Suzanne Normand Fünf Frauen auf einer Galeere 1928 Titel der französischen Originalausgabe: Cinq Femmes Sur Une Galère Prolog In Form von Erinnerungen Jetzt, da Regine eine Vernunftehe geschlossen hat und in einem prunkvollen, langweiligen Viertel wohnt –: erinnert sie sich da noch der Zeit, die sie auf dem linken Ufer verlebt hat, unter uns, ihren Freundinnen, berauscht von Unabhängigkeit, besessen von Freiheitsdrang? Neulich abends haben wir bei ihr gespeist. Es ist Regine, und doch nicht mehr ganz die alte. An dem Tage, an dem unsere Freundin auf ihre Unabhängigkeit – ach! was bedeutet das Wort für sie, außer dem Gedanken an Kampf, Demütigung, endlosen Jammer? – verzichtet und eingewilligt hat, wieder zur Bürgerin nach altem Brauch zu werden, an dem Tage ist von ihr zu uns etwas Unfaßbares gerissen. Etwas, das eher in den sichtbaren Äußerungen unserer Freundschaft lebte als auf deren tiefstem Grunde, dessen wahre Treue unberührt geblieben ist. Diese Art Freimaurerei aber, die uns verband, sie und uns, uns und sie, die besteht nicht mehr. Unsere Freundin leidet darunter. Und wenn sie versuchen will, den Faden wieder anzuknüpfen, ohne daß der Knoten allzusehr auffällt, dann ladet sie uns ein, wenn ihr Mann außer Hause ist. Ganz wie früher, als sie uns noch in ihrem Hotelzimmer empfing und uns auf einem Koffer den Tee auftrug, ganz wie früher sagt sie: »Bedient euch, zwingt mich nicht, die Hausherrin zu spielen ...« Aber der Speisesaal, mit Kristall und Schnitzereien, weiß nichts von Ungezwungenheit. Und hinter unserem Rücken geht das Stubenmädchen ab und zu. »Wir werden also zu Abend essen, an einem richtigen Tisch, ein richtiges Diner?« sagt Maguy beim Verlassen des Lifts, mit schmerzlichem Spott. Denn Maguy, die zur Unduldsamkeit neigt, hat die Heirat Regines nicht leichten Herzens hingenommen. In dem Beinamen ›die Frau mit dem Hispano‹, den sie unserer Freundin wegen ihres zu schönen Wagens gegeben hat, klingt ein wenig Bitterkeit mit. Denn diese Heirat – als was konnte sie sie empfinden, wenn nicht als Verrat an der Sache, an der Sache der weiblichen Unabhängigkeit, deren Apostel Maguy ist? Und in ihren Worten, ihrem Gehaben ist etwas wie trockene Verachtung dafür nachgeblieben. Als das Mahl beendet ist, gehen wir in den Salon hinüber, einen Salon ohne Anmut, doch nicht ohne Pracht, wo unbewegliche Stoffgestalten auf den goldgeschnitzten Rücklehnen der Louis-XIV-Stühle spuken. Eine Stehlampe auf hohem, geradem Fuß wirft mildes Licht unter dem großen, gestickten, elfenbeinfarbenen Schal hervor, der über ihr Skelett geworfen ist. Dank einer Aufmerksamkeit Regines krachen und knistern Scheite im Kamin, ganz wie an früheren Winterabenden, als wir, die Hände über den Knien verschränkt, gemeinsam dem wilden Spiel der Flammen zusahen. »Das ist nett, Regine«, sagt Laure. Vor dem Verlassen des Speisesaals faßt Reine nach einer kaum berührten Fruchtschale. »Regine – darf ich sie mitnehmen?« Regine lächelt nachsichtig: »Aber ja, gewiß doch, ich vergaß eure wilde Vorliebe für Mandarinen.« Sie sagt »eure«, nicht »unsere«, und doch: wie viele der schönen Goldfrüchte hat sie mit uns gegessen, in der nicht allzufernen Zeit, da sie noch das Rückgrat unserer Mahlzeiten bildeten! Wir brauchten davon, gering gesagt, ein halbes Kilo auf den Kopf; und wenn wir aus zwingenden Gründen zwischen zwei Gerichten wählen mußten, wie gerne verzichteten wir da auf die Scheibe Schinken oder das kleine Fleischgericht! Auf alles verzichten, nur nicht auf die Mandarinen! Die haben uns nie gefehlt. Man hat von unserer Generation gesagt, sie nähre sich von Sandwiches. Ja. Und von Mandarinen. »Du hast unsere Gewohnheiten vergessen, du denkst nicht mehr an früher«, wirft Maguy im Ton zärtlichen Vorwurfs hin. Auf diese sonderbare Bemerkung erwidert Regine sanft: »Aber, meine kleine Maguy, die Vergangenheit ist in mir. Ich habe keine Anstrengungen nötig, um sie wachzurufen. Es gibt sogar Stunden, wo sie die Gegenwart übertönt. Dann lasse ich mich von dieser Vergangenheit überkommen, gebe mich ihr gefangen. Doch beim besten Willen, wirklich, ich kann nicht, wie es das Herkommen, wie ihr alle es wolltet, ich kann nicht sagen: »es war die gute Zeit«.« »Trotzdem,« beharrt Maguy und hebt ihr eigenwilliges Gesichtchen aus den Tiefen des Kissens, in das sie sich hat sinken lassen, unserer Freundin entgegen, »trotzdem ...« »Nein«, unterbricht Regine mit Festigkeit. »Nein, Maguy, ich sehe die Vergangenheit nicht in versöhnlichen Farben. Ich habe mich dafür vor deiner Unerbittlichkeit zu entschuldigen.« Schweigen. Wir sehen Regine an, die vor dem hellflammenden Kamin steht. Seidige Glanzlichter spielen auf ihrem dunklen Gewand. Ihre nackten Arme, ihr reines, regelmäßiges Gesicht, die schwarzen Augen mit langen Wimpern und ihr wunderbares Haar, von der Farbe scharfgebackenen Brotes (sie hat sich nicht entschließen können, es abzuschneiden) – all das ist jung, lebendig, voll Anmut und zärtlichen Überschwangs. Wie herrlich ist sie für die Liebe geschaffen! Und sie hat nur eine Vernunftehe geschlossen. »Zigaretten?« Sie läßt die Schachtel in die Runde gehen, einen umgearbeiteten alten Lederband: geflammtes Kalbsleder aus dem 17. Jahrhundert, goldgepreßt, Vorsatz in Blau und Rot. Wenn in früheren Zeiten Regine einmal nur noch eine Fünffrankennote in der Tasche hatte, dann gab sie sie für Zigaretten aus. Machen die ihr auch jetzt noch soviel Freude, wo ein aufmerksamer Gatte dafür sorgt, daß das kostbare Behältnis immer gefüllt ist ? Reine nimmt aus der Schüssel eine Mandarine und schält sie mit einem Griff. »Es sind die ersten des Jahres«, sagt Regine. »Ich fürchte, sie werden nicht sehr süß sein.« Der scharfe Duft belebt die Zimmerluft, die schwer war von dem Rauch des blonden Tabaks. Und wir alle schweigen plötzlich, ein wenig traurig. Aus dem frischen, prickelnden Duft, elfenhaft zart, ist mit einmal eine ganze Vergangenheit erstanden mit ihren schönen Wünschen, dem fiebernden Hoffen, den gemordeten Träumen. Da steht sie vor uns, die bewegteste Zeit aus unserem Frauenleben. »Ah!« sagt Laure, die, als Journalistin, gerne ihre Gefühle ausspricht, »erkennst du ihn wieder, Regine, diesen Geruch? Es ist der wahre Duft unserer Freiheit. Ich nehme ihn auf mit durstigen Lippen, er lebt in Wehmut in meinem Herzen. Im letzten Jahr, zur gleichen Zeit, als die Mandarinen auf den Händlerwagen erschienen, da waren wir beinahe glücklich.« »Es hat nicht länger angehalten, als die Mandarinen selbst«, meint Reine ironisch. Gilberte – sie trägt die Zöpfe um die Stirn gelegt – hebt den Kopf; unter sehr schwarzen Wimpern blitzen sehr helle Augen. Diese Augen suchen die unseren, die von Träumen verschleiert sind. Ihre Worte wollen wohl unser Gedenken wachrütteln. Aber was vermögen Worte gegen den Schmerz um Tage, die nicht mehr sind? Laure nimmt eine Mandarine – die dritte, die vierte? – preßt zwischen ihren Fingern die goldene Schale, atmet mit geschlossenen Augen den Duft ein. »Mein ganzes Leben lang«, murmelt sie, »wird dieser Duft mich an nichts andres gemahnen. An nichts andres als an unsere Abende voll Erwartung und Einsamkeit. Und alle Gärten Spaniens und Siziliens werden daran niemals etwas ändern.« Erster Teil Die schöne Zukunft Das liebe Stadtviertel Später einmal, wenn wir alle, wie Regine, uns im Leben eingerichtet haben werden – in dem herkömmlichen Leben, aus dem wir herauszutreten gedachten und in das wir doch unweigerlich zurückfallen müssen – : welche von uns wird dann wohl ohne Rührung unseres Feldlagers freiheitsdurstiger Frauen gedenken können und dieses Winkels von Paris, von dem Regine sagte, so oft sie das Luxembourg oder die alten Quais mit ihren Bäumen überquerte: »Ich habe diese Gegend im Blut.« Freundinnen von der Schule oder von der Arbeit her, zusammengeführt durch die Gemeinsamkeit gewisser Sympathien, Neigungen und Hoffnungen, die man Freundschaft nennt, hatten wir uns alle fünf im Quartier Latin wiedergefunden, zwischen vierundzwanzig und dreißig Jahren; wir übten unsere Tätigkeit auf ganz verschiedenen Gebieten aus und versuchten, unser Leben zu verdienen, ohne sonderlich dafür geschult zu sein; denn wir glaubten aus voller Seele an die Möglichkeit einer Unabhängigkeit für die Frau und weigerten uns vor allem, mit aller Kraft unseres Stolzes, an dem Wettrennen nach der Heirat teilzunehmen; um keinen Preis hätten wir ›junge heiratsfähige Mädchen‹ sein mögen. Unsere schönsten Erinnerungen, die ohne Schatten und ohne Reue, werden sich wohl an den schönen blühenden Garten knüpfen, den Regine, um der Häßlichkeit ihres Hotelzimmers zu entgehen, immer aufsuchte; dort schrieb sie dann, auf dem Knie, mitten unter grauen Steinen, Bäumen und sprudelnden Wassern. Du liebes Quartier Latin, vertraut wie eine Landschaft und lebendig wie ein Herz, lernbegierig und froh, großherzig und gutmütig, wo nichts stört, nichts verletzt, weder der freche Luxus der großen Stadt, noch ihr lärmender Alltag! Wir ließen uns selten in den Schlupfwinkeln der internationalen Bohème blicken, im ›Soufflet‹, das von Fremdlingen überschwemmt, in der ›Source‹, die von Kartenspiel und Pfeifenrauch erfüllt war – fällt dort ein französisches Wort, dann sucht man erstaunt, von wo es wohl gekommen sein mag. Auch das ›d'Harcourt‹ sah uns selten, das ganz überstuckt und mit einer American Bar geziert ist. An Abenden aber, wo uns der Jammer anpackte, gingen wir längs der dunklen Seine, auf der sich Lichtschlangen wanden, zum Châtelet hinunter und kehrten bei Dreher ein; dort spendete uns dann, um den Preis eines Schoppens Bier, ein ausgezeichnetes Orchester ein wenig Süße. Oder es führte uns ein Spaziergang längs der geschlossenen Gitter des Luxembourg bis nach Montparnasse. Und dort horchten wir vor einem Chartreuse oder einem Lindenblütentee (je nach dem Zustand unseres Magens oder unserer Finanzen) nach dem internationalen Vogelhaus der Rotonde hinüber, aus dem es wie das Rauschen eines Stromes klang. Du liebes Quartier Latin, mit deiner Seele voll Freude und Gelehrsamkeit, voll Überlieferung und Augenblickslaune, wo sich, dem Esprit zuliebe, die Dogmen der alten Sorbonne dem Überschwang närrischer Jugend vermählen! Das Quartier hat seine besonderen Gestalten, die ihm eigentümlich sind, seine besonderen Laute und Gewerbe. Wie viele Altkleiderhändler! Nirgendwo hatten wir ihrer so viele gehört; selbst Laure, selbst Reine nicht, die in der Provinz aufgewachsen waren; das Quartier Latin ist ein Viertel, wo man, zu Ende der Jahreszeiten, gerne seine Kleider verkauft. Jeder Händler hatte seinen eigenen Rhythmus. Der eine schleppte die Silben, als wäre er es müde, ewig dasselbe Verslein wiederholen zu müssen: »Al–te Klei–der«. Dann eine rasche Häufung, um die Aufmerksamkeit zu erregen: »Kleider, Kleider, sag' ich!« Nach ihm konnten wir die Uhr stellen, denn er kam täglich um acht Uhr zwanzig durch unsere Gasse. Der andere entledigte sich seiner Worte etwas hastiger, und wie befehlshaberisch! Als wollte er sagen: »Los, verkauft sie, eure Kleider, verkauft sie mir, zum Teufel!« Der dritte aber, nicht ohne Süße, schmeichelte sich ein, gewinnend, und meinte wohl: »Bringt sie doch her, eure Kleider! Warum laßt ihr euch so lange bitten? Ihr wißt doch, daß ihr nicht drum herumkommt! Los, vierzig Franken für einen Smoking, armer Student, und für diese Hose – sechs Franken, gewiß nicht mehr ...« Sie folgten einander oder gaben einander abwechselnd Antwort in den hellhörigen Morgenstunden und verkündeten den Tag wie Hähne über weitem Land. Wie viele waren ihrer? Fünf, sieben, acht, zehn vielleicht. Und mit Vorliebe verweilten sie mit ihrem Gesang unter den Fenstern der Hotels. »Kleider, Kleider, ... Lumpen ...« Der eine warf seinen Schrei wie den Stein aus einer Schleuder gegen die Fenster der Schläfer, der andere zeigte lyrischen Schwung, und seine Stimme verströmte in breitem Rhythmus: »Kleider! Kleider! Hört ihr nicht?« Noch ein anderer aber, so versicherte wenigstens Gilberte, sang sein »Alte Lumpen!« nach der großen Arie der Tosca. Hat nicht jede von uns Maria, der alten italienischen Hökerin, ein paar Blumen abgekauft? Sie war ein wenig verrückt, unheimlich redselig, und kauerte unter ihrer spitzen blauen Wollhaube an der Ecke der Rue Soufflot oder der Rue des Ecoles, vor einem Korb mit blauem Eukalyptus oder angewelkten Maiglöckchen. In jenem Herbst hatten sich drei von uns, Maguy, Reine und Laure, zusammengetan und in der Rue de Vaugirard, gegenüber dem Luxembourg, eine möblierte Wohnung gemietet. »Das wird gemütlicher und lustiger sein, als wenn wir, jede für sich, bei einer mißtrauischen, hypochondrischen alten Dame landen müßten«, hatte Maguy erklärt, die den Vorort, wo ihre Familie wohnte, verlassen wollte und von der die erste Anregung zu dem Unternehmen ausging. Die Sache kostete siebenhundert Franken monatlich. Ein Glücksfall: Leute, die zwei Jahre in den Kolonien bleiben wollten. Nachher würde man sehen, lieber Gott! Ein Nebenhaus zwischen Hof und Garten, zwei Akazien unter den Fenstern, dazu eine Wand voll Efeu, mit Vogelgesang obendrein. Wie hätten wir nicht glauben sollen, daß alles gut gehen würde, da wir doch, trotz dem Mangel eines Zuhause, uns wenigstens einreden konnten, eines zu haben ? Auch Sophie war nicht minder Gegenstand unseres Stolzes. Ah, Sophie! Hausmädchen, treu, selbstlos und gutwillig – das gibt es noch. Sie war lange Zeit in den Diensten einer kleinen Schauspielerin gewesen und hatte es dabei gelernt, jedem Mann, der das Haus betrat, den Titel ›Monsieur‹ zu geben. Sie war nicht mehr jung genug, um diese Gewohnheit abzulegen. Und dann machte sie zwischen den drei jungen Frauen, denen sie nun diente, und jener andern wahrhaftig nicht viel Unterschied. Wenn also Laure, Maguy oder Reine einen Kollegen empfingen, einen alten Onkel, einen jugendlichen Vetter, einen Versicherungsbeamten, dann meldete Sophie bieder: »Monsieur erwartet das Fräulein ...« »Ich habe Monsieur in den Salon eintreten lassen ...« »Monsieur hat gesagt, er würde wieder vorbeikommen.« Gilberte, Witwe, war die einzige unter uns, die sich einer wirklich eigenen Wohnung zu erfreuen hatte, und Regine, die seit ihrer Scheidung ohne Unterkunft und deren Einrichtung verstreut war, war zeitweilig, in der unwahrscheinlichen Erwartung einer Wohnung, in einem teuren und unsauberen Hotel am Odéon gelandet. Fünf Frauen Ist es der Duft der Mandarinen, deren zerstückte Schalen heute abend auf dem Arbeitstisch liegen? ... Da sind wir wieder alle fünf in dem öden Hotelzimmer, fünf grundverschiedene Frauen, auf derselben Galeere eingeschifft. Regine, als Hausherrin, hat sich auf die Erde gesetzt und Laure den hoffnungslos versessenen Lehnstuhl überlassen, Reine den Sessel mit der zu steilen Rückenlehne, während Maguy und Gilberte sich mit schmalen Körpern auf das Bett gedrückt haben, das schon mit Mänteln und Hüten überladen ist. Und wir plaudern, ein wenig zu laut, ein wenig zu schnell und ohne stets die Antwort abzuwarten – nicht so sehr, um das zu sagen oder zu hören, was wir nur zu gut wissen, als um nicht mehr an uns selbst denken zu müssen, an das, was war, an das, was unser Leben ist. Man muß sein wie Maguy, um dies enge Dasein mit Verachtung meistern zu können. Ewig knapp, Maguy, obwohl sie mehr als wir alle verdiente: Zwölfhundert Franken monatlich als Privat- (nur zu private!) Sekretärin eines Bankdirektors; doch der Geldmangel verstimmte sie nie. Mit fünfzehn Franken in der Tasche konnte sie um zehn Franken Blumen kaufen. »Ah, in meiner Lage ... Wenigstens werde ich eine ungetrübte Freude haben, wenn ich diese Rosen ansehe!« »Diesen Mantel kann man nicht mehr anziehen«, meinte sie und betrachtete mit Widerwillen ihren Otterpelz. »Der Kürschner verlangt achthundert Franken für die Herrichtung.« »Hast du die?« »Wollte man nur das Geld ausgeben, das man hat, dann käme man nicht sehr weit ...« Und als der Kürschner den Mantel abgeliefert und seine Rechnung vorgelegt hatte, entrüstete sich Maguy: »Das ist zu arg! Er hat mir seine Rechnung geschickt! Ein großer Kürschner! Er lauert also auf meine achthundert Franken, und dabei verkauft er die Marder dem Schock nach! Was für Krämermätzchen! Der sieht mich nicht wieder! Er wird auf sein Geld warten können!« Kommt ihr diese hochmütige Verachtung für das Geld daher, daß soviel davon durch ihre Hände geht? Täglich unterschreibt sie Börsenaufträge: die stellen Summen dar, an die wir nicht im Traum zu denken wagen dürfen ... Denn Maguy ist die wirkliche Leiterin des Hauses, in dem sie einen so knappen Lebensunterhalt verdient. Vier Jahre lang hat sie ungeduldig in den Zügel gedrängt, eine Namenlose unter der namenlosen Schar der Beamten. Eines Tages war dem Chef dieses kleine diensteifrige Mädchen aufgefallen. Er hatte ihr die Leitung eines lose umgrenzten Dienstzweiges überlassen. Dann ging der Mitarbeiter des Chefs ab. Ein Mann sollte ihn ersetzen. »Warum nicht ich?« fragte Maguy. »Was? Sie? Aber, Sie sind eine Frau ... Hier braucht es kräftigere Schultern als die Ihren ...« »Probieren wir's. Wollen Sie?« Nun hatte sie die Unterschrift des Direktors, wohnte den Beratungen bei, vertröstete die Gläubiger ... Diese Beweise von Tatkraft und Entschlossenheit, wie überhaupt das kleine Persönchen dieser Frau, kostbar wie eine Statuette, mit einem Gesicht wie eine Spalierfrucht, hatten den Direktor gewonnen, und er hatte sie zu seiner Geliebten gemacht. Sie hatte dem verheirateten Manne ohne Widerstand nachgegeben. War sie nicht Apostel der freien Liebe? Die Ehe war, als schmachvoll, aus ihrem Lebensbild verbannt. Sie liebte diesen Mann, der so herrisch, heftig, klug, und grob war, der sie nicht mehr kannte, sobald es sich um Arbeit handelte, und der nachher doch so zärtlich sein konnte. Sie war überzeugt, daß sie ihr Leben für immer festlegte, und daß alles in diesem Dasein, in dem sich Arbeit und Gefühl wunderbar verbanden, einen bleibenden Einklang gewährleistete. Es war, als hätte sie, aus Liebe, eine Vernunftehe geschlossen. Aus der Ehe, von der Maguy nichts wissen wollte, hatte Gilberte ihr ganzes Glück gezogen. Ihr ganzes Unglück desgleichen – denn der Krieg hatte ihr den Mann und damit zugleich den Geliebten, das Heim und die unbegrenzte Kameradschaft geraubt, die sich zu ihrer Liebe gesellt und sie ergänzt hatte; eine Glückseligkeit, die nichts und niemand je würde ersetzen können. Doch sie mußte ja leben. Und wenn ihr auch ein kleines persönliches Vermögen einige Freiheit erlaubt hätte, so war sie doch, als Leiterin der Herstellung, bei dem Verleger Vorland eingetreten. Die größten Drucker von Paris, die mächtigsten Papierkaufleute zitterten vor dieser Velleda mit den schweren Zöpfen um den Kopf, die sie in einem Kontor, enger als eine Küche, empfing und alle Vorschläge und Forderungen haargenau prüfte. »Sie tut ihre Arbeit besser als ein Mann«, sagte der alte Vorland. »Und da sie eine Frau ist, zahle ich ihr nur den halben Preis«, fügte er bei sich selbst hinzu. Doch gab er als erster vor den Wutanfällen dieser Frau klein bei, die größer war als er und deren heller, ein wenig harter Blick keine Nachgiebigkeit kannte. Eine alte Dame, ganz überzuckert von schönen Gefühlen, kam eines Tages, um ihr die Herausgabe eines Buches vorzuschlagen, das die Kinder zu unbegrenzter Wohltätigkeit erziehen sollte: ›Die Güte, in zwanzig Lektionen, für jeden erreichbar.‹ »Man könnte als Untertitel den göttlichen, den ewigen Satz nehmen: ›Liebet euch untereinander‹.« »Madame,« sagte Gilberte mit furchtbarer Ruhe, »diese Illusionen sind überholt. Ich kenne nur eine Formel, die der heutigen Zeit würdig wäre, und die lautet: ›Schert euch nicht umeinander ...‹« »Sich um den andern nicht scheren!« meinte Laure, »das ginge noch! Aber um sich selber ...« Sie hatte – ein junges Mädchen aus ›guter Familie‹, klug und gebildet, eine von jenen, die nicht für die Arbeit bestimmt waren – nach dem Kriege sich ihr Leben verdienen müssen. Das Schriftstellern hatte sie gereizt. »Sind Sie Stenotypistin?« fragte man sie. Nein, das war sie nicht. Es war ihr lieber, nichts davon zu wissen. Erst der Chefredakteur einer Tageszeitung, der etwas intelligenter war als seine Kollegen, erkannte, daß sie schließlich an seinem demokratischen Blatt das kleine Feuilleton und die Lokalnachrichten übernehmen könnte. So interviewte also Laure die Prominenten, die aus Amerika zurückkamen, und die Vorsteherinnen der Wohltätigkeitsanstalten. Ihre Prosa unterrichtete die Leserinnen in der Provinz von der Reue der verlassenen unehelichen Mütter. Das verschaffte ihr eine gewisse äußere Unabhängigkeit. Ihr Geist allerdings hatte antiklerikal und proletarisch gerichtet zu bleiben. »Sie schreiben nicht für den ›Figaro‹,« mahnte sie unaufhörlich der Leiter des Nachrichtendienstes. Ihre Kollegen schätzten sie. Einige machten ihr den Hof: »Sie haben heute Augen, die ... Augen, aus denen ...« »Nein, mein Lieber, nicht heute, ... immer ...« »Immer?« »Aber ja, es sind immer die gleichen. Und das ist schade. Denn auch Ihr Verslein ist immer das gleiche.« Und damit machte Laure kehrt. Die Kollegen aber fragten sich: »Mit wem schläft diese Kleine? Ja, mit wem? Dieses ernste und dabei so zerquälte Gesicht! Und Augen! Augen! ... Diese Augen versprechen und werden wohl auch halten ...« Doch was bedeuteten für Laure diese Begierden oder die stumme Liebe Jeannins, ihres nettesten, ergebensten Kameraden, oder die beruflichen Enttäuschungen: die zusammengestrichenen oder zurückgestellten Artikel? Ganz in sich gesammelt, horchte sie nur auf das glückhafte Toben ihres Herzens und glaubte kindlich an ihre Liebe und an das Leben. Reine glaubte weder an sich noch an das Leben. Ihr Mund, breit, beweglich, nicht voll ausgeschwungen in der Linie, verriet jede Entmutigung, jeden Zweifel, jede Unentschlossenheit. Dieser Mund nahm wunder in dem jungen Frauengesicht, das wohl nie ein Kindergesicht gewesen war. Die Trauer darin wurde von den Augen gemildert, wenn auch nicht getilgt; Augen, in denen ein düsteres Licht und etwas wie Inbrunst flammte. Man konnte, zugleich, nicht empfindsamer sein als Reine und nicht nüchterner. Empfindsam – krankhaft fast – in ihren Reaktionen: ein ungerechtes Vorgehen, der Anblick eines Jammers, einer Roheit, setzten sich bei ihr in hundertfaches Leiden um. Nüchtern infolge des grausamen Mangels an Illusionen, infolge eines fast unfehlbaren Scharfblicks, eines Geistes, der von Natur aus zu durchaus nicht gutmütigem Spott drängte. Was ihr am meisten fehlte, das war vielleicht die Jugend. Sie hatte nichts davon, nicht den Frohsinn, nicht die jauchzende Verblendung, nicht die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nicht die stürmische Bewunderung. Wenn sie auch äußerlich unserem Leben verbunden war, da sie mit Laure und Maguy die Wohnung in der Rue de Vaugirard teilte, sonderte sich Reine doch gerne ab, in einem Bezirk, der von Gleichgültigkeit, Schweigen und ewiger Selbstzergliederung umgrenzt war. Nach bestandener Staatsprüfung hatte sie die Lehrbefähigung für Knabenschulen eben in dem Augenblick erlangt, als, nach Kriegsende, die Männer zum Lehrberuf zurückkehrten. Durch diese Maßnahme in ihrem Fortkommen geschädigt, hatte sie sich in Paris niedergelassen und an einer Privatschule einige Unterrichtsstunden übernommen, die ihr, zusammen mit etwas eigenem Geld, das Leben ermöglichten. Uns gegenüber hatte sie Stunden einer gewissen Hingegebenheit, die aber eine enge, zweifellos von ihr selbst gewollte Grenze nie überstieg. So wußten wir nichts von ihrem Innenleben, das übrigens, wie hundert Einzelheiten uns bewiesen, aufrührerisch genug sein mochte. Abwechselnd kamen auch Stunden einer fast wütenden Verschlossenheit, wo sie, zur Kugel zusammengerollt, für jeden von außen kommenden Einfluß sozusagen undurchlässig war. Mitunter sahen wir sie in ein weiches Hindämmern versinken. Gemeinhin nicht redselig, verschanzte sie sich dann hinter einer bockigen Wortkargheit, das kleine Gesicht hart und verschlossen wie ein Sarg; nur die Augen darin waren erfüllt von einem wehen Träumen, einem Leid, ohne Selbstbescheidung hingenommen. Nach Ablauf dieser Krisen, während derer sie uns nicht mehr als eine Frau erschien, die sich mit Spott gegen die Entzauberung zu wappnen sucht, sondern als ein armes, mitleidswertes Tier, von frühester Jugend an gemartert von Liebe – nach Ablauf dieser Krise also floh sie für zwei oder drei Tage. Niemals sagte sie uns, wohin sie ging. »Ich verreise«, kündigte sie an. Wir errieten wohl, daß sie sich gegen die eigenen Wünsche zu wehren hatte; denn oft blieb sie nach solcher Ankündigung ohne Erklärung da, wobei sie offenbar einer Aufwallung von Eitelkeit nachgab, die sich im letzten Augenblicke eingestellt hatte. Schließlich fuhr sie aber doch immer weg. Nach achtundvierzig Stunden, selten später, kam sie zurück, nicht minder verschlossen, nicht minder erschöpft; doch war diese Erschöpfung anderer Art; und trotz allem zeigte ihr Gesicht die Spuren einer Erleichterung, die sie verwandelte und eine Zeitlang für die Formen und Bilder des Lebens weniger gleichgültig machte. So also waren wir, fünf arme Frauen in einem ärmlichen Zimmer. Die dünnen Wände verboten uns jede Vertraulichkeit. »Jeden Morgen«, sagte Regine, »könnte ich glauben, daß mein unbekannter Nachbar sich auf meinem Kopfkissen die Zähne putzt. Und auch von seinen Gefühlsergüssen bleibt mir nichts fremd ...« Unsere Freuden, unsere Hoffnungen, unsere fruchtlose Empörung – all das teilten wir getreulich in diesem häßlichen, schmutzigen, gewöhnlichen Zimmer – dem Unterschlupf, den unsere Freundin mit so viel Mühe gefunden hatte und den sie so teuer bezahlte: dreihundertfünfzig Franken im Monat. Doch wo etwas Besseres finden? Wir hatten alle Hotels des Viertels abgeklappert: »Verzeihung, Madame, haben Sie ein Zimmer zu vermieten?« Offenbar findet man, daß Regine zu hübsch ist, um anständig zu sein. Eine kurze Kopfbewegung, ein gebrummtes Wort: »Nein.« Und dazu wird sie noch von Kopf bis zu Fuß gemessen, als trüge sie in ihrer Handtasche den für die Gosse bestimmten Leichnam eines Neugeborenen. Die Hoteliers lieben die Frauen nicht. Dabei geht es nicht so sehr um die guten Sitten. Frauen! – Das ist nie mit was zufrieden; das findet immer, daß das Wasser nicht heiß genug ist und daß die Heizung nicht funktioniert; das arbeitet mit Spirituskochern herum; macht Flecken in die Wäsche; wäscht; hat ein elektrisches Bügeleisen; näht und schneidert; das wirft Fadenenden und Stoffrestchen auf den Teppich. Moral: »Keine Frauen.« Und so wissen sie nicht, wohin. Auch die Privatleute erklären ausdrücklich: »Zimmer zu vermieten an einzelnen Herrn .« Die Frauen? Ah was – die sollen sehen, wie sie fertig werden. Darum hatte Regine mit diesem Hotel fürlieb nehmen müssen. Auf den ersten Blick übrigens sah es gar nicht übel aus: anständiger Eingang, große Halle mit Spitzenvorhängen vor den Fenstern. Doch vom zweiten Stockwerk an verliert der Teppich seine Farben, wird zweideutig. Bis acht Uhr abends zieren die Frühstücksbretter die Stiegenabsätze. Der Zimmerkellner hat ein dummes, müdes Gesicht. Regine hat ihn den ›Ritter vom Flederwisch‹ getauft. Dieses Werkzeug läßt er nicht aus der Hand; darum sind aber die Zimmer nicht etwa sauberer. Regine hat eine Schachtel Bohnerwachs kaufen müssen, um die Nachlässigkeit des Ritters auszugleichen. Der Waschtisch entehrt das Zimmer mit dem Blütenprunk blauer Chrysanthemen. Und der Teppich, den unsere Füße treten, ist schmutzig, und der gelbe Bettüberwurf erglänzt zwischen dem Nußholzrahmen wie ein Rapsfeld. »Ich habe nie ein verrufenes Haus gesehen,« sagte Regine, »aber ich vermute, daß man dort Bettüberwürfe wie diesen hier finden muß.« Doch die Ampel ist mit rosa Seide verhüllt, buntfarbige Tücher sind an die Wände geheftet; auf einem kleinen Gestell stehen ein paar vertraute Dinge; dazu noch Regines Puppe, die schöne Puppe in malvenfarbigem Samt auf dem Tisch –: und so wird auch dieses charakterlose Zimmer zum Heim, zur Zufluchtsstätte, wo man, an vertrauensseligen Abenden, sich ablenken und zu hoffen versuchen kann. Die Patisserie Wenn ihr Blatt sie nicht mit gar zu eiliger Berichterstattung betraut hatte, dann kam Laure nach dem Verlassen der Redaktion über die Quais herüber zum Frühstück in die Patisserie von Saint-Germain des Prés, wo sie sicher sein konnte, eine von uns zu treffen: Regine, die von ihrem Schlupfwinkel vom Odéon heruntergestiegen war; oder Reine, die sich das Ende ihrer Unterrichtsstunden in der Rue d'Assas so einrichtete, um da ihr Mittagsmahl einnehmen zu können; oder Maguy, die, ohne Rücksicht auf Wetter, Stunde oder Arbeit, von der Madeleine herbeieilte, außer wenn ihr Freund sie mit sich nahm. Gilberte sahen wir nur in größeren Zwischenräumen; sie fand zu uns, wenn ihr Dienstmädchen abwesend war, wenn sie uns etwas zu sagen hatte, oder aus einer der Launen, die so angenehm ihren Tageslauf regelten. Zu jener Zeit war Regine quietschvergnügt über ihre neugewonnene Freiheit. Gilberte, ihre Schulfreundin, hatte ihr einige Verlagsarbeiten verschafft: die Überarbeitung von Ausgaben für die Jugend oder von unbrauchbaren Übersetzungen. Auf diesen Arbeiten hatte Regine ihre Unabhängigkeit aufgebaut. Wie war sie doch damals gesellig und unbefangen, voller Einfälle und von sprühender Laune! ... Und die Lippen Laures, die späterhin so schmerzlich die Gewohnheit zu lächeln verlieren sollten – wieviel Freude schenkten sie uns damals! Ihre dunklen Augen, die weder blau noch schwarz waren, doch überraschend den Schimmer brünierten Silbers zeigten, diese Augen, meistens ernst, manchmal fast hart, konnten sich doch auch in zartem Leuchten verklären. Laure kam, immer etwas spät, drückte Gilberte die Hand, küßte Reine, Maguy flüchtig auf die Stirne und kraute Regine, die schnurrte, im Nacken. Man machte ihr Platz am Tisch, an dem Puppentisch, wo die Teller aneinanderstießen: »Wir hofften gar nicht, daß du noch kommen würdest.« »Ja, ich habe bis halb ein Uhr auf das Vergnügungsprogramm warten müssen; der Kongreß für Sozialhygiene ist mir zugefallen. Zum Glück ist es nicht weit: im Saal der Sociétés Savantes.« Laure war mit ihren Krabben fertig. Francia, das Hausmädchen, eine fette Italienerin, zur Zuneigung wie zur Empfindlichkeit gleich schnell bereit, setzte einen Teller Kalbsbraten mit Nudeln vor sie hin. Laure wehrte heftig ab: »Nein, Francia, nein! Nichts von Kalb – auch keine Nudeln – und vor allem nicht Kalb mit Nudeln! Francia, es gibt zu viele Kälber in Frankreich. Sie werden doch wohl eine Scheibe Schinken haben, statt dieses Kalbsbratens, der wie vorgekaut aussieht ...« »Vor ... vorgekaut! ... oh!« »Eine Scheibe Schinken? Und dazu ein paar Salzkartoffeln, wie, Francia?« Die Italienerin zog sich mit Würde zurück: »Ich werde nachsehen, ich bin nicht sicher.« »Francia,« sagte Reine einen Augenblick später und zupfte das Mädchen an der Schürze, »Francia, zur Belohnung, weil ich den Kalbsbraten gegessen habe, den ich nicht mag, wirst du mir ein Rumtörtchen geben!« Dabei hob sie ihr kleines, bewegliches Gesichtchen dem Mädchen entgegen. »Sie wissen doch, wenn ich erwischt werde, dann verliere ich meinen Posten ...« Dieser Teesalon, der sich zu den Stunden der Mahlzeiten in ein enges, aber liebenswürdiges Restaurant verwandelte, bewahrt zwischen seinen stuckverzierten Wänden viele lebendige Erinnerungen. Dort haben wir Georges Anselme kennengelernt. Ehemaliger Journalist und damals Leiter einer Monatsschrift in einem großen Verlag, war er zu Kriegsende mit einem literarischen Erstlingswerk hervorgetreten, einem vorzüglichen, tiefen Buch, das anonym erschienen war. Ein Psychologe von unerbittlichem Scharfblick – kannibalisch nannten wir ihn gerne – ein Spötter, bissig und gutmütig zugleich, übersprudelnd von einer Art wütender Freude, die ihm ganz eigentümlich war, fühlte er sich wohl hauptsächlich als Beobachter zu uns hingezogen, nicht so sehr als Mann. Wenn er so allein an seinem Tischchen saß, wobei der blauseidene Schirm des elektrischen Leuchters sein braunes Gesicht mit einer gewittrigen Blässe überzog; aufmerksam, mit wachen Augen, das ewig bewegte Gesicht zeitweilig von einem strahlenden Lächeln erhellt –: da hatte man den Eindruck, daß er tatsächlich zusah, wie wir vor ihm hinlebten. Und aus seinem Gesicht, das noch die flüchtigsten Erlebnisse in raschen Wellen widerspiegelte, lasen wir einen durchaus nicht schmeichelhaften Zweifel. »Ihr wollt alleine leben? Wollt euch dem Herkommen, dem Brauch entziehen? Ihr kriecht noch zu Kreuze, und recht bald, will ich wetten!« Beim Kommen und Gehen küßte er uns die Hand: »Keine Verwendung für mich ? Was kann ich für Sie tun?« Laure unterhielt sich mit ihm über Journalismus, Gilberte und Regine über den Verlagsbetrieb. Allen dreien sagte er: »Ein Hundedasein. Es gibt nichts Schlimmeres...« Ach ja! Das war uns nicht ganz unbewußt. Aber wir mußten ja doch leben. Übrigens teilten wir damals seine düsteren Ansichten nicht. Und ebensowenig die verbissene Schwarzseherei Asrahs; das war ein Syrer, ohne Haus und Herd, Arzt ohne Praxis, ein Fatalist und Nörgler, verbittert durch die Verbannung und von Schlaflosigkeit verzehrt, dabei korrekt und von so finsterer Vornehmheit mit seinem Kopf einer neurasthenischen Kobra, daß Léonel, Künstler und Freund des Absonderlichen, ihn gerne ins Theater mitnahm: »In der Loge kann man mit ihm Staat machen: die weiße Hemdbrust, die schiefe Schnauze ...« Léonels heiterer Optimismus sagte uns zu; er erschien uns als das Sinnbild einer bis zu gewissem Grade bewußten und geschlossenen Bohème; mit einem ihrer Vertreter zu verkehren, hatte für uns den Reiz der Neuheit. Er und seine Frau zusammen waren kein halbes Jahrhundert alt und boten ein gutes Beispiel für ›die junge Ehe dieser Tage‹, verbunden durch gegenseitige Zuneigung, die gleiche liebenswürdig einfache Lebensanschauung und eine vertrauensvolle Kameradschaft, das Netteste, was es auf der Welt gibt. Für Maguy war dieses Glück Gegenstand des Staunens und ungläubiger Bewunderung. Die beiden Kinder hatten eine Wohnung gefunden und lebten in einer Mansarde – Raum ist in der kleinsten Hütte –, die sie mit vielem Geschick wie einen Nebensaal des Salon d'Automne ausgestaltet hatten. Und das Wunderbare dabei war, daß sie auf diesen vier Quadratmetern Wohnfläche fortfuhren, einander zu lieben. Seitdem sie da wohnten, betrachtete Léonel die Einrichtungsgegenstände nur von dem Gesichtspunkt aus, ob und wie weit sie sich willkürlich zusammenklappen ließen. »Du hast also einen Schrank,« (Léonel hatte die größte Mühe, das Du zu vermeiden), »du hast also einen Schrank, machst ihn auf, ziehst einen Diwan heraus. Du drehst den Diwan um, findest einen Tisch. Hebst den Tisch auf, da ist eine Badewanne drin. Verstanden?« Eine rasche Skizze zeigte die Einzelheiten. Bei ihm versah ein Koffer, genannt ›Erneuerung‹, hinter einem Samtvorhang aufgestellt, den doppelten Dienst des Hänge- und Legekastens. Ging man auf Reisen, dann klappte man den Koffer zu, und fertig. Léonels Redekünste machten uns viel Spaß. Lili, seine Frau, baten wir um die Modelle ihrer Hüte und Kleider. Sie folgte der Mode mit entzückendem Feingefühl für das rechte Maß und einem Geschmack, der keine Irrtümer oder Gewagtheiten kannte. An Sicherheit und Anmut eine Pariserin im besten Sinn. Und wir, wir lebten mit Schwung und Vertrauen schöne Tage. Uns alle umschlossen die geheimen Bande einer Art von Brüderlichkeit. Wir waren mit verschiedenem Temperament und Ehrgeiz, mit verschiedenen Wünschen und Plänen, doch mit den gleichen Illusionen ins Leben getreten; nun hatten wir uns zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren zusammengefunden, die Blüte einer aufgeopferten Frauengeneration mit den gleichen Pflichten und Sorgen, der gleichen Unruhe und dem gleichen Hunger. Abends gingen wir nicht ins Restaurant. Wir speisten in der Rue de Vaugirard, und aus verschiedenen Gründen hielten sich diese Mahlzeiten nicht an die klassische bürgerliche Regel; es gab zwei Scheibchen Wurst, ein Viertel Oliven und Mandarinen – diese letzteren in Mengen. Uns selbst überlassen, wären wir sehr wohl imstande gewesen, diese lächerlichen Menüs ganz bohèmemäßig am Kamin zu verzehren. Maguy entrüstete sich: »Wie könnt ihr nur? Das wirkt armselig, ... das ist häßlich!« Sie begriff natürlich, daß es lächerlich gewesen wäre, einen Tisch zu decken. Doch hatte sie nicht ihresgleichen in der Kunst, eine Platte herzurichten, die sie dann zwischen uns auf einen Stuhl setzte. »Ist es nicht netter so?« Ein kleiner gestickter Läufer, Silberlöffel und, auf einer Untertasse, ein Rundkäschen für jede und drei Bananen. »Das lohnt wohl die Mühe, für nichts und wieder nichts«, scherzte Laure. »Seht doch, ich bin schon fertig.« Maguy schürzte vorwurfsvoll die Lippen und pickte mit den kleinen Gesten einer Japanerin eine Vogelmahlzeit von ihrem Ziertellerchen. Glatt wie ein Blütenblatt, köstlich belebt vom Glanz der schwarzen Augen und der gleichmäßigen Zähne, glich ihr Gesicht einer Spalierfrucht: samtig, reif in der Farbe, niemals zu leuchtend, doch auch niemals stumpf. Sophie sagte von ihr, mit gefalteten Händen: »Wie herzig sie ist, unser kleines Fräulein! Man könnte doch, weiß Gott, glauben, sie ist aus Porzellan!« So hätte sie von einer schönen Rose gesagt: »Man könnte meinen, sie ist aus Zelluloid.« Raymonde Gilberte war es, die Raymonde in unsere kleine Gruppe einführte. »Raymonde Chanard, die neue Sekretärin des Sohnes. Sie möchte gerne im Quartier Latin frühstücken. Ich habe sie mitgebracht.« Das junge Mädchen verbeugte sich. Zunächst fanden wir sie zur Not hübsch, mit ihrem nachdenklichen, verschlossenen Gesicht, dessen zarte, flackrige Züge einzig von dem warmen Blond der kurzgeschnittenen Haare lebendigen Glanz empfingen. Nichts Strahlendes, dazu so farblose Augen und den blassen Teint der Rothaarigen, der wie mit Chlor gebleicht schien; im ganzen aber von unverkennbar guter Linie, gertenschlank, durchaus nicht mager oder gar dürr. Sie sprach wenig während der Mahlzeit und hatte nur ein leises Lächeln für die spaßhaften Vorwürfe, mit denen wir Francia überhäuften. Gilberte gab ihr Aufschlüsse über das Haus Vorland, in das sie eben eingetreten war. »Der Chef? Gescheit und gerissen, guter Kerl im Grunde, aber etwas laut. Ich schreie noch lauter, und so läßt er mir in meinen Sachen freie Hand. Ich bin es, die das Papier bestellt, die mit den Autoren, den Druckern und den Künstlern verhandelt.« Sie, nun, Sie werden mit dem Sohn zu tun haben. Nicht sehr bedeutend, der Sohn. Der Eigensinn muß ihm den Willen ersetzen und die Hartnäckigkeit den Verstand. Aber Sie werden mit ihm machen können, was Sie wollen, wenn Sie sich richtig anzustellen wissen.« Raymonde hörte aufmerksam zu. Regine bot ihr eine Zigarette an, die aber abgelehnt wurde. Der Kaffee dampfte in den Tassen. Ein weiches Wohlsein überkam uns. Nahe an dem Feuer aus knisterndem Abfallholz saß Léonel mit ausgestreckten Beinen und erklärte: »Du hast einen Diwan, nicht wahr? Machst ihn auf, findest eine Badewanne; ziehst an einem Handgriff, da kommt eine Kommode heraus.« Laure erhob sich als erste. »Wohin heute?« fragte Maguy. »Rettungswerk für jugendliche Prostituierte. Besuch des Heims in Villa-d'Avray. Hundert Zeilen für sieben Uhr.« Sie stülpte sich ihren engen Hut über die kurzen Locken. Raymonde schob ihren Stuhl zurück. Sie sagte zu Gilberte: »Sie entschuldigen mich: ich habe noch ein paar dringende Gänge, bevor ich ins Geschäft gehe . ..« »Auf gleich nachher also«, erwiderte Gilberte und streckte ihr die Hand hin, mit der jungenhaften Unbefangenheit, die nur sie aufbringt. Sobald die andere gegangen war, erklärte sie uns: »Ein komisches Mädel. Sie war schon vor einem Jahr bei uns, um sich vorzustellen, mit ich weiß nicht mehr welcher Empfehlung. Nichts für sie. Kürzlich hat sie es nochmal versucht. Da hatte sie Glück. Sie hat den Posten der Sekretärin beim Sohn erwischt; dessen bisherige Inhaberin hatte eben ihre Entlassung erbeten, um sich zu verheiraten.« »Ausgesprochen unsympathisch«, sagte Maguy in schneidendem Ton. »Wie anmutlos!« Reine, eine gute Beobachterin, deren Urteil gemeinhin ziemlich sicher ist, bemerkte: »Immer unnachsichtig, Maguy! Ich finde sie gar nicht so gewöhnlich, diese Kleine, sie zeigt ein Maß von Verschlossenheit, das meine Neugierde reizt.« Gilberte fuhr fort: »Ich halte sie für geschickt und ehrgeizig. Sie kommt aus ganz kleiner Familie – ihr Vater ist qualifizierter Arbeiter, aber doch Arbeiter; die Mutter, glaube ich, sogar Aufwartefrau. Das kann die Kleine nicht verwinden. Keine Möglichkeit, ihr auch nur ein Wort über ihre Familie zu entlocken. Sie fühlt sich bis aufs Blut gedemütigt durch ihre Herkunft und brennt vor Sehnsucht, das Nest zu verlassen. Und sie wird es auch fertig bringen, dank ihren Ellbogen.« Knapp vierzehn Tage später fragte uns Raymonde beim Frühstück: »Wissen Sie, wo hier im Quartier Latin ein Zimmer zu vermieten wäre?« Regine hob die Arme zur Decke: »So wollen Sie also Ihre Erzeuger verlassen, liebe Freundin?« »Ich habe diesen Wunsch«, gab Raymonde mit ihrem halben Lächeln zurück. Sie hat ihre bedürftige Familie irgendwo draußen, in Grenelle. Die kümmerlichen Verhältnisse ihrer Leute sucht sie mit allen Mitteln zu verheimlichen. Sie lügt nicht, aber sie verändert die Tatsachen. Aus ihrem Vater, einem ehrlichen Arbeiter, macht sie einen Werkmeister. Ihrer Mutter, die auf Tagarbeit geht, verleiht sie die Würde einer Wäschebeschließerin. Sie leidet unter der Wohnung, unter der Mietskaserne mit den Arbeiterzellen. Ihre Stellung bei Vorland erlaubt es ihr nun, selbst eine kleine Miete zu zahlen. »Es ist viel zu weit zu mir nach Hause«, fährt sie fort. »Ich verliere zu viel Zeit mit dem Hin und Her.« »Aber,« meint Maguy, »Sie werden niemals ein ganz ungestörtes Zimmer finden.« »Lieber Gott, ich stelle hierin keine besonderen Ansprüche«, erwidert Raymonde sanft. »Ich möchte von meiner Freiheit gar nicht den Gebrauch machen, an den Sie denken.« Maguy begehrt auf: »Wir alle tun es ... was ist dabei Erstaunliches?« Ein Schweigen folgt auf Maguys Worte. Raymonde ißt stumm, ihr blasses, verschlossenes Gesicht über den Kalbsbraten gebeugt. Dann aber greift sie den Faden wieder auf: »Ich würde gern ein Zimmer mieten, bei einer gutsituierten Familie.« Laure, die eben ankommt, erfaßt im Flug Raymondes Worte. Sie nimmt ihren kleinen weichen Filzhut ab und läßt sich nieder. »Mein Kleines, die gutsituierte Familie werden Sie schwerlich finden. Die alte, alleinstehende Dame, die ihre Einkünfte erhöhen will oder bei Nacht krank zu werden fürchtet – die ja, so oft Sie wollen. Die wird ganz kalt von Ihnen verlangen, daß Sie keine Freundinnen empfangen sollen, weil sie kein Mädchen hat und es sie ermüdet, öffnen zu gehen; oder sie wird verlangen, daß Sie um neun Uhr abends zu Hause sind, und dann werden Sie das Eßzimmer, wo die Alte sich aufhält, durchqueren müssen, um in Ihr Zimmer zu gelangen.« »Eine etwas lästige Hausordnung,« sagte Raymonde, »aber ich würde mich gerne fügen.« Maguy ist empört: »Sie würden diese Abhängigkeit auf sich nehmen?« Ein Lachen erhellt Regines reizendes Gesicht: »Meine Liebe, laß doch Raymonde ihre perverse Vorliebe für siebzigjährige Vermieterinnen.« »Sie müßten große Freiheit verlangen«, beharrt Maguy. »Warum?« erwidert Raymonde und erhebt ihren kalten Blick zu unserer Freundin. »Ich habe keine Angst vor mir selbst, aber ich will den Verhältnissen keinerlei Möglichkeit geben, sich gegen mich zu kehren.« Sie erhebt sich, nach einem Blick auf die kleine silberne Uhr an ihrem Handgelenk. An tausend Einzelheiten ihrer Haltung, ihres Anzugs, ihres Schmucks merkt man, wie sorgfältig sie den guten Ton zu treffen bemüht ist. Alle die geheimen Genugtuungen, die sie empfindet, nachdem ihr Mut und ihr Ehrgeiz sie aus der Masse gelöst haben, sind für sie ebensoviele Belohnungen. Die Seidenstrümpfe, das gute Schuhwerk, das feine Handtäschchen bedeuten für sie nicht, wie etwa für uns, eine einfache Freude. Sie empfindet sie als Vergeltung, als Entschädigung für die Mittelmäßigkeit und Enge der Vergangenheit. »Auf Wiedersehen«, sagt sie und streift die Handschuhe über. So lange Zeit hat sie Stoffhandschuhe tragen müssen, nicht einmal Lederimitation, daß sie sich nun, da ihre Finger in echtes Ziegenleder schlüpfen, in ihrer Eitelkeit leise geschmeichelt fühlt. Laures Liebe Mit sechsundzwanzig Jahren, überreich an Glück, konnte unsere Freundin mitunter in sich selbst die Laure suchen, die sie einst gewesen war: unentschlossen, zerquält, voller Zweifel an sich und am Leben; von einer Zerrissenheit, die, so meinte sie, nichts und niemand je würde ausgleichen können. Sie erinnerte sich an harte Zeiten: kein Horizont, kein vorgezeichneter Weg, nicht einmal für ihre unmittelbare Aufgabe, bei der es, mehr als in jedem anderen Beruf, unablässig sich zu erneuern gilt; – immer heißt es, die Zweige auseinanderbiegen, täglich mehr Erfindungskraft zeigen, gesteigerte Beweglichkeit, Zugriff. Und wie unsicher das Ganze. »Sich Ihr Brot im Journalismus verdienen zu müssen, kleine Frau«, rief dann oder wann einer ihrer Kameraden aus. »Denken, daß Sie, eine hübsche Frau, an dieser harten und undankbaren Nuß herumbeißen, während es Ihnen doch so leicht wäre ... anderswie ...« »Mein Lieber, wenn man kein Vermögen hat, muß man immer von jemand oder etwas abhängig sein: von einem Mann oder von der eigenen Arbeit. Da will ich doch lieber noch von meiner Arbeit abhängen.« »Grundsätze, kleine Frau!!« »Nicht einmal. Es ist nur ein Gesichtspunkt.« Sie hatte gelitten, hatte bitter gegen die eigene Begrenzung gekämpft, in den Stunden, wo sie sich als Schiffbrüchige vorkam, wo es ihre Frauenkraft zu übersteigen schien, so allein, ohne Halt, ohne Gefährten durchs Leben gehen zu müssen. Jetzt aber, wie war das Leben leicht und einfach, erfüllt von Wohlklang und frohem Gleichmaß. Von dem Augenblick an, wo Männerarme sich um sie geschlossen hatten. Und diesen Mann, wie hatte sie ihn geliebt, ohne zu feilschen, ohne Rückhalt, als er an dem vom Schicksal bestimmten Tage aufgetaucht war. Wenn es auch am Horizont ihres Gefühlslebens das Gespenst gab, das wir ›rechtmäßige Gattin‹ zu nennen pflegten, so wehrte sich Laure doch, sich dadurch bekümmern zu lassen. Sie schob die Drohung von sich; und – gab es denn überhaupt eine Drohung? Hatte er ihr denn nicht, ohne daß sie gefragt, sich erkundigt oder Unruhe gezeigt hätte, hatte er ihr denn nicht gesagt: »Meine Frau und ich – zwei Kameraden. Wir leben jedes auf seine Art.« »Es gibt nichts außer unserer Liebe«, dachte Laure, und ihre dunklen Augen, so groß in dem elfenbeinfarbenen Gesicht, waren wie bestirnt von innerem Glanz. Als sie uns von ihrem Freunde erzählte, sagte sie: »Er ist alles, was in meinem Leben schön ist.« Und manchmal, verzehrt von glühender Leidenschaft, sah sie ihre schöne Liebe vor sich, hielt Zwiesprache mit ihr, holte unendliche Kraft daraus, überwältigt zugleich und emporgerissen von einer fast religiösen Ekstase. »Weißt du noch, Liebster? Zuerst war nur eine große Zartheit in mir. Die Liebe, die wuchs in meinem geheimsten Innern, und noch wußte ich nicht, daß sie es war, die mir diese unerklärliche Besänftigung schenkte. Du, du warst da, voll Fremdheit und doch vertraut, mit der ruhigen Unbefangenheit eines Gottes, und erfülltest meine Augen, meinen Sinn mit einer Schönheit, nicht von dieser Erde. Ich erwartete nichts, wünschte nichts. Darf ich sagen, daß ich auch nichts empfand? Nichts, weder Angst noch Hoffnung. Nur etwas wie maßvolle Begeisterung; und mein Herz schien sich geschlossen zu haben über dem Ewigen Licht einer Tempellampe. Alles in mir hatte sich in einen neuen Rhythmus gefügt: der wurde von deiner Haltung bestimmt, deiner Stimme, deinen Gebärden. Und schon war das Leben leicht, und die Welt, durch dich gesehen, hatte nur Entzückungen zu bieten. Eines Nachts – ich wußte noch nicht, daß ich dich liebte – träumte mir, daß dein Mund meine Lippen küßte. Als ich dich, nach diesem Traum, wiedersah, da betrachtete ich mir diesen Mund genauer, diese gleichmäßigen Zähne, diese Augen, die mich anlächelten, und ich begriff, daß ich das wahre Antlitz meines Schicksals vor mir hatte. Da wartete ich. Es wäre mir wie Ungehorsam gegen die Gesetze des schönen Ebenmaßes erschienen, das sich mir von dir aus mitteilte, wenn ich die Stunde hätte beschleunigen wollen. Wußte ich nicht, daß sie später kommen würde, unabwendbar? Und daß ich während dieser ereignislosen Tage mein Geschick webte? Liebster, als du meinen Blick auf dir fühltest – so wie er damals war, strahlend und unsicher –, da lachtest du. Oh, das Lachen damals! Grundlos, ahnungslos lachtest du, wohl nur, weil du anfingst, glücklich zu sein. Und dieses bezaubernde Lachen, so göttlich frei, dieses Lachen war es, was zuerst die Sehnsucht nach dem Kuß in mir entsiegelte. Wie schön war jenes Jahr, unterschieden von allen andren durch den glückhaften Stern, unter dem es stand! Wie war jener Sommer erfüllt von Glanz und Klarheit! Das Wetter war ja tatsächlich schlecht, wie man mir später versichert hat; es gab unaufhörlich Stürme und laue Regengüsse. Aber du kamst, und alles erstrahlte von deiner Gegenwart, deiner Stimme, deiner Gebärde. Manchmal, nachdem du weggegangen warst, lehnte ich, überwältigt von einem Glück, das packender war als jede Angst, meine Stirn, meine Hände, meinen ganzen Leib gegen die Wände, die den Klang deiner Stimme wiedergegeben hatten; gegen die Dinge, die du berührt hattest; und während das Gefühl deiner Gegenwart eben erst zu entschwinden begann, schuf ich in mir schon neu die Freude über deine Rückkehr. Denn es gibt nichts Beherrschenderes als dein Lächeln an der Zimmerschwelle, dieses glückliche, strahlende Lächeln, das mir, besser als alle Worte, sagt, daß ich sehr geliebt werde. Du trittst ein, und schon schwingt die Atmosphäre im Gleichmaß, und alles verschwindet, was mein Leben trübte: die Geldsorge, die Müdigkeit, die Zweifel. Du bist da, geruhiger Magier, mit den ausgewogenen Gebärden, und spielst mit königlicher Macht auf meinem Herzen, meinem Geist, meinem Fleisch. Nie habe ich gedacht: ›dies oder jenes an ihm gefällt mir nicht; ich wollte, er wäre anders.‹ Immer habe ich dich so gefunden, wie du sein solltest, mit dieser wunderbaren Weltkenntnis, die du gelegentlich hättest verheimlichen mögen, aus Angst, zu bejahrt vor meinen Augen dazustehn. Ohne Schwächen; doch hättest du welche gezeigt, so hätte ich sie geliebt. Aber du hast keine, außer der einen, die dich mir ausliefert, ganz nackt in deinem Begehren; und diese eine segne ich und hoffe, daß sie ewig bleibe – du, mein Gefährte, mein Meister, mein liebes Gedenken. Manchmal sagst du mir, mit einem Blick, der deinen geheimen Kummer nicht verbirgt: ›Du bist jünger als ich, zu jung...‹ Ich aber, reich an neuem Ernst und neuer Sammlung, ich lerne von dir den Sinn des Lebens kennen. Von dir, der die weite Welt befahren hat, nun, ein schönes, sturmmüdes Schiff, im Lichte meiner hellen Jugend vor Anker geht und um dieser neuen Liebe willen ein Stück Kindheit in seinem Mannesherzen wieder entdeckt.« In der Mitte des Winters, der auf ihre ›Freilassung‹ – so nannte sie es – folgte, verkündigte uns Regine: »Frédéric Lieuvain will mein Porträt malen.« Sie fügte gleich hinzu: »Umsonst, wohlverstanden. Zum Vergnügen.« Ihr Porträt von Frédéric Lieuvain, Donnerwetter! Von diesem vollendeten Künstler, der den Erfolg, das Publikum, die Kaufleute so sehr mißachtete, daß er aus geheimem Stolz seinen Pinsel kaum zehnmal im Jahre anrührte. Ein Porträt von ihm – ein wahrer Glücksfall! Als wir sie mit Glückwünschen überschütteten, erklärte sie: »Es ist mir ein wenig peinlich, wegen seiner Frau.« Das Ehepaar gehörte zu den wenigen Leuten, bei denen Regine, nach ihrer Scheidung, die fast allen ihren Beziehungen ein Ende gesetzt hatte, noch weiter verkehrte. Bei den Lieuvains fand sie etwas von dem liebenswürdigen Überfluß wieder, den sie als verheiratete Frau gekannt hatte, und freute sich daran. Wenn sie dann in ihr kümmerliches Zimmer heimkehrte, fragte sie sich verwundert: »Bin ich es, die da lebt? Früher einmal hatte ich ein Haus, und mein Dasein hatte seine Grundlage, seinen Rhythmus. Ich habe gewollt, daß das anders würde.« Und ein Aufbäumen: »... Und ich bereue nichts! Es wird auch nicht ewig dauern! Ich werde wohl eine Wohnung finden... Ich werde mir meinen Lebensunterhalt verdienen, regelmäßig, reichlich vielleicht... Ich werde eine ›unabhängige Frau‹ sein und dann mein Leben neu aufbauen. Es braucht Zeit ...« »Ich mag Annette Lieuvain sehr gern«, sagte sie weiter. »Ich möchte nicht, daß es ihr weh täte .. .« Maguy, in ihrem Abscheu vor den rechtmäßigen Gattinnen, erklärte: »Sie hätte es dir sicher nicht angeboten, umsonst dein Porträt zu machen, sie nicht, oder? Also?« »Das ist nicht dasselbe«, meinte Regine nachdenklich. »Annette ist eine gute Malerin. Sie hat gewisse Vorzüge: eine spielerische Anmut und eine meisterliche Geschicklichkeit. Sie hat ihre Kunst in gewissem Sinne industrialisiert und verdient mit ihren Porträts hunderttausend Franken im Jahr. Fred aber lehnt es geringschätzig ab, auf Bestellung zu arbeiten, weigert sich häufig, zu verkaufen, weigert sich sogar, auszustellen. Seine Malerei trägt ihm keine zehntausend Franken im Jahr ein.« »Merkwürdige Ehe!« sagt Reine. »Vertragen sie sich?« »Wenn man will. Frédéric grinst, wenn er von den Bildern seiner Frau spricht. Er erkennt jedoch im übrigen ihre Geschicklichkeit und ihren unvergleichlichen Fleiß an. Annette wiederum bewundert leidenschaftlich das Talent ihres Gatten. Doch fühlt sie sich gereizt durch die künstlerische Selbstüberhebung, nichts als reine Kunst schaffen zu wollen, in einer Zeit, wo diese reine Kunst kaum soviel einbringt, daß man davon seine Briefmarken zahlen könnte ... Und ich, versteht ihr? Ich fürchte, sie zu verletzen, wenn ich Frédérics Angebot annehme ... Dabei weiß ich aber, daß sie, sehr klug, seine Launen gelten läßt, als die eines kranken Künstlers, der nie einen Vorwurf nach seinem Willen findet.« »Und dieses Porträt, Regine?« »Ich glaube, es wird wundervoll. Ich muß immer wieder staunen, daß dieser Fred, so nachlässig im Benehmen, von so weichlicher Eleganz, voll bissiger Schwächlichkeit und müder Geringschätzung, daß dieser Fred also in seiner Kunst von so herrischer Selbstsicherheit ist.« Maguy fragt, und ihre Stimme verrät Hintergedanken: »Er gefällt dir?« »J-a«, meinte Regine, nach kurzem Zögern. »Vor allem bewundere ich ihn. Ich bewundere ihn wegen seines großen Talents, wegen der milden, spöttischen Verachtung, die er der Menschheit entgegenbringt. Aufreizend? Ja, das ist er wohl mitunter, dieser verneinende Pessimismus. Aber er macht mir doch Eindruck. Vor ihm verliere ich meine vielgerühmte Kühnheit; ja, ihr Lieben!« »Und du gefällst ihm ebenfalls, natürlich?« »Ich fürchte, ja«, gesteht Regine. »Warum ›fürchte‹?« »... Und seine Frau?« »Sie leben vielleicht auch ›jeder auf seine Art‹«, sagt Maguy und verhehlt ihre Hoffnung dabei nicht. Dann fügt sie hinzu: »Ich bin sicher, daß er dich liebt.« »Das ist vielleicht zuviel gesagt«, wehrt Regine ab, die es gelernt hat, den Gehalt der Worte zu wägen. »Aber er findet bestimmt Gefallen an mir.« Und sie fügt aufrichtig hinzu: »Das ist recht ärgerlich.« Der Winter ist vorbei. Das Geäst am Boulevard Saint-Germain ist grün überhaucht. Ein paar Tage lang sind die alten Bäume im Luxembourg von zarten Trieben wie von einem Netz umhüllt. Der wolkige Märzhimmel über dem Park zeigt krausere Wellchen als das von weiten Ringen übertanzte Wasserbecken, in dem die Kinder wenig seetüchtige Schiffchen schwimmen lassen. Die ersten Sonnenstrahlen zwischen den Regenschauern wecken Wehmut und Sehnsucht. Denn ungeachtet seines Rufs weiß der Frühling viel mehr von Trübsal und Reue als der reifende Herbst. Hat Regine im Herbst jemals die Neigung zu weicher Träumerei gespürt, von der sie unter der grellen Aprilsonne nie loskommt? Und haben wir sie nicht, in jenem Jahr, zerquält gesehen, von einander widersprechenden Wünschen entflammt, verlockt von Freds Liebe, die ihre Einsamkeit so schön beleben sollte, dann wieder sich wehrend gegen die Versuchung: »Nein, niemals ist mir der Gedanke gekommen, daß ich mein Leben außerhalb des Bürgerlichen Gesetzbuchs neu aufbauen könnte. Mich wieder verheiraten? Das will ich nicht: es ist zu schwierig, sich mit einem Manne zu verstehen. Und ein Geliebter? Ich habe doch wirklich keine Vorurteile. Aber bei diesem Gedanken empört sich mein altes Bürgerblut.« »Ich weiß nicht, was Frédéric dir bieten kann,« sagt Laure; »aber vor allem sollte es kein Abenteuer sein.« Sie denkt an ihre Liebe, ihre vollkommene Liebe, auf der sie für ewig ihr Dasein gegründet glaubt. Maguy, die nichts so sehr wünscht, als ihre Grundsätze über freie Liebe durch lebende Beispiele erhärtet zu sehen, Maguy drängt Regine zu dieser Verbindung, ohne das Geringste von Fred und seinen Möglichkeiten zu wissen. »Man kann nicht ohne Zärtlichkeit leben, Liebe. Denk doch an das seltene Glück, das dir dieser Ausnahmemensch schenken wird!« Regine schwankt; sie ist nicht im Innersten gepackt, neigt sich aber Fred zu in einem Gemisch aus geschmeichelter Eitelkeit – hat er sie nicht unter so und so vielen andern auserwählt? –, aus warmer Bewunderung für diesen Geist, dieses Talent, endlich auch aus physischem Wohlgefallen: an dem matten Gesicht, schmal wie eine Mandel, an den heißen, bittenden, wilden Augen, an der etwas kränklichen Anmut, an dem launischen Charme eines verwöhnten und unzufriedenen Kindes. Chopin und Byron in einem, denkt sie. Aber Annette? Das war der Gedanke, der sie hemmte. Sie empfand für Annette Freundschaft, ein gewisses Maß von Bewunderung, das weniger ihrem so glänzenden wie oberflächlichen Talent galt, als ihrem Mut, ihrer Tatkraft, ihrem harten Willen zu Arbeit und Erfolg. »Sind sie wirklich getrennt?« fragte sie sich. Und dies war der Kernpunkt ihrer Zweifel. »Also!« erzählte Regine. »Fred hat mich mit einer Erklärung überfallen: ›Ich liebe dich. Ich will dich. Ich flehe dich an, wehre dich nicht, versage dich nicht. Ich bin so allein, so verlassen, du bist meine ganze Hoffnung.‹ Aber das einzige Wort, das ich zunächst finden konnte, war nur: ›Und Annette ... ?‹ Da hat er mir erzählt, mit der wichtigen Miene eines Kindes, das einem Kameraden die Lösung einer Schulaufgabe verrät: ›Ich bin frei, wir haben einander freigegeben. Wir konnten uns nicht verstehen‹.« »Da siehst du's ja!« wirft Maguy strahlend ein. »Er sagte auch noch: ›Wie glücklich wir sein werden, meine Liebe, ganz verbunden. Ich will dich auf ewig für mich haben. Ich liebe deinen Geist so sehr wie deine Schönheit!‹ Verrückt ...« »Klassisch verrückt«, unterbricht Reine, mit einem Ton, der wie ein pfeifender Peitschenhieb durch die Luft schneidet. Ein frostiges Schweigen. Reine hat nicht ihresgleichen darin, einen Enthusiasmus zu dämpfen. Dann sagt Regine: »Ich gestehe, daß diese Worte meine letzten Bedenken beseitigt haben. Mein Gott, wäre es möglich, daß auch ich endlich mein Glück finden sollte, Geborgenheit und Ruhe!« Ihre schwarzen Augen blitzten in ihrem klaren Gesicht, auf dem vertrauende Zärtlichkeit zugleich mit mildem Spott sich spiegelt. Ihre Haare, ein wenig in Unordnung, zeigen Glanz und Linie von Flammenzungen. Und beschwingt von wilder Freude scheint sie die Arme dem Leben entgegenzustrecken: »Da bist du nun! Endlich! Endlich!« Reine hat ein vielsagendes Lächeln: »Die Lerche hat sich vom Spiegel locken lassen«, meint sie scharfsichtig, nachdem Regine gegangen ist. Raymondes Ehrgeiz »Raymonde ist wie ich, denkt euch«, erzählt Gilberte. »Jeden Tag wartet sie, bis die Herde der Angestellten das Tor passiert hat, um dann allein, voll Würde, ihren Abgang zu nehmen. Ihr wißt ja, daß es mir ein unerträgliches Gefühl von Sklaverei gibt, wenn ich zugleich mit den andern gehen muß. Neulich einmal haben wir uns unter dem Torbogen getroffen. Ich habe mich nicht enthalten können, zu lachen: ›Was, Sie auch?‹ Sie hat getan, als verstünde sie nicht, und hat es für nötig gehalten, zu erklären: ›Ich hatte noch rückständige Arbeiten.‹ Auf dem Bürgersteig erwartete sie, auf und ab gehend, ein junger Mensch, korrekt und gleichgültig, dem man, ich weiß nicht warum, etwas unverbesserlich Untergeordnetes anmerkte; einer der Männer, wie man sie, in Auflagen von hunderttausend, auf dem Pariser Pflaster trifft – das, was ich einen biederen Pilz nennen möchte. Raymonde wurde dunkelrot wie eine Handvoll Kirschen. Ich hörte, wie sie den armen Teufel anpfiff: ›Ich hatte Sie gebeten, nicht zu kommen ... es ist unerträglich ... ich verbiete Ihnen, es nochmals zu tun, Sie verstehen, ich verbiete Ihnen ...‹ Am Nachmittage hatte sie dienstlich in meinem Zimmer zu tun. Ich stellte mich dumm: ›Er sieht sehr anständig aus, der junge Mensch, der Sie heute morgen erwartete ... Ein Bewerber, will ich wetten?‹ Eine ganz innerliche Wut verhärtete ihr kaltes, feines Vampyrgesicht; sie antwortete nichts. Ich beharrte: ›Heiraten Sie, mein Kleines, vorwärts! Das ist noch das beste, was man für die Frau gefunden hat.‹ ›Das nun wieder nicht‹, knurrte Raymonde. ›Warum nicht? Er sah mir recht sympathisch aus, dieser Bursche. Ich bin sicher, daß er Sie anbetet... Was ist er von Beruf?‹ Da hat sie ganz nüchtern erklärt: ›Buchhalter im Kragenhaus, achthundertfünfzig Franken monatlich. Den heiraten? Danke schön. Ein Begräbnis erster Klasse für mich‹.« Einige Tage später sagte uns Gilberte nochmals: »Kinder, die kleine Raymonde geht aufs Ganze. Sie hat ihre Netze nach dem Sohn ausgeworfen und ist wohl imstande, ihn richtig hochzunehmen.« »Er wird sich's nicht gefallen lassen«, erklärte Maguy. Regine, im Glanz ihrer Schönheit, bezweifelte, daß ein Mann sich an Raymonde hängen könnte. »Was, Teufel, könnte er an ihr finden?« Wir andern sind der Meinung, daß dieses merkwürdige Wesen, aus Zurückhaltung und Anmaßung gemengt, schon seinen Reiz hat. »Ich sage euch, sie wird es dahin bringen, daß er sie heiratet. Der Sohn sieht heute schon nur noch mit ihren Augen. Es wird nicht leicht sein, aber sie wird es fertigbringen.« Beim Anblick dieser schmalen, reinen Stirn, von der das glänzende, kurzgeschnittene Haar zurückgestrichen ist, haben wir alle wohl schon gedacht: »Der Kopf sieht nicht nach Verzicht aus.« Es ist ein Uhr. Wir lassen uns das außertourliche Rumtörtchen schmecken, das Francia der Wachsamkeit der Wirtsleute abgeluchst hat. Maguy fragt: »Kommt Gilberte?« »Gilberte kommt nicht«, sagt Raymonde. »Sie hat ihren Einsamkeitsfimmel.« Sie lächelt, dieses verhaltene Lächeln, das den Ausdruck von Berechnung und Kälte in ihrem Gesicht noch verstärkt. Maguy greift ein: »Sie äße besser hier als bei sich zu Hause. Wir würden sie nicht langweilen.« »Aber, großer Gott!« ruft Laure, deren Haupttugend die Ungeduld ist, »haltet euch doch an Gilbertes Wahlspruch: ›Schert euch nicht umeinander‹. Wißt ihr denn nicht, was das Grauen vor einem Menschengesicht ist? Packt es euch nie?« Maguy verzieht gekränkt den Mund. Laure macht mit schmeichelndem Lächeln ihre kurze Heftigkeit wieder gut. »Was sagt denn der Chef zu Gilbertes Krisen?« fragt Regine. »Er hat Angst. Er wartet, bis sie vorüber sind. Um keinen Preis der Welt möchte er Gilberte verlieren: er versteckt sich, um sie nur ja nicht den Zügel fühlen zu lassen. An solchen Tagen«, fährt Raymonde fort, »beugt die sozusagen tragische Ruhe, die den Stürmen vorangeht, jeden Nacken im ganzen Hause. Man weiß, daß Gilberte ihren Hörer ausgehängt hat, um durch das Telephon nicht gestört zu werden; daß man vergebens an ihrer verriegelten Türe wird pochen können und daß sie, an ihrem Schreibtisch, mit Rächerstift in den Fahnen herumwütet, die von der Druckerei gekommen sind. Morgen wird der Drucker am Rande der Bogen heftige Weisungen finden: ›Zusammenziehen, Herrgott! ... Umkehren!! ... Zuviel Auslassungen, meine Herren! ... Neue Zeile, gefälligst!!‹ Und zum Schluß eine drohende Anmerkung: ›Miserabler Satz. Das nächste Mal besser aufpassen!‹« Maguy zündet sich eine Zigarette an und fragt: »Und der Sohn?« Ihre Kühnheit überrascht uns, erfüllt uns mit Wohlbehagen. Wir mustern Raymonde, die ausweicht: »Er hat nicht viel mit ihr zu tun. Er kümmert sich vor allem um den Vertrieb.« »Sie sind seine Mitarbeiterin, nicht wahr?« beharrt Maguy. Ein kurzes Leuchten erwärmt Raymondes kalten Blick. Maguy hat den Weg zu ihrem Herzen gefunden. Das Wort ›Angestellte‹ oder sogar ›Sekretärin‹ hätte ihrem Ehrgeiz nicht genügt. Regine und Laure lächeln schweigend. Dieses kleine Match zwischen Maguy und Raymonde ist nicht ohne Reiz. Raymonde sagt leichthin: »Ich hoffe, es eines Tages zu werden, im wahren Sinne.« Das ist eine Art von Geständnis. Noch einmal hakt Maguy ein: »Das Gefühlsleben mit den Existenzfragen in Einklang bringen,« erklärt sie, »ist ein Ideal, das recht wenige Frauen verwirklichen können!« Doch Raymonde schließt sich plötzlich ab. Genug für heute. Sie zeigt sogar sichtlich Bedauern darüber, daß sie zu viel hat verlauten lassen. Während der nächsten Wochen konnten wir Maguy im wahren Sinne des Wortes sich erhitzen sehen an Raymondes Liebesgeschichte. Es erscheint ihr sehr wesentlich, daß diese Liebschaft außerehelich bleiben müsse. Die freie Hingabe des eigenen Leibes bedeutet, für sie, den großmütigsten, edelsten, den vollendeten Ausdruck der Leidenschaft. Ihr Steckenpferd. Die Verbindung des Sohnes mit Raymonde sieht sie in operetten- und feenhaftem Glanze. Man kann nicht zugleich starrer in seinen Grundsätzen und romantischer in ihrer Anwendung sein als Maguy. Sie entfaltet dabei den hohen Edelmut, die wilde Aufrichtigkeit einer Hohepriesterin. Und es ist sehr merkwürdig, in ihr die Entwicklung dieser idealistischen Glaubenssätze zu verfolgen, die auf unbeugsamen Regeln fußen. Gilberte behauptet, daß Raymonde bei Vorland die Abteilung des Sohnes und den Sohn selbst in der Hand hält. »Ihr glaubt vielleicht, daß sie ihn herausfordert und sich in Schmachtblicken und Koketterien ausgibt? O nein: Arbeit, Arbeit, und nochmals Arbeit. Lebensernst und Kameradschaft. Musterhafte Haltung. Von Zeit zu Zeit läßt sie eine Schulter sehen, von der im Arbeitseifer das Kleid heruntergeglitten ist. Mit nachlässiger Geste bedeckt sie sie wieder. Wie alle Frauen, die nicht sehr hübsch sind, legt sie Wert darauf, zu zeigen, daß wenigstens etwas an ihr gut ist.« »Klassisch,« sagt Regine, »der Epaulettentrick.« »Der Sohn erhitzt sich bis zur Weißglut. Wie wollt ihr eine Frau festkriegen, die den Eisberg spielt? Und dabei in der Arbeit über jedes Lob erhaben. Ich sage euch, sie ist sehr tüchtig. Aber der Vater Vorland wird nicht dafür zu haben sein.« »Er ist aber doch liberal«, meint Laure. »Ach was! Als seine Söhne in das vernünftige Alter gekommen waren, hat er ihnen etwa folgende Rede gehalten: ›Kinder, ich werde euch in eure Heiratspläne nie etwas hineinreden. Ihr könnt es damit halten, wie ihr wollt. Ihr könnt euch eure Gefährtinnen nach eurem Geschmack wählen. Aber . .. aber bedenkt, daß eine arme Frau euch nichts als ihre Liebe zu geben hat. Eine reiche Frau dagegen hat noch anderes Glück hinzuzufügen.‹ Von seinen beiden Söhnen wird der eine zweifellos seine Sekretärin heiraten. Der andre ist seit den Flegeljahren mit einer Frau verbandelt, die keinen Pfennig besitzt und im übrigen seine Mutter sein könnte.« »Es gibt eine Gerechtigkeit«, sagt Regine. Aufbruch nach Kythera Beim Verlassen der Untergrundbahn sah Regine, die niemals in dieses entlegene Viertel gekommen war, unentschlossen um sich. Frédéric hatte ihr gesagt: ». .. Eine kleine Anlage, inmitten des Platzes. Stelldichein am Fuß des Denkmals. Du wirst kommen, Liebste?« Ein vielfach gestuftes Grün hob sich von dem unbestimmten Aprilhimmel ab und wirkte durch das Fehlen der Sonne und das matte Grau der Wolken opalfarben und unbeseelt. Jähe, scharfe Windstöße wechselten ab mit unerträglichen Hitzewellen. Es roch nach Metzgerladen und Veilchen. »Dreckige Jahreszeit«, dachte Regine. Sie erschauerte und eilte auf die kleine Bauminsel zu: »Das ist also offenbar die Anlage.« Sie öffnete eine niedere Gittertür. Der kleine Park war voll von Kinderwagen und Kleinbürgerinnen, die auf den Bänken schwatzten. Regine empfand diese Schaustellung des Familienglücks seit jeher bedrückend. Sie war als erste da und machte einige langsame Schritte um den Steinsockel; als sie bei der dritten Runde war, sah sie Frédéric kommen: »Ah, da ist er ja.« Sie fühlte ihr Herz plötzlich heißer werden, beschwert von einer Angst, die nicht ohne Süße war. Und sie ging freudig auf ihren Freund zu, mit einem schönen Lächeln, in dem frohes Vertrauen blühte. »Grüß Gott, mein Freund! ...« Er murmelte: »Vorsicht, Liebste! Wir müssen tun, als träfen wir uns zufällig.« Sie fuhr zusammen, jäh durchkältet, des schönen Schwungs beraubt, und begann schweigend neben Fred herzugehen. »Bist du wohlauf?« fragte er sanft. »Mein Gott, ja ...« So gezwungen, ohne Hingabe, ohne Anmut fast – war er es, der sich so zum Alltag bekannte? Und dennoch hatte er sie heute hierherkommen lassen. Der Gedanke stammte von ihm, sie wußte gut, wie der Nachmittag enden würde. Sie hatte angenommen – und alles, was er ihr zu sagen wußte, war: »Bist du wohlauf?« Freds Blicke suchten einen Winkel, der nicht von Ammen belagert wäre. Er fand ihn neben einer Gruppe von Lorbeerbüschen. »Hier laufen wir nicht Gefahr, erkannt zu werden.« Sie setzten sich. Er nahm ihre Hand, die sie ihm überließ, mit dem nervösen Wunsch, aufzustehen, wegzugehen. All ihre Freude war verflogen. Diese nüchterne Begegnung in dem nüchternen Stadtpark hatte ihr genügt. »Vorbei, vorbei!« wiederholte sie sich, wütend enttäuscht. Frédéric beugte sich vor und wollte ihre Lippen küssen. Sie überließ ihm einen kalten, teilnahmslosen Mund und entzog sich ihm rasch. »Man könnte uns sehen«, meinte sie spöttisch. Sie schwiegen. Frédéric fühlte, daß sie gereizt war, einem Ausbruch nahe, und die Angst lähmte ihn, hinderte ihn, das rechte Wort zu finden und auszusprechen. So streichelte er stumm der jungen Frau, die enttäuscht und verstimmt dasaß, die Hand. Plötzlich: »Komm, Liebste.« »Wohin willst du gehen?« »Komm!« Seine Augen baten und bettelten. Er stand auf, zog Regine an sich und zwang sich zu einem Lächeln. Sie verließen den Park, und sie war sich bewußt, daß er sie in ein Hotel führte. Er zeigte keine Hast, nur gespannte Vorsicht, mühte sich aber dabei, den zerstreuten Spaziergänger zu spielen. Es kam vor allem darauf an, daß man, wenn man sie sah, keinesfalls vermuten könnte ... Im tiefsten Herzen Regines regte sich, fast schmerzhaft, eine Schroffheit, die Abwehr, Empörung schien. Sie rief sich Frédéric vor Augen, wie er bei sich zu Hause war, in seinem Atelier, zwischen seinen Bildern und Büchern, in dem bequemen Hausanzug, dessen nachlässige Eleganz den romantischen Stil des Trägers so glücklich unterstrich. War er ihr damals nicht wie ein Märchenprinz erschienen? Er hatte den geringschätzigen Stolz dazu und die fast übernatürliche Verführungskraft. Und nun war er es, der, mit den Händen in den Taschen, sie in ein Stundenhotel führte, peinlich darauf bedacht, sich nichts merken zu lassen ... ? Im Augenblick der Ankunft warf er einen raschen Blick in die Runde und schob sie dann leise, aber nachdrücklich vor sich her: »Schnell, Liebste ...« In ihr bäumte sich etwas, sie hatte das Gefühl, als müßte sie sich mit dem ganzen Leib zurückwerfen; doch schon war Fred hinter ihr eingetreten. Ein Kellner kam ihnen entgegen, und sie mußten seine zudringlichen Fragen über sich ergehen lassen. Die beiden Männer flüsterten. Regine, der es in den Ohren sauste, verstand noch: »Ein Zimmer nach der Straße, im ersten Stock? Nein, mein Herr, es ist nur noch eines im dritten Stock frei, zu zwanzig Franken.« Regine stieg hinter dem Kellner die Treppe hinan, mit schweren Gliedern, eine Hand auf das Geländer gekrampft, die Augen niedergeschlagen und das Herz zum Bersten voll von dem Gefühl einer ungeahnten Schmach. Sollte denn dieser groteske Aufstieg nie ein Ende haben? Endlich hielt der Kellner auf einem Treppenflur an. Die Flügel seiner weißen Schürze flatterten vor Regines Blicken. Sie bemerkte auch noch die rot und schwarz gestreifte Weste. Dann öffnete eine Hand mit einem Universalschlüssel eine Türe, und Regine sah ein Bett. Dieses Bett sprang, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Augen. Es erfüllte das ganze Zimmer. Es war breit, aufdringlich, schamlos. Regine sah nichts sonst. Kein rettender Zweifel blieb. Wenn man in ein solches Zimmer kam, dann konnte es nur dem Bett zuliebe sein. Der Kellner durchquerte das Zimmer, zog die Vorhänge zu und drehte das Licht an. »Wird er ›das Bett machen‹?« dachte Regine schaudernd. An der Schwelle mahnte er stumm ein Trinkgeld ein. Frédéric, der seine Brieftasche schon eingesteckt hatte, mußte sie nochmals ziehen. »Mein Gott, die Schande!« wiederholte sich Regine gepeinigt. Ein Vorhang, der an einer Stange lief, schloß den Waschtisch ab und bildete ein kleines Abteil, ähnlich dem Schlafraum einer Aufseherin in einem Internat. Blumen kreischten auf einem Teppich wie aus einem bösen Traum. Doch Frédéric kam auf sie zu, nahm sie in die Arme, stammelte: »Verzeih, Liebste, daß ich dir dies zumute. Es ist scheußlich ...« Und während sich Regine innerlich mit quälendem Spott die Junggesellenwohnungen aus den Romanen, im Erdgeschoß, vor Augen rief und andere Stätten verliebter Zusammenkünfte, fügte er ahnungslos hinzu: »Wir haben kein Glück gehabt. Die andern Zimmer sind besser als dieses. Aber das Hotel ist sehr besucht. Das nächste Mal werden wir früher kommen.« Das nächste Mal! Sollte es also ein nächstes Mal geben ? Regine sah Frédéric Gesicht über sich gebeugt, ein unentschlossenes Gesicht, müde schon vor der Liebe und schwer von ungesprochenen Fragen. Gewiß war sie heute keine tolle Geliebte. Sie war durchfroren von der Lieblosigkeit des Zusammentreffens, ohne Begehren, ohne Rausch, in diesem Allerweltbett ausgestreckt wie eine große, zerbrochene Puppe, gepeinigt von der Sucht nach Tränen. Auf ihrem Körper fühlte sie die laue Liebkosung von Frédérics Händen. Einen Augenblick lang strengte sie sich an, sie zu genießen, eine Vorfreude darin zu finden, die sie ihm nicht zu geben hatte. Doch hatte sie eine unbezwingliche Gefühllosigkeit ganz und gar ergriffen, seit dem Eintritt in das Zimmer, seit der Begegnung in dem Park mit den Ammen. In ihrem Kopf machte ein Wort, ein Satz unaufhörlich die Runde, immer gleich, wie der einzige Soldat der Wachablösung, der bei den Provinzaufführungen von Carmen um den Prospekt herumtrabt. »... Ein Geliebter – Liebesstunde – Geliebter – Liebe ...« »Liebste ...« Fred drückte sie sanft an sich, bedeckte ihr Gesicht mit Küssen, ihre Schulter, ihre Brust, über die Regine, mit einer irren Hartnäckigkeit, immer wieder die Decke heraufzog. »Nein, nein, laß.« Er enthüllte sie ganz, sehr zärtlich, und sie hörte ihn sagen: »Ich bete dich an, du bist meine schöne, reine Statue.« Da wartete sie, in einer scharfsichtigen Ungeduld, auf die Lust, die vielleicht diese schwere Kälte von ihr nehmen würde. Frédéric lag neben ihr, gefällt von der Wollust, wie ein Baum, den ein zu starker Wind niedergeworfen hat. Hätte sie sich über diese ruhige Stirne gebeugt, deren Elfenbeinblässe eine Byronlocke wie ein schwarzer Fittich querte – Regine hätte darauf, wie in den halbgeschlossenen Augen, eine Trauer gelesen, eine erschöpfte Dankbarkeit; sie aber ruhte mit der Wange auf dem Kissen, nach der andern Seite zu, und hatte nur den einen Gedanken, daß also nichts an diesem Tage das böse Band lösen würde, das, seit vorhin, ihr Herz und ihre Sinne gefesselt hielt; und sie schämte sich, so nackt zu sein, auf diesem Bett, zur Seite eines unbekannten Wesens. Das Glück der andern Drei von uns, Laure, Regine und Maguy, haben bei Christiane zu Abend gegessen. Christiane hat das Eigentum, aber nicht den Nießbrauch an einem rechtmäßigen Gatten, an einem Eßzimmer, das nicht ganz, aber doch fast Henri II ist, endlich an einem Mahagonizimmer und besitzt darüber hinaus, als Krone des Ganzen, den häuslichen Sinn und die platte Gemütsruhe, wie sie einer Frau zukommen, die ihren festen Platz im Leben hat. Früher einmal, vor ihrer Ehe, die nun drei Jahre alt ist, hatte Christiane, als junges Mädchen, ihre Neugierde und ihre Wünsche, liebte die schöne Literatur und verstand auch etwas von Kunst. Im übrigen betonte sie Neigung zu allem Modernen und träumte von einem ›Studio‹ voll ungeheurer Kissen und niedriger Tische (diese möglichst rot) im gedämpften Licht aus Alabasterschalen. Heute besitzt sie einen Salamander, dem ihr ganzes Mühen und Sorgen gilt; einen Deckenschmuck, der den Ziergirlanden unserer Großmütter zum Verwechseln ähnlich sieht; und auf ihrer Anrichte haben wir, mit unseren eigenen Augen, ein vergoldetes Tablett stehen sehen, das an den vier Ecken mit dem Kriegskreuz geschmückt ist, zu Ehren von Christianes Gemahl, der ein tapferer Soldat war. Christiane steht ganz im Bann der häuslichen Pflichten, der Waschmaschine und des Kochgeschirrs. Sie weiß nicht mehr, wie man ein Buch hält. Neulich einmal hat sie gefragt, wer Signac und Mathisse wären. »Ich habe die Zeit nicht ...«, seufzt sie. »Wenn man einen Mann hat, ein Heim ... Ihr habt es wohl gut, daß ihr euch so auf dem Laufenden halten könnt.« In Wahrheit interessiert sie nichts mehr. Das Gefühl des Schönen packt sie heute nur noch vor den Wäschestößen in ihrem Schrank. Und sie weiß kaum noch eine andere Musik zu würdigen, als die des Suppentopfes, der auf dem gepflegten Herd leise brodelt. Ein Fall von häuslicher Abstumpfung, wie er, so scheint es, bei jungen Ehefrauen recht häufig ist. »Wollt ihr wissen, wie ich denke?« sagt Maguy auf dem Heimweg. »Ich verzeihe Christiane ihr Speisezimmer und ihre Suppenterrine nicht. Ein Speisezimmer, in unserer Zeit, das geht nicht! Und ich neide ihr ihr Glück nicht. Was für ein armseliges Leben! Ihr sollt sehen, daß sie es schließlich dahin bringt, ihren Mann zu vergrämen. Nicht genug, daß sie sich nicht erneuert, nicht bereichert – geht sie mit Haut und Haar in der ödesten Werkelei auf. Es ist wahrhaftig, als wäre sie in Schlick geraten.« »Lucien scheint nichts dabei zu finden«, meint Regine. »Er scheint ganz zufrieden mit der häuslichen Brutwärme. Und dabei ist er doch recht hell und aufgeweckt.« »Es kommt noch«, versichert Maguy mit Nachdruck. »Ich habe immer gesagt, daß die wahre Klippe jeder Ehe diese gefährliche Eingewöhnung beider Teile ist.« Regine wirft ein: »Das macht aber auch ihre Stärke aus ...« »Sieh dir Christiane an«, schneidet Maguy kurz ab. »Sie ist nicht einmal mehr kokett. Sie trägt zu Hause kleine Schürzen, um ihre Kleider zu schonen. Diese kleinen Schürzen sind für mich das Sinnbild ehelicher Mittelmäßigkeit. Und ich sage euch noch einmal, Christiane wird sich die Liebe ihres Gatten nicht erhalten können.« Laure sagt nichts. Sie geht wie im Traum vor sich hin. Wir haben beschlossen, zu Fuß heimzukehren. Der Abend ist schön, und Christiane wohnt nicht sehr weit vom Quartier Latin, auf der Ile Saint-Louis. Ein wenig abseits von ihren beiden Freundinnen träumt Laure von ihrer Liebe. In ihrem Kopfe summt es wie in einem Bienenkorb, sie möchte die Nacht ans Herz drücken. Und nichts scheint dem Überschwang, der Hingegebenheit dieses Herzens gewachsen – nicht der weite Nachthimmel, über den die Lichter von Paris rosigen Schein werfen; nicht der stumme Aufschwung der Kathedrale den Sternen zu; nicht die Seine, die dunkel und schwer, zwischen engen Bänken die Geschichte von Jahrhunderten hinwälzt. ... Christiane, Christiane ist glücklich. Lucien ist da, bei ihr, immer. Sie kennt die Stunden, zu denen er heimkehrt, zu denen sie sicher ist, ihn erscheinen zu sehen; und der Zweifel, die Angst sind ihr fremd. Sie sind nicht Teil ihres Daseins. Ihr Glück ist maßvoll in längst vertraute Regeln gefügt. Sie wendet die Blätter des großen Buches, ohne Erregung, ohne Hast. Sie weiß, was sie darauf lesen wird. Sie findet die gleiche Freude daran: gestern, heute, morgen. Eine vertrauensvolle Freude, die nicht enttäuscht werden wird. »... Mir ist mein eigenes Glück lieber, mein schönes Glück voll Ungeduld, Sehnsucht und Angst. Und selbst die Zeiten der Trennung, während derer ich den doppelten Zauberkreis der vergangenen und der künftigen Stunden durchirre, wo jeder Tag voll Arbeit, Anstrengung, Einsamkeit ein kleiner Sieg ist, dem Fernesein abgekämpft, ein Schritt näher zu IHM. Diese Trennungszeiten, während derer ich nicht voll lebe, zu sehr belastet von Erinnerung, zu sehr erregt von Hoffnung, die mich doch befähigen, frisch und bereit wieder vor ihm zu erscheinen, ohne Spur der müden Abende auf meiner Stirne. Er wird kommen. Die Minute wird in die gleichgültige Sanduhr des Raums verrinnen, wo die selige Qual der Erwartung aufhören, wo er in meinem Leben erstehen wird, ruhig gelöst in dem Willkommskuß, wie ein Raubtier über seiner Beute. In dem Augenblick nichts zwischen uns als die Gewißheit unserer Liebe, unwiderstehlich wie der Gang der Gestirne. Unsere Liebe, seine Gegenwart. Diese Vollendung in der Gebärde, im Wort, die beide an ihm immer sind, was sie sein sollen, nichts sonst. Der vollendete Einklang zwischen uns, der, wenn wir vereint sind, ein so glückliches Gleichmaß schafft. Und seine Stimme, sein schönes Lachen. All das, was ich erwartet, ersehnt habe, wie um mich davon zu nähren. Seine festen Arme, in denen ich mich so zerbrechlich fühle und so stark zugleich. Und diese breite Brust, in der, unter meinen nie gestillten Lippen, sein Herz schlägt wie ein ehernes Pendel. . .. Christiane. O ja, Christiane! ... Glücklich, gewiß. Aber gleicht sie, wie ich, einer rauschenden Leier, die eine unruhige Liebe mit wuchtigen Griffen schlägt?« Zweiter Teil Der Riss Alleinstehende Frauen Regine hat die Adresse eines Baumeisters bekommen; eine Wohnung ist zu vermieten, ›zwei schöne Zimmer nach Süden, Heizung und fließendes Wasser: zweitausendfünfhundert‹. Voll strahlender Hoffnung ist unsere Freundin hingerannt, gesprungen, geflogen. »Ich kenne Ihre Bedingungen,« hat sie der Hausmeisterin gesagt, »tausend Franken Handgeld; bewilligt. Wo ist denn der Hausherr, daß ich gleich hinlaufe?« Nicht ohne Zaudern wurde ihr die Auskunft erteilt: »Er ist sehr heikel mit seinen Mietern, Sie werden ihm Referenzen angeben müssen. Sie kennen doch bessere Herrschaften, um ihm Eindruck zu machen?« »Gewiß, soviel Sie wollen.« Regine geht fieberhaft ihre Bekanntschaften durch. Sie findet darunter ein Mitglied des Instituts, mit dem sich Staat machen läßt, einen Bibliothekar, einen Bergingenieur. »Genügt das?« »Ich weiß nicht, der Herr ist so anspruchsvoll ...« »Donnerwetter! Eine Lyzeumsvorsteherin. Eine ...« Die Hausmeisterin zeigt Ansätze zur Hochachtung. »Geben Sie mir Ihren Namen, ich werde telephonieren und Ihren Besuch ankündigen. Fräulein ... ?« »Nein, Frau.« »Frau ??? Ich dachte Fräulein ...« »Nein, sage ich Ihnen.« »Dann wollen Sie also gar nicht alleine mieten?« »Aber ja doch ...« »Ich verstehe nicht ...« Vorsichtig, und doch unklug, deutet Regine ihre gesellschaftliche Stellung an: »Ich bin geschieden ...« Die Hausmeisterin, die nicht offenherzig ist, sagt zunächst nichts. Beim Hausherrn aber wird Regine nicht vorgelassen. »Oh, Regine,« rufen wir, »das ist unmöglich! Glaubst du wirklich ...« »Ja, ihr Lieben, ich glaube es, weiß es sogar bestimmt... Von der Wohnung des Hausherrn weg bin ich gleich in das Wohnungsbureau gelaufen, das mir die Adresse verschafft hatte. ›Warum haben Sie denn gesagt, daß Sie geschieden sind?‹ hat mich der aufrichtige Mann dort gefragt. ›Warum ? Warum ? Aber ich brauche es nicht zu verbergen!‹ ›Was wollen Sie, meine kleine Dame – es mißfällt! Sie hätten erzählen müssen, daß Sie Witwe oder Fräulein sind!‹« »Lauf zu der Hausmeisterin«, rät Maguy, »und erhöhe dein Angebot. Sie wird nicht widerstehen können.« Regine hat ihre letzten Schiffe verbrannt und ist hingeeilt: »Ich gebe Ihnen fünfzehnhundert Franken, wenn Sie mir die Wohnung verschaffen.« »Wo werde ich sie hernehmen ?« fragt sie sich. »Ach was, ich werde ein paar Perlen verkaufen!« Sie denkt an Frédéric: Nichts scheint ihr der Wonne vergleichbar, wieder ein Heim zu haben. »Ich verstehe Ihr Bedauern«, seufzt die Haushälterin, keineswegs geblendet. Dann wirft sie auf ihr Haus einen liebevollen, auf Regine einen mißbilligenden Blick und meint: »Das hier ist ein sehr feines Haus.« Regine ist mit bitterer Wut im Herzen davongegangen. Sie konnte ja wohl nicht gut in der Pförtnerloge aufschreien: »Und ich? Bin ich etwa keine feine Frau ? Es genügt also nicht, sein Leben verfehlt zu haben, alleine dazustehen, ohne Gefährten, ohne Halt? Müssen die Hausherren noch einer anständigen Frau – die sich ihr Brot sauer genug verdient – das Recht auf eine Wohnung bestreiten ?« »Ah! Schön, eure Frauenbewegung'!« sagte Regine zu Maguy. »Schön, eure ›Unabhängigkeit der Frau‹! Da bleibt noch viel zu tun, glaube mir!« Unsere kleine Tafelrunde Heute ist Maguy früher als sonst nach Hause gekommen, mit einem großen Strauß rosa Nelken und Asparagus im Arm, aus dem Blumenladen in der Rue Bonaparte. Sie hat auf dem Küchentisch eine Menge kleiner weißer Päckchen abgelegt, auf denen ›Prunier‹ und ›Julien‹ zu lesen ist. »ER hat mir versprochen, zum Abendessen zu kommen«, sagt sie, mit blitzenden Augen und süßer Erwartung im Gesicht. »Ich hatte nur noch fünfzig Franken, die hab ich ausgegeben. Mir bleiben vierundzwanzig Sous. Macht nichts. Er bekommt Gänseleberpastete, die er so sehr liebt, ganz feines Muschelragout, dann Crème und die ersten Erdbeeren des Jahres.« Sie ordnet ihre Blumen in einer geflammten Schale. »Hübsch, deine Nelken«, sagt Laure. »Ach!« widerspricht Maguy geringschätzig, »sie sehen armselig aus. Nur in der Rue Royale gibt es schöne Blumen, aber mir blieben zehn Franken, kein Sou darüber.« Sie hat im Salon den Tisch gedeckt und ihren kostbarsten Läufer aus feinem Filet und Spitzen aufgelegt. Reine hat ihre Silberbestecke hergegeben, dazu zwei geschliffene Kristallkelche. Im verschleierten Licht der Lampen wirkt der kleine, banale Salon ganz entzückend, bekommt etwas wie gedämpfte, intime Eleganz. Maguy will keiner von uns die Aufgabe überlassen, den Gasofen anzuzünden, in dessen Bratrohr die Ragoutmuscheln überbacken werden. Sie richtet selbst den Salat an und geht sich dann anziehen, ungeduldig, mit klopfendem Herzen. Wir sehen ihr zu, wie sie ein zartes, silberfarbenes Kleid überwirft, in dem sie, mehr noch als sonst, unirdisch wirkt. »Maguy, das ist ›Die Erwählte‹, die Debussy besungen hat«, sagt Reine. ›Die Erwählte‹ legt mit größter Sorgfalt Schminke auf. Sie sagt nichts, der Spiegel aber zeigt uns den fiebrigen Glanz ihrer schwarzen Augen. Endlich setzt sie sich, erschöpft von der Erregung, mit dem Nagelpolierer in der Hand. Die Rolle dieses Werkzeugs, zu Zeiten der Erwartung, ist erstaunlich. Von Saint-Sulpice schlägt es Viertel nach acht. Der dunkle Erzton klingt uns trüb in die Ohren wie Sterbegeläut. »Nun bleibt er nicht mehr lange aus«, sagt Maguy. »Ich will nach meinen Muscheln sehen.« Sie kehrt zurück und setzt sich wieder hin, ohne ein Wort zu sagen. Dies ist der Augenblick, wo auch für uns, die nicht unmittelbar Beteiligten, das Warten unerträglich wird. Der Straßenlärm dringt, kaum gedämpft, bis zu uns. Und so oft wir vor dem Hause den Schlag eines Autos zufallen hören, bleibt uns allen fast das Herz stehen. Wir warten. Maguy wartet. Ihre Nägel strahlen jetzt förmlich; doch im gleichen Maße, wie sie rosiger blitzen, legt sich ein bleifarbener Ring, noch unter der Schminke kenntlich, um Maguys Lider und läßt die Augen größer erscheinen. Sie sieht nach der Uhr. »Ich glaube, sie geht vor«, sagt Reine warmherzig. »Es ist nicht später als acht Uhr fünfundzwanzig .. .« Auf der Straße sausen die Wagen vorbei, ohne anzuhalten, und wir fühlen: es ist nicht einer darunter, der nicht wahrhaft über das Herz unserer Freundin hinwegrollte. Sie steht auf und sagt mühsam: »Jetzt muß er jeden Augenblick da sein. Ich will ihn im Salon erwarten.« Fühlt sie unsere Unruhe? Sie entzieht sich unsern Blicken, unserm zärtlich bereiten Mitleid. »Er kommt nicht«, murmelt Reine. Bis neun Uhr abends haben wir uns nicht vom Fleck gerührt, zerstreut die letzten Mandarinen des Jahres geschält und Erinnerungen an ähnliche Wartezeiten aufgefrischt. Maguy ist ganz allein im Salon, weit weg von uns und wohl von Verzweiflung überwältigt. Von Zeit zu Zeit hören wir, wie sie in die Küche geht, um die eigene Angst zu betäuben und die Flamme unter den Ragoutmuscheln kleiner zu stellen, die nun wohl verbacken sein werden. Dann gibt es eine lange Pause. Ein langes Schweigen. »Wir müssen hinübergehen«, sagt Laure leise. Die Lampen erhellen den kleinen, geschmückten Raum, den unnützen Tisch, die rosa Nelken darauf, die matt in der bunten Schale hängen, die unberührten Gedecke, das geschliffene Kristall. Es ist unglaublich, wie sehr ein gedeckter Tisch einem Katafalk gleichen kann. Aus der Küche kommt der Geruch gut knuspriger Muscheln. Tief in einen Lehnstuhl vergraben, ohne Laut, ohne Regung, gleicht Maguy, in ihrem zart dämmerfarbenen Kleid, einer abgerissenen Blume. Die Augen starr, den Mund verkniffen, weint sie nicht, schreit nicht – sieht uns nur an, mit dem Blick eines Tieres, das sich empören will. Wir umringen sie. »Liebste ... er konnte nicht. Es ist ihm etwas dazwischengekommen ... Du weißt doch, daß es nichts zu bedeuten hat ... er ist nicht ganz unabhängig ...« Wir knien rings um sie, ziehen sie an uns, umarmen sie. Sie wirft den Kopf zurück, kämpft gegen ihren Schmerz, bis sie endlich in unseren Armen zusammenbricht und wie ein kleines Mädel schluchzt, ein ganz kleines, armes Mädel. Am nächsten Morgen ist Maguy nicht ins Bureau gegangen, und zu Mittag wurden wir eingeladen, die Mahlzeit vom Abend vorher zu verzehren, aus Sparsamkeit, damit nichts umkomme. Maguy hat in die Gänseleber hineingeweint, und wir, mit gehemmten Bewegungen und Leichenbittermienen, wir wagten nicht, das Essen gut zu finden. Das Mass ist voll Regine, angewidert von ihrem Zimmer, war zum Arbeiten in die Rue de Vaugirard gekommen. Sie hielt im Schreiben inne, hob den Kopf und sah nach der Uhr. Der kleine Wecker, den sie einmal während einer Reise auf dem Londoner Trödelmarkt um zwei Schillinge gekauft hatte, wollte seit langem nicht mehr anders gehen als mit dem Kopf nach unten. Heute aber hatte ihn die junge Frau durch die verwegensten Stellungsänderungen und heftiges Schütteln nicht in Gang halten können. Im gegenseitigen Einvernehmen hatten die drei Freundinnen, gleich beim Einzug in die Wohnung, die beiden Wanduhren, Denkmäler bürgerlicher Scheußlichkeit, in den Keller hinuntergeschafft. Und Maguy, die als einzige eine Uhr besaß, war nicht da! Regine öffnete das Fenster und wartete, bis sich die Stunde von den verschiedenen Uhren des Hauses losringen würde. Sie kannte sie alle gut. Die eine schlug zu Mittag ein Uhr. Die andere ging um fünf Schläge vor. Das Glockenspiel, genannt ›Westminster‹, vom dritten Stock gegenüber, ging genau. Auf dieses lauerte sie. Unter ihrem Kinn gekreuzt trugen ihre Hände, gebrechliche Säulen, ihr schönes Gesicht. Von dem Packen Korrekturen, an dem sie eben gearbeitet hatte, wanderte ihr Blick bald über den mit Papieren beladenen Tisch weg zu den Zimmerwänden, die ihn kurz festhielten. Dann hörten die äußerlichen Dinge auf, wichtig zu sein. In Regines tiefstem Innern bildete sich ein Gedanke, erfüllte ihr Auge und verdrängte die Dinge, die in Nebeln verschwammen. Regines Blick war nach innen gekehrt. Dort verfolgte sie den Schatten einer Bitterkeit, die sich seit langen Tagen in ihrem Herzen sammelte. Sie bedachte, daß sie gleich nachher Frédéric wieder treffen sollte. Wieder in dem abscheulichen Hotel, wie gewöhnlich. Das bedachte sie, und weiter noch, daß sie keinen Wunsch fühlte, hinzugehen. »Oh!« sagte sie, »Iphigenie, als sie zur Opferung schritt, war heiter im Vergleich zu mir!« Sie durchlebte im Geiste den Ritus dieser Zusammenkünfte: die Begegnung am Fuße der Treppe zur Untergrundbahn, mit dem krampfhaften Anschein einer Zufallsbegegnung; das Hinaufsteigen ans Tageslicht, mit betonter Unbefangenheit; dann das verstohlene Hineinhuschen in die Hoteltüre, der Kellner mit dem Galgengesicht, der sie zum Zimmer führte und an der Türe auf die Bezahlung wartete. Sie hörte das Flüstern der beiden Männer: »Es macht nicht zwanzig Franken, mein Herr, sondern fünfundzwanzig.« »Wie denn? Das letztemal ...« »Der Preis wurde erhöht, mein Herr.« Ekel schnürte ihr die Kehle zu. Sie rief sich das widerliche Zimmer vor Augen, die Wände im Schmuck großer Mohnblumensträuße, den schreienden Teppich, den Leinenvorhang, der rings um den Waschtisch an einer Stange lief. »Nein, nein,« rief Regine laut aus, »ich gehe nicht, ich gehe nie wieder!« Im ersten Antrieb sprang sie auf, überdachte einen Augenblick die Möglichkeit, Fred zu verständigen, und setzte sich wieder hin. Gab es ein Mittel, ihn zu verständigen? Sie konnte ihm nicht telephonieren, keine Rohrpostkarte schreiben, weil er die Bemerkungen seiner Frau fürchtete. Es war so weit gekommen, daß Regine ihm überhaupt nicht schreiben konnte. Er hatte davon gesprochen, sich Umschläge mit seiner Adresse tippen zu lassen, aber auch das war ihm nicht sicher genug erschienen. Die bösen Erinnerungen bestürmten Regine. Wie oft hatte eine eheliche Verpflichtung Fred im letzten Augenblick gezwungen, ihr abzusagen? Sie war außerstande zu antworten, sie mußte das festgesetzte Stelldichein annehmen, sie hatte kein Recht, verletzt zu sein, enttäuscht, gemartert. »Ich liebe ihn nicht genug. Liebte ich ihn ohne Rückhalt, so fiele mir all dieser Zwang gewiß nicht schwer. Oder nein, ich hätte vielleicht noch mehr darunter zu leiden.« Sie trieb hin wie ein Schiff im Strom. »Ich kann nicht mehr, es geht nicht so weiter.« Tränen brannten in ihren Augen, Tränen, die aus dem tiefsten Herzen voll Zorn und Reue kamen und die sie wie eine harte Kugel in der Kehle spürte. Die Arbeit wieder aufnehmen, sich in die leidige Tüftelei des Korrekturenlesens verlieren ... Nein. Sie gab sich ihrer Wut hin, peitschte sie in jedem Augenblick durch eine neue Einzelheit auf. Das widerliche Zimmer. Und, danach, der Ritus der Verliebtheit, zwingend, unentrinnbar. Wenn man einem schmierigen Kellner fünfundzwanzig Franken bezahlt hat, was sollte man dann wohl treiben, wenn nicht Verliebtheiten? »Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr«, wiederholte Regine, wütend, geblendet von Tränen und das Gesicht verzerrt von dem unbewußten Krampf, den die Wut in ihre Muskeln brachte. Das Glockenspiel verkündete fünf Uhr. Das Stelldichein war für halb sechs vereinbart. »Ich gehe nicht, ich gehe nicht, ich ...« Schon schwankte sie, durchdrungen von einem unbestimmbaren Gefühl der Nachsicht. »Es ist nicht seine Schuld, es sind die Verhältnisse ...« Doch sofort meldet sich der Widerspruch: »Er hat mir gesagt, er wäre frei. Er hat gelogen. Er hat mein Vertrauen verraten.« Sie sah Frédérics erregtes Gesicht vor sich: »Ich bin frei, ich tue, was ich will...« Was ich will! Hatten sie je einen Nachmittag oder nur einen Augenblick miteinander verbracht, der nicht vergiftet gewesen wäre durch die Minutenangst, durch die blinde Furcht vor dem Leutegerede, durch die ewige, unaufhörliche, aufreizende ›Vorsicht‹? »Und ich, ich bin frei, ich habe niemand Rechenschaft zu geben. Das Recht, keinerlei Rücksichten nehmen zu müssen, habe ich teuer genug bezahlt. Und das also ist die Frucht der Anstrengung, die meine Fesseln gesprengt hat: ein klägliches Abenteuer mit einem Mann, den das gesellschaftliche Herkommen für immer in der engsten Abhängigkeit von seiner Frau erhält. Liebesfreuden Regine schlug die Augen auf. Eine Träne, vom Augenlid gehalten, schimmerte im engen Netz der Wimpern. Ihre Schulter, nackt, mattweiß, drückte auf das Kissen wie eine tote, starre Last, wirkte nicht warm, nicht lebendig. So hingestreckt, verriet Regine namenlose Niedergeschlagenheit. »Hast du geschlafen?« An dem gezwungenen Lächeln der jungen Frau hätte Fred die Verstellung merken können, die Sehnsucht nach Schweigen und Reglosigkeit. Auf einen Ellbogen gestützt, das Gesicht ihr zugewandt, fuhr er fort: »Ich habe dich betrachtet. Du bist sehr schön.« »Das nützt mir nicht sehr viel, mein armer Freund.« »Und meine Liebe?« Sie unterdrückte eine Gebärde, ein Wort der Ernüchterung und wich unmerklich zurück, als er sich näher beugte. Traurigkeit verschleierte Freds Augen. Sein bitterer Mund hatte ein Zögern, ein Lächeln, formte dann die Worte: »Wir sind glücklich, Liebste ...« Sie sah ihn an, in verwundertem Schweigen. Aufrichtig, verblendet, oder einfach verständnislos? Litt er nicht an einer Willensschwäche, wie andere an Asthma oder Rheumatismus leiden? Hatte er jemals irgend etwas leidenschaftlich begehrt ? Wie hätte er sie selbst lieben sollen, sie in seinem Leben haben wollen ? Alles, was sie früher einmal an ihm geliebt hatte, seine Überlegenheit, seine geringschätzige Strenge, reizten sie jetzt. Wo war seine Milde, seine Nachsicht? Wenn jetzt Regine eine Ansicht äußerte, die er nicht teilte, dann murmelte er mit unerträglichem Feixen: »Sag' das nicht, meine Liebe, das sind Kleinbürgerideen.« »Du bist mein Kind.« Sie unterdrückte ein Achselzucken und haßte ihn für seinen Mangel an Zartgefühl. Wollte er den Gedanken an Schutz, an Rückhalt wecken? Sie seufzte ungeduldig auf. Gewiß, die Dinge lagen nicht einfach. Aber hatte er überhaupt einen Versuch gemacht, einen Rahmen für das zu schaffen, was er ihre Liebe nannte? Hatte er es verstanden, den Zwang in seinem Leben zu verhüllen, Verzeihung dafür zu erwirken, ihn mit Geschick, Zärtlichkeit, Demut, Anerkennung zu verschaffen? Er hatte nichts als dies gefunden: dieses Hotelzimmer, das ihnen beiden zum Ekel war. Und er fügte noch den ausgesprochenen Mangel an gutem Willen hinzu, eine Besserung zu versuchen. So rollten in Regines Kopf, klar und unerbittlich, die einzelnen Punkte der Anklage ab. Sie wandte den Blick von Fred, der an ihrer Seite ausgestreckt lag, voll der weichen Eleganz, die einmal so verführerisch geschienen hatte. Würde er nun eine der Gebärden finden, die die harte Verstrickung der Verbitterung lösen ? Hätte er sie nun selbstherrlich in die Arme genommen, hätte er sie, nicht einmal zart, an sich gedrückt und ihr gesagt: »Schweig', wehr dich nicht«, so wäre sie ohne Zweifel an der lieben Schulter in Tränen ausgebrochen. Um sich Herz und Seele zu erleichtern, genügt es einer Frau, sich ganz klein zu fühlen in starken Armen, schwach und wehrlos. Unter Freds Schweigen verbarg sich vielleicht Leid oder Reue; aber Regine fühlte sich dadurch unbewußt gereizt: »Auf, wir müssen gehen!« Er hielt sie mit dem Arm zurück und sah nach der Uhr auf dem Nachttisch. »Hast du Eile?« »Ich niemals«, sagte sie, von dem Wunsch besessen, ihm eine Lehre zu geben. »Ich sage es deinetwegen, da du doch immer Angst hast, zu spät zu kommen.« »Heute abend nicht. Meine Frau ist bei ihrer Schwester, in Lyon, seit achtundvierzig Stunden. Ich esse allein zu Nacht.« »Oh«, sagte sie verblüfft. Regine stellte sich ihr eigenes Abendessen vor. Heute würde sie den kleinen Rundkäse und den Rollmops nicht auf einem Tellerchen mit Spitzenmuster und mit Silberlöffel angerichtet finden, denn Maguy war ausgegangen. Reine und sie selbst würden ihre Mahlzeit zwischen die zwei Hälften einer Semmel hinbreiten. Sie wagte noch eine Probe, die letzte: »Nun gut!« – und das Herz schlug ihr so stark, daß ihr beinahe das Wort auf den Lippen erstarb – »du bist allein, ich bin allein. Speisen wir zusammen.« Eine Welle von Unruhe überlief Freds unentschlossenes Gesicht. »Es ist unmöglich«, sagte er ohne Härte, in bittendem Ton. Regines bebende Spannung verschärfte sich. Ihre Pupillen weiteten sich; sie beharrte: »Ich verlange ja nicht, daß du mich in ein großes Restaurant führst. Aber in diesem Viertel hier werden wir doch wohl eine kleine Kneipe finden.« »Nein, du weißt gut...« Er schien Martern zu leiden. »Um zusammen zu sein ...« Sie hatte gar keine Lust, mit ihm zusammen zu bleiben; doch spielte sie nicht ihre letzte Karte aus? »Nein. Morgen wüßte es ganz Paris.« »Ich glaube, daß du vor dir selbst die Wichtigkeit deiner Handlungen übertreibst«, sagte Regine mit erstickter Stimme. »Ich kenne sehr viele Leute«, erklärte er ernsthaft. Dann, als er sah, wie sie sich straffte, eiskalt wurde: »Sei gut«, bat er und streckte die Hand nach ihr aus. »Du weißt doch, daß ich meine Frau nicht kränken will.« Sie entzog sich ihm hart: »Das verlange ich nicht von dir. Aber bist du nicht frei?« »Es ist meine Frau.« »So wird es also immer, immer so sein?« Zweifellos empfand Frédéric in diesem Augenblick zuinnerst Pein und Angst. Regine glaubte den Widerschein davon in dem unklaren Spiegel der grauen Augen zu sehen. Doch eine böse Laune legte Frédéric die Worte auf die Zunge, die er nie hätte sagen dürfen. Sein Ton wurde spitz und spöttisch: »Du wirst dich daran gewöhnen müssen ...« »Und gerade dazu habe ich nicht die geringste Lust«, brach sie los. Sie richtete sich wütend auf und fügte, als er sie zurückzuhalten suchte, hinzu: »Laß mich.« Sie mußte, um auf den Teppich zu gelangen, über Fréderic wegsteigen; mit einem ungekannten Gefühl der Scham nahm sie ihre Wäsche von dem Lehnstuhl, wo sie sie abgelegt hatte, und verschwand hinter dem Vorhang um den Waschtisch. Ihre Hände zitterten. Sie bekleidete ungeschickt ihre Schultern, ihre Hüften und streifte nervös die hellen Seidenstrümpfe über ihre langen Amazonenbeine. Als sie aus ihrem lächerlichen Schlupfwinkel heraustrat, war Fred eben stumm dabei, sich anzukleiden; er zog die Hose an und knöpfte die Träger fest. »Widerwärtig!« dachte sie. Er richtete auf sie einen Blick voller Fragen, sie aber zeigte ihm nur ein Gesicht, das von Stolz und Zorn gefärbt war. Er ging hinter ihr die Treppen hinunter, im peinlichen Gefühl einer Niederlage. »Ich bringe dich nach Hause«, meinte er mit einer Bewegung nach einem Taxi hin. »Nein, nein.« Sie war am Ende ihrer Widerstandskraft. Er sah sie auf die Treppe der Untergrundbahn zulaufen. Mit dem großen bunten Schal um den Hals und dem wiegenden Gang erinnerte sie an eine der kühnen Amazonen aus einem kalifornischen Film. Er begriff, daß er sie verloren hatte, und dachte daran, sie auf dem Bahnsteig einzuholen. »Ich kann aber doch nicht hinter ihr herlaufen,« sagte er sich entsetzt, »man könnte uns begegnen. Was tun ? ... Ich werde ihr schreiben.« Liquidation nach Inventur In der Rue de Vaugirard merkte Regine, daß die Fenster des Salons erleuchtet waren. Sie stieg die Treppe hinan, mit schweren Gliedern, wie zerschlagen. Reine, die, die Füße zum Feuer gekehrt, auf den Knien kritzelte, wandte kaum den Kopf. Die Scheu, einander lästig zu werden, hatte zwischen uns alle herkömmlichen Förmlichkeiten unterdrückt. »Guten Abend!« Der merkwürdige Klang der Stimme überraschte Reine, und sie sah Regine aufmerksamer an. »Müde? Wie du aussiehst!« Die junge Frau strich sich mit der Hand über die müde Stirn, über die trockenen Augen. »Du ... du hast ihn gesehen?« fragte Reine, die wohl wußte, wie Regine ihre Zeit hinbrachte. »Ja, und zum letztenmal, denke ich.« In Reines Gesicht prägte sich mitfühlende Enttäuschung aus. Ihre Empfindungen, ob tief oder oberflächlich, hielten sich immer in engen Grenzen. Jeder Überschwang fehlte ihrer gesammelten, empfindsamen Natur, in der Scharfblick, Logik und kritischer Sinn von jeher die göttliche Jugend zerstört hatten. Sie legte ihren Bleistift und ihre Papiere auf einen Tisch, glitt liebevoll zu Regine hin. »Erzähl' mir, mein Kleines...« Regine schluckte schwer. »Es gibt nichts zu erzählen. Es war niemals schön. Es konnte nicht anders als in die Brüche gehen. Er wird mich nicht wiedersehen.« »Sei nicht zu streng«, meinte Reine sanft, die die Heftigkeit ihrer Freundin kannte. »Man muß soviel Nachsicht haben, wenn man liebt.« Regine schüttelte den Kopf, und ihre Haare, von der Farbe scharfgebackenen Brotes, schienen in Strahlen das reglose Licht der Philips Argenta zu zerstreuen, die, weiß und warm unter dem gefalteten Papierschirm, ganz wie ein gekochtes Ei aussah. »Es ist nämlich so, siehst du, daß meine Empfindlichkeit und mein Selbstbewußtsein zutiefst verletzt sind. Die Liebe, das weiß ich wohl, sollte diese Empfindungen ausschalten, sie nicht kennen, sie aufsaugen. Aber ich bin ja auch in meiner Zärtlichkeit verwundet, in meinen eifersüchtigen Wünschen. »Die freie Liebe,« fuhr sie fort, »das nennt man die freie Liebe! Keine sonst legt mehr Einschränkungen auf, mehr Zwang und Opfer. Wäre er krank, so könnte ich gar nicht auf gewöhnlichem Wege Nachricht von ihm haben oder ihn pflegen, ihm beistehen im Todeskampf, meine Tränen zeigen nach seinem Tod.« »Da siehst du ja, daß du ihn liebst.« »Was für Freuden habe ich denn gehabt, während der drei Monate, die sich nun diese jämmerliche Geschichte hinzieht? Welche Genugtuung? Und wie unglaublich bescheiden war ich dabei in meinen Ansprüchen an das Glück! Nie ein Augenblick wahrer Vertrautheit, nie ein Abendessen zu zweien, nie eine Nacht an seiner Schulter, nie einen Abend in der gleichen Loge, um die gleiche Musik zu hören! Vom übrigen zu schweigen. Eine Reise mit ihm? An seiner Seite die schönen Horizonte sehen, die weite Erde? Ach ja, ach ja, ›ich bin frei‹, hat er mir gesagt. Und so sieht diese Freiheit aus: zwei Stunden wöchentlich unter den scheußlichsten Verhältnissen, mit der Uhr auf dem Nachttisch, um nicht zu vergessen, daß abends seine Frau ausgeht oder empfängt.« Reine hörte ihre Freundin schweigend an und ließ sie das ganze Elend einer Verbindung ausbreiten, deren Armseligkeit uns Regine bisher aus Scham oder Stolz verschwiegen hatte. Regine schüttete ihr Herz aus, machte reinen Tisch: »Unsere beiden Leben sind durchaus nicht vermengt, vereint. Sie laufen nicht einmal gleichgerichtet nebeneinander, in oberflächlicher Berührung, die eine Selbsttäuschung gestatten könnte. Nichts gibt es, nichts, kein Vertrauen, keine Möglichkeit dazu, weil er von Angst geknebelt ist. Kein Glück, keine Möglichkeit dazu, weil sein Leben anderswo liegt. Anderswo, verstehst du, Reine? Und ich, ich komme mir vor, als wäre ich für die Stunde gemietet, zu flüchtigem Genuß. Käme dieser Genuß als Ergänzung zu sonst etwas, dann könnte ich es vielleicht ertragen, daß er so demütigend, so mittelmäßig ist. Das aber! Nur das – das ist zu jämmerlich. Ich will nicht mehr, ich will nicht mehr.« »Du tust dir weh, meine Liebe«, sagte Reine traurig und zog den strahlenden Kopf an sich. »Für ihn ist es ja doch auch hart.« »Er leidet nicht auf die gleiche Art darunter. Er hatte mir nur ein Abenteuer zu bieten, ein kurzes, fast unsauberes Abenteuer. Es ist unentschuldbar, daß er meinen guten Glauben getäuscht hat.« Endlich brach sie los und ließ an Reines schwesterlicher Schulter den Tränen freien Lauf, die ihren langgliedrigen, festen Körper erschütterten. »Gewiß,« murmelte Reine, »es war hoffnungslos von Anfang an.« Sie brach ab und wiegte an ihrer Brust unsere Freundin, die sich allmählich beruhigte. Reines zerstörender Scharfblick gab ihr noch den Nachsatz ein: »Übrigens ist auf diesem Gebiet alles hoffnungslos.« Regine machte ihr tränenüberströmtes Gesicht frei und hob es zu Reines Gesicht auf, zu diesem kleinen Gesicht mit den festgeprägten Zügen, die von einem uns unbekannten, geheimen Schmerz gehärtet schienen. »Sie auch, vielleicht?« dachte Regine. Man hörte die Eingangstür in den Angeln knirschen, und hinter den Milchglasscheiben zeichnete sich Maguys Silhouette ab. Sie trat ein. Die Müdigkeit zeigte sich an ihren Augen, die durch fast schwarze Ringe unheimlich vergrößert schienen; das Gesicht war abgespannt und wie entmutigt. Doch zeigte sie immer noch die köstliche Gepflegtheit, der zufolge sie am Ende eines harten Arbeitstages aussah, als käme sie aus einem Schrein. Der Karminstrich auf den Lippen, die samtige Puderschicht, alles war vollkommen, tadellos, wie am Morgen beim Verlassen des Bades. Als sie die Handschuhe ausgezogen hatte, sah man ihre rosigen Nägel blitzen, als hätte sie den ganzen Tag über den Polierer gehandhabt und nicht die Füllfeder. ›Maguys Nägel‹, sagte Laure von ihr, ›erinnern mich immer an die Nägel auf den Reklamebildern für Nagelpasta, die Strahlen schießen.‹ »Ich bin müde.« Sie ließ sich in keiner Weise gehen. Wir wußten, sie würde ihren Hut ordentlich abnehmen, ohne ihn auf den Diwan zu werfen oder ihn der Kaminfigur aufzusetzen. Und dann würde sie sich hinsetzen, sich nicht fallen lassen. Die Äußerungen der Müdigkeit blieben bei ihr immer durchaus aristokratisch. Oft hänselten wir sie deswegen. »Maguy,« sagte Laure, »das ist ›die Prinzessin auf der Erbse‹ aus Andersens Märchen.« Maguy bemerkte Regines verstörtes Gesicht, das ihr der enge Lichtkreis der Lampe bis dahin verborgen hatte. »Liebste, geht's denn gar nicht?« »Sie hat genug,« erklärte Reine, »sie will Schluß machen.« Maguy zog einen Sessel herbei und setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Sie machte den Eindruck, als wäre sie in ihrem eigenen Heim zu Gast. »Wo fehlt es?« fragte sie mit dem ihr natürlichen Ernst, der noch verstärkt wurde durch die etwas kalten Linien ihres kostbaren Gesichtchens. Regine lächelte unter Tränen: »Ich habe vor Reine schon ausgepackt. Verzeih mir, wenn ich ihr nicht eine zweite Auflage meiner Wut zumuten möchte. Es handelt sich um Fred.« »Du hast keine Geduld«, sagte Maguy vorwurfsvoll. Jeder Mißerfolg dieser Art erschien Maguy als ein Angriff auf die Majestät ihrer Grundsätze. Es war so weit, daß ihr gerader Sinn, ihre strenge Rechtlichkeit durch diese Grundsätze beeinflußt wurden. Wir haben Maguy eine gewisse Genugtuung äußern sehen – unbewußt vielleicht und bestimmt nicht überbetont, aber doch merklich – bei irgendeiner Erzählung von ehelichem Mißgeschick. Beispiele von gesetzmäßigen und dabei unglücklichen Ehen bestärkten sie in ihren Überzeugungen. Erzählte man ihr von einem ruhigen, dauerhaften Glück zweier Wesen außerhalb des Bürgerlichen Gesetzbuches, so bekam diese vereinzelte Tatsache in ihren Augen den Wert eines Symbols; sie berauschte sich daran. Eine gefährlich einfache Psychologie! Das fühlten wir, die wir uns auch zur freien Liebe bekannt hatten – allerdings nicht auf Grund unweigerlich falscher Überzeugungen, sondern weil unser liebes Schicksal es so gefügt und wir diesem Schicksal nicht widerstanden hatten. Dennoch: lebte nicht die bittre Wahrheit, die unser Stolz, unsere Eigenliebe, unsere krampfhafte Glückssehnsucht umzulügen trachteten – lebte sie nicht auf dem Grunde unserer gewollten Unbefangenheit? Maguy kannte diese dumpfe Unruhe nicht, mit der wir andern, jede für sich, uns das furchtbare Wort Reines wiederholten: ›Auf diesem Gebiet ist alles hoffnungslos.‹ »Man muß wollen, Regine«, sagte Maguy streng. »Das Glück ist nichts Fertiges.« Regine wiederholte: »Ich möchte nicht länger Geige, ich möchte einmal Bogen sein.« Ein Stück Reportage Auf einem internationalen Frauenkongreß hat Laure eine ehemalige Schulkameradin getroffen, die sich wie Laure selbst, an die trügerische Galeere des Journalismus hatte schmieden lassen. Sie haben vom Beruf gesprochen, von ihren Zeitungen. »Bei uns«, sagt Aline, »haben wir die Umwertung aller Werte. Der Chef hat kein Auto, aber seine Stenotypistin hat eine Innensteuerlimousine, in der sie jeden Morgen mit großem Krach angefahren kommt; sie hat ihre Perlen, ihre Pelze und spricht mit zynischer Unbefangenheit von ihrem Schneider: ›Er hat mir dreitausend Franken für den Perlenbesatz eines Kleides abverlangt‹, erzählt sie. ›Dazu noch zweitausend für das Kleid selbst, macht fünftausend. Das ist denn doch ein wenig teuer.‹ »Leisten Sie sich das alles von den zwanzig Franken, die Sie hier verdienen?« habe ich sie eines Tages angewidert gefragt. »O nein, ich habe schon noch was anderes«, hat mir das unverschämte kleine Kokottchen geantwortet und sich dabei in den Hüften gewiegt. Ich habe sie gekannt, abgerissen wie einen Fetzen, mit schiefgetretenen Schuhen, mit einem verstaubten Filzdeckel und Baumwollstrümpfen. Man hat ihren Aufstieg Schritt um Schritt verfolgen können. Zu gleicher Zeit setzt man uns den Zeilenpreis herab, und ich verdiene weniger als in meinen Anfängen.« »Schreibt sie nur zum Zeitvertreib immer noch Maschine?« »Wohl nur, um denen, die sie unterhalten, einige Ruhepausen zu gönnen.« »Und wie schlägst du dich durch?« fragte Laure. »Ich habe einmal einen Artikel von dir gelesen, eine Geschichte von einem italienischen Arbeiter, der seine Frau getötet hatte .. .« »Mein Gott, der Artikel ist der Schandfleck meiner Laufbahn! Ich habe ihn unter unwahrscheinlichen Verhältnissen geschrieben. Ich sollte damals im ›Cardinal‹, zwei Schritte von meiner Tretmühle, Mittag essen, mit Daniel, dem Bruder meiner Freundin Léonore. Er ist ein bißchen verliebt in mich, aber ich denk' nicht dran: verheiratet und drei Kinder, danke schön!« Laure zuckte zusammen: »Wie weise, Aline!« »Mein Kleines, diese Geschichten gehen immer schief. An dem Tag, wo der Liebhaber merkt, daß die Neigung, die er für dich empfunden hat, nachläßt – an dem Tag entdeckt er in sich Bedenken und Gewissensbisse. Er kehrt zu seiner Frau zurück und läßt dich fallen, wie eine ausgedrückte Zitrone. Aber das ist eine andere Geschichte. Kommen wir wieder zu meinem Reporterstückchen. Vielleicht wird es dir Spaß machen, da du das Geschäft ja kennst. Mittags, um viertel nach zwölf, läßt mich der Chefredakteur rufen. Die Nacht zuvor hatte ein italienischer Arbeiter, in einem Vorort draußen, erst seine Frau, dann sich selbst umgebracht, unter Hinterlassung von fünf Waisen. Der Chefredakteur hielt darauf, es sollte ein Drama des Elends werden: ›Erkundigen Sie sich. Ihr Artikel kommt an erste Stelle. Sie verstehen, worauf es ankommt: zu unserer Zeit gibt es noch Leute, die Hungers sterben usw. usw... .‹ Im Restaurant erwartete mich Daniel seit zehn Minuten. Wir frühstücken. Sehr gut, das Frühstück. Daniel ließ sich's angelegen sein. Beim Likör drückte der Bruder meiner Freundin einen schmachtenden Kuß auf meine Hand – da sehe ich, wie der Kellner den Chefredakteur und den Generalsekretär an einen Tisch geleitet. Ich entziehe Daniel meine Hand, so etwa wie eine Katze, die mit der Pfote im Milchtopf erwischt worden ist und nun so tut, als kratzte sie sich die Nase. ›Wir müssen sausen, mein Lieber. Ich darf meinen Artikel nicht verpatzen, denn die beiden hier würden nie einen andren Grund dafür gelten lassen als den, daß ich mich hier in Ihrer Gesellschaft über einem alten Curacao verspätet habe. Und das könnte mir den Kragen brechen.‹ Es gibt nichts Gefügigeres als einen Mann, der einem den Hof macht. ›Wohin gehen Sie?‹ ›Ich weiß es nicht, denken Sie nur. Die Sache spielt zwischen Noisy-Le-Sec und Gargan. Ich habe zu suchen.‹ ›Nehmen Sie ein Taxi?‹ ›Ein Taxi? Er hat das Wort Taxi ausgesprochen! Mein Lieber, ich gehöre einem demokratischen Blatt an, die Trambahn drängt sich gebieterisch auf. Die 95 muß wohl hinausgehen, von der Place de l'Opéra aus.‹ ›Die verläßt Paris bei der Porte des Lilas. Fahren wir also zu den Lilas im Taxi.‹ Bei den Lilas sah Daniel nach der Uhr: ›Ich habe vielleicht noch Zeit, Sie zu begleiten . ..‹ Ich schwanke. Auf der einen Seite die Erleichterung der Nachforschung, Vermeidung der Schinderei, die sonst jede Reportage mit sich bringt; auf der andern Seite die enge Nachbarschaft, in einem Wagen, mit einem Mann, der einem den Hof macht – nicht sehr vernünftig. Er ist gut erzogen, aber ziemlich verliebt. Die Sache wird nicht vorübergehen, ohne daß er zärtlich wird. Aber wie dumm ich bin! Das Taxi ist ja offen! Sollte Daniel selbstlos sein? ›Das ist nett! Mich auf diese blödsinnige Expedition begleiten – das nenne ich Ergebenheit!‹ Wir fahren. Vororte. Blühende Bäume unter blauem Himmel. Müllablagerung auf weiten Strecken, dazwischen Gärten hinter blühenden Heckenzäunen. Anhalten bei den Siedlungen. ›Hat hier in der letzten Nacht ein italienischer Dachdecker ...?‹ Erschreckte Kindergesichter längs der Straße. Falsche Auskünfte von Seite der Hausfrauen: ›Dort unten, Madame, sehen Sie, am Ende des Dorfs könnte man sagen. Ein einzelnes Haus, rechter Hand.‹ Wir kommen ans Ende des Dorfs: ›Hat hier in der letzten Nacht ...?‹ ›Sie kommen eben von da, meine liebe Frau. Gehen Sie zurück: am Ende des Dorfs, könnte man sagen, ein einzelnes Haus, linker Hand. Er hatte es sogar selbst gebaut, der Ärmste.‹ Umkehr. Daniel hat meine Hand genommen. Ich lasse sie ihm, in dem Gedanken, daß die Tramway fünfzehnhundert Meter weiter weg vorbeigeht und daß ich, wäre ich alleine gewesen ... Nach zahllosen Irrtümern, nach einer Suche, die, alleine und zu Fuß betrieben, aufreibend gewesen wäre, finden wir das einzelne Haus, das ›er selbst gebaut hatte, der Ärmste‹. Aber ich kann aus den Leuten nichts herausbringen. Die Herren und Damen der Familie sind mißtrauisch und verschlossen. Meine überzeugendste Liebenswürdigkeit, mein zärtlichstes Mitleid prallen ab von einer wütend entschlossenen Stummheit. Keine Erklärung für das Drama. Diesen Italienern fehlt der Überschwang. Ich bemerke, daß die Kinder durchaus nicht wie Opfer des Hungers aussehen: Pausbacken, feiste Körperchen, alle Anzeichen leiblichen Wohlergehens. Das sieht nicht nach einem Drama des Elends aus. Verdammter Beruf. Ich werde also nicht erfahren, warum der Maurer seine Frau und sich selbst zur Strecke gebracht hat. Großer Gott, was werde ich nun erzählen, in diesem Artikel, der an erste Stelle kommen soll? Nach halbstündigem vergeblichen Bemühen kehre ich zu Daniel zurück. Aus dem Taxi heraus lächeln mir seine Augen zu. Irgend etwas ist verändert. Was? Ich komme nicht gleich darauf. Plötzlich werde ich traurig: ›Wie, Sie haben das Taxi schließen lassen? ...‹ ›Ja ... ein bißchen kalt. Diese Aprilabende, wissen Sie, sind tückisch. Man kann sich's kaum vorstellen.‹ ›Der tückischere der beiden ...‹ ›Chauffeur, nach Paris, Boulevard Montmartre ...‹ ›Aber, aber, seien Sie vernünftig ...‹ ›Ach, hören Sie!‹ meint Daniel. ›Das werden Sie mir doch nicht abschlagen: einen Kuß, einen einzigen. Nachher will ich vernünftig sein. Abgemacht.‹ Da habe ich nach dem Zähler gesehen. Der zeigte fünfunddreißig Franken – und die Fahrt war noch nicht zu Ende. Und dann küßt er so gut, dieser Daniel! Bei der Heimkehr habe ich dem Chef des Nachrichtenbureaus erklärt: ›Es ist nichts daran, nichts und wieder nichts. Die Gören sind fett und munter. Es ist ein Drama der Eifersucht oder der Hysterie. Das und sonst nichts.‹ ›Schon möglich, meine Kleine, aber der Chefredakteur hat doch nun mal den Einfall gehabt. Er verzichtet sicher nicht darauf. Ihr Drama des Elends kommt an erster Stelle.‹ ›Aber, guter Gott, es ist doch gar kein Drama des E...‹ Er reckt die Arme zum Himmel: ›Pfeifen Sie doch drauf, meine Kleine, pfeifen Sie drauf. Wenn nur der Artikel fertig wird, verstanden? Los, setzen Sie sich dahinter, Sie haben höchste Zeit. Wir wollen es nennen: ,Was wird aus den fünf armen Waisen?' – und alle Welt wird zufrieden sein.‹« Der Bruch »Fräulein,« sagt Sophie und faltet die Hände, »armes Fräulein, weinen Sie doch nicht so! Kein Mann ist es wert, daß man sich seinetwegen die Augen ruiniert.« Ihr ehrliches Gesicht, dem ein Zwicker etwas von pädagogischer Würde verleiht, spiegelt gedämpften Schmerz wider. Sie führt sich selbst als bescheidenes Beispiel an: »Sie dürfen nicht so verzweifeln, Fräulein. Sehen Sie mich an: ich habe meine zwei Kinder verloren . ..« So offenbart sie uns, aus Anlaß von Laures ersten Tränen, ihre schmerzenreiche Mutterschaft. »Warum lebt Sophie weiter?« fragt Laure und tupft sich die Augen. »Die Gewohnheit, meine Liebe, nur die Gewohnheit ...« Aber Laure liest von allen Gesichtern immer wieder den eigenen Schmerz, wendet ihn um und um, will sein Geheimnis ergründen. »Er ist nicht mehr derselbe. Man könnte meinen, er fliehe mich. Warum? Warum? Es hat nichts zwischen uns gegeben, keinen Schatten, kein Mißverständnis, nichts.« Und auf dem Grunde ihrer geweiteten Augen steigt, zugleich mit übermenschlicher Angst, die Erinnerung an die letzten Wochen auf. Zunächst die Krankheit der ›rechtmäßigen Frau‹. Ihr Freund versäumte die Zusammenkünfte oder machte sie seltener. Und sie begann grausam zu leiden und hielt doch schweigend an ihrem Traumbild fest, das Bitterkeit und Wut zu überschatten drohten; bebte auch bei dem Gedanken, daß sie, wenn er krank wäre, ebensowenig das Recht hätte, an seinem Bett zu sitzen, wie sie heut das Geringste fordern darf. Bei Eintritt der Genesung war er wiedergekommen: kurze, gequälte Zusammenkünfte, flüchtige Umarmungen, abgerissene Gespräche, unter dem Druck der knappen Zeit; er sah alle Augenblicke auf seine Armbanduhr, sie schwankte gepeinigt zwischen Gefühl des nicht ganz wieder errungenen Glückes und dem ungeduldigen Schmerz, es nicht halten zu können. Sie wußte, daß ihr schöner Friede zerstört war, daß sie nie, was immer auch geschehen mochte, das ruhige Gleichmaß von früher wiederfinden würde; und das erfüllte sie mit ohnmächtiger Empörung, wie man sie vor einem sinnlos zerstörten Kunstwerk empfinden mag. Nach der Genesung hatte er seine Frau nach dem Süden begleitet, und diese Reise war für Laure der Anlaß gewesen, sich die Küsten des Lateinischen Meeres vor Augen zu rufen. »Oh, warum können wir nicht zusammen dahin? Wird mir diese Freude immer versagt bleiben?« So bedachte sie zum erstenmal alles, was an dieser Liebe unvollständig war, verkrüppelt und verkümmert. Doch sofort hielt sie entsetzt dagegen: »Nein, nein, es ist die gleiche Liebe, meine schöne Liebe, die mich überschäumend erfüllte, die das Glück meines Lebens war und fast wie die Rechtfertigung meines Daseins.« In solchen Stunden verdrängte sie die neue Qual, in der Erkenntnis, daß die einzige Rettung für ihre Liebe in ihrem peinlich überwachten seelischen Gleichgewicht lag und in der gefügigen Hinnahme ihres Zwanges. Sie setzte dem Schmerz, wie einen Damm, ihre Vernunft entgegen, ihre Entsagungskraft, ihre Liebe. Ein Wort aber war in ihr Innerstes gedrungen und bebte noch darin nach wie ein gutgezielter Pfeil im Mittelpunkt der Scheibe; ein Wort der Besorgnis, das ihr Freund ihr eines Tages gesagt hatte, als sie sich dazu gezwungen hatte, nach dem Befinden der andern zu fragen: »Sie hat mir viel Sorge gemacht.« Laure versteht nicht, sie will nicht verstehen. Sie liebt diesen Mann. Er hat sie geliebt. Er hatte sie genommen, unberührt. Sie hat ihm ihre Jugend geschenkt, ihre Schönheit, den harten Schatz einer Liebe, die keine Grenzen anerkennen wollte. Jetzt möchte er sie aus seinem Leben fortweisen. »Liebster, mein Liebster ...« Sie rief ihn so, wie sie um Hilfe gerufen hätte; und des Nachts, wenn sie sich bis zum Wahnsinn Worte ihres Freundes wiederholte, fühlte sie sie in ihrem Fleische wühlen, wie grabende Dolche. Jeder Tag brachte ihr eine neue Grausamkeit. »Liebster, Einziger, mein Gebieter, ist es möglich? Du hast mir sagen können: Ich kann dir nichts mehr sein. Ich bin am Ende meiner Kraft und meines guten Willens. Als meine Frau krank war, als ich eilig kommen, ihr ein paar Stunden stehlen mußte, um sie dir zu schenken, sie berauben mußte um deinetwillen – da bin ich schwach geworden. Dieses Doppelleben war eine zu harte Probe für mich. Ich kann es nicht mehr weiterführen, ich habe nicht mehr genügend Widerstandskraft.« »Und doch, Liebster, als du mich genommen, als du mich in deinem Leben anerkannt hast, da wußtest du, was du tatest. Und du liebst mich, es ist nicht möglich, daß du mich nicht mehr liebst. Die Liebe stirbt doch nicht so ohne weiteres an einem Tag, ohne Grund.« Laure sah das liebe Gesicht vor sich; es war belastet von Düsterkeit, und trotz allem auch von Liebe. Im Maße inneren Schwankens spiegelten sich, einander widerstreitend, Reue und der böse Entschluß. »Du bist jung, du wirst mich vergessen, wirst dein Leben neu aufbauen ...« »Aber du bist doch mein Leben! Habe ich gelebt, bevor du kamst? Du hast der Welt Sinn gegeben. Alles, was schlief, ist erwacht, alles, was schwieg, hat gesungen, vom Tage an, da du an meinem Horizont erstanden bist. Warum muß ich es sein, die du opferst?« Und an diesem Punkt ihrer Erinnerung traf sie regelmäßig mit tödlichem Stoß die Antwort ins Herz: »Ich kann nicht sagen, daß ich meine Frau nicht liebe.« Sie erinnerte sich, daß sie früher einmal, in den Anfängen ihrer Liebe, uns in lebensfremdem Stolz erklärt hatte: »Nie werde ich in eine Minderung meines Glückes willigen. An dem Tage, an dem es mir weniger schön scheint, werde ich mich als erste zurückziehen.« Und nun gab sie sich jeder Schwäche hin, duldete jede der Einschränkungen, die ihr dieser frühere Liebhaber auferlegte, ein lächerlicher Kamerad, der sie als Schwester behandelte und ihre Lippen mied. »Ich will dein Freund bleiben. Ich werde dich oft besuchen. Wir wollen plaudern.« Wir wollen plaudern! Laure meinte zu sterben. Und Reine bestärkte sie in der Feigheit der Liebenden: »Nimm alles hin. Man muß soviel Nachsicht haben, wenn man an einem Menschen hängt!« Eine innere Glut belebte ihr bewegliches Gesicht mit dem mutlosen Mund und den heißen Augen; und weit über Laures Liebe weg betrachtete sie das Bild ihrer eigenen Liebe: einen Mann, verheiratet und Vater, der, nachdem er sie genommen, Paris eines schönen Tages verlassen hatte. ›Du konntest mir nicht mehr bedeuten als ein Abenteuer, arme Kleine.‹ Sie starb langsam daran, und manchmal, wenn die Sehnsucht zu groß, der Schmerz zu gewaltig wurde, dann nahm sie eine Fahrkarte nach der Provinzstadt, die er nun bewohnte. Er nahm sie unfreundlich auf, hastig, zerstreut, befangen. Manchmal aber fand er doch ein barmherziges Wort, eine Gebärde freundschaftlicher Zuneigung, vor dem gequälten, treuen kleinen Gesicht; er richtete es so ein, eine Mahlzeit mit ihr einnehmen zu können. Sie kehrte zurück, aufgeheitert für eine Zeit, beruhigt, fast zufrieden, so sehr hatte sie es gelernt, ihre Wünsche einzuschränken. Das also war das Geheimnis dieser Reisen, von denen sie fast heiter wiederkehrte; bis sie den Schmerz wieder unerträglich wachsen fühlte und zum Fahrkartenschalter lief. Regine entrüstete sich: »Ich verstehe Feigheit in Liebesdingen. In diesem Maße aber ist sie tierisch, verwerflich.« Laure nahm ihre Selbstquälerei wieder auf: »Warum, warum will er mich verlassen? Ich war kein Hemmnis in seinem Leben, keine Belastung. Ich verlangte nichts. Alles, was er mir gab, beseligte mich. Wie weit ich auch in meinen Erinnerungen zurückgehe, ich finde, von meiner Seite, weder Launen noch Ansprüche. Für ihn war ich alles das, was ich sonst nicht bin: sanft, unterwürfig, selbstlos. Und Willen hatte ich keinen, außer dem seinen.« So verbrauchte sie ihre Kräfte auf der Suche nach einer Erklärung. Und die, die sie fand, befriedigte weder ihren Geist noch ihr Herz. Der unparteiische Richter »Na, wie geht's, dumme Göre?« Anselme steht zwischen seinem Schreibtisch und dem Stuhl, von dem er aufgesprungen ist, streckt die Hand aus und verbrennt Laure mit den Blicken. Vor seinen hellen Augen, grün wie Meerwasser bei Regenhimmel, hält keine Maske stand. »Gut. Und dir?« Laure setzt sich. Ihr Gesicht, mit den reinen Flächen, das wie in einem Guß aus einem Block von goldiger Klarheit geformt scheint, bildet eine Lichtinsel im Zimmer, in das die Dämmerung eindringt. »Die Arbeit?« fragt Anselme. »Interessant, aber sie bringt mich um.« »Nicht so schnell! Du warst nie schöner. Wirklich, du bist sehr schön.« »Mach' mir nicht den Hof.« »Warum nicht?« Er stößt seinen Armsessel zurück und setzt sich auf den Schreibtisch ganz nahe neben sie. Sein bewegliches Gesicht zeigt ein Kannibalenlächeln: »Man liebt mich nicht?« »Man hat dich sehr lieb.« »Das ist eine Freundschaftserklärung?« »Sehr richtig.« »Ich hasse die Freundschaft der Frauen.« »Ich werde dich dran gewöhnen.« Er lacht: »Na, wenigstens bist du nicht lasterhaft.« »Nein, bei Gott nicht«, sagt Laure mit einem Seufzer ironischen Bedauerns. »Erzähl mir von deiner Arbeit, da du mir nichts von deinem Herzen erzählen willst.« »Du wirst nichts Neues lernen dabei. Du kennst doch das Geschäft besser als ich, das soviel Reize und so viele Enttäuschungen bietet.« »Vor sechs Monaten warst du noch zufrieden.« Die Lider spielen hastig über Laures dunklen Augen. Anselme weiß gar nicht, wie recht er hat. Und da legt er schon los, mit aller Macht, donnert die Faust auf den Tisch, flucht, knirscht mit den Zähnen, die Augen voller Blitze: »Ich gebe dir kein volles Jahr mehr, bis du verzichtest. Hörst du ? Kein volles Jahr. Es ist Wahnsinn.« Laure vor ihm ist nicht mehr eine hübsche Frau, die er begehrt – wie jedesmal, so oft er sie sieht –, sie ist ein Kamerad, geschlechtslos, namenlos. Er möchte ihr helfen, raten. »Deinen Lebensunterhalt verdienen! Hast du wirklich den Ehrgeiz?« »Ist denn das so ganz unmöglich? Mir scheint, daß ich es anständig genug fertigbringe.« »Wo bist denn du her, daß du glauben kannst, deine Anstrengung werde anhalten, dauern können, ohne dich bis zur Übelkeit zu erschöpfen oder zu enttäuschen. ›Deinen Lebensunterhalt verdienen?‹ ›Dir selbst genügen!‹ Gibt es eine Frau, eine einzige, die ohne Beistand leben könnte? Ohne jeden Beistand? Da, nehmen wir gleich die Advokatinnen – nenne mir eine einzige unter ihnen, die sich aus eigenen Mitteln ›hochbringt‹; die leben wollen, machen in Journalismus – auch Galeerendienst –, machen Bureauarbeit, machen Geschäfte, machen irgend etwas – aber der Justizpalast ernährt sie nicht. Und zum guten Ende verheiraten sie sich. Das ist noch der beste Ausweg für sie, wenn sie nicht Hungers sterben wollen. Und nicht nur sie, sondern alle, alle, besonders die, die am heftigsten von Unabhängigkeit geschwärmt hatten. Es gibt einen Namen dafür; man nennt es: ein Ende machen. Nachdem sie die Freiheit gründlich gekostet haben, kommen sie zur Besinnung und zu der Einsicht, daß es ohne Ehemann keine Sicherheit gibt. Darum kannst du stolze Amazonen sich mit Wonne verbürgerlichen sehen; Schauspielerinnen, die doch den doppelten Rückhalt der Galanterie und hohen Gage haben, heiraten Theaterdirektoren oder waschechte Aristokraten; Kinostars paaren sich rechtmäßig mit Regisseuren; Ärztinnen ... was weiß ich noch ? Und du, du hast den schwersten Weg gewählt!« »Gewählt! ... Wirklich, habe ich die Wahl gehabt? Ich bin dahin gegangen, wohin mich meine ›natürliche Begabung‹ drängte – ist das nicht immer so ? Wählen ... Du bist großartig. Siehst du etwa ein Mittelding für eine Frau, zwischen der Galanterie und der Schreibmaschine, sag' ?« Ein belustigtes Lächeln entspannt Anselmes Gesicht. Dann gewinnt sofort die frühere Gedankenreihe wieder die Oberhand, und er fährt grimmig fort: »Wieviel braucht eine Frau, im Durchschnitt, um in Paris leben zu können?« »Was soll ich darauf sagen ? Manche leben mit vierhundert Franken im Monat. Sie wohnen in einer Mansarde und nähren sich von Semmeln und rohen Äpfeln. Ich scheine gut dran zu sein. Ich komme auf neunhundert bis tausend Franken. Mein Fixum bei der Zeitung ist geringer als das meiner Kameraden. Sie: siebenhundertfünfzig. Ich: sechshundert. Warum? Ich bin eine Frau! Meine Artikel kommen häufig an erste Stelle – und irgendein anderer, der die lebendig verbrannten alten Weiber oder die überfahrenen Hunde aufzählt, steht sich besser als ich.« Anselme überlegt: »Mach' Krach!« »Ich werde nicht das letzte Wort behalten.« »Kurz und gut: kann's denn so weitergehen?« »Aber ja, es kann. Man kann sich doch so ziemlich satt essen. Man hat keine schiefgetretenen Absätze, und die Taxis hupen im Vorbeifahren, Beweis, daß man, wenn schon nicht reich, so doch wohlhabend wirkt. Aber es geht wahrhaftig nicht von allein.« Anselmes Faust schmetterte auf den Tisch nieder, daß die Löschwiege und der Federhalter aufhüpfen und die Blätter eines Manuskriptes flattern: »So heirate doch, in Dreiteufels Namen.« Seine Augen lassen Laure nicht los. Es sind nicht mehr die begehrenden, unbescheidenen Augen eines erregten Menschen, sondern durchdringende Augen voll grausamen Scharfblicks. Der Mann hat Begehren, Selbstsucht und Derbheit abgetan. Der verständnisvolle Blick sagt eindeutig: ›Es gelingt dir nicht, begreif das doch endlich einmal!‹ Er beugt sich zu ihr, sagt vernünftige Dinge: »Ich kenne dein Leben. Ich errate es vielmehr. Glaubst du denn, daß es lange oder gar immer so fortgehen kann ? Das Leben einer Frau braucht eine andere Grundlage als nur die Liebe.« Laure windet sich schweigend, rollt sich zur Kugel. Anselme fühlt es. Er wird heftig, gereizt, seine Worte überstürzen sich: »Diese Geschichten sind nicht von Dauer, können es nicht sein, verstehst du ? Und selbst wenn – was wäre dann deine Zukunft? He, deine Zukunft? Du wirst altern, meine Kleine, ganz wie die Kameradinnen. Zuerst reife Frau, dann alte Frau. Lockt dich die Aussicht, einsam alt zu werden?« Seine Augen haben harten Glanz. Er schiebt den Unterkiefer vor, als wollte er beißen. Er spricht die freundschaftlichen Worte in wütendem Ton: »Eine Frau wie du verheiratet sich immer, wenn sie will. Und außer der Ehe gibt es eben doch nichts Wahres für die Frau. Du siehst nicht so aus, als wollest du dir ewig eine Rose Blumenkohl auf dem Spiritusbrenner kochen, was? Oder den Fraß in den Frauenrestaurants futtern ? Und doch ist es das, was auf dich wartet, wenn du alleine bleibst. Glaub' mir, schieb es nicht zu lange auf, dein Leben zu formen. Die Schönheit, die Jugend, die gehen mit einem Schlag zum Teufel.« »Und dann mich verheiraten ? Wo, wie, gegen wen ? Vernunftehe? Noch nicht reif dazu.« Laure lächelt bitter. »Ich habe geheime Gründe, die Ehe nicht zu suchen; und hätte ich sie nicht, so wäre ich doch, glaube ich, noch zu versessen auf Unabhängigkeit.« »Aber diese Unabhängigkeit, zum Teufel,« schreit Anselme, »bedeutet auch Alleinsein!« »Sehr möglich, aber sie ist das einzig Gute in meinem verdammten Leben. Was willst du, es ist gut, der Augenblickslaune nachzugeben, es ist gut, seine Türe schließen und sich sagen zu können: ›Nun kann mich niemand mehr langweilen, ich bin nicht verpflichtet, aufzumachen, wenn es läutet. Ich kann einen Rollmops und ein Pfund Mandarinen als Nachtessen wählen, ohne daß mir eine vorwurfsvolle Stimme für die nächsten sechs Monate eine unheilbare Dyspepsie prophezeit. Es ist gut, zu nichts verpflichtet zu sein. Zu nichts, verstehst du, außer zur Arbeit, natürlich. Es ist gut, weinen, das Kissen mit den Zähnen zerreißen zu können, ohne daß jemand dich fragt: ›Warum hast du geweint? Warum hast du rote Augen? Warum ...?‹' Das ist Freiheit, mein Lieber: kein ›warum‹ hören zu müssen.« »Eine saubere Generation von Egoisten seid ihr«, wirft Anselme giftig hin. Laure meint verträumt, mit einem halben Lächeln: »... Wenn man will...« Sie erhebt sich. Anselme faßt sie bei beiden Händen, zieht sie an sich: »Verdammtes Mädel, ich täte gerne was für dich.« Er küßt zart die nackte Handfläche der jungen Frau. Dann mustert er sie von Kopf bis zu Fuß: »Sehr anständig, das Kleid. Du bist übrigens immer gut angezogen.« Sie schüttelt den Kopf: »Ich bin niemals gut angezogen, mein Lieber. Das wäre in meiner Lage auch ganz unmöglich. Ich versuche, korrekt zu sein, nicht aufzufallen. Ich komme nicht von den Farben weg, die man lange tragen kann, ohne daß sie wiedererkannt werden: marineblau, Mohrenkopf...« »Die Schönheit braucht keinen Schmuck. Du bist ein glänzendes Beispiel dafür ...« »Ach, das ... das ist auch einer der Gemeinplätze, mein Freund, die durch die Nachkriegszeit haltlos geworden sind. Um eine Frau richtig in Szene zu setzen, gibt es nur den großen Schneider und die gute Modistin. Sieh einmal, ich denke immer wieder an das Urteil eines Mannes über eine meiner Schulkameradinnen, die seinerzeit sehr einfach war und es seither zur Würde einer insgeheim, aber in glänzender Aufmachung ausgehaltenen Frau gebracht hat: ›Sie ist sehr schön geworden‹, sagte er mir mit Nachdruck. ›Ich habe sie früher einmal gekannt, schlicht wie das Pique-As, gewiß nicht schön, bestenfalls lustig anzusehen; ein kleiner Flederwisch von Frau, wie es hunderttausend gibt.‹ ›Verzeihung, verehrter Meister,‹ gab ich zu bedenken, ›sie ist sehr gut angezogen.‹ Glaub' mir, ein Paar schöne Beine sind schöner mit Seiden- als mit Baumwollstrümpfen, und der feinste Fuß wird verdorben durch billiges Schuhwerk. Und wenn man selbst hübsch bleibt in einem Kleid ohne Linie, so kann einem doch nur der Schmiß eines großen Schneiders den Stil geben, der die Blicke anzieht. Die Blicke aller Männer – deine und die der andern.« »Ach, geh doch! Ein Mann hält sich nicht beim Kleid einer hübschen Frau auf. Er hat zu große Lust, es ihr auszuziehen.« »Mein Lieber, die Toilette ist für die Frau, was das Geld für Stendhal war. Erinnerst du dich? Er sagte, er fühle nur Selbstvertrauen, wenn er Geld in der Tasche habe. Wie oft, trotz dem Maß an Schönheit, das man mir freundlich zuerkennt, wie oft habe ich mich geduckt, herabgemindert gefühlt neben Frauen, die göttlich erhaben waren durch ihre Eleganz!« »Verdammtes Mädel! Wenn du mir etwas Brauchbares bringst, will ich es dir hier veröffentlichen. Dann wirst du dir ein schönes Kleid kaufen können.« Jammer und immer neuer Jammer An dem Nachmittag ist niemand in der Redaktion. Die Wolke der Berichterstatter ist nach den vier Enden der Stadt zerstoben; die einen stellen Nachforschungen über die neue Pflasterungsart der äußeren Boulevards an; die andern notieren ein paar Preise, ein paar Eindrücke, bei irgendeiner sensationellen Versteigerung, andere endlich interviewen den Großpriester einer kleinen Religion, der sich auf der Durchreise in Paris aufhält. Laure ist allein. Kein Telephon. Kein Lärm dringt von der Druckerei herauf, wo die Rotationsmaschinen, wie schlummernde, große Raubtiere, die Stunde ablauern, wo sie lostoben können. Und in dieser großen Stille legt Laure die letzte Hand an eine Novelle, die sie Anselme übergeben will. Sie überliest das Manuskript, das sie eben beendet hat, verbessert, prüft noch einmal, öffnet dann die Türe und betritt das Zimmer des Chefs der Berichterstattung. Die Typistin träumt vor der stummen Tastatur. »Nichts zu tun?« fragt Laure. »Tippen Sie mir das ab, wollen Sie?« Sie blättert, rechnet: »Fünfhundert Zeilen. Das werden Sie schnell fertig haben .. .« Und sie sieht lächelnd die Angestellte an, die schon ihr Papier herrichtet. »Wie Sie aussehen! . .. Krank?« »Es ist nichts, – ein bißchen müde.« »Sie sollten sich ausruhen.« »Ich kann nicht.« Laure zieht einen Sessel heran und setzt sich neben den Schreibtisch aus hellem Holz: »Arbeiten Sie nicht. Sie sehen nicht wohl aus.« Das arme Frauengesicht lächelt ihr mühsam zu. Ein bläulicher Ring erweitert die Augenhöhlen und überschattet das junge, feingezeichnete Gesicht, aus dem die Augensterne fiebrig starr leuchten. Die Angestellte kämpft, um sich aufrechtzuerhalten. Plötzlich sinkt sie zusammen, und alles in ihr scheint zu gleicher Zeit nachzugeben, ihr Körper und ihr Wille. Laure ist mit einem Satz neben ihr und fängt sie in dem Augenblick auf, wo der müde Kopf auf die Maschine aufschlagen will. Und als sie das gebeugte Gesicht zu sich aufhebt, sieht sie es von Tränen überströmt und so zerquält von Angst, daß sie zu erraten glaubt: »Mein armes Kleines...« Das Wort des Erbarmens ist ihr, ohne daß sie darauf geachtet hätte, aus schwesterlichem Herzen gekommen. »Es ist das, nicht wahr?« fragt sie sanft. »Das ist nicht alles.« »Reden Sie, erzählen Sie mir. Haben Sie Vertrauen?« »O ja, Sie sind gütig, immer so freundlich gegen alle.« Sie schweigt und weint weiter langsame Tränen. »Sie sind allein?« »Ja, Kriegswitwe.« »Sie waren ... unvorsichtig?« Ein bejahendes Kopfnicken. »Was werden Sie tun ?« »Es gab nur eine Art, mir herauszuhelfen; das ist geschehen.« »Oh!« sagt Laure erschreckt. »Das konnten Sie ...« »Es ist vielleicht eine Feigheit, aber eine Feigheit, zu der ich verdammt viel Mut nötig hatte.« Ein Schweigen. »Was wollen Sie,« hebt sie wieder an, »man kann nicht dauernd auf die Liebe verzichten. Dieses Leben! Auswärts arbeiten, nach Hause kommen, allein, um schlecht zu essen, um wie ein Tier zu schlafen, und am nächsten Tag wieder anfangen, alle Tage, alle Tage des Lebens – das ist nicht menschenwürdig. Man hat das Bedürfnis, geliebkost, geliebt zu werden. Und dann begegnet man einem Mann, nett und einschmeichelnd ... Er verlangt nach einem, und man wirft sich ihm in die Arme, um nicht länger allein zu sein.« Sie unterbrach sich und schloß dann mit verstärkter Bitterkeit: »Und zu guterletzt ist man genau so alleine wie vorher. Man kann ihm nichts von dem eigenen Kummer erzählen, von den eigenen Sorgen und Bitternissen, weil er einen nicht genügend liebt, um daran teilhaben zu wollen. Immer lächeln – und lächelt man nicht mehr, dann hat er schon Lust, auszureißen. Zärtlich sein, das ist alles, was er kann. Und das ist das Ergebnis.« »Haben Sie es ihm gesagt?« »Was denken Sie! Das wäre das beste Mittel gewesen, ihn zu verlieren. Er ist verheiratet, hat Kinder. Ich bin nur ein Abenteuer für ihn.« Laures Herz zieht sich schmerzlich zusammen. Ist es denn, in verschiedenen Formen, immer, immer die gleiche Geschichte? Sie schweigt. Sie will sich nicht lächerlich machen und etwa sagen: »Warum haben Sie das Kind nicht behalten ? Dann wären Sie nicht mehr allein gewesen.« Das paßte in einen mondänen Roman, in ein bürgerliches Theaterstück. »Wieviel verdienen Sie hier?« »Fünfhundert. Ich hatte achthundert Franken Ersparnisse, noch aus meiner Ehezeit. Die sind ›dabei‹ draufgegangen. Keinen Sou mehr. Und es heißt durchhalten bis zum Ende des Monats. Wenn ich mich nur nicht vorher zu Bett legen muß. Ich halte es kaum mehr aus. Ich habe noch keine Schmerzen, wohl aber das Gefühl, daß ich lange, lange gelebt habe und das ganze Gewicht eines Lebens auf den Schultern trage. So muß einem zumute sein, wenn man alt ist.« In Laure übertönt ein unendliches Mitleid den Ekel und die Empörung, die sie kurz vorher empfunden hatte. Ah – für manche ist das Leben gar zu schwer. Jammer, Jammer, immer und ewig. Jammer und Einsamkeit. Wie dürfte man von einer Frau verlangen, daß sie den Heldenmut aufbringe, dem eigenen Leben, das eine so harte Last ist, ein anderes Leben, eine andere Last anzufügen ? »Man ist ja keine Heilige,« sagt die Angestellte, »man ist Frau.« Laures Egoismus, ihr weiblicher Egoismus, den einige Jahre des Kampfes, der Enttäuschungen und Anspannungen gegen fremdes Leid verhärtet haben – dieser Egoismus wird hinfällig vor dem armen Wesen, das da über seiner Maschine kauert, vor dem von Angst zerwühlten Gesicht, vor diesen Augen eines Weibtieres in Not. So gibt es also Frauen, die noch weniger begünstigt sind als sie, noch härter vom Leben geschlagen, noch mehr versklavt ? Wie viele unter denen, die arbeiten müssen, sind wohl durch ihre Arbeit vom Manne frei? Oft prunken die kleinen Typistinnen – den Nacken rasiert, die Wangen bemalt – mit feinen Schuhen und teuren Kleidern: ihr Gehalt ist lediglich Nebensache. Die aber, die allen Ernstes allein leben, ohne Geliebten, ohne Gatten, ohne Familie, nagen allen Ernstes am Hungertuch. Sie bitten um Überstunden, um nur im Warmen bleiben zu können, und legen sich, zu Hause angekommen, ins Bett, um kein Feuer machen zu müssen. Es ist nicht mehr menschlich, nein, gewiß nicht. »Lassen Sie mir Ihre Adresse da. Sie werden Pflege brauchen; ich werde Sie besuchen kommen.« Die Tür fliegt lärmend auf, von einem heftigen Stoß, kracht wieder zu, von ungeduldiger Hand zugeworfen. Verdier taucht auf: olivenfarbenes Gesicht, braune Augen, ganz ›Bonaparte bei Arcole‹. Er lächelt nicht – noch nicht –, er ist immer schlechter Laune, wenn er seinen Dienst antritt. Laure erhebt sich, streckt ihm die Hand hin, die er küßt: »Guten Tag, teure Kollegin.« Dann wendet er sich zu der Typistin, deren Blässe ihn überrascht: »Was ist los ? Wie schaun denn Sie aus ? Einfach unmöglich – Sie sind in der Hoffnung ... Los, scheren Sie sich fort, Sie gehören ins Bett. Ich will Sie vor Montag früh nicht wiedersehen.« »Danke, in ihrem Namen«, sagt Laure. »Was, wie? Sie auch? Sagen Sie doch, kleine Dame, wir beide, mit dieser Begabung, wir beide könnten vielleicht ein Spital gründen.« Das Spiel mit Liebe und Ehe Raymonde hatte im Quartier Latin ein Zimmer gefunden, in der Rue Gay-Lussac, bei einer alleinstehenden alten Dame, die Knöpfeschuhe aus Filz trägt und einen schwarzen Kreppschleier auf ihrem grauen Haar. Am hellichten Tage legt sie, aus Furcht vor Einbrechern, die Sicherheitskette vor, und wenn es läutet, fragt sie vor dem Öffnen: »Wer ist da?« Es ist zum Heulen. Aber Raymonde behauptet, zufrieden zu sein. Sie wird, so sagt sie, ihre Freundinnen empfangen können, allerdings nicht nach halb zehn Uhr abends, spätestens. Kurz und gut, dieses Quartier, in dem wir uns demütigend unfrei vorkommen, scheint für sie geradezu einen Schritt zur Befreiung zu bedeuten. Kaum war sie eingezogen, da hat der Sohn Vorland, unter irgendeinem durchsichtigen Vorwand, gebeten, sie besuchen zu dürfen. Sie hat ihn mit ihren blassen Augen angesehen und geantwortet: »Ich bin nicht frei, ich wohne nicht allein, es würde nicht gut aussehen ...« Der Trick ist gelungen. Hätte sie im Hotel gewohnt, dann hätte sie die Ausrede nicht gehabt. Wir mußten an ihren geheimnisvollen Ausspruch denken: »Ich will den Umständen keinerlei Möglichkeit lassen, mir zuwider zu sein ...« Sie ist ganz unbedingt tüchtig. Aber es scheint, daß der Vater Vorland mit einem bösen Auge den Einfluß beobachtet, den sie auf seinen Sohn gewinnt. Dieser große Tolpatsch kann nicht von seiner Sekretärin reden, ohne vor Begeisterung und Rührung ins Stottern zu geraten. Der Vater dagegen möchte wohl leichten Herzens diese musterhafte Angestellte auf das Pflaster des Boulevards Saint-Germain setzen. Raymonde, die diese Abneigung und die grausame Unsicherheit ihrer Stellung fühlt, vermag ihre Besorgnis nicht zu verbergen. Ihr verschlossenes Gesicht verrät sie, und sie sitzt, heute weit mehr als sonst, schweigend an unserem vergnügten Tisch. Regine versteht sich besser als wir alle auf die Kunst, zartfühlend anzuknüpfen. Sie fragt: »Kleine Raymonde, geht's denn gar nicht?« Keine Wimper hat an Raymondes blassen Augen gezuckt. Aber sie fragt zurück: »Hat euch Gilberte etwas erzählt?« »Haben Sie Vertrauen. Wir wissen, daß Sie bei Vorland mit gewissen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.« Wie es Raymonde widerstrebt, sich preiszugeben! Sie ist verschlossen, versiegelt, aus ihr wird man nichts herausholen. Und doch ist es weit weniger Neugierde als Mitgefühl, was uns treibt, ihre Zurückhaltung zu durchbrechen. In einem Gemisch aus romantischer Überspanntheit und Prinzipientreue geht Maguy mit gesenktem Kopf auf den Kernpunkt los: »Warum das Unmögliche wollen ? Sie lieben ihn, er liebt Sie ... Sie brauchen nichts weiter, um glücklich zu sein.« Ein kurzes Schweigen – dann klingt Raymondes Stimme, ganz trocken und spitz und beschwert doch die Worte mit geheimem Sinn: »Ah – nein – die Dummheit niemals!« Maguy bäumt sich: »Dummheit!? Es gibt nichts Erhabeneres ...« Nun scheint es, als hätte ein lauer Wind das Eis erschüttert, das zwischen uns und Raymonde die Strömung verlegte. Sie spricht: »Davon werden Sie mich nie überzeugen. Ich sehe von hier aus die ›Erhabenheit‹ der Sache: Ich, seine Geliebte, für sechs Monate, für ein Jahr, für zwei Jahre ... Und für ihn, nach Ablauf dieser Zeit die glänzende Heirat mit großer Mitgift...« »Sie haben kein Vertrauen zu ihm?« »Gewiß nicht, weder zu ihm, noch zu einem andern.« »Sie lieben ihn nicht genügend.« »Ich will ihn ganz für mich haben oder gar nicht.« Laure fragt: »Ist es der Vater, der ...« »Es ist der Vater, der ... Sehr richtig. Er hat sogar erklärt, daß sein Sohn, wenn er sich gegen seinen Willen verheiratete, sich sein Leben und seine Stellung außerhalb des väterlichen Hauses zu schaffen haben würde.« »Warum beharren Sie dann noch drauf?« fragt Maguy, ehrlich entrüstet. »Ihr verliert bei dieser Geschichte alle beide eure Stellung.« Aber für Raymonde ist weit weniger der Ehrgeiz maßgebend, den Sohn des Hauses Vorland zu heiraten, als der andere, als Tochter eines einfachen Arbeiters und einer Aufwartefrau in die Bourgeoisie hineinzukommen, sich von einem Mann aus den untersten Schichten lösen und auf ein höheres gesellschaftliches Niveau heben zu lassen. Auf diese höhere Weihe hofft sie so lange schon, in ihrem kalt berechnenden Herzen. Wenn sie den Sohn Vorland gewinnt, so wird das ihrem Gatten vielleicht seine Besitztümer kosten? Ja, aber nicht seinen gesellschaftlichen Rang. Er wird er selbst bleiben, ein anders geartetes Wesen, so meint sie wenigstens – sie hat so schwer unter der namenlosen Enge der eigenen Familie gelitten! – ein Wesen aus anderer Kaste, von anderer Erziehung. Sie will keinen Angestellten heiraten, und wäre er noch so klug und überlegen. Der Sohn des Verlegers, selbst künftiger Verleger, der ist es, den sie haben will. Alles, was in ihr vorgeht, in diesem Augenblick eines innersten Aufruhrs, der doch ihre blassen Augen und ihr verschlossenes Gesicht unverändert läßt – all das faßt Raymonde in den kurzen Satz zusammen: »Ich werde ihn wenigstens für mich haben! Was immer auch geschieht, ich werde ihn halten!« »Ah!« sagt Regine, deren Augen plötzlich verdunkelt, über unsere Köpfe weg, einen Punkt im Unbekannten suchen, »wie recht Sie damit haben, kleine Raymonde!« Die Nützlichkeit eines Perlenkolliers Zwar ist es Ende März, aber der Winter hält hartnäckig stand, unter einem Regenhimmel, der die Waffen nicht niederlegen will. »Ich möchte gerne für zwei Wochen nach dem Süden fahren«, kündigt Regine an. »Hast du Geld?« »Nein, aber ich werde eine Perle verkaufen.« »Ach ja, eine Perle ...« Wir kennen das. Wenn Regine Geld braucht, macht sie eine Perle aus ihrem Halsband flüssig. Ursprünglich bestand das Kollier aus Beryllen. Der Gatte der jungen Frau hatte es aus Madagaskar heimgebracht und es ihr freigebig bei der Verlobung überreicht. »Zwei Tatsachen danke ich meiner Ehe«, pflegte Regine zu sagen. »Daß ich mich ohne Krach frei machen konnte und daß ich die Sensationen des verwöhnten Luxustierchens kennenlernte.« Nach der Scheidung hat Regine die Steine behalten, doch hat sie ihr Heim verloren, das Maß ihrer Lebensführung; und so hat sie uns eines Tages mitgeteilt, sie wünsche die Beryllen gegen Perlen zu vertauschen. »Die sind weniger auffallend, leichter zu tragen. Aquamarine könnte ich nie anlegen. Stellt euch doch vor, daß ich, mit Aquamarinen um den Hals, in meinem Muff einen kleinen Rundkäse und ein Pfund Mandarinen heimtragen sollte! Kein Mensch könnte glauben, daß die Steine echt wären. An der Echtheit des kleinen Käschens könnten keinerlei Zweifel bestehen, wohl aber solche, sehr triftige, an der der Beryllen ...« So hat sie also die Steine gegen Perlen umgetauscht – die sie aber ebensowenig getragen hat. »Versteht doch,« sagt sie, »ein Kleid, und sei es noch so einfach, muß ›erste Klasse‹ sein, um eine Perlenkette zu vertragen. Sonst ist es immer das gleiche: man läuft Gefahr, Zweifel zu erwecken.« Eines Tages, als sie gegen Ende des Monats sehr knapp war, hat sie eine Perle abgenommen und verkauft. Und, einmal auf den Geschmack gekommen, wiederholte sie das von da ab, sooft sich der Wunsch danach geltend machte. »Die Kette ist ein wenig lang, versteht ihr? Sie wirkt protzig. Ich höre bestimmt auf, sobald ich sie auf die richtige Länge gebracht habe.« Einige Monate später: »Trägst du deine Kette nicht mehr, Regine ?« »Pah ... die ist ... die ist ein bißchen kurz. Denkt nur, sie geht mir nicht mehr ganz um den Hals ...« Diesmal nun hat sie erklärt: »Es bleibt dabei, ich verhökere eine Perle und sause ab.« »Dann also, Regine: wie wäre es, wenn wir diese Reise nach dem Süden ein wenig bereden wollten?« Uns allen scheint es, als handelte es sich um uns selbst. Wir entwerfen üppige Reisepläne, denen unsere Freundin laut widerspricht: »Genug, genug ... Wenn ich euch folgte, dann müßte ich die ganze Kette verkaufen.« »Wenn du schon einmal dabei bist, Regine ...« Wir sind aufgeregt über diese Reise wie Kinder. »Du mußt nach dem Golf Juan«, erklärt Maguy gebieterisch. »Ah, die roten Felsen von Agay an der Küste des blauen Meeres!« Gilberte, die sich durch Geldfragen nicht hemmen läßt, entwirft mit lyrischem Schwung Bilder der Pfefferbäume von Garavan und des Cap Martin mit seinem Veilchenteppich. »In diesen Tagen, meine Liebe, schneit es in Mentone Mandelblüten!« »Ihr tötet mich«, stöhnt Regine. »Bei den heutigen Preisen kann ich nicht weiter als bis Toulon fahren.« »Sagen wir Saint-Raphael.« »Die Mitte zwischen beiden«, schließt Laure. Dann fragt sie: »Willst du dich unterhalten oder willst du ausruhen, Liebe?« Regine verzieht unentschlossen den Mund: »Weiß nicht ... Kann mich alleine nicht sehr zerstreuen; andrerseits besteht die Gefahr, daß ich in einem Winkel, und sei er noch so entzückend, in Trübsinn verfalle.« Reine mengt sich ein: »Es bleibt dir immer der Ausweg zurückzukommen.« Gilberte, das Arbeitsroß, schlägt heldenmütig vor: »Nimm doch die Übersetzung aus dem Russischen mit, die du zu überarbeiten hast. Du kannst sie dort unten fertigmachen.« Über die Karte des Fahrplans gebeugt, fangen wir wieder an: »Also, wozu hast du dich entschlossen?« Eine von uns meint: »Saint-Tropez ist ein entzückender Ort.« »Man kommt nur im Auto hin oder zurück.« »Keine überflüssigen Spesen!« sagt eine Stimme. »Sainte-Maxime, gegenüber, auf der andern Seite des Golfs ...« »Sainte-Maxime, zum ersten-, zweiten-, drittenmal!« sagte Regine. »Auf diese Weise werde ich Madame Clere besuchen können, die den Winter in Saint-Raphael verbringt.« Die Karte ist genommen, der Platz bestellt: zweiter Klasse, trotz Maguy, die eine verschwenderische Vorliebe für Schlafwagen hat. Ach ja, wer von uns hätte die nicht ? Regine wird also in acht Tagen reisen. Sie hat eines Nachmittags, als Laure gerade keine Berichterstattung hatte, diese durch die großen Geschäfte geschleift, unter dem Vorwand, sie zerstreuen zu wollen. »Ich brauche ein helles Kleid. Ich habe zwar ein weißes, aber das ist vom vorigen Jahr. Wie wäre es mit einem kleinen Kostüm in Seidentrikot?« Und gerade trägt eines der Auslagenfenster des Louvre in großen Buchstaben die verlockende Aufschrift: Für die Riviera. Vor einem Meer mit grausam blauen Pappendeckelwogen tragen Wachsdamen mit abgerundeten Gebärden mildfarbige Kostüme zur Schau. Die Silhouette eines Palmenbaumes, aus Zinkblech geschnitten, in einem Winkel; im andern die Goldäpfel der Hesperiden an einem Orangestrauch, der schauerlich den Eindruck von Unterernährung erweckt. Die bevorzugten Farben des Jahres, das zarte Blau mit einer leisen Andeutung von Mauve – das sogenannte Lavendelblau – und das ›Bois de rose‹. »Mein Gott,« sagte Regine, deren Bewunderung unvermittelt in Niedergeschlagenheit übergeht, »sieh doch, Laure! Sechshundert Franken der Rock mit der Matrosenbluse! Einfach unmöglich!« »Gehen wir in die Abteilung? Wir werden schon was finden.« »Der reine Schund«, sagte Regine übellaunig, während sie die Wollwaren abtastet. »Was willst du, das wirkt armselig! Lieber gar nichts als das greuliche Zeug.« »Suchen wir weiter ...« Und Laure zieht noch einige häßliche Fähnchen aus dem Stoß. »Fräulein,« fragt Regine, »haben Sie gar kein Mittelding zwischen dem hier und den Seidentrikots in der Auslage?« »Nein, meine Dame. Die große Auswahl kommt erst im Juni, zur Reisezeit.« »Dies hier sagt dir nichts, Regine?« »Meine Liebe,« gibt die junge Frau mit Würde zurück, »möchtest du mich denn wie eine Gemüsefrau angezogen sehen?« Als sie wieder bei dem der Riviera geweihten Auslagefenster vorbeikommen, bleibt Regine nochmals stehen. »Laure, dieses Rosenholzfarbene müßte mir entzückend stehen.« »Es wäre Irrsinn, Liebste.« »Ich bin ganz deiner Meinung.« Und sie geht in das Geschäft zurück, um das Kostüm für sechshundert Franken zu bestellen. Sobald der Kauf abgeschlossen ist, bemerkt sie: »Ich überlege gerade, daß keiner meiner Hüte zu dem entzückenden Kleid passen wird.« »Also, Regine?« »Also, Liebste,« schließt Regine freudig, »sehe ich mich in der süßen und peinlichen Zwangslage, einen Deckel zu meinem Seidentrikot auszusuchen. Was meinst du zu einem kleinen weichen Filz, in der gleichen Farbe ?« »Regine, Liebste, das alles ist sehr unüberlegt.« »Wer nie etwas Unüberlegtes tut, muß das Leben recht langweilig finden«, stellt Regine nicht ohne Erhabenheit fest. Regine an ihre Freundinnen I Sainte-Maxime, den 4. April ... Wie schön es ist, wenn einem wieder heiß ist, wenn man nicht mehr den Lärm der Autobusse und die Hupen der Taxis hört, die die Pariser Nächte zerreißen! Nicht mehr den ›Ritter vom Flederwisch‹ sehen zu müssen, der wie ein auf falschen Indizienbeweis Verurteilter aussieht: nicht mehr die Frühstücksbretter auf den Stiegen absetzen! Sonne liegt auf dem Mittelländischen Meer, als regnete sie darauf nieder; sie scheint wie die Tropfen eines Wolkenbruchs darauf zu tanzen. Die Mimosen schaukeln wie Weihrauchkessel. Nichts Rührenderes als die flache Krone der Schirmpinien gegen den Abendhimmel. Morgens, wenn ich meine Fenster öffne, sehe ich gegenüber, jenseits des kleinen Golfes, die alten Häuser von Saint-Tropez, von der Farbe welker Rosen. Im Hafen wiegen sich die angehängten Barken, die gerefften Segel wie Schwingen gebreitet; ihre nackten Mastspitzen drängen sich wie die Stämme in einem dichten Wald. Mitunter fahre ich in der Barke nach Saint-Tropez hinüber. Ich liebe dieses Dorf, das noch ganz den verschlafenen Reiz hat, den die Küste kaum mehr kennt; wo auf der Schwelle schweigender Häuser Katzen schlummern, überwältigt von Wohlbehagen; wo in den Schenken zum Klang der Spielwerke bloßfüßige Fischer tanzen, mitten im Geruch von Pech und frischem Tang. Ich durchquere die Ortschaft und setze mich an der andern Seite des Golfs nieder unter den krummen Pinien, die sich dem Meer zu recken. Dort warte ich den Sonnenuntergang ab. Von dieser Stelle aus gesehen, spielt er sich richtig veilchenblau ab. Nichts Blendendes, Aufrührendes: eine Ausgeglichenheit, die Sehnsucht nach dem Tode weckt. Tiefe, schillernde Schatten über den Wassern, malvenfarben der Himmel, und am fernen Horizont ein Blütendickicht, das durcheinander wuchert, verfließt und sich neu gebiert. Am Fuße des Fichtenwaldes ziehen mich Felsen an, die bis zur Küste hinunterreichen und vom Meer nachlässig gestreichelt werden. Ich möchte vom einen zum andern laufen, aber man müßte zu zweit sein, und feste Männerarme, stark und zärtlich, müßten sich, am Ende dieser kindlichen Spiele vom Ufer aus mir entgegenstrecken. Seht Ihr die übermütige Regine von Fels zu Fels springen, allein an der Küste des dämmernden Meeres? Die Abende sind lang. Nach dem Abendessen im Speisesaal des Hotels kann man wegen der gefährlichen Kühle nicht mehr im Freien bleiben. Ich gehe auf mein Zimmer und brauche gar nicht mehr das Fenster zu öffnen, um das Meer zu hören, das seidig gegen den Strand anrauscht. Ich gehe früh zu Bett, ohne mich zum Lesen, selbst nicht von Proust, aufraffen zu können. Und doch glaubte ich gerade ihn während dieser Mußezeit bewältigen zu können. Ich vegetiere so dahin. Meine Faulheit hat etwas Majestätisches: essen, schlafen, wieder schlafen, mich in der warmen Morgensonne ausstrecken. Geistigkeit: Null. Aber ich bemerke, daß das geistige Ausspannen nicht notwendig die Feinfühligkeit ausschaltet. Die hält an, die böse, und auch die ungesunde Neigung zum Tüfteln. Auf baldiges Wiedersehen, Ihr Lieben. Es küßt Euch Eure große Regine. Regine an ihre Freundinnen II Sainte-Maxime, am 10. April Gestern habe ich an dem kleinen Bahnhof von Sainte-Maxime den Zug genommen und bin zum Frühstück zu meiner Freundin, Mme. Clère, gefahren, nach Saint-Raphael. Sie bewohnt, an der Straße nach Agay, hart am Meer, ein altes Haus, dem man seinen großväterlichen Reiz sorgsam bewahrt hat. So läßt man den wilden Wein die grauen Mauern benagen, und das niedrige Gittertürchen des Gartens kreischt ein wenig und weckt dabei eine kurzatmige Klingel. Es läßt sich nichts Anziehenderes denken als dieses Stück Vergangenheit mitten in der Reihe von weißen, blauen oder ockerfarbenen Villen, alle schreiend neu und protzig, die das Gesamtbild von Saint-Raphael zum Fiebertraum eines Architekten stempeln. Mme. Clère lebt da einen Teil des Jahres – und ich bedaure sie nicht! – und verläßt diese Ufer nur um anderer willen; die der Seine; unter ihren Fenstern dort, am Quai des Grands-Augustins, sieht sie den langsamen Strom vorüberziehen, inmitten einer Landschaft von üppigen Bäumen und altem Gemäuer, wie es sie nur einmal auf der Welt gibt, Ihr wißt es wohl. Diese Frau versöhnt mich mit dem Alltag. Wieviel Schwung! Sie erinnert mich an ein knisterndes Holzfeuer, mit wehenden Flammen. Das Leben hat nicht gedrückt auf ihre kräftigen Schultern. Seine Spuren zeigen sich kaum auf dem entzückenden, unverkünstelten Gesicht, rund und mild wie ein reifer Apfel: ein liebenswürdiges Lächeln straft die leise Bosheit des Blicks Lügen. Es gibt dahin drei Züge im Tag, glaube ich; der erste verläßt Sainte-Maxime Punkt fünf Uhr morgens. Mit dem nächsten traf ich erst um ein Uhr bei Mme. Clère ein. Sie erwartete mich zum Frühstück, aber ich war nicht ihr einziger Gast, was mich im ersten Augenblick etwas enttäuschte. Eine lange, prunkvolle, einschüchternde Limousine stand vor dem verwitterten Gitter. Ihren Besitzer fand ich auf der andern Seite des Hauses, in einem Garten, von dem aus man das Meer leuchten sieht, tiefblau, über die hängende Blütenlast der Mimosen, über die mit Rosen durchsetzten Lorbeerbüsche weg, die noch dem bescheidensten Garten der Provence unerhörte Pracht verleihen. Der Herr also erwartete mich da, in Gesellschaft von Mme. Clère. Ein verabredetes Zusammentreffen? Ich glaube, nicht ganz. Klein, angegraut, mit leicht verfettetem, bis zur Nervosität beweglichem Gesicht und scharfblickenden, eindringlichen Augen, hat er nichts von einem Verführer. Ich habe ihn ohne weiteres unter die Männer ›eines gewissen Alters‹ eingereiht. Recht liebenswürdig übrigens und nicht ohne einen gewissen friedfertigen Humor, mit einem leichten Einschuß von Melancholie. Er war, glaube ich, betroffen von meiner Erscheinung. Wir Frauen fühlen das ja. Ich trug, wohlverstanden, das Kostüm aus ›rosenholzfarbenem Seidentrikot‹, dessentwegen ich Laure einen ganzen Nachmittag lang vor den Auslagen des Louvre gemartert habe; und den dazu passenden kleinen Filz, ›die süße und peinliche Zwangslage‹, erinnert Ihr euch? Mme. Clère umkreist mich mit bewunderndem Murmeln: »Willkommen, meine Schöne! ist sie nicht entzückend! Und seht mir nur dieses Kleid ... Und die Farbe, zu ihrem Haar und ihrem Teint – ist das nicht unübertrefflich?...« Herr Deferny lächelte. Als ich meinen Hut abnahm, meinte er: »Gott sei gelobt! Endlich einmal eine Frau, die sich nicht die Haare abgeschnitten hat!« »Gott behüte«, rief Mme. Clère aus. »So bezauberndes Haar, mein Freund . ..« »Madame,« fragte er mich darauf scherzend, »können Sie mir sagen, warum die Frauen darauf bestehen, sich die Haare schneiden zu lassen?« »Ich verstehe es um so weniger,« gab ich lebhaft zurück, »als es den meisten Männern gar nicht gefällt.« Diese zumindest unangebrachte Bemerkung – wird er nicht glauben, daß ich ein Gewerbe aus meinen Reizen mache? – hat ihn zum Lächeln gebracht. Danach gingen wir auf die Terrasse, wo der Tisch gedeckt worden war. »Deferny«, sagte Mme. Clère, »ist ein treuer Kamerad. Er schlägt sein Winterquartier in Beauvallon auf, ganz nahe bei Ihnen, mein liebes Kind, und trotz meinen weißen Haaren und meinen Runzeln spart er nicht mit Besuchen bei mir. Deferny,« fügte sie mit einem blitzenden Lächeln voll freundschaftlichen Spottes hinzu, »erinnern Sie sich noch der Zeit, wo Sie mir den Hof machten?« »Immer vergeblich, teure Freundin«, bemerkte der Herr mit der Limousine und bediente sich mit gefüllten Oliven. »Werfen Sie mir das nicht vor, denn eben darum sind wir gute Freunde geblieben. Hätte ich Sie erhört, so wären wir uns heute, ganz ohne Frage, nicht nur gleichgültig, nicht nur fremd, sondern wahrscheinlich feind.« »Wie falsch!« »Durchaus nicht, mein Lieber, diese Geschichten gehen immer, immer schlecht aus.« Ich bewunderte die kühle Sachlichkeit, mit der diese Frau von der Liebe sprach, ich bewunderte sie und erging mich zugleich in verzwickten Rechenkünsten, um das Alter des Herrn festzustellen, als Mme. Clère zweifellos meine Gedanken erriet: »Übrigens waren Sie ein paar Jährchen jünger als ich. Was wäre das später für eine Quelle von Mißverständnissen geworden!« »Schönen Dank für die ›paar Jährchen‹«, sagte Herr Deferny, mit einem zugleich dankbaren und etwas spöttischen Lächeln. Ein leiser Wind wiegte die Baumwipfel und die Blätter vor dem strahlenden Hintergrund des Meeres. Einen Augenblick, Ihr Lieben, stellte ich mir Euch vor, beim Verlassen der Patisserie, über den kotigen Boulevard Saint-Germain stapfend; und wenn mir dabei auch Gewissensbisse kamen, so fühlte ich mich im Augenblick doch noch wohler. »Ich denke,« sagte ich laut, »daß in diesem Augenblick in Paris Frauen auf nassem Pflaster trippeln, beim Warten auf einen Autobus, der dann unweigerlich das Schild ›Besetzt!‹ zeigt.« »Ich bin für gewöhnlich eine dieser Frauen«, fügte ich ironisch hinzu, in dem Bestreben nach Aufrichtigkeit, woran wir uns untereinander gewöhnt haben. »So, Madame,« sagte Deferny, »Sie arbeiten also ... für gewöhnlich? Es hätte nicht den Anschein«, fügte er sofort hinzu. »Du lieber Gott – das ist kein Kompliment, fürchte ich ...« »O doch, Madame. Es ist mir gleichgültig, ob eine Frau arbeitet, aber ich liebe es nicht, wenn man es ihr ansieht.« Ich plusterte mich, sehr beglückt, im Prunk meines ›Rosenholzfarbenen‹ auf. Er schwieg und meinte dann plötzlich nachdenklich: »Eine hübsche Frau sollte nicht gezwungen sein zu arbeiten. Darin liegt ein Unrecht.« Ich schob das mit einer kleinen Handbewegung von mir. Ich hatte neunhundert Kilometer zwischen mich und die Korrekturbogen, die zu überarbeitenden Übersetzungen, gebracht. »Regine ist sehr tapfer«, warf Mme. Clère ein. Wie sehr sie sich täuscht, die liebe, große Freundin! Sie fuhr fort: »In Paris muß eine Frau den Kopf fest auf den Schultern haben ... um ihn nicht zu verlieren. Aber die Kleine hier gehört zu denen.« »Nun, Madame,« fragte Deferny gutmütig weiter, ohne auf Mme. Clères Worte einzugehen, »Ihre Arbeit erlaubt Ihnen also die Côte d'Azur?« »O weh! Die Arbeit hat nichts damit zu tun, wohl aber die Perlen.« Ich erzählte ihm die Geschichte meiner Halskette: er fand sie sehr lustig. Er sah mich merkwürdig an, und ich las ein Gewühl von Gedanken aus seinem Blick. Kaum waren wir mit dem Frühstück fertig, da sprach ich von der Heimfahrt. Gott, ja! Drei Züge im Tag ... Wenn ich diesen einen versäumte, blieb mir nur noch der letzte um acht Uhr abends. »Kümmern Sie sich doch nicht um den Zug«, sagte Deferny. »Ich bringe Sie nach dem Abendessen nach Hause, denn unsere Freundin wird uns gewiß solange behalten wollen: ich kenne den Brauch des Hauses.« Ein Nachmittag, Tee, Abendessen. Endlich, im Augenblick der Abfahrt, sagte Deferny zu Mme. Clère: »Liebe Freundin, ich erwarte Sie übermorgen zum Tee, bei mir. Der Wagen kommt Sie abholen.« Der Chauffeur fuhr um halb zehn los. Der Versucher Ich bin durch die milde Nacht heimgefahren, im Fond eines Wagens, weich wie ein Kissen, der wie im Traum, ohne Stöße, ohne Erschütterungen längs des nächtlichen Meers hinrollte. Die Spiegelscheiben waren niedergelassen, und die Abendkühle wehte uns ins Gesicht. Ich stellte mir die Rückkehr vor, die mir zugedacht gewesen wäre, in einem Abteil, voll von dem Geruch warmen Tuchs und kalten Rauchs. Ich hätte schweigen wollen, tief in die weichen Kissen gedrückt, und in wilder Selbstsucht die Wonne dieser wohligen Heimfahrt auskosten. Endlich aber mußte ich ja wohl sprechen, nicht wahr? Um nicht zwischen mir und diesem Manne ein Schweigen voll lastender Bedeutung entstehen zu lassen. An der Decke der Limousine brannte eine kleine Ampel. In ihrem harten Licht unterschied ich deutlich Defernys zugleich nervöse und verschwommene Züge, seinen schwer gewordenen Leib, der mir gegenüber wuchtig in der andern Ecke lehnte. Ich hatte das unbestimmte Gefühl: »Er ist sehr gut erzogen. Er wird mir heute abend nicht den Hof machen – noch nicht.« »Sie müssen spazierengehen,« sagte er, »Sie dürfen diesen herrlichen Landstrich nicht verlassen, ohne ihn gesehen zu haben. Beschränken Sie sich nicht auf Sainte-Maxime.« »Oh,« meinte ich lachend, »die Autofahrten sind hier sehr teuer! Ich müßte unweigerlich noch eine Perle verkaufen.« Er schwieg einen Augenblick. »Möchten Sie gern ein paar Ausflüge machen? Mein Wagen steht zu Ihrer Verfügung.« Und als ich einen Dank stammelte, fügte er hinzu: »Ich werde Madame Clère bitten, Sie zu begleiten, oder mein Chauffeur wird Sie holen kommen, und Sie können allein losfahren, wohin Sie wollen ...« Ah, wie himmlisch! Allein, du lieber Gott, auf den Straßen der Provence in diesem Wagen, der bequem ist wie ein Diwan – das war es eben, wovon ich geträumt hatte ... »Auf alle Fälle«, sagte er noch, »kommen Sie übermorgen mit Madame Clère zum Tee nach Beauvallon. Der Wagen wird Sie auf dem Rückweg von Saint-Raphael abholen.« Wir kamen nach Sainte-Maxime. Ich streckte ihm beim Aussteigen die Hand hin, und er hielt sie fest und küßte sie ehrerbietig. Er küßte sogar den Umschlag des Handschuhs –Ihr kennt ja doch meine schönen, beigefarbenen Schweden mit dem roten Würfelmuster auf dem Umschlag –, und er streifte mein Handgelenk mit den Lippen. Als ich mich dann, kaum merklich, anschickte, ihm die Hand zu entziehen, tat er so, als studierte er das Muster des Umschlags, dessen lustigen Doppelsinn keine von uns bisher erfaßt hat: »Liebe Gnädige, ich kann nicht Dame spielen, aber ich glaube, auf Ihren Handschuhen könnte ich es lernen...« Ich verließ ihn, entwaffnet, und lachte. Dieser schöne Wagen hat mir vierundzwanzig Stunden voll Bitterkeit eingetragen. Einen ganzen Tag lang habe ich über das Elend meiner Lage gegrübelt. Defernys Auto hatte mich am wundesten Punkt meiner körperlichen Empfindlichkeit getroffen: an meinem Abscheu vor Massenbeförderung. Da ich es aus Klugheit unterlasse, in die Läden zu gehen, so leide ich nicht zu sehr unter dem Mangel an Toiletten. Eine nette Kleinigkeit im Aufputz genügt, um mich aufzuheitern oder zufriedenzustellen. Aber der Autobus, aber die Untergrundbahn – die bedeuten für mich die grausamsten Notwendigkeiten der Zivilisation. Da könnt Ihr Euch also vorstellen, wieviel Reue, wieviel Bitterkeit, wieviel häßliche, feige Gedanken dieser Wagen in mir entfesselt hat. Jetzt ist es vorbei, aber ich war Euch das Geständnis schuldig. Wie Maguy mich verachten wird, sie, die keine Schwäche kennt! Ich habe mehr Vertrauen zu der Nachsicht Laures und Reines. Das Leben ist schön Regine kleidete sich in ihrem Zimmer in Sainte-Maxime an und trällerte dabei. »Wirklich sehr hübsch, das Rosenholzfarbene. Es hat neulich sehr nett gewirkt und ist gut die sechshundert Franken wert, die ich dafür bezahlt habe. Eine Verrücktheit bleibt es doch. Ach was ... Sollte ich aber nicht abwechseln? Wie wäre es, wenn ich mich heute Herrn Deferny in Lilienweiß vorstellte? Wenn ich, kurz gesagt, mein anderes Kleid anlegte? Das doch so hübsch ist, wenn auch vorjährig. Unter dem sandfarbenen Mantel wird es tadellos aussehen.« Im Spiegel ihres Kleiderschranks aus hellem Holz sah sie sich – schlank, biegsam, von flammendem Gold gekrönt, mit frohen Augen in einem Gesicht, das schon erfrischt war durch eine Woche Ruhe, mit samtigen Wangen und ohne Spur von dem, was sie in einem Gemisch aus Scherz und Angst ›die Spuren der Dreißiger‹ zu nennen pflegte. »Dieses Kleid ist namenlos verräterisch«, stellte die junge Frau fest. Die feine Seide des Trikots legte sich an die Linien des Körpers an; die harten Spitzen der Brüste drückten der Bluse ihr doppeltes Siegel auf; die Seide schmiegte sich der Senkung der Schultern, den langen Schenkeln an, wie von einem jähen Windstoß dagegengedrückt. »Es ist fast unanständig, wie das zeichnet«, murmelte Regine. Sie dachte an Deferny und runzelte in plötzlichem Bedenken die Stirn: »Ach was, soll es so sein! Übrigens ist es auch zu spät!« Von weitem kam der Ton einer Autohupe bis zu den Fenstern. Defernys Wagen bog auf den engen Platz ein. Regine ging hinunter. »Nun,« sagte Mme. Clères liebe Stimme, etwas gedämpft mit Rücksicht auf den Chauffeur, »wir haben also Deferny, diesen wilden, erobert?« »Liebe Freundin, wie ist dieser Wilde doch gesittet!« »Gestehen Sie es nur, er hat Ihnen neulich auf dem Heimweg den Hof gemacht?« »Kein Gedanke daran, auf Ehrenwort!« »Das gibt weit mehr zu denken.« Dann besah sie Regine genauer: »Wie strahlend, Kleine!« »Das Nichtarbeiten bekommt mir sehr gut, nicht wahr? Könnten Sie mich in Paris sehen, fröstelnd, verdrossen und betäubt von Müdigkeit – ach, arme Freundin, dann fänden Sie mich wohl weniger strahlend!« »Deferny hat recht: eine hübsche Frau sollte nicht arbeiten.« »Wo bringen Sie Deferny her?« »Ich habe ihn von jeher gekannt. Mein Mann, der gut fünfzehn Jahre älter war als er, hat ihn zum Bankberuf ausgebildet. Deferny hat viel Geld verdient. Er hat auch von seinem Vater ein schönes Vermögen geerbt und war dadurch in der Lage, sich sehr früh von den Geschäften zurückzuziehen. Er teilt seine Zeit zwischen Paris und dem Süden, den er über alles liebt. Früher einmal hielt er sich in Bormes oder Saint-Raphael auf. Vor drei Jahren aber hat er sich durch diesen entzückenden Winkel neben Guerrevieille verlocken lassen: Beauvallon. Er war einer der ersten, die dort bauen ließen. Das Auto verlangsamte die Fahrt. Zur Linken senkte sich ein Fichtenwäldchen zur Küste hinunter. Zwischen den schwarzen, nackten Stämmen zitterte das blaue Meer im Licht, satt und wie kochend von Sonne. Der Wagen bog rechts ab und fuhr eine schwache Steigung hinan. Auf der Höhe tauchte das Haus auf, nicht sehr groß, würfelig und ganz weiß, mit italienischem Dach und einer Pergola, von zartestem Grün verhängt. Nach kurzem Schweigen fragte Regine: »Deferny ist nicht verheiratet?« »Er war es.« »Ich dachte mir wohl, daß er irgendwo eine Frau sitzen haben würde! Liebe Freundin, haben Sie beobachtet, daß alle Männer verheiratet waren?« »Dieser hier ist in aller Form geschieden.« Mme. Clère lächelte fein. Auf das Hupensignal erschien Deferny; seine untersetzte Gestalt hob sich wuchtig von dem grellweißen Hintergrund des Vorbaus ab. Das harte Licht der Provence ließ auf seinem müden Gesicht deutlich die schweren Lider erkennen, die hängenden Backen, noch betont durch eine tiefe Falte zu beiden Seiten des Mundes. »Er ist wirklich recht verwüstet«, dachte Regine. In Defernys Augen, den müden, ernsten und ein wenig traurigen Augen eines reifen Mannes, sah sie den Widerschein ihrer eigenen strahlenden Jugend vorüberziehen. Und plötzlich kam ihr das Bewußtsein der eigenen Kraft zurück, überschwemmte sie mit einer fast grausamen Freude. Es war kurz und brennend, wie das samtige Feuer eines Likörs. »Wie habe ich nur zweifeln können?« fragte sie sich beglückt. Während der langen Monate, die sie nun das Leben seine Härten fühlen ließ, war sie dahin gekommen, weder an ihre Schönheit mehr zu glauben, noch an ihren Geist, noch an die bezaubernde Anmut, die ihr früher einmal so geläufig gewesen war. Ihr jämmerliches Abenteuer mit Frédéric, von dem sie nie etwas hatte erreichen können – nichts als eine passive und bedeutungslose Bindung –, dieses Abenteuer hatte auf eigene Art zu dieser Krise ihres Pessimismus beigetragen. Während sie lächelnd Deferny ihre Hand zum Kuß hinstreckte, sah sie sich plötzlich an einem Abend des vorhergehenden Winters im kleinen Salon der Rue de Vaugirard. Das Kinn in die Handflächen gestützt, hörten ihre Freundinnen den singenden Scheiten zu, und sie selbst, Regine, sagte: »Früher einmal, ja, da hatte ich Zuversicht zum Leben. Aber jetzt ...« Und Maguy darauf, mit gereckten Krallen: »Ich habe Zuversicht nur zu mir selbst ...« Laure, mit aller Entschiedenheit: »Ich weder zu mir, noch zum Leben.« Und Reine faßte einen dauernden Seelenzustand zusammen in die Worte: »Ich habe das Leben nie geliebt ...« Und da war es, daß tief in dem enttäuschten Herzen der Regine von heute eine Saite von dazumal aufklang: »Das Leben ist schön.« »Deferny,« sagte Mme. Clère, »ich komme über den ersten Eindruck nicht hinweg: Ihr Haus ist zu neu, zu weiß, zu glatt. Warum haben Sie sich nicht lieber an den Typ des provençalischen Bauernhauses gehalten?« »Aber was macht denn das aus,« rief Regine vergnügt, »da dies Zuhause doch harmonisch ist!« »Deferny hat keine sonderliche Vorliebe für altes Gemäuer!« fuhr Mme. Clère fort. »Meine Pariser Wohnung, am Quai des Grands-Augustins, sagt ihm nichts. Er wohnt in einem Viertel, das durchaus ›Dritte Republik‹ und ›Ausstellung 1889‹ ist, das um den Eiffelturm.« »Madame Regine wird mich noch für einen Banausen halten«, murmelte Deferny. »Es stimmt, daß mir eine verputzte Mauer lieber ist als Ihre Sandsteinbauten, und mein enger Lift gleichfalls lieber als Ihr unvermeidliches schmiedeeisernes Geländer.« »Ich schätze sie beide, aus verschiedenen Gründen«, schloß Regine. Bevor noch der Tee aufgetragen wurde in der wegen der jähen Kühle geschlossenen Veranda, rief Regine ganz kindlich aus: »Ich hätte Lust, mich in dem Fichtenwald herumzukugeln, zu rennen, bis zum Meer hinunter. Als ganz Kleine liebte ich es, von der Höhe steiler Hänge loszurennen, mit verzückten Augen und ausgestreckten Armen, als wollte ich die Welt umfassen. Immer war ich überrascht und enttäuscht, mich unten wiederzufinden, betäubt, mit leeren Armen, ohne in meinem tollen Lauf etwas erhascht zu haben: ein Abbild meines Lebens.« »In Ihrem Alter und mit der ganzen Zukunft vor sich so zu reden, ist Ketzerei!« sagte Deferny. Regine gab heftig zurück: »Die Zukunft? Seit zehn Jahren tischt man mir diese Formel auf. Mit zwanzig hatte ich eine Zukunft. Es war nichts als die Aufeinanderfolge verdorbener, verlorener Jahre, eine Reihe schlechter Anläufe. Noch zehn andere habe ich vor mir. Ich habe Angst, sie auf gleiche Weise zu verderben, zu sehen, wie sie sich grausam in Enttäuschungen, Unbefriedigung, sinnlose Anstrengung verlieren. Wenn man jung ist, erscheint einem die Zukunft als ein bestimmter Lebensabschnitt, als ein zu erreichender Punkt – so wie man die Vierziger oder Sechziger erreicht –, der sich einem mit einem Schlag, aus einem Guß darbieten wird wie ein aus allen Hoffnungen, allen Anstrengungen, allen Träumen erbautes Standbild. Aber das ist die Zukunft nicht. Die Zukunft – das ist der Ablauf der Zeit: er zernagt einen Stunde um Stunde, Tag um Tag. Immer ist es ein Morgen, an dem das Leben beginnen soll. Und selbst wenn einem nichts mehr als Asche zwischen den Fingern bleibt, sagt man sich immer noch – so brennend ist der Wunsch, doch noch eines Tages die kleinste Kleinigkeit zu erreichen: ›Ich habe die Zukunft vor mir.‹ Was für ein Mummenschanz! Ich erinnere mich an eine alte Urgroßtante, die mit achtzig Jahren seufzte: ›Mein Gott, mein Gott, wenn ich denke, daß ich nur noch zwanzig Jahre zu leben habe!‹ Auch die hatte die Zukunft noch vor sich!« »Das Kind redet im Fieber«, schalt Mme. Clère. »Gehen wir in das Wäldchen.« Sie gingen in den Garten hinunter, überquerten die Straße und kamen in den Schatten der Fichten. Die Nadeln knisterten unter ihren Schritten. Die Zapfen an den Ästen begannen schon dürr zu werden. Nahe an der Küste ließen die verkrümmten Stämme ihre Nadelbüschel fast bis ins Wasser hängen. Regine nahm einen Anlauf und stürmte in langen Sätzen den Hang hinunter. Unten angelangt, wandte sie sich zu den beiden Begleitern zurück, das Lächeln ihrer Kindheit wieder auf den Lippen und sehr aufrecht, sehr weiß in dem Gewirr schwarzer Stämme. Hinter ihr breitete das Meer, das zu verblassen begann, ein seidiges, taubenfarbenes Dämmern bis über den Himmel. Deferny legte Mme. Clère die Hand auf den Arm und sagte leise: »Sehen Sie sie an! Sie sieht aus, als wäre sie aus einer Freske von Puvis herausgetreten.« Mme. Clère wandte sich ihm lebhaft zu und beobachtete ihn aufmerksam: »Oh, mein lieber Deferny, ich war vielleicht sehr töricht...« »Bei Gott, ja«, sagte er mit einem unmerklichen Achselzucken. »Das Furchtbare ist eben, daß das Herz sich nicht ändert. Ah!« Und in seinem Blick lag eine ängstliche Frage an die Freundin: »Wäre ich nur um zehn Jahre jünger!« Regine kam auf sie zu, vielleicht ihres Spieles müde; und das Licht, die Stunde, die Landschaft verliehen ihr die strahlende Anmut eines Fabelwesens. Als hätte sie es erraten, daß man von ihr sprach, näherte sie sich ohne Hast, mit hochgehaltenem Kopf, und der Abendwind wehte ihr die Haare wie einen Glorienschein um die Schläfen. »Ich möchte nicht, daß Sie leiden«, sagte Mme. Clère leise. Regine wird zufrieden sein »Ich habe Arbeit für Regine«, sagte Gilberte an jenem Tage beim Frühstück. »Sie wird zufrieden sein: die Überarbeitung einer ganz besonders schlimmen Übersetzung: zwölfhundert Seiten. Eine Sache von mindestens zweitausendfünfhundert Franken.« »Wird sie wirklich so zufrieden sein?« spottet Reine. Maguy, kurz angebunden wie immer, versichert: »Gewiß! Sie kommt in vier Tagen zurück, und ihre Hauptsorge war, keine Arbeit vorzufinden...« »Selbstverständlich«, sagte Reine. »Von diesem Gesichtspunkt aus unterliegt Regines Zufriedenheit nicht dem Schatten eines Zweifels. Aber ich habe den Eindruck, daß Regine von da unten einen ziemlich erheblichen Widerwillen dagegen mitbringen wird, wieder mit der Halskette anfangen zu müssen.« Gilberte, sehr ausgeglichen, sehr vernünftig, sieht nicht so schwarz: »Das wird zwei Tage dauern. Dann wird sie nicht einmal mehr daran denken. Wenn ich von einer Reise wiederkomme, dann bin ich großartig aufgelegt, voll neuer Kräfte.« »Du bist nicht aus demselben Holz geschnitzt wie Regine«, wirft Laure ein. »Ich glaube mit Reine, daß unser Leben – das ja auch seine Reize und Annehmlichkeiten hat – ihr recht erbärmlich vorkommen wird. Es ist ein wahres Pech, daß sie gerade an den Herrn mit der Limousine geraten mußte.« »Regine ist doch nicht gar so leicht zu beeinflussen«, meint Maguy trocken. »Ich glaube,« gibt Reine nicht minder trocken zurück, »daß sie es in allerhöchstem Maße ist.« »Und doch hat sie genau wie wir Neigung zur Unabhängigkeit.« »Die kann nur bestehen zugleich mit der Arbeitslust. Die Arbeit aber liebt sie nur zeitweilig, in jähen Anwandlungen, und dann kennt sie kein Maß. Und vor allem fühlt sie sich dazu gezwungen. Die Arbeit drückt sie. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß Regine eines Tages ihre augenblicklichen Ketten gegen andere eintauscht, die nicht minder drückend, aber vergoldet sind.« »Wie entsetzlich!« wirft Maguy ein, als hörte sie der Geschichte einer Untat zu. »Nun, Liebste, wie war es auf der Reise?« fragt Laures müde Stimme die Freundin, die eben über die Schwelle tritt. »Grüß Gott, ihr Lieben! Grüß Gott, ihr Schönen!« ruft Regine überschwenglich. Sie ist eben angekommen. Aus Grauen vor ihrem unwirtlichen Zimmer ist sie zu dieser frühen Morgenstunde in der Rue de Vaugirard gelandet. Der Pariser April mit seinen jagenden Regenschauern hat ihr die Laune verdorben. Sie fühlt sich angelockt von dem rauchenden Tee, den dünnen Toastschnitten auf dem vertrauten Tablett und läßt sich häuslich nieder. »Nun also«; meint sie, halb lustig, halb kläglich. »Gestern, der blaue Himmel, das Meer, die Mimosen. Heute die eiskalten Schauer und der Wind.« »Aber nein, Regine,« sagt Laure mit erzwungener Heiterkeit, »es geht ja alles gut. Beim ersten Sonnenstrahl ist der Boulevard Saint-Germain voller Reiz.« Regine lächelt. »Glaubst du ?« »Francia hat uns frische Radieschen aufgetragen, und Gilberte hat Arbeit für dich gefunden.« »Sie ist sehr lieb«, meint Regine nachlässig. Dann: »Wo ist Maguy, wo ist Reine?« »Aber bei ihrer Arbeit natürlich, Liebste! Sie sind doch während deiner Abwesenheit nicht etwa Rentnerinnen geworden! Ich gehe erst um elf Uhr in die Redaktion und bin von der Gemeinschaft beauftragt worden, dich zu empfangen.« Regine streicht eine Butterschnitte und reicht sie der Freundin zu. »Nun also?« fragt diese nochmals. »Zufrieden?« »Meine Liebe,« gesteht Regine, »ich bin ein Scheusal. Ich bin auf dieser Reise zu sehr verwöhnt worden. Sie ist gar zu gut gelungen, sie war zu vollendet schön. Alles in allem genommen, wäre mir etwas mehr Langeweile lieber gewesen. Dann wäre mir nicht soviel Bedauern nachgeblieben, nicht soviel üble Gedanken. Siehst du, wenn einem der Luxus und die Freuden, die er zu geben hat, nicht bestimmt sind, dann sollte man seinen Kerker nicht verlassen. Ich bin klug genug, nicht in die Geschäfte zu gehen, wo das bescheidenste Kleid den Gegenwert eines halben Monats harter Arbeit darstellt, und ich hatte unrecht, mir die Riviera zu leisten. – So!« »Man soll nichts bereuen.« Und mit plötzlicher Trauer in der Stimme fügt Laure hinzu: »Alle diese äußerlichen Einschränkungen haben so wenig zu sagen... wenn nur sonst alles gut geht...« Regine steht auf, beugt sich zu ihrer Freundin hinüber und küßt sie leise auf die Stirn: »Und bei dir, Liebste, wie geht es bei dir?« Laure birgt ihr Gesicht, blaß und zart wie Elfenbein, unter den kurzen Locken, an der schwesterlichen Schulter. »Unverändert. Es geht nicht besser, nicht schlechter als im Augenblick deiner Abreise. Aber das ist schlimmer als jeder Bruch... etwas, das sich ohne Grund, ohne Vernunft auflöst, einfach weil es enden muß.« Ein Schluchzen, kurz und rauh wie ein Röcheln, schüttelt sie in den Armen ihrer Freundin. »Verstehst du? Alles verfliegt, alles entgleitet mir, was einmal war. Er hat sich wieder von seinem Leben einfangen lassen, von diesem geregelten, geordneten, erfüllten Leben, zu dessen Ausgeglichenheit ich nicht nötig bin. Im Gegenteil, ich war das Abenteuer, die Qual. So ist es in Ordnung. Ich aber bleibe zurück, allein, mit all dem Neuen, das er in mir geweckt, mit dem Hunger nach ihm, den er mich gelehrt hat, mit einem neuen Gefühlsleben, neuen Wünschen.« Die Tränen laufen ihr über die Wangen. »Sie war mein ganzes Leben, diese Liebe, mein ganzes Leben.« Vier Worte: Gestern Glück, heute Trauer. Am Abend des gleichen Tages, nach einem langen Schwatz in der Rue de Vaugirard vor Maguys Teller mit dem Spitzenmuster, hat Regine sich in ihr Schlafgemach verzogen und streckt nun zwischen den baumwollenen Laken ihre reisemüden Glieder aus. Sie ist die Nacht in der zweiten Klasse durchgefahren, wie auf der Hinreise; eine unumgängliche Maßnahme. Jenseits der Verbindungstüre empfängt der Nachbar Besuch. Er ist ein Exote, mit harter, holpriger Aussprache; und seine Partnerin ein Pariser Modeartikel, wie es sie zu Hunderttausenden gibt, hübsch anzusehen und wohl auch auszuziehen, mit einem rechten Fliegengehirn. »Hör' doch, du, die Pfoten weg!« Die gedämpfte Stimme des Mannes murmelt unverständliche Worte. Während einer halben Stunde hatte Regine die Phasen des Abenteuers verfolgt. »Nö, nö, nö,« sagt die weibliche Stimme, »nö, heut abend schlaf ich nicht mit dir. Du kannst es versuchen, heut abend nicht. Morgen, ja, morgen – da, ich versprech es dir.« Aber der Exote will nicht bis morgen warten. Er wird böse, und seine Stimme scheint Kiesel mitzuführen, wie ein Wildbach. Ein Wortwechsel, ein Ringen, dann: »Na also, jetzt, bist du zufrieden? Ich muß wohl höllisch verliebt sein, um gleich so das erstemal mit dir ins Bett zu gehen... was? Ich hab' dich verdammt gern – daß ich gleich so ins Bett geh'...« »Guter Gott,« denkt Regine, knapp am Weinen, »soll sie doch ins Bett gehen, und reden wir nicht mehr davon.« Aber das Echo des Liebesturniers dringt zu ihr, und danach die Danksagungen, Ausrufe und sonstigen Ergüsse der kleinen Bacchantin. Endlich vertrauliche Geständnisse über die Gegenwart und Zukunftspläne. »Die Abteilungsleiterin, im Atelier – ein schönes Kamel! Heute also, nicht wahr, sang ich. ›Madeleine,‹ sagt sie mir, ›ich verbiete Ihnen zu singen.‹ – ›Was denn,‹ sag' ich ihr drauf, ›wenn ich doch arbeite, kann ich wohl singen.‹ – ›Nein,‹ schnauzt sie, ›wenn Sie singen, arbeiten Sie nicht richtig.‹« Ein Schweigen. Dann: »Du wirst mich ausführen, hör', du? Wir werden zusammen in die ›Source‹ gehen? Ich will lachen, ich will nicht neurasthenisch sein.« Die Männerstimme fragt wuchtig: »Neu– ras– the–nisch? Was ist das?« »Die Neurasthenie? Du weißt nicht, was die Neurasthenie ist? Na, was soll ich dir sagen? Die neurasthenischen Leute, nicht wahr? das sind die, die immer traurig sind; die setzen sich eine Idee in den Kopf, immer die gleiche, und dann gehen sie zeitig schlafen, wollen keinen Menschen sehen. Du verstehst? Ich also, ich will nicht neurasthenisch sein. Wir werden in die ›Source‹ gehen...« Regine denkt an Deferny, der sie vielleicht liebt, der in Paris eine ruhige abgeschlossene Wohnung besitzt und in der Provence ein helles Haus an der Küste des Mittelländischen Meeres. ...Regine wird zufrieden sein. Dritter Teil Die Niederlage Leiden Eines Tages kam Laures Freund nicht wieder. Nach einer unmenschlichen Wartezeit rechnete unsere Freundin auf ein Wort, auf einen Telephonanruf: eine Erklärung oder eine Entschuldigung. Doch nein, nichts. Ohne Zweifel litt wohl auch er auf seine Weise, verschloß sich in Schweigen und Fernesein, nicht so sehr aus Härte als aus Trägheit; verschob es von einem Abend zum nächsten, zu schreiben und seiner Schwäche, seiner Grausamkeit die greifbare, endgültige, mörderische Form eines Abschiedsbriefs zu geben. »Einen Bruch, warum einen Bruch? Was soll gebrochen werden? Unsere Liebe? Aber ist es denn wahr, daß sie verwundbar ist, diese Liebe, die ich durch mein Leben trug wie einen goldenen Schild? Liebster, mein Liebster, es ist nicht wahr, du wirst mich nicht so aus deinem Leben fortwerfen, du kannst mich nicht fortwerfen nach dem, was gewesen ist, erinnere dich...« Laure weigerte sich, es zu glauben, es gelten zu lassen. Sie wollte hoffen, entgegen aller Hoffnung. Und in diesen ersten Tagen grausamer Zweifel wurden ihr die Augenblicke zur bittersten Qual, in denen sie, nach der Heimkehr in die Rue de Vaugirard, mit Leib und Hirn zum wartenden Tier wurde. In der Redaktion verschafften ihr das abendliche Arbeitsfieber bei Redaktionsschluß, die vielfache Ungeduld, die rings um sie kochte, eine Art Ablenkung. Gegen sechs Uhr aber wuchs ihre Spannung bis zu körperlichem Schmerz. Sie sagte sich: »Nun schickt er sich an, sein Kontor zu verlassen...« Und wenn sie auch wußte, daß er als leidenschaftlicher Arbeiter oft bis zu später Abendstunde dort blieb, die Hand auf dem Hörer des Fernsprechers, dessen Beschlagnahme ihm die Kollegen scherzhaft vorwarfen, so sprach sie sich doch selbst Mut zu, nach seinem Befinden zu fragen: »Ich muß ihm telephonieren, ich werde ihn anrufen...« Doch die fast tragische Spannung, erzeugt durch die Erwartung der allzu geliebten Stimme, das Grauen vor ausweichenden, eisigen, fremden Worten bestürzten sie schon im voraus und zerkrümelten ihren Mut. Nach sieben Uhr ließ ihre Angst allmählich nach, um eine halbe Stunde später gebieterisch, verzehrend wieder aufzuleben. »Vielleicht kommt er mich heute abend zum Essen abholen?« Das Entsetzen, vielleicht nicht im rechten Augenblick zu Hause zu sein, brachte sie zu blinder Hast, ließ sie aus der Redaktion fortstürzen, sobald sie nur Verdier ihren Artikel abgegeben hatte. Draußen warf sie sich in ein Taxi, krümmte sich vor Ungeduld bei jedem Halt, als hätte ihr Leben davon abgehangen, daß sie fünf Minuten früher ankäme; sie atmete erst auf, als sie jenseits der Seine, gegen den blassen Himmel über der Innenstadt die schwarzen Schilderhäuschen vor dem Palais sah, die Wahrzeichen vertrauten Gebietes. Sie lief auf ihr Zimmer, machte sich schön, puderte ihr armes Gesicht, legte das Kleid von frühereinmal an, und der Abend begann. Um ein Viertel nach acht Uhr verkündete die große Glocke von Saint-Sulpice mit dumpfem Dröhnen, eindringlich wie Totengeläut, die Sinnlosigkeit ihres Wartens. Laure rollte sich zur Kugel, vergaß zu essen, lebte kaum mehr. Bis zehn Uhr hoffte sie noch, in irrer Unbeweglichkeit gespannt auf die Geräusche von draußen horchend. Unten hörte man einen Wagenschlag zuklappen, die schwere Haustür fiel dumpf ins Schloß, man hörte einen Männerschritt auf den Stiegen. Aber er kam nicht; kam überhaupt nicht; kam nie mehr. Eines Abends versuchte sie durch eigene Willensanspannung der täglichen Folter zu entgehen. Sie begleitete Regine, die zu irgendeiner Nachforschung nach Sainte-Genevieve hinaufging. Die riesige Bibliothek war voll Menschen. Die beiden Frauen mußten einige Zeit umherirren, bis sie zwei Plätze nebeneinander fanden. Laure hätte am liebsten geheult vor Traurigkeit beim Anblick dieser langen Tische mit den beklecksten Tintenfässern, über die sich, im flackernden Gaslicht, verhungerte Studenten beugten, mit dem Ernst geplagter Tiere auf der Stirn. Zwischen zwei Kapiteln, zwei Anmerkungen, verzehrten manche für zwanzig Sous Maronen, die sie auf den Knien versteckt hielten und auf deren Schalen man immerfort trat. Junge Mädchen lasen: sie waren gekommen, um es ein wenig warm zu haben. Laure versuchte vergebens, von ihrem nagenden Schmerz freizukommen. Unaufhörlich kehrte ihr Blick zu diesen jungen Wesen zurück, zu den Jungen und den Mädchen mit den eckigen Gelenken, den erhitzten Ohren. Und aus ihrem niederdrückenden Anblick schöpfte sie das Grauen vor dem menschlichen Antlitz. Dieses Grauen verfolgte sie, sogar bis in die Pâtisserie. In der Redaktion konnte sie sich besser absondern. Und da sie dort nie etwas von ihrem Glück verraten hatte, fürchtete sie auch weniger, daß man ihren Kummer entdecken könnte. Nur Jeannin, mit der stillen Inbrunst, die er seiner Freundin weihte, mit dem Ahnungsvermögen, das die Liebe gibt, nur Jeannin beobachtete mit Besorgnis die Verwüstung dieses schönen Gesichts, das früher einmal durch den Gegensatz zwischen den ernsten Augen und dem strahlenden Lächeln so überraschend gewirkt und vor kurzem noch aus glücklicher Liebe seine geheime Vollendung gezogen hat. Wie hätte er auch nicht die gequälten Züge bemerken sollen, die heiße Blässe des Teints, der allen Glanz verloren hatte, die dunklen Augensterne, die von Tränen, von Fieber wie versengt schienen ? Er bemerkte auch, daß unter dem Zwang der einen fixen Idee keine Arbeit mehr gelingen wollte, daß immer neue Artikel in den Papierkorb wanderten, ohne daß Laure, die wie besessen schien, sich klar machte, daß es dabei um ihre Stellung ging. Auch die Pâtisserie war für sie nur noch der verhaßte Schauplatz einer glücklichen Vergangenheit, und sie fand sich nicht ohne Schmerz, ohne Widerwillen bereit, dort mit uns zusammenzutreffen. Der geradlinige Optimismus Leonels, das liebenswürdige Gleichgewicht, die vogelhafte Heiterkeit seiner Frau, die der Mann und das Leben, bis dahin, nicht verraten hatten; die kluge Leichenbittermiene der ›neurasthenischen Kobra‹, dessen Blick, von fatalistischer Enttäuschung und Ironie beschwert, im Antlitz unserer Freundin, auf den von Schlaflosigkeit umschatteten Lidern, an dem geschlossenen Mund ein Leiden erkannte, das nur das Liebesleiden sein konnte; Anselme, vor dem sie die Nichtigkeit der Verstellung empfand, dessen scharfblickende Augen, wild und mitfühlend in dem beweglichen Gesicht, sie wahrhaft zu enthäuten schienen und der ihr eines Tages in einem Gemisch aus grimmiger Freude und bärbeißigem Mitleid gesagt hatte: »Du verlierst deine dumme Görenfratze, Laure, du kriegst allmählich ein Frauengesicht...« Worauf sie hingeworfen hatte, Herz und Stimme erdrosselt in der doppelten Umschnürung des Aufruhrs und des Schmerzes: »Das macht der Verdruß, Alter.« ...Alle diese Leute wurden ihr verhaßt, bedrückend, diese Leute, die ihr Glück gekannt hatten und sich nun in ihrer Gegenwart Zwang antaten, um nicht allzu heiter zu scheinen. Da wanderte sie in ein kleines russisches Restaurant aus, knapp neben der Sorbonne, wo sie, ohne vertraute Zeugen, in ihren Bakhlava oder ihren Rostbraten hineinweinen konnte. Im Schatten der alten lateinischen Universität versammelten sich da, zu den Stunden der Mahlzeiten, die typischesten Vertreter der nun wandernden Rassen. Laure sah Orientalen, die durch die Revolutionen weit weg von ihrem Vatersboden verschlagen waren; Frauen, deren Gesichter schwer waren von Sehnsucht und Glut; gelockte Armenier mit harter Aussprache; lange, biegsame Russen – helle Augen und vorstehende Backenknochen –, die mit ihrer wuchtigen Kleidung ehemaliger Reicher und ihren Pelzmützen in dem kleinen verrauchten Raum etwas von der Atmosphäre des zaristischen Rußlands mitbrachten. Ein großer blonder Bursche, mit dem Gehaben eines Gesandten, und ein Anamite, der kein Wort Französisch verstand, teilten sich in die Bedienung. Laure hatte Mühe, sich verständlich zu machen, doch erwuchs ihr aus dieser völligen Abgeschlossenheit auch eine gewisse Beruhigung; denn sie hätte sich unter die Erde verkriechen mögen wie ein todwundes Tier und mußte doch jeden Tag, jede Stunde mit blutendem Herzen die Gebärden des Lebens erfüllen. Und soweit sie überhaupt fähig war, etwas zu lieben, in diesen Stunden innerster Zerrissenheit liebte sie diese fremde Umgebung, wo ihr die Gnade wurde, sich einschließen zu können in der Umzäunung von Schmerz, Reue und Liebe, in der ihr Herz schlug. Manchmal willigte sie ein, daß Reine sie begleitete. Reine gehörte zu den Menschen, deren Nähe Laure am besten ertrug, da sie schweigsam und doch verständnisvoll war und allen Aufruhr, alle Trauer in Laure stetig mitempfand. Regine war die Freundin für die Stunden der Hoffnung. In ihr fand Laure in den Augenblicken, in denen sie zu sterben meinte, eine so glühende Lebensfreude, einen solchen Glauben an die bessere Zukunft ihrer Liebe, daß Regines Worte die Wassertropfen waren an fiebrigem Mund. Angesichts dieser unerschöpflichen Tränenquelle, die eine Musik, ein Bildnis alle Augenblicke brennend zum Fließen brachte, sagte Gilberte mit größtem Nachdruck: »Weine doch nicht! Solange ein Wesen lebt, solange man sein Antlitz wiedersehen, seine Stimme hören kann, hat man kein Recht zu weinen.« »Ah!« schluchzte Laure. »Verstehst du nicht, daß ich lieber den Toten als den Lebenden beweinen möchte?« An manchen Abenden, wenn sie es gar nicht mehr zu ertragen wußte, ging sie jämmerlich in seine Straße, vor sein Haus. Durch die von Gaskandelabern durchflackerte Nacht hob sie ihre besessene Stirne zu den Fenstern auf. Und sie wußte nicht, was ihr weher tat: Lichtschimmer hinter den Vorhängen des Salons oder das blinde Schweigen der Scheiben. »Sie sind da ...« »Sie sind ausgegangen . ..« Der erste Anblick peinigte sie noch mehr, daß sie stöhnte vor Qual. Denn er erweckte zu brennend den Gedanken an die vertraute Nähe im eigenen Heim, an den festen Bestand der Beziehung, wenn sie auch einen Sprung haben mochte; an das gemeinsame Leben, die einzige Sicherheit für die Frau, dessen süße Geborgenheit sie, Laure, an seiner Seite nie würde kennenlernen. Sie stolperte über das Pflaster davon, aufgewühlt, allein in der Nacht, wie ein Armer, dem man ein Vermögen geschenkt und wieder genommen hat, und der nun nicht zu glauben vermag, daß er es je habe entbehren können. Eines Abends kehrte sie von einer dieser kläglichen Wanderungen zurück. Die Fenster waren dunkel gewesen. Sie war auf dem Wege nach der Rue de Vaugirard, als sie in plötzlicher Eingebung den Fahrdamm überquerte und an die erleuchteten Spiegelscheiben eines Restaurants hintrat. Sie erinnerte sich, daß er mitunter da zu Abend aß, wenn seine Frau abwesend war oder das Hausmädchen Ausgang hatte. Vorhänge aus schwerer Seide verhüllten das Innere des Raumes. Wie eine Bettlerin drückte Laure den Kopf an die Scheibe, suchte einen Spalt in den Vorhängen, um einen Blick durchwerfen zu können, und preßte sich mit jäher Heftigkeit noch näher: sie hatte ihren Freund erkannt. Sie sah ihn im Profil, mit der Selbstsicherheit eines Halbgottes, wie er gemächlich, mit gutem Hunger aß, ein ausgeglichener Mann, sehr schön mit dem zurückgestrichenen schwarzen Haar, das kaum an den Schläfen leicht silbrig glänzte und die hohe Stirn frei ließ; mit dem durchgearbeiteten Gesicht, dessen Züge machtvoll, doch nicht schwer wirkten; mit dem schönen Schwung des rasierten Mundes über einem starken, runden Imperatorenkinn. Laure bemerkte nicht gleich, daß er nicht alleine war – so sehr saugte sich ihr Blick an ihn fest. Aber sie sah ihn sprechen und schloß zunächst die Augen unter der Gewalt einer fast unerträglichen Qual. Als sie sie wieder öffnete, richtete sie sie auf die Frau mit fressender Neugier und fühlte dabei, wie sich ihr die Augen trübten und zugleich brannten. In ihrem Herzen, in ihrem Kopf stritt die Sucht, hineinzugehen, zu dem Paar hin, einen Skandal zu entfesseln, gegen die andere, zu fliehen, zu schreien. Sie spähte immer noch. Er sprach gleichmütig, gesetzt, mit bedächtigen Gesten. Er lächelte nicht. Seine Frau ebensowenig. Es war die Zweisamkeit höflicher Eheleute ohne Zärtlichkeit, ohne Vertrautheit vielleicht. Ein Gast trat auf die Straße heraus. Laure wich zurück und tat so, als ginge sie hastig ihres Weges. Sobald der Fremde an der ersten Biegung verschwunden war, kehrte sie zurück und verharrte länger als eine Stunde, zitternd vor Kälte und Kummer; wartete, bis sie herauskämen, um sie zu sehen, um sich an dem eigenen Jammer zu weiden. Als sie sah, wie der Mann den Kellner rief und die Mäntel verlangte, überquerte sie die Straße. Sie drückte sich an einen Torweg, dem Restaurant gegenüber, wie eine Bettlerin. Sie kamen heraus. Sie gingen ohne Hast nebeneinander hin, sehr ehrbar. Laure folgte ihnen von weitem Schritt um Schritt. Einmal strauchelte die Frau, er half ihr höflich vom Bürgersteig herunter und ließ dann ihren Arm gleich wieder los. Laure erinnerte sich der Worte, mit denen er sie einst – wohl ohne es zu wissen – so tödlich getroffen hatte: »Ich kann nicht sagen, daß ich meine Frau nicht liebe.« Nein, er liebte sie nicht. Gewiß nicht so, wie er Laure geliebt hatte. Und doch hatte er ihr die schönste Liebe der Welt geopfert. Sie war seine Frau. Laure war am Ersticken. »Warum, warum?« wiederholte sie sich und bettelte dabei ganz leise: »Liebster, mein Liebster, mein Leben.« Sie sah die beiden um die Ecke ihrer Straße biegen. Sie wartete, bis sie oben angekommen waren und hinter den Vorhängen des Salons das Licht aufflammte. »Er liebt sie nicht. Nein. Und doch ist sie dort, hinter jenem Fenster, mit ihm, fürs Leben.« Ich bin allein Aus den Händen des Ritters vom Flederwisch hat Regine einen Brief Frédérics empfangen. Ein kurzes Aufzucken, ein Runzeln der feinen Brauen beim Anblick dieser großen weiten Schrift, beim Gedanken an Fred, seine gute Rasse, seine überlegene Eleganz. »Was will er von mir? Ist es denn nicht aus?« Es ist niemals aus, solange einer der beiden noch liebt. Freds Phrasen – die kennt sie, könnte sie im voraus hersagen; die unfruchtbare Verzweiflung darin ist ihr vertraut. »... Dich wiedersehen, ein letztes Mal ... Ich kann nicht an Dich denken, ohne daß mir die Tränen in die Augen kommen ... Warum hast Du mir die Schuld an einem Zustand aufgebürdet, gegen den ich machtlos war? Wir hätten so glücklich sein können, wenn Du eine Wohnung gehabt hättest ...« »Das ist die Höhe!« schreit Regine laut hinaus. »... Dieses scheußliche Hotel ist schuld an unserem Mißgeschick. Und dann hast Du ja nichts ertragen wollen ...« »Nein, gewiß nicht ...« Mit neuer Härte im Gesicht liest Regine weiter, wendet die Seite um ... Dann entzieht sie sich gewaltsam der Versuchung, es nochmals zu lesen und vielleicht weich zu werden, zerfetzt das malvenfarbene Blatt in vier, in acht, in sechzehn, in zweiunddreißig Stücke. »Immer der gleiche. Warum sollte er sich übrigens ändern? ... Von einer so majestätischen Unbewußtheit, daß er damit jedes minder grausam als das meine enttäuschte Herz entwaffnen müßte. Du hast nichts ertragen wollen!! ... Fabelhaft! Doch wozu noch streiten, wozu noch die Tatsachen klarstellen wollen? Zwischen uns beiden ist von Natur aus jede Verständigung unmöglich. An die Arbeit!« Regine setzt sich an ihren überladenen Tisch. »Wo war ich?« Doch wie sehr sie sich auch zur Gleichgültigkeit zwingt, zittert doch ihre Hand beim Umblättern. Dick übersät von Strichen und Verbesserungen liegt das lange Manuskript vor ihr, das sie zu »überarbeiten« hat. Sie liest. »Er hätte sie auf die Lippen küssen mögen, er wagte es nicht, und doch war es keine Weigerung ...« Päng! Mitten in den sentimentalen Satz hinein diese Ohrfeige! Mit einem Federstrich ringelt Regine den letzten Satz ein und beginnt zu suchen: »Er wagte es nicht und doch ... Er wagte es nicht und doch ...« »Wie sagt man da: Schönes Handwerk, bei Gott!« Wenn aber Regine an dem Abend so sehr, fast bis zu Tränen überreizt ist – verdankt sie das nur dem russischen Manuskript? Fred hat mit dem zweiten Versuch eine Woche gewartet. Wieder reicht der Ritter vom Flederwisch Regine den vertrauten Umschlag hin. »Noch einmal? Der Arme ... Was hofft er denn?« »... Du weißt nicht, wie weh Du mir tust mit Deinem Schweigen. Ich werde Dich Sonnabend besuchen, wenn Du mich nicht empfangen willst, laß es mir durch die Hausmeisterin sagen ...« Über diese Nebensächlichkeit flammt die Wut, die in Regine geglimmt hat, hell auf, erfüllt ihr Herz, ihr Hirn, wallt zischend über ... »Die Hausmeisterin! Niemals das rechte Wort! Daß ich im Hotel wohne, weiß er – aber nein, er schreibt ›die Hausmeisterin‹. Warum nicht die Zofe, warum nicht der Leibjäger?« »Wenn Du mir schreibst, tippe die Adresse auf der Maschine ...« Aha! Er möchte mich gern wiedersehn, aber er verliert nicht den Kopf ... Die Adresse tippen ...! Wo? Wie? Bin ich ein Tippfräulein? Verfüge ich über eine Maschine? Nun gut, er soll die Farbe meiner Tinte kennenlernen. Wenn ein Unglück geschieht, um so besser. Das wird ihm nichts schaden.« Am nächsten Tage, beim Frühstück, bittet Regine Maguy, ihr am nächsten Sonnabend für einen Augenblick ihren Salon zu leihen. »Ich kann ihn ja doch wohl nicht in meinem Zimmer empfangen, vor diesem Waschtisch, diesem Bett ...« »Abgemacht. Das Haus gehört dir, Liebste. Versprich mir nur, nicht zu hart zu sein.« Am festgesetzten Tage findet Regine, in der Rue de Vaugirard, einen wunderbaren Rosenstrauß, den Maguy gekauft hat, um den Schauplatz des Stelldicheins zu schmücken; dazu auf dem Tisch, fertig angerichtet, ein Brett mit Likören und Teegebäck. Man errät Maguys Kummer über die Trennung dieser beiden Menschen, und ihren zarten Wunsch, diese allzu freie Verbindung wieder zu kitten. »Sie ist entzückend, aber verrückt«, sagt Regine und läßt das Servierbrett in der Küche verschwinden. Ein Klingeln. Sie geht öffnen. Die Enden einer breiten roten Schärpe schlagen auf ihrem schwarzen Kleid wie Fittiche. Da, im Türrahmen – Fred. – Ist es die Erschütterung über dieses Wiedersehn oder der monatelang zehrende Kummer, was dieses Antlitz zerstört, tiefe Schatten um die Augenlider gebracht und alle Züge so aufgewühlt hat, daß sie in dem verwüsteten Oval unangebracht, verirrt wirken? Regine möchte, daß ihre Begrüßung glatt wäre und fest, sich wie ein Damm vor Freds Rührung erhöbe. Sobald sie aber im Salon sind, meint sie besorgt, gegen ihren Willen: »Du siehst müde aus, mein Freund.« »Ich leide.« Und schon fängt er zu weinen an und bedeckt die Hände unserer Freundin mit Küssen. »Ich bitte dich, Frédéric ...« Sie hat sich zu ihm gebeugt, leise bewegt davon, einen Mann zu ihren Füßen zu sehen, in Tränen, die Lippen auf ihren Händen, wie in einem schlechten Film. Verwundert denkt sie: »Sollte er mich wirklich geliebt haben?« Doch nichts regt sich in ihr, nichts ersteht beim Rhythmus dieses Schluchzens. In Gedanken erwägt sie, daß alles zu Ende ist, daß nun nichts, was von Fred käme, je noch die Macht haben würde, sie zu rühren; daß auch der Trieb zu trösten, der in jeder Frau so stark ist, sie nun nie mehr drängen würde, diesen Schmerz, diese Zerrüttung zu lindern. Die Enttäuschung hat die Quellen ihres jungen Mitleids zum Versiegen gebracht. Und dann, wie Sophie sagt, deren gesunder Menschenverstand gelegentlich gelungenen Ausdruck findet: »Ah was – Mannsbilder! Sind keine Träne wert ...« »Nun, nun, mein Freund ...« Er hebt ein Gesicht zu ihr auf, das vom Weinen ganz verschwollen ist. »Ich beschwöre dich, Regine, verlaß mich nicht.« »Armer Freund, das alles hat keinen Sinn.« Freds Verzweiflung ist gewiß echt. Aber wußte er denn von Frauen, daß er diese Eine so falsch angefaßt hat? Regine zwingt eine rückblickende Bitterkeit nieder, die in breiter Woge in ihr steigt und steigt, in Brust und Kehle brandet. »Ich wußte nicht, wie sehr ich dich liebte. Ich habe es erst später begriffen.« »Sieh doch, Frédéric, die Liebe ist ein gebrechliches Ding. Du hast damit gespielt wie ein verzogenes, achtloses Kind, das sich weigert, ein schönes Spielzeug zu schonen. – Das schöne Spielzeug ist zerbrochen. Dieses Gleichnis bleibt gültig.« Er sieht mit verzweifelten, gierigen, empörten Augen diese Frau an, die sich selbst ein schönes Spielzeug nennt und die nun für ihn nur noch ein unerreichbares Bild sein soll. Übrigens versteht er noch immer nicht. Weiß er denn nicht, daß sie von einem Meister die elende Rolle hingenommen hätte, die er ihr zugewiesen hätte? Unterliegen die Frauen nicht immer dem Zauber der Gewalt? Er aber hatte ihr alle Einschränkungen eines heimlichen Abenteuers auferlegt, allen Zwang, alle Opfer, als ein säuerlicher, kränkelnder Despot. Er hatte sie verletzt, vergrämt. Er ahnte nicht, daß es die Feigheit ist, was eine Frau einem Manne am wenigsten verzeiht. »Verlaß mich nicht, Regine. Wenn du wüßtest, wie ich allein bin ...« Sie gibt scharf zurück: »Was willst du, mein Lieber, du bist allein, aber du bist nicht frei.« Das faßt alles zusammen. »Du bist hart ...« »Nein, mein Freund, nicht ich bin hart, der Zufall ist es, das Leben. Alles, was du willst. Aber nicht ich. Wäre ich hart gewesen, anspruchsvoll, im rechten Augenblick, dann hättest du mich nicht so erniedrigt, verletzt, gedemütigt. Man kann es einem Manne verzeihen, daß er einen hintergeht, schlägt, belügt. Aber man verzeiht es ihm nicht, daß er ängstlich ist. Lerne das für ein anderes Mal.« »Ich liebte dich.« »Ja, vielleicht, – aber warum hast du mir es nie bewiesen? Immer hast du dich so selbstsüchtig und übellaunig gezeigt, als wäre dir nichts an mir gelegen ... Ob ich dich wirklich geliebt habe? Wozu diese Kindereien? Das ist doch eine Frage, die sich gemeinhin die Frauen vorbehalten ... Du bist allein? Und ich? Unglückseligerweise hat die Erfahrung gezeigt, daß mit den beiden Einsamkeiten nichts Gutes anzufangen ist.« Das Glück der andern Laure, Regine und Maguy waren bei Christiane zum Abendessen. Im Laufe des vergangenen Jahres war ihnen ein solches Fest öfters beschert. Warum aber stellt es sich gerade heute, nach fünfzehn Monaten, so allein, so vereinzelt dar im Ablauf der Tage, mit dem ganzen Gewicht eines Sinnbilds, der Erinnerung an jenen Winterabend, wo Maguy Christiane ihr Eßzimmer nicht verzeihen wollte, ihre Suppenterrine, ihre kleine Schürze? An jenem Abend, an dem Laure das Gefühl hatte, ihr Herz sei weiter, hallender als ein Osterhimmel, den Glockenklang erfüllt. Nein, Maguy hat nicht gelächelt, ihr kleines mitleidiges Lächeln, als sie in das Eßzimmer eintrat. Von dem gedeckten Tisch ging der Eindruck von Behagen und Geborgensein aus. Die Deckenlampe übergoß das Tischtuch mit ruhigem Licht, mit einer ehrsamen, bürgerlichen Helligkeit. Christiane war sehr hübsch, das kleine Schürzchen nahm ihr nichts von ihrer Anmut, und ehe sie sich hinsetzte, küßte sie ihren Mann auf die Stirn; der lächelte. Es war rührend, wie ein Bild von Chardin; und konnten wir vergessen, daß das Schauspiel uns seinerzeit einmal ein wenig lächerlich geschienen hatte? Regine wartete, bis das Mädchen mit der Suppenterrine hinausgegangen war. Dann meinte sie: »Kinder, es tut schon gut, einen Tisch zu haben, an den man sich setzen kann; ungeachtet des Lüsters, den ich dir vorwerfe, Christiane. Auch eine Suppenterrine tut gut, hat sogar etwas Vornehmes. Die gesunde französische Überlieferung – es gibt nichts Besseres!« »Du verbürgerlichst dich, Regine«, wirft Maguy hin. »Meine Liebe, seien wir doch aufrichtig! Nach den achtzehn Monaten, die ich nun von einem Servierbrett oder einem Koffer speise, beginne ich die Sache etwas satt zu haben.« »Das ist wahr,« meint Christiane gleichmütig, »das mag nicht gar zu lustig sein, alles in allem.« Maguy hob ihr kleines kampflustiges Profil. Insgeheim machte sie Regine einen Vorwurf daraus, daß sie das gemeinsame Gefühl ausgedrückt hatte. Zum Beweis ihrer Mißbilligung schwieg sie. Laures Suppe schmeckte nach Tränen. Nicht nur der Tisch, die Suppenterrine waren es, die sie so rührten, nein, auch der Kuß, den Christiane ihrem Mann gegeben hatte, das Schauspiel dieses Friedens, dieses Gleichgewichts, griff sie an, sie, die von Angst gepeinigt war und zusehen mußte, wie vor ihrer armen, verkrampften Sehnsucht die Schönheit der Welt in Stücke ging. War es möglich? So war der Bau dieser Liebe nicht ewig, aufgetürmt zugleich und luftig, endgültig wie der Aufschwung einer Kathedrale, in dem letzte Frucht menschlichen Geistes und menschlicher Mühsal sich vereinen? Sie hatte die ganze Kraft ihrer weiblichen Eingebung darangesetzt und endlose Geduld. »Das Meisterwerk meines Lebens«, dachte sie oft. Und diese Liebe also, so erfüllt von Kraft und innerstem Einklang, daß ihr alle Schönheiten der Welt Untertan schienen, diese Liebe also riß sich von ihr los, löste sich in nichts wie eine fliehende Traumgestalt? Sie schlug die Augen wieder auf, die sie kurz geschlossen hatte, und bemerkte, wie Christiane etwas unwillig zu ihrem Mann sprach. »Wie kann sie nur?« dachte Laure. »Wie kann sie sich erzürnen, ungeduldig, launisch sein? Weiß sie denn nicht, welches seltene Wunderwerk sie in ihren unvorsichtigen Fingern hält? Ach ja! Sie hat wohl keine Angst, ihn zu verlieren, sie nicht.« Als Laure und ihre Freundinnen endlich aufbrachen, wurden sie bis auf den Treppenabsatz begleitet. »Kommt bald wieder«, sagte Christiane, über das Geländer gebeugt, und winkte lustig mit der Hand. Lucien lehnte neben ihr. Als sie zum letzten Male aufblickten, sahen Laure, Regine und Maguy diese beiden Köpfe nebeneinander. Das Echo eines letzten Grußes erreichte sie noch, dann das Geräusch der Türe, die sich hinter den beiden da oben, hinter ihrer Zweisamkeit schloß. Maguy versuchte einen burschikosen Ton, wenn sich ihr auch das Herz zusammenzog: »Wollt ihr wissen, was mein Eindruck ist? Lucien ist Christiane gegenüber auf dem Punkt, wo Überdruß und Gleichgültigkeit sich melden. Habt ihr seine verzogenen Kindereien, sein läppisches Trotzen nicht bemerkt? Wäre Christiane seine Geliebte, anstatt seine Frau, dann finge Lucien jetzt an, sich von ihr freizumachen.« »Meine Liebe,« sagte Regine mit einigem Nachdruck, »damit hast du der freien Liebe das Urteil gesprochen, nicht mehr und nicht weniger. Was Lucien betrifft, bin ich durchaus deiner Meinung. Aber gerade, weil Christiane seine Frau ist, gibt es zwischen ihnen Bande des Vertrauens, die Gewohnheit von Liebkosungen, die bestehen bleiben werden.« Maguy preßte gereizt die Lippen aufeinander, und Laure, die schweigend dahinging, insgeheim verletzt von Regines Worten, fühlte sich erfüllt von Reue, Auflehnung und Liebe. So war es schon fünfzehn Monate her, daß sie eines Abends glücklich hier vorbeigekommen war. Dieser Einklang der alten Mauern, des nächtlichen Himmels, den die Lichter von Paris gedämpft überschimmerten; der winterlichen Bäume, denen das Spiel der Schatten und des Mondes die harte Feinheit der Korallen lieh –: nichts davon hatte damals an das glückselige Ebenmaß ihrer Seele hingereicht. »Und nun soll ich fühlen, wie diese große Stärke, die in mir war, schwindet; soll wieder ein schwaches Wesen werden, überdies noch gepeinigt, im Fleisch wie mit Zangen zerrissen, von der grausigen Angst, ihn für immer verloren zu haben.« Der Gedanke an ihr zerstörtes Glück drückte sie nieder. Sie blieb stehen: »Hört«, sagte sie zu Regine und Maguy. »Geht ohne mich weiter. Ich komme nach, bin bald zu Hause.« Doch Regine beugte sich schon über unsere Freundin, mit der schwesterlichen Würde, mit der Überredungskraft, die sie an ihre Freundschaften wandte und denen sie ihren großen Einfluß auf uns verdankte, sprach sie auf Laure ein: »Laure, sieh mich an! Wohin willst du gehen, Liebste? Was willst du tun? Dummheiten machen?« Ihre zärtlichen, strahlenden schwarzen Augen, diese Augen, die zugleich gerührt sein, lachen und betteln konnten, ihre Augen suchten Laures Blick, der ihnen ausweichen wollte. Regine sprach weiter, und in ihrer Stimme klangen Mitleid, Vorwurf und eine Bitte mit: »Ich will wissen, was du denkst, Liebste.« »Laß mich«, flehte Laure. »Ich bin am Ende. Wenn du wüßtest... Ich will sehen gehn... Zu seiner Wohnung... Ob Licht ist...« »Und was weiter, Liebste?« sagte Regine traurig und schüttelte den Kopf. »Was wirst du tun, wenn ›Licht ist‹? Nein, diese Verrücktheit erlaube ich dir nicht; ich erlaube dir nicht, daß du dir weh tust, dich endlos marterst, armselige Anlässe suchst, um deine Liebe auf die Folter zu spannen. Du wirst nicht sehen gehen, ›ob Licht ist‹.« »Regine, hör mich an: ich habe das Gefühl, als könnte ich dabei etwas Ruhe finden...« »Gewiß keine Ruhe,« sagte die junge Frau fest, »sondern nur bitteres Leiden. Ist er nicht da, dann wirst du dich fragen: ›wo ist er, ohne mich ? Warum ist er nicht gekommen? Warum...?‹ Und ist Licht hinter den Vorhängen seiner Fenster, dann wird dir das Herz noch mehr bluten. Komm, Liebste.« Regine schob ihren Arm unter den Laures, drückte sie eng an sich, und Maguy hob ihr kleines Gesicht zu Laure auf und küßte sie auf die Wange. »Ah!« sagte Laure verzweifelt, »heute Abend ist mir zumute, als könnte ich sie beide töten.« Regine antwortete nichts. Sie beschleunigte ihren Schritt und schleppte ihre Freundin in den Hafen der Rue de Vaugirard. Dort würde sie sie dann in die Arme nehmen, diesen schweren Kummer an ihrer Brust wiegen, Worte der Hoffnung sagen, die rechten Worte. Regine sagte immer die rechten Worte. Laure nahm sie vorweg, und in ihrem ganzen Wesen von Zweifeln zerfressen, genoß sie im voraus ihre schöne, unfruchtbare Süße. Die Zeit zur Liebe Im Salon der Rue de Vaugirard weint Maguy, die Wange gegen ein seidenes Kissen gedrückt. Ihr kleiner Körper, in ein schwarzseidenes, golddurchwirktes Morgenkleid gehüllt, ihre glatten, nie zerrauften Haare geben ihr ein ganz japanisches Aussehen. Die Tränen können ihrem reinen Teint nichts anhaben, sie laufen über ihre Wangen ab wie ein Regenschauer über Blütenblätter. Mag sie zerbrochen sein von Müdigkeit oder zutiefst niedergeworfen in die Abgründe des Kummers, der Krankheit vielleicht –: Maguy ist niemals unreinlich, niemals verwüstet, niemals lächerlich. Ein Problem. Die Glocke von Saint-Sulpice schlägt ein Viertel nach acht. Der Glockenschlag hat für Maguy so oft das Ende einer nutzlosen Wartezeit angegeben, daß sie ihn nun nicht hören kann, ohne im Innersten trübe gestimmt zu werden. Der heiße Julitag verglüht zu Asche über den Akazien des Hofs, und der Diwan im Zimmer versinkt schon in Schatten. Maguy wünscht sich noch mehr Schatten. Er hat gesagt, daß er kommen wolle. Und er wird nicht kommen. Maguy drückt ihr verzweifeltes Gesichtchen in die Kissen. Das Schrillen der Türglocke dringt wie eine zitternde Nadel ins Herz der stillen Wohnung und hält in verschiedenen Abstufungen an. »Ah, es ist nur Regine«, sagt Maguy, die einen Augenblick lang an einen anderen Besuch geglaubt hat. »Grüß dich, Kleines. Oh!« ruft die junge Frau sofort aus, während sie Maguys nasse Wangen küßt. »Geht es denn gar nicht, Liebste?« Im Salon schaltet Maguy den Stecker ein. Im Herzen der Dämmerung erschließt sich, wie ein Blütenkelch aus gedämpftem Licht, die Porzellanlampe mit ihrem runden Seidenschirmchen. »Hast du gegessen?« fragt Regine und wirft ihren kleinen Filzhut dem heiligen Fortunatus über den aufreizend melancholischen Kopf. »Nicht? Ich auch nicht, aber ich bringe ein Nachtmahl mit. Törtchen von Lamoureux. Ich kam durch die Rue Saint-Sulpice und konnte nicht widerstehen. Wo ist Laure?« »Nachtdienst in der Redaktion: bis zwei Uhr nachts wird sie an blödsinnigen Telegrammen herumfingern. Schöner Beruf! Reine hat Gilberte, die Lust auf Bier hatte, zum Balzar begleitet. Ich, ich wartete...« Maguys Mund zittert, ihre Augen glänzen von verhaltenen Tränen, ihre Stimme schwankt. »...Kann mich nicht dran gewöhnen...« »Armes Mädel!« »Den ganzen Tag für ihn arbeiten, mir den Kopf einrennen und die Nerven zerreiben an den ewigen Geldfragen – das tue ich nur deswegen so hemmungslos, weil ich ihn liebe, ihn, und weil ich will, daß dieses Haus seine Freude, sein Stolz sein soll. Ich gebe ihm mein Bestes, meine armen Kräfte, meine Entschlossenheit, mein Urteil. Das ist nicht tausend Franken im Monat wert, nicht zweitausend, nicht fünftausend – einfach ein wenig Glück, ein wenig Dankbarkeit, ein wenig Freundlichkeit.« Maguy drückt sich ihr Taschentuch, eine feuchte Kugel, auf die Augen. »Er liebt dich auch«, sagt Regine schwach. »Ich weiß nicht. Ich denke mir, daß er kein Verlangen mehr hat, mich anders zu sehen, nachdem er mich den ganzen langen Tag über Zahlen gebeugt gesehen hat. Und dann, eine Zeit – Verpflichtungen in der Familie... in der Gesellschaft... Seine Frau. Ah! Seine Frau! Er war von ihr getrennt, sie lebten ›jedes für sich‹. Aber er kann sie nicht allein ausgehen, allein empfangen lassen. Und ich, ganz zerschlagen, ich komme hierher zurück und weine vor Müdigkeit und Enttäuschung.« »Aber schließlich und endlich, Gott im Himmel, hat er dich doch gebeten, ihm zu gehören. Ein Ehrenmann hätte das doch wohl nicht so leichthin getan, ohne dich zu lieben.« »Manchmal glaube ich, daß er mich nur genommen hat, damit es gar keine Schranken mehr zwischen uns gäbe, verstehst du? Er kann mich quälen und anfahren nach Herzenslust, kann schreien, alles auf die Erde werfen. Mit einem Kuß auf die Stirn behält er recht über meine Empfindlichkeit.« Ein Schweigen. »Ich bin soweit gekommen, daß ich wünsche, er möchte mich schlecht behandeln,« fährt Maguy fort, »nur danach ist er lieb zu mir. Und dann beweist es mir auch sein Vertrauen und unsere Nähe.« Immer darauf bedacht, keinen andern mit ihrer Qual zu überlasten, fragt sie Regine: »Und du, Liebste? Wie steht es mit dir?« »Mein Kleines, ich bin ratlos, besorgt. Deferny will mich heiraten.« Maguys kleines Gesicht, so rührend unter Tränen, weil sie den eigenwilligen Zügen etwas Besiegtes, Kindliches, Erbarmenswertes geben, das Gesichtchen zeigt plötzlich tiefen Ernst: »Wie keck!« entrüstet sie sich. »Du wirst doch nicht annehmen!« Deferny könnte nicht schlimmer beurteilt werden, wenn er Mädchenhändler wäre. Regine erklärt: »Ich habe keine Lust, anzunehmen. Und zugleich frage ich mich, ob diese Weigerung nicht die größte Dummheit in meinem Leben wäre, das ihrer schon einige zählt.« Maguy gibt heftig zurück: »Die größte Dummheit wäre es, dich zu verheiraten.« Regine überlegt. Deferny hat Madame Clère als Vermittlerin gewählt, um seinen Antrag vorzubringen. Doch hat sich Regine nicht seit Wochen umgeben gefühlt von diesem Manneswillen, umringt von dieser bescheidenen, treuen, ein wenig traurigen Werbung? Manchmal, in verträumter Stimmung, hat sie eine Neigung in sich gefühlt, zu dieser Zukunft. Im Augenblick aber, wo die Träumerei Gestalt gewinnt, erschrickt sie davor, fühlt sich versucht, zu fliehen, alles abzuschütteln, so wie neulich, als Deferny, auf seinem Balkon, sie leicht gestreift und sie sich mit erschrecktem Widerwillen gesagt hat: »Wäre es möglich, daß er eines Tages das Recht haben sollte, mich anzurühren, mich zu nehmen? Nein, nein, niemals!« »Im Augenblick«, meint sie, »geht die Arbeit gut, und ich bin hoffnungsfroh... Des Abends, bei geschlossener Tür, ein halbes Pfund Kirschen auf dem Nachttisch, um beim Lesen naschen zu können – da denke ich daran, daß ich am nächsten Tage, nach Belieben, werde aufstehen oder schlafen können, arbeiten oder ausruhen, kommen und gehen... Das ist gut: Freiheit, Freiheit, Liebste!... In solchen Augenblicken möchte ich diesen göttlichen Frieden nicht gegen das kostbarste Gut eintauschen. Nur...« »Nur?« fragt Maguy, nicht ohne Strenge. »Nur fühle ich, daß dies alles nur seine Zeit haben wird. Daß ein Tag kommen wird, wo mich mein Grauen vor der Ungewißheit wieder packen, und das Bewußtsein, ganz auf meine Arbeit und auf meine Gesundheit gestellt zu sein, mich mit Angst erfüllen wird. Der Tag wird es sein, an dem ich keine Arbeit finde, an dem alle meine Anstrengungen fehlschlagen werden, der mich für drei Monate an den Bescheid eines Verlegers hängen wird und an dem ich, um essen zu können, die letzten Reste meines lächerlichen Erbteils werde versilbern müssen: glücklich dabei, noch soviel zu haben und nicht als Verkäuferin in den Galeries Lafayette enden zu müssen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, meine kleine Maguy, daß ich an dem Tage eine Vernunftehe eingehe.« »Nun,« sagt Maguy mit unerwarteter Heiterkeit, »er wird viel Phantasie notwendig haben, der Herr, der dich heiraten wird!« Dann, in verändertem Ton: »Liebste, das alles sind nur Kinderkrankheiten. Ich hatte sechs Jahre zu arbeiten, bevor ich es zu etwas gebracht habe.« Doch Regine überlegt, daß sie von Maguy recht verschieden ist. Sie hält an der Unabhängigkeit aus Selbstsucht fest, aus Angst vor einem zweiten ehelichen Erlebnis, aus Abwehr gegen die Knechtschaft, die die erste Ehe ihr gebracht hatte. Nicht aus idealer Überzeugung, wie ihre Freundin. Und überdies kennt sie sich gut genug, um zu wissen, daß sie an dem Tage, an dem die Einsamkeit sich zu schwer für ihre Schultern erweisen würde, den ganzen Pack von Utopien abwerfen würde. »Meine kleine Maguy, wenn ich Deferny liebte, dann hätte ich dich sicher nicht um die Erlaubnis gefragt, ihn zu heiraten. Aber ich liebe ihn nicht. Oder vielmehr ich habe ihn sehr lieb, ich liebe ihn mit Umstandswort, wie Laure sagt. Und dann ist da noch die Frage des Bettes. Du, die Frau der schwierigen Situationen, was rätst du mir?« »Du mußt Zeit gewinnen. Du mußt für ein oder zwei Monate wegfahren. Hast du Geld? Wenn nicht, leihe ich dir welches.« Die runde Lampe erhellt mit unbeweglichem Licht Maguys müdes Gesicht, hebt das schmächtige Oval aus dem Schatten und unterstreicht die dunklen Ringe um die Augen. Wie sie da in ihrem nachtfarbenen Kleid zwischen den Kissen hingestreckt liegt –: wie zart, wehrlos wirkt sie, und welche wilde Energie steckt doch in dem kleinen Wesen! Regine aber, langgliedrig, fest und geschmeidig wie ein junges Raubtier – ist sie nicht geschaffen zum Kampf? Doch Zweifel überschatten ihr helles Gesicht. »Du fährst weg«, bestimmt Maguy. »Diese Reise ist eine Flucht.« »Ganz recht. Gewöhnlich sind es die Männer, die ausreißen. Vertauschen wir einmal die Rollen.« Zwischen blauem Wasser und blauem Himmel Regine ist wirklich am Ufer des Genfer Sees, um ›Zeit zu gewinnen‹. Maguy hat sie mit schwesterlicher Autorität hingeschickt. »Das wird dich nicht hindern, zu arbeiten. Ich nehme an, daß das Orchester der Pariser Straßen nicht durchaus unentbehrlich ist?« An der Grenze gelegen, ist das Dorf halb französisch, halb schweizerisch. Die sympathische Unordnung Savoyens ist bis in diesen Winkel von Wallis zu spüren und schmückt mit eigenem Zauber, zärtlich zugleich und wild, bröckelige, bemooste Mauern und sonnenüberstaubte Obstgärten, wo die kleinen Mädchen ihre Reigen tanzen. Wo sonst als in savoyischem Land gibt es diese grauen Häuser, so gesittet neben dem schönen Überschwang des Grünens, wo die Weinlaube über der Schwelle? Wo diese engen Fenster, eben breit genug für zwei engvereinte Köpfe und mit dem grellen Farbfleck der Kapuzinerkresse, die in einem alten Kochtopf blüht? Die blonden Maiskolben trocknen an dem Balkon von nacktem Eisen. Dort umschließt ein enger Bogen aus grauem Stein den Ausschnitt eines bläulichen Bergkammes, der mit dem Himmel verschwimmt. Ein Bach springt über die Felsen, und man hört Wasserfälle lärmen. Das Gebirge ist ganz nahe, jenseits dieser grünen Halde, wo sich der Schatten der alten Kastanien zermalmt. Der Berge wegen wird sich das Dorf, das auf der andern Seite von vierfachem Stahlband der Eisenbahn eingeengt ist, nicht vergrößern können. Gott sei Dank, es wird so bleiben, grau und sonnig, mit dem Brausen der Wasser, der üppigen Pracht der Kletterrosen, des Phlox und des Lorbeers. Könnte es doch seine schlichte Kirche bewahren, die leise zerbröckelt; das Weihrauchbecken, das von zehn Generationen frommer Hände poliert ist; die abgetretenen Stufen zum Hochaltar, die man auf Knien hinauf rutschen könnte, so breit und niedrig sind sie. Hinter dem mächtigen Portal aus glattem Holz, geadelt durch einen römischen Bogen und, mit deutscher Inschrift in schwarzen Lettern versehen, ist die Apotheke das Bereich von zwei hinterhältigen, süßlichen Klosterschwestern mit schwarzen Schleiern. An den Wänden des dunklen, kühlen Raumes, wo sie Blütentee abwiegen und mit Bedacht Originalpackungen herstellen, sehen blaugemusterte Fayencetöpfe mit lateinischen Aufschriften, die einen Kunsthändler zum Träumen bringen könnten. Aus Sparsamkeit wie aus persönlicher Vorliebe ist Regine in den Gasthof gezogen. Trotz seiner »bevorzugten Lage« und der Terrasse am See hat ihr das Hotel doch zu sehr den Eindruck einer Menagerie gemacht. Die Table d'hôte steht für sie in einer Reihe mit den Massentransportmitteln: »die barbarischste Erfindung der Zivilisation.« Übrigens sieht man den See hier von jedem Punkte aus und bis zu dem bergigen Horizont, den die weißen Häuser von Montreux und Vevey säumen, spiegelt er, bebend, seidig, den Abglanz des stillen Himmels wider. Am Morgen geht die junge Frau spazieren. Die »Große Straße« ist nur im Vergleich zu den andern groß. Von der Brücke, die die Grenze bildet, führt sie in gerader Linie zur Post und von da zum französischen Bahnhof. Längs der Großen Straße kann man durch die Fenster einer Werkstatt sehen, wie ein Tischler singend, unter einem Wirbel von Holzspänen, letzte Hand an einen Sarg legt. Der Besitzer des »Bazar Parisien« gegenüber verbindet die Gleichmut des Savoyarden mit der geschickten Liebenswürdigkeit des französischen Schweizers. Sein ganzer Laden trägt dieses doppelte Kennzeichen. Er ist schweizerisch nach dem, was man darin verkauft – Milchschokoladen und Granitwürfel, die mit eingeprägten Edelweiß geschmückt sind. Savoyisch nach der lieblichen Unordnung, die darinnen herrscht; typisch pariserisch dagegen nicht, außer etwa, weil er als einziger die Amtsblätter bekommt und die Romane zu 1 Fr. 20 für die Regentage. Nach dem Frühstück geht Regine in die Bäckerei und kauft dort eine ländliche Zwischenmahlzeit ein: es ist eine richtige Bäckerei mit knusperigen Brötchen auf Holzgestellen, mit Stapeln von dicken Mehlsäcken bis auf die Mitte des Ladens hin, der nach warmem Brot riecht, und mit seiner Butterstolle, die von den Bergen »herunter« kommt. Regine läßt sich ein Achtel Kilo davon auswägen und verpackt es zusammen mit einem goldbraunen Brötchen in ihrer Handtasche aus gesticktem Raffia. Sie steigt die steilen Gäßchen des Dorfes hinan, wendet sich nach links, der Schweiz zu und geht in greller Sonne einen kiesigen Hang entlang, auf dem Ziegen unter der Hut bloßfüßiger Hirten herumtollen. Ein Brunnen plätschert singend in einen Holztrog, der auf bemoosten Steinen ruht. Die letzten Wohnhäuser drängen sich zwischen einen blonden Misthaufen, einen Garten, der mit roten Äpfeln überladen ist wie kaum eine Eberesche mit Beeren. Dann kommen nur noch die stillen Wiesen, mit Heuschobern bestanden; sie senken sich von den Bergen zur Straße und von da zum See. Regine sucht Abkürzungen, stürmt die Hänge hinunter. Sie überquert die Klee- und Lupinenfelder und setzt sich unter die Nußbäume über dem See. Eine frische Kühle steigt aus dem Unterholz, das die Gipfel der hundertjährigen Kastanien vor den Sonnenstrahlen schützen. Der Boden, feucht, schlüpfrig, zäh, von rostbraunem Farnkraut überdeckt, atmet den schwermütigen Geruch welker Blätter und nasser Erde. Am Fuße des Abhangs taucht zwischen zwei Baumgruppen ein Ausschnitt des Sees auf, wie ein Teppich, dessen Blau der tanzende Widerschein der Blätter zu stumpfem Türkisgrün vertieft. »Lassen wir uns nicht zerstreuen«, beschließt Regine nach kurzem Schauen. Die Blätter des russischen Manuskripts auf den Knien, die Füllfeder in der Hand, streicht sie, schreibt Verbesserungen. Bei Ablieferung der Arbeit im Oktober soll sie zweitausend Franken bekommen: genug, um zwei Monate davon leben zu können, und dann wird es von neuem losgehen. Einer Fledermaus gleich, die abends hartnäckig eine Wiese umfliegt, kreist der Gedanke an Deferny unablässig in Regines Kopf. Die Zeilen des Manuskripts verschwimmen ihr vor den Augen, die Sätze, plötzlich ohne Sinn, entfliehen ihr, wollen davon wie die Perlen einer zerrissenen Schnur, und die große Limousine, lackglänzend, weich wie ein Diwan, entführt sie in einen Traum selbstsüchtigen Wohlbehagens, in einen Traum von erfüllten Wünschen und befriedigten Launen. Weiß, in ihrer blütenumrankten Pergola und den blonden Mimosen, bebend in der Sonne, ragt die Villa von Beauvallon zwischen der starren Feierlichkeit ihrer Palmen. »Oh! warum habe ich das kennengelernt,« klagt Regine, »all das, was jetzt in meiner Reichweite ist. Ein Wink nur, ein Wort ... ich brauche nur ein Wort zu sagen.« Die Unentschlossenheit peinigt sie. Sie blickt über den See hinüber nach den weißen Häusern des Schweizer Ufers. Aber sie sieht nur einen Hain voll schwarzer Stämme, die sich vor dem blassen Hintergrund des Mittelländischen Meeres krümmen und unter den Kronen der Bäume, an denen sich der Wind rauschend bricht, Deferny, der starr und stumm dasteht und sie anblickt. »Jawohl, von dem Tage an hätte ich auf der Hut sein müssen. Ich fühlte, ich fühlte es ... und bin nicht abgereist. Alles ist mein Fehler.« Sie überschüttet sich mit Selbstvorwürfen. »Ah, ich bin nicht viel wert, ich bin schwach, bin feige.« Und plötzlich gefällt sie sich in dieser Schwäche, gibt sich ihr einen Augenblick lang hemmungslos hin. »Das Leben ist zu hart. Wie schön es wäre, sich ein wenig gehen zu lassen, nicht immer kämpfen zu müssen.« Um die Dämmerung kehrt sie ins Dorf zurück. Der Duft des Heus erfüllt den Abend. Unterwegs begegnet sie Bauernmädchen, die sorgsam ihre gefüllten Milcheimer tragen. Nach dem Abendessen schlägt Regine die französische Straße ein, die nach Meillerie führt. Eines Nachmittags ist sie bis in das kleine Dorf gegangen, dessen dichtgedeckte Ziegeldächer sich in wucherndem Laubwerk bergen. Schwarze Barken mit gerefften Segeln schwankten im lichten Blau an der Anlegestelle. Der Wind war günstig und eine Barke breitete ihr Großsegel und glitt leise zum Fischfang hinaus. Regine sieht zu, wie die Häuser und Hotels am Schweizer Ufer sich eines um das andere erhellen. Sie geht auf der dunklen Straße dahin und fragt sich: »Ist es ein Stern, ist es ein Licht?« Regine erhält nur wenig Post. Aber wie überstürzt ihre Abreise auch war, wie stark ihr Bedürfnis nach Ruhe – sie hat doch ihren »Zufluchtsort« vor Madame Clère nicht verheimlichen können. Sie ist abgereist, ohne sie nochmals zu sehen, hat nur ein paar Worte auf eine Karte geworfen: »Verzeihen Sie mir, ich kann mich nicht entschließen. Ich fühle mich verwirrt, versucht und vor allem erschreckt. Ich verreise, das wird mir Klarheit schaffen. Lassen Sie mich ein wenig mit mir allein. In diesem Augenblick komme ich mir vor wie ein fast gezähmtes Tier, dessen ursprüngliche Wildheit plötzlich wieder geweckt wurde: der Ruf der Wildnis!« Madame Clère, sehr weise, hat nichts geantwortet. Übrigens ist sie viel zu feinfühlend, um auch nur im geringsten Regines Entschluß zu beeinflussen und etwa leichten Herzens die Verantwortung für eine Ehe auf sich zu nehmen. Und die Karte, die Regine heute in Händen hält, ist frei von jeder Anspielung auf die Angelegenheit. »Meine liebe Kleine, nun bin ich also für einige Tage in Montreux. Überqueren Sie doch den See und nehmen Sie, wenn es Ihnen paßt, bei mir in der Schweiz Donnerstag den Tee. Ich werde zu dem Schiff drei Uhr fünfunddreißig am Landungssteg sein.« Der Tag ist sehr grau, zwingt Regine im Zimmer zu bleiben und bringt sie zum Nachdenken. Am Morgen ist sie im trüben Lichte erwacht. Der See, perlfarben, erinnert an die Nebelteiche, die sich gegen Abend auf Wiesen bilden. Eine schwarze Kohlenbarke mit flachem Boden, die Segel eng gerollt, glitt langsam zu unbestimmtem Ziel hinaus, vielleicht den weißen Häusern des Schweizer Ufers zu, die sich im Grau verloren haben. Und ein Nebelfetzen, vom Gebirge niederhängend, wie eine Schärpe von einer Schulter, enthüllt einen Kamm, den der erste Schnee überstäubt hat. Regines erste Regung – die Erregung eines wilden Tieres – war die, abzulehnen, plötzliche Abreise vorzuschützen. Dann wirft sie, wie sie es so gerne tut, den ersten Entschluß um und beschließt hinzugehen. »Ich muß aus dem allen heraus. So oder so. Sie wird mir sagen, wie ich zu denken habe. Sie wird mir vielleicht auch sagen, was ich zu tun habe.« Regine fühlt sich verloren, die Barke schaukelt langsam auf der glatten Wasserfläche. Auch sie weiß nicht mehr, wohin es geht. Ein Mann wie alle andern Das weiße Schiff schwebt im Licht zwischen zwei blauen Schalen. An die Reling gelehnt blickt Regine langgliedrig, geschmeidig, von Flammen gekrönt zur französischen Küste hinüber, die nun besser zu übersehen ist. Vom üppigen Grün umkränzt, unter die Dent du Midi hingezeichnet wie die gespannte Sehne eines Bogens, liegt der See und trägt an der Flanke wie eine leichte Wunde die sandige Rhonemündung. Territet weiß und rosig im Schmuck der Weiden, deren zarter Schatten auf dem Wasser tanzt; dann Montreux, ein Opfer seiner Baukünste, das aber glückselig aus dem Grün seine von Kandelabern umstandenen Terrassen breitet; diese Kandelaber sind es, die des Abends Sternnester am Berghang vortäuschen. Das Schiff gleitet langsamer, legt an. Regine denkt an die Landungsstege der französischen Küste, die übermoost sind, grau, vernachlässigt. Dieser hier ist so sauber, daß man sich entmutigt fühlt. Er scheint ein Blumenbeet, eine Rabatte, ein Garten. Geranium rahmt ihn ein, so rot, so sauber, so regelmäßig: man könnte meinen, die Blumen wären aus Leinen oder Samt; und ist der Kai nicht mit Marmorseife gewaschen? und das Wasser des Bachs chemisch gereinigt ? Man träumt von einer Spinnwebe. Schon ehe das Schiff richtig festgemacht ist, hat Regine Madame Clère erkannt, deren Erscheinung ein wenig schwerfällig wirkt und dabei doch so entzückend anmutig und lebhaft. Die junge Frau lächelt, hebt die Hand. Im Augenblick darauf überschreitet sie den Landungssteg. »Da ist sie ja, die kleine Wilde.« »Mein Gott«, sagt Regine kleinlaut und doch strahlend glücklich, weil sie mit einem jähen Schlag von Daseinsfreude erfüllt ist. »Mein Gott, wie habe ich wegfahren können, ohne Sie wiederzusehen?« »Wir werden uns gleich aussprechen«, setzt Madame Clère hinzu, mit einem leisen, listigen Lächeln. »Wollen wir ein wenig gehen?« Das Gespräch dreht sich zunächst um harmlose Dinge. »Ich sollte in die Bretagne fahren, dann haben mich Freunde gebeten, hierherzukommen. Ich liebe den Genfer See, darum habe ich zugesagt.« Sie sagt nichts davon, daß die Anwesenheit Regines am andern Ufer vielleicht recht viel zu ihrem Entschluß beigetragen hat. Julies ruheloser Schatten ist um Clarens nicht mehr zu spüren, und die sonnige Straße, aller Geheimnisse bar, zieht sich zwischen zwei Reihen von Villen hin, Ausgeburten zügelloser Architektenphantasie. Die Gärten buschig, blühend, schweigend, umhüllen das wenig vorbedachte Menschenwerk mit Eintagsfrieden. Ein Windhauch vom See her läßt einen Ast schaukeln, bewegt einen Zweig, blaue Wasser glänzen auf. »Ich komme mir ein wenig vor wie in meinem Haus in Saint-Raphael.« »Der Genfer See ist das Mittelländische Meer im kleinen, nur daß er stumm ist«, widerspricht Regine im Gedanken an das tiefe Murmeln der Brandung an den Felsen von Saint-Tropez. Auf der Terrasse einer Konditorei am See fragt Madame Clère bei einem Pistazien-Sorbet: »Nun sagen Sie mir doch, Kleine, warum sind Sie denn eigentlich so ausgerissen?« »Ich habe Angst gehabt,« gesteht Regine, »eine wilde, unbezwingliche Angst.« »Aber wovor denn, du lieber Gott?« »Ja zu sagen und es nachher zu bereuen und mehr noch, mehr noch, Angst vor allem, was das Wort Ehe an Unabänderlichem einschließt. Wäre Deferny als Liebhaber aufgetreten, dann hätte ich, glaube ich, mehr Kaltblütigkeit bewahrt.« Vor Madame Clères Augen, vor diesen beweglichen, nachdenklichen Augen ersteht wohl, hinter Regines strahlendem Antlitz, das Bild von Defernys schwerem, müdem Gesicht und der Angst in seinem Blick, als sie ihm gesagt hatte: »Die Kleine verlangt Bedenkzeit. Sie ist vernünftig, seien Sie es auch ... und warten Sie.« Aber sie ist entschlossen, kein Wort zu sagen, das den Entschluß der jungen Frau beeinflussen könnte. Sie wünscht von Herzen, daß Deferny sein Glück finde. Doch niemals auf Kosten Regines. Sie fühlt, wie schlecht Regine im Leben gefahren ist mit der armseligen Unabhängigkeit, die so viel Lasten mit sich bringt und doch keinerlei Gewähr oder Sicherheit bietet. »Das wird zwei, drei Jahre so gehen können«, denkt sie. »Und schließlich wird sie in dem unmenschlichen Kampf ihre Schönheit, ihre junge Kraft einbüßen. Ein Leben braucht andere Grundlagen als Verlagsarbeiten dieser Art. Dennoch – sie deshalb in Defernys Arme führen ...« »Sie sind zu jung, zu schön, um nicht auf die Liebe hoffen zu müssen«, fährt sie laut fort. »Oh,« sagt Regine, »wenn Frauen unserer Zeit einen Mann lieben, dann ist er nie frei.« Madame Clère lächelt – ein Lächeln, in dem sich Mitleid und Belustigung mengen. »Und Sie mit Ihrer Lebenserfahrung, Ihrer Weisheit – was raten Sie mir, was denken Sie?« »Ich werde mich hüten, Ihnen einen Rat zu geben, und was ich denke ... Ich denke, daß man Ihnen Deferny nicht durch die Wunderbrille zeigen darf. Er ist nur ein Mann, ein Mann wie die andern mit seinen Schwächen, seiner Selbstsucht, seinen Launen. Er ist fünfundfünfzig Jahre alt und liebt Sie: zwei Gründe für ihn, sich ungeschickt zu zeigen. Nur in den Romanen sieht man reife Männer vor jungen Frauen die Rolle des Herkules zu Füßen der Omphale spielen. Es ist falsch zu sagen, daß ihr Herz weniger hart, ihr Verständnis weiterreichend, ihr Feingefühl gesteigert ist. Falsch, falsch sage ich Ihnen. All das ist nur verknöchert vom Leben, ausgedörrt von der Erfahrung. Nichts ist unserem Gefühlsleben verschlossener als das Herz des Mannes – des Mannes von fünfzig Jahren so gut wie des Fünfundzwanzigjährigen. Alles andere ist Literatur. Deferny ist nicht alt genug, um selbstlose Väterlichkeit vorgeben zu können. Er wird am unrechten Punkt eifersüchtig sein, zu Unrecht auch mißtrauisch. Endlich wird es auch Tage geben, wo dies Herz, das Ihnen ganz gehört, sich unter dem Druck einer unfruchtbaren Eitelkeit Ihnen ganz verschließen und sich gegen Sie so gut wie gegen sich selbst wehren wird. Dieser Mann, der heute in tödlicher Spannung Ihre Entscheidung erwartet, wird seine Liebe, seine Schwäche unter Gleichgültigkeit oder Spott verbergen, und es wird den Anschein erwecken, als widerrufe er sein Wort.« »Schöne Aussichten«, meint Regine verwirrt. »Aber Sie werden nie zu vergessen haben, daß hinter allem eine unendliche, unwandelbare Zuneigung liegt, daß dieser Mann für Sie wahrhaft den Halt, den Gefährten, den sichern Hafen bedeuten wird. Und schließlich: wenn Sie ihn heiraten, machen Sie ihm niemals Kummer.« »Sie sind wunderbar. So vernünftig und dabei so menschlich!« Sie sieht verträumt auf den See hinaus, auf dem Sonnenflecken tanzen. Möwen treiben auf den Wellenkämmen wie Papierfetzen. Sie seufzt: »Wie schwer es ist zu leben, was tun, um glücklich zu sein?« Der Abschied Eines Morgens, als Laure ihren Artikel in der Zeitung suchte, hat sie am Fuße einer Spalte eine neue weibliche Unterschrift bemerkt. Ihr Herz ist so müde, so bekümmert, so voll einer anderen Sorge, daß sie den Artikel zunächst nicht weiter beachtet hat. Nach einigen Augenblicken erst hat sie ihn nochmals überflogen, vom Titel, vom Gegenstand angezogen. Das Thema ist ihr vertraut, sie hat es selbst behandelt, kein Zweifel darüber. Seit einer Woche ist ihr Artikel gesetzt, und so oft sie deswegen Duvar, den Redaktionssekretär, fragte, hat er sie verblüfft angesehen und sich hinter Ausflüchten verschanzt: »Ich kann nichts dazu. Der Chef will ihn nicht ...« Laure fühlt, wie sie erbleicht. Das Herz voll Aufruhr, stürzt sie in die Redaktion. Ihr Freund Duvar ist nicht da, aber Bernard liest eben Korrektur. Sie geht auf ihn zu: »Kennen Sie das?« Mit dem Finger auf dem Blatt weist sie auf den Frauennamen, den neuen Namen. Er sieht auf, bemerkt das verzerrte Gesicht, die Augen, die dunkler werden, wie das Meer im Gewitter. Er legt die Füllfeder hin. »Kleine Frau, ich habe Sie zehnmal, hundertmal gewarnt, das ist der alte Trick, man setzt Ihnen jemand vor die Nase, trachten Sie, den Hieb zu parieren.« »Aber ... wie denn?« stammelt Laure. Sie setzt sich, überwältigt von der Erregung, Bernard faßt ihre Hände: »Lassen Sie sich nicht unterkriegen, Sie zwingen es vielleicht. Sie wissen nicht, was der Journalismus ist. Es gehört mehr Geschicklichkeit dazu, immer wieder zu gefallen, als Sie gezeigt haben. Es ist ja nicht das Talent, was Ihnen fehlt, aber in unserem Handwerk nützt das Talent wenig, wenn nicht noch etwas anderes dabei ist. Man hat Ihnen, um Sie zu Fall zu bringen, unmögliche Themen gestellt. Dem mußten sie lächelnd ausweichen, statt dessen haben Sie sie mürrisch angenommen, haben sie nicht fertiggebracht, und man hat sie insgeheim, des Interesses halber, an eine andere weitergegeben.« »Ich war krank«, murmelt Laure zerknirscht. »Ich brachte nichts mehr fertig. Aber warum hat man mir nichts gesagt? Warum hat man mir keine Antwort gegeben, als ich nachfragte?« »Kleine Frau, liebe Freundin, merken Sie sich eines für später: in den Redaktionen wird nie etwas gesagt, man hat keine großen Reden nötig, um Sie zu verderben. Es gab keine laute Entrüstung über Ihre Artikel. Als aber Verdier, der Sie wirklich gern hat, einmal sagte: ›Nicht übel, der Artikel der kleinen Frau ...‹, da zogen die andern lange Gesichter: ›hm ...‹ Mit ein paarmal ›hm‹ am rechten Ort kann man dem besten Journalisten den Kragen brechen.« Laure, niedergeschmettert, versucht nachzudenken. Welche Anzeichen für diese ungünstige Entscheidung hat es gegeben? Die systematische Unterdrückung ihrer Artikel, gewiß; doch die hatte sie, in Unkenntnis der journalistischen Bräuche, anderen Ursachen zugeschrieben: der bekannten ›Überfülle von Material‹ oder einer gebieterischen ›letzten Nachricht‹. So merkwürdig ahnungslos hatte sie sich gezeigt? Mitunter hatte ihr in letzter Zeit der Generalsekretär mit der zerstreuten Nachlässigkeit, wie sie in den Redaktionen üblich ist, im Vorübergehen gesagt: »Sie haben da gestern einen recht schlechten Artikel geliefert ...« Und statt unterwürfig zuzugeben: »Ja, wirklich miserabel! Ich weiß nicht, was mir eingefallen ist ...«, hatte sie sich zur Wehr gesetzt und einmal sogar zurückgegeben – und dabei für geistreich gehalten, was doch nur frech war: »Wer noch nie einen schlechten Artikel geschrieben hat, der werfe den ersten Stein auf mich!« Vor nicht allzu langer Zeit hatte ihr Verdier gesagt: »Passen Sie auf, Kleine, Sie spinnen ein schlechtes Garn!« Verdier verteidigte sie immer, aus Freundschaft, konnte es aber doch nicht verhindern, daß mehr als einen Monat Laures Artikel systematisch beiseite geschoben wurden. Aber all das andere? Alles, was ihr gelungen war zur Zufriedenheit des Chefs – das zählte nicht mehr? Am Abend des gleichen Tages setzt sie sich vor ihren Schreibtisch mit dem festen Entschluß, einen guten Artikel zu schreiben, und sich wieder in Gnade zu setzen. »Recht kurz, nicht mehr als hundert Zeilen,« hat ihr Duvar gesagt, »die Anzeigen nehmen heute abend den ganzen Platz.« Laure faßt sich also kurz. Doch ihr guter Wille ist nicht imstande, günstigen Einfluß auf ihre Nerven zu gewinnen, die überspannt sind von der Angst und dem Aufruhr in ihrem Herzen. Mit ziehendem Schmerz im Nacken, mit zitternden Fingern beginnt sie zu schreiben: »Die Arbeit der Familienmütter stellt eine der grausamsten Anomalien unserer Zeit dar ...« Über ihre weißen Blätter gebeugt, schreiben ihre Kollegen hastig, die Klingel des Telephons schrillt, das ›hallo‹ gehetzter Redakteurs gibt ungeduldig Antwort. Eine Tür fällt zu. Der Chef des Nachrichtendienstes taucht auf: »Vorwärts in Teufels Namen!« Und wie der Redaktionssekretär auf dem Wege zu den Korrektoren im Fluge vorbeieilt, wehen die Blätter von den Tischen herunter zu Boden. »Die Arbeit der Familienmütter ... Anomalie unserer Zeit. Ach ja, es ist nicht die einzige! Wie dumm!« sagt sie sich angeekelt. »Was für ein Handwerk!« Sie drängt Tränen zurück, beugt den Kopf tiefer über den Tisch, sie fühlt, daß sie bald, im nächsten Augenblick in Schluchzen ausbrechen wird, und das, nein, das will sie nicht vor ihren Kollegen: Didier, der bei der Zusammenstellung seiner Spesen trällert, und Bernard, der recht nett zu ihr, aber immer in Eile ist. Geblendet von brennenden Tränen liest sie nochmals: »... eine der grausamsten Anomalien ...« Sie murmelt mit zitternden Lippen: »Ich bring' es nicht fertig!« Ihr Gegenüber sagt, ohne den Kopf zu heben, ein emsig schreibender Redakteur: »Schimpfen Sie nicht! Sie schimpfen immer, meine Liebe. Wenn Sie erst wie ich zehn Jahre Zeitungsdienst auf dem Buckel haben, dann werden Sie wohl etwas ruhiger geworden sein.« Laure zuckt unmerklich die Schultern, am Rand ihrer Kräfte: »Ich hoffe nur, daß ich in zehn Jahren nicht ebenso abgestumpft sein werde wie Sie jetzt.« »Sie sind sehr hart, meine Liebe. Zum Trost will ich meine Spesenrechnung nochmals durchsehen.« Hierin hat Didier nicht seinesgleichen. Er fährt nie anders als Untergrund, zweiter, aber er versteht es, imaginäre Autobuslinien in seine Rechnungen einzuschmuggeln und freut sich diebisch, wenn er in einem Monat dreißig Franken herausgeschunden hat. »Sie lachen, meine Liebe? Aus kleinen Bächen werden große Ströme.« Gestützt auf dieses Sprichwort borgte er vom Fünfzehnten an von den Kameraden einmal ums andere zehn Franken, manchmal weniger. Er zahlte in Raten zurück. Das ermöglichte es ihm, Unordnung in die Rechnung zu bringen: »Hör' mal, du, dir bin ich zehn Franken schuldig, hier hast du einmal vier, und dir dort bin ich fünf schuldig; da hast du drei. Ihnen, meine Dame, schulde ich nichts.« Seine Freude ist ungemessen, wenn es ihm gelungen ist, einen Kameraden um zwei Franken zu betrügen. Verdier stürzt zur Tür herein, fragt zerstreut: »Fertig?« Laure wirft ihm ihren harten, unruhigen Blick zu. Aber er ist schon bei Didier, der in seinem Stuhl wippt und laut seinen Artikel überliest. »Hör' einmal, Jorlot hat beim Verlassen des Senats einen Schlaganfall gehabt. Saus' hin und trachte Einzelheiten zu bekommen. Wenn er vor Mitternacht abschnappt, gibt es eine schöne Notiz fürs Titelblatt.« Didier springt von seinem Stuhl auf, reißt vom Kleiderständer Hut und Staubmantel. »Taxi?« ruft er von der Türe her. »Selbstverständlich, Idiot!« Man hört Didier noch schreien: »Fein!« Er nimmt sicher wieder die Untergrund, sagt sich Laure gedankenlos. »Kleine Frau,« sagt Verdier, »man telephoniert mir eben, daß Sie in einer halben Stunde oben erwartet werden.« ›Oben‹, das ist die Höhle des Direktoriums, die Werkstatt des Hinauswurfs. Laure fragt leise: »Es soll also heute abend sein ?« Aber Verdier verschwindet verwirrt, von Bernard gefolgt. Laure ist allein. Sie hebt den Kopf und begegnet in dem großen Wandspiegel ihr gegenüber dem eigenen verstörten Gesicht mit den jammervollen Augen. »Das ist das letzte!« sagt sie sich. »Alles kommt zusammen.« Die Flügeltür wird aufgestoßen, Jeannin tritt ein und kommt auf sie zu, ohne den Blick von ihr zu lassen. Und in diesem Blick liest Laure nur Freude und Zärtlichkeit. Er faßt ihre Hände, führt sie an die Lippen und hält sie ehrfürchtig fest. Laure senkt den Kopf nicht. Sie fühlt, daß sie den überraschten Blick ihres Freundes aushalten, sich ihm hingeben kann, und läßt die Maske fallen, die sie vor den andern trägt. Während er sich über sie neigt, schüttelt sie ein jähes Schluchzen; wie eine Pflanze im Wind beugt sie sich stöhnend. Es ist fast ein Rascheln. Sofort will sie sich aufreißen: »Verzeihen Sie.« »Ein Verzeihen! wie lächerlich.« Er hätte sie in die Arme nehmen, sie an die Brust drücken, sie forttragen wollen, sie, so fiebrig, aufgelöst, mit Küssen bedecken. »Großer Gott, ich hätte so sehr gewünscht, daß das Leben Ihnen nicht wehe täte!« »Wissen Sie es, gleich jetzt wird man mir kündigen, ich werde stellungslos sein.« »Warum wollen Sie mir etwas vormachen?« sagt er leise. »Ich weiß sehr gut, daß das nichts zu sagen hat im Vergleich zu ... anderm.« Sie senkt die Lider, um ihre Überraschung zu verbergen. Hatte Jeannin ihre Liebe erraten? Hatte er darunter gelitten? Er war ihr immer der treue, selbstlose, brüderliche Freund geblieben. Ein Bruder, der seine Schwester innig liebt: der Mann, dem man in den entscheidenden Augenblicken begegnet. Er war nur in dem Maße vorhanden, in dem er nützlich sein, helfen, raten konnte. Fraglos hatte er zu Anfang diese Frau insgeheim begehrt, doch war von diesem überwundenen Begehren nichts als Zärtlichkeit übriggeblieben. Laure überdachte bedrückt, daß ihr sein Herz voll Liebe ganz gehörte, während ein anderes sich ihr entzog, ein anderes, nach dem sie vergebens die Arme reckte, nach dem ihr eigenes Herz, ihr junges Fleisch verlangte. Jeannin dachte wohl das gleiche. Er neigte sich ihr zu: »Das Leben ist weiß Gott nicht leicht, liebe Freundin ...!« Hinter der Tür entstand Getöse, eine Schar von Redakteuren drängte lärmend herein. »Oh, Verzeihung!« sagte einer von ihnen und machte Miene, sich diskret zurückzuziehen. Im ganzen Hause glaubte jedermann an eine zarte Beziehung zwischen Jeannin und Laure. »Ich bitte Sie!« sagte sie unwillig. »Keine Affereien!« Verdier erschien und gab Laure ein Zeichen: »Sie werden erwartet, gehen Sie schnell!« Mit wankenden Knien klomm sie die Treppe bis zum Zimmer des Direktors hinan. Zwei Herren erwarteten sie. Mit undurchdringlichen Gesichtern, müßigen Händen, die mit der Löschwippe spielten. »Ja also, liebes Fräulein ... Sie sind scheinbar nicht zufrieden hier im Hause...« Der andere fiel als Echo ein: »Scheinbar, ja ...« »Hm ... ja, und wir, wir sind auch nicht sonderlich zufrieden. Unser Direktor hat von Ihnen Artikel verlangt, die Sie nicht geliefert haben ...« In Laures Kopf klingt Bernards Ausspruch auf, und sie erwidert mit Bestimmtheit: »Es waren unmögliche Themen.« Die beiden sonst so verschiedenen Gesichter zeigten denselben Ausdruck gewollter Gleichgültigkeit. Das eine mit Bart und Glatze, das Gesicht eines ängstlichen Tartüff, und das andere jung, glattrasiert, erstarrt in hinterhältiger Verschlagenheit. Laure hörte ihre Stimmen, als kämen sie durch weites Wasser bis zu ihr. »Es wäre vielleicht in unsrem wie in Ihrem Interesse besser ... kurz und gut: unser Direktor bedauert, auf Ihre weitere Mitarbeit verzichten zu müssen. Ein Monatsgehalt wird Ihnen als Entschädigung ausgezahlt werden. Sechshundert Franken.« Laure rührt sich nicht, fühlt sich wie festgenagelt in dem tiefen Klubsessel, der seine fünfhundert Franken gekostet haben mochte. Die eine der beiden Stimmen fährt fort: »Wenn Sie uns von Zeit zu Zeit einen Artikel schicken wollen, so wird er selbstverständlich mit dem größten Wohlwollen geprüft werden.« Es war vorbei. Sie erhoben sich, auch Laure erhob sich. »Ich danke sehr«, brachte sie mühsam heraus. Sie verbeugten sich, sie sah sie vor sich. Sie sah ihre Gestalten, ihre schwarzen Anzüge. Doch hatte sie kein Gefühl von ihrer Gegenwart, vielmehr den Eindruck, daß sie sich verflüchtigt, in Dunst aufgelöst hätten. »Sechshundert Franken«, wiederholte sie sich, während sie die Stiegen hinunterging. »Damit kann ich abwarten.« Laures Schmerz In diesem Herbst voll Gold und Nebel geht Laure des Morgens oft ins Luxembourg, wo Bäume und Blumen ihren bunten Tod sterben. Der Himmel ist hoch und bleich von verschleiertem Blau, wie man es in den Bergen sieht, und ein strahlenloses Licht, goldig fließend wie Honig, überfließt die großen Kastanienbäume, die mit ihren schwarzen Stämmen und den lodernden Ästen halb verbrannten Fackeln gleichen. Laure geht an dem entblätterten Rosenbeet vorbei, wo unter dem unbeweglichen Aufschwung der bronzenen Läuferfiguren die letzte Rose verblüht. In den gelichteten Alleen jagen ihre Schritte die Blätter auf, die am Sterben sind. Zu dieser Stunde ist der Park noch nicht überlaufen. Laure wird die Ecke für sich allein haben, wo die weißen römischen Kamillen und die gelben Astern blühen, wo der Wind mit einem Wasserfaden über einem bemoosten Becken spielt, wo eine Taube, grau und rosa, zum Trinken sich an den Steinrand klammert, der zusammen mit der klassischen Strenge der alten Bauten so romantische Melancholie weckt. Laure bleibt einen Augenblick stehen und läßt den Blick über die Symphonie von Farben wandern, in der Trauer und Glanz zusammenklingen; dann geht sie weiter, ohne bestimmtes Ziel: mit müden, unsichern Schritten steigt sie die Steinstufen zur Terrasse hinan. Vor der Kuppel des Pantheons tanzt ein bronzener Faun in einer Allee, die wie ein löchriges Kirchenschiff wirkt. Laure setzt sich an die Brüstung unter die rostfarbenen Granatbäume, die purpurn blühten, als sie noch glücklich war. Unter ihren Augen flecken Blätter den Rasen. Blätter treiben auf dem dunklen Wasser des Medicäerbrunnens, der von Efeubüscheln umkränzt ist; Blätter auf den verlassenen Bänken, in der Luft, wo sie umherschwirren wie Motten, die ein Licht berückt. Laure sieht das große Becken, in dem eine niederfallende Wassergarbe verlaufende Kreise weckt. Weiter weg, hinter den grünen Kugeln der Orangenbäume in Kübeln und den entlaubten Büschen, die nachdenklichen Gestalten der steinernen Königinnen, unberührt inmitten des strahlenden Niedergangs. Noch weiter weg das Dickicht in schwarz und rot, dessen Zweige voll welker Blätter zarter gegen den Himmel stehen als Goldregen im Frühling. Wie grau die alten Steine des Palastes sind unter diesem zärtlichen Himmel, in diesem schwimmenden Licht in der glückseligen Unordnung der verblühenden Beete zu ihren Füßen. Waren jemals vor diesem Jahr des Schmerzes die Blumen so farbenprächtig und so von Sehnsucht getränkt? Der wandernde Strahl eines Springbrunnens besprüht von jeder Ecke des großen Beetes her in die Runde die großen roten und gelben Dahlien, die erbleichenden Skabiosen und den flammenden Salbei, ›der jeden Zauber bricht‹. »Oh,« denkt Laure, »welche Blüte könnte den Zauber brechen, der auf mir liegt.« Sie weint. Den Kopf zurückgeworfen auf die Lehne des unbequemen Eisenstuhls, schließt sie eifersüchtig die Augen vor der Schönheit der Dinge, vor ihrer Süße, die sie peinigt. Sie gießt ihr Herz aus wie ein Gefäß des Schmerzes. Sie spricht zu ihrer Liebe: »Liebster, mein Freund, mein Meister, ist es wahr, daß du nicht wiederkommen wirst, daß du für immer gegangen bist, daß du mich aus deinem Leben gestrichen hast ? Ist es wahr, daß du dein Leben wieder aufnehmen kannst ohne Unruhe, ohne Reue, in gleichem Rhythmus wie einst, als ich noch nicht da war? Ist das möglich? Oh, ich möchte nicht klagen. Nicht aus Stolz, sondern aus Liebe, aus feiger und so zärtlicher Liebe. Ich war stolz, früher einmal, bevor du in mein Leben gekommen warst. Ich war sehr geschlossen in meinem Selbstbewußtsein, jetzt aber bist du alles, was ich auf Erden schätze. Ich brauche dich wie die Luft, wie das Wasser. Ich sterbe daran, daß ich dich nicht mehr sehen, dir die Hände entgegenstrecken, meine Stirn an deine Schulter lehnen kann. Lieber, mein Liebster, bist du es, der mich so fest in den Armen gehalten hat, als hättest du Angst gehabt, daß ich dir wegliefe; bist du es, der mich geliebt, bedient, der mich die Liebe gelehrt hat? Damals fürchtetest du soviel für mich: daß mir kalt sei, daß ich müde wäre, daß ich aufhören könnte, dich zu lieben. Jetzt liebe ich, und du läßt mich sterben. Liebster, hör' mich, es gibt nichts, an dem ich nicht leide. Nichts mehr, kein Kleid, den Himmel nicht und nicht die Musik, was mir nicht Tränen und Asche ins Herz trüge. Dieses Kleid, weil du es geliebt hast, und jenes andere, weil du es nicht geliebt hast, und dieser Himmel, weil er so blau ist, und ein anderer, weil er grau ist, und das Lied, das du so oft gedankenlos geträllert hast, weil es so gut ins Ohr ging und das ich nun auf der Straße nicht mehr hören kann, ohne daß mir das Herz blutet. Nichts gibt es mehr, kein schönes Ding, keinen schönen Gedanken, keine schöne Landschaft, keinen der flüchtigen Reize, die mein armseliges Leben zu bieten hätte, was mir nicht verleidet wäre, weil ich es nicht in deinen Augen, in deinem Lächeln, in deiner Stimme widergespiegelt finde. Kein Stein in den Straßen, die wir nebeneinander durchwandert haben, der nicht sein Gesicht hätte, seine Stimme, nicht das herzzerreißende Abbild wäre der Tage, die nicht mehr sind. Ich schlafe fast nicht mehr, oder ich schlafe wie die Kranken einen durchsichtigen, ungewissen Schlaf, und ich erwache, um mein Leiden wiederzufinden, dieses Leiden, das ich liebe, weil es etwas von dir hat und von dem ich nicht genesen möchte. Ich träume mich zu dir, sehr oft, fast alle Nächte, und fast immer im gleichen Traum. Du bist da, stehst neben mir, so lieb mit deinem Gesicht aus schönen Tagen, deinen lächelnden Augen, deinem liebkosenden Mund. Du beugst dich über mich, küßt meinen Hals, lang und zärtlich. Ich sage mir, ist es denn wahr, daß er zurückgekehrt ist, daß er wieder da ist, daß ich seine Liebe neu gefunden habe? Ich habe es erfahren, daß die Freude überwältigen kann so gut wie der Schmerz. Ich gebe dir mein Gesicht hin, mein unterwürfiges Herz. Kein größerer Jammer als das Erwachen. Allein in der schwarzen Nacht, allein in diesem Leben, das dein Weggang zur Wüste gemacht hat, zu einem Grab. Allein recke ich bis zum bitteren Morgen die Hände nach dem Traum, der mich flieht: dem flüchtigen, leichten Traum deiner Arme um meine Schultern, deiner Lippen auf meiner Wange. Und doch hast du mich geliebt, geliebt und dann vergessen. Nein, könnte ich glauben, daß du mich vergessen hast, dann wollte ich auch versuchen, die Qual dieser Erinnerung zu unterdrücken. Aber du hast mich nicht vergessen, ich sehe dich nicht mit gleichgültiger, feindseliger Miene vor mir. Ich kann es nicht, du hast nicht die Zeit gehabt, meiner Liebe müde zu werden. Und sie hat dich mit Rührung, Glück und Stolz erfüllt. Auch deine Liebe hast du nicht erschöpft. Du hast mich begehrt, gewollt. Hast mich gesucht, warst immer auf meinen Wegen. Und du bist aufrichtig, ehrlich. Ach! was ist die Ehrlichkeit eines Männerherzens! Du hast mir gesagt: ›Ich werde dein Freund bleiben!‹ Nun muß ich diese lächerliche Freundschaft suchen hinter deinem Schweigen, hinter deinem Fernsein. Niemand ist mir weniger Freund als du, ummauert von einem Willen zu vergessen und Gleichgültigkeit; und der zerstreuteste Zufallskamerad nimmt eifriger Anteil an mir, als du es merken läßt. Als du die letzten Male kamst, da glaubte ich, einen Leichnam vor mir zu haben. Einen Leichnam, den ich berührte und weinend küßte. Und dieser Mund, der mir einstmals so willig entgegendrängte, diese heftigen, zärtlichen Hände, die liebkosten – das alles war eisig. Ich stieß mir Kopf und Herz wund daran wie an dem bleiernen Deckel eines Sarges. War das ein Freund? In jenen Augenblicken dachte ich in meiner Verzweiflung, in meiner Ohnmacht, ›nein, lieber nichts, nichts als diesen Leichnam an meiner Seite, nach allem, was gewesen ist und was glühend wie in den ersten Tagen in mir weiterlebte. Nein, lieber die Trennung, und sollte sie auch dem Tod ähneln.‹ Aber Liebster, es ist nicht wahr, die Trennung, das Vergessen, der Tod deiner Liebe; du bist mein Freund. Könntest du nicht mehr mein Freund sein, mein Gefährte, mein Meister, mein liebes Gedenken? Ich will dein Gesicht wiedersehen, und sollte ich mir davon das Herz zerreißen.« Maguys Niederlage Dieser Winter hat auch Maguy ihre Niederlage gebracht. Wir sahen, wie sie verging, ganz auf letzten Ausdruck gebracht war. Und die lebendigste herzzerreißendste Erinnerung, die wir später einmal an sie behalten werden, wird die an ihr armes Gesichtchen sein – tränenüberströmt, nie verschwollen, nie verhäßlicht, doch zerwühlt von Schmerz – wenn sie mit uns in der Pâtisserie zusammentraf und sich dort unter Francias tröstenden Blicken von schwarzem Kaffee und Zigaretten nährte. Wie konnte sie ›durchhalten‹ – ein Geheimnis! –, ohne während ganzer Tage einen Bissen zu essen? Wohl einfach aus Überdruß, aus Ekel, dem Schwindel trotzend, tat sie ihre Arbeit, ohne nachzulassen. Eines Abends aber, als sie um acht Uhr von ihrer Arbeit heimkehrte, da brach sie in Laures und Reines Armen zusammen, am Ende ihres Mutes und guten Willens, fast erstickt von Schmerz. Schluchzen erschütterte ihre arme Brust, wir saßen auf dem Diwan des Salons, auf dem wir sie in Eile hingestreckt hatten, um sie herum, sorgten für sie, küßten sie. »Liebe, liebe kleine Maguy, wir sind da, sprich doch...« Es schien, als würde sie niemals die Stimme erheben, uns Erklärungen geben können. Nach und nach beruhigte sie sich und erzählte, das Gesicht gegen ein Kissen gelehnt, wo es wie das Profil auf einer Münze wirkte: »Er will, daß ich weggehe. Er sagt, es kann nicht so weitergehen. Er will nicht länger unter diesen Bedingungen arbeiten. Es ist ihm verhaßt, mich weinen zu sehen. Wenn ich meine Tränen über meiner Arbeit hinunterschlucke, dann wirft er mir vor, daß ich ›bocke‹. Ich! bocken! Ich kann doch nicht etwa lachen und Cancan tanzen! Mir ist das Herz zerbrochen. Aber das will er nicht sehen, er liebt mich nicht mehr. Für ihn war es eine Laune, oder vielleicht hatte er Angst, daß ich weggehen könnte. Das ist alles. Und ich habe doch nicht viel von ihm verlangt: weder daß er sich scheiden lassen noch daß er mich ausführen oder mit mir reisen sollte. Nein, nichts weiter als die Erlaubnis, ihn zu lieben, für ihn zu arbeiten; und dazu sollte er mir noch ein wenig Glück geben und mich von Zeit zu Zeit anderswo als im Bureau treffen, hier. Aber auch das war noch zu viel. Er hat genug davon, er kann meine Ansprüche nicht länger ertragen – er nennt das Ansprüche! Und allen denen seiner Frau gibt er nach ... Jetzt also hat er mich in eine andere Abteilung versetzt, in eine andere Abteilung mich, mich, die ich doch meine ganze Kraft an dieses Zusammenarbeiten gesetzt habe! Ich habe ihm geholfen, ihn vertreten, habe meinen Stolz und meine Lebensfreude in dieser Aufgabe gesehen! Nun nimmt er sie mir, reißt sie mir weg, wird sie sonst jemand anvertrauen. Er wird jemand an meinen Platz setzen können, das wird er können!« Sie beginnt wieder zu weinen. Laure fragt behutsam: »Wohin will er dich tun?« »Ich weiß nicht, ich habe ihn nicht ausreden lassen. Ich will es nicht annehmen. Lieber geh' ich ganz weg. Versteht ihr? Es ist so herzzerreißend, so demütigend.« »Du darfst dich nicht weigern, Liebe,« sagt Reine, »du darfst deine Stellung nicht verlieren.« Maguy lehnt sich auf. »Meine Stellung! Was bedeutet die? Könnt ihr euch vorstellen, daß ich von nun an als Untergebene fern von ihm in diesem Hause leben könnte, in dem ich beinahe Herrin war?« Wieder das würgende Schluchzen. Mit ihrem mageren Hals, dem gebrechlichen Körper, dessen Knochen man durch die leichten Kleider fühlt, erinnert sie an einen von Sturm und Regen verschlagenen, von Hunger erschöpften Vogel, der nie wieder die Kraft finden wird, die Flügel zu breiten. Zu allem Unglück nähert sich der Augenblick, in dem die Wohnung geräumt werden muß. Ein Brief von Dakar kündigt uns für das Frühjahr die Rückkehr unserer Vermieter an. Wir werden nichts Gleichwertiges finden und entweder im Hotel landen müssen wie Regine oder wieder bei der Familie Unterschlupf suchen, von wo uns die Notwendigkeit, unser Leben zu verdienen, weggeführt hat. Eines Tages, als wir diese Frage erörterten, sagte Regine: »Es wäre möglich, daß mein Zimmer in einiger Zeit frei würde. Eine von euch könnte es immerhin nehmen. Es ist nicht der Traum, aber doch noch besser als die Brücken.« Maguy hat lebhaft zurückgefragt: »Hast du eine Wohnung in Aussicht, Regine?« Regine hat recht geheimnisvoll und nicht ohne Bitterkeit geantwortet: »Vielleicht ja.« Und wir haben zu verstehen geglaubt, aber wir haben nichts gesagt. Raymondes Triumph Und nun Raymondes Triumph. Sie hat ein Jahr gebraucht, um den Sohn zu erobern. Keine von uns anderen hat soviel Zeit gebraucht, um den geliebten Mann zu erringen. Doch, was war auch der Preis für diesen schnellen Sieg! Während der letzten Monate war Raymonde immer gleichgeblieben: wunderbar in ihrer Kaltblütigkeit und ruhigen Berechnung. Sauber, gepflegt, mit ihrem schmächtigen und sorgfältig geschmückten Körper, ihrem zugleich unruhigen und kühlen Gesicht und den glänzenden Wellen ihres rostroten Haars erinnert sie mehr als je an eine Zauberpuppe, und diese Puppe hat in den toten Wassern ihres Blicks die Geschicke des Hauses Vorland versenkt. Der Vater, der an einem Sohn ohne Scham genug hat, verträgt es schlecht, daß dieser ihm noch widerspricht: »Eine arme Frau hat dir nichts als ihre Liebe zu geben .. .« Der Vater hat den Sohn aufs trockene gesetzt, ganz und gar. »Raymondes Triumph wird nicht vollständig sein«, sagt Gilberte. »Hat sie nicht gehofft, die Zügel der großen Sache ganz zu ergreifen?« »Nun wird sie gute paar Jahre zu warten haben. Der Vater Vorland ist aus gutem Holz geschnitten.« Raymonde hat uns mit Würde ihre Vermählung angezeigt. Ihre Liebenswürdigkeit ist etwas förmlich. Sie scheint die Sache ganz natürlich zu finden. Dies so sehr, daß man sich fragt, ob sie überhaupt Freude darüber empfindet. Ihre Bluttemperatur ist wohl nicht um ein Grad gestiegen, und sie scheint Maguys aufrührerische Reden so gut wie ihre eigenen vergessen zu haben. »Wohin werdet ihr gehen?« fragt Gilberte geradezu, die das väterliche Verbannungsurteil kennt. Raymonde antwortet, während sie ihren Braten zerlegt: »Lucien steht in Unterhandlungen mit einer großen Buchhandlung in Alexandrien, dort könnte er eine angenehme Stellung finden.« Lucien! Sie hat Lucien gesagt, als erste der ehelichen Vertraulichkeiten spricht sie den Vornamen mit der ruhigen Sicherheit der Besitzerin aus. Niemand weiß, durch welche langsamen Umgehungskünste, durch welche schlangenhafte Geschmeidigkeit sie den schwachen, begeisterungsfähigen Jungen in die Enge getrieben hat. Wenn sie ihm einmal gehört, wird er dann das Geheimnis dieser verschlossenen Natur ergründen, die so überlegt und ganz vom eisigen Traum des Ehrgeizes erfüllt ist? »In diesem Punkt sind die Männer genau so verrückt wie die Frauen«, sagt Regine. »Sie heften sich mit Leidenschaft an das Wesen, das sie nicht kennen. Raymondes Unergründlichkeit ist die wichtigste Vorbedingung für ihren Erfolg.« Maguy fällt angewidert ihr Urteil: »Die Intrigantin!« »Sie baut sich ihr Leben, sie ist im Recht. Was habt ihr daran auszusetzen?« »Sie hatte es nicht nötig, ihre Verbindung gesetzlich bestätigen zu lassen, um sicher zu sein, daß Lucien Vorland der wahre Gefährte ihres Lebens sei.« »Mein Kleines,« sagt Gilberte, »ich weiß nicht, ob man dem wahren Gefährten sehr häufig begegnet, aber ich weiß, daß nichts der Dauer einer Liebe gefährlicher ist als die sogenannte freie Vereinigung. Edel, ja, das mag sie sein, so gut und mehr vielleicht als die Ehe. Nie aber wird sie die Dauerhaftigkeit der Ehe haben, weil sie nicht, wie diese, die Bildung von Nebendingen erlaubt, und was nun den Gefährten angeht, so leben wir in der Angst, ihn zu verlieren, wenn wir ihn nicht in den Eheketten fest haben; und mag diese Angst selbst ungerechtfertigt sein.« »Kann man denn einen Mann nicht verlieren? Das Leben wimmelt von Beispielen dafür. Wieviel Männer haben ihre Frauen verlassen, ohne mehr Bedenken, als hätte es sich um eine Geliebte gehandelt!« »Zugegeben. Aber es ist doch etwas schwieriger, und das hilft manche Lust unterdrücken.« »Das gemeinsame Leben, der Alltag braucht die stärkste Liebe auf.« Regine mengt sich ein: »Und was nützt es euch, zu zweit zu sein? In der freien Liebe hat man nur das Recht, die angenehmen Anlässe zu teilen. Die Sorgen bleiben abseits. Alle unsere Kümmernisse, alle unsere Enttäuschungen, alle die Gründe zu Entmutigung, verbergen wir sorgfältig vor dem ›Freund‹, um ihm nicht zu mißfallen, denn der Mann verabscheut ja die Trauer, die Klagen, die Scherereien. Und nebenbei gesagt: er hat an seinen eigenen Sorgen genug, so daß wir ihm die unseren gern ersparen. Dann aber ist man eben allein und bleibt allein.« »Moral«, sagt Gilberte. »Die beste Form der Gemeinsamkeit ist die Ehe.« Maguy hört zu, ohne noch ein Wort zu sagen. Der Widerspruch liegt ihr auf den Lippen, blitzt in ihren Augen, aber sie spricht ihn nicht aus. Man fühlt, irgend etwas in ihr ist unheilbar verletzt – das tiefe Vertrauen in das Leben, in die Menschheit, die Dinge ... für immer dahin. Doch hat ein Herz, besonders ein Frauenherz soviel Triebkräfte und geheime Quellen, daß sie vielleicht noch einmal wiedererwachen wird unter dem Einfluß eines tiefen Gefühls, das sie selbst empfunden oder erweckt haben wird. Sie wird das Glück suchen, hartnäckig, und wird es vielleicht finden. Wer weiß es? Die wütende Kuh Es ist keine Fabel, wir konnten tatsächlich einen wütenden Wiederkäuer während langer Monate von Angesicht zu Angesicht betrachten. In diesem Winter haben Regine und Laure mehr durchgemacht, als ihnen zukam. Seit ihrem Weggang von der Zeitung führte Laure ein abscheuliches Dasein: das des Journalisten, der seine Artikel unterzubringen sucht. Es ist keine Rede davon, daß sie etwa wieder eine Stellung finden könnte ähnlich der, die sie verloren hat. Die eine war ein glücklicher Zufall, ein kurzer Lichtblick. Nun aber könnte man sagen, daß das Schicksal es auf unsere Freundin abgesehen hatte, daß es für dieses wunde Herz, für diese unerträgliche Daseinssorge keinen Hoffnungsschimmer geben soll. Sechs Monate und noch länger haben wir zugesehen, wie Laure die Redaktionen ablief, an die sie durch Empfehlungen von Freunden oder liebenswürdigen Kollegen gewiesen wurde. Gewiß, da sie gute Artikel bringt, wird sie nirgends schlecht empfangen, und daß sie gut anzusehen und hinlänglich gut angezogen ist, schadet ihr natürlich auch nicht. In Paris darf man nicht bedürftig aussehen, wenn man Arbeit finden will. Wie sollten die zerstreuten Schriftleiter wohl auf den Gedanken kommen, daß diese so geschmackvoll angezogene junge Frau mit dem eleganten Hut über dem schönen Gesicht, daß sie die grausamsten Sorgen kennt und bisweilen in ihrem gestickten Handtäschchen eben noch Geld genug für ein kleines Abendessen hat? In dreiviertel der Fälle ist man der Meinung, daß sie das Handwerk aus Liebhaberei, als Dilettantin betreibt. Eine so hübsche Frau wird doch nicht ›darauf‹ angewiesen sein, um essen zu können. Eines Tages hat ihr ein Kollege geradeheraus gesagt: »Sagen Sie mir doch unter uns, die Geldfrage kümmert Sie wohl nicht viel? Sie stehen nicht allein?« »Ich bin allein. Ich habe allerdings meine Eltern, die helfen mir, aber nur in sehr bescheidenem Maß, weil der Krieg ihr Vermögen geschmälert hat ...« »Das ist es ja nicht, was ich sagen will. Sie haben doch ›jemand‹. Sie stehen nicht allein ... dem Herzen nach.« »Aber, mein Lieber, das Herz hat doch nichts mit dem Materiellen zu tun!« »Ach, gehen Sie doch!« Ein anderer, der das literarische Beiblatt einer neugegründeten Zeitung redigiert, ein sehr netter Junge, hat ihr gesagt: »Heute gebe ich Ihnen nur fünfundsiebenzig Franken für Ihre Geschichte. Ihnen macht das ja doch nichts aus ...« »Diesen Monat«, überlegt Laure, »rechne ich auf sechs- bis siebenhundert Franken: eine Novelle im Grand Journal , eine im Paris-Matin , macht zweihundert Franken, ein Artikel im Notre Dimanche – noch einmal hundert, Quotidiana will einen Artikel wöchentlich von mir bringen im Frauenblatt. Und dann kommt noch Pallas-Athéné , das neue Blatt, das eine Reihe von vier Artikeln von mir liegen hat.« Aber im Augenblick darauf stimmt die Rechnung nicht mehr: »Nicht genügend Handlung; zuviel reine Psychologie, und im übrigen, machen Sie uns doch etwas anderes.« Man könnte ein Meisterwerk einreichen. Sobald es ›keine Handlung‹ hat, taugt es nicht mehr als Hundefutter. Und die Hundertfrankennoten haben sich in Traumdunst verflüchtigt. Der Artikel für Notre Dimanche ›paßt nicht in den Rahmen‹. Man schickt ihn Laure zurück mit einem Begleitbrief wie an einen Handwerker. Bei Quotidiana ist infolge Überfluß an Stoff dreimal von vier das Gemisch aus Kinderstube und Abendschule unterdrückt worden, das sich ›die Seite der Frau und des Kindes‹ nennt. Pallas-Aténé , eben erst erscheinend, muß bekannte Namen haben, um durchzudringen. Die Prosa der Anfänger hat in der Unordnung der Schubladen eine günstige und sehr ferne Stunde abzuwarten. – Die erhofften siebenhundert Franken schrumpfen auf dreihundert zusammen. Jede neue Enttäuschung stürzt Laure in abgrundtiefe Verzweiflung. Sie ist besessen von den Geldsorgen. Weiße Nächte, schwarze Tage. »Wie kannst du dir Geldfragen so nahgehen lassen?« sagt Maguy, die diese Angelegenheiten durch tiefste Verachtung erledigt. »Natürlich ist es langweilig, wenn man kein Geld hat, aber die Sorge hält doch nicht vor. Es gibt keine, die sich so leicht vergessen ließe.« Laure bestreitet das nicht, gäbe es nur die Geldfrage, so wären ihre Tage nicht so vergiftet. Zu all dem andern aber, zu der Qual ihrer Liebe, ihrer lebendigen, schmerzensreichen, nutzlosen Liebe – zu all dem ist es unerträglich. Wäre sie allein, dann könnte sie's einfach nicht ertragen. An ihre Eltern wagt sie sich nicht zu wenden. Die Nachkriegszeit hat sie so hart mitgenommen. Sie leben so beschränkt. Aber Maguy streckt ihr die Miete vor. Sie will sie ihr sogar schenken, die Liebe, die Großmütige, und noch manches andere dazu. Reine hat ein paar tausend Franken auf der Bank. »Ich habe ein bißchen Geld, meine Liebe, es gehört dir, wir sehen dann später schon ...« Die Schwestern. Alles gemeinsam, Schmerz, Freude, Geld: das Brot, das Salz und die Tränen der Freundschaft geteilt auf dem Altar der ›Vache Enragée‹. Laure könnte sich in ihre Anfänge zurückversetzt glauben. Alles ist neu zu beginnen, neu aufzunehmen. Der Weg starrt von Hindernissen. Sooft sie einen Zweig zur Seite gebogen hat, peitschen ihr andere das Gesicht. Jeder Tag bringt neue Bitternisse. Ein Jahr an einer großen Zeitung fällt als Empfehlung nicht schwer ins Gewicht, man hat nichts weiter davon als eine rückschauende Erfahrung, die nützen kann. »Nicht übel, der Artikel. Aber vielleicht könnten Sie ihn mildern, nicht gar so realistisch fassen, verstehen Sie? Man darf die Leser nicht vor den Kopf stoßen.« Laure beginnt den Artikel von neuem. Mildert ihn. Anderswo ein anderes Lied: »Gut, aber ein bißchen blaß. Man muß den Leser überraschen, seine Aufmerksamkeit erzwingen. Verstehen Sie?« Ob sie versteht! Und weiter: »Ihre Meinung über die gefärbten Haare und das Schminken können wir nicht teilen. Die Frage ist zu ernst, um ...« Und weiter: »Denken Sie doch ein wenig über eine Spalte für uns nach, die etwa überschrieben sein könnte: »Ich sehe das Leben vorüberziehen.« Höchstens fünfzig Zeilen. Sie verstehen, ja, um was es sich handelt ...« Zwei Wochen später: »Ich sehe das Leben vorüberziehen« ? Sie sagen, ich hätte zwei Artikel von Ihnen? Warten Sie nur, ach ja, ich erinnere mich. Ja, nun, leider, wir müssen darauf verzichten, die Anzeigen häufen sich, wir können unmöglich Platz finden, und Ihre Artikelfrage, ich weiß wirklich nicht, wohin ich sie getan habe ...« Und dann die illustrierten Blätter: »Haben Sie Bilder? Nein? Was soll ich denn mit einem Artikel ohne Photos, meinen Sie?« »Aber Sie haben das Thema doch angenommen ...« »Das bestreite ich nicht. Aber hier bei uns, verstehen Sie, ist der Text Nebensache. Bringen Sie uns Photos!« »Aber ... wo soll ich sie hernehmen?« Und die Antwort mit gebreiteten Armen: »Du lieber Gott, das ist Ihre Sache!« Laure fällt, steht auf, fällt wieder, und mit der fast blinden Hartnäckigkeit, die die Grundlage ihres Charakters bildet, rennt sie noch einmal gegen das Hindernis an – und zwingt es wieder nicht. Die wirksamste Unterstützung hat unsere Freundin bei ihren Standesgenossinnen gefunden. Sie hat zwei oder drei Redaktricen aufgesucht. Die mochten mitunter launisch sein, ungeduldig, durch und durch weiblich natürlich. Aber Laure hat bei ihnen doch den aufrichtigen Wunsch erkannt, der Anfängerin nützlich zu sein, ihr den mühsamen Aufstieg zu erleichtern. Diese ›arrivierten‹ Frauen, die sich mit Hilfe der Ellenbogen und des Gehirns ein wenig Bestand und Behagen in ihrem Arbeitsdasein geschaffen, haben die Vergangenheit nicht vergessen, die so reich an Schwierigkeiten und Enttäuschungen war. »Ich habe es auch durchgemacht, ich weiß, wie es ist. Bringen Sie mir Ihre Arbeiten. Ich werde für Sie immer ein wenig Platz schaffen.« Und schließlich: »Sagen Sie mir, Kleine, wollen Sie einen Vorschuß?« Die Härten des Lebens werden die Frauen zumindest eines gelehrt haben: gegenseitige Hilfe. Laure hat Anselme aufgesucht, um ihn zu bitten, daß er das Erscheinen ihrer Novelle beschleunigen möchte. Er hat seinen brummigen Tag: »Ich weiß von nichts. Ich kann nichts dazu. Sie kommt dieser Tage dran.« »Ich warte doch schon acht Monate.« »Es gibt welche, die warten zwei Jahre.« »Und andere, die nach sechs Wochen drankommen. Neulich einmal haben Sie eine scheußliche Novelle von Myriane ›Jolyse‹ gebracht, was, nebenbei bemerkt, ein Kokottenname ist«, sagt Laure schonungslos. Anselme reckt die Arme zur Decke: »Was soll ich Ihnen sagen ? Sie verlegt bei uns, ganz natürlich, daß sie bevorzugt wird. Arbeiten Sie weiter und denken Sie nicht an das, was schon fertig ist.« »Ich denke daran, weil ich Geld brauche.« Der Wilde wird zahmer: »Geht es denn gar nicht?« »Gar nicht.« Er triumphiert. »Hä! Habe ich es Ihnen nicht gesagt? Habe ich Sie nicht gewarnt? Ich habe Ihnen nicht ein Jahr Zeit gegeben.« Er flucht, und seine Faust jagt die Papiere vom Schreibtisch auf: »Ist ein Lastträgerberuf – es gibt keinen schlimmeren –, ich weiß es, Herrgott, hab's selber gemacht.« Auf dem Bürgersteig steht sie still, weint, überlegt. Warum lebt man weiter, ja, warum? Nichts – keine Liebe, kein Glück, kein Pflichtenkreis, nicht einmal die bescheidene Genugtuung, sich sagen zu können: ›Ich verdiene mir mein Hundeleben.‹ Und weiter? Immer im Kreis herum, im Leeren. Kämpfen wofür? Für welches Ziel? Das Leben ist eine Gewohnheit. Und Laures Herz ist in ihrer Brust so zerrissen, so gelähmt – ganz Blut und Asche – und schwer wie die Marmorwürfel, die man in häßlichen Karaffen auf den Tischen der Kaffeehäuser findet. Auch in Regines Arbeit gibt es einen Stillstand. Das Haus Vorland macht eine Geldkrise durch und hat die Arbeit eingestellt. Diese Krise gilt auch für Regine in noch härterem Maße. Die Perlen, die ihr noch bleiben, könnten zur Not noch ein Armband geben. Regine reibt sich auf. Doch in welcher Richtung sie auch eine Anstellung versucht – niemals hat sie Erfolg. Die Übersetzungen aus dem Russischen sind nicht anzubringen. Man hat zu viel davon gelesen. Tolstoi und Dostojewski haben zuviel Unveröffentlichtes hinterlassen. Als Tote noch überschwemmen sie den internationalen Verlagsmarkt. Alles schreit: ›genug, genug‹. Ein großer Verlag betraut Regine mit literarischen Bearbeitungen. Es handelt sich darum, Werke, die ihr im Urtexte unzugänglich sind, der Jugend mundgerecht zu machen und Bücher von hundert, zweihundert und dreihundert Seiten auf achthundert Zeilen zu kürzen. Dafür werden zweihundert Franken gezahlt. »Ich kann Ihnen alle drei Monate einen Band zuteilen«, sagt der Herausgeber der Sammlung. Er ist sehr gütig. Er zahlt Regine gegen jede Regel, bei Ablieferung des Manuskripts. Mehr kann man von ihm nicht verlangen. Ein Freund hat Regine gesagt: »Gehen Sie zu Tartempion. Er bringt eine neue Sammlung heraus. Schlagen Sie ihm eine Anthologie von Dichterinnen vor. Die nimmt er sicher an.« »Die schönsten Liebesgedichte vom dreizehnten Jahrhundert bis zum heutigen Tag? Gewiß, ausgezeichnete Idee. Bringen Sie mir doch einen Entwurf und eine biographische Notiz als Probe.« Eine Woche lang durchwachte Nächte, Suchen in den Bibliotheken, Aufstöbern des Staubes aus den Büchern von Barbe de Verrue, Christine de Pisan, der Königin von Navarra, der Clotilde de Surville ... Du jour qu'ay veu mon roy partit Voyle des nuits couvre le monde ... II me disait, je vis pour toy ... Que la mors seule nous sépare! ... Endlich ist der Plan bis ins genaueste ausgearbeitet. Regine stürzt zu Tartempion: »Sie bringen mir etwas? Erinnern Sie mich doch ... Ach ja, gewiß ...« Die Papiere, die Regine hinhält, werden ihr achtlos abgenommen, ein zerstreuter Zeigefinger durchblättert sie, während die Augen anderswo sind: »Ja, allerdings ... Ich fürchte sehr, daß das die Mehrzahl der Leser wenig reizen wird. Es ist zu oft gemacht worden ...« Das Telephon klingelt. »Sie gestatten? Sehr beschäftigt ... Guten Tag, meine Dame . .. wenn Sie in drei oder vier Monaten wiederkommen wollen, dann wäre es möglich ...« »In der Zwischenzeit kann man auf die Straße gehen«, sagt Regine zum Abschluß ihrer Erzählung. Der Teufel wird am Schwanz gepackt Der Winter droht hart zu werden. Alles wird teurer: das Restaurant, der Friseur, die Fahrten. Für alle, die in ihren Mitteln beschränkt sind, wird das Leben ein Problem. »So kann es nicht weitergehen«, erklärt Laure eines Tages erschöpft. »Ich werde mir etwas ›Festes‹ suchen.« »Oh! das famose ›Feste‹, das nie zu finden ist! – Eine Sekretärstelle oder so was Ähnliches.« Regine ist in einen fiebrigen Traum verloren. Die letzten Monate haben ihren mutigen Entschluß stark erschüttert. Sie spricht nie von Deferny – aber fühlen wir nicht alle, wie sehr sie die Beute der Versuchung ist? Und doch ist sie noch nicht ›reif‹. Sie hat nicht genug gekämpft, genug gezweifelt. Sie ist nicht hart genug vom Leben angefaßt worden. Ihre Angst vor dem Gatten, vor dem Eheleben, vor dem Käfig, und sei er vergoldet, ist stärker als ihre Müdigkeit, ihre Sorgen. Sie schwankt, zögert, wie ein Matrose auf See, der im Wüten des Ozeans das Ufer sieht, sich danach sehnt und sich doch sagt: »Der Sturm legt sich vielleicht, halten wir aus, man fühlt sich besser auf hoher See, trotz allem ...« Wenn sie aber in ihrem Zimmer die Spirituslampe nachfüllt, um sich eine Tasse Tee zu kochen – wie sollte sie dann nicht Defernys Haus vor sich sehen? Das ruhige Haus, in dessen Mitte der Lift auf und ab gleitet. Die tadellosen Teppiche; die hohen Spiegel; und die von der Dampfheizung gleichmäßig erwärmten Räume; und den soliden Luxus, den sie vielleicht nicht bis in alle Einzelheiten liebt (»gewiß, es gibt manches bei Deferny, was mir nicht gefällt und was ich ausmerzen würde, wenn ich ...«). Aber doch ein Luxus, der ihr die eigenen Daseinsbedingungen noch kümmerlicher erscheinen läßt. An Regentagen fühlt sich der Arme doppelt arm: Regine könnte weinen vor Empörung, wenn sie sich die hellen Strümpfe vollspritzt, während sie auf den Autobus wartet. In der Untergrundbahn, in der sie schwankend eingekeilt steht inmitten des Gedränges naßdünstender Menschheit; im Zufallsrestaurant, dessen Küche nach Spülwasser riecht und in dem sie doch die Sorge nicht los wird, keinesfalls mehr als sechs Franken für ihre Mahlzeit auszugeben, – da läßt ihr Wille zum Durchhalten nach, alles, was sie gewollt, ersehnt, gesucht, gehofft hat, verschwimmt ins Nichts. Wieder peinigen sie feige Gedanken: »Warum soll ich mich plagen, für wen?« So sehr ist sie von besseren Möglichkeiten besessen, daß die kleinste materielle Frage sie darin nur bestärkt. »Die herrlichen Blumen aus den Auslagen des großen Ladens – soll ich ihre Pracht denn nie besitzen dürfen? Da liegen Steine und Perlen im Fenster des Juweliers. Und ich habe neulich meinen Ehering verkaufen müssen, um mir ein Paar seidene Strümpfe kaufen zu können!« Das Lesen der Modezeitungen regt sie auf: »Mit fünf kleinen Kleidern zu fünfzehnhundert Franken das Stück kann eine vernünftige Frau sehr gut ein Jahr auskommen.« »Gewiß, es gibt sogar welche, die alles in allem nicht einmal den Preis eines Kleides ausgeben. Und Regine denkt an die drei Kleider des ›eisernen Bestandes‹, die nicht umzubringen, untereinander auszuwechseln sind und die sie an einem Tag frohphilosophischer Stimmung nach ihrer Bestimmung getauft hat: ›Va-toujours, Bellotte und Triomphante‹. Und weiter: »Um der Legende vom teuren Hut ein Ende zu machen, werden Clarette und Madine vom Montag ab entzückende Formen letzter Schöpfung zum Verkauf bringen von zweihundertfünfzig aufwärts.« Man könnte glauben, daß sich die Kundschaft der Tageszeitungen mit hohen Auflagen ausschließlich aus Schauspielerinnen und Kokotten zusammensetzt. »Und warum ist der nicht für mich, der lange Wagen, der so lackglänzend am Bürgersteig steht? Warum bin ich nicht die Frau, die eben ausgestiegen ist, in vierzigtausend Franken Pelzwerk gehüllt?« Neid? Nein, sie ist nicht neidisch, aber feig, das ja. Und von nun an wird alles nur irgendwie Anmutige und Schöne für sie, bei ihrem kahlen Leben, eine Versuchung bedeuten. Alles, sogar bis zu der ausgesucht einfachen Schale mit Bonbons, die die Marke eines berühmten Keramikers trägt, mit der sich Deferny diskret zum neuen Jahr eingestellt hat und die doch in Regines schauerlichem Zimmer in so grellem Widerspruch steht, daß Regine, als sie sie aus den Händen des Ritters vom Flederwisch entgegennahm, eine Welle von Bitterkeit in sich aufsteigen fühlte. Aber sie reißt sich zusammen und beschließt wie Laure: »Auch ich will suchen.« Laure und sie studieren die Anzeigen, lassen Stellengesuche einrücken, lassen sich in einem Vermietungsbureau einschreiben, wo man ihnen jeden Tag eine Adressenliste gibt: »Das könnte etwas für Sie sein.« Das erstemal hat sich Regine in der Rue de Seine bei einem Bilderhändler vorgestellt, einem fetten, nicht durchaus vertrauenerweckenden Orientalen, der sie fragt: »Für sie selbst?« »Gewiß, für mich selbst. Sie, Sie suchen wohl ... jemanden für Ihren Laden?« Er hat sie von oben bis unten angesehen, als wollte er sie abschätzen. »Um mir beim Verkauf zu helfen, ja«, hat er mit schauerlichem Akzent gesagt. »Von neun Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Eineinhalb Stunden Mittagspause, vierhundert Franken monatlich.« Regine hat die Augen durch den niedrigen Laden wandern lassen, der mit zusammengerollten Bildern und leeren Rahmen angefüllt ist. Es riecht nach Schimmel und Firnis. Die Stimme bricht ihr: »Vierhundert Franken für den ganzen Tag!« Der Kaufmann hat sich ihr genähert, hat sie mit seinem schweren Leib gestreift, der nach Öl und Ameisen riecht: »Ich werde Sie aufbessern, wenn Sie nett sind ...« Regine ist geflohen. Irgendein Arzt hat Regine vorgeschlagen, Sekretärin bei ihm zu werden, wie er es nennt – nur für die Nachmittage: »zweihundertfünfzig Franken. Ich werde Sie bitten, auf das Telephon und die Türglocke zu achten.« »Warum suchen Sie kein Stubenmädchen?« »Ich habe ein Zimmermädchen. Sie findet, daß man zu oft läutet, sie weigert sich, aufmachen zu gehen.« Und die Stellenangebote: »Junges Mädchen mit schöner Schrift für Rechnungen. Fünfundsiebenzig Franken die Woche.« »Junges Mädchen für die Registratur, von Eltern vorgestellt.« »Geübte Stenotypistin, Kenntnis des Englischen, für Handelshaus. Anfangsgehalt fünfhundert Franken.« »Filmgesellschaft sucht Anfänger beiderlei Geschlechts für kleine Rollen und Komparserie.« »Wenn man sich da vorstellen ginge,« sagt Regine, »die Statisten bekommen dreißig Franken im Tag. Dann könntest du einen Artikel schreiben über das, was du gesehen hast.« Eine Tür, ganz hinten im Hof eines Hauses an der Rue d'Amsterdam, zeigt ihr die Inschrift: Eintreten, ohne zu läuten. Laure wagt es nicht, Regine muß als erste hinein. Ein pickelbesäter Jüngling kam ihr im Vorzimmer entgegen. »Verzeihung, werden hier die Statisten angenommen?« Man weist sie in einen Warteraum, etwa wie ein kahles Atelier mit Holzbänken an den Wänden, wackeligen Fensterscheiben, zerfetzten Tapeten. Ein kleines Mädchen, recht bescheiden, aber zu sehr geschminkt, ziert sich ein wenig: »Habe ich ein Photographiergesicht, ja oder nein?« »Wie lang das dauert, wirklich!« Im Bureau hat man sie auf und ab gehen lassen. »Ja, es geht.« Dann wurde gefragt, ob sie Abendkleider hätten: sehr elegant, sehr hell. Sie sollen bei einer Ballszene mitwirken. Können Sie tanzen? Nein? Oh! Na, wir werden es uns überlegen. Sie bekommen eine Rohrpostkarte. Drei Tage Komparserie in Joinville, Abfahrt sieben Uhr, Bahnhof an der Bastille. Guten Tag, meine Damen.« »Das wird immerhin hundert Franken eintragen«, sagt Laure. »Wir werden uns aus Sparsamkeit das Frühstück mitnehmen.« Sie haben Pläne gemacht, Kleider für die Ballszene hergerichtet, das Schminken probiert. Sie wurden niemals einberufen. Acta est fabula Eines Morgens ist Regine von Sorgen zernagt aufgewacht, mit einem Kopfschmerz wie einem bleiernen Helm, vom Nacken bis zu den Augenlidern. Seit einiger Zeit boten ihr die Nächte nur kurze Ruhe, zerstückelt von schlaflosen Pausen und Fieberanfällen. Allmählich hat sich die Unmöglichkeit herausgestellt, die Augen auf eine Buchseite, auf ein Zeitungsblatt zu werfen, ohne daß die Buchstaben zu tanzen anfingen. »Nervöse Depression« hat der Arzt festgestellt und Brom und Schlafmittel verschrieben. »Haben Sie eine große Anstrengung mitgemacht? Etwas Unangenehmes vielleicht ?« Der Arzt gefällt sich in euphemistischen Ausdrücken. Das dumpfe Unwohlsein hat gut eine Woche angehalten. Eine endlose Woche, während derer Regine weder ausgehen konnte noch lesen, schreiben oder nähen. Nichts konnte sie tun als dem Februarregen zuhören, der auf den Balkon klatschte. Aus den Händen des Ritters vom Flederwisch lauwarme Mahlzeiten auf fettigen Tellern entgegennehmen, die in den Händen rutschen. Die Tränen über Laures zerquältes Gesicht rinnen sehen, ohne die Kraft, ihr nur ein wenig Hoffnung zuzusprechen, mit der es ja doch vorbei ist. Eines Morgens endlich ist sie aufgestanden. Über ihr Nachthemd hat sie den blauen Frisiermantel angezogen, für den sie einst in Tagen des Glanzes vierhundert Franken bezahlt hat und den sie nun mitunter erstaunt betrachtet: »Hat es denn in meinem Leben eine Zeit gegeben, wo ich vierhundert Franken für einen Frisiermantel ausgeben konnte? jetzt muß ich mit der gleichen Summe einen Monat lang mein Essen bestreiten.« Heute unterstreicht das harte Blau der Seide die Spuren der Müdigkeit auf ihrem Gesicht. Aber ihr Teint, von dem grünlichen Weiß einer jungen Erbse, ihre schlaffen Züge, ihre matten Augen, ihre Haare noch, denen das Fieber den Glanz genommen hat und die nun anmutlos, wie vernachlässigt, auf ihre schmächtigen Schultern niederfallen – das alles betrachtet Regine mit stumpfer Mutlosigkeit. Zum erstenmal vielleicht wehrt sie sich nicht mehr, nimmt teilnahmslos die Entstellung ihrer Züge hin, die unsaubere Häßlichkeit der Umgebung, in der sich ihre Tage abspielen: die dickverstaubten Fenster, die Vorhänge mit den verblichenen Mohnblumen, die schief hängen, weil ein Ring abgerissen ist; den Waschtisch, auf dem sich die Zitronenschalen der vielen Limonaden angesammelt haben und dessen zerknüllter Vorhang die Eisenbeine des zugehörigen Geräts sehen läßt. Was tun? Sie findet keine Wohnung. Könnte sie übrigens die schmutzigen Vorhänge abschaffen, das Waschbecken mit den blauen Chrysanthemen, den Nachttisch, der so treu alle Gerüche bewahrt? Sie setzt sich vor den engen Tisch, auf dessen baumwollenem Überwurf mit den verknoteten Fransen sich die Papiere häufen. Wird sie wohl in dieser Unordnung einen Bogen Briefpapier finden? Ja. Sie nimmt die Füllfeder und schreibt auf einen Umschlag Madame Clères Adresse: »Meine liebe große Freundin ...« Was wird sie nun der ›lieben großen Freundin‹ sagen? Ihr danken, daß sie neulich gekommen ist und ihr damit ein wenig Trost gebracht hat? Es klopft. »Der Ritter vom Flederwisch wohl, mit einer Botschaft«, denkt Regine. Denn jede ihrer Freundinnen kündigte sich immer mit einem hinter der Tür gemurmelten ›ich bin es, Liebste,‹ an. Ohne sich vom Sitz zu erheben, beugte sie sich hinüber, faßte den Türgriff und öffnete. Eine Männergestalt zeichnete sich gegen das Halbdunkel des Flurs ab. Ein Gesicht voll Unruhe und Zweifel. Deferny stand da, bleich vor Erregung, außer Atem von den fünf Stockwerken. Regine sprang jäh auf und schrie beinahe: »Nein, nein, ich kann Sie unmöglich empfangen.« Etwas wie Wut zitterte in ihrer Stimme. Sie fühlte sich gepeinigt von einer unerträglichen Verwirrung. »Ich kann nicht, ich kann nicht«, wiederholte sie ratlos. »Warum sind Sie gekommen?« Im stillen gab sie dem Hotelportier üble Namen, weil er sich nie die Mühe nahm, sie zu verständigen; weil er ganz gleichgültig die Austräger der großen Geschäfte, den Telegraphenboten oder einen Besucher hinaufschickte ... An den Wänden des Zimmers stieß sich ihr Blick an tausend grotesken oder kümmerlichen Einzelheiten: an dem Kamin, der, mangels eines Tisches, zum Frisiertisch umgebaut war. An dem Frottiertuch, das auf dem Heizkörper trocknete. An dem zerwühlten Bett, aus dem sie eben aufgestanden war, ohne sich die Mühe zu nehmen, es zuzudecken. An dem Teppich, an dem unlösbar Mandarinenkerne und Fadenendchen hafteten. An dem Spirituskocher ohne Griff auf dem Nachttisch. »Der Samowar der Armen«, pflegte sie an guten Tagen zu scherzen. Und sie selbst in ihrem abgetragenen Frisiermantel von so unbarmherzigem Blau – einem Blau für blühende Frauen – mit ihrer matten Haut, den erloschenen Augen und Haaren. Sie hätte vor Demütigung weinen mögen. Deferny stammelte: »Ich habe von Madame Clère erfahren ... Verzeihen Sie, ich wollte ...« Was wollte er? Die junge Frau sah eine andere Regine vor sich, eine Regine in ›rosenholzfarbenem‹ Seidentrikot, die vor Vergnügen hüpfte in einem Garten der Provence unter dem samtigen Gold der Mimosen. Eine Regine in weißem Kleid vor dem Mittelländischen Meer zwischen den schwarzen Pinien. Und die hatte die volle Anmut der Gestalt von Puvis. »Ich bin häßlich, ich werde ihn abschrecken. Auch recht.« »Treten Sie ein«, sagte sie schroff. »Und entschuldigen Sie mich, ich bin nicht angezogen.« Eine harte Mißstimmung legte sich über sie. Eingezwängt in seinen Überzieher hielt Deferny sehr korrekt den Hut vor der Brust. Regine nahm ihn ihm aus den Händen, das sollte der Übergang sein. Er benutzte die Gelegenheit, um aufzustehen und den Überzieher abzulegen. »Geben Sie ihn mir.« Sie warf ihn auf das Bett. Die Decken hingen zu Boden. Man sah die Ecke eines granatfarbenen Federbetts, das mit dem verschlissenen Etamin seiner Hülle an einen Leinsamenumschlag erinnerte. Deferny setzte sich wieder. Er nahm bekümmert Regines Hände: »Mein armes, armes Kind.« »Nein, nein, beklagen Sie mich nicht ...« Sie brach in Tränen aus. »Sie bringen mich zur Verzweiflung.« Er bedeckte die Hände der jungen Frau mit Küssen. »Mein Kind, meine liebe kleine Zauberin.« Sie schüttelte den Kopf. Ach ja, eine armselige Zauberin – was blieb von ihrer Macht? Die Tränen rannen ihr übers Gesicht, und ebensosehr um vor diesen Männeraugen ihr tränennasses, verzerrtes Gesicht zu verbergen wie aus unendlicher Müdigkeit neigte sie ihre Stirn Deferny zu und streifte mit den Haaren die glattrasierte Wange, die nach Eau de Cologne ambrée duftete. Er zog sie sanft an sich. Sie empfand sehr scharf: »Das tut gut. Eine Männerschulter. Es tut gut, seine Arme um mich. Es tut gut, wenn man so schwach und wehrlos ist, soviel Vertrauen zu ihm zu haben und ein so unbedingtes Gefühl von Sicherheit neben ihm.« In dieser Schulter, diesen Armen verkörperte sich für Regine die ganze Kraft des männlichen Beistands. »Liebste, weinen Sie ... wie sollten Sie auch nicht über sich selbst weinen. Hören Sie mich, erinnern Sie sich noch, daß Sie mir in Beauvallon gesagt haben: ›Das Leben fängt immer morgen an. Das nennt man: Die Zukunft vor sich haben‹. Diese Zukunft, die Sie doch ahnten – warum soll ich die nicht sein?« Regine lehnt ihre Stirn fester an Defernys Schulter. Das war ihre einzige Zustimmung. Er verstand sie und drückte sie leise an sich voll unendlich zärtlicher Achtung. »Er hat mich geliebt mit meinem zerstörten Teint, den müden Lidern. Er hat mich geliebt, so wie ich bin, ohne Pracht, ohne Anmut, ohne die glückliche Unbefangenheit der Frau, die sich begehrt weiß – in diesem schäbigen Frisiermantel, in diesem Zimmer!« Eine Dankbarkeit voll tiefer Rührung erfüllt Regines Herz. »Liebt mich nun dieser Mann nicht ›wirklich‹, da er doch diese Stunde gewählt hat, um mir seine Liebe darzubieten? Und ich, wie sollte ich ihn nicht lieben?« dachte sie. »Sooft mich seine Gegenwart bedrücken wird, sooft ich mich neben ihm nach einer anderen Stimme sehnen werde, nach anderen Liebkosungen, sooft sich der Wunsch regen wird nach dem, was ich nicht haben werde – und das wird geschehen, wahrhaftig, ich fühle es –, da werde ich immer an diesen Augenblick denken, wo er mir, die ich so häßlich und traurig war, seine Arme und sein Haus aufgetan hat.« Während Deferny die Treppe hinabstieg, blieb Regine einen Augenblick lang regungslos und nachdenklich stehen, gegen die Tür gelehnt. Sie dachte daran, daß sie nun in Kürze diese Wohnung, ›ihre Höhle‹, wie sie sie nannte, aufgeben, und daß die so geliebte Freiheit, dieses Leben ohne Pflichten, ohne Bindungen, ohne Regeln – den Broterwerb ausgenommen – bald der Vergangenheit angehören sollte. Sie dachte auch an die schönen Stunden. Warum leugnen wollen, daß es auch die gegeben hatte. Nun gerade empfand sie stärker die wenigen Lichtseiten: den vertrauten Kreis der Freundinnen, ihre sooft zertretenen Illusionen, das liebe Quartier Latin, das sie gegen eine minder vertraute Umgebung vertauschen sollte. Und in ihrem müden Kopf rollten regellos nacheinander die Bilder ab, die ein Schmuck ihrer Unabhängigkeit gewesen waren. Laures Tränen. Die festlichen und lächerlichen Schüsseln, die Maguy anzurichten liebte. Reine beim Schälen von Mandarinen, Reine und ihr trauriges Gesichtchen, verschlossen wie ein Sarg. Gilbertes körperliche und moralische Widerstandskraft: ›Schert euch nicht umeinander!‹ Dann die Umgebung: das Luxembourg mit seiner herbstlichen Pracht. Die melancholischen, wilden Umrisse der schwarzen Ecktürmchen am Palast gegen den Stadthimmel. Die Seine, erinnerungsträchtig. Notre-Dame, ein Schiff aus grauen Steinen verankert zwischen den Bäumen, den Wassern und Wolken von Paris. »Es war trotz allem doch schön, dieses egoistische Leben ohne Aufgaben, ohne Belastung. Diese Spaziergänge ohne Rücksicht auf die Stunde; dieses Fest aller Laune und jeder Phantasie. Du wirst es manchmal bedauern ...« Über den Straßenlärm steigt das Surren eines Motors bis zu ihrem fünften Stock empor. Sie trat auf ihren Balkon gerade zur rechten Zeit, um Defernys Automobil mit dem weichen und machtvollen Surren der erstklassigen Wagen losfahren zu sehen. Sie folgte ihm mit den Blicken, bis er um den Säulenvorbau des Odéon umbog. Und lange nachdem der Wagen verschwunden war, sah sie, gegen das Eisengeländer des Balkons gelehnt, ihn noch vor sich, wie er schwarz, lackglänzend, weich auf seinen stillen Rädern hinrollte. Und ein wenig geblendet, ein wenig traurig, fragte sie sich: »Die Zukunft besteht also zuweilen aus einem Vierzigpferder, einer Villa an der Côte d'Azur und einem Mann, der einen wahrhaft liebt?« Ich habe kein Gelübde getan In der lieben Wohnung in der Rue de Vaugirard türmen sich im Vorhaus die Kisten, man stolpert über Schnüre. Wir lassen so viel von unserem Herzen an diesen Mauern hängen, daß der Auszug wie ein Leichenbegängnis wirkt. Zum erstenmal hat Regine ihr Hütchen nicht der Gipsfigur der heiligen Fortunata auf dem Kamin aufgesetzt. Sie sieht aus, als wäre sie zu Besuch: Handschuhe an den Händen, die Jacke geschlossen, die purpurne Schärpe eng um den Hals geschlungen. Seit Monaten haben wir an ihrem Schweigen, ihrer Zurückhaltung gemerkt, daß sie auf die Heirat zusteuert, wie auf einen Nothafen – oder auf einen Niedergang, auf diese Heirat, von der wir alle genau wußten, daß sie unvermeidlich war. Nun hat sie sie uns angekündigt: »Was wollt ihr« – sie spricht ein wenig müde und wie entschuldigend –, »ich habe genug. Ich entschließe mich zur Ehe wie andere zum galanten Leben.« »Du entsagst dem Kampf«, meint Maguy vorwurfsvoll. »Oh, ich habe mich nie als Apostel der weiblichen Unabhängigkeit gefühlt«, gibt Regine zurück. »Gewiß, ich habe daran geglaubt, nach einer ersten verfehlten Ehe und vor allem, ich wollte daran glauben mit der ganzen Kraft meiner Enttäuschungen. Es war ein Wahnbild, nicht ein Lehrsatz.« Maguy schweigt. In ihrem tiefsten Innern streitet die Unbeugsamkeit ihrer Grundsätze gegen die bewundernswerte Großmut der Gefühle. »Ich habe genug,« wiederholt Regine, »genug, weiß Gott.« Sie sieht niemand an. Ihre Augen sind auf die langen roten Seidenfransen gerichtet, die ihre Finger über dem schwarzen Kleid drehen. Zweifellos steigen in diesem Augenblick häßliche Bilder in ihrer Erinnerung auf. Es ist, als läse sie ein Verzeichnis ab: »Ich habe genug von diesem ungewissen, einsamen, freudlosen Leben. Ich habe genug von dem Schluß und selbst von den Anfängen arbeitsreicher Monate. Genug von dem kleinen Rundkäse, abends, von den Orangen, die man sich am Kamin schält. Genug davon, meinen Mantel drei Jahre tragen und meine Kleider immer wieder umändern zu müssen, bis sie mir von den Schultern fallen. Genug davon, meinem Budget keine hundert Franken zumuten zu können für ein Paar Schuh, für einen Hut, für eine Handtasche, ohne daß es heillos aus dem Gleichgewicht kommt, und das alles darum, weil ich dem Hotelier dreihundertfünfzig Franken zahlen muß, um in einem Bett schlafen zu dürfen. Genug davon, mit einer Woche halben Fastens die zwanzig Franken wieder einbringen zu müssen, die ich halbmonatlich meinem Friseur zahle für die Instandhaltung meines ›Feenhaars‹. Ich will von Ärgerem schweigen ... von der Wäsche nach Art der Mimi-Pinson; von der sonntäglichen Bügelei, die ich mir seit einem Jahr leiste, um fünfzig Franken an der monatlichen Wäscherechnung zu ersparen; von dem scheußlichen Gedränge im Autobus oder in der Untergrundbahn, wo ich vor Müdigkeit und Widerwillen taumle, nur weil die Taxis zu teuer sind. Genug endlich von allen diesen Einschränkungen, dieser elenden Rechnerei, die lustig sein mag, wenn man sie zu mehreren und für kurze Dauer mitmacht. Denn ich lasse es gelten, daß diese ekelhafte Knappheit in meinem Leben eine Episode gewesen ist, aber ich lehne es ab, daß sie die Regel sein sollte. Ich habe kein Gelübde getan.« »O doch, meine Liebe,« sagt Laure, »wir alle haben ein Gelübde abgelegt beim Eintritt in dieses Leben! Das Gelübde der Armut, harter Arbeit und Entbehrungen aller Art: materieller und gefühlsmäßiger.« »Mein Irrtum war es,« fährt Regine fort, »zu glauben, daß ich mich über meine Jugend hinaus mit einem Leben dritter Klasse würde abfinden können. Jetzt weiß ich, daß ich, wenn dies Leben so weitergehen würde, in meinen eigenen Augen nicht das wäre, was ihr so großartig eine unabhängige Frau nennt, eine freie Frau – sondern eine verpatzte Existenz, ein armes Wesen.« Gilberte lacht. Ihre hellen Augen blitzen zwischen den dunklen Wimpern. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Regine, was du tun willst, ist durchaus vernünftig und klug. Das kommt nicht alle Tage vor.« »Was wollt ihr! Sogar die Aussicht, meine Situation um tausend Franken monatlich herum gesichert zu sehen, scheint mir nicht erschütternd. »Ein Sträfling weniger,« sagt Laure, »bravo, Regine!« »Oh! Du auch!« ruft Maguy beinahe schmerzlich. »Aber ja, ich auch«, sagt Laure mit Nachdruck. »Nein, wirklich, kannst du dir vorstellen, Maguy, daß ich aus freien Stücken lange Zeit dieses Leben führen würde? Sag', kannst du dir das vorstellen, ohne jetzt gleich, sofort, Trauer um mich anzulegen? Ja, ich auch und du eines Tages auch, Maguy.« »Nein«, erklärt Maguy im Ton wirklichen Leidens. »An diese Unabhängigkeit, die euch nur als schlimmer Notbehelf erscheint, glaube ich mit ganzer Kraft. Ich werde ihr alle meine Kräfte bis zum letzten weihen.« »Du bist jung, Maguy«, wirft Gilberte ein. »Es ist keine Frage der Jugend. Je älter man wird, desto mehr muß sich angesichts der erreichten Besserungen das Bewußtsein der eigenen Kraft steigern. Ihr fühlt doch wenigstens, daß wir auf ein Ziel losgehen? oder? Dank unserem Dasein werden die kommenden Geschlechter von Frauen dem Leben stärker gegenüberstehen.« »Oh!« widerspricht Regine, »die Stärke einer Frau liegt vor allem in ihrer Schwäche. Ich werde niemals den Ausspruch eines zeitgenössischen Schriftstellers vergessen: ›Die Frau hat mehr dabei zu verlieren, wenn man sie als Gleichgestellte denn als Untergebene behandelt‹.« »Der Satz hat etwas Geniales«, meint Laure nachdenklich. Aber wird sich denn Maguy je besiegt geben? Noch mit dem Kopf auf dem Block würde sie ihren Glauben nicht verleugnen. Das Überlaufen unserer Freundin erfüllt sie mit einem dumpfen Schmerz. Sie hat so viel Überzeugung, so viel Glut in ihre Grundsätze gelegt, soviel Ehrlichkeit an ihre Betätigung gewandt, daß auch das Schauspiel der beweiskräftigsten Fehlschlage ihr Vertrauen nicht zu erschüttern vermag. Für ihre eigene Person bleibt sie unbeirrbar, trotz grausamer Erfahrungen. Ihren eigenen Mißerfolg sieht sie nicht als Kennzeichen der Gesamtlage, sondern nur als vereinzelten Zufall an. »Ich mache es dir nicht zum Vorwurf,« sagt sie, »daß du dir einen Gefährten wünschst, ein Haus, einen Herd. Aber ich trage es dir nach, daß du aus freien Stücken deine Persönlichkeit als Frau hingeben willst. Du hast es nicht nötig, dir deine Wahl gesetzlich bestätigen zu lassen.« »Du langweilst mich, Maguy«, wirft Regine etwas gereizt ein. »Für die Frau gibt es nur in der Ehe Sicherheit. Und diese gute alte Einrichtung, die so verschrien und gewiß auch unvollkommen ist, hat noch einige Jahrhunderte zu leben. Es ist der einzige Hafen, in dem es für eine Frau weise ist, zu landen. Ich habe wohl das Recht, euch so zu predigen, weil es mir selbst nicht immer geglückt ist. Jawohl, ich will eine Gewähr, ich will nicht allein das Gewicht des Lebens tragen. Vor allem, vor allem will ich nicht allein alt werden, und ich verheirate mich, weil das immer noch der beste bisher erfundene Ausweg ist, nicht mehr allein zu sein.« Eine Galeere »Wirklich,« sagt Maguy bitter, »wir bleiben zu zweit. Ich finde Sophies Ausspruch herrlich: ›Ein Mann – das heißt immer etwas gewonnen.‹ Gesteh doch ein, daß du aus Berechnung heiratest.« »Aus Vernunft.« »Es ist genau so, als ließest du dich aushalten.« »Wenn du willst, und wessen Schuld ist das? Wäre die Unabhängigkeit der Frau nicht im wahrsten Sinne ein Gefängnis schlimmer als eine Galeere, dann wäre ich mit Freuden dabei geblieben. Aber ich bin nicht für den Kampf geschaffen, noch auch für dieses künstliche Leben, so nackt, ganz voll Einsamkeit, Arbeit, vergeblicher Erwartung und unfruchtbarer Mühen. Schließlich werde ich ja nicht nur empfangen, sondern auch geben, scheint mir.« »Das sage ich ja – es ist ein Handel.« »Oh, Liebste,« sagt Laure, »ist nicht alles ein Handel, selbst auf dem Gebiet des Gefühls?« »Und ein schlechter Handel«, beharrt Regine, die an Frédéric denkt. »Und dann, was wollt ihr, es ist immer dieselbe Geschichte. Ihr seid noch nicht Fünfundzwanzig, und ich gehe auf die Dreißig los. Ich fühle keine Kraft mehr in mir. Oh, durchaus nicht. Im Gegenteil, eine große Müdigkeit. Höre, Maguy, weißt du, woran ich das Schwinden meiner Widerstandskraft merke? Weil ich nicht mehr weinen kann, ohne daß etwas nachbleibt. Gott weiß, daß ich habe Tränen vergießen können. Sie machten mir nicht mehr aus wie ein Frühlingsregen den Blättern eines Strauchs. Jetzt muß ich für eine Stunde Schluchzen mit einer Nacht voll Migräne zahlen, und meine Augen verweigern den Dienst. Ihr wißt noch nicht, was die Entdeckung bedeutet: das erste Fältchen zwischen Wange und Lippen auf einer bis dahin makellosen Haut. Und der erste Schreck, der erste verzehrende Drang: anfangen, sich zu überwachen. Die Sorge, der Kummer, die Entmutigung, die habe ich satt, ich habe mein Teil davon gehabt, ich kann nicht mehr. – Ich will schön sein, ausgeglichen, will das Leben genießen, seine Freuden, seine Feste, seine Himmel. Ich will geschmückt sein.« Sie zögert und schließt dann: »Ich will leben, nicht vegetieren.« Maguy drückt in einem verbitterten Schweigen ihren Tadel aus. Ihr kleines eigenwilliges Gesicht ist hart geworden, und von diesem Augenblick an verschließt sich wohl ihr edelmütiges Herz der lebensgierigen Regine. Regine hebt nachdenklich wieder an: »O ja, ich weiß schon, es gibt die Freiheit. Die Freiheit! Ausgehen – heimkommen – keine festen Stunden, wie? Niemandem Rechenschaft schuldig, jeder Laune folgen können. Unwahrscheinliche Mahlzeiten. Drei Anchovis und ein Kilo Mandarinen und dann die Sonntage, die einem gehören und die man damit hinbringen kann, sich im Bett an Tränen zu betrinken. Das ist doch etwas. Aber in noch zehn Jahren, Maguy, wirst auch du dich dagegen wehren zu weinen, aus Rücksicht auf deine Augen. Dein Magen wird streiken, und du wirst in dir den Wunsch fühlen nach geregelter Heimkehr und nach alledem, was seit Jahrhunderten das nötige Gleichgewicht für ein Frauenleben ausmacht. Wir wollten aus tausendjährigen Gesetzen heraus. Wahnsinn! Es war lustig, man spielte mit der Unabhängigkeit und zeigte dabei alles, was man an Krallen hatte, um sich ein Stückchen abzureißen. Nun gut, – der Anteil einer alleinstehenden Frau, der wiegt nicht schwer, weiß Gott! Die Wage schlägt bedenklich nach der Seite der Enttäuschungen aus, nach dem herzbrechenden Elend. Und wie die andere Schale so leicht oben schwebt, ganz oben mit ihren jämmerlich umstrittenen Freuden, dem elenden bißchen Genugtuung. Oh, Maguy, – Not kennt kein Gebot: da hast du in vier Worten die ganze Frauenbewegung. Wir wollten jede fröhlich die Eva der neuen Zeit sein. Wir alle haben die Arbeit geliebt; welche von uns hätte nicht sogar den Ehrgeiz nach einer höheren, größeren Aufgabe gehabt, an der sie sich ganz hätte entfalten können. Und nun stehen wir da, jede eine doppelt verwundete Eva, deren Wille, mag er noch so leidenschaftlich gewesen sein, an den harten Gesetzen des Lebens zerbrochen ist. Nachdem wir gesagt haben: ›O nein, kein Mann soll uns ernähren – wir wollen uns selbst genügen‹, haben wir die andere Torheit ersonnen: ein ganzes Leben auf einem Gefühl aufbauen zu wollen. Pfui über die Ehe! und doch in der freien Liebe (denn diese Häufung von Zwang, Entbehrung, ewigen Opfern nennt sich ›freie Liebe‹) was haben wir darin gesucht, wenn nicht den Abglanz der Ehefreuden? Worauf haben unsere Anstrengungen gezielt, wenn nicht darauf, uns selbst und dem geliebten Mann die eheliche Gemeinschaft vorzutäuschen ? Worunter haben wir am meisten gelitten? Daß uns diese Täuschung nicht gelungen ist. Maguy, denkst du noch, wie glücklich du warst, für deinen kranken Freund ein Eigelb in einem Glas Portwein abquirlen zu können? Wie überglücklich du warst, als er sich herbeiließ, es in einem Winkel des Kontors, wo du es liebevoll zubereitet hattest, auch zu trinken? Du unbußfähige Freigelassene hast pathetisch gesagt: ›Ich habe das Gefühl, seine Frau zu sein.‹ Und die Mahlzeiten, zu denen er übrigens nie kam? Und der Knopf, den du ihm an den Mantel nähen durftest, kümmerliche Quellen tiefster Freuden! Das kam daher, wirst du sagen, daß all das nicht zur Regel wurde. Aber nein, wir haben es alle erlebt: Für einen Mann, den man liebt, ist kein Dienst unwürdig oder verhaßt. Und dann werden die Dienste auch zur Gewohnheit, für die unsere starre Unerbittlichkeit nicht Verachtung genug hatte und die doch in einer Ehe ein unzerreißbares Band bildet. Es ist noch nicht lange her, da lehnte ich es mit der ganzen Kraft meines unwissenden Glaubens, mit all meiner lebendigen Hoffnung ab, wenn mir jemand die Weisheit entgegenhielt: ›Die Liebe ist im Leben eine Sache von kurzer Dauer. Eine Frau kann nicht auf dieser unsicheren Grundlage ihr Leben aufbauen.‹ Ich habe es lernen müssen, die ewige Wahrheit darin zu erkennen.« Reine ist seit einigen Augenblicken eingetreten und hat schweigend zugehört, ihr nachdenkliches, leidenschaftliches Gesicht unserer Freundin zugewandt. Nun unterbricht sie: »Denkst du noch an Raymonde, für die du, Maguy, nicht Tadel genug hattest? Von uns allen armen Freiheitsdurstigen ist sie allein auf dem rechten Wege. Der Instinkt des Weibchens hat ihr eines Tages die Worte eingegeben: ›Ich werde ihn wenigstens für mich allein haben!‹« »Ich werde ihn haben«, fährt Regine fort. »Sie hat ihn. Sie hat ihn, versteht ihr? Ihren Mann und hält ihn. Und wir ... wir sind da, allein, zerschlagen, jämmerlich. Der, den wir liebten, auf den wir unseren unerbittlichen Hunger nach Zärtlichkeit gerichtet hatten, der Mann hat uns eines Tages, an dem wir zu sterben meinten, gesagt: ›Es könnte nur ein Abenteuer sein. Ich kann nicht sagen, daß ich meine Frau nicht liebe ...‹ O nein, versuchen wir doch nicht mit Hilfe hohler Theorien diese traurigen Verbindungen zu verteidigen. Unsere Freiheit ist nichts als eine grenzenlose Einsamkeit, ein langsames Verkommen. Ich mache ihr wohlüberlegt ein Ende, tausche mit der engsten Abhängigkeit. Der Kampf ist zu hart, ich habe das Gefühl, als hätte ich mich meine ganze Jugend hindurch daran verblutet. »Laß nur,« sagt Gilberte, »die Freiheit, meine Lieben, ist ein teures Gut.« Laure hebt ihr Gesicht, das viele Monate erschöpft und seines Kerns beraubt haben. »Ja,« sagt sie nachdenklich, »wir müssen den Göttern den Preis dafür zahlen.« Ende