Der Meerweizen Wenn die Bremer Schiffer nach Amsterdam fahren, kommen sie an einer Stelle vorbei – es soll bei Harlingen sein –, wo Weizen im Meer wächst. Die Ähren kommen ganz goldgelb aus dem Wasser hervor; aber es sind keine Körner drin. Es war nämlich einmal in dieser Gegend eine reiche Frau, die war so reich, daß sie gar nicht dachte, sie könne je arm werden. Eines Tages kam nun einer ihrer Schiffer von der Ostsee. Dieser hatte Weizen geladen, und die Frau fragte ihn, auf welcher Seite er ihn eingeladen habe. Als er ihr antwortete: »Auf dem Backbord«, sagte sie, so solle er ihn auf dem Steuerbord wieder ausschütten. Da warnte er sie, sie solle sich nicht versündigen, es könne ihr noch schlecht ergehen. Sie aber zog einen Ring vom Finger und sagte, indem sie ihn ins Meer warf: »So wenig ich diesen Ring wiederbekommen kann, so wenig kann ich auch je arm werden!« Dann ließ sie den Weizen ins Meer schütten. Anderntags schickte sie ihre Magd auf den Markt, einen Schellfisch zu kaufen, und als diese ihn zu Hause aufschnitt, lag der Ring drin. Da währte es denn nicht lange, und die Frau wurde ganz arm, so arm, daß sie zuletzt nicht mehr so viel hatte, um sich zu kleiden. An der Stelle aber, wo sie den Weizen hatte ins Meer schütten lassen, wächst er noch fort bis auf den heutigen Tag.