner Toilette Silberzeug wegzukapern , Geld und Kleider von mir auszuleihen , wofür ich von diesem Lumpengepak nie wieder einen Ersatz zu hoffen habe . Das Elend dieses Volks hat seinen äußersten Grad erreicht . - Meine Ahnungen sind erfüllt . Der Direktor hat Bankrott gemacht . - Die Schuldner nahmen ihm sogar seine Garderobe hinweg . Einige von der Gesellschaft können kaum mehr ihren Hunger stillen ; und doch läßt sich dieses Volk durch einen teuflischen Leichtsinn beherrschen . - Ich würde unsinnig , wenn mich die Schande alle träfe , die diesem Gesindel von seinen Gläubigern zu Teil wird . - Der Pöbel ist doch ein unverschämtes Wesen ; wälzt sich im Kot , ohne es zu fühlen . - Unser Direktor mit seinem Konkubinchen gedenket wieder nach Wien zurückzukehren . - Auch ich führe das Nämliche im Sinn , und will Dir in wenig Tagen , ehe ich diesen Brief schließe , das Weitere von meinem gefaßten Entschluß melden . - Das gute Glück schickte dem Direktor eine Retourkutsche zu , und ich entschloß mich in seiner Gesellschaft zu fahren . - Als wir drei kaum im Wagen saßen , machte uns ein lauter Lärm aufmerksam . - Wir streckten unsere Köpfe heraus , und sahen einen tollen Auftritt . - Zweien von unseren Schauspielern balgten sich mit einigen Handwerksmännern gewaltig herum . - Ein Schuster hatte dem einen die unbezahlten Stiefel ausgezogen , und ein Schneider dem anderen die Weste . Nun Stunden die lockern Halunken halb entkleidet da , und schämten sich nicht vor den Gassenbuben , die sie mit Kot warfen . - Um der öffentlichen Schande , die uns alle traf , ein Ende zu machen , rief ich die Gläubiger vor den Wagen hin , und bezahlte die kleine Summe ; - dann liefen diese Bursche singend und pfeifend neben unserem Wagen her , bis wir den ersten Gasthof erreichten , wo es dem Direktor zukam seine hungrigen Gäste zu füttern , ob er gleichwohl nicht einen blutigen Heller in der Tasche hatte . - Der leichtgläubige Strohkopf verlies sich auf die Börse seiner Favoritin ; aber die Mahlzeit war geendigt , und sie blieb ihm verschlossen . - So zeigt sich im Notfall das Herz einer Kokette ! - sagt ich ihm ins Ohr - und drückte dabei eine kleine Summe in seine Hände . - Der Mann fühlte innig meine Handlung ! - Sein Dank hätte mich beinahe verraten . - So gering diese Ausgaben auch waren , so fühlte ich sie in meiner Lage doch . - Eine kleine Unterstüzzung , die ich von meinem Oheim erhielt , hat mich wieder dafür entschädigt . - In wenig Tagen reise ich nach P. ... vielleicht gelingt es mir auf einem großen Theater besser ; und ich kann Dir dann in Zukunft vergnügtere Nachrichten mitteilen . Deine Amalie. 119. Brief . An Fanny CXIX. Brief An Fanny Wie ich nach P. ... kam , brauchst Du wohl nicht zu wissen , die Reise ist zu klein und zu unbedeutend ; was aber da mit mir vorging , mag jede brave Schauspielerin zur Warnung lesen , damit sie sich vor einem solchen flegelhaften Direktor hüten möge , wie mir einer aufstieß - Als ich in seine Wohnung eintrat , schnurrte mir ein Bedienter im Vorzimmer entgegen . - " Mein Herr ist heute nicht zu sprechen ! - " Und warum denn nicht ? - " Weil der Namenstag der Mad. K... gefeiert wird . - " Ei ! wer ist denn die Mad. K... ? " Eines anderen dummen Kerls sein Weib - aber jetzt die Favoritin des Direktors und eine sehr gute Komödiantin , sie spielt alle ersten Liebhaberinnen . " Daß dich doch ! - so finde ich denn überall lauter Favoritinnen ! - Nun da komme ich wieder schön an . - Hier , mein Freund , etwas weniges für seine Aufrichtigkeit ; - aber sage er mir doch , war diese Mad. K... nicht ehemals Mätresse eines gewissen Kardinals ? - " Ja freilich ist das die nämliche - aber Sie müssen mich nicht verraten ; sie hat diesen Kardinal völlig ausgesogen , er steckt jetzt in Schulden bis über die Ohren - und sie mag ihn nun auch nicht weiter . - Dann kam sie hierher , schickte sich fürs Geld in alle Stände , niedrig und hoch , wie sie kamen ; Bedienten , Kavaliere , Handwerksbursche , Fuhrknechte , Pfaffen , Studenten , Juden , Alles hatte freien Zutritt ; bis sich endlich unser Herr - der sein armes Weib in Hamburg im Elend Sitzen läßt , in sie verliebte . - Und nun tut sie den ganzen Tag nichts - als uns arme Teufel plagen , dem Herrn Hörner aufsetzen , mit dem Grafen K. ... spazieren fahren , von den anderen Schauspielerinnen Handküsse mit stolzer Miene empfangen - und spielt alle Rollen , die ihr gefallen . - " Genug für einmal ! - dachte ich mir , und ging nach meinem Gasthof . - Des anderen Tags lies mich der Grobian von Direktor erst eine Stunde im Vorzimmer passen , ehe es ihm gefiel mir seine plumpe Herrlichkeit zu zeigen , die noch äußerst nach der Werkstätte roch , wo er ehe_dessen im Eisen gearbeitet hatte . - Endlich öffnete sich auf einmal der Tempel des Hochmuts ; ich sah eine aufgeblasene , hochnasigte , vierschrötige Figur im Sessel Sitzen , die mich kaum des Dankes würdigte . - " Herr , ich bin Schauspielerin ! - " fuhr ich zornig heraus , weil mir der Handwerksflegel keinen Stuhl anbot . " Kann wohl sein , daß sie Schauspielerin ist " ( antwortete der unverschämte Kerl , der sich der einzige geschickte Schauspieler zu sein dünkt - und seine Rollen doch dabei so affektiert herunterschnarrt , wie der ärgste Stuzzer , der bei der Toilette einer eitlen Dame durch diese Mode-Gewohnheit sein Glück machen will . Alles , was dieser Hasenfuß spielt , trägt das Gepräge des Hochmuts an sich , in jeder Rolle sieht man diese Leidenschaft hervorblicken . - Despoten , stolze Narren spielt er mit vieler Natur ; ob er gleich den Mut hatte unseren unsterblichen Schröder in seiner Kunst anzugreifen , und ihm aus Neid den Beifall in Wien streitig machen wollte . - Doch nun wieder auf meine Antwort , die ich ihm gab : ) " Herr ! wollen Sie bewiesen haben , daß ich Schauspielerin bin , so lassen Sie mich debütieren . - " " So etwas erlaube ich bei meiner Bühne durchaus nicht . " " So despotisch kann nur ein Monarch sprechen , und kein Direktor , der vom Publikum abhängt ! - " In vollem Zorn schlug ich ihm die Türe vor der Nase zu , und ging zu Herrn von H... , der mir ohne Anstand einen Debüt zusagte . O dann fing der Direktor und sein Kebsweib vollends zu rasen an , zettelten unter dem Publikum Kabalen wider mich an , so viel sie nur konnten . Ich lies dem boshaften Kerl verschiedene Stücke vorschlagen , worin gute Rollen waren , aber sie wurden mir unter verschiedenen Ausreden von ihm versagt . - Ich mußte am Ende in einer Rolle auftreten , die nicht so empfehlend für mich war , als ich sie gewünscht hatte . - Demungeachtet entschloß ich mich trotz aller Kabale zum Debüt . Der Zufall wollte es , daß sich gerade zu dieser Zeit die meisten Herrschaften auf dem Lande befanden , und die Zuschauer bestünden meistens aus zügellosen Offiziers und Schulbuben ; nur in den vorderen Logen schienen stille Kenner des Theaters zu Sitzen . Wie man mein Spiel aufnahm , sollst Du hernach hören ; jetzt zur Probe des Stücks zurück , die am gleichen Tage meines Debüts gehalten wurde . - Als ich in das Schauspielhaus eintrat , saßen die mitspielenden Personen in der Garderobe , und bewillkommten mich mit lautem Gelächter . - Eine gewisse Kreatur Namens R... , und ihre Konsortin Z... spien ihren giftigen Geifer gerade so zügellos über mich aus , wie es einer ausgeschämten Zuchthaus-Kandidatin eigen ist , die einige Jahre zuvor zum Schubkarrenziehen nach Temeswar mit anderen H. ... verurteilt war . - Es erinnern sich einige Leute noch recht gut , wie eben diese saubere R... wegen liederlicher Aufführung P... verlassen mußte . - Es ist zu wünschen , daß sie sich jetzt in Rußland besser aufführt . - Wer beim Theater sein Brot suchen muß , hüte sich vor den zwei Schandeweibern R... und Kr... Selbst die Hölle speit keine schwärzeren Kreaturen aus , als diese zwei Weiber sind . Die letztere wird zwar für ihr Lasterleben hinlänglich gestraft , sie zigeunert als Thaliens Lastträgerin bei kleinen Gesellschaften im Lande herum . - Doch jetzt zu meinem Debüt . - Kaum erblickte man meinen Kopf , - noch hatte ich kein Wort gesprochen , so ging es schon an ein Räuspern , an ein Sumsen im Parterre , als ob die Kabale Luft hätte , mir den Hals umzudrehen , noch ehe ich zu spielen anfing . - Ich gestehe es offenherzig , die Angst stockte meinen Atem , ich spielte nicht so gut , wie ich es sonst in der Gewohnheit hatte ; aber die Kabale trieb es auch so teuflisch , das jedes Menschenfreundes Herz geblutet haben muß ! - Kaum klatschten einige mir Beifall zu , so trieben die bestochenen Buben so lange ihren Unfug , bis sie den Beifall übertäubt hatten . - Möchte sich jedes fühlende Herz in meine damalige Lage versetzen können und den Jammer empfinden , der meine Seele durchwühlte ! - Ich war in einer wilden , verzweiflungsvollen Laune ! - Hätte es die Kabale bis zum öffentlichen Auspfeifen getrieben , mein Ehrengefühl würde mich in der Wut zu einer Mordtat verleitet haben . - Doch zum Glück ließ man mich mit geteiltem Beifall durchschlüpfen ; besonders wurde meine Geistesgegenwart in einer Stelle äußerst applaudiert , wo die boshafte Z... , als mein Kammermädchen , mir in der Sterbszene den Stuhl wegzog , um diesen Auftritt durch mein Bodensinken ins Lächerliche zu bringen ; aber kaum hatte ich die tödliche Wunde empfangen , so blickte ich rückwärts , gab meinem Körper ein gutes Gleichgewicht , und sank so künstlich auf den Boden hin , daß das Bild unendlich viel dabei gewann . - Ich duldete mehrere dergleichen Streiche , unter anderen spielte der Herr Direktor an meiner Seite den Liebhaber mit halb weggewandtem Gesichte , u. s.w. Endlich ging das Schauspiel zu Ende , und ich eilte mit zerrissenem Herzen nach Hause . Ein gewisser Direktor Sei schreibt mir jetzt aus Temeswar , und begehrt mich zu seiner Gesellschaft . - In wenig Tagen reise ich dahin ab . Lebe indessen wohl , meine gütige Freundin , und grüße mir deinen Karl tausendmal ! - Amalie . 120. Brief . An Fanny CXX. Brief An Fanny Noch ehe ich P... verlies , konnte ich mich nicht enthalten , folgendes Briefchen an dortigen Direktor zu schreiben . - Mein Herr ! " So unverschämt und pöbelhaft Sie und Ihre Rotte mich auch immer behandelten , so kann ich doch den hiesigen Ort nicht verlassen , ohne noch ein Paar Wörtchen mit Ihnen zu sprechen . Glauben Sie sicher , Sie hatten es mit keiner Hüttenspielerin zu tun , bei der Sie es wagen durften , ihren lächerlichen Hochmut blicken zu lassen . Zu Ihrem Stolz stünde bessere Erziehung recht gut ; dann würden Sie vielleicht Ihre luderlichen Untergebenen in den Schranken der Ehrbarkeit zu erhalten wissen , womit Sie fremden Leuten begegnen sollten . Bei den kleinsten Schauspielergesellschaften findet man kaum ein solches boshaftes , mutwilliges Zigeunergesindel , wie das , wovon Sie , mein Herr , das Oberhaupt sind . - Gott möge nie wieder eine gute Seele unter Ihre ausgelassene Bande geraten lassen ! Verzweiflung würde sonst bei so einer schandvollen Behandlung das Los einer Jeden sein , die weniger Selbstgefühl im Busen trägt , als ich . - Sie , Herr Direktor , nähren ein Häufchen Lasterhafte , deren gebrandmarkte Herzen einstens zu ihrer Schande ganz aufgedeckt werden müssen . - Bühnen , wie Sie eine unterhalten , sind die wahre heimliche Pest in einem Staat , die unter dem Vorwand der Sittenverbesserung jede Moral untergraben . - Bloß um in Zukunft einer anderen ärmeren reisenden Schauspielerin den bei anderen Theatern gewöhnlichen Debüt auch bei Ihrer Bühne zu eröffnen , habe ich an höheren Orten mit Gewalt auf eine Rolle gedrungen . - Teilen Sie mein mir angehöriges Geschenk unter die Armen aus , damit sie den Himmel um Verbesserung Ihres Herzens anflehen mögen ; - überdies schenke ich Ihnen noch den Ersatz der Ausgaben , die mir die Anschaffung des zu meiner gespielten Rolle nötigen Puzzes verursachte , und die ich über mich zu nehmen gezwungen wurde , weil sie mir aus Neid von Ihrer Favoritin versagt wurde . - Ich weiß recht gut , daß sie sogar Leute anstiftete , um mich zum Gespötte des Publikums zu einer widersinnigen Kleidung zu bereden . - Aber sowohl diese Kabale , als so viele andere sinnreiche Streiche prellten an mir ab. - Wäre ich Mann , so würde ich für alle die äußerst gallsüchtigen Beleidigungen auf eine andere Art Genugtuung fordern ; aber so begnüge ich mich mit der Verachtung , die Sie und Ihre Anhänger verdienen , und die Ihnen hiermit in vollem Masse zusichert " Amalie ***** So bald ich dieses Briefchen dem Direktor zugeschickt hatte , so reiste ich ab. - - - Wenn Du die Gegenden in Ungarn kennst , so wirst Du leicht begreifen können , wie langweilig meine Reise war . - Eine sehr schlechte Reisegesellschaft , üble Bewirtungen und die bangste Furcht , als ich über die unermeßlichen entvölkerten Heiden fahren mußte , wurden mir zu Teil . - Wir trafen in den Wirtshäusern meistens Kerls an , die alle Räubern ähnlich sahen . - Menschen , die sich wie das rohe Vieh in ihrem Schafpelz im Schnee hinlagern , und nur bei der Nacht in ihre Hütten kriechen , die alle tief in die Erde gebaut sind . Unter heftiger Kälte und anderen Unbequemlichkeiten kam ich endlich in Temeswar an . Herr Sei nebst seinem Weibchen empfingen mich sehr gut . - Sie ist ein Fräulein von K. ... aus P... und verrät viel Erziehung ; - er , ein vernünftiger , einsichtsvoller , auf Ehre haltender Mann , ein braver Schauspieler , hält streng auf gute Ordnung , versteht das Theaterwesen vollkommen , ist selbst Dichter und der Erfinder der besten Einrichtung , die ich noch jemals bei einem Theater antraf . - Einige liederliche Schauspieler wollen ihm keine Gerechtigkeit widerfahren lassen , weil er ihre Sitten sowohl , als ihre elenden Fähigkeiten zu verbessern suchte . - Ich kann Dir aber auf Ehre versichern , daß er und sie meine völlige Hochachtung gewonnen haben . - Sie ist ein gutes wirtschaftliches Weibchen - liebt ihren Mann - hat Theatertalent und Kopf . Kurz , beide sind ein wahres Muster moralischer Sitten , woran sich so viele andere spiegeln könnten ; sie Söhnen mich wieder ganz mit der Bühne aus . - Gespielt habe ich hier noch nicht , weil die Gesellschaft gerade auf dem Punkt steht , nach Herrmannstadt abzureisen . So bald wir dorten sind , beschreibe ich Dir unsere Reise . - Schreibe Du auch bald wieder Deiner besten Amalie . 121. Brief . An Amalie CXXI. Brief An Amalie Um Gottes Willen , Freundin ! - was hast Du seither nicht alles erlebt , und wie weit bist Du jetzt von mir entfernt ! - Nicht wahr , meine Gute , ich habe Dir die schrecklichen Theaterschicksale zum voraus verkündigt . - Alle nur möglichen Niederträchtigkeiten scheinen diesen Leuten von Natur anzukleben ; sie lassen ihre Herzen so tief im Morast versinken , daß ihnen alle Laster zur kalten Gewohnheit werden , womit sie Tugendhafte tirannisiren , wenn diese das Unglück haben unter sie zu geraten . - In diesem Stande sind gute Ausnahmen von rechtschaffenen Seelen so äußerst selten zu finden , weil sich bei den vielen Bühnen eine Menge Pöbel zusammenrottet , und den Freiheiten dieses Standes einen ewigen Schandfleck anhängt . - So manche Schauspieler-Gesellschaft gleicht einem Schwarm streifenden Ungeziefers , das sein Gift überall zurückläßt ; daß man aber die Bosheit und Schadenfreude so weit treiben könnte , wie es das Häufchen Buben und Bübinnen in P... gegen Dich trieb , hätte ich doch nie vermutet . - Mein Karl sagte : " Unter den Hunden gibt es tausendmal bessere Herzen . " Von der Erzbuhlerin R. ... habe ich schon öfters abscheuliche Streiche erzählen gehört . Sie ist in der halben Welt als die ärgste Mezze bekannt , die die Obrigkeit wieder aufs Neue ins Zuchthaus stecken sollte . - Was wäre denn aber auch von einem Schustersweibe besseres zu erwarten , deren Mann um den Übermut seines Weibes Willen , den Leist verlassen mußte . - Er soll ein braver komischer Schauspieler gewesen sein ; Gott gönne ihm jetzt in jener Welt die Ruhe , die er hier an der Seite seines ehrvergessenen Weibes nicht genoß . - Auch sie - sagt man - spiele die Rollen niederträchtiger Weiber , unverschämter Buhlerinnen , komischer Kupplerinnen , boshafter , zänkischer , lasterhafter Kreaturen mit vieler Natur ; ... nur in edlen Charakteren , in den Rollen moralischer , guterzogener Mütter , wäre sie unausstehlich . - So viel erzählte mir letzthin ein unparteiischer Theaterkenner selbst . - Gott schenke Dir jetzt bei Sei alles Vergnügen , das Du verdienst ; weil er selbst Talenten besitzt , wird er gewiß die deinigen nicht verkennen . Nur Dummköpfe unterdrücken aus Neid die Vorzüge an Anderen . - Daß dieser brave Mann unter seiner Gesellschaft so tapfer auf gute Sitten hält , freut mich unendlich ; - nur der Kummer wegen deiner gefährlichen Reise ängstigt mich noch ein Bisschen , bis ich einmal weiß , daß Du glücklich angekommen bist ! Man versichert mich , Siebenbürgen wäre ein wahres Räuber Land . - Ich und mein Karl wünschen Dir allen Segen von Gott , und uns dabei eine geschwinde Nachricht von deiner glücklichen Ankunft . - Hier diesen Kuß zum Zeichen meiner unveränderten Liebe . - Fanny. 122. Brief . An Fanny CXXII. Brief An Fanny Gott sei ewiger Dank gesagt , daß auch diese Reise vollendet ist ! So äußerst elend habe ich noch keine zu machen gehabt . - Die Straßen waren abscheulich schlecht ; je tiefer wir unter die Wallachen hineinkamen , desto gräßlicher wurde unsere Furcht und alle Arten von Unbequemlichkeiten . - Die Räuber schonten uns , der Himmel sei gepriesen ! ob es gleich hier zu Lande sehr gewöhnlich ist , ganze Rotten von dreißig bis Fünfzigen zu treffen , die alle mit vierfachem Schießgewehr versehen sind . - Da sie sich auch gerne in Wirtshäusern einnisten , so zwang uns die Klugheit , uns mit Militärorder zu versehen , um bei Dorfrichtern Herberge zu nehmen , und zogen aus dieser Ursache vor auf Heu zu schlafen , selbst zu kochen , u. s.w . Es war eine allerliebste Wirtschaft ! - Unsere Mannsleute mußten Geflügel zuschleppen , die Wallachinnen gaben uns Speck , und wir Weiber besorgten die Küche . - Sei sorgte ohne Eigennutz , als wahrer Vater , für seine Kinder ; sein armes schwangeres Weibchen duldete auf dieser Reise sehr vieles mit Standhaftigkeit ; nur ein einzigesmal überfiel sie Wehmut , die dann der rechtschaffene teilnehmende Gatte mit warmer Zärtlichkeit zu zerstreuen wußte . - O , diese zwei Leutchen lieben sich wie die Engel ; ein liebenswürdiger dreijähriger Knabe knüpft das Band ihrer Gattenliebe noch enger . - Sie gehören zur protestantischen Religion , und sind eifrige Christen ; in ihrem Betragen herrscht überall Pünktlichkeit , und ihre Aufführung ist untadelig . - Sei duldet unter seinen Leuten keine von schlechten Sitten . - Die Mitglieder der Gesellschaft sind aber auch so geehrt , daß jedem davon der Eintritt in die angesehensten Familien offen steht . Schon seit vier Jahren durfte wegen schlechter Aufführung keine Schauspieler-Gesellschaft mehr über die hiesigen Grenzen ; nur unserem braven Sei gelang es durch Empfehlungen von etlichen Ministern , durchzudringen . Alle lieben und schätzen ihn . Das Publikum stürmt zahlreich ins Schauspielhaus , und verläßt es wieder mit enthusiastischem Beifall . Wir bekommen Alle richtige Bezahlung , und stehen gut , weil es hier äußerst wohlfeil zu leben ist . - Letzthin spielte ich zum erstenmal , und wurde recht gut vom hiesigen Publikum aufgenommen . Ich laß es aber auch nicht am Fleiß mangeln , und arbeite mit Lust , weil uns keine Stuzzer hinter den Kulissen stören dürfen . - Es ist allen jungen Leuten untersagt , weder bei den Vorstellungen selbst , noch bei den Proben auf Abenteuer hinter den Kulissen herumzuschleichen . Auch keiner der Mitspielenden darf es wagen , über einen anderen nur eine Miene von Anmerkung zu machen . - Sei weiß den Neid in Schranken zu halten . - Sein enthusiastischer Eifer für die Richtigkeit der Schauspielkunst macht ihn freilich manchmal ein Bisschen hizzig , aber nicht pöbelhaft , wie es seine Feinde vorgeben . - Ich gedenke mich recht gut in seine Anführung zu schicken , und verehre seine Kenntnisse mit inniger Zufriedenheit . Und nun , liebe Fanny , küße mir deinen Karl , und danke ihm in meinem Namen für seine Sorgfalt ! Deine Dich liebende Amalie . 123. Brief . An Fanny CXXIII. Brief An Fanny Zürne doch nicht , liebes Fangen , daß ich Dir einige Monate gar nicht schrieb . Mein Direktor überhäufte mich seither mit einer Menge Rollen . - Sein Weibchen ist nahe an ihrer Niederkunft , und mich trifft es jetzt , ihre Rollen ganz allein zu spielen . Es bleibt mir außer meinen Berufsgeschäften kaum so viel Zeit übrig , zuweilen ein kleines Briefchen an meinen Oheim zu verfertigen . Übrigens lebe ich recht zufrieden . Das Publikum ist mir hold ; der Direktor behandelt mich gut ; was will ich also mehr ? - Nur ein einzigesmal überraschte mich sein gewöhnlicher Eifer für die Kunst etwas feuriger als sonst , bei einer Probe ; der gute Mann kannte mein zu weiches Herz nicht , und wurde erst nach der Hand überzeugt , daß seine rasche Zurechtweisung mich im Spielen noch blöder machte . - Ich nährte dadurch heimliches Misstrauen gegen mich selbst , und Zagheit bemeisterte sich meiner während meines Spiels ; nur seine sanftere Leitungsart rief mich wieder in das Geleise zurück , woraus mich eine gewisse bange Furcht gebracht hatte . - Er sah wohl ein , daß es für meinen Kopf und mein Gefühl nur des kleinsten Winkes bedürfe , um mich nach seinem Willen abzurichten . - Der Mann besitzt außerordentlich viele Kenntnisse , dringt mit seinem Fleiß bis ins Innerste der Kunst , und ich bin stolz darauf , Seins Schülerin zu sein ! - Es ist unbegreiflich , was er sich mit einigen beinahe unbrauchbaren Mitgliedern unserer Gesellschaft für Mühe gibt , um sie zu belehren ; er hält ordentliche Schulen , gießt ihnen die Rollen so zu sagen ein , studiert den Hang eines Jeden , gibt ihm angemessene Rollen ; alle unter seiner Gesellschaft stehen an ihren rechten Plätzen ; da erblickt man keine Spur von Parteilichkeit . So oft das Schauspiel zu Ende ist , tritt er unter die Schauspieler hinein , sagt einem jeden sein und auch des Publikums Urteil mit biederer Wahrheit ins Gesicht . - Letzthin kam die Reihe zuerst an mich . - " Madame ! ( sagte er . ) Mit Ihnen ist man durchaus zufrieden , bis auf die wenige Schüchternheit , die ihre Stimme unterdrückt , und sie etwas unverständlich macht . " - " Und Sie , Mademoiselle ! - ( sagte er zu einer anderen ) Sie haben in ihrem Kammermädchen durch Ihre unbescheidene Manieren bloß dem Pöbel gefallen , u. s.w . " Ist so ein Vorsteher nicht zu verehren ? - Würde die Bühne nicht bald der Wohnsitz der Rechtschaffenheit sein , wenn es mehrere dergleichen gäbe ? - Noch ein Anekdötchen von ihm : - Einige Stuzzer , welche die Schauspielerinnen bloß für feile Geschöpfe ansehen , zu denen ihre Begierden ein volles Recht hätten , sagten einstens zu ihm : " Aber Herr Sei , Sie haben ja gar kein einziges recht schönes Frauenzimmer unter ihrer Gesellschaft ! " - Worauf er antwortete : - " Meine Herren , alle meine Frauenzimmer sind hinlänglich schön , um in ihren Rollen jene Täuschung zu erwecken , die dazu erfordert wird . - Ich bin der Unternehmer einer gesitteten Schauspieler-Gesellschaft und keiner Fleischbank , wo jeder Wollüstling seine Bedürfnisse hinzutragen Lust hätte . - Meine Frauenzimmer sollen bloß zu Schauspielerinnen und nicht zu Lustnimphen taugen . " - Von dieser Zeit an wagte kein Weichling mehr die mindeste Anmerkung zu machen ; wir leben alle in dem unbescholtensten Rufe . - Aber sage mir jetzt auch , meine Liebe , was macht denn dein Karl ? - Werde ich euch zwei teure Seelen auch bald wieder zu sehen bekommen ? - O ich hätte wohl noch recht viele Fragen , wenn mich nicht die Pflicht zu meinen Geschäften riefe . - Lebe wohl , Teure , Einzige . - Ich bin ewig Deine Amalie . 124. Brief . An Amalie CXXIV. Brief An Amalie Teuerste ! - Endlich hat unser Kummer ein Ende , und wir wissen , daß Du gut versorgt bist . Karl war entzückt über diese Nachricht ; daß ich es auch bin , das weißt Du ohnehin . - Wir beide haben ein Projekt zur Sitten-Verbesserung der Bühnen entworfen , und teilen es Dir zur gütigen Einsicht mit . Unser große Kaiser Joseph hat über alle Gegenstände in seinen Ländern gute moralische Anstalten getroffen , und wir hoffen , daß er auch noch auf die Reinigung der Bühnen kommen wird , wenn es ein Patriot einmal wagt ihm den wahren Zustand derselben zu schildern . - Bis jetzt streifen noch immer schwarmweise kleine Schauspieler- nicht doch - Komödianten-Gesellschaften dem Bürger zur Last und den Sitten zur Schande in unseren Ländern herum ; - führen das abscheulichste Leben , verbreiten Zoten , sind der Zufluchtsort so vieler Tagdiebe , Herumstreicher , verjagter Friseurs , liederlicher Studenten , fauler Handwerksbursche , verloffner Dienstmädchen , u. s.w. Erstens ist ihre Aufführung ärgerlich , und verbreitet , bestärkt das Vorurteil über besser gesittete Schauspieler , benimmt dem Publikum den Glauben an jede Moral , die auf gesitteteren Bühnen vorgetragen wird , weil die Menschen daran gewöhnt werden , zu glauben , daß dort wie da - der Fuchs bloß den Gänsen Predigt . - Zweitens führt diese hungrige Komödianten-Ware schandlose , ärgerliche , sündliche Fratzen auf , und verwildert dadurch die Sitten des Pöbels noch mehr , der ohnehin schon zügellos genug ist . - Drittens kommen sie durch ihre Schwelgerei in Schulden , betrügen den Bürger , verführen seine Söhne und Töchter , fahren in allen Bierschenken herum , nähren im gemeinen Volk Aberglauben und Vorurteil , verleiten es zu Abenteuern , Schatzgräbereien , Taschenspielereien , und dergleichen ; durch ihre Ausschweifungen pflanzen sie also auf alle Schauspieler den schmutzigen Begriff fort , den man ehe_dessen von den öffentlichen Possenreißern und Marktschreiern hatte . - Zur Schande der Schauspielkunst verderben sie das leichtgläubige Herz des Bürgers , und würden ihrem Landesherrn unter der Muskete gewiß bessere Dienste leisten . Sobald der Monarch überzeugt ist , daß eine gesittete Bühne zur Aufklärung beiträgt , so wird er auch bei großen und kleinen Bühnen jeden Schein auszurotten suchen , der diesem moralischen Endzweck wider spricht . - Bei der übersetzten Menge von kleinen fliegenden Gesellschaften sollte notwendiger Weise Musterung gehalten werden , damit es dem fähigeren Schauspieler nicht an Versorgung fehlte , die diese Herumstreicher ihm mit einer geringeren Besoldung hier oder da vor dem Munde wegschnappen . Zu viele Gesellschaften in einem Lande richten einander selbst zu Grunde , weil das Publikum sie nicht alle zu nähren vermag . - Nur in den ansehnlichsten Städten jeder Provinz sollte eine gute Schauspielergesellschaft geduldet werden , auf deren sittliche Aufführung die Obrigkeit ein wachsames Auge haben sollte - und den übrigen kleinen herumziehenden Gesellschaften sollte bei Strafe das Land verboten werden . Die Direktoren sollten verbunden sein , miteinander alle Jahre ihren Ort zu verwechseln , damit jede Provinzstadt um ihr Geld Abwechslungen zu sehen bekäme . - In der Hauptstadt Wien sollte von Professoren oder sonst unparteiischen Theaterkennern eine Art Prüfungsschule errichtet werden , wo jeder brodsuchende Schauspieler seine Probe ablegen müßte ; - wo man die Fähigkeiten und Lebensart der Schauspieler einige Zeit prüfte , und sie dann mit einem guten Zeugnisse einem Provinz-Theater zuschicken könnte , dessen Direktor verbunden sein müßte sie anzunehmen , und nach dem Masstab ihrer Talenten zu besolden . - Viele hundert Halunken beiderlei Geschlechts würden diese Prüfung scheuen , und weniger ihre Zuflucht zum Theater nehmen . - Ein würdiger Schauspieler hätte dann nicht mehr Ursache aus Unterdrückung und Kabale am Bettelstab herumzuirren ; das Publikum würde besser bedient ; die Sitten dieser Leute würden nach und nach reiner ; der gute Endzweck der Schaubühne erfüllt , und die Herren Direktoren vor so vielen Bankrotten gesichert , die ihnen meistens durch die Kabale dieses herum schwärmenden Volks zugezogen werden . - Nur müßten die Aufseher der Prüfungsschule nicht aus Schauspielern bestehen , sonst liefe sicher Parteilichkeit mit unter ; denn der größte Schauspieler trägt immer heimlichen Neid im Busen , und kann in einer solchen Sache nie als Richter dienen . Überhaupt sollten alle Schauspieler strenger als andere Bürger in ihrem Lebenswandel gehalten werden , um das Vorurteil auszurotten ; der Moral , die sie predigen , Ehre zu machen , um durch ihr so öffentliches Lasterleben unter dem Volk nicht so viel unverantwortliches Ärgernis zu erregen . - Was hältst Du von meinem Gedanken ? - Ich habe ihn nur so obenhin entworfen ! - Möchte ihn ein Menschenfreund besser überdenken - ausarbeiten - und dem großen Kaiser Joseph vorlegen , wie glücklich wollte ich mich schätzen ! - Die Einrichtungen deines jetzigen Direktors gefallen mir sehr wohl . - Es muß ein würdiger Mann sein ! - Der Himmel segne ihn und seine Familie ! - Schreibe mir mehr von seiner guten Führung ; ich höre es äußerst gerne . - Karl und ich wollen Dich dann recht herzlich dafür küßen - wann wir Dich einst wiedersehen . - Das verspricht Dir Deine Fanny . 125. Brief . An Fanny CXXV. Brief An Fanny Daß Dich doch ! - Schon wieder eine Reisebeschreibung ? - wirst Du deinem Karl ins Ohr flüstern . - Ja , meine Liebe ; und überdies eine recht artige Geschichte , die mir mit einer ganz fremden Dame begegnete , über die meinetwegen Spötter lachen mögen ; genug - ich bürge für ihre Wahrheit . An einem Tage mußte unsere ganze Gesellschaft in einer elenden Hütte ihr Mittagsmahl halten . - Die Wirtsleute waren äußerst arm , und hatten kaum so viel , um den Hunger unserer Pferde zu stillen . - Ich will Dir die Unruhe von etlich dreißig Personen nicht schildern , wovon nur wenigen ein hartes Stückchen Fleisch , den anderen gar nur trockenes Brot zu Teil wurde . - Ganz niedergeschlagen saßen einige von uns an einem Tische - und staunten auf die hölzernen Bestecke hin , die uns vorgelegt wurden ; als plötzlich ein Wagen mit vier Pferden den Hof hereinrasselte und uns die Neugierde aus dem Zimmer trieb . - Zweien Bediente hoben ein Wesen aus dem Wagen , das seiner Kleidung nach einer Mannsperson glich . Eine Art Kaput , Stiefel und Hut war seine Kleidung . - Der Fremdling blieb einige Minuten stehen , sah uns alle nach der Reihe an , besonders aber mich ... und flog mir mit einem Mal feurig an den Hals ! - Ich erschrak , hielt es für Frechheit , und wollte mich loswinden . - " Fürchten Sie nichts , meine Beste ! - ( hörte ich eine Weiberstimme sagen ) Ihre Physiognomie gefällt mir ; wollen Sie meine Freundin sein ? " - Dann zog sie mich in das Kämmerchen , wo die hölzerne Bestecke lagen , befahl ihren Bedienten unseren Tisch mit Silbergeschirr zu bedecken , Wein und Essen aus dem Wagen hereinzutragen , um uns auf die freundschaftlichste Weise zu bewirten . - Während der Mahlzeit liebkoste sie mir wie einem Kinde , und wiederholte öfters : " Haben Sie nicht Lust nach Siebenbürgen zurückzukehren ? - Welcher Zufall brachte Sie zu diesem Stande ? - Schreiben Sie mir doch , hier haben Sie meine Adresse ! " - Am Ende beschenkte sie mich noch mit verschiedenen Sachen , und stieg dann weinend in den Wagen . - Sie ist eine gewisse Baronesse von L... aus Klausenburg , ihr Betragen ist lebhaft , aber mit einer heimlichen Schwermut durchwebt ; ihr Gesicht trägt die Spuren der Redlichkeit . Nur Schade , daß ich die Liebenswürdige so bald verlassen mußte , die sich aus wahrer Sympathie meinem Herzen näherte . Seither hat sie mir schon einmal geschrieben , und mit einer Wärme , die ganz ihrem edlen Herzen eigen ist . - So viel von dieser Geschichte . - Nun endlich auch einmal zur Beantwortung deines letzteren Briefes . Wie vortrefflich , meine Teure , ist dein Entwurf ; und wie vielen moralischen Nutzen könnte es bei den jetzigen so zügellosen Theater-Sitten schaffen , wenn er ausgeführt würde ! - Es wundert mich sehr , daß noch kein Moralist auf diesen Gedanken geriet ; daß man die Reinigung der Bühnen so lange anstehen ließ , bis ihre moralischen Sitten schon fast bis in Grund verdorben sind ; wo Jeder dabei treiben kann , was seinem Laster gelüstet ; wo man ungeahnte Freiheit genießt , sich in jeder Weichlichkeit herumzuwälzen ; wo sich die wenigsten Polizeien um die Aufführung des Schauspielers kümmern ; wo die meisten Direktoren bloß Pflanzschulen der schändlichsten Ausschweifungen unterhalten ; wo Religion , Ehre und Redlichkeit keinen Wohnsitz haben . - Und solche Bühnen werden nicht untersucht ; es werden ihnen keine Schranken gesetzt ? - Kaum ist es begreiflich ; da doch schon so viele würdige Schriftsteller darüber jammerten und all ihr Gefühl anstrengten , um den Staat aufmerksam darauf zu machen . - Nur einige Fürsten gaben in Rücksicht dessen kluge Gesetze heraus , und ließen sie in öffentlichen Blättern einrücken , um sie überall bekannt zu machen und um Nachahmer zu finden . - Möchten diese edlen Absichten von mehreren genehmiget wer den ! - Möchten Minister und Polizei-Räte von keinem Privat-Interesse verleitet werden , ausschweifende Schauspielerinnen zu schonen , und es nicht ferner verhindern , daß die Stimme der besseren Einrichtung so selten bis zum Ohr des Herrschers dringen kann . - So denkt Deine Amalie. 126. Brief . An Fanny CXXVI. Brief An Fanny Liebe Herzens-Freundin ! - Heute muß ich Dir wieder einmal deinen Willen erfüllen , und Dir etwas mehreres von den guten Einrichtungen unseres wackeren Sei schreiben . - Bedenke nur einmal diesen Hauptpunkt , der durch seine Klugheit unter uns Weibern so herrlich Stadt findet : - Seine eigene Frau spielt neben mir erste Rollen ; und doch setzte es unter uns noch nicht den geringsten Streit ab . - Der unparteiische Mann weiß für uns beide die Rollen so gut einzuteilen , daß auch selbst die ehrgeizigste Schauspielerin nichts dagegen einzuwenden wüßte . - Madame Sei spielt unschuldige , naive , leidende junge Mädchen allerliebst ! - Ihr niedlicher kleiner Wuchs , ihr natürliches Gefühl , ihr Fleiß , ihre durch Lektur erhaltene Kenntnisse machen sie zur guten Schauspielerin . - Hätte sie das Glück eine stärkere Brust zu haben , sie würde sich auch in heftigen , affektvollen Rollen vielen Beifall zu versprechen haben . - Sie hat bei anderen Bühnen aus Kabale nur unbedeutende kleine Rollen zu spielen bekommen , wo ihr Talent , so wie das von mancher ihrer Mitschwestern , unerkannt blieb . - Aber seit der Direktion ihres Mannes darf sie es in ihren unschuldigen Rollen kühn wagen , sich jedem Kenner zu zeigen ; denn seither wurde das vergrabene Talent in Übung gebracht , das fähig ist dem Publikum Freude zu machen , - Feurige Heldinnen , rasche Liebhaberinnen , und überhaupt Rollen , worin heftige Leidenschaft herrscht , und wozu starke Brust erfordert wird , wurden mir zugeteilt . - Herr Sei spielt alle Rollen erträglich - aber äußerst gut spielt er feine Intriken-Rollen , gefühlvolle Männer und Väter . - Gott ! wie viel der Mann in seiner Deklamation Natur behauptet ! - Was er hineinzudringen weiß in die feinste Kunst , um sie durch den herrlichsten Konversationston zur unleugbaren Natur zu machen ! - Wie lebhaft er seine Leidenschaften mit den unbegreiflichsten Abwechslungen hervorbringt ! - Wie er seine Organen nach dem Sinn des Autors und nach seinem Gefühl zu stimmen weiß ! - Wie er die schwersten Erzählungen so ausdrucksvoll , von aller Monotonie entfernt , dem Zuschauer vormalt ! - Wie er Seele , Gefühl , Feuer , Stimme , Körper , Wendung , Übergang in seiner Gewalt hat , um das Publikum in gewissen Rollen bis zum letzten Grad der Wahrheit zu täuschen ! - Selbst den schiefen Sinn eines schwülstigen Autors , weiß er während seines Spiels zu verbessern . - Es ist eine wahre Freude an der Seite dieses braven Schauspielers zu agieren . - Wie oft schmolz sein Gefühl in das meinige über , wenn ich an seiner Seite die Rolle der Tochter spielte , und wie oft gab er meiner arbeitenden Leidenschaft den Nachdruck , der sich dann noch mächtiger in das fühlende Herz des Zuschauers übergoß ; und doch ist dieser gute Schauspieler bis jetzt noch so wenig für seine Verdienste belohnt worden ! - Er mußte immer im Dunklen arbeiten , ohne daß ihn der Posaunenklang hervorzog ! - Ei ! - Ei ! - Theaterglück , wie rätselhaft bist du ! - Doch nun weg von dem , und auch ein Bisschen etwas vom hiesigen Orte : - Temeswar ist unstreitig trotz des kleinen Umfangs eine der lebhaftesten Städte . - Man ist hier äußerst zum Wohlleben geneigt . Das viele Militär , die Menge gutbesoldeter Beamten , die wohlfeile Nahrung , tragen zu den hiesigen Lustbarkeiten unendlich vieles bei . - Unsere Leute müssen sich ordentlich verstecken , oder wichtige Beschäftigungen vorgeben , wenn sie nicht täglich zu einem Gastmahl wollen gezogen werden . Hier herrscht in Rücksicht der Stände nicht das geringste Vorurteil . Man lebt untereinander in der zufriedensten Freiheit . Wenn der lange hagere Mann mit seiner Sense nicht so oft und so gräßlich durch die beständig herrschenden Fieber in den Familien Zerrüttungen anstellte , nichts würde den Freiheitssinn unter diesen Leuten trüben . - Bis auf diese Stunde ist , außer der guten Madame Sei , bei unserer Gesellschaft noch Alles gesund . Hier ist es große Mode Chinarinde statt Tabak zu schnupfen , und wer überdies nicht im Stande ist dreißig bis vierzig Dose China in Zeit zwei Tagen zu verschlingen , der bleibe von Temeswar weg - sonst kommt er auf den Kirchhof . - Gib deinem Karl für mich ein recht warmes Mäulchen , und denke öfters an deine beste Amalie . 127. Brief . An Fanny CXXVII. Brief An Fanny Daß doch das Unglück nur immer rechtschaffene Seelen verfolgt . - Ich kann Dir den Jammer nicht hinlänglich beschreiben , der sich jetzt bei unserer Gesellschaft eingeschlichen hat . - Schon seit sechs Wochen liegen alle bis auf mich am kalten Fieber danieder . - Nur erst seit wenig Tagen macht dieser häßliche Gast jetzt auch bei mir seinen täglichen Besuch . - Du solltest mit deinem gefühlvollen Herzen sehen , wie die Leute aus Liebe für ihren guten Direktor ihre letzten Kräften anstrengten , und ohne daß er es einem zumutet , von selbst aus gutem Willen mitten im Fieber spielten . - Bis jetzt wechselte das Fieber unter einigen ab , und nicht alle wurden gerade zu der Stunde der Vorstellung davon überfallen , sie konnten daher unter einander mit Spielen abwechseln , so daß unser Schauspielhaus an den bestimmten Tagen nicht verschlossen bleiben durfte . - Aber nun hat das täglich anhaltende Fieber die Kräften eines Jeden so abgemattet , daß sie alle zum Spielen untauglich sind ; alle Hoffnung ist nun verloren , fernerhin Vorstellungen geben zu können . - Der menschenfreundliche Direktor zahlt seinen Leuten schon seit einiger Zeit große Summen , ohne die geringste Einnahme zu haben . - Endlich aber wird dieser brave Mann aus Liebe für seine Familie gezwungen die Direktion völlig aufzugeben , um mit seiner kranken Gattin zu seiner Schwiegermutter nach P... zu reisen . - Höre seine vortrefflichen Anstalten in einer Lage , wo jeder minder fühlende Direktor gewiß nicht so edel handeln würde : - Er liefert auf seine eigenen Kosten die ganze Gesellschaft bis Wien , gibt jedem noch sechs Wochen Gage obendrein , und empfiehlt sie der Vorsehung . - Kann der würdige Mann bei einem solchen starken Verlust mehr tun ? - O , es schmerzt mich unendlich , diese brave Familie verlassen zu müssen ! - In wenig Tagen reisen wir alle zusammen von hier ab . Gott ! wenn nur diese Reise schon ihr Ende erreicht hätte ! - Denke Dir einmal ein solches Häufchen kranker Leute zusammen , die alle durchs Reisen noch kränker zu werden befürchten müssen . - Der Allmächtige möge unser Geleitsmann sein ! - Ei , das ist doch ärgerlich ! - Schon wieder schaudert der Fieberfrost durch meine Glieder , und ich muß wegen starken Kopfschmerzen aufhören mich mit Dir zu unterhalten . - Kümmere Dich nicht um meinetwillen , meine Freundin , es wird besser werden ; - ich habe seit einigen Tagen schon außerordentlich viel China zu mir genommen . So bald ich in Wien anlange , und mich nicht über häufte Geschäften daran hindern , erhältst Du wieder Nachricht von meiner Gesundheit . - Sollte sie sich noch mehr verschlimmern , so laß ich Dir durch jemand anderen schreiben . Sei also ruhig , und liebe fernerhin deine arme kranke Freundin Amalie . 128. Brief . An Fanny CXXVIII. Brief An Fanny Meine Liebste ! - Wirklich hat die Wiener-Luft meine Gesundheit völlig wieder hergestellt . Ich eile , um Dir diese gute Nachricht zu melden : Als ich hier anlangte , nahm ich mir fest vor , Niemanden meinen Schauspieler-Stand zu entdecken . Der Zufall leitete mich bei meiner Ankunft zu einer alten Obrists-Wittwe , bei der ich auf einen Monat ein Zimmer zu mieten suchte : - Diese alte Dame mußte sich wegen eingeschränkter Pension mit Vermietung solcher Zimmer abgeben ; - war aber ein Weib , das gute Erziehung genossen hatte . - Übrigens soll es außer ihrer Gewohnheit gewesen sein , je ein junges Frauenzimmer in ihr Haus zu nehmen , wie man mich versichert hat . - Sie mag ihre Gründe gehabt haben , die vermutlich darin bestünden , damit kein Frauenzimmer von schlechter Lebensart ihr Haus in üblen Ruf bringen möchte . - Ich weiß nicht , war es meine offene , glückliche Gesichtsbildung , oder was sonst ; genug , die Dame liebte mich beim ersten Anblick , und nahm mich ohne das geringste Vorurteil in ihr Haus . - Sie drang in mich , um etwas genauer mit meinem Schicksal bekannt zu werden , ich hielt an mich so lang es mir nötig schien , bis ich ihr endlich meinen Schauspieler-Stand offenherzig eingestand , und sie mir versprach , ihn vor Jedermann geheim zu halten . - Aber auch nur einige Wochen hielt sie Wort , und in weniger Zeit wurde der Direktor vom hiesigen Kärntnerthor-Theater Herr über ihr Geheimnis . - Ihm war um eine gute Schauspielerin zu tun , weil er eben im Begriffe stand mit einer neuen Gesellschaft seine Bühne zu eröffnen , und er ihrer sehr bedurfte . - Die Dame und er wandten alle Schmeicheleien an , um mich zu einem Debüt zu bereden . Man versprach mir glänzende Besoldung , und alle mögliche Vorzüge . - Kurz , die zwei Leutchen drangen so lange in mich , bis ich endlich nachgab . - Da ich aber den Gang der Wienerischen Kabale kannte , so handelte ich vorsichtig . - Hier ist es nicht gebräuchlich den Namen der Schauspieler auf den Anschlagzettel zu setzen . - Ich benutzte dies , und der Herr Direktor G. .... durfte weder meinen Namen , noch weniger die Ankündigung meines Debüts darauf bekannt machen . Teils wollte ich das Publikum mit meinem Bisschen Fleiß überraschen , teils mochte ich mich keinem Vorurteil Preis geben , das jeder von einer unbekannten Schauspielerin zum voraus hegt . - Der Tag meines Debüts wurde festgesetzt , die Stunde rückte heran ; schon war der erste Aufzug des Schauspiels geendigt , und einige Mitspielende ausgezischt worden , als ich noch in tausendfacher Angst hinter den Kulissen harrte , bis die Reihe zu spielen an mich käme . - Meine Rolle war kurz , aber in ihrem inneren Wert eben so empfehlend , als mein äußerlicher Anzug . - Ich stellte die Gattin eines Helden vor , die aus Leidenschaft für ihren Mann in Mannskleidern bis ins Lager drang , um ihn aus der Gefangenschaft zu retten . - Das Feuer , womit ich aus der Kulisse herausstürzen mußte , verjagte auf einmal alle meine Furcht , und ich fühlte mich in dem Augenblick ganz das , was ich vorstellte . - Noch war mein erster Dialog nicht zu Ende , als mir Seine Königl. Hoheit Prinz Maximilian ein lautes Bravo zuriefen , dem das ganze Publikum folgte , ohne daß eine Seele darunter meinen Namen wußte . - Wenn je ein Beifall unparteiisch war , so war es gewiß dieser . - Wäre der Direktor ein besserer Wirt , so würde es mir bei dieser Gesellschaft gefallen ; der Mann hat Kenntnisse , und schätzt die Kunst . - Was mit mir ferner geschieht , sollst Du bald hören von deiner Freundin . - Amalie . 129. Brief . An Amalie CXXIX. Brief An Amalie Es scheint , meine Liebe , daß das Unglück auch auf mich loszustürmen anfängt ! - Kaum erhielt ich die Nachricht von deiner Krankheit , so wurde auch mein Karl mit einem hitzigen Fieber überfallen . - Der arme Junge war dem Tode und ich der Verzweiflung nahe ! - Jesus Christus ! - wie ich da mit der äußersten Trostlosigkeit rang , als die Ärzte mir alle Hoffnung seiner Herstellung absprachen ! - Hätte ich ihn verloren , den Mann meines Herzens , ein freudenloses , elendes , jammervolles Leben würde dann meiner gewartet haben ! - Ich wäre in der häuslichen Glückseligkeit an jedes Anderen Seite zur ärmsten Bettlerin geworden ! - Denn außer meinem Karl ist für mich unter den Menschen keine Harmonie mehr ; - ob uns gleich das Schicksal noch nicht ganz vereinigt hat , so sind doch die wenigen Stunden , die wir jetzt schon mit einander verlebten , ein Vorgeschmack des Himmels , der uns einstens bei näherer Verbindung erwartet ! - O ! diese Bilder der seligsten Zukunft wären dann durch seinen Verlust alle auf einmal zusammengestürzt ! - Ha ! - Ich würde es nicht überlebt haben ! - Allgütiger ! dir sei ewiger , inniger Dank gesagt , daß du mir ihn wieder schenktest ! - O , was der gute Junge in seiner Krankheit für Engels-Geduld zeigte ! - Wie ich an seinem Krankenbette mit nassen Augen ganze Nächte durch wachte und alle seine Schmerzen doppelt fühlte ! - Bei einem solchen Anlaß kann der Wert eines guten Herzens am besten erkannt werden . - Da ist der Zeitpunkt , wo eine Geliebte durch tausend kleine Gefälligkeiten ihre Gefühle an Tag geben kann . - Selbst mein Karl sagte während seiner Krankheit , daß die geringste Wohltat in solchen Fällen dem Kranken Himmels-Wonne wäre , die er von der gutherzigen Hand einer Geliebten erhielte . - Noch ist er sehr schwach , der Gute , aber ganz außer aller Gefahr , und grüßt Dich herzlich . - Seins Missgeschick , das Dir einen so guten Direktor entriß , hat uns Alle sehr gebeugt . - Gott ! Wie sehr wünsche ich , daß Du des unbeständigen Theater-Lebens bald satt sein und doch einmal mit Ernst auf eine andere Versorgung denken mögest . - Das beste Theater-Schicksal ist doch fast überall mit Galle und Gift untermengt , die der Neid auf eine oder andere Art einmischt . - Du wirst vielleicht keinen Sei mehr finden ; und doch , meine Amalie , und doch , ungeachtet der unerträglichsten Beschwerlichkeiten , die dieses Leben mit sich führt , nährst Du noch in deinem Herzen einen leidenschaftlichen Hang dafür ? - Laß ab , meine Freundin , von diesen falschen Freuden des Beifalls , die meistens ihr Ende erreichen , so wie der Vorhang fällt . - Wäge das Bisschen Schmeichelei mit den vielen Kabalen ab , die Dir bei jedem anderen Theater drohen , und es bleibt Dir gewiß nichts übrig , als ein blutendes Herz , das die Bosheit zerfleischte ! - Die Theater-Sitten sind noch lange nicht das , was sie sein sollten . - Weh dem , der mit einem fühlenden Herzen das Opfer dieser verdorbenen Sitten wird ! - O , meine Freundin ! wenn Du deine Leidenschaft für die Bühne nach und nach zu unterdrücken trachtetest ; wenn Du irgendwo einen Freund suchtest , der Dir ein ruhigeres , zufriedeneres Leben anböte , der Dich diesem Herumirren entzöge ! wie glücklich wärest Du nicht ? - Du bist zu empfindsam , um ferner die Misshandlungen , Ränke und Kabalen zu ertragen . - Suche doch , meine Liebe , deinem Schicksal bald eine andere Wendung zu geben , und Du wirst um vieles beruhigen Deine beste Fanny . 130. Brief . An Fanny CXXX. Brief An Fanny Bestes Mädchen ! - Wie sehr bedauerte ich Dich , als ich vernahm , daß das unbarmherzige Schicksal Dir gedroht hatte deinen guten Karl zu entreißen . - Ich kann mir den Kummer lebhaft vorstellen , den Du dazumal mußtest gefühlt haben ! - Wenn man seine ganze zeitliche Glückseligkeit auf einen einzigen Gegenstand setzt , und das Schicksal uns denselben zu entziehen drohet , ist es nicht , als ob wir einen Teil unseres Selbst verlieren sollten ? - Aber nun muß ich Dich doch auch ein Bisschen über einen anderen Punkt zanken : - Was hattest Du denn dazumal für eine abscheuliche hypochondrische Laune , als Du mir wegen meiner Leidenschaft fürs Theater eine so derbe Lektion zuschriebst ? - Ist denn meine Leidenschaft so unheilbar , oder ist sie auf tollen Eigensinn gegründet , daß du so kräftig darüber losziehest ? - So lange mir das Verhängnis keine bessere Bestimmung gönnt , so lange das Theater meine einzige ökonomische Aussicht bleibt , muß ich ja diese Leidenschaft nähren , denn sie spornt doch immer den Fleiß an , der mir außer ihr gewiß mangeln würde . - Einem Stand , den man nicht ändern kann , muß man doch wenigstens Ehre zu machen suchen . - So reizend und lockend meine Leidenschaft fürs Theater auch immer ist , so beraubt sie mich doch bei ruhigen Stunden der Überlegung nicht . - Ich sehe dann recht gut ein , daß sie mit der Zeit auf Kosten meiner Seelenruhe und Gesundheit in eitle Torheit ausarten könnte .- Auch nicht der Beifall des Publikums ist es , der mich in dieser Leidenschaft stärkt . - Er muntert mich zwar auf ; aber ich sehe ihn nie für eine hinlängliche Belohnung für die Erduldung der grausamen Streiche des Neides an , denen jeder Schauspieler von seinen Nebenarbeitern ausgesetzt ist . - Meine innerlichen heftigen Affekte sind es , die diesen Hang in mir nähren , weil sie durch schwermütige Rollen Anlaß zum Ausbruch bekommen . - Die Ergießung meiner Melancholie verschafft mir dann jene Erleichterung , die meinem gepreßten Herzen so nötig ist , worin so stürmische Leidenschaften toben ! - Kennst Du denn die Lebhaftigkeit meines Temperaments und meiner Einbildungskraft noch nicht genug ? - Kannst Du denn nicht begreifen , daß ich entweder auf der Bühne in einer Rolle , oder außer dieser an dem Busen eines Freundes schwärmen muß ? - War ich denn je eine von jenen trägen Seelen , deren Gefühl sich so willig in die engen Schranken ihrer frostigen Einbildungskraft einkerkern läßt ? - Meine Gefühle sind feurig , sie haben sich emporschwingen gelernt , sie lassen sich nicht gerne einschränken , sie müssen Beschäftigung , sie müssen einen Gegenstand haben , woran sie sich halten können . - Ehe_dessen war Liebe meine Hauptbeschäftigung , aber seitdem ich ihre Bitterkeiten kostete , ist es der Hang zum Theater geworden . - So bald mir das Schicksal wieder einen anderen Ausweg zeigt , will ich ihm ja gerne folgen . - So viel , meine Freundin , verspreche ich Dir in die Zukunft ! - aber für jetzt kann ich einmal nicht anders ; ich muß noch eine Zeitlang bei der Bühne bleiben . - Das hiesige Theater ist nun völlig eingegangen . - Eine fremde reisende Dame bot mir bis F... einen Platz in ihrem Wagen an . - Ich werde mitreisen , und mir dann bei dieser Gelegenheit einen anderen Direktor suchen . - Hier in Wien ist ohnehin keine fernere Aussicht für mich mehr zu hoffen . - Beim Nationaltheater ist alles übersetzt , und zu einer kleinen Gesellschaft mag ich mich nicht anwerben lassen . - In F... soll sich dermalen ein guter Direktor aufhalten . Ein hiesiger , angesehener Mann , gibt mir ein Empfehlungsschreiben an ihn mit . - Lebe indessen gesund , Teuerste , und grüße mir Karln recht herzlich ! - Deine Amalie . 131. Brief . An Fanny CXXXI. Brief An Fanny Die Dame , mit welcher ich hierher reiste , ist eine unausstehliche Prozeß-Krämerin . Sie hat mir den ganzen Weg über nichts als von ihren Streitigkeiten vorgeplaudert . - Ich mußte alle nur mögliche Geduld zusammennehmen , um nicht aus dem Wagen zu springen ; so sehr hat sie mir die Ohren voll geschrien . - Was das Weib noch überdies ihre armen Dienstleute grillenhaft quälte , wie die guten Geschöpfe immerfort von ihr geschimpft und gehudelt wurden , ist wahrlich unverantwortlich . - Nichts ist unerträglicher , als an der Seite einer gewissen Art adeliger Damen zu Sitzen , die besonders auf der Reise ihre Untergebenen bis auf den Tod zu plagen im Gebrauch haben . Was man da für ein Schreien , für ein Gezänke , für ein Gewinsel anzuhören hat , wenn dem Schooshündchen oder der gnädigen Grillenfängerin etwas zustößt , und ihre Sklaven nicht gleich bei der Hand sind ! O der belachenswürdigen Verzärtlung dieser Törinnen , die so gerne mit der lieben Natur hadern möchten , daß sie ihre bequemen Körper nicht nach einem anderen Modell gebaut hat , damit sie nicht die Gebrechen der Menschheit mit den Bürgerinnen gemein hätten . - Grenzenlos ist doch der weibliche Hochmut ! - Der Himmel schenke unseren deutschen Damen bald mehrere Philosophie , damit sie aufhören mit den Geburten ihrer undenkenden Köpfen ihre bedaurungswürdigen Untergebenen zu plagen . - Als wir in F... ankamen , empfahl sich die Dame ; ich ging in einen Gasthof , und dann Tages darauf zu dem hiesigen Direktor , der mir sehr einsilbig begegnete . - So warm ich ihm auch immer empfohlen war , so kalt und herzlos empfing er mich doch . - Man hatte mir vieles von seinen Talenten , von seinen guten Umständen gesprochen , aber niemand hatte ein Silbchen von seiner Unleutseligkeit erwähnt . - Der kostbare Ton , womit er mir während meines Besuchs nur abgebrochene Reden zufließen lies , stieg mir gewaltig in Kopf , ich hatte große Lust ihn mit einigen Zungenhieben zu Geißeln , als wir plötzlich unterbrochen wurden , und ich die Zimmertüre suchen mußte , und zwar ohne ein Wort von einem Debüt gesprochen zu haben . Der kleine spitznasige Mann gab sich die außerordentliche Mühe , mich bis an die Treppe zu begleiten ; aber überrascht von dieser direktoreschen Gnade , verneigte ich mich auch bis zur Erde . - Ich werde wohl keines von seinen Schauspielen zu sehen bekommen , denn ein gewisser Direktor M. .... aus A... hat meinen hiesigen Aufenthalt erfahren und mir gute Anerbietungen gemacht . - Ich bin der ferneren Untätigkeit müde , deshalb habe ich einen Kontrakt unterschrieben und meinen Koffer schon an ihn abgesandt , weil A. ... nur ein Paar Meilen von hier liegt , und mich Herr M. ... in seinem Cabriolet selbst abholen wird . - Alle Stunden erwarte ich ihn . - Ich bin doch neugierig , was es bei dieser Gesellschaft wieder für allerlei Dinge absetzen wird . - Der Direktor ist zugleich Autor , und seine Gesellschaft soll keine der schlechtesten sein . - Diesen Brief schließe ich erst nach seiner Ankunft , um Dir , nachdem ich ihn werde gesprochen haben , in etwas seinen Charakter schildern zu können . - Gestern ist M... gekommen ; aber der Bursche hätte mir vom Halse bleiben können ! - Wäre mein Koffer nicht schon in seinen Händen , und befürchtete ich nicht Verdrüßlichkeiten , die für mich daraus entstehen könnten , wenn ich den Kontrakt bräche , den ich bereits unterschrieben habe , so wahr Gott lebt , ich würde nimmermehr unter seine Gesellschaft treten , so unverschämt hat mich der Bube beim ersten Besuche schon beleidigt . - Urteile von seinem Charakter aus folgendem Gespräche . - - M. . Sind Sie , Madame , die Schauspielerin , die mit mir den Kontrakt schloß ? - Ich Ja , mein Herr , ich bin_es . - Und Sie sind vermutlich Herr M. ... ? - M.. Ja , meine schöne Göttin ! - Und zur Bestätigung hier diesen Kuß ... Sie gehören jetzt ohnehin unter mein Kommando . - Ich Sachte , mein Herr ! - Mit wem glauben Sie zu sprechen ? - M. . Hm ! - Mit einem Theater-Frauenzimmer , wovon keine unerbittlich ist . - Ich Und warum nicht ? - M. . Weil diese Frauenzimmer an Galanterien gewöhnt sind , und meistens vom Direktor zuerst welche annehmen . - Man weiß ja , wie_es bei den Theatern zugeht . Sie werden doch an mir nicht die einzige Ausnahme machen wollen ? - Ich Ja , mein Herr , das will ich ! - Und wenn Sie tausendmal schöner gebildet wären , als Sie wirklich sind . - Ihre Kühnheit hat meinen ganzen Stolz empört ! - Sie müssen ihren Reden nach immer saubere Ware unter ihrer Gesellschaft gehabt haben , die ihrer Zügellosigkeit vielleicht nach Wink zu Befehl Stunde . - Schämen Sie sich , ein Frauenzimmer von Erziehung so zu behandeln ! - M.. Ah ! - pah - pah ! - Erziehung ! - Wir sind alle Menschen , und die meisten Weiber affektieren sie gar zu gerne , bloß um desto besser geschmeichelt zu werden ! - Ich Herr M. ... , Sie werden immer beleidigender ! - Sie sind der größte Wollüstling , der mir je aufstieß . Ihre Grundsätze sind die Sprache des lasterhaften Witzlings . - Ob ich nun Mensch oder nicht Mensch bin , darüber bin ich Ihnen keine Antwort schuldig ; eben so wenig , als ich jetzt auf Ihre Schmeicheleien gewartet habe . - M. . Holla ! - Mein liebes Täubchen ! - Gewis irgendwo in Jemanden verliebt ? - Pfui ! - Sie müssen Ihren Ton beim Theater herabstimmen , er macht sie gar zu lächerlich . - Ich Das kümmert mich wenig ! - Eine Schauspielerin ohne Rechtschaffenheit ist doch immer ein schändliches Geschöpf ! - Doch genug hiervon ! - Wenn Sie bloß gekommen sind dem Laster eine Moral zu predigen - so belieben Sie mein Zimmer zu verlassen . - M. . Nicht so böse , mein schönes Weibchen ! - Nicht so böse ! - Darf man Sie denn nicht lieben ? - Ich Herr ! - Sie haben eine Gattin ; Sie haben Kinder ; und doch ... M. . Ja der Geier mag auch immer mit Einerlei vorlieb nehmen , so jung auch mein Weib ist . - Kommen Sie , liebes Weibchen ! Kommen Sie ; einen Kuß - - Ich Den Augenblick mir Ruhe gelassen ! - Oder bei Gott Sie sollen mich kennen lernen ! - Und von dieser Minute an sei aller Kontrakt aufgehoben ; ich reise nicht mit . - schicken Sie mir meinen Koffer zurück ! - M. . Ha , ha , ha ! - Das werde ich wohl schön bleiben lassen ! - Der Kontrakt ist jetzt einmal unterschrieben . - Und was können Sie denn wider mich für Klagen anbringen , wenn es zum Streit kommt ? - Haben Sie denn Zeugen ? - Sie werden also wohl die Gefälligkeit haben mitzureisen . - Ich Eher mit dem Satan , als mit dir , tückischer Bube ! - Zum letzten Mal ! verlassen Sie mein Zimmer ! - M. . Nicht eher , als bis ich weiß , ob Sie mir Wort halten werden ; sonst muß ich mich bei der Obrigkeit melden . - Nun wollen Sie reisen , oder nicht ? - - Ich Ich will nicht - aber ich muß ! - Doch gewiß nicht an Ihrer Seite , erst morgen im Postwagen. M. . Wie es beliebt , Madame ! - Ich eile der ganzen Gesellschaft ihre Tugend - nicht doch - ihren Eigensinn zu preisen ! - Leben Sie indessen wohl , mein kostbares Weibchen ! - Gott ! - Was muß ein junges Frauenzimmer ohne Gatten an ihrer Seite dulden ! - Verführung , Spott , Grobheiten sind ihr Los ! Jeder lasterhafte Bube reibt sich an ihr ! - Jetzt wird dieser Elende mein Feind werden . - Ich werde unter seiner Direktion glückliche Tage zu erwarten haben ! - O unerbittliches Schicksal ! wie lange , wie lange werden mich noch deine Streiche zermalmen . - - Amalie . 132. Brief . An Fanny CXXXII. Brief An Fanny Liebste , Beste ! - Daß die Gesellschaft , unter der ich mich gegenwärtig befinde , unter einer schlechten Direktion steht , wirst Du aus dem Gespräch mit dem Direktor geschlossen haben . - Übrigens ist sie zahlreich , aber darbend an guten Schauspielerinnen . - Die Männer zeigen mehr Talent als die Weiber , und M. ... spielt unter ihnen die lockern Burschen-Rollen am besten . - Daß mich das Publikum gut aufnahm , kannst Du leicht vermuten . - Der Direktor scheut sich jetzt , mich mit offenem Blicke anzusehen . - O Gewissen ! wie beredt ist deine Stimme ! - Sein Weibchen ist mir sehr gut , und ihn quält vermutlich die Furcht an sie verraten zu werden . - Er muß sein unbesonnenes Betragen jetzt besser überdacht haben . In dieser Rücksicht hätte ich also nicht Anlaß über seine Verfolgungen zu klagen . Aber sonst will mir die ganze Einrichtung nicht gefallen . - Es ist gar zu ärgerlich , wenn so wenig gute Schauspielerinnen bei einer Gesellschaft sind ! - Man wird zu sehr mit Arbeit überhäuft , und dadurch entgeht dann einer Schauspielerin die Gelegenheit , mit einer anderen in die Wette zu spielen . - Madame M. ... spielt mit vieler Lebhaftigkeit Kammermädchen , listige Bauermädchen , lose Fräuleins , u. dgl. Ihr Wuchs schickt sich ganz vortrefflich dazu . - Sie würde in diesen Rollen mehr als mittelmäßige Schauspielerin werden , wenn ihr Ton , ihr Wesen , ihr Gang nicht zu sehr ins Niedrig-Komische fielen . - Sie läßt die ausgelaßene Dirne zu auffallend hervorblicken , und trifft so selten zwischen zügelloser Wildheit und naivem Mutwillen die Mittelstraße . - Madame K. ... spielt ihre unschuldig leidenden Mädchen auch nicht ganz übel . - Aber gar zu oft nur kalt und flüchtig . - Sie arbeitet mehr aus Handwerk , als aus Lust , - und karakterisirt unter fünf Rollen kaum eine . Ihre Empfindung stünde ihr ziemlich zu Gebote , aber leider , wie so viele Schauspielerinnen , besitzt sie einen zu leeren Kopf , um diese Empfindungen während des Spiels zu benützen . - Die Rollen , die ihr geraten , - geraten ihr mehr aus Zufall und Theater-Festigkeit . Madame L... g ist die elendeste Schauspielerin unter der Sonne ! - Ich begreife nicht , wie die Frau die Frechheit haben konnte , auf mehreren großen Theatern zu debütieren . Doch Ungeschicklichkeit ist immer am kühnsten , weil sie die Schwierigkeit der Kunst nicht einsieht . - Zu Liebhaberinnen wäre ihre Figur ganz artig , aber außer dieser ist sie auf der Bühne ein bloßer Klotz . Ihr schwäbischer Dialekt , ihre falschen Töne , ihre unsinnigen , kauderwelschen , verdrehten Worte , die ihr der Menge nach entfahren , machen sie unausstehlich . - - Madame J. ... hingegen spielt Mütter und Heldinnen mit vieler Würde und Feuer . - Es entgeht ihr selten eine Stelle , worin sie nicht Wert zu legen weiß . - Ihr Nachdruck hat Gewicht und ist gut angebracht . - Kurz sie besitzt Beurteilungskraft , Kenntnisse und vielen Fleiß . - In mancher Stelle dient sie mir zum Muster . - Die Übrigen von der Gesellschaft sind zu unbedeutend , um ihrer zu erwähnen . - Es werden hier viele gute Stücke aufgeführt , nur Herr M. ... dürfte uns mit seinen eigenen Wischen verschonen , die er bloß aus Eitelkeit zusammenschmiert . - Mit den moralischen Karaktern unserer Schauspielerinnen sollst Du im nächsten Briefe etwas näher bekannt werden . - Für heute tausend Küsse von Deiner Freundin Amalie . 133. Brief . An Amalie CXXXIII. Brief An Amalie Teure , gute Seele ! - Wie war es Dir möglich , mich auch nur einen Augenblick zu verkennen ? - Wenn ich Dir die Beschwerlichkeiten des Theater-Lebens schilderte , so geschah es bloß um Dich aufmerksamer zu machen , aber nicht um Dich zu zanken , da Du es bis jetzt noch nicht verlassen konntest . - Ich sehe recht gut ein , daß es Dir annoch unmöglich ist , weil Dich das Schicksal daran kettet . - Meine Bitte zielte nur dahin , um Dich aufzumuntern , Dich um eine andere Aussicht tätiger zu bemühen . - Ich bin versichert , daß deine Leidenschaft nicht unheilbar ist , im Falle Dir das Verhängnis eine annehmungswürdige gönnet . Bis dahin tadle ich deinen Hang nicht - er ist Dir in deiner jetzigen Lage sehr nötig . - Wenn Dich aber der Beifall des Publikums betören könnte , wie sehr wärest Du zu beklagen , weil eben dieser Beifall oft so schief , so ungerecht , und so vielem Wechsel unterworfen ist . - Jedes Publikum hat seine Laune , und nur zu oft wird es durch Unwissenheit und Kabale gestimmt . - In Deutschland haben wir nur wenig aufgeklärte Publikums , die im Stande sind Schauspielerkunst und Schauspieler selbst zu schätzen . Der beste Schauspieler ist doch immer der Sklave des Publikums , von dessen Willkür er immer abhängt , er mag eine Bühne betreten , welche er will . - Oft ist ein halb Dutzend herumschwärmender , prahlender Dummköpfe fähig das Vorurteil wider ihn anzuhezzen ; - und ein Künstler wird an einigen Orten eben so leicht ausgepfiffen , als dem größten Esel geklatscht wird . - O meine Freundin , möchten sich doch deine heftigen Affekten bald wieder in den sanften Busen eines Gatten ergießen können ! - Möchtest Du da wieder deine innerlich tobenden Leidenschaften himmlisch schwärmen können ! - Nein , ich höre nicht auf diesen feurigen Wunsch zum Himmel zu senden , bis der Allmächtige ihn erhört und erfüllt . - Ich weiß recht gut , daß die Nahrung deiner Gefühle , die Du in schwermütigen Rollen genießest , deiner Gesundheit schädlich ist . - Sie unterhält deinen Hang zur Melancholie , sie ergötzt deine Einbildungskraft , aber sie schwächt deine Seelenstärke . - Untersuche Dich selbst , und Du wirst finden , daß ich wahr rede . - Allzu traurige Menschen sind für Alles , was außer ihrer Lieblings-Leidenschaft ist , untätig . - So viel zu deiner Anleitung über diesen Punkt ! - Jene Art von Damen , wie die eine war , mit welcher Du nach F... reistest , ist mir nicht fremde . - Ich kenne mehrere dergleichen Närrinnen , die mit ihrer bissigen Zunge alles anpacken , was ihrem stolzen Hochmut nicht behagt . - Auch der stolze Direktor in F. ... hat nicht so sehr Dich beleidigt , als denjenigen , der Dich ihm empfohlen hat . - Laß Dich seinen Stolz nicht anfechten ; es ist Schwachheit , die ihm Jedermann zur Last legt . - Übrigens soll dieser Mann die strengste Sicht über seine Leute halten ; - ein Verdienst , das dein jazziger Direktor nicht besitzt . - So viel ich aus deiner Schilderung sah , ist Herr M. ... ein Weichling , der bei seiner wenigen Selbstbeherrschung seine Untergebenen gewiß nicht in der gehörigen Ordnung erhalten kann . - Das Schicksal der Madame M. ... ist unter den Schauspielerinnen allgemein . Die meisten taugen besser fürs Niedrig-Komische , als zum Erhaben-Wizzigen ; denn die wenigsten Schauspielerinnen haben Erziehung genug genossen , um jenen würdigen Anstand , jenes bescheidene Wesen auf der Bühne zu behaupten , das in solchen Rollen selbst die Lebhaftigkeit erhöht , wenn es einer wohlgezogenen Schauspielerin eigen ist . - Es ist zum Erbarmen , wenn man die frechen , unverschämten Dirnen spielen sieht , die ihre pöbelhafte , häßliche Lebensart vor dem Publikum nicht verbergen können . Auch Madame K. ... hat viele Mitschwestern bei der Bühne , welche die gefühlvollsten Rollen leichtsinnig , sinnlos , ohne Fleiß , unbestimmt , eintönig wie es Vater unser wegplappern . - Die natürliche Empfindung allein tut bei einer Schauspielerin nicht viel Wirkung , wenn sie nicht durch hinlängliche Kenntnisse unterstützt wird . Eine gute Schauspielerin muß die Worte des Schriftstellers verstehen , sie muß bei ihrem Spiel denken und ihre Empfindungen nach dem Sinne desselben lebhaft auszudrücken wissen . - Gar zu wenig Schauspielerinnen verstehen , was sie sprechen . Sie gewöhnen sich durch diese Übung an eine Art selbsterfundenen Schlendrian in ihrer Deklamation , und spielen alle Rollen nach der nämlichen Form . Diese hirnlosen Maschinen stehlen hier oder da von einer anderen guten Schauspielerin einen guten Zug aus ihrem Spiel , einen leidenschaftlichen Übergang , eine überraschende Stellung oder so etwas dergl. , und täuschen dann damit das gutherzige Publikum , trotz ihren leeren Köpfen , die gar keine Originalität in sich haben . - Sobald aber der Kenner dieses grundlose Gebäude durchsucht , stürzt es vor seinem Blicke zusammen , weil es nach keinen Regeln der Kunst gebaut ist . - Das ist leider der Zustand so vieler unserer nichtdenkenden Schauspielerinnen . - Zu einer guten tragischen Schauspielerin gehört unumgänglich Kopf , Lektur , Erziehung , Gefühl , heftige Leidenschaften , sanfte Organen , starke Einbildungskraft , eine weiche empfängliche Seele , eine schöne deutsche Sprache , gute Brust , Enthusiasmus für Tugend , Hang zur Schwermut , ein gutes Gedächtnis , Fleiß , viel Beurteilungskraft sich mit Lebhaftigkeit in die nämliche Lage hineinzudenken ! - Sobald nur eine dieser Triebfedern fehlt , so ist sie keine gute Schauspielerin . Siehst Du , meine Freundin , so sehr ich an Dir treibe , diesen Stand zu verlassen , so sehr Schätze und verehre ich doch die Schauspielerkunst , und habe in etwas ihre Regeln studiert , ohne jemals Gebrauch davon gemacht zu haben . Madame L...g würde auch besser tun , wenn sie bei ihrem Strickbeutel Sitzen bliebe , als daß sie das Publikum nötigte des Ärgers wegen Temperierpulver einzunehmen . - Gerade ihre Dreistigkeit beweist , daß sie an Spott und Schande gewöhnt ist , sonst würde sie sich wohl hüten , sich der Gefahr auszusetzen , überall ausgepfiffen zu werden . Vor einem Jahre widerfuhr ihr dasselbe in Leipzig . - Leider streifen noch eine Menge solcher unfähigen Kunstmörderinnen zu Thaliens Schande , bloß aus Nebenabsichten , von einer Bühne zur anderen . - Ihr glattes Larvchen , ihr Bisschen Wuchs dünkt ihnen hinlänglich Verdienst ; sie verlassen sich auf die Stimme der Wollust , und kümmern sich wenig darum , ob auch Vernunft und Kenntnis Nahrung an ihrem Spiel finden . Selbst einige dumme Direktors bestärken diese unverschämten Weibspersonen in ihrer hohen Meinung von sich selbst , indem sie würdigeren Schauspielerinnen , denen es an einem schönen Gesicht , an einer glatten Haut fehlt , Rollen entziehen und sie diesen Stümperinnen zum verhunzen überlassen . - Eine Schauspielerin braucht keine glänzende Schönheit zu sein ; wenn sie einen regelmäßigen Wuchs hat , so kann ihr Gesicht vermittels der Schminke für den Vernünftigen Täuschung genug zuwegebringen . Wer mit dem nicht zufrieden ist , sucht gewiß bei ihr Privat-Interesse . - Madame J. ... hat auch meine ganze Achtung , weil sie die deinige hat . Ich kenne ihr Herz ; es ist keines Neides fähig . - Aber nicht wahr , Malchen , heute habe ich Dich gewiß für die etlichen Antworten entschädigt , die ich Dir letzthin schuldig blieb ? - Mein Karl ist wieder ganz gesund ; er küßt Dich mit mir . - Deine Fanny . 134. Brief . An Fanny CXXXIV. Brief An Fanny Tausend Küsse , meine Liebe , für dein schönes Briefchen ! es ist gar zu zierlich geschrieben ! - Dafür halte ich Dir aber auch heute mein Versprechen , und teile Dir die Bemerkungen über die moralischen Charakter unserer Schauspielerinnen mit . - Ich würde diese Beschreibung gewiß nicht unternehmen , wenn mir nicht mein Gewissen für die Wahrheit bürgte . - Madame M. ... ist im Grunde genommen ein gutes Weibchen , die ihre Pflichten als Gattin und Mutter genau erfüllt ; nur fehlt es ihr an guten Grundsätzen , um aus Überlegung rechtschaffen zu handeln . - Rollen-Neid zeigt sie gar keinen , aber desto mehr andere kleine Bosheiten , wodurch sie die übrigen Schauspielerinnen ihre Direktrisen-Herrschaft fühlen läßt . Sie besitzt vielen natürlichen Witz ; aber ohne Kultur und Erziehung treibt sie ihn gar oft bis zur Unbescheidenheit . Von ihrem Manne wird sie auf die grausamste Weise misshandelt , und behauptet dann dabei eine Tugend , die so wenig Weibern eigen ist , wenn ihre Männer im Zorn sind , sie kann - schweigen . - Madame K... s ist ein Fleischbrocken , der jedem zu Befehl steht . Ihre abscheuliche Sinnlichkeit grenzt an die äußerste Verachtung , die ihr von den Männern zu Teil wird , die sie kennen . - Ihre Eroberungssucht , Eitelkeit , Eigennutz , u. s.w. fallen beim ersten Anblick dem Beobachter in die Augen . Ihr Mann wird wie ein Bube von ihr behandelt ; sie drohet ihm mit Schlägen , wenn er es wagt über ihren Lebenswandel nur die geringste Anmerkung zu machen . - Da er einer von jener Gattung zaghafter Schwachköpfe ist , so genießt sie bei ihrer Buhlerei die ungestörteste Freiheit . - Ich habe doch in der Welt immer bemerkt , daß die dümmsten Weiber allezeit die ausschweifendsten sind . - So viel von diesem Charakter ; und nun zur Madame L. ... g. - Diesem Weibe würde man im Umgang ihre Ungeschicklichkeit in der Schauspielkunst gar nicht anmerken . - Sie weiß recht artig zu plaudern , empfindet so gar zuweilen aus Büchern ; aber alles verliert unendlich bei ihrer schwäbischen Aussprache . - Auch Koketterie sitzt tief in ihrem Herzen ; wahre Liebe ist ihr fremd , und bei allem dem ist sie auch die größte Puznärrin im ganzen Orte . - Aus Eitelkeit wirft sie ihr Netzchen aus , so lang es angeht , aber mit mehr kostbarer Ziererei und Verstellung , als eine ganz pöbelhafte Buhlerin . - Madame J... hingegen entschädigt den Beobachter für die übrigen alle : sie ist ein braves soliddenkendes Weib , deren Denkungsart untadelhaft und rechtschaffen ist . - Sie teilt ihre Beschäftigung zwischen Religion und Berufspflicht , und lebt in der glücklichsten , zufriedensten Ehe . - Eine Menge ausgestandener Theater-Schicksale entzogen ihr jene Glücksgüter , die sie ihres Talents und Fleißes wegen so sehr verdient hätte . - Unglück hat das gute Weib sanft und weise gemacht ; sie fordert wenig vom Schicksale , und genießt das Wenige mit reinem , vorwurfsfreiem Gewissen . Wie sehr verdient diese Edle alles Erdenglück ! - Die übrigen Weibsleute bei unserer Gesellschaft sind meiner Beobachtung ganz unwürdig . - Ich würde Dir auch etwas weniges von den moralischen Karaktern unserer Schauspieler schreiben , aber da ich keinen Umgang mit ihnen pflege , so ist es mir wohl nicht möglich sie genauer zu kennen . - Die Stunde ist da ; die Post wird abgehen ; ich muß also schließen , meine Fanny . - Lebe wohl ! - Deine Amalie. 135. Brief . An Fanny CXXXV. Brief An Fanny Nun so hat sich denn das Schicksal wider mich verschworen ! - So muß ich denn so oft wider meinen Willen von einer Bühne zur anderen reisen ? - Wer hätte denn jetzt diese geschwinde Veränderung wieder vermutet , an der die Schurkerei eines schlechten Kerls Schuld ist ? - M. ... hat seine Büberei vollendet , und ist vor einigen Tagen mit einigen unserer besten Schauspieler entlaufen ! - Die Veranlassung dazu war ein heftiger Streit mit seinem armen Weibchen und einer luderlichen Mezze von Figurantin , die ihn vermutlich zu diesem Schritte verleitete . - Der schändliche Bösewicht konnte sein Weib und seine Kinder dem Hunger und dem Elend Preis geben ! - Er konnte ein Häufchen von Menschen ins Elend stürzen , die sich auf diesen Schritt nicht vorgesehen hatten ! - Nun sitzt sie da sein armes Weib , mit zwei noch unerzogenen armen Würmchen , und wird von den Gläubigern ihres verloffenen Manns beinahe zerrissen ! - Gott im Himmel ! Was ist das für ein Anblick ! - Wenn nicht einige Menschenfreunde zu Hilfe eilen , so muß dies arme Weib zu Grunde gehen ! - O Armut ! - wie schrecklich sind deine Folgen ! - Die Gesellschaft ist nun durch diese schlechte Handlung des Direktors ganz auseinander , und unfähig ferner fortzuspielen . - Alle werden sich in wenig Tagein trennen ; und müssen sich dann dem Ungefähr überlassen , ob es ihnen bald wieder ein Stückchen saures Brot zuzuwerfen Lust hat ! - Madame J... reist nach F. ... ; wie weh tut es mir , diese wackere Frau verlassen zu müssen ! - Was wird jetzt aus ihr , was wird aus mir werden ? - Zum Glücke ist meine Börse noch hinlänglich versehen , um nach W... reisen zu können , wo sich der Direktor N... aufhalten soll . - Dann mag der Himmel ferner für mich sorgen ! - O meine Teuerste ! - Nun fange ich an , die Last eines unbeständigen Theater-Schicksals ganz zu empfinden ! - Und dennoch muß ich diese Last noch tragen ; dennoch muß ich ein Leben fortführen , wobei man aus Nahrungssorge , Gram und Kummer lebendig vermodert ! - Bei meiner Ankunft in W... schreibe ich Dir gleich , damit Du außer aller Sorge sein mögest . - Wie geht es mit Karls Gesundheit ? - Schreibe mir doch auch wieder etwas von ihm ! - Gottes Segen über Dich , holdes Mädchen , bis zu fernerer Nachricht von deiner besten Amalie . 136. Brief . An Amalie CXXXVI. Brief An Amalie Ha ! - meine Freundin ! - Dein Kummer ist ein Schatten gegen dem meinigen ! - Mein Karl ! - O mein Karl ist gewiß auf ewig für mich verloren ! - Ein niederträchtiger Ehrenschänder hat es in seiner Gegenwart gewagt , meinen guten Namen anzutasten ! - Du kennst seine feurige Liebe für mich ; - die Hitze seines Temperaments riß ihn hin , und ein unglücklicher Zweikampf machte ihn zum mörderischen Flüchtling ! - Gerechter Gott ! - Wie der arme Gebeugte beim Abschiede mit zitternder Angst an meinen Lippen hing ! - Wie dann meine Tränen ihn fast erstickten ! - Er wollte nicht weichen von meinem Busen , hätte ihn mein Bruder nicht mit Gewalt weggerissen ! - O Ehre , wie barbarisch sind deine Begriffe ! - Du mußt deine Verteidigung im Blute deines Nächsten suchen ! - Ist denn ein Verleumder , ein Ehrenschänder , ein schlechter Kerl noch so viel wert , um das Leben eines ehrlichen Mannes , die Ruhe einer Geliebten seinetwillen aufs Spiel zu setzen ? - Sollte nicht die Obrigkeit mit der strengsten Strafe dergleichen Ehrendieben drohen ? - Warum züchtigt man böse Mäuler nicht durch öffentliche Schande ? - Der ruhige Biedermann hätte dann nicht nötig sich mit solchen Ehrenbanditen zu beschmuzzen . - Und gerade meinem armen unschuldigen Karl mußte so ein elender Bube aufstoßen ? - Er , mit seinem edlen , gefühlvollen Herzen , wurde gezwungen Blut zu vergießen , - mußte seine Fanny auf Kosten seines Lebens verteidigen ! - O mein geliebter Karl , wie elend hast Du uns beide gemacht ! - Noch lebt der von ihm Verwundete , aber jede Stunde droht ihm Tod - und meinem Karl Verbannung ! - Stirbt der Elende , dann hin ich verloren ! - dann ist an Karls Rückkehr nicht mehr zu denken . - Dann ist er für mich dahin , der beste Gatte , der vor Gott schon lange der meinige war ! - Ha ! - Amalie ! - Die Leiden der Trennung drücken schwer , aber die Leiden einer hoffnungslosen Liebe drücken noch schwerer ! - Du kennst meine Verfassung ; kann ich ihm wohl nacheilen ? - Kann ich eine Familie verlassen , deren einzige Hoffnung ich noch bin ? - O die Liebe ist allgewaltig ! - Ja , ich kann_es , ich will_es , ich muß , ich werde ihm nacheilen ! - Stirbt der Verwundete , dann hält mich nichts mehr auf ! - Um meinetwillen ist er flüchtig ! - Um meinetwillen irrt er jetzt in der Welt herum ! - Mir kommt es zu , ihn zu trösten , seinen Jammer zu lindern ! - Er soll mich wiedersehen , es ist mir Pflicht , einem Geliebten zu folgen , der ohne mich dahinwelken würde !!! - Fanny. N. S. Lies beigeschloßenen Brief vom armen Karl ! - Weib , meiner Seele ! - Du einzige Geliebte meines Herzens ! - Mäßige um Gottes Willen deinen Kummer , trockene deine Tränen ! - Erhalte deinem armen Karl eine Gattin , die vor den Augen Gottes mit ihm vermählt ist ! Schrecklich ist zwar unser Schicksal , daß wir entbehren müssen die Seligkeiten eines Umgangs , der uns beide so himmlisch entzückte ! - - Noch fühle ich die Wärme deines Busens , wenn er an den meinigen gelehnt mir Glückseligkeit zuklopfte ! - Sie sind verschwunden diese Stunden der grenzenlosesten Glückseligkeit ! - O meine Fanny ! - Wann wird dein armer Flüchtling Dich wiedersehen ? - Wann wird er Dich wieder an dies Herz drücken können ? - Ha ! - Ich bin ein Elender ! - Noch rauchen meine Hände vom Blut ! - Noch höre ich den totblassen Gegner zu meinen Füßen röcheln ! - Weh mir ! - Ich wurde unschuldig zum Mörder ! - Daß doch der unglückselige Verleumder mein Temperament reizen mußte ! - Daß er Dich Engel so schändlich beleidigen mußte ! - Nur ein Bösewicht oder ein Nebenbuhler kann die Ehre eines rechtschaffenen Mädchens so teuflisch verdächtig machen ! - Du meine Gattin , mein Stolz , mein Alles , Dich hätte ich sollen so erniedrigen lassen ? - O bei Gott ! die bloße Erinnerung glüht mir wieder durch alle Adern ! Sei mir willkommen Verbannung ! - Sei mir willkommen ! - Ich dulde dich gerne , um meiner Gattin Willen , die mir auch ins Elend folgen wird ! - Willst Du ? - Willst Du Edle , einem Gatten folgen , der ohne Dich nicht weiter an dieses Leben gefesselt sein will ? - Ich kenne Dich , göttliches Mädchen ! Liebe ist die einzige Triebfeder deiner Seele ! - Du kannst deinen Karl nicht elend machen ! Wenn diese Hoffnung mich Unglücklichen nicht belebte , - ich würde mein Schicksal verfluchen ! - Laß mich bald wissen , Teure , ob Du mir folgst , oder ob ich wieder zurückkehren darf in deine Arme ? - Gott ! wie schrecklich ist es , wenn lebhafte Menschen auf solche entscheidende Nachrichten harren ! - Dein unglücklicher , ewig Dich liebender Karl ***. - 137. Brief . An Fanny CXXXVII. Brief An Fanny Arme Freundin ! - Entsetzen überfiel mich bei der Nachricht deines Unglücks ! - Gott ! - Wenn Dich nur deine Leidenschaft zu keinem übereilten Schritte verleitet ! - Wenn Du nur nicht etwa unbesonnener Weise den Armen deiner Familie entfliehst , ohne wenigstens deinen guten Bruder zum Vertrauten gemacht zu haben ! - So jung er ist - so ist er doch Mann , und wird Dir und deinem Karl Gutes raten . - Hat dieser Brief das Glück Dich noch anzutreffen , o dann beschwöre ich Dich bei meiner Liebe , überlege alles wohl zum voraus ! - Karl liebt Dich zu feurig , um in der Hitze jener Überlegung fähig zu sein , die für euch beide so nötig ist . - Ist denn eine kurze Entfernung nicht leichter zu ertragen , als eine Reihe Jahre voll Dürftigkeit , die ein unüberlegter Schritt euch zuziehen könnte ? - Sei vernünftig , meine Liebe ! - Überlaße Dich keinem Taumel , der Dir Reue bringen könnte . - Freundin ! - Ich muß Dir in diesem Augenblick hart scheinen ! - Aber ich bin es nicht ! so wahr Gott lebt , ich bin es nicht ! - Liebt euch , ihr Edlen ! Liebt euch auf immer ! - Aber baut eure Liebe auf Aussichten für eure künftige Ruhe . - Dein Karl soll auch nur der geringsten Einkünften gewiß sein - dann folge ihm . - Aber beide als Flüchtlinge herumirren , sich jedem Zufall Preis geben , die schrecklichsten Folgen der Armut ertragen ; wolltest Du das ? - Könntest Du das ? - Kaum kann ich deine Antwort abwarten , so sehr jammert mich dein Zustand ! - Reiße mich so geschwind als möglich aus dieser angstvollen Ungewißheit ! - Von einer sehr beschwerlichen Reise abgemattet , kam ich vor einigen Tagen in W... an . - Direktor N. ... und sein Weibchen sind herzgute Leute , aber in sehr mißlichen Umständen . - Der gute Mann hat es mit einem äußerst undankbaren Publikum zu tun , das seine Verdienste nicht zu schätzen weiß . - Er besitzt als rechtschaffener Mann nicht die einträgliche Gabe in Vorzimmern herumzukriechen und dem hiesigen Adel den Staub von den Füßen zu lecken . - Wenn der Künstler sich zu so einem Geschäft erniedrigen könnte , wo bliebe denn der Wert seiner Kunst ? - Die Mätresse aus Kabale und Liebe wurde von mir zur Debut-Rolle gewählt . - Noch keine Rolle kostete mich so viel Kopfanstrengung , um den feinen , feurigen Sinn eines Schillers zu studieren , als diese . - Aber auch noch keine Rolle spielte ich mit so vielem Vergnügen . - Selbst das Publikum empfing mich mit weit größerem Enthusiasmus als sonst in anderen Rollen . - Im großen Monolog , wo Lady dem Ferdinand ihr Schicksal erzählt , gab ich mir alle Mühe die Situationen mit gehöriger Abwechslung zu malen . - Du kennst das Stück - und sagtest mir selbst schon , daß eben dieser schöne , lebhafte Monolog von so vielen Schauspielerinnen kaltblütig geradebrecht und eintönig , sinnlos dahergeraunt würde . - Dieses Vorwurfes glaubte ich mich schuldig gemacht zu haben , bis Direktor N. ... mit der feurigsten Entzückung eines Künstlers mir aus den Kulissen lauten Beifall zurief ! - Immer genug für einen Direktor , - die sonst aus Eigennutz nimmer gewohnt sind ihren Untergebenen Zufriedenheit merken zu lassen ! - Die Aufmunterung dieses kenntnisvollen Mannes war mir mehr Belohnung , als der Schall eines Publikums , dessen Triebfedern oft nicht die richtigsten sind . - Schade , daß der brave N. ... in keinen besseren Umständen ist , die mir für fernere Aussichten bürgten ; nie würde ich diese Gesellschaft verlassen ! - Die Notwendigkeit zwang mich in dieser Rücksicht an den Direktor K. ... nach St. ... zu schreiben . - Von seiner Antwort hängt nun das künftige Schicksal deiner Freundin ab. - Amalie. 138. Brief . An Amalie CXXXVIII. Brief An Amalie Meine Freundin ! - Wie doch der gefühlvolle Mensch in seinen leidenschaftlichen Augenblicken so hoffnungslos lärmen kann ! - Der Gram zeigt ihm in seiner Begeisterung den Abgrund schon offen , noch ehe er sich geöffnet hat . - Aber auch nur liebende Menschen sind im Unglück zaghafter als andere , weil diese Hauptleidenschaft die geschwindeste und stärkste Zerrüttung in ihrem Gehirne anrichtet ! - So ging es gerade mir . Ich bin eine von jenen Schwachen , die sich immer das Ärgste träumen ! - Wo bleibt doch mein Zutrauen in die Vorsehung ? - Vergib mir , gutes Weibchen , wenn ich Dich durch meinen letzteren Brief zu sehr ängstigte ! - Das Unglück kam zu überraschend , um mir jene Fassung zu lassen , deren ich bedurft hätte . - Doch dir , o Menschenbeherrscher , sei es gedankt , daß du mir mit meinem Karl auch meine Ruhe wieder schenktest ! - Der Verwundete starb nicht ; die Sache blieb geheim ; und mein einziger , bester Karl wird in wenig Tagen wieder in meine Arme fliegen ! - Feurig will ich ihn dann an mein Herz drücken und aufrufen : Ich habe dich wieder !!! - Ich habe dich wieder ! - Diese wenige Wochen seiner Abwesenheit dünkten mir eine schrecklich lange Ewigkeit zu sein ! - So sehr bin ich an den Umgang dieses Lieblings gewöhnt , daß es mir eine Unmöglichkeit scheint ihn jemals entbehren zu können . - Wie kann es doch Eheleute geben , die einander zur Last werden können ? - Eine Verbindung , die auf gutes Herz , Rechtschaffenheit , Vernunft und wahre harmonische Denkungsart gegründet ist , hat ja keine Flitterwochen . - Wie können die Reize eines denkenden Mannes in den Augen eines denkenden Weibes ihre Neuheit verlieren , wenn eben dieser Mann durch tausend häusliche Gefälligkeiten , durch sein gutes Herz , durch seine Nachsicht diese Reize alle Augenblicke auszudehnen und zu erneuern weiß ? - Die Empfindsamkeit eines denkenden Weibchens muß dann aus Dankbarkeit gegen ihren Gatten auf die nämliche Weise handeln . - Ketten sich denn nicht solche Herzen mit der seligsten Zufriedenheit immer mehr und mehr zusammen ? - Selbst das Sinnliche unter zwei denkenden Eheleuten verliert seine Neuheit nicht , weil Denken seinen Gebrauch zu verfeinern weiß . - Es gab eine Zeit , wo mir eheliche Glückseligkeit unbegreiflich war ; wo ich bloß nach dem Beweis so vieler missratenen Ehen urteilte ; wo mir diese Sprache Romanansprache dünkte . - Aber nun bin ich anders überzeugt , und werde von nun an jedem denkenden Mädchen zurufen : Suche dir einen Gatten , der mit dir empfindet , der der Widerhall deines Herzens ist , und der dich verstehet ! - Bald , meine Amalie , hoffe ich mit meinem Karl auch vor der Welt vereinigt zu werden . - Stößt dir dann einstens wieder ein guter Junge auf , o so folge doch meinem Beispiel ! - Ist es möglich ! - Also auch der gute Direktor N. ... erlebt in dem traurigen W... das Schicksal so vieler Künstler ? - Pfui der Schande , daß Dürftigkeit und Verfolgung gemeiniglich Belohnung der besten Talenten ist ! - Aber der Adel muß sich selbst zuerst auszeichnender aus der Dummheit herausschwingen , wenn er Verdienste will zu schätzen wissen . - Nicht wahr , Amalie , Du meldest mir doch bald , wo Du Dich hinzuwenden gedenkest , und glaubst mich doch immer Deine unveränderliche Freundin Fanny . 139. Brief . An Fanny CXXXIX. Brief An Fanny Dein letzter Brief hat mich wieder ganz beruhigt , und ich kann Dir jetzt mit aufgeweckterem Kopfe von meinem künftigen Schicksal sprechen . - Dann magst Du dieses Schicksal an der Seite deines Karls durchdenken , durchlesen , und mir sagen , was Du davon hältst ! - Gib indessen deinem Karl ein recht warmes Mäulchen für mich , Du liebe Schwärmerin , wenn Du ihn wieder an deiner Seite hast ! - Und nun höre ! - Mein guter Direktor N... steht völlig auf der Neige . - Zum Glücke bieten sich mir gerade zu rechter Zeit Aussichten in St... an , die zwar mit einigen Bitterkeiten verbunden sind ; aber da mir wohl keine andere übrig bleiben , so muß ich sie wohl annehmen . - Daß nun diese Aussichten nach meinem Wünsche ausfallen werden - glaube ich schwerlich ; denn die Briefe dortigen Direktors K. ... beweisen mir gerade das Gegenteil . - Erstlich räsonniert Herr K. ... erzgrob gegen ein Frauenzimmer in seinen Briefen ; er scheint mir daher besser zum Stallknecht als zum Direktor zu taugen . - Zweitens dünkt er mir ein eigennütziger Dummkopf zu sein , der so wie viele andere die Sinnlichkeit des Publikums zu befriedigen sucht . - " Madame , wenn Sie nicht recht gut gewachsen sind , so kommen Sie ja nicht zum Debüt ! " - So lauten die Worte dieses Grobians - der sich schon zum voraus als Oberaufseher eines Lustnimphen-Chors zeigt . - Wäre in meiner Lage guter Rat nicht so teuer , ich würde mich nie zu diesem Niederträchtigen begeben haben . - So viel Misstrauen er auch immer in mein Talent setzt , so kümmert mich doch sein Gewäsche nicht im geringsten , und ich wage es kühn auf den bloßen Debüt nach St. ... zu reisen . - Gefalle ich dem Publikum , so bin ich angeworben ; gefalle ich ihm nicht , so verliert der Direktor die Reisekosten und ich meine weitere Aussicht . - So weit ginge nun meine Entschließung , die Du nach beiliegendem Brief selbst billigen wirst , der mir von dem guten unglücklichen N. ... geschrieben wurde . - - Mein künftiges Glück hängt nun vom Zufall ab ; willst Du für mich indessen ein Paar hohle Seufzer zur Göttin Thalia schicken , damit sie die Laune des Publikums zu meinem Vorteil stimmt , so magst Du es immer tun . - Ob deine Seufzer erhört worden oder nicht , sollst Du im nächsten Briefe erfahren . - Bei meiner Ankunft schreibe ich Dir gleich . - Übrigens bin ich wie allezeit dein ergebenes , aufrichtiges Malchen . Beilage zum vorhergehenden Briefe . Madame ! - Wie leid tut es mir , Ihre Theater-Verdienste nicht fernerhin nach meinem Willen belohnen zu können ! - Es schmerzt mich unendlich , eine so würdige Schauspielerin entlassen zu müssen . Sie kennen meine Achtung für Ihre Denkungsart und Talente . - Bedauern Sie die elende Verfassung eines Mannes , der sich alle nur mögliche Mühe gab , seine Gesellschaft nicht eingehen zu lassen , und dem seines Fleißes ungeachtet jede Hoffnung einer künftigen Aussicht fehlschlug . - In verschiedenen Städten ist mir die Erlaubnis zu spielen nicht erteilt worden . - Bin ich nun nicht zu der Aufhebung meiner Gesellschaft gezwungen , da ich es bei der geringen Unterstüzzung des hiesigen Adels nicht länger mehr an einem Orte aushalten kann , wo man mich mit Gewalt zu stürzen sucht ? - Die Damen trieben es so weit , daß sie zusammen schwuren , meine Bühne mit keinem Fuß mehr zu betreten . - Und warum ? - Lachen Sie nicht , Madame ! - Es herrscht in kleinen Städten unter den Damen eine gewöhnliche Seuche , die Bürgerinnen um ihres Anzuges Willen gar grimmig zu verfolgen . - Meine Frau ist die Tochter eines hiesigen Bürgers . - Seitdem Sie an meiner Seite Schauspielerin wurde , trägt sie etwas modernere Kleidung , als vorhin , die denn freilich mit geringen Kosten ihren Körper besser zieren , als der buntscheckige Putz einer solchen kleinstädtischen Mode-Äffin . - Diese boshaften Törinnen sind es , die einem ehrlichen Manne um einer Bettelei Willen den Untergang zugedacht haben ! - Hätten Sie wohl je bei adeligen Damen aus beleidigter Eitelkeit so eine kleine Handlung vermutet ? - - Wahrlich eine lobenswürdige Kultur herrscht in der Reichsstadt W. ... unter den Weibern . - - Verzeihen Sie , Madame , wenn ich nicht den Mut hatte , Ihnen Ihre Entlassung mündlich zu melden . - Ersparen Sie mir Ihren ferneren Anblick ; es würde mein Gefühl zu sehr reizen , eine Schauspielerin von Ihrer Gattung entbehren zu müssen . - Reisen Sie glücklich , von Leuten gesegnet , die Sie gewiß schätzten . - Das wünscht Ihnen meine Gattin nebst mir , der ich mit aller Hochachtung immer sein werde , Madame , Ihr ganz ergebenster Diener , N... 140. Brief . An Fanny CXL. Brief An Fanny Meine Teuerste ! - Die Gesellschaft , die ich im Postwagen bis hierher hatte , war nicht merkwürdig genug , um Dir etwas ausgezeichnetes davon sagen zu können ; also muß ich wohl bloß bei St. ... stehen bleiben . - Aber , wie ich es zum voraus vermutete , der Direktor bewies mir beim ersten Anblick die Leere seines Kopfs , und seine wichtige Miene kürzte meinen Besuch ab . - Was mag denn diesen Mann so aufgeblasen machen ? - fragte ich in einer Gesellschaft , in die ich eben eintrat . - Dann schrien die anwesenden bösen Weiber mir entgegen : " Seine Börse ist seit einiger Zeit durch die Gutherzigkeit der treuen Ehehälfte so gespickt worden , daß er nun nicht mehr nötig hat als Hanswurst mit dem hölzernen Degen Possenstreiche zu machen . - Ein reicher Kauz schoß ihm Kapitalien vor , verschrieb Leute , und gab aus Empfindsamkeit dem ganzen Theaterwesen bald ein anderes Ansehen . - Nun tragen die Schauspieler keine papiernen Manschetten mehr , wie ehe_dessen - und die Schauspielerinnen dürfen in keinen wollenen Kleidern mehr ihre Rollen aus Ärger verhunzen . - Aber wie dergleichen Leute es nun machen - ( fuhren die plauderhaften Frau Basen fort ) - wie sie es nun machen ; sobald sie ein Bisschen fliegen können , flattern sie dann wieder anderen Eroberungen entgegen . - So machte es gerade unsere Direktrise auch . - Ihr flüchtiges unbesonnenes Temperament , womit sie sogar durch übles Beispiel die Verführerin ihrer eigenen Kinder wurde , riß sie bald wieder von dem reichen Kauzen weg - und aus Zufall fiel sie dann in einer starken Erhizzung ganz ohnmächtig in die Arme eines Tänzers . - Sie sollten diesen Gecken nur erst kennen ! - Er stinkt vor Hochmut , trägt eine Eselsnase , womit er zu riechen vorgibt , daß alle Frauenzimmer in ihn verliebt sein müssen . Er soll auch dabei ziemlich brutal sein , und unsinnig über alles wizzeln , was ihm aufstößt - ob er gleichwohl der größte Dummkopf von der Welt ist . " - Die geschwätzigen Dingerchen hatten Lust mir noch mehr ins Ohr zu sagen , aber ich mußte mich entfernen , um der ganzen Gesellschaft meinen Besuch abzustatten . - Ganz natürlich wies mich die Etikette zuvorderst an die Türe der ersten Favoritin des Direktors . - Da fand ich dann ein runzliges , eingefallenes , überschminkte , gelbhäutiges Ding , das mich mit ziemlich spöttischem Nasenrümpfen empfing . - Die schwarzen buhlerischen Augen bestätigten den schlechten Ruf , den ich in einigen Ländern schon von diesem Geschöpf gehört hatte . - Bei meiner Durchreise in D. ... sagte man mir , daß sie wegen ihrer Buhlerei mit dem dortigen Landesfürsten von seiner Gemahlin , nebst der ganzen Schauspielergesellschaft , sei fortgejagt worden ; - und seither darf auch keine Schauspielergesellschaft mehr an diesem Orte spielen . - Auf der Universität E... soll ein neunzehnjähriger Jüngling in seiner letzten Stunde ihr Bildnis in Stücke zerrissen haben , weil sie ihm hinlängliches Gift mitgeteilt hatte , um ins Elysium hinüber zu segeln . - Mehrere solcher Histörchen hat man mir auf meiner Reise von ihr erzählt . - Mein Herz war schon mit Abscheu angefüllt , noch ehe ich sie sah . - Sie schwatzt recht artig von der Theaterkunst ; stellt sich aber dabei so albern , ziert sich so hochmütig , ist so verschlossen für Gefühl und Ehre , daß man sie bei der ersten Unterredung hassen muß . - Ich wette tausend gegen eins , in Koketten- und buhlerischen Rollen ist sie Meisterin . - Von da ging ich zur Madame .... ; ein Weib , die von Eigenliebe strotzt , und die ziemlich boshafte , neidische Launen haben mag . - Ihr ganzes Wesen verrät Mangel an Bildung und Erziehung . - So faul und kalt sie auch immer scheint , so hat sie demungeachtet ein ziemlich spizziges Züngelchen , ihre Nebenschauspielerinnen durchzuhecheln . - Nun führte mich mein Weg zur Mademoiselle .... , einem erzdummen Gänschen von der ersten Gattung . - Sie affektiert heuchlerisch die Tugendhafte - und soll doch ihre ganze Garderobe von ihren Anbetern erhalten haben . - Wie das zugig - das mag ich nicht untersuchen - geht mich auch nichts an . - Endlich zur Madame .... ; ein Weib , die in ihrem Betragen mehr einem Grenadier ähnelt , als einer Dame , wofür sie sich ausgibt . - Sie hatte einen französischen Windbeutel geheiratet , der sie hernach Sitzen lies . - Sie hat im Gebrauch , ziemlich von ihren Verdiensten zu schwadronieren - räsonniert von der Schauspielkunst wie eine blinde Kuh - zeigt ihre Garderobe jedem der sie besucht - ist falsch - verleumderisch , pöbelhaft - und affektiert die Vielwisserin . - Von den übrigen Frauenzimmern weiß ich nichts zu sagen - weil ich keine weiter besuchte . - In einigen Wochen soll ich debütieren ; bis dorthin bekomme ich Anlaß mehrere Beobachtungen zu machen . Unterdessen verbleibe ich deine Dich auf das zärtlichste liebende Freundin Amalie . 141. Brief . An Fanny CXLI. Brief An Fanny Diesmal , liebes Mädchen , läßt Du mich gar zu lange auf Nachrichten warten ! - Was mag wohl die Ursache sein ? - Ist etwa Dir oder deinem Liebling wieder ein neues Unglück zugestoßen ? - Nicht doch ! - dann hätte ich ja schon Briefe ! - Unglückliche Botschaften laufen geschwinder als andere ; - und diese Grille soll mich nun nicht in meinen ferneren Beobachtungen stören . - Jetzt kann ich Dir , meine Liebe , die Theater-Talenten der ganzen hiesigen Gesellschaft schildern . Ich habe sie schon alle spielen gesehen , und Madame K. ... soll mir zum Anfang dienen . - Aus direktrisischer Eitelkeit spielt diese Frau alle Rollen , die ihr gefallen , sie mögen ihr passen oder nicht . - Ihr eigentliches Fach wäre naive Mädchen und Soubretten . - Bliebe sie dabei , so könnte ihr kein Kenner seinen Beifall versagen , den er ihr unstreitig in Trauerspiel-Heldinnen versagen muß . - Sie besitzt weder Brust , noch Kraft , noch Organen zu einer feurigen Trauerspiel-Heldin . - Selten errät sie den Sinn des Dichters , und noch seltener die Natur einer Situation . - Alle Rollen von dieser Art werden von ihr durchgeheult , durchgeschluchzt , und durchgrimassiert . - Man möchte bei ihrem unausstehlichen Geraunz , womit sie vom Anfange bis zum Ende die Ohren der Zuschauer martert , davon laufen . - Diese Einförmigkeit der Deklamation beweist , daß sie solche Rollen ohne Kenntnis spielt . - Ihr Bisschen Gefühl , das nur von Zeit zu Zeit hervorblickt , liegt in dem Bau ihrer Nerven , und ihr Herz kann unmöglich Teil daran haben , sonst wäre sie nicht aufgelegt , in der Zwischenzeit hinter den Kulissen die ausgelassensten Scheckereien zu treiben . - Eine enthusiastische Schauspielerin , die mit gerührtem Herzen spielt - und deren Seele Anteil an dem Spiel nimmt , kann da , wo die Leidenschaften in der feurigsten Gehrung sind , keiner entgegengesetzten Zerstreuungen fähig sein - sonst ist sie nicht gute Schauspielerin - aber wohl eine bezahlte Komödiantin , die dem Publikum Scheingefühl auftischt . - Genug hiervon ! - Nun zur Madame E... , die sich ebenmäßig von einer unerhörten Rollenwut beherrschen läßt , da sie doch den wenigsten gewachsen ist . - Das muß man ihr indessen nachsagen : sie spielt ihre Koketten mit einer Gewißheit , mit einer Übung , mit einer Frechheit , mit einer kalten Fühllosigkeit , mit einer verschmitzten Bosheit , mit einem heuchlerischen Eigennutz , mit einer künstlichen Eroberungs-Sucht , mit einem gebrandmarkten Herzen , so gut als man es nur von der Natur eines solchen Charakters fordern kann . - Auch einige karakterisirte Konversations-Rollen geraten ihr . Besonders wenn Verstellung , Stolz , oder Neid darinnen liegt . - Hingegen verhunzt sie in allen gutartigen Rollen jede einzelne Stelle , die Gefühl ausdrückt ; in Trauerspielen ist sie ganz und gar nicht zum Ansehen , noch zum Anhören . - Jede moralische Empfindung der Liebe oder Tugend wird von ihr so steif , so anteillos , so unempfunden dahergesagt , daß es Jammer und Schade für die gefühlvollen Arbeiten eines Autors ist , wenn sie in ihre Hände fallen . - Ihre Deklamation in Trauerspielen besteht aus hunderterlei singenden Misstönen , wobei ihr in den Hauptaffekten das moralische Gefühl und ihre schwache Brust jeden Dienst zur richtigen Vorstellung versagen . - Ich sah sie die Königin im Macbeth spielen ; aber mit solchem zusammengefrornem Herzen , mit solcher Monotonie und mit solcher unverschämten Dreistigkeit habe ich noch niemals eine Königin spielen gesehen . - Bei dem Auftritt , wo die Gewissensbisse die Königin unruhig umhertreiben ; wo sie mit der Todesangst kämpfend in das schon halb angebrannte Zimmer stürzt und zu dem Allmächtigen um Barmherzigkeit fleht - kam Madame E... ganz flegmatisch hereingeschlichen , beugte ihre Knie sehr gemächlich zur Erde , hob ein halb lächelndes Gebet an , gerade so eiskalt , so zuversichtlich , so hochmütig , wie eine unverschämte Kokette , die am Rande des Grabes sich noch in den Himmel hineinzubuhlen sucht . - Habe ich Dir nicht schon einmal gesagt , daß der sittliche Wandel bei einer Schauspielerin für den Kenner auf der Bühne in entgegengesetzten Rollen äußerst hervorsticht ? - Hier hast Du nun den wahren Beweis an dieser Madame E. ... - Jetzt also weiter zur Madame P... , einem langen hagern Bilde von einem Weibe , - die , ihrer Figur nach , wohl Mütter und ansehnliche Frauen spielen könnte , wenn ihre träge Seele nicht an der Schlafsucht kränkelte . - Sie ist in ihren gefühlvollen Rollen noch weit weniger als eintönig , weil ihr das natürliche Flegma und die so sehr angewöhnte Faulheit kaum erlaubt , für den Zuschauer vernehmliche Worte über die Zunge zu stoßen . - Nicht einmal den doch sonst gewöhnlichen Handwerks-Eifer besitzt sie , ihre Rollen gut zu memorieren . - Würden dann von ihr die Rollen auch noch so unsinnig deklamiert , so wäre es doch weit erträglicher zu hören , als jener schleppende Ton , womit sie jede Silbe Ellen lang ausdehnet . - Sie versteht weder Pausen , noch weniger einen Übergang der Leidenschaften im hohen Tragischen . - Komische Rollen könnten ihr noch besser gelingen , wenn sie nicht eitel und eigensinnig genug wäre , sich vollkommen zu glauben . - Es ist mir unbegreiflich , wie das Weib so ganz ohne das mindeste Feuer die interessantesten , leidenschaftlichsten Strophen überhüpfen kann ; - eben so wenig als ich begreife , wie der Direktor der Mademoiselle S. ... nur die geringste Rollen anvertrauen mag . - Ein Mädchen , die kein richtiges Wort deutsch spricht , die keine Silbe ohne Anstoß lesen kann - untersteht sich Liebhaberinnen und Kammermädchen zu spielen ! - Die ist , weiß Gott , in den Augen eines jeden unparteiischen Kenners gewiß nur das , was das Null bei den Zahlen ist . - Freilich weiß sie sich ein Bisschen zu putzen , ist jung , hat einen vollen Busen ! - Genug ! - wird der Direktor denken , um die Stuzzer ins Theater zu locken . - Nun kommt die Reihe an Madame Mü .... , die eigentlich nur Tänzerin ist , - welcher aber doch zuweilen die Lust ankommt , dem Publikum auf ein Vierteljahr lang Ekel einzujagen . - Sie will Soubretten spielen ; kleidet sich in kurze Rökke , wie eine Kolombine ; spricht bayerisch bis zum Übelwerden , und treibt auf der Bühne so pöbelhafte Streiche , wie ein wahres ausgeschämtes Alltags-Mensch . - Letzthin hätte sie das unwillige Publikum bald in der Rolle der Barbara , in dem Stücke : Glück bessert Torheit , mit Pfeifen zu Hause geschickt . - Ferner darf ich auch die andere Tänzerin , Madame Ma... , nicht vergessen ; sie ist eine gute Tänzerin - aber eine blutschlechte Schauspielerin . Ob sie gleichwohl die Raserei besitzt , um Rollen zu buhlen . - Ihr männliches Wesen , ihre Baßstimme , die mit widrigen , durch die Nase laufenden Tönen bis zur Abscheulichkeit akkompagniert wird - machen aus ihr in jeder ernsthaften Rolle die lächerlichste Karikatur . - Endlich ist noch da Madame F. ... , welche nur spielen muß , was die anderen nicht spielen wollen - und folglich keiner Forderung entsprechen kann . - Hier hast Du nun die leibhafte Schilderung unserer Schauspielerinnen . - Da ich diesen Stand bald zu verlassen gedenke , so kann sie an keine Parteilichkeit grenzen - und ich getraue mir , sie vor jedem Theater-Kenner zu verteidigen . - Deine Amalie . 142. Brief . An Amalie CXLII. Brief An Amalie Beruhige Dich , Teuerste , es ist weder Karln noch mir ein Unglück zugestoßen ; - ich bin ihm mit meinem Bruder entgegen gefahren ; dies war die Ursache meines Stillschweigens . - Nun ist er wieder an meiner Seite , der edle Jüngling ! - Denke Dir die Seligkeiten unserer Wiedervereinigung ; fühle sie , Malchen - denn beschreiben kann ich sie nicht ! - Doch jetzt zur Beantwortung deiner Briefe : - Ist es möglich , meine Liebste , daß man den ehrlichen Direktor N... , dessen Verdienste bekannt sind , daß man diesem Biedermann in W... so begegnen konnte ? - Daß doch in der Welt so viel Unheil bloß von den Weibern herrühren muß ! - Besonders in kleinen Städten treiben sie jede lasterhafte Torheit , um ihre Nebenmenschen zu unterdrücken . Wie gerne hätte ich Dich länger unter der Führung dieses gutgesinnten Direktors gesehen , wenn es das Schicksal gewollt hätte ! - Direktor K... ist gewiß der Mann nicht , der Dich wird zu schätzen wissen . - Er hat samt seiner Gesellschaft einen sehr üblen Ruf , spielte ehe_dessen in österreichischen Landen in hölzernen Buden , gab Zoten-Stücke , Hanswurstiaden , und überhaupt niedriges Possenspiel . Der größte Beweis seines unmoralischen Charakters ist die Duldung , womit er seinem Weibe alle Zügellosigkeiten erlaubt - und anderen verschrienen Schauspielern Brot gibt . - E... , samt ihrer luderlichen Schwester B... , sind schon wegen ihrer niederträchtigen Aufführung in einer öffentlichen Monatschrift hinlänglich geschildert . - Es sind Kreaturen , an denen jede Besserung verloren ist , - folglich auch nicht der Mühe wert , daß wir uns länger mit ihnen aufhalten . - Daß Madame K... bloß für naive Mädchen- und Soubretten-Rollen gemacht ist , bestätigen mehrere gedruckte Theater-Rezensionen ; folglich ist dein Urteil unparteiisch und richtig . - Glaube_es wohl , meine teuerste Amalie ! - Glaube_es wohl ! - daß Madame E... ihre Koketten-Rollen unverbesserlich spielt . - Geübte Laster können ihre Natur nicht verleugnen . - Madame P... war von jeher auf der Schaubühne eine Erz-Schleicherin , und noch nirgends gefiel sie . Von der S... spreche ich gar nichts - weil es mich nicht der Mühe wert dünkt ; - die ist unter der Kritik : schrieb mir letzthin ein Gelehrter aus St. ... ! Madame M... spielte doch sonst noch nicht viel . Als sie in M... war , sah man sie bloß tanzen ! - Wie kömmts , daß sie ihre Unwissenheit erst jetzt zu Markte trägt ? - Ist_es Brotmangel - oder Eitelkeit ? - Auch Madame M... dürfte mit dem Ruhm , den sie als gute Tänzerin hat , zufrieden sein , und sich nicht zum Gespötte machen . - Alle Schuld dieser Unordnung liegt indessen bloß am Direktor . - Wäre er ein Mann , der die Wichtigkeit der Schauspielkunst verstünde , so würden es diese Weiber wohl bleiben lassen , ihre Nasen in Dinge zu stecken , die außer ihrer Bestimmung sind . - Ich kann die Gelassenheit des Publikums nicht genug bewundern , das sich um sein Geld so gerne äffen läßt . - Kaum kann ich den Augenblick deines Debüts erwarten ! - Schreibe mir ja gleich , so bald sich dein Schicksal entschieden hat . - Eben kommt mein Karl dahergestürmt ! - Verzeihe , Amalie , wenn ich aus den Armen der Freundschaft in die Arme der Liebe eile . - Deine Fanny . 143. Brief . An Fanny CXLIII. Brief An Fanny Sei munter , meine Liebe ! - Sei munter ! Mein Debüt ist mir gelungen , ich habe dem Publikum gefallen , und bin nun förmlich angeworben ! - In wenig Tagen reist die ganze Gesellschaft nach U... Indessen soll mich das doch nicht abhalten , Dir auch die Theater-Talenten unserer Mannsleute zu schildern . - Der Direktor spielt selten , und tut dabei recht wohl , weil ihm der Hanswurst noch leibhaftig aus den Augen sieht . - Herr H. ... hingegen spielt alle ersten Rollen ; aber ... das Gott erbarm ! - so äußerst schlecht , als man es nur von einem Tänzer fordern kann , der sein Talent in den Füßen und nicht im Kopfe stecken hat . - Die Leute sagen zwar , daß die Direktrise es so haben will ; daß sie ihm so gar erste Liebhaber-Rollen aufdringt . - Warum ? - Vermutlich weil ihr an seiner Seite die ersten Liebhaberinnen am besten gelingen . - Es kam mir selbst wunderlich vor , daß Tänzer H... bei dieser Gesellschaft zum ersten Liebhaber ist erhöht worden . - Aber warum soll ich ihm denn die Freude nicht gönnen , sich bewundern zu lassen , jede Rolle zu affektieren , zu kastrieren oder gar zu verhunzen ? - Er verfehlt freilich den Weg zur lieben Natur , spricht kein einziges Wort , welches nicht aus seinem Mund gestottert , herausgeplatzt , oder gepredigt kommt . - Aber was tut das zur Sache ? - So überspannt , affektiert sein Spiel auch immer ist , so besitzt der Bursche doch gut gewachsene Knochen , mit denen die Frau Direktrise aus Eitelkeit vor dem Publikum Wind macht . - Zuweilen wandelt dem Helden so gar die Lust an , seine Gebärden für Anstand auszuschreien , was doch weiter nichts als Tänzer-Posituren und Verdrehungen des Körpers sind . - Sein eingebogener Rücken sieht einem krummgewachsenen Baume ähnlich , der seiner Seltenheit wegen Jedermann zur Bewunderung einladet . - Wenn doch der geschraubte Gecke in seinem Wesen nur der Natur den Lauf ließe , er würde wahrlich unter den Damen weit mehr Eroberungen machen , worauf er es eigentlich zum Leidwesen seiner ersten Liebhaberin anträgt . - Nun kommt Herr P. ... zum Vorschein ; - ein ganz artiger junger Mann , der ehe_dessen auch das Glück genoß , sich nach Gutdünken und mit Bewilligung der gutherzigen Frau Direktrise Rollen zu wählen , aber nun , seitdem Ritter H... zum Vorschein kam , mit lauter Nebenrollen vorlieb nehmen muß . Sein Theater-Talent ist nicht uneben : Obgleich ein Bisschen leichtsinnig im Memorieren , besitzt er dennoch die Kunst , seine Liebhaber-Rollen mit einem sanftschleichenden Wesen vorzustellen . Zu Affekt-Rollen ist seine Brust zu schwach . - Dann haben wir noch einen gewissen H... n ; - auch ein junger Schauspieler , der sehr schmelzende Organen hat ; - nur fehlt es ihm an gehöriger guter Anleitung , besserer Rollen-Einsicht , mehrerem Feuer und Dreistigkeit , sonst könnte er einstens ein braver Schauspieler werden . Auch Herr R. ... spielt bisweilen beim hiesigen Theater einige Liebhaber-Rollen , hat Anstand , Theaterspiel , aber zu viel singende Töne in seiner Deklamation , besonders im Tragischen . - Wenn er sich daran gewöhnte , im Sprechen die Zähne besser von einander zu tun , dann würde seine Aussprache männlicher ausfallen , und in seinen Helden-Rollen nicht den süßen , tändelnden Stuzzer verraten . - Diesem Schauspieler wünsche ich zu seinen Kenntnissen mehrere Vollkommenheit der Stimme . - Endlich zum Hauptschauspieler , Herrn N. ... , der bei uns alle ersten Väter-Rollen spielt , aber auch dabei seine Eigenliebe nicht um eine Welt hingäbe . - Ein wahrer Jesuitischer Starrkopf , der weit größere Einbildung als Talente besitzt . - Wahr ist_es , er memoriert gut - hat Enthusiasmus für die Kunst , erreicht zuweilen durch diese enthusiastische Eitelkeit das gehörige Feuer in gewissen Rollen , aber übertreibt es dabei in seinen Gradationen bis zur äußersten Raserei einer um Beifall bettelnden Eigenliebe . - Sein Fleiß könnte ihn zum guten Schauspieler machen , wenn in ihm nicht schon vom Jesuiten-Gift alle gute Gefühle ekstikt worden wären . - Anstand - Erziehung - Weltton fehlen ihm durchaus . Der gute verunglückte Bonze verläßt sich zu sehr auf den Beifall des Publikums , welches hier daran gewöhnt ist , ausgezeichnete Stellen zu beklatschen , sie mögen auch noch so übertrieben vorgestellt werden . - Möchte Herr N... sich auf bürgerliche Rollen legen - sie würden ihm weit besser gelingen , als erhabene Rollen , die mit Würde müssen vorgestellt werden , - wozu sein Körper gar nicht gebaut ist . - Das Wort Jesuit , mag Dir von seinem moralischen Charakter einen Begriff geben . - Er folgt ihrem Beispiel getreulich ; - macht heimliche Intriken ; übt im Stillen Verfolgungen und Bosheiten aus ; unterdrückt die Nebenschauspieler ; - reißt ihnen mit heuchlerischer Miene den Bissen Brot aus dem Munde ; schmiedet Kabalen ; kriecht wie ein Wurm vor der Direktrise ; schmiegt sich bei Grobheiten - und drückt Jeden , der seiner Eitelkeit nicht schmeichelt , im Stillen den Dolch ins Herz ; - hingegen zittert der Feige , wie jeder Bösewicht , wenn ihm der ehrliche Mann kühn die Stirn bietet . - So viel hat man mir von ihm erzählt , und so viel habe ich auch selbst an ihm bemerkt . - Nun endlich zu den Bedienten-Rollen , wovon Herr K... die ersten bei uns über sich hat ! - Ein Schauspieler , der keine einzige Rolle ohne Kenntnis spielt ; - Nur wünschte ich , daß er nicht zuweilen zu stark der komischen Laune des Publikums folgte , und in einigen seiner Rollen nicht zu sehr ins Niedrig-Komische fiele . - Auch das Komische hat seine Schranken , wenn wir es von den Hanswurst-Zeiten entfernen wollen . - Die Rollen-Einsicht dieses aufgeklärten Schauspielers ersetzt ihm hinlänglich den Fehler seiner heiseren Stimme . - Er weiß durch Nachdruck der Worte und Gestikulation den Zuschauer für diesen Naturfehler schadlos zu halten . - Herr K... r spielt die letzten Bedienten-Rollen , von deren Unwichtigkeit sich gar nichts sagen läßt . - Diejenigen , die bei uns Nebenrollen spielen , will ich gar nicht berühren . - So bald ich in U. ... anlange , erhältst Du nähere Nachricht von Deiner Amalie. 144. Brief . An Fanny CXLIV. Brief An Fanny Endlich , meine Beste , bin in hier in U... , und danke dem Himmel , daß eine Reise ihr Ende erreicht hat , wobei mein Herz so vieles dulden mußte . - Die sauren Gesichter , die neidischen Blicke , die spöttischen Anmerkungen , das kalte , herzlose Betragen , womit die Schauspieler auf dieser Reise einander begegneten , kränkten mein neidloses Herz unendlich . - Gott ! - Das müssen schrecklich böse Menschen sein ! - dachte ich traurig in einer Ecke des Zimmers , indem eine verborgene Träne ahnungsvoll über meine Wange rollte ! - Seit ich St... verlies , ist mir ohnehin Schwermut eigen . - Ein junger Mann , der viel Übereinstimmendes mit mir zu haben schien , stürmte vor meiner Abreise mit aller Macht einer enthusiastischen Empfindsamkeit auf mein Herz los ! - Die Kürze seiner Bekanntschaft entzog mir die Gelegenheit ihn näher kennen zu lernen ; doch zog er meine Aufmerksamkeit auf sich , und wußte auch durch eine feurige , begeisterte Unterredung mein Mitleiden rege zu machen . - Mit einem äußerst warmen Gefühl , das mir unverfälscht schien , verfluchte er an meiner Seite die Untreue seiner vorigen Geliebten . - Das Feuer , womit er ihr in Stücke zerrissenes Bildnis in ein vorbeifließendes Wasser warf , - die Träne , die ihm das erlittene Unrecht entlockte - schienen mir heilige Beweise seines zur Liebe geschaffenen Herzens zu sein . - Stoff genug für mein leeres Herz , um sich in die Zukunft Hoffnungen zu schaffen , die mich vielleicht täuschen werden ! - So sehr er mir auch durch seinen fleißigen Briefwechsel das Gegenteil beweist ! - Lies inliegende Beilage von ihm , und dann urteile ! - Gott ! - wenn es nur ein brausendes , vorübereilendes Feuer wäre ! - Wenn sein Gefühl nicht anhielte , und ich dann mein Herz an ihn gekettet hätte , so fest gekettet hätte , daß es im Wegreißen eine blutige Wunde bekäme , so bald er keiner echten Liebe fähig wäre ! - Ich darf diesen Gedanken nicht nähren . - Mein Herz kann die abscheuliche Leere nicht länger ertragen ; es ist wieder reif zur Liebe ; - und doch zittere ich bei dieser Wahl , ohne zu wissen , warum ? -- Er scheint jetzt seine ganze Glückseligkeit bloß in mich zu setzen ! - Er schreibt mir mit einer Entzückung , die jedem Frauenzimmer schmeicheln würde , wenn ihr Herz auch minder gefühlvoll als das meinige wäre ! - Seine Liebe scheint uneigennüzzig , weil er sie auch entfernt von mir mit vieler Lebhaftigkeit unterhält ! - Ob sie aber auch standhaft ist , diese Liebe ? - Ob seine flüchtige Seele jener Größe fähig ist , der ich bedarf ? - Das mag die Zukunft entscheiden ! - Ich muß mich wieder einmal an ein Wesen halten , das mein Herz ausfüllt ! - Wie lange suchte ich schon ein solches Wesen , und fand es nicht ? - Du bist glücklicher als ich , meine Freundin ; Du besizzest ein geprüftes Herz , das deiner würdig ist ! - Deine Stunden schleichen nicht wie die meinigen unter mürrischer Laune und Langeweile dahin . - Dein sanftes Gefühl wird durch keine stuzzerische Torheiten beunruhigt , wie das meinige . Mein Stand wird mir täglich mehr zur Last wegen den vielen Gecken , die sich mit der größten Unverschämtheit noch an jedem Orte an mich hindrängten . - O ! die Elenden kränken durch ihre Sprache der Weichlichkeit mein Ehrengefühl aufs äußerste ! - Oft , wenn ich in guter Laune bin , behandle ich sie mit Spott , aber auch oft macht mich ihre Zudringlichkeit tiefsinnig und schwermütig . Ich fühle dann die niedrigen Misshandlungen im Innersten , denen mich mein bitteres Schicksal aussetzt . - Dieses Missvergnügen ist auch ein Beweggrund , daß ich die mir angebotene Bekanntschaft zu unterhalten suche . Vielleicht rettet mich dieser junge Mann aus Liebe , oder doch aus Freundschaft und Menschenfreundlichkeit ! - Geschäfte , meine Liebste , halten mich heute ab , weitläufiger zu sein ; - ich muß also mit der alten unveränderlichen Freundschaft schließen , mit der ich immer bin Deine aufrichtigste Amalie . Beilage . Liebes Malchen ! - Du bist fort , und meine Seele ist Dir nach ! - Das mag Dir der Anblick dieses Briefes beweisen , der vor Dir in U... eintreffen wird . - Holdes , vortreffliches Weibchen ! - Wie ganz hast Du das Bild einer Ungetreuen aus meinem Herzen vertilgt ! - Wie unendlich ersezzest Du mir einen Verlust , der mich ohne Dich vielleicht noch lange martern würde ! - Heute besuchte ich jenes grüne Plätzchen auf dem bewußten Spaziergange , wo sich mein Herz Dir ganz aufschloß . Die Erinnerung riß mich von der seligsten Freude zur tiefsten Schwermut hin ! - Ich bin nun so ganz glücklich , seitdem Du mir Hoffnung machtest , einstens dein göttliches Herz ganz zu besitzen , daß ich mich vor Entzücken selbst nicht mehr kenne ! - O ! wenn mir doch mein Schicksal bald die Freude gönnte , Dich , gutes Weib , für deine ausgestandene Leiden schadlos zu halten ! wie äußerst froh wollte ich dann sein ! - Meine Lage ist noch etwas unvermögend , aber sie wird bald besser werden , um Dich , Teuerste , von meiner Liebe überzeugen zu können . - Daß ich Dich ohne sinnliche Absichten liebe , das hast Du an dem Morgen unseres Abschiedes gesehen . - Wußte ich mir nicht zu gebieten ? - Sage , habe ich Dich auch nur mit einer Miene beleidigt ? - Ehe Du ganz mein bist , will ich unser Band nicht enger knüpfen . - Aber hörst Du , ganz mußt Du mein werden ! - ganz ! - denn das ist der eigentliche Verstand einer gutartigen Liebe . - Wenn Dir etwas zustößt , oder was Dich immer für ein Schicksal treffen mag , so wende Dich an mich ; ich bin ja dein einziger bester Freund ! - Wie lange wirst Du wohl noch ausbleiben ? Doch nicht über sechs Monate ? - Schreibe mir ja recht bald , damit ich Dir wieder sagen kann , mit welcher inniger Zuneigung und grenzenloser Liebe ich bin Dein Zärtlichster Freund ***** N. S . Nicht wahr , Fanny ! der weiß ein fühlendes weibliches Herz in Gehrung zu bringen ? - Kann der wohl diesem Brief nach ein Heuchler sein ? - 145. Brief . An Amalie CXLV. Brief An Amalie Ich will heute deinen ersten Brief ganz übergehen , weil er mehr das Theater-Wesen als Dich selbst betrifft ; und mich eben deswegen bloß an den zweiten halten . - Kümmere Dich nicht , meine Amalie , über die Feindseligkeiten die unter eurer Gesellschaft herrschen . - Entferne Dich von diesen Leuten , so viel es Dir nur möglich ist ; erfülle deine Pflicht , und überlaße dann das Übrige dem Allgewaltigen . - Nun eile ich zu einem Geschäfte , das mir vielleicht deinen Unwillen zuziehen wird , wenn ich es mit der äußersten Aufrichtigkeit werde vollendet haben . - Wird sich nicht dein ganzes Herz gegen mich empören - wenn ich deine Lieblings-Idee zu stören wage ? - wenn ich aus dem mir mitgeteilten Briefe in jenem jungen Manne Züge entdecke , die mir nicht gefallen wollen ? - Traue deinem Herzen nicht so leicht wieder ; es war immer die Quelle deines Unglücks ! - Begeisterung - augenblickliche Empfindsamkeit eines Jünglings , sind noch lange nicht Festigkeit in der Liebe . - Wie kann ein denkender junger Mann , den Verlust einer Geliebten beklagen indem er um eine andere buhlt ? - Ist er von ihrer Untreue überzeugt , besitzt er Ehrenliebe , dann muß sie ganz aus seiner Seele verbannt sein ! - Ist er es nicht , - dann begeht er ein doppeltes Verbrechen : - hintergeht die erste und betrügt die zweite . - Auch kann er ihr Bildnis eben so wohl aus beleidigter Eitelkeit zerrissen haben , als aus wahrem Schmerz . - Diese rasche Handlung beweist unüberlegtes Feuer - aber deswegen noch nicht ein zur Liebe geschaffenes Herz . - Die wahre Liebe , meine Beste , zeigt sich mit mehr sanftem Gram , der untilgbar in der kranken Seele umherschleicht . - Der junge Mann scheint ein brausender , empfindlicher Kopf zu sein , der seine Neigungen wenig auf Überlegung gründet . Ich muß es sagen , denn ich bin es der Freundschaft schuldig , so schwer es mich auch ankommt . Was soll denn das Du gegen ein Frauenzimmer , mit der er noch in keiner so nahen Verbindung steht ? Ist das nicht Übereilung ? - Ist es nicht Geringschäzzung ? - Doch weiter zum ersten Absazze seines Briefs : - " Du bist fort , und meine Seele ist Dir nach ! - Das mag Dir der Anblick dieses Briefs beweisen , der noch vor Dir in U... eintreffen wird . " - Die Eilfertigkeit seines Briefs beweist weiter nichts , als eine hochgespannte Schwärmerei , die durch Abwesenheit und Langeweile gereizt wurde . - Wenn ihn auch dein Umgang zu diesem Enthusiasmus hinriß , so konnte er in so kurzer Zeit eben so wenig dein Herz kennen , als Du das seinige kanntest . - Kann man ein redliches Herz mit so vieler Unbesonnenheit hinwerfen ? - " Holdes , vortreffliches Weibchen ! - wie ganz hast Du das Bild einer Ungetreuen aus meinem Herzen vertilgt ; und wie unendlich ersezzest Du mir einen Verlust , der mich ohne Dich vielleicht noch lange martern würde ! - " Fühltest Du denn die Beleidigung dieses Satzes nicht ? - Was ? deine Vorzüge sollen nur dazu gemacht sein , ein Herz auszuflicken , das eine andere Undankbare zerriß ? - Wie kann dieser Junge solche Gleichnisse anstellen ? - " Heute besuchte ich jenes grüne Plätzchen auf dem bewußten Spaziergange , wo sich mein Herz Dir ganz aufschloß . Die Erinnerung riß mich dann wieder von der seligsten Freude zur tiefsten Schwermut hin . " - Wie kann ein zärtlicher Liebhaber über eine Liebe freudig entzückt sein , die er selbst noch auf Hoffnungen hinaussetzt ? - Der wahre leidenschaftliche Liebhaber zittert bei einer solchen Ungewißheit , und fühlt nicht eher ruhige Freude , als bis er mit seinem Mädchen vor dem Altare steht . - " O ! wenn mir doch mein Schicksal bald die Freude gönnte , Dich , gutes Weib , für deine ausgestandenen Leiden schadlos zu halten ! wie äußerst froh wollte ich dann sein ! " Dazu braucht es die Gunst des Schicksals nicht ! - besitzt der junge Herr , Kopf , Talenten , Fleiß , und liebt er Dich ohne glänzende Absichten , dann wird er auch das Schicksal zwingen können . - " Meine Lage ist noch etwas unvermögend , aber sie wird bald besser werden , um Dich , Teuerste , von meiner Liebe überzeugen zu können . " So spricht der Biedermann nicht ! - Fühlt er die Unmöglichkeit einer Verbindung , dann reizt er kein gutes Geschöpf zur Leidenschaft . Liebe , diese allmächtige Bezwingerin , muß ihm Stärke geben durchzudringen , und dann schildert er aufrichtig seine Lage und beratschlagt sich darüber mit seinem Liebchen . - " Daß ich Dich ohne sinnliche Absicht liebe , das hast Du am Morgen unseres Abschiedes gesehen . Wußte ich mir nicht zu gebieten ? - Sage , habe ich Dich auch nur mit einer Miene beleidigt ? - " So etwas ist ja die Schuldigkeit eines jeden ehrliebenden Mannes , wenn er es mit einem wohlgezogenen Frauenzimmer zu tun hat . - Folglich kein Verdienst , womit man prahlen soll . - " Ehe Du ganz mein bist , will ich unser Band nicht enger knüpfen . - Aber , hörst Du , ganz mußt Du mein werden ; das ist der eigentliche Verstand einer gutartigen Liebe . " - Und der Liebe beste Sicherheit , eheliche Verbindung . - Wenn es ihm wirklich Ernst wäre , Dich zu heiraten , dann würde er deutlicher sprechen . - " Wenn Dir etwas zustößt , oder was Dich immer für ein Schicksal treffen mag , so wende Dich an mich ; ich bin ja dein einziger bester Freund ! " - Hier blickt eine Spure gutes Herz hervor , wenn es nicht Eitelkeit ist . Und nun , meine Beste , wären das meine Gedanken über deine neue Bekanntschaft . - Schlägt dein Herz ohne Eitelkeit , ohne Verblendungssucht , bloß für mich , dann kannst Du nicht zürnen über die Aufrichtigkeit einer Freundin , die mit ungeheuchelter Wahrheit bloß für dein Wohl besorgt ist . - Fanny. 146. Brief . An Fanny CXLVI. Brief An Fanny Aber sage mir , Mädchen , wer sollte auch bei deiner beissenden Rezension gelassen bleiben können ? - Ich habe Dich ja bloß zur Ratgeberin und nicht zur Spötterin aufgefordert . - Ich dächte , Du wärest dem jungen Mann doch um meinetwegen mehr Schonung schuldig ! - Jeden übereilten Ausdruck von ihm schreibst Du auf Rechnung seines Herzens . - Klugheit und Vorsicht bei der Wahl eines Gatten , fordert die Vernunft , aber zu viel grillenhafter Verdacht ist immer die Folge eines eigensinnigen Vorurteils . Wenn wir von den Menschen gar nichts Gutes hoffen dürfen , wer würde sich wohl wünschen in einer solchen Furien-Welt zu leben ? - Unbesonnen würde ich erst alsdann handeln , wenn ich mich jetzt gleich mit ihm verbände - ohne ihn gründlicher kennen zu lernen . - Täglich werden seine Briefe häufiger und feuriger ; wenn er mir abwesend so fleißige Rechenschaft von seiner Leidenschaft gibt - so wird er doch bei meiner Ankunft nicht wanken . - Muß ich das nicht für Standhaftigkeit halten , da er freie Wahl hätte es zu unterlassen ? - Ich habe wirklich Beweise seines guten Herzens . - Die übrigen Fehler , die deine Menschenkenntnis in ihm zu entdecken glaubt , will ich jetzt in der Entfernung nicht untersuchen . - Zeit genug , wenn ich einstens wieder in seiner Vaterstadt anlange . - Alles was ich tun kann , ist , mich bei meiner Ankunft keiner zu heftigen Schwärmerei zu überlassen , wenn ich bis dorthin Veränderung in seinen Briefen entdecken sollte . - Mehr kannst Du von einem Weibchen nicht fordern , deren empfindsames Herz Du kennst . - Die wenigen Zweifel , die mir letzthin noch aufstiegen , sind nun durch seinen fleißigen Briefwechsel fast ganz in mir erloschen . Warum soll er mir die feurigste Leidenschaft und die sehnsuchtsvollste Liebe vorplaudern , wenn er flatterhaft genug wäre , in seiner Vaterstadt Befriedigung zu suchen ? - Warum soll er gegen eine Abwesende ohne den mindesten Vorteil heucheln ? - Warum soll er ein gutes Herz zur Leidenschaft reizen , wenn er Bösewicht genug sein könnte - schönere , reichere Frauenzimmer zum Verführen zu finden ? - Gehe - gehe - Fanny , einer solchen teuflischen Heuchelei ist er doch nicht fähig ! - Kennt er mich nicht aus meinen Briefen ? - Weiß er nicht , daß er es mit keinem Alltags-Geschöpfe zu tun hat , die er aus Eitelkeit , oder aus Leichtsinn äffen kann ? - Liebe ist bei mir keine Galanterie . - Ich bin ein biederes deutsches Weib ; habe ihm meine ganze Lage , alle meine Fehler und Schwachheiten zum voraus geschildert ; wenn er nun trotz dem ein wankelmütiger Knabe sein will , dann verzeih ihm es Gott ! - gesetzt auch , er wäre eine elende Memme , die sich vom Vorurteil unter die Rute beugen ließe , was verlöre ich denn auch an so einem Geschöpf ? - Ich glaube , mein Selbstgefühl , mein Stolz würde mich nach so einer Überzeugung noch vom Altar zurückreißen - und wenn mein leidenschaftliches Herz auch darüber in Stücke zerspränge ! - Es ist wahr , ich liebe heftig ; - aber mein Kopf , meine Ehrliebe , ist doch fähig , meiner Leidenschaft zu gebieten , so bald ich Fehler in einem Gegenstand entdecke , die ich als Denkerin verabscheuen muß . - So sehr dieser Junge mein Zutrauen besitzt , eben so schnell würde er meiner Verachtung teilhaftig werden , wenn ich von seiner Unwürdigkeit überzeugt würde . - Aber mein gutes Herz von so etwas zu überzeugen , das wird schwer halten ! - Falschheit in der Liebe ist mir unbegreiflich ! - Eitelkeit und Eigenliebe mischen sich dann auch gerne in die Liebe ; und man ist gar zu sehr geneigt sich davon blenden zu lassen und jeden Widerspruch zum eigenen Vorteil auszulegen . - Er schwärmt jetzt außerordentlich in seinen Briefen - spricht von den Seligkeiten einer glücklichen Ehe u. s.w . - Wenn er bei meiner Ankunft so fortfährt , dann bin ich glücklich ! - Aber mit durchdringender Aufmerksamkeit will ich ihn beobachten . Für mich bleibt er die einzige Hoffnung - und ich zittere bei dem Gedanken einer Untersuchung . - Ich schenkte ihm mein ganzes Zutrauen - er bewies sich menschenfreundlich ! - O er ist gewiß unfähig eine gute Seele unglücklich zu machen - die ihm nichts zu Leide tat ! - Rietest Du mir nicht selbst , liebe Freundin , mich bald wieder mit einem Gegenstand zu vereinigen ? - Die Männer , die einen guten moralischen Charakter verraten , sind nicht so häufig zu finden . - Also , meine Beste , keine Vorwürfe mehr , wenn ich für diesmal meinem guten Herzen folge . - Deine Dich immer liebende Amalie . 147. Brief . An Amalie CXLVII. Brief An Amalie Dachte ich es doch , liebes Malchen ! - Dachte ich es doch ! - daß Du mir meine ungeheuchelte Sprache Übeldeuten würdest . So bitter behandelst Du deine Fanny ? - Du brandmarkest sie gar zur boshaften Spötterin , - da ich Dir doch bloß aus reifer Überlegung meine Herzens-Meinung schrieb . - Warum soll ich glimpflich gegen den jungen Mann verfahren , wenn er mit aller Macht des Leichtsinns auf deine Ruhe losstürmt ? - Liebe kann Dich , gutes Weibchen , zur glücklichsten Gattin , aber auch zur unglücklichsten Märtirerin machen - wenn Du von ihr betrogen wirst . - Ich wünsche deinem fühlenden Herzen eben so sehr Liebe , als ich mir Mühe gab , Dich gut wählen zu machen . - Hat Dich der Schaden noch nicht klug gemacht ? - Bist Du noch immer so gutherzig und leichtgläubig ? - Kennst Du deine Heftigkeit nicht , wenn Du Dich in eine Leidenschaft hineinwagst ? - Sei nicht schwach , meine Amalie ! - Prüfe , ehe Du Dich derselben überläsest ! - Wenn der junge Mann Dir auch alle Minuten noch wärmere Briefe schriebe , so ist das doch kein Beweis seiner Standhaftigkeit . - Deine Briefe schmeicheln seiner Eitelkeit ; und da ihn niemand im Schreiben stört , so kann er leicht seine augenblickliche Schwärmerei aufs Papier hinkrizzeln . - O , ich bitte Dich , schränke dein Zutrauen ein , bis Du ihn näher kennen lernst . - Bedenke , was das für dein gutes , weiches , vortreffliches Herz für ein Schlag sein würde , wenn sein Feuer eben so schnell wieder verlösche , als es aufprasselte ? - Der edle Stolz würde freilich deinem Herzen nach und nach gebieten , aber doch gewiß nicht unter geringem Leiden ! - O wann das Herz einmal spricht , dann kostet es die schrecklichste Gewalt , es unter die Vernunft zu beugen . - Ich beteure Dir ein für allemal , seine Briefe , die Du mir mitteiltest , können mir durchaus nicht gefallen ! - Er spricht nicht als Mann - denkt an keine Zukunft , macht keine vernünftige Plane zu einer Vereinigung , verteidigt Widersprüche , und scheint äußerst zaghaft zu sein . - So viel kann ich Dir bei dem unauslöschlichen Feuer meiner freundschaftlichen Liebe schwören ! - Freundin ! - Freundin ! - Du verkennst mein Herz , oder willst es mit Gewalt verkennen , wann man deine gespannte Einbildungskraft an Klugheit erinnert ! - Hast Du mir wegen meiner Leidenschaft nicht auch derbe Dinge gesagt ? - Und sage , brauste ich je darüber auf ? - Da ich doch meines Karls Denkungsart schon Jahre lang geprüft hatte ! - Gott ! soll ich so eine edle , biedere Seele , die durch ihre Redlichkeit jeden Vorzug verdient , hintergehen lassen ? - Du bist keine törichte , gefühllose Kokette , um eine Falschheit leichtsinnig ertragen zu können , die Dir vielleicht ein unbesonnener , eitler Geck zubereiten will . - Weist Du nicht , daß uns Weibern keine Rache bei dem schändlichen Verfahren eines solchen Bubens übrig bleibt ; daß wir im Gegenteil nur Spott und Hohn von einer Welt zu gewarten haben , worin so Wenige wahre Liebe verstehen ? - Gehe hin und weine dann in einem solchen Falle einer vermeinten Freundin vor ; und sie wird Dir mit ihrem kalten , unmoralischen , lieblosen Herzen unbarmherzige Vorwürfe über deine Leichtgläubigkeit machen ; denn das ist die Art der meisten Weiber , die bloß Genuß und Koketterie kennen . - Aber ich , meine Amalie , will Dich auch im Unglück - wenn es Dich treffen sollte - sanft behandeln , - so rasch auch immer dein letzter Brief war . - Fanny. 148. Brief . An Fanny CXLVIII. Brief An Fanny Verzeihung , Edelste ! - Verzeihung einer Undankbaren , die Dich im letzten Briefe mit so übereilter Hitze behandeln konnte ! - Ich mache mir jetzt selbst die bittersten Vorwürfe über die tolle Eigenliebe , womit ich Dir widersprach . - Du sollst sehen , daß ich in der Bekanntschaft mit dem jungen Mann mit aller Vorsicht handeln will . - Indessen muß ich seine Liebe doch zu unterhalten suchen , weil sie mir bei meiner Rückkunft in St... Erleichterung meines Schikals verspricht . - Durch dieses Freundes Vermittlung wird mich dann der Direktor mit mehrerer Schonung behandeln müssen . - Es wäre überflüssig , Dir die vielen Schikanen zu schildern , womit mich jetzt der alte Sünder und sein löblicher Anhang zu unterdrücken sucht . - Seit etlichen Monaten wurde mir kaum eine gute Rolle zu Teil . - Die übrige Zeit Sitze ich müßig , oder muß dann zum Notstock dienen , wenn eine andere Schauspielerin geling krank wird . - Es ist unverantwortlich , wie der Idiot mit mir verfährt ! - Die grenzenlose Eitelkeit seines Weibes und seiner Mätresse zwingen den Dummkopf wider seinen eigenen Vorteil zu handeln . - Letzthin schickten sogar einige Herrschaften ihre Bedienten in meine Wohnung , und ließen sich um die Ursache erkundigen , warum ich so selten auf der Bühne erschiene . - Als sie erfuhren , daß es aus Kabale geschähe , stellten sie den Direktor darüber zu Rede , der sich aber durch allerlei Lügen meisterhaft aus der Sache zu ziehen wußte . - Mir ist eine Besoldung zur Last , die ich im Stande bin ohne Faulenzen und Müßiggang durch mein Talent zu verdienen . - In wenig Wochen kehrt die Gesellschaft nach St... zurück ; dann muß sich das Blatt wenden ! Indessen höre ein allerliebstes Abenteuer , das mir hier begegnete : - Ein gewisser Fürst von *** besuchte vor einigen Tagen inkognito unsere Bühne , sah mich , und bekam die Grille mir ein Billet zuzusenden , wovon ich Dir die Abschrift , so wie von meiner Antwort beischließe , damit Du sehen kannst , wie bescheiden ich ihn zurückwies . - Große Herren haben große Schwachheiten ; - das ist nun einmal richtig . - Bis jetzt hat mich mein Gesicht , das auf keine blendende Schönheit Anspruch machen kann , noch ziemlich vor solchen Avanturen geschützt ; - und ich war dessen herzlich froh ; - denn ich hielt es immer für die größte Beleidigung , bei den Männern bloß aufs Sinnliche zu wirken . - Darinnen ist gewiß meine Denkungsart von derjenigen anderer Weiber sehr unterschieden ; und wenn mir auch die Natur alle mögliche Reize zugeteilt hätte , so würde ich sie in der Liebe doch nur als ein glückliches Ungefähr betrachten , - als eine Gabe , die beim geringsten Fieber verschwinden kann , und alsdann so vielen Frauenzimmern bloß einen leeren Schädel zurückläßt ; durch welche Veränderung ihnen die Eroberungen , die bloß auf das Körperliche angesehen waren , eben so geschwind wieder entgehen , als sie dieselben gemacht hatten . - Der denkende Anbeter liebt ein mittelmäßiges Gesicht auch schwärmerisch , wenn angenehmer Umgang , Geist , Herz und Vernunft eines Frauenzimmers seine Einbildungskraft zu beschäftigen wissen . - Die Schönheit verliert durch die Gewohnheit ; die mittelmäßige Gestalt hingegen gewinnt durch die Reize des Geistes , die keine Gewohnheit altert . - Ein Philosoph - ein Denker muß noch mein Mann werden - oder ich heiße nicht Amalie . Billet des Fürsten von *** . Madame ! - Ich habe Sie gestern in einem Trauerspiel spielen gesehen . - Das Feuer , womit Sie in Affekt gerieten , gefiel mir äußerst , und brachte mich auf den Gedanken , daß in Ihrer Seele Anlagen zu heftigen Leidenschaften liegen müssen . - Um dieses Vorzuges Willen könnte ich leicht Ihre mittelmäßige Bildung einer Schönheit vorziehen . - Ich liebe eigentlich rasche Frauenzimmer , und duldete noch nie an meinem Hofe kaltblütige Schlafmüzzen . - Zu dem hat man mich auch versichert , daß Sie Vernunft und Bildung besäßen ; welches bei ihrem lebhaften Geiste leicht zu glauben ist . - Können Sie sich entschließen bei mir die Stelle einer Gesellschafterin anzunehmen , so soll Ihre ohnehin missvergnügte Lage bald eine bessere Wendung bekommen . - Ich bin zwar nicht mehr in den Jahren , wo ich Ihnen gefallen kann ; - aber meine Bemühung soll Sie ein kummervolles Leben vergessen machen ; und die werden Sie doch nicht mit Undank belohnen wollen ? - Ich erwarte eine Antwort , und bin Ihr geneigter Fürst von ***. Antwort . Ihre Durchlaucht ! - Wenn Ihnen mein gestriges Spiel gefiel , so bin ich unendlich für meine Mühe durch Ihren gnädigen Beifall belohnt . - Übrigens bin ich gewiß , daß alles Feuer meiner Leidenschaften nicht für Ihre Durchlaucht taugen wird , wenn ich Sie versichere , daß eben diese Leidenschaften unter der Herrschaft meiner Vernunft stehen , und nach meinen Grundsätzen nie ins Sinnliche ausarten dürfen . - Obgleich Sie meiner mittelmäßigen Bildung die Gnade anbieten , sie einer Schönheit vorzuziehen , so würde mir doch mein großmütiger Stolz nie erlauben , Deren geschmackvollen Sinnen Zwang aufzubürden . - Daß Ihre Durchlaucht rasche Frauenzimmer lieben , ist leicht zu vermuten : - Der Überfluß , worin Sie als Fürst leben , kann Ihre Leidenschaften leicht in den Grad der Wärme bringen , worin Sie dann gerne den Widerhall in Anderen erblicken möchten . - Ob ich nun Vernunft und Bildung besitze , darf ich aus Bescheidenheit nicht selbst entscheiden . - Aber so viel liegt unstreitig in meiner Erziehung , daß ich mich nie entschließen könnte , die Gesellschafterin eines Fürsten zu werden , der mich bloß zum Zeitvertreib wählte , da indessen mein feineres Gefühl sich darüber empören würde . - So missvergnügt meine Lage auch immer ist , so genieße ich doch einer Ruhe , die mir aller Glanz nicht verschaffen könnte . - Auch denke ich zu redlich , um Ihre Durchlaucht in Deren Jahren zu hintergehen ; und ich bin nicht gesonnen meine Neigung um Wohltaten hinzugeben , wozu mir weder mein Stand noch mein Herz Erlaubnis gibt . - Ihre Durchlaucht werden geruhen , einem Frauenzimmer diese lebhafte Aufrichtigkeit nicht übel zu deuten , die gewohnt ist , gerade so bieder zu sprechen , als sie denkt . - In dieser Zuversicht habe ich die Ehre mit aller Untertänigkeit zu sein Amalie . 149. Brief . An Fanny CXLIX. Brief An Fanny Liebste Freundin ! - Die unerträglichsten Verdrüßlichkeiten , die ich eine Zeit her von meinem starrköpfigen Direktor zu dulden hatte , hielten mich so lange ab , Dir meine Ankunft in St... zu melden . - Ohne mein Bisschen Philosophie würde mich der Verdruß in meiner jetzigen Lage umbringen ! - Die Verfolgungen des Direktors sind so stark , daß es einige Personen versuchten , mir bei dieser Gesellschaft von Teufeln Ruhe zu schaffen . - Aber was kümmert sich der Direktor ums Publikum , dessen allgemeine Nachgiebigkeit er kennt ? - Nun gibt er mir durchaus unbedeutende Nebenrollen , welche ich , ob sie gleich außer meinem Fach sind , annehme , um täglichen Zänkereien auszuweichen . - Doch meiner Nachgiebigkeit ungeachtet , die ihn nur noch dreister machte , drang er mir letzthin wider alle Billigkeit eine sehr starke Rolle auf , die ich wegen Kürze der bestimmten Zeit nicht einzustudieren vermochte . - Und sieh da , der Erzbösewicht benutzt diese gesuchte Schikane , und dankt mich unter dem Vorwand , als wäre ich eine nachlässige Schauspielerin , plötzlich ab , ob ich ihn gleichwohl sehr dringend bat , das Stück nur auf einige Tage zu verschieben . Zu meinem Glücke waren seine Briefe noch in meinen Händen , worin er mir auf ein Jahr Engagement anbot , wenn ich dem hiesigen Publikum gefallen sollte . - Was blieb mir also übrig , als ihn zu verklagen , wenn gleichwohl der hochmütige Narr darüber fast unsinnig wurde , als ihn das Gericht zur Erfüllung seines Worts anhielt ? - Noch blutet mein Herz , wenn ich an die pöbelhaften Grobheiten denke , mit denen ich von diesem ungezogenen Flegel bei diesem Vorfall überhäuft wurde . - Die bitterste Galle , die unverschämtesten Lügen geiferte er mir so lange ins Gesicht , bis ihn die Richter endlich schweigen hießen . - Er mußte sogar versprechen , mir in Zukunft passende Rollen zuzuteilen . - Aber so etwas lies Herr Urian wohl bleiben , sonst würde ihm seine hizzige Ehehälfte die Perücke vom Kopfe gerissen haben , so sehr war sie gegen mein Spiel erbittert ! - Das ehrgeizige Geschöpf muß sich selbst wenig Talent zutrauen , weil sie neben sich keine andere gute Schauspielerin dulden will . - Ist das nicht ein redender Beweis ihrer Schwäche ? - Beweist sie durch diesen Neid nicht deutlich genug , daß sie leicht kann übertroffen werden ? - Je mehr andere Schauspielerinnen mit mir in die Wette spielen , desto lieber ist es mir . - Dann bekomme ich erst Anlaß meinen Fleiß anzustrengen und mich zu üben . - So denke ich über diesen Punkt . - Das hiesige Publikum könnte leicht dieser Kabale vorbeugen , wenn es unter sich einstimmiger wäre und mit vereinigten Kräften sich an den Eigensinn des parteiischen Direktors wagte ; - aber so etwas ist bei der Disharmonie , die unter demselben herrscht , nicht zu hoffen . - Ich muß also wohl mein Geschick noch einige Monate gelassen ertragen lernen , da ich es doch nicht auf der Stelle ändern kann . - Der junge Mann , mein Freund , bezeugte sich bei diesen Streitigkeiten sehr menschenfreundlich , und lies gegen mich viel gutes Herz blicken . - Fast hätte ich ihm bei diesem Anlaß auch Standhaftigkeit in der Liebe zugetrauet . - Schon sprach mein dankbares Gefühl zu seinem Vorteil ; - als er mich plötzlich durch sein unbesonnenes Betragen , durch sein wildes Wesen im Umgang vom Gegenteil überzeugte . - Er scheint mir jetzt in der Liebe ganz und gar meinen Forderungen nicht zu entsprechen - eben so wenig als meinem Ideal , das ich mir aus seinen schwärmerischen Briefen zusammenfantasiert hatte . - Hätte ich ihn doch keine Neigung merken lassen ! - Zwar erneuert er seine Liebe gegen mich durch öfter wiederholte Schwüre ; aber seine flüchtigen Besuche , seine leichtsinnigen Launen machen mich zittern ! - Und doch bin ich Törin genug , diesen Spuren seiner Flatterhaftigkeit einen gutherzigen Anstrich zu geben . - O Weiberherz , wie truglos bist du , wenn keine grobe Leidenschaften deine Gestalt verunedlt haben . - Nächstens eine nähere Beschreibung von ihm . - Lebe indessen zufrieden in den Armen deines vortrefflichen Karls . - Amalie . 150. Brief . An Amalie CL. Brief An Amalie Nun , nun , liebes Herzens-Malchen , ich habe Dir ja schon lange verziehen ! - Ich war nicht einmal böse auf Dich . - Und damit Du siehst , daß mir meine gute Laune recht Ernst ist , so will ich Dir heute eine recht freudige Nachricht mitteilen : - In Zeit von neun Monaten gehe ich mit meinem Karl ... wohin meinst Du wohl ? - Zum Altar , meine Traute ! - O freue Dich doch mit mir , meine Teuerste ! freue Dich mit mir ! - Nun sollen bei dieser Aussicht deine Schicksale bald ihr Ende erreichen ; - und Du genießest dann an meinem Busen jene ruhige Wonne der unzertrennlichsten Freundschaft ! - Streite bis dorthin noch mutig deinen Widerwärtigkeiten entgegen ; bald sind sie überstanden , und ich teile dann mit Dir alles , was der Himmel mir an Glücksgütern schenkte . - Karls Familien-Hindernisse sind jetzt alle gehoben , und der gute Junge taumelt vor Entzücken über diese glückliche Veränderung . - Kaum kann der liebe Schwärmer den Augenblick erwarten , der ihn zum zärtlichsten Gatten einweihen wird ! - Schreibe doch geschwind an Malchen ! - schrie er mir zu ; - und ich mußte nach der Feder greifen . - Ich sollte Dir zwar heute deine drei Briefe nach der Reihe beantworten . Aber kannst Du das von einer entzückten Braut fordern ? - Überdies mag ich Dir die erzschlechte , niederträchtige Behandlung deines Direktors nicht ins Gedächtnis zurückrufen . - Also weg von diesen unangenehmen Erinnerung , und hin zu deiner Fürsten-Anekdote , worüber ich und Karl aus vollem Halse lachten ! - Du hast ihm seine Anträge mit dem feinsten Spott erwidert . - Ich möchte sein gnädiges Gesicht beobachtet haben , als er dein Billet las ! - Denn die großen Herren sind meistens daran gewöhnt , mit Geld und Despotismus überall durchzudringen . - Bald , meine Beste , sollen alle diese Erniedrigungen aufhören ! - Ei daß dich ! - Sieh , sieh , Karl läßt mich vor seinen Küssen nicht weiter schreiben . Du mußt also schon für heute zufrieden sein mit deiner besten , liebsten Fanny . 151. Brief . An Amalie CLI. Brief An Fanny Die Überraschung , als ich dein Glück vernahm , hat mir eine dankbare Freuden-Träne entlockt ! - Warm dankte ich dem Schöpfer für die ewige Verbindung zweier so edler Seelen ! - Aber darf ich es wohl ohne Erröten gestehen , daß mich dein gütiger Antrag nicht so ganz entzückte , als es seine Großmut verdient hätte ? - Es blieb in meinem Herzen ein gewisses unbefriedigtes Etwas übrig . - Und was meinst du wohl , daß es sein möchte ? - Ist_es möglich ? - Du bist Braut , schwärmst in den Armen der Liebe , genießest Seligkeiten , um die Dich Engel beneiden , kennst mein Gefühl , und errätst es doch nicht ! - Auch mein Herz klopft einem Gatten entgegen ! - Auch ich nährte Hoffnungen , auf die ich schon lange eine idealische Glückseligkeit gründete ! - Auch ich suchte schon lange einen biederen deutschen Jüngling - aber umsonst ! - Die Liebe warf mir in meiner Geburts-Stunde ihren Fluch zu ! - Für mich hat der Himmel Niemand geschaffen , der mir mit Gatten-Liebe die Beschwerlichkeiten des Lebens tragen hälfe ! - Selbst die Bekanntschaft mit dem jungen Manne wird mir fehlschlagen ; ich ahne mein Schicksal schon zum voraus ! - Deine Prophezeiung trifft ein ! - Lies folgende Charakteristik von ihm , die ich bloß für Dich entwarf . - Im Grunde ein gutes Herz , aber dabei flüchtig , eitel , und ohne feste Grundsätze . - Überfluß an Wankelmut , der aus Mangel an Überlegung entsteht und den lockern Jungen eben so geschwind wieder von der Liebe wegreißen wird , als ihn Lebhaftigkeit des Temperaments daran fesselte . - Hinlängliche Vernunft , Gutes vom Bösen zu unterscheiden , doch zu faselnd , zu zerstreut , um darüber nachzudenken . - Nicht fühllos , aber vom üblen Beispiel und französischer Galanterie schon zu sehr verdorben , empfindet er die Liebe nur augenblicklich und verliert dieses Gefühl eben so leicht wieder , wenn ihn neue Reize oder Eitelkeit zur Ausschweifung einladen . - Nur selten überdenkt er eine Sache , handelt meistens aus Ungefähr , wie es der Anlaß gerade mit sich bringt . - Sein Enthusiasmus in der Liebe ist Stroh-Feuer , brennt schnell , prasselt , stinkt , und verlöscht ! - Gutherzigkeit treibt er bis zur Verschwendung , nur nicht aus Grundsätzen , mehr aus Schwachheit , als aus Überlegung . - Oft offenherzig bis zur Unbesonnenheit , und dann wieder zur Unzeit verschlossen , bis zur Heuchelei und Lüge . - Roh , unbescheiden gegen unser Geschlecht - und in gewissen leichtsinnigen Augenblicken der ungereimteste Wildfang , den ich je kannte . - Er studiert weder sein eigenes Herz , noch seine Leidenschaften ; seine Grundsätze sind zusammengeraffte Ware , die ein widersprechender Hauch zertrümmern kann ! - Über sich selbst denkt er nie nach , als wenn ihn Widerwärtigkeiten oder Langeweile dazu zwingen . - Rasch in seinen Entschlüssen , aber verzagt wie ein Kind , wenn er Widerstand findet . - Das sanfte Gefühl der Liebe kennt er nur aus Büchern . - Sein Herz wäre vielleicht noch einer Besserung fähig , wenn wahre Liebe die Seele zum Denken , zur Sanftmut und zur strengsten Untersuchung seiner Handlungen leitete . - Doch dazu glaube ich nicht , daß es mit ihm ein Frauenzimmer bringen wird , und wenn sie auch aus dem Elysium käme ! - Welche Sterbliche wäre wohl fähig , Lügen aus einem Herzen zu tilgen , die durch Leichtsinn , Gewohnheit , Flatterhaftigkeit schon so tief hinein gegraben wurden ? - Durch die sanfte , nachgebende Güte eines Weibes wird er noch zügelloser , - das habe ich schon erfahren - und durch strenge Vorwürfe wird er gar halsstarrig - und verzagt . - Das ist ungefähr das Bildnis dieses Jünglings , der dem allem ungeachtet doch so artige Briefe schrieb , die mich zu seinem Vorteil einnahmen . - Gute Nacht , Liebe ! - Gute Nacht ! - Deine Amalie. 152. Brief . An Fanny CLII. Brief An Fanny Nun , da haben wir es ja !!! - Sagt ich es nicht zum voraus , der milchbärtige Junge würde wie eine feige Memme zurückbeben , wenn das Bürger-Vorurteil die Zähne gegen ihm blökte ? - Da haben ihm einige alte Weiber unter seinen Verwandten wegen meiner Bekanntschaft die Rute gezeigt , und der furchtsame Knabe verkroch sich dann zitternd in den Winkel . - Unsere jetzigen Jünglinge gleichen den alten Biedermännern eben so an Standhaftigkeit , als wie die Mücke dem Elefanten an Stärke . Die hinfälligen , morschen Buben krochen unseren Alten aus ihren Schweisslöchern . - Die Natur wollte sich vom Unrat reinigen , dann schuf sie Jünglinge fürs achtzehnte Jahrhundert . - Weiber , die beim Zuckerbrot erzogen wurden , beschämen diese ohnmächtige Auswürflinge durch Redlichkeit , Stärke des Geistes und Festigkeit des Charakters . - Geschöpfe , die vom Vorurteil unter Schwächlinge gerechnet werden , machen diesen unbärtigen Bastarden das Wort Mann , streitig . - Pfui ! - daß sich doch die Lüge keinen besseren Stoff wählte , als in diesen Unwürdigen liegt ! - So weit sank die Redlichkeit , daß sich sogar die Unwahrheit ihrer schämt . - Männer-Kraft , Seelen-Stärke , Ehrlichkeit sind unter den deutschen Jünglingen in Staub gesunken . - Die Natur verlängert die Tage dieser kraftlosen Insekten bloß darum , damit sie bei guter Laune über ihre erzeugten Missgeburten spotten kann , die sie während einer Verstimmung aus Zorn schuf . - Wenn die Alten ihr Wort hingaben , dann wurde es mit Wahrheit versiegelt und mit Redlichkeit gehalten . - Aber wenn unsere jetzigen Milchbuben Treue schwören , dann wird sie schon zur Lüge , noch dieweil der modische Süßling im Begriffe ist , den schlafen Handschlag zu tun . - Ha ! - Wäre es doch unter uns Weibern eingeführt , dergleichen schmelzende Zucker-Püppchen mit dem kleinen Finger zu zerquetschen ; mit welcher Herzens-Lust würde ich die erste Ausführerin dieser Rache werden ! - Bei einer Treulosigkeit schlägt sich das andere Geschlecht mit den Waffen ; nur für uns ist keine Verteidigung übrig ! - Wir bleiben ewig das Spielwerk jedes mutwilligen Buben , der sich_es erlaubt , unter teuflischer Heuchelei um unser Herz zu buhlen ! - Aber bei meinem Stolz sei geschworen ; ich will mich in Zukunft an diesem verräterischen Geschlecht rächen ! - auf eine Art rächen , die nicht alltäglich sein soll ! - Mein Herz soll schweigen - meine sanften , redlichen Gefühle sollen schlafen , und meine Zunge soll so lange eine täuschende Neigung heucheln , bis ich die Träne irgend eines leidenschaftlichen Anbeters unter schmerzlicher Verwirrung , unter ängstlicher Ungewißheit von seinem unruhigen Auge rollen sehe !!! - O , und dann soll stolze , kalte Fühllosigkeit , bitteres Gespött über das männliche Aftergefühl , der Lohn seiner Leiden sein ! - Du weist , daß ich nicht eitel bin ; - aber alle weiblichen Kunstgriffe will ich von nun an aufbieten , um die schläfrigen Sinnen der Männer anzureizen , und sie dann so lange mit Falschheit foppen , bis sie ihren wenigen moralischen Wert selbst einsehen lernen . - Wenn ich mir je ausgezeichnete körperliche Reize gewünscht hätte , so wäre es gewiß zu dieser Stunde . - Doch auch meine wenigen Reize sollen hinlänglich sein , mit Beihilfe meines Wizzes ein Geschlecht bei der Nase herumzuführen , worunter die meisten ihre Schande-Herzen , den armen leichtgläubigen Weibern zur Schau tragen . - Es soll mir herzlich lieb sein , wenn ich in öffentlichen Gesellschaften die herumfaselnd Jungen an einander hetzen kann , - die , so flatterhaft sie auch immer sind , doch wenigstens durch mich von ihrer beleidigten Eitelkeit sollen gequält werden . - Der Ruf meines unterhaltenden Umgangs zog mir immer teils neugieriges , teils eitles Männer-Volk zu . - Aber kommt nur , ihr nasenweise Lecker , ihr falschen Krokodillen , ihr sinnlichen Weichlinge ; ich will euch begegnen , wie es euer Geschlecht verdient ! - Die wenigen Guten darunter bleiben ohnehin an dem treuen Busen ihrer Mädchen hängen , und für die übrigen herumirrenden Lotterbuben ist die boshafteste weibliche Intrike noch eine zu barmherzige Strafe . - Gott ! so weit treibt mich der Gram meines misshandelten Herzens ! - So schrecklich empört sich mein hintergangenes Zutrauen , das mich beinahe unversöhnlich macht ! - Nichterwiderte Redlichkeit wütet gräßlich in einem Herzen , darinnen edler Stolz wohnt ! - Der schüchterne Hase schrieb mir meinen Abschied , worin After-Moral und sehr falsche Grundsätze herrschen , - vermutlich um dadurch seinen Wankelmut zu entschuldigen . - Doch bei mir entschuldigt ihn Nichts ! - Die Schwüre der Liebe , die ein Mann einem unbescholtenen Weibe ablegt , kann Nichts brechen , als boshafter Meineid , oder Tod . - Zu einer solchen Standhaftigkeit braucht_es weder Romanen-Tugend , noch überspannte Ideen , sondern edler männlicher Stolz , Feinheit des Gefühls und Überlegung , ehe man ein fühlendes Weiber-Herz zur Liebe reizt . - Schicksale , Verfolgungen , schlechte ökonomische Umstände müssen unter zwei bieder Liebenden wechselseitig getragen werden , sonst sieht die Liebe einer verräterischen Betrügerei ähnlich , die sich bei jedem Zufall aus schändlichem Eigennutz an der Standhaftigkeit rächt . - Gerne hätte ich dem Wortbrüchigen diese derben Wahrheiten mündlich unter die Augen gesagt ; aber er floh meine Gegenwart , scheute meinen Anblick , wich mir aus , und schien sich aus bösem Gewissen nicht verteidigen zu wollen . - Dann riß ich in der ersten Hitze sein Bildnis von der Wand und trat es mit Füßen ! - Eine Zeitlang kämpfte ich noch mit beleidigtem Stolz und gutem Herzen . - Endlich siegte der erstere und gab mir wieder jene ruhige Richtung , die immer den lindernden Trost eines Unschuldigen ausmacht . - Das wäre nun der Gang einer Geschichte , die ich aus meinem Gedächtnisse verbannen will . - Vielleicht habe ich sie mir auch selbst zu verdanken ; warum war ich nicht misstrauischer ? - warum hörte ich nicht genug auf deine Warnungen ? - warum lies ich mich durch einige Dutzend Briefe betören , die aus Eitelkeit an mich geschrieben wurden ? - Merkt es euch , Freundinnen ! - so ging_es der gutherzigen Amalie . 153. Brief . An Fanny CLIII. Brief An Fanny Meine neue Lebensart tut herrliche Wirkung ! - Ich werfe in öffentlichen Gesellschaften mein Netz aus , fange lüsterne Fliegen , und lasse sie dann wieder aus , wenn ich sie genug gequält habe . Die Zahl meiner kriechenden Sklaven vermehrt sich täglich . - Ich sehe sie mit kaltem Gefühl kommen , und lasse sie wieder mit leerem Herzen abziehen . - Es ist doch ein elender , freudenloser , bettelmäßiger Zustand um ein Herz ohne Liebe ! - Aber es ist auch ein schaudernder Gedanke um die Furcht betrogen zu werden ! - Also wieder zu meinen Müßiggängern zurück , die in galanter Beschäftigung um mich herumsumsen . - Wie sich die eitlen Toren zu mir hindrängen ! - Wie sie um meine spöttische Unterhaltung wetteifern ! - Wie einer den anderen zum kritisieren reizt ! - Wie jeder mit Emsigkeit um den Vorzug buhlt ! - Und wie ich trotz alle dem dies Fliegen-Geschmeiß in einer gewissen Entfernung zu erhalten weiß , daß keiner unverschämt wird . - Das ist wahrlich kein kleines Studium . - Die Klugheit eines Weibs hat doch grenzenlose Auswege , wenn sie Welt- und Menschenkenntnis besitzt . - Es soll mir gewiß keiner meinen Plan verderben , ehe ich des Plagens von selbst müde werde ; - dann will ich mich in philosophischer Stille der Einsamkeit zuziehen , und lachen , oder weinen , wie es meine Laune mit sich bringen wird . - Ich habe meine Helden in Klassen eingeteilt , und weiß jedem nach Verdienst zu begegnen . - Alle tragen ihre Schellen-Kappen , und jeder behauptet seinen eigenen Ton . - Zum Exempel : - Der Dummkopf schwatzt Unsinn ; der Prahler schwadroniert ; der Stuzzer spricht von wichtigen Kleinigkeiten ; der Waghals poltert ; der Hagestolze schimpft über die Ehe ; der Vielwisser läßt Lügen schneien ; der Großsprecher rühmt sich ungeschehener Dinge ; der Zier-Affe seufzt über die feuchte Witterung ; der Geck läßt sich bewundern und erzählt seine Eroberungen ; der Wollüstling bietet seine Schatulle an ; und der verhärtete Bösewicht posaunt die genossenen Gunstbezeugungen aus ; u. s.w . - Kurz , jeder tut das seinige , um mir die Langeweile zu vertreiben , oder einem Nebenbuhler Galle zu machen . - Das Ungeziefer vertilgt sich selbst untereinander . - Sie necken , foppen , schikanieren sich , verdrehen einander die Worte , daß es einem wahren Lustspiel ähnlich sieht . - Ich nehme dann oft die Partei von diesem ; satirisiere einen anderen , beschäme einen dritten , oder necke einen vierten , bis keiner mehr weiß , wo ihm der Kopf sitzt . - Dann stehen sie da , die Maulaffen , starren sich wechselsweise an , und lachen einander selbst aus . - Dazu habe ich es schon öfters gebracht . - Eine meiner Freundinnen , ein biederes , braves Weib , die mein schuldloses Herz kennt und bei dergleichen Auftritten immer an meiner Seite sitzt , lacht oft aus vollem Halse , und wünscht ihnen dann beim Weggehen gute Verdauung ! - Nur einer von diesen Schmetterlingen macht sich besonders zudringlich . - Die Natur macht ihn zwar durch sichtbare Merkmale kennbar , die jedes gutgesinnte Herz vor ihm warnen können . - Wahrlich , die Natur lügt nicht an ihm ; denn seine Seele ist eben so verdreht , eben so disharmonisch , wie der schielende Blick seiner Augen . Er kann schleichen , heucheln , lügen , betrügen , hofieren , spionieren , karessieren , prahlen , verleumden , Ehre abschneiden , - alles in ausgelernter Übung . Seinen welken Körper , seine kranke Seele trägt er überall an , und wird auch überall abgewiesen . - Er besitzt die unverschämte Kühnheit , alle Frauenzimmer nach einem Schlag zu beurteilen . Die vielen Lustnimphen , die er ehe_dessen besuchte , haben sein Gehirn mit Vorurteil angesteckt , daß er glaubt , unter dem Frauenzimmer finde keine gute Ausnahme mehr Stadt . - Er treibt seinen Verdacht so weit , daß er so gar wegen der Aufführung rechtschaffener Personen öffentliche Wettungen anstellt . - Dieses doppelzüngige Ungeheuer hat nun seinen Eigensinn auf mich festgesetzt . - Aber nur Geduld , du sollst deinen Teil Galle schlucken ! - Bei allen seinen Ausschweifungen habe ich die neidigste Eifersucht an ihm bemerkt . - Anlaß genug - um ihn tausendfach zu kränken . - Nun sagt mir noch einmal ihr Menschenkenner , daß Eifersucht die Folge der Zärtlichkeit sei , - wenn sie in einem solchen verdorbenen Wollüstling stecken kann ! - Bald ein mehreres , meine Freundin ; für heute genug - nicht wahr ? - Amalie . 154. Brief . An Amalie CIV. Brief An Amalie Daß die Weiber doch so sehr geneigt sind auf Extremitäten zu verfallen ! - Ein unstreitiger Beweis , daß unsere weichen , empfänglichen Herzen nur zu leicht in Schwachheiten ausarten , besonders wenn wir nicht daran gewöhnt sind aufmerksam über uns selbst zu wachen . - Teure Amalie ! - Bei Allem , was Dir wert ist , beschwöre ich Dich , gib in deiner Lage auf dein Herz Acht ! - Übersiehst Du darinnen nur den geringsten Flecken , dann bist Du für Ehre und Rechtschaffenheit verloren ! - Ich kenne zwar deine reine , unbefangene Seele , deine eingeschränkten Begierden , deine Ehrliebe , und bin überzeugt , daß Dich bloß Lebhaftigkeit und Haß gegen das andere Geschlecht zu solchen kleinen Eitelkeiten verleitet , worüber Dir beim Nachdenken selbst Ekeln wird . - Ich bin versichert , daß bei deiner lachenden Gestalt , bei dem Schein deiner Fröhlichkeit dein gefühlvolles Herz im Stillen an der tödlichsten Langeweile kränkelt ! - Der Ton der großen Welt ist eine armselige Sache , weil weder Redlichkeit noch aufrichtige Herzenssprache seine Unterhaltung leitet . Sich wechselsweise vorlügen ; einander die lächerlichsten Torheiten zu Markte tragen helfen ; sich vieles sagen , woran das Herz keinen Teil hat ; seine offene , vertrauliche Seele in heimliches Misstrauen hüllen zu müssen ; das Laster in der ganzen Häßlichkeit unter mancherlei Gestalten ertragen lernen ; Schurken und Betrüger nicht anfeinden dürfen ; - was hältst Du von so einem Zustand ? - Kann es für ein empfindsames Herz etwas Unerträglicheres geben ? - Sind nicht innerliches Missvergnügen und Abscheu die heimlichen Mörder deiner Zufriedenheit ? - Stört nicht das Getümmel deine sanfte Gemütsruhe , wenn die Augenblicke der Überlegung zurückkehren ? - Warum willst Du Dich auf deine Unkosten an Unwürdigen rächen , die doch immer ungebessert bleiben werden ? - Ist so ein herzloses Betragen , so eine verstellte Vermummung deinem erhabenen Geiste wohl angemessen gewesen ? - Dein Herz muß bittere Unzufriedenheit fühlen , wenn Dir diese glattzüngigen Heuchler mit schamloser Stirn Dinge vorschwazzen , die deine gutartige , unverdorbene Seele empören ! - Wenn sie Dir auch in öffentlichen Gesellschaften , von der Eitelkeit und vom Beispiel angespornt , vorschmeicheln , bis Du aus ihren Augen verschwindest ; treiben sie dann nicht hinter deinem Rücken mit Vorurteil und übler Meinung ihr teuflisches Gespött und ihre ehrenschänderische Verleumdung ? - Warum willst Du Dich wegen einem schlechtgesinnten Menschen ganzen Scharen seines gleichen aussezzen ? - Dein Herz wird dadurch nach und nach alles Gefühl für Wohlwollen und Liebe verlieren . - Die Gewohnheit des Welttons wird Dich zur gefälligen Maschine umschaffen , die sich mit abwesendem Herzen , mit böser Neigung , mit gallsüchtigen Ideen nach den Wünschen der Mode dreht . - Du wirst Anderen eben so wenig Gutes zutrauen , als sie Dir zutrauen werden . - Nein , Amalie ! - das ist nicht der Weg , dein Herz vom Männer-Haß zu heilen . - Leichtsinn würde sich dabei einschleichen ; und Leichtsinn ist schon ein großer Sprung zur Verderbnis des Herzens und zur Verunedlung der Seele . - Rechne die immerwährenden Verdrüßlichkeiten , das üble Urteil , die schiefen Auslegungen der Anderen und die Bitterkeiten weg , die Du hie und da von bösen Mäulern über dein Betragen wirst hören müssen ; und was bleibt Dir dann übrig , als ein zerrissenes Herz ? - Ich kenne deine Empfindlichkeit für deinen guten Namen ; ich weiß , daß die geringste Anmerkung Dich bis in den Tod kränken kann . - Und nun urteile von meinem Kummer über deine kleinen Verirrungen . - Halte meine Erinnerungen nicht für Verdacht wegen deinem Lebenswandel . - Ich kenne das Innerste deines Herzens , weiß recht gut , daß es bloß Schicksale und erlittene Misshandlungen sind , die Dich zuweilen auf eine kurze Zeit verstimmen . - Dein gutes Gemüt , deine fühlende Seele , dein feuriger Kopf bedürfen bloß einer guten Leitung . - Die sanfte Vermahnung einer guten Freundin wird dein gekränktes Herz , deine verwirrten Sinnen von den Irrtümern reinigen , die Dir am Ende gefährlich werden könnten . - Du bist warm für Tugend und Moral , und wirst nie eines Lasters fähig sein . - Aber auch Schwachheiten muß die Denkerin zu vermeiden suchen ; - Schwachheiten , die ihr den Schein der Rechtschaffenheit benehmen . - Die Lobsprüche Anderer zu erwerben , soll nie die Triebfeder unserer guten Handlungen sein , sondern eigene Ruhe und Bestreben nach Glückseligkeit , zu der wir geschaffen sind . - Ich kann zwar von deiner Jugend nicht jene zurückhaltende Ernsthaftigkeit fordern , welche zu behaupten dein Feuer nicht zuläßt ; - nichtsdestoweniger bitte ich Dich , handle mit Klugheit , bewache dein Herz , verunstalte nicht durch Leichtsinn deine Seele , und liebe Deine beste Fanny . 155. Brief . An Fanny CLV. Brief An Fanny Meine teuerste , liebste Freundin ! - Sei doch ruhig ! meine fieberische Hitze hat sich gelegt ; der abscheuliche Nebel ist vor meinen Augen verschwunden ; mein Blut strömt wieder gelassener , und ich schäme mich jetzt meines Leichtsinns ! - Wie konnten mich doch die Torheiten Anderer Ergötzen , die sich unterdessen über meine eigenen belustigten ? - Wo nahm ich die Geduld her , in Gesellschaften der großen Welt meine Ohren mit Unflat anfüllen zu lassen , da sich indessen mein unverdorbenes Herz darüber entsetzte ? - Eroberungen von dieser Art sind der Auswurf der Natur , weil dadurch gutdenkende Frauenzimmer so leicht verführt werden . - Und ich Verblendete erinnerte mich nicht eher an diese Wahrheit , bis jener schielende Wollüstling mich zur feilen Buhlerin herabwürdigen wollte ! - Bei einer Gelegenheit , wo seine verabscheuungswürdigen Begierden den höchsten Gipfel erreicht hatten , nahm er seine Zuflucht zum elendesten Hilfsmittel , das man jeder Verworfenen anträgt - zum Eigennutz . - In einer unbegreiflichen Geschwindigkeit lag ein Wechsel in meinem Schoße . - Nur der Wohlstand hielt mich noch zurück , das Papier in Stücke zu zerreißen und ihm dieselben ins Angesicht zu werfen ! - Schon hob ich in dieser Absicht meine Hand in die Höhe , als ich darauf die Unterschrift jenes jungen Mannes erblickte . Eine Andere würde sich vielleicht aus Rache an dieses Geschenk gehalten haben , um denjenigen als Schuldner demütigen zu können , der auf eine so niedrige Art bei mir eine Bekanntschaft endigte , die er mit so vielen Beteuerungen der Liebe angefangen hatte . - Aber auch nicht der kleinste Gedanke einer solcher Entschädigung stieg in meiner Seele auf . - Ein ängstliches , wehmütiges Gefühl bemächtigte sich meiner ; die Tränen rollten häufig auf meinen Busen , und schluchzend stellte ich dann dem Wollüstling den Wechsel wieder zu . - Beleidigte Ehre über diesen schändlichen Antrag , erneuertes Andenken an den Unwürdigen , das Wonne-Gefühl mich nicht rächen zu wollen , erzeugten in mir ein Gemische der unbeschreiblichsten Empfindungen . - Jetzt erst fing ich an zu fühlen , welchen Beschimpfungen mich meine leichtsinnige Scheckerei ausgesetzt hatte . - Ich empfand die ganze Demütigung dieser Behandlung ; sah mich erniedrigt , herabgesetzt und empfindlich beleidigt ! - Mein Herz , meine Ehrliebe , meine Vernunft und meine moralische Überlegung wachten plötzlich in mir auf ; und nun trat meine sonst gewöhnliche tiefsinnige Laune wieder an ihre vorige Stelle . - Sei mir gesegnet Nachdenken ! dir allein habe ich meine Rückkehr zu danken , und durch dich werde nun jede meiner Handlungen geleitet , welche Bezug auf meine Ruhe , auf die Verbesserung meines Herzens , auf meine Glückseligkeit haben kann . - Bist Du nun mit deiner reuigen Freundin zufrieden , liebe Fanny ? - Würdest Du mich wohl zanken , wenn ich Dir jetzt die Nachricht von einer neuen Bekanntschaft mit einem jungen Manne mitteilte ? - Aber gewiß einer Bekanntschaft , die Dir in Rücksicht meiner keinen Kummer machen darf , und die meiner Achtung nicht unwürdig ist , sonst würde ich sie nicht angefangen haben . - So viel kann ich Dich versichern , daß der erste Besuch dieses Jünglings meine ganze Aufmerksamkeit rege gemacht hat . - Sein offenes Wesen ist beim ersten Anblick äußerst auffallend , begleitet mit einem gewissen edlen Stolz , der sich nicht zu den gewöhnlichen Schmeicheleien herabwürdigte , womit mich sonst die meisten jungen Leute überhäuften . - Noch ist zwar das Misstrauen gegen das männliche Geschlecht zu tief in mein Herz eingeprägt , um die guten hervorragenden Züge des moralischen Charakters eines Individuums aus demselben in unserem verdorbenen Jahrhunderte nicht für eine bloße Erscheinung zu halten . - Vielleicht bald ein mehreres von diesem jungen Manne . - Lebe indessen wohl , meine Beste , und erinnere Dich recht oft an Deine Amalie. 156. Brief . An Amalie CLVI. Brief An Amalie Gewis , meine Freundin , ich wußte es zum voraus , daß Du bald wieder von deinem Leichtsinn zurückkehren würdest . - Galanterie-Beschäftigungen , leeres Wortspiel mit deinen faselnden Anbetern gab deinem Herzen nicht jene beruhigende Nahrung , deren es zu seiner Zufriedenheit bedarf . - Der Grund der Rechtschaffenheit ist in deiner Seele schon zu stark befestigt , als daß ihn das vorüberrauschende lockende Laster erschüttern , noch viel weniger zerstören könnte . - Deine kleinen Fehler sind bloß das Werk eines Augenblicks , wozu Dich meistens deine angeborene Lebhaftigkeit verleitet . Ein einziges gutes Wort zur rechten Zeit angebracht , ist hinreichend deine weiche , fürs moralische Gefühl so empfängliche Seele zu rühren . - Siehst Du , liebes , trautes Malchen , so gut kenne ich Dich ! - Jener schielende Wollüstling hat Dich auf die niederträchtigste Art angegriffen ; - kein Wunder , daß er von deinem edlen Stolz mit aller Verachtung abgewiesen wurde . - Daß Du Dich bei diesem Anlaß an deinem ehemaligen Anbeter nicht rächtest , sieht deinem Herzen ganz ähnlich , weil es von Jugend auf zur Großmut gebildet wurde . - Indessen glaube ich doch , daß der Wankelmut dieses jungen Mannes wirklich mehr aus Mangel an festem Charakter , als aus Bosheit herrührte ; obgleich ein gutes Herz ohne Standhaftigkeit eine bettelhafte Gabe ist . - Ich für mein Teil möchte nicht das Weib eines Mannes werden , der noch in Knaben-Schuhen steckt . - So ein schüchternes Männchen kann ja jede Fraubasen-Grille zittern machen . - Nach meinem Begriff muß derjenige , der auf das Wort Mann Anspruch machen will , Kopf zum Denken , Kraft zum Ausführen und Stärke zur Verteidigung seiner Unternehmungen besitzen ; vorausgesetzt , daß der überlegende Mann nichts unternimmt , was er nicht auszuführen im Stande ist . - Wenn sich das Machtwort Mann nicht durch seine feste Beharrlichkeit auszeichnete , so könnte jeder Schwachkopf , jeder Taugenichts , jedes unnüzze Bürschchen damit auftreten . Aber es sind zwei verschiedene Dinge , bloß damit prahlen , und mit der Tat beweisen , daß man diesen Namen zu tragen verdient ! - Was in der Liebe nicht wider Rechtschaffenheit und Tugend geht , soll für den Mann gar kein Hindernis sein . - Läßt er sich durch Vorurteile einnehmen und wird wortbrüchig , so ist er nicht Mann , sondern ein Kind , dem man die Rute geben muß , wenn es , an das Gängelband gewöhnt , allein zu gehen wagt , ehe es die Kräften dazu besitzt , und dann fällt und schreit ; durch die Züchtigung gewarnt , läßt es sich alsdann gutwillig wieder das Gängelband anlegen . - Genug von dem herrlichen Worte Mann , das leider durch die meisten , die sich dasselbe zueignen , geschändet wird . Die wenigen guten Ausnahmen , die diesem Worte Ehre machen , müssen uns für die übrigen entschädigen . Da ohnehin so ein gebrechliches Männchen von einem Weibe , oder wohl gar von einem feurigen , munteren Schulknaben über den Haufen kann gestoßen werden , und ohne alle Schonung , aus Strafe , meistens in den Kot sinkt ; je nun so lassen wir den Feigen liegen , bis ihn ein Riechfläschchen wieder aus seiner Ohnmacht zu Sinnen bringt . - Übrigens , teures Malchen , bin ich mit deiner Reue sehr wohl zufrieden . - Aber was soll denn die Schüchternheit , womit Du mir deine neue Bekanntschaft entdeckest ? - Ist sie vielleicht wohl gar der Beweis , daß Du wegen der Gefahr , der Du Dich abermals dadurch aussezzest , Vorwürfe zu verdienen glaubst ? - - O ich werde Dir über den Umgang mit dem anderen Geschlecht nie welche machen , besonders wenn Du Dich von den häufigen Schmeichlern zu entfernen suchest . Diese kriechenden , giftigen Insekten übertäuben so gerne die Vernunft eines Frauenzimmers , um desto bequemer den Zutritt zu ihrer Leichtgläubigkeit zu finden . - In der Tat , meine Freundin , edler Stolz in einem Jüngling ist schon ein Karakterzug , welcher Verehrung verdient , weil durch ihn das Gefühl der Rechtschaffenheit in Tätigkeit gebracht wird . - Oft zeigt sich aber auch unter dieser Larve nur Afterstolz , indem sich mancher Jüngling dadurch aus Eitelkeit als Sonderling auszeichnen will . - O , der Charakter der Männer ist in so vielen Stücken unerklärbar ! - Irre Dich ja nicht über diesen Punkt , wenn Du jenen Jüngling näher zu untersuchen Lust hast ! - Du kennst ja meine Besorglichkeit und die Liebe , mit der ich ewig bin Deine Fanny . 157. Brief . An Fanny CLVII. Brief An Fanny Nicht wahr , teures Mädchen , Du wirst doch ungefähr wohl merken , warum ich Dir schon einige Wochen nicht schrieb ? - Wenn man so mit der philosophischen Untersuchung eines Charakters beschäftigt ist , wie ich , kann man dann wohl viel übrige Zeit zum schreiben finden ? - Du hast es erraten , Freundin ! Ganz gewiß hatte ich Lust den moralischen Charakter meines neuen Freundes ( denn so darf ich ihn jetzt ohne Bedenken nennen ) näher kennen zu lernen . - Seine öfteren Besuche , die er ununterbrochen fortsetzt , erleichtern mir meine Einsamkeit unendlich . - Wir philosophieren oft ganze Stunden zusammen ; täglich verrät sein Charakter mehr Festigkeit und Wärme für Freundschaft und Tugend . - Sein Betragen übertrifft ganz meine Erwartung , so wie es vielleicht die deinige übertreffen würde , wenn Du ihn solltest näher kennen lernen . - Nein , liebe Fanny , nicht After-Stolz besitzt er , sonst würde er sich an meiner Seite schon längst bis zum Gecken herabgewürdigt haben , der sich aus versteckter Eitelkeit so gerne vom Frauenzimmer bewundern läßt , weil er Verdienste zu besitzen glaubt . - Er ist gerade das Gegenteil ; ich kann sein biederes , ungeziertes , offenes Betragen nicht genug bewundern , das so ungeschminkt ist und nicht an die geringste Galanterie grenzt , woran die meisten unserer jetzigen Jünglinge kränkeln . - Ein eitleres , undenkendes Frauenzimmer würde vielleicht in seinem philosophischen Umgange wenig Zeitvertreib finden ; selbst meine kleine Eitelkeit fand bei seinem trocknen Betragen nicht ihre Rechnung ; ich wußte mir seine Zurückhaltung bei den so oft wiederholten Besuchen nicht recht zu enträtseln ; - ganz natürlich hieß mich mein Stolz den nämlichen Ton bestimmen , und so blieben wir beide einige Zeit lang in einer gewissen Entfernung , die mir für unsere Freundschaft zu kalt dünkte , und die mich , ohne zu wissen warum , heimlich ärgerte . - Endlich würdigte er mich seines Zutrauens ; ich mußte hören , daß er ein Mädchen liebte ... mehr liebte , als sie es nach seiner Erzählung verdient . - Er hätte immer mit dieser Nachricht noch schweigen können ; sie hat mich so sehr gegen dies undankbare Geschöpf aufgebracht , daß er vielleicht gar meinen Unwillen bemerkt hat . - Ewig Schade für sein Herz , daß es in solche Hände geraten mußte ! - Ich möchte doch das nasenweise Ding gerne kennen , das mit der leidenschaftlichen Neigung eines Jünglings wie eine wahre Kokette spielt . - Und doch ist der gute Junge noch so entzückt , so begeistert von diesem Mädchen ! O wäre er nicht so sehr mein Freund , ich würde ihm Unbesonnenheit vorwerfen . - Ich muß mich in dieser Sache über alles das sehr behutsam gegen ihn betragen , sonst könnte er leicht auf den Gedanken geraten , ich beneidete einigermaßen sein Mädchen . Er ist zu viel Menschenkenner , als daß ich ihm entwischen könnte . Ob er gleichwohl nicht die geringste Eitelkeit besitzt , so möchte ich mich doch von dieser Seite nicht gerne bloß geben , weil es mir zu sehr um seinen Beifall zu tun ist . - Und würde ich diesen moralischen Beifall nicht verscherzen , wenn ich nicht Herr über den so natürlichen weiblichen Neid sein könnte ? - O , ich will gewiß alles anwenden , um als Freundin seiner ganzen Achtung würdig zu werden ! - Aber sein Mädchen wird doch nicht den tollen Einfall bekommen , ihn aus Eifersucht meinem Umgang zu entreissen ? - Ohne seinen herrlichen Umgang würden mir jetzt die Stunden tödlich lange , und er wäre wahrlich gegen sich selbst strenge genug , mir seine Besuche zu entziehen , wenn sie auf diesen neidischen Gedanken geraten sollte , und das würde mich sehr kränken ! - Letzthin empfand ich über seine Gewissenhaftigkeit in der Liebe Freude und Ärger zugleich : Ärger , weil mir seine übertriebene Kälte ein Bisschen unerträglich wurde , und Freude , weil ich ihn als ein Muster der Rechtschaffenheit bewundern mußte , der es in seiner Treue so weit treibt , daß er noch nicht einmal eine von meinen Händen berührt hat . - Mich dünkt , ein Bisschen wärmer dürfte er denn doch gegen eine Freundin immer sein ; er kennt ja meine Denkungsart ; ich würde ihn nie zu einer Treulosigkeit verleiten . Du weist , wie sehr ich so etwas hasse , weil es mein Herz ebenfalls zerreißen würde , wenn ich an seines Mädchens Stelle wäre . Aber es ist bei allem dem so verdrießlich , daß er meine Hand so nachlässig herunterhängen läßt , wenn er mich bisweilen am Arme führt . - In der Tat sein Mädchen ist sehr glücklich ! - O die Bösartige , daß sie ihn nicht mit offenen Armen empfängt und ihn für seine äußerste Liebe noch mit Ungewißheit martern kann ! - Gestern übermannte mich der Eifer so sehr , daß ich ihn geradezu fragte , ob denn dieser Verlust unersetzlich wäre . - Ich erschrak sehr über meine unüberlegte Frage , aber sein argloses , unbefangenes Herz gab ihr keine üble Deutung . - Daß er sich aber auch so leidenschaftlich um die Liebe eines Mädchens bemüht , die seiner unwürdig zu sein scheint ! - Gott ! - wie unglücklich sind Seelen von dieser Gattung in der Liebe , wenn sie der Zufall auf fühllose Geschöpfe stoßen läßt ! - Was mich noch am meisten staunen machte , ist seine Beharrlichkeit bei allem ihrem abscheulichen Betragen , indem er mir rund weg ins Gesicht sagte : " Nein , Madame , so lange mein Mädchen keine Entscheidung von sich gibt , eben so lange befiehlt mir mein Ehrengefühl an keinen Ersatz zu denken . Ich merke zwar , daß sie nicht das Mädchen ist , die mein Ideal ausfüllt , aber sie zeigte mir heimliche Leidenschaft ; sie ist vielleicht zu schüchtern , um sich ganz zu erkennen zu geben ; und sollte ich Bösewicht genug sein können , ihre Hoffnungen zu täuschen ? " - Mit diesen Grundsätzen kannte ich noch keinen Mann ! - Tränen stürzten mir über die Entdeckung seines feinen Gefühls in die Augen ; - zum Glücke wandelten wir gerade auf einem Spaziergang im Dunklen und er bemerkte meine Rührung nicht . - Mein Herz war beklommen , mit Mitleid angefüllt über sein Schicksal , - und so verließen wir uns . - Was hältst Du von einem solchen Jüngling ? - Ist sein Mädchen nicht glücklicher als deine Freundin , der das ungünstige Schicksal ein solches edles Geschöpf zuschickte ? - Tausend Küsse von Deiner Amalie. 158. Brief . An Amalie CLVIII. Brief An Amalie Nun da haben wir_es ja ; schon wieder verliebt ! und noch obendrein so ernsthaft , so verborgen , daß Du selbst nicht einmal weist , was in deinem Herzen vorgeht . Noch schleicht die Liebe , diese allmächtige Beherrscherin , bei Dir unter dem Deckmantel der Freundschaft umher , aber nimm Dich in Acht , Freundschaft unter zwei Gefühlvollen ist ein gefährlicher Schleichhandel , der schon so oft in Liebe überging . - Wenn dein ernsthafter , empfindsamer Freund wirklich so ernsthaft ist , als Du mir ihn schilderst , dann ist er gewiß auch meiner Achtung würdig . - Doch wer bürgt mir in deinem jetzigen Zustande für die Richtigkeit deiner Beurteilung ? - Sein liebenswürdiger Charakter ist zu ausgezeichnet , als daß er auf ein Frauenzimmer , wie Du bist , keinen Eindruck machen sollte . - Er mag immer ein vortrefflicher junger Mann sein , - Du bist es ihm schuldig , ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen , - aber deine heimliche Neigung könnte leicht mehr für ihn sprechen , als deiner Ruhe dienlich wäre . - O , es ist für ein denkendes Frauenzimmer eine zu reizbare Versuchung , den Mann zu entdecken , der auch die geringsten seiner Begierden zu unterjochen weiß , der sich in der Liebe nicht durch kleine Galanterien zu größeren Vergehungen verleiten läßt . - Und dieser so schöne Zug aus deines Freundes Charakter , hätte er wohl deine unzufriedene Ahnung verdient , wenn dein Herz nicht im Stillen Wünsche nährte , deren sich deine Vernunft schämt ? - Schlüge dein Inneres nicht jetzt schon für Liebe , die Nachricht von seiner Verbindung mit jenem Mädchen würde Dich gewiß nicht so erschüttert haben . - Merkst Du denn noch nicht , wo dein Herzchen mit all diesen Äußerungen hinaus will ? - Hat dein feuriger Unwille , der merkbare kleine Neid , der noch immer mit der schüchternen Zurückhaltung streitet , etwa nichts zu bedeuten , das an Liebe grenzt ? - He , Weibchen ! - He ! - Glaube mir , in der Freundschaft bedauert man einander nicht mit solcher stürmischen Heftigkeit ; Mitleiden in dergleichen Fällen ist der nächste Schritt zur Liebe . - Aber um Vergebung , bestes Malchen , sollte ich deiner Neigung hierinnen nicht ein Bisschen Übereilung zur Last legen ? - Hast Du denn auch die Folgen überdacht ? - Um Gotteswillen bedenke , wenn sein Mädchen wirklich heimliche Leidenschaft für ihn fühlte , wie er vermutet , und er fühlte dann , ohne es selbst recht zu wissen , für Dich und Du für ihn ; was entstünde wohl hieraus für ein Chaos ? - Und wer müßte sonst wohl das Opfer dieser Leidenschaft werden , als Du ? - Täuscht euch ja nicht länger , lieben Kinder , mit eurer Freundschaft ; brich entweder die Bekanntschaft auf der Stelle ab , oder Er mag ihr eine andere Wendung geben , so bald er überzeugt wird , daß sein Mädchen eine Undankbare ist . - So viel mich dünkt , kettete ihn der Zufall und ein leeres , unbeschäftigtes Herz an sie , und ich wollte alles darauf setzen , das Mädchen gefällt ihm nicht mehr , seitdem er Dich kennt ; noch streitet er mit Liebe und Pflicht ; noch kämpft er mit unbekannten Empfindungen , aber gewiß nährt sein Herz den heimlichen Wunsch , daß ihn sein Mädchen zurückweisen möchte ; so viel habe ich aus seiner Äußerung gegen Dich geschlossen . - So stumm auch immer sein Mund ist , so übereilt auch seine Handlungen sind , so wenig er sich auch an deiner Seite zu deinem Vorteil zeigt , desto mehr sprechen seine häufigen Besuche . - Werde mir aber ja nicht eitel , Malchen , wenn ich Dir sage , daß ich in das Herz deines Freundes und in das deinige hineindrang , und in dem ersten Spuren entdeckte , die deiner Eigenliebe schmeicheln können . - Der junge Mann besitzt Kopf , Gefühl und Geschmack ; glaubst Du also nicht , daß er in der Liebe etwas ihm ähnliches suchen wird ? - Ich kenne zwar sein Mädchen nicht , aber ich weiß , daß es wenige Mädchen gibt , die einen verdienstvollen Denker zu fesseln wissen . - Bloß aus Pflicht hängt er noch an ihr ! - Ein schönes Wort für den ehrlichen Mann ! aber welch ein Unterschied zwischen kalter Pflicht - und wirklicher Liebe ! - Sei behutsam , teure Freundin ! sei behutsam ! warne deinen Freund vor Selbst-Täuschung , flöße auch ihm Behutsamkeit ein , und erinnere Dich an die Ermahnungen deiner Freundin Fanny . 159. Brief . An Fanny CLIX. Brief An Fanny Liebe Fanny , mit aller deiner philosophischen Beurteilungskraft hast Du Dich für diesmal , wie mich dünkt , doch geirrt ! - Oder beharrst Du denn ganz eigensinnig auf deiner Entdeckung ? - Liebe ist mir doch nicht so unbekannt , um ihr Dasein nicht zu bemerken . - Man muß ja nicht gleich lieben ; kann man denn nicht mit der süßen Freundschaft zufrieden sein , wenn man Kopf genug genug hat , die Wonne derselben ohne Begierden zu genießen ? - Ich würde mich zu Tode schämen , wenn mein Freund hierinnen mehr Selbstbeherrschung besitzen sollte , als ich ! - Was kann denn ich davor , wenn seine Denkungsart , sein Betragen , sein Herz mir täglich mehr gefällt , mich mehr entzückt ? - Das sind Verdienste , die eine moralische Zuneigung erzeugen können , welche aber von der Liebe ( bei der sich doch immer etwas Sinnliches einmischt ) noch weit entfernt ist . - Ich gestehe es , seine Grundsätze in der Liebe sind hinreißend , werden ein jedes Mädchen glücklich machen , aber .... sie sind nicht für mich , sie sind für eine andere bestimmt ! Es kann sein , daß sich mein Herz im Stillen vorübergehenden kühnen Wünschen öffnete ; was tut man nicht aus Übereilung ? - Die Nachricht seiner Verbindung hat mich niedergedonnert , es ist wahr , doch mehr in Betracht der unverschämten Koketterie seines Mädchens , als der Entdeckung einer Neuigkeit , die mir willkommen sein mußte . - Oft glaubt der Mensch sein Ziel erreicht zu haben , und greift .... nach einem Schatten ! - Daß ich sein Mädchen beneide , leugne ich auch nicht ; aber beneidet man nicht auch oft Dinge aus Grille ? - Ich habe noch mehr getan , als ihn bloß bemitleidet - ich habe ihn sogar angefeuert bei seinem Mädchen auf die Entscheidung seines Schicksals zu dringen , damit er doch einmal ruhig wird , der gute Junge , der um dieser Zaudererin Willen mit der schrecklichsten Ungewißheit ringt . - War ich diesen Rat nicht der Freundschaft schuldig ? - Du möchtest mich doch gar zu gerne verliebt sehen ! - Welches feindselige Geschicke ihn zu diesem unwürdigen Mädchen führte , weiß ich nicht ; aber so viel weiß ich , daß er schon oft sagte , sie wäre wirklich nicht mehr das Mädchen , die seinen moralischen Forderungen entspräche : - Ob er nun an mir etwas besseres findet , darf ich aus Bescheidenheit nicht bestimmen ; wenigstens kämpft er seit einiger Zeit mit der äußersten Schwermut - ohne sich jemals herauszulassen , daß ich ihm mehr als Freundin bin . - Ich bleibe bei meinem Satz : das Mädchen ist und bleibt eine fühllose Kokette , sonst würde sie ihm nicht einen Tag alle möglichen Aufmunterungen der Liebe anbieten und den folgenden durch Sprödigkeit und Ziererei wieder alle Hoffnungen zernichten ! - Empfände ich nicht Mitleiden mit seinem Kampfe , ich würde ihm diese gutherzige Blindheit derb verweisen . - Aus Mitleid , aus Freundschaft habe ich ihn zu einer Untersuchung ihrer Gefühle beredet . - Ich überlasse die Entwicklung dem Schicksale , und bin mit seinen Fügungen zufrieden . - - Ha ! - Man pocht ! - Es ist mein Freund ; er kommt von seinem Mädchen ... . Ich weiß nicht , warum ich so zittere ..... Er rief mir freudig entgegen : " Mein Schicksal ist entschieden ! - Ich bin glücklich ! " - Gott im Himmel ! - Was ging in diesem Augenblick in mir vor ? ... . Die Wehmut übermannte mich ... sie preßte mir bei dieser Nachricht Tränen aus . - Ich konnte an der Zufriedenheit meines Freundes keinen wahren Anteil nehmen ; sein Glück dünkte mich der Anfang meines Unglücks ... O meine Fanny ! - Deine weissagende Seele ! Du hast Recht .... ich liebe ihn !!! - Ha ! ich möchte vor Schamröte vergehen , daß ich Dich , daß ich ihn , daß ich mich so lange täuschen konnte ! - Um deiner Liebe Willen halte mein Leugnen nicht für Verstellung ; ich wußte selbst nichts von dieser Leidenschaft ! Gott ! - was ist der Mensch für ein schwaches Wesen ! - Wie wenig kennt er sich selbst , bis ihn die Leidenschaften überraschen ! - Ich kann Dir , liebe Fanny , diesen Auftritt nicht so lebhaft schildern , als ich ihn fühlte ... O die gräßlichen Worte : Mein Schicksal ist entschieden ! - Ich bin glücklich ! - raubten mir alle Fassung ! - Kaum vermochte ich noch die Frage herauszustottern : " Und wie ist es denn entschieden ? " - Die Freude , die ich bei dem Eintritt auf seinem Gesichte las , tötete in mir alle Hoffnung , ihn je zu besitzen ! - Schon fühlte ich die entwickelte Liebe und mein Unglück in all seiner Stärke , meinen Verlust in seinem ganzen Gewichte , meine hoffnungslose Liebe mit einer Ewigkeit voll Jammer begleitet !!! - Nach meinen Empfindungen zu urteilen , muß dies der einzige Mann in der Schöpfung sein , der mir bis jetzt mangelte ! - Aber stelle Dir mein heimliches Entzücken vor , als er mir in wenigen Minuten darauf gerade das Gegenteil von dem sagte , was mich so gebeugt hatte , als er mit fröhlichem Herzen anfing : " Sie haben mich Unrecht verstanden . Ich bin frei ; das Mädchen liebt mich nicht , hat mich nie geliebt ; sie hob auf meine dringende Bitte alle Hoffnung zur Gegenliebe auf , aber mit einer Kälte , mit einer Kälte , die meinen ganzen Stolz empörte ! " - Dieser rasche Übergang , diese glückliche Täuschung wirkte so sehr auf mich , daß ich in lautes Weinen ausbrach ! - Ich beredete ihn , daß es Tränen der Teilnahme , Tränen der Freundschaft wären , - aber es waren Tränen ... der Liebe . - O meine Freundin , wenn er meine Leidenschaft nur nicht bemerkt hat ! - Wenn er nur auch für mich so viel empfände ! - Oder wenn er nur nicht so viele ausgezeichnete moralische Reize besäße ! - Darf ich Den zu lieben erröten ? - Den , der alle Geistesvorzüge besitzt , - der die Beleidigung dieser Kreatur mit keinem bitteren Wörtchen ahndete , - der wie ein sanfter Engel ihre Falschheit bemitleidete und seinem Herzen aus edlem Selbstgefühl Richtung gab ? - Den , der so ganz das Ebenbild meines Ideals ist ? - Den , auf dessen Herz , auf dessen moralischen Charakter , auf dessen Talenten eine jede Denkerin stolz sein würde ? - O Dank dir , Alltags-Mädchen , Dank dir , daß du ihn nur der Schale nach beurteiltest , daß du in ihm den galanten Modegecken vermißtest , der deiner dummen Eitelkeit besser würde geschmeichelt haben ; daß du seinen inneren Wert aus eigener Verdienstlosigkeit nicht entdecktest ! - Verzeihe , meine Freundin , wenn ich hier abbreche ! Gibt es für meine Empfindungen eine Sprache ? - Amalie. 160. Brief . An Amalie CLX. Brief An Amalie Liebes Malchen ! - Ich sollte Dich zwar ein Bisschen zanken , weil Du mir deine Leidenschaft so eigensinnig wegleugnetest , aber es liegt einmal in der Natur der Liebenden , daß sie sich lange genug selbst täuschen , und dann - was verzeiht man nicht einer Freundin , deren feurige Einbildungskraft , deren fühlende Seele so leicht von der Liebe kann überrascht werden ? - Alles gut , liebes Malchen , alles gut ; dein Freund ist ein herrlicher Junge ! Melde mir aber noch mehrere Züge aus seinem Charakter , und dann will ich Dir erst sagen , ob Du ihn zum Gatten wählen darfst . - Verstelle Dich gegen ihn wenigstens nur so lange , bis Du gewiß bist , daß er Dich eben so heftig liebt , daß er sein voriges Mädchen ganz vergessen hat , oder ob es bei ihm nur augenblicklicher Affekt war . - Die Liebe ist eine wunderliche Sache ; je mehr ihr Hindernisse aufstoßen , desto eigensinniger wird sie . - Ich bin zwar überzeugt , daß dein Freund Denker genug ist , um ein Mädchen zu verachten , zu vergessen , die ihn so misshandelte . - Dieser Bedenklichkeiten ungeachtet befiehlt Dir der Wohlstand , deine Liebe nicht eher zu zeigen , bis Du dazu aufgefordert wirst . - Lasse Dir nur die Zeit nicht lange werden , dein Freund wird bald mit einer Erklärung von selbst herausrücken . Mich dünkt , seine Fröhlichkeit über die Entscheidung seines Schicksals ist ... nichts weiter , als Liebe für Dich ! - Mit deinen Tränen hättest Du wohl an Dich halten können ; es läßt gar nicht schön , wenn verliebte Frauenzimmer weinen . - Doch Spaß beiseite , sei aufmerksam auf die fernere Handlungen deines Freundes , und statte mir treulichen Bericht davon ab . - Ich würde Dir heute gerne mehr schreiben ; aber mein Karl will durchaus mit mir spazieren gehen , und ... ei , sieh da ! nun nimmt er mir gar mein Tintenfaß weg . - Ich muß also wohl schließen . - Deine Fanny . 161. Brief . An Fanny CLXI. Brief An Fanny Traute , liebe Freundin ! - Du kränkst mich doch mit deinen vielen Bedenklichkeiten noch halb zu Tode ! - Ich danke Dir immer für deine gütige Sorgfalt , aber Du mußt dich auch von dem guten Charakter meines Freundes überzeugen wollen . - Zu viel Furcht verbittert das Leben ; nach mehreren Prüfungen wird übertriebenes Misstrauen endlich zur Beleidigung . - O und seine Seele ist doch so truglos , seine Vernunft so gebildet , sein Herz so rein , daß man ihm gut sein muß ! - Mitunter ist er freilich ein Bisschen Brauskopf , eine Folge seiner Lebhaftigkeit , die aber die sanfte Güte seines Herzens gleich wieder entwaffnet . Jede seiner Handlungen wird von dem feinsten Ehrengefühl geleitet , er fühlt die Erhabenheit seiner Seele , aber ist demungeachtet weder eitel , noch hochmütig ; selbst in der Liebe ( die seine einzige Glückseligkeit auszumachen scheint ) kann er nicht kriechen . - " Für jetzt , ( sagte er mir letzthin ) für jetzt bin ich mit Ihrer Freundschaft zufrieden . Können Sie mir einstens mehr schenken , dann ist mein Glück ohne Grenzen ! - Aber ich werde nichts erbetteln , nichts erschleichen , nichts ertrozzen . " - Wie gefällt Dir dieser neue Zug aus seinem Charakter ? - Ist er nicht der Beweis seines gefühlvollen , edlen Stolzes ? - Wie unterscheidet sich der Edle von den gewöhnlichen Männern , die bei der Bekanntschaft eines Frauenzimmers alle Kunstgriffe anwenden , um eine eigennüzzige Eroberung zu erhaschen . - Wie absichtslos , wie unbefangen zeigt sich seine Liebe ; wie weich , wie empfänglich ist seine Seele für jedes Gefühl der Tugend ! - Und in dies Geschöpf sollte ich noch Misstrauen setzen ? - Ich sollte ihn noch länger von mir entfernen ? - Noch länger nicht hinsinken an seinen warmen , klopfenden Busen ? - Rede mir doch in Zukunft nichts mehr von seinem vorigen Mädchen ! - Er hat , er mußte die Elende ganz vergessen , sonst würde mir seine Vernunft verdächtig geworden sein . - Noch nie fand ich ihn in seinen Entschlüssen wankend ; er ist in seinen Leidenschaften nicht Weichling ; er kennt den Wert der wahren Liebe , und weiß sie durch Standhaftigkeit zu adeln . - Bis Morgen bleibt dieser Brief noch ungesiegelt ; hernach das Weitere . - Des anderen Tages . Er ist vorbei der Augenblick der seligsten Vereinigung ! - Unsere Herzen haben sich einander ganz aufgeschlossen ! - Wilhelm B. ... gehört mein , und wird es auch ewig bleiben ! - Ha ! der Wonnetrunkenheit , die mich berauschte , als er den ersten warmen Kuß auf meine glühenden Lippen drückte ! - Als er mich mit hinreißender , feuriger Begeisterung seine Gattin nannte ! - Wie er dabei so feurig mich an sein lautpochendes Herz drückte , und wie er doch mitten im Taumel der Liebe Herr über seine gereizten Sinnen blieb ! - Ist das etwa nicht der größte Beweis seiner auf Hochachtung gegründeten Neigung ? - Erhebt ihn nicht seine bescheidene Schüchternheit über tausend andere Alltags-Liebhaber ? - Wo ich nur hinblicke , entdecke ich in ihm Seelen-Vollkommenheiten , die mich entzücken ! - Gott ! - Wie grenzenlos sind die Glückseligkeiten der echten Liebe ! - Und alle diese Glückseligkeiten warten in Wilhelms Armen auf mich !!! - Einige Tage hernach . So sind denn die Freuden dieses Lebens immer mit Bitterkeit gewürzt ! - Hätte ich dies wohl vor einigen Stunden vermutet ? - Mein Gatte ( denn das ist er jetzt vor Gott ) mein Gatte leidet wegen meiner von seinen Verwandten die schrecklichsten Verfolgungen ! - Sie hätten ihn gerne von mir gerissen , die Habsüchtigen , aber es gelang ihnen nicht ; er kämpfte wie ein Biedermann , bot dem Vorurteile Trotz , und ist jetzt viel feuriger , viel schwärmerischer ( wenn es je möglich ist ) als zuvor ! - Hindernisse sind in der Liebe ein mächtiger Sporn ; aber er wird diese Hindernisse alle übersteigen ! Kümmere Dich nicht , meine Freundin , er ist Mann ; tausend noch ärgere Kabalen werden ihn doch nicht von der Seite seines Weibes reißen ! - O , ich kenne ihn ; er trägt ein deutsches Herz im Busen und würde aus Liebe einer Hölle trotzen , wenn sie sich gegen ihn auflehnte ! - Groß ist seine Seele , entschlossen sein Mut und unnachahmlich seine Zärtlichkeit ! - Künftigen Posttag die sichere Nachricht von meinem Brauttag , wenn nicht der Fluch des Schicksals auf mir ruht , nie , nie glücklich werden zu dürfen !!! - Amalie . 162. Brief . An Amalie CLXII. Brief An Amalie Mein Malchen , das verzeihe ich Dir in Ewigkeit nicht , daß Du mir bis jetzt den Namen deines Freundes verschwiegst ! - Wilhelm B. ... wird dein Gatte ? Der liebe B. ... , der so oft an dem vertrauten Busen meines Karls lag , als sie zusammen in G. ... studierten ? - Jener B. ... , dessen große Seele , dessen menschenfreundliche Handlungen in ganz G. ... bekannt sind ? - Jener B. ... , der sich zum Ärger Anderer schon so frühe zum Denker emporschwang , der allen Ergötzlichkeiten der Jugend entsagte , um die Notleidenden unterstützen zu können ! - Mein Karl beteuert , daß er nie einen biedereren Freund gehabt habe , als ihn . - Er beteuert , überall herrsche Feuer , Wohlwollen , mit reizender Begeisterung begleitet , in seinen Handlungen . - O Du glückliches , glückliches Weibchen ! - Karl taumelt vor Entzücken ! - Eine herrlichere Überraschung hättest Du uns gewiß nicht bereiten können , ob sie gleich vielleicht wider deinen Willen geschah , denn ich glaube nicht , daß Du von der ehemaligen Verbindung dieser zweien Freunde etwas gewußt hast . - Das Schicksal entfernte sie von einander , der junge B. ... ging auf Reisen , mein Karl hatte das Gleiche im Sinne , bis ich ihm dazwischen kam , seinen Plan scheitern machte , und ihr Briefwechsel aus Zufall unterbrochen wurde . - Aber sage mir doch , wie gerietest Du denn an diesen vortrefflichen Jüngling ? - Wo lerntet ihr euch kennen ? - Wie ging denn das zu ? - Wie kam es ? - O daß Du mir nicht auch alles bis auf den kleinsten Umstand schriebst ! - Um aller Welt Willen , verhehle ihm meine misstrauischen Anmerkungen ! - Er müßte mir Gram werden , daß ich ihn , freilich unbekannter Weise , so beleidigen konnte . - O Malchen ! - Malchen ! - mein Entzücken über diese Entdeckung ist grenzenlos ! - Schmiege Dich fest an den Edlen , und wenn seine Verwandten sich in Furien verwandelten , so lasse ihn doch nicht ! - An der Seite eines Wilhelm B. ... wird jedes Weib zur beneidungswürdigen Sterblichen ! - Und gesetzt , sie entzögen ihm alle Glücks-Güter , so wirst Du bei seinen ausgezeichneten Talenten doch nie darben dürfen . - Wenn ich ihn doch nur schon von Person aus kennte ; Karl und ich können den Augenblick kaum erwarten , wo wir ihn sehen werden ! - Guter , guter Vater im Himmel , so machst du denn meine Amalie auf einmal ganz glücklich ! - Hast Du ihn endlich gefunden , Freundin , den , der einer Amalie würdig ist , - den , der Dir in Allem so gleicht , als ob die Natur bei der Schöpfung nur Einen Gedanken , nur Einen Endzweck zur engsten Harmonie gehabt hätte , - den , der Dir alle trüben Schicksale wird vergessen machen , - den , der Dir , mir und meinem Karl Tränen der innigsten Freude entlockt ! - - Amalie , es gibt Wonne-Gefühle , die die Zunge fesseln , aber das Herz desto mehr erweitern zur Empfänglichkeit für die Freuden der Freundschaft ; das ist jetzt der Zustand deiner entzückten Fanny . 163. Brief . An Fanny CLXIII. Brief An Fanny Teuerste , liebste Fanny ! - Ich habe Dir mit Vorbedacht den Geschlechts-Namen meines Wilhelms nicht früher entdeckt , um dein Urteil desto unparteiischer zu vernehmen . - Von der Freundschaft zwischen Karl und Wilhelm , deren Erneuerung meinem Gatten die unaussprechlichste Freude machen wird , wußte ich nicht das geringste ; bloß der glückliche Zufall hat es entdeckt . - Ich halte mich überhaupt bei der Schilderung eines Freundes nicht gerne lange bei Nebensachen auf , am allerwenigsten bei körperlichen Reizen , an denen nur sinnlose , eitle , undenkende Frauenzimmer kleben bleiben . - Glücklicher Weise gehört meine Wahl auch in diesem für mich so unbedeutenden Stücke nicht unter die geschmacklosen , wie Du von deinem Karl hören wirst . - In der glücklichen Liebe müssen die körperlichen Reize immer den moralischen nachstehen , sonst wird dieselbe zur niedrigen Alltags-Ware . - Es würde meinem Kopf ewig Schande machen , wenn ich mich je bei der Wahl eines Gatten ( vorausgesetzt , daß er von der Natur nicht ganz verwahrlost worden ist ) bei meinen philosophischen Grundsätzen so weit hätte verirren können . - Ja , meine Teuerste , Wilhelm B. ... ist es , der meine zeitliche und ewige Glückseligkeit ausmacht ! - Er ist jetzt mein Führer , mein Freund , mein Gatte , mein Alles in Allem ! - Wie ich an ihn geriet , würde zum erzählen zu weitläufig werden ; also nur in Kurzem : Er lernte meine Denkungsart , so wie ich die seinige , durch die Schilderung einiger Freunde kennen . - Aus Ahnungen entstünden Wünsche , und diese Wünsche führten uns durch einen glücklichen Zufall zur Bekanntschaft , der wir beide mit Sehnsucht entgegen sahen . - Du weist , wie ich gerade zu derselbigen Zeit im Begriff war , aus mürrischem Menschenhaß zum Leichtsinn überzugehen , - als plötzlich Wilhelm kam und mich zurückrief . - So weit , wie ich es trieb , treibt es der schwache Mensch , wenn ihn das Schicksal verwirrt macht , wenn sein gutes Herz von allen Seiten zerrissen und seine Vernunft beinahe irre geführt wird . - Gott Lob , sie sind vorüber diese Zeiten ! - ich erhielt einen Begleiter auf diesem gefährlichen Pfade , wo man so leicht strauchelt ! - Aber , liebe Fanny , sei doch kein Kind , wie könnte Dir denn Wilhelm Gram werden , wenn Du unbekannter Weise für mein Wohl sorgtest ? - Habe ich deinem anteilnehmenden Herzen nicht schon bei der ersten Wahl eines Gatten den unüberlegtesten , leichtsinnigsten Streiche gespielt ? - war ich nicht taub gegen deine Ermahnungen ? - hörte ich nicht bloß auf meine gutherzige Hitze , um mir unbeschreibliches Elend einzutauschen ? - Du hattest ganz Recht mich zu warnen : ein junges Frauenzimmer hat nie zu viel Welt , nie zu viel Kopf , um in der Liebe vorsichtig genug zu handeln . Möchten sich meine Leserinnen mein ausgestandenes Elend tief in ihr Herz schreiben , wenn ein Spieler , ein Wollüstling oder sonst ein niedriger Schurke ihre Leichtgläubigkeit , ihre Sinnen durch heuchlerische Schmeicheleien , durch zudringliche Kunstgriffe zu übertäuben sucht ! - Doch endlich , meine Beste , sind sie zu Ende meine Leiden , und die Verfolgungen , die wir wegen unserer Liebe dulden mußten , durch die Standhaftigkeit meines Wilhelms überwunden ! - Mein Schauspieler-Stand beleidigte seine hochnasigte Familie , die sich doch der meinigen nicht zu schämen hat . - Aber Wilhem trotzte diesen Schimären und hörte bloß auf die Stimme der Vernunft , der Redlichkeit und der Liebe ! - Seine feurige Einbildungskraft gibt der Liebe einen Schwung , den vielleicht wenig Jünglinge in unserem flatterhaften Jahrhunderte erreichen werden , wenigstens gewiß nicht mit solchen durchdachten Grundsätzen , mit so vieler Überzeugung einer zukünftigen Glückseligkeit , mit dem warmen Ausguß des besten Herzens , wie meines Wilhelms Liebe ist . - Gott ist mein Zeuge , daß aus diesem braven Jüngling nicht überspannte Romanen-Sprache spricht ; seine Liebe ist auf Überlegung gegründet ; sie entstand allmählich ; er lernte mich durch Umgang kennen , fand seine Wünsche in Wirklichkeit gebracht , und Seelen-Harmonie vereinigte uns auf ewig . - Alle Nebenabsichten , denen der schwachköpfige Jüngling anhängt , mußten bei seiner beispiellosen Liebe weichen - Nicht unbesonnenes jugendliches Feuer benebelte seine Sinnen , sondern tiefe Überzeugung , daß ich das Glück seines Lebens ausmachen würde , entschied seine Wahl . - - Glänzendere Aussichten , die Gunst seiner Familie , Verschiedenheit unseres Standes , Unterschied der Religion , ( dein Karl wird Dir vermutlich schon gesagt haben , daß er ein Protestant ist ) und noch mehr dergleichen tirannische Vorurteile unterjochte er mit einem philosophischen Mut , der mich staunen machte ! - Unnennbar ist meine jetzige Glückseligkeit ! Entzücken , Wonne , Gatten-Liebe und die süßeste Schadloshaltung für meine ehemalige Schicksale strömen nun mit unaussprechlicher Freude in mein Herz ! - Oft läßt mich diese Himmelswonne kaum zu Atem kommen ! - Oft muß mein Wilhelm die Tränen der Freude stromweise von meinen Wangen wegküßen , um das süße melankolische Gefühl zu zerstreuen , das mich auf Kosten meiner Gesundheit zur träumenden Schwärmerin macht . - In diesem Zustande würde ich bloß taumeln und nicht wachen . - Alle meine Wünsche sind jetzt erfüllt ! Mein gutes Herz hat noch ein besseres gefunden ; meine Seele kann sich in ihr Ebenbild ergießen ; mein Geist findet durch Wilhelms Vernunft Nahrung ; meine kleinen Schwachheiten stehen jetzt unter der Sicht eines gütigen , liebevollen Gatten ; meine Grundsätze werden durch seine herrliche Philosophie fester , und mein Herz findet Anlaß sich mehr zu veredeln , um es der Glückseligkeit empfänglich zu machen , zu der wir von der ewig weisen Vorsicht bestimmt sind . - O , du solltest Zeuge unserer gegenseitigen Hochachtung , Gefälligkeit und Sanftmut sein , die mit der feurigsten , zärtlichsten Leidenschaft verknüpft sind und unsere Tage zum Elysium schaffen . - Unsere Religion ist Liebe für den Allmächtigen und Liebe für unsere Brüder ; unsere Lebensart , stille von der großen Welt entfernte Weisheit ; unsere Unterhaltung , gegenseitiges gutes Herz , in heiteren Augenblicken mit unschuldigen Scheckereien gewürzt , und der Endzweck unserer Handlungen , willige Ausübung der allgemeinen Pflichten für das Wohl der Menschheit und für unser eigenes . - Dies , meine Fanny , ist nur obenhin das Bild meiner glücklichen Ehe , die Du in ihrer vollen Zufriedenheit selbst erblicken sollst . - Ja , ja , meine Freundin , Du und dein Karl , ihr sollt beide Zeugen meiner zeitlichen Glückseligkeit werden ! - Mein Gatte gab mir sein Wort - wir besuchen euch auf unserer Reise nach der Schweiz - und mein Wilhelm hält sein gegebenes Wort gewiß ! - Gewis hält er es ; ich kenne meinen Wilhelm ! - Also nur Acht gegeben , wenn Du einen Wagen rollen hörst , so denke nur , es kommt Niemand anders , als Deine glückliche Amalie . Nachschrift an die Leser und Leserinnen Nachschrift an die Leser und Leserinnen . So viel , meine wertesten Freunde und Freundinnen , kann ich Sie versichern , daß dieses mein Werkchen eine wahre Geschichte und kein idealischer Roman ist . - Ich werde wohl nicht nötig haben , für den Welt- und Menschenkenner diese Behauptung deutlicher zu erklären , wenn er den geraden , natürlichen Gang meiner Geschichte eingesehen hat , die so weit von den abenteuerlichen Episoden , romanhaften Windbeuteleien , u. s.w. entfern ist , und bloß bei der lieben Natur , bei wirklichen Auftritten aus dem menschlichen Leben stehen bleibt . - Mich dünkt , daß man aus dieser ganz begreiflichen Art Schicksale , aus dergleichen wahrscheinlichen Begebenheiten am besten Herzen , Menschen und Sitten studieren lernt , weil sie auf keine Schimären , auf keine Ideale gegründet sind . Ob nun diese meine gute Absicht bei meiner Arbeit von den Denkern und Denkerinnen so verstanden wird , wie ich es wünsche , dies wird die Folge weisen . - Vielleicht hat diese ungezierte , an erdichteten Wicklungen und gehäuften Intriken so leere Geschichte nicht das Glück dem verwöhnten Geschmack zu gefallen , der leider so gerne bei Hirngeburten und bei lügenhaften Geniestreichen verweilt . - Es sollte mir wahrlich leid tun , weil ich mit allem Vorbedacht bei der pünktlichen Wahrheit der Geschichte stehen blieb und nicht gerne Erdichtungen einflicken wollte , um meine Leser und Leserinnen nicht mit Märchen aus dem Reiche der Möglichkeit zu täuschen , die unsere meisten Romanen ohnehin genug anfüllen . - Meine Arbeit mußte ein Kind der Natur werden ; wollen sich nun die Abgesandten der Vorurteile und dienstfertige Grübler daran wagen , dasselbe zu necken , so wird seine Mutter aus Erfahrung wohl so viel kaltes Blut gesammelt haben , um ihre Neckereien mit philosophischer Gleichgültigkeit zu ertragen - oder es zu verteidigen , - je nachdem es kommt ! - Die Verfasserin .