Deutsche Sagen Ausgewählt von Ernst Jaedicke Inhalt Adelgis Alboin wird dem Audoin tischfähig Das Bergmännlein beim Tanz Das Bubenried Das Drachenloch Das Feuermännchen Das Haus mit den 99 Schafsköpfen Das Hünenblut Das Irrlicht zu Ferchesar Das Kellermännlein Das Königsgrab von Seddin Das Mäuselein Das Moosweibchen Das Oldenburger Horn Das Riesenspielzeug Das Schloßfräulein in Soldau Das Steinkreuz an der Marienkirche Das Teufelsloch zu Goslar Das weiße Mäuschen De Muhr in der Saaler Forst De Nachtjäger up Mönchgod Der Abzug des Zwergvolks über die Brücke Der Adamstanz bei Wirchow Der Altar zu Seefeld Der Bauer und der Kobold Der Bergmönch im Harz Der bestrafte Falscheid Der Binger Mäuseturm Der Birnbaum an der Kirche zu Ribbeck Der Birnbaum auf dem Walserfeld Der Brotstein Der Bud Der Bürger Marsilius Der Bürgermeister als Feuerreiter Der Buttermilchturm Der Dom zu Cöln Der Döngessee Der dumme Teufel Der eiserne Karl Der ewige Jäger Der Feuermann erscheint zwei Fischern Der feurige Drache Der Franken Furt Der Frauensand Der Fuchs lernt fliegen Der geizige, hartherzige Kaufmann Der Geldwagen Der Gemsjäger Der Glockenguß zu Attendorn Der Glockenguß zu Breslau Der Grenzlauf Der Grenzstreit Der große Krebs im Mohriner See Der hart geschmiedete Landgraf Der heilige Niklas und der Dieb Der Irrwisch Der Katzensteig Der Kindelsberg Der Klapperstorch Der Kobold auf der Mühle Der Kobold in der Mühle Der kommende Wald und die klingenden Schellen Der Krämer und die Maus Der Lindwurm am Brunnen Der lombardische Spielmann Der Lügenstein Der Mann im Pflug Der Mor wird auf einen Eichbaum aufgewiesen Der Nachtjäger und die Rüttelweiber Der Nachtrabe in Norddeutschland Der Name von Köpenick Der Rabe mit dem Ringe am Rathenower Tor zu Brandenburg Der Rammelsberg Der reiche Bauer von Nickelswalde Der Riesenfinger Der Riesenstein in der Nassau Der Roggenwolf auf Rügen Der Rosenstrauch zu Hildesheim Der Roßtrapp und der Kreetpfuhl Der Rotbücksch in Stolzenhagen Der Salzknecht in Pommern Der Schäfer und der Alte aus dem Berg Der Scharfrichter als Heilkünstler Der Schatz im Garten Der Schimmel von Mollwitz Der schlafende König Der Schlangenkönig zu Lübbenau Der Schmied zu Jüterbog Der schnarchende Riese Der Schuß auf den Remter Der Schwanritter Der Schwerttanz zu Weißenstein Der See bei Wimpfen Der Spuk in der Ellerbäk Der Steigbügel im Hohen Tor zu Belgard Der Tannhäuser Der Teufel als Fürsprecher Der Teufel bewacht das Geld in Krötengestalt Der Teufel unter den Keglern Der Tod als Reisebegleiter Der Turm »Kiek in de Mark« zu Pasewalk Der umherziehende Jäger Der untreue Schäfer Der Wangeriner See Der Wassermann in der Mühle bei Tost Der Wassermann und der Bauer Der Werwolf Der Werwolfstein Der wilde Jäger Hackelberg Der Wode Der Wolf und der Tannenzapf Des kleinen Volkes Hochzeitsfest Des Königs Grab Die Binse Die Butterhexe in Wagenitz. Die dankbare Schlange Die drei Jungfern aus dem See Die drei Linden Die Entstehung der hinterpommerschen Wanderdünen Die Glocken im Heiligen See Die Göttin Hertha Die Grafen von Eberstein Die Gründung des Klosters Lehnin Die Gründung von Nowawes Die Grüninger Eierfrau Die heilige Gertrud auf der Gertraudenbrücke Die Herkunft derer von Bredow Die Hussitenschlacht bei Bernau Die Jungfrau am Waschstein Die Jungfrau auf der Lorelei Die Kinder von Hameln Die Kreuzschnäbel Die letzte Saat Die Liebe zweier Eheleute überdauert den Tod Die Magd von Körle Die Mahrt als rollendes Rad Die Müggelberge und die Prinzessin vom Teufelssee Die Münsteruhr Die Roggenmuhme Die Sachsenhauser Brücke zu Frankfurt Die Sage von Gambara und den Langbärten Die Sagen vom Lilienstein Die Schatzgräber bei Münchholzhausen Die Schlacht in den Wolken Die Schlangenkönigin Die Scholle bei der Königswahl Die Schwanenmädchen Die schwarze Schatzhüterin Die schwarzen Reiter und das Handpferd Die Schwarzenbörner bewirten den Landgrafen Die Schwinburg Die Seele drückt in Mausgestalt eine Weide Die Springwurzel Die Störche Die Teufelshufeisen Die Tut-Osel Die verschwundene Glocke zu Pawonkau Die verwünschte Prinzessin im Gartzer Schrey Die Weiber zu Weinsperg Die weiße Frau in dem Schlosse zu Berlin Die Werkatze in der Mark Die Wiesenjungfrau Die wilden Leute im Bernhardswalde Doktor Frastus' Heilkünste und sein Tod Doktor Luther zu Wartburg Ein Teufelsrätsel aus dem Vogelsberge Frau Holla und der treue Eckart Frau Hütt Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser Fruu Harke Gott weint mit den Unschuldigen Gottschee Hans Heilings Felsen Heinrich der Löwe Hexe flicht Pferdehaare Hexe melkt Milch aus dem Handtuch Hünenspiel In Ketten aufhängen Johann Hübner Jungfer Eli Jungfrau Ilse König Grünewald Königin Adelheid Ludwig baut eine Mauer Magdeburger Nixen Mummelsee Nachweis der Quellen Radbot läßt sich nicht taufen Rebundus im Dom zu Lübeck Regenbogen über Verurteilten Riese Einheer Riesensäulen Rodensteins Auszug Sage von Attalus dem Pferdeknecht und Leo dem Küchenjungen Schatzgewinnung mit Hilfe von Brot und Weihwasser Schiffer Gau und sein Puk Schildhorn Schloß Grunewald Selberjedan Spuk im Stettiner Schlosse Spuren im Stein Stinas Urkiek Susanne-Marie oder die Glocken zu Hilmes Tanz mit dem Wassermann Teufelsbrücke Trifels Ursprung der Grafen von Mannsfeld Vineta Wasserrecht Wie das Mäuslein trinken ging Wie der Teufelsberg im pohlschen Luch entstanden ist Wilhelm Tell Winkelried und der Lindwurm Wittekinds Taufe Zum Geleit Zum Geleit Wer Ohr und Geist dem Klang und Sinn der Sage öffnet, spürt in ihr das Atmen der kindlichen Volksseele. Der hört im Sturmgebraus das Wüten des wilden Woden und glaubt Wald und Wasser bewohnt von verzauberten Jungfrauen; dem klingt die versunkene Glocke, und der neckende Kobold versteckt sich im Gebüsch; dem wird »von heimatswegen ein guter Engel beigegeben, der ihn, wenn er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt eines Mitwandernden begleitet, wer nicht ahnt, was ihm Gutes dadurch widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenzen des Vaterlandes überschreitet, wo ihn jener verläßt. Diese wohltätige Begleitung ist das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Geschichte, welche nebeneinander stehen und uns nacheinander die Vorzeit als einen frischen und belebenden Geist nahe zu bringen streben.« Wenn es diesem Buche gelingt, das Band zwischen Volk und Heimat fester zu knüpfen , so hat es seinen Zweck erreicht. Ernst Jaedicke. Aus grauen Tagen Der Bürger Marsilius (Ludwig Bechstein) u den Heidenzeiten geschah es, daß ein römischer Kaiser Cöln belagerte und es in große Not brachte. Es begann in der Stadt an allem zu mangeln, am meisten aber an Holz. Da war ein edler Bürger und Hauptmann in der Stadt gesessen, der hieß Marsilius, der ersann einen listigen Anschlag und gab guten Rat. Eine Schar Frauen, als Männer verkleidet, mußte mit Karren und Holzwagen zu dem einen Tor hinaus und nach dem Walde ziehen, dort Holz zu fällen oder auch nur so zu tun; die Bürger aber unter ihrem Führer Marsilius zogen zu einem anderen Tore hinaus, um dem Feinde, sobald er sich gegen die Schar der Frauen wenden würde, in den Rücken zu fallen. Und es geschah alles so, wie es vorgesehen war. Die Bürger drangen mit großer Macht auf den Feind, und auch die Frauen trugen ihre Wehren nicht zum Schein. Und die Cölner gewannen einen vollständigen Sieg, erwarben viele Beute und machten eine große Schar von Gefangenen, darunter den Kaiser selbst, der ihre Stadt belagert. Der ward in einen tiefen Turm gelegt und sollte dann auf offenem Markte enthauptet werden. Schon war ein köstlicher Teppich bereitet, der des Römerkaisers Blut trinken sollte, und schon mußte der Kaiser auf ihn niederknien. Da sprach er: »Ließet ihr mich leben, ihr Bürger von Colonia, so sollte euch mein Leben viel nützlicher sein denn mein Tod!« Da wurde dem Henker geboten, noch zu harren, und es wurde noch einmal Rat gehalten. Und Marsilius riet, dem Kaiser das Leben zu schenken, aber von ihm stattliche Gerechtsame zu begehren. Der Rat war den Cölnern abermals genehm, und Marsilius und die Senatoren entwarfen die Gerechtsame, welche sie fordern wollten, und schrieben sie auf eine glatte Tierhaut. Und der Kaiser mußte sie besiegeln und seinen großen Ring in ein dickes Stück Wachs auf dem pergamentnen Brief drücken und seinen Namenszug daneben schreiben nach alter Sitte. Solches geschah an einem Donnerstage im Monat Junius, und hernachmals haben die Bürger zu Cöln fort und fort am Donnerstag nach dem heiligen Pfingstfest diesen Tag begangen und ihn Holzfahrttag geheißen und sind mit Gesang und Spiel und Festlust nach dem Walde gezogen. Marsilius aber ward ob seines guten Rates hoch geehrt und der Stadt vornehmster Bürger und Hauptmann. Und als er gestorben war, wurde sein Sarg in der Stadtmauer beigesetzt, da, wo man es nachher zu St. Aposteln genannt hat, und ihm dort ein steinern Denkmal aufgerichtet. Auch ist seine Bildsäule noch am Gürzenich zu sehen, dem alten Kauf- und Ballhaus der Stadt Cöln, neben ihrem Begründer Marcus Agrippa, zu ewigem Gedächtnis. Des Königs Grab (Brüder Grimm) Die Westgoten wollten durch Italien nach Afrika wandern, unterwegs starb plötzlich Alarich, ihr König, den sie über die Maßen liebten. Da huben sie an und leiteten den Fluß Barent, der neben der Stadt Consentina vom Fuße des Berges fließt, aus seinem Bette ab. Mitten in dem Bett ließen sie nun durch einen Haufen Gefangener ein Grab graben, und in dem Schoß der Grube bestatteten sie, nebst vielen Kostbarkeiten, ihren König Alarich. Wie das geschehen war, leiteten sie das Wasser wieder ins alte Bett zurück und töteten, damit die Stätte von niemand verraten würde, die, welche das Grab gegraben hatten. Die Störche (Brüder Grimm) Als Attila schon lange die Stadt Aquileja belagerte und die Römer hartnäckig widerstanden, fing sein Heer an zu murren und wollte von dannen ziehen. Da geschah es, daß der König, im Zweifel, ob er das Lager aufheben oder noch länger harren sollte, um die Mauern der Stadt her wandelte und sah, wie die weißen Vögel, nämlich die Störche, welche in den Giebeln der Häuser nisteten, ihre Jungen aus der Stadt trugen und gegen ihre Gewohnheit auswärts ins Land schleppten. Attila, als ein weiser Mann, rief seinen Leuten und sprach: »Seht, diese Vögel, die der Zukunft kundig sind, verlassen die bald untergehende Stadt und die einstürzenden Häuser!« Da schöpfte das Heer neuen Mut, und sie bauten Werkzeuge und Mauerbrecher; Aquileja fiel im Sturm und ging in den Flammen auf; diese Stadt wurde so verheert, daß kaum die Spuren übrig blieben, wo sie gestanden hatte. Sage von Attalus dem Pferdeknecht und Leo dem Küchenjungen (Brüder Grimm) Zur Zeit, als Theodorich und Childebert, die Frankenkönige, in Hader und Zwietracht lebten und viele edle Söhne zu Geiseln gegeben oder in Knechtschaft gebracht wurden, trug sich auch folgende Begebenheit zu. Attalus, von guter Abkunft und ein naher Verwandter des heiligen Gregor, geriet in die Dienstschaft eines Franken im Trierischen Gebiet und wurde zum Pferdewärter bestellt. Der Bischof Gregor, um sein Schicksal besorgt, sandte Boten aus, die ihn aufsuchen sollten, endlich auch fanden und seinem Herrn Gaben anboten, um Attalus freizukaufen. Der Mann verwarf sie aber und sprach: »Einer von solcher Geburt muß losgekauft werden mit zehn Pfund Goldes.« Also kamen die Abgesandten unverrichteter Dinge wieder heim zu Gregor; aber Leo, einer seiner Küchendiener, sprach: »Wofern Ihr mir erlauben wollet, ihn aufzusuchen, könnte ich ihn vielleicht aus der Gefangenschaft erledigen.« Der Bischof war froh und gestattete es ihm; da kam auch Leo an jenen Ort und suchte den Knaben heimlich fortzuschaffen, allein er konnte nicht. Darauf verabredete er sich mit einem anderen Manne und sprach: »Komm mit mir dahin und verkaufe mich in dem Hause des Franken; der Preis, den du empfängst, soll dein Gewinn sein.« Der Mann tat's und schlug ihn um zwölf Goldgulden los; der Käufer aber fragte den Knecht, welchen Dienst er verstünde. »In Zubereitung aller Dinge, die auf der Herren Tische gegessen werden, bin ich gar geschickt und befürchte nicht, daß einer mich darin übertreffe; denn selbst königliche Gerichte kann ich bereiten, wenn du dem König ein Gastmahl geben wolltest.« Jener antwortete: »Nächsten Sonntag werden meine Freunde und Nachbarn zu mir eingeladen werden; da sollst du ein Mahl zurichten, daß alle sagen, in des Königs Hause hätten sie Besseres nicht gefunden.« Leo sagte: »Mein Herr, lasse mir nur eine Menge junger Hähne bringen, so will ich dein Gebot schon erfüllen.« Als nun das geschehen war, stellte er auf den Sonntag ein solches und dermaßen köstliches Essen zu, daß alle Gäste nicht genug loben konnten. Die Freunde des Herrn kehrten nach Hause zurück, der Herr aber schenkte dem Küchenknecht seine Gunst und gab ihm Gewalt und Aufsicht über alle seine Vorräte. So verlief ein Jahr, und der Herr liebte ihn immer mehr und setzte alles Vertrauen auf ihn. Einmal ging nun Leo auf die Wiese, nahe beim Haus, wo Attalus die Pferde wartete, und fing an mit ihm zu reden; und sie legten sich weit voneinander auf die Erde, mit zugedrehtem Rücken, damit niemand mutmaßen möchte, daß sie zusammen sprächen, »Zeit ist es,« sagte Leo, »daß wir an unser Vaterland denken; ich mahne dich, wenn du heute Nacht die Pferde in den Stall gebracht hast, so laß dich nicht vom Schlaf überwältigen, sondern sei munter, wann ich dich rufe, daß wir uns fortmachen können.« Der Franke hatte aber wieder viele Verwandte und Freunde zu Gast geladen, unter anderen den Schwiegersohn, der mit seiner Tochter verheiratet war. Als sie nun um Mitternacht aufstiegen und schlafen gehen wollten, reichte Leo seines Herrn Schwiegersohn einen Becher zu trinken. Der scherzte und sprach: »Wie, Leo? Möchtest du wohl mit deines Herrn Pferden durchgehen und wieder in deine Heimat?« Er antwortete gleichsam scherzweise die Wahrheit und sagte: »Ja, heute nacht, wenn's Gottes Wille ist.« »Wenn mich nur«, erwiderte der Schwiegersohn, »meine Leute gut bewachen, daß du mir nichts von meinen Sachen mit entführst.« So im Lachen schieden sie voneinander, wie aber alle entschlafen waren, rief Leo den Attalus aus dem Bett. »Hast du ein Schwert?« – »Nein, bloß einen kurzen Spieß.« – Da ging Leo in seines Herrn Gemach und nahm Schild und Lanze. Der Herr aber fragte halbwach: »Wer bist du, und was willst du?« – »Leo bin ich, dein Diener; und ich wecke den Attalus, daß er früh aufstehe und die Pferde zur Weide führe; denn er verschläft sich und ist noch trunken.« Der Herr sprach: »Tu', wie du meinst;« und nach diesen Worten schlief er von neuem wieder ein. Leo aber ging zur Tür hinaus, wappnete den Jüngling; und die Stalltüre, die er noch abends zur Sicherung der Pferde mit Hammerschlägen vernagelt hatte, stand jetzt offen, gleichsam durch göttliche Schickung. Da dankte er Gott seines Beistandes, und sie nahmen die Pferde mit aus dem Stall und entwichen; auch einen Falken nahmen sie, nebst den Decken. Beim Übergang der Mosel wurden sie aufgehalten und mußten Pferde und Decken im Stich lassen; und auf ihre Schilde gelegt, schwammen sie den Strom hinüber. Als die Nacht kam und es dunkel wurde, gingen sie in einen Wald und bargen sich. Und schon war die dritte Nacht gekommen, und noch keinen Bissen Speise hatten sie in ihren Mund gebracht und wanderten in einem fort. Da fanden sie auf Gottes Wink einen Baum voll Obst, das man Zwetschen zu nennen pflegt, und erlabten sich daran. Darauf langen sie in Campanien (Champagne) an; bald hörten sie hinter sich Roßtritte und sprachen: »Es kommen Männer geritten, werfen wir uns zur Erde, daß sie uns nicht erspähen!« Und siehe, ein großer Dornstrauch stand daneben; dahinter traten sie, warfen sich nieder zu Boden mit aus der Scheide gezogenen Schwertern, damit, wenn sie entdeckt würden, sie sich alsbald wehren könnten. Die Reiter aber, als sie zu der Stelle gelangt waren, hielten gerade vor dem Dornstrauch still; ihre Pferde ließen den Harn, und einer unter ihnen sprach: »Übel geht es mir mit diesen beiden Flüchtlingen, daß wir sie nimmer finden können; das weiß ich aber, so wahr ich lebe, würden sie ertappt, so ließ ich den einen an den Galgen hängen, den andern in tausend Stücke zerhauen mit Schwertschlägen.« Der die Worte sprach, war ihr Herr, der Franke, welcher aus Rheims herkam, sie zu suchen und sie unfehlbar gefunden hätte, wo nicht die Nacht dazwischen gekommen wäre. Nach diesem ritten die Männer wieder weiter, jene aber erreichten noch selbe Nacht glücklich die Stadt, gingen hinein und suchten einen Bürger auf, den sie fragten, wo Paulus des Priesters Haus wäre. Der Bürger zeigte ihnen das Haus. Als sie aber durch die Gasse gingen, läutete das Zeichen zur Frühmette; denn es war Sonntag. Sie aber klopften an des Priesters Türe, und sie ward aufgetan. Der Knabe fing an zu erzählen von seinem Herrn. Da sprach der Priester: »So wird wahr mein Traum! Denn es träumte mir heut von zwei Tauben, die flogen her und setzten sich auf meine Hand. Und eine von ihnen war weiß, die andere schwarz.« Die Knaben sagten dem Priester: »weil ein heiliger Tag heute ist, bitten wir, daß du uns etwas Speise gebest; denn heute leuchtet der vierte Tag, daß wir kein Brot noch Mus genossen haben.« Er barg aber die Knaben bei sich, gab ihnen Brot mit Wein begossen und ging in seine Metten. Der Franke war auch an diesen Ort gegangen und hatte die Knaben gesucht; als ihm aber der Priester eine Täuschung vorgesagt, kehrte er zurück; denn der Priester stand in alter Freundschaft mit dem heiligen Gregor. Als sich nun die Knaben mit Speisen zu neuen Kräften gestärkt hatten und zwei Tage in diesem Hause geblieben waren, schieden sie und kamen glücklich bei Bischof Gregorius an, der sich über ihren Anblick freute und an dem Halse seines Neffen Attalus weinte. Den Leo aber mit all seinem Geschlechte machte er frei von der Knechtschaft und gab ihm ein eigen Land, wo er mit Frau und Kindern als ein Freier sein Leben beschloß. Der kommende Wald und die klingenden Schellen (Brüder Grimm) Als Childebert mit großer Heeresmacht in Guntrams und Fredegundens Reich einbrach, ermahnte die Königin ihre Franken zu tapferem Streit und ließ Guntrams hinterlassenes Söhnlein in der Wiege voraustragen; dem Säugling an Mutterbrust folgten die gewaffneten Scharen. Fredegund ersann eine List. In finsterer Mitternacht, angeführt von Landerich, des jungen Chlotars Vormund, erhob sich das Heer und zog in einen Wald; Landerich griff ein Beil und hieb sich einen Baumast; darauf nahm er Schellen und hing sie an des Pferdes Hals, auf dem er ritt. Dasselbe zu tun, ermahnte er alle seine Krieger; jeder mit Baumzweigen in der Hand und klingenden Schellen auf ihren Pferden, rückten sie in früher Morgenstunde dem feindlichen Lager näher. Die Königin, den jungen Chlotar in den Armen haltend, ging voraus; damit Erbarmen über das Kind die Krieger entzünden möchte, welches gefangen genommen werden mußte, wo sie unterlägen. Als nun einer der feindlichen Wächter in der Dämmerung ausschaute, rief er seinen Gesellen: »Was ist das für ein Wald, den ich dort stehen sehe, wo gestern abend nicht einmal ein kleines Gebüsch war?« »Du bist noch weintrunken und hast alles vergessen«, sprach der andere Wächter; »unsere Leute haben im nahen Wald Futter und Weide für ihre Pferde gefunden. Hörst du nicht, wie die Schellen klingen am Halse der werdenden Rosse?« (Denn es war von alten Zeiten her Sitte der Franken, und zumal der östlichen, daß sie ihren grasenden Pferden Schellen anhingen, damit, wenn sie sich verirrten, das Läuten sie wiederfinden ließe.) Währendessen die Wächter solche Reden untereinander führten, ließen die Franken ihre Laubzweige fallen, und der Wald stand da leer an Blättern, aber dicht von den Stämmen schimmernder Spieße. Da überfiel Verwirrung die Feinde und jäher Schrecken; aus dem Schlaf erweckt wurden sie zur blutigen Schlacht, und die nicht entrinnen konnten, fielen erschlagen; kaum vermochten sich die Heerführer auf schnellen Rossen vor dem Tode zu retten. Die Sage von Gambara und den Langbärten (Brüder Grimm) Als das Los geworfen war und der dritte Teil der Winiler aus der Heimat in die Fremde ziehen mußte, führten den Haufen zwei Brüder an, Ibor und Aio mit Namen, junge und frische Männer. Ihre Mutter aber hieß Gambara, eine schlaue und kluge Frau, auf deren weisen Rat in Nöten sie ihr Vertrauen setzten. Wie sie sich nun auf ihrem Zug ein anderes Land suchten, das ihnen zur Niederlassung gefiele, langten sie in die Gegend, die Schoringen hieß, da weilten sie einige Jahre. Nah dabei wohnten die Vandalen, ein rauhes und siegstolzes Volk, die hörten ihre Ankunft und sandten Boten an sie: daß die Winiler entweder den Vandalen Zoll gäben oder sich zum Streit rüsteten. Da ratschlagten Ibor und Aio mit Gambara, ihrer Mutter, und wurden eins: daß es besser sei, die Freiheit zu verfechten, als sie mit dem Zoll zu beflecken und ließen das den Vandalen sagen. Es waren die Winiler zwar mutige und kräftige Helden, an Zahl aber gering. Nun traten die Vandalen vor Wodan und flehten um Sieg über die Winiler. Der Gott antwortete: »Denen will ich Sieg verleihen, die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehe.« Gambara aber trat vor Frea, Wodans Gemahlin, und flehte um Sieg für die Winiler. Da gab Frea den Rat: die Winiler Frauen sollten ihre Haare auslösen und um das Gesicht in Bartes weise zurichten, dann aber frühmorgens mit ihren Männern sich dem Wodan zu Gesicht stellen vor das Fenster gen Morgen hin, aus dem er zu schauen pflegte. Sie stellten sich also dahin, und als Wodan ausschaute bei Sonnenaufgang, rief er: »Was sind das für Langbärte?« Frea fügte hinzu: »Wem du Namen gabst, dem mußt du auch Sieg geben.« Auf diese Art verlieh Wodan den Winilern den Sieg, und seit der Zeit nannten sich die Winiler Langbärte (Longobarden). Alboin wird dem Audoin tischfähig (Brüder Grimm) Als Alboin, Audoins Sohn, siegreich vom Feldzug gegen die Gepiden heimkehrte, wollten die Longobarden, daß er auch seines Vaters Tischgenoß würde. Audoin aber verwarf dies, weil nach der Gewohnheit des Volkes der Königssohn nicht eher mit dem Vater speisen dürfe, bis er von einem auswärtigen König gewaffnet worden sei. Sobald dies Alboin hörte, ritt er, nur von vierzig Jünglingen begleitet, zu Thurisend, dem Gepidenkönig, dessen Sohn Thurismod er eben erlegt hatte, und erzählte ihm, aus welcher Ursache er käme. Thurisend nahm ihn freundlich auf, lud ihn zu Gast und setzte ihn zu seiner Rechten an der Mahlzeit, wo sonst sein Sohn zu sitzen pflegte. Als nun Thurisend so saß und seines Sohnes Mörder neben sich erblickte, seufzte er vor Schmerz und sprach: »Der Platz ist mir lieb, aber der Mann leid, der darauf sitzt.« Durch diese Worte gereizt, hub der andere Sohn Thurisends an, der Langobarden zu spotten, weil sie unterhalb der Waden weiße Binden trügen und verglich sie Pferden, deren Füße bis an die Schenkel weiß sind, »das sind ekelhafte Mähren, denen ihr gleicht«. Einer der Langobarden versetzte hierauf: »Komm mit ins Asfeld, da kannst du sehen, wie gut die, welche du Mähren nennest, mit den Hufen schlagen; da liegen deines Bruders Gebeine, wie die eines elenden Gauls mitten auf der Wiese.« Die Gepiden gerieten dadurch in Wut und wollten sich rächen, augenblicklich faßten alle Langobarden ihre Degengriffe. Der König aber stand vom Tische auf, warf sich in ihre Mitte und bedrohte den, welcher zuerst den Streit anheben würde: der Sieg mißfalle Gott, wenn man in seinem eigenen Hause den Feind erlege. So beschwichtigte er den Zank, nahm nach vollbrachtem Mahl die Waffen seines Sohnes Thurismod und übergab sie dem Alboin. Dieser kehrte in Frieden zu seinem Vater heim und wurde nun dessen Tischgenoß. Er erzählte alles, was ihm bei den Gepiden begegnet war, und die Langobarden lobten mit Bewunderung sowohl Alboins Wagstück als Thurisends große Treue. Der lombardische Spielmann (Brüder Grimm) Als Karl vor hatte, den König Desiderius mit Krieg zu überziehen, kam ein lombardischer Spielmann zu den Franken und sang ein Lied folgenden Inhalts: »welchen Lohn wird der empfangen, der Karl in das Land Italien führt auf Wegen, wo kein Spieß gegen ihn aufgehoben, kein Schild zurückgestoßen und keiner seiner Leute verletzt werden soll?« Als das Karl zu Ohren kam, berief er den Mann zu sich und versprach ihm alles, was er fordern würde, nach erlangtem Sieg zu gewähren. Das Heer wurde zusammenberufen, und der Spielmann mußte vorausgehen. Er wich aber aus allen Straßen und Wegen und leitete den König über den Rand eines Berges, wo es bis auf den heutigen Tag noch heißt: der Frankenweg. Wie sie von diesem Berg niederstiegen in die gavenische Ebene, sammelten sie sich schnell und fielen den Longobarden unerwarteterweise in den Rücken; Desiderius floh nach Pavia, und die Franken überströmten das ganze Land. Der Spielmann aber kam vor den König Karl und ermahnte ihn seines Versprechens. Der König sprach: »Fordere, was du willst!« Darauf antwortete er: »Ich will auf einen dieser Berge steigen und stark in mein Horn blasen; so weit der Schall gehört werden mag, das Land verleihe mir zum Lohn meiner Verdienste mit Männern und Weibern, die darin sind.« Karl sprach: »Es geschehe, wie du gesagt hast.« Der Spielmann neigte sich, stieg sogleich auf den Berg und blies, stieg sodann herab, ging durch Dörfer und Felder, und wen er fand, fragte er: »Hast du Horn blasen hören?« Und wer nun antwortete: »Ja, ich hab's gehört«, dem versetzte er eine Maulschelle mit den Worten: du bist mein eigen. So verlieh ihm Karl das Land, so weit man sein Blasen hatte hören können; der Spielmann, solange er lebte, und seine Nachkommen besaßen es ruhig, und bis auf den heutigen Tag heißen die Einwohner dieses Landes die Zusammengeblasenen (transcornati). Der eiserne Karl (Brüder Grimm) Zur Zeit, als König Karl den Lombardenkönig Desiderius befeindete, lebte an des letzteren Hofe Ogger (Odger, Autchar), ein edler Franke, der vor Karls Ungnade das Land hatte räumen müssen. Wie nun die Nachricht erscholl, Karl rücke mit Heeresmacht heran, standen Desiderius und Ogger auf einem hohen Turm, von dessen Gipfel man weit und breit in das Reich schauen konnte. Das Gepäck rückte in Haufen an. »Ist Karl unter diesem Heer?« fragte König Desiderius. »Noch nicht!« versetzte Ogger. Nun kam der Landsturm des ganzen fränkischen Reichs. »Hierunter befindet sich aber Karl ganz gewiß«, sagte Desiderius bestimmt. Ogger antwortete: »Noch nicht, noch nicht.« Da tobte der König und sagte: »Was sollen wir anfangen, wenn noch mehrere mit ihm kommen?« »Wie er kommen wird,« antwortete jener, »sollst du gewahr werden; was mit uns geschehe, weiß ich nicht.« Unter diesen Reden zeigte sich ein neuer Troß. Erstaunt sagte Desiderius: »Darunter ist doch Karl?« »Immer noch nicht«, sprach Ogger. Nächstdem erblickte man Bischöfe, Äbte, Kaplane mit ihrer Geistlichkeit. Außer sich stöhnte Desiderius: »O laß uns niedersteigen und uns bergen in der Erde vor dem Angesichte dieses grausamen Feindes.« Da erinnerte sich Ogger der herrlichen, unvergleichlichen Macht des Königs Karl aus besseren Zeiten her und brach in die Worte aus: »Wenn du die Saat auf den Feldern wirst starren sehen, den eisernen Po und Tissino mit dunkeln eisenschwarzen Meereswellen die Stadtmauern überschwemmen, dann gewarte, daß Karl kommt.« Kaum war dies ausgeredet, als es sich im Westen wie eine finstere Wolke zeigte, die den hellen Tag beschattete. Dann sah man den eisernen Karl in einem Eisenhelm, in eisernen Schienen, eisernem Panzer um die breite Brust, eine Eisenstange in der linken Hand hoch aufreckend. In der Rechten hielt er den Stahl, der Schild war ganz aus Eisen, und auch sein Roß schien eisern an Mut und Farbe. Alle, die ihm vorausgingen, zur Seite waren und ihm nachfolgten, ja das ganze Heer schien auf gleiche Weise ausgerüstet. Einen schnellen Blick darauf werfend, rief Ogger: »Hier hast du den, nach dem du so viel fragtest«, und stürzte halb entseelt zu Boden. Adelgis (Brüder Grimm) Adelgis (Algis, Adelger), Desiderius' Sohn, war von Jugend auf stark und heldenmütig. In Kriegszeiten pflegte er mit einer Eisenstange zu reiten und viele Feinde zu erschlagen; so tötete er auch viele der Franken, die in Lombarden gezogen kamen. Dennoch mußte er der Übermacht weichen, und Karl hatte selbst Ticinum unterworfen. In dieser Stadt aber beschloß ihn der kühne Jüngling auszukundschaften. Er fuhr auf einem Schiff dahin, nicht wie ein Königssohn, sondern umgeben von wenigen Leuten, wie einer aus geringem Stande. Keiner der Krieger erkannte ihn, außer einem der ehemaligen treuesten Diener seines Vaters; diesen bat er flehentlich, daß er ihn nicht verraten möchte. »Bei meiner Treue,« antwortete jener, »ich will dich niemandem offenbaren, so lang ich dich verhehlen kann.« »Ich bitte dich,« sagte Adelgis, »heute, wann du beim König zu Mittag speisest, so setze mich ans Ende einer der Tische und schaffe, daß alle Knochen, die man von der Tafel aufhebt, vor mich gelegt werden.« Der andere versprach es, denn er war's, der die königlichen Speisen auftragen mußte. Als nun das Mahl gehalten wurde, so tat er allerdings so und legte die Knochen vor Adelgis, der sie zerbrach und gleich einem hungrigen Löwen das Mark daraus aß. Die Splitter warf er unter den Tisch und machte einen tüchtigen Haufen zusammen. Dann stand er früher als die andern auf und ging fort. Der König, wie er die Tafel aufgehoben hatte und die Menge Knochen unter dem Tische erblickte, fragte: »welcher Gast hat soviel Knochen zerbrochen?« Alle antworteten, sie wüßten es nicht; einer aber fügte hinzu: »Es saß hier ein starker Degen, der brach alle Hirsch-, Bären- und Ochsenknochen auf, als wären es Hanfstengel.« Der König ließ den Speisenaufträger rufen und sprach: »Wer und woher war der Mann, der hier die vielen Knochen zerbrach?« Er antwortete: »Ich weiß es nicht, Herr.« Karl erwiderte: »Bei meines Hauptes Krone, du weißt es.« Da er sich betreten sah, fürchtete er und schwieg. Der König aber merkte leicht, daß es Adelgis gewesen, und es tat ihm leid, daß man ihn ungestraft hatte von dannen gehen lassen; er sagte: »Wohinaus ist er gegangen?« Einer versetzte: »Er kam zu Schiff und wird vermutlich so weggehen.« »Willst du,« sprach ein anderer, »daß ich ihm nachsetze und ihn töte?« »Auf welche Weise?« antwortete Karl. »Gib mir deine goldenen Armspangen, und ich will ihn damit berücken.« Der König gab sie ihm alsbald, und jener eilte ihm schnell zu Lande nach, bis er ihn einholte. Und aus der Ferne rief er zu Adelgis, der im Schiffe fuhr: »Halt an! Der König sendet dir seine goldenen Armspangen zur Gabe; warum bist du so heimlich fortgegangen?« Adelgis wandte sein Schiff ans Ufer, und als er näherkam und die Gabe auf der Speerspitze ihm dargereicht erblickte, ahnte er Verrat, warf seinen Panzer über die Schulter und rief: »was du mir mit dem Speere reichst, will ich mit dem Speer empfangen; sendet dein Herr betrüglich diese Gabe, damit du mich töten sollest, so werde ich ihm nicht nachstehen und ihm meine Gabe senden.« Darauf nahm er seine Armspangen und reichte sie jenem auf dem Speer, der in seiner Erwartung getäuscht heimkehrte und dem König Karl Adelgis Spangen brachte. Karl legte sie sogleich an, da fielen sie ihm bis auf die Schultern nieder. Karl aber rief aus: »Es ist nicht zu wundern, daß dieser Mann Riesenstärke hat.« König Karl fürchtete diesen Adelgis allezeit, weil er ihn und seinen Vater des Reiches beraubt hatte. Adelgis floh zu seiner Mutter, der Königin Ansa, nach Brixen, wo sie ein reiches Münster gestiftet hatte. Radbot läßt sich nicht taufen (Brüder Grimm) Als der heilige Wolfram den Friesen das Christentum predigte, brachte er endlich Radbot, ihren Herzog, dazu, daß er sich taufen lassen wollte. Radbot hatte schon einen Fuß in das Taufbecken gestellt; da fiel ihm ein, vorher zu fragen, wohin denn seine Vorfahren gekommen wären, ob sie bei den Scharen der Seligen, oder in der Hölle seien, Sankt Wolfram antwortete: »Sie waren Heiden, und ihre Seelen sind verloren.« Da zog Radbot schnell den Fuß zurück und sprach: »Ihrer Gesellschaft mag ich mich nicht begeben; lieber will ich elend bei ihnen in der Hölle wohnen, als herrlich ohne sie im Himmelreich.« So verhinderte der Teufel, daß Radbot getauft wurde: denn er starb den dritten Tag darauf und fuhr dahin, wo seine Manen waren. Wittekinds Taufe (Brüder Grimm) König Karl hatte eine Gewohnheit, alle großen Feste folgten ihm viele Bettler nach, denen ließ er geben einem jeglichen einen Silberpfennig. So war es in der stillen Woche, daß Wittekind von Ungern Bettlerskleider anlegte und ging in Karls Lager unter die Bettler sitzen und wollte die Franken auskundschaften. Auf Ostern aber ließ der König in seinem Zelt Messe lesen; da geschah ein göttliches Wunder, daß Wittekind, als der Priester das Heiligtum emporhob, darin ein lebendiges Kind erblickte; das deuchte ihm ein so schönes Kind, als er sein Lebtag je gesehen, und kein Auge sah es außer ihm. Nach der Messe wurden die Silberpfennige den armen Leuten ausgeteilt; da erkannte man Wittekind unter dem Bettelrock, griff und führte ihn vor den König. Da sagte er, was er gesehen hätte, und ward unterrichtet aller Dinge, daß sein Herz bewegt wurde, und empfing die Taufe und sandte nach den andern Fürsten in seinem Lager, daß sie den Krieg einstellten und sich taufen ließen. Karl aber machte ihn zum Herzogen und wandelte das schwarze Pferd in seinem Schilde in ein weißes. Königin Adelheid (Brüder Grimm) Als die Königin Adelheid, Lothars Gemahlin, von König Berengar hart in der Burg Canusium belagert wurde und schon auf Mittel und Wege dachte, zu entfliehen, fragte Arduin: »Wieviel Scheffel Weizen habt ihr noch auf der Burg?« »Nicht mehr,« sagte Atto, »als fünf Scheffel Roggen und drei Sechter Weizen.« – »So folgt meinem Rate, nehmt ein Wildschwein, füttert es mit dem Weizen und laßt es zum Tore hinauslaufen.« Dieses geschah. Als nun das Schwein unten im Heer gefangen und getötet wurde, fand man in dessen Magen die viele Frucht. Man schloß daraus, daß es vergebens sein würde, diese Festung auszuhungern, und hob die Belagerung auf. Die Grafen von Eberstein (Brüder Grimm) Als Kaiser Otto seine Feinde geschlagen und die Stadt Straßburg bezwungen hatte, lagerte er vor der Burg der Grafen Eberstein, die es mit seinen Feinden hielten. Das Schloß stand auf einem hohen Fels am Wald (unweit Baden in Schwaben), und dritthalb Jahr lang konnte es das kaiserliche Heer immer nicht bezwingen, sowohl der natürlichen Festigkeit, als der tapferen Verteidigung der Grafen wegen. Endlich riet ein kluger Mann dem Kaiser folgende List: er solle einen Hoftag nach Speier ausschreiben, zu welchem jedermann ins Turnier sicher kommen dürfte; die Grafen von Eberstein würden nicht säumen, sich dahin einzufinden, um ihre Tapferkeit zu beweisen; mittlerweile möge der Kaiser durch geschickte und kühne Leute ihre Burg überwältigen lassen. Der Festtag zu Speier wurde hierauf verkündigt; der Kaiser, viele Fürsten und Herren, unter diesen auch die drei Ebersteiner waren zugegen; manche Lanze wurde gebrochen. Des Abends begannen die Reihen, wobei der jüngste Graf von Eberstein, ein schöner, anmutiger Mann mit krausem Haar, vortanzen mußte. Als der Tanz zu Ende ging, nahte sich heimlich eine schöne Jungfrau den drei Grafen und raunte: »Hütet euch, denn der Kaiser will eure Burg ersteigen lassen, während ihr hier seid, eilt noch heute nacht zurück!« Die drei Brüder berieten sich und beschlossen, der Warnung zu gehorchen. Darauf kehrten sie zum Tanz, forderten die Edeln und Ritter zum Kampf auf morgen und hinterlegten hundert Goldgülden zum Pfand in die Hände der Frauen. Um Mitternacht aber schifften sie über den Rhein und gelangten glücklich in ihre Burg heim. Kaiser und Ritterschaft warteten am anderen Tage vergebens auf ihre Erscheinung beim Lanzenspiel; endlich befand man, daß die Ebersteiner gewarnt worden wären. Otto befahl, aufs schleunigste die Burg zu stürmen; aber die Grafen waren zurückgekehrt und schlugen den Angriff mutig ab. Als mit Gewalt gar nichts auszurichten war, sandte der Kaiser drei Ritter auf die Burg, mit den Grafen zu unterhandeln. Sie wurden eingelassen und in Weinkeller und Speicher geführt; man holte weißen und roten Wein, Korn und Mehl lagen in großen Haufen. Die Abgesandten verwunderten sich über solche Vorräte. Allein die Fässer hatten doppelte Boden oder waren voll Wasser; unter dem Getreide lag Spreu, Kehricht und alte Lumpen. Die Gesandten hinterbrachten dem Kaiser: es sei vergeblich, die Burg länger zu belagern; denn Wein und Korn reichte denen inwendig noch auf dritthalb Jahre aus. Da wurde Otto geraten, seine Tochter mit dem jüngsten Grafen Eberhard von Eberstein zu vermählen und dadurch dieses tapfere Geschlecht auf seine Seite zu bringen. Die Hochzeit ward in Sachsen gefeiert, und der Sage nach soll es die Braut selber gewesen sein, welche an jenem Abend die Grafen gewarnt hatte, Otto sandte seinen Schwiegersohn hernachmals zum Papst in Geschäften; der Papst schenkte ihm eine Rose in weißem Korb, weil es gerade der Rosenmontag war. Diese nahm Eberhard mit nach Braunschweig, und der Kaiser verordnete, daß die Rose im weißen Felde künftig das ebersteinische Wappen bilden sollte. Das Oldenburger Horn (Brüder Grimm) In dem Hause Oldenburg wurde sonst ein künstlich und mit viel Zieraten gearbeitetes Trinkhorn sorgfältig aufbewahrt, das sich aber gegenwärtig zu Kopenhagen befindet. Die Sage lautet so: Im Jahre 990 (967) beherrschte Graf Otto das Land. Weil er, als ein guter Jäger, große Lust am Jagen hatte, begab er sich am 20. Juni gedachten Jahres mit vielen von seinen Edelleuten und Dienern auf die Jagd und wollte zuvörderst in dem Walde, Bernefeuer genannt, das Wild heimsuchen. Da nun der Graf selbst ein Reh hetzte und demselben vom Bernefeuersholze bis an den Osenberg allein nachrannte, verlor er sein ganzes Jagdgefolge aus Augen und Ohren, stand mit einem weißen Pferde mitten auf dem Berge und sah sich nach seinen Winden um, konnte aber auch nicht einmal einen lautenden (bellenden) Hund zu hören bekommen. Hierauf sprach er bei ihm selber, denn es eine große Hitze war: ach, Gott, wer nur einen kühlen Trunk Wasser hätte! Sobald als der Graf das Wort gesprochen, tat sich der Osenberg auf und kommt aus der Kluft eine schöne Jungfrau wohl gezieret, mit schönen Kleidern angetan, auch schönen über die Achsel geteilten Haaren und einem Kränzlein darauf und hatte ein köstlich silbern Geschirr, so vergüldet war, in Gestalt eines Jägerhorns, wohl und gar künstlich gemacht, in der Hand, das gefüllt war. Dieses Horn reichte sie dem Grafen und bat, daß er daraus trinken wolle, sich zu erquicken. Als nun solches vergüldtes, silbern Horn der Graf von der Jungfrau auf- und angenommen, den Deckel davon getan und hineingesehen: da hat ihm der Trank, oder was darinnen, welches er geschüttelt, nicht gefallen und deshalben solch Trinken der Jungfrau geweigert. Worauf aber die Jungfrau gesprochen: »Mein lieber Herr, trinket nur auf meinen Glauben! Denn es wird Euch keinen Schaden geben, sondern zum Besten gereichen;« mit fernerer Anzeige, »wo er, der Graf, draus trinken wolle, sollt's ihm, Graf Otten und den Seinen, auch folgendes dem ganzen Hause Oldenburg wohlgehen, und die Landschaft zunehmen und ein Gedeihen haben. Da aber der Graf ihr keinen Glauben zustellen noch daraus trinken würde, so sollte künftig im nachfolgenden gräflich oldenburgischen Geschlecht keine Einigkeit bleiben.« Als aber der Graf solche Rede keine Acht gab, sondern bei ihm selber, wie nicht unbillig, ein groß Bedenken machte, daraus zu trinken, hat er das silbern vergüldte Horn in der Hand behalten und hinter sich geschwenket und ausgegossen, davon etwas auf das weiße Pferd gesprützet; und wo es begossen und naß worden, sind die Haare abgangen. Da nun die Jungfrau solches gesehen, hat sie ihr Horn wieder begehret; aber der Graf hat mit dem Horn, so er in der Hand hatte, vom Berge abgeeilet, und als er sich wieder umgesehn, vermerkt, daß die Jungfrau wieder in den Berg gangen; und weil darüber dem Grafen ein Schrecken ankommen, hat er sein Pferd zwischen die Sporn genommen und im schnellen Lauf nach seinen Dienern geleitet und denselbigen, was sich zugetragen, vermeldet, das silbern vergüldte Horn gezeiget und also mit nach Oldenburg genommen. Und ist dasselbige, weil er's so wunderbarlich bekommen, vor ein köstlich Kleinod von ihm und allen folgenden regierenden Herren des Hauses gehalten worden. Die Weiber zu Weinsperg (Brüder Grimm) Als König Konrad III. den Herzog Welf geschlagen hatte (im Jahr 1140) und Weinsperg belagerte, so bedingten die Weiber der Belagerten die Übergabe damit, daß eine jede auf ihren Schultern mitnehmen dürfte, was sie tragen könne. Der König gönnte das den Weibern. Da ließen sie alle Dinge fahren, und nahm eine jegliche ihren Mann auf die Schulter und trugen den aus. Und da des Königs Leute das sahen, sprachen ihrer viele, das wäre die Meinung nicht gewesen, und wollten das nicht gestatten. Der König aber schmutzlachte und tat Gnade dem listigen Anschlag der Frauen: »Ein königlich Wort,« rief er, »das einmal gesprochen und zugesagt ist, soll unverwandelt bleiben.« Die Schwinburg (Brüder Grimm) Kaiser Ludwig der Bayer ließ im Jahre 1337 den Landfriedensbrecher Diez Schwinburg mit seinen vier Knechten gefangen in München einbringen und zum Schwert verurteilen. Da bat Diez die Richter, sie möchten ihn und seine Knechte an eine Zeil, jeden acht Schuhe voneinander, stellen und mit ihm die Enthauptung anfangen, dann wolle er aufstehen und vor den Knechten vorbeilaufen, und vor so vielen er vorbeigelaufen, denen möchte das Leben begnadigt sein. Als ihm dieses die Richter spottweise gewährt, stellte er seine Knechte, je den liebsten am nächsten zu sich, kniete getrost nieder, und wie sein Haupt abgefallen, stand er alsbald auf, lief vor allen vier Knechten hinaus, fiel alsdann hin und blieb liegen. Die Richter getrauten sich doch den Knechten nichts zu tun, berichteten alles dem Kaiser und erlangten, daß den Knechten das Leben geschenkt wurde. Schildhorn (Deutsche Quellen) Zwischen Spandau und Potsdam liegt am linken Ufer der Havel auf einer Landzunge eine Anhöhe, die Schildhorn heißt. Darauf steht eine steinerne Säule mit einem Schilde und Kreuz, die an eine Begebenheit erinnert, welche sich der Sage nach hier vor mehr als 700 Jahren zugetragen haben soll. Um das Jahr 1140 starb zu Brandenburg der letzte wendische Beherrscher des Havellandes, namens Pribislav. Er hatte schon vor seinem Tode Albrecht den Bären zu seinem Nachfolger ernannt. Dieser nahm also die Stadt und das Land in Besitz. Zu Köpenick an der Spree wohnte aber ein Verwandter des Pribislav, der Wendenfürst Jaczo. »Bin ich nicht der natürliche Erbe des Landes,« sagte dieser bei sich selbst, »und welches Recht haben die Christen auf wendisches Eigentum?« Darum zog er mit einem zahlreichen Heer gegen das feste Brandenburg. An der Havel wurde tapfer gekämpft, und die Wenden eroberten die Burg. Aber Albrecht der Bär eilte herbei und nahm sie wieder mit Gewalt in Besitz. Jaczo zog nordwärts gen Spandau mit den Seinen. Das Heer der Christen unter Albrecht folgte ihnen. Auf den Feldern zwischen Groß-Glienicke und Spandau kam es zur Schlacht. In Haufen verließen die Wenden den Kampfplatz und flohen. Jaczo war einer der letzten, welche die Waffen schwangen. Als er sich aber von den Seinen verlassen sah, wandte auch er sein Roß und sprengte davon. Plötzlich wurde seine Flucht durch einen breiten Strom gehemmt; er hielt am Ufer der Havel. Vor ihm lag die breite blaue Wasserfläche, und ihre Wogen stiegen ruhig auf und ab. Hinter ihm der Feind. Was soll der Wende tun? Eine Landzunge streckte sich von der anderen Seite her quer in den Fluß. »Herr,« rief ein Getreuer, der Jaczo gefolgt war, »schwimmt nicht hinüber, das Wasser ist sehr tief!« Aber immer näher kommt der Feind. »Gott der Christen,« ruft Jaczo, »rette mich aus der Gefahr, so will ich dir dienen und den Götzen absagen!« »Greift den Heidenfürsten!« rief es hinter ihm. Da stürzt er jählings mit seinem Rosse, schwerbewaffnet wie er war, in die Flut hinab, die über ihm zusammenschlug. Jetzt taucht er empor. Keuchend schwimmt das treue Tier mit ihm dahin durch die Wogen. Der Feind stand am Ufer und bewunderte Jaczos Mut; er wagte es nicht, zu folgen; ja er sandte dem Fliehenden nicht einmal einen Bolzen nach. Matter und matter wurde das Pferd. »Halt aus, mein treues Roß!« rief Jaczo. Das müde Tier wendete seine letzten Kräfte an. Noch einige Schritte, und das Pferd hatte Boden unter den Füßen. Ein Sprung, und Jaczo ist gerettet. Er stieg die Spitze der Landzunge hinan und sank auf seine Knie. »Dank dir, du mächtiger Christengott!« ruft er; »dir will ich fortan dienen. Von allen meinen Waffen besitze ich nur noch diesen Schild. Hier, wo ich Rettung gefunden, lege ich ihn nieder.« Noch heute heißt jene Uferspitze in der Havel, wo Jaczo glücklich die Havel durchschwommen, »Schildhorn«. Der hart geschmiedete Landgraf (Brüder Grimm) Zu Ruhla im Thüringer Wald liegt eine uralte Schmiede, und sprichwörtlich pflegte man von langen Zeiten her einen strengen, unbiegsamen Mann zu bezeichnen: er ist in der Ruhla hart geschmiedet worden. Landgraf Ludwig zu Thüringen und Hessen war anfänglich ein gar milder und weicher Herr, demütig gegen jedermann; da huben seine Junker und Edelinge an, stolz zu werden, verschmähten ihn und seine Gebote; aber die Untertanen drückten und schatzten sie aller Enden. Es trug sich nun einmal zu, daß der Landgraf jagen ritt auf dem Walde und traf ein Wild an; dem folgte er nach so lange, daß er sich verirrte, und ward benächtiget. Da gewahrte er eines Feuers durch die Bäume, richtete sich danach und kam in die Ruhla, zu einem Hammer- oder Waldschmiede. Der Fürst war mit schlechten Kleidern angetan, hatte sein Jagdhorn umhängen. Der Schmied fragte, wer er wäre. »Des Landgrafen Jäger.« Da sprach der Schmied: »Pfui, des Landgrafen! Wer ihn nennet, sollte allemal das Maul wischen, des barmherzigen Herrn!« Ludwig schwieg, und der Schmied sagte zuletzt: »Herbergen will ich dich heut; in der Schuppen, da findest du Heu, magst dich mit deinem Pferde behelfen; aber um deines Herrn willen will ich dich nicht beherbergen.« Der Landgraf ging beiseit, konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht aber arbeitete der Schmied, und wenn er so mit dem großen Hammer das Eisen zusammenschlug, sprach er bei jedem Schlag: »Landgraf, werde hart, Landgraf, werde hart wie dieses Eisen!« und schalt ihn und sprach weiter: »Du böser, unseliger Herr! Was taugst du den armen Leuten zu leben? Siehst du nicht, wie deine Räte das Volk plagen und mären dir im Munde?« Und erzählte also die liebe lange Nacht, was die Beamten für Untugend mit den armen Untertanen übeten. Klagten dann die Untertanen, so wäre niemand, der ihnen Hilfe täte; denn der Herr nähme es nicht an, die Ritterschaft spottete seiner hinterrücks, nennten ihn Landgraf Metz und hielten ihn gar unwert. Unser Fürst und seine Jäger treiben die Wölfe ins Garn, und die Amtleute die roten Füchse (die Goldmünzen) in ihre Beutel. Mit solchen und anderen Worten redete der Schmied die ganze Nacht zu dem Schmiedegesellen; und wenn die Hammerschläge kamen, schalt er den Herrn und hieß ihn hart werden wie das Eisen. Das trieb er an bis zum Morgen; aber der Landgraf faßte alles zu Ohren und Herzen und ward seit der Zeit scharf und ernsthaft in seinem Gemüt, begundte die Widerspenstigen zwingen und zum Gehorsam bringen. Das wollten etliche nicht leiden, sondern bunden sich zusammen und unterstunden sich gegen ihren Herrn zu wehren. Ludwig baut eine Mauer (Brüder Grimm) Einmal führte der eiserne Landgraf den Kaiser Friedrich Rotbart, seinen Schwager, nach Naumburg aufs Schloß; da ward der Kaiser von seiner Schwester freundlich empfangen und blieb eine Zeitlang da bei ihnen. Eines Morgens lustwandelte der Kaiser, besah die Gebäu und ihre Gelegenheit und kam hinaus auf den Berg, der sich vor dem Schloß ausbreitete. Und sprach: »Eure Burg behaget mir wohl, ohne, daß sie nicht Mauern hier vor der Kemenate hat, die sollte auch stark und feste sein.« Der Landgraf erwiderte: »Um die Mauern sorg' ich nicht, die kann ich schnell erschaffen, so bald ich ihrer bedarf.« Da sprach der Kaiser: »Wie bald kann eine gute Mauer hierum gemachet werden?« »Näher dann in drei Tagen«, antwortete Ludwig. Der Kaiser lachte und sprach: »Das wäre ja wunder; und wenn alle Steinmetzen des deutschen Reiches hier beisammen wären, so möchte das kaum geschehen.« Es war aber an dem, daß der Kaiser zu Tische ging; da bestellte der Landgraf heimlich mit seinen Schreibern und Dienern, daß man von Stund an Boten zu Roß aussandte zu allen Grafen und Herrn in Thüringen und ihnen meldete, daß sie zur Nacht mit wenig Leuten in der besten Rüstenung und Schmuck auf die Burg kämen. Das geschah. Früh morgens, als der Tag anbrach, richtete Landgraf Ludwig das Volk also an, daß ein jeder auf den Graben um die Burg trat, gewappnet und geschmückt in Gold, Silber, Sammet, Seiden und den Wappenröcken, als wenn man zu streiten auszieht; und jeder Graf oder Edelmann hatte seinen Knecht vor ihm, der das Wappen trug, und seinen Knecht hinter ihm, der den Helm trug, so daß man deutlich jedes Wappen und Kleinod erkennen konnte. So standen nun alle Dienstmannen rings um den Graben, hielten bloße Schwerter und Äxte in Händen, und wo ein Mauerturm stehen sollte, da stand ein Freiherr oder ein Graf mit dem Banner. Als Ludwig alles dies stillschweigend bestellet hatte, ging er zu seinem Schwager und sagte: »Die Mauer, die er sich gestern berühmt hätte zu machen, stehe bereit und fertig.« Da sprach Friedrich: »Ihr täuschet mich«, und segnete sich, wenn er es etwa mit der schwarzen Kunst zuwege gebracht haben möchte. Und als er auswendig zu dem Graben trat und so viel Schmuck und Pracht erblickte, sagte er: »Nun hab ich köstlicher, edler, teurer und besser Mauern Zeit meines Lebens noch nicht gesehen; das will ich Gott und Euch bekennen, lieber Schwäher; habt immer Dank, daß Ihr mir solche gezeigt habt.« Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser (Brüder Grimm) Von diesem Kaiser gehen viele Sagen im Schwange. Er soll noch nicht tot sein, sondern bis zum Jüngsten Tage leben, auch kein rechter Kaiser nach ihm mehr aufkommen. Bis dahin sitzt er verhohlen in dem Berg Kyffhausen, und wann er hervorkommt, wird er seinen Schild hängen an einen dürren Baum, davon wird der Baum grünen und eine bessere Zeit werden. Zuweilen redet er mit den Leuten, die in den Berg kommen, zuweilen läßt er sich auswärts sehen. Gewöhnlich sitzt er auf der Bank an dem runden, steinernen Tisch, hält den Kopf in der Hand und schläft, mit dem Haupt nickt er stetig und zwinkert mit den Augen. Der Bart ist ihm groß gewachsen, nach andern um den Tisch herum, dergestalt, daß er dreimal um die Rundung reichen muß bis zu seinem Aufwachen, jetzt aber geht er erst zweimal darum. Ein Bauer, der 1669 aus dem Dorfe Reblingen Korn nach Nordhausen fahren wollte, wurde von einem kleinen Männchen in den Berg geführt, mußte sein Korn ausschütten und sich dafür die Säcke mit Gold füllen. Dieser sah nun den Kaiser sitzen, aber ganz unbeweglich. Auch einen Schäfer, der einstmals ein Lied gepfiffen, das dem Kaiser wohlgefallen, führte ein Zwerg hinein, da stand der Kaiser auf und fragte: »Fliegen die Raben noch um den Berg?« Und auf die Bejahung des Schäfers rief er: »Nun muß ich noch hundert Jahre länger schlafen.« Heinrich der Löwe (Brüder Grimm) Zu Braunschweig steht aus Erz gegossen das Denkmal eines Helden, zu dessen Füßen ein Löwe liegt; auch hängt im Dom daselbst eines Greifen Klaue. Davon lautet folgende Sage: Vorzeiten zog Herzog Heinrich, der edle Welf, nach Abenteuern aus. Als er in einem Schiff das wilde Meer befuhr, erhob sich ein mächtiger Sturm und verschlug den Herzogen; lange Tage und Nächte irrte er, ohne Land zu finden. Bald fing den Reisenden die Speise an auszugehen, und der Hunger quälte sie schrecklich. In dieser Not wurde beschlossen, Lose in einen Hut zu werfen, und wessen Los gezogen ward, der verlor das Leben und mußte der andern Mannschaft mit seinem Fleische zur Nahrung dienen. Willig unterwarfen sich die Unglücklichen und ließen sich für den geliebten Herrn und ihre Gefährten schlachten. So wurden die übrigen eine Zeitlang gefristet; doch schickte es die Vorsehung, daß niemals des Herzogen Los herauskam. Aber das Elend wollte kein Ende nehmen; zuletzt war bloß der Herzog mit einem einzigen Knecht noch auf dem ganzen Schiff lebendig, und der schreckliche Hunger hielt nicht stille. Da sprach der Fürst: »Laß uns beide losen, und auf wen es fällt, von dem speise sich der andere.« Über diese Zumutung erschrak der treue Knecht, doch, so dachte er, es würde ihn selbst betreffen und ließ es zu; siehe, da fiel das Los auf seinen edlen, liebwerten Herrn, den jetzt der Diener töten sollte. Da sprach der Knecht: »Das tue ich nimmermehr, und wenn alles verloren ist, so hab ich noch ein anderes ausgesonnen; ich will Euch in einen ledernen Sack einnähen, wartet dann, was geschehen wird.« Der Herzog gab seinen Willen dazu; der Knecht nahm die Haut eines Ochsen, den sie vordem auf dem Schiffe gespeist hatten, wickelte den Herzog darein und nähte sie zusammen; doch hatte er sein Schwert neben ihn hineingesteckt. Nicht lange, so kam der Vogel Greif geflogen, faßte den ledernen Sack in die Klauen und trug ihn durch die Lüfte über das weite Meer bis in sein Nest. Als der Vogel dies bewerkstelligt hatte, sann er auf einen neuen Fang, ließ die Haut liegen und flog wieder aus. Mittlerweile faßte Herzog Heinrich das Schwert und zerschnitt die Nähte des Sackes; als die jungen Greifen den lebendigen Menschen erblickten, fielen sie gierig und mit Geschrei über ihn her. Der teure Held wehrte sich tapfer und schlug sie sämtlich zu Tode. Als er sich aus dieser Not befreit sah, schnitt er eine Greifenklaue ab, die er zum Andenken mit sich nahm, stieg aus dem Neste den hohen Baum hernieder und befand sich in einem weiten wilden Wald. In diesem Walde ging der Herzog eine gute Weile fort; da sah er einen fürchterlichen Lindwurm wider einen Löwen streiten, und der Löwe schwebte in großer Not, zu unterliegen. Weil aber der Löwe insgemein für ein edles und treues Tier gehalten wird und der Wurm für ein böses, giftiges, säumte Herzog Heinrich nicht, sondern sprang dem Löwen mit seiner Hilfe bei. Der Lindwurm schrie, daß es durch den Wald erscholl und wehrte sich lange Zeit; endlich gelang es dem Helden, ihn mit seinem guten Schwerte zu töten. Hierauf nahte sich der Löwe, legte sich zu des Herzogs Füßen neben den Schild auf den Boden und verließ ihn nimmermehr von dieser Stunde an. Denn als der Herzog nach Verlauf einiger Zeit, während welcher das treue Tier ihn mit gefangenem Hirsch und Wild ernährt hatte, überlegte, wie er aus dieser Einöde und der Gesellschaft des Löwen wieder unter die Menschen gelangen konnte, baute er sich eine Horde aus zusammengelegtem Holz mit Reis durchflochten und setzte sie aufs Meer. Als nun einmal der Löwe in den Wald zu jagen gegangen war, bestieg Heinrich sein Fahrzeug und stieß vom Ufer ab. Der Löwe aber, welcher zurückkehrte und seinen Herrn nicht mehr fand, kam zum Gestade und erblickte ihn aus weiter Ferne; alsobald sprang er in die Wogen und schwamm solange, bis er auf dem Floß bei dem Herzoge war, zu dessen Füßen er sich ruhig niederlegte. Hierauf fuhren sie eine Zeitlang auf den Meereswellen, bald überkam sie Hunger und Elend. Der Held betete und wachte und hatte Tag und Nacht keine Ruhe; da erschien ihm der böse Teufel und sprach: »Herzog, ich bringe dir Botschaft; du schwebst hier in Pein und Not auf dem offenen Meere, und daheim zu Braunschweig ist lauter Freude und Hochzeit; heute an diesem Abend hält ein Fürst aus fremden Landen Hochzeit mit deinem Weibe; denn die gesetzten sieben Jahre seit deiner Ausfahrt sind verstrichen.« Traurig versetzte Heinrich, das möge wahr sein, doch wolle er sich zu Gott lenken, der alles wohl mache. »Du redest noch viel von Gott,« sprach der Versucher, »der hilft dir nicht aus diesen Wasserwogen; ich aber will dich noch heute zu deiner Gemahlin führen, wofern du mein sein willst.« Sie hatten ein lang Gespräche, der Herr wollte sein Gelübde gegen Gott, das ewige Licht, nicht brechen; da schlug ihm der Teufel vor, er wolle ihn ohne Schaden samt dem Löwen noch heut abend auf den Giersberg vor Braunschweig tragen und hinlegen, da solle er seiner warten; finde er ihn nach der Zurückkunft schlafend, so sei er ihm und seinem Reiche verfallen. Der Herzog, welcher von heißer Sehnsucht nach seiner geliebten Gemahlin gequält wurde, ging dieses ein und hoffte auf des Himmels Beistand wider alle Künste des Bösen. Alsbald ergriff ihn der Teufel, führte ihn schnell durch die Lüfte bis vor Braunschweig, legte ihn auf dem Giersberg nieder und rief: »Nun wache, Herr! Ich kehre bald wieder.« Heinrich aber war aufs höchste ermüdet, und der Schlaf setzte ihm mächtig zu. Nun fuhr der Teufel zurück und wollte den Löwen, wie er verheißen hatte, auch abholen; es währte nicht lange, so kam er mit dem treuen Tiere daher geflogen. Als nun der Teufel, noch aus der Luft herunter, den Herzog in Müdigkeit versenkt auf dem Giersberg ruhen sah, freute er sich schon im voraus; allein der Löwe, der seinen Herrn für tot hielt, hub laut zu schreien an, daß Heinrich in demselben Augenblicke erwachte. Der böse Feind sah nun sein Spiel verloren und bereute es zu spät, das wilde Tier herbeigeholt zu haben; er warf den Löwen aus der Luft herab zu Boden, daß es krachte. Der Löwe kam glücklich auf den Berg zu seinem Herrn, welcher Gott dankte und sich aufrichtete, um, weil es Abend werden wollte, hinab in die Stadt Braunschweig zu gehen. Nach der Burg war sein Gang, und der Löwe folgte ihm immer nach, großes Getöse scholl ihm entgegen. Er wollte in das Fürstenhaus treten, da wiesen ihn die Diener zurück. »Was heißt das Getön und Pfeifen,« rief Heinrich aus, »sollte doch wahr sein, was mir der Teufel gesagt? Und ist ein fremder Herr in diesem Haus?« »Kein fremder,« antwortete man ihm, »denn er ist unsrer gnädigen Frauen verlobt und bekommt heute das Braunschweiger Land.« »So bitte ich«, sagte der Herzog, »die Braut um einen Trunk Weins, mein Herz ist mir ganz matt.« Da lief einer von den Leuten hinauf zu der Fürstin und hinterbrachte, daß ein fremder Gast, dem ein Löwe mitfolge, um einen Trunk Wein bitten lasse. Die Herzogin verwunderte sich, füllte ihm ein Geschirr mit Wein und sandte es dem Pilgrim. »Wer magst du wohl sein,« sprach der Diener, »daß du von diesem edlen Wein zu trinken begehrst, den man allein der Herzogin einschenkt?« Der Pilgrim trank, nahm seinen goldenen Ring und warf ihn in den Becher und ließ diesen der Braut zurücktragen. Als sie den Ring erblickte, worauf des Herzogs Schild und Name geschnitten war, erbleichte sie, stund eilends auf und trat an die Zinne, um nach dem Fremdling zu schauen. Sie ward den Herrn inne, der da mit dem Löwen saß; darauf ließ sie ihn in den Saal entbieten und fragen, wie er zu dem Ringe gekommen wäre und warum er ihn in den Becher gelegt hätte? »Von keinem hab' ich ihn bekommen, sondern ihn selbst genommen, es sind nun länger als sieben Jahre; und den Ring hab' ich hingeleget, wo er billig hingehört.« Als man der Herzogin diese Antwort hinterbrachte, schaute sie den Fremden an und fiel vor Freuden zur Erden, weil sie ihren geliebten Gemahl erkannte; sie bot ihm ihre weiße Hand und hieß ihn willkommen. Da entstand große Freude im ganzen Saal, Herzog Heinrich setzte sich zu seiner Gemahlin an den Tisch; dem jungen Bräutigam aber wurde ein schönes Fräulein aus Franken angetraut. Hierauf regierte Herzog Heinrich lange und glücklich in seinem Reich; als er in hohem Alter starb, legte sich der Löwe auf des Herrn Grab und wich nicht davon, bis er auch verschied. Das Tier liegt auf der Burg begraben, und seiner Treue zu Ehren wurde ihm eine Säule errichtet. Der Schwanritter (Brüder Grimm) Herzog Gottfried von Brabant war gestorben, ohne männliche Erben zu hinterlassen; er hatte aber in einer Urkunde gestiftet, daß sein Land der Herzogin und seiner Tochter verbleiben sollte. Hieran kehrte sich jedoch Gottfrieds Bruder, der mächtige Herzog von Sachsen, wenig, sondern bemächtigte sich, aller Klagen der Witwe und Waise unerachtet, des Landes, das nach deutschem Rechte auf keine Weiber erben könne. Die Herzogin beschloß daher, bei dem König zu klagen; und als bald darauf Karl nach Niederland zog und einen Tag zu Neumagen am Rheine halten wollte, kam sie mit ihrer Tochter dahin und begehrte Recht. Dahin war auch der Sachsenherzog gekommen und wollte der Klage zur Antwort stehen. Es ereignete sich aber, daß der König durch ein Fenster schaute; da erblickte er einen weißen Schwan, der schwamm den Rhein herdan und zog an einer silbernen Kette, die hell glänzte, ein Schifflein nach sich; in dem aber ruhte ein schlafender Ritter, sein Schild war sein Hauptkissen, und neben ihm lagen Helm und Halsberg; der Schwan steuerte gleich einem geschickten Seemann und brachte sein Schiff an das Gestade. Karl und der ganze Hof verwunderten sich höchlich ob diesem seltsamen Ereignis; jedermann vergaß der Klage der Frauen und lief dem Ufer zu. Unterdessen war der Ritter erwacht und stieg aus der Barke; wohl und herrlich empfing ihn der König, nahm ihn selbst zur Hand und führte ihn gegen die Burg. Da sprach der junge Held zu dem Vogel: »Flieg deinen Weg wohl, lieber Schwan! Wann ich dein wieder bedarf, will ich dich schon rufen.« Sogleich schwang sich der Schwan und fuhr mit dem Schifflein aus aller Augen weg. Jedermann schaute den fremden Gast neugierig an; Karl ging wieder ins Gestühl zu seinem Gericht und wies jenem eine Stelle unter den anderen Fürsten an. Die Herzogin von Brabant, in Gegenwart ihrer schönen Tochter, hub nunmehr ausführlich zu klagen an, und hernach verteidigte sich auch der Herzog von Sachsen. Endlich erbot er sich zum Kampf für sein Recht, und die Herzogin sollte ihm einen Gegner stellen, das ihre zu bewähren. Da erschrak sie heftig; denn er war ein auserwählter Held, an den sich niemand wagen würde; vergebens ließ sie im ganzen Saale die Augen umgehen, keiner war da, der sich ihr erboten hätte. Ihre Tochter klagte laut und weinte; da erhob sich der Ritter, den der Schwan ins Land geführt hatte, und gelobte, ihr Kämpfer zu sein. Hierauf wurde sich von beiden Seiten zum Kampfe gerüstet, und nach einem langen und hartnäckigen Gefecht war der Sieg endlich auf seiten des Schwanritters. Der Herzog von Sachsen verlor sein Leben, und der Herzogin Erbe wurde wieder frei und ledig. Da neigten sie und die Tochter sich dem Helden, der sie erlöst hatte, und er nahm die ihm angetragene Hand der Jungfrau mit dem Beding an: daß sie nie und zu keiner Zeit fragen solle, woher er komme und welches sein Geschlecht sei, denn außerdem müsse sie ihn verlieren. Der Herzog und die Herzogin hatten zwei Kinder zusammen, die waren wohl geraten; aber immermehr fing es an, ihre Mutter zu drücken, daß sie gar nicht wußte, wer ihr Vater war; und endlich tat sie an ihn die verbotene Frage. Der Ritter erschrak herzlich und sprach: »Nun hast du selbst unser Glück zerbrochen und mich am längsten gesehen.« Die Herzogin bereute es aber zu spät, alle Leute fielen zu seinen Füßen und baten ihn, zu bleiben. Der Held waffnete sich, und der Schwan kam mit demselben Schifflein geschwommen; darauf küßte er beide Kinder, nahm Abschied von seinem Gemahl und segnete das ganze Volk, dann trat er ins Schiff, fuhr seine Straße und kehrte nimmer wieder. Der Frau ging der Kummer zu Bein und Herzen, doch zog sie fleißig ihre Kinder auf. Aus der Nachkommenschaft dieser Kinder stammen viele edle Geschlechter, die von Geldern sowohl als Cleve, auch die Rieneker Grafen und manche andere; alle führen den Schwan im Wappen. Trifels (Brüder Grimm) Über dem Annweiler Tale bei Landau erhob sich eine stattliche Kaiserpfalz, Burg Trifels genannt. Es geht die Sage, daß König Richard Löwenherz von England darinnen gefangen gehalten worden sei vom Kaiser Heinrich VI. Niemand wußte, wo er hingekommen, und es war große Sehnsucht nach Richards Wiederkehr in seinem Reiche. Nun hatte Richard einen treuen Dienstmann, der hieß Blondel; der war ein Minnesänger und verstand sich meisterlich auf die Kunst des Gesanges und der Töne. Der machte sich mit einer Schar redlicher Männer auf, seinen König überall zu suchen. Reichen Schatz an Gold und Kleinodien, den das Volk geopfert, nahmen sie mit sich zum Lösegeld. Auch König Richard war ein Minnesänger, und Blondel kannte und konnte des Königs Lieder. Vor mancher Burg, darinnen er den König gefangen glaubte, hatte Blondel schon seine Weisen angestimmt, auf welche, wie er sicher voraussetzte, der König, wenn er ihn hörte, singend antworten mußte; aber es war still geblieben hinter den festen Mauern. Schon war er am Donaustrom auf und ab gezogen und hatte auch rings um den Rhein gesucht und gesungen, da vernahm er, daß er in der Nähe der Stadt Landau, allwo man dazumal des deutschen Reiches Kleinodien aufbewahrte, auf dreien Felsenzacken ein gar großes und stattliches Kaiserschloß stehe. Und da Blondel der Meinung war, nur in einem solchen Schloß werde der deutsche Kaiser seinen König und Herrn gefangenhalten, so wandte er sich dorthin mit den Seinen, umschlich spähend die Mauern und stimmte am Fuße der starken und hohen Türme, in deren Tiefen und Verliesen man gewöhnlich die Gefangenen schmachten ließ, jene Weisen an, die nur König Richard kannte. Und – o Freude! – endlich, endlich drang aus dem Gemäuer des Turmes auf Trifels antwortender Gesang in gleicher Weise. Hoch schlug vor Freude Blondels Herz: sein Richard, sein König, war gefunden und bald darauf aus seiner Haft befreit. Wilhelm Tell (Brüder Grimm) Es fügte sich, daß des Kaisers Handvogt, genannt der Grißler, gen Uri fuhr; als er da eine Zeit wohnte, ließ er einen Stecken unter der Linde, da jedermann vorbei mußte, richten, legte einen Hut darauf und hatte einen Knecht zur Wacht dabei sitzen. Darauf gebot er durch öffentlichen Ausruf: wer der wäre, der da vorüber ginge, sollte sich dem Hut neigen, als ob der Herr selber zugegen sei; und übersähe es einer und täte es nicht, den wollte er mit schweren Bußen strafen. Nun war ein frommer Mann im Lande, hieß Wilhelm Tell, der ging vor dem Hut über und neigte ihm keinmal. Da verklagte ihn der Knecht, der des Hutes wartete, bei dem Handvogt. Der Handvogt ließ den Tell vor sich bringen und fragte, warum er sich dem Stecken und Hut nicht neige, als doch geboten sei? Wilhelm Tell antwortete: »Lieber Herr, es ist von ungefähr geschehen; dachte nicht, daß es Euer Gnad so hoch achten und fassen würde; wär ich witzig, so hieß ich anders dann der Tell.« Nun war der Tell gar ein guter Schütz, wie man sonst keinen im Lande fand, hatte auch hübsche Kinder, die ihm lieb waren. Da sandte der Handvogt, ließ die Kinder holen, und als sie gekommen waren, fragte er Tellen, welches Kind ihm das allerliebste wäre. »Sie sind mir alle gleich lieb.« Da sprach der Herr: »Wilhelm, du bist ein guter Schütz, und find't man nicht deinesgleichen; das wirst du mir jetzt bewähren; denn du sollst deiner Kinder einem den Apfel vom Haupte schießen. Tust du das, so will ich dich für einen guten Schützen achten.« Der gute Tell erschrak, flehte um Gnade, und daß man ihm solches erließe, denn es wäre unnatürlich; was er ihm sonst hieße, wolle er gern tun. Der Vogt aber zwang ihn mit seinen Knechten und legte dem Kinde selbst den Apfel aufs Haupt. Nun sah Tell, daß er nicht ausweichen konnte, nahm den Pfeil und steckte ihn hinter seinen Göller, den andern Pfeil nahm er in die Hand, spannte die Armbrust und bat Gott, daß er sein Kind behüten wolle, zielte und schoß glücklich ohne Schaden den Apfel von des Kindes Haupt. Da sprach der Herr, das wäre ein Meisterschuß; aber eins wirst du mir sagen: »Was bedeutet, daß du den ersten Pfeil hinten ins Göller stießest ?« Tell sprach: »Das ist so Schützen Gewohnheit.« Der Landvogt ließ aber nicht ab und wollte es eigentlich hören; zuletzt sagte Tell, der sich fürchtete, wenn er die Wahrheit offenbarte: wenn er ihm das Leben sicherte, wolle er's sagen. Als das der Landvogt getan, sprach Tell: »Nun wohl! Sintemalen Ihr mich des Lebens gesichert habt, will ich das Wahre sagen.« Und fing an und sagte: »Ich habe es darum getan: hätte ich des Apfels gefehlt und mein Kindlein geschossen, so wollte ich Euer mit dem andern Pfeil nicht gefehlt haben.« Da das der Landvogt vernahm, da sprach er: »Dein Leben ist dir zwar zugesagt; aber an ein Ende will ich dich legen, da dich Sonne und Mond nimmer bescheinen;« ließ ihn fangen und binden und in denselben Nachen legen, auf dem er wieder nach Schwitz schiffen wollte, wie sie nun auf dem See fuhren und kamen bis gen Axen hinaus, stieß sie ein grausamer starker Wind an, daß das Schiff schwankte und sie elend zu verderben meinten; denn keiner wußte mehr dem Fahrzeug vor den Wellen zu steuern. Indem sprach einer der Knechte zum Landvogt: »Herr, hießet Ihr den Tell aufbinden, der ist ein starker, mächtiger Mann und versteht sich wohl auf das Wetter, so möchten wir wohl aus der Not entrinnen.« Sprach der Herr und rief dem Tell: »willst du uns helfen und dein Bestes tun, daß wir von hinnen kommen, so will ich dich heißen aufbinden.« Da sprach der Tell: »Ja, gnädiger Herr, ich will's gerne tun und getraue mir's.« Da ward Tell aufgebunden und stand an dem Steuer und fuhr redlich dahin; doch so lugte er allenthalben auf seinen Vorteil und auf seine Armbrust, die nah bei ihm am Boden lag. Da er nun kam gegen die große Platte – die man seither stets genannt hat »des Tellen Platte« und noch heut bei Tag also nennet – deucht es ihm Zeit zu sein, daß er entrinnen konnte; rief allen munter zu, fest anzuziehen, bis sie auf die Platte kämen; denn wann sie davor kämen, hätten sie das Böseste überwunden. Also zogen sie der Platte nah, da schwang er mit Gewalt, als er dann ein mächtig starker Mann war, den Nachen, griff seine Armbrust und tat einen Sprung auf die Platte, stieß das Schiff von sich und ließ es schweben und schwanken auf dem See. Lief durch Schwitz schattenhalb (im dunklen Gebirg), bis daß er kam gen Küßnacht in die hohle Gassen; da war er vor dem Herrn hingekommen und wartete sein daselbst. Und als der Landvogt mit seinen Dienern geritten kam, stand Teil hinter einem Staudenbusch und hörte allerlei Anschläge, die über ihn gingen, spannte die Armbrust auf und schoß einen Pfeil auf den Herrn, daß er tot umfiel. Da lief Tell hinter sich über die Gebirge gen Uri, fand seine Gesellen und sagte ihnen, wie es ergangen war. In Ketten aufhängen (Brüder Grimm) Landgraf Philipp von Hessen mußte eine Zeitlang bei dem Kaiser gefangensitzen; mittlerweile überschwemmte das Kriegsvolk seine Länder und schleifte ihm alle Festungen, ausgenommen Ziegenhain. Darin lag Heinz von Lüder, hielt seinem Herrn rechte Treue und wollte die Feste um keinen Preis übergeben, sondern lieber sich tapfer wehren. Als nun endlich der Landgraf ledig wurde, sollte er auf des Kaisers Geheiß, sobald er nach Hessen zurückkehren würde, diesen hartnäckigen Heinz von Lüder unter dem Ziegenhainer Tore in Ketten aufhängen lassen, und zu dem Ende wurde ein kaiserlicher Abgeordneter als Augenzeuge mitgegeben. Philipp, nachdem er zu Ziegenhain eingetroffen, versammelte den Hof, die Ritterschaft und des Kaisers Gesandten. Da nahm er eine güldene Kette, ließ seinen Obersten daran an einer Wand, ohne ihm wehe zu tun, aufhängen, gleich wieder abhängen und verehrte ihm die goldene Kette unter großen Lobsprüchen seiner Tapferkeit. Der kaiserliche Abgeordnete machte Einwendung, aber der Landgraf erklärte standhaft, daß er sein Wort, ihn aufhängen zu lassen, streng gehalten und es nie anders gemeint habe. Das kostbare Kleinod ist bei dem Lüderschen Geschlecht in Ehren aufbewahrt worden und jetzt, nach Erlöschen des Mannesstammes, an das adlige Haus Schenk zu Wilmerode gekommen. Die Hussitenschlacht bei Bernau (H. Lohre) Als im Jahre 1432 die Hussiten die Mark verwüsteten, sind sie auch vor die damals sehr feste Stadt Bernau gekommen, die sie stürmen wollten, sind aber von den Weibern, als sie die Mauern erstiegen, durch heißen Brei und heißes Wasser, welches man auf sie herabschüttete, zurückgetrieben worden. Indessen hatte sich der Kurprinz Friedrich mit sechstausend Mann von dem Berliner Tor bis zum Mühlentor und von da weiter bis halb an das Steintor gelagert und daselbst die Reichshilfstruppen erwartet, und nachdem diese angelangt, geht er den Belagerern in den Rücken und fällt sie von hinten an. Die in der Stadt samt den dahin Geflüchteten, worunter allein neunhundert Knechte gewesen, fallen gleichfalls aus und greifen die Feinde von vorn an, so daß sie auf diese Weise in die Mitte gebracht und aufs Haupt geschlagen wurden. Das ist aber geschehen auf dem Felde, wo die Panke entspringt, und in so gewaltigen Strömen ist das Blut der Feinde geflossen, daß der Boden hier bis auf den heutigen Tag davon rot gefärbt worden, weshalb er den Namen das Blutfeld oder das rote Land erhalten. Der Tag der Schlacht ist aber der des heiligen Georg gewesen, welcher noch alljährlich in Bernau mit einem feierlichen Dankfest begangen wird. In der Mark aber kam der Spruch auf: »Der Bernausche heiße Brei macht die Mark hussitenfrei.« Von Stätten und Geschlechtern Die Göttin Hertha (A. Haas) n der Stubbenkammer auf Rügen, etwa zehn Minuten vom Königsstuhl entfernt, liegt in stiller Waldeseinsamkeit ein aus vorgeschichtlicher Zeit stammender Burgwall, die sogenannte Herthaburg, und unmittelbar daneben ein fast kreisrunder Waldsee, der Herthasee. In dem Burgwall hat in heidnischen Zeiten der Tempel der weithin berühmten Göttin Hertha gestanden, die hier ihren Wohnsitz hatte. Zur Zeit der Ernte fuhr die Hertha von hier aus auf einem mit Kühen bespannten Wagen durch das Land und wurde überall, wohin sie kam, mit Jubel und Frohlocken empfangen; denn die Menschen wußten, daß die Göttin durch ihr Erscheinen ihren Feldern Fruchtbarkeit und ihren Herden Gedeihen brachte. Nach dem Umzuge badete die Göttin im Herthasee, und ebenso wurde der Wagen, auf welchem sie den Umzug gehalten hatte, in den Fluten des Sees gewaschen. Alle Diener und Dienerinnen, welche hierbei hilfreiche Hand leisteten, wurden nach Beendigung der heiligen Handlung im Herthasee ertränkt, damit sie von den Zeremonien, die sie gesehen hatten, nichts ausplauderten. Darum hat auch von jeher ein geheimnisvolles Dunkel über dem Kult der Göttin Hertha geschwebt. Die Geister der ehemals im See Ertränkten sollen sich noch jetzt zur Nachtzeit am Ufer des Herthasees blicken lassen. Auch erzählt man, daß der See bis auf den heutigen Tag alljährlich ein Menschenleben als Opfer fordere. Die heilige Gertrud auf der Gertraudenbrücke (O. Monke) Die heilige Gertrud soll eine Tochter des Pippin von Landen gewesen und im Jahre 659 als Äbtissin des Klosters in Nivelles bei Brüssel gestorben sein. Sie war mildtätig gegen Kranke und gründete Hospitäler, sowie Herbergen für Reisende, von denen sie denn auch besonders verehrt wurde. Das Spittel vor dem ehemaligen Teltower Tore und die 1881 abgebrochene Spittelkirche auf dem Spittelmarkt waren nach ihr benannt, und neuerdings hat man ihr auf der nahen Brücke ein Denkmal errichtet. Da kreuzt die Straße den Wasserweg; darum ist diese Stelle für sie ganz besonders passend. Zu ihren Füßen kniet ein »fahrender Schüler«, dem sie einen Trunk reicht. Lächelnd blickt die Heilige zu ihm nieder und übersieht absichtlich die gestohlene Gans, die der Bursch an einer Leine mit sich führt. Zu den Wanderern gehören nach dem Volksglauben aber auch die Seelen der Verstorbenen; sie verwandeln sich, wie man sagt, in Mäuse und kommen in der ersten Nacht nach dem Tode zur heiligen Gertrud, in der zweiten zum heiligen Michael und erst in der dritten dahin, wohin sie gehören, wie sie es verdienen. Darum umgibt ein Mäusekranz den Sockel des Standbildes, weil nun die hl. Gertrud eine Beherrscherin der Mäuse ist, kann sie auch die Fluren und Felder vor Mäusefraß beschützen, wenn sie will. Deshalb beten die Landleute zu ihr und bringen ihr in jedem Jahre am Z7. März, ihrem Gedächtnistage, die ersten Frühlingsblumen. Daher sprießen auf dem Denkmal zu ihren Füßen Lilien. Nach einer alten Sage liegt das Reich der Toten unter der Erde, und die Todesgöttin Hel oder auch Frau Holle führt dort die Herrschaft. Frau Holle ist aber gleichzeitig die Beschützerin des Flachsbaues und der Spinnerinnen. Darum hat man auch der hl. Gertrud einen Spinnrocken in die Hand gegeben und gesagt, am 17. März beißen die Mäuse den Faden ab. Da soll das Spinnen aufhören; denn der Frühling beginnt und mit ihm die Arbeit in Feld und Garten. Denkmäler wie dieses werden gar leicht zu Wahrzeichen einer Stadt, und früher, als es noch keine Wanderbücher gab, fragte man sogar die Handwerksburschen danach. Die Kenntnis der Wahrzeichen galt dann als Beweis, daß der Bursch kein Landstreicher war, sondern in der Stadt auch wirklich längere Zeit gelebt und gearbeitet hatte. Darum kannten früher die Leute ihre Heimat und die Wahrzeichen ihrer Stadt, und es wäre schön, wenn das heute noch so wäre. Der Franken Furt (Ludwig Bechstein) Zur Zeit Karls des Großen kriegten die Sachsen gegen die Franken und ihren mächtigen König. Einst waren die Sachsen siegreich und trieben die Feinde bis hinab zum Mainstrom. Wie nun die flüchtigen Franken an die Stelle kamen, wo jetzt Frankfurt liegt, und des Stromes Breite und Tiefe sie erschreckte, da sie weder Brücke noch Schiffe hatten, siehe, da zeigte ihnen eine Hirschkuh den Weg, indem sie ohne Gefahr durch den Strom schritt und also eine Furt anzeigte, wo die Franken ohne Gefahr über den Strom setzen konnten. Als nun später die nachfolgenden Feinde kamen und jene Furt nicht kannten und fanden, mußten sie die Franken unverfolgt lassen. Und Karl der Große soll gesprochen haben: »Besser, daß die Völker sagen, ich sei mit meinen Franken diesmal vor den Sachsen geflohen, als daß sie sagen, ich sei hier gefallen; denn weil ich lebe, kann und will ich meine Ehre retten!« Dort nun siedelten sich Franken an; denn es war ein lieblich und fruchtreich gelegener Gau. Und sie nannten den Ort die Furt der Franken, Frankfurt. Manche sagen, gleich damals hätten die Sachsen den Ort Sachsenhausen, Frankfurt gegenüber, dicht am Mainstrom begründet; andere aber behaupten, dessen Gründung sei erst dann geschehen, als Karl der Große überwundene Sachsen aus ihrem Heimatlande hinweg und zur Ansiedelung im Frankenlande genötigt habe, wovon bis auf den heutigen Tag noch viele Ortsnamen zeugen. Später erbaute Kaiser Karl selbst eine kleine Pfalz zu Frankfurt und hielt sich Jagens halber gern dort auf, feierte Ostern da und hielt Reichskonvente. Auch Karls des Großen Sohn, König Ludwig, wohnte da, recht in seines weiten Reiches Mitte, und sein Sohn Karl, hernachmals der Kahle genannt, war allda geboren. Noch immer wird die seichte Stelle im Main gezeigt, wo der Franken Furt war und Frankfurts erster Anbau und Name sich begründete. Und Kaiser Karls Pfalz stand da, wo jetzt die St. Leonhardskirche steht, und die neue Pfalz, welche Ludwig der Fromme erbaute und der Saal hieß, lag neben dem Fahrtor; davon hat noch heute die Saalgasse ihren Namen. Im Saalhof starben Ludwig der Deutsche, des frommen Ludwig jüngster Sohn, wie auch Hemma, dessen Gemahlin. Dieser König war es, der Frankfurt zu des ostfränkischen Reiches weltlicher Hauptstadt erhob, während Mainz die geistliche war. Der Rosenstrauch zu Hildesheim (Brüder Grimm) Als Ludwig der Fromme winters in der Gegend von Hildesheim jagte, verlor er sein mit Heiligtum gefülltes Kreuz, das ihm vor allem lieb war. Er sandte seine Diener aus, um es zu suchen und gelobte, an dem Orte, wo sie es finden würden, eine Kapelle zu bauen. Die Diener verfolgten die Spur der gestrigen Jagd auf dem Schnee und sahen bald aus der Ferne mitten im Wald einen grünen Rasen und darauf einen grünenden wilden Rosenstrauch. Als sie ihm näherkamen, hing das verlorene Kreuz daran; sie nahmen es und berichteten dem Kaiser, wo sie es gefunden. Alsobald befahl Ludwig, auf der Stätte eine Kapelle zu erbauen und den Altar dahin zu setzen, wo der Rosenstock stand. Dieses geschah, und bis auf diese Zeiten grünt und blüht der Strauch und wird von einem eigens dazu bestellten Manne gepflegt. Er hat mit seinen Ästen und Zweigen die Rundung des Doms bis zum Dache umzogen. Ursprung der Grafen von Mannsfeld (Brüder Grimm) Während einst Kaiser Heinrich sein Hoflager auf der Burg bei Wallhaufen in der goldenen Aue hatte, bat sich einer seiner Mannen von ihm ein Stück Feld zum Eigentum aus, das an die goldene Aue grenzte und so groß wäre, daß er es mit einem Scheffel Gerste umsäen könnte. Der Kaiser, weil er den Ritter seiner Tapferkeit wegen liebte, bewilligte ihm die Bitte, ohne sich zu bedenken. Dieser nahm einen Scheffel Gerste und umsäte damit die Grenze der nachmaligen Grafschaft Mannsfeld. Doch dies erregte den Neid der übrigen Mannen, und sie hinterbrachten dem Kaiser, daß seine Gnade durch eine falsche Deutung gemißbraucht worden. Aber der Kaiser antwortete lachend: »Gesagt ist gesagt! Das ist des Mannes Feld!« Daher der Name Mannsfeld und in dem gräflichen Wappen die Gerstenkörner, welche die Wappenkünstler Wecken nennen. Der Rammelsberg (Brüder Grimm) Zur Zeit, als Kaiser Otto I. auf der Harzburg hauste, hielt er auch an dem Harzgebirge große Jagden. Da geschah es, daß Ramm (nach andern Remme), seiner besten Jäger einer, an den Vorbergen jagte, der Burg gegen Niedergang, und ein Wild verfolgte. Bald aber wurde der Berg zu steil, darum stieg der Jäger ab von seinem Roß, band es an einen Baum und eilte dem Wild zu Fuß nach. Sein zurückbleibendes Pferd stampfte ungeduldig und kratzte mit den Vorderhufen auf den Grund. Als sein Herr, der Jäger Ramm von der Verfolgung des Wildes zurückkehrte, sah er verwundert, wie sein Pferd gearbeitet und mit den Füßen einen schönen Erzgang aufgescharrt hatte. Da hub er einige Stufen auf und trug sie dem Kaiser hin, der alsbald das entblößte Bergwerk angreifen und mit Schürfen versuchen ließ. Des Jägers Frau nannte sich Gosa, und von ihr empfing die Stadt Goslar, die nahe bei dem Berg gebaut wurde, ihren Namen. Das Flüßchen, das durch die Stadt rinnt, heißt ebenfalls Gose, desgleichen das daraus gebraute Weißbier. Der Jäger wurde in der Augustinus-Kapelle begraben und auf dem Leichenstein mit seiner Frau in Lebensgröße ausgehauen; Rammel trägt in der Rechten ein Schwert über sich und Gosa eine Krone auf dem Haupt. König Grünewald (Brüder Grimm) Auf dem Christenberg in Oberhessen wohnte vor alters ein König, und stand da sein Schloß. Und er hatte auch eine einzige Tochter, auf die er gar viel hielt, und die wunderbare Gaben besaß. Nun kam einmal sein Feind, ein König, der hieß Grünewald und belagerte ihn in seinem Schlosse, und als die Belagerung lange dauerte, so sprach dem König im Schlosse seine Tochter immer noch Mut ein. Das währte bis zum Maientag. Da sah auf einmal die Tochter, wie der Tag anbrach, das feindliche Heer herangezogen kommen mit grünen Bäumen. Da wurde es ihr angst und bang, denn sie wußte aus einem Traum, daß alles verloren und sagte ihrem Vater: »Vater, gebt euch gefangen, der grüne Wald kommt gegangen!« Darauf schickte sie ihr Vater ins Lager König Grünewalds, bei dem sie ausmachte, daß sie selbst freien Abzug haben sollte und noch dazu mitnehmen dürfte, was sie auf einen Esel packen könnte. Da nahm sie ihren eigenen Vater, packte ihn drauf samt ihren besten Schätzen und zog nun fort. Und als sie eine gute Strecke in einem fort gegangen waren und ermüdet, sprach die Königstochter: »Hier wollemer ruhen!« Daher hat ein Dorf den Namen, das dort liegt (Wollmar, eine Stunde vom Christenberg, in der Ebene). Bald zogen sie weiter durch Wildnisse hin ins Gebirg, bis sie endlich einen Flecken fanden; da sagte die Königstochter: »Hier hat's Feld!« und da blieben sie und bauten ein Schloß und nannten es Hatsfeld. Dort sind noch bis auf den heutigen Tag die Überbleibsel, und die Stadt dabei hat auch von der Burg den Namen (Hatzfeld, ein Städtchen an der Eder, im Gebirg gegen vier Stunden vom Christenberge westlich). Der Schuß auf den Remter (Westpreußische Sage) Im Hochmeisterpalast des Schlosses Marienburg ist das vornehmste Gemach der große Sommerremter. Sein prächtiges Gewölbe wird von einem einzigen Pfeiler von Granit getragen, so daß, wenn dieser Pfeiler stürzt, das ganze Gewölbe zusammenfallen muß. Als nun die Polen das Schloß nach der Schlacht bei Tannenberg mit aller Macht belagerten, fand sich darin ein verräterischer Troßbube. Der beschrieb den Polen den Pfeiler und die Beschaffenheit des Remters und versprach ihnen, wenn das ganze Kapitel in dem Remter versammelt sei, aus einem Fenster nach der Nogat zu zum Zeichen seinen roten Hut hinauszuhängen und ihnen Weisung zu geben, wohin der Schuß gerichtet werden müsse, um den Pfeiler zu treffen, damit unter dem herabstürzenden Gewölbe alle Ritter auf einmal zerschmettert und begraben würden. Bald darauf versammelte der Hochmeister alle Ritter um sich in seinem Remter zur Beratung; da gab der Verräter das verabredete Zeichen, und die Polen feuerten aus ihrem stärksten Geschütz eine mächtige Steinkugel gegen den Remter. Doch verfehlte die Kugel den Pfeiler und schlug in die gegenüberliegende Mauer neben den Kamin, wo sie noch heute den Besuchern der Marienburg als Wahrzeichen gezeigt wird. Das Steinkreuz an der Marienkirche (O. Monke) Am Turmeingang der Marienkirche steht ein Steinkreuz; das ist fast 600 Jahre alt. An demselben bemerkt man vorn fünf Löcher; darin waren früher die Eisenstäbe der »ewigen Lampe« eingelassen, die Tag und Nacht brennen mußte. Über die Setzung des Kreuzes wird mancherlei erzählt. So soll einst der Baumeister, als die Kirche fast vollendet war, mit dem Teufel sich eingelassen und im Kartenspiel die gesamten Baugelder verloren haben. Der Teufel gab ihm zwar alles zurück; doch mußte der Baumeister dafür versprechen, beim Bau der Gewölbe einen Fehler zu machen, so daß diese am Einweihungstage über den Gläubigen zusammenbrächen; denn der Teufel haßte die frommen Leute. Der Baumeister dachte aber den Teufel zu betrügen und führte die Gewölbe vorschriftsmäßig auf. Als nun die Einweihungsfeier vorüber war, lauerte der Teufel an der Tür. Zuletzt kam der Baumeister heraus; da griff der Teufel zu und drehte ihm den Hals um. Zum Andenken daran soll das Kreuz errichtet worden sein. Es wird aber auch gesagt, ein Zinkenbläser sei am ersten Sonntag nach Vollendung der Kirche in der Frühe auf den Turm gestiegen. Dort oben blies er ein Lied zu Gottes Ehre. Das ärgerte den Teufel; darum warf er den Mann vom Turme herab. Doch blähte ein Windstoß den Mantel des Zinkenbläsers auf, der nun sanft herniederglitt. Zur Erinnerung an die glückliche Errettung errichtete man später das Kreuz. Die meisten aber halten das Kreuz für ein Wahrzeichen aus der Zeit der Markgrafen und sagen, die Berliner hätten es zur Strafe oder Sühne setzen müssen, weil das Volk den Probst von Bernau erschlagen hatte. Das wird schon seine Richtigkeit haben; aber was den Zorn der Berliner so erregte, daß sie sich zu so einer unseligen Tat hinreißen ließen, darüber gehen die Meinungen auseinander, Probst Nikolaus von Bernau soll in Berlin den Zehnten mit großer Härte eingetrieben und sich dadurch verhaßt gemacht haben. Doch heißt es auch, er sei ein Anhänger des Herzogs Rudolf von Sachsen gewesen, der nach Markgraf Waldemars Tode Ansprüche auf die Mark machte, während die Berliner zu ihrem Landesherrn, dem Markgrafen Ludwig dem Älteren, hielten. Da erschien Probst Nikolaus in Berlin, ging in die Marienkirche und hielt eine donnernde Rede gegen die Berliner, weil sie den Herzog Rudolf nicht anerkennen wollten. Dabei nannte er sie »Verblendete« und »Schurken«. Es war aber an dem Tage gerade Markt in Berlin, und viele Menschen hatten sich auf dem Platze bei der Marienkirche eingefunden. Bald pflanzte sich die Rede des Probstes von Mund zu Munde fort bis zu der Menge draußen auf dem Neuen Markte. Die Leute drangen in die Kirche, holten den Probst von der Kanzel, zerrten ihn bis zur Tür und erschlugen ihn. Dann errichteten sie auf dem »Neuen Markte« einen Scheiterhaufen und verbrannten die Leiche. Das geschah wahrscheinlich am 16. August 1325. Es wird auch gesagt, der Probst habe zwar noch Zeit gehabt, in die Probstei zu flüchten, sei aber von dem wütenden Volkshaufen herausgeholt und auf dem Neuen Markt lebendig verbrannt worden. Nun wurde der Bann über Berlin ausgesprochen; es durften keine Glocken geläutet, Brautpaare nicht getraut, Kinder nicht getauft werden, und kein Priester folgte dem Sarge,«Erst zehn Jahre nach dem Morde wurde festgesetzt, daß die Berliner zur Sühne eine hohe Summe Goldes zahlen, in der Marienkirche einen neuen Altar bauen und an der Stelle des Mordes ein zwei Faden (drei bis vier Meter) hohes Steinkreuz mit einer ewigen Lampe errichten sollten. Trotzdem lastete der Bann noch weitere zwölf Jahre auf der Stadt. Vermutlich ist das Kreuz, obwohl es nicht zwei Faden hoch ist, doch das ursprüngliche und damit das älteste Denkmal Berlins, wo es aber zuerst gestanden hat, läßt sich nicht mehr feststellen; vielleicht stand es mitten auf dem Neuen Markt, vielleicht auch in der Spandauer Straße. Denn dort wohnte später ein Schmied, der nach der »ewigen Lampe« »der Lampenschmied« genannt wurde. Die drei Linden (Adalbert Kuhn) Auf dem Kirchhofe des Hospitals zum Heiligen Geist in Berlin haben vor vielen Jahren drei gewaltig große Linden gestanden, die mit ihren Ästen den ganzen Raum weithin überdeckten. Das wunderbarste an diesen Bäumen war, daß sie mit ihren Kronen in die Erde gepflanzt waren und dennoch ein so herrliches Wachstum erreicht hatten. Aber dieses Wunder hatte auch die göttliche Allmacht gewirkt, um einen Unschuldigen vom Tode zu erretten. Vor vielen, vielen Jahren lebten nämlich zu Berlin drei Brüder, die mit der herzlichsten Liebe einander zugetan waren und mit Leib und Leben für einander einstanden. So lebten sie glücklich und zufrieden, als dies Glück plötzlich durch einen Vorfall gestört wurde, den wohl keiner hätte ahnen können. Denn so unbescholtenen Wandels auch alle drei bisher gewesen waren, wurde doch einer von ihnen des Meuchelmordes angeklagt. Er sollte, obgleich er noch kein Geständnis abgelegt, den Tod erleiden, da alle Umstände die ihm zur Last gelegte Tat wahrscheinlich machten. Noch saß er im Gefängnis, als eines Tages seine Brüder vor dem Richter erschienen und sich beide des begangenen Mordes schuldig erklärten. Kaum hatte dies der zum Tode Verurteilte vernommen, als auch er der Tat geständig wurde, indem er erkannte, daß seine Brüder ihn nur retten wollten. So standen statt eines Täters drei vor Gericht, von denen jeder mit gleichem Eifer behauptete, daß er allein jenen Mord begangen hätte. Da wagte der Richter nicht, den Urteilsspruch an dem ersten zu vollstrecken. Er legte den Fall zuvor noch einmal dem Kurfürsten vor, der anordnete, daß hier ein Gottesurteil entscheiden solle. Er befahl daher, ein jeder der drei Brüder solle eine gesunde Linde mit der Krone in das Erdreich pflanzen, so daß die Wurzeln nach oben ständen, wessen Baum dann vertrocknen würde, den hätte Gott dadurch als den Täter bezeichnet. Dies Urteil wurde sogleich beim Anbruch des Frühlings vollzogen, und siehe da! nur wenige Wochen vergingen, und alle drei Bäume, die man auf dem Kirchhofe gepflanzt hatte, bekamen frische Triebe und wuchsen zu kräftigen Bäumen heran. So war denn die Unschuld der drei Brüder erwiesen. Die Bäume aber haben noch lange in üppiger Kraft an der alten Stelle gestanden, bis sie endlich verdorrt sind und andern Platz gemacht haben. Der Schimmel von Mollwitz (H. Lohre) In der Nähe des Schlosses in Niederschönhausen bei Berlin, in dem die Gemahlin des großen Königs wohnte, bemerkt man zwischen zwei großen Kastanien einen Hügel dicht neben der Straße. Das ist, wie die Leute sagen, das Grab des Schimmels von Mollwitz, der durch seine Schnelligkeit dem Könige in der Schlacht das Leben rettete. Das Tier erhielt später das Gnadenbrot, und als es schließlich starb, ließ es die Königin dicht neben dem Schlosse begraben. Die Gründung von Nowawes (H. Lohre) Der Alte Fritz befahl einst, in der Nähe von Potsdam ein Dorf anzulegen. Der Baumeister sollte mit dem Marktplatz beginnen und eine Kirche daraufsetzen. Als nun der Baumeister fragte, wie der Platz dann aussehen sollte, nahm der König seinen Dreimaster vom Kopf, warf ihn auf den Tisch und sagte: »So soll er aussehen!« Darum ist der Marktplatz in Nowawes dreieckig geworden. Die Bauleute hatten längst angefangen, in Nowawes Straßen anzulegen und Häuser zu errichten; aber noch immer hatte der Ort keinen Namen. Da kam einst der Alte Fritz vorüber und fragte die Maurer: »Wie soll denn das neue Dorf heißen?« Die wußten's natürlich auch nicht, und einer von ihnen antwortete dem Könige: »No, wer weeß?« »Gut,« sagte der König, »so soll es heißen«; und nannte den Ort »Nowawes«. Der Name von Köpenick (Adalbert Kuhn) Vor alten Zeiten war einmal ein alter Fischer, der in der Nähe von Köpenick seinem Gewerbe nachging und namentlich am Müggelsee seine Netze auszuwerfen pflegte. Da geschah es einst, daß er auch dort war und ein großer Krebs vom See ans Ufer geschwommen kam, ihn anredete und sagte, er wolle ihm viel Glück bringen und ihn zum reichen Mann machen, wenn er ihn aus dem Wasser nähme und nach dem ersten Ort jenseits der Spree brächte. Darauf nahm der Fischer den Krebs und ging mit ihm nach Köpenick zu, wo er ihn auf den Markt brachte, um ihn zu verkaufen. Da das Tier so groß war, fand sich auch bald ein Käufer; aber da begann der Krebs auf einmal zu rufen: »Kööp nich! Kööp nich!« Nun dachte der Fischer wieder an die Bedingung, nahm seinen Krebs und ging weiter. Darauf setzte er über die Spree und kam nach Stralau, wo er den Krebs um vieles Geld verkaufte. Zum Andenken aber an die Worte, die der Krebs dort vor allen Leuten auf dem Markt gesprochen, wurde die Stadt Köpenick genannt, und die Stralauer zeigen noch alljährlich am Tage des großen Fischzuges, am 24. August, den großen Krebs, der von Köpenick dahingebracht wurde. Jungfrau Ilse (Brüder Grimm) Der Ilsenstein ist einer der größten Felsen des Harzgebirges, liegt auf der Nordseite in der Grafschaft Wernigerode unweit Ilsenburg am Fuße des Brockens und wird von der Ilse bespült. Ihm gegenüber ist ein ähnlicher Fels, dessen Schichten zu diesem passen und bei einer Erderschütterung davon getrennt zu sein scheinen. Bei der Sintflut flohen zwei Geliebte dem Brocken zu, um der immer höher steigenden allgemeinen Überschwemmung zu entrinnen. Ehe sie noch denselben erreichten und gerade auf einem andern Felsen zusammenstanden, spaltete sich solcher und wollte sie trennen. Auf der linken Seite, dem Brocken zugewandt, stand die Jungfrau; auf der rechten der Jüngling, und miteinander stürzten sie umschlungen in die Fluten. Die Jungfrau hieß Ilse. Noch alle Morgen schließt sie den Ilsenstein auf, sich in der Ilse zu baden. Nur wenigen ist es vergönnt, sie zu sehen; aber wer sie kennt, preist sie. Einst fand sie frühmorgens ein Köhler, grüßte sie freundlich und folgte ihrem Winken bis vor den Fels; vor dem Fels nahm sie ihm seinen Ranzen ab, ging hinein damit und brachte ihn gefüllt zurück. Doch befahl sie dem Köhler, er sollte ihn erst in seiner Hütte öffnen. Die Schwere fiel ihm auf, und als er auf der Ilsenbrücke war, konnte er sich nicht länger enthalten, machte den Ranzen auf und sah Eicheln und Tannäpfel. Unwillig schüttelte er sie in den Strom; sobald sie aber die Steine der Ilse berührten, vernahm er ein Klingeln und sah mit Schrecken, daß er Gold verschüttet hatte. Der nun sorgfältig aufbewahrte Überrest in den Ecken des Sackes machte ihn aber noch reich genug. – Nach einer andern Sage stand auf dem Ilsenstein vor Zeiten eines Harzkönigs Schloß, der eine sehr schöne Tochter namens Ilse hatte. Nah dabei hauste eine Hexe, deren Tochter über alle Maßen häßlich aussah. Eine Menge Freier warben um Ilse; aber niemand begehrte die Hexentochter; da zürnte die Hexe und wandte durch Zauber das Schloß in einen Felsen, an dessen Fuße sie eine nur der Königstochter sichtbare Türe anbrachte. Aus dieser Tür schreitet noch jetzo alle Morgen die verzauberte Ilse und badet sich im Flusse, der nach ihr heißt. Ist ein Mensch so glücklich und sieht sie im Bade, so führt sie ihn mit ins Schloß, bewirtet ihn köstlich und entläßt ihn reich beschenkt. Aber die neidische Hexe macht, daß sie nur an einigen Tagen des Jahres im Bade sichtbar ist. Nur derjenige vermag sie zu erlösen, der mit ihr zu gleicher Zeit im Flusse badet und ihr an Schönheit und Tugend gleicht. Die Entstehung der hinterpommerschen Wanderdünen (A. Haas) Ein hinterpommerscher Edelmann hatte einst eine verwöhnte und reiche Frau, die aus weiter Ferne stammte, als Gattin heimgeführt und baute ihr an Stelle seines bisherigen, einfachen Landsitzes ein herrliches Schloß, das in der Nähe der Küste gelegen war. Die ganze Küste aber war damals noch von hohen Wäldern eingefaßt. Nun wollte aber die junge Edelfrau von ihrer Kemnate aus auch auf das Meer hinausblicken, und sie ruhte nicht eher, als bis ihr Gemahl den Wald zwischen dem Schlosse und dem Meere niederlegen ließ. Hierdurch wurde der leichte Boden, der vordem durch den Wald befestigt war, gelockert und vom Winde in Bewegung gesetzt, und so entstanden die Wanderdünen, die sich in Pommern allmählich auf ein Küstengebiet von 200 Kilometern ausdehnten. Der Steigbügel im Hohen Tor zu Belgard (A. Haas) In Belgard ist von den beiden ehemaligen Stadttoren noch eins erhalten, das Hohe Tor oder Hösliner Tor. Es ist ein stattliches, ungefähr quadratisches Bauwerk mit spitzbogiger Durchfahrt. An der inneren Decke des Torbogens ist ein Eisen eingemauert, an welches eine bis ins 15. Jahrhundert zurückgehende Sage anknüpft. Die Belgarder lagen im Streit mit den damals zu Brandenburg gehörenden Schivelbeinern; geraubtes Vieh soll die Veranlassung zu der Zwistigkeit gegeben haben. Der Streit wurde durch einen heißen Kampf auf der Langenschen Heide am 15. Juli 1469 zum Austrage gebracht: die Schivelbeiner trugen unter Anführung des Ritters Christoph von Polentzke den Sieg davon und führten hundert Belgarder als Gefangene mit sich fort; 300 Belgarder blieben tot auf dem Schlachtfelde. – Der Kampf ist in einem alten Volksliede besungen, dessen Anfang so lautet: Umb einen Dingstag id geschach, Dat man Polentzken thende (ziehen) fach; polentzke wol mit den Sinen Hentoch (hinzog) in dat Belgardsche Land; De Köh wolde de ehm nehmen. Zum Schluß wenden sich die Belgarder Frauen an ihren ruhmlos zurückkehrenden Bürgermeister Carsten von Wopersnow mit der Frage, wo er ihre Männer gelassen habe; darauf antwortet Carsten: Se sind erschlagen up der Langschen Heyden! Ick wet Ju (Euch) nicht einen betern Rat Den (als): wol de (wer etwa) heft einen dergliken Knechte, Dat se men em nheme to echte! Trotzdem diese Worte zweifellos bezeugen, daß die Belgarder in der Schlacht unterlagen, so schrieben sie sich in späterer Zeit doch – ebenso wie die Schivelbeiner – den Sieg zu, und das im Tor eingemauerte Eisen gaben sie als eine in der Schlacht erbeutete Kriegstrophäe aus: es sollte der riesige Steigbügel sein, welchen der auf einem Ochsen reitende Bürgermeister von Schivelbein in der Schlacht benutzt habe, welchen er aber den siegreichen Belgardern überlassen mußte. Rudolf Virchow – 1821 in Schivelbein geboren – berichtet: Als ich im Jahre 1844 in Belgard war, hatte eine Schar von Schwalben das große Siegeszeichen so dicht mit ihren Nestern überzogen, daß keine Spur von dem Steigbügel mehr zu sehen war. Jetzt ist das Eisen wieder frei sichtbar, aber es gehört einige Phantasie dazu, um in ihm einen Steigbügel zu erkennen; ebenso gut kann das Eisen auch zum Befestigen einer Klappe des Torflügels gedient haben. Der Turm »Kiek in de Mark« zu Pasewalk (A. Haas) An der Südwestseite der Stadt Pasewalk, zwischen dem Mühlen- und Prenzlauer Tore, liegt der Mauerturm »Kiek in de Mark«. Der massive Turm hat zylindrische Gestalt mit zwei Einschnürungen; am oberen Rande hat er einen Zinnenkranz und ist durch einen spitzen Helm abgeschlossen. Über die Entstehung des Turmes weiß die Sage folgendes zu berichten. Es war um die Mitte des 15. Jahrhunderts, da machten die Pasewalker unter Mitwirkung von Hartwig Moltzan und Henning von Jasmund einen Raubzug in die Uckermark, wo sie Flecken und Dörfer beraubten und ausbrannten und viel Vieh und andere Beute gewannen. Als sie nun mit ihrer Beute zurückkehrten und in der Nähe der Stadt Prenzlau vorüberzogen, dünkten sich die Prenzlauer stark genug, den Pommern die Beute wieder abzujagen; ja, sie meinten des Erfolges so sicher zu sein, daß sie Seile und Stricke mitnahmen, um die Pommern und Pasewalker damit zu binden. Aber die Sache kam anders, als die Prenzlauer gemeint hatten. Die Pommern setzten sich tapfer zur Wehr und schlugen die Gegner in die Flucht und nahmen über zweihundert von ihnen gefangen, die sie nun mit ihren eigenen Seilen und Stricken banden. So kehrten sie fröhlich nach Pasewalk zurück. Die Gefangenen mußten sich mit schwerem Gelde loskaufen, und dabei erhielt die Stadt auf ihren Anteil eine so große Summe, daß sie davon den nach der Uckermark schauenden Mauerturm erbaute, der in der Folge »Kiek in de Mark« genannt wurde und von dem es seit alter Zeit heißt: Kiek in de Mark, trure nicht, Markgraf Friedrich de deit dy nicht. Nach anderer Überlieferung soll der Turm im Jahre 1445 oder doch gleich nach diesem Jahre erbaut worden sein. Im Jahre 1445 gelang es nämlich den Pasewalkern, den Kurfürsten, der ihre Stadt durch Verrat genommen hatte, wieder aus der Stadt hinauszudrängen, und aus Freude über diesen Sieg und dem Kurfürsten zum Hohn und Trotz sollen sie den Turm »Kiek in de Mark« erbaut haben. Als dann 24 Jahre später der Kurfürst noch einen Angriff auf die Stadt versuchte, soll dieser gerade an dem neuerrichteten Turme gescheitert sein. Und in der Folge soll dann, um die Furchtlosigkeit der Pommern zum Ausdruck zu bringen, der Spruch entstanden sein: Kiek in de Mark Un rohre nich! Markgraf Friedrich, De deit di nischt. Die Gründung des Klosters Lehnin (Nach W. Schwartz) Inmitten von Wald und Seen liegt Kloster Lehnin. Die Gründung desselben fällt in die ersten Zeiten der Entstehung der Mark Brandenburg. Als noch dichter Urwald das Land bedeckte, jagte, wie man erzählt, Markgraf Otto, Albrechts des Bären Sohn, einmal in dieser Gegend. In der Hitze der Jagd kam er von seinen Begleitern ab, und vergeblich war es, daß er sein Hifthorn erschallen ließ oder sich nach einem Weg umsah, der ihn aus dem Dickicht herausbringe. Ermattet sank er zuletzt unter einer Eiche nieder und verfiel in einen tiefen Schlaf. Da träumte ihm, ein Elentier dränge auf ihn ein und vergebens sei es, daß er sich desselben mit seinem Jagdspieß zu erwehren suche. In der Angst rief er Christi Namen und Beistand an, da verschwand das Tier. Er erwachte, und seine Begleiter standen um ihn. Denen erzählte er seinen Traum, da meinten sie, das wäre sicherlich der Teufel gewesen, der erst beim Anrufen des Namens Christi verschwunden sei. »Nun gut,« sagte Markgraf Otto, »dann will ich hier ein Kloster bauen, daß durch das Gebet frommer Männer der höllische Feind aus diesen Gegenden vertrieben werde«; und sofort ließ er Zisterzienser Mönche aus dem Mansfeldischen kommen, die bauten das Kloster Lehnin. In der Kirche aber zeigt man noch heute am Altar einen eingemauerten Baumstamm als den Stumpf der Eiche, unter welcher der Markgraf Otto geschlafen und die Erscheinung gehabt habe, weil aber dem Markgrafen im Traum ein Elentier erschienen war, führt Lehnin noch jetzt einen Hirsch im Wappen, wie denn auch auf wendisch »Lanie« das Elentier heißt. Die Sagen vom Lilienstein (J. Grässe) Der Lilienstein ist ein hoher, steiler Fels, der dem Königstein gerade gegenüber liegt. Von ferne gesehen, scheint es, als ob er ganz von der Elbe umflossen würde. Aus verschiedenen Anzeichen läßt sich erkennen, daß er früher bewohnt gewesen sein muß. Vor Zeiten kletterten einmal mehrere junge Leute aus Neugier am Fuße des Liliensteins umher, da sahen sie plötzlich vor sich einen Keller mit einer eingemauerten Tür, die aber offen stand. Aus Furcht wagten sie es nicht, hineinzugehen, merkten sich jedoch durch Zeichen den Ort so genau an, daß sie glaubten, ihn später ohne Mühe wiederfinden zu können. Als sie aber nach einiger Zeit zurückkehrten, konnten sie weder die Merkmale, die sie sich gemacht hatten, noch den Keller, noch überhaupt den ganzen Ort wiedererkennen. In dem Keller soll sich ein großer Schatz, eine große Braupfanne voll Dukaten, befinden. Einige junge Burschen, die den Ort entdeckt hatten und den Schatz zur Nachtzeit heben wollten, sind von gespenstischen Wächtern ergriffen und vom Lilienstein heruntergeworfen worden. Am nächsten Morgen hat man sie am Fuße des Felsens, allerdings unversehrt, wieder aufgefunden. Einst ist eine arme Frau aus Waltersdorf mit ihrem Kinde auf den Lilienstein gegangen, um Beeren zu pflücken. Da bemerkte sie plötzlich am Berge eine offene Tür und sieht in dem dahinter liegenden Gewölbe ein großes Faß voll Gold. Sie setzt also das Kind auf einen dabei stehenden goldenen Tisch, rafft eilig so viel von dem Haufen, wie sie in ihrer Schürze fortbringen kann, und eilt damit, ihr Kind zurücklassend, nach dem draußen stehenden Korbe. Als sie aber umkehrt, findet sie die Tür nicht mehr und muß also auch ihr Kind als verloren ansehen. Nach Verlauf eines Jahres geht sie aber an demselben Tage und zu derselben Stunde an den nämlichen Ort, findet auch die Türe wieder und erhält ihr Kind unversehrt zurück, das auf dem Tische mit goldenen Äpfeln und Birnen spielt, gleichsam, als wäre seitdem nur ein Augenblick verflossen. Der Grenzstreit (Brüder Grimm) Zu Wilmshausen, einem hessischen Dorf, unweit Münden, war vormals Uneinigkeit zwischen der Gemeinde und einer benachbarten über ihre Grenze entsprungen. Man wußte sie nicht mehr recht auszumitteln. Also kam man übereins, einen Krebs zu nehmen und ihn über das streitige Ackerfeld laufen zu lassen, folgte seinen Spuren und legte die Marksteine danach, weil er nun so wunderlich in die Kreuz und Quer lief, ist daselbst eine sonderbare Grenze mit mancherlei Ecken und Winkeln bis auf den heutigen Tag. Der Grenzlauf (Brüder Grimm) Über den Klußpaß und die Bergscheide hinaus vom Schächentale weg erstreckt sich das Urner Gebiet am Fleischbache fort und in Glarus hinüber. Einst stritten die Urner mit den Glarnern bitter um ihre Landesgrenze, beleidigten und schädigten einander täglich. Da ward von den Biedermännern der Ausspruch getan: Zur Tag- und Nachtgleiche solle von jedem Teil frühmorgens, sobald der Hahn krähe, ein rüstiger, kundiger Felsgänger ausgesandt werden und jedweder nach dem jenseitigen Gebiet zulaufen und da, wo sich beide Männer begegneten, die Grenzscheide festgesetzt bleiben, das kürzere Teil möge nun fallen diesseits oder jenseits. Die Leute wurden gewählt, und man dachte besonders darauf, einen solchen Hahn zu halten, der sich nicht verkrähe und die Morgenstunde auf das Allerfrüheste ansagte. Und die Urner nahmen einen Hahn, setzten ihn in einen Korb und gaben ihm sparsam zu essen und saufen, weil sie glaubten, Hunger und Durst werde ihn früher wecken. Dagegen die Glarner fütterten und mästeten ihren Hahn, daß er freudig und hoffärtig den Morgen grüßen könne, und dachten damit am besten zu fahren. Als nun der Herbst kam und der bestimmte Tag erschien, da geschah es, daß zu Altdorf der schmachtende Hahn zuerst erkrähte, kaum wie es dämmerte, und froh brach der Urner Felsenklimmer auf, der Marke zulaufend. Allein im Linttal drüben stand schon die volle Morgenröte am Himmel, die Sterne waren verblichen, und der fette Hahn schlief noch in guter Ruh. Traurig umgab ihn die ganze Gemeinde, aber es galt die Redlichkeit, und keiner wagte es, ihn aufzuwecken; endlich schwang er die Flügel und krähte. Aber dem Glarner Läufer wird's schwer sein, dem Urner den Vorsprung wieder abzugewinnen! Ängstlich sprang er und schaute gegen das Scheideck, wehe, da sah er oben am Giebel des Grats den Mann schreiten und schon bergabwärts niederkommen; aber der Glarner schwang die Fersen und wollte seinem Volke noch vom Lande retten, soviel als möglich. Und bald stießen die Männer aufeinander, und der von Uri rief: »Hier ist die Grenze!« »Nachbar,« sprach betrübt der von Glarus, »sei gerecht und gib mir noch ein Stück von dem Weidland, das du errungen hast!« Doch der Urner wollte nicht, aber der Glarner ließ ihm nicht Ruh, bis er barmherzig wurde und sagte: »So viel will ich dir noch gewähren, als du, mich an deinem Hals tragend, bergan läufst.« Da faßte ihn der rechtschaffene Sennhirt von Glarus und klomm noch ein Stück Felsen hinauf, und manche Tritte gelangen ihm noch, aber plötzlich versiegte ihm der Atem, und tot sank er zu Boden. Und noch heutigentags wird das Grenzbächlein gezeigt, bis zu welchem der einsinkende Glarner den siegreichen Urner getragen habe. In Uri war große Freude ob ihres Gewinstes; aber auch die zu Glarus gaben ihrem Hirten die verdiente Ehre und bewahrten seine große Treue in steter Erinnerung. Die Münsteruhr (Ludwig Bechstein) Zu Straßburg im Münster ist ein kostbares und bewunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames, figurenreiches Gebäu, steht es da vor aller Augen. Am Fuße des Kunstwerks zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan; darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist. Zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen die Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Winkeln des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fahren in Wagen, von verschiedenen Tiergestalten gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten. Jeden Tag zeigt sich, sanft vorrückend, ein anderes Gespann, steht zur Mittagsstunde in der Mitte und gibt dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber befindet sich ein großer Viertelstundenzeiger, und zur Seite sieht man vier Gebilde: die Schöpfung, Tal Josaphat, jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden kräht und mit den Flügeln schlägt. Am Sockel der Türme halten zwei große, aufrechtsitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Rechts in der Mitte ist das riesiggroße, mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten; darüber steht: Dominus lux mea, quem timeo. Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigt ein kleinerer Kreis mit der Mondesscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber zeigen sich zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken schlagen; über ihnen hängt die Stundenglocke. Nach jedem Viertelstundenschlage tritt der Tod hervor, die Stunde anzuschlagen; aber da begegnet ihm die Gestalt unsers Heilands und wehrt ihm. Erst wenn die Stunde voll ist, darf der Tod sein Stundenamt üben. Hoch über allem diesem erhebt sich eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen stehen zwei musizierende Engel. Dahinter aber birgt sich ein gar schönes, klangvolles Glockenspiel. Auch ist noch manch anderes künstliches Bildwerk an der Münsteruhr zu sehen und manch gedankenvoller Spruch daran zu lesen. Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Isaak Habrecht; der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und unermüdlich gearbeitet, bis er es vollendet und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, gedachte der Meister auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben. Da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg schlimmen Neid in das Herz; denn es sollte ihre Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichts zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihn, und er sprach: »Nur einmal noch muß ich mein Uhrwerk sehen! Ich möchte noch etwas daran verbessern, da ich's später nicht mehr vermag, wenn ich nicht mehr sehend bin.« Das wurde ihm vergönnt, und so stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie auf dem Rathause den Meister des Augenlichts beraubt. Aber siehe – da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Gestalten der Menschenalter wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht, vergebens sandte der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, aber keiner bracht's in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit. Erst in den Jahren 1839-42 ist es gelungen, das Werk zu erneuern und wieder in Gang zu setzen. Der Mann im Pflug (Brüder Grimm) Zu Metz in Lothringen lebte ein edler Ritter, namens Alexander, mit seiner schönen und tugendhaften Hausfrau Florentina. Dieser Ritter gelobte eine Wallfahrt nach dem heiligen Grabe, und als ihn seine betrübte Gemahlin nicht von dieser Reise abwenden konnte, machte sie ihm ein weißes Hemde mit einem roten Kreuz, das sie ihm zu tragen empfahl. Der Ritter zog hierauf in jene Länder, wurde von den Ungläubigen gefangen und mit seinen Unglücksgefährten in den Pflug gespannt; unter harten Geißelhieben mußten sie das Feld ackern, daß das Blut von ihren Leibern lief, wunderbarerweise blieb nun jenes Hemd, welches Alexander von seiner Frauen empfangen hatte und beständig trug, rein und unbefleckt, ohne daß ihm Regen, Schweiß und Blut etwas schadeten; auch zerriß es nicht. Dem Sultan selbst fiel diese Seltenheit auf, und er befragte den Sklaven genau über seinen Namen und Herkunft und wer ihm das Hemd gegeben habe. Der Ritter unterrichtete ihn von allem: »Das Hemd habe ich von meiner tugendsamen Frau erhalten; daß es so weiß bleibt, zeigt mir ihre fortdauernde Treue und Keuschheit an«. Der Heide, durch diese Nachricht neugierig gemacht, beschloß, einen seiner Leute heimlich nach Metz zu senden; der sollte kein Geld und Gut sparen, um des Ritters Frau zu seinem Willen zu verführen, so würde sich nachher ausweisen, ob das Hemd die Farbe verändere. Der Fremde kam nach Lothringen, kundschaftete die Frau aus und hinterbrachte ihr, wie elendiglich es ihrem Herrn in der Heidenschaft ginge; worüber sie höchst betrübt wurde, aber sich so tugendhaft bewies, daß der Abgesandte, nachdem er alles Geld verzehrt hatte, wieder unausgerichteter Sache in die Türkei zurückreisen mußte. Bald darauf nahm Florentina sich ein Pilgerkleid und eine Harfe, welche sie wohl zu spielen verstand, und reiste dem fremden Heiden nach, holte ihn auch noch zu Venedig ein und fuhr mit ihm in die Heidenschaft, ohne daß er sie in der veränderten Tracht erkannt hätte. Als sie nun an des Heidenkönigs Hof anlangte, wußte der Pilgrim diesen so mit seinem Gesang und Spiel einzunehmen, daß ihm große Geschenke dargebracht wurden. Der Pilgrim schlug diese alle aus und bat bloß um einen von den gefangenen Christen, die im Pfluge gingen. Die Bitte wurde bewilligt, und Florentina ging unerkannt zu den Gefangenen, bis sie zuletzt zu dem Pflug kam, in welchen ihr lieber Mann gespannt war. Darauf forderte und erhielt sie diesen Gefangenen, und beide reisten zusammen über die See glücklich nach Deutschland heim. Zwei Tagreisen vor Metz sagte der Pilgrim zu Alexander: »Bruder, jetzt scheiden sich unsere Wege; gib mir zum Angedenken ein Stücklein aus deinem Hemde, von dessen Wunder ich soviel habe reden hören, damit ich's auch anderen erzählen und beglaubigen kann.« Diesem willfahrte der Ritter, schnitt ein Stück aus dem Hemde und gab es dem Pilgrim; sodann trennten sich beide. Florentina kam aber auf einem kürzeren Wege einen ganzen Tag früher nach Metz, legte ihre gewöhnlichen Frauenkleider an und erwartete ihres Gemahls Ankunft. Als diese erfolgte, empfing Alexander seine Gemahlin auf das zärtlichste; bald aber bliesen ihm seine Freunde und Verwandten in die Ohren, daß Florentina als ein leichtfertiges Weib zwölf Monate lang in der Welt umhergezogen sei und nichts habe von sich hören lassen. Alexander entbrannte vor Zorn, ließ ein Gastmahl anstellen und hielt seiner Frau öffentlich ihren geführten Lebenswandel vor. Sie trat schweigend aus dem Zimmer, ging in ihre Kammer und legte das Pilgerkleid an, das sie während der Zeit getragen hatte, nahm die Harfe zur Hand, und nun offenbarte sich, indem sie ihm das ausgeschnittene Stück von dem Hemde vorwies, wer sie gewesen war, und daß sie selbst als Pilgrim ihn aus dem Pflug erlöst hatte. Da verstummten ihre Ankläger, fielen der edlen Frau zu Füßen, und ihr Gemahl bat sie mit weinenden Augen um Verzeihung. Die Herkunft derer von Bredow (Nach W. Schwartz) Wie die Bredows ins Land gekommen, erzählt man sich so: Der Teufel hatte einmal Musterung auf der Erde gehalten und alle die Edelleute, die nicht mehr gut tun wollten, in einen großen Sack gesteckt und auf den Rücken getan und ist lustig damit zur Hölle geflogen, wie er nun über dem jetzigen Friesack ist, so streift der Sack etwas hart an die Spitze des Kirchturms, so daß ein Loch hineinreißt und eine ganze Gesellschaft von Edelleuten, wohl ein Viertel der Bewohner des Sackes, herausfallen, ohne daß der Teufel es merkt. Das sind aber die Herren von Bredow gewesen, die nun nicht wenig froh waren, den Krallen des Teufels für diesmal entronnen zu sein. Zum Andenken nannten sie nun die Stadt, wo der Sack das Loch bekommen und sie befreit wurden, Frie-Sack, und von hier haben sie sich dann über das ganze Havelland verbreitet, wo sie einst so dicht beieinander saßen, als wären sie ordentlich »gesäet«, und wo bekanntlich noch eine große Menge von Rittergütern in ihrem Besitz ist. Sie haben ihnen damals auch die Namen gegeben, und zwar meist nach der Richtung des Weges, den die einzelnen einschlugen. Der älteste der Brüder nämlich, der in Friesack blieb, sagte zum zweiten: »Ga beß hin«, da nannte dieser den Ort, wo er sich niederließ, »Beßhin«, woraus nachher Pessin wurde; ein dritter ging von Friesack, das am Rande des mächtigen havelländischen Luches liegt, landeinwärts; darum nannte er seine Ansiedlung »Land in«; ein vierter ging denselben Weg entlang wie der zweite und baute »Selbelang«; ein fünfter ging von dort aus rechts zu (rechts too) und baute Reetzow, und der sechste nannte sein Dorf Bredow. Ein siebenter schließlich wollte, als er sah, wie gut es seinen Vettern ergangen war, rasch auch noch nachspringen, ehe der Teufel das Loch wieder zumachte; da riefen ihm die andern, die noch im Sack waren, zu: »Wag's nit! Wag's nit!« Er aber wagte es doch und kam auch glücklich hinunter. Da hat er das Dorf Wagenitz gebaut. Von wunderbaren Geschehnissen, Freveln und deren Strafen Der Birnbaum auf dem Walserfeld (Brüder Grimm) Bei Salzburg auf dem sogenannten Walserfeld soll dermaleinst eine schreckliche Schlacht geschehen, wo alles hinzulaufen und ein so furchtbares Blutbad sein wird, daß den Streitenden das Blut vom Fußboden in die Schuh rinnt. Da werden die bösen von den guten Menschen erschlagen werden. Auf diesem Walserfeld steht ein ausgedorrter Birnbaum zum Andenken dieser letzten Schlacht. Schon dreimal wurde er umgehauen, aber seine Wurzel schlug immer aus, daß er wiederum anfing zu grünen und ein vollkommener Baum ward. Viele Jahre bleibt er noch dürr stehen, wann er aber zu grünen anhebt, wird die greuliche Schlacht bald eintreten, und wann er Früchte trägt, wird sie anheben. Dann wird der Bayerfürst seinen Wappenschild daran aufhängen und niemand wissen, was es zu bedeuten hat. Der Tannhäuser (Brüder Grimm) Der edle Tannhäuser, ein deutscher Ritter, hatte viele Länder durchfahren und war auch in Frau Venus' Berg zu den schönen Frauen geraten, das große Wunder zu schauen. Und als er eine Weile darin gehaust hatte, fröhlich und guter Dinge, trieb ihn endlich sein Gewissen, wieder herauszugehen in die Welt, und begehrte Urlaub. Frau Venus aber bot alles auf, um ihn wanken zu machen: sie wolle ihm eine ihrer Gespielen geben zum ehelichen Weibe, und er möge gedenken an ihren roten Mund, der lache zu allen Stunden. Tannhäuser antwortete, kein ander Weib begehre er, als die er sich in den Sinn genommen, wolle nicht ewig in der Hölle brennen, und gleichgültig sei ihm ihr roter Mund, könne nicht länger bleiben, denn sein Leben wäre krank geworden. Und da wollte ihn die Teufelin in ihr Kämmerlein locken, der Minne zu pflegen; allein der edle Ritter schalt sie laut und rief die himmlische Jungfrau an, daß sie ihn scheiden lassen mußte. Reuevoll zog er die Straße nach Rom zu Papst Urban; dem wollte er alle seine Sünden beichten, damit ihm Buße aufgelegt würde und seine Seele gerettet wäre. Wie er aber beichtete, daß er auch ein ganzes Jahr bei Frau Venus im Berg gewesen, da sprach der Papst: »Wann der dürre Stecken grünen wird, den ich in der Hand halte, sollen dir deine Sünden verziehen sein, und nicht anders.« Der Tannhäuser sagte: »Und hätte ich nur noch ein Jahr leben sollen auf Erden, so wollte ich solche Reue und Buße getan haben, daß sich Gott erbarmt hätte«; und vor Jammer und Leid, daß ihn der Papst verdammte, zog er wieder fort aus der Stadt und von neuem in den teuflischen Berg, ewig und immerdar drinnen zu wohnen. Frau Venus aber hieß ihn willkommen, wie man einen lang abwesenden Buhlen empfängt; danach wohl auf den dritten Tag, hub der Stecken an zu grünen, und der Papst sandte Botschaft in alle Land, sich zu erkundigen, wohin der edle Tannhäuser gekommen wäre. Es war aber nun zu spät, er saß im Berg und hatte sich sein Lieb erkoren; daselbst muß er nun sitzen bis zum Jüngsten Tag, wo ihn Gott vielleicht anderswohin weisen wird. Und kein Priester soll einem sündigen Menschen Mißtrost geben, sondern verzeihen, wenn er sich anbietet zu Buß und Reue. Spuren im Stein (Brüder Grimm) Bei der Mindener Glashütte ist ein Wald, der heißt der Geismarwald, da hat vor dem Dreißigjährigen Krieg eine Stadt namens Geismar gestanden. Daneben ist ein anderer Berg, welcher der Totenberg heißt, und dabei ist eine Schlacht vorgefallen. Der Feldherr war anfänglich geschlagen, hatte sich in den Geismarwald zurückgezogen, saß da auf einem Stein und dachte nach, was zu tun am besten wäre. Da kam einer seiner Hauptleute und wollte ihn bereden, die Schlacht von neuem anzufangen und den Feind mutig anzugreifen, wo er jetzt noch siege, sei alles gerettet. Der Feldherr aber antwortete: »Nein, ich kann so wenig siegen, als dieser Stein, auf dem ich sitze, weich werden kann!« Mit diesen Worten stand er auf, aber seine Beine, selbst die Hand, womit er sich beim Aufstehen auf den Stein gestützt, waren darin eingedrückt. Wie er das Wunder sah, ließ er zur Schlacht blasen, griff den Feind mit frischer Tapferkeit an und siegte. Noch heutzutag steht der Stein, und man sieht die Spuren darin ausgedrückt. Die Schlacht in den Wolken (Brüder Grimm) Im Frühjahr des Jahres 1675 sollen an verschiedenen Orten der Mark, auch vor den Toren Berlins, wunderbare Wolkengebilde erschienen sein, die nicht nur von einfachen Leuten, sondern auch von Offizieren aus dem Heere des Großen Kurfürsten mit Staunen beobachtet wurden. Deutlich war da zu sehen, wie zwei starke Regimenter Fußvolk und Reiterei gegeneinander in den Lüften kämpften, wie sie mit Degen aufeinander einhieben, daß man das Klirren der Klingen zu hören meinte, und Pistolen und Karabiner aufeinander abfeuerten, daß man deutlich den Pulverdampf sah. Eine volle Woche soll die Erscheinung gedauert haben. Im Sommer war dann die große Schlacht von Fehrbellin; da wußten die Leute, was die Kämpfe in den Wolken bedeutet haben. Regenbogen über Verurteilten (Brüder Grimm) Als im Juni 1621 zu Prag siebenundzwanzig angesehene Männer, welche in den böhmischen Aufruhr verwickelt waren, sollten hingerichtet werden, rief einer derselben, Joh. Rutnauer, Bürgerhauptmann in der Altstadt, inständig zum Himmel empor, daß ihm und seinen Mitbürgern ein Zeichen der Gnade gegeben werde, und mit so viel Vertrauen, daß er sprach, er zweifle gar nicht, ein solches zu erhalten. Als nun der Vollzug der Todesstrafen eben beginnen sollte, erschien nach einem kleinen Regen über dem sogenannten Lorenzberge ein kreuzweis übereinandergehender Regenbogen, der bei einer Stunde zum Troste der Verurteilten stehen blieb. Gott weint mit den Unschuldigen (Brüder Grimm) In Hanau ward zu einer Zeit eine Frau wegen eines schweren Verbrechens angeklagt und zum Tode verurteilt. Als sie auf den Richtplatz kam, sprach sie: »Wie der Schein auch gegen mich gezeugt hat, ich bin unschuldig, so gewiß, als Gott jetzt mit mir weinen wird.« Worauf es von heiterem Himmel zu regnen anfing. Sie ward gerichtet, aber später kam ihre Unschuld an den Tag. Der Altar zu Seefeld (Brüder Grimm) In Tirol, nicht weit von Innsbruck, liegt Seefeld, eine alte Burg, wo im vierzehnten Jahrhundert Oswald Müller, ein stolzer und frecher Ritter, wohnte. Dieser verging sich im Übermute so weit, daß er im Jahre 1384 an einem grünen Donnerstag mit der ihm im Angesicht des Landvolks und seiner Knechte in der Kirche gereichten Hostie nicht vorlieb nehmen wollte, sondern eine größere, wie sie die Priester sonst haben, vom Kapellan für sich forderte. Kaum hatte er sie empfangen, so hub der steinharte Grund vor dem Altar an, unter seinen Füßen zu wanken. In der Angst suchte er sich mit beiden Händen am eisernen Geländer zu halten, aber es gab nach, als ob es von Wachs wäre, also daß sich die Fugen seiner Faust deutlich ins Eisen drückten. Ehe der Ritter ganz versank, ergriff ihn die Reue, der Priester nahm ihm die Hostie wieder aus dem Mund, welche sich, wie sie des Sünders Zunge berührt, alsbald mit Blut überzogen hatte. Bald darauf stiftete er an der Stätte ein Kloster und wurde selbst als Laie hineingenommen. Noch heute ist der Griff auf dem Eisen zu sehen und von der ganzen Geschichte ein Gemälde vorhanden. Seine Frau, als sie von dem heimkehrenden Volke erfuhr, was sich in der Kirche zugetragen, glaubte nicht daran, sondern sprach: »Das ist so wenig wahr, als aus dem dürren und verfaulten Stock da Rosen blühen können.« Aber Gott gab ein Zeichen seiner Allmacht, und alsbald grünte der trockene Stock und kamen schöne Rosen, aber schneeweiße, hervor. Die Sünderin riß die Rosen ab und warf sie zu Boden, in demselben Augenblick ergriff sie der Wahnsinn, und sie rannte die Berge auf und ab, bis sie andern Tags tot zur Erde sank. Der bestrafte Falscheid (Kastner) Vor sehr langer Zeit lebte zu Neiße ein habsüchtiger, gewissenloser Mann. Er borgte sich einmal von einem reichen Fleischer 300 Dukaten. Als dieser sie wieder verlangte, behauptete jener, er habe sie ihm schon zurückgegeben. Aber der Fleischer verklagte den treulosen Schuldner, und das Gericht verlangte von diesem, er müsse seine Aussage beschwören. Er zeigte sich sehr bereitwillig dazu, reichte einen dicken, schweren Stock, den er trug, seinem Gläubiger hin und bat ihn, er möge ihm doch diesen indes halten, damit er die Hände frei habe. Es war aber ein ausgehöhlter Stock, und der Mann hatte in denselben die schuldigen 300 Dukaten getan. Daher meinte er, er könne jetzt der Wahrheit gemäß beschwören, daß er dem Kläger das Geld wiedergegeben habe, und er leistete mit heiterer und ruhiger Miene den feierlichen Eid. Hierauf ließ er sich seinen Stock zurückgeben und verließ fröhlich das Gerichtszimmer zum größten Erstaunen des betrogenen Fleischers. Aber er sollte sich seines ungerechten Gewinnes nicht lange erfreuen. Als er über die Stiege hinabging, glitt er aus und stürzte hinab; der Stock zerbrach, die 300 Dukaten rollten heraus, und sein Betrug kam an den Tag; er selbst aber brach das Genick und starb so eines jähen Todes. Ein diesen Vorfall darstellendes Bild soll noch vor einiger Zeit in dem Gebäude des Neißer Fürstentumsgerichtes, der ehemaligen bischöflichen Residenz, zu sehen gewesen sein. Vineta (A. Haas) An der Nordküste der Insel Usedom soll vor vielen, vielen Jahren eine große, reiche Handelsstadt mit Namen Vineta oder Venedig gelegen haben. Gewöhnlich wird erzählt, sie habe seewärts vor dem Streckelberg, und zwar an der Stelle gelegen, wo sich jetzt das sogenannte Vinetariff befindet. Die Stadt Vineta soll zur Zeit ihrer Blüte so reich und schön gewesen sein, daß sie im ganzen Küstengebiet der Ost- und Nordsee nicht ihresgleichen hatte. Die Häuser, in welchen die Leute wohnten, glichen kleinen Palästen: sie waren aus Marmor erbaut und mit vergoldeten Zinnen geschmückt. In dem Hafen befanden sich Hunderte von Schiffen, welche bis nach Archangel und Konstantinopel fuhren. Auch weilten viele fremde Kaufleute in der Stadt, um hier Waren zu kaufen oder zu verkaufen. Aber je reicher und wohlhabender die Einwohner von Vineta wurden, desto mehr fanden Stolz, Übermut, Gottlosigkeit und allerlei unheiliges Wesen bei ihnen Eingang. Zu den Mahlzeiten nahmen sie nur die auserlesensten Speisen, und den Wein tranken sie aus silbernen und goldenen Gefäßen, wie sie selbst in den Gotteshäusern nicht schöner und prächtiger zu finden waren. Die Hufe der Pferde waren statt mit Eisen vielmehr mit Silber oder gar mit Gold beschlagen. Das Brot, die herrliche Gottesgabe, mißbrauchten die Frauen in schamloser Weise, indem sie die kleinen Kinder damit reinigten. Und wie die Großen, so trieben es auch die Kleinen. Die Kügelchen, mit welchen die Kinder auf der Straße spielten, bestanden aus reinem Silber, und wenn sie über eine Wasserfläche »Butterbrot werfen« wollten, so benutzten sie dazu nichts anderes als blanke Taler. Aber solcher Übermut sollte nicht ungestraft bleiben. In einer stürmischen Novembernacht brach das göttliche Strafgericht unvermutet über die Stadt und ihre gottlosen Bewohner herein: eine furchtbare Sturmflut wälzte ihre Wogen über die Stadt und über das Land hinweg und begrub alle Häuser und alle Menschen unter ihren Fluten; kein einziger Bewohner von Vineta entrann dem Verderben. So wurde die reiche Stadt mit all ihrer Pracht und Herrlichkeit in wenigen Stunden vernichtet. Die Trümmer der ehemaligen Stadt ruhen noch heutigen Tages auf dem Grunde des Meeres, und wenn man bei stillem, ruhigem Wetter und bei klarem Wasser über die Stätte der untergegangenen Stadt hinwegfährt, so kann man die Fundamente der Häuser, die Straßenzüge und noch viele andere Reste der einstigen Stadt in der Tiefe wahrnehmen. Einmal im Jahre wird die auf dem Meeresgrunde ruhende Stadt auch über der Oberfläche des Wassers sichtbar, indem sie sich wie ein Schatten- oder Nebelbild mit unbestimmten Umrissen zeigt; die Leute in den umliegenden Dörfern sagen: Vineta wafelt! An welchem Tage diese Erscheinung zu sehen ist, wird verschieden angegeben: Die einen sagen, es wäre am Johannistage; die andern meinen, Vineta zeige sich an demselben Jahrestage, an welchem es einst untergegangen sei, und das sei eben derselbe Tag, an welchem auch Cuxhaven durch eine Sturmflut zerstört worden sei. Am Johannistage, mittags zwischen 11 und 12 Uhr, sollen auch die Glocken der versunkenen Stadt aus der Tiefe des Meeres heraufklingen, und manch einer will ihre Klänge schon vernommen haben. Das ist allerdings nicht ganz ungefährlich. Denn man sagt, daß der, der die Glocken von Vineta gehört hat, mit unwiderstehlicher Gewalt von der Meerestiefe angelockt wird, bis er selbst da unten ruht. Der Frauensand (Brüder Grimm) Westlich im Südersee wachsen mitten aus dem Meer Gräser und Halme hervor an der Stelle, wo die Kirchtürme und stolzen Häuser der vormaligen Stadt Stavoren in tiefer Flut begraben liegen. Der Reichtum hat ihre Bewohner ruchlos gemacht, und als das Maß ihrer Übeltaten erfüllt war, gingen sie bald zugrunde. Fischer und Schiffer am Strand des Südersees haben die Sage von Mund zu Mund fortbewahrt. Die vermögendste aller Insassen der Stadt Stavoren war eine sichere Jungfrau, deren Namen man nicht mehr nennt. Stolz auf ihr Geld und Gut, hart gegen die Menschen, strebte sie bloß, ihre Schätze immer noch zu vermehren. Flüche und gotteslästerliche Reden hörte man viel aus ihrem Munde. Auch die übrigen Bürger dieser unmäßig reichen Stadt, zu deren Zeit man Amsterdam noch nicht nannte, und Rotterdam ein kleines Dorf war, hatten den Weg der Tugend verlassen. Eines Tages rief diese Jungfrau ihren Schiffsmeister und befahl ihm, auszufahren und eine Ladung des Edelsten und Besten mitzubringen, was auf der Welt wäre. Vergebens forderte der Seemann, gewohnt an pünktliche und bestimmte Aufträge, nähere Weisung; die Jungfrau bestand zornig auf ihrem Wort und hieß ihn alsbald in die See stechen. Der Schiffsmeister fuhr unschlüssig und unsicher ab, er wußte nicht, wie er dem Geheiß seiner Frau, deren bösen, strengen Sinn er wohl kannte, nachkommen möchte und überlegte hin und her, was zu tun. Endlich dachte er: ich will ihr eine Ladung des köstlichsten Weizens bringen, was ist Schöners und Edlers zu finden auf Erden, als dies herrliche Korn, dessen kein Mensch entbehren kann? Also steuerte er nach Danzig, befrachtete sein Schiff mit ausgesuchtem Weizen und kehrte alsdann, immer noch unruhig und furchtsam vor dem Ausgang, wieder in seine Heimat zurück. »Wie, Schiffsmeister,« rief ihm die Jungfrau entgegen, »du bist schon hier? Ich glaubte dich an der Küste von Afrika, um Gold und Elfenbein zu handeln, laß sehen, was du geladen hast.« Zögernd, denn an ihren Reden sah er schon, wie wenig sein Einkauf ihr behagen würde, antwortete er: »Meine Frau, ich führe Euch zu dem köstlichsten Weizen, der auf dem ganzen Erdreich mag gefunden werden.« »Weizen,« sprach sie, »so elendes Zeug bringst du mir?« – »Ich dachte, das wäre so elend nicht, was uns unser tägliches und gesundes Brot gibt.« – »Ich will dir zeigen, wie verächtlich mir deine Ladung ist; von welcher Seite ist das Schiff geladen?« – »Von der rechten Seite (Stuurboordszyde)«, sprach der Schiffsmeister. – »Wohlan, so befehl ich dir, daß du zur Stunde die ganze Ladung auf der linken Seite (Backbord) in die See schüttest; ich komme selbst hin und sehe, ob mein Befehl erfüllt worden.« Der Seemann zauderte, einen Befehl auszuführen, der sich so greulich an der Gabe Gottes versündigte und berief in Eile alle armen und dürftigen Leute aus der Stadt an die Stelle, wo das Schiff lag, durch deren Anblick er seine Herrin zu bewegen hoffte. Sie kam und fragte: »Wie ist mein Befehl ausgerichtet?« Da fiel eine Schar von Armen auf die Knie vor ihr und baten, daß sie ihnen das Korn austeilen möchte, lieber als es vom Meer verschlingen zu lassen. Aber das Herz der Jungfrau war hart wie Stein, und sie erneuerte den Befehl, die ganze Ladung schleunig über Bord zu werfen. Da bezwang sich der Schiffsmeister länger nicht und rief laut: »Nein, diese Bosheit kann Gott nicht ungerächt lassen, wenn es wahr ist, daß der Himmel das Gute lohnt und das Böse bestraft; ein Tag wird kommen, wo ihr gerne die edlen Körner, die ihr so verspielt, eins nach dem andern auflesen möchtet, Euren Hunger damit zu stillen!« »Wie,« rief sie mit höllischem Gelächter, »ich soll dürftig werden können? Ich soll in Armut und Brotmangel fallen? So wahr das geschieht, so wahr sollen auch meine Augen diesen Ring wieder erblicken, den ich hier in die Tiefe der See werfe.« Bei diesem Wort zog sie einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn in die Wellen. Die ganze Ladung des Schiffes und aller Weizen, der darauf war, wurde also in die See geschüttet. Was geschieht? Einige Tage darauf ging die Magd dieser Frau zu Markt, kaufte einen Schellfisch und wollte ihn in der Küche zurichten; als sie ihn aufschnitt, fand sie darin einen kostbaren Ring und zeigte ihn ihrer Frau. Wie ihn die Meisterin sah, erkannte sie ihn sogleich für ihren Ring, den sie neulich ins Meer geworfen hatte, erbleichte und fühlte die Vorboten der Strafe in ihrem Gewissen. Wie groß war aber ihr Schrecken, als in demselben Augenblick die Botschaft eintraf, ihre ganze aus Morgenland kommende Flotte wäre gestrandet! Wenige Tage darauf kam die neue Zeitung von untergegangenen Schiffen, worauf sie noch reiche Ladungen hatte. Ein anderes Schiff raubten ihr die Mohren und Türken; der Fall einiger Kaufhäuser, worin sie verwickelt war, vollendete bald ihr Unglück, und kaum war ein Jahr verflossen, so erfüllte sich die schreckliche Drohung des Schiffsmeisters in allen Stücken. Arm und von keinem bedauert, von vielen verhöhnt, sank sie je länger je mehr in Not und Elend, hungrig bettelte sie Brot vor den Türen und bekam oft keinen Bissen, endlich verkümmerte sie und starb verzweifelnd. Der Weizen aber, der in das Meer geschüttet worden war, sproß und wuchs das folgende Jahr, doch trug er taube Ähren. Niemand achtete das Warnungszeichen, allein die Ruchlosigkeit von Stavoren nahm von Jahr zu Jahr überhand, da zog Gott der Herr seine schirmende Hand ab von der bösen Stadt. Auf eine Zeit schöpfte man Hering und Butt aus den Ziehbrunnen, und in der Nacht öffnete sich die See und verschlang mehr als drei Viertel der Stadt in rauschender Flut. Noch beinah jedes Jahr versinken einige Hütten der Insassen, und es ist seit der Zeit kein Segen und kein wohlhabender Mann in Stavoren zu finden. Noch immer wächst jährlich an derselben Stelle ein Gras aus dem Wasser, das kein Kräuterkenner kennt, das keine Blüte trägt und sonst nirgends mehr auf Erden gefunden wird. Der Halm treibt lang und hoch, die Ähre gleicht der Weizenähre, ist aber taub und ohne Körner. Die Sandbank, worauf es grünt, liegt entlangs der Stadt Stavoren und trägt keinen andern Namen als den des Frauensandes. Der Kindelsberg (Brüder Grimm) Hinter dem Geisenberg in Westfalen ragt ein hoher Berg mit dreien Köpfen hervor, davon heißt der mittelste noch der Kindelsberg; da stand vor alten Zeiten ein Schloß, das gleichen Namen führte, und in dem Schloß wohnten Ritter, die waren gottlose Leute. Zur Rechten hatten sie ein sehr schönes Silberbergwerk, davon wurden sie stockreich, und von dem Reichtum wurden sie so übermütig, daß sie sich silberne Kegel machten, und wenn sie spielten, so warfen sie die Kegel mit silbernen Kugeln. Der Übermut ging aber noch weiter; denn sie buken sich großen Kuchen von Semmelmehl wie Kutschenräder, machten mitten Löcher darein und steckten sie an die Achsen. Das war eine himmelschreiende Sünde; denn so viele Menschen hatten kein Brot zu essen. Gott war es endlich auch müde. Eines Abends spät kam ein weißes Männchen ins Schloß und sagte an, daß sie alle binnen drei Tagen sterben müßten, und zum Wahrzeichen gab er ihnen, daß diese Nacht eine Kuh zwei Lämmer werfen würde. Das traf auch ein; aber niemand kehrte sich daran als der jüngste Sohn, der Ritter Siegmund hieß, und eine Tochter, die eine gar schöne Jungfrau war. Diese beteten Tag und Nacht. Die andern starben an der Pest; aber diese beiden blieben am Leben. Nun aber war auf dem Geisenberg ein junger kühner Ritter, der ritt beständig ein großes schwarzes Pferd und hieß darum der Ritter mit dem schwarzen Pferd. Er war ein gottloser Mensch, der immer raubte und mordete. Dieser Ritter gewann die schöne Jungfrau auf dem Kindelsberg lieb und wollte sie zur Ehe haben; sie schlug es ihm aber beständig ab, weil sie einem jungen Grafen von der Mark verlobt war, der mit ihrem Bruder in den Krieg gezogen war, und dem sie treu bleiben wollte. Als aber der Graf immer nicht aus dem Krieg zurückkam und der Ritter mit dem schwarzen Pferd sehr um sie warb, so sagte sie endlich: »Wenn die grüne Linde hier vor meinem Fenster wird dürr sein, so will ich dir gewogen werden.« Der Ritter mit dem schwarzen Pferd suchte so lange in dem Lande, bis er eine dürre Linde fand, so groß wie jene grüne, und in einer Nacht bei Mondenschein grub er diese aus und setzte die dürre dafür hin. Als nun die schöne Jungfrau aufwachte, so war's so hell vor ihrem Fenster; da lief sie hin und sah erschrocken, daß eine dürre Linde dastand. Weinend setzte sie sich unter die Linde, und als der Ritter kam und ihr Herz verlangte, sprach sie in ihrer Not: »Ich kann dich nimmermehr lieben.« Da ward der Ritter mit dem schwarzen Pferd zornig und stach sie tot. Der Bräutigam kam noch denselben Tag zurück, machte ihr ein Grab und setzte eine Linde dabei und einen großen Stein, der noch zu sehen ist. Die Kinder von Hameln (Brüder Grimm) Im Jahre 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an, weshalben er Bundting soll geheißen haben, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und versicherten ihm einen bestimmten Lohn. Der Rattenfänger zog demnach ein Pfeifchen heraus und pfiff, da kamen alsobald die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgekrochen und sammelten sich um ihn herum. Als er nun meinte, es wäre keine zurück, ging er hinaus, und der ganze Haufe folgte ihm, und so führte er sie an die Weser; dort schürzte er seine Kleider und trat in das Wasser, worauf ihm alle Tiere folgten und hineinstürzend ertranken. Nachdem die Bürger aber von ihrer Plage befreit waren, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei Ausflüchten, so daß er zornig und erbittert wegging. Am 26. Juni auf Johannis- und Pauli-Tag, morgens früh sieben Uhr, nach andern zu Mittag, erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers, erschrecklichen Angesichts, mit einem roten, wunderlichen Hut und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahre an in großer Anzahl gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters war. Der ganze Schwarm folgte ihm nach, und er führte sie hinaus an einen Berg, wo er mit ihnen verschwand. Das hatte ein Kindermädchen gesehen, welches mit einem Kind auf dem Arm von fern nachgezogen war, danach umkehrte und das Gerücht in die Stadt brachte. Die Eltern dieser Kinder liefen haufenweis vor alle Tore und suchten mit betrübtem Herzen ihre Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte herumgeschickt, zu erkundigen, ob man die Kinder oder auch nur etliche gesehen, aber alles vergeblich. Es waren im ganzen 130 verloren. Zwei sollen, wie einige sagen, sich verspätet haben und zurückgekommen sein, wovon aber das eine blind, das andere stumm gewesen, also daß das blinde den Ort nicht hat zeigen können, aber wohl erzählen, wie sie dem Spielmann gefolgt wären; das stumme aber den Ort gewiesen, ob es gleich nichts gehört. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und kehrte um, seinen Rock zu holen, wodurch es dem Unglück entgangen; denn als es zurückkam, waren die andern schon in der Grube eines Hügels, die noch gezeigt wird, verschwunden. Die Straße, wodurch die Kinder zum Tore hinausgingen, hieß noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts, wohl noch heute, die bunge-lose (trommel-tonlose, stille), weil kein Tanz darin geschehen, noch Saitenspiel durfte gerührt werden. Ja, wenn eine Braut mit Musik zur Kirche gebracht ward, mußten die Spielleute über die Gasse hin stillschweigen. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwanden, heißt der Poppenberg, wo links und rechts zwei Steine in Kreuzform sind aufgerichtet worden. Einige sagen, die Kinder wären in eine Höhle geführt worden und in Siebenbürgen wieder herausgekommen. Die Bürger von Hameln haben die Begebenheit in ihr Stadtbuch einzeichnen lassen und pflegen in ihren Ausschreiben nach dem Verlust ihrer Kinder Jahr und Tag zu zählen. Nach Seyfried ist der 22. statt des 26. Juni im Stadtbuch angegeben. An dem Rathaus standen folgende Zeilen: Im Jahr 1284 na Christi gebort tho Hamel worden uthgevort hundert und dreißig Kinder, dasülvest geborn, dorch einen Piper under den Köppen verlorn .... Im Jahre 1572 ließ der Bürgermeister die Geschichte auf den Kirchenfenstern abbilden mit der nötigen Überschrift, welche größtenteils unleserlich geworden. Auch ist eine Münze darauf geprägt. Der Binger Mäuseturm (Brüder Grimm) Zu Bingen ragt mitten aus dem Rhein ein hoher Turm, von dem nachstehende Sage umgeht. Im Jahre 974 ward große Teuerung in Deutschland, daß die Menschen aus Not Katzen und Hunde aßen und doch viele Leute Hungers starben. Da war ein Bischof zu Mainz, der hieß Hatto der andere, ein Geizhals, dachte nur daran, seinen Schatz zu mehren und sah zu, wie die armen Leute auf der Gasse niederfielen und bei Haufen zu den Brotbänken liefen und das Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein Erbarmen kam in den Bischof, sondern er sprach: »Lasset alle Arme und Dürftige sammeln in einer Scheune vor der Stadt, ich will sie speisen.« Und wie sie in die Scheune gegangen waren, schloß er die Türe zu, steckte sie mit Feuer an und verbrannte die Scheune samt den armen Leuten, jung und alt, Mann und Weib. Als nun die Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bischof Hatto: »Hört, hört, wie die Mäuse pfeifen!« Allein Gott der Herr plagte ihn bald, daß die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm fraßen und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider sie behalten und bewahren. Da wußte er endlich keinen andern Rat, als er ließ einen Turm bei Bingen mitten in den Rhein bauen, der noch heutigestags zu sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die Mäuse schwammen durch den Strom heran, erklommen den Turm und fraßen den Bischof lebendig auf. Frau Hütt (Brüder Grimm) In uralten Zeiten lebte im Tiroler Land eine mächtige Riesenkönigin, Frau Hütt genannt, und wohnte auf den Gebirgen über Innsbruck, die jetzt grau und kahl sind, aber damals voll Wälder, reicher Äcker und grüner Wiesen waren. Auf eine Zeit kam ihr kleiner Sohn heim, weinte und jammerte, Schlamm bedeckte ihm Gesicht und Hände, dazu sah sein Kleid schwarz aus wie ein Köhlerkittel. Er hatte sich eine Tanne zum Steckenpferd abknicken wollen; weil der Baum aber am Rande eines Morastes stand, so war das Erdreich unter ihm gewichen und er bis zum Haupt in den Moder gesunken; doch hatte er sich noch glücklich herausgeholfen. Frau Hütt tröstete ihn, versprach ihm ein neues, schönes Röcklein und rief einen Diener, der sollte weiche Brosame nehmen und ihm damit Gesicht und Hände reinigen. Kaum aber hatte dieser angefangen, mit der heiligen Gottesgabe also sündlich umzugehen, so zog ein schweres, schwarzes Gewitter daher, das den Himmel ganz zudeckte, und ein entsetzlicher Donner schlug ein. Als es wieder sich aufgehellt, da waren die reichen Kornäcker, grünen Wiesen und Wälder und die Wohnung der Frau Hütt verschwunden, und überall war nur eine Wüste mit zerstreuten Steinen, wo kein Grashalm mehr wachsen konnte; in der Mitte aber stand Frau Hütt, die Riesenkönigin, versteinert, und so wird sie stehen bis zum Jüngsten Tag. In vielen Gegenden Tirols, besonders in der Nähe von Innsbruck, wird bösen und mutwilligen Kindern die Sage zur Warnung erzählt, wenn sie sich mit Brot werfen oder sonst Übermut damit treiben. »Spart eure Brosamen«, heißt es, »für die Armen, damit es euch nicht ergehe wie der Frau Hütt.« Der Brotstein (Westpreußische Sage) Einst wütete ein große Hungersnot im Lande; denn die Ernte war vollständig mißraten. Um die Not zu lindern, ließen wohlhabende Leute Korn zu Schiffe aus andern Ländern herbeiholen, wo es besser gewachsen war. Daraus bereitete man Brot und verteilte es unter die Armen. So geschah es auch im Kloster zu Oliva, und von nah und fern kamen Notleidende, um sich Brot zu holen. Auch ein Schuhmachergeselle aus Wehlau, der auf der Wanderschaft war, erhielt dort ein Brot. Er steckte es unter seinen Mantel und zog weiter auf der Straße nach Danzig. Hier begegnete er einer armen Frau, die einen Säugling auf dem Arme trug und noch ein Kind an der Hand führte. Ihre Wangen waren vor Hunger eingefallen, und wankenden Schrittes kam sie daher. Da fiel ihr Blick auf den rüstigen Wandersmann, und sie vermutete, er werde ihr helfen können. »Lieber Herr,« bat sie ihn flehentlich, »ich bin nahe daran, mit meinen Kindern vor Hunger zu sterben, erbarmt Euch über uns und schenkt uns einige Brosamen, damit wir nicht umkommen.« – Jener aber antwortete: »Was suchst du Hilfe bei einem, der selbst nichts hat? In dieser Zeit der Not und des Jammers hat jeder mit sich selbst genug zu tun.« Da blickte die Frau auf seinen Mantel und sah, daß er darunter etwas trug, daß die Form eines Brotes hatte. »Aber Ihr tragt ja ein Brot unter dem Mantel, wie ich sehe«, sagte sie. Doch er erwiderte: »Gott stärke deine Augen, daß du besser sehen mögest! Was du da für ein Brot hältst, ist ein Stein, den ich immer bei mir trage, um die Hunde zu verjagen, die mich auf den Dorfstraßen anfallen.« Mit diesen Worten ging er weiter, obgleich die armen Kinder vor Hunger weinten. Bald aber fing das Brot unter seinem Mantel an so schwer zu werden, daß er es kaum tragen konnte, und als er, darüber verwundert, sich niedersetzte und es hervorholte, sah er, daß er nicht mehr ein Brot, sondern einen Stein trug. Da kehrte er mit bitterlicher Reue im Herzen um und brachte den Stein in die Kirche, wo er noch lange zur Warnung für alle Unbarmherzigen gezeigt wurde. Die Magd von Körle (Hessisches Jahrbuch) Das Dorf Körle zwischen Kassel und Melsungen gehört zum Kirchspiel Wollerode, vor langen Jahren kam der Prediger an einem Sonntag herübergeritten, um den Gottesdienst zu besorgen. Seinen Esel band er an die Kirchhofsmauer. Es dauerte gar nicht lange, so hatte sich eine Schar mutwilliger Jungen um den Esel versammelt, die an ihm neckten und zerrten, daß er hinten und vorn ausschlug. Da kam von ungefähr eine junge Bauerndirne vorüber, die eine Mistgabel trug. Sie lachte über das neckische Spiel der Knaben und kitzelte den Esel mit der Mistgabel. Bald mehrte sich das Häuflein der Zuschauer, und viele holten Mistgabeln und kitzelten das unglückliche Tier so lange damit, bis es zusammenbrach und alle Viere von sich streckte. Als nun der Pfarrer aus der Kirche kam und seinen Esel wieder besteigen wollte, fand er ihn tot und klagte sehr darüber. Das rührte einen alten Bauern, der den Frevel mit angesehen hatte, und er hinterbrachte dem Pfarrer die Geschichte. Seitdem müssen die Bauern von Körle einen jährlichen Zins zahlen, »Eselzins« oder auch »Kitzelgeld« genannt. Seitdem ist es in Niederhessen sprichwörtlich geworden, von einem Übermütigen, der tolle Streiche macht, zu sagen: »Dem ist zu wohl, wie der Magd von Körle.« Hans Heilings Felsen (Brüder Grimm) An der Eger, dem Dorfe Aich gegenüber, ragen seltsame Felsen empor, die das Volk Hans Heilings Felsen nennt, und wovon es heißt, vor alten Zeiten habe ein gewisser Mann, namens Hans Heiling, im Lande gelebt, der genug Geld und Gut besessen, aber sich jeden Freitag in sein Haus verschlossen und diesen Tag über unsichtbar geblieben sei. Dieser Heiling stand mit dem Bösen im Bunde und floh, wo er ein Kreuz sah. Einst soll er sich in ein schönes Mädchen verliebt haben, die ihm auch anfangs zugesagt, hernach aber wieder verweigert worden war. Als diese mit ihrem Bräutigam und vielen Gästen Hochzeit hielt, erschien mitternachts zwölf Uhr Heiling plötzlich unter ihnen und rief laut: »Teufel, ich lösche dir deine Dienstzeit, wenn du mir diese vernichtest!« Der Teufel antwortete: »So bist du mein«, und verwandelte alle Hochzeitsleute in Felsensteine. Braut und Bräutigam stehen da, wie sie sich umarmen, die übrigen mit gefalteten Händen. Hans Heiling stürzte vom Felsen in die Eger hinab, die ihn zischend verschlang, und kein Auge hat ihn wiedergesehen. Noch jetzt zeigt man die Steinbilder, die Liebenden, den Brautvater und die Gäste; auch die Stelle, wo Heiling hinabstürzte. Das Bubenried (Brüder Grimm) n der Großbieberauer Gemarkung liegt ein Tal gegen Überau zu, das nennen die Leute das Bubenried und gehen nicht bei nächtlicher Weile da durch, ohne daß ihnen die Hühnerhaut ankommt. Vorzeiten, als Krieg und Hungersnot im Reich war, gingen zwei Bettelbuben von Überau zurück, die hatten sich immer zueinander gehalten, und in dem Tal pflegten sie immer ihr Almosen zu teilen. Sie hatten heut nur ein paar Blechpfennige gekriegt; aber dem einen hatte der reiche Schulze ein Armenlaibchen geschenkt, »das könne er mit seinem Gesellen teilen«. Wie nun alles andre redlich geteilt war und der Bub das Brot aus dem Schubsack zog, roch es ihm lieblich in die Nase, daß er's für sich allein behalten und dem andern nichts davon geben wollte. Da nahm der Friede sein Ende, sie zankten sich, und von den Worten kam's zum Raufen und Balgen, und als keiner den andern zwingen konnte, riß sich jeder einen Pfahl aus dem Pferch. Der böse Feind führte ihnen die Kolben, und jeder Bub schlug den andern tot. Drei Nächte lang nach dem Mord regte sich kein Blatt und sang kein Vogel im Ried, und seitdem ist es da ungeheuer, und man hört die Buben wimmern und winseln. Der Schwerttanz zu Weißenstein (Brüder Grimm) Unfern Marburg auf dem Wege nach Wetter liegt ein Dorf Wehre und dabei ein spitzer Berg, auf dem vor alten Zeiten eine Raubburg gestanden haben soll, genannt der Weißenstein, und Trümmer davon sind noch übrig. Aus diesem Schloß wurde den Umliegenden großer Schaden zugefügt, allein man konnte den Räubern nicht beikommen wegen der Feste der Mauer und Höhe des Berges. Endlich verfielen die Bauern aus Wehre auf eine List. Sie versahen sich heimlich mit allerhand Wehr und Waffen, gingen zum Schloß hinauf und gaben den Edelleuten vor, daß sie ihnen einen Schwerttanz bringen wollten. Unter diesem Schein wurden sie eingelassen; da entblößten sie ihre Waffen und hieben das Raubvolk tapfer nieder, bis sich die Edelleute auf Gnaden ergaben und von den Bauern samt der Burg ihrem Landesfürsten überliefert wurden. Der Adamstanz bei Wirchow (Temme) Bei dem Dorfe Wirchow (d. i. Virchow, Kr. Dramburg) befindet sich ein Kreis großer Steine. Es sind deren achtzehn an der Zahl. Vierzehn, zwei bis zweieinhalb Fuß hoch, stehen jedesmal paarweise in einem großen Kreise um zwei, welche in der Mitte des Kreises stehen. Diese zwei sind über zwei Ellen hoch. Zwei andere, noch etwas höher, stehen außerhalb des Kreises in einiger Entfernung. Von der Entstehung dieser Steine erzählt man, daß an dieser Stelle vor einigen hundert Jahren mehrere Menschen am heiligen Pfingsttage einen nackten Tanz aufgeführt haben und zu einer sonderbaren Strafe für ihr frevelhaftes Beginnen in die Steine verwandelt worden sind. Daher heißen die Steine auch der Adamstanz oder der Steintanz. Die vierzehn Steine im Kreise sind die Tänzer und Tänzerinnen gewesen, die zwei in der Mitte die Bierschenker und die zwei außerhalb des Kreises die Spielleute. An diesen beiden letzteren kann man im Stein noch die Violinen erkennen. Aus dem Reich der Riesen und Räuber Das Königsgrab von Seddin (H. Klare [Priegnitzer Volksbl.]) Im Königsgrabe von Seddin, einem gewaltigen Hünengrabe, liegt nach der Sage ein König der Riesen namens Heinz oder Hinze begraben, der einmal vor langer, langer Zeit ein mächtiger Herrscher in der Priegnitz war. Er schlummert da unten in einem goldenen Sarge. Um den goldenen aber schließt sich noch ein silberner Sarg und um diesen wieder ein kupferner. Dem toten Könige liegt sein Schwert zur Seite, seine Kleinodien trägt er noch an sich. Der nächste Hügel soll den goldenen Fingerring des Königs bergen, in einem dritten seine Schatztruhe stehen. Etwas ganz Ähnliches erzählte ein alter Bauer aus Ackerfelde von dem Heidehügel im Walde bei diesem Dorfe. Danach ist auch dieser Hügel das Grab eines Riesenkönigs, eines Herrschers der Ostpriegnitz, der gleichfalls in einem goldenen Sarge liegt und um dessen Leib sich eine goldene Kette schlingt, die dreimal um die ganze Ostpriegnitz reichen würde. In manchen Hünengräbern lassen die Eigentümer der Grundstücke keine Nachgrabungen zu, weil sie die Rache der Geister fürchten, die darin hausen. Riese Einheer (Brüder Grimm) Zu Zeiten Karls des Großen lebt' ein Ries' und Recke, hieß Einheer, war ein Schwab, bürtig aus Thurgau, jetzt Schweiz, der wute (wadete) über alle Wasser, dorft (braucht) über keine Brücke gehen, zog sein Pferd bei dem Schwanz hernach, sagt allzeit: »Nun, Gesell, du mußt auch hernach!« Dieser reiset auch in diesen Kaiser Karls Kriegen wider die Winden (Wenden) und Haunen (Hunnen); er mähet die Leut, gleich wie das Gras mit einer Sensen, alle nieder, hängt sie an den Spieß, trug's über die Achseln wie Hasen oder Füchs, und da er wieder heimkam und ihn seine guten Gesellen und Nachbarn fragten, was er ausgerichtet hätte? wie es im Kriege gegangen wäre? sagt er aus Unmut und Zorn: »Was soll ich viel von diesen Fröschlein sagen! Ich trug ihr sieben oder acht am Spieß über die Achsel, weiß nicht, was sie quaken, ist der Mühe nicht wert, daß der Kaiser so viel Volks wider solche Kröten und Würmlein zusammengebracht, ich wollt's leichter zuwege gebracht haben!« – Diesen Riesen nennt man Einheer, daß (weil) er sich in Kriegen schier einem Heer vergleicht und also viel ausrichtet. Es flohen ihm die Feinde, Winden und Haunen, meinten, es wäre der leidige Teufel. Das Riesenspielzeug (Brüder Grimm) Im Elsaß auf der Burg Nideck, die an einem hohen Berg bei einem hohen Wasserfall liegt, waren die Ritter vor Zeiten große Riesen. Einmal ging das Riesenfräulein herab ins Tal, wollte sehen, wie es da unten wäre und kam bis fast nach Haslach auf ein vor dem Wald gelegenes Ackerfeld, das gerade von den Bauern bestellt ward. Es blieb vor Verwunderung stehen und schaute den Pflug, die Pferde und Leute an, das ihr alles etwas Neues war. »Ei,« sprach sie, und ging herzu, »das nehm ich mir mit.« Da kniete sie nieder zur Erde, spreitete ihre Schürze aus, strich mit der Hand über das Feld, fing alles zusammen und tat's hinein. Nun lief sie vergnügt nach Haus, den Felsen hinaufspringend, wo der Berg so jäh ist, daß ein Mensch mühsam klettern muß, da tat sie einen Schritt und war droben. Der Ritter saß gerad am Tisch, als sie eintrat. »Ei, mein Kind,« sprach er, »was bringst du da, die Freude schaut dir ja aus den Augen heraus.« Sie machte geschwind ihre Schürze auf und ließ ihn hineinblicken, »Was hast du so Zappeliges darin?« »Ei, Vater, gar zu artiges Spielding! So was Schönes hab ich mein Lebtag noch nicht gehabt.« Darauf nahm sie eins nach dem andern heraus und stellte es auf den Tisch: den Pflug, die Bauern mit ihren Pferden, lief herum, schaute es an, lachte und schlug vor Freude in die Hände, wie sich das kleine Wesen darauf hin und her bewegte. Der Vater aber sprach: »Kind, das ist kein Spielzeug, da hast du was Schönes angestiftet! Geh nur gleich und trag's wieder hinab ins Tal.« Das Fräulein weinte, es half aber nichts. »Mir ist der Bauer kein Spielzeug,« sagte der Ritter ernsthaftig, »ich leid's nicht, daß du mir murrst, kram alles sachte wieder ein und trag's an den nämlichen Platz, wo du's genommen hast. Baut der Bauer nicht sein Ackerfeld, so haben wir Riesen auf unserm Felsennest nichts zu leben.« Hünenspiel (Brüder Grimm) Bei Höxter, zwischen Godelheim und Amelunxen, liegen der Brunsberg und Wiltberg, auf welchen die Sachsen im Kampf mit Karl dem Großen sollen ihre Burgen gehabt haben. Nach der Sage des Godelsheimer Volks wohnten dort ehedem Hünen, die so groß waren, daß sie sich morgens, wenn sie aufstanden, aus ihren Fenstern grüßend die Hände herüber und hinüber reichten. Sie warfen sich auch, als Ballspiel, Kugeln zu und ließen sie hin und her fliegen. Einmal fiel eine solche Kugel mitten ins Tal herab und schlug ein gewaltiges Loch in den Erdboden, das man heute noch sieht. Die Vertiefung heißt die Knäuelwiese. – Die Riesen herrschten da zu Land, bis ein mächtiges, kriegerisches Volk kam und mit ihnen stritt. Da gab es eine ungeheure Schlacht, daß das Blut durchs Tal strömte und die Weser rot färbte; alle Hünen wurden erschlagen, ihre Burgen erobert, und das Neuangekommene Volk schaltete von nun an in der Gegend. Fruu Harke (W. Schwartz) Vöör ollen Tiden hett upp de Stöllnsche Barge ene grootmächtige Riesenfruu woant, de hett Fruu Harke, ännere seggen ook Fruu Harfe geheeten, de hett moal enen grooten Steen her to foaten kreegen und hett doamett den Hoalbarschen Dom innen Klump schmeeten wullen. Disse Steen is äär äwerst ut den Hänne uutglitscht unn is upp de Stöllnsche Feldmark doal follen, wo hee noch lange legen hett. Man hett ook orntlich künn'n de Löker seien, wo se met de Fingern rinpackt hett. Das Hünenblut (Brüder Grimm) Zwischen dem magdeburgischen Städtchen Engeln und dem Dorfe Westeregeln, unweit des Hakels, findet sich in einer flachen Vertiefung rotes Wasser, welches das Volk Hünenblut nennt. Ein Hüne floh, verfolgt von einem andern, überschritt die Elbe, und als er in die Gegend kam, wo jetzt Egeln liegt, blieb er mit einem Fuße, den er nicht genug aufhob, an der Turmspitze der alten Burg hangen, stolperte, erhielt sich noch ein paar tausend Fuß zwischen Fall und Aufstehen, stürzte aber endlich nieder. Seine Nase traf gerade auf einen großen Felsstein bei Westeregeln mit solcher Gewalt, daß er das Nasenbein zerschmetterte und ihm ein Strom von Blut entstürzte, dessen Überreste noch jetzt zu sehen sind. Nach einer zweiten Erzählung wohnte der Hühne in der Gegend von Westeregeln. Oft machte er sich das Vergnügen, über das Dorf und seine kleinen Bewohner wegzuspringen. Bei einem Sprung aber ritzte er seine große Zehe an der Turmspitze. Das Blut spritzte aus der Wunde in einem tausendfüßigen Bogen bis in die Lache, in der sich das nieversiegende Hünenblut sammelte. Der Riesenstein in der Nassau (J. Grässe) Auf dem Keilenberge bei Königsbrück, der jetzt zum Andenken des Königs Friedrich August des Gerechten der Augustusberg heißt, wohnten in grauer Vorzeit Riesen, die mit einer andern Riesenfamilie auf dem Kulmberge bei Oschatz in Unfrieden lebten und sich mit Riesentannen und Steinwacken von vielen Zentnern warfen. In beiden Familien ragte je ein Jüngling zur Freude seiner Eltern über alle seine Verwandten an Größe und Schönheit hervor, und beide liebten ein Mädchen, die schöne Tochter des Fürsten des Elbgaues, Bila, der da, wo jetzt das Dorf Zadel liegt, auf einer Felsenburg thronte. Die Jungfrau erwiderte aber die Liebe der Riesensöhne nicht, und als diese bei ihrem Vater um ihre Hand warben, da gab ihnen dieser eine ausweichende Antwort, sie möchten seine Tochter erst zu verdienen suchen. Es hatte aber ein anderer das Herz des Mägdeleins gewonnen, und zwar ein armer Hirte, der die Lämmer an den sonnigen Höhen des Golkgebirges weidete. Einst, als die Prinzessin am Ufer des Glaserbaches, der sich unterhalb der Neumühle in die Elbe ergießt, eingeschlafen war, näherte sich ihr eine giftige Schlange. Bevor sie aber der Prinzessin ein Leid antun konnte, erschlug sie der Schäfer. Die aus dem Schlummer aufgeschreckte Bila, welche eben von dem Jüngling geträumt hatte, sah in ihm nun ihren Retter und versprach ihm voll Dankbarkeit Herz und Hand. Lange aber blieb das Geheimnis der Liebenden den beiden Riesen nicht verborgen. Einst sahen sie ihn seiner Bila, die an jener Stelle des Baches auf ihn harrte, entgegengehen; da erhoben beide, jener auf dem Keilen-, dieser auf dem Kulmberge, ungeheure Steinblöcke und schleuderten sie ihm entgegen, er aber blieb unversehrt, denn er stand unter dem Schutze der Götter, weil er fromm und gut war. Als nun der alte Fürst das Begebnis erfuhr, nahm er den Schäfer als Eidam an und errichtete zum Dank gegen die Götter auf einem dieser Steine eine Opferstätte. Dieser Stein ist unterhalb Zadel auf Golker Revier noch jetzt zu sehen, er führt den Namen Gose (Opferstätte), das Volk aber nennt ihn den Riesenstein. Als die Riesen sahen, daß ihnen die schöne Bila für immer entrissen war, entbrannten sie unter sich in grimmigem Kampfe, von dem noch ein zweiter Riesenstein am Rande der Nassau Zeugnis gibt. Der Sieger überlebte seinen überwundenen Gegner nur kurze Zeit. Wie der Teufelsberg im pohlschen Luch entstanden ist (W. Schwartz) In dem pohlschen (oder polzschen) Luch (im Havellande) liegt ein Berg, welcher sich kegelförmig aus der ihn umgebenden Niederung erhebt und auf dem oben ein tiefes Loch ist. Der stammt von den Riesen oder Hünen her und heißt der Teufelsberg. Da wohnte nämlich auf dem Hohen Rott ein Hüne und auf den Rüthschen Bergen ein Hünenmädchen. Weil aber zwischen beiden Höhen das Luch war, mußte der Riese immer einen großen Umweg machen, um auf den Rüthschen Berg zu kommen. Endlich fiel dem Hünenmädchen ein, wie sie das ändern könnte. Sie nahm eine Schürze voll Sand, tat einen mächtigen Schritt in das Luch hinein und ließ die Erde fallen. Nun konnte der Hüne vom Rott mit zwei Schritten zu ihr hinüberkommen. Da aber, wo er mit dem einen Fuß auf dem Teufelsberg auftrat, entstand das tiefe Loch, was noch jetzt auf dem Berge zu sehen ist. Der schnarchende Riese (Zingerle) In einer Höhle ob dem Gnadenwald wohnte der furchtbare Walder Riese. Einmal schlief er im Wald und schnarchte, daß die Bäume weit und breit zitterten. Da fuhr ein Bauer des Weges daher und dachte sich: das ist heute doch ein Sturmwind, daß die Bäume so sausen! Endlich kam er zu dem schlafenden Riesen. Er dachte, es wäre ein Hügel und fuhr hinan. Als er zur Nase kam, dachte er sich: da gibt's zwei Wege, ich fahre rechts, und fuhr in das rechte Nasenloch. Aber das Fuhrwerk kitzelte den Riesen, und er nieste so stark, daß das Fuhrwerk bis in die Gegend von Lans heraufflog. Später verschwand der Riese; niemand weiß, warum und wohin. Der Riesenfinger (Brüder Grimm) Am Strand der Saale, besonders in der Nähe von Jena, lebte ein wilder und böser Riese; auf den Bergen hielt er seine Mahlzeit und auf dem Landgrafenberg heißt noch ein Stück der Löffel, weil er da seinen Löffel fallen ließ. Er war auch gegen seine Mutter gottlos, und wenn sie ihm Vorwürfe über sein wüstes Leben machte, so schalt er sie und schmähte und ging nur noch ärger mit den Menschen um, die er Zwerge hieß. Einmal, als sie ihn wieder ermahnte, ward er so wütend, daß er mit den Fäusten nach ihr schlug. Aber bei diesem Greuel verfinsterte sich der Tag zu schwarzer Nacht, ein Sturm zog daher, und der Donner krachte so fürchterlich, daß der Riese niederstürzte. Alsbald fielen die Berge über ihn her und bedeckten ihn, aber zur Strafe wuchs der kleine Finger ihm aus dem Grabe heraus. Dieser Finger aber ist ein langer, schmaler Turm auf dem Hausberg, den man jetzt den Fuchsturm heißt. Riesensäulen (Brüder Grimm) Bei Miltenberg oder Kleinen-Haubach auf einem hohen Gebirg im Walde sind neun gewaltige, große steinerne Säulen zu sehen und daran die Handgriffe, wie sie von den Riesen im Arbeiten herumgedreht worden, damit eine Brücke über den Main zu bauen, solches haben die Leute je nach und nach ihren Kindern erzählt, auch daß in dieser Gegend vor Zeiten viele Riesen sich aufgehalten. Der Roßtrapp und der Kreetpfuhl (Brüder Grimm) Vor tausend und mehr Jahren, ehe noch die Raubritter die Hoymburg, Leuenburg, Steckelnburg und Winzenburg erbauten, war das Land rings um den Harz von Riesen bewohnt, die Heiden und Zauberer waren, Raub, Mord und Gewalttat übten. Sechzigjährige Eichen rissen sie samt den Wurzeln aus und fochten damit. Was sich entgegenstellte, wurde mit Keulen niedergeschlagen und die Weiber in Gefangenschaft fortgeschleppt, wo sie Tag und Nacht dienen mußten. In dem Boheimer Walde hauste dazumal ein Riese, Bodo genannt. Alles war ihm Untertan, nur Emma, die Königstochter vom Riesengebirge, die konnte er nicht zu seiner Liebe zwingen. Stärke noch List halfen ihm nichts; denn sie stand mit einem mächtigen Geist im Bund. Einst aber ersah sie Bodo jagend auf der Schneekoppe und sattelte sogleich seinen Zelter, der meilenlange Fluren im Augenblick übersprang; er schwur, Emma zu sahen oder zu sterben. Fast hätt' er sie erreicht; als sie ihn aber zwei Meilen weit von sich erblickte und an den Torflügeln eines zerstörten Städtleins, welche er im Schilde führte, erkannte, da schwenkte sie schnell das Roß. Und von ihren Sporen getrieben, flog es über Berge, Klippen und Wälder, durch Thüringen in die Gebirge des Harzes. Oft hörte sie einige Meilen hinter sich das schnaubende Roß Bodos und jagte dann den nimmermüden Zelter zu neuen Sprüngen auf. Jetzt stand ihr Roß verschnaufend auf dem furchtbaren Fels, der des Teufels Tanzplatz heißt. Angstvoll blickte Emma in die Tiefe; denn mehr als tausend Fuß ging senkrecht die Felsenmauer herab zum Abgrund. Tief rauschte der Strom unten und kreiste in furchtbaren Wirbeln. Der entgegenstehende Fels schien noch entfernter und kaum Raum zu haben für einen Vorderfuß des Rosses. Von neuem hörte sie Bodos Roß schnauben, in der Angst rief sie die Geister ihrer Väter zu Hilfe, und ohne Besinnung drückte sie ihrem Zelter die ellenlangen Sporen in die Seite. Und das Roß sprang über den Abgrund glücklich auf die spitze Klippe und schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die Funken stoben. Das ist jener Roßtrapp. Die Zeit hat die Vertiefung kleiner gemacht; aber kein Regen kann sie ganz verwischen. Emma war gerettet; aber die zentnerschwere goldene Königskrone fiel während des Sprungs von ihrem Haupt in die Tiefe. Bodo, in blinder Hitze nachsetzend, stürzte in den Strudel und gab dem Fluß den Namen. (Die Bode ergießt sich mit der Emme und Saale in die Elbe). Hier als schwarzer Hund bewacht er die goldene Krone der Riesentochter, daß kein Gelddurstiger sie heraushole. Ein Taucher wagte es einst unter großen Versprechungen. Er stieg in die Tiefe, fand die Krone und hob sie in die Höhe, daß das versammelte Volt schon die Spitzen golden schimmern sah. Aber zu schwer, entsank sie zweimal seinen Händen. Das Volk rief ihm zu, das drittemal hinabzusteigen. Er tat's, und ein Blutstrahl sprang hoch in die Höhe. Der Taucher kam nimmer wieder auf. Jetzo deckt tiefe Nacht und Stille den Ungrund, kein Vogel fliegt darüber. Nur um Mitternacht hört man oft in der Ferne das dumpfe Hundegeheul des Heiden. Der Strudel heißt der Kreetpfuhl (Teufelspfuhl), und der Fels, wo Emme die Hilfe der Höllengeister erflehte, des Teufels Tanzplatz. Die wilden Leute im Bernhardswalde (G. Maldfeld [Unsere Heimat]) In alten Zeiten, als die Kinzig noch nicht zum Maine floß, sondern sich da, wo jetzt Schlüchtern steht, in einen großen Sumpf verlor, kam eines Tages ein graues Männlein in diese Gegend und flehte in einigen Hütten um ein wenig Brot für den Hunger und ein Obdach für die Nacht. Aber die Leute wiesen das Männlein mit harten Worten und jagten es unbarmherzig von ihren Türen fort. Da wandte es sich der Wildnis zu, kletterte den Hohenzoller hinan, stieg über Stock und Stein und gelangte endlich, als eben die Sonne unterging, in den Bernhardswald, wo damals riesengroße Männer und Frauen wohnten, deren Kinder so groß waren wie der größte Mensch. Der kleine Fremdling fürchtete sich vor ihnen und wollte fliehen. Doch die Riesen riefen ihn freundlich zurück, erquickten ihn mit Speise und Trank und bereiteten ihm ein Nachtlager von dürrem Grase und weichem Moose. Die Nacht verging, und der Morgen brach an. Da schickte sich das Männlein an, seine Wanderung fortzusetzen. Es dankte seinen Wirten und sprach: »Weil ihr wohltätig gegen mich gewesen seid, so tut einen Wunsch. Wenn ich zu meinem Herrn komme, will ich ihn bitten, daß er euch den Wunsch gewähre.« Und der älteste der Riesen sagte: »Wir bitten, daß wir nie sterben, sondern immer in diesem Walde unser Wesen treiben dürfen.« Da antwortete das Männchen: »Wohl, euer Wunsch wird euch gewährt werden, und solange ihr diesen Berg nicht verlasset, werdet ihr leben und nicht sterben.« So leben denn die »wilden Leute« noch immer im Bernhardswalde. Wo gewaltige Steinmassen zum Himmel starren, da haben sie ihre »wilden Häuser«. Dort essen die »wilden Leute« täglich am »wilden Tische«. Ihre Kinder schützen die Kinder der Menschen, wenn diese Beeren im Walde suchen. Ihre schönen, großen Frauen tanzen im Mondenscheine und steigen häufig jauchzend in die Lüfte. Auch die »wilden Männer« sind am vergnügtesten, wenn der Sturmwind tobt und der Blitz aus den Wolken fährt. Dann gehen sie hoch über die Berge und rütteln an den Bäumen. Aber sie freuen sich auch, wenn in feuchten Gründen die Aronspflanze gedeihlich emporwächst, das Farnkraut seine Wedel treibt und die Schachtelhalme im Abendwinde leise rauschen. Sie zeigen dem Menschen gern heilkräftige Kräuter gegen allerlei Leiden und Gebrechen und helfen den Verirrten auf die rechten Wege. Nur gegen die bösen Menschen zeigen sie sich feindlich gesinnt, versetzen ihnen Schläge und treiben allerlei Mutwillen mit ihnen. Johann Hübner (Brüder Grimm) Auf dem Geißenberge in Westfalen stehen noch die Mauern von einer Burg, da vor alters Räuber gewohnt. Sie gingen nachts im Land umher, stahlen den Leuten das Vieh und trieben es dort in den Hof, wo ein großer Stall war, und danach verkauften sie's weit weg an fremde Leute. Der letzte Räuber, der hier gewohnt hat, hieß Johann Hübner. Er hatte eiserne Kleider an und war stärker als alle andern Männer im ganzen Land. Er hatte nur ein Auge und einen großen, krausen Bart und Haare. Am Tage saß er mit seinen Knechten in einer Ecke, wo man noch das zerbrochene Fenster sieht, da tranken sie zusammen. Johann Hübner sah mit dem einen Auge sehr weit durchs ganze Land umher; wenn er dann einen Reiter sah, da rief er: »Heloh! da reitet ein Reiter! ein schönes Roß! Heloh!« Dann zogen sie hinaus, gaben acht, wann er kam, nahmen ihm das Roß und schlugen ihn tot. Nun war ein Fürst von Dillenburg, der schwarze Christian genannt, ein sehr starker Mann, der hörte viel von den Räubereien des Johann Hübner, denn die Bauern kamen immer und klagten über ihn. Dieser schwarze Christian hatte einen klugen Knecht, der hieß Hanns Flick, den schickte er über Land, dem Johann Hübner aufzupassen. Der Fürst aber, lag hinten im Giller und hielt sich da mit seinen Reitern verborgen, dahin brachten ihm auch die Bauern Brot und Butter und Käse. Hanns Flick aber kannte den Johann Hübner nicht, streifte im Lande umher und fragte ihn aus. Endlich kam er an eine Schmiede, wo Pferde beschlagen wurden, da stunden viele Wagenräder an der Wand, die auch beschlagen werden sollten. Auf dieselben hatte sich ein Mann mit dem Rücken gelehnt, der hatte nur ein Auge und ein eisernes Wams an. Hanns Flick ging zu ihm und sagte: »Gott grüß dich, eiferner Wamsmann mit einem Auge! Heißest du nicht Johann Hübner vom Geißenberg?« Der Mann antwortete: »Johann Hübner vom Geißenberg liegt auf dem Rad.« Hanns Flick verstunde das Rad auf dem Gerichtsplatz und sagte: »War das kürzlich?« »Ja,« sprach der Mann, »erst heut.« Hanns Flick glaubte doch nicht recht und blieb bei der Schmiede und gab auf den Mann acht, der auf dem Rade lag. Der Mann sagte dem Schmied ins Ohr, er sollte ihm sein Pferd verkehrt beschlagen, so daß das vorderste Ende des Hufeisens hinten käme. Der Schmied tat es, und Johann Hübner ritt weg. Wie er aufsaß, sagte er dem Hanns Flick: »Gott grüß dich, braver Kerl, sage deinem Herrn, er solle mir Fäuste schicken, aber keine Leute, die hinter den Ohren lausen.« Hanns Flick blieb stehen und sah, wo er über Feld in den Wald ritt, lief ihm nach, um zu sehen, wo er bliebe. Er wollte seiner Spur nachgehen, aber Johann Hübner ritt hin und her, die Kreuz und Quer, und Hanns Flick wurde bald in den Fußstapfen des Pferdes irre, denn wo jener hingeritten war, da gingen die Fußstapfen zurück. Also verlor er ihn bald und wußte nicht, wo er geblieben war. Endlich aber ertappte er ihn doch, wie er nachts bei Mondenschein mit seinen Knechten auf der Heide im Wald lag und geraubt Vieh hütete. Da eilte er und sagte es dem Fürsten Christian, der ritt in der Stille mit seinen Kerlen unten durch den Wald, und sie hatten den Pferden Moos unter die Füße gebunden. So kamen sie nah herbei, sprangen auf ihn zu und kämpften miteinander. Der schwarze Christian und Johann Hübner schlugen sich auf die eisernen Hüte und Wämser, daß es klang, endlich aber blieb Johann Hübner tot, und der Fürst zog in das Schloß auf dem Geißenberg. Den Johann Hübner begruben sie in einer Ecke, der Fürst legte viel Holz um den großen Turm, und sie untergruben ihn auch. Am Abend, als im Dorfe die Kühe gemolken wurden, fiel der Turm um, und das ganze Land zitterte vor dem Fall. Man sieht noch die Steine den Berg hinunter liegen. Der Johann Hübner erscheint oft um Mitternacht, mit seinem einen Auge sitzt er auf einem schwarzen Pferd und reitet um den Wall herum. Der heilige Niklas und der Dieb (Brüder Grimm) Zu Greifswald in Pommern stund in der Gertrudenkapelle St. Niklasens Bild. Eines Nachts brach ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten berauben und rief den Heiligen an: »O heiliger Niklas, ist das Geld mein oder dein ? Komm, laß uns Wettlaufen darum, wer zuerst zum Gotteskasten kommt, soll gewonnen haben.« Hub damit zu laufen an, aber das Bild lief auch und überlief den Dieb zum drittenmal; der antwortete und sprach: »Mein heiliger Niklas, du hast's redlich gewonnen, aber das Geld ist dir doch nichts nutz, bist von Holz und bedarfst keines; ich will's nehmen und guten Mut dabei haben.« – Bald darauf geschah, daß dieser Räuber starb und begraben wurde, da kamen die Teufel aus der Hölle, holten den Leib aus dem Grab, warfen ihn bei dem beraubten Gotteskasten, hängten ihn zuletzt vor der Stadt an eine Windmühle auf und führten ihn auf ihren Flügeln wider Winds herum. Diese Mühle stand noch im Jahre 1653 und ging immer mit Gegenwind unter den andern umstehenden natürlich getriebenen Mühlen. Stinas Urkiek (A. Haas) An der Nordküste der Insel Wollin liegt am hohen Ufer eine Stelle, die Stinas Urkiek heißt. Diesen Namen hat die Örtlichkeit erhalten, weil ehedem Stina, die kühne Gefährtin des Seeräuber Klaus Störtebecker, von hier aus Ausschau zu halten pflegte, wenn Störtebecker von seinen Raubzügen ausruhen und besonders wertvolle Schätze verstecken wollte, segelte er hierher; aber er landete nicht eher, als bis er auf dem hohen Ufer eine rote Flagge wehen sah. Das war das Zeichen, das ihm Stina gab, zur Kunde, das keine Gefahr drohte. Dann landete Störtebecker mit seinen Genossen. Ihre Boote und ihren Raub trugen sie das Ufer hinauf und brachten alles nach dem Jordansee, der im tiefen Waldesdickicht versteckt lag. Dabei schritten sie, einer hinter dem anderen her, das Bett eines kleinen Baches entlang, der vom Jordansee abfließt und in die Ostsee mündet; dadurch wurde jede Spur ihrer Ankunft verwischt. An dem Ufer des Jordansees begann dann ein wildes, ausgelassenes Treiben: die Räuber jubilierten und schwelgten, bis sie zu neuen Taten hinaussegelten. Als Störtebecker und seine Genossen endlich vom Schicksal ereilt wurden, stand die treue Stina noch lange Jahre wartend auf dem hohen Ufer – aber Störtebecker kehrte nimmer wieder. Unermeßliche Schätze sollen am Ufer des Jordansees vergraben oder im Wasser des Sees versenkt liegen; doch weiß niemand, wie sie zu heben sind. Von bösen Mächten Die Butterhexe in Wagenitz. (W. Schwartz) it dem Melken und Buttern sollten die Hexen besonders allerhand Teufelswerk treiben, und die abenteuerlichsten Geschichten wurden davon erzählt. So hieß es zum Beispiel, in Wagenitz sei eine Frau gewesen, die war eine Butterhexe. Das kam so heraus. Sie hatte immer die beste Butter und verkaufte sie nach allen Seiten. Einmal hatte ihre Schwester in Friesack nun einen Topf Butter von ihr erhalten, der wurde nie leer, es war immer Butter darin. Da sagte sie es ihrer Schwester in Wagenitz, die Butter nähme ja gar kein Ende. Da meinte diese: »Dann hast du meinen Topf erhalten.« Da sah die Schwester nach, und siehe, auf dem Grund saß eine Muggel (Kröte). Da wußte sie, wie es zusammenhing. Aber auch die Leute in Wagenitz hatten es schon längst gemerkt, daß es mit der Butter nicht ordentlich zugehe und paßten auf. Und richtig, wie es Abend war, da leuchtete es im Keller der Frau in blauen, gelben und roten Flammen auf. Und es dauerte nicht lange, da kam eine große Katze aus dem Keller, die war so mager, nur Haut und Knochen. Und die ging gleich hinüber nach dem Schloß. Und es dauerte nicht lange, so kam sie aus dem dortigen Milchkeller heraus und war so dick, daß sie sich kaum bewegen konnte. Wie sie nun in ihrem Keller verschwand, da paßten die Leute am Fenster auf und sahen, wie alles wieder hell aufleuchtete und die Katze den Rahm nur so in eine Butte spie. Du wußten sie, daß es die Hexe gewesen und woher sie den Rahm holte, aus dem sie die schöne Butter machte. Es hat aber mit ihr auch kein gutes Ende genommen, denn eines Tages lag sie tot in ihrem Keller, das Genick umgedreht. Ihre Verwandten sagten zwar, sie sei die Treppe hinuntergestürzt, aber niemand glaubte es. Der Teufel hatte ihr offenbar den Hals umgedreht. Der Katzensteig (Ostpreußische Sage) In Königsberg führt von der Tuchmacherstraße nach der Löbenichtschen Bergstraße ein schmaler Steig, welcher den Namen Katzensteig führt. Der Steig scheint deshalb so zu heißen, weil wirklich, besonders im Winter, die Turnkunst einer Katze dazu gehört, um ihn herauf- oder hinabzusteigen. Der Name hat aber einen andern Grund. In der Bergstraße wohnte nämlich vor vielen, vielen Jahren eine Frau, welche die Brauerei betrieb und nebenbei die Hexerei. Sie und ein anderes Weib verwandelten sich jede Nacht in Katzen und gingen mit einem Braukessel den Katzensteig hinunter nach dem Pregel und gondelten dann in dem Kessel auf dem Wasser herum. Der Wächter, welcher früher an der Holzbrücke stand, sah dieses sonderbare Schauspiel oft an, und von ihm erfuhr es der Brauknecht der Hexe. Dieser versteckte sich in der Brauerei und sah wirklich, wie die beiden Katzen mit seinem Braukessel abgingen und nach dem Pregel wanderten. Nun erzählte er es diesem und dem, und das Gerede kam endlich auch zu Ohren der Frau, die darüber sehr böse auf den Brauknecht ward und sich an ihm zu rächen vornahm. Eines Tages nun, als der Knecht am Braukessel steht, kommt eine große Katze, umwindet ihn schmeichelnd, versucht ihn aber dabei in den Kessel zu werfen. Ihm wird ganz bange zumute, er hat aber doch noch so viel Fassung, daß er das heilige Kreuz schlägt, die Katze sodann mit beiden Händen ergreift und sie in das siedende Gebräu stürzt. Andern Tages fand man die Brauerin im Kessel liegen, schon ganz verkohlt. Hexe flicht Pferdehaare (G. Willikus) In einer Nacht wurde ein Bauer durch die Unruhe seines Pferdes geweckt, und in der Angst, es möchte ihm etwas zugestoßen sein, stand er auf und sah einmal nach. Wie er nun die Stalltüre öffnete, raste und stampfte das Pferd, über und über mit Schweiß bedeckt. Auf seinem Rücken aber sah der Bauer eine schwarze, katzenähnliche Gestalt, die dem Pferd die Haare flocht. Der Bauer erkannte darin sofort eine verwandelte Hexe, nahm seine Peitsche und schlug darauf ein. Erst nach langer Mühe verschwand der Plagegeist, und nun sah der Bauer, daß dem Pferd die Schwanzhaare umgekehrt geflochten waren, so daß weder ein Anfang noch ein Ende zu sehen war. Am nächsten Morgen aber zeigte sich die Hexe in Menschengestalt, die Hände und den Kopf verbunden und klagte über innere Schmerzen. Hexe melkt Milch aus dem Handtuch (J. Küntzig) In Orsingen lebte eine alte Frau, die man für eine Hexe hielt: sie legte zwei Roggenhalme kreuzweis in den Melkkübel, murmelte ihren Zauberspruch und konnte dann aus dem Handtuch die beste Milch herausmelken, soviel sie nur wollte. Auch Hagelwetter konnte sie machen, und am Karfreitag vergrub sie jeweils Löffel unter die Dachtraufe. Der Werwolf (Brüder Grimm) Ein Soldat erzählte folgende Geschichte, die seinem eigenen Großvater begegnet sein soll. Dieser, sein Großvater, sei einmal zu Wald Holz hauen gegangen mit einem Gevatter und noch einem Dritten, welchen Dritten man immer im Verdacht gehabt, daß es nicht ganz richtig mit ihm gewesen; doch so hätte man nichts Gewisses davon zu sagen gewußt. Nun hätten die dreie ihre Arbeit getan und wären müde geworden, worauf dieser Dritte vorgeschlagen, ob sie nicht ein bißchen ausschlafen wollten. Das sei denn nun so geschehen, jeder hätte sich nieder an den Boden gelegt; er, der Großvater, aber nur so getan, als schlief er und die Augen ein wenig aufgemacht. Da hätte der Dritte erst recht um sich gesehen, ob die andern auch schliefen, und als er solches geglaubt, auf einmal den Gürtel abgeworfen und wäre ein Werwolf gewesen, doch sehe ein solcher Werwolf nicht ganz aus wie ein natürlicher Wolf, sondern etwas anders. Darauf wäre er weggelaufen zu einer nahen Wiese, wo gerade ein jung Füllen gegraset, das hätte er angefallen und gefressen mit Haut und Haar. Hernach wäre er zurückgekommen, hätte den Gürtel wieder umgetan und nun, wie vor, in menschlicher Gestalt dagelegen. Nach einer kleinen Weile, als sie alle zusammen aufgestanden, wären sie heim nach der Stadt gegangen, und wie sie eben am Schlagbaum gewesen, hätte jener Dritte über Magenweh geklagt. Da hätte ihm der Großvater heimlich ins Ohr geraunt: »Das will ich wohl glauben, wenn man ein Pferd mit Haut und Haar in den Leib gegessen hat«; – jener aber geantwortet: »Hättest du mir das im Wald gesagt, so solltest du es jetzo nicht mehr sagen.« Ein Weib hatte die Gestalt eines Werwolfs angenommen und war also einem Schäfer, den sie gehaßt, in die Herde gefallen und hatte ihm großen Schaden getan. Der Schäfer aber verwundete den Wolf durch einen Beilwurf in die Hüfte, so daß er in ein Gebüsch kroch. Da ging der Schäfer ihm nach und gedachte ihn ganz zu überwältigen, aber er fand ein Weib, beschäftigt, mit einem abgerissenen Stück ihres Kleides das aus der Wunde strömende Blut zu stillen. Der Werwolfstein (Brüder Grimm) Bei dem magdeburgischen Dorfe Eggenstedt, unweit Sommerschenburg und Schönigen, erhebt sich auf dem Anger nach Seehausen zu ein großer Stein, den das Volk den Wolf- oder Werwolfstein nennet. Vor langer, langer Zeit hielt sich an dem Brandsleber Holze, das sonst mit dem Hackel und dem Harz zusammenhing, ein Unbekannter auf, von dem man nie erfahren hat, wer er sei, noch, woher er stamme. Überall bekannt unter dem Namen des Alten, kam er öfters ohne Aufsehen in die Dörfer, bot seine Dienste an und verrichtete sie zu der Landleute Zufriedenheit. Besonders pflegte er die Hütung der Schafe zu übernehmen. Es geschah, daß in der Herde des Schäfers Melle zu Neindorf ein niedliches, buntes Lamm fiel; der Unbekannte bat den Schäfer dringend und ohne Ablaß, es ihm zu schenken. Der Schäfer wollt' es nicht lassen. Am Tage der Schur brauchte Melle den Alten, der ihm dabei half; bei seiner Zurückkunft fand er zwar alles in Ordnung und die Arbeit getan, aber weder den Alten noch das bunte Lamm. Niemand wußte geraume Zeitlang von dem Alten. Endlich stand er einmal unerwartet vor dem Melle, welcher im Kattental weidete, und rief höhnisch: »Guten Tag, Melle, dein bunt Lamm läßt dich grüßen!« Ergrimmt griff der Schäfer seinen Krummstab und wollte sich rächen. Da wandelte plötzlich der Unbekannte die Gestalt und sprang ihm als Werwolf entgegen. Der Schäfer erschrak, aber seine Hunde fielen wütend auf den Wolf, welcher entfloh; verfolgt rann er durch Wald und Tal bis in die Nähe von Eggenstadt. Die Hunde umringten ihn da, und der Schäfer rief: »Nun sollst du sterben!« Da stand der Alte wieder in Menschengestalt, flehte bittend um Schonung und erbot sich zu allem. Aber wütend stürzte der Schäfer mit seinem Stock auf ihn ein – urplötzlich stand vor ihm ein aufsprießender Dornenstrauch. Auch so schonte der Rachsüchtige ihn nicht, sondern zerhieb grausam die Zweige. Noch einmal wandelte sich der Unbekannte in einen Menschen und bat um sein Leben. Allein der hartherzige Melle blieb unerbittlich. Da suchte er als Werwolf zu entfliehen, aber ein Streich des Melle streckte ihn tot zur Erde. Wo er fiel und beigescharrt wurde, bezeichnet ein Felsstein den Ort und heißt nach ihm auf ewige Zeiten. Die Werkatze in der Mark (H. Siebe [»Tag«]) Zu einem Windmüller in der Priegnitz kam bald nach dem Siebenjährigen Kriege ein abgedankter Soldat, seines Zeichens auch Windmüller, bat um Arbeit und erhielt sie. Die Nachbarn beschworen ihn nun sofort hoch und teuer, ja auf der Hut vor der Frau Meisterin zu sein, die des Nachts als weiße Katze gern die Mühle aufsuche und schon mehreren Gesellen im Schlaf die Kehle durchgebissen habe. Der in den Künsten des »Festmachens«, der Kugelsegen und kräftigen Sprüche wider die gesamte Hexenheit wohlerfahrene Kriegsmann lachte: »Laßt mich nur machen; ich werde schon mit ihr fertig werden!« So erwartete er denn gleich in der ersten Nacht den angekündigten Besuch, zog mit seinem getreuen Pallasch einen Bann um sich, und – siehe da! – mit Schlag Mitternacht kam prustend und miauend die Müllerin-Werkatze herein, prallte gegen den magischen Kreis und streckte die rechte Vorderpfote nach ihrem zauberkräftigen Feinde aus. Der aber, nicht faul, hieb zu und schlug ihr die ausgereckte Tatze ab. Sofort verschwand spurlos der unheimliche Besuch. Am nächsten Morgen lag mit abgetrennter Rechten Frau Meisterin verblutet im Bette. Der mutige Geselle fühlte sich indessen nicht mehr recht wohl in jener Gegend und machte bald »fremd«. Der Salzknecht in Pommern (Brüder Grimm) In Pommern hatte ein Salzknecht ein altes Weib, das eine Zauberin war, bei dem er nicht gern blieb und darum einstmals vorgab, er wolle nach Hessen in seine Heimat wandern, allda seine Freunde zu besuchen. Weil sie aber besorgte, er würde nicht wiederkommen, wollte sie ihn nicht weglassen; nichtsdestoweniger reiste er fort, wie er nun etliche Tage zurückgelegt, kommt hinter ihm auf dem Weg ein schwarzer Bock, schlupft ihm zwischen die Beine, erhebt und führt ihn wieder zurück und zwar nicht über die Landwege, sondern geradezu durch dick und dünn, durch Feld und Wald, über Wasser und Land, und setzt ihn in wenig Stunden vor dem Tor nieder, in Angst, Zittern, Schweiß und Ohnmacht. Das Weib aber heißt ihn in höhnischen Worten willkommen und spricht: »Schau! Bist du wieder da? So soll man dich lehren daheimbleiben!« Hierauf tat sie ihm andere Kleider an und gab ihm zu essen, daß er wieder zu sich selbst käme. Der Lügenstein (Brüder Grimm) Auf dem Domplatz zu Halberstadt liegt ein runder Fels von ziemlichem Umfang, den das Volk nennet den Lügenstein. Der Vater der Lügen hatte, als der tiefe Grund zu der Domkirche gelegt wurde, große Felsen hinzugetragen, weil er hoffte, hier ein Haus für sein Reich entstehen zu sehen. Als aber das Gebäude aufstieg und er merkte, daß es eine christliche Kirche werden würde, da beschloß er, es wieder zu zerstören. Mit einem ungeheuren Felsstein schwebte er herab, Gerüst und Mauern zu zerschmettern. Allein man besänftigte ihn schnell durch das Versprechen, ein Weinhaus dicht neben der Kirche zu bauen. Da wendete er den Stein, so daß er neben dem Dom auf den geebneten Platz niederfiel. Noch sieht man daran die Höhle, die der glühende Daumen seiner Hand beim Tragen eindrückte. Doktor Luther zu Wartburg (Brüder Grimm) Doktor Luther saß auf der Wartburg und übersetzte die Bibel. Dem Teufel war das unlieb und hätte gern das heilige Werk gestört; aber als er ihn versuchen wollte, griff Luther das Tintenfaß, aus dem er schrieb und warf's dem Bösen an den Kopf. Noch zeigt man heutigestags die Stube und den Stuhl, worauf Luther gesessen, auch den Flecken an der Wand, wohin die Tinte geflogen ist. Der Wolf und der Tannenzapf (Brüder Grimm) Zu Aachen im Dom zeigt man an dem einen Flügel des ehernen Kirchentors einen Spalt und das Bild eines Wolfs neben einem Tannenzapfen, beide gleichfalls aus Erz gegossen. Die Sage davon lautet: Vorzeiten, als man diese Kirche zu bauen angefangen, habe man mitten im Werk einhalten müssen aus Mangel an Geld. Nachdem nun die Trümmer eine Weile so dagestanden, sei der Teufel zu den Ratsherren gekommen, mit dem Erbieten, das benötigte Geld zu geben unter der Bedingung, daß die erste Seele, die bei der Einweihung der Kirche in die Türe hineintrete, sein eigen würde. Der Rat habe lange gezaudert, endlich doch eingewilligt und versprochen, den Inhalt der Bedingung geheim zu halten. Darauf sei mit dem Höllengeld das Gotteshaus herrlich ausgebaut, inmittelst aber auch das Geheimnis ruchbar geworden. Niemand wollte also die Kirche zuerst betreten, und man sann endlich eine List aus. Man fing einen Wolf im Wald, trug ihn zum Haupttor der Kirche, und an dem Festtag, als die Glocken zu läuten anhuben, ließ man ihn los und hineinlaufen. Wie ein Sturmwind fuhr der Teufel hinterdrein und erwischte das, was ihm nach dem Vertrag gehörte. Als er aber merkte, daß er betrogen war und man ihm eine bloße Wolfsseele geliefert hatte, erzürnte er und warf das eherne Tor so gewaltig zu, daß der eine Flügel sprang und den Spalt bis auf den heutigen Tag behalten hat. Zum Andenken goß man den Wolf und seine Seele, die dem Tannenzapf ähnlich sein soll. Die Franzosen hatten beide Altertümer nach Paris geschleppt, 1815 wurden sie zurückgegeben und zu beiden Seiten der Türe auf Postamenten wieder hingestellt. Der Wolf aber hat ein paar Pfoten verloren. Der Dom zu Cöln (Brüder Grimm) Als der Bau des Doms zu Cöln begann, wollte man gerade auch eine Wasserleitung ausführen. Da vermaß sich der Baumeister und sprach: »Eher soll das große Münster vollendet sein, als der geringe Wasserbau!« Das sprach er, weil er allein wußte, wo zu diesem die Quelle sprang und er das Geheimnis niemandem als seiner Frau entdeckt, ihr aber zugleich bei Leib und Leben geboten hatte, es wohl zu bewahren. Der Bau des Doms fing an und hatte guten Fortgang, aber die Wasserleitung konnte nicht angefangen werden, weil der Meister vergeblich die Quelle suchte. Als dessen Frau nun sah, wie er sich darüber grämte, versprach sie ihm Hilfe, ging zu der Frau des andern Baumeisters und lockte ihr durch List endlich das Geheimnis heraus, wonach die Quelle gerade unter dem Turm des Münsters sprang; ja, jene bezeichnete selbst den Stein, der sie zudeckte. Nun war ihrem Manne geholfen; folgenden Tags ging er zu dem Stein, klopfte darauf, und sogleich drang das Wasser hervor. Als der Baumeister sein Geheimnis verraten sah und mit seinem stolzen Versprechen zuschanden werden mußte, weil die Wasserleitung ohne Zweifel nun in kurzer Zeit zustande kam, verfluchte er zornig den Bau, daß er nimmermehr sollte vollendet werden, und starb darauf vor Traurigkeit. Hat man fortbauen wollen, so war, was an einem Tag zusammengebracht und aufgemauert stand, am andern Morgen eingefallen, und wenn es noch so gut eingefügt war und aufs festeste haftete, also daß von nun an kein einziger Stein mehr hinzugekommen ist. Andere erzählen abweichend. Der Teufel war neidisch auf das stolze und heilige Werk, das Herr Gerhard, der Baumeister, erfunden und begonnen hatte. Um doch nicht ganz leer dabei auszugehen oder gar die Vollendung des Doms noch zu verhindern, ging er mit Herrn Gerhard die Wette ein, er wolle eher einen Bach von Trier nach Cöln bis an den Dom geleitet, als Herr Gerhard seinen Bau vollendet haben, doch müsse ihm, wenn er gewänne, des Meisters Seele zugehören. Herr Gerhard war nicht säumig, aber der Teufel kann teufelsschnell arbeiten. Eines Tags stieg der Meister auf den Turm, der schon so hoch war, als er noch heutzutag ist, und das erste, was er von oben herab gewahrte, waren Enten, die schnatternd von dem Bach, den der Teufel herbeigeleitet hatte, aufflogen. Da sprach der Meister in grimmem Zorn: »Zwar hast du, Teufel, mich gewonnen, doch sollst du mich nicht lebendig haben!« So sprach er und stürzte sich Hals über Kopf den Turm herunter, in Gestalt eines Hundes sprang schnell der Teufel hintennach, wie beides in Stein gehauen noch wirklich am Turme zu schauen ist. Die Sachsenhauser Brücke zu Frankfurt (Brüder Grimm) In der Mitte der Sachsenhauser Brücke sind zwei Bogen oben zum Teil nur mit Holz zugelegt, damit dies in Kriegszeiten weggenommen und die Verbindung leicht, ohne etwas zu sprengen, gehemmt werden kann. Davon gibt es folgende Sage. Der Baumeister hatte sich verbindlich gemacht, die Brücke bis zu einer bestimmten Zeit zu vollenden. Als diese herannahte, sah er, daß es unmöglich war, und, wie nur noch zwei Tage übrig waren, rief er in der Angst den Teufel an und bat um seinen Beistand. Der Teufel erschien und erbot sich, die Brücke in der letzten Nacht fertig zu bauen, wenn ihm der Baumeister dafür das erste lebendige Wesen, das darüber ging, überliefern wollte. Der Vertrag wurde geschlossen, und der Teufel baute in der letzten Nacht, ohne daß ein Menschenauge in der Finsternis sehen konnte, wie es zuging, die Brücke ganz richtig fertig. Als nun der erste Morgen anbrach, kam der Baumeister und trieb einen Hahn über die Brücke vor sich her und überlieferte ihn dem Teufel. Dieser aber hatte eine menschliche Seele gewollt, und wie er sich also betrogen sah, packte er zornig den Hahn, zerriß ihn und warf ihn durch die Brücke, wovon die zwei Löcher entstanden sind, die bis auf den heutigen Tag nicht können zugemauert werden, weil alles in der Nacht wieder zusammenfällt, was tags daran gearbeitet ist. Ein goldener Hahn auf einer Eisenstange steht aber noch jetzt zum Wahrzeichen auf der Brücke. Teufelsbrücke (Brüder Grimm) Ein Schweizer Hirte, der öfters sein Mädchen besuchte, mußte sich immer durch die Reuß mühsam durcharbeiten, um hinüber zu gelangen, oder einen großen Umweg nehmen. Es trug sich zu, daß er einmal auf einer außerordentlichen Höhe stand und ärgerlich sprach: »Ich wollte, der Teufel wäre da und baute mir eine Brücke hinüber.« Augenblicklich stand der Teufel bei ihm und sagte: »Versprichst du mir das erste Lebendige, das darüber geht, so will ich dir eine Brücke dahin bauen, auf welcher du stets hinüber und herüber kannst.« Der Hirte willigte ein; in wenig Augenblicken war die Brücke fertig. Aber jener trieb eine Gemse vor sich her und ging hintennach. Der betrogene Teufel ließ alsbald die Stücke des zerrissenen Tieres aus der Höhe herunterfallen. Der Teufel unter den Keglern (Zingerle) Zu Unserer lieben Frau in Schnals kegelten an einem Feiertag mehrere Burschen. Als sie den Kegeln nun arg zusetzten, kam ein graues Männchen und wollte auch mitschieben. Die Burschen hatten nichts dagegen, aber sie machten große Augen, als der kleine Knirps öfters alle Neun warf. Wie er aber im Scherz fragte: »Wollen wir nicht die Seelen auskegeln?« kam ihnen die Sache verdächtiger vor. Und wie nun das Männlein wieder schiebt, da wirft ein Bursch eine andere Kugel so quer über den Boden, daß sie mit der ersten ein Kreuz bildet. Da brüllte das Männlein laut auf und flog in feuriger Gestalt auf und davon. Der Teufel als Fürsprecher (Brüder Grimm) In der Mark geschah es, daß ein Landsknecht seinem Wirt Geld aufzuheben gab, und als er es wieder forderte, dieser etwas empfangen zu haben ableugnete. Als der Landsknecht darüber mit ihm uneins ward und das Haus stürmte, ließ ihn der Wirt gefänglich einziehen und wollte ihn übertäuben, damit er das Geld behielte. Er klagte daher den Landsknecht zu Haut und Haar, zu Hals und Bauch an als einen, der ihm seinen Hausfrieden gebrochen hätte. Da kam der Teufel zu ihm ins Gefängnis und sprach: »Morgen wird man dich vor Gericht führen und dir den Kopf abschlagen, darum, daß du den Hausfrieden gebrochen hast; willst du mein sein mit Leib und Seel, so will ich dir davon helfen.« Aber der Landsknecht wollte nicht. Da sprach der Teufel: »So tue ihm also: wann du vor Gericht kommst und man dich hart anklagt, so beruhe darauf, daß du dem Wirt das Geld gegeben und sprich, du seiest übel beredt, man wolle dir vergönnen, einen Fürsprecher zu haben, der dir das Wort rede. Alsdann will ich nicht weit stehen in einem blauen Hute mit weißer Feder und dir deine Sache führen.« Dies geschah also; aber da der Wirt hartnäckig leugnete, so sagte des Landsknechts Anwalt im blauen Hut: »Lieber Wirt, wie magst du es doch leugnen! Das Geld liegt in deinem Bette unter dem Hauptpfühl: Richter und Schöffen schicket hin, so werdet ihr es befinden.« Da verschwur sich der Wirt und sprach: »Hab ich das Geld empfangen, so führe mich der Teufel hinweg! « Als nun das Geld gefunden und gebracht war, sprach der im blauen Hütlein mit weißer Feder: »Ich wußte wohl, ich sollte einen davon haben, entweder den Wirt oder den Gast«; drehte damit dem Wirt den Kopf um und führte ihn in der Luft davon. Die Teufelshufeisen (Brüder Grimm) Zu Schwarzenstein, eine halbe Meile von Rastenburg in Preußen, hangen zwei große Hufeisen in der Kirche, davon eine gemeine Sage ist: Es war daselbst eine Krügerin, die den Leuten sehr übel das Bier zumaß, die soll der Teufel des Nachts vor die Schmiede geritten haben. Ungestüm weckte er den Schmied auf und rief: »Meister, beschlagt mir mein Pferd!« Der Schmied war nun gerade der Bierschenkin Gevatter, daher, als er sich über sie hermachte, raunte sie ihm heimlich zu: »Gevattermann, seid doch nicht so rasch!« Der Schmied, der sie für ein Pferd angesehen, erschrak heftig, als er diese Stimme hörte, die ihm bekannt deuchte, und geriet aus Furcht in Zittern. Dadurch verschob sich der Beschlag, und der Hahn krähte. Der Teufel mußte zwar Reißaus nehmen, allein die Krügerin ist lange nachher krank geblieben. Sollte der Teufel alle Bierschenken, die da knapp messen, beschlagen lassen, würde das Eisen gar teuer werden. Das Teufelsloch zu Goslar (Brüder Grimm) In der Kirchenmauer zu Goslar sieht man einen Spalt und erzählt davon so: Der Bischof von Hildesheim und der Abt von Fulda hatten einmal einen heftigen Rangstreit, jeder wollte in der Kirche neben dem Kaiser sitzen, und der Bischof behauptete den ersten Weihnachtstag die Ehrenstelle. Da bestellte der Abt heimlich bewaffnete Männer in die Kirche, die sollten ihn den morgenden Tag mit Gewalt in Besitz seines Rechtes setzen. Dem Bischof wurde das aber verkundschaftet und ordnete sich auch gewappnete Männer hin. Tags drauf erneuerten sie den Rangstreit, erst mit Worten, dann mit der Tat, die gewaffneten Ritter traten hervor und fochten; die Kirche glich einer Walstätte, das Blut floß stromweise zur Kirche hinaus auf den Gottesacker. Drei Tage dauerte der Streit, und während des Kampfes stieß der Teufel ein Loch in die Wand und stellte sich den Kämpfern dar. Er entflammte sie zum Zorn, und von den gefallenen Helden holte er manche Seele ab. So lang der Kampf währte, blieb der Teufel auch da, hernach verschwand er wieder, als nichts mehr für ihn zu tun war. Man versuchte hernachmals das Loch in der Kirche wieder zuzumauern, und das gelang bis auf den letzten Stein; sobald man diesen einsetzte, fiel alles wieder ein, und das Loch stand ganz offen da. Man besprach und besprengte es vergebens mit Weihwasser, endlich wandte man sich an den Herzog von Braunschweig und erbat sich dessen Baumeister. Diese Baumeister mauerten eine schwarze Katze mit ein, und beim Einsetzen des letzten Steins bedienten sie sich der Worte: »Willst du nicht sitzen in Gottes Namen, so sitz in Teufels Namen!« Dieses wirkte, und der Teufel verhielt sich ruhig, bloß bekam in der folgenden Nacht die Mauer eine Ritze, die noch zu sehen ist bis auf den heutigen Tag. Der dumme Teufel (K. Müllenhoff) Ein Bauer und der Teufel mieteten einmal zusammen einen Krug Land. Damit es aber später keinen Streit um die Ernte gebe, sagte der Teufel zum Bauern: »Laß uns würfeln. Wer gewinnt, bekommt nachher das, was über der Erde ist, und wer verliert, das, was unten ist.« Der Bauer war's zufrieden. Aber der Teufel verstand den Kniff und warf und hatte die meisten Augen; also sollte er das haben, was oben wüchse. Der Bauer aber hatte das Feld zu bestellen und säte lauter Rüben, da bekam der Teufel im Herbst nur das Kraut. Das ärgerte ihn, aber er konnte nichts dagegen sagen. Weil sie aber das Feld auf zwei Jahre gemietet hatten, würfelten sie zum zweitenmal; da würfelte der Teufel mit Absicht die wenigsten Augen. Aber nun säte der Bauer Weizen, und im Herbst bekam der Teufel nur die Wurzeln. Da schimpfte er aber dem Bauern die Haut voll, und dann sagte er: »Übermorgen komme ich, da sollst du dich mit mir kratzen!« Hatte der Bauer erst gelacht, so ward ihm nun doch bange. Seine Frau merkte gleich, daß ihm etwas fehlte und fragte ihn danach. Da sagte ihr der Mann denn, so und so, und morgen solle er sich mit dem Teufel kratzen. Da sagte die Frau: »Sei nur ganz ruhig; ich will schon mit ihm fertig werden. Geh du nur aus.« Der Mann ging also an dem bestimmten Tage aus, und als der Teufel dann kam, tat die Frau, als wenn sie ganz böse und ärgerlich wäre. »Was fehlt ihr denn, kleine Frau?« sagt der Teufel. »Ach, seh er nur mal her; da hat mir mein Mann eben mit dem Nagel von seinem kleinen Finger den großen Riß quer in meinen schönen eichenen Tisch gemacht!« »Wo ist er denn jetzt ?« »Wo soll er anders sein als beim Schmied! Er ist schon wieder hin und läßt sich die Nägel schärfen. Ist das nicht zum Ärgerlichwerden?« »Da hat sie ganz recht, gute Frau, das muß ärgerlich sein, so einen im Haus zu haben«, sagte der Teufel und ging ganz sachte aus der Tür und machte, daß er fortkam. Ein Teufelsrätsel aus dem Vogelsberge (K. Wehrhan) Es war einmal ein armer Mann, der gerne reich werden wollte. Da begegnete ihm am Vogelsberge bei Helgershain der Teufel und sagte zu ihm: »Wenn du mir ein Rätsel aufgibst, das ich nicht erraten kann, so will ich dich ganz reich machen!« Schon waren vier Monate über ein Jahr vergangen, und dem armen Mann war immer noch kein Rätsel eingefallen. Da kam eines Tages eine alte Großmutter zu ihm, und als er sie sah, da fiel ihm ein guter Gedanke ein. Er beredete die Sache mit ihr, und schließlich war sie mit seinem Vorschlage einverstanden. Dann bestrich er sie mit Honig über und über, wälzte sie in Federn um und um, und als der Teufel wiederkam, sagte der Mann, nun sollte er einmal raten, was für ein Ding das wäre. Die Großmutter aber kroch auf allen Vieren umher, und die lange Haarflechte hing vorn über den Kopf. Der Teufel machte große Augen und ging um das Ding herum, besah es genau von allen Seiten, schüttelte den Kopf und meinte, ein Tier auf vier Beinen mit dem Schwanz am Kopfe – nein, so was hätte er noch nicht gesehen, und das könnte er nicht wissen. So hatte der Mann den Teufel überlistet und lebte fortan in großem Reichtum. Der umherziehende Jäger (Brüder Grimm) Es trug sich zu, daß in einem großen Walde der Förster, welcher die Aufsicht darüber führte, totgeschossen wurde. Der Edelmann, dem der Wald gehörte, gab einem andern den Dienst, aber dem widerfuhr ein Gleiches und so noch einigen, die aufeinander folgten, bis sich niemand mehr fand, der den gefährlichen Wald übernehmen wollte. Sobald nämlich der neue Förster hineintrat, hörte man ganz in der Ferne einen Schuß fallen und gleich auch streckte eine mitten auf die Stirn treffende Kugel ihn nieder; es war aber keine Spur ausfindig zu machen, woher und von wem sie kam. Gleichwohl meldete sich nach ein paar Jahren ein umherziehender Jäger wieder um den Dienst. Der Edelmann verbarg ihm nichts, was geschehen war und setzte noch ausdrücklich hinzu, so lieb es ihm wäre, den Wald wieder unter Aufsicht zu wissen, könnte er ihm doch selbst nicht zu dem gefährlichen Amte raten. Der Jäger antwortete zuversichtlich, er wolle sich vor dem unsichtbaren Scharfschützen schon Rat schaffen und übernahm den Wald. Andern Tags, als er, von mehreren begleitet, zuerst hineingeführt wurde, hörte man, wie er eintrat, schon in der Ferne den Schuß fallen. Alsbald warf der Jäger seinen Hut in die Höhe, der dann, von einer Kugel getroffen, herabfiel. »Nun«, sprach er, »ist aber die Reihe an mir«, lud seine Büchse und schoß sie mit den Worten: »Die Kugel bringt die Antwort!« in die Luft. Darauf bat er seine Gefährten, mitzugehen und den Täter zu suchen. Nach langem Umherstreifen fanden sie endlich in einer an dem gegenseitigen Ende des Waldes gelegenen Mühle den Müller tot und von der Kugel des Jägers auf die Stirn getroffen. Dieser umherziehende Jäger blieb noch einige Zeit in Diensten des Edelmanns, doch weil er das Wild festbannen und die Feldhühner aus der Tasche fliegen lassen konnte, auch in ganz unglaublicher Entfernung immer sicher traf und andere dergleichen unbegreifliche Kunststücke verstand, so bekam der Edelmann ein Art Grausen vor ihm und entließ ihn bei einem schicklichen Vorwande aus seinem Dienst. Doktor Frastus' Heilkünste und sein Tod (J. Künzig) Doktor Frastus (Theophrastus Paracelsus) war einmal Student. Als er einst während der Ferien nach Hause zu seinen Eltern ging, kam er durch einen großen Wald. Auf einmal hörte er eine Stimme rufen: »Frastus, mach auf! Frastus, mach auf!« Frastus drehte sich um und bemerkte ein kleines an einem Baume hängendes Gläschen, dorther kam jene Stimme. Frastus zog nun den Pfropfen aus dem Glase – und heraus kam ein riesengroßer Mann, einige Doktorbücher unter dem Arm tragend. Der Mann reichte nun Frastus die Bücher dar und sprach: »Ich will dich reich und glücklich machen!« Frastus aber sagte: »Ich habe wohl gesehen, daß du aus dem Kruge herauskamst; aber ich glaube nicht, daß du wieder in dieses Gläschen hineinschlüpfen kannst. Mache es mir einmal vor!« Der Mann schlüpfte wirklich hinein. Frastus aber verschloß sofort wieder das Glas und kümmerte sich nicht um die Drohung: »Frastus, mache auf, sonst spiele ich dir noch einmal einen Spuk.« Froh, im Besitze der Bücher zu sein, ging nun Frastus weiter. In seiner Heimat gab er sich als Doktor aus. Die Leute im Dorfe aber sagten: »wie kann denn der Doktor sein, da er gar nicht auf dies studiert hat?« – und niemand ging zu ihm. Endlich wagte es eine arme, kranke Frau. Er half ihr; da kam ein zweiter, ein dritter, ein vierter. Alle machte er gesund. In kurzem wurde er wegen seiner Heilkünste berühmt. Da nun infolgedessen die anderen Doktoren ihre Kundschaft verloren, so strebten sie Frastus nach dem Leben. Da veranstalteten sie eines Tages ein Fest, zu dem auch Frastus geladen war. Gleich nach dem ersten Schluck Wein, den Frastus getrunken, fühlte er, daß ihm weh wurde. Er ging heim, legte sich ins Bett und sprach zu seinem Diener: »Ich bin vergiftet; neun Tage und neun Nächte muß ich nun schwitzen. Ich gebiete dir, niemand ins Zimmer hereinzulassen, bevor die neun Tage und neun Nächte zu Ende find.« Frastus schickte jetzt eine Spinne in den Hals hinunter; sie sollte das Gift heraufholen. Am neunten Tage, als er die heraufkriechende Spinne beinahe schon mit der Hand erreichen konnte, klopfte ein altes, schwerkrankes Weib an die Haustüre. Es jammerte und schrie: »Wo ist Doktor Frastus; ich muß sterben!« Immer heftiger drang die Frau in den Diener, ihr doch zu öffnen. Er tat es endlich. Kaum hatte er aber die zu Doktor Frastus führende Türe aufgeschlossen, als die Spinne wieder in den Schlund hinunterging. Frastus aber sagte: »Ich muß jetzt sterben und muß sieben Jahre, sieben Monate, sieben Wochen, sieben Tage, sieben Stunden, sieben Minuten und sieben Sekunden im Grabe liegen. Öffne das Grab aber ja keine Sekunde eher, als bis die genannte Zeit verstrichen ist.« Auch gebot Frastus vor seinem Tode dem Diener, die Doktorbücher in die Donau zu werfen. Der Diener nahm die Bücher mit fort und versteckte sie in einer Hecke. Als er heimkam, fragte ihn sein Herr, was er mit den Büchern gemacht habe. Der Diener sagte: »Gar nichts.« Noch einmal befahl jetzt Frastus, die Bücher in den Fluß zu werfen. Als es geschah, blitzte, donnerte und wetterte es, ja, es bebte die Erde; man meinte, die Welt gehe unter. Als der Diener nach Hause kam, fragte ihn sein Herr wieder, ob er dem Befehl nachgekommen sei. Der Diener bejahte es. »Hättest du nur eines der Bücher für dich zurückbehalten,« sagte Frastus, »so wärest du glücklich genug geworden.« Bald darauf starb Frastus und wurde ins Grab gelegt. Aber bevor die sieben Jahre, sieben Monate, sieben Wochen, sieben Tage, sieben Minuten und sieben Sekunden verflossen waren, öffnete der Diener das Grab. Einige Sekunden lang sah er Doktor Frastus blühen wie eine Rose; plötzlich aber zerfiel er in Staub. Von Zwergen, Kobolden und ihren Verwandten Des kleinen Volkes Hochzeitsfest (Brüder Grimm) Das kleine Volk auf der Eilenburg in Sachsen wollte einmal Hochzeit halten und zog daher in der Nacht durch das Schlüsselloch und die Fensterritzen in den Saal, und sie sprangen hinab auf den glatten Fußboden, wie Erbsen auf die Tenne geschüttet werden. Davon erwachte der alte Graf, der im hohen Himmelbette in dem Saale schlief und verwunderte sich über die vielen kleinen Gesellen. Da trat einer von ihnen, geschmückt wie ein Held, zu ihm heran und lud ihn in ziemenden Worten gar höflich ein, an ihrem Fest teilzunehmen. »Doch um eins bitten wir,« setzte er hinzu, »Ihr allein sollt zugegen sein, keins von Euerm Hofgesinde darf sich unterstehen, das Fest mit anzuschauen, auch nicht mit einem einzigen Blick.« Der alte Graf antwortete freundlich: »Weil ihr mich im Schlaf gestört, so will ich auch mit euch sein.« Nun ward ihm ein kleines Weiblein zugeführt, kleine Lampenträger stellten sich auf, und eine Heimchenmusik hob an. Der Graf hatte Mühe, das Weiblein beim Tanz nicht zu verlieren, das ihm so leicht dahersprang und endlich so im Wirbel umdrehte, daß er kaum zu Atem kommen konnte. Mitten in dem lustigen Tanz aber stand auf einmal alles still, die Musik hörte auf, und der ganze Haufe eilte nach den Türspalten, Mauslöchern und wo sonst noch ein Schlupfloch war. Das Brautpaar aber, die Herolde und Tänzer schauten aufwärts nach einer Öffnung, die sich oben in der Decke des Saales befand und entdeckten dort das Gesicht der alten Gräfin, welche vorwitzig nach der lustigen Wirtschaft hinabschaute. Darauf neigten sie sich vor dem Grafen, und derselbe, der ihn eingeladen, trat wieder hervor und dankte ihm für die erzeigte Gastfreundschaft, »Weil aber«, sagte er dann, »unsere Freude und unsere Hochzeit also ist gestört worden, daß noch ein anderes menschliches Auge darauf geblickt, so soll fortan euer Geschlecht nie mehr als sieben Eilenburgs zählen.« Darauf drängten sie nacheinander schnell hinaus, bald war es still und der alte Graf wieder allein im finstern Saal. Die Verwünschung ist bis auf gegenwärtige Zeit eingetroffen und immer einer von den sechs lebenden Rittern von Eilenburg gestorben, ehe der siebente geboren war. Der Abzug des Zwergvolks über die Brücke (Brüder Grimm) ie kleinen Höhlen in den Felsen, welche man auf der Südseite des Harzes, sonderlich in einigen Gegenden der Grafschaft Hohenstein findet, und die größtenteils so niedrig sind, daß erwachsene Menschen nur hineinkriechen können, teils aber einen räumigen Aufenthaltsort für größere Gesellschaften darbieten, waren einst von Zwergen bewohnt und heißen nach ihnen noch jetzt Zwerglöcher. Zwischen Walkenried und Neuhof in der Grafschaft Hohenstein hatten einst die Zwerge zwei Königreiche. Ein Bewohner jener Gegend merkte einmal, daß seine Feldfrüchte alle Nächte beraubt wurden, ohne daß er den Täter entdecken konnte. Endlich ging er auf den Rat einer weisen Frau bei einbrechender Nacht an seinem Erbsenfelde auf und ab und schlug mit einem dünnen Stabe über dasselbe in die bloße Luft hinein. Es dauerte nicht lange, so standen einige Zwerge leibhaftig vor ihm. Er hatte ihnen die unsichtbar machenden Nebelkappen abgeschlagen. Zitternd fielen die Zwerge vor ihm nieder und bekannten: daß ihr Volk es sei, welches die Felder der Landesbewohner beraubte, wozu aber die äußerste Not sie zwänge. Die Nachricht von den eingefangenen Zwergen brachte die ganze Gegend in Bewegung. Das Zwergvolk sandte endlich Abgeordnete und bot Lösung für sich und die gefangenen Brüder und wollte dann auf immer das Land verlassen. Doch die Art des Abzugs erregte neuen Streit. Die Landeseinwohner wollten die Zwerge nicht mit ihren gesammelten und versteckten Schätzen abziehen lassen, und das Zwergvolk wollte bei seinem Abzuge nicht gesehen sein. Endlich kam man dahin überein, daß die Zwerge über eine schmale Brücke bei Neuhof ziehen, und daß jeder von ihnen in ein dorthin gestelltes Gefäß einen bestimmten Teil seines Vermögens als Abzugszoll werfen sollte, ohne daß einer der Landesbewohner zugegen wäre. Dies geschah. Doch einige Neugierige hatten sich unter die Brücke gesteckt, um den Zug der Zwerge wenigstens zu hören. Und so hörten sie denn viele Stunden lang das Getrappel der kleinen Menschen; es war ihnen, als wenn eine sehr große Herde Schafe über die Brücke ging. – Seit dieser letzten großen Auswanderung des Zwergvolks lassen sich nur selten einige Zwerge sehen. Doch zu den Zeiten der Elterväter stahlen zuweilen einige in den Berghöhlen zurückgebliebene aus den Häusern der Landbewohner kleine kaum geborene Kinder, die sie mit Wechselbälgen vertauschten. Das Bergmännlein beim Tanz (Brüder Grimm) Es zeigten alte Leute mit Wahrhaftigkeit an, daß vor etlichen Jahren zu Glaß im Dorf, eine Stunde von dem Wunderberg und eine Stunde von der Stadt Salzburg, Hochzeit gehalten wurde, zu welcher gegen Abend ein Bergmännlein aus dem Wunderberge gekommen. Es ermahnte alle Gäste, in Ehren fröhlich und lustig zu sein und verlangte, mittanzen zu dürfen, das ihm auch nicht verweigert wurde. Also machte es mit einer und der andern ehrbaren Jungfrau allzeit drei Tänze und zwar mit besonderer Zierlichkeit, so daß die Hochzeitsgäste mit Verwunderung und Freude zuschauten. Nach dem Tanz bedankte es sich und schenkte einem jeden der Brautleute drei Geldstücke von einer unbekannten Geldmünze, deren jedes man zu vier Kreuzer im Werte hielt, und ermahnte sie dabei, in Frieden und Eintracht zu hausen, christlich zu leben und bei einem frommen Wandel ihre Kinder zum Guten zu erziehen. Diese Münze sollten sie zu ihrem Geld legen und stets seiner gedenken, so würden sie selten in Not kommen; sie sollten aber dabei nicht hoffärtig werden, sondern mit ihrem Überfluß ihren Nachbarn helfen. Dieses Bergmännlein blieb bei ihnen bis zur Nachtzeit und nahm von jedermann Trank und Speis, die man ihm darreichte, aber nur etwas Weniges. Alsdann bedankte es sich und begehrte einen Hochzeitsmann, der es über den Fluß Salzach gegen den Berg zu schiffen sollte. Bei der Hochzeit war ein Schiffmann namens Johann Ständl, der machte sich eilfertig auf, und sie gingen miteinander zur Überfahrt. Während derselben begehrte der Schiffmann seinen Lohn: das Bergmännlein gab ihm in Demut drei Pfennige. Diesen schlechten Lohn verschmähte der Fährmann sehr, aber das Männlein gab ihm zur Antwort, er sollte sich das nicht verdrießen lassen, sondern die drei Pfennige wohl behalten, so würde er an seiner Habschaft nicht Mangel leiden, wo er anders dem Übermut Einhalt tue. Zugleich gab es dem Fährmann ein kleines Steinlein mit den Worten: »Wenn du dieses an den Hals hängst, so wirst du in dem Wasser nicht zugrunde gehen können.« Und dies bewährte sich noch in demselben Jahre. Zuletzt ermahnte es ihn zu einem frommen und demütigen Lebenswandel und ging schnell von dannen. Der Gemsjäger (Brüder Grimm) Ein Gemsjäger stieg auf und kam zu dem Felsgrat, und immer weiter klimmend, als er je vorher gelangt war, stand plötzlich ein häßlicher Zwerg vor ihm, der sprach zornig: »Warum erlegst du mir lange schon meine Gemsen und lässest mir nicht meine Herde? Jetzt sollst du's mit deinem Blute teuer bezahlen!« Der Jäger erbleichte und wäre bald hinabgestürzt, doch faßte er sich noch und bat den Zwerg um Verzeihung, denn er habe nicht gewußt, daß ihm diese Gemsen gehörten. Der Zwerg sprach: »Gut, aber laß dich hier nicht wieder blicken, so verheiß ich dir, daß du jeden siebenten Tag morgens früh vor deiner Hütte ein geschlachtetes Gemstier hangen finden sollst, aber hüte dich vor mir und schone die andern.« Der Zwerg verschwand, und der Jäger ging nachdenklich heim, und die ruhige Lebensart behagte ihm wenig. Am siebenten Morgen hing eine fette Gemse in den Ästen eines Baumes vor seiner Hütte; davon zehrte er ganz vergnügt, und die nächste Woche ging's ebenso und dauerte ein paar Monate fort. Allein zuletzt verdroß den Jäger seine Faulheit, und er wollte lieber selber Gemsen jagen, möge erfolgen, was da werde, als sich den Braten zutragen lassen. Da stieg er auf, und nicht lange, so erblickte er einen stolzen Leitbock, legte an und zielte. Und als ihm nirgends der böse Zwerg erschien, wollte er eben losdrücken, da war der Zwerg hinten her geschlichen und riß den Jäger am Knöchel des Fußes nieder, daß er zerschmettert in den Abgrund sank. Andere erzählen: es habe der Zwerg dem Jäger ein Gemskäslein geschenkt, an dem er wohl sein lebelang hätte genug haben mögen, er es aber unvorsichtig einmal aufgegessen oder ein unkundiger Gast ihm den Rest verschlungen. Aus Armut habe er demnach wieder die Gemsjagd unternommen und sei vom Zwerg in die Flut gestürzt worden. Der Schäfer und der Alte aus dem Berg (Brüder Grimm) Nicht weit von der Stadt Wernigerode befindet sich in einem Tale eine Vertiefung in steinigem Erdboden, welche das Weinkellerloch genannt wird, und worin große Schätze liegen sollen. Vor vielen Jahren weidete ein armer Schäfer, ein frommer und stiller Mann, dort seine Herde. Einmal, als es eben Abend werden wollte, trat ein greiser Mann zu ihm und sprach: »Folge mir, so will ich dir Schätze zeigen, davon du dir nehmen kannst, soviel du Lust hast.« Der Schäfer überließ dem Hund die Bewachung der Herde und folgte dem Alten. In einer kleinen Entfernung tat sich plötzlich der Boden auf, sie traten beide ein und stiegen in die Tiefe, bis sie zu einem Gemach kamen, in welchem die größten Schätze von Gold und edlen Steinen aufgetürmt lagen. Der Schäfer wählte sich einen Goldklumpen, und jemand, den er nicht sah, sprach zu ihm: »Bringe das Gold dem Goldschmied in die Stadt, der wird dich reichlich bezahlen.« Darauf leitete ihn sein Führer wieder zum Ausgang, und der Schäfer tat, wie ihm geheißen war und erhielt von dem Goldschmied eine große Menge Geldes. Erfreut brachte er es seinem Vater. Dieser sprach: »Versuche noch einmal in die Tiefe zu steigen.« »Ja, Vater,« antwortete der Schäfer, »ich habe dort meine Handschuhe liegen lassen, wollt ihr mitgehen, so will ich sie holen.« In der Nacht machten sich beide auf, fanden die Stelle und den geöffneten Boden und gelangten zu den unterirdischen Schätzen. Es lag noch alles wie das erstemal, auch die Handschuhe des Schäfers waren da; beide luden soviel in ihre Taschen, als sie tragen konnten und gingen dann wieder hinaus, worauf sich der Eingang mit lautem Krachen hinter ihnen schloß. Die folgende Nacht wollten sie es zum drittenmal wagen, aber sie suchten lange hin und her, ohne die Stelle des Eingangs oder auch nur eine Spur zu entdecken. Da trat ihnen der alte Mann entgegen und sprach zum Schäfer: »Hättest du deine Handschuhe nicht mitgenommen, sondern unten liegen gelassen, so würdest du auch zum drittenmal den Eingang gefunden haben, denn dreimal sollte er dir zugänglich und geöffnet sein; nun aber ist er dir auf immer unsichtbar und verschlossen.« Geister, heißt es, können das, was in ihrer Wohnung von den irdischen Menschen zurückgelassen worden, nicht behalten und haben nicht Ruhe, bis es jene wieder zu sich genommen. Der Bergmönch im Harz (Brüder Grimm) Zwei Bergleute arbeiteten immer gemeinschaftlich. Einmal, als sie anfuhren und vor Ort kamen, sahen sie an ihrem Geleucht, daß sie nicht genug Öl zu einer Schicht auf den Lampen hatten. »Was fangen wir da an?« sprachen sie miteinander, »geht uns das Öl aus, so daß wir im Dunkeln sollen zu Tag fahren, sind wir gewiß unglücklich, da der Schacht schon gefährlich ist. Fahren wir aber jetzt gleich aus, um von Haus Öl zu holen, so straft uns der Steiger, und das mit Lust, denn er ist uns nicht gut.« Wie sie also besorgt standen, sahen sie ganz fern in der Strecke ein Licht, das ihnen entgegenkam. Anfangs freuten sie sich, als es aber näher kam, erschraken sie gewaltig, denn ein ungeheurer, riesengroßer Mann ging, ganz gebückt, in der Strecke herauf. Er hatte eine große Kappe auf dem Kopf und war auch sonst wie ein Mönch angetan, in der Hand aber trug er ein mächtiges Grubenlicht. Als er bis zu den beiden, die in Angst still standen, geschritten war, richtete er sich auf und sprach: »Fürchtet euch nicht, ich will euch kein Leids antun, vielmehr Gutes«, nahm ihr Geleucht und schüttete Öl von seiner Lampe darauf. Dann aber griff er ihr Gezäh und arbeitete ihnen in einer Stunde mehr, als sie selbst in der ganzen Woche bei allem Fleiß herausgearbeitet hätten. Nun sprach er: »Sagt's keinem Menschen je, daß ihr mich gesehen habt«, und schlug zuletzt mit der Faust links an die Seitenwand; sie tat sich auseinander, und die Bergleute erblickten eine lange Strecke, ganz von Gold und Silber schimmernd. Und weil der unerwartete Glanz ihre Augen blendete, so wendeten sie sich ab, als sie aber wieder hinschauten, war alles verschwunden. Hätten sie ihre Bilhacke (Hacke mit einem Beil) oder sonst irgend nur einen Teil ihres Gezähs hineingeworfen, wäre die Strecke offen geblieben und ihnen viel Reichtum und Ohre zugekommen; aber so war es vorbei, wie sie die Augen davon abgewendet. Doch blieb ihnen auf ihrem Geleucht das Öl des Berggeistes, das nicht abnahm und darum noch immer ein großer Vorteil war. Aber nach Jahren, als sie einmal am Sonnabend mit ihren guten Freunden im Wirtshaus zechten und sich lustig machten, erzählten sie die ganze Geschichte, und Montags morgen, als sie anfuhren, war kein Öl mehr auf der Lampe, und sie mußten nun jedesmal wieder, wie die andern, frisch aufschütten. Die Springwurzel (Brüder Grimm) Vorzeiten hütete ein Schäfersmann friedlich auf dem Röterberg, da stand, als er sich einmal umwendete, ein prächtiges Königsfräulein vor ihm und sprach: »Nimm die Springwurzel und folge mir nach.« Die Springwurzel erhält man dadurch, daß man einem Grünspecht (Elster oder Wiedehopf) sein Nest mit einem Holz zukeilt; der Vogel, wie er das bemerkt, fliegt alsbald fort und weiß die wunderbare Wurzel zu finden, die ein Mensch noch immer vergeblich gesucht hat. Er bringt sie im Schnabel und will sein Nest damit wieder öffnen; denn hält er sie vor den Holzkeil, so springt er heraus, wie vom stärksten Schlag getrieben. Hat man sich versteckt und macht nun, wie er herankommt, einen großen Lärm, so läßt er sie erschreckt fallen (man kann aber auch nur ein weißes oder rotes Tuch unter das Nest breiten, so wirft er sie darauf, sobald er sie gebraucht hat). Eine solche Springwurzel besaß der Hirt, ließ nun seine Tiere umhertreiben und folgte dem Fräulein. Sie führte ihn bei einer Höhle in den Berg hinein. Kamen sie zu einer Türe oder einem verschlossenen Gang, so mußte er seine Wurzel vorhalten, und alsbald sprang sie krachend auf. Sie gingen immer fort, bis sie etwa in die Mitte des Berges gelangten, da saßen noch zwei Jungfrauen und spannen emsig; der Böse war auch da, aber ohne Macht und unten an den Tisch, vor dem die beiden saßen, festgebunden. Ringsum war in Körben Gold und leuchtende Edelsteine aufgehäuft, und die Königstochter sprach zu dem Schäfer, der da stand und die Schätze anlusterte: »Nimm dir, soviel du willst.« Ohne Zaudern griff er hinein und füllte seine Taschen, soviel sie halten konnten, und wie er, also reich beladen, wieder hinaus wollte, sprach sie: »Aber vergiß das Beste nicht!« Er meinte nicht anders, als das wären die Schätze und glaubte sich gar wohl versorgt zu haben, aber es war das Springwort. Wie er nun hinaustrat, ohne die Wurzel, die er auf den Tisch gelegt, schlug das Tor mit Schallen hinter ihm zu, hart an die Ferse, doch ohne weiteren Schaden, wiewohl er leicht sein Leben hätte einbüßen können. Die großen Reichtümer brachte er glücklich nach Haus, aber den Eingang konnte er nicht wiederfinden. Der Rotbücksch in Stolzenhagen (A. Haas) Ein Bauer in Stolzenhagen (Kr. Randow) hatte einen Rotbückschen im Hause. Der Rotbücksch sieht aus wie ein kleines Männchen und trägt rote Hosen. Ein Dienstmädchen, welches bei dem Bauern diente, hat den Rotbückschen einmal auf dem Boden in einer Tonne sitzend angetroffen, worüber der Bauer hinterher sehr ungehalten gewesen ist. Der Rotbücksch besorgt dem Bauern Geld und Gut und paßt auf, daß das Geld nicht so leicht wieder zum Hause hinauswandert. Ferner gibt er acht, daß nichts gestohlen wird und daß kein Korn unbefugterweise aus der Scheune fortgetragen wird. Daher erklärt es sich auch, daß der Bauer seine Scheune stets unverschlossen läßt und daß ihm trotzdem kein bißchen Getreide gestohlen wird. Der Bauer soll sich früher in recht dürftigen Verhältnissen befunden haben; seitdem er aber den Rotbückschen in seinem Hause beherbergt, gehört er zu den wohlhabendsten Leuten im Dorfe. Der Bauer und der Kobold (Brüder Grimm) Ein Bauer war seines Kobolds ganz überdrüssig geworden, weil er allerlei Unfug anrichtete, doch mochte er es anfangen, wie er immer wollte, so konnte er ihn nicht wieder los werden. Zuletzt ward er Rats, die Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte, und ihn zu verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus, und bei dem letzten Karren zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wohl versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich der Bauer von ungefähr um, siehe, da saß der Kobold auf dem Karren und sprach: »Es war Zeit, daß wir herauskamen! Es war Zeit, daß wir herauskamen!« Mußte also wieder umkehren und den Kobold behalten. Der Kobold auf der Mühle (A. Kuhn) Auf einer einsamen Wassermühle im Lande Teltow wohnte, wie es heißt, einmal ein Müller ganz allein. Bei dem klopfte es an einem stürmischen und regnerischen Abend an das Fenster, und als der Müller fragte, wer da wäre, antwortete eine Stimme: »Um Gottes willen laßt mich herein, ich habe mich verirrt und komme sonst um in dem furchtbaren Wetter!« Der Müller nahm die Lampe und öffnete die Haustür, fuhr aber erschrocken zurück; denn vor ihm stand neben einem Manne ein schwarzes Ungetüm. »Ach, erbarmt Euch,« sagte der Mann, »ich bin ein Bärenführer und weiß mit meinem Tiere nicht mehr, wo aus und ein. Gönnt mir ein Plätzchen zum Nachtquartier!« Der Müller kraute sich hinter die Ohren und sagte: »Ja, für Euch hätte ich wohl einen Platz auf der Ofenbank in meinem Stübchen, wenn Ihr damit zufrieden sein wollt. Aber wo soll ich mit eurer wilden Bestie hin? Einen Stall habe ich nicht, und in die Stube können wir das Tier doch nicht nehmen!« – »I,« antwortete der Mann, »können wir ihn nicht in die Mühle bringen? Schaden am Korn und Mehl könnte er Euch ja nicht tun, und übrigens lege ich ihn ja auch an die Kette!« »Das ginge wohl,« meinte der Müller, »aber ich muß Euch sagen: dort ist es nicht richtig, es spukt in der Mühle ein Kobold umher, der mir seit Jahren gebranntes Herzleid angetan, er rumort dort die ganze Nacht umher, schüttet die Kornsäcke aus, streut das Mehl umher und treibt noch sonst allerlei Unfug und Mutwillen!« »Ei,« rief der Bärenführer, »was schadet das? Meinem Bären wird der Kobold nichts anhaben, der wird sich schon seiner Haut wehren. Nehmt uns nur auf, ich bitte Euch!« Gesagt, getan. Der Bär wurde in die Mühle gebracht, und dem Führer bereitete der Müller ein Lager auf der Ofenbank. Mitten in der Nacht erwachten die beiden Männer von einem furchtbaren Rumoren in der Mühle. Es ging dort kopfüber und kopfunter, und dazwischen hörte man das tiefe Brummen des Bären und hie und da ein Quieken und jämmerlich Grunzen. »Horch,« sagte der Müller, »da hat der Kobold sich an den Bären gemacht.« »Das wird allein sein eigner Schaden sein«, lachte der Bärenführer. »Ja,« wollte Gott,« seufzte der Müller, »daß der Bär meinem Plagegeist recht ordentlich den dicken Kopf zurechtsetzte!« Noch ein heller Schrei, dann war alles still, und die Männer schliefen wieder ein. Am Morgen fand man den Bären wohlbehalten in der Mühle, und nachdem der Müller seine Gäste noch mit Speis' und Trank erquickt hatte, zog der Fremde mit seinem Bären unter herzlichem Danke von dannen. Und siehe, von Stund' an ließ sich kein Kobold mehr in der Mühle sehen. Der Bär mußte es ihm verleidet haben. Wer war glücklicher darüber als der Müller? So ging wohl ein ganzes Jahr hin. Da, an einem dunklen Abende, als der Müller still in seiner Stube saß, öffnete sich leise die Tür, und zum Schrecken des Müllers steckte der Kobold seinen unförmlichen Kopf in die Stube und sagte: »Möllä, Möllä, lewet juwe grote schwarte Katt noch?« Rasch faßte sich der Müller und rief: »Jo!, de lewet noch und hett sewen Junge kreegen!« Da schlug der Kobold entsetzt die Tür zu und ist seitdem nie wiedergekommen. Der Kobold in der Mühle (Brüder Grimm) Es machten einmal zwei Studenten von Rinteln eine Fußreise. Sie gedachten in einem Dorfe zu übernachten; weil aber ein heftiger Regen fiel und die Finsternis so sehr überhand nahm, daß sie nicht weiterkonnten, gingen sie zu einer in der Nähe liegenden Mühle, klopften und baten um Nachtherberge. Der Müller wollte anfangs nicht hören, endlich gab er ihren inständigen Bitten nach, öffnete die Türe und führte sie in eine Stube. Sie waren beide hungrig und durstig, und da auf dem Tisch eine Schüssel mit Speise und eine Kanne mit Bier stand, baten sie den Müller darum und waren bereitwillig, es zu bezahlen. Der Müller aber schlug's ab, selbst nicht ein Stück Brot wollte er ihnen geben und nur die harte Bank zum Ruhebett vergönnen. »Die Speise und der Trank«, sprach er, »gehört dem Hausgeist, ist euch das Leben lieb, so laßt beides unberührt, sonst aber habt ihr kein Leid zu befürchten, lärmt's in der Nacht vielleicht, so bleibt nur still liegen und schlafen.« Mit diesen Worten ging er hinaus und schloß die Türe hinter sich zu. Die zwei Studenten legten sich zum Schlafe nieder; aber etwa nach einer Stunde griff den einen der Hunger so übermächtig an, daß er sich aufrichtete und die Schlüssel suchte. Der andere, ein Magister, warnte ihn, er sollte dem Teufel lassen, was dem Teufel gewidmet wäre, aber er antwortete: »Ich habe ein besser Recht dazu als der Teufel«, setzte sich an den Tisch und aß nach Herzenslust, so daß wenig von dem Gemüse übrigblieb. Danach faßte er die Bierkanne, tat einen guten pommerschen Zug, und nachdem er also seine Begierde etwas gestillt, legte er sich wieder zu seinem Gesellen. Doch als ihn über eine Weile der Durst aufs neue plagte, stand er noch einmal auf und tat einen zweiten so herzhaften Zug, daß er dem Hausgeist nur die Neige hinterließ. Nachdem er sich's also selbst gesegnet und wohl bekommen geheißen, legte er sich und schlief ein. Es blieb alles ruhig bis zu Mitternacht; aber kaum war die herum, so kam der Kobold mit großem Lärm hereingefahren, wovon beide mit Schrecken erwachten. Es brauste ein paarmal in der Stube auf und ab, dann setzte er sich, als wollte er seine Mahlzeit halten, zu dem Tisch, und sie hörten deutlich, wie er die Schüssel herbeirückte. Gleich darauf setzte er sie, als wäre er ärgerlich, hart nieder, ergriff die Kanne und drückte den Deckel auf, ließ ihn aber gleich wieder ungestüm zuklappen. Nun begann er seine Arbeit, wischte den Tisch, danach die Tischfüße sorgfältig ab und kehrte dann, wie mit einem Besen, den Boden fleißig ab. Als das geschehen war, ging er noch einmal zur Schüssel und Kanne zurück, ob es jetzt vielleicht besser damit stehe, stieß aber beides wieder zornig hin. Darauf fuhr er in seiner Arbeit fort, kam zu den Bänken, wusch, scheuerte, rieb sie, unten und oben; als er zu der Stelle gelangte, wo die beiden Studenten lagen, zog er vorüber und nahm das übrige Stück unter ihren Füßen in die Arbeit. Wie er zu Ende war, fing er an der Bank oben zum zweitenmal an und überging auch zum zweitenmal die Gäste. Zum drittenmal aber, als er an sie kam, strich er dem einen, der nichts genossen hatte, über die Haare und den ganzen Leib, ohne ihm im geringsten weh zu tun. Den andern aber packte er an den Füßen, riß ihn von der Bank herab, zog ihn ein paarmal auf dem Erdboden herum, bis er ihn endlich liegen ließ und hinter den Ofen lief, wo er ihn laut auslachte. Der Student kroch zu der Bank zurück; aber nach einer Viertelstunde begann der Kobold seine Arbeit von neuem: kehrte, säuberte, wischte. Die beiden lagen da, in Angst zitternd, den einen fühlte er, als er an ihn kam, ganz lind an, aber den andern warf er wieder zur Erde und ließ hinter dem Ofen ein grobes und spottendes Lachen hören. Die Studenten wollten nun nicht mehr auf der Bank liegen, standen auf und erhoben vor der verschlossenen Türe ein lautes Geschrei; aber es hörte niemand darauf. Sie beschlossen endlich, sich auf den platten Boden hart nebeneinander zu legen; aber der Kobold ließ sie nicht ruhen. Er begann sein Spiel zum drittenmal, kam und zog den Schuldigen umher und lachte ihn aus. Dieser war zuletzt wütend geworden, zog seinen Degen, stach und hieb in die Ecke, wo das Gelächter herschallte und forderte den Kobold mit Drohworten aus, hervorzukommen. Dann setzte er sich mit seiner Waffe auf die Bank, zu erwarten, was weiter geschehen würde; aber der Lärm hörte auf, und alles blieb ruhig. Der Müller verwies ihnen am Morgen, daß sie seiner Ermahnung nicht nachgelebt und die Speise nicht unangerührt gelassen; es hätte ihnen leicht das Leben kosten können. Die Roggenmuhme (Brüder Grimm) In der Mark Brandenburg geht unter den Landleuten eine Sage von der Roggenmuhme, die im Kornfeld stecke, weshalb die Kinder sich hineinzugehen fürchten. In der Altmark schweiget man die Kinder mit den Worten: »Halt's Maul, sonst kommt die Roggenmuhme mit ihrem schwarzen, langen Hitzen und schleppt dich hinweg!« Im Braunschweigischen, Lüneburgischen heißt sie das Kornwyf. Wenn die Kinder Kornblumen suchen, erzählen sie sich davon, daß es die Kleinen raube, und wagen sich nicht zu weit ins grüne Feld. Im Jahre 1662 erzählte auch die Saalfelder Frau dem Prätorius: Ein dortiger Edelmann habe eine Sechswöchnerin von seinen Untertanen gezwungen, zur Erntezeit Garben zu binden. Die Frau nahm ihr junges säugendes Kindlein mit auf den Acker und legte es, um die Arbeit zu fördern, zu Boden. Über eine Weile sah der Edelmann, welcher zugegen war, ein Erdweib mit einem Kinde kommen und es um das der Bäuerin tauschen. Dieses falsche Kind hob an zu schreien, die Bäuerin eilte herzu, es zu stillen, aber der Edelmann wehrte ihr und hieß sie zurückbleiben, er wolle ihr schon sagen, wann's Zeit wäre. Die Frau meinte, er täte so der fleißigeren Arbeit wegen, und fügte sich mit großem Kummer. Das Kind schrie unterdessen unaufhörlich fort, da kam die Roggenmutter von neuem, nahm das weinende Kind zu sich und legte das gestohlene wieder hin. Nachdem alles das der Edelmann mit angesehen, rief er die Bäuerin und hieß sie nach Hause gehen. Seit der Zeit nahm er sich vor, nun und nimmermehr eine Kindbetterin zu Diensten zu zwingen. Das Moosweibchen (Brüder Grimm) Mn Bauer aus der Gegend von Saalfeld, mit Namen Hans Krepel, hatte ums Jahr 1635 Holz auf der Heide gehauen und zwar nachmittags; da trat ein kleines Moosweibchen herzu und sagte zu ihm: »Vater, wenn Ihr hernach aufhöret und Feierabend macht, haut doch beim Umfallen des letzten Baums ja drei Kreuze in den Stamm, es wird euch gut sein.« Nach diesen Worten ging es weg. Der Bauer, ein grober und roher Kerl, dachte: »Zu was hilft mir die Quackelei, und was kehr ich mich an ein solch Gespenste«, unterließ also das Einhauen der drei Kreuze und ging abends nach Haus. Den folgenden Tag um die nämliche Zeit kehrte er wieder in den Wald, um weiter zu hauen; da trat ihn wieder das Moosweibchen an und sprach: »Ach, Ihr Mann, was habt Ihr gestern die drei Kreuze nicht eingehauen? Es sollte Euch und mir geholfen haben; denn uns jagt der wilde Jäger nachmittags und nachts ohn Unterlaß und tötet uns jämmerlich, haben auch anders keinen Frieden vor ihm, wenn wir uns nicht auf solche behauene Baumstämme setzen können, davon darf er uns nicht bringen, sondern wir sind sicher.« Der Bauer sprach: »Hoho, was sollten dabei die drei Kreuze helfen; dir zu Gefallen mach' ich noch keine dahin.« Hierauf aber fiel das Moosweibchen den Bauer an und drückte ihn dergestalt, daß er, obgleich stark von Natur, krank und elend wurde. Seit der Zeit folgte er der empfangenen Lehre besser, unterließ das Kreuzeinhauen niemals, und es begegnete ihm nichts Widerliches mehr. Das Kellermännlein (Brüder Grimm) Im Jahre 1665 trug sich zu Lützen folgendes zu: In einem Haus lief ein klein Männlein aus dem Keller hervor und sprengte vor dem Haus Wasser aus einer Kelte oder goß sie aus. Lief darauf wieder stillschweigends nach dem Keller, aber die Magd, die zugegen war, fürchtete sich, fiel auf ihre Knie und betete einen Psalm. Da fiel das Männlein zugleich mit ihr nieder, betete so lange als die Magd. Bald darauf kam Feuersbrunst im Städtlein aus und wurden mehrere neuerbaute Häuser in Asche gelegt, selbes Haus aber blieb unverletzt übrig. Auch soll nach solchem Begebnis das Männchen noch einmal erschienen sein und gesprengt haben, allein es erfolgte an selbigem Orte nichts darauf. Schiffer Gau und sein Puk (Brüder Grimm) In Barth lebte ein Schiffer, Hinrich Gau, das war der glücklichste und verwegenste Schiffer in der ganzen Ostsee, dem lief aber auch alles zu Faden. Er unterstand sich, was kein anderer Schiffer wagte, und die Leute sagten, er könne mit allen Winden segeln, und wenn er wollte, auch gegen den Strom. So war er denn immer der erste auf dem Platz und machte die besten Fahrten und wurde in wenigen Jahren ein reicher Mann; wenn von ihm die Rede war, so hieß es immer nur: »Der reiche Schiffer« oder »Der reiche Gau«. Das Ding hatte aber so seinen eigenen Haken; denn die Leute munkelten so was von einem blanken Käfer oder einer grünen Pogg (Frosch) in einem Glase. Das war sein Puk, der ihm den Wind und das Glück machte, und die Matrosen wollten das düwelsche Ding zuweilen gesehen haben, wenn's steif wehte oder gefährlich düster war; dann lief's als ein klein winzig Jüngelken, sagten sie, in einer schwarzen Jacke, eine rote Mütze auf dem Kopf, auf dem Schiff herum und sah' alles nach, oder säß' auch als ein alt gries Männeken, mit einer kreideweißen Perücke auf dem Kopf, am Steuerruder, guckte nach dem Himmel und wies' dem Schiff den Weg. Sie erzählten auch, der Schiffer pflegte seine blanken und grünen Düwelskameraden in seiner Koje sehr splendide in einem aparten Schrank, in den kein Mensch seine Nase reinstecken dürfte; da trüge er ihnen immer süßen Muskatwein und Rosinen und Feigen hin. Das Glück war so schon manchen schönen Tag mit dem Schiffer Gau auf der Fahrt gewesen, und er verstand seine Geisterkens zu regieren, daß es eine Art hatte; die gehorchten ihm aufs Kommando. Aber zuletzt versah er sich doch einmal. Er war mit einer reichen Ladung aus England gekommen, und sein Schiff lag auf dem Strom der Sundschen Reede vor Anker. Nun war er einen Tag in die Stadt gefahren und – Gott weiß, wie's kam – in ein wüstes Gelage geraten; da hatten sie zu tief ins Glas geguckt, und Gau vergaß darüber Schiff und Puk und die ganze Welt. So hatte unser Schiffer zwei geschlagene Tage in Stralsund vertrunken und seine Dinger derweile hungern lassen; da waren die zuletzt wild geworden, hatten die Gläser zerbrochen, worin sie saßen, und bliesen jetzt einen Sturm auf, daß das Schiff anfing, mit allen Segeln zu spielen und sich von allen Ankern losriß. Da gab's ein großes Geschrei, viele Schiffer kamen herangelaufen und auch Schiffer Gau. Der kriegte sich flugs ein paar von seinen Matrosen und noch einige Waghälse heran, löste sein Boot, ließ die Riemen (Ruder) knarren und rief: »Frisch, Jungens! Frisch! Wenn ich an Bord komme, dann sollen meine Kerls wohl wieder ins Loch; sie kennen mein Kommando wohl!« Und Gau kam richtig an das Schiff, das küselte (kreiselte) sich immer nur so rundum, als wenn's in einem Strudel stäk. Alle andern Schiffe rührten sich nicht, als wenn für sie keine Luft wehte, und es war ein ganz mojes (ruhiges) Wasser. Aber der kecke Gau hatte sich diesmal zuviel zugetraut. Seine Bürschchen waren von dem langen Hungern ganz aus Rand und Band und ließen sich von ihm weder locken noch hissen. Sie machten immer gewaltigeren Sturm und tollere Wirtschaft und küselten zuletzt so arg, daß Schiff und Schiffer mit Mann und Maus zugrunde gingen. Der Feuermann erscheint zwei Fischern (A. Haas) Der Feuermann ist ein Gespenst, welches schon manch einen mit Angst und Schrecken erfüllt hat. Alle Menschen, welche auf bösen Wegen sind, haben es zu fürchten; besonders aber müssen sich Diebe und Räuber davor in acht nehmen. Einst beschlossen zwei Männer, welche in Luisenhof (Kreis Ückermünde) wohnten, auf dem nahegelegenen See, der sehr reich an Hechten war, zu fischen, und zwar bedienten sie sich dabei des Hechtspeeres, obgleich sie wußten, daß diese Art des Fischfanges verboten war. Wie sie nun mitten auf dem See waren, erschien ihnen nun plötzlich der Feuermann und setzte sich, als er näher gekommen war, zu ihnen in den Kahn. Der Feuermann war überaus schwer, und das Boot sank so tief ein, daß der Rand desselben mit dem Wasserspiegel gleich war. Da die Fischer befürchteten, daß das Boot sinken würde, wenn der Feuermann länger darin verweilte, so fingen sie an, ihn inständig zu bitten, er möge sie doch wieder verlassen. Das tat denn auch der Feuermann, aber als er aus dem Boot heraussprang, rief er aus: »Hier ist die Grenze!« Ähnliche Erfahrungen, wie die beiden Fischer, haben auch andere Leute gemacht, welche in den Wald gegangen waren, um Holz zu stehlen. Das Feuermännchen (G. Metscher [»Tag«]) In Chorin hat einmal ein Amtsrat, namens Meyer, gelebt. Der hat den jüngeren Zeitgenossen eine Feuerbesprechungsgeschichte erzählt, die diese zum Teil als wahre Begebenheit weitererzählten; nur die alten Leute haben ob solcher Mär die Köpfe geschüttelt, haben sich darob eine neue Pfeife gestopft und geschmunzelt und gesagt: »Amtsrat Meyer möt et jo weten!« In der Nacht vom 21. auf den 22. August jenes denkwürdigen Jahres 1848, so hob die Erzählung des Amtsrates an, ist in dem Dorfe Brodowin eine große Feuersbrunst ausgekommen. Die hat alle Bauernhäuser eingeäschert bis auf die Grundmauern. Nur zwei Häuser standen noch unter Dach, drohten aber auch jeden Augenblick ein Raub der Flammen zu werden. Da tauchte plötzlich auf der Choriner Landstraße ein Reiter auf. Er raste auf dem Gaul daher. In wilden Sprüngen umritt er die beiden gefährdeten Gehöfte, immer im Kreis herum. Auf einmal stand da plötzlich das Feuer still. Der Mann, der also das Feuer besprechen konnte, war ein Feuerreiter. Später nannte man ihn das »Feuermännchen«. Der Bürgermeister als Feuerreiter (G. Metscher [»Tag«]) In einer kleinen märkischen Stadt erzählt man sich folgende Geschichte: Als einmal eine Feuersbrunst ausbrach, kam ein kleines Männchen zum Bürgermeister, brachte ihm einen Schimmel und sagte, auf dem solle er um das Feuer reiten, da werde es sogleich stillestehen. Das hat er dann auch getan, und augenblicklich war dem Feuer Einhalt getan. So hat er es jedesmal, sobald irgendwo ein Feuer aufschlug, wiederholt, und nie ist mehr als ein Haus von demselben verzehrt worden. Aber der Schimmel ist alt geworden und endlich gestorben; da war der Bürgermeister in großer Not; denn er sah, als wieder ein Feuer ausbrach, daß es weiter und weiter um sich griff; doch faßte er sich endlich und lief um das Feuer herum, so, wie er früher herumgeritten war, und siehe da, das hatte dieselbe Wirkung: das Feuer stand still. Das tut er nun jedesmal, und nie brennt mehr als ein Haus ab. Von Wassermann und Nixe Die Jungfrau auf der Lorelei (F. Seibert [»Allg. Schulbl«]) uf der Lorelei sitzt zuweilen eine wunderschöne weiße Jungfrau, die ihr in der hellen Sonne glänzendes Blondhaar mit goldenem Kamme kämmt und den unten fahrenden Fischer mit ihrem Singen verführt, so daß er nicht auf die Untiefen des Stromes achtet und sein Kahn an den Klippen zerschellt. Dann zieht ihn die Jungfrau in die Tiefe des Strudels und zu sich in ihr unterirdisches Wasserreich. Der Wangeriner See (P. Zaunert) Zwischen Wangerin und Klaushagen in Pommern liegt ein See. Zu dem ging einst an einem Sonntag Vormittag ein Mann, um da Fische zu angeln. Er suchte sich eine günstige Stelle im Schilf aus, und wie er so dastand und ins Wasser sah, hörte er aus dem Seegrunde herauf ein wunderschönes Pfeifen. Das nahm seine ganzen Sinne gefangen und trieb ihn immer weiter in das Wasser hinein. Mit einem Male aber kam ihm der Gedanke: »Du willst hier sterben und könntest doch so glücklich auf der Erde leben! Hast du denn nicht deine liebe Frau und deine Kinder?« Und wie er das so bei sich bedachte, kam neue Kraft über ihn; er konnte jetzt der Lockung widerstehen und eilte nach Hause. Denselben Tag ging auch ein Schäfer an die nämliche Stelle, seinem kranken Sohn Fische zu fangen. Auch er hörte das wunderschöne Pfeifen auf dem Grunde, aber er konnte sich nicht losreißen; es zog ihn tiefer und tiefer, bis er versank. Die Schwanenmädchen (Fürstenwalder Zeitung) Einst sah ein Knabe, der auf dem weiten Scharmützelsee von Pieskow südwärts ruderte, drei schöne, weiße Schwäne auf dem Wasser. Er fuhr ihnen nach; da es aber Mittagszeit war und die Sonne zu heiß schien, wurde er schläfrig, zog die Ruder ein, senkte den Kopf auf die Arme und schlief ein. Bei seinem Erwachen befand er sich in einem gläsernen Palaste und sah durch das Glas hindurch die Fischlein schwimmen und die Wasserpflanzen schwanken. Er selbst lag in einem goldenen Bett, und daneben standen drei wunderschöne Schwestern, es gefiel ihm wohl bei den Mädchen. Unter Spiel und Gesang, bei gutem Essen und Trinken verging ihm die Zeit. Als aber die Mädchen einmal fern waren und der Knabe, sich ganz allein in dem Palaste befand, da packte ihn das Heimweh; er fing an zu weinen und rief nach seiner Mutter. Sofort stand ein altes Weib vor ihm, das ihn nach dem Dorfe zurückbrachte. Er freute sich des Wiedersehens mit seiner Mutter, aber dennoch wurde er die Erinnerung an das Leben auf dem Seegrunde nicht los, schlich sich oft an das Ufer hinunter und schaute nach den drei Schwänen aus. Sie kehrten aber niemals wieder. Der See bei Wimpfen (P. Zaunert) Zu Wimpfen ist ein See auf einem Berge, davon wird folgende Sage erzählt: Ein Knabe sah einmal auf dem See drei weiße Schwäne. Er nahm ein Brett und fuhr ihnen nach. Als er eine Strecke weit vom Ufer entfernt war, schlug das unsichere Fahrzeug um, und der Knabe sank unter. Er wußte nicht, wie ihm geschah; denn als er erwachte, sah er sich in einem prächtigen Schlosse, und vor ihm standen drei wunderschöne Jungfrauen, »Wie kamst du hierher?« sprachen sie zu dem Knaben. »Ich wollte die weißen Schwäne betrachten,« entgegnete er, »und ich weiß nicht, wie es weiter ergangen ist.« – »Willst du bei uns bleiben,« sprach eine der Jungfrauen, »so sei uns willkommen. Doch darfst du, sobald du drei Tage hier verweiltest, nie wieder in deine Heimat zurück; denn du würdest alsdann dich nicht mehr an die obere Luft gewöhnen können und sterben müssen.« Der Knabe willigte fröhlich ein. Doch nach Jahresfrist fühlte er eine unwiderstehliche Sehnsucht nach seiner Heimat; er wurde krank und härmte sich zusehends ab. Die Jungfrauen fragten ihn oft, was ihm fehle; allein er sagte ihnen nie den wahren Grund seiner Traurigkeit. Einmal war er in tiefes Nachsinnen verfallen; da trat eine häßliche alte Frau zu ihm hin und sprach: »Wenn du mir gelobst, mich zu heiraten, so führe ich dich in deine Heimat zurück.« – »Nein,« sprach der Knabe, »lieber will ich sterben, ohne meine Heimat wiederzusehen, als meine Gebieterinnen hintergehen.« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da standen die drei Schwestern vor ihm. »Weil du so redlich bist,« sprachen sie, »so magst du denn wiederkehren zu den Deinigen.« Als er am folgenden Morgen erwachte, saß er am Ufer des Sees. Er ging heim und erzählte den Seinen, was ihm begegnet war; aber niemand wollte es ihm glauben. Gern wäre er nun wieder zurückgekehrt zu den drei Jungfrauen, die ihm so freundlich gewesen. Das Heimweh nach dem schönen Lande in der Tiefe ließ ihm keine Ruhe und ergriff ihn täglich heftiger. Nach kurzem war er tot. Der untreue Schäfer (P. Zaunert) Ein Schäfer hatte sich in eine Nixe verliebt und wohnte lange Zeit mit ihr auf dem Grunde eines Sees. Daneben bekam er Heimweh nach seinen Freunden und Verwandten und bat seine Frau, sie möchte ihn doch noch einmal auf die Erde zurückkehren lassen. Sie erlaubte es ihm; doch mußte er ihr versprechen, wieder in den See zu kommen, und sie schwur, sie würde sich furchtbar rächen, wenn er sein Wort bräche. Dem Schäfer aber gefiel es hier oben auf den grünen Wiesen und unter der lichten Sonne so wohl, daß er wieder seine Schafe zu hüten beschloß und nicht wieder zur Nixe zurückkam. Doch nahm er sich in acht, keinem Fluß, See oder Brunnen zu nahe zu kommen, und so konnte die Nixe sich lange nicht rächen. Eines Tages aber, als es sehr heiß war und er wieder seine Schafe hütete, wußte er sich vor Durst nicht zu retten; da sah er eine kleine Lache am Wege und lief hin. »Hier«, dachte er, »kann sie dir nichts anhaben«, und bückte sich, um zu trinken. Doch kaum hatten seine Lippen das Wasser berührt, so fühlte er einen Druck im Genick und hörte ein heiseres Kichern; daran erkannte er die Nixe. Sein Gesicht wurde fest in die Lache gedrückt, und so klein sie war, er mußte darin ertrinken. Mummelsee (Brüder Grimm) Im Schwarzwald, nicht weit von Baden, liegt ein See auf einem hohen Berg, aber unergründlich. Wenn man ungerad Erbsen, Steinlein oder was anderes in ein Tuch bindet und hineinhängt, so verändert es sich in gerad, und also, wenn man gerad hineinhängt, in ungerad. So man einen oder mehr Steine hinunterwirft, trübt sich der heiterste Himmel, und ein Ungewitter entsteht, mit Schlossen und Sturmwinden. Die Wassermännlein tragen auch alle hineingeworfenen Steine sorgfältig wieder heraus ans Ufer. Da einst etliche Hirten ihr Vieh bei dem See gehütet, so ist ein brauner Stier daraus gestiegen, sich zu den übrigen Rindern gesellend, alsbald aber ein Männlein nachgekommen, denselben zurückzutreiben, auch da er nicht gehorchen wollte, hat es ihn verwünscht, bis er mitgegangen. Mn Bauer ist zur Winterszeit über den hartgefrorenen See mit seinen Ochsen und einigen Baumstämmen ohne Schaden gefahren, sein nachlaufendes Hündlein aber ertrunken, nachdem das Eis unter ihm gebrochen. Ein Schütz hat im Vorübergehen ein Waldmännlein darauf sitzen sehen, den Schoß voll Geld und damit spielend; als er darauf Feuer geben wollen, so hat es sich niedergetaucht und bald gerufen, wenn er es gebeten, so hätte es ihn leicht reich gemacht, so aber er und seine Nachkommen in Armut verbleiben müßten. Eines Males ist ein Männlein auf späten Abend zu einem Bauern auf dessen Hof gekommen, mit der Bitte um Nachtherberg. Der Bauer, in Ermangelung von Betten, bot ihm die Stubenbank oder den Heuschober an, allein es bat sich aus, in den Hanfräpen zu schlafen. »Meinethalben,« hat der Bauer geantwortet, »wenn dir damit gedient ist, magst du wohl gar am Weiher oder am Brunnentrog schlafen.« Auf diese Verwilligung hat es sich gleich zwischen die Binsen und das Wasser eingegraben, als ob es Heu wäre, sich darin zu wärmen. Frühmorgens ist es herausgekommen, ganz mit trockenen Kleidern, und als der Bauer sein Erstaunen über den wundersamen Gast bezeiget, hat es erwidert: ja, es könne wohl sein, daß seinesgleichen nicht in etlich hundert Jahren hier übernachtet. Von solchen Reden ist es mit dem Bauer so weit ins Gespräch kommen, daß es solchem vertraut, es sei ein Wassermännlein, welches sein Gemahl verloren und in dem Mummelsee suchen wolle, mit der Bitte, ihm den Weg zu zeigen. Unterwegs erzählte es noch viel wunderliche Sachen, wie es schon in viel Seen sein Weib gesucht und nicht gefunden, wie es auch in solchen Seen beschaffen sei. Als sie zum Mummelsee gekommen, hat es sich untergelassen, doch zuvor den Bauer zu verweilen gebeten, so lange, bis zu seiner Wiederkunft, oder bis es ihm ein Wahrzeichen senden werde. Wie er nun ungefähr ein paar Stunden bei dem See aufgewartet, so ist der Stecken, den das Männlein gehabt, samt ein paar Handvoll Bluts mitten im See durch das Wasser heraufgekommen und etliche Schuh hoch in die Luft gesprungen, dabei der Bauer wohl abnehmen können, daß solches das verheißene Wahrzeichen gewesen. Ein Herzog zu Württemberg ließ ein Floß bauen und damit auf den See fahren, dessen Tiefe zu ergründen. Als aber die Messer schon neun Zwirnnetz hinuntergelassen und immer noch keinen Boden gefunden hatten, so fing das Floß gegen die Natur des Holzes zu sinken an, also daß sie von ihrem Vorhaben ablassen und auf ihre Rettung bedacht sein mußten, vom Floß sind noch Stücke am Ufer zu sehen. Tanz mit dem Wassermann (Brüder Grimm) Zu Laibach hat in dem gleichbenannten Fluß ein Wassergeist gewohnt, den man den Nix oder Wassermann hieß. Er hat sich sowohl bei Nacht den Fischern und Schiffsleuten, als bei Tag andern gezeigt, daß jedermann zu erzählen wußte, wie er aus dem Wasser hervorgestiegen sei und in menschlicher Gestalt sich habe sehen lassen. Im Jahr 1547 am ersten Sonntag im Julius kam nach alter Sitte zu Laibach auf dem alten Markt bei dem Brunnen, der durch eine dabeistehende schöne Linde lustig beschattet war, die ganze Nachbarschaft zusammen. Sie verzehrten in freundlicher und nachbarlicher Vertraulichkeit bei klingendem Spiel ihr Mahl und huben darauf mit dem Tanze an. Nach einer Weile trat ein schöngestalteter, wohlgekleideter Jüngling herzu, gleich als wollte er an dem Reigen teilnehmen. Er grüßte die ganze Versammlung höflich und bot jedem Anwesenden freundlich die Hand, welche aber ganz weich und eiskalt war und bei der Berührung jedem ein seltsames Grauen erregte. Hernach zog er ein wohlaufgeschmücktes und schöngebildetes, aber frisches und freches Mägdelein, von leichtfertigem Wandel, das Ursula Schäferin hieß, zum Tanze auf, die sich in seine Weise auch meisterlich zu fügen und in alle lustigen Possen zu schicken wußte. Nachdem sie eine Zeitlang miteinander wild getanzt, schweiften sie von dem Platz, der den Reigen zu umschränken pflegte, immer weiter aus, von jenem Lindenbaum nach dem Sitticher Hofe zu, daran vorbei, bis zu der Laibach, wo er in Gegenwart vieler Schiffsleute mit ihr hineinsprang und beide vor ihren Augen verschwanden. Der Lindenbaum stand bis ins Jahr 1638, wo er Alters halber umgehauen werden mußte. Der Wassermann in der Mühle bei Tost (R. Kühnau) Beim Städtchen Tost stand früher eine alte Mühle, bei der es nicht heimlich war. Vom Rade her hörte man nachts viele Stimmen und ein schreckliches Heulen. Da kam einst ein Spielmann zum Müller und erbot sich, den Wassermann zu vertreiben. Der Müller war einverstanden und versprach dem Spielmann eine ansehnliche Belohnung. Alle Bewohner der Mühle wollten der Vertreibung zusehen und versammelten sich in der Mühlstube. Um Mitternacht kam der Wassermann, um den Spielmann ins Wasser zu ziehen. Der aber fing an, mit der linken Hand auf seinem Instrument zu spielen. Dann machte er, wiederum mit der linken Hand, drei Kreuzzeichen, ergriff einen langen Strohhalm, machte, abermals mit der linken Hand, drei Knoten und band damit den Wassermann hinter dem Kachelofen an. Dann sagte er noch zu den Müllersleuten, sie sollten dem Gefesselten niemals auch nur einen Tropfen Wasser geben. Eines Tages nun waren der Müller und seine Frau fortgegangen und das kleine Töchterchen des Müllers allein zu Hause. Beim Spielen kam das Kind in die Nähe des Ofens. Da bat der dort angebundene Wassermann um eine Tasse Wasser. Das Mädchen brachte sie ihm bereitwillig. Als der Wassermann davon getrunken hatte, verschwand er und ward nicht mehr gesehen. Die drei Jungfern aus dem See (Brüder Grimm) Zu Epfenbach bei Sinzheim traten seit der Leute Gedenken jeden Abend drei wunderschöne, weißgekleidete Jungfrauen in die Spinnstube des Dorfs. Sie brachten immer neue Lieder und Weisen mit, wußten hübsche Märchen und Spiele, auch ihre Rocken und Spindeln hatten etwas Eignes, und keine Spinnerin konnte so fein und behend den Faden drehen. Aber mit dem Schlag elf standen sie auf, packten ihre Rocken zusammen und ließen sich durch keine Bitte einen Augenblick länger halten. Man wußte nicht, woher sie kamen, noch wohin sie gingen; man nannte sie nur: die Jungfern aus dem See, oder die Schwestern aus dem See. Die Burschen sahen sie gern und verliebten sich in sie, zu allermeist des Schulmeisters Sohn. Der konnte nicht satt werden, sie zu hören und mit ihnen zu sprechen, und nichts tat ihm leider, als daß sie jeden Abend schon so früh aufbrachen. Da verfiel er einmal auf den Gedanken und stellte die Dorfuhr eine Stunde zurück, und abends im steten Gespräch und Scherze merkte kein Mensch den Verzug der Stunde. Und als die Glocke elf schlug, es aber eigentlich schon zwölf war, standen die drei Jungfern auf, legten die Rocken zusammen und gingen fort. Den folgenden Morgen kamen etliche Leute am See vorbei; da hörten sie wimmern und sahen drei blutige Stellen oben auf der Fläche. Seit der Zeit kamen die Schwestern nimmermehr zur Stube. Des Schulmeisters Sohn zehrte ab und starb kurz darnach. Der Döngessee (Brüder Grimm) Bei dem Dorfe Dönges in Hessen liegt der Dönges- oder Hautsee, der an einem gewissen Tage im Jahr ganz blutrot wird. Davon gibt es folgende Sage. Einmal war im Dorfe Dönges Kirmes, und dazu kamen auch zwei fremde, unbekannte, aber schöne Jungfrauen, die mit den Bauernburschen tanzten und sich lustig machten, aber nachts zwölf Uhr verschwunden waren, während doch Kirmes Tag und Nacht fortdauert. Indes waren sie am andern Tage wieder da, und ein Bursche, dem es lieb gewesen, wenn sie immer geblieben wären, nahm einer von ihnen während des Tanzes die Handschuhe weg. Sie tanzten nun wieder mit, bis Mitternacht herannahete, da wollten sie fort, und die eine ging und suchte nach ihren Handschuhen in allen Ecken. Da sie solche nirgends finden konnte, ward sie ängstlich, als es aber während des Suchens zwölf Uhr schlug, so liefen sie beide in größter Angst fort, gerade nach dem See und stürzten sich hinein. Am andern Tag war der See blutrot und wird es an selbigem noch jedesmal im Jahr. An den zurückgebliebenen Handschuhen waren oben kleine Kronen zu sehen. Magdeburger Nixen (Brüder Grimm) Zu Magdeburg an einer Stelle der Elbe ließ sich oft die Nixe sehen, zog die überschwimmenden Leute hinab und ersäufte sie. Kurz vor der Zerstörung der Stadt durch Tilly schwamm ein hurtiger Schwimmer um ein Stück Geld hinüber, als er aber herüber wollt und an den Ort geriet, wurde er festgehalten und hinuntergerissen. Niemand konnte ihn retten, und zuletzt schwamm sein Leichnam ans Ufer. Zuweilen soll sich das Meerwunder am hellen Tag und bei scheinender Sonne zeigen, sich ans Ufer setzen oder auf die Äste anstehender Bäume und wie schöne Jungfrauen lange, goldgelbe Haare kämmen, wenn aber Leute nahen, hüpft es ins Wasser. Einmal, weil das Brunnenwasser hart zu kochen ist, das Elbwasser aber weit und mühselig in die Stadt getragen werden muß, wollte die Bürgerschaft eine Wasserleitung bauen lassen. Man fing an, große Pfähle in den Fluß zu schlagen, konnte aber bald nicht weit vorrücken. Denn man sah einen nackenden Mann in der Flut stehen, der mit Macht alle eingesetzten Pfähle ausriß und zerstreute, so daß man den vorgenommenen Bau wieder einstellen mußte. Wasserrecht (Brüder Grimm) Bei Leipzig, wo die Elster in die Pleiße fällt, pflegt im Sommer das junge Volk zu baden, aber das Wasser hat da einen betrüglichen Lauf, zuweilen Untiefen, zuweilen Sandbänke, besonders an einem Ort, welcher das Studentenbad genannt wird. Davon, wie von andern Flüssen, ist gemeine Sage, daß es alle Jahr einen Menschen haben müsse, wie auch fast jeden Sommer ein Mensch darin ertrinkt, und wird davon geglaubt, daß die Wassernixe einen hinunterziehe. Man erzählt, daß die Nixen vorher auf dem Wasser zu tanzen pflegen, wann einer ertrinken wird. Kindern, die baden wollen und am Ufer stehen, rufen die Eltern in Hessen warnend zu: »Der Nöcken (Nix) möchte dich hineinziehen!« Folgenden Kinderreim hat man: Nix in der Grube, Du bist ein böser Bube, wasch dir deine Beinchen Mit roten Ziegelsteinchen! Der Wassermann und der Bauer (Brüder Grimm) Der Wassermann schaut wie ein anderer Mensch, nur daß, wenn er den Mund bleckt, man von ihm seine grünen Zähne sieht. Auch trägt er einen grünen Hut. Er zeigt sich den Mädchen, wenn sie am Teich vorübergehen, mißt Band aus und wirft's ihnen zu. Einmal lebte er in guter Nachbarschaft mit einem Bauern, der unweit des Sees wohnte, besuchte ihn manchmal und bat endlich, daß der Bauer ihn ebenfalls unten in seinem Gehäus besuchen möchte. Der Bauer tat's und ging mit. Da war unten im Wasser alles wie in einem prächtigen Palast auf Erden, Zimmer, Säle und Kammern voll mancherlei Reichtum und Zierat. Der Wassermann führte den Gast aller Enden umher und wies ihm jedes, endlich gelangten sie in ein kleines Stübchen, wo viele neue Töpfe umgekehrt, die Öffnung bodenwärts, standen. Der Bauer fragte, was das doch wäre. »Das sind die Seelen der Ertrunkenen, die hebe ich unter den Töpfen auf und halte sie damit fest, daß sie nicht entwischen können.« Der Bauer schwieg still und kam hernach wieder ans Land. Das Ding mit den Seelen wurmte ihn aber lange Zeit, und er paßte dem Wassermann auf, daß er einmal ausgegangen sein würde. Als das geschah, hatte der Bauer den rechten Weg hinunter sich wohl gemerkt, stieg in das Wasserhaus und fand auch jenes Stübchen glücklich wieder; da war er her, stülpte alle Töpfe um, einen nach dem andern, alsbald stiegen die Seelen der ertrunkenen Menschen hinauf in die Höhe aus dem Wasser und wurden wieder erlöst. Selberjedan (Engelien und Lahn Da war einmal ein Schiffer, der hatte sich in der Havel bei Deetz vor den Wind gelegt und setzte sich in den Kahn und wollte Fische fangen. Als er nun so eine ganze Zeit geangelt und genug hatte, da ging er wieder in sein Schiff und kriegte seine Pfanne her und wollte sich die Fische braten. Da saß er nun so beim Feuer, da kommt auf einmal aus der Havel ein Wassernix auf sein Schiff, der war so groß wie ein kleiner Hahn und hatte eine rote Kappe auf dem Kopf und stellt sich bei ihm hin und fragt ihn, wie er heißt. »Wo ik heten do?« sagt der Schiffer, »ik het Selberjedan, wenn de 't weten wist.« – »Na, Selberjedan,« sagt der Wassernix und kann knapp reden, weil er das ganze Maul voll Padden hatte, »Selberjedan, ik bedrippe di.« – »Ja, dat sast du mal don,« sagt der Schiffer, »denn nem it 'n Stock, un schla di damet or de Rügge, datte janz krumm und schef waren sast.« Aber der Wassermann kehrt sich da nichts dran und sagt nochmal: »Ik bedrippe di«, und eh sich mein Schiffer das versieht, spuckt er ihm alle Padden in die Pfanne. Da kriegt der Schiffer seinen Stock her und haut auf den Wassernix ganz barbarisch los, daß er gottsjämmerlich an zu schreien fängt und alle Wassernixen zusammenkamen und ihn fragten, wer ihm denn was getan hätte. Da schrie der Wassernix: »Selberjedan!« Und als das die andern Wassernixe hörten, sagten sie: »Hest du 't selber jedan, so is di nich to helpene«, und gingen wieder ab, und der Geschlagene sprang auch in die Havel und hat keinen Schiffer wieder »bedrippt«. Geheimnisvolle Tiere und Pflanzen Der Fuchs lernt fliegen (H. Lohre) Einst hat der Fuchs auch wollen fliegen lernen. Denn es hat ihm doch gar zu schön gedeucht, so durch die Luft zu schweben und sich die Welt von oben herab zu besehen. Der Hauptgrund aber ist für ihn gewesen, auch in der Luft rauben zu können; er hatte ja erst kurz zuvor sehen müssen, wie ein Gänserich mit einer ganen Tracht Gänse über ihn wegflog und ihn dabei zum besten hatte, Erst hat ihn nun keiner das Fliegen lehren wollen; endlich aber hat sich der Änäppenär (Storch) bereit gefunden. Der hat ihm gezeigt, wie er es machen solle und nahm ihn schließlich mit hinauf in die Luft. Ganz hoch oben läßt er ihn los: er solle nun allein fliegen. Der Fuchs kann aber nicht und fällt ohne Anhalten geradenwegs herab auf die Erde. Der Aäppenär schreit ihm immer nach: »Bruder Fuchs, immer schräg, immer schräg!« Aber das Lenken wollte nicht gehen. Der Fuchs pladauzt gründlich auf die Erde nieder, kommt aber lebend davon. Auf die Frage des Storchs, wie ihm das Fliegen gefallen habe, meint er: »Das Fliegen ginge schon, aber das Setzen, das Setzen!« Er hat es auch nicht zum zweiten Male versucht. Der Roggenwolf auf Rügen (A. Hass [Rüg. Sagen]) wenn das Korn reif ist zum Mähen und die Schnitter daran gehn, einen Schlag einzuhauen, müssen sie sich vor dem Roggenwolf sehr in acht nehmen. Denn der spielt ihnen allerlei Schabernack und frißt ihnen besonders gern während der Arbeit ihr Frühstücks- und Vesperbrot weg. Erst wenn der ganze Schlag abgemäht ist, räumt der Roggenwolf das Feld; wo er aber dann bleibt, das weiß niemand. – Er ist so gefräßig, daß man sogar ein Sprichwort davon hat. Wenn jemand nämlich so recht gierig ißt, sagt man von ihm: He frett as 'n Roggenwulf. Der feurige Drache (Kühnau) Des Nachts sahen die Leute im Dorfe Kritschen bei Oels öfter einen langgezogenen feurigen Schein, der sich durch die Luft hin nach dem Hause eines bestimmten Bauern bewegte und immer in dessen Bodenluke verschwand. Das war der sogenannte feurige Drache, der dem Bauern Korn und alle Sorten Getreide brachte, das er auf dem Boden ausspie. Daher hatte der Mann den Boden immer voll Getreide. Einstmals ging ein Mädchen aus dem Dorfe an einem regnerischen Tage durch das Getreidefeld und fand am Raine ein Hühnchen sitzen, das ganz naß war. Sie hatte Mitleid mit dem Tierchen und nahm es mit. Als sie es nach Hause gebracht hatte, fing es an, Getreide auszuspeien, und so spie es mehrere Säcke voll Korn aus. Das war derselbe Drache, der des Nachts durch die Luft flog und einen feurigen Schein hinter sich herzog. Manche Leute wollen das Hühnchen auch bei dem Bauern in der Stube gesehen haben, wie es dort unter den Tischen, Bänken und Betten umherlief. Der Klapperstorch (v. Schulenburg) Es waren eine Braut und ein Bräutigam und viele Klapperstörche in der Gegend, wo sie wohnten. Da sagte einmal die Braut zu ihrem Bräutigam: »Schieß doch einen Storch!« Der Bräutigam wollte dies nicht, zuletzt schoß er aber doch und einem Storch das Bein lahm. Danach ging dann der Mann zu Schiffe und kam an einen Strand, wo sehr viele Elfen standen. Da begegnete ihm eine Frau und sagte, er sollte mitkommen, und der Mann ging mit. Sie gingen nun unter das Wasser und kamen in ein Haus, das war sehr schön, und es gab da auch Schönes zu essen. Da kam auch der Mann, dem es gehörte. Der hinkte und fragte: »Kannst du dich entsinnen, wie du dazumal nach dem Storche geschossen hast? Das bin ich gewesen.« Dann gab er ihm ein Geschmeide, das war sehr schön und glänzend, das sollte er mitnehmen und seiner Braut schenken. Und der Mann nahm es mit. Wie er aber nach Hause kam, da rieten ihm andere, er solle es seinem Hunde anlegen. Das tat er, und sowie er das Geschmeide ihm anlegte, zersprang der Hund in tausend Stücke und war nichts mehr von ihm zu hören noch zu sehen. Die Kreuzschnäbel (A. Haas) Die Kreuzschnäbel bemühten sich, die Nägel aus den Wunden des gekreuzigten Heilandes zu ziehen. Seitdem stehen ihre Schnäbel über Kreuz. Auch ist ihr Gefieder mit Christi Blut bespritzt worden, wovon sich gleichfalls noch deutliche Spuren erhalten haben. Der Nachtrabe in Norddeutschland (G. Schambach und G. Müller) Der Nachtrabe ist ein großer, starker Vogel, der nur bei Nacht fliegt. Man nennt ihn auch den eisernen Vogel, weil er eiserne Flügel hat. Mit denen schlägt er die Leute tot, die ihm nachrufen. Seine Stimme ist wie die von einem Kolkraben, er ruft: har har! oder: wark wark! Und dieser Vogel bedeutet Krieg. Er fliegt so schnell: wenn man ihn eben in der Nähe gehört hat, so hört man ihn im Augenblick darauf vielleicht schon eine Stunde weit weg. Ein Bauer hörte ihn bei Andershausen und im nächsten Augenblick schon bei Öohnsen und dann gleich bei Mark-Oldenoorf. Einmal hat ihm ein Schäfer spottend nachgeschrien und sein Gekrächze nachgemacht. Da kam der Nachtrabe und schlug mit seinen eisernen Flügeln die Schäferkarre in tausend Stücke, und den Schäfer schlug er tot. Der Rabe mit dem Ringe am Rathenower Tor zu Brandenburg (W. Schwartz) Auf der Spitze des Rathenower Tors zu Brandenburg sieht man einen Raben, in dessen Schnabel ein Ring mit daran befindlicher Rette sichtbar ist. Das Wahrzeichen hat folgende Bedeutung: Als das Land noch katholisch war, kam einem der Brandenburger Bischöfe einst ein Ring weg, und da, soviel er auch hin und her sann, wer ihn genommen haben könnte, doch sein Verdacht sich immer wieder auf einen Diener wendete, der allein in seinem Zimmer gewesen war, so befahl er, daß dieser wegen Diebstahls mit dem Tode bestraft werde, und der Befehl wurde auch sogleich vollzogen. Darauf vergingen einige Jahre. Da wurde an dem Dache eines der Kirchtürme etwas gebessert, und man fand viele Rabennester und wunderbarerweise in einem derselben den Ring, um dessentwillen der arme Diener hingerichtet war. Da hat der Bischof jenes Wahrzeichen machen lassen, daß es für ewige Zeiten zur Warnung diene. Der schlafende König (Brüder Grimm) Der fränkische König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und dahin zerstreut; bloß ein einziger, sein liebster und getreuester, blieb noch bei ihm. Da befiel den König große Müdigkeit; er setzte sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoß und schloß die Augenlider zum Schlummer. Als er nun entschlafen war, schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief fort bis zu einem nahe fließenden Bach, an dessen Rand stand es still und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen Schoß er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein hinüber und ging zum Loch eines Berges, da hinein schloff es. Nach einigen Stunden kehrte es zurück und lief über die nämliche Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und sagte zu seinem Gesellen: »Ich muß dir meinen Traum erzählen und das wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen großen, großen Fluß, darüber war eine eiserne Brücke gebaut; auf der Brücke gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in der Höhle lag ein unsäglicher Schatz und Hort der alten Vorfahren.« Da erzählte ihm der Gesell alles, was er unter der Zeit des Schlafens gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung übereinstimmte. Darauf ward an jenem Ort nachgegraben und in dem Berg eine große Menge Goldes und Silbers gefunden, das vorzeiten dahin verborgen war. Der Schlangenkönig zu Lübbenau (Deutsche Quellen) Die Grafen zu Lynar, welche lange im Besitz des Schlosses zu Lübbenau sind, haben in ihrem Wappen eine gekrönte Schlange, worüber man folgende Sage erzählt: Bei Lübbenau befanden sich in den vielen Armen der Spree unzählige Wasserschlangen, die aber gänzlich unschädlich waren und deshalb auch von niemandem gefürchtet wurden. Auch in jedem Hause sollen sich sogenannte Hausschlangen, eine männliche und eine weibliche, befunden haben, die man aber nur sah, wenn der Hausherr oder die Hausmutter gestorben war. Alle diese Schlangen sollen aber einen König gehabt haben, welcher auf dem Kopfe an zwei gebogenen Haken eine elfenbeinerne Krone trug. Als nun der erste Graf zu Lynar aus Italien nach der Niederlausitz kam, um sich dort niederzulassen, hörte er auch von dem Schlangenkönig und seiner unschätzbaren Krone. Da er aber ein mutiger und schlauer Mann war, so sann er darüber nach, wie er wohl in den Besitz dieser Krone gelangen könne. Nun wurde ihm mitgeteilt, daß der Schlangenkönig, wenn er mit seinen Kameraden im Sonnenscheine auf den Wiesen spiele, die Krone ablege, und zwar gern auf weiße Gegenstände. Er begab sich also an einem schönen, sonnigen Maitage auf die Wiese, in deren Nähe jetzt das Schloß steht, breitete ein großes, weißes Tuch auf dem Boden aus und versteckte sich dann, nachdem er zuvor ein kräftiges Roß bestiegen hatte, um schnell entfliehen zu können, hinter einem Erlengebüsch. Da kam nun auch richtig der Schlangenkönig und mit ihm ein Gefolge der größten und schönsten Schlangen. Er legte seine Krone auf das Tuch, und dann schlängelten sie sich alle den Berg hinan, um dort oben nach Herzenslust zu spielen. Kaum hatten aber die Schlangen den Plan verlassen, so war der Ritter zur Stelle, faßte das Tuch mit der Krone an seinen vier Zipfeln zusammen, schwang sich wieder auf sein Roß und jagte davon. Augenblicklich hörte er aber auch ein scharfes Pfeifen hinter sich; die Schlangen kamen vom Berge herabgeschossen, aus dem Wasser strömten noch viele andere zu Hilfe, und alle eilten ihm nach und waren bald hinter ihm. Da kam der Ritter bei seiner Flucht auf einmal an eine große Mauer, welche ihm den Weg versperrte. In seiner Todesangst hatte er keine Zeit zum Überlegen; er setzte seinem Pferde die Sporen in die Weichen, mit den letzten Kräften flog es über die Mauer und stürzte zusammen. Graf Lynar war gerettet; denn hierher konnten ihm die Schlangen nicht folgen. Er nahm nun die Krone und verkaufte sie; aus dem Erlöse erwarb er sich die Herrschaft Lübbenau und nahm zum ewigen Andenken die Schlange mit der Krone, dazu die Mauer, in sein Wappen auf. Seit dieser Zeit will man den Schlangenkönig nur ganz selten gesehen haben, und überhaupt hat sich die Zahl der Schlangen in jener Gegend sehr vermindert. Vor etwa hundert Jahren will ein Fischer in einem alten mit Weiden besetzten Graben, unweit des Schlosses, eine große Schlange mit etwas weißem auf dem Kopfe unter einer Menge von Fischen mit aus dem Wasser gezogen haben. Wie es nun die dortigen Leute gewohnt sind, so schlägt auch der Fischer mit dem Steuer nach dieser Schlange, um sie zu töten. Da soll diese auf einmal einen gellenden Pfiff getan haben, und augenblicklich ist der ganze Graben schwarz von Schlangen gewesen, die sich an seinem Ruder in die Höhe schlängelten und sich in seinen aus einem Eichenstamm ausgehöhlten Kahn drängten. In seiner Angst springt er aus dem Kahne aufs Land und läuft, so schnell er kann, davon, die Schlangen alle hinter ihm drein. Zum Glück fällt es ihm ein, seine Jacke auszuziehen und von sich zu werfen. Auf diese stürzen sich nun die Schlangen wie rasend, und inzwischen entkommt er. Die Jacke aber fand man nach mehreren Tagen in dem alten Graben durch und durch zernagt, eine Warnung, wie es ihm ergangen sein würde, wenn sie ihn erwischt hätten. Er soll sich seit dieser Zeit wohl gehütet haben, die unschuldigen Tiere zu seinem Vergnügen zu töten. Jene Schlange soll aber der Schlangenkönig gewesen sein, der nur noch die Haken am Kopfe, aber keine Krone mehr gehabt hat. Man hat ihn seitdem nicht wiedergesehen. Die dankbare Schlange (Th. Verneleken [Alpensagen]) Vor alten Zeiten lebte zu Bützberg (im Kanton Bern) ein reicher Bauer, dessen Magd mußte alle Tage auf eine Matte hinaus, die etwa eine Viertelstunde entfernt war, und dort das Vieh melken. Da kam dann allemal eine große Schlange zu ihr auf die Matte und trank von der Milch. Nach einiger Zeit verheiratete sich die Magd. Und als sie beim Hochzeitsmahl saß, kam die Schlange langsam zur Tür herein und legte der Braut eine goldene Krone vor die Füße, und dann machte sie eine Verbeugung und kroch wieder zur Tür hinaus. Die Schlangenkönigin (Brüder Grimm) Ein Hirtenmädchen fand oben auf dem Fels eine kranke Schlange liegen, die wollte verschmachten. Da reichte es ihr mitleidig seinen Milchkrug. Die Schlange leckte begierig und kam sichtbar zu Kräften. Das Mädchen ging weg, und bald darauf geschah es, daß ihr Liebhaber um sie warb, allein ihrem reichen, stolzen Vater zu arm war und spöttisch abgewiesen wurde, bis er auch einmal so viel Herden besäße wie der alte Hirt. Von der Zeit an hatte der alte Hirt kein Glück mehr, sondern lauter Unfall; man wollte des Nachts einen feurigen Drachen über seinen Fluren sehen, und sein Gut verdarb. Der arme Jüngling war nun eben so reich und warb nun nochmals um seine Geliebte; die wurde ihm jetzt zuteil. An dem Hochzeitstag trat eine Schlange ins Zimmer, auf deren gewundenem Schweif eine schöne Jungfrau saß. Die sprach, daß sie es wäre, der einstmal die gute Hirtin in der Hungersnot ihre Milch gegeben, und aus Dankbarkeit nahm sie ihre glänzende Krone vom Haupt ab und warf sie der Braut in den Schoß. Sodann verschwand sie; aber die jungen Leute hatten großen Segen in ihrer Wirtschaft und wurden bald wohlhabend. Das Drachenloch (Brüder Grimm) Bei Burgdorf im Bernischen liegt eine Höhle, genannt das Drachenloch, worin man vor alten Zeiten bei Erbauung der Burg zwei ungeheure Drachen gefunden haben soll. Die Sage berichtet: Als im Jahre 712 zwei Brüder Sintram und Beltram (nach andern Guntram und Waltram genannt), Herzoge von Lenzburg, ausgingen, zu jagen, stießen sie in wilder und wüster Waldung auf einen hohlen Berg. In der Höhlung lag ein ungeheurer Drache, der das Land weit umher verödete. Als er die Menschen gewahrte, fuhr er in Sprüngen auf sie los, und im Augenblick verschlang er Bertram, den jüngeren Bruder, lebendig. Sintram aber setzte sich kühn zur Wehr und bezwang nach heißem Kampf das wilde Getier, in dessen gespaltenem Leib sein Bruder noch ganz lebendig lag. Zum Andenken ließen die Fürsten am Orte selbst eine Kapelle, der heiligen Margareta gewidmet, bauen und die Geschichte abmalen, wo sie annoch zu sehen ist. Der Lindwurm am Brunnen (Brüder Grimm) Zu Frankenstein, einem alten Schlosse anderthalb Stunden weit von Darmstadt, hausten vor alten Zeiten drei Brüder zusammen, deren Grabsteine man noch heutigestags in der Oberbirbacher Kirche siehet. Der eine der Brüder hieß Hans, und er ist ausgehauen, wie er auf einem Lindwurm steht. Unten im Dorf fließt ein Brunnen, in dem sich sowohl die Leute aus dem Dorf als aus dem Schloß ihr Wasser holen müssen. Dicht neben dem Brunnen hatte sich ein gräßlicher Lindwurm gelagert, und die Leute konnten nicht anders Wasser schöpfen als dadurch, daß sie ihm täglich ein Schaf oder ein Rindvieh brachten; solang der Drache daran fraß, durften die Einwohner zum Brunnen. Um diesen Unfug aufzuheben, beschloß Ritter Hans, den Kampf zu wagen; lange stritt er, endlich gelang es ihm, dem Wurme den Kopf abzuhauen. Nun wollte er auch den Rumpf des Untiers, der noch zappelte, mit der Lanze durchstechen, da kringelte sich der spitzige Schweif um des Ritters rechtes Bein und stach ihn gerade in die Kniekehle, die einzige Stelle, welche der Panzer nicht deckte. Der ganze Wurm war giftig, und Hans von Frankenstein mußte sein Leben lassen. Winkelried und der Lindwurm (Brüder Grimm) In Unterwalden beim Dorf Wyler hauste in der uralten Zeit ein scheußlicher Lindwurm, welcher alles, was er ankam, Vieh und Menschen, tötete und den ganzen Strich verödete, dergestalt, daß der Ort selbst davon den Namen Oedwyler empfing. Da begab es sich, daß ein Eingeborener, Winkelried geheißen, als er einer schweren Mordtat halber landesflüchtig werden mußte, sich erbot, den Drachen anzugreifen und umzubringen unter der Bedingung, daß man ihn nachher wieder in seine Heimat lassen würde. Da wurden die Leute froh und erlaubten ihm, wieder im Land zu bleiben; er wagt' es und überwand das Ungeheuer, indem er ihm einen Bündel Dörner in den aufgesperrten Rachen stieß, während es nun suchte diesen auszuspeien und nicht konnte, versäumte das Tier seine Verteidigung, und der Held nutzte die Blößen. Frohlockend warf er den Arm auf, womit er das bluttriefende Schwert hielt, und zeigte den Einwohnern die Siegestat, da floß das giftige Drachenblut auf den Arm und an die bloße Haut, und er mußte alsbald das Leben lassen. Aber das Land war errettet und ausgesöhnt; noch heutigestags zeigt man des Tieres Wohnung im Felsen und nennt sie die Drachenhöhle. Der große Krebs im Mohriner See (A. Kuhn) In dem großen, rings von steilen Ufern umgebenen Mohriner See, sagt man, liegt ein großer Krebs, der ist mit einer Kette an den Grund angeschlossen; reißt er sich aber einmal los, so muß die ganze Stadt untergehen. Oft genug hat man deshalb schon in Angst geschwebt, denn wenn der See »heult«, wie die Leute sagen, so tobt da unten der Krebs und will sich lösen. Im See muß auch alle Jahre einer ertrinken, und wenn das ja einmal in einem Jahre nicht zutrifft, so müssen sicherlich im nächsten Jahre zwei dafür büßen. Man sieht auch oft einen Schimmel aus dem Wasser hervorkommen, besonders während der Nacht, der geht ruhig neben dem Wanderer her, der noch spät des Weges kommt, und begleitet ihn eine Strecke. Am Marientage aber zeigt sich auch eine weiße Gestalt, die lockt die Leute auf allerlei Weise, herabzukommen, und wer sie einmal erblickt hat, der muß hinunter, mag er wollen oder nicht. Die Scholle bei der Königswahl (Gilow [»De Diere«]) De Fisch treegen uck mal den Infall, sich eenen König to wählen. »Dor is gor kein Ordnung,« säden fei, »all schwemmen fe, as se willen, un de groten schlahn nah de lüttm mit de Schwäns', bat sei wiet wegfohren, orre rennen de lütten äwer un verschlucken se sogor.« König süll sin, de am schnellsten schwemmen un de Schwacken Hülp bringen künn. De Häkt, de girn König warden wull, stellt sei all in Reih un Glied un gew dat Teilen mit'n Schwanz, un denn ging de Post af. As nu de mihrsten all mäud würden, schriggt dat mit'n mal: »De Hiring is vör, de Hiring is vör!« – »wer is vör?« reep de oll platt Scholl, dei uck dacht, dat fei 'n gauden König afgew, »wer is vör?« – »De Hiring, de Hiring!« reepen de annern. »De nakt Hiring?« schriggt de Scholl, un dat Maul stünn ehr dorbi ganz scheif vör luuter Wut un Arger. »De nakt Hiring?« frög fs noch eis. Sörre de Tid is de Scholl tor Straf dat Muul scheif stahn bläben. Der Birnbaum an der Kirche zu Ribbeck (H. Lohre) Dicht an der Südwestseite der Kirche zu Ribbeck im Westhavellande steht ein alter Birnbaum, welcher, wie die Sage meldet, einem wunderbaren Umstände seine Entstehung verdankt. Vor langen Jahren wurde in der stillen Ecke, welche der Birnbaum jetzt einnimmt, ein Ahnherr der Besitzer Ribbecks, ein Herr von Ribbeck, auf seinen ausdrücklichen Wunsch bestattet. Herr von Ribbeck hatte sich bei Lebzeiten durch große Leutseligkeit ausgezeichnet, und namentlich war er ein Freund der Kinder. Stets führte er etwas bei sich, besonders aber Birnen, um die ihm begegnenden kleinen Kinder damit zu erfreuen. Groß war die Trauer, als der gute Herr starb, und wehmütig gedachten die Kinder der süßen Birnen, die ihnen seine freundliche Hand so häufig und so reichlich gespendet. Doch siehe! Nicht lange währte es, da sproßte aus dem Grabe des Wohltäters der Kleinen ein Birnbaum hervor, der schnell heranwuchs und nach kurzer Zeit reichliche Früchte trug. Der alte Herr hatte eine Birne mit ins Grab genommen, und aus dieser war der Baum erwachsen. Noch heute laben seine Früchte die Dorfjugend von Ribbeck und halten die Erinnerung an den längst verstorbenen Kinderfreund lebendig. Die Liebe zweier Eheleute überdauert den Tod (A. Haas) Es war einmal ein junges Ehepaar, das lebte zwar in bescheidenen, aber in ruhigen und glücklichen Verhältnissen. Einst war das Holz in dem kleinen Haushalte ausgegangen. Da sprach der Mann zu seiner Frau: »Mutter, gehe zur Stadt und hol' uns Ettsch (d.i. Essig)! Dann wandern wir morgen in den Wald, und während du Blumen pflückst, haue ich uns das nötige Brennholz ab.« Die Frau tat, wie der Mann gesagt hatte, und nachdem sie ein Gefäß mit Wasser und Essig gefüllt hatte, um den Durst zu löschen, begaben sich beide am folgenden Morgen in den Wald. Mann und Frau waren seelenfroh, als sie in den schattigen Wald eintraten. Unter einer weitastigen Buche ließen sie sich nieder und verzehrten miteinander das einfache, aber gutschmeckende Frühstück. Dann ging der Mann an die Arbeit, die Frau aber pflückte sich Blumen und Kräuter; keiner von beiden ahnte, daß ein böses Verhängnis über ihnen schwebte. Als der Mann eben dabei war, eine Eiche zu fällen, glitt die Axt von dem harten Stamme ab und fuhr ihm in den Leib, daß er auf der Stelle daran starb. Die Frau aber trat unversehens auf eine böse Natter, wurde von dieser gebissen und starb gleichfalls. Mitleidige Menschen, welche an der Stelle vorüberkamen, lasen die beiden Leichname auf und brachten sie nach dem nächsten Kirchdorfe. Dort wurde der Leichnam des Mannes vor der Kirche, derjenige der Frau hinter der Kirche beerdigt. Aber die Liebe und Eintracht, welche zwischen den beiden Eheleuten im Leben geherrscht hatte, dauerte auch über das Grab hinaus fort. Denn bald wuchs aus dem Grabe des Ehemannes ein Rosenstrauch und aus dem Grabe der Frau ein Weinstock hervor. Beide rankten sich an der Kirche empor und wuchsen in kurzer Zeit so weit vorwärts, daß ihre Zweige ineinander verschlungen wurden. Das sah man als ein Zeichen an, daß die beiden so plötzlich verschiedenen sich auch nach dem Tode in inniger Liebe zugetan waren. De Muhr in der Saaler Forst (A. Haas) In der Saaler Forst steht ein Busch, der nur an einem Tage im Jahre blüht und an demselben Tage auch gleich reife Früchte bekommt, wer in der nächstfolgenden Nacht zwischen 12 und 1 Uhr eine oder mehrere von diesen Früchten an sich nimmt, wird unsichtbar. Dieser Busch heißt im Volksmunde »de Muhr«. Einst kam ein Arbeiter in der Nacht zwischen 12 und 1 Uhr an der Stelle vorbei, wo der Busch steht; im Vorbeigehen streifte er die Zweige des Busches, und dabei fielen einige von den Samenkörnern in seine Stiefel. Als er bald darauf nach Hause kam, klopfte er an die Fensterladen, daß seine Frau ihm aufmache. Die Frau schaute zum Fenster hinaus, da sie aber niemand sehen konnte, legte sie sich wieder ins Bett. Nun klopfte der Mann noch stärker, rief seine Frau auch mit Namen an, aber da diese keine Spur von ihrem Manne wahrnehmen konnte, schloß sie auch das Haus nicht auf. So mußte der Mann denn die ganze Nacht draußen bleiben. Als die Frau am nächsten Morgen in der Frühe die Haustür öffnete, ging der Mann scheltend ins Haus und trat ins Zimmer. Die Frau hörte zwar die Stimme ihres Mannes, sehen konnte sie aber nichts von ihm. Da zog der Mann die Stiefel von den Füßen, und nun wurde er seiner Frau plötzlich sichtbar. Aber die Stiefel konnten sie auch jetzt noch nicht sehen, haben sie auch nicht wiedergefunden, obgleich sie oft darüber gestolpert sind. Die Binse (Handtmann) Aufrecht und starr wie Borstenhaare ragen die Binsen aus den seichten Uferrändern märkischer Gewässer auf. Die ersten Binsen aber sollen wirkliche Schweinsborsten gewesen sein. Als nämlich, wie im Evangelium zu lesen, die Legion Teufel in die Sauherde der Gardarener fuhr, da sattelten sie nach Teufelsart verkehrt auf, die Gesichter den Schwänzen zugewendet, und hielten sich statt an der Kammähne hinten am Querl (aufrechtstehenden Rückenhaar) fest. Dabei klatschten sie den Säuen auf die Schinken, daß es eine Art hatte. So ging's die Bergwiese hinunter in den See hinein. Aber die Teufel sind wasserscheu; sowie sie fühlten, daß es ihnen naß an die Beine kam, fuhren sie stracks in die Höhe. Dabei blieben ihnen die Borstenhaare in der Klaue; aber im nächsten Augenblick warfen sie sie in hellem Zorn herab, und aus ihnen schossen am Ufer die Binsen auf, die am oberen Stengel, wo die Teufelsfaust zugefaßt hat, immer wie verbrannt aussehen. Von diesen ersten Binsen kommen alle andern der Welt. Von Schätzen und Glocken Der reiche Bauer von Nickelswalde (Westpreußische Sage) Unter dem Hochmeister Konrad von Jungingen war der deutsche Ritterorden sehr mächtig und reich und zufrieden. Damals lebte zu Nickelswalde ein Bauer, der durch seinen Reichtum berühmt geworden ist. Als nämlich einige Gäste aus Deutschland den Hochmeister in Marienburg besuchten, sahen sie überall Überfluß und Reichtum und priesen deshalb den Hochmeister glücklich. Das hörte der Schatzmeister des Ordens, Heinrich von Plauen, und er sprach zu den fremden Herren: »Der größte Reichtum des Hochmeisters ist der Reichtum seiner Untertanen. In unserm Lande wohnt ein Bauer, der elf Tonnen voll Gold hat.« Das hielten die Gäste für Scherz. Einige Tage später aber führte Herr Heinrich die Gäste seines Herrn nach Nickelswalde, wo sie bei einem Bauern einkehren mußten. Bei diesem hatte er das Mittagsmahl bestellt. Der Tisch war für die Gäste gedeckt, und rund um ihn standen zwölf Tonnen; darauf waren Bretter gelegt zum Sitz für die Herren. Als sie nun beim Essen waren, da sagte der Ritter von Plauen: »Dies ist der reiche Bauer, von dem ich euch erzählt habe.« Da ließ der Hochmeister den Bauern kommen und forderte ihn auf, seinen Reichtum zu zeigen. Der Bauer antwortete: »Ich habe euch alles hingesetzt, was mir gehört. Seht, auf was für Bänken ihr gesessen habt.« Als nun die Bretter weggenommen waren, sahen sie, daß sie auf Tonnen gesessen hatten, von denen elf voll Gold waren; die zwölfte aber war noch leer. Die Gäste verwunderten sich des reichen Bauern. Der Hochmeister aber ließ dem Bauern auch die zwölfte Tonne aus der Schatzkammer füllen, damit die Gäste in Wahrheit sagen konnten, daß im Lande des Hochmeisters ein Bauer wohne, der zwölf Tonnen voll Gold habe. Der Krämer und die Maus (Brüder Grimm) Vor langen Jahren ging ein armer Krämer durch den Böhmerwald gen Reichenau. Er war müde geworden und setzte sich, ein Stück Brot zu verzehren, das einzige, was er für den Hunger hatte. Während er aß, sah er zu seinen Füßen ein Mäuschen herumkriechen, das sich endlich vor ihm hinsetzte, als erwartete es etwas. Gutmütig warf er ihm einige Bröcklein von seinem Brot hin, so not es ihm selber tat, die es auch gleich wegnagte. Dann gab er ihm, so lang er noch etwas hatte, immer sein kleines Teil, so daß sie ordentlich zusammen Mahlzeit hielten. Nun stand der Krämer auf, einen Trunk Wasser an einer nahen Quelle zu tun; als er wieder zurückkam, siehe da lag ein Goldstück auf der Erde und eben kam die Maus mit einem zweiten, legte es dabei und lief fort, das dritte zu holen. Der Krämer ging nach und sah, wie sie in ein Loch lief und daraus das Geld hervorbrachte. Da nahm er seinen Stock, öffnete den Boden und fand einen großen Schatz von lauter alten Goldstücken. Er hob ihn heraus und sah sich dann nach dem Mäuslein um, aber das war verschwunden. Nun trug er voll Freude das Gold nach Reichenau, teilte es halb unter die Armen und ließ von der andern Hälfte eine Kirche daselbst bauen. Diese Geschichte ward zum ewigen Andenken in Stein gehauen und ist noch am heutigen Tage in der Dreieinigkeitskirche zu Reichenau in Böhmen zu sehen. Der Teufel bewacht das Geld in Krötengestalt (J. Künzig) In der Nähe des Binzger Baches waren früher Hammerwerke. Noch jetzt findet man daselbst Schlacken, auch ist der Boden auffallend schwarz. Ein Mann, der in Fronfastenzeit dort vorbeiging, sah plötzlich Kohlen aus dem Boden hervorkommen, auf dem Haufen aber saß eine gewaltige Kröte. Der Mann starrte die Erscheinung eine weile an, bis plötzlich Kohlen und Kröte versanken. Wahrscheinlich war der Kohlenhaufen eine Menge Goldes, bewacht vom Bösen, der aber durch Bekreuzigungen und passende Sprüche hätte vertrieben werden können. Der Schatz im Garten (Ernst Jaedicke) Diese Sage habe ich von meinem Vater gehört. Zu seiner Zeit lebte auf dem Gute Neuhertzberg in Hinterpommern der Hofmeister Klagge. Der wußte folgendes zu erzählen: In dem Gutsgarten liegt unter der großen Buchenhecke ein Schatz, den ein Franzose im Frühjahr 1813 dort begraben hat. Der Geist des Franzosen muß den Schatz hüten. Er erscheint von Zeit zu Zeit in seiner Soldatentracht und gräbt nächtens unter der Hecke, um sich zu überzeugen, daß der Schatz noch unversehrt ist. Wenn er dabei an einen Stein stößt, so klingt es laut und hell durch den Garten. Klagge will den Klang bei Neumond öfter gehört haben. Jedesmal, wenn der Franzmann gräbt, sitzt auf der Laube vor dem Gutshause ein gespenstischer Vogel, vermutlich eine Eule; die steht mit dem Geist im Bunde und warnt ihn, wenn jemand in den Garten geht. Die Leute haben schon oft versucht, den Schatz zu entdecken. Ein Arbeiter stieß beim Graben einst auf einen großen, eisernen Kasten. Als er sich danach bückte, erhielt er zwei tüchtige Maulschellen und konnte doch niemand sehen. Klagge meint, das sei der Geist des Franzosen gewesen. Der Geldwagen (A. Haas) Ein Mann auf der Insel Wollin träumte, er solle in der Nacht zu einer bestimmten Stelle gehen; dort werde er viel Geld finden. Der Mann aber dachte: Träume sind Schäume, und ging nicht hin. Auch als er denselben Traum zum zweiten Male hatte, folgte er ihm nicht. Als er jedoch zum dritten Male wieder dasselbe träumte, stand er noch in derselben Nacht auf und ging nach der bezeichneten Stelle. Dort sah er einen mit Heu beladenen Wagen daherkommen, und davorgespannt war ein einziges kleines Güssel, das sich außerordentlich abmühen mußte, um den Wagen vorwärts zu bekommen. Da es heller Mondschein war, konnte der Mann alles genau sehen, während er noch darüber nachdachte, wie das kleine Tier wohl imstande sein könnte, den schweren Wagen zu ziehen, ging er weiter und steckte sich die Losung des Güssels, die so groß war wie Roßäpfel, in die Tasche, plötzlich war der Wagen verschwunden, und gleichzeitig war es so stockfinster, daß der Schatzsucher vor Angst in einen am Wege stehenden Feldbackofen kroch. Kaum hatte er diesen Zufluchtsort erreicht, so hörte er, wie ein lebendes Wesen vor dem Backofen immer auf und ab ging. Da verwünschte der Mann seine dummen Träume und erwartete in Ungeduld das Anbrechen des Morgens. Als er am nächsten Tage erzählte, was ihm passiert war, und dabei die Losung des seltsamen Güssels vorweisen wollte, zeigte sich, daß sich die Losung in lauter blanke Taler verwandelt hatte. Man erzählte dem Manne nun: wenn er dem Güssel nur ein wenig geholfen hätte, so wäre der Heuwagen auf seinen Hof gekommen, und alles Heu hätte sich in blankes Geld verwandelt. Die Gestalt aber, die vor dem Backofen auf und ab gegangen wäre, sei der Böse gewesen; der hätte ihn sicher umgebracht, wenn er ihn erwischt hätte. Die Schatzgräber bei Münchholzhausen (Karl Wehrhan) Einst wollten drei Männer um die zwölfte Stunde an der Grenze einen Schatz holen, der am sogenannten Bannstein lag. Sie gruben etwa eine Stunde, als sie endlich auf eine Geldkiste stießen, die sie mehrmals bis an den Rand emporhoben, worauf sie aber jedesmal wieder zurückfiel. Beim dritten Male wäre es ihnen gelungen, die Kiste ganz hoch zu bekommen. Aber der eine von ihnen, der alte Manpoteng, rief den andern zu: »Zum Donnerwetter, haltet doch fest!« – und siehe da, der Schatz war verschwunden. Dafür stieg aus der Grube eine weiße Gestalt, vor der die drei Männer in die nahe Mühle entflohen, die einem von ihnen gehörte. Sie schlossen Fenster und Türen zu; aber überall war die Gestalt, die erst am Morgen verschwand. Schatzgewinnung mit Hilfe von Brot und Weihwasser (J. Künzig) In Schlierstadt hat man alle sieben Jahre auf dem Feld ein Feuerlein gesehen. Als es wieder einmal erschien, gingen zwei beherzte Männer hin, nachdem sie zuvor Brot und Weihwasser zu sich genommen hatten. Sie warfen drei Bröcklein Brot in das Feuer und gossen in Gottes Namen Weihwasser darauf. Da wurde aus dem Feuer eine Kiste, worauf ein schwarzer Pudel lag und sie anbellte. Auf einmal erhob sich ein furchtbarer Sturm, und die Männer bekamen Backenstreiche, daß sie nicht mehr wußten, wo sie waren. Der Hund aber war inzwischen verschwunden, und das Gold war frei. Voller Freude nahmen die beiden Männer die Kiste und trugen sie heim. Dort teilten sie das Geld redlich miteinander und waren ihr Lebtag glücklich. Der Glockenguß zu Breslau (Brüder Grimm) Als die Glocke zu St. Maria Magdalena in Breslau gegossen werden sollte und alles dazu fertig war, ging der Gießer zuvor zum Essen, verbot aber dem Lehrjungen bei Leib und Leben, den Hahn am Schmelzkessel anzurühren. Der Lehrjunge aber war vorwitzig und neugierig, wie das glühende Metall doch aussehen möge, und indem er so den Kran bewegte und anregte, fuhr er ihm wider Willen ganz heraus, und das Metall rann und rann in die zubereitete Form. Höchst bestürzt weiß sich der arme Junge gar nicht zu helfen, endlich wagt er's doch und geht weinend in die Stube und bekennt seinem Meister, den er um Gottes willen um Verzeihung bittet. Der Meister aber wird vom Zorn ergriffen, zieht das Schwert und ersticht den Jungen auf der Stelle. Dann eilt er hinaus, will sehen, was noch vom Werk zu retten sei und räumt nach der Verkühlung ab. Als er abgeräumt hatte, siehe, so war die Glocke trefflich wohl ausgegossen und ohne Fehl; voll Freuden kehrte der Meister in die Stube zurück und sah nun erst, was für Übels er getan hatte. Der Lehrjunge war verblichen, der Meister wurde eingezogen und von den Richtern zum Schwert verurteilt. Inmittelst war auch die Glocke aufgezogen worden, da bat der Glockengießer flehentlich: ob sie nicht noch geläutet werden dürfte, er möchte ihre Resonanz auch wohl hören, da er sie doch zugerichtet hätte, wenn er die Ehre vor seinem letzten Ende von den Herren haben könnte. Die Obrigkeit ließ ihm willfahren, und seit dieser Zeit wird mit dieser Glocke allen armen Sündern, wenn sie vom Rathaus herunterkommen, geläutet. Die Glocke ist so schwer, daß, wenn man fünfzig Schläge gezogen hat, sie andere fünfzig von selbst gehet. Die Glocken im Heiligen See (A. Kuhn) Tief auf dem Grunde des Heiligen Sees liegen Glocken, die vor alter Zeit untergesunken sind; zuweilen kommen sie zum Vorschein, und namentlich sieht man sie dann mitten im See auf einer Untiefe, wo sie sich mittags im Strahle der Sonne wärmen. Einige Leute haben sie auch schon sprechen hören, und zwar war's gerade am Johannistag, als sie aus dem See herauskamen und die eine zur andern sagte: »Anne Susanne, wiste mett to Lanne?« worauf die andere antwortete: »Nimmermeh!« Dann sanken sie, nachdem sie noch einmal angeschlagen, wieder in die Tiefe. Der Glockenguß zu Attendorn (Brüder Grimm) Zu Attendorn, einem kölnischen Städtchen in Westfalen, wohnte bei Menschengedenken eine Witwe, die ihren Sohn nach Holland schickte, dort die Handlung zu lernen. Dieser stellte sich so wohl an, daß er alle Jahr seiner Mutter von dem Erwerb schicken konnte. Einmal sandte er eine Platte von purem Gold, aber schwarz angestrichen, neben andern Waren. Die Mutter, von dem Wert des Geschenks unberichtet, stellte die Platte unter eine Bank in ihrem Laden, allwo sie stehen blieb, bis ein Glockengießer ins Land kam, bei welchem die Attendorner eine Glocke gießen und das Metall dazu von der Bürgerschaft erbetteln zu lassen beschlossen. Die, so das Erz sammelten, bekamen allerhand zerbrochene eherne Häfen, und als sie vor dieser Witwe Tür kamen, gab sie ihnen ihres Sohnes Gold, weil sie es nicht kannte und sonst kein zerbrochen Geschirr hatte. Der Glockengießer, so nach Arensberg verreist war, um auch dort einige Glocken zu verfertigen, hatte einen Gesellen zu Attendorn hinterlassen mit Befehl, die Form zu fertigen und alle sonstigen Anstalten zu treffen, doch den Guß einzuhalten bis zu seiner Ankunft. Als aber der Meister nicht kam und der Gesell selbst gern eine Probe tun wollte, so fuhr er mit dem Guß fort und verfertigte den Attendornern eine von Gestalt und Klang so angenehme Glocke, daß sie ihm solche bei seinem Abschied (denn er wollte zu seinem Meister nach Arensberg, ihm die Zeitung von der glücklichen Verrichtung zu bringen) so lang nachläuten wollten, als er sie hören könnte. Über das folgten ihm etliche nach mit Kannen in den Händen und sprachen ihm mit dem Trunk zu. Als er nun in solcher Ehr und Fröhlichkeit bis auf die steinerne Brücke (zwischen Attendorn und dem fürstenbergischen Schloß Schnellenberg) gelanget, begegnet ihm der Meister, welcher alsobald mit den Worten: »Was hast du getan, du Bestia!« ihm eine Kugel durch den Kopf jagte. Zu den Geleitsleuten aber sprach er: »Der Kerl hat die Glocke gegossen wie ein anderer Schelm, er wäre erbietig, solche umzugießen und der Stadt ein ander Werk zu machen.« Ritte darauf hinein und wiederholte seine Reden, als ob er den Handel gar wohl ausgerichtet. Aber er wurde wegen der Mordtat ergriffen und gefragt, was ihn doch dazu bewogen, da sie mit der Arbeit des Gesellen doch vollkommen zufrieden gewesen. Endlich bekannte er, wie er an dem Klang abgenommen, daß eine gute Masse Gold bei der Glocke wäre, so er nicht dazu kommen lassen, sondern weggezwackt haben wollte, dafern sein Gesell befohlnermaßen mit dem Guß seine Ankunft abgewartet, weswegen er ihm den Rest gegeben. Hierauf wurde dem Glockenmeister der Kopf abgeschlagen, dem Gesell aber auf der Brücke, wo er sein End genommen, ein eisern Kreuz zum ewigen Gedächtnis aufgerichtet. Unterdessen konnte niemand ersinnen, woher das Gold zu der Glocke gekommen, bis der Witwe Sohn mit Freuden und großem Reichtum beladen nach Haus kehrte und vergeblich betrauerte, daß sein Gold zween um das Leben gebracht, einen unschuldig und einen schuldig, gleichwohl hat er dieses Gold nicht wieder verlangt, weil ihn Gott anderwärts reichlich gesegnet. Längst hernach hat das Wetter in den Kirchturm geschlagen und wie sonst alles verzehret, außer dem Gemäuer, auch die Glocke geschmelzt. Worauf in der Asche Erz gefunden worden, welches an Gehalt den Goldgülden gleich gewesen, woraus derselbige Turm wieder hergestellt und mit Blei gedeckt worden. Susanne-Marie oder die Glocken zu Hilmes (Karl Wehrhan Die Glocken zu Hilmes läuten schöner als die Glocken aller Kirchdörfer des Landecker Amtes, und wenn sie erklingen, lauschen alle Menschen in Feld und Wald auf den frommen Klang, und es ist ihnen wie Sonntag im Herzen. Die Landecker Leute sagen, die Hilmeser Glocken hätten Stimmen wie Menschen und riefen »Susanne-Marie... Susanne-Marie!« Alte Leute wissen auch, warum die Glocken so rufen. Als die Kirche zu Hilmes gebaut war, fehlten nur noch die Glocken. Da kam ein fremder Glockengießer des Weges, der wollte der Gemeinde aus der Not helfen und Glocken gießen. Er war noch jung, verstand aber seine Kunst sehr wohl. Auf dem Anger vor dem Dorfe mauerte er die Glockenformen in die Erde. Daneben war die Schmelzgrube ausgehoben, in der das Glockenmetall im Feuer schmolz. Als er so fleißig bei der Arbeit war, kam von der nahen Burg Landeck ein schönes, reiches Ritterfräulein herunter, das hieß Susanne-Marie. Es trug die Schürze voll Silber- und Goldgerät und schüttete alles in die Glockenspeise. Dazu nahm es auch sein golden Halskettlein und seine silbernen Armspangen ab und warf diesen Schmuck in das brodelnde Glockengut. Dann ging es ohne Schmuck und Geschmeide wieder hinauf in seines Vaters stolzes Schloß. Der Glockengießer freute sich der köstlichen Gaben; denn er wußte, Gold und Silber geben den Glocken einen guten Klang. Frohen Mutes vollendete er sein Werk. Und als die Glocken glücklich oben hingen und geläutet wurden, da klangen sie so wundersam, als riefen sie: »Susanne-Marie... Susanne-Marie...!« Die Ritterburg auf dem hohen Landecker Berg ist längst verschwunden, und von den Trümmern sind nur noch geringe Spuren vorhanden. Aber der Name der edlen Jungfrau lebt noch heute im Glockenrufe fort und wird nicht verstummen, solange das Kirchlein gen Himmel ragt. Die verschwundene Glocke zu Pawonkau (Grabinski) Von der großen Glocke zu Pawonkau wird ein eigentümlicher Vorfall erzählt: Die Glocke wurde, als sie aus der Glockengießerei nach Pawonkau gebracht war, sofort, ohne vorher getauft oder geweiht zu werden, auf den Glockenstuhl hinaufbefördert und ihrem Zwecke übergeben. Mehrere Tage hing sie im Turme und versammelte mit ihrem kräftigen Klange die Gemeinde zum Gottesdienst. Das Volk schüttelte aber höchst unzufrieden mit dem Kopfe und erklärte es als einen Frevel, daß man die Glocke läuten lasse, ohne daß sie getauft sei.«Eines Tages war die Glocke vom Turme verschwunden. Niemand wußte, was mit ihr geschehen war und wo sie sich befinden möge. Daß sie nicht gestohlen sein konnte, war jedem klar, und man glaubte endlich mit Grund annehmen zu dürfen, daß sie sich von selbst an einen unbekannten Ort begeben habe, weil man an ihr die übliche Taufe nicht vollzogen habe. Mehrere Wochen waren verflossen, aber die Glocke wurde nicht gefunden, und man hatte sie bereits verloren geglaubt. Einst hütete der Gemeindehirt von Pawonkau eine Herde Schweine und sang ein frommes Lied dabei. Da bemerkte er, wie ein Burg (Eber), das kräftigste Tier der Herde, das Ende eines Stranges aus der Erde herausgewühlt hatte und ihn vollends herauszuziehen versuchte. Lange zog der Burg an dem Seile und wühlte die ganze Stelle bis zu beträchtlicher Tiefe auf, bis es ihm endlich gelang, den Gegenstand, der an dem Strange befestigt war, bloßzulegen. Es war die vom Kirchturm verschwundene Glocke. In feierlicher Prozession wurde die Glocke abgeholt, nun getauft und zum zweiten Male auf den Glockenstuhl gebracht. Seit dieser Zeit ist es der Glocke nie wieder eingefallen, sich davonzumachen, aber sie verkündet ihre ehemalige Flucht selbst: Das Volk wenigstens erzählt mit voller Überzeugung, daß man aus dem Klange der Glocke sehr deutlich die Worte heraushöre: »Wieprz mie wyrot« (»Der Burg hat mich herausgewühlt«). Die Glocke befindet sich noch heute in der Kirche zu Pawonkau, und wer sich in den Klang der Glocke die obigen Worte hineindenkt, wird den Glauben des Volkes verstehen. Verwünschungen Die Müggelberge und die Prinzessin vom Teufelssee (Nach W. Schwartz) uzeiten, heißt es, läßt sich auf den Müggelbergen ein Getöse von Jagdhörnern und Gebell von Hunden hören; es ist »die wilde Jagd«, von der man überall in der Mark, wo Wald ist, noch weiß, die zieht hier über die Berge. Besonders spricht man aber viel noch von einem anderen Spuk daselbst, das ist der von der Prinzessin vom Teufelssee. Es soll nämlich ihr Schloß in den See versunken sein. Andere meinen freilich, es sei nicht in den See, sondern in den Berg daselbst gesunken, und wo am Abhange desselben noch jetzt ein großer Stein liege, dort ginge es hinab; da hätte man sie auch früher oft des Abends in der Gestalt eines alten Mütterchens am Stabe gebückt hervorkommen sehen, ein Kästchen voll schieren Goldes in der Hand, das solle der erhalten, der sie erlöse; denn wegen Untreue sei sie von ihrem Bräutigam verwünscht worden. Aber wie dies auch sei, an und auf dem Teufelssee hat sie doch eigentlich ihr Wesen. Da hat man sie entweder zuzeiten als Schwan auf dem Wasser treiben sehen, oder sie saß als schöne Jungfrau am Ufer und wusch sich und kämmte ihre langen, blonden Haare, und namentlich kam sie, wie es heißt, alljährlich am Johannistage herauf; denn das ist der Tag, an dem sie erlöst werden kann. So wurde sie einmal von einem kleinen Mädchen aus Köpenick gesehen. Das hatte mit seiner Mutter Beeren im Walde gesucht, war aber von ihr abgekommen und irrte nun weinend am Teufelssee umher. Da hat es denn die Prinzessin mit sich hinuntergenommen in ihr Schloß und reich beschenkt wieder entlassen. Wer nun die Prinzessin erlösen will, der muß sie in einer bestimmten Nacht um 12 Uhr nach Köpenick hinein und dreimal um die große Kirche herumtragen. Einmal hat es auch schon einer versucht; aber es ist ihm nicht geglückt. Es war ein Fischer aus dem Kietz (Vorstadt von Köpenick), den soll die Prinzessin im Traum gerufen und ihm alles gesagt haben, was er tun müsse. – Andere sagen, als er seine Netze am hellen Mittag einmal ausgeworfen, da sei ein mit vier Pferden bespannter Wagen, auf dem eine große, weiße Gestalt gesessen, von den Müggelbergen heruntergekommen; die Pferde hätten aber keine Köpfe gehabt. Das sei die Prinzessin gewesen, und da habe sie ihm alles angegeben. Vor allem habe sie ihm gesagt, er solle sich beileibe nicht umsehen und nur kühn zugehen, es komme, was da wolle, dann werde ihm nichts geschehen. Zur bestimmten Zeit stellte er sich auch ein, und zuerst ging alles ganz gut. Schlangen und anderes Ungetüm kamen ihm in den Weg; er trat auf sie, als wäre es nichts, und schritt weiter. Allerhand Blendwerk kam ihm entgegen, ein großer Wagen, mit Mäusen bespannt, und andere Ungeheuerlichkeiten, es rührte ihn nicht. Selbst als die ganze wilde Jagd ihm entgegenkam, lauter wirre Gestalten, die Köpfe unter dem Arm, mit feurigen Augen und entsetzlichem Heulen, er hielt tapfer aus. Doch immer schwerer wurde die Prinzessin, wie federleicht sie zuerst gewesen, so daß er unter der Last nur so ächzte. Schon war er inzwischen glücklich nach Köpenick hineingekommen und hatte den Gang um die Kirche angetreten. Bald war er am Ziel, – da leuchtete es plötzlich hinter ihm, als wenn ganz Köpenick in Flammen stände. Erschrocken sieht er sich um, – da entgleitet ihm die Prinzessin, und alles ist verschwunden; er hörte nur noch ihr Wimmern, mit dem sie wieder versinkt, und zugleich trifft ihn ein Schlag, der ihn niederwirft, daß man ihn besinnungslos dort fand und er nur noch wenige Tage lebte. Das Schloßfräulein in Soldau (Ostpreußische Sage) Vor Zeiten hausten auf dem Schlosse in Soldau böse Geister, die jeden, der um Mitternacht in ihre Gewalt geriet, festhielten und zur Dienstbarkeit zwangen. Einst hatte ein Bauer aus der Umgegend in der Stadt mehr gezecht, als er vertragen konnte. Als er nach Hause taumelte, kam er vom Wege ab und geriet auf den Schloßhof. Er wußte nicht, wo er sich befand, und legte sich zum Schlafe nieder. Da schlug die Uhr Mitternacht, und er fühlte, wie er unsanft an den Beinen gepackt und über steinerne Stufen in ein Kellergewölbe geschleppt wurde. Der Schreck gab ihm die Besinnung wieder, und er begann flehentlich zu bitten: »Laßt mich doch los, ich gebe euch auch hundert Taler!« Doch davon wollten die Geister nichts wissen. Erst als er ihnen das versprach, was ihm zu Hause zuerst entgegenkommen würde, ließen sie ihn frei. Er hoffte, das würde ein Hund sein, aber er hatte sich verrechnet. Noch zitterte er am ganzen Leibe, als er endlich vor seinem Hause stand und an die Tür pochte. Der treue Hund war nirgends zu sehen, und es öffnete ihm seine einzige Tochter, wie der Sturmwind waren die Geister da, faßten sie und trugen sie durch die Luft zum Schlosse. Dort wurde das Mädchen in strenger Gefangenschaft gehalten und mußte den Geistern dienen, weil es fleißig und treu war, durfte es bald frei im Schlosse umhergehen. Nach langer Zeit entdeckte es einen unterirdischen Gang, der ins Freie führte. Es wagte hineinzugehen und kam endlich auf eine Wiese, auf der ein junger Schäfer seine Herde weidete. Die Jungfrau bat ihn, sie zu erlösen. »Du kannst mich befreien,« sagte sie, »wenn du mich, ohne ein Wort zu sprechen, die Schloßtreppe hinabträgst und jedem meiner Wächter, die in Tiergestalt auf den Stufen liegen, einen Kuß gibst.« Gerührt von ihrer Schönheit und ihrem Flehen, willigte der Schäfer ein. Sie führte ihn durch den Gang ins Schloß. Dort nahm er sie auf den Rücken und schritt der Treppe zu. Auf jeder Stufe lag ein ekler Wurm; aber er überwand sich und küßte sie alle. Als er aber zur letzten Stufe kam, saß dort eine große Kröte. Die war über und über mit häßlichen Warzen bedeckt, und der giftige Geifer floß ihr aus dem breiten Maule. Als sie den Schäfer mit ihren roten Augen tückisch anfunkelte, entfuhr ihm ein Ruf des Abscheus. Da fühlte er einen fürchterlichen Stoß, der ihn zu Boden warf, von Geisterhänden gepackt, verschwand das Mädchen von seinem Rücken. Siech und zerschlagen kehrte er heim. Die Jungfrau aber blieb in der Gewalt der Geister und harrt noch immer ihres Erlösers. Noch heute soll sich um Mitternacht im Schloßhof eine schöne Jungfrau zeigen, die verzweiflungsvoll die Hände ringt und laut jammert und klagt, daß ihre Gefangenschaft noch immer kein Ende hat. Die verwünschte Prinzessin im Gartzer Schrey (A. Haas) Der Kroatenberg im Gartzer Schrey hat seinen Namen daher erhalten, daß in früheren Kriegszeiten, vielleicht schon im Dreißigjährigen Kriege, die Kroaten auf dem Berge ihr Lager aufgeschlagen hatten. Nach einer alten Volksüberlieferung wohnt im Kroatenberge eine verwünschte oder verzauberte Prinzessin, die von Zeit zu Zeit aus dem Berge hervorkommt und sich den Menschen zeigt. Zuletzt ist sie im Jahre 1875 gesehen worden. Darüber berichtet Förster Teuchert wie folgt: Es war im Jahre 1875, wenige Tage vor dem Johannistage, da kam ein vierzehnjähriges Mädchen, das im Gartzer Schrey gewesen war, voller Schrecken und Aufregung nach der Stadt zurückgelaufen und meldete hier, ihr sei soeben – es war in der Mittagsstunde kurz vor zwölf Uhr – die verwünschte Prinzessin auf dem Kroatenberge erschienen; die Prinzessin hätte oben auf dem Berg gesessen und ihr gewinkt, näher heranzutreten. Als sie das getan hätte, habe die Prinzessin zu ihr gesagt, sie könne am Johannistage in der Mittagsstunde erlöst werden, wenn ein reiner Junggeselle sie alsdann auf den Mund küssen werde. Die Prinzessin – so erzählte das Mädchen weiter – habe ein weißes Kleid angehabt und habe wunderhübsch ausgesehen, nur daß sie an Stelle des Mundes eine greuliche Schweineschnauze gehabt hätte. Die Erzählung des Mädchens brachte die ganze Stadt Gartz in Aufruhr. Ältere Leute erinnerten sich, in ihrer Jugend gehört zu haben, daß die Prinzessin sich schon früher zu gewissen Zeiten gezeigt habe, und als im Jahre 1875 der Johannistag herangekommen war, begaben sich zahlreiche Bewohner von Gartz, Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, nach dem Schrey hinaus, um das Erscheinen der Prinzessin mitzuerleben. Allmählich sammelten sich Hunderte von Menschen an, und die Menge stand Kopf an Kopf gedrängt auf dem Kroatenberge, als es Mittag wurde – aber die Prinzessin ließ sich nicht blicken. Der Berichterstatter fügt hinzu: »Ich hatte im Jahre 1875 kurz vorher mein Amt als Förster im Gartzer Schrey angetreten; daher ist mir der ganze Vorfall so lebhaft in Erinnerung geblieben.« Die schwarze Schatzhüterin (A. Haas) Auf dem Felde bei Treten (Kreis Rummelsburg) lag früher ein gewaltig großer Feldstein. Ein Hirtenknabe, der in der Nähe seine Herde hütete, saß gerne auf diesem Stein, und eines Tages erschien ihm dort ein wunderschönes Fräulein. Sie war in schwarze Gewänder gekleidet und in einen schwarzen Schleier gehüllt, auch ihr Gesicht und ihre Hände waren von rabenschwarzer Farbe. Der Hirtenknabe wollte erschreckt davonlaufen, aber das Fräulein bat ihn flehentlich, er möge bleiben und sie anhören. Da sprach das Fräulein: »Seit vielen Jahren bin ich verwünscht und muß einen unermeßlichen Schatz hüten, der unter diesem Steine verborgen liegt. Nur du kannst mich erlösen, lieber Junge, und seit langer Zeit warte ich auf dich; du bist ein Sonntagskind und warst immer fromm und gut. Verlaß mich nicht in meiner Not!« Da versprach ihr der Knabe, daß er ihr gern helfen wollte; sie möge ihm nur sagen, was er zu ihrer Erlösung tun könne. Das Fräulein erwiderte: »Jetzt beginnt gerade der Maimonat. Komm an den vier Freitagen, wenn die Sonne untergeht, in deinen Sonntagskleidern an diesen Stein und singe das Lied ›Der lieben Sonne Licht und Pracht‹, dann bete drei Vaterunser und nachher geh still nach Hause! Aber du darfst dich nicht umsehen und außer dem Lied und Gebet kein Wort und keinen Ton laut werden lassen. Am vierten Abend bin ich erlöst und finde meine Ruhe im Grabe, und du erhältst alle meine Schätze.« Der Hirtenknabe führte alles genau so aus, wie das Fräulein von ihm verlangt hatte. Wenn er sich an den bestimmten Abenden an dem Steine einfand, war das Fräulein schon zur Stelle, und ein mächtiger, mit Eisen beschlagener Kasten stand vor ihr. Der Knabe sang und betete, und am zweiten und dritten Freitag schien ihm das Fräulein schon weniger schwarz zu sein. Am vierten Freitag waren ihre Gewänder und ihr Gesicht völlig weiß, nur die Hände waren noch schwarz. Er faltete seine Hände und sang sein Lied; als er aber an die Stelle kam: »Ihr Höllengeister, packet euch!« flog eine große Eule krächzend um seinen Kopf, und ihr Flügel strich ihm über das Gesicht – infolgedessen mußte er niesen, einmal, zweimal, dreimal. Ein furchtbarer Donnerschlag krachte, und der Kasten versank in die Erde. Gleichzeitig verschwand das Fräulein, welches wieder ganz schwarz geworden war, nachdem es jammernd ausgerufen hatte: »Verloren – auf ewig verloren!« Niemand hat das Fräulein je wiedergesehen. Die Jungfrau am Waschstein (Haas [Rüg. Sagen]) Unter den großen Felsblöcken, welche bei Stubbenkammer auf Rügen am Strande liegen, zeichnet sich einer durch seine Größe und seine pyramidenförmige Gestalt aus; das ist der sogenannte Waschstein. Er liegt ungefähr hundert Schritte vom Ufer entfernt und fällt jedem Besucher der Stubbenkammer sofort ins Auge. An diesen Stein knüpft sich folgende Sage: Alle sieben Jahre, am Johannistage, zeigt sich des Morgens in aller Frühe, wenn eben die Sonne aufgeht, auf diesem Steine eine verwünschte Jungfrau von wunderbar schöner Gestalt. Die Jungfrau hat ein blutgetränktes Tuch in der Hand und sucht es in der See reinzuwaschen; aber alles waschen scheint vergeblich zu sein, das Blut läßt sich aus dem Leinen nicht entfernen, wer am Johannistage frühe am Strande der Stubbenkammer weilt und die schöne Jungfrau bei der Arbeit trifft, der muß sie mit den Worten anreden: »Guten Tag, Gott helf'!« Dann ist sie erlöst, und zum Danke dafür schenkt sie ihrem Erlöser alle Schätze an Silber und Kleinodien, die seit vielen, vielen Jahren in der Höhle neben den Kreidepfeilern verzaubert liegen. Andere sagen, die Jungfrau am Waschstein sei ein Meerweibchen oder eine Wassernixe, die einen schönen Jüngling anzulocken suche, um ihn mit sich unter die Wasserfluten zu ziehen. Die Wiesenjungfrau (Brüder Grimm) Ein Bube von Auerbach an der Bergstraße hütete seines Vaters Kühe auf der schmalen Talwiese, von der man das alte Schloß sehen kann. Da schlug ihn auf einmal von hintenher eine weiche Hand sanft an den Backen, daß er sich umdrehte, und siehe, eine wunderschöne Jungfrau stand vor ihm, von Kopf bis zu den Füßen weiß gekleidet, und wollte eben den Mund auftun, ihn anzureden. Aber der Bub erschrak wie vor dem Teufel selbst und nahm das Reißaus ins Dorf hinein. Weil indessen sein Vater bloß die eine Wiese hatte, mußte er die Kühe immer wieder zu derselben Weide treiben, er mochte wollen oder nicht. Es währte lange Zeit, und der Junge hatte die Erscheinung bald vergessen, da raschelte etwas in den Blättern an einem schwülen Sommertag, und er sah eine kleine Schlange kriechen, die trug eine blaue Blume in ihrem Mund und fing plötzlich zu sprechen an: »Hör', guter Jung, du könntest mich erlösen, wenn du diese Blume nähmest, die ich trage, und die ein Schlüssel ist zu meinem Kämmerlein droben im Schloß, da würdest du Gelds die Fülle finden.« Aber der Hirtenbub erschrak, da er sie reden hörte, und lief wieder nach Haus. Und an einem der letzten Herbsttage hütete er wieder auf der Wiese, da zeigte sie sich zum drittenmal in der Gestalt der ersten weißen Jungfrau und gab ihm wieder einen Backenstreich, bat auch flehentlich, er möchte sie doch erlösen, wozu sie ihm alle Mittel und Wege angab. All ihr Bitten war für nichts und wieder nichts, denn die Furcht überwältigte den Buben, daß er sich kreuzte und segnete und wollte nichts mit dem Gespenst zu tun haben. Da holte die Jungfrau einen tiefen Seufzer und sprach: »Weh, daß ich mein Vertrauen auf dich gesetzt habe; nun muß ich neuerdings harren und warten, bis auf der Wiese ein Kirschenbaum wachsen und aus des Kirschenbaums Holz eine Wiege gemacht sein wird. Nur das Kind, das in der Wiege zuerst gewiegt werden wird, kann mich dereinst erlösen.« Darauf verschwand sie, und der Bub, heißt es, sei nicht gar alt geworden, woran er gestorben, weiß man nicht. Von ruhelosen Seelen Wie das Mäuslein trinken ging (A. Peter) in Mann und sein Weib lagen einmal nachts in ihren Betten, da fing es den Mann unmäßig an zu dürsten, und er klagte es seinem Weibe. Da sagte sie: »Laß doch sein, ich hab' kein Wasser da.« Nach einiger Zeit wollte das Weib, das nun nicht mehr schlafen konnte, wieder mit dem Manne reden, aber der gab ihr keine Antwort. Sie glaubte, er sei eingeschlafen, geriet aber in große Angst und versuchte, ihn aufzuwecken. Sie rief ihn und rüttelte ihn, aber es half alles nichts. Da machte sie Licht und sah zu ihrem Schrecken, daß der Körper tot dalag. Und in diesem Augenblick schlüpfte eine kleine Maus zum offenen Kammerfenster herein und kroch dem Manne in den Mund. Da kam er gleich wieder zum Leben und hatte gar keinen Durst mehr. Die Maus war die Seele des Mannes, sie hatte seinen Leib verlassen und war trinken gegangen. Das weiße Mäuschen (Wolf [Hessiche Sagen]) Ein junger Mensch in Hirschhorn (Hessen) wurde allnächtlich vom Alp heimgesucht. Seine Mutter konnte es zuletzt nicht mehr mit ansehen und suchte Rat dagegen. Sie verabredete mit ihrem Sohn, er solle ihr ein Zeichen geben, wenn der Alp komme. Und als er abends im Bett lag, breitete sie ein Tuch über ihn und hielt sich in der Nähe. Nicht lange, so schlüpfte der Alp durchs Schlüsselloch herein, der Sohn gab das Zeichen und war im selben Augenblick auch schon seiner unmächtig, fing an zu seufzen und zu wimmern. Da sprang die Mutter hinzu, schlug rasch die vier Zipfel des weißen Tuches zusammen und legte es in eine Schublade der Kommode, den Schlüssel ließ sie stecken. Zugleich atmete ihr Sohn tief auf, als ob eine zentnerschwere Last von seiner Brust genommen sei; da wußten sie, daß es ihnen geglückt war, den Alp zu fangen. In derselben Stunde aber starb in Erbach plötzlich ein Mädchen, ohne daß man wußte, was für eine Krankheit es gehabt haben könnte, es wurde gekleidet und auf die Bahre gelegt und sollte begraben werden. Da traf es sich, daß der Bursche in Hirschhorn, der schon zwei Nächte vom Alp frei geblieben war, am dritten Tage zufällig den Schlüssel von der Schublade abzog, worin das Taschentuch lag. Sogleich schlüpfte ein weißes Mäuschen aus dem Schlüsselloch und lief zur Tür hinaus. In Erbach wollte man eben den Sarg des Mädchens schließen; da fuhr ein weißes Mäuschen zur Tür herein und in den Mund der Toten, welche alsbald die Augen weit öffnete und nicht wenig erstaunt war, sich im Sarge zu finden. Die Seele drückt in Mausgestalt eine Weide (A. Eichner) Ein Gutsbesitzer lebte mit seiner Frau sehr glücklich. Sie hatte nur den einen Fehler, daß sie ab und zu von einer Schlaftrunkenheit heimgesucht wurde, aus der sie durch kein Mittel geweckt werden konnte. Endlich erklärte »eine weise Frau« das Rätsel dadurch, daß die Frau ein Alp sei. Der Mann brauche nur die Frau beim Einschlafen zu beobachten. Es werde ihr dann ein weißes Mäuschen aus dem Halse kriechen, und das solle er verfolgen. Der Mann paßte auf, und richtig, wie einmal seine Frau eben eingeschlafen war, kam, überall sich vorsichtig umsehend, ein weißes Mäuschen aus ihrem Munde. Der Mann ging ihm behutsam nach und war nicht wenig erstaunt, zu bemerken, daß das Tierchen fast eine Meile weit zu einer alten Weide lief, die es drückte. Da der Gutsbesitzer seine Frau, die er trotz der Entdeckung noch innig liebte, von dem Übel nicht befreien konnte, wollte er ihr wenigstens eine Erleichterung verschaffen. Er ließ die Weide in seinen Hof versetzen. Aber die Weide ging ein, und gleichzeitig schwand auch die Gesundheit seiner Frau dahin, und wie der Mann die ganz verdorrte Weide abhacken konnte, da mußte er seine Frau zu Grabe tragen. Das Mäuselein (Brüder Grimm) In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich anfangs des 17. Jahrhunderts folgendes begeben. Das Gesinde schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den andern weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offenen Maule heraus ein rotes Mäuselein. Die Leute sahen es meistenteils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr auch die andern verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andere Stelle etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald hernach kam das Mäuselein wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul gekrochen war, lief hin und her, und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zurecht finden, verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf. Der Mor wird auf einen Eichbaum aufgewiesen (Wolfs Zeitschrift für deutsche Mythen) Einen Kutscher zu Putbus ritt alle Nacht der Mor, so daß er ganz elend und hinfällig dabei ward. Da gab ihm einer an, seine Hände mit grüner Seife zu bestreichen; dann werde er den Mor halten können. Das tat er, und als der Mor wieder kam, griff er zu; da ist es ein junges Mädchen gewesen. Die bat ihn inständig, sie freizulassen. Er weigerte sich dessen aber und sagte, er wolle keiner lebenden Kreatur die Qualen gönnen, die sie ihm angetan; wenn er sie freilasse, werde sie sich nur anderen zuwenden. Er wolle sie auf ein fühlloses Wesen aufweisen; das könne sie reiten in alle Ewigkeit. Da flehte das Mädchen: er möge sie aufweisen, wohin er wolle, nur nicht auf Stein und nicht auf Wasser! So ließ er sich erbitten und wies sie auf einen Eichbaum, der stand bei dem Dorfe Neuendorf, an der Stelle, wo nun Lauterbach steht. Der Baum ist seit der Zeit verkümmert, und seine Äste haben beständig gezittert, wenn's auch so stilles Wetter war, daß kein Blatt sich regte. Und allmählich ist der Baum vertrocknet und endlich eingegangen. Die Mahrt als rollendes Rad (A. Haas) In einer Herbstnacht ging ein älterer Mann von Levenhagen (Kreis Greifswald) nach einem Nachbardorfe und benutzte, um sich den Weg abzukürzen, einen Richtsteig, der an einem nassen Graben entlang führte und an der Grabenseite mit geköpften Weiden besetzt war. Der Mond stand schon etwas tief am Himmel, verbreitete aber doch noch eine ziemliche Helligkeit, so daß man auf eine Entfernung von 40 bis 50 Schritten alles deutlich übersehen konnte. Wie nun der Mann auf dem schmalen Steig vorwärts ging, sah er plötzlich ein rollendes Rad in schnurgerader Richtung und mit außerordentlicher Schnelligkeit auf sich zukommen. Lange Zeit, um sich erst zu besinnen, hatte der Mann nicht, und als das Rad neben ihm rollte, steckte er, kurz entschlossen, seinen Handstock durch das Loch in der Mitte des Rades und brachte das Rad dadurch zum Stillstand. Da er sich sagte, daß solch ein Rad immerhin einigen Wert habe und in der Wirtschaft gut zu gebrauchen sei, so schwenkte er es sich mit Hilfe des Handstockes auf die Schulter und ging weiter. Kaum aber hatte er zwei oder drei Schritte vorwärts getan, so hörte er eine weibliche Stimme an seinem Ohre, die raunte ihm die Worte zu: Lat mi loopen Entlang de Wieden! Ick möt nah Boltenhagen Un minen Leewsten moarrieden! Da setzte der Mann das Rad auf die Erde und zog seinen Stock aus dem Loch heraus. Kaum war das geschehen, so sauste das Rad mit Windeseile davon und war in wenigen Augenblicken seinen Augen entschwunden. Der Irrwisch (Brüder Grimm) An der Bergstraße zu Hänlein, auch in der Gegend von Lorsch, nennt man die Irrlichter Heerwische; sie sollen nur in der Adventszeit erscheinen, und man hat einen Spottreim auf sie: »Heewisch, ho ho, Brennst wie Haberstroh, Schlag mich blitzebloe!« Vor länger als dreißig Jahren, wird erzählt, sah ein Mädchen abends einen Heerwisch und rief ihm den Spottreim entgegen. Aber er lief auf das Mädchen gerade zu, und als es floh und in das Haus zu seinen Eltern flüchtete, folgte er ihr auf der Ferse nach, trat mit ihr zugleich ins Zimmer hinein und schlug alle Leute, die darin waren, mit seinen feurigen Flügeln, daß ihnen Hören und Sehen verging. Das Irrlicht zu Ferchesar (W. Schwartz) Einmal ist einem Kuhhirten zu Ferchesar bei Rathenow etwas Merkwürdiges mit einem Irrlicht oder, wie man dort sagt, mit einem »Lüchtemännchen« geschehen. Wie er mit der Herde abends nach Hause kam, fehlte ihm eine Kuh. Da kehrte er wieder um, sie zu suchen, konnte sie aber nicht finden. Endlich setzte er sich vor Ermüdung auf einen alten Baumstumpf und wollte sich eine Pfeife anstecken. Wie er aber da so sitzt, kommt auf einmal ein großes Heer von Lüchtemännchen an, die tanzen wild um ihn herum, daß einem andern wäre angst zumute geworden. Er war aber dreist und blieb ruhig sitzen und stopfte sich seine Pfeife. Als er sie indes anstecken wollte und Feuerstahl und Stein sowie die Schwammbüchse hervorzog, da flogen ihm die Lüchtemännchen so um den Kopf herum, daß er jeden Augenblick dachte, sie würden ihm die Haare versengen. Deshalb nahm er seinen Stock und schlug gewaltig um sich; aber je mehr er um sich schlug, desto mehr Lüchtemännchen kamen, so daß er endlich zugriff, um eins zu haschen, und da hatte er auf einmal einen Knochen in der Hand; die andern aber waren verschwunden. Ruhig steckte er nun den Knochen in die Tasche, brannte seine Pfeife an und ging nach Hause. Andern Morgens trieb er mit der Herde wieder hinaus und fand auch seine Kuh wieder; als er aber abends nach Hause kam, und es schon dunkel geworden war, da sah er ein paar Lichtchen vor seinem Fenster, und weil er glaubte, es sei ein Nachbar, der mit der Laterne zu ihm komme, um sich wegen eines kranken Viehes bei ihm Rat zu holen, öffnete er das Fenster. Da sah er die ganze Dorfstraße voll von Lüchtemännchen; die kamen in gewaltigen Haufen dahergehüpft, wirbelten unruhig durcheinander und riefen: »Gibst du uns unsern Kameraden nicht heraus, so stecken wir dir's Haus überm Kopf an!« Da fiel ihm der Knochen wieder ein, und er sagte: »Ach so, macht doch kein dumm' Zeug, der Knochen kann doch euer Kamerad nicht sein!« Aber sie riefen nur immer lauter: »Gibst du uns unsern Kameraden nicht heraus, so stecken wir dir's Haus überm Kopf an!« Da dachte er, es könnte wohl ernst werden, nahm den Knochen, legte ihn sich auf die flache Hand und hielt ihn zum Fenster hinaus. Da war er sogleich wieder ein hellflackerndes Lüchtemännchen und hüpfte davon, und die andern alle umringten es wie im Jubel und hüpften und sprangen zum Dorfe hinaus. Der Bud (v. Schulenburg) Der Bud (Irrlicht) ist wie ein Mensch, hat keinen Kopf, und das Licht scheint ihm aus der Brust. Oft hat er Mannsfüße, kurze Hosen und blauen Rock, auf dem Rocke sitzt die Flamme. Ein Pferdehüter auf der Schmogrower Grenze im Landkreise Kottbus sah oft einen Bud. Der war ein kleines Männchen, trug eine große Kappe und ging über die Geländer. Der Bud erscheint auch wie ein kleiner, alter Mann, zwei bis drei Fuß hoch, und hat ein Röckchen an. Er hat nur ein Bein und hält einen Arm ausgestreckt und in der Hand das Licht. Bei einem Holzhändler waren auf dem Holzhofe immer Irrlichter. Ein Wende aus Burg ging mal mit anderen auf eins derselben zu, um es genau zu besehen. Da sah er den Bud in Gestalt eines kleinen Kindes, das hielt die Hände auf die Augenhöhlen gedrückt, und eine feurige Flamme schoß ihm aus dem Munde. Spuk im Stettiner Schlosse (A. Haas) Im Schlosse zu Stettin geht seit Menschengedenken und länger ein Spuk um. Wenn man des Nachts auf dem Schloßhofe weilt, so kann man dort eine große Menge schwarzer Katzen sehen, welche in eiligem Laufe von einem Winkel in den anderen huschen. Das Aussehen der Tiere ist unheimlich und grauenvoll, so daß einen, bei dem Anblicke ganz angst und bange wird. Es sind aber auch keine richtigen Katzen, sondern in Wirklichkeit sind es die Seelen derer, die vorzeiten in den Kellerräumlichkeiten des Schlosses bestattet oder umgekommen sind. Denn hier sind nicht nur die Mitglieder des alten, einheimischen Herzogsgeschlechtes beigesetzt, sondern es ruhen dort auch die Gebeine von vielen anderen Menschen. Deren abgeschiedene Seelen sind es nun, die, ohne Ruhe zu finden, Nacht für Nacht auf die Erde kommen und in Katzengestalt im Schlosse umherstreifen. Man muß sich sehr hüten, diesen nächtlichen Unholden zu nahe zu kommen, denn die haben nichts Gutes im Sinne. Die Schildwachen sind ihnen auch immer aus dem Wege gegangen und haben höchstens von ferne zugeschaut, wie sie sich auf den Schloßhöfen in wilden Sprüngen umhertummelten. Der geizige, hartherzige Kaufmann (J. Künzig) Kaufmann Sonntag von Emmendingen, der anfangs des 19. Jahrhunderts lebte, hatte in der Gemarkung Denzlingen ausgedehnte Besitzungen, wozu auch der wenige Minuten von Buchholz entfernte Mauracher Hof gehörte. Wegen seines Geizes und der hartherzigen Behandlung der Leute mußte er nach seinem Tode in diesem Hofe umgehen. Er beunruhigte die Leute im Hause und belästigte das Vieh im Stalle. Um ihn zu beschwören, wandte man sich an den Pfarrer und Geistlichen Rat Hauri in Buchholz, der als frommer und gelehrter Mann bekannt war. Der ließ nun den Geist in der Stube des Mauracher Hofes erscheinen, wohin sich der Pfarrer selbst begeben hatte. Der Geist kam in Gestalt eines Ziegenbockes. Hauri befahl ihm, als Mensch zu erscheinen, worauf der Geist verschwand und gleich darauf in Menschengestalt mit Geißfüßen wiederkam. Hauri aber war damit noch nicht zufrieden, und Sonntag mußte schließlich erscheinen, wie er auf Erden gewandelt war. Der Pfarrer machte ihm nun Vorwürfe wegen des nächtlichen Unfugs; da entgegnete ihm der Geist, er sei ja selbst ein sündiger Mensch, denn als junger Student habe er einmal einen Wecken gestohlen. Endlich aber fügte sich der Geist doch dem Befehle des Pfarrers und verließ unter fürchterlichem Getöse das Haus, wo von da ab Ruhe war. Rebundus im Dom zu Lübeck (Brüder Grimm) Wenn in alten Zeiten ein Domherr zu Lübeck bald sterben sollte, so fand sich morgens unter seinem Stuhlkissen im Chor eine weiße Rose, daher es Sitte war, daß jeder, wie er anlangte, sein Kissen gleich umwendete, zu schauen, ob diese Grabesverkündigung darunter liege. Es geschah, daß einer von den Domherren, namens Rebundus, eines Morgens diese Rose unter seinem Kissen fand, und weil sie seinen Augen mehr ein schmerzlicher Dornstachel als eine Rose war, nahm er sie behend weg und steckte sie unter das Stuhlkissen seines nächsten Beisitzers, obgleich dieser schon darunter nachgesehen und nichts gefunden hatte. Rebundus fragte darauf, ob er nicht sein Kissen umkehren wollte. Der andere entgegnete, daß er es schon getan habe; aber Rebundus sagte weiter: er habe wohl nicht recht zugeschaut und solle noch einmal nachsehen, denn ihm bedünke, es habe etwas Weißes darunter geschimmert, als er dahin geblickt. Hierauf wendete der Domherr sein Kissen um und fand die Grabblume; doch sprach er zornig: das sei Betrug, denn er habe gleich anfangs fleißig genug zugeschaut und unter seinem Sitze keine Rose gefunden. Damit schob und stieß er sie dem Rebundus wieder unter sein Kissen, dieser aber wollte sie nicht wieder sich aufdrängen lassen, also daß sie einer dem andern zuwarf und ein Streit und heftiges Gezänk zwischen ihnen entstand. Als sich das Kapitel ins Mittel schlug und sie auseinander bringen, Rebundus aber durchaus nicht eingestehen wollte, daß er die Rose am ersten gehabt, sondern auf seinem unwahrhaftigen Vorgeben beharrte, hub endlich der andere, aus verbitterter Ungeduld, an zu wünschen: »Gott wolle geben, daß der von uns beiden, welcher unrecht hat, statt der Rosen in Zukunft zum Zeichen werde und wann ein Domherr sterben soll, in seinem Grabe klopfen möge bis an den Jüngsten Tag!« Rebundus, der diese Verwünschung wie einen leeren Wind achtete, sprach freventlich dazu: »Amen! Es sei also!« Da nun Rebundus nicht lange danach starb, hat es von dem an unter seinem Grabsteine, sooft eines Domherr Ende sich nahte, entsetzlich geklopft, und es ist das Sprichwort entstanden: »Rebundus hat sich gerührt, es wird ein Domherr sterben!« Eigentlich ist es kein bloßes Klopfen, sondern es geschehen unter seinem sehr großen, langen und breiten Grabstein drei Schläge, die nicht viel gelinder krachen, als ob das Wetter einschlüge oder dreimal ein Kartaunenschuß geschähe. Beim dritten Schlag dringt über dem Gewölbe der Schall der Länge nach durch die ganze Kirche mit so starkem Krachen, daß man denken sollte, das Gewölbe würde ein- und die Kirche übern Haufen fallen. Es wird dann nicht bloß in der Kirche, sondern auch in den umstehenden Häusern vernehmlich gehört. Einmal hat sich Rebundus an einem Sonntage zwischen neun und zehn Uhr mitten unter der Predigt geregt und so gewaltig angeschlagen, daß etliche Handwerksgesellen, welche eben auf dem Grabstein gestanden und die Predigt angehört, teils durch starke Erhebung des Steins, teils aus Schrecken, nicht anders herabgeprellt wurden, als ob sie der Donner weggeschlagen hätte. Beim dritten entsetzlichen Schlag wollte jedermann zur Kirche hinausfliehen in der Meinung, sie würde einstürzen, der Prediger aber ermunterte sich und rief der Gemeinde zu, dazubleiben und sich nicht zu fürchten; es wäre nur ein Teufelsgespenst, das den Gottesdienst stören wolle, das müsse man verachten und ihm im Glauben Trotz bieten. Nach etlichen Wochen ist des Dechants Sohn verblichen, denn Rebundus tobte auch, wenn eines Domherrn naher Verwandter bald zu Grabe kommen wird. Die weiße Frau in dem Schlosse zu Berlin (Nach W. Schwartz) In dem Schlosse zu Berlin ließ sich öfter, wie es hieß, eine weiße Frau sehen. Gewöhnlich läßt die Sage das Gespenst in einem weißen Gewande und einer gleichen Haube mit hinten zurückgeschlagenem langen Witwenschleier erscheinen. So wandelt sie des Nachts zuzeiten durch die Gänge langsamen, ernsten Schrittes; wer ihr begegnet und sie grüßt, dem dankt sie durch Neigen ihres Hauptes, spricht aber nie ein Wort. Stehen Festlichkeiten bevor, dann hört man überall das geheimnisvolle Walten der weißen Frau. Türen springen auf und fallen wieder zu, Schlösser rasseln, und was des Geräusches mehr ist. Ist der Lärm vorüber, so strahlt alles in doppeltem Glänze zum Empfang der Gäste. Sind diese wieder fort, so wiederholt sich das Spiel, und so spät es auch in der Nacht geworden, des anderen Morgens ist alles wieder in Ordnung und an Ort und Stelle, ohne daß eine Menschenhand daran gerührt. Auch sonst sieht die weiße Frau angeblich nach dem Rechten. Ist die Dienerschaft lässig oder verabsäumt ihre Pflicht oder führt gotteslästerliche Reden, oder reizt jemand sie im Übermut, dann macht sich ihr Zorn durch Schläge, Steinwürfe und Schrecknisse aller Art bemerkbar. Besonders beweist sie aber ihre Teilnahme an allem, was die einzelnen Familienmitglieder betrifft. Oft, wenn z. B. die Wartefrauen bei den fürstlichen Kindern eingeschlafen waren und plötzlich aufwachten, dann sahen sie die weiße Frau über die Wiege gebeugt stehen oder das Kind auf ihren Armen umhertragen und warten. Wenn ihr plötzliches Erscheinen, wie zuzeiten, einen Todesfall verkündete, dann trug sie meist an beiden Händen schwarze Handschuhe. Manche meinen, das Gespenst stamme aus Franken und sei mit den Hohenzollern erst hier eingezogen. Es sei eine Gräfin von Orlamünde, die auf der Plassenburg saß und von leidenschaftlicher Liebe zu Albrecht dem Schönen, einem Burggrafen von Nürnberg aus dem Hause Hohenzollern, entbrannt gewesen. Sie war nämlich verwitwet und hatte zwei Kinder. Da wurde ihr eine Rede Albrechts des Schönen hinterbracht, daß er sie wohl heiraten würde, wenn nicht vier Augen wären. Die Gräfin glaubte, er meinte damit ihre zwei Kinder; sie ständen der neuen Ehe im Weg. »Da trug sie,« wie die alten Chronikensagen, »blind von ihrer Leidenschaft, einem Dienstmanne, Hayder oder Hager genannt, auf und gewann ihn mit reichen Gaben, daß er die beiden Kindlein umbringen möchte.« Der ging auch hin, die Tat zu vollführen; da sollen die Kinder ihm geschmeichelt und ihn ängstlich gebeten haben: »Lieber Hayder, laß mich leben, Ich will dir Orlamünden geben, Auch Plassenburg des neuen, Es soll dich nicht gereuen.« So sprach das Knäblein; das Töchterlein aber: »Lieber Hayder, laß mich leben, Ich will dir alle meine Docken (Puppen) geben!« Aber der Mörder wurde hierdurch nicht gerührt. Später, als er noch andere Bubenstücke ausgerichtet hatte und gefangen auf der Folter lag, bekannte er: »So sehr ihn der Mord des jungen Herrn reue, der in seinem Anbieten doch schon gewußt habe, daß er Herrschaften auszuteilen gehabt, so gereut ihn noch hundertmal mehr, wenn er der unschuldigen Kinderworte des Mägdleins gedenke.« Nach anderer Sage hat die Gräfin die Kinder selbst getötet. Der Burggraf hatte aber unter den vier Augen die seiner Eltern gemeint und heiratete hernach die Gräfin dennoch nicht, diese soll später fürchterliche Buße getan haben, und ihr Geist soll seit ihrem Tode umgehen, um so den Rest ihrer Schuld abzubüßen. Schloß Grunewald (A. Kuhn) Im Grunewald ist manche Stelle, wo es nicht recht richtig sein soll; vor allem aber spukt es im Grunewalder Schloß. Waren da einmal ein paar Fischer zur Herbstzeit im Schloß und hatten sich, nachdem sie bis spät am Abend gefischt, müde in dem Seitengebäude in einem eine Treppe hoch gelegenen Zimmer zum Schlafen hingelegt. Sorgfältig hatten sie die zwei Türen, sowohl die unten an der Treppe als auch die andere, welche oben vom Treppenflur in das Zimmer führt, zugemacht. Auch die dritte Tür, welche nach der angrenzenden Kammer geht, war fest zu, wie sie denn auch keiner ohne die zugehörige Klinke überhaupt öffnen kann. Als sie nun im tiefen Schlaf lagen, kam es laut und vernehmlich »trott, trott« die hölzerne Treppe herauf, die Stubentür flog auf, und sausend stürzte es durch die Stube. Die Kammertür öffnete sich, und heulend wie ein Sturmwind zog's in die Kammer hinein. Dann war's still im Zimmer. Da mit einem Male fuhr es aus dem Schlot und polterte den Ofen hinab. Dann war wieder alles still. Die Männer aber waren gleich anfangs aufgewacht und zitterten und bebten vor Entsetzen; eiskalt fuhr es ihnen durch Mark und Bein, keiner wagte aufzusehen, beide zogen ihre Mäntel übers Gesicht, als es bei ihnen vorüberging. Als aber das Tosen und Poltern im Ofen vorbei war, fuhren sie auf, und im Nu, sie wußten selbst nicht wie, waren sie die Treppe hinunter und stürzten über den Hof in die Kutscherstube; erst da wagten sie aufzuatmen. Ein anderes Mal passierte Ähnliches, als sie in der Kutscherstube selbst schliefen. Da öffnete sich plötzlich die Pferdestalltür, und der Kutscher kam zitternd zu ihnen in die Stube, und hinter ihm raste es wie ein Wirbelwind, riß die Flurtür auf und fuhr durch den schmalen Flur nach dem Hofe hinaus. Als sie dann ans Fenster eilten, sahen sie mit Schrecken, wie es im Mondschein wild auf dem Hofe und an den Wänden der Gemäuer herumjuchte und tobte wie die wilde Jagd, und ganz deutlich sahen sie eine weiße Gestalt da umherstürmen. Derartiges wollen die Leute, die dort verkehren, öfters erlebt haben. Der Spuk in der Ellerbäk (A. Haas) Zwischen Zingst und Prerow liegt ein kleines Gehölz, die Ellerbäk genannt; darin geht es um, namentlich zur Nachtzeit, und Menschen und Tiere scheuen diese Stätte. Das schlimmste ist, daß der Spuk mit jedem Jahre einen Hahnenschrei näher an Prerow heranrückt. Vor Jahren soll der Spuk schon einmal ganz nahe beim Dorfe gewesen sein. Da hielten die Pastoren aus der ganzen Umgegend eine Beratung ab und losten untereinander, wer von ihnen dem unheimlichen Treiben des ruhelosen Geistes ein Ende machen sollte. Das Los traf dreimal hintereinander den zweiten Geistlichen zu B. Dieser ging dann eines Nacht dem Spukgeist entgegen und wies ihm eine bestimmte Stelle in der Ellerbäk zum Aufenthalt an. Der Geist fragte: »wie lange soll ich noch wanken?« Der Pastor hätte nun der erhaltenen Weisung gemäß antworten müssen: »Solange, wie es Gott gefällt!« In seiner Aufregung aber gab er dem Geiste zur Antwort: »Auf ewig!« Daher treibt der Spuk in der Ellerbäk auch heute noch sein Wesen, wie er es schon vor langen Jahren getan hat. Man erzählt, in P. habe einmal vor Jahrhunderten ein gottloser Pastor gelebt, der selbst auf der Kanzel das Fluchen nicht lassen konnte. Als er nun einmal wieder auf der Kanzel einen gräßlichen Fluch ausstieß, soll ihm das Blut aus dem Munde gekommen sein, und dann soll er entseelt auf der Kanzel zusammengebrochen sein. Der Geist dieses Pastors soll das ruhelose Wesen sein, welches bis auf den heutigen Tag in der Ellerbäk herumspukt. Frau Holla zieht umher In der Weihnacht fängt Frau Holla an umherzuziehen, da legen die Mägde ihren Spinnrocken aufs neue an, winden viel Werg oder Flachs darum und lassen ihn über Nacht stehen. Sieht das nun Frau Holla, so freut sie sich und sagt: So manches Haar, So manches gute Jahr. Diesen Umgang hält sie bis zum großen Neujahr, d. h. den Heiligen Dreikönigstag, wo sie wieder umkehren muß nach ihrem Horselberg; trifft sie dann unterwegs Flachs auf dem Rocken, zürnt sie und spricht: So manches Haar, So manches böse Jahr. Daher reißen Feierabends vorher alle Mägde sorgfältig von ihrem Rocken ab, was sie nicht abgesponnen haben, damit nichts dran bleibe und ihnen übel ausschlage. Noch besser ist's aber, wenn es ihnen gelingt, alles angelegte Werg vorher im Abspinnen herunterzubringen. Frau Holla und der treue Eckart (Brüder Grimm) In Thüringen liegt ein Dorf namens Schwarza, da zog Weihnachten Frau Holla vorüber, und vorn im Haufen ging der treue Eckart und warnte die begegneten Leute, aus dem Wege zu weichen, daß ihnen kein Leid widerfahre. Ein paar Bauernknaben hatten gerade Bier in der Schenke geholt, das sie nach Haus tragen wollten, als der Zug erschien, dem sie zusahen. Die Gespenster nahmen aber die ganze breite Straße ein, da wichen die Dorfjungen mit ihren Kannen abseits in eine Ecke; bald nahten sich unterwegs verschiedene Weiber aus der Rotte, nahmen die Kannen und tranken. Die Knaben schwiegen aus Furcht stille, wußten doch nicht, wie sie ihnen zu Haus tun sollten, wenn sie mit leeren Krügen kommen würden. Endlich trat der treue Eckart herbei und sagte: »Das riet euch Gott, daß ihr kein Wörtchen gesprochen habt, sonst wären euch eure Hälse umgedreht worden; gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen etwas von der Geschichte, so werden eure Kannen immer voll Bier sein und wird ihnen nie gebrechen.« Dieses taten die Knaben, und es war so, die Kannen wurden niemals leer, und drei Tage nahmen sie das Wort in acht. Endlich aber konnten sie's nicht länger bergen, sondern erzählten aus Vorwitz ihren Eltern den Verlauf der Sache, da war es aus, und die Krüglein versiegten. Andere sagen, es sei dies nicht eben zu Weihnacht geschehen, sondern auf eine andere Zeit. Der ewige Jäger (Brüder Grimm) Graf Eberhard von Württemberg ritt eines Tages allein in den Wald aus und wollte zu seiner Kurzweil jagen. Plötzlich hörte er ein starkes Brausen und Lärmen, wie wenn ein Weidmann vorüberkäme; er erschrak heftig und fragte, nachdem er vom Roß gestanden und auf eines Baumes Tolde getreten war, den Geist, ob er ihm schaden wolle. »Nein,« sprach die Gestalt, »ich bin gleich dir ein Mensch und stehe vor dir ganz allein, war vordem ein Herr. An dem Jagen hatte ich aber solche Lust, daß ich Gott anflehte, er möge mich jagen lassen bis zum jüngsten Tag. Mein Wunsch wurde leider erhört, und schon fünfthalb hundert Jahre jage ich an einem und demselben Hirsch. Mein Geschlecht und mein Adel find aber noch niemandem offenbart worden.« Graf Eberhard sagte: »Zeig mir dein Angesicht, ob ich dich etwan erkennen möge?« Da entblößte sich der Geist, sein Antlitz war kaum faustgroß, verdorrt wie eine Rübe und gerunzelt wie ein Schwamm. Darauf ritt er dem Hirsch nach und verschwand, der Graf kehrte heim in sein Land zurück. De Nachtjäger up Mönchgod (Fr. Worm) Wenn de Sommer tau Enn' is, de Feller kahl worden sünd un de Harwststorm äwer den schwarten Acker un de düstern Wälder tüht, denn kümmt uck de wille Nachtjäger wedder an, taum grötsten Schrecken von de wild- und Holtdeiw. Hoch in de Luft jagt he up'n füerig Pird, wiet vor em flücht 'ne ganze Masse witter Wiwer: hinner de is hei her, up de het hei dat afseihn. Vör väle Johren stund ees des Nachts up de Philippshäger Mähl de Möllergesell in de Mählendör un kek int Wäder. As hei noch so kek, dunn wurd't mit'n mal in de Luft so josen un tosen, dat 'n Bangbüchs woll glieks uträten wir. Uns' Möllergefell wüßt äwers von Grugen un Ängsten uck nich 'n Deut af, un wenn't up em ankamen wir, hei hadd sick woll gor mit'n Deuwel fat't. »Haha,« dacht hei, »nu giwwt't wat tau seihn; dit's de Waud!« Un so was't. As uns' Möllergefell kuum so dacht hadd, kem dei Nachtjäger up sin füerig Pird em uck all tau Gesicht. »Hoho, oll Fründ,« joste de Gesell, »de halwe Jagd is min!« De Jäger tek em an un nickte. – De Möller mahlte sin' eben Staken wieder, un as de Morgen kem, dunn wull hei taupassen un nach Huus 'rungahn. wat kreeg hei äwer för'n Schreck, as hei unner bi den Buck von de Mähl 'n halwes Wiw mit tridenwittes Fell un kridenwittes Hoor sinnen ded! De halwe Jagd hadd hei sick wünscht – un de Nachtjäger hadd sinen Wunsch erfüllt. Dat junge Volk glöwt nich mihr an den Nachtjäger, äwer männig Oller paßt genau up, dat nah Sünnenunnergang de Dörn, de in de ollen Hüüser hinner 'nanner liggen, jo verschlaten warden; denn süß fohrt de Nachtjäger dörch dat Huus un nimmt Glück und Segen mit weg. De Ollen seggen: so lang as de Bedklock up Mönchgod stött, het de Nachtjäger de Halwinfel ganz un gor verlaten. Rodensteins Auszug (Brüder Grimm) Nah an dem zum gräflich erbachischen Amt Reichenberg gehörigen Dorf Oberkainsbach, unweit dem Odenwald, liegen auf einem Berge die Trümmer des alten Schlosses Schnellerts; gegenüber eine Stunde davon, in der Rodsteiner Mark, lebten ehemals die Herren von Rodenstein, deren männlicher Stamm erloschen ist. Noch sind die Ruinen ihres alten Raubschlosses zu sehen. Der letzte Besitzer desselben hat sich besonders durch seine Macht, durch die Menge seiner Knechte und des erlangten Reichtums berühmt gemacht; von ihm geht folgende Sage. Wenn ein Krieg bevorsteht, so zieht er von seinem gewöhnlichen Aufenthaltsort Schnellerts bei grauender Nacht aus, begleitet von seinem Hausgesind und schmetternden Trompeten. Er zieht durch Hecken und Gesträuche, durch die Hofraite und Scheune Simon Daums zu Oberkainsbach bis nach dem Rodenstein, flüchtet gleichsam, als wolle er das Seinige in Sicherheit bringen. Man hat das Knarren der Wagen und ein ho! ho! schreien, die Pferde antreiben, ja selbst die einzelnen Worte gehört, die einherziehendem Kriegsvolk vom Anführer zugerufen werden und womit ihm befohlen wird. Zeigen sich Hoffnungen zum Frieden, dann kehrt er in gleichem Zuge vom Rodenstein nach dem Schnellerts zurück, doch in ruhiger Stille, und man kann dann gewiß sein, daß der Frieden wirklich abgeschlossen wird. Ehe Napoleon im Frühjahr 1815 landete, war bestimmt die Sage, der Rodensteiner sei wieder in die Kriegsburg ausgezogen. Der wilde Jäger Hackelberg (Brüder Grimm) Vorzeiten soll im Braunschweiger Land ein Jägermeister gewesen sein, Hackelberg genannt, welcher zum Weidwerk und Jagen solche große Lust getragen, daß, da er jetzt an seinem Todbett lag und vom Jagen so ungern abgeschieden, er von Gott soll begehrt und gebeten haben (ohnzweiffellich aus Ursach seines christlichen und gottseligen Lebens halber, so er bisher geführt), daß er für ein Teil Himmelreich bis zum Jüngsten Tag am Sölling möcht jagen. Auch deswegen in ermeldete Wildnis und Wald sich zu begraben befohlen, wie geschehen. Und wird ihm sein gottloser, ja teuflischer Wunsch erfüllt, denn viermal wird ein greulich und erschrecklich Hornblasen und Hundegebell die Nacht gehört: jetzt hie, ein andermal anderswo in dieser Wildnis, wie mich diejenigen, die solch Gefährd auch selbst angehört, berichtet. Zudem soll es gewiß sein, daß, wenn man nachts ein solch Jagen vermerkt und am folgenden Tag gejagt wird, einer ein Arm, Bein, wo nicht den Hals gar bricht, oder sonst ein Unglück sich zuträgt. Ich bin selbst (ist mir recht im Jahr 1558), als ich von Einbeck übern Solling nach Ußlar geritten und mich verirrte, auf des Hackelbergers Grab ungefähr gestoßen, war ein Platz wie eine Wiese, doch von unartigem Gewächs und Schilf in der Wildnis, etwas länger denn breit, mehr denn ein Acker zu achten, darauf kein Baum sonst stund wie um die Ende. Der Platz kehrte sich mit der Länge nach Aufgang der Sonne, und am Ende lag die Zwerch, ein erhabener roter Stein, bei acht oder neun Schuhen lang und fünfe, wie mich deuchte, breit. Er war aber nicht, wie ein anderer Stein, gegen Osten, sondern mit dem einen Vorhaupt gegen Süden, mit dem andern gegen Norden gekehret. Man sagte mir, es vermöchte niemand dieses Grab aus Vorwitz oder mit Fleiß, wie hoch er sich des unterstünde, zu finden, käme aber jemand ungefähr, lägen etliche greuliche schwarze Hunde daneben. Solches Gespensts und Wusts ward ich aber im geringsten nicht gewahr, sonst hatte ich wenig Haare meines Haupts, die nicht emporstiegen. Die Tut-Osel (Brüder Grimm) Mitternacht, wann in Sturm und Regen der Hackelnberg »fatscht« (wenn die Pferde mit Geräusch ihre Hufe aus dem Kot ziehen) und auf dem Wagen mit Pferd und Hunden durch den Thüringerwald, den Harz und am liebsten durch den Hackel zieht, pflegt ihm eine Nachteule voranzufliegen, welche das Volk die Tut-Osel nennt. Wanderer, denen sie aufstößt, werfen sich still auf den Bauch und lassen den wilden Jäger über sich wegfahren, und bald hören sie Hundebellen und den Weidruf: Hu hu! – In einem fernen Kloster zu Thüringen lebte vorzeiten eine Nonne, Ursel geheißen, die störte mit ihrem heulenden Gesang noch bei Lebzeiten den Chor; daher nannte man sie Tut-Ursel. Noch ärger wurde es nach ihrem Tode, denn von elf Uhr abends steckte sie den Kopf durch ein Loch des Kirchturms und tutete kläglich, und alle Morgen um vier Uhr stimmte sie ungerufen in den Gesang der Schwestern. Einige Tage ertrugen sie es; den dritten Morgen aber sagte eine voll Angst leise zu ihrer Nachbarin: »Das ist gewiß die Ursel!« Da schwieg plötzlich aller Gesang, ihre Haare sträubten sich zu Berge, und die Nonnen stürzten aus der Kirche, laut schreiend: »Tut-Ursel, Tut-Ursel!« Und keine Strafe konnte eine Nonne bewegen, die Kirche zu betreten, bis endlich ein berühmter Teufelsbanner aus einem Kapuzinerkloster an der Donau geholt wurde. Der bannte Tut-Ursel in Gestalt einer Ohreule in die Dummburg auf den Harz. Hier traf sie den Hackelnberg und fand an seinem Huhu! so groß Gefallen, als er an ihrem Uhu! Und so ziehen sie beide zusammen auf die Lustjagd. Die schwarzen Reiter und das Handpferd (Brüder Grimm) Es soll vorzeiten der Rechenberger, ein Raub- und Diebsritter, mit seinem Knecht eines Nachts auf Beute ausgeritten sein. Da begegnete ihnen ein Heer schwarzer Reiter; er wich aus, konnte sich aber nicht enthalten, den letzten im Zug, der ein schön gesattelt Handpferd führte, zu fragen, wer diese wären, die da vorüberritten. Der Reiter versetzte: »Das wütende Heer.« Darauf hielt auch der Knecht an und fragte, wem doch das schöne Handpferd wäre? Dem wurde zur Antwort, seines Herrn treustem Knecht, welcher übers Jahr tot sein und auf diesem Pferd reiten werde. Dieses Rechenbergers Knecht wollte sich nun bekehren und dingte sich zu einem Abt als Stallknecht. Binnen Jahres wurde er mit seinem Nebenknecht uneins, der ihn erstach. Der Wode (P. Zaunert) Den Wode haben viele Leute in den Zwölften (die zwölf Nächte zwischen Christabend und Dreikönigstag) und namentlich am Weihnachtsabend ziehen sehen. Er reitet ein großes weißes Roß; ein Jäger zu Fuß und vierundzwanzig wilde Hunde folgen ihm. wo er durchzieht, da stürzen die Zäune krachend zusammen, und der Weg ebnet sich ihm; gegen Morgen richten sie sich aber Wieder auf. Einige behaupten, daß sein Pferd nur drei Beine Er reitet stets gewisse Wege an den Türen der Häuser vorbei und so schnell, daß seine Hunde ihm nicht immer folgen können; man hört sie keuchen und heulen. Bisweilen ist einer von ihnen liegen geblieben. So fand man einmal einen von ihnen in einem Hause in Wulfsdorf, einen anderen in Fuhlenhagen auf dem Feuerherde, wo er liegen blieb, beständig heulend und schnaufend, bis in der folgenden Weihnachtsnacht der Wode ihn wieder mitnahm. Man darf in der Weihnachtsnacht keine Wäsche draußen lassen; denn die Hunde zerreißen sie. Man darf auch nicht backen; denn sonst wird eine wilde Jagd daraus. Alle müssen still zu Hause sein. Läßt man die Tür offen, so zieht der Wode hindurch, und seine Hunde verzehren alles, sonderlich den Brotteich, wenn gebacken wird. Einst war der Wode auch in das Haus eines armen Bauern geraten, und die Hunde hatten alles aufgezehrt, der Arme jammerte und fragte den Woden, was er für den Schaden bekäme, den er ihm angerichtet. Der Wode antwortete, daß er es bezahlen wolle. Bald nachher kam er mit einem toten Hunde angeschleppt und sagte dem Bauern, er solle den in den Schornstein werfen. Als der Bauer das getan, zersprang der Balg, und es fielen viele blanke Goldstücke heraus. Der Nachtjäger und die Rüttelweiber (Brüder Grimm) Die Einwohner des Riesengebirges hören bei nächtlichen Zeiten oft Jägerruf, Hornblasen und Geräusch von wilden Tieren; dann sagen sie: »Der Nachtjäger jagt.« Meine Kinder fürchten sich davor und werden geschweiget, wenn man ihnen zuruft: »Sei still, hörst du nicht den Nachtjäger jagen?« Er jagt aber besonders die Rüttelweiber, welche kleine mit Moos bekleidete Weiblein sein sollen, verfolgt und ängstigt sie ohn' Unterlaß. Es sei denn, daß sie an einen Stamm eines abgehauenen Baumes geraten, und zwar eines solchen, wozu der Hölzer (Holzbauer) »Gott wael's!« (Gott walte es) gesprochen hat. Auf solchem Holz haben sie Ruhe. Sollte er aber, als er die Axt zum erstenmal an den Baum gelegt, gesagt haben: »Wael's Gott!« (so daß er das Wort Gott hintan gesetzt), so gibt ein solcher Stamm keinem Rüttelweibchen Ruh und Frieden, sondern es muß vor dem Nachtjäger auf stetiger Flucht sein. Ernst und Scherz Der Schmied zu Jüterbog (A. Kuhn) u Jüterbog lebte einmal ein Schmied, der war ein gar frommer Mann. Zu dem kam eines Abends noch ganz spät ein Mann, der gar heilig aussah, und bat ihn um eine Herberge. Nun war der Schmied immer freundlich und liebreich zu jedermann, nahm daher den Fremden auch gern und willig auf und bewirtete ihn nach Kräften. Andern Morgens, als der Gast von dannen ziehen wollte, dankte er seinem Wirte herzlich und sagte ihm, er solle drei Bitten tun, die wolle er ihm gewähren. Da bat der Schmied erstlich, daß sein Stuhl hinter dem Ofen, auf dem er abends nach der Arbeit auszuruhen pflegte, die Kraft bekäme, jeden ungebetenen Gast so lange auf sich festzuhalten, bis ihn der Schmied selbst loslasse; zweitens, daß sein Apfelbaum im Garten die Hinaufsteigenden gleicherweise nicht herablasse; drittens, daß aus seinem Kohlensacke keiner herauskäme, den er nicht selbst befreie. Diese drei Bitten gewährte auch der fremde Mann und ging darauf von dannen. Nicht lange währte das nun, so kam der Tod und wollte den Schmied holen. Der aber bat ihn, er möge doch, da er sicher von der Reise zu ihm ermüdet sei, sich noch ein wenig auf seinem Stuhle erholen. Da setzte sich denn der Tod auch nieder, und als er nachher wieder aufstehen wollte, saß er fest. Nun bat er den Schmied gar sehr, er möge ihn doch wieder befreien, allein der wollte es zuerst nicht gewähren; nachher verstand er sich dazu unter der Bedingung, daß er ihm noch zehn Jahre schenke. Das war der Tod gern zufrieden, der Schmied löste ihn, und nun ging er davon. Wie nun zehn Jahre um waren, kam der Tod wieder. Da sagte ihm der Schmied, er sei bereit, mitzugehen, er solle doch aber erst noch auf den Apfelbaum im Garten steigen und einige Äpfel herunterholen, sie würden ihnen wohl auf der weiten Reise schmecken. Das tat der Tod, und nun saß er wieder fest. Jetzt rief der Schmied seine Gesellen herbei, die mußten mit schweren, eisernen Stangen gewaltig auf den Tod losschlagen, daß er Ach! und Wehe! schrie und den Schmied flehentlich bat, er möge ihn doch nur freilassen, er wolle ja gern nie wieder zu ihm kommen. Wie nun der Schmied hörte, daß der Tod ihn ewig leben lassen wolle, hieß er die Gesellen einhalten und entließ jenen von dem Baum. Der zog glieder- und lendenlahm davon und konnte nur mit Mühe vorwärts. Da begegnete ihm unterwegs der Teufel, dem er sogleich sein Herzeleid klagte; aber der lachte ihn nur aus, daß er so dumm gewesen, sich von dem Schmied täuschen zu lassen, und meinte, er wolle schon bald mit ihm fertig werden. Darauf ging er in die Stadt und klopfte bei dem Schmied an, er solle ihm Herberge für die Nacht geben. Nun war's aber schon spät in der Nacht, und der Schmied verweigerte es ihm, sagte wenigstens, er könne die Haustür nicht mehr öffnen; wenn er jedoch zum Schlüsselloch hineinfahren wolle, so möge er nur kommen. Das war dem Teufel ein leichtes, und sogleich huschte er hindurch. Der Schmied war aber klüger als er gewesen, er hatte innen seinen Kohlensack vorgehalten, und wie nun der Teufel darin saß, band er den Sack schnell zu, warf ihn auf den Amboß und ließ seine Gesellen wacker drauflosschmieden. Da flehte der Teufel zwar gar jämmerlich und erbärmlich, sie möchten doch aufhören; aber sie ließen nicht eher nach, als bis ihnen die Arme von dem Hämmern müde waren und der Schmied ihnen befahl, aufzuhören. So war des Teufels Keckheit und Vorwitz gestraft, und der Schmied ließ ihn nun frei; doch mußte er zu demselben Loche wieder hinaus, wo er hereingeschlüpft war, und wird wohl kein Verlangen nach einem zweiten Besuch beim Schmied getragen haben. Der Tod als Reisebegleiter (Knauthe [Am Urquell]) Im Anfange des 19. Jahrhunderts lebte im nahen Rudelsdorf, am Ostabhange des »Vater Zobten«, ein junger Bauernknecht namens Breuer, der sich in die Tochter eines Freistellenbesitzers im unweit gelegenen Lauterbach verliebt hatte. Zum Kirchweihfeste (St. Michael) wollten sich die beiden Leutchen auf dem Tanzboden in Lauterbach treffen, und Breuer machte sich daher am genannten Tage beim Einbruch der Dunkelheit auf. Unterwegs gesellt sich zu ihm ein feiner junger Mann und sagt, daß auch er nach Lauterbach gehen wolle, sie könnten mithin den Rest des Weges gemeinsam zurücklegen. So pilgern sie, gemütlich über dieses und jenes plaudernd, mitunter sogar scherzend, weiter, kehren auch einige Male in Gasthäusern ein. Endlich, als sie eben in die nächste Nähe ihres Reisezieles kommen, bleibt der Fremde stehen und sagt: »Ich bin der Tod und gehe heute nach Lauterbach, um mir den Kapellmeister zu holen; mach dich bereit, in einem Jahre kommst du an die Reihe!« Der Knecht hielt dies alles nur für einen Scherz und ging lachend auf den Tanzboden, wo alles sich schon flott im Kreise drehte. Mitten im Saale, an die Säule gelehnt, steht, lächelnd nach ihm hinblickend, der neue »Freund«, für niemanden außer dem Breuer sichtbar, niemand bemerkt ihn, viele tanzen ihn an, einer sogar mitten durch den Fremden hindurch. Und nun wird es unserem Knechte klar, daß er wirklich mit einem überirdischen Wesen gegangen sei. In einem Weilchen geht der Tod auf den Kapellmeister los und versetzt ihm einen Backenstreich. Wimmernd fällt dieser zu Boden, zuckt einige Male und ist verschieden. Jener aber geht dicht am Breuer vorbei und sagt nochmals: »Mach dich bereit, übers Jahr hole ich dich!« Und so kam es auch. Gottschee (Brüder Grimm) In der unterkrainischen Stadt Gottschee wohnen Deutsche, die sich in Sprache, Tracht und Sitten sehr von den andern Krainern unterscheiden. Nahe dabei liegt eine alte, denselben Namen tragende und dem Fürsten Auersperg gehörende Burg, von der die umwohnenden Leute mancherlei Dinge erzählen. Noch jetzt wohnt ein Jägersmann mit seinen Hausleuten in dem bewohnbaren Teil der verfallenen Burg, und dessen Vorfahren einem soll einmal ganz besonders mit den da hausenden Geistern folgendes begegnet sein: Die Frau dieses Jägers war in die Stadt hinuntergegangen, er selbst, von Schläfrigkeit befallen, hatte sich unter eine Eiche vor dem Schloß gestreckt. Plötzlich sah er den ältesten seiner beiden Knaben, die er schlafend im Haus verlassen, auf sich zukommen, wie als wenn er geführt würde. Zwar keinen Führer erblickte er, aber das fünfjährige Kind hielt die Linke stets in der Richtung, als ob es von jemandem daran gefaßt wäre. Mit schnellen Schritten eilte es vorbei und einem jähen Abgrund zu. Erschrocken sprang der Vater auf, sein Kind zu retten willens, faßte es rasch und mühte sich, die linke Hand von dem unsichtbaren Führer loszumachen. Mit nicht geringer Anstrengung bewerkstelligte er das zuletzt und riß die Hand des Kindes los aus einer andern, die der Jäger nicht sah, aber eiskalt zu sein fühlte. Das Kind war übrigens unerschrocken und erzählte, wie ein alter Mann gekommen sei mit langem Bart, roten Augen, mit schwarzen Kleidern angetan und ein ledernes Käppchen auf, habe sich freundlich angestellt und ihm viele schöne Sachen versprochen, wenn es mit ihm gehen wolle, darauf sei es ihm an der Hand gefolgt. Abends desselben Tages hörte der Jäger sich bei seinem Namen rufen; als er die Tür aufmachte, stand der nämliche Alte draußen und winkte. Der Jäger folgte und wurde an denselben Abgrund geleitet. Der Felsen tat sich auf, sie stiegen eine Steintreppe ab. Unterwegs begegnete ihnen eine Schlange, nachher gelangten sie in eine immer heller werdende Gruft. Sieben Greise mit kahlen Häuptern in tiefem Schweigen saßen in einem länglichen Räume. Weiter ging der Jäger durch einen engen Gang in ein kleines Gewölbe, wo er einen kleinen Sarg stehen sah, dann in ein größeres, wo ihm der Greis 28 große Särge zeigte; in den Särgen lagen Leichname beiderlei Geschlechts. Unter den Verblichenen fand er einige bekannte Gesichter, wovon er sich jedoch nicht zu erinnern wußte, wo sie ihm vorgekommen waren. Nach diesem wurde der Jäger in einen hellerleuchteten Saal geführt, worin 38 Menschen saßen, worunter vier sehr junge Frauen, und ein Fest begingen. Allein alle waren totenblaß, und keiner sprach ein Wort. Durch eine rote Tür führte der Alte den Jäger zu einer Reihe altfränkisch gekleideter Leute, deren verschiedene der Jäger auch zu erkennen meinte; der Greis küßte den ersten und den letzten. Nunmehr beschwor der Jäger den Führer, ihm zu sagen, wer diese alle seien, und ob ein Lebendiger ihnen die noch entbehrte Ruhe wiedergeben könne. »Lauter Bewohner dieses Schlosses sind es,« versetzte hohlstimmig der Alte, »die weitere Bewandtnis kannst du aber jetzt noch nicht erfahren, sondern wohl demnächst einmal.« Nach diesen Worten wurde der Jäger sanft hinausgeschoben und merkte, daß er in einem naßfeuchten Gewölbe war. Er fand eine alte, verfallene Treppe, und diese in die Höhe steigend, gelangte er in einen etwas weiteren Raum, von wo aus er durch ein kleines Loch vergnügt den Himmel und die Sterne erblickte. Ein starkes Seil, woran er stieß, und das Rauschen des Wassers ließ ihn mutmaßen, er befinde sich auf dem Grunde einer hinter dem Schlosse befindlichen Zisterne, von wo aus man das Wasser mittels eines Rades hinaufwand. Allein unglücklicherweise kam niemand in drei ganzen Tagen zum Brunnen, erst am Abend des vierten ging des Jägers Frau hin, die sehr staunte, als sie in dem schweren Eimer ihren totgeglaubten Mann herauszog. Die Verheißung des alten Wegweisers blieb indessen unerfüllt; doch erfuhr der Jäger, daß er ihn in dem Vorgeben, diese Geister seien die alten Schloßbewohner, nicht belogen hätte. Denn als er einige Zeit darauf in dem fürstlichen Saal die Bilder der Ahnen betrachtete, erkannte er in ihren Gesichtszügen die in der Höhle gesehenen Leute und Leichen wieder. Jungfer Eli (Brüder Grimm) Vor hundert und mehr Jahren lebte in dem münsterischen Stift Frekenhorst eine Äbtissin, eine sehr fromme Frau, bei dieser diente eine Haushälterin, Jungfer Eli genannt, die war bös und geizig, und wenn arme Leute kamen, ein Almosen zu bitten, trieb sie sie mit einer Peitsche fort und band die kleine Glocke vor der Tür fest, daß die Armen nicht läuten konnten. Endlich ward Jungfer Eli todkrank, man rief den Pfarrer, sie zum Tode vorzubereiten, und als der durch der Äbtissin Baumgarten ging, sah er Jungfer Eli in ihrem grünen Hütchen mit weißen Federn auf dem Apfelbaum sitzen, wie er aber ins Haus kam, lag sie auch wieder in ihrem Bette und war böse und gottlos wie immer, wollte nichts von Besserung hören, sondern drehte sich um nach der Wand, wenn ihr der Pfarrer zureden wollte, und so verschied sie. Sobald sie die Augen schloß, zersprang die Glocke, und bald darauf fing sie an, in der Abtei zu spuken. Als eines Tags die Mägde in der Küche saßen und Vizebohnen schnitten, fuhr sie mit Gebraus zwischen ihnen her, gerade wie sie sonst leibte und lebte und rief: »Schniet ju nich in de Finger, schniet ju nich in de Finger!« und gingen die Mägde zur Milch, so saß Jungfer Eli auf dem Stege und wollte sie nicht vorbeilassen, wenn sie aber riefen: »In Gottes Namen gah wieder her«, mußte sie weichen, und dann lief sie hinterher, zeigte ihnen eine schöne Torte und sprach: »Tart! Tart!«, wollten sie die nun nicht nehmen, so warf sie die Torte mit höllischem Gelächter auf die Erde, und da war's ein Kuhfladen. Auch die Knechte sahen sie, wenn sie Holz haueten, da flog sie immer von einem Baumzweig im Wald zum andern. Nachts polterte sie im Hause herum, warf Töpfe und Schüsseln durcheinander und störte die Leute aus dem Schlaf. Endlich erschien sie auch der Äbtissin selbst auf dem Wege nach Warendorf, hielt die Pferde an und wollte in den Wagen hinein, die Äbtissin aber sprach: »Ich hab nichts zu schaffen mit dir, hast du Übel getan, so ist's nicht mein Wille gewesen.« Jungfer Eli wollte sich aber nicht abweisen lassen. Da warf die Äbtissin einen Handschuh aus dem Wagen und befahl ihr, den wieder aufzuheben, und während sie sich bückte, trieb die Äbtissin den Fuhrmann an und sprach: »Fahr zu, so schnell du kannst, und wenn auch die Pferde drüber zugrunde gehen!« So jagte der Fuhrmann, und sie kamen glücklich nach Warendorf. Die Äbtissin endlich, des vielen Lärmens überdrüssig, berief alle Geistlichen der ganzen Gegend, die sollten Jungfer Eli verbannen. Die Geistlichen versammelten sich auf dem Herrenchor und fingen an, das Gespenst zu zitieren, allein sie wollte nicht erscheinen, und eine Stimme rief: »He kickt, he kickt!« Da sprach die Geistlichkeit: »Hier muß jemand in der Kirche verborgen sein, der zulauscht«; suchten und fanden einen kleinen Knaben, der sich aus Neugierde drin versteckt hatte. Sobald der Knabe hinausgejagt war, erschien Jungfer Eli und ward in die Davert verbannt. Die Davert ist aber ein Wald im Münsterschen, wo Geister umgehen und wohin alle Gespenster verwiesen werden. Alle Jahr einmal fährt nun doch, wie die Sage geht, Jungfer Eli über die Abtei zu Frekenhorst mit schrecklichem Gebraus und schlägt einige Fensterscheiben ein oder dergleichen, und alle vier Hochzeiten kommt sie einen Hahnenschrei näher. Der Buttermilchturm (Brüder Grimm) Vom Buttermilchturm zu Marienburg in Preußen wird erzählt, einstmal habe der Deutschmeister auf einem nahegelegenen Dorfe etwas Buttermilch für sich fordern lassen. Allein die Bauern spotteten seines Boten und sandten tags drauf zwei Männer in die Burg, die brachten ein ganzes Faß voll Buttermilch getragen. Erzürnt sperrte der Deutschmeister die beiden Bauern in einen Turm und zwang sie, solang' drin zu bleiben, bis sie die Milch sämtlich aus dem Faß gegessen hätten. Seitdem hat der Burgturm den Namen. Andere aber berichten folgendes: Die Einwohner eines benachbarten Dorfes mußten bis zu dem Bauplatz einen Weg mit Mariengroschen legen und so viel Buttermilch herbeischaffen, als zur Bereitung des Kalks, statt Wassers, nötig war, und mit diesem Mörtel wurde hernach der Turm aufgemauert. Nach Fürst: Die Bauern von Großlichtenau waren so gottlos, daß sie eine Sau ins Bett legten und den Pfaffen des Ortes, dem Kranken die letzte Ölung zu geben, rufen ließen. Zur Strafe dieser Leichtfertigkeit wurde ihnen befohlen, auf ihre Kosten den Turm aufzuführen und den Kalk dazu mit Buttermilch anzumachen. Die letzte Saat (Ludwig Bechstein) Bei Mülheim, nahe dem Rhein, lag vorzeiten ein Kloster namens Dünnwald. Das war in Streit geraten über hundert Morgen Ackerlandes mit einem nachbarlichen Edeln, Junker Hall von Schleebusch. Das Kloster wie der Junker sprachen das große Grundstück als Eigentum an. Zwar hatte es der Junker im Besitz, aber alle Nutzung verzehrten die Kosten des vor Gericht geführten Rechtsstreites. Da bot endlich der Junter Hall von Schleebusch den frommen Vätern des Klosters Dünnwald gütlichen Vergleich an und sprach zu ihnen: »Fromme Väter, ich bin des langen Haders müde, der uns beiderseits nicht frommt. Die hundert Morgen sollen fürder und künftig für alle Zeiten des Klosters eigen sein; nur eins bedinge ich: noch einmal eine, und zwar die letzte Aussaat. Ist die zur Ernte reif und eingebracht, so begebe ich mich jedes Anspruchs auf die hundert Morgen.« – »Der Himmel stärke Euch, edler Junker, in solch frommem Entschluß,« sprach der Abt; »doch seid Ihr wohl so gnädig, uns dieses versprechen schriftlich zu geben!« Darauf wurde ein Brief auf Pergament doppelt geschrieben und ausgefertigt, und der Junker hing sein Siegel in Wachs daran und der Abt des Klosters das seine, und das große Konventsiegel kam auch noch hinzu und das des Priors und noch zwölf Siegel erbetener ritterlicher Zeugen, und es war ein sehr schöner Brief, diese Schenkungsurkunde auf ewige Zeiten nach der Ernte der letzten Aussaat, die noch des Junkers sein sollte. Junker Hall von Schleebusch ließ nun seinen Acker bestellen und die hundert Morgen besäen. Das geschah im Herbst, und im Frühjahr ging die Saat auf, wollte aber gar nicht recht in die Höhe schießen wie andere Saat. Da nun das Fest der Hagelfeier kam, wo man mit Prozessionen und Fahnen die Felder umgeht und für sie betet, da sahen die Mönche nach der Saat auf dem künftigen Klostererbe. Aber was sahen sie? – Eine Saat von Eicheln. »Betrug! Betrug!« schrien Abt und Prior und Konvent. Aber es half nichts; denn im Briefe stand: »Unde bewilligen ihme deme edeln junkherrn Hall vom Sleehenbosche die letzte Ussaat sinder widerrede und sinder alle geferde usw.« Lange noch freute Junker Hall von Schleebusch sich seines schönen, herrlich gedeihenden jungen Eichenwaldes. Er jagte noch Hasen und Hühner darin. Die Bäume wuchsen, und Abt und Prior und der ganze damalige Konvent gingen einer nach dem andern zur ewigen Ruhe. Und immer noch wuchsen die Eichen, und der schöne Brief wurde grau, und die Siegel wurden voll Staub, und es dachte niemand mehr an ihn. Und immer noch wuchsen Eichen, und das Kloster versank in Schutt und Trümmer, und das neue Geschlecht, das gekommen war, konnte die Schrift des alten Briefes nicht mehr lesen. Die Schwarzenbörner bewirten den Landgrafen (Hessisches Jahrbuch 1854 [K. Wehrhan]) Einmal saß der hochweise Rat von Schwarzenborn beisammen, um über das Wohl der Stadt zu beratschlagen, als ein milchbärtiges Junkerlein die Straße heraufgaloppiert kam, vor dem Rathause hielt und sagte, er sollte einem ehrsamen Rat vermelden, daß sein Herr, der Landgraf, in der Nähe auf der Jagd wäre und in der getreuen Stadt Schwarzenborn einen Imbiß einzunehmen gedenke. Darob war der Bürgermeister sehr erfreut, teilte den übrigen Ratsherren die Kunde mit und beschloß mit ihnen, den Landgrafen im großen Rathaussaale zu bewirten. Zwölf Schüsseln mit mancherlei Braten, jungem Gemüse und süßen Kuchen wurden in aller Eile bereitet: jeder Ratsherr sollte dem Landgrafen eine davon darbringen. Als nun wirklich der Fürst mit seinen Hofedelleuten erschien und an der Tafel Platz genommen hatte, da fragten die Ratsherren den Bürgermeister: »Wie sollen wir's machen?« Und der Bürgermeister antwortete: »Ich gehe mit der ersten Schüssel voran; sehet nur auf mich, wie ich es mache, so macht ihr es alle!« Also nahm er die Schüssel und schritt voran. In der Tür des Saales aber stolperte er über die Schwelle und ließ die Schüssel fallen, der Hintermann stolperte vorschriftsmäßig nach und warf seine Schüssel zu der ersten; der dritte stolperte und so fort, bis alle zwölf hereingestolpert waren und ein Berg von Speisen und zerbrochenen Schüsseln schier die Tür versperrte. Fast hätte den Bürgermeister der Schlag gerührt, und seine Ratsherren waren schon in Sorgen, daß sie ihm auch das nachmachen müßten. Der Landgraf aber hatte lachend zugesehen und sagte: »Wir haben zwar samt und sonders leere Mägen, und diese schmackhaften Gerichte würden uns wohlgetan haben; doch denke ich, daß meine guten Bürger von Schwarzenborn noch etwas anderes bieten können, unseren Hunger zu stillen.« ???die ehrsamen Väter der Stadt steckten nun die Köpfe zusammen und fragten einer den andern: »Was sollen wir tun?« Da half ihnen der Landgraf aus der Not, indem er sagte: »Wir haben nun euren guten Willen gesehen, da wir aber sehr hungrig sind, so gebt uns denn, was ihr habt, und sollte es am Ende nur ein halbes Viertel Käse sein.« Die Ratsherren eilten von dannen, nahmen jeder einen Korb und gingen von Haus zu Haus, um Käse einzusammeln. Nach Verlauf einer halben Stunde erschien der Bürgermeister wieder vor dem Landgrafen, schlug sich zerknirscht auf die Brust und sagte, sie hätten allen Käse, der in der Stadt Schwarzendorn zu finden wäre, zusammengebracht, aber es wäre ihnen unmöglich, die gewünschte Menge herbeizuschaffen. Als der Landgraf den betrübten Bürgermeister tröstend ermunterte, das zu bringen, was sie gefunden hätten, schafften die Ratsherren sieben und eine halbe Metze Käse herein. Sie hatten nämlich nach Fruchtmaß gerechnet, wobei sechzehn Metzen auf ein hessisches Viertel gehen. Da der Landgraf sich nun mit einem halben viertel Käse begnügen wollte, so glaubten sie, daß acht Metzen darunter verstanden wären. Der Scharfrichter als Heilkünstler (Nach O. Monke) Die Scharfrichter haben allezeit den Ärzten ins Handwerk gepfuscht; aber zur Zeit Joachims I. hat einmal der Scharfrichter von Berlin eine ganz absonderliche Kur angewandt. Da lagen einst am Gründonnerstag drei Bettler vor der Klosterkirche der Schwarzen Brüder gegenüber dem Schloß, taten gar jämmerlich, als hätten sie die Krämpfe, und lahm stellten sie sich auch. Meister Hans, der Scharfrichter, hatte aber die Leute genau angesehen und bemerkt, daß der Schaum vor ihrem Munde eitel Seifenschaum war. Er fragte den Kurfürsten, ob er die drei wohl gesund machen dürfe. Als der's nun erlaubte, zog er eine Knotenpeitsche unter dem Wams hervor und schlug so unbarmherzig auf die armen Krüppel los, daß eine Staubwolke aus ihren Kitteln aufstieg. Da haben dann die Krüppel schnell ihre Messer gezogen, aber nicht, um sich zu wehren, sondern um die Stricke zu zerschneiden, mit denen sie die Beine unter dem Leibe zusammengebunden, sind aufgesprungen und schnell über die lange Brücke bis ans Georgentor gelaufen. Meister Hans aber hat ihnen bis dahin das Geleit gegeben, und seine Knotenpeitsche hat die Musik dazu gepfiffen. Das Haus mit den 99 Schafsköpfen (W. Schwartz) Am Alexanderplatz steht zwischen der König- und Landsberger Straße das Haus mit den 99 Schafsköpfen; es ist auch noch durch einen goldenen Hirsch, der an seiner Vorderwand angebracht ist, weithin kenntlich. Friedrich der Große hat dies Haus, wie so manche in Berlin und Potsdam, erbauen lassen. Der Mann, dem er es baute, soll aber ein unverschämter Gesell gewesen sein und den König stets mit neuen Bitten belästigt haben. Bald wollte er noch dies, bald das an dem Hause gemacht haben. Schließlich quälte er den König noch damit, daß er gern allerhand »Verzierungen« angebracht haben wollte. Der König hieß ihn gehen, indem er sagte, er werde schon für passende sorgen; er gab nun dem Baumeister den Befehl, 99 Schafsköpfe an der Vorderseite des Hauses anzubringen. Als dies geschehen war, kam der Mann bestürzt zum König gelaufen; der aber fertigte ihn mit der Bemerkung ab, er habe ja »Verzierungen« gewollt; daß sie nicht nach seinem Geschmack wären, dafür könne er nicht, und wenn die 99 Köpfe ihm noch nicht genug wärm, so solle er sich selbst noch ins Fenster legen, dann wäre das Hundert voll. Die Grüninger Eierfrau (H. Hepding [Hess. Bl. F. Volksk.]) Ihr Mann hatte sich lange totgesoffen. Da sagte die Nachbarin: »Was drückst du dich so allein da herum? Schaff' dir wieder einen Mann an!« Und da sagte sie: »Was brauche ich einen Mann, ich kaufe mir Hühner!« Und sie kaufte sich Hühner und trug Sonntags die Eier nach Gießen. Da begegnete ihr die Nachbarin und fragte: »Was habt Ihr denn da in Euerm Korb?« »Ei, Eier.« »No, wieviel sind es denn?« »Wenn du es errätst, kriegst du alle zwanzig!« Sie erzählte ihr auch, daß sie noch junge Hühner ziehen wollte. Da sagte ihr die Nachbarin: »Da mußt du dir auch 'n Gickel kaufen.« Da sagte die Frau: »Was brauch' ich 'n Gickel, meine Hühner können die Eier allein legen.« Sie legte ihrer Glucke Eier unter und kriegte wirklich Hinkelchen. Warum? Ihre Hühner legten morgens ihre Eier, und mittags gingen sie mit Nachbars Gickel spazieren. Einmal kam ein Hühnerhabicht und holte ein Hinkelchen. Sie rief ihm nach: »Was brauchst du so zu kreische, der läßt dich nicht fahren!« Da stellte ihr der Nachbar eine Falle in den Hof, und wirklich fing sich der Habicht. Die Falle schlug ihm die Beine ab, und wie er da wegflog, rief sie ihm nach: »Flieg' du nur fort, beim Setzen wird sich's weisen.« Nachweis der Quellen Engelien-Lahn, Der Volksmund in der Mark. Grabinski, Die Sagen, der Aberglaube und abergläubische Sitten in Schlesien. J. Grässe, Sagenschatz des preußischen Staates. Brüder Grimm, Die deutschen Sagen. A. Haas, Pommersche Sagen, Hermann Eichblatt Verlag, Leipzig-Gohlis. Handtmann, Neue Sagen aus der Mark. " Was auf märkischer Heide sprießt. A. Kuhn, Märkische Sagen. R. Kühnau, Sagen aus Schlesien, Hermann Eichblatt Verlag, Leipzig-Gohlis. Kunzendorf, Sagen der Provinz Brandenburg. J. Künzig, Badische Sagen, Hermann Eichblatt Verlag, Leipzig-Gohlis. H. Lohre, Märkische Sagen, Hermann Eichblatt Verlag, Leipzig-Gohlis. Otto Monke, Berliner Sagen und Erinnerungen. v. Schulenburg, Wendische Volkssagen. W. Schwartz, Sagen der Mark Brandenburg. Temme, Die Volkssagen der Altmark. Karl Wehrhan, Sagen aus Hessen und Nassau, Hermann Eichblatt Verlag, Leipzig-Gohlis. Fr. Worm, Mönchg. Spaukgeschichten. Aus Schaffsteins Blauen Bändchen Nr. 53 »Von Nixen und Kobolden und andern Geistern«, von Paul Zaunert, Verlag Hermann Schaffstein, Köln a. Rh. Desgl. Nr. 23 »Rheinsagen« von Ludwig Bechstein. Ferner sind Sagen einer Reihe von Heften, Zeitschriften und Zeitungen entnommen.