250. Des Malers Rache. Von Julius Ruttor. War einst ein junger Maler Zu Würzburg, weitbekannt; Sein Name wird in keiner Der Chroniken genannt. Doch lebt im Volkesmunde Des Malers Rachethat; Ich will es euch erzählen, Wie sich's begeben hat. Der Maler führt den Pinsel Nach innerm Künstlerdrang; Darum ihm auch vortrefflich Des Heilands Bild gelang. Und weit und breit erschollen War unsers Malers Ruhm; Und seine Bilder prangten Im Tempelheiligthum. Da war im Reuernkloster Ein Mönch zur selben Zeit, Trotz seinem mächt'gen Geize Im Ruf der Heiligkeit. Der ließ den Maler kommen, Und sprach: »Mein lieber Sohn! Mal' unsrer Kirch' den Heiland, Was heischest du für Lohn?« – Der Maler sprach: »Zweihundert Bezahlt der Gulden mir; Ich mal' euch unsern Heiland, Schön soll er prangen hier. Doch brauch' ich zwanzig Wochen, Bis er vollendet ist; Ich mal' mit allem Fleiße Das Bild von Jesu Christ.« Der Priester drauf versprach ihm Den ausgedungnen Lohn; Der Maler ging zur Arbeit Voll Eifer gleich davon. Und als die zwanzig Wochen Vorbei, die Arbeitsfrist; Da ist das Bild vollendet, Das Bild von Jesu Christ. Er tritt mit seinem Bilde Zum greisen Prior hin; Doch dieser will vom Lohne Die Hälfte weg ihm zieh'n. Da wird der Maler zornig, Vernichtet rasch das Bild, Und droht dem Mönche Rache, Sein Auge rollet wild. Der Maler eilt nach Hause, Im Herz der Rache Plan: »Dich soll man immer schauen, Weil du mir so gethan.« Und schon am andern Tage Wird neu ein Bild bestellt, Wo Christus wird gezeiget Der schlimmen Judenwelt. Dieß Bild soll in dem Dome Dort am Altare steh'n. Hört nun, was von dem Maler Dem Mönchen ist gescheh'n. Er malet den Pilatus, Wie er den Heiland zeigt, Und sich zum Judenvolke Vom Altan sprechend neigt: Seht da den Judenkönig! Seht euren Meister an! – Da schrie das Volk der Juden In seinem irren Wahn: An's Kreuz mit dem Betrüger, Er sprach dem Kaiser Hohn; Den Tod soll er erleiden Als seiner Thaten Lohn! Und in der Juden Mitte, Da sieht man einen Mann, Mit einem weißen Mantel, Hat braune Kutte an. Das Haupt ist ihm geschoren, Er streckt den Arm empor, Und feuert an zum Rufen Des Judenvolkes Chor. Und dieser ist der Prior. – Der Maler Rache sann, Er zeichnet ihn noch schlechter Als jeden jüd'schen Mann. Der Maler ist vergessen, Ihn nennt kein Chronikbuch, Doch jenen geiz'gen Mönchen Verfolgt der Rache Fluch. Ihn schau'st du auf dem Bilde Zu Würzburg in dem Dom, Wie er dem Volk der Juden Anregt der Bosheit Strom. Der Maler ist vergessen, Sein Nam' wird nicht genannt; Doch seine grimme Rache Zeigt des Altares Wand.