Hanns Reska Die Todesfahrt der »Advance« im ewigen Eise E. K. Kane's berühmte Nordpolexpedition Mit einem Porträt und 58 Textbildern Inhalt Vorwort Dem eisigen Norden entgegen Glückliche Fahrt Ins Eis verschlagen Die verlorene Hoffnung Die Winternacht kommt Not und Krankheit Besuch von Eskimos Zwischen Tod und Leben Dr. Hayes Expedition Eine Bärenjagd Die Expedition trennt sich Unsere Freunde – die Eskimos Die Rückkehr der Abtrünnigen Not und Verzweiflung Letzter Versuch Wir verlassen das Schiff Abschied von den Eskimos Heimkehr Müdemannsruh Nachwort Vorwort In die Tafeln der Geschichte der Nordpolexpeditionen ist der Name John Franklin mit goldenen Lettern eingezeichnet. Es war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als man immer und immer wieder den Versuch unternahm, die berühmte nordwestliche Durchfahrt zu finden. Da durfte auch Sir John Franklin nicht fehlen – der kühne Engländer, den ein abenteuerliches Leben kreuz und quer über den Erdball getrieben hatte, um ihm schließlich in den wüsten Einöden des ewigen Eises sein Grab zu bereiten. Zur Aufsuchung der nordwestlichen Durchfahrt segelten unter Franklins Leitung am 19. Mai 1845 die beiden englischen Schiffe »Erebus« und »Terror« ab und wurden am 26. Juli in der Melville-Bai unter 77° nördl. Breite und 66° 13' westl. Länge von Greenwich zum letzten Male gesehen. Seit dieser Zeit fehlten alle Nachrichten. Das rätselhafte Verschwinden Sir John Franklins und seiner Gefährten begann bald die ganze gebildete Welt zu interessieren und überall Hilfsbereitschaft wachzurufen. Seit 1848 wurden von der englischen Regierung, von der Gattin Franklins und dem amerikanischen Kaufmann Grinnell wiederholt Expeditionen ausgerüstet, um teils von der Baffinsbai, teils von der Beringstraße aus nach den Verschollenen zu suchen. Alle Versuche schlugen fehl. Franklin war durch den Lancastersund gegangen, dann nordwärts durch den Wellingtonkanal um die Insel Cornwall gesegelt, hatte das Prinz-Wales-Land umkreist, worauf seine Schiffe vor der Nordspitze von King-Williams-Land (70° nördl. Breite) im Eise festgehalten wurden. Aussagen von Eskimos gaben 1854 die ersten Andeutungen von dem tragischen Schicksal der Expedition. 1859 entdeckte Mac Clintock Ueberbleibsel und schriftliche Nachrichten, aus denen man endlich die Gewißheit erlangte, daß Franklin nach Ueberstehung eines zweiten Winters am 11. Juni 1847 gestorben war. Seine Gefährten, 105 Mann, verließen unter den Kapitänen Crozier und Fitzjames am 22. April 1848 die Schiffe. Bis dahin waren trotz dreimaliger Ueberwinterung erst 9 Offiziere und 15 Mann gestorben. Bei ihrem verzweifelten Versuch, das Festland und die Stationen der Hudsonbai-Compagnie zu erreichen, sind sie sämtlich durch Hunger und Kälte umgekommen. In London wurde Franklin ein Bronzestandbild errichtet. Von den zu seiner vergeblichen Rettung unternommenen Versuchen gilt die zweite Grinnell-Expedition als die berühmteste. Sie stand unter dem Kommando des Dr. Elisha Kent Kane, der 1820 zu Philadelphia geboren war. Von seinen 37 Lebensjahren verbrachte Dr. Kane nicht weniger als 20 auf Entdeckungs- und Forschungsreisen in allen Längen- und Breitengraden. Nach seiner Schulzeit und den Studienjahren auf den Universitäten Virginiens und Pennsylvaniens machte er 1843 sein medizinisches Doktorexamen und erhielt bald darauf eine Anstellung als Arzt bei der diplomatischen Expedition nach China. Diese Gelegenheit benutzte er, um die Philippinen zu durchstreifen und zu erforschen. Sein Begleiter, der preußische Baron Loe, brach unter den Anstrengungen zusammen und starb auf Java. Dr. Kane kehrte gesund und mit reicher wissenschaftlicher Ausbeute heim. Besonders hatte er die vulkanischen Gegenden Albaifs und Sombaras durchforscht und war der Erste, der den Krater des Hallvulkans erstieg. Doch er bestieg ihn nicht nur, sondern ließ sich auch an einem Bambusseil von einer überhängenden Klippe über hundert Fuß tief hinab und kletterte dann durch Asche- und Lavalabyrinthe noch sechshundert Fuß tiefer. Besinnungslos wurde er heraufgewunden, brachte aber alles mit, was er in dieser grauenhaften Unterwelt gesammelt – sogar eine Flasche mit Luft! Er erinnerte sich alles Gesehenen so genau, daß er eine topographische Skizze davon entwerfen konnte. Diese tollkühne Art von Naturforschung brachte ihn in Ruf, und alle Naturforscher begrüßten ihn als den ihrigen. Es folgten Reisen nach Indien, Aegypten, Ceylon. In unermüdlichem und unerschrockenem Vorwärtsdrang erreichte er häufig Punkte, die vorher noch niemand mit wissenschaftlichen Augen angesehen hatte. Ein Wüstensturm beraubte ihn leider der ganzen schriftlichen Ausbeute mehrjähriger rastloser Tätigkeit. Auf einer anderen Expedition bereiste er die Westküste von Afrika, die damalige Region des Sklavenhandels, bis das gefährliche Bodenfieber der heißen Zone ihn an den Rand des Grabes brachte. Später begleitete er die amerikanische Armee nach Mexiko, wo er selbst verwundet wurde. Ungeachtet der Kriegsläufte durchforschte er das Land und vermaß den Vulkan Popokatepetl zum ersten Male genau. Nach dem Frieden war er bald als Küsteningenieur im Golf von Mexiko wieder tätig. Hier erreichte ihn der Antrag, die erste Grinnell- Expedition als Oberarzt zu begleiten, die im Mai 1850 auszog und im Oktober 1851 – mit dem gleichen Mißerfolge wie alle anderen Versuche zur Rettung Franklins und seiner Gefährten – wieder heimkehrte. Ohne sich durch die ausgestandenen Gefahren und die Anstrengungen dieser ersten Reise abhalten zu lassen, erbot sich Kane sofort nach seiner Rückkehr, einen abermaligen Versuch zur Auffindung der Verschollenen zu machen. Teils auf seine eigenen Kosten, teils unter finanzieller Mithilfe des Herrn Grinnell und anderer Personen und Institute kam das Unternehmen zustande. Dieselbe Brigg »Advance«, die Dr. Kane auf seiner ersten Reise getragen, kam jetzt unter seinen Befehl. Nun durfte er nach Maßgabe seiner Kräfte seine Lieblingsidee verwirklichen: daß man nach den Verlorenen geradezu im Norden suchen und an Grönland vorbei soweit als irgend möglich gegen den Pol vorstoßen mußte. Am 30. Mai 1853 ging die »Advance« in See. Dr. Kane ist weiter vorgedrungen, als man füglich hätte erwarten dürfen. Zwar fand auch er keine Spur von Franklin, doch er entschleierte gewaltige Länderstrecken des bisher noch unentdeckten Nordens und erreichte sogar das geheimnisvolle eisfreie Polarmeer, von dessen Vorhandensein man bis dahin nur in phantastischen Vermutungen gefabelt hatte. Endlich brachte er, als es für ihn nichts mehr zu tun gab, sich und seine Gefährten glücklich zurück, nachdem man bereits ihn selbst zu den Verlorenen zu zählen begonnen hatte. Dr. Kane war ohne weiteres bereit zu einer dritten Expedition und eilte nach seiner Rückkehr sogleich nach England, um hier seine Bereitwilligkeit zu erklären. Doch die unerhörten, jahrelangen Anstrengungen, die er sich körperlich zugemutet, hatten seine Gesundheit völlig untergraben. Um Genesung zu suchen, ging er nach Havanna, das er nur als Leiche wieder verließ. Der 11. März 1857 war der Tag, an dem eine großartige, aber traurige Feier der Stadt New York ihren Stempel aufdrückte: an diesem Tage trug man den Mann zu Grabe, den jedes Volk mit Stolz den Seinigen genannt hätte. Zum besseren Verständnis der nun folgenden Reisebeschreibung diene die Erklärung einiger häufig auftretender Worte und Fachausdrücke: Eisberg ist ein einzeln schwimmender riesiger Eisklumpen von mitunter phantastischen Formen und Farbenbildungen. Eisfelder erheben sich 4 – 6 Fuß aus dem Wasser und liegen oft bis zu 20 Fuß unter ihm. Diese Felder sind viele Meilen lang und breit. Oft rücken sie nur langsam vorwärts, oft treiben sie mit rapider Geschwindigkeit. Vom Mastkorbe aus lassen sie sich ihres enormen Umfanges wegen nicht übersehen. Eisflarden dagegen sind Eisfelder geringeren Umfanges. Hummocks sind Eisklumpen, die von einem Eisfelde oder einer Eisflarde getragen werden. Packeis sind Eisbarrikaden, die sich aus einzelnen Klumpen oder Schollen auftürmen. Entweder verstopfen sie ganze Meeresarme oder bieten auf freier See jedem Vordringen ein unerwartetes Halt. Dann sind sie meist unübersehbar und vereiteln jede Annäherung an etwa hinter ihnen liegende unbekannte Länder. Loses Eis sind Eismassen, die dicht nebeneinander schwimmen, durch die sich das Schiff aber einen Weg bahnen kann. Segeleis ist so klein zerstückelt, daß jedes Schiff ohne Mühe hindurchkommt. Schweres Eis geht sehr tief und ist völlig kompakt. Eiszungen ragen von einem Eisfelde oder Eisberge unter dem Wasserspiegel ins freie Wasser und bilden eine gefährliche Klippe, die bei ruhigem Wasser jedoch leicht sichtbar ist. Eisblink ist der eigentümliche Widerschein, den eine Eisfläche auf den Horizont wirft. Für den Nordpolfahrer ist der Eisblink ein deutliches Kennzeichen, daß er umzukehren hat. Wasserhimmel dagegen verheißt freie Fahrt. Man versteht unter diesem Worte eine leichte Verdunkelung der Luft, die von einer darunter liegenden Fläche freien Wassers herrührt. Dem eisigen Norden entgegen Im Dezember 1852 wurde ich vom Sekretariat der Flotte damit beauftragt, eine Expedition zur Aufsuchung Sir John Franklins nach den nordischen Gewässern zu führen. Ich hatte unter Leutnant de Haven an der Grinnellexpedition teilgenommen, welche 1850 zu demselben Zweck von den Vereinigten Staaten ausgegangen war, und mich nach meiner Rückkehr mit der Ausarbeitung eines Planes beschäftigt, wie durch eine erneute Anstrengung dem Vermißten Hilfe zu bringen oder wenigstens das Rätsel seines Schicksals zu lösen sei. Herr Grinnell hatte in seltener Freigebigkeit die Brigg »Advance«, an deren Bord ich mich bereits früher befunden, abermals zur Verfügung gestellt, Herr Peabody aus London für deren Ausrüstung reichliche Mittel gespendet. Die Geographische Gesellschaft zu New York, das Smithsonsche Institut und andere wissenschaftliche Vereine und Freunde der Wissenschaft gesellten sich hilfreich hinzu, so daß ich mich auch mit Beobachtungsmitteln besser ausgestattet sah, als es sonst möglich gewesen wäre. Zehn Mann unserer kleinen Reisegesellschaft gehörten der Flotte an und waren mir dienstlich zugewiesen; die übrigen waren lauter Freiwillige. Wir fuhren nicht unter den sonst auf amerikanischen Schiffen gültigen Vorschriften, sondern hatten unsere besonderen wohlüberlegten Regeln, die jedem vorher bekannt gemacht und in der Folge bei allen Wechselfällen der Expedition streng eingehalten wurden. Sie lauteten: l. Unbedingter Gehorsam gegen den Kommandanten oder dessen Stellvertreter. 2. Enthaltung von allen berauschenden Getränken, soweit sie nicht infolge besonderer Vorschrift gereicht werden. 3. Vermeidung der gemeinen Redeweise. Sonstige Gesetze gab es nicht ... – Bei unserer Abreise zählten wir siebzehn Köpfe; ein achtzehntes Mitglied nahmen wir einige Tage später unterwegs noch auf. Unser Schiff, die »Advance«, hatte bereits in manchem Kampf mit dem nordischen Eise die Probe bestanden; sie wurde sorgfältig untersucht, und es bedurfte nur geringer Arbeit, um sie wieder vollkommen seetüchtig zu machen. Die »Advance« war eine Brigg von 144 Tonnen, ursprünglich zum Transport schweren Gußeisens bestimmt und späterhin mit großem Geschick und vielen Kosten noch verstärkt worden; außerdem war sie ein guter Segler und führte sich leicht. Weiterhin besaßen wir neben einem metallnen vier hölzerne Rettungsboote. Unsere Ausrüstung mußte gleichfalls äußerst einfach genannt werden; denn sie bestand aus wenig mehr als einem Stapel roher Bretter, um das Schiff im Winter zu überdachen, einigen Zelten von Kautschuk und Segeltuch sowie einigen mit vieler Sorgfalt konstruierten Schlitten. Bei der Auswahl unserer Lebensmittelvorräte wurde jeder Luxus vermieden. Wir besaßen ein paar tausend Pfund gutes Preßfleisch (sogen. Pemmikan), eine Partie Fleischzwieback, etwas eingelegten Kohl und einen reichen Vorrat getrockneter Früchte und Vegetabilien. Daneben das übliche Pökelrinder- und Schweinefleisch der Kriegsflotte, Schiffszwieback und Mehl, einen sehr bescheidenen Vorrat Spirituosen und die sonstigen kleineren Erfordernisse einer Reise im hohen Norden. Einiges frisches Fleisch hoffte ich noch aufnehmen zu können, bevor wir die oberen Grönlandsküsten erreichten; auch nahm ich einige Fässer Malz und einen Brauapparat mit. Schließlich besaßen wir eine bescheidene Garderobe an wollenen Anzügen, einen reichlichen Vorrat an Messern, Nadeln und anderen Tauschartikeln, eine sorgsam ausgewählte, ziemlich umfangreiche Bibliothek und ein wertvolles Sortiment von Instrumenten für wissenschaftliche Beobachtungen. fiskernaes New York verließen wir am 30. Mai 1853 und erreichten in achtzehn Tagen St. Johns auf Neufundland, wo uns der herzlichste Empfang zuteil wurde. Der Gouverneur, die Beamten und die ganze Einwohnerschaft beeiferten sich, uns jede erdenkliche Gefälligkeit zu leisten. Hier kaufte ich einen Vorrat frisches Rindfleisch, das wir nach Seemannsart von Knochen und Sehnen befreiten, mit Bindfaden fest umwickelten und in Rollen formten, die im Takelwerk aufgehangen wurden. Nach zwei Tagen verließen wir die blühende und gastfreundliche Stadt und richteten, mit einem imposanten Zug Neufundländer Hunde an Bord, die uns der Gouverneur geschenkt hatte, unsern Kurs nach der grönländischen Küste. Ohne Zwischenfall erreichten wir die Baffinsbai. Bei Annäherung an ihre Mittellinie sondierten wir und fanden die ansehnliche Tiefe von 1900 Faden – eine interessante Tatsache, und gleichzeitig ein Beweis dafür, daß das Plateau des Meeresgrundes, das sich bekanntlich zwischen Irland und Neufundland erstreckt, weiter nördlich einsinkt. Wenige Tage später waren wir auf der Höhe der grönländischen Küste und liefen unter dem Freudengeschrei der ganzen Bevölkerung, die sich zu unserem Empfang auf dem Felsen versammelt hatte, in den Hafen von Fiskernaes ein. Ich hatte eingesehen, daß ich für unsere Hunde frisches Fleisch beschaffen mußte, das wir aber schwerlich aus unseren Vorräten abgeben konnten. Deshalb suchte ich für die Expedition einen Eskimojäger. Man empfahl mir einen neunzehnjährigen Burschen, Hans Christian, als ebenso geschickt mit dem Kajak wie mit dem Wurfspieß. Ich verpflichtete ihn für die Expedition, nachdem er eine Probe seiner Geschicklichkeit dadurch abgelegt hatte, daß er mit dem Speer einen Vogel im Fluge traf. Wenn nicht die Jagd seine Lebensgeister elektrisierte, war er ein gutmütiger Junge, so teilnahmslos und unempfänglich wie unsere Rothäute. Neben seinem sehr bescheidenen Lohne machte er für seine Mutter noch ein paar Fässer Brot und 52 Pfund Schweinefleisch aus. Und als ich dem noch eine Flinte und einen neuen Kajak hinzufügte, da besaß ich in seinen Augen den Nimbus eines sehr freigebigen Mannes. In der Folgezeit leistete er uns sehr wertvolle Dienste; denn er übte nicht nur die Funktionen eines Proviantmeisters für unsere Hunde aus, sondern auch unsere eigene Küche war mehr als einmal von seinem Eifer abhängig .... Aufgehalten von Windstillen und leichten Gegenwinden schleppten wir uns die nächsten neun Tage an der Küste entlang und erreichten erst am 10. Juli die Ansiedlung Sukkertoppen. Der Sukkertoppen (Zuckerhut) ist ein isolierter wilder Steinkegel von 3000 Fuß Höhe. Die kleine, an seinem Fuße hausende Kolonie sitzt in einem so engen und verworrenen Felsenschlunde, daß die verschiedenen Hütten durch Treppen verbunden sind. Die steigende Flut verwandelt einen Teil des Grundes zeitweilig in eine Insel. Wir kamen nach Mitternacht an. Das seltsame Licht des nordischen Sommers mahnte zu dieser Stunde an die Beleuchtung bei einer Sonnenfinsternis und übergoß alles mit grauen Tinten; den Hintergrund ausgenommen, der einer Alpenkette auf hochrot strahlendem Horizonte glich. Suppertoppen ist das Hauptdepot für Renntierfelle; die Eingeborenen befanden sich eben auf der Sommerjagd, um Felle zu sammeln. Viertausend Stück waren bereits nach Dänemark gesandt worden, und mehr noch lagen schon wieder da, von denen ich einen Vorrat der besten Qualität zu einem halben Dollar das Stück kaufte. Diese Renntierfelle werden wegen ihrer Leichtigkeit und Wärme geschätzt. Sie bilden das gewöhnliche Oberkleid für beide Geschlechter, während die Seehundsfelle zu Hosen und wasserdichten Ueberziehern verwendet werden. Auch gewalkte Seehundsstiefel oder Mokassins kaufte ich, soviele ich an mich bringen konnte; denn sie sind für Fußgänger unübertrefflich und schützen gegen Nässe sicherer als alles genähte Schuhwerk. Noch am 10. Juli gingen wir wieder in See und lavierten Nord und West einem steifen Winde in die Zähne. Glückliche Fahrt Die untere und mittlere Küste Grönlands ist so viel besucht und beschrieben worden, daß ich mich dabei nicht aufhalten will. Seit unserer Abfahrt von Sukkertoppen erlitten wir den üblichen Aufenthalt durch Nebel und Gegenströmungen, so daß wir erst gegen den 27. Juli in die Nähe der Melvillebai kamen. Am 17. wurden wir auf Proven von meinem alten Freunde, dem Oberinspektor Christiansen, bewillkommnet, den ich mit seiner Familie noch so wohlauf fand, als ich ihn vor drei Jahren verlassen hatte. Während unsere Brigg, halb segelnd, halb treibend, die Küste entlang zog, ging ich an Land, um in den verschiedenen Eskimoniederlassungen Hunde zu kaufen. Nachdem wir zu Uppernavik ein paar Tage lang die Gastfreundschaft des Gouverneurs Fleischer genossen hatten, fuhren wir weiter. Nicht weit von dieser Station hörten auch die Hütten der Eskimos auf. Früher besaßen diese Leute Sommeransiedlungen bis in die Melvillebai hinauf; im Jahre 1816 aber wurden sie von den Blattern so stark dezimiert, daß man sie auf Uppernavik beschränken konnte. Weitere Ausflüge nordwärts unternehmen sie jetzt nur noch gelegentlich, um Bären zu jagen oder Daunen und Eier zu sammeln. Treibende Eisberge Von jetzt an hielten wir uns etwas mehr nördlich, kamen hart an den Baffinsinseln vorbei, die ich vor drei Jahren mit Eis umpanzert, jetzt aber völlig frei fand, passierten die Enteninseln und hielten auf die Wilcoxspitze zu, hinter welcher die Melvillebai liegt. Wir machten eine schwerfällige Küstenfahrt und hatten abwechselnd Windstille und Brisen vom Lande her, bis am 27. Juli morgens in der Nähe der Einfahrt zur Melvillebai uns einer jener im Norden eigentümlichen schweren Eisnebel überfiel. Wir vermochten kaum das Deck entlang zu sehen und bemerkten dabei, daß Strömungen uns ins Ungewisse fortführten. Als die Sonne endlich den Nebel zerstreute, fanden wir die Wikorspitze hinter uns liegend. Unser kleines Schiff befand sich bereits glücklich in der Bai und trieb dem nördlich ragenden Felsen zu, welcher »der Teufelsdaumen« heißt. Die hier besonders heimischen Eisberge zeigten sich auf allen Seiten: wir waren während des Nebels mitten unter sie hineingeraten. Es kostete einen ganzen Tag Arbeit, um das Schiff durch Bugsieren mit zwei Booten vom Lande abzubringen; gegen Abend war es nicht nur gelungen, sondern ein Wind lohnte überdies noch unsere Mühe. Während wir längs der Küste trieben, hatte ich mit Befremden bemerkt, daß das Landeis bereits in Trümmer gegangen war. Dadurch drohte uns eine schwierige und von Aufenthalten verzögerte Küstenfahrt; deshalb faßte ich kurzerhand den Entschluß, nach Westen zu steuern, bis wir auf Packeis stießen, und dann einen Durchweg außen an der Melvillebai vorüber zu versuchen. Der Landeinschnitt nämlich, der diesen Namen führt, ist durch sein Kap geschützt vor den Strömungen und Eistriften, welche die Mittellinie der Baffinsbai verfolgen; an den Küsten der Bucht liegen ausgedehnte Gletscher, die fortwährend Eisberge imposantesten Umfanges abstoßen. Da sich der bedeutendste Teil dieser Eismassen unter Wasser befindet, außerdem in der Tiefe häufig andere Strömungen als auf der Oberfläche des Wassers sich geltend machen, so verfolgen sie nicht selten eine andere Rückwirkung als die umgebenden Schollen und Felder, welche dadurch auseinandergerissen und eine Zeitlang von dem Zusammenfrieren abgehalten werden. Im Winter ist die Melvillebai in ihrer ganzen Ausdehnung ein einziges Eisfeld und verharrt auch nach Rückkehr des Sommers – wenn draußen schon alles in Bewegung ist – noch lange in starrer Reglosigkeit. Stück um Stück bricht die Decke beim Fortschreiten der wärmeren Jahreszeit endlich auseinander. Doch häufig erhält sich ein fester Eisrand am inneren Bogen den ganzen Sommer lang. Dies ist das Festeis der Walfischjäger; für ihr Vorwärtskommen während der ersten Hälfte der wärmeren Jahreszeit ungemein wichtig. Denn längs des festen Randes finden sie in der Regel Raum genug, um ihre Schiffe zu schleppen, nicht selten sogar Gelegenheit zum Segeln, sofern der Landwind das schwimmende Eis von der Küste abdrückt. Dieser Gewohnheit der Walfischjäger zu folgen, verhinderte uns diesmal der bröcklige und verrottete Zustand der Eisfelder, der eine Folge des vorhergegangenen milden Sommers und Winters war. Dieser Umstand eben war ausschlaggebend für meinen Entschluß, westwärts bis an das Packeis zu gehen, seinem Rande in nördlicher Richtung auf Kap York zu folgen und so allem vor uns befindlichen Treibeis auszuweichen. Nach mancherlei harter Arbeit und der ernstlichen Gefahr, von den Eisflarden eingeschlossen zu werden, konnte ich meinen Plan durchführen. Diese letztere Schwierigkeit bekämpften wir einfach dadurch, daß wir unser Schiff an gewaltigen Eisbergen verankerten, die es uns dann tatsächlich ermöglichten, unseren Kurs zu halten – so scharf auch das Treibeis südwärts drängte. Vier Tage einer aufregenden Fahrt brachten uns an den Rand der ausgedehnten Packeisfelder; ein günstiger Nordwest gestattete uns, durch sie hindurch zu kommen. Und wir lagen jetzt im sogenannten Nordwasser . Zusammenstürzender Eisberg Hier bringe ich aus dem Schiffs-Tagebuche Einzelheiten, die sich auf diese Fahrt beziehen. Am 27. Juli schrieb ich: Wir haben die vom Packeis zurückgeworfenen Strömungen hinter uns und dringen in ziemlich freiem Wasser, nach Nord und Ost lavierend, gegen Kap York vor. 29. Juli: Wir erreichten loses, zerriebenes Eis – Wasserhimmel in Nord. Drangen in das Eis ein oberhalb oder nahe der Sabineninsel, um das nordöstliche Landeis zu suchen. Frische Brise vom Lande, die die Eisflarden zerbricht und herantreibt, jeden Wasserstreifen schnell wieder schließend. Aus Furcht vor einer Einsperrung beschloß ich, das Schiff an einem Eisberg festzulegen. Nach achtstündigem schweren Bugsieren, Winden und Eisankerschlagen war es glücklich geschafft. Kaum aber hatten wir ein wenig verschnauft, als es über uns zu prasseln begann und Eisstückchen, nicht größer als Walnüsse, im Herabfallen das Wasser kräuselten; wie die ersten Tropfen eines Sommerregens. Diese Anzeichen waren nicht mißzuverstehen. Und kaum fanden wir noch Zeit, das Ankertau zu kappen, als die Vorderseite des Berges mit krachendem Bersten zusammenstürzte. Unsere Lage war kritisch genug gewesen, da gleichzeitig ein frischer Wind vom Lande her blies und die eingeklemmten Eisflarden schnell dahintrieben. Wir mußten etwa 360 Klafter Walfischtau im Stich lassen und hatten eine harte Nacht voll Arbeit im Boot. 30. Juli: Wieder an der Längsseite eines Eisberges festgelegt. Der Nebel ist so dicht, daß man keine Viertelstunde weit sehen kann. Gelegentliche Durchblicke lassen kein brauchbares Fahrwasser erkennen. Schroffes, wildes Land im Nordost. Nachmittags zwei leibhaftige Bären gesehen und geschossen. Wir warten auf sichtigeres Wetter. 31. Juli: Unser freier Wasserfleck füllt sich immer mehr mit losem Eis aus Süden. Ich mache eine Rundfahrt im Boot, um einen besseren Liegeplatz für das Schiff zu finden. Nach fünfstündigem Winden ankerten wir glücklich an einem andern Eisberge, ganz nahe am offenen Wasser; die nächste Gelegenheit, hoffe ich, wird uns frei machen. Eine Stunde, nachdem wir unsern vorigen Liegeplatz verlassen, hat sich dort das Packeis zusammengehäuft. Jetzt liegen wir fest an einem niedrigen und sicheren Eisberge, nur zwei (englische) Meilen von der offenen See, die sich durch die Einwirkung der Südwinde schnell gegen uns zu verbreitert. Wir hatten schwere Arbeit damit, diesen Schutzort zu erreichen, den die Walfischjäger ein »offenes Loch« nennen. Denn wir gerieten zwischen zwei Eisberge und verloren dabei unsern Klüverbaum und die Wandtaue; überdies wurde eins der Quarterboote zertrümmert. 1. August: Ganz von Treibeis umgeben; kleine Bruchstücke von Eisfeldern. Ohne unsern Berg würden wir jetzt nach Süden geführt, so aber treiben wir mit ihm nach Nordost. 2. August: Der beständige Eisdruck gegen unsern Berg beginnt sich geltend zu machen, und wie alle großen Flarden um uns hat auch er sich nach Süden in Bewegung gesetzt. Auf die Gefahr hin, eingeschlossen zu werden, ließ ich ein leichtes Tau nach einem viel größeren Eisberg hinführen, und nach vierstündiger Arbeit hatten wir uns glücklich an ihm festgemacht. Dieser kolossale Berg ist ein wahrer beweglicher Wasserbrecher. Er nimmt seinen Weg stetig nach Norden, während das Treibeis auf beiden Seiten nach Süden läuft und eine Spur schwarzen Wassers von der Länge einer (englischen) Meile hinter ihm frei läßt. Wir lagen letzte Nacht um Mitternacht unter 75° 27', heute vormittag unter 75° 37'; trotz aller Hindernisse dringen wir also nach Norden vor. Indessen sind wir näher am Lande, als gut ist; denn das Land ist eine weiße Gletscherwand. Dennoch kamen wir auch an dieser gefährlichen Stelle vorüber, erspähten einen Ausgang in Nordost, machten den Anker los und arbeiteten uns vorwärts, trotz all des schwimmenden Zeuges um uns her. Auf unserer Fahrt hatten wir ein prachtvolles Schauspiel: Die Mitternachtssonne erhob sich über den Scheitel unseres bisherigen Freundes, des großen Eisberges, zündete an jedem Punkt seiner Oberfläche bunte Leuchtfeuer und ließ das Eis um uns wie lauter Edelsteine und geschmolzenes Gold erglänzen. Unsere Brigg biß sich durch all diese Herrlichkeiten hindurch; und nach 5 Meilen Weges voller Windungen, hier und da aufgehalten durch Eiszungen, die durch Säge und Eismeißel entfernt werden mußten, legte sie sich säuberlich zwischen zwei Eisflarden ein. Hier blieb sie bis zum Morgen, wo sich wieder Schlippen öffneten und ich vom Mastkorbe aus einen Weg nach einem vor uns befindlichen größeren Wasserpfuhl entdecken konnte. In diesem trieben wir, nach einem Auswege suchend, hin und her wie Goldfische im Glase; bis der Nebel einfiel und der Tag endete. 3. August. Der Tag verspricht nicht viel; endlich erhebt sich eine frische Brise, und die Eisflarden beginnen zu klaffen. Jetzt kommt alles auf praktische Eiskenntnis an. Ich will niemandem, als mir selbst, die Auswahl der Eisschlippen anvertrauen, durch die wir hindurch müssen; deshalb bin ich den ganzen Tag im Mastkorbe. Indessen bin ich guten Mutes: der Landwind ist unserer Flucht günstig; die Eisberge haben uns durch alles südwärts jagende Eis bis hierher geholfen, und jetzt, da die größeren Felder ihre Spalten öffnen, haben wir nichts zu tun, als kühn und vorsichtig zu folgen. Was die Eiszungen, Zinken und Zacken betrifft, so haben uns Kabestan und Winde viel geholfen, uns durch sie hin zu arbeiten, aber mehr noch ein tüchtiger Anlauf und der harte Eichenholz-Kopf unserer Brigg. Mitternacht: Wir sind aus der Bai mit ihren Millionen Widerwärtigkeiten heraus – das Nordwasser, unsere Hochstraße nach Smithssund, liegt glücklich vor uns! Ins Eis verschlagen Am Vormittag des 5. August passierten wir die von John Roß so getauften Karmoisinklippen, benannt nach dem auf ihnen lagernden roten Schnee, der aus der Ferne deutlich zu erkennen war. Alle mit Schnee bedeckten Stellen zeigten eine tiefe Rosafarbe, die vielleicht in Karmoisin übergeht, wenn die Schneelager sich weiter ausbreiten. In der Nacht passierten wir die Wolftenholm- und Saundersinseln. Wir hatten einen prächtigen Tag; das Schiff mit Segeln dicht besetzt, offenes Wasser vor uns, näherten wir uns schnell dem Schauplatz unserer Arbeiten. Am nächsten Tage erreichten wir die Insel Hakluyt mit ihrer merkwürdigen schlanken Felsenspitzsäule, die sich 600 Fuß über den Wasserspiegel erhebt und auf viele Meilen in der Runde eine ausgezeichnete Landmarke abgibt. Es war uns bestimmt, noch sehr vertraut mit ihr zu werden, bevor wir die Regionen des hohen Nordens verlassen konnten. Kap Alexander und Kap Isabella, die Torsäulen von Smithssund, lagen nun vor uns. Die Gegend ist nicht sehr einladend: im Westen schwerer Schnee, gleichförmig bis zum Wasserspiegel herab, rechts eine Reihe von Klippen, die vermöge ihrer Großartigkeit als Eingangspforte für den stolzesten Hafen des Südens passen würden. Einige ihrer steilen Abstürze mögen 800 Fuß Höhe haben; selbst die Seeleute waren ergriffen, während wir in ihrem schwarzen Schatten dahinfuhren. Am 7. August ließen wir Kap Alexander südlich und erreichten die Littletoninsel, hinter der sich Kap Hatherton verbirgt, der äußerste vor uns genau bestimmte Punkt dieses Sundes. Während wir an der Littletoninsel vorüberkamen, sah ich vom Mastkorb aus leider den ominösen Eisblink im Norden. Der Wind war seit ein paar Tagen aus Norden gekommen; und wenn er anhielt, mußte er uns die Eisfelder über den Hals bringen. Es wurde nun wichtig, daß wir uns einen Rückzugspunkt sicherten, um im unglücklichen Falle nicht völlig hilflos dazustehen. Zudem hatten wir einen Punkt erreicht, wo die, welche uns etwa folgen sollten, anfangen würden, sich nach deutlichen Spuren umzusehen. Ich beschloß, auf der Littletoninsel einen Steinkegel zu errichten und an einem passenden Platz in der Nähe ein Vorratsdepot anzulegen. Entbehren allerdings konnten wir nur das metallene Rettungsboot, das nicht über 20 Fuß lang war, so daß wir zwanzig Mann kaum mit einigen Tagesrationen darin Platz gefunden hätten; doch vermöge seiner Luftkammern war es wenigstens sehr tragfähig. Wir trafen eine Auswahl von Lebensmitteln und anderen Dingen, die wir günstigsten Falles glaubten entbehren zu können. Der Platz für diese Niederlage mußte notwendig auf dem Festlande gesucht werden, da die Insel durch Strömungen und Eis für eine Expeditionstruppe leicht unzugänglich werden konnte. Wir fanden einen solchen in Südsüdost vor Kap Hatherton, das sich in der Ferne aus dem Nebel reckte. Hier begruben wir unser kleines Boot mit seinem Inhalt; umgaben es mit den schwersten Felsblöcken, die wir bewältigen konnten; füllten die Zwischenräume mit kleineren Brocken, mit Stubben von Moos und Heidekraut, und schütteten Sand und Wasser dazwischen, Das Ganze fror sofort in eine feste Masse zusammen, die, wie wir hofften, den Klauen der Eisbären würde widerstehen können. Zu unserer Verblüffung stellten wir fest, daß wir nicht die ersten menschlichen Wesen waren, die in dieser grauenhaft trostlosen Gegend eine Zuflucht gesucht hatten. Denn einige zerstreute Ueberreste von Gemäuer bewiesen, daß hier einst eine rohe Ansiedlung bestanden hatte; und unter einem kleinen Steinhügel, den wir zur Ueberbauung unserer Vorratskammer mit verwandten, fanden wir die sterblichen Ueberreste der früheren Bewohner. Nichts kann trauriger und unheimlicher sein als solche Denkmäler erloschenen Lebens. Kaum eine Spur von Pflanzenleben war an den nackten, vom Eis gescheuerten Felsen zu erkennen, und die Hütten glichen so vollkommen den übrigen Felsbruchstücken, daß kaum eins vom andern zu unterscheiden war. Dennysons Denkmal Walroßknochen lagen in allen Richtungen umher, so daß dies Tier das hauptsächlichste Subsistenzmittel geliefert haben mußte. Auch einige Ueberbleibsel vom Fuchs und Narwal zeigten sich; aber keine Spur von Seehund und Renntier. Von einem Grabe nahm ich verschiedene roh bearbeitete und durchlöcherte Stücke von Walroßzahn, augenscheinlich Teile von Schlitten und Speeren. Holz muß bei ihnen eine große Seltenheit gewesen sein. Wir fanden z. B. einen Kinderspeer, der, obwohl sauber gespitzt mit Walroßzahn, nur einen aus vier Stückchen zusammengeflickten Holzschaft hatte. Die Verbindung war sehr sorgfältig durch Riemen bewirkt. In der Umgegend trafen wir noch auf andere Spuren von Eskimos: Hütten, Gräber, Vorratsräume mit Fuchsfallen aus Felsstücken. Sie waren augenscheinlich sehr alt, aber so wohl erhalten, daß sich nicht sagen ließ, ob sie vor fünfzig oder hundert Jahren verlassen worden. Nach Bergung unserer Vorräte gingen wir daran, ein Signal zu errichten und an ihm Nachrichten von uns niederzulegen. Wir wählten hierzu die westliche Spitze der Littletoninsel, da diese mehr in die Augen springt als Kap Hatherton. Es wurde ein Steinkegel errichtet, ein Flaggenstock in eine Felsspalte getrieben und mit dreimaligem Hurra die amerikanische Flagge gegrüßt, wie sie sich im eisigen Hauch des Nordens entfaltete. Erleichterteren Herzens bestiegen wir am frühen Morgen des 7. August die Brigg wieder und kreuzten gegen Winde und Strömungen gen Norden. Das am Himmel als Reflex gesehene Eis zeigte sich bald leibhaftig: noch nicht zwei Stunden später stießen wir westlich auf schweres, mehrere Winter altes Packeis. Anfangs drangen wir noch durch loses Stromeis vor; doch bald, etwa vierzig englische Meilen von unserm heutigen Ausgangspunkt, wurde das Weiterkommen unmöglich: ein dichter Nebel lagerte sich um uns, und hilflos wurden wir gegen Osten getrieben. Es schien sicher, daß wir auf die grönländische Küste getrieben würden; doch eine zurückschlagende Brandung erlöste uns für den Augenblick von einem unmittelbaren Zusammenstoß. Es gelang, ein Tau nach dem Felsen zu bringen und uns in eine schützende Nische zu bugsieren. Am Abend wagte ich mich bei veränderter Strömung wieder hinaus, und wir bestanden einen erneuten, jedoch nutzlosen Kampf. Die Flut drängte jetzt den südwärts treibenden Eisflarden entgegen und warf sie mit solcher Wucht an die Küste, daß selbst kleine Eisberge mitgerissen wurden. Wir waren froh, nach mehrstündigem Kampf ein neues Asyl zu finden: eine schöne Bucht mit dem Eingang nach Norden, wo wir unser Schiff an den Felsen festankerten und ein Tau nach dem schmalen Ausgang hinzogen. Wir nannten diesen Ort anfangs Nebelinsel, später in dankbarer Rückerinnerung Zufluchtshafen. Eisbarrikade Zu unsern kleinen Leiden gehörte, daß wir mehr als fünfzig Hunde an Bord hatten, von denen die Mehrzahl reißende Wölfe genannt werden könnte. Diese Gesellschaft, von deren Ausdauer unsere Erfolge abhingen, mit Futter zu versorgen, war keine leichte Aufgabe. Der Mangel an Küsteneis in der Baffinsbai war Ursache, daß wir mit unseren Gewehren nichts schaffen konnten; unsere zwei Bären vermochten das Leben der Vielfraße nur acht Tage zu fristen. Ich wußte sie, mit zwei Pfund Fleisch jeden andern Tag, auf das Aeußerste setzen. Salzfleisch nämlich hätte sie umgebracht. Wir zogen daher an jenem Morgen aus, um Walrosse zu jagen, von denen die Bucht wimmelte. Wirklich trafen wir auf mindestens fünfzig dieser unheimlichen Ungeheuer und kamen manchen Gruppen bis auf zwanzig Schritt nahe. Doch unsere Kugeln prallten von ihrer dicken Haut völlig wirkungslos ab, und auf Harpunenweite konnten wir keinem einzigen nahekommen. Im Laufe des Tages jedoch entdeckte einer meiner Leute, als er einen Hügel erstieg, um nach der See auszuschauen, einen toten Narwal. Dieser Fund verschaffte uns für die Hunde wenigstens 600 Pfund gutes gesundes Stinkfleisch. Das Tier war vierzehn Fuß, sein Horn vier Fuß lang. Wir machten Feuer und brieten den Speck aus, der reichlich zwei Fässer Tran gab. Während wir unsern Narwal an Bord hißten, sprang der Wind nach Südwest um, und das Eis begann rasch wieder dem Norden zuzutreiben. Dies deutete wenigstens darauf hin, daß nördlich kein großes Hindernis, sondern eher weite Flächen offenen Wassers oder loses Eis zu erwarten sein dürfte. Doch die Stellungen der Eisfelder an unserer Ostseite waren derart, daß an kein Herauskommen zu denken war. An der Küste schoben sich Eisbarrikaden zusammen, deren eine höher als 60 Fuß emporstieg. Dabei war der ganze Sund, soweit das Auge reichte, in wilder Aufregung. Am folgenden Morgen kam wieder frischer Wind aus Südwest und bewirkte eine so deutliche Erschlaffung in dem Kampfe zwischen Eis und Wasser, daß ich einen Fluchtversuch aus unserer Bucht zu wagen beschloß. Wir schleppten das Schiff heraus, bedeckten es mit Segeln und bohrten uns in das Treibeis ein. Ich beschreibe nicht im Einzelnen unsere Anstrengungen, durch die Eisfelder hindurch die See zu gewinnen. Jedes Manöver hatte seine besonderen Zufälle, doch alle waren gleicherweise erfolglos. Am Abend dieses Tages voll Kampf und Gefahren lagen wir dicht an der Landspitze, welcher ich den Namen »Cornelius Grinnells Kap« gegeben; doch getrennt vom Lande durch eine Eisbarriere, unser Schiff an einem Eisberg verankert. Das Wasser um uns ist so flach, daß wir bei Ebbe nur zwölf Fuß Tiefe haben. Große, vom Eis abgeschliffene Felsmassen ragen überall heraus, und das innere Treibeis hat sich in phantastischen Formen um sie herum gruppiert. Auch die Eisberge sitzen weit nach der See hinaus sämtlich auf dem Grunde. Angeklammert an unsern Eisberg, sind wir im Augenblick zwar in Sicherheit, aber es geht nicht vorwärts; und uns jetzt loszumachen und in das Eis hinein zu wagen, will ebensowenig gehen ... Endlich am 14. August verließen wir unsern Eisberg und kamen durch hartes Bugsieren etwa dreiviertel Meile vorwärts. Es ist unmöglich, an der Küste dieser unseligen flachen Bucht weiter zu kommen. Mächtige Haufen von Felstrümmern ziehen sich bis dicht an die Küste, und draußen tobt das Chaos des treibenden Packeises. Unser nächster Wunsch gipfelt darin, ein vor uns liegendes Felseninselchen zu erreichen und hinter seinem Kamme auf besseren Wind zu warten. Wir erreichten es um Mitternacht; gerade noch rechtzeitig. Denn wenige Minuten, nachdem wir unser erstes Tau am Felsen festgemacht, blies uns eine frische Brise so direkt in die Zähne, daß wir jetzt unsern Ankerplatz nimmermehr erreicht hätten. Alles hinter uns ist bereits starres Packeis geworden. Hier liegen wir nun seit zwei Tagen fest! Der Wind schläft ein. Das Eis draußen schließt sich mehr und mehr. Wie es scheint, sollen wir den ganzen Winter an diesem Felsen hängen bleiben, wenn nicht der Himmel noch einen günstigen Wind schickt, der das Eis fortjagt und uns einen Weg nach Norden öffnet. Am 15. kam ein plötzlicher Windstoß und warf unsere Brigg auf die Felsbank. Sie stampfte schwer, hatte aber nirgends Schaden genommen. Vom Heck legten wir ein Tau nach einem festsitzenden Eisberge. Welch verwünschter Hundekrawall! Schlimmer, als hätte eine ganze Straße von Konstantinopel sich auf unser Deck ausgeleert. Unbändige, diebische wilde Bestien! Keine Bärenpfote, keinen Eskimoschädel, keinen Korb mit Moos, nichts kann man eine Minute in ihrem Bereich lassen, ohne daß sie darauf losstürzen und es nach Kampf und Geheul verschlingen! Ich habe gesehen, wie sie sich an ein ganzes Federbett machten, und erst diesen Morgen verschlang eine dieser Karsukbestien zwei ganze Vogelnester, die ich eben vom Felsen geholt hatte – Federn, Schmutz, Steine, Moos – zusammen wenigstens einen Viertelscheffel. Wenn wir eine Eisflarde, einen Eisberg oder Land erreichen, so springt die ganze Meute fort und läßt sich weder durch Worte noch durch Schläge zurückhalten. Zwei unserer größten Hunde waren bei der Nebelinsel zurückgeblieben, und ich mußte zu ihrem Einfangen ein Boot mit Leuten abschicken, die sich acht Meilen weit durch Wasser und Eis arbeiten mußten, ehe sie die Ausreißer trafen. Man fand sie fett und frech bei den Resten eines toten Narwals. Nach stundenlanger Jagd wurde der eine gefangen und gebunden zurückgebracht – der andere mußte seinem Schicksal überlassen werden. Die Bildung des Jungeises scheint durch den bedeckten Himmel verzögert zu werden: es hat in der Nacht vom 16. August nur dreiviertel Zoll stark gefroren. Am 17. morgens gelang es uns, mit unserm »roten Boot« bis zu dem mächtigsten der Eisberge vorzudringen, die auf der Seeseite in einer langen Reihe auf dem Grunde festsitzen. Ich erklomm ihn in der Hoffnung, irgendeine Schlippe zu erspähen. Doch soweit das Auge reichte, war nichts als Eis zu entdecken, einige Wasserlöcher ausgenommen, die sich wie Tintenspritzer auf einem Tischtuch ausnahmen. Im Osten dehnt sich die grönländische Küste hin und läßt nicht weniger als fünf Landvorsprünge zählen, bis sie im geheimnisvollen Norden verschwimmt. Am Nachmittag setzte straffer Wind von Norden ein. Die Eisflarden scheuerten unbarmherzig an den drei schweren Tauen, mit denen wir uns an die Felsen geklammert. Sie hielten tapfer aus, aber um Mitternacht sprang das schwächste von drei Zoll Stärke. Im Dankgefühl dafür, daß diese kleine Felseninsel uns so tapfer gegen die vorbeidrängenden Eismassen beschützt, haben wir sie Gottesgabe ( godsent ledge ) genannt. 19. August: Der Himmel sieht drohend aus; die Vögel scheinen dem Wetter nicht zu trauen, denn sie haben den Kanal verlassen. Aber die Walrosse umkreisen uns in Scharen; sie kommen uns bis auf zwanzig Schritt nahe, schütteln ihre finsteren Häupter und wirbeln mit ihren Hauzähnen das Wasser auf. Ich habe immer gehört, daß die Annäherung dieser sphinxköpfigen Ungeheuer an das Land Sturm bedeutet. Wir wünschten einen geschützten Zufluchtsort zu finden und haben gestern die Brigg nach dem Südende der Klippe gezogen. Die Brigg »Advance« in Gefahr, an der Küste zerschellt zu werden Am 20. morgens stürmte ein schwerer Orkan. Wir hatten ihn kommen sehen, hatten drei starke Haltetaue ausgelegt und alles an Bord wohlverwahrt. Der Sturm aus Norden kam stärker und stärker und brüllte wie ein Löwe. Das Eistreiben wurde so wild, wie ich es kaum je gesehen. Ein lauter gellender Krach sagte mir, daß unser sechszölliges Haltetau gesprungen war. Das Schiff schwankte an den beiden übrigen hin und her. Eine halbe Stunde später kam ein zweiter Knall – es war wieder ein Tau geplatzt – aber unser schönes zehnzölliges Manilahanftau hielt noch. Wir hörten seine tiefen Aeolstöne durch das Geknatter und Wehklagen des Takelwerkes hindurch – aber es war sein Sterbegesang: es sprang mit einem Krachen wie ein Kanonenschuß; und wir wurden hineingerissen in die wüste Jagd des sturmgepeitschten Eises. Stunden vergingen unter harter Arbeit, ohne daß wir unsere Lage irgendwie zu verbessern vermochten. Es blieb uns nur übrig, das Steuer dadurch einigermaßen in der Gewalt zu behalten, daß wir freiwillig dahin gingen, wohin wir sonst doch gerissen worden wären. Um 7 Uhr morgens lagen wir dicht bei aufgetürmten Eismassen. Wir warfen unsern schwersten Anker aus, in der verzweifelten Hoffnung, das Schiff wenden zu können – aber für den Eisstrom, der uns folgte, gab es keinen Widerstand. Wir hatten gerade noch Zeit, einen Balken als Boje an die Ankerkette zu binden, worauf wir sie schießen ließen. Unser Hauptanker war verloren! Wieder trieben wir vor dem Winde und scheuerten hilflos an den Kanten von 30 bis 40 Fuß dicken Eisfeldern hin. Nie hatte ich so dickes Eis und in so hastigem Jagen gesehen. Eine überstürzende Masse erhob sich höher als unser Schiffskörper, zerquetschte unsere Schanzbekleidung und warf uns einen zehn Zentner schweren Eisklumpen auf Deck. Unsere tapfere kleine Brigg bohrte sich durch all dies Wirrsal hindurch, als hätte sie ein gefeites Leben. Jetzt aber zeigte sich ein neuer Feind vor uns: gerade in unserer Fahrtrichtung, dicht neben der Kante des Eisfeldes, gegen die wir bald anrannten, bald längs derselben hinschleiften, lag eine Gruppe von Eisbergen. Wir vermochten ihnen unmöglich auszuweichen; und es fragte sich nur, ob wir an ihnen in Stücke zerschellen sollten oder ob sie uns einen willkommenen Winkel zum Schutz gegen den Sturm bieten würden. Als wir näher kamen, sahen wir, daß zwischen ihnen und der Eiskante noch etwas offenes Wasser war, und unsere Hoffnung wuchs, als uns der Wind in diesen Engpaß hineinjagte. Schon hatten wir ihn fast hinter uns, als aus unbekannter Ursache, wahrscheinlich durch den Rückprall des Sturmes von den hohen Eiswänden, die Brigg ihre Bewegung verlor. Im selben Moment bemerkten wir, daß die Eisberge überhaupt nicht ruhig lagen: sie rückten in selbständiger unaufhaltsamer Bewegung gegen den Rand des Eisfeldes vor – und so schien es uns denn bestimmt, in dieser Bewegung zerquetscht zu werden. Gerade jetzt kam ein breites Eiswallstück oder flacher Berg von Süden angetrieben. Plötzlich fiel mir ein, wie wir uns einmal in der Melvillebai aus einer ähnlichen Lage gerettet hatten. Und während das riesige Eisstück rasch an unserer Langseite hintrieb, gelang es, einen Eisanker in eine seiner schrägen Flächen einzuschlagen und ein Tau anzulegen. Es war ein Augenblick von dramatischer Spannung: Unser edles schneeweißes Schleppferd zog scharf an; Schaum und Wasser spritzten an seiner Windseite hoch, und sein gigantischer Kopf pflügte wie zum Spaße das niedere Eis auf. Die Berge rückten währenddem immer näher, und die Fahrtrinne wurde zuletzt so eng, daß unser Quarterboot zertrümmert worden wäre, hätten wir es nicht von der Außenseite hereingenommen. Mit genauer Not kamen wir durch und lagen nun auf der Unterwindseite eines Eisberges in verhältnismäßig freiem Wasser. Wohl niemals haben hartgeprüfte Menschen so inbrünstig wie wir für ihre Rettung von elendem Tode gedankt! Der Tag hatte schon sein gutes Teil Plage gehabt, aber es sollte noch mehr kommen. Ein Windstoß jagte uns wieder aus unserm Versteck auf, und die Brise trieb uns bald wieder zwischen das Eis hinein, wo wir je nach Umständen den feindlichen Begegnungen teils durch Bugsieren auszuweichen suchten, teils uns auf die Widerstandsfähigkeit des Schiffes gegen den Eisdruck verlassen mußten, während wir ein andermal wieder mit tollem Anlauf eine halboffene Spalte durchbrachen. Wir verloren unsern Klüverbaum und die Stützen unserer Schanzverkleidung und mußten das rote Boot mit drei braven Genossen und ihrem Bugsierzeug hinter uns auf den treibenden Eisfeldern lassen. Ein kleiner Kessel offenen Wassers nahm uns endlich auf. Wir lagen nun hart an einem hochragenden, mauergleich sich erhebenden Vorgebirge; ein festgefahrener Eisberg deckte uns gegen den Wind. Hier unter der düsteren Grönlandsküste, zehn englische Meilen nördlicher als der am Morgen verlassene Ankerplatz, gingen die Mannschaften zur Ruhe. Ich wagte nicht, ihnen zu folgen; denn der Wind blies ungeschwächt, und das Eis drückte so stark auf unsern Eisberg, daß er ins Wanken geriet und sein Gipfel einmal gerade über unserm Schiff schwebte. Meine armen Leute hatten nur einen kurzen Schlaf. Kaum waren sie wieder auf Deck, so brach das Eis unsern kleinen Hafen auf. Wir wurden rückwärts geworfen, unser Steuerruder zersplittert und der Ruderhaken abgedreht. Nunmehr begannen die Quetschungen, das Nippen. Den ersten Rippenstoß hielt die Brigg tapfer aus und richtete sich graziös wieder auf. Jetzt aber kam ein wahrer Eisveteran, eine über zwanzig Fuß dicke alte Flarde, mit Zungen und Zellen besetzt. Hiergegen vermochten Holz und Eisen nichts! Glücklicherweise hatte die nach der Küste gekehrte Seite unsers Eisberges eine schiefe Ebene, die tief ins Wasser hinabstieg und da hinauf wurde die Brigg getrieben, als würde sie mit einer großen Dampfschraube in ein Trockendock gehißt. Einen Augenblick fürchtete ich, daß sie sich auf die Seite legen würde; aber einer jener merkwürdigen Momente des plötzlichen Nachlassens, die ich anderswo Pulsierungen des Eises genannt habe, brachte uns ganz allmählich wieder herunter, und wir wurden nun aus der Drucklinie weg an die Küste gedrängt. Hier gelang es, ein Tau auszuwerfen und uns festzumachen. Als die Flut sich verlaufen hatte, saß das Schiff auf Grund und würde sich seewärts umgelegt haben, hätte nicht eine neben uns gelagerte Eismasse es durch Gegendruck verhindert. Nach sechsundfünfzigstündigen schweren Kämpfen hatten wir jetzt endlich einmal Ruhe. Die tapfere und ruhige Haltung meiner Leute war bewunderungswürdig. Der Tumult des Eises bei See erweckt oft den Eindruck von Gefahr, die nicht vorhanden ist. Aber diese fürchterliche Fahrt mit all ihren Schreckensszenen würde selbst die Nerven des gestähltesten Eisfahrers erschüttert haben. Offiziere und Mannschaften arbeiteten mit gleichem Eifer. Bei jedem Zusammentreffen mit dem Rande des Eisfeldes, das wir auf unserer Treibfahrt unter dem Winde hatten, fanden sich Freiwillige, um die Taue hinüber zu schaffen; und mehrmals hätten Einzelne aus Pflichteifer fast das Leben eingebüßt. Herr Bonsall entging der Zerquetschung nur durch einen verwegenen Sprung auf eine treibende Eisscholle, und nicht weniger als vier meiner Leute wurden auf einmal vom Treibeis fortgetragen und konnten erst wieder hereingeholt werden, als der Sturm sich legte. Als die Brigg ihre gefährliche Bergfahrt begann, war die Spannung natürlich überwältigend. Immer neue ungeheure Blöcke stürmten heran, faßten sie unter dem Kiel und warfen sie auf die Seite, bis sie dem wachsenden Andrang wich und langsam ihre abschüssige Bahn hinauf zu gehen begann. Höher und höher ging es – all ihre Fugen krachten und stöhnten – wir alle standen lautlos und unbeweglich. Und als sie endlich so glücklich wieder hinabglitt und sich ruhig zwischen die Eistrümmer einbettete, atmeten wir tief auf. Doch erst nach längerer Pause fand der Strom der gegenseitigen Beglückwünschungen seinen Ausweg. Die verlorene Hoffnung Der Sturm legte sich erst am 22. August, worauf wir unsere auf dem Eise zurückgebliebenen Kameraden mittels einer Bootsexpedition glücklich hereinbrachten. Während der gezwungenen Ruhezeit war das Schiff an dem Eisgürtel festgelegt gewesen, der die Küste einsäumte. Jetzt nahmen wir die Flutzeit wahr, legten ein Tau auf den Eisstrand, spannten uns vor, wie die Pferde vor einem Kanalboot, und zogen das Schiff etwa drei englische Meilen die Küste entlang. Am Fuße einer düsteren jähen Felsenwand hin schleppten wir uns gegen eine tiefeingeschnittene, nach Nordost offene Bucht. Könnte man von Landspitze zu Landspitze vordringen, so würde viel Zeit gewonnen; so aber mußten wir allen Windungen des Landeisgürtels folgen, da wir ohne diese Hilfe bald wieder ins Treibeis geraten wären. Am folgenden Tage zogen wir unser Schlepptau weiter, ohne daß wir wesentlich weiter nach Norden vorrückten, denn die Küste läuft hier entschieden östlich. Doch fanden wir die Breite 78° 41', und so waren wir bereits weiter nördlich, als irgend jemand vor uns, ausgenommen Parry auf seiner Schlittenpartie von Spitzbergen aus. Eine kleine Streifpartie, die ich aussandte, fand frische Spuren von Wild und brachte einen Moschusschädel mit. Es muß also, damit diese Tiere hierher kommen, doch irgendwo eine Landverbindung oder bedeutende Annäherung zwischen Amerika und Grönland geben. Wir sammelten in dieser Bucht nicht weniger als 22 Arten blühender Pflänzchen. Die nächsten Tage setzten wir unsere Pferdearbeit fort, indem wir die Flutzeit benutzten, um das Schiff weiter zu ziehen, das während der Ebbe jedesmal auf Grund geriet. Wir kamen so ziemlich bis in den hintersten Teil der Bucht. Aber das Thermometer stand nun auf dem Gefrierpunkt; das junge Eis um die Brigg häufte sich bedenklich. Ein langer schwerer Schneefall kam hinzu und füllte die Zwischenräume der Eisschollen mit steifem Schlamm. Jedes Weiterkommen schien unmöglich; nur ein tüchtiger Südwind hätte uns noch vorwärtsbringen können. Das Warpen der »Advance« Der Mangel an Ruhe, der rasche Eintritt des Winters und unsere geringen Fortschritte verfehlten nicht, ihren niederdrückenden Einfluß auf die Offiziere und die Mannschaft geltend zu machen, so feste Männer alle auch sind. Der Gedanke des Vordringens auf diese Weise findet offensichtlich nicht ihren Beifall. Ich berief die Offiziere zu einer förmlichen Beratung; und alle mit einer Ausnahme hielten ein weiteres Fortkommen für unmöglich und stimmten für die Umkehr, um mehr südlich einen geeigneten Überwinterungsplatz zu suchen. Die Ansicht konnte ich mit dem besten Willen nicht teilen; ich setzte ihnen auseinander, wie wichtig es sei, einen Ausgangspunkt für unsere künftigen Schlittenausflüge zu gewinnen und wie solch Punkt nur vor uns im Norden zu suchen sei. Ich erklärte ihnen meine Absicht, das Schiff nach der nördlichen Landspitze der Bucht hinwarpen zu lassen; dort werde der Augenschein lehren, welche Maßregeln für das Frühjahr getroffen werden müßten, und an dem nächstmöglichen geeigneten Platz solle Winterquartier genommen werden. Die Aufnahme, welche dieser Entscheid bei meinen Kameraden fand, war höchst erfreulich. Mit allem Eifer gingen sie wieder an ihr hartes und freudloses Werk. Das Warpen begann von neuem; jeder, ich nicht ausgenommen, nahm seinen Platz am Schiffsgöpel. In der Tiefe der Bucht zeigte sich das Eis weniger widerspenstig, und wir griffen abermals zum Bugsiertau und den Schulterbändern. Unser Erfolg war jedoch nicht vollkommen; die Brigg kam jetzt selbst bei Hochwasser zum Aufsitzen. Wir erleichterten sie soviel als möglich, indem wir eine Menge schwerer Gegenstände an die Küste und in die ausgesetzten Boote schafften. An einem festsitzenden Eisberg legten wir schwere Taue und hielten alles bereit, um uns bei eintretender Gelegenheit sofort loswinden zu können. In der Nacht kippte das Schiff wieder; und zwar so plötzlich, daß wir alle aus den Kojen kollerten. Zugleich wurde der Kajütenofen umgeworfen und schüttete eine Ladung glühender Anthrazitkohlen aus. Das Deck brannte lichterloh, und ich mußte dem Gemeinwohl einen Tuchrock opfern, mit dem ich den Brand solange dämpfte, bis Wasser heraufkam. Am Abend des 27. August wurde die Brigg wieder flott, und die Mannschaften am Bugsiertau zogen wacker an. Nachts gegen 10 Uhr saßen wir aufs neue fest – seit drei Tagen das fünftemal! Trotz all dieser Zusammenstöße war das Schiff nur wenig beschädigt und noch völlig wasserdicht. Früh am Morgen des 28. arbeiteten wir uns wieder los, und ich faßte nun den Entschluß, unter Benutzung des ruhigen Morgens in das lose Eis einzudringen und geradeaus auf das nördliche Landeis vorzugehen. Dies Eis ist sehr alt und wahrscheinlich fest genug, um das Schiff an seiner Kante entlang fortbugsieren zu können. Jetzt haben wir das stehende Eis erreicht und so befunden, wie wir hofften. Wir können nun ein wenig verschnaufen und uns die Dinge ansehen. Der rauhe und trümmerhafte Anblick der Fläche vor uns verheißt nicht viel Erfolg für eine Schlittenpartie. Aber ein einziger günstiger Wind kann alles ändern; überdies steht es ja auch noch gar nicht fest, daß das Eis weiter nördlich die gleiche ungünstige Beschaffenheit zeigt. Uebrigens ist auch noch der Eisgürtel vor uns; zwar hier und da heruntergebrochen und schwer zu passieren, dennoch aber für Fußgänger anscheinend auf viele Meilen hin gangbar. Ich war sicher, daß eine entschlossene Bootsexpedition sich einen Weg dahin bahnen könne, und entschloß mich zu dem Besuche und zu einer persönlichen Untersuchung der Küste, um zu sehen, wo wir überwintern müßten. Solch eine Expedition hatte ich schon seit einiger Zeit vorbereitet. Unser bestes und leichtestes Boot, die »verlorene Hoffnung«, war mit einem Dach von Segeltuch versehen worden und bot so alle Bequemlichkeiten eines Zeltes. Wir nahmen einige kleine Fässer Pemmikan ein, und ein Schlitten wurde auseinander genommen und unter die Ruderbänke gesteckt. Die Expedition bestand aus sieben Mann, lauter freiwilligen und zuverlässigen Leuten. Wir hatten Büffelpelze zum Wachen und Schlafen, jeder trug den Gürtel voll wollener Socken, so daß die nassen durch die Körperwärme wieder trocknen konnten, einen Zinnbecher und ein Messer mit Scheide am Gürtel. Ein Suppentopf und eine Lampe vervollständigten das Schiffsgerät. In wenigen Stunden war das Boot reisefertig. Ich befahl meinem Stellvertreter auf der Brigg, sie an einem sichern Platz zu bergen und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Von den herzlichsten Glückwünschen begleitet, schieden wir. Zu Beginn unserer Reise stießen wir auf eine enge verstopfte Passage zwischen dem Eisgürtel und dem Packeise. Sie war nur wenige Klafter breit und das Jungeis auf ihr so stark, daß es uns beinahe hätte tragen können. Durch Zerschlagen des Eises arbeiteten wir uns langsam vorwärts. Durchnäßt, durchfroren und hungrig hielten wir unser erstes Nachtquartier. Ein Segel wurde noch über die Zeltdecke des Bootes gespannt, die Kochlampe angezündet, die Büffelpelze wurden ausgebreitet, die feuchten Socken mit trockenen vertauscht. Als heißer Tee und Pemmikan kam, vergaßen wir schnell die Mühseligkeiten des Tages. Nachdem wir diese Bootfahrt etwa 24 Stunden fortgesetzt, hatte sie ihr Ende erreicht; vor- und seitwärts war Packeis und auf der andern Seite etwa zehn Fuß über unseren Köpfen der Eisgürtel. Wir warteten das Hochwasser ab, benutzten eine von einem Rieselbach in das Eis hineingewaschene Schluft und vermochten auf diese Weise das Boot auf den Eisgürtel hinaufzuziehen. Hier aber mußten wir es natürlich zurücklassen. Unter einem Abhange brachten wir es in Sicherheit, beluden den Schlitten mit dem Allernötigsten und drangen weiter vorwärts. Dabei fiel uns zum ersten Male das Eigentümliche unserer Pilgerfahrt auf. Wir befanden uns auf einer fortlaufenden Eiskante, die an dem Fuße der Felsen festsaß, die See überragte und selbst wieder von steilen Klippen, oft über tausend Fuß hoch, überragt wurde. Sauber und schön war diese aus Eis gebaute Hochstraße gewiß, wenn auch mächtige Eisblöcke auf ihr herumlagen und lange scharfe Felszungen aus der Klippenwand in unsern Weg hineinragten. Wir rückten auf unserer Galerie so schnell vor, als die Hindernisse es irgend erlaubten. Besonders lange Aufenthalte verursachten die zahlreichen Wasserbäche, die sich meist steile und tiefe Betten in das Eis gewaschen hatten, die wir durchwaten mußten. Unsere Nachtquartiere nahmen wir unter überhängenden Felsen. Bei solch einer Gelegenheit erreichte die Flut unser Zelt, und um unsere Schlafpelze vor dem Naßwerden zu schützen, mußten wir sie solange in die Höhe halten, bis das Wasser sich verlaufen hatte. Diese Geduldprobe hatte wenigstens auch ihre komische Seite. Acht Amerikaner in tragende Bildsäulen verwandelt, leider bis an die Knie im Wasser! Immer dem Eisgürtel folgend, gelangten wir am 1. September in eine andere Bucht, die nicht viel kleiner war als jene, in der wir die »Advance« gelassen. Hier hörten die Kalkfelsen auf. Ein Gletscher, dessen Überschreitung viel Mühe machte, versperrte uns den Weg. Er war sehr abschüssig und unser Schuhwerk sehr glatt; eine unfreiwillige Rutschfahrt in das Wasser unter uns lag häufig nahe genug; doch kamen wir mit Hilfe von Stricken und indem wir uns platt auf das Eis legten, ohne Unfall hinüber. Jenseits hatten wir eine Tragstelle über Land von etwa drei englischen Meilen. Der Schlitten wurde abgeladen und das Gepäck auf die Schultern genommen. Dem Stärksten wurde der Theodolit anvertraut, ein etwa 60 Pfund schwerer metallner Mechanismus in einem Mahagonikasten. Als wir die Küste wieder erreichten , empfingen uns dieselben wilden Klippen und der felsüberhangene Eisgürtel, wie wir sie hinter uns gelassen. Am Fuße der Eiskante Nachdem wir drei Tage unterwegs waren, stellten wir durch Beobachtungen fest, daß wir nur 40 englische Meilen von der Brigg entfernt waren. Außerdem, daß wir an sich jeden Tag nur wenig vorwärts kamen, hatten wir auch durch die Windungen der Küste viel Zeit verloren. Ich entschied mich, den Schlitten zurückzulassen und zu Fuß weiter zu dringen. Dazu nahmen wir außer unseren Instrumenten nur Pemmikan und einen Büffelpelz mit. Die Temperatur lag nicht viel unter dem Gefrierpunkt; wir fanden ein Zelt daher entbehrlich, und bei dieser leichten Ausrüstung konnten wir leicht doppelt so schnell als bisher vorwärts kommen. Am 4. September legten wir mit ziemlicher Bequemlichkeit 24 Meilen zurück. Der einzige Uebelstand dabei war, daß wir uns so wenige Lebensmittel mitzunehmen vermochten. Jeder erhielt beim Ausmarsch eine Quantität Pemmikan, die mit seiner übrigen Belastung zusammen 35 Pfund wog. Trotzdem fanden wir schon diese Last sehr groß. Am 5. September hielt uns eine neue Bucht auf, größer als alle bisher in Smithssund gesehenen. Es war eine vollkommen schöne, offene Wasserfläche, die mit der Eiswüste außerhalb seltsam kontrastierte. Die Ursache dieser anfangs unerklärlichen Erscheinung fand sich in einem brausenden Flusse, der aus einer Schlucht im Hintergrunde der Bucht hervorbrach und mit der Heftigkeit eines Schneesturms über die Felsenblöcke dahinschoß. Dieser Fluß, vielleicht der größte in Nordgrönland, ist an seiner Mündung etwa dreiviertel englische Meilen breit; ich nannte ihn Mary-Minturns-Fluß. Sein Lauf wurde später bis zu einem innern Gletscher verfolgt, aus dem er in zahlreichen Bächen hervorbricht. Am Ufer machten wir halt, eingelullt von der ungewohnten Musik fließenden Wassers. Am nächsten Morgen kreuzten wir den Fluß, wobei wir unsern Pemmikan so gut als möglich über Wasser zu halten suchten. Unfreiwillige Tauchbäder gab es unfehlbar, so oft wir versuchten, die herausragenden eisbelegten Steine zum Uebergang zu benutzen. Und obwohl uns das Wasser nicht über die Hüften ging, kostete uns der Uebergang doch so viel Mühe und Kraft, daß wir einen halben Tag zu rasten beschlossen. Einige Meilen weiter hin springt eine große Landzunge vor, die die Bucht in zwei Hälften trennt. Hier ließ ich vier meiner Leute, die sich erholen mußten, zurück und stieß am nächsten Morgen mit drei Freiwilligen unter Vermeidung der fast unwegsamen Küste gerade über das Eis weg auf das nordöstliche Vorgebirge vor. Dies Eis war neu und äußerst unsicher; der Marsch auf seinem Rande am offenen Wasser erforderte viel Umsicht. Wir ließen den schweren Theodoliten zurück und führten nichts mit uns als einen Taschensextanten, einen Frauenhofer, einen Gehstock und für drei Tage Pemmikan. Die »Advance« zu Beginn der Polarnacht Nach einem Marsche von 16 englischen Meilen erreichten wir die Landspitze. Etwa 8 Meilen weiter lag ein großes Vorgebirge, das die Aussicht nach Norden hin völlig abschloß. Deshalb faßte ich den Plan, irgendeinen hohen Aussichtspunkt aufzusuchen und hiermit meine Rekognoszierung zu beschließen. Nach einem schweren Tagemarsch hatte ich von einer Höhe von 1100 Fuß herab einen Anblick, den ich niemals vergessen werde. Die Aussicht reichte bis über den 80. Parallelkreis hinaus. Weit nach links hinüber lag die westliche Küste, dehnte sich in nördlicher Richtung und verschwamm im Ungewissen; rechts schweifte der Blick über Hügelkuppen bis zu einer düsteren Mauer, die ich später als den großen Humboldtsgletscher erkannte; noch weiter hin lag das Land, das jetzt Washingtons Namen trägt. Der ganze weite Raum zwischen der Ost- und Westküste war ein solides Eismeer. Dicht an der Küste, fast unter unseren Füßen, zogen sich Hummocks in langen Linien hin. Weiter hinaus bildete eine Herde Eisberge, die an Zahl zunahmen, je weiter sie zurücktraten, eine fast undurchdringliche Barriere. Denn ich konnte nicht zweifeln, daß das Eis zwischen ihnen so zertrümmert sei, daß mit dem Schlitten unmöglich durchzukommen wäre. Zwar schien in der Ferne das Eis weniger durcheinander geworfen; aber die Entfernung täuscht hierbei sehr. Die Hervorragungen platten sich ab, und selbst hohe Eisberge bilden anscheinend eine ebene, einladende Fläche. Langsam und mit einem Seufzer senkte ich das Fernrohr und dachte nun ernstlich an das Winterquartier. Ich hatte auf meiner Schlittenexpedition keinen Platz getroffen, der so viele Eigenschaften eines guten Winterhafens vereinigt hätte, als die Bucht, wo die »Advance« augenblicklich lag. Wir kehrten um und bekamen sie bald zu Gesicht, wie sie sich mit ihren Masten scharf von der hinterliegenden Gletscherwand abhob. Ohne Unfall kamen wir an Bord. Ich teilte unseren Kameraden in wenigen Worten das Ergebnis unserer Reise und meinen Entschluß, hierzubleiben, mit und ließ das Schiff sofort zwischen die kleinen, in der Bucht liegenden Felseninseln lotsen. Hier fanden wir bei fünf Faden Tiefe vollkommenen Schutz gegen das äußere Eis. Aber die Ruhe, die wir unserer kleinen, tapferen Brigg gönnten, sollte eine lange werden: – sie hat ihren Hafen nicht wieder verlassen und liegt noch heute dort in den Banden des Eises! Die Winternacht kommt Der Winter kam nun schnell heran. Das Jungeis kittete alle Schollen zu einer einzigen Masse zusammen, so daß wir um das Schiff herum Schlitten fahren konnten. Etwa 60 Schritt nördlich von uns war ein Eisberg festgefroren, unser Nachbar während unsers Aufenthaltes in dieser Bucht, die wir Rensselaerhafen nannten. Die Felseninselchen um uns waren mit Hummocks eingesäumt. Die Vögel hatten Abschied genommen; sowohl die Scharen der Seeschwalben wie die ihnen nachstellenden graurückigen Möven, die spätesten Wanderer außer der Schneeammer, waren nach Süden gezogen. Wir hatten jetzt alle Hände voll wichtiger Dinge zu tun. Die lange Nacht, in der niemand wirken kann, war vor der Tür. Im nächsten Monat verlieren wir die Sonne. Astronomisch genommen soll sie am 24. Oktober verschwinden; aber unser Horizont ist durch eine Bergkette verdeckt. So können wir, selbst wenn wir die Lichtbrechung so stark als möglich annehmen, nicht darauf rechnen, sie nach dem 10. noch zu sehen. Vor allen Dingen müssen wir den Schiffsraum leeren und für die Vorräte eine Niederlage auf einer der kleinen Inseln errichten. Eine Abteilung ist scharf bei der Arbeit; denn der Kanal, in dem die Landungsboote gehen, muß jeden Tag neu durchs Eis gehauen werden. Ein anderes wichtiges Kapitel ist der Winterproviant. Auf Wild ist im Smithssund offenbar wenig oder gar nicht zu rechnen, und Salzfleisch ist in Situationen wie der unserigen stets ungesund. Glücklicherweise bietet ein offenbleibender Süßwasserteich in unserer Nähe die Möglichkeit, unsere gesalzenen Vorräte einigermaßen auszusüßen. Schnitte von Salzfleisch werden an Schnüre gereiht wie Aepfelschnitte; und diese Girlanden hängen wir unter dem Eise ins Wasser. Die zu Fiskernaes gekauften Salzfische packen wir in durchlöcherte Fässer und hängen sie unter Wasser. Unser Pökelkraut erfährt eine ähnliche Behandlung. All diese Artikel werden zwölf Stunden lang abwechselnd eingeweicht und dem Frost ausgesetzt, indem vor jedem neuen Eintauchen die entstandene Eiskruste entfernt wird. Alle Hände sind voll beschäftigt: die einen nehmen die Vorräte auf, andere bauen das Bretterdach über das Schiff, während ich selbst mit dem Entwurf der inneren räumlichen Anordnung im Schiff beschäftigt bin, die so luftig, trocken, warm und behaglich als irgendmöglich werden soll. Den Platz für unser Observatorium haben wir etwa 1000 Yards vom Schiffe entfernt gewählt, und die Leute schleppen bereits die Steine dazu auf Schlitten heran. Neben der Einrichtung unserer Winterquartiere beschäftigen mich die Vorbereitungen für Lebensmitteldepots längs der grönländischen Küste. Meines Wissens ist Kennedy der einzige gewesen, der im Oktober und November in arktischen Breiten Unternehmungen im Freien ausführte. Für unsere künftigen Pläne aber hielt ich es für wichtig, daß die Depots vor Einbruch der Dunkelheit fertig seien. Es sollen, mit Zwischenräumen, drei werden; so weit als möglich vorgeschoben. Im ganzen sollen sie etwa 1200 Pfund Proviant, darunter 800 Pfund Pemmikan, erhalten. Mein Forschungsplan für die Zukunft hing nämlich geradezu von dem Gelingen dieser Anlagen ab. Mit einer Kette von Depots längs der Küste konnte ich meine Reise mit Hilfe der Hunde leicht weiter ausdehnen. Diese edlen Tiere bilden die Voraussetzung unserer künftigen Operationen. Der einzige Uebelstand bei ihrer Benutzung als Zugtiere liegt darin, daß sie auf Reisen nicht die Menge Futter schleppen können, deren sie bedürfen. Ein schlecht gefütterter und ein schwer beladener Hund sind aber für eine längere Reise gleich nutzlos. Mit Proviantdepots zur Seite konnten wir dagegen ohne Ladung losfahren und brauchten uns erst später zu versorgen. Eissäge Ich besaß teils Eskimohunde, teils Neufundländer. Von letzteren hatte ich zehn. Sie waren sorgfältig lediglich auf Stimme dressiert, so daß sie ohne Peitsche vor dem Schlitten gingen und sich durch ihre Lenksamkeit im schweren Lastzuge recht nützlich zu machen versprachen. Schon jetzt fuhr ich sie häufig vor einem leichten Schlitten ein, und zwar zwei nebeneinander, während die Eskimohunde einzeln hintereinander gehen. Sechs Neufundländer bilden einen starken Schlittenzug; schon vier von ihnen zogen mich und meine Instrumente mit Bequemlichkeit auf kleineren Ausflügen in die Nachbarschaft. Der dazu gebrauchte Schlitten war mit der Sorgfalt eines Kunsttischlers aus völlig trockenem amerikanischen Hickoryholz gebaut; die beste Krümmung der Kufen war durch Versuche ermittelt worden; die Kufen waren mit Schienen von weichem Stahl belegt, die mit leicht auszuwechselnden kupfernen Bolzen befestigt waren. Alle Teile des Schlittens waren mit Riemen von Seehundsfell zusammengebunden, so daß er sich allen Gestaltungen des Bodens fügte und plötzlichen Stößen durch Nachgeben widerstand. Er vereinigte in sich restlos die drei Haupttugenden: Leichtigkeit, Dauerhaftigkeit und möglichst geringe Reibung. Dieser schöne, praktische und ausdauernde Schlitten hieß »Little Willie«. Die Eskimohunde blieben für die eigentlichen großen Aufsuchungsexpeditionen vorbehalten. Sie waren damals noch in halbwildem Zustande, in dem sie dem Wolfe so ähneln, daß sie nach der Versicherung ihres Wärters Petersen für Reisen auf solchem Eise, wie wir es vor uns hatten, ganz unbrauchbar waren. Damals hatte noch keine harte Erfahrung mir die Augen geöffnet über den unschätzbaren Wert dieser Tiere. Erst in der Folgezeit sollte ich ihre Kraft und Schnelligkeit kennenlernen; ihre geduldige, ausdauernde Tapferkeit, den Scharfsinn, womit sie sich in den Eiswüsten und Morästen zurechtfinden, in denen sie geboren und aufgewachsen waren. Auf unserm früheren Ausfluge hatte ich festgestellt, daß der Eisgürtel mit seinen vielen Hindernissen zur Zeit für Schlitten nicht gangbar war; das äußere Eis war es noch weniger, da ihm noch der Zusammenhang fehlte. Zwar hatte infolge der eingetretenen Kälte das Treiben nach Süden aufgehört; doch die einzelnen Felder waren noch so wenig miteinander verwachsen, daß jeder Windstoß und selbst die Flut sie übereinandergeschoben hätte. Das Eis wurde noch unwegsamer durch die zahlreichen Eisberge, die infolge von Strömungen in der Meerestiefe ihren südlichen Weg unbeirrt fortsetzten und mit unwiderstehlichem Anlauf das stehende Eis zu Barrikaden aufpflügten. Deshalb war es am geratensten, mit den Schlittenexpeditionen zu warten, bis das Jungeis tragfähig geworden. Dies zieht sich jetzt in einem Gürtel von der Breite einiger hundert Ellen dicht an der Küste hin und würde bereits betretbar sein, wenn nicht Ebbe und Flut störend einwirkten. Für die erste Expedition wurde ein starker, 14 Fuß langer und vier Fuß breiter Schlitten ausgerüstet, der leicht 1400 Pfund Lebensmittel aufnehmen konnte. Den Vorspann bildeten sieben Mann mit Zugleinen und Schulterbändern. Die Ladung bestand fast ausschließlich aus Pemmikan, teils in verzinnten Eisenzylindern mit konischen Enden, teils in starken, eisenbeschlagenen Fässern von etwa 70 Pfund Inhalt. Auf die Ladung wurde ein leichtes Gummiboot gestaut; für den Fall, daß offenes Wasser angetroffen würde. Die persönliche Ausrüstung der Mannschaft bestand in einem Büffelpelz als gemeinschaftliches Lager, und für die einzelnen in einem Flanellsack zum Hineinkriechen. Gummituch schützte die unteren Extremitäten gegen Nässe. Hierzu kam noch ein Zelt von Segeltuch. Später lernten wir unsern Reisebedarf immer mehr verringern und fanden, daß unsere wirkliche Bequemlichkeit und Reisetüchtigkeit gerade um soviel zunahm, als wir die Ausrüstung vereinfachten und vermeintlich notwendige Dinge fortließen. Schritt vor Schritt verkleinerten wir, solange uns die Pflicht in der arktischen Zone festhielt, unsern Bedarf für Schlittenreisen; bis wir zuletzt bei dem von den Eskimos angenommenen Ultimatum der Einfachheit – rohem Fleisch und Pelzsack – anlangten. Während unserer Vorbereitungen für den Winter hatte ich zwei meiner Leute nebst dem Eskimo Hans ausgesandt, um das Innere des Landes zu prüfen und festzustellen, welche Hilfsmittel an Wild es bieten möchte. Am 16. September kehrten sie nach einer harten, mit Mut und Umsicht ausgeführten Reise zurück, nachdem sie 90 englische Meilen weit ins Innere vorgedrungen. Hier waren sie durch einen 400 Fuß hohen prächtigen Gletscher aufgehalten worden, der nach beiden Seiten kein Ende absehen ließ. Sie fanden keine großen Seen, sahen von fern einige Renntiere, zahlreiche Hasen und Kaninchen, aber keine Schneehühner. Nun wollte ich unsere Schlittenexpedition nicht länger zurückhalten, und so verließ sie am 20. September das Schiff mit einem dreimaligen Hurra! Unsere eigentliche Schiffsmannschaft besteht jetzt nur noch aus drei Mann, denn alle Offiziere nebst dem Arzt sind eifrig mit Bau und Einrichtung der Sternwarte beschäftigt. Die Insel, auf der wir die Sternwarte errichteten, ist etwa 50 Schritt lang und 40 Schritt breit und erhebt sich ungefähr 30 Fuß über den Wasserspiegel. Hier erbauten wir aus Granitblöcken ein Mauerviereck, wobei Moos und Wasser unter Beistand des nie versagenden Frostes den Mörtel lieferten. Obenauf legten wir ein derbes Holzdach, mit einer Oeffnung gegen den Meridian und Zenith. Als Ständer hatten wir eine Mischung von Sand und Eis, indem wir nassen Sand in eisenbeschlagene Pemmikanfässer fest einstampften. Sie waren so frei von Erschütterung wie der Fels, auf dem sie standen. Hier stellten wir unsern Theodoliten und das Passage-Instrument auf. Die magnetische Warte wurde nebenan in ähnlicher Weise, nur etwas wohnlicher, eingerichtet, denn sie hatte außer dem Holzdach auch Dielen und einen kupfernen Feuerrost. Hier befanden sich Magnetometer und Inklinatorium. Das Häuschen für Wetterbeobachtungen wurde ein Stück vom Schiff auf dem freien Eise errichtet und mit Wasser fest an seine Unterlage gekittet. Durch offen gelassene Spalten und überall angebrachte Bohrlöcher war der Luft ein völlig freier Zugang gestattet. Zur Abhaltung des überall eindringenden, fast unfühlbar feinen Schneegestöbers wurden im Innern mehrere Schirme zusammengestellt und in der dadurch gebildeten Kammer die Thermometer aufgehangen. Durch eine Glastafel konnte das Licht einer Laterne die Instrumente erleuchten, und mit Hilfe eines Perspektivs vermochte man die Grade von weitem abzulesen, so daß die sehr empfindlichen Instrumente durch die Nähe des Beobachters nicht gestört wurden. 30. September: Wir haben entsetzlich von Ratten zu leiden. Vor einigen Tagen versuchten wir sie auszuräuchern, und zwar nach einem so widerwärtigen Rezept, als wir uns irgend ersinnen konnten: Schwefel, verbranntes Leder und Arsenik. Wir brachten eine eisige Nacht auf Deck zu, um der Sache ihren Lauf zu lassen, doch die Ratten überlebten das Experiment. Jetzt beschlossen wir sie durch Kohlensäure zu ersticken. Wir zündeten eine Quantität Holzkohlen an, schlossen die Luken und verstopften alle Ritzen. Unten in dem abgeschlossenen Raume entwickelte sich das Gas außerordentlich rasch, und es war alle Veranlassung zu größter Vorsicht geboten. Unser französischer Koch aber, der brave, tollkühne und diensteifrige Pierre Schubert, stahl sich ohne mein Wissen und Willen hinab, um eine Suppe zu würzen. Zum Glück sah ihn Morton im Finstern taumeln und fallen und stürzte ihm nach. Beide mußten heraufgezogen werden – Morton fast ganz entkräftet, der Koch völlig besinnungslos. Unser Observatorium Diesem Unglück folgte ein größeres: wir waren nahe daran, völlig abzubrennen. Während des ersten Unfalls war die angeordnete Ueberwachung der Feuer und das zeitweilige Oeffnen der Luken versäumtworden. Als ich eine Laterne hinabließ, die augenblicklich verlöschte, schlug mir ein verdächtiger Geruch wie von brennendem Holz entgegen, Sofort stieg ich hinab und sah vom Verdeck des Vorderkastells aus, daß bei den Oefen alles in Ordnung war; als ich mich jedoch zurückwandte, sah ich an einer andern Stelle des Decks eine Kohlenglut von etwa drei Fuß Durchmesser. Das Gas begann bereits auf mich zu wirken, meine Laterne erlosch, als würde sie mit Wasser übergossen, und ich wäre am Fuße der Leiter hingestürzt, hätte nicht einer von oben meinen Zustand bemerkt und mich heraufgeholt. Nachdem ich mich erholt, entdeckte ich den vier um mich versammelten Männern mein furchtbares Geheimnis. Vor allem mußte Verwirrung vermieden werden. Wir warfen die Türen der Mittelwand zu, um die übrige Mannschaft im Hinterteil des Schiffes zurückzuhalten, und holten aus dem Löschloch neben der Brigg Wasser herauf. In weniger als zehn Minuten war die Gefahr beseitigt. Als Ursache des Brandes fanden wir, daß sich ein Rest Holzkohlen in einem Fasse der Zimmermannskajüte auf unerklärliche Weise entzündet hatte. Das Löschloch hatte sich glänzend bewährt; und ich war erfreut, daß dies im hohen Norden so wichtige Erfordernis bei unseren sonstigen schweren Pflichten nicht versäumt worden war. Dabei war das Eis um die »Advance« bereits 14 Zoll stark. – Als wir am nächsten Tag nach dem Erfolg unserer Maßregel sahen, konnten wir achtundzwanzig wohlgenährte Ratten aus allen Lebensaltern sammeln. Dieser Tage fanden wir an der Küste nach Südost alte, aber deutliche Spuren von Eskimoschlitten. Dies läßt hoffen, daß die Leute diesen Winter wieder hierher kommen werden. Auch besuchte ich eine Gruppe verlassener Eskimohütten, die etwa drei Meilen vom Schiffe entfernt waren. Unser Hundevolk hat sich vermehrt. Von dem Nachwuchs haben wir vier vielversprechende Welpen aufgespart, sechs sind schimpflich ersäuft, zwei mußten für mich ein Paar Handschuhe abgeben, und sieben wurden von den zärtlichen Müttern aufgefressen. Gestern zeigte eine der Hundemütter auffällige Symptome. Wir erinnerten uns, daß sie schon seit einigen Tagen das Wasser gemieden und nur widerwillig und unter Krämpfen gesoffen hatte – aber an Wasserscheu dachten wir bei 70° nördlicher Breite natürlich nicht. Das Tier war am Morgen mit taumelnden Schritten, hängendem Kopf und schaumiger Schnauze auf Deck hin und her gelaufen. Schließlich schnappte es nach Petersen und fiel schäumend und umsichbeißend zu seinen Füßen nieder. Widerstrebend sprach er das Wort »Wasserscheu« aus und bat mich, den Hund zu erschießen. Ein Zögern gab es nicht mehr. Denn er war schon wieder aufgesprungen, schnappte nach Hans und begann seinen taumelnden Trott von neuem. Natürlich wurde er erschossen. Die Hasen beginnen sich seltener zu zeigen; sie ziehen sich nach der Küste, wenn der Schnee im Innern sich häuft. Petersen ist im Abschuß dieser Tiere sehr erfolgreich; wir haben jetzt vierzehn zur Verfügung. Häufig fanden wir auch Spuren von Füchsen und haben für sie Steinfallen gebaut. Haus Anoatok Ich fahre jetzt meine Eskimohunde vor dem Schlitten ein, bis mir der Arm weh tut. Um solch ein Gespann mit Erfolg zu führen, ist die Peitsche unentbehrlich. Sie verlangt, so gut wie das Fechtrapier, eine ganz besondere Einübung. Die Peitsche ist sechs Yards lang, der Stock nur sechzehn Zoll; und mit diesem kurzen Hebel muß ein so langer Seehundriemen vorwärtsgeschnellt werden. Wer das nicht meisterlich kann, muß auf das Schlittenfahren verzichten. Denn die Hunde gehen bloß auf Peitsche, und man muß nicht allein jeden der zwölf, die den Zug bilden, besonders zu treffen wissen, sondern der Schlag muß auch von einem lauten Knall begleitet sein. Das Zurücknehmen der Peitsche hat ebenfalls seine Schwierigkeiten, weil sie sich leicht in den Hunden und Leinen verwickelt oder sich um Steine und Eisklumpen schlingt und einen kopfüber in den Schnee reißt. Die Regel bei Ausführung dieser verschiedenen Bewegungen ist, daß man mit steifem Ellenbogen einen Kreis um die Schulter beschreibt und den Schlag selbst nur aus dem Handgelenk führt. Solchem Schlag an das Ohr oder den Vorderlauf des armen Hundes folgt ein Geheul, dessen Bedeutung unzweifelhaft ist. Die Schlittenexpedition ist jetzt, am 10. Oktober, zwanzig Tage fort und könnte zurück sein. Ihre Lebensmittel müssen sehr zusammengeschrumpft sein, da ich ihnen einschärfte, jedes nur irgend abzusparende Pfund in die Depots zu legen. Ich fahre mit Lebensmitteln aus, um nach ihnen zu sehen, und nehme vier unserer besten, völlig dressierten Neufundländer und den leichtesten Schlitten. Blake wird mich auf Schlittschuhen begleiten. Das Eis ist zu unsicher, und wir haben zu wenig Hunde, um einen schweren Zug auszurüsten. Das Thermometer steht noch immer 4° über Null (12-1/2° Kälte nach R.). Das Eis zeigte keine Schwierigkeit, bis wir aus der Bucht herauskamen und uns nach rechts wandten. Hier fanden wir, daß die große Eisfläche vor uns durch Springfluten zerbrochen war und sich in jeder Richtung Spalten öffneten. Natürlich suchte ich schnellstens das feste Land zu gewinnen. Aber unglücklicherweise war gerade Ebbe, und der Eisgürtel ragte mauerhoch über uns. Mir lag alles daran, ein Asyl am Lande zu finden. Denn wenn die mehr nach außen das junge Eis umgebenden alten Eisfelder auch eine zeitweilige Zuflucht boten, so liefen wir hier wieder Gefahr, mit dem Treibeis fortgerissen zu werden. Die Hunde wurden matt, aber sie mußten vorwärts. Wir waren ja nur zwei Mann. Und wenn den Hunden einmal der Sprung über eine der so rasch sich mehrenden Eisspalten mißlingen sollte, so war kaum zu hoffen, daß wir unsern beladenen Schlitten retteten. Dreimal in zwei Stunden waren die beiden Hinterhunde bereits eingesunken. John und ich hatten nun schon 14 Meilen neben dem Schlitten hertraben müssen und waren so müde wie unsere Hunde. Dieser Stand der Dinge durfte nicht länger dauern; ich beschloß, seewärts auf das alte Eis zu gehen. Rasch näherten wir uns ihm; da kam eine breite Spalte, die Hunde machten einen Fehlsprung – und alles lag im Wasser. Eiligst durchschnitten wir die Leinen und halfen den armen Tieren heraus. Der zinnerne Kochapparat und die Luft in den Kautschukdecken hielten den Schlitten schwimmend, so daß wir ihn nach vieler Mühe unter Beihilfe der Hunde wieder auf das Eis brachten. Obgleich wir bei etwa 15° Kälte völlig durchnäßt waren, hatten wir doch nicht Zeit, viel darüber nachzudenken, sondern rannten mit den Hunden um die Wette unserm Ziele zu, während wir in der kalten Luft wie ein paar Lokomotiven dampften. Das alte Eis war so fest gefroren, daß wir unser Zelt nicht aufzuschlagen vermochten. Wir krochen in unsere Büffelsäcke und fanden sogar etwas Schlaf, bis es heller wurde und wir unsere Reise in derselben Weise fortsetzten. Sehr angenehm war es uns, zu finden, daß die Eisspalten sich bei Eintritt der Flut mehr schlossen; und so erreichten wir bei Hochwasser glücklich den Eisgürtel unter den Klippen. Dieser hatte sich seit unserer Septemberreise sehr verändert. Fluten und Frost hatten ihn spiegelglatt gemacht; und ich sah, daß wir an ihm eine sehr gute Straße für künftige Expeditionen haben würden. Die folgenden Nächte vergingen besser, als nach unserm durchweichten Zustande zu erwarten war. Wir hingen das Zelt und die Pelze in die Luft und klopften den Schnee heraus, wodurch sie allmählich wenigstens soweit trockneten, daß wir darin schlafen konnten. Die Hunde schliefen mit uns im Zelt und teilten uns ihre Wärme und ihren Duft mit. Als ich am 15. November etwa zwei Stunden vor dem späten Sonnenaufgang einen Eisberg erkletterte, um Umschau zu halten, entdeckte ich in der Ferne auf dem weißen Schnee einen dunklen Gegenstand, der sich nicht nur bewegte, sondern auch seine Formen sonderbar wechselte und bald eine lange, schwarze, wogende Linie bildete, bald sich in einen Knäuel zusammenzog. Es war unsere zurückkehrende Reisegesellschaft. Wir konnten uns im Zwielicht noch nicht deutlich erkennen, doch das erste gute Zeichen war, daß ich sie singen hörte. Ich zählte ihre Stimmen – Gott sei Dank, es waren noch sieben. In wenigen Minuten trafen wir zusammen. Im ganzen waren sie wohlauf, obwohl keiner war, der nicht vom Frost irgendeinen Denkzettel erhalten hätte. Gemeinsam kehrten wir zum Schiff zurück, nachdem ich meine eigenen Schlittenvorräte in ein Versteck hatte legen lassen. Die Expedition hatte eine tüchtige Reise gemacht, ihren Auftrag zufriedenstellend ausgeführt und mancherlei Abenteuer bestanden. Am 25. Tage ihrer Fahrt längs der grönländischen Küste wurden sie unerwartet durch einen mächtigen Gletscher an weiterem Vordringen gehemmt ... Die Oefen und Züge des Schiffes bewähren sich so glänzend, daß wir unten eine mittlere Temperatur von 65° (15° R.) erhalten können und noch oben unter dem Bretterdach das Thermometer über dem Gefrierpunkt steht, während draußen die Kälte 25° unter Null ist und ein scharfer Wind weht. Der November ist da. Die Winternacht schleicht heimtückisch heran; ihre Fortschritte lassen sich nur durch Vergleich eines Tages mit einem einige Zeit früher vergangenen erkennen. Noch lesen wir das Thermometer zu mittag ohne Licht; und die schwarzen Hügelmassen mit ihren grellen Schneeflecken sind etwa fünf Stunden lang erkennbar. Alles übrige ist in Finsternis versunken. Laternen stehen beständig auf dem Oberdeck, und unten werden die Specklampen nicht mehr ausgelöscht. Sterne sechster Größe glänzen, ohne zu irgendeiner Tageszeit zu verblassen. Außer auf Spitzbergen (das jedoch die Vorteile eines durch Strömungen gemilderten Inselklimas für sich hat) hat noch kein Christenmensch jemals in so hohen Breiten überwintert wie wir. Und dort auf Spitzbergen sind es abgehärtete russische Schiffer. Die Finsternis um uns wird noch 90 Tage dauern, bevor wir auch nur das gespenstige Zwielicht wiedersehen, das jetzt herrscht. Der ganze Winter wird 180 sonnenlose Tage zählen und wird nach allen Anzeichen ungewöhnlich streng. Unter solchen Umständen ist es schwer, die Mannschaft bei guter Stimmung zu erhalten. Der arme Hans, unser Eskimojäger, litt bitter unter Heimweh. Einmal packte er seine Sachen zusammen und nahm sein Gewehr, um uns allen Lebewohl zu sagen. Dabei stellte es sich heraus, daß außer seiner Mutter noch eine andere Vertreterin des schönen Geschlechts zu Fiskernaes das Herz des Burschen beschäftigte. Er sah genau so jämmerlich aus wie die unglücklichen Liebhaber in milderen Himmelsstrichen. Ich glaube sein Heimweh kuriert zu haben, indem ich ihm zuerst mal eine Dosis Salz eingab und ihn dann avancieren ließ. Er ist jetzt mit der ganzen Würde eines Leibpagen bekleidet: er schirrt meine Hunde an, baut Fuchsfallen und begleitet mich auf meinen Ausflügen und Rekognoszierungen. Wir erfinden hunderterlei Mittel gegen die lähmende Langeweile des Winters: wir veranstalten einen Maskenball, und am 21. November erschien die erste Nummer unserer arktischen Zeitung: »Der Eisblink«. Die Artikel sind von Verfassern jedes nautischen Grades, einige der besten stammen vom Vorderkastell. Ein anderes Mal veranstaltete ich ein Fuchs- und Jägerspiel auf dem Verdeck und setzte einen Preis aus für den ausdauerndsten Läufer. Am 27. November schickte ich einen Trupp Freiwilliger unter Herrn Bonsall aus, um festzustellen, ob Eskimos in die Hütten zurückgekehrt seien, die wir früher auf dem Kap leer gefunden hatten. Das Thermometer stand 40° unter Null (- 35° R.), und der Tag war so finster, daß man zur Mittagszeit nicht lesen konnte. Ich war äußerst erstaunt, bei ihrer Rückkehr zu hören, daß sie eine Nacht auf dem Schnee kampiert hatten. Ihr Schlitten war zerbrochen, weshalb sie Zelte und alles andere hinter sich hatten lassen müssen. Es muß mörderlich kalt gewesen sein; denn eine Flasche vom stärksten Whisky war unter Herrn Bonsalls Kopf gefroren. Am andern Tage machte sich Morton allein auf den Weg, um die zurückgelassenen Sachen abzuholen. Er erreichte auch die Hütten, fand aber keine Bewohner. Dennoch sah er genug, um überzeugt zu sein, daß die Wohnungen erst kurze Zeit vor Ankunft der Expedition verlassen waren. Wohin sich die Leute gewendet haben mochten, blieb allerdings ungeklärt. Das verfallene Aussehen der weiter nördlich angetroffenen Hütten sprach nicht dafür, daß sie diese Richtung eingeschlagen hatten. Wahrscheinlich waren sie südwärts gezogen und dürften mit dem Frühling, den Walrossen und Seehunden wiederkehren. Mit Einbruch der strengeren Kälte gegen Mitte September waren die letzten Walrosse verschwunden. Bis dahin hatten sie zwischen den Eisfeldern, wenn diese zur Flutzeit auseinanderwichen, noch Wasser genug gefunden, um zu spielen und zu schlafen. Denn das Walroß schläft oft auf dem Wasserspiegel, während seine Genossen sich im Spiel belustigen. Daher konnte ich oft Junge überraschen, weil ihre Mütter eingeschlafen waren. Sie haben zahlreiche Luftlöcher in das feste Eis nahe der Küste getrieben. Diese Löcher sind genau so rund und glattrandig wie die der Seehunde; doch liegen sie in viel dickerem Eis, und die strahlenförmigen Sprünge rund um sie sind viel markierter. Ohne Zweifel zerbrechen die Kolosse das Eis, indem sie aus der Tiefe auftauchen und wuchtig gegen die untere Fläche anrennen. Das Walroß und der bärtige Seehund haben übrigens die Gewohnheiten, aus unbekannten Gründen Steine zu verschlucken. Am 12. Dezember hatten wir eine Bedeckung des Saturn – ein großes Ereignis in unserm einförmigen Leben. Vom 15. an schwand der letzte Schimmer des südlichen Zwielichts. Nun kann man nichts Gedrucktes mehr lesen; denn man sieht kaum das Papier und kann eine doppelte Handbreite vom Auge entfernt nicht mehr die Finger zählen! Mittag und Mitternacht sind gleich. Ohne einen schwachen Schimmer, der die Umrisse der südlich gelegenen Hügel erkennen läßt, besäßen wir kein Zeichen, daß diese arktische Welt überhaupt eine Sonne hat. In einer Woche erreichen wir des Jahres Mitternacht. Ein Ereignis für unsere kleine Gesellschaft: der »alte Grimm«, der Altmeister der Neufundländer Hunde, ist fort. Dieser Hund war ein »Charakter«, wie man sie auch wohl unter höherstehenden Wesen antrifft. Er war ein so vollkommener Heuchler und wußte so einschmeichelnd mit dem Schwanz zu wedeln, daß er jedermanns Zuneigung und niemandes Achtung gewann. Alle abgesparten Bissen und Abfälle passierten Grimms Gurgel; sein Geschmack war universell; nie verschmähte er etwas, das man ihm gab oder das er sich nehmen konnte, und niemals sah man ihn zufriedengestellt. Grimm war ein alter Hund; seine Zähne zeugten von manchem zurückgelegten Winter; und seine Glieder, die ehemals kräftig den Schlitten zogen, waren jetzt mit Warzen und Ueberbeinen bedeckt. Wurden die Hunde zu einer Reise angeschirrt, so konnte man sicher sein, den alten Grimm nirgends zu finden. Und als man ihn bei solcher Gelegenheit einst hinter einem Fasse versteckt fand, war er auf der Stelle »lahm« geworden. Merkwürdigerweise blieb er seitdem immer lahm, außer wenn der Schlittenzug ohne ihn abging. Kälte behagte dem Grimm ganz und gar nicht. Durch geduldiges Wachestehen an der Tür des Deckhauses und unermüdliches Schweifwedeln erlangte er endlich das alleinige Zutrittsrecht. Mein Rock von Seehundsfellen war wochenlang sein Lieblingsbett. Aber mochte Grimm durch Schwanzwedeln auch noch so starke Anhänglichkeit an jemandem zum Ausdruck bringen – er war doch nie zu bewegen, dem Betreffenden auf das Eis zu folgen, nachdem die kalte Nacht angebrochen war. Bis zur Schwelle wedelte einem der alte Sünder nach und nahm dann Abschied mit einer entschuldigenden Schwanzbewegung, die keinen Zorn aufkommen ließ. Der alte Grimm Als gestern, am 21. Dezember, ein Trupp ausrückte, um Untersuchungen vorzunehmen, glaubte ich: etwas Bewegung würde Grimm gut tun. Denn von dem Faulenzen in der warmen Kajüte war er unheimlich dick geworden. Eine Leine wurde um ihn geschlungen, weil er bei solchen kritischen Gelegenheiten widerspenstig und sogar wild werden konnte. So wurde er an den Schlitten gebunden und trat übelgelaunt seine Reise an. An einem Rastplatze angekommen, sprengte er mit plötzlichem Ruck die Leine kurz am Schlitten ab und verschwand, sie nach sich ziehend, in der Finsternis; mit Richtung auf das Schiff. Seitdem ist er nicht wieder gesehen worden. Leute mit Laternen begaben sich auf die Suche nach ihm; denn es bestand die Befürchtung, daß sich seine lange Leine in den vielen aus dem Eise aufragenden rauhen Spitzen verwickeln und er so ein hilfloser Gefangener werden würde; da seine Zähne zum Durchbeißen der Leine nicht mehr genügten. Wir fanden seine Spur im Schnee innerhalb 600 Schritten vom Schiffe; aber sie wandte sich der Küste zu. Es bleibt ein Rätsel, weshalb er nicht wieder an Bord gekommen ist. Not und Krankheit Die ersten beiden Monate des Jahres 1854 schleppten sich stumpf und einförmig hin. In der Finsternis und erzwungenen Untätigkeit war es fast unmöglich, etwas zu finden, was den Geist beschäftigen und ihm Spannkraft geben konnte, um drohenden Krankheiten zu widerstehen. Das Observatorium und die Hunde boten die einzigen regelmäßigen Beschäftigungen. Im Januar und Februar hatten wir drei Planetenbedeckungen, die wir unter ziemlich günstigen Verhältnissen beobachten konnten. Die magnetischen Untersuchungen gingen ihren Gang, doch die Kälte machte es fast unmöglich, sie regelmäßig fortzuführen. Unser Observatorium war tatsächlich ein Eishaus, so kalt man es sich nur denken konnte. Wegen des Schneemangels war es unangebracht gewesen, die Wände mit diesem wichtigen Nichtleiter zu verstärken. Feuer, Büffelröcke und eine Umkleidung von Segeltuch – nichts genügte, die mittlere Temperatur in der Ebene des Magnetometers bis zum Gefrierpunkt zu erhöhen. Es war keine Seltenheit, daß man an dem Fußboden, worauf der Beobachter stand, die Temperatur um 50 Grad niedriger fand. Die astronomischen Beobachtungen forderten an sich keine lange Zeit; doch der Raum, in dem sie angestellt wurden, hatte gleiche Temperatur mit der äußeren Luft. Die Kälte war enorm, und einige unserer Instrumente, besonders das Inklinatorium, wurden infolge der ungleichen Zusammenziehung von Stahl und Messing fast unbrauchbar. Am 17. Januar standen die Thermometer 49° unter Null (etwa – 36° R.); am 20. zeigten die Instrumente des Observatoriums zwischen 64 und 67°. Auf dem Eise war die Temperatur stets etwas höher als auf der Insel, wahrscheinlich eine Folge der durch das Seewasser bedingten Wärme; denn dies zeigte eine Temperatur von + 29 (etwa 2° Kälte R.). Am 5. September hatten wir die ganz exorbitante Temperatur von 60-73° unter Null (- 48° R.)! Bei diesen Temperaturen gefror Salzäther zu einer festen Masse, und sorgsam bereitetes Chloroform bekam ein körniges Häutchen an seiner Oberfläche. Die Ausdünstungen des Körpers umgaben die bloßliegenden oder dünner bekleideten Stellen mit einer sichtbaren Dunstwolke. Die Luft erregte beim Atemholen ein deutlich stechendes Gefühl; doch von den quälenden Empfindungen, von denen einige sibirische Reisende sprechen, konnte ich nichts bemerken. Wenn man die kalte Luft länger einatmete, rief sie ein Gefühl von Trockenheit in den Luftwegen hervor. Gleichsam unwillkürlich atmeten wir alle vorsichtig, mit festgeschlossenen Lippen. Die ersten Anzeichen wiederkehrenden Lichtes bemerkten wir am 21. Januar, wo der südliche Horizont um Mittag für kurze Zeit einen deutlichen Orangeton annahm. Wenn die Sonne vielleicht schon früher zur Erleuchtung beigetragen hatte, so war dies doch von dem kalten Licht der Planeten nicht zu unterscheiden gewesen. Wir hatten uns dem Sonnenschein nun bis auf 53 Tage wieder genähert. Doch selbst am 31. Januar zeigten zwei um Mittag ausgesetzte sehr empfindliche photographische Platten noch keinerlei Spur einer Lichteinwirkung. Der Einfluß dieser langen dichten Finsternis war ungemein niederdrückend. Selbst unsere Hunde, obwohl in der Mehrzahl Eingeborene des Polarkreises, vermochten ihm nicht zu widerstehen. Die meisten von ihnen starben an einer regellosen Krankheit, woran der Lichtmangel wohl ebensoviel Anteil haben mochte als die enorme Kälte. Die mausfarbenen Hunde, die Leithunde des Neufundländerzuges, sind seit den letzten zwei Wochen wie kleine Kinder gepäppelt worden. Mit ängstlicher Sorgfalt wache ich über diesen kostbaren Tieren. Sie werden im Innenraum gehalten und dort zu jedermanns Belästigung gefüttert, gereinigt, gehätschelt und medizinisch behandelt. Bereits habe ich die Hoffnung aufgegeben, sie zu retten. Ihr Leiden spricht sich so deutlich wie bei einem menschlichen Wesen als eine Art Gemütskrankheit aus. Die körperlichen Funktionen der armen Tiere gehen ohne Unterbrechung fort: sie fressen begierig, schlafen gut und bleiben bei Kräften. Doch alle anderen Anzeichen deuten darauf hin, daß auf das erste Symptom von Gehirnkrankheit, die Epilepsie, von der sie anfänglich befallen waren, jetzt wirklicher Wahnsinn gefolgt ist. Sie bellen wütend ein Nichts an, laufen in geraden und krummen Richtungen verängstigt und unermüdlich hin und her. Sie schmeicheln sich bei den Menschen an, scheinen es aber gar nicht zu fühlen, wenn man ihre Liebkosungen erwidert. Sie stoßen einen mit den Köpfen an oder taumeln mit seltsamem Ausdruck von Furcht umher. Ihre vernünftigsten Bewegungen scheinen rein maschinenmäßig zu sein. Oft kratzen sie jemanden mit der Pfote, als wollten sie sich in die Seehundfelle einwühlen. Zuweilen liegen sie stundenlang in finsterem Schweigen, springen dann wie Verfolgte mit jähem Geheul auf und rennen wieder stundenlang umher. In der Regel sterben sie unter Symptomen, die der Maulsperre ähneln; und zwar in weniger als 36 Stunden nach dem ersten Anfall ... – Am 22. Januar unternahm ich meinen ersten Ausflug auf das große Eisfeld, das solange ein wildes, schwarzes Labyrinth gewesen war. Der Anblick hat sich merkwürdig verändert ... 21. Februar: Seit einigen Tagen versilbert die Sonne das Eis draußen am Eingange der Bucht. Ich machte mich gegen Mittag auf, um sie willkommen zu heißen. Es war der längste Marsch und die steilste Kletterpartie seit unserer Einkerkerung durch die Polarnacht. Skorbut und allgemeine Schwäche hatten mich kurzatmig gemacht. Aber ich kam zum Ziele. Ich sah die Sonne wieder und lagerte mich auf einer vorspringenden Klippe in ihren Strahlen. Es war, als nähme ich ein Bad in parfümiertem Wasser. Der Märzmonat brachte den beständigen Tag zurück. Am letzten Februartage hatte der Sonnenschein unser Deck erreicht. Wie sehr bedurften wir seiner zu unserer Aufheiterung! Zwar waren wir nicht so bleich, als ich nach meinen Erfahrungen im Lancastersund erwartet hätte; doch unsere mit Skorbutflecken gesprenkelten Gesichter verrieten nur zu deutlich, was wir zu leiden gehabt hatten. Naturgemäß waren wir alle bei der strengen Kälte des sogenannten Frühlings zu weiten Fußreisen untauglich. Und da die wiederkehrende Sonne die Verdunstung auf dem Eise beschleunigte, so drohte noch bitterere Kälte. Doch unser Werk war noch nicht getan: der große Zweck unserer Expedition trieb uns gebieterisch nach Norden. Meine Hunde, auf die ich so stark gerechnet hatte, – die neun prachtvollen Neufundländer und die 35 Eskimos – waren eingegangen. Von der ganzen Meute lebten nur noch sechs, von denen einer nicht zum Zuge taugte. Trotzdem bildeten sie noch immer meine Hauptstütze; und ich war seit Anfang des Monats eifrig bemüht, sie miteinander laufen zu lehren. Der Zimmermann mußte einen kleinen Schlitten bauen, wie er unseren zusammengeschmolzenen Kräften entsprach. Und da unser Vorrat an dünnen Schnüren zum Zusammenbinden der einzelnen Teile aufgebraucht war, so improvisierte Herr Brooks eine kleine Seilerbahn und fertigte das nötige aus Sondierleinen. Auf der Brigg lief alles seinen gewöhnlichen Gang. Hans und mitunter auch Petersen gingen auf die Jagd, kamen aber selten zu Schuß. Mittlerweile ermutigten wir uns gegenseitig durch Erörterung unserer Frühlingshoffnungen und Sommerpläne. Zuweilen gelang es sogar, den Widerwärtigkeiten unseres zwecklosen Winterlebens eine scherzhafte Seite abzugewinnen. Ich habe noch wenig über unser tägliches Leben an Bord gesagt. Mir fehlte eben die Muße, weitläufige Schilderungen zu entwerfen. Das Folgende mag für etwas derart gelten. Denken wir uns auf unser kaltes Observatorium; denn wir haben heute magnetischen Termintag. Das kuriose Beobachtungsobjekt bildet hier der Beobachter selbst. Er trägt ein Paar Beinkleider von Robbenfell, eine Mütze von Hundefell, einen kurzen Renntierfellrock und Stiefel von Walroßhaut. Er sitzt auf einer Kiste, auf der sich früher ein Passage-Instrument befand. Ein Ofen, in welchem wenigstens ein Eimer voll Anthrazitkohlen glüht, bildet den malerischen Heizapparat und versucht, die Temperatur womöglich auf 10° unter Null zu steigern (gegen – 19° nach R.). Die eine Hand hält einen Chronometer und ist unbedeckt; der Erwärmung wegen; die andere erfreut sich eines Fuchshandschuhs. Rechte und Linke wechseln dabei beständig ab; wenn die eine vor Kälte brennt, so wandert der Chronometer in die andere, und der Fuchshandschuh tritt an seine Stelle. Auf einem Postament aus gefrorenem Kies ist ein Magnetometer aufgepflanzt, von dem ein Fernrohr ausgeht; und auf dies beugt sich ein müdes Menschenauge, um alle sechs Minuten einen feingeteilten Bogen abzulesen. Im Observatorium Der Befund wird in ein kaltes Notizbuch eingetragen. Das geht so 24 Stunden fort, wobei zwei Mann sich ablösen; dann ist der Termintag vorüber. Diesen Genuß hatten wir allwöchentlich. Hierbei habe ich es erlebt, daß die Temperatur bei dem Instrument 20° über Null (– 6° R.), zwei Fuß über dem Boden 20° unter Null, und dicht am Boden 45° unter Null war; während an der anderen Körperseite, die ich dem kleinen rotglühenden Ungeheuer zukehrte, sich 94° über, auf der abgewandten Seite 10° unter Null fanden. Doch nicht darin liegt das Abenteuerliche, sondern vielmehr in dem Hin- und Rückwege. Wir haben jetzt Tag und Nacht zu gleichen Teilen und können also wenigstens die Hälfte der Gänge mit sehendem Auge machen. Das war vor kurzem noch nicht so: da mußte man, mit einem Eisstock in der einen und einer Blendlaterne in der andern Hand, durch die schwarze Nacht nach einem noch schwärzeren Klumpen, dem Wartefelsen hin, seinen Weg suchen. Nachdem man etwa fünfzig Schritte fortgestolpert, erreicht man eine Mauer; die schwarze Kuppe ist verschwunden, und man hat nichts als graue undeutliche Eismassen vor sich. Jetzt wendet man sich rechts, stemmt seinen Eisstock gegen diese schiefe Ebene von schlüpfriger Glätte und schwingt sich auf den Hummock gegenüber; es ist derselbe, an dem man sich die Nacht vorher die Schienbeine zerschunden. Nun windet man sich im Zickzack vorwärts; man kann die zwanzig Fuß hohe Eiswand gerade vor sich nicht verfehlen, die da ächzt und stöhnt und sogar ihren First wie in ernstem kalten Gruß nach einem zuneigt: das ist der Rand des zweiten Eiswalles. Setzt man über die erste beste Kluft hinüber, dann steht man auf dem ersten Eise; eine weitere Anstrengung bringt einen an den Eisfuß, und hinter diesem liegt der Felsen des Observatoriums. Doch an diesem Eisfuß ist auch noch einige Vorsicht nötig; denn er nagt unaufhörlich an dem Rande des ersten Eises. So muß man seinen Weg durch die zerbissenen Eisstücke suchen. Sofern man nicht ein sehr kaltes Bad liebt, darf man sich ja nicht ohne weiteres diesen teils schwebenden, teils sitzenden, teils schwimmenden Eisklumpen anvertrauen; sondern muß seinen Weg vielmehr sorgfältig heraussuchen, den Eisstock quer halten und darf sich nichts daraus machen, auf Händen und Füßen und mitunter auf dem Bauche vorwärts zu kriechen. – Da vorn die lange, keilförmige Spalte, aus der Dampfwölkchen in die kalte Luft aufsteigen, ist der Saum des Eisfußes. Springt man hinüber, so steht man auf seiner glatten Oberfläche. Nun kriecht man an dem Felsen hinauf, zieht die Holzschuhe an und setzt sich nieder, um einige Stunden lang eine zitternde Nadel zu beobachten ... Zugang zum Observatorium Wie aber verbringen wir unsern Tag – oder vielmehr unsere 24 Stunden, da wir jetzt lauter Tag haben – wenn kein Beobachtungstag ist? Um 6 Uhr morgens wird MatGary mit dem Teil der Mannschaft, der geschlafen hat, gerufen. Die Verdecke werden gefegt, die im Wasser hängenden Netze mit dem wässernden Fleisch untersucht, das Eisloch wird aufgehackt, die Eisdecke gemessen und alles an Bord in seine Ordnung gebracht. Um ½8 Uhr steht alles auf, wäscht sich auf dem Deck, öffnet die Türen, um frische Luft hereinzulassen, und kommt zum Frühstück herunter. Weil unser Brennstoff knapp ist, kochen wir in der Kajüte. Das Frühstück ist für alle gleich und besteht aus Schiffszwieback, Schweinefleisch, eingemachten, so hart wie Kandis gefrorenen Aepfeln, Tee, Kaffee und schönen, rohen Kartoffeln. Nach dem Frühstück nehmen die Raucher ihre Pfeifen bis um 9 Uhr, dann gehen alle auseinander; zum Nichtstun oder zur Arbeit, wie es jeden trifft. Der eine sucht seine Pritsche auf, andere schneidern, schustern, klempnern, mancher zieht Vögel ab usw. Der Rest geht aufs Büro. Das besteht aus einem Tisch, einer Salzspecklampe mit düsterer Flamme, drei Stühlen und ebenso vielen wachsbleichen Männern mit in die Höhe gezogenen Beinen; denn am Fußboden ist es viel zu kalt für die Füße. Jeder hat seine besondere Aufgabe: Ich selbst schreibe oder zeichne Skizzen und Karten; Hayes schreibt Schiffstagebücher oder meteorologische Tabellen ab; Sonntag reduziert seine Beobachtungen; ein vierter ist ins Bett gekrochen und liest in einer Unterhaltungsschrift. Um 12 Uhr gibt es eine Inspektionsrunde und Befehle genug, um damit den Rest des Tages auszufüllen. Das Einfahren der Eskimohunde bildet meine besondere Erholung, ist außerdem sehr gesund für klapprig gewordene Beine und rheumatische Schultergelenke. So rückt die Zeit des Mittagessens heran, wobei sich abermals die ganze Mannschaft versammelt. Frühstückstee und Kaffee kommen hierbei in Fortfall; dagegen erfreuen uns Sauerkohl und getrocknete Pfirsiche. Winterleben an Bord Beim Frühstück und Mittag erscheint die rohe Kartoffel, unsere Leibarznei. Wie jede Arznei, ist sie weniger ein Gaumenkitzel als eine Notwendigkeit. Ich schabe sie fein säuberlich zu Muß, entferne sorgfältig die schädlichen roten Flecken, tue reichlich Oel dazu, um sie »schlüpfrig« zu machen, und versucht mein möglichstes, um die Leute zu bereden, daß sie die Augen schließen und das Zeug herunterwürgen. Zwei weigern sich energisch, es auch nur zu kosten. Ich erzähle ihnen, wie die Schlesier das Kraut als Spinat genießen, wie die Walfischfahrer in der Südsee sich in dem Syrup berauschen, in dem die großen Kartoffeln von den Azoren eingelegt waren; ich zeige ihnen mein Zahnfleisch, das vor ein paar Tagen noch so schwammig und bös war und jetzt so glatt und hübsch ist, lediglich durch die Heilkraft der rohen Kartoffel – alles ist in den Wind gesprochen; sie mögen die köstliche Mixtur nun einmal nicht. Unter Schlaf, Bewegung, Unterhaltung und nach Belieben Arbeit geht der Tag hin, bis die sechste Stunde zum Abendessen ruft, das ungefähr dem Frühstück und Mittag gleicht und nur etwas knapper ist. Dann bringen die Offiziere die Tagesberichte – Schiffsjournal, Flutregister, Wetter- und Thermometerbeobachtungen und Eismessungen. Ich trage alles ein und füge meine eignen Anmerkungen bei – alles mit ermattetem Körper und bedrücktem Geist. Zuweilen spielen wir Karten oder Schach oder lesen etwas. Für ein Alltagsleben sieht das ganz erträglich aus; aber die damit verbundenen Unbequemlichkeiten sind dennoch groß. Unser Brennstoff beschrankt sich auf fünf Eimer Kohlen täglich, und die mittlere Temperatur im Freien ist 40° unter Null (- 52° R.), in diesem Augenblicke, während ich dies schreibe, 46°. Londoner Porter und alter Xereswein gefrieren in den Kajütenschränken. An den Deckbalken über uns hängen Fässer mit Eisbrocken, die unser tägliches Trinkwasser hergeben müssen. Unser Oel ist aufgebraucht; und mit Salzspeck wollen die Lampen nicht brennen. Wir arbeiten daher bei trübe brennenden, auf Kork schwimmenden Baumwolldochten. Heute, am II. März, haben wir nicht ein einziges Pfund frisches Fleisch mehr und nur noch ein Faß Kartoffeln. Mit Ausnahme von zwei Mann sind alle vom Skorbut befallen. Wenn ich die bleichen, verstörten Gesichter meiner Kameraden ansehe, dann fühle ich, daß wir bei unserm Kampf um das Leben im Nachteil sind und daß ein Tag und eine Nacht im Polareis den Menschen schneller altern läßt als ein Jahr auf irgend einem andern Punkt der Erde. Besuch von Eskimos Seit Januar haben wir uns mit den Schlitten und anderen Vorbereitungen zu den geplanten Frühjahrsausflügen beschäftigt. Infolge des Hundesterbens, der durch die Beschaffenheit des Wintereises erwachsenen Hindernisse und der enormen Kälte mußte alles anders eingerichtet werden. Die Kajüte, der einzige geheizte Raum, ist Werkstatt, Küche, Saal und Sprechzimmer zugleich; hier wird geschustert, geschneidert und gezimmert; Pemmikanfässer stehen zum Auftauen in den Wandschränken; Büffelröcke trocknen am Ofen; die Ecken sind mit Lagerbedarf angefüllt. Die mittlere Temperatur in der ersten Märzhälfte war mindestens – 41°; bei solcher Kälte leistet der Schnee, der sich trocken und sandig anfühlt, dem Schlitten ungemeinen Widerstand; und die Kufen kreischen beim Darüberfahren. Noch am Morgen des 18. März herrschte eine Temperatur von – 49°; für eine Expedition vielleicht etwas zu kalt. Dennoch packten wir den Schlitten und banden das Boot auf, um festzustellen, wie der Zug sich machen würde. Acht Mann, die sich vorspannten, konnten ihn kaum von der Stelle schaffen, was teils von der starken Reibung auf dem Schnee, teils von den zu schmalen Kufen, die infolgedessen zu tief im Schnee gehen, herrühren muß. Da man jedoch aus verschiedenen Anzeichen einen baldigen Umschlag der Witterung erwarten durfte, so ließ ich die Expedition am 19. abgehen, nachdem ich die Schlittenladung, wenn auch ungern, um mehr als 200 Pfund erleichtert und auch das Boot zurückbehalten hatte. Es waren acht Mann unter Anführung von Brooks. Wir sahen sie den ganzen Tag vom Schiff aus, wie sie mühsam ihren Schlitten dahinschleppten. Die Sache befriedigte mich nicht; ich folgte ihnen daher um acht Uhr abends und fand sie nur fünf englische Meilen vom Schiffe am Lager. Ich gab ihnen keine neuen Befehle für morgen, hörte Petersens Lobrede auf ihren Schlitten mit an, der nur wegen der starken Kälte nicht fortwolle, sagte Gutenacht und ließ sie in ihren Pelzsäcken. An Bord wieder zurückgekehrt, brachte ich meine sämtlichen müden Leute auf die Beine. Ein großer Schlitten mit breiten Kufen wurde herabgelangt, geschabt, geputzt, geschnürt und mit Zugleinen versehen. Wir zogen über ihn ein vollständiges Segeltuchdach, und um 1 Uhr morgens war der Rest des Pemmikan samt dem Boot auf ihm verladen. Fort ging es nun zu dem Lagerplatz der Schläfer, deren Zeit wir durch Orientierung mittels der gestrandeten Eisberge wiederfanden. Leise holten wir ihren Eskimoschlitten zur Seite und packten die Ladung auf den großen Schlitten um. Jetzt spannten sich fünf Mann vor und zogen an: der Schlitten ging wie ein Schiffchen – der Versuch war glänzend gelungen. Mit drei Hurras weckten wir die Schläfer, sagten ihnen zum zweitenmal Lebewohl und kehrten mit dem abgedankten Schlitten zum Schiff zurück. Auf der Brigg ging es nun an ein Eishacken, Schaufeln und Fegen, das wenigstens zehn Karrenladungen Abraum ergab. Unser Ueberbau hatte durch den Niederschlag der Dünste eine fünf Zoll dicke kristallne Eiskruste erhalten. Es schläft sich unter solch warmhaltender Decke ganz behaglich; jetzt aber muß sie wegen der zu befürchtenden Nässe herunter. Dieser Tage fanden wir in unseren Fallen einen erfrorenen Fuchs. Er hatte sich bereits wieder durchgegraben, aber sein böses Geschick wollte nicht, daß er die schwer errungene Freiheit genießen sollte. Bevor er entrinnen konnte, war sein Pelz durch seinen eigenen Hauch an einem glatten Stein festgefroren. Ich bedauerte und verspeiste ihn. Am nächsten Tage fingen wir wieder einen weißen und einen blauen Fuchs. Nie waren zwei Füchse willkommener; wir aßen sie noch am gleichen Abend. Mehrere Tage hatten wir mit den Vorbereitungen zu unserer großen Landexpedition alle Hände voll zu tun. Ueberall lagen Büffelfelle, Leder und Schneidereien. Jedes Pelzfleckchen wurde nun zu Handschuhen oder Ueberwürfen verarbeitet. Ende März war alles bereit, und wir warteten mit dem Aufbruch nur auf die Meldung, daß unsere Schlittenpartie ihre Vorräte sicher untergebracht habe. Eben nähten wir bei Licht noch eifrig an Pelzstiefeln, als wir gegen Mitternacht Schritte auf Deck hörten und in der nächsten Minute Sonntag, Ohlsen und Petersen die Kajüte betraten. Ihr Zustand war noch auffälliger als ihr unerwartetes Erscheinen. Sie sahen geschwollen und verstört aus und waren kaum fähig, zu sprechen. Ihr Bericht war grauenhaft: Sie hatten ihre Kameraden draußen im Eise zurückgelassen und ihr Leben gewagt, um die Nachricht aufs Schiff zu bringen, daß Brooks, Baker, Wilson und Pierre erstarrt und krank liegen geblieben seien. Wo, wußten sie nicht zu sagen. Irgendwo zwischen den Hummocks gegen Nordost – bei ihrem Abmarsch hatte wüstes Schneetreiben geherrscht. Der Irländer Tom war zurückgeblieben, um die Ermatteten zu pflegen und zu füttern; aber ihre Aussichten standen schlimm genug. Mehr war aus den Zurückgekehrten nicht herauszubringen. Augenscheinlich hatten sie ein weites Stück Weges zurückgelegt und fielen fast um vor Schwäche und Hunger. Kaum vermochten sie noch anzugeben, aus welcher Richtung sie gekommen. Mein erster Gedanke war, mit einer unbelasteten Partie sofort aufzubrechen; denn schnellste Hilfe tat not. Am meisten ängstigte mich, daß man gar nicht wußte, wo man die Kranken zwischen den Schneewehen zu suchen hatte. Ohlsen schien seiner Sinne noch etwas mächtiger zu sein als die anderen; und ich glaubte, er werde uns als Führer dienen können. Doch er war völlig erschöpft; und wenn er uns begleiten sollte, mußte er transportiert werden. Kein Augenblick war zu verlieren. Während einige sich noch mit den Ankömmlingen beschäftigten und hastig etwas zu essen bereiteten, rüsteten andere den Schlitten »Little Willie« mit einer Büffeldecke, einem kleinen Zelt und einem Pack Pemmikan aus; Ohlsen wurde in einen Pelzsack gesteckt und daraufgeschnallt, seine Beine in Hundefelle und Eiderdaunen gewickelt – und fort ging es auf dem Eise. Erschlagener Polarfuchs in der Falle Unser Trupp bestand aus neun Mann und mir. Wir hatten nichts bei uns, als was wir auf dem Leibe trugen. Das Thermometer zeigte 46° Kälte (– 35° R.). Ein uns wohlbekannter, durch seine Form auffälliger Eisberg, den unsere Leute Pinnakel nannten, und späterhin andere in langen Ketten aufragende kolossale Eisberge dienten uns als Wegweiser. Aber nach sechzehnstündigem Marsch kamen wir allgemach aus der Richtung. Wir wußten, daß unsere Kameraden sich irgendwo auf der Fläche vor uns in einem Umkreise von etwa 40 englischen Meilen befinden mußten. Ohlsen, der 50 Stunden lang auf den Füßen gewesen, war in Schlaf gesunken, sobald wir uns in Bewegung gesetzt. Er erwachte jetzt mit unzweideutigen Zeichen von Geistesstörung. Es war klar; in dem Labyrinth von Eisbergen, die sich in Form und Farbe endlos wiederholten, vermochte er sich nicht mehr auszukennen; und bei der Gleichförmigkeit des ungeheuren Schneefeldes bestand keine Hoffnung, Orientierungspunkte zu entdecken. Ich ging der Gesellschaft voraus, klomm über einige zackige Eispfeiler und bekam ein ebenes Eisfeld zu Gesicht, das mir geeignet schien, die Aufmerksamkeit todmüder Leute auf sich zu ziehen. Es war nur eine schwache Vermutung, aber ich gab ihr nach, da mir keine bessere zur Verfügung stand, und befahl den Leuten, den Schlitten stehen zu lassen und sich zu zerstreuen, um nach Fußspuren zu suchen. Wir errichteten unser Zelt, versteckten unser Pemmikan mit Ausnahme einer kleinen Portion, die jedem mitgegeben wurde; und der arme Ohlsen, der eben wieder stehen gelernt hatte, wurde aus seinem Sack erlöst. Das Thermometer war bis unter 49° gesunken, und ein scharfer Wind blies aus Nordost. Von Haltmachen war leine Rede; nur durch ständige Bewegung konnten wir dem Erfrieren entrinnen. Ich konnte nicht einmal Eis auftauen; und der Versuch, den Durst mit Schnee zu löschen, bestrafte sich bei dieser Temperatur mit blutigen Zungen und Lippen – er brannte wie Höllenstein. Somit blieb nichts anderes übrig, als vorwärts zu gehen und nach Fußspuren zu suchen. Wenn aber die Leute angewiesen wurden, sich der wirksameren Suche halber zu zerstreuen, so gehorchten zwar alle willig. Aber lag es an einem Gefühl vergrößerter Gefahr durch die Vereinzelung oder waren die wechselnden Gestaltungen der Eisfelder schuld – immer fanden sie sich wieder in geschlossener Gruppe zusammen. Die seltsamen Anfälle, die einige von uns erlitten, schreibe ich ebenso den angegriffenen Nerven als der furchtbaren Kälte zu. Männer wie Mac Gary und Bonsall, die schon die anstrengendsten Märsche ausgehalten, wurden von Gliederzittern und Kurzatmigkeit befallen; und ich selbst, trotz aller Bemühungen, ein gutes Beispiel zu geben, brach zweimal ohnmächtig zusammen. Wir waren fast 18 Stunden unterwegs, als sich eine neue Hoffnung zeigte: einer von uns glaubte eine breite Schlittenspur zu sehen. Sie war fast verweht, und es konnte ebenso gut eine vom Winde gezogene Schneefurche sein. Doch wir folgten ihr durch den tiefen Schnee zwischen den Hummocks und entdeckten Fußstapfen. Und als wir diesen eifrig nachgingen, sahen wir endlich eine kleine amerikanische Flagge von einem Hummock flattern. Es war der Lagerplatz unserer Kranken, die wir nach einem ununterbrochenen Marsch von 21 Stunden erreichten. Das kleine Zelt lag fast völlig unter Schnee begraben. Ich gehörte nicht zu den ersten, die herankamen. Als ich mich dem Eingang näherte, standen die Männer auf beiden Seiten in stummer Reihe da. Mit mehr Zartgefühl, als man sie Matrosen in der Regel zutraut, obwohl sie an ihnen fast charakteristisch ist, gaben sie den Wunsch zu erkennen, daß ich allein hineingehen möchte. Als ich nun in das Dunkel hineinkroch und auf einmal mir das freudige Willkommen der in ihren Säcken hingestreckten armen Burschen entgegenscholl und ein zweiter Freudenruf draußen antwortete, überwältigten mich fast Rührung und Dankbarkeit. Sie hatten mich erwartet – sie waren sicher, daß ich kommen würde! Jetzt zählten wir 15 Köpfe. Das Thermometer stand 75° unter dem Gefrierpunkt (33½° R.), und unser ganzes Obdach bestand in einem Zelte, das kaum acht Personen faßte. Die eine Hälfte der Gesellschaft mußte sich immer durch Herumwandern im Freien gegen die Kälte wehren, während die anderen innen schliefen. Bleiben konnten wir nicht lange; jeder hielt eine zweistündige Rast, und dann machten wir uns zur Heimreise fertig. Wir nahmen nichts mit als das Zelt, Pelze zur Bedeckung der Wiedergefundenen und Proviant für einen Marsch von 50 Stunden. Alles andere blieb zurück. Unsere Kranken packten wir sorgfältig in Pelze, so daß nur der Mund frei blieb, und setzten oder banden sie in halbsitzender Stellung auf den Schlitten. Diese notwendige Arbeit kostete uns viel Zeit und Mühe, doch hing ja das Leben der Leidenden davon ab. Nicht weniger als vier Stunden brauchten wir, um sie auszukleiden, zu erquicken und wieder und wieder einzupacken. Wenige von uns kamen ohne Frostschaden an den Fingern davon. Endlich waren wir fertig. Nach einem kurzen Gebet traten wir unsern Rückzug an. Es war ein Glück, daß wir in solchen Schlittenreisen über das Eis Erfahrung hatten. Ein großes Stück unseres Weges ging zwischen Hummocks hin, die zum Teil lange, 15 bis 20 Fuß hohe, steile Wände bildeten, die auf großen Umwegen umgangen werden mußten. Andere, in der Längsrichtung laufende, über mannshohe Eislinien boten so enge Zwischenräume, daß der Schlitten nicht durchzubringen war. Auch fanden sich in diesen Zwischenräumen häufig nur leicht mit Schnee bedeckte Spalten, die gefährliche Fallen bildeten; denn jeder von uns wußte, daß ein Beinbruch oder eine Verstauchung sicheren Tod bedeutete. Zudem war der Schlitten durch Oberlast schwankend; und die gelähmten Leute konnten nicht so fest aufgebunden werden, um sie vor dem Herunterfallen zu sichern. Trotzdem wir alles Entbehrliche beiseite gelassen hatten, betrug die Ladung noch immer 1100 Pfund. Dennoch verlief unser Marsch während der ersten sechs Stunden recht gut. Durch kräftiges Anziehen und Lüften legten wir fast eine englische Meile in der Stunde zurück und erreichten das neue Eis, bevor wir ganz ermüdet waren. Unser Schlitten hielt die Probe vortrefflich aus. Durch die Hoffnung gestärkt, hatte sich Ohlsen wieder an die Spitze der Schlittenzieher gestellt; und ich rechnete sicher darauf, daß wir die Halbwegsstation vom vorigen Tage, wo wir unser Zelt gelassen hatten, erreichen würden. Aber als wir noch neun Meilen davon entfernt waren, verspürten wir alle – plötzlich und fast ohne Voranzeichen – ein bedenkliches Nachlassen der Kräfte. Das Gefühl der Klammheit infolge heftigen Frostes hatte ich schon auf dem ersten Marsche erfahren und es mit den Wirkungen einer galvanischen Batterie verglichen; aber an die unüberwindliche Schlaflust hatte ich nicht geglaubt. Jetzt erhielt ich die Bestätigung. Bonsall und Morton, zwei unserer festesten Männer, kamen und baten um die Erlaubnis, ein wenig schlafen zu dürfen. Sie frören nicht, sagten sie, sie litten nicht unter dem Winde; etwas Schlaf sei alles, wessen sie bedürften. Plötzlich fand man den Hans ganz steif unter der Schneedecke liegen; und Thomas ging kerzengerade, aber mit geschlossenen Augen, und konnte kaum noch ein Wort herausbringen. Endlich warf sich Blake in den Schnee und wollte nicht mehr aufstehen. Sie klagten nicht über Kälte. Aber vergebens rang, boxte und lief ich mit ihnen, umsonst waren Vorhaltungen, Spott und Tadel. Da blieb nichts übrig, als sofort halt zu machen. Mit großer Schwierigkeit schlugen wir das Zelt auf. Unsere Hände waren zu kraftlos, um Feuer zu machen; und so mußten wir uns ohne Speise und Trank behelfen. Selbst der Whisky war zu den Füßen der Leute und trotz aller Pelzbedeckung gefroren. Wir legten die Kranken und Müden ins Zelt und stopften von den andern so viele nach, als darin Platz fanden. Dann ließ ich die Leute unter MacGarys Obhut zurück, ordnete an, daß sie nach vierstündiger Rast nachkommen sollten, und ging mit William Godfrey voraus. Meine Absicht war, das Zelt auf der Halbstrecke des Weges zu erreichen und, bis die anderen kämen, etwas Eis und Pemmikan aufzutauen. Das Eisfeld war völlig eben, und es ging sich ausgezeichnet darauf. Ich kann nicht sagen, wie lange wir zu den neun Meilen brauchten; denn wir befanden uns in einer seltsamen Art von Betäubung und hatten jedes Gefühl für Zeit verloren. Wahrscheinlich brauchten wir etwa vier Stunden. Nur dadurch hielten wir uns wach, daß wir uns gegenseitig zu fortwährendem Sprechen veranlaßten; es mag zusammenhanglos genug gewesen sein. Ich erinnere mich dieser Stunden als der elendesten, die ich je erlebt. Wir waren beide nicht bei klaren Sinnen und hatten nur eine verworrene Erinnerung an das, was sich bis zu unserer Ankunft beim Zelte zugetragen. Doch entsinnen wir uns beide eines Bären, der gemächlich vor uns her trottete und dabei eine Jacke verarbeitete, die MacLary tags zuvor achtlos hingeworfen. Er riß sie in Fetzen und ballte sie zu einem Knäuel zusammen, machte im übrigen aber durchaus keine Miene, uns in den Weg zu treten. Ich hatte eine dunkle Befürchtung, daß unser Zelt und die Büffelröcke das Schicksal der Jacke teilen mochten, und Godfrey, der bessere Augen hatte als ich, bemerkte in der Tat von weitem, wie das Zelt solch eine bärenhafte Behandlung erlitt. Ich glaubte es auch zu sehen. Doch wir waren so kältetrunken, daß wir vorwärts stolperten, ohne unsere Schritte nur im mindesten zu beschleunigen. Wahrscheinlich rettete unsere Ankunft den Inhalt des Zeltes. Es war unbeschädigt, obgleich der Bär es umgeworfen und die Büffelröcke samt dem Pemmikan in den Schnee geschleudert hatte; wir vermißten nur ein paar Flanellsäcke. Mit großer Anstrengung richteten wir das Zelt wieder auf, krochen in unsere renntierfellenen Schlafsäcke und schliefen die nächsten drei Stunden einen traumvollen, aber festen Schlaf. Als ich erwachte, war mein langer Bart eine Masse Eis, fest verwachsen mit dem Büffelfell; und Godfrey mußte mich mit dem Messer losschneiden. Wir vermochten Eis zu schmelzen und etwas Suppe zu kochen, bevor die übrige Gesellschaft nachkam. Sie hatten die neun Meilen in fünf Stunden zurückgelegt, waren wohlauf und bei ausgezeichneter Stimmung. Der Tag blieb glücklicherweise windstill und sonnig. Alle erquickten sich an dem, was wir bereitet hatten. Dann wurden die Kranken wieder eingepackt, und wir machten uns ungesäumt auf nach den Hummockreihen, die zwischen uns und dem Pinnakelberg lagen. Es kostete verzweifelte Anstrengungen, uns einen Weg darüber hin zu bahnen – ja buchstäblich verzweifelt; denn unsere Kräfte verließen uns abermals, und wir verloren alle Selbstbeherrschung. Wir konnten uns nicht länger enthalten, Schnee zu essen; der Mund schwoll uns an, und einige verloren die Sprache. Glücklicherweise wurde die Luft durch den klaren Sonnenschein erwärmt; das Thermometer stieg bis –4° im Schatten (etwa 16° Kälte nach R.); andernfalls hätten wir erfrieren müssen. Wir machten immer öfter halt und fielen halbschlafend in den Schnee. Ich konnte es nicht hindern. Merkwürdigerweise erfrischte uns das. Ich wagte den Versuch selbst, nachdem ich Riley angewiesen, mich nach drei Minuten zu wecken; und ich fühlte davon so gute Folgen, daß ich auch die anderen dazu anwies. Sie setzten sich auf die Schlittenkufen und wurden mit Gewalt munter gemacht, wenn die drei Minuten um waren. Gegen 8 Uhr abends traten wir aus dem Eislabyrinth heraus. Der Anblick des Pinnakelberges ermutigte uns wieder. Branntwein, ein unschätzbares Hilfsmittel in dringenden Notfällen, war schon früher löffelweise verabreicht worden. Jetzt hielten wir längere Rast, nahmen einen stärkenden Schluck und erreichten die Brigg um l Uhr morgens; ohne, wie wir glauben, noch einmal zu halten. Ich sage: – wie wir glauben! Hierin liegt vielleicht der stärkste Beweis dafür, wieviel wir zu leiden gehabt. Wir befanden uns in einem förmlichen Delirium und hatten aufgehört, die Dinge um uns mit gesunden Sinnen zu betrachten. Wir bewegten uns wie im Traum. An unseren Fußstapfen sahen wir später, daß wir im Zickzack auf die Brigg zugetorkelt waren. Eine Art Instinkt muß uns geleitet haben; denn niemand hatte eine Erinnerung daran. Bonsall wurde vorausgeschickt und richtete pünktlich seinen Auftrag auf dem Schiff aus, das er Gott weiß wie erreicht haben mochte; denn er taumelte und fiel einmal um das andere. Ein paar Leute kamen uns mit den Zughunden entgegen, und wir kamen nun alle unter die Hände des Arztes, der uns reichlich mit Reibungen und Morphium behandelt. Er hielt unsere Gehirnsymptome nicht für bedenklich und von Erschöpfung herrührend. Ruhe und gute Kost würden schon helfen. Ohlsen blieb einige Zeit schielend und schneeblind, zwei anderen mußten erfrorene Zehen abgelöst werden, und zwei starben in der Folge trotz aller aufgewendeten Bemühungen. Vier Tage nach unserer Heimkehr war ich wieder gesund und bei Besinnung, nur daß mich alle Gelenke schmerzten. Die hereingeholten Kranken sind noch nicht außer Gefahr; doch ihre Dankbarkeit ist wahrhaft ergreifend. Nun folgten für mich Tage der Angst und Sorgen. Fast die ganze Expeditionsmannschaft, Retter und Gerettete, lagen krank und vom Frost beschädigt darnieder. Einige mußten Amputationen über sich ergehen lassen, bei anderen zeigten sich die fürchterlichen Vorboten des Starrkrampfes. Am Morgen des 7. April weckte mich ein Ton aus Bakers Brust, so grauenhaft und unheilverkündend er jemals an das Ohr eines Arztes gelangen kann: der Kinnbackenkrampf hatte ihn erfaßt; dies schwarze Gespenst, das seinen Schatten noch auf so manchen von uns warf. Die Symptome nahmen rasch ihren Verlauf – am 8. starb er. Wir legten ihn am andern Tage in seinen Sarg, bildeten einen formlosen, aber tiefernsten Leichenzug und schafften die sterblichen Reste unsers Kameraden über den Eisfuß hinweg auf den Felsen hinauf, auf dem das Observatorium stand. Hier stellten wir den Sarg auf das Postament, das unsere Instrumente hatte, lasen die Totengebete, streuten aus Mangel an Erde Schnee und ließen unsern Gefährten, nachdem wir den Eingang verschlossen, in seinem stillen Hause allein. Während wir des Morgens noch an Bakers Sterbebett saßen, meldete die Deckwache, daß Leute vom Lande her das Schiff anriefen. Begleitet von allen, die noch die Treppe steigen konnten, ging ich hinauf und sah wirklich auf allen Seiten der felsigen Bucht, vom Schnee und Felsen abstechend, seltsam wilde, aber augenscheinlich menschliche Wesen. Als wir auf dem Deck erschienen, erkletterten sie die höheren Stücke des Landeises, standen da wie Opernstatisten und bildeten fast einen Halbkreis um das Schiff. Sie schrien und gestikulierten unablässig, aber es war nichts zu verstehen als Hoe – he – keh – keh. Waffen schwangen sie nicht, wie ich bald bemerkte; auch waren sie nicht so zahlreich und nicht von solcher Riesengröße, wie es einigen von uns anfänglich scheinen wollte. Ich war Überzeugt, daß es Eingeborene seien; und so rief ich Petersen als Dolmetscher zu mir und ging, unbewaffnet und die leeren Hände schwenkend, auf eine sich vor den anderen auszeichnende stämmige Gestalt zu. Der Mann sprang von seinem Eisblock herunter und kam mir auf halbem Wege entgegen. Er war fast einen Kopf größer als ich, ungemein stark und gut gebaut, von schwärzlicher Hautfarbe und dunklen, stechenden Augen. Sein Anzug bestand aus einer mit Kapuze versehenen Pelzjacke, mit einigem Geschmack aus abwechselnden Streifen von blauem und weißem Fuchs zusammengesetzt, und Stiefelsohlen von weißem Bärenfell, die an den Zehen in die Klauen des Tieres ausliefen. Kaum hatte meine Unterredung mit dem robusten Diplomaten begonnen, so strömten auch seine Gefährten herbei und umringten uns. Sie ließen sich jedoch bald bedeuten, daß sie zu bleiben hätten, wo sie wären, während »Metek« mit mir auf das Schiff ginge. Dies brachte mich in Vorteil bei der Unterhandlung und gab mir einen wichtigen Mann als Geisel in die Hand. Er ging furchtlos mit mir, obgleich er noch nie einen Weißen gesehen, und seine Kameraden blieben auf dem Eise zurück. Der Koch brachte ihnen hinaus, was er für seine größten Delikatessen hielt: Schnitte von gutem Weizenbrot, gesalzenes Schweinefleisch und mächtige Stücken weißen Zucker; aber sie wollten von alledem nichts anrühren. Uebrigens fürchteten sie offenbar keine Gewalttätigkeiten von uns. Später erfuhr ich, daß sie uns mit unseren bleichen Gesichtern für ein sehr schwächliches Volk gehalten, während es unter ihnen Leute gab, die einen Einzelkampf mit dem weißen Bären und dem Walroß bestehen. Erste Begegnung mit Eskimos Da unsere Unterredung in der Kajüte mich zufriedengestellt hatte, ließ ich nun hinaussagen, daß die übrigen Eskimos an Bord kommen dürften. Obwohl sie nicht wissen konnten, wie es ihrem Häuptling auf dem Schiff ergangen war, stürzten doch sofort neun oder zehn Mann in stürmischer Eile herbei. Andere brachten, als hätten sie uns einen recht langen Besuch zugedacht, hinter dem Landeis hervor nicht weniger als 56 schöne Hunde mit Schlitten herbei und legten sie etwa 200 Schritt vom Schiffe fest, indem sie ihre Lanzen in das Eis trieben und die Hunde mit Riemen daran banden. Die Tiere verstanden vollkommen, was vorging, und legten sich auf der Stelle nieder, sobald die Arbeit begann. Die Schlitten waren aus kleinen Knochenstücken zusammengesetzt, die man durch Riemen mit großem Geschick zu einem Ganzen vereinigt hatte. Der Kufenbeschlag war glatt wie polierter Stahl und aus Walroßzähnen gefertigt. Im Stiefel hatten sie ein Messer stecken. Ihre Lanzen aber, an die sie die Schlitten gebunden hatten, waren immerhin eine furchtbare Waffe. Die Schäfte bestanden aus dem Horn des Narwal, aus Schenkelknochen des Bären oder starken Knochen vom Walroß, die einzelnen Stücke stets mit großer Kunst verbunden. Holz besaßen sie nicht. Ihre sämtlichen Messer stammten vielleicht von einem einzigen rostigen Reifen irgendeines angeschwemmten Fasses; aber die lanzettförmigen Lanzenspitzen waren unverkennbar Stahl, den sie wahrhaft kunstvoll an den Schaft genietet hatten. Wie ich später erfuhr, erhielten sie das Metall tauschweise von südlicheren Stämmen. Ihre Kleidung glich fast völlig der schon an Metek beschriebenen, und alle hatten, gleich ihm, den Ausputz von Bärenklauen an den Füßen. Einen um den Hals gewickelten knotigen Lederstreifen, der sehr schmierig und fettig war und den keiner auch nur einen Augenblick missen wollte, hielten wir anfangs für Zierat, bis wir später bei genauerer Bekanntschaft seine eigentliche geheimnisvolle Bestimmung kennenlernten. Unser alter Freund Schaug Huh Als sie zuerst an Bord kommen durften, waren sie sehr roh und schwer in Ordnung zu halten. Sie sprachen gleichzeitig zu dreien und vieren untereinander wie zu uns; lachten herzlich, daß wir so unwissend waren, sie nicht zu verstehen, und schwatzten trotzdem weiter. Sie waren in beständiger Bewegung; liefen überall umher; probierten die Türen; drängten sich durch enge Gänge und hinter Fässern und Kisten herum; befühlten alles, was ihnen in die Augen fiel; und alles wollten sie haben oder versuchten zu stehlen. Es war um so schwerer, sie im Zaum zu halten, weil ich nicht wünschte, daß sie auf den Gedanken kommen sollten, als hätten wir irgendwie Furcht vor ihnen. Auch gewisse Merkmale unserer ungünstigen Lage sollten ihnen verborgen bleiben. Namentlich durften sie nicht das Vorderkastell betreten, wo die Leiche unseres armen Baker lag. Da aber alles Zureden nichts half, mußten wir endlich zu gelinden Zwangsmaßregeln greifen. Unsere gesamten Streitkräfte wurden gemustert und auf den Beinen erhalten. Und wenn diese Sicherheitspolizei zuweilen auch etwas unhöflich drängte und knuffte, so lief doch alles gemütlich ab, und die gute Laune blieb ungestört. Unsere Gäste blieben dabei, im Schiffe herum und aus und ein zu laufen, Lebensmittel herein und wieder hinaus zu den Hunden zu schleppen und dabei die ganze Zeit über zu stehlen, was sie irgend konnten. Dies dauerte bis zum Nachmittag, wo sie sich zum Schlafen hinwarfen wie Kinder, die vom Spielen müde sind. Ich befahl, es ihnen im Schiffsraum bequem zu machen. An einem geheizten Ofen breitete man ihnen einen großen Büffelpelz hin. Sie gerieten außer sich vor Staunen über das neue Brennmaterial, das für Speck zu hart, für Feuerstein zu weich war, beruhigten sich aber endlich in der Ueberzeugung, daß man damit wohl ebenso gut kochen könne als mit Seehundspeck. Sie ließen sich einen eisernen Topf mit Wasser geben und kochten einige Stücke Walroßfleisch; aber die Hauptmahlzeit, etwa drei Pfund auf den Kopf, aßen sie lieber roh. Bei alledem zeigten sie eine gewisse Feinschmeckerei in der Art, wie sie ihre Bissen von Fleisch und Speck zusammen ordneten. Von beiden wurden Streifen entweder gleichzeitig oder in genauer Abwechselung in den Mund gebracht; und zwar in so regelmäßiger Folge, daß sie mit Kauen nicht eine Sekunde aussetzten. Sie aßen nicht alle zugleich, sondern wie dieser oder jener gerade Appetit bekam. Nach dem Essen schlief jeder, sein Stück Rohfleisch neben sich gelegt. Wenn einer erwachte, aß er sofort wieder und schlief dann aufs neue ein. Sie schliefen nicht liegend, sondern in sitzender Stellung, wobei sie den Kopf auf die Brust senkten. Einige schnarchten gewaltig. Als sie am andern Morgen fortwollten, hatte ich eine letzte Unterredung mit ihnen, und es wurde ein förmlicher Vertrag abgeschlossen – kurzgefaßt, damit er nicht in Vergessenheit geriete; und vorteilhaft für beide Teile, damit er leichter gehalten werde. Ich suchte ihnen begreiflich zu machen, mit welch einem mächtigen und reichen Herrn sie es zu tun hätten, und wie vorteilhaft es für sie sein würde, wenn sie seine Wünsche erfüllten. Als Beweis meiner Gunst und meines Reichtums kaufte ich ihnen alles entbehrliche Walroßfleisch und vier Hunde ab und beglückte sie dafür mit Nadeln, Glasperlen und einem Schatz von alten Faßdauben. In der Ueberfülle ihrer Dankbarkeit verpflichteten sie sich, in einigen Tagen mit mehr Fleisch wiederzukommen und mir ihre Hunde und Schlitten zu einem nördlichen Ausflug zur Verfügung zu stellen. Hiermit entließ ich sie. In weniger als zwei Minuten hatten sie ihre Hunde angeschirrt, saßen auf den Schlitten, knallten mit ihren achtzehn Fuß langen Lederpeitschen und jagten mit einer Schnelligkeit von sieben Knoten die Stunde über das Eis gen Südosten davon. Sie kamen nicht wieder. Ich hatte auch schon genug von dergleichen Verträgen gelesen, um nicht allzu fest darauf zu bauen. Doch am nächsten Tage kam eine Gesellschaft von fünf Eskimos: zwei alte Männer, einer im mittleren Alter und zwei Jungen. Wyut, der Eskimo Sofort nach dem Abzug der ersten Gäste hatten wir mehrere Gegenstände vermißt: eine Axt, eine Säge und mehrere Messer. Späterhin entdeckten wir, daß sie in unsere Niederlage auf der Butlersinsel eingedrungen waren; denn wir waren nicht zahlreich genug gewesen, um eine Wache dorthin zu stellen; außerdem fanden wir bei der Durchsuchung der Umgegend verschiedene Schlitten hinter Hummocks versteckt. Das alles sah allerdings verdächtig genug aus; trotzdem durfte ich nicht wagen, mit den Halunken zu brechen. Denn unter Umständen konnten sie uns bei unseren Schlittenexpeditionen ernstlich beunruhigen, konnten die Jagd um die Bucht gefährlich machen; und die beste Gelegenheit, das so bitter notwendige frische Fleisch zu erhalten, war doch nun mal durch sie geboten. Die neuen Ankömmlinge behandelte ich mit besonderer Güte, beschenkte sie reichlich, gab ihnen aber gleichzeitig mit aller Deutlichkeit zu erkennen, daß keiner von ihrem Stamm das Schiff wieder betreten dürfe, bevor nicht alle vermißten Gegenstände zurückgegeben seien. Sie entfernten sich, indem sie mit vielen Gebärden ihre Unschuld beteuerten. Gleichwohl ertappte MacGary die unverbesserlichen Schlingel, wie sie im Vorbeigehen von der Butlersinsel ein Kohlenfaß mitgehen hießen, und beschleunigte ihre Heimreise durch Nachsendung einer Schrotladung. Trotzdem gelang es einem, anscheinend dem Anführer des Trupps, unserm späteren treuergebenen alten Freunde Schaug-Huh, sich auf der Westseite herum zu schleichen, unser auf dem Eise gebliebenes Kautschukboot zu zerschneiden und sämtliches Holzwerk davon wegzuschleppen. Wenige Tage später kam ein gewandter langhaariger Bursche am hellen Tage über das Eis dahergefahren. Er war munter und hübsch, und sein Schlitten wie Gespann waren wirklich nett. Er gab ohne weiteres seinen Namen an – Myuk – und wo er wohne. Ich befragte ihn wegen des Bootes, aber er leugnete, irgend etwas zu wissen, und wollte weder gestehen noch bereuen. Er war erstaunt, als ich befahl, ihn in den Schiffsraum zu sperren. Anfangs weigerte er sich, irgend etwas zu essen, und hockte sich in tiefster Niedergeschlagenheit hin. Nach einer Weile aber begann er zu singen, zu schwatzen, zu schreien und wieder zu singen. Dabei wiederholte er immer dasselbe kurze, eintönige, unendlich ermüdende Solfeggio: So ging es abwechselnd fort bis spät in die Nacht. Es lag in diesem Burschen eine Einfachheit und Gutmütigkeit, die mich sehr anzog. Deshalb war ich insgeheim froh, als wir am andern Morgen entdeckten, daß der Vogel über Nacht durch eine Luke entwischt war. Wir argwöhnten, daß er Verbündete an der Küste habe; denn seine Hunde waren ebenso gewandt entkommen als er selbst. Doch war ich überzeugt, daß er in bezug auf seinen Aufenthalt und die Zahl seiner Kameraden die Wahrheit gesagt habe. Meine inquisitorischen Kreuz- und Querfragen hierüber hatten ein vollständiges und befriedigendes Resultat ergeben. In der nächsten Zeit nach diesen Besuchen war es für uns eine traurige Pflicht, nach dem Observatorium zu gehen und Beobachtungen zu machen und einzutragen. Bakers Leiche lag noch immer im Vorplatz, und nicht lange darauf hatten wir noch einen andern ihm zur Seite zu setzen. So oft wir ein- und ausgingen, mußten wir an ihnen vorüber, und die Mannschaften, geschwächt und nervös geworden, taten dies zur Nachtzeit sehr ungern. Als das Tauwetter kam und wir Steine genug zusammenbringen konnten, bauten wir ein Grab in einer Einsenkung des Felsens und errichteten über ihm einen riesigen Steinkegel. Zwischen Tod und Leben Der April ging zu Ende. Nun war die kurze Periode herangekommen, in der arktische Expeditionen überhaupt nur möglich find. Die Verhältnisse an Bord lagen allerdings keineswegs günstig; doch war meine Gegenwart nicht unbedingt erforderlich. Jetzt mußte ans Werk gegangen werden. Die solange betriebenen Vorbereitungen für die neue Expedition waren bald beendet. Ich besaß jetzt wieder sieben Hunde, die sehr gut miteinander eingefahren waren. Ich übergab Ohlsen den Befehl über die Brigg und erteilte ihm ausführliche Verhaltungsmaßregeln, die sich namentlich auf den Verkehr mit den Eskimos bezogen: Man sollte sie mit Güte behandeln, doch zugleich sorgsam überwachen, sie streng an unsere Schiffsordnung binden und nicht nach ihrem Belieben an Bord kommen lassen. Bestrafungen dürften nur durch sie selbst oder in ihrer Gegenwart erteilt werden, Feuerwaffen dürften nur gebraucht werden, wenn es sich um Zurückweisung eines Angriffs handele. In solchem Falle aber sei scharf – und nicht etwa über die Köpfe weg – zu feuern. Denn der Zauber der Feuerwaffen den Wilden gegenüber müsse unfehlbar sein. Am meisten drückte mich der Gedanke, daß ich von der ganzen Mannschaft nur zwei einigermaßen Gesunde zurückzulassen hatte und nur zwei Offiziere, nämlich der Arzt und Herr Bonsall, Ohlsen Beistand leisten konnten. Denn aus vier Gesunden und sechs Invaliden besteht unsere ganze Schiffsbesatzung. Mein Reiseplan ging dahin, dem Eisgürtel bis zum großen Humboldtsgletscher zu folgen, dort aus unserm Depot vom vorigen Oktober Vorräte einzunehmen, dann entlang dem Fuße des nordwestlich laufenden Gletschers weiter zu gehen und den Versuch zu wagen, ob nach der amerikanischen Seite hinüber zu kommen sei. War ich an dieser Küste erst einmal auf glattem Eis, dann kam ich auch weiter und vermochte festzustellen, was sich jenseits der eisumpanzerten Fläche jener Bucht ergab. MacGary ging am 25. April mit dem Hauptschlitten ab, während ich mit Godfrey dem Plane gemäß zwei Tage später folgte. Auf unserm neugebauten, leichten, nur neun Fuß langen Schlitten nahmen wir Brot, Tee, Pemmikan, ein kleines Zelt und zwei Schlafsäcke mit. Unsere Küche bestand aus einem Suppenkessel zum Schneeschmelzen und Teekochen, den wir ebenso mit Speck wie mit Spiritus heizen konnten. Dazu kamen die notwendigsten mathematischen Instrumente. Der vordere Schlitten führte wenig Vorräte, da er sich aus den Depots versorgen sollte. Seine Ladung bestand meist aus Brot, das wir bei gekochten Speisen nur ungern entbehren; außerdem wickelt es auch das Fett des Pemmikans ein, das sonst dem Magen leicht zuwider wird. Das Zelt erfuhr in seiner Einrichtung eine Abänderung, die auf unseren Erfahrungen der Herbstreisen beruhte. Ein großer Uebelstand beim Lagern unter einem Zelt liegt – wenigstens im Norden – darin, daß der gefrierende Hauch des Atmens sich in langen Federn an die schrägen Zeltwände, also wenige Zoll vom Munde des Schläfers, anhängt und sammelt und beim etwaigen Schmelzen auf ihn herabtropft. Und dem abzuhelfen, ließ ich die Zeltstangen erst in etwa achtzehn Zoll Höhe vom Boden durch die Leinwand gehen; dadurch fiel das untere Stück senkrecht herab und lief dann als Bodendecke nach innen. So wurde zu unbehindertem Atmen eine genügende Höhe gewonnen. Selbst unter den günstigsten Verhältnissen und für noch ungebeugte Männer mußte die jetzt bevorstehende Reise hart werden. Sie sollte der ganzen Expedition die Krone aufsetzen. Man wollte bis an das äußerste Ende Grönlands vordringen, die Eiswüste zwischen ihm und dem unbekannten Westlande durchmessen und rundum nach einem Ausgang in das geheimnisvolle Jenseits suchen. Dieser Plan ließ sich nicht völlig durchführen, immerhin aber soweit verfolgen, daß man erkannte, was später noch zu tun sei, und außerdem mancherlei geographisch interessante Punkte feststellte ... – Wir waren dem ersten Schlitten am 27. April gefolgt und holten ihn zwei Tage später ein. Die Hunde befanden sich in gutem Reisezustande; und außer der Schneeblindheit schien sich kein Hindernis entgegenzustemmen. Doch schon beim Passieren der Marschallsbucht fanden wir so hohe Schneewehen, daß wir mit den Schlitten steckenblieben. Wir mußten abladen, das Gepäck auf den Rücken nehmen und für die Hunde eine Bahn treten. So quälten wir uns vorwärts bis an die Mündung des Mary-Minturn-Flusses, wo das Wasser erst später zugefroren war und wir daher eine lange Strecke ebene Bahn fanden. Von jetzt an kamen wir schneller vorwärts und erreichten am 4. Mai den Fuß des großen Gletschers. Dieser Erfolg war jedoch teuer erkauft. Schon vom 3. an zeigte sich der Skorbut wieder in bedenklicher Weise. Bei unserm Marsch längs der Küste versanken wir oft bis an die Hüften im Schnee, und die Hunde waren so vergraben, daß man unmöglich daran denken konnte, sie zum Ziehen zu verwenden. Diese enorme Schneeablagerung war vermutlich auf kalte niederschlagende Winde zurückzuführen, die von den benachbarten Gletschern abprallten; denn im Rensselaerhafen hatten wir durchschnittlich nur vier Zoll Schneetiefe. So mußten wir häufig die Schlitten abladen und die Ladung selbst schleppen – eine Anstrengung, die wassersüchtige Anschwellungen und große Hinfälligkeit zur Folge hatte. Drei Leute wurden von Schneeblindheit befallen, ein vierter bekam zu seinem Skorbut noch Brustanfälle, und am 4. Mai wurde noch ein fünfter dienstuntauglich. Vielleicht wären wir dennoch weiter gegangen. Aber zu allen Uebeln kam noch das größte, daß die Bären unsere Proviantverstecke gefunden und erbrochen hatten. So war die Hoffnung vernichtet, unsere Vorräte aus den verschiedenen Depots ergänzen zu können. Dies war gewiß ein unvermeidliches Unglück, denn die Offiziere, denen ich die Anlegung der Depots anvertraut, hatten alles Erdenkliche getan, um sie zu sichern. Die Pemmikanfässer waren mit Steinblöcken bedeckt, zu deren Handhabung drei Männer erforderlich waren. Doch die ungeheure Kraft des Bären befähigt ihn, die schwersten Felsblöcke zu beseitigen; und mit seinen Klauen hatte er die eisernen Fässer buchstäblich zerfetzt. Das Spiritusfaß, dessen Herschaffung im vorigen Herbst mich eine besondere Reise gekostet, war so total zerstört, daß davon nicht eine einzige Daube mehr aufzufinden war. Auf der Höhe von Kap James Kent wurde ich selbst, während ich die geographische Breite aufnahm, plötzlich von Krämpfen und Ohnmacht befallen. Meine Glieder wurden steif, und es zeigten sich Symptome unsers Winterfeindes, des Starrkrampfes. Ich wurde auf den Schlitten gebunden, und weiter ging die Reise wie bisher. Eisbären an einem ausgegrabenen Depot Daher konnten wir am Tage nur neun englische Meilen zurücklegen. Meine Kräfte sanken aber so rapid, daß mir sogar die sonst so behagliche Temperatur von 3° unter Null (- 17° K.) unerträglich war. Der linke Fuß erfror mir, was einen störenden Aufenthalt verursachte; und in der Nacht zeigte sich deutlich, daß die Gliedersteife von wassersüchtigen Ergüssen herrührte. Am 5. Mai bekam ich Delirien und wurde jedesmal ohnmächtig, wenn man mich aus dem Zelt auf den Schlitten brachte. Meine Kameraden stellten mir vor, daß es selbst bei guter Gesundheit unmöglich sei, noch weiter vorzustoßen. Der Schnee wurde immer tiefer, manche Wehen waren gar nicht zu passieren. Auch unter der übrigen Mannschaft war der Skorbut mit ähnlichen Symptomen wie bei mir ausgebrochen; selbst Morton, der stärkste von allen, wurde hinfällig. So wenig mir aus jener Periode auch erinnerlich ist, so weiß ich doch, daß ich diesen fünf braven Männern – Morton, Riley, Hickey, Stephenson und Hans – meine Rettung zu verdanken habe. Obwohl sie selbst kaum mehr sich fortzuschleppen vermochten, schafften sie mich doch in Gewaltmärschen zurück, nachdem sie unsere Vorräte und das Gummiboot bei der Dallasbucht versteckt hatten. Am 14. Mai wurde ich an Bord wieder aufgenommen und schwebte eine Woche lang zwischen Leben und Tod. Nach des Arztes Diagnose hatte ich neben Skorbut auch noch ein typhöses Fieber. Stephenson ging es ebenso. Unsere schlimmsten Symptome waren wassersüchtige Ergüsse und Nachtschweiße. Der arme Schubert, unser lustiger französischer Koch mit seinem reichen Schatz Berangerscher Lieder, war unterdes in eine bessere Welt heimgegangen. Sein stets heiteres Gesicht und seine Schnurren vermissen wir sehr in unserer traurig-engen Wohnung. Als wir vor Monatsfrist gegen Norden zu einer Expedition aufbrachen, die bis in die Mitte des Juni hätte dauern sollen, hatte ich angeordnet, die Niederlage auf der Butlersinsel einzuziehen und die Vorräte rund um das Schiff auf das Eis zu legen. So wurde den Eskimos die Versuchung und Möglichkeit zu Plünderungen benommen; und die Sachen waren zum sofortigen Verladen bereit, falls irgendein Zwischenfall dies erforderlich machen sollte. Ohlsen hatte die Weisung erhalten, das Verladen allmählich zu betreiben, die Winterbedachung des Schiffes abzunehmen und das Vorderkastell wieder bewohnbar zu machen. Bei meiner Rückkehr war alles gut und ordnungsgemäß ausgeführt. Ich fand das Schiff so hergerichtet, daß wir in vier Tagen hätten in See gehen können. Lediglich das Quarterdeck besaß nun noch seinen Ueberbau; – hier wohnten die Offiziere und sämtliche Kranke. Zwar rumorte der Wind etwas in diesem Bretterhause, doch war das für die Kranken weit wohltätiger als die weniger gelüfteten Räume unterhalb. Verfallender Eisberg Den Hans befreite ich nunmehr von jeder andern Beschäftigung und übertrug ihm ausschließlich die Jagd, versprach ihm auch ein Geschenk für seinen Schatz, wenn wir nach Fiskernaes kamen. Er schoß sofort die zwei ersten Renntiere, was uns 140 Pfund schönen Wildbraten verschaffte – eine wahre Wohltat für unsere kranken und heruntergekommenen Leute. Ueberhaupt war nun die Zeit der Entbehrungen vorüber und mit dem Tageslicht auch die Aussicht wiedergekehrt, daß wir keinen Mangel an gesunder Nahrung mehr leiden würden. Schon am 1. Mai waren die freundlichen Schneeammern zu unserm Felsen zurückgekehrt, die uns am 4. November verlassen hatten, und erfüllten die Luft wieder mit ihrem lieblichen Gezwitscher. Von Seehunden begann es buchstäblich zu wimmeln. Ich habe gelernt, ihr Fleisch dem des Renntiers vorzuziehen; wenigstens das der weiblichen Robbe, das von dem Geruch frei ist, der den Männchen anhängt. Seit dem 12. Mai waren die Seiten der »Advance« frei von Schnee und das Takelwerk rein und trocken. Die Eisfelder durchlaufen schnell die merkwürdigen Prozesse des Zerfalls, und das Wintereis ist nur noch sechs Fuß dick. Am 20. Mai brachte man die Neuigkeit, daß eine Burgemeistermöve gesehen worden sei – eins der frühesten und sichersten Zeichen des wiederkehrenden offenen Wassers. Es ist kein Wunder, daß wir im Eis vermauerten Einsiedler auf solche Dinge achten und uns ihrer freuen: sie sind Pfänder des nahenden Lebens, ein Oelzweig in dieser trostlosen Wüste. Wir fühlen den Frühling in jedem Pulsschlag. Das erste, was ich nach meiner Rückkehr tat, war die Absendung MacGarys nach Süden, um zu untersuchen, ob unser erstes Lebensmitteldepot mit dem Rettungsboot noch in guter Beschaffenheit sei: Er machte die Reise im Hundeschlitten binnen vier Tagen und kehrte mit der hocherfreulichen Nachricht zurück, es sei alles wohlerhalten. Die angenehmste Feststellung auf seiner Reise war ihm aber eine Spalte offenen Wasser, die sich wie eine Zunge nach dem Zufluchtshafen hin erstreckte. Sobald ich mich etwas besser fühlte, begann ich darüber nachzudenken, wie der Fehlschlag unsers nördlichen Ausflugs wieder gutzumachen sei. Leider waren unsere Mittel und Kräfte sehr zusammengeschmolzen. Schubert war gestorben, und sein Tod hatte einen ungünstigen Eindruck auf die Gemüter hinterlassen. Nur drei Mann waren noch dienstfähig; von den Offizieren lagen Wilson, Sonntag, Brooks und Petersen darnieder. Außer Sonntag, Hayes und mir verstand niemand eine Landaufnahme zu leiten, und von uns dreien war nur Dr. Hayes auf den Füßen. Nach den Hindernissen, die unseren Fortschritten am Humboldtgletscher ein Ziel gesetzt, blieb uns noch übrig, die westliche Küste des Sundes von Kapitän Inglefields Kap Sabine an aufwärts zu untersuchen. Man mußte sich darüber Klarheit verschaffen, ob der Smithssund in seiner ferneren Ausdehnung in noch entlegenere Kanäle münde. Dies zu wissen, war für uns um so wertvoller, als unsere Beobachtungen uns gezeigt hatten, daß die nördliche Küste nach Osten, nicht aber nach Westen umbiege, wie unser Vorgänger angenommen ... Ich beschloß, mich bei diesen bevorstehenden Ausflügen fast ganz auf die Hunde zu verlassen und die Forschungsexpeditionen eine nach der andern abgehen zu lassen, so schnell es die Hunde ausführen können. Dr. Hayes wurde zur Durchführung dieser Aufgabe bestimmt. Ich selbst war erst soweit, daß ich mit einiger Unterstützung die Runde an den Krankenbetten machen konnte; so mußte ich mich damit begnügen, wenigstens in dieser Art nützlich zu sein. Ich gab dem Arzt, der noch keine Reise unternommen, einen Schlittenzug und unsern besten Treiber Godfrey mit. Er soll in so gerader Linie als möglich über den Sund auf Kap Sabine gehen. Längs des jenseitigen Küstenzuges könnte leicht das Eis ebener und fahrbarer sein als auf der grönländischen Seite, wo der große Gletscher seine Massen von Eisbergen aussendet, die das Eis in Aufruhr bringen. Die beiden erhielten den von Ohlsen gebauten leichten Schlitten. Der Schnee war jetzt so wässerig, daß fast kein Feuer nötig war, um Wasser zu bekommen; sie konnten also Spiritus und Talg entbehren und um so mehr Pemmikan mitnehmen. Die Hunde waren wieder in ausgezeichnetem Stande. Voll brennenden Eifers verließ die Expedition am 20. Mai das Schiff. Sie hatten prachtvolles Wetter; einen klaren milden Sonnenschein, der die Robben haufenweise aus ihren Löchern auf das Eis lockte. Die Anzeichen des nahen Sommers mehrten sich. Leider gestattete unsere Schwäche uns noch nicht, ernsthafte Aufgaben in Angriff zu nehmen. Das Eis verlor schnell an Zusammenhalt; es fiel Schnee, der wieder zerfloß. Leichter Nebel überzog in den letzten Maitagen das Land; die bisherige Klarheit der Atmosphäre schwand, und der Himmel nahm ein perlfarbiges Sommerkolorit an. Wir konnten nun süßes Wasser aus den Felsspalten holen, und von den Eisbergen rannen dünne Wasserfäden herab. Der Eisgürtel war kaum noch erkennbar, abgerundet, gesunken und gebrochen, seine Basis mit Wassertümpeln überschwemmt. Jetzt war er der Brigg, die er durch sein ständiges Wachsen im Winter bereits hinten gehoben, nicht mehr gefährlich. Robben von der zottigen Abart – die Netsik der Eskimos und Dänen – werden auf den Eisfeldern immer zahlreicher. Sie legen sich neben ihren Eislöchern vorsichtig in die Sonne. Hans schoß vier von ihnen, wobei er sich des Eskimo-Jagdkniffes bediente, daß ein weißer Schirm auf einem Schlitten langsam vorgeschoben wird, bis der Jäger in Schußweite heran ist. Wir haben jetzt mehr frisches Fleisch, als wir genießen können: in den letzten drei Wochen außer den Seehunden noch Schneehühner, Kaninchen und zwei Renntiere. So erholen wir uns rasch vom Skorbut. Wie könnte ich bei all diesen so unerwartet gekommenen Hilfsmitteln an dem Schicksal Franklins und seiner Genossen verzweifeln? Können sie noch leben? Vier Monate früher, von der Dunkelheit und Krankheiten niedergebeugt, hätte ich wohl mit Nein geantwortet. Aber mit der Rückkehr des Lichtes kommt zu uns ein wildes Volk herunter, das nur die primitivsten Jagdgeräte besitzt und sich dennoch kaum 40 Meilen von uns fettgemästet hat, während ich der Gegend alle Hilfsmittel absprach. Wie wir jetzt wissen, finden sich selbst im härtesten Winter hier und da offene Wasserstellen, an denen es Seehunde, Walrosse und zeitig ankommende Vögel in Menge gibt. In einem Punkte habe ich meine Ansicht geändert: nämlich hinsichtlich der Befähigung des Europäers und Amerikaners, sich an das Klima des hohen Nordens zu gewöhnen. Gott möge allerdings jeden zivilisierten Mann vor dem Schicksal bewahren, eine Reihe von Jahren in dieser entnervenden Nacht auszuhalten. Aber um den Polarkreis – selbst bis zum 72. Grad hinauf, wo es nur darauf ankommt, der Kälte zu widerstehen – können sich Menschen akklimatisieren; denn es ist immerhin hell genug, um im Freien zu arbeiten. Ich kann mir kaum denken, daß von den 138 auserlesenen Mannschaften Franklins – darunter Männer von den Orkneyinseln, Walfischjäger, junge abgehärtete Leute unter so intelligenter Führung – nicht noch einige am Leben sind. Vielleicht haben doch einige kleinere Trupps, mit oder ohne Hilfe der Eskimos, einen Jagdgrund gefunden, wo sie von Sommer zu Sommer Speise und Brennstoff und Renntierhäute genug einbringen konnten, um sich drei bis vier Winter zu halten. Die rätselhaften Vorgänge in einem Körper, der sich einem fremden Klima anbequemen muß, sind hier noch auffälliger als unter den Tropen. Unähnlich den schleichenden bösen Einflüssen eines heißen Klimas, sind im Polarkreise die Anfälle unmittelbar und plötzlich und entscheiden sich schnell. Es bedarf kaum eines einzigen Winters, um sagen zu können, wer ein hitzeerzeugender akklimatisierender Mann werden wird. Petersen z. B., der sich zwei Jahre in Uppernawik aufgehalten , betritt selten einen geheizten Raum. Ein anderer von uns, Georg Riley, hat sich so an die Kälte gewöhnt, daß er auf unseren Schlittenreisen ohne anderen Schutz als seine Kleidung schläft, während draußen eine Temperatur von 30° unter Null herrscht. Die Mischlinge an der Grönlandsküste nehmen es ebenfalls mit den Eskimos im Ertragen von Kälte auf. Unter Franklins Leuten mußten sich viele solcher Männer befinden. Wie gesagt: ich vermag mir einfach nicht solch eine Katastrophe vorzustellen, die den Untergang sämtlicher Mannschaften herbeigeführt haben sollte. Ich denke mir, sie werden sich in kleinere Abteilungen aufgelöst haben, und eine oder die andere hat doch eine Wasserstelle gefunden, die durch Flutschnellen offen blieb und wo sie Füchse fangen, Bären, Seehunde, Walrosse und Walfische erlegen konnten ... Nun ist es gerade ein Jahr her, daß wir Neuyork verließen. Ich bin nicht mehr so optimistisch als damals; denn Zeit und Erfahrung haben mich ernüchtert. Alles um mich her ist ja auch dazu angetan, Enthusiasmus und selbst bescheidene Hoffnungen zu dämpfen. Ich liege hier in erzwungener Untätigkeit; ein gebrochener, von Sorgen gebeugter Mann; mit noch vielen Gefahren vor mir und einem harten Winter hinter mir, der mir zwei meiner besten Gefährten entriß. Und doch bleibe ich noch jetzt, nach zwei unergiebigen Forschungsexpeditionen, bei meiner eben ausgesprochenen Ueberzeugung. Dr. Hayes Expedition Am 1. Juni morgens kündete Hundegebell von draußen die Rückkehr von Dr. Hayes und Godfrey an. Beide waren völlig schneeblind, und der Doktor mußte an mein Bett geführt werden, um Bericht zu erstatten. Er war so erschöpft, daß ich ihn nicht sprechen ließ und meine Neugier bezähmte, bis er sich ausgeruht und gestärkt hatte. Auch die Hunde hatten sehr viel gelitten und wurden, als eine unentbehrliche Kostbarkeit, in sorgsame Pflege genommen. Sie erholten sich übrigens schneller als ihre Herren ... – Nachdem Dr. Hayes das Schiff verlassen hatte, nahm er eine genau nördliche Richtung, traf dabei auf das uns vom März her bekannte unwegsame Eis und wandte sich daher östlich. Ich hatte ihn angewiesen, den Smithssund hinabzugehen, da ich der Ueberzeugung war, daß weiter unten weniger Eisberge wären und auch wegen größerer Nähe der beiden Küsten der Uebergang leichter sein würde. Doch der Arzt hatte einen weniger gekrümmten Weg vorgezogen und war am 21. Mai schon so weit, daß er von einem großen Eisberg aus viele Punkte der gesuchten Küste in Sicht bekam. Am 22. Mai stießen sie auf einen Wall von Hummocks, der mehr als 20 Fuß hoch war und sich weithin nach Nordost erstreckte. Sie brauchten drei Tage, um sich durch diese Trümmerwüste zu kämpfen, wurden zuweilen von Nebeln befallen, sahen ab und zu die gesuchte Küste in Nordwest und erreichten sie am 27. Mai. Ohne die Hunde, sagt Dr. Hayes, wären sie oft keinen Schritt vorgekommen. Tiefe Höhlungen und Spalten, mit trügerischem Schnee ausgefüllt, lagen zwischen den Eisbarrikaden versteckt. Häufig stürzte der Schlitten um und kollerte mit Ladung und Hunden in irgendeine Tiefe hinab. Um die total undurchdringlichen Teile des Eislabyrinths zu umgehen, hatten sie ungeheure Umwege machen müssen. Denn zwischen dem Rensselaerhafen und dem zuerst erreichten Punkte der gegenüberliegenden Küste beträgt die direkte Entfernung nicht mehr als 90 englische Meilen, während die Reisenden nach ungefährer Berechnung wenigstens 270 zurückgelegt hatten. Ihr erbittertster Feind war die Schneeblindheit; sie wurde so schlimm, daß sie geradezu ein paar Tage liegenbleiben mußten, bis ihre Sehkraft sich wieder gestärkt hatte. Ein Glück war, daß bei diesem gezwungenen Aufenthalt das Wetter mild und erträglich blieb. Von diesem Ruhepunkt aus nahmen sie zuverlässig die Küstenlinie auf und bestimmten die geographische Breite auf 79° 24' 4'. Ein schönes Vorgebirge nannte ich verdientermaßen nach dem Entdecker Hayes. Die Reisenden folgten nun auf dem Eise der Küste aufwärts, wobei sie sie aufnahmen; stießen aber bald auf neue Schranken zerbrochenen Eises, die ihre letzten Kräfte in Anspruch nahmen. Am 26. Mai brach Godfrey, einer der zähesten Männer, zusammen; und die unentbehrlichen Hunde waren in elender Verfassung. Das rohe Geschirr, das dauernd riß und sich verwickelte, war so oft und ungenügend ausgebessert worden, daß es fast unbrauchbar wurde. Bei solchen Schlittenexpeditionen ist dies Uebel eins der größten, die einem begegnen können. Der Eskimohund zieht an einem einzelnen Riemen von Seehund- oder Walroßhaut, und die Anspannung erfolgt immer nebeneinander. Diese verschiedenen Riemen – 7, 9 bis 14 – verschlingen und verwirren sich natürlich fortwährend, wenn die halbwilden oder gescheuchten Tiere links und rechts von der eigentlichen Richtung abspringen. Bei Tauwetter werden diese Zugriemen äußerst glatt und geschmeidig, und dann kann auch die bloße Hand mit einiger Geduld solche Verhedderung lösen. Bei strenger Kälte dagegen bietet das Messer das einzige Hilfsmittel; und zwar, wenn oft dazu gegriffen werden muß, ein gefährliches. Denn da durch jeden Schnitt und Knoten die Riemen kürzer werden, so kommen sie endlich so nahe an den Schlitten heran, daß sie keinen genügenden Spielraum mehr haben. Nur dadurch, daß er einen guten Teil seiner Seehundshosen opferte, konnte der Doktor die zerstückelten Zugriemen wieder ergänzen. Doch fand diese Tat auch ihren Lohn. Denn man entdeckte kurz darauf ein altes Eisfeld, auf dem sie glücklich die bis dahin unnahbare Küste erreichten. Dies war der erste gelungene Versuch, zu dem nördlichen Lande vorzudringen; denn die drei ersten organisierten Fußexpeditionen waren durch das Eis in ihren Erfolgen vereitelt worden. Der erreichte Punkt liegt unter 79° 43' nördlicher Breite und 69° 12' westlicher Länge. Auf 30 englische Meilen weit kann man die Küste nördlich und östlich überschauen. Hier war der Endpunkt des Vorstoßes; zwei große Vorgebirge – Kap Joseph Leidy und John Frazer – bezeichnen ihn. Die Klippen bestanden aus Kalk- und Sandstein, wie die gegenüberliegenden der Peabody-Bai, und stiegen im Norden höher als 2000 Fuß. Der Eisgürtel war zwischen 50 und 130 Fuß breit und stand gegen die von den Klippen herabgestürzten schwarzen Trümmer wie ein blanker Sims von blendendem Weiß. Am 28. Mai besserten die beiden Reisenden ihren Schlitten aus, der völlig zerbrochen war, und pflegten ihre Hunde. Nur 18 Pfund Pemmikan waren noch vorhanden, und es bestand keine Aussicht, etwas zu jagen. Die Umkehr war daher eine Notwendigkeit. Nun ging die Fahrt auf dem Landeis in der entgegengesetzten Richtung auf Kap Sabine zu; und nachdem sie diesen Punkt bestimmt und mit der neu entdeckten Küstenlinie in Verbindung gebracht hatten, setzten sie in mehr südlicher Richtung über das Eis. Glücklicherweise fanden sie den Weg frei von Eisbergen, doch ihre Lebensmittel waren fast aufgezehrt und die Hunde erschöpft. Sie warfen ihre Schlafsäcke und manches von ihren Kleidern fort und gewannen dadurch eine Erleichterung um fast 50 Pfund. Jetzt verlief die Fahrt besser und endete mit ihrer Ankunft am 1. Juni an Bord der »Advance«. Durch diese Reise wurde ein bedeutendes Stück der Küste entdeckt und mit den Aufnahmen meines Vorgängers in Verbindung gebracht. Irgendeinen Ausgang aus der Bai hatten wir nicht entdeckt; und doch war ich überzeugt, daß er vorhanden sein müsse. Die große Kurve konnte keine Sackgasse sein. Die allgemeine Bewegung der Eisberge, Fluten und Strömungen führten ebenso wie die aus der physischen Geographie geschöpften Analogien zu dieser zwangsläufigen Annahme. Um hierüber Klarheit zu gewinnen, bereitete ich eine neue Expedition vor, die nunmehr in nordöstlicher Richtung operieren sollte, wo sich möglicherweise wirklich noch neue Feststellungen treffen ließen. Diese Expedition war der letzte Einsatz, den ich noch machen konnte. Sie sollte mittels Hundeschlitten ausgeführt und von einem Trupp zu Fuß unterstützt werden, der Lebensmittel bis zum großen Gletscher vorausschaffte. Ich selbst konnte sie leider nicht begleiten, da ich noch immer an Skorbut krank darniederlag. Nach Süden treibender Eisberg MacGary, Bonsall, Hickey und Riley waren für die erste Abteilung der neuen Expedition bestimmt; Morton, der sie begleitete, hatte die Weisung, sich möglichst wenig anzustrengen, um recht frisch das ihm zugewiesene Stück der Linie, die erforscht werden sollte, aufnehmen zu können. Den Hans behielt ich noch zurück bei den Hunden; so konnte er uns durch seine Jagd noch eine Zeitlang nützlich sein. Die Gesellschaft zog am 4. Juni ab; mit leichtem Gepäck und einem großen breitkufigen Schlitten, um besser durch den Schnee zu kommen. Sie sollten unsere letzte Reiselinie verfolgen, sich unterwegs aus den Depots versorgen und bis zum großen Gletscher vordringen. Hans sollte sie dann mit den Hunden einholen. Und während MacGary mit drei Mann versuchte, den Gletscher zu besteigen, zu messen und einen Blick in das innere Land zu tun, sollten Morton und Hans mit dem Hundeschlitten die Bai des Gletschers überschreiten und die jenseits liegende Küste besichtigen. An die Möglichkeit, den Gletscher zu ersteigen, glaubte ich allerdings nicht. Die größte Erwartung hegte ich von Morton, einem Manne voll Intelligenz, Mut und Ausdauer. Er hatte einen Sextanten, einen künstlichen Horizont und einen Taschenchronometer mit sich genommen ... Wir sind nun allein und können nichts tun als warten, wann das Eis uns gestatten wird, uns aus unserer Gefangenschaft zu befreien. Die Sonne scheint stark, und die Luft erinnert uns an einen heimischen Sommer. Wir sind eine Gesellschaft von Patienten; denn außer Ohlsen und Whipple ist kein gesunder Mann mehr an Bord. Wir benutzen unsere Muße, um den Witterungswechsel und alles, was der Sommer an Vögeln, Insekten und Gewächsen mit sich bringt, zu beobachten. Eine Fliege schwirrte heute (6. Juni) um Godfreys Ohr. Petersen brachte einen Kokon, aus dem sich das Insekt bereits herausgefressen. Hans erlegt täglich einen oder ein paar Seehunde und mitunter ein Schneehuhn oder einen Hasen. Auch eine Schnepfe wurde noch am Tage ihrer Ankunft glücklich erbeutet ... So sind wir sicher, daß der Sommer kommt; obgleich unser Eisloch noch allnächtlich zufriert und die Eisdecke so fest als jemals ist. Die Seehunde, die wir bis jetzt hier jagten, sind alle von der rauhen und borstigen Art. Das Fleisch dieser Robbe wird von den Dänen auf Grönland allgemein gegessen und bildet beinahe die Hauptkost der Eskimos. In rohem Zustande hat es ein schwammiges Aussehen, eher wie geronnenes Blut als wirkliches Muskelfleisch; gekocht wird es kohlschwarz. Es ist dann fester, doch aber mürbe und zart, mit kaum merklichem Oelgeschmack. Der frische Speck ist um diese Jahreszeit lieblich und schmackhaft. Man schießt die Robben, während sie bei ihren Atemlöchern liegen. Gegen die Mitte des Sommers hin kann man ihnen leichter beikommen; denn dann greift das Sonnenlicht ihre Augen so an, daß sie fast blind sind. Wenn ein frischgeschossener Seehund der Sonne ein paar Stunden ausgesetzt ist, wird die Haut blasig aufgetrieben und zerstört; oder »gekocht«, wie die Seeleute sagen. Wir haben mehrere Häute auf diese Weise verloren. Außer der erwähnten Robbenart besuchte nur noch die bärtige Robbe den Rensselaerhafen. An einigen habe ich 10 Fuß Länge und 8 Fuß Umfang gemessen. Wegen seiner plumpen Größe verwechselten wir das Tier nicht selten mit dem Walroß. Der borstige Seehund kann nur Eis vom Alter eines Jahres durchbrechen und erscheint mithin da, wo das Jahr vorher offenes Wasser war. Die bärtige Robbe stößt gar keine Atemlöcher ins Eis, sondern ist mit ihrem Luftbedarf auf zufällige Eisspalten angewiesen. Sie zieht sich daher nach Stellen, wo Eisberge und Felder in Bewegung sind, und verbreitet sich aus diesem Grunde über weitere Räume, während ihre kleineren borstigen Brüder sich in volkreiche Haufen zusammendrängen. Der bärtige Seehund erscheint etwas später als der andere und wird von den Eskimos mit Spannung erwartet; denn seine Haut gibt die leichtesten, festesten und dauerhaftesten Fang- und Zugleinen. Um diese in größter Vollkommenheit zu erhalten, wird das Tier in einer Spirale abgehäutet, die ununterbrochen vom Kopf bis zum Schwanz läuft. Dieser Streifen wird von den alten Weibern sorgfältig durchgekaut, mit Lampenöl gründlich eingefettet und dann in den Hütten zum Reifwerden aufgehangen. Als ich einmal nach den Eskimohütten unterwegs war, sah ich eine große bärtige Robbe, die auf dem Eise schlief und sich sonnte. Um heran zu kommen, gebrauchte ich das erfrischende Mittel, mich auf den Leib zu legen und unter der Deckung kleiner Eisbuckel langsam vorwärts zu kriechen. Als ich endlich in Schußweite war, sah ich, wie das Tier eine plumpe Seitenwendung machte und jählings den Kopf hob. Offenbar hatte diese Bewegung keinen Bezug auf mich; denn die Robbe wandte den Kopf fast in die entgegengesetzte Richtung. Jetzt sah ich aber auch, daß ich einen Jagdnebenbuhler hatte: einen großen Bären, der – gleich mir auf dem Bauch liegend – mit stoischer Geduld auf Gelegenheit zum Anpürschen wartete. Was sollte ich jetzt tun? Der Bär war mir natürlich mehr wert als die Robbe, aber diese war in Schußweite und jener ein Sperling auf dem Dach. Andererseits war ich wehrlos, sobald ich meinen Schuß auf die Robbe abgefeuert hatte. Dann hätte ich dem Bären einen Braten geschossen und mit meiner Person als Dessert dienen können. Dies Dilemma fand schnell sein Ende; denn eine Bewegung der Robbe erregte mein Jägerblut so stark, daß ich abdrückte. Doch nur das Zündhütchen ging los. Augenblicklich platschte die Robbe ins Wasser und verschwand in der Tiefe. Der Bär machte ein paar Sätze und stand verdutzt auf der Stelle, wo eben noch die Robbe gelegen. Einen Augenblick starrten wir uns gegenseitig an; dann wandte sich der Bär mit jener Selbstbeherrschung, die den Starken ziert, und trabte in der einen Richtung fort, ich in der andern. Die allgemeine Annahme, daß der Polarbär mit dem Walroß kämpfe, findet bei den Eskimos am Smithssund keinen Glauben. Auch meine eigene Erfahrung widerspricht dem gänzlich. Das Walroß entfernt sich nie weit vom Wasser, und in diesem seinen eigentlichen Element hat es keinen Rivalen. Zwar habe ich gesehen, daß der Bär dem bärtigen Seehunde nachtauchte; doch bei der dicken Haut und kolossalen Kraft des Walrosses ist solch Angriff zwecklos. Am 9. Juni konnte ich zum ersten Male wieder ins Freie gehen. Ich war sehr erstaunt über den Zustand des Eises. Bisher hatte ich mich auf die Aussagen meiner Kameraden verlassen müssen und glaubte den Auftauungsprozß in vollem, raschem Gange. Aber sie waren im Irrtum: ich erkannte, daß wir einen späten Sommer haben würden. Weder in der Breite noch Höhe hatte sich der Eisgürtel wesentlich verringert, und sein Fuß war kaum von den Fluten angegriffen. Die Eisebene zeigte sich weniger verändert, als zu erwarten gewesen wäre. So mußte ich mich auf die Möglichkeit gefaßt machen, daß wir für diesmal nicht aus dem Eise frei kommen würden. Das war eine Katastrophe. Denn wir hatten keine Kohlen für eine zweite Durchwinterung, unsere Vorräte an frischem Fleisch waren erschöpft, und die Kranken bedurften einer Veränderung, wenn es besser mit ihnen werden sollte. Am selben Tage hatte ich Hans angewiesen, seine Jagd in der Gegend der Eskimohütten zu betreiben, da ich hoffte, daß er offenes Wasser finden würde. Er kehrte am Abend nicht zurück. Als am andern Morgen Doktor Hayes und Ohlsen ausgingen, um ihn zu suchen, fanden sie den abgehärteten Wilden kaum fünf englische Meilen von der Brigg in festem Schlaf. Neben ihm lag eine große bärtige Robbe, wie gewöhnlich in den Kopf geschossen. Er hatte sie sieben Stunden lang über das Eis geschleppt ... – Am 16. Juni besuchten uns zwei langschwänzige Enten – schöne Tiere, sowohl im Fluge als in der Ruhe. Außer ihnen hatten wir um diese Zeit zu Gesellschaftern in unserer Einöde Schneeammern, Schnepfen, die Burgemeistermöven, Schneehühner, nordische Taucher. Alles jedoch nur vereinzelte Paare; ausgenommen die Schneeammern, die in Scharen unsere Felsen bevölkern und uns mit ihrem Gesang an die Heimat erinnern. Am 20. Juni brachte mir Petersen zu meinem Erstaunen eine ganze Hand voll Scharbockkraut, das ich früher hier weder bemerkt noch vermutet hatte. Ich nahm es mit Dank an und aß es sofort auf, ohne erst so zu tun, als wolle ich den Anderen etwas davon abgeben. Die Pflänzchen waren etwa zollhoch, aber trotzdem mit aufbrechenden Blütenknospen versehen. Am 21. Juni, zur Sommer-Sonnenwende, fiel bereits wieder ein feuchter flockiger Schnee, der auf unserm Deck schmolz und der großen schmutzigen Eisfläche ein reines Gewand anzog. Nun ließen sich auch Eidergänse sehen, hielten sich aber nicht auf, sondern zogen gen Süden. Sie schienen Brutplätze zu suchen, aber das viele Eis mochte sie verscheuchen. Ohlsen und Petersen sahen bei einem Ausflug an Land Renntiere und brachten ein schönes Exemplar der Königsente mit. Es war ein vereinzeltes Männchen, glänzend an Kopf und Nacken in Orange, Schwarz und Grün. In unser aller Befinden ist eine zwar langsame, doch merkliche Besserung eingetreten. Ich gebe den Leuten leichte Beschäftigung und lasse sie fleißig sich sonnen. Des Nachmittags schlendern wir an der Küste umher und suchen im Schnee nach saftigen Pflanzen. Eine Bärenjagd Am 26. Juni abends kehrten MacGary mit Bonsall, Hickey und Riley zurück. Sie waren körperlich wohlauf, nur hatte der Schnee ihre Augen stark angegriffen. MacGary war völlig blind. Ihre Aufgabe hatten sie ausgezeichnet gelöst. Sie brachten eine lückenlose Kette von Beobachtungen mit, die vollkommen mit den von mir und Sonntag früher gemachten übereinstimmen. Die Aufnahme der grönländischen Küste im Ganzen konnte nun als genügend erscheinen und auf der gewonnenen Grundlage die geringeren Einzelheiten nachgetragen werden. Die Reisenden hatten den Humboldtgletscher am 15. Juni erreicht, also nur zwölf Tage gebraucht. Bei Überschreitung der Gletscherbucht hatten sie viel Umsicht bewiesen; und obwohl der Schnee sie überall hemmte, würden sie doch weit länger haben ausbleiben können, hätten nicht die Bären die Lebensmitteldepots zerstört gehabt. Den Gletscher konnten sie, was ich von vornherein vermutete, nicht besteigen; trotz Eissporen, Alpenstöcken und anderem Kletterapparat. Nach ihren Schilderungen wäre jeder Versuch, diese fürchterliche Eismasse zu bewältigen, Wahnsinn gewesen. Deshalb waren sie klug genug, davon abzustehen, ehe ein Unglück geschah. Der tiefe Schnee war, wie gesagt, ihr größtes Hindernis. Er hatte sich hauptsächlich zwischen den Landspitzen der Bucht angesammelt; und da ihn die warme Sonne bereits angegriffen, so war bei der Ueberschreitung große Vorsicht geboten. Sie trafen auf Triften, die völlig unpassierbar waren und auf weiten Umwegen umgangen werden mußten, wobei man sich von den Spitzen der Eisberge aus orientierte. Unerwünschter Besuch im Schlafzelt Jedenfalls war dies die Zeit, wo die Bären am meisten auf den Beinen sind. Ihre Spuren zeigten sich an der Küste und auf dem Eise überall und in Unzahl. Einer von ihnen hatte sogar die Frechheit, der Expedition, während sie auf dem Eise rastete, einen Besuch abzustatten. Es war etwa halb ein Uhr nach Mitternacht, und alle schliefen nach einem anstrengenden Tagemarsch – als MacGary hörte oder fühlte, wie dicht neben seinem Kopfe etwas im Schnee kratzte. Er wurde wach und sah ein großes Tier, das sich eifrig damit beschäftigte, das Zelt ringsum zu untersuchen. Sein Aufschrei weckte die Anderen, ohne daß der unwillkommene Besucher sich stören ließ. Leider waren alle Gewehre draußen beim Schlitten geblieben; nicht ein Gehstock befand sich im Zelte. Natürlich herrschte jetzt in dem kleinen Kriegsrat einige Verwirrung. Der erste Gedanke, einen Ausfall nach den Gewehren zu machen, versprach überhaupt nicht viel und erwies sich bald als unausführbar. Denn da der Bär mit seiner äußeren Besichtigung fertig war, erschien er jetzt im Zelteingang. Verschiedene Salven von Zündhölzchen und einigen aus Zeitungspapier schnell improvisierten Fackeln wurden gegen ihn geschleudert, ohne ihn irgendwie zu stören. Nach einer Weile pflanzte er sich am Eingang hin und begann eine Robbe zu verspeisen, die tags zuvor geschossen war. Tom Hickey war der erste, der an einen Ausfall von der Rückseite her dachte. Dem Eingang gegenüber schnitt er ein Loch in das Zelt und kroch hinaus. Dann machte er einen Bootshaken los, der mit zur Stütze der Zeltdachstange diente, und benutzte ihn zum Werkzeug eines tapferen Angriffs. Ein wohlgezielter Schlag auf die Nase des Bären veranlaßt diesen, sich für den Moment ein paar Schritte hinter den Schlitten zurückzuziehen. Tom maß seine Distanz famos ab, sprang zum Schlitten, packte ein Gewehr und zog sich zu seinen Kameraden zurück. Ein paar Sekunden später hatte Bonsall dem Feinde eine Kugel durch und durch gejagt. Er lief noch hundert Schritte und brach dann tot zusammen. Seit diesem Zwischenfall wurde es strenge Regel, stets eine Wache und ein Gewehr im Zelt zu haben. Das nördlichste unserer im vorigen Sommer angelegten Proviantdepots, auf das ich so stark gerechnet hatte, erwies sich als von den Bären völlig zerstört. Es war ungemein sorgfältig aus Felsstücken gebaut worden, die man mit größter Anstrengung herbeigeschafft hatte. Der ganze Bau war nach unserer Meinung so gut und widerstandsfähig als nur möglich. Aber diese Tiger des Eises scheinen daran kaum ein Hindernis gefunden zu haben. Nicht ein Bissen Pemmikan war geblieben; außer in den zylinderförmigen eisernen Fässern mit konischen Enden, die ihren Klauen und Zähnen doch widerstanden hatten. Dafür hatten sie sie wenigstens in allen Richtungen umhergerollt und wie Federbälle herumgeworfen, obwohl jedes über 80 Pfund wog. Ein stark mit Eisen gebundenes Spiritusfaß war in kleine Splitter zerschlagen und eine zinnerne Spirituskanne fast zu einer Kugel gedreht und gekaut. Salzfleisch hatten sie verschmäht, dagegen für gemahlenen Kaffee eine offenbare Vorliebe gezeigt und an Segeltuch aus irgendeinem Grunde besonderes Gefallen gefunden. Selbst die amerikanische Flagge, das Zeichen unserer Besitznahme, war bis auf den Stock abgenagt. Die Bären mußten sich ein wahres Fest gemacht haben. Die Brotfässer hatten sie über den Eisgürtel ins gebrochene Eis hinabgekollert und die Gummiröcke, die ihnen wahrscheinlich zu zäh waren, zu unsäglich harten Knoten zusammengewürgt. Der ganze Platz war ringsum von ihren Fußspuren bedeckt und ein benachbarter eisüberzogener Felsabhang mit 45° Neigung so betreten und mit Bärenhaar übersät, daß man nicht anders denken konnte, als hätten sie hier zu ihrem Vergnügen eine Rutschpartie abgehalten. Mir begann jetzt angst zu werden um Morton und Hans, die noch immer nicht zurück waren. Dabei begann das Eis für Schlittenreisen schon ungangbar zu werden; denn die Eisfelder bedeckten sich mit Wassertümpeln, die bei dem schnellen Auftauen sich rasch vermehrten und ineinanderflossen. Unser Schiff war in seinem Eisbett schon so losgetaut, daß es gefährlich wurde, ohne Laufplanke hinabzusteigen; und unsere Jagdpartien kamen stets bis auf die Haut durchnäßt zurück. Große Freude empfand ich daher, als ich abends am 10. Juli bei einem Spaziergange fernes Hundegebell hörte. Diese treuen Gehilfen künden sich in der Regel schon aus weiter Ferne an, kommen aber so wild angesaust, daß ihr Gruß und ihre Ankunft kurz aufeinanderfolgen. Diesmal war es anders: Hans und Morton wankten neben den lahmen Hunden her, deren einer als Passagier auf dem Schlitten saß. Am 15. Juni hatte Morton mit den übrigen den Gletscher erreicht, und am andern Tage war Hans mit den Hunden nachgekommen. Man gab den Tieren einen Ruhetag, und am 18. gegen Mittag brachen die beiden für ihre weitere Expedition auf. Sie gingen in paralleler Richtung mit dem Gletscher und in 5 – 7 englischen Meilen Entfernung von ihm über das Eis nordwärts. Wenn es hier auch keine Hummocks gab, so mußten sie doch knietief im Schnee vorwärtswaten. Bei ihrer ersten Rast konnten sie an einer Spalte die Eisdecke messen; sie betrug sieben Fuß, fünf Zoll. Das Thermometer zeigte um 6 Uhr abends + 23° F. in der Luft und + 29,2° im Wasser. Später wurde der Schnee allmählich fester und konnte den Schlitten tragen, den die Reisenden bisher selbst geschleppt. Jetzt ging es schneller vorwärts, bis sie die Mitte der Peabodybai erreichten und sich nun zwischen denselben Eisbergen befanden, die schon den früheren Expeditionen das Weiterkommen verwehrt hatten. Die Reisenden konnten meist nicht mehr als eine Schiffslänge weit vor sich sehen, so ungewöhnlich dicht standen die Eisberge beieinander. Alte Eisberge haben unter Wasser Vorsprünge und Zungen, die einen engen Zusammenschluß verhindern; an diesen aber sah man, daß sie erst vor kurzem in See gegangen waren, denn sie traten einander so nahe, daß die Reisenden sich oft durch Oeffnungen von vier Fuß Breite quetschen mußten, wo die Hunde den Schlitten nur eben noch durchbrachten. Unter solchen Umständen zogen sie den Schlitten entweder über die niedrigen Zungen des Berges, oder sie kehrten um und suchten auf dem Treibeis einen anderen praktischen Weg. Morgens am 19. Juni hielten sie Rast. Morton erklomm einen Eisberg, um nach dem besten Wege auszuschauen. Zwischen einigen Bergen hindurch gewahrte er stückweise eine große weiße Ebene: es war der Gletscher, den man hier weit ins Innere verfolgen konnte. Von einem näheren und höheren Eisberge aus sah er auch dessen Absturz nach der Bucht zu. Das nördliche Ende des Gletschers war hier nahe. Er war voller Steine und Erde, und große Felsbrocken ragten hier und da aus ihm hervor. Die beiden rasteten bis [1/2]11 Uhr. Sie waren bisher zu Fuß gegangen, um die Hunde zu schonen. Nun brachen sie auf und legten weitere 10 Meilen zurück, wurden jetzt jedoch durch weite Eisspalten, Berge und vieles Brucheis am weiteren Vordringen verhindert. Sie kehrten um und erreichten um Mitternacht ihren ersten Lagerplatz wieder. Von hier wandten sie sich westwärts und fanden nach verschiedenen Versuchen einen Weg. Die Hunde liefen gut. Nachdem sie die Region der Eisberge hinter sich hatten, sahen sie die nördliche, d. h. die jenseitige Küste des Kanals, das Westland, gebirgig und von Kuppen gekrönt, aber noch 50 bis 60 englische Meilen entfernt. Sie trieben gerade nördlich über so gutes Eis, wie sie noch nicht angetroffen. Nachdem sie etwa 12 Meilen längs des Gletschers zurückgelegt und gegen 30 Meilen jenseitige Küste gesehen hatten, hielten sie nach 7 Uhr morgens eine neue Rast. Nun waren sie dem Nordende des großen Gletschers fast gegenüber. Um [1/2]12 Uhr setzten sie ihre nördliche Fahrt fort und hielten auf ein Vorgebirge zu, wie Morton meinte; denn es zeigte sich eine Lücke zwischen diesem und dem Westlande. Am 22. Juni morgens erreichten sie die Lücke westlich von dem Kap. Es war eine Durchfahrt. Denn als der Nebel sich plötzlich teilte, sahen sie sowohl das Kap als die Westküste. Humboldt-Gletscher Mittlerweile waren sie bei ihrem Vordringen auf schwaches, mürbes Eis geraten, ohne es zu bemerken, und die Hunde begannen zu zittern. Ihr Weg ging fast in der Mitte des gefundenen Kanals entlang. So schnell als möglich wandten sie sich nun nach rechts und erreichten auf einem Umwege die Küste. Die Hunde legten sich ihrer Gewohnheit nach anfangs nieder, zitterten stark und wollten nicht weiter. Das einzige Mittel, die erschrockenen und störrischen Tiere vorwärts zu bringen, bestand darin, daß Hans nach einer weißeren Stelle ging, wo das Eis dichter war (denn das mürbe sieht dunkel aus) und nun jeden Hund schmeichelnd und lockend beim Namen rief, worauf dann die Tiere auf dem Bauch nachgekrochen kamen. So flüchteten die Reisenden Stück für Stück, bis sie endlich wieder auf das feste Eis zurückkamen. Inmitten dieser Gefahren hatten sie oft – wenn der Nebel riß – offenes Wasser erblickt und sahen es nun deutlich vor sich. Es lag zwei englische Meilen vorwärts von ihrem Standpunkt – ein völlig offener Wasserspiegel, von keinem Windhauch bewegt. Hans konnte kaum seinen Augen trauen. Und ohne die Vögel, die sich scharenweise zeigten, hätte selbst Morton, wie er sagte, die Wirklichkeit bezweifelt. Die Eisdecke des Kanals schnitt gegen das Wasser hin hufeisenförmig ab. Sie erklommen nun das Land und gingen unter Zurücklassung der Hunde ein Stück nach dem Kap zu. Sie fanden einen guten, breiten Eisgürtel, der sich bis zum Kap hinstreckte, sahen auch eine große Anzahl Eidergänse und andere Vögel auf dem Wasser, und die Felsen an der Küste wimmelten von Seeschwalben. Das Eis hatte ganz aufgehört. Der Nebel fiel wieder ein, und sie kehrten zu ihren Hunden zurück. Es galt, nun auch diese und den Schlitten von dem Scholleneis auf den 8 bis 9 Fuß hohen Eisrand hinaufzubringen. Deshalb luden sie den Schlitten ab und warfen die Lebensmittelpakete einzeln hinauf. Dann machte Morton den Schlitten zur Leiter, stieg nach oben und zog die Hunde an Stricken in die Höhe, während Hans von unten nachhalf. Zuletzt hißten sie den Schlitten nach ... – Nun wurden die Hunde wieder eingespannt, und weiter ging es auf der schlechtesten Sorte lockeren Eises etwa 3/4 Meile. Nachdem sie das Kap verlassen hatten, sahen sie vor sich nichts als offenes Wasser. Das Land im Westen schien gegen das, auf dem sie standen, eine bedeutende Strecke vorzuspringen; der ganze Raum dazwischen war offenes Wasser. Hinter dem Kap fanden sie wieder einen guten, glatten Eisgürtel an der in eine Bucht (Rob. Morris) einlaufenden Küste. Auf dieser glatten Bahn liefen die Hunde wenigstens sechs englische Meilen in der Stunde; dies war die beste Tagereise, die sie je gemacht hatten. Nachdem sie vier steile Felspartien längs des Buchtrandes passiert hatten, wurde das Land niedriger, und bald zeigte sich zwischen hohen Vorgebirgen eine weite, mit runden Hügeln besetzte Ebene. Eine Herde von Rotgänsen zog über ihnen hin, und Scharen von Enten sahen sie auf dem Wasser. Ebenso fanden sich Eidergänse und verschiedene Mövenarten, und Meerschwalben bildeten dichte Schwärme und waren so zahm, daß sie den Reisenden auf wenige Schritte nahe kamen. Niemals hatten sie soviele Vögel beisammen gesehen, und so weit sie noch kamen, sahen sie jederzeit Vögel in der Luft, auf dem Wasser oder den Felsen. Schlittenexpedition: schwierige Passage Weiter hinauf trafen sie, gegen einen Landvorsprung gelagert, noch etwas Eis und auf ihm zahlreiche sich sonnende Seehunde. Der ganze große Kanal (Kennedy-Kanal) blieb andauernd offen; nur einzelne Bruchstücke von Eis schwammen in weiten Abständen darauf herum. Ein Schiff hätte überall bequeme Durchfahrt gehabt ... Am 22. Juni schlugen die Reisenden um 1/2-9 Uhr morgens auf einem niedrigen Felsrande ihr Lager auf, nachdem sie 48 englische Meilen in gerader Richtung zurückgelegt. Nach Mortons Ansicht waren sie jetzt mindestens 40 englische Meilen im Kanal vorgedrungen ... Es war zu neblig, um Beobachtungen anzustellen, doch gelang dies mehrfach weiter nördlich. Die Eidergänse waren hier so zahlreich, daß Hans mit einem Schuß zwei Stück erlegte. Am 23. Juni konnten die Reisenden des Sturmes wegen erst eine halbe Stunde nach Mitternacht aufbrechen. Sie machten etwa 8 Meilen und wurden dann durch zerbrochenes Küsteneis aufgehalten. Selbst mit der größten Anstrengung war es nicht möglich, den Schlitten weiter zu bringen; sie banden daher die Hunde an ihm fest und gingen zu Fuß weiter. Das Landeis wurde weiterhin schlechter und schlechter, bis es endlich vollkommen aufhörte und die Wogen sich unmittelbar an den steilen Felsen brachen. Die Reisenden setzten ihren Weg über das Land fort, bis sie an die Mündung einer Bucht kamen, von wo aus sie nördlich ein jenseitiges Kap und eine Insel gewahrten. Darauf kehrten sie um, sahen wieder Scharen von Vögeln und machten sich fertig, unter Zurücklassung der Hunde weiter vorzudringen ... Nachmittags wurde von neuem aufgebrochen. Die Reisenden nahmen 8 Pfund Pemmikan und zwei Brote mit, außerdem den künstlichen Horizont, den Sextanten, den Kompaß, ein Gewehr und den Bootshaken. Nach zweistündigem Wandern kam besserer Weg, und als sie in einer Entfernung von etwa neun englischen Meilen von der Stelle, wo sie den Schlitten gelassen hatten, sich einer Ebene näherten, stießen sie auf eine Bärin mit ihrem Jungen. Sie glaubten, die Hunde recht fest angebunden zu haben; aber Tudla und vier andere hatten sich trotzdem losgerissen und waren schon nach einer Stunde ihren Herren nachgekommen. So war man glücklicherweise imstande, der Bärin zu Leibe zu gehen. Anfangs flüchtete sie; doch da das Junge nicht so schnell zu folgen vermochte, so wandte sie sich um, schob den Kopf unter seinen Leib und schleuderte es ein Stück vorwärts. Dann wandte sie sich gegen die Hunde, um dem Jungen Zeit zum Fliehen zu lassen; dies aber blieb jedesmal da stehen, wo es auf die Füße kam, bis die Alte herzukam und es wieder weiter warf. Es wollte nicht ohne die Mutter fortlaufen. Zuweilen rannte diese ein Stück voraus, als wolle sie das Junge nach sich locken, und wenn die Hunde nahe kamen, wandte sie sich wieder gegen diese, um sie zurückzutreiben. Sobald diese ihren Schlägen ausgewichen waren, kam sie wieder zu ihrem Jungen und trieb es fort, indem sie es bald mit dem Kopf schob, bald mit den Zähnen im Genick faßte. Eine Zeitlang vollzog sich dieser Rückzug mit solcher Schnelligkeit, daß die beiden Männer weit zurückblieben. Die Hunde hatten die Bärin auf dem Landeis angefallen, doch sie führte sie an der Küste in ein enges steiniges Tal, das ins Innere verlief. Nachdem sie jedoch 1-1/2 Meilen gelaufen war, ging sie langsamer und machte wegen der Müdigkeit des Jungen endlich halt. Die beiden Männer kamen nun schleunigst nach der Stelle gelaufen, wo die Hunde das Tier in Schach hielten. Nun entspann sich ein verzweifelter Kampf. Die Mutter ging immer nur zwei Schritte voraus und behielt ihr Junges ständig im Auge. Kamen die Hunde zu nahe, so setzte sie sich aufrecht, nahm das Kleine zwischen die Hinterbeine, schlug mit den Vordertatzen um sich und brüllte, daß man es eine Meile weit hätte hören können. Morton erklärt, er habe niemals ein Tier in solcher Angst und Sorge gesehen. Die Bärin schnellte den Kopf vor, schnappte mit ihren blendend weißen Zähnen nach dem nächsten Hunde und wirbelte die Tatzen herum wie die Flügel einer Windmühle. Schlug sie fehl, so stieß sie ein Gebrüll wütender Enttäuschung aus, denn sie durfte es nicht wagen, einen der Hunde zu verfolgen, da sie sonst ihr Kleines den übrigen Hunden preisgegeben hätte. So zog sie fechtend, schnappend, grinsend und mit aufgerissenem Rachen weiter. Als die beiden Männer herankamen, hatte das Junge sich wahrscheinlich etwas erholt; denn es konnte sich jetzt selbst beim schnellsten Lauf immer neben der Alten halten. Die fünf Hunde umschwärmten die Bärin beständig und quälten sie wie ebenso viele Bremsen; daher war es schwierig, zu Schuß zu kommen, ohne einen von ihnen zu verletzen. Doch Hans stützte sich auf den Ellenbogen, zielte ruhig und schoß die Bärin durch den Kopf. Sie brach tot zusammen, ohne noch ein Glied zu rühren. Sofort stürzten die Hunde auf sie los, aber der junge Bär sprang auf den Körper seiner Mutter hinauf und stieß, jetzt zum ersten Male, ein heiseres Gebrüll aus. Ueber die kleine Kreatur, die so tapfer kämpfte und soviel Lärm machte, schienen die Hunde ganz erschrocken; sie rissen Schnauzen voll Haar aus dem Pelz der Alten, flüchteten aber sofort, wenn der junge Bär sich gegen sie wandte. Zwar trieben die Jäger für den Moment die Hunde fort, mußten aber endlich den jungen Bären abschießen, da er die Leiche der Mutter nicht verlassen wollte. Hans schoß ihn in den Kopf, verfehlte aber das Gehirn; er fiel herunter, kletterte aber sofort wieder auf die Alte und versuchte sie noch immer zu verteidigen. Das Blut lief ihm stromweise über die Schnauze. Man mußte ihn mit Steinen töten. Die alte Bärin wurde abgehäutet und zerlegt, dann erhielten die Hunde das Fleisch, über das sie wie gierige Raben herfielen. Den jungen Bären legte man in ein Versteck, um für die Rückreise etwas zu haben. Nun marschierten sie weiter und überschritten eine schmale Bucht, die immer noch etwas gebrochenes Eis trug. Hans war müde und wurde an das Land geschickt, um die Bucht innen zu umgehen, wo besseres Fortkommen war. Das Eis, über das Morton ging, war mit Hummocks bedeckt, von Spalten zerrissen und bildete eine schlechte Passage. Von hier aus sah Morton, daß die beiden Inseln, die später Franklins und Croziers Namen erhielten, etwa acht englische Meilen weit auseinander lagen. Er hatte sie schon einmal vom Eingang der größeren Bucht – der Lafayettebucht – aus gesehen, aber für eine einzelne Insel gehalten, da die Durchfahrt zwischen beiden nicht zu sehen gewesen war. Ihnen gegenüber lag die Landspitze, auf die er seine Richtung nahm und die der Endpunkt seiner Expedition werden sollte. Sie heißt jetzt Kap Constitution. Die Küstenwand war sehr hoch und erhob sich auf einer Strecke anscheinend bis 2000 Fuß, aber die Felsen traten so stark über, daß Morton, als er näher kam, ihre Kämme nicht mehr sehen konnte. Die Echos waren verwirrend, und das Geschrei der aufgescheuchten Möven vervielfältigte sie hundertfach. Kap Constitution – Am offenen Kanal Morton suchte um das Felskap herumzukommen. Es war vergebens – weder ein Eis- noch ein Felspfad fand sich, um ihn weiter nach Norden zu führen. Nur mit größter Mühe gelang es, wenigstens ein paar hundert Fuß aufwärts zu klimmen. Hier befestigte er an seinem Gehstock die Grinnellflagge der »Antarktik«, eine wertgehaltene, kleine Relique, die nun schon meine zweite Polarreise mitgemacht. Diese Flagge war von dem Wrack der amerikanischen Kriegsschaluppe »Peacock« geborgen worden, als sie am Kolumbiaflusse strandete. Sie hatte den Kommodore Wilkes auf seiner Forschungsexpedition nach dem Südpolarkontinente begleitet und erhielt nun seltsamerweise die Bestimmung, über dem nördlichsten Lande nicht nur Amerikas, sondern des ganzen Erdballs zu wehen. Er ließ sie etwa 1-½ Stunden lang von der schwarzen Klippe über die dunklen, felsbeschatteten Wogen flattern, die tief unter ihm sich in schaumgekrönter Brandung brachen. Es tat unserm Morton bitter leid, daß er nicht das Kap umgehen und feststellen konnte, ob jenseits noch Land sei, aber es war nun einmal nicht möglich. Nachdem er sich mit Hans wieder vereinigt, stärkten sie sich durch Brot und Pemmikan und einen langen Schlaf und traten am 25. nachmittags den Rückmarsch an ... – Nach Mortons Meinung müßte sich die unbekannte Küste jenseits Kap Constitution östlich wenden, da er von keinem Punkte aus eine Spur von Land hatte bemerken können. Die jenseitige Küste des Kanals aber lief noch weit gegen Norden fort. Er konnte sie bis auf etwa 50 englische Meilen verfolgen, und die Bergreihen, womit sie gekrönt ist, sah er, da der Tag sehr hell war, in noch viel weiterer Ferne. Die Berge waren sehr hoch und oben abgerundet; nicht spitz wie die gerade gegenüberliegenden. Doch konnte diese scheinbare Aenderung des Charakters, wie Morton meint, auch nur eine Folge des weiteren Abstandes sein; denn die Bergmassen verloren sich endlich wie ein spitzer Keil im nördlichen Horizont. Der höchste Aussichtspunkt, der zugleich Umkehrpunkt wurde, erhob sich, wie gesagt, ungefähr 500 Fuß über See. Von hier aus erkannte Morton etwa 6° westlich von der Nordlinie einen oben abgestutzten Spitzberg mit kahlem Scheitel und senkrechten Rillen gestreift. Er mochte 2500 bis 3000 Fuß hoch sein. Dieser nördlichste bekannte Punkt der Erde erhielt den Namen des großen Pioniers der Polarexpeditionen, Sir Edvard Parry . Die Bergreihe, mit der er zusammenhing, war nach Mortons Ansicht viel höher als irgendeine Bergpartie auf der grönländischen Seite des Kanals. Die Gipfel waren meist abgerundet und glichen einer Reihe von Zuckerhüten oder aus Kanonenkugeln aufgeschichteten Pyramiden. Dies Gebirge habe ich zu Ehren der Königin, unter deren Befehlen Franklin segelte, und ihres Gemahls, das Viktoria- und Albertgebirge genannt. Die Gebirge glichen in ihren Umrissen denen von Spitzbergen, die gleichfalls 2500 Fuß Höhe haben. Diese Entdeckungsexpedition brachte also ein merkwürdiges, unerwartetes Ergebnis: Ueber eine feste Decke von Eisfeldern und Eisbergen dringen die Reisenden weiter nördlich vor. Da wird allmählich das Eis schwächer, mürbe und unsicher, der Schnee naß und schlammig. Ein schwarzer Streifen erscheint im Norden und erweist sich als offenes Wasser . Den ganzen Kanal hinauf findet sich so wenig Eis, daß eine ganze Flotte bequem hätte durchkommen können. Und schließlich erweitert sich der Kanal zu einer großen, völlig eisfreien Wasserebene, von der sich mehr als 4000 englische Quadratmeilen auf einmal übersehen lassen. Das tierische Leben – in unserem südlichen Winterhafen so spärlich, daß wir kaum etwas zu schießen bekommen – entfaltet sich dort oben in reicher Fülle. Es wimmelt von Rotgänsen, Eidergänsen, Königsenten, deren erstere ein sicheres Anzeichen offenen Wassers sind; denn sie nähren sich von Seepflanzen und den anhängenden Weichtieren. Die Felsen sind mit Seeschwalben bedeckt, die gleichfalls offenes Wasser brauchen. Weiter oben im Kanal treten Seevögel auf, darunter nicht weniger als vier Arten Möven. Der nordische Sturmvogel, dem wir seit dem sogenannten Nordwasser nicht mehr begegnet, findet sich mehr als 200 Meilen nördlicher scharenweise wieder. Welche Bewandtnis es mit diesen verblüffenden Erscheinungen, mit diesem rätselhaften Auftreten von freiem Wasser im höchsten Norden haben mag, überlasse ich den Gelehrten zu beurteilen. Ich berichte nur, was wir gefunden haben. Als ein geheimnisvolles Fluidum inmitten ungeheuer eisbedeckter Breiten war es jedenfalls geeignet, die Seele mächtig zu bewegen. Und schwerlich befand sich einer unter uns, der sich nicht nach einer Möglichkeit gesehnt hätte, sich auf diesen glitzernden einsamen Gewässern einzuschiffen. Doch die eiserne Notwendigkeit vereitelte alle diese Wünsche. Die Rückreise von Hans und Morton verlief ohne bemerkenswerte Ereignisse. Die Expedition trennt sich Sämtliche Schlittenpartien waren nun wieder an Bord zurückgekehrt, und die Reisezeit im hohen Norden war für diesmal vorüber. Die ganze Zeit seit unserer Einsperrung im Eise, – die dunkelste Winternacht und die Krankheitsfälle ausgenommen – hatten wir beständig an unserer Aufgabe gearbeitet. Doch der Sommer schwand dahin, und das Eis um uns wollte und wollte nicht aufbrechen. Soviel wir erkennen konnten, blieb zwischen uns und der Baffinsbai alles unerschütterlich fest. Meine Umgebung begann wegen des kommenden Jahres besorgt zu werden, wozu schließlich auch alle Veranlassung vorlag. Ehe das Nordwasser sich bis zu unserm Winterhafen erweiterte, konnte es im günstigsten Falle noch 50 Tage dauern; und dann vielleicht noch weitere Tage oder Wochen, bevor das Binneneis um die Brigg sich löste. Dann befänden wir uns aber im September – und am 7. September des vorigen Jahres waren wir bereits in bester Form hier eingefroren! So bestand größte Wahrscheinlichkeit, daß uns der Winter unterwegs im Packeise festhalten würde; selbst wenn unser Aufbruch von hier so zeitig als möglich geschehen könnte. Dazu kam, daß wir sehr schlecht auf einen neuen Kampf mit dem nordischen Winter gerüstet waren. Uns fehlte Gesundheit, Nahrung und Brennstoff; und wenn ich die kranken und geschwächten Leute um mich ansah und an die Leiden der letzten langen Winternacht dachte, dann mußte mir wohl bange werden. Geradezu unehrenhaft erschien mir der Gedanke, das Schiff im Stich zu lassen; selbst wenn ich ihn für ausführbar gehalten hätte. Und wo sollten wir uns auch hinwenden? Die nächstmöglichen Punkte – Uppernavik und die Beechey-Inseln – lagen für kranke und verstümmelte Leute furchtbar weit entfernt. Dennoch wollte ich das Eis wenigstens mit eigenen Augen prüfen. Ich machte mit Hans eine Fahrt nach Süden, für die wir unsere armen strapazierten Hunde mit Segeltuch beschuht hatten. Auf einer Strecke von 35 englischen Meilen fanden wir die Wasserdecke völlig dicht; der Zufluchtsinsel gegenüber trafen wir endlich auf sich öffnende und schließende Spalten; doch von hier bis zum Schiff war nicht ein einziger Sprung zu entdecken. Ich trieb die Hunde über die losen Eisfelder weiter vor, und so erreichten wir nach mancherlei Gefahren endlich den Rand des Nordwassers. Es war zwar offen, aber seit Mai – wo MacGary es gesehen – nur um vier englische Meilen weiter nördlich gerückt. Und jetzt hatten wir den 10. Juli! Bei dieser gewaltigen Eisfläche zwischen dem Wasser und der Brigg wäre der Gedanke, in offenen Booten zu entkommen, geradezu wahnwitzig gewesen. Es blieb also nichts übrig, als sich auf das Schlimmste gefaßt zu machen. In dieser Situation beschloß ich, wenigstens den Versuch zu machen, ob sich nicht eine Verbindung mit den Beechey-Inseln herstellen ließe. Dort mußte eine englische Flotte unter Fd. Belchers Kommando liegen; und wenn wir sie erreichten, so fanden wir alles, was wir bedurften. Möglicherweise konnten wir die Vorräte des Nordsterns auf der Wolstenholminsel finden und bei besonderem Glück einem Schiff der Flotte in den Weg kommen, um so unsere Lage bekannt werden zu lassen. Gewiß – solch Unternehmen war ein Wagnis, doch die Not drängte. Ich fühlte, daß ich die Verantwortung auf keine fremden Schultern wälzen durfte und mich an die Spitze der Expedition stellen mußte; umsomehr, als niemand außer mir Ortskenntnisse vom Lancastersund und seinen Eisbewegungen besaß. Bei der Mannschaft und den Offizieren fand mein Plan die erfreulichste Aufnahme. Wohl jeder an Bord hätte die Expedition gern mitgemacht, doch beschränkte ich mich auf fünf Begleiter: MacGary, Morton, Riley, Hans und Hickey. Als Fahrzeug nahmen wir unser altes, leichtes Walfischboot, die »verlorene Hoffnung«, von 23 Fuß Länge, 6-1/2 Fuß Bodenbreite und 2 Fuß 6 Zoll Tiefe – eine wahre Nußschale. Durch eine Art Halbdeck oder Wetterschirm aus Segel- und Gummituch ließ ich ihrer Höhe etwas zusetzen. Die Ausrüstung mit Segeln war MacGarys Amt. Morton beschaffte die Proviantvorräte: Wildbret hatten wir nicht, sondern nur Pökelschweinefleisch, wovon wir 150 Pfund mitnahmen. Auch der Pemmikan war ausgegangen. Von den Fässern, die wir auf dem Eise ließen, als wir im vergangenen März die Kranken hereinholten, konnte von allem, was damals liegen blieb, nicht die leiseste Spur mehr gefunden werden – ein Beweis, wie sinnverwirrt uns damals die Kälte gemacht hatte. Denn wir glaubten alles sehr sorgfältig markiert zu haben. Das Boot wurde auf den großen Schlitten »Faith« gesetzt; und mit Ausnahme der Kranken spannten sich alle vor, um ihn nach dem offenen Wasser zu schleppen. Eine schwere Arbeit; denn das Eis war sehr uneben und voller Wasserpfützen. Der Schlitten brach unter seiner Last zusammen, und wir hatten einen weiten Rückmarsch, um einen andern zu holen. So ging der Transport langsam und beschwerlich vorwärts, bis wir nach vier Tagen das Boot ins Wasser brachten. Wenn die Kanäle auch sehr mit Treibeis verstopft waren, so konnten wir die Küstenfahrt nach Süden doch ohne Schwierigkeit fortsetzen. Wir landeten an der Stelle, wo wir voriges Jahr das Rettungsboot mit den Vorräten gelassen hatten, und fanden zu unserer Freude noch alles unberührt. Die Bucht und die Inselchen lagen fest im Eise. In der Nähe der Littletoninsel erwartete uns ein angenehmes Bild: wir sahen eine Anzahl Enten – sowohl Eider- als Haralda-Enten – die uns durch ihren Flug nach ihren Brutplätzen hinleiteten: einer Gruppe von Felseninselchen, über denen der ganze Horizont von Vögeln wimmelte. Eine rauhe Klippe war so übersät mit Brutplätzen, daß wir kaum einen Schritt tun konnten, ohne auf ein Nest zu treten. Wir erlegten hier mit Flinten und Steinen in ein paar Stunden über 200 Vögel ... – Nahe dabei war eine Felsklippe, die von blaugrauen Möven, diesen nordischen Vielfraßen, in Scharen bewohnt wurde. Die Jungen waren bereits völlig flügge und saßen dichtgedrängt auf den mit Guano geweißten Felsen. Die Alten aber kreisten mit ausgestrecktem Halse, den gelben Schnabel weit aufgesperrt, über den Plätzen der friedlichen Eiderenten und schossen nach Lust und Bedarf hinab, um sich eine junge Ente zu holen ... – Wir lagerten in diesem Hauptquartier der Möven und füllten vier große Kautschuksäcke mit Geflügel, das wir ausnahmen und notdürftig von den Knochen befreiten. Das Boot wurde an Land gezogen und ausgebessert; wir hatten gefunden, daß es zu schwer beladen war, und nahmen daher von unseren Vorräten mancherlei fort, was wir unter den Felsen versteckten. Polarsommer Am 19. Juli verließen wir diese Gegend, steuerten mit vollen Segeln W.S.W. und fuhren am Abend desselben Tages mit frischem Nordwind aus dem schützenden Kanal in die offene See hinaus. Hier begann nun ein anderes Leben. Der älteste Seemann, der auf seinem Deck sich wie zu Hause fühlt, besitzt eine scharfe Abneigung vor einer Seefahrt im offenen Boot, wie der Binnenländer sie kaum empfinden würde. Dies Gefühl überkam uns, als wir das Land aus Sicht verloren. Selbst MacGary – ein in der Baffinsbai geschulter Walfischfahrer und Bootlenker – wurde bedenklich, wenn sich das Boot immer wieder in die Mulden zwischen den stoßenden kurzen Wogen eingrub, denen auszuweichen er seine ganze Steuerkunst aufbot. Baffin hatte im Jahre 1616 mit zwei kleinen Fahrzeugen die Runde in diesem Golf gemacht, aber es waren Riesen gegen die unsrigen. Ich gedachte dieses meines Vorgängers, als ich seine Route kreuzte und mit allen Aussichten auf schweren Sturm – dem etwa noch 60 englische Meilen entfernten Kap Combermere zusteuerte. Noch waren wir in der Mitte dieser weiten Wasserfläche, als der Sturm aus Norden losbrach. Wir waren dem Sinken nahe genug. Der schwache Wetterschirm und unsere Kautschukverkleidung waren bald durchschlagen. Kaum mit äußerster Anstrengung konnten wir verhindern, daß uns der Wind breitseits faßte; wäre ein Ruder gebrochen oder ein Tau gerissen, so hätte das unseren Untergang besiegelt. Aber MacGary führte den Zauberstab der Walfischjäger, das lange Lenkruder, mit wundervoller Geschicklichkeit. Keiner von uns hätte seine Stelle einnehmen können; und so stand er 22 geschlagene Stunden auf seinem Posten, ohne eine Sekunde in seiner Aufmerksamkeit und Anstrengung nachzulassen. Auf solchen Sturm waren wir nicht vorbereitet, und eine wildere See hatte ich noch nicht gesehen. Endlich sprang der Wind nach Osten um; und wir waren froh, als er uns auf Küsteneis zutrieb. Wir hatten mehrere Eisberge passiert; aber die See peitschte sie so gewaltig, daß nicht daran zu denken war, unter ihnen Schutz zu suchen. Das Pack- und Flardeneis, dem wir sonst gern aus dem Wege gingen, sollte nun unsere Zuflucht werden. Ich denke noch daran, wie wir nach dem vierstündigen gefährlichen Treibjagen voll Besorgnis zwischen die losen Eisflarden hineinsteuerten und wie tröstlich es uns war, zu bemerken, daß sie das Wasser zwischen sich ruhig erhielten. Wir ankerten uns an eine alte, kaum 50 Schritt messende Scholle fest, krochen unter den Wandschirm und ließen den Sturm über uns hingehen. Als neues Hindernis hatten wir nun Packeis, das uns den Weg nach Süden versperrte. Wir begannen uns in seine Spalten einzubohren, nachdem der Sturm sich gelegt hatte – jedenfalls eine langsame Art des Vorrückens, die jedoch auch ihre Gefahren hat. Denn mehr als einmal schien es, als seien wir für immer eingekeilt inmitten einer unübersehbaren Fläche von Eisfeldern. Endlich begannen die Eisfelder mehr auseinander zu weichen. Am 13. schien die Sonne freundlich; die Kanäle erweiterten sich mehr und mehr; wir konnten wieder Segel setzen und kamen mit jeder Eiszunge der grönländischen Küste näher. Nach einer Weile zeigte sich eine gute Gelegenheit, Kurs nach der Hakluytsinsel zu nehmen. Nachmittags landeten wir auf ihrem Küsteneis, schlugen unser Lager auf, trockneten und sonnten uns und schliefen unsere Müdigkeit aus. Am andern Morgen begann unsere Arbeit von neuem. Wir fuhren an der Landseite des Packeises in der Richtung der Cary-Inseln, begegneten ab und zu einer vorspringenden Eisfläche, die wir umgehen oder durchbrechen mußten, kamen aber doch im Ganzen leidlich vorwärts auf den Lancastersund zu. Doch an der Südspitze der Northumberlandinsel hielt uns das Packeis abermals fest. Das Treibeis aus Süden hatte sich uns in den Weg gelegt. Getrieben von dem Wunsche, die Cary-Inseln und freies Wasser zu erreichen, bohrten wir unser Boot in die erste beste Spalte des Packeises ein. Die nächsten drei Tage zwängten wir uns mühselig durch halboffene Spalten und bewältigten insgesamt etwa 15 englische Meilen in südlicher Richtung. Sehr selten hatten wir Raum genug, um die Ruder gebrauchen zu können. Der Gefahr, eingequetscht zu werden, entgingen wir dadurch, daß wir in drohenden Fällen das Boot schnell auf das Eis zogen. Trotzdem empfing es einige harte Stöße und Sprünge, die es nicht gerade seetüchtiger machten. Vielmehr begann es leck zu werden, was uns in Verbindung mit dem jetzt einsetzenden starken Regen zwang, es alle Stunden auszuschöpfen. Natürlich war unter solchen Umständen nicht an Schlaf zu denken. Einer von uns brach denn auch vor Müdigkeit zusammen. Am 29. wurde der Wind, der noch immer aus Südwest kam, stärker; aber er blies kalt und steigerte sich fast zum Sturm. Wir hatten wieder eine schlaflose Nacht. Die Eisfelder narrten uns förmlich mit ihren eigensinnigen Bewegungen. Um 3 Uhr nachmittags hatten wir die Sonne wieder, und das Eis öffnete sich gerade so viel, um uns in Versuchung zu führen. Mit harter Mühe stießen wir unser kleines, übel mitgenommenes Fahrzeug vorwärts; seine Wände berührten oft auf beiden Seiten das Eis, das sich zuweilen buchstäblich über unseren Köpfen begegnete und in Stücken auf uns herunterbrach. Eine dieser Passagen wird gewiß keiner von uns vergessen. Wir trieben in einem schmalen Kanal zwischen Eistrümmern, wie sie die zurückweichenden Flarden hinterlassen, nachdem sie die Schollen zwischen sich zerquetscht haben. Wir waren schon so weit vorgedrungen, daß eine Umkehr nicht mehr möglich war, als die Flarden sich wieder zu schließen begannen. Eine Zusammenquetschung schien unvermeidlich, denn alles um uns her war lose und in wälzender Bewegung; und wo die Flarden sich zerstießen, entstanden Wälle von aufgetriebenen Schollen. Die Bewegung war gerade vor uns und setzte sich allmählich nach uns zu fort. Schon flogen uns die Bruchstücke des berstenden Eises um die Köpfe – als wir auf einmal, gleich der »Advance« im Treibeise des vorigen Winters, von den sich auftürmenden Trümmern hoch über das Wasser emporgehoben wurden. Wohl zwanzig Minuten hingen wir so in der Schwebe. Als dann der Druck der Eisfelder nachließ, sanken wir ganz stetig wieder herunter. Gewöhnlich aber schlossen sich die Eisfelder so allmählich, daß es möglich war, einem Zusammenstoß auszuweichen. Wenn Eile geboten und das Boot beladen war, nahmen wir gern die Bewegung der Eisfelder selbst zu Hilfe, um es aus dem Wasser zu bringen. Wir legten in solchen Fällen das Boot quer über die sich schließende Spalte, das Vorderteil nach der heranrückenden Eismasse gekehrt. Der Erfolg war jedesmal, daß das Boot von dem schiebenden Eise vorn niedergedrückt wurde und das Hinterende sich über die Ebene des jenseitigen Eises hob. Sobald das Heben begann, hielten wir uns bereit, herauszuspringen und das Boot nachzuziehen. Diese Zeit ständiger Aufregung war im ganzen doch so einförmig, daß ein Tag dem andern glich. Vielleicht ein dutzendmal tagsüber hatten wir das Boot auf das Eis zu ziehen, und viermal waren wir bei dieser Eisfahrt völlig eingeschlossen. Wir hatten auch versucht, das Boot über die vorkommenden Eisfelder wegzuschleppen; mußten unsere Absicht aber bald aufgeben, weil es dadurch so mitgenommen wurde, daß es kaum noch seetüchtig blieb. In den letzten sechs Tagen war ein Mann beständig mit Wasserausschöpfen beschäftigt. Am 31. endlich – in einer Entfernung von zehn englischen Meilen von Kap Parry – ging es nicht weiter! Eine feste Eismasse lag quer über unserm Weg und erstreckte sich, soweit das Auge reichte. Westlich waren Eisberge in Sicht, auf die ich mit MacGary über das schwimmende Scholleneis losging. Nach einer Wanderung von etwa vier Meilen erreichten wir glücklich einen dieser Eisberge, erstiegen eine Höhe von 120 Fuß und schauten durch unser treffliches Fernrohr nach Süden und Westen aus. Da war, in einem Umfang von 30 Meilen, alles eine ununterbrochene, bewegungslose, undurchdringliche Eiswüste. Darauf war ich nicht gefaßt. Kapitän Inglefield hatte zwei Jahre vorher genau auf dem gleichen Punkt offenes Wasser gehabt; und ich selbst hatte 1853, nur um sieben Tage später, hier kein Eis gefunden. Nun war es klar, daß von Kap Combermere im Westen bis herüber zur Hakluytinsel eine zusammenhängende Eisbarriere lag, deren Saum wir noch nicht einmal durchdrungen hatten. Ebenso klar war es uns allen, daß diese Schranke aus den Eismassen erwachsen sein müsse, die Jones Sund im Westen und Murchisons Sund im Osten ausgesandt und zusammengetrieben haben. Gelegentlich kann somit die unter dem Namen »Nordwasser« bekannte große Wasserfläche durch festes Eis in zwei Becken, ein südliches und ein nördliches, geschieden werden. Jeder weitere Versuch, nach Süden vorzudringen, erschien somit gänzlich hoffnungslos, solange diese Eisschranke keine Aenderung erfuhr. Im Vorbeifahren hatte ich auf der Northumberlandinsel bemerkt, daß einige ihrer Gletscherabhänge mit Grün eingefaßt waren – ein beinahe nie trügendes Zeichen animalischen Lebens. Und da meine Leute von Durchfall sehr angegriffen waren und unsere Mundvorräte auf die Neige gingen, so beschloß ich, mich nach ihr durchzuschlagen, um dort Kräfte für neue Anstrengungen zu sammeln. Mit Schleppen und Rudern brachten wir unser Boot die nächsten beiden Tage durch die verschiedenen Schlippen in östlicher Richtung vorwärts. Am Morgen des dritten gewannen wir nahe der Küste freies Wasser. Eine Brise kam uns zu Hilfe, und in aller Bequemlichkeit langten wir ein paar Stunden später an der Südseite der Insel an. Wir sahen bei unserer Annäherung verschiedene Schwärme kleiner Alken und entdeckten nach der Landung, daß hier Alken, Dovkies und Möven in ungeheuren Mengen sich versammelt hatten. Wir lagerten auf einer Niederung am Fuß einer Gletschermoräne, die zwischen grausig wilden Klippen herabstieg. Die Eskimos hatten hier offenbar Winterquartiere gehalten, wie fünf gut gebaute steinerne Hütten bewiesen. Drei von ihnen waren leidlich erhalten und dem Anschein nach noch vor kurzem bewohnt gewesen. Der Vogeldung hatte den Boden fruchtbar gemacht; wir fanden ihn bis an den Wasserrand reich bedeckt mit Gräsern, Sauerampfer und Löffelkraut. Füchse waren, natürlich wegen der Vögel, in großer Menge vorhanden – alle von der bleifarbigen Abart, ohne einen einzigen weißen. Die jungen, noch sehr mageren Tiere waren in höflichen Sitten noch ungeschult: sie bellten uns an, wenn wir an ihnen vorbeigingen ... Mit sehr gemischten Gefühlen näherten wir uns unserer Brigg wieder. Unsere kleine Gesellschaft war wohl fett und kräftig geworden durch den Genuß von Alken, Enten und Scharbockkräutern. Wie es aber um unsere Kameraden und unser eingekeiltes Schiff stehen mochte, das machte uns viel Sorge. Die dank der Flut entstehenden zeitweiligen Spalten, die im vorigen Jahr eine notdürftige Durchfahrt bis zum Schiff gestatteten, waren diesmal kaum zu passieren. Beim Durchzwängen durch das gebrochene Eis erwies sich das Boot als derart defekt, daß wir es am Lande unter Klippen stellten und zu Fuß über die Felsen kletterten, bis wir durch unser plötzliches Erscheinen unsere Schiffsgenossen überraschten. Die Freude des Wiedersehens wurde allerdings getrübt durch das Fehlschlagen unsers neusten Versuchs und die geringe Aussicht zu unserer und des Schiffes Befreiung überhaupt. Die Brigg lag nun schon elf Monate im festen Eise eingeschlossen und hatte sich während dieser ganzen Zeit nicht einen Zoll von der Stelle bewegt. Der größte Teil des August verlief unter häufigen Hoffnungen und Anstrengungen zur Befreiung. Zur Besichtigung des Eises wurden wiederholte Fahrten unternommen, doch stets war das Ergebnis trostlos. Das Schiff hatten wir mit Pulver losgesprengt und nach einer andern Stelle hingezogen, um eine etwaige Gelegenheit zum Fortkommen besser benutzen zu können. Aber diese Gelegenheit kam nicht. Zwar brach endlich das äußere Eis, und die durch den Winter gefesselten Eisberge wurden lebendig – aber nur, um sich in mehrfachen Ketten im flachen Wasser vor unserer Bucht hinzulegen, wo sie obendrein noch die treibenden Eisfelder aufhielten und zum Stehen brachte. Mitte August gab es schon wieder reichlich junges Eis, und wir hatten als einzige Hoffnung noch die Ende August und im September zu erwartenden starken Winde. Mit jedem Tage wurde das neue Eis dicker und die Enttäuschung meiner Gefährten größer. Ich mußte wieder den Spaßmacher spielen, um sie bei Laune zu erhalten. Mitunter ließ sich sogar das Schiff ein Stück weiter warpen, ohne die geringste Aussicht des Durchkommens; es sollte nur die Leute frisch erhalten und den Anschein erwecken, als geschähe überhaupt etwas. Mitte August begannen die Schneevögel, die Vorboten des Winters, scharenweise gen Süden zu ziehen, wobei sie in unserm Takelwerk zu übernachten pflegten. Jeder Ausflug in die Umgebungen zur Besichtigung des Eises lieferte das Ergebnis, daß die Dinge schlimm, sehr schlimm standen. Eine abermalige Ueberwinterung mußte ins Auge gefaßt werden – so furchtbar auch der Gedanke war an eine Wiederholung jener Zeit der Finsternis und des Siechtums; noch dazu ohne frisches Fleisch und ohne Brennmaterial. Unser tägliches Gebet war nicht mehr: »Herr, nimm unsern Dank und segne unser Unternehmen!«, sondern: »Herr, nimm unsern Dank und hilf uns heim!« Unser gescheiterter Versuch, die Beechey-Inseln zu erreichen, hatte nach meiner Ueberzeugung zugleich die Unmöglichkeit bewiesen, bis zu den grönländischen Niederlassungen durchzudringen; denn es lag ja zwischen ihnen und uns eine ungeheure Eisschranke von Küste zu Küste. Die Vögel hatten ihre Wohnplätze verlassen; die Wasserläufe von den Eisbergen und Küsten waren durch den Frost schnell ins Stocken geraten. Das junge Eis machte selbst im freien Wasser eine Bootfahrt unmöglich und trug am 17. August schon einen Mann. Und so schien es klar, daß ohne einen gänzlichen Umschwung aller Verhältnisse, der aber gar nicht mehr zu erhoffen war, das Schiff nicht verlassen werden konnte, ohne daß wir uns in eine von allen Hilfsmitteln entblößte Wildnis hinauswagten, aus der die Rückkehr schwer oder ganz unmöglich war. So lag denn die Zukunft in dichten Nebel gehüllt vor uns, und die schlimmste Periode der ganzen Expedition schien nahe bevorzustehen. In dieser Lage beschloß ich, auf der Observatoriumsinsel einen großen Steinkegel als Signal zu errichten und unter ihm Dokumente niederzulegen, die für den Fall unseres Unterganges denen, die etwa später nach uns suchen würden, Nachrichten von unseren Erfolgen und Schicksalen geben sollten. In Erinnerung an Franklins erste Winterquartiere und die schmerzlichen Gefühle, mit denen ich vor fünf Jahren bei den Gräbern seiner Toten vergebens nach schriftlichen Nachrichten von den Ueberlebenden gesucht hatte, wollte wenigstens ich mich einer ähnlichen Unterlassungssünde nicht schuldig machen. Wir wählten eine augenfällige Stelle an einem die Eiswüste überschauenden Vorsprung und malten auf eine breite Felsfläche mit weithin ersichtlichen Buchstaben die Worte ADVANCE A. D. 1843 – 54. Oben darüber wurde eine Pyramide aus schweren Steinen erbaut und mit einem christlichen Kreuz versehen. Unter diese Pyramide wurden die Särge unserer beiden armen Kameraden gestellt, so daß unser Signalturm zugleich ihr Grabmal wurde. Nahebei wurde ein Loch in den Fels gehauen, eine in einem Glase steckende Schrift hineingetan und die Oeffnung mit geschmolzenem Blei geschlossen. Die Schrift lautete wie folgt: Advance, 14. August 1854. E. K. Kane mit seinen Kameraden Henry Brooks, John Wall Wilson, James MacGary, J. J. Hayes, Christian Ohlsen, Amos Bonsall, Henry Goodfellow, August Sonntag, William Morton, J. Carl Petersen, Georg Stephenson, Jefferson Temple Baker, George Riley, Peter Schubert, George Whipple, John Blake, Thomas Hickey, William Godfrey und Hans Christian, Mitglieder der zweiten Grinnell-Expedition zur Aufsuchung Sir John Franklins und der vermißten Mannschaften des »Erebus« und »Terror«, wurden gezwungen, in diesen Hafen einzulaufen, während sie versuchten, in nordöstlicher Richtung durch das Eis vorzudringen. Sie froren am 8. September 1855 ein und wurden befreit am .... – Während dieser Zeit hat die Expedition 960 englische Meilen Küstenlinie aufgenommen, ohne irgendwelche Spuren der vermißten Schiffe zu finden oder die geringste Kunde über ihr Schicksal zu erlangen. Die Reisen, welche zu diesem Zweck unternommen worden sind, haben sich auf mehr als 2000 englische Meilen belaufen, alle entweder zu Fuß oder mit Hunden. Grönland ist bis an sein Nordende verfolgt worden, wo es mit der gegenüberliegenden Küste eines noch nördlicheren Landes durch einen großen Gletscher verbunden ist. Diese Küste ist bis zur Breite von 82° 27' aufgenommen worden. Smithssund erweitert sich zu einer weitläufigen Bai, die in ihrer ganzen Ausdehnung aufgenommen ist. Von ihrem nordöstlichen Winkel auslaufend ist in 80° 10' Breite und 66° Länge ein Kanal entdeckt und soweit verfolgt worden, bis offenes Wasser das fernere Vordringen verhinderte. Dieser Kanal läuft in ganz nördlicher Richtung und verbreitet sich zu einem dem Anschein nach offenen Meer, wo Vögel, Bären und Seetiere sich in Menge fanden. Das Sterben der Hunde während des Winters war Ursache, daß die bezeichneten Entdeckungen vorzugsweise durch die persönlichen Anstrengungen der Offiziere und Mannschaften gemacht werden mußten. Der Sommer findet sie sehr heruntergekommen an Gesundheit und Kräften. Jefferson Temple Baker und Peter Schubert sind gestorben an den Wirkungen der Kälte, denen sie in männlicher Pflichterfüllung sich ausgesetzt. Ihre Ueberreste ruhen unter der Steinpyramide auf der Nordspitze der Observatoriumsinsel. Das Observatorium liegt 76 englische Fuß von der nördlichsten Spitze der Insel in der Richtung S. 14° zu O. Seine Lage ist 76° 40' westlicher Länge. Die mittlere Fluthöhe ist 29 Fuß unter dem höchsten Punkt der Insel. Diese beiden Punkte sind auch durch kupferne Bolzen bezeichnet, die mit geschmolzenem Blei in den Felsen eingelassen sind. Am 12. Mai wurde die Brigg von ihrem früheren Lageplatze zwischen den Inseln fortgewarpt und etwa eine Meile weiter nordöstlich an das äußere Scholleneis festgelegt, wo sie noch liegt und auf weitere Veränderungen im Eise wartet. Unterzeichnet E. K. Kane , Kommandant der Expedition.« Ein paar Stunden später wurde folgende Nachschrift hinzugefügt: »Da sich das junge Eis zwischen der Brigg und dieser Insel gebildet hat und sich Aussichten auf einen Sturm zeigen, so ist das Datum der Abreise unausgefüllt gelassen. Wenn möglich, soll die Stelle noch einmal besucht und das Datum hinzugesetzt werden, da unsere endliche Befreiung noch immer von dem Gang der Witterung abhängt. E. K. Kane.« Jetzt erhob sich die Frage, wie einem zweiten Winter, diesem schlimmen Feinde, zu begegnen sei. Alles andere war besser als Untätigkeit. Trotz der Ungewißheit, in der unsere Angelegenheit noch schwebte, konnten immerhin mancherlei Arbeiten à la Robinson Crusoe in Angriff genommen werden. Da gab es zur Vermehrung unsers Brennstoffes Moos zu sammeln, Weidenstengel, Steinsamen und Sauerampfer als Skorbut-Heilmittel. Aber während dies alles geschah, erhoben sich ernstere Fragen. Einige von der Mannschaft hegten die Ueberzeugung, daß ein Entkommen nach Süden noch immer möglich sei. Sie fanden darin Unterstützung bei unserm dänischen Dolmetscher Petersen, der Kapitän Parrys Expedition begleitet hatte und die Wandlungen des nördlichen Eises aus reifer Erfahrung kannte. Sie hielten es, anstatt zu bleiben, sogar für besser, das Schiff im Stich zu lassen. Ich selbst war allerdings entschlossen, nicht von der »Advance« zu weichen. Erstlich betrachtete ich es als Ehrensache, zweitens aber hegte ich die Ueberzeugung, daß jedes Fortkommen unmöglich sei. Aber es war nun sehr die Frage, ob ich meine Leute dienstlich zwingen könne, sich meinen Entschlüssen unterzuordnen. Ein moralisches Recht hatte ich wohl nicht dazu, und das Dienstreglement traf auf unsere Lage nicht zu. Schuberts und Bakers letzte Ruhestätte Wenn ein Walfischjäger hoffnungslos festsitzt, so hört die Autorität des Kapitäns auch auf, und die Mannschaft hält unter sich Rat, ob sie gehen oder bleiben will. Bei uns überdies kam noch der fatale Umstand hinzu, daß wir für eine zweite Durchwinterung so unsäglich armselig vorbereitet waren; wir waren ja von Krankheiten gebeugte Leute mit unzureichenden und für unsern Zustand nicht einmal passenden Lebensmitteln. Um unter solchen Umständen den Winter zu überstehen, war es unerläßlich, die Mannschaft bei guter Gemütsstimmung zu erhalten. Ein widerspenstiger, finsterer oder kleinmütiger Geist würde unsere Decks gleich einer Pest entvölkern. Das alles wußte ich als Arzt und Offizier; und eben deshalb durfte ich keinen, der nicht gutwillig bleiben wollte, wider seinen Willen zurückhalten. Am 23. August unternahm ich nochmals einen Ausflug zu gründlicher Besichtigung des Eises. Nun stand es fest: das Schiff konnte nicht entkommen. Selbst die Abreise in Booten schien unausführbar; denn die Wasserströme schlossen sich bereits, das Packeis war beinahe wieder zum Stillstand gekommen und das Jungeis fast undurchdringlich. Ich versammelte demnach die Offiziere und Mannschaften, schilderte ihnen ausführlich den Stand der Dinge und setzte ihnen die Gründe auseinander, die mich zum Ausharren bewegen. Ich bemühte mich, ihnen zu beweisen, welches Wagnis und wie unmöglich es sei, noch bis zum offenen Wasser vordringen zu wollen. Ich erinnerte sie an ihre Pflichten gegen das Schiff und ermahnte sie mit einem Wort ernstlich, ihren Plan aufzugeben. Dann sagte ich ihnen, daß ich denjenigen, die dennoch den Versuch wagen wollten, gern meine Erlaubnis erteile; nur müsse ich verlangen, daß sie sich unter die Befehle von Anführern stellten, die sie vor ihrer Abreise zu wählen hätten; auch müßten sie schriftlich allen Ansprüchen an mich und die Zurückbleibenden entsagen. Alsdann ließ ich jeden Mann einzeln aufrufen und seine Erklärung abgeben. Das Resultat war, daß von den 17 Leuten acht sich entschlossen, auf dem Schiff zu bleiben: es waren Brooks, MacGary, Wilson, Goodfellow, Morton, Ohlsen, Hickey und Hans. Den anderen gab ich ihren Anteil an den noch vorhandenen Vorräten richtig und selbst reichlich. Sie verließen uns am 28. August; so gut ausgerüstet, als unsere kärglichen Mittel es erlaubten. Einer von ihnen, George Riley, kam schon nach ein paar Tagen zurück; aber Monate vergingen, ehe wir die übrigen wiedersahen. Sie hatten die schriftliche Zusicherung eines brüderlichen Empfanges von uns erhalten für den Fall, daß sie zur Umkehr gezwungen würden. Und diese Versicherung wurde eingelöst, als sie sich nach harten Prüfungen entschlossen, unser Schicksal abermals zu teilen. Unsere Freunde – die Eskimos Festen Schrittes, wie Leute, die ihres Erfolges sicher sind, verließ uns die Gesellschaft und war in wenigen Stunden unseren Augen entschwunden. Wie sie so zwischen den Hummocks verschwanden, überfiel uns erneut die düstere Wirklichkeit unserer Lage. Das traurige Gefühl unserer noch größeren Vereinsamung, die Hilflosigkeit verschiedener Gefährten, die abnehmende Widerstandskraft aller Mitglieder, unsere mangelhaften Hilfsmittel, der drohende Winter mit seiner eisigen schwarzen Nacht – all dies verstörte unsere Gedanken. John Franklin und seine Mannschaft, unser tägliches Gespräch während vieler Monate, trat jetzt in den Hintergrund vor der Besprechung unserer eigenen Lage und dem Problem: wie entkommen? wie leben? Hieran schloß sich in natürlicher Folge die Beratung der Obliegenheiten jedes Einzelnen von uns. Wir kamen bald zu dem Beschluß, daß unsere ganze Organisation und Lebensordnung die gleiche bleiben solle, wie sie bisher gewesen. Die Verteilung der Dienstarbeiten, die religiösen Uebungen, die Tischordnung, die Wachen, selbst die Beobachtungen des Himmels und das Aufzeichnen der Fluten sollte ihren Fortgang nehmen. Weiterhin war ich darauf bedacht, einiges von den Eskimos Gelernte für uns nutzbar zu machen. Es schien mir das Beste, sie in der Einrichtung ihrer Wohnungen und ihrer eigentümlichen Beköstigung geradezu nachzuahmen – natürlich ohne ihre Unreinlichkeiten. Querschnitt durch unsere Lagerstätten im Winter Unsere erste Sorge war, eine warmhaltende Winterwohnung einzurichten; denn unser Brennmaterial war fast auf die Neige gegangen. Gesunde und Kranke arbeiteten nach Kräften daran, das Schiff in ein Igloe, eine Eskimohütte zu verwandeln. Zu diesem Zweck wurde Moos und Torfrasen am Lande aufgesucht, wo es sich nur irgend auftreiben ließ, und auf Schlitten heimgeschafft. Damit gewannen wir ausgezeichnete Wärmehalter; und wenn es gelang, das Quarterdeck damit tüchtig zu umpolstern, so konnten wir eine für den Frost beinahe undurchdringliche Wohnung haben. Dem Bauplan zufolge wurde unter Deck ein Raum von etwa 18 Quadratfuß abgegrenzt und von oben bis unten mit diesem Material ausgefüttert. Der Fußboden wurde sorgfältig mit Gips und Kleister überzogen, darauf eine zwei Zoll dicke Schicht von Manillawerg gelegt und eine Decke von Segeltuch darübergezogen. Der Eingang bestand, wie bei den Eskimohütten, aus einem niedrigen, mit Moos gefütterten Tunnel, mit so vielen Türen und Vorhängen, als sich irgend anbringen ließen. Dies war der Raum für uns alle und für alle möglichen Zwecke; allerdings kein großer. Aber wir zehn konnten hineinkriechen; und ich dachte: je enger, desto wärmer! Bei dem Worte »Moosholen« darf man in dem Polarkreise an kein Sommervergnügen denken; es ist eine harte Winterarbeit. Der aus Weiden, Heide, Gräsern und Moosen gemischte Torfrasen ist zu einer harten Masse gefroren. Wir können ihn in den Schneewassergerinnen nicht mehr losbekommen, sondern müssen ihn auf den Klippen suchen, mit Brechstangen abwuchten und in Form von Steinen heimbringen. Doch endlich war auch diese unerläßliche Arbeit vollbracht. Wir hatten genug, um unsere Winterhütte zu bauen. Nun war nur noch ein großer Schneevorrat nötig, um die Außenseiten der Brigg damit zu umwallen. Moosernte Inzwischen waren unsere Wildbretvorräte zur Neige gegangen und bestanden am 11. September nur noch aus sechs Enten von der Größe eines Rebhuhns und drei Schneehühnern. Ich beschloß, mit einer neuen Art von Robbenjagd den Versuch zu machen. Nur zehn englische Meilen seewärts ist zwischen den Eisbergen eine starke Strömung von Wasser und Eisschollen, die zuweilen einige Robben aufsuchen, um Luft zu schöpfen. Mit Hans und den Hunden fuhr ich hinaus; doch fanden wir den Fleck derart mit losem und zerbrechlichem Eis umsäumt, daß es nicht möglich war, heranzukommen. »Nun,« dachte ich, »morgen, so Gott will, soll es besser gehen. Ich werde meine lange Flinte mitbringen, dazu den Kajak, eine Eskimoharpune mit Leine und Luftsack und ein paar breite Schneeschuhe. Ich werde knien, wo das Eis unsicher ist, und die Körperlast auf die Schneeschuhe verteilen. Hans soll nachfolgen, indem er sich rittlings auf den Kajak setzt, der im Fall des Einbrechens als eine Art Rettungsboot dienen kann. Sind wir so glücklich, auf Schußweite heranzukommen, so sticht Hans ins Wasser und holt das Wild, ehe es untersinkt.« Ich ging mit Hans und fünf Hunden ans Werk, und wir erreichten schon nach einer Stunde den Pinnakelberg. Aber wo war das Wasser von gestern, wo waren die Seehunde? Die Eisfelder hatten sich geschlossen, und unser Jagdgelände war eine rauhe Eisebene geworden. Von einem Eisberge herunter erblickten wir jedoch im Nordwesten einen Streifen dichten Nebels – das Anzeichen offenen Wassers. Es lag gerade in der Gegend, die wir im vergangenen Frühjahr als Halberfrorene durchirrt hatten. In ein paar Stunden gelangten wir auf ein unübersehbares Eisfeld, so eben wie eine Billardtafel und von hinreichender Festigkeit. In der Ferne zeigten sich deutlich die Dampfsäulen des offenen Wassers. Ohne Zaudern und voll Hoffnung auf eine glückliche Jagd trieben wir vorwärts. Bald kamen wir auf Eis jüngeren Ursprungs, das weniger fest war als das verlassene, aber immerhin noch genügend Tragfähigkeit besaß. Schneller ging es ein Stück vorwärts, bis auf einmal Hans aus vollem Halse rief: »Pusey, Puseymut!« – Robben, Robben! Die Hunde nahmen sofort einen neuen Anlauf; und als ich vorwärts blickte, sah ich ganze Haufen borstiger Seehunde auf einer offenen Wasserfläche spielen. Zugleich bemerkte ich aber auch, daß wir uns auf einer neuen, offenbar unsicheren Eisfläche befanden. Rechts und links dehnte sich weithin die mit Rauhfrostfedern überwachsene Ebene. Die nächste solide Scholle vor uns war ein einzelner Block, der wie eine Insel über die weiße Fläche emporstand. Umkehr war unmöglich; wir mußten vorwärts. Wir trieben die Hunde mit Peitsche und Stimme an. Wir hatten noch über eine englische Meile bis zu dieser Eisinsel, und das Eis bog sich unter den Schlittenkufen wie Leder. Die Furcht überkam die Hunde und trieb sie ohne unser Zutun zu höchster Eile an. Die Spannung in dieser Lage, bei der es für uns selbst gar nichts zu tun gab, war unerträglich. Wir wußten, daß wir verloren waren, wenn wir die Scholle nicht erreichten; und dies wiederum hing lediglich von unseren Hunden ab. Eine sekundenlange Stockung mußte alles zusammen in die rasche Flutströmung hinabreißen; und dagegen half weder Geistesgegenwart noch sonst irgendein Auskunftsmittel. Die Robben – denn wir waren ihnen jetzt nahe genug, um ihre sprechenden Gesichter zu erkennen – starrten uns mit der ihnen eigenen verwunderten Neugier an. Wir kamen an Dutzenden von ihnen vorüber, die sich bis zur Brust aus dem Wasser hoben und uns durch ihr behagliches Phlegma gleichsam verhöhnten. Diese verzweifelte Flucht vor dem Schicksal sollte ihr Ende finden. Das Wogen des zähen Salzwassereises schreckte die Hunde derart, daß sie fünfzig Schritt vor der Scholle plötzlich stehenblieben. Sofort brach die linke Schlittenkufe ein, der Leithund folgte, und in einer Sekunde lag die ganze linke Seite des Schlittens unter Wasser. Mein erster Gedanke war, die Hunde frei zu machen. Ich beugte mich vor, um die Leine des Leithundes zu zerschneiden – und schwamm in derselben Minute neben ihm in einer Brühe von schwammigem Eis und Wasser. Hans, der gute Junge, kam heran, jammerte laut in gebrochenem Englisch und wollte helfen. Ich aber befahl ihm, sich auf den Bauch zu legen, Arme und Beine auszustrecken und sich mit dem Taschenmesser nach der Scholle hinüber zu schieben. In diesem Moment schwammen Schlitten, Hunde und Leinen in wirrem Durcheinander um mich her. Es gelang mir, den Leithund abzuschneiden und ihm aufs Eis zu helfen, denn das arme Tier hätte mich mit seinen kläglichen Liebkosungen fast ertränkt. Dann machte ich mich an den Schlitten, fand aber, daß er mich nicht trug; und so blieb mir nichts übrig, als mich am Rande des Eisloches zu versuchen. Ich ruderte rund herum, doch überall brach das verwünschte Eis in dem Augenblick ab, wo ich glaubte, gewonnenes Spiel zu haben. Durch diese Bemühungen erweiterte sich der Umfang des Wassers um mich in sehr unerwünschter Weise, und ich fühlte mich nach jeder mißlungenen Anstrengung schwächer. Hans hatte inzwischen das feste Eis erreicht, lag als guter Herrnhuter auf den Knien und betete durcheinander auf englisch und eskimoisch. Es war fast aus mit mir. Mein Messer war beim Losschneiden der Hunde verlorengegangen, und ein zweites, das in meiner Hosentasche steckte, war in den triefnassen Falten so verwickelt, daß ich es nicht fassen konnte. Meine endliche Herausarbeitung verdankte ich einem neu eingefahrenen Zughunde, der noch an dem Schlitten fest war und durch seine Versuche, sich zu befreien, die eine Schlittenkufe dicht an den Eisrand gebracht hatte. Alle meine früheren Versuche, den Schlitten als eine Brücke zu benutzen, waren fehlgeschlagen; er brach jedesmal durch und beschädigte das Eis nur desto mehr. Jetzt fühlte ich, daß ich nur noch diese eine Hoffnung hatte. Ich warf mich auf den Rücken, um mein Gewicht möglichst zu verringern, und legte mich mit dem Genick auf den Eisrand. Dann krümmte ich langsam und vorsichtig das Bein, stemmte den Fuß an die Schlittenkufe und drückte mich langsam ab, wobei ich dem halb nachgebenden Knistern des Eises unter mir lauschte. Bald fühlte ich, daß mein Kopf auf dem Eise ruhte und meine nasse Pelzjacke auf dessen Fläche glitt. Dann folgten die Schultern glücklich nach, und durch einen letzten, kräftigeren Tritt schob ich mich vollends hinauf und war gerettet. Ich erreichte die kleine Eisinsel, wo Hans sich bemühte, mich zu frottieren. Wir retteten sämtliche Hunde, mußten aber Schlitten, Kajak, Gewehre, Schneeschuhe und alles übrige solange im Stich lassen, bis ein stärkerer Frost uns erlauben würde, zurückzukehren und die Dinge loszueisen. Nach einem Trabe von 12 Meilen erreichten wir das Schiff wieder, und ich fand da soviel Bequemlichkeit und Herzlichkeit, daß ich unser neuestes Mißgeschick bald vergaß. Doch ich finde, daß meine Schilderungen aus der Periode unserer emsigen Vorbereitungen für den Winter noch sehr dürftig sind und daß ich noch nicht erzählt habe, unter welchen Umständen wir Schritt für Schritt in vertrauliche Beziehungen zu den Eskimos kamen. Meine letzte Erwähnung dieser seltsamen Leute, deren Schicksale sich in der Folge so eng an die unserigen knüpfen sollten, geschah bei der Erzählung von Meiuks Flucht aus der Gefangenschaft. Während der Zeit, die ich zur Aufsuchung der Beechey-Insel abwesend war, hatten unsere auf dem Schiff gebliebenen Leute viel mit Eskimos verkehrt. Ich selbst jedoch sah keinen von ihnen im Rensselaerhafen bis zu der Zeit, als Petersen mit seinen Genossen Abschied genommen. Gerade da erschienen drei von ihnen, gleichsam als wollten sie unsere jetzigen Verhältnisse in Augenschein nehmen. Dies betrachte ich als sicheres Zeichen, daß wir von ihnen unausgesetzt beobachtet worden waren. Gefahrvolle Schlittenexpedition Es war allerdings jetzt ganz anders um uns bestellt. Wir hatten die Hälfte unserer Vorräte, Boote und Schlitten und mehr als die Hälfte unserer gesunden Leute eingebüßt und statt dessen die Aussicht, hier im Eise eingesargt zu werden. Natürlich mußten wir nichts so sehr fürchten als den Mangel an frischem Fleisch, deshalb war es wichtig, mit diesen Leuten in gutem Einvernehmen zu bleiben. Wir empfingen sie daher stets freundlich und gastfrei, obwohl sie zuweilen lästig wurden und zur Ordnung gebracht werden mußten. Als diese drei Besucher Ende August zu uns kamen, quartierte ich sie in einem Zelt unter Deck ein, wo sie eine kupferne Lampe, ein Kochbecken und reichlichen Talg zur Feuerung hatten. Sie kochten und aßen unaufhörlich; und statt schlafen zu gehen, wußten sie gegen Morgen die Deckwache zu täuschen und heimlich zu verschwinden. Zum Dank für unsere Gastfreundschaft hatten sie nicht nur die Lampe und das übrige Kochgeschirr gestohlen, das sie in Gebrauch gehabt, sondern obendrein meinen besten Hund. Sie hätten sicher alle Hunde mitgenommen, wenn die übrigen nicht von der Reise so krank gewesen wären. Zudem entdeckten wir am andern Morgen, daß sie auch die Büffel- und Gummiröcke gefunden und sich angeeignet hatten, die MacGary einige Tage zuvor draußen am Eisfuß zurückgelassen. Dieser Diebstahl setzte mich in Verlegenheit. Ich konnte kaum einen Akt der Feindseligkeit darin erblicken. Ihre früheren Mausereien hatten sie immer mit so prachtvoller Naivität ausgeführt und, wenn man sie ertappte, so herzlich gelacht, daß ich zu der Ansicht kommen mußte, ihre Begriffe von Mein und Dein seien eben anderer Art als die uns geläufigen. Andererseits stand ja leider fest, daß wir zu wenige waren, um unser Eigentum gehörig zu bewachen, und daß diese Leute unsere Güte bis zu einem gewissen Punkte falsch beurteilten. Ich war im Zweifel, welches Strafmittel ich anwenden solle, fühlte aber, daß – wenn auch aufs Geratewohl – etwas Tatkräftiges geschehen müsse. Ich sandte sofort Morton und Riley, die zwei besten Fußgänger, mit dem Auftrage ab, sich eiligst nach der Niederlassung Anoatok zu begeben, um womöglich die Diebe zu überholen, die wahrscheinlich dort rasten würden. Sie fanden dort den jungen Meiuk, der es sich in der Hütte ganz bequem machte, in Gesellschaft von Sivu, Meteks Weib, und Anigna, Marsingas Weib. Unsere Büffelröcke aber waren bereits verschneidert und in Mäntel verarbeitet, die sie am Leibe trugen. Eine genaue Nachsuche brachte ferner die Kochgeräte und eine Menge anderer Dinge von größerem und geringerem Werte zum Vorschein, die wir noch gar nicht vermißt hatten. Mit jener Amtsmiene, die den Gesetzesvollstreckern in der ganzen Welt eigen ist, wurden den Weibern die Sachen abgenommen, sie selbst gebunden, mit dem gestohlenen Gut und außerdem soviel Walroßfleisch aus ihren eigenen Vorräten bepackt, als zu ihrem Unterhalt erforderlich schien – dann wurden sie unverzüglich nach dem Schiff transportiert. Die 30 englischen Meilen Weges waren eine harte Zumutung für sie. Doch sie klagten nicht; so wenig wie ihre beiden Häscher, die schon 30 Meilen gegangen waren, um sie zu arretieren. Noch waren nicht 24 Stunden vergangen, seit die Eskimoweiber das Schiff verlassen – und schon befanden sie sich wieder als Gefangene an Bord; bewacht von einem schrecklichen weißen Manne mit mürrischem Gesicht und bösen, unverständlichen Drohworten. Nicht einmal die Gesellschaft Meiuks sollte ihnen gegönnt sein. Denn diesen hatte ich an Metek, den Häuptling von Eta abgesandt, mit einer Botschaft, wie sie in Ritter- und Räuberromanen vorkommt, und ihn zur Auslösung der Gefangenen aufgefordert. Fünf Tage lang mußten die Weiber in ihrem einsamen Gefängnis seufzen und singen und kreischen, wobei jedoch ihr Appetit stets vortrefflich blieb. Endlich langte der große Metek an. Er brachte Ootunia mit, einen andern hochgestellten Mann, sowie einen ganzen Schlitten voll gestohlener Messer, zinnerner Becher, Eisenzeug und Holzstücken. Die Einzelheiten der Friedensunterhandlungen übergehe ich. Alle Wunderdinge auf dem Schiffe, alle Erzeugnisse der Kunst und Wissenschaft, die Feuerwaffen inbegriffen, machten auf Metek nicht soviel Eindruck als die jetzt gewonnene Ueberzeugung von den überlegenen körperlichen Kräften der Weißen. Diese Nomaden wissen besser als jeder andere, welche Ausdauer und Energie dazu gehört, sich durch Treibeis und Schneewehen hindurchzuschlagen. Ohne Zweifel hatte Metek geglaubt, nach dem Abmarsch eines Teils der Schiffsbesatzung sei es mit den Kräften der Uebrigen zu Ende. Und jetzt mußte er erleben, daß wir innerhalb weniger Stunden einen Marsch nach ihrer Hütte ausgeführt, drei der Schuldigen festgenommen und sie als Gefangene auf das Schiff transportiert hatten. Solch Stück Arbeit wußte er vollauf zu würdigen. Es bestärkte ihn in der Ueberzeugung, daß die Weißen von Rechts wegen überall der herrschende Stamm sind oder sein sollten. Die Unterhandlungen verliefen ohne Schwierigkeit, wenn sie auch mehrmals von den unerläßlichen Festlichkeiten und Ruhepausen unterbrochen wurden. Der Hauptinhalt war von seiten der Innuits (Eskimos) folgender: Wir versprechen, nicht stehlen zu wollen. Wir versprechen, euch frisches Fleisch zu bringen. Wir versprechen, euch Hunde zu verkaufen oder zu leihen. Wer versprechen, euch Gesellschaft zu leisten, so oft ihr uns braucht, und euch die Plätze zu zeigen, wo Wild zu finden ist. Die Kablunas oder Weißen versprachen dagegen: Wir wollen euch nicht mit Tod oder Zauber heimsuchen, noch euch irgendwie Schaden zufügen. Wir wollen auf unseren Jagden für euch schießen. Ihr sollt an Bord des Schiffes gastfreundschaftlich aufgenommen werden. Wir schenken euch Näh- und Stecknadeln, zwei Sorten Messer, einen Reifen, drei Stücke hartes Holz, etwas Fett, eine Ahle und Zwirn; und wir wollen euch solche Dinge, die ihr braucht, gegen Walroß- und Robbenfleisch von bester Güte in Tausch geben. Dieser Vertrag, der für uns von großem Wert war, wurde in voller Versammlung der Leute von Eta, in der Hans und Morton als meine Abgesandten fungierten, angenommen und genehmigt. Er wurde durch keine Eide bekräftigt, aber auch niemals gebrochen. Aller gegenseitiger Verkehr geschah in seinem Sinne. Die Parteien gingen zwischen der Hütte und dem Schiff ab und zu, statteten sich Höflichkeits- und Notwendigkeitsbesuche ab, trafen sich auf Jagdpartien auf dem See- und Landeis, organisierten eine umfassende Gemeinschaft der Interessen; und es kamen Fälle von persönlicher Anhänglichkeit vor, die wohl diese Bezeichnung verdienen. Solange wir in Eis gefangen lagen, verdankten wir ihnen wahrhaft schätzbare Ratschläge in bezug auf unsere Jagdunternehmungen, und bei vereinigten Jagdausflügen teilten wir die Beute zu gleichen Teilen, wie es bei ihnen Brauch ist. Unsere Hunde waren gewissermaßen Gemeingut; und oft sparten sich die Eskimos etwas ab, um unsere verhungerten Tiere zu füttern. Sie schafften uns auch in kritischen Zeiten Fleisch, und wir konnten ihnen ein anderes Mal Gleiches mit Gleichem vergelten. Kurz: sie lernten uns nur als Wohltäter ansehen und betrauerten, wie ich weiß, unsern Abschied bitterlich. Nordlicht und Eisbildung Wir führten jetzt ein völlig nordisches Nomadenleben. Der Kampf mit den rauhen Elementen stärkte uns und bekam uns körperlich gut. Man muß in diesem Klima furchtbar viel essen, aber es steigert auch die Muskelkräfte. Unsere Tischgespräche waren zu dieser Zeit so heiter wie auf einer Hochzeit. Da kamen ein paar von einer Schlittenreise über 74 Meilen zurück, ein paar andere von einer Fußpartie über 160 Meilen. Jeder hatte zu erzählen, und während des Erzählens wurden schon wieder neue Pläne geschmiedet. Daneben waren wir in unseren Wintereinrichtungen auf der Brigg tüchtig fortgeschritten. Aber alle Anzeichen deuteten auch darauf hin, daß wir wenigstens drei Wochen eher einfrieren würden als das Jahr vorher. MacGary und Morton waren nach der andern Niederlassung Anoatok gereist, um auch dort unseren Vertrag genehmigen zu lassen. Sie kamen am 17. September zurück, waren von dem 50 Meilen weiten Marsch ziemlich angegriffen, befanden sich aber bei guter Laune; denn sie brachten gute Nachrichten und ein Stück Walroß von wenigstens 40 Pfund. Sie hatten bei ihrer Ankunft in den Hütten nur drei Leute vorgefunden: Ootunia, den langhaarigen Bengel Meiuk und einen dritten Mann, den wir noch nicht gesehen hatten. Anfangs schien es zweifelhaft – besonders von Meiuk –, ob der Besuch richtig verstanden werden würde. Er war eines Diebstahls wegen unser Gefangener gewesen, war entlaufen und noch eine Quantität Walroßfleisch schuldig, das er als Entschädigung für unser Boot liefern sollte. Beide jetzt ankommenden Männer waren seine Gefangenenwärter gewesen, und er war der erste, auf den sie bei ihrer Ankunft stießen. Er mochte sich wohl denken, daß sie nicht zu seinen Gunsten hergereist seien. Aber als ihm MacGary begreiflich gemacht, daß der Besuch ihn nicht besonders betreffe, sondern daß man nur gastliche Aufnahme wünsche – da war er wie umgewandelt. Er hieß die beiden auf das herzlichste willkommen, führte sie in seine Hütte, machte den besten Platz für sie frei und schürte das Feuer mit Moos und Speck; die anderen kamen auch herbei, und alle beeiferten sich, die Gäste zu pflegen. Ihre nassen Stiefel wurden an das Feuer gehängt, ihre Sachen ausgewrungen und auf heiße Steine gelegt, ihre Füße in Heu gepackt, und die ausgesuchtesten Schnitten von Walroßleber wanderten in den Kochtopf. In der Tat – was Gastfreundschaft, Offenheit und Herzlichkeit anlangt, hatten diese Leute von uns nichts mehr zu lernen. Hieraus erklärt sich auch die Furchtlosigkeit, mit der sie zum erstenmal auf unser Schiff kamen. Damals war es mir rätselhaft gewesen, was die Harlekingrimassen bedeuten sollten, mit denen sie sich der Brigg näherten. Seitdem ist es mir klar geworden, daß es ein Beweis ihrer Unterhaltungskunst sein sollte, durch die sie sich Zutritt an Bord zu verschaffen wünschten; und als sie ihn erhielten, sahen sie bald, daß sie nichts zu fürchten hatten. Die Bewohner von Anoatok genehmigten alles, was Metek eingegangen war; gleich als sei der ganze Vorteil auf ihrer Seite. Und als unsere Leute Abschied nahmen, packten sie ihnen, wie selbstverständlich, alles übriggebliebene Fleisch auf den Schlitten. Die Eingeborenen kamen nun häufig an Bord, und ich machte manche Jagdpartie mit ihnen gemeinschaftlich. Dadurch lernte ich die Umgebung und die Landmarken bald so gut als sie selbst kennen, wußte jeden Felsen, jede Spalte und Strömung im Nebel wie bei Tage zu finden und zu benennen. Die Kälte war um diese Zeit, Ende September, schon infernalisch, aber der Zustand unserer Speisekammer litt nicht, daß wir daheimblieben. Am 28. September kehrte ich von einer Reise nach Anoatok zurück, die dank der unbesieglichen Hartnäckigkeit unserer wilden Freunde voll Gefahren war. Ich fuhr eines Mittags nach den Walroßjagdplätzen los. An einen leichten Schlitten hatte ich zu unseren fünf guten Hunden noch zwei den Eskimos gehörige gespannt. Bei mir waren Meiuk, Aotunia, der dunkelfarbige fremde Eskimo, Morton und Hans. Der Schlitten war überladen, doch ich konnte die Eskimos in keiner Weise dazu bewegen, die Last zu erleichtern. So kam es, daß wir die Force-Bai nicht zeitig genug erreichten, um sie noch bei Tageslicht zu passieren. Den Landeinschnitten zu folgen, hätte uns aufgehalten und wäre gefährlich gewesen; wir verließen uns daher auf die Spuren früherer Reisen und trieben die Hunde geradeaus. Aber die Dunkelheit überkam uns schnell, und der Schnee begann vor scharfem Nordwind zu treiben. Etwa um 10 Uhr abends hatten wir das Land verloren. Wir trieben die Hunde hart an und trabten sämtlich neben dem Schlitten her. Doch hatten wir eine falsche Richtung eingeschlagen und bewegten uns seewärts nach dem schwimmenden Eis des Sundes zu. Niemand wußte sich zurecht zu finden; die Eskimos waren total irre geworden; und die Unruhe der Hunde, die jeden Augenblick fühlbarer wurde, teilte sich den Menschen mit. Der Instinkt eines Schlittenhundes sagt ihm genau, wann er sich auf unsicherm Eis befindet; und ich kenne nichts, was dem Menschen unheimlicher wäre als die Warnung vor unsichtbaren Gefahren, wie sie aus der instinktmäßigen Furcht eines Tieres spricht. Wir mußten in Bewegung bleiben, denn wir konnten vor dem Sturme kein Zelt aufschlagen. Er umtobte uns so wüst, daß wir Mühe hatten, den Schlitten auf den Kufen zu erhalten. Aber wir rückten vorsichtig weiter, indem wir unsern Weg mit Zeltstangen prüften, die ich verteilen ließ. Schon seit geraumer Zeit hatte ich zwischen dem Sturmgetöse ein tieferes und anhaltenderes Murmeln vernommen; und jetzt wurde mir plötzlich klar, daß ich Wogenbrandung hörte und wir uns dicht am offenen Wasser befinden mußten. Kaum hatte ich Zeit, den Rückzug zu befehlen, als eine Wolke nassen Rauhfrostes uns einhüllte und das brausende Meer selbst in einer Entfernung von wenigen hundert Schritten vor uns lag. Jetzt konnten wir unsere Lage und ihre Gefahren beurteilen. Das Eis brach vor dem Sturme auf, und es war unsicher, ob wir uns herauswickeln würden, selbst wenn wir uns direkt gegen den Sturm zurückarbeiteten. Ich beschloß, die südliche Richtung einzuschlagen, weil ich hoffte, die Godsentklippen zu gewinnen. Das Eis in jener Richtung war schwerer und vermochte wohl eher einem Nordwind zu widerstehen. Jedenfalls staken wir in einer sehr mißlichen Lage. Unterdes war die Brandungslinie immer nähergerückt. Wir fühlten das Eis unter unseren Füßen wogen und wanken, und bald brach es auch. Reihen von Hummocks erhoben sich vor uns; und es war uns, wenn wir zwischen ihnen durchmußten, zumute, als liefen wir Spießruten. Als wir hier entronnen waren, mußten wir uns über zerstoßene Trümmer nach der Küste zu arbeiten, wobei wir bald über vorspringende Felszacken stolperten, bald bis an den Hals ins Wasser fielen. Es war zu dunkel, um die Insel zu erkennen, der wir zustrebten; wir sahen vor uns nur das schwarze Schattenbild eines hohen Vorgebirges. Die Hunde, die uns nicht mehr zu ziehen hatten, gingen mit mehr Mut vor. Immer noch das Rasen des Sturmes hinter uns, näherten wir uns der Küste. Doch jetzt kam erst das Schlimmste. Als Eismenschen wußten wir, daß man selbst unter den günstigsten Umständen nur mit Mühe und Gefahr von der allgemeinen Eisdecke auf das Landeis hinaufgelangt. Ebbe und Flut zerbrachen fortwährend das Eis an der Kante des Eisgürtels in ein Gewirr von unregelmäßigen, halb schwimmenden Massen; und diese waren jetzt vom Sturme gepeitscht, in tollem Aufruhr. Es war pechfinster. Ich überredete Ootunia, den ältesten der Eskimos, sich eine Zeltstange quer über die Schultern festbinden zu lassen. Ich gab ihm das Ende einer Leine, deren anderes ich mir um den Leib geschlungen hatte. Nun stellte ich mich an die Spitze. Ootunia folgte; hinter ihm kamen die übrigen. Ich fühlte nach den Stellen umher, wo etwa fester Fuß zu fassen wäre; und wenn eine Eistafel von einiger Größe entdeckt wurde, so trieben die anderen die Hunde an, schoben den Schlitten oder hängten sich selbst daran, wie es der Augenblick eingab. Unfälle kamen natürlich vor und waren zuweilen bedrohlich genug; doch hatten sie keine gefährlichen Folgen. Endlich gelang es einem nach dem andern, mir nach auf den Eisfuß zu klimmen und die Hunde vorauszuschieben. Gefährliche Ueberwindung einer Eisspalte im Schneesturme Die Vorsehung war unser Führer gewesen; die Küste, an der wir landeten, war Anoatok; wie befanden uns kaum 400 Schritt von der befreundeten Eskimoheimat! Mit Freudenrufen, jeder in seiner Sprache, eilten wir darauf zu. In weniger als einer Stunde saßen wir bei freundlich brennenden Lampen und einem köstlichen Mahl von Walroßschnitten, das uns nach zwanzigstündiger rastloser Bewegung auf dem Eise ausgezeichnet schmeckte. Als wir die Hütte erreichten, schlug unser fremder Eskimo, Awatak oder Seehundsluftsack geheißen, mit zwei Steinen Feuer an. Der eine war ein kantiges Stück milchiger Quarz, der andere anscheinend ein Eisenerz. Er schlug einige Funken heraus, ganz in der Weise, wie überall in der Welt Stahl und Stein gehandhabt wird; als Zunder diente ihm Wolle von Weidenkätzchen, die er dann an ein Bündel trockenes Moos hielt. Die Hütte oder das Haus Anoatok umschloß einen einzigen höhlenartigen, länglichen Raum, war nicht ohne Geschick aus Steinen gebaut und außen mit Platten von Torfmoos bekleidet. Das Dach bildete eine Art Bogen und bestand aus platten, merkwürdig großen und schweren Steinen, die übereinandergriffen. Die innere Höhe erlaubte uns kaum aufrecht zu sitzen; die Länge war ungefähr acht, die Breite sieben Fuß; eine Erweiterung gegen den tunnelartigen Eingang zu ergab etwa noch zwei Fuß Raum. Diese Wintereingangsröhre heißt Tossut; sie ist zehn Fuß lang und so eng gebaut, daß gerade ein Mann durchkriechen kann. Ihre Außenöffnung liegt tiefer als der Grund der Hütte, so daß der Kriechweg in ihr bergan geht. Die Zeit hat an dem Haus Anoatok genagt, so gut wie an den Prachtbauten in mehr südlichen Wüsten. Die ganze Front des Daches war eingefallen, hatte den Tossut ungangbar gemacht und zwang uns, unsern Einzug durch das einzige Fensterloch zu halten. Die Bresche war groß genug, daß ein Schlittenzug durchgekonnt hätte; aber unseren nordischen Freunden fiel es nicht ein, sie zu verschließen. Diese eisernen Menschen, in ihren mit Seewasser getränkten Kleidern, hockten um die Speckflamme und dampften unter anscheinendem Wohlbehagen die Feuchtigkeit fort. Die einzige Abweichung von ihrer gewöhnlichen Art (wozu sie wahrscheinlich der Anblick des offenen Daches bewogen hatte) bestand darin, daß sie sich nicht vor dem Eingang auskleideten, um ihre Bedeckung an der Luft trockenfrieren zu lassen. Das Küchengerät der Leute war noch einfacher als das unserige. Eine Art Napf aus Seehundshaut war das Wassergefäß. Eine Steinplatte stand in etwas geneigter Richtung aus der Hüttenwand heraus und wurde vorn von einem Stein gestützt. Unter der Platte lag der Schulterknochen eines Walrosses mit der hohlen Seite nach oben, die gerade Raum gab für einen Docht mit Moos und etwas Speck. Ein Schneeblock wurde auf den Stein gelegt, der, von Flamme und Raum umgeben, sein Wasser in den untergestellten Seehundsnapf abfließen ließ. Ein Kochgeschirr besaßen sie nicht; was sie nicht roh verzehrten, brieten sie auf erhitzten Steinen. Eine einzige Walroßleine mit Wurfspieß und das, was sie auf dem Leibe trugen, vervollständigte ihre ganze Ausrüstung. Schmelzen des Schnees Wir als der zivilisiertere Teil der Gesellschaft machten es uns auf unsere Weise bequem. Wir kratzten die antiken Schmutzhaufen von den Schlafbänken und spannten über die trockenen gefrorenen Steinplatten ein Zelt von doppeltem Segeltuch, breiteten unsere Büffelröcke darüber und holten trockene Socken und Mokassins unter unseren nassen Ueberkleidern hervor. Meine kupferne Zuglampe, ein unschätzbares Instrument auf kurzen Reisen, spendete bald ihre wohltätige Flamme. Der Suppentopf, die Walroßschnitten und der heiße Kaffee kamen nunmehr an die Reihe; und schließlich wurde auch die gähnende Oeffnung des Kellers mit einer Gummituchdecke verschlossen. Am – na-yah, Am – na-yah, Am – na – yah, Am – na yah, Während unseres langen Marsches und unserer Fährlichkeiten auf dem Eise hatten wir uns gehütet, irgendein Zeichen von Ermüdung merken zu lassen; wir hatten sogar Ootunia und Meiuk zuweilen auf dem Rücken getragen. Auch verbargen wir, daß wir froren. Deshalb konnten wir jetzt auch all unsere Reichtümer und Bequemlichkeiten zutage bringen, ohne daß die Eskimos darin ein Zeichen von Verweichlichung oder Schwäche hätten erblicken können. Ich sah auch, daß sie von unserer Ueberlegenheit tief überzeugt waren, ein Gefühl, das den egoistischen und dünkelhaften Wilden immer nur schwer und spät ankommt. Ich war sicher, sie jetzt zu geschworenen Freunden zu haben. Sie sangen uns mit Amna yah an, ihrem rohen eintönigen Gesang, daß uns die Ohren hätten bersten mögen, und improvisierten sogar einen besonderen Lobgesang, den sie immer und immer wieder mit lächerlich übertriebener Gravität wiederholten, und der stets mit dem Refrain endete: »Nalegak, nalegak, nalegak, nalegak-soak!« – Häuptling, Häuptling, Häuptling, großer Häuptling! – Uns allen gaben sie besondere Zunamen und nahmen uns feierlich und mit vielen Förmlichkeiten in ihren Freundschaftsbund auf. Nach Beendigung des Essens, des Gesanges und aller Zeremonien krochen Hans, Morton und ich in unsere Büffelsäcke, und die drei anderen drängten sich zwischen uns hinein. Noch während des Einschlafens drang mir das abermals angestimmte Nalegak ins Ohr. Ich schlief elf Stunden lang. Lange vor uns waren die Eskimos wieder auf den Füßen und hielten ihr Frühstück mit rohem Fleisch von einer großen Keule, die in einem schmierigen Winkel lag. Ihre Gewohnheiten beim Essen waren seltsam genug: Sie schnitten das Fleisch in lange Streifen, brachten das eine Ende solchen Streifens in den Mund, zogen davon soviel hinein, als eben gehen wollte, und schnitten das Vorstehende dicht vor den Lippen ab. In der Tat gehörte viel Geschicklichkeit dazu, und keiner der Unseren, die es versuchten, brachte es ordentlich fertig; und doch sah ich es von kaum zweijährigen Kindern regelrecht ausführen ... – Haus Anoatok Am 2. Oktober sandte ich Hans und Hickey wieder nach den Eskimohütten, um zu sehen, ob unsere Freunde Glück auf der Walroßjagd gehabt; denn unser frisches Fleisch ging schon wieder stark zur Neige, und wir hatten außer einigem getrockneten Obst und Pökelkraut fast nichts mehr für unsere Küche als Brot und gesalzenes Rind- und Schweinefleisch. Die beiden kamen mit trüben Nachrichten zurück: sie hatten weder Fleisch noch Eskimos gefunden. Die sonderbaren Schneemenschen hatten einen rätselhaften Ausflug gemacht; wohin und in welcher Form, ließ sich nicht einmal vermuten, da sie keine Schlitten hatten. Weit konnten sie nicht sein; aber ihr Naturell ist derart unruhig, daß, wenn sie einmal auf den Beinen sind, kein zivilisierter Mensch sagen kann, wo sie wieder halt machen werden. Ich nahm mir vor, selbst nach den Eskimos zu suchen; nur wollte ich erst ein Wurzelbier fertig brauen, dessen Hauptingredienz die Kriechweide ist, wovon wir einen guten Vorrat eingebracht. Sie besitzt eine ganz angenehme Bitterkeit. Am 7. Oktober gerieten wir in helle Aufregung durch Hans und Mortons Geschrei: »Nannuk! Nannuk!« – ein Bär! – ein Bär! Zu unserer Schande war kein Gewehr schußfertig; und während die anderen luden, ergriff ich meine sechsläufige Pistole und eilte auf Deck. Ich sah eine mittelgroße Bärin mit einem vier Monate alten Jungen, in lebhaftem Kampf mit den Hunden verwickelt. Diese fielen die Bärin von allen Seiten an, sie aber holte sich mit fabelhafter Gewandtheit ein Opfer nach dem andern aus der Meute heraus, packte es am Genick und schleuderte es durch eine kaum merkliche Kopfbewegung viele Meter weit fort. Tudla, unser Vorhund, war bereits kampfunfähig; Jenny beschrieb eben, als ich aus der Luke auftauchte, einen großen Bogen durch die Luft und schlug bewußtlos aufs Eis nieder. Der alte tapfere, aber gegen Bären unvorsichtige Whitey war der erste im Kampfe gewesen; jetzt lag er hilflos winselnd im Schnee. Die Eisbärenjagd Es schien Waffenstillstand eingetreten zu sein. Wenigstens beurteilte die Bärin es so; denn sie wandte sich nun unseren Fleischfässern zu und begann sie unbekümmert umzuwenden und zu beschnüffeln. Ich schoß dem Jungen eine Pistolenkugel in die Seite. Sofort nahm die Alte es zwischen die Hinterpranken, schob es fort und zog sich hinter den Speicher zurück. Hierbei erhielt sie von Ohlsen eine Büchsenkugel, was sie jedoch kaum beachtete. Nur mit ihren Vordertatzen riß sie die Fässer mit gefrorenem Fleisch herunter, die in dreifacher Umwallung um den Speicher aufgestapelt waren, stieg über sie hinweg, packte eine halbe Tonne Heringe, trug sie in den Zähnen herunter und wollte sich davonmachen. Ich näherte mich ihr auf halbe Pistolenschußweite und gab ihr sechs Rehposten. Sie stürzte, stand aber sofort wieder auf, nahm ihr Junges wie vorher und zog sich weiter zurück. Sie hätte uns in der Tat umgehen können ohne die prächtige Taktik, die nun unsere von den Eskimos neu erworbenen Hunde entwickelten. Die Hunde an der Smithstraße sind besser auf Bären dressiert als diejenigen, die wir von der Baffinsbai mitgebracht hatten: sie sollen ihn nicht angreifen, sondern nur belästigen. Sie umkreisten die Bärin beständig. Wenn sie aber einen von ihnen angreifen wollte, dann flüchtete er in mäßiger Eile geradeaus, während ihm seine Kameraden im kritischen Moment dadurch zu Hilfe kamen, daß sie die Bärin von hinten bissen. Dies Manöver vollzog sich so regelrecht und gewissermaßen selbstverständlich, daß wir alle in Staunen gerieten. So focht das arme Tier auf seinem Rückzuge mit dem verwundeten Jungen einen vergeblichen Kampf, bis zwei Büchsenkugeln der Sache eine andere Wendung gaben. Die Bärin wankte, trat vor ihr Junges hin, starrte uns mit herausfordernden Blicken an und sank erst zusammen, als noch weitere sechs Kugeln sie durchbohrt hatten. Das Tier war äußerst mager und hatte nicht eine Spur von Futter im Leibe. Der Hunger mußte sie so dreist gemacht haben. Das ganze Tier wog 650 Pfund, das ausgeschlachtete Fleisch 300 Pfund. Seine Länge war sieben Fuß acht Zoll. Solche mageren Tiere sind, wie schon früher bemerkt, die schmackhaftesten. Der junge Bär war größer als ein Hund und wog 114 Pfund. Wie bei Mortons Jagdabenteuer sprang er auf den Körper seiner Mutter und wehklagte über ihre Wunden jämmerlich. Als er an die Schlinge genommen werden sollte, wehrte er sich bösartig; als er sie aber endlich in der Schnauze hatte, folgte er uns doch zum Schiff. Wir ketteten ihn an der Schiffsseite an; und nun fauchte und schnappte er beständig nach allem, was ihm nahe kam. Offenbar litt er an seiner Verwundung. Merkwürdigerweise hatten die Hunde, die in dem Bärenkampfe so mitgenommen wurden, keinen ernstlichen Schaden erlitten. Die Bärin hatte stets, ohne die Tatzen zu gebrauchen, ihre Angreifer mit den Zähnen fortgeschleudert, was die Hunde nicht sehr anzugreifen schien. Einer unserer letzterworbenen Hunde, ein dressierter Bärenjäger, verhielt sich, wenn er gepackt wurde, ganz ruhig, machte alle Muskeln schlaff und ließ sich wer weiß wie weit fortschleudern; kaum aber hatte er den Boden berührt, so sprang er zu einem neuen Angriff auf. Die Bären scheinen wilder zu werden, in je höheren Breiten sie leben, oder vielleicht je weiter sie von den Gegenden entfernt sind, wo sie gejagt werden. In Südgrönland scheinen die ständigen Verfolgungen den Bärencharakter schon einigermaßen umgewandelt zu haben: dort greifen die Bären niemals aus freien Stücken an; und selbst wenn sie sich verteidigen müssen, tun sie dem Jäger selten ernstlichen Schaden, so daß fast nie einer ums Leben kommt. Aus der Leber des jungen Bären hatte ich mir ein Abendessen bereiten lassen; doch es bekam mir schlecht: es zeigten sich Symptome von Vergiftung, Schwindel, Durchfall und was dazu gehört. Die gleichen Erfahrungen hatten wir schon bei einigen früheren Gelegenheiten gemacht, und ich sah nunmehr ein, daß der allgemeine Glaube an die Giftigkeit der Bärenleber mehr als bloßes Vorurteil war ... – Ein anderes Wild, so wenig appetitlich es erscheinen mag, bekam mir besser; es waren die Ratten! Wir hatten im vorigen Jahre so fruchtlose und gefährliche Anstrengungen gemacht, um sie loszuwerden, daß es mir geraten schien, die Erneuerung dieser Kreuzzüge zu verbieten. Da hatten sich denn diese Tiere, trotz anscheinend so ungünstigen Verhältnissen, derart stark vermehrt, daß wir ein förmliches Geheck an Bord hatten. Ihre Unverschämtheit und Gewandtheit wuchs mit ihrer Zahl. Schließlich war es völlig unmöglich, etwas unter Deck zu halten. Pelze, wollene Kleider, Schuhwerk – alles zernagten und zerstörten sie. Sie hausten in den Betten der Leute und zeigten solche Widersetzlichkeit und so viel Geschick, den Gegenständen auszuweichen, die man nach ihnen schleuderte, daß sie zuletzt als unvermeidliches Uebel geduldet wurden. Endlich schafften wir der Ratten halber alle beweglichen Sachen auf das Eis hinaus und umstellten unsern Moosverschlag mit eisernen Blechen. Doch es half alles nichts; die abscheulichen Tiere waren überall: unter dem Ofen, in den Vorratskästen, in unseren Kissen, Decken und Handschuhen. Polarnacht Einmal schickte ich Rhina, den klügsten Hund unserer ganzen Meute, in den Schiffsraum hinab. Ich glaubte, er werde sich wenigstens verteidigen können, der sich bei der Bärenjagd so hervorgetan. Er wählte sich ein Lager auf den oberen Enden einiger dalehnender Eisenspeichen und schlief ein paar Stunden recht gut. Aber die Ratten konnten oder wollten nicht auf die hornige Haut an seinen Pfoten verzichten und zernagten sie ihm so unbarmherzig, daß das arme Tier sich heulend und vollständig besiegt von uns heraufziehen lassen mußte. Doch ich nahm Rache, noch ehe der Winter zu Ende ging; ja ich wurde eigentlich für meine Person ihr großer Schuldner. In der langen Winternacht machte sich Hans zuweilen den Zeitvertreib, Ratten mit Pfeilen zu schießen. Meine Gefährten mochten mit dieser Art von Schmaltieren nichts zu schaffen haben; so fielen sie mir anheim, und ihnen verdanke ich manche kräftige Fleischsuppe. Ohne Zweifel trug diese Kost dazu bei, daß ich verhältnismäßig wenig unter dem Skorbut zu leiden hatte. Ich erhielt bei diesen Zwischengerichten nur einen Konkurrenten (oder vielmehr Mitgenossen, denn wir hatten beide vollauf): es war ein Fuchs, den wir spät im Winter gefangen und gezähmt. Er wurde bald ein tüchtiger Rattenfänger und hatte nur den einen Fehler, daß er nie eine zweite Ratte fangen wollte, bevor er die erste gefressen. Seit unserer Ankunft waren die nordischen Hasen um unsern Hafen stets häufig gewesen. Es waren schöne Tiere, schwanenweiß mit einem halbmondförmigen schwarzen Fleck an den Ohrenspitzen. Sie fressen die Rinden und Kätzchen der Weiden und lieben die steinigen Abhänge eingestürzter Felswände, wo sie in Spalten und unter Steinen Schutz vor Kälte und Schneetreiben finden. Der Polarhase, der ein Gewicht von neun Pfund erreicht und oft auf unserm Küchenzettel gestanden haben würde, wenn die Hunde nicht gewesen wären, die einen leidenschaftlichen Appetit danach hatten, geht wahrscheinlich weit nach dem Pol hin. Denn er ist imstande, die Schneekruste zu durchbrechen und noch da Futter auszuscharren, wo das Renntier und der Moschusochse verhungern müßten, letzterer ist zwar durch sein ungewöhnlich dichtes Wollkleid befähigt, hohe Kältegrade zu ertragen, wird aber doch durch Mangel an Nahrung gezwungen, bei Beginn der kälteren Jahreszeit sich wieder mehr dem Süden zuzuwenden. Die Rückkehr der Abtrünnigen Bis zum 13. Oktober hatten sich die Eskimos noch nicht wieder blicken lassen, und ich war wirklich neugierig, wo sie eigentlich stecken mochten. Ich sagte mir: wo sie sich aufhalten, dort muß auch unser Jagdrevier sein; denn in eine schlechtere Gegend sind sie gewiß nicht gezogen. So befahl ich Hans und Morton, sie aufzuspüren. Beide haben einen Hundeschlitten und einen Handschlitten mitgenommen und sollen zunächst nach Anoatok fahren. Dort sollten sie den Zugschlitten und unsere alten Hunde zurücklassen und mit den neuen, die früher diesen selben Eskimos gehört hatten, auf die Suche gehen; den einen sollten sie ganz frei lassen und den andern an einem langen Riemen führen. Ich vertraute dabei dem Instinkt der Hunde, daß sie die neuen Jagdreviere ihrer ehemaligen Herren aufstöbern würden. Gänzlich erschöpft von den Anstrengungen ihrer Reise, kamen die beiden Abgesandten am 21. Oktober zurück. Hans, der wie alle Wilden sorglos mit dem Pulver umgeht, hatte beim Feueranmachen seine Pulverflasche angesteckt, die explodierte und ihm die Hand bedenklich verbrannte. Morton hatte beide Fersen erfroren. Dafür aber brachten sie wenigstens 270 Pfund Walroßfleisch und ein paar Füchse mit. Die Vorräte nebst den Ueberresten von unseren zwei Bären sollten ausreichen, bis das Tageslicht, das uns jetzt verließ, wiederkehrte und uns neue Jagdausflüge gestattete. Morton und Hans erreichten jenseits Anoatok am vierten Tage nach ihrer Abreise eine kleine Ansiedlung, Eta genannt. Sie liegt hinter den nordöstlichen Inseln der Hartstenebucht, etwa 70 englische Meilen von der Brigg entfernt. Sie bestand aus vier Hütten, von denen aber zwei zusammengefallen waren. Von den beiden anderen noch bewohnten hatten Meiuk, sein Vater, Mutter, Bruder und Schwester die eine inne, die andere Awatok und Ootuna mit ihren Weibern und drei Kleinen. Die Reisenden wurden herzlich empfangen; man gab ihnen Trinkwasser, rieb ihnen die Füße und trocknete ihre Stiefel. Die Weiber zeigten etwas von der Würde guter Hausmütter und schienen den rohen Ton sehr gemäßigt zu haben, der in der Junggesellenwirtschaft zu Anoatok herrschte. Die Lampen brannten hell und ohne Rauch, die Hütten waren weniger schmutzig. In jeder brannten beständig zwei Lampenfeuer, um die an Haken und Leinen die Kleider zum Trocknen aufgehangen waren. Die Hütte hatte den üblichen Tossut, der mindestens 12 Fuß lang war und durchkrochen werden mußte, um ins Innere zu gelangen. Oberhalb von ihm war das rohe Fenster aus geschabtem Walroßdarm, natürlich dicht überfroren. Durch ein kleines Guckloch in der Seitenwand konnte man die Bucht übersehen und allenfalls mit jemandem draußen sprechen. Das Dach besaß ein Rauchloch. Wenn die große Familie nebst Hans und Morton um die beiden brennenden Lampen hockte und das enge Einkriechloch mit einer Steinplatte versetzt war, so wurde die Hitze bald unerträglich. Und während es draußen 30° F. unter Null war, gab es innen 90° darüber – eine Differenz von 120° F. Das Ungeziefer war hier nicht so störend wie auf dem Nachtlager zu Anoatok, da hier die Inwohner ihre Kleider über das Lampenfeuer hingen und sich mit Ausnahme eines Lendengürtels nackt schlafen legten. Nach Beendigung des Abendessens, das aus sechs gefrorenen Alken für die Person bestand, streckten sich die beiden Besucher nieder und verbrachten die Nacht in Schlaf und Schweiß. Die Bescheidenheit des Abendessens ließ erwarten, daß die Jäger der Familie bald an die Arbeit gehen würden. In der Tat hatten denn auch Meiuk und sein Vater bereits einen Ausflug nach Walrossen verabredet. Morton und Hans schlossen sich sogleich an. Da ich von diesen aufregenden Episoden des Eskimolebens noch keine Schilderung gegeben habe, lasse ich hier Mortons Erzählung der Jagdexpedition folgen: Eskimosiedelung »Eta« Die vier Männer rannten mit neun Hunden und zwei Schlitten über das Eis der offenen See zu. Als sie auf das neue Eis kamen, wo dichte Nebelwolken die Nähe des offenen Wassers anzeigten, lüfteten sie von Zeit zu Zeit ihre Kapuzen und lauschten nach den Stimmen der Tiere. Bald hatte Meiuk ausgewittert, daß Walrosse an einer Stelle seien, die erst seit wenigen Tagen überfroren war. Man näherte sich vorsichtig und hörte bald das eigentümliche Bellen eines männlichen Walrosses. Diese Tiere sind in ihre eigene Musik verliebt und können sich stundenlang zuhören; es ist ein Mittelding zwischen dem Muhen einer Kuh und dem tiefen Bellen eines Fleischerhundes; die einzelnen Töne werden in schnellen Intervallen sieben- bis neunmal hintereinander angeschlagen. Nun formierte die Gesellschaft sich im Gänsemarsch und rückte unter der Deckung von Hummocks und Eisrändern in Schlangenwindungen gegen eine Gruppe wasserfarbiger Flecke vor: kürzlich überfrorene Eisstellen, die aber durch älteres festes Eis umschlossen waren. Näher herangekommen, löste sich die Linie auf, und jeder kroch nach einem besonderen Fleck hin. Morton hielt sich, auf Händen und Füßen kriechend, hinter Meiuk. Nach wenigen Minuten kamen die Walrosse in Sicht. Es waren fünf; manchmal tauchten sie alle gleichzeitig auf und durchbrachen das Eis mit einem Geprassel, das meilenweit zu hören sein mußte. Zwei große, grimmig aussehende Männchen waren offenbar die Leiter der Herde. Nun begannen die Jägerkünste. Solange das Walroß über Wasser ist, liegt der Jäger reglos auf dem Eise hingestreckt; sobald es unterzutauchen beginnt, macht er sich zum Sprung fertig. Kaum aber verschwindet der Kopf des Tieres unter Wasser, so ist auch schon jeder in rasendem Lauf begriffen. Und wie aus Instinkt stecken, wenn das Tier wiedererscheint, bereits alle wieder hinter Eisbuckeln gekauert. Der Eskimo scheint nicht nur zu wissen, wie lange das Walroß taucht, sondern auch die Stelle zu erraten, wo es wieder heraufkommt. In dieser Weise – durch abwechselndes Vorspringen und Verstecken – war Meiuk, mit Morton hinter sich, auf eine Fläche dünnen Eises gekommen, das kaum fähig war, sie zu tragen, und dicht am Rande des Wasserloches, in dem die Walrosse sich tummelten. Der bisher noch immer phlegmatische Meiuk gerät jetzt in Feuer: in einem Moment hat er seine aufgewickelte Wurfleine zurechtgelegt und die Harpune fertiggemacht. Nun packt er die Harpune fester. Das Wasser bewegt sich. Pustend taucht in nur ein paar Klaftern Entfernung vor ihm das Walroß auf. Meiuk richtet sich langsam hoch; sein rechter Arm ist zurückgeworfen, der linke hängt schlaff herunter. Das Walroß sieht ihn an und schüttelt sich das Wasser aus der Mähne. Jetzt wirft Meiuk den linken Arm in die Höhe, und das Tier erhebt sich bis zur Brusthöhe aus dem Wasser, um noch einen verwunderten Blick auf die Erscheinung zu werfen, bevor es wieder untertaucht. Doch seine Neugier bekommt ihm schlecht: im Nu hat sich die Harpune unter seiner linken Brustflosse eingebohrt – im selben Augenblick verschwindet das Tier auch unter Wasser. Meiuk ist Sieger und tritt trotzdem in verzweifelter Eile den Rückzug an, wobei er aber das in ein Oehr ausgehende Ende seiner Wurfleine mitnimmt. Er langt im Laufen einen knöchernen, mit Eisen roh beschlagenen Pflock heraus, treibt ihn hastig ins Eis, schlingt seine Leine darum und tritt mit dem Fuß darauf. Die Walroßjagd Jetzt beginnt der Kampf. Das Walroß gerät in tollen Aufruhr, denn das verwundete Tier schlägt wild um sich. Die Leine wird bald straff, bald lose – der Jäger verläßt seine Stellung nicht. Da entsteht wenige Schritte vor ihm eine Spalte im Eis: Zwei Walrosse tauchen auf. Wut und Schrecken malen sich auf ihren Gesichtern; und nachdem sie mit grimmigem Blick das Schlachtfeld gemustert, verschwinden sie wieder. Aber im selben Moment verläßt auch Meiuk seinen bisherigen Platz, wählt einen neuen und legt seine Leine wie vorher fest. Kaum ist dies geschehen, da bricht das Walroßpaar von neuem durch das Eis – genau an der Stelle, die der Jäger eben verlassen hat. Wieder verschwinden sie – und wieder ändert der Jäger seinen Platz. So tobt der Kampf zwischen Gewandtheit und roher Kraft, bis endlich das erschöpfte Opfer eine zweite Wunde empfängt und bald so hilflos ist wie eine Forelle an der Angelrute. Die Neigung zum Angreifen teilt das Walroß mit den Dickhäutern des trockenen Landes, denen es in der Naturgeschichte zugeordnet ist. Wenn es verwundet ist, erhebt es sich hoch aus dem Wasser, wirft sich wuchtig gegen das Eis und versucht mit seinen Brustflossen hinaufzuklimmen. Bricht das Eis unter seinem Druck ab, so werden seine Mienen noch grimmiger; sein Bellen verwandelt sich in Gebrüll, und Bart und Schnauze bedecken sich mit Schaum. Selbst ungereizt gebraucht es die Hauzähne energisch. Es bedient sich ihrer, um Klippen und Eisstufen zu erklimmen, die ihm außerdem unzugänglich sein würden. Es erklettert in dieser Weise Felseninseln von 60-100 Fuß Höhe über dem Wasser, um sich dort mit seinen Jungen zu sonnen. Als Charakteristikum der Tapferkeit und Ausdauer des Walrosses erwähne ich, daß der eben geschilderte Kampf vier Stunden dauerte. Während dieser ganzen Zeit schoß das Tier unaufhörlich auf die Eskimos los, sobald sie sich näherten, brach mit seinen Hauern große Eistafeln ab und zeigte nicht eine Spur von Furcht. Es erhielt gegen 70 Lanzenstiche und blieb selbst dann noch mit den Hauern am Eisrande hängen – entweder unfähig oder nicht gewillt, sich zurückzuziehen. Das Weibchen focht in gleicher Weise, flüchtete aber nach Empfang eines Lanzenstiches. Die Art, wie die Eskimos das erlegte Tier auf das Eis holten, war ebenfalls äußerst geschickt und sinnreich: Sie wachten in dessen Nacken, wo die Haut sehr dick ist, zwei Paar Längsschnitte in etwa sechs Zoll Abstand, so daß gewissermaßen zwei Henkel entstanden. Durch den einen zogen sie eine Leine von Walroßhaut, führten sie auf das Dickeis zu einem starken, fest eingerammten Pfahl, hier durch eine Schlinge, nach dem Tier zurück durch den zweiten Hauthenkel und begannen dann an der Leine zu ziehen. So hatten sie eine Art Flaschenzug, der vermöge des schlüpfrigen Walroßspecks sich sehr leicht handhabte. Denn nun zogen sie das Tier, das seine 700 Pfund wiegen mußte, mit Leichtigkeit heraus und zerlegten es ... – Unter den mancherlei Vorbereitungen für den Winter war die Hebung des Schiffes am mühsamsten und langwierigsten. Die schweren Eismassen, die im Winter an das Schiff anfroren und zur Ebbezeit an ihm zogen, hätten durch ihre Last die ganze Brigg zerreißen können. Deshalb sollte die »Advance« durch mechanische Mittel soweit gehoben werden, daß sie nicht mehr schwamm, sondern trocken in dem umgebenden Eise läge, und diese Arbeit wurde im Laufe des Oktober durchgeführt. So viel Wärme das Mooshaus im Schiff auch hielt, so waren die Brennvorräte doch so gering und die Kälte so im Steigen begriffen, daß wir schon Ende Oktober damit begannen, Holzwerk von der Brigg zu verbrennen. Nach des Zimmermanns Gutachten ließen sich 150 Zentner Holz wegnehmen, ohne daß die »Advance« seeuntüchtig wurde. Mit dem November kam die Zeit der gezwungenen Muße, da außerhalb fast nichts mehr vorgenommen werden konnte. Von den zehn Insassen des Schiffes lagen vier bereits wieder am Skorbut krank. Selbst in den Fuchsfallen fing sich nichts mehr, und die Leute wurden reizbar und niedergeschlagen. Alles drängte sich in die Kajüte zusammen – so nämlich nannten wir das Mooshaus im Schiff mit seinem langen Eingangstunnel. Kroch man aus ihm heraus, so befand man sich in dem leeren, trostlos öden, seines Holzwerks beraubten Schiffsraume. Am 7. Dezember erschallte der Ruf »Eskimos!« von Deck. Sie kamen in fünf Schlitten herangeflogen, die meisten der Leute uns unbekannt, und waren in wenigen Minuten an Bord. Sie übten ein Werk der Barmherzigkeit, denn sie brachten Bonjall und Petersen zurück – zwei von denen, die uns am 28. August verlassen hatten. Die beiden wußten von vielen Abenteuern und ausgestandenen Leiden zu erzählen, sie hatten durch schmerzliche Erfahrungen alles bestätigt gefunden, was ich ihnen vorausgesagt. Doch erschütternder noch war die Nachricht, daß sie ihre übrigen Gefährten in einer Entfernung von 200 englischen Meilen zurückgelassen hatten; in ihren Ansichten geteilt, gebrochenen Mutes und fast ohne Subsistenzmittel. Mein erster Gedanke war, ihnen Hilfe zu schaffen. Ich entschloß mich, den Eskimos soviel Lebensmittel anzuvertrauen, als unsere armseligen Vorräte gestatteten. Sie versprachen, alles schnellstens und ehrlich abzuliefern. Die beiden Angekommenen waren unfähig, die Reise wieder mit zurück zu machen; und von uns selbst waren außer mir nur noch zwei auf den Füßen: MacGary und Hans. Wir drei aber konnten unmöglich auch nur einen einzigen Tag abwesend sein, ohne das Leben der übrigen in Gefahr zu bringen. Man mußte sich also auf die Eskimos verlassen, obwohl sie selten der Versuchung widerstehen, sobald es sich um eßbare Dinge handelt. Wir kochten und verpackten demnach 100 Pfund Schweinefleisch, kleinere Portionen Fleischzwieback, Brotstaub und Tee – zusammen etwa 350 Pfund, und gaben diese Vorräte den Eskimos mit, die uns etwas Walroßfleisch zurückließen. Petersen erzählte viel von dem überraschend mannigfaltigen Tierleben auf der Northumberlandinsel, und ich sah jetzt ein, daß auch wir uns jetzt besser befinden könnten, wenn wir im Sommer über den vielen Expeditionen nicht versäumt hätten, mehr Vorräte einzuheimsen. Vom Mai bis August lebten wir von Robben, und ein einziger Mann versorgte ihrer fünfundzwanzig. Diese Jagd konnte viel mehr in großem Maßstabe betrieben werden. Wir hätten im Juni eine Menge Eier sammeln können, die im Schnee sich frisch gehalten hätten, konnten noch im August einen Vorrat von Vögeln schießen. Und jetzt noch sind diese Eskimos, nur 70 englische Meilen von uns entfernt, dick und fett von Walroßfleisch. Gewiß also ist dies eine Gegend, wo man nicht Hungers zu sterben, nicht einmal den Skorbut zu haben braucht, den ich lediglich unserer zivilisierten Kost zuschreibe. Am 12. Dezember morgens um 3 Uhr weckte mich abermals die Wache mit dem Ruf: »Eskimos!« Ich zog mich hastig an, kletterte über die Kisten, die als Treppe nach oben dienten, und sah eine Gruppe menschlicher Gestalten, eingehüllt in die Pelze und Kapuzen der Eingeborenen. Sie blieben an der Laufplanke stehen – und gerade, als ich sie anrufen wollte, sprang einer vor und faßte meine Hand. Es war Dr. Hayes. Er brachte nur wenige schmerzliche Worte hervor und forderte dann die übrigen auf, ihm zu folgen. Arme Kameraden! Ich konnte ihnen nur brüderlich die Hand drücken. Sie waren mit Reif und Schnee bedeckt und dem Verschmachten nahe. Man durfte sie nur vorsichtig an die Wärme gewöhnen, da sie solange einer fürchterlichen Kälte ausgesetzt gewesen. Sie hatten eine Reise von 350 Meilen gemacht. Ihr letzter Marsch, von der Bucht bei Eta aus, einige 70 Meilen in gerader Linie, war bei dieser Todeskälte durch die Hummocks gegangen. Nach und nach wurden sie alle untergebracht. Nachdem sie ihre Eskimoanzüge am Ofen abgelegt, – wie schmeckten ihnen da die armseligen Leckereien, die wir ihnen zu bieten vermochten: Kaffee und Suppe von Fleischzwieback, Syrup und Weizenbrot, sogar das Salzfleisch, das wir selbst nicht essen durften! Länger als zwei Monate hatten sie von gefrorenem Robben- und Walroßfleisch gelebt. Es war ein Glück, daß sie nicht auf Petersens Rückkehr oder auf die Ankunft der Eskimos mit den Vorräten gewartet hatten. Denn die Schlitten, die diese führten, waren leer durch die Niederlassung von Eta gegangen, und was eigentlich aus dem Proviant geworden ist, hat man nie erfahren. Auch Eskimos – fast lauter wohlbekannte Freunde – waren mit unseren zurückkehrenden Leuten angekommen. Man hatte sie in verschiedenen Hütten gemietet. Aber als man dem Schiff näher kam, hatten sich auch Freiwillige angeschlossen, so daß die Begleitung schließlich aus sechs Mann mit 42 Hunden bestand. Ihr Benehmen gegen unsere armen Freunde war sehr hilfsbereit. Sie fuhren mit fliegender Eile. In jeder Hütte, wo sie anhielten, hieß man sie willkommen; und die Weiber beeilten sich, die erschöpften Leute zu trocknen und warm zu reiben. Immerhin ergab sich, daß die Besucher der Brigg noch einen andern Zweck verfolgten: Unter dem Zwange der Not hatten nämlich einige unserer Leute das Gastrecht verletzt. In Kalutunas Hütte hatten sie sich verschiedene Kleidungsstücke unter Umständen angeeignet, wo nur das Recht des Stärkeren ihnen zur Seite stand; und es war klar, daß unsere wilden Freunde gekommen waren, um Rache zu nehmen oder sich zumindest zu beschweren. Nachdem ich die dringendsten Anforderungen aller befriedigt hatte, war meine erste Sorge, die Eskimos zu begütigen. Denn obwohl sie ihre stereotypen zufrieden lächelnden Gesichter zeigten, sah ich doch, daß etwas im Hintergrunde lauerte. Ich berief demnach alle zu einem strengen Verhör auf Deck, um den genauen Tatbestand zu ermitteln, und ließ dabei nicht durchblicken, welcher Partei ich recht geben würde. Unter Petersens Verdolmetschung mußte Kalutuna seine Sache vortragen, und durch ein förmliches Verhör wurde das ganze Streitobjekt klargestellt. Es war derart, daß die Unseren durch ein gutes Wort an die Eskimos jedenfalls dasselbe wie durch Gewalt oder List erreicht hätten. Zur größten Befriedigung unserer fremden Gäste erkannte ich ihnen volles Recht zu und zupfte sie zum Zeichen der Reihe nach an den Haaren. Darauf wurden sie in unseren Winterverschlag geführt, der bis jetzt ein Geheimnis für sie gewesen war. Hier setzte ich mich auf einen roten Teppich zwischen vier Specklampen, die ihr Licht über alte Damastvorhänge, Jagdmesser, Gewehre, Bierfässer, Ofen, Chronometer usw. ausgossen, und teilte an jeden fünf Nadeln, eine Feile und ein Stück Holz aus. Kalutuna und Schugu empfingen noch Messer und anderes außerdem. Schließlich wurde ihnen unsere letzte Büffeldecke neben den Ofen gebreitet, ein höllisches Feuer angefacht und ein tüchtiges Essen gekocht. Ich erklärte ihnen dabei, daß meine Leute nicht gestohlen, sondern die Pelzkappen, Stiefel und Schlitten nur genommen hätten, um sich das Leben zu erhalten; dann gab ich ihnen alles zurück. Sie taten einen guten Schlaf, der durch Essen unterbrochen und beschlossen wurde, und traten dann zufrieden und in bester Laune den Rückweg an. Allerdings hatten sie wieder einige Messer und Gabeln mitgehen heißen; doch das ist nun mal einer ihrer nationalen Charakterzüge. Unser Winterverschlag erwies sich für die so unerwartet verstärkte Gesellschaft als derart eng, daß der Aufenthalt ungesund wurde und die Lüftung eine verdoppelte Aufmerksamkeit bedingte. Um das wenige Holz zu schonen, wurden zum Kochen und Wassererhitzen häufig Specklampen benutzt, die aber wieder durch ihren üblen Geruch belästigten. Daher stellten wir sie außerhalb des Tossut in einem kleinen, besonders dazu hergerichteten Verschlage auf. Einmal jedoch – es war am 23. Dezember – hatte die Wache ihr Amt versäumt, und dieser Kochraum geriet in Brand. Es war eine schreckliche Krisis. Denn nicht weniger als vier Mann lagen hilflos darnieder; und nur eine Wand befand sich zwischen ihnen und dem Feuer. Bevor aus dem Eisloch Wasser geholt werden konnte, stand schon der ganze Verschlag sowie das trockene Gebälk und die Verschalung des Schiffes in Flammen. Unsere Mooswände mit ihrem zunderähnlichen Material waren vom Feuer völlig zugedeckt. Ich mußte durch die Flammen hindurch, um die Wände zu schützen, indem ich an der gefährdetsten Stelle die dort hängenden Segeltuchvorhänge herunterriß. Als das Wasser herab und ins Feuer floß; wurde der Rauch so erstickend, daß ich ohne Besinnung zusammenbrach. Man zog mich auf Deck, wo ich mich ohne Bart, Haar und Augenbrauen wiederfand, dafür aber unterschiedliche Brandbeulen an Kopf und Händen besaß. Der so unvermittelte Uebergang von der Höllenglut zu einer äußeren Temperatur von 46° unter Null war eine harte Prüfung. Wenige der Wasserzubringer kamen ohne erfrorene Finger davon. Hätten wir bei diesem schlimmen Zwischenfall das Schiff verloren, dann wäre keiner von uns mit dem Leben davongekommen. Unser zweites Winterheim auf der »Advance« Trotz alledem begingen wir den Weihnachtsabend festlich. Wir suchten unsere Lage zu vergessen und einander aufzuheitern. Bei Tische wurden gebratene und gekochte Truthühner, Roastbeef, Plumpudding, Melonen und wer weiß was alles noch herumgereicht. Nur schade, daß all diese Herrlichkeiten aus Pökelfleisch und Bohnen bestanden! Der Mangel an frischem Fleisch machte sich immer fühlbarer. Einige der Kranken – besonders MacGary und Brooks – schwanden zusehends dahin. Nur Walroßfleisch würde sie aufrechterhalten haben, und dies konnte man allein bei den Eingeborenen suchen. Eine Reise zu ihnen, so gefährlich sie bei der strengen Kälte auch schien, mußte gewagt werden. Wenigstens war um diese Zeit Mondschein. Alles kam darauf an, ob die Hunde die Anstrengungen der Reise aushalten würden. Mehrere von ihnen waren schon wieder an Krämpfen verendet; sie wurden gekocht und die noch lebenden damit gefüttert. Wir traten unsere Reise nach Süden an. Aber schon nach wenigen Stunden zeigten sich die fatalen Krampfsymptome bei den Hunden, und bald waren sechs von ihnen unbrauchbar. Mein Begleiter Petersen wollte umkehren, ließ sich jedoch überreden, mit nach den verlassenen Hütten von Anoatok zu gehen, wo wir versuchen wollten, die Hunde wieder auf die Beine zu bringen. Es war ein schreckliches Fortkommen in den Windungen der Bucht; bald mußten wir den Eisrand erklettern, bald wieder aufs Eis heruntergehen – wie es die Umstände eben erforderten. Wir erreichten endlich die Hütten und krochen mit den Hunden in die besterhaltene, deren eingefallenen Giebel wir mit Schnee verstopften. Es war zu kalt, um zu schlafen. Am nächsten Morgen erhob sich ein Sturm, der den Mond verdunkelte und uns in die Hütte zurücktrieb, wo wir vor Erschöpfung in einen langen Schlaf versanken. Als wir erwachten, hatte der Sturm sich noch gesteigert. Es herrschte tiefe Finsternis und fürchterliche Kälte. Die Specklampe war erloschen und eingefroren. Sobald der Orkan sich etwas gelegt, brachen wir auf und trieben dem Zufluchtshafen zu. Aber die erschöpften Hunde vermochten nicht mehr die Hummocks zu übersteigen. Um daher ihr und unser Leben zu retten, sahen wir uns gezwungen, zu Fuß nach dem Schiff zurückzukehren, indem wir die Hunde vor uns hertrieben. Mit diesem ergebnislosen Abenteuer schloß das Jahr 1854. Die intensive Kälte und der Mangel an Brennstoff zwangen uns immer mehr, uns mit Specklampen zu behelfen. Zuletzt hatten wir nicht weniger als zwölf im Gange. Die Hitze, die diese Lampen entwickelten, war erstaunlich; doch ihr Rauch und Ruß belästigten uns sehr. Von Reinlichkeit ließ sich kaum noch sprechen; alles um und an uns war mit Ruß überzogen. Die Gesichter glänzten wie die der Eskimos in fettigem Schwarz, und das Einatmen so vieler Verbrennungsprodukte förderte nicht gerade die Gesundheit. Bald trieb mich die Not zu dem abermaligen Versuch, die Eskimos zu finden, obwohl dazu nur noch fünf Hunde, die sich nicht gerade im besten Zustande befanden, verwendungsfähig waren. Diesmal hatte ich Hans zu meinem Begleiter ausersehen, weil mir Petersen zu bedenklich war. Vom Fahren auf dem Schlitten konnte keine Rede sein; wir hatten etwa 100 englische Meilen nebenher zu traben. Aber die Reise konnte nicht sofort angetreten werden; denn der Mondschein war vorüber und alles wieder stockfinster. Schon am 14. Januar hatte ich für die Kranken nichts weiter als einen gefrorenen Bärenkopf, der als ein naturhistorisches Stück beiseitegelegt worden war. Ein paar Tage später mußte man die ungesunde Leber und die Eingeweide des Tieres zu Hilfe nehmen. Das Fleisch wurde grammweise an die Kranken verteilt; ebenso ein Fuchs, der sich am 22. gefangen hatte. Am selben Tage wurde endlich die Reise angetreten. Anfänglich ließ sie sich gut an; aber plötzlich stürzten zwei Hunde in Krämpfen nieder. Hier war nicht zu helfen. Der Mond ging unter, und die elende Finsternis umhüllte uns von neuem. Wir tappten längs des Eisfußes hin und erreichten nach vierzehnstündigen Anstrengungen die alte Hütte von Anoatok. Alle Anzeichen deuteten auf einen bevorstehenden Schneesturm. Hans schnitt sofort Schneeblöcke aus, um die Oeffnung der Hütte zu verstopfen. Ich trug die Specklampe, Proviant und Schlafzeug hinein und nahm auch die Hunde zu uns. Kaum waren wir untergebracht, als der Sturm losbrach. Hier, von der Außenwelt völlig abgeschlossen, brachten wir viele traurige Stunden zu. Wir wußten nicht, wie die Zeit verstrich; und den Zustand des Wetters konnten wir nur aus dem Wirbeln des Schneetreibens auf dem Dach unserer Kellerwohnung abschätzen. Wir schliefen, kochten und tranken Kaffee, schliefen und kochten wieder. Wenn wir glaubten, daß zwölf Stunden um seien, dann hielten wir wieder eine Mahlzeit; d. h. wir teilten getreulich den rohen Hinterschinken eines Fuchses, um damit unsern mit gefrorenem Talg belegten Schiffszwieback etwas zu würzen. Danach legten wir uns wieder schlafen und kümmerten uns nicht weiter um das Unwetter, das uns längst tief unter Schnee begraben hatte. Mittlerweile war mit der Temperatur – obwohl der Sturm fortdauerte – eine seltsame Veränderung vorgegangen. Vom Dache herabtropfendes Wasser weckte mich; ich fand Schlafsack und Kissen völlig durchnäßt. Der warme Südost war, wie ich später fand, ganz unerwartet gekommen. Auf dem Schiff hatten sie + 26° F. (etwa 2-1/2° Kälte R.); und wir in größerer Nähe der See hatten wahrscheinlich eine Temperatur über dem Gefrierpunkt. Seit wir die Brigg bei – 44° verlassen, war also die Temperatur um mindestens 70° gestiegen. Bei solchem Wechsel leidet der stärkste Mann. Uns beide überfiel ein schwüles, beklemmendes Gefühl und ein Druck auf das Herz, den wir längere Zeit nicht wieder loswurden. Am Morgen – also als der Mond und das südliche Dämmerlicht es uns gestatteten, die Hütte wieder einmal zu verlassen – fand ich durch Vergleich des Mond- und Sternenstandes, daß wir fast zwei Tage eingesperrt gewesen. Jetzt brachen wir sofort nach den Hummocks auf. Hier aber sah es traurig verändert aus. Der Schnee hatte sich so kolossal angehäuft, daß er Menschen, Schlitten und Hunde bei dem Versuch, durchzukommen, förmlich begrub. Vergebens spannten wir uns selbst vor, es war nicht von der Stelle zu kommen. Die Dunkelheit brach aufs neue herein, und mit Mühe und Not erreichten wir die Hütte wieder. Die folgende Nacht fror es wieder hart, und trotz unserer zweidochtigen Lampe hatten wir ein elendes Quartier. Dabei dauerte der Schneefall fort, der Proviant ging auf die Neige, und bis zu den Eskimos waren es noch 46 Meilen! Nun unternahm ich einen Versuch, den Eisrand entlang zu fahren. Wir arbeiteten uns vier Stunden lang außer Atem, erreichten aber nichts. Hans, der sonst so waghalsige und kaltblütige Mensch, weinte wie ein Kind, und auch mir selbst war nicht eben wohl zumute. Wir hatten unser Gespann noch nicht wieder aus dem Schnee heraus, als die breite Mondscheibe sich über dem Wasserdunst erhob. Ein bekannter Hügel war in der Nähe; ich erstieg ihn und betrachtete die Küste um ihn her. Kap Hatherton schien von einem förmlichen Chaos gebrochenen Eises umpanzert. Daneben war Wasser, das unbegreifliche Nordwasser! Wie ein langer, schwarzer Keil, mit Wassernebeln umhangen, lief es von Nord nach Ost. Da war also ein Kanal durch die Hummocks, und nach Süden dehnten sich ebene Eisflächen! Hans kam auf meinen Ruf herbei und bestätigte, was ich sah und kaum zu glauben wagte. Wären die Hunde nicht gar zu erschöpft und der Mond im Untergehen gewesen, so hätten wir die Reise leicht vollenden können. Aber frohen Herzens kroch ich diesmal in unser armseliges Loch zurück und verstopfte von neuem seine gähnende Oeffnung mit Schnee. Speck hatten wir nicht mehr, folglich auch kein Feuer. Aber ich wußte doch, daß wir das Schiff wieder erreichen und, nachdem sich Menschen und Hunde gestärkt hatten, sicher zu den Ansiedlungen gelangen würden. Obwohl meine Gefährten anfangs betroffen waren, daß wir mit leeren Händen zurückkamen, hörten sie die gute Neuigkeit von einer offenen Passage durch die Hummocks mit großer Freude. Sofort wurden nun Anstalten zu einer neuen Unternehmung getroffen. Indes mußte besseres Wetter abgewartet werden; denn Sturm und Schneefall dauerten ohne Unterbrechung an. Wir hatten mehrere Tage gar kein Fleisch mehr, da die Füchse nicht mehr in die Fallen gingen. Zu gewissem Ersatz bereitete ich Eisengetränke für die am Skorbut leidenden. Am 3. Februar endlich zogen Hans und Petersen mit dem Schlitten aus, kehrten jedoch schon am übernächsten Abend unverrichteter Dinge zurück. Die Schneemassen hatten sich zu sehr gehäuft. Petersen war ganz hin. Seine Kräfte waren geschwunden und der Skorbut ihm in die Brust getreten. Hans allein hatte die Botschaft nicht ausführen können. Zum Glück trat jetzt wieder heiteres Wetter ein, und ich konnte mit Hans einen Jagdausflug unternehmen. Die Ausbeute bestand aus zwei Kaninchen, der ersten Gabe des wiederkehrenden Tages. Das Fleisch wurde roh verteilt und das Blut den am schwersten Leidenden zu trinken gegeben. Abermals wurde das Wetter stürmisch, und schwere Schneemassen verfinsterten die Luft. Nach meiner Ueberzeugung mußte eine große südliche Wasserfläche vorhanden sein, über die der warme feuchte Wind hinwegstrich und die uns vielleicht näher rückte und uns Befreiung brachte. Aber wenn wir gingen, so mußten wir allein gehen. Denn unsere kleine Brigg – das stand nunmehr fest – konnte nicht mehr gerettet werden! Die Zeit, da sie sich auf den Wogen wiegte, war für immer vorbei! Nach manchen vergeblichen Ausgängen brachte Hans am 10. abermals drei Kaninchen. Sie wurden sorgfältig zerlegt und geteilt. Wir hatten gelernt, alles wohlweislich zu benutzen: die Häute gaben Suppe, die Pfoten Gelee; Lungen, Magen und Eingeweide – alles wurde verwertet. Am 12. trat Hans mit Godfrey einen neuen Jagdzug an; er hatte in den letzten Tagen ein Renntier gespürt und hoffte, es zu finden. Erst am 22. kehrte er zurück, als die Sonne bereits wieder ihre belebenden Strahlen herabsandte. Aber er brachte gute Nachrichten: er hatte das Ren angeschossen. Es war das gleiche Tier, das während der ganzen Zeit des Zwielichts um unsere Bucht gestreift und durch sein jeweiliges Auftauchen so manche Erzählungen und Fabeln veranlaßt hatte. Hans hatte es aus weiter Distanz getroffen; es trollte in langsamem Trabe davon, aber wir waren seiner sicher. Am andern Morgen machte sich Hans auf die Nachsuche und fand es nur zwei Meilen unterhalb der Bucht liegen. Es war ein Benesoak: ein Renntier, das sein Geweih abgeworfen hat. Auf den Lieblingsplätzen dieser Tiere sollen sich große Mengen dieser abgeworfenen Geweihe finden, mit denen die Dänen wenig oder nichts anzufangen wissen. Die »Advance« in den Banden des ewigen Eises Die Nachricht dieses Jagdglücks wurde an Bord mit allgemeinem Freudengeschrei empfangen; aber es ging uns mit unserm Benesoak fast wie jenem Mann, der einen verlosten Elephanten gewann: Wir waren derart entkräftet, daß wir und die Hunde große Mühe hatten, unsere Beute bis zum Schiff, und noch größere, sie hinaufzuschaffen. Nachdem wir das Ren in den Schiffsraum gestürzt, zeigte sich eine neue Verlegenheit: es war viel zu groß, um es durch die enge Pforte der Moosstube zu bringen. Ebenso unmöglich war es jedoch, es draußen abzuhäuten, ohne dabei die Finger zu erfrieren. Der Hunger gab das Auskunftsmittel, das Tier zu zerlegen, bevor es abgehäutet war. In wenigen Minuten hielten alle eine erquickende Mahlzeit in rohem Fleisch und darauf einen mehrstündigen Schlaf. Das Ren war eins der größten, das ich je gesehen, und hatte gewiß das Maß einer zweijährigen Kuh. Wir versprachen uns mindestens 180 Pfund gutes Fleisch, doch der folgende Tag brachte uns zum Abendessen eine bittere Enttäuschung: das ganze Fleisch nebst der Leber und den Eingeweiden war vor Fäulnis fast ungenießbar. Die so rapide Fäulnis bei einer Kälte von 35° mag abnorm erscheinen, aber die Grönländer sagen, daß ungewöhnlich niedrige Temperaturen diesen Verwesungsprozeß eher fördern als hindern. Alle Grasfresser zeigen diese Eigenheit, sofern sie nicht sofort ausgeweidet werden, was auch die amerikanischen Büffeljäger sehr gut wissen ... Ich übergehe die belangloseren Vorkommnisse unsers Winterlebens mit den Symptomen unserer Patienten, vergeblichen Jagdausflügen und anderen einförmigen Dingen. Von den 18 Mann waren nur noch sechs imstande, irgend etwas zu leisten. Wir schufen einen bequemeren Gang vom Schiff auf das Eis, damit unsere Kranken zuweilen aus ihrem Spital an die Luft und Sonne kriechen konnten. Durch Umbau unserer Heizvorrichtungen erlangten wir einen besseren Zug und brannten jetzt zerhackte Schiffstaue. Mein Tagebuch enthält unter dem 28. Februar folgende Bemerkungen: »Der Februar ist vorüber. Gott sei Dank, daß seine 28 Tage um sind! Sofern uns die 31 Märztage nicht noch weiter herunterbringen, können wir hoffen, daß dieses traurige Drama zu einem glücklichen Ende kommt. Mit dem 10. April müssen sich die Robben wieder einfinden; und wenn sie uns noch am Leben antreffen, so haben wir gewonnen. Bei alledem aber werden wir noch schwere Kämpfe haben. Der Skorbut überkommt uns mehr und mehr. Ich tue mein bestes, die schwersten Fälle zu bekämpfen; doch kaum habe ich den einen etwas auf die Beine gebracht, so legt sich ein anderer hin. Die Krankheit ist vielleicht nicht mehr so bösartig wie früher, aber sie ist allgemeiner unter der Mannschaft verbreitet. Außer Morton, der aber eine Ferse erfroren hat, ist keiner von uns völlig frei davon. Von den sechs Arbeitsfähigen, die ich noch vor einem Monat zählte, können zwei nicht mehr im Freien schaffen. Die übrigen vier teilen sich in den Schiffsdienst. Hans nimmt sich zusammen, um die Jagd zu versehen, Petersen ist sein entmutigter und mürrischer Gehilfe. Bonsall und ich haben den ganzen Tagesdienst für die Wirtschaft und Krankenpflege. Wir hacken fünf große Säcke voll Eis klein, schneiden sechs Klafter achtzölliges Ankertau in fußlange Stücke, teilen Fleisch aus, wenn wir welches haben, hacken Syrup aus den Fässern, zertrümmern mit Axt und Brecheisen das Salzfleisch und die getrockneten Aepfel, schaffen Kehricht und Spülicht aus dem Schlafraum – kurz, wir sind Koch, Küchenjunge und Krankenpfleger in eins. Dazu habe ich fünf Nächte hintereinander von 8 bis 4 Uhr die Wache gehabt; habe, ohne die Kleider zu wechseln, nur unter Tage zuweilen ein wenig genickt und jede Stunde sorgfältig den Thermometerstand aufgeschrieben. »Unter solchen Verhältnissen verlassen wir den Februar, und 41 Tage von genau der gleichen Beschaffenheit liegen noch vor uns. Und wie sehr haben diese 28 Tage uns geschwächt und mitgenommen! Aber es gibt noch Hilfsmittel, die uns retten können. Noch ein gesundes Renntier, ein leidliches Glück in der kleinen Jagd, Hilfe mit Walroßfleisch durch unsere nomadisierenden Eskimos oder – was ich am sehnlichsten hoffe und erwarte – ein Bär! Bereits haben wir einige Spuren von ihnen bemerkt. Wenn nur Hans und ich aushalten, werden wir wohl durchkommen.« Die merkwürdige Erscheinung warmer Süd- und Südostwinde mitten im Januar schwand erst Mitte Februar; und selbst dann blieb die Wärme noch mehrere Tage fühlbar. Das Thermometer sank selten tief unter den Gefrierpunkt. Seitdem wurde es kälter und der massenhafte Schnee fest genug, daß man ihn überschreiten konnte. Zweimal wurden noch vergebliche Versuche gemacht, bis zu den Eskimohütten vorzudringen. Petersen, Hans und Godfrey waren umgedreht und hatten das Vorwärtskommen für unmöglich erklärt. Ich wußte es besser: meine Beobachtungen in der Zeit der Polarnacht hatten mich überzeugt, daß jetzt die Sache ausführbar sein mußte. Ich würde es bewiesen haben, wenn ich unser Hospital auf eine Woche hätte verlassen können. Aber es gab Stimmungen und Einflüsse um mich herum, die sich kaum noch im Verborgenen hielten und nur durch meine Gegenwart am offenen Ausbruch verhindert wurden. Dies machte mir vor allem zur Pflicht, zu bleiben, wo ich war. Not und Verzweiflung Das Märztagebuch war wieder eine Leidenschronik. Der allgemeine Gesundheitszustand wurde zusehends schlechter. Der größte Teil der Mannschaft lag, unfähig sich zu rühren, zu Bett. In dieser Lage zeigten sich manch individuelle Charakterzüge. Einige zeigten sich ungemein dankbar für die kleinste Dienstleistung, andere ergingen sich in Klagen, die einen wollten schier verzagen, und den anderen wiederum fehlten nur die Kräfte, um aufsässig zu werden. Brooks, der eisenfeste Mann, weinte wie ein Kind, als er sich im Spiegel beschaute. Sonntag am 4. März wurden die letzten Bissen frisches Fleisch verteilt; die Kräfte der Kranken schwanden rasch, und die Wunden der Amputierten brachen von neuem auf. Die Umgebung des Hafens lieferte nicht einmal mehr die bisherigen spärlichen Zuschüsse an Wild. Einer der Jäger, Petersen, überhaupt kein sehr zuverlässiger Mann, erklärte sich für dienstunfähig. Hans war das Glück untreu geworden. Wohl hatte er wiederholt weite Streifen unternommen und auch zweimal Renntiere gespürt; doch das erstemal waren sie außer Schußweite, das andere Mal versagte sein Gewehr. Es half nichts, daß ich alles mögliche zusammenbraute, was als Stärkungsmittel dienen konnte – Leinsamen und Kalkwasser, Chinin und Weidenstengel – und es unter dem Namen »Bier« ausbot: es wurde stündlich klarer, daß unsere Tage gezählt waren, wenn wir nicht frisches Fleisch bekommen. Nur ich wurde wunderbar aufrecht erhalten. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß uns die Vorsehung aus diesem Jammer erlösen würde, wenn ich auch das »Wie« nicht vorauszuahnen vermochte. Am 6. kam ich zu dem verzweifelten Entschluß, unsern einzigen zuverlässigen und dienstfähigen Jäger mit einem Schlitten zur Aufsuchung der Eskimos von Eta auszusenden. Er nahm unsere zwei letzten noch lebenden Hunde und den leichtesten Schlitten mit sich. Der Polartag hatte begonnen; der Eisweg hatte sich mit der Zeit gebessert, und die Kälte war wohl noch stark, hatte jedoch immerhin schon nachgelassen. Er sollte das erste Nachtlager in Anoatok halten; und wenn alles gut ging, konnte er die folgende Nacht in Eta und drei bis vier Tage später wieder bei uns sein. Keine Sprache vermag es auszudrücken, mit welcher Angst unsere Kranken auf seine Rückkehr warteten. Ich hatte ihn angewiesen, wenn er bei den Eskimos kein Fleisch fände, ihre Hunde zu borgen und in der Bucht auf Bären zu pürschen. Am 10. kam Hans wieder. Er hatte am zweiten Abend glücklich die Etabucht erreicht und war dort mit freudigem Willkommen empfangen worden. Aber über die sorglos glücklichen Bewohner war eine böse Zeit hereingebrochen. Anstatt der runden, fettglänzenden Gesichter umringten ihn lauter Jammergestalten. Die Züge der Männer waren hart und knochig, und die Kinder lagen in den Kapuzen ihrer Mütter welk und faltig. Hungersnot herrschte unter ihnen. Die Haut eines kürzlich gefangenen jungen See-Einhorns war alles Eßbare, das sie besaßen. Es war die alte Geschichte von der Unvorsorglichkeit und ihren traurigen Folgen. Selbst ihre Speckvorräte hatten sie verzehrt und saßen nun traurig in Kälte und Finsternis in Erwartung der Sonne. Sogar ihre letzte Stütze, die Hunde, waren ihrem Hunger zum Opfer gefallen; von 30 Stück besaßen sie nur noch vier, die übrigen waren verzehrt worden. Hans führte meine Aufträge vollständig und mit Geschick aus. Er schlug vor, ihnen bei der Walroßjagd zu helfen. Anfangs lächelten sie dazu verächtlich wie echte Indianer. Als sie aber meine Marston-Büchse sahen, die Hans mithatte, änderten sie ihren Ton. Wenn die See, wie damals, völlig überfroren ist, so kann das Walroß nur in seinen Luftlöchern oder zufälligen Eisspalten harpuniert werden. Diese Jagd ist schwierig, und oft geht die Harpune und Wurfleine bei dem Umsichschlagen des Tieres verloren, wie es unseren Eskimos erst am Tage vor Hansens Ankunft ergangen. Unter diesen Verhältnissen ließen sie sich leicht überreden, Hansens Begleitung anzunehmen und zu sehen, was die Spitzkugel auf das harpunierte Walroß für Wirkung tut. Das Ergebnis der Jagd war, daß Metek (die Eiderente) ein mittelgroßes Tier harpunierte, dem Hans nicht weniger als fünf Büchsenkugeln geben mußte, um es zur Ruhe zu bringen. Im Triumph wurde es heimgeschleppt, und alle aßen, als ob sie nie wieder hungrig werden wollten. Es war ein regelrechtes Festgelage, und das Interesse für die weißen Männer stieg bis in die Wolken. Ich hatte Hans angewiesen, womöglich den Burschen Meiuk als Jagdgehilfen zu verpflichten, und nach dem soeben erzielten Erfolge nahmen die Eskimos diese Aufforderung als eine große Gunst an. Hans brachte demgemäß den Meiuk und ein Stück Fleisch als Beuteanteil mit. Dieser arme Bursche mit noch ganz kindlichem Gesicht war doch schon ein vollendeter Jäger. In seiner neuen Stellung fühlte er sich vollkommen glücklich, war jedoch so ausgehungert, daß seine Auffütterung ein schwieriges Werk schien. Die Kranken waren bereits derart entkräftet, daß einige von ihnen das frische rohe Fleisch gar nicht mehr vertragen konnten und lediglich durch Brühe aufrecht erhalten werden mußten. Unsere zwei Eskimojäger machten am 13. März ihren ersten gemeinsamen Ausflug bis nach Anoatok hin, nachdem Hans zuvor ein neues Wurfgeschoß aus Renntiergeweih angefertigt hatte. Am dritten Tage kehrten beide unverrichteterdinge zurück. Sie hatten weit und breit nichts als Eis angetroffen, in dem sich nicht eine einzige Spalte befand. Es schien also, als werde man den Lebensunterhalt im fernen Süden suchen müssen. Zahlreiche Bärenfährten die sie antrafen, gaben wenigstens noch einige Hoffnung ... – Ich hatte eben Vorbereitungen getroffen, Hans abermals nach Eta zu senden, als ein verdrießlicher Zwischenfall eintrat. Unter der Mannschaft befanden sich ein paar schlechte, aber verwegene, energische und kräftige Kerle. Sie hatten mir schon Ungelegenheiten bereitet, bevor wir noch die grönländische Küste erreicht hatten, und jetzt mußte ich sie beständig im Auge behalten. Denn unzweifelhaft planten sie irgend etwas; wahrscheinlich eine Flucht nach den Ansiedlungen der Eskimos. Sie stellten sich am Morgen krank, um, wie ich erlauschen konnte, vor ihrem Aufbruch gründlich auszuruhen. Hansens Abreise mit dem Hundeschlitten käme ihnen gerade sehr passend, denn so könnten sie ihm auflauern und alles abnehmen, was sie zu ihrem Fortkommen brauchten ; möglicherweise ihn selbst zum Mitgehen zwingen. Ich mußte gegen diese Leute sehr vorsichtig auftreten und zu meinen sonstigen Obliegenheiten noch das üble Geschäft eines Polizeispions gesellen. Denn bisher hatten sie keine strafbare Handlung verübt, außerdem wollte ich den anderen das Geheimnis vorenthalten, um die Kranken nicht seelisch noch mehr niederzudrücken durch Enthüllung eines Planes, der im Falle seines Gelingens uns allen hätte verderblich werden können. Am 19. gegen Mittag fuhr Hans ab, und mein Verdacht gegen John und Bill fand sich völlig bestätigt. Den ganzen Morgen strebten sie unaufhörlich danach, miteinander zusammenzukommen, was ich ebenso entschieden und in einer Art verhinderte, daß sie nicht einmal Verdacht schöpften. Ihre Ungeduld und ihre kleinen Listen, um ein Wort im Vertrauen wechseln zu können, waren wirklich belustigend. Ich glaubte schon, die Gefahr sei vorüber, als mir Stephenson am andern Morgen eine von Bill erlauschte Aeußerung hinterbrachte, wonach dieser ganz bestimmt im Laufe des Tages das Schiff verlassen werde. John sei inzwischen wirklich lahm geworden und könne nicht daran denken, ihn zu begleiten. Jetzt war keine Zeit zu verlieren. Bill wurde um 6 Uhr früh geweckt und erhielt Befehl, das Frühstück zu kochen. Inzwischen beobachtete ich ihn. Anfangs schien er unruhig und hatte mit John mancherlei zu flüstern, zuletzt wurde er unbefangener und kochte und servierte das Frühstück. Ich war überzeugt, daß er sich mit John draußen treffen wolle und daß dann einer oder beide entwischen würden. Daher zog ich meinen Pelz an, versah mich mit einer Waffe, unterrichtete Bonsall und Morton von der Angelegenheit und kroch durch den engen Eingang in den Schiffsraum hinaus, wo ich mich verbarg. Nach etwa einer halben Stunde kam John hinkend und brummend gleichfalls herausgekrochen. Er sah sich verstohlen um, atmete erleichtert auf und kletterte dann die wackligen Stufen auf Deck hinauf; seine Lahmheit schien völlig verschwunden. Innerhalb zehn Minuten kam auch Bill – reisefertig in Stiefeln und Pelz – aus dem Tunnel gekrochen. Ich trat ihm entgegen und befahl ihm, sofort in die Kajüte zurückzukriechen. Morton wurde auf Deck geschickt, um den anderen herbeizuholen, und Bonsall in den Tunnel gesandt, um niemanden herauszulassen. Nach wenigen Minuten kam John – jetzt noch lahmer als zuvor – zurückgekrochen. Ich erzählte nun vor der ganzen Mannschaft den Zusammenhang der Angelegenheit und die Pläne der beiden. Bill gestand zuerst und empfing auf der Stelle seine Strafe. Da die Umstände eine Haft nicht gestatteten, so hielt ich es für das beste, ihm die Handschellen ab- und sein Besserungsversprechen für wahr anzunehmen. Ich schickte ihn wieder an die Arbeit, er floß vor Dankbarkeit über. Und in kaum einer Stunde, während ich mich auf der Jagd befand, war er auf und davon. John blieb scharf bewacht zurück, und seine Reue schien aufrichtig. William Godfreys Desertion war ein böser Fall. Denn wahrscheinlich würde er versuchen, sich Hansens Schlitten, Büchse und Hunde anzueignen. Ohne die Hunde aber bestand keine Möglichkeit, Robben und Bären zu jagen. Damit war alle Hoffnung verloren, die Kranken soweit auf die Beine zu bringen, daß man versuchen konnte, in Booten nach dem Süden zu entkommen. Am 19. März hatte Petersen fünf Schneehühner geschossen, eine wahre Wohltat für unsere Patienten. Doch die Not stellte sich bald wieder ein, und so unternahmen die drei letzten, die noch nicht bettlägerig waren – nämlich Bonsall, Petersen und ich – am 23. einen Ausflug in die Nähe des Minturnflusses, wo sich Weideplätze für Renntiere befanden. Leider kamen wir ein paar Stunden zu spät und sahen nur an den umfangreichen Flecken aufgekratzten Schnees, wie zahlreich sie dagewesen waren. Ein paar Schneehühner und drei Hasen waren die ganze Beute des Tages. Die folgenden Tage erbeuteten wir noch einige weitere von ihnen zur großen Labe der Kranken. Am 2. April signalisierte Bonsall einen Mann, der in einer englischen Meile Entfernung sich am Eisfluß lauschend umhertrieb. Ich glaubte, es sei der zurückkehrende Hans, und wir beide gingen ihm entgegen. Als wir näher kamen, sahen wir unsere Schlitten mit den Hunden neben ihm; der Mann aber wandte sich um und floh südwärts. Ich verfolgte ihn und ließ Bonsall hinter mir. Als der Mann, in dem ich den Deserteur Godfrey erkannte, mich allein nachkommen sah, kehrte er um und kam mir entgegen. Er sagte mir, daß er südlich bis zur Northumberlandinsel gelangt sei, daß Hans vor Anstrengung in Eta krank liege, daß er selbst sich entschlossen habe, umzukehren und sein Leben bei Kalutuna und den übrigen Eskimos zu beschließen, wovon weder Zureden noch Gewalt ihn abbringen werde. Mit der Pistole in der Hand zwang ich ihn, bis an den Aufgang zum Schiff zurückzugehen, weiter wollte er durchaus nicht. Ich ließ ihn unter Bonsalls Bewachung und ging an Bord, um Handschellen zu holen. Aber wir beide waren kaum fähig, uns zu bewegen, Petersen war auf der Jagd, und die übrigen dreizehn lagen krank darnieder. Kaum hatte ich das Deck erreicht, als Godfrey wieder davonlief. Bonsalls Pistole versagte, und ich stürzte nach dem Gewehrstande. Aber das erste Gewehr ging infolge der Kälte beim Aufziehen des Hahnes los, und mit dem zweiten in Eile abgeschossenen fehlte ich den Flüchtling, der entkam. Das Wiederauftauchen dieses Menschen war mir rätselhaft. Hans war nun 14 Tage abwesend, während er die gleiche Reise sonst in acht Tagen zurücklegte. Sein Gespann befand sich in den Händen des Deserteurs, der sein Leben wagte, um nicht in unsere Gewalt zu fallen. Trotzdem aber war er freiwillig in die Nähe des Schiffes zurückgekehrt, mit Hunden und Schlitten und außerdem einem Vorrat von Walroßfleisch. Wollte er vielleicht seinen früheren Spießgesellen John abholen? – Auf alle Fälle kam uns Godfreys Fleischladung wie vom Himmel gesandt und tat uns vorzügliche Dienste. Am 10. April machte ich mich mit einem von fünf Hunden gezogenen leichten Schlitten auf, um den noch immer fehlenden Hans zu suchen. Die Fahrt verlief sehr gut. Ich hatte in elf Stunden 64 englische Meilen bewältigt und befand mich eben unserm alten Zufluchtshafen gegenüber auf dem Eise, als ich weit ab von der Küste einen schwarzen Punkt bemerkte: es war ein lebendes Wesen, ein Mensch! Sofort wandte ich den Schlitten und trieb die Hunde zu rasender Eile an. Bald ließ sich der gemessene Robbenjägerschritt Hansens nicht mehr verkennen. Er änderte ihn kaum, als wir uns näher kamen. Eine Viertelstunde später schüttelten wir uns die Hände und tauschten in einem Gemisch von Eskimo und Englisch unsere Neuigkeiten aus. Der arme Junge war wirklich krank gewesen. Nach einem fünftägigen Leidenslager mit heftigen Gliederschmerzen war er, wie er sagte, noch »ein wenig schwach«, was bei ihm freilich soviel hieß als »sehr herunter«. Ich lud ihn auf den Schlitten und fuhr mit ihm nach Anoatok, wo wir uns an heißem Tee und einem Stück von ihm mitgebrachter Walroßleber erlabten. Hans und Meiuk waren zwei Tage nach ihrer Abreise vom Schiff in Eta angekommen und hatten alsbald mit der Jagd begonnen. Während fünf Tagen waghalsiger Eisfahrten erlegte er zwei schöne junge Walrosse, seine drei Begleiter nur drei. Seine Büchse gab ihm einen großen Vorteil, doch die ihm mitgegebenen Leinen taugten wenig, und einmal rissen sie, nachdem er ein großes weibliches Tier harpuniert. Während der Krankheit, die diesen langen Anstrengungen folgte, war er von einer jungen Tochter Schungu's sorgsam gepflegt worden. Ihr Mitgefühl und ihr Lächeln schien auf sein Herz einen Eindruck gemacht zu haben, der geeignet schien, eine gewisse Schönheit bei Uppernavik in lebhafte Unruhe zu versetzen. Hans legte einen Teil seiner Jagdbeute auf der Littletoninsel ins Versteck, nachdem er seine Ladung durch Godfrey nach der Brigg gesandt hatte. Wie ich sah, hatte er die Pläne dieses Mannes bald durchschaut. Godfrey war tatsächlich in ihn gedrungen, gemeinsam nach dem Süden zu gehen und den Schlittenzug mitzunehmen. Auf Hansens Weigerung suchte er wenigstens dessen Gewehr an sich zu bringen, was natürlich leicht verhindert wurde. Endlich willigte er ein, das Fleisch nach dem Schiff zu schaffen, entweder in der Absicht, sich mit mir ins reine zu setzen oder sich einen Gefährten zu beschaffen. Als ihm dies fehlschlug, war er ein zweites Mal nach Eta geflüchtet. Dort hätte ich ihn gern gelassen, denn so gesund und stark er war, ging nach seiner Entfernung von der »Advance« dort alles besser und reibungsloser. Aber das böse Beispiel war ansteckend, und so beschloß ich, ihn auf alle Fälle zurückzuschaffen. Phantastische Eisbergformation Schon vor Eintritt des Winters hatte ich den Plan gefaßt, im zeitigen Frühjahr noch eine Rundreise im Kennedykanal zu unternehmen. Doch nahmen mich die Mißgeschicke des Winters so vollständig in Anspruch, daß dieser Gedanke in den Hintergrund trat. Doch tauchte er immer wieder auf, und ich war nun entschlossen, die Expedition allein mit unseren vier übriggebliebenen Hunden zu unternehmen und wegen des Proviants mich auf mein Gewehr zu verlassen. Die Brigg war nun mal nicht mehr zu retten, da sie schon durch das Verbrennen des Holz- und Takelwerks im Winter ihre Seetüchtigkeit eingebüßt hatte. Um aber mit den drei Booten über das Eis zu gehen und das offene Wasser zu gewinnen, mußten wir mindestens noch einen Monat auf die Vorbereitungen verwenden und die Kranken sich mehr erholen lassen. Diese Zwischenzeit gedachte ich zu dem beschlossenen Ausflug zu verwenden. Vorher aber wollte ich noch eins versuchen: Die Eskimos waren von der Northumberlandinsel nach Kap Alexander zurückgekehrt, wo jetzt die besseren Jagdgebiete lagen. Kalutuna, der beste und vorsorglichste Mann unter den Eskimos, hatte sieben Hunde durch den Winter gebracht. Ich hatte nun Hans beauftragt, mit ihm wegen vier dieser Hunde zu unterhandeln, sei es zu Kauf oder leihweise, und ihm dafür meine sämtlichen Hunde bei meiner Abreise zusagen lassen. Hans kehrte endlich von seiner Gesandtschaftsreise zurück, mit Kaninchen, Walroßleber und Fleisch beladen – eine willkommene Gabe für Leute, die bereits seit acht Tagen keinen Bissen frisches Fleisch gesehen. Er brachte auch Metek und dessen Neffen mit, einen hübschen, vierzehnjährigen Burschen. Der große Metek hatte kurz vor Abschluß unsers Vertrags einmal eine Seitenwand von unserm roten Boot gestohlen, und sein jetziger Besuch mit einer respektablen Schlittenladung Fleisch sollte augenscheinlich diese Scharte auswetzen. Die Verhandlungen Hansens mit Kalutuna wegen dessen Hunden hatten jedoch keinen Erfolg gehabt. Ich sah, daß ich selbst nach Eta und möglicherweise nach Peteravik gehen und meine eigene Redekunst versuchen mußte, wollte ich meinen Reiseplan nicht aufgeben. Gleichzeitig hörte ich von Hans, daß Godfrey in Eta den großen Herrn spiele und sich nicht wolle einfangen lassen; und ich hatte von dem Einfluß dieses Mannes auf die Wilden nichts Gutes zu erwarten. Ich begann mit einer Kriegslist: ich legte ein paar Fußsäcke auf Meteks Schlitten, untersuchte meine sechsläufige Pistole und erklärte, daß ich mit nach Eta fahren würde. Sein Neffe blieb unter Hansens Obhut auf dem Schiff. Als wir unsere 80 Meilen zurückgelegt und in die Nähe der Niederlassung gekommen waren, hüllte ich mich so dicht in meine Kapuze, daß ich zur Not für den Knaben Paulik gelten konnte. Die Einwohner kamen heraus, um ihren Häuptling zu bewillkommnen. Unter den ersten war der, auf den ich es abgesehen hatte, und er schrie sein Timal wie der beste Wilde. Eine Sekunde später war ich an seinem Ohr, mit einem kurzen Gruß und bezeichnender Handbewegung. Er fügte sich sofort. Und nachdem er – mit einer kurzen Zwischenrast in Anoatok – seine 80 Meilen vor dem Schlitten hergegangen und getrabt, war er wieder Gefangener an Bord. Auch meine sonstigen Unternehmungen führten zu gutem Erfolge. Eta liegt in der nordöstlichen Biegung der Hartstenebucht. Ihm gegenüber liegt Peteravik, wo sich jetzt Kalutuna mit seinen halbverhungerten Leuten aufhielt. Auf der reinen Fläche einer Schneelehne, die in einem Winkel von 45° an einem steilen Berge liegt, bemerkt man zwei schmutzige Flecke. Kommt man näher, dann sieht man, daß diese Flecke Löcher im Schnee sind. Und in noch größerer Nähe entdeckt man über jedem Loch noch ein kleineres und eine Verdachung zwischen beiden. Dies sind die Türen und Fenster von Eta, zwei Hütten und vier Familien, bis auf die Luftlöcher völlig im Schnee vergraben. Als ich näher kam, umschwärmten mich die Einwohner mit ihrem »Nalegak! Nalegak! Tima!« (Kapitän, Kapitän, willkommen!) in lautem Chor. Niemals schienen Leute über einen unverhofften Besuch so erfreut und so bestrebt, ihm gefällig zu sein. Doch da sie luftig gekleidet waren und ein kühler Nordost blies, so krochen sie schleunigst wieder in ihren Ameisenhaufen zurück. Nachdem innen die Vorbereitungen zur Aufnahme getroffen waren, folgte ich ihnen mit Metek durch einen ungewöhnlich langen Kriechtunnel von 30 Schritt. Als ich innen auftauchte, erscholl ein neues Gebrüll des Willkommens. Es waren schon vor mir Gäste angekommen: sechs stämmige Bewohner der benachbarten Niederlassung, die auf der Jagd vom Sturm überfallen worden waren und jetzt auf dem Ehrenplatz, der Mittelbank, hockten. Sie stimmten in die lauten Begrüßungsrufe mit ein, und bald atmete ich den ammoniakartigen Dunst von 14 starken, wohlgenährten, ungewaschenen, unbekleideten Hausgenossen. Solch einen Klumpen zusammengepferchter Menschen kann man nirgends mehr antreffen: Männer, Weiber, Kinder, mit nichts als ihrem nationalen Schmutz bekleidet, krabbelten durcheinander wie die Würmer in einer Fischreuse. Der innere Raum war nur 15 Fuß lang und sechs Fuß breit. Der erhöhte Platz, auf dem 13 Personen aufgestapelt waren, hatte sieben Fuß Breite und sechs Fuß Tiefe. In dem Raum herrschte eine Hitze von 90°! Die Speckflamme jeder Hausmutter brannte mit einer 16 Zoll langen Flamme. Das Vorderviertel eines Walrosses, das gefroren auf dem Fußboden lag, wurde in Streifen geschnitten. Und bald begannen die Kochkessel, deren jeder 10-15 Pfund Fleisch faßte, zu dampfen. Metek, dem gelegentlich einige der Schläfer halfen, leerte sie rein aus. Mich hatte man herzlich zur Teilnahme eingeladen, doch hatte ich zuviel von der Kochkunst gesehen, um mich überwinden zu können. Ich genoß eine Handvoll geforener Lebernüsse, entkleidete mich wie die Uebrigen, da mir ein mächtiger Schweiß ausbrach, warf meinen müden Körper über die Beine der Frau Aningna (Eidergans), legte ihr Kleines unter meine Achselgrube, meinen Kopf auf Meiuks etwas zu warmen Magen, und schlief so als geehrter Gast auf dem Ehrenplatze ein. Als ich andern Tags wieder erwachte, stand die Sonne fast schon in Mittagshöhe. Frau Eidergans hatte mein Frühstück sehr einladend hergerichtet: ein Klumpen gekochter Speck und eine ausgesuchte Schnitte Fleisch, zusammen an das Ende eines gekrümmten Knochenstücks gespießt. Die Zubereitungen hatte ich nicht gesehen, dränge mich als erfahrener Reisender überhaupt nie in Küchengeheimnisse. Mein Appetit war, wie gewöhnlich, in bester Verfassung, und schon wollte ich das lockende Präsent erfassen, als ich sah, wie die Dame Aningna am andern Kochfeuer mit einem ganz ähnlichen Knochen, der ein allgemein übliches eskimoisches Küchengerät ist, sich gemütlich am Leibe kratzte, dann gleich damit wieder in einen Kochtopf fuhr und ein dampfendes Fleischstück herausholte. Hierbei verging mir aller Appetit. Ich blieb einige Zeit in Eta, untersuchte den Gletscher, machte Skizzen und sah einige alte Bekannte. Die Leute haben hier einen sonderbaren Brauch, der sich übrigens auch bei einigen asiatischen Völkerschaften wiederfindet: ich meine die regelrechten Förmlichkeiten bei der Trauer um ihre Toten. Hier wird systematisch geweint. Wenn einer anfängt, wird erwartet, daß alle einstimmen, und es ist Pflicht der Höflichkeit für die Vornehmsten der Gesellschaft, den Hauptleidtragenden die Augen zu wischen. Oft versammeln sie sich auf Bestellung zu einem großen gemeinschaftlichen Weinen, und zuweilen kommt es vor, daß einer in Tränen ausbricht und die anderen aus Höflichkeit seinem Beispiel folgen, ohne gleich zu wissen, um wen oder was es sich handelt. Denn nicht Todesfälle allein werden so zeremoniös betrauert, jeder andere Unfall kann dazu Anlaß geben, wie: das Mißlingen einer Jagd, das Reißen einer Walroßleine, der Tod eines Hundes. Frau Eidergans geborene Schmalbauch (Iguck) sah einmal von ihrem Kochtopf her nach mir und ließ einen sanften Tränenregen los. Ich kannte die Ursache ihres Schmerzes nicht. Aber mit aller Geistesgegenwart zog ich mein Schnupftuch, wischte ihr höflich die Augen und weinte selbst ein paar Tränen. Dies kleine Intermezzo war bald vorüber. Frau Eidergans ging wieder an ihren Kochtopf und der »Nalegak« an sein Notizbuch. Neben den gewöhnlichen Trauerzeremonien kommen zuweilen, wenn auch nicht immer, Gebräuche ernsteren Charakters vor. Soweit ich mich unterrichten konnte, erstrecken sich die religiösen Begriffe der Eskimos nur bis zur Anerkennung übernatürlicher Wesen, die durch gewisse feierliche Handlungen versöhnt werden müssen. Der Priester und Zauberer (Angekok) des Stammes ist der allgemeine Ratgeber. Er bespricht Krankheiten und Wunden, leitet die Polizei und die Unternehmungen des kleinen Staates und ist, wenn auch nicht dem Namen nach, der Häuptling, so doch in der Tat die Macht hinter dem Throne. Er hat das Recht, Schmerzensopfer anzuordnen, die mitunter sehr drückend sein können. So kann dem verwitweten Gatten befohlen werden, sich der Robben- und Walroßjagd ein Jahr lang zu enthalten. Oefter wird ihm die Enthaltsamkeit von einer beliebten Speise, etwa Kaninchen oder ein Lieblingsstück vom Walroß, geboten, oder man erlegt ihm auf, die Kapuze zurückzuschlagen und unbedeckten Hauptes zu gehen. Eine Schwester Kalutunas starb plötzlich in Peteravik. Ihr Körper wurde in Felle genäht, nicht in sitzender Haltung, sondern langgestreckt. Ihr Gatte trug sie ohne Hilfe nach ihrem Ruheplatz und bedeckte sie, Stein zu Stein fügend, mit einem rohen Kegel. Solange das Leichenbegängnis dauerte, wurde die Specklampe außerhalb der Hütte in Brand gehalten, dann kamen die Trauernden zusammen, um zu klagen und zu weinen, und der Witwer schilderte rührend seinen Schmerz und ihre Tugenden ... – Die Eskimos am Smithsund sind nicht in so günstiger Lage wie die südlicher wohnenden, die an den dänischen Niederlassungen einigen Anhalt haben. Sie sind ein heruntergekommener, erlöschender Stamm, der zu sehr mit des Lebens Notdurft beschäftigt ist, um Erinnerungen aus seiner Vergangenheit aufzubewahren. Ihre Unvorsorglichkeit während der Zeit des Ueberflusses führt im Winter oft Hungersnot herbei. Außerdem nimmt auch der Wildstand im allgemeinen ab, denn die Jagdreviere veröden von Jahr zu Jahr mehr. Die Leute selbst wissen ganz genau, daß sie aussterben, aber dies Bewußtsein stört ihren guten Humor nicht. Umringt von den Gräbern ihrer Toten, von Hütten, die sie noch als bewohnt gekannt, lassen sie sich selbst die Fleischvorräte schmecken, welche von Leuten, die inzwischen gestorben sind, das Jahr vorher unter dem Schnee vergraben worden waren. Auf die Häuptlingswürde scheint bei den grönländischen wie den übrigen Eskimos nur Anspruch zu haben, wer sich als der Stärkste und Mutigste erweist. Sie haben eine gewisse Tradition in Spielen und Uebungen, wodurch diese Ueberlegenheit festgestellt wird. Diese Sitte bestand noch bis in neuere Zeit, und noch jetzt finden sich Reste davon in ihren periodisch wiederkehrenden Belustigungen. Ringen, Springen, Ziehen mit gekrümmtem Finger oder Arm, Gegeneinanderstemmen der Hacken in sitzender Stellung, abwechselnd Schläge auf die linke Schulter geben und empfangen, weiter und mit einem stärkeren Bogen schießen, den schweren Stein eine größere Strecke tragen – solche Uebungen gehören zu den Kraftproben. Ich sah einige solcher Steine in der Fortunabucht und im Discofjord, die als Andenken noch auf der Stelle liegen, wo die Athleten sie hintrugen. Zu den Privilegien des Häuptlings gehörte das zweifelhafte Vorrecht, soviele Weiber zu haben, als er ernähren konnte. Darüber hinaus besaß er wenig andere Auszeichnungen als einen nicht genau umschriebenen Anspruch auf gewisse Jagderträgnisse. In alten Zeiten besaßen die Unternalegaks, die Vorsteher kleinerer Niederlassungen, ihre Stellen ebenfalls dank ihrer persönlichen Ueberlegenheit vor ihresgleichen, und so bestand eine Art von Feudalherrschaft ohne Erblichkeit. Aber auch hier, wie in anderen Feudalstaaten, gab es zuweilen Auflehnung der Barone gegen ihren Oberherrn ... – Die Renntierjäger von Uppernavik pflegten den Lachsfluß bei Swartehuk hinaufzugehen bis zu einem Punkte, von wo aus sie in einem Tagesmarsch Okossikak, ein Jagdrevier der Ominaks, erreichen konnten. Es traf sich einmal, als die Ominaks ungewöhnliches Jagdglück gehabt hatten, daß eine Schar Uppernaviks, vom Glück weniger begünstigt, den Entschluß faßte, jenen in Begleitung ihres Häuptlings, des Oberherrn beider Stämme, einen Plünderungsbesuch abzustatten. Sie fanden die Ominaks um ihren Häuptling versammelt, einen kurzen, stämmigen Burschen, der in seinem Zelt auf ritterliche Weise den Wirt spielte. Aber auf seinen Gruß: »Setzt euch und eßt!«, machte der große Uppernavik, dessen Begleiter seines Winkes gewärtig waren, ein finsteres Gesicht – das Gegenteil dessen, was in der Regel hierauf geschehen muß, nämlich niederzusitzen und sich vollstopfen zu lassen. Da spannte der alte Ominak schweigend einen schweren Bogen, zog den Pfeil bis ans Ohr zurück und begrub ihn in der engen Spalte eines entlegenen Felsens. Dabei murmelte er vor sich hin: »Wer besser ist als ich ...«, der Schluß des Satzes: »– der soll mein Herr sein!« verstand sich von selbst. Da setzten sich die Uppernaviks, aßen, bedankten sich und gingen friedlich ihres Weges. Der Gebrauch, die Braut zu entführen, findet sich, wie bei einigen nordamerikanischen und asiatischen Stämmen, auch bei den Eskimos, und selbst die Bekehrten verzichten nur ungern darauf. Die Mysterien des Angegoks, die in der Nähe der dänischen Ansiedlungen keine offene Anerkennung mehr finden, haben weiter nördlich noch einen sehr wesentlichen Einfluß. Ich habe mehrere dieser Leute persönlich kennengelernt, nachdem meine ärztlichen Leistungen mir ein Ansehen verschafft hatten, das etwa dem ihrigen entsprach. Sie selbst glauben fest an ihre Macht. Ich konnte keine Art von Taschenspielerei oder natürlicher Magie an ihnen entdecken. Ihre Täuschungen beruhen lediglich auf Stimmveränderungen, vielleicht mit ein wenig Bauchrednerei, durch Dunkelheit imposanter gemacht. Sie sprechen unter sich einen eigenen Jargon, der nur eine Entstellung der üblichen Aussprache sein soll. Nächst den Angegoks, die als Spender des Guten angesehen werden, gibt es auch böse Zauberer, denen man all die Untaten zuschreibt, für die man einst in der Christenwelt die Hexen verfolgte. Auch diese Leute werden getötet, und zwar – wenn die alten Gebräuche befolgt werden – mit schauerlichen Zeremonien. Ich sah in Pröven einen alten, in gutem Ruf stehenden Eskimo Tobias, der vor seiner Bekehrung noch einen Zauberer hingerichtet hat. Es war ein alter, kranker Mann, und Tobias – damals hieß er Kamoka – tötete ihn einfach dadurch, daß er ihn harpunierte, in die See warf und hierauf den Leichnam den Hunden überließ. Die Todesstrafe scheint nur bei Kapitalverbrechen vorzukommen. Für geringere Vergehen haben sie eine Art Gerichtsverfahren. Hat ein Eskimo einen andern schwer beleidigt – vielleicht seine Fangleine zerschnitten oder seine Hunde verletzt – so wird er vor den Angegok gefordert. Die Freunde der Parteien und die Müßigen aus weiter Umgegend versammeln sich am Sitz der Justiz; entweder in einer Gruppe von Hütten oder bei gutem Wetter im Freien. Der Ankläger erhebt sich und macht als Einleitung einigen Lärm mit einer Seehundsrippe auf einem Tamtam. Dann geht er zur Anklage über und bringt in langen Tiraden alles Nachteilige und Lächerliche vor, was sich über seinen Gegner auftreiben läßt. Der Angeklagte verharrt in Schweigen. Aber sobald der Redner pausiert und ein Präludium auf seinem Instrument losläßt, ertönt von Freunden und Gegnern ein Beifallsgeschrei, so wohlklingend wie bei manchen Volksversammlungen der zivilisierten Welt. Hierdurch angestachelt und am eigenen Feuer heiß geworden, beginnt der Ankläger seine Angriffe von neuem. Seine Beredsamkeit wird immer ausschweifender und anzüglicher, bis er endlich vor Erschöpfung, oder weil sein Vorrat an Schimpfwörtern nicht weiter reicht, aufhören muß. Nun tritt der Angeklagte auf und gibt ihm alles reichlich zurück, unter abwechselndem Lauschen und Applaudieren der Zuhörerschaft. – Sind die homerischen Debatten geschlossen, so machen die Angegoks ihren Hokuspokus und legen entweder dem Angeklagten für sein Vergehen oder dem Ankläger wegen grundloser Verleumdung eine Buße auf. Letzter Versuch Die sechs vom Unwetter verschlagenen Gäste waren zeitig auf; ich gab ihnen Grüße an Kalutuna mit und ließ ihn einladen, uns auf dem Schiff zu besuchen. Nachmittags folgte ich ihnen mit Meiuk auf die Walroßjagd. Das Walroß liefert den Eskimos um die Rensselaerbucht während des größten Teils des Jahres den hauptsächlichsten Lebensunterhalt. Weiter südlich bis zum Murchinsonkanal tun dies abwechselnd Robben, das See-Einhorn und der weiße Walfisch, die im Smithsund nur zufällig vorkommen. Die Art, das Walroß zu jagen, hängt sehr von der Jahreszeit ab. Im Herbst, wenn das Packeis nur teilweise geschlossen ist, sind sie häufig an den Stellen, wo Wasser und Eis sich mischen. Und da diese späterhin sich schließen, so rücken sie immer weiter nach Süden vor. Die Eskimos nähern sich ihnen dann über das junge Eis und greifen sie in Spalten und Löchern mit Harpunen und Leinen an. Dieser Fang wird mit der kälter und stürmischer werdenden Jahreszeit furchtbar gefährlich; und selten vergeht ein Jahr, ohne daß ein Unglück geschieht. Mit dem zeitigsten Frühjahr, also etwa vier Wochen vor Wiederkehr der Sonne, beginnt die Jagd wieder, und das winterliche Hungerleiden hört auf. Der Januar und Februar sind in der Regel Wochen der Not; aber in der zweiten Märzhälfte setzt die Fischerei ein. Alles gerät dann in Erregung und Feuer. Die Jagd vollzieht sich auf zwei Arten. Zuweilen hat das Walroß einen Eisberg erklettert und sich allzu lange im Sonnenschein gelabt. Das Loch oder die Spalte im Eis ist unterdes zugefroren. Das Tier kann, wie die anderen Robben, gegen das Eis nur von unten herauf wirken; und wenn die rastlosen Jäger es in dieser Lage mit ihren Hunden aufspüren, dann erliegt es ihren Speeren. Im zeitigen Frühjahr haben die Walrosse Junge, und dann ist ihre Glanzperiode. Die Mutter mit ihrem Kalbe wird von dem grimmig aussehenden Vater begleitet, und alle drei fluten sie von Spalte zu Spalte um die Eisberge oder lagern in der Sonne. Auf diesen Streifzügen bringen ihre wachsamen menschlichen Feinde einen andern Jagdkunstgriff in Anwendung. Er wird gleichfalls mit Harpune und Lanze ausgeführt, artet aber oft in einen regelrechten Kampf aus, wobei der Alte wacker standhält und seine unerbittlichen Feinde mit wütender Tapferkeit angreift. Nicht selten werden die Alten samt den Jungen in solcher Schlacht erlegt. Dann sind die Hütten, diese armseligen schneebedeckten Löcher, voller Leben und Tätigkeit. Haufen von Fleisch werden auf dem Eisfuß aufgetürmt. Die Weiber spannen die Häute aus, um Sohlenleder daraus zu fertigen. Die Männer schneiden einiges zu Harpunenleinen aus. Finstere Walroßköpfe starren dann von den Schneebänken herunter, wo sie der Zähne wegen aufgestapelt sind. Die Hunde werden auf dem Eise angebunden. Die Kinder, jedes mit der Rippe irgendeines Seetieres versehen, spielen Ball zwischen den Schneetriften. Noch am Tage meiner Ankunft wurden von den Leuten zu Eta vier Walrosse erlegt, von denen zu Peteravik jedenfalls noch viel mehr. Die Fleischmassen, die so in der günstigen Jahreszeit zusammengebracht werden, sind enorm; man legt sie in Höhlen nieder, die mit schweren Steinen geschlossen werden. Ich habe mehrere dieser Vorratskeller gesehen, die das Fleisch von 10 Walrossen bargen. Die Eskimos sind nie müßig: sie obliegen rastlos der Jagd; und wenn das Unwetter sie verhindert, so bringen sie die inzwischen erlegte Beute in Sicherheit. Bei solchen Erträgnissen sollte man meinen, daß sie im Winter nicht zu darben brauchen. Aber neben ihrer Sorglosigkeit läßt noch ein anderer Grund ihre Vorräte schnell schwinden: der große Verbrauch. Es ist erstaunlich, wieviel eine Familie verzehrt. Allerdings darf man dies nicht so sehr reiner Gefräßigkeit zuschreiben, sondern es erklärt sich vielmehr aus ihren besonderen Lebensverhältnissen und den Anforderungen ihres Organismus. Der Verbrauch an Kohlenstoff in ihrem Körper muß bei den ständigen physischen Anstrengungen in der kalten Luft ins Ungeheure gehen. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß ein Eskimo in Zeiten des Ueberflusses täglich 8 – 10 Pfund Fleisch zu sich nimmt. Die Walrosse scheinen sich das ganze Jahr um die von der Flut zerbrochenen Ränder des Küsteneises aufzuhalten. Denn wenn das Wasser wieder offen wird, sind sie gleich in Haufen da und spielen mit ihren Jungen auf den offenen Stellen. Hier haben sie natürlich von den Jägern des Nordens nichts zu fürchten, da diese keine Kajaks wie im Süden besitzen, sondern ihrem Wild nur auf dem Eise nahe kommen können. Wenn im Spätsommer alles Eis geschmolzen ist, ziehen sich die Walrosse nach den Felsen zurück. Dann sind sie äußerst lebhaft und unruhig. Aber die Eskimos kundschaften ihre Schlupfwinkel sorgfältig aus, verbergen sich zwischen den Klippen, erwarten ihre Ankunft mit geduldigem Schweigen und erlegen sie mit Harpune und Leine. Meine Abreise aus der Etabucht wurde durch Nachrichten vom Schiffe beschleunigt: Hans brachte die Botschaft, daß MacGary gefährlich erkrankt sei. Ich hatte einen Schlitten voll Fleisch, konnte daher mit meinen vier maroden Hunden nicht sehr schnell vorwärts. Aber ich fuhr und lief abwechselnd und war in sieben Stunden nach Empfang der Nachricht auf der Brigg. Glücklicherweise hatte mein ausgezeichneter zweiter Offizier die Krise des Anfalls bereits überstanden. Hans hatte ich mit dem Auftrag zurückgelassen, nach Peteravik zu gehen und Kalutuna nochmals zu einem Besuch auf dem Schiff einzuladen. Des besseren Erfolges halber hatte ich ihm als Geschenk einen Windebaum mitgegeben – ein unschätzbares Material zur Anfertigung von Harpunenschäften. Auf der »Advance« war man um diese Zeit (20. April) beschäftigt, die wenigen noch unverbrannten Balken auszuschneiden und Schlittenkufen daraus zu sägen. Eine harte Arbeit für Invaliden; aber wir brauchten große Schlitten, wenn wir die Boote über das Eis nach dem offenen Wasser bringen wollten, das jetzt leider noch 40 englische Meilen von uns entfernt lag. Unser Aufenthalt wurde dadurch immer öder und ungemütlicher. Am 24. abends kam Hans zurück. Er war schwer mit Fleisch beladen und brachte drei Eskimos mit, deren jeder einen Schlittenzug und völlige Jagdausrüstung besaß. Der vornehmste von ihnen war Kalutuna, ein edler Wilder und in jeder Hinsicht den übrigen Stammesgenossen weit überlegen. Er grüßte mich mit ehrerbietiger Höflichkeit, aber wie ein Mann, der ein Recht darauf besitzt, daß man ihm mit gleicher Achtung begegne. Nach kurzem Austausch der üblichen Begrüßungen setzte er sich auf den Ehrenplatz an meiner Seite. Natürlich wartete ich, bis die Gesellschaft gegessen und geschlafen hatte. Denn bei den Wilden gilt es für unanständig, Eile zu haben. Nach Verteilung einiger Geschenke eröffnete ich ihnen meinen Plan einer nördlichen Inspektionsreise. Kalutuna empfing sein Messer und seine Nadeln mit einem »Kujanaka«, ich danke. Es war die erste Danksagung, die ich von einem Eskimo dieser hohen Regionen hörte. Er nannte mich seinen Freund, erklärte mir, daß er mich sehr liebe und glücklich wäre, den »Nalegak soack« auf einer Jagd zu begleiten. Nunmehr war es möglich, die schließliche Besichtigung der jenseitigen Küsten des Kennedykanals noch durchzuführen. Denn die unentbehrlichen Hunde waren da; die Eskimos hatten sechzehn von ihnen mitgebracht. Am andern Morgen brachen wir auf. Die Gesellschaft bestand aus Kalutuna, Schanghu und Tatterat mit ihren drei Schlitten, aus Hans, mit der Marstonbüchse bewaffnet, und mir. Die Eingeborenen besaßen als Waffen nur ihre langen Messer und ihre Lanzen von See-Einhorn. Unsere ganze Ausrüstung war nichts weniger als schwerfällig: wir führten außer Walroßfleisch nichts mit als das, was wir auf dem Leibe trugen. Walroßfleisch und Speck waren in flachen Scheiben von Zolldicke und etwa so groß wie ein Folioband geschnitten. Nachdem sie gefroren waren, wurden sie unmittelbar auf die Querhölzer der Schlitten gelegt und bildeten so eine Art Boden. Büchse und Schlafsack wurden darauf gebunden, das Ganze mit einem weichgeriebenen Bärenfell überdeckt und mit Riemen von Walroßhaut verschnürt. Mit solcher Ausrüstung paßt der Schlitten wundervoll zu einer wilden Reise. Er kann umherschleudern wie er mag, aber er schlägt nicht um; die Kufen von Walfischknochen halten fest, selbst bei den härtesten Stößen gegen das Eis; das Fleisch, so steif wie ein Brett gefroren, dient dem Fahrer zum Sitz; die Hunde können es nicht erreichen; und hat man Appetit auf eine kalte Schnitte, so dreht man den Schlitten um und hackt das Fleisch zwischen den Querleisten heraus. Eskimo-Schlittenzug In lautem und wildem Chor von Menschen und Hunden jagten wir davon und kamen in etwa zwei Stunden, 15 englische Meilen von der Brigg entfernt, an einen hohen Eisberg. Von hier aus besichtigte ich das Eis vor uns; es war nicht sehr einladend, schien außerdem zerbrochen und verworfen. Dennoch gaben die Eskimos meinen Wünschen nach, den Uebergang zu versuchen; und bald befanden wir uns zwischen den Hummocks. Wir trabten neben dem Schlitten, überkletterten die Zacken und kamen so leidlich vorwärts. Etwa 30 englische Meilen vom Schiff machten wir halt. Schanghu kroch in eine Schneebank und schlief bei 30° Kälte; wir anderen schickten uns zu einem Imbiß an. Der Schlitten wurde umgedreht, und jeder war beschäftigt, sich etwas von dem gefrorenen rohen Fleisch loszuhacken, als der Eskimo Tatterat einen Freudenschrei ausstieß. Er hatte einen Talgklumpen entdeckt, den meine Leute heimlich zu meinem Privatgebrauch mit untergesteckt hatten. Augenblicklich drang sein Messer hinein, und als der innere Gehalt – die Stücke Leber und gekochtes Muskelfleisch – so einladend zum Vorschein kam, konnte auch Kalutuna der Versuchung nicht widerstehen, und beide schmausten die Leckerbissen wie ein Gourmand eine Trüffelpastete. Ich trat hinzu und nahm mir auch meinen Teil; der gute Hans aber war über das rücksichtslose Benehmen der beiden so entrüstet, daß er jede Teilnahme ausschlug. Trotzdem verschwand der zehnpfündige Klumpen in wenigen Minuten. Nach der Mahlzeit brachen wir wieder auf. Alles wäre nach Wunsch verlaufen, hätten nicht die Bären mir mein ganzes Programm über den Haufen geworfen. Mit jedem Eisberg, den wir passierten, wurden die Spuren dieser Tiere zahlreicher; wir sahen auch ihre Lager im Schnee, wo sie auf Robben gelauert hatten. Hierdurch kamen die Hunde schon oft aus der Richtung; aber wir trieben sie vorwärts, bis wir die jenseitige Küste zu Gesicht bekamen und uns nicht sehr weit mehr von den Dreibrüdertürmen befanden. Von hier aus sah ich in der Richtung des Kennedykanals einen dunklen Streifen gelagert: es war der Wasserhimmel, das sicherste Zeichen, daß der Kanal auch jetzt offen sei. Nun begann ich natürlich um den Erfolg der Expedition zu bangen. Im selben Augenblick entdeckten die Hunde einen großen männlichen Bären, der eben eine Robbe verspeiste. Jetzt war für Hunde und Jäger kein Halten mehr; sie blieben taub für alles, was nicht die Bärenhetze betraf. Mit unglaublicher Schnelligkeit flogen sie dahin. Die Männer hingen sich an die Schlitten und trieben die Hunde zu rasender Eile an. Es war die leibhaftige wilde Jagd der Volkssage. Nach einem tollen Rennen wurde das Tier zum Stehen gebracht. Lanze und Büchse taten das übrige; und dann wurde zu allgemeinem Schmause das Lager aufgeschlagen. Die Hunde stopften sich voll, die Jäger nicht minder, den Rest des Wildes verbargen wir im Schnee. Ein zweiter Bär wurde bis zu einem großen Eisberg nördlich vom Kap Russel verfolgt, denn wir befanden uns jetzt in der Nähe des »großen Gletschers«. Aber die Hunde waren so überfressen, daß sie nicht weiter konnten, und mit ihren Herren stand es nicht viel besser. Eine Rast war unvermeidlich. Eskimos im Kampf mit einem Eisbären Am nächsten Morgen versuchte ich abermals, meine Freunde zur Fahrt gen Norden zu bewegen. Doch da die Bären auf der grönländischen Seite so zahlreich waren, hatten sie beschlossen, nach dem großen Gletscher einzulenken. Sie behaupteten mit völliger Sicherheit, daß sie an einem Fuße zwischen den Eisbergen viel Wild finden würden. Keine noch so dringenden Vorstellungen konnten sie bewegen, in der vereinbarten Richtung zu bleiben. Sie erklärten es für unmöglich, so hoch oben über den Kanal zu gehen. Kalutuna fügte bezeichnend hinzu, daß sie das Bärenfleisch durchaus nötig zum Unterhalt ihrer Familie brauchten, und daß der Nalegak kein Recht habe, sie an der Versorgung ihres Haushaltes zu hindern. Ich sah ein, daß ich die Besichtigung der Nordküste für dieses Mal aufgeben mußte. Ich wünschte mich baldigst zurück, um einen letzten Versuch mit Metek zu machen, ob er mir Hunde entweder leihen oder verkaufen wolle. Doch selbst dies ging nicht gleich; denn der ganze Tag wurde mit der Bärenjagd verbracht. Die Eskimos, so zügellos wie ihre Hunde, umfuhren die ganze Dallasbucht und machten endlich unter einer der Inseln unweit des Gletschers halt. So unerwünscht mir die Verzögerung war, verschaffte sie mir doch den Genuß, den »großen Gletscher«, dies staunenswerte Eismonument, endlich einmal mit Muße betrachten zu können. Schon seit einigen Stunden hatte ich ihn über dem Eise wie eine weiße Nebelwolke hängen sehen; jetzt aber stieg er in klaren Umrissen und fast senkrecht vor mir in die Höhe. Der ganze vorher so undeutliche und verschwommene Horizont war von langen Reihen Eisbergen unterbrochen, und wenn die Hunde, von dem Geschrei ihrer wilden Treiber gehetzt, dahinrasten und sich tiefer und tiefer in dem Eislabyrinth verloren, so schien es, als wollten die Schranken einer Eiswelt uns enger und enger einschließen. Endlich hielten meine Gefährten. Und während sie ruhten und abfütterten, hatte ich Zeit, einen der höchsten Eisberge zu erklimmen. Die Atmosphäre war günstig: die blauen Kuppen von Washingtons Land waren in voller Sicht, und das schöne Kap John Barrow verlor sich in einer dunklen Wasserwolke. Später bogen wir nach der kleinen Gruppe felsiger Inselchen ein, die dicht am Fuß des Gletschers liegen. Von solch einer Insel, der nächsten am Gletscher, die noch mit einiger Sicherheit betreten werden konnte, sah ich in noch größerer Nähe eine andere umfangreiche Insel, die von der hereinhängenden Gletschermasse bereits halb begraben war, und noch immer lösten sich große Eismassen ab und stürzten zersplitternd herunter. Ruhe war nicht der Charakter dieser anscheinend soliden Masse sondern alles zeigte Leben, Bewegung und Energie ... – Als ich sah, daß die Jäger sich endlich wieder zusammengefunden, klappte ich mein Skizzenbuch zu und begab mich zu ihnen. Wir gruben uns in einer Schneewehe eine Höhle, legten uns mit den Hunden hinein, wärmten uns gegenseitig und schliefen recht behaglich. Zwar stürzte die Höhle über Nacht ein, doch wir waren so müde, daß wir darüber gar nicht aufwachten. Am folgenden Tage begann die Jagd längs des Gletschers und meine Ungeduld von neuem. Daher gereichte es mir wirklich zur Freude, als Kalutuna meinem wiederholten Zureden endlich nachgab und sein Gespann nach dem Eisgürtel der südöstlichen Küste umlenkte. Die Stelle, an der wir landeten, nannte ich Kap Kent. Es war ein hochragendes Vorgebirge, der Eisgürtel an seiner Basis übersät von herabgestürzten Felsbrocken. Als ich diesen Eisgürtel entlang sah, der in weiter Ferne kein Ende erkennen ließ, wie er mit Millionen Tonnen von Trümmern aller Art beladen war: Grünstein und Kalkstein und Chloritschiefer, rund und eckig, massig und zerkleinert – da fiel es mir erst recht deutlich auf, wie ungeheuer die Verflößung von Felstrümmern auf Treibeis ist, die in der Geologie eine so große Rolle spielt. Weit unten im Süden – in den gefrorenen Gewässern der Marschallbucht – hatte ich die durch den Frost aufgehaltenen Bruchstücke des vorjährigen Eisgürtels gesehen, jedes noch mit seiner schweren Last fremden Materials beladen. In der südöstlichen Ecke der Dallasbucht, wo einige niedrige Inseln an der Mündung des Fjords etwas Schutz gegen die Nordwinde gewähren, fanden wir Ueberbleibsel eskimoischer Bauwerke: Hütten, Steinkegel und Gräber. Obgleich sie offenbar längst verlassen waren, schienen meine Begleiter doch alle Einzelheiten recht gut zu kennen. Denn sie unterbrachen ihre Jagd zwischen den Eisbergen, um einen Blick auf diese Denkmäler einer dahingeschwundenen Generation ihrer Väter zu werfen. Es waren fünf Hütten mit zwei Steinpostamenten zum Darauflegen von Fleisch, und einem der seltsamen kleinen Käfige, die als Schlafstellen dienen, wenn die Hütte überfüllt ist. Die Gräber lagen höher am Fjord hinauf. Von dem einen nahm ich ein Messer aus Knochen, fand aber keine Spur von Eisen. Die Hütten standen hoch über Wasser auf einer terrassenförmigen Berglehne. Der Eisgürtel unterhalb war alt, besaß keine Anzeichen von Zerstörung und mußte in diesem Zustand schon viele Jahre gewesen sein. Ebenso alt erschien die Eisdecke der Bucht. Und dennoch lagen um diese alten Wohnstätten Knochen von Robben und Walrossen umher, auch der Rückenwirbel eines Walfisches fand sich. Also mußte hier vor langen, langen Jahren offenes Wasser und ein Jagdrevier gewesen sein; jedenfalls hatten die Hütten damals dicht am Wasser gestanden. » Una suna nuna ?« – Was für ein Land ist dies? fragte ich Kalutuna. Seine Antwort war lang, aber ich verstand sie nicht. Unser Dolmetscher sagte mir, daß der Ort noch immer »die bewohnte Stelle« heiße, und daß die Erzählung noch unter ihnen lebendig sei, wie einst Familien hier am offenen Wasser gehaust und Moschusochsen die Hügel bewohnt hätten. Wir folgten dem Eisgürtel und schnitten nur die Buchten ab. Am nächsten Tage langten wir wieder auf der Brigg an. Die ganze Reise hatte aus einer fast ununterbrochenen Folge sich immer gleichbleibender Bärenjagden bestanden. Sie waren stets interessant als charakteristischer Zug dieses rohen Volkes, obgleich sie für mich den Reiz der Neuheit verloren hatten. Die Hunde werden sorgfältig darauf abgerichtet, daß sie sich mit den Bären in keinen Kampf einlassen, sondern nur seine Flucht aufhalten. Während der eine von vorn die Aufmerksamkeit des Bären auf sich zieht, fällt ihn der andere von hinten an. Und da sie beständig auf der Hut sind und einer den andern schützt, so geschieht es selten, daß sie ernstlich zu Schaden kommen oder daß es ihnen mißlingt, das Tier so lange aufzuhalten, bis die Jäger herankommen. Eskimohütte Nehmen wir an, ein Bär soll am Fuß eines Eisberges aufgespürt werden. Der Eskimo prüft die Spur sorgfältig und scharfsinnig. Er erkennt, wie alt sie ist, wo sie hinführt, und wieviel oder wie wenig Eile das Tier hatte, als es hier vorbeizog. Dann setzt er die Hunde auf die Fährte und trabt mit ihnen schweigend über das Eis hin. Um eine Ecke biegend, bekommen sie den Bären zu Gesicht, der wahrscheinlich gemächlich dahintrottet und nur zuweilen mißtrauisch in der Luft schnüffelt. Die Hunde brechen in ein wölfisches Geheul aus und springen an; der Jäger schreit »Nannuk, nannuk!« und alle Sehnen straffen sich zu wilder Verfolgung. Der Bär erhebt sich auf den Hinterbeinen, mustert seine Verfolger und stürmt in wilder Flucht davon. Der Jäger stemmt sich während des Laufens auf seinen Schlitten, erfaßt die Leinen von ein paar Hunden und macht sie los. Alles ist das Werk einer Minute. Die Hetzjagd wird nicht unterbrochen. Die übrigen Zughunde stürmen mit anscheinender Leichtigkeit vorwärts. Jetzt – schon scharf bedrängt, gewinnt der Bär einen Eisberg und stellt sich; die beiden Verfolger halten auf kurze Entfernung von ihm und erwarten ruhig die Ankunft des Jägers. In diesem Moment wird der ganze übrige Zug losgelassen, der Jäger erfaßt seine Lanze, stolpert über Schnee und Eis vorwärts und macht sich zum Angriff bereit. Handelt es sich um zwei Jäger, dann wird der Bär mit Leichtigkeit erlegt; der eine macht eine Finte, als wollte er ihm den Speer in die Seite stoßen, das Tier wirft seine Tatzen nach der bedrohten Flanke, läßt dadurch die linke Seite ungedeckt und empfängt hier die Todeswunde. Doch auch ein einzelner Jäger zaudert nicht. Die Lanze fest mit den Händen gepackt, reizt er das Tier zur Verfolgung, indem er ihm rasch über den Weg springt und sich den Anschein gibt, als wolle er fliehen. Kaum aber hat das schwerfällige riesige Tier sich in dieselbe Richtung eingestellt, so springt der Jäger mit blitzschnellem Satz nach seiner früheren Stelle zurück. Der Bär will sich nun abermals wenden, aber noch während er diese Bewegung ausführt, fährt ihm die Lanze unter der linken Schulter in die Seite. Zu diesem Stoß gehört soviel Geschicklichkeit, daß ein ungeübter Jäger oft die Lanze stecken lassen und um sein Leben laufen muß. Aber selbst dann wird es einem geschickten und kaltblütigen Manne, mit guter Unterstützung durch die Hunde, selten mißlingen, den Bären schließlich zu erlegen. Die Eskimos der Etabucht tragen aus diesen Kämpfen manche Wunde davon. Von sieben Jägern, die im Dezember die Brigg besuchten, hatten nicht weniger als fünf Zahnspuren des Bären aufzuweisen. Das Tier soll hier oben wilder sein als weiter südlich. Es braucht seine Zähne nicht häufiger, als allgemein angenommen wird. Der erstickenden Umarmung und des Boxens – Gewohnheiten des braunen und grauen Bären – bedient sich der weiße nur unter ganz besonderen Umständen. Während er über seine Eisfelder wandert, erhebt er sich auf die Hinterbeine, um bessere Fernsicht zu haben. In dieser Stellung sah ich ihn oft mit den Vordertatzen in der Luft herumschlagen, als wolle er sich für einen bevorstehenden Kampf einüben. Aber nur wenn er völlig umstellt ist oder wenn eine Mutter ihr Junges zu verteidigen hat, ficht der Polarbär auf den Hacken sitzend ... – Voll bepackt mit Holz und anderen Geschenken, verließen die Eskimojäger nach einer Tagesrast das Schiff. Sie versprachen, Metek womöglich zu veranlassen, daß er mit seinen vier Hunden heraufkomme. Sie selbst willigten ein, mir von jedem Zuge einen Hund zu leihen. Ich empfand es als Genugtuung, daß ich diesen anfangs so mißtrauischen Leuten jetzt in anderem Licht erschien. Ohne einen Schatten von Zweifel in meine Ehrlichkeit zu setzen, ließen sie mir jeder seinen Hund zurück und baten nur, auf die Pfoten der armen Tiere zu achten, da die Hungersnot sie um fast alle Hunde gebracht habe ... – Der Mai war nun herangekommen. Metek – weniger vertrauensvoll, weil weniger vertrauenswert als Kalutuna – kam nicht mit den Hunden; und unser eigener abgetriebener Zug wurde fast täglich gebraucht, um Lebensmittel von Eta zu holen. Alles mahnte mich, daß es bald Zeit sei, das Schiff zu verlassen und unser Schicksal den Eisfeldern anzuvertrauen. Unsere Vorbereitungen waren gut gefördert und die Leute soweit wieder gesundet, daß alle, mit Ausnahme von dreien oder vieren, mit Hand anlegen konnten. Aber ich konnte mich nicht entschließen, die Gegend zu verlassen, ohne noch einen letzten Versuch unternommen zu haben, die jenseitigen Küsten des Kanals zu erreichen. Durch unsere Verbindung mit den Eskimos und ein paar eigene gute Jagderfolge waren wir für wenigstens eine Woche mit Lebensmitteln versehen. Ich sprach mit den Offizieren, verteilte die Arbeiten, die während meiner Abwesenheit erledigt werden sollten, und fuhr mit Morton noch einmal los. Wir hatten einen leichten Schlitten mit unseren und zwei von den geliehenen Hunden bespannt, wir selbst gingen zu Fuß. Tapfer erkämpften wir uns unsern Weg durch das Eis, hatten Fährlichkeiten bei Tage und bei Nacht. Doch außer einer Reihe von Beobachtungen, durch die wir unsere Karten berichtigen und vervollständigen konnten, erzielten wir kein weiteres Resultat. Wir fanden endlich unsern Weg zum Schiff zurück – Morton aufs neue zusammengebrochen, und ich gerade noch fähig, unsere schließliche Abreise zu überwachen. Die Aufsuchungsarbeiten waren hiermit geschlossen. Wir verlassen das Schiff Die Einzelheiten der Vorbereitung zu unserer Flucht waren immerhin so wichtig für uns, daß ich sie nicht ganz mit Schweigen übergehen kann. Sie hatten schon zeitig im Herbst begonnen und waren auch während unserer härtesten Winterprüfungen nie ganz eingestellt worden. Alles, was die Hände rühren konnte – und wäre es auch nur zum Eiderdaunenzupfen gewesen – fand jeden Augenblick der Muße eine nützliche Verwendung. Aber seitdem unsere Mannschaft durch reichlichere Kost wieder Spannkraft bekommen, wurden unsere Beschäftigungen systematischer und mannigfaltiger. Die Anfertigung von Bekleidungsstücken war gut vorwärtsgeschritten. Für jeden waren Mokassins von Segeltuch vorhanden, und drei Dutzend lagen noch überschüssig im Vorrat. Jeder hatte drei Paar Stiefel, meist aus Teppichzeug mit Sohlen von Walroß- und Seehundshaut. Auch das Leder von den Heizgeräten der Brigg und das Sprachrohr aus Guttapercha wurden verschustert. Die Wolldecken wurden in Oberkleider verwandelt. Jeder war sein eigener Schneider. Die wollenen Vorhänge, die früher unsere Kojen geziert hatten, gaben ein paar große Bettbezüge, die mit Eiderdaunen vollgestopft wurden. Zwei Büffelpelze von gleicher Größe wurden so eingerichtet, daß sie an diese Federbetten angeknüpft werden konnten, so daß sie nach Bedarf in Schlafsäcke verwandelt und später zum Trocknen und Lüften leicht wieder auseinandergenommen werden konnten. Unsere Säcke für Lebensmittel waren so abgemessen, daß sie unter den Bänken der Boote Platz fanden. Wir hatten sie durch Teer und Pech wasserdicht gemacht, nachdem sie vorher gegen diese Stoffe durch eine Lage von Gips und Mehlkleister undurchdringlich geworden. Jeder Sack wurde fest mit Stricken eingeschnürt. All diese Handarbeiten hatten uns im Winter und mehr noch im Frühling Beschäftigung gegeben und den Geist einigermaßen in Spannung gehalten. Aber es gab noch mehr zu tun. Das Schiffsbrot wurde mit Hebebäumen zu Pulver geschlagen und dies in Säcken gestampft. Schweinefett und Talg schmolzen wir ein, füllten es in Säcke und ließen es gefrieren. Ein Vorrat eingedickter Bohnensuppe wurde in gleicher Weise für die Zukunft aufbewahrt; und das Mehl wie der Rest von Fleischzwieback wurden durch doppelte Säcke vor der Nässe geschützt. Dies war alles, was wir an Lebensmitteln mit uns zu nehmen hatten. In der ersten Zeit nach unserm Aufbruch, während wir unsere fahrende Habe über das Eis schleppten, mußte sich Zeit genug finden, noch einige Male mit dem Hundeschlitten nach dem Schiff zurückzukehren und mancherlei zurückgelassene Lebensmittel nachzuholen. Im übrigen waren wir auf unsere Gewehre angewiesen. Neben alledem hatten wir unsern Lagerbedarf und die hochwichtige Ausrüstung der Boote und Schlitten zu besorgen. Wir besaßen drei Boote, die durch Stürme und Eis alle stark mitgenommen waren. Zwei davon waren Walfischboote aus Zedernholz, 26 Fuß lang, 7 Fuß in der Mitte breit und 3 Fuß tief. Sie wurden im Kiel und Boden durch eichene Balken und Rippen verstärkt, durch ein Aufsatzbord um sechs Zoll vertieft, und erhielten ein nettes Zeltdach von Segeltuch. Unsere vorjährige vergebliche Fahrt nach der Beechy-Insel hatte mich belehrt, daß es besser sei, jedem Boot nur einen Mast zu geben. Sie bekamen einen sehr starken, von dem man hoffen konnte, daß er sowohl auf dem Eise wie auf dem Wasser werde Segel tragen können. Das dritte Boot war unser »roter Erich«. Wir setzten es auf den alten Schlitten »Faith«; nicht so sehr in der Hoffnung, beide zur Fahrt zu benutzen, sondern eigentlich nur, um im Notfall Brennholz zu haben, wenn es uns an Speck mangeln sollte. Trotz all unserer Zimmermannskunst war keines der Boote seetüchtig zu nennen. Sie wurden alle drei auf Schlitten gestellt, die von der Mannschaft durch Stricke und Schulterriemen gezogen werden mußten. Die Lebensmittel wurden sorgfältig unter den Ruderbänken verstaut, die wissenschaftlichen Instrumente kamen unter die Rudertaljen eines unserer Boote, der »Hoffnung«; unseren schönen Theodoliten mußten wir als zu groß und zu schwer leider im Stich lassen. Pulver und Blei, von denen unser Leben abhing, wurden sorgsam in Beutel und Zinnbüchsen verteilt, die Zündhütchen, kostbarer als Gold, nahm ich persönlich in Verwahrung. Es wurden Plätze für die Gewehre eingerichtet und Jäger für jedes Boot ernannt. Die Kochapparate betreute Petersen, der ein sehr guter Metallflicker war. Sogar die alten Ofenrohre, die zwei arktische Winter durchgemacht, fanden noch Verwendung; jedes Boot hatte zwei große, eiserne Hohlzylinder als Wetterschutz für das Feuer, das in eisernen Näpfen voll Schweinefett oder Speck mittels starker Dochte unterhalten wurde. In diese Zylinder wurden Zinngefäße eingehangen, worin man Schnee schmelzen oder Tee und Suppe kochen konnte. Diese Zinngefäße waren aus zerschnittenen Zwiebackbüchsen angefertigt. Es war gut, daß wir hiervon etwas zuzusetzen hatten, denn sie hielten das Feuer nicht lange aus. Doch wir mußten auch mit dem Zinn sparsam umgehen, denn wir brauchten es als Bootbeschlag gegen das Eis. Unsere Küchengeräte waren so radikal aufgebraucht, daß wir weder Tassen noch Teller mehr besaßen, ausgenommen irdene, die die Reise nicht aushalten konnten. Deshalb schnitten wir Teller aus allen möglichen zurückgelegten Zinnwaren. Die Fleischzwiebackbüchsen gaben ein schönes Service, und einige früher der naturhistorischen Sammlung angehörige Büchsen mit den schauerlichen Aufschriften »Aetzsublimat« und »Arsenik« wurden ausgeleert, gescheuert und zu Teetassen verarbeitet. Um den Gedanken eine feste Richtung zu geben, hatte ich den Tag der Abreise im voraus auf den 17. Mai angesetzt. Jeder Mann erhielt 24 Stunden für sich, um seine acht Pfund Privateffekten auszuwählen und in Ordnung zu bringen. Nach dieser Zeit gehörte er nicht mehr sich selbst, sondern ausschließlich der Allgemeinheit. Das lange geduldete Bummelleben unserer Rekonvaleszenten hatte sie verwöhnt, deshalb fanden sie sich schwer in diese Anordnung. Einige von ihnen arbeiteten noch an Dingen, die ihnen persönlich wichtig sein mochten. Jetzt warfen sie sie in Patientenlaune unvollendet weg. Ich hieß sie in einzelnen Fällen aufheben und von anderen fertigmachen. Aber meine einmal gegebene Anordnung hielt ich unerbittlich aufrecht. Denn es war unumgänglich, alle Gedanken und Kräfte des einzelnen auf das eine große, gemeinsame Werk zu richten: die Abreise auf Nimmerwiederkehr. Es gibt leider wenig Menschen, die das Mißgeschick erhebt. Nicht ein Zeichen von Freude und Lebhaftigkeit war an den Leuten zu bemerken, als wir endlich begannen, die Boote auf die Schlitten zu setzen und nach dem Eisfluß hinüberzuschaffen. Es gab viele Zweifler, die gar nicht glauben wollten, daß es wirklich heimginge. Sie meinten, es werde einen gewöhnlichen Ausflug geben und man werde schließlich immer wieder auf das Schiff zurückkehren. Als wir die glatte Eisfläche vom Schiff aus überfuhren, was sehr gut ging, da die Boote ihre Ladung noch nicht hatten, hob sich die Stimmung schon bedeutend; die Unglückspropheten hatten behauptet, die Schlitten würden keinen Zoll breit von der Stelle rücken. Das erste harte Werk war der Transport der Bootschlitten über das viele Brucheis, das zwischen der Eisfläche und dem Eisfuß lag. Doch in 24 Stunden hatten wir es geschafft, und unsere kleinen Archen standen glücklich oben mit ihrer netten Zeltbedachung und dem übrigen Ausputz, dem sogar eine, aus einem alten Hemd gefertigte, kleine amerikanische Flagge nicht fehlte. Alle gingen hierauf wieder an Bord, wo uns das beste Abendessen labte, das unter solchen Umständen noch aufzutreiben war, dann legten wir uns schlafen und träumten von der Abreise am nächsten Tage. Die Leute waren aber fast alle noch Invaliden und der Arbeit wie der freien Luft entwöhnt, man durfte sie nur sehr allmählich wieder daran gewöhnen. So machten wir am ersten Tage auch nur zwei Meilen, und zwar lediglich mit dem einen Boot; in dieser Weise wurden sie auch die nächsten Tage noch geschont. Sie kehrten zeitig zurück zu einem tüchtigen Abendessen und warmen Betten, und ich hatte die Freude, sie jeden Tag gestärkt und wohlgemut wieder auszusenden. Das Wetter war glücklicherweise prächtig. Unser letzter Abschied vom Schiff aber vollzog sich in feierlicher Form. Die ganze Mannschaft versammelte sich in dem ausgeräumten und zerstörten Winterverschlag, um an der Zeremonie teilzunehmen. Es war ein Sonntag. Die Mooswände waren niedergerissen und ihre Holzstützen verbrannt worden. Die Betten hatte man bereits nach den Booten geschafft; der ganze Raum war leer und kalt, alles ringsum öde und trostlos. Wir lasen die Gebete und ein Kapitel aus der Bibel, und dann, als alle schweigend in der Runde standen, löste ich das Bild Franklins aus seinem Rahmen und wickelte es in eine Gummirolle. Danach verlas ich die von verschiedenen zu Inspektionen Beauftragten eingereichten Berichte, die alle die Notwendigkeit eines Rückzuges aus der Polarregion klar ergaben. Dann wandte ich mich an die ganze Mannschaft; ich suchte nicht die Beschwerden zu beschönigen, die unserer warteten; aber ich versicherte sie, daß durch Energie und strenge Disziplin alle zu besiegen sein würden, daß die 1300 Meilen von Eis und Wasser, die zwischen uns und den nördlichsten Ansiedlungen von Grönland lagen, mit Sicherheit für die meisten von uns, mit Hoffnung für uns alle zurückgelegt werden könnten. Ich fügte hinzu, daß Ehre und Religion uns als Kameraden und Christen die Pflicht auferlegten, jede Rücksicht auf die eigene Person zum Schutze der Verwundeten und Kranken hintanzusetzen, und daß dies für jeden und unter allen Umständen die oberste Verhaltungsmaßregel sei. Zum Schlusse gab ich ihnen zu beherzigen, wie viele Prüfungen wir bereits überstanden, und wie oft eine unsichtbare Macht jeden von uns aus Not und Gefahr errettet habe. So ermahnte ich sie, Vertrauen auf den zu haben, der in seinen Beschlüssen nicht wankend werde. Meine Worte fanden gute Aufnahme. Nach kurzer Beratung setzte einer der Offiziere eine schriftliche Erklärung auf, worin meinen Ansichten volle Zustimmung erteilt und treue Mitwirkung bei dem Unternehmen, den Süden in Booten zu erreichen, zugesagt wurde. Alle ohne Ausnahme unterschrieben. Die von mir verlesene Auseinandersetzung der Gründe, die mich zur Aufgabe der »Advance« bewegen, heftete ich jetzt an eine Strebe neben dem Schiffsaufgange, wo sie jedem in die Augen fallen mußte, der etwa in der Folge, wenn ein Unglück uns überkommen, die Brigg besuchen sollte. Sie schloß mit folgenden Worten: »Ich betrachte das Verlassen des Schiffes als unvermeidlich. Wir haben nur noch für 36 Tage Lebensmittel, und eine sorgfältige Untersuchung hat uns belehrt, daß wir unserm Fahrzeug nicht länger Brennholz entnehmen können, ohne es gänzlich seeuntüchtig zu machen. In einem dritten Winter würden wir, um nicht zu verhungern, gezwungen sein, in der Weise der Eskimos zu leben, und alle Hoffnung aufgeben müssen, bei dem Schiff und seinen Hilfsmitteln zu bleiben. In keiner Weise würde daher für die Auffindung Franklins noch etwas geschehen können. Unter allen Umständen würde ein längeres Ausharren denen von unserer Gesellschaft verderblich werden, die bereits unter der außerordentlichen Strenge des Klimas und seinen krankmachenden Einflüssen leiden. Der Skorbut hat jedes Mitglied der Expedition geschwächt, und eine außergewöhnliche, mit Starrkrampf verwandte Krankheit hat zwei von unseren besten Leuten dahingerafft. Ich glaube von mir und meinen Gefährten sagen zu können, daß wir alles, was erwartet werden konnte, getan haben, um unsere Ausdauer und Hingebung für unser Unternehmen zu beweisen. Der Versuch, durch Ueberschreitung des Eises mit Schlitten endlich zu entkommen, erscheint mir als eine gebieterische Pflicht, als das einzige Mittel, unser Leben und die mühsam erlangten Resultate der Expedition zu retten! Advance , 20. Mai 1855. E. K. Kane.« Dann versammelten wir uns auf Deck. Die Flaggen wurden aufgehißt und wieder eingezogen. Die Leute machten noch ein paarmal die Runde um das Schiff, musterten den Bau und tauschten Bemerkungen aus über die zahlreichen Defekte und Wunden, die wir ihm durch das fortgesetzte Ausholzen geschlagen. Das Gallionbild, »die schöne Auguste« genannt, eine kleine, blaue Mädchenfigur mit hochroten Wangen, die ihre Brust und Nase zwischen Eisbergen eingebüßt, wurde herabgenommen und an Bord des Bootes »Hoffnung« geschafft. Als ich zögerte, diese neue Belastung noch aufzunehmen, erklärten die Leute: »Sie ist jedenfalls Holz. Und wenn wir sie nicht fortbringen, können wir sie verbrennen.« Als wir alle reisefertig waren, kletterten wir noch einmal über das Eis nach den Booten. Hier wurde alles gemustert, und jedes Boot erhielt seine Leute zugeteilt. Jeder Mann trug wollene Unterkleider und darüber einen vollständigen Pelzanzug nach Art der Eskimos, die schon beschriebenen Stiefel und Socken zum Wechseln, einen Schulterriemen zum Ziehen und eine große Schneebrille, ebenfalls nach Eskimoart dadurch gefertigt, daß man einen feinen Spalt in ein Stückchen Holz schnitt. Einige hatten ganze Gesichtsmasken aus Guttapercha, was aber noch weniger elegant wirkte als die Holzbrillen. Abgerechnet vier Kranke, die sich nicht regen konnten, und mich selbst, der ich das Hundegespann zu führen und den allgemeinen Schaffner- und Kurierdienst zu versehen hatte, blieben nur zwölf Männer, was für jeden Schlitten sechs ergeben hätte, also zu wenig, um ihn fortzubringen. Man mußte sich daher entschließen, nur einen Schlitten auf einmal zu nehmen und den anderen jedesmal nachzuholen. Die Tagesordnung für die Reise war von mir genau entworfen worden; sie begann und schloß mit einem allgemeinen Gebet. Jeder hatte sein ihm zugewiesenes Amt. Das Kochen ging reihum. Die Bootsschlitten machten nur kurze Fahrten, jeder etwas über eine englische Meile täglich. Es war grundlegende Regel, daß niemals von neuem aufgebrochen wurde, bevor nicht alle ordentlich ausgeschlafen und geruht hatten. Die Weiterreise richtete sich also weniger nach festgesetzten Stunden als nach dem Zustande der Mannschaft. Dabei war Bestimmung, die Mittagszeit und den grellsten Sonnenschein zu verschlafen. In den wohlüberdeckten, mit Menschen und Schlafutensilien vollgestopften Booten fanden die Müden eine leidliche Bequemlichkeit, obgleich die Luft immer noch kalt genug war. Am 24. waren beide Schlitten erst sieben englische Meilen vom Schiffe entfernt. Während dieses langsamen Vorrückens war ich vollauf beschäftigt mit Fahrten zwischen der Station Anoatok, den Eskimohütten und der verlassenen Brigg. Schon während der Vorbereitungen zur Abreise hatte ich Anoatok (d. h. den von den Winden geliebten Ort) zu einer Zwischenstation und einem Ruheplatz für unsere Kranken während der Unruhe der Abreise ausersehen. Der verfallene Steinkeller wurde ausgebessert, gereinigt, mit einer Art Ofen und einem Rauchrohr versehen und das Innere durch Hobelspäne, Kissen und Decken so wohnlich als möglich gemacht. Am 15. Mai wurde mit dem Fortschaffen der Kranken nach der Hütte begonnen und nach und nach auch ein großer Teil der Lebensmittel vorausgeschafft und in der Nähe versteckt. Denn die geschwächten Leute hatten an den Booten und Schlitten schon genug zu ziehen. Alle diese Transporte erfolgten durch unser kleines Hundegespann, ohne welches unser Fluchtversuch gewiß jämmerlich gescheitert wäre. Sie zogen in den nächsten vierzehn Tagen nach der Abreise den Schlitten in verschiedenen Fahrten zwischen 700 und 800 englischen Meilen weit. Viele einzelne Vorfälle, so interessant und wichtig sie auch für uns waren, können hier nicht erzählt werden. Der Anfang der Reise ging schlecht genug; die Leute an den Schlitten verloren oft den Mut und wurden hinfällig. Bei einzelnen zeigten sich Anschwellungen und Skorbutanfälle. Es war klar, daß sie ohne bessere Kost nicht bestehen konnten; sie mußten, wenn schon nicht frisches Fleisch, so doch zumindest frisches Brot und heißen Tee haben. Während ich Godfrey nach Eta sandte, jagte ich mit Morton nach dem Schiff zurück, das jetzt ein trauriger Aufenthalt war. Alles umher sah ganz so aus wie im vorigen Jahr bei dem Leichenbegängnis unsers Kameraden. Magog, ein alter Rabe, einer von dem Paare, das sich zwei Jahre in unserer Nähe aufgehalten, hatte von der Brigg Besitz genommen. Wir zündeten Feuer an, schmolzen Speck und buken reichlich Brot, fanden auch noch einige Bohnen und getrocknete Aepfel. Nach kurzer Rast machten wir uns auf den Rückweg und verteilten unsere Vorräte an die Leute auf dem Eise. Sofort eilte ich nach der Krankenstation, wo damals noch die Patienten lagen, die ich in hilflosem Zustand fand. Ihre Lebensmittel waren erschöpft, die Lampe verlöscht, der Sturm hatte den Eingang erbrochen und das Innere mit Schnee gefüllt, ohne daß sie es hätten hindern können. Nachdem ich hier Ordnung geschaffen und die Kranken erwärmt, getrocknet und erquickt hatte, taten wir einen langen Schlaf und ließen einen schweren Sturm sich austoben. Nach einiger Zeit stellte sich hier Godfrey ein und brachte Metek mit; sie hatten auf zwei Schlitten reichliche Fleischvorräte. Mit einem Teil davon eilte ich sogleich zu den Leuten auf dem Eise und fand sie im Kampf mit den Schneewehen des letzten Sturmes sehr erschöpft, doch nicht entmutigt. Abermals fuhr ich nach dem Schiff, diesmal außer von Morton noch von Metek mit seinem Schlitten begleitet, um Brot zu backen. Wie dies Brot oder Mehlpudding in drei Stunden bereitet werden kann, soll hier nicht verraten werden – genug, es geht! Wir packten Metek eine Ladung von 150 Pfund auf seinen Schlitten, an Herrn Brooks adressiert. Er lieferte sie ab, hatte jedoch eine schriftliche Weisung für diesen, daß er ihn sogleich wieder zum Schiff senden solle, beiseitegebracht. Es half ihm aber nichts. Wir brauchten ihn und seine Hunde zu notwendig; und außerdem konnte er uns nicht entgehen, da seine Wohnung jenseits lag und es nur einen Weg dahin gab. Er kam also wieder. Wir hatten in der Zwischenzeit etwa 100 Pfund Gebäck fertig und ein paar Säcke Schweinefett ausgeschmolzen. Nach diesem starken Tagewerk gingen wir zu Bett. Zu Bett! Es war nichts mehr vorhanden, was dem ähnlich gesehen hätte. Wir trennten die alten Matratzen auf, krochen in die Polsterhaare hinein und schliefen gut genug. Wir verließen das Schiff mit zwei starken Schlittenladungen; es waren die letzten Vorräte, die mitgenommen werden konnten. Zu meinem großen Bedauern mußte manches zurückbleiben, unter anderem die so mühsam zusammengebrachte naturhistorische Sammlung, mehrere Instrumente und meine stillen Freunde, die Bücher. Ich warf einen letzten Abschiedsblick auf alles rund um mich und gab dann meinen Hunden das Peitschensignal zur Abfahrt. Nachdem wir so unsere Mundvorräte glücklich in Anoatok zusammen hatten, bestimmte ich sofort zwei südlicher gelegene Stationen, wohin sie vorauszuschaffen seien; die eine hieß Navialik, der Platz der dicken Möven, eine Landspitze gegenüber Kap Hatherton, die andere war eine ebene Eisfläche bei der Littletoninsel. Die Fortschaffung zu Schlitten wurde teils von Metek, teils von mir besorgt. Auf einer dieser Fahrten fand ich zu meiner großen Bestürzung, daß das Eis plötzlich eine Aenderung erfahren hatte. Es war bleifarbig und von durchdringendem Wasser naß und mürbe geworden. Mir mußte angst werden um unsere Leute mit den Booten und um die rechtzeitige Unterbringung der Lebensmittel; ich mußte von den Eskimos noch einige Hunde zu erhalten suchen. Meine nächste Aufgabe aber war zur Zeit, uns wieder frisches Fleisch zu verschaffen, und ich befand mich in dieser Absicht eben auf einem Abstecher nach Eta. Als ich in die Nähe dieser Niederlassung kam – es mochte Mitternacht sein, denn die Sonne stand tief am Himmel – schlug schon von weitem lautes Gelächter an mein Ohr, und als ich um die Ecke bog, stieß ich plötzlich auf ein Lager von Eingeborenen. Einige dreißig Männer, Weiber und Kinder waren auf einer kleinen, durch Vogeldünger gefleckten Felsplatte versammelt. Außer einer Moosbank, die den Windzug von dem Fjord her abhielt, waren sie gänzlich ohne Schutz gegen das Wetter, obgleich die Temperatur 5 Grad unter Null (etwa – 17 Grad R.) betrug. Die Hütten waren ganz verlassen, der Schneetunnel eingefallen, das Fenster war offen wie im Sommer. Alles, was Leben hatte, befand sich auf dem nackten Felsen. Und wie sie schrien und lachten und schnarchten und sich herumwälzten, dieses Zigeunervolk! Einige saugten Vogelbälge aus, andere kochten unglaubliche Mengen von Alken in mächtigen Töpfen von Speckstein; zwei Jungen balgten sich um eine Eule; es war das einzige Exemplar der Strix nyctea , das ich anders als im Fluge gesehen. Aber ehe ich sie retten konnte, hatten sie sie in Stücke gerissen und delektierten sich an dem frischen Fleisch und Blut und begruben ihre Gesichter in den zerzausten Federn. Die Feuer wurden mit Torfmoos und den zerzausten Vogelbälgen unterhalten, dienten aber nur zum Kochen, denn um sich zu wärmen, hockten die Leute lieber eng zusammen. Kresut, der alte blinde Patriarch, bildete den Mittelpunkt, und um ihn sammelte sich ein Gewirr von Männern, Weibern und Kindern, so durcheinandergeschlungen wie ein Nest voll Aale. Nur Kinder trollten ab und zu und brachten Moos herbei, die Gesichter mit Blut beschmiert, in den Zähnen Leckerbissen von roher Leber. Die ganze Szene zeugte von Ueberfluß und Faulheit – es war das dolce far niente des kurzen Eskimosommers. An eine Vorsorge für den dunklen Winter dachten sie nicht, denn obgleich auf den Felsen Vögel in der Sonne trockneten, so hätte doch eine einzige Jagdpartie von Peteravik die ganzen Vorräte in einer Nacht aufessen können. Freilich schien es, als könne hier niemals Mangel herrschen. Die kleine Alke nistete in den Schuttkegeln unter den Klippen in so ungeheurer Menge, daß die Leute mit dem Fleischbeschaffen nicht mehr Mühe hatten als eine Köchin, wenn sie Gemüse holt. Ein Knabe, der mit einem aus Seehundsriemen geflochtenen Fangnetz nach den Klippen geschickt wurde, kam in wenigen Minuten mit so vielen Vögeln zurück, als er nur tragen konnte. Die Hunde waren ebenso glücklich und wohlgenährt wie ihre Herren. Vogelfang im Polarsommer Anigna, Marsumas Weib, hatte nächst der Madame Metek einen größeren Einfluß als die anderen Weiber der Ansiedlung. Ich hatte ihr mal ein Blutgeschwür geöffnet, was die dankbare Seele nie vergessen konnte. Sie jagte ohne Umstände den alten Kresut von seinem Mittelplatz und setzte den Nalegak dafür hin. Um mir eine Decke zu geben, zog sie ihren eigenen Oberrock von Vogelbälgen aus, und ihr zweijähriges Kind gab sie mir als Kopfkissen. Nachdem ich den inneren Menschen mit Vogellebern gestärkt, war ich bald eingeschlafen. Am Morgen ließ ich meine abgetriebenen Hunde in der Pflege von Marsuma und Aningna und nahm einstweilen ihr eigenes Gespann. Unsere Beziehungen zu diesen unseren Freunden waren derart, daß sich das von selbst verstand. Die Leute sahen wohl, daß es uns nicht zum besten ging. Der alte Nessark belud meinen Schlitten mit Walroßfleisch, und zwei der jungen Leute begleiteten mich, um mir durch das Brucheis zwischen der Littletoninsel und dem Festland zu helfen. Bevor ich Eta verließ, machte ich einen Morgenspaziergang mit dem jungen Sipsu (hübscher Junge) nach dem landeinwärts dicht unter einem Gletscher gelegenen See. Er führte mich zuerst über den Spielplatz, wo alle seine jungen Freunde aus der Niederlassung sich mit Ballschlagen belustigten. Jeder hatte als Schläger eine Walroßrippe. Der Ball, den sie eine Bank von gefrorenem Schnee hinaufzutreiben suchten, war aus einer Gelenkkugel des Walrosses gefertigt. Schallendes Gelächter ertönte, wenn einer der eifrigen Spieler fehltraf, und je mehr sich das Spiel der Entscheidung näherte, desto aufgeregter wurde ihr Geschrei. Sie zählten hitzig an den Fingern – acht, acht, acht! denn mit zehn war das Spiel gewonnen. Ueberraschend war es und doch so natürlich, daß diese vom Hunger umhergepeitschten Eisnomaden ihre Spiele und Belustigungen genau so gut besaßen wie unsere Kinder unter einem milderen Himmel, daß die Eltern ihren Kleinen Spielschlitten, kleine Harpunen und Netze machten, Miniatursinnbilder eines Lebens voll Leiden und Gefahren. Wie fremdartig nahm sich diese heitere Kinderlust aus unter den drohenden Schatten zackiger Eisklippen! Ich wurde erdrückt von dem Gedanken, daß wir selbst möglicherweise noch länger in dieser Welt des Frostes würden schmachten müssen – und diese Kinder desselben Schöpfers hatten hier ihre Heimat und spielten so unbefangen wie die Vögel, die über uns kreisten. Sommerfreuden: Eskimojugend beim Ballspiel Die Naturszenerie am See, die außer mir, meinem Bruder und Leutnant Hartstene noch kein Weißer wieder gesehen hat, ist von ergreifender Wirkung. Eine mächtige, im Sonnenschein glitzernde Eismasse ist zwischen hohe, schwarze Basaltwände eingezwängt. An ihrem Fuße öffnet sich ein großer Tunnel, und aus ihm hervor in den See stürzt sich ein wilder Strom, der die stille Wasserfläche weithin aufrührt und auf ihr einen weiten Halbkreis von Schaum zieht. Myriaden von Vögeln flogen umher, und die grünen Abhänge waren besät mit den Blüten der purpurfarbenen Lychnis und des arktischen Hühnerdarms. Der See wimmelt von Fischen, anscheinend Lachsforellen, aber die Eingeborenen kennen den Fischfang nicht. Der Gletscherstrom ist etwa zehn Fuß breit, und man versicherte mir, daß er zu keiner Zeit des Jahres ganz versiegt. Obwohl der Tunnel sich mit Eis verschließt und der See oft viele Fuß dick überfriert, so kann man doch, selbst mitten im Winter, den Strom unter der Decke sehen und hören, wie er sich seinen Weg unter dem Gletscher hervor in den See bahnt. Diese armen Eskimos kennen außer ihrer kleinen Welt nichts. Zeigt man nach Osten gegen das Festland hin, wo die Renntiere unbehelligt ziehen, weil sie dies Wild nicht zu jagen verstehen, so antworten sie: »Sermik!« – Gletscher, Eiswall. Fragt man, wie weit ihr Volk nach Süden und Norden reicht, so erfolgt immer wieder dasselbe Kopfschütteln, dasselbe: »Sermik soak!« dahinter gibt es für sie nichts mehr. Holz haben sie nicht, da die See soweit keins heraufführt. Sie kennen daher nicht Pfeil und Bogen wie die südlicheren Stämme, und der Kajak existiert bei ihnen nur als sagenhaftes Wort. Der enge Belt, auf den sie angewiesen sind, ist mindestens 600 englische Meilen lang, und durch diese ganze Strecke kennt jeder den anderen. Kein Heirats-, Geburts- oder Todesfall, der nicht überall durchgesprochen und in das Gedächtnis aufgenommen würde. Ich selbst konnte 140 Leute bei Namen nennen. Alle scheinen eine einzige, große Familie zu bilden. Ihre Hütten sind in Entfernungen verteilt, wie sie eine Fahrt mit dem Hundeschlitten ergibt und wie die Jagdplätze liegen. Hat ihnen der Winter Straßen gebaut und Land und Meer in eine feste Masse zusammengekittet, so beginnen die freundschaftlichen Besuche, und durch die Dunkelheit verbreiten sich die Nachrichten von dem Befinden und den Hilfsmitteln jedes einzelnen. Der hauptsächlich benutzte Fahrweg ist dann so ausgefahren wie eine unserer Landstraßen. Die Hunde rennen von Hütte zu Hütte, fast ohne daß der Fahrer sie leitet. Dieser richtet sich nach den Sternen, jeder Fels hat seinen Namen, jeder Hügel seine Bedeutung, und ein Fleischversteck in dieser wüsten Wildnis kann von dem jüngsten Jäger ohne Mühe wieder aufgefunden werden. Um zu zeigen, in welche Gefahren diese Leute geraten können, will ich eine Geschichte erzählen, deren viele aus der letzten Zeit im Umlauf waren. Während der Hungersnot des verwichenen Winters in Eta beschlossen zwei unserer Freunde, Awatok und Meiuk, das Walroß auf dem offenen Eise aufzusuchen. Es war ein höchst gefährliches Unternehmen, aber sie hielten es doch für besser, als ihre Hunde aufzuessen. Es gelang ihnen, ein großes männliches Walroß zu erlegen, und eben wollten sie vergnügt heimkehren, als ein Nordwind das Eis zerbrach. Nun befanden sie sich plötzlich auf einer treibenden Scholle. Ein Europäer hätte in dieser Lage den Versuch unternommen, an Land zu kommen. Diese beiden Eskimos aber wußten, daß das Eistreiben an der Küste stets am gefährlichsten ist, und trieben ihre Hunde auf den nächsten Eisberg zu. Sie erreichten ihn nach einigen Kämpfen und arbeiteten sich mit ihren Hunden und ihrer halbzerlegten Beute hinauf. Es war gegen Ende des letzten Mondlichts im Dezember, eine dichte Finsternis umgab sie. Sie banden die Hunde an zackiges Eis fest und legten sich selbst nieder, um durch den Sturm nicht fortgeweht zu werden. Zuerst brach sich die See über ihnen, doch sie erreichten einen höher gelegenen Platz und bauten aus Eis eine Art Wetterschirm. In der fünften Nacht erfror Meiuk einen Fuß, und Awatok verlor eine große Zehe. Doch sie blieben guten Mutes und aßen ihr Walroßfleisch, während sie langsam südwärts trieben. Der Berg stieß zweimal mit Eisfeldern zusammen, und sie waren der Meinung, sie hätten den »großen Kessel« bereits passiert und wären in das Nordwasser der Baffinsbai eingelaufen. Es war gegen Ende des zweiten Mondlichts, also nach einer Gefangenschaft von vier Wochen , als sie feststellten, daß ihr Eisberg Grund gefaßt habe. Sie machten ihre Hunde los, sobald sie sahen, daß das junge Eis um den Berg sie tragen werde. Sie hatten die Hunde an lange Walroßleinen gelegt, und durch deren Hilfe gelang es ihnen, sich selbst durch den offenen Wassersaum zu arbeiten, der immer einen Eisberg umgibt, und festes Eis zu gewinnen. Sie langten in ihrer Heimat an wie vom Tode Auferstandene. Doch das Willkommen war traurig, denn hier herrschte noch immer Hungersnot. Abschied von den Eskimos Als ich von meinem letzten Ausflug zurückkehrte, war die Mannschaft mit den Booten der Hütte von Anoatok nahe gekommen. Das Eis war allmählich gangbar und der Gesundheitszustand besser geworden. Doch in gleichem Maße war auch die Eßlust der Leute gestiegen. Die Meldung, das frische Fleisch ist zu Ende, das Brot geht zur Neige, wiederholte sich häufiger. Ich mußte nochmals zu dem Schiff meine Zuflucht nehmen. Da die Hunde mit den Transporten nach den südlicheren Stationen beschäftigt waren, ging ich mit Tom Hickey zu Fuß dahin. Wir kneteten Mehl – diesmal den allerletzten Rest – in einem Sauerkrautfaß ein, machten aus Büchern ein Feuer und begannen zu braten. Nach drei Tagen kam ein Schlitten und holte die Früchte unseres Fleißes ab. Es war ein heftiger Schneesturm losgebrochen. Wir fanden bei unserer Ankunft an den Booten, daß sie infolgedessen schon zwei Tage festgelegen hatten. Fast alles war im Schnee begraben, und als Brooks unter dem schneebedeckten Zeltdach auftauchte, sah es aus, als erhebe sich ein Walroß über das Eis. Das körperliche Befinden der Leute war gut, doch um so mehr empfanden sie den Mangel an Fleisch. Sechs Eskimos – darunter drei Weiber – hatten während des Sturmes bei den Booten Schutz gesucht. Ihr Benehmen war so ehrerbietig und offen, daß ich mich entschloß, noch einmal mit Petersen als Dolmetscher nach Eta zu fahren und auf Grund unsers Bündnisses und ihrer eigenen Gesetze förmlich Beistand zu verlangen. Ich hatte dies schon früher beabsichtigt, aber Marsuma und Metek waren mit ihrem Vogelfang so beschäftigt gewesen, daß es mir leid tat, sie ihren Familien zu entziehen. Unsere Boote im Schneesturm Unsere Hunde gingen langsam vorwärts, das mißfarbene Eis veranlaßte uns zu weiten Umwegen. Als wir an die Littletoninsel kamen, überfiel uns einer der heftigsten Stürme, die ich je erlebt. Er hatte den Charakter und die Gewalt eines Sturmwirbels. Die Hunde wurden buchstäblich aus dem Geschirr herausgerissen, und wir selbst mußten uns schnell niederwerfen, um nicht einfach fortgeweht zu werden. Es schien, als müsse das Eis jeden Moment brechen. Wir benutzten ein augenblickliches Nachlassen des Orkans, nahmen den Schlitten auf die Schultern, riefen unsere verängstigten Hunde zusammen und hetzten auf die Klippen der Eisinsel zu, wo wir in tödlicher Erschöpfung anlangten. Vor einer unmittelbaren Gefahr waren wir jetzt sicher, aber unsere Lage wurde dadurch nicht gebessert. Wir befanden uns auf einer nackten Klippe, die so wütend vom Sturm gepeitscht wurde, daß wir uns nicht auf den Füßen halten konnten. Die Luft war trotz des nordischen langen Tages derart durch Schnee verfinstert, daß keiner den andern oder die Hunde zu sehen vermochte. Dazu gab es keine Spalte oder hervorragende Zacke, die uns einigen Schutz hätte bieten können. Ich sah ein, daß wir entweder hier untergehen oder fliehen mußten. Es schien unmöglich, daß das Eis solchem Orkan widerstehen könne, und ein breiter Kanal trennte uns von der Grönlandsküste. Petersen behauptete sogar, das Eis sei schon aufgebrochen und treibe vor dem Sturme. Dennoch mußte der Uebergang versucht werden – und er gelang! Wir erreichten das Land an einem Kap, wo ein dunkler, wohl 30 Fuß hoher Hornblendefelsen eine Barrikade bildete, hinter der die treibenden Schneemassen sich auftürmten. Wir hatten gerade noch Kräfte genug, uns in diesen Schneeberg einzugraben. Hunde und Schlitten wurden hereingezogen, und alles kauerte in dichtem Haufen beisammen. Bald waren wir so überweht, daß es schien, als wüte der Sturm in weiter Ferne von uns, sein Dröhnen klang uns wie das Brummen eines großen Schwungrades – außer, wenn ein stärkerer Stoß über unser Grab hinfuhr und den Schnee wie Hagel aufschlagen machte. Unser größter Feind hier war die Hitze. Unsere Pelzjacken hatte uns der Sturm buchstäblich vom Leibe gerissen, aber die vereinte Ausdünstung von Menschen und Hunden brachte den Schnee um uns zum Schmelzen, und wir waren bald bis auf die Haut durchnäßt. Es war ein widerwärtiges Dampfbad, das seine Wirkungen auf uns in einer beunruhigenden Neigung zu Ohnmächten und Kräfteverlust äußerte. Man sollte kaum vermuten, daß eine so schreckliche Lage auch ihre komischen Seiten haben könne. Tudla, unser Leithund, bekam einen heftigen Krampfanfall, und diese Gelegenheit benutzten die anderen, ihrer Gewohnheit nach, zur Ausfechtung irgend eines Familienzwistes, der erst nach vieler Mühe und nicht eher geschlichtet werden konnte, bis alles, was von Petersens Ober- und Unterbeinkleidern noch vorhanden gewesen, völlig draufgegangen war. Wir fühlten das Bedürfnis unbedingter Ruhe, das bei äußerster Erschöpfung sich geltend macht, aber wir fürchteten jeden Augenblick, daß die kämpfenden Hunde das Schneedach zum Einsturz bringen würden. In der Tat brach endlich unser ganzes Himmelbett herunter, und wir sahen uns nun im Augenblick der Wut der Elemente preisgegeben. Doch dauerte es nicht lange, so hatte der Sturm ein neues Kristalldach über uns gebaut. Wir kauerten und schwitzten, bis unser Magen an eine Veränderung unserer Lage mahnte. Dem Sturm die Stirn zu bieten, war unmöglich. Es blieb uns nur übrig, uns von ihm nordöstlich treiben zu lassen, und so kamen wir nach 20 Stunden ordentlich umhergeschleudert bei der Bootsexpedition wieder an. Sie waren vor dem Sturm ebenfalls eingekrochen und wunderten sich so sehr als wir selbst, daß das Eis noch hielt. Wir gaben unsere Schlitten an Morton, der sofort mit Marsuma und Nessark nach Eta aufbrach, um Unterhandlungen zu pflegen. Ich selbst blieb bei den Booten. Das Eis war zwar noch nicht aufgebrochen, aber vom Sturm und der vorgeschrittenen Jahreszeit so angegriffen, daß wir keine Stunde mehr zu verlieren hatten. Die Schneefelder vor uns waren bereits von Nässe durchdrungen; an den Eisbergen trat das schwarze Wasser direkt an die Oberfläche, und die ganze Fläche war mit Tümpeln übersät. Wir boten am 5. Juni all unsere Kräfte auf, die gefährliche Passage zu bewerkstelligen; aber obgleich wir die Boote ausgeladen und alles auf die Schlitten gebracht hatten, konnten Unfälle doch nicht verhütet werden. Einer der Schlitten brach ein und zog sechs Mann mit ins Wasser, und viel fehlte nicht, so hätten wir die »Hoffnung« ganz eingebüßt. Sie konnte nur mit Mühe wieder herausgebracht werden. Am 6. die gleiche entmutigende Arbeit. Das Eis war kaum noch zu passieren. Gesunde und Kranke spannten sich in die Zugleinen. Es gab kaum einen, der nicht ständig bis auf die Haut durchnäßt war. Am folgenden Tage kam Morton von Eta zurück. Die Eskimos hatten dem brüderlichen Hilferuf entsprochen, sie kamen herunter mit reichlichen Vorräten von Fleisch und Speck und mit sämtlichen gesunden Hunden, die sie noch besaßen. So bekam ich wieder ein brauchbares Gespann – ein Besitztum, das in unserer Lage wertvoller war als die Hilfe von zehn starken Männern. Ich brach noch einmal mit Metek nach dem Schiff auf, um den letzten Rest von Talg abzuholen und dann die Kranken von Anoatok herunterzuschaffen. Um sie zu besuchen und zu pflegen, hatte ich alle Zeit aufgewendet, die ich meinen übrigen Pflichten irgend abringen konnte, und ich bin überzeugt, daß durch die Maßregel, sie an diesen Zufluchtsort zu bringen, ihr Leben gerettet wurde. Als wir sie hierher schafften, waren sie so herunter, daß sie sich kaum regen konnten, nur einer war imstande, Schnee für die anderen zu schmelzen. Anfangs mußten sie noch in einer Temperatur unter Null leben (15° Kälte R.); als aber die Sonne wärmer zu scheinen begann, gewannen sie wieder etwas Kraft und konnten schließlich herauskriechen und sich wärmen. Als wir sie jetzt abholten, war ihr Zustand viel erfreulicher geworden. Während ich bei meinem letzten Abstecher nach dem Schiff mit dem leeren Schlitten unter den Klippen dahinjagte, erfuhr ich sehr handgreiflich, wie der nahende Sommer bereits an den Felsen über uns arbeitete. Sie kamen jetzt aus den Banden eines harten und langdauernden Frostes los und rollten mit einem Getöse, das dem einer Schlacht glich, talabwärts. Hier und da verließ ein großes Lager von Fels und Erde seine Stelle auf einmal, häufte sich unterwegs noch mehr an und fuhr wie ein steinerner Katarakt in die Tiefe. Die Hunde entsetzten sich über diesen Lärm derart, daß ich sie kaum zu regieren vermochte. Einmal war ich nahe daran, von einem solchen Bergsturz verschüttet zu werden, und entging ihm nur, weil Metek von rückwärts her mich noch zeitig genug warnte ... – Bergsturz Mein letzter Besuch auf der Brigg war kurz. Wir hatten nur noch wenig mitzunehmen. Der Transport der Bootschlitten behielt seinen gefährlichen Charakter. So brach an einer schwachen Stelle die »Hoffnung« ein und wäre ohne Ohlsens Kraft und Geistesgegenwart verloren gewesen. Ich sah von weitem, wie das Eis nachgab. Ohlsen aber fuhr augenblicklich mit einem Hebebaum unter den Schlitten und trug so die Last, bis man auf festeres Eis kam. Er war ein sehr kräftiger Mann und würde es haben ausführen können, ohne sich Schaden zu tun. Doch augenscheinlich hatte er unter den eigenen Füßen den Halt verloren und vermochte sich nur durch eine noch verzweifeltere Anstrengung herauszuhelfen. Sie kostete ihm das Leben. Am dritten Tage war er tot. Ich brachte eben einen Kranken von der Station herunter und fuhr nicht ohne Angst an der Stelle vorbei, wo der Vorfall sich begeben. Ein wenig weiter saß Ohlsen sehr bleich auf einem Eisklumpen. Er zeigte nach dem Halteplatz hin und sagte mit schwacher Stimme, er habe die Gesellschaft nicht aufhalten wollen, er fühle nur etwas Krampf im Kreuze – es werde bald besser werden. Ich setzte ihn an Stephensons Stelle auf den Schlitten und brachte ihn nach den Booten, wo wir ihn in unsere wärmsten Pelze hüllten. Trotz aller Sorgfalt verschlimmerte sich sein Zustand rapid. Die Symptome zeigten gleich anfangs eine entfernte Aehnlichkeit mit dem so sehr gefürchteten Starrkrampf. Am folgenden Tage, dem 6. Juni, legten wir wieder alle Hunde an die Zugleinen. Das Eis vor uns befand sich in keinem besseren Zustande als die letzten Tage, und wir waren sehr mutlos. Nach etwa zweistündigem Schleppen setzte ein Wind aus Norden ein, der erste seit unserer Abreise vom Schiff. Sofort setzten wir Segel auf die Boote. Der Wind steigerte sich fast zum Sturm, und wir rannten tüchtig vor ihm her nach dem Depot auf der Littletoninsel zu. Es war eine ganz neue Empfindung für unsere lahmen Leute – dies Segeln über festes Eis. Ueber Flächen, deren Bewältigung durch mühsames Ziehen uns stundenlang aufgehalten hätte, glitten wir jetzt ohne Anstoß dahin. Anfangs fürchteten wir Gefahren, doch bei der Schnelligkeit der Schlitten hielt das mürbe Eis so gut wie festes. Die Leute sahen, daß es jetzt ernstlich vorwärts ging, daß neue Landmarken sich vor ihnen auftaten und alte hinter ihnen verschwanden. Ihre Stimmung hob sich. Die Kranken stiegen auf die Ruderbänke, die Gesunden hingen sich an die Bootseiten, und zum ersten Male seit fast einem Jahre ertönte wieder ein munteres Matrosenlied. An diesem einen Tage müssen wir eine größere Strecke zurückgelegt haben als an den fünf früheren zusammen. Gegen Abend lagerten wir an einem kleinen Eisberge, der uns reichlich mit süßem Wasser versorgte. Hier kamen zwei Eskimos, Sipsu und der alte Nessark, zu uns. Sie brachten gute Neuigkeiten; meine Hunde waren fast vollzählig wieder reisefähig geworden. Da die beiden sich erboten, uns behilflich zu sein, so schirrte ich unsern und ihren Zug zusammen und beauftragte sie, die letzten beiden Kranken, Wilson und Whipple, aus der Hütte abzuholen. Wir durften nun hoffen, alle bald wieder vereinigt zu sein. Nur der Zustand des armen Ohlsen trübte uns die Freude des Wiedersehens. Von hier ab ging es, mit Hilfe der Segel, noch ein paar Tage vorwärts. Allerdings gab es gelegentliche Unfälle: bald zersplitterte eine Spiere, bald brachen einige Leute durch das schwammige Eis. Wenn die Eisfelder hin und wieder zu unsicher wurden, so arbeiteten wir uns mit großer Mühe auf den Eisgürtel hinauf. Das Besteigen dieser soliden Hochstraße und ihr Wiederverlassen mußte stets mit Hilfe der Axt geschehen. Durch Herunterhauen mußte – 10, 15 selbst 30 Fuß lang – eine schiefe Ebene hergestellt werden, über die dann die Bootschlitten mit unsäglicher Mühe gehoben und gezogen wurden. Diese Episoden lassen sich nachträglich leicht erzählen, in unserer damaligen Lage aber – wo der Bruch eines Holzstückes einen unersetzlichen Verlust bildete und ein Tag Verzögerung unser Leben in Gefahr brachte – waren sie ernsthaft genug. Selbst auf den Eisfeldern mußten wir oft zur Axt greifen, und die Schlitten warteten zuweilen stundenlang, bis wir einen Weg durch die Hummocks gehauen hatten. Zuweilen trafen wir, auf dem Eise oder auf dem Gürtel, mächtige Schneewehen, die wir mit Schaufeln durchbrechen mußten, um vielleicht bald darauf, sogar noch in der ausgeschaufelten Schlippe, ins Wasser einzusinken. Niederdrückend war es für die armen Leute, wenn wir gezwungen wurden, den Eisgürtel wieder einmal zu verlassen und die Eisfelder aufzusuchen, die wie ein bleigraues Schlammbett vor uns lagen, mit schwarzen Wassertümpeln übersät und hier und da einen weißen Klumpen festeren Eises zeigend. Das Fortkommen würde für uns jedenfalls zu mühsam gewesen sein, hätten nicht die Eskimos zuweilen freundlich mit Hand angelegt. Ich erinnere mich, daß einmal der Schlitten mit einigen Mann so tief untersank, daß das daraufstehende Boot lose schwamm. Da kamen gerade sieben Eingeborene heran, fünf stämmige Männer mit zwei ebenso kernhaften Weibern, legten, ohne eine Aufforderung abzuwarten, sogleich mit Hand an und arbeiteten über einen halben Tag mit uns, ohne eine Belohnung zu verlangen. Nachdem wir uns in dieser jämmerlichen Weise mehrere Tage fortgeschleppt, kamen wir endlich in die unverkennbare Nähe des offenen Wassers. Wir waren vor Pakiurlek, der größten der Littletongruppe, gegenüber dem großen Flusse. Hier schlossen sich uns Wilson und Whipple an, geleitet von dem treuen, alten Nessark. Sie waren unterwegs zweimal eingebrochen, ohne ernstlich Schaden zu nehmen. Jetzt fehlte nur noch einer von der ganzen Gesellschaft, Hans, der gute Sohn und getreue Liebhaber von Fiskernaes, mein Busenfreund, war seit zwei Monaten abwesend. Anfang April war er mit langem Gesicht zu mir gekommen und hatte um Erlaubnis gebeten, einen Besuch in Peteravik zu machen. Er habe keine Stiefel, behauptete er, und möchte sich einen Vorrat von Walroßhaut zu Sohlen verschaffen; die Hunde brauche er nicht, er gehe lieber zu Fuß. Es war ein langer Marsch, aber er war der Mann dazu, und so erteilte ich meine Einwilligung. Petersen und ich gaben ihm Aufträge mit, und er schied mit der Zusage, unterwegs Eta aufzusuchen. Bei den schweren Arbeiten der letzten beiden Monate hatten wir Hans sehr vermißt, aber er war nicht zurückgekehrt, und die Geschichten, die von Eta zu uns herüberkamen, gaben viel Stoff zu Unterhaltungen und Vermutungen. Er war dort eingekehrt, wie er versprochen, und hatte Nessarks Weib Auftrag für ein paar Stiefel gegeben, dann aber war er weiter nach Peteravik gegangen, wo Shangu mit seiner hübschen Tochter wohnte. Hans war der allgemeine Liebling, besonders des schönen Geschlechts, und, als »Partie« betrachtet, einer der begehrenswertesten Männer im Lande. In Erinnerung an seine alte Liebe in Fiskernaes wollte ich kaum glauben, was ich hörte; aber überall, wo ich mich später nach ihm erkundigte, hörte ich dieselbe Geschichte. Der ungetreue Hans war zuletzt gesehen worden, wie er in Begleitung eines Eskimomädchens auf einem Schlitten in südlicher Richtung von Peteravik fuhr. Seiner eigenen Angabe nach war er unterwegs nach einer neuen Niederlassung Uwarrow Suksuk, tief im Murchinsonsunde. So war denn Hans leider ein Ehemann geworden! Die Beschaffenheit des Eises lehrte uns, daß es zwar mit den Schlittenreisen, nicht aber mit den Schwierigkeiten und Gefahren bald ein Ende haben würde. Der an das offene Wasser grenzende Teil des Eisfeldes wird stets von Strömen benagt, während die Oberfläche anscheinend noch fest ist. Zuweilen war das Eis so durchsichtig, daß man die kräuselnden Wasserwirbel darunter erkennen konnte; an anderen Stellen hatten sich große Löcher aufgetan und bereits Wasservögel sich an ihnen niedergelassen. Im allgemeinen jedoch schien das Eis noch hart und gangbar, obgleich nicht dicker als ein Fuß und oft nur sechs Zoll. Der »rote Erich« Dieser Zustand des Eises erstreckte sich über die ganze Länge des Kanals neben der Littletoninsel, und wir waren unablässig gezwungen, die Eisdicke vorauf mit den Bootshaken oder dem Narwalhorn zu sondieren – eine Vorsichtsmaßregel, die wir von den Eskimos gelernt hatten. Wir waren eben auf einem weiten Umwege zur Vermeidung von Löchern, als Notsignale uns meldeten, daß das kleine Boot, der »rote Erich«, verschwunden sei. Dies unglückselige Dingelchen enthielt alle teuer erkauften Dokumente der Expedition. Jeder fühlte, daß es Ehrensache sei, sie nicht untergehen zu lassen. Es hatte uns Kampf genug gekostet, die naturhistorischen Sammlungen zurückzulassen, zu denen jeder seinen Beitrag gestellt; aber die Urkunden unsers Kreuzzuges – die Logbücher, die meteorologischen Register, die Pläne und Tagebücher zu verlieren – schien allen ein nicht wieder gutzumachendes Unglück. Als ich zu der Unfallstelle kam, war alles in Verwirrung. Blake stand, eine Walfischleine um den Leib geschlungen, bis an die Knie im Eisschlamm und fischte nach dem Dokumentenkasten; Bonsall suchte, triefend naß, die Proviantsäcke heraufzubringen. Zum Glück war das Boot sehr leicht, und alles wurde gerettet. Wir erleichterten es soweit, bis es einen Mann tragen konnte, und die Ladung wurde an Leinen aufs Eis gezogen. Es war sicherlich ein großer Glücksfall, daß kein Menschenleben verlorenging. Stephenson sank und wurde nur noch durch eine Schlittenkufe oben erhalten, und Morton war eben daran, von der Strömung unter das Eis gerissen zu werden, als ihn Bonsall beim Schopf faßte und rettete. Wir waren jetzt dicht an der kleinen Bucht, wo wir vor zwei Jahren das Rettungsboot mit den Lebensmitteln verbargen, gerade für einen solchen Fall wie den, der gegenwärtig vorlag. Unter dem gefrorenen Boden vergraben, waren unsere Vorräte sogar der Spürnase unserer wilden Verbündeten entgangen und kamen uns jetzt trefflich zustatten. Ich ließ alles abholen, das Salzfleisch ausgenommen, das für uns so lange schon Gift gewesen war. Am 12. hatten wir unsere Boote, Schlitten und alle Vorräte in einer Meeresenge gegenüber dem Elendskap, dem Ort unsers letzten Zwischenfalles im Schneesturm, glücklich beisammen. Die Felsen waren mit unseren Lebensmitteln bedeckt. Alles wurde wasserdicht eingepackt und war so trocken und unversehrt, wie es vom Schiff gekommen. Von einem etwa 800 Fuß hohen Hügel der Inselgruppe erblickte ich zum ersten Male das offene Wasser, das Ziel unserer so unsäglichen Anstrengungen. Dem Anschein nach erstreckte es sich bis zum Alexanderkap und trat auf der Westseite (rechter Hand) um fünf bis sechs Meilen näher heran als jenseits. Aber das Eis links führte in die Tiefe der Bucht und war daher vor Wind und Wetter geschützt. Meine abgetriebenen Kameraden verwandten sich dringend für die geradere Richtung auf das Wasser zu, doch ich wußte, daß die Eisstraße uns leichter und sicherer vorwärts bringen werde, und beschloß daher, dem Lande zu folgen. Inzwischen war aber unser armer Ohlsen gestorben, und wir hatten ihm den letzten Dienst zu erweisen. Ich schickte die Eskimos mit dem Auftrage fort, Vögel zu holen. Denn ich hatte ihnen stets unsere schwachen Seiten, so auch die Krankheit und den Tod Ohlsens sorgfältig verheimlicht; ob mit Recht oder Unrecht, mögen die Moralisten entscheiden. Wir nähten unsern Kameraden in seine Decken, trugen ihn eine kleine Schlucht hinauf, gruben mit großer Mühe eine kleine Vertiefung für den Entschlafenen und bedeckten ihn mit Felsstücken zum Schutz gegen Füchse und Bären. Mein magenkranker Eskimofreund Akommoda Wir widmeten dem Andenken unsers Bruders zwei Stunden und gingen dann wieder an unser mühsames Tagewerk. Als wir uns den Ansiedlungen näherten, kamen die Eingeborenen in Scharen zu unserm Beistande heran. Sie erboten sich freiwillig, uns ziehen zu helfen, fuhren unsere Kranken auf Handschlitten und enthoben uns aller Sorge um den täglichen Unterhalt. Die Menge der Alten, die sie uns brachten, war ungeheuer. Sie lieferten für uns und unsere Hunde die Woche mindestens 8000 Stück, die sie alle mit ihren kleinen Handnetzen gefangen hatten. Alle Sorge wich von uns. Die Leute ließen wieder ihre alten Schifferlieder hören, die Schlitten gingen lustig vorwärts. und Scherz und Gelächter hatten das frühere finstere Schweigen abgelöst. Bei einer unserer Abendrasten, als die Eingeborenen sich zu ihren Feldfeuern zurückgezogen hatten, kamen Metek und seine Frau, um sich privatim von mir in einer wichtigen Angelegenheit Rat zu holen. Sie brachten einen fetten, komisch aussehenden Burschen mit und erklärten: »Das ist Akommoda, unser jüngster Sohn. Er schläft schlecht zur Nacht. Sein Bauch ist immer rund und hart. Er ißt Speck, aber kein Fleisch, und blutet aus der Nase. Zudem wächst er nicht.« Sie waren also gekommen, um von mir als großem Angekok einen Zauber oder eine Kur für ihren Sohn zu erbitten. Ich bedeutete ihnen: um dem Burschen zu helfen, müsse ich meine Hand in das Salzwasser tauchen, dort wo die See an den Eisrand stößt, und sie ihm auf den Magen legen. Wenn sie mir also binnen drei Tagen ihren runden Sprößling dahin bringen würden, so wolle ich in Anbetracht der Freundlichkeit des Stammes meine Macht an ihm versuchen. Sie schieden dankerfüllt und erhielten zur Vorkur ein Stück braune Seife, ein seidenes Hemd und ein Geheimmittel gegen alles Speckessen. Ich rechnete damit, daß die Sehnsucht der Eltern, ihren Sohn gehörig auskurieren zu lassen, die Fahrt unserer Schlitten beschleunigen und uns schneller zu dem heilenden Wasser bringen werde, dessen wir dringender bedurften als Akommoda ... – Endlich – am 16. Juni – sind unsere Boote am offenen Wasser. Wir sehen seinen tief indigoblauen Horizont und hören sein Anbranden gegen den Eisrand. Sein Dunst erfrischt unsere Nasen und Herzen. Unser Lager liegt nur dreiviertel Meile von der See. Wir müssen sie am südlichen Ausgang der Etabucht erreichen, etwa drei Meilen vom Alexanderkap. Ein schwarzes Vorgebirge, Kap Willkommen, bezeichnet die Stelle. Wie prachtvoll schlägt die Brandung gegen seine Wände! Es sind noch Riffe von zerschelltem Eise zwischen ihm und uns, und ein breiter Gürtel von Eisschlamm umsäumt träge wogend den Eisrand – fürchterliche Schranken für Boot und Schlitten! Doch wir haben schwerere Hindernisse überwunden und werden mit Gottes Hilfe auch diese überwinden! Nun hatten wir unsere Boote für eine lange und abenteuerliche Fahrt vorzubereiten. Sie waren so klein und schwer beladen, daß auf ihre Schwimmkraft nicht allzuviel Verlaß war; außerdem waren sie von Frost und Sonne geborsten, und die Fugen klafften weit. Vor allen Dingen mußten wir jetzt die Boote kalfatern und die Ladung richtig verstauen. Ein regnerischer Südwest überfiel uns hierbei und jagte uns noch einmal Angst ein. Die Eskimos hatten zu dieser Zeit ihr Lager neben uns aufgeschlagen. Die ganze Niederlassung von Eta war bei Kap Alexander, um uns Lebewohl zu sagen. Unter ihnen befanden sich auch Metek, sein Weib Nualik und unsere alte Bekannte Madame Eidergans. Sie hatten ihre fünf Kinder mit, deren Reihe mit Meiuk begann, meinem Leibpagen, und mit dem kleinen dickbäuchigen Akommoda schloß. Ferner waren da Nessark und sein Weib Anak, Tellerk, »der rechte Arm«, und seine Ehehälfte Amounalik, Sipsu, Marsuma und Aningna – und wer sonst noch alles! – Ich kann sie alle mit Namen nennen, und sie kennen uns ebensogut. Wir haben Brüder gefunden in der Fremde! Eskimoschlitten Jeder hat sein Messer, seine Feile, Säge oder sonst ein ihm wertvolles Andenken bekommen. Die Kinder erhielten ein Stück Seife, die segensreichste aller Arzneien. Das kleine lustige Volk drängt sich sogar, während ich dies schreibe, an mich heran mit dem Geschrei: »Kujanake, kujanake, Nalegak soak!« – Dank, Dank, großer Häuptling! ... Während Meiuk immer neue Haufen von Vögeln herbeischleppt, als solle ich mich für alle Ewigkeit sattessen, weint die arme Aningna neben dem Zeltvorhang und wischt sich die Augen mit einem Vogelbalg. Mein Herz wird warm gegen diese armen, schmutzigen, beklagenswerten und doch so glücklichen Geschöpfe, die solange unsere Nachbarn und schließlich so treue Freunde waren. In ihrem Trennungsschmerz ist keine Heuchelei. Jetzt haben sich 22 Eskimos um mich versammelt; alle sind bemüht, mir noch irgendeinen Dienst zu erweisen. Nur zwei Weiber und der alte blinde Kresul (Treibholz) sind daheim geblieben. Doch sieh! es kommen immer noch mehr: zehnjährige Knaben schieben kleine Kinder auf Schlitten vor sich her; das ganze Völkchen will mit uns auf den Eisriesen zigeunern. Wir kochen für sie im großen Feldkessel; sie schlafen im »roten Erich«; ein naher Eisberg spendet ihnen Trinkwasser – und so sind sie reich an allem, worauf sie Wert legen: Schlafen, Essen, Trinken und Gesellschaft, und scheinen, über sich ihre geliebte kurze Sommersonne, restlos glücklich. Seit wir die Littletoninsel erreicht haben, betrachten unsere Freunde uns als ihre Gäste. Männer, Weiber und Kinder arbeiten fieberhaft, uns vorwärts zu helfen. Ohne sie hätte unsere traurige Pilgerschaft sich noch um 14 Tage verlängert, und dabei war die Jahreszeit schon jetzt soweit vorgeschritten, daß unser Leben von Stunden abhing. Der einzige schwere Fehler dieser Eskimos war ihre Stehlsucht. Auf Verrat mögen sie anfangs gesonnen haben, und ich glaube Ursache zu der Annahme zu haben, daß sie eine gewisse abergläubische Furcht hegten, unsere Gegenwart könne ihnen Unglück bringen. Deshalb hätten sie uns wohl gern aus dem Wege geräumt. Solche Pläne aber waren längst begraben. Als die Tage der Trübsal für uns und für sie kamen, als wir uns ihre Lebensweise anbequemten, bei ihnen Aushilfe an frischem Fleisch suchten, und andererseits sie selbst auf unserm »großen Boot« Schutz und Rast bei ihren wilden Bärenjagden fanden – da liefen unsere Interessen und Gewohnheiten derart ineinander, daß jede Spur von Feindschaft schwand. Gott weiß, daß es nie treuere Freunde gegeben hat, seit sie uns Freundschaft schwuren; mag auch die Furcht vor der Macht des großen Angekok und seinen Feuergewehren das ihre mit beigetragen haben. Obgleich seit Ohlsens Tod zahllose Gegenstände, die für sie einen unschätzbaren Wert haben mußten, unbewacht auf dem Eise umherlagen, so haben sie doch nicht einen einzigen Nagel gestohlen. Als ich sie deshalb lobte, erklärte Metek durch Petersen: »Ihr habt uns Gutes getan. Wir sind nicht hungrig. Wir wollen nichts stehlen. Wir wollen euch helfen. Wir sind eure Freunde.« Eskimomutter mit Kind Die Verteilung unserer letzten Geschenke entwickelte sich zu einer förmlichen Szene. Meine Amputiermesser, die kostbarste aller Gaben, gingen in Meteks und Nessarks Besitz über, aber auch jeder andere erhielt noch irgend etwas. Die Hunde bekamen sie als Gemeingut; ausgenommen Turka und Whitey, unsere Leithunde, die mit uns so viele Gefahren bestanden hatten. Von denen vermochte ich mich nicht zu trennen und habe sie mit in die Heimat genommen. Noch aber hatte ich mich erst mit der armen Mutter Nualik abzufinden. Sie war uns durch die ganze Etabucht mit ihrem Knaben Akommoda gefolgt und erwartete ängstlich den Augenblick der Ankunft am Salzwasser, womit ich meinem Versprechen gemäß den Dämon aus seinem Magen austreiben sollte. Es blieb mir nichts übrig, als die Zeremonie in aller Form vorzunehmen. Daneben überließ ich aber dem kleinen Patienten meinen gesamten kleinen Vorrat seidener Hemden ... – Jetzt endlich hieß es: von diesem verlassenen, zutraulichen Völkchen Abschied nehmen. Ich versammelte sie um mich und sprach zu ihnen wie zu Brüdern, denen ich immer noch Dank schuldig sei. Ich teilte ihnen mit, was ich von den südlicheren Stämmen wußte, von denen der Gletscher und die See sie trennten. Ich erzählte ihnen von den reicheren Hilfsquellen in einer weniger rauhen Gegend nicht allzuweit gen Süden; von der längeren Dauer des Tageslichts, der geringeren Kälte, der ergiebigeren Jagd, dem häufigen Treibholz, dem Kajak und den Fischnetzen. Ich suchte ihnen begreiflich zu machen, wie sie unter mutiger und vorsichtiger Führung und geduldigem Wandern in ein paar Sommern dorthin gelangen könnten. Ich gab ihnen Zeichnungen der Küste mit ihren Vorsprüngen, Jagdplätzen und den besten Rastorten bis zu den dänischen Ansiedlungen hin. Sie umringten mich enger und lauschten mit atemlosem Interesse. Und als Petersen ihnen erzählte vom weißen Walfisch, dem Bären, der langen Jagdzeit im offenen Wasser mit Kajak und Flinte – da sahen sie sich bedeutungsvoll an. Gern hätten sie mich zu dem Versprechen veranlaßt, daß ich einmal wiederkäme und ein Schiff voll nach den Ansiedlungen beförderte. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie einmal, vielleicht unter Hansens Leitung, den Marsch auch ohne mich versuchten. Das war unser Abschied ... – Heimkehr Es war bei dem sanft gedämpften Licht eines Sonntagabends, am 17. Juni, als wir an der offenen Wasserstraße standen, nachdem wir mit vieler Mühe unsere Boote durch die Hummocks befördert. Noch vor Mitternacht hatten wir den »roten Erich« zu Wasser gelassen. Aber noch sollten wir nicht sofort daran denken können, uns einzuschiffen; denn ein schon lange drohender Sturm brach jetzt los. Der Wogenschwall warf sich auf den Eisrand, brach Scholle auf Scholle los und zwang uns, unsere Boote und unsere auf dem Eise aufgestapelte Habe immer weiter rückwärts zu schaffen. Durch diese Arbeit wurden die Leute so erschöpft, daß ich für den Augenblick alle Gedanken an die Einschiffung aufgab und wir uns fast eine englische Meile zurück in den Schutz eines eingefrorenen Eisberges begaben. Doch auch hier noch wurden wir verfolgt. Die ganze folgende Nacht raste ein furchtbarer Orkan; unser Eisberg machte sich durch die Eisfelder auf und davon, und so verloren wir unsere Zufluchtsstätte. Abermals mußten wir rückwärts. Hielt der Sturm länger an, dann war eine Springflut zu befürchten, die uns gefährlich werden mußte. Endlich gewannen wir einen niedrigen Eisberg, dem ich zutraute, daß wir uns im Falle eines völligen Eisbruches auf ihn würden retten können. Die ganze Eisfläche war bereits mit langen Spalten durchzogen, und das Eis unter unseren Füßen begann merklich zu schaukeln! Hätte ich den Leuten zu Gefallen den äußeren Eisweg gewählt gehabt, so gab es schwerlich ein Mittel, den Gefahren des aufbrechenden Eises zu entgehen. Ich erkletterte den höchsten Punkt des Eisberges, aber vor Nebel, Gewölk und Flugwasser konnte man unmöglich weiter als 1000 Schritt sehen. Die See schob das Eis fast auf den Berg hinauf. Alles um uns brauste wie in einem Hexenkessel, und die Eisschollen jagten in allen möglichen Stellungen unter betäubendem Krachen gegen- und durcheinander. Endlich schwieg der Sturm; die Wasser beruhigten sich, und alle Hände arbeiteten an der Einschiffung. Die Ladung wurde unter den Booten gleichmäßig verteilt, die Schlitten losgemacht und an die Bootsseiten gebunden. Am 19. Juni nachmittags – bei einer See, so glatt wie ein Gartenteich – gingen wir in See; an der Spitze ich mit der »Hoffnung«, dann der »rote Erich« und zum Schluß der »Glaube«. Als wir die westliche Spitze von Kap Alexander umfuhren, erhob sich ein frischer Wind, und als wir den vor uns sich dehnenden Sund überblickten, sahen wir – genau wie vor zwei Jahren – die Kittiwaks und die Elfenbein- und Jägermöven kreischend und fischend ihre Flügelspitzen in die kräuselnden Wogen des schönen Wassers tauchen. Unsere erste Rast wollten wir auf der Sutherlandinsel nehmen, doch war sie mit einem so steilen Eisgürtel verbarrikadiert, daß wir unmöglich landen konnten. Ich kletterte vom Bootsmast aus auf das Plateau hinüber und füllte unsere Kochkessel mit Schnee, dann hielten wir auf die Hakluytsinsel zu. Wir hatten eine schlechte Ueberfahrt bei kurzen stoßenden Wellen. Nach einer Weile schöpfte der »rote Erich« Wasser. Seine drei Insassen retteten sich auf die beiden anderen Boote. Doch die Ladung zu bergen, war unmöglich. Das einzige, was wir tun konnten, war, daß wir das Boot flott erhielten und es an das Schleppseil nahmen. Zu gleicher Zeit gab aber auch die »Hoffnung« Notsignale und meldete, daß sie mehr Wasser ziehe, als man ausschöpfen könne. Der Wind sprang nach Westen um, von woher wir ihn nicht brauchen konnten. Ich hielt schnell Umschau und sah vor uns den grauen Blink des Packeises. Wir wußten, daß die Ränder dieser großen Eisfelder immer Spalten oder Wasserzungen haben, die etwa denselben Schutz gewähren wie Flußmündungen an einer gefährlichen Küste. Wir waren auch so glücklich, solch eine Zuflucht zu finden, legten uns an einer alten Scholle fest, und die ermüdeten Leute taten einen langen Schlaf. Darauf zogen wir weiter, indem wir die Boote meist mit Bootshaken schleppten, zuweilen auch über Eisfelder ziehen mußten, bis wir wieder offenes Wasser erreichten und der Hakluytsinsel zuruderten. Sie war kaum einladender als die Insel am Tage vorher; doch fanden wir Gelegenheit, uns und unser Gepäck mit der Flut auf das Landeis und dann unter Felsen zu bergen. Es schneite schwer zur Nacht, und die Arbeit des Kalfaterns ging schlecht vonstatten. Doch konnten wir ein Zelt errichten und unsere Abendmahlzeit aus Brotteig und Talg mit ein paar Vögeln würzen. Zwar hatten wir im Laufe des Tages eine Robbe geschossen, doch war sie untergesunken und uns somit verlorengegangen. Am Morgen des 22. drangen wir durch den Schneesturm nach der Northumberlandinsel vor, wo uns Myriaden von Alken begrüßten, was wir mit der gewöhnlichen Einladung zu Mittag beantworteten. Am folgenden Tage passierten wir den Murchisonsund und übernachteten auf dem Landeise am Fuße von Kap Parry. Wir hatten einen harten Tag gehabt und die Boote teils über das Eis schleppen, teils uns im Zickzack durch enge Eisspalten winden müssen. Der nächste Tag brachte uns in die Nähe des Fitzclarence-Felsens, der wie eine ägyptische Pyramide aus einem Eisfelde aufsteigt und mit einem Obelisken gekrönt ist. Am folgenden Tage machten wir bei mehr offenen Eisschlippen schöne Fortschritte, und ich kam 16 Stunden lang nicht vom Steuerruder fort. Dieser Abend fand uns in totaler Erschöpfung. Unsere täglichen Rationen waren von Anfang an sehr klein gewesen. Aber bei dem Aufenthalt, der uns überall zu erwarten schien, hatte ich sie auf ein Minimum herabgesetzt: sechzehn Unzen Brotpulver und ein Stückchen Talg von der Größe einer Walnuß. Dazu kam reichlich Tee, der immer sehr erquickte. Diese unzureichende Kost bewirkte bei der Mannschaft einen rapiden Verfall der Körperkräfte. Anfangs wurden sich die Leute dessen kaum bewußt und meinten, es liege an der Beschaffenheit des Eises, daß ihnen das Ziehen und Schieben immer schwerer wurde. Als wir aber im Nebel des nächsten Morgens unsere Arbeit fortsetzten und uns weiter durch die wild verworrenen Eisfelder hinschleppen wollten, wurde die Wahrheit plötzlich allen klar. Wir hatten das Hungergefühl fast völlig verloren, daß uns die Pillen von Brotstaub und Talg mit Tee eigentlich genügten. Gern hätte ich das kleine Boot nach einem Hügel geschickt, wo es nach Angabe der Eskimos große Mengen von Vögeln geben sollte; doch die Leute vermochten es nicht mehr zu ziehen. Wir waren alle sehr entmutigt. Es blieb uns nichts weiter übrig, als das Ende des Nebels abzuwarten, um dann vielleicht eine glattere Eisfläche oder irgendeine Wasserschlippe zu entdecken, die uns der Mühe des Schleppens überhob. Ich hatte einen Eisberg erstiegen, aber es war nichts in Sicht als der Dalrymplofelsen, der in weiter Ferne wie ein roter eherner Turm aufragte. Kaum aber war ich zu den Booten zurückgekehrt, da brach ein Sturm aus Nordwest über uns herein. Eine Eisflarde, die etwa eine englische Meile über uns an einer Eiszunge hing, begann auf ihr zu schwingen wie eine Tür in der Angel und schob sich dann langsam gegen unsern engen Ruheplatz vor. Anfangs trieb auch unsere eigene große Scholle vor dem Winde; aber bald darauf stieß sie mit dem feststehenden Eise dicht am Fuße der Felsküste zusammen – und im Augenblick umgab uns die wildeste Zerstörung. Die Leute sprangen mechanisch auf ihre Plätze und trugen die Boote und Vorräte zurück. Ich selbst gab für den Augenblick alle Hoffnung auf Rettung auf. Es war nicht das gewöhnliche Einquetschen, wie es die Walfischfahrer kennen, denn die ganze Eisfläche, auf der wir standen, zerschellte nach jeder Seite hin auf viele hundert Schritt weit, und die Bruchstücke überschlugen und türmten sich unter dem Drucke wie toll. In Todesgefahr Wir waren doch wirklich alle an schwere Prüfung gewöhnt und imstande, die Gefahren auch zu ermessen, gegen die wir rangen. Aber ich glaube nicht, daß auch nur ein einziger von uns allen genau angeben könnte, wie, warum oder auch nur wann wir uns wieder flott fanden. Wir wissen nur: Inmitten eines ganz unbeschreiblichen Getöses, das tausend Trompeten ebensowenig durchdrungen hätten wie eine Menschenstimme, flogen und wirbelten wir herum. Bald wurden wir in die Höhe geworfen, bald sausten wir in einen wüsten Schwall von Eistrümmern hinab. Und als die Leute bei der nun folgenden Pause ihre Bootshaken packten, wurden die Boote in einem wilden Strom von Eis und Schnee und Wasser dahingerissen. Völlig wehrlos trieben wir hin, solange das Aufwühlen der längs der Küste noch stehenden Eisfelder dauerte, und erhaschten zuweilen einen Blick auf das drohende Vorgebirge, das durch den Schneehimmel auf uns herabsah. Endlich blieb die Wolke an den Felsen stehen, die kleineren Bruchstücke trennten sich von ihr, und wir konnten mit Bootshaken und Rudern unsere Flottille von ihnen frei machen. Zu unserer freudigen Ueberraschung sahen wir uns bald in einem Streifen Küstenwasser, das uns Raum zum Rudern und die Gewißheit der unmittelbaren Nähe des Landes vor uns gab. Als wir es erreichten, fanden wir es mit einem ebenso unzugänglichen Eisgürtel umpanzert wie Sutherland und Hakluyt. Wir fuhren an seinem Rande hin, suchten aber vergebens nach einer Landungsstelle oder einem Zufluchtswinkel. Der Sturm und das Eistreiben begannen von neuem, aber wir konnten nichts tun, als mit einem Wurfanker die Boote an den Eisrand festlegen und auf das Steigen der Flut warten. Die »Hoffnung« zerstieß sich den Boden und verlor einen Teil ihrer Wetterverschalung, und alle Boote wurden übel zugerichtet. Der Sturm war grauenhaft. Nur durch beständige Anstrengung vermochten wir die Boote flott zu halten, indem wir das hereinschlagende Wasser unablässig ausschöpften und das herandringende Eis mit Bootshaken abwehrten. Endlich war die Flut hoch genug, daß wir die Eisklippe erklettern konnten. Wir zogen die Boote einzeln auf einen schmalen Rand hinauf, waren aber zu müde, um sie ausladen zu können. Eine tiefe und enge Schlucht in den Felsen öffnete sich nahe an unserer Landungsstelle. Als wir die Boote in sie hineinschoben, schienen sich die Felsen über uns schließen zu wollen, bis die Schlucht eine jähe Biegung machte und wir nun eine Felswand zwischen uns und den Sturm bekamen. Wir waren in einer förmlichen Höhle. Eben hatten wir als letztes Boot den »roten Erich« eingebracht, als ein lange nicht gehörter, aber wohlbekannter Ton unser Ohr traf: Eine Schar Eidergänse huschte an uns vorbei. Nun wußten wir, daß Brutplätze in der Nähe sein mußten. Und als wir uns jetzt naß und hungrig zu dem langersehnten Schlaf niederlegten, geschah es nur, um von Eiern und Ueberfluß zu träumen. Wir blieben fast drei Tage in unserer Kristallwohnung und sammelten täglich wohl 1200 Eier. Draußen raste der Sturm unablässig weiter, und unsere Eiersucher hatten Mühe, sich auf den Füßen zu halten. Aber eine lustigere Gesellschaft von Feinschmeckern, wie sie innen beisammensaß und schwelgte, hat es schwerlich jemals gegeben. Am 3. Juli schwächte der Sturm ab, doch noch immer fiel massenhaft Schnee. Am nächsten Morgen tranken wir einen vaterländischen Eierpunsch, zu dem unsere Spiritusflaschen notdürftig das geistige Element hergaben; er war aber so verdünnt, daß er vor jedem Mäßigkeitsverein hätte bestehen können. Dann ließen wir unsere Boote wieder zu Wasser und sagten der »Müdemannsruh« ein dankbares Lebewohl Müdemannsruh Wir ruderten nach dem Südostende der Wolstenholminsel; aber hier verließ uns die Flut, und wir begaben uns wieder auf den Eisgürtel. Die nächsten Tage ging es nach südlicher Richtung langsam weiter in schmalen Wasserstrichen, die sich zwischen dem Küsteneise und den Eisfeldern öffneten. Das Wetter blieb trübe und jeder Beobachtung ungünstig, und wir lagen bereits vor einem großen Gletscher, ehe wir inne wurden, daß ein weiteres Vordringen längs der Küste unmöglich sei. Lange Ketten von Eisbergen versperrten uns den Weg; ihre Zwischenräume waren mit Scholleneis verstopft, und es wäre ein hoffnungsloses Beginnen gewesen, hier durchbrechen zu wollen. Wir suchten 16 Stunden lang vergebens nach einem Ausweg. Das Eis war unbeschreiblich zerbrochen und verworfen. Von einem Eisberg aus entdeckte ich zwar endlich einen möglichen Ausweg nach Westen, sah aber zugleich, daß unsere Boote in den harten Kämpfen der letzten Tage unerhört gelitten hatten: Die »Hoffnung« war nicht mehr seetüchtig, und es kostete unser letztes Holz, um sie auszubessern. Stückchen für Stückchen hatten wir schon zwei Schlitten zersägt und verbrannt und nur einen verschont als unentbehrlich bei etwaigen Ueberschreitungen des Eises. Gleichzeitig schienen die Vögel, die wir bei der Dalrymplosinsel so zahlreich gesehen, wie vom Sturm vertrieben. Wieder waren wir auf die knappen täglichen Rationen gesetzt – ein Wechsel, der notwendigerweise bald seine üblen Folgen zeitigen mußte. Ich beschloß daher, trotz der Eisbarrikaden doch lieber der Küste zu folgen, um uns die Möglichkeit zur Gewinnung einigen Lebensunterhaltes offen zu lassen. Wir brauchten 52 Stunden, um diese unwegsamen Pässe zu überwinden – eine so mühselige Arbeit, daß sie ohne die disziplinierte Ausdauer der Leute einfach ganz unmöglich erschienen wäre. Als wir die Eisschranke im Rücken hatten, zeigten sich wieder offene Kanäle. Während wir mit leichtem Winde dahinglitten, schien es einige Stunden lang, als sei alle Not vorüber. Aber plötzlich erschien wieder ein auf den Karten gar nicht verzeichneter Gletscher, vor dem sich die Eisfelder viel weiter in die See hineinschoben als die, die wir eben mit so viel Mühe passiert hatten. Unser erster Entschluß war, diese Eisschranken auf alle Fälle westlich zu umfahren. Denn unsere Leute waren viel zu erschöpft, als daß wir an ein Herüberschleppen durch die Hummocks hätten denken dürfen, besonders, da die weiche Schneedecke des Eises als ein unüberwindliches Hindernis erschien. Ich erklomm wieder eine unserer gewöhnlichen Warten: einen Eisberg. Aber was ich da erblickte, war vernichtend: es gab gar kein »westliches Wasser«! Die Eisfelder waren noch nicht aufgebrochen, und weithin nach Süden, nach Kap York zu, lag alles noch fest. Nun saßen wir also in einer Sackgasse zwischen zwei Eisbarrieren, die beide für Leute in unserer körperlichen Verfassung unüberwindlich waren; mit jammervoll geringen Hilfsmitteln und gebrochenen Kräften. Und hier sollten wir warten, bis der Spätsommer uns einen Weg geöffnet haben würde! Vorsehungsrastplatz Ich ließ nach den Klippen der Küste hinwenden. So verlassen und schauerlich sie auch aussahen, war es doch immer noch besser, sie zu erreichen und an der unwirtlichen Küste Fuß zu fassen, als sinnlose Abenteuer zur See zu bestehen. Ein schmaler Kanal, eine wahre Spalte im Landeise, leitete uns nach einer niedrigen Felsplatte hin, wo wir dicht unter dem Schatten einer steilen Küste landeten. Wo das Kap für den direkten Anprall der Nordwestwinde offenlag, am Fuße eines himmelhohen Absturzes, hatte sich immer noch ein Stück des Wintereisgürtels, am Felsen klebend und nicht mehr als fünf Fuß breit, erhalten. Die Fluten überschwemmten es, und die Wogen scheuerten beständig daran; aber es gewährte doch den Booten einen vollkommenen sicheren Standort. Darüber türmte sich Klippe auf Klippe, mindestens 1100 Fuß hoch, die Gipfel meist in Nebel gehüllt. Und von oben bis unten schwärmten Vögel, die in den Felsspalten nisteten. Am dichtesten saßen die Nester auf den Felskanten in etwa 150 Fuß Höhe. Aber Lummen wie dreizehige Möven bedeckten den Himmel wie mit tausenden weißglänzender Flecken und ließen ihr unaufhörliches Krächzen und Kreischen hören! Um die Szene zu mildern, führte rechts eine natürliche Brücke in einen kleinen Talgrund, der mit grünem Moos überzogen war. Jenseits und darüber hing kalt und weiß der Gletscher. Er war in seinem Abfall etwa sieben englische Meilen breit, zog sich in sanfter Ansteigung etwa drei Meilen nach rückwärts, wurde dann – den Unebenheiten seines Felsbettes folgend – plötzlich zu einem steilen, von Spalten durchzogenen Hügel, der in schroffen Terrassen emporstieg. Dann kamen zwei weniger zerklüftete Eisstrecken, die sich nach hinten dem großen Eismeere des Binnenlandes anschlossen. Von einer nördlich liegenden hohen Klippe hatte ich eine herrliche Aussicht auf diesen großen Eisozean, der das ganze Innere von Grönland zu bedecken scheint. Es war eine ungeheure wellenförmige Ebene purpurfarbigen Eises, mit Inseln dicht besetzt, und der ganze Horizont erschien durch das Spiel der Sonnenstrahlen in dem kristallklaren Eise wie ein prachtvoller Brillantring. Der Gletscher sandte mehr Wasser aus, als einer der früher im Norden gesehenen, den Humboldt-Gletscher und den Eta ausgenommen. Ein Gießbach überflutete den Eisfuß in einer Tiefe von zwei bis fünf Fuß und breitete sich weiterhin auf dem Scholleneise aus. Ein anderer, der in bedeutenderer Höhe seinen Ausweg fand, stürzte in Katarakten von Fels zu Fels herab. Ranunkulus, Steinbrecherarten, Hühnerdarm, mannigfache Moose und arktische Gräser blühten neben den unteren Teilen des Gletschers. Das Thermometer zeigte im Schatten 38, in der Sonne 90 Grad. Was aber die wertvollste Eigenart dieser Landschaft war: – sie wimmelte von Leben! Die Lumme und ihre Eier, in Labrador als besondere Leckerbissen geschätzt, das auf dem Guanoboden üppig wuchernde Löffelkraut – alles fand sich in endloser Fülle. Man wird verstehen, welchen Reiz das hatte für ausgehungerte, vom Skorbut aufgeriebene Leute! Vogeljagd am Vorsehungsrastplatz Feuermaterial konnte ich nicht hergeben; denn unser gesamter Vorrat von Speck und Talg betrug kaum noch hundert Pfund. Die eifrigsten Kochkünstler machten Versuche mit organischen Stoffen, die zur Hand waren: trockene Vogelnester, Gras- und Moosballen, die fettigen Vogelbälge – aber nichts wollte brennen. So mußten sie sich endlich mit dem Gedanken trösten, daß die Hitze möglicherweise den echten Wohlgeschmack beeinträchtigt hätte. Wir beschränkten uns pro Mann – aus freier Wahl, nicht aus Zwang – auf einen Vogel für die Mahlzeit und erhöhten die Tafelfreuden durch den besten Salat von der Welt: rohe Eier und Löffelkraut. Diese Woche, die wir am Vorsehungsrastplatz verbrachten, war ein glänzendes Fest, so reich an Erquickung und Frohsinn, daß ich mich niemals überwinden konnte, die Leute mit unserer wirklichen Lage bekanntzumachen. Als ich die Umschau über das öde Eisfeld hielt, hatten mich nur zwei begleitet und mir versprechen müssen, darüber zu schweigen. Es dauerte bis zum 8. Juli, ehe das Aussehen des Eises uns Hoffnung gab, weiter zu kommen. Auf die neuen Kämpfe mit der See und ihren Gefahren hatten wir uns durch Einlegung eines Vorrats von Vögeln vorbereitet. 250 Lummen waren säuberlich abgehäutet und auf den Felsen getrocknet worden. So besaßen wir wenigstens eine leidliche Zukost zu unserem Brotstaub und Talg. Schon beim Antritt unserer Weiterreise hatten wir wieder ein Mißgeschick. Als wir die »Hoffnung« von der zerbrechlichen, sich verzehrenden Eiswerft herablassen wollten, auf der wir sie bei unserer Ankunft geborgen, stürzte sie ins Wasser hinab, verlor Reling und Rollwerk; unser bestes Gewehr versank und, was das schlimmste war, ihm folgte unser allgemeiner Liebling, unser Kessel, der Suppen-, Back-, Tee- und Wasserkessel in einer Person! Seinen Posten erbte in der Folge eine längst geleerte Zinnbüchse, die mir vor zwei Jahren eine gute Tante mit Gingernüssen gefüllt hatte. Unsere Küstenfahrt ging längs des Eisrandes dahin. Nachdem wir die von John Roß so benannten Karmoisinklippen passiert hatten, befanden wir uns in so gehobener Stimmung, daß unsere Reise fast einem Festtagsausflug glich. Unsere Route lag immer hart an der Küste, ausgenommen dort, wo ein Gletscher sich vorschob und uns zum Ausbiegen zwang. Die Vögel der Küste erfreuten sich des jungen Sommers, und wenn wir stoppten, geschah es an irgendeiner grünbewachsenen Landspitze neben einem Gießbach, den das Gletschereis von oben herabsandte. Unsere Jäger erstiegen die Klippen und kamen mit kleinen Alken beladen zurück. Lustig loderten große Feuer aus Torfrasen, die nichts als die Mühe des Zusammentragens kosteten. Die froh gestimmten Leute würzten sich ihr langes Tagewerk mit der Aussicht auf den Feierabend, wo sie sich im Sonnenschein ausstrecken und glücklich träumen konnten, bis der Morgen sie zur Waschung und zum Gebet rief. Unser Genuß war um so größer, als wir alle genau wußten, daß es so nicht bleiben werde. Diese Gegend mußte einmal ein Lieblingsaufenthalt der Eingeborenen, ein wahrhaftes Eskimoparadies, gewesen sein. Wir rasteten selten, ohne Ruinen ihrer Niederlassungen zu finden; doch waren sie mit Flechten überzogen und trugen alle Kennzeichen hohen Alters. Eine von ihnen unter 76° 20'; war einst ohne Zweifel ein ausgedehntes Dorf. Steinkegel zur sicheren Aufbewahrung von Fleisch standen in langen Reihen. Die aus schweren Steinen erbauten Hütten lagen einander gegenüber und bildeten eine förmliche Gasse. Auch hier waren die Zeichen eines Einsinkens der grönländischen Küste vorhanden, die ich schon bis Uppernavik aufwärts beobachtet hatte. Einige dieser Hütten wurden von der See bespült oder waren von dem Fluteis eingerissen. Die Torfsohle, allem Anschein nach von sehr altem Gewächs, schnitt dicht am Wasserrande ab und wies zwei Fuß Dicke durchschnittlich auf. Eine dieser Senkung entsprechende, ebenso deutlich ausgesprochene Hebung des Landes hatte ich nördlich vom Wolstenholmsunde festgestellt. Der Drehpunkt zwischen beiden Bewegungen mag etwa unter dem 77. Breitengrade liegen. Am 21. erreichten wir Kap York nach einer zickzackförmigen, aber sehr romantischen Fahrt in nebligem Wetter. Hier hörten die Wasserzungen längs der Küste auf oder verwandelten sich in schmale, kaum passierbare Schlippen. Alles zeugte von dem diesmaligen späten Beginn der guten Jahreszeit. Der rote Schnee war wenigstens vierzehn Tage hinter seiner gewöhnlichen Zeit zurück. Eine feste Eisdecke, mit zahlreichen Zungen besetzt, dehnte sich hier noch weit nach Süd und Ost hin aus. Wir hatten nur zu wählen zwischen einer abermaligen, unfreiwilligen Ruhepause, bis das Küsteneis sich öffnen würde, oder dem Verlassen der Küste, um westlich einen Wasserweg zu suchen. Ich sandte einige Leute aus, um zu erfahren, ob nicht Eskimos ihren Sommeraufenthalt zu Episok, hinter dem Gletscher von Kap Imalik, genommen hätten, und veranstaltete in der Zwischenzeit eine Bestandsaufnahme unserer Vorräte. Wir fanden Getrocknete Lummen 195 Stück Schweinespeck 112 Pfund Mehl 50 " Maismehl 50 " Fleischzwieback 80 " Brot 348 " Dies ergab, außer den Vögeln, 640 Pfund Lebensmittel, etwa 36 Pfund pro Mann. Wir fanden einen Rasen, der allenfalls die Dienste von Torf leisten und unsere Kessel heizen konnte. Bezogen wir ihn mit hinein, so besaßen wir an Brennvorräten: Rasen für zwei Kochfeuer täglich 7 Tage Zwei Schlittenkufen 6 " Reserveruder, Schlitten, ein leeres Faß 4 " So waren 17 Tage gedeckt und insgesamt etwa drei Wochen, wenn man das hinzurechnete, was das rote Boot und unsere leergewordenen Proviantsäcke hergaben. Die Meldungen unserer zurückkehrenden Abgesandten gaben keine Veranlassung, länger zu verweilen; es waren keine Eskimos zu Imalik und auch wohl seit Jahren keine dort gewesen, auch gab es keine Vögel in der Umgegend. Mit MacGary erstieg ich noch einmal die Felsen und besichtigte mit dem Fernrohre sorgfältig das Eisfeld. Das Feste – wie die Walfischjäger das unbewegliche Küsteneis nennen – lag in fast ununterbrochener Ausdehnung vor uns und schloß sich unfern von unserm Standpunkt an die Küste. Die Flarden an der Außenseite waren groß und hatten sich augenscheinlich erst vor kurzem abgelöst. Zu meiner Freude jedoch sah ich deutlich einen Kanal, der sich an der Hauptmasse des Eises hinzog, bis er seewärts aus dem Gesicht verschwand. Ich berief die Offiziere zusammen, legte ihnen meine Gründe dar und befahl die Wiedereinschiffung vorzubereiten. Die Boote wurden aufgeholt, untersucht und soviel als möglich ausgeflickt. Das rote Boot wurde abgetakelt und ausgeladen, um gelegentlich als Brennholz zu dienen. Auf einem in die Augen springenden Punkte wurde eine massige Steinpyramide errichtet, auf der wir ein rotes Flanellhemd als Flagge hißten. Hier legte ich einen gedrängten Bericht über unsere Lage und unser Vorhaben nieder. Dann stachen wir in südwestlicher Richtung in die Eisfelder. Das Eis, durch das die Fahrt ging, wurde allmählich immer geschlossener, und zuweilen mußten wir unsere ganze Eiskenntnis anstrengen, um zu bestimmen, ob irgendeine Wasserschlippe befahrbar oder unpassierbar sei. Die Unregelmäßigkeiten der Eisfläche, die mit Hummocks und zuweilen mit größeren Massen besetzt war, hinderten eine weite Fernsicht, außerdem überfielen uns öfters Nebel. Eines Abends wurde ich aus tiefem Schlaf geweckt, um zu erfahren, daß wir die Richtung verloren. Der Steuermann am vordersten Boot hatte sich von der unregelmäßigen Gestalt eines großen Eisberges, der ihm im Wege lag, beirren lassen und steuerte jetzt küstenwärts, weitab von unserm eigentlichen Kurse. Der schmale Kanal, in den er uns eingeklemmt hatte, war kaum zwei Bootslängen breit und endete nicht weit von uns in einem leichten Zickzack, und dies sowohl vor als hinter uns, denn die Spalte schloß sich zusehends, und der Rückzug war uns bereits abgeschnitten. Ohne die Leute von unserer üblen Lage zu unterrichten, ließ ich die Boote aufs Eis ziehen und unter dem Vorwande, Kleider und Vorräte zu trocknen, ein Lager aufschlagen. Nach ein paar Stunden wurde das Wetter zum ersten Male klar genug, um einen Blick in die Ferne zu tun. Ich erkletterte mit MacGary einen Eisberg, der bis zu 300 Fuß aufstieg. Aber da sah es furchtbar aus; wir waren tief in das Innere der Melvillebucht geraten. Mein tapferer Offizier, von Natur nicht sehr empfindsam und längst abgehärtet gegen die Wechselfälle des Walfischjägerlebens, vergoß Tränen bei diesem Anblick. Hier gab es keine Wahl mehr, wir mußten uns wieder vor die Schlitten spannen und – koste es, was es wolle – uns einen Rückweg nach Westen bahnen. Einen Schlitten hatten wir bereits verfeuert. Nun zersägten wir auch das rote Boot, zu dem es gehört hatte, verstauten seine leichten Zedernplanken in den anderen Booten und legten uns dann wieder in die Schulterriemen wie in früheren Zeiten. Erst nach dreitägiger, saurer Arbeit kamen wir wieder an den Eisberg, der unserm Steuermann einen falschen Weg gewiesen. Wir holten die Boote über seine Zunge hinweg und schifften uns frohen Mutes auf einem neuen offenen Kanal ein, während ein schöner, frischer Nordwind blies. Unsere kleine Flotte war jetzt auf zwei Boote zusammengeschrumpft. Das Land im Norden war nicht mehr sichtbar. Und so oft wir den Rand des Festeises verließen, um seinen tiefen Einbuchtungen auszuweichen, mußten wir uns lediglich auf den Kompaß verlassen. Feuermaterial war kaum noch für eine Woche vorhanden, und ein größeres Stück Wild zu erlegen, wollte gar nicht gelingen. Auf dem Eise sahen wir zwar wiederholt Robben, aber sie waren sehr auf ihrer Hut. Ein paarmal trafen wir schlafende Walrosse und kamen bei einer Gelegenheit wirklich bis auf Lanzenwurfnähe heran, doch das Tier fuhr auf den Angreifer los und entkam dann. Am 28. hielt ich eine stumme Musterung unserer Angelegenheiten. In den letzten Tagen hatten wir uns soweit eingeschränkt, daß wir von den zuletzt eingelegten Vorräten nur drei Eier und zwei Vogelbrüste täglich entnahmen. Daneben besaßen wir noch ein wenig Brotpulver, und unser Vorrat an Brennstoffen gestattete uns noch bei jedem Halt das unentbehrliche Labsal, Tee, reichlich zu uns zu nehmen. Die Kräfte der Leute schwanden bei dieser knappen Kost hin. Trotzdem belehrte mich eine sorgfältige Berechnung des Proviants, daß selbst das wenige, was wir täglich genossen, noch zuviel sei, wenn man nicht ein ganz unangemessenes Vertrauen auf Jagdglück hegen wollte. Unser nächster Landungsplatz, dem wir alle sehnsüchtig entgegenharrten, mußte Kap Shakleton sein – eine der volkreichsten Vogelkolonien der Küste. Aber wenn ich überschlug, wieviel Tage wir noch brauchen würden, ehe wir dies gastliche Gestade erreichten, so ergab eine einfache Berechnung, daß der Mann als Tagesration jetzt nur noch fünf Unzen Brotpulver, vier Unzen Talg und drei Unzen Vogelfleisch erhalten könne. Bisher waren wir fast ausschließlich dem Rande des Festeises gefolgt. Es hatte uns gelegentlich einen Ruheplatz oder eine Zufluchtsstätte geboten, und wir konnten zuweilen mit unseren Gewehren die Küchenvorräte aufbessern. Doch unsere Fortschritte waren dabei unerträglich langsam. Unser Vogelschrot ging bereits sehr auf die Neige. Es gab keinen Zweifel, unser Leben hing davon ab, daß wir schneller vorwärts kamen. Ich beschloß daher, es mit der mehr offenen See zu versuchen. Dieser Versuch schlug für die beiden nächsten Tage fehl; wir wurden von dickem Nebel überfallen. Dazu brachte uns ein Südwest das äußere Packeis auf den Hals und zwang uns, unsere Boote auf das Treibeis zu ziehen. Naturgemäß wurden wir hierbei wieder rückwärts geworfen und verloren einige zwanzig Meilen. Die übermäßig angestrengten Leute fühlten sehr den Mangel des schützenden Festeises. Trotzdem beharrte ich bei meinem Vorsatz und steuerte SSW, so genau, als es die Eiskanäle irgend zuließen, wobei ich beständig darauf aus war, uns in freieres Wasser zu bringen. Nach Verlauf einiger Tage gerieten die Kräfte der Leute jedoch ernstlich in Verfall. Denn die erste Folge einer knappen Kost ist nicht Hungergefühl, sondern Kräfteabnahme, und zwar oft so allmählich, daß sie sich nur durch einen Zufall herausstellt. So fanden wir eines Tages zu unserm großen Erstaunen, daß die »Hoffnung«, die eben über eine Eiszunge geschafft werden sollte, nicht von der Stelle wich. Anfänglich glaubte ich, der nasse Schnee halte ihre Kufen fest, und da wir bei dem herrschenden starken Winde Eile halten, auf eine stärkere Flarde hinüberzukommen, so ließ ich ausladen und die ganze Mannschaft an dem leeren Boot ziehen. Zu anderer Zeit hätten sie diese Last auf den Schultern tragen können, jetzt aber brachten sie sich durch angestrengtes Ziehen kaum im Schneckengang vorwärts. Der »Glaube«, der währenddessen stehenbleiben mußte, entging kaum der Zerstörung. Die Flarde zerbrach durch den Druck des äußeren Eises, und wir sahen, wie unser bestes Boot mit all unseren Vorräten rasch von uns weggeführt wurde. Dieser Anblick wirkte auf die Leute fast lähmend. Unter anderen Verhältnissen wäre es das Nächstliegende gewesen, die »Hoffnung« in See zu setzen und dem andern Boot zu Hilfe zu eilen; jetzt aber konnte davon keine Rede sein. Ehe wir noch Zeit hatten, die Größe des Mißgeschicks richtig zu ermessen, kam zum Glück eine runde Eistafel herangekreist. MacGary und ich sprangen im Augenblick auf sie hinüber, und es gelang uns, sie über den Spalt zu flößen, der zwischen uns und dem »Glauben« entstanden war. Mit knapper Not retteten wir unser Boot. So verschlimmerte sich unsere Lage ständig. Die alten Atembeschwerden stellten sich wieder ein, und unsere Beine schwollen so stark an, daß wir uns gezwungen sahen, unsere Segeltuchstiefel aufzuschneiden. Am meisten von allen Symptomen aber machte mir die Schlaflosigkeit Sorge. Eine Art schleichendes Fieber, das uns bei der Arbeit verfolgte, war bis jetzt nur durch gründliche Ruhe nach jedem Tagewerk niedergehalten worden, und in dieser erfrischenden Wirkung beruhten all unsere Hoffnungen auf glückliches Durchhalten. Man darf nicht vergessen, daß wir uns jetzt in der offenen Bucht befanden – mitten in der Linie der großen Eisströmung nach dem Atlantischen Ozean – und zwar in so gebrechlichen und seeuntüchtigen Booten, daß nur unablässiges Ausschöpfen sie flotthalten konnte. Es war in dieser Krisis unsers Schicksals, als wir einmal ein große, anscheinend schlafende Robbe auf einer kleinen Eisscholle schwimmen sahen, wie es die Gewohnheit dieser Tiere ist. Sie gehörte zu der bärtigen Art und war so groß, daß ich sie anfangs für ein Walroß hielt. Die »Hoffnung« erhielt Signal, uns zu folgen, und vor Spannung zitternd pürschten wir uns an das Tier heran. Petersen wurde mit der langen englischen Büchse an den Bug gestellt, die Ruder hatten wir mit Strümpfen umwickelt, um jedes Geräusch zu ersticken. Während wir uns näherten, wurde die Aufregung so groß, daß die Ruderer kaum Takt zu halten vermochten. Ich hatte für solche Fälle bestimmte, stumme Signale festgesetzt, um Worte zu vermeiden. Als wir bis auf etwa 300 Schritt heran waren, wurden die Ruder eingezogen; unter tiefstem Schweigen bewegten wir das Boot nur noch mit dem Hinterruder weiter. Die Robbe schlief nicht! Wir hatten uns fast bis auf Schußweite genähert – da hob sie den Kopf ... Ich sehe noch immer den angstvollen, fast verzweifelten Ausdruck in den Gesichtern der Leute, als sie diese Bewegung sahen. Von diesem Fang hing ja ihr Leben ab! Ich senkte die Hand zum Zeichen, daß Petersen schießen solle; der arme Bursche war fast gelähmt vor Aufregung und suchte auf dem Bootsrande vergebens nach einem Auflagepunkt für sein Gewehr. Die Robbe erhob sich auf ihre Brustflossen, starrte uns einen Augenblick mit erschrockener Neugier an und krümmte sich dann, um sich ins Wasser zu werfen. In derselben Sekunde krachte der Schuß, und das Tier streckte sich in voller Länge auf dem Eise aus; sein Kopf lag fast schon im Wasser, als er schlaff zur Seite fiel. Ich wollte noch einmal schießen lassen, doch jetzt hatte alle Disziplin ein Ende. Mit wildem Geheul trieben die Leute beide Boote auf die Scholle. Eine Menge Hände packten die Robbe und zogen sie auf das festere Eis. Halb wahnsinnig waren die Leute. Erst jetzt sah ich, wieweit der Hunger uns schon heruntergebracht hatte. Lachend und heulend rannten sie auf dem Eise umher und schwangen ihre Messer in der Luft. In noch nicht fünf Minuten hatten alle die blutigen Finger im Munde oder schlangen an langen Speckstreifen. Nicht eine Unze ging von dieser Robbe verloren. Die Eingeweide wanderten ohne jegliche Vorbereitung in den Suppenkessel; die Flossenknorpel wurden zu einer Art Salat zerschnitten, und selbst die Leber wäre beinahe noch warm und roh verzehrt worden. Auf der großen, stehenden Scholle, auf die wir für diese Nacht die Boote gezogen hatten, spendeten wir Glücklichen zwei ganze Planken des »roten Erich« an ein großes Kochfeuer und hielten ein seltenes, wildes Gelage, unbekümmert um die Gefahr, daß wir ins Treibeis geraten konnten. Dies war das letztemal, daß wir erfuhren, wie weh der Hunger tut. Um mit Georg Stephenson zu sprechen: »Der Zauber war gebrochen, und die Hunde sicher!« Die Hunde habe ich kaum erwähnt, denn niemand dachte gern an sie. Die armen Geschöpfe Tudla und Whitey betrachteten wir als letztes Mittel gegen das Verhungern. Sie waren nach MacGarys Ausdruck »wandelndes Fleisch« und »konnten ihr Fett selbst über das Eis schleppen«. Einmal, kurz vor Müdemannsruhe, war ich nahe daran, sie zu schlachten; aber wir vermochten dies Opfer doch nicht übers Herz zu bringen ... – Ueber unsere Weiterfahrt kann ich mich kurz fassen. Wir schossen am zweiten oder dritten Tag abermals eine Robbe und hatten von da an beständig Mundvorrat zur Genüge. Am 1. August erblickten wir den Teufelsdaumen und waren nun wieder in den bekannten Gegenden, wo die Walfischjäger sich aufhalten. Das Wasser der Bucht war völlig frei, und wir hatten die letzten beiden Tage östlich gesteuert. Bald kamen wir zu den Enteninseln und gingen von da südlich nach Kap Shakleton über, wo wir uns anschickten zu landen. Terra firma ! Festes Land! Wie schön erschien uns dies und mit welch heißem Dankgefühl näherten wir uns ihm. Bald war ein stiller Winkel zwischen den struppigen Felsen der Küste ausgesucht, bald unsere Glückwünsche ausgetauscht. Nun zogen wir unsere zerstoßenen Boote hoch und trocken auf die Felsen und legten uns, dem Himmel für unsere Rettung dankend, zur Ruhe. Und jetzt – bei der anscheinend gewissen Aussicht, daß wir die Heimat wiedersehen würden – überfiel mich die nervenzermürbende Sorge, die einer allzulange vorgegaukelten Hoffnung zu folgen pflegt. Ich konnte mich nicht entschließen, die Fahrt an der freien Meeresseite zu wählen, sondern suchte furchtsam die stillen Wasserkanäle tief hinten zwischen den Inseln auf, die labyrinthartig längs der Küste hingesät sind. Bei einer Nachtrast auf solch einem Felsen war es, daß Petersen mich mit einer Geschichte aufweckte. Er hatte eben einen Eingeborenen gesehen und erkannt, der in seinem gebrechlichen Kajak augenscheinlich Eiderdaunen zwischen den Inseln sammelte. Der Mann war einmal sein Hausgenosse gewesen. »Paul Zacharias« – hatte er ihm zugerufen – »kennst du mich nicht? Ich bin Karl Petersen!« »Nein« – hatte er geantwortet – »der ist tot, sagt seine Frau.« Und nachdem er stumpfsinnig erstaunt einen Augenblick Petersens langen Bart angestiert, war er in angstvoller Hast davongerudert ... – Zwei Tage später hatte sich ein Nebel auf die uns umringenden Inseln gelagert. Als er sich wieder hob, fanden wir uns in gemächlichem Takt unter dem Schatten von Karkamut hinrudernd. Da drang ein bekannter Ton zu uns über das Wasser. Wir hatten oft dem Kreischen der Möven und dem Bellen der Füchse gelauscht und geglaubt, das Eskimosignal »Huk!« zu hören. Doch diesmal war solch Irrtum nicht möglich, die Laute endeten mit einem deutlichen »Hallo!« »Horch, Petersen – Ruder, Menschen ... was gibts?« Und er lauschte anfangs ruhig, dann überfiel ihn ein freudiges Zittern, er stammelte: »Es sind Dänen!« Das war der erste Ton einer christlichen Stimme, der uns beim Wiedereintritt in die Welt begrüßte. Da standen wir alle und lugten mit langen Hälsen in die entfernten Buchtenwinkel hinein. Schon glaubten wir geträumt zu haben, als der Ruf abermals ertönte. Jetzt griffen wir mit den Rudern weit aus, daß das Eichenholz knarrte, und schossen auf das Felskap zu, von woher der Ton kam. In atemloser Spannung durchmusterten wir jeden grünen Fleck, wo unserer Erfahrung nach am ehesten die Lagerstätten von Seefahrern sein konnten. Eine gute halbe Stunde mochten wir so gerudert haben – da stieg über der Wogenkimmung langsam der einzelne Mast einer kleinen Schaluppe auf. Petersen war bis jetzt sehr still und ernst gewesen. Bei diesem Anblick aber brach er in Schluchzen aus und konnte sich nur in einzelnen dänischen und englischen Ausrufen Luft machen: »Es ist Fräulein Fleischer – mit dem Tranboot aus Uppernavik! ... Carlie Mossyn, der Küfergeselle, muß unterwegs sein, um Speck von Kingatok zu holen ... Die ›Marianne‹ ist angekommen mit Carlie Mossyn ... – « Und nun fing er wieder von vorn an und verschluckte die Hälfte seiner Worte und rang die Hände. Allerdings war es Carlie Mossyn. Der ruhige Gang der Dinge in den dänischen Ansiedelungen ist Jahr für Jahr der gleiche, und so hatte Petersen das richtige getroffen. Die »Marianne«, das einzige jährlich hier heraufkommende Schiff, lag zu Pröven, und das Fräulein Fleischer hatte die jährliche Specklieferung von Kingatok abzuholen. Hier bekamen wir zuerst einen dunklen Begriff von den Vorgängen in der großen Welt während unserer Abwesenheit. Wie ein absonderliches Mißverständnis dünkte es uns, als wir hörten, daß Frankreich und England sich mit dem Muselmann gegen die griechische Kirche verbunden haben solle. Der erzählende Böttchergeselle war ein guter Lutheraner, und all seine Nachrichten hatten denselben theoretischen Anstrich wie er selbst. »Was gibt's Neues aus Amerika? He, Petersen?« Und wir sahen ihn alle erwartungsvoll an, daß er uns die Antwort verdolmetsche. »Amerika?« – sagte Carlie Mossyn – »Wir wissen nicht viel von diesem Lande, denn sie haben an unseren Küsten keine Walfischjäger. Aber ein Dampfer und eine Barke gingen vor 14 Tagen hier vorbei, um euch im Eise zu suchen.« Wie gemächlich der Mann all seine Mitteilungen machte. Er schien uns wie ein Orakel, dessen Aussprüchen wir in fieberhafter Erwartung lauschten. »Sewastopol ist noch nicht genommen!« Was wußten wir von Sewastopol?! »Aber Sir John Franklin?« Das ging uns näher an, und unsere eigenen kleinen Angelegenheiten traten jetzt bedeutend in den Vordergrund. Franklins Leute – oder vielmehr Spuren von Toten, die ihnen einst angehört haben mochten – hatten sich fast tausend Meilen südlich von dem Punkte gefunden, wo wir sie gesucht hatten. Der Erzähler wußte das von dem Geistlichen, Pastor Kraag, der eine deutsche Zeitung hielt ... – Nun wurden die Ruder wieder ins Wasser gesenkt, und weiter ging es in den Nebel hinein. Wir übernachteten noch einmal in der üblichen Weise, wuschen uns in süßem Wasser rein und richteten unsere zerlumpten Pelze und Wollkleider etwas her. Kosarsoak, der Schneegipfel von Landerson Hope, zeigte sich jetzt über dem Nebel, und wir hörten Hundegebell. Petersen war Faktor der Niederlassung gewesen und lenkte meine Aufmerksamkeit mit einem gewissen Stolz auf das Anschlagen der Arbeitsglocke. Es ist sechs Uhr. Wir nähern uns dem Ende unserer Prüfungen. Kann es ein Traum sein? ... – Wir fuhren in den großen Hafen hinein, bogen um die Ecke bei dem alten Brauhaus und zogen, umringt von einer Kinderschar, unsere Boote zum letzten Mal auf das Felsufer. Vierundachtzig Tage hatten wir in freier Luft gelebt und waren so abgehärtet und wetterfest geworden, daß wir nicht ohne ein Gefühl von Erstickung zwischen vier Wänden zu verweilen vermochten. Doch wir tranken diese Nacht an mancher gastfreien Schwelle Kaffee und lauschten immer von neuem dem freundlichen Willkommen und den Glückwünschen zu unserer Erlösung. Die Dänen von Uppernavik erwiesen uns alle erdenklichen Freundlichkeiten. Die Bewohner dieser entlegenen Ansiedelung hängen hinsichtlich ihrer Vorräte von dem jährlich einmal erscheinenden Handelsschiff der Kolonie ab und konnten natürlich unseren vielerlei Wünschen nicht abhelfen, ohne sich selbst manches zu entziehen. Aber sie richteten zu unserer Aufnahme einen Speicher ein und teilten in wahrhaft christlicher Liebe ihre Vorräte mit uns. Sie gaben uns noch viele Einzelheiten über die verschiedenen Franklin-Expeditionen, unter anderem auch die schmerzliche Nachricht von dem unglücklichen Ende meines Freundes und Gefährten Bellot. Erst am 4. September war das dänische Schiff zur Heimreise fertig. Wir benutzten die Zwischenzeit, um unsere Gesundheit zu stärken und uns wieder an das Leben unter Dach und Fach zu gewöhnen. Seltsam, wenn auch nicht unerklärlich, war es, daß uns die Ruhe und das jetzige behagliche Leben mehr angriff als alle Anstrengungen der letztverwichenen drei Monate. Am 6. verließ ich mit allen meinen Leuten Uppernavik auf der »Marianne«, einem festen, altmodisch gebauten Kasten unter dem Kommando des Kapitäns Ammondsen, der uns an den Shetlandsinseln abzusetzen versprach. Unser kleines Boot »Glaube«, das wir als eine kostbare Reliquie betrachteten, machte die Reise mit. Außer den Pelzen auf unserm Leibe und den schriftlichen Belegen über unsere Arbeiten und Leiden war dies Boot alles, was wir von der »Advance« und ihren Schätzen zurückbrachten. Am 11. kamen wir nach Godhaven, dem Inspektorat von Nordgrönland, wo uns mein alter Freund, Herr Alrik, aufs herzlichste willkommen hieß. Die »Marianne« hatte hier bloß einige Waren auszuladen und ihre Papiere zu empfangen. Aber man verschob die Abfahrt bis zum letztmöglichen Augenblick, in der Hoffnung, daß noch Nachrichten von Kapitän Hartstenes Geschwader einlaufen würden, von dem man seit dem 21. Juli nichts mehr gehört hatte. Schon waren wir im Begriff, die Anker zu lichten, als die Wache auf dem Hügel einen Dampfer in der Ferne sichtete. Mit einer Barke im Schlepptau kam er näher, und bald erkannten wir die Sterne und Streifen der Unionsflagge. Zum letzten Male wurde der »Glaube« ins Wasser gelassen, und die kleine Flagge, die so nahe an beiden Polen geweht hatte, entfaltete sich noch einmal im Winde. Mit Brooks am Steuer und Herrn Alrik zur Seite, fuhr ich in Begleitung aller Boote der Niederlassung den Ankommenden entgegen. Selbst auf die erlegte Robbe waren die Leute nicht heftiger zugerudert, als sie es jetzt taten. Wir näherten uns den Schiffen und den mutigen Männern, die gekommen waren, uns zu suchen. Wir konnten die Narbe sehen, die auch diese Schiffe im Kampf mit dem Eise davongetragen. Wir erkannten die Goldtressen an den Mützen der Offiziere und unterschieden die Gruppen, die mit Fernrohren in der Hand uns musterten. Jetzt waren wir an der Schiffsseite. Ein Offizier, Kapitän Hartstene, rief einen kleinen Mann in zerrissenem Flanellhemd an: »Ist das Dr. Kane?« Und auf dessen »Ja!« füllte sich das Takelwerk mit Landsleuten, und stürmischer Jubelruf empfing die Wiedergefundenen. Nachwort Um das Tagebuch von Doktor Kane zu vervollständigen, sei hier nachgetragen, wie es der zu seiner Aufsuchung ausgesandten Expedition erging. Das lange Ausbleiben der »Advance« und der Mangel jeglicher Nachricht über das Schicksal Doktor Kanes und seiner Leute hatte in den Vereinigten Staaten große Teilnahme und Besorgnis erregt. Ein Kongreßbeschluß vom 3. Februar 1855 ermächtigte das Marineministerium zur sofortigen Absendung von ein oder zwei Schiffen nach den arktischen Gewässern, um nach den Vermißten zu suchen und ihnen womöglich Hilfe zu bringen. Zu diesem Zweck wurde der Dampfer »Artik« und die Bark »Release« ausgerüstet und mit vollem Proviant sowie Extravorräten für zwei Jahre versehen. Unter der Bemannung befand sich auch Doktor Kanes Bruder. Die Schiffe gingen im Juni unter dem Kommando des Kapitäns Hartstene in See. Gleich mit ihrem Eintritt in die Baffinsbai hatten sie unter den gewöhnlichen Schwierigkeiten und Gefahren der Eisfahrt zu leiden. Doch waren sie gegen die »Advance« insofern im Vorteil, als sie zuweilen von der Maschinenkraft Gebrauch machen konnten, um sich durchzudrängen und herauszuwinden. Sie suchten mit größter Eile Smithsund zu erreichen. Und insofern wenigstens war diese Expedition besser als alle anderen daran, als sie genau wußte, wohin sie sich mit ihren Aufsuchungsarbeiten zu wenden habe. Wie sich herausstellte, hatten beide Expeditionen einander gekreuzt. Kane hatte sich mit seinen Leuten mehr links an das Eis der Melvillebucht gehalten, während Kapitän Hartstene gerade auf Kap Alexander zuging und auch so glücklich war, die Etabucht zu erreichen. Dort erhielten sie durch die den Lesern dieses Buches wohlbekannten Eskimos sichere Kunde davon, daß die Gesuchten sich bereits auf dem Heimwege befanden. Kapitän Hartstene selbst berichtet über diesen Teil seiner Erlebnisse: »– Kap Alexander und die nahe Sutherlandinsel, zwei sehr auffällige Punkte außer dem Bereich der Eskimos, wurden gründlich untersucht, aber nicht die leiseste Spur verriet, daß jemals zivilisierte Menschen hiergewesen waren. Sehr betroffen hierüber umfuhr ich das Kap mit dem Dampfer. Das Eis dehnte sich in fester Masse bis zur westlichen Küste und nördlich, soweit man sehen konnte. Aber ein schmaler Wasserweg führte so nahe an der Küste hin, daß sich die kleinsten Gegenstände am Lande unterscheiden ließen. Ohne das mindeste zu entdecken, drangen wir vor, bis wir die letzte im Nordwest sichtbare Landspitze erreichten, die wir für Kap Hatherton hielten, die sich aber später als die Pelhamspitze herausstellte. Hier bemerkten wir einige zusammengelegte Steine am Lande. Sofort stiegen einige Mann aus und fanden bei dem sorgsam aufgeschichteten Steinhaufen ein Glasfläschchen, in dessen Kork ein K geschnitten war und das einen großen Moskito, ein Stückchen Patronenpapier und eine Büchsenkugel barg; auf das Papier war, offenbar mit der Spitze der Kugel, geschrieben: Doktor Kane 1853 . Das konnte uns wenig Aufklärung bringen. Immerhin wußten wir doch jetzt, daß die Gesuchten hier gewesen waren, und ich beschloß nun, in nördlicher Richtung soweit als möglich vorzudringen. Aber bald stellte sich ein endloses Feld schweren, mit Hummocks dicht bedeckten Eises in den Weg, dazu viele Eisberge, die alle nach Süden trieben. Wir wichen mit dem Eise zurück – immer auf dem Sprung, ob sich nicht ein Durchgang öffnen werde – und untersuchten auf diesem Rückzug ergebnislos Kap Hatherton und die Littletoninsel. Endlich suchten wir Schutz hinter einem vorspringenden Punkte, einige 15 Meilen nordwestlich von Kap Alexander – als plötzlich der Klang menschlicher Stimmen an unser Ohr schlug. Freudigen Herzens machte ich mich mit einigen Gefährten auf, und nach langem mühsamen Durcharbeiten trafen wir zwei Eskimos, denen anscheinend sehr viel daran lag, auf das Schiff zu kommen. Da sie jedoch abgewiesen wurden, deuteten sie gestikulierend nach einer sehr schönen geschützten Bucht, wo demnach eine Niederlassung zu vermuten war. Wir beschlossen, ihnen zu folgen, und sahen unsere Mühe bald glänzend belohnt. Im Hintergrunde der Bucht fand sich eine Niederlassung von einigen 30 Eskimos in sieben Zelten, die alle mit Segeltuch überzogen waren. Wir sahen hier noch viele andere Sachen, zinnerne Töpfe, Teller und Büchsen, Eisenstäbe, Messer und Gabeln, ein baumwollenes Hemd, zerbrochene Ruder und Querhölzer und endlich auch das Rohr eines Teleskops, das als Doktor Kanes Eigentum erkannt wurde. Eine genaue, von drei verschiedenen Personen wiederholte Befragung des verständigsten Eingeborenen, die wir mit einem kleinen Eskimowörterbuch und Zeichnungen von Schiffen, Booten und Personen unterstützten, ergab endlich folgendes: Doktor Kane (dessen Namen die Eingeborenen sehr deutlich aussprachen und dessen Aussehen sie treffend beschrieben) habe sein Schiff irgendwo im Norden verloren und sei mit dem Dolmetscher Karl Petersen und 17 anderen Leuten sowie zwei Booten und Schlitten hier gewesen. Nach zehntägigem Aufenthalt seien sie in südlicher Richtung nach Uppernavik abgefahren ... –« Bei dieser Lage der Dinge hatte es Kapitän Hartstene für geboten erachtet, nach Süden umzukehren. Wie bereits geschildert, nahm er die glücklich Aufgefundenen an Bord und erreichte nach kurzer ereignisloser Fahrt die Heimat ... – Doktor Kanes geschwächter Körper erlag zwar bald darauf den Folgen der ausgestandenen Leiden. Doch das Andenken des kühnen Polarfahrers wird unsterblich sein und bleiben! Von todbringendem Eis umstarrt, vom Schneesturm umtost, im Kampf mit wilden Tieren, mit Hunger und Krankheit – steht dieser Held ungebeugt! Nicht einen Augenblick verlor er als Führer den erhabenen Zweck, dem er sich geweiht, aus den Augen. Selbst ein Kranker, erhob er durch wahre Frömmigkeit, aufopfernde Sorge und unverwüstlichen Humor, der sogar den düstersten Schreckensszenen der Polarnacht noch lichte Seiten abgewann, die tiefgebeugten Kameraden. So ist durch seine unvergänglich berühmte Expedition die grauenhafte Wüste des Eismeeres, aus der bisher nur der Tod in tausendfacher Form sprach, in einen Schauplatz gewandelt worden, auf dem der Genius der Geschichte kommenden Geschlechtern einen der edelsten Männer zeigt. Einen Mann und Helden, dessen geläuterter Charakter selbst über die grausigsten Schrecken der Natur triumphiert und so der Nachwelt eine Eroberung hinterließ – glorreicher als jene, die je irgendein Weltbezwinger mit dem Schwert erwarb!