1. Kapitel . Ursulas Stoßseufzer " Ursel - Ur-su-la ! " rief eine helle Stimme durchs Haus . " Wo sie nur wieder stecken mag ! Weißt du es nicht , Axel ? " " Wahrscheinlich hat sie wieder ihre Tarnkappe auf ! " " Tarnkappe ? Was willst du damit sagen ? " " Na ja , sie versteht doch die Kunst , sich unsichtbar zu machen . " " Ja , wirklich , du hast recht , und gerade immer dann , wenn sie einem Mal nützen könnte . " " Was nicht oft der Fall ist , meinst du . Mitunter ist die Tarnkappe auch bloß geistiger Art , wir sehen Ursel , aber sie sieht uns nicht . Ihr Persönchen ist vorhanden , aber ihr Geist schwebt wieder wo anders . " " Ja , sie ist wirklich noch recht wenig zu gebrauchen ! " " Und hat doch so ein glänzendes Beispiel an ihrer Schwester ! " " Alexander ! " " Ingeborg ? " " Nicht respektlos sein gegen deine Älteste . " " Sind Komplimente respektlos ? " " Du neckst ja doch nur . " " Ich denke nicht daran ! Niemand kann von deinen Vorzügen mehr überzeugt sein als dein Bruder . " " Du scheinst dich wirklich zum Kavalier auszubilden , aber es steht dir gut . Nun sage nur , wo finden wir Ursula ? " " Was soll die Kleine ? " " Ach , ich dachte , die Kleine wäre einmal groß genug , um die ganz Kleinen eine halbe Stunde beaufsichtigen zu können . Die Eltern sind zum Diener , weißt du , und ich - " " Du möchtest gern in den Schloßgarten ? " " Fehlgeschossen ! Ich möchte Mamas Abwesenheit benutzen und die Truhe zu ihrem Geburtstag fertig machen , und nun fehlen mir Farben . " " Ich war der Meinung , die Truhe wird gebrannt ? " " Ja , die Brennarbeit ist schon fertig , aber die Flächen werden ausgemalt , ich muß durchaus zu Neumann und mir Chromgelb und Kobaltblau holen . " " Ist denn die Muschebergen nicht da , daß sie auf die Kleinen aufpassen kann ? " " Nein , Musching kommt heute nicht , sie hat es » ins Kreuz « , wie sie sagt . " " Da wird dein galanter Bruder gehen und die Farben holen ! " " Axel , du bist wirklich nett ! " " Wie immer ! Also Stromblau und Koboldgelb ? " Ingeborg lachte und verbesserte , darüber ließen sich neue Stimmen vernehmen : " Inge , kommst du noch nicht ? " " Ja , Kinderchen , eigentlich sollte Ursu - " " Ach , nicht Ursel , die ist gar nicht lustig ! Die guckt immer bloß in ihre dummen Bücher und sagt : Ja , ja - geht nur - ich komme - aber sie kommt nicht . " " Nun , ich komme . Aber recht artig müßt ihr sein , nicht toben und zanken , Inge hat zu arbeiten . " Die Stimmen verloren sich im Kinderzimmer . Inzwischen saß die Vermißte oben im zweiten Stock des Hauses , hatte sich im Fremdenzimmer eingeschlossen und schrieb . Ahnungslos , daß man sie suchte und daß die Geschwister so über sie urteilten , saß sie in ihrem sicheren Versteck und schrieb in ein blaues Heft : " Ich bin wirklich sehr unglücklich ! " Und weil ich das niemand sagen kann , darum will ich ein Tagebuch führen , um mich doch einmal aussprechen zu können . Eigentlich müßte ich dazu ein fein in Leder gebundenes Buch haben , das sich verschließen läßt , aber so weit reicht mein Taschengeld nicht , und wenn ich bäte , etwas aus der Sparbüchse nehmen zu dürfen , die Papa in Verwahrung hat , müßte ich ja sagen , wozu ich das Geld haben will . Das aber geht nicht , niemand soll es wissen , daß ich schreibe , sonst necken sie mich , wollen es lesen , es mir wegnehmen - o , ich kann mir schon alles denken ! Und darum muß es mein Geheimnis bleiben und ein blaues Schreibheft muß genügen . Das ist auch unauffällig , das werden sie wohl nicht entdecken . " Eigentlich schreiben ja nur berühmte Leute ein Tagebuch , während ich gar keine Aussicht habe , das jemals zu werden . Ich habe keine Talente und bin überhaupt ein recht gewöhnliches Menschenkind , nicht Mal ein bißchen hübsch ! Nie werde ich so aussehen und sein , wie meine Schwester Inge , nie den Menschen gefallen . Ich finde sie wirklich auch reizend , sie ist so blond und so hell , und immer freundlich gegen alle Leute - nur nicht gerade immer gegen mich ! Aber das kommt davon , weil ich so garstig bin , - nun und davon kommt wiederum mein Unglück ! " Inge ist zwanzig Jahre alt . Wie sie als Backfisch gewesen ist , darauf kann ich mich nicht mehr besinnen , denn ich bin fünf Jahre jünger , aber sie war gewiß immer nett . Sie hat wohl stets alles mögliche im Hause tun dürfen , was man mir nicht anvertraut ; Mama nennt sie gegen Fremde ihre » rechte Hand « und Papa lächelt , sowie er sie nur sieht . Meine kleinste Schwester Elfi hängt auch sehr an ihr , und die beiden zusammen sehen oft aus wie ein Bild , so hübsch , denn Elfi ist auch solch süßes blondes Ding . " Alle meine Geschwister sind blond , ich bin die einzige Schwarze . Meine dicken Zöpfe sind auch nur Kummer für mich , denn sie sind so schwer zu regieren . Ich zerbreche so viel Kämme und mag es nicht , wenn mein Haar nicht glatt sitzt . Früher , als Mama mir noch das Haar machte , ach ja ! Aber seit wir kein Kindermädchen mehr halten , ist die süße Mama eigentlich nur für die Babies da . " Wir haben nämlich noch zwei entzückende kleine Jungen , die noch nicht fünf Jahre alt sind , Zwillinge . Sie sollten zuerst Max und Moritz heißen , schlug Papa vor , aber das verbat sich Mama , und es wäre auch wirklich schade gewesen , sie so richtig als böse Buben bezeichnet zu sehen . Nun heißen sie Robert und Bertram , das hat Papa durchgesetzt , und er sagt oft : » Na , meine kleinen lustigen Vagabunden ? « Was das bedeutet , weiß ich eigentlich nicht , und Mama mag es auch nicht , aber Papa ist nun einmal sehr für das Necken . " Von ihm ließe ich es mir ja auch , ach wie gerne ! gefallen , denn ich finde meinen Vater einfach herrlich ! Aber mir gegenüber hat er niemals Lust zum Necken , ich bin viel zu langweilig . " Aber desto mehr Grund dazu sucht sich Axel , unser Primaner , aber der ist wirklich mein Feind ! Das ist kein Necken mehr ; ich denke immer , er will mir weh tun , und das muß mich doch unglücklich machen ! " Das sind also meine Geschwister . Eigentlich sind wir drei große und drei kleine Kinder , zwischen mir und Elfi sind zwei Geschwister gestorben . Ach , die eine Schwester , die nur ein Jahr jünger war , als ich , wäre gewiß meine Freundin geworden , die » Intima « , wie sie in der Schule sagen , und wie eigentlich jede in der Klasse eine hat , nur ich nicht ! " Ja , wir sind drei Große und drei Kleine , und ich , ich weiß nicht , wo ich hingehöre . Zu den Großen - das ist so eine Sache ! Es heißt doch alle Augenblicke : » Das ist noch nichts für dich , Ursula ! « » Gehe ein wenig hinaus , Urselchen , wir haben etwas zu reden « ( Inge mit ihren Freundinnen ) . » Das versteht so 'n Backfisch nicht ! « ( Axel ) . " Und zu den Kleinen ? Soll ich denn in der Kinderstube meine Arbeiten für die erste Klasse machen ? Das ist manchmal kaum möglich . Axel hat eine » Bude « , wie die Primaner sagen , wo er » büffeln « kann , so ungestört und so spät , wie er will . Inge hat ein kleines Boudoir , in dem sie allerlei hübsche Dinge treibt und ihre Freundinnen empfängt , aber ich ? " Wir haben ein so schönes Haus , aber mir kommt es noch immer wie ein fremdes vor . Ich habe keine Stelle , die mir gehört ! Früher war es anders . Zu Hause - ich sage noch immer so , wenn ich an Steinberg denke , wo wir früher wohnten - da war_es viel anders ! Vielleicht nicht so hübsch für fremde Leute , ich glaube , ein bißchen altmodisch , nicht elegant , aber viel Platz ! O , was für Ecken und Winkel , was für Kämmerchen und Verschläge ! Meine kleine , liebe Stube auf dem obersten Boden - o , ich bekomme so schreckliches Heimweh , wenn ich nur daran denke ! Es war wirklich nur ein Kämmerchen mit einem winzig kleinen Fenster , ausgeklebt mit zusammengesuchten Bildern statt der Tapete , aber alles , was drin war , gehörte mir . Meine Puppensachen und meine Bücher , mein Kinderstuhl und der kleine Glasschrank , und meine ersten Topfblumen . Es war da im Sommer freilich oft sehr heiß , aber ich machte mir nichts draus , der Winter war schlimmer , dann durfte ich die Stube gar nicht benutzen . Ich konnte immer den Frühling nicht erwarten , wo ich oben reinmachte und einzog . " Nun sind wir fort von Steinberg , wo Papa Amtsrichter war ; er ist ans Landgericht nach der Residenz versetzt , und hier wohnen wir nun in dem schönen , neuen Hause am Fürstenplatz . " Ich gehe in eine große Schule , wo wir viel , viel lernen müssen , mehr noch als in Steinberg , obgleich unser lieber Rektor auch was verlangte . Aber das schadet nicht , ich lerne gern . Lernen ist noch das beste . Was soll ich auch anders ? Als Schulkind weiß man immer , was man zu tun hat , - bei allem anderen fühle ich mich unsicher , kann nichts und bin nichts . " Ich beneide Inge oft so sehr , und Neid ist doch etwas so Schlechtes ! Nicht , daß alle sie lieber haben als mich , das begreif ich ja - aber daß sie so sein kann , wie sie ist , immer vergnügt und gewiß immer mit sich zufrieden . Wie das sein mag ! Und dann , daß sie so vieles im Hause tun darf und kann , was man mir nicht erlaubt . " Ach , älteste Töchter haben es immer besser ! Oder auch einzige Töchter . Wie oft hört und liest man , wie eine einzige Tochter » des Hauses Segen « genannt wird . Wenn die Mutter krank ist , nimmt sie ihr alle Arbeit ab , wenn der Vater Unglück hat , vielleicht sein Vermögen verliert , ist sie sein Trost , hilft ihm verdienen , und alle so was . Was kann ich jemals sein oder tun ? " Ich glaube , wenn ich heute oder morgen tot bliebe , mich vermißte kein Mensch ! Und ist das nicht traurig ? " Erst am folgenden Tage konnte sie fortsetzen : " Ich glaube , gestern habe ich etwas sehr Unrechtes geschrieben . O lieber Gott , verzeih mir ! Ich wollte doch gewiß nicht , daß mein Papa sein Geld verlöre oder meine Mama krank würde , nur damit ich etwas für sie tun könnte . Und meine lieben Geschwister , die wollte ich doch nicht hingeben , nur um die » Einzige « zu sein ? O , es ist schrecklich ! Aber so was mache ich immer , wenn ich so ganz , ganz allein mich fühle , wenn niemand sieht und fühlt , wie mir ist ! " Aber dies ist ja mein Geheimbuch , niemand wird es finden und lesen , hier kann ich aufrichtig sein . Aufrichtig ? Das ist auch nicht das rechte Wort . Was ich gestern zuletzt geschrieben , war dumm und häßlich . Aber es kommt alles davon , weil ich so unglücklich bin . " Hätte ' ich nur eine Freundin ! " Ob ich wohl eigentlich dumm bin ? Manchmal muß ich es glauben . In den Schulstunden zwar , da kann ich nicht sagen , daß ich die Lehrer nicht verstände , nicht mitkommen könnte . Im Gegenteil , ich möchte manchmal noch mehr wissen , als sie uns sagen , oder als in den Büchern steht ; ich muß über alles noch so viel nachdenken ! Aber wenn ich mit meinen Klassennachbarinnen über etwas sprechen , sie etwas fragen will , was mir noch nicht völlig klar ist , dann kommt es , daß die anderen mich dumm finden . » Laß doch bloß dies verrückte Fragen , « sagen sie dann , » da kann einem so bang davor werden . « Oder : » Das weißt du nicht ? Na , höre Mal , du bist aber etwas - ! « » Etwas zurück ! « sagt eine andere , mit einer milden Geringschätzung , und dann werde ich innerlich wütend . " Ich bin gar nicht zurück ! Wir hatten in Steinberg eine sehr gute Privatschule , und ich hatte nach dem ersten Halbjahr hier eines der besten Zeugnisse in der Klasse und wurde gleich versetzt . Das ist es also nicht , lernen kann ich ebensogut wie die anderen , und die Lehrer tadeln mich nicht . " Es muß etwas anderes sein , was mir fehlt und warum sie mich dumm finden , ich weiß es nicht ; aber die anderen wissen es vielleicht , und darum kann ich zu keiner Vertrauen fassen . " Inge hat so viele Freundinnen , immer wieder neue ! So war es in Steinberg , und so ist es hier . » Die schöne Schwedin « wird sie genannt , weil sie so aussieht , wie man sich die herrlichen , blonden Nordländerinnen denkt , und weil wir auch eigentlich aus Schweden stammen . Das heißt zu der Zeit , als die Küste unseres Landes schwedisch war , ist Papas Familie hier ansässig geworden . " Ich interessiere mich nun sehr für schwedische Geschichte und für Beschreibungen des Landes , und die Frithjofsage , nach deren Heldin meine Schwester ja Ingeborg heißt , weiß ich beinahe auswendig . Die lernte ich noch in Steinberg , in meiner geliebten Bodenstube . Da habe ich manchmal laut deklamiert ; o , wenn das jemand gehört hätte ! Aber niemand hat_es , ich bin ganz sicher , und hier - ach , hier ist nicht an so was zu denken . " In diesem schönen , neuen Hause gibt es keine versteckten Winkel , keine übrigen Kämmerchen ; hier heißt es oft noch , es ist nicht genug Platz da . Also ziehe ich mit meinen Schularbeiten von der Kinderstube in die Eßstube , und wenn da aufgedeckt wird , versuch ich es in Inges Stube , und wenn sie Besuch bekommt , gehe ich wieder in die Kinderstube zurück . Und wenn die kleinen , lustigen Vagabunden toben , und Elfchen ihre Puppen laut in den Schlaf singt , mache ich meinen Aufsatz . Das ist mein Bestes und Liebstes in der Schule , schriftlich geht überhaupt alles besser als mündlich . Und wenn wir ein Thema aus der Geschichte oder Sage haben , dann vertiefe ich mich manchmal so , daß ich wirklich das Geschrei und das Spielen überhöre . " Ach , Helden , Helden schildern ! Menschen , die etwas Gutes und Großes gewollt und - es auch getan haben ! " 2. Kapitel . Mamas Fund Das hübsche weiße Haus am Fürstenplatz von Wendenburg , das dem Landgerichtsrat Dahland gehörte , lag in der hellen Nachmittagsonne eines warmen Junitages einladend da , mit vielen offenen Fenstern , zu denen der Duft von den blühenden Büschen des Vorgartens hereinströmte . Aber es war still drinnen , das schöne Wetter schien alle Bewohner ins Freie gelockt zu haben . Nur die Rätin war zu Hause . Sie kam eben aus den im Kellergeschoß gelegenen Wirtschaftsräumen herauf , wo sie mit Wäscheordnen beschäftigt gewesen schien , denn sie trug ein Paket frisch geplätteter Kindersachen und ging damit in das große luftige Zimmer , wo ihr kleines Volk sonst sein Wesen trieb . Heute waren aber weder die kleinen , lustigen Vagabunden darin , noch ihr blondes Elfchen ; der große Tummelplatz im Schloßgarten hatte sie heute zu sehr angelockt , und als die Muschebergen , die alte Kinderfrau vom Papa , die in einem Altenstift ihr Stübchen hatte und sich_es zur Ehre rechnete , die Kinder ihres " jungen Herrn " noch manchmal zu betreuen , gerade heute gekommen war , hatte Mama die Kleinen unter diesem sicheren Schutz hinausgelassen . Verlassen lagen Tiere und Bauklötze , Puppen und Bilderbücher . Die Rätin fing unwillkürlich an , ein wenig aufzuräumen , nicht ohne einen kleinen Seufzer , denn eine musterhafte Ordnung herrschte nun einmal nie in ihrer Kinderstube . War das überhaupt möglich ? Gab es Kinderstuben , die noch am Nachmittag aufgeräumt aussahen ? Vielleicht . Früher , als Ursula das eigentliche Spielkind gewesen war , die hielt ihre Sachen und Sächelchen von jeher so gut und nett , wie heute ihre Schulbücher . Die machte überhaupt eigentlich nie Mühe , nie Lärm , nie Ansprüche . Noch heute war die Ecke , wo Ursulas Kommode stand , mit dem Bücherbrett darüber und dem alten Kinderstühlchen , auf dem sie immer noch saß , der einzige feste Punkt im Zimmer , wo sonst alle Gegenstände auf Rollen zu gehen schienen , so leicht gerieten sie durcheinander . Die Rätin trat an die Kommode . Es steckte ausnahmsweise der Schlüssel , was sonst nie vorkam ; da konnte sie gleich Ursulas Taschentücher verwahren , die sie eben mit heraufgebracht hatte . Sie zog die oberste Schieblade auf - wie nett und sauber geordnet alles lag ! Die Taschentücher , Kragen , Schürzen , Handschuhe , jede Kleinigkeit an ihrem Platz . Im anderen Schubfach die Leibwäsche - wirklich tadellos . Nur da , was war da ? Guckte da nicht zwischen den Hemden ein blaues Papiereckchen hervor ? Richtig , das war ein Schreibheft . Sehr erstaunt zog die Rätin es hervor , wie kam Ursel nur dazu ? Das sah ihr ja gar nicht ähnlich . Unwillkürlich schlug sie es auf und las die ersten Worte : " Ich bin wirklich sehr unglücklich ! " Unglücklich ?! Die Rätin las weiter , hielt erschrocken inne und las unwiderstehlich getrieben doch weiter . Sie setzte sich sogar in den Kinderstuhl und war schnell ebenso vertieft , wie sonst Ursula hier in eines ihrer Lieblingsbücher . Auf dem hübschen , ansprechenden Gesicht der Rätin malten sich die verschiedensten Empfindungen , bis sie plötzlich erschrocken innehielt und vor sich hinflüsterte : " Was , dies Mädchen verschwört sich hier ja wohl gegen Eltern und Geschwister ? So sieht es in dem stillen Kinde aus ? " bis sie dann weiter las und nun wirklich Tränen in die Augen treten fühlte . Hier sah das Kind , das sie eben für völlig überspannt gehalten , schon seinen Irrtum ein und klagte sich an - ach , und wie beweglich ! Und noch einmal dachte die Mutter , so sieht es in Ursula aus ? Eines meiner Kinder ist unglücklich ? In unserem schönen , wohlgeordneten , friedlichen Hause ist ein junges Herz , das klagt ? Und um was eigentlich ? Sind das nicht eingebildete Schmerzen ? Oder geschieht dem stillen Mädchen , das nicht die Gabe hat , sich einzuschmeicheln , sich leicht und harmlos alle Welt zu Freunden zu machen , das nicht oberflächlich , sondern eigentlich voll tiefer Anlagen ist , geschieht ihm doch wohl Unrecht ? Unwillkürlich schlug sie das Heft auf und las die ersten Worte . Jetzt hörte sie die Haustür gehen und gleich darauf im Korridor einen leisen , etwas müden Schritt . So ging Ursula ! Der Mutter fiel es plötzlich auf , daß der Schritt müde und traurig klang . Sie barg das blaue Heft schnell wieder an der Stelle , wo sie es gefunden , so schnell , als hätte sie selbst ein unerlaubtes Geheimnis , und trat dann an das Schränkchen der kleinen Brüder . Da kam Ursula herein . Groß und mager , mit den schweren braunen Zöpfen , die ihr solchen Kummer machten , mit dunklen Augen in einem blassen , feinen Gesicht , das großen Ernst , ja fast einen Zug von Verdrossenheit zeigte . Ein schneller Blick ging nach der Kommode , und als sie den Schlüssel stecken sah , flog eine brennende Röte über ihr Gesicht . Aber da rief die eifrig beschäftigte Mutter schon : " Bist du da , Urselchen ? Ich habe deine Wäsche hergelegt , du verwahrst sie dir ja am liebsten selbst , nicht wahr ? " Das klang beruhigend , Ursula atmete auf : Mama war noch nicht an der Kommode gewesen ! Freundlich sprach diese weiter : " Bist du denn für heute fertig mit Studieren , mein Kind , ja ? Ich gönnte dir_es , daß du diesen wunderschönen Tag auch einmal recht genössest . Mich dünkt , ihr werdet jetzt reichlich angestrengt in der Schule , du kommst mir recht blaß vor . " " Es ist mir nicht zuviel , Mama , " sagte Ursula ruhig , " aber für heute bin ich fertig . " " Das ist gut , da benutze es recht und tummle dich draußen . " " Wie soll ich das machen ? " fragte Ursula mit einem kurzen , trockenen Lachen , " in diesem kleinen Garten ? " " Mache doch einen Spaziergang mit Inge ! " " Inge spielt Tennis im Schloßgarten , sie begegnete mir eben . " " Ach ja , freilich , und so ein Backfischlein wird noch nicht aufgenommen in den Klub . Und die Brüder sind um diese Zeit auch nicht allzu galant , " fuhr Mama halb scherzend , halb bedauernd fort , " Axel - " " Axel hat sich mit einem Freund zum Segeln verabredet . " " Und du ? Magst du dich denn gar nicht einer von deinen Mitschülerinnen anschließen ? " " Die radeln alle . " Da hielt Mama sie plötzlich umfaßt . " Mein armes Mädelchen , " sagte sie zärtlich , " da muß Mama sich wohl mit dir zusammentun . " " Du ? Du gehst doch gewiß mit Papa spazieren . " Mama lachte beinahe verlegen : dies Kind ließ sich nichts vormachen zum Trost ! " Allerdings , " sagte sie dann , " gehe ich ja gewöhnlich mit Papa , du hast wohl recht ; das ist nun einmal sein Wunsch , sein Vergnügen nach den langen Gerichtssitzungen . Und heute erwartet er allerdings noch besonders , daß ich mitkomme - " " Siehst du wohl , " sagte Ursula ruhig , immer mit dem gleichen Gesicht . " Ja , Herzchen , ich soll mit Papa nach Heckendorf gehen ; du weißt , sein Freund Leuthold mit Familie ist dort zur Sommerfrische eingetroffen . Sie haben uns schon Besuch gemacht , den müssen wir erwidern . " " Ja , Mama . Ich ginge auch sehr gern allein ; zu Hause - ich meine in Steinberg - bin ich so oft allein ins Feld gelaufen , aber hier darf ich das nicht . " " Nein , mein Kind , so wie du zuerst hier anfingst , um den ganzen » stillen See « zu laufen oder ins Nußholz , das geht allerdings nicht . Aber in der Nähe - " " Im Schloßgarten sollen wir auch nicht allein gesehen werden ; Fräulein Röder hat es verboten . " Mama überlegte einen Augenblick , dann meinte sie lächelnd : " Wenn ich aber einen Auftrag für dich hätte , der dich quer durch den Schloßgarten führt ? Wenn du mit einem Körbchen am Arm gesehen würdest und Fräulein Röder selbst begegnete dir , so wärest du entschuldigt . Du kannst mir nämlich wirklich einen Gefallen tun , ich möchte gern vom Schloßgärtner recht schöne Spargel haben für morgen ; wir bekommen doch Besuch , weißt du . " " Nein , ich weiß es nicht . Wer kommt denn ? " " Ach , hast du es nicht gehört ? Eben diese Freunde von Papa , Rechtsanwalt Leuthold mit Frau und Tochter . " " Eine Tochter auch ? " fragte Ursel mit schwachem Aufleuchten in dem stillen Gesicht . " Ja , eine Tochter von neunzehn Jahren , Inge freut sich schon auf sie . " Wieder eine Freundin für Inge ! Ursels Miene trübte sich , und die Mutter verstand jetzt plötzlich diese neue Enttäuschung ihres stillen Kindes , dessen sehnlichen Wunsch : " Hätte ich doch eine Freundin ! " sie ja eben gelesen hatte , und sie konnte ein wehes Gefühl nicht unterdrücken . Könnte sie ihr es doch schaffen , was sie brauchte ! Diese Einsamkeit ging wirklich nicht länger an . Herzlich sagte sie nun : " Aber in den nächsten Tagen gehen wir gewiß einmal zusammen , wir beide allein , oder wir fahren nach dem Rohrwerder ; nächste Woche habe ich viel Zeit . Und heute holst du mir die Spargel , nicht wahr ? Line plättet noch und kommt nicht mehr dazu . Drei Pfund hätte ich gern . Hier ist Geld , ich weiß nicht , was sie heute kosten . Laß dir die besten geben , hörst du ? " " Ja , Mama . Soll ich gleich gehen ? " " Wie du willst , Kind ; es ist ja nicht mehr zu warm . " " Nein , wunderschön . " " Dann will ich dir das nette Spankörbchen geben , das mit der Brandmalerei , damit kannst du dich immer sehen lassen . " " Ach , Mama , das weißt du doch , daß ich mir daraus gar nichts mache , Körbe und Pakete zu tragen . Die anderen in meiner Klasse schämen sich immer sehr damit , aber ich finde das lächerlich . " " Noch gar nicht ein bißchen residenzmäßig angehaucht ? " scherzte Mama . " Nun , mir bist du jedenfalls umso lieber als meine kleine Steinbergerin . " Sie küßte Ursula herzlich und strich ihr über das Haar . " Wollen wir deine Zöpfe noch Mal flechten ? Der eine ist etwas rauh ; komme , es ist gleich geschehen . " In Ursels Gesicht stieg langsam eine feine Röte und sie lächelte scheu . Sollte Mama doch - - ? Der unglückliche Kommodenschlüssel ! Könnte Mama das Tagebuch gefunden haben ? Aber nein , dann hätte sie jetzt betrübt oder böse sein müssen , und sie war gerade so engelsgut ! Nein , sie durfte doch nicht wieder so klagen im Tagebuch , auch wenn es niemand sah . Still und reuevoll saß sie , und Mama sprach auch nicht mehr , während sie die schweren Zöpfe bürstete und flocht , bis sie glänzten . Dann ging sie hinaus , denn sie hörte ihren Mann kommen , der sicher gleich etwas von ihr wünschen würde . Einmal kam sie noch zurück , händigte Ursula den kleinen Korb ein und machte sich dann fertig zum Spaziergang nach Heckendorf . Als sie bald darauf mit ihrem Mann das Haus verließ , bildeten die beiden ein Paar , von dem man wohl begreifen konnte , daß das Töchterchen von einem " einfach herrlichen Vater " und einer " süßen Mama " sprach . Landgerichtsrat Dahland war groß und kräftig , frisch und blondbärtig , kaum erst eine Spur ergraut . Die Rätin , eine zierliche Frau , dunkelblond , mit einem Gesicht , in das jeder mit Freude blicken mußte , so lieb und sonnig war es meistens , und so jugendlich noch . Ursula blickte ihren Eltern nach , seufzte ein wenig und lief dann an ihre Kommode . Da lag das blaue Heft noch , tief in der Wäsche verborgen ! Es war niemand dabei gewesen . Mit unbeschreiblicher Herzenserleichterung zog sie den Schlüssel ab. 3. Kapitel . Die verhängnisvollen Spargel Ursula setzte ihren Schulhut wieder auf und nahm das Körbchen . Sie dachte nicht daran , sich für den Gang durch den Schloßgarten , der um diese Zeit gewöhnlich voll von eleganten Menschen war , irgendwie " fein " zu machen , wie das bei ihren Schulkameradinnen sehr Sitte war . Gleichmütig ging sie dahin in ihrem dunkelblauen Kattunkleid , das aber heute am Sonnabend eigentlich noch ebenso sauber und nett aussah , wie am ersten Tage der Woche . Ohne es zu wissen oder sich große Mühe zu geben , hielt Ursula auf ihre Kleidung ; so ordentlich wie ihre Kommode war auch ihr Anzug . Aber immer sah sie sehr anspruchslos aus und ihre Haltung war fast zu bescheiden , mit dem meist etwas gesenkten Kopf . Heute aber hob sie ihn wirklich ; die Luft war gar zu wonnig , und der Weg , den sie nehmen mußte , zu wunderhübsch . Links vom Fürstenplatz lagen noch die alten gelben Torhäuschen , zwischen denen hindurch man in früherer Zeit mit der Post in die Welt gefahren war , ehe die Eisenbahn kam . Früher war hier die Stadt zu Ende , nur die alte Kaserne mit den viereckigen , beinahe mittelalterlich drohenden Türmen lag noch da , aber jetzt erhoben sich an der sanft ansteigenden Straße überall reizende Vielen , die zwischen der Hauptstadt und dem nächsten Dorfe vermittelnd eine hübsche Kolonie , das Westeck , bildeten , sich um einen kleinen See gruppierten und bis in das tiefe Waldgrün des Schloßgartens sich drängten . Ursula schlug den ersten kleinen Weg abseits von den Vielen ein , an den Wiesen vorbei , und hatte in zwei Minuten die herrliche Allee erreicht , welche von hier bis an die Stadt führte . Aber dahin wollte sie nicht , sie durfte ja heute quer durch dies köstliche Parkgebiet wandern ! Bis zur Schloßgärtnerei war kein kurzer Weg , sie wollte ihn gründlich genießen . Alles prangte im frischen Grün der ersten Junitage , die mächtigen Kastanien hatten eben ihre Blütenkerzen angesteckt , Birken mit den lichten Hängezweigen schimmerten dazwischen . Auf dem klaren Wasser der Kanäle , die den Park durchschnitten , lagen schon die dunkelglänzenden , großen Blätter der Wasserrosen , die späterhin wie goldene Sterne unter dem Schatten der tief herabgehenden Baumzweige glänzten . An den kleinen Brücken mit dem zierlichen Eisengitter ging Ursula vorüber , immer ihren geraden Weg verfolgend , aber sie sah alles und horchte auf die Vögel , deren vielstimmiger Chor ihr schöner dünkte als die Konzerte , die es hier manchmal gab , dort drüben bei dem alten weißen Pavillon mit dem gemütlichen , spitzen Dach , mit den zahllosen Stühlen und Tischen im Baumschatten , wo man sitzen und Eis essen konnte . Ursula lächelte , als sie dahin sah , sie hatte es einmal mitgemacht , aber kein sonderliches Vergnügen davon gehabt . Das viele Sprechen und Lachen um sie her störte die Musik , die klang von fern an einem stillen Platz viel schöner , und - ja , die Vögel hörte sie noch lieber ! Sie sah aber doch hinüber nach dem Pavillon , denn dort lagen auch die Tennisplätze . Sie sah die hellen Gestalten im raschen Lauf sich biegen und schmiegen - die dort mit den weißen Schuhen war jedenfalls ihre Schwester Inge , hier so gut Königin wie überall . Noch hörte Ursula das eintönige Rufen und Zählen der Tennisspieler , als schon wieder andere Laute an ihr Ohr drangen . Das war helles Kinderjauchzen von dem großen Spielplatz her , wo die Schaukeln sich befanden und die großen Sandberge , das Entzücken von klein Elfchen und Robert und Bertram , die dort heute unter treuer Obhut spielten . Ursel sah den großen schwarzen Strohhut und die eifrig strickenden Hände der alten Muschebergen , aber sie ging auch hier unbemerkt vorüber . Nun kam aber der Platz , an dem sie immer still stand und sich unbewußt mit der schönen Hauptstadt aussöhnte , für die sie ihr liebes Steinberg lange nicht hatte hingeben wollen . Es war aber auch zu schön , das Bild ! Die mächtigen Baumgruppen mit den verwitterten Sandsteinfiguren dazwischen , traten hier auseinander und ließen den Blick frei auf das Fürstenschloß , diesen wundervoll phantastischen Bau , mit der vergoldeten Kuppel , den Steinfiguren und hellen Balustraden , den Türmen und Türmchen , deren grüne Kupferbedachung im Glanze des goldenen Sonnenlichtes hell leuchtete . Da lag es , fast umspült von den Fluten des blauen Sees , traumhaft wie ein Märchenschloß . Ursula hatte Zeit und sie beeilte sich nicht weiterzukommen . Sie nahm das schöne Bild in jeder Einzelheit in sich auf und wünschte , es zeichnen zu können . Aber sie hatte kein Talent ! Inge konnte es , aber die meinte lachend : " Photographieren ist bequemer . " Sie und Axel besaßen zusammen einen Apparat und hatten es sehr wichtig mit ihrer Dunkelkammer , für die sich merkwürdigerweise doch ein übriges Eckchen in dem neuen Hause gefunden hatte . Sie knipsten immer umschichtig , wenn sie unterwegs waren , und es gab schon Bilder mit Inge als Tennisspielerin und Axel als Seemann , an das Segel eines Boots gelehnt ; und es gab die kleine Schwester als richtiges " Elfchen " zwischen Blumen auf der Wiese , und die Zwillinge als schelmische Vagabunden , denen man es ansah , daß sie eben etwas verübt hatten . Aber es gab auch ein Bild von einem mageren Backfischlein , das saß mit einem Buch in der Gartenecke und wußte nicht , daß man die Aufnahme heimlich gemacht hatte . Das blickte so ernsthaft von seinem Buch auf und war gar nicht so übel mit den sinnigen Augen , aber Ursel mußte so viel hören von " schwärmerisch " oder gar " unglücklich " , daß sie flehentlich bat , man möge sie nicht wieder heimlich photographieren . Es geschah auch nicht mehr , es war den Geschwistern wirklich nicht interessant genug . Hieran dachte Ursel auf ihrem schönen Wege und fühlte sich plötzlich wieder sehr einsam . Sie beschleunigte jetzt ihre Schritte ; es kamen immer mehr Spaziergänger auf allen Wegen daher , da durfte sie nicht so stehen und schlendern , das schickte sich nicht . Jetzt hörte sie auch schon das Wehr rauschen an der alten kleinen Weidenmühle und dann kam die Schloßgärtnerei in Sicht . Das war nun wieder eine recht trauliche Ansiedlung ! Rechts vom breiten Fahrweg lag das altmodische herrschaftliche Wohnhaus des Hofgartendirektors , da hatte Ursel nichts zu tun ; aber links , etwas zurück , die kleinen Häuschen mit den grünen Fensterläden , mit all dem blühenden Gebüsch umher , mit den grünen Bänken im Lindenschatten , die hatten sie schon immer angeheimelt , und sie freute sich , daß sie dort einmal hineingehen durfte . Aus einem Zimmer , dessen kleinscheibige Fensterflügel offen standen , tönte Klavierspiel , und zwar sehr gutes , wie Ursula mit Überraschung feststellte . Es war zwar ein sehr altes Instrument mit dünnen , klapperigen Tönen , aber die Spielerin oder wer es war , konnte etwas . In diesem Augenblick trat der Obergärtner Bauer aus einem der Nebenhäuschen und fragte nach den Wünschen des jungen Mädchens . Sie bestellte die Spargel , und er meinte bedenklich : " Drei Pfund ? Wenn ich die nur noch habe . Es sind sehr viele aufs Schloß zu liefern . Für wen ist es ? " " Für Landgerichtsrat Dahland . " " Ah so ! Nun , ich will sehen , wenn Fräulein sich ein wenig gedulden wollen - jedenfalls müssen die Spargel erst gestochen werden . " Er trat in das Haupthaus der kleinen Kolonie , und sogleich brach das Klavierspiel ab , mitten im Takt . Einen Augenblick später erschien in der niedrigen , grünen Haustür ein junges Mädchen . Sie trug ein sehr einfaches schwarzes Kleid , das etwas zu kurz geworden war , und band eilig eine große blaue Schürze darüber , die ihr nicht zu gehören schien . In der Hand hielt sie Messer und Korb . " Ich will die Spargel stechen , " sagte sie , Ursula freundlich grüßend , " wollen Sie ein wenig hier verweilen - sich vielleicht dort unter die Linde setzen ? " Damit ging sie eilig den Gartensteig entlang , und bald sah Ursel sie zwischen den Beeten beständig hin und her huschen . Wie flink sie war , und wie kräftig in jeder Bewegung ! So groß wie Ursel , aber frischer , und das Gesicht leicht gebräunt . Aber - schwarzes Haar hatte sie auch und dunkle Augen . Wirklich ! Sonst war alles , was Ursel bewunderte , blond und hell und blauäugig , natürlich ganz das Gegenteil von Ursel selbst ! Aber diese - war ja gerade so eine Schwarzbraune wie sie selbst , und doch so reizend ! Ja , wirklich , trotz des alten , ausgewachsenen Kleides und der groben Schürze , sie war reizend . Denn jetzt sah sie auf , grüßte einmal schnell mit den freundlichen dunklen Augen und rief irgend etwas . Ursel war schon von ihrer Bank aufgesprungen und den Gartensteig entlang gelaufen . " Soll ich helfen ? " fragte sie mit schüchternem Eifer . " Das meinte ich freilich nicht , " entgegnete die andere , " ich rief nur , Sie möchten sich die Zeit nicht lang werden lassen . Mit den Spargeln hat es keine Not. " " Aber ich helfe gern , " sagte Ursel und bückte sich . " Wenn Sie wollen - " " Ich habe es noch nie getan , es muß aber recht nett sein - da , da ist einer ! " " Aber der hat einen blauen Kopf , den gebe ich Ihnen nicht , da Sie nur sehr gute Spargel haben sollen . Das ist ein Suppenspargel für uns . " " Aber hier - Oh , ein richtiges Nest , drei , vier , fünf - " " Ja , die sind schön . Wollen Sie selbst stechen ? Soll ich noch ein Messer holen ? " " Nein , ich will sie nur aufsuchen und von der Erde freimachen - da , - ach , das ist keiner ; es sah gerade so aus . " " Ja , das täuscht oft ; von den Jasminbüschen kommen die weißen Blättchen herüber geweht , aber ich kenne das nun schon . Da haben Sie aber einen prachtvollen stehen lassen ! " " Wo ? Ach schade ! " Ursel richtete sich auf , denn der Rücken begann wehzutun , aber ihre Wangen waren jetzt fast ebenso rot wie die des kleinen Gartenfräuleins . " Sie machen sich zu müde , " sagte diese jetzt , " wir haben auch gleich genug , nur diese Reihe noch entlang , dann reicht . Ich kenne meine Beete schon und weiß , wie viel sie ungefähr hergeben . " " Stechen Sie alle ? " fragte Ursel verwundert . " Diese sieben Beete , ja , die sind mir überwiesen . Drüben im großen Garten sind natürlich noch viel , viel mehr , die besorgen die Gärtnerburschen . So , jetzt will ich die Spargel wiegen . O , haben Sie ein hübsches Körbchen , ist es nicht zu schade ? Ich gebe Ihnen ein sauberes Papier hinein . " So plaudernd trat sie in eines der Gewächshäuser , wo im Vorraum ein Tisch mit einer Waage , Papier , Draht , Bindfaden , Bast , Blumentöpfe und Körbe zu finden waren . Magnetisch angezogen trat Ursula mit ein und sah zu , wie das junge Mädchen schnell und geschickt die Spargel wog und einpackte , sich freuend , daß sie fast auf ein Haar das bestellte Gewicht getroffen hatte . Ursel empfand es förmlich schmerzlich , daß sie nun gehen sollte , denn das mußte sie doch . Unter welchem Vorwand wollte sie sich hier wohl noch aufhalten ? Plötzlich aber , ganz ohne Besinnen , fragte sie : " Haben Sie vorhin Klavier gespielt ? " " Ja . " " Sie können es gut . " " Ach nein , aber ich möchte es ! Ich darf nicht so viel üben , der Obergärtner sieht es nicht gern . " " Der Obergärtner ? " fragte Ursel zögernd , " sind Sie nicht die Tochter aus der Gärtnerei ? " " Ach nein ! Ich bin erst seit einigen Wochen hier und bin eigentlich noch recht heimwehkrank ! " " Sie auch ? " rief Ursel unwillkürlich , während sie in dem eben noch so heiteren Gesicht ihr gegenüber zwei große Tränen glänzen sah . Aber das frische Mädchen bezwang sich und wiederholte nur : " Auch ? Sind Sie denn nicht hier daheim ? Vielleicht in einer von den Pensionen , die ich hier oft vorbeiziehen sehe ? " " Nein , ich bin bei meinen Eltern , " gestand Ursel , " aber ich sage noch immer » zu Hause « , wenn ich von dem Ort spreche , wo wir früher wohnten . " Die andere nickte . " Ja , so geht_es ! " Recht ernsthaft standen sie beide in dem kleinen Gewächshaus , bis Ursel endlich sagte : " Nun muß ich wohl gehen - leider - aber ich möchte noch fragen : Welche Schule besuchen Sie hier ? " " Keine ! Leider keine mehr ! " " O dann , " sagte Ursel bedauernd und unbeholfen , " dann kann ich ja nicht hoffen , daß wir uns da wiedersehen könnten . " " Nein , da nicht ! Mit der Schule ist es nichts mehr , aber - " das reizende Gesicht lächelte schon wieder schelmisch - " vielleicht braucht Ihre Mama bald einmal wieder Spargel . Das wäre nett . Und die besten gibt es ja doch hier . " " Ja , " rief Ursel , nun auch fröhlich , " darauf wollen wir hoffen ! " und schnell hielt sie ihrer neuen Bekannten die Hand hin . Diese reinigte geschwind die erdigen Finger an der blauen Schürze und schlug herzhaft ein . " Auf Wiedersehen ! " sagte Ursel noch in einem eigentümlich herzlichen Ton und dann lief sie plötzlich wie gejagt davon . Bei der Mühle drehte sie sich um , ob sie die junge Gärtnerin noch sehen könnte , aber diese war schon ins Haus gegangen . Jetzt verlangsamte sie ihren Schritt und an dem kleinen Weiher im Schloßgarten blieb sie gedankenvoll stehen . Sie hatte etwas erlebt ! Auf eigene Hand eine Bekanntschaft gemacht ! Und was für eine ! Gab es irgendwo ein nur annähernd so reizendes und liebes Mädchen wie diese kleine Gärtnerin ? Ja - war sie denn eine ? Des Obergärtners Tochter nicht , auch keine Verwandte , wie es schien . Was tat sie also hier ? Sie stach Spargel und ihre Hände sahen so aus , als ob sie wohl noch viel mehr tat - , aber diese Hände spielten auch so gut Klavier , und als sie davon sprach , leuchteten ihre Augen . Diese süßen , schwarzen Augen ! Und ihre Stimme klang so hübsch , und ihre Aussprache , ihre Bewegungen , alles an ihr war viel feiner als ihr Kleid . Wer mochte sie sein ? Ursel sann und sann und ging sehr langsam durch den Schloßgarten , ohne auf irgend jemand von den Vorübergehenden zu achten . Plötzlich schrak sie zusammen , denn eine etwas strenge Stimme sagte : " Man muß hübsch grüßen , Ursula ! " und vor ihr stand die Schulvorsteherin . Ursula wurde rot und fing an zu stottern , als Fräulein Röder schon freundlicher fragte : " Wo warst du denn mit deinen Gedanken , Kind ? " " Ich - ich habe Spargel geholt , entschuldigen Sie , Mama wünschte es . " " Ich sehe es , Urselchen , und zu entschuldigen brauchst du dich nicht . Daß du nicht auf unerlaubten Wegen gehst , davon bin ich überzeugt . Aber nicht zu weit wegträumen ! Adieu , Kleine . " Damit nickte sie freundlich und ging weiter . Ursula war etwas beschämt , aber doch auch wieder gehoben durch das letzte freundliche Wort der Lehrerin . Aus ihren Träumereien aber war sie nun richtig herausgerissen , und schneller ging sie das letzte Stück Wegs nach Hause . Mama war noch nicht da , aber als sie später die Spargel fand , sagte sie sehr befriedigt : " So ausgezeichnete hatten wir noch nicht . Wieviel kosten sie ? " " Wieviel sie kosten - ? " stotterte Ursula , " das - weiß ich nicht . " " Aber Herzchen , ich gab dir doch Geld ! " Richtig ; Ursula zog ihr Portemonnaie , da steckte der Taler noch . " Schulden gemacht ? - Kind , Kind , hat man denn gefragt , für wen du bestelltest ? " " Ja , das habe ich gesagt . " " Nun , dann hilft es nicht , dann muß Line das Geld hinbringen ; das wird ihr heute schlecht passen nach dem Plätten . " " O nein , Mama , " rief Ursel glühend vor Eifer , " das tue ich natürlich ! Bitte laß mich gleich gehen . " " Wo denkst du hin , Kind , es wird ja bereits dunkel , da kann ich dich nicht den etwas abgelegenen Weg gehen lassen . " " Aber morgen , Mama , bitte , laß mich morgen gehen , es ist ja Sonntag ! Bitte , gleich nach dem Kirchgang ! " " Nun ja , da der Gärtner weiß , für wen die Spargeln bestimmt waren , mag es so lange anstehen : aber laß Papa nicht hören , daß du auf seinen Namen Schulden gemacht hast ! " schloß Mama scherzend , und als sie Ursulas warm belebtes Gesicht sah , fügte sie noch hinzu : " Ich bin weiter nicht böse , Herzchen , ich sehe , der Gang hat dir gut getan . " " Ach ja , " sagte Ursula mit Nachdruck , aber von dem , was sie erlebt hatte , verriet sie nichts ! 4. Kapitel . Ein Sonntag bei der Familie Dahland Am nächsten Sonntag herrschte im Dahlandschen Hause schon früh eine ziemliche Geschäftigkeit . Inge , die anmutige Älteste , war früh aufgestanden , um noch vor dem Kirchgang allerlei für die Gäste und den Mittagstisch vorzubereiten , und hantierte schon in der Speisekammer , ehe sonst jemand von der Familie erschienen war . Als dann Papas Klingelzeichen ertönte , ergriff sie eilig das Tablett , auf dem schon alles zurechtgestellt war , und trug es nach oben , denn der Landgerichtsrat mochte von niemand lieber bedient sein als von Inge . Hell und strahlend trat sie ins Zimmer , mit den sicheren Bewegungen , welche die Übung gibt , ordnete sie das Frühstück und mit fröhlicher Unbefangenheit eröffnete sie die Unterhaltung . Der Vater , der sonst gern viel Leben und Bewegung um sich hatte , war des Morgens zumeist recht schweigsam , führte aber Inge das Wort , konnte er auch nicht widerstehen . Erst lächelte er , dann tat er wohl eine Frage , schließlich hatte sie ganz das Feld . Besonders am Sonntagmorgen . Ursel begriff nie , wie Inge so selbstverständlich annehmen konnte , daß all dies Geplauder den Vater interessiere . Die Mutter , die keine gute Nacht gehabt hatte und etwas später kam , fand bei ihrem Erscheinen Vater und Tochter schon in voller , munterer Unterhaltung . Axel war noch nicht da , Ursel saß schweigend auf ihrem Platz . Sie hatte nicht schlafen können nach ihrem gestrigen Erlebnis , und sah jetzt wieder besonders blaß und in sich gekehrt aus . " Ich sollte mich schämen , heute so spät zu kommen , " sagte die Rätin lächelnd , " aber meine rechte Hand scheint schon bestens vorgesorgt zu haben : es kommen bereits allerlei Düfte aus den unteren Regionen . " " Alles im besten Gang , Mama , " sagte Inge , " ich würde getrost das ganze Diener heute auf mich nehmen . Ich gehe auch gleich wieder hinunter , wenn ihr alle versorgt seid . Noch ein Täßchen - beste Rätin ? " sang sie schelmisch , " Papa noch einen Toast ? Wer macht ihn dir wohl besser als deine Älteste , sage ? Hast du auch deinen Aschenbecher - Zeitung ? Ja , der Kneifer , der Kneifer ! Der ist natürlich wieder nicht da ! Ich begreife eigentlich nicht , Papa , der müßte zur Toilette gehören , so gut wie dein Schlips ! " " Richtig , meine weise Tochter , du hast deinen Papa eben immer noch nicht gut genug erzogen . Ursel , sei so gut , hole das Guckglas von meinem Schreibtisch . " Es war das erste Wort , das an die Kleine gerichtet wurde . Sie sprang so schnell auf , als führe sie wirklich aus tiefem Traum empor , stieß ihre Tasse um , die Inge noch rettete , lief dann in höchster eiliger Beflissenheit durch das große Zimmer , polterte auf dem Schreibtisch mit ein paar Büchern und kam dann mit dem Gewünschten . " Warum so hitzig , Kind , Papa hat Warten gelernt ! " sagte der Landgerichtsrat mit Humor ; die Mutter schüttelte ein wenig den Kopf und Inge sagte unbekümmert : " Die Kleine ist eben mit ihren Gedanken nie da , wo sie sein sollte , daher dann das erschreckte Umherfahren . " Ursel wurde rot und schluckte hastig ihren Kaffee . " Jetzt gehe ich , Mama , " fuhr Inge fort , " sieh dir nachher Mal die Creme an , sie steht prachtvoll . Jetzt rühr ich die Mayonnaise , das ist ja erst meine » Forsch « , wie Muschebergen sagt , wenn sie mich recht bewundern will . " " Laß dir von Ursel ein wenig helfen , " sagte Mama . " Ach nein ! Wozu ? Ich kann das besser allein . Addio so lange . " In der Tür stieß sie mit Axel zusammen . Daß diese beiden Geschwister waren , sah man auf den ersten Blick . Groß , blond und frisch , mit den gleichen gewinnenden Manieren , welche bei Inge die einer fertigen jungen Dame waren , während sie bei Axel zuweilen noch durch eine knabenhafte Unbeholfenheit gehindert wurden , zuzeiten aber auch schon völlig kavaliermäßig sein konnten . Inge rief ihm einen " Langschläfer ! " zu und ging hinaus . Axel küßte Mama die Hand , überzeugte sich durch einen Blick in ihre Tasse , daß sie noch keinen allzu großen Vorsprung hatte , und fand sich glänzend gerechtfertigt . Er schenkte sich selbst Kaffee ein , und mit einem Seitenblick und in nicht kavaliermäßigem Ton meinte er : " Könntest einen auch wohl 'n bißchen bedienen , Fräulein Ursche ; Backfische wissen doch nie , wozu sie da sind . " Oh , Oh - das ist zu viel , das treibt ja gleich über ! " Axel ! " mahnte die Mutter , und sagte dann zu Ursel gewandt : " Gehe in die Speisekammer und hilf Inge ein wenig ; du hast noch eine Stunde Zeit bis zum Kirchgang . " " Inge mag es ja nicht , " sagte Ursula mit leisem Widerstreben . " Aber ich wünsche es , " erwiderte Mama , und Ursula stand Gehorsam auf . Aber nur zögernd langte sie unten an . " Hat Mama dich geschickt ? " fragte Inge nicht gerade freudig überrascht , " na , dann hilf ein wenig . Es ist zwar nicht nötig , aber - " " Dann kann ich es ja auch lassen , " sagte Ursula verdrossen . " Sei doch nicht gleich so empfindlich ! Ich meine nur , wenn man alles erst zeigen muß , tut man es ja schneller allein . " Ursula stand stumm und wartete . " Sieh - binde diese Gläser auf , nimm die Rumläppchen ab - so - und lege mit dem Löffel sorgfältig die Früchte in die Glasschalen . Aber geschickt , Kleine , nicht die Ränder Vollklecksen - nicht zu voll - auch genug Saft , Oh , Oh , das ist zu viel , das treibt ja gleich über ! Ich sage ja , ich mache es schneller allein . " Mutlos stand Ursula , nahe daran , zu weinen . So war es immer ! Inge konnte alles , aber sie glaubte auch so sicher daran , daß sie es am besten verstand , und Geduld für beigegebene Lehrlinge hatte sie gar nicht . " Was machen wir jetzt mit dir ? Kannst du die guten Dessertteller aus dem Schrank nehmen und mit einem Tuch abputzen ? Keinen zerbrechen ? Ach , das ist wohl schon wieder eine Beleidigung ! " " Aber Inge , laß mich doch ! Ich bin doch gar nicht so , daß ich immer gleich alles kaputt mache . " " Schön , schön , weine nur nicht gleich ! " " Wer weint ?! " Inge lachte . " Du bist ja heute recht kratzbürstig , Kleine ; komme , wir wollen uns wieder vertragen . - Sage Mal - freust du dich auf den Besuch heute ? " " Ich wüßte nicht , warum ! " " Ursula ! Was für eine Antwort ! " " Na ja , für mich ist doch kein besonderes Vergnügen dabei ; es sind ja nur große Leute . " " Das ist wahr , aber Anna Leuthold ist sehr liebenswürdig ; wenn du nicht so scheu und steif sein willst , kannst du immer ein bißchen mit uns beiden zusammen sein . " " Danke . " " Auch nicht getroffen ? Na höre Mal , mich wundert_es nicht , daß du noch keine Freundin in der Schule hast . " " Vielleicht will ich gar keine haben . " " Das ist es ja eben ! Das finde ich sehr unnatürlich und unliebenswürdig . " " Ich könnte nicht immer gleich ein Dutzend Freundinnen haben wie du ! " " Nein , so weit wirst du es wohl nicht bringen im Leben . Wie die wohl beschaffen sein müßte , die dir gefiele ! Sage Mal ! " " Das kann dir ja egal sein . " " Höre Mal , nun habe ich aber genug ! Nun , bitte , spare mir deine Hilfe ! " Inge , die so lange mehr lustig und unbekümmert gesprochen hatte , wurde nun böse , und Ursula , die sich ursprünglich nur ein wenig hatte wehren wollen gegen allzu große Bevormundung , fühlte sich allmählich so gereizt , daß sie die häßlichen Antworten nicht zurückhalten konnte . Aber jedesmal tat es ihr hinterher leid , und in dem ihr geläufigen Gefühl " O , wie bin ich unglücklich ! " verließ sie endlich die Speisekammer . So endeten öfter die Versuche der Schwestern , etwas Gemeinsames vorzunehmen . " Natürlich habe ich die Schuld , " dachte Ursel , " denn Inge ist doch reizend , sagen alle Leute ! " Zusammen zur Kirche gingen sie nun diesmal auch nicht , denn Inge hatte sich vorgenommen , in den Dom zu gehen , Ursula aber wollte gern in die Schloßkirche , in der heute ihr verehrter Religionslehrer predigte . Etwas trübselig machte sie sich fertig , als es läutete , aber wie sie draußen in der Allee war , unter den blühenden Kastanien , auf diesem fast ländlich stillen Kirchwege , immer begleitet von den lieben Glocken , da verflog ihre verärgerte Stimmung wieder . Ursula liebte die kleine Schloßkirche unendlich . Das gedämpfte Licht , das durch die herrlichen gemalten Fenster fiel , und das Gedämpfte überhaupt , das hier in der Luft lag . Das Kommen und Gehen vollzog sich nirgends so geräuschlos wie hier , und der kleine , aber sehr akustische Raum machte es möglich , daß der Prediger ohne Anstrengung , ohne gesteigerten Ton sprach und doch in jedem Winkel verstanden wurde . Sie hörte immer so aufmerksam zu und hatte zu Hause schon manches nachgeschrieben von den Predigten , aber heute - heute war sie ein klein wenig zerstreut ! Aber wirklich nur ein wenig . Sie ertappte sich einmal auf dem Gedanken : Lieber Gott , ich danke dir , daß ich gestern etwas so Schönes erlebt habe ! - Und dann erschrak sie wieder und bat ab . Ja , es half nichts , das reizende , fremde Mädchen lag ihr im Sinn ! Gleich nach der Kirche würde sie es wiedersehen - wenn_es glückte ! Jetzt war sie aber wieder völlig bei der Sache , denn der Prediger hatte seine Stimme etwas erhoben , was er selten tat , und sie bildete sich ein , er wollte sie aufrütteln . Als die Predigt zu Ende war und das letzte Lied gesungen , gehörte Ursel zu den ersten , die draußen waren . Dem wundervoll romantischen Schloßhof schenkte sie keinen Blick . Schnell durchs Tor - über die große Brücke - durch die Allee - vorbei an der kleinen fürstlichen Cottage - da lag die kleine Kolonie mit all den grünen Fensterläden ! Wenn jetzt nur nicht der Obergärtner kam , daß sie ihm einfach das Geld einhändigen und ohne weiteres wieder abziehen mußte ! Aber nein , sie hatte Glück . Vor der Tür , am grünen Holztisch unter der Linde stand die Gestalt , auf die sie hoffte : wieder in dem schwarzen Kleide , aber rings von Blumen umgeben . Eine Fülle von weißen Narzissen , dunklem Goldlack und tiefblauen Stiefmütterchen lag auf dem Tisch , und das junge Mädchen war beschäftigt , einen schlank geschweiften Korb mit hohem Bügel mit den Blumen zu füllen . Ursula stand unwillkürlich einen Augenblick still und sah ihr zu , dann schien die eifrig Beschäftigte den Blick zu fühlen , obgleich sie keinen Tritt gehört hatte , und sah sich um . " Oh , da sind Sie wieder ! " rief sie und lächelte Ursula fröhlich an . " Haben die Spargel nicht gereicht ? " " O ja , " entgegnete Ursula , " aber wir haben ja völlig vergessen - ich habe sie nicht bezahlt . " " Oh , wir sind aber gut ! " Der kleinen Gärtnerin entfielen vor Schreck die Blumen . " Ich bin eine nette Verkäuferin ! " " Hat denn der Obergärtner noch nicht gefragt ? " " Nein , denken Sie ! Ich führe ja selber Buch darüber und jeden Sonntagnachmittag lege ich Rechnung ab - jetzt in einer halben Stunde wäre es so weit gewesen und ich hätte schlecht bestanden . " " Nun , ich war Ihnen doch sicher ! " sagte Ursel tröstend . " Ja , wenn auch , es wäre mir doch sehr unangenehm gewesen ! Das erste Mal , daß mir so etwas widerfährt . - Aber ich - ich will_es nur gestehen , " - sie lächelte mit schalkhaftem Freimut - " ich habe gar nicht an unseren Handel und daran , daß ich nun eine Verkäuferin bin , gedacht , ich habe immer nur Sie im Sinn gehabt ! " " Und ich , " fiel Ursel glücklich ein , " ich habe die halbe Nacht nicht schlafen können - und ich war so froh , daß ich das Geld vergessen hatte und so noch einmal herkommen konnte , denn - alle Tage gibt es bei uns doch nicht Spargel ! " Dabei hatten sie sich wieder die Hände gereicht und sahen sich froh in die Augen . " Aber nach den Spargeln kommen die Erdbeeren , " jubelte die kleine Gärtnerin . " Ja , und von denen ißt mein Papa am liebsten täglich ein Pfund ! " " Die pflück ich alle ! Herrliche Aussichten ! - Aber nun - erst das Geschäft , bitte . Der Obergärtner kann gleich kommen ; er ist drüben beim Herrn Gartenbaudirektor , dort legt er Rechnung , nachher verlangt er das gleiche von mir . " Sie holte geschwind ihr Anschreibebuch und ihre kleine Kasse und schrieb , während Ursel das Geld hervorzog : " Also drei Pfund Spargel à 65 Pfennig für - ja , nun weiß ich nicht einmal für wen ! " unterbrach sie sich lachend . " Für Landgerichtsrat Dahland , und ich bin Ursula Dahland . " " Und ich heiße Franziska Trautmann , genannt Franzi . " " Ich werde ' Ursel genannt , manchmal auch Ursche . " " Ursel ! Das klingt hübsch ! " " Wollen Sie mich so nennen ? Und wollen wir du sagen ? Ich gehe ja noch in die Schule und dort sagen doch alle du - bitte ! " Ursel vergaß ihre Schüchternheit , Franzi aber legte beide Hände auf die Schultern der anderen und sagte mit tiefem Atemzug : " Sie - du - bist sehr lieb ! Ich will es gern sagen , wenn ich darf . " " Also Ursel und Franzi ! " Einen Kuß gaben sie sich nicht , aber jede steckte der anderen eine Narzisse an , das war das erste Zeichen des Bündnisses . Dann wurden sie einen Augenblick verlegen und wußten nicht weiter . Rasch griff Franzi wieder zu den Blumen und sagte : " Aber ich darf nicht säumen , der Korb wird um ein Uhr abgeholt , der kommt zu einer vornehmen Tafel in Westeck . Komme , hilf mir , dies ist hübscher als Spargelstechen . " " Oh , das war prachtvoll ! " " Ja , aber dies macht keine Rückenschmerzen . - Das dunkle Stiefmütterchen , bitte , jetzt nur Narzissen - nun den Lack - ist der nicht schön ? Ach , wie der duftet ! Solchen hatte ich zu Hause immer am Fenster . " " Wo ist deine Heimat ? " " Auf dem Lande - weit fort . Hast du Mal von Schloß Wehrburg gehört ? " " Nein . " " Es gehört einem Grafen . Dort war mein Vater angestellt . " " Ist er tot ? " fragte Ursel leise und sanft , mit einem Blick auf Franzis schwarzes Kleid . " Tot , ja ! " nickte sie , " und der Graf auch tot - alles aus ! Ach , das ist trüb und schwer , " unterbrach sie sich und fuhr mit der Hand übers Gesicht , " komme , gib mir noch drei Narzissen , dann ist der Bügel auch umwunden und ich bin fertig . " " Aber ich möchte alles wissen von deiner Heimat und deinen Eltern ! " " Ich erzähle dir es schon einmal , aber nicht heute , " sagte Franzi ernsthaft . " Habe ich zu viel verlangt ? " fragte Ursel erschrocken . " O nein , du fragst sehr lieb ! Aber - ich habe nicht viel Zeit mehr , entschuldige - ich muß der Mutter in der Küche helfen - " " Also deine Mutter ist doch hier ! " rief Ursel erleichtert . " Freilich , die ist hier ; sagt ' ich das noch nicht ? Sie führt dem Obergärtner die Wirtschaft , und ich - ich helfe im Garten und bin eine so geschickte Verkäuferin , wie du weißt ! " Sie lachten wieder beide und freuten sich über ihre gestrige Vergeßlichkeit . " Nächstes Mal muß meine Mutter dich sehen , " sagte Franzi , " aber wann wird das sein ? Wirst du denn wiederkommen ? Würdest du auch kommen , wenn du nichts zu holen hättest ? " " Ich komme gewiß ! " beteuerte Ursel feurig , " und für heute - muß es vorbei sein ? " " Ich fürchte , ja ! Es ist unhöflich , Ursel , aber weißt du - wenn man Pflichten hat - und im fremden Haus ist - " " Ich gehe schon , ich will dich gewiß nicht stören . Auf Wiedersehen , Franzi ! " " Auf Wiedersehen , Ursel ! " Ebenso plötzlich wie gestern lief Ursel nun den kleinen Abhang vor der Gärtnerei hinunter , drehte sich bei der Mühle um und sah diesmal Franzi noch stehen und winken . Als sie zu Hause ankam , waren die Gäste aus Heckendorf schon da . Von der Veranda her klang lebhaftes Sprechen , auch die Kleinen schienen dort zu sein , denn es ging sehr munter zu , und Ursel dachte mit Schrecken , daß sie nun gewiß auch gleich erscheinen und vorgestellt werden sollte . Um zwei Uhr würde gegessen werden , jetzt war es etwas nach ein Uhr . Konnte sie noch so lange verschwinden ? Nein , es war nicht möglich , Inge hatte sie bemerkt und kam auf sie zu . " Wo bleibst du denn wieder so lange , Ursel ? Mama hat sich schon beunruhigt . " " Mama weiß ja , wo ich war , " antwortete Ursel , wieder mit dem leichten Trotz . " Nun , komme nur nicht mit solchem Gesicht zu den Gästen ; das wird ihnen schwerlich gefallen . " " Ich kann nichts für mein Gesicht , und ich mache mir nichts daraus , ob ich ihnen gefalle , " rief Ursel heftig . Inge sah sie erstaunt an , zuckte die Achseln und ging fort . Nun war es Ursula leid , sie fand , daß sie ungezogen gewesen war . Wenn Franzi sie eben gesehen hätte ! Sie stand trübselig herum und wußte nicht , wohin sie sich wenden sollte . Ach , dieses unglückselige Gefühl ! Nicht zu den Großen zu gehören und nicht unbefangen wie die kleinen Geschwister als Spielzeug von Hand zu Hand zu gehen ! Da kamen sie gesprungen , Elfriede im weißen Kleide , die kleinen Jungen in ihren Matrosenanzügen . Jeder hatte ein neues Spielzeug in der Hand , das die fremde Tante mitgebracht hatte ; jubelnd wurde es Ursula gezeigt und sie beugte sich voll Zärtlichkeit zu ihnen herab , erlöst von ihrer Einsamkeit und ihren trüben Gedanken . Dann hörte sie im Eßzimmer sagen , daß sofort angerichtet sein würde , und sie flog noch einmal ins Schlafzimmer , um sich " glatt " zu machen . Zur rechten Zeit kam sie zurück , um gerade noch zu sehen , wie Papa die fremde Dame zu Tisch führte und Axel das junge Mädchen . Wie hübsch ihm das anstand ! Heute war er Kavalier . Schüchtern knickste Ursel , da nahm Mama sich ihrer an und sagte mit sanftem Ernst : " Du hast dich etwas verspätet , mein Kind - hier , liebe Frau Leuthold , unsere Ursula , die fehlte noch in der Reihe . " Eine flüchtige freundliche Begrüßung von Seiten der Fremden , dann setzte man sich , und Ursula dachte nur : " Hätte ' ich doch mit den Kleinen im Kinderzimmer essen können ! " Aber das ging nun nicht mehr , und als sie einmal Mamas Blick so fragend und fast traurig auf ihr verdrossenes Gesicht gerichtet fühlte , nahm sie sich so weit zusammen , daß sie Fragen von Fräulein Anna Leuthold in Bezug auf ihre Schule nicht nur mit " Ja " und " Nein " beantwortete , im übrigen aber aufmerksam dem Gespräch am oberen Ende des Tisches folgte , um wenigstens nicht erschrecken zu müssen , wenn sie einmal plötzlich angeredet wurde . Es ging lebhaft her und es gab viele gute Sachen , aber als die Spargel kamen , vergaß Ursel plötzlich wieder die ganze Tischgesellschaft und saß in Gedanken in der Schloßgärtnerei . Auch diese Mahlzeit ging vorüber , und als nach Tisch die Herren rauchten , die jungen Damen auf Inges Zimmer gingen und die Mütter ein vertrauliches Wort zusammen redeten , sagte Frau Leuthold : " Ihre älteste Tochter ist entzückend , liebe Frau Dahland , wie ein Sonnenstrahl , aber die kleine Schwarze steckt noch recht in der Puppe . Das ist ein unglücklicher Zustand für die jungen Mädchen selbst . " Die Rätin nickte . " Ja , ich leide mit ihr darunter . " " Kränklich ist sie doch nicht ? Sie scheint mir recht blaß . Dann lassen Sie sie nur beizeiten Stahl nehmen . " " Nein , sie ist vollkommen gesund , nur schnell gewachsen . " Die Rätin sah etwas ernst dazu aus , denn sie dachte an Ursulas Geheimnis , an das Tagebuch . Sie hatte fast die ganze Nacht daran gedacht und wußte , daß ihrem Kinde mit " Stahl " nicht beizukommen war . Sie mochte aber nicht darüber sprechen , sie wollte im stillen versuchen , Ursulas Gemütszustand zu verstehen , sie schonend von diesem Hang zur Schwermut zu heilen , der bei diesem guten und bis dahin auch gesunden Kinde unnatürlich war . Vor allen Dingen durfte Ursula nicht so viel allein sein ! Wo mochte sie heute wieder den ganzen Mittag nach der Kirche gesteckt haben ? 5. Kapitel . In der Schloßgärtnerei Ja , wo steckte Ursula auch in den nächsten Tagen ? Am Montag bat sie Mama , ob sie sich einen Goldlack aus der Schloßgärtnerei holen dürfe , es seien dort so wunderschöne , dunkelgoldene , mit einem Duft - wie tausend Veilchen ! Geld habe sie noch . Da sie mit einer gewissen Begeisterung , wenn auch etwas beklommen sprach , erlaubte Mama es gern , in dem stillen Vorsatz , Ursula jetzt jede anspruchslose Freude zu gewähren . Sie dachte auch , daß es dem Kinde außer den Blumen auch um den Gang durch den Schloßgarten zu tun sei , und sie gönnte ihm auch diesen . " Ich würde gern mit dir gehen , " sagte sie , " aber heute ist es leider wieder unmöglich , da ich eine Geburtstagsvisite bei der Präsidentin zu machen habe . Aber bald einmal ! " Ursel wurde rot , denn heute wünschte sie ja gar nicht die Begleitung der lieben Mama , und das war eigentlich ein sonderbares , fast beschämendes Gefühl . Am Dienstag sprach Papa von den ausgezeichneten Spargeln , die es am Sonntag gegeben hatte , und äußerte den Wunsch , solange die günstige Zeit währte , zweimal in der Woche solche zu essen . Ursel blickte mit still frohlockender Miene auf und begegnete einem lächelnden Blick der Mutter , die denn auch gleich sagte : " Also meine kleine Kommissionärin - wieder ein erwünschter Auftrag für dich . Und dann bestelle mir gleich für morgen oder übermorgen zehn Pfund zum Einmachen , die müssen aber hergeschickt werden , die kannst du natürlich nicht tragen . " Ursula lachte wirklich ganz laut und meinte : " Ich kann ja zweimal gehen . " So kam es , daß sie fast jeden Tag einen Grund hatte , nach der Schloßgärtnerei zu gehen , und wenn sie auch nicht lange bleiben konnte , weil entweder Franzi zu tun oder sie selbst noch Schularbeiten zu machen hatte , so war es doch wenigstens immer ein Viertelstündchen , das sie mit der neuen Freundin verplauderte , die ihr von Tag zu Tag lieber wurde . An dem Tage , wo nun die größere Menge des kostbaren Gemüses zu beschaffen war , für das Ursel von jetzt an eine Leidenschaft faßte , hatte sie sich wohlweislich so eingerichtet , daß sie länger bleiben konnte . Die Eltern waren schon zu Mittag nach Heckendorf gefahren - niemand konnte sie vermissen . Heute bekam Ursel sogar auch eine blaue Schürze von Franzi und ein Messer , und mit ungeheurem Jagdeifer gingen sie an die Arbeit . Heute kam auch Franzis Mutter mehrere Male zu ihnen , und Ursel war wieder überrascht von dieser feinen sanften Frau mit dem edlen Gesicht und den arbeitsharten Händen . Heute hoffte sie nun endlich etwas mehr von Franzis Geschichte zu erfahren . Sie hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt , daß es eine " Geschichte " sein müsse . Aber vorläufig waren sie fleißig und Ursel beobachtete nebenbei das Leben und Treiben in der Gärtnerei . Sie waren heute bei den Beeten im großen Garten , in den man von dem höhegelegenen Heckendorfe Weg hineinsehen konnte , und Ursel dachte , flüchtig , daß die Ihrigen , wenn sie da oben vielleicht gingen , sicher nicht darauf verfallen würden , daß das Mädchen mit der großen blauen Schürze , das sich da so emsig zwischen den Beeten bückte , ihre Ursula sei , die seelenvergnügte Ursula , bei neuer Arbeit und in neuer Umgebung . Wie wurde da rings um sie her emsig geschafft ! Hier trugen zwei Gärtnerburschen große schwere Gießkannen und begossen die Himbeerpflanzungen , während ein anderer die zu üppig wuchernden Ranken sorgsam aufband . Hier deckte einer irdene Töpfe ab von kleinen Blumenpflänzchen , die damit vor der Mittagsonne geschützt waren . Bei den Mistbeeten regulierten zwei Gehilfen die großen Glasfenster ; zwischen den Beeten knieten alte Frauen und jäteten Unkraut , zwei Kinder gingen auf Raupenjagd zwischen den Kohlköpfen , zwei andere pflückten die ersten zarten Schoten von den Erbsen . Ursula frohlockte , daß bald wieder ein neues Gemüse hier zu holen sein würde . Endlich waren sie mit ihrer heutigen Arbeit fertig . Sie liefen zu einem der vielen Behälter für Regenwasser und wuschen ihre Hände , aber Franzi meinte , sie wollten es nur recht gründlich machen , denn sie wenigstens müßte gleich eine Handarbeit nehmen , die große Eile habe . So ging Ursel zum ersten Male mit ins Haus und sah Franzis kleines Reich . Es war nur ein Kämmerlein , nicht größer als Ursels geliebte Bodenstube " zu Hause " . Sie enthielt nur das Bett , Waschgerät , eine kleine Kommode und einen sehr altmodischen Nähtisch , aber das Fensterchen , an dem es stand , hatte die Aussicht auf den " stillen See " . Da lag die blaue , sanfte Fläche im Kranz der Wälder , und andächtig blickten die Mädchen zum ersten Male zusammen da hinaus . " Wir müssen einmal um den ganzen See gehen , " sagte Ursel , " das ist der schönste Weg hier bei Wendenburg . Allein darf ich ihn nicht machen , aber mit dir - " " Wenn ich Mal Zeit habe , gern ! " Jetzt sah Ursel sich in dem Stübchen um . Oh , was stand da alles auf der Kommode ! Da war die Photographie eines Schlosses , schon mehr einer alten Burg - darüber hing ein Hirschgeweih - da war das Bild eines sehr anziehend , aber kränklich aussehenden Mannes , und noch ein Porträt , das kühn und aristokratisch ausschaute ; dann ein kleines einstöckiges Haus , weinumrankt und blau umblüht , das war gezeichnet und auf kindliche Art bunt ausgetuscht ; endlich noch die Photographie eines kleinen Mädchens , und auf diese stürzte sich Ursel zunächst mit einer gewissen Eifersucht . " Wer ist das ? " fragte Ursula mit ängstlichem Eifer , denn sie wünschte , ohne es zu wissen , daß ihre neue - ach , ihre einzige Freundin , keine andere Gefährtin hätte als sie , Ursel , der sie doch gestern zugestanden , daß sie sie schon sehr lieb habe ! " Das ist Komteßchen Léontine , " sagte Franzi , " und das ist der gute schöne Graf - und hier mein Vater ! Dies ist unser Häuschen , das lag am Park von Wehrburg - siehst du das Schloß ? " " Wie eine Ritterburg , " sagte Ursel bewundernd , " und da , in der Burg - da spieltest du mit dem Komteßchen ? " " Ja , da hatte ich vor allem meine Schulstunden bei dem lieben Fräulein Elsner . Komme , heute will ich dir alles erzählen . Nur muß ich dabei meine Arbeit nehmen , und wir wollen dann unter die Linde gehen . " " Ach , können wir nicht hier bleiben ? " bat Ursel , " hier ist es so nett , so recht ungestört . " " Ja , das ist wahr , aber ich habe nur einen Stuhl ! " sagte Franzi lachend . " Den nimmst du natürlich , weil du sticken mußt , " sagte Ursel und schwang sich auf das Fensterbrett , " so - nun ist es wundervoll , jetzt fange nur gleich an ! Ich bin schon so sehr gespannt ! " 6. Kapitel . Franzis Geschichte Franzi lächelte ernsthaft und meinte : " Es kommt aber gleich ' was Trauriges , denn der Grund , weshalb meine Eltern nach dem schönen Wehrburg kamen , war bereits ein Unglück . " Mein Vater war Forstmann und hatte sich schon früh mit einem Mädchen aus seiner Heimat verlobt . Um nun nicht gar zu lange mit dem Heiraten warten zu müssen , war er aus dem Staatsdienst getreten - da die Beförderung damals sehr langsam ging und er noch wenig Aussicht aufs Vorrücken hatte . Er bewarb sich um eine Gutsförsterstelle auf einer sehr großen preußischen Besitzung . Als er diese soeben angetreten hatte , geschah ein großes Unglück : auf der ersten Jagd , die er dort mitmachte , traf ihn ein Schuß . " " O Franzi ! " schrie Ursel leise auf . " Ja , und so unglücklich , so viel schlimmer , als man zuerst glaubte , daß nach langem Leiden und erfolglosen Versuchen zur Heilung das eine Bein - bis zum Knie abgenommen werden mußte . " " Wie entsetzlich ! " " Nicht wahr ? - Mutter hat mir es oft erzählt , wie das gewesen , als sie ihren jungen stattlichen Verlobten zum Krüppel hat werden sehen . Vater hat ihr damals ihr Wort zurückgeben und nicht annehmen wollen , daß sie ihn heiratete , aber meinst du , daß sie darauf hörte ? " " Natürlich nicht ! " erwiderte Ursel voll Überzeugung . " Nein , natürlich nicht ! Sie hat ebensogut das Leid mit ihm tragen wollen , als das Glück . Nur - wie sie ihr Leben jetzt einrichten sollten , das war die große schwere Frage . Forstmann konnte Vater nicht mehr bleiben - aus dem Staatsdienst aber war er heraus ! Da haben sie sonst für solche Fälle allerlei Ämter , die mit Invaliden besetzt werden , aber Vater soll sich unbeschreiblich vor einem solchen Posten gefürchtet haben . In der Stadt ! Mit nichts als Schreibarbeit ! " " Das kann ich mir denken , " sagte Ursel , " aber Franzi - der , der das ganze Unheil angerichtet hatte - " " Das war Graf Wehrburg ! " sagte Franzi wehmütig . " Der weilte zum Besuch auf jenem Gut , wo mein Vater erst seit einer Woche angestellt war . " " Nun , der mußte doch - der konnte ja - " " Ja , nun kommt das von dem Grafen , wart nur ! Ach , der arme gute Graf hatte sich die Sache so zu Herzen genommen , daß er krank und schwermütig wurde und man eine Zeitlang sehr für ihn fürchtete . Aber dann , als er sich wieder erholt hatte , kam er mit einem großen fertigen Plan . " Mein Vater sollte nach Wehrburg kommen , dort die Oberaufsicht über die Gärtnereien übernehmen , wie über den weiten ausgedehnten Park , dann etwas Korrespondenz führen für den Grafen , überhaupt eine Art Vertrauensstellung einnehmen ; denn die Zeugnisse meines Vaters waren die besten , die man verlangen konnte , und der Graf hatte in den Tagen seines Besuches so viel Gefallen an dem jungen tüchtigen Jäger gefunden , daß ihm das Unglück umso tiefer zu Herzen ging . " " Oh , " unterbrach Ursel , " dann war ja nun alles gut ! " " Gut wohl nicht gleich ; es ist meinem Vater doch sehr schwer geworden , statt des schönen vielseitigen Berufs eines Forstmannes , nun - sozusagen zur Gärtnerei überzugehen . Einen Park statt eines Waldreviers , Blumen- und Gemüsezucht statt Forstkulturen , und nie mehr die fröhlichen Herbstjagden ! " Aber er hat sich doch mutig drein ergeben , sich getröstet , daß er nicht in die Stadt , in den Bureaudienst zu gehen brauchte . Und besonders hat er sich gesagt , daß der arme gute Graf nie wieder ruhig und getröstet würde , wenn nicht ihm selbst vergönnt wurde , das zerstörte Leben meines Vaters so gut wie möglich wieder aufzubauen . So hat er denn das Anerbieten angenommen und es niemals bereut , wie er später meiner lieben Mutter und mir oft genug gesagt hat . " Vater hat dann gleich heiraten können , und Mutter ist sehr glücklich mit ihm in das kleine Haus gezogen . Aber gekränkelt hat Vater doch , und sehr bald haben sie eingesehen , daß keine Tätigkeit , kein Platz auf der Welt jetzt noch für Vater besser gepaßt hätte , als diese von dem lieben Grafen eigens für ihn eingerichtete Stellung . " Zuerst ist dann in dem kleinen Hause mein Bruder Wilhelm geboren worden - " " Von einem Bruder hast du noch nie gesprochen ! " " Wirklich nicht ? Ja , siehst du , wir haben auch noch nie so viel Zeit gehabt wie heute . " " Ach , und die Sonne steht schon so tief , ich muß gewiß bald fort ; erzähle nur geschwind weiter . " " Ja , also zuerst kam Wilhelm , dann ich . Und ziemlich zu gleicher Zeit kam auch im Schloß ein Mädchen an . " " Und da spieltet ihr immer zusammen ! " " Ja , der Graf wünschte es so ; er konnte nie genug tun , um meinem Vater zu zeigen , wie viel er auf ihn hielt und wie gern er ihm etwas zu gute tat , anders als mit Geld , weißt du . Ich bekam also auch meinen Unterricht im Schloß , während Wilhelm vom Vater unterrichtet wurde . " " Und Komtesse Léontine ? Hattest du sie sehr gern ? " Franzi sah nachdenklich auf und ließ ihre mühsame Arbeit , an der sie immer wieder zu sticheln versuchte , aber ohne Erfolg , nun sinken . " Wir waren so sehr aneinander gewöhnt , ich kann mir die ganze Wehrburger Kinderzeit ja nicht anders denken , als mit Léontine . Aber - " " Nun - aber ? " forschte Ursel begierig . " Aber sie war nicht immer nett . Ich soll es eigentlich nicht sagen - " " Warum nicht ? Weil du ihrem Vater so dankbar bist ? Deshalb braucht die kleine Gräfin doch nicht die Allerbeste zu sein . " " Die Allerbeste - hm , Ursel , sie war nämlich die Einzige . Wehrburg liegt einsam , wir kamen nicht oft mit anderen Menschen zusammen , und die anderen Beamten hatten nur Knaben . Aber ich will dir sagen - Leontinchen war kein sehr begabtes Kind , sie lernte schwer und war oft schrecklich unglücklich bei den Büchern . Ich mußte viel mit ihr lernen , mußte auch meistens tun , was sie wollte - " " Das ist gerade nicht angenehm ! " " Nein , aber es schadete mir wohl nicht : ich war im Grunde sehr unbändig , sagt Mutter , da war es wohl gut , daß ich mich im Schloß zusammennehmen und unterordnen mußte . Und Fräulein Elsner sagte später öfter , sie wüßte nicht , wie sie mit Léontine allein hätte fertig werden sollen . " " Fräulein Elsner - war die nett ? " " Oh , reizend . Und sie spielte Klavier , Ursel - du glaubst nicht , wie schön ! " " Von der hast du das also gelernt ? " " Ja , und sie sagte immer , sie spielte so gern auf unserem alten gelben Spinett mit den dünnen Beinen und den noch dünneren Tönen , weil meine Eltern es so gern mochten und ich immer so selig war ! Im Schloß spielte sie auf einem schönen Flügel , und wenn manchmal Gesellschaft war , wurde dann sehr geklatscht ! " " Du hast noch nichts von der Gräfin gesagt . " " Ja - auf die kann ich mich kaum mehr besinnen . Sie starb , als wir noch sehr klein waren . Es war nachher eine alte Tante im Schloß . Aber die Hauptperson für uns Kinder war immer Fräulein Elsner . " " Ist sie noch in Wehrburg ? " " Ach nein , nein , niemand ist mehr da ! Es brach der Typhus im Dorfe aus , - daran erkrankte der Graf und starb , - mein Vater , der noch um ihn gewesen war - zwei Tage nach ihm ! " Franzi bedeckte das Gesicht mit den Händen , Ursel glitt von der Fensterbank herab und umarmte die Freundin . " Arme Franzi , süße Franzi ! Wie traurig , wie furchtbar schwer ! " Franzi sah mit tränenvollen Augen auf und schmiegte sich an die sie zärtlich haltende Ursula . " Ja , siehst du , Ursel , du meintest neulich , du erlebtest nichts , es sei alles so einförmig . Mit mir und meinen Erlebnissen möchtest du wohl nicht tauschen ? " " Nein ! " sagte Ursula erschüttert . " Denn , " fuhr Franzi fort , " nun kamen ja erst all die Folgen ! Da Graf Wehrburg keinen Sohn hatte , fiel das Gut , das Majorat ist , an eine Seitenlinie . Leontinchen wurde von Verwandten in Berlin aufgenommen , - ins Schloß aber zog der neue Herr . " Sie machte eine Pause , und Ursel fragte : " Nun , und der ? " " Der - ja , der war viel anders , als unser guter Graf . Mutter sagt zwar immer wieder , wenn ich auf ihn böse bin , wir dürften nicht ungerecht sein . Es sei nicht zu verlangen , daß der fremde Herr Interesse für uns hätte . Und der gute Graf hätte so viel mehr für uns getan , als wir erwarten durften , und daß wir ja nicht denken dürften , ein anderer übernehme uns mit als Erbschaft . " Also kurz und gut , der neue Graf erklärte , einen so kostspieligen Sekretär oder was mein Vater gewesen , würde er sich nie gestattet haben , und die fernere Erhaltung der Witwe und der Kinder könnte er nicht übernehmen . Das einzige , was er tun wolle , wäre , daß er uns das Haus ließe und mir einen Platz in der gräflichen Küche als Wirtschaftslehrling gäbe . " Von einer weiteren Ausbildung , wie Mutter und Fräulein Elsner immer für mich geplant hatten , könnte keine Rede sein , und einen Sohn auf dem Gymnasium oder später gar auf der Universität würde er auch nicht erhalten . Wilhelm könnte ja in die große Gärtnerei eintreten und ich in die Wirtschaft - dann wäre hinreichend für uns gesorgt . " Ach , Ursel , er war gewiß im Recht , Mutter hat es immer wieder gesagt , wir hatten gar nichts zu verlangen . Nur - wenn der liebe gute Graf nicht so plötzlich gestorben wäre , wenn er irgend etwas schriftlich bestimmt hätte , wäre es doch ganz anders für uns geworden . " " Ja , ja , das verstehe ' ich . O , ihr Armen ! " " Ja , Ursel , nun waren wir wirklich arm ! Und weißt du , Ursel , mitten in all dem Kummer fingen Mutter und ich an , uns zu trösten , daß der geliebte Vater dies nicht mehr erlebte , daß Gott ihn zu sich nahm , ehe er wußte , daß sein bester Freund und Schützer auf Erden ihn verlassen hatte . " Und wie Mutter sich das recht klar legte - da wurde sie ruhig und fest . Und da hat sie sich alle Mühe gegeben , etwas zu finden , womit sie verdienen könnte , denn die freie Wohnung annehmen vom jungen Grafen und dafür unsere Zukunft opfern - das wollte sie nicht . " Und nun siehst du , was nach ihren Bemühungen gekommen ist . Sie hat hier die Stellung einer Haushälterin angenommen . Vater hat früher manchmal mit dem Obergärtner Bauer geschäftlich zu tun gehabt ; daher empfand dieser noch ein Interesse für uns und nahm Mutter sehr gern , obwohl sie die Bedingung machte , mich mitzubringen und hier zu behalten , bis ich so weit wäre - so - oder so - selbst verdienen zu können . Er hat dafür verlangt , daß ich mich auch im Hause nützlich mache , und dazu habe ich mich gern verpflichtet ; sind wir doch sehr froh , Mütterchen und ich , daß wir einstweilen zusammen bleiben können . " Zu tun gibt es hier viel - , denke dir den großen Mittagstisch , für all die Gehilfen und Lehrlinge muß Mutter kochen . Dann hat der Obergärtner drei Kinder , deren Zeug wir in Ordnung halten und für die überhaupt gesorgt werden muß . Mit den Kleinen arbeite ich manchmal , und dann - na , du weißt ja , dann bin ich Verkäuferin . Und dies Amt hat mir das Beste und Schönste eingebracht , was ich seit dem letzten traurigen Jahr erlebt habe . " Still saßen sie nun Hand in Hand , die beiden schwarzbraunen Köpfe aneinander gelehnt . Purpurrot erstrahlte der Abendhimmel und warf sein Licht in das kleine Kammerfenster , bis dann schnell die Dämmerung sank und Ursel aufschrak . Ihr junges Herz war so voll von all dem Gehörten , daß sie kein Wort mehr sprechen konnte . Das waren ja wirklich Schicksale , die da eben vor ihr ausgerollt wurden ! Und die das alles erlebte und so schlicht und verständig erzählte , war nur ein Jahr älter als sie . Mit einem Male schien sie vor Ursels Augen zu wachsen , und ihr altes , zaghaftes Gefühl , " was bin ich , wer mag mich leiden , wem kann ich etwas sein ? " wollte sie wieder beschleichen ; da dachte sie an Franzis letztes Wort , " das Beste , was ich seit diesem traurigen Jahr erlebt habe " - , und sie glaubte wieder daran , was sie diese letzten Tage mit so stillem Glück erfüllt hatte : daß sie Franzi lieb sei , daß sie eine Freundin gefunden habe . Für heute hieß es nun wieder scheiden . Ursel sah Franzi so innig an , daß diese fühlte , welch ein treues Herz heute an ihrem Erleben teilgenommen , wenn der Mund auch nichts mehr sagen konnte . Einen Teil der Spargel nahm Ursel mit , die übrigen sollte ein Gärtnerbursche bringen , so wollte es Herr Bauer . Er ließ es nicht zu , daß die Herrschaft sich zweimal bemühte , wie Ursel gern wollte . Aber diese fand doch bald wieder einen Grund , den nun schon so vertrauten Weg durch den Schloßgarten zu nehmen , denn nun kamen die Erdbeeren - die Erbsen - es waren auch wohl Blumen zu bestellen - es kam Johannis heran , und noch wußte niemand bei Dahlands von Ursulas Freundschaft , die sie so ganz erfüllte . 7. Kapitel . Axel als Kundschafter Mit Freude sah die Rätin , daß Ursel , wenn auch noch immer stiller als all ihre übrigen Kinder , doch nicht mehr so kopfhängerisch war , daß sie einiges Interesse an häuslichen Angelegenheiten zeigte , mutiger und auch geschickter manchmal selbst zugriff . Und die Rätin dachte darüber nach , ob sie recht getan , Ursel bisher von allem Derartigen zurückzuhalten . Sie hatte das Kind ja schonen wollen , hatte gemeint , es habe reichlich mit den Schulaufgaben zu tun - und außerdem war ja Inge da . Inge , die außer ihren hübschen geselligen Talenten auch für alles Praktische eine natürliche Anlage besaß , Inge , auf die Ursel , ach , so eifersüchtig war ! Jene Seufzer im Tagebuch gingen Mama nicht aus dem Sinn , und sie hätte gern einmal nachgesehen , ob die Aufzeichnungen noch weiter geführt waren , aber niemals steckte mehr der Schlüssel an Ursels Kommode . Also behielt sie das Gefühl , daß eines ihrer Kinder verschlossen gegen sie war , ja , daß es etwas gegen sie auf dem Herzen hatte . Das war ihr ein völlig neues Gefühl , das sie tief bekümmerte , aber mit Gewalt war nichts dagegen zu machen . Sie wollte abwarten , und da sie eben jetzt eine leise Veränderung in Ursels Wesen bemerkte , hoffte sie , das Kind bald zugänglicher zu finden und dann mehr an sich heranzuziehen . Hätte sie nur mehr Zeit gehabt ! Aber es war merkwürdig , es schien immer mehr zu werden , was von allen Seiten an sie herantrat . Die große Stadt , die vermehrte Geselligkeit , manches , was die Stellung ihres Mannes unabweisbar mit sich brachte , und dann - die kleinen Kinder . Sie war immer so gewesen , daß sie den Kleinsten die meiste Zeit und Sorgfalt gewidmet hatte , sie niemand überlassen mochte ; jetzt zum ersten Male dachte sie , ob das immer ganz richtig war , ob sie den Größeren nicht etwas entzöge , etwas Unersetzliches . Sie fühlte sich von Ursel angeklagt . Als die Rätin so weit in ihren Gedanken und Betrachtungen gekommen war , eines Abends ausnahmsweise allein in der Veranda sitzend , stand sie plötzlich auf , von dem unabweisbaren Gefühl getrieben , Ursula zu suchen . Diese war nicht im Hause , niemand hatte sie seit Stunden gesehen . Inge , die eben vom Tennisplatz zurückgekommen war , meinte Ursel am Nachmittag von fern erkannt zu haben , und knüpfte die Bemerkung daran : " Mich wundert , Mama , daß du sie so viel allein gehen läßt , das ist hier doch eigentlich gar nicht Sitte . " Als seltene Ausnahme ließ Mama ihre Älteste ziemlich strenge an : " Und mich wundert , daß du dich ihrer so wenig annimmst , Inge , du müßtest doch ihre natürlichste Freundin sein . " " Ich ? Aber Muttchen ! " rief Inge sehr erstaunt , " glaubst du , daß ihr damit gedient wäre ? Sie ist ja ein so scheues Ding - " " Darum eben , " unterbrach Mama schmerzlich , " sie kann sich nicht an Fremde anschließen . " " Ja , Mama , sie ist aber auch gar nicht liebenswürdig ! Von selbst fallen einem doch die Herzen nicht zu , man muß sich auch ein wenig darum bemühen . " Das klang fast pathetisch , und Mama dachte halb lächelnd , daß Inge sich wohl Zeit ihres Lebens nicht " bemüht " hatte . Sie war eben eine andere Natur , heiter und unbekümmert , mit sich und der Welt stets zufrieden . " Und du mußt nicht denken , " fuhr sie jetzt fort , " daß es für mich leicht wäre , selbst wenn ich meine Freundinnen , mein Tennis und sonstige Partien um Ursel aufgäbe , ihr etwas recht zu machen . Sie ist ja bodenlos empfindlich ; nach nichts darf man fragen , dann bekommt man Antworten wie : » Das interessiert dich ja doch nicht ! « oder wenn man ihr etwas rät : » Das weiß ich allein . « Und wie sonderbar benimmt sie sich , wenn meine Freundinnen kommen ! Entweder sie läuft weg , oder gibt auch ihnen ungehörige Antworten . " Immer trauriger wurde Mama , während Inge mit solcher Entrüstung und Selbstverwahrung sprach , und als sie damit schloß : " Augenblicklich glaube ich überhaupt , daß sie irgend etwas Heimliches vorhat ! " da sagte Mama erregt : " Ich kann mir zwar nicht denken , daß Ursel irgend etwas Unerlaubtes tut , denn sie ist wohl ein eigentümliches , doch ein sehr gutes Kind . Aber - unangenehm ist es mir doch auch , daß sie wieder nicht da ist ! - Da kommt Axel - mein lieber Junge , hast du Ursula vielleicht gesehen ? " " Ja , Mama , wenigstens vor einer halben Stunde , sie war bei der Weidenmühle . " " Allein ? " " Ja . Ich radelte mit Heinrich vorbei , rief sie noch an , aber sie hörte natürlich nicht , wie immer . Wo die ihre Ohren und Gedanken hat , ist mir oftmals schleierhaft . " " Ging sie denn der Stadt zu ? " " Nein , hinaus gegen die Schloßgärtnerei . Ich nahm an , sie hole vielleicht wieder Erdbeeren , und freute mich auf heute abend . Ist es nichts damit ? " " Nein , heute nicht . Aber höre , tu mir die Liebe und sieh dich nach Ursel um ; so lang darf sie nicht ausbleiben . " " Finde ' ich auch , teuerste Mutter , aber wo soll ich sie denn aufgabeln ? " " Gehe nur den geraden Weg bis zur Gärtnerei , es ist ihr Lieblingsweg - ich beunruhige mich wirklich , daß ihr einmal etwas zustoßen könnte . " " Ja , Mama , dann würde ich es ihr doch einfach verbieten ! " riet Axel . Mama fand plötzlich ihre beiden geliebten Ältesten ziemlich herzlos , und sie sagte nur noch einmal ernsthaft : " Gehe , Axel . " " Gewiß , Mama , ich fliege sogar , ich nehme mein Rad mit . " Im nächsten Augenblick sauste er um die Ecke , in den schon etwas dämmrigen Schloßgarten hinein . Mit Betrachtungen über die herrliche Abendstimmung hielt er sich nicht auf , müde und hungrig war er nach Hause gekommen und nun rechtschaffen ärgerlich über den " Backfisch " , um dessen Grillen er noch einmal aufs Rad mußte . Er würde es ihr aber auch sagen ! Sie tat seit kurzem überhaupt so erhaben . Guten Abend ! Bitte um Entschuldigung , wenn ich störe . Und dabei nirgends eine Spur von ihr ! Er konnte doch nicht alle Wege und Bänke im Schloßgarten absuchen ! Wahrhaftig , es wäre recht unpassend , wenn sie sich hier noch aufhielte ! Mit gefurchter Stirn sauste er jetzt an der Weidenmühle vorbei ; da hörte er Mädchenstimmen , und ohne sich zu besinnen , sprang er vom Rad und pirschte sich leise bis an die dichten Gebüsche bei der Schloßgärtnerei . Richtig , da sah er seine Schwester , die Stimme hatte ihn nicht getäuscht . Ihr Gesicht sah er nicht , aber die braunen Zöpfe , die über den Rücken fielen , erkannte er deutlich , und den Hut auch . Freilich , dicht daneben glänzten noch ein paar solcher Zöpfe auf einem Kopfe ohne Hut , und hierzu sah er auch ein reizendes Gesicht , das dem Weg zugewandt war , und er sah zwei Hände , die sich nicht zum Loslassen entschließen konnten . Ei Wetter , was hatte die Ursche da aufgegabelt ? Das war ein netter Käfer ! Krabbelte der wirklich in Fräulein Röters höherer Töchterschar herum ? Merkwürdig , die war ihm noch nie zu Gesicht gekommen ! Axel lüftete seine Mütze und sagte : " Guten Abend , bitte um Entschuldigung , wenn ich störe . " Mit einem kleinen Schrei fuhr Ursel herum und wurde sehr rot . Axel weidete sich innerlich an ihrer Verlegenheit , fuhr aber aus Respekt vor dem hübschen fremden Mädchen sehr höflich fort : " Mama ist in Sorge wegen deines langen Ausbleibens , Ursula ; du bist wohl so gut , gleich mit mir zu kommen . Mein Fräulein - " er verbeugte sich vor Franzi , " gestatten Sie : Axel Dahland ! " Franzi nickte etwas verlegen zu dieser kavaliermäßigen Vorstellung und sagte dann : " O Ursel , das tut mir aber leid , daß wir deiner Mama Unruhe gemacht haben . Bitte , sage , ich lasse um Verzeihung bitten , denn heute war ich allein schuld , daß es so spät geworden ist ; du dachtest immer pünktlich ans Weggehen . " " Ja , ja , " murmelte Ursula , " adieu ; ob ich morgen kommen kann , weiß ich noch nicht - adieu ! " Franzi machte ein betroffenes Gesicht und sah den Geschwistern nach . Ursula ging mit besonders tiefgesenktem Kopfe , stumm , in grenzenloser Beschämung , oder wie sollte sie dies Gefühl nennen ? Axel führte sein Rad und sah sie pfiffig von der Seite an . " Na ? " brach er endlich das Schweigen , " kein Wort ? Gar keine Anerkennung , daß ich dich hier aus dem nächtlichen Walde errette und voll edler Absicht bin , dich vor dem Zorn der Eltern zu schützen ? " " Ach , Axel , " seufzte Ursel weinerlich , und " Ja , ach , Axel ! " wiederholte er spöttisch . " Nun rede doch Mal 'nen Ton ! Wer ist denn dies famose schwarzbraune Mädel , mit dem du da solch zärtliches Stelldichein hattest ? " " Ach , Axel , " fing sie wieder an , aber nun verlor er die ritterliche Geduld : " Mädchen , was bist du langweilig ! Komme doch Mal ' raus mit der Sprache ! Du tust ja , als steckte ein schreckliches Geheimnis dahinter . " Nun faßte sich Ursula und sagte : " Nein , es ist gewiß nichts Schreckliches , es ist nur - ich habe hier eine Freundin gefunden - " " Ja , das sehe ich ! Wer ist sie denn ? " " Ein prachtvolles , reizendes Mädchen - " " Na ja , so viel Augen habe ich auch im Kopf ! Mal weiter ! " " Sie heißt Franziska . " " Brrr ! " " Aber sie wird Franzi genannt . " " Läßt sich schon eher hören ! " " Franzi Trautmann , und sie ist hier beim Schloßgärtner mit ihrer Mutter , die da die Wirtschaft führt - und Franzi muß helfen und Gemüse verkaufen - ich hatte hier oft was zu holen in letzter Zeit , da haben wir uns kennen gelernt . " Axel tat einen munteren Pfiff . " Also eine kleine Gärtnerin ! Sieh einer an , ich hatte sie etwas höher geschätzt . " " O Axel , du kannst sie gar nicht hoch genug schätzen ; Franzi ist überhaupt einzig ! " Der Bruder lachte und schob kameradschaftlich seinen Arm unter den ihren . " So bleibe nur , Ursche , so gefällst du mir ! Und sei nicht bange , ich stehe dir bei gegen die anderen , wenn sich etwa ein Veto erheben sollte gegen diese Freundschaft ! " Ursula wurde wieder ängstlich und meinte : " Ach , Mama wird doch nicht ? " " Keine Angst ! " Der junge Kavalier warf sich in die Brust , und da das Elternhaus jetzt erreicht war , brachte er nur schnell sein Rad in Sicherheit und trat dann noch immer Arm in Arm mit Ursel zu den Eltern , die sich eben in der Veranda zum Abendessen gesetzt hatten . " Melde mich zur Stelle ! " sagte Axel und stand militärisch stramm , " und hier ist auch der Deserteur ! Nun los , Kleine ! " Aber Ursel senkte den Kopf und sagte nichts , und da auch Mama schwieg und Papa offenbar noch nichts von dieser Sache wußte , fuhr Axel fort : " So bitte ich denn ums Wort . Das ganze Geheimnis von Ursulas häufiger Abwesenheit - sowohl geistiger wie körperlicher - ist - ja , erschreckt nicht , geliebte Eltern , aber ich habe sie bei einem Stelldichein ertappt ! " " Axel , sieh dich vor mit deinen Scherzen ! " sagte Mama streng , während Papa ein halb erstauntes , halb belustigtes Gesicht machte . " Wirklich , Mama , ich habe soeben die Bekanntschaft der Auserwählten gemacht , die Ursel einer Freundschaft würdigt , und muß gestehen , sie hat keinen schlechten Geschmack ! Da standen zwei Mägdlein im Lindenschatten bei der Schloßgärtnerei - Ursel und die Franzi Trautmann oder Traute Franzmann - ich weiß nicht genau - und die eine war von Augen und Zöpfen so schwarzbraun wie die andere , wirklich ein nettes Gespann ! Aber die andere hat mehr Temperament als Ursula ! Na , diese habe ich denn sanft abgehalftert und im Schritt durch den Schloßgarten geführt - links mein Stahlroß , rechts die Schwarzbraune ; und hier sind wir ! Demütig , aber - nicht eigentlich reumütig , denn - die andere Schwarze ist einfach zu nett ! " Nach dieser langen , mit viel drolligem Pathos vorgetragenen Rede fiel der tapfere Primaner auf einen Stuhl und schien das weitere Ursel überlassen zu wollen ; aber als auf Mamas Frage : " Von wem sprecht ihr denn eigentlich ? " nur ein undeutliches Gestotter von Ursel anhob , fuhr Axel fort in seiner Rolle als Erklärer und Verteidiger : " Von derjenigen , Die die Spargel stach - Und die Schoten brach - Sich nach Erdbeeren bückte - Und die Rosen pflückte - Ursels Herz gestohlen - Sie sei euch empfohlen ! " Hier lachte Inge laut auf . Sie hatte sich schon lange Zeit amüsiert , nun rief sie : " Du bist ja kostbar heute , Axel , der reine Improvisator ! " Auch Papa schmunzelte und meinte : " Willst du doch in meine Fußstapfen treten ? Du meinst ja sonst immer , zum Juristen verdorben zu sein , aber Sachverhalt und Plädoyer waren nicht übel gegeben . " Indessen hatte Mama die Ursel zu sich herangezogen und unbeachtet von den anderen leise gefragt : " Ich hoffe , ich erfahre von dir alles genau , mein Kind ; esse aber erst , nachher gehen wir zusammen in den Garten . " Ursel setzte sich schweigend und aß Gehorsam ; Mamas gütiger Ton hatte sie beruhigt , und da Papa und Axel ein scherzhaftes Wortgefecht führten über die Juristerei , woran auch Inge sich beteiligte , kam sie in den nächsten Minuten darüber weg , ihr liebes Geheimnis als lächerliche Geschichte behandelt zu sehen . Freilich - böse sein konnte sie Axel eigentlich nicht . Er hatte es auf seine Art sehr gut gemeint . Auch empfand sie mit tiefster Genugtuung , daß er unverkennbar entzückt war von ihrer Franzi ! Es war zwar nach ihrem Gefühl ja nicht anders möglich , aber doch , wer konnte sich auf Primanergeschmack verlassen ! Ursel aß kaum , auch Mama schob bald ihre Teetasse zurück und winkte ihr . " Aha , der Delinquent soll vernommen werden , " sagte Axel feierlich und sah Mutter und Schwester nach , die in den Garten hinabstiegen . Und nun fing Mama an zu fragen , nicht wie ein Richter , sondern sanft und freundschaftlich , und Ursel erzählte ohne Rückhalt alles . Mama hörte still und voll Teilnahme zu . Als Ursel die erste Pause machte , sagte sie nur traurig : " Und warum erfahre ich dies alles erst heute , mein Kind ? Wie hast du es übers Herz bringen können , vierzehn Tage lang dies alles für dich zu behalten , es geflissentlich zu verheimlichen , ja Vorwände zu ersinnen , um nur nach der Gärtnerei zu kommen ? War das wohl recht , Ursula ? " Ursel kämpfte mit Tränen . " Ach , Mama , ich wollte es ja auch gar nicht so - es war gewiß nicht meine Absicht , dich zu täuschen - ich sah kein Unrecht - und zuerst kam die Bekanntschaft doch nur zufällig ! Und dann - ach , es war so was Schönes , etwas , was mir ganz allein gehörte , und - und - ich bin es ja nicht gewohnt , immer so viel von mir zu sprechen - und ich dachte , du interessiertest dich wohl nicht dafür - " " Höre auf , Kind , höre auf ! Du tust mir furchtbar weh ! " " Mama , o Mama , verzeih mir , das wollte ich ja nicht ! O , ich verstehe mich ja selbst oft nicht , und darum Bild ich mir ein , daß niemand mich versteht - und daß niemand mich lieb hat , weil ich mich selbst nicht leiden mag ! " Jetzt lächelte Mama schon wieder und nahm die aufgeregte Ursel zärtlich in die Arme . " Kleine Törin , was für Phantasien und unnütze Quälereien ! Davon wird dich nun wohl die neue Freundin heilen ! Was wir alle nicht konnten : dich zu einem frischen , natürlich glücklichen Mädchen machen , wie meine anderen Kinder es waren und sind , das blieb dieser Fremden vorbehalten ! " Das letzte klang wieder ernst , ja Ursel hörte einen Ton heraus , der ihr aufs neue Tränen in die Augen trieb . " Ach , Mama , du bist mir doch wohl böse und wirst mir die Freundschaft mit Franzi nicht gern erlauben wollen ? " Aber die Mutter sagte sanft : " Da irrst du , Kind , wie könnte ich dir etwas nicht gönnen wollen , was dich augenscheinlich so beglückt ? Wie könnte ich das fremde junge Mädchen so kränken , ohne es zu prüfen , nur weil der geheimnisvolle Anfang eurer Freundschaft mir nicht gefallen konnte ? Nein , Ursel , solch eine hartherzige Mutter hast du wirklich nicht ! Sie versteht sehr gut noch die Empfindungen der Jugend ! Und nichts habe ich dir je mehr gewünscht , als eine liebe , passende Freundin . " " Ach , liebe Mutter ! " " Also bringe sie nur recht bald , deine Franzi , wir müssen sie alle kennen lernen . " Wer war seliger als Ursel ! Sie konnte gar nichts mehr sagen vor Glück , sondern sich nur stumm und innig an Mama schmiegen . Ach , es war wohl schön und interessant gewesen bisher , dies verstohlene Zusammensein mit Franzi , aber wie viel herrlicher mußte es werden , wenn sie sich nun frei und offen täglich sehen konnten . Es war ihr wie ein feierlicher Abschnitt in ihrem Leben und sie schrieb Abends in ihr Tagebuch : " Der Mensch hat nichts so eigen , So wohl steht ihm nichts an , Als wenn er Treue erzeigen Und Freundschaft halten kann . Wenn er mit seinesgleichen Soll treten in ein Band , Verspricht sich , nicht zu weichen , Mit Herzen , Mund und Hand . Lieber Gott , ich bin so glücklich ! " 8. Kapitel . Kein Geheimnis mehr Eilig wie noch nie , fast glühend vom raschen Gang , kam Ursel am nächsten Tage in der Gärtnerei an . Sie hatte ja die Einladung ihrer Mutter an Franzi zu überbringen für den nächsten Sonntag ! Vor der Tür saß sie und stickte wieder an der mühsamen Decke . Langsamer als sonst stand sie auf und sagte ernsthaft : " Bist du dennoch da , Ursel ? Ich erhoffte es nicht . " Ursel in ihrem Eifer rief , ohne etwas an der Freundin zu merken : " Natürlich bin ich da , und zwar - " " Natürlich ? " wiederholte Franzi , " gestern schien es dir nicht natürlich , und ich muß dir sagen , Ursel , daß ich seit gestern über etwas nachgedacht habe , worüber ich sehr erschrocken bin . " " Franzi - was denn ? " " Ja - sage Mal , du bist wohl heimlich zu mir gekommen ? Deine Eltern wußten es nicht , und du bist bange , daß sie es nicht erlauben - oder warum erschrakst du gestern abend so , als dein Bruder kam ? " Ursel stand entgeistert und konnte nur noch einmal " Franzi ! " hervorbringen . " Ist es , weil du dich schämst , mit mir so schnell bekannt geworden zu sein , weil ich nicht vornehm bin , - weil ich hier arbeite und verkaufe ? " Franzi sagte das mit einem so schmerzlichen Ernst , daß Ursula voll Schrecken die Hände vors Gesicht schlug und in Tränen ausbrach . " Das kommt von der Heimlichkeit , " schluchzte sie , " das habe ich nun davon , daß du so schlecht von mir denkst ! O Franzi , so schlecht kennst du mich noch ? " Nun war Franzi ebenso erschrocken und sagte betreten : " Wenn ich dich gekränkt habe , verzeih mir , aber - ich war auch gekränkt ! " " Das sehe ich , und ich bin außer mir ! " " Und Mutter meinte auch , als ich ihr das von gestern abend erzählte , sie dürfe es nicht erlauben , daß du so oft zu mir kämst und hier bliebest , wenn deine Eltern es nicht wüßten . Wir hätten gar keine Ansprüche zu machen und täten am besten , für uns allein zu bleiben ; eindrängen in vornehme Häuser sollte ich mich gewiß nicht . " Ursula hörte plötzlich auf zu weinen , faßte Franzi um die Schulter und sagte : " Dies ist eine schreckliche Geschichte , - aber was du eben sagst , ist alles dummes Zeug ! Wir sind nicht vornehmer als ihr , und ich würde mich in die Erde schämen , wenn ich je dächte , ich könnte mich mit dir überhaupt vergleichen , die du besser und klüger und fleißiger bist als alle Mädchen , die ich kenne ! " Franzi lachte unter Tränen und sagte : " Nun übertreibst du furchtbar , Ursel ! " " Nicht im geringsten ! Und nun höre doch nur , was ich dir heute sagen wollte : Meine Mama läßt dich grüßen und einladen , nächsten Sonntag , also übermorgen , bei uns zu Mittag zu essen und den ganzen Tag bei uns zu bleiben . Ist das nicht fein ? Und wirst du nun nicht wieder so häßlich von uns denken , du liebe Böse ? " Franzi war rot geworden und sagte : " Das - mußt du selbst meiner Mutter sagen , Ursel . " " Natürlich , gleich ! Wo ist sie ? " " Vorn im Zimmer . " Ursel sprang ungestüm auf , sie hatten völlig die Rollen getauscht . Ursel von einer beinahe leidenschaftlichen Lebendigkeit und Franzi verlegen . Frau Trautmann , die emsig bei einer Näharbeit saß , sah die beiden kommen und tat einen leisen Seufzer . Die sanfte , bescheidene Ursula Dahland hatte es ihr auch angetan ; mußte sie nun diesem Verkehr , der ihre Tochter so glücklich machte , selbst ein Ende bereiten , lediglich aus Taktgefühl ? Die beiden Mädchen kamen ins Zimmer und Ursel trug gleich ihre Bitte vor , herzlich und natürlich , gar nicht so töricht scheu und befangen , wie sonst . Frau Trautmann nahm ihre Brille ab , hinter der die schönen , aber angestrengten Augen hervorkamen , und sagte : " Das ist ja fast zu viel Freundlichkeit von Ihrer Mutter , liebes Fräulein Ursel ; gleich auf einen ganzen Tag ? " " Ja , " entgegnete Ursel lebhaft , " Mama sagt , wir wollen es gleich gründlich nachholen , weil ich es so lange versäumte , ihr Franzi vorzustellen . " " Und warum haben Sie es versäumt , mein Kind ? " fragte Frau Trautmann und richtete einen forschenden Blick auf Ursula , aber Franzi fiel ein : " Quäl sie nicht , Mutterchen , wir haben uns eben schon das Leben schwer gemacht ! Nun ist alles gut , und nicht wahr , du erlaubst es ? " Mama sagt , wir wollen es gleich gründlich nachholen , weil ich es so lange versäumte , ihr Franzi vorzustellen . Frau Trautmann überlegte einen Augenblick , aber da rief Ursel , förmlich mit einem Anflug von Schelmerei : " Ich habe gar nicht zu bitten brauchen , meine Mutter war_es , die zuerst sagte : » Dann sollt ihr den nächsten Sonntag zusammen verleben , wir alle wollen deine Franzi kennen lernen « . " Nun lächelte Frau Trautmann und war gewonnen , und die Mädchen gaben sich rückhaltlos ihrer Freude hin , machten Pläne für den Sonntag , wo sie sich schon in der Schloßkirche treffen und dann zusammen in Ursels Elternhaus gehen wollten . Aber Franzi mahnte bald : " Urselchen , nimm es mir nicht übel - ich muß sticken ! Laß uns wieder unter die Linde gehen , ja ? Draußen ist_es heller als hier . " " Was hast du denn immer zu sticheln , " wunderte sich Ursel , " wer bekommt diese furchtbar mühsame Decke ? " " Wer ? Ja , das ist mir auch noch ein Geheimnis . " " Wieso ? " " Ja , Ursel , das weißt du auch noch nicht : deine Freundin ist nicht bloß Gemüseverkäuferin und Hausstütze - sie stickt auch für Geld . " " Ach , wirklich ? " " Ja , Mutter und ich , beide . Oder glaubst du , die wunderfeinen Hemden mit der gestickten Passe , die Mutter da eben hatte , die wären etwa für mich ? " " Ich habe nicht darüber nachgedacht , " gestand Ursel . " Die sind für ein Geschäft . Die Stickerei habe ich größtenteils schon in Wehrburg fertig gestellt , die Maschinennäherei macht Mutter . Sie müssen bald abgeliefert werden - ich habe noch die Namen zu sticken , aber solange Mutter sie unter den Händen hat , arbeite ich an der Decke . " " Und wohin kommt die ? " fragte Ursula mit großen Augen . " Das ist es eben , ich weiß es noch nicht . Ich habe sie schon in Wehrburg angefangen , Fräulein Elsner hat mir die feine Spitzenarbeit gezeigt . Den Filetgrund , den man sonst fertig kauft , hat Mutter so schön gemacht ; so ist diese ganze Arbeit von uns , und ich möchte sie gern irgendwo ausstellen zum Verkaufe . " Sie hielt die sehr akkurat und sauber gearbeitete Gipüredecke in die Höhe , und Ursel sagte bewundernd : " Sie ist wunderschön ! " und plötzlich kam ihr ein Gedanke . " Ich weiß , wo du sie ausstellen mußt ! Der Frauenverein hat hier eine Verkaufsstelle für so etwas , mit einem Schaufenster ; dahin bringen wir die Decke ! Da kaufen viele reiche Leute , manchmal auch die Fürstin . Ja , die gute Vorestin-Mutter muß dein Kunstwerk kaufen ! Wäre das nicht prachtvoll ? " " Ja , " rief Franzi lebhaft , " das ist ein guter Gedanke ! Ich meine nicht das mit der Fürstin , so hoch versteigen sich meine Wünsche nicht gleich , aber das mit dem Frauenverein . " " Ja , und Mama kann dir das leicht besorgen , sie gehört zu den Vereinsdamen , und weißt du , dann bringt man es leichter an . " " Freilich , ein bißchen Schutz ist immer gut , " meinte Franzi ernsthaft . Ursel war noch allzu vertieft in diese Angelegenheit und sagte : " Aber müßt ihr euch so sehr anstrengen , habt ihr nicht genug hier im Hause zu tun ? " " O ja , wir hätten wohl , aber Mutter versteht die Kunst , die Zeit doppelt zu nehmen . Sie kann unglaublich viel leisten ! " " Und sieht doch so zart aus . " " Ja , aber ihr Wille ! Sie will alles daransetzen , unseren Wilhelm auf der Universität zu erhalten . " " Das kostet gewiß sehr viel ? " " Kannst dir wohl denken ! Ein Stipendium hat er ja glücklicherweise , aber das Leben kostet doch immer was , wenn man auch so bescheiden ist wie Wilhelm . " " Und du ? Das Geld , was du verdienst , gibst du das auch für deinen Bruder ? " " Nein , damit - bezahle ich meine Klavierstunden ! " rief Franzi mit glücklich triumphierendem Ton . Ursel verstummte . Klavierstunden , die ihr selbst ein notwendiges Übel dünkten , die sie lieber heute als morgen aufgegeben hätte , die verdiente sich diese Franzi durch mühselige Stickereien ! Auf einem jämmerlichen , verstimmten Klavier übte sie mit dem größten Eifer , wenn alles andere getan war , wenn die Hände beinahe hart und steif von vielerlei Arbeiten waren , und der Obergärtner - der Hausherr - der sah das gar noch scheel an ! " Nun , du sagst ja gar nichts mehr ? " rief Franzi lachend , " diese Handarbeitsangelegenheit gefällt dir wohl nicht ? " " Ach , Franzi , ich wünschte nur eben in Gedanken , du könntest meine Klavierstunden bekommen ! Ich lerne beim besten Lehrer und die Stunde kostet drei Mark . Ich wollte lieber , Papa bezahlte sie für dich , und du brauchtest dich nicht so zu quälen . " " O , so was fange nur nicht an , Ursel ; diese Qual läßt sich noch ertragen . Aber sage , magst du denn keine Musik ? " " O ja , eigentlich sehr gern , aber lieber hören , als selber spielen . Ich habe auch kein Talent und meine Finger sind nicht geschaffen dazu , mein Lehrer sagt es selbst . Inge , meine Schwester , spielt und singt . " " So ? Spielt sie schön ? Spielt sie Beethoven ? " " Ich glaube nicht sehr viel , sie mag lieber andere Musik . Alle lieben ihre Tänze so sehr und die kleinen Lieder , in denen zum Schluß immer irgendwas Drolliges vorkommt ; da wird dann immer geklatscht und gelacht . " Franzi sah nachdenklich auf . " So sehe ich die Musik nun nicht an , zum Lachen und Amüsieren . Musik ist heilig und groß , ernst , oft traurig sogar , aber immer groß ! " Sie schwieg und sah in die Ferne , Ursel fand einen völlig neuen Ausdruck in den sonst so heiteren schwarzen Augen . " Bei wem hast du denn Stunden ? " fragte sie endlich beinahe schüchtern . " Beim Schloßorganisten . Ob er der beste Lehrer ist , wie deiner , weiß ich nicht , aber sehr gut und gründlich nimmt er es mit mir , das ist gewiß . Einen Taler nimmt er auch nicht für die Stunde , wenigstens von mir nicht ; Fräulein Elsner hat an ihn geschrieben , nun tut er es für eine Mark . Aber du kannst doch glauben , daß ich tüchtig sticheln muß , um so viel zusammen zu bekommen ! Ich möchte so gern das Klavier stimmen lassen , das beim Umzug sehr gelitten hat , aber noch geht es nicht ! " " Also wollen wir schnell die Decke verkaufen ! " rief Ursel stürmisch , " wie viel fehlt noch dran ? " " In fünf Tagen kann sie fertig sein , wenn ich täglich zwei Stunden zum Arbeiten komme ; das ist aber auch das Äußerste , was ich an Zeit erübrigen kann . " " Könnte ich dir doch helfen ! Nächste Woche gehen ja meine Ferien an , aber ich verstehe diese Arbeit nicht . " Franzi ließ die Decke sinken und umarmte Ursel . " Du bist ein Engel , und ich habe heute bös von dir gedacht ! Verzeih mir_es nur . " In diesem Augenblick flog ein Rad vorbei , oder vielmehr , es verlangsamte seinen Gang vor der Gärtnerei , und eine Primanermütze wurde geschwenkt . Diesmal erschrak Ursel nicht , sondern lachte fröhlich . " Das ist Axel ! " " Dein Bruder sieht dir gar nicht ähnlich , " meinte Franzi , und Ursel sagte : " Ach nein ! Meine Geschwister sind alle blond und sehr hübsch , du sollst Mal Inge sehen ! " " Na und du ? Bist du etwa nicht hübsch ? " " Ach nein , gewiß nicht ! " beteuerte Ursel so überzeugungsvoll , daß ihre Freundin lachte . " Früher fand ich mich schon deshalb garstig , weil ich nicht blond bin , wie meine Geschwister , aber jetzt - " sie wurde rot - " jetzt sehe ich , daß auch schwarzes Haar hübsch sein kann ! " " Hier dieses meines Hauptschmucks wegen ? " rief Franzi schelmisch . " Ich will dir was sagen , ob schwarz oder blond , darauf kommt es nicht an . Du bist ein süßes Seelchen , und das sehe ich an deinen Augen ! " Als Ursula endlich gegangen war , sprang Franzi zu ihrer Mutter und rief frohlockend : " Nun , Mutter , was sagst du ? " " Ich freue mich , mein Kind , und gönne dir diese Aussicht auf Sonntag von Herzen . Nur - sonderbar bleibt es doch , daß Ursula nicht früher zu Hause von dir gesprochen hat ; denn daß sie es nicht getan , ist mir klar . Kannst du dir denken , Franzi , daß du es mir so lange verheimlicht hättest ? " " Nein , Mutter , ich nicht ! Du sagst ja aber öfter , ich habe das Herz auf der Zunge ! " " Der Mutter gegenüber schadet das auch nicht . Ich möchte es wenigstens nicht anders . " " Alle Mütter sind aber auch nicht wie du ! Und Ursel ist sehr schüchtern - vielleicht muß ich mich auch ein wenig vor Sonntag fürchten - vielleicht ist Frau Dahland eine sehr strenge Frau ? " 9. Kapitel . Franzi kommt Nein , Franzi wußte gleich , daß sie sich nicht zu fürchten brauchte , als sie Ursels Mama einmal in das freundliche Gesicht gesehen und ihre herzlich klingende Stimme gehört hatte . Mit natürlichem Anstand küßte sie der Rätin die Hand und sah dann vertrauend zu ihr auf , während diese gleich im stillen dachte : " Das scheint allerdings ein liebes Mädchen zu sein , das gönne ich meiner Ursel ! " Auch der Landgerichtsrat , der inzwischen allerlei von der geheimnisvollen Freundschaft gehört und Ursel sogar geneckt hatte ( zu ihrem Entzücken ! ) , war aufs angenehmste berührt von dem so bescheiden und doch ohne Scheu sich gebenden jungen Mädchen , daß er sich gleich in eine Unterhaltung mit ihr einließ . Und o Wunder - Ursel machte immer größere Augen - , als Papa nach Franzis Heimat fragte , stellte sich es heraus , daß er Wehrburg kannte ! Als junger Assessor hatte er dort einmal geschäftlich zu tun gehabt , und er erinnerte sich deutlich der alten Burg mit dem weiten Park , in dem ihn ein Mann mit einem steifen Bein , der wunderbar beschlagen gewesen in allem , was zur Forstkultur gehört , herumgeführt hatte . " Das war mein Vater ! " rief Franzi mit plötzlichen Tränen in den strahlenden Augen , und fühlte sich auf einmal wie zu Hause in dem eben noch fremden Kreise . Mitten in das Gespräch hinein kam das Zeichen , daß angerichtet sei , und ohne weiteres , bot der Hausherr dem jungen Gast den Arm und führte zu Ursulas unsäglichem Entzücken ihre Freundin zu Tisch . Axel kam zu spät dazu . Mit recht verdutzter Miene zog er seinen schon gekrümmten Arm zurück , um ihn dann entschlossen seiner Schwester zu reichen . Einen kleinen Puff bekam sie freilich hinzu , aber der war Ursel nur tröstlich ; ihr Bruder wäre ihr sonst gar zu unbekannt vorgekommen . Im Eßzimmer saßen " die Kleinen " schon auf ihren hohen Stühlen und Inge band ihnen eben die Servietten um . Auch diese begrüßte Franzi freundlich mit einem zugleich erstaunten Blick auf Ursel , die feuerrot und überhaupt wie ausgetauscht erschien . Das wurde heute ein anderes Mittagessen für sie , wie das vor vierzehn Tagen ! Auf einmal kam sie sich vor , wie zu den Großen gehörig , hatte zwar noch nicht die geringste Lust , sich an der Unterhaltung zu beteiligen , sondern hörte nur immer glückselig zu , lächelte manchmal Mama an , die dann einen stillgerührten Ausdruck bekam , und war entschlossen , sich alles von Axel gefallen zu lassen , wenn er nachher mit seinen Neckereien antreten würde . Sie hatte aber fürs erste noch nichts zu ertragen , denn nach Tisch verlangten die Kleinen , die während des Essens still sein mußten , auch ihr Recht an der " neuen Freundin " , wie Elfchen sagte , und die beiden Backfische wurden in die Kinderstube gezogen , wo Franzi sich aufs herzigste mit den Kleinen abgab . " So kleine süße Geschwister ! " rief sie , " Ursel , wie reich bist du doch ! " " Und ich konnte mir einmal einbilden , es wäre schön , die Einzige zu sein ! " dachte Ursula in tiefster Beschämung und sah zu , wie die Geschwisterchen sich an Franzi hängten . Die wußte aber auch mit jedem gleich was anzufangen ; sie ließ es sogar zu , daß der kleine Robert sie an beiden Zöpfen faßte , wozu Bertram verständnisvoll " Hü - hott " schrie , während Elfchen sagte : " Mit Ursel wollen sie auch manchmal Pferd spielen , aber sie leidet es nicht . " " O , sie wird schon , wenn ihr nicht zu sehr zaust - recht manierlich , so - wenn ich das Handpferd bin , wird sie schon Sattelpferd sein wollen . Prrr , prrr ! " In diesem Augenblick kam Axel herein , ein seltener Gast in der Kinderstube ! " Was habe ich gesagt ? " meinte er lachend , " Sie beide wären ein nettes schwarzbraunes Gespann ! Na , Ursel , du siehst auch schon aus , als wenn dich der Hafer kitzelte ! Aber , Jungen , Vagabunden , ihr macht es zu toll ! Laßt Mal gleich das Fräulein los ! " " Sie ist kein Fräulein , sie ist unsere Freundin ! " rief Elfi . " Vagabunden ? " wiederholte Franzi lachend , " wie kommen die kleinen entzückenden Buben zu dem schrecklichen Titel ? " " So nennt mein Vater sie , " erklärte Axel , " in Erinnerung an ein urkomisches altes Theaterstück aus Papas Jugend : » Robert und Bertram oder die lustigen Vagabunden « . " Inzwischen griffen die Kleinen die Bezeichnung " schwarzbraunes Gespann " jubelnd auf . " Schwarzbraune , hüh , Schwarzbraune , Galopp ! " rief Robert , und Bertram meinte : " Bloß kein schwarzes Kleid mußt du anhaben . Hast kein rotes oder blaues ? Dies ist häßlich ! " " Scht , scht , " machte Ursel verlegen , " wer sagt wohl so was ! " " Laß sie doch , " sagte Franzi sanft , " was wissen die kleinen Schelme von Trauer ? " Sie beugte sich zu Elfis Puppenwiege nieder , und Axel fragte heimlich : " Um wen trauert sie ? " " Um ihren Vater , " entgegnete Ursel ebenso leise , und von nun an benahm sich Axel noch respektvoller und zeigte gar keine Anwandlung zum Necken . Er konstatierte nur sehr bestimmt , er fände Franzi Trautmann - oder Traute Franzmann , das könne er noch nicht behalten - hübscher als Fräulein Anna Leuthold , die ihm damals so gut gefallen , und " solche Schneide ' mußt du dir auch anschaffen ! " raunte er Ursel zu , mit einem abermaligen brüderlichen Puff . Ursel wußte schon , " Schneide " war jetzt immer das höchste , sowohl in der Backfisch- wie in der Primanersprache ; verständlich war ihr aber nicht , was man darunter verstand . Als sie danach gefragt hatte , war das auch so eine Gelegenheit gewesen , wo man sie " etwas zurück " fand . " Du weißt nicht , was Schneide ist ? Na aber ! Ja , wie soll man das erklären ? Es ist eben - na eben Schneide ! " Nun war sie noch ebenso klug , aber sie dachte sich , daß es wohl etwas wäre , was sie selbst nicht besaß . Hatte Franzi Schneide ? Ursel dachte darüber nach . Franzi war ehrerbietig , aber nicht blöde den Eltern gegenüber ; sie verstand sich in einem fremden Hause zu benehmen , war unbefangen mit Axel und lustig mit den Kleinen . Sie war eben ein Ideal , dachte Ursel . Nun kam es noch drauf an , wie sie mit Inge fertig wurde , was Ursel ja fast am schwierigsten fand . Hierzu kam die Gelegenheit beim Kaffee , und Ursel dachte nun wieder : so ist_es auch kein Kunststück , Inge sehr liebenswürdig zu finden ! Sie sprach sehr freundlich , fragte Franzi nach ihrer Musik , von der sie schon gehört hatte , und zog sie dann bald ins Nebenzimmer , wo das Klavier stand . Darauf hatte sich nun Ursel auch gerade gefreut , Franzi den schönen Flügel zu zeigen ; aber solange Inge da war , hatte sie das Zusehen , das wußte sie schon , auch wenn_es wie heute ihre eigene Freundin galt ! Sie war aber nicht eifersüchtig heute , sie war nur glücklich , daß ihre Erwählte so augenscheinlich allen in der Familie gefiel . Franzi hatte den Flügel mit entzückten Augen geprüft , " ein Bächstein ! " gerufen und dann die Hände wie liebkosend auf die Tasten gelegt . " Spielen Sie doch einmal , " sagte Inge , " soll ich Ihnen Noten geben ? " Aber Franzi brauchte keine . Sie saß etwas befangen , aber doch froh , nur halb auf dem Sessel und begann eine Sonate , nicht merkend , daß die ganze Familie sich leise versammelte . " Den dritten Satz kann ich nicht ! " rief sie dann lebhaft , nur zu Inge gewandt , die ihr gegenübersaß , " aber ach , der schöne Flügel ! Gerade wie der Wehrburger . " Und nun war sie schon in einem Notturno von Chopin , das noch sicherer und schöner zum Ausdruck kam . Dann sprang sie auf , und als sie den lächelnden Zuhörerkreis gewahrte , meinte sie : " O , ich war recht unbescheiden , so viel zu spielen ! " Dann bat sie Inge , doch auch etwas vorzutragen ; aber diese lachte und sagte , mit Franzi könne sie sich nicht messen . Auch hatte es eben fünf Uhr geschlagen , und das war die Zeit , wo Inge unweigerlich ihre weißen Schuhe anzog und in den Schloßgarten ging zum Tennis . Axel stand noch unschlüssig bald hier , bald da herum , bis er endlich mit dem Vorschlag herausrückte , die Freundinnen ein wenig auf dem See zu rudern . Aber hiermit war Mama nicht zufrieden , jetzt beanspruchte sie die Mädchen ein wenig zu ihrer Gesellschaft ; auch könne man nicht wissen , ob Franzis Mutter einverstanden sein würde mit dem fremden jungen Seefahrer . " Oder möchtest du sehr gern ? " fragte sie Franzi direkt . " Nein , ich möchte das , was Frau Rätin wünschen , " antwortete Franzi schnell . " Ich war freilich noch nie auf dem See ! " fügte sie unwillkürlich hinzu , und Axel griff es auf . " O , da müssen wir es aber bald einmal machen , nach Rohrwerder und Herrenhausen - in Heckendorf waren Sie natürlich schon ? " " Nein , ich war nirgends , ich habe sehr wenig Zeit . " " Ach , " fragte Axel erstaunt , " ich war der Meinung , Sie gehen in keine Schule mehr ? " " Mit der Schule hört doch die Arbeit nicht auf , " mischte sich Mama ein , " das denkt ihr euch nur immer , ihr Schwerbelasteten . " " Ach , gewiß nicht , " seufzte Axel , " ich weiß genau , daß das Büffeln nachher noch in Ewigkeit so weitergeht . " " Also genieße deinen Sonntag , " mahnte Mama lachend , der es darum zu tun war , die Mädchen nun wirklich ein wenig allein zu haben und Franzi noch näher kennen zu lernen , als so im allgemeinen großen Kreise . " Habt ihr Handarbeit ? " fragte sie , und Franzi holte erfreut ihren großen Beutel mit der mühsamen Spitzenarbeit , an der nur noch wenig fehlte . Die Decke gab ja nun gleich den besten Anknüpfungspunkt , über Franzis Beschäftigungen , ihre Kenntnisse und Pläne für die Zukunft zu sprechen . Und da Franzi völlig offen und zutraulich war , wie man es Frau Dahlands freundlichen Augen gegenüber wohl sein konnte , und da Ursula mit kleinen näheren Ausführungen und bewundernden Ausrufen ihr noch zu Hilfe kam , wußte die Rätin sehr bald Bescheid in den Verhältnissen der Familie Trautmann und nahm sich vor , die Freundschaft nach Kräften zu fördern und auch dem mutigen , tatkräftigen und augenscheinlich sehr begabten Mädchen gelegentlich die Wege zu ebnen . Der Nachmittag verging wie im Fluge , und Ursel , die ihre Franzi heute noch keine fünf Minuten allein gehabt hatte , war doch nicht böse darüber , sondern immer nur stolz , ihre Freundin zu präsentieren . Und sie wußte , die stillen Stunden zu zwei würden bald genug wiederkommen , denn es war ja natürlich , daß Franzi weniger zur Familie Dahland kommen konnte , als daß Ursel in die Gärtnerei ging . Am Abend stellte sich Axel sehr zeitig wieder ein und meinte , er müsse doch Fräulein Trautmann nach Hause bringen ; Sonntag abend allein durch den Schloßgarten zu gehen , sei doch unmöglich für eine junge Dame . Und nun war es Ursel , die ihn heimlich puffte , wegen der großartigen Bezeichnung eines Backfisches ! Aber die Begleitung wurde angenommen , und Ursel ging natürlich auch mit . Im Schloßgarten schlug die letzte Nachtigall . Es war ja nun Sommer geworden , alle Vögel bald verstummt , dafür Rosen überall aufgeblüht . Und die großen Ferien in Sicht ! Voller Pläne waren die drei jungen Menschenkinder , und als sie sich endlich bei der Gärtnerei getrennt hatten , sagte Axel : " Wirklich ein famoses Mädel , diese Traute ! Solche kenne ich noch gar nicht . Die nimm dir nur zum Muster , du ! " Solche Ermahnungen in gnädigem Tone waren früher gar nicht nach Ursels Geschmack , heute aber lachte sie hellauf , hängte sich an Axels Arm und fragte recht übermütig : " Meinst du ? " 10. Kapitel . Die Spitzendecke In den nächsten Tagen machte Ursula immer einen kleinen Umweg , wenn sie aus der Schule kam . Königs- und Schloßstraße schienen es ihr jetzt auch angetan zu haben , wie den meisten ihrer Mitschülerinnen . " Du willst wohl auch zu Kranz ? " fragte Olga Rettich , als sie Ursula in der Nähe der berühmten Konditorei traf . " Die Erdbeertörtchen sind auch geradezu ideal augenblicklich . Oder langt es bei dir gar zu Eis ? " " Zu beiden nicht , " sagte Ursel und ging eilig weiter . Olga traf auf Vicky von Sontheim und fand bei dieser mehr Verständnis . " Die Ursel Dahland ist doch zu komisch , " meinten beide , " mit der ist gar nichts anzufangen . " Und dann schmausten sie um die Wette am Eckfenster der Konditorei , nahmen Grüße entgegen und machten sich wichtig . Ursel aber suchte inzwischen ein gewisses Schaufenster , sicher nicht das großartigste in der Residenz ; es war eigentlich recht bescheiden , Handarbeiten lagen dort aus , und zwar oft recht einfache : gestrickte und gehäkelte Röcke , von kränklichen alten Damen gefertigt , die zu nichts anderem mehr recht sehen konnten , feine Weißstickereien von jungen Mädchen , die wohl Zeit und gute Augen hatten , aber kein Geld zu teurem Handarbeitsmaterial . Es war die Verkaufsstelle des Frauenvereins , von dem Ursel ihrer Freundin erzählt hatte , und in diesen Tagen prangte Franzis schöne Filetgipüredecke im Fenster . Ursula hätte viertelstundenlang davor auf und ab gehen mögen , um zu beobachten , welchen Eindruck die schöne Arbeit auf die Vorübergehenden machte ; aber das ging doch nicht gut an . So begnügte sie sich damit , sich täglich zu überzeugen , ob sie noch da sei . Leider ja , eine ganze Woche lang leuchtete sie Ursel schon von fern entgegen und sie konnte umkehren . Am achten Tage aber war die Decke verschwunden ! Beinahe erschrak Ursel nun , dann ging sie schnell entschlossen in den Laden und sagte zu dem alten Fräulein , das dort den Verkaufe besorgte : " Ich möchte mich nach der schönen Gipüredecke erkundigen , die hier im Fenster hing . " " Ja , da kommen Sie zu spät , " sagte die alte Dame wichtig , " die Decke ist heute verkauft und schon abgeholt worden . Die Verfertigerin kann sich freuen , denn der Arbeit wurde hohe Anerkennung zu Teil . " " Von der Frau Fürstin ? " platzte Ursula heraus . " Das nun gerade nicht , aber von der Frau Hofmarschallin . Es kann also immerhin sein , daß Ihre Hoheit auch die Arbeit zu sehen bekommt - wenn Sie das interessiert , mein kleines Fräulein . " " O danke , ja , sehr , " stotterte Ursula erfreut . " Dann wurde die Decke auch wohl gut bezahlt ? " " O ja , ich habe lange keinen so guten Preis bekommen . Aber da Frau Rätin Dahland selbst hier war , um mich für die Stickerei zu interessieren , habe ich recht hoch gefordert und es ist mir geglückt , " schloß sie stolz . Ursula war überglücklich . Also Mama war selbst hier gewesen . " Hat die - die Stickerin schon das Geld ? " " Nein , ich war eben schon daran , ihr zu schreiben , daß sie es in Empfang nehmen kann . " " Könnte ich es ihr wohl bringen ? Ich bin Ursula Dahland . " Das alte Fräulein knickste . " Bedaure sehr , aber das ist gegen die Regel ; Fräulein Trautmann muß selbst quittieren . " Das sah Ursel ein , das war geschäftsmäßig . Aber die Nachricht konnte sie Franzi doch bringen - welch Entzücken ! Ob Franzi sich wohl noch mehr freuen konnte als sie selbst ? Ja , Franzi geriet ordentlich ein bißchen außer sich . " Das hätte ich nicht gedacht , " rief sie einmal übers andere , " die Hofmarschallin , sagst du ? Das freut mich ! Die kenne ich schon ! " " Sie wohnt drüben in der hübschen Villa am See , in Westeck ; eine Tochter ist in unserer Schule , die andere ist schon verlobt . " " Vielleicht bekommt die Braut die Decke ! Vielleicht bestellt sie noch mehr Sachen ! O Ursel , wie wundervoll hast du mir geraten , wie danke ich dir ! " Ursel glühte vor Stolz : sie hatte jemand raten können ! " Komme , ich will es Mutter erzählen , und dann will ich sehen , daß ich gleich zur Stadt gehen kann . Aber ach - es ist noch ein großer Korb Strümpfe zu stopfen , dabei kann ich Mutter nicht allein lassen . " " O weh ! Um sieben Uhr schließt das alte Fräulein den Laden ; wenn du jetzt nicht gehst , wird es für heute zu spät . Und wir sind doch so neugierig ! " Ursula saß auf einem lauschigen Platze und beschäftigte sich mit Strümpfestopfen . " Ja , neugierig wie ein paar Elstern , und nun bis morgen warten ? Und dann ist es noch ebenso schlimm - morgen wird geplättet . " " Also , " entschied Ursel , " du gehst heute und ich stopfe die Strümpfe ! " " Aber Ursel ! " " Meinst du , ich kann es nicht ? Besser als manches andere , sage ich dir . Ich habe es von Muschebergen gelernt , die sagt immer : Ursching , ich segg ' di , lehr du Strümp ' stoppen , das is beter as Engelsch un Französch parlieren ! " Sie lachten , aber Franzi blieb dabei : " Denke Mal , die groben Strümpfe ! Es sind nicht nur Kinderstrümpfe , sondern auch welche von den Gärtnerburschen dabei . " " Schad nicht ; für die werde ich es wohl erst recht gut genug machen . " " Ursel , du Engel , du willst wirklich ? " " Gib mir Mal schnell deine Stopfnadel und mache , daß du fortkommst ! " Wirklich war zehn Minuten später Franzi auf dem Wege zur Stadt und Ursula saß seitwärts vom Hause auf dem lauschig versteckten Platz und stopfte Strümpfe für die Gärtnerburschen ! Das waren aber Löcher ! Da kamen die ihrer kleinen Vagabunden daheim nicht dagegen auf . Sie wußte gar nicht , wie sie die klaffenden Strumpfsocken auf der Hand Strafe ziehen sollte . Aber da lag ja in Franzis nettem Körbchen ein riesiger Stopfpilz , Franzi wußte schon mit dergleichen umzugehen ; nun ging es anders . Ursel geriet in großen Eifer , belustigte sich über die manchmal in allen Farben spielenden Strümpfe und hatte ein großes Gefühl der Befriedigung . Manchmal sah sie auf und wunderte sich über die vielen Spaziergänger . Ihr war in dieser Stunde , als könne es wahrlich kein großes Vergnügen sein , dort auf den schattigen Wegen am Seeufer zu wandern , mehr befriedigt war sie , hier mit grober Wolle gegen die Riesenlöcher zu Felde zu ziehen . Sie saß ziemlich verborgen und brauchte nicht zu fürchten , gesehen zu werden . Aber wenn auch ! Was hätte sie sich daraus gemacht , wenn Olga und Vicky sie wieder » komisch « gefunden hätten ? Sie nützte jemand ! Und sie wollte das mehr und mehr lernen . Große Heldentaten zu verrichten , ach , dazu war wohl selten Gelegenheit in solchem kleinen Mädchenleben . Aber auf das Kleine konnte sie achten , auch im Hause . Sicher konnte sie da viel mehr kleine Gefälligkeiten und Dienste erweisen , ohne daß man es ihr erst sagte , ihr nahelegte . Es kam ihr wirklich so vor , als traute Mama ihr schon etwas mehr zu , und - Papa hatte sich entschieden ein paarmal gefreut über kleine Aufmerksamkeiten , wie sie sonst nur Inge für ihn hatte . So grübelte Ursel , und stopfte und grübelte , bis ihre Wangen glühten . Da fühlte sie sich von hinten umschlungen und Franzis Stimme jubelte ihr zu : " Fünfzehn Mark , Ursel , fünfzehn Mark ! Ein ganzes Vierteljahr Klavierstunden - und der Klapperkasten kann obendrein gestimmt werden ! - Und wen traf ich dort ? Die Hofmarschallin selbst . Ist das eine entzückende Frau ! Gleich bestellte sie noch eine ebensolche Decke - fragte mich allerlei - hatte gehört , daß wir auch Weißnäherei machen - sagte , daß sie bei der Aussteuer ihrer verlobten Tochter an uns denken wolle ! " Erschöpft von Hitze und glücklicher Erregung sank sie neben Ursel auf die Bank ; da geriet sie auf ein weiches Polster von fertig gestopften Strümpfen , und des Freuens und der Dankbarkeit war kein Ende . Dann ging es mit der großen Nachricht zur Mutter , und der wurde keine Ruhe gelassen , sie mußte gleich ihre Filetnadel und das Garn hervorholen und unter den Augen der Mädchen das feine Gitter zu der neuen Decke beginnen . " Du kannst_es unbesorgt , Mutter , " rief Franzi , " denn unsere Strümpfe haben inzwischen die Heinzelmännchen gestopft ! " 11. Kapitel . Ferienpläne Hundstagsferien ! Wer kennt nicht den zauberhaften Klang dieses Worts ! Was für Schätze scheint es zu entfalten , welch eine ungemessene Spanne Zeit zu umschließen ! Was für Pläne werden gemacht : Welche Bücher man lesen , was für Spaziergänge und weite Touren man unternehmen will , zu denen im Alltags- oder Schulleben die Zeit nicht reicht . Und wie man auch oft planlos in den Tag hineinschwelgen , ja , unter uns gesagt , hineinschlafen will ! Natürlich soll meist schön Wetter sein , aber hin und wieder einen Regentag nimmt man auch gnädig mit in den Kauf , weil dann einmal Notwendiges , wie es auch in dem echtesten Ferienleben vorkommt , erledigt wird . Wer reist , ist natürlich von einem einzigen großen Plan erfüllt , wer aber zu Hause bleibt , kann sich täglich in neuen , schönen Programmen üben . Bei Dahlands wurde in diesen Ferien nicht gereist . Der Landgerichtsrat bekam seinen Urlaub erst später , wo er nicht mit der Freizeit der Kinder zusammenfiel ; auch war er außerdem der Meinung , daß man diesen ersten Sommer in der Hauptstadt , die berühmt ist wegen ihrer schönen Lage , benutzen solle , die neue Heimat nach allen Richtungen hin kennen zu lernen . Ja , er zeigte am ersten Tage der Ferien seiner Frau einen Hundertmarkschein und meinte heiter : " Was wäre dieser blaue Zettel , wenn wir in eine Sommerfrische gehen müßten . Er reichte ja keine einzige Woche für uns alle . Dagegen aber hier , wo wir unser behagliches , helles und kühles Haus haben , wo wir in nächster Nähe immer von einem See zum anderen ziehen und in Waldesgründe tauchen können - wir wollen doch einmal sehen , wie viel vergnügte Extrastunden wir uns mit diesem Gelde machen können . Ich sage nicht einmal , daß es reichen soll , " schloß er scherzend , " aber es macht mir Spaß , ein bestimmtes Ferienkonto anzulegen und nachher die Schlußrechnung zu ziehen . " Die Rätin war einverstanden hiermit , meinte aber : " Der Jugend wollen wir nur nichts davon sagen , sonst gehen ihre Wünsche wie gewöhnlich ins Ungemessene . " " Wirklich ? Nun , Ursels gewiß nicht , und sie gerade soll ein bißchen was haben . Die beiden Großen finden leicht schon ihre Rechnung ohne uns , aber unser schüchternes Backfischlein , dem muß man helfen . Mich dünkt , das hat Schule und nichts als Schule , von einem Vergnügen höre ich nie . " " Und doch ist ihr schon geholfen , lieber Mann , " sagte die Rätin mit gerührter Stimme , " wenn wir ihr es auch nicht verschafft haben - ihre neue Freundschaft macht sie sehr glücklich . " " Ach , mit der kleinen Schwarzbraunen , die neulich hier war ? Geht das Ding seinen Gang fort ? Na , das ist mir lieb ; das Kind gefiel mir , das soll also jedenfalls mit einbegriffen sein , wenn bei uns ein Extravergnügen los ist . " " Willst du ihr das selbst sagen , lieber Mann ? Urselchen wird strahlen . - Da kommt sie , sieh , ihr Gang ist ordentlich leichter geworden in der letzten Zeit - ich bin so froh , denn ich hatte mir schon Sorge und - Vorwürfe gemacht . " " Vorwürfe - du ? Die beste Mutter ? " Die Rätin tat einen kleinen Seufzer , den ihr Mann aber nicht verstand . Der rief Ursel gerade an : " Na , mein Kind - » ledig aller Pflicht - hört der Bursch die Vesper schlagen « - wie heißt es noch bei Schiller ? Oder lernt ihr keinen Schiller mehr - gibt_es jetzt andere Größen ? " " Schiller ist immer noch für mich der Beste , " antwortete Ursel . " Habt aber doch nicht allzuviel von ihm zu lernen in den Ferien ? Ich wollte , du könntest deine Bücher Mal ganz in die Ecke werfen - oho , so was tut wohl mein ordentliches Töchterchen nicht ! - aber doch beiseite packen , und ein frisches Mädel werden , ordentlich ein bißchen braun , so wie deine neue Freundin - wie heißt sie doch ? " " Franzi ! " sagte Ursel mit seligem Ton und zeigte , daß auch ihre stillen Augen strahlen konnten . " Franzi , richtig , und aus Wehrburg stammt sie , und ein kleines Gärtnermädel soll sie nun sein ? Hm , da hat sie wohl keine Ferien wie du ? " " Eigentlich nicht , aber - " Ursel stockte , sie wußte gar nicht , wo dies hinaus wollte . " Aber man könnte vielleicht etwas dazu tun , daß sie welche bekommt ? " " Papa ! " " Du kannst ihr ja Mal arbeiten helfen , damit sie dir nachher spielen hilft ! Rackere du nur 'n bißchen mit im Garten , was sagst du dazu ? " " Papa ! " Ursel hob wahrhaftig die Arme und - Papa tat desgleichen . " Na , komme doch , Mädel , was hältst du dich noch zurück ? Spring deinem Papa Mal ordentlich an den Hals ! " Ursula tat es , aber ihr Gesicht blieb versteckt und Papas Rockaufschlag war gleich darauf naß . Er hob sie sanft in die Höhe und schüttelte den Kopf . " Siehst du , Kind , " sagte er dann mit liebevollem Ernst , " das ist es gerade , was du dir abgewöhnen sollst . Dieses Scheue , Wortkarge , immer gleich zu Tränen Geneigte . Es ist immer , als geschähe dir Unrecht ; meinst du , ich sehe das nicht ? Du bist ja unser gutes Kind , machst uns keinen Kummer , nur - man kann dich nicht anfassen , gleich denkt man , es zerbricht was . Und du solltest wissen , Papa packt gern ein bißchen fest zu ! " Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küßte sie herzlich . " So , nun Lauf , und bei der ersten Fahrt , die wir machen , lädst du die Franzi ein . Denke dir nur was Hübsches aus . " Dahin lief Ursel , und um in dieser Stimmung niemand Rede stehen zu müssen , stieg sie bis auf den obersten Hausboden hinauf , setzte sich in eine Ecke und - ja , sie tat gerade das , was sie nicht sollte : sie weinte . Aber es war anders als sonst , ganz anders , und als sie ihre Augen trocknete , hatte sie das Gefühl , als kämen fürs erste keine Tränen wieder hinein . Und dann faßte sie einen Entschluß : sie wollte ihr Tagebuch verbrennen ! Dies häßliche Buch , in dem sie sich benommen hatte wie ein zurückgesetztes Kind . Aber als sie es in der Hand hielt , besann sie sich doch anders . Sie wollte noch heute was hineinschreiben , zur Warnung ! Und wenn je wieder undankbare Stimmungen sie befielen , wollte sie darin lesen ! So saß sie mit glühenden Wangen im Kinderstühlchen und schrieb einen neuen Stoßseufzer in das blaue Heft , aber der klang anders als vor vier Wochen . Axel , der sie sitzen sah , rief entsetzt : " Na , wer büffelt denn am ersten Ferientag ? " Da schlug sie ihr Heft zu , verbarg es an seiner alten Stelle und lief hinaus . " Du , Axel , wenn die Eltern bald eine Fahrt mit uns machen wollen , was würdest du wählen ? Welcher Ausflug ist wohl der schönste ? " " Die Ursche wird vergnügungssüchtig ! " wunderte sich der Primaner . " Es ist nur wegen Franzi , " rief sie , " die kennt noch nichts ! Sie soll nämlich mit ! " Axel nahm eine kritische Miene an . " Hm - fein wäre es ja , zum Jagdschloß Georgental zu fahren , oder nach dem Rautener See - " " Aber das ist alles so weit ; so unbescheiden wollen wir doch nicht gleich sein . " " Na , höre Mal , Ferien sind Ferien , bescheiden sein können wir alle Tage ! " sagte Axel lachend . " Aber wenn du meinst - Rohrwerder wäre ja auch nicht übel zum Anfang . " " Da muß es jetzt entzückend sein , es ist ja gerade die Zeit der wilden Rosen . Ich Stimme für Rohrwerder . " " Und das wird wohl durchgehen , " meinte Axel wieder lachend . " Du bist ja gar nicht zu kennen mit deiner Energie ! Ordentlich anspruchsvoll ! " " Ach , Axel , warum neckst du mich schon wieder ! " " Ich neck dich gar nicht , oder wenn , so verstehe doch , daß man es gut meint . " " Wirklich ? " " I natürlich . Sieh Mal , du warst bis jetzt eine solche alte Tränenweide , ein Kräutchen Rührmichnichtan , das macht einem keinen Spaß . Solche Mädel guckt man nicht an , oder - man ärgert sie ! " Ursel seufzte und sagte ergeben : " Ich habe es ja immer gewußt , daß ich nicht nett bin ; darum war ich ja gerade so unglücklich . " Axel machte ein recht verdutztes Gesicht , dann lachte er gutmütig und rief : " Nun wird es Tag ! Nicht nett ! Unglücklich ! Was das für Grillen sind . Warum solltest du nicht nett sein ? Und unglücklich ? Das gibt es ja gar nicht bei Dahlands . Weißt du was ? " fuhr er plötzlich wie erleuchtet fort , " du mußt Tanzstunden nehmen ! Diese alte krumme Haltung gefällt mir gar nicht ! " Er puffte sie wieder ein wenig in den Rücken und fuhr fort : " Sieh dir doch die andere Schwarzbraune an , wie die sich hält , wie eine junge Tanne ! " Ursel meinte , indem sie beglückt lachte : " Aber Franzi hat erst recht keine Tanzstunde gehabt . " " Nicht ? Na , da könnt ihr ja zusammen welche nehmen , ich wäre auch nicht abgeneigt . " " Ach Axel , wo denkst du hin ! " sagte Ursel ernst , " Frau Trautmann ist arm , Franzi arbeitet sogar für Geld , um Klavierstunden nehmen zu können , weil sie hofft , mit der Musik später gut zu verdienen . " Axel sah betroffen aus . " So ist das ? Arme kleine Dirn ! Und dabei sieht sie so munter aus ? " " Ja du , sie kann aber auch sehr ernsthaft sein , und was sie mir aus ihrem Leben erzählt hat , ist traurig genug . " " Erzähle mir auch Mal etwas davon ! " Axel hatte seinen Arm um Ursels Schulter gelegt , und einträchtig gingen die Geschwister den Gartensteig auf und nieder in eifrigem Gespräch , für die am Fenster sitzende Mutter ein mit Freude beobachtetes , selten gesehenes Bild . Inzwischen saß Frau Trautmann wie immer , wenn sie mit der Hauswirtschaft fertig war , bei einer Näharbeit , heute in dem kühlen Hinterzimmer , denn es war drückend warm in dem auf der Sonnenseite gelegenen Wohnzimmer . Franzi ließ sich aber nicht davon anfechten , sie übte ! Gerade heute hatte sie der Mutter erzählt , daß Herr Fritze , der Schloßorganist , ihr auch während der Ferien Stunden geben wolle , da er nicht verreise ; sie könne sogar zweimal die Woche kommen , unter denselben Bedingungen wie sonst . Also glühte sie heute vor Eifer ! Der Obergärtner kam aus dem großen Garten herüber , hörte das Klavierspiel im Wohnzimmer und kehrte verdrießlich auf der Schwelle wieder um . Herr Bauer war ein wortkarger Mann , durch den frühen Tod seiner Frau und die daraus entstandenen häuslichen Sorgen grämlicher und barscher geworden , als in seiner sonst gutmütigen Natur lag . Nur gegen Frau Trautmann war er immer höflich und rücksichtsvoll , denn er mußte zugestehen , daß sein Hauswesen seit langem nicht in so guten Händen gewesen . Auch schmeichelte es ihm gewissermaßen , daß die Frau seines Wehrburger Kollegen , dessen höhere Bildung er immer anerkannt hatte , und die selbst eine so feine , fast damenhafte Persönlichkeit war , für ihn und seine Hausgenossen so treulich und anspruchslos sorgte . Er bezahlte sie ja auch gut , meinte er freilich im stillen , besser als je eine Haushälterin , und er hatte ja auch die Tochter mit aufgenommen . Nun , in dem großen Haushalt aß sich so ein junges Ding am Ende mit durch , auch machte sie sich recht nützlich , aber - dennoch war die Franzi ein Punkt in seinen Gedanken , bei dem er oft den Kopf schüttelte . Was dachte sich Frau Trautmann eigentlich von der Zukunft des Mädchens ? Es war groß und kräftig für die sechzehn Jahre , warum ließ die Frau ihre Tochter nicht in eine Stellung gehen ? Auch heute grübelte der Obergärtner über Franzis Zukunft , und als er Frau Trautmann allein sitzen sah , beschloß er , einmal mit ihr zu reden . " Warm heute , Frau Trautmann , " sagte er im Nähertreten und lüftete seine Mütze . " Ja , es ist eine rechte Hundstagstemperatur , " entgegnete die Angeredete freundlich , " man kann sich für alle freuen , die aus den Schulstuben heute entlassen sind . " " Hm , ja , meine drei sind auch ziemlich aus Rand und Band . Habe sie auch gleich im Garten angestellt . Übrigens - was ich sagen wollte - dann erhält ja die Franzi nun auch Ferien beim Organisten ? " " Nein , im Gegenteil , " und Frau Trautmann erzählte den gütigen Vorschlag des alten Lehrers . " So ! Und ich hoffte , man bekäme nun ein Weilchen Ruhe vor dem Üben . " " Ist es Ihnen so unangenehm ? " fragte Frau Trautmann erschrocken . Herr Bauer fuhr sich durchs Haar , und halb verlegen , halb entschlossen meinte er dann : " Na , mir ja eben nicht , bin ja nicht gerade viel im Zimmer , aber - " " Sie finden doch nicht , daß das Mädchen darüber etwas im Hause versäumt ? " " I , nein , auch das nicht , aber sagen Sie Mal - was denken Sie sich eigentlich bei diesem vielen Klavierspiel , hat es wirklich einen vernünftigen Zweck ? " Frau Trautmann lächelte wehmütig . " Gewiß , Herr Bauer , ich erhoffe sehr viel davon . Es kann dereinst die beste Erwerbsquelle für meine Tochter werden . Sie hat die große Liebe und die gute Anlage zur Musik , und Klavierstunden werden besser bezahlt als manches andere . " " Wirklich ? Meinen Sie ? " " Ja , Herr Bauer ! Franzi und ich könnten den ganzen Tag sticken und nähen , bis wir so viel haben , was sie später in ein bis zwei Stunden am Klavier verdienen kann . Dafür ist es eben eine Kunst . " " Na ja , das gebe ich zu , daß dies ewige Sticheln und Rasseln auf der Maschine ein schlechtes Geschäft ist ; und besonders , daß Sie sich noch so anstrengen , Frau Trautmann ! Gebe ich Ihnen nicht genug Gehalt ? " " Durchaus , Herr Bauer , ich bin völlig zufrieden . " " Aber warum gönnen Sie sich niemals Ruhe ? " " Mein Sohn , " sagte sie einfach , " Sie vergessen meinen Wilhelm ; das Studium kostet viel Geld . " Auch damit war der Obergärtner nicht recht einverstanden . " Freilich , warum müssen alle Söhne studieren ? Ich werde mich hüten , meinem das zu erlauben . " " Und Sie werden es auch nicht schwer haben . Ihr Ältester zeigt so ausgesprochene Neigung für Ihren eigenen Beruf - " " Soll er auch , kann es deshalb doch weiter bringen als ich . Gebe ihn nachher in die Landschaftsgärtnerei . " " Sehen Sie , " lächelte Frau Trautmann , " Sie wollen auch höher mit ihm hinaus , wie Sie das jedenfalls von mir glauben ! Das ist aber nicht der Grund , bester Herr Bauer , ich denke nicht an hoch oder niedrig - unsere Stellung war wirklich bescheiden genug , aber wir waren sehr glücklich . Daß mein Mann jedoch nicht gelitten hätte bei der erzwungenen Aufgabe seines eigentlichen Berufs , wer wollte das leugnen ? Nun fürchte ich aber nichts mehr , als meinen Sohn in einen Beruf zu drängen , der seinen Fähigkeiten und Neigungen nicht entspricht , ihn von dem abzuhalten , wozu alles in ihm liegt . Unter den glücklichsten Verhältnissen wäre Wilhelm nie Forstmann geworden , wie sein Vater ; in ihm ist der Zug meiner Familie , er hat von kleinauf lehren und Schule halten wollen ! Und meinen Sie nicht , daß es sehr schwer ist , gerade bei einer solchen ausgesprochenen Neigung in einen praktischen Beruf treten zu sollen ? " Herr Bauer schwieg und dachte , daß in dieser Frau auch die Neigung ihrer Familie läge , lehrend zu überzeugen ; er kam nicht gegen sie auf ! " Also die Franzi übt weiter , und die Mutter stichelt weiter und der Sohn studiert ! " sagte er endlich mürrisch . " Wie weit ist er denn eigentlich ? " " Im zweiten Semester . Es war unser Glück , daß er schon auf der Universität war , als die Schicksalsschläge über Wehrburg kamen . Das Gehalt meines Mannes wurde noch ein Jahr weiter bezahlt , so war doch für das Erste gesorgt . " " Hm , und wo bleibt er denn in den Ferien ? " Frau Trautmann zögerte einen Augenblick . " Eine Einladung in ein befreundetes Pfarrhaus auf dem Lande hat er , aber - kurze Zeit möchte ich ihn doch auch gern sehen . Ich wollte Sie schon fragen , Herr Bauer , ob er etwa acht Tage hier wohnen dürfte - natürlich gegen Kostgeld . " " Ich habe Ihren Mann sehr hochgeschätzt , " sagte der Obergärtner . " Davon kann nun keine Rede sein , " sagte der Obergärtner barsch , " das heißt von dem Kostgeld ; aber sonst kann er ja gern die kleine Kammer oben beziehen , wenn es dem Herrn Studenten gut genug ist . " Frau Trautmann nahm ihre Brille ab , weil sie feucht geworden , und sagte dankbar : " Sie tun viel für uns , Herr Bauer ; ich wollte , die Kinder könnten es Ihnen einmal lohnen . " Der Obergärtner rückte an seiner Mütze und sprach ernst : " Ich habe Ihren Mann sehr hochgeschätzt , Frau Trautmann , und - mit Ihnen meine ich es nicht anders , wenn - na , wenn - " " Wenn Sie auch nicht immer mit mir einverstanden sind ! " sagte Frau Trautmann lächelnd . Er schloß ebenfalls mit Humor : " So ist_es ! " stand auf und ging . Nun hatte Frau Trautmann auch ihren Ferienplan . Ihr Ältester sollte kommen ! Jetzt noch nicht , die Universitätsferien begannen etwas später ; aber schon die Aussicht erfüllte ihr sorgengewohntes Herz mit Freude und tiefer Dankbarkeit . 12. Kapitel . Die Fahrt nach dem Rohrwerder Gibt es einen schöneren Landungsplatz als in Wendenburg am großen See , in unmittelbarer Nähe des herrlichen Fürstenschlosses ? Kommt man aus den engeren Straßen der Innenstadt auf den großen freien Platz , von den stolzen Gebäuden des Museums , des Theaters und der Regierung umgeben , und sieht zwischen dem Grün der Marstallhalbinsel und den herrlichen Baumgruppen des Burggartens die weite Fläche des blauen Sees , mit den weißen Segeln und den wimpelgeschmückten kleinen Dampfern , da tut nicht nur der Fremde einen Ruf der Bewunderung , auch der Einheimische kann dieses Bild selten sehen ohne den frohen Stolz : " Schön ist die Heimat , und schön und gut wohnt sich es im sicheren Schatten dieses Fürstenhauses ! " Auch Ursula Dahland empfand solche fast andächtige Bewunderung , und jetzt - mischte sich auch kein Heimweh mehr hinein . Steinberg war , wenn auch nicht vergessen , so doch verschmerzt , Wendenburg war zur Heimat geworden ! War das heute ein Vergnügen , mit der ganzen Familie so aufs Schiff zu steigen , und immer dicht neben sich ihre Franzi ! Da man früh gekommen war , konnte man sich noch die Plätze aussuchen ; die Jugend nahm das ganze tiefer gelegene Halbrund am Hinterteil des Schiffes ein , und Axel und Ursula wetteiferten darin , Franzi , die zum ersten Male auf dem See war , alles zu zeigen und zu nennen , was man von der Landseite nie sah . Wie ein Märchen erhoben sich Grotten , Terrassen und Figuren scheinbar unmittelbar aus der Flut , Schwäne zogen dicht am Ufer des Burggartens langsam ihre Kreise , Möwen mit den weißen Schwingen schossen schimmernd darüber hin . Immer weiter öffnete sich der See , fern schienen die waldigen Ufer ; aber da mitten drin tauchte ein grünes Eiland auf , aus dessen dichtem Baumwerk ein grauer Wartturm mit Zinnen hervorlugte . " Ist dort auch eine Burg ? " fragte Franzi lebhaft , " solch einen Turm hat Wehrburg . " " Nein , es ist nur ein Aussichtsturm , " belehrte Axel , " da steigen wir hinauf . " " Und was liegt da rechts ? O die hübschen Häuschen - der liebliche Strand ! " " Nicht wahr , " sagte Ursula , " als ich Heckendorf so zum ersten Male auftauchen sah , war mir es auch , als könnten dort nur glückliche Menschen wohnen . " " Häuschen sagen Sie , " mischte sich Axel wieder ein , " lassen Sie das nicht die Besitzer hören ! Wenn wir näher kommen , werden Sie schon sehen , daß es Vielen sind , oder » Fillas « , wie die Leute sagen . " Das Schiff hielt auf Heckendorf zu , und man erkannte nun deutlich die stattlichen Häuser mit Balkonen und Loggien , auch ein stolzes " Logierhaus " . " Wir halten heute zuerst in Heckendorf , " sagte Inge , " schade , daß wir nicht daran gedacht haben , wir hätten die Familie Leuthold mobil machen sollen ! Ist denn niemand zu sehen , daß man ein Zeichen geben könnte ? " " Du kannst ja aussteigen , " schlug der Vater vor , " und sehen , wen du mitbekommst ; es fährt jetzt fast alle Viertelstunde ein Schiff zur Insel hinüber . Ist es dir recht , Mama ? Du hast ja wohl Kuchenberge eingepackt ? " " Sehr recht ; tu das , Inge , an Kuchen fehlt es sicher nicht . " Inge war schon auf dem Steg und lief eilig den Strand entlang , auf eines der weißen Häuser zu . Die Weiterfahrenden sahen sie dann gleich darauf mit Anna Leuthold in der Tür erscheinen und winken , was sie für eine Bejahung ihrer Aufforderung hielten . In zehn Minuten hatte man die Insel erreicht ; Schwäne schwammen auch hier , wie zum Empfang , in der von dichtem Rohr umsäumten Einfahrt , und fröhlich stieg man an Land . Axel hatte schnell den besten Platz vor der Wirtschaft ausgesucht , Mama sprach mit dem Kellner , und die Mädchen packten Kuchen aus , während die Kleinen sofort jauchzend der großen Schaukel zustürzten . Der Landgerichtsrat blieb in der Nähe des Landungssteges und schaute nach dem nächsten Schiff aus . Sehr bald sah man den " Greife " vom gegenüberliegenden Ufer sich nähern , und die winkenden Tüchlein an Bord kündeten die Freunde an . Es war aber nur Anna mit ihrem Vater . Frau Leuthold hatte sich den Fuß verstaucht und wollte es nicht wagen , eine Partie zu unternehmen , ließ aber dringend bitten , Familie Dahland möchte doch auf der Rückfahrt in Heckendorf aussteigen und den Abend dort mit den Freunden verbringen ; die Patientin habe schon rechte Ungeduld und Sehnsucht nach lieben Menschen . " Das ließe sich vielleicht machen , " meinte die Rätin , " wir dürfen dann nur hier nicht zu spät wegfahren , damit wir in Heckendorf nachher noch Anschluß ans letzte Schiff finden . " " Oder wir gehen zu Fuß nach Hause , " schlug Axel vor . " Aber die Kleinen , " unterbrach Mama , " Papa wollte ja , es sollte heute ein richtiger Familienausflug werden . " " Nun , das muß sich finden , " meinte Inge , " vorläufig bitte zum Kaffee , meine Herrschaften ; ich sehe , wir Nachzügler sind noch zur rechten Zeit gekommen . " Riesige Kannen mit Kaffee und Milch erschienen jetzt , Zuckertürmchen und Kuchenberge der schönsten Art . Mama hatte nicht gespart , in Gedanken an Papas blauen Schein ! Selbst die Kleinsten wurden einmal wirklich satt , wie sie versicherten , und sie stöhnten etwas , als es dann hieß : " Zum Aussichtsturm ! " Einige Stimmen wurden auch laut : man kennt ja die Aussicht schon ; aber Papa entschied : " Wer nach Rohrwerder fährt , steigt auch auf den Turm - " " Und geht nachher um die ganze Insel , nicht wahr , Papa ? " fiel Ursula ein . " Gewöhnlich ja ; du willst natürlich mit deiner Freundin auf Entdeckungsreisen gehen ? " " Aber heute wird die Zeit kaum reichen , " meinte Mama , " man braucht eine Stunde zu dem Gang , und wenn wir zur rechten Zeit in Heckendorf sein wollen , müssen wir mit dem Sechsuhrschiff fort . " " Nun , das findet sich ; jetzt Mal erst hinauf . Sehen Sie , Fräulein Franzi , ist das nicht der Mühe wert ? " Sie kamen auf den hochgelegenen freien Platz , wo das Häuschen mit dem Turm lag , und machten sich sofort an die Besteigung . Nur Mama blieb mit den Kleinen unten , denn für schmale Wendeltreppen fand sie die kleinen Vagabunden noch nicht bedächtig genug . Sie standen unten und schwenkten ihre Hüte , und wunderten sich , daß die Gestalten oben auf der Plattform so klein erschienen . Elfchen , die schon Mal vom " Riesenspielzeug " gehört hatte , klatschte in die Hände und meinte , nun könnte sie es glauben , daß das Riesenfräulein sich den Bauer und die Pferde mit nach Hause genommen hätte . Oben sah man indessen durchs Fernrohr , durch bunte Gläser , kaufte Ansichtskarten beim Turmwärter und sprach mit den Fremden über die einzelnen Punkte . Da lag die Stadt mit ihren Türmen , der liebliche Strand von Heckendorf , dann ein stattliches Bauerndorf mit hübschen neuen Häusern , umgeben von schon gelb schimmernden Kornfeldern ; weiterhin sah man einen kunstvoll durch den See gebauten Damm , der ein paar abgelegene Ortschaften mit der Stadt verband , und endlich schimmerte aus dichtem Park der helle Giebel eines Schlösschens . " Das ist Herrnhofen , der Sommersitz unserer Vorestin-Mutter , " erklärte Ursel , " dort ist ein herrlicher Park mit dem Kinderhäuschen und den kleinen Gärten der Prinzen und Prinzessinnen , die jetzt alle nicht mehr spielen . Und dann ist außerhalb des Parks ein Platz am See , da steht die » Abendbank « ; von dort hat die gute Fürstin immer nach dem Schiff ausgesehen , das den Fürsten zurückbrachte , wenn er in Regierungsgeschäften zur Stadt gewesen war . Dort soll sie Abends sehr oft noch sitzen , aber man darf leider dorthin nicht gehen ; es steht eine Tafel da , mit » Verbotener Weg « bezeichnet . " " Das verdenk ich ihr nicht , " meinte Franzi , " Fürsten müssen sich so viel angucken lassen , daß sie sich gewiß manchmal nach Einsamkeit sehnen . Unser guter Graf ist ja früher auch oft an den Hof gegangen ; der wußte viel davon zu erzählen , wie die Höchsten im Lande , von denen wir immer denken , sie haben es so gut und brauchen sich keinen Wunsch zu versagen - wie die gerade so viel arbeiten und ihre Zeit einteilen , weil sie so viel wissen müssen und für so unendlich vieles und großes verantwortlich sind . " " Ja , " sagte Ursula , " und Leid bleibt ihnen auch so wenig erspart wie uns ! Die Fürstin hat viel erlebt , die weiß , wie_es betrübten Menschen zu Mut ist ; darum ist sie auch so gut und hilft , wo sie kann . " " Das denke ich mir das größte Glück der Fürsten ! " sagte Franzi bestimmt . " Nun , ihr seht ja so ernst aus , " redete der Landgerichtsrat sie jetzt an , " nun möchtet ihr wohl gern weiter ? Kommt nur , ich sehe unten neue Gäste nahen , die wahrscheinlich herauf wollen ; laßt uns Platz machen . " Der Wärter gab ein Zeichen , daß niemand von unten aus die schmale Wendeltreppe bestieg , bis die Familie des Landgerichtsrats unten war ; denn ein Ausweichen war unmöglich . " Papa , Papa , " rief Elfchen , " ihr wart ja so klein - wie das Riesenspielzeug ! " " Der Tausend , da will mein Kind ihren Papa am Ende in die Schürze sammeln ! Na - mache Mal auf dein Kittelchen , Papa springt hinein ! " Elfchen sah ihren Vater sehr verdutzt an , dann sprang sie aber doch lieber in seine Arme und ließ sich ein wenig tragen , während die kleinen Jungen mit Geschrei den Abhang hinuntertummelten . " Und nun will ich euch was sagen , " meinte Papa , " jetzt teilen wir uns in zwei Lager . Uns Alten und uns Kleinsten ist es , glaube ich , zu heiß zu dem Marsch um die Insel ; wir setzen uns hübsch in den Schatten und fahren zur rechten Zeit hinüber nach Heckendorf . Ihr Jungen aber dürft ausschwärmen . Doch nehme jeder seine Fahrkarte - hier - und wer nicht um sechs Uhr bei uns am Schiff ist , der kommt mit dem nächsten . Einverstanden ? " Alle waren es und grüßend und winkend ging die Gesellschaft auseinander . " Axel , ich rate Ihnen , bleiben Sie bei uns , " sagte Anna Leuthold scherzend , " die beiden Backfische sehen mir so aus , als verzichteten sie auf jede Gesellschaft . " " Ja , Axel , " sagte auch Inge , " bleibe bei uns , du kannst so nett unsere Jacken tragen . " " Sehr schmeichelhaft , " erwiderte Axel lachend , " die eine will mich als Packträger , die andere gibt mir zu verstehen , daß meine Gesellschaft lästig sein könnte ! " " Uns doch nicht , " verteidigte sich Anna , " aber sehen Sie nur die beiden an , die sind gar nicht zu halten . " Es war so . Ursula und Franzi waren auch nach Kindermanier den Abhang hinabgelaufen , hielten sich nun an den Händen und verschwanden in dem tiefen Baumschatten . Sie sprachen zuerst gar nicht , sahen sich nur seelenvergnügt an und dann meinte Franzi : " Hier ist es wie verzaubert , so still ! " Niemand begegnete ihnen ; die meisten Menschen saßen noch beim Kaffee oder blieben beim Turm , denn es war ungewöhnlich warm zum Gehen . So kam es den beiden Mädchen vor , als gehörte ihnen die Insel allein . " Verirren können wir uns doch nicht ? " fragte Franzi . " Wenn wir diesen Weg verfolgen , gewiß nicht ; wir sehen ja immer den See durch die Bäume schimmern , und allmählich kommen wir dann herum um unser kleines Erdenrund und beim Landungsplatz wieder an . " Aber sie blieben nicht auf dem Wege . Links taten sich jetzt die Bäume auseinander und da schimmerte eine Wiese , so rotblühend , wie sie nie eine gesehen zu haben glaubten . Da mußte ein Strauß gepflückt werden , das hielt nicht lange auf - in wenigen Minuten hatten sie die Hände voller Blumen . " Wir sind wie Rotkäppchen , " sagte Franzi lachend , " das vom Wege abbiegt , um Blumen zu pflücken ! Aber böse Wölfe gibt es hier nicht , und böse Menschen hoffentlich auch nicht . O , wie ist es hier einsam . " " Schön , wunderschön ! Wollen wir nun auf den Weg zurück ? " " Können wir nicht quer über die Insel gehen ? Eine Entdeckungsreise durch das Innere Afrikas ? " " Das können wir , vielleicht kommen wir so schneller ans Ziel zurück . " Aber der Weg hörte auf , sie kamen an ein Brachfeld , fingen an darüber zu stapfen , fanden das beschwerlich , weil hier außerdem die Sonne so brannte , und meinten , der erste Weg sei der schönste . Sie kehrten also um , bis sie wieder das Wasser blinken sahen , und nun sicher gingen . " Man sollte nicht denken , daß die Insel so groß ist , " sagte Franzi sehr verwundert , " Wiesen und große Kornfelder hätte ich nicht darauf vermutet . Sogar Kühe - hörst du die Glocken ? " Ursula fürchtete sich ein wenig ; aber als Franzi lustig auf eine rotbunte zusprang , mit lautem " Buhköking von Halberstadt " - ließ sie sich nichts merken und stand still , nur dunkelrot da , bis eine schwarzweiße Kuh herantrottete und zutraulich ihren Strauß beschnupperte . Aber " komme jetzt , Franzi , " rief sie doch , " wir kommen sonst wieder vom Weg ! " Die Freundin kehrte zurück und sie gingen ein Weilchen still vorwärts . Da kamen endlich die wilden Rosengebüsche , an die Ursula schon immer gedacht hatte , und mit lautem Entzücken machten sie sich abermals ans Pflücken . " Es ist die höchste Zeit , daß wir herkamen , " sagte Ursel , " sieh , wie sie schon abfallen . " " Ja in Rosen steht die Welt , Aber ahnungsbang Zittert durch das Ährenfeld Schon ein fremder Klang . Bald ertönt der Erntereigen , Und die Rose muß sich neigen , Und die Vögel werden schweigen . O wie liegst du dann so weit , O du schöne Rosenzeit ! " sang Franzi . Ursel hatte sich ins Gras geworfen und still zugehört . " O du schöne , du schöne Rosenzeit ! " jubelte Franzi noch einmal und kauerte sich dann auch auf den grünen Boden ; sie fingen an , die Blumen zu ordnen und mit langen Halmen zu binden . " Sieh da durch , zwischen den Bäumen , Franzi ; siehst du das Schloß ? " " Herrlich , auf dem goldigen Himmelsgrund ! Aber die Sonne steht schon ziemlich tief , sollte es nicht schon Zeit für uns sein ? " Sie sprangen auf und ließen sich nun wirklich durch nichts mehr aufhalten , sondern strebten der Landungsstelle wieder zu . " Der Weg ist doch länger und unsere Zauberinsel größer , als wir annahmen . " " Gut , daß wir unsere Schiffskarten haben ; ich vermute , die Eltern sind schon in Heckendorf . " " Ja , sicher , es muß viel mehr als sechs Uhr sein . " " Nun , Papa hat es uns ja erlaubt ; wir nehmen das nächste Schiff . " Sie gingen aber doch unwillkürlich schneller , denn sie hörten ein Tuten , jetzt das Anschlagen der Schiffsglocke - eins , zwei - sie fingen an zu laufen - drei ! Die Mädchen sahen sich an und machten etwas zweifelhafte Gesichter . Jetzt kam gerade die Landungsstelle in Sicht und - dahin fuhr das Schiff ! Besetzt bis auf den letzten Platz , wie es schien . " Nun , es kann noch nicht das letzte sein , " ermutigte Ursel , " und dies sieht beängstigend voll aus ; da hätten wir kaum Platz gefunden . Nun setzen wir uns hier gemütlich hin und warten das nächste Schiff ab . " Als sie aber auf den Platz vor dem Wirtshaus kamen , war es dort merkwürdig menschenleer . Der abgehetzte Kellner schlenkerte langsam von einem Platz zum anderen und nahm schon die Decken ab . Es sah aus , als rechnete man unter keinen Umständen mehr auf Gäste . Als er die jungen Mädchen so atemlos daherkommen sah , sagte er lakonisch : " Das Schiff ist fort . " " Ja , das sehen wir . Wann kommt das nächste ? " " Heute nicht mehr . " " Was !! Wie spät ist es denn ? " Er zog seine Uhr . " Ein Viertel nach sieben Uhr . " Die beiden Mädchen sahen einander mit unbeschreiblichem Erstaunen an . Über zwei Stunden hatten sie zu ihrem Gang um die Insel gebraucht ! Und kein Schiff kam mehr ? " Aber , " begann Ursel unsicher , " es fahren doch sonst später noch Schiffe ; das letzte ist erst nach acht Uhr in Wendenburg . " " Ja , sonst wohl ; aber der » Greife « hat Havarie gehabt , daher fällt die letzte Fahrt aus . Die » Möwe « brachte den Bescheid mit , daß alle Herrschaften mitfahren sollten , weil es heute sonst keine Fahrgelegenheit mehr gibt . " Ein Klingeln vom Hause rief den Kellner ab , und die beiden Mädchen standen ratlos allein . " Daß der » Greife « nicht mehr fährt , dafür können wir nicht , " sagte Ursel , " wer konnte das ahnen ? Deswegen werden uns die Eltern auch nicht böse sein . " " Ja , aber - wie wollen wir denn fortkommen ? " fragte Franzi kleinlaut , " wollen wir etwa hinüberschwimmen ? Wir sind ja doch auf einer Insel ! " Jetzt trat der Wirt aus dem Hause und meinte tröstend : " Vielleicht kommt noch ein Ruder- oder Segelboot vorbei , das die jungen Damen aufnimmt . " " Ja , das kann sein , " rief Ursel erleichtert , " Axel ist ja auch öfters noch Abends unterwegs . " " Dann müssen wir uns aber ans Ufer stellen , damit man uns sieht ! " schlug Franzi vor . " Ist den Damen vielleicht noch eine Erfrischung gefällig ? " fragte der Wirt , und Ursel antwortete mit Haltung : " Nein , wir danken . " " Ich habe nämlich kein Geld , " flüsterte sie der Freundin zu , " du etwa ? " " Nein , ich auch nicht , " klang es leise zurück . " Also gänzlich ohne Mittel - ausgesetzt auf einer wüssten Insel - der Nacht und Einsamkeit preisgegeben ! " sagte Franzi pathetisch , " die reine Robinsonade ! " " Nun , so gar wüst ist es ja nicht , " meinte Ursel , " und der Wirt behielte uns vielleicht menschenfreundlich genug hier , auch ohne Geld , wenn wir uns auf meinen Vater berufen . Aber schrecklich wäre es doch ! Komme , laß uns unseren Wachtposten beziehen ! " Sie stellten sich auf den Steg , der in den See hineinging , und sahen nun erst , wie wunderherrlich das abendliche Bild geworden war . Der ganze westliche Himmel in rote Glut getaucht , schwarz und scharf davor sich abhebend Türme und Kuppel des Schlosses . " Wie eine Fata Morgana schwebt es zwischen Luft und Wasser , " sagte Ursel , " und ebenso unerreichbar für uns ! " Da riß Franzi ihr Tuch aus der Tasche und rief : " Ein Schiff , ein Schiff ! Oder vielmehr ein Boot , ein herrlicher Segler ! Siehst du , wie es vor dem Winde daherkommt ? " Hierher ! Hilfe ! Hoiho ! " Und wie ist es bemannt ? " fragte Ursel , auch eifrig winkend , " ist Platz für uns ? " " Platz genug , " rief Franzi , welche die schärferen Augen hatte , " ich sehe nur zwei Herren - nein drei . " " Wie unangenehm , " seufzte Ursel , " das ist gewiß nicht sehr passend , wenn wir die anrufen . " " Was sollen wir aber machen ? " Und sie setzten beide die Hände an den Mund und riefen laut . " Hierher ! Hilfe ! Hoiho ! " Hell und melodisch schallten die jungen Stimmen über das Wasser , und wirklich , die Insassen des Segelboots schienen schon darauf zu achten . Es veränderte seine Richtung etwas und kam schnell und stolz dem Ufer zu . Nun sahen sie , daß der Bug des großen schlanken Bootes wie ein Schwan gebildet und die ganze Ausstattung schöner und reicher war , als bei den sonst hier üblichen Fahrzeugen . " Sicher sind wir in dem Boot , " sagte Franzi rasch , " wenn die Herren nur nett sind - vornehm sehen sie aus - einer trägt Marineuniform - aber der in der Mitte sitzt , ist der Vornehmste . - So , da sind sie ; nun mußt du sprechen , Ursel ! " " Nein , bitte , du , " flehte diese . Aber sie hatten es beide nicht nötig . Der Seeoffizier legte schon die Hand an die Mütze und fragte höflich : " Sind die jungen Damen in Verlegenheit ? " " Ja , in der allergrößten ! " rief Franzi beherrscht . " Wir haben die » Möwe « versäumt und wußten nicht , daß der » Greife « nicht mehr fährt , weil er Unglück gehabt hat . " Das Boot war jetzt nahe herangekommen , und der andere Herr sagte : " Das ist recht bedauerlich ; wollen die jungen Damen sich dem » Schwan « anvertrauen und zu uns einsteigen ? Wir bringen Sie sicher nach Wendenburg . " " Wenn Sie so gütig sein wollen , " ließ sich nun auch Ursel vernehmen , " wir wären sehr dankbar , wenn Sie uns nur in Heckendorf absetzen wollten ; dort sind nämlich meine Eltern , mit denen wir zusammen nach der Stadt gehen wollten . " Der Herr , der zuletzt gesprochen , wandte sich zu dem , der am Steuer saß , und dieser meinte höflich , aber bestimmt : " Das wird nicht gut gehen . Wir haben konträren Wind nach Heckendorf zu , wir kommen heute doppelt so schnell nach Wendenburg , als drüben ans Ufer , obwohl die Entfernung so viel geringer ist . Wir müßten kreuzen . " " Und ich muß um acht Uhr in der Stadt sein , " sagte der vorige Sprecher , " also fügen Sie sich , meine Damen ; wir bringen Sie in zwanzig Minuten heim , und Sie sind gewiß noch früher da als die Eltern . Bitte ! " Er streckte seine Hand aus und half Franzi hinein , während Ursel von dem Seeoffizier gestützt wurde . Nun saßen sie auf der kleinen Bank , die sogar ein blau und weißes Polster hatte , dicht zusammen , erlöst und doch in einer seltsamen Verschüchterung . Da die Herren sie aber zunächst nicht beachteten , sondern ihre Aufmerksamkeit dem Segel zuwandten und dann halblaut miteinander sprachen , fingen auch sie an zu flüstern . " Märchen , Märchen , " sagte Franzi mit schon zurückkehrender Schelmerei ; " habe ich es nicht gesagt , auf der Insel geht es nicht mit rechten Dingen zu ? " " Und dieses Boot , " flüsterte Ursel , " siehst du den Schwan ? Kennst du Lohengrin ? " " Die Sage wohl , aber im Theater war ich noch nie . " " Ich auch erst zweimal , im Freischütz und im Lohengrin . Oh , was wirst du zu Lohengrin sagen ! Es ist das schönste , was ich mir denken kann ! Da kommt der Held auch auf einem Schwanenschiff . " Plötzlich schrie Franzi leise auf : " O sieh doch , sieh doch ! " " Ah ! " Die Fenster des Schlosses , das vor kurzem noch so dunkel auf dem hellen Hintergrund lag , wurden plötzlich von einem Strahl der untergehenden Sonne getroffen und leuchteten hell auf . " Wie eine Illumination ! " rief Franzi in der entzückten Überraschung etwas lauter . Da drehte sich der eine Herr , den sie in Gedanken den Vornehmsten nannten , ihnen zu und sprach : " Vielleicht ist es eine wirkliche Illumination zu Ehren des Erbprinzen . " " Ist der hier ? " fragten die Mädchen wie aus einem Munde . Die Herren lächelten alle drei und der erste sagte wieder : " Er soll angekommen sein , gestern abend spät . " " Oh - wir haben ihn noch nie gesehen ! " " Sind die jungen Damen keine Wendenbürgerinnen ? " " Nein - doch eigentlich ja , wir sind aber erst seit kurzer Zeit hier . " " Aha , vielleicht in Pension ? " " Nein , " sagte Ursel , die sich über ihren eigenen Mut wunderte , " mein Vater ist hierher versetzt . " " So , so . " Die Sonnenglut erlosch jetzt , und Franzi sagte : " Oh - die prinzliche Illumination ist schon verschwunden ! " " Aber der Prinz ist noch da , " sagte der Herr und lächelte in eigentümlicher Weise . Plötzlich wurden die Mädchen sehr still und bekamen sehr große Augen und sehr rote Wangen . Das Boot war mit großer Geschwindigkeit dahingeglitten - in unmittelbarer Nähe lag jetzt das Schloß ! Man konnte deutlich in die Grotte hineinsehen , wo der bemooste Neptun geheimnisvoll hauste - man erkannte die Blumen auf den Terrassen - und niemand machte Miene , an all dieser Herrlichkeit vorbeizufahren , im Gegenteil : stolz und sicher schoß der Schwan auf den Anlegeplatz am - Burggarten zu ! Lakaien in der fürstlichen Livree sprangen herbei , und die beinahe zu Tod erschrockenen Mädchen wurden von ihren vornehmen Bootsgefährten an Land gehoben . Dann sagte der Große mit dem edlen Gesicht : " Als Fährgeld erbitte ich mir zwei von Ihren Rosen . " Stumm hielten sie ihre Sträuße empor , er pflückte sich aus jedem eine Rose , grüßte freundlich und ging mit dem Seeoffizier davon geradewegs ins Schloß hinein ! Nun wandte sich der Steuermann zu den Mädchen und sagte lachend : " Sie wußten also gar nicht , daß Sie mit dem künftigen Landesherrn gefahren sind ? " Sie schrien beide leise auf , um sich dann gleich erschrocken die Hand vor den Mund zu halten . " Nun , erschrecken Sie nur nicht hinterher ! Sie sehen ja , Ihnen ist nichts geschehen und Sie sind sicher und schnell hergekommen . " " Und wir haben nicht einmal gedankt ! " rief Franzi entsetzt . Aber der Herr meinte wieder : " Seine Hoheit hat ja Ihre Rosen als Dank angenommen . Nun kommen Sie nur , ich führe Sie hinaus . Wäre es nicht so spät und hätte ich nicht Dienst - würde ich Sie noch ein wenig herumführen ; aber so ist es Ihnen wohl am liebsten , ich zeige Ihnen den kürzesten Weg . Meinert , können Sie die Kette aufschließen ? " redete er den einen der Bediensteten an , " das wäre das bequemste . " Und wirklich , die schwere Eisenkette , die quer vor den gitterlosen Eingang gezogen war und den Burggarten von der Außenwelt schied , senkte sich vor den beiden Mädchen , und nach einem gestammelten Dank und einem letzten freundlichen Gruß des " Steuermanns " standen sie draußen . Wie geblendet blickten sie um sich : über die Schloßbrücke flutete gerade ein Strom heimkehrender Spaziergänger , und den beiden war_es , als müsse jeder einzelne ihnen das große Ereignis vom Gesicht ablesen . " Mit dem künftigen Landesherrn ! " sagte Ursel endlich ergriffen , als sie ihre Allee erreicht hatten . Franzi blieb stehen und sagte : " Alles war wie im Märchen , nur der Schluß nicht ! Sonst geben die Mächtigen den armen Sterblichen drei Wünsche frei - das ist uns nicht geboten worden , Ursel ! " " Hättest du gleich was gewußt ? " fragte diese bedenklich . " Ich nicht , mir wäre_es gewiß so ergangen wie manchem im Märchen , der einen törichten oder verderblichen Wunsch getan ! " Während die Mädchen solche Dinge erlebten , die man schon mehr Abenteuer nennen konnte , waren die Eltern mit der übrigen Gesellschaft gemütlich in der Leutholdschen Villa in Heckendorf eingetroffen . Als man um sechs Uhr pünktlich von der Insel Rohrwerder abfuhr und die Backfische nicht da waren , litt Papa nicht , daß irgend jemand schalt . " Ich habe es ihnen erlaubt - sie sind große , verständige Mädchen - sie werden zur Zeit nachkommen . " Aber - zwei der kleinen Dampfer waren schon vorübergefahren , Mama sah heimlich nach der Uhr und wollte ihren Fensterplatz , von dem sie auf den See blicken konnte , nicht aufgeben . Als es sieben Uhr war , konnte sie ihre Unruhe nicht mehr verschweigen und schickte Axel nach dem Anlegeplatz . " Natürlich , ich bin ja immer der Kundschafter , " meinte er , ging aber doch gutwillig . Ziemlich bald kam er zurück und verkündete mit bestürzter Miene : " Das letzte Schiff ist da und über und über besetzt , aber von unseren beiden Schwarzbraunen keine Spur . Ich habe aufgepaßt wie ein Zollwächter ! " " Aber Junge , es kann nicht das letzte sein , " rief Papa und zog erregt seine Uhr , " der » Greife « kommt um dreiviertel acht . " " Ja leider - Papa , der » Greife « fährt nicht , ist kaputt . Der ganze Schwarm ist mit der » Möwe « gekommen . Die Mädel müssen sich furchtbar verspätet , vielleicht auf dem Werder verlaufen haben . " " Aber das ist ja - " " Nein , wie schrecklich ! " " Ist das möglich ? " " Was soll nun werden ? " So tönten die erschreckten Ausrufe durcheinander . " Es kann nicht anders werden , " sagte Axel , " als ich nehme ein Boot und segle hinüber und hole die Ausreißer . " " Ja , das ist das einzige , " entschied Papa , " aber es müssen sichere Leute mit , der Wind scheint mir nicht unbedenklich . Hinüber kommt ihr wohl , aber zurück ? " " Wir müssen es doch versuchen , " sagte Axel und ging zu seinem alten Freund , dem Bootbauer Helms . Die Kleinen , die das Ganze nicht recht verstanden und auch schon übermüde waren , fingen an zu weinen und wunderliche Fragen zu tun , bei denen Mama Angst und bange wurde , und Frau Leuthold schlug vor , die Kinder zu Bett zu bringen und einfach über Nacht dazubehalten . " Nein , nein , beste Freundin , " sagte der Landgerichtsrat , " solche Einquartierung wollen wir Ihnen denn doch nicht zumuten . Ich gehe zum Hotel und sehe zu , ob ich noch einen Wagen auftreiben kann , und sowie wir die Mädel haben , packen wir alles - schlafend oder wachend - auf und fahren heim . Ist das eine Geschichte ! " Kopfschüttelnd und erregt ging er hinaus , begleitet von Herrn Leuthold , und die Damen blieben in Unruhe zurück . Die Kinder wurden mit den letzten Kuchenresten einstweilen getröstet , und dann wurde weiter gewartet . Schneller aber als man gedacht , kehrte Axel zurück . Auf dem See war ihm ein Boot begegnet , in dem er den Wirt von Rohrwerder erkannt hatte . Den hatte er angerufen und nach den beiden Vermißten gefragt , und der Wirt hatte mit Sicherheit berichtet : Zwei junge Mädchen mit schwarzbraunen Zöpfen , eines im weißen , das andere im schwarzen Kleid , seien von Vorüberfahrenden in einem Boot mitgenommen worden , sie müßten schon in der Stadt sein . " Welch ein Glück ! " rief Mama , " hoffentlich war_es ein sicheres Boot . " " Es soll ein besonders großes und schönes gewesen sein , " berichtete Axel und setzte hinzu : " Es war übrigens sehr gut , daß es so kam - der Wirt schien nur einen Fischer unterwegs sprechen zu wollen - , denn wenn ich die Insel noch ganz erreicht hätte , würde ich wahrscheinlich mitsamt den Ausreißern drüben haben kampieren müssen ; das Zurückkommen ging sehr schwer ! " " Das sage ich ja , " rief Papa , " wir haben starken Gegenwind . Na , nun wollen wir froh sein , wenn die Geschichte gut abläuft . Eine Droschke ist glücklich aufgetrieben , es kann sofort losgehen ; macht euch fertig . " Auch der längste , hellste Sommertag nimmt ein Ende , und es war denn auch richtig stark dämmerig geworden , als die Familie zu Hause anlangte und - zu allgemeiner großer Erleichterung - die beiden Mädchen gesund und wohlbehalten schon vor der Haustür stehen sah , mit den Mienen größter , freudiger Erregung . Die festschlafenden Kleinen wurden ins Haus getragen , und dann ging es an ein Fragen und Erzählen , an dem auch Franzi noch ihr Teil haben mußte , ehe sie nach Hause gebracht wurde . " Welch ein Abenteuer ! " rief Inge beinahe mit Neid , " ich hätte euch wohl sehen mögen ! Habt ihr euch denn auch ordentlich benommen ? Und Rosen hat der Erbprinz sich von euch ausgebeten ? Habt ihr auch eure Namen gesagt ? " " Nein , danach sind wir nicht gefragt worden . " " Schade , man hätte nicht wissen können ! Denkt Mal , wenn ihr euch später beim jungen Landesfürsten einmal auf diese Begegnung hättet berufen können ! " " Inge , was du dir denkst , " sagte Ursel kopfschüttelnd , " wie kann den hohen Herrn unser Name interessieren ! " " Und wer war denn der andere Herr ? Ein Seeoffizier , sagt ihr ? " fragte Axel , " das hätte mir nur passieren sollen ! Ich hätte die Gelegenheit gleich benutzt , mich etwas über die Karriere zu informieren ! " " Mein lieber Junge , steckt dir die Marine noch immer im Kopf ? " fragte die Mutter besorgt , einen Augenblick das Abenteuer der Mädchen vergessend . " Mehr denn je , beste Mutter , " erwiderte Axel feurig . " Denke du nur auch schon recht viel daran und söhne dich in Gedanken damit aus ; bald kommt der Zeitpunkt der Entscheidung . Du weißt , wenn mein Abitur Michaelis glückt . " Mama seufzte und dachte , wie oft im Leben sie dann noch so in Gedanken am Strande auf den Sohn zu warten haben würde ! 13. Kapitel . Was der Schloßorganist sagte Am Tage nach dieser ersten Ferienpartie , die so ganz anders ausgefallen war , als man gedacht hatte , gab es noch immer viel zu reden , zu erklären und zu staunen . Als die Kleinen von Ursulas Abenteuer hörten , machten sie große Augen . Elfchen beschloß heimlich , sich künftig auch zu verirren , und Robert versicherte : " Ich komme nun auch immer zu spät ! " - " Weil man dann mit_dem Prinzen fährt ! " fügte Bertram hinzu . Nachdem die Kleinen sich noch angelegentlich erkundigt hatten , ob er eine Krone aufgehabt habe , und Ursel bereitwillig noch immer mehr erzählt hatte , spielten sie den ganzen Tag : " Verlassen auf der Insel . " Sie standen am Strand mit weit ausgestreckten Armen und schrien um Hilfe , so jammervoll , daß mehr als einmal jemand erschrocken in die Kinderstube gestürzt kam , wo ihm dann bedeutet wurde : " st , st , wir warten auf das Prinzenschiff ! " Ursula ging natürlich Nachmittags zur Schloßgärtnerei . Sie ahnte , daß Franzi nach dem gestrigen Vergnügen sich heute vielleicht besonders anstrengen müsse , um etwaige Versäumnis einzuholen ; vielleicht konnte sie ihr etwas helfen . Wie erstaunt war sie daher , Franzi mit einem Buch anzutreffen ! Kaum konnte sie ihre Begrüßung mit der Frage einleiten : " Nun , wie ist_es bekommen , das große Erlebnis ! " da rief Ursel schon : " Was hast du - eine verbundene Hand !? " " Ja , denke dir , " sagte Franzi kleinlaut , " ich habe mich geschnitten , und so furchtbar , daß ich nicht arbeiten kann . " " Aber Franzi ! Wie kam das ? " " Ach , beim Kartoffelschälen . Weißt du , es gibt jetzt so besonders viel Arbeit - das Mädchen muß auch mit im Garten helfen - da nahm ich mir vor , nach dem gestrigen himmlischen Tage heute wie toll zu schaffen , damit Herr Bauer nur nicht ärgerlich wird über meine Vergnügungen , wie ihm schon mein Klavierspiel immer nicht ganz recht ist ! Also stehe ich heute recht früh auf und mache mich ans Kartoffelschälen , damit Mine , die gestern bis spät Abends anderes zu tun gehabt hatte , sich heute nicht dabei aufhalten sollte . Und die Kartoffeln - kannst dir wohl denken , daß es nicht wenige sind für unseren Tisch ! - also , ich mache mir mein Messer recht schön scharf und schäle und schäle - immer flinker , so wie die Gedanken tanzten , und ich stellte mir vor , wenn der Prinz sähe , was für ein Aschenbrödel er gestern in seinem stolzen Schwanenboot gehabt hatte - da fuhr mir das Messer in die Hand , und so , daß ich ganz kalt wurde vor Schreck ! " " O Franzi , Franzi ! " " Natürlich war_es nachher nicht so schlimm ; wenn es nur erst zu bluten aufgehört hat , beruhigt man sich schon . Aber die Verletzung ist gerade auf der bösesten Stelle , zwischen Zeigefinger und Daumen , das heilt nicht , wenn ich die Finger nicht ganz fest zusammengebunden lasse . Anfassen kann ich also nichts ! " " Welche Geduldsprobe , meine arme fleißige Franzi ! " " Ja , und heute war Klavierstunde ; ich bin natürlich gleich hingegangen , um mich abzumelden , sicherlich für eine volle Woche . " " Das tat Herrn Fritze gewiß leid . " " Sehr ; ich sage dir , er wurde ordentlich ein bißchen zornig ! » Da hat man sich nun ausgedacht , Sie in den sogenannten Ferien gehörig vorwärts zu bringen - nun machen Sie so was ! Klavierspielerinnen müssen ihre Hände eben schonen . « Ich sagte : » Aber Herr Fritze , das kann ich leider nicht « , und erzählte ihm das von den Kartoffeln ; da wurde er ganz wild . » Ist es erhört ? Sie müssen die Kartoffeln schälen für die ganze Gärtnergesellschaft ? Das ist ja wohl beinahe 'n Scheffel ! « Ich lachte und sagte , so viele wären_es gerade nicht , und ich müßte es auch nicht tun ; ich hätte es nur gern gewollt , weil so sehr viel Arbeit sei augenblicklich , und Herr Bauer mir doch so manche freie Stunde gönnte . » Manche freie Stunde , « brummte Herr Fritze , » damit ist es , glaube ich , nicht weit her . Ihre Hände reden doch deutlich davon ! « " Franzi unterbrach sich , ein wenig seufzend . " Es ist ja wahr , meine Hände sehen jetzt greulich aus , und sind nicht immer so gelenkig , wie sie sein sollten . " Sie schlug mit der linken Hand einen kleinen Kreis und fuhr dann fort : " Daß Herr Fritze es aber sehr gut mit mir meint , das habe ich heute recht gesehen . Er hörte nämlich nun auf zu brummen und sagte : » Wenn ich über Sie zu bestimmen hätte , mein liebes Kind , so unterbliebe alles Kartoffelschälen und alle Gartenarbeit , auch das viele Nähen - ich sehe ja Ihren zerstochenen Zeigefinger - und Sie bekämen Zeit und Gelegenheit zu ernstlicher Ausbildung . « » O Herr Fritze , « sagte ich da , » ich lerne ja so viel bei Ihnen , und wenn diese dumme Fingergeschichte nicht gekommen wäre , hätte ich auch genug Zeit zum Üben . Sie sagten doch selbst zuerst , mit zwei Stunden täglich wären Sie zufrieden . « » Ich sagte das ? - vielleicht anfänglich . Ja , Kind , jetzt denke ich aber anders . Haben Sie denn niemand , der etwas für Sie tun könnte ? Ich möchte Sie so gern aufs Konservatorium bringen ! « Du kannst dir denken , Ursel , ich war starr ! Mein kühnster Wunsch hier ausgesprochen ! Also hält er es doch für der Mühe wert , daß ich mich ernstlich diesem Berufsstudium hingebe - aber ach , es ist ja nicht daran zu denken ! " Franzi , die allzeit Mutige und Frische , sah ganz trübselig drein , und Ursula , ganz benommen von all dem Gehörten , sagte : " O du , da hätten wir ja den schönsten Wunsch bereit gehabt , wenn der Prinz uns gefragt hätte !! " Franzi lächelte . " Meinst du , daß ich daran nicht dachte , als ich das gestern von den drei Wünschen sagte ?! - Aber nein , mit so was darf ich mich gar nicht aufhalten . Das hätte einen Prinzen wohl nicht gerührt ! Und überhaupt - ach , still davon ! Ich kann bei Herrn Fritze noch sehr viel lernen , Künstlerin brauche ich ja nicht zu werden - wenn ich nur unterrichten kann ! " " Möchtest du aber Künstlerin werden ? " Franzis Augen blitzten . " Ja ! Ja ! O wie gerne ! Es ist ein Traum , den schon Fräulein Elsner für mich hatte . Sie selbst hat es nicht werden können , weil sie kein Geld zum Studieren gehabt hat , schon früh verdienen mußte . Wie aber sollte ich dazu kommen ? - Herr Fritze möchte aber doch gern , daß ich vom ganzen Wesen der Musik so viel wie möglich lerne , und da ich heute nicht spielen konnte , hat er mir eine Theoriestunde gegeben - und hier , diese Bücher . Ist das nicht fein ? " Ursel sah ehrfürchtig in das aufgeschlagene Buch und meinte : " Ich verstehe kein Wort davon . " " O , das lernt man aber , es ist furchtbar interessant , höre Mal ! " und sie las eine Regel vor . Aber Ursel machte ein unglückliches Gesicht und bat : " Laß , Franzi , ich verstehe das wirklich nicht . " O , Herr Fritze , wenn diese dumme Fingergeschichte nicht gekommen wäre , hätte ich ja auch Zeit genug zum Üben . Franzi lachte . " Na , dann sieh dir dieses Buch hier an , das Leben Johann Sebastian Bachs . " " Ja , von berühmten Männern lese ich zu gern . " " Ach , und dies ist wunderschön , oft rührend . Und von all den musikalischen Söhnen - dies Leben und Weben in Musik ! Der Friedemann Bach interessiert mich am meisten - und dann hier das reizende Lied - Fräulein Elsner sang es - paßt es nicht so recht auf uns beide ? Willst du dein Herz mir schenken , So fange ' es heimlich an , Daß unser beider Denken , Niemand erraten kann ! " Ursel sah die Freundin wieder voll Entzücken an , bejahte , daß es auf sie beide passe und bat : " Singe doch weiter , es klingt so hübsch ! Ach , Franzi , Sängerin könntest du gewiß auch werden . " " Ach gehe , bewahre ! Singen kann jeder ! " " Nicht jeder , ich zum Beispiel nicht . " " Du ! Was könntest du wohl , nach deiner Meinung , du Bescheidenste von allen ! " rief Franzi zärtlich , und Ursel , halb beglückt , halb von ihrem Ehrlichkeitsdrang getrieben , beharrte : " Aber singen kann ich wirklich nicht . - Und nun erzähle weiter von Herrn Fritze . " " Viel ist nicht mehr zu sagen ; wir haben ausgemacht , daß ich so lange Theorie treiben soll , bis ich wieder spielen kann . Also in der Musik lerne ich doch etwas in dieser Zeit ; es ist nur so schlimm mit meinen anderen Pflichten . " " Laß mich dir helfen ! " " O Urselchen , wo denkst du hin , was würden deine Eltern sagen , wenn ich dich hier anstellte ! " " Freuen würden sie sich . Ganz gewiß . Mein Papa will gern , daß ich frisch und braun werde , wie du . " Und sie erzählte die Äußerung des Landgerichtsrats . Franzi hörte still zu . " Deine Eltern sind prächtige Menschen ! " sagte sie dann sinnend , " du mußt sehr glücklich sein , Ursula . " Wieder dachte diese an ihr unglückliches Tagebuch und schämte sich . Sie begriff auch jene Stimmung gar nicht mehr , so sehr hatte die letzte Zeit sie verändert . " Also gib mir was zu tun ! " nahm sie nach einer Pause ihre Bitte wieder auf , und Franzi sagte : " Willst du denn im Garten pflücken helfen ? Es sind Unmengen von reifen Himbeeren da , die keinen Tag mehr hängen dürfen . Mutter ist schon dabei , weil die Leute es nicht bewältigen können . " " Ich gehe also zu deiner Mutter und helfe , und du - was tust du ? " " Ich werde die kleinen Bauers lesen lassen , damit ich mich nicht den ganzen Tag zu schön bei meiner Musik amüsiere . " " Also müssen wir uns trennen , aber ich denke an dich , Franzi , und an unser Märchen von gestern . Ach , hätten wir doch einen Wunsch frei gehabt ! " Nicht aus dem Sinn kam ihr der Gedanke , und während sie so emsig pflückte , daß ihr Gesicht glühte , gingen ihr alle möglichen Erwägungen im Kopfe um . Frau Trautmann wunderte sich über ihre Schweigsamkeit und fürchtete , daß das anders gewöhnte Mädchen doch diese Arbeit sehr ungern täte , wenn sie auch Franzi zuliebe sich dazu erboten hätte . Sie suchte also Ursel zu überzeugen , daß ihre Hilfe nicht länger nötig sei ; aber sie erreichte damit nur , daß Ursel desto eifriger arbeitete und dagegen Frau Trautmann beschwor , sich zu schonen bei der Hitze . Das Ergebnis der beiderseitigen Rücksichtnahme aber war , daß sie immer einträchtig am selben Strauch pflückten und auch in lebhafte Unterhaltung gerieten . Auch Frau Trautmann hatte , wie vorhin Franzi , Worte des Dankes und der Wertschätzung für Ursulas Eltern . Dadurch kam sie auf ihr eigenes Elternhaus zu sprechen , auf ihres Vaters Vorzüge und endlich auf die Ähnlichkeit ihres Sohnes mit dem kaum noch gekannten Großvater . In der Freude ihres Herzens erzählte sie dann auch von Wilhelms in Aussicht stehendem Besuch und der Freundlichkeit des Obergärtners . Ursula hörte alles voll Interesse , aber als sie endlich mit den Himbeeren für heute fertig war , kehrten ihre Gedanken gleich wieder zu Franzi zurück , über deren Schicksal sich ja heute durch den alten Schloßorganisten ganz neue Möglichkeiten aufgetan hatten . Wenn - sich nur jemand fände , der seine Hand dazu bot , aus diesen Möglichkeiten Wahrheit zu machen ! Wer konnte es sein ? Wer konnte helfen ? An ihre eigenen Eltern dachte Ursel nicht . Sie war schon verständig genug , um zu wissen , daß ein Beamter mit sechs Kindern nicht ohne weiteres noch die Ausbildung eines fremden siebenten Kindes mit übernehmen konnte , auch wenn er in auskömmlichen Verhältnissen lebte . Sie hatte öfter sagen hören : Reich sind wir nicht , wenn wir auch gerade keine Sorgen haben , wir müssen an die Zukunft unserer Kinder denken . Also hier mußten ganz andere Mächte eingreifen , sagte sich Ursel . Von Stipendien für Studierende hatte sie wohl gehört . Gab es etwas Ähnliches für Mädchen , die eine Kunst erlernen wollten ? Gab es - konnte man nicht - war eine Möglichkeit - Plötzlich kam es wie ein Blitz über Ursel : Ein Gedanke ! Der ließ sie nicht wieder los , sondern nahm völlig Besitz von ihr . 14. Kapitel . Ursulas Tat Von nun an nahm Ursulas Wesen wieder das Insichgekehrte , oftmals Abwesende an , was niemand so recht gefallen , was sie zu aller Freude in letzter Zeit abgelegt hatte . Freilich , mürrisch und verdrossen wurde sie nicht ; unfreundliche oder empfindliche Antworten hörte man nicht , aber sie schwieg wieder viel und zog sich zurück ; ja sie schien plötzlich von ganz unzeitgemäßem Lerneifer beseelt , denn man sah sie mit Büchern und Heften beschäftigt . Und doch machte Ursel keine Schularbeiten , schrieb auch nicht Tagebuch , wie Mama im stillen dachte , sondern sie übte sich im Briefschreiben . In ganz merkwürdigen schwierigen Briefen , wie sie in einem kleinen Mädchenleben sonst nicht vorkommen . Niemand konnte ihr helfen dabei , denn die Sache war ein Geheimnis ! Selbst Franzi ahnte nichts . Und an wen waren diese Briefe , die da mit glühenden Wangen aufgesetzt , dann mit kritisch gefalteter Stirn durchgelesen und immer wieder verworfen wurden ? An niemand anders als die Vorestin-Mutter ! Die hohe Frau , von deren Güte und edler Hilfsbereitschaft jedes Kind wußte , hatte sich Ursel zur Protektorin ihrer Franzi ausersehen . Es schien ihr auf einmal so ganz natürlich ! Die Fürstin , die Landesmutter , die mußte verstehen , was ein armes , gutes und begabtes Kind zum Leben und zum Glück nötig hatte - ! Ein junger Prinz - nein , dem konnte man noch keinen Sinn dafür zutrauen . So schadete es weiter nicht , daß bei ihrem Märchenerlebnis die Geschichte mit den drei Wünschen gefehlt hatte . Sie wollte nicht mehr auf solchen wunderbaren Zufall hoffen , sie wollte mutig selbst einen Schritt tun , und wenn der liebe Gott ihn gut hieß und ihrer Freundin das gönnte , was sie sich so heiß wünschte , dann würde er auch Ursel als Werkzeug gelten lassen . Ursel , die Schüchterne , empfand auf einmal eine fast heldenhafte Verwegenheit ! - Aufsätze machen war ja in der Schule ihr Bestes . Mit der mündlichen Rede war es nicht glänzend bestellt ; sie hatte nicht immer die Geistesgegenwart , schnell zu sagen , was sie wußte ; es kam oft langsam und stockend über die Lippen . Aber wer sie kannte , traute doch ihrem gründlichen , sicheren Erfassen . Und schriftlich ging ja alles sehr gut , selbst Klassenaufsätze machten ihr niemals Schwierigkeiten . Die Briefform interessierte sie immer sehr , nur hatte sie gar keine Übung im Korrespondieren . Aber was hätte es auch genützt , wenn sie sich auf die , die sie geschrieben und gelesen , besann - Briefe an Fürstlichkeiten waren nicht darunter . Auch in ihren Büchern fand sie nichts , was paßte . Wie war die Anrede und wie die Adresse ? Ursel schien die Vorstellung höchst sonderbar , daß Briefe an hohe Herrschaften ganz einfach wie alle anderen durch die Post befördert wurden . Natürlich wurden sie das ! Aber dennoch , der Gedanke störte sie . Und wenn etwas an der Adresse falsch war , und er wurde nicht angenommen auf der Post - oder er ginge verloren - oder käme zurück ? Heimlich sagte ihr eine kleine Verstandesstimme in ihrem Inneren , daß dies alles nicht wahrscheinlich sei ; aber eine andere , eine kleine phantastische Stimme blieb dabei : Es muß anders gemacht werden , als auf diesem gewöhnlichen Wege ! Und allmählich , greifbar deutlich , tauchte die " Abendbank " in Herrenhausen vor ihr auf . Dorthin wollte sie selbst den Brief bringen und sich im Gebüsch verborgen halten , bis sie gesehen , daß er sein Ziel erreichte . - Vicky von Sontheim , die Tochter des Hofmarschalls , hatte erzählt , jeden schönen Abend kurz vor Sonnenuntergang säße die Fürstin auf der Bank : daran ändere sich selten etwas ; auch wenn Besuch im Schloß sei , würde es so gehalten . Also wenn der Brief nur erst fertig war , galt es , einmal allein nach Herrenhausen zu fahren und den Brief der Fürstin in die Hände zu spielen . Sprechen wollte sie ja nicht zu der hohen Frau . Sie hatte wohl schon gehört , daß sich Bittende auf die Parkwege geschlichen und die Wandelnde angesprochen hatten , aber nein , das wollte und konnte sie nicht ; sie wollte nur ihr eigener Bote sein . Und der Brief wurde fertig ! Ehe sie das zweite Dutzend ihrer Entwürfe begann , schien es ihr , als sagte der letzte wohl ungefähr das , was ihr Herz erfüllte . Er lautete : " Allergnädigste , vielgeliebte Frau Fürstin ! Zunächst bitte ich um Verzeihung , wenn etwas in der Form dieses Briefes , vielleicht schon in der Anrede , nicht richtig ist . Ich habe es nicht gelernt , an so hohe Personen zu schreiben , und kann niemand um Hilfe bitten , denn es handelt sich um ein Geheimnis . Ich weiß nur , Frau Fürstin sind » gnädig « über alles Maß , und » vielgeliebt « im ganzen Lande ! Darum wage ich es auch , mich zu nahen mit einem großen Wunsch , einer innigen und untertänigen Bitte ! Ich habe eine Freundin , ein liebes , hochbegabtes Mädchen , wie alle Menschen sagen , aber ganz arm . Ihre Eltern haben viel Unglück gehabt , der Vater ist früh gestorben , die Mutter arbeitet und schafft von früh bis spät , auch meine Freundin selbst tut tausendmal mehr , als andere Mädchen von sechzehn Jahren ahnen , daß man_es überhaupt tun kann . Sie heißt Franzi Trautmann und wohnt in der Schloßgärtnerei mit ihrer Mutter , die dem Gärtner den Haushalt führt . Franzi arbeitet in Haus und Garten , macht Handarbeit für Geld , und sonst noch vieles , aber - eigentlich möchte sie ganz etwas anderes ! Sie ist so sehr musikalisch , ihre Erzieherin und ihr jetziger Lehrer , der Herr Schloßorganist Fritze , sagen , sie habe ein großes Talent , sie müsse Künstlerin werden . Franzis Seele ist voll von diesem Wunsch , aber sie sagt immer : Es kann nichts daraus werden , ich habe ja kein Geld zum Studium . Wenn ich mir erst selbst alles dazu verdienen soll - dann wird es zu spät . Ich darf nicht daran denken . Sie denkt aber doch daran , ich weiß es , und ich kann auch nicht davon lassen . Ich habe Franzi lieb wie eine Schwester und meine Eltern sind ihr auch von Herzen gut , aber tun können sie sicherlich nicht viel für sie , weil sie selbst sechs Kinder haben . Und nun komme ich mit der untertänigen Bitte : Würden Frau Fürstin wohl die Gnade haben und für Franzi Trautmanns Ausbildung sorgen ? Sie würden viele Menschen damit glücklich machen und gewiß auch selber Freude daran haben . Alle sagen ja : Die Frau Vorestin-Mutter fördert alles Gute und Schöne im Lande ! Jeder , der es wirklich ernst meint mit einer Sache , darf zu ihr kommen und um Hilfe bitten . Darum habe ich mir auch ein Herz gefaßt ! Ich hatte den lieben Gott schon so viel gebeten , daß er mich erleuchten möchte , was ich für meine Freundin tun könnte . Da kam mir dieser Gedanke ! Und nun flehe ich zur Frau Fürstin : Lassen Sie mich nicht vergebens bitten . Erkundigen Sie sich wenigstens nach meiner Franzi , ob alles stimmt , was ich gesagt habe , und ob sie es wert ist , daß Frau Fürstin ihr helfen . Ich glaube es ! In tiefster Verehrung der Frau Fürstin dankbare Untertanin Ursula Dahland . " Sauber abgeschrieben lag er da , und Ursel saß mit gefalteten Händen davor . Wenn der liebe Gott es doch geben wollte , daß es gelang ! Wenn er doch nicht böse sein wollte , daß sie noch einmal zu Heimlichkeiten zurückkehrte ! Sie meinte es ja so gut , aber sprechen davon , das konnte sie nicht . Die Umstände waren Ursel in diesen Tagen günstig . Die Eltern hatten sich zum letzten Male mit Leutholds verabredet , deren Aufenthalt in Heckendorf zu Ende ging . Man wollte zum Jagdschloß Georgental fahren , diesmal aber ohne die Kleinen , da es voraussichtlich spät würde . Sie sollten unter Muschebergens Obhut zurückbleiben , und Ursel wurde freigestellt , ob sie mitfahren oder zurückbleiben wolle ; Franzi Trautmann könne man diesmal leider nicht auffordern , da die Partie zu Wagen gemacht würde , und der Platz beschränkt sei . Sofort entschied Ursel sich für Zurückbleiben , und zwar mit so zufriedener Miene , daß Papa neckend sagte : " Wer weiß , was ihr beiden vorhabt ! Schlagt mir nicht zu arg hinten aus , ihr Schwarzbraunen ! " Ursel machte ein so eigentümlich flehendes Gesicht dazu und küßte Papas Hand , daß dieser ihr gerührt übers Haar strich und meinte : " Nun , mir ist nicht bange , ihr wißt auch schon , daß nicht jedes Abenteuer mit einem Prinzen endet ! " " Nein , " dachte Ursel , " aber will es Gott - mit einer Fürstin ! " Nun war der stille Nachmittag da , das Haus unter Muschebergens Obhut , die Kleinen im besten Spiel - Ursel glaubte , von niemand vermißt zu werden . In einem Gefühl von feierlicher Verantwortlichkeit zog sie ihr weißes Kleid an , packte ihren Brief in einen Schutzumschlag und ging . Sie mußte mit dem Dampfschiff fahren , da eine Fußtour nach Herrenhausen zwei Stunden beanspruchte . Wenn sie jetzt nur nicht Bekannte traf , die sie fragten , wohin sie so allein gehe ? Aber nein , es glückte . Bald saß sie ganz für sich am Ende des Schiffs und überdachte zum hundertsten Male ihren Plan , sich selbst mit allen Mitteln in einen künstlichen Mut hineinsteigernd . Es konnte ja gar nicht schlimm sein , selbst wenn ihr jemand begegnete auf dem " Verbotenen Weg " - diese Warnung galt gewiß nur für Wanderburschen oder laute , lärmende Gesellschaften . Sollte man ein kleines unscheinbares Mädchen nicht ruhig den kurzen Weg passieren lassen , vielleicht auch denken , es habe etwas im Schloß zu tun ? Nur recht sicher sein , so tun , als sei man im Recht , redete sie sich selber vor ; sie wollte ja nichts Böses . Wie lang ihr die Fahrt doch vorkam so allein . Da war erst Heckendorf , ein paar Minuten Aufenthalt , dann ging es auf Rohrwerder zu . Auch hier kurze Station - dann wieder hinaus in den See , immer gerade auf das dichtbewaldete Ufer von Herrenhausen zu . Da hielt das Schiff . Durch den freundlichen Wirtsgarten ging Ursel recht schüchtern , aber sie sah wirklich nur fremde Gesichter . Dann schlug sie den Weg zum Walde ein . Sie war erst einmal hier gewesen , aber sie fand sich gleich wieder zurecht . Die breite Straße stieg sanft aufwärts und mit jedem Schritt wurde der Blick auf den See schöner . Wie fern lag nun die Stadt am Horizont , und wie allein war sie hier ! Neulich auf dem Rohrwerder war es eine reizende Einsamkeit zu zwei gewesen , heute wurde ihr fast bange . " Franzi , wenn du wüßtest ! " flüsterte sie vor sich hin , und dann ging sie tapfer weiter . Da stand der Weiser mit der Tafel " Verbotener Weg " , dort war der wunderhübsche schmale Fußsteig auf der Höhe am See entlang , - nur zehn Minuten weiter sollte die " Abendbank " stehen , so hatte Vicky es beschrieben . Aber noch war es zu früh , allzu lange durfte sie sich dort nicht aufhalten . So blieb sie vorläufig auf dem Hauptweg , fing an Blumen zu pflücken , faßte alle Augenblicke nach dem Brief in ihrer Tasche und setzte sich schließlich an einem hübschen Plätzchen am See ruhig hin und beobachtete die Sonne , wie sie tiefer und tiefer sank . Wenn der rotglühende Ball die Flut erreicht hatte , dann war Franzis Schicksal vielleicht schon entschieden ! - Doch nein , das war nicht möglich , aber der entscheidende Schritt , der ihrem Leben die Wendung geben konnte , der mußte dann getan sein ! - Manche Spaziergänger kamen vorüber , aber alle verloren sich in den Wald oder gingen der Landungsstelle zu ; auf den " Verbotenen Weg " begab sich niemand . " Ich allein wag ! " dachte Ursel und stand entschlossen auf . Mit festen , schnellen Schritten ging sie den Weg entlang und dann sah sie wirklich die Bank ! Es war eine ganz einfache , von weißrindigen Birkenstämmen gezimmerte Naturbank ohne irgend welch fürstliches Abzeichen . Probeweise legte Ursel den Brief auf den Sitz und ging ein Stückchen zurück , um zu beobachten , aus wie weiter Entfernung man ihn wohl schon bemerken würde . Er hob sich nicht sehr deutlich ab von den weißen Stämmen ; sie beschloß daher , einige grüne Zweige zu pflücken und darunter zu legen , auch ihren Strauß konnte sie dazu tun . Schnell nahm Ursula den Brief noch einmal an sich und wollte ihre Vorbereitungen treffen - sie sah ein paar Schritte zurück gerade ein paar schöne breite Farnkräuter - da hörte sie auf einmal leise Schritte und das Rauschen eines Frauenkleides . Sie sah sich um - von einer anderen Seite , als Ursel vermutet , trat eine Dame aus dem Walde und - Ursulas Herz schlug zum Zerspringen - es war die Fürstin ! Sie trug ein hellgraues Kleid und einen schwarzen Spitzenmantel darüber , den Hut hatte sie abgenommen und hielt ihn in der Hand . Ursel erkannte deutlich den leicht ergrauten Kopf und das unendlich gütige Gesicht , das dem roten Abendhimmel über dem See zugewandt war . Die hohe Frau sah das junge Mädchen noch nicht , Ursula hätte also noch verschwinden können . Aber nein , jetzt galt es ! Die Bank konnte sie nicht mehr erreichen , also trat sie leicht und schnell auf die Fürstin zu , verbeugte sich , so tief sie konnte , geriet ein wenig ins Straucheln und dadurch in eine buchstäblich kniende Stellung . Mit einem unendlich beredten Blick der sonst so schüchternen dunklen Augen hielt sie Brief und Strauß empor , ohne aber einen Laut hervorzubringen . Die Fürstin , im ersten Augenblick betroffen , schien dann gerührt von der Sprache dieses jungen Gesichts ; sie streckte die Hand aus und - Ursel fühlte ihren Brief nicht mehr ! Nun stand sie schnell wieder auf den Füßen , knickste kurz und flüchtig wie ein Kind und lief davon ! In ihrer Verwirrung aber nach der entgegengesetzten Seite , was sie nicht merkte , bis ihr eine zweite Dame entgegenkam , wahrscheinlich eine Begleitung der Fürstin , und mißbilligend sagte : " Es ist nicht erlaubt , hier zu gehen - auch haben Sie wohl die Richtung verfehlt ; wenn Sie zum Schiff wollen , müssen Sie umkehren . " Ursel stotterte Entschuldigung und Dank und wandte sich zurück . Da stand die Fürstin noch , knapp neben der Bank , dem See zugewandt , den noch unerbrochenen Brief in der Hand . Leise und unbemerkt schlich Ursel hinter ihrem Rücken vorbei und atmete erst auf , als sie die Warnungstafel schon winken sah . Da wagte sie es , sich noch einmal umzusehen . Die Fürstin stand noch da ; deutlich hob sich die hohe Gestalt vom Horizont ab , und jetzt - der rote Sonnenball berührte gerade die Flut - las sie den Brief ! " Lieber Gott , ich danke dir ! Nun hilf du weiter ! " betete Ursel inbrünstig . Dann ging sie , so schnell sie konnte , zum Landungsplatz zurück , und diesmal erreichte sie das Schiff rechtzeitig - es ging in zehn Minuten . Als sie sich einen Platz gesichert hatte und nun in Ruhe kam , schauerte sie leicht zusammen . War es das Nachzittern der großen Bewegung , oder war es kühl ? Auch letzteres vielleicht . Ursel sah sich nach ihrer Jacke um - ah , die hatte sie heute völlig vergessen . Es war ja auch so heiß gewesen am Nachmittag , wer konnte da an Abkühlung glauben . Mama hielt freilich darauf , daß etwas Warmes mitgenommen wurde , aber heute war es doch vergessen worden . Nun , es schadete wohl nichts ; es war im Augenblick sogar sehr wohltuend . Die Fürstin stand da und las den Brief . Noch immer sah Ursel das Schlösschen von Herrenhausen durch die Bäume schimmern , dachte sich genau die Stelle , wo die hohe Frau saß und Franzis Schicksal erwog . - Aber nun war alles Abendrot erloschen , und es wurde empfindlich kühl auf dem Wasser . Ein paar Schauer ließ Ursel sich noch über den Rücken laufen , dann meinte sie doch , es wäre wohl vernünftiger , in die Kajüte zu gehen . Sie wurde auch plötzlich so sonderbar müde und saß schließlich recht wohlig auf der roten Polsterbank und träumte vor sich hin . Zu Hause setzte sich gerade Muschebergen ihren großen schwarzen Kiephut auf und empfing sie : " Gott biwohre , Ursching , du kümmst jo gor nicht ahnt Hause ! Ich will all Wegahn , denn ich heww keinen Slätel , un will auch doch gieren weiten , das du wieder in wirst . " " O Musching , " sagte Ursula , " du brauchtest dich nicht meinetwegen aufzuhalten , ich finde schon allein zu Bett ! Du brauchst ja bloß die Kleinen zu hüten . " " Ja ja , ji ja , das seggst du wohl . Hest du denn auch was essen ? " " Ach so - nein , eigentlich bin ich hungrig . " " Das segg ich jo . Un was kolle Hänn ! Büste wohl up't Water Weste ? Man swinn tau Bett , ich bringe ' di 'n schlug Warm's un 'n Bodding , nicht so ? " Ach ja , Ursel fühlte , daß der Rat gut war . Sie zog sich schnell aus , freute sich auf ihr Bett und wollte dann immer noch Mal nachdenken über alles . Aber daraus wurde nicht mehr viel . Als Musching sie noch ein wenig " gerockt " hatte , wie die Alte das Pflegen nannte , aber nicht mit ihrem Appetit zufrieden gewesen war , schlief die junge Heldin sehr schnell ein . Freilich war es kein fester ruhiger Schlaf , mehr wie ein Träumen und halbes Wachen - einmal beugte sich jemand über ihr Bett , und sie dachte sich , es würde wohl Mama sein , aber ganz zur Besinnung kam sie nicht , es war nur wie eine Phantasie . 15. Kapitel . Die glückliche Franzi Am nächsten Morgen hatte Ursula heftige Halsschmerzen und etwas Fieber . Auch der Kopf tat sehr weh , Ursula war recht übel zu Mut . Wenn Mama nur nicht fragte , wo sie sich diese Erkältung geholt hatte ! Aber Mama war nur liebevoll um sie bemüht , scheuchte ihre kleinen anspruchsvollen Trabanten hinaus und meinte : " Das kommt so leicht in diesen heißen Tagen , da sieht man sich nicht vor und kühlt sich unvorsichtig ab . " Ursel streichelte dankbar Mamas Hand und dachte : " Wie lieb , daß du nicht fragst ! " Als der Arzt kam , erklärte er es für Mandelentzündung ohne bedenkliche Nebenerscheinungen , doch sollte Ursel natürlich liegen bleiben und für ein paar Tage möglichst abgesperrt sein . Auch Franzi durfte nicht herein , als sie am Nachmittag kam , da ihr noch nicht völlig geheilter Finger ihr etwas mehr freie Zeit zum Ausgehen ließ . Nun schrieben sie sich Briefe ! Ursel nur sehr kurze Zettelchen mit Bleistift , aber Franzi wußte merkwürdig viel zu erzählen . Sie kritzelte es mit der linken Hand , aber dennoch war es so lebendig , daß man sie sprechen zu hören meinte . Da stand , daß Herr Fritze doch wieder auf seine unausführbaren Pläne zurückgekommen sei , und Ursels Herz schlug hörbar . " Du weißt ja nicht , Franzi , ob sie noch unausführbar sind ! " Dann von Franzis Arbeiten , die sie mit der linken Hand zu verrichten trachtete , von ihrem komischen Ungeschick dabei , und endlich stand da auch einmal : " Heute ist Wilhelm angekommen . Mutter ist zu glücklich ! " An diesem Tage war Ursel aufgestanden , aber sie konnte sich noch nicht recht lange aufrecht halten , und Mama fand sie gegen Abend wieder fiebernd . Sie wunderte sich eigentlich darüber , denn so heftig war die Halsentzündung nicht gewesen ; sie hatte schon viel schlimmere mit ihren Kindern durchgemacht . Und Ursel neigte auch sonst nicht zu Fieber . Diesmal fühlte sie aber selbst ihre Erregung . Sie war eigentlich in einem beständigen Horchen und Nachdertürschauen . Mußte nicht irgend eine Botschaft kommen ? Oder ging das nicht so schnell ? Ach , die Ungewißheit , die Erwartung , das Geheimnis !! Da kam eines Tages Franzi angestürzt , und sie war nicht zu halten , sie mußte zu Ursel hinein . Die Rätin erlaubte es zögernd und ging gleich hinterdrein . Da sah sie schon in der Tür , wie die beiden Mädchen , die man acht Tage lang ängstlich auseinander gehalten hatte , sich fest umschlungen hielten und weinten und lachten . Und dann kam von der sonst so verständigen Franzi ein Bericht , so kunterbunt , so glückberauscht ! Von einem Brief , einem fürstlichen Wagen mit einer Hofdame , und von einer in Aussicht gestellten Audienz bei der Vorestin-Mutter . Und der alte Schloßorganist sollte zeugen für Franzis musikalische Begabung - vielleicht gar der Hofkapellmeister - und dann , dann - würde Franzi aufs Konservatorium kommen ! " Und alles , alles hat Ursel angestiftet , die gute ängstliche und doch so tapfere Ursel , die immer für Heldentaten geschwärmt und nun selbst eine Heldin geworden ist . Denn wie muß wohl der Brief gewesen sein , wie gut und klug und lieb geschrieben , daß die edle Fürstin gleich darauf einging ! " Dies alles sprudelte die überglückliche Franzi heraus , während Ursula still weinte und die Arme nach Mama ausstreckte . Auch diese war tief bewegt , und als Franzi einmal aufatmend eine Pause machte , mußte Ursula erzählen . Dieser Bericht kam ein wenig stockender , aber doch war er so anschaulich , so warm belebt , daß Mama und Franzi den roten Sonnenball zu sehen glaubten , der in dem Augenblick das Wasser berührt hatte , als die Fürstin den Brief erbrach . " Also daher die Halsentzündung , " sagte Mama liebevoll , " du bist erhitzt aufs Wasser gekommen und in der kühlen Abendluft heimgefahren . " " Ich saß aber in der Kajüte , " verteidigte sich Ursel leise , und Franzi rief wieder erregt : " Und nicht Mal anstecken lassen durfte ich mich von ihr , die alles das für mich getan hat ! " Da lachte Ursel hellauf und meinte : " Das hätte auch noch gefehlt , dein Finger ist schon schlimm genug . Und nun darfst du erst recht nicht mehr krank werden ; denke nur , wenn die Fürstin dich nun befiehlt ! " " Du mußt mit ! " rief Franzi energisch , " allein gehe ich nicht ! " " Auf keinen Fall komme ich mit . Was würde die Fürstin sagen ? Ich habe nichts mehr dabei zu tun , » der Mohr kann gehen ! « " " O du süßer Mohr , färbst du auch ab ? " rief Franzi , die Freundin wieder zärtlich umhalsend , " Frau Rätin , kann sie wirklich nicht mitgehen ? " " Ich glaube nicht , mein Kind ; du wirst wohl eine genaue Vorschrift bekommen . " " Aber sprechen werde ich von Ursel , nur von Ursel ! " " Sprechen wirst du , was du gefragst wirst ! " rief Ursel übermütig , und Mama schloß lachend : " So wird_es wohl kommen ! " Als Ursula zum ersten Male wieder nach der Schloßgärtnerei ging , hatte die Audienz in Herrenhausen schon stattgefunden . Franzi war eben zurückgekommen , hatte zur Feier des Tages zum ersten Male eine weiße Bluse zu ihrem schwarzen Rock an und befand sich in hochgradiger Erregung . Sie stand mit ihrem Bruder vor der Tür und sah nach Ursel aus , darauf brennend , ihr alles zu erzählen . Sie hatte der Fürstin vorgespielt im Beisein des Hofkapellmeisters . Dieser hatte noch eine förmliche kleine Prüfung mit ihr vorgenommen und dann war es entschieden ! Die Fürstin übernahm die Sorge für die Ausbildung des jungen Mädchens , vorläufig auf drei Jahre . Ein Berliner Konservatorium war ausgewählt worden und der erste Oktober zum Eintritt bestimmt . Franzis sonnigster Traum war erfüllt ! Die Fürstin hatte sich dann noch allein mit Franzi unterhalten , sich von ihrer Kindheit und ihren Eltern genau erzählen lassen , und dann war auch Franzis Wunsch erfüllt worden : sie hatte von der geliebten Freundin sprechen dürfen , " was die hohe Frau wirklich , aber wirklich furchtbar zu interessieren schien , " schloß Franzi überzeugt . " Sie erinnerte sich deiner überhaupt genau , sprach von deinem lieben ernsthaften Gesichtchen und meinte : » Schwarzbraun sind Sie ja beide , aber sonst , glaube ich , ein paar recht verschiedene Köpfchen ! « Denke , ist es nicht reizend ? Auch die Fürstin nennt uns die beiden Schwarzbraunen ! " " Und wer hat diese Bezeichnung zuerst aufgebracht ? " rief triumphierend Axel , der zur Feier des Tages auch mitgekommen war . " Ich ! " Franzi lachte . " Wenn Sie darauf stolz sein wollen - ich kann es nicht leugnen , daß ich diesen unseren Titel sehr gern höre ! Wilhelm , könntest du auch wohl auf so was Nettes verfallen ? Ich glaube nicht . Du guckst zu viel in die Bücher und nicht genug ins Leben ! " schloß sie pathetisch . " Soll das etwa heißen , daß ich nicht genug studiere ? " fragte Axel . " O Fräulein Franzi , wenn Sie wüßten ! Geben Sie acht , Michaelis kommt alles an den Tag ! " " Aber ich zweifle ja gar nicht an Ihnen , ich sagte das ohne Vergleich ! " " Du kannst dich auch meiner zu heftigen Studienwut wegen beruhigen , " sagte jetzt Wilhelm Trautmann mit hübschem Lachen . " Ich habe heute drüben im großen Garten entschieden mehr Stachelbeeren gegessen , als studiert . " " Bravo ! " rief Franzi , " Herr Bauer hat dir auch wohl erlaubt , dich durchzuessen , wie_es die Konditoren und die Bäcker mit den kleinen Lehrbuben machen , damit sie bald der Semmeln und Kuchen überdrüssig werden . " " Aber dein Bruder ist doch kein Gärtnerlehrling , " sagte Ursula lächelnd , denn der Gedanke kam ihr wirklich spaßhaft vor gegenüber Wilhelm Trautmann , der schon völlig das Aussehen eines jungen Gelehrten hatte , und bei allem bescheidenen Auftreten ihr doch heimlich imponierte . Jetzt griff er ihre Bemerkung lebhaft auf . " Gottlob , nein , Fräulein Dahland ; Sie wissen aber vielleicht , daß ich nahe daran war , es werden zu sollen ? Hätte ich meine Mutter nicht , eine solche Mutter ! " Sein Gesicht verklärte sich wunderbar , und als Frau Trautmann in diesem Augenblick aus dem Hause trat , ließ er die junge Gesellschaft stehen und ging zu der Frau im schlichten schwarzen Kleide mit der groben Arbeitsschürze , mit dem Leiddurchfurchen , doch heute so glücklichen Gesicht . " Noch immer in Arbeit , Mutterchen , oder kann ich ein wenig mit dir gehen ? " " Begleite mich einen Augenblick nach dem Trockenplatz , wenn du magst . Es ist nicht mehr viel zu tun . " " Mutter , es ist zu viel ! Ich sehe dich unausgesetzt beschäftigt - " " Es geht nicht immer wie gestern und heute zu , lieber Sohn ; die große Wäsche macht natürlich mehr Arbeit , als ich an anderen Tagen habe . " " Aber doch ! Ich sehe dich zum ersten Male in dieser Stellung , dieser Tätigkeit für Fremde , und es macht mir das Herz schwer . " " Warum nicht gar ! Arbeit ist ein Glück . " " Aber - das » Zuviel « geschieht meinetwegen ! Ich las heute Verse über eine Mutter , die mich sehr ergriffen ; laß mich sie dir sagen ! " Der zwanzigjährige schlanke Sohn mit dem dunkelblonden Kopf und den tiefliegenden blauen Augen legte zärtlich seinen Arm um die gebeugten Schultern der Mutter und sprach : " Ihr Sohn studiert . - Und bei der Arbeit ringt Sie unermüdlich und gibt tropfenweise Ihr Leben hin bei Mühe und Schweiß , Indem sie selbst sich stumm zum Opfer bringt . Und gibt ihr Alter jetzt so freudig hin Wie einstmals ihre schöne Jugendzeit , Gesundheit und die Süßigkeit Der Ruhe auch , die heilige Dulderin ! Allein ihr Sohn studiert ! " Still hörte die Mutter zu , dann sagte sie einfach : " Keine Verherrlichung des Natürlichen , mein Sohn ; ich mag es nicht . Was soll ich anders tun , als für meine Kinder sorgen ? Und denke doch , das eine ist mir mit heute beinahe abgenommen ! Welch eine Güte von Gott ! " " Bleibt immer noch der Sohn ! " " Der alles lohnen wird . Laß mich bei meiner Überzeugung , Kind . - Und nun gehe zur Jugend zurück , euch gehört heute der Tag . Selbst Herr Bauer ist heute nicht grämlich , sondern beinahe zu Festen aufgelegt ! Fürstengunst zieht ihre Kreise weit ! " schloß sie scherzend . Wilhelm kehrte langsam zu dem Platz unter der Linde zurück , gerade als die drei anderen vorschlugen , einen Gang um den " Stillen See " zu machen . " Ich kann ja heute mitgehen , " rief Franzi mit einem kleinen Luftsprung , " ledig aller Pflicht ! " So zogen sie , einträchtig , heiter , in lebhaftem Gespräch oder still nachdenklich , wie es kam , um die Ufer dieses lieblichsten der vielen Seen in der Umgebung von Wendenburg . " Du , Franzi , " sagte Wilhelm am Abend , als die Dahlandschen Geschwister sich verabschiedet hatten , " von deiner Freundin hatte ich mir ein anderes Bild gemacht . " " Wieso denn ? Gefällt sie dir nicht ? " Wilhelm lächelte . " Das glaubst du ja selbst nicht . Aber ich dachte ein energisches , selbstsicheres Mädchen zu finden nach deinen Beschreibungen von ihrer » Tat « , und nun ist es eine solche kleine Sanfte , Einfache ! " Franzi sah ihren Bruder nachdenklich an . " Aber du kannst glauben , Wilhelm : sie hat Kraft in ihrer schüchternen Seele ! " Inzwischen sagte Axel zu Ursula : " Ich habe Trautmann aufgefordert , bei uns Besuch zu machen . Ich denke , den Eltern wird es recht sein . Er ist ein netter Mensch . " " Gewiß ! " erwiderte Ursel ; aber sie war zerstreut und horchte kaum auf ihres Bruders Pläne , was man nun alles unternehmen könnte zu Wasser und zu Land , da ja die Franzi nun nicht mehr so arg im " Frondienst " zu stehen brauche , sondern wahrscheinlich ihre Hände schonen müsse . Da lächelte Ursel träumerisch glücklich und dachte dankbar , daß es ihr vergönnt gewesen war , diese lieben Hände einem anderen , so heiß ersehnten Ziele zuzuführen , dem Lande der Kunst . 16. Kapitel . Wilhelm Im zweiten Giebelstübchen der Schloßgärtnerei , seiner Schwester gegenüber , hauste nun also Wilhelm , der junge Student . An das kleine Fenster war ein alter , etwas wackeliger , aber großer und frischgescheuerter Tisch gestellt , und an diesem saß Wilhelm und studierte und schrieb . Prächtig war die Aussicht von diesem bescheidenen Raum aus , über See und Wiese hinweg , bis zu dem stolzen Fürstenschloß . Immer wieder schweiften die Augen des Studenten zu dem köstlichen Bauwerk hin , während er das Gelesene sinnend in sich erwog . Er hatte sich gestern aus der Bibliothek ein großes Werk über die Geschichte des Landes geholt , in dem er jetzt zum ersten Male heimisch wurde , und vertiefte sich gerade in die Entstehung und die ferneren Schicksale des wundervollen Schlosses . Wilhelm war eine sehr gründliche Natur . Nicht so schnell erfassend , so hell begeistert wie Franzi , aber ebenso wie sie von einer großen Wahrhaftigkeit der Empfindung und dann treu bis zur Zähigkeit . Jetzt hatte die alte Stadt Wendenburg mit ihrer herrlichen Lage zwischen Wäldern und Seen es ihm angetan ; nun ruhte er nicht , bis er sich genau über ihre Geschichte , ihre Grund- und Bodenverhältnisse und die Lebensbedingungen ihrer Bewohner unterrichtet hatte . Da genügte ihm nicht das große Buch , da mußte auch Herr Bauer heran und seiner Wißbegierde zu Hilfe kommen . Und dieser wußte auch nicht übel Bescheid , und manche angeregten Gespräche hatten sich schon zwischen den beiden entsponnen . Heute nachmittag studierte Wilhelm den Dom , als es klopfte und Axel Dahland bei ihm eintrat . " Herzlich willkommen , " rief er froh , " das ist nett von Ihnen , daß Sie mich so bald aufsuchen . Darf ich Ihnen diesen ehrwürdigen Lehnstuhl anbieten ? Über ein Sofa verfüge ich leider nicht . " Sie machten es sich gemütlich , so gut es ging , und dann fragte Axel : " Sie studieren schon wieder ? Hören Sie Mal , Sie müssen doch auch Mal faulenzen ! " " O dies ist auch nur Liebhaberei , kein Fachstudium . Landesgeschichte . " " Aha , dies Werk kenne ich auch zum Teil - aber sonst bin ich ja weniger für das » Land « als für das » Wasser « . " " Ja , ich habe schon davon gehört , daß Sie zur Marine gehen wollen . " " Wollen ! Ach , so weit sind wir noch nicht ; meine Eltern sind noch nicht einverstanden . Aber woher wissen Sie - ? " " Meine Schwester sagte es . " " So ! Die kluge Franzi merkt alles ! Ich habe doch gar nicht direkt mit ihr darüber gesprochen ? " " Ja , Sie haben recht ; meine Schwester merkt schnell manches den Menschen ab . Sie sagte einfach : Axel Dahland muß zur See ! Für den ist das Wasser geradeso ein Lebenselement , wie für mich die Musik . " " Da hat sie recht , " rief Axel strahlend , " und Sie , Trautmann , was ist Ihr eigentliches Element ? " " Deutschtum ! Deutsche Geschichte , deutsche Sprache und deutsche Kunst . " " Alle Achtung ! " " Natürlich muß ich als Philologe auch fremden Sprachen mich besonders widmen , aber mit dem Herzen wurzle ich ganz in dem , was » Vaterland « heißt . " " Also » Germanist « im schönsten Sinne des Worts . " " Wenn Sie es so nennen wollen - " " Natürlich , jedes Ding muß einen Namen haben , " meinte Axel munter . " Aber nun sagen Sie mir doch - sind Sie auch ebenso ehrlich begeistert für das , was Sie als Philologe später leisten müssen ? " " Ja , ganz ehrlich ! " " Ist_es möglich ! Denken Sie sich das nett , eine Horde von bösen Buben in allen » sieben freien Künsten « zu unterrichten ? " " Mehr als nett , lieber Dahland , " sagte Wilhelm lächelnd , " ich wünsche mir nichts anderes . " " Na , gut , daß der Geschmack verschieden ist ! Wenn_es von mir abhinge , würde das junge Deutschland in der nächsten Generation sehr ungelehrt ausfallen ! Pots Blitz ! Ich weiß noch zu gut , was wir die Lehrer geplagt haben , ehe wir allmählich zur Vernunft kamen . Selbst in Prima ist es nicht ohne ! - Sie lachen ? Hören Sie , Trautmann , ich will nicht hoffen , daß Sie immer ein Musterknabe waren ? " Wilhelm lächelte etwas ernst und sagte dann : " Wenn Sie den » Duckmäuser « damit meinen , nein , das war und bin ich wohl nicht , aber - ernst habe ich die Schule immer nehmen müssen ; das können Sie mir glauben , lieber Axel . " " O ich weiß , ich glaube es gern , " fiel dieser schnell ein , und sein hübsches , offenes Gesicht rötete sich leicht , " ich habe durch meine Schwester manches gehört aus Ihrer Familie , Ihrem Leben . Wahrhaftig , Sie haben_es alle nicht leicht ! Und sind so tapfer ! " " Dem Mutigen hilft Gott , " sagte Wilhelm freudig , " davon haben wir immer neue Beweise . " Axel nickte und kam dann noch einmal auf Wilhelms Studien und Pläne zurück , und Wilhelm äußerte sich lebhaft über seine Neigungen und Interessen . " Mit dem Lehren allein ist es ja nicht getan , " erwiderte Wilhelm , " der ganze Verkehr mit der Jugend zieht mich an , all der Einfluß , den man üben , all das schöne Werden und Wachsen , das man beobachten kann ! Ich hatte einen solchen prächtigen alten Lehrer , ehe ich aufs Gymnasium kam . Der Lehrer in Wehrburg , der mich mit seinen jüngeren Söhnen unterrichtete , während die ältesten auf der Universität waren , der Verstands ! Der hatte Weisheit und Humor , und das , glauben Sie mir , gibt eine gute Methode ! " Immer interessierter hörte Axel zu ; Wilhelm Trautmann , dessen ernstes , stilles Gesicht und angenehmes Wesen ihm wohl gleich anfangs gefallen , wurde ihm doch jetzt ein ganz anderer ! Die unscheinbaren Züge belebten sich , die tiefliegenden Augen bekamen hellen Glanz und der Mund , den schon ein dunkelblonder Bartflaum schmückte , lächelte so froh , wie die Erinnerungen an die Schulzeit im alten Schulhause droben in Wehrburg lebendig aufstiegen . " Was haben wir geschwärmt und gewütet , für und wider unsere Helden , die unser Alter uns so leibhaftig vorführte ! Was haben wir geleistet an eigenen Darstellungen , von Homer bis auf Schiller , bei denen wieder unser alter Lehrer das Hauptpublikum bildete und uns durch echte Tränen auszeichnete , die er ebensowohl vor Rührung als vor Lachen vergießen konnte . " " Es ist ein Jammer , " rief jetzt Axel aufspringend , " daß die Mädchen derlei nicht hören können ! Meine Schwester Ursel wäre Feuer und Flamme - - Sie lächeln ? Glauben Sie , daß sie das nicht sein kann ? Oho , stille Wasser sind tief , und bei Ursel fängt mit » Schiller « die Begeisterung an . " " Ich glaube es gern . " " Nein , das können Sie sich doch nicht so denken ! - Früher habe ich mich fast krank gelacht , wenn ich sie manchmal in heimlichen Ecken deklamieren hörte , aber jetzt - na , man kommt ja allmählich zu Verstand und nimmt dann auch diese Backfische etwas ernster - " " Wollte_es Ihnen raten , Dahland , " drohte Wilhelm scherzhaft . " Na ja , Ihre Schwester Franzi ist überhaupt schon eine junge Dame ! Ich dachte dabei mehr an Ursel . Das kleine , scheue Ding kam mir so possierlich vor , wenn sie deklamierte : Eilende Wolken , Segler der Lüfte ! Wer mit euch wanderte , wer mit euch schiffte ! Sie können sich das Pathos gar nicht vorstellen : als wäre sie selbst eine gefangene Königin ! " " Aber Sie sollten sie nicht necken , Axel . Solche Mädchen , wie Ihre Schwester , haben oft sehr zarte Seelen , die wirklich in einer Art von Gefangenschaft leben , weil sie zu scheu sind , sich zu äußeren , und daher leicht verkannt werden . " Axel sah den ernsthaften jungen Freund erstaunt an . " Da können Sie wohl recht haben , " sagte er dann , " ich habe dem kleinen Ding oft Unrecht getan , es geradezu gequält ; aber jetzt ist das alles anders , glauben Sie mir_es ! Und daran ist viel Ihre Schwester Franzi schuld ! Ja , ja , ganz gewiß ! Dies frische , offene Mädel hat solchen Einfluß auf unsere kleine Stille geübt , daß sie gar nicht wieder zu kennen ist . " " So tun sie sich also gegenseitig ein Gutes ; denn auch meine Schwester ist hochbeglückt durch diese Freundschaft und hat alle Ursache dazu . " " Um nun noch einmal auf die Literatur zu kommen , " fing Axel jetzt wieder an , " so war es Ursels sehnlicher Wunsch , bei mir Verständnis für ihre Neigungen zu finden , und ich war so grob , ihr darin jedes Entgegenkommen abzuschlagen . " " O , aber warum , Sie Barbar ? " " Ja , wirklich , Barbar ! Wenigstens äußerlich . Ich unterschätze Schiller keineswegs , aber Goethe geht mir doch darüber . " " Also so weit sind Sie schon . Die Periode der » Räuber « überwunden ? " " Ach , überwinden will ich sie gar nicht ! Wissen Sie , da steckt doch was drin , was einem immer noch durch Mark und Bein geht . Sie sollten das Stück Mal hier in unserem Hoftheater aufgeführt sehen ! " " Das glaube ' ich wohl , daß das ein Genuß ist . Ich komme leider fast nie ins Theater . Nun , Goethe kann man lesen und hat genug ! " " Wilhelm - Wilhelm ! " tönte jetzt unter dem Giebelfenster Franzis helle Stimme , " wo steckst du denn den ganzen Nachmittag ? Du studierst dich ja wohl stumm und dumm ? " " Im Gegenteil , " entgegnete Wilhelm heiter , " ich studiere gar nicht ; ich habe Besuch , und mit dem zusammen wird man nicht stumm und dumm ! " Jetzt tauchte auch Axels blonder Kopf hinter Wilhelm an dem kleinen Fenster auf , und fröhliche Begrüßungsworte flogen hin und her . Ursel war auch da . Die Mädchen hatten große Schürzen um und waren eifrig beim " Pflücken " beschäftigt gewesen ; nun sollten sie Erbsen ausschoten und Johannisbeeren abstreifen , da suchten sie sich Gesellschaft zu dieser " seßhaften Tätigkeit " , wie Franzi sagte . Die beiden jungen Leute stiegen dann auch in den Garten hinab , und in einer lauschigen stillen Ecke , unter einem großen alten Nussbaum setzten sie sich um den grünen Gartentisch . " Wenn du wüßtest , Ursel , " fing Axel darauf pfiffig an , " was wir eben alles geredet haben ! Du wärst paff vor Begeisterung ! " " Was kann das sein ? " meinte Franzi neugierig , während Ursel mit großen Augen fragend aufblickte , bis Wilhelm einfiel : " Sie interessieren sich so sehr für Literatur , Fräulein Ursula , nicht wahr ? " " O - wer sagt das ? " stotterte sie errötend . " Ich ! " rief Axel lachend und kniff sie brüderlich ins Ohr . " Aber Axel ! Wie kommst du darauf , so was zu erzählen ! " " Sehen Sie , Trautmann , " triumphierte Axel , " jetzt möchte sie es leugnen vor Verlegenheit ! " " Aber Axel , Sie sind grausam , " entrüstete sich Franzi , " natürlich mag Ursel nicht damit geneckt werden , wenn sie für Schiller oder Goethe schwärmt . " " Ich habe auch gar nicht die Absicht , sie zu necken . " " Na , das ist Ihr Glück ! " drohte sie , " wirklich Wilhelm , du glaubst nicht , was Ursel alles auswendig weiß ! " " Ach Franzi , nicht , laß doch ! " wehrte Ursel purpurrot . Aber Franzi kehrte sich nicht daran und fuhr fort : " Sie hat mich auch schon angesteckt damit ; ich habe ja nicht Zeit zum Auswendiglernen , aber wir lesen jetzt » Iphigenie « . Fein , nicht , Urselchen ? " " Das könnten wir ja Mal mit verteilten Rollen machen , " schlug Wilhelm vor und fand Anklang . Für heute ging es freilich nicht mehr , weil die Mädchen zu tun hatten , aber am nächsten freien Nachmittag sollte es stattfinden . " Aber heute könnten wir etwas deklamieren ! " rief Franzi . " Wilhelm , du kannst es so schön , und ich hörte es lange nicht . " Wilhelm trat vor und begann zu deklamieren . " Ja , ja , " rief auch Axel , " eine improvisierte Vorstellung ! Dort der Platz zwischen den Taxusbüschen sei die Bühne ! Die verschnittenen Hecken bilden die schönsten Kulissen ! " " Genau wie in Weimar , " sagte Wilhelm , " ein grünes Naturtheater wie im Park zu Belvedere ! " " O , erzählen Sie , " rief Ursel lebhaft , " waren Sie in Weimar ? " " Ach nein , ich kenne sie ja nur aus Büchern und Bildern , jene schöne Welt . " " Aber Sie werden sie noch kennen lernen , " sagte Ursel mit zuversichtlichem Kopfnicken , und dann wie von selbst , ohne bewußtes Wollen , sprach sie die Goetheschen Worte : " Wohl ist sie schön , die Welt , In ihrer Weite bewegt sich so viel Gutes hin und her - " Da klatschte Franzi in die Hände und Ursel erschrak nachträglich über ihre Kühnheit . Aber der Anfang zu den eben geplanten literarischen Vorführungen war damit gemacht ; nun wurde nicht nachgelassen - jeder sollte etwas Schönes sagen . " Ich weiß aber nichts , so aus der Pistole geschossen , " wehrte sich Axel , " ich muß wenigstens erst maikäfern , soll heißen : mich vorbereiten ! " und er setzte sich gedankenvoll neben die beiden Freundinnen . Wilhelm aber trat rasch entschlossen vor die grüne Wand , verbeugte sich vor seinen Zuhörerinnen und begann , hauptsächlich seine Schwester ansehend , das Goethesche Gedicht : " An Lottchen . Mitten im Getümmel mancher Freuden , Mancher Sorgen , mancher Herzensnot , Denke ich dein , o Lottchen , denken dein die Beiden , Wie beim stillen Abendrot Du die Hand uns freundlich reichtest , Da du uns auf reich bebauter Flur , In dem Schoße herrlicher Natur Manche leicht verhüllte Spur Einer lieben Seele zeigtest . Wohl ist mir_es , daß ich dich nicht verkannt , Daß ich gleich dich in der ersten Stunde Ganz den Herzensausdruck in dem Munde Dich ein wahres gutes Kind genannt . Still und eng und ruhig auferzogen , Wirft man uns auf einmal in die Welt ; Uns umspülen hunderttausend Wogen , Alles reizt uns , mancherlei gefällt . Mancherlei verdrießt uns , und von Stunde zu Stunden Schwankt das leichtunruhige Gefühl ; Wir empfinden , und was wir empfunden , Spült hinweg das bunte Weltgewühl . Wohl , ich weiß es , da durchschleicht uns innen Manche Hoffnung , mancher Schmerz . Lottchen , wer kennt unsere Sinnen , Lottchen , wer kennt unser Herz ? Ach , es möchte gern gekannt sein , überfließen In das Mitempfinden einer Kreatur , Und vertrauend zwiefach neu genießen Alles Leid und Freude der Natur . " Hier mußte Wilhelm sich unterbrechen , denn die beiden Freundinnen konnten einen kleinen Jubellaut nicht unterdrücken . Die fleißigen Hände ruhten längst . Die Freundinnen hatten sich verstohlen angesehen und einander zugenickt ; jetzt saßen sie mit verschlungenen Armen , bis Wilhelm schloß : " So fand ich dich und ging dir frei entgegen . » O sie ist wert , zu sein geliebt ! « Rief ich , erflehte dir des Himmels reinsten Segen , Den er dir nun in deiner Freundin gibt . " " Er meint dich , er meint dich ! " rief Franzi begeistert und drückte Ursels Hand ; diese aber fiel ein : " Er kann ebensogut dich meinen ! ja , er muß es ! " " Wir wollen nicht darüber streiten , " sagte Wilhelm , " ich glaube , jede von Ihnen fand in der anderen etwas Gutes , jede fand das andere Ich . " " Ja , ja , " klang es wieder wie aus einem Munde , " und wie er uns kennt , " flüsterte Ursel bewundernd . " Und welch herrliches Gedicht ! Ich kannte es nicht . " " Nun ist es aber genug , " ließ sich Axel scheinbar unwirsch vernehmen , " nun sind andere Leute wohl gänzlich ausgestochen , gänzlich zu Schatten geworden ! Und ich , der ich Ihnen zu dieser Glanzrolle verholfen , Trautmann - " Alle drei brachen in fröhliches Lachen aus , und dann rief Franzi : " Rächen Sie sich ! Kriegen Sie ihn unter mit einer neuen Deklamation ! Auch möglichst etwas , das wir nicht kennen ! " Axel murrte noch etwas Unverständliches , dann sprang er auf und begann : " Seefahrt . Lange Tage und Nächte stand mein Schiff befrachtet ; Günstiger Winde harrend , saß mit treuen Freunden , Mir Geduld und guten Mut erzechend , Ich im Hafen . Und sie waren doppelt ungeduldig : Gerne gönnen wir die schnellste Reise , Gern die hohe Fahrt dir ; Güterfülle Wartet drüben in den Welten deiner , Wird Rückkehrendem in unseren Armen Liebe ' und Preis dir . Und am frühen Morgen wurde es Getümmel , Und dem Schlaf entjauchzt uns der Matrose . Alles wimmelt , alles lebet , webet , Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen . Und die Segel blühen in dem Hause , Und die Sonne lockt mit Feuerliebe , Ziehen die Segel , ziehen die hohen Wolken , Jauchzen an dem Ufer alle Freunde Hoffnungslieder nach , im Freudtaumel Reisefreuden wähnend , wie des Einschiffmorgens , Wie der ersten hohen Sternennächte . Aber gottgesandte Wechselwinde treiben Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab , Und er scheint sich ihnen hinzugeben , Strebet leise sie zu überlisten , Treue dem Zweck auch auf dem schiefen Wege . Aber aus der dumpfen grauen Ferne Kündet leisewandelnd sich der Sturm an , Drückt die Vögel nieder aufs Gewässer , Drückt der Menschen schwellend Herz danieder ; Und er kommt . Vor seinem starren Wüten Streckt der Schiffer klug die Segel nieder ; Mit dem angsterfüllten Balle spielen Wind und Wellen . Und an jenem Ufer drüben stehen Freund ' und Lieben , beben auf dem Festen : Ach , warum ist er nicht hier geblieben ! Ach , der Sturm ! Verschlagen weg vom Glücke ! Soll der Gute so zu Grunde gehen ? Ach , er sollte , ach , er könnte ! Götter ! Doch er steht männlich an dem Steuer ; Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen , Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen : Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe Und vertrauet , scheiternd oder landend , Seinen Göttern . " Axel sprang von seinem Baumstumpf herab und verbeugte sich . Franzi , mit blitzenden Augen , rief : " Prachtvoll ! Man sieht Sie am Steuer stehen , Axel , und mit den Elementen ringen ! Ich - o , ich begreife Ihre Lust , zur See zu gehen ! " " Man sieht aber auch den » angsterfüllten Ball « , mit dem » Wind und Wellen spielen « , " klagte Ursel , " und ich weiß , wie oft wir denken werden : » Ach , warum ist er nicht hier geblieben ? « " Jetzt sah auch Franzi nachdenklich aus , aber dann meinte sie mit leisem Kopfschütteln : " Es wird doch alles nicht helfen ! Axel ist ein Seefahrer , er kann nicht am friedlichen Strand bleiben . " " Aber er wird heimkommen , " rief Axel froh , " und wohl ihm , wenn dann » auf dem Festen « » Freund und Lieben « ihn erwarten , nicht » bebend « , sondern vertrauend ! " " Wir werden heroisch , " bemerkte Wilhelm , und Ursel fiel wieder bedenklich ein : " Ach , ich denke nur an Mama ; sie wird schrecklich leiden , wenn du es durchsetzest , zur See zu gehen , Axel . " " Aber sie würde noch mehr leiden , wenn sie den Sohn in einem ungeliebten Beruf sähe , " meinte Wilhelm , " das ist doch die Art der Mütter ; das wissen wir von der unsrigen , nicht , Franzi ? " " Ja , und etwas Sorge würde sie auf alle Fälle um diesen Sohn haben , " rief Franzi lebhaft , " ich kann mir nicht denken , daß Sie sich glatt und gefahrlos durch das Leben schlagen ! " " Ich auch nicht ! " rief Axel feurig . Ursel aber sagte hastig : " Jetzt komme ich ans Deklamieren . Auf die Bühne aber steige ich nicht ; es geht auch im Sitzen . " " Aber die Erbsen müssen fort , " meinte Franzi und machte ihr die Hände frei , und als das eben mutig erglühende Gesichtchen schon wieder schüchtern wurde , raunte Axel ihr lachend zu : " Jetzt schnell , ehe die Brandung wiederkehrt ! " Da lächelte sie und begann : " Denken die Himmlischen Einem der Erdgeborenen Viele Verwirrungen zu , Und bereiten sie ihm Von der Freude zu Schmerzen Und von Schmerzen zur Freude Tieferschütternden Übergang : Dann erziehen sie ihm In der Nähe der Stadt , Oder am fernen Gestade , Daß in Stunden der Not Auch die Hilfe bereit sei , Einen ruhigen Freund . O segnet , Götter , unseren Pylades , Und was er immer unternehmen mag ! Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht , Des Greises leuchtend Auge in der Versammlung : Denn seine Seele ist stille . Sie bewahrt Der Ruhe heiliges unerschöpftes Gut , Und den Umhergetriebenen reichet er Aus ihren Tiefen Rat und Hilfe . " Diesmal war der Erfolg noch glänzender als bisher . Alle drei Zuhörer klatschten laut in die Hände , denn niemand hatte der schüchternen Ursula diese hübsche , ausdrucksvolle Art zu sprechen zugetraut . Axel verstieg sich sogar dazu , vor aller Augen seine Schwester in den Arm zu nehmen und zu rufen : " Du kleiner Angsthase , du kluges Küken ! Steht da wie ein kleines Heldenweib ! Na warte , du wirst auch mein Schiff dereinst tapfer absegeln sehen ! Und der » ruhige Freund « ? " Er unterbrach sich und blickte auf Wilhelm . " Ich will_es sein , wenn Sie mich annehmen , Axel ! Haben Sie es so gemeint , Fräulein Ursula ? " Sie nickte , und die jungen Leute reichten sich die Hände . " Auf Du und Du ! " " Trinken müssen wir die Brüderschaft ein andermal , " meinte Axel lustig , " hier gibt es wohl Beeren um uns herum , aber keinen Beerenwein ! Nun aber fix , Fräulein Franzi , Sie allein fehlen noch mit einer poetischen Produktion ! " " Ach , ich ! " rief Franzi , sprang auf und reckte die Arme . " Edel sei der Mensch , Hilfreich und gut ! Denn das allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen , Die wir kennen . Weiter weiß ich es nicht , und es genügt auch , meine ich ! Ich wenigstens bin von nichts mehr erfüllt und durchdrungen augenblicklich , als von dem Dank gegen all meine » edlen « hilfreichen Menschen ! " Damit zog sie Ursel von der Bank auf und meinte weiter : " Komme , komme , wir dürfen hier nicht länger schwelgen . In der Küche wartet Mutter auf die Johannisbeeren . Aber es war eine herrliche Stunde ! Nie vergessen , Kinder , hört ihr ? " Sie gingen dem Hause zu , die beiden Jünglinge auch beladen mit Körben und Schüsseln , alle angeregt und bewegt , wie selten . Alles redete durcheinander , bis sich Franzis Stimme plötzlich jubelnd erhob in selbstgemachter Melodie : " Edel - edel sei der Mensch - hilfreich und gut - ja , gut ! " Und dann wieder ernsthaft : " O was werde ich abzutragen haben an Dank für alles , womit edle Menschen mir zu Hilfe kommen in meinem heißen Streben . " 17. Kapitel . Vorbereitungen und Veränderungen Als die ungeheure Aufregung infolge der großen Entscheidung durch die Güte der Fürstin sich etwas gelegt hatte , geriet Franzi Trautmann in einen eigentümlichen Zustand . Wie Ursel " nach der Gefahr erschrocken " und krank geworden war , nicht nur durch Erkältung , sondern von der hohen Anspannung und Erregung , so wandelte Franzi nach aller Begeisterung , allem sehnsüchtigen Streben eine Art Kleinmut an . War es auch nicht vermessen , was sie vorhatte ? War sie wirklich talentvoll genug ? In Herrenhausen vor der Fürstin hatte sie gut gespielt , einzig in dem Gedanken : ich muß Ursula Ehre machen , daß sie sich nicht zu schämen braucht , für mich gebeten zu haben . Der Hofkapellmeister hatte direkt zu ihr ja nicht viel gesagt , aber sie hatte ihm seine Zufriedenheit doch angemerkt und sein Urteil der Fürstin gegenüber mußte wohl sehr entschieden und warm ausgefallen sein . Ihr lieber alter Lehrer war glücklich , als sie ihm alles erzählte , aber froh , nicht dabei gewesen zu sein . " Viel besser , viel besser , " wiederholte er mehrmals , " daß Sie unbeeinflußt von meiner Gegenwart waren , und das Zeugnis des Hofkapellmeisters , der Sie gar nicht gekannt hat , fällt auch mehr ins Gewicht . Nur ruhig und mutig , die Sache geht jetzt von selbst ihren Gang . " Der Lehreifer und die Vielseitigkeit des alten Herrn schienen nun täglich zuzunehmen , Franzi mußte sich in den Stunden anstrengen , ihm zu folgen . Aber das war gut , sie wollte diese Anstrengung , denn sie hatte oft wunderliche Gefühle . In Haus und Garten brauchte sie jetzt nur noch so viel zu arbeiten , als sie wollte . Herr Bauer hatte feierlich erklärt , er beanspruche ihre Dienste nicht mehr , Frau Trautmann sollte die letzten paar Wochen ihre Tochter als Gast bei sich sehen . Damit waren aber beide nicht einverstanden , und Franzi half nach wie vor überall . Nur hatten Mutter und Tochter freilich mit der Ausstattung für letztere zu tun , die Arbeit für das Weißwarengeschäft mußte einstweilen abgesagt werden . Nun saßen sie wirklich und nähten Wäsche für Franzi selbst , und die Stickerei und Häkelei zum Ausputze lieferte diesmal Ursula . Auch Inge erbot sich zu einer Beisteuer und schenkte von ihren feinsten neuen Taschentüchern ein Dutzend . Und Mama - ja , die tat natürlich das Beste . In den Tagen , als die großen Entscheidungen fielen , hatte Frau Dahland einen Besuch in der Gärtnerei gemacht und mit Franzis Mutter eine herzlich teilnehmende Aussprache gehabt . Die beiden Frauen in so verschiedener Lebensstellung , die zarte , aber willensstarke Frau Trautmann und die frische , warmherzige Rätin Dahland , hatten das gleiche Gefallen aneinander gefunden wie ihre Söhne und Töchter ; ja , es war für die alleinstehende Frau Trautmann etwas Großes , sich einmal mit einer feinfühlenden Frau aussprechen zu können , über alles , was ihr Leben im letzten Jahr so wechselvoll erfüllte . Und als die Rätin dann in aller Zartheit bat , auch etwas für Franzis Ausstattung beitragen zu dürfen , nahm Frau Trautmann mit der ihr eigenen Einfachheit und Geradheit an . Sie war sich ja bewußt , daß sie selbst tat , was sie konnte , - fand sie eine freundliche Menschenhilfe , so sah sie darin eine höhere Hand und nahm an mit Dankbarkeit und ohne falsche Scham . Die Rätin sagte nun , daß sie Ursel , die so sehr gewachsen sei , zum Winter völlig neu ausstatten müsse , zum ersten Male auch mit längeren Kleidern ; da habe sie gedacht , alles doppelt und ganz gleich anzuschaffen , damit die Freundinnen , wenn künftig getrennt , auch durch ihre Kleider immer aneinander erinnert würden . Die Mädchen jubelten über diese Idee und zum ersten Male interessierte sich Ursel lebhaft für Kleider , Mäntel und Hüte . Es mußte alles ausgesucht werden , wie es Franzi am besten stand , und Axel neckte sie : " In diesem Fall hast du es gut , Ursche , weil euch beiden dasselbe paßt , euch beiden Schwarzbraunen ! " Ursel war verdutzt , diese Berechnung hatte ihr völlig fern gelegen . Franzi aber meinte : " Dein Bruder hat immer so nette Einfälle , Wilhelm würde gar nie darauf kommen ; der sieht überhaupt nicht , was wir tragen . " - O ja , Wilhelm sah es doch , daß seine Schwester immer noch das abgetragene und zu kurz gewordene Trauerkleidchen trug , während Ursula wenn auch einfach , doch immer als das sorgfältig und hübsch gekleidete Kind aus gutem Hause erschien . Aber es machte ihm nicht viel aus ! Franzi in ihrer Frische war immer hübsch in den brüderlichen Augen , und die sanfte Ursula mit dem so verinnerlichten Ausdruck ihres nur etwas zu blassen Gesichts konnte für ihn nicht hübscher werden , ob sie ein Kattunkleidchen trug oder ein sogenanntes " modernes Kostüm " , wie Axel sich ausdrückte . Dieser hatte mehr Sinn für dergleichen , aber im Grunde waren sie alle viel zu sehr für das Natürliche und Bequeme , um jemals der " Eleganz " wegen sich beengt zu fühlen . Wenn man ruderte - die Mädchen lernten es auch - mußte man sich rühren und kräftig ausholen können und es durfte nicht darauf ankommen , daß die Kleider einmal Spritzwasser erhielten . Bei Wanderungen mußte man ungehindert klettern können , denn es gab in der Umgebung von Wendenburg auch sogenannte Berge ; und wenn Regen drohte , durfte nicht immer ängstlich nach den Wolken geschielt werden ! O die schönen , schönen Sommertage ! Franzi sang noch oft das Lied von den wilden Rosen , wie damals auf dem Rohrwerder ; aber die waren verblüht , die Ernte längst im vollen Gange - hie und da sogar schon ein Stoppelfeld zu sehen . Die weißen Sommerfäden flogen und fingen sich in den schwarzbraunen Zöpfen der Mädchen , die Beeren der Eberesche schimmerten purpurrot und die Gärten bekamen ein herbstliches Aussehen . Auf den berühmten Spargelbeeten der Schloßgärtnerei , wo der Grund zu der großen Freundschaft gelegt worden war , wuchs ein Wald von grünem Kraut ; Erbsen und Bohnen wurden zum Trockenen gepflückt , mächtige Kürbisse geschleppt und die frühen Obstsorten schon abgenommen . Blumen gab es immer noch , und je später im Jahr , desto bunter und prangender erschien der Flor . Zwischen den hohen Malven und Sonnenblumen gingen die Mädchen gern hin und her , redeten vom nahen Herbst und freuten sich und - fürchteten sich . Eine große Veränderung stand in beiden Häusern bevor . Der erste , der aus dem so vertraut gewordenen Kreise schied , war Wilhelm , obwohl aus den acht Tagen , welche die Mutter sich erbeten hatte , gerade vier Wochen geworden waren . Der Obergärtner hatte in letzter Zeit große Gutmütigkeit gezeigt . Die Familie Trautmann in allen ihren Gliedern nötigte ihm Respekt ab ; er wollte nicht zurückstehen an guter , feiner Gesinnung . Anfang September aber reiste Wilhelm doch ab ; die Mutter selbst bestand darauf . Die nächste , die dann ging , war Inge . Sie reiste nach Schweden ! Von den dortigen Verwandten schon lange eingeladen , sollte sie möglichst bis zum Frühling dort bleiben , und sie freute sich außerordentlich auf diesen nordischen Winter . Ursula dachte mit gemischten Gefühlen an diese bevorstehende Trennung . Vor einem Vierteljahr hätte sie sich nur gefreut , jetzt fand sie einen solchen Gedanken Unrecht , ja verwerflich . Nur so viel gestand sie sich im stillen zu : Wenn Inge wiederkommt , wird alles anders sein ; der so lange betonte Unterschied zwischen groß und klein , der in letzter Zeit schon ein wenig im Schwinden war , wird dann keine Bedeutung mehr besitzen . Und was war aus ihrem Quälgeist , ihrem " Feind " geworden , wie sie Axel damals im Tagebuch bezeichnet ? Der beste , vertrauteste Bruder ! Nicht immer Kavalier ihr gegenüber , das hätte sie auch nicht erwartet , aber er war ihr ein lieber guter Kamerad . Die Spannung vor dem Examen machte ihn unwillkürlich ernster , und für alles , was dazu gehörte , traute er diesmal Ursel mehr Verständnis zu als Inge . Große Vorträge hielt er ihr , die darüber beglückt und stolz war , und sich gern zum " Überhören " erboten hätte , wenn ihr das nicht zu kindlich erschienen wäre gegenüber dem künftigen - - ja , was wurde eigentlich aus Axel ? Ging er auf die Universität oder zur Marine ? Im Familienkreise war wenig davon die Rede , aber man fühlte es den Eltern an , daß sie unter sich mit wichtigen Erörterungen und Erwägungen beschäftigt waren . So hatten sie alle ihre Gedanken , ihr reichbewegtes inneres Leben , und die sogenannten " Kleinen " , die sonst eine große Hauptrolle spielten , fühlten sich beinahe zurückgesetzt in dieser Zeit . 18. Kapitel . Die kleinen Vagabunden Die kleine Elfi , die zur Schule kommen sollte , beklagte sich sehr , daß niemand sich für ihr Ränzel , ihre Fibel und Tafel interessierte , die sie doch jeden Tag probeweise packte und mit wichtiger Miene durch den Vorgarten bis an die Straße trug , wo sich , hierdurch angelockt , bereits ein Nachbarskind gefunden hatte , das versicherte , es ginge auch nächstens zur Schule , in dieselbe Schule ! Sie könnten ja dann immer zusammen hingehen . Elfchen war also nahe daran , im Gegensatz zu Ursel , schon vor ihrem Eintritt in die Welt der Schule Freundschaften zu schließen ! Die kleinen Vagabunden faßten den Umstand , daß sie etwas weniger beachtet wurden , anders auf und vollführten manchmal Streiche , die den ihnen sozusagen angeborenen Ehrentitel berechtigt erscheinen ließen . Eines Tages hatten sie einen Orgeldreher mehrere Straßen weit verfolgt und genau beobachtet , wie er sein Geschäft betrieb . Darauf hatten sie sich ein wenig verirrt , aber ohne Unglück doch wieder den Weg nach Hause gefunden . Nun wollten sie selber Orgeldreher sein ! Eine Spieldose befand sich im Kinderstubenschrank . Sie stand zwar im obersten Fach , um nicht ohne weiteres erreichbar zu sein ; aber Robert kletterte auf einen Tisch , der erst mit Gepolter herbeigezogen wurde , dann noch auf eine Fußbank , die natürlich umfiel , und gelangte schließlich zu dem sorgfältig gehüteten Schatz . Nun schnitten sie von Zeitungspapier sich " solche Zettel " zurecht , wie der Leiermann hatte , und dann kniffen sie heimlich aus . Am gelben Tor vorbei , den Wiesenweg hinunter , bis zum Eingang des Schloßgartens . Es waren in Wirklichkeit nur drei Minuten , aber so allein kam es ihnen doch wie eine Reise vor , obgleich sie spornstreichs rannten . Vornan im Schloßgarten , wo mehrere Alleen sich kreuzen , hielten sie es dann für geeignet , sich aufzustellen . Robert bearbeitete die Spieldose und wurde von Bertram ermahnt , er müsse auch die Augen dabei verdrehen ! Dieser selbst las und sang unmögliche Dinge von den Zeitungszetteln ab und hielt seine Mütze vor sich hin für etwaige milde Gaben ! Es kamen nur leider sehr wenig Spaziergänger vorbei , da es um die Zeit nach Tisch war , wo die meisten Leute Nachmittagsruhe halten . Die Leiermänner beschlossen daher , den Schauplatz ihrer Tätigkeit zu verlegen . Am besten würde es gewiß auf dem Markt sein ! Nur wußten sie nicht , wie man dahin kam . Vielleicht , wenn man durch die nahegelegene Allee ging und dann am Schloß vorbei ? Gerade wollte sich Robert die Spieldose an einem dicken Bindfaden über den Rücken hängen , wie sich_es gehört , da schrie Bertram : " Da kommt einer ! Fix spielen ! " Robert drehte , und : " Einst spielte ich mit Zepter und Kronen " erklang in rasendem Tempo , während Bertram sang : " Wer will unter die Soldaten ! " Der Herr , der daherkam , lachte schon von weitem ; als er aber die ausgestreckte Mütze sah , legte er recht ernsthaft ein paar Kupferstücke hinein . Die kleinen Jungen in ihren weißblauen Matrosenanzügen , mit den blonden Lockenköpfen und der wichtigen Miene in den süßen Gesichtern , waren allerliebst ! Er mußte sich erkundigen , wer sie waren , und als der " Zettelmann " frischweg antwortete : " Robert und Bertram Dahland ! " da lachte der Herr hellauf . " Sieh da , ihr seid ja ein vielversprechendes Brüderpaar ! So jung schon seid ihr aufs Geldverdienen aus ? Da werdet ihr einmal eine rechte Stütze für euren Papa sein . " " Ja , er sagt sonst immer : Jungen kosten so viel Geld ! Wir haben auch erst gestern wieder neue Stiefel bekommen ! " " Ach so ! Na , findet ihr denn auch wieder nach Hause ? " " Natürlich , " antwortete Robert stolz , " wir gehen bloß den kleinen Weg hier entlang , dann durchs Tor - und am Fürstenplatz wohnen wir . " " Aber , " fiel Bertram ein , " wir gehen erst noch auf den Markt ; da sind mehr Leute , da kriegt man mehr Geld . " " Aha ! Da hast du wohl recht ; aber vielleicht begnügst du dich heute mit der Einnahme von mir , wenn ich dir jetzt noch ein Lied abkaufe . Kann ich einen Zettel haben ? " " Ja , sehr gern , was wünschen Sie ? » Wer will unter die Soldaten « oder » O Tannenbaum « ? " " Ich bin für die Soldaten ! Du doch gewiß auch ? " " Ja , ich will Husar werden , mit_dem Pferd ! " " Und ich will bei die Kanonen ! Aber nicht auf_dem Wasser , wie Axel . " So jung schon seid ihr aufs Geldverdienen aus ? " Das sind ja schöne Aussichten für das deutsche Heer ! Da grüßt nur euren Papa und sagt ihm , der Onkel Oberst freute sich schon auf die Dahlandsöhne ! Und aufs Wasser will auch einer von euch ? " " Ja , unser großer Bruder Axel . " " Aber er soll nicht ! " fügte Robert hinzu . " Nicht ? Die Mama will es wohl nicht ? " Robert nickte . " Hm , er könnte ja Mal vertrinken ! " " Aber er kann auch die ganze Welt zu sehen bekommen ! " meinte der Herr . " Ja ? Sieht man die von's Wasser ? " " Ja , auf dem Wasser kommt man allenthalben hin . - Sagt Mal Mama , ich schicke ihr einen Gruß und einen Spruch , der wäre gut für eine Soldatenmutter : Ich habe es gewagt ! - Könnt ihr das behalten ? " " Natürlich ! " versicherten beide zugleich , und dann meinte der Oberst : " Nun geht aber lieber gleich nach Hause ; ich werde aufpassen , bis ihr durchs gelbe Tor seid . Den Markt gebt nur für heute auf . Adieu , ihr kleinen lustigen Vagabunden ! " " Ja , so heißen wir ! " schrien die kleinen Jungen seelenvergnügt und rannten davon . " Du , Berti , " sagte der Orgeldreher unterwegs , " was sollen wir Mama ausrichten ? " " Ich habe 'n Wagen ! " erwiderte der Zettelmann überzeugt . " Ach bewahre ! Nun weiß ich schon : Ich habe es gesagt ! " " Ja , was hat er denn gesagt ? " " Weiß ich auch nicht . Mama wird es dann aber schon wissen . " " Ja , die großen Leute wissen immer gleich alles , wenn sie sich was bestellen lassen . Neulich schickte eine Frau und ließ bloß sagen : Es wäre gut ! Da frag ich Mama : Was ist gut ? Da sagt sie : Wenn du es auch nicht weißt , Berti , wenn Mama es nur weiß ! Also wird sie auch wohl verstehen , was der Herr gesagt hat . " So plaudernd kamen sie bis ans Tor , drehten sich noch einmal um und sahen den freundlichen Herrn noch dastehen und winken . Sie liefen nun geradewegs nach Hause , denn sie fanden , daß sie heute schon viel erlebt hatten , und daß der Markt für ein andermal bleiben könnte . Durch die Begegnung mit dem lustigen Onkel Oberst hatten sie auch die Furcht verloren , es könnte Schelte geben für den Streiche . Zu Hause hatte man gerade angefangen , sich zu beunruhigen , als die Kleinen weder in der Kinderstube noch im Garten zu finden waren . Als sie nun so glückselig anspaziert kamen und ihre Taten furchtlos berichteten , mußte Mama sie ein wenig schelten , aber Papa konnte sich das Lachen nicht verbeißen . Da die Familie sich gerade zum Kaffee versammelte , hörten alle die Begebenheit , und je nachdem wurden die kleinen Schlingel geneckt , bedroht oder geküßt , weil sie doch gar zu niedlich und schelmisch waren . Als sie von dem Onkel Oberst erzählten , sagte Papa : " Aha , das ist Oberst von Prangken ; der wohnt in Westeck und nimmt immer den Weg durch die Allee . " " Ist dessen Sohn nicht auch bei der Marine ? " erkundigte sich Axel . " Zwei sogar , " antwortete Papa , schwieg aber sogleich wieder . " Ja , und ich habe gesagt , " fing Robert wichtig wieder an , " unser großer Bruder wolle auch zu See , aber er sollte nicht - " " Mama wäre ' bang , er vertrinkt ! " fiel Bertram ein . " Kinder ! " entsetzte sich Mama , " ihr macht ja eine schöne Heldenmutter aus mir ! " Den Jungen fiel nun der Auftrag ein , und sie verkündeten : " Der Onkel Oberst schickt dir auch einen Gruß - " " Nein , einen Spruch ! " " Der heißt : Ich habe 'n Wagen . " " Nein - ich habe_es gesagt ! " Die Eltern sahen sich erstaunt und fragend an , Axel aber rief triumphierend : " Ich weiß ! Es ist : » Ich habe_es gewagt « ! Der Hütten-Spruch ! " " Hütten-Spruch ? Nee , Mutterspruch hat er gesagt , " rief Berti , " für 'ne Soldatenmutter ! " Aber nun achtete niemand mehr recht auf sie , denn Axel war aufgesprungen und rief erregt : " Liebe Eltern , ist euch dies nicht ein Wink ? Kommen wir durch den Streiche der kleinen Vagabunden nicht vielleicht auf eine richtige Fährte ? Du , lieber Papa , kennst ja den Obersten , sprichst ihn öfter - willst du nicht Mal bei ihm Erkundigungen einziehen ? Wäre sein Wort und Rat nicht die sicherste Gewähr ? " Axel hatte sich rot und in Feuer geredet , jetzt reichte ihm Papa die Hand über den Tisch und meinte ernsthaft : " Wir wollen sehen . " Mama aber sagte mit wehmütigem Lächeln : " Und ich müßte mich ja wohl schämen , wenn ich mich dagegen wehrte , daß die Sache ernstlich ins Auge gefaßt wird - wenn meine Kleinen mich so in der Leute Mund bringen ! " Diese Kleinen wurden gerade noch einmal von Axel in der Luft herumgeschwenkt und dann liefen sie fort , in sehr gehobener Stimmung , zu neuen Taten aufgelegt . Nun wollte Elfi die Geschichte noch viel genauer hören und ihr wurde das Herz sehr schwer , daß sie nicht dabei gewesen war . " Für Mädchen ist das nicht , " sagte Robert altklug , aber Bertram meinte : " Am Ende - warum nicht ? Manchmal haben Orgeldreher auch eine Frau . " " Ja , ja , " rief das Schwesterchen und klatschte in die Hände , " ich will die Frau sein - " " Da mußt du eine große Mütze aufsetzen oder einen Hut . " " Das kann ich auch , ich weiß schon einen ! Musching sitzt in der Küche und schält Äpfel , da braucht sie keinen Hut . " " Aber sie gibt ihn uns nicht ! " " O , den nehmen wir uns ! " Richtig wurde heimlich der Hut stibitzt und nun in der Kinderstube die Toilette der Drehorgelfrau gemacht . " Mein Kleid muß ich aber ausziehen , " bestimmte Elfi , " das ist ja gestickt ! Ich gehe im Unterrock . " " Aber ein Tuch mußt du haben - die Decke von deinem Puppenwagen , die paßte dazu ! " " Nun gib mir auch den Hut ! " Den hatte sich Bertram inzwischen aufgesetzt ; er stand vor dem Spiegel und meinte ernsthaft : " Ich könnt ' ebensogut Frau sein , wenn Elfi nicht wäre , der Hut paßt mir auch . Drei sind überhaupt zu viel - was soll ich denn ? " " Ich will aber mit ! " schrie Elfchen und hatte die Augen voll Tränen . Da hatte Robert einen Einfall . " Manchmal sind die Orgeldreher auch blind - ich mache die Augen zu , Elfi muß mich führen - und Berti verkauft Zettel ! " " Das kannst du ja auch Mal tun , ich will auch Mal orgeln ! " " Nein , du , Berti ; du kannst besser singen ! " Hierauf war Bertram denn doch stolz , und sehr zufrieden mit der jetzigen Rollenverteilung begaben sie sich vors Haus . Aber sie hatten nicht mit Muschebergen gerechnet ! Die erblickte vom Küchenfenster aus ihren Hut , ihren schönen schwarzen Hut , und so flink ihre alten Beine sie trugen , war sie draußen . " Ji Takeltüg ! " schalt sie , " wer hat juch meinen Haut geben , meinen Sünndagshaut ? Un , Elfing , wo süßt du ut ? So in 'n Liwken und Unnerröckschen wußte du up de Straat ? " Völlig angedonnert standen die Kinder ; mit Musching war nicht zu spaßen , und als sie nun kommandierte : " Marsch , trüg ! " da traten sie einen kläglichen Rückzug an . " Was wollte ji denn eigentlich maken in diesen Uptog ? " " Orgeldreher spielen , " sagte Elfi kleinlaut , " ich bin die Frau . " " I du biwohr , " eiferte Muschebergen , " un mein Haut is gaut naug für so 'n Rümdriversch ? Nee , dor wurde nix ut ! Was füllen de Leute ' wohl denken ? De nennten mi jo wohl upstunns Örgeldreihersch ! " Einen solchen Ausbruch hatten die Kinder nicht erwartet . Das war ja viel schlimmer , als vorhin mit den Eltern ; die zankten gar nicht , und Axel hatte sie sogar noch gelobt und geschwenkt ! Sie machten untereinander aus , Musching wäre gar nicht mehr nett . Sie wollten sie nie wieder in ihrer kleinen Stube besuchen ; dann würde sie schön traurig sein und ein andermal gewiß gern ihren Hut und alles erlauben ! Zum Glück hatte Ursula den Vorgang beobachtet und fühlte großes Mitleid mit der enttäuschten kleinen Gesellschaft . Sie selbst war zwar niemals so unternehmend gewesen ; aber an den niedergeschlagenen Mienen erkannte sie , wie tief es gehen mußte . Sie beschloß , sie zu trösten , und schlug ihnen in der Kinderstube das immer beliebte Spiel " Verkleiden " vor , was jubelnd angenommen wurde ; sie wurde an diesem Nachmittag noch so erfinderisch , daß sie die Genugtuung hatte , von den Kleinen als die allerbeste , liebste Ursel bezeichnet zu werden . 19. Kapitel . Ersehnten Zielen entgegen In Heckendorf war Abschiedskneipe der glücklichen Gymnasiasten , die das Abiturientenexamen bestanden hatten . Und unter den fröhlichsten war Axel Dahland . Als seine schriftlichen Arbeiten so gut ausgefallen waren , daß man ihn vom mündlichen Examen entband , hatte der Landgerichtsrat noch einmal gründlich die schwere Frage der Berufswahl erörtert , und Axel unter anderem gesagt : " Wenn ich Jurist werden sollte , statt zur Marine zu gehen , so wäre es für mich ebenso schlimm , wie für Wilhelm Trautmann , der einmal beinahe Gärtner werden sollte , statt Philologie zu studieren . " " Oho , " meinte der Vater , " das ist doch noch ein Unterschied . " " Ich weiß , wie du das meinst , Papa , " sagte Axel bescheiden , " aber - ganz Unrecht habe ich doch nicht . Trautmann ist von klein auf ein Bücherwurm und der geborene Lehrer gewesen , wie Franzi sagt , obgleich er in Feld und Wald aufwuchs , von allen ländlichen Beschäftigungen umgeben . Ich - obwohl dein Sohn , konnte mich nie für das juristische Studium begeistern . Ich kann nicht mein Leben lang in Akten wühlen und Gerichtssitzungen halten , Papa ; ich muß mich rühren , ich muß mir die Welt ansehen , ich muß hinaus aus der Enge der Heimat in fremde Länder . In mir steckt vielleicht noch etwas Wikingerblut ! " " Fast scheint es so , " sagte Papa und sah lächelnd auf seinen blonden stattlichen Sohn , dem die Begeisterung aus den Augen strahlte , " Furcht hast du nicht ! Und mich - das kann ich nicht leugnen - freut jede Entschiedenheit ! Ich bin froh , daß du nicht zu den jungen Leuten gehörst , wie es heute so viele gibt , die mit zwanzig Jahren noch nicht wissen , was sie wollen . So laß dir denn sagen , Axel : Mama und ich sind darüber einig geworden , daß wir dir nichts mehr in den Weg legen wollen . Erkundigungen habe ich auch schon genügsam einige - " Weiter kam der Rat nicht , denn sein großer Sohn , sein junger Wiking , umarmte ihn stürmisch . Und er umarmte heute alles ! Mama , die gute , zärtliche , mußte immer wieder bedankt und getröstet werden ; die Kleinen zappelten mehr in der Luft , als daß sie den Erdboden berührten , und Muschebergen mußte wieder einen Angriff auf ihren Hut erleiden , als sie wie gerufen daherkam , um einmal rundum gedreht zu werden . Ursel aber schüttete Axel sein Herz aus , und sie strahlte mit ihm . " Du und Franzi , ihr seid nun glücklich , " meinte sie , " ihr erreicht , was ihr euch so glühend gewünscht habt , und niemand gönnt es euch mehr als ich . Nur kommt es mir vor , als kämet ihr mir jetzt plötzlich weit , weit voraus , und ich bliebe allein als Kind zurück . " " Ach , Ursche , eines muß doch auch zu Hause bleiben und - sich nach uns sehnen ! " schloß er schlau , um sein eigenes Gerührtsein zu verbergen . " Ach , das Sehnen , das wird Mama schon besorgen , auch Frau Trautmann ; ich werde genug zu trösten haben . " " Na also , dann bleibst du zum Trost , auch eine schöne Aufgabe ! Und nun - mache mir das Herz nicht schwer - laß mich die Stunde genießen ! Die letzte Prüfungsnacht ist nun vorbei - Welt , ich umarme dich , nun bin ich frei ! " zitierte er aus dem " Liederbuch eines alten Herrn " , das zum Jubiläum des Gymnasiums kürzlich herausgekommen , und aus dem die humorvollsten Perlen jubelnd von den heutigen Primanern in ihr Repertoire aufgenommen waren . " Mensch , bei der Abschiedskneipe nimm dich in acht , Kühl ist das Wasser und dunkel die Nacht , Ferne liegt Heckendorf , weit ist der Weg , Meide das Ufer und scheue den Steg ! " sang Axel und machte sich auf . Da lief ihm noch Franzi in den Weg . Sie hatte schon von allem gehört und wollte gratulieren . " Also auf den künftigen Admiral ! " rief sie schelmisch , und " auf die große Künstlerin ! " erwiderte er ebenso und wagte zum ersten Male einen Handkuß ! Und nun war auch dieser große Entscheidungstag vorbei , näher und näher rückte die Trennung , und jede Stunde schien noch besonderen Inhalts voll . Das war ein Korrespondieren , ein Besorgen , Packen und Abschiednehmen ! Für Franzi war in Berlin durch Fräulein Elsners Hilfe eine gute Pension ausfindig gemacht und auch Komtesse Léontine Wehrburg war von ihrem Kommen benachrichtigt . Diese hatte einen so erfreuten Brief geschrieben in der Aussicht auf das Wiedersehen mit der Jugendfreundin , daß Ursula beinahe schon wieder eifersüchtig wurde . Aber Franzi sagte bloß : " Und was wäre Treue und Dankbarkeit ? Ein leerer Schall , wenn ich mich nicht auf Léontine freute ! Und wie viel Zeit werde ich denn auch haben , um Besuche zu machen ! Fräulein Elsner schreibt , daß das Konservatorium eigentlich den ganzen Menschen beansprucht . Aber wenn ich Mal einen Abend bei Léontine sein und mit ihr von Wehrburg sprechen kann , vermagst du das dir nicht als Freude für mich zu denken ? " " Ja , ja , " rief Ursel schon völlig beschämt , " gehe nur recht oft hin - und schreibe mir immer davon ! Zum Schreiben wirst du doch Zeit haben ? " " O gewiß , den ganzen Tag kann man doch nicht Klavier spielen ! Und da ich nun gar nichts im Hause zu tun habe , vielmehr mich wie eine Prinzessin bedienen lassen muß , da auch an meiner Kleidung fürs erste nichts zu nähen und zu flicken ist - ach , Ursel , wie ist das doch hübsch mit all den neuen Sachen , und wie engelsgut von deiner Mama , uns beide völlig gleich einzukleiden ! Wie werde ich mir vorkommen ! Als ich neulich alles anpaßte , dachte ich immer : Ist das Franzi Trautmann ? Was werden die kleinen Hündchen sagen ? wie es bei Andersen in einer Geschichte heißt . " " Nun , die Berliner Hündchen sind wohl an andere Pracht gewöhnt , " meinte Ursel lachend , " aber sage Mal - ist dir gar nicht bange vor dem großen Berlin ? " " Ja und nein ! Ich kenne es ja nicht - ich weiß nicht , was ich zu fürchten habe . Vor der Musik fürchte ' ich mich mehr ! " " Aber Franzi , die kennst du doch ? " " Darum eben . Ich habe jetzt eine Ahnung , was sie bedeutet , was dazu gehört . Herr Fritze hat mich noch gründlich eingeweiht in letzter Zeit , daß mir manchmal Hören und Sehen verging . Wenn ich nun in Berlin nicht mitkommen kann ? Wenn ich als nicht talentvoll genug entlassen werde ? " " O Franzi , das wirst du uns doch nicht antun ! " " Nein , du Engel , eigentlich darf ich das nicht ! " Und die Freundinnen umarmten sich und lachten , aber die Tränen saßen gefährlich lose dabei . Endlich war_es so weit . Am 3. Oktober reiste Franzi , am 5. Axel . Ursel blieb allein zurück , das Herz voll Betrübnis , aber auch voll guter , ernster Vorsätze . Elfchen kam zur Schule , die kleinen Jungen in den Kindergarten - ja wirklich , das allgemeine große Streben erstreckte sich bis in die Kinderstube , schien alle aus dem Hause treiben zu wollen . 20. Kapitel . Ankunft in Berlin Als Franzi in Berlin auf dem Lehrter Bahnhof eintraf , hielt sie ihre schöne rote Georgine , die als Erkennungszeichen verabredet war , recht preislich aus dem Fenster . Aber vergebens ! In dem allgemeinen Gewühl , dem hastigen Kommen und Gehen , achtete niemand darauf und tief enttäuscht stieg die junge Reisende , die man zum ersten Male so allein in die Fremde geschickt hatte , als letzte endlich aus dem Wagenabteil . Enttäuscht und - auch ein wenig ängstlich . Aber nur ein wenig ! Sie war ja doch die tapfere Franzi , sie mußte auch in diesem Fall versuchen , sich durchzuschlagen . Aber warum wohl Fräulein Zimmermann , die Pensionvorsteherin , nicht gekommen war oder jemand geschickt hatte , wie sie es doch in ihrem Brief so zuvorkommend versprochen hatte ? Tag und Stunde der Ankunft stimmten genau wie verabredet - sollte die Dame sich nur verspätet haben ? Aber nein , der allgemeine Schwarm hatte sich bereits verlaufen ; Franzi mußte sich endlich entschließen , den letzten nachzugehen und sich eine Droschke zu sicheren . Dort stand mit Riesenbuchstaben das Wort " Ausgang " , dorthin wandte sie sich ; und hier redete der Schutzmann mit dem Helm über dem bärtigen Gesicht sie höflich an : " Wenn Sie noch eine Droschkenmarke wünschen , Fräulein , hier ist meine letzte . " Damit händigte er ihr ein Blechtäfelchen ein , worauf die Nummer 3344 stand . Franzi blickte verständnislos darauf nieder . " Was soll ich nun damit machen ? " fragte sie zaghaft . Der Schutzmann begriff . " Aha , zum ersten Male in Berlin , " sagte er gutmütig . Dann wies er durch den Ausgang der Halle nach dem Droschkenstand und erklärte : " Jetzt rufen Sie die Nummer , dann wird schon einer vorfahren . " Franzi dankte und rief so mutig sie konnte : " Dreitausenddreihundertundvierundvierzig ! " Der erste weißlackierte Hut drehte sich nach ihr um und eine lustige Kutscherstimme sagte : " So macht man det nicht , Fräuleinchen ! - Dreiunddreißig vierundvierzig ! " trompetete er darauf , sein Nachbar gab es weiter und gleich darauf fuhr der bezeichnete Wagen vor . Vergnügt wollte Franzi nun einsteigen und ihre Adresse nennen , als wieder der erste Kutscher menschenfreundlich fragte : " Haben Se denn kein Jepäck nicht ? " Richtig ! Franzi stand wie angedonnert , ihr Koffer ! Sie hatte ja einen Gepäckschein ! " Warten Sie , " bestimmte sie rasch , " ich muß meinen Koffer besorgen . " Nun zurück in die Halle , die inzwischen völlig leer geworden war . Auch der Schutzmann war nicht mehr da - nirgends ein Gepäckträger zu sehen - ja , sie hatte so viel Zeit vertrödelt mit dem Warten und Hoffen , daß doch noch jemand käme , sie zu holen . Nun rannte sie hin und her in der riesigen Halle mit den vielen Türen - da endlich , die blaue Bluse eines Gepäckträgers ! Nun schnell den Schein abgeben , die Droschkennummer genannt - diesmal schon in der Kutschermanier - und dann zurück an den Wagen . Ging es nun rechts oder links ? Wie war sie gekommen ? Sie flatterte unruhig hin und her , bis da ganz hinten wieder das erlösende Wort " Ausgang " auftauchte . Gottlob , draußen hielt noch der Wagen , und der Nachbarkutscher meinte wieder schmunzelnd : " Na , det hätte schöne werden können , wenn wir det nette Körbchen so hier behalten hätten ! " Franzi nickte ihm dankbar zu ; es war doch nett , daß es in Berlin auch menschenfreundliche Leute gab ! Nun würde sie wohl sicher hinkommen nach Wilhelmstraße 118 ! Wohlgeborgen saß sie dann im offenen Wagen , den hübschen neuen Koffer vor sich , und fuhr in den hellen Herbsttag hinein . Welch ein Leben überall ! Was für hohe Häuser ! Und dort - Bäume ! Prachtvolles buntes Herbstlaub unter dem strahlenden Himmel , weiße Figuren schimmernd dazwischen - breite saubere Wege - ein Reiten und Fahren - Das war natürlich der Tiergarten . Ach , so etwas Schönes gab es hier ? Berlin war nicht nur ein steinernes Häusermeer ? Franzi atmete wie befreit auf und schaute sich strahlend um . Was würde Ursel sagen , Ursel , die immer eine Art Grauen vor Berlin gehabt und Franzi zuletzt fast damit angesteckt hatte ? Aber schon bog der Wagen wieder ab und jetzt lag vor ihr ein herrliches Säulentor , so klassisch und groß im Stil , daß Franzi sich vor Ehrfurcht ganz klein in ihrem Wagen machte und mit großen Kinderaugen hindurchfuhr durch diese Perle von Berlin , das altberühmte und aus Bildern ihr wohlbekannte Brandenburger Tor ! Nun ging es über den großen " Pariser Platz " , wo die Wasser sprangen und das Leben sich drängte . Dann eine nur kurze Strecke die " Linden " entlang , und nun bogen sie in die stillere Wilhelmstraße ein . War es möglich - hier sollte die kleine Franzi wohnen ? Hier , wo ein schweigsamer Palast neben dem anderen steht , der von Preußens , von Deutschlands Geschichte redet ? Aber sie rollten weiter und weiter , leise auf dem schönen Damm , wie Franzi es gar nicht kannte , vorbei an des " eisernen Kanzlers " einstigem Palais , bis die Wilhelmstraße endlich auch ein bürgerlicheres Ansehen gewann und Läden und Mietshäuser zeigte . Endlich hielten sie vor Nummer 118 . Der Kutscher knallte auffordernd mit der Peitsche , Franzi sah an den Fenstern empor - aber auch hier schaute niemand ihr entgegen . So zog sie in abermaliger Enttäuschung ihr Portemonnaie und bezahlte den Kutscher , der ihr mehr als drei Mark abforderte - eine Summe , die sie schrecklich hoch fand , die er aber lakonisch erklärte mit " von wegen det Warten ! " Dann bequemte er sich wenigstens , ihr den Koffer in den Hausflur zu stellen , und hier mußte Franzi sich wohl oder übel entschließen , sich von ihrem Eigentum einstweilen zu trennen und die Treppen hinaufzusteigen . Drei mußten es sein , das hatte sie sich gemerkt , und da war auch das Porzellanschild mit : " Zimmermann , Damenpension . " Auf ihr Klingeln kamen im inneren Korridor hastige , leise , schlürfende Schritte , Franzi sah sich einer kleinen , verwachsenen Dame mit feinen bleichen Zügen und entschieden ängstlichen Augen gegenüber . " Fräulein Trautmann ? " klang es ihr fragend entgegen und dann erregt und überstürzt : " Mein Himmel , nun sind Sie doch da ! Ist meine Karte nicht mehr angekommen ? Ach , wie mir das leid tut ! Was machen wir nun ? - Aber , bitte , kommen Sie herein - ich kann Sie doch nicht wieder fortlassen - ! " Eine Dame mit feinen bleichen Zügen erschien im Eingang . Nein , das hoffte Franzi aber auch sehr , daß das nicht geschah ! So ein ungastlicher Empfang ! Sie fühlte ein Frösteln und so sagte sie unbewußt etwas ernst und kurz : " Mein Koffer steht im Hausflur ; ich darf wohl bitten , daß er heraufgeholt wird ? " " Natürlich , ja gewiß , " sagte die kleine Dame wieder erregt , " die Guste geht sofort hinunter . Und nun kommen Sie doch , bitte , und seien Sie nicht böse , daß alles so ungemütlich ist . " " Ich verstehe nur gar nicht , " begann Franzi fragend , " ich war doch für heute angemeldet ? " " Ja , ja , bestes Fräulein , das ist es eben ; ich habe nach dieser Anmeldung noch einmal an Sie geschrieben und Sie gebeten , zwei Tage später zu kommen , weil eine meiner Pensionärinnen das für Sie bestimmte Zimmer sehr gern noch bis dahin behalten und erst dann abreisen wollte . " " Diese Nachricht habe ich nicht mehr bekommen , " sagte Franzi bestürzt , und die alte Dame fiel ein : " Das ist eben das Unglück , es ist doch zu spät gewesen ; ich hätte auf Fräulein Kellers Bitte nicht eingehen sollen . Nun , es hilft jetzt nicht , irgendwie muß Rat geschafft werden . Freilich sind alle Zimmer besetzt ! Doch nun legen Sie hier einstweilen ab , bitte , und dann entschuldigen Sie mich , ich muß nach der Küche sehen ; in einer Viertelstunde essen wir . " Sie klingelte jetzt , und ein Dienstmädchen mit hochrotem Gesicht und abgehetztem Ausdruck erschien in der Tür . " Guste , holen Sie den Koffer des Fräuleins herauf , " sagte Fräulein Zimmermann , aber Guste versetzte unbefangen : " Ich kann jetzt nicht aus de Küche , de Bouletten soll 'n doch wohl nicht verbrennen ? " und verschwand wieder . Fräulein Zimmermann seufzte und folgte dem Mädchen , um es am Herdfeuer abzulösen , damit nur endlich der Koffer der neuen Pensionärin in Sicherheit kam . Er wurde dann einfach im Eßzimmer hingestellt und Franzi damit allein gelassen . Wie gern hätte diese Kamm und Bürste herausgenommen , sich gewaschen und ihr hübsches Reisekostüm vom Staub befreit . Aber hier in diesem Zimmer mit den drei Türen ging das doch nicht ! So machte sie sich nach Möglichkeit mit dem Taschenkämmchen zurecht und setzte sich dann an das einzige breite Fenster des großen Zimmers und ergab sich in Geduld . Bald erschien auch Guste wieder , noch etwas röter und unwirscher als vorhin , und deckte den Tisch für sechzehn Personen , wie Franzi schnell feststellte . Auf einmal lief sie nach der Tür , die nach den Küchenregionen zu führen schien , und rief : " Fräulein Zimmermann , noch 'ne Serviette ! " " Wie unmanierlich , " dachte Franzi entrüstet , und über all dem Neuen und Verwunderlichen , was sie hier sah und hörte , kam sie für den Augenblick von sich und ihren ersten kleinen Enttäuschungen ab . Denn nun wurde eine Klingel mit andauernder Heftigkeit in Bewegung gesetzt , und aus allen Türen der großen Etage kamen die Pensionärinnen zu Tisch . Franzi mußte sich ans untere Ende der Tafel neben Fräulein Zimmermann setzen . Diese hatte aber so reichlich mit dem Ausgeben der Suppe , dem Schneiden und Vorlegen zu tun und daneben die unwirsche Guste anzuweisen , daß sie kaum ein Wort für ihren neuesten Gast fand . " Fräulein Trautmann , " hatte sie mit einer flüchtig vorstellenden Handbewegung gesagt , dann ein paar fremde Namen genannt , und nun war das junge Mädchen wieder sich selbst überlassen . Franzi fiel plötzlich ein , daß sie sich Fräulein Zimmermann unbewußt ähnlich wie Fräulein Charlotte Raumer vorgestellt hatte , die allgemein beliebte und verehrte Pensionatsvorsteherin in Wendenburg . Wenn diese feine , anmutige Erscheinung mit dem klugen , gütigen Gesicht ihre junge Schar ausführte , folgten ihr nur wohlwollende und sehr interessierte Blicke , und manch kleines Mädchen dachte wohl : " Zu denen da möchtest du auch gehören ! " Nun , dies hier war ein völlig anderer Kreis , und Franzi sagte sich schnell , daß es ja keine Erziehungsanstalt für kleine Mädchen sei , sondern eine " Damenpension " ! Und sie selbst nun auch eine junge " Dame " , eine von den vielen , die sich in Berlin " ausbildeten " . Taten sie das alle , diese viel Älteren , die ihr so fertig , so sicher erschienen , zum Teil so elegant und lebendig ? - zum anderen Teil so ernst , angestrengt , ja schon grauhaarig ? Die kleine Franzi machte in aller Stille mancherlei Beobachtungen , bis sie plötzlich von ihrer Nachbarin angeredet wurde : " Sie sind erst angekommen , Fräulein ? " " Ja , vor einer Stunde , " antwortete Franzi . " Und was wollen Sie denn hier treiben , wenn ich fragen darf ? " Richtig , da war das Stichwort . " Etwas treiben " , das mußte man hier . " Ich will mich in Musik ausbilden . " " O weh , " rief es da von gegenüber , " noch eine Musikbeflissene ? Das wievielte Klavier bekommen wir dann in die Etage , Fräulein Zimmermann ? Nummer sieben ? " " Seien Sie froh , daß es keine Geige ist , " mischte sich lachend eine andere ein , " davor haben Sie ja doch am meisten Angst . " " Allerdings , Fräulein Eschrich , Ihre Nachbarschaft sonst in Ehren , aber wenn Sie zu kratzen anfangen - " " Dann möchten Sie wieder kratzen , und zwar am liebsten mir die Augen aus ! " fiel wieder das heitere Fräulein Eschrich ein , das die Bezeichnung " Kratzen " gar nicht übelzunehmen schien und sich jetzt an Franzi wandte , die mit erschreckten Augen zuhörte . " Sie wundern sich , daß wir hier so über Musik reden , nicht wahr ? Aber es ist nicht so schlimm gemeint ! Nur - so viel ist gewiß : Die liebsten Hausgenossen sind wir Musikanten nicht , gelt , Zimmermännchen ? " Die alte Dame lächelte schwach , und Fräulein Eschrich scherzte weiter : " Da sind Malerinnen schon beliebter . Sehen Sie Ihre und meine Nachbarin an - das bißchen Terpentingeruch verzeiht man , nicht wahr ? Und nun gar unsere Gelehrten ! Sehen Sie da oben die drei Würdigen ? Wenn sie Tintenfinger haben , was stört das uns ? Ach , und solche , wie Fräulein Meyer , die den ganzen Tag in einem Büro arbeiten und hier nur schlafen und essen , das sind die Nettsten ! Nicht wahr , Meyerchen , Sie wissen sich von uns allen geliebt ? " " Weil ich niemand störe ? " entgegnete die Angeredete , und über ihr abgespanntes Gesicht glitt ein freundliches Lächeln . Auch sie schien nicht geärgert durch Fräulein Eschrichs übermütige Bemerkungen , und diese sah auch wirklich zu liebenswürdig aus ; man konnte ihr gewiß nicht böse sein . So dachte Franzi , während sie voller Staunen diese Art von Unterhaltung anhörte , die ihr völlig fremd war , den anderen aber selbstverständlich zu sein schien . Fräulein Zimmermann hob jetzt die Tafel auf , und nun schwirrte noch ein paar Augenblicke alles durcheinander . Die Damen kamen mit allerlei Wünschen und Ansprüchen , und die Vorsteherin hielt geduldig allen stand . " Nicht wahr , Fräulein Zimmermann , ich kann heute schon um halb sieben Uhr Abendbrot haben ? Ich werde zur Philharmonie abgeholt . " " Und ich möchte bitten : Um zehn Uhr eine Flasche Bier und etwas kalte Küche auf meinem Zimmer , ja ? " " Ach , bitte , darf Guste wohl ausnahmsweise heute nachmittag ein paar Schuhe für mich putzen ? Ich habe keine trockenen mehr ! " " Fräulein Zimmermann , meine Bettdecke ist mir nicht mehr warm genug ; darf ich für heute abend um ein Oberbett bitten ? " " Ich muß um vier Uhr zur Bahn ; eine Droschke habe ich schon bestellt , wenn Guste nur den kleinen Koffer hinuntertragen dürfte , ich möchte den Portier nicht noch besonders bezahlen . " So ging das durcheinander , und die alte Dame hatte für alle ein Ohr und bereitwillige Auskunft , während sie auf dem halb abgeräumten Tisch ein neues Kuvert zurechtrückte , augenscheinlich für eine Nachzüglerin . Und jetzt kam diese auch schon herein , sehr eilig , den Hut noch auf dem Kopf , grüßte flüchtig und setzte sich zu ihrem verspäteten Mittagessen , während die anderen Damen sich wieder in ihre Zimmer zurückzogen . " Fräulein Keller , " wandte sich die Vorsteherin an die Essende , " nun ist Fräulein Trautmann doch gekommen - " " Wer ist Fräulein Trautmann ? " fragte die junge Dame gleichgültig . " Aber ich bitte Sie , das ist doch die neue Pensionärin , die Ihr Zimmer haben soll ! " " So , heißt die Trautmann ? " klang es wieder unbekümmert . " Nun , da ängstigen Sie sich nur nicht ! Ich kann Ihnen mitteilen , daß ich mit meinen Angelegenheiten ziemlich fertig bin , schneller , als ich dachte ; ich kann , wenn es sein muß , noch heute abreisen . " " Ach ja , " seufzte Fräulein Zimmermann , " das wäre gut ! Das heißt , Sie dürfen mich nicht falsch verstehen ; es tut mir ja sehr leid , Sie nicht länger behalten zu können , " fügte sie höflich hinzu . Fräulein Keller lachte wieder unbekümmert und beachtete jetzt erst Franzi , die sich wieder still ans Fenster zurückgezogen hatte . " Ah , da ist wohl meine Nachfolgerin ? Ja , entschuldigen Sie , Fräulein , wenn ich Ihnen noch nicht das Feld geräumt habe ! Gedulden Sie sich nur ein paar Stunden , dann können Sie einziehen . Ich werde gleich anfangen zu packen - kann Guste mir ein wenig helfen ? " Wieder ein Auftrag für das abgehetzte Mädchen , dachte Franzi , als die beiden Damen nun das Zimmer verließen ; sie hätte gern den Tisch vollends abgeräumt und sich in der Küche nützlich gemacht - aber das ging doch wohl nicht gut . Doch hier auf dem Tisch am Fenster lag so viel Wäsche , die augenscheinlich ausgebessert werden sollte , wenn nur erst jemand Zeit dazu hatte ! Mechanisch nahm Franzi ein Handtuch auf und begann , einen angefangenen Stopf fertig zu machen . Ach , nur eine Beschäftigung ! Sie wußte ja nicht wohin mit sich ! Alle hatten zu tun , und sie , die sonst allzeit Tätige , wußte nicht , was sie sollte ! Hatte kein Zimmer , um sich auszuruhen , keine Gelegenheit , ihren Koffer auszupacken - - und niemand , der sich um sie kümmerte ! So nahm sie geschwind ein zweites Tuch und stopfte , als säße sie zu Hause - in der Gärtnerei , und wüßte nicht aus noch ein vor Arbeit . So traf sie Fräulein Zimmermann , die vor Überraschung ihr Schlüsselbund fallen ließ . " Ah , entschuldigen Sie , " stotterte Franzi , " ich wußte nicht , was ich anfangen sollte . Darf ich Ihnen hierbei ein wenig helfen ? " Die alte Dame sah fast gerührt aus ; dies war ihr noch nicht vorgekommen . " Ich nehme es an , " sagte sie , " weil es wohl das erste und einzige Mal sein wird ! In Berlin hat niemand übrige Zeit , das werden Sie auch bald merken , liebes Fräulein , und niemand tut so leicht etwas für andere , wenn es nicht nötig ist ! Besonders in einer Pension wie hier nicht ! " Franzi fand das traurig , ohne es recht zu verstehen , und meinte bescheiden : " Aber wenn jeder einzelne es nicht leicht hat , sollte man sich doch desto mehr bemühen , einander behilflich zu sein . " Fräulein Zimmermann nickte wieder mit dem gerührten Ausdruck , seufzte ein wenig und schwieg . Sie hatte jetzt allerlei aufzuschreiben und zu rechnen , so blieb es eine Weile still im Zimmer , wie überhaupt in der Etage . Dann aber begann wieder ein Türenklappen , Aus- und Eingehen , Klingeln und Laufen auf der Treppe - die kurze Mittagsrast war zu Ende . Franzi stopfte noch immer und hatte so viel zu denken , daß ihr die Zeit wie im Fluge verging . Da kam Fräulein Eschrich herein und hielt verwundert vor dem Fensterplatz an . " Was für ein Tugendspiegel sitzt denn hier ? " rief sie lachend , " hat Fräulein Zimmermann Sie als Flickfrau aufgenommen ? " Franzi erklärte errötend , wie sie dazu gekommen , und Fräulein Eschrich meinte gutmütig : " Nun , der Fall wird ein einzelner bleiben ; denken Sie an mich , daß ich das heute gesagt habe ! Sie werden nie wieder um Beschäftigung verlegen sein , nie wieder übrige Zeit haben ! Wenigstens , wenn Sie es ernst meinen mit Ihrer Kunst . Die Musik ist eine strenge Herrin und verlangt den ganzen Menschen . " " Das sagte meine frühere Lehrerin auch schon ! " erwiderte Franzi freudig , " und auch mein alter Lehrer in Wendenburg ; ich bin völlig auf den Ernst gefaßt ! " " Das ist recht . Haben Sie sich schon entschlossen , bei wem Sie hier studieren wollen ? " " Ja , an der Königlichen Hochschule . " " O , das trifft sich ja nett ; dort geige ich auch . " " Ach , da können Sie mir gewiß den Weg dahin zeigen , " bat Franzi erfreut , " ich bin für morgen vormittag zur Prüfung angemeldet . " " Gern . Ich habe zwar morgen keine Stunde , aber - wissen Sie was ? " unterbrach sie sich , " kommen Sie heute mit mir zu einem kleinen Spaziergang ! Ich habe in der Potsdamerstraße zu tun , da führe ich Sie gleich ein wenig in Berlin ein . Wollen Sie ? " " O , Sie sind sehr freundlich ! Gewiß will ich ! " Auf sprang Franzi , daß Arbeit und Schere zu Boden fielen ; aber dann besann sie sich und packte fein säuberlich alles zusammen , wie sie es gewohnt war . Darauf nahm sie wieder Hut und Jäckchen und betrat mit ihrer Begleiterin die Straße , ein gut Teil zuversichtlicher , als sie vor etwa drei Stunden hier abgestiegen war . Beglückt und zutraulich sah sie in Fräulein Eschrichs hübsches Gesicht , und dieser machte es auch merklich Vergnügen , die junge Fremde mit den großen fragenden Augen zu führen und auf alles aufmerksam zu machen . Solange sie in der stillen Wilhelmstraße gingen , ließ sie sich auch von Franzi ein wenig erzählen , von ihrer Reise , von der Heimat , von ihren Plänen und Aussichten für den Berliner Aufenthalt . Als sie aber in die Leipzigerstraße einbogen , verbot sich das Plaudern von selbst , so viel gab es zu sehen und zu beachten , und als gar der Potsdamerplatz erreicht war , klammerte Franzi sich krampfhaft an den Arm ihrer Begleiterin und bat immer wieder : " O , einen Augenblick warten ! Ach bitte , nicht weiter - nicht da hinüber ! " Fräulein Eschrich lachte . " Da könnten wir lange warten ! Da ständen wir vielleicht heute abend noch hier , wenn wir warten wollten , bis die Menge sich verläuft . Durch müssen wir , immer vorsichtig schlängeln ! Sehen Sie den Schutzmann dort ? Wenn wir den erreicht haben , sind wir einen Augenblick in Sicherheit . Nur vorwärts ! " Und so ging es durch das Gewühl von Fußgängern und Droschken , zwischen den Wagen der elektrischen Bahn , den sausenden Fahrrädern und ratternden Automobilen hindurch , angeschrien von Zeitungsverkäufern und Blumenhändlern , bis sie glücklich die Potsdamerstraße erreicht hatten . Franzi stand zitternd einen Augenblick still und sagte atemschöpfend : " Das also ist das furchtbare Berlin , vor dem Ursel immer solche Angst hatte und nicht begreifen konnte , daß ich mich nicht auch fürchtete ! Das ist ja lebensgefährlich ! " " Ja , armes Kind , und über diesen lebensgefährlichen Platz müssen Sie nun täglich , denn unsere Hochschule liegt in dieser Straße . " " O wie schrecklich ! " " Vielleicht werden Sie vorläufig immer fahren ? " " Fahren ? " " Ja , mit der Elektrischen , für zehn Pfennige . " " Alle Tage ? Das wird nicht angehen , " meinte Franzi bedenklich , denn es kam ihr natürlich wie ein unerhörter Luxus vor , wenn sie bedachte , wie mühsam sie sich bisher jedes Zehnpfennigstück verdient hatte . Fräulein Eschrich lächelte über ihren ernsten , grüblerischen Ausdruck , sagte aber nichts weiter , und Franzi war auch schon wieder völlig in das Straßenbild vertieft . Jetzt kamen sie an eine Musikalienhandlung , in welche die junge Geigerin eintrat , um Noten auszusuchen . " Hier werden Sie wohl auch Ihre » musikalischen Lebensmittel « beziehen , " meinte sie dabei , " merken Sie sich nur gleich die Firma . Und wie ist_es mit einem Klavier ? Wollen Sie eines mieten ? Auch das können Sie hier haben . " " Ich weiß nicht , " sagte Franzi zögernd , " Fräulein Zimmermann hat geschrieben : Klavier im Hause . " " Ach , das ist nichts , " entschied Fräulein Eschrich , " der verstimmte Klapperkasten im Eßzimmer ist gut , um einen Tanz drauf zu spielen , wenn wir Mal lustig sind , aber nicht für eine ernsthafte Musikstudentin ! " Franzi wurde rot bei dieser Bezeichnung , und als Fräulein Eschrich noch sagte : " Ich will Ihnen gern eines aussuchen helfen in den nächsten Tagen , " da rief Franzi dankbar : " Sie sind aber wirklich sehr gut ! Und Fräulein Zimmermann meinte , in Berlin hätte niemand Zeit für den anderen , niemand wäre gefällig und hilfsbereit . " " Sagte sie das , unser gutes altes Zimmermännchen ? Nun , sie hat nicht ganz Unrecht . Man wird schrecklich egoistisch , wenn man so in Pensionen lebt . " " Wirklich ? Gerade da , wo man es so bequem hat , immer ein » Tischlein deck dich « und alles bereit ? " " Gerade da . Sehen Sie , wir arbeiten alle ! Wir lernen und üben , malen , schreiben - wir geben Stunden , sitzen in Redaktionen , in Arbeitsstuben - keine einzige von uns ist zu ihrem Vergnügen in Berlin . Entweder wir bereiten uns auf eine Erwerbstätigkeit vor - was viel kostet - oder wir stehen schon drin in der Arbeit , die uns ernähren soll , und da heißt es erst recht : Immer unentwegt vorwärts ! Ach , und da verlernt man mitunter die Rücksichtnahme , die Selbstlosigkeit , auf die man in der Familie von jeher hingewiesen war ! Jede einzelne steht allein mit ihrer großen Aufgabe , an die sie ihr Leben setzt ; da kommt es wohl vor , daß wir in kleinen Äußerlichkeiten egoistisch erscheinen . " " Aber Sie nicht , " sagte Franzi warm und blickte bewundernd in das hübsche und jetzt so ernste Gesicht . Diese Mitpensionärin gefiel ihr ausnehmend . " Sie helfen mir ja fortwährend ! " " Nun , das ist nicht weit her ; dies Wenige tu ' ich gern , weil Sie so ein lieber , netter Kindskopf sind ! - Und nun sehen Sie dahin , dort liegt unser Musentempel . Mög's Ihnen recht gut darin ergehen ! " Und Franzi blickte mit Ehrfurcht auf das Gebäude der Hochschule . 21. Kapitel . Das neue Leben Von diesem ersten Ausgang wohl etwas müde , aber auch mächtig angeregt zurückgekehrt , fand Franzi ihr Zimmer bereits von Fräulein Keller geräumt . Guste wirtschaftete freilich noch ziemlich wütend darin herum , meinte aber doch gnädig : " Fräulein kann schon immer anfangen , einzukramen ; ich jähe gleich . " " Ich kann Ihnen ja noch ein wenig helfen , " sagte Franzi freundlich , " geben Sie her , ich werde das Bett beziehen . " " I wo , det wäre noch scheener ! " protestierte das Mädchen , " erst findet det Fräulein überhaupt kein Zimmer nicht - muß in de Eßstube sitzen un flicken - un denn soll sie sich noch det Bett alleine machen ? Nee , daraus wird nichts . " Und hastig nahm sie Franzi Decke und Laken wieder ab . " Ich sage ja immer , das Fräulein Keller , die wußte nie , was sie wollte ! Hätte se nicht gestern abreisen können ? Aber nee , da wurde Fräulein Zimmermann vom Himmel bis zur Erde gebeten , sie sollte ihr doch noch behalten . Und die Olle sagt auch richtig » Ja ! « Nee , so was ! " " Auguste , " sagte Franzi ernsthaft , " wir können doch nicht wissen , was die Dame hier noch zu tun hatte ; wir wollen nichts darüber sagen . Nun ist ja auch alles gut . " Dabei hatte sie schon wieder ein Tuch erfaßt und fing an , Staub zu wischen . " Na ja , wenn Fräulein so sind , " meinte Guste , " denn man zu , mir kann es recht sind ! " Sie lachte dabei zum ersten Male , und Franzi fand , daß sie eigentlich ein recht gutes Gesicht hatte . Sie hatte sich wohl nur das Poltern so angewöhnt , weil ihr gar zu viel aufgepackt wurde und sie sich manchmal wehren mußte . Franzi dachte an den " Egoismus " der Pensionsdamen und nahm sich vor , sich so viel wie möglich vor diesem Fehler zu hüten . In diesem Augenblick fühlte sie sich ja so glücklich und reich ! Dies reizende kleine Zimmer sollte sie bewohnen , ganz allein , dies nette Schränkchen durfte sie einräumen mit all ihren neuen hübschen Sachen , und dort stand sogar ein kleiner Schreibtisch ! Wenn nun noch ein Klavier hereinkam , mußte es ja ein wahrer Salon werden ! Ach , das Klavier ! Franzi streckte plötzlich ihre Hände und bekam Sehnsucht , schnell ein paar Läufe zu üben . Es war doch eigentlich unmöglich , morgen zur Prüfung zu gehen , ohne vorher noch einmal geübt zu haben ? Aber auch hierfür wußte wieder Fräulein Eschrich Rat. Beim Tee Abends , als ungefähr nur die Hälfte der Damen anwesend war , machte sie die neue Pensionärin auch mit den anderen Damen , die Mittags am oberen Ende des Tisches gesessen hatten , bekannt und sagte dann : " Bitten Sie doch Fräulein Salden , daß sie Ihnen ihr Klavier morgen früh ein halbes Stündchen freigibt ; ich weiß , sie ist dann nicht zu Hause . Sie wollen doch jedenfalls die Finger noch einmal rühren , ehe Sie in die Hochschule gehen . " " Sie denken doch an alles , " sagte Franzi glücklich , und Fräulein Salden , die das Gespräch und den Vorschlag gehört hatte , meinte lächelnd : " Ja , Fräulein Eschrich neckt alle ein bißchen , aber hilft auch allen , wo sie kann . Natürlich darf ich da nicht zurückstehen . Kommen Sie nur morgen in mein Zimmer ; von neun Uhr an bin ich fort . " Und so saß Franzi am nächsten Morgen in dem größten und schönsten Zimmer der Pension vor einem guten Bächstein und spielte . Gottlob , die Finger waren noch nicht steif , obwohl es ihr vorkam , als hätte sie seit Wochen nicht geübt ; so hatten sich die Eindrücke gejagt , daß ihr der gestrige Reise- und Ankunftstag mindestens so lang wie eine Woche erschien . Also die Finger waren nicht steif , und ihr Mut war frisch ! Ihre Mozartische Sonate ging freudig , ihr Czerny perlte , und ihr Chopin machte ihr das Herz warm . Als sie den Deckel des fremden Klaviers schloß , stand sie einen Augenblick mit gefalteten Händen , in stillem Gebet . Und dann war sie mit ihren Noten auf der Straße und wußte schon genau den Weg , den sie zu nehmen hatte . O , sie würde immer gut acht geben und sich zurechtfinden lernen in Berlin . Wenn nur der entsetzliche Potsdamerplatz nicht wäre ! Aber es war genau solch Gewühl dort wie gestern , und zaghaft stand sie , wie am Rand eines Gewässers , das sie durchschwimmen sollte . Sie konnte sich nicht entschließen ! Sie stand und stand , schon wurde sie angesehen - schon machte jemand eine Bemerkung - da stürzte sie vorwärts . Ein paar Schritte - und es ging wieder nicht ! Todesangst in den Blicken , halb vornüber gebeugt , die Noten ängstlich an sich gedrückt , stand sie und glaubte jeden Augenblick überfahren oder umgestoßen zu werden . Da erbarmte sich ein Schutzmann , faßte sie ohne weiteres am Arm und brachte sie über den Platz . Nun erschien es ihr auf einmal sehr leicht und sie beschloß : " Wenn ich zurückkomme , muß ich allein fertig werden ! " Wenn ich zurückkomme ! Nun erst fiel ihr ein , daß das Schwerste ja noch vor ihr lag . Die Prüfung ! " Ursel , meine Ursel , " flüsterte sie , " ich muß dir ja Ehre machen ! " und damit betrat sie das Portal der Hochschule . Der Portier wies sie an , wohin sie sich wenden sollte , um in den Prüfungssaal zu gelangen . Klavierspiel tönte ihr entgegen ; mehrere Damen und Herren saßen und standen in dem großen schönen Raum umher , als Franzi schüchtern eintrat . Am Flügel saß gerade ein sehr junger Mann und spielte , so wurde sie nicht gleich beachtet . Das Klavierstück war ihr unbekannt , aber das Spiel erschien ihr meisterhaft . Das war doch wohl kein Schüler , sondern einer , der jetzt entlassen werden sollte ? Aber nein , er mußte noch einiges spielen , kurze Sachen oder wenigstens solche , die nur halb zu Ende geführt wurden ; dann schien er Fragen beantworten zu müssen , darauf trat er mit einer Verbeugung zurück , und Franzi hörte , wie eine Dame neben ihr einem Herrn zuflüsterte : " Er wird doch noch tüchtig studieren müssen . Diese Wunderkinder und frühreifen Genies haben es eigentlich schwer , wenn die ernste Zucht über sie kommt . Aber es geht doch nicht anders . " " Ah , also das war ein Wunderkind ! " dachte Franzi . Ja , das glaubte sie wohl ; so war ihr sein Spiel erschienen , das weit großartiger war , als sein knabenhaftes Äußeres vermuten ließ . Und nun mußte er doch noch " ernsthaft studieren " , vielleicht sogar in manchem umlernen ? Franzi seufzte , und die Dame , die eben gesprochen , sah sich nach ihr um . " Sind Sie auch zur Prüfung gemeldet ? " " Ja , " sagte Franzi und nannte ihren Namen . Die Dame nickte . " Gedulden Sie sich noch ein wenig ; zwei werden wohl noch vor Ihnen dran kommen . " Jetzt trat eine Dame neben den Flügel , nicht sehr jung , wie es Franzi vorkam , aber sehr aufrecht und sicher . Sie sang eine große Arie und zwei Lieder , und die Dame , die eben mit Franzi gesprochen , bemerkte wieder zu ihrem Nachbar : " Das geht ja schon , das ließ sich aber auch erwarten ; sie will sich hier nur noch den letzten Schliff aneignen . Wen haben wir jetzt ? Aha , eine Anfängerin . " Ja , das meinte Franzi auch . Das junge Mädchen , das jetzt am Flügel Platz nahm , war sehr hübsch , sehr elegant und gar nicht ängstlich , aber - Franzi fand es beinahe anmaßend , daß sie sich in diesen hehren Raum wagte . Ein völlig wertloses Salonstück , huschelig und unordentlich gespielt - und dabei diese sieghafte Haltung . Sie wurde auch sehr schnell unterbrochen und eine Etüde verlangt . Die ging noch schlechter . Dann Tonleitern - o weh , o weh ! Franzi schämte sich in ihrer Seele für diese Leidensgefährtin ihrer Prüfungsnot . Darauf eine sehr kurze Unterredung zwischen denen dort am Klavier - verstehen konnte man ja nichts - , aber das hübsche Fräulein wurde rot , machte einen schnippischen Knicks und verließ gleich darauf den Saal . " Ist recht , " sagte wieder die urteilende Dame in Franzis Nähe , " für solche Grasaffen ist die Hochschule denn doch nicht da ! " " Die nächste ! " hieß es jetzt , und dann fragend : " Ist Fräulein Trautmann da ? " Franzi erhob sich mutig und schritt auf das Podium zu . Ein älterer Herr mit scharfen Augen hinter Brillengläsern tat einen Blick in ihre Noten und bat sie dann , zu beginnen . Sie war sich nicht klar darüber , daß die eben abgewiesene Spielerin vielleicht eine gute Folie für sie sei ; aber jedenfalls hatte diese geringe Leistung ihr vorhin bei den prächtigen Darbietungen der beiden ersten sehr gesunkenes Selbstvertrauen wieder belebt . Sie spielte gut . Der alte Herr nickte , ließ sie etwas weiteres spielen , die lange Etüde mit einem Lächeln und freundlicher Handbewegung mitten drin abbrechen , ihr Notturno aber zu Ende spielen . Dann kamen allerlei theoretische Fragen , bei denen sie auch gut bestand , und dann war_es abgetan ! " Die nächste ! " hieß es wieder , und Franzi wurde nur noch die Klasse genannt , in die sie von Montag an eintreten durfte , der Stunden- sowie der allgemeine Lehrplan der Anstalt wurden ihr vorgelegt und geschwind alles Äußere festgesetzt . Als sie bei der Dame vorüberkam , beflügelten Schrittes und mit hochroten Wangen , nickte diese ihr freundlich zu und bemerkte dann wieder zu ihrem Nachbar : " Die ist echt . Die kann einem Freude machen . " Franzi hörte dies nicht und achtete auch nicht mehr auf die weiteren Vorgänge im Prüfungssaal . Sie sehnte sich jetzt hinaus ! Sie mußte sich rühren , sich tummeln , erzählen ! Tummeln ? Die Berliner Straßen waren wohl kein Ort dafür ! Erzählen ? Ach , wo war die Mutter ! Wo war Ursel ! Wo war der liebe Schloßorganist , der vielleicht das größte Interesse und Verständnis für die eben überstandene Stunde gehabt hätte ! Sie hätte am liebsten an alle zugleich geschrieben . Ja , das wollte sie auch tun , das war sie ihren Lieben schuldig . Sie konnte ja Gutes berichten ! Sie war in die Klasse gekommen , auf die ihr alter Lehrer , wenn auch mit leisem Zweifel , für sie gerechnet hatte und das war vorläufig die Hauptsache ! Seelenvergnügt lief sie die Potsdamerstraße entlang , und als sie an den Platz kam , begab sie sich mit Todesverachtung in das Gewirre hinein . Da grüßte sie plötzlich ein freundliches Gesicht aus der Elektrischen , und als diese gleich darauf hielt , sprang Fräulein Eschrich heraus , verabschiedete sich von einem Herrn , der Franzi auch bekannt vorkam , ohne daß sie sich jedoch bestimmt seiner erinnern konnte , und erwartete dann ihre junge Mitpensionärin an der Leipzigerstraße . " Der Tausend , Kleine , " rief sie , " zu Fuß unterwegs ? " " Zu Fuß und heil und ganz ! " frohlockte Franzi . " Großartig ! Dann danken Sie wohl für meine weitere Begleitung ? " " O nein , ich freue mich sehr darüber . Wo waren Sie ? " Im Menschengewühl des Potsdamerplatzes in Berlin . " Auch in der Hochschule . Ich wollte Sie abholen aus dem Prüfungssaal , aber Sie waren schon fort . Na , es ist ja gut gegangen ! " " Das wissen Sie schon ? " " Ja , ich fuhr eben mit einem von den Lehrern . Sie haben sich tapfer benommen und sind unserem » Alten « ein Gaudium gewesen mit Ihrer netten Ernsthaftigkeit , nachdem er eben einen kleinen » Grasaffen « ausgewiesen hatte . " " Die war aber auch schrecklich , " platzte Franzi los , " daß die den Mut hatte , dahin zu kommen ! " " Ja , " meinte Fräulein Eschrich , " es gibt eben immer noch Leute , die da glauben , Musik , die Kunst überhaupt , sei ein Pläsier , statt eine große heilige Lebensaufgabe . Nun , Sie kleiner Schwarzkopf werden sie wohl anders auffassen ! Aber nun kommen Sie , ich zeige Ihnen jetzt » Wertheim « , da wollen wir uns ein bißchen erfrischen . Wir haben noch beinahe zwei Stunden bis zu Tisch , und ich bin entsetzlich hungrig . Sie nicht auch ? " " Ja , " gestand Franzi kleinlaut , " ich habe heute wohl etwas zu wenig gefrühstückt . " " Das dürfen Sie nicht tun ! Sie waren heute natürlich aufgeregt , aber sonst : Immer essen , essen ! In Berlin braucht man Kräfte , und wir wollen doch auch Ihre schönen roten Backen hüten ! " Jetzt war der großartige Verkaufspalast in der Leipzigerstraße erreicht , und Franzi staunte wieder , als wenn die Schätze einer Märchenhöhle sich vor ihr auftäten . Aber Fräulein Eschrich mahnte bald : " Kommen Sie , kommen Sie , sonst fangen Sie mir gleich an zu kaufen ! Und das darf nicht sein . In Berlin muß man lernen : Alles sehen und nichts begehren ! " " Ich bin auch gar nicht so begehrlich , " meinte Franzi treuherzig , " aber Schönes sehen mag ich zu gern . Aber wollen Sie denn auch nichts kaufen ? Und doch gehen wir hierher ? " " Nein , heute will ich nichts kaufen als ein belegtes Brötchen oder ein Stück Kuchen . " " Das gibt es hier auch ? " " Ja eben , das ist das Praktische . Wenn man müde und hungrig ist von allen Einkäufen , dann kann man sich hier gleich erfrischen . Letzteres kann man aber auch ohne vorherige Einkäufe , wenn man nur sonst ein Recht darauf hat . Und wir haben_es , wir sind fleißig gewesen . " So durfte Franzi sich nur an wenigen der verlockenden Verkaufsstände aufhalten , und als sie dann an einem Tischchen oben in der Restauration saßen , mußte sie ihre Erlebnisse berichten . Da war ja schon ihre Sehnsucht erfüllt ! Sie hatte jemand , dem sie " erzählen " durfte , und Fräulein Eschrich war eine freundlich teilnehmende Seele . Franzis lebendiges Wesen , ihr rasches und natürliches Urteil machte ihr entschieden sehr viel Spaß , denn so jung und urwüchsig war keine von ihren sonstigen Pensionsgefährtinnen . " Und wie ging es denn auf der Straße ? " erkundigte sie sich jetzt , " hat Sie auch niemand angeredet , wenn Sie so talergroße verwunderte Augen machten ? " " Ach ja , " gestand Franzi munter , " einer hat gesagt : » Na , Fräuleinchen , Berlin is doch wohl schöne , was ? « " Nun lachte ihre Gefährtin herzlich , und es wurde bald ein geflügeltes Wort in der Pension ; wenn das junge Kind aus der Provinz sich über so vieles verwunderte oder freute , hieß es : " Berlin is doch schöne , was ? " O ja , es ist schön . Für ein junges empfängliches Gemüt gibt es eine Fülle von ungeahnten Eindrücken , und eine gesunde , kräftige Natur gewöhnt sich auch an die Anstrengungen , die mit den Genüssen verknüpft sind . Franzi besaß beides , und unter ihren Mitpensionärinnen bildete sich bald das Urteil über sie : Ein tüchtiges Mädel ! Die wird es schon zu was bringen im Leben ! Natürlich war sie nicht immer froh und leichtherzig ; es gab Stunden , wo das Heimweh sie schmerzlich erfaßte , wo ihr kindliches Gemüt es doch plötzlich nicht begriff , daß sie so in der Fremde sein mußte , von den Ihrigen getrennt ! Wo sie es schwer fand , immer eine " Dame " zu sein , der es zwar an nichts fehlte , die sogar " Ansprüche " hätte machen können wie die anderen , die aber doch im Grunde - allein stand . Man war im allgemeinen zwar recht freundlich zu ihr , aber alle Damen hatten so entsetzlich viel zu tun ! Die Prophezeiung war doch richtig gewesen , daß keiner für den anderen viel übrig hatte . Fräulein Eschrich blieb zwar nach wie vor sehr freundlich und hatte manchen Rat für die kleine Anfängerin , aber sie war doch auch sehr beschäftigt und viel fort . Als Franzi sie zum ersten Male hatte geigen hören , war ihr klar geworden , daß sie mit einer angehenden Künstlerin bisher so harmlos verkehrt hatte , und von tiefem Respekt erfaßt , hatte sie gemeint , nicht mehr so viel von der älteren Gefährtin annehmen zu dürfen . Fräulein Eschrich nahm zwar noch Unterricht , aber sie erteilte auch schon Violinstunden , ja sie spielte zuweilen in Konzerten mit , verreiste öfter , wurde in musikalische Zirkel geladen - genug : Franzi begriff , daß sie selbst nur erst ein kleines " Schulkind " war gegen diese fertige Dame . Aber sie wollte ein fleißiges Schulkind sein , ihr Studium sollte ihr ganzes Glück ausmachen ! So übte sie mit einer unendlichen Regelmäßigkeit und Treue und war auch sehr bald auf dem Standpunkt aller echten Studierenden : Sie hatte niemals Zeit übrig ! Nur an den Sonntagen freilich , da feierte auch Franzi . Zuerst gewöhnlich im Dom , und später dann in den schönen Kunstsammlungen , wo ihr wieder eine neue Welt aufging . Aber auch für das von Heimweh bewegte Herz fand sich an den Sonntagen öfter ein Trost : Komtesse Léontine Wehrburg ! 22. Kapitel . Alte Freundschaft Als sie zum ersten Male nach der Kurfürstenstraße kam , wo die Gräfinnen Steineck ihre Wohnung hatten , war auf ihr Klingeln ein kleiner Diener erschienen , der mit wichtiger Miene ihre Meldung entgegennahm , dann aber beinahe umgerannt wurde von einem großen mageren Backfisch , der mit dem Ruf : " Franzi , ach Franzi ! " auf die junge Besucherin zustürzte . Als der kleine Bursch gleich darauf zurückkam und steif verkündete : " Gnädige Gräfin lassen bitten , " fuhr ihn die junge Komtesse an : " Ach , lassen Sie doch die Faxen , Peter ! Wir kommen schon , und diese junge Dame wird künftig zu jeder Tag- und Nachtstunde eingelassen ; verstanden ? " " Aber Tini , " warnte Franzi sanft , " noch immer so - " " Ja , noch immer so ! Und nun , wo du kommst , erst recht . Himmel , Franzi , wie siehst du reizend aus , was muß ich für ein Scheusal sein neben dir ! Peter , was haben Sie zu lachen ? " fuhr sie den heimlich grinsenden Groom in Livree wieder an , so daß er schleunigst seinen Rückzug antrat . Léontine wiegte die Freundin an den Armen hin und her und konnte ihre ausgelassene Freude gar nicht mäßigen . " Aber jetzt bringe mich zu deinen Tanten , " sagte Franzi , gerührt über den stürmischen Empfang , " wir dürfen nicht so unhöflich sein und warten lassen . " Léontine zog die Stirn kraus . " Ach , kann ich dich nicht erst allein haben ? Die Tanten werden dich so viel fragen , und du wirst so schrecklich artig und höflich sein , und ich werde gar nichts von dir haben , " schmollte sie . Da klang auch schon eine etwas strenge Stimme von der Tür her : " Nun , Léontine , wo bleibt deine Freundin ? " Da beeilten sie sich einzutreten , und Franzi sah sich in einem großen eleganten Salon zwei älteren Damen gegenüber , denen sie mit ihrer hübschen freien Anmut die Hand küßte . " Also Sie sind die liebe Freundin unserer Tini , " sagte die ältere Schwester . " Seien Sie uns willkommen , " fügte die jüngere hinzu . " Dürfen wir in mein Zimmer gehen ? " platzte jetzt Tini , die wie auf Kohlen dabei stand , heraus , wurde aber durch einen ernsten Blick zur Ruhe gewiesen . " Später , Kind ; zunächst möchten wir das junge Mädchen kennen lernen . Setzen Sie sich , liebes Kind ! " Die kleine Komtesse schnitt heimlich ein Gesicht und balancierte dann höchst unzufrieden auf einer Stuhlkante , während Franzi den Damen artig Rede stand . Tini hatte recht ! Sie hatten sehr viel zu fragen , diese Tanten ! Aber war es nicht natürlich ? Mußte es sie nicht interessieren , die Kindheits- und Heimatsgefährtin ihrer kleinen Nichte kennen zu lernen , von dem Schicksal und den Zukunftsaussichten dieses Mädchens zu hören , von dem Tini so oft und mit größter Sehnsucht gesprochen hatte ? Aber Tini wollte das nicht einsehen ! Verzogen und eigenwillig , wie sie war , verzehrte sie sich in Ungeduld , ihre Freundin für sich zu haben , und zürnte beinahe dieser Freundin selbst wegen ihres liebenswürdigen , wohlerzogenen Benehmens . Jetzt sprachen sie von dem Glück , das Franzi widerfahren durch die hohe Gunst der Landesfürstin , wofür die Damen sich besonders zu interessieren schienen . Gräfin Diana , die einst sehr schön gewesen sein mußte und öfter an Höfen verkehrt hatte , sagte : " Sie müssen sich glücklich schätzen , mein Kind , das Interesse und die Fürsorge einer so edlen Frau zu besitzen , und alles tun , sich dessen würdig zu zeigen . " " Das wird sie schon , " fuhr Léontine ungebärdig dazwischen , " Franzi tat von jeher nur was Würdiges ! " " Und du scheinst sehr wenig würdig zu sein , Léontine , eine solche Freundin zu haben , " sagte Gräfin Diana mit strenger Betonung , während die kleinere , sanft blickende Gräfin Ludowika begütigend einfiel : " Das Kind ist ungeduldig , liebe Schwester ; sollten wir die Jugend nicht jetzt ein wenig allein lassen ? " " Du verziehst Léontine , " beharrte Gräfin Diana unzufrieden , während Tini mit dem Ruf : " Du bist ein Engel , Tante Wike , " dieser um den Hals fiel . Darauf wurden sie denn wirklich entlassen mit der Weisung , in einer Stunde zum Tee zu kommen , und selig zog Léontine mit ihrer Franzi ab . " Peter , " befahl sie im Vorübergehen dem Groom mit der wichtigen Miene , " Sie können uns eine Lampe bringen , aber dann wünschen wir ungestört zu bleiben . " " Sehr wohl , gnädiges Fräulein , " sagte Peter grinsend , als wollte er sagen : Wer sollte Sie wohl stören ? In Leontinens Stübchen angekommen , umarmte die kleine Komtesse ihre Franzi noch einmal stürmisch und rief : " So , nun wollen wir uns aber ordentlich was erzählen ! Aber , bitte , nichts mehr von Musik und Konservatorium , von deiner Fürstin und dieser schrecklichen Ursula Dahland - " " Tini ! Schreckliche Ursula sagst du ? " " Na ja , sie mag ein Engel sein , aber mir ist sie schrecklich ; das sage ich dir , weil du dir so viel aus ihr machst . Ich bin doch deine alte Tini , deine Freundin von jeher - " " Aber höre doch , Ursula - " " Nein , nein , ich mag nichts mehr von ihr hören , ein ander Mal vielleicht ! Heute wollen wir von früher reden , von Wehrburg , von meinem Vater - von eurem kleinen Haus ! Ach , Franzi , unser herrliches Wehrburg ! Werde ich es jemals wiedersehen ? Ich kann nicht wieder glücklich werden , fern von Wehrburg ! " Sie hatte Tränen in den Augen und sah so erregt aus , daß Franzi sie tief gerührt in die Arme nahm und tröstend über ihr Gesicht strich . Léontine Wehrburg war ein verzogenes und eigenwilliges Kind , wozu ihre frühzeitige Kränklichkeit wohl zum Teil die Veranlassung gegeben hatte ; sie war auch hochmütig und hatte sonst manche Eigenschaften , die ihre Erziehung schwer machten und unter denen auch die Kindheitsgespielin gelitten hatte . Aber für alles , was mit der Heimat zusammenhing , hatte sie eine wahrhaft leidenschaftliche Anhänglichkeit . Wenn sie davon sprach , war sie liebenswürdig , zärtlich und dankbar ; dann hatte sie völlig andere Töne in der Stimme und das kecke Gesichtchen wurde sanft . So erlebte es jetzt Franzi , und auch ihr ging das Herz auf in der Erinnerung an alte Zeiten . Schloß Wehrburg und das väterliche Häuschen am Park traten ihr auf einmal so nah , daß Wendenburg und die Schloßgärtnerei für den Augenblick fast etwas Schattenhaftes bekamen . Als aber Léontine sich allzusehr erregte und anfing , über ihr jetziges Leben zu klagen , da suchte Franzi doch unvermerkt etwas abzulenken und begann , sich im Zimmer und unter den Sachen der Freundin umzusehen . Sie bewunderte auch den schönen Salon und das prächtige Eßzimmer , durch das sie vorhin gegangen . Tini aber meinte verächtlich : " Ach , das ist aber auch die ganze Herrlichkeit ! Außerdem hat nur Tante Diana ein Schlafzimmer , so klein wie meines hier , und für Tante Ludowika wird jeden Abend im Eßzimmer auf dem Sofa ein Lager zurechtgemacht . Findest du das vornehm ? Ich nicht ! " " Aber Tini , " sagte Franzi vorwurfsvoll , " denke Mal ein bißchen nach ! Bist du nicht undankbar ? Ich vermute , daß deine Tante Ludowika früher dies Zimmer hatte . Als du dann kamst , war nicht gleich ein übriges Zimmer da ; da hat die Gute dir das ihre abgetreten und behilft sich nun auf die Weise , wie du sagst . " Léontine sah sehr betreten aus und rief dann : " Du weißt doch immer gleich alles , Franzi . Natürlich ist es so , aber ich habe noch nie daran gedacht ! Muß ich Tante nun anbieten , daß ich auf dem Sofa schlafen will ? Das wäre aber schade ! " " Sie würde es wohl nicht annehmen , " meinte Franzi , " aber ein bißchen dankbarer könntest du immer sein , und Bemerkungen , daß dir etwas nicht » vornehm « genug scheint , dürftest du gar nicht machen ! " " Hm - du hast wohl recht - auch mit dem Dankbarsein ! Aber weißt du , es ist so schrecklich langweilig und demütigend , immer dankbar zu erscheinen ! " " Nicht scheinen , Tini ; dankbar sein ! " " Ach , das ist dasselbe . Zu Hause hatte man immer alles und brauchte sich eigentlich nie zu bedanken . " Franzi sah sehr ernst aus . Diese Bemerkungen der ungestümen kleinen Gräfin gefielen ihr wieder gar nicht , aber sie mochte nichts mehr sagen ; sie fürchtete , Tini sonst die ganze Freude des Wiedersehens zu verderben . Wenn Franzi zu viel " predigte " , wie Tini es früher nannte , dann pflegte letztere sich die Ohren zuzuhalten . Jetzt wurde das Plauderstündchen auch schon unterbrochen und die jungen Mädchen zum Tee gerufen . Dabei ging es nun wieder höchst vornehm zu , der kleine Diener wartete gravitätisch auf , und deshalb wurde die Unterhaltung meist französisch geführt . Léontine tat dies sonst oft recht widerwillig , nahm sich aber heute zusammen und plauderte recht niedlich , stolz darauf , einmal etwas besser zu können , als ihre vielbewunderte Franzi , die augenscheinlich außer Übung war und sich daher etwas befangener gab als in der ersten Stunde . Sie hatte den beiden Gräfinnen aber doch sehr gefallen und diese meinten seufzend zueinander : " Wenn doch Léontine an diesem Mädchen sich ein Beispiel nähme ! " Peter mußte endlich den jungen Gast bis an die Haltestelle der Elektrischen begleiten , und bekam von dem Komteßchen noch viele Befehle , wie er für das Fräulein zu sorgen habe , während die Tanten freundlich die Einladung aussprachen , recht häufig die Sonntage bei ihnen zu verbringen . Freundliche Aussicht ! 23. Kapitel . Der stille Winter Während Franzi Trautmann sich so in ein neues reiches Leben eingewöhnte , waren im Hause Dahland jetzt viele leere Plätzchen ; Mama ertappte sich manchmal darauf , daß sie gedankenverloren durch die Räume ging , als müßte sie ihre Kinder suchen . Sah sie in Axels " Bude " hinein , wo all die Raritäten der glücklichen Schülerzeit an den Wänden hingen , dann dachte sie , was künftig wohl alles hinzukommen würde an Merkwürdigkeiten und Trophäen aus fernen Ländern . Und dann wurde ihr so eigen ums Herz , daß sie sich manches Mal den ihr von den kleinen Buben überbrachten Spruch vorsagen mußte : Ich habe es gewagt ! Und ich will eine tapfere Mutter sein ! Kam sie dagegen in Inges kleines Reich , so wurde sie fröhlicher gestimmt . Vermißte sie auch ihre Älteste oft , so gönnte sie ihr doch von Herzen die Reise und all die neuen Eindrücke in dem fremden Lande , das Bekanntwerden mit den Verwandten von der schwedischen Linie . Auch sagte sie sich , daß dies nur eine Trennung auf kurze Zeit sei . Einen Sohn aber , wenn man den einmal von Hause gelassen hat , bekommt man nie zurück ! Er wird selbständig , ein Mann , auf den man gewiß mit Freude , vielleicht mit Stolz blickt , aber - er ist das Kind nie mehr ! Die stillen Stunden benutzte die Rätin zu vielen schönen Briefen an ihre Kinder , und da die Antworten nicht spärlich kamen , da zwischen Ursel und Franzi auch zahllose Briefchen hin und her flogen , war der Postbote nahezu die wichtigste Person für das Dahlandsche Haus . Die kleinen Jungen fanden , daß Briefträger am Ende noch ein besseres Geschäft sei als Orgeldreher . Denn der letztere wurde oft ärgerlich weggeschickt , wenn er zu lange vor einem Hause leierte ; dem Postboten aber lief alles entgegen , er bekam manchmal ein Trinkgeld , oder wenn es sehr kalt war , einen warmen Schluck . Also spielten sie jetzt Postbote , knifften zierliche Briefchen und packten Pakete , und Elfchen , mit ihren neuerworbenen Schulkenntnissen prunkend , schrieb wunderschöne i und a darauf . Oder auch Ursula mußte sich erbarmen und die vollständige Adresse schreiben , damit die Sendungen richtig abgegeben werden konnten . Und wenn dann die Enttäuschung groß war , weil in dem vielversprechenden Briefe nichts drin stand , mußte Ursula das Spiel noch erweitern und wirkliche Briefe schreiben ; denn die Kleinen sagten : " Du kannst das so schön ; du hast ja schon an die Fürstin geschrieben . " Übrigens machten sie es ihr auch leicht und diktierten . So bekam Papa eines Tages folgenden Brief : " Lieber Papa , ich kann doch auch ganz gewiß Husar werden ? Und Du mußt Dich wohl bald für mich erkundigen bei dem Onkel Oberst . Dein Sohn Robert . " Und Mama fand in ihrem Nähkorb folgendes : " Liebe Mama , wenn Du zu Markt gehst , bringe mir doch lieber keine Süßigkeiten mit , und ich will auch keinen Zucker in der Milch mehr haben , sondern lieber fünf Pfennige . Ich muß einen neuen Griffel haben , und Papa sagt immer , es ist alles so teuer . Dein lieber Bertram . " Elfchen aber schrieb : " Liebe Mama , ich habe so furchtbar viele Freundinnen in der Schule ; darf ich wohl Mal eine Kindergesellschaft geben ? Mehlspeise kann ich selbst machen , von Schnee und 'n bißchen was Rotes , was manchmal Mittags übrig bleibt ; das ist dann Eis. Deine kleine Elfi . " Letzteren Brief schrieb Ursel beinahe mit Wehmut . Also Elfchen fing jetzt schon an , " furchtbar viele Freundinnen " zu haben ! Sie würde gewiß immer ein beliebtes , glückliches Kind sein . - Aber war Ursel jetzt nicht auch glücklich ? Sie hatte es nun so , wie sie früher manchmal gedacht , daß es schön sein müsse : sie war die Älteste zu Hause ! Und sie fühlte , daß auch Mama sie so ansah , ihr manche kleine Pflicht von Inge übertrug , manch eingehendes Gespräch mit ihr pflegte . Es war wirklich , um eine gute aufmerksame Tochter sein zu können , wie sie sich es in kindlicher Phantasie ausgemalt hatte , nicht nötig , daß eine Mutter krank und hinfällig wurde , oder ein Vater verarmte . Mama war frisch und gesund , Papa unermüdlich im Amt - aber dennoch ! Wie viel konnte man einander geben , an Fürsorge , Liebe und Zutraulichkeit . Letzteres besonders war es ja , was Ursula früher gefehlt , was sie so wenig zugänglich auch für andere gemacht hatte . Der Kampf der verschlossenen Naturen , die es so schwer haben im Leben , obgleich sie oft die wertvolleren sind im Vergleich zu den allzeit Fertigen und Mitteilsamen , bei denen alles Gute auf der Oberfläche liegt , was so oft auf noch mehr schließen läßt , als wirklich vorhanden ist ! Eine Veränderung gab es auch noch für Ursel , daß sie jetzt Inges Zimmer benutzen durfte , dort ungestört arbeiten , lesen und auch manchmal Besuch empfangen konnte . Ja , auch Besuch ! Ursel war nicht mehr so völlig einsam . Die Mitschülerinnen , denen sie in der ersten Zeit langweilig und unverständlich gewesen war , fingen zum Teil an , sich für sie zu interessieren . Sie wurde zuweilen eingeladen und auf Mamas Wunsch mußte sie darauf eingehen . " Deine Franzi kann und soll gern die Erste bleiben in deinem Herzen , Kind ; aber du mußt dich doch daran gewöhnen , sie künftig nur selten hier zu haben . Du würdest allein stehen , wie es früher mein Kummer war und wie es dir auch nicht gefallen würde , wenn du erst die Schule verlassen hast . Darum nimm das Entgegenkommen von einzelnen freundlich auf . " Ursel sah das ein , und als Vicky von Sontheim sich immer deutlicher ihr näherte , wich Ursel nicht mehr aus ; aber sie unterließ nicht , in jedem Brief an Franzi zu erwähnen , wie sie sich jetzt ständen , und wie intim sie noch nicht wären und auch niemals werden würden . Vicky , als die Tochter des Hofmarschalls , hatte natürlich die Geschichte von Ursels Brief an die Fürstin und allem , was danach kam , gehört und das hatte ihr die stille Ursula Dahland plötzlich interessant gemacht . Sie dachte es sich der Mühe wert , diese näher kennen zu lernen . Als Ursula zum ersten Male einen Abend bei Sontheims verlebt hatte , kam sie beinahe begeistert zurück , und zwar - von Vickys Mutter ! " Das ist eine Frau ! " schrieb sie an Franzi , " wenn die ins Zimmer kommt , wird alles hell . Sie sieht aus wie eine Fürstin , so groß und schlank und aufrecht , und sie spricht und gibt sich so , aber man fürchtet sie gar nicht . Man liebt sie gleich , und vor heller Bewunderung benimmt man sich auch selbst besser als sonst . Ich war wenigstens beinahe mit mir zufrieden ! " Auf dem Tisch im Salon lag Deine Decke ; wie mich das anheimelte ! Und Frau von Sontheim meinte , ich vermißte gewiß meine Freundin Franzi Trautmann sehr ; Vicky aber würde sehr gern mit mir öfter verkehren . Wir könnten uns ja ein Kränzchen einrichten ! " Denke Dir , ich Einsiedler , wie ich oft in der Schule genannt worden bin , mit einem Kränzchen ! Es ist nun wirklich was draus geworden . Wir sind nur vier , Vicky , Olga Rettich und Magda Hänseler . Es mag ja recht nett werden . Gestern bei Hänselers hat es mir gut gefallen . Magdas Mutter war auch eine Weile bei uns und empfahl uns Bücher zum Vorlesen . " So hatte denn Ursel nun wirklich einen kleinen Verkehrskreis , und wenn es auch nicht gleich zu dem kam , was sie unter Freundschaft verstand , so war es doch eine freundliche Anregung , die ihrem äußeren Wesen und Sein nur zum Vorteil gereichte . Sie quälte sich jetzt nicht mehr mit Gedanken , daß sie " dumm " sei oder " häßlich " oder " zurück " , und daß niemand sie leiden möge ; sie ging ruhig und einfach ihren Weg , ohne über Zurücksetzungen oder Bevorzugungen nachzudenken . Mama nahm mit inniger Freude jede Gelegenheit wahr , ihre junge Tochter , in der jetzt so viel zur Entwicklung kam , immer näher an sich heranzuziehen . Und Ursula , in der Sehnsucht nach völligem Vertrauen , in dem Drang , alle inneren Unklarheiten loszuwerden , faßte eines Tages plötzlich einen Entschluß und erzählte Mama von ihrem Tagebuch mit dem Zusatz : " Willst du es lesen , Mama , ehe ich es verbrenne ? " Die Mutter zögerte einen Augenblick , dann nahm sie Ursulas Hand und sagte : " Und wenn ich es schon gelesen hätte ? " Ursula wurde rot und blaß , und nachdem die Mutter erklärt hatte , wie sie dazu gekommen , rief sie : " Du hast es gelesen ? Und du bist mir nicht böse gewesen - hast nichts gesagt - mich nicht beschämt ? O Mama ! " Sie drückte den Kopf an der Mutter Schulter und mochte nicht wieder aufsehen . Mama aber sagte : " Böse war ich nicht , meine Ursel , aber traurig natürlich . Ich hatte nie so etwas mit einem meiner Kinder erlebt . Aber es hat uns nicht geschadet . Dir nicht - , denn du hast , gerade wenn du deine Klagen niedergeschrieben hattest , immer gleich erkannt , wie viel Ungerechtfertigtes dazwischen war , und bist zu guten Vorsätzen gelangt . Und mir - hat es die Augen öffnen helfen über mein stillstes Kind , das anders war als die anderen , aber mir gewiß nicht weniger lieb ! - Sieh , Ursula , das Schwerste für eine Mutter ist es , wenn sie sieht , ein Kind wendet sich ab , will gar nicht die Liebe und Zärtlichkeit der Ihren ! So aber war es ja nicht bei dir ! Dein junges Herz glühte für uns , aber wußte es nicht zu zeigen . Es glaubte nicht an seine eigene Kraft , und darum auch nicht an die Möglichkeit , von uns so wiedergeliebt zu werden . " Ursula richtete sich mit großen verklärten Augen auf . Mama hatte nicht nur im Tagebuch , sondern auch in ihrer Seele gelesen . Und sie hatte sich seitdem - Ursel fühlte es jetzt ganz genau - nur liebevoller um alles gekümmert , was Ursel betraf , hatte ihr so viel gewährt und die große Freundschaft ihres Lebens mit solcher unendlichen Güte gefördert . " Du hast es gelesen ? Und bist mir nicht böse gewesen ? " " Du warst zu viel allein , " fuhr Mama fort , " du standest zwischen den Großen und Kleinen , und da gerade , als ich dies erkannte , als ich dir von ganzer Seele eine Freundin wünschte , da gab der Himmel dir Franzi ! Denn so müssen wir es doch auffassen , wenn ich dich auch ihr auf den Weg geschickt habe - mit dem Spargelkörbchen ! " schloß sie mit leichterem Ton , um der Rührung Herr zu werden . " Du mußtest mich schicken , weil dein lieber Wunsch für mich schon erhört war , " sagte Ursula bewegt und küßte Mamas Hand . Diese nahm sie noch einmal in die Arme , und Ursula sagte nur noch leise : " Wie schön ist jetzt alles ! Ich dachte , nach diesem Sommer würde mir der Winter recht traurig vorkommen , aber er ist wunderschön ! " Schön fand auch Ingeborg ihren Winter , aber in anderer Weise . Ihre Briefe waren voll Lust und Leben , ihr Aufenthalt in Schweden schien ein fortgesetztes Fest . Zuerst war sie auf einem Gut gewesen , hatte die große Gastlichkeit dieser Gegenden kennen gelernt , sowie manche neue Haussitte . Sie hatte sich gehörig draußen getummelt , und als der frühe Winter eintrat , war sie auf Schneeschuhen von einem Hof zum anderen gefahren , oder im Schlitten über den See ! Karin und Erik , ihre jungen Verwandten , schienen sich ihr mit Begeisterung angeschlossen zu haben , und jetzt in der Hauptstadt erweiterte sich ihr Kreis von Tag zu Tag . In Stockholm schien die Geselligkeit im vollen Gange , und nach der Art , wie Inge sich darüber ausließ , bekam sie ein volles Maß von allem , was man sich im Gesellschaftsleben nur wünschen kann . Fast war es den Eltern zu viel ! Der Vater meinte : " Wenn es nur nicht ihrer Gesundheit schadet ! " und die Mutter fügte nachdenklich hinzu : " Und ihrer Seele ! Sie wird uns zu eitel gemacht ; es spricht mir ein reichliches Maß von Selbstbewußtsein aus ihrem Ton . " Aber Inge schlug auch andere Saiten an . Sie schwärmte für das schwedische Land , und mitten aus dem Trubel der Hauptstadt schien sie sich manchmal hinauszusehnen nach Göstaborg mit seinen verschneiten Wäldern und seinem blitzenden See , nach den dortigen Verwandten , die ihr bis jetzt doch die Liebsten seien . Leider kämen Karin und Erik nicht nach Stockholm , weil zu Hause unentbehrlich . Erik zumal besorge eigentlich die ganze Verwaltung des großen Gutes , auch mache er sich nichts aus hauptstädtischem Leben . Ehe Inge nach Deutschland zurückkehre , würde sie jedenfalls die letzte Zeit noch in Göstaborg zubringen ; so sei es ausgemacht . Hier ließ die Rätin den Brief sinken und sah gedankenvoll vor sich nieder . Die Möglichkeit , daß aus der kurzen Trennung eines Winters doch eine dauernde werden , daß ihre Älteste in dem fremden Lande eine neue Heimat finden könne , stieg in ihr auf . Sie sann und sann , ohne mit jemand darüber zu sprechen , und dachte schließlich : " Urselchen , wie bald kann es kommen , daß du die Älteste zu Hause bist ! Gottlob , nun bist du aber auch mein mir völlig vertrautes Kind . " Ursula korrespondierte nicht viel mit der Schwester , desto mehr aber zu ihrem eigenen Erstaunen - mit Axel . Und sie war stolz auf die genauen Schilderungen seines Lebens und merkte sich alle technischen Ausdrücke so gut , daß sie immer folgen konnte , wenn Papa aus der Zeitung über Marineangelegenheiten vorlas . Sie fand jetzt , daß sie doch erstaunlich viel zu lernen habe , abgesehen von der Schule ; denn was mußte sie nicht auch um Franzis Willen alles in ihren Ideenkreis aufnehmen , was ihr sonst ferngelegen hatte ! 24. Kapitel . Briefe " Nur wenige Minuten habe ich heute frei , meine liebe Ursel , " schrieb Franzi , " aber ich will gleich wenigstens den Anfang zu einem Brief machen , wenn er dann auch in Absätzen fortgesetzt werden muß . " Fräulein Elsner hat recht : das Konservatorium nimmt den ganzen Menschen in Anspruch ! Jetzt bekomme ich eigentlich erst einen Begriff davon , was die Musik bedeutet , was für ernste Arbeit zum Dienst der Hohen , Holden gehört , wenn wir wirklich eingehen wollen in ihr Reich . Da ist nicht bloß das Klavierüben - mehrere Stunden Technik täglich , bis man zu dem Schönen kommt - da sind unsere theoretischen Ausarbeitungen , Musikgeschichte , Italienisch - ja , Urselchen , ich bin ein rechtes Schulkind wieder geworden , aber so glücklich , so glücklich dabei ! Und wenn ich einmal sage , daß ich für nichts anderes Sinn habe als für meine Musik , dann sei Du doch nicht eifersüchtig , sondern denke nur , daß Du immer dazu gehörst . Denn was hätte die edle Fürstin , die nun alles für mich gibt , von mir armem Wurm geahnt , wenn Du nicht so mutig vorgegangen wärst ? Und darum schulde ich Dir so gut meine Zukunft wie der hohen Frau . " * " Hier mußte ich gestern abbrechen , aber heute habe ich etwas mehr Zeit , da treibt es mich gleich wieder zu Dir . Ich habe heute was Besonderes erlebt ! Frau Professor Gerstenberg , die erste Gesanglehrerin am Konservatorium , bat mich , in einer Stunde ihr zu Hilfe zu kommen , da ihr ständiger Begleiter krank sei . Ich erschrak zuerst , ging aber doch mutig mit , weil Frau Professor sagte , ich sei unter den Schülerinnen , die mein Klavierlehrer als tauglich zum Begleiten vorgeschlagen habe . » Und , « fügte sie hinzu , » ich bat Sie , weil ich Sie gern leiden mag ! « - Denke , Ursel , von der großen Frau überhaupt beachtet zu sein ! Zuerst begleitete ich nun Übungen , die sehr leicht waren , dann kamen Lieder und Arien . Vier Damen teilten sich in die Stunde , alle paar Minuten hörte ich eine andere . Schöne Stimmen , nur sang eine greulich falsch ! Das heißt jetzt übertreib ich ; solche , wie Du nun denkst , werden wohl gar nicht angenommen , aber so unrein ! Mir zog es immer ordentlich im Ohr dabei . Und eine konnte nicht zählen . Dabei fing ich schon an , mit Kopf und Schultern zu zucken , als müßte ich dafür aufkommen , und ich durfte doch eigentlich gar keine Meinung haben . Frau Professor war sehr geduldig und gab so klare Erläuterungen , daß ich immer dachte , danach müßte Singen ein Kinderspiel sein . Als die Stunde aus war , sagte sie freundlich zu mir : » Sie sollen mir noch öfter helfen , das geht gut . Sie haben angeborenen Rhythmus . Können Sie auch singen ? « » Ach ja , ein bißchen , wie jeder Mensch , « sagte ich . Da lachte sie : » Wirklich , wie jeder ? Na , singen Sie Mal ! « Und sie schlug ein Heft auf und spielte eine Übung , die heute mehrmals durchgenommen worden war . Und ich , ganz keck , singe ! Falsch ja nicht , wie die eine , und zählen muß ich immer , das habe ich von Fräulein Elsner so gelernt ; also ging es . Nun nahm Frau Professor ein Lied und sagte : » Jetzt einmal dieses . « Und ich - wieder losgesungen ! Es war » Der Lindenbaum « von Schubert , den kennt man ja . Ich wunderte mich bloß darüber , daß es so laut klang ; es muß da eine besondere Akustik in der Klasse sein , oder auch , ich hatte die Stimme der anderen Damen noch so im Ohr , daß ich auch unwillkürlich ein wenig » loslegte « , wie man hier sagt . Frau Professor drehte sich um und fragte : » Und Sie wollen Pianistin werden ? Wie alt sind Sie ? « » Siebzehn . « » Nun , da bleiben Sie nur noch bei Ihrem Instrument ; übers Jahr aber hoffe ich Sie in meiner Klasse zu sehen ! ' Ursel , was sagst Du ? Würdest Du auch erlauben , daß ich - am Ende Sängerin werde ? Du meine süße holde Protektorin ? Na , Spaß !! Frau Professor hat es auch wohl nur im Spaß gemeint ! " * " Heute wieder in der Singstunde begleitet . Meine Kehle machte alles lautlos mit , auch die ganze Atmung betreib ich mit . Ich bin entzückt ! Beinahe mag ich nun nicht mehr Klavier üben - aber das darf nicht sein , sei nicht bange , Ursel ! Ich sagte das eben nur so ! Ich spiele jetzt Bach - und da sollte ich nicht fleißig sein ? Aber das Singen - - - Höre Mal , ich habe neulich eine Sängerin gehört , die liegt mir Tag und Nacht im Sinn . Stelle Dir vor : In der Singakademie - das ist nicht unser größter , aber eigentlich unser vornehmster Konzertsaal - kommt zwischen den weißen Säulen des Hintergrundes auf den breiten flachen Stufen des Orchesterraums herunter eine Dame . Sie schreitet nicht majestätisch , sie fliegt wie ein rosa Wölkchen herab ! Mit einem dunklen Kopf und dunklen Augen , die strahlend ins Publikum grüßen , das bei ihrem Erscheinen sofort in rasenden Applaus ausbricht . Na , denke ich , sie hat ja noch nichts geleistet ! Aber dann , dann fängt sie an . Sie singt nicht ein Programm ab , - nein , sie überschüttet uns mit einem wahren Liederfrühling ! Mit so viel Klang , Poesie und Seele , daß ich kleine dumme Dirn in Tränen ausbreche . Die anderen Konservatoristinnen neben mir stoßen mich an , sie lächeln , - ich aber weine . Das ist ein Gesang , ach , und das ist ein herrliches Menschenkind ! - Man kann sich ja nicht vornehmen , solchen Sonntagskindern des lieben Gottes nachzueifern , denn das ist Gnade ! Aber man kann sich immer wieder vorsagen : Solche Künstler gibt es , und du armer Stümper darfst nicht ruhen und rasten , bis du ihnen wenigstens die Schuhriemen lösen darfst ! " * " Liebe Ursel , hast Du gestern nicht gedacht , Deine Franzi würde überspannt ? Fürchte nichts , heute bin ich schon wieder sehr klein . Professor Mühlenz ließ mich scharf an : » Fräulein Trautmann , seien Sie Mal nicht so zerstreut ; was soll ich von Ihnen denken ? Wo sind Sie mit Ihren Gedanken ? « Ach Du , natürlich bei der Sängerin . Aber ich nahm mich jetzt zusammen und beschloß , in nächster Zeit nur Klavier- und Orchestermusik zu hören . Nur ! Wenn ich bedenke , daß ich bis vor kurzem nichts hörte , nichts kannte , als Fräulein Elsners liebes Spiel und meinen lieben Schloßorganisten ! Was habe ich in diesen Wochen nun schon alles gehört ! Du wunderst Dich vielleicht , daß ich das alles mitmachen kann ; aber das ist ja das Schöne am Konservatorium , man bekommt so viele Freibillett , die immer verschieden verteilt werden . Heute sollte ich wieder eines haben zu einem Liederabend , aber ich bat : » Lieber zur nächsten Kammermusik . « » Warum ? « fragte Frau Professor Gerstenberg . » Ich will mir das Herz nicht groß machen . « Und sie verstand . Sie strich mir lächelnd übers Haar und sagte : » Nur Geduld , Sie Schwarzköpfchen ; übers Jahr , da singen wir ! « Ach , bei dieser Anrede dachte ich an Dich , die andere Schwarzbraune , und ich bekam Heimweh und zählte die Wochen , wie lange wir schon getrennt sind . Bald ist Weihnachten , und ich komme nicht . Hier in der Pension soll auch immer nett gefeiert werden , sagen die anderen , und vielleicht kann ich auch - - " " Heute weiter . Ich wollte von Léontine erzählen , nach der Du neulich so angelegentlich fragtest . Oft sehen wir uns nicht ; wir wohnen zu entfernt voneinander und haben beide zu wenig Zeit . Auch Leontinchen muß tüchtig heran mit Studieren ; ihre Tanten , die Gräfinnen Steineck , geben sehr auf ihre Ausbildung , und Léontine klagt mir vor : » Ach , Franzi , könntest du doch noch mit mir lernen , wie früher : das ging so schön ! « Ja , denke ich , sehr gern , wenn ich nur nicht selbst so viel zu tun hätte . Die beiden Gräfinnen sind sehr gütig gegen mich . Zuerst fragten sie mich gründlich aus , da sie aus Leontinens Beschreibung der früheren Verhältnisse in Wehrburg wohl noch nicht völlig klug geworden waren . Später sagte Gräfin Diana einmal : » Armes Kind , da sind Sie ja durch das fehlende Testament unseres seligen Vetters Wehrburg recht geschädigt . « Das war mir nun doch nicht recht , denn es klang mir wie eine Kränkung des gütigen Grafen , und ich sagte mit Feuer : » Ach , gnädige Gräfin , der selige Herr hat so viel für uns getan , so lange er lebte ! Wer konnte ahnen , daß er so früh und plötzlich sterben müßte ? « Da sagte Gräfin Ludowika : » Léontine hat schon oft gewünscht , Ihnen etwas recht Schönes zu schenken , oder für Sie zu sorgen , ehe Sie die hohe Gunst Ihrer Fürstin erfahren hatten ; aber - ich muß Ihnen sagen - das Kind ist selbst nicht reich , nicht einmal wohlhabend zu nennen ! « - Wer hätte das gedacht , Ursel ! Wehrburg erschien mir immer wie ein Ort des Glanzes und der Herrlichkeit . Aber es ist doch rührend von Tini , daß sie so gegen mich gesonnen ist ! Sie ist überhaupt viel netter , als früher . Jetzt hat sie sich auch wieder was sehr Hübsches ausgedacht : Sie hat ihre Tanten gebeten , Fräulein Elsner zu Weihnachten einzuladen , und ich soll dann auch immer da sein . Ist das nicht eine schöne Aussicht ? " " Ich habe in Gedanken mit Euch eine wunderschöne Weihnachtsfeier gehalten . " " Das Weihnachtsfest ist vorüber , liebste Ursel , " schrieb Franzi bald nachher , " und wenn ich auch manch heimliches Tränlein vergossen habe , so muß ich doch recht dankbar darauf zurücksehen ; denn ich gehörte in dem ungeheuren Berlin gewiß nicht zu den Verlassenen ! In der Pension hatten wir auch einen Baum geputzt , wozu wir alle etwas beisteuerten , und nachdem ich mit mehreren Pensionärinnen vom Dom zurück war ( wo der Chor wundervoll sang ! ) , wurde angezündet , und allerlei kleine scherzhafte Überraschungen kamen zu Tage . Ich wollte auch fröhlich sein , aber - es gelang nicht recht . Denn - alle Pensionärinnen hatten Pakete bekommen , nur ich nicht . Ich sagte mir wohl , daß es sich nur um eine Verspätung handeln könne , und Fräulein Zimmermann , unsere Vorsteherin , tröstete mich , es käme um acht Uhr noch eine Post - aber so lange konnte ich nicht warten . Halb acht wird bei den Gräfinnen Tee getrunken , und diese Damen , die viel auf Pünktlichkeit geben , warten zu lassen , das ging doch nicht an . Also fuhr ich zur rechten Zeit mit der Elektrischen nach der Kurfürstenstraße , und nun verging mir das Heimweh . Oder auch - es wurde erst recht lebendig ! Das klingt wie Widerspruch , und ist doch so . Fräulein Elsner war angekommen , und als ich ihr liebes Gesicht sah , tauchte Schloß Wehrburg und die ganze frühere Zeit so deutlich vor mir auf - die Kindheit und - mein Vater ! Wir weinten alle drei , und das war der Zoll , den wir der Heimat und der Vergangenheit brachten . Dann aber waren wir froh zusammen , und ich fühlte mich in der fremden Stadt und fern von Euch doch nicht mehr unglücklich . Als ich spät nach Hause kam , vom Diener der Gräfinnen begleitet , fand ich in meinem Zimmer die Kiste aus Wendenburg . Ich überlegte , daß es vernünftiger wäre , ich ließe das Auspacken bis zum anderen Morgen ; aber nein , diesmal siegte die Unvernunft oder vielmehr die Sehnsucht ! Und als zu oberst die Tannenzweige lagen , da habe ich noch in der Nacht all Eure Bilder damit geschmückt , kleine Wachsstockenden dazwischen gesetzt und in Gedanken mit Euch eine wunderschöne Feier gehalten ! Der gute Herr Bauer hatte sogar Christrosen mit eingepackt ; wie mich das rührte ! Und Du , mein Urselchen ! Was soll ich nur sagen zu Deiner Bescherung ? Die ist einfach großartig ! Wollt Ihr mich denn völlig erdrücken , mich Arme , die nicht weiß , wie sie das jemals vergelten soll ? Der schöne Spitzenkragen ! Weißt du noch , wie Du damals bei der Decke sagtest : » Ich verstehe diese Arbeit nicht . « - Nun hast Du mich bereits übertroffen ! Und das herrliche Beethoven-Buch ! Die kleinen süßen Arbeiten von Elfchen und den lustigen Vagabunden ! Küsse die Kinder in meinem Namen tausendmal dafür . Was aber soll ich sagen , daß auch Dein Bruder Axel an mich gedacht hat ? Der geschnitzte Kasten ist ja wundervoll ! Gib mir nur seine genaue Adresse ; denn hierfür muß ich mich doch direkt bedanken , das kann ich nicht mit einer Bestellung durch Dich abmachen . In diesen Kasten werde ich all meine Heiligtümer legen , und wenn wir uns einmal wiedersehen , werde ich sagen - ja , ich weiß doch noch nicht , was ich sagen werde . Nun muß ich Dir von den Festtagen weiter erzählen . Nach der langen schönen Christnacht schlief ich tüchtig aus , fuhr Mittags wieder nach der Kurfürstenstraße , wo es ein sehr feines Diener gab , und ging nachher mit meinen Lieben zum Abendgottesdienst . Nach dem Tee musizierten wir , und es war für mich eine Wonne , zu sehen , wie Fräulein Elsner teilnahm an meinen Studien , wie sie mich in allem verstand , als ich ihr Mal gründlich mein Herz ausschüttete . Dann spielte sie auch wie in früherer Zeit , und obgleich ich nun inzwischen so manche Künstler gehört habe , bleibe ich dabei : Fräulein Elsner spielt wunderschön , und sie wäre eine große Künstlerin geworden , wenn jemand für sie getan hätte , was jetzt für mich geschieht ! Also , Ursel , welch eine Verantwortung hast Du auf meine Schultern gelegt , oder vielmehr in meine Hände ! Die Gräfinnen waren auch sehr erbaut von Fräulein Elsner und haben viel und eingehend mit ihr gesprochen , und das Resultat ist , daß ich wirklich wieder an Leontinens Stunden einigen Anteil nehmen soll ! Es wird sich wohl machen lassen ; die Gelegenheit ist doch zu günstig . Besonders in Geschichte und Literatur wünsche ich mir leidenschaftlich Fortbildung ; Fräulein Elsner sagte selbst sehr betrübt , daß sie und ich ja leider zu früh auseinandergekommen wären . Und ich will Dir sagen , Ursel : Klavierspiel , Notenlesen und geschickte Finger tun es nicht allein , wenn man eine Künstlerin werden will . Ich habe einmal von einer Pianistin sagen hören : » Sie ist eine Seiltänzerin auf ihrem Instrument , aber ein vernünftiges Wort kann man nicht mit ihr sprechen . « Und von einem Sänger : » Er hat einen wunderbaren Tenor , aber er ist dumm ! « Beides hat mich sehr erschreckt , und ich habe seitdem noch viel mehr das Bestreben , zu lernen und mich zu bilden , wo ich kann . Früher , weißt Du , da arbeitete ich um das bißchen Geld , damit ich die ersten Stunden nehmen konnte ; jetzt , wo das viele Geld immer für mich bereit liegt , muß ich mit allen Kräften arbeiten , daß ich dieser Schenkung mich auch würdig mache . Dazu helfe mir Gott ! Deine Franzi . " 25. Kapitel . Die Schwestern An einem schönen Frühlingstage ging auf dem Bahnsteig zu Wendenburg ein junges Mädchen auf und nieder , eifrig nach dem erwarteten Schnellzug ausspähend . Sie war groß und schlank gewachsen , trug sich leicht und gerade , wenn auch bescheiden , in ihrem feinen blaugrauen Frühlingskleide . Ein blauer Hut saß auf den schwarzen glänzenden Zöpfen , die um den Kopf gelegt waren , und beschattete ein zartgefärbtes , nicht mehr mageres Gesicht , in dem die Augen das Schönste waren , dunkle sanfte Sterne , in denen aber heute eine gewisse Erregung zu lesen war , die sich zugleich mit der Wangenfarbe noch erhöhte , als jetzt der Pfiff der Lokomotive ertönte . Aus einem geöffneten Fenster des einfahrenden Zuges grüßte eine schöne blonde Erscheinung , und gleich darauf eilten Ingeborg und Ursula Dahland aufeinander zu . " Ursel , bist du es denn wirklich ? Täusche ich mich nicht ? " rief die Ankommende in unverhohlenem Staunen und umfaßte die junge Schwester , die sie jetzt an schlanker Höhe erreicht hatte . " Ja , Inge , ich bin_es , und du mußt mit mir zum Empfang vorlieb nehmen . Die Eltern - " " Sind doch nicht krank ? " " Nein , Papa hat nur eine sehr ausgedehnte Sitzung heute - " " Ach , das kennt man ja noch ! " " Mama war allerdings erkältet und ließ sich bewegen , zu Hause zu bleiben . Aber alle schicken dir tausend Grüße entgegen und freuen sich unbeschreiblich auf deine Rückkehr ! " " Wirklich ? Wie hübsch du das sagst ! Überhaupt - " Inge brach ab , da der Kofferträger herantrat und ihren Gepäckschein verlangte . " Ich habe schon eine Droschke , " sagte Ursula , " der Träger weiß Bescheid . So komme nur , Inge . Welch schöner Reisetag ! Aber dir ist gewiß der Abschied von Schweden schwer geworden ? " Inge drückte nur still ihren Arm , und dann stiegen sie ein . Hatten die Schwestern die Rollen getauscht ? Die schüchterne , vor kurzem noch für unpraktisch und unbrauchbar geltende Ursula war heute um alles besorgt . Sie brachte das Handgepäck unter , zahlte den Kofferträger und gab dem Kutscher die Weisung , während die ältere Schwester still zurückgelehnt saß und träumerisch das Bild der Heimat in sich aufnahm . Sie sprachen nicht viel während der kurzen Fahrt ; aber als das Haus am Fürstenplatz in Sicht kam , richtete sich Inge auf und grüßte froh zu den Fenstern empor , hinter denen Mamas liebes Gesicht erschien . Zugleich eilte Papa , der eben nach Hause gekommen war , an den Wagen , hob mit stolzer Freude seine Älteste heraus und führte sie am Arm ins Haus , wo alsbald die Kleinen sich auf sie stürzten und sie vor allem auf den Blumenschmuck aufmerksam machten , den sie mit Ursels Hilfe um die Wohnstubentür gewunden hatten . Froh bewegte Stunden folgten nun , in denen die verschiedensten Töne angeschlagen wurden , aber darin waren alle sich bald im stillen einig : Inge war von ihrer Nordlandsfahrt verändert zurückgekommen . Man hatte gedacht , daß sie hauptsächlich das Wort führen und von ihren Erlebnissen berichten würde ; statt dessen fragte sie viel mehr nach dem Ergehen in der Heimat , nach dem fernen Axel , ja nach Ursels Freundin . Sie hätschelte die Kleinen mit großer Zärtlichkeit und schmiegte sich gelegentlich still an Mama . Alle empfanden eine gewisse Spannung bei diesem veränderten Wesen , das gewiß nicht zum Nachteil war , aber doch an der sonst so strahlenden , siegesgewissen Inge fremd berührte . Ursula besonders wußte gar nicht , was sie denken sollte , und sie wurde recht verlegen , als Inge mit eigentümlich sanftem Ton fragte : " Bin ich denn auch nicht überflüssig geworden , da ihr inzwischen eine zweite gute Haustochter bekommen habt ? " Und sie nahm Ursel beiseite und meinte : " Ich muß dich immer wieder ansehen , was aus dir geworden ist , du schlankes Jungfräulein ! Wo ist der scheue Backfisch hin ? Wie kann man sich in einem halben Jahr so verändern ? " " O , Inge , " sagte Ursel errötend , " du hast dich auch verändert . " " Wirklich ? Wieso ? " " Du bist noch schöner geworden . " " Ach gehe , willst du es auch so machen , wie alle Leute ? Bin ich nicht schon eitel genug ? " Das klang förmlich bitter ; solche Äußerungen hatte man nie von Inge gehört , und Ursel schwieg verschüchtert . Aber lange hielt das nicht an ; sie hatte ja doch zum Empfang der Schwester so manches vorbereitet , was sie zeigen und erklären mußte , und sie war von so lieblichem Eifer dabei , daß Inge ihr gerührt zusah . Da war eine neue Tischdecke in Inges Zimmer , von Ursula gestickt , ein hübsch gebrannter Kasten für Karten und Bilder mit der Aufschrift " Erinnerungen an Schweden " , und am Fenster standen wohlgepflegte Blumen , darunter eine über und über mit Knospen bedeckte Myrte . Aber von letzterer , die Ursels größter Stolz schien , wandte sich Inge schweigend ab , um gleich darauf lebhafter und beredter zu werden als zuvor . In den nächsten Tagen herrschte noch eine Art Besuchsstimmung im Hause , die man besonders dem Landgerichtsrat sehr anmerkte . Er ließ sich in jeder freien Stunde von dem eigentlichen Stammland der Familie und von den Verwandten erzählen . Dann war Inge auch mitteilsam und lebendig wie sonst , aber in den Stunden mit der Mutter allein merkte diese immer die tiefgehende Veränderung . Fragen wollte sie nicht , aber bei den verschiedenen Lücken in Ingeborgs Erzählungen dachte sie sich allmählich ihr Teil . Inge hatte eine Enttäuschung erlebt ! Und Ursula war es , die zuerst davon erfuhr ! Die Schwestern saßen zusammen in dem kleinen traulichen Raum , der ihnen jetzt als gemeinsames Wohnzimmer dienen sollte ; sie besahen schöne , eigenartige Handarbeiten aus Schweden , Ansichtskarten und vor allem die Bilder der Verwandten . Die Cousine Karin war wohl eine ähnliche Erscheinung wie Inge selbst ; man konnte nun die echte mit der " sogenannten " schönen Schwedin vergleichen . Und der Vetter Erik - ja , der sah allerdings sehr anziehend aus ! Ursel wurde es auf einmal klar , daß sie unbewußt angenommen hatte , die Schwester würde als dessen Braut zurückkommen ! Stadt dessen sprach sie von diesem Verwandten weniger als von allen anderen . Heute war sie besonders ernst und nachdenklich ; sie hatte schon den ersten Brief aus Schweden , und Ursel fragte teilnehmend : " Du hast gewiß Heimweh nach Göstaborg ? " Da sagte Inge plötzlich : " Wenn ich wäre , wie du , dann wäre Göstaborg vielleicht jetzt meine Heimat . " " Inge ! Du wie ich ? Wie kommst du darauf , uns zu vergleichen ? " " Ja , wie kommt man darauf ? Früher hätte ich es auch nicht gedacht . Wie hätte ich geglaubt , daß mir etwas fehlte , etwas anders an mir sein könnte ?! Wie hätte ich gedacht , daß ich dich unscheinbares stilles Ding - verzeih , Urselchen , und laß mich offen sein ! - daß ich dich einmal auf etwas hin ansehen könnte , was mir fehlte ! " " Aber Inge , liebe Inge ! " " Laß mich , Ursel , es tut mir gut . Sieh , wenn ich dich so beobachte , wie du hier im Hause herumgehst , wie du aufmerksam und hilfreich gegen groß und klein bist , aber nie ein Wort von dir sprichst , nie zu merken scheinst , wie du allen lieb und angenehm bist , mit einem Wort , völlig anders als ich - dann denke ich : Hätte so mich Vetter Erik gesehen , er hätte sich doch wohl entschlossen ! Ich meine , entschlossen , mich nicht wieder ziehen zu lassen ! Aber er hat , als ich von Stockholm zurückkam , sich recht deutlich von mir abgewandt , und Karin hat es mir auf mein bestürztes Drängen und Bitten auch gestanden , daß er gesagt habe : » Ein so eitles , selbstbewußtes Mädchen , das sich derartig vom Gesellschaftsleben den Kopf verdrehen ließe , könne er doch nicht zur Frau nehmen ! « " Siehst du , Ursel , dafür , daß sich alle beeifert haben , mich zu bewundern , mein natürliches Selbstbewußtsein zu nähren , dafür - hat sich der eine von mir abgewandt . " Bescheidenheit , Weiblichkeit , selbstloses Sein , - das hat sich Erik gewünscht an seiner Frau , und wenn es noch nicht an mir ausgeprägt war , wie er mich kennen lernte , so hoffte er , zu meinen anderen Eigenschaften , die ihm gefallen haben , würde sich auch dies entwickeln , wenn - . Aber Stockholm hätte mich vollends verdorben , sagte er . " Ursel saß tief erschüttert . Daß es Inge war , die so sprach , und zu ihr , der jüngeren Schwester - das konnte sie kaum fassen . Sie kam aber nicht zu einem Gefühl von Stolz auf dies Vertrauen ; sie empfand nur die schmerzliche Demütigung ihrer schönen Schwester , und trotz aller Kindlichkeit ahnte sie ein tiefes Leid . Sie hatte Inge mit beiden Armen umschlungen und barg das Gesicht an ihrer Schulter , sie mochte sie wirklich nicht ansehen in dem Augenblick solcher Geständnisse . Inge aber sagte : " Ursel , daß ich dir dies sage , dir zuerst , das mußt du nun als einen Beweis meiner schwesterlichen Liebe ansehen , als ein Pfand für unsere künftige gute Freundschaft ; willst du ? " " O Inge , du machst mich ja glücklich ! Nur bin ich im selben Augenblick auch so traurig deinetwegen . " " Wer weiß , warum es so kommen mußte ! Ich habe es zu gut gehabt im Leben . Du kleine Stille standest immer zurück . " " Aber Inge , ich war doch auch nichts neben dir ! Wie habe ich dich bewundert , und - beneidet ! " " Du mich bewundert ? Und ich war doch gar nicht nett zu dir ! Mir fällt es jetzt wie Schuppen von den Augen . Ich war nur mit mir selbst beschäftigt ; ich verstand deine schüchterne , in sich gekehrte Natur nicht . " " Und ich , ich war so empfindlich , so verdrossen , so voll törichter Einbildungen ; mich konnte wirklich niemand mögen ! " " Aber jetzt mag dich jeder , das fühlst du doch wohl ? Gestehe_es nur ! " " Ach - ich weiß nicht - die Eltern - " " Nun , die Eltern . Glaubst du , daß die je einen Unterschied gemacht haben zwischen uns Kindern ? Nein , ich meine andere Leute ; ich sehe es ja ! " " Aber ich kann nicht im entferntesten dich im Hause ersetzen . " " Vielleicht noch nicht , du bist in der Wirtschaft ja noch ein kleiner Lehrling . Ich tat schon früher alles , weil ich Mamas erste Stütze sein konnte , und ich tat es gern , auch wohl recht gut , aber ich ließ mich auch fleißig dafür bewundern . Ach , das ist nun vorbei , jetzt tut mir jedes Lob weh . " " Aber , liebe Inge , das ist doch übertrieben ! Das bleibt nicht so , das überwindest du ! Und auch Vetter Erik - wird ohne Zweifel noch sein Urteil bereuen ! " Damit schloß diese denkwürdige Unterredung der beiden Schwestern , die Ursel noch lange und nachhaltig beschäftigte . 26. Kapitel . O Sommer , schöner Sommer ! Nun war es wieder Ferienzeit . Ursel und ihre jungen Bekannten , die mit ihr die Schule verlassen hatten , klagten beinahe , daß ihnen dies unvergleichliche Feriengefühl , das sie so manches Jahr genossen hatten , nun verloren ging . " Und wenn man nicht Mal verreist ! " sagte Olga Rettich . " Vicky hat es gut , die geht mit ihren Eltern nach der Schweiz . " " Aber ich bleibe hier , " sagte Ursel . " Ach , du wirst dann keinen Sinn mehr für uns haben , " sagte Magda Hänseler , " wenn erst Franzi Trautmann hier ist . Sie kommt doch ? " " Ja , sie kommt , " antwortete Ursel und konnte es nicht hindern , daß ihr Gesicht sich verklärte . " Siehst du wohl , " sagte Olga neckend , während Magda ein leises Bedauern empfand ; denn sie hätte sich gern so recht an Ursel angeschlossen . " Aber das hindert euch doch nicht , " fuhr Ursel fort . " Ihr müßt sie alle kennen lernen ! Vicky , du reist hoffentlich auch nicht so früh , daß wir wenigstens noch einmal alle zusammen sein können . " " Ach , du denkst dann nicht mehr ans Kränzchen ! " " Aber Vicky , bin ich denn so - so unliebenswürdig ? " " Nein , Ursel , du bist sehr liebenswürdig ; wir necken dich ja nur ! Denn früher warst du doch sehr » ausschließlich « , um nicht » exklusiv « zu sagen ! " Ursel lachte verlegen , was sollte sie sagen ? Sie war ja sehr gern mit den Mädchen zusammen ; aber jetzt schlug doch ihr ganzes Herz Franzi entgegen , und sie hatte allerdings Lust , " exklusiv " zu sein . Als endlich der große Tag kam und die beiden Schwarzbraunen sich wieder hatten , war_es abermals ein großes Staunen und Prüfen , wie letzthin beim Wiedersehen mit Ingeborg . Jetzt sah Ursel wohl und gesund aus , Franzi aber hatte die bräunliche Frische etwas verloren , war schlanker geworden , sah aber nach Ursels Meinung " furchtbar interessant " aus . Beinahe ängstlich forschte sie , ob auch andere Veränderungen zu spüren sein würden ; aber Franzi war das liebe herzige Naturkind geblieben , das zwar von allerlei wunderbaren Dingen klug reden konnte , aber doch einfach selig war , Berlin nun für eine Weile hinter sich zu haben und in der Schloßgärtnerei wieder heimisch zu werden . Der Obergärtner sah mißtrauisch auf ihre wohlgepflegten Hände und ihre großstädtische Gesichtsfarbe ; als sie aber wieder zu den Himbeeren ging und mit wahrer Leidenschaft pflückte , als sie an einem Waschtag wieder in der Küchentür saß und singend Kartoffeln schälte , da wurde seine Miene sehr viel freundlicher , und bald war er es , der ernstlich dagegen redete , daß Fräulein Franzi sich die Hände verdürbe . Es könne ja doch sein , daß sie wieder einmal vor der Fürstin spielen müsse , um zu zeigen , ob sie auch was lerne in Berlin und gute Fortschritte mache . Und er triumphierte sehr bald über seine Schlauheit , als Franzi wirklich nach Herrenhausen befohlen wurde . Diesmal war nicht nur der Hofkapellmeister , sondern auch der Schloßorganist zugegen , der mit größter Genugtuung die Entwicklung seiner Schülerin verfolgte . Franzi benahm sich sehr anmutig während dieser Audienz ; aber die feinfühlende Fürstin ahnte aus manchen Anzeichen , daß das junge Mädchen noch etwas auf dem Herzen habe , und gönnte ihr noch eine Privatunterredung . Da kam der große Wunsch zu Tage : Franzi wollte gern singen lernen ! Das entschiedene Zureden der Gesangsprofessorin am Konservatorium , die als unbestechliche Kritikerin galt , hatte ihr Mut gemacht zu dieser Bitte . Die Fürstin hörte sie aufmerksam an , hielt aber mit ihrer Meinung zurück und versprach nur , sich die Sache zu überlegen . Es schien der hohen Dame , die alles sehr gründlich und ernst nahm , vielleicht wie ein gewisses Zeichen von Wankelmut und Veränderungssucht , daß die kleine Trautmann , die erst so leidenschaftlich gewünscht hatte , Pianistin werden zu dürfen , nun auf einmal zum Gesang übergehen wollte . Sie besprach sich noch einmal mit ihrem " künstlerischen Beirat " , wie sie Herrn Fritze scherzend nannte , und bekam dann eine andere Auffassung von der Sache , als der enthusiastische alte Herr auseinandersetzte : " Das ist kein Wankelmut , Durchlaucht , wenn ich mir ergebenst erlauben darf , das zu sagen . Es bleibt dieselbe Kunst , dieselbe hohe Göttin Musik , der die kleine Schwarzbraune mit Leib und Seele ergeben ist . Nicht um das Klavierspielen ist_es ihr zu tun gewesen , sondern immer hauptsächlich um die Erkenntnis der Musik . Wenn nun eine Stimme hinzukommt , wie sie bei dem sechzehnjährigen Kinde nur erst zu ahnen war , die aber in diesem einen Jahr sich schon in aller Stille merkwürdig entwickelt hat ; wenn diese Stimme einer Künstlerin wie Frau Gerstenberg der Ausbildung wert erscheint - dann , meine ich , wäre es ein Unrecht , dieses holdeste , von der Natur geschenkte Instrument brach liegen zu lassen , und ein anderes , von Menschenhand gebildetes zu bearbeiten ! " Nach dieser langen Rede des alten Herrn hatte Franzis Sache gesiegt ! Sie wurde noch einmal nach Herrenhausen entboten und mit der Nachricht beglückt , daß sie von Oktober an Frau Professor Gerstenbergs Schülerin werden dürfe . Nur die eine Bedingung machte die Fürstin , daß sie über die neuen Pläne nicht eher etwas verlauten lasse , als bis der Erfolg ihrer Hoffnung recht gäbe . Nur Ursel erfuhr es natürlich . Sie erwartete die Freundin an der " Abendbank " , bis zu welcher sie sich abermals gewagt hatte , ohne irgend jemand zu begegnen , und dann gingen beide den schönen Weg von Herrenhausen über Heckendorf zu Fuß nach Hause . O , die Gespräche auf dieser Wanderung ! Die ganze Innigkeit ihrer Freundschaft , alle Dankbarkeit für schon Erreichtes , alle selige Hoffnung auf die Zukunft klang heute in den wärmsten Tönen aus beiden jungen Herzen . Nach diesem Tage wurde Franzi erst recht froh ; ja manchmal legte sie eine ausgelassene Munterkeit an den Tag , zu der Frau Trautmann mitunter den Kopf schüttelte , Herr Bauer aber entschieden schmunzelte . Nun war das Leben ein einziger goldener Ferientag ! Es fehlten nur noch die Brüder , die treuen Kameraden der vorigen Sommertage . Bekam denn der Seekadett noch keinen Urlaub ? Vorläufig schrieb er , daß eine Flottille von Torpedobooten die Küste des Heimatlandes befahren würde , und vielleicht auch das Schulschiff , auf dem er gegenwärtig stationiert sei . Wahrscheinlich würde letzteres in der Nähe der alten Hafenstadt mit den zahlreichen schwedischen Erinnerungen vor Anker gehen . Diese Nachricht zündete im Dahlandschen Hause . Der Landgerichtsrat , der wieder einen " blauen Ferienzettel " beiseite gelegt hatte , beschloß eine Familienreise nach der alten Stadt , die mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen war , die aber von den jüngeren Familiengliedern noch niemand kannte . Die sogenannten Kleinen freilich wurden ausgeschlossen und es blieben also nur die beiden großen Töchter , " zu denen wir uns aber noch eine dritte holen , " wie der Rat hinzufügte . Franzi war jetzt ein häufiger Gast im Dahlandschen Hause , im Gegensatz zu früher , wo Ursel mehr die Gärtnerei aufsuchen und die Freundin zwischen ihren verschiedenen Pflichten verstohlen genießen mußte . Franzi kam aber nicht nur zum gemütlichen Zusammensein , sondern auch des Übens wegen . Das alte gelbe Tafelklavier tat es nun wirklich nicht mehr . Franzi fürchtete , auf ihm sich den Anschlag zu verderben , und nahm daher dankbar an , als ihr der schöne Bächstein zur Verfügung gestellt wurde , und zwar diesmal auf Inges Vorschlag . " Bei uns wird ja doch nur wenig gespielt , " sagte diese , " es ist schade um den schönen Flügel . " Ihre eigene Musik schien ihr gleichgültig geworden ; nur manchmal spielte und sang sie ein schwedisches Lied , und das war so schwermütig wie fast alle Musik dieses Volkes , so daß man die alte Inge nicht wieder erkannte . Franzi sang niemals zum Klavier , spielte auch vor Zuhörern selten , sondern übte treu und ernst . Der Landgerichtsrat aber ernannte sie doch zu seiner Kammervirtuosin und hörte oft zu , ohne daß sie es wußte . Er hatte eine ausgesprochene Vorliebe für das frische sonnige Mädchen , und daß sie die Reise nach der Hafenstadt mitmachen mußte , schien ihm ganz selbstverständlich . Auch Mama sah zärtlich auf die beiden Schwarzbraunen , als sie zur Reise in den von ihr selbst ausgewählten gleichen Kleidern antraten und lachend verglichen , wer das seine in besserem Zustande erhalten habe . " Das meine erzählt natürlich von Berliner Strapazen , " meinte Franzi kläglich , " und du , Ursel , warst ja von jeher wie aus dem Ei geschält . " " Und doch nicht eitel ! " dachte Ingeborg , die noch immer schwer daran trug , daß diese ihre eine Wesensseite so verhängnisvoll für sie geworden war . Sie ging auch nicht gern auf die Reise . Das Meer , meinte sie , würde sie wehmütig stimmen ; aber sie ließ sich nichts merken , und in scheinbar bester Stimmung langte die Gesellschaft am Ziel an . Wie sie den ahnungslosen Axel wohl antreffen würden ? Papa war nun ein prächtiger Reisemarschall ! Zuerst ging es zum Marktplatz , der weit und menschenleer dalag mit seinen zwei mächtigen Linden , seiner altertümlichen " Wasserkunst " und umgeben von ehrwürdigen Giebelhäusern . Dann hieß es gleich : Zum Hafen ! Dort wurden Erkundigungen eingezogen über die Schiffe . Die Torpedoboote lagen nicht hier , sondern in einem anderen Hafen der Küste ; aber das Schulschiff , worauf es den Besuchern ankam , lag seit dem vorigen Tage draußen , etwa eine Stunde vom Land entfernt , verankert . Ein gutes Boot mit sicherer Bemannung wurde besorgt , und dann ging es im leichten Morgenwind über die sanftbewegte Fläche der sonnigen Bucht . " Na , wie wir unseren blauen Jungen wohl finden werden ! " sagte Papa in heiterer Spannung ; Mama aber konnte ihre Bewegung kaum verbergen . Die Zeitberechnung war richtig gewesen . Nach einstündiger Fahrt sahen sie das stolze Kriegschiff liegen , und den jungen Mädchen schlug das Herz bei dem Gedanken , es besteigen zu sollen . Der Bootsführer schien aber sehr genau vertraut mit solchen Unternehmungen ; er behauptete , die Herren Offiziere sähen immer sehr gern Besuch an Bord . " Noch zu so viel schmucke Damens , " schloß er schmunzelnd . Als sie nahe an das Schiff gekommen waren , verständigte er sich auch sofort mit dem Wachhabenden , dem Kommandeur wurde Meldung gemacht und den Besuchern wurde nichts in den Weg gelegt , an Bord der " Vineta " zu gehen . Der Landgerichtsrat trug dann die Bitte vor , den Seekadetten Dahland sprechen zu dürfen , und nun kam der große Augenblick , wo der ahnungslose Axel den Seinen plötzlich gegenüberstand . Alle Kraft mußte er zusammennehmen , um militärische Straffheit zu bewahren und die stürmische Knabenfreude nicht mit sich durchgehen zu lassen ! Wie prächtig er aussah ! Zu dem lichtblonden Haar die tiefgebräunte Gesichtsfarbe , die Gesundheit und Lebenslust in den blauen Augen . Mama konnte fast kein Auge von ihm wenden , und auch Papa sagte , mit einem kräftigen Schlag auf seine Schulter : " Na , Junge , man sieht_es , daß du am richtigen Fleck bist ; da muß man wohl die Flucht vor den Pandekten verzeihen ! " Während Papa sich dann dem Admiral vorstellte , wandte sich Axel zu den jungen Mädchen . " Dieser famose Gedanke , hierher zu kommen ! " rief er strahlend . " Das hätte ich mir nicht träumen lassen ! Und Fräulein Franzi , daß Sie auch dabei sind ! " " Sie ist immer dabei , " sagte Ursel zärtlich , " Papa tut es gar nicht mehr anders . " " Glaube_es wohl , die Schwarzbraunen gehören doch auch zusammen . Und Ursche , nein , hast du dich herausgemacht ! Das ist ja ein wahrer Staat mit dir ! Und du - schöne Svenske , Fröken Ingeborg , auch wieder da ? - Aber , Franzi , strengen Sie sich nicht zu sehr an in Berlin ? " " O nein , nein , " erwiderte diese frisch , " komme ich Ihnen etwa » abgetakelt « vor ? So heißt_es doch in der Schiffsprache ? " " So was schieben Sie mir in die Schuhe beim ersten Wiedersehen ? " fragte Axel vorwurfsvoll . Da traten die Herren herzu , und der Admiral machte sich aufs liebenswürdigste mit den Damen bekannt . Eine angenehme Persönlichkeit mit einem männlich offenen Gesicht und dem klaren Seemannsblick , jung für die hohe Würde und augenscheinlich sehr beliebt . Nachdem er zunächst mit der Rätin gesprochen , wandte er sich zu Inge und meinte : " Daß Sie eine Schwester unseres Kadetten sind , gnädiges Fräulein , das sieht man auf den ersten Blick . Aber wie kommen Sie zu zwei solchen Schwarzbraunen , Dahland ? " fügte er lächelnd hinzu . Die Freundinnen strahlten , auch hier mit ihrem Lieblingsnamen , der solche schöne Zusammengehörigkeit bezeichnete , angeredet zu werden , und erklärten dem Admiral munter den Zusammenhäng . Darauf wandte dieser sich wieder an Axel : " Jetzt , Dahland , sorgen Sie für eine Erfrischung der Ihrigen ; was mein schwimmendes Haus bietet , steht gern zu Diensten . " Axel eilte davon , und bald stand ein einladender Imbiß bereit . " Ein Frühstück mit allen Schikanen , " meinte Papa und ließ sich nicht nötigen , dem liebenswürdigen Gastgeber Bescheid zu tun . Für die Damen gab es von Axel selbst gebrauten echten Schiffskaffee . " Das ist nämlich unsere » Forsche « , wie Muschebergen sagen würde . " Und wirklich , die Damen meinten nie einen besseren getrunken zu haben , und baten sich das Rezept aus . Aber Axel behauptete lachend , das sei Geheimnis und es käme sehr auf die Art des Bittens an . Nach dem Frühstück wurde dann das ganze Schiff besichtigt , und nun war es eine Freude , wie nicht nur der Kommandeur , sondern auch der Kadett seine Erklärungen gab und nur so um sich warf mit technischen Ausdrücken . Ursel , als seine Korrespondentin , verstand ihn am besten . Mama konnte bei all den Anstalten und Vorkehrungen gegen die tausend Gefahren ein unendlich banges Gefühl nicht unterdrücken , aber sie nahm sich gegenüber all der frischen militärischen Jugend sehr zusammen . Unter den Offizieren war auch ein Herr von Prangken , der Sohn jenes Obersten aus Wendenburg , der damals mit den kleinen lustigen Vagabunden die Begegnung gehabt . Als der junge Unterleutnant sich als Landsmann vorgestellt hatte , folgten alsbald auch die Kameraden - plötzlich ertönte vom Hinterdeck eine lustige Weise , und unter Vorantritt des Admirals , der sich vor Mama Dahland verbeugte mit dem Bemerken , so sei es Schiffsbrauch , schwangen sich plötzlich auf Deck vier Paare im Walzer ! Axel hatte natürlich Franzi erwischt und die beiden sahen so seelenvergnügt aus , daß Ursel völlig vergaß , sich in der Pause mit ihrem Herrn , der sogar schon Kapitänleutnant war , zu unterhalten und immer nur nach den beiden hinsah . " Wie man für solche gastliche Aufnahme danken soll , weiß ich wirklich nicht , " sagte Papa Dahland endlich , " kommen Sie jemals nach unserer Landeshauptstadt , so verfügen Sie über mein Haus ! Ich werde Ihnen mit Freuden die Honneurs von Wendenburg machen , das mit seinen schönen Landseen auch nicht zu verachten ist . " Leutnant von Prangken schien nicht übel Lust zu haben , Inge schon zu einem Tanz im Winter zu engagieren , da er jedenfalls dann seinen Urlaub in der Heimat verbringen würde ; aber sie ging nicht so fröhlich darauf ein , wie sonst wohl . Axel stand bei all diesem Abschiednehmen wie auf Kohlen , bis der Admiral sagte : " Sie sind beurlaubt , Dahland . Seien Sie nur mit Sonnenuntergang wieder an Bord ! " Nun war der glückliche Kadett der erste im Boot und half den Damen hinein . Militärisches Grüßen - Nicken und Winken - und dahin fuhren die hochbefriedigten Gäste . Zunächst aber beanspruchte Mama ihren Jungen für sich . Es gab für sie noch so viel zu fragen , was nicht , wie bisher alles , in der Marinesprache zu behandeln war , so viel von der Mutter zum Sohn , und Hand in Hand saßen sie da , während das Boot schnell und sanft über die jetzt völlig glatte Bucht dahinglitt , der alten Stadt mit ihren mächtigen Türmen wieder zu . Ein gründlicher Rundgang wurde nun unternommen , zwei der ehrwürdigen Kirchen wie auch ein alter Fürstenbau besichtigt , im Gasthof " Zum alten Schweden " gespeist und schließlich noch einmal am Hafen entlang geschlendert , wo ein schwedisches Holzschiff Inge wieder nachdenklich machte und Axel zu der heimlichen Bemerkung veranlaßte : " Unsere schöne Schwedin hat sich verändert ! " Als der Seekadett dann glücklich wieder " eingeschifft " war , begab sich die Familie zum Bahnhof , sehr befriedigt von diesem Tage und froh in der Aussicht , in kurzem Axel auf längeren Urlaub zu Hause zu sehen . Mit ihm schien dann das schöne Sommerleben erst recht in Zug zu kommen , und als nun auch endlich Wilhelm Trautmanns Universitätsferien begannen , sah Inge oft mit Staunen auf diese vier in bester Freundschaft miteinander verbundenen Menschenkinder . War sie denn nicht auch vor kurzem noch so harmlos froh gewesen ? Mama war nun auch längst hinter ihr Geheimnis gekommen und - so weh es tat , sie konnte sich nicht vollständig der Ansicht verschließen : " Wer weiß , wozu es der lieben jungen Tochter gut ist ! " Zugleich aber dachte sie ähnlich wie Ursel : " Es ist noch nicht Eriks letztes Wort gewesen über Inge , die doch wahrlich sonst noch Eigenschaften hat , die man nicht vergißt ! " Im stillen hoffte sie , die Verwandten aus Schweden würden sich schon in diesem Jahr zu einem Gegenbesuch in Deutschland entschließen , und als Karin wirklich schrieb , wenn es glückte , daß die Ernte früh beendet würde , denke sie sich auf ein paar Wochen freimachen zu können , da hofften zwei Herzen für Inge , die selbst mit sehr geteilten Gefühlen dem Besuch der Cousine entgegensah . Und " Karin von Schweden " , wie sie in der Familie genannt wurde , kam ! Aber nicht allein . In ihrem anmutigen gebrochenen Deutsch erklärte sie , sich doch zu sehr vor der weiten Reise gefürchtet zu haben ; sie sei zu sehr an des großen Bruders Schutz gewöhnt , und da sei nun der große Bruder Erik ! Der Empfang bei Dahlands gestaltete sich nun unwillkürlich noch festlicher , und nicht zwei Tage waren vergangen , da war es allen klar , daß Erik nicht nur als brüderlicher Schutz mitgekommen war , sondern daß es ihn trieb , ein hartes Urteil zurückzunehmen . Mächtiger als die Verstimmung der letzten Zeit war nach der Trennung doch die erste Freundschaft aus dem Anfang des Winters wieder obenauf gekommen , und es bedurfte keines zu großen Kampfes , um Inge zu überzeugen , wie fest er im Grunde auf ihr nur zeitweise getrübtes besseres Ich vertraute . So sah das liebe Haus am Fürstenplatz bald eine Braut , schöner in ihrem demütigen Glücksempfinden , als je in den Tagen ihres Gefeiertseins , und mit diesem Ereignis klang der Sommer aus . 27. Kapitel . Ingeborgs Abschied Als alle Gäste wieder abgereist waren , wurde die plötzliche Stille im Dahlandschen Hause beinahe schmerzlich empfunden . Nur die Kleinen frohlockten ! Wenn gar zu viel " große Leute " da waren , wurde das auf die Dauer doch langweilig . Es gab zwar oft was Gutes zu essen , besonders an Kuchen und Mehlspeisen , man wurde auch öfter Mal zärtlich getätschelt und geküßt , aber so recht Zeit hatte eigentlich niemand ! Der einzige Trost war also , die Großen im Spiel nachzuahmen , und so wurde vor allem " Brautpaar " aufgeführt . Einer von den kleinen Jungen wurde dann als Mädchen angekleidet , erstens , weil das ein Hauptspaß war , und zweitens , weil Elfchen als " zu groß " erklärt wurde ; das ginge nicht , denn Inge sei wohl groß , aber Erik noch viel größer ! Sie taten , als wenn der Schwager ein Riese wäre , und Robert reckte seine kleine Bräutigamsnase nach Kräften in die Luft . Elfchen drückte die Würde der " Mama " gewöhnlich durch eine Morgenhaube aus und wurde bedeutet , daß sie auch eine sehr wichtige Person vorstelle , denn war das Brautpaar nicht immer mit Mama zusammen ? Hatte Mama wohl jetzt jemals Zeit für ihre kleinen Kinder ? Aber nun war ja diese Ausnahmezeit vorbei , und das Leben kehrte einigermaßen ins alte Geleise zurück . Im stillen freilich dauerte die Bewegung noch fort , denn man rüstete ja schon zu Inges Aussteuer . So schwer und unglaublich es den Eltern zuerst schien - die jungen Leute wollten im Winter Hochzeit machen ! Im Winter sollte Inge in das fremde kalte Land ziehen , von dem sie freilich lachend erklärte , ihr sei es schon warm und vertraut . Inge war übrigens wundervoll abgehärtet ; das gerade hatte dem Vetter zuerst solchen Eindruck gemacht , daß sie so frisch und unverzagt auf alles losging , was auch mit Anstrengung verknüpft war . Und als er erklärte , wie er gerade im Winter viel mehr Zeit habe , erstlich zum Reisen und dann sich zu Hause gemütlich einzurichten , als er ihr ausmalte , welche traulichen Tage und Abende sie gerade um Weihnachten in dem schönen alten Holzhause verleben könnten , war sie mit Freuden bereit , schon Ende November ihm zu folgen . Es bedurfte auch keiner allzu großen Ausrüstung ; denn in dem alten reichen Gutshause , aus dem Eriks Eltern nur gerade so viel mitnehmen wollten , wie sie in ihrem künftigen kleinen Haushalt gebrauchten , waren solche Schätze von selbstgewebtem Leinen , daß Inge nur für ihre Person zu sorgen brauchte . Die Kinder spielten jetzt eifrig " Brautpaar " . Die Schwestern saßen nun noch so viel wie möglich zusammen , nähend und stickend , und dabei lasen sie sich vor . Nur nordische Literatur ! Ursels von jeher so beliebte Frithjofsage kam noch einmal zur Geltung , und Inge hörte mit Staunen , wie die kleine Schwester ganze Gesänge daraus vortrug , ohne ins Buch zu sehen , und mit welch inniger Begeisterung sie " schön ' Ingeborg " sagte . Aber sie lasen auch Björnsons anmutige und tiefe Erzählungen und begeisterten sich für Naturschilderungen und Szenen wie zum Beispiel die , wo der Wacholder und die Fichte sich eines Tages bereden : Wollen wir nicht die Felswand bekleiden ? Wie auch die Birke dazu hilft und das Heidekraut mitgenommen sein will , und wie die Felsenwand lächelt zu diesem liebevollen Bemühen der Pflanzenwelt . Solche Schilderungen veranlaßten Inge , von dem zu erzählen , was sie selbst schon kannte von der nordischen Heimat , und sich auf das zu freuen , was Erik ihr für die Hochzeitsreise im Winter versprochen hatte . Als dann das Scheiden wirklich heranrückte , wurde es dem Landgerichtsrat vielleicht am schwersten von allen in der Familie . Für ihn war und blieb Inge immer der Inbegriff von Sonnenschein , er allein hatte vielleicht nie die Schattenseite ihres sonst durch so viele Gaben ausgezeichneten Wesens erkannt , und er ließ sich seinen Kummer bei so vielen kleinen Gelegenheiten merken , daß Ursula noch einmal von ihrer alten Zaghaftigkeit befallen wurde und dachte : " Wie werde ich jemals Inge ersetzen können ? Papa wird mich nie so ansehen , und ich werde mir vorkommen wie ein Eindringling in Inges Reich . " Und Inge , wie dieses ahnend , sagte in der letzten Stunde , in der sie sich noch einmal aussprachen : " Ihr sollt mich ja nicht vergessen , aber - ihr werdet mich auch nicht entbehren ! Du , liebe Ursel , wirst allmählich den Eltern mehr werden als ich . Ich suchte noch so viel außerhalb des Hauses , so viel Vergnügen und Anerkennung in der Gesellschaft - du wirst mehr und mehr den Eltern leben und auch im Hause alles leisten , worauf es ankommt . Nur ein wenig Selbstvertrauen , Urselchen , den Überschuß von mir , den Erik nicht haben will , den laß ich dir zum Erbe ! " Sie küßten sich herzlich dabei , und wenn Ursel auch meinte , daß sie dies Vermächtnis wohl nie antreten würde , so dachte sie doch noch oft dieser Stunde und der letzten vertraulichen Worte ihrer Schwester . Von oben bis unten in Pelz und warme Stoffe gekleidet , reiste Inge dann Ende November mit ihrem Mann gen Norden , und bald kamen Briefe mit Schilderungen der interessantesten Seereise im Winter , mehr aber noch von der Freude , nun im eigenen Hause sich gemütlich einzuleben . Nun saß sie auch als echt schwedische Frau am Webstuhl , und Wandteppiche und allerlei Bildwerk entstanden unter ihren Händen , wie zu Zeiten der sagenhaften " schön ' Ingeborg " . Franzis zweiter Winter in Berlin gestaltete sich noch viel reicher und mannigfaltiger als der vorige . War ihr der Unterricht auf der Hochschule bisher schon Freude und Lebensaufgabe gewesen , so wurden ihr jetzt die Gesangstunden zur wahren Wonne . Sie brachte außer der Stimme so viel natürliches Talent zum Singen mit , daß ihre Lehrmeisterin sich hüten mußte , zu sehr zu zeigen , wie viel sie von dieser Schülerin erwartete . Aber dieses Semester wurde nicht nur reicher und schöner , sondern auch weit anstrengender ! Franzi wollte und durfte natürlich nicht ihr Klavierspiel vernachlässigen , behielt auch wöchentlich eine Stunde bei und übte treulich nach wie vor . Dazu kam , daß sie sich in den Kopf gesetzt hatte , sie könne nicht immer nur annehmen , was sie für ihren Unterhalt in Berlin gebrauchte , sie müsse selbst etwas hinzu verdienen . Kostete doch alles so schrecklich viel ! Und wenn die Fürstin zwar alles gab , was Unterricht , Noten und Pension betraf , so blieb doch noch so manche kleine nötige Ausgabe , zu der es ihr fehlte . Und die Mutter mochte sie nicht um Geld bitten ! Sie wußte , daß dies Jahr Wilhelm noch den bescheidenen Zuschuß brauchte . So hatte sich denn Franzi in aller Stille nach einer Beschäftigung umgesehen , die ihr ein kleines Taschengeld einbringen sollte . Handarbeit wollte sie machen wie in Wendenburg ; es standen ja alle Tage Anzeigen in der Zeitung , die sich auf dergleichen bezogen . Freilich , als sie anfing , nach solchen Ankündigungen auf Suche zu gehen , merkte sie bald , daß es doch nicht so leicht sei , etwas zu erreichen . Es waren immer " viel mehr Störche als Frösche " , wie Herr Bauer zu sagen pflegte , das heißt es fanden sich wohl zwanzig und noch mehr Personen für jede einzelne ausgeschriebene Arbeit . Oft kam Franzi zu spät , die weiten Wege ermüdeten sie und die Zeit , die sonst ihrer Musik zu gute kam , war unnütz verloren . Sie sollte zwar täglich hinausgehen , gewissenhaft ihre Pausen im Studium innehalten ; aber dann sollte es eine wirkliche Erfrischung , ein ruhiges Spazierengehen sein , kein Hetzen und Stürzen nach entfernten Straßen in einem unbekannten Stadtteil , kein Warten in dumpfen Geschäftsräumen , um dann schließlich doch unverrichteter Sache zurückzukehren . Endlich aber hatte sie etwas erreicht . Eine Art leichter Stickerei wurde ihr übertragen , die zwar sehr schnell fertigzustellen war , aber auch dementsprechend gering bezahlt wurde . Und so entsetzlich eintönig und langweilig in der Ausführung ! Aber das sollte nicht schaden ; Franzi hatte ja so viel Interessantes zu denken , daß die Zeit bei so mechanischer Beschäftigung ihr doch niemals lang werden konnte . Aber woher die Zeit eigentlich nehmen ? War nicht schon der ganze Tag besetzt ? Es schien schwierig , sich diese Muße noch abzuzwacken ; aber sie machte es dennoch möglich , stand etwas früher auf , kürzte ihren Spaziergang ab , saß nie mehr nach Tisch ein Halbstündchen feiernd oder lesend , nahm auch zu ihren Besuchen bei Léontine ihre Handarbeit mit . Daß immer alles zu bestimmter Zeit geliefert werden mußte , regte sie etwas auf ; aber wenn sie dann einen Karton voll Sachen fortgebracht hatte und mit einem bescheidenen Sümmchen zurückkehrte , empfand sie doch eine gewisse Befriedigung . In der Pension waren manche Veränderungen eingetreten , neue Pensionärinnen , mitunter auch so weltfremde , wie Franzi damals selber gewesen , denen gegenüber sie sich nun schon als alte Berlinerin fühlte und sich gern behilflich zeigte , wo sie konnte . Fräulein Zimmermanns Liebling war sie vom ersten Tage an gewesen ; ja die alte Dame hatte zu ihrer Allerjüngsten das größte Vertrauen und wagte es , sich auch zuweilen über ihre Sorgen und Schwierigkeiten auszusprechen . Und Guste , die Vielgeplagte , ging durchs Feuer für Fräulein Trautmann ! Auch die Portierleute unten nannten sie einfach " unser Fräulein " oder " die kleine Schwarzbraune " , und die Kinder aus der Kellerwohnung grüßten sie vertraulich . Portiers " Willem " , ein kleiner drolliger Stöpsel von sechs Jahren , war ihr besonderer Freund , und obwohl sie nie Bonbons oder dergleichen für ihn hatte , sah er doch immer mit einer gewissen Erwartung zu ihr auf . Eines Tages gab Franzi Willem ihre Notenmappe einen Augenblick zu halten , während sie die Handschuhe zuknöpfte . " Die schöne Mappe , " sagte der Kleine und streichelte das grüne Leder . " Bilder sind leider nicht darin , " erwiderte Franzi ; er fiel ein : " Det weiß ich . Da is Musik drin ! " Franzi lachte , und er fuhr fort : " Was is das für 'n Kopp da drauf , Fräulein ? " " Der Kopf von einem Mann , der wunderschöne Musik gemacht hat . " " Junge ! " rief Franzi entzückt , " du mußt Musikant werden ! " " Laß sie Mal sehen , die Musik ! " Franzi nahm ein Notenheft heraus und hielt es dem kleinen Frager belustigt hin . Er machte ein kritisches Gesicht und meinte wieder : " Ja , aber klingt se denn ooch ? All die kleinen dicken schwarzen Köpfe un Striche - de klingen doch nicht ? " " O ja , sie klingen , wenn man es nur recht versteht ! Höre Mal , dies klingt so ! " Sie trommelte mit den Fingern und sang eine kleine heitere Stelle aus einem Mozartischen Andante . Willem hörte mit offenem Munde und verständnisinniger Miene zu , und als seine große Freundin dann eilig fortging , trommelte er auf sein Lederschürzchen und pfiff die eben gehörte Melodie . Am nächsten Tage erwartete er Franzi wieder und rief triumphierend : " Hab es wohl jehört , wie du oben Musik jemacht hast ! " " Wirklich ? " fragte Franzi . " Woher wußtest du denn , daß ich es war ? Da spielen doch mehr Damen Klavier ! " " Hab ' doch jehört , wie du so wie gestern machtest : Bum , bum - drallere , la , bum ! " und er schmetterte ihr mit stolzer Miene die paar Takte Mozart vor . " Junge ! " rief Franzi entzückt , " du bist ja ein Prachtkerlchen ; du mußt Musikant werden ! " " Will ich ooch , " sagte Willem stolz , " kein Schuster un kein Schneider nicht , ich wer' Flötist oder Trommelschläger ! " Nun war die Freundschaft zwischen den beiden erst recht besiegelt , und eines Tages sagte die Portiersfrau ein bißchen verlegen und doch zutraulich : " Ach Fräulein , der Junge , der Willem , hat jetzt nichts im Kopp , als daß er möchte ' Fräulein Musik machen hören ! Mal dichte bei , Mutter , sagt er , Mal sehen , wie die schwarzen Köpfe tun , wenn se klingen wollen ! Wäre es wohl sehr unbescheiden , wenn ich Fräulein bäte , ihn einmal mit nach oben zu nehmen ? " " O gern , Frau Lehmus , " antwortete Franzi freundlich , " schicken Sie ihn doch gleich ! Der kleine Bursch macht mir ja selbst so viel Spaß . " - Eine Viertelstunde darauf läutete der frischgewaschene , strahlende Willem oben an der Tür , und auf Gustes erstaunte Frage : " Na , was willst du denn ? " antwortete er prompt : " Fräulein besuchen . " " Welches Fräulein denn ? " Er zögerte einen Augenblick , und dann kam es lustig heraus : " De kleine Schwarzbraune ! " Da lachte Guste , und auch Franzi steckte schon den Kopf aus der Tür , um ihren kleinen Gast in Empfang zu nehmen . Dann spielte sie ihm in allem Ernst etwas vor , und der Junge hörte ernsthaft zu . Schließlich untersuchte er das Klavier von unten und oben , schlug selbst ein paar Töne an und freute sich darüber , daß unter seinen kleinen Fingern wirklich welche kamen , besah immer wieder kopfschüttelnd die Noten und hörte dann mit so klugem Ausdruck zu , wenn Franzi ihm etwas erklärte , daß diese zum ersten Male dachte : " O hätte ich einen solchen kleinen Schüler ! " Aber Willem war doch noch zu klein , eben erst in die Schule gekommen ; an dem konnte sie ihre Unterrichtslust nicht befriedigen , obwohl der Portier eines Tages sagte : " Ach Fräulein , was jäb' ich darum , wenn der Junge Musik lernen könnte ! Was habe ich immer für Musik jeschwärmt ! " " Also daher hat er es , " meinte das junge Mädchen freundlich , " na , Meister Lehmus , was nicht ist , kann ja noch werden ! Lassen Sie ihn nur erst ein bißchen heranwachsen ; nächstes Jahr will ich es gern Mal mit ihm versuchen . " Aber Franzi sollte schon jetzt dazu gelangen , ihre Unterrichtskunst zu probieren , und zwar durch Vermittlung der Portiersleute . Es wohnte im Hinterhause in sehr bescheidenen , aber nicht unfreundlichen Räumen eine Witwe , die wohl bessere Tage gekannt hatte und nun ein stilles , arbeitsames Leben in großer Einschränkung führte . Von dieser erzählte Frau Lehmus , da Franzi die Bewohner des Hinterhauses natürlich nicht kannte , lobte die fleißige Frau und die netten Töchter und sagte schließlich : " Ach , Fräulein , ich weiß , die kleine Lieschen wünscht sich so brennend jene Klavierunterricht , die Mutter aber kann nicht viel bezahlen und traut sich darum bei keinem Lehrer anzufragen . Fünf Groschen will se dran wenden - was meinen Sie , Fräulein , können Sie es dafür tun ? " Voll Spannung hatte Franzi zugehört und rief nun ohne Besinnen : " Ja , ja , ich will es tun ! Lassen Sie Lieschen Braun nur zu mir kommen . " Es kam aber nicht Lieschen , sondern die Mutter selbst , und nach manchen bescheidenen Einwendungen ihrerseits , ob sie es auch wirklich für so geringes Honorar von Fräulein Trautmann annehmen könne , nach freundlichen Versicherungen von Franzi , daß sie sich so etwas gerade gewünscht hätte , kam dann eine Verabredung zu stande , und das überglückliche Lieschen Braun erschien zweimal wöchentlich oben in der Pension , gewöhnlich von Willem Lehmus bis an die Gangtür begleitet . Ja , es war ein reiches Leben voller Tätigkeit und Anregung in jeder Art , und Franzi merkte es lange nicht , daß es allmählich zu viel des Guten für sie wurde . Aber Frau Professor Gerstenberg merkte es ! Ihre liebe Schülerin ließ zwar nicht an Fleiß und Aufmerksamkeit nach , aber die Fortschritte entsprachen doch nicht ihren Erwartungen . Die junge , weiche Stimme wurde nicht kräftiger , sondern schwächer ! Ja , sie schien manchmal völlig ohne Schmelz , und es konnte vorkommen , daß Franzi unrein sang ! Dann wurde sie rot und ängstlich , und Frau Professor sagte schließlich : " Wir müssen pausieren , Fräulein Trautmann . Nicht bloß heute , sondern überhaupt eine Weile die Stunden aussetzen - vielleicht vier Wochen , möglich auch , daß vierzehn Tage genügen . " Franzi erschrak aufs äußerste , so daß die Lehrerin begütigend fortfuhr : " Nun , erschrecken Sie nicht zu sehr ; das kommt bei Anfängerinnen öfter vor . Ich meine zwar , Sie nicht überanstrengt zu haben , aber eines tritt zum anderen ; vielleicht verlangt auch Ihre frische kräftige Natur , über die ich meine Freude hatte , einmal eine Ausspannung . " " Muß ich auch zum Arzt gehen ? " fragte Franzi leise und unglücklich . " Nein . Hiervon verstehe ich noch genug , da brauchen wir keinen Arzt . Es ist keine Halskrankheit im Spiel , nur allgemeine körperliche Abspannung . Sie müssen Ruhe haben . Üben Sie auch nicht viel Klavier in dieser Zeit , gehen Sie fleißig an die freie Luft , lesen Sie etwas Hübsches und so weiter . Vor allen Dingen sprechen Sie nicht zu viel und laut . " So hatte Franzi plötzlich Ferien und fühlte sich furchtbar unglücklich ! Sie mochte niemand von ihrem Kummer erzählen , und es vergingen auch mehrere Tage , bis man es in der Pension bemerkte , daß die kleine Lerche schwieg . Nun setzte das gutmütige Fräulein Zimmermann gleich mit besonderer Pflege ein ; Franzi mußte schon zum Kaffee ein Ei oder Schinkenbrot essen , und bekam Mittags kräftiges Malzbier . Guste aber kam heimlich mit " Hoppelpoppel " , Eigelb mit Zucker geschlagen , und verkündete : " Hab ' ich vom Eierkuchen abjespart ; merkt keiner , wenn eins weniger dran ist ! " Oder sie brachte Backpflaumen und behauptete , die täten allen Sängerinnen gut . Franzi war sehr gerührt , aber betrübt blieb sie doch ! All die schöne Zeit , die sie nun verlor ! Sie wußte gar nicht , was damit anfangen . Ihre Stunden an Lieschen Braun gab sie weiter und bemühte sich , wenig und leise zu sprechen . Auch stickte sie noch für das Geschäft , aber neue Arbeit wollte sie doch lieber nicht mehr holen ; sie sollte sich ja ausruhen . In dieser Zeit sah Frau Professor Gerstenberg sich einmal nach ihrer Schülerin um . " Nun , wie steht_es , Fräulein Franzi ; können wir bald wieder anfangen ? O , noch immer etwas matt , das Stimmchen ? Nun , nur Geduld , wenn die Märzsonne erst kräftig scheint , wird es schon wieder gut werden . Nur nichts mit Gewalt erreichen wollen ! Sie wohnen hier ja sehr nett , und was machen Sie da ? Leichte Handarbeit - das ist recht , nur nicht zu viel . " Verlegen packte Franzi auf ihrem Tisch etwas zusammen ; da stieß sie einen Karton herab , und eine Menge fertiger Stickereien fiel heraus . Die Professorin stutzte . " Was ist denn das ? Doch nicht alles selbst gearbeitet ? Ja , Kind , haben Sie denn einen Laden hier ? " Franzi erklärte errötend den Zusammenhäng , und Frau Gerstenberg wurde sehr ernst . " Aber Fräulein Trautmann . Das ist alles sehr gut gemeint , sehr lieb gedacht , aber Sie tun doch ein großes Unrecht damit ! " Franzi erschrak , und die Lehrerin fuhr fort : " Nun ist es ja völlig klar , woher die Stimmlosigkeit und das elende Aussehen kommen . Sie haben sich nicht bei uns überanstrengt , sondern hier auf eigene Hand ! Stunden gegeben und Stickereien für Geschäfte gemacht - was nicht noch ?! Nein , nein , das muß alles aufhören , auf meine Verantwortung . Sagen Sie - wie ist es doch - ich meine , Ihre Fürstin bezahlt für Ihre Ausbildung ? " " Ja , " sagte Franzi leise , " ich bekomme alles dazu ; aber das Leben in Berlin ist doch so teuer , und es finden sich immer wieder kleine Ausgaben und nötige Anschaffungen , von denen ich nichts sagen mag ! " " Und da setzen Sie lieber Ihre Gesundheit , Ihre Stimme , Ihre Zukunft aufs Spiel ? Törichtes Mädchen , ich kann Ihnen freilich nicht böse sein , aber ich sollte es eigentlich . " " Ich habe es nicht gewußt , daß ich mir schaden könnte ! " " Gewiß , aber jetzt wissen Sie es , und nun folgen Sie mir . Diesen Plunder hier , den sollen Sie zwar nicht gerade zum Fenster hinauswerfen , aber doch schleunigst im Geschäft abliefern , fertig oder unfertig , und dann - " " Aber mein Lieschen darf ich doch behalten ? " forschte Franzi ängstlich . " Sie macht gerade so nette Fortschritte . " " Nun , wenn Ihr Herz so dran hängt - und wenn Sie leise und wenig sprechen wollen ! Was bekommen Sie denn für die Stunde ? " " Fünfzig Pfennig . " Die Professorin wandte sich ab , und ein eigentümlicher Ausdruck flog über ihr Gesicht . Dann nahm sie Franzis Kopf in beide Hände und sagte liebevoll : " Sie sind ein tapferes Mädchen ! Ich hoffe zum Himmel , die Kunst wird Sie einmal reich entschädigen und Sie frei und selbständig machen . Aber für jetzt nehmen Sie ohne Scham an , daß man für Sie sorgt , und seien Sie nichts als dankbar . Sie werden es Ihren Wohltätern gewiß noch heimzahlen ! Es klingt recht gut und heroisch , » aus eigener Kraft « etwas zu erreichen , aber es ist in diesem Fall nicht möglich . Sich abarbeiten und dabei die Stimme pflegen und bilden , das paßt nicht zusammen . Sie sehen , Sie haben bis jetzt mehr Schaden als Nutzen davon gehabt . " " Ich sehe es ein , " gestand Franzi betrübt , und Frau Gerstenberg fuhr fort : " Heute möchte ich eine kleine Zerstreuung für Sie . Kommen Sie mit mir , Sie waren gewiß lange nicht im Opernhaus ? " " Ach , noch gar nicht . " " Was - ! Den zweiten Winter in Berlin und noch nicht in der Oper ? " " Ich komme ja häufig in Konzerte durch die Freibillett von der Hochschule , aber Theater - " " Nun , jetzt sollen Sie aber ins Theater ! Heute hören wir uns » Lohengrin « an . " Franzis Dankbarkeit kannte keine Grenzen . Strahlend und glühend saß sie am Abend neben ihrer verehrten Lehrmeisterin im Opernhaus , und für die erfahrene Frau war es ein seltener Genuß , den Eindruck zu beobachten , den diese Wunderwelt auf das empfängliche junge Gemüt ausübte . Von diesem Tage an lebte Franzi sichtlich wieder auf , und als der März kam , zeigte es sich , daß Frau Professor recht gehabt : Die Stimme war ausgeruht und wurde bald voller und schöner als je . Bei der Osterprüfung an der Hochschule war Franzi Trautmann diejenige , auf die das gesamte Lehrerkollegium aufmerksam wurde und die auch dem geladenen Publikum am meisten Freude machte . So klang dieser Winter , der eine Weile ein ernstes Gesicht gezeigt hatte , für Franzi doch noch schön und freudig aus . 28. Kapitel . Komteßchen Léontine Als der Unterricht am Konservatorium für die Osterzeit geschlossen war , eilte Franzi am ersten freien Tage nach der Kurfürstenstraße , um ihrer Freundin Léontine von allen Erlebnissen der letzten Zeit zu erzählen . Nach Wendenburg hatte sie natürlich ausführliche Berichte gesandt , sowohl an ihre Mutter wie an die liebe Ursula , bei denen sie für alles das feinste und herzlichste Verständnis voraussetzen durfte ; aber ihr lebhafter Sinn , ihre Neigung , sich mitzuteilen , trieb sie auch in besonderen Zeiten zu der Kindheitsgespielin , obwohl sie sich da auf manche Enttäuschung gefaßt machen mußte . Léontine v. Wehrburg konnte es nie begreifen , daß man ein Studium mit allem , was dazu gehörte , anders auffassen konnte , als eine lästige Quälerei . Und gar diese Leidenschaft für die Musik bei ihrer Franzi begriff sie durchaus nicht . Als diese im Februar die unfreiwilligen Ferien hatte , ihres angegriffenen Halses wegen , war sie von Léontine nur darum beneidet worden und hatte es ihr durchaus nicht klar machen können , wie sehr sie unter jedem Stillstand in ihrem Studiengang litt . " Stillstand ist Rückschritt , " hatte sie gesagt ; aber Léontine hatte nur lachend versichert , ihr käme es gar nicht drauf an , Mal " zurückzuschreiten " . Die Tanten hielten jedoch unerbittlich auf den regelmäßigen Fortgang ihrer Stunden , " und krank bin ich ja leider nie ! " hatte Léontine seufzend hinzugefügt . Da war aber Franzi sehr böse geworden , hatte sie an die Kinderzeit erinnert , wo Tini ein zartes kränkliches Geschöpf gewesen war , und sie ermahnt , doch dankbar zu sein , daß sie so viel kräftiger und frischer , ordentlich vollwangig und hübsch geworden wäre . Dazu hatte dann Léontine gelacht und war ein wenig besänftigt worden , denn es war ihr heimlicher Kummer , daß sie sich so häßlich fand . Sie hätte ihrer schönen Franzi gleichen mögen ; die große Nase und das mattblonde Haar , das ihr Spiegelbild aufwies , gefielen ihr niemals , besonders zu der Zeit , als sie obendrein noch blaß und mager war . Darum hatte sie sich besänftigt , als Franzi sie " verschönert " fand ; daß aber der Grund davon , ihre bessere Gesundheit , sie zu größerem Fleiß anfeuern sollte , das sah sie doch nicht ein . " Ich werde niemals eine Gelehrte , " behauptete sie , " und das ist ja wohl auch nicht nötig für eine Gräfin Wehrburg ! " Hierzu hatte Franzi geseufzt , aber nichts gesagt . Diese Überhebung der kleinen Freundin schmerzte sie immer und doch fühlte sie sich nicht berufen , gerade darüber etwas zu sagen , weil ihr gegenüber nie ein Standesunterschied betont wurde und auch die Tanten , die Gräfinnen Steineck , sie mit immer gleicher Güte und wirklicher Teilnahme behandelten . Als Franzi heute in der Kurfürstenstraße ankam , machte der kleine Diener Peter beim Türöffnen ein sehr vielsagendes , fast geheimnisvolles Gesicht , daß Franzi unwillkürlich munter fragte : " Nun , Peter , was ist denn los ; Sie haben ja eine riesig wichtige Amtsmiene ? " " Ach , gnä' Fräulein , es ist so gut , daß Sie kommen . Unser Komteßchen ist gar nicht ordentlich - und Besuch haben wir auch - " " Wie - ist Komteßchen krank ? " unterbrach Franzi erschrocken . " Nun - krank nicht gerade , aber unglücklich , " sagte Peter mit Nachdruck . " Komteßchen weinen immerzu - " Aber da flog eine Tür auf und Leontines Stimme rief heftig : " Was unterstehen Sie sich , Peter ? Sie haben zu melden und weiter nichts ! " Damit zog sie Franzi an der Hand ins Zimmer , immer fortscheltend : " Und du stehst auch da und läßt dir von dem dummen Burschen was vorschwatzen , statt - " " Aber Tini , sei doch nicht so heftig ! Komme , laß dich anschauen ; du hast ja rote Augen ! " " Ach , ich weine auch immerfort ! " " Na , da hat Peter doch recht ! " Diesmal achtete die kleine Gräfin nicht mehr auf die Erwähnung des Dieners , den sie immer mit ihrem Zorn beehrte , sondern fiel ihrer Freundin um den Hals . " Dieser schreckliche Graf , den ich Onkel nennen soll ! Dieser - dieser - der uns von Wehrburg verjagt hat - der in unserem Schloß wohnt - dem alles , alles gehört ! Und mir nichts ! " Alles dies wurde schluchzend hervorgestoßen und Franzi konnte kaum zu einer Unterbrechung gelangen . Sie hielt die Aufgeregte nur fest im Arm , streichelte ihr Haar und bat leise : " st , st , Tini , still doch ! " Aber Tini war nicht still , sie sprudelte und schluchzte in einem fort , und endlich begriff die Freundin : der gegenwärtige Besitzer von Wehrburg , der neue Majoratsherr , war nach Berlin gekommen , hatte die Cousinen , die Gräfinnen Steineck , aufgesucht und sich , wie es schien , auch eingehend und teilnahmvoll um die Tochter seines Vetters , dessen glücklicher Erbe er ja geworden , bekümmert . Das aber hatte das unverständige Kind nicht erfreut , sondern geradezu aufgebracht . " Ich begreife dich nicht , " rief Franzi , als sie endlich zu Wort kam . " Du müßtest dich doch freuen , einmal ausführlich von der lieben alten Heimat zu hören ! " " Es ist meine Heimat nicht mehr ! Ich bin daraus vertrieben worden ! " " Léontine , wie ungerecht ! Du tust gerade , als wäre dieser Graf ein Räuber - " " Ist er denn etwas anderes ? " " Während du doch weißt , daß alles in der Welt nach festen Gesetzen hergeht , " fuhr Franzi ernst fort . " Aber diese Gesetze sind manchmal schrecklich , " rief Léontine wieder ungestüm . " Wenn ich nicht unglücklicherweise ein Mädchen wäre , sondern meines Vaters Sohn , dann säße ich noch heute auf Wehrburg , statt in diesem öden Berlin . Und du mit mir ! Nie , nie hätte ich dich fortgelassen - nie hättest du Geld verdienen brauchen , nie wärst du Sängerin geworden - " " Das wäre aber schade , Tini ! " " Nie hättest du diese Ursula gefunden , die dich mir wegnimmt . Ach , warum bin ich ein Mädchen und nicht Majoratsherr von Wehrburg ! " Franzi sah bekümmert auf die Erregte und sagte dann ernsthaft : " Es wird deinem Vater gewiß auch ein betrübender Gedanke gewesen sein , dir die geliebte Heimat nicht erhalten zu können . Darum hat er doch gewiß in anderer Weise gut für dich gesorgt . " Da fuhr Léontine wieder auf : " Das ist es eben ! Dieser schreckliche Graf behauptet , für mich sei gar nicht gut gesorgt worden . Es klingt , als wollte er meinen Vater anklagen ! Aber das soll er nur noch einmal wagen , dann zeige ich ihm , wer ich bin ! " Sie ballte die Hand und sah so zornig aus , daß Franzi lächeln mußte . " Liebes Herz , " sagte sie sanft , " ich glaube , du hast das alles nicht richtig verstanden . " Léontine wurde plötzlich etwas kleinlaut und meinte : " Das kann auch sein ; aber - wenn sie immerfort von Zinsen und Dividende und Kapital und Amortisieren reden , wenn der Graf von » Industrie auf den Gütern « redet und von » landwirtschaftlichen Genossenschaften « - wer kann das verstehen ? Ich nicht ! " beharrte sie trotzig . " Ich habe das früher nie gehört ; mein Vater sprach von Jagd und Pferden , höchstens Mal von Kornpreisen , obgleich er auch immer seufzte , wenn der alte Inspektor mit saurer Miene ankam . » Na , Dorn , « fragte er dann , » hat der Weizen nicht ordentlich gelohnt ? « - Ja , wie ich sage , von so was sprach er wohl manchmal seufzend , aber sonst immer lieber von was anderem ! Auch von dem , was in der Zeitung stand , was in den fremden Ländern vorging und in den großen Städten , und an den Fürstenhöfen - Oh , mein Papa war sehr klug ; aber von so greulichen Dingen , wie dieser Graf Otto , sprach er nie ! Und ich weiß auch gar nicht , ob ich das vornehm finden kann ! " Da war es wieder ! Franzi seufzte . Aber Léontine fuhr unbeirrt fort : " Und weißt du , was das schlimmste ist , was ich ihm gar nicht verzeihen kann ? Denke dir , er hat den Tanten vorgeredet , ob sie mich nicht das Seminar besuchen und zum Examen vorbereiten lassen wollten ; es könnte doch nötig sein , daß ich einmal selbst für meinen Unterhalt zu sorgen hätte ! Denke dir , ich Gouvernante ! Gräfin Léontine Wehrburg ! " Diesen Gedanken fand auch Franzi ziemlich ungeheuerlich , aber nicht darum , weil ihre Freundin eine Gräfin war , sondern weil sie gerade jetzt wieder sah , wie unfertig die doch kaum um ein Jahr jüngere Léontine noch immer war , wie unreif in ihrem Denken und ihren Vorstellungen , wie unbeherrscht in ihrem äußeren Wesen ! Ach nein , darüber konnte wohl noch manches Jahr vergehen , da mußten vielleicht noch weit schwerere Schickungen und tiefgreifende Einflüsse in das Leben des jungen Mädchens kommen , bis dieses im stande sein würde , Kindern zum Vorbild zu dienen ! Léontine verstand Franzis Schweigen , aber auf ihre eigene Weise . " Nicht wahr , du findest doch auch das Ansinnen des Grafen unerhört ? " fragte Léontine . Franzi wurde einer Antwort überhoben , denn Peter meldete respektvoll : " Der Herr Graf sind wieder da und die jungen Damen werden gebeten , in zehn Minuten zum Tee zu kommen . " " Es ist gut , " sagte Léontine kurz ; doch als der Diener gegangen war , brach sie wieder los : " Da haben wir_es ! Nun kommt er noch einmal , und die Geschichte geht von vorn an ! Nun kannst du es miterleben und mir nachher sagen , ob du ihn nicht auch greulich findest , diesen - diesen - " Sie suchte nach einem Ausdruck , der ihr bezeichnend genug schien , aber Franzi faßte sie ohne weiteres beim Kopf und sagte : " Erst wollen wir dich ein wenig frisieren , das scheint mir nötiger ! Was für ein kleiner Pudelkopf bist du doch gleich , wenn du dich so aufregst ! Bei jedem einzelnen Wort steigt dir ja wohl ein Härchen zu Berge ? Und diese Schleife - halte doch - alles sitzt schief und locker ! " Léontine lachte , hielt still und ließ sich von Franzi bedienen . Das liebte sie , und Franzi wußte es . Dann wurde das quecksilberne Persönchen ruhig , und in leidlicher Haltung betrat sie einige Augenblicke später mit ihrer Freundin den Salon . Dort erhob sich hinter dem Thetisch der Tanten ein sehr großer stattlicher Herr mit graublondem Bart und scharfgeschnittenen Gesichtszügen . " Die große Nase hat er auch , aber sonst erinnert er gar nicht an unseren lieben verstorbenen Grafen , " dachte Franzi blitzgeschwind , während sie sich anmutig verbeugte . Der Graf musterte bei der Vorstellung das fremde junge Mädchen mit raschen , scharfen Blicken , wandte sich im Gespräch aber vorläufig nur an Léontine . " Ich hoffe , du hast dich besonnen , Leonie , und entschließt dich heute , mich Onkel zu nennen , " begann er in einem Ton , der scherzhaft klingen sollte , aber doch etwas Strenges hatte . Léontine aber spielte noch weiter den Trotzkopf und antwortete kurz : " Ich heiße gar nicht Leonie ! " " Nicht ? Gibt es hier bei euch gar keine Abkürzungen ? Nun denn - Le-on-ti-ne , ich hoffe , du machst deinem Onkel Otto das Vergnügen , ihn ins Theater zu begleiten - mit deiner Freundin , " fügte er mit einer leichten , höflichen Wendung gegen Franzi hinzu . " Ich bedaure sehr , aber wir danken , " entfuhr es Léontine kurz und keck . " Léontine ! " rief Gräfin Diana entrüstet . " Antwortet man so auf ein überaus freundliches Anerbieten ? " " Und gleich im Namen der Freundin mit ! " bemerkte der Graf halb spottend , halb belustigt . " Das ist immer etwas voreilig , Le-on-ti-ne ; denn du kannst nicht wissen ! - Oder wie ist es , mein Fräulein , würden Sie mir auch ohne weiteres einen Korb geben ? " Franzi , in ihrem Schreck über Leontinens Benehmen , entgegnete lebhaft : " Herr Graf sind sehr gütig ! Tini hat sich übereilt und meint es sicherlich nicht so - " " Doch ! " warf Léontine ein , Franzi aber nahm einfach ihre Hand mit sanftem Druck und fuhr fort : " Ich weiß , daß Tini sich schon lange einen Theaterbesuch wünscht , seit ich ihr neulich von Lohengrin erzählte , und sie wird Ihnen sehr dankbar sein , wenn wir zusammen das Vergnügen haben dürfen . " " Nein , " rief Tini trotz aller Warnungen , " ich mag kein Almosen ! Wenn ich immer hören muß , daß ich arm bin , daß mein lieber Vater nicht gut für mich gesorgt hat , daß ich lernen soll , mein Brot verdienen - als Gouvernante - als Kammerjungfer vielleicht - dann will ich auch nicht ins Theater gehen , nicht mitgenommen werden von solchen , die es besser haben , die - mein - Wehrburg haben ! " Nach dieser , in haltloser Erregung hervorgesprudelten Rede stürzte Tini aus dem Zimmer , Franzi voll Schrecken hinterdrein . Die Zurückbleibenden sahen einander bestürzt an . Gräfin Ludowika rang still die Hände und bekam feuchte Augen , Gräfin Diana sagte mit hochrotem Gesicht : " Ich fürchte , Vetter Otto , du beurteilst unser Erziehungstalent recht ungünstig . Diese Léontine macht uns heute ja geradezu Schande ! " " Und doch ist sie nicht immer so , " fiel Gräfin Ludowika sanft ein . " Ihr Herz ist gut , sie hat nur ein unbegreiflich rasches Temperament ! " " Ist sie etwa beschränkt ? " sagte der Graf betroffen . " Es ist doch sonst kaum möglich , daß ein siebzehnjähriges Mädchen solche Vorurteile hegt . Sie tut ja , als hätte ich sie um ihr gutes Recht gebracht ! " " Beschränkt , " wiederholte Gräfin Diana , " ist wohl nicht das Richtige , obgleich ihr das Lernen in manchen Unterrichtsfächern Schwierigkeiten macht . Es ist übrigens etwas besser geworden , seit Franzi Trautmann einige Stunden mit ihr teilt . " " So , die habt ihr dazu herangezogen ? Das ist recht ! Die scheint ein angenehmes , freundliches Mädchen zu sein . " " Sie ist außerordentlich ! " sagte Gräfin Ludowika mit Begeisterung , und auch Gräfin Diana pflichtete bei : " In der Tat , ein ungewöhnlich begabtes Mädchen , das es wohl verdient , daß ihre Fürstin ihr Schicksal in die Hand nahm . " Der Graf horchte auf und ließ sich in Kürze den Lebensgang der kleinen Wehrburger Gärtnerstochter erzählen . Er hatte wohl kaum wieder an sie gedacht , nachdem damals bei seinem Einzug in Wehrburg die Anerbietungen , die er der Familie Trautmann machte , abgelehnt worden waren , was er ärgerlich für ein " Hochhinauswollen dieser Leute " gehalten hatte . Heute ließ er sich nun mit Interesse von Franzi erzählen , und wenn er auch im Grunde der Überzeugung blieb , daß er in seiner Lage damals nicht anders handeln konnte , so empfand er doch eine wohlwollende Teilnahme für das junge Mädchen , das jetzt wieder den Salon betrat , jedoch ohne die kleine Komtesse und selbst in deutlich sichtbarer Erregung . " Ich bitte noch einmal für Tini um Verzeihung , " sagte sie mit ihrer warmen Stimme . " Sie ist so unglücklich , daß ich Mühe genug hatte , sie zu beruhigen . Jetzt macht sie sich nur ein wenig zurecht ; dann kommt sie , wenn gnädige Gräfin erlauben , und dankt auch dem Herrn Onkel für seine freundliche Absicht . " Ludowika wollte aufstehen und der Nichte zu Hilfe eilen , doch Diana hielt sie zurück . " Wir dürfen es ihr nicht zu leicht machen , liebe Schwester , " sagte sie streng . " Laß das Kind nur von selbst kommen ! " Der Graf wandte sich indessen an Franzi . " Ich darf also noch auf zwei liebe junge Gäste für den Abend hoffen ? Ihnen muß doch die Oper besonderen Genuß bereiten , da Sie sich im Gesang ausbilden , wie ich höre . " " Außerordentlichen Genuß ! " bekannte Franzi lebhaft . " Sie waren neulich im » Lohengrin « ? " " Ja , durch die Güte meiner Gesangslehrerin , die mich mitnahm . " " Ah , " sagte der Graf lächelnd , " und Sie waren nicht so hochmütig wie meine Nichte , die nichts annehmen will ? Sie scheuen sich nicht , jemand zu danken , der Ihnen Freundliches erweisen will ? " Franzi errötete unter seinem forschenden Blick , dann sagte sie mit ernster Offenheit : " Ich darf nicht , Herr Graf ! Ich bin auf Güte und Hilfe angewiesen , wenn ich in die Laufbahn hineinkommen will , die ich mir ersehnt habe und in der ich vielleicht etwas leisten kann . Allein kann ich es nicht . Das alte Sprichwort : » Hilf dir selbst , so hilft dir Gott ! « hat meine Mutter uns immer so gedeutet : » Wenn du alle deine Kräfte einsetzest , so darfst du die Hilfe von Menschen in Fällen , wo dein Können nicht mehr reicht , annehmen ohne falsche Empfindsamkeit , ohne Demütigung , denn der Himmel hat vielerlei Wege , zu geben und zu helfen ! « " " Bravo ! " sagte der Graf . " Alle Achtung vor Ihrer Mutter ! Und Ihnen alles Gute , liebes Kind ! Von Herzen wünsche ich das . " Er reichte Franzi die Hand , und diese fühlte sich nachträglich beinahe eingeschüchtert . Hatte sie nicht eben zu viel gesprochen ? Hatte sie hier Meinungen und Ansichten auskramen dürfen ? Ach , sie war wohl erregt durch die vorhergegangene Szene mit Léontine , durch die Erinnerung an Wehrburg und schließlich war sie wohl auch ein klein wenig empfindlich geworden bei der scherzhaften Frage des Grafen . Er hatte da einen Punkt berührt , der trotz ihrer eben geäußerten Worte sie doch mitunter schmerzte . Daß sie so viel annehmen mußte ! Es lag in ihrer frischen kräftigen Natur ein solcher Trieb zur Selbstbetätigung , daß sie früher in ihren Vorstellungen vom Leben immer bei sich gedacht hatte : " Ich könnte Bäume ausreißen ! Ich möchte tausend Arme zu rühren haben , und mein Tag sollte vierundzwanzig Stunden zählen , ohne die Nacht , in der man nichts tun kann . Ich möchte aus eigener Kraft recht viel , viel erreichen ! " Jetzt kannte sie schon viel mehr vom Leben , von seinen Schwierigkeiten und Gefahren ; jetzt hatte sie es schon an sich selbst erfahren , daß aller gute Wille , alles heiße Streben nicht immer ausreicht , daß wir uns helfen lassen müssen . Aber dennoch ! So oft hören zu müssen : " Ja , Sie , Fräulein Trautmann , Sie können wohl lachen ! Eine Fürstin zur Schutzpatronin zu haben ! " Oder : " Sie haben schon wieder ein Billett von Frau Gerstenberg ? Beneidenswerte ! " Oder : " Sie sind schon wieder eingeladen bei den Gräfinnen Steineck - ja , sind Sie denn aller Welt Schützling ? " Ja , solche Reden konnten Franzi zuweilen peinigen , und doch - der Gedanke an eine kindische Auflehnung , wie die kleine Gräfin eben gezeigt hatte , wäre ihr nie gekommen . " Sie sind so still geworden , " sagte Gräfin Ludowika freundlich in ihre nachdenkliche Stimmung hinein , und der Graf meinte , nach der Uhr sehend : " Wenn Léontine nicht bald kommt , wird es zu spät fürs Theater . " " Sie traut sich gewiß nicht herein , " meinte Gräfin Ludowika bekümmert ; aber da gerade ging die Tür auf , und anfangs zögernd , dann mit festem Schritt kam Léontine heran , küßte zuerst ihrer Tante Diana die Hand mit einem leisen : " Verzeih ! " und wandte sich hierauf an den Grafen : " Seien Sie mir nicht böse , Onkel , ich habe Wehrburg so lieb gehabt und habe - oft solch Heimweh danach , - daß ich nicht wußte - was ich tat , als ich so unhöf- - so ungezogen gegen Sie war ! " Es kam stockend und unter heißem Erröten heraus , aber Franzis frohes Zunicken machte ihr Mut , die schwere Abbitte zu vollenden . Und sie hatte sich nicht umsonst bezwungen . Der Graf legte einen Arm um ihre Schultern und sagte weicher , als man ihm bis dahin hätte zutrauen können : " Um deiner Heimatliebe Willen sei dir alles verziehen , mein Kind . Ich hoffe , du gewinnst noch so viel Zutrauen zu mir , daß du nicht nur heute abend , sondern auch einmal auf länger mein Gast sein magst . Davon sprechen wir ein andermal ! Jetzt macht euch fertig - sieh , wie deine liebe Freundin sich schon freut ! - und kommt in den » Freischütz « ! " Gräfin Diana wollte protestieren , daß Léontine für ihre Ungezogenheit nicht nur Verzeihung , sondern auch schließlich noch ein Vergnügen haben sollte ; aber der Graf bat : " Liebe Cousine , heute lassen wir Gnade vor Recht gehen ! Um meinetwillen ! " Léontine sah noch nicht gerade freudig aus , aber sie hatte kein Widerwort mehr , und als Tante Ludowika eifrig meinte : " Aber Kinder , da müßt ihr noch etwas mehr essen vor dem Theater , es wird ja spät ! " , da gehorchte sie auch ohne weiteres und nahm von allem , was die sorgsame Tante ihr anbot . Dann wurden die jungen Mädchen in Mäntel und Schale gehüllt , Peter mußte eine Droschke herbeiholen , und dann ging es im Saus durch die hellen belebten Straßen bis zum Opernhause . Während hier der Onkel den Kutscher ablohnte und die jungen Mädchen einen Augenblick wartend in dem andrängenden Menschenstrom standen , sagte Léontine plötzlich mit großen Augen : " Ich weiß nicht , ich fühle mich so benommen , Franzi ; ich kann dies alles gar nicht verstehen ! Gestern denke ich : Du bist ganz arm , du mußt dir dein Brot verdienen , und wenn du kein Examen machen kannst - wozu du wahrscheinlich zu dumm bist - dann mußt du Kammerjungfer werden oder so was - und nun auf einmal fahr ich wie in einer Märchenkutsche durch Berlin und hier in diese feenhafte Welt hinein - - " " Denke , es wäre ein schöner Traum , " sagte Franzi , glücklich darüber , daß Tini wieder auftaute , und da reichte auch schon der Graf ihnen beiden den Arm und führte sie mit einem fröhlichen " Kommt , Kinder ! " in das Opernhaus hinein . Es wurde nun ein wahrhaft herrlicher Abend ! Franzi , welche die wunderschöne Freischützmusik ja längst kannte , genoß jede einzelne Szene , jede Arie , jeden Chor mit dem besonderen Entzücken , welches das Verständnis gibt . Ihr kamen diese Gestalten , obwohl sie sie zum ersten Male auf der Bühne sah , alle wie längst vertraut vor ; sie nahm der Agathe fast die Worte von den Lippen und mußte sich hüten , nicht hörbar mitzusummen ! Léontine aber genoß völlig naiv . Sie behauptete ja immer , durchaus unmusikalisch zu sein , bettelte so lange , bis man ihr die Klavierstunden erließ , aber diese Melodienfülle umschmeichelte sie doch auch . Und diese Gestalten , diese reizenden Bühnenbilder , das war wirklich zum Lachen und Weinen ! Das war ja der Wehrburger Wald - sie glaubte ihn rauschen zu hören und seine Wipfel im Mondlicht flimmern zu sehen ! In der ersten Pause war Léontine am lebhaftesten von den drei , und sie war so allerliebst in ihrer Freude und Bewunderung , daß der Graf dachte : " Nein , beschränkt ist sie nicht ! Aber Ludowika hat recht mit dem » raschen Temperament « . Sie hat sehr viel Temperament , und das muß gebändigt und in rechte Bahnen gelenkt werden . " So beschäftigte er sich weniger mit der ihm seit seiner Jugend bekannten und vertrauten Webärschen Oper , als mit Betrachtungen über seine beiden jungen Gäste und mit freundlichen Plänen für sie . Am nächsten Tage erhielt Franzi einen Brief mit der Stadtpost , der einem einzigen Jubelschrei glich . Léontine schrieb : " Franzi , wir fahren nach Wehrburg , Du und ich ! Onkel Otto nimmt uns mit - morgen schon ! Du mußt sofort Deinen Koffer packen und morgen um zehn Uhr am Stettiner Bahnhof sein . Ist es nicht himmlisch ? Ich bin beinahe schon aus der Haut gefahren vor Entzücken , habe die Tanten halbtot gedrückt und sogar Onkel Otto , der gestern noch mein Feind war , einen Kuß gegeben ! Nun alles weitere mündlich ; ich habe gar keine Zeit , noch so viel zu tun ! Der dumme Peter wird den ganzen Tag hin und her gehetzt , daß er noch rötere Ohren hat als sonst ! Mache Du nur auch , daß Du fertig wirst , und sei zur rechten Zeit an der Bahn . Es umarmt Dich Deine glückliche Tini . " Auch Franzi schwindelte es bei dem stürmischen Ton dieser Benachrichtigung und vor der Aussicht , die sich ihr eröffnete . Nach Wehrburg kommen ! Die Heimat wiedersehen , worauf sie nie gehofft hatte ! Welch ein Glück , daß gerade Ferien waren , daß der Graf nicht zu einer anderen Zeit gekommen war , wo sie einer so verlockenden Einladung doch nicht hätte folgen dürfen . Jetzt durfte sie , dem Himmel sei Dank ! Während sie noch einmal den Brief überlas , dachte sie vergnügt : " Wieder ganz Léontine ! In ihrer Liebe und Freude wieder völlig gebieterisch . Keine einzige Frage an die Freundin : » Kommst du , willst du mitkommen ? Magst du die Einladung des Grafen annehmen ? « Einfach : » Du mußt . « " Ja , sie lächelte über Leontinens Ungestüm , aber sie seufzte auch leise über diesen immer wieder hervortretenden herrischen Zug . Wenn sie dagegen an ihre sanfte Ursel dachte ! Wie ging ihr das Herz auf ! Aber sie hatte auch Tini lieb , gewiß ; es war dankbare Anhänglichkeit und unauslöschliche Erinnerung an die Kindheit , was sie mit dieser verknüpfte , daneben eine Art von sorgender Liebe , fast ein gewisses mütterliches Gefühl mit der Verwaisten . Mit solchen Gedanken und Empfindungen beschäftigt , packte Franzi ihre Sachen zusammen , von allen in der Pension Zurückbleibenden beneidet um diesen Ferienaufenthalt , diese Erfrischung nach dem so anstrengenden Winter für alle in Berlin ihrer Arbeit Lebenden . Ostern fiel spät in diesem Jahr , man konnte schon auf ein paar Frühlingstage rechnen . Zwar fiel ein leiser Regen , als sie am nächsten Morgen auf dem Stettiner Bahnhof anlangte , aber das war ein warmes Rieseln , bei dem Franzi nur dachte : " Der klopft an die Knospen , danach wird es schöner ! " Léontine und ihr Onkel waren schon da , Franzis Fahrkarte war auch bereits gelöst und die Besorgung ihrer Sachen wurde ihr freundlich abgenommen . Sie wußte kaum , wie sie ihren Dank für alles ausdrücken sollte , aber der Graf fiel ihr gleich in die vor Bewegung stockende Rede und sagte liebenswürdig : " Es ging gar nicht ohne Sie , Fräulein Trautmann ; die widerspenstige Léontine wäre nicht allein mit mir gefahren ! Sie brauchen aber deshalb nicht so erschrocken auszusehen , als wäre dies der einzige Grund meiner Einladung . Nein , ich glaube , Sie sehnen sich ebensosehr nach einem Wiedersehen mit der alten Heimat , wenn Sie auch nicht mit Händen und Füßen um sich schlagen , wie meine Nichte . " Franzi sah ihn dankbar an , freute sich aber doch , daß Léontine , die zum letzten Male an Peter , der ihr Handgepäck trug , herumkommandierte , diese letzte Bemerkung nicht gehört hatte ; ihre gute Laune hätte darunter leiden können . Von quecksilbriger Lebhaftigkeit blieb sie fast während der ganzen Eisenbahnfahrt ; aber als sie die Station vor Wehrburg erreicht hatten , der Wagen und die altbekannte Livree des Kutschers auftauchten , da verstummte sie . Wie im Traum stieg sie aus und faßte still Franzis Hand . Auch diese schaute sich schweigend mit glänzenden Augen um , als die Gegend mit jedem Augenblick bekannter und heimischer wurde , und beide waren froh , daß der Onkel mit dem Kutscher allerlei wirtschaftliche Fragen erörterte und sich nicht um die Mädchen kümmerte . Es war nicht mehr der alte Jobst , der sie früher so manches Mal gefahren hatte , es war nur noch ein ebensolcher Rock , der da vorn auf dem Kutschersitz thronte . Und ebenso war es , je näher sie Schloß Wehrburg kamen , scheinbar die alte Heimat noch und - war es doch nicht mehr ! Wo mochte die Veränderung liegen ? 29. Kapitel . Die alte Heimat An einem großen Holzschlag fuhr der Wagen vorbei , und Franzi erkannte mit Schrecken , daß ein herrlicher Buchenbestand , auf den sowohl ihr Vater wie der verstorbene Graf großen Wert gelegt hatten , bedeutend gelichtet war . Dann wieder das kleine einsame Moor , über dem die Nebel immer so gespenstisch wogten , wo die Wasservögel schrien , war ein Schauplatz emsiger Tätigkeit geworden . Entwässerungsgräben waren gezogen , Sand und Erde herbeigeschafft - das Moor sollte trocken gelegt und der Bebauung gewonnen werden , wie der Graf erklärte . Nun kam das Dorf ! Gleich zu Anfang standen statt der alten Häuschen mit den bemoosten Strohdächern vier neue Tagelöhnerhäuser , stattlich , aber nüchtern anzusehen ; die Dorfstraße , die sonst um diese Jahreszeit meist unergründliche Pfützen aufwies , war überall ausgebessert , so daß man ohne hin und her zu fliegen und ohne hochaufspritzenden Schlamm in flottem Tempo hindurchfahren konnte . Und da - was ragte denn dort rauchend in die Luft ? In Wehrburg gab es sonst nichts Ragendes , als das abseits liegende Kirchlein und den altersgrauen Schloßturm ; dies aber sah wahrlich nach einem Fabrikschornstein aus ! " Das ist die neue Molkerei , " erklärte Graf Wehrburg den erstaunten Mädchen . " Wir haben jetzt Dampfbetrieb und werden nächstens eine zweite Zentrifuge aufstellen müssen , denn die Beteiligung an unserer Genossenschaft ist immer noch im Wachsen begriffen . Seht , dort hält noch der Wagen von Steinfeld , der die Milch gebracht hat ; dem Rutenaue sind wir ja schon begegnet . In den nächsten Tagen müßt ihr euch das alles ansehen ; ihr werdet staunen über diesen großartigen Betrieb . " Ach ja , sie staunten schon jetzt , und Léontine kämpfte wieder mit unangenehmen Empfindungen . Wie war das alles so anders als früher , wie wurde ihr auch der kaum gewonnene Onkel auf einmal wieder fremd ! - Aber jetzt ! Der Wagen verließ die Dorfstraße , bog um eine Ecke und lenkte in die Allee , die auf das Schloß zuführte . Noch waren die mächtigen Kastanien unbelaubt , und deutlich sah man durch das nur mit braunen Knospen geschmückte Gezweig den alten Herrensitz vor sich . Leontinens Herz klopfte laut . Das alte graue Gemäuer mit dem efeuumsponnenen Turm , das war die Heimat . Franzi aber bog sich , so weit sie konnte , aus dem Wagen , um durch die seitlich vom Schloß sich hinziehenden Parkanlagen einen Schimmer von dem weißen Häuschen zu erhaschen , in dem sie mit ihren Eltern gewohnt hatte . Jetzt hielt der Wagen , ein Diener trat an den Schlag , und in dem altertümlichen Portal erschien die Gräfin . Sie mußte es wohl sein , denn sie rief mit hell klingender Stimme " Willkommen ! " ; sonst hätte Léontine sie nicht für die Dame des Hauses gehalten . Die große Schürze , die sie trug , störte Tini gewaltig ! Auch der Graf , der die steinerne Freitreppe vor den Mädchen hinaufgeeilt war , bemerkte nach der ersten Begrüßung scherzend : " Noch so spät in der Wirtschaftsschürze , Adelheid ? " und seine Frau entgegnete : " Es ist Sonnabend , lieber Mann ; ich komme eben aus dem Kuhstall , wir haben die Milch gemessen . " Das war der erste Eindruck , den die zögernd herantretende Léontine von ihrer neuen Tante empfing , und sie dachte blitzschnell : " Wie schrecklich ! Hier ist wohl alles Milchwirtschaft und dergleichen Greuliches ! Ist das mein Wehrburg ? " Nun kam das Dorf ! Gleich zu Anfang standen statt der alten Häuschen vier neue Tagelöhnerhäuser . Aber dann fühlte sie sich herzhaft bei der Hand gefaßt , und zwei sehr klare blaue Augen in einem schönen , noch jugendlichen Gesicht sahen sie mit lieblichem Forschen an . " Sei willkommen , liebes Kind , und laß es dir gefallen in der alten Heimat ! - Und auch Sie , Fräulein Trautmann , " fügte sie , Franzi die andere Hand reichend , hinzu . " Kommen Sie herein . Es war wohl eine kühle Fahrt ? Ihre Stübchen oben sind geheizt . " Sie traten in die Halle , in der es bereits dämmerte , doch die Türen zu dem dahinterliegenden Gartensaal standen weit offen ; da sah man die Wipfel der alten Bäume im scheidenden Sonnenlicht . Einen Augenblick schaute Léontine sich wild um wie ein scheuer Vogel , dann schoß sie wie ein Pfeil durch die Halle , durch den Gartensaal , öffnete die Glastür und verschwand mit ein paar Sätzen im Garten . Die Gräfin blickte ihr betroffen nach , und Franzi , die wieder über Leontinens Benehmen erschrak , sagte bittend : " Wenn Frau Gräfin ein wenig Geduld mit Tini haben möchten ! Sie ist so aufgeregt von der Wiedersehensfreude ; Heimweh und allerlei Gespräche mit dem Herrn Grafen und den Tanten in Berlin , die sie nicht recht verstand , haben sie so außer Fassung gebracht . " " Ich weiß schon ; mein Mann hat es mir in seinem Anmeldungsbrief kurz angedeutet , " sagte die Gräfin . " Wie gut , daß Sie , die verständige Freundin , mitgekommen sind ! Ja , sollen wir denn das Kind seinem Schicksal überlassen ? " " Ich werde nachgehen , wenn Sie erlauben , Frau Gräfin ; ich weiß ja auch die Wege noch . Wir kommen dann gleich zurück . " Aber es dauerte eine ziemliche Weile ! Und als sie kamen , sahen beide Mädchen tief bewegt , Léontine sogar verweint aus . Franzi hatte in richtiger Ahnung den Weg nach der hinteren Gartenpforte eingeschlagen , von wo man auf einem kurzen Fußsteig zum Kirchhof kam . Die Tür zur Wehrburgschen Familiengruft war zwar verschlossen , aber dort an den eisernen Gitterstäben des Vorraums lehnte das Kind und weinte . In heißem Mitgefühl gesellte sich die Freundin zu ihr , leise tröstend auf sie einsprechend , und dann gingen sie zusammen zu dem anderen Grabe . Franzis Vater ruhte in dem schattigsten , beinahe waldartigen Teil des Kirchhofs , unter einer alten Linde . Veilchen blühten auf seinem Grabe , und erste schüchterne Vogelstimmen zwitscherten im kahlen Gezweig darüber . Zu ihrer Freude bemerkte Franzi , daß der Hügel gut gepflegt war ; sie sammelte nur ein paar trockene Blätter aus dem üppig wuchernden Efeu und las still die Inschrift des Kreuzes . " Ich will Euch nicht Waisen lassen . " Sie faltete die Hände . Sie war nicht verwaist , nicht verlassen in der Welt , obwohl der Vater von ihr gegangen . Ihr himmlischer Vater hatte es gut mit ihr gemacht ; der Liebe , Gute unter dem grünen Hügel , der so wenig für die Sicherheit der Seinen hatte sorgen können , durfte ruhig schlafen ! Seine Kinder dachten nur mit Liebe und Ehrfurcht an ihn , seine Kinder wollten ihm Ehre machen und die teure Mutter einst für alles ausgestandene Leid , für Entbehrungen und Anstrengungen reich entschädigen . Jetzt war es Léontine , die Franzi aus ihrer Versunkenheit riß . " Komme , " sagte sie , " wir wollen gehen ; im Schloß könnten sie sonst böse werden . " Jetzt war es Léontine , die Franzi aus ihrer Versunkenheit riß . Aber niemand war böse ; es wurden gar keine Worte über das sofortige Verschwinden der jungen Mädchen verloren . Man zeigte ihnen ihre Zimmer oben , und dann wartete in der Halle eine gemütliche Vespermahlzeit . Und nun gab_es allerlei Überraschungen ! Tini hatte sich niemals genau nach den Kindern der jetzigen Wehrburger Linie erkundigt ; nun machte sie große Augen , als nacheinander die Söhne des Hauses hereinkamen , immer noch einer , fünf an der Zahl ! Das Geschlecht starb also noch nicht aus . Der Älteste , der jetzige Majoratserbe , war schon beim Vater in der Wirtschaft , zwei trugen Kadettenuniform und waren nur auf Ferienbesuch zu Hause , zwei kamen noch mit dem Hofmeister herein . " Es ist ein wahrer Männerstaat bei uns , " sagte die Gräfin scherzend , als alle Vorstellungen erledigt waren . " Ich freue mich , einmal nicht die einzige Dame bei der Tafel zu sein . " Die Gräfin führte zumeist die Unterhaltung , lebhaft , freundlich und gewandt in der Weise , daß sie alle ins Gespräch zu ziehen wußte , auch die sich noch fremd fühlenden jungen Mädchen , und Tini bat es ihr schon jetzt im stillen ab , daß sie sich zuerst ein ungünstiges Bild von ihr gemacht . Diese Tante Adelheid war sicher eine sehr vornehme Frau , obwohl sie manchmal eine große Schürze trug und von wirtschaftlichen Dingen sprach . Davon mußte man hier allerdings ziemlich viel hören , und Franzi , die immer Interesse für alles Ländliche hatte , fand sich bald in allem wieder zurecht , als sie durch die Wirtschaftsräume geführt wurden und sowohl der Graf wie die Gräfin ihnen mit Eifer alle neuen Einrichtungen und Verbesserungen zeigten . Über Léontine kam es dabei allerdings doch manchmal wie Trotz . " Alles soll jetzt besser sein , " sagte sie zu Franzi . " Alles Frühere machen sie schlecht , als ob bei uns nichts getaugt hätte ! " Franzi hatte es dann nicht leicht mit dem Erklären und Verteidigen , obwohl sie selbst nach Möglichkeit versuchte , all dem Neuen , das auch ihr oft wehmütige Gefühle weckte , gerecht zu werden . " Schade , daß Sie Künstlerin werden wollen , Fräulein Franzi , " sagte einmal der Graf . " Sie haben so gute praktische Fähigkeiten . " " Die schaden aber keinem einzigen weiblichen Wesen , " fiel die Gräfin ein , " die wird Fräulein Franzi auch als Künstlerin brauchen können . " " Begleiten Sie mich noch ein wenig ins Feld , " bat der Graf . " Ich möchte noch allerlei mit Ihnen besprechen , wobei wir Tini nicht brauchen können . " Franzi ging bereitwillig mit , und der Graf fuhr fort : " Ich werde nämlich mit meiner kleinen Cousine nicht fertig ! Sie müssen mir helfen . In ihrem Köpfchen herrscht ein so krauses Gewirr von halb verstandenen Begriffen und Gefühlen , daß ich mit meinen ersten praktischen Besprechungen damals in Berlin geradezu Unheil angerichtet habe ! Das Kind glaubte , mich hassen zu müssen , und nur Ihrem verständigen Zureden ist es zu danken , daß es sich für den Augenblick bekehrte . Aber so wie ich wieder von dergleichen anfange , Anspielungen auf ihre Zukunft , auf eine nutzbringende Tätigkeit mache , sieht es mich feindselig an und will nichts hören . Und dabei sind solche Erwägungen durchaus nötig . Léontine ist nicht wohlhabend - ihre Tanten sind alt und haben auch nähere Erben - sie sollte den Gedanken nicht von der Hand weisen , sich auf irgend eine Weise die Möglichkeit späterer Unabhängigkeit zu sicheren , völlig abgesehen davon , daß doch in heutiger Zeit kein Mädchen mehr gern ihr Leben verspielt und vertändelt . " " Gewiß , Herr Graf , " siel Franzi jetzt bescheiden ein . " Es ist nur - wenn ich es sagen darf - zur Lehrerin oder Erzieherin eignet sich Tini gar nicht ! " " Das habe ich auch schon gedacht . Sie lernt also wirklich schwer ? " " Ja . Schon damals in Wehrburg hatte unsere vortreffliche Erzieherin , Fräulein Elsner , einen sehr schweren Stand . Ich habe jegliches mit Tini lernen müssen . Auch in Berlin habe ich es noch getan , so oft ich konnte , was mir selbst sehr zu gute kam , da ich so teure Privatstunden nicht hätte bezahlen können . " Der Graf sah nachdenklich aus . " Und Talente hat sie auch nicht ? " " Nein - aber wenn sie auch gewisse Gegenstände schwer auffaßt , Verstand hat sie doch , Herr Graf , sogar Witz ! Sie kann sehr drollig und unterhaltend sein , wenn sie sich glücklich fühlt . Sie werden es schon noch erleben . " " Und wie ist_es mit dem Praktischen ? Gewiß auch nicht weit her ? " " Sie hat eigentlich geschickte Hände , nur - " Franzi zögerte . " Nur ? " drängte der Graf . " Sprechen Sie es aus . " " Nur sah sie jede häusliche , wirtschaftliche Beschäftigung bisher für etwas Untergeordnetes an , für etwas , das einer Gräfin Wehrburg nicht zukäme . " Der Graf lachte kurz auf . " Dummes Mädel ! Da soll sie hier anderen Sinnes werden . " " Ja , ich glaube auch , " fiel Franzi lebhaft ein . " Besser als durch die Frau Gräfin kann sie nie davon überzeugt werden , daß einer wahrhaft vornehmen Dame auch häusliche Tätigkeit schön ansteht . " " Will es meinen ! Und diese Frau , liebes Fräulein , habe ich von einem Hofball weggeheiratet ! Die Hoffestlichkeiten aber , die es jetzt für sie gibt , bestehen nicht in Spiel und Tanz ; das sind Schlacht- , Wasch- und Backfeste , wenn es hoch kommt : das Erntefest ! " Der Graf lachte behaglich und fuhr fort : " Deshalb sind wir aber doch keine Bauern , wie meine Cousine zuerst glaubte . Wir sind den schönen und verfeinerten Seiten des Lebens auch nicht abhold ; aber sie müssen für uns in zweiter Linie stehen . Sie sehen mich fragend an ? Sie denken , ich sei doch jetzt der glückliche Majoratsherr von Wehrburg ! Ja - jetzt ! Aber ich habe schwere Jahre hinter mir , auf einem dürftigen Gütchen . Und - glauben Sie nicht , daß Wehrburg ein so herrlicher , schattenloser Besitz ist ! Sie sehen nur das Schöne , die unvergleichlich hübsche Lage , das Altehrwürdige des Schlosses , Wald und Wiesen ; ich aber sehe hinter dem allen viel alt und morsch Gewordenes , ja Vernachlässigtes und Entwertetes . Ich sage nichts gegen meinen verstorbenen Vetter , Tinis Vater ; er war ein prachtvoller Charakter , aber - Landwirt niemals ! Mehr Jäger und Kavalier und , wie gesagt , ein trefflicher , liebenswerter Mensch . Aber - " " Darüber haben Sie gewiß mit den Tanten in Berlin gesprochen , " flocht Franzi bescheiden ein , " und das hat Tini so falsch verstanden und sich darüber erregt . " " Allerdings ; aber es tut mir leid , und darum gerade habe ich diese Unterredung mit Ihnen gesucht , um Sie zu bitten , das ungestüme Kind einmal geduldig aufzuklären . Sie hält mich ja wirklich für eine Art Räuber - " " O nein , nein , Herr Graf ! " " Dann doch so was ähnliches , und denkt im stillen : Wenn der Onkel so herrlich auf der Wehrburg sitzt , soll ich mich plagen und mein Brot verdienen lernen ? Vielleicht denken auch Sie , Fräulein Franzi , ich könnte mehr für das Kind tun ; aber , bitte , hören Sie mich an . Ich bin als Majoratsherr verpflichtet , jährlich eine Summe an Léontine zu zahlen ; nur steht diese Summe nicht fest , sondern richtet sich nach den Einkünften , die das Gut abwirft . Nun können Sie sich denken , daß , da ich das Gut in einem schlechten Zustand übernahm , fortwährend hineinstecken , bauen und verbessern muß , diese Einkünfte nicht groß sind , der Bruchteil , der auf Léontine fällt , aber so verschwindend klein ist , daß ich mich scheute , ihn auszuzahlen , und jedes Jahr aus meiner Tasche ein Beträchtliches zugelegt habe ! " " O Herr Graf , und das ahnt Tini gar nicht ! " " Natürlich nicht , wie sollte sie ? Es ist auch gar nicht meine Absicht gewesen , daß sie es erfährt . Nur - wo ich jetzt merke , was für verworrene Begriffe sie noch hat , was für hochmütige Standesvorurteile in dem Kindskopf sitzen , da möchte ich doch ein wenig Ordnung schaffen , ein wenig Klarheit und Einsicht in ihre Vorstellungen vom Leben bringen . " Der Graf hatte jetzt wieder das strenge Gesicht , das Franzi zuerst an ihm gesehen und ein wenig gefürchtet hatte , aber nun ließ sie sich nicht mehr einschüchtern . Sie empfand das Ehrenvolle , das für sie darin lag , daß der Graf so ernst und offen mit ihr redete , und sie nahm sich fest vor , nach Kräften auf Léontine einzuwirken . Gelegenheit dazu fand sich noch am selben Tage . Während Franzi mit dem Grafen über Feld gegangen war , hatte Léontine mit den beiden ältesten Vettern einen Ritt gemacht , in heller Freude erkennend , daß sie noch sicher im Sattel saß . Nun war sie in bester , glücklichster Stimmung und schwärmte ihrer Freundin vor , ein Edelfräulein auf dem Lande zu sein , sei doch das beneidenswerteste Los . Da nahm es Franzi wahr , auch ihrerseits allerlei Betrachtungen an diesen Stand zu knüpfen und all das vom Grafen heute Gehörte der Freundin so sanft und schonend wie möglich beizubringen . Léontine wollte zuerst nicht recht zuhören ; sie witterte wieder " Geschäftliches " , das sie haßte , schalt Franzi eine Pedantin und trieb Possen . Als sie aber allmählich begriff , wo es hinaus sollte , als ihr klar wurde , was sie ahnungslos seit drei Jahren von ihrem Onkel angenommen hatte , wurde sie flammendrot und geriet wieder in die größte Aufregung , so daß Franzi tiefstes Mitleid empfand mit dieser Haltlosigkeit ihrer Freundin und alle Beredsamkeit aufwandte , sie zu überzeugen , daß durch solche Aufklärungen niemand sie kränken und ihr wehtun wolle , daß ihre Verwandten es so herzlich mit ihr meinten und sie nie verlassen würden . " Aber Almosen nehmen ? Wie furchtbar ! " brauste Léontine noch einmal auf . Doch Franzi sagte leise : " Ach , Tini , denke , wieviel ich von gütigen Menschen annehmen muß , ehe ich zur Selbständigkeit gelange ! " " Du kannst das auch , du bist keine Gräfin Wehrburg ! " Da wurde Franzi flammendrot und rief : " Nein , ich bin eine Gärtnerstochter , aber ich habe auch meine Selbstachtung ! Und das kann ich dir sagen : Keinen Augenblick länger werde ich Unterstützungen annehmen , als dringend nötig ist , das nun einmal angefangene Werk meiner Ausbildung zu vollenden ! Ich sehne mich danach , auf eigenen Füßen zu stehen , aber - " Sie brach vor Bewegung ab , Léontine ergriff erschrocken ihre leidenschaftlich erhobenen Hände und bat : " Franzi , Franzi , so bös habe ich es ja nicht gemeint , sei doch wieder gut ! " Aber Franzi war wirklich zornig geworden und rief : " Du tust einem geradezu weh mit deinem kindischen Gerede , mit deinem Nichtverstehenwollen ! Da solltest du meine Ursel bei solchen Anlässen sehen ! Wie die klug und zart und taktvoll ist ! " Das war das schlimmste , was sie sagen konnte , und es tat ihr gleich hinterher leid , wie sie sah , daß Léontine blaß wurde und mit zitternder Stimme sagte : " Ursel ! Immer wieder Ursel ! Und ich dachte , hier in der alten Heimat , in diesen schönen Tagen , da würdest du sie einmal vergessen und nur zu deiner Tini halten ! " Das rührte nun wieder Franzi ; sie fühlte sofort ihren Zorn verfliegen , umfaßte Léontine und sagte fest und ruhig : " Vergessen werde ich Ursel nie und nirgends , und das kannst du auch gar nicht wünschen ! Vergäße ich sie , könnte ich ebensogut eines Tages auch dir nicht mehr treu bleiben . Ich habe euch beide lieb ! Ihr seid beide meine Freundinnen und ich wollte , ihr wäret miteinander bekannt ; dann wäre gewiß Friede und keine Eifersucht mehr zwischen euch ! " Sie sprachen noch lange ernst und innig miteinander , und das Ergebnis war , daß Léontine an diesem Abend sehr still und gedrückt war , am nächsten Tage aber ihr Gleichgewicht wiederfand und sich nun so liebenswürdig zeigte , wie die Verwandten sie noch gar nicht gesehen hatten . " Zuerst bedauerte ich immer , " sagte die Gräfin zu ihrem Mann , " daß nicht die kleine Trautmann unsere Verwandte ist . Die hätte ich mir mit Vergnügen als Haustöchterchen herangezogen , während ich deinen Wünschen in Bezug auf Léontine gar nicht recht zustimmen konnte . " " Aber jetzt willst du es versuchen ? " fragte der Graf herzlich . " Ja , jetzt reizt mich die Aufgabe , dies eigentümliche , widerspruchsvolle Wesen noch etwas zu beeinflussen . Wir wollen sie hier behalten , Otto ! " " Das wäre mir das Liebste ! Wir erfüllen damit eine Pflicht , die uns zwar kein Gesetz vorschreibt , die mir aber unabweisbar aus unserer ihr gegenüber bevorzugten Lage hervorzugehen scheint . Was wir zu geben haben an Liebe und Familienanhalt , das wollen wir geben ; das macht uns nicht ärmer . " " Ja , " stimmte die Gräfin bei , " aber Prinzeßchen darf sie nicht spielen , arbeiten muß sie lernen ! " " Und sie wird es , verlaß dich drauf . Wer könnte deinem Beispiel widerstehen ? " Es gab für Franzi in der alten Heimat nicht nur ernste Stimmungen , wie sie durch diese Unterredungen hervorgerufen wurden , wie auch durch die Besuche auf dem Kirchhof und im weißen Parkhäuschen , das einst ihren Eltern gehörte , - sie hatte auch sehr frohe Eindrücke . Wenn sie durchs Dorf ging und merkte , wie alle Leute sie kannten , sie freundlich grüßten oder auch anredeten , tat es ihr wohl , und die Interessen dieser Dorfleute , die so weitab lagen von ihrem jetzigen Lebens- und Ideenkreise , fanden schnell wieder Eingang in ihrem beweglichen Geist und warmen Herzen . Und die Besuche im Schulhause ! Mit welch unbeschreiblichem Behagen saß sie in dem altmodischen Wohnzimmer bei dem nun recht alt gewordenen Paar , das , von allen eigenen Kindern schon verlassen , sich sonnte in dem Wesen dieses jungen Gastes . " Also eine Künstlerin soll aus dir werden ! " sagte der alte Herr , dem unter dem schlohweißen Haar die Augen noch immer in reinem Feuer strahlten . " Ei , ei ! Nun , unser Herr hat mancherlei Gaben zu verschenken , und die Musik ist wohl etwas Schönes und Liebliches . Auch in der Bibel steht : Singet und spielet dem Herrn in Eurem Herzen ! So gib uns auch einmal ein Pröbchen , Kind , untersuche das alte Klavier , ob es noch stimmt , und laß uns ein Lied hören ! " Franzi tat es , und andächtig hörten die Alten zu . Die kleine Frau Lehrer sah still und verklärt drein , ihr Mann aber rief in seiner frohen Begeisterung : " Der Tausend , das heiße ich gesungen ! Du bist ja fast eine der kleinen Sirenen , vor denen der göttliche Dulder Odysseus sich die Ohren verstopfen mußte , als er zufällig vorüberkam ! " Franzi lachte , und der alte Herr fuhr fort : " Nun denkst du gewiß , dein alter Lehrer brauchte auch nicht solche heidnischen Vergleiche zu ziehen ! Ich will also lieber sagen : Dein Lied tat wohl , wie Davids Gesang dem König Saul getan haben mag . " " Auch das stimmt nicht völlig , mit Respekt zu sagen , " rief Franzi heiter . " Denn Sie , lieber Herr Lehrer , sind kein finsterer König Saul , sondern haben noch immer so viel Licht in den Augen , wie mancher Junge nicht . " Der alte Herr nickte bedächtig . " Vor Finsternis hat mich der Herr bewahrt , ja , aber still , mein Kind , wird man doch mit der Zeit , wenn nichts Junges mehr um einen herum ist . Nun singe nochmal , das erquickt ! " - Als Franzi das zweite Lied beendet hatte , klopfte es bescheiden an der Tür , und auf das " Herein " des Lehrers trat sein junger Nachfolger , der zugleich Organist war , ein . " Ah , da haben wir schon einen , der nicht vorüber konnte , wo die Sirenen sangen ! " rief der alte Herr munter . " Nicht wahr , mein lieber Pelzer , Sie haben gehorcht ? " " Ja , " gestand dieser freimütig und fügte dann zu Franzi gewandt hinzu : " Solchen Gesang pflegt man in dem Dorf selten zu hören ! " " Und noch dazu von einem Wehrburger Kind ! " rief der alte Herr und weihte den anderen , der erst seit kurzem hier angestellt war , mit wenigen Worten in die Verhältnisse ein . " Haben Sie nicht Lust , einmal hier in der Kirche zu singen , mein Fräulein ? " fragte jetzt Herr Pelzer sehr interessiert . " Ich würde es mir zur Ehre rechnen , Sie auf der Orgel zu begleiten . " " Ei , das ist ein gescheiter Einfall ! " rief der alte Herr lebendig , und auch Franzi meinte : " Ja , das würde ich für mein Leben gern einmal versuchen ! " " Top , Kinder , das muß gemacht werden ! Singe uns doch beim Osterfest nach der Predigt ein schönes Lied , Franzi . " " Ich habe die » Erlöserarie « aus dem Messias geübt , " sagte Franzi eifrig . " Vielleicht probieren wir die einmal , Herr Pelzer ? Ich schicke Ihnen nachher gleich die Noten . " Der junge Organist war voll Eifer dabei , und alles wurde verabredet . Noch am selben Nachmittag fand die erste Probe in der Kirche statt , und Franzi empfand ein wunderbares Entzücken , musikalisch und seelisch gleichermaßen , wie in der lieben wohlvertrauten Kirche ihre eigenen Töne schwollen und wuchsen , bis die ganze Luft Musik zu sein schien ! Am Ostertag war die Kirche gedrängt voll wie immer zu Festzeiten . Alle Herrschaftsstühle der eingepfarrten Nachbarn waren besetzt , und von den Dorfbewohnern so viele gekommen , wie die Bänke faßten . Franzis erstes Publikum ! In frommer Ergriffenheit stand sie oben , nachdem die schlichte warme Rede des Predigers verklungen ; mit gefalteten Händen wartete sie auf das Vorspiel , dann setzte sie sicher ein . " Ich weiß , daß mein Erlöser lebet ! " klang es vom Chor herab , voll von freudiger Gewißheit , und die ahnungslose , überraschte Gemeinde horchte - horchte , wie auf eine Himmelsstimme . Als dann das Gotteshaus sich leerte , gab es ein Flüstern und Fragen , ein Zögern und Warten auf dem Kirchhof - alle wollten gern die junge Sängerin sehen und sprechen . Franzi aber hatte sich heimlich davon gemacht , durch die kleine Tür , die von der Treppe des Orgelchors direkt ins Freie führte . Sie scheute sich nun doch plötzlich vor den vielen Menschen ; still für sich wollte sie diese Stunde ausklingen lassen . Wie wunderbar das alles war ! Gerade hier in der alten Heimat hatte sie zum ersten Male vor einer größeren Versammlung gesungen , gerade hier fühlte sie in Glück und Dank , daß sie das früh gehegte Ideal , einst eine Künstlerin zu werden , vielleicht erreichen würde . Vielleicht ? Nein , sie hoffte jetzt : Gewiß ! Léontine war außer sich über diese Leistung ihrer Freundin , aber auch stolz über alle urteilenden Bemerkungen , die sie von den bekannten Nachbarn gehört hatte , und unterhielt Franzi so lange damit , bis diese sich die Ohren zuhielt . Ja , sie überwand sich sogar so weit , daß sie unter einen Brief Franzis an Ursel eine Nachschrift setzte : " Unsere Franzi hat gesungen wie ein Engel ! " Franzi hatte natürlich an ihre Lieben in Wendenburg ausführlich Briefe geschrieben über ihr Ergehen in der alten Heimat , und sie wunderte sich recht , daß sie so spärlich Antwort bekam . Von Ursel nur eine herzliche Karte , von der Mutter kein Wort . Sollte es dieser allzu wehmütig sein , ihre Tochter in Wehrburg zu wissen und nicht selbst dahin reisen zu können ? Aber das sah dieser Mutter gar nicht ähnlich . Als am Donnerstag nach Ostern noch immer keine Nachricht eintraf , wurde Franzi so unruhig , daß sie ihre gütigen Gastfreunde bat , sie jetzt schon reisen zu lassen , damit sie die letzten zwei Ferientage noch zu einem Besuch in Wendenburg benutzen könnte . Hatte sie schon vorher sich gesehnt , der Mutter mündlich von allem zu erzählen , so meinte sie jetzt , als alles so still blieb , gar nicht anders nach Berlin zurückkehren zu können , als wenn sie vorher die Mutter gesehen hätte . Graf Wehrburg und die Seinen fanden das begreiflich und legten ihr nichts in den Weg , Léontine erschrak zwar zuerst , war aber dann doch so erfüllt von dem Bewußtsein , daß sie in Wehrburg bleiben durfte , daß sie sich leichter von Franzi trennte , als sie es selbst für möglich gehalten hatte . " Du kommst ja wieder ! " sagte sie in ihrer bestimmten Art . " Du mußt mich oft besuchen . " Die Gräfin sagte Franzi zum Abschied viel Liebes , und der Graf meinte als Letztes : " Vergessen Sie nie , daß Leontinens Heimat auch Ihnen immer offen stehen wird . " Dankbar und in tiefem Sinnen fuhr Franzi von dannen . Wie schön , daß sie diese Zeit gehabt , daß sie alles einmal wiedergesehen hatte , woran sie oft in Sehnsucht dachte . Wie gut auch , daß sie sich angesichts gerade dieser Eindrücke über so vieles klar geworden war ! Heimweh würde sie nie mehr haben ! Ihre Heimat war Wehrburg nicht mehr . Léontine gehörte hierher - , sie nicht . Immer würde sie die Erinnerungen an die Kindheit heilig halten , aber - ihre Liebe durfte nicht stehen bleiben bei einer Zeit , die unwiederbringlich dahin war ! Ihre Welt lag jetzt wo anders . 30. Kapitel . Zwischen zwei Pflichten Als Franzi in Wendenburg ankam , beschlich sie wieder das bängliche Gefühl , das die letzten sinnenden Betrachtungen etwas unterdrückt hatten . Wie würde sie es finden in der Schloßgärtnerei ? Als sie leise die Haustür aufklinkte , fiel ihr auf , daß die Glocke nicht anschlug . Trotzdem war Herr Bauer sofort auf der Flur und begrüßte sie halb verlegen , halb mit einem Ausdruck von Erleichterung . " Na , das ist wirklich gut , Fräul'n Franzi , daß Sie da sind ! Mir war es schon immer nicht ganz recht , daß wir Ihnen das nicht eher schrieben ! " " Was - schrieben ? " fragte Franzi angstvoll . " Nun , jetzt müssen Sie es doch schon wissen ; Fräulein Dahland hat ja gestern einen Brief aufgegeben . " " Den habe ich nicht mehr bekommen ! Ach , Herr Bauer , was ist denn geschehen ? " " Nun , nur ruhig , das schlimmste ist schon vorbei , aber - Ihre Mutter war recht krank . st , st , Fräulein , es geht ja jetzt viel besser . " Aber Franzi lehnte sich an die Wand und weinte leise auf . " Habe ich das nicht gefürchtet ? O , wer ist bei ihr ? " " Fräulein Dahland . " Da trat Ursel heraus , vorsichtig - horchend - und in stummer Ergriffenheit lagen sich die Freundinnen in den Armen . Dann faßte sich Ursel und bat : " Sei nicht böse , Herz , daß wir_es dir verschwiegen haben ! Deine Mutter wollte so ungern deine Ferien trüben . " " Was ist es denn ? " fragte Franzi verstört . " Starke Influenza , die sich leider auf die Lunge geworfen hatte . " " Und wirklich keine Gefahr ? " " Nein , keine unmittelbare , sagt der Arzt ; nur ist äußerste Vorsicht geboten , damit nichts nachbleibt . " " Kann ich meine Mutter sehen ? " " Ja , sie ist völlig fieberfrei und spricht seit gestern mit großer Sehnsucht von dir ; gestern durfte ich dir auch schreiben . " " Und meine unruhige Ahnung hat mich schon vor dem Brief fortgetrieben ! Ursel , ich konnte euer Schweigen nicht verstehen ! " " Armes Herz , ich glaube es wohl ; mir ist es auch schwer genug geworden . " Sie traten jetzt in das Krankenzimmer . Herr Bauer hatte Frau Trautmann in einer merkwürdig zarten Weise , die man ihm kaum zugetraut hätte , auf die Freude vorbereitet . So lag sie matt , aber mit glücklichem Ausdruck in den Kissen , als Franzi sich über sie beugte und " Mutterchen , Mutterchen ! " schluchzte . Sie konnte nichts weiter hervorbringen in dem Gefühl nachträglicher schrecklicher Angst , daß , während sie in Wehrburg das Grab des Vaters besuchte , sich hier ein zweites Grab hätte öffnen können ! Ursel zupfte die Freundin mahnend am Arm , und diese faßte sich gewaltsam . " Es geht dir also wirklich besser , liebe Mutterchen ? " fragte sie zaghaft , und die Mutter versicherte : " Gottlob , viel besser , mein Kind . Ursel und der gute Herr Bauer haben liebevoll für mich gesorgt . Es wird mir bei ihrer guten Pflege gar nicht schwer , noch ein wenig liegen zu bleiben , wie der Arzt es will . " " Aber jetzt bleibe ich bei dir ! Nach Berlin reise ich selbstverständlich nicht ! " rief Franzi in einer Regung von Eifersucht . Aber die Mutter meinte : " Davon wollen wir heute noch nicht sprechen . Heute sollst du mir von Wehrburg erzählen , ich habe mich ja so darauf gefreut . Wie sieht Vaters Grab aus ? Wie unser Häuschen ? " Und Franzi erzählte . Vorsichtig und nicht zu lebhaft , während die Mutter still zuhörte , bis Ursel mit der Uhr in der Hand herzutrat und bat : " Soll es für heute nicht genug sein , liebe Frau Trautmann ? Es ist nach fünf Uhr . Gegen sechs kommt nämlich manchmal das Fieber wieder , " erklärte sie Franzi , " und das müssen wir doch verhüten . " " Du sprichst ja wie ein kleiner Doktor , " sagte Franzi wehmütig , sah zu , wie Ursel ihrer Mutter Medizin gab , und folgte ihr dann Gehorsam ins Nebenzimmer . " Setzt euch so , daß ich euch sehen kann , " bat Frau Trautmann , " hören will ich auch gar nichts mehr . " Sie lag nun völlig zufrieden da , und trotz der eben erfahrenen großen Anregung schlief sie schneller ein , als Ursel erwartet hatte . Nun schlossen die beiden Mädchen leise die Tür und vertieften sich in die ernsthaftesten Gespräche . Franzi wollte von der Rückreise nach Berlin vorläufig nichts wissen , sie behauptete , ihre Pflicht läge jetzt hier . " Wie aber , wenn du zwischen zwei Pflichten gestellt wärest , liebste Franzi ? " gab Ursel zu bedenken . " Ach , meine Musik muß jetzt in zweiter Reihe stehen ! " " Ich weiß das nicht gewiß , Franzi . Deine liebe Mutter wird - erschrick nur nicht - noch mehrere Wochen ruhe- und pflegebedürftig bleiben ; wolltest du so lange deine Studien unterbrechen , würde dich das nicht zu sehr zurückbringen ? " " Aber mein Platz ist doch bei meiner kranken Mutter ! " " Wenn sie noch in Gefahr wäre , oder völlig verlassen , gewiß ! Aber sie ist nicht in Gefahr , und - daß ich sie nicht verlassen werde , das glaubst du doch ? " " Ja , ja , Fräul'n Franzi , " mischte sich auch Herr Bauer ein , " da können Sie ganz ruhig sein . Fräulein Dahland ist wie ' ne gelernte Krankenpflegerin , na , und ich , ich tu auch mein Teil mit Besorgen und Aufwarten , - und was meine Marie ist , die ist jetzt auch schon groß genug , die bleibt nun aus der Schule und kann tüchtig im Hause mit anfassen . Frau Trautmann hat sie ja gut angehalten , nun soll sie in den nächsten Wochen bloß vom Bett aus ein wenig regieren . " Das war eine lange Rede von Herrn Bauer , und Franzi sah auch alles ein , aber dennoch ! Es wollte ihr unerhört erscheinen , daß sie abreisen , ihren eigenen Interessen leben und die Pflege der Mutter anderen überlassen sollte . Stand sie wirklich zwischen zwei Pflichten , wie Ursel meinte ? Es schien so . Besonders , wenn sie sich sagte , daß sie auf Kosten anderer ihren Studien oblag , dann war sie eben diesen anderen Rechenschaft schuldig , wie sie ihre Zeit anwandte . Nun hatte sie schon im Februar eine unfreiwillige Pause machen müssen , durfte sie jetzt abermals eine Versäumnis eintreten lassen , zumal es sich hier noch um mehrere Wochen handelte ? " Die Kunst ist eine strenge Herrin , " hatte schon Fräulein Elsner gesagt , und auch Frau Gerstenberg fügte dem hinzu : " sie fordert den ganzen Menschen . " Das hatte Franzi nie so schwer empfunden wie jetzt . Aber schließlich gab sie nach und suchte aus den wenigen Tagen , die ihr noch blieben , das Beste zu machen . So viel die Mutter es vertragen konnte , ergingen sie sich in leisen Gesprächen über Vergangenheit und Zukunft , und als Franzi von ihrem Singen in der Wehrburger Kirche erzählte , bat die Mutter : " Singe auch uns noch ein Lied , ehe du abreisest ; ich kann es wirklich vertragen . " Franzi sang den Pilgerspruch von Mendelssohn : Laß dich nur nichts nicht dauern Mit Trauern , Sei stille ! Wie Gott es fügt , So sei vergnügt , Mein Wille ! Was willst du viel dich sorgen Auf morgen ? Der Eine , Der Allem für , Der gibt auch dir Das Deine . Sei nur in allem Handel Ohne ' Wandel , Stehe feste ! Was Gott beschleust , Das ist und heißt Das Beste ! " Das ist schön , das ist wahr ! " sagte die Mutter , " das singe nicht nur , mein Kind , danach lebe ! " Als Franzi sich dann zur Abreise entschließen mußte , sagte Herr Bauer recht treuherzig : " Nun lassen Sie sich nichts nicht dauern , Fräulein Franzi - stehen Sie feste ! " Da lächelte sie durch Tränen über diese Variation ihres Liedes und riß sich los . Der Anfang in Berlin wurde ihr aber schwer wie nie ! Alle meinten , sie sähe zwar wohl aus , wie nach Landluft , aber gar zu ernst ! Ihr erster Besuch galt den Gräfinnen Steineck , denen sie ja ausführlich von Leontinens Ergehen , von der so außerordentlich erfreulichen Gestaltung ihres Lebens erzählen mußte , und dann - nahm die Musik sie wieder hin . Ursel schrieb treulich fast jeden Tag eine Karte über Frau Trautmanns Befinden , so daß Franzis Herz allmählich wieder leichter wurde und Frau Professor Gerstenberg zufriedener dreinschaute bei ihren Leistungen . Mit dem Herbst dieses Jahres ging Franzis drittes Studienjahr zu Ende . Ehe es so weit war , schrieb sie an die edle Fürstin ihren Dank für alle gewährte reiche Güte und gelobte nochmals , sich immer dessen würdig zu erweisen . Franzi wußte , daß ihr damals nur drei Jahre bewilligt worden waren , nun fühlte sie sich zwar durchaus noch nicht fertig , aber sie konnte doch nicht ohne weiteres annehmen , daß noch ferner für sie gesorgt würde . So schrieb sie den Brief etwas schweren Herzens , nicht wissend , wie es nun weiter gehen sollte . Aber geschrieben mußte er werden , das stand fest , und eine Art Rechenschaftsablage war sie der edlen Frau schuldig . In kurzer Zeit schon kam ein Schreiben der Fürstin zurück , in dem sie mit Güte und regem Interesse auf alle Mitteilungen ihres Schützlings einging und - ihr noch für ein weiteres Jahr Unterstützung gewährte . Allerdings nur bedingte ! Es waren inzwischen schon so viele neue Anforderungen an die Privatschatulle der hohen Frau gestellt worden , daß sie sich selber eine gewisse Beschränkung auferlegen mußte . Nach wie vor aber wollte sie den noch notwendigen Unterricht bezahlen , wenn Franzi nur für ihr Leben in Berlin auf andere Weise sorgen könnte . Das hieß nun schon viel gewonnen ! Franzi atmete beglückt auf und machte allerlei Pläne . Frau Gerstenberg hatte versprochen , ihr zum Winter Klavierschülerinnen zu verschaffen , andere als Lieschen Braun oder Willem Lehmus ! Eine Mark fünfzig Pfennig bis zwei Mark sollte sie für die Stunde nehmen , und da sie selber einen gewissen Teil der Konservatoriumsstunden jetzt aufgeben durfte , wie Theorie , Musikgeschichte , Chorstunde , und nur der Pflege des Sologesangs leben sollte , konnte sie sich wohl einige Lektionen an Kinder auferlegen , ohne sich zu ermüden . Also etwas Verdienst stand in Aussicht , aber die Kosten für ihre Pension , obwohl diese zu den einfachen gehörte , konnte sie jetzt nicht mehr erschwingen . In diese Grübeleien hinein fiel eines Tages ein Brief von Fräulein Elsner , die noch immer als Erzieherin in vornehmen Häusern wirkte , nun aber sich danach sehnte , ein eigenes kleines Heim zu gründen . Sie wollte nach Berlin ziehen , eine kleine Wohnung nehmen und versuchen , eine oder zwei Pensionärinnen zu erhalten , um sich ein wenig besser einrichten zu können . Und nun kam der Vorschlag , ob Franzi ihre erste Pensionärin sein wolle ? Es sollte kein bestimmter Pensionspreis vereinbart werden ; sie wollten alles recht praktisch einrichten und versuchen , wie weit sie kämen . Franzi sei doch immer ihr Liebling gewesen und sie glaubte , daß sie sich gegenseitig mit solchem Zusammenleben etwas Gutes tun würden . Wer war froher als Franzi ! " Was willst du viel dich sorgen ? " sang sie inbrünstig , und dann schrieb sie an Fräulein Elsner ihre Zustimmung . In der Nähe des Botanischen Gartens wurde in einem vierten Stock eine kleine Wohnung gemietet , die zwar sehr bescheiden war , den beiden so verschiedenaltrigen Freundinnen aber , von denen die eine das Leben in der Fremde hinter sich hatte , die andere die Welt noch vor sich , ein kleines Heimatsparadies dünkte . Fräulein Elsner hatte hübsche ererbte Sachen , die die Zimmer sehr gemütlich machten ; sie besaß auch ein kleines erspartes Kapital , mit dem sie klug umzugehen verstand ; Franzi verdiente durch Stundengeben im Monat dreißig bis vierzig Mark : so ging es vorläufig recht gut , und Franzis Briefe nach Hause handelten augenblicklich mehr von ihrem " Haushalt " als von ihrem Studium . Frau Trautmann war diese neue Einrichtung sehr nach dem Herzen . Sie hatte immer leise gefürchtet , Franzi möchte durch das beständige Pensionsleben gar zu verwöhnt werden und keine häusliche Beschäftigung mehr vornehmen wollen . So antwortete sie immer sehr heiter und eingehend auf Franzis kleine " Haushaltsberichte " . Sie hatte sich nun von der schweren Influenza völlig erholt und wirkte nach wie vor in Herrn Bauers Haushalt . Auch von Léontine kamen frohe Briefe zu Franzi geflogen , mit mancher drolligen Schilderung von ihrem neuen Leben in Wehrburg . " Ich arbeite wie eine Magd , " schrieb sie einmal , " meine Hände sehen danach aus ! Du glaubst nicht , was ich alles schon kann ! In Gesellschaft benehme ich mich aber desto königlicher , und Du würdest Respekt vor mir haben . Ja , ja , das muß man alles verbinden können ! ( Schüttest Du Dich nicht aus vor Lachen , Franzi ? ) Bald habe ich nun auch ausgelernt , dann kann ich eine Stelle als Stütze annehmen . Was meinst Du dazu ? " Ein andermal hieß es : " Ich weiß jetzt auch schon , was » Zinsen « sind , und ich lerne ein Haushaltungsbuch führen . Es ist zum Staunen ! Stimmt Deins immer ? Aber weißt Du , am meisten interessiere ich mich doch für die Außenwirtschaft , und Onkel meint , ich habe einen recht guten Verstand dazu . Er nennt mich manchmal im Spaß seinen kleinen Inspektor , das mag ich sehr gern ! Mit Vetter Harro vertrage ich mich auch sehr gut , am besten , wenn wir über Pferde sprechen ! Onkel hat mir ein junges Fohlen geschenkt , dem widme ich nun all meine Erziehungskünste . " Ja , das wäre eine Freude für meine alten Tage . Da könnte ich mich mit Wilhelm Trautmann nochmal am Homer begeistern . " " Den kleinen Vettern gegenüber versagen diese aber völlig ; unter uns gesagt , es gibt manchmal eine kleine Prügelei . Ich glaube aber , auch Herr Hansen ist kein großartiger Erzieher ; es wird Zeit , daß ein neuer kommt . Was meinst Du zu Deinem Bruder Wilhelm ? Wenn ich ihm meine hohe Protektion angedeihen ließe , könnte er die Stelle vielleicht erhalten . Ich hoffe , er wird mir dann aber auch Ehre machen und mich mit ausgesuchtem Respekt behandeln . Übrigens bin ich auf diesen glorreichen Gedanken nicht von selbst verfallen . Unser alter Herr Lehrer war es , der neulich so sehnsüchtig sagte : » Den Wilhelm , den guten , prächtigen Wilhelm Trautmann möchte ich doch gar zu gern noch einmal sehen , ehe ich die alten Augen schließe ! « Dabei sieht er aber noch immer gerade so munter aus den Augen wie sonst ; alte Leute haben es ja aber so an sich , daß sie bei jeder Gelegenheit vom Sterben sprechen . Jetzt schüttelst Du den Kopf über mich , weise Franzi ! Nun , die letzte Bemerkung war vielleicht nicht gerade sehr nett , aber glaube nicht , daß ich mich gegen den Herrn Lehrer so respektlos benahm . Im Gegenteil , ich sagte sehr sanft und verständig : » Es ist eigentlich recht schade , daß Wilhelm Trautmann so weit weg wohnt . Aber vielleicht könnte er doch hier einen Wirkungskreis finden . Ich höre , Herr Hansen , unser Hauslehrer , geht nächstens ab ; wie wäre es , wenn wir Wilhelm Trautmann engagierten ? « " Das nahm der alte Herr mit Begeisterung auf . » Ja , ja , Tini , das veranstalte doch ! Das wäre noch eine Freude für meine alten Tage . Da könnten wir uns noch einmal zusammen am Homer begeistern und ich könnte sehen , ob die Flamme in dem Jungen so stetig fortgebrannt hat , wie ich hoffe . « Nun , siehst Du , Franzi , ich eigene mich sogar noch zur Stellenvermittlerin ! Ja , ja , Léontine Wehrburg wird noch ein sehr nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft ! " So ging das fort , immer Scherz und Ernst durcheinander , oft sich selbst verspottend , dann wieder deutlich die Freude am eigenen Vorwärtskommen verratend . Diese Briefe waren für Franzi eine große Freude . Sie hatte die krausköpfige , unberechenbare Freundin in Berlin zuerst doch sehr vermißt ; aber je mehr sie sich überzeugte , daß diese jetzt an ihrem richtigen Platz war und sich befriedigt fühlte , je ruhiger wurde sie über die Trennung . Nun wurde gewiß aus dem Komteßchen doch noch ein tüchtiges und glückliches Menschenkind . Über die letzte Stelle in Leontines Brief , in Bezug auf Wilhelm , war sie auch froh überrascht . Das war ja wirklich ein guter Gedanke ! Wenn er zu Ostern mit seinen Studien fertig war , konnte er ja in Wehrburg zuerst sein Heil als Erzieher der kleinen Grafen versuchen ; eine Gymnasiallehrerstellung würde doch vielleicht nicht gleich frei sein für ihn . Sie wollte es ihm gleich schreiben ! Dann konnte er sich zur rechten Zeit um den Platz bewerben . So tauchten immer wieder neue Möglichkeiten auf , mit der alten Heimat in Verbindung zu bleiben , so viel Neues und Fremdes auch den Wehrburger Kindern in den Weg treten mochte . 31. Kapitel . Das Hausgeistchen Während für alle Glieder des jugendlichen Kreises , der sich in glücklicher Zeit in Wendenburg zusammengefunden hatte , das Leben sich noch stetig veränderte , jedem einzelnen neue bedeutsame Aufgaben brachte , schien es für Ursula immer in den gleichen Bahnen sich zu bewegen . Sie war eine Haustochter . Nichts weiter ! Aber sie war es im schönsten Sinne des Worts . Das Elternhaus war ihre Welt , der sie sich mit aller Liebe , allen Kräften widmete . Durch Inges Heirat war ja ein Platz im Hause leer geworden ; deren Pflichten fielen Ursel von selber zu , aber sie erfand sich selbst noch tausenderlei dazu ! Wenn ihre Freundinnen sie fragten : " Woher nimmst du nur die Zeit zu allem , was du leistest ? " wußte sie ihnen nicht recht zu antworten ; aber der Grund war , daß sie nicht jeden Tag mehrere Stunden auf Besuche und allerlei überflüssige Gänge verwandte , wie die anderen es so gern taten . Gewiß machte sie auch Spaziergänge , lief auch Schlittschuh und besuchte Bekannte ; aber es war nicht ein beständiges Hin und Her , jetzt eine Plauderminute , nun wieder eine kleine Besorgung , dann noch etwas Vergessenes nachzuholen . Ursel hatte etwas Stetiges in ihrem Wesen und das machte sie allen im Hause zur lieben , unentbehrlichen Vertrauensperson . Elfi und ihre zahlreichen Freundinnen schwärmten für sie , die kleinen Brüder plagten sie tüchtig , konnten aber gar nicht ohne sie fertig werden ; Mama besprach jegliches mit ihr in einer beratenden Weise , und Papa konnte man unzähligemal am Tage rufen hören : " Wo ist Ursel ? " Und dann war sie immer gleich da ! Wie ein richtiges Hausgeistchen wußte sie jeden Augenblick , wann man sie brauchte . Der Landgerichtsrat , der immer auf seine schöne Älteste so stolz gewesen war , sagte jetzt mitunter zu seiner Frau : " Ich glaube , unser bestes Kind haben wir doch behalten ! " Und Mama dachte dann wohl nach Mutterart : " Ja , werden wir es denn behalten ? " Es schien so . Niemand schien es ihnen nehmen zu wollen und auch Ursels Sinnen gehörte noch ungeteilt den Ihren . Wenn ihre Freundinnen von Bällen und Festen sprachen , bei denen sie sich " himmlisch " und " königlich " vergnügten , konnte Ursel nicht mittun . Natürlich besuchte sie auch mit ihren Eltern Gesellschaften und hin und wieder einen Ball . Sie " saß " dann auch nicht , sondern war mitten dazwischen , denn sie tanzte leicht und anmutig und galt für ein " liebes Mädchen " . Aber sie hatte in Gesellschaft etwas Stilles , Zurückhaltendes , daß man nicht leicht mit ihr in Zug kam . Jedermann war " nett " zu ihr , und das war ihr genug , nach Auszeichnung und Bewunderung sehnte sie sich nicht . Zu Hause war es doch allemal am schönsten ! Wie konnte es Mädchen geben , die sich im Hause langweilten , die nicht zufrieden waren , wenn sie nicht wenigstens drei Abende in der Woche " aus " sein konnten ? Gerade die Abende waren doch so schön ! Dann war der Vater so gemütlich zur Unterhaltung aufgelegt , oder er ließ sich von Ursel vorlesen , was sie besonders gern tat ; dann war es heimlich im Wohnzimmer und es sprach sich so gut von den fernen Lieben ! Zu Hause war Ursel nie mehr " still " zu nennen , da war sie unbefangen und beredt . Dann hatte sie eine große Korrespondenz zu führen , die riß eigentlich nie ab . Mama war in Wahrheit nie sehr fürs Schreiben gewesen ; jetzt übertrug sie allmählich alles an Ursel , wenn sie auch mit ihr besprach , was den Geschwistern mitgeteilt werden sollte . Und Papa , der in letzter Zeit etwas über seine Augen klagte , diktierte ihr sogar öfter geschäftliche Sachen . Ja , Ursel , obwohl sie keine Talente pflegte , nicht malte , noch Klavier spielte , war immer vollauf beschäftigt . Die alte Muschebergen in ihrer Geradheit sagte einmal : " Nee , Ursching , was hest du di einmal rutmakt ! Dor möt ich mi doch alle Tag Ewer wunnern . Du wirst immer so still un sinnig un nicht recht tau Brücken , Ewer nun hest du di hellschen rutmakt ! Du kriegst auch noch 'nen Mann , paß man up , was ich di segg ! Most bloß 'n beten tauen . Ewer wurde mi nicht auch utländ'sch , as bin Schwester , das segg ich di ! Was hett'n denn dorvon ! " Über diese lange Rede lachte Ursula herzlich und versicherte Musching , daß sie noch gar keine Lust zum " Frigen " hätte und vor allen Dingen nicht für das " Ausländische " ! Nein , Ursel war kaum zum Reisen zu bewegen . Einmal hatte sie Inge in Göstaborg besucht und auch Freude daran gehabt ; aber die Eltern brauchten nicht zu fürchten , auch diese Tochter an das fremde Land zu verlieren . Ursel lebte sich nach dieser Trennung nur umso fester zu Hause ein . Ihre schönste Zeit des Jahres war und blieb immer die Mittsommerzeit , wenn all die geliebten Ferienkinder einrückten . Axel kam dann gewöhnlich von einer großen Seereise zurück und hatte immer Neues und Wunderbares zu erzählen . Wilhelm , jetzt wirklich Hauslehrer in Wehrburg , erschien als regelmäßiger Gast in der Schloßgärtnerei , und Franzi ? Die kam wie das " Mädchen aus der Fremde " ! Man wußte nie genau , wann und auf wie lange ? Aber " sie brachte Blumen mit und Früchte " ! Ja , auch Früchte ! Und glücklich sah Ursel ihrer ersten goldenen Ernte zu . Seitdem Franzi mit Fräulein Elsner zusammengezogen , waren nun zwei Jahre vergangen . Ihre Ausbildung wurde als abgeschlossen angesehen und alle Erwartungen , die man in Bezug auf sie gehegt , schienen sich glänzend zu erfüllen ; nun durfte sie sich mit ihrem Können in die Welt wagen ! Nun sollte sie auch in der Heimat sich zum ersten Male als Künstlerin zeigen : Franzi Trautmann war zur Mitwirkung beim großen Landesmusikfest engagiert ! 32. Kapitel . Musikfest In diesem Jahr begnügten sich die Wendenburger nicht mit dem natürlichen Frühlingsschmuck und dem Chor der Luftsänger ! Sie schmückten ihre Stadt mit Kränzen und grünen Pforten und forderten alles , was singen konnte , zum musikalischen Turnier . " Zum Kampf der Wagen und Gesänge , Der auf Korinthus ' Landesenge Der Griechen Stämme froh vereint , Zog Ibikus , der Götterfreund . " deklamierte Elfchen Dahland , die inzwischen zum Schiller anschwärmenden Backfischlein herangewachsen war , und als man sie fragte , wen sie sich denn als Ibikus dächte , antwortete sie unverzagt : " Franzi Trautmann ! Es kann ja auch Mal eine Götterfreundin sein ! " Papa lachte herzlich hierüber und ließ sich das " zum Kampf der Wagen " insofern als Warnung dienen , daß er seinen bekannten Droschkenkutscher einfach für die ganze Dauer des Musikfestes verpflichtete ; denn Papa war in dem Festkomitee , und das will etwas sagen ! Fünfhundert Sänger sollten untergebracht , Stadt , Bahnhof und Festräume ausgeschmückt , Abendunterhaltungen und Frühkonzerte , Rundfahrten auf dem See und Gänge durch die Sehenswürdigkeiten der Stadt veranstaltet werden , - und dann die eigentliche Hauptsache : die Verhandlungen mit den Künstlern ! Kennt jemand den ergötzlichen Moserschen Schwank " Das Stiftungsfest " ? So abgehetzt wie die Helden desselben , die verschiedenen Vorstände der Gesangvereine mitsamt ihren Vereinsdienern , war Papa Dahland auch um diese Zeit , und er sagte einmal : " Dem Himmel sei Dank , Ursel , daß du nicht mitsingst und nicht jede Reunion oder Italienische Nacht mitmachst ; da ist doch ein fester Punkt im Hause , auf den man sich verlassen kann ! " " Und ich ? " fragte Mama mit lächelndem Staunen , " was bin ich denn ? " " Ja , du , meine liebe Frau , dir möchte ich alles aus dem Wege räumen , was dich anstrengen könnte ; du siehst ja schon so blaß und zart aus , daß ich es gar nicht mit ansehen kann . Und ich weiß auch , was dich drückt ! Aber nur Mut , nur Mut ! " Mama sorgte sich um Axel . Seit mehreren Monaten befand er sich auf einer " Ausreise " mit der " Ariadne " . Aus Hongkong waren noch gute Nachrichten gekommen und die Rückkehr für den Mai in Aussicht gestellt . Dann noch zwei Briefe von der Heimreise aus , aber jetzt fehlte jedes Lebenszeichen . Zur Zeit der Frühlingsstürme war Mama in einer beständigen Unruhe ; nun waren die freilich vorbei , ohne daß irgend böse Dinge geschehen waren , aber mußte das Schiff nicht jetzt schon zurück sein ? Waren Briefe verloren gegangen ? Diese Sorge war der einzige schwarze Punkt in diesen sonst so lichten festlichen Tagen , und Mama war wirklich etwas angegriffen von mangelndem Schlaf und allem tapferen Zusammennehmen , und sie freute sich doppelt über Ursels umsichtige Tätigkeit im Hause . Sie hatten auch Gäste aufgenommen , zwei Logierzimmer für zwei Damen und einen Herrn waren in Stand gesetzt , und von früh bis spät war für diese zu sorgen . Zuerst war der Kaffeetisch sehr rechtzeitig herzurichten , denn die Gäste pflegten früh zu erscheinen . Beim Musikfest darf man sich nicht nur unterhalten , sondern muß sich tüchtig anstrengen und vor allen Dingen pünktlich sein ! Um neun Uhr mußte man schon immer zur Probe in der Festhalle auf der lieblichen grünen Halbinsel eintreffen , welche die Fremden , die aus allen Teilen des Landes zusammengeströmt waren , mit Entzücken betraten . Auf dem großen Platz vor dem Festhause standen gerade die Kastanien in rotleuchtender Blüte , dazwischen schlangen sich Girlanden mit der prangenden Inschrift : " Willkommen zum Musikfest ! " Und hierher " wallten " all diese Tage lang Ströme festlich gestimmter Menschen . Als Franzi zur ersten Probe kam , im Wagen und mit einem Vorstandsherrn zur Seite , fuhr sie an dem kleinen Schaufenster des Frauenvereins vorbei , wo die Handarbeiten auslagen , und wieder dachte sie beschwörend : " Willegis , Willegis ! denke , woher du kommen bist ! " Und bei dem Vergleich zwischen damals , als sie ihre Spitzendecke hier ausstellte , um das Geld für die Musikstunden zu verdienen , und heute - wurden ihr die Augen feucht . Da fragte der junge Offizier neben ihr teilnehmend : " Gnädiges Fräulein bekommen wohl Kanonenfieber ? " Nun mußte Franzi doch lachen , und in leidlich gefaßter Haltung kam sie beim Festhause an . Ursel war nicht da . Man hatte ihr erzählt , das erste Durcheinander , die Schlacht um die Plätze und all die äußeren Angelegenheiten , wäre für den Unbeteiligten nicht erfreulich , und von den Sängern hätte man noch wenig . Ursel war auch Vormittags zu Hause so nötig . Mittags gab es immer ein richtiges Diener , die kleine Tafel sollte hübsch geschmückt sein , und selbst durfte man nicht müde und abgehetzt erscheinen , wenn die angestrengten Sänger von der Probe zurückkamen und gepflegt werden mußten . Nach Tisch sorgte sie dann für möglichste Ruhe im Hause , damit die Sänger schlafen konnten , dann schickte sie ihnen Kaffee aufs Zimmer , bot Plätteisen an , um etwa im Koffer gedrückte Sachen aufzufrischen , und stellte die kleinen Brüder als Läufer zur Verfügung , wenn Besorgungen zu machen waren . Genug , es war ein Musterquartier bei Dahlands , und Ursels freundliche Sorge wurde auch von den Fremden laut genug anerkannt . Sie tat ja auch alles so gern , freilich mit dem heimlichen Zugeständnis , daß sie damit ihre Unruhe beschwichtigte ! Denn im Grunde teilte sie Mamas Sorge um Axel , und - Franzis Schicksal erregte sie doch auch aufs tiefste . Diese trat hier mit großen Künstlern von Ruf in die Schranken , es konnte viel davon abhängen . Frau Trautmann war auch , ihrer sonstigen festen einfachen Natur entgegen , in einer ängstlichen Erregung . Es schien ihr schon zu viel Ehre und Verantwortung für ihre Tochter , auf diesem Fest zu singen . Herr Bauer aber war außerordentlich heiter gestimmt , sehr stolz auf seinen schönen Konzertplatz , den natürlich Franzi gestiftet hatte , und höchst freigebig mit Blumen . Die junge Sängerin konnte schon Morgens in der Probe mit den herrlichsten Rosen erscheinen , und der Festkavalier zerbrach sich den Kopf , wer ihm denn wohl immer zuvorkäme ! Wilhelm Trautmann war auch unter den Sängern , denn selbst das kleine Nest , in dem er jetzt an einer Privatschule angestellt war , hatte seinen Gesangverein , und die Handvoll Steinberger war nicht zu verachten , sondern gehörte zu den begeistertsten Chorsängern . Endlich war_es so weit , daß nach all den vorbereitenden Tagen das Fest mit der Trompetenfanfare eröffnet wurde . In der Hofloge waren die höchsten Herrschaften erschienen - und nun nahm eines der gewaltigen Händel-Werke seinen Anfang . Die fünfhundert Sänger , von den verschiedensten Dirigenten vorbereitet , einigten sich mit dem Orchester unter dem Zauberstab des Festdirigenten , und in mächtigen Wogen kam der erste Chor dahergebraust . Und der Heldentenor des " Josua " schmetterte in den Saal , machtvoll und ernst traten Alt und Bass hinzu , und dann hob eine junge goldene Sopranstimme an . Die erste Befangenheit sah man ihr gerne nach , man fühlte doch gleich , daß sie Gutes leisten würde . Und als sie bis zu der Arie gelangt war : " O hätte ich Jubals Harf ' - " da wartete man kaum des Orchesters letzten Ton ab , und es brach jener brausende Beifall los , wie man ihn wohl nur auf Musikfesten kennt . Franzi Trautmann war in aller Mund und Herz ! Nach Schluß des Konzerts lagen sich in der Garderobe die beiden Schwarzbraunen in den Armen , dann stieg Ursel einfach mit in den Wagen der Sängerin , und der diensttuende Kavalier fühlte sich wieder einmal grausam überflüssig ! Am zweiten Tage gab_es den " Achilleus " von Max Bruch . Heute hatte die Altistin das Feld , und Franzi war in einer kleineren Partie beschäftigt . Diesen Tag genoß sie in anderer Weise ; sie liebte das Werk und bewunderte Frau Jagemanns hochvollendete Kunst . Sie selbst trat gern zurück und ruhte sich etwas für den folgenden Tag aus , der noch genug Anforderungen stellte . Ehe aber dieser Tag anbrach , kam im Dahlandschen Hause ein Augenblick allerhöchster Spannung . Die Rätin saß nach dem Konzert allein und ziemlich erschöpft in ihrem Zimmer , während alle anderen beim Fest geblieben waren . Da klingelte es , und ein Telegramm wurde gebracht . Einen Augenblick hielt sie regungslos das ihr in der Hand fast brennende Blatt und wagte es nicht zu öffnen . Dann riß sie es mutig auf und las : " Komme heute 9,30. Axel . " - An der Erleichterung , die sie nun ganz und gar durchdrang , fühlte die Rätin erst , wie groß ihre Angst zuvor eigentlich gewesen war , und einen Augenblick schien es , als wollte sie noch hinterher schwach werden . Aber dann raffte sie sich schnell auf ; für Axels Empfang mußte gesorgt werden , und sie war allein zu Hause , selbst Line war zum " Zusehen " beurlaubt . Aber mit welcher Wonne stieg Mama jetzt die Treppe auf und ab , alle vorige Müdigkeit vergessend ! Sie konnte zwar Axel nicht seine eigene " Bude " zurechtmachen , denn die wurde als Herrenlogierzimmer mitbenutzt ; er mußte sich diese Nacht unten in Mamas kleinem Wohnzimmer mit dem breiten alten Sofa begnügen - schade , schade ! Er war gewiß so ruhebedürftig - - zwei Tage später hätte er mit aller Bequemlichkeit einziehen können , als Hauptperson des Hauses , und doch ! Welch ein Segen , daß er heute schon kam ! Nun wurde das Fest auch noch für Mama ein Fest ! Die Kissen und Decken waren nun bereit , das hergezauberte Schlafzimmerchen recht einladend geworden , nun noch schnell in die Speisekammer . Für diesen Abend hatte sie auf niemand gerechnet , denn alle waren zur Italienischen Nacht in einem Konzertgarten , selbst Ursel hatte sich überreden lassen . Es war also gar nicht gedeckt , denn Mama hatte sich selbst aus der Speisekammer versorgen wollen , war aber bis jetzt noch nicht dazu gekommen . Nun rüstete sie noch mit Wonne ein Abendtischchen für zwei Personen , und kaum war alles zurechtgesetzt , da schlug die Hausglocke an , genau so , wie Axel immer klingelte . Und er war es ! " Meine liebe Mutter , " sagte er endlich nach der ersten , von überwältigender Freude stummen Begrüßung , " finde ' ich dich wirklich daheim ? Ich fürchtete schon , ins leere Nest zu kommen ! Die Stadt ist ja in einer festlichen Aufregung , überall wogt das Volk ; ich dachte , kein Mensch wäre zu Hause . " " Ich bin auch ganz allein . " " Und hast du meine Depesche bekommen ? " " Ja , mein Junge , ich war gerade vom Konzert nach Hause zurückgekehrt , früher als wohl irgend jemand . " " Aus Ahnungsvermögen , liebe Mutterherz ? " " Vielleicht ! Wer kennt die geheimen Stimmen und ihre Macht ? Seit wann bist du zurück , Axel ? " " Gestern abend spät in Kiel angekommen . Ich dachte kaum , heute schon reisen zu können . Meinen Brief aus England hast du doch erhalten ? " " Nein , seit fast drei Wochen nichts ! " " Aber das ist ja schrecklich ! Arme Mama ! " " Nun ist ja alles gut , Axel , nun komme herein und laß dich ordentlich ansehen . Ein wenig mitgenommen kommst du mir vor . " " Na , es geht , Mama ; es war nicht immer nur ein Spiel auf dieser Reise . " " Und nicht Mal dein eigenes Zimmer , dein altes Bett kann ich dir geben ! " klagte Mama , " wir haben das Haus voll von Gästen . " " Kann ich mir denken ; die Zeitungen sind ja voll vom Musikfest zu Wendenburg und von der Gastlichkeit seiner Bewohner . Es war das erste , was ich auf heimischem Boden las . Wen habt ihr denn ? Logiert die große Sängerin Franzi Trautmann etwa auch bei euch ? " " Logiert die große Sängerin Franzi Trautmann etwa auch bei euch ? " " Nein , " sagte Mama lächelnd , " wir haben nur Chorsänger ; Franzi war nicht zu bewegen . Sie wird täglich in Galaequipage von der Gärtnerei abgeholt , bei ihrer Mutter wollte sie bleiben ! " " Braves Mädel ! Also noch nicht der Kopf verdreht ? " " Keineswegs ! Aber Axel , du wirst morgen staunen , das heißt wenn du Lust hast , ins Konzert zu gehen . " " Aber natürlich , Muttchen ; ich bin ja so froh , daß ich nicht alles verpaßt habe , sondern noch vor Torschluß eintreffen konnte . " " Und ich erst , Axel ! Ich konnte bis jetzt zu keinem reinen Genuß kommen und mochte doch die Kinder nicht kränken . Ursel ist selig , wie du dir denken kannst . " " Natürlich ! Können denn die Schwarzbraunen noch Schritt halten miteinander ? Ist die andere unserer Kleinen nicht weit voraus ? " " Ich weiß nicht - - es ist so eigen mit den beiden . Natürlich ist Franzi die Bedeutendere und Entwickeltere ; aber man denkt nicht daran , wenn man sie mit Ursel zusammensieht , so vollkommen ist die Einigkeit , so reizend zart ihr Umgehen miteinander . " " Du , Mama , unsere Schwarzbraune ist auch von uns früher unterschätzt worden . " " Vielleicht , Axel , aber jetzt nicht mehr ; du wirst sehen , was für eine Persönlichkeit Urselchen im Hause geworden ist . " " Sie ist aber auch nicht bloß nett und gut , sie ist ein feines Köpfchen ! Ich sehe es aus ihren Briefen . " Mama sah strahlend dazu aus ; wie groß war doch jetzt auch die geschwisterliche Einigkeit ! " Aber nun esse auch , mein Junge , und dann sieh dir deine Schlafstätte an , ob es wohl so geht für diese Nacht . " " Ach , Mutter , wie sollt es nicht gehen ! Herrlich wird sich_es ausruhen im Elternhaus ! " Als mitten in der Nacht der Landgerichtsrat mit Ursel und seinen Gästen nach Hause kam , waren alle erstaunt , die Rätin noch auf zu finden . Gerade sollte sie zärtliche Schelte bekommen , da blieb dem Papa das Wort in der Kehle stecken vor Mamas glücklichem Ausdruck . " Ist etwa - ja - ich sehe es dir an , du hast Nachricht von Axel ! " Mama nickte nur , und als die Fremden mit ihren Lichtern verschwunden waren , zog sie ihn , den Finger an den Mund legend , an die Tür des kleinen Wohnzimmers . Papa sah hinein - da lag er ja , der Sohn , der langvermißte , heimlich umsorgte , und schlief den gesunden festen Schlaf der Jugend . In stummer Rührung standen Vater und Mutter am Lager , aber er merkte es nicht . " Blaß , " sagte Mama endlich , " mager , nicht wahr ? " " Aber sehnig , kräftig ! Beruhige dich nur ! Na , das wird ein Fest geben , Mama , das geht über alle Musik , was ? " Dann erfuhr Ursel die große Neuigkeit , und auch sie meinte : " Dies setzt unseren schönen Festtagen die Krone auf ! " Wie freute sich Mama noch am anderen Tage , daß sie ihren Jungen die ersten Stunden so völlig für sich gehabt hatte . Denn nun wurde man doch gleich wieder rettungslos in den Trubel des Festes gezogen . Der dritte Tag war wie immer der Höhepunkt . Alle Mitwirkenden fühlten sich in der Festhalle schon wie zu Hause und mochten gar nicht daran denken , ihren Platz auf dem Podium nun aufgeben zu müssen . Alle Zuhörer aber hatten sich in die Musik eingelebt , unter den Künstlern ihre Lieblinge erkoren und wollten sich dankbar beweisen . Große Körbe voll Blumensträußchen sah man in dem Gang vor dem Saale stehen , damit sollten die Gefeierten nach dem Singen überschüttet werden . Aber eines war diesem Dank des großen Publikums vorausgegangen : die Auszeichnungen des Landesfürsten . Morgens in der Probe war ein Hofbeamter mit verschiedenen geheimnisvoll versiegelten Päckchen erschienen . Davon war eines zuerst dem Herrn Hofkapellmeister überreicht worden , dann jedem der Sänger auch eines . Das Orchester hatte Tusch geblasen , und die Zuhörer hatten geklatscht . Und nun erschienen zum Konzert die Dekorierten , die Herren mit dem roten Ordensband um den Hals , die Damen mit der goldenen Medaille . Auch Franzi trug am Ausschnitt ihres duftig weißen Kleides das goldene Ehrenzeichen , das die Mutter ihr kaum hatte anlegen können , so sehr hatten ihre Hände gezittert . Herr Bauer aber hatte gemeint , diesmal dürfe sie keine Blumen daneben stecken , sie könnten die Medaille verdecken !! Ursel wußte nichts davon , denn sie hatte wieder nicht in die Probe gehen können , weil sie sich doch Axel widmen wollte . Nun saß sie zwischen ihm und Wilhelm , der heute nichts mehr zu leisten hatte , in der zwölften Reihe des großen Saales . Noch näher heran hatte sie nicht gewollt , aus Furcht , es könnte Franzi stören . Die schien sie heute noch gar nicht entdeckt zu haben , sie sah so gedankenvoll und ernst aus , als drücke sie das Ehrenzeichen . Elfchen , die mit all ihren zahlreichen Freundinnen für Franzi schwärmte , hatte schon heimlich deklamiert : Die goldene Kette gib mir nicht . Die Kette gib dem Kanzler ! Sie meinte : Franzi sieht aus , als wollte sie das sagen . Das Orchester spielte nun zuerst eine schöne festliche Eingangsmusik , dann schmetterte der Tenor eine Heldenarie , Frau Jagemann trug eine hochdramatische Gesangsszene vor , und wie die majestätische Erscheinung der großen Altistin wieder abgetreten war , stand auf dem bekränzten Platz des Dirigenten , der jetzt nichts mehr zu tun hatte , hoch über der Menge , die schlanke junge Gestalt im weißen Kleide , der schon so manches Herz entgegenschlug . Sie sang als Erstes : " An die Musik " von Schubert . Ursel weinte lautlos hinter dem vorgehaltenen Programm . Franzi hatte gesagt : " Wenn du die letzten Worte des ersten Liedes hörst , dann denke , meine Ursel , ich spreche mit dir . " Und nun hörte sie diese letzten Worte , die in dem Liede der holden Kunst galten : " Ich danke dir ! " , und sie wußte , was die Freundin damit sagen wollte . Das Publikum schien nach dem innig ergreifenden Vortrag auch einen Augenblick den Atem anzuhalten , als möchte es die weihevolle Stimmung nicht stören ; aber dann mußte es doch klatschen , wie sollte es sonst seinen Beifall äußeren ? Nun folgte Lied auf Lied . Die Künstler wechselten ab , der Applaus steigerte sich , die Blumensträußchen flogen , und die Sänger konnten des Grüßens und Siechverneigens nicht genug tun . Franzi hatte nun auch längst ihre Freunde entdeckt , und es schien , als sänge sie von Lied zu Lied schöner . Sie hatte in richtiger Erkenntnis ihrer Stellung zu den anerkannten , großen Künstlern mehr schlichte als großartige Sachen gewählt ; aber sie sang mit einem Ausdruck , als dächte sie immer , wie sie schon als Kind zu Ursel gesagt hatte : " Musik ist - sie sei ernst oder traurig oder lieblich - immer groß ! Und Singen ist Glück ! " setzte sie wohl jetzt noch hinzu . Sie schloß mit dem Liede : " Wenn die wilden Rosen blühn , " und trotz allen Jubelns in den Worten : " O du schöne , du schöne Rosenzeit ! " wurden manchem Zuhörer die Augen feucht . Axel Dahland saß merkwürdig blaß und in sich gekehrt da ; er war vielleicht der einzige , der keine Hand zum Applaus rührte . Er konnte sich nicht so schnell in den Übergang finden . War das noch die Jugendfreundin , die da oben stand , geschmückt und gefeiert , war das noch die kindlich frohe , reizende Schwarzbraune ? Im Gedränge am Schluß des Konzertes verlor er sich sacht von den Seinigen . Er wollte nicht zu denen gehören , die sich jetzt ums Podium scharten , um noch einen Blick von den Künstlern zu erhaschen oder sich ihnen gar vorzustellen . Er war der erste zu Hause , und als Ursel kam , überfiel sie ihn förmlich mit Vorwürfen . " Wo bist du hingeraten ? Wir haben uns fast die Augen nach dir ausgeguckt , Franzi auch ! Sie kann es übelnehmen , daß du sie noch gar nicht begrüßt hast . " " So ? " fragte Axel trocken , " ist sie so ? " " Wie denn : so ? " wiederholte Ursel gereizt . " Sie ist lieb und treu und anhänglich und denkt bei allem Ruhm doch am meisten an uns , ihre Freunde . Nun kannst du sie vor Abend nicht sehen , denn jetzt ist sie mit allen Künstlern und Dirigenten bei Hofe zur Tafel befohlen . Heute abend gehen wir aber alle zu Ball ! " Axel lachte und umfaßte seine eifernde Schwester . " Ihr seid alle wie ausgetauscht , gar nicht wieder zu kennen . Ich muß mich wahrhaftig erst drein finden - das geht nicht so schnell . Franzi wird mir wohl wieder gut . " Nun war der Abend des letzten Festtages gekommen . Das Hoftheater strahlte in hellstem Glanz , und Wagen auf Wagen fuhr vor das Portal . Geschmückte Gestalten schlüpften heraus , nur in leichter Vermummung , denn an einem solchen Frühlingstag zu Ball zu gehen , war ja eine Ausnahme . Der große Zuschauerraum mitsamt der Bühne war in einen einzigen Ballsaal verwandelt , in dem es sich wundervoll tanzen lassen mußte ! Auf der Bühne waren auch Lauben von grünem Gezweig errichtet , mit Ruhebänken darin , ein Springbrunnen verbreitete erfrischende Kühle , und das elektrische Licht lag beinahe wie Mondschein auf diesem anmutigsten Teil des Saales . In den Logen saßen solche Festgäste , die mehr zusehen , als sich am Tanz beteiligen wollten ; vom ersten Rang führte die breite teppichbelegte Treppe herab , auf der die allerhöchsten Herrschaften jetzt erschienen und unter den Klängen der Musik ihren Rundgang im Saal hielten . Damit war der Ball eröffnet , und der Raum , der eben noch für die Fürstlichkeiten frei gehalten war , schloß sich schnell mit den sich drehenden Paaren . Es sah von eben aus , als hätten sie gar keinen Platz zum Tanzen ; aber sie mußten das doch nicht finden , denn alle sahen belebt und vergnügt aus . Ursula saß auch noch oben und sah zu , später wollte sie hinunter gehen , erst mußte sie Franzi beobachten . Leider saß auch Axel neben ihr , was sie wieder nicht begriff . Er mußte doch sofort ein Haupttänzer sein und sich bei Franzi von niemand zuvorkommen lassen ! Aber - Franzi tanzte heute mit Hofherren ! Wirklich , einer nach dem anderen kam zu der jungen Sängerin . Da war ein Prinz , ein Verwandter des regierenden Hauses , jetzt ein Kammerherr , ein Flügeladjutant , nun folgten die anderen Offiziere . Ursel sah ihren Bruder an , der stand denn auch mit einem Ruck auf und sagte : " Komme , Schwesterchen ; gibst du mir den ersten Tanz ? " " Sehr gern , aber nur eine Tour . " Jetzt waren sie unten , und das glänzende Gewühl schien Ursel beinahe beängstigend . Aber Axel führte sie mit sicherer Hand hindurch , und sie tanzten . " Sehr gut , " lobte Axel , wie sie pausierten , " weißt du wohl noch , Ursche , wie ich Tanzstunden so sehr nötig für dich fand ? " " Ja , du nanntest mich immer » krumm wie ein Fiedelbogen « . Aber jetzt gebe ich dir Urlaub , ich setze mich da zu Mama und Frau v. Sontheim ; nun engagiere andere Damen . Erkennst du Vicky ? " Axel verbeugte sich schon vor Ursulas Kränzchenfreundin und machte eine Runde mit ihr . Dann stand er endlich vor Franzi . " Endlich ! " sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen , " Axel , - Herr Kapitänleutnant ? " " Sie erkennen sogar meinen Rang ? " fragte Axel . " O natürlich , ich weiß genau , wie viel noch bis zum Admiral fehlt ! " sagte sie schelmisch ; er aber erwiderte etwas ernst : " Ich hingegen weiß gar nicht , was Ihnen noch fehlt zu dem , was Sie erreichen wollten . Auch weiß ich nicht , wie ich Sie nennen soll . " " Franzi , denke ich , " sagte sie einfach und herzlich , und dann tanzten sie . " Welche Freude , " fing sie in der Pause gleich wieder an , " daß Sie noch während des Festes hierher kamen . Ihre arme liebe Mutter konnte ja zu gar keinem Genuß kommen . " " Wirklich ? Ließ Mama sich die Sorge um mich so sehr merken ? " " Nein , eigentlich war sie sehr tapfer , wollte niemandem das Vergnügen stören ; aber ich habe es doch gemerkt , und ich fand es begreiflich . " Ein Herr kam jetzt und erbat eine Extratour von der Sängerin , Axel mußte sie ihm abtreten ; wie sie zurückkam , sagte sie munter : " Wissen Sie , Axel , wer das war ? " " Nein . Was sehr Bedeutendes ? " " Der » Steuermann « von damals , von Ursels und meiner märchenhaften Bootfahrt mit dem » Schwan « des Erbprinzen . " " Ah ! Und der Erbprinz - ich meine , unser allergnädigster Landesfürst ? " " O , der war auch sehr huldvoll beim Diener ! Als ich meinen Dank aussprach für - hier , haben Sie schon gesehen , Axel ? " unterbrach sie sich , verschämt auf ihren Orden zeigend , " da sagte seine Hoheit : » Das ist meine Erwiderung für die wilden Rosen vom Rohrwerder ! « War das nicht ein hübscher Scherz ? " " Sehr hübsch , Franzi , mit solchen Aufmerksamkeiten kann nun ein armer Jugendfreund natürlich nicht wetteifern ! " " Ach Unsinn , Axel ! Der Fürst kann mich ja unmöglich mehr gekannt haben ; man hat ihm wohl ein bißchen von mir erzählt , damit er etwas mit mir reden könnte , außer von Musik . " Axel hielt es zwar nicht für unmöglich , daß man ein so reizendes Mädchen wie Franzi Trautmann im Gedächtnis behält , auch wenn man ein Prinz ist , aber er freute sich über ihre harmlose unverdorbene Art , die noch so weit entfernt war von dem Selbstbewußtsein einer " Berühmtheit " , wie er sie sich in Gedanken vorgestellt hatte . Sie war nur glücklich über ihre Aufnahme auf diesem Fest in der Heimat , und das konnte und durfte sie sein , glücklich und dankbar ! Jetzt trafen sie auf Ursel und Wilhelm , die auch getanzt hatten , und die vier setzten sich auf eine der grün umbuschten Bänke auf der Bühne . " Jetzt könnte meinetwegen dieser ganze Festtrubel wie ein Spuk verschwinden , " meinte Franzi , " und wir könnten unter wirklichen Bäumen , im wirklichen Mondschein sitzen . Man hat sich doch noch so viel zu erzählen , wobei diese Umgebung nur stört . " " Wie wäre es denn morgen mit einer Wasserfahrt , wie in alter Zeit ? " schlug Axel vor , und Franzi ging freudig darauf ein . " Morgen darf ich wieder alles , diese Tage mußte ich mich ja so grenzenlos schonen . Nicht Mal reden durfte ich , so viel ich wollte , nicht wahr , Ursel ? Aber man gehört dann nicht sich selbst , man gehört dem Ganzen und muß seine Pflicht tun . Denn Singen ist nicht nur ein Spaß , wie so viele Menschen im Zuhörerraum denken und von den leicht erworbenen Lorbeeren der Sänger sprechen ; Singen ist auch eine Arbeit - wenn auch eine schöne - und es gehört gerade so viel Ernst und Selbstzucht dazu , wie zu jedem anderen recht aufgefaßten Beruf ! Wollt ihr es glauben ? " 33. Kapitel . Auf dem See Das Musikfest war zu Ende . Alles verrauscht und verklungen . Von dem geschmückten Bahnhof , dessen Girlanden allmählich welk geworden waren , entführte Zug auf Zug die fremden Gäste , aber sie nahmen einen Schatz von schönen Eindrücken und unvergeßlichen Erinnerungen mit . Franzi blieb noch in Wendenburg , denn das Pfingstfest war vor der Tür , da hatte sie Zeit . Auch Wilhelm hatte seine Rektorschule geschlossen und blieb noch , denn in den Tagen nach Pfingsten sollte in Wendenburg eine Versammlung von Philologen stattfinden ; er hatte wieder einen Vortrag zu halten und das war seiner Mutter insgeheim fast ebenso wichtig wie Franzis Mitwirkung beim Musikfest . Frau Trautmann kam sich augenblicklich wie eine beneidenswerte Mutter vor , und als Frau Rätin Dahland am Tage nach dem Fest einen Besuch in der Gärtnerei machte , meinte sie : " Wie hätte ich je gedacht , daß es mir noch einmal wieder so gut gehen würde ! Manchmal denke ich , es ist zu viel ! " " Sie haben so viel Schweres hinter sich , liebe Frau Trautmann , " sagte die Rätin herzlich . " Hoffentlich ist das nun alles , was das Schicksal Ihnen an Leid zugedacht hatte . Jetzt freuen Sie sich ungestört an dem Glück , das Ihnen durch Ihre prächtigen Kinder wird , ohne Sorge , es könnte zu viel des Guten sein ! " Diese Kinder waren eben aus dem Hause getreten , und die Dahlandschen Geschwister kamen dazu . " Wir gehen aufs Wasser , " rief Franzi munter . " Kann man anders , wenn man einen künftigen Admiral als Beschützer neben sich hat ? " " Geht nur , " sagte Mama . " Vor diesen heimischen Gewässern fürchte ich mich nicht . " Sie nahmen ein Boot an der Halbinsel und fuhren hinaus . Noch blühten die roten Kastanien auf dem Festplatz , aber Fahnen- und Girlandenschmuck wurde abgenommen , im Saal klang statt der wogenden Musik das Klopfen , Schieben und Stoßen der Arbeiter , die den ganzen Festzauber verschwinden ließen . Vom See aus sah der Platz schon wieder leer und still aus , wie gewöhnlich . " Ist_es nicht wie ein Spuk ? " sagte Franzi . " Kann man glauben , daß dort noch gestern Menschen aus allen Teilen des Landes sich drängten , daß in dem Saal die größten musikalischen Geister zu Wort gekommen sind und - " " Und daß unter den Künstlern eine gewisse liebe Schwarzbraune war , die heute wieder wie eine gewöhnliche Sterbliche unter uns sitzt ? " sagte Ursel . " Du nimmst mir das Wort vom Munde weg , " sagte Axel , der sich ärgerte , daß er es immer noch nicht fertig gebracht hatte , Franzi etwas recht Schönes zu sagen ; aber Franzi unterbrach schalkhaft : " So vorlaut war Ursel doch sonst nicht ! " " Sonst ! " wiederholte Axel gedankenvoll , und einen Augenblick ruderten sie schweigend . Aber lange litt Franzi das nicht . Jeder sollte erzählen , erzählen ! Wilhelm von seiner Schule , seinen Aussichten für die Zukunft . " Ich denke mir dein künftiges Heim sehr idyllisch , ganz dem Großstadtleben entgegengesetzt . Dann komme ich im Sommer immer zu dir , " verhieß Franzi , " und lasse mich pflegen , hole dir alle Eier aus dem Stall ; denn darauf sind wir Sängerinnen sehr erpicht . " " Wenn er nun keine Hühner hat ? " meinte Ursel bedenklich . " Natürlich hat er die ! Ich denke mir Wilhelm immer in irgend einem kleinen Landstädtchen . " " Das ist doch noch nicht ausgemacht ! Solche Lehrer und Redner " - Ursel wurde dabei rot , sprach aber tapfer weiter - " werden doch auch vielleicht hier am Ort gewünscht . " Wilhelm sah sie freundlich an , und Franzi rief : " Bist du so ein Redner , Wilhelm ? Ich habe dich ja noch nicht wieder gehört , seit der Kindheit nicht , wo du uns allerdings manchen erbaulichen Vortrag hieltest . Weißt du noch die sogenannte Baumkanzel im Wehrburger Park ? " " Nach Pfingsten kannst du ihn in der Aula des Gymnasiums hören , " sagte Ursel eifrig , " wir freuen uns alle schon . " Nun sollte Axel das Wort haben . Sie fanden ihn alle zu schweigsam ! Sie wollten von seiner weiten Reise hören , von den fremden Ländern , von seiner Beförderung , von Vorgesetzten und Kameraden , und er war froh , wenn sie es ihm durch Fragen leicht machten . " Ich bin so von Heimatszauber umfangen , " sagte er , " daß mich augenblicklich die ganze weite Welt nichts angeht . " " O - " sagte Franzi , " aber Sie lieben doch Ihren Beruf noch ? " " Sehr ! Verstehen Sie mich nicht falsch ! Ich möchte noch heute nichts anderes sein . Nur - ist mir gerade jetzt alles andere interessanter als meine eigenen Erlebnisse . Denken Sie sich Mal aus , Franzi , wie abgetrennt unsereins so halbe Jahre lang ist ! Wenn wir auch alle vier an verschiedenen Orten leben , so fremd kann doch keiner von euch den anderen inzwischen werden , wie ein Seemann dies manchmal empfindet . " " Das ist wohl wahr , " sagte Franzi nachdenklich , " aber sind wir uns denn fremd ? Ich fühle nichts davon . " " Das ist sehr lieb von Ihnen , und ich muß nochmals bitten : Mißverstehen Sie mich nicht . Ich denke unwillkürlich , all das , was Sie inzwischen geworden sind , all die Interessen , in denen Sie leben , sind mir fremd ; ich muß ein Barbar sein für eine Künstlerin ! " " Ach Unsinn ! " rief Franzi hellauf lachend , " dann müssen wir ja dasselbe empfinden . Um Ihren Beruf zu verstehen , so wie auch den Wilhelms , dazu gehört für uns Mädchen viel mehr Anstrengung . Mir werden Sie schon folgen können , wenn wir erst ein paar Tage wieder zusammen sind . " " Alle sprecht ihr von eurem Beruf , " meinte Ursel kleinlaut , " was soll ich denn sagen ? " " Du Engel , " sagte Franzi stürmisch , " was willst du noch ? Du hast den Beruf der allgemeinen Unentbehrlichkeit ! Ist das keiner ? " Ursel sah gerührt aus , und Wilhelm meinte : " Das hast du gut gesagt , Franzi ! " " Wie immer , " erwiderte sie übermütig lachend , und dann wollte Axel wieder wissen : " Aber Sie , Franzi , Sie sind doch auch wirklich befriedigt ? Sie lieben Ihren Beruf ? " " Über alles ! " sagte Franzi mit feierlicher Miene , und diese Antwort schien beinahe etwas Überwältigendes für den Frager zu haben , denn er schwieg darauf , bis Franzi lebhaft fortfuhr : " Ich höre keinen Tag auf , zu staunen und Gott zu danken für die Wendung , die mein Leben genommen hat , und du , Ursel , kannst dich auch bis ans Ende deines Lebens freuen über deine Tat ! Die Fürstin war gestern himmlisch gut , ich habe ihr einmal fast mein Herz ausgeschüttet , als spräche ich gar nicht mit einem gekrönten Haupt ! Und sie schien sich darüber zu freuen - " " Das kann ich mir denken ! " " Und wünschte mir alles Gute . » Erfolge ! « heißt es dann immer , und es ist ja wahr , wir Künstler sind auf Erfolge angewiesen . Wenn sich niemand um uns kümmert , niemand uns mag - dann steht es schlimm mit unserer Kunst ! " " Ja , weil es kein eigenes Schaffen ist , " meinte Wilhelm sinnend , " weil ihr die Kunstwerke , die schon ewige Gültigkeit haben , nur für den Augenblick belebt . " " Das ist_es gerade , " rief Franzi , " und es ist das einzig Schmerzliche bei unserer Kunst : sie ist vergänglich . Wenn das Alter kommt - ach , schon eine ernste Krankheit - vorbei ist es mit uns Sängern ! " " Ach , Franzi ! " " Ja , Ursel , das hat etwas Trauriges , aber auch zugleich etwas Warnendes vor jeder Hoffart . In Demut mit unserem schönen Pfund wuchern , solange es uns verliehen ist , das sollen wir ! - Aber , " fuhr sie sich wieder zum Frohmut aufraffend fort , " wenn einst die Kehle ist ausgesungen - und wenn das letzte Lied verklungen , dann bau ich mir ein Haus zum Altenteil in Heckendorf ! Seht , da taucht er auf , der liebliche Strand ! " " Und da Rohrwerder , unsere Zauberinsel , " sagte Ursel . " O du schöne Rosenzeit ! " jauchzte Franzi . " Und dort schimmert der Giebel von Herrenhausen - die Bank können wir leider nicht sehen . Aber es ist ein Abend wie damals . Seht , wie das Schloß sich wieder von dem goldhellen Hintergrund abhebt ! " Die Brüder zogen die Ruder ein und ließen das Boot treiben . Alle schwiegen . Immer röter wurde der Abendhimmel , immer ruhiger wurde das Wasser , die dunklen Laubmassen der Wälder schienen fast die Flut zu berühren . Da hob Franzi an zu singen : " Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen Gleitet wie Schwäne der wankende Kahn , Ach , auf der Freude sanft schimmernden Wellen Gleitet die Seele dahin wie ein Schwan . Denn von dem Himmel herab auf die Wellen Tanzet das Abendrot rund um den Kahn . Über den Wipfeln des westlichen Haines Winket uns freundlich der rötliche Schein , Unter den Zweigen des östlichen Haines Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein . Freude des Himmels und Ruhe des Haines Atmet die Seele im errötenden Schein . Ach , es entschwindet auf tauigem Flügel Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit , Morgen entschwindet mit schimmerndem Flügel Wieder wie gestern und heute die Zeit . Bis ich auf höherem strahlenden Flügel Selber entschwinde der wechselnden Zeit ! " Feierlich und schön klang es über den See , hochaufgerichtet , mit großen Augen saß Franzi da , und die jungen Bootsgenossen dachten vielleicht alle : " Ach , entschwinde du uns nur nicht ! " Später , wie Axel und Ursula durch den dämmernden Schloßgarten nach Hause gingen , wie früher so oft , sagte Axel ernsthaft : " Mir allein hast du vielleicht keinen Dienst getan , Ursche , mit deinem Gang zur Fürstin damals ! " " Axel ! " rief Ursel schmerzlich , in halber Ahnung , aber er fuhr fort : " Ja , ja , die Jugendfreundin läßt uns alle weiter hinter sich zurück . Wir können sie nicht halten . " Zu Ende der Pfingstwoche erhielt Franzi eines Tages einen schönen Strauß zugeschickt . " Ei , " dachte sie lächelnd , " noch eine Musikfesterinnerung ? Noch nicht vergessen von den lieben Wendenburgern ? " Aber wie sie sich nach einem Begleitbrief umsah , erkannte sie Axels Schrift und las : " Geschmückt , umjubelt , glanzumflossen , Standst du als Künstlerin im Saal , Hast alle Herzen dir erschlossen Mit deiner Stimme goldenem Strahl . Nun ziehst du wieder in die Weiten , Die kleine Heimat bleibt zurück , Nur freundlich im Vorüberschreiten Traf uns dein lieber warmer Blick . Auch ich , ich schweif auf fernen Meeren , Verlaß des Vaterlandes Port ; Was es mir könnte zum Heim verklären , Das - nimmst du singend mit dir fort ! " Franzis Augen wurden feucht , sie sagte leise : " Mein Freund , wenn ich dir weh tue - ich kann es nicht ändern . Ich muß singen ! So wie du zur See mußtest , muß ich singen . Das Meer der Töne ist auch eine Flut , auf die wir immer wieder hinaus müssen ! Aber wir kehren auch wieder an den heimischen Strand mit alter Treue ! " 34. Kapitel . Allerlei Entwicklungen Als nach der festlichen Zeit die lieben Gäste wieder abgereist waren , schien über Ursel eine große Leere zu kommen , die sie zum ersten Male nicht standhaft ertrug . Nicht nur , daß diese Tage mit der Fülle von Musik , festlichem Gepränge und Frühlingswonne wirklich wunderschön gewesen waren , es blieb aus dem Zusammensein mit den Jugendgefährten so mancher Eindruck zurück , der sie tief nachdenklich machte , über den sie hätte sprechen mögen , ohne dies indes zu wagen . Axel , der zuletzt abreiste , war ihr gar zu ernst , ja niedergeschlagen erschienen , und das Schwesterherz ahnte , was in ihm vorgegangen war , wenn auch Franzi über jene Verse von Axel geschwiegen hatte , die keine Frage , sondern gleich ein Verzichten enthielten . Ursel sagte sich , daß ihr Bruder der einzige sei , der die allgemeine Freude über Franzis Erfolg , der sie nun auch in ihren Kreisen völlig zur Künstlerin stempelte , nicht von Herzen teilte , weil dadurch zwischen ihm und der Jugendfreundin eine Kluft zu entstehen schien , die tiefer und weiter war als alle Meere , die oft zwischen ihnen lagen . Ihm wäre es , sagte sich Ursel mit Wehmut , wohl lieber gewesen , er hätte das einfache , frische Mädchen mit all seinen lieblichen Naturgaben wiedergefunden , anstatt dieser schönen , fertigen Künstlerin . Vergebens , daß Ursel sich sagte : Aber Franzi ist doch noch dieselbe ! Sie mußte hinzufügen : Für Axel aber ist sie jetzt verloren . Und darüber sann und grübelte sie nun sehr viel . Ihr kam eine Ahnung , als wären sie zum letzten Male für lange Zeit so glücklich zusammen gewesen , als würde das Leben die treuen Genossen einander entführen . Wilhelm freilich blieb ja im Lande . Die kleine Stadt , in der er einstweilen als Lehrer angestellt war , lag nicht sehr entfernt von Wendenburg , er konnte wohl manchmal an einem Sonntag herüberkommen und sich nach der Mutter umsehen . Aber - es war eigentümlich : wenn nicht Franzi und Axel dabei waren , konnte sich Ursel auch kein Zusammensein mit Wilhelm denken . Ja , als sie ihn zum ersten Male in der Schloßgärtnerei allein bei der Mutter traf , war sie entschieden sehr befangen . Er hatte kürzlich seinen Doktor gemacht , das gab ihm in Ursels Augen eine neue Würde , und überhaupt - er war doch gar zu klug . Der Vortrag , den er jüngst in Wendenburg gehalten hatte , lag Ursel noch immer im Sinn . Danach traute sie sich kaum , ihn anzureden und fühlte sich wirklich erleichtert , als sie ihn das nächste Mal völlig nach Jungenart in einen Stachelbeerbusch vertieft und zu den harmlosesten Plaudereien aufgelegt fand . Da taute sie allmählich wieder auf ; aber ehe sie sich_es versah , waren sie doch mitten in ernsthaften Gesprächen , die ihr weit über das Plaudern gingen . Sie mußte aber erst die Befangenheit überwunden haben und nicht denken : Jetzt soll ich mich mit einem jungen Gelehrten unterhalten ! Daß sie es konnte , mochte sie doch wohl beweisen , denn Doktor Wilhelm sprach mit ihr nicht von seiner Schule , sondern besonders gern von seinen eigenen Arbeiten ; er schriftstellerte ja in aller Heimlichkeit . Vaterländische Geschichte war sein Steckenpferd , und jedesmal , wenn er in die Residenz kam , pflegte er in die Regierungsbibliothek zu gehen , allerlei nachzuschlagen , oder auch Bücher zum " Quellenstudium " zu entleihen . Nur Ursel durfte darum wissen , was er sonst allen verschwieg . Sie war ja eben solch wunderbar sympathisches Geschöpf , immer zum Zuhören , zum Mitempfinden geneigt . Jeder vertraute ihr seine wichtigsten Dinge an . Von sich sprach sie eigentlich wenig , ihr eigenes Tun und Treiben erschien als das Naturgemäße , was sollte man davon groß reden ? Die anderen - ja , die konnten natürlich von Examen , von Doktorarbeit , Konservatoriumsprüfung , Konzertkritik , von Beförderungen in der Marine und tausend wichtigen Dingen sprechen , die für sie immer einzelne Stufen in ihrem Lebensgang bedeuteten ; aber was konnte dagegen das Hausgeistchen Ursel aufbieten ? In dieser stillen nachdenklichen Zeit kam Ursel immer wieder auf einen Wunsch zurück , den sie schon lange gehegt , aber nie recht auszusprechen gewagt hatte . Es war jetzt überall von " Samariterkursen " die Rede , die sich als eine überaus segensreiche Einrichtung erwiesen . Auch in Wendenburg waren nicht nur Vorträge für Frauen und Mädchen eingerichtet , sondern auch praktische Übungsstunden im städtischen Krankenhause unter Aufsicht des leitenden Arztes . Man lernte dort vor allem die ersten notwendigen Vorkehrungen bei Unglücksfällen , das Verbinden von Wunden , Verfahren bei heftigen Blutungen , das Wickeln und Schienen von verrenkten Gliedmaßen , auch Massieren und orthopädisches Turnen . Alles , was Ursel hierüber gehört hatte , interessierte sie aufs äußerste , und sie kam allmählich zu der Überzeugung , daß es geradezu Notwendigkeit für ein weibliches Wesen sei , sich in solchen Dingen Geschicklichkeit und Erfahrung anzueignen . Wie viel kam doch in einem kinderreichen Hause vor an kleinen oder größeren Unfällen , bei denen man sich nicht gleich zu helfen wußte ! Wie oft kamen die kleinen lustigen Vagabunden nach Hause mit zerschundenem Knie oder verstauchtem Fuß oder merkwürdigen Rissen an den Händen , die sie sich bei Indianerspielen oder sonstigen Unternehmungen zuzogen , und waren dann sehr unglücklich und empfindlich , wenn man ihnen nicht ein bißchen geschickt half ! Wie hatte Ursel einmal Elfchens Jammern gequält , als die sich die Hand verbrannt hatte , und wie war sie in Todesangst gewesen , als Robert ein anderes Mal mit Nasenbluten nach Hause kam , das sich nicht stillen ließ , bis der Arzt kam ! Das war nun freilich alles schon lange her , und bei solchen Anlässen wußte Ursel sich jetzt schon zu helfen , aber es gab doch noch andere Fälle , für die man gerüstet sein mußte ! Und überhaupt - lebte man denn nur fürs Haus und die eigenen Lieben ? Es war zwar Ursels größtes Glück , und sie wünschte sich nichts anderes , aber war es wohl völlig genug ? Mußte man nicht allmählich etwas weiter um sich sehen lernen und sich auch einmal um fremde Notstände kümmern ? Das konnte man aber nur , wenn man das Helfen verstand , sonst quälte man die Leidenden mehr , als daß man ihnen wohltat . Als Ursel damals Frau Trautmann gepflegt hatte , war ihr doch manches nicht leicht von der Hand gegangen , und wenn auch die liebe Kranke immer dankbar und zufrieden war und Herr Bauer Ursel als " gelernte Krankenpflegerin " zu bewundern pflegte , so fühlte sie selbst nur zu gut , wie viel ihr noch fehlte , wie oft ihr guter Wille ausreichen mußte , wo ihr das Geschick , das die Übung gibt , mangelte . Ja , Ursel wollte endlich auch ihr " Studium " haben . Und sie stieß auch auf gar keinen Widerspruch bei den Eltern , als sie mit ihrem Wunsch , Krankenpflege zu lernen , herauskam . Beide fanden es praktisch und gut . Anfänglich hatte das Krankenhaus wohl etwas Beängstigendes für sie : die langen kahlen Gänge , in denen es in lautloser Geschäftigkeit hin und her huschte , die Wärter in ihren weißen Röcken , die Krankenkörbe und Tragbahren , denen man begegnete , die Geräusche von Maschinen und Gerätschaften , das Stöhnen der Leidenden . Aber Ursel hielt sich tapfer . Sie wurde nicht ohnmächtig , als sie bei einer leichten Operation zugegen sein und eine Handreichung tun durfte , während die andere Dame , die mit ihr zugelassen war , sofort die Augen schloß und schwindelnd das Zimmer verließ . Der Oberarzt sah jener mit spöttischem Blick nach , und meinte , zu Ursel gewandt : " Das machen Sie nur nicht gleich nach , Fräulein ! " Ursel zeigte sich als Krankenschwester sehr gewissenhaft und geschickt . Es ging hierbei auch wie oft im Leben : Manche machten diese Kurse mit oder meldeten sich wenigstens zur Teilnahme , weil es etwas Neues , weil es Mode war . Aber lange gelang es solchen Oberflächlichen , die es spielerisch auffaßten , nicht , die Ärzte zu täuschen ; unweigerlich wurden die Unbrauchbaren ausgeschieden . Ursel Dahland aber war von den Unverheirateten diejenige , die am unerschrockensten stand hielt , auch natürliches Geschick zeigte , so daß ihr bald öfter ein Mehr erklärt , ein Übriges anvertraut wurde . Wilhelm verursachte Ursulas Entschluß vieles Mißbehagen , denn insgeheim hatte er sich die Freundin dereinst mit einem ganz anderen als dem Krankenschwesternhäubchen geschmückt gedacht . Ob es ihr mit diesem Beruf wirklich ernst war ? Er hatte es noch immer nicht weiter gebracht als zu jener bescheidenen Lehrerstellung in dem kleinen Steinberg , wo er mit dem schmalen Gehalt nur für sich selber genug hatte . Und wenn es auch das kleine Städtchen war , in dem Ursel ihre erste Kindheit verlebte und von der sie ihn so gern erzählen hörte , vorläufig durfte er die Frage nicht wagen , ob sie jene kleine Stadt noch einmal als ihre Heimat würde betrachten mögen . Er hoffte aber sehnlichst auf Beförderung , wenngleich bis dahin mindestens ein Jahr vergehen würde . So suchte er das Unbehagen , das er empfand , in immer vermehrter Arbeit zu ersticken . Die beschriebenen Blätter , die Auszüge und Notizen , die abgeschlossenen " Kapitel " häuften sich allmählich in seinem Schreibtisch , aber sein ganzes Tun in dieser Art war immer noch " Saat " , und die Ernte schien fern und ungewiß . Seine Schwester hatte es weiter gebracht - - und auch Axel Dahland machte überraschend schnell Karriere . Er hatte aber dafür auch etwas Rastloses in seinem Wesen bekommen , und Papa meinte mitunter kopfschüttelnd , er habe nie gedacht , daß Axel so ehrgeizig sein würde . Ach , es war weniger Ehrgeiz , es war die Sache selbst , die ihn so interessierte , und außerdem - die innere Unruhe . Nach Hause kam er jetzt selten und nur auf kurze Zeit ; auch in Kiel und Wilhelmshaven hielt er es nie lange aus . Die " Ausreise " war sein einziges Element , die " Heimkehr " befriedigte ihn nie ganz , trotz aller sorgenden Liebe , die ihn dann empfing . Ja gerade die Sorge , das prüfende Anschauen und Fragen , das quälte ihn dann . Denn er fühlte es wohl auch selbst : seine stahlkräftige Gesundheit war schon ins Wanken gekommen ! Die Rastlosigkeit , die schnellen Übergänge von einem Klima ins andere , verschiedene Tropenkrankheiten , - das zehrte mehr an ihm , als er eingestehen wollte . Nur zu Ursel sagte er einmal trübe : " Zum Admiral bringe ich es nicht mehr ! Unsere Freundin Franzi hat etwas hochgegriffen mit ihrer Prophezeiung . " Als die Schwester dann erschrak , beruhigte er sie wieder und bat , nur ja der Mutter nichts zu sagen . Aber die Mutter fühlte es doch , auch ohne Worte . Und sie empfand : Diese beständige Sorge um ihren Ältesten , dieses Sehnen und Fürchten , das war das Schwere ihres sonst so glücklichen Lebens . Das zog feine Falten in ihr gütiges weiches Gesicht , das sonst immer noch jung geblieben war , und weiße Fäden in ihr schönes Haar . Sie stand zu viel am Strand . Am besten verstand sie sich hierin mit Frau Trautmann , denn auch diese mußte sich ja in eine beständige Trennung von der einzigen Tochter finden . Franzi hatte schon mehrmals versucht , die Mutter zu einer Übersiedlung nach Berlin zu bewegen , aber die hatte stets erklärt : " Dahin passe ich nicht ! Ich würde doch wie die Glucke am Ufer stehen und mich wundern und ängstigen , daß eines meiner Küchlein aufs große Wasser hinaus schwimmt , das ich nicht kenne . " Franzi lachte zu diesem Vergleich und meinte , sie sei doch kein unechtes Küchlein , kein Entenkind ; die Mutter wolle sie doch nicht etwa als " aus der Art geschlagen " bezeichnen ? Da meinte Frau Trautmann : " Nein , nein , mein Kind ! Was mir fremd ist , wo ich nicht folgen kann , hat mit deinem Herzen , deinem Charakter nichts zu tun . Und in diesen beiden läßt du mich immer heimisch bleiben , keine fremde Welt zwischen uns treten , nicht wahr ? " Nein , das konnte sich auch Franzi nicht vorstellen , daß jemals darin etwas anders werden könnte . Wenn sie nun auch gewissermaßen in der " großen Welt " lebte , mit hochgestellten und berühmten Leuten verkehrte , wenn ihre Leistungen in der Kunst sich von Jahr zu Jahr steigerten , wie auch ihre allgemeinen Kenntnisse , wozu sie im täglichen Zusammenleben mit Fräulein Elsner die beste Gelegenheit hatte , so war doch tief im Herzen ein Kämmerchen , in dem die Heimatsglocken klangen , unablässig , nie übertönt vom Weltgetriebe ! " Wenn du aber nicht zu mir ziehen willst , Mütterchen , " nahm Franzi gelegentlich den Faden wieder auf , " dann könntest du dich doch wenigstens hier zur Ruhe setzen , eine nette kleine Wohnung nehmen ! " " Und nichts tun ? Warum , mein Kind ? Noch kann ich arbeiten , wenn ich mich auch nicht mehr anstrenge , da ich an Mariechen Bauer eine gute Stütze habe , und die Weißnäherei allerdings meiner Augen wegen aufgeben mußte . Aber warum sollte ich den guten Herrn Bauer jetzt verlassen ? Er hat in seiner Weise viel für uns getan ! " So blieb vorläufig alles beim alten , denn auch Wilhelm richtete nichts mit seinem Vorschlag aus , daß die Mutter zu ihm nach Steinberg ziehen solle . " Du wirst nicht ewig in dem Städtchen bleiben , du sehnst dich doch recht fort ; warum sollte ich alte Frau noch etliche Umzüge auf mich nehmen ? " Sie sah dazu listig aus , und dieser scheinbare Egoismus paßte recht wenig zu ihr . Und als sie fortfuhr : " Auch sehen alte Haushälterinnen es nicht gern , wenn sie plötzlich eines Tages von jungen verdrängt werden . Nein , dem setze ich mich lieber nicht aus ! " Da wußte Wilhelm wohl , wohin diese scherzhafte Abwehr zielte , und schwieg von dem vorigen Plan . Er befand sich auch gerade in großer Aufregung wegen einiger Arbeiten , die er einem in Wendenburg wohnenden Verlagsbuchhändler eingereicht und über welche dieser jetzt eine mündliche Besprechung anberaumt hatte . Sagte sich Wilhelm auch zehnmal am Tage : " Es wird nichts , es wird nichts ! " so kam im nächsten Augenblick doch eine hoffende Stimme wieder obenauf . Und fiel die Unterredung auch nicht so aus , wie er heiß gewünscht hatte , fand sich für die vorliegenden Arbeiten auch noch nicht gleich Verwendung , so gaben sie doch den Anlaß , daß der Verleger auf Wilhelm aufmerksam wurde ; seine Schreibweise und sein unverkennbares tüchtiges Wissen schienen ihm weit über dem Durchschnitt junger Autoren zu stehen , wie solche ihm alljährlich ihre Erstlingsarbeiten anboten . So machte er Wilhelm einen Vorschlag . Es war ein großes vaterländisches Werk geplant , das in Bild und Wort die ganze Entwicklung des Landes und des Volkes , von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart , darstellen und in Lieferungen erscheinen sollte . Dies Werk sollte unter dem Protektorat des Landesfürsten stehen und von der Regierung unterstützt werden . Es war also ein durchaus sicheres Unternehmen , bei dem es für jeden Schriftsteller eine Freude und Ehre sein konnte , zur Mitwirkung zugelassen zu werden . Mehrere namhafte ältere Persönlichkeiten waren schon herangezogen , nun bot der Verleger auch Wilhelm an , einen bestimmten Teil des Werks zu übernehmen , und zwar gerade einen Abschnitt in der Geschichte , in dem er , nach den eingereichten kürzeren Arbeiten zu urteilen , sich besonders heimisch fühlte . Ja , er würde , wie der Verleger meinte , manches von dem Fertigen wieder benutzen können , wenn er sich entschließen möchte , " die Form zu zerbrechen " und sich mit den umgearbeiteten Sachen dem Rahmen des großen Werkes einzufügen . In mächtig angeregter Stimmung , voll Mut und voller Pläne , kehrte Wilhelm von dieser Besprechung zurück , und nachdem die Mutter vorsichtig eingeweiht war , immer mit dem bittenden Zusatz : " Aber nicht zu fest drauf hoffen , Mutterchen , nicht zu viel erwarten ! " litt es ihn nicht mehr in der Gärtnerei , er mußte zur Familie Dahland . Eigentlich war das nicht richtig , sagte er sich zwar ; er sollte etwas , das noch in der Zukunft ruhte , eigentlich für sich behalten können , statt es auszuplaudern wie ein Kind . Aber er konnte nicht anders : Ursel mußte es wissen ! Und als sollte es so sein , kam sie ihm auf halbem Wege entgegen ; er brauchte also gar nicht in das Haus am Fürstenplatz zu gehen , sondern konnte , mit der Freundin in einer Allee des Schloßgartens hin und her gehend , von seinen Hoffnungen berichten . Ursel nahm es auf , wie er gehofft hatte , und zwar nicht nur mit der sanften herzlichen Sympathie , der man so gern alles anvertraute , sondern mit einer Begeisterung , die der Jugendfreund ihr kaum zutraute . " Nun sollen Sie sehen , Wilhelm , nun ist Ihr Glück gemacht ! " rief sie strahlend , " nun werden auch die armen Steinberger Sie die längste Zeit besessen haben und man wird Sie glänzend befördern ! " Plötzlich aber ging sie in einen anderen Ton über und meinte mit leiser Niedergeschlagenheit : " Ihr alle werdet berühmte Leute und laßt mich weit hinter euch zurück . " Da war es für Wilhelm schwer , an sich zu halten und nicht zu sagen , wie viel weniger er an das " Berühmtwerden " dächte , als vielmehr an das , wozu diese guten Aussichten helfen sollten . Er arbeitete nun die nächsten Wochen und Monate so ernst und vertieft , daß er sich selten Zeit nahm , Sonntags nach Wendenburg herüberzukommen . Zum 1. Dezember sollte die erste Lieferung des Werkes erscheinen , und wenngleich darin Doktor Wilhelm Trautmann noch nicht zu Wort kam , so mußte doch seine Arbeit schon um die Zeit dem Verleger vorliegen . Und es kam , wie Ursel prophezeite : Man wurde auf ihn aufmerksam , und als zu Ostern eine Stelle am Wendenburger Gymnasium frei wurde , bekam sie ihr Jugendfreund ! Der aber hielt sich weder bei " Ruhm " noch " Beförderung " auf , womit es Ursel damals so wichtig genommen , sondern legte es in ihre Hand , ob das , was er erreicht hatte , die Stufe sein durfte zu seinem eigentlichen Lebensglück . Nun war es für Papa Dahland an der Zeit , noch einmal gründlich zu erschrecken ; seine Ursel , sein unentbehrliches Hausgeistchen , das er nie hergeben wollte , wurde ihm doch abverlangt ! Aber da es Wilhelm Trautmann war , der diese Kühnheit besaß , der gute treue Wilhelm , der auch jetzt so schöne Beweise von Tüchtigkeit gab und in weiteren Kreisen zu Ansehen gelangte , daß er ferner die liebe Ursel nicht in die Fremde entführen , sondern mit ihr in der Heimat bleiben wollte , das söhnte den Vater doch schnell mit der Sache aus , und es gab eine sehr fröhliche Verlobungsfeier . Im Sommer konnte dann schon die Hochzeit stattfinden . In einem Häuschen am Heckendorfe Weg mietete sich das junge Paar ein , und so war für die Lieben am Fürstenplatz wie für die Bewohner der Schloßgärtnerei die traulichste Nachbarschaft gesichert . Nun sollte Frau Trautmann wieder durchaus ihre Tätigkeit aufgeben , und sie fügte sich insoweit , daß sie die Stellung der bezahlten Haushälterin nicht länger bekleiden wollte , weil Mariechen nun wirklich die ganze Leitung allein übernehmen , Herr Bauer also das bare Geld sparen oder für seine Söhne , die von Hause fern waren , verwenden konnte . Herr Bauer bat aber treuherzig : " Bleiben Sie doch bei uns , Frau Trautmann ! Was wollen Sie sich erst ' ne andere Wohnung suchen ? Ich habe Platz genug , und Sie sollen es bequem haben . Behalten Sie doch immer Ihre beiden Stuben und richten Sie auch eine für die Kammersängerin ein ! Oder - " unterbrach er mißtrauisch , " sollte die nun immer bei Doktor Trautmann wohnen wollen ? " Das konnte Frau Trautmann freilich nicht genau sagen , aber Herr Bauer tröstete sich schon selbst mit der Meinung : " Hochmütig ist sie noch nie gewesen und wird es wohl auch nicht ! " Und Frau Trautmann meinte gleichfalls , daß die kleine grüne Kolonie , in die sie einst traurig eingezogen war , in der sie in Abhängigkeit und mühevoller Arbeit mutig ihr Leben von vorn angefangen , von der aus dann das Schicksal ihrer Kinder sich so glücklich entwickelt hatte , daß dieser grüne Winkel auch Franzis Heimat bleiben solle ! 35. Kapitel . In Ursels Heim Es ist wieder einmal die Zeit der blühenden Kastanien und - der Spargel ! Da ist auch Franzi wieder in Wendenburg eingerückt , früher als man zu hoffen wagte , und hat ihr altes Giebelstübchen bezogen , das noch immer Platz genug haben muß für die vielen hübschen Sachen , welche die junge Künstlerin umgeben . Diese werden aber immer rasch weniger , wenn Franzi erst einige Tage da ist , denn sie kennt nichts Schöneres als Schenken . Man muß sich hüten , etwas in ihrem Besitz hübsch zu finden , gleich ist sie geneigt , es wegzugeben ! Ganz besonders sehnte sie sich diesmal nach den Ihrigen , denn sie hat die Hochzeit des Bruders nicht mitmachen können , weil eine sehr ausgedehnte Konzerttournee sie monatelang entführte . Ja , Franzi ist eine große Künstlerin geworden ! Die Ihrigen Müssens wohl glauben , denn es steht in allen Blättern zu lesen . Sie scheint jetzt recht auf der Höhe , und ihre frische Schönheit und Gesundheit lassen niemand an ihre eigenen ernsten Worte , damals auf dem See , über die Vergänglichkeit solchen Künstlertums denken . " Der friedliche Strand von Heckendorf ist noch weit ! " sagt Ursel und blickt die Freundin voll Bewunderung an . " Für mich - ja ! Aber hier bei euch ist Friede , ist Glück , Ursel - du meine Schwester ! " Es ist wieder wie immer : die Schwarzbraunen haben keine Ruhe , als bis sie zusammen sind , und noch immer können sie Schritt halten . Das Temperament bleibt verschieden , aber sie gleichen sich wundervoll aus ; es ist noch immer ein " zu nettes Gespann " , wie Axel damals bei der ersten Bekanntschaft sagte . " Frische Spargel gefällig , Frau Doktor ? " ruft eines Morgens eine schalkhafte Stimme durchs offene Fenster von Ursels Wohnzimmer , und draußen steht die Kammersängerin mit einem Körbchen : " Selbst gestochen , Frau Doktor , zwei Pfund - zu je sechzig Pfennig , nicht zu vergessen ! " Ursel nickt , aber sie lächelt so eigen dabei und legt den Finger an den Mund . " Nun ? " fragt Franzi verwundert , " wer schläft denn noch bei euch ? " " Ein müder Mann , " sagt Ursel , " komme herein , Franzi . " Da steht im Wohnzimmer noch der Frühstückstisch , an den man um diese Zeit sonst bei Doktor Trautmann nicht mehr denkt ; und zwar ist er besonders festlich hergerichtet , freilich nur mit einem Kuvert , denn Ursel und Wilhelm , die Frühaufsteher , haben mit dem Kaffee nicht so lange warten können . " Ich hole dir auch noch eine Tasse , " sagt Ursel und läuft hinaus . Da öffnet sich auf der anderen Seite die Tür , und : " Axel ! Ach , Sie sind doch nicht krank ? " ruft Franzi in Bestürzung und Freude zugleich . " Jetzt nicht mehr , Franzi , jetzt ist alles wieder gut . " " Aber es scheint Sie arg gefaßt zu haben ! " " O ja , diesmal - gelbes Fieber ist kein Spaß . Aber nun überwind ich es schon . " " O Axel , unser Wiking ! Wann sind Sie gekommen ? " " Gestern abend spät . " " Und die Doktorleute haben nicht einmal illuminiert , daß wir in der Gärtnerei das große Ereignis merken konnten ? " " Niemand hat es bis jetzt gemerkt , Franzi ; es war mir gestern zu spät für die Eltern . Mein Schwager geht eben hin , um Mama vorzubereiten - denn ich bin ja nun einmal ihr Schmerzenskind , so daß ich sie nicht überrumpeln darf . " " Mein Schwager , " wiederholt Franzi ; " freilich , wir sind ja jetzt verwandt . Schwippschwägerschaft nennt man das ja wohl ? " " Da stehen sie noch , " eifert Ursel , die jetzt den Kaffee hereinbringt . " Franzi , laß ihn doch sitzen ! " " Wir machen eben den Grad unserer Verwandtschaft aus , " sagt Axel . " Das könnt ihr auch im Sitzen tun , hier - ich schenke euch Kaffee ein - trinkt und stoßt an » auf Du und Du « ! Das wäre das Gescheiteste ! " " Hat sie recht ? " fragt Axel lächelnd und hält seine Tasse hin . " Sie wird wohl , " ruft Franzi , " denn sie ist eine sehr rechthaberische Person geworden , die junge Frau . " Sie stoßen an , Versuchens mit der neuen Anrede , versprechen sich ein paarmal - aber dann geht es sehr gut . Jetzt kommt Wilhelm zurück und meldet : " Die Eltern erwarten dich , Axel ; Mama wollte sofort mit mir hereilen , aber Papa litt es nicht . Aber - Beine hat mir Mama gemacht - - auf ! " und Wilhelm sinkt erschöpft auf einen Stuhl . Axel dagegen springt auf und macht sich fertig . " Welche Seligkeit wird das wieder werden ! " sagt Franzi ihm nachschauend . " Ursel , gegen die Söhne kommen wir Mädchen doch niemals auf ! " " Nein , " sagt Ursel ernsthaft , " und die Frauen haben es nachher so schwer mit diesen verzogenen Söhnen , das kannst du glauben . " Die Geschwister lachen die kluge junge Frau aus , aber sie bleibt dabei , das könne wirklich nur sie wissen ! In den nächsten Tagen sind die Bewohner der drei Häuser an der schönsten Ecke von Wendenburg fast unzertrennlich . Ursel gibt ein Festmahl über das andere und die berühmten Spargel spielen dabei eine große Rolle . Sie hat sich es auch flehentlich erbeten , Axel noch einige Zeit behalten zu dürfen . " Denkt doch , es ist mein erster Gast , " sagt sie . " Ihr sollt ihn auch so viel haben , wie ihr wollt , nur laßt mir seine Pflege noch ein Weilchen ! " Die Freunde sehen einander an und lachen . " Das sind die verzogenen Brüder der guten Schwestern ! " heißt es , aber Ursel bekommt ihren Willen . Sind das interessante Unterhaltungen , die jetzt den Kreis beleben ! Die beiden Weitgereisten können es wirklich an Weltkenntnis miteinander aufnehmen . Wenn Axel so gelegentlich von dem Krönungsfest des Vizekönigs von Indien und all der märchenhaften Glanz- und Prachtentfaltung dabei erzählt , wenn Franzi vom Hof der Königin von Rumänien spricht , wo sie einmal gesungen hat , oder von der Petersburger vornehmen Welt , in der deutsche Künstler so gut aufgenommen werden , wenn Axel wieder die Zustände in China schildert , oder die stille Erhabenheit des Landes der Mitternachtssonne - dann sagt wohl Ursel heimlich lachend zu ihrem Mann : " Die prahlen gut gegeneinander auf , nicht wahr , du ? " Und Wilhelm entgegnet ebenso heiter : " Aber wir beneiden sie nicht , oder meinst du etwa doch ? " " Nein , " beteuert Ursel . " Wer weiß , wie bald ein Tag kommt , wo sie uns beneiden ! " Und es zeigt sich , daß die sanfte Ursel wirklich eine rechthaberische Person geworden ist , wie Franzi sagt , oder vielmehr eine Rechtabende . Eines Tages sprechen die beiden Jugendgefährten sehr ernst über ihr Leben und ihre Zukunft . " Ich bin noch immer mit Lust und Liebe bei der Kunst , " sagt Franzi , " nur - " " Nur ? " forscht Axel begierig , irgend welchen Schatten zu erfahren . " Das Unstete , " bekennt sie , " das wird mir manchmal zu viel und das Äußerliche ! Ich wünsche oft , mein Auftreten könne ohne Gepränge geschehen , ich könne mehr » dem Vogel gleich , der in den Zweigen wohnet « meine Lieder singen . " Das ist ein Wort nach Axels Sinn ; aber er forscht weiter : " Doch angreifend sind diese ewigen Reisen und Aufregungen nicht für dich ? " " Nein - ich fühle mich sehr gesund . " " Der Himmel erhalte dir das , Franzi , du stehst recht auf der Höhe ! Während ich - " er wird etwas schwermütig - " schon an den Abstieg denken muß . " " O Axel ! " " Ja - es ist so . Mein Gesundheitszustand wird sehr bald ein Hindernis sein , ich werde mich entschließen müssen , den Dienst zu quittieren . Mit dem Admiral wird es nichts mehr ! - Und wenn es so weit ist - dann baue ich mich in Heckendorf an . " " Am friedlichen Strand ! Das war ja immer mein und Ursels Traum ! " ruft Franzi . " Wir sagten uns , dort können nur glückliche Menschen wohnen . " " Auch Gescheiterte mögen dort Frieden finden , " sagt Axel ernst . " Aber was willst du dort tun ? " ruft Franzi , der sein Ton ans Herz greift . " So ohne jede Beschäftigung hältst du das ja nicht aus ! " " Nein , vielleicht gehe ich bei Meister Helm in die Lehre ; ich habe mich immer für die Bootbauerei interessiert , mich auch in Kiel und Wilhelmshaven viel auf den Schiffswerften herumgetrieben . Dann kann ich dir ja einmal eine Segeljacht bauen , Franzi , auf der du deine Konzertreisen vollführst . " Franzi schweigt , und Axel fährt fort : " Oder ich kaufe mir ein Stück Land und lege Obstplantagen an , Gemüsezucht im großen - " " Du , die Spargelbeete will ich dir anlegen helfen , " ruft Franzi nun lebhaft , " und wilde Rosen vom Rohrwerder kann ich dir okulieren , überhaupt - von Gärtnerei verstehe ich doch eigentlich mehr als du ! - Wenn ich dann schließlich - wenn die Stimme dahin ist - auch mein Altenteil in Heckendorf baue , können wir ja dann gute Nachbarschaft halten . " Es wird aber doch noch anders beschlossen ! Gebaut soll sogar jetzt schon werden , aber nur ein Haus , am friedlichen Strand von Heckendorf , " und , " sagt Axel , " daß es auch ein glücklicher Strand wird - dafür will meine gute Franzi sorgen ! " Und ihre strahlenden Augen bestätigen dies vollauf . 36. Kapitel . Noch einmal am Strand Nun , da Axel weiß , daß auch ihn " ein ruhiger Hafen nach stürmischer Fahrt " erwartet , kehrt ihm rasch die alte Lebensfreudigkeit zurück . Obwohl ihm schon der nächste Tag seine Braut wieder entführt , die ihre Mitwirkung an einem Berliner Wohltätigkeitsfest zugesagt hat , vergißt er alles Trübe , was hinter ihm liegt und streift mit " Schwester Ursche " wie ein übermütiger Kadett durch die Gärten um Heckendorf . Und seine freudige Stimmung teilt sich allen Verwandten mit ; nur eine zeigt sich von dieser Verlobung enttäuscht , und diese ist Elfchen . " Du willst auch heiraten ? " sagt sie bedenklich zu Franzi , wie diese nach drei Tagen wieder heimkehrt , " das finde ich nun gar nicht nett . Dein freies Künstlerleben , das schien mir am allerschönsten . " " Ja , Fräulein Schwägerin , " meint Franzi lachend , " es war auch schön ! Aber wenn ich nun dächte , daß Ursels Leben doch noch beglückender ist ? " Elfi schüttelt den Kopf . " Ganz gewiß nicht ! " beteuert sie . " Wilhelm ist zwar riesig nett und klug , aber Ursel muß doch entsetzlich viel kochen und nähen und flicken ; willst du das denn auch tun ? " " Natürlich , ich will mich tüchtig plagen , " erklärt Franzi lachend , und Elfi bleibt beinahe der Mund offen vor Erstaunen . Wie ein übermütiger Kadett streifte Axel mit Schwester Ursel durch den Park . " Vor allem aber will ich Axel pflegen , " fährt Franzi fort . " Findest du das nicht nötig ? " " Ach , das könnte ja Mama tun ; die mag doch nichts lieber ! " " Da hast du wohl recht ; aber mir will scheinen , als habe Mama genug mit Papa und euch Jüngsten zu tun . " " Mich wird sie nicht mehr lange haben , " meint Elfchen wichtig . " Du weißt doch , daß ich nach Berlin komme , um die Gymnasialkurse zu besuchen - ich hoffe es wenigstens ! Ach , Franzi , ich hatte mich so darauf gefreut , bei dir zu wohnen ! " " Du kannst zu Fräulein Elsner gehen , Herzchen , und mein Zimmer nehmen . Sie wird sich sehr freuen . " Das leuchtet Elfchen ein , und auch die Eltern finden diesen Gedanken sehr gut ; denn das junge krausköpfige Elfenkind in eine fremde Damenpension zu geben , wie es damals mit Franzi geschehen mußte , dazu hätten sie sich schwer entschlossen . Allmählich söhnt sich denn auch Elfchen mit der Verlobung aus , wenn sie auch gegen Ursel noch hin und wieder ihre Bedenken äußert . Franzi , die vor Fürsten und berühmten Leuten gesungen hat und selbst eine junge Berühmtheit geworden ist , die will sich hier in ein stilles Landhaus in Heckendorf vergraben ? Wird sie sich nicht langweilen ? Wird sie sich nicht nach ihrer Kunst sehnen ? Ähnliche Fragen hat Ursel in vertraulicher Stunde auch von ihrem Bruder Axel gehört ; doch sie weiß aus Franzis frischem Munde und warmem Herzen , wie man darauf antworten soll ! Nein , sie wird sich nicht langweilen , und sie braucht ja auch nicht von der Kunst zu scheiden ; der bleibt sie treu bis ans Lebensende . Aber muß man darum die Kunst hauptsächlich vor fremden Menschen üben und treiben ? Ist der Ruhm der Konzertsäle ihr letztes und höchstes Ziel ? Franzi gesteht ehrlich : Es hat sie beglückt und erhoben , wenn man ihr zujubelte und wenn sie selber fühlte , daß sie künstlerisch etwas leiste und mit großen und tüchtigen Leuten in die Schranken treten könne . Aber es ist nicht das Letzte und Äußerste . Immer wieder hat sie Gott gebeten , sie vor Eitelkeit und Ruhmsucht zu bewahren . Allen Schmeicheleien will sie künftig nur so viel Wert beilegen , als der flüchtige Augenblick erlaubt , und nur das Urteil ihrer Lehrer , die Anerkennung ihrer Kunstgenossen sollen ihr wirklich hochstehen . Und für wenige singen - für wenige , die sie kennen und lieben , wird es nicht das allerschönste sein ? So manches in dieser Art sucht Ursel der kleinen Schwester zu erklären ; ja , sie deutet sogar im " tiefsten Vertrauen " ( worauf Elfi immer besonders stolz ist ) an , daß Bruder Axel am liebsten schon vor Jahren , damals nach dem Musikfest , sich mit Franzi verlobt hätte , aber nicht wagte , sie aus ihrer eben begonnenen Künstlerlaufbahn zu reißen und an sein unruhiges Leben zu binden . " Das war edel ! " ruft Elfchen feurig , und nun bekommt das Brautpaar einen neuen Charakter für sie , so ein wenig von Romantik . Es ist richtig , wie Schwester Ursel behauptete , ohne Illusionen gehe es bei Elfchen nicht ab . So sieht sie denn das Paar mit gnädigeren Augen an , und dieses behauptet scherzend , nur das habe noch zu seinem Glück gefehlt . Jetzt gibt es natürlich ein eifriges Plänemachen hin und her . Mama möchte am liebsten , daß sich am Heckendorfe Strand ein von unsichtbaren Mächten gebautes Haus erhöbe , in dem sie ihren Axel lieber heute als morgen bergen könnte . Sie meint , ihn nun wirklich keinen Tag mehr missen zu können . Sie ist ja eine " alte Frau " , wer weiß - - Bei solchen Seufzern wird sie freilich weidlich ausgelacht , die liebe " alte Frau " , auch setzt ihr Axel dann liebevoll auseinander , daß alles nicht so schnell gehen könne . Er muß jetzt nach Kiel zurück , und wenn er auch sein Abschiedsgesuch gleich einreicht , so wird doch noch einige Zeit vergehen , bis alles geklärt und erledigt ist . Leicht wird ihm der Abschied von seinem Beruf nicht , und doch freut er sich seines Hafens ! Ein Grundstück in Heckendorf ist glücklicherweise gerade käuflich , der Vertrag wird in diesen Tagen abgeschlossen , dann werden Pläne gezeichnet , verworfen und wieder neu gemacht , endlich das Ganze einem Baumeister übergeben , damit baldigst angefangen werde und die schönen Sommermonate noch dem Bau zu gute kommen . Dann reist Axel nach Kiel zurück , und auch Franzi denkt daran , daß sie noch einige Verpflichtungen in Berlin hat . Mehrere Konzerte sind noch angesetzt , soll sie diese absagen ? Sie könnte es wohl ; aber Axel hat es ihr völlig freigestellt , zu handeln , wie sie für gut findet . Er hofft sogar , wenn er bis dahin in Kiel alles abgewickelt hat , nach Berlin kommen zu können und sie einmal noch im Konzertsaal zu hören . Aber noch ist es nicht so weit . Im Sommer schweigt ja mehr oder weniger die Konzertmusik . Franzi sieht also ein paar ruhige Wochen in Wendenburg vor sich , die sie zu allen möglichen praktischen Vorbereitungen benutzen will . Die Freundinnen - nein , die Schwestern kann man ja jetzt von den beiden Schwarzbraunen sagen - sitzen nun wieder viel zusammen , nähend und stickend , und Mama Dahland klagt , daß ihr die beiden in diesen Aussteuerangelegenheiten zu selbständig und geschickt sind , daß sie beinahe nichts zu " bemuttern " findet . " Aber von wem haben wir_es gelernt ? " wird sie dann schelmisch gefragt , und man erinnert an die erste Ausstattung für Franzi , an der sie sich damals so liebevoll beteiligte . Mutter Trautmanns Augen vertragen jetzt nicht mehr viel ; sie muß sich drein ergeben , nur noch für die Kinder zu stricken . Herr Bauer aber reibt sich manches Mal die Hände und schmunzelt : " Ist doch gut , Frau Trautmann , daß die Kammersängerin hier im Hause erst was Reelles gelernt und getan hat , ehe die Kunst an die Reihe kam . Später lernt sich das andere verflixt schwer . Und es muß doch sein für jede Frau , ob sie nun heiratet oder nicht ! " Frau Trautmann gibt ihm lächelnd recht und schaut sinnend ins Grün . Ihr ist so wohl und friedlich zu Mut , so recht nach sonnigem Lebensabend . Mama Dahland ist nicht völlig so ruhig . Papa hat es ihr schon öfter mit liebevollem Ernst vorgehalten , daß sie sich das " Sorgen angewöhnt " habe . " So warst du früher nicht , " meint er , " bei Krankheiten , bei Trennungen warst du immer mutig . Auch als unsere Älteste in das fremde Land ging , hat man dir es nicht angemerkt , ob es dir schwer wurde . " " Wirklich nicht ? " fragt Mama leise und ein wenig bedrückt . " Nun warte nur , ich werde wieder vollkommen ruhig , wenn das Haus in Heckendorf fertig und bewohnt ist . " " Also dann erst ? Ist dir auch Kiel gewissermaßen noch ein Ort mit schwankendem Boden ? " neckt Papa . Mama schweigt . Sie weiß , daß Axel noch eine Fahrt mitmachen will , die letzte als aktiver Offizier , nur bis England ; eine kleine einfache Spritztour , wie alle sagen , dazu in so günstiger Jahreszeit , noch vor den Herbststürmen . Was ist da zu fürchten ? Sie soll es eigentlich nicht wissen , auf welche Tage diese Reise fällt , - aber es ist wunderbar : ihr ist nichts zu verbergen in dieser Beziehung ! Sie weiß doch immer alles , was Axel betrifft . An einem Nachmittag in der Woche , wo das Schiff abgegangen sein muß , sitzt sie bei Ursel im Vorgärtchen . Es ist warm und still , aber eine merkwürdig trübe Luft . Frau Trautmann , die auch mit ihrem Strickzeug gekommen ist , klagt , daß sie heute gar zu schlecht sehen kann . Franzi ist nicht da , sondern mit Papa Dahland unterwegs , um den Bau in Heckendorf zu besichtigen . Auch sie , die beiden rüstigen Fußgänger , finden es ungewöhnlich drückend und still , und wie sie zwischen den Gärten heraus an den See kommen , wundern sie sich , daß vom " lieblichen Strand " drüben keine Spur zu sehen ist . " Wie sonderbar , daß die Nebel schon steigen , " bemerkt Franzi . " Es ist doch noch früh am Tage . " Papa schaut sich forschend um . " Das sind auch keine Abendnebel , " erwiderte er . " Ich habe schon ein paarmal solche Erscheinung beobachtet . Einmal drüben , am großen Wendenholz , da verdunkelte sich am hellen Tag die Luft , und wie Rauchstreifen zog es über den See . Noch ärger sah ich es in der alten Schwedenstadt - die ja dem Meer so viel näher - " Er hält inne , denn Franzis Hand zuckt auf seinem Arm . " Du meinst - daß es - Seenebel ist , der sich bis hierher erstreckt ? " " Ruhig , ruhig , Töchterchen , ich meine nichts ! Wir sind noch ziemlich weit von der See und gar vom Kanal , wo Axel schon schwimmen muß . Dort kann der schönste blaue Himmel sein . " " Es kann sein , " sagt Franzi und nimmt sich mächtig zusammen ; aber wie sie dann bald darauf die Baustelle in Heckendorf erreichen , will ihr das froh verständige Reden mit den Leuten nicht wie sonst gelingen . Sie sprechen schon vom Richtfest , aber Franzi hört kaum hin , sondern ertappt sich plötzlich bei dem Stoßgebet : " Lieber Gott , laß uns noch glücklich einziehen ! " Wie sie zu Hause wieder anlangen , finden sie Mama sehr elend . Ursel sucht sie zu bewegen , daß sie sich niederlege , aber vergebens . Sie war vom Garten aus den schmalen Wiesenweg bis an den See gegangen und hatte den Nebel über dem Wasser gesehen ; nun kann sie ihre Angstvorstellungen nicht mehr bezähmen . Zu oft hat sie Axel sagen hören , daß nicht Sturm der schlimmste Feind der Seeleute sei , sondern Nebel . Und Nebel im Kanal - sie weiß wohl , was das bedeutet ! Ruhelos wandert sie hin und her , schweigend und tränenlos , aber von niemand zu beeinflussen . Franzi wandert mit ihr und versucht alles , sie zu beruhigen , aber Mama antwortet nur : " Sei du in Zukunft tapferer als ich , mein Kind , du wirst es brauchen . " Da denkt auch Franzi an jene Verse , die Axel vor Jahren so kühn deklamierte , und von der ganzen schönen " Seefahrt " bleibt ihr nichts im Sinn als die Stelle : " Ach , warum ist er nicht hier geblieben ! " Sie stehen wieder gerade am Fenster und suchen die Sonne , ob sie vor Untergang nicht noch einmal zum Vorschein kommen will , da kommen gerade die Brüder Robert und Bertram aufs Haus zu , eilig und mit ernsten Gesichtern . " Die wissen etwas ! " sagt Mama bestimmt und sie hat recht . In der Expedition der Zeitung ist ein Extrablatt ausgehängt , das ein schweres Schiffsunglück anzeigt . Im dichten Nebel sind im Kanal zwei Schiffe aufeinander gestoßen , ein holländisches und ein deutsches . Der Holländer ist dem Deutschen in die Flanke gerannt - es sinkt bereits . Es ist die Korvette " Seeadler " . Die deutsche Marine wird ein stolzes Schiff verlieren , wenn auch die Mannschaft mit Todesverachtung arbeitet , es zu retten . Verluste an Menschenleben sind noch nicht zu melden . Das Letzte hört Mama noch , dann sinkt sie in eine wohltätige Ohnmacht ; Franzi aber lernt nun mit einem Male , was es heißt , eine Seemannsbraut zu sein . In heißer Angst lernt sie es . Fünf Tage später ist Axel bei den Seinen , todmüde von der ungeheuren Anstrengung , aber unverletzt . Das schöne Schiff ist verloren , und schwer lasten noch die Eindrücke des furchtbaren Kampfes auf ihm . Ihn trifft zwar kein Vorwurf , keine Verantwortung ; er hat das Schiff nicht geführt , und wenn auch - es trifft niemand eine Schuld . Es ist eine traurige Schickung . Alle möchten recht viele Einzelheiten von Axel hören , Mama allein wehrt und bittet : " Laßt ihn doch erst zur Ruhe kommen ! " Und auch Franzi meint , es habe Zeit genug , den Hergang zu erfahren : Axel müsse vor allem tüchtig ausruhen . Und sie haben beide recht , daß keinerlei Anforderungen an ihn gestellt werden dürfen ; das zeigt sich bald . Eine ernste Krankheit streckt ihren lieben blonden Wiking auf das Lager . Seine ohnehin so sehr geschwächte Gesundheit , die sich während der Sommerwochen in Ursels Heim kaum ein wenig erfrischt hatte , war den Strapazen dieser Katastrophe nicht gewachsen ; ein schweres Nervenfieber kommt jetzt zum Ausbruch . Das wird eine bange , sorgenvolle Zeit , ein schmerzlicher Gegensatz zu jenen fröhlichen Tagen , die seiner vorigen Heimkehr gefolgt waren . Wenn er dies nur überwindet , dann keine " Ausfahrt " und keine " Heimkehr " mehr ! Dann bleiben sie zusammen , alle , die so innig aneinander hängen , und das Leben wird noch einmal schön . Wird es ? Will der Himmel es zulassen ? Lange schwankt es auf und nieder , das Schifflein der Hoffnung kämpft auch einen schweren Kampf , aber endlich glättet sich die Flut : Axel ist genesen . " Ich muß wohl leben , " sagt er mit dankbarem Lächeln , " wenn so viele liebe Hände mich halten . " " Freilich mußt du ! " entgegnet Franzi und schluckt tapfer die Tränen hinunter . " Unser Haus ist bereits unter Dach ; das wartet auf seinen Herrn ! Also darf der nicht fahnenflüchtig werden ! " 37. Kapitel . Dem Hafen zu Eine lange Zeit vergeht aber doch , bis Axel wieder einigermaßen zu Kräften kommt . Sie sehen es jetzt alle : Er war noch viel mehr , als er je eingestand , erschöpft gewesen , ehe dies Letzte kam . Ein Glück , daß sein Abschiedsgesuch nun schon bestätigt und er von dem anstrengenden Beruf ganz frei ist . Sie sind alle so froh und möchten es ihm auf jede Weise zeigen , wie glücklich sie sind , ihn daheim zu haben und zu behalten . Aber Axel bleibt doch etwas melancholisch , und schließlich kommt es heraus , was ihn bedrückt : er macht sich Gewissensbisse , Franzi , die Gesunde , Blühende , mit allen Kräften im Leben Stehende , an sein - Invalidendasein , wie er es traurig nennt , zu binden . Er wollte ihr sogar ihr Wort zurückgeben ! Was Franzi da antwortete , hat niemand genau erfahren ; aber es muß wohl so freudig gewesen sein , daß auch der letzte Schatten von Axel weicht und er wieder mutig anfängt , Pläne zu machen . Alle fühlen es , daß diese letzte Aussprache in der Luft lag ; alle atmen auf , wie sie das Ergebnis sehen , wenn auch wohl niemand zweifelte , daß Franzi anders handeln könne , als wie sie tat . Wer sie am besten in diesen Tagen versteht , und mit wem das Brautpaar die innigsten Auseinandersetzungen hat , das ist Mutter Trautmann . Mit Rührung gedenkt diese ihrer eigenen schmerzvollen Erfahrungen , als sie ihr den jungen stattlichen Verlobten zum Krüppel schossen ! Und sie erzählt den Kindern von den Kämpfen , die sie damals durchgemacht , und von der Treue , die ihnen zum Sieg verhalf . Es wird nun beschlossen , daß die Hochzeit des Paares schon jetzt in aller Stille gefeiert werden soll und daß die beiden dann einen Winteraufenthalt im Süden nehmen , um Axels Gesundheit so viel wie möglich zu kräftigen . Die jungen Geschwister finden es zwar schrecklich , daß es nun eine Hochzeit ohne Sang und Klang werden soll - Robert und Bertram wollten sich noch einmal recht als lustige Vagabunden zeigen und Elfchen als Student - aber sie müssen sich alle drein ergeben und werden damit vertröstet , im Frühling zur Hauseinweihung ihre Künste zeigen zu dürfen . Wegen der nicht fertigen Aussteuer tut Ursel eine Art Gelübde , daß sie im Lauf des Winters alles bis auf den " kleinsten Wischlappen " fertig stellen wird , und den Bau , nun , den nimmt Papa Dahland unter seinen besonderen Schutz . Vierzehn Tage vor der Hochzeit trennt sich Franzi noch einmal aus dem lieben Familienkreise und kehrt in ihr kleines Künstlerheim in Berlin zurück . Die drei Konzerte , die für September in Berlin und Hamburg angesetzt sind , sollen nicht ausfallen . Sie weiß , daß der Ertrag derselben ihnen für den Aufenthalt im Süden gut zu statten kommt . In ihrer Begleitung reist Elfchen , die sie ihrer alten Freundin Elsner zuführen will und damit zugleich dem neuen " wissenschaftlichen Leben " , wie Elfi sagt . Zur Hochzeit soll sie auf ein paar Tage zurückkommen . Elfi ist denn auch die Berichterstatterin für die Familie über Franzis Konzerte , und sie spart nicht mit begeisterten Ausdrücken . " Franzi hat über alle Maßen schön gesungen , " schreibt sie . " Die Menschen waren aber auch ganz toll ! Ich glaube nicht , daß ein Herz ungerührt geblieben ist . Es steht auch in der Zeitung , daß man Fräulein Trautmann noch niemals so auf der Höhe ihrer Kunst sah , und daß es ein wahrer Jammer sei , daß diese begnadete Sängerin sich schon jetzt ins Privatleben zurückziehen wolle . Ja , ja , Axel , niemand wird sie Dir gönnen , das schreibe Dir nur recht hinters Ohr und trage Herrn Bauers Kammersängerin hübsch auf Händen , daß sie Dir nicht davonläuft . " Bei dieser Briefstelle wird Axel wieder etwas erregt , aber Ursel tröstet : " Elfi ist ein dummes Mädel , du mußt dich wirklich an Mama und mich , an uns alte Frauen halten ! Wir wissen es besser . Und wir kennen doch unsere Franzi . " Ja , sie kennen sie wohl . Die jetzt von ihren neuen großen Erfolgen heimkehrt , ist immer dieselbe für die Ihrigen , und mehr als je fühlen alle , wie fest sie seit lange auch zur Dahlandschen Familie gehört . Zwei Gäste sind aber doch zu der stillen Hochzeit gekommen : Fräulein Elsner und Komteß Léontine Wehrburg . Letztere hat sich einfach angemeldet , und man ist allgemein recht gespannt auf sie . Franzi hat sie mit Axel vom Bahnhof geholt , und die Bekanntschaft der Kindheitsgefährtin mit Franzis Verlobten geschah in großer Lebhaftigkeit . Nun aber stehen sich Ursula und Léontine zum ersten Male gegenüber , und die Neugier , das gespannte Forschen in beiden Gesichtern ist für die Zuschauer höchst ergötzlich . Tausendmal haben sie voneinander gehört , manche Photographie gesehen , manchen Brief gelesen , und doch ist die Wirklichkeit nun so völlig anders ! Ursula ist nicht das schüchterne , kindliche Geschöpfchen mehr , sondern eine stattliche junge Frau mit einer unbewußten sanften Würde , und Léontine erinnert kaum noch an den eckigen Backfisch mit dem quecksilbrigen Wesen , den unberechenbaren Stimmungen . Sie ist eine kräftige blühende Erscheinung , der man die Landdame ansieht , die Züge nicht gerade hübsch , aber interessant und lebensvoll . Nach einem kurzen Augenblick des Anschauens streckt sie beide Hände aus und sagt : " Frau Ursula , wir waren geborene Feinde , aber schließlich - die gleiche Zuneigung überwindet alles . " Damit küßt sie die junge Frau auf beide Wangen , und diese , die eigentlich eine kleine feierliche Begrüßungsrede im eigenen Hause halten wollte , weiß vor Überraschung nichts weiter zu tun als das Komteßchen wieder zu küssen ; damit ist alle Befangenheit geschwunden , und Léontine fügt sich schnell und leicht dem neuen großen Kreise ein . Daß sie von anderer Art ist als alle Dahlands und Trautmanns , läßt sich freilich nicht verkennen ; aber diese Art ist auch eine tüchtige , wie Franzi und Fräulein Elsner , die ihre Tini noch ganz anders in Erinnerung haben , mit inniger Freude bemerken . Die Luft des Wehrburger Hauses hat sie gesund gemacht , und sie hängt mit der größten Liebe an den dortigen Verwandten , die sie völlig wie eine Tochter halten . " Du siehst , Franzi , " sagt sie lachend zu dieser , " ich habe nun weder Lehrerin , noch Stütze , noch Jungfer zu werden brauchen , und doch verdiene ich mir mein Brot . Onkel sagt jedesmal , wenn er mir mein Taschengeld gibt : » Nun , für welchen neuen Posten kannst du jetzt wieder Gehaltsaufbesserung verlangen ? Denn du herrschsüchtiges Mädel mischst dich ja in alles ! « Freilich bin ich ein bißchen herrschsüchtig , aber sie meinen doch , daß sie sich alle recht wohl dabei befinden . " " Auch die Vettern ? " " Auch die ! In unserem » Männerstaat « , wie Tante Adelheid immer sagt , tut etwas weibliches Regiment sehr gut . " " Wer spricht von weiblichem Regiment ? " fragt Axel herzutretend . " Ich , Herr Kapitänleutnant ! Sie finden das wohl ein gefährliches Thema am Tage vor der Hochzeit ? " neckte sie . " Allerdings ! Aber was soll ich dagegen machen , ich armer Invalide ? " So nennt er sich selbst jetzt oft in seiner Neigung zur Selbstquälerei , aber sie finden das alle sehr übertrieben . Wie er mit Franzi an den Altar tritt , ist doch noch viel von dem blonden Wiking an ihm , wie Mama im stillen glücklich feststellt . Franzi aber in ihrer frischen kraftvollen Schönheit , mit dem warmen Leuchten in den dunklen Augen , sieht aus wie das verkörperte Leben selbst , das auch für Leid und Ungemach gewappnet ist . Nun zieht das Paar gen Süden , und viele glückliche Briefe fliegen von der Riviera nach Norden ; auch besteht zwischen den beiden Familienhäusern ein beständiger Austausch dieser Nachrichten . Im folgenden Winter lebt nach langer Zeit wieder einmal Inge als Gast im Vaterhause , und ihre Gegenwart ist für Mama die beste Ablenkung von sorgenden Gedanken um Axel . Inge ist noch immer sehr schön , stattlich und sicher , letzteres aber nur so viel , als gut und richtig ist für eine Frau , besonders für eine solche , die einem großen Hauswesen vorsteht . Von dem Übermut aber und der persönlichen Eitelkeit ihrer früheren Mädchenjahre ist nichts mehr zu spüren . " Ich habe einen gar strengen Gebieter , " sagt sie eines Tages scherzend zu Ursula . " So verwöhnt und verzogen wie du werde ich niemals . " " Werde ich verwöhnt ? " fragte Ursula erschrocken . " Aber sehr , mein Klingen ! " " Ach , wirklich , Inge ? " " Ja , ja , aber es schadet nichts . Du brauchst das , mein Herz ; dein schüchternes liebes Ich käme sonst nie ganz zum Vorschein . Mich freut nur , daß Wilhelm , der ein so großer Pädagoge ist - " " Nun , Frau Schwägerin , was hat der große Pädagoge verschuldet ? " unterbricht hier Doktor Wilhelm , der aus dem Nebenzimmer eintritt . " Er hat seine Frau in Grund und Boden verdorben , " sagt Ursel mit so kläglicher , reumütiger Miene , daß alle in herzliches Gelächter ausbrechen , bis jeder einzelne seine Meinung sagen muß , ob es sich so verhalte , und Papa mit dem Gutachten schließt , daß man mit einiger Mühe und bei recht heller Laterne wohl noch ein gutes Haar an dem schwarzbraunen Schopf der kleinen Frau finden könne ! Und so ist es immer sehr heiter und gemütlich in Ursels Heim , besonders nach Weihnachten , wo der Kreis durch ein lebendiges Weihnachtspüppchen noch vergrößert wird , ein ebenso schwarzbraunes Mägdlein wie seine Mama , das gerade am Heiligabend seinen Einzug im Doktorhäuschen hielt . Mit Rosen von der Riviera wird es am Tauftag geschmückt , und Franzi schreibt dazu : " Alle Deine Feste feierst Du , geliebte Schwesterseele , wenn ich fern bin ! Wie schwer wird es mir heute , nicht dabei zu sein und das kleine Bündelchen über das Taufbecken zu halten ! Wäre ich noch der leichtbeschwingte Sing- und Wandervogel , ich breitete heute , glaube ich , meine Flügel aus und ließe den blühenden Süden zurück für ein winterliches Land und ein gemütliches Stübchen . Aber eine gute Frau bleibt , wo sie hingehört , das weißt Du am besten . Und meinem lieben Axel würde ein solches Davonfliegen um diese Jahreszeit schlecht bekommen . Das ist es ja gerade , was seine Gesundheit früher so angriff , der allzu häufige und rasche Klimawechsel . Jetzt tut diese stetige milde Temperatur Wunder . Mama wird entzückt sein , wenn sie ihn sieht - er wird der alte stramme Wiking wieder ! Aber warten muß Mama noch ein wenig ; vor Mai dürfen wir nicht kommen . Axel meint auch , jetzt sei er wohl endlich ersetzt und entthront ; wenn ein Enkelchen da sei , träten immer die Söhne zurück . Ist es so , Mama ? " Immer muß sie sich viel Neckerei gefallen lassen , die liebste Mama , wenn es ihren Ältesten betrifft ; aber sie erträgt es sehr liebenswürdig . Ob sie aber die ist , die das Enkelchen am meisten verhätschelt , bleibt eine große Frage ; denn Papa Dahland hat noch nie so oft den Weg vom Fürstenplatz nach dem Heckendorfe Weg gemacht wie jetzt , und manches Mal treffen sich beide Großeltern unverhofft in Ursels Wohnstube . Darüber vergeht der Winter , und allmählich sproßt wieder das erste Grün im Schloßgarten und auf allen lieben Wegen . In Heckendorf steht das neue Haus fix und fertig , mit Sorgfalt und Bedacht gebaut , und nach Möglichkeit ausgetrocknet , so daß es jeden Tag bezogen werden kann . Da schreiben endlich die Reisenden , daß sie auf dem Rückwege sind und sich langsam der Heimat nähern . Nun erwacht in Ursel , der allzeit Bescheidenen , häuslich Zufriedenen , plötzlich ein nie empfundenes Reisegelüst , und sie legt Wilhelm einen Plan vor , der diesen hoch aufhorchen läßt . Die beiden haben keine Hochzeitsreise gemacht ; es paßte damals nicht gut mit der Zeit und lag auch ihrem bescheidenen Sinn fern . Wilhelm war zu glücklich , eine feste , einträgliche Anstellung zu haben , die ihm erlaubte , eine Häuslichkeit zu gründen , und Ursula wieder erschien dieses Heim so reizend und beglückend , daß sie meinte , nicht noch mehr verlangen zu dürfen . Die schöne fremde Welt sparten sie sich gern noch auf . Aber jetzt - wie wäre_es , wenn sie den Geschwistern entgegenreisten ? Gerade um Pfingsten , wo Wilhelm doch Ferien hat ? Wenn man sich in Heidelberg träfe ? Heidelberg , das von jeher Wilhelms Sehnsucht war , das er nicht kennen lernte , weil er nur in norddeutschen Universitäten studieren durfte ? Ja , das ist ein köstlicher Plan ! Und Wilhelm ist umso leichter dafür gewonnen , als er in diesem Winter eine gute Extraeinnahme hatte durch populärwissenschaftliche Vorträge , die sich eines regen Zuspruchs erfreuten . Die hübsche Summe sollte zwar eigentlich der kleinen " Alexandra " gehören , wie sie anfangs beschlossen , aber - " braucht so ein zartes Wiegenkind jetzt schon ein Kapital ? " fragen sie sich zweifelnd , und : " Nä , näh ! " schallt es hinter der grünseidenen Gardine hervor . Beide Eltern lachen fröhlich , aber dann kommt die bedenklichere Frage : Was wird aus Baby Alexandra , wenn sie auf Reisen gehen wollen ? Nun , die Großeltern sind ja da , die lieben guten , die nur zu gern das Wägenchen mit den grünseidenen Gardinen bei sich aufnehmen werden . Aber da zeigt es sich einmal , daß man sich selbst in Großeltern verrechnen und täuschen kann ! Wie Ursel und Wilhelm fröhlich und vertraulich mit ihrem Plan herausrücken , den Geschwistern zu Pfingsten bis Heidelberg entgegenzureisen , und zugleich die Bitte daran knüpfen , daß Großmama sich klein Alexandras annehme , will diese auf einmal weder von Großmutterwürde noch von häuslichem Einhüten etwas wissen . Sie will vielmehr auch mit nach Heidelberg , gewiß ! Sie und Papa ! Sind es nicht mehr als zwanzig Jahre her , daß sie zusammen eine größere Reise machten ? Immer unterblieb es , der Kinder , des großen Haushalts und der Kosten wegen . Jetzt aber geht es ! Mama fühlt das genau , und Papa , der ihr strahlendes verjüngtes Antlitz mit größter Freude sieht , sagt ohne weiteres : " Natürlich reisen wir ! " Um das Enkelchen braucht man trotzdem nicht bange zu sein ; es ist ja noch eine Großmutter da , die es mit tausend Freuden in ihre Obhut nimmt , die auch die " Vagabunden " , die nun schon recht gesetzten Obersekundaner gern ein wenig bemuttert , wenn es nottut . Nun geht es an Reisevorbereitungen jeglicher Art. Koffer und Taschen werden nachgesehen , Papas Fernglas gereinigt , Schuhzeug und Garderobe geprüft und ergänzt , Touristenschirme gekauft , und endlich verschaut sich Ursel - zum ersten Male ! - in einen neuen Hut ! Einen Reisehut mit blauem Schleier , den Papa ihr auch sofort großmütig kauft und der ihr allerliebst steht . Zum ersten Male auch lernt Ursel im Kursbuch , das sonst sieben Siegel für sie besaß , Bescheid und stellt die ganze Reiseroute zusammen . Über Kassel und Frankfurt am Main wird es gehen , und Ursel , die Gründliche , prüft sich ernstlich , ob sie von diesen Städten , denen Papa auch einen Aufenthalt zugedacht hat , genügend weiß , um dort mit Genuß und Verständnis Umschau halten zu können . Axel und Franzi haben geschrieben , daß sie am Donnerstag nach Pfingsten in Heidelberg eintreffen wollen und vier bis fünf Tage da zu bleiben gedenken . Also fahren die Wendenburger am Tage nach Pfingsten früh ab , um ja zur rechten Zeit in der lieblichen Neckarstadt zu sein und die Heimkehrenden mit ihrem Empfang zu überraschen . Denn diese ahnen nichts von dem Unternehmen ihrer Lieben . Ein etwas bewölkter , aber frischer Frühlingsmorgen ist es , an dem das alte und das junge Paar sich aufmachen . Für die Reise das angenehmste Wetter , und was die Stimmung anbetrifft , so gibt es da kein einziges Wölkchen . Jeder der vier Reisenden hat seinen besonders freudigen Gesichtspunkt , von dem aus er die Fahrt betrachtet . Papa wird sein altes , vielgeliebtes Heidelberg wiedersehen , in dem er studierte und die schönste Zeit seiner Jugend verlebte . Mama wird ihre Kinder eine Woche früher in die Arme schließen und dann beruhigten Herzens auch die schöne Gegend genießen können , von der Papa zeitlebens schwärmte . Ursel , die ja durch ihre Besuche bei Ingeborg schon einiges von der Welt kennt , reist doch zum ersten Male mit ihrem Mann zusammen , und Wilhelm - ja , der reist überhaupt zum ersten Male ! Seine Jugend ist voller Entbehrungen gewesen , seine Studien hat er mit Mühe und äußerster Einschränkung möglich gemacht - zu Reisen war nie etwas vorhanden . Und dabei - es scheint Ursel wieder aufs höchste bewundernswert - weiß Wilhelm am allerbesten Bescheid ! Jede Gegend , die sie durchfliegen , weiß er genau zu bezeichnen , von jedem Fluß und Wasserlauf weiß er , woher und wohin . In den Städten , wo sie kürzeren oder längeren Aufenthalt nehmen , findet sich Wilhelm am schnellsten zurecht , in den Schlössern und Kunstsammlungen zeigen sich wieder seine gründlichen historischen Kenntnisse und sein feiner Kunstgeschmack , womit er Ursel immer aufs neue imponiert . Hochinteressant sind diese Reisetage , aber in Frankfurt am Main schläft Mama Dahland doch mit dem freudigen Gedanken ein , daß nun nichts Neues , nichts Interessantes , nichts Wichtiges in fremden Städten mehr vor ihr liegt , daß nur eine einzige Nacht sie noch trennt von dem Wiedersehen mit den teuren Heimkehrenden . Am nächsten Tage , am Ziel angekommen , begeben sie sich sogleich zum " Alten Ritter " , dem ältesten Hause Heidelbergs , wo sie wissen , daß Axel und Franzi Quartier nehmen wollen , und die erste Frage an den herbeieilenden Oberkellner lautet : " Ist Korvettenkapitän Dahland vielleicht schon angekommen ? " " Jawohl , mein Herr ! Die Herrschaften sind Vormittag eingetroffen , haben gespeist und sind jetzt zum Schloß hinauf . " " So gehen wir auch gleich hinauf , " drängt Mama , der es gar nicht recht ist , daß die Kinder doch vor ihr angekommen sind . Papa sagt aber bestimmt : " Erst wird gegessen und ein wenig geruht ! Die beiden treffen wir noch immer ; von da oben steigt man fürs erste nicht wieder zu Tal ! " So geschieht es , und endlich gegen halb fünf Uhr sind sie auf dem Wege zum Schloß . Zum ersten Male im Leben benutzt Ursel eine Drahtseilbahn , und ihr ist nicht ganz wohl , wie sie dieselbe wieder verläßt ; aber dann wird das Schwindelgefühl doch bald vergessen , wie sich die Ruine des Schlosses zeigt , rötlich leuchtend auf dem grünen Waldhintergrund . Und nun nimmt der Schloßhof sie auf und in tiefem Schweigen lassen alle den unvergleichlichen Eindruck auf sich wirken . Das ist schöner , als jeder von ihnen auch im Traum sich hat vorstellen können . Selbst Papa , der doch ein ersehntes Wiedersehen feiert , kann sich nicht besinnen , daß ihm in den glückseligen Studententagen das Bild je so schön erschien wie heute . Im Anblick der Heidelberger Schloßruine . Dort der " Friedrichsbau " , dem man freilich die Erneuerung ansieht , der " gläserne Saalbau " mit der Loggia , hier der entzückende Erker am " Bibliothekbau " , von dichtem Grün umwuchert - überall der blühende Holunder , der fast betäubend duftet , und Vogelstimmen ringsum , so laut jubilierend , als sei das gefiederte Volk das einzig herrschende Geschlecht in dieser Burg . Sonst ist alles so still , kein Schwarm von Reisenden stört die köstliche Einsamkeit . Wunderbar , fast rosenfarben leuchtet gerade der " Otto-Heinrichsbau " gegen den blauen Himmel , der wie lichtes Glas auch in den edelgeformten leeren Fensterrahmen liegt , da - läßt ein Ton sie aufhorchen . " Draußen ist es still und friedlich , Alle sind ins Tal gezogen , Waldesvögel einsam singen In den leeren Fensterbogen ... " singt eine schöne , ach , so bekannte Stimme , und in einem der " leeren Fensterbogen " flattert plötzlich ein blauer Schleier ; es ist etwas anderes als ein " Waldesvogel " , was da singt . Ausgestreckte Arme fliegen in die Höhe , ein Rufen und Jauchzen - dann ein Poltern drinnen in den Ruinen . Schneller , als dem Führer lieb ist , steigen die zuerst gekommenen Fremden in den Schloßhof , und hier , an einem der herrlichsten Orte Deutschlands , wird nun ein köstliches Wiedersehen gefeiert . Dann sitzen sie zusammen auf dem breiten Schloßaltan und schauen in das liebliche Tal ; sie wissen nicht , wo anfangen mit Fragen und Erzählen , fallen immer wieder in ein glückliches Schweigen und Anschauen ; sie wandern endlich durch den wundervollen Park der " Terrasse " , besuchen Scheffel und Goethe , denen man hier Denkmal und Verstafel gewidmet , und kommen erst in eine alltäglich menschliche Stimmung zurück , wie sie in der " Schloßwirtschaft " einkehren und sich eingestehen , daß sie " doch ein klein wenig Hunger und Durst haben " . Dabei lösen sich denn die Zungen auch anders , und ein lebhaftes Erzählen hebt an . Axel sieht außerordentlich gekräftigt aus , Mama bestätigt es mit Wonne , und Franzi meint mit strahlendem Necken : " Er kann am Ende noch wieder Dienst tun ! " " Nein , nein , " wehrt die Mama , " jetzt ist er unser , kein Schiff bekommt ihn wieder ! " Und sie fängt schnell an , von dem fertigen Hause in Heckendorf zu berichten , das so einladend dasteht , daß gewiß niemand sich aus ihm wieder fortsehnen wird . Kein stolzer Bau , aber anmutend und zweckentsprechend , ein rechtes " Heim " . Sie erzählt auch von dem hübschen großen Zimmer , wo Franzis Flügel stehen soll , wo sie singen wird . " Und unterrichten ! " fällt Franzi lebhaft ein . " Das habe ich mir fest vorgenommen , mir in Wendenburg wieder einen kleinen Wirkungskreis zu gründen , so viel meine Hausfrauenpflichten es zulassen . " Das finden alle nur zu loben , und auch Axel ist damit einverstanden , denn er weiß selbst zu gut , wie schwer es ist , von einem geliebten Beruf zu scheiden . Ihm erzählt dann Mama von dem Zimmer mit dem breiten dreiteiligen Fenster nach dem See zu , wo sie sich Axels Schreibtisch hindenkt , und den lieben vor Anker gegangenen Sohn davorsetzend , mit der Ausarbeitung seiner Reisetagebücher , all seiner reichen Erfahrungen und Erlebnisse beschäftigt ! Endlich mahnt ein kühles Abendlüftchen zum Aufbruch , und langsam steigt man auf den gewundenen Wegen den Schloßberg hinab . Im Tal ist es schon dunkler , und auf der " alten Brücke " stehend , sehen sie überall die Lichter aufblinken und ein trauliches Abenddunkel die alte Stadt einhüllen . Müde von aller Freude und allem Schönen suchen sie endlich ihre Zimmer im " Ritter " auf , und wenn auch hin und wieder ein fröhlicher Studentengesang ihren Schlaf unterbricht , so schadet das weiter nicht . Papa murmelt noch im Traum : " Alt-Heidelberg , du Feine - " Der nächste Morgen steigt wieder ebenso sonnig und schön wie der vorige herauf . Früh steht man schon auf der Gasse vorm " Alten Ritter " , die drei Frauen schlendern über den Gemüsemarkt und freuen sich an der bunten Herrlichkeit , kaufen erste Kirschen und Erdbeeren ein und werden gerührt beim Anblick der prächtigen Spargel . Dann geht es wieder aufs Wandern , diesmal zum jenseitigen Ufer hinüber . Die Jungen klettern auf steilen Stufen zwischen den Weinbergen herum , suchen von den über die Mauern wuchernden wilden Rosen zu haschen und schmücken ihre Hüte . Die Alten wandeln ruhig den " Philosophenweg " , überschauen die Stadt und das malerische Tal und in sinnendem Gespräch - ihr Leben . Am Abend aber trägt ein Schifflein die drei Paare wieder in schönster Harmonie über den Neckar . Glückliche Menschen ! Auf den ersten Blick wohl nicht anders , nicht ausgezeichnet vor vielen . Wer aber näher zusieht und sie wirklich kennt , dem wird es doch vorkommen , als sei ihre Lebensauffassung wahrer und echter , ihre Tüchtigkeit ernster , ihre Fröhlichkeit reiner , ihre Liebe tiefer gegründet . Und darum ruht auf ihnen der Segen des Himmels .