Die weinende Kerze Helmut Wördemann Es war einmal eine brennende Kerze, die weinte dicke Tränen, weil sie immer kleiner wurde. »Was willst du,« schalt ihre Nachbarin, »willst du lieber tot sein und ewig in der Schublade liegen, oder willst du lieber als farbige Flamme in den Kerzenhimmel kommen?« Da schwieg die traurige Kerze, wackelte nachdenklich mit ihrer Flamme und nickte dann strahlend zu ihrer Nachbarin hinüber: »Ja,« hauchte sie heiß, »du hast recht, lieber will ich glühend sterben als kalt verschimmeln.« Sie weinte zwar weiter, doch am Glanz der Tropfen konnte man erkennen, dass es Freudentränen waren.