Rudyard Kipling und Wolcott Balestier Naulahka, das Staatsglück 1900 Erster Band Erstes Kapitel. Nikolas Tarvin saß im Mondschein auf der geländerlosen Brücke, die oberhalb von Topaz über den Bewässerungsgraben führt, und ließ seine Füße über dem dunklen Wasser baumeln. Neben ihm saß ein schmächtiges braunes Mädchen mit traurigen Augen, das schweigend in den Mond starrte. Ihrer dunklen Haut sah man an, daß dieses Mädchen weder Sonne noch Regen noch Wind scheute, und ihre Augen waren jener eingewurzelten Schwermut voll, die sich gerne ansiedelt in Augen, die hohe Berge und endlose Ebenen, Sorge und Leben geschaut haben. Solche Augen beschatten die Frauen des Westens mit der Hand, wenn sie um Sonnenuntergang unter der Thüre ihrer Hütte über die gras- und baumlose Heide oder welliges Hügelland hinausspähen nach dem heimkommenden Mann. Wo das Leben hart ist, ist's immer am härtesten für die Frau. Käte Sheriff war aufgewachsen, das Gesicht nach Westen gekehrt: seit sie auf den Füßen stehen konnte, hatten ihre heißen Augen auf der Wildnis gehaftet. Mit der Eisenbahn war sie in diese Wildnis eingedrungen und vorwärts geschritten, aber bis zur Zeit, wo sie in die Schule geschickt wurde, hatte sie nie an einem Ort gelebt, an dem die Eisenbahn vorübergefahren wäre. Sie hatte mit den Ihrigen oft lang genug am Ende einer Teilstrecke gewohnt, um das erste nebelige Frührot der Civilisation aufdämmern zu sehen, in der Regel durch elektrisches Licht verkörpert, aber in den neuen und immer neueren Gegenden, wohin der Vater von Jahr zu Jahr als Eisenbahningenieur vorrückte, gab es nicht einmal Bogenlampen. Es gab nur ein Wirtschaftszelt und eine Bauhütte, in der sie wohnten und worin die Mutter manchmal allen Arbeitern, die unter ihres Mannes Befehl standen, Kost und Wohnung geben mußte. Diese Verhältnisse und Einflüsse waren aber nicht die alleinigen Urheber der Eigenart des dreiundzwanzigjährigen Mädchens, das neben Tarvin saß und ihm eben sanft und milde auseinandergesetzt hatte, daß sie ihm wohl von Herzen gut sei, aber anderwärts eine Pflicht habe. Diese Pflicht war, ihrer Auffassung nach, ihr Leben daran zu setzen, um die Lage der Frauen in Indien zu verbessern. Gegen Ende ihres zweiten in Saint Louis verbrachten Schuljahrs, wo sie die losen Fäden der Bildung, die ihr die Einsamkeit und die sie sich selbst in der Einsamkeit gegeben hatte, zusammenknüpfen wollte, war diese Aufgabe wie eine Eingebung, ein höheres Geheiß an sie herangetreten. An einem Aprilnachmittag, der durchsonnt und durchglüht war vom ersten Frühlingshauch, hatte Käte ihre »Sendung« erhalten. Das sprossende Grün, die ersten Blüten und der helle Sonnenschein hatten sie stark in Versuchung geführt, dem angekündigten Vortrag einer Hindufrau über Indien fern zu bleiben, und nur weil es unentrinnbare Schülerpflicht war, hatte sie sich schließlich in den Saal begeben, um Pundita Ramabais Bericht über die traurige Lage ihrer Schwestern in der Heimat zu lauschen. Es war eine herzbrechende Schilderung gewesen, und nachdem die Mädchen ihr in fremdartigen Tönen erbetenes Scherflein zur Linderung der Not gespendet hatten, gingen sie, je nach dem Maß ihrer Naturen bewegt und erschüttert, hinaus und unterhielten sich zuerst im Flüsterton über das Gehörte, bis ein helles Kichern die Spannung löste und wieder das sonstige Geplapper durch den Flur schallte. Käte hatte sich mit dem starren, nach innen gekehrten Blick, den brennenden Wangen und dem beflügelten Gang eines Menschen, auf den sich der heilige Geist herabgesenkt hat, aus dem Saal geflüchtet. Sie ging rasch in den Garten, um allein zu sein, und schritt die mit Frühlingsblumen eingefaßten Wege entlang. Sie fühlte sich unsäglich erhoben, reich, sicher, glücklich; sie hatte sich selbst entdeckt. Die Blumen wußten es, die zartblätterigen Zweige über ihrem Haupt verstanden sie, der leuchtende Abendhimmel hatte Kunde von dem, was in ihr vorging. Ihr war stolz und freudig zu Mut, sie hätte tanzen mögen und noch viel lieber weinen. In ihren Schläfen schlugen die Pulse heftig, das warme junge Blut brauste in ihren Adern, und von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um mit tiefen Atemzügen die erfrischte Luft einzusaugen. Das war die Stunde, wo sie sich ihrer Pflicht gelobte. Von dieser Stunde sollte ihr ganzes Leben zehren: sie weihte es dem Dienst, der ihr an diesem Tag gewiesen worden war wie den Propheten ihre Aufgaben, weihte diesem Dienst alle Kraft ihres Geistes und Herzens. Der Engel des Herrn hatte ihr ein Geheiß gebracht, und sie gehorchte freudig. Zwei Jahre hatte sie gebraucht, sich tüchtig zu machen für ihren Beruf; nun war sie nach Topaz zurückgekehrt, eine gründlich geschulte, leistungsfähige Krankenpflegerin, die nach ihrer Arbeit in Indien lechzte, und mußte erleben, daß dieser Tarvin sie in Topaz festhalten und heiraten wollte. »Nenn's, wie du magst,« sprach Tarvin auf sie ein, während sie in den Mond starrte, »du kannst es Pflicht taufen, du kannst vom Beruf der Frau reden oder du kannst behaupten, du müssest denen, die in Finsternis sitzen, Licht bringen, wie sich der aufdringliche Missionar heute abend in der Kirche ausdrückte. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß du allerlei schöne Redensarten machen kannst; den Dingen ein Mäntelchen umhängen lernt man ja im Osten, aber was mich betrifft, ich nenn's ganz einfach Herzlosigkeit.« »O sag das nicht, Nick! Es ist ein Geheiß.« »Dir wird geheißen, daheim zu bleiben, und falls dir das nicht bestellt worden ist, habe ich den Auftrag, es dir zu sagen,« erklärte Tarvin. Er warf dabei Kiesel ins Wasser und schaute mit finster zusammengezogenen Brauen in die schwarzgurgelnde Flut. »Lieber Nick, wie kannst du nach dem, was wir heute abend beide hörten, eine die frei ist, noch drängen, sich wegzuschleichen, daheim zu bleiben?« »Heiliger Dampf! Heutzutage sollte man Missionar werden, um euch Mädchen zu predigen, daß ihr die alte Weltmaschine nicht im Stich lassen dürft! Ihr taugt nichts unter der neuen Ordnung der Dinge. Ihr bildet euch ein, Fahnenflucht sei der Weg zur Ehre!« »Fahnenflucht!« rief Käte, ihn mit großen Augen anstarrend. »Nun, willst du's etwa anders benamsen? So und nicht anders würde es das kleine Mädchen genannt haben, das ich auf Sektion Zehn der Nord Pacific-Linie kannte! O, liebe Käte, versetze dich einmal in die alten Zeiten zurück, besinne dich auf dich selbst, besinne dich darauf, was wir einander waren, vielleicht merkst du dann, daß die Sache zweierlei Gesichter hat. Du hast ja auch Vater und Mutter, nicht? Du wirst wohl nicht behaupten, daß es rechtschaffen sei, Vater und Mutter im Stich zu lassen! Und neben dir auf dieser Brücke sitzt ein Mensch, der dich liebt mit allem, was in ihm und an ihm ist, dich liebt, du kleines Ding, dauerhaft liebt. Früher hast du ihn doch auch ein wenig leiden mögen, nicht?« Sachte legte er den Arm um sie bei diesen Worten und eine Weile lang ließ sie ihn gewähren. »Bedeutet dir denn das alles gar nichts, Käte? Meinst du nicht, du habest hier auch einen Beruf, Käte?« Er zwang sie, ihm ihr Gesicht zuzuwenden, und blickte ihr wehmütig in die Augen. Sie waren braun und das Mondlicht vertiefte ihren stillen, reinen Glanz. »Glaubst du denn, ein Anrecht auf mich zu haben?« fragte sie bang. »Ich glaube alles, was nötig ist, um dich festzuhalten! Aber nein, eigentliches Anrecht hab' ich nicht, wenigstens keins, das du nicht nach deinem Willen aufheben könntest. Aber wir alle haben Anrecht aneinander, hol's der Teufel, die Verhältnisse sind unsre Herren! Und wenn du nicht hier bleibst, so ist's ein Rechtsbruch, das meine ich.« »Du kannst doch nichts ernsthaft auffassen. Nick,« sagte sie, seinen Arm wegschiebend. Tarvin konnte zwar zwischen seinen Worten und dieser Behauptung keinen Zusammenhang entdecken, aber er sagte gutmütig: »O doch, aber dir zuliebe kann ich auch das Ernsthafteste spaßhaft nehmen.« »Da siehst du's ja! Dir ist nichts ernst!« »Eins ist mir voller Ernst,« flüsterte er ihr ins Ohr. »Wirklich?« meinte sie, das Gesicht abwendend. »Daß ich ohne dich nicht leben kann,« fuhr er zu ihr gebeugt noch leiser fort, »und auch nicht will, Käte.« Käte preßte die Lippen aufeinander. Sie konnte auch »wollen«. So saßen sie in Streit und Widerstreit auf der Brücke beisammen, bis in einer Hütte jenseits des Wassergrabens die Küchenuhr elf Uhr schlug. Das Wasser kam von den Bergen herab, die über ihren Häuptern hingen, die Stadt war eine halbe Stunde weit entfernt. Als Käte jetzt aufstand und entschieden erklärte, daß sie heim müsse, schlugen Stille und Einsamkeit förmlich über Tarvin zusammen. Er fühlte, daß sie nach Indien zu gehen entschlossen war, und sein Wille zerbröckelte für den Augenblick rettungslos am harten Gestein des ihrigen. Er fragte sich, wo denn die Kraft sei, womit er sein Brot erwarb, die Willensstärke, die ihn mit seinen achtundzwanzig Jahren zu einem einflußreichen Mann gemacht hatte, vorderhand nur in Topaz allerdings, die ihn aber bald in die gesetzgebende Körperschaft seines Staates und noch viel weiter tragen mußte, wenn nicht zu sein aufhörte, was war – – Er schüttelte sich ordentlich vor Selbstverachtung und er mußte sich sagen, daß es ja nur ein Mädchen sei, wenn er sie auch liebe, ehe er die Voranschreitende einholen und sagen konnte: »Du bist wohl schon unterwegs nach Indien?« Sie gab keine Antwort und ging ruhig weiter. »Du wirst dein Leben nicht wegwerfen an dieses indische Hirngespinst,« fuhr er fort. »Ich werd's nicht zugeben! Dein Vater auch nicht! Deine Mutter wird heulen und wehklagen und ich werde sie aufstacheln, dir Widerstand zu leisten. Wenn du es nicht einsiehst, daß wir dich brauchen, wir wissen es sehr genau. Du hast auch gar keinen Begriff von dem, was du auf dich nehmen willst! Das Land ist nicht einmal gut genug für Ratten, es ist ein Morast, ja das ist's, ein ungeheurer Morast, sittlich, landwirtschaftlich, gesundheitlich Morast. Das ist kein Ort für den weißen Mann, geschweige denn die Frau – kein Klima, keine Regierung, keine Abzugskanäle, nur Cholera, Hitze und Kampf, bis man drauf geht. Du kannst's im Sonntagsblatt genau lesen, wie das ist, und du wirst gütigst bleiben, wo du bist, mein Fräulein!« Sie blieb mitten auf der Straße, die nach Topaz führte, einen Augenblick stehen und sah in sein vom Mond beschienenes Gesicht. Er griff nach ihrer Hand und wartete in atemloser Angst auf ihre Antwort, er, der Herr und Gebieter. »Du bist ein guter Mensch, Nick,« sagte sie, die Blicke senkend, »aber am 31. reise ich ab nach Kalkutta.« Zweites Kapitel. Um am 31. in New York an Bord zu gehen, mußte sie am 27. von Topaz abreisen. Jetzt war der 15. und Tarvin nützte die übrigbleibende Frist. Jeden Abend kam er in ihr väterliches Haus und sie tauschten ihre Gründe und Gegengründe. Mit der sanftmütigsten Willfährigkeit, sich überzeugen zu lassen, lauschte Käte seinen Worten, aber eine bedrohliche Entschlossenheit lag um ihren Mund und ein wehmütiges Verlangen, gut gegen ihn zu sein, wenn es irgend anging, kämpfte in ihrem Blick mit einer noch wehmütigeren Hilflosigkeit. »Ich bin berufen!« rief sie. »Ich bin berufen, ich kann mich dem Geheiß nicht entziehen. Ich muß der Stimme lauschen, ich muß gehen.« Und wenn sie ihm mit Schmerzen schilderte, wie der Hilfeschrei ihrer Schwestern aus dem dunklen, dumpfen Elend heraus, das so deutlich vor ihr stand, ihr Herz ergriffen hatte, wie die zwecklose Qual und alle Greuel des Lebens, das jene führten, Tag und Nacht an ihr Herz pochten, nach ihr schrieen, dann konnte Tarvin den Hilferuf dieser tiefempfundenen Not, der sie ihm aus den Armen riß, seine Achtung nicht versagen. Zwar konnte er sich nicht enthalten, Käte mit allen Worten und Tönen, die ihm zu Gebote standen, anzuflehen, daß sie ihm nicht Gehör schenke, aber fremd oder unverständlich war die Gewalt dieses Notschreis seinem eigenen großmütigen Herzen keineswegs. Er machte nur eindringlich geltend, daß gerade nach Käte Sheriff auch andre schrieen, und daß sich dafür andre finden würden, jenem Notschrei zu gehorchen. Er war ja auch in Not, er brauchte sie ja auch und sie ihn, wenn sie sich nur die Zeit nehmen wollte, ihr eigenes Herz anzuhören. Sie brauchten einander dringend, jedes that dem andern not und diese Not war die oberste. Die Frauen in Indien konnten sich ja auch noch länger gedulden, später, wenn die C. C. C. Die C. C. C. oder »die drei C.« bedeutet die Central – Colorado-California-Eisenbahnlinie. Die Gewohnheit derartige Bezeichnungen nur mit den Anfangsbuchstaben zu geben, ist für Amerikaner wie Engländer bezeichnend. Anm. d. Uebers. durch Topaz laufen und Tarvin sein Schäflein geschoren haben würde, konnten sie miteinander hinübergehen und jenen Hilfe bringen. Einstweilen wollten sie glücklich sein, sich lieben! Tarvin war erfinderisch: seine Liebe war tief und echt, er wußte ganz genau, was er wollte, und er fand die Ueberredungskunst, dem Mädchen beinahe beizubringen, es sei im Grunde dasselbe, was sie wolle, nur in andrer Einkleidung. Käte hatte oft genug Mühe, ihren Entschluß in den Pausen zwischen seinen Besuchen wieder aufzurichten, zu kräftigen. Sie konnte ihm nicht viel entgegenhalten, sie hatte nicht seine Mitteilungsgabe, sein Ausdrucksvermögen. Ihre Natur war eine von jenen lautlosen, tiefen, die nur fühlen und handeln können. Sie hatte auch den stillen, kühlen Mut und die Fähigkeit, klaglos zu leiden, die solchen Naturen eigen sind, sonst hätte sie schon oft erschrecken und erliegen müssen an den Schwierigkeiten, die der Ausführung des Entschlusses, den sie vor zwei Jahren im Schulgarten an einem linden Frühlingsabend gefaßt hatte, entgegenstanden. Sie hatte ihrer viele kennen gelernt. Die erste war der Widerstand der Eltern gewesen. Ihr Wunsch, Medizin zu studieren, war ihr rundweg versagt worden. Sie wäre gern Arzt und Pflegerin zugleich geworden, denn sie glaubte sich in Indien in diesen beiden Berufsarten nützlich machen zu können. Da ihr der Weg zu einer verschlossen wurde, beschied sie sich damit, in eine New Yorker Ausbildungsanstalt für Krankenpflege einzutreten. Die Eltern stimmten notgedrungen zu: sie waren bestürzt über die Entdeckung, daß sie den sanft entschlossenen Widerstand ihres Kindes nicht mehr brechen konnten, nachdem sie dieses Kind sein Leben lang in allen Stücken hatten gewähren lassen. Als sie der Mutter ihre Gedanken und Pläne anvertraut hatte, fühlte diese nahezu ein Bedauern, daß man Käte nicht so wild hatte aufwachsen lassen können, als einst zu erwarten gewesen war. Ja es that ihr sogar leid, daß ihr Mann jetzt eine andre Thätigkeit gefunden hatte, als den ihr früher so verhaßten Eisenbahnbau. Die Bahn ging jetzt tatsächlich an ihrem Wohnort vorüber! Als Käte von der Schule heimkam, lag Topaz schon hundert Meilen von dem jetzigen westlichen Endpunkte der Bahn zurück und ihre Eltern waren noch dort. Dieses Mal hatte das Schnauben der Lokomotiven sie überholt. Ihr Vater hatte Felder gekauft, die rasch zu Bauplätzen für die junge Stadt wurden, und war jetzt zu wohlhabend, um noch leicht beweglich zu sein. So hatte er seinen Beruf als Ingenieur aufgegeben, und widmete sich stark der Politik. Sheriffs Gefühl für seine Tochter war nicht tiefer als der Mann im allgemeinen, aber es bestand in einer gerade bei seichten Naturen nicht ungewöhnlichen anschmiegenden Zärtlichkeit, und dabei übte er gegen sie eine gewohnheitsmäßige Nachsicht, wie sie dem einzigen Kind häufig zu teil wird. Er pflegte zu sagen, daß ihm alles was sie thue, »ziemlich recht« sei, und damit ließ er in der Regel den Dingen ihren Lauf. Jetzt war er stark von dem Gedanken erfüllt, wie sein Reichtum ihr zu gute kommen werde, und Käte brachte es nicht übers Herz, ihn darüber aufzuklären, wie sie ihn zu genießen gedachte. Ihrer Mutter vertraute sie den Plan in seinem vollen Umfang an, dem Vater sagte sie nur, daß sie sich gründlich in der Krankenpflege ausbilden wolle. Die Mutter grämte sich insgeheim darüber, grämte sich mit der bitteren, philosophischen, beinahe heiteren Hoffnungslosigkeit der Frauen, die das Leben gelehrt hat, das Schlimmste für das Wahrscheinlichste zu halten. Es that Käte bitter weh, ihrer Mutter eine solche Enttäuschung bereiten zu müssen, und es schnitt ihr ins Herz, daß sie nicht thun konnte, was Vater und Mutter von ihr erwartet hatten. Nicht daß sie bestimmte Erwartungen ausgesprochen hätten, aber für selbstverständlich hatten sie es gehalten, daß Käte von der Schule heimkommen und ein Leben führen würde gerade wie andre Haustöchter auch. Sie sah ein, wie berechtigt und verständig diese Voraussetzung war, und sie weinte nicht minder um die Eltern, weil sie für ihre Person felsenfest, wenn auch in aller Demut glaubte, daß es eben anders bestimmt sei. Das war ihre erste Anfechtung gewesen, und von Tag zu Tag steigerte sich der Gegensatz jener heiligen Weihestunde im Garten und der nüchternen Werktäglichkeit, die nötig war, den Entschluß zur Ausführung zu bringen. Das war qualvoll und konnte einem das Herz recht schwer machen, aber Käte ging vorwärts auf ihrer Bahn, nicht immer mit voller Kraft, nicht jederzeit tapfer und mutig, oft genug auch mit geringer Weisheit, aber sie ging voran. Das Leben im Schwesternhaus war wieder eine grausame Enttäuschung gewesen. Sie hatte sich den einzuschlagenden Pfad freilich unbequem und dornenvoll gedacht, aber nach den ersten vier Wochen hätte sie bitter auflachen mögen, wenn sie ihre Träume von Aufopferung mit der Wirklichkeit verglich. In ihren Träumen hatte sie nur die Erhabenheit des Berufs gesehen, in der Wirklichkeit war davon blutwenig zu spüren. Sie hatte gewähnt, schon in der Lehrzeit Hilfe und Heilung spenden zu können, Elend und Leiden durch herzlichen Zuspruch zu lindern, in Wirklichkeit bestand ihr Tagewerk darin, Milchflaschen für kleine Kinder zu spülen. Auch die nächsten Arbeiten, wozu sie von dieser Stufe aufrückte, standen in keiner Beziehung zu der segensreichen Thätigkeit einer Pflegerin, und wenn sie sich unter den anderen jungen Mädchen umsah, wie sie wohl ihre Ideale aufrecht hielten in einer so meilenweit vom Beruf entlegenen Thätigkeit, mußte sie sich sagen, daß diese meist um so leichter durchkamen, als sie gar keine Ideale hatten. Als sie dann vorrückte, als ihr endlich die Kinder selbst anvertraut wurden und nicht nur ihre Milchflaschen, als sie später zur wirklichen Krankenpflege zugelassen wurde, bekam sie es zu fühlen, wie vereinsamt sie gerade durch ihr hohes Ziel war. Die andern waren hier, um ein Geschäft zu erlernen, mit wenigen Ausnahmen würde ihnen Schneidern oder Putzmachen ganz dasselbe bedeutet haben. Sie wollten einfach das Nötige erlernen, um zwanzig Dollars in der Woche zu verdienen, und das Gefühl dieser niedrigen Auffassung in ihrer Umgebung demütigte Käte mehr, als die niedrige Arbeit, die sie zur Vorbereitung für ihren hohen Beruf leisten mußte. Das Geschwätz eines jungen Mädchens aus Arkansas, das sich auf einen Tisch setzte, mit den Beinen baumelte und Vorträge hielt, wie man mit den jungen Assistenzärzten in der Klinik liebäugeln könne, raubte ihr mitunter allen Mut. Zu all dem gesellte sich dann schlechtes Essen, spärlicher Schlaf, ungenügende Erholungs- und grausam lange Arbeitsstunden, kurz, der ganze Kraftaufwand, der nötig war, auch nur körperlich stand zu halten. Außer der Arbeit, die sie mit den andern teilte, nahm sie auch noch regelmäßig Unterricht im Hindostanischen. Wie oft gedachte sie dankbar der Kindheit in frischer Luft und freier Bewegung, die ihre Kraft gestählt, ihren Körper widerstandsfähig gemacht hatten! Wäre es anders gewesen, sie hätte manchmal zusammenbrechen müssen, und nicht zusammenzubrechen wurde zur Pflicht, sobald sie anfangen durfte, wirklich Leiden zu lindern. Das versöhnte sie auch schließlich mit den niedrigen, stumpfsinnigen Bedingungen, unter denen sich diese ganze Vorbereitung für ihr Werk vollzog. Das Widerliche, das die Pflegerin mitansehen muß, stieß sie nicht ab, im Gegenteil lernte sie den Dienst lieben, sobald sie recht in Zug gekommen war, und als sie nach Ablauf des ersten Lehrjahres eine Abteilung in einem Frauenspital unter Leitung einer Oberschwester ganz übernehmen durfte, fühlte sie sich ihrem Ziel näher gerückt, sah es wieder in greifbarer Deutlichkeit vor sich und glühte von einem Interesse, das ihr selbst die chirurgischen Operationen lieb machte, weil sie Hilfe bringen und weil sie ihr gestatteten, hilfreich zu sein. Von nun an war sie mit voller Seele und mit Erfolg bei ihrer Arbeit. Sie wollte ja viel lernen, Erfahrungen sammeln, sachkundig und durchaus tauglich werden. Wenn die Zeit da war, wo hilflose, von der Welt abgesperrte indische Frauen nirgends Trost und nirgends Belehrung finden würden als bei ihr, sollte diese Stütze zuverlässig, ihre Urteilskraft ausgebildet sein. Manche Prüfungen hatte sie noch zu bestehen, aber sie fühlte sich gehoben von der Gewißheit, daß ihre Kranken sie gern hatten, daß ihr Kommen und Gehen ihnen Licht und Schatten bedeutete. Die Hingebung an ihre Aufgabe sicherte den Erfolg. Bald ruhte die ganze Verantwortlichkeit auf ihr und in dem langen, kahlen Krankensaal, wo sie mit dem Tod umging und lebte, wo sie mit leisen Schritten wandelnd, unaussprechlichen Schmerz linderte, den Schrei der Todesangst kennen lernte, und das Aufatmen der Erleichterung, wo kein Laut der Außenwelt an ihr Ohr drang, da durchforschte sie in nächtlicher Stille die Tiefen des eigenen Gemüts und erhielt von einer inneren Stimme die Bestätigung ihres Berufenseins. Jetzt weihte sie sich zum zweitenmal dem erkorenen Dienst und zwar mit einer Freudigkeit, die weit über die der ersten, dämmernden Erkenntnis hinausging. Für den Augenblick aber war sie daheim in Topaz und jeden Abend von halb acht Uhr an hing Tarvins Hut am Kleiderrechen im Flur! Nach elf Uhr stülpte er diesen Hut mit trübseliger Miene wieder auf und in der Zwischenzeit hatte er Tag für Tag flehend, überredend, befehlend, demütig und entrüstet ihren Entschluß bekämpft. Die Entrüstung galt ihrem Plan, mitunter dehnte sie sich aber auch unwillkürlich auf Käte selbst aus. Diese war im stande, ihren Plan und sich selbst zu verteidigen, ohne je heftig zu werden: da diese Selbstbeherrschung aber nicht nach Nicks Sinn war, wurde die Erörterung manchmal jählings und lange vor elf Uhr abgebrochen. Am Abend darauf kam er aber dann doch wieder, saß lammfromm wie ein bußfertiger Sünder vor ihr und bat sie, die Ellbogen auf die Kniee, den Kopf schwermütig in die Hand gestützt, beinahe demütig, doch Vernunft anzunehmen. Diese Stimmung hielt indessen nie lange vor, und Abende dieser Art endeten in der Regel damit, daß er durch gewaltsame Bearbeitung der Armlehnen seines Stuhles mit überzeugter Faust die Vernunft in ihr armes Gehirn einzuhämmern versuchte. Tarvin konnte niemand gern haben ohne den Drang, ihm seine Anschauungen, seinen Glauben beizubringen, dieser Drang entsprang aber einem guten Herzen und war Käte nicht unangenehm. Ja es war ihr so vieles angenehm an ihm, daß sie manchmal, wenn sie sich Aug in Auge gegenübersaßen, ihre Gedanken zurückschweifen ließ zu den Träumen ihrer Schulmädchenzeit, die ihr oft genug die Möglichkeit einer Zukunft an seiner Seite vorgegaukelt hatten, aber diese Gedanken wurden immer mit heftigem Zügelruck zurückgerissen. Sie hatte ja jetzt ganz andres zu bedenken, aber das stand fest, zwischen ihr und Tarvin war eine Beziehung vorhanden und mußte bestehen bleiben, die ihr bei keinem andern Mann denkbar gewesen wäre. In derselben Bauhütte am Abschluß der Teilstrecke mitten in der Prairie hatten sie gewohnt, und Tag für Tag waren sie beide zum selben einsamen, einförmigen Leben erwacht. Die Sonne brachte ihnen den grauen Morgen in die düstere, endlose graue Ebene, und wenn sie abends sank, ließ sie die beiden allein zurück mitten in dem furchtbaren Schweigen des unendlichen Raumes. In dem schmutzigen Bach, nahe bei der Bauhütte, brachen sie im Winter miteinander Eis aus und Tarvin trug Kätes Bütte neben der seinigen heim. Es lebte ja noch ein Dutzend junger Leute unter ihrem Dach, aber Tarvin war vor allen gütig. Die andern waren auch voll Diensteifer und thaten alles, was sie haben wollte, aber Tarvin brauchte kein Geheiß, ja er besorgte manches für sie, während sie schlief. Arbeit gab es ja genug. Die Mutter hatte eine Familie von fünfundzwanzig Köpfen zu versorgen, zwanzig davon Pensionäre, die in der oder jener Art unter Sheriffs unmittelbarer Leitung arbeiteten. Die eigentlichen Taglöhner wohnten in großen Baracken, mitunter auch in flüchtig aufgebauten Hütten oder Zelten. Die Sheriffs allein hatten ein Haus, das heißt ein richtiges Dach mit vorspringenden Wasserspeiern über dem Kopf, Fenster, die man öffnen und schließen konnte und eine Altane, die ringsum lief. Damit war aber auch das Maß der ihnen zu Gebot stehenden Bequemlichkeiten voll; Mutter und Tochter hatten alle Hausarbeit zu verrichten mit Hilfe von zwei Schwedinnen, die zwar stählerne Muskeln, aber höchst unklare Begriffe von Kochkunst hatten. Tarvin half Käte in allen Stücken und sie lernte sich ganz auf ihn verlassen; daß sie sich helfen ließ, dafür liebte er sie. Gemeinsame Arbeit, gegenseitige Abhängigkeit, Abgeschlossenheit von der Welt band sie aneinander, und als Käte in die Schule abging, bestand ein stillschweigendes Einverständnis zwischen ihnen. Die Tragweite eines solchen Einverständnisses hängt von der Auffassung des Mädchens ab, von ihrer Willigkeit, es anzuerkennen. Als Käte zum erstenmal in den Ferien nach Hause kam, verleugnete ihr Betragen dieses Einverständnis nicht, aber es diente ihm auch nicht zur Bestätigung, und Tarvin, so zäh und zugreifend er in andern Dingen war, mochte seine Rechte nicht geltend machen. Es war kein Rechtsanspruch, den er einem Gerichtshof hätte beweisen können! Solange er des Glaubens war, Käte immer in erreichbarer Nähe zu haben, solange er sich ihre künftigen Jahre wie die Jugendzeit aller Mädchen vorstellte, war diese Langmut ja ganz am Platz. Als sie ihm aber sagte, daß sie nach Indien gehen wolle, bekam die Sache ein andres Gesicht. Er dachte nicht an Rücksichten der Schicklichkeit oder gelassenes Zuwarten, nicht an die Notwendigkeit einer geduldigen Werbung, als er mit ihr im Mondschein auf der Brücke saß und an all den Abenden, die darauf folgten; sein Verlangen nach ihr, die Notwendigkeit, sie festzuhalten, erfüllten und bedrückten sein Herz. Aber es sah ganz danach aus, als ob sie gehen würde, fortgehen trotz allem, was er dagegen sagte, trotz seiner großen Liebe. An diese Liebe zu glauben, hatte er sie wenigstens gelehrt, wenn man das einen Trost nennen will. Ja, sie hatte diese Liebe so deutlich erkannt, daß ihr das Herz weh that um ihn, und das war ein Trost. Mittlerweile kam sie ihm in jeder Hinsicht teuer zu stehen, diese Liebe, und Käte hatte ihn lieb genug, um sich darüber zu beunruhigen. Wenn sie ihm aber vorhielt, er dürfe nicht so viel Zeit und Gedanken an sie verschwenden, so entgegnete er, sie solle sich seinetwegen ihren kleinen Kopf nicht zerbrechen, er sehe mehr in ihr als in Geld und Gut und Politik und wisse ganz genau, was er zu thun habe. »Aber du bedenkst nicht, in welch heikle Lage du mich bringst,« versetzte sie. »Ich möchte nicht für deine Niederlage verantwortlich gemacht werden – deine Partei könnte ja sagen, ich hätte dich absichtlich abgehalten!« Tarvin machte eine unbesonnene, wegwerfende Bemerkung über seine Partei, worauf Käte entgegnete, daß diese ihr um so wichtiger sein müsse, je weniger er sich darum kümmere. Sie wolle nicht, daß nach der Wahl gesagt werden könne, er habe um ihretwillen den Wahlkampf vernachlässigt und nur diesem Umstand habe ihr Vater seinen Sieg zu verdanken. »Natürlich wünsche ich ja, daß mein Vater gewählt wird,« setzte sie freimütig hinzu, »und ich kann deinen Sieg nicht wünschen, weil es seine Niederlage wäre! Aber ich will dir nicht im Wege stehen, ihn zu erringen.« »Deines Vaters Wahl braucht dir keine Sorgen zu machen, Kleine!« rief Tarvin übermütig. »Deshalb brauchst du wahrhaftig nicht wach zu liegen, sondern kannst dich aufs Ohr legen und schlafen, bis die drei C. durch Topaz rasseln. Ich selbst und kein andrer werde diesen Herbst in Denver Politische Hauptstadt von Colorado, das wie jeder amerikanische Staat sein eigenes Repräsentantenhaus hat. Amerika hat keine Rechtseinheit. Die einzelnen Bundesstaaten haben ihre »Legislatur«, und um eine Wahl in diese Legislatur handelt es sich. Anm. d. Uebers. erscheinen und du thätest besser, dich aufs Mitgehen einzurichten! Hm ... wie denkst du dir's, die Frau des Sprechers 2. Präsident der amerikanischen Repräsentantenkammer. Anm. d. Uebers. zu sein und auf dem Kapitol zu wohnen? Würde dir das passen?« Käte hatte ihn lieb genug, um seinen gewohnten Glauben, daß der Unterschied, ob er etwas Gewolltes erreiche oder nicht, lediglich darin bestehe, ob er es ernstlich erreichen wolle oder nicht, wenigstens halbwegs zu teilen. »Nick!« rief sie halb spöttisch und doch halb überzeugt. »Sprecher wirst du nicht!« »Wenn ich dächte, das könnte dich locken, würde ich mich anheischig machen, sogar Präsident zu werden! Gib mir ein Wort der Hoffnung, und du sollst sehen, was ich vollbringe!« »Nein! Nein!« sagte sie, den Kopf schüttelnd. »Meine Präsidenten sind alle Radschas, und die sind fern, fern von hier.« »Sag einmal, Indien ist ja halb so groß wie Amerika, in welchen Staat gehst du eigentlich?« »In welchen ...« »Nun, sagen wir Distrikt, Bezirk, Grafschaft, Stadt! Du wirst doch eine Adresse haben?« »Rhatore, Provinz Gokral Sitarun, Radschputana, Indien.« »Lang genug ist sie,« sagte er mit einem schmerzlichen Seufzer. Diese Adresse war von einer unheimlichen Bestimmtheit; sie gab ihm mehr als alle Worte den Eindruck, daß Käte wirklich gehen werde. Er sah sie fast hoffnungslos aus seinem Leben weggleiten, fort in ein Land am andern Ende der Welt, ein Land, das seinen Namen aus »Tausend und eine Nacht« zu beziehen schien und vermutlich auch seine Bewohner. »Larifari, Käte! Du wirst doch nicht in einem solchen heidnischen Märchenland wohnen wollen! Ich bitte dich, was hat denn dies Land mit Topaz, mit daheim zu schaffen? Du sollst und darfst es nicht thun, sag' ich dir! Laß die Leute doch für sich selbst sorgen. Mögen sie einander pflegen! Oder überlaß es mir! Ich will hinübergehen, etliche ihrer verdammten Juwelen in bares Geld verwandeln und ein ganzes Armeecorps von Pflegerinnen aufstellen! Du sollst den Plan dazu machen, alles vorschreiben, und dann komme ich wieder, um dich zu heiraten, und ich nehme dich hinüber, daß du mein Werk siehst! Die Geschichte soll in Schwung kommen! Sag doch nicht, die Leute dort seien arm. Mit jenem Halsband allein könnte man eine Stadt von Spitälern bauen! Wenn dein Missionar nicht stark aufgeschnitten hat neulich in seiner Predigt, würde sein Wert ja hinreichen, die amerikanische Staatsschuld zu tilgen! Diamanten, sagte er, so groß wie Hühnereier, Perlschnüre wie Schiffstaue, Saphire vom Umfang einer Männerfaust und Smaragden, daß einem der Atem ausgeht – und das alles hängen sie einem Götzenbild um den Hals oder verscharren's in ihren Tempeln und heulen dann über Armut, daß brave weiße Mädchen hinüberkommen und sie pflegen sollen! Ich nenne das eine Frechheit!« »Als ob ihnen mit Geld geholfen wäre! Nein, Nick, darum handelt sich's nicht! Im Geld liegt kein Erbarmen, kein Mitgefühl, keine Liebe, die einzige wirkliche Hilfe ist, sich selbst hinzugeben.« »Schön und gut! Dann gib dich auch mir! Ich werde mitgehen,« erklärte Nick, seinen Humor wieder findend. Sie lachte, wurde aber plötzlich sehr ernst. »Nein, Nick, du sollst nicht nach Indien kommen, thu das nicht! Folge mir nicht! Du darfst nicht.« »Hm, ich will's nicht verschwören! Wenn ich eine Stelle als Radscha bekäme, die wird schon etwas abwerfen ...« »Ach, Nick! Einen Amerikaner machen sie gewiß nicht zum Radscha!« Seltsam, daß Männer, denen das Leben ein Spaß ist, Frauen suchen, denen es ein Gebet bedeutet. »Aber einen Radscha stürzen lassen sie ihn am Ende doch,« bemerkte er, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen, »und das wäre vielleicht der fettere Bissen. Radscha sein gilt für ein etwas unsicheres Geschäft, soviel ich weiß.« »Wieso?« »Nun, die Unfallversicherungen verlangen doppelte Prämien, und meine Gesellschaft nimmt überhaupt keinen Radscha auf. Einen Vezier, das ginge allenfalls noch,« setzte er überlegend hinzu. »Die Sorte stammt ja auch aus Tausend und eine Nacht, nicht wahr?« »Du sollst überhaupt nicht nach Indien kommen,« erklärte Käte feierlich. »Es geht nicht! Du mußt wegbleiben, merke dir das.« Taivin stand plötzlich auf. »Gute Nacht! Gute Nacht!« rief er. Er schüttelte sich mit einer Gebärde der Ungeduld und winkte das Mädchen von sich ab, als ob er nicht nur für heute gehen, sondern sich überhaupt von ihr lossagen wolle. Sie folgte ihm trotzdem in den Flur. Mürrisch nahm er seinen Hut vom gewohnten Haken, und ließ sich heute nicht von ihr in den Ueberrock helfen. Kein Mann bringt es fertig, gleichzeitig mit Erfolg um ein Weib und um Wähler zu werben. Vielleicht begünstigte Sheriff deshalb die Aufmerksamkeiten, die sein Gegner bei der Wahl in dieser Zeit seiner Tochter erwies. Tarvin hatte sich ja immer mit Käte beschäftigt, aber so andauernd, ausschließlich, und eifrig wie jetzt doch nicht. Sheriff bereiste seinen Wahlkreis und hielt viele Reden; darum war er wenig zu Hause, aber wenn er, meist überraschend in Topaz auftauchte, entlockte ihm des Gegners Liebeswerben ein heimliches Lächeln. Immerhin unterschätzte er Tarvins Vielseitigkeit, wenn er sich deshalb auf einen leichten Sieg in der Versammlung zu Cañon City gefaßt machte, wo die beiden Gegner sich persönlich gegenübertreten sollten. Das unbehagliche Gefühl, seine Schuldigkeit gegen die Partei nicht recht erfüllt zu haben, steigerte Tarvins Ehrgeiz. Daraus entstand eine gewisse Gereiztheit, und Kätes Ermahnungen und Prophezeiungen wirkten wie Pfeffer auf eine offene Wunde. Die Wahlversammlung in Cañon City war auf den Tag nach der eben geschilderten Unterredung zwischen den wunderlichen Liebesleuten anberaumt, und Tarvin betrat das aus wackeligen Frachtkisten gezimmerte Podium in der Rollschuhbahn von Cañon City an jenem Abend mit dem verbissenen, jugendstarken Entschluß, den Leuten zu zeigen, daß man doch mit ihm zu rechnen habe – wenn er auch verliebt sei! Sheriff war der erste Redner, und Tarvin saß, ein langes, nervös zuckendes Bein übers Knie geschlagen, als Zuhörer im Hintergrund der Galerie. Die ungleichmäßig beleuchtete Zuhörermasse, die unter ihm saß, bekam einen nervösen, knochigen Mann in nachlässiger Haltung mit klugen, herausfordernden und doch wohlwollenden Augen und einem herrischen Kinn, zu sehen. Er hatte eine starke, vorspringende Nase, die gefurchte Stirn und die ziemlich kahlen Schläfen, die sich bei den Männern des Westens früh einstellen. Der beobachtende, scharfe Blick, der unruhig über die Versammlung schweifte, einschätzend, mit was für Leuten er es eigentlich zu thun habe, verriet jenes hohe Selbstbewußtsein, das, ob begründet oder nicht, jenseits des Mississippi immer die beste Empfehlung für den Mann ist. Er trug eine kurze, sackartige Juppe, die im Westen auch für feierliche Gelegenheiten genügend befunden wird, aber das Flanellhemd hatte er in Topaz gelassen und dafür das weiße Linnen höherer Kultur angelegt. Sheriffs Rede regte in Tarvin hauptsächlich den Gedanken an, wie sonderbar es doch sei, daß ein Mann es übers Herz bringe, der Masse ganz falsche Anschauungen über Silberwährung und Tarife zu predigen, während seine Tochter so unheimlich edle Thaten ausbrüte. Bei ihm waren die Anschauungen, die Gedanken über Silberwährung und Tarife so ganz mit Käte verwachsen, daß er seine Entgegnung um ein Haar mit der Frage eröffnet hätte, woher ein Mann, der in der eigenen Familie nicht Herr sei, den Mut nehmen könne, einer denkenden Wählerschaft seine Nationalökonomie aufzudrängen? Wenn er der Mann sei, dem Staat Gesetze zu geben, weshalb halte er dann seine eigene Tochter nicht ab, ihr Leben zu vergeuden? Wozu denn überhaupt Väter in der Welt seien, hätte er fragen mögen, allein er verschluckte diese »sachlichen« Bemerkungen und stürzte sich wie ein kühner Schwimmer in eine Flut von Zahlen, Thatsachen und Gründen. Tarvin hatte gerade die Gaben, womit der Wahlredner sich ins Herz einer Wählerschaft einschleicht; er wußte Beschuldigungen, Anklagen zu erheben, wußte zu verteidigen, aufs eindringlichste zu verdächtigen, er fuchtelte mit den langen, sehnigen Armen herum, rief die Gottheit, die Statistik und die Republik zu Zeugen an, und wenn sie in seinen Kram taugte, verschmähte er auch die Anekdote nicht. »Das erinnert mich,« konnte er in dem leichten Gesprächston hinwerfen, womit der Volksredner gern sein Pathos abtönt und erhöht, »an einen Mann, den ich in Wisconsin kennen gelernt habe ...« Die Geschichte sah dem »Mann ins Wisconsin« gar nicht ähnlich, Tarvin war auch in seinem Leben nie in Wisconsin gewesen und kannte den Mann nicht, aber die Anekdote war zündend, das Publikum gröhlte vor Lachen – sogar Sheriff hielt es für passend, ein Lächeln zu »markieren« – und Tarvin hatte seinen Zweck erreicht. Es wurden auch mißbilligende Stimmen laut und die Debatte war zuweilen nicht mehr auf die Rednerbühne beschränkt, aber das tiefe beifällige Gemurmel, das häufig dem Beifallsrufen oder dem Gelächter nachhinkte, wirkte anfeuernd wie Peitschenknallen auf Tarvin und das bräunliche Getränk, das ihm der Pförtner der Rollschuhbahn nach einer am Nachmittage gepflogenen Beratung gebraut und auf den Tisch gestellt hatte, that auch seine Schuldigkeit. Die wohlberechnete Mischung in seinem Glas, der leidenschaftliche Vorsatz in seinem Herzen, das Murmeln und Zischen und Jauchzen der Zuhörer, alles wirkte zusammen, um Tarvin allmählich in einen Taumel der Ueberzeugtheit zu versetzen, der ihm selbst merkwürdig war. Als er endlich fühlte, daß er sein Publikum vollständig in der Gewalt hatte, da verfuhr er mit ihm wie ein gewandter Jongleur. Er packte die Zuhörer, hielt sie hoch in der Luft, streichelte und hätschelte sie, stürzte sie in Abgründe und ließ sie wieder emporschnellen, um ihnen seine Macht zu zeigen, schloß sie zärtlich an sein Herz und erzählte ihnen Märchen. Und mit dieser Wählerschaft im Arm und am Herzen, zerstampfte er den zu Boden geworfenen Leib der Gegenpartei und sang ihr Grabgesänge. Es war eine große Stunde. Das sprach ein jeder aus, als Tarvin geschlossen hatte: alles erhob sich, man stieg auf die Bänke und rief es ihm zu, daß der ganze Bau erbebte. Die Männer warfen ihre Mützen in die Höhe, umschlangen einander, machten wilde Sprünge und wollten ihn auf ihren Schultern als Triumphator in der Halle herumtragen. Aber Tarvin entzog sich dieser Huldigung: ihm war auf einmal die Kehle wie zugeschnürt, und blindlings die Menge durchbrechend, die ihn auf dem Podium umringte, flüchtete er in das Ankleidezimmer neben dem Saal. Er warf die Thüre hinter sich ins Schloß, verriegelte sie sogar und sank, sich die Stirne trocknend, auf einen Stuhl. »Und der Mann, der das vermag,« brummte er vor sich hin, »ist nicht im stande, ein fadendünnes kleines Ding zu überreden, daß sie ihn heiratet.« Drittes Kapitel. Am andern Morgen lief in ganz Cañon City das Gerücht um, daß Tarvin seinen Gegner einfach vernichtet habe, und mehr als Gerücht, wohlverbürgte Thatsache war, daß Sheriff, als er sich ziemlich kleinmütig angeschickt hatte, das Wahlprogramm des Redners vorschriftsmäßig zu bekämpfen, durch die einmütige öffentliche Meinung gezwungen worden war, den Mund zu halten. Trotzdem begrüßte er Tarvin auf dem Bahnhof, wo beide in den nämlichen Zug nach Topaz einsteigen wollten, mit anerkennenswerter Höflichkeit und machte durchaus nicht Miene, seinem Widersacher scheu auszuweichen. Wenn Tarvin Kätes Vater wirklich »in den Staub getreten« hatte, wie ganz Cañon City sich vernehmen ließ, so schien dieser seine Vernichtung nicht sonderlich schwer zu empfinden. Tarvin überlegte bei sich, daß Sheriff allerdings Grund habe, sich mit einer andern Niederlage des jüngeren Mannes zu trösten, die diesen Triumph wohl aufwog, und diese Ueberlegung zog die zweite nach sich, daß er sich einfach lächerlich gemacht habe. Er hatte die Genugthuung gehabt, dem Nebenbuhler öffentlich seine Überlegenheit beweisen zu können, und das Vergnügen genossen, seiner Partei greifbar klar zu machen, daß er immer noch eine Kraft sei, auf die man bauen könne, wenn sich auch im Kopf eines jungen Mädchens tolle Weltverbesserungsideen angesiedelt hatten. Aber förderte ihn das etwa bei Käte? Es förderte ihn nicht, es schied ihn eher von ihr, wenigstens soweit der Vater Einfluß auf die Sache hatte und soweit seine Wahlaussichten dadurch verbessert wurden. Daß er gewählt werden würde, stand ihm jetzt fest. Aber was half es ihm? Selbst die Würde eines Sprechers, die er vor ihr hatte funkeln lassen, schien ihm nach den Erfahrungen des heutigen Abends ins Gebiet der Möglichkeiten gerückt, aber die einzige Präsidentschaft, nach der Tarvins Sinn wirklich stand, war die über Kätes Herz – wenn sie ihn nicht wählte, was' nützten ihm alle andern Stimmen? Er fürchtete ernstlich, daß ihm diese höchste Würde nicht so bald blühen werde, und als er sich den untersetzten, vierschrötigen Mann ansah, der gleich ihm auf dem Bahnsteig stand, kam er auf den Gedanken, diesen dafür verantwortlich zu machen. Käte würde sicher nicht nach Indien gehen, wenn sie einen andern Vater hätte, einen Mann, wie er ihrer etliche kannte! Aber solch ein schmiegsamer, schlauer, selbstsüchtiger Protz, der's mit niemand verderben wollte – was ließ sich von so einem erwarten? Wenn hinter der Geschmeidigkeit Kraft gesteckt hätte, würde Tarvin diese Eigenschaft geschätzt statt mißachtet haben, aber er hatte seine eigenen Gedanken über einen Mann, der an einem Ort wie Topaz zufällig reich geworden war. Was für Taruin diesen Sheriff so unleidlich machte, war das von ihm dargebotene Schauspiel eines Mannes, der ohne sein Zuthun plötzlich verblüffend reich geworden ist und nun als Glückspilz umherging, ängstlich vermeidend, irgend jemand auf die Hühneraugen zu treten. In der Politik betrieb er diese Kunst mit besonderem Eifer, außerdem war er aber jetzt Hort und Stolz des Komitees, das einen Eisenbahningenieursball arrangierte, half den »Tempelrittern« Ausflüge zu stand bringen, war Mitglied aller erdenklichen Vereine und die Zuflucht derer, die Wohlthätigkeitsbazare, Theatervorstellungen und Austerndiners zu guten Zwecken und hohen Preisen in Scene setzten. Ohne wählerisch zu sein, nahm er an Austernessen wie an jedem andern Wohlthätigkeitssport in Topaz teil, und zwar nicht allein, Frau und Tochter mußten mitgehen und ihre Wohnstube füllte sich mit Puppen im Täuflingsputz, protestantischen Stickereien, katholischen Sofakissen und künstlerischen Spritzarbeiten – es entstand eine wahre Sammlung. Allein diese Allerweltsliebenswürdigkeit machte den Mann durchaus nicht so beliebt, als er es verdient hätte. Die dunklen Ehrenmänner nahmen sein Geld und hielten an ihrer Meinung über den Mann fest; Tarvin, sein Gegner, hatte den Leuten gezeigt, wie er über derartige Politik dachte, indem er sich offen weigerte, auch nur eine einzige Eintrittskarte zu nehmen. Dieser thörichte, erbärmliche Drang, es allen Leuten recht zu machen, war, wie Tarvin richtig erkannte, auch der Grund von Sheriffs schlaffem Verhalten der töchterlichen Narrheit gegenüber. Weil Käte eben durchaus gehen wolle, fand es der Vater schließlich bequemer, sie gehen zu lassen. Er versicherte, den Plan anfangs heftig bekämpft zu haben, und das glaubte ihm Tarvin auch, denn er wußte ja, daß der Vater an seinem Kind hing. Nicht Mangel an gutem Willen machte er ihm zum Vorwurf, aber Mangel an der Fähigkeit, seinen Willen durchzusetzen. Schließlich mußte er sich freilich sagen, daß die eigentlich Schuldige wie in allen Stücken so auch in diesem Käte selbst war, denn ihr Starrsinn war allen Vorstellungen unzugänglich. Als der Topazer Zug angekommen war, stiegen Sheriff und Tarvin in denselben Wagen. Tarvin hatte gerade nicht das Bedürfnis, sich während der Fahrt mit Kätes Vater zu unterhalten, aber es sollte auch nicht aussehen, als ob er ein Gespräch scheute. Im Wagen bot ihm Sheriff eine Cigarre an, und als dann Dave Lewis, der Schaffner, hereinkam, begrüßte ihn Tarvin als alten Freund und forderte ihn auf, sich ein wenig zu ihnen zu setzen, wenn seine Dienstpflichten erledigt wären. Tarvin mochte den Mann wohl leiden, wie er tausend andre Zufallsbekannte leiden mochte, die ihm irgendwo in den Weg gekommen waren und bei denen er sich großer Beliebtheit erfreute: die Aufforderung entsprang übrigens wenn auch nicht ganz, so doch teilweise dem Wunsch, ein Alleinsein mit Sheriff zu vermeiden. Redselig teilte ihnen der Mann mit, daß er den Präsidenten der C. C. C. im Zug habe, der mit seiner Gesellschaft in einem eigenen Salonwagen fahre. »Was der Tausend!« rief Tarvin und bat dann seinen Freund, ihn auf der Stelle dem Präsidenten vorzustellen, der ihm gerade recht käme. Lachend sagte der Schaffner, daß er doch kein Bahnvorstand sei und so etwas nicht wagen dürfe. Als er aber nach vollendeter Runde wieder in den Wagen kam, erzählte er, der Präsident habe ihn gefragt, ob er ihm nicht einen rechtschaffenen Mann in Topaz empfehlen könne, der ein Herz für öffentliche Angelegenheiten habe und mit dem sich die Frage, ob die drei C, nach Topaz kommen sollen, vernünftig erörtern ließe. Darauf hatte ihm der Schaffner gesagt, daß sich gleich zwei für diesen Zweck geeignete Herren im Zug befänden, und nun lasse der Präsident ihnen sagen, es würde ihm sehr angenehm sein, wenn sie sich in seinen Wagen bemühen und ihm ihre Aufmerksamkeit schenken mochten. Seit einem ganzen Jahr hatte der Verwaltungsrat der Central-Colorado-California-Eisenbahnlinie Beratungen gepflogen, ob die Bahn über Topaz geführt werden solle oder nicht, und die Mitglieder hatten sich in der leidenschaftslosen, unparteiischen Weise geäußert, die Verwaltungsräten eigen ist, solange sie Zuspruch und Aufmunterungen von allen Seiten erwarten. Die Handelskammer von Topaz hatte den Wink begriffen und es an der gewünschten Ermutigung nicht fehlen lassen. Diese hatte die Gestalt einer städtischen Anleihe und von Landschenkungen angenommen, und schließlich hatte man sich durch Ankauf von Aktien zu einem in die Höhe getriebenen Preis an dem Unternehmen selbst beteiligt. Das war aller Ehren wert, selbst für eine Handelskammer, aber von städtischem Hochmut und Ehrgeiz gespornt, hatte Rustler sie übertrumpft. Rustler lag fünfzehn Meilen von Topaz entfernt, höher in den Bergen, folglich auch näher bei den Bergwerken, und Topaz bekam seine Nebenbuhlerschaft auch in andern Angelegenheiten als der dieser Eisenbahnlinie zu fühlen. Nie beiden Städte waren ungefähr zu gleicher Zeit entstanden und erblüht, dann hatte die Lebenskraft Rustler verlassen und sich in Topaz niedergelassen. Das hatte Rustler eine gehörige Anzahl von Bürgern gekostet, die an den gedeihlicheren Ort übersiedelten: Manche davon hatten ganz einfach ihr Haus auf den Rücken genommen wie die Schnecken, das heißt es auf einen Güterwagen geladen und als Frachtgut nach Topaz geschickt, was den Zurückbleibenden einen großen Schrecken einjagte. Neuerdings aber rührte sich in Topaz das unbehagliche Gefühl, daß ihm etliches aus den Fängen glitt. Ein oder zwei Häuser waren schon nach Rustler zurückgewandert, Rustler nahm einen neuen Aufschwung, und wenn die Eisenbahn dort hingeführt wurde, so war Topaz verloren, riß es dagegen die Bahnlinie an sich, so war ihm der Sieg gewiß. Die beiden Städte haßten einander, wie man nur im Westen haßt – bösartig, leidenschaftlich, mit wolllüstigem Ingrimm. Wenn ein Erdbeben die eine oder die andre Stadt verschlungen hätte, die übriggebliebene wäre an mangelndem Lebensinteresse hingesiecht. – Hätte Topaz Rustler oder Rustler Topaz totschlagen können, durch größeren Unternehmungsgeist, Umsatz und Umtrieb oder auch durch Schmähungen in der Presse, man würde in der überlebenden Stadt Triumphzüge und Siegestänze gehalten haben. Aber die Zerstörung durch andre Mittel als die vom Himmel eingesetzten des lautern und unlautern Wettbewerbs würde dem überlebenden Teil herben Kummer verursacht haben. Das heiligste Gut des westlichen Mannes ist der Stolz auf seine Stadt, und der köstlichste Duft dieser Blume ist der Haß gegen die Nachbarstadt. Stadthochmut kann nicht bestehen ohne Stadtneid, und es traf sich deshalb glücklich, daß Topaz und Rustler gerade in der richtigen Haßweite von einander lagen, denn der lebendige Glaube des Menschen an den besonderen Fleck in der endlosen westlichen Wildnis, wo er zufällig sein Zelt aufgeschlagen hat, enthält die Zukunft und das sichere Gedeihen des Westens. Tarvin hegte dieses Gefühl wie eine Religion. Es war ihm außer Käte das Höchste auf der Welt, ja mitunter stand es ihm sogar höher als Käte. Dieses Gefühl ersetzte ihm, was andern Ideale und Streben sind. Er wollte Erfolge erringen, er wollte eine Rolle spielen, aber sein persönlicher Ehrgeiz fiel mit seinem Ehrgeiz für die Stadt zusammen. Wenn seine Stadt darnieder lag, konnte auch ihm nichts gelingen, wenn sie blühte, mußte auch ihm alles glücken. Sein Ehrgeiz für Topaz, sein Stolz auf Topaz, das war ein leidenschaftlicher, ganz persönlicher Patriotismus. Topaz war für ihn das Vaterland, und weil es so nah und greifbar vor ihm stand, weil er's mit Augen sehen und mit Händen fassen konnte, besonders aber auch, weil er Stücke davon kaufen und verkaufen konnte, war es viel deutlicher sein Vaterland, als die Vereinigten Staaten von Amerika, die seiner nur in Kriegszeiten bedurften. Er war bei der Geburt von Topaz zugegen gewesen, er hatte die Stadt gekannt, als er sie schier noch mit den Armen hätte umfassen können, er hatte sie werden und wachsen sehen, hatte sie gehätschelt und aufgepäppelt; mit den Pfählen, die man bei der Abmessung eingetrieben hatte, war auch sein Herz eingerammt worden, er wußte also auch besser als Lucas, was ihr taugte. Ihr taugten die drei C. Der Schaffner führte Sheriff und Tarvin in den Salonwagen und stellte dem Präsidenten die Herren vor, und der Präsident machte diese mit seiner Frau bekannt, einer blonden jungen Dame, die sich deutlich bewußt war, hübsch zu sein und die Neuvermählte sehr zur Schau trug. Rasch von Erkenntnis, wie Tarvin war, ließ er sich sofort neben der Dame nieder. Der Salonwagen enthielt diesseits und jenseits von der Abteilung, worein sie geführt worden waren, noch andre Gemächer. Das ganze rollende Haus war ein Wunder von Bequemlichkeit und Raumausnutzung, die Ausschmückung von vornehmstem Geschmack. Der Salon schimmerte von Plüsch in gebrochenen unbenennbaren Farbtönen, blankem gedrehtem Nickelgeräte und Spiegelglas, und die in neuerem Stil ausgesucht einfache Täfelung dämpfte den Glanz ab, wie sie ihm zugleich als Folie diente. Der Präsident der noch ungeborenen Central-Colorado-Californialinie machte für Sheriff in einem der beweglichen Stühle aus Rohrgeflecht Raum, indem er einen ganzen Pack illustrierter Zeitungen beiseite warf, und sah sich dann unter buschigen Augenbrauen hervor mit runden, dunklen Aeugchen seinen Mann näher an. Seine eigene behäbige Gestalt füllte einen andern von den etwas zerbrechlichen Stühlen zum Ueberfließen aus. Er hatte die gefleckten Wangen und das schlaffe Doppelkinn eines Fünfzigers, der besser lebt, als ihm bekömmlich ist, und lauschte mit undurchdringlich verschlossenem Gesichtsausdruck den lebhaften Auseinandersetzungen, die Sheriff sofort vom Stapel ließ. Tarvin hatte unterdessen Frau Mutrie in ein Gespräch gezogen, worin das Vorhandensein von Eisenbahnen gar nicht berührt wurde. Zufällig hatte er einiges über die Heirat des Präsidenten der C. C. C. gehört und er fand die Neuvermählte sehr geneigt, seine höchst schmeichelhafte Lesart der Geschichte anzuhören. Er überschüttete sie mit Artigkeiten und ließ sich des langen und breiten von ihrer Hochzeitsreise erzählen. Die heutige Fahrt gehörte eigentlich noch dazu, dann ging's nach Denver in die Häuslichkeit. Sie war sehr gespannt, ob es ihr dort gefallen könne, und Tarvin beteuerte, daß ihr die Stadt zusagen werde. Er verbürgte sich für sie, er malte sie in leuchtenden Farben auf Goldgrund und schlang Blumenranken darum, er machte sie zu einem Ideal und bevölkerte sie mit Paradiesesmenschen. Dann rühmte er die Läden und Theater: er behauptete, New Jork könne sich daneben verkriechen, aber vorher müsse sie das Theater in Topaz sehen. Er hoffe sehnlich, die Herrschaften würden sich ein paar Tage in Topaz aufhalten. Topaz selbst pries er nicht so grell, als er Denver gepriesen hatte. Er begnügte sich, der jungen Frau seinen einzigartigen, besonderen Reiz anzudeuten, und als er sie dahin gebracht hatte, sich Topaz als die hübscheste, vornehmste, gedeihlichste Stadt des Westens vorzustellen, ließ er den Gegenstand fallen. Im übrigen drehte sich das Gespräch um persönlichere Dinge, und Tarvin streckte nach allen Richtungen Fühlhörner aus, zuerst um etwaige übereinstimmende Anschauungen, dann um ihre Schwächen zu entdecken. Er wollte wissen, woran die Frau zu packen war, denn das war das Mittel, den Mann zu packen, soviel hatte er schon beim Eintreten vom Blatt gelesen. Ihre Geschichte kannte er, ihren Vater hatte er sogar persönlich gekannt. Tarvin war einmal in dem Gasthof abgestiegen, den dieser in Omaha geführt hatte. Er erkundigte sich nach dem alten Haus, nach den Besitzern, die seither mehrmals gewechselt hatten. Wer führte das Haus jetzt? Hoffentlich hatte er ihres Vaters Oberkellner beibehalten! Und der Koch? Der Mund wässerte ihm heute noch nach der leckern Küche! Sie lachte herzhaft und wurde zuthunlich. In diesem Gasthof hatte sie ja ihre Kindheit verlebt, in den langen Gängen und auf den Vorplätzen gespielt, auf dem Klavier im Damenzimmer herumgetrommelt, in der Anrichte Zuckerzeug genascht. Ja freilich, den Koch kannte sie auch, ganz persönlich, der hatte ihr manchmal noch Pudding ins Bett geschickt – ja wohl, der war heute noch im Hause! Tarvins offene, freundliche Art, seine Bereitwilligkeit sich belustigen zu lassen, und die noch größere, zur Belustigung der andern beizutragen, übten allerorten, die Macht, Menschen anzuziehen. Seine herzliche, mannhafte Art, seine zuversichtliche Fröhlichkeit, die das Leben stark und vielseitig und glückbringend anfaßte, strömten Wärme aus. Er begegnete jedem Menschen mit gleichmäßigem Wohlwollen, er fühlte sich jedem verwandt, nahm jeden als Bruder auf, wenn man ihn nur gewähren ließ. So war er denn auch mit Frau Mutrie bald auf ganz vertrautem Fuß und sie bat ihn, mit ihr an das große Fenster am Ende des Wagens zu gehen und ihr die Aussicht auf die Schluchten des Berglands von Arkansas zu erklären. Sie kauerten sich am Fußboden nieder, um den vollen Anblick der über ihren Häuptern hängenden massigen Felspartieen zu genießen, und blickten auf das Chaos von Felsblöcken hinaus, das sich aufgethan hatte, um sie durchzulassen, und sich unmittelbar hinter ihnen wieder zusammenschloß. Fühllos und nüchtern rasselte der Zug durch die in Trümmer gestürzte Schönheit dieser bisher unberührten Welt, wunderbar erschien es, wie er sein Gleichgewicht erhielt auf dem für das Auge kaum messerbreiten Raum, den man für ihn, auf einer Seite dem Fluß, auf der andern den Bergen abgewonnen hatte. Frau Mutries Gleichgewicht kam dafür öfter ins Wanken, wenn der Zug um die zahllosen Kurven schwenkte, so daß Tarvin sie mehrmals vor dem Fallen bewahren mußte, bis er schließlich ihren Arm durch den seinigen zog und sie nun gemeinsam die Bewegungen des Zuges mitmachten, er den Halt durch weit gespreizte Beine sichernd. So blickten sie unverwandt nach den Gigantentürmen und Mauern hinauf, die über ihren Häuptern zu schweben, im Wirbel zu tanzen schienen. Frau Mutrie stieß häufig laute Rufe des Erstaunens und Entzückens aus, die anfangs die gewohnheitsmäßige Antwort der Frauennatur auf große Natureindrücke waren, die aber bald zu einem scheuen, schreckensvollen Murmeln wurden. Ihre Oberflächlichkeit fühlte sich von diesem gewaltigen Anblick gehemmt und erdrückt, wie die Gegenwart des Todes sie wohl auch zum Schweigen gebracht haben würde; gewohnheitsmäßig, aber ohne rechten Mut ließ sie die kleinen Frauenkünste Tarvin gegenüber trotzdem weiter spielen, als aber der Zug aus dem Felsgekluft in die Ebene hinaustrat, atmete sie erleichtert auf und zog den Reisebegleiter, den sie offenbar als ihr Eigentum ansah, ungestüm wieder in den Salon zurück. Sheriffs Redestrom war noch nicht erschöpft; er zählte dem Präsidenten die Vorzüge von Topaz in endloser Reihe auf, dieser hörte ihm aber zerstreut zu und starrte gelangweilt durchs Fenster. Als die junge Frau zurückkam, ihren Mann zärtlich auf die Schulter klopfte und ihm ein paar Worte ins Ohr flüsterte, nahm sich der beleibte Herr ungefähr aus wie ein in Verlegenheit geratender Menschenfresser. Tarvin mußte seinen alten Platz neben ihr einnehmen und erhielt Befehl, sie sehr gut zu unterhalten, worauf er bereitwillig einging, indem er ihr eine sehr erfolgreiche Expedition schilderte, die er einmal in das Felsengebiet gemacht hatte. Was er dabei suchte, Silber, hatte er zwar nicht gefunden, aber wenigstens einige ganz ungewöhnlich große Amethyste. »Was Sie sagen! Nein, Sie Glückspilz, davon müssen Sie mir noch viel erzählen! Amethyste? Wirkliche, lebendige? Ich hatte keine Ahnung, daß in Colorado Amethyste gefunden würden!« In ihren Augen funkelte ein merkwürdiger Glanz, es war geradezu leidenschaftliche Begehrlichkeit. Tarvin fing den Blick auf – war das Ihr schwacher Punkt? Nun, wenn dem so war – von Edelsteinen wußte er genug, zu erzählen, sie waren ja eine von den »natürlichen Hilfsquellen« seiner geliebten Stadt! Wenn das sie fesselte, davon konnte er vom Morgen- bis zum Abendläuten reden! Ob man damit die drei C. würde nach Topaz locken können? Es flog ihm durch den Kopf, daß man sich in Form eines Hochzeitsgeschenks niedlich machen könnte; vor seinen Augen flimmerte ein von der Handelskammer überreichtes Diadem von Diamanten, aber er verwarf den tollen Einfall so rasch, als er ihm aufgestiegen war. Nein, nein, öffentliche Ehrengaben thaten's nicht, hier war nur geheime Diplomatie am Platz, und man mußte sehr vorsichtig, sehr zartfühlend sein, ganz ruhig und freundschaftlich vorgehen, mit leisem Finger da und dort anpochen, um dann plötzlich mit raschem Griff zuzufassen, kurz, ein Fall für Nikolas Tarvin, den einzigen Mann auf Erden, der das leisten konnte! Er sah sich im Geist seinen Mitbürgern die C. C. C. zuführen, unerwartet, glanzvoll, wie ein königlicher Geber, und sah sie durch desselben Nikolas Tarvins alleinige Kraft ausgeführt, er sah sich als den Gründer kommender Größe seiner geliebten Stadt. Er sah Rustler verödet und verlassen, sah den Eigentümer eines gewissen Grundstücks von dreiundzwanzig Morgen als Millionär vor sich! Seine Phantasie verweilte ein wenig bei dem betreffenden Grundstück: leicht war das Geld nicht verdient worden, womit er's gekauft hatte, und am letzten Ende ist Geschäft immer Geschäft. Einen Teil davon konnte man als Bauplatz für ein Maschinenhaus an die C. C. C. verkaufen, wenn diese wirklich kam, das übrige als Bauplätze für Wohnhäuser. Das war keine unangenehme Vorstellung, über es war nicht die Hauptsache, sein höchster Traum war Topaz. Wenn es wahr ist, daß die Vorsehung ihre Hilfe immer dann schickt, wenn sie am nötigsten ist, und dahin, wo sie am meisten gewürdigt wird, hier konnte der Satz einmal bestätigt werden! Jetzt fiel ihm erst auf, was für ungewöhnliche Ringe Frau Mutrie trug. Es waren ihrer nicht besonders viele, aber die Steine erlesen schön. Er wagte es, den ungeheuren Solitär an ihrer linken Hand zu bewundern, worauf sie den Ring abstreifte, daß er ihn genauer sehen könne. Dieser Diamant habe eine Geschichte, sagte sie. Ihr Vater hatte ihn einem Schauspieler abgekauft, einem Tragöden, der in Denver, Topeka, Kansas und St. Io vor leeren Häusern gespielt und in Omaha vollends schlechte Geschäfte gemacht hatte. Der Wert des Steines hatte hingereicht, um die Heimreise nach New York für die ganze Truppe zu bestreiten, und das war offenbar die einzige wirkliche Gutthat, die der Stein seinen Besitzern je erwiesen hatte. Der Tragöde hatte ihn nämlich einem Spieler abgewonnen, der einen andern im Streit darum niedergestochen hatte; der Mann, der für diesen Stein sein Leben hatte lassen müssen, hatte ihn sehr billig von einem durchgebrannten Commis eines Juwelenhändlers gekauft. »Der Vollständigkeit halber sollte er schon aus den Minen, etwa aus Kimberley, herausgeschmuggelt worden und durch einen I. D. B. I. D. B. steht für Illicit diamond buying, ein Vergehen gegen das strenge und streng gehandhabte Gesetz, das Minenarbeitern jeden Handel mit Diamanten untersagt. Anm. d. Uebers. unter die Leute gekommen sein; finden Sie nicht, Herr Tarvin?« Sie stellte ihre Fragen mit hochgezogenen Brauen und einem Zustimmung heischenden Lächeln: eine Forderung, die von Tarvins Seite immer rasch erfüllt wurde. Wenn sie Behauptungen aufgestellt hätte, die Galilei und Newton Lügen gestraft hätten, Tarvin würde ihr jetzt vollständig Recht gegeben haben. Er saß beobachtend und abwartend neben ihr, alle Willenskraft angespannt, wie der Jäger auf Anstand. »Ich sehe oft lang in den Stein hinein,« plauderte Frau Mutrie weiter, »und suche, ob sich die Verbrechen, die er mit angesehen hat, nicht drin spiegeln! Ich finde sie prachtvoll gruselig, besonders den Mord – ist das nicht auch Ihr Geschmack, Herr Tarvin? Aber das Liebste ist mir doch der Stein an und für sich – er ist wirklich wunderschön, nicht wahr? Mein Papa sagt, es sei der schönste, der ihm je vor Augen gekommen sei, und in einem Gasthof bekommt man gute Diamanten zu sehen!« Dabei liebäugelte sie zärtlich mit dem klaren Wasser des Steins. »Es gibt doch nichts Herrlicheres als schöne Steine!« tief sie aus Herzensgrund mit leuchtenden Augen – zum erstenmal war der Klang ihrer Stimme ganz unbefangen und natürlich. »Einen tadellosen Stein könnte ich fortwährend ansehen, aus der Fassung dagegen mache ich mir nicht viel, es handelt sich mir nur um den Stein. Papa wußte wohl, wie ich edle Steine liebe, und lag immer auf der Lauer, von seinen Gästen welche zu erhandeln. Handlungsreisende haben nämlich eine große Vorliebe für Schmuck, aber in der Regel wissen sie einen guten Stein nicht von einem schlechten zu unterscheiden; dadurch kam Papa manchmal zu einem sehr guten Geschäft,« setzte sie, die Lippen nachdenklich kräuselnd, hinzu. »Er nahm immer nur wirklich Gutes und vertauschte es gegebenenfalls gegen noch Besseres. Zwei oder drei Steine gab er gern gegen einen ganz klaren, wenn sie nur die geringsten Flecken hatten – er wußte ja, daß ich mir nur aus den tadellosen etwas mache. Die liebe ich aber auch! Die sind einem mehr als viele Bekannte! Man hat sie immer bei sich und sie sind immer gleich schön!« »Ich wüßte von einem Halsband, das Ihnen gefallen würde, wenn Sie Freude an derlei Sachen haben,« bemerkte Tarvin ruhig. »Wahrhaftig?« rief sie freudestrahlend. »O, wo ist es?« »Weit, weit von hier.« »Ach, bei Tiffany! Sie wollen mich reizen,« rief sie wieder, in den gekünstelten Ton verfallend. »Nein, viel weiter fort.« »Wo denn?« »In Indien.« Einen Augenblick starrte sie ihn prüfend an. »Bitte, beschreiben Sie mir's!« sagte sie dann mit wahrer Inbrunst. Wieder waren Haltung und Ton ganz verändert, es gab wirklich etwas, was ihr heiliger Ernst war! »Ist es wirklich so schön?« »Das Schönste auf der Welt.« »Und woraus besteht es? Spannen Sie mich doch nicht auf die Folter!« »Es besteht aus Diamanten, Perlen, Rubinen, Opalen, Türkisen, Amethysten, Saphiren, ein Seil voll! Die Rubinen sind so groß wie Ihre Faust und die Diamanten ungefähr wie Hühnereier. Es wäre ein Lösungsgeld für einen König!« Die junge Frau schnappte förmlich nach Luft. »Oh!« seufzte sie nach einer langen Pause und dann wieder: »Oh!« ein verwundertes, sehnsüchtiges schmachtendes Oh! »Und wo ist es?« fragte sie dann jählings. »Am Hals eines Götzenbilds in der Provinz Radschputana. Möchten Sie es haben?« fragte Tarvin. Sie lachte hell auf. »O ja,« rief sie. »Dann werd' ich's Ihnen verschaffen,« erklärte er einfach. »O Sie...« schmollte sie. »Ich werde es Ihnen verschaffen,« wiederholte Tarvin. Sie warf das hübsche blonde Köpfchen zurück und lachte zu den gemalten Putten an der Decke des Wagens hinauf. Sie warf immer den Kopf zurück, wenn sie lachte; ihr weißes Hälschen nahm sich so hübsch aus dabei. Viertes Kapitel. Der Präsident stieg im Bahnhotel von Topaz ab und blieb den nächsten Tag da. Sheriff und Tarvin nahmen ihn ganz in Beschlag, zeigten ihm die Stadt und wiesen ihm ihre sogenannten natürlichen Hilfsquellen nach. Die Herren waren zur Stadt hinausgeritten, und jetzt veranlaßte Tarvin den Präsidenten zu einem Halt, um ihm angesichts der weiten Ebene und der schneebedeckten Berggipfel auseinanderzusetzen, wie zweckmäßig, ja notwendig es sei, Topaz als Knotenpunkt der neuen Linie zu wählen, die Verwaltung, die Reparaturwerkstätten, den Hauptbahnhof hier anzulegen. Tarvin wußte im Grund seines Herzens ganz genau, daß der Präsident gegen den Plan war, die Linie über Topaz zu führen. Aber er zog vor, das Gegenteil vorauszusetzen. Es war tatsächlich viel leichter, ihm darzulegen, daß Topaz ein Knotenpunkt und der Verwaltungsplatz werden müsse, als zu beweisen, daß die Linie überhaupt über Topaz zu führen sei. Kam diese Bahn nach Topaz, so ergab sich der Knotenpunkt von selbst, die Frage war nur, ob sie kam. Lage und Verhältnisse von Topaz kannte Tarvin in- und auswendig, sie waren ihm so geläufig, wie das Einmaleins. Man ist nicht umsonst Vorstand der Handelskammer und Aufsichtsrat einer Bodenverbesserungsgesellschaft, die mit einem Barbestand von zweitausend Pfund eine Million Aktien ausgibt. Alle soliden Geschäftsleute von Topaz waren an diesem Unternehmen beteiligt; sie hatten das ganze Flachland zwischen Stadt und Bergen angekauft und auf dem Papier in Straßen, Villenviertel und öffentliche Anlagen eingeteilt. Im Bureau der Gesellschaft in der Connecticutstraße, einem eichengetäfelten Raum mit Mosaikfußboden, persischen Teppichen und seidenen Vorhängen, konnte man den Uebersichtsplan einsehen. Dort waren auch alle Bauplätze im Umkreis von zwei Meilen zu erfahren und zu erstehen, dort hatte ja auch Tarvin eigene Grundstücke zu verkaufen. Beim Verkauf von Bauplätzen hatte er gelernt, alle erdenklichen guten Seiten hervorzuheben; er wußte aus praktischer Erfahrung genau, was man einem Menschen zu glauben zumuten kann oder nicht. Was er zum Beispiel auch wußte, war, daß Rustler nicht nur jetzt schon reichere Minen in seiner Umgebung hatte als Topaz, sondern an ein Hinterland mit noch gar nicht ausgebeuteten, beispiellos ergiebigen Erzlagern stieß, und er wußte auch, daß der Präsident davon unterrichtet war. Noch weitere Thatsachen waren ihm vertraut. Zum Beispiel, daß die Minen in der Umgegend von Topaz sich zwar leidlich rentierten, aber keinen besonderen Mineralreichtum aufzuweisen hatten und daß die Lage der Stadt in einem weiten, gut bewässerten Thal der Viehzucht wohl günstig war, aber nicht in höherem Grad, als man es anderwärts auch traf oder herstellen konnte. In andern Worten, die »natürlichen Hilfsquellen« von Topaz begründeten die Notwendigkeit, einen großen Eisenbahnknotenpunkt daraus zu machen, keineswegs so unumstößlich, als Nikolas Tarvins beredter Mund. Er führte aber ja jetzt kein Selbstgespräch. Sein Glaubenssatz war, daß Topaz geschaffen sei, eine Eisenbahnstadt zu werden, und daß es seine Bestimmung nur erfüllen könne, wenn man es dazu mache . Mit irgend einem System der Logik lieh sich dieser Satz zwar nicht beweisen, und doch beruhte er auf vollkommen logischem Denken. Und zwar folgendermaßen: Topaz war keine Thatsache, Topaz war eine Hoffnung. Gut! Was mußte im Westen geschehen, um solche Hoffnungen in Erfüllungen zu verwandeln? Man mußte andre daran glauben machen! Ohne die drei C. war Topaz wertlos – welchen Wert hatte es aber für die drei C.? Offenbar nur den, den sie ihm verleihen würden! Tarvin hatte also dem Präsidenten nur die eine Bürgschaft zu bieten, daß sich Topaz der erwiesenen Gunst würdig zeigen werde, und das war ungefähr nur soviel, als jede Stadt von sich sagen würde und sagen konnte. Der Präsident mußte sich ein Urteil bilden, welche von den beiden Städten, Rustler oder Topaz, Aussicht biete, mit ihren höhern Zwecken zu wachsen, und Tarvin war der Mann, ihm zu beweisen, daß darüber gar kein Zweifel zulässig sei. Was am letzten Ende den Ausschlag geben müsse, sei die Eigenart der Bewohner, und die Leute von Rustler seien, wie er sagte, lebendig Begrabene. Alle Welt wußte es – keine Industrie, kein Handel, keine Thatkraft, kein Geld. Und dagegen Topaz! Wenn der Präsident ja nur durch die Straßen ging, mußte es ihm in die Augen springen, weß Geistes Kinder die Einwohner von Topaz waren! Die waren hell im Kopf, die betrieben ihre Geschäfte, die glaubten an ihre Stadt und waren bereit, ihr Eigentum darin anzulegen. Der Präsident durfte nur sagen, was er von ihnen erwarte. Und dann rückte er mit dem Plan heraus, daß er einen der großen Eisenhüttenbesitzer in Denver veranlassen werde, in Topaz ein Zweiggeschäft, einen Hochofen, anzulegen, ja, es war schon mehr als ein Plan, es war ein Vertrag, den er in der Tasche hatte, aber die Bedingung war, daß die C. C. C. nach Topaz komme. Ein derartiges Geschäft mit Rustler abzuschließen, wäre der Gesellschaft gar nicht in den Sinn gekommen, weil man in Denver sehr genau wußte, daß in Rustler die Zuschläge fehlten. Auf Kosten von Topaz waren die Sachverständigen herumgereist und hatten sich von der Richtigkeit der Angabe überzeugt, daß Rustler die entsprechenden Zuschläge Zuschläge sind erdige oder metallische Bestandteile, die das auszubringende Erz oder dessen Verunreinigungen aufnehmen. Anm. d. Uebers. zur Schmelzung seiner Erze erst in einer Entfernung von fünfzehn Meilen, nämlich eben in Topaz, finden könne. Des weiteren führte Tarvin an, daß Topaz für seine Erzeugnisse Abfluß nach dem Golf von Mexiko brauche, und daß die C. C. C. diesen Abfluß herzustellen habe. Der Präsident mochte derartige triftige Gründe schon öfter zu hören bekommen haben, denn die himmelschreiende Vermessenheit dieser Behauptung störte seinen Gleichmut nicht. Ein Eisenbahnpräsident, der die Vorzüge wetteifernder Städte abzuwägen hat, mußte es natürlich unter seiner Würde finden, nach den Erzeugnissen zu fragen, wofür Topaz nach Erleichterung schrie, hätte er aber danach gefragt, so würde ihm Tarvin ohne Erröten die Antwort gegeben haben, Rustlers Erzeugnisse. Er deutete das sogar in Form eines gewissen Zugeständnisses an, denn er setzte sofort hinzu, wenn die Bahn auf den Erzreichtum hinter Rustler rechne, so brauche man ja nur eine Zweiglinie nach Rustler hinauf zu bauen, was eine Kleinigkeit sei, und das Erz zum Schmelzen nach Topaz zu befördern. Als Mittelpunkt der Minen hatte ja Rustler einen gewissen Wert, es falle ihm nicht ein, das zu bestreiten, aber eine Sekundärbahn sei ebensogut im stande, die Erze herunterzubefördern wie die Hauptlinie, und genüge völlig den Ansprüchen, die eine Stadt wie Rustler auf Beachtung erheben könne, und ermögliche dann den Knotenpunkt an die naturgemäß richtige Stelle zu verlegen. Woher er denn die Dampfkraft nehmen wolle, fragte Tarvin den Präsidenten kühnlich, wenn er Rustler zur Hauptstation mache und dort Lokomotiven wechseln müsse? Es war eine Paßhöhe zu erreichen, der Ort lag schon in den Bergen; ein Praktiker des Eisenbahnbaus wie der Präsident müsse ja missen, daß seine Lokomotiven von Rustler aus keinen Anlauf nehmen konnten. Schon innerhalb der Stadt begann die starke Steigung, die nötig war, um hinauszukommen, von einem Knotenpunkt mit Rangiergeleisen konnte daher gar nicht die Rede sein. Und wenn die Maschinen das Glück hätten, nicht stecken zu bleiben auf der Steigung, wie hoch würden sich wohl jährlich die Betriebskosten steigern, wenn täglich schwere Güterzüge vom ungünstigsten Gelände aus den Berg hinauf befördert werden mußten? Die C. C. C. brauchte als Abschluß der Strecke und letzte Haltestelle, ehe sie an die Überschreitung des Passes ging, einen von der Natur dafür hergerichteten Platz wie Topaz, mitten in der Ebene, wo sie noch fünf Meilen glatte Fahrt hatte, ehe das Klettern losging. Auf diesem Punkt verweilte Tarvin mit der Energie und Sicherheit, die nur der Untergrund unumstößlicher Thatsachen verleihen. Das war sein zuverlässigstes Beweismittel, und als der Präsident jetzt schweigend die Zügel aufnahm und nach der Stadt zurücklenkte, fühlte Tarvin wohl, daß ihm dieser Grund eingeleuchtet hatte. Ein weiterer Blick in Mutries Gesicht sagte ihm aber, daß er in der Hauptsache doch fehlgeschossen habe. Diese Gewißheit wäre herzbrechend gewesen, wenn Tarvin die Niederlage nicht so bestimmt vorausgesehen hätte. Die Aussicht auf Erfolg lag auf andrem Gebiet, aber er hatte sich vorgenommen, dieses nicht eher zu betreten, als bis alle andern Mittel versucht waren. Wie zärtlich Tarvins Augen nicht auf seiner Stadt ruhten, als jetzt die beiden Pferde auf die unregelmäßig über die breite Thalsohle zerstreuten Häusergruppen zutrabten! Sie konnte auf ihn zählen, er würde ihr durchhelfen! Das Topaz seiner Liebe und das Topaz der nüchternen Wirklichkeit waren unglaublich zart und innig untereinander verwoben und verschmolzen, aber kein fremder Beobachter, wäre er auch noch so wohlgesinnt gewesen, hätte den Beziehungen zwischen dem wirklichen Topaz und dem Topaz Nikolas Tarvins wie aller andern guten Bürger auf den Grund gehen dürfen. Bei Tarvin besonders war es nicht festzustellen, wo wirklicher ernster Glaube und Wille zum Glauben anfingen und aufhörten. Er wußte nur, daß er an Topaz glaubte, und der beste Grund für diesen Glauben war, daß Topaz ihn gar so nötig hatte. Die Hilfsbedürftigkeit seiner Stadt war ein Grund mehr, sie zu lieben. Der ans Regelrechte gewohnte Kulturmensch des Ostens würde wohl überhaupt kein »Städtebild« wahrgenommen haben, sondern einen Haufen rohgezimmerter, verwahrloster, weltentlegener Holzbauten, die man aufs Geratewohl über eine ebene Fläche hingestreut hatte. Das bestätigt wieder einmal die öfter gemachte Wahrnehmung, daß jeder nur sehen kann, was er sehen gelernt hat! Tarvin sah die Sache anders und hätte dem Ostländer wenig Dank gewußt, der seine Zuflucht zur Bewunderung der Landschaft genommen und die schneegekrönten Berge gerühmt hätte, die das Thal in der Runde umrahmten. Mochte der Bewohner des Ostens auf seiner Meinung beharren, daß Topaz die verfehlte Staffage in einem herrlichen Landschaftsbild sei, für Tarvin war diese Landschaft nichts als ein zufälliger und im Notfall entbehrlicher Rahmen für Topaz; einer seine vielen Vorzüge höchstens, eine ihrer Besonderheiten, wie das Klima, der Breitegrad und die Handelskammer. Im Heimwärtsreiten nannte er dem Präsidenten die Namen der Berggipfel; er zeigte ihm, wo der große Bewässerungskanal seinen Zufluß von den Bergen aufnahm, wie er im Schatten der niedersten Hügelreihe blieb, bis er in die Ebene von Topaz heraustrat, er nannte ihm die Zahl der Kranken, die das Spital jährlich verpflegte, und machte den hohen Krankenstand bescheiden als weiteren Beleg für das Blühen und Gedeihen der Stadt geltend. In den Straßen machte er ihn dann auf das Opernhaus, das Postamt, das Schul- und Gerichtsgebäude aufmerksam, ohne dabei mehr Eitelkeit zu entfalten, als eine Mutter, die ihren Erstgeborenen vorführt. Wenn er dem Präsidenten nicht die geringste Sehenswürdigkeit erließ, so geschah es nicht nur, um die Verdienste von Topaz geltend zu machen, sondern nicht minder, um seinen eigenen Gedanken zu entfliehen. Durch all die Zuversicht und Beredsamkeit hindurch machte sich in seinem Innern eine ganz andre Stimme vernehmlich, und das klare Bewußtsein, daß sein Werben hier vorläufig vergeblich war, erneuerte die Bitterkeit einer andern vergeblichen Werbung. Er hatte Käte seit seiner Rückkehr von der Wahlversammlung gesprochen und wußte nun, daß höchstens ein Wunder sie abhalten konnte, in drei Tagen nach New York abzureisen. In Groll und Verzweiflung, sowie Entrüstung über den Mann, der das zuließ, hatte er endlich mit Sheriff gesprochen und den Vater bei allem, was ihm heilig war, angefleht, das Unheil zu verhüten. Es gibt aber lappige Stoffe, die auch durch Steifleinwand keinen Halt bekommen, und so gern sich Sheriff seinem Gegner verpflichtet hatte, eine Kraftübertragung ließ sich nicht ausführen, so viel Tarvin auch abzugeben hatte. Die Unterredung mit Käte und der vergebliche Versuch bei ihrem Vater hatten ihm ein erbärmliches Gefühl von Hilf- und Machtlosigkeit hinterlassen, nur ein großer Erfolg auf anderm Gebiet hätte ihm den frischen Mut zurückgeben können. Er lechzte denn auch danach, und es hatte ihm wohlgethan, den Präsidenten in Angriff nehmen zu können, obwohl er im voraus gewußt hatte, daß er in diesem Fall nichts ausrichten werde. So lang er für Topaz kämpfte, konnte er Käte vergessen, aber als er sich jetzt von Mutrie verabschiedete, fiel ihm das Leid um sie von neuem schwer aufs Herz. Sie hatte ihm versprochen, heute nachmittag an einem Ausflug nach den Heißen Quellen teilzunehmen, sonst hätte er wohl Topaz Topaz sein lassen und sich nicht mehr um den Präsidenten gekümmert. So schwebte ihm dieser Ausflug wie ein letzter tröstlicher Hoffnungsschimmer vor, er wollte all seine Kraft einsetzen, Käte umzustimmen, er konnte nicht glauben, daß seinem Willen Unbezwingliches gegenübertrete, konnte nicht glauben, daß sie gehen würde! Der Ausflug war geplant worden, um dem Präsidenten und seiner Frau zu zeigen, daß ein Zukunfts-Topaz, wenn alle Stränge rissen einen vorzüglichen Winterkurort abgeben würde, und Frau Mutrie hatte die Aufforderung mit Vergnügen angenommen und den Gatten dafür bestimmt. Im Gedanken, daß er um jeden Preis ungestört mit Käte sprechen müsse, hatte Tarvin außer Sheriff noch drei andre Herren eingeladen, den Postmeister Maxim, Heckler, den Verleger der Topazer Zeitung, beide mit ihm im Vorstand der Handelskammer, und einen liebenswürdigen jungen Engländer Namens Carmathan. So hoffte er, ohne Schaden für Topaz ein halbes Stündchen für Käte zu gewinnen, ja er sagte sich, es sei vielleicht recht gut, wenn dem Präsidenten andre Gesichtspunkte eröffnet würden, und Heckler war ganz der Mann dazu. Der junge Carmathan, der vor zwei Jahren nach Topaz gekommen, war, wie man in England sagt, ein jüngerer Sohn, der sich irgendwo ansiedeln wollte und sich die Viehzucht als Beruf erkoren hatte. Was er dazu mitgebracht hatte, waren ein Paar Wasserstiefel, eine Reitpeitsche und zweitausend Dollars in bar gewesen. Das Geld hatte er schleunigst verloren, dafür hatte er gelernt, daß man zum Viehtreiben keine Reitpeitschen braucht, und diese Lehre wie andre nützliche Kenntnisse verwendete er zur Zeit im Beruf eines Cowboys Kuhjunge. Berittene Hirten, die das Vieh in den Prairieen zusammenhalten und als kühne Reiter berühmt sind. Anm. d. Uebers. auf einer benachbarten Ranche. Bezeichnung der Gehöfte großer Viehzüchter in Mexiko und Westamerika, spanisch. Anm. d. Uebers. Er verdiente dabei dreißig Dollars im Monat und nahm sein Geschick mit der weisen Gelassenheit hin, die den eingeborenen wie den eingewanderten Bürger des Westens kennzeichnet. Käte schätzte an ihm den Stolz, der ihn abhielt, sich auf bequemere Weise Geld zu verschaffen, nämlich sich's von zu Hause schicken zu lassen, und hatte sein frisches, zuversichtliches Wesen gern. Die erste halbe Stunde Weges ritt er denn auch an ihrer Seite, während Tarvin Herrn und Frau Mutrie auf die zackigen Felsen aufmerksam machte, denen sie rasch näher kamen. Er zeigte ihnen die Minengänge, die in großer Höhe ins Gestein eindrangen, und erklärte die geologische Bildung des Gebirgszugs mit der rein praktischen Sachkenntnis des Mannes, der Minen gekauft und verkauft hat. Die Straße zog sich längs der Topaz jetzt schon berührenden Eisenbahnlinie hin und überschritt diese mehrmals, wie Tarvin bemerkte, genau in dem Winkel, den die C. C. C. zu nehmen haben werde. Einmal rasselte ein Güterzug an ihnen vorüber, der sich schnaubend und pustend die Höhe hinanwand. Eine enge Klause bildete den ersten Einlaß in das Bergland: danach öffneten sich die Klippen wieder weiter, um sich zwanzig Meilen tiefer in einen gewaltigen Canon Bezeichnung der dem Felsengebirg eigenen langen Schluchten. Anm. d. Uebers. Über dem Abgrund fast zusammenzuschließen. Die in geschwungener Linie zu Häupten der Gesellschaft aufragenden Felsgipfel bildeten bald knorrige Kuppen, bald waren sie tief eingeschnitten, um dann wieder schlank und spitzig himmelan zu streben. Meist war es kahles Gestein, dessen dunkelrote, braune, ockerfarbig und violette Töne bald hart nebeneinander standen, bald durch lichtere Farben verschmolzen waren. Tarvin blieb jetzt zurück und brachte sein Pferd an Kätes Seite, worauf Carmathan, mit dem er auf freundschaftlichem Fuße stand, ihm sofort das Feld räumte und sich dem vorderen Trupp zugesellte. Kätes sprechende Augen flehten zwar deutlich, ihr wie sich selbst die Qual des endlos erneuten Streits zu ersparen, aber Tarvins Gesicht verriet finstere Entschlossenheit. Auch eines Engels Stimme würde ihn nicht von seinem Vorhaben abgebracht haben. »Ich weiß es wohl, Käte, daß ich dir lästig bin, aber ich muß über die Sache sprechen, ich muß dich retten.« »O bitte, Nick, mach keinen weiteren Versuch mehr,« bat sie sanft. »Bitte, bitte, thu's nicht! Du willst mich retten, und doch ist's mein Heil, daß ich gehe! Ich will, ich muß! Wenn ich drüber nachdenke, ist mir's oft, als ob ich eigens dafür in die Welt gesetzt worden wäre. Jeder Mensch hat doch eine Bestimmung darin zu erfüllen, meinst du nicht, Nick, und wenn's eine noch so bescheidene, unscheinbare, niedrige wäre? Ich muß diese erfüllen – mach mir's nicht schwer, sondern leicht, Nick!« »Der Teufel soll mich holen, wenn ich das thue! Schwer will ich dir's machen, Zentnergewichte will ich dir anhängen! Deswegen bin ich auf der Welt! Alle andern geben dir ja nach, Vater und Mutter lassen dich machen, was du willst, dein kleiner Nickel von Willen setzt alles durch! Sie haben ja aber keine richtige Vorstellung davon, worauf du dein liebes Köpfchen gesetzt hast, und wenn du dir's einrennst, kann ich's nicht wieder ganz machen. Deshalb muß ich handeln, solang es Zeit ist, muß es auf mich nehmen, daß du mich abscheulich findest!« Käte lachte. »Ja, Nick, du bist abscheulich, aber es mißfällt mir nicht an dir! Ich glaube, es thut mir wohl, daß dir so viel daran liegt, und wenn ich einem Menschen zuliebe da bleiben könnte, so wär's deinetwegen. Das glaubst du mir doch?« »Ich glaube dir alles und danke dir obendrein für das gute Wort, aber was hab' ich davon? Daß du meinetwegen am ehesten bliebest, nützt mir nicht viel, wenn du trotzdem gehst!« »Ich weiß es wohl, Nick, ich weiß es. Aber Indien braucht mich noch nötiger als du, das heißt nicht mich, aber was ich leisten kann, was Frauen wie ich leisten können. Der Ruf nach Hilfe ist nun einmal an mein Ohr gedrungen und in mein Herz, und solang ich ihn höre, kann ich nicht froh werden, außer wenn ich ihm folge. Ich könnte ja deine Frau sein, Nick, es würde mir nicht schwer fallen, aber mit dem Hilfeschrei im Ohr wär's eine stete Qual.« »Das ist hart gegen mich,« sagte Nick, wehmütig zu den überhängenden Felsen hinaufschielend. »Nein, nein, mit dir hat es gar nichts zu schaffen!« »Das ist's ja gerade,« stieß er zwischen zusammengepreßten Lippen heraus. Sie mußte unwillkürlich lächeln, als sie ihn ansah. »Wenn dir's wohlthut, das zu wissen, Nick, einen andern als dich werde ich nie heiraten,« sagte sie mit plötzlicher Rührung. »Aber mich wirst du eben nicht heiraten?« »Nein,« sagte sie schlicht und fest. Eine Weile dachte er in tiefer Bitterkeit über diese Antwort nach. Die Pferde gingen im Schritt, die Zügel lagen lose auf ihren Hälsen. »Du mußt nicht unglücklich sein über mich, Liebe,« begann Tarvin. »Es ist auch nicht allein Selbstsucht! Wohl möchte ich dich um meinetwillen zurückhalten, dich behalten, dich haben – immer, immer an meiner Seite. Mein Herz verlangt nach dir, ich brauche dich, aber nicht deshalb setze ich alles dran, dich festzuhalten, sondern weil mir davor graut, daß du dich schutzlos, freundlos, als ein Mädchen, all diesen Gefahren und Greueln aussetzen willst. Wenn ich mir das vorstelle, finde ich keinen Schlaf mehr; ich darf mir's gar nicht vorstellen! Die Sache ist ungeheuerlich, furchtbar, widersinnig – du darfst es nicht thun!« »Ich darf nicht an mich denken,« versetzte sie mit zitternder Stimme, »ich muß an sie denken.« »Aber ich muß an dich denken, und du sollst mich nicht irreführen, nicht täuschen, nicht verlocken an irgend etwas andres zu denken. Du siehst die Sache ganz einseitig an – sag mir doch, ob alles Elend der Welt gerade dir aufgebürdet worden ist? Liebes Kind« – er sprach leise, innig flehend – »es gibt allerorten Elend und Schmerz. Kannst du allem abhelfen? Wer wir auch sein mögen, was wir beginnen mögen, uns allen tönt lebenslang der Notschrei von Millionen im Ohr, wir können ihm nicht entrinnen. Das ist der Preis, den wir zahlen müssen für die Vermessenheit, einen kleinen Augenblick glücklich sein zu wollen!« »Ich weiß es, ich weiß es, ich will mich ja auch nicht bewahren davor, ich will ja meine Ohren nicht verschließen...« »Nein, aber du bildest dir ein, der Not ein Ende machen zu können, und du kannst es nicht. Das ist, wie wenn du das Meer ausschöpfen wolltest, es ist unmöglich. Mit dem Versuch aber wirst du dein Leben zu Grunde richten, und wenn du mir sagen kannst, wie man ein zu Grund gerichtetes Leben wieder von vorne anfangen kann, so soll mir's lieb sein – ich weiß es nicht. O Käte, ich. will ja nichts für mich verlangen, das heißt vielmehr, ich verlange alles, aber bedenke, eh du deine Arme um die Erde schlingst und den Versuch machst, sie in deinen kleinen weißen Händen aufzuheben, daß du außer deinem eigenen auch andrer Leben zu Grund richtest. Großer Gott, Käte, du brauchst doch wahrhaftig nicht nach Indien zu gehen, um Unglücklichen zu helfen und Leiden zu lindern, du könntest ja einmal bei mir den Anfang machen. Sie schüttelte wehmütig den Kopf. »Ich muß da beginnen, wo ich meine Pflicht sehe, Nick! Ich sage ja nicht, daß ich die ungeheure Summe menschlichen Elends wesentlich herabmindern werde, ich sage auch nicht, daß alle thun sollen wie ich: für andre wäre es vielleicht nicht das Richtige, aber für mich ist es das. Ich weiß es, und das ist alles, was wir überhaupt wissen können. Die Gewißheit haben, daß unser Leben dazu gedient hat, die Menschen ein wenig, ach nur ein ganz klein wenig besser zu machen,« rief sie mit verklärtem Blick, »zu wissen, daß man Leid und Not, die ja freilich deshalb nicht aus der Welt verschwinden, ein wenig gelindert hat, das muß herrlich sein! Du empfindest das doch auch. Nick,« setzte sie, ihm leise die Hand auf den Arm legend, hinzu. Tarvin preßte die Lippen aufeinander. »Freilich, freilich, fühl' ich's!« gab er ingrimmig zu. »Aber du hast noch ein andres Gefühl – ich ja auch ...« »O, dann laß dieses andre wachsen, gib ihm Gehör, laß es erstarken und vertraue dich mir an. Ich will dir eine Zukunft schaffen, einen Wirkungskreis, wo deine Güte vielen ein Segen werden soll. Glaubst du denn, ich möchte dich anders haben, als du bist, zweifelst du daran, daß ich gerade deine Güte liebe? Segne doch mich damit!« »Ich kann nicht! Ich kann nicht!« rief sie in schwerem innerem Kampf. »Du kannst gar nicht anders – am letzten Ende mußt du ja zu mir kommen! Glaubst du, daß ich weiterleben könnte, wenn ich das nicht voraussähe? Aber ich möchte dir ersparen, was dazwischen liegt, ich möchte nicht, daß du mir von der Not in die Arme getrieben würdest, mein kleines Mädchen! Ich will, daß du aus freien Stücken kommst, jetzt kommst.« Statt aller Antwort senkte sie das Gesicht tief auf den Aermel ihres Reitkleids und begann bitterlich zu weinen. Ricks Finger umschlossen die kleine Hand, die sich krampfhaft am Sattelknopf festhielt. »Du kannst nicht, Liebe?« Sie schüttelte heftig den Kopf. Tarvin biß die Zähne zusammen. »Nun denn, wie du willst – finden wir uns drein!« Er nahm ihre Hand, die den Halt am Sattel aufgab, sanft in die seinige und sprach so mild und beschwichtigend zu ihr, wie eine Mutter zu ihrem verzagten Kind. Es war vorüber – nicht seine Liebe, nicht sein unerschütterlicher Entschluß, sie doch noch sein eigen zu nennen, aber der Kampf um diese indische Reise. Tarvin streckte die Waffen, sie konnte gehen, wenn sie wollte, es würden dann eben zwei übers Meer reisen. Als sie die heißen Quellen erreicht hatten, ergriff Tarvin sofort die ihm freudig gebotene Gelegenheit, Frau Mutrie in Beschlag zu nehmen, während Sheriff dem Präsidenten den qualmenden Wasserstrudel und das Bad zeigte und ihm die Lage des geplanten Riesenhotels erklärte. Käte schloß sich den beiden Herren an, da sie keine Lust hatte, ihre verweinten Augen Frau Mutries neugierigen Blicken preiszugeben. Tarvin hatte die junge Flau am Fluß entlang geführt, der seitwärts von den Quellen in sein Felsengrab hinabstürzte, jetzt blieb er im Schatten einiger Baumwollsträucher plötzlich stehen. »Möchten Sie jenes Halsband wirklich haben, gnädige Frau?« fragte er sie ganz unvermittelt. Sie lachte abermals, gurrend wie ein Turteltäubchen, noch nicht erregt genug, um ihre kleinen Schauspielerkünste zu vergessen. »Ob ich's haben möchte?« fragte sie zurück. »Versteht sich! Und, bitte, den Mond hätte ich auch gern!« Tarvin legte ihr Schweigen gebietend die Hand auf den Arm. »Sie sollen das Halsband haben,« erklärte er bestimmt. Jetzt verging ihr das Lachen, sie sah betroffen in sein ernstes Gesicht. »Was wollen Sie damit sagen?« »Es würde Ihnen große Freude machen? Sie legen wirklich Wert darauf? Was würden Sie thun, um es zu erlangen?« »Auf meinen Knieen würde ich bis nach Omaha rutschen, bis nach Indien, wenn es möglich wäre,« erwiderte sie mit gleichem Ernst. »Dann ist die Sache entschieden,« versetzte Tarvin herzhaft. »Jetzt hören Sie mich an! Ich will, daß die C. C. C. nach Topaz kommt, Sie wollen das indische Halsband haben – wollen wir einen Vertrag abschließen?« »Aber Sie können ja niemals ...« »Das braucht Sie nicht anzufechten – ich werde meiner Verpflichtung nachkommen, können Sie die Ihrige erfüllen?« »Sie meinen ...« »Ja, ich meine,« sagte er mit starker Betonung. »Können Sie mir eine bestimmte Zusage geben?« Mit zusammengebissenen Zähnen, die Hände gegen einander gepreßt, daß sich die Fingernägel ins Fleisch eingruben, stand dieser Mann vor ihr. Mit gewaltsamer Selbstbeherrschung wartete er ihre Antwort ab. Sie legte den blonden Kopf auf die Seite und schielte aus den Augenwinkeln zu ihm auf, herausfordernd, zögernd, aber ihre Zuständigkeit eingestehend. »Ich glaube, daß mein Wort viel gilt bei Jim,« sagte sie endlich mit einem verträumten Lächeln. »Also, der Vertrag ist geschlossen?« »Ja,« erwiderte sie. »Geben Sie mir den Handschlag.« Sie reichten sich die Hände und standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber, jedes bemüht, in des andern Seele zu lesen. »Sie werden es mir wirklich verschaffen?« »Ja.« »Sie werden Ihr Wort einlösen?« »Ja.« Er drückte ihre Hand, daß sie einen leisen Schmerzensschrei ausstieß. »O! Sie thun mir weh!« »Abgemacht,« sagte er mit heiserer Stimme, indem er ihre Hand fallen ließ. »Der Handel gilt. Morgen reise ich nach Indien ab.« Fünftes Kapitel. Tarvin stand auf dem Bahnsteig der Station Rawut und sah der Staubwolke nach, worin der Postzug von Bombay sich entfernte. Als sie sich verzogen hatte und die heiße Luft wieder ungehemmt auf der weißen Steinbeschotterung tanzte, wandte er sich mit zwinkernden Augen Indien zu. Vierzehntausend Meilen weit zu reisen war, wie er jetzt erfahren hatte, eine überaus einfache Sache. Eine bestimmte Zeit hindurch hatte er auf dem Schiff still gelegen, dann hatte er sich der Länge nach in Hemdärmeln auf der mit Leder bezogenen Bank eines Eisenbahnwagens ausgestreckt und war auf diese Weise von Kalkutta nach Rawut befördert worden. Die Reise war ihm nur dadurch lang geworden, daß er Kätes Anblick entbehrt und vollauf Muße gehabt hatte, an sie zu denken. Aber war er etwa deshalb hierher gekommen – dieser gelben Trostlosigkeit einer Einöde im Radschputana zuliebe oder der Aussicht auf den gekrümmten Schienenstrang halber? Da war Topaz ja wohnlicher gewesen, als es erst die Kirche, das Wirtshaus, die Schule und drei Wohnhäuser gehabt hatte; diese indische Einsamkeit erfüllte ihn mit Schauder. Er sah ja, daß man gar nicht daran dachte, etwas zu schaffen, daß nichts werden sollte, es war Einsamkeit ohne Trost, denn sie war unabänderlich, abgeschlossen, fertig. Die starre Festigkeit des steinernen Bahnhofgebäudes, das dauerhafte Gemäuer, worauf der Bahnsteig ruhte, die mathematische Genauigkeit der Orts- und Höhenangabe, das alles hatte keine Zukunft. Keine neue Linie würde je nach Rawut geführt werden. Rawut hatte auch keinen Ehrgeiz; es gehörte der Regierung. Da war weit und breit kein Grün zu erblicken, keine gekrümmte Linie, nichts was Werden und Erzeugen versprochen hätte. Sogar die rötlichen Schlingpflanzen am Stationsgebäude siechten dahin, weil niemand es der Mühe wert fand, sie zu pflegen. Ein gesunder Alltagszorn heilte Tarvin von dem mehr positiven Uebel des Heimwehs. Ein einziger Mensch, ein feister brauner Herr, in leichten weißen Baumwollstoff gekleidet, mit einer schwarzen Sammetmütze auf dem Kopf, trat aus dem Gebäude, aber dieser Stationsmeister und ständige Bewohner von Rawut schien den Fremden zur Landschaft zu rechnen, er sah gar nicht nach ihm hin. In Tarvin stiegen Verständnis und Sympathie für die südliche Partei im Befreiungskrieg seiner Heimat auf. »Wann geht der nächste Zug nach Rhatore?« fragte er den Würdenträger. »Es geht kein Zug,« versetzte der Mann, zwischen jedem Wort eine Pause machend. Er leierte die Worte mit der mechanischen Unpersönlichkeit eines Phonographen herunter, ohne das mindeste Gefühl der Verantwortlichkeit. »Kein Zug? Wo ist denn der Fahrplan oder das Kursbuch?« »Es geht überhaupt kein Zug.« »Ja, was zum Teufel machen Sie dann hier?« »Mein Herr, ich bin der Stationsmeister, und es ist nicht gestattet, Angestellten dieser Eisenbahngesellschaft unhöflich zu begegnen.« »Wahrhaftig! Wer diese Vorschrift gab, hat gemußt, warum er's that! Ich sage Ihnen aber, Sie Stationsmeister dieses gottverlassenen Eisenbahn- und Weltendes, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, so sagen Sie mir, wie ich nach Rhatore kommen kann und zwar – flink! Wird's bald?« Die Antwort war – Schweigen. »Hören Sie nicht? Was fang' ich an?« brüllte der Amerikaner. »Das weiß ich doch nicht,« antwortete der Asiate. Tarvin betrachtete sich den braunen Mann in Weiß von den Lackschuhen an, aus denen durchbrochene Strümpfe und vorspringende Waden aufstiegen bis zu dem sammetenen Käppchen auf seinem Haupt. Der gleichmütige Blick des Orientalen, den dieser den violetten Hügeln hinter dem Stationsgebäude abgelernt haben mußte, brachte Tarvin auf den treulosen, niedrigen, seiner ganz unwürdigen Gedanken, ob Topaz und ob Käte eigentlich solcher Opfer wert seien! »Fahrkarte, bitte,« sagte jetzt der Babu. Sahib – Herr wird nur der Europäer, Babu der eingeborene Kaufmann, kleine Beamte etc. angeredet. Anm. d. Uebers. Die Dämmerung brach herein. Dieser menschliche Mechanismus war aufgestellt um Fahrkarten abzunehmen und würde sie abnehmen, einerlei, ob Menschen liebten, kämpften, verzweifelten oder tot neben ihm zu Boden fielen! »Ich sage dir, du lackstiefeliger Lump, du achatäugiger Alabasterpfeiler ...« Tarvin verstummte; Wut und Verzweiflung beraubten ihn der Sprache. Die Wüste verschlang Worte der Liebe und des Hasses, ohne Unterschied, und der Babu drehte sich mit vernichtender Ruhe um, ging ins Stationsgebäude und schloß die Thüre hinter sich ab. Mit hochgezogenen Brauen stellte sich Tarvin vor die Thür, ließ einen gewinnenden Pfiff ertönen und klimperte dazu mit dem Silbergeld in seiner Tasche. Das Fenster am Fahrkartenschalter wurde ein klein wenig aufgezogen und ein Teil des unbeweglichen Gesichts ließ sich sehen. »Um jetzt in amtlicher Eigenschaft zu sprechen, Euer Gnaden kann nach Rhatore nur via Land mit Büffelkarren fahren.« »So besorgen Sie mir den Büffelkarren!« »Sagen Euer Gnaden Provision gut für Besorgung?« »Gewiß!« Der Ton mehr als das Wort schien dem Gehirn unter der Sammetkappe das Verständnis zu vermitteln. Das Fenster fiel zu und nicht alsbald, aber doch nach einiger Zeit, wurde ein langgezogener heulender Ruf hörbar, dem Geheul eines verdrossenen Beschwörers ähnlich, der einen verzüglichen Geist ruft. »O Moti! Mo–o–oti! O–o!« »Hätten wir dich, Moti!« brummte Tarvin in sich hinein, indem er, seine Handtasche schwingend, über die niedrige Steinbrüstung setzte, sich durch das Drehkreuz für Fahrkartenkontrolle zwängte und die Provinz Radschputana betrat. Die Aussicht auf Weiterbeförderung hatte ihn im Nu wieder guten Mutes gemacht. Zwischen ihm und der violett leuchtenden Hügelkette lagen etwa fünfzehn Meilen unbebauten steinigen Grundes mit erratischen Felsblöcken gefleckt und mit kränkelnden Bäumen gesprenkelt. Alles dem Staub und der Dürre preisgegeben, farblos wie die sonngebleichten Locken eines Prairiekindes. In weiter Ferne schimmerte der Silberspiegel eines Salzsees und eine bläuliche, formlose Masse dichter, beisammen stehender Bäume. Finster, verödet, herzbeklemmend war der Anblick dieser öden, düstern, von einer erbarmungslosen Sonne gerösteten Landschaft, die Tarvin überraschend an seine heimischen Prairieen erinnerte und doch wieder durch ihre Verschiedenheit Heimweh erweckte. Dem Anschein nach aus einer Erdspalte, thatsächlich wie Tarvin sich später überzeugte, aus einer Bodensenkung zwischen zwei Erdwellen, in der sich ein Dorf eingenistet hatte, stieg jetzt eine ungeheure Staubwolke auf, als deren Kern sich ein Büffelkarren entpuppte. Das anfangs leise knirschen der Wagenräder wurde immer stärker, ja, es wuchs zu einem pfeifenden Kreischen an, das Tarvin vertraut anmutete; wenn auf der Straße nach Topaz herunter schweren Lastwagen plötzlich der Radschuh angelegt wurde, klang es ähnlich. Hier handelte es sich freilich nicht um einen Lastwagen, aber um Räder, die aus rohen Baumklötzen, meist aus viereckigen, zusammengefügt waren. Vier abgeschälte, unbehauene Pfähle verbanden die Ecken eines stachen Kastens, die Seitenwände bestanden aus zusammengeknüpften Stricken von Kokosfaser. Zwei Büffel, etwas größer als die von Neufundland, kleiner als die von Alderney, zogen dies Gefährt, das kaum eine halbe Pferdekraft in Anspruch genommen hätte. Das Fuhrwerk landete am Stationsgebäude, die Büffel besahen sich den Fahrgast einen Augenblick, dann legten sie sich flach auf den Boden. Tarvin setzte sich auf seine Reisetasche, stützte seinen schwindelnden Kopf in beide Hände und lachte aus vollem Halse. »Nur los!« befahl er dem Nabu. »Machen Sie den Handel ab! Ich habe keine Eile.« Und nun erfolgte ein solches Gezeter und ein solcher Tumult, daß eine Rauferei in einer kalifornischen Spielhölle ein Kinderspiel dagegen war. Würde und Gelassenheit des Herrn Stationsmeisters waren verflogen wie Spreu im Winde. Er deklamierte, fuchtelte mit den Armen herum, schimpfte und fluchte, daß es eine Art hatte, und der Wagenlenker, der bis auf ein blaues Lendentuch splitternackt war, entfaltete sich als ebenbürtiger Gegner. Beide wiesen fortwährend auf Tarvin; es machte den Eindruck, als ob sie seine Herkunft, seine Vorfahren erforschten und erörterten, vermutlich schätzten sie aber nur sein Körpergewicht ein und zankten sich darüber. Glaubte man schon, sie seien im Begriff, zu einer freundschaftlichen Uebereinkunft zu gelangen, so ging der Streit von neuem los; sie fingen wieder ganz von vorne an und taxierten abermals Fahrgast und Fahrtdauer. Die erste Viertelstunde fühlte sich Tarvin höchlichst belustigt, spendete beiden Parteien Beifall und hetzte sie gegeneinander. Dann ermahnte er sie, zum Abschluß zu gelangen, und als er kein Gehör fand, wurde ihm die Hitze plötzlich unleidlich und er donnerte beide an. Der Büffeltreiber hielt einen Augenblick erschöpft inne, und diese Pause benützte der Babu, um auf Tarvin loszufahren, ihn am Arm zu packen und ihm förmlich in die Ohren zu brüllen: »Alles abgemacht, Euer Gnaden! Alles abmache ich! Dieser Mann höchst gebildeter Mann! Sie mir das Geld geben, ich alles besorge!« Blitzschnell hatte sich aber der Büffeltreiber seines andern Arms bemächtigt und flehte Tarvin in fremdartigen Lauten an, doch ja seinem Gegner kein Gehör zu schenken. Als Tarvin unwillkürlich zurückwich, folgten ihm beide, jeder mit der freien Hand dramatisch die Worte ergänzend, wobei der Stationsmeister immer schlechteres Englisch sprach und der Fuhrmann die Scheu vor dem weißen Mann ganz vergaß. Jetzt schüttelte Tarvin beide ab, schleuderte seine Reisetasche in den Büffelkarren, sprang selbst hinein und rief das einzige indische Wort, das ihm zu Gebot stand. Zum Glück war es das Wort, das in Indien alles in Bewegung setzt – »Challoh«, was man mit vorwärts marsch übersetzen kann. Kampf und Streit und Verzweiflung hinter sich lassend, rollte Nikolas Taruin aus Topaz, Staat Colorado, in die Wüste von Radschputana hinein. Sechstes Kapitel. Vier Tage können einem unter Umständen zur Ewigkeit werden. Die Umstände, unter denen das geschehen kann, hatte Tarvin vollzählig in dem Büffelkarren vorgefunden, aus dem er sechsundneunzig Stunden, nachdem die Büffel sich aus dem Staub von Ramut herausgewälzt hatten, hervorkroch. Diese sechsundneunzig Stunden dehnten sich hinter ihm wie ein gespenstischer Zug staubverhüllter, kreischender Unholde. Der Büffelkarren legte in der Stunde zwei und eine halbe englische Meile zurück. In der Zeit, während der er ein ziegelrotes, von hohen Saummauern umgürtetes Flußbett entlang kroch, konnte man in Topaz – o glückseliges Topaz! – ein Vermögen gewinnen oder verlieren! Während der Mahlzeiten am Wegrand, wo der Treiber über einer Wasserpfeife, nicht viel handlicher als eine alte Rohrflinte, stundenlang trödelte, hätten in Amerika Städte entstehen und wieder in Trümmer zerfallen können gleich Theben! Während dieser und andrer Wartezeiten – die Reise schien ihm hauptsächlich aus Wartezeiten zu bestehen – hatte Tarvin immer das Gefühl, von jedem einzelnen Bürger der Vereinigten Staaten überholt zu werden, und erlitt namenlose Qual durch das Bewußtsein, diese verlorene Zeit im ganzen Leben nicht wieder einbringen zu können! Schlanke Rohre mit scharlachroten Köpfen ragten wie Fahnenstangen aus dem hohen Gras der sumpfigen Niederungen zwischen den Hügeln hervor. Die Schnepfen und Wachteln fanden es kaum der Mühe wert, den Büffelnasen auszuweichen, und als Tarvin einmal um die Morgendämmerung auf einem glitzernden Felsen lag, sah er zwei junge Panther wie Kätzchen miteinander spielen. Ein paar Meilen von Rawut entfernt, hatte der Treiber vom Boden des Karrens ein breites Schwert geholt, das er sich um den Hals hing und mitunter statt einer Gerte für die Büffel, benützte. Tarvin sah also, daß hier wie in seiner Heimat jedermann bewaffnet war, aber die drei Fuß plumpen Stahls erschienen ihm als ein sehr armseliger Ersatz des leichten, handlichen Revolvers. Einmal stand Tarvin in seinem Karren auf und ließ einen fröhlichen Hurraruf ertönen, weil er das weiße Dach eines Prairieschoners Prairieschoner werden die mit weißer Plane überspannten Leitenwagen genannt, worin die früheren Ansiedler teils reisten, teils wohnten. Anm. d. Uebers. zu erblicken glaubte, es war aber nur eine riesige Ladung Baumwolle, die von sechzehn Büffeln geschleppt wurde und auf den vielen Erdwellen auf und ab schwankte. Die ganze Reise über sengte die indische Sonne sein Haupt, daß er's nicht mehr begriff, wie er früher den immerwährenden Sonnenschein Colorados als Vorzug hatte rühmen mögen. In der Morgenfrühe funkelte der Tau von den Felsblöcken, als ob man Diamanten darüber ausgegossen hatte, um Mittag entsandte der Sand in den Flußläufen Lichtblitze, daß man zu erblinden fürchtete. Gegen Abend stellte sich ein kalter, trockener Wind ein, und die Hügelketten, die den Horizont begrenzten, leuchteten in unerhört mannigfaltiger Farbenpracht. Jetzt begriff Tarvin, warum man vom Wunderland des Ostens spricht, denn die Höhen schienen aus lauter Rubinen und Amethysten zu bestehen, dazwischen schimmerte es milchweiß wie Opal. Auf dem Rücken ausgestreckt lag Tarvin in seinem Büffelkarren und starrte in die Abendbeleuchtung hinein, mitunter von dem Zweifel beschlichen, ob das Halsband des Radscha sich mit diesem Glanz werde messen können. »Die Wolken wissen, was mich herführt,« sagte er sich. »Ich nehm's als gutes Omen.« Der Plan, den er sich vorgezeichnet hatte, war ebenso klar als einfach. Er wollte das Halsband kaufen und bezahlen mittels einer Verpfändung von Topaz. Die Stadt mußte das Geld aufbringen, natürlich nicht offiziell für diesen Zweck Topaz war ihm gut dafür, und wenn der Maharadscha Radscha, im Sanskrit râyan , ist der Titel eingeborener indischer Fürsten, Maharadscha ist ein Großfürst, dem andere Radscha unterstehen. Anm. d. Uebers. Miene machte, den Preis unsinnig zu steigern, so bildete man einfach ein Syndikat. Während der Karren dahinschwankte, daß Tarvin den Kopf bald rechts bald links anstieß, dachte er unaufhörlich, wo Käte jetzt wohl sein möge. Unter günstigen Umständen konnte sie schon in Bombay eingetroffen sein: soviel wußte er durch genaue Berechnung ihrer Route. Aber ein Mädchen allein konnte doch unmöglich so schnell von einer Hemisphäre zur andern kommen, wie ein Mann, den keine Fessel band und den die Liebe zu ihr und zu Topaz anspornte! Vielleicht ruhte sie sich jetzt ein Weilchen bei der Zenana-Mission in Bombay aus. Den Gedanken, daß sie unterwegs krank geworden sein könnte, wies er mit aller Macht von sich. Sie ruhte jetzt aus, ließ sich Befehle und Vorschriften erteilen, machte sich ein wenig mit den Wundern des seltsamen Landes vertraut, an denen er achtlos vorübergejagt war, aber in ein paar Tagen spätestens mußte sie in Rhatore eintreffen, in dem nämlichen Rhatore, wohin ihn die Büffel schleppten! Er lachte in sich hinein und schnalzte mit den Lippen, wenn er sich ihre Begegnung ausmalte, und es vertrieb ihm die Zeit, sich auszudenken, wo ihre Gedanken ihn Wohl suchen mochten! Kaum vierundzwanzig Stunden nach seiner Unterredung mit Frau Mutrie hatte er Topaz verlassen. Er war mit dem Zug, der die Paßhöhe hinter Topaz hinaufklettert, nach San Francisco gefahren, ohne daß jemand von seinem Vorhaben gewußt, ohne daß er von jemand Abschied genommen hätte. Vielleicht daß Käte die Innigkeit des Gutenachtgrußes aufgefallen war, womit er sie bei der Rückkehr von den Heißen Quellen an ihres Vaters Thüre verlassen hatte, aber sie hatte keine Bemerkung darüber gemacht, und er hatte sich mit Selbstüberwindung losgerissen, um sein Geheimnis nicht zu verraten. Am andern Morgen hatte er in aller Stille einige Bauplätze verkauft, recht ungünstig zwar, aber er brauchte eben Geld für die Reise. Dieses Geschäft sah ihm gleich, daß es trotz des schlechten Preises nichts Auffälliges an sich hatte, und als er schließlich von seinem Eisenbahnwagen aus die Lichter des Thals tief unter sich blinken sah, durfte er sich sagen, daß die Stadt, zu deren Heil und Segen er nach Indien ging, nicht die leiseste Ahnung von seinem wohlthätigen Plan habe! Um aber auch noch fernerhin für die Erhaltung ihrer Ahnungslosigkeit zu sorgen, erzählte er dem Schaffner, mit dem er wie üblich eine Zigarre rauchte, im tiefsten Vertrauen von einer kleinen Minenspekulation in Alaska, die seine persönliche Anwesenheit erfordere. Er durfte sicher sein, daß diese Mitteilung morgen in Topaz von Mund zu Mund gehen würde. Der Schaffner hatte ihn für einen Augenblick in Verlegenheit gebracht durch die Frage, was dann mittlerweile aus seiner Wahl werden solle, aber er hatte ihm, schnell gefaßt, zur Antwort gegeben, was das betreffe, sei alles abgemacht, und ihm dann wieder einige Geheimnisse über die Art und Weise dieser Abmachung anvertraut, so daß er sicher gehen durfte, seine Mitbürger würden Bescheid bekommen. Immerhin zerbrach er sich unterwegs manchmal den Kopf darüber, wie seine Erzählungen wirken mochten und ob Frau Mutrie Wort halten und ihm das Ergebnis der Wahl nach Rhatore telegraphieren würde. Es war etwas wunderlich, daß er durch eine Frau erfahren mußte, ob er Mitglied des Gesetzgebenden Körpers von Colorado sei oder nicht, aber sie war der einzige Mensch auf Erden, der seine Adresse kannte, und da der ehrenvolle Auftrag ihr zu gefallen schien, wie die »reizende Verschwörung« – so nannte sie die getroffene Vereinigung – überhaupt, hatte ihn Tarvin mit Freuden in ihre Hand gelegt. Als er längst zu der Ueberzeugung gelangt war, nie wieder im Leben das Gesicht eines weißen Mannes sehen, nie wieder im Leben eine verständliche Sprache hören zu dürfen, rollte der Wagen durch einen Engpaß zwischen zwei Hügeln und hielt vor einem Gebäude, das in auffallendem Gegensatz zu dem Bahnhof in Rawut stand. Es war ein doppelter Würfel aus rotem Sandstein und – dafür hätte es Tarvin in die Arme schließen mögen! – wimmelte von weißen Männern! Sie waren so wenig bekleidet, als irgend anging, lagen in Rohrstühlen auf der Veranda herum und jeder hatte einen abgeschabten Lederkoffer neben sich stehen. Tarvin stieg nicht, er wälzte sich aus seinem Karren heraus, denn die langen Beine waren ihm gehörig steif geworden. Dann reckte er seine Gestalt, daß die Muskeln knackten, und mochte so ziemlich den Eindruck eines Gipsmodells machen, denn er war so vollständig überkrustet von Staub und Sand, als ob er aus einem Cyklon oder einem Wüstensturm käme. Der Staub füllte jede Falte und Vertiefung an seiner ganzen Person und sein schwarzes amerikanisches Jackett mit den vier Knöpfen war vollständig sandfarben. Zwischen dem Saum seiner Beinkleider und den Schuhen war kein Unterschied, kein Uebergang wahrnehmbar: wenn er einen Schritt machte, rieselten Sand und Staub an ihm herunter und sein inbrünstiges: »Gott sei Dank!« wurde von einem Staubhusten erstickt. Sich die brennenden Augen reibend, betrat er die Veranda des Dak Bungalows. Bungalow ist das einstöckige rings von einer Veranda umgebene indische Haus; Dak Bungalow ein Rasthaus, wo der Reisende Aufnahme findet ohne eigentliche Wirtschaft, ungefähr wie in unsern Alpenvereinshäusern. Anm. d. Uebers. »Guten Abend, meine Herren!« rief er den Insassen zu. »Gibt es hier etwas zu trinken?« Niemand erhob sich, aber einer von den Herren klatschte in die Hände und ein andrer, ganz in dünne, safrangelbe Seide gekleidet, die um ihn herumhing wie eine vertrocknete gelbe Bohnenhülse, nickte ihm mit ebenso farblosem Gesicht zu und fragte nachlässig: »Für wen? Worin?« »Ach so, die Sorte gibt's hier auch!« dachte Tarvin, der in der kurzen Frage das Volapük der Handlungsreisenden erkannt hatte. Er ging die lange Reihe entlang und drückte in seiner Herzensfreude und Dankbarkeit jedem einzelnen die Hand, dann erst fiel ihm ein, Vergleiche zwischen Amerika und Indien anzustellen. Konnten diese trägen, schweigsamen Lotusfresser wirklich zu derselben Berufsklasse gehören, mit der er seit manchem Jahr im Wirtshaus und Rauchwagen Anekdoten und Witze und politische Meinungen ausgetauscht hatte? Nein, das mußten des Geistes beraubte niedrige Zerrbilder der rührigen, fröhlichen, zudringlichen und verwegenen Menschensorte sein, die er daheim als Handlungsreisende kennen gelernt hatte, oder aber – ein Zerren in seinem Rücken brachte ihm diesen mildernden Umstand in den Sinn – sie waren samt und sonders »via Land« im Büffelkarren gereist und dabei so tief gesunken. Er tauchte seine Nase in das fußhohe Glas mit Sodawasser und Whisky und ließ sie darin, bis kein Tropfen mehr herauszulocken war, dann erst warf er sich in einen leeren Stuhl und sah sich die Gesellschaft ein zweites Mal an. »Hat nicht einer von den Herren gefragt, für wen ich hier sei? Ich muß annehmen, für mich selbst, denn ich reise zum Vergnügen ...« Tarvin fand nicht die Zeit, die Abgeschmacktheit seiner Behauptung still zu genießen, denn die fünf Herren brachen in ein schallendes Gelächter aus, wie man zu lachen pflegt, wenn man lange Zeit jeden Anlaß zur Heiterkeit schmerzlich entbehrt hat. »Zum Vergnügen! Gott steh ihm bei! Vergnügen!« riefen sie durcheinander. »Da sind Sie an den unrechten Ort geraten!« »Trifft sich gut, daß Sie nur zum Vergnügen reisen, denn hier ist kein Geschäft zu machen, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen!« hieß es weiter. »Ebenso gut könnten Sie einen Stein zur Ader lassen wollen! Ich bin seit vierzehn Tagen hier ...« »Alle Achtung! Wozu denn?« fragte Tarvin. »Ach! Wir alle sind schon über acht Tage hier,« brummte ein vierter. »Ja, was treiben Sie denn hier? Was führen Sie denn im Schild?« »Sie sind wohl Amerikaner?« »Ja, aus Topaz, Colorado.« Diese Mitteilung machte indes nicht den geringsten Eindruck auf die Herren; Colorado wirkte hier nicht. »Wo hapert's denn hier?« »Je nun, gestern hat der König zwei Weiber genommen – Sie können die Gongs in der Stadt immer noch schlagen hören. Er macht den Versuch, ein neues Reiterregiment auszurüsten für die indische Regierung und hat sich mit dem politischen Agenten überworfen. Seit drei Tagen belagere ich Oberst Nolans Thüre, aber er behauptet, ohne Genehmigung der Oberregierung nichts thun zu können. Ich habe alles aufgeboten, um den König abzufangen, wenn er auf die Saujagd geht, an den Minister schreibe ich fortwährend, wenn ich nicht gerade auf einem Kamel um die Stadt reite, und hier ist ein ganzer Pack Briefe von der Firma, die sich wundert, daß ich nichts einkassiere!« Nach Verlauf von zehn Minuten begriff Tarvin endlich, daß diese verwelkten Vertreter eines halben Dutzends Firmen in Kalkutta und Bombay den Platz regelmäßig im Frühjahr belagerten, um von einem König, der tonnenweise bestellt und grammweise bezahlt, Geld einzuziehen. Er hatte Gewehre, eingerichtete Reisetaschen, Spiegel, Kaminschmuck, Häkelarbeiten, bunte Glaskugeln für den Christbaum, Sattelzeug, Kutschierwagen, Breaks und Landauer, chirurgische Instrumente, Porzellanfiguren, dutzend-, hundert-, tausendweise bestellt, je nach Laune. Interessierten ihn seine Einkäufe nicht mehr, so legte er auch keinen Wert darauf, sie zu bezahlen, und da seine abgenützte Phantasie selten länger als zwanzig Minuten an einem Gegenstand Gefallen fand, geschah es zuweilen, daß sein Interesse schon mit dem Einkauf erschöpft war und daß die kostbaren Kisten aus Kalkutta gar nicht geöffnet wurden. Der vom indischen Kaiserreich angeordnete Friede verbot ihm, die Waffen zu ergreifen gegen andre Fürsten seines Volks, was doch seit Jahrtausenden seiner Vorfahren und seine höchste Lust gewesen war, der Kampf mit seinen Gläubigern war das Einzige, was einigermaßen seine kriegerischen Gelüste befriedigte. Auf der einen Seite stand der Vertreter Englands, der höchsten Obrigkeit, der ihm gute Sitten, Regierungskunst und Sparsamkeit beibringen wollte, auf der andern Seite, nämlich vor den Thoren des Palastes, stand immer ein Handlungsreisender, schwankend zwischen Verachtung für einen säumigen Schuldner und der dem Engländer angeborenen Ehrfurcht vor einem König. Zwischen diesen beiden Mächten hindurch ging seine Majestät seinem Vergnügen nach, das teils in Saujagd, Wettrennen, Einexerzieren seiner Truppen, in Bestellung weiterer unnötiger Gegenstände, sowie in geschickter Beherrschung seiner Weiber bestand, die von den Rechnungen jedes einzelnen Reisenden bedeutend mehr wußten, als sein Minister. Im Hintergrund aber stand die anglo-indische Regierung, die verständlich erklärte, daß sie keinerlei Gewähr leiste für Bezahlung der königlichen Schulden, und dem Maharadscha von Zeit zu Zeit auf einem blauen Sammetkissen einen juwelenstrotzenden kaiserlichen Orden schickte, um ihm die Einsprache in seine Angelegenheiten zu versüßen. »Nun, ich hoffe, Sie legen den König dafür tüchtig herein?« sagte Tarvin. »Wie meinen Sie das?« »Nun, wenn bei mir daheim ein Kunde Geschichten macht, den einen Tag verspricht, den Herrn im Gasthof zu treffen, und nicht kommt, und den andern Tag wieder eine Zusammenkunft verabredet, sie aber nicht einhält und nicht zahlt, da sagt sich der Reisende: ›Ja, mein Sohn, wenn es dir Spaß macht, mich warten zu lassen, so macht es dir gewiß auch Spaß, meine Hotelrechnung zu bezahlen, und ich werde mir nichts abgehen lassen‹ und vom zweiten Tag an kreidet er ihm auch seine Verluste im Spiel an, denn irgendwie muß er sich doch die Zeit vertreiben!« »Das ist ja höchst interessant! Aber in welcher Form bucht er diese Posten?« »Die werden natürlich bei der nächsten Lieferung der Firma auf die Ware geschlagen. Die Preise sind dann einfach gestiegen.« »O, die steigen bei uns auch, die Schwierigkeit ist nur, das Geld zu kriegen!« »Ich kann mir nur gar nicht erklären, woher die Herren die Zeit nehmen, hier so herumzulungern,« bemerkte Tarvin, dem noch manches unklar war in diesem Land. »Da, wo ich herkomme, macht der Mann seine Tour in scharf abgemessener Zeit, und wird er irgendwo einen Tag aufgehalten, so muß er dafür seinen Kunden in der nächsten Stadt telegraphisch an die Bahn bestellen und seine Geschäfte mit ihm in der Haltezeit abmachen. Du liebe Zeit, bis einer von den Büffelkarren hier zu Lande eine Meile fährt, würde er die Welt verkauft haben! Und was das Geld betrifft, ja warum in aller Welt setzen Sie denn nicht die Gerichte in Bewegung? Ich würde in Ihrem Fall Beschlag legen auf das ganze Land, auf den Palast, auf des alten Sünders Krone sogar! Ich würde Zahlungsbefehle gegen ihn erwirken, ich würde im Notfall persönlich den Gerichtsvollzieher machen und sie persönlich vollstrecken. Wenn nichts anderes mehr übrig bliebe, würde ich den alten Burschen sogar einsperren und an seiner Stelle Radschputana regieren, aber zu meinem Geld würde ich kommen!« Ein mitleidiges Lächeln stand auf allen Gesichtern. »Das verstehen Sie einfach nicht,« erklärten mehrere zugleich, und nun begann eine wortreiche, vielstimmige Erklärung. Die lässige Trägheit war ganz von den Herren gewichen, sie redeten sich alle zumal in den größten Eifer hinein, und Tarvin begriff nach einiger Zeit, daß er trotz des faulen Herumliegens tüchtige Geschäftsleute vor sich hatte. Sich am Thore des Großen hinzustrecken wie ein Bettler, war einfach hier zu Lande Geschäftsbrauch und auch eine Arbeit. Es kostete allerdings Zeit, aber man erreichte doch sein Ziel, besonders, schaltete der Gelbseidene ein, wenn man es fertig brachte, bis zum Minister durchzudringen und durch diesen des Königs Frauen für die Sache zu gewinnen. Tarvin lächelte vor sich hin – er dachte an Frau Mutrie! Der Gelbseidene führte jetzt das Wort und Tarvin erfuhr, daß die jetzige Königin eine Mörderin sei, die ihren ersten Mann mit Gift umgebracht habe. In einem eisernen Käfig die Hinrichtung erwartend, habe der König sie sich zum erstenmal zeigen lassen und habe sie gefragt, so erzähle man sich, ob sie ihn auch vergiften würde, wenn er sie heiraten wollte. Ganz gewiß, habe sie erwidert, wenn er sie auch so behandelte, wie ihr erster Mann. Und daraufhin habe der König sie geheiratet, teils weil ihn das Weib gereizt, teils weil ihn diese vermessene Antwort so sehr ergötzt habe. Diese Zigeunerin, von deren Ursprung niemand etwas wußte, habe binnen Jahresfrist König und Staat unter ihre Füße gebeugt gehabt, Füße, von denen die andren Weiber hohnvoll sagten, daß sie hart und rauh seien vom Wandern auf dem Pfad der Schande. Sie habe dem König einen Sohn geboren, der ihr ganzer Stolz sei, und nach dessen Geburt sie sich mit brennendem Ehrgeiz in die Staatsgeschäfte gemischt habe. Die oberste Regierung wisse trotz der weiten Ferne, daß sie eine Macht sei, mit der man zu rechnen habe, und zwar eine böse Macht. Der weißblonde, milde Statthalter, Oberst Nolan, der kaum einen Büchsenschuß vor dem Stadtthor in dem rosa Haus wohne, habe viel von ihr auszustehen. Ihr letzter Sieg sei besonders demütigend für ihn gewesen: sie habe plötzlich entdeckt, daß ein in den Felsen gehauener Kanal, der geplant war, um im Sommer die Stadt mit Wasser zu versehen, durch einen Orangengarten unter ihren Fenstern führen würde, und habe den Maharadscha so weit gebracht, Einsprache dagegen zu erheben. Jetzt müsse wirklich eine andre Trace für den Kanal gewählt werden, die ein bedeutender Umweg sei, den vierten Teil vom Jahreseinkommen des Agenten verschlinge und wogegen dieser mit Vorstellungen, Bitten, ja beinahe Thronen angekämpft habe. Sitabhai, die Zigeunerin, habe die Unterredung zwischen dem Radscha und dem Statthalter hinter seidenen Vorhängen mit angehört und mitangesehen und sich halb zu Tod gelacht! Tarvin sog diese Erzählungen mit gierigem Ohr ein. Sie kamen ihm ja sehr gelegen, waren Wasser auf seine Mühle, selbst wenn sein Plan, blindlings aufs Ziel loszugehen, dadurch über den Haufen geworfen wurde. Eine neue Welt that sich vor ihm auf, für die er keinen Maßstab und Standpunkt hatte und worin er bewußt und willig auf die Eingebung des Augenblicks bauen mußte, denn mit seinen Berechnungen war es nichts. Es war unmöglich gewesen, viel von dieser Welt zu erfahren, ehe er den Fuß darein gesetzt hatte, und er sah ein, daß er von den »faulen Gesellen« hier viel lernen konnte. Ihm war überhaupt, als ob er wieder beim ABC anzufangen hatte. Was mochte dem seltsamen Wesen, das sie hier König nannten, wohl angenehm sein, was ihn reizen und locken? Vor allem, was ihm Furcht einflößen? Die Gedanken jagten sich in Tarvins Kopf, aber er sagte nur: »Kein Wunder, daß der König bankerott ist, wenn er einen solchen Hofstaat zu füttern hat!« »Er ist einer der reichsten Fürsten in Indien,« entgegnete der Gelbseidene. »Er weiß selbst nicht, wie reich er ist!« »Warum bezahlt er dann nicht seine Schulden, statt die Herren hier herumwinseln zu lassen?« »Weil er eben ein Inder ist! Für ein Hochzeitsfest gibt er Hunderttausende aus, aber eine Rechnung von zweihundert Rupien bleibt vier Jahre unbezahlt!« »Die Gewohnheit sollten Sie ihm eben austreiben; lassen Sie doch seine Juwelen pfänden,« schlug der hartnäckige Amerikaner vor. »Sie kennen sich nicht aus in Indien, kennen indische Fürsten nicht! Eher würden sie ihr Leben lassen als die Kronjuwelen, die sind heilig, die sind ein Teil der Königswürde!« »Was gab' ich drum, das »Staatsglück« nur ein einziges Mal sehen zu dürfen,« rief eine Stimme aus dem Hintergrund, von der Tarvin später erfuhr, daß sie dem Vertreter eines großen Juwelenhauses in Kalkutta angehörte. »Was ist denn das?« fragte Tarvin so leichthin, als es ihm gelingen wollte, indem er sich sein Glas abermals füllen ließ. »Haben Sie nie vom Naulahka gehört?« Der Gelbseidene enthob Tarvin der Notwendigkeit zu antworten. »Pah,« bemerkte er, »all diese Gerüchte vom Naulahka sind von den Priestern erfunden und ausgesprengt.« »Das glaube ich denn doch nicht,« versetzte der Juwelenmann überlegen. »Das letzte Mal, als ich hier war, hat mir der König selbst erzählt, er habe das Naulahka einmal einem englischen Vizekönig gezeigt, der sei aber auch der einzige Ausländer, der es je zu Gesicht bekommen habe. Der König versicherte dabei, jetzt wisse er selbst nicht, wo es sei.« »Ammenmärchen! Glauben Sie etwa an geschnittene Smaragden von zwei Kubikzoll?« fragte der andre den Fremdling. »Die bilden nur das Mittelstück,« bemerkte der Juwelier, »und ich würde eine Wette riskieren, daß es ein talgichter Smaragd ist. Das macht mich gar nicht stutzig, aber ein Rätsel ist mir, daß diese Burschen, die gar keinen Sinn haben für reine Steine, sich die Mühe gegeben haben sollen, ein halbes Dutzend, geschweige denn fünfzig Steine vom reinsten Wasser zusammenzubringen. Es heißt, das Halsband sei um die Zeit, wo Wilhelm der Eroberer nach England kam, angefangen worden.« »Nun, da brauchten sie sich jedenfalls nicht zu übereilen,« bemerkte Tarvin. »Wenn man mir acht Jahrhunderte Zeit läßt, bringe ich am Ende auch einen Schmuck zu stande!« Damit legte er sich abgewendeten Gesichts in seinen Stuhl zurück; sein Herz klopfte stürmisch. Er hatte bei Minenspekulationen, Länder- und Viehhandel auch Augenblicke erlebt, wo ein Zucken der Wimper, ein halbes Wort, ein Vermögen aufs Spiel gesetzt hätte, aber acht Jahrhunderte hatten sich bis jetzt noch nie gegen ihn verschworen gehabt! Die Herren sahen wieder mit mitleidiger Ueberlegenheit zu dem Neuling hinüber. »Fünf unbedingt tadellose Exemplare der neun kostbarsten Edelsteine,« fuhr der Juwelier fort. »Rubin, Smaragd, Saphir, Diamant, Katzenauge, Türkis, Amethyst und ...« »Topas?« fragte Tarvin rasch mit Besitzermiene. »Nein, schwarzer, nachtschwarzer Diamant.« »Woher wissen Sie denn alles so genau?« fragte Tarvin eifrig. »Woher haben Sie diese Kenntnis?« »Die ist wie alle Kenntnis in Indien auf der Straße aufzulesen, aber die Richtigkeit nachzuweisen hat seine Schwierigkeiten. Kein Mensch hat ja überhaupt eine Ahnung, wo sich dieses Halsband, das Naulahka, was Staatsglück bedeutet, aufbewahrt wird.« »Vermutlich im Grundstein irgend eines Tempels in der Stadt,« sagte der Gelbseidene aufs Geratewohl. »Wo ist denn die Stadt?« entfuhr es Tarvin trotz aller Vorsicht mit verdächtigem Eifer – er sah sich im Geiste schon den Boden durchwühlen, die ganze Stadt umgraben. Man wies in die Sonnenglut hinaus, durch die er bei angestrengtem Hinsehen einen dreifach mit Mauern umgürteten Felsen schimmern sah. Bis an den Fuß des Felsens erstreckte sich der gelbe Sand der Wüste, der richtigen Wüste, die weder Baum noch Strauch trägt, in der nur der milde Esel lebt und, wie manche behaupten, tief im Innern das wilde Kamel. Tarvin starrte lange durch den blendenden Dunst der sengend heißen Luft, aber er konnte nicht das geringste Anzeichen von Leben und Bewegung in dieser Stadt wahrnehmen. Es war jetzt kurz nach Mittag und die Unterthanen Seiner Majestät schliefen. Dieser ungeschlachte finstere Brocken Einsamkeit war also Rhatore, das Ziel seiner Reise, das Jericho, das zu erobern er von Topaz ausgezogen war! »Wenn einer in einem Büffelkarren von New York herkommen wollte, um vor einer unsrer Ranchen sein Liedchen zu pfeifen, was für einen Narren ich den nennen würde!« überlegte Tarvin bei sich. Er stand auf und reckte die staubbelasteten Gliedmaßen. »Um welche Zeit wird's denn kühl genug, daß man sich die Stadt besehen kann?« fragte er. »Was in aller Welt wollen Sie denn mit der Stadt thun – sie besehen? Da seien Sie nur ein wenig vorsichtig! Sie könnten leicht in Schwierigkeiten geraten mit dem Statthalter,« warnte sein gelbseidener Ratgeber freundschaftlich. Tarvin konnte nicht begreifen, inwiefern ein Spaziergang durch die lebloseste Stadt, die ihm je vorgekommen war, gefährlich oder gar verboten sein sollte, aber er äußerte sich nicht darüber, denn er merkte mehr und mehr, daß in diesem Land alles anders war als anderwärts – bis auf den Einfluß der Weiber! Er wollte diese Stadt aber gründlich vornehmen, und zwar ehe ihre monumentale Ruhe – es war immer noch kein' Lebenszeichen wahrzunehmen – ihn anstecken und verschlingen oder ihn in einen faullenzenden Kalkutta-Geschäftsmann verwandeln würde! Jawohl, er mußte handeln, ehe sein Geist benommen und eingeschläfert würde. Vorläufig erkundigte er sich nach dem Telegraphenamt, obwohl es ihm trotz der Drähte fast verwunderlich vorkam, daß Rhatore eine derartige Einrichtung besitzen sollte. »Uebrigens muß ich Sie darauf aufmerksam machen,« rief ihm einer von den Herren nach, »daß jedes Telegramm, das Sie von hier abschicken, vorher am ganzen Hofe die Runde macht und dem Maharadscha gezeigt wird!« Tarvin dankte für diesen Wink, der in seinem Fall besonders beachtenswert war, dann watete er durch den tiefen Sand auf eine entweihte Moschee an der Straße zur Stadt zu, die sich's gefallen lassen mußte, das Telegraphenamt zu beherbergen. Ein eingeborener Soldat lag in tiefem Schlaf quer über der Schwelle zum Eingang ausgestreckt, sein Pferd hatte er an den in den Boden gerammten langen Lanzenschaft von Bambus gebunden. Sonst kein Zeichen des Lebens; nur ein paar Tauben gurrten schläfrig unter dem dunkeln Thorbogen. Tarvin sah sich fragend nach dem blauweißen Schild der Western Union Eine große Telegraphengesellschaft. Anm. d. Uebers. um, oder nach etwas, was in diesem wunderlichen Land dessen Stelle vertreten mochte. Er bemerkte, daß die Telegraphendrähte in einem Loch der Kuppel verschwanden, und sah jetzt, daß sich unter dem spitzbogigen Portal zwei oder drei niedere Holzthüren befanden. Aufs Geratewohl eine davon aufstoßend, trat er auf etwas Warmes, Haariges, das brummend aufsprang, und Tarvin hatte gerade noch Zeit, beiseite zu treten, sonst würde ihn ein Büffelkalb überrannt haben. Gelassen versuchte er's mit der zweiten Thüre und entdeckte nun eine Treppe mit ungeheuer breiten, niederen Stufen, die er sehr unbequem zu steigen fand. Er hoffte dabei immerzu, das Ticken der Apparate zu vernehmen, aber das Gebäude war still wie das Grab, das es ursprünglich gewesen war. Er öffnete wieder eine Thüre und stolperte in ein Zimmer, dessen gewölbte Decke im Schmuck von Tausenden kleiner Stückchen Spiegelglas und sehr bunter Bemalung prangte. Der Uebergang von dem pechfinstern Treppenhaus in diesen sonnendurchfluteten, von Farben und Glas funkelnden Raum mit seinem schneeweißen Fußboden, war so jäh, daß er die Augen zudrücken mußte. Ein Telegraphenamt aber mußte es sein, denn Tarvin hatte auf den ersten Blick einen altmodischen Apparat auf einem geringen tannenen Tischchen wahrgenommen. Das Sonnenlicht fiel grell herein durch das Loch, das man in die Kuppel geschlagen hatte, um die Drähte hereinzuführen, und das nie wieder geschlossen worden war. Tarvin stand mitten in dem breiten Sonnenstreifen und sah sich um. Er nahm den weichen amerikanischen Filzhut vom Kopf, der für dieses Klima entschieden wenig geeignet war, und wischte sich die feuchte Stirne. Wie er so dastand, hoch aufgerichtet, geschmeidig, kraftvoll in jeder Bewegung, würde sich ein etwa im Hintergrund dieses geheimnisvollen Gebäudes lauernder Bösewicht wohl zweimal besonnen haben, mit diesem Mann anzubinden – ein bequemer Gegner war der sicher nicht! Er zerrte an dem langen blonden Schnurrbart, der von den Mundwinkeln herabfiel und von häufigem Fingerspiel eine bestimmte Kurve angenommen hatte, und brummte sehr anschauliche Bemerkungen in einer Sprache, die das Echo dieser Wände noch nie wiederholt hatte. Wie sollte er von diesem Abgrund der Vergessenheit aus je mit den Vereinigten Staaten von Amerika in Verbindung treten können? Selbst sein eigenes »Hol's der Teufel!«, das ihm von der Wölbung der Kuppe zurückschallte, klang saft- und kraftlos, unheimatlich! Eine in ein weißes Leintuch gehüllte Gestalt lag auf dem Fußboden. »Das stimmt!« rief Tarvin, jetzt erst den weißen Fleck entdeckend. »Ein Toter eignet sich außerordentlich für diese Amtsstube! Heda, Mann – aufgestanden!« Das Leintuch kam in Bewegung, ein Grunzen drang darunter hervor und dann enthüllte sich ein sehr verschlafener Eingeborener, der von Kopf bis zu Fuß in taubengraue Seide gekleidet war. »Ho!« rief er betroffen. »Jawohl,« versetzte Tarvin ungetrübten Sinns. »Sie wollen mich sprechen?« »O nein, aber telegraphieren will ich, falls in dieser Gruft elektrischer Strom vorhanden ist.« »Mein Herr,« versicherte der Eingeborene freundlich, »da haben Sie an die richtige Thüre geklopft. Ich bin Telegraphenbeamter und Generalpostmeister dieses Staats.« Damit setzte er sich auf den wackeligen Stuhl, zog die Tischschublade auf und begann eifrig darin zu kramen. »Was suchen Sie denn, mein Sohn?« fragte Tarvin. »Etwa den Anschluß an Kalkutta?« »Meiste Herrn bringen Formulare mit,« versetzte der Taubengraue so vorwurfsvoll, als seine Höflichkeit gestattete, »doch hier ist Formular. Hab' Sie Bleistift?« »Ich will keine zu großen Anforderungen an die Behörde stellen – wollen Sie sich nicht wieder hinlegen und weiterschlafen? Ich kann meine Botschaft selbst tippen – was für ein Signal haben Sie mit Kalkutta?« »O, mein Herr, Sie nicht verstehen diesen Apparat!« »Nicht verstehen? Sie sollten mich die Drähte melken sehen an einem Wahltag!« »Diesen Apparat bedarfen sehr sach-ver-ständige Behandlung. Sie schreib', ich telegraphiere, so gehört sich's – ist Arbeitsteilung, ha ha!« Tarvin that, wie ihm geheißen wurde, und schrieb die Worte: »Bin am Werk, hoffe Gleiches von C. C. C. Tarvin.« Die Adresse lautete an die Präsidentin Mutrie in Denver. »Nun legen Sie los, Mann!« gebot Tarvin, indem er dem mild lächelnden Jüngling das Blatt reichte. »Ganz gut, ohne Sorge, bin hier dafür,« versetzte der Eingeborene, der zu begreifen schien, daß dieser seltsame Kunde Eile hatte. »Wird das je an seinen Bestimmungsort kommen?« sagte Tarvin, dem Taubengrauen kameradschaftlich zunickend, als ob er ihn aufmuntern wollte, ihn doch einzuweihen, falls die ganze Geschichte ein Mumpiz oder ein Betrug sei. »O ja, morgen. Denver ist in Vereinigte Staaten Nordamerika,« versetzte der Beamte, mit kindlichem Stolz auf seine Weisheit zu Tarvin aufblickend. »Eure Hand, Bruderherz!« rief Tarvin, ihm eine behaarte Faust hinstreckend. »Seid Ihr ein gelehrtes Haus!« Er blieb wohl eine halbe Stunde, freundete sich auf Grund der gemeinsamen Wissenschaft mit dem Taubengrauen an, sah ihm zu, wie er seinen Apparat bearbeitete, und hatte ein seltsames Gefühl, als dieser wirklich spielte und er sich nun plötzlich mit der fernen Heimat verbunden fühlte. Mitten in ihrer lebhaften Unterhaltung tauchte die Hand des Taubengrauen wieder in die Schublade, um alsbald ein mit Staub überzogenes Telegramm hervorzuziehen, das er Tarvin hinstreckte. »Sie kenn' einen Engländer in Rhatore, heißt Turgiv?« fragte er. Tarvin starrte einen Augenblick auf die Adresse und riß dann den Umschlag auf – es war das erwartete! Frau Mutrie beglückwünschte ihn zu seiner Wahl, er hatte mit einer Mehrheit von 1518 Stimmen über Sheriff gesiegt! Der neue Gesetzgeber im Staate Colorado erhob ein Freudengeheul, führte auf dem weißen Fußboden der indischen Moschee einen indianischen Kriegstanz aus, zog den verblüfften Generalpostmeister hinter seinem alten Waschtischchen hervor und wirbelte ihn, in einem tollen Walzer herum. Dann machte er dem Mund und Nase aufsperrenden Eingeborenen einen tiefen Salaam, stürmte die Treppe hinunter und machte, sein Telegramm hochschwingend, im Staub der Landstraße wahre Bockssprünge. Ins Rasthaus zurückgekehrt, ließ er sich ein Bad bereiten, um sich ernstlich mit dem Wüstensand auseinanderzusetzen, während die Geschäftsreisenden auf der Veranda eifrig seine Person besprachen. Als er sich wohlig in der thönernen Riesenschüssel dehnte und sich von einem braunhäutigen Wasserträger den Inhalt eines Ziegenschlauchs über den Kopf gießen ließ, hörte er eine Stimme draußen sagen: »Wahrscheinlich geht er auf Goldkäufe aus, oder plant er Oelbohrungen und will nur nicht mit der Sprache heraus.« Nikolas Tarvin zwinkerte mit seinem nassen linken Auge. Siebentes Kapitel. Ein Rasthaus fürs allgemeine Beste in der Wüste leidet nicht am Ueberfluß von Möbeln und Teppichen. Ein Tisch, zwei Sessel, eine Bettstelle, ein Kleiderrechen, und unter Glas und Rahmen der Tarif, genügen als »Zimmereinrichtung«. Bettstücke und Wäsche führen die Reisenden mit sich. Tarvin studierte diesen Tarif mit großer Aufmerksamkeit, ehe ihm die Augen zufielen, und erfuhr dadurch, daß ein indischer »Dak Bungalow« nur sehr entfernte Aehnlichkeit mit einem Gasthaus hat, und daß er stets der Gefahr ausgesetzt war, sein ungemütliches Zimmer verlassen zu müssen, wenn neue Reisende es in Anspruch nehmen sollten – nur vierundzwanzig Stunden dauerte der Rechtsanspruch darauf. Ehe er zu Bett ging, ließ er sich Feder und Tinte geben und schrieb auf einem Briefbogen seiner »Land- und Boden-Verbesserungsgesellschaft« an Frau Mutrie. Am Kopf des Bögchens war eine Landkarte von Colorado aufgedruckt, die Topaz zuversichtlich als Mittelpunkt des ganzen westlichen Eisenbahnnetzes zeigte, und seitwärts davon prangte der selbstverliehene Titel: »N. Tarvin, Versicherungs- und Liegenschaftsagent«. Der Ton seines Briefes war aber noch zuversichtlicher als der Schmuck dieses Briefblatts. In dieser Nacht träumte er, daß der Maharadscha ihm das Naulahka gegen Bauplätze in Topaz abtrete. Als der Handel schon dem Abschluß nahe war, wurde seine Majestät indessen störrisch und verlangte, Tarvin solle seine Lieblingsmine, die »Zögernde Ader« auch noch drangeben, um den Wert des Naulahka aufzuwiegen. Tarvin wollte auf diese Bedingungen nicht eingehen, da sagte aber der Radscha ganz schneidig: »Wie du willst, mein Sohn, dann kommt eben die C. C. C, nicht nach Topaz!« und Tarvin gab nach, hing Frau Mutrie das Naulahka um den Hals und hörte im selben Augenblick den Präsidenten des Parlaments von Colorado feierlich verkündigen, daß er Topaz, nachdem es Knotenpunkt der drei C. geworden sei, für die politische Hauptstadt des Westens erkläre. Mit einemmal merkte Tarvin, daß dieser Präsident kein andrer war als er selbst, was ihm einige Zweifel an der Richtigkeit seiner Erklärung einflößte, und mit einem bitteren Geschmack im Munde wachte er auf, um den Morgen über Rhatore dämmern zu sehen und den Forderungen der Wirklichkeit zu begegnen. Diese traten zuerst an ihn heran in Gestalt eines graubärtigen, eingeborenen Soldaten in hohen Reiterstiefeln, der auf einem Kamel vor der Veranda hielt und ihm ein fettig glänzendes, braunes Büchlein mit der üblichen Aufschrift: »Bitte, schreiben Sie: Einsicht genommen«, von seinem hohen Sitz herab reichte. Tarvin sah sich dieses neue Ereignis in der schon wieder erhitzten Landschaft mit Interesse, aber ohne jedes äußere Zeichen der Ueberraschung an – ein Geheimnis hatte ihm der Osten schon anvertraut, man durfte sich über nichts wundern! Er nahm das kleine Buch in Empfang und las auf der Seite, die ihm ein brauner Daumen bezeichnete: »Gottesdienst jeden Sonntag morgens 7 Uhr 30 im Wohnzimmer des Missionshauses. Fremde, die sich hier aufhalten, sind herzlich dazu eingeladen« (unterzeichnet) »L. R. Estes, presbyterisch-amerikanische Mission.« »Hm! ? Uhr 30 – die Leute stehen hier zeitig auf, werden wohl wissen warum,« brummte Tarvin vor sich hin. »Wann speisen sie dann wohl hier zu Lande?« Das waren seine inneren Erwägungen, den Kamelreiter aber fragte er: »Was habe ich damit zu thun?« Der Mann nahm ihm das Büchlein wieder ab und blickte ihn gleichgültig an. Auch das Kamel gönnte ihm eine kurze Besichtigung, dann setzten sich beide schweigend in Bewegung – was er zu thun hatte, ging doch sie nichts an! Tarvin rief den entschwindenden Gestalten noch einen ziemlich verworrenen Auftrag nach, aber weder Reiter noch Kamel nahm Notiz davon. Das war offenbar kein Land, wo man rasch ans Ziel kam, und Tarvin sehnte sich jetzt schon ungeduldig nach dem Augenblick, wo er das Halsband in der Tasche und Käte am Arm würde heimwärts segeln können. Jedenfalls war es praktisch, dem Missionar einen Besuch zu machen. Er war ein Amerikaner und konnte ihm wahrscheinlich die zuverlässigste Auskunft über das Naulahka geben – vielleicht auch über Käte, wie Tarvin etwas vermessen zu hoffen wagte. Das Missionshaus, das unmittelbar vor dem Stadtthor lag, war ein einstöckiger roter Sandsteinbau, alles Pflanzenschmucks so bar und genau so öde wie der Bahnhof in Rawut. Aber er entdeckte alsbald, daß innen um so mehr Leben war und daß warme Herzen, die ihn freundlich willkommen hießen, hinter den roten Mauern schlugen. Frau Estes war eine jener echt mütterlichen gütigen Frauen mit dem angeborenen Häuslichkeitssinn, der einem eine Höhle zur Heimat machen würde. Sie hatte ein rundes, glattes Gesicht, eine zarte Haut und klare, glückliche Augen. Das noch nicht mit Grau gemischte braune Haar trug sie glatt aus der Stirn gestrichen; sie mochte etwa vierzig Jahre alt sein. Die ganze Persönlichkeit hatte etwas Gesetztes und Gefestigtes. Der Besucher hatte bald erfahren, daß die Estes aus Bangor in Maine stammten, und da sein Vater auch im Staat Maine auf einer Farm in der Nähe von Portland geboren war, fühlte man sich einigermaßen verwandt. Nach zehn Minuten war er schon zum Frühstück eingeladen, denn Tarvins Gabe, mit andern zu fühlen, war unwiderstehlich. Er war nun einmal der Mann, dem Männer im beliebigen Rauchzimmer eines beliebigen Gasthofs ihre Herzensgeheimnisse anvertrauen, den sie in ihr innerstes Leben blicken lassen, er war ein Schrein, wo man Geschichten von Schuld und Sünde und Elend niederlegt; wenn's möglich war, leistete er Hilfe, Teilnahme und Verständnis hatte er immer. Noch ehe das Frühstück kam, hatten ihm die Estes ein vollständiges Bild ihrer Lage in Rhatore gegeben, hatten ihm ihre Schwierigkeiten mit dem Maharadscha und des Maharadscha Weibern, die hoffnungslose Unfruchtbarkeit ihrer Arbeit offen geschildert. Dann sprachen sie von ihren Kindern, die wie alle indischen Kinder vom Elternhaus verbannt waren. Freilich waren sie ja in Bangor bei einer Tante und gingen dort in die Schule. »Fünf Jahre haben wir sie nicht mehr gesehen,« sagte Frau Estes, als man sich zum Frühstück setzte. »Fred war sechs, Laura acht, als wir sie hergeben mußten – jetzt sind sie elf und dreizehn Jahre alt! Nicht zu denken! Wir hoffen ja, daß sie uns nicht vergessen haben werden, aber wie sollen wir ihnen gegenwärtig bleiben? Es sind doch nur Kinder!« Und dann erzählte sie ihm etliche haarsträubende Geschichten vom Wiedersehen zwischen indischen Eltern und in Amerika aufgewachsenen Kindern. Das Frühstück rief ein leidenschaftliches Heimweh in Tarvin wach. Nach zwei Monaten auf See, zwei Tagen Eisenbahnfahrt zwischen Kalkutta und Rawut mit hastig verschlungenen Bahnhoferfrischungen und einer Nacht im Dâk Bungalow war eine Familienmahlzeit und die Ueppigkeit eines amerikanischen Frühstückstisch wirklich ein Fest für ihn. Man begann zwar mit einer Wassermelone, die keine Erinnerungen in ihm wecken konnte, denn Wassermelonen sind in Topaz eine beinah unbekannte Leckerei und erscheinen jedenfalls nicht schon im April am Schaufenster des Spezereihändlers. Die Hafergrütze aber versetzte ihn ganz in die Heimat, und als die Kalbsschnitzel und gerösteten Kartoffeln, der Kaffee und die braunen Maiskuchen mit dem verführerischen goldgelben Innern darauf folgten, war er fast zu Thränen gerührt. Frau Estes, die sich an seiner Freude erbaute, erklärte, daß ein Töpfchen mit Ahornzuckersirup, das ihr von Bangor geschickt worden sei, auch auf den Tisch kommen müsse, und schickte den weiß gekleideten, lautlos auftretenden Diener mit dem roten Turban danach, sobald er die Waffeln gebracht hatte. So saßen sie seelenvergnügt beisammen und sangen das Lob der amerikanischen Heimat, während der indische Punkah über ihren Köpfen rauschte. Selbstverständlich hatte Tarvin eine Landkarte von Colorado in der Tasche, und als das Gespräch über die Vereinigten Staaten sich mehr und mehr vertiefte und westwärts zog, breitete er sie auf dem Frühstückstisch zwischen Waffeln und Schnitzeln aus, um den neuen Freunden die Lage von Topaz klar zu machen. Er machte dem Missionar begreiflich, was eine Eisenbahnlinie von Norden und Süden aus dem »Platz« machen würde, und mußte dann natürlich auch zärtlich beschreiben, was für eine wunderbare Stadt sein Topaz heute schon war, mußte alle Gebäude aufzählen, die im letzten Jahre aus der Erde gewachsen waren, und genau schildern, wie man sich nach dem großen Brand aufgerafft und gleich am andern Morgen neu zu bauen angefangen hatte. Das Feuer hatte die Versicherungssumme von baren hunderttausend Dollars in die Stadt gebracht. In unbewußter Abwehr gegen die Ungeheuerlichkeit der leeren Landschaft vor den Fenstern übertrieb er noch mehr als sonst – dieser ungeheure Osten durfte weder ihn, noch Topaz verschlingen! »Wir erwarten eine junge Dame, und ich glaube, sie kommt aus ihrem Staat,« bemerkte Frau Estes, der bisher alle Städte des Westens gleich wesenlose Begriffe gewesen waren. »Hieß der Ort nicht Topaz, Lucien? Ich meine, das stand in dem Brief ...« Sie stand auf und kramte in ihrem Nähkörbchen, um sich Gewißheit zu holen. »Jawohl, Topaz ... ein Fräulein Sheriff. Sie wird uns von der Zenana-Mission zugeschickt – Sie kennen die junge Dame vielleicht?« Tarvin steckte den Kopf in seine Landkarte, die er dann umständlich zusammenfaltete. »Ja, ich kenne sie,« sagte er dann kurz. »Wann wird sie denn erwartet?« »Sie kann jetzt täglich eintreffen,« erwiderte Frau Estes. »Kommt mir traurig vor, ein junges Mädchen da herüber zu schicken,« bemerkte Tarvin, »so weit weg von den Ihrigen und allen Freunden ... obwohl Sie ja gewiß freundlich gegen sie sein werden,« setzte er mit einem raschen Blick in Frau Estes' Augen hinzu. »Wir werden uns alle Mühe geben, ihr das Heimweh fern zu halten,« versetzte die Missionarsfrau in ihrem mütterlichen Ton, »Wir brauchen ja nur an unsre eigenen Kinder zu denken – an Laura und Fred in Bangor.« »Das ist sehr freundlich von Ihnen!« rief Tarvin mit Wärme – er nahm offenbar großen Anteil an der Zenana-Mission! »Darf ich mir die Frage erlauben, was für Geschäfte Sie hierher führen?« fragte der Missionar, indem er seiner Frau die leere Kaffeetasse zum Füllen hinhielt. Estes drückte sich ein wenig förmlich und steif aus und die Stimme drang dumpf aus der dichten Wildnis eines ungewöhnlich langen und dichten eisengrauen Barts hervor. Er hatte ein etwas bärbeißiges aber wohlwollendes Gesicht, eine stramme und dabei herzliche Art und einen guten treuherzigen Blick, dem Tarvin gern begegnete. Sein Urteil war klar und bestimmt und schien namentlich über die verschiedenen Rassen der Eingeborenen ganz fest zu stehen. »Nun, ich beabsichtige zu schürfen,« erwiderte Tarvin in gleichmütigem Ton, dabei durchs Fenster starrend, als ob er jeden Augenblick Käte mitten in der Wüste auftauchen zu sehen erwarte. »Aha! Wohl Gold?« »Hm – nun ja, Gold so gut wie andres.« Estes führte seinen Gast auf die Veranda hinaus, um eine Zigarre mit ihm zu rauchen, die Frau kam mit ihrer Näharbeit nach und setzte sich zu ihnen. Nun lenkte Tarvin das Gespräch auf das Naulahka und fragte geradezu, was und wo es sei. Aber es stellte sich heraus, daß der Missionar, obwohl er ein Amerikaner war, durchaus nicht mehr davon wußte, als die faulen Geschäftsreisenden in dem Rasthaus. Er wußte von seinem Vorhandensein, kannte aber außer dem Maharadscha niemand, der es je gesehen hätte. Tarvin mußte recht viel Gleichgültiges anhören, um immer wieder auf diesen Punkt zu gelangen, und da der Missionar hartnäckig an der Vorstellung festhielt, daß er Gold suchen wolle, fand er es schließlich rätlich, darauf einzugehen. »Sie denken natürlich an das Auswaschen des Erzes?« warf Estes hin. »Versteht sich,« pflichtete Tarvin bei. »Im Ametfluß werden Sie schwerlich viel finden! Dort haben die Eingeborenen seit Jahrhunderten krampfhaft Gold gewaschen, und nun findet sich höchstens noch, was der Triebsand vom Quarzgestein der Gungrahügel heranführt. Aber Sie werden Ihr Unternehmen wohl in großem Stil betreiben wollen?« setzte der Missionar mit einem forschenden Blick hinzu. »Selbstverständlich, in ganz großem Maßstab.« Estes setzte voraus, daß Tarvin die Schwierigkeiten wohl erwogen haben werde. Er müsse die Bewilligung des Oberst Nolan und durch diesen die der englischen Regierung erlangen, wenn er irgend dran denke, etwas Ernstliches ausrichten zu wollen. Des Obersten Erlaubnis müsse überhaupt schon eingeholt werden, um in Rhatore bleiben zu dürfen. »Sie meinen, ich müsse es der Regierung lohnend erscheinen lassen, daß sie mich gewähren läßt?« »Ja, das meine ich.« »Gut, das soll geschehen.« Frau Estes warf einen raschen Blick zu ihrem Mann hinüber. Nach Frauenart machte sie sich ihre Gedanken. Achtes Kapitel. Tarvin hatte in den nächsten acht Tagen viel zu lernen, und nachdem er sein Anpassungsvermögen zuerst äußerlich durch einen schneeweißen Leinenanzug bewiesen hatte, begann die Einweihung in ein völlig neues System von Manieren, Gebräuchen und Anschauungen. Nicht alles, was er zu beachten lernte, sagte ihm zu, aber er hatte seinen Zweck fest im Auge und wußte, warum er sich fügte, auch ließ er seine neue Lebensweisheit keinen Tag ungenützt, sondern verwendete sie gleich dazu, sich dem einzigen Mann vorstellen zu lassen, von dem er mit Sicherheit wußte, daß er den Gegenstand seiner Sehnsucht mit Augen gesehen hatte. Estes war gerne bereit, ihn beim Maharadscha einzuführen, und so ritten sie denn eines Morgens den steilen Felsabhang hinauf, worauf der selbst aus dem Felsen gehauene Palast stand. Durch einen breiten, dunkeln Thorweg gelangte man in einen mit Marmor gepflasterten Hof, wo der Maharadscha in Begleitung eines einzigen zerlumpten und zerschlissenen Dieners einen Foxterrier besichtigte, der in der Sonne ausgestreckt auf den Fliesen lag. Tarvin, der sich über Könige im allgemeinen nur sehr mangelhafte Vorstellungen machen konnte, hätte von einem solchen, der seine Rechnungen nicht bezahlte, immerhin eine gewisse Würde und billigerweise ein zurückhaltendes Benehmen erwartet; auf die Schlampigkeit eines Herrschers im Hausrock, der sich, von dem ihm sonst durch die Gegenwart des englischen Statthalters auferlegten Zwang befreit, behaglich gehen ließ, war er dagegen ebensowenig gefaßt gewesen, als auf die malerische Mischung von Schmutz und Schmuck an diesem Hofe. Dieser braune Maharadscha mit dem buschigen Bart, der einen mit Gold gesprenkelten Schlafrock aus grünem Sammet trug, schien entschieden ein liebenswürdiger Despot zu sein, dem es sichtlich das größte Vergnügen machte, einen Mann kennen zu lernen, der nichts mit der englischen Regierung zu schaffen hatte und das Wort Geld nicht in den Mund nahm. Die ganz unverhältnismäßige Zierlichkeit der Hände und Füße des hochgewachsenen Beherrschers von Gokral Sitarun verriet jedem Eingeweihten, daß er das älteste Blut von Radschputana Die Radschputen, Sanskrit Nadschaputra, Königssöhne bedeutend, sind ein arischer Volksstamm, der sich von der altindischen Kriegerkaste abzustammen rühmt. Anm. d. Uebers. in seinen Adern hatte. Seine Vorfahren hatten blutig gekämpft und waren weit geritten mit Schwertgriffen und Steigbügeln, die man in England für Kinderspielzeug angesehen haben würde! Sein Gesicht war fleckig und aufgedunsen, die trüben Augen starrten schläfrig aus tiefen faltigen Höhlen. Tarvin, der gewöhnt war, seinen Landsleuten ihr Wollen und Denken vom Gesicht abzulesen, konnte in diesen Augen weder Furcht noch Willen entdecken, sie drückten nur eine unsägliche schlaffe Müdigkeit und Ueberdruß aus. Es war, als ob man in einen erloschenen Vulkan geblickt hätte, einen Vulkan der in geläufigem Englisch rumpelte. Tarvin hatte sowohl wirkliches Verständnis für Hunde, als den heißen Wunsch, sich dem Staatsoberhaupt angenehm zu machen. Als König kam ihm dieser Mann ja etwas gefälscht vor, aber als Nebenmensch, Hundefreund und Herr des Naulahka war er ihm ein Bruder, und mehr als das, der Bruder einer Geliebten! Er unterhielt sich demnach unbefangen und redselig und erreichte dadurch sein Ziel. »Kommen Sie wieder,« sagte der Maharadscha, und die matten Augen leuchteten wirklich, als der Missionar seinen Gast etwas befremdet entführte. »Kommen Sie heute abend nach Tisch wieder! Sie stammen aus einem ganz neuen Land?« Spät am Abend, berauscht vom Opiumtrank, ohne den ein Radschpute weder sprechen noch denken kann, lehrte Seine Majestät diesen unehrerbietigen Fremdling, der ihm von weißen Männern jenseits des Wassers köstliche Geschichten erzählte, das Königsspiel Pachisi. Sie spielten es bis tief in die Nacht hinein in dem marmorgepflasterten Hof, und Tarvin hörte hinter den grünen Fensterläden, die rings um den Hof liefen, Frauenstimmen flüstern und seidene Gewänder rauschen. Ohne den Kopf zu drehen, sah er, daß der ganze Palast Augen hatte. Andern Tags traf er den Fürsten in der ersten Morgenfrühe mitten in der Hauptstraße seiner Stadt, der Heimkehr eines wilden Ebers gewärtig. Die Jagdgesetze von Gokral Sitarun galten auch für die Straßen befestigter Städte, und das Wildschwein konnte bei Nacht unbehelligt in den engen Gäßchen seine Nahrung suchen. Der erwartete Eber kam richtig und wurde aus einer Entfernung von hundert Schritten durch Seiner Majestät neue englische Jagdflinte niedergestreckt. Es war ein sehr anständiger Schuß, und Tarvin kargte nicht mit Beifall für den Schützen. Hatte Seine Majestät je eine Münze im Flug durchschießen sehen? Die gelangweilten Augen funkelten vor kindlicher Lust, und Tarvin warf einen amerikanischen Vierteldollar in die Luft, den seine Revolverkugel richtig im Niederfallen durchbohrte. Der Fürst bat ihn, das Kunststück zu wiederholen, aber Tarvin, der seinen Ruf nicht unnütz aufs Spiel setzen wollte, erklärte höflich, zuvor möge einer von den Hofleuten es ihm nachthun. Der König hatte die größte Lust, es selbst zu versuchen, und Tarvin warf ihm die Münze. Die Kugel zischte ungemütlich nah an Tarvins Ohr vorbei, aber der Vierteldollar, den dieser artig aus dem Gras aufhob, war richtig durchlocht! Dem Maharadscha war ein Loch, das Tarvin hineingeschossen hatte, ebenso lieb, als das seiner eigenen Kugel, und dieser hütete sich, ihm die angenehme Täuschung zu rauben. Am Tag darauf hatte sich die Sonne fürstlicher Huld plötzlich verdunkelt, ja, es trat völlige Sonnenfinsternis ein und Tarvin erfuhr erst durch die sehr mißvergnügten Handlungsreisenden im Dâk Bungalow, daß Sitabhai wieder einmal in königlichem Zorn zu rasen geruhe. Auf diese Nachricht hin verfügte sich Tarvin samt seiner ungeheuren Fähigkeit, Menschen im Sturm zu gewinnen, zu Oberst Nolan und brachte den verdrießlichen weißhaarigen Herrn durch seine Schilderung der fürstlichen Schießübungen zum Lachen, wie er seit seinen Leutnantstagen nicht mehr gelacht hatte. Tarvin teilte dann das zweite Frühstück mit ihm und erhielt im Lauf des Nachmittags volle Klarheit darüber, was die englische Regierung im Staat Gokral Sitarun eigentlich bezweckte. Das indische Kaiserreich wollte das Land heben; da der Maharadscha indes nichts für Kulturfortschritte ausgeben wollte, ging es damit sehr langsam. Was Oberst Nolan über die innere Palastpolitik äußerte – natürlich mit der seiner Stellung zukommenden Vorsicht – war genau das Gegenteil von dem, was der Missionar gesagt hatte, und wich andererseits auch gänzlich vom Klatsch der Handlungsreisenden ab. Gegen Abend sandte der Maharadscha einen berittenen Boten an Tarvin, denn das Gewitter in den königlichen Gemächern hatte ausgetobt, und ihn verlangte nach dem großen weißen Mann, der Münzen in der Luft durchschießen, Geschichten erzählen und Pachisi spielen konnte. An diesem Abend kam aber noch andres als Pachisi aufs Tapet: Seine Majestät war in rührsamer Stimmung und vertraute Tarvin in einer langen, ausführlichen Unterredung seine persönlichen Nöte und die des Staats an, wobei ihm die Verhältnisse zum zweitenmal in ganz anderm Licht gezeigt wurden. Am Schluß kam dann eine etwas unzusammenhängende Anrufung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, von dessen unumschränkter Macht und weitreichendem Einfluß ihm Tarvin, dessen Patriotismus in diesem Augenblick sich auf die ganze Nation erstreckte, der Topaz angehörte, eine hohe Vorstellung beigebracht hatte. Immerhin hielt Tarvin die Stunde noch nicht für gekommen, Unterhandlungen wegen des Naulakha anzuknüpfen – der Maharadscha würde jetzt vielleicht sein halbes Königreich verschenkt und sich morgen an den Statthalter gewendet haben! Der nächste und noch mancher folgende Tag brachte ganze Karawanen in allen Regenbogenfarben prangender Orientalen in das Rasthaus, wo Tarvin sich noch immer aufhielt. Jeder einzelne davon war Minister irgend eines Hofes, sah mit tiefer Verachtung auf die geduldig harrenden Geschäftsleute herab, verfehlte aber nicht, sich Tarvin ehrerbietig zu nähern. Von jedem einzelnen wurde er in geläufigem, etwas geziertem Englisch eindringlich gewarnt, doch ja niemand zu trauen, als eben ihm; jede dieser vertraulichen Unterredungen schloß mit: »An mir haben Sie einen wahren Freund, Sahib,« und jeder bezichtigte seine Kollegen dem Fremden gegenüber der verbrecherischen oder wenigstens übelwollenden Anschläge gegen die Regierung, die er vermutlich selbst im Schild führte. Tarvin konnte sich nur teilweise zusammenreimen, was all das zu bedeuten hatte. Mit dem Maharadscha Pachisi zu spielen, dünkte ihm gar kein so außerordentlicher Vorzug, und die gewundenen Gedankengänge orientalischer Diplomaten waren für ihn dunkel. Ebenso unverständlich war Tarvin diesen Herrn Gesandten! Vollständig selbstbewußt, vollständig furchtlos und, soweit sie die Sache überblicken konnten, ganz uneigennützig war dieser Fremdling an ihrem Horizont aufgetaucht, um so triftigere Gründe hatten sie ihrer Lebensanschauung nach, in ihm einen wohlverkleideten Regierungsvertreter zu vermuten, der Pläne ausführen sollte, die in undurchdringliches Geheimnis gehüllt waren. Daß er eine wahrhaft barbarische Unwissenheit verriet in allem, was die innere indische Politik anging, bestärkte sie nur in ihrem Verdacht. Daß er den Maharadscha insgeheim besuchte, stundenlang mit ihm allein war und für den Augenblick des Königs Ohr besaß, genügte ihnen. Diese feierlichen, glattzüngigen, geheimnisvollen Gäste wurden Tarvin bald zum Ueberdruß, ja sie erfüllten ihn mit Widerwillen und er hielt sich dafür an den Handlungsreisenden schadlos, denen er Anteilscheine seiner Land- und Bodenverbesserungsgesellschaft aufhängte. Dem Gelbseidenen, als seinem ersten Bekannten und Berater in diesem wunderlichen Land, vergönnte er sogar ein paar Aktien seiner Lieblingsmine »Die zögernde Ader«. Es waren die Tage vor der Goldernte im Unteren Bengalen, und man hatte damals noch Vertrauen in die amerikanischen Minen. Derartige Geschäfte versetzten ihn in Gedanken in die Heimatsluft von Topaz und erweckten eine brennende Sehnsucht nach Nachricht von den Freunden daheim, von denen er sich völlig abgeschnitten hatte durch das Geheimnis, worein er sein Unternehmen hüllte. Er wollte ja den hohen Einsatz allein wagen, der Gewinn dagegen sollte allen zu gute kommen. Aber alle Rupien in seiner Tasche würde er freudig hingegeben haben für eine einzige Nummer des Topazer Tagblatts, ja sogar für einen Blick in die Zeitung von Denver! Was mochte in seinen Minen vor sich gehen – in der »Mollie K.«, die in Pacht betrieben wurde, der »Mascot«, über der ein Rechtsstreit schwebte, in der »Zögernden Ader«, wo man bei seiner Abreife eben im Begriff gewesen war, neue reiche Adern zu erschließen, und wie stand es um seine Rechte auf die »Garfield«. die Fibby Winks bestritt? Was war aus den Minen seiner Freunde, ihren Viehweiden und ihrem sonstigen Handel seither geworden? Was aus Colorado und den Vereinigten Staaten insgesamt? Er war ja so ganz auf dem Trockenen mit Nachrichten, daß man in Washington das Silber gesetzlich abgeschafft, die Republik in eine Monarchie verwandelt haben könnte, ohne daß er etwas davon erfahren hätte! Sein einziges Heilmittel gegen die Pein dieser heimmärtsschweifenden Gedanken war ein Besuch im Missionshaus, ein Gespräch über Bangor und den Staat Maine. In dem Haus war ihm wohl, schon weil er wußte, daß jeder Tag das kleine Mädchen dort hinführen konnte, das im Aug' zu behalten er um die halbe Erdkugel gereist war. Im leuchtenden Glanz eines gelben und violetten Sonnenaufgangs wurde er am zehnten Tag nach seiner Ankunft durch eine schrille Kinderstimme aus dem Schlaf geweckt, die von der Veranda her erklang und ungesäumt den »neuen Engländer« zu sprechen verlangte. Der Maharadscha Kunwar, der voraussichtliche Thronerbe von Gokral Sitarun, ein bleichschnäbeliges Knäblein von neun Jahren, hatte seinem Miniaturhofstaat, den er ganz gesondert von dem des Vaters besaß, Befehl erteilt, seine leichte Halbchaise einzuspannen und ihn zum Dak Bungalow zu befördern. Wie sein welker Vater lechzte auch dieses Kind nach Unterhaltung, und die Frauen im Palast hatten ihm erzählt, daß der Maharadscha immer herzlich lache, wenn der »neue Engländer« bei ihm sei. Der Maharadscha Kunwar sprach noch viel besser englisch als sein Vater, auch französisch war ihm geläufig und es gelüstete ihn, mit diesen Fertigkeiten vor einem Publikum zu glänzen, dessen Bewunderung er noch nicht befohlen hatte. Tarvin gehorchte der Stimme, weil es eben eine Kinderstimme war, sah aber, als er heraustrat, zuerst einen scheinbar leeren Wagen, den zehn riesengroße Soldaten beschützend umgaben. »Wie geht es Ihnen? Comment vous portez-vous? Ich bin der Prinz dieses Landes, ich bin der Maharadscha Kunmar, später werde ich der König sein. Wollen Sie nicht mit mir spazieren fahren?« So klang das Stimmchen hinter dem Halbverdeck hervor, und nun streckte sich Tarvin auch ein schmales Händchen im Halbhandschuh zum Gruß entgegen. Diese Halbhandschuhe waren aus gröbster Wolle gestrickt, mit einem grünen Streifen ums Handgelenk, das übrige Kind aber war von oben bis unten in steifen, goldstrotzenden Brokat gekleidet und trug auf seinem Turban eine sechs Zoll lange Agraffe von Diamanten, während ihm eine Schnur von Smaragden bis auf die Augenbrauen fiel. Unter diesem glitzernden Schmuck schauten ein paar Onyxaugen hervor, die, so stolz sie blickten, doch von einer einsamen, traurigen Kindheit erzählten. Tarvin setzte sich gehorsam auf den leeren Platz neben dem Prinzen. Es begann ihm fraglich zu werden, ob ihn überhaupt noch etwas in Erstaunen setzen könne. »Wir wollen über den Rennplatz nach der Eisenbahnstraße fahren,« sagte der Knabe und setzte, die kleine Hand leicht auf Tarvins Arm legend, hinzu: »Wer sind Sie?« »Nur ein Mensch, mein Söhnchen.« Das Gesicht unter dem Turban sah merkwürdig alt aus, denn die zur Herrschaft Geborenen, die nie einen versagten Wunsch kennen gelernt haben, altern unter der versengenden indischen Sonne noch schneller, als andre Kinder des Ostens, die auch schon selbstbewußte Männer sind, wenn sie erst schüchterne Knaben sein sollten. »Man sagt, Sie seien hierher gekommen, um unser Land anzusehen?« »So ist's auch,« erwiderte Tarvin. »Wenn ich einmal König bin, lasse ich niemand in mein Land herein, nicht einmal den Vizekönig!« »Das berührt mich wenig,« bemerkte Taruin lachend. »Sie dürfen kommen,« milderte der Knabe sein künftiges Verbot, »wenn Sie mich zum Lachen bringen. Erzählen Sie mir jetzt etwas Lustiges!« »Soll ich, kleiner Mann? Nun, es war einmal – ja wenn ich nur müßte, was die Kinder in diesem Land zum Lachen bringt! Ich habe noch keines lachen sehen! Wie« – Tarvin stieß einen langgezogenen Pfiff aus – »was ist denn das da unten, mein Junge?« Eine kleine Staubwolke war in weiter Entfernung von der Straße aufgestiegen. Sie wurde durch rasch und leicht hinwirbelnde Räder erregt, konnte also nicht von dem offiziellen Verkehrsmittel des Büffelkarrens herrühren. »Deshalb bin ich da herausgefahren,« erklärte ihm der Maharadscha Kunwar. »Sie wird mich gesund machen, sagt mein Vater, der Maharadscha. Ich bin nämlich nicht gesund.« »Soor Singh,« wandte er sich in der heimischen Mundart an den Diener auf dem Hinteren Wagentritt, »wie heißt man das, wenn ich das Bewußtsein verliere? Ich weiß das englische Wort nicht mehr.« »Sohn des Himmels, ich weiß es auch nicht,« versetzte der Diener, sich über ihn beugend. »Jetzt fällt mir's wieder ein,« rief das Kind plötzlich. »Frau Estes hat mir gesagt, es seien Krämpfe – was sind Krämpfe?« Tarvin legte seine Hand zärtlich auf des Knaben Schulter, aber sein Blick hing unverwandt an der wachsenden Staubwolle. »Was es auch sein mag, mein Kind, hoffen wir, daß »sie« dich davon heilt. Aber wer ist »sie« denn?« »Den Namen weiß ich nicht, aber mein Vater sagt, sie werde mich gesund machen, darum hat er ihr auch einen Wagen entgegengeschickt.« Eine scheinbar leere Halbchaise wich zur Seite aus, als der wackelige Postwagen, dessen Lenker einem buckeligen Klapphorn schmetternde Klänge entlockte, naher kam. »Jedenfalls besser als ein Büffelkarren,« brummte Tarvin vor sich hin, wahrend er im Wagen aufstand, weil sein Herz zum Zerspringen klopfte. »Weißt du denn nicht, wer sie ist, mein Sohn?« fragte er abermals. »Sie wird uns geschickt,« versetzte der Maharadscha Kunwar. »Und sie heißt Käte,« sagte Tarvin mit heiserer Stimme. »Merk dir den Namen wohl! Käte,« flüsterte er noch einmal stillvergnügt vor sich hin. Der Knabe winkte seinem Gefolge, und die Berittenen teilten sich, um mit all dem Brimborium irregulärer Kavallerie zu beiden Seiten der Landstraße Aufstellung zu nehmen. Der Postwagen hielt und Käte, in zerknüllten, bestaubten Kleidern, von den Stößen des Wagens verschobener Frisur, mit von Hitze und Schlaflosigkeit geröteten Wangen zog den Vorhang ihres sänftenartig gebauten Wagens beiseite und trat, von der Sonne geblendet, heraus. Die von der endlosen Fahrt steif gewordenen Glieder würden ihr den Dienst versagt haben, aber Tarvin sprang aus seinem Wagen und fing sie in seinen Armen auf, ohne alle Rücksicht auf die feierlichen Berittenen und auf das Kind in Goldbrokat mit den stillen Augen, das laut und heftig: »Käte! Käte!« rief. »Fahr nur allein nach Hause, mein Junge,« rief er dem Thronfolger zu. »Nun – Käte?« Aber Käte hatte zum Willkomm nichts als Thränen und ein atemlos gestammeltes: »Du! Du! Du!« Neuntes Kapitel. Aufs neue standen Thränen in Kätes Augen, als sie vor dem Spiegel in Frau Estes' sorgsam für sie bereiteten Gastzimmer ihre Haare bürstete, dieses Mal Thränen des Aergers. Sie hatte ja schon öfter die Erfahrung gemacht, daß die Welt uns nichts für sie thun lassen will und daß ihr die Menschen mißliebig sind, die sie aus ihrer trägen Zufriedenheit aufrütteln möchten. Aber bei der Landung in Bombay hatte sie doch das Gefühl gehabt, daß jetzt alle Hemmnisse und Abhaltungen hinter ihr lägen: vor sich aber erblickte sie nur die naturgemäßen und zuträglichen Mühen ernster Arbeit. Und jetzt war Nick hier! Die ganze Reise von Topaz her hatte sie in gehobener Stimmung zurückgelegt. Sie war vom Stapel gegangen, dieses Glück machte sie beinahe schwindeln, wie den Knaben der erste Vorgeschmack vom Leben des Mannes. Endlich war sie frei, niemand konnte ihr Einhalt gebieten. Nichts stand mehr zwischen ihr und der Erfüllung ihres Gelübdes, nur noch eine kurze Wartezeit, und sie konnte die Hand ausstrecken und ihre Arbeit in Angriff nehmen. Wenige Tage und Nächte noch, und sie stand Aug in Auge dem Leid gegenüber, das nach ihr geschrieen hatte über Länder und Meere. In ihren Träumen sah sie flehend gerungene Hände, die sich zu ihr erhoben, fieberglühende Finger, die sich um die ihrigen klammerten. Der stetige Gang des Schiffs war ihrer Sehnsucht zu langsam, sie zählte fast die Drehungen der Schraube. Im Vorderteil des Schiffs stand sie mit windzerzaustem Haar: mit hungrigen Blicken nach Indien ausspähend, eilte ihr Herz dem Schiff voraus, den Gesuchten entgegen: ihr persönliches Leben schien sich von ihr abzulösen und eilig, eilig über die Wellen dahinzugleiten, bis es die Elenden erreicht hatte und sich ihnen hingab. Als sie den Fuß aufs Land setzte, kam ein Augenblick des Umschlags, des Zauderns. Jetzt war sie ihrer Arbeit nahe – aber war sie ihr auch bestimmt? Diese alte Bangigkeit, die von Anfang an neben allem Planen und Handeln hergeschlichen war, warf sie jetzt mit dem festen Entschluß hinter sich, von Stund an alles Grübeln zu lassen. Soviel Arbeit, als der Himmel sie verrichten ließ, war ihr bestimmt, und sie ging mit einem neuen, starken, demütigen Aufopferungsdrang vorwärts, der sie über sich selbst hinaushob und stützte. In dieser Stimmung hatte sie vor den Mauern von Rhatore den Wagenschlag geöffnet – um in Tarvins Arme zu sinken! Sie war ja nicht ungerecht gegen ihn, sie würdigte die Herzensgute wohl, die ihn übers Meer getrieben hatte, aber ach – es wäre ihr so viel lieber gewesen, wenn er nicht gekommen wäre! Das Bewußtsein, daß ein Mann, dem sie nichts zuliebe thun konnte, mit ganzem Herzen an ihr hing, war eine schwere Last, auch wenn vierzehntausend Meilen zwischen ihr und diesem Mann lagen, blieb er aber an ihrer Seite in Indien, so wurde es zu einer niederdrückenden Bürde, die ihr die Kraft benahm, andern ernstlich zu helfen. Die Liebe erschien ihr ja in diesem Augenblick wirklich nicht als das Wichtigste im Leben, die Barmherzigkeit stand ihr weit darüber, aber gleichgültig konnte ihr deshalb Nicks Jammer doch nicht sein, sie konnte ihn nicht von sich abschütteln, nicht ihre Haare flechten, ohne daran zu denken! An dem Morgen, wo sie in ihr neues Leben eintreten wollte, das allen, die ihr erreichbar sein würden, Hilfe bedeuten wollte, dachte sie an Nikolas Tarvin! Und weil sie voraussah, daß sie immerfort an ihn denken werde, wünschte sie ihn weit weg. Er war der Schaulustige, der in der Kirche umhergeht und die Knieenden im Gebet stört, er war der andre Gedanke, der sich in die eigenen einschleicht. Seine Person verkörperte ihr das Leben, das sie hinter sich gelassen, von dem sie sich abgewendet hatte, ja, weit schlimmer, er stellte ihr ein Leiden vor Augen, das sie nicht heilen wollte und konnte. Vom Gespenst einer zuwartenden Liebe verfolgt, verrichtet man keine großen Thaten, mit geteilter Seele hat noch kein Eroberer Städte bezwungen. Was sie zu vollbringen glühte, brauchte ihre ganze Kraft, ihre ganze Seele, eine Teilung selbst mit Nick war unmöglich. Und doch war es gut von ihm, herüber zu kommen, es lag sein ganzes Wesen darin. Sie wußte, daß selbstsüchtige Hoffnung allein ihn nicht getrieben hatte, es war, wie er sagte – er konnte nicht mehr schlafen aus Angst um sie. Seine Sorge um sie, das war selbstlose, echte Güte. Frau Estes hatte Tarvin auf heute zum Frühstück eingeladen gehabt, als Käte noch nicht in Sicht gewesen war, und er war nicht der Mann, darum eine Einladung im letzten Augenblick abzusagen. So saß er ihr denn an ihrem ersten Morgen in Indien am Frühstückstisch gegenüber und lächelte ihr zu, daß sie ihn wider Willen freundlich ansehen mußte. Trotz einer schlaflosen Nacht sah sie ungemein frisch und hübsch aus in dem weißen Waschkleid, womit sie den verstaubten Reiseanzug vertauscht hatte, und als Frau Estes nach der Mahlzeit ihren Haushalt beschickte und der Hausherr in seine innerhalb der Stadt gelegene Missionsschule gegangen war, setzten sich die beiden Gäste allein auf die Veranda und Tarvin sprach sich bewundernd über das kühle weiße Kleid aus, eine Toilette, die im Westen Amerikas selten gesehen wird. Allein Käte that seiner Artigkeit Einhalt. »Nick,« begann sie, ihm gerade in die Augen sehend, »willst du mir etwas zuliebe thun?« Tarvin sah ihren Ernst und versuchte den Angriff mit Humor abzuschlagen, aber sie ließ ihn nicht dazu kommen. »Nein, Nick, nicht so,« schnitt sie ihm das Wort ab. »Es ist etwas, woran mir sehr viel liegt. Willst du es mir zuliebe thun?« »Als ob ich nicht alles für dich thäte!« rief er ernst. »Ich weiß doch nicht, ob gerade dieses! Aber du mußt es thun.« »Was ist's denn?« »Fortgehen.« Er schüttelte den Kopf. »Du mußt gehen.« »Höre mich an, Käte,« begann er, beide Hände in die tiefen Taschen seines weißen Rocks vergrabend. »Ich kann nicht gehen. Du hast noch keine Ahnung davon, wo du hingekommen bist – richte dasselbe Verlangen heute in acht Tagen wieder an mich. Nachgeben werde ich dir auch dann nicht, aber wenigstens will ich dann den Fall mit dir durchsprechen.« »Ich weiß jetzt schon, was in Betracht kommt,« entgegnete sie, »aber ich will leisten und vollbringen, was mich hierher führt, und wenn du da bist, kann ich's nicht. Du verstehst ganz gut, wie ich's meine, Nick, und weißt, daß es genau so ist, wie ich dir sage. Daran ändert niemand etwas.« »Doch, ich kann's ändern, indem ich mein Betragen danach einrichte – ich will sehr artig sein!« »Du brauchst mir gar nicht zu sagen, daß du das willst, ich weiß es! Aber all deine Güte ändert nicht, daß du mich hemmst. Glaube mir das, Nick, und geh fort. Nicht, weil ich dich nicht gern um mich hätte, das weißt du ja ...« »Oho!« warf Nick lächelnd hin. »Ach, stelle dich doch nicht, als ob du mich falsch verständest,« rief Käte, ohne daß der Ernst von ihren Zügen gewichen wäre. »Nein, ich verstehe dich wohl, aber wenn ich mich gut halte, bin ich dir nicht im Wege. Das weiß ich und du wirst es einsehen,« fügte er sanft hinzu. »Eine greuliche Reise, nicht wahr?« »Du hattest mir versprochen, sie nicht zu machen!« »Habe sie auch nicht gemacht,« behauptete Tarvin lächelnd, indem er ihr die Hängematte zurecht machte und sich einen von den tiefen, rohrgeflochtenen Verandastühlen holte. Er legte sich hinein, kreuzte die Beine und stülpte den weißen Korkhelm, zu dem er sich bequemt hatte, auf sein Knie. »Ich nahm eigens die andre Route.« »Wieso?« fragte Käte, mit einiger Vorsicht in die Hängematte sinkend. »Ueber San Francisco und Yokohama – du hattest mir ja verboten, dir zu folgen.« »Nick!« Die eine Silbe enthielt wunderbarerweise alle Anklage und Mißbilligung, alle Neigung und Verzweiflung, womit die geringste und größte seiner Vermessenheiten sie erfüllte. Tarvin fand ausnahmsweise keine Entgegnung auf diesen inhaltschweren Laut und Käte konnte die Pause nützen, um sich zu vergewissern, daß seine Gegenwart ihr ein Greuel sei, und hatte Zeit, die Aufwallung von Stolz zu bekämpfen, die ihr einflüstern wollte, es sei doch schön, so aus Liebe um die Welt herum verfolgt zu werden, und die heimliche Bewunderung einer solchen Hingebung zu unterdrücken. Sie hatte vor allem Zeit, sich des Gefühls von Einsamkeit und Verlassenheit zu schämen, das sich wie eine Wolke aus dieser endlosen Wüste auf sie herwälzte und ihr die schützende Nähe des Mannes, den sie daheim, im andern Leben gekannt hatte, lieh und erwünscht zu machen drohte. Das empfand sie als das Schlimmste und eine wirkliche Schande. »Du hast doch nicht im Ernst erwartet,« sagte Tarvin jetzt, »daß ich daheim bleiben und dich allein deinen Weg suchen lassen werde in diesem alten Sandhaufen, wo einem alles Mögliche zustoßen kann? Wenn ich dich allein hätte ankommen lassen in diesem Gokral Sitarun, dich kleines, verlassenes Ding, das wäre doch eine frostige Geschichte gewesen? Wie frostig, das weiß ich erst, seit ich hier bin und gesehen habe, was für eine Gegend das ist!« »Warum sagtest du mir nicht, daß du hierher kommen werdest?« »Bei unserm letzten Zusammensein hast du nicht sonderlich viel Teilnahme für mein Thun und Lassen verraten!« »Nick!! Ich wollte dich nicht hier haben und ich mußte doch her.« »Und jetzt bist du ja da! Hoffentlich gefällt dir's,« bemerkte er spitzig. »Ist es wirklich so schlimm, Nick?« fragte sie. »Nicht, als ob mich das im geringsten erschreckte ...« »Schlimm! Erinnerst du dich an Mastodon?« Mastodon war eine jener Städte des Westens, die ihre Zukunft hinter sich haben, eine vollständig aufgegebene, verlassene Stadt ohne einen einzigen Bewohner. »Nimm Mastodons Oede und Leadvilles Ruchlosigkeit – die Ruchlosigkeit im ersten Jahr des Entstehens – dann hast du etwa einen Begriff von den Zuständen hier, einen schwachen freilich, denn es ist um neun Zehntel schlimmer.« Tarvin entwarf nun ein Bild der Verhältnisse der Vergangenheit, Politik und Gesellschaft von Gokral Sitarun, das von seinem persönlichen Standpunkt aus aufgenommen war, und er ging dabei mit dem toten, erstarrten Osten ins Gericht, wie nur das Lebensgefühl des werdenden amerikanischen Westens ins Gericht gehen konnte. Sein Thema erfüllte und erregte ihn; er war glücklich, zu jemand sprechen zu können, der seinen Standpunkt Wenigstens begriff, wenn auch nicht vollständig teilte. Der Ton, den er anschlug, lud Käte ein, doch auch ein wenig mit ihm zu lachen, und sie lachte aus Gefälligkeit, aber nur ein klein wenig, dann bemerkte sie, daß ihr diese Zustände mehr traurig als belustigend vorkämen. Darin gab er ihr ja vollkommen recht, fügte aber hinzu, daß er nur lache, um nicht weinen zu müssen. Er sagte, es gehe ihm auf die Nerven, die Trägheit, Starrheit, Leblosigkeit dieses reichen, stark bevölkerten Landes nur mitanzusehen, eines Landes, das von Rechts wegen blühen und gedeihen müßte, eines Volkes, das Handel treiben, Erfindungen machen, sich rühren könnte, neue Städte gründen, die alten erhalten und für die Neuzeit brauchbar machen, Schienen legen, Unternehmungen beginnen sollte, daß es eine Art hätte. »Sie haben Hilfsquellen genug,« versicherte er, »sie können sich gar nicht darauf hinausreden, das Land sei arm. Das Land ist recht! Versetze die Einwohnerschaft einer rührigen Stadt in Colorado nach Rhatore, gib ein gutes Lokalblatt heraus, organisiere eine Handelskammer, teile der Welt mit, was hier los ist und du wirst in sechs Monaten einen Aufschwung erleben, daß dem indischen Kaiserreich Hören und Sehen vergeht! Aber was kann man mit diesen Leuten hier anfangen? Sie sind tot, sind Mumien, hölzerne Götzenbilder! In diesem ganzen Gokral Sitarun ist nicht genug echte altmodische Energie, Umtriebigkeit, nicht genug Schwung und Regsamkeit, um einen Milchwagen in Bewegung zu setzen!« »Ja, ja,« murmelte Käte mit leuchtenden Augen vor sich hin, »deshalb bin ich ja gekommen.« »Wieso? Du?« »Weil sie nicht sind wie wir,« versetzte sie, ihm ein verklärtes Gesicht zukehrend. »Wenn sie klug und gewandt und weise wären, wozu hätten sie uns nötig? Weil sie thörichte, dumpfe, hilflose Geschöpfe sind, deshalb brauchen sie uns, deshalb« – sie atmete tief auf – »thut es wohl, hier zu sein.« »Es thut wohl, dich hier zu haben, soviel ist richtig,« bemerkte Tarvin. Sie schreckte zusammen. »Bitte, bitte, Nick, komm mir nicht mit solchen Reden!« »Wie du befiehlst,« brummte er mißgestimmt. »Du mußt mich recht verstehen, Nick,« sagte sie ernst, aber nicht unfreundlich. »Ich gehöre solchen Dingen nicht mehr an, nicht einmal die Möglichkeit davon darf mich streifen! Betrachte mich wie eine, die den Schleier genommen hat, betrachte mich als Klosterschwester, die jedem Glück bis auf das Glück ihrer Arbeit auf ewig entsagt hat!« »Hm – erlaubst du, daß ich rauche?« Sie nickte, und er steckte seine Zigarre in Brand. »Freut mich, daß ich hier bin, der Zeremonie wegen.« »Was für eine Zeremonie meinst du?« »Nun, ich kann ja zusehen, wenn du den Schleier nimmst. Du wirst es aber nicht thun.« »Und warum nicht?« Er brummte etwas Unverständliches und blies Rauchringe in die Luft, dann blickte er auf. »Weil ich sehr triftige Gründe habe, daran zu zweifeln. Ich kenne dich, ich kenne Rhatore und ich kenne ...« »Was noch? Wen noch?« »Mich,« versetzte er. Sie legte ihre Hände im Schoß zusammen. »Nick,« sagte sie, sich aus der Hängematte beugend, »du weißt, daß ich dich gern habe, viel zu gern, um dich auch fernerhin denken zu lassen – du sprachst davon, du könntest nicht mehr schlafen. Meinst du denn, ich könne schlafen, wenn ich immerfort denken muß, du liegest wach vor Schmerz und Enttäuschung, die ich nicht lindern kann, außer indem ich dich bitte, fortzugehen! Und darum bitte ich dich von ganzem Herzen!« Tarvin sog nachdenklich an seiner Zigarre. »Mein liebes Kind,« sagte er nach eine Weile, »ich fürchte mich nicht.« Sie wandte sich ab und blickte seufzend auf die endlose Wüste hinaus. »Ich wollte, du wüßtest was Furcht ist!« sagte sie mutlos. »Furcht ist ein Gefühl, das der Gesetzgeber nicht kennen darf,« versetzte er im Rednerton. Sie fuhr rasch herum und sah ihn an. »Gesetzgeber! O Nick, bist du ...« »Gewählt? Ja, ich bedaure, dir es sagen zu müssen, mit einer Mehrheit von 1518 Stimmen« – damit reichte er ihr das Telegramm. »Mein armer Papa!« »Nun, ich weiß nicht ...« »Ach! Ich gratuliere dir natürlich von Herzen!« »Danke schön.« »Aber ich zweifle, ob es das Richtige für dich ist.« »Ja, daran zweifle ich auch! Wenn ich die ganze Sitzungsperiode hier zubringe, werden meine Wähler bei meiner Rückkehr wahrscheinlich nicht in der Laune sein, meine politische Laufbahn sehr zu fördern!« »Um so mehr Grund ...« »Nicht wie du meinst! Um so mehr Grund, die Hauptsache in Ordnung zu bringen, sage ich dir. In der Politik kann ich jederzeit festen Fuß fassen, aber bei dir festen Fuß zu fassen, Käte, dazu ist nur jetzt die Zeit, jetzt und hier .« Er stand auf und beugte sich über sie. »Meinst du, ich könne das auf später aufschieben, Käte? Nein, von einem Tag zum andern will ich mich ja gedulden, will es frohen Mutes thun, und du sollst nichts mehr davon hören, bis du bereit bist. Du hast mich ja gern, Käte, ich weiß es, und ich – nun ich habe dich sehr lieb, und wenn sich zwei Menschen lieb haben, so endet die Geschichte wie sie enden muß. Jetzt adieu« – er reichte ihr die Hand – »morgen hole ich dich ab und führe dich in die Stadt!« Käte sah der entschwindenden Gestalt lange nach, dann zog sie sich ins Haus zurück, und ein Plauderstündchen mit Frau Estes, wobei wesentlich von den Kindern in Bangor die Rede war, half ihr zu einer verständigeren, gesünderen Anschauung der Lage, die durch Tarvins Anwesenheit nun einmal gegeben war. Sie sah, daß er entschlossen war, zu bleiben, und wenn sie den Ort nicht verlassen wollte, mußte sie den rechten Weg finden, diese Thatsache mit ihren Plänen zu vereinigen. Seine Hartnäckigkeit erschwerte ein Unternehmen, das sie sich so wie so nicht leicht gedacht hatte, und weil sie gewöhnt war, unverbrüchlich an sein Wort zu glauben, war sie auch im stande, sich auf sein Versprechen »des Artigseins« zu verlassen. Faßte man den Begriff ein wenig weit, so bedeutete es für Tarvin wirklich viel, am Ende das Höchste, was sie fordern konnte. Alles reiflich überlegt, blieb ihr ja immer noch die Möglichkeit zu fliehen, aber sie fühlte zu ihrer Schande, daß eine furchtbare Anwandlung von Heimweh sie am nächsten Morgen zu ihm hinzog und ihr seine heitere Gegenwart sehr willkommen erscheinen ließ. Frau Estes war ja die Güte selbst, die beiden Frauen hatten sich sofort zu einander hingezogen gefühlt und herzliche Freundschaft geschlossen, aber ein Gesicht aus der alten Heimat war doch noch etwas andres, und vielleicht war ihr gerade Nicks Gesicht besonders viel wert. Jedenfalls lehnte sie die von ihm vorgeschlagene Führung durch die Stadt keineswegs ab. Tarvin brachte bei diesem Gang den Vorsprung von zehn Tagen, den er in der Bekanntschaft mit Rhatore hatte, gehörig zur Geltung; er warf sich ganz zum Führer auf, zeigte ihr die Gebäude und die Aussicht und gab die aus zweiter Hand gewonnene Einsicht in die Verhältnisse mit einer Sicherheit von sich, um die ihn mancher im Dienst ergraute englische Beamte hätte beneiden können. Die Fragen der indischen Politik trug er auf dem Herzen, als ob ihm die Losung aller Schwierigkeiten auferlegt wäre – war er denn nicht Mitglied eines gesetzgebenden Körpers und als solches in allen Dingen zuständig? Die rastlose und praktische Neugierde, womit er allem zu Leib ging, was ihm neu war, hatte ihm in diesen zehn Tagen wirklich viel Belehrung über Rhatore und Gokral Sitarun eingetragen und setzte ihn jetzt in die Lage, dieser Käte, die noch so ganz Neuling war, alle Wunder und Geheimnisse der winkeligen Gäßchen zu erklären, auf deren dickem Sand die Fußtritte von Menschen wie Kamelen nur gedämpft erklangen. Bei der fürstlichen Menagerie ausgehungerter Tiger hielten sie sich länger auf, auch verweilten sie vor den Käfigen der zwei zahmen Jagdleoparden, die Kappen trugen wie die Falken und gähnend und scharrend auf ihren Lagerstätten am Hauptthor der Stadt ruhten. Und er zeigte ihr auch die gewichtige Thüre des großen Stadtthors, die, zum Schutz gegen Angriffe des lebendigen Sturmbocks, des Elefanten, mit fußlangen Stacheln gespickt war. Dann führte er sie durch die lange Reihe dunkler Kauflädchen, der Bazars, die sich in zerfallenen Palästen eingenistet haben, deren Erbauer längst vergessen sind. Sie besuchten die zerstreut liegenden Baracken, wo sie ins Gewimmel phantastisch herausgeputzter Soldaten gerieten, die ihre Markteinkäufe am Flintenlauf baumeln ließen, und das Mausoleum der Beherrscher von Gokral Sitarun im Schatten des großen Tempels, wo die Kinder der Sonne und des Monds ihre Andacht verrichten, und wo der glattpolierte schwarze Stier über den quadratischen Platz hinüberstarrte nach dem billigen Bronzedenkmal von Oberst Nolans Amtsvorgänger, einem herausfordernd energischen und herausfordernd häßlichen Herrn aus Yorkshire. Schließlich sahen sie sich außerhalb der Mauern die geräuschvolle Karawanserai vor dem Thor der drei Gottheiten an, von wo die Kamele mit ihrer glitzernden Last von Steinsalz den Weg zur Eisenbahn antraten und wo bei Tag und Nacht in Mäntel gehüllte Reiter mit Kinnbändern einkehrten, deren Sprache kein Mensch verstehen konnte und die mit Gott weiß welcher Geschwindigkeit von jenseits der weißen Hügel von Jensulmir einherjagten. Unterwegs erkundigte sich Tarvin auch angelegentlich nach Topaz. Wie sie es verlassen habe? Wie die liebe alte Stadt aussehe? Käte erinnerte ihn daran, daß sie ja schon drei Tage nach ihm abgereist sei. »Drei Tage! Drei Tage sind eine lange Zeit im Leben einer wachsenden Stadt!« rief Tarvin. »Ich habe keine Veränderungen bemerkt in diesen drei Tagen,« sagte Käte lächelnd. »Keine? Peters hatte doch gesagt, er wolle gerade am Tag nach meiner Abreise die Grabarbeiten für sein Backsteingasthaus in der G.-straße anfangen lassen, und Parsons erwartete eine neue Dynamomaschine für das städtische Elektrizitätswerk. In der Massachusettsstraße wollte man mit dem Nivellieren beginnen und auf meinem Grundstück von dreiundzwanzig Morgen sollte gerade an dem Tag der erste Baum gepflanzt werden. Kearney wollte ein neues Schaufenster von Spiegelglas in seinem Droguengeschäft einsetzen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn die neuen Briefladen, die Maxim in Meridan bestellt hatte, auch noch vor deiner Abreise angekommen wären – ist dir nichts aufgefallen?« Käte schüttelte den Kopf. »Ich hatte in den Tagen an andres zu denken, Nick.« »Hm – ich hätt's gern gewußt! Aber es ist ja einerlei – es ist wohl zu viel verlangt von einem Mädchen, daß sie neben ihren eigenen Angelegenheiten die Verbesserungen der Stadt im Auge behalten solle,« setzte er entschuldigend hinzu. »Frauen sind nun einmal nicht so geschaffen – ich habe gleichzeitig einen Wahlkampf und verschiedene Geschäfte und noch etwas ganz andres im Kopf und im Herzen haben müssen ...« Er lächelte Käte pfiffig an und sie drohte ihm mit dem Finger. »Ja so, ein verbotener Gesprächsgegenstand! Gut, gut, ich will ganz gewiß artig sein! Aber wenn einer gewollt hätte, daß ich etwas nicht merke, der hätte früh aufstehen müssen! Was haben denn deine Eltern gesagt, als es nun ernst wurde, Käte?« »O bitte, sprich mir nicht davon!« »Wie du befiehlst.« »Wenn ich manchmal bei Nacht plötzlich aufwache und an die Mutter denken muß, das ist furchtbar. ... Ich glaube fast, ich hätte zu allerletzt noch fahnenflüchtig werden können, wenn jemand das rechte – oder auch das unrechte Wort gesprochen hätte, so war mir's zu Mut, als ich in den Zug stieg und ihnen das letzte Lebewohl zuwinkte!« »Ich Narr! Warum war ich nicht da!« stöhnte Tarvin. »Du hättest das Wort nicht sprechen können, Nick,« versetzte sie ruhig. »Aber dein Vater, willst du sagen. Ja, wenn er zufällig ein andrer wäre, würde er's gekonnt und gethan haben! Wenn ich daran denke, möchte ich ...« »Sag nichts gegen meinen Vater!« rief sie mit zitternden Lippen. »O mein liebes Kind!« murmelte er, sich mühsam beherrschend. »Das wollte ich ja nicht ... sag mir, über wen ich losziehen soll ... irgend jemand muß ich verwünschen, dann will ich Ruhe geben!« »Nick!!« »Nun, ich bin eben kein Holzblock,« brummte er. »Nein, nur ein sehr, sehr thörichter Mann!« Tarvin lächelte. »Nun bist du's, die schimpft!« bemerkte er. Um auf etwas andres zu kommen, erkundigte sich Käte nach dem Maharadscha Kunwar, und Tarvin schilderte ihr das seltsame Kerlchen und meinte, es wäre gut bestellt, wenn die übrige Gesellschaft in Rhatore nicht schlechter wäre. »Du solltest Sitabhai sehen!« Er erzählte ihr dann ausführlich vom Maharadscha und den Leuten im Palast, mit denen sie ja in Berührung kommen mußte. Sie besprachen die seltsame Mischung von Lebensüberdruß und Kindlichkeit in diesem Volk, die auch Käte schon beobachtet hatte, und sprachen über die Ursprünglichkeit seiner Neigungen, die Einfalt seiner Anschauungen – einfältig und einheitlich wie der ganze Orient. »Sie sind nicht, was wir gebildet nennen. Von Ibsen wissen sie rein nichts und aus Tolstoi machen sie sich so wenig als aus sauren Aepfeln,« bemerkte Tarvin, der nicht umsonst in Topaz seine drei Zeitungen am Tag gelesen hatte. »Wenn sie die moderne Frau wirklich zu Gesicht bekämen und begreifen könnten, ich glaube sie wäre ihres Lebens keine Stunde mehr sicher! Aber sie haben doch auch ganz richtige Ideen, ausgezeichnete, altmodische Grundsätze, ungefähr dieselben; die mir auf meiner Mutter Knieen im fernen Staat Maine eingeimpft wurden. Meine Mutter glaubte nämlich an die Ehe, mußt du missen, und darin stimme ich mit ihr überein und zugleich mit den altmodischen Indern. Diese ehrwürdige, hausbackene, wurmstichige Einrichtung, dieser überwundene Standpunkt steht hier noch in hohem Ansehen.« »Habe ich je gesagt, daß ich Nora recht gebe, Nick?« rief Käte, seinem Gedankengang im Sprung folgend. »So? Nun, dann hast du ja auch wenigstens einen Punkt mit dem indischen Reich gemein. Das ›Puppenheim‹ würde in diesem gesegneten, altväterischen Land einfach abgelehnt werden, es fände keinen Raum.« »Aber alle deine Ansichten teile ich darum doch nicht,« fühlte sie sich gedrungen hinzuzusetzen. »Von einer weiß ich das sehr genau,« versetzte er mit einem pfiffigen Lächeln. »Gerade zu der will ich dich aber bekehren!« Käte blieb mitten in der Straße stehen. »Und ich hatte dir vertraut, Nick!« sagte sie vorwurfsvoll. Tarvin blieb auch stehen und sah ihr wehmütig in die anklagenden Augen. »O Gott!« seufzte er. »Ich hatte mir auch mehr zugetraut, aber ich muß eben immer daran denken. Was kannst du auch andres von mir erwarten? Aber ich will dir etwas sagen, Käte, dies soll das letzte Mal gewesen sein – endgültig, unwiderruflich. Ich schließe ab damit – von heute an bin ich ein bekehrter Sünder. Nicht mehr daran zu denken, gelobe ich dir nicht, und weiter fühlen muß ich, ob ich will oder nicht. Aber ich will schweigen – meine Hand darauf.« Damit reichte er ihr die Hand und Käte faßte sie. Dann gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander her, bis Tarvin in trübseligem Ton fragte: »Heckler hast du wohl unmittelbar vor der Abreise nicht mehr gesehen, oder?« Sie schüttelte den Kopf. »Dachte mir's. Du und er, ihr wart ja nie dicke Freunde.« »Soviel ich weiß, nahm man an, du seiest nach San Francisco gefahren, um persönlich mit einigen Direktoren der Central-Colorado-California-Linie zu verhandeln. Man nahm das an, weil der Schaffner deines Zugs die Nachricht verbreitete, du seiest nach Alaska gereist, und daran wollte niemand glauben; was die Wahrheitsliebe betrifft, scheinst du keinen guten Leumund in Topaz zu haben, Nick, das thut mir sehr leid!« »Mir auch, mir auch, Käte!« rief Tarvin mit Ueberzeugung. »Aber wenn man mir alles glaubte, wie sollte ich's dann fertig bringen, den Leuten etwas weis zu machen? Ich wollte, daß sie mich in San Francisco vermuten sollten, für ihre Interessen thätig. Wenn ich aber das durch den Schaffner hätte ausstreuen lassen, so würde man vor Abend behauptet haben, ich kaufe in Chile Land auf! Dabei fällt mir ein – wenn du nach Hause schreibst, so erwähne, bitte, nicht, daß ich hier bin. Vielleicht bringen sie's auch heraus – nach den Gesetzen des Widerspruchs, aber ich will ihnen keinen Anhaltspunkt geben.« »Du kannst ruhig sein, ich erwähne es gewiß nicht,« versicherte Käte, die dabei sehr rot wurde. Gleich nachher kam sie wieder auf ihre Mutter zu sprechen. In der heißen Sehnsucht nach der Heimat, die inmitten der fremdartigen Welt, die Tarvin ihr zeigte, aufs neue in ihr aufstieg, schnitt ihr der Gedanke an die Mutter, die einsam und sehnsüchtig, geduldig auf ein Wort von ihr wartete, durchs Herz wie in der Stunde der Trennung. Die Erinnerung war ihr in diesem Augenblick so schmerzlich, daß sie nicht schweigend damit fertig wurde, aber als Tarvin dann fragte, warum sie denn fortgegangen sei, wenn sie so empfinde, versetzte sie mit dem Mut ihrer guten Stunden: »Warum zieht der Mann in den Krieg?« In den nächsten Tagen sah Käte nicht viel von Tarvin. Frau Estes führte sie im Palast ein, und da gab es genug des Neuen, um Herz und Gedanken auszufüllen. Beklommen tastete sie in einem Reich umher, wo ewiges Zwielicht herrscht, suchte ihren Weg in den Irrgärten von Gängen, Treppen, Höfen, Geheimthüren, wo verschleierte Frauen an ihr vorüberstreiften, sie anstarrten und hinter ihrem Rücken über sie lachten, oder mit kindischer Neugier ihr Kleid, ihren Hut, ihre Handschuhe befühlten. Sie verzweifelte daran, sich jemals auch nur im kleinsten Teil dieses ungeheuren Bienenstocks zurechtzufinden, in dem Dämmerlicht die blassen Gesichter der Frauen unterscheiden zu lernen, die sie durch lange Reihen leerer Zimmer führten, wo der Wind allein unter dem glitzernden Deckenschmuck seufzte, und hinauf in schwebende Gärten, zweihundert Fuß über der Stadt, und doch noch neidisch von hohen Mauern eingefaßt, und aus der strahlenden Helle der flachen Dächer über nicht enden wollende Treppen hinab in stille unterirdische Gemächer, die man aus Furcht vor der Hitze sechzig Fuß tief in den Felsen gehauen hatte. Und auf Schritt und Tritt Frauen und Kinder und abermals Kinder und Frauen! Man schätzte die Einwohnerschaft des Palastes auf viertausend lebende Seelen: wie viele tot und begraben darin lagen, wußte kein Mensch zu sagen. Viele von den Frauen – wie viele, das hätte sie nicht sagen können – weigerten sich, durch Gerede und Gerüchte verhetzt, unbedingt, Kätes Hilfeleistungen anzunehmen. Sie seien nicht krank, erklärten sie, und die Berührung der weißen Frau sei befleckend. Andre vertrauten ihr die Kinder an und baten sie, den schwächlichen, im Dunkel aufgewachsenen Pflänzchen Farbe und Frische zu verschaffen, und glutäugige Mädchen stürzten aus der Dämmerung auf sie los mit leidenschaftlichen Klagen, die sie nicht verstand, nicht zu verstehen wagte. Von den Wänden der kleinen Stübchen starrten ihr häßliche anstößige Bilder entgegen und unzüchtige Götter grinsten sie aus schauerigen Nischen über den Thüren höhnisch an. Die heiße Luft, Küchen- und Weihrauchdüfte, die unbeschreibliche Ausdünstung der dicht zusammengepferchten Menschheit benahmen ihr oft den Atem, aber was sie zu hören bekam und erraten lernte, war widerlicher als alle mit den Sinnen wahrnehmbaren Greuel. Es war entschieden etwas ganz andres um den heldenmütigen Entschluß, dem im Geist geschauten Elend indischer Frauen ihr Mitgefühl, ihr Leben zu weihen, und der unbeschreiblichen Wirklichkeit in der Abgeschlossenheit der Frauengemächer von Rhatore gegenüberzutreten. Tarvin erforschte mittlerweile das Land nach einem selbst ersonnenen System. Es beruhte auf Ausnutzung der Möglichkeiten nach Maßstab ihrer Bedeutung – alles, was er unternahm, stand in ursächlichem, wenn auch nicht immer erkennbarem Zusammenhang mit seinem Zweck und Ziel, dem Naulahka. In den fürstlichen Gärten, wo unzählige, nur selten bezahlte Gärtner mit Wasserschläuchen und Gießkannen gegen die zerstörende Gewalt der Hitze ankämpften, konnte er ungehemmt aus und ein gehen. Er hatte auch freien Zutritt zum Leibstall des Maharadscha, wo achthundert Pferde allnächtlich auf der Streu lagen, und konnte zusehen, wenn sie am Morgen zu je vierhundert in einer Staubwolke zur Morgenarbeit ausrückten. Die äußeren Palasthöfe standen ihm uneingeschränkt offen, er konnte der Toilette der Elefanten beiwohnen, wenn der Maharadscha einen Staatsumzug hielt, konnte mit der Wache plaudern und lachen und sich an drachenköpfigen, schlangenhalsigen Geschützen erbauen, die von eingeborenen Kunsthandwerkern erfunden waren, denen hier im fernen Osten die Mitrailleuse gedämmert haben mußte. Aber in das Gebiet, wo Käte weilte, durfte er keinen Fuß setzen. Er wußte, baß ihr Leben in Rhatore so sicher war wie in Topaz, aber als sie zum erstenmal, zuversichtlich und ohne Zaudern hinter dem teppichverhangenen Eingang zum Frauenpalast verschwand, fuhr seine Hand unwillkürlich nach dem Griff seines Revolvers. Der Maharadscha war ein guter Kamerad und ein vortrefflicher Pachisispieler, aber als Tarvin ihm eine halbe Stunde nach jenem Verschwinden gegenüber saß, überlegte er sich doch, daß er des Maharadscha Leben keiner Versicherungsgesellschaft empfehlen möchte, falls seiner Liebe etwas zu Leid geschähe in dem geheimnisvollen Reich, aus dem außer Flüstern und Rascheln kein Laut in die Außenwelt drang. Als Käte späterhin wieder heraustrat, wobei der Maharadscha Kunwar an ihrem Arm hing, war ihr Gesicht blaß und verzerrt, in ihren Augen funkelten Thränen der Entrüstung. Sie war sehend geworden. Tarvin eilte an ihre Seite, aber sie wies ihn mit der herrischen Gebärde von sich, die allen Frauen in tiefer Erregung zu Gebot steht, und flüchtete sich zu Frau Estes. Es war ihm, als ob er mit rauher Hand aus ihrem Leben hinausgedrängt worden wäre, und der Maharadscha Kunwar traf ihn am Abend, wie er mit großen Schritten auf der Veranda des Rasthauses hin und her ging, beinah bereuend, daß er den Maharadscha, den eigentlichen Urheber jenes Schreckensausdrucks in Kätes Augen, nicht niedergeschossen hatte. Mit einem tiefen Atemzug dankte er seinem Schöpfer dafür, daß er hier war, um sie zu bewachen, zu verteidigen, im Notfall mit Gewalt fortzubringen. Ihn schauderte, wenn er sich Käte hier allein vorstellte, einzig auf Frau Estes' Beistand aus der Ferne angewiesen. »Ich habe etwas für Käte gebracht,« sagte der Prinz vorsichtig aus dem Wagen steigend, denn er hielt einen Pack, der seine beiden Arme ausfüllte. »Komm mit mir zu ihr!« Nichts Schlimmes ahnend, fuhr Tarvin mit seinem kleinen Freund zum Missionshaus. »Alle Leute in meinem Palast sagen, daß sie deine Käte sei,« bemerkte er unterwegs. »Freut mich, daß die Herrschaften das gemerkt haben!« brummte Tarvin ingrimmig in sich hinein. »Was hast du denn da?« fragte er den Knaben laut, indem er die Hand auf den folglich gehüteten Pack legte. »Das ist von meiner Mutter, der Königin. Das ist die wirkliche Königin, weißt du, ich bin ja der Prinz. Ich muß auch etwas bestellen.« Nach Kinderart begann er, seinen Auftrag leise vor sich hin zu flüstern, um ihn ja nicht zu vergessen. Käte saß auf der Veranda, als der Wagen anfuhr, und ihr trauriges Gesicht hellte sich beim Anblick des Knaben ein wenig auf. »Die Wache soll nicht in den Garten treten – auf der Straße warten!« Wagen und Gefolge zogen sich auf diesen Befehl zurück. Der Maharadscha Kunwar streckte Käte das Paket hin, ohne Tarvins Hand dabei loszulassen. »Es ist von meiner Mutter,« begann er. »Du hast sie ja gesehen. Dieser Mann kann bleiben: er ist« – er suchte ein wenig nach dem Ausdruck – »von Deinem Herzen, nicht wahr? Deine Rede ist seine Rede?« Käte errötete, aber sie machte keinen Versuch, das Kind zu widerlegen – was hätte sie auch sagen können? »Und das soll ich dir sagen, zuerst vor allem, bis du es ganz verstehest.« Das Kind strich sich die baumelnden Smaragden aus der Stirne, richtete sich zu seiner vollen Höhe auf und sprach zögernd, die ihm eingeprägten Worte aus der heimischen Mundart ins Englische übertragend: »Meine Mutter die Königin – die wirkliche Königin – sagt: ›Drei Monate habe ich daran gearbeitet. Es ist für dich, weil ich dein Angesicht gesehen habe. Was ich gemacht, kann wieder zertrennt werden, und einer Zigeunerin Hände zerstören alles. Bei den Göttern beschwöre ich dich, achte darauf, daß eine Zigeunerin nicht zerstört, was ich gemacht habe, denn mein Leib und meine Seele wohnen darin. Bewahre und schütze mein Werk, das von mir kommt – ein Gewand, daran ich neun Jahre gewebt habe!‹ – Ich kann besser englisch als meine Mutter,« setzte der Knabe im Alltagston hinzu. Käte öffnete das Paket und entfaltete ein ungeschickt gestricktes Umschlagtuch von grober schwarzer Wolle mit gelben Streifen und schreiend roten Fransen – mit solchen Handarbeiten füllten in Gokral Sitarun Königinnen ihre müßigen Stunden aus. »Das ist alles,« sagte der Maharadscha Kunwar, ohne sich indes zum Gehen anzuschicken. Käte drehte die armselige Gabe hin und her und fand keine Worte; die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Der Knabe, der Tarvins Hand noch keinen Augenblick losgelassen hatte, fing plötzlich an, die Botschaft feierlich Wort für Wort zu wiederholen, und seine schmale Hand krampfte sich dabei förmlich um Tarvins Finger. »Sag deiner Mutter, daß ich ihr sehr dankbar sei,« erwiderte Käte verwirrt und befangen mit unsicherer Stimme. »Das war die rechte Antwort nicht,« sagte der Knabe mit einem hilfesuchenden Blick auf seinen hochgewachsenen Freund, den neuen Engländer. Das müßige Geschwätz der Handlungsreisenden auf der Veranda des Rasthauses kam Tarvin in den Sinn, und einen Schritt vortretend, legte er die Hand auf Kätes Schulter und flüsterte dicht an ihrem Ohr: »Begreifst du nicht, was sie meint? Des Knaben Leben – das Gewand, woran sie neun Jahre gewebt hat!« »Aber was kann ich thun?« stöhnte Käte in tiefster Seele erschrocken. »Ihn bewachen, ihn ohne Aufhören bewachen! Du begreifst doch sonst so rasch – Sitabhai trachtet ihm nach dem Leben. Du sollst sorgen, daß sie ihm kein Leid anthut.« Jetzt dämmerte Käte einiges Verständnis – der erste Tag in dem grauenvollen Palast hatte ihr Möglichkeiten genug gezeigt, warum nicht auch die eines Kindermords? Sie hatte schon einen Begriff bekommen von dem Haß zwischen kinderlosen Frauen und den Müttern von Königen! Bewegungslos stand der Maharadscha Kunwar; die Juwelen an seiner Kleidung funkelten im Zwielicht. »Soll ich's noch einmal sagen?« fragte er. »Nein, nein, nein, Kind! O nein!« schrie Käte förmlich auf, indem sie auf den Knieen zu ihm hinrutschte und die kleine Gestalt in überwallendem zärtlichem Mitleid an ihre Brust preßte. »O Nick, was sollen wir beginnen in diesem gräßlichen Land?« rief sie, in Thränen ausbrechend. »Ach!« sagte der Knabe vollständig unbewegt. »Wenn ich dich weinen sehe, soll ich gehen!« Mit heller Stimme nach seiner Leibwache und dem Wagen rufend, ging er die Stufen hinunter. Das häßliche wollene Tuch blieb am Boden liegen. Schluchzend saß Käte in der jäh hereingebrochenen Dunkelheit. Weder Estes noch seine Frau waren in der Nähe. Das kleine Wörtchen »wir«, das sie in ihrem Jammer ausgestoßen hatte, war für Tarvin eine beseligende Offenbarung gewesen. Er beugte sich über sie und umschlang sie mit seinen Armen; Käte stieß ihn nicht zurück. »Wir werden's miteinander durchkämpfen, mein kleines Mädchen!« flüsterte er, ihr bebendes Köpfchen an seiner Schulter bettend. Zehntes Kapitel. »Lieber Freund! Das war nicht recht von Dir; Du hast mir das Leben nur noch schwerer gemacht. Ich weiß, daß ich schwach war; das Kind hatte mich zu sehr erschüttert. Aber ich will vollbringen, was mich hergetrieben hat, und Du sollst mich stärken dabei, nicht hindern, Nick. Bitte, komm in den nächsten Tagen nicht. Ich brauche alles, was ich bin oder zu sein hoffe zu der Arbeit, die vor mir liegt. Ich glaube wirklich gutes wirken zu können, bitte, laß mich's thun! Käte.« Dieses Briefchen, das Tarvin am folgenden Morgen erhielt, las er wieder und wieder durch, jedesmal einen neuen Sinn in den schlichten Worten entdeckend. All seine Mutmaßungen konnten aber schließlich doch die Erkenntnis nicht beseitigen, daß Käte, trotz eines Augenblicks der Schwäche, entschlossen war, ihren Pfad zu wandeln. Gegen ihre sanfte Hartnäckigkeit richtete er immer noch nichts aus, und es war ratsam, nicht einmal den Versuch zu wagen. Plauderstündchen auf der Veranda und Schildwache stehen auf ihrem Weg zum Palast waren ja ganz angenehme Beschäftigung, aber im Grund war er doch nicht in Rhatore, um Käte seiner Liebe zu versichern! Topaz, dem die andre Hälfte seines Herzens gehörte, hatte dieses Geheimnis längst vernommen und – Topaz hoffte und harrte auf das Erscheinen der drei C. wie er auf Kätes Erscheinen harrte und hoffte! Sein Mädchen war unglücklich, überreizt, verzagt, aber da er ja Gott sei Dank zur Stelle war, um sie vor ernstlichem Mißgeschick zu bewahren, konnte er sie für den Augenblick getrost Frau Estes' Fürsorge und Mitgefühl anvertrauen. Etwas Gutes mußte sie ja schon gewirkt haben in dem ängstlich bewachten Gebiet der Frauen, denn die Mutter des Maharadscha Kunwar vertraute ihr des einzigen Sohnes Leib und Leben an (wer hätte auch umhin können, Käte zu lieben, Käte zu vertrauen?) was aber hatte er seines Teils für Topaz geleistet? Mit dem Maharadscha Pachisi gespielt, das war alles! Die aufgehende Morgensonne warf den Schatten des Rasthauses langgestreckt vor seine Füße. Die Handlungsreisenden kamen einer nach dem andern aus ihren Zellen gekrochen, richteten den ersten Blick auf den mauerumgürteten Koloß Rhatore und sprachen ihren Fluch darüber aus. Tarvin bestieg sein Roß, von dem noch viel zu sagen sein wird, und ritt im Schritt nach der Stadt hinauf, um dem Maharadscha eine Aufwartung zu machen. Er war es, durch den er, wenn überhaupt, in Besitz des Naulahka gelangen mußte. Darum hatte er den Mann sorgfältig beobachtet, die Verhältnisse scharfsinnig erwogen und glaubte nun einen brauchbaren Plan ersonnen zu haben, sich des Maharadscha zu versichern. Ob dieser Plan ihm zum Naulahka verhalf oder nicht, jedenfalls würde er ihm das Vorrecht sichern, in Rhatore zu bleiben. Daß diese Vergünstigung gefährdet war, hatten ihm mehrere Winke von Oberst Nolan begreiflich gemacht und Tarvin hatte erkannt, daß er für seine Anwesenheit einen praktischen, wie auch einleuchtenden Vorwand erfinden müsse, und wenn er den ganzen Staat danach durchsuchen müßte. Um bleiben zu können, mußte er irgend etwas Besonderes ausführen. Was er jetzt vorhatte, war eigenartig genug und sollte ihm in erster Linie das Naulahka eintragen und dann – wenn er überhaupt der Mann war, für den er sich hielt, Käte! Schon in der Nähe des Thores sah er Käte zu Pferd in Begleitung von Frau Estes den Garten des Missionshauses verlassen. »Du brauchst keine Angst zu haben, Kind, ich werde dich nicht belästigen,« sagte er lächelnd vor sich hin, indem er sein Pferd zurückhielt und der Staubwolke nachsah, die von den Pferdehufen aufstieg, »aber wissen möchte ich, was du in solcher Gottesfrühe vorhast.« Das Elend innerhalb der Palastmauern, das Käte in solchen Jammer versetzt hatte, bildete ja nur einen Teil der selbstgewählten Aufgabe. Wenn im Schatten des Throns solch verzweiflungsvolle Zustände möglich waren, was mochte erst das gemeine Volk auszustehen haben? Käte war jetzt auf dem Weg zum Krankenhaus. »Es ist nur ein Arzt da für die ganze Anstalt,« teilte ihr Frau Estes unterwegs mit, »und der ist ein Eingeborener, also selbstverständlich ein Müßiggänger.« »Wie kann ein Mensch hier müßiggehen?« rief Käte, als die unter dem Thorbogen aufgespeicherte Hitze den Durchreitenden um die Schläfen strich. »In Rhatore lernt jeder träge werden, und zwar rasch,« bemerkte Frau Estes mit einem leisen Seufzer; sie mochte an ihres Mannes hochfliegende Pläne und Hoffnungen und seine jetzige milde Gleichgültigkeit denken. Käte saß im Sattel, wie nur Westamerikanerinnen, die Reiten und Gehen zugleich lernen, im Sattel sitzen, und ihre wohlgebildete schlanke Gestalt kam dabei zu voller Geltung. Der entschlossene Mut, der aus ihren Augen leuchtete, verlieh ihrem Gesicht eine eigenartige vergeistigte Schönheit; das Bewußtsein, ihrem Ziel so nahe zu sein, den Zweck zweijähriger Arbeit, Kämpfe und Träume erreicht zu haben, färbte ihre Wangen höher. Bei einer Biegung der Hauptstraße lag plötzlich eine Flucht von roten Sandsteinstufen vor ihnen, die zu einem dreistöckigen weißen Sandsteingebäude führten und worauf viele Menschen wartend umherstanden und hockten. Ueber dem Haupteingang des Hauses stand »Allgemeines Krankenhaus«, die Buchstaben waren aber so müde, daß sie sich aneinander lehnen mußten und zu beiden Seiten der Thüre schlaff herunterhingen. Als Käte die wartende Schar von Weibern überblickte, die in hell- und dunkelrote, indigo und himmelblaue, safrangelbe, rosen- und türkisfarbige rohe Seide gekleidet waren, kam ihr wieder einmal alles unwirklich vor, wie eine Scene aus einem Fabelland. Fast jede der Frauen hatte ein Kind bei sich, das sie in ein Tuch gebunden auf der Hüfte trug, und als Käte vor den Stufen ihr Pferd anhielt, wurde ein allgemeines Wehklagen laut. Die Frauen umdrängten sie, griffen nach dem Steigbügel, nach ihrem Fuß und reichten ihr die Kinder in den Sattel. Eins davon nahm sie und wiegte es zärtlich in ihren Armen. Das kleine Ding war ganz verkohlt vom Fieber. »Seien Sie vorsichtig,« sagte Frau Estes. »Im Hügelland herrschen die Blattern, und diese Leute haben ja keinen Begriff von Vorsichtsmaßregeln!« Käte, die den Klagen der Weiber lauschte, gab keine Antwort. Jetzt trat ein stattlicher, weißbärtiger Eingeborener in einem braunen Schlafrock von Kamelhaaren und gelben Lederstiefeln aus dem Hause, trieb die Weiber auseinander und verbeugte sich tief und feierlich vor Käte. »Sie seien die neue Doktordame?« fragte er. »Spital ganz bereit für Besichtigung ... gebt Raum für das Fräulein Sahib!« herrschte er in der heimatlichen Mundart die Weiber an, die Käte noch dichter umringten, als sie vom Pferde stieg. Frau Estes blieb im Sattel und sah sich die Scene von der Höhe an. Ein ungewöhnlich großes Weib aus der Wüste mit goldgelber Haut und scharlachroten Lippen riß ihr Tuch vom Gesicht, faßte Käte am Handgelenk und machte Miene, sie unter lautem, heftigem Geschrei in einer unverständlichen Sprache mit Gewalt wegzuzerren. Angst und Verzweiflung sprachen indes so verständlich aus ihren Augen, daß Käte widerstandslos folgte. Die Menge teilte sich, und sie gewahrte nun seitwärts von den Stufen ein auf den Knieen liegendes Kamel und auf seinem Rücken einen zum Skelett abgemagerten Mann, der vor sich hinsprach und zwecklos an dem mit Nägeln beschlagenen Sattel zerrte und riß. Die Frau richtete sich zu ihrer vollen Höhe auf und warf sich dann ohne ein Wort zu Boden, Kätes Knie leidenschaftlich umklammernd. Mit zuckenden Lippen beugte sich Käte nieder, um die Unglückliche aufzurichten, der Doktor aber rief ihr über die Köpfe der Umstehenden weg mit vergnügter Stimme zu: »Hat nichts zu sagen! Hat unheilbaren Wahnsinn, ihr Mann. Bringt ihn immer her!« »Ja und geschieht denn nichts für ihn?« rief Käte, sich empört umwendend. »Was kann denn geschehen? Will ihn ja nicht dalassen zur Behandlung, sonst würde ich ihm Zugpflaster setzen!« »Zugpflaster!« wiederholte Käte entsetzt, indem sie die beiden Hände der Frau ergriff und sie fest in den ihrigen hielt. »Sagen Sie ihr, daß der Mann hier bleiben muß,« befahl sie dem nähergetretenen Doktor. Er übertrug den Bescheid in die Mundart der Leute. Das Weib atmete tief auf und starrte mit hochgezogenen Brauen in Kätes Gesicht wohl eine halbe Minute lang. Dann führte sie Kätes Hand an die Stirn des Mannes, verhüllte ihr Gesicht und setzte sich in den Staub der Landstraße. Ganz benommen von solchen Aeußerungen der fremden Volksseele sah Käte die Frau an, dann wallte das Mitleid, das keinen Unterschied der Rassen kennt, heiß in ihr auf und sie beugte sich über die hockende Gestalt und küßte die Stirn der Verzweifelten. »Man trage den Mann hinauf,« befahl sie mit einer sprechenden Gebärde, und der Kranke wurde sofort aufgehoben, die Stufen hinauf und in das Spital getragen, wobei das Weib hinterdreinschlich wie ein treuer Hund. Einmal wandte sie sich um und sagte ein paar Worte zu den andern, die darüber teils zu weinen, teils zu lachen anfingen. »Sie sagt,« übersetzte der Doktor mit Schmunzeln, »wer Ihnen ein Haar krümme, den wolle sie totschlagen, und Ihrem Sohn wolle sie die Brust reichen!« Käte trat zu Frau Estes, die jetzt weiterritt, um höher oben in der Stadt eine Besorgung zu machen, dann folgte sie dem Doktor die Stufen hinauf. »Sie wollen also unser Spital besichtigen?« fragte er. »Lassen mich erst vorstellen. Ich bin Lalla Dhunpat Raj, approbierter Arzt, studiert im Duff College. Erster Eingeborener meiner Provinz, der Examen gemacht hat. Vor zwanzig Jahren war es.« Käte sah ihn verwundert an. »Und wo waren Sie seither?« fragte sie. »Eine Zeit in meines Vaters Haus, dann Gehilfe in Apotheke in Britisch-Indien, dann haben Hoheit mir gnädigst Stellung verliehen, die jetzt habe.« Käte zog die Augbrauen in die Höhe: das war also ihr Kollege und sein Lebenslauf! Schweigend traten sie nebeneinander in das Gebäude: Käte hielt ihr Reitkleid auf, um dem massenhaft angesammelten Schmutz des Fußbodens zu entgehen. In dem mit Unrat erfüllten Mittelhof des Gebäudes standen sechs elende, von Stricken und Bindfäden zusammengehaltene Pritschen von zweifelhafter Sauberkeit und in jeder davon lag ein Mann in weißem Hemd stöhnend, sich herumwerfend und schwatzend. Von der andern Seite kam eine Frau, die eine ranzig riechende süße Speise brachte und vergeblich versuchte, einen von den Männern zum Genuß dieser leckern Schüssel zu bewegen. Im blendenden Sonnenlicht, das durch die kreisrunde Oeffnung der unbedachten Kuppel fiel, stand ein junger, beinah ganz nackter Mann, der die Hände am Hinterkopf verschränkt hielt und unmittelbar in die Sonne starrte. Jetzt stimmte er einen Gesang an, brach aber gleich wieder ab und lief von Bett zu Bett, jedem Kranken für Käte unverständliche Worte zurufend. Dann stellte er sich wieder auf seinen Posten in den Sonnenkreis und fuhr in seinem Gesang fort. »Auch unheilbar Wahnsinn,« erklärte der Doktor seiner Begleiterin. »Viele Zugpflaster gesetzt, stark geschröpft, will gar nicht mehr fort von hier. Ist ganz harmlos, außer wenn sein Opium nicht bekommt!« »Sie werden doch Ihren Kranken nicht gestatten, Opium zu essen?« rief Käte. »Natürlich gestatten ich! Würden sonst sterben, wie die Fliegen. Alle Leute in Radschputana Opiumesser von klein auf.« »Und Sie selbst?« fragte Käte entsetzt. »Früher nicht gethan, nicht eh' ich hier kam, aber jetzt...« Er zog eine vom langen Gebrauch abgeschliffene Zinndose aus der Tasche und entnahm ihr Kätes Schätzung nach eine ganze handvoll Opiumpillen. Die Verzweiflung umbrandete sie förmlich und schlug über ihr zusammen. »Zeigen Sie mir die Frauenabteilung,« sagte sie mutlos. »O, Frauen sind oben, unten, ringsum,« erwiderte der Doktor aufs Geratewohl. »Und die Wöchnerinnen?« fragte sie. »Wo es eben Platz gibt.« »Wer besorgt die Entbindungen und wartet sie?« »Mögen mich nicht leiden; kommt sehr geschickte Frau, Hebamme, von auswärts; kommt hierher.« »Ist sie geschult, richtig ausgebildet?« »Hat großen Ruf in ihrem Dorf, halten viel von ihr,« versetzte der Doktor. »Ist jetzt hier, wenn sehen wollen.« »Wo ist sie?« fragte Käte. Dhunpat Raj, der allmählich in eine etwas unbehagliche Stimmung geraten war, beeilte sich, seinen Gast eine enge, dunkle Treppe hinaufzuführen bis zu einer Thüre, aus der ihnen der Weheruf erwachenden Lebens entgegen drang. Käte riß die Thüre mit Ungestüm auf. Es war dies die richtige Abteilung für Wöchnerinnen, und die Wärterin bestreute eben die aus Thon und Kuhmist geformten Bilder zweier Gottheiten mit Ringelblumenknospen. Alle Fenster waren fest geschlossen, jede Mauerritze, durch die ein Luftzug hätte eindringen können, zugestopft, in einer Zimmerecke loderte das »Geburtsfeuer«, dessen Qualm und Rauch der eintretenden Käte entgegenschlug. Was zwischen ihr und der in ihrem Dorf so hochgeschätzten klugen Frau vorfiel, hat niemand je erfahren. Die neue »Doktordame« blieb über eine halbe Stunde in dem Zimmer, die kluge Frau aber verließ es lange vor ihr, und zwar leise vor sich hinkichernd und mit zerzausten Haaren. Nach der Bekanntschaft mit diesem Raum war Käte auf alles gefaßt, sogar auf die Beschaffenheit der Arzneimittel in der Apotheke, wo der Mörser niemals gereinigt und alle Arzneien anders gemacht wurden, als je ein Arzt sie aufschreiben würde; meist nahm man die doppelte Dosis. Mut- und hoffnungslos ließ sie sich von einem ungesäuberten, ungelüfteten, moderigen, dunkeln Zimmer zum andern führen. Die Kranken durften ihre Freunde zu jeder Zeit und in jeder Anzahl empfangen und alle Speisen und Getränke zu sich nehmen, die mißverstandene Güte ihnen anbot. Trat der Tod ein, so standen die Trauernden um die wackelige Bettstelle her und erhoben ein Klagegeheul, dann trug man den splitternackten Leichnam unter Jubelrufen der Geisteskranken zwischen allen Kranken über den Hof und in die Stadt hinein – was für Ansteckungsstoffe man ihr zutrug, das focht niemand an. Auch während der Krankheit wurde an Absonderung ansteckender Fälle nicht gedacht. An den Augen operierte Kinder spielten leichtherzig mit ihren Besuchen zwischen den Betten der Diphtheritiskranken. Nur in einem Punkt war dieser Doktor stark, in diesem aber auch sehr; er behandelte nämlich mit großem Erfolg das offenbar sehr häufige Uebel, das er als »Lendenbiß« ins Tagebuch eintrug. Die Holzhauer und Hausierhändler, die genötigt waren, einsame Straßen des Staats Gokral Sitarun zu wandeln, wurden nicht selten von Tigern angefallen, und in diesen Fällen griff der Doktor, der ganzen englischen Pharmakopöe den Abschied gebend, auf uralte »lokale« Volksmittel zurück, die gerade in dieser Gegend in Ansehen standen, und wirkte damit Wunder. Nichtsdestoweniger war es nötig, ihm begreiflich zu machen, daß hinfort nur ein Wille im Staatsspital galt, und daß Fräulein Käte Sheriffs Befehle unweigerlich und pünktlich ausgeführt werden mußten. Der Umstand, daß Käte auch die Frauen im Palast in Behandlung hatte, hielt Dhunpat Raj ab, Einsprache dagegen zu erheben, auch hatte er während seiner Amtszeit schon manche Reformbestrebungen und Anläufe zu neuer Organisation durchgemacht und durch seine Unthätigkeit und Glattzüngigkeit lahmgelegt, so daß er hoffen durfte, auch mit dieser Wendung zum Besseren fertig zu werden! Er bückte und beugte sich, gab Käte in allen Stücken recht, nahm ihre Vorwürfe gelassen hin und wiederholte nur immer sein entschuldigendes Wort: »Spital erhält vom Staat nur hundertfünfzig Rupien im Monat – wie soll man um dieses Geld Mittel kommen lassen, den langen Weg von Kalkutta?« »Diese Bestellung bezahle ich,« erklärte ihm Käte, die auf dem Pult des als Amtsstube benützten Badezimmers ein Verzeichnis der unentbehrlichsten Droguen und Verbandmittel aufsetzte, »und was ich sonst für nötig halte, werde ich auch auf meine Kosten anschaffen,« »Aber Bestellungen gehen offiziell durch mich?« schlug Dhunpat Raj, den Kopf auf die Seite legend, vor. Da Käte keine überflüssigen Schwierigkeiten machen und haben wollte, that sie ihm hierin den Willen. Angesichts dieser Elenden, die unbehütet und ungepflegt, ganz der Gnade dieses Menschen preisgegeben, in den dumpfigen Stuben lagen, konnte man nicht über äußere Vorteile rechten. »Jawohl, das versteht sich,« sagte sie daher entschieden, und als der Doktor den Umfang und Geldwert ihrer Bestellung überschlug, fand er, daß er sich unter solchen Umständen viel gefallen lassen könne. Nach dreistündigem Aufenthalt verließ Käte das Haus, vor Müdigkeit, Hunger und Herzweh dem Umsinken nahe. Elftes Kapitel. Tarvin traf den Maharadscha, der seine morgendliche Dosis Opium noch nicht zu sich genommen hatte, im Zustand tiefster Niedergeschlagenheit. Ganz von seinem Vorhaben erfüllt, blickte der Mann aus Topaz den indischen Machthaber lauernd an und des Maharadscha erstes Wort gab ihm denn auch Gelegenheit zu der beabsichtigten Erklärung. »Wozu sind Sie hierher gekommen?« fragte der Radscha. »Nach Rhatore?« fragte Tarvin dagegen mit einem Lächeln, das die Unendlichkeit des Horizonts umfaßte. »Jawohl, nach Rhatore,« brummte der mißgestimmte Herrscher. »Der Minister Sahib sagt, Sie gehörten zu keiner Regierung und seien nur gekommen, um über uns zu schreiben und Lügen zu sagen. Warum sind Sie gekommen?« »Ich bin gekommen, um Ihren Fluß abzugraben. Es ist Gold darin,« versetzte Tarvin ruhig. »Dann gehen Sie zur Regierung und reden mit der,« sagte der Maharadscha verdrießlich und abweisend. »Soviel ich weiß, ist's Ihr Fluß,« sagte Tarvin mit ungetrübter Heiterkeit. »Mein Fluß! Mein ist im ganzen Staat nichts! Tag und Nacht liegen die Kaufleute vor meiner Thür und wollen Geld haben. Der Vertreter Sahib läßt mich keine Abgaben erheben, wie meine Väter es thaten, Armee habe ich auch keine.« »Das stimmt,« brummte Tarvin in sich hinein, »Mit der will ich eines schönen Morgens durchbrennen.« »Und wenn ich eine hätte,« fuhr der Maharadscha fort, »so hätte ich niemand, gegen den ich kämpfen könnte. Ich bin ein alter Wolf, dem alle Zähne ausgezogen sind – gehen Sie!« Dieses Gespräch fand in dem Marmorhof statt unmittelbar vor dem von Sitabhai bewohnten Flügel des Palasts. Der Maharadscha saß in einem zerbrochenen hölzernen Lehnstuhl, während das Stallpersonal eine ganze Reihe gesattelter und gezäumter Pferde vorführte in der Hoffnung, daß eins für den Morgenritt des Maharadscha gewählt würde. Die verbrauchte, stickige Luft des Palasts strich mit dem Morgenwind über die Marmorfliesen; erfrischend und heilsam war der Geruch nicht. Tarvin, der nicht vom Pferd gestiegen war, legte sein rechtes Bein über den Widerrist des Ponys und wartete gelassen. Er kannte die Wirkung des Opiums auf den Maharadscha, und dort kam schon ein Diener mit einer kleinen Metallschale, die den aus Wasser und Opium gemischten Trank enthielt. Der Maharadscha schluckte gesichterschneidend das Gebräu, leckte die letzten braunen Tropfen vom Schnurrbart ab, sank in seinen Stuhl zurück und starrte mit leeren Augen in die Weite. Nach ein paar Minuten sprang er auf: ein stattlicher, fröhlicher Mann! »Sind Sie da, Tarvin Sahib? Sie müssen da sein, sonst fühlte ich mich nicht so aufgelegt zum Lachen! Reiten Sie diesen Morgen?« »Ich stehe zu Diensten.« »Dann lassen wir den jungen Foxhallhengst herausführen, der wirft Sie unfehlbar ab!« »Schön,« sagte Tarvin gleichmütig. »Ich selbst werde meine persische Stute reiten. Brechen wir auf, ehe der Vertreter Sahib kommt,« entschied der Maharadscha. Die Stallknechte eilten davon, um den Befehl auszuführen, da vernahm man von außen her ein Hornsignal und Räderknirschen. Der Maharadscha Kunwar kam die Stufen herauf und trippelte auf den Vater zu, der ihn zärtlich in die Arme nahm und auf sein Knie setzte. »Was führt dich her, Lalji?« fragte der Fürst. »Lalji«, der Liebling, war des Knaben Kosename im ganzen Palast. »Ich wollte mit meiner Leibwache exerzieren, aber Väterchen, ich bekomme für meine Soldaten nur schlechtes Sattelzeug aus dem Staatsarsenal! Jeysinghs Sattel ist mit Bindfaden gestickt, und Jeysingh ist doch gerade mein bester Soldat! Er erzählt mir auch so schöne Geschichten,« setzte der Maharadscha Kunwar hinzu, der mit dem Vater hindostanisch sprach, seinem englischen Freund aber herzlich zunickte. »Haha! Du machst's wie alle!« rief der Maharadscha, »Immer wollt ihr etwas haben vom Staat! Was möchtest du denn eigentlich?« Das Kind legte die winzigen Hände bittend zusammen und griff dann zutraulich in den ungeheuren Bart des Vaters, den dieser nach Radschputensitte über die Ohren gebürstet trug. »Nur zehn neue Sättelchen,« bat der Knabe. »Sie sind ja da, ich habe sie in der Sattelkammer hängen sehen, aber der Stallmeister sagte, ich müsse erst den König fragen.« Des Maharadscha Antlitz verdüsterte sich und er stieß einen für seine Anschauungen furchtbaren Fluch aus. »Den König! Der König ist ein Sklave, ein Knecht,« grollte er, »der Knecht der Geschäftsträger Sahibs und dieses weibischen englischen Raj, aber bei Indur! des Königs Sohn wenigstens soll ein Königssohn sein! Was für ein Recht hatte Saroop Singh, dir etwas vorzuenthalten, was du begehrst, Prinz?« »Ich sagte ihm auch,« versetzte der Maharadscha Kunmar, »das werde meinem Vater gar nicht gefallen. Aber weiter sagte ich nichts, denn ich war nicht sehr wohl, und du weißt ja« – das kleine Gesicht senkte sich, daß man nur noch den Turban sah –, »ich bin noch ein Kind. Kann ich die Sättel haben?« Tarvin, der von dem Gespräch zwar kein Wort verstand, saß gemütlich auf seinem Pony und verständigte sich durch freundliche Blicke mit seinem großen und seinem kleinen Freund. In der Todesstille der Morgenfrühe war er hergekommen; der Hof hatte förmlich wiedergehallt vom Girren einer Taube auf dem hundertfünfzig Fuß hohen Turm, so still war es gewesen. Jetzt aber war das Leben im Palast erwacht, und auf allen vier Seiten rauschte und raschelte es hinter den grünen Fensterläden. Er unterschied sogar gedämpfte Atemzüge, das Knistern seidener Gewänder, das leise Knarren der Holzlatten an den Läden, die vorsichtig auseinandergeschoben wurden, um einen Durchblick zu gewinnen. Schwere Dünste von Moschus und Jasmin stiegen ihm in die Nase und erfüllten ihn mit Besorgnis, denn sie bewiesen ihm, daß Sitabhai mit ihren Frauen alles beobachtete und belauschte. Aber weder der Maharadscha, noch sein Sohn kümmerten sich im mindesten darum. Der Prinz war ganz erfüllt von dem englischen Unterricht, den ihm Frau Estes gab, und der König nahm fast ebenso großes Interesse daran als der Knabe. Damit auch Tarvin an der Unterhaltung teilnehmen könne, sprach das Kind jetzt englisch, sprach aber ganz langsam und deutlich, daß ihn der Vater leichter verstehe. »Ich kann dir auch ein neues Gedicht sagen,« plauderte Lalji, »das ich erst gestern gelernt habe.« »Kommt etwas von ihren Göttern darin vor?« fragte der Maharadscha argwöhnisch. »Bedenke immer, daß du ein Radschpute bist!« »O nein, o nein! Davon steht gar nichts drin! Es ist nur englisch und ich hab's so schnell gelernt.« »So sag mir's her, kleine Weisheit! Du wirst ein Schriftgelehrter werden und in einem langen schwarzen Talar auf die englische Universität gehen.« »Unsre Flagge hat fünf Farben,« versetzte der Maharadscha Kunwar, wieder in die heimische Mundart verfallend, »wenn ich für sie gekämpft habe, will ich erst ein Engländer werden!« »Ach mein Kind, man führt keine Krieger mehr ins Feld bei uns – jetzt sag nur deinen Vers!« Das geheimnisvolle Raunen von Hunderten unsichtbarer Augen- und Ohrenzeugen wuchs immer mehr an. Tarvin mußte sich vorbeugen, um den Knaben zu verstehen, der von des Vaters Knie herabgeglitten war, die Hände hinter dem Rücken verschränkte und ohne jeden Ausdruck in einem Atem die Worte herleierte: »Tiger, Tiger, glühend bunt In dem Wald zur Nacht, Welch unsterblich Wesen schuf Deiner Farben Pracht? Gab es dir die Furchtbarkeit Mit des Herzens Schlag, Oder warst du mild und sanft An der Schöpfung Tag? »Es ist noch länger, aber das fällt mir nicht ein,« schloß er, »nur zuletzt heißt's, das weiß ich noch: ›Der so furchtbar dich gemacht, Schuf er auch das Lamm?‹ Ich hab's sehr schnell gelernt.« Und nun klatschte der Maharadscha Kunwar sich selbst mit den kleinen Händchen Beifall, in den Tarvin einstimmte. »Verstanden hab' ich's nicht,« gestand der Vater auf hindostanisch, »aber es ist sehr nützlich, gut englisch zu lernen. Dein Freund hier spricht englisch, wie ich's nie hörte.« »Ja,« stimmte der Prinz bei, »und er spricht auch mit dem Gesicht und den Händen, alles lebt, daß ich lachen muß, eh' ich noch weiß warum. Aber der Oberst Nolan Sahib spricht wie ein Büffel, mit geschlossenem Mund, und ich merke nie, ob er verdrießlich ist oder vergnügt. Sage mir, Vater, was thut Tarvin Sahib hier?« »Jetzt reiten wir zusammen aus,« erwiderte der König. »Wenn ich heim komme, gebe ich dir vielleicht Antwort auf deine Frage. Was sagen die Männer, die um dich sind, über ihn?« »Sie sagen, er sei ein Mann von reinem Herzen, und, Vater, er ist immer gut gegen mich.« »Hat er mit dir über mich gesprochen?« »Nie so, daß ich's verstehen konnte, aber er ist gewiß ein guter Mann – sieh, jetzt lacht er!« Tarvin, der bei Nennung seines Namens die Ohren gespitzt hatte, setzte sich jetzt im Sattel zurecht und faßte die Zügel, um dem König anzudeuten, daß es Zeit zum Aufbruch sei. Jetzt führten die Stallknechte ein lang gestrecktes, stumpfschwänziges englisches Vollblut und eine mausfarbige Stute mit trockenen Gliedern vor. Der Maharadscha erhob sich. »Geh' zu Saroop Singh, Prinz, und laß dir die Sättel geben,« sagte er zu dem Knaben. »Was treibst du denn heute, kleiner Mann?« fragte Tarvin. »Erst werde ich mir neue Ausrüstung besorgen, und dann will ich im Hof mit dem Sohn des Ministers spielen.« Wie das Zischen einer verborgenen Schlange tönte es hinter den verhüllten Fenstern; offenbar war dort jemand, der des Kindes Antwort verstanden hatte. »Siehst du Fräulein Käte heute?« »Nein, heute nicht. Ich gehe nicht zu Frau Estes zur Stunde, ich habe Feiertag.« Der König trat nahe an Tarvin heran und fragte ihn leise: »Muß er die Doktordame wirklich jeden Tag sehen? All meine Leute belügen mich in der Hoffnung, meine Gunst zu gewinnen, sogar der Oberst Nolan sagt mir, er halte das Kind für sehr kräftig. Sagen Sie mir die Wahrheit – es ist mein erstgeborener Sohn.« »Nein, kräftig ist er nicht,« versetzte Tarvin ruhig, »und es wäre vielleicht gut, wenn Fräulein Sheriff ihn diesen Morgen zu sehen bekäme. Jedenfalls thun Sie besser, zu ängstlich zu sein, als zu unbesorgt.« »Ich weiß nicht, was Sie meinen,« sagte der Maharadscha, »aber geh' du nur ins Missionshaus, mein Sohn.« »Ich will aber lieber hier spielen,« entgegnete der Prinz widerspenstig. »Du weißt gar nicht, was Fräulein Sheriff für Spiele für dich hat,« sagte Tarvin überredend. »Was hat sie denn?« fragte Lalji rasch. »Du hast eine eigene Kutsche und zehn Begleiter, fahr hin, dann wirst du's sehen.« Tarvin zog einen Briefumschlag aus der Brusttasche, dessen amerikanische Zwei-Centmarke er mit einer gewissen Zärtlichkeit ansah. Darauf schrieb er in Eile die Worte: »Behalte den kleinen Burschen heute um Dich. Es liegt irgend eine Teufelei in der Luft. Ersinne irgend etwas, womit Du ihn beschäftigst, spiele mit ihm und halte ihn fern vom Palast. Deinen Brief erhalten. Ganz einverstanden.« Er rief den Knaben zu sich und übergab ihm den Zettel. »Bring' diese Botschaft dem Fräulein und sag' ihr, ich schicke dich. Du wirst es pünktlich besorgen, hörst du, kleiner Mann?« »Mein Sohn ist keine Ordonnanz,« bemerkte der König von oben herab. »Ihr Sohn ist nicht gesund,« erwiderte Tarvin leise, »wenn ich auch der Erste bin, der Ihnen die Wahrheit zu sagen wagt. – Sachte, sachte, das Tier hat ein weiches Maul!« Diese Mahnung galt den Stallknechten, die den jungen Foxhallhengst kaum halten konnten. »Der wirft Sie sicher ab,« rief der Maharadscha Kunwar in hellem Entzücken. »Der hat noch jeden Reiter abgeworfen!« In diesem Augenblick klappte ein Fensterladen dreimal in der Stille des Hofes. Einer von den Reitknechten trat vorsichtig an die rechte Seite des Pferdes, Tarvin setzte den Fuß in den Steigbügel, um aufzuspringen, aber der Sattel drehte sich vollständig unter ihm. Gleichzeitig gab man den Kopf des Pferdes frei, und Tarvin hatte gerade noch Zeit, den Fuß aus dem Steigbügel zu ziehen, als das Pferd einen gewaltigen Satz machte. »Man kann's geschickter angreifen, wenn man jemand umbringen will,« sagte Tarvin laut und kaltblütig. »Führen Sie ihn mir her.« Als der Hengst vor ihm stand, gurtete er ihn eigenhändig, wie das Tier noch nie gegurtet worden war, seit es ein Gebiß trug, dann schwang er sich in den Sattel, während der König schon durch den Thorbogen sprengte. Der Gaul stieg ein paarmal, stemmte dann die Vorderbeine bocksteif gegen den Boden und schlug nach hinten aus. Tarvin, der sich gleich nach Cowboyart zurecht gesetzt hatte, sagte vollkommen ruhig zu dem Knaben, der jeder Bewegung mit Spannung folgte: »Mach' dich auf den Weg, Maharadscha! Vertrödle deine Zeit nicht hier, ich will sehen, daß du zu Fräulein Käte gehst!« Das Kind gehorchte, wenn es ihm auch sauer geschah, sich von dem Anblick des bäumenden Pferds loszureißen. Jetzt wandte der Hengst alle Kunstkniffe an, seinen Reiter loszuwerden, er weigerte sich rundweg, den Hof zu verlassen, obwohl ihm Tarvin erst hinter dem Sattel und dann zwischen den entrüstet gestellten Ohren faßliche Befehle erteilte. An Stallknechte gewöhnt, die beim ersten Anzeichen von Widerstand aus dem Sattel glitten, wurde der Hengst über ein solches Benehmen rasend. Jählings rannte er durch den Thorbogen, drehte sich auf der Hinterhand vollständig herum und jagte der Stute des Maharadscha nach. Sobald man auf freiem Feld und Sandboden war, hielt er die Gelegenheit für günstig, seine Schnellkraft zu entfalten, aber auch Tarvin ersah seinen Vorteil. Der Maharadscha, der in seiner Jugend für den schneidigsten Reiter gegolten hatte in einem Volksstamm, der vielleicht im Reiten der erste der Welt ist, drehte sich im Sattel und verfolgte den Kampf zwischen Mann und Roß mit höchster Spannung. »Sie reiten wie ein Radschpute,« rief er dem vorüberfliegenden Tarwin zu. »Lassen Sie ihn in geradem Lauf rennen, bis er genug hat.« »Nicht eh' er weiß, wer Herr und Meister ist,« rief Tarvin zurück, indem er den Gaul herumwarf, daß ihm die Knochen krachten. »Shabasch! Shabasch! Bravo! Bravo!« rief der Maharadscha, als der Hengst der Faust des Reiters gehorchte. »Tarvin Sahib, sie sollen meine regulären Reiter kommandieren!« »Lieber zehn Millionen irreguläre Teufel!« rief Tarvin höchst unverbindlich. »Zurück, du Luder! Zurück!« Unter dem Druck des Zaums legte sich der Kopf des Pferds tief auf die mit Schaumflocken bedeckte Brust, aber eh' es ganz nachgab, bohrte es wieder die Vorderbeine in den Sand und bockte gerade so heimtückisch, wie eines von Tarvins eigenen Steppenpferden daheim im Westen. »Beine strecken und Brust heraus,« murmelte Tarvin vergnügt vor sich hin, während der Gaul munter weiterbockte. Jetzt war der Reiter in seinem Element und fühlte sich ganz nach Topaz versetzt. »Maro! Maro!« rief der König. »Jetzt hauen, aber scharf!« »Ach nein, den Spaß kann man ihm schon gönnen,« bemerkte Tarvin heiter. »Ich hab's ganz gern.« Als der Hengst müde wurde, mußte er richtig zehn Schritte rückwärts machen. »So, jetzt kann's weiter gehen,« sagte Tarvin, an des Maharadscha Seite in Trab fallend. »Ihr Fluß ist voll Gold,« bemerkte er nach kurzem Schweigen, als ob er ein eben abgebrochenes Gespräch fortsetzte. »Als ich noch jung war, pflegten wir hier im Frühling den Eber mit dem Schwert zu jagen. Damals waren noch keine Engländer hier. Da drüben bei den Felsblöcken habe ich mir einmal das Schlüsselbein gebrochen.« »Voll Gold, Maharadscha Sahib. Wie meinen Sie, daß man's heben könnte?« Tarvin kannte des Königs Neigung, Gespräche abzulenken, war aber nicht gesonnen, nachzugeben. »Was verstehe ich davon!« warf der König hin. »Fragen Sie den Vertreter Sahib!« »Aber, Maharadscha Sahib, wer beherrscht diesen Staat, Sie oder der Oberst?« »Sie wissen es. Sie haben genug gesehen,« erwiderte der König und setzte, nach Norden und nach Süden deutend, hinzu: »Hier eine Eisenbahnlinie, dort eine Eisenbahnlinie, ich bin wie eine Ziege zwischen zwei Wölfen.« »Aber das Land zwischen den beiden Linien ist jedenfalls Ihr Eigentum, womit Sie schalten können nach Belieben.« Sie waren jetzt zwei oder drei Meilen vom Weichbild der Stadt entfernt und ritten längs dem Ametfluß dahin; die Pferde versanken bis über die Fesseln in dem weichen Sand. Der König blickte über die schlangenartigen Windungen des trägen, schimmernden Wassers nach den weißen mit Buchen bewachsenen Erdwellen der Wüste und der aus weiter Ferne herüberschimmernden Linie von Granithügeln, wo der Amet entsprang. Es war kein Anblick, der eines Herrschers Herz erfreuen konnte. »Ja, ich bin der Herr dieses Landes,« sagte er, »aber der vierte Teil meiner Einkünfte bleibt in den Taschen derer, die sie einziehen, ein Viertel verweigern mir die schwarzgesichtigen Kamelzüchter des Sandmeers, und ich darf nicht gegen sie zu Feld ziehen, ein Viertel erhalte ich vielleicht, aber die Leute, die mir das letzte schuldig wären, wissen nicht, wohin sie es schicken sollen – jawohl, das nennt man einen reichen König!« »Unter allen Umständen müßte der Fluß Ihr Einkommen verdreifachen.« Der Maharadscha sah Tarvin aufmerksam an. »Und was würde die englische Regierung dazu sagen?« fragte er. »Ich weiß nicht recht, was die englische Regierung damit zu schaffen hätte! Sie können Orangengärten anlegen, wo es Ihnen beliebt, und Kanäle in weitem Bogen herumführen,« – in Seiner Majestät eingesunkenen Augen leuchtete ein Verständnis auf – »den Fluß auszubeuten, wäre eine viel einfachere Sache. Sie haben es doch schon mit Goldwaschen versucht, nicht?« »Es wurde etwas Gold aus dem Fluß gewaschen, doch nur einen Sommer hindurch. Meine Gefängnisse waren damals so überfüllt, daß ein Aufruhr der Sträflinge zu fürchten war. Zu sehen war aber nichts außer diesen schwarzen Hunden, die im Sand wühlten. Das war in dem Jahr, wo ich mit einem Schimmelpony den Punahbecher gewann.« Tarvin schlug schallend auf den Schenkel – was fruchtete es, mit diesem schlaffen Mann über Geschäfte zu reden, der alles, was ihm das Opium an Seele übrig gelassen hatte, für eine Kurzweil hingab. Er wußte aber auch diese Neigung zu benützen. »Ja, viel zu sehen ist allerdings nicht beim Goldwaschen,« bemerkte er. »Man müßte oben an der Gungrastraße einen kleinen Damm machen, das wäre interessanter.« »In der Nähe der Hügel?« »Ja.« »Niemand hat je den Amet eingedämmt,« sagte der König. »Er steigt aus dem Grund und versinkt in den Grund und zur Regenzeit ist er so breit wie der Indus.« »Wir wollen aber vor der Regenzeit das ganze Flußbett bloßlegen – auf einer Strecke von zwanzig Meilen,« sagte Tarvin, scharf beobachtend, welchen Eindruck dieser Gedanke auf den König mache. »Kein Mann hat je dem Amet ein neues Bett gegraben,« war die teilnahmlose Antwort. »Weil kein Mann es je versuchte. Geben Sie mir die nötigen Arbeitskräfte, und ich lenke den Amet, wohin ich will.« »Und wohin kommt das Wasser?« fragte der König. »Es soll einen andern Weg gehen, gerade wie der Kanal einen andern Weg gehen mußte, um den Orangengarten nicht zu berühren.« »Ach! Damals sprach der Oberst noch mit mir, als ob ich ein Kind wäre!« »Sie wissen auch, daß er ein Recht dazu hatte, Maharadscha Sahib,« sagte Tarvin kaltblütig. Diese Vermessenheit war so groß, daß der König einen Augenblick wie erstarrt war. Er wußte ja, daß die Geheimnisse seines häuslichen Lebens Gemeingut aller Klatschmäuler der Stadt waren; denn dreihundert Weibern den Mund zu schließen, geht über Fürstenmacht; aber daß man ihm selbst gegenüber so unverhohlen darauf anspielte, wie dieser verwegene Fremdling, der ein Engländer war und doch keiner, darauf war er nicht vorbereitet. »In diesem Fall wird der Oberst nichts gegen Ihre Absicht einwenden,« fuhr Tarvin fort, »und überdies kommt sie Ihrem Volk zu gute.« »Das auch sein Volk ist,« bemerkte der König. Die Wirkung des Opiums ließ allmählich nach, und des Königs Haupt sank schlaff auf die Brust herab. »Dann werde ich morgen mit der Arbeit beginnen,« erklärte Tarvin. »Dabei gibt's viel zu sehen! Ich muß die geeignetste Stelle aussuchen für den Damm – ich nehme an, daß Sie mir ein paar Hundert Sträflinge zur Verfügung stellen können.« »Sind Sie deshalb hierher gekommen,« fragte der König, »um meinen Fluß abzulenken und meinen ganzen Staat auf den Kopf zu stellen?« »Weil Ihnen das Lachen gut bekommt, Maharadscha Sahid, deshalb bin ich hier. Sie wissen's ja so gut wie ich. Ich will jede Nacht Pachisi mit Ihnen spielen, bis Ihnen die Augen zufallen, und dann hab' ich noch ein Talent, das in diesem Erdteil selten vorkommt – ich kann die Wahrheit reden.« »Haben Sie mir die Wahrheit gesagt über den Maharadscha Kunwar? Ist er wirklich krank?« »Krank nicht, aber schwächlich. Dem kann indes Fräulein Sheriff vollständig abhelfen, verlassen Sie sich darauf!« »Ist das die reine Wahrheit? Bedenken Sie, daß er nach mir den Thron besteigen soll!« »Wenn ich Fräulein Sheriff recht kenne, wird er ihn auch besteigen. Nur keine unnötigen Sorgen, Maharadscha Sahib!« »Sie und Fräulein Sheriff sind sehr gut Freund miteinander? Sie kommen aus dem nämlichen Land?« »Ja, aus derselben Stadt.« »Erzählen Sie mir von dieser Stadt.« Tarvin, der sich darum nie vergebens bitten ließ, fing arglos zu erzählen an. Er erzählte des langen und breiten mit der Wahrscheinlichkeit, die er seinen Berichten zu verleihen wußte, und die Liebe zu Topaz und die Bewunderung seiner Stadt riß ihn derart hin, daß er nicht mehr bedachte, wie wenig der König den mit westamerikanischer Mundfertigkeit hervorgesprudelten Worten folgen konnte. Mitten in seiner Rhapsodie unterbrach ihn aber der Maharadscha mit der Frage: »Warum sind Sie aber nicht dort geblieben, wenn die Stadt so herrlich ist?« »Weil ich Sie sehen wollte,« versetzte Tarvin, rasch gefaßt. »Weil ich drüben von Ihnen gehört habe, Maharadscha Sahib.« »So ist es doch wahr, was meine Dichter singen, daß mein Ruhm ertönt an allen vier Enden der Welt? Ich will Bussant Naos Mund mit Gold füllen, wenn dem so ist.« »Darauf können Sie Ihr Leben wetten, Maharadscha Sahib. Ist es Ihnen aber lieber, wenn ich wieder gehe? Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen!« Tarvin that, als ob er sein Pferd herumwerfen wollte. Der Maharadscha versank für eine Weile in tiefes Nachdenken, dann begann er zu sprechen, langsam und besonders deutlich, daß Tarvin jedes Wort wohl erfassen möge. »Ich hasse alle Engländer,« sagte er. »Ihre Art ist nicht meine Art; sie machen uns nichts als Scherereien, wenn hier und da ein Mann totgeschlagen wird. Auch Tarvin Sahibs Art ist nicht meine Art, aber er macht mir viel weniger Scherereien und er ist der Freund der Doktordame.« »Auch der Freund des Maharadscha Kunwar, dächte ich,« sagte Tarvin. »Sind Sie ihm ein wahrer Freund?« fragte der Fürst, ihm scharf in die Augen sehend. »Und ob! Den Mann möchte ich sehen, der es wagen wollte, Hand an den Kleinen zu legen! Er würde verschwinden, Herr, weggefegt werden von der Erde, nicht mehr sein! Ganz Gokral Sitarun würde ich mit ihm auftrocknen!« »Ich sah, wie Sie eine Rupie im Fluge treffen, bitte, lassen Sie mich das noch einmal sehen.« Ohne einen Augenblick an die Nerven des jungen Hengstes zu denken, nahm Tarvin seinen Revolver, warf eine Münze in die Luft und feuerte. Das Geldstück, dieses Mal ein frisches, fiel, genau in der Mitte durchschossen, zur Erde; das Pferd aber machte tolle Sätze, und auch die Stute des Maharadscha tänzelte aufgeregt. Zu gleicher Zeit ertönte von hinten her dröhnender Hufschlag. Das Gefolge, das bisher seinen vorgeschriebenen Abstand von einer Viertelmeile ehrfürchtig innegehalten hatte, jagte mit eingelegten Lanzen in Carriere heran. Der König lachte verächtlich. »Sie denken, Sie hätten auf mich geschossen,« sagte er, »und wenn ich nicht Einhalt gebiete, so sind Sie ein toter Mann. Was soll ich thun?« Tarvin streckte den Unterkiefer vor, wie es in gewissen Stimmungen sein Brauch war, warf das Pferd herum und sah, die waffenlosen Hände auf dem Sattelknopf gefaltet, den Reitern entgegen, ohne den König einer Antwort zu würdigen. Der Trupp stob in unregelmäßigem Haufen heran, jeder Reiter mit eingelegter Lanze vorne über den Sattelknopf geduckt, der Anführer der Truppe ein langes, breites Radschputenschwert schwingend. Tarvin fühlte mehr, als er sah, wie die schlanken, vergifteten Lanzenspitzen auf die Brust des Hengstes zusammenliefen. Der König ritt etliche fünfzig Schritt seitwärts und beobachtete, wie er ganz allein in der flachen Ebene dem Angriff entgegensah. In dem kurzen Augenblick, wo ihn wirklich der Tod angrinste, überlegte Tarvin, daß ihm doch so ziemlich jeder andre Kunde lieber wäre als ein indischer Maharadscha. Plötzlich rief der König ein Wort, und die Lanzenköpfe senkten sich, als ob sie abgehauen worden wären. Der Trupp teilte sich und wirbelte zu beiden Seiten an Tarvin vorüber, wobei sich jeder Mühe gab, wenigstens des weißen Mannes Stiefel kräftig zu streifen. Dieser starrte vor sich hin, ohne den Kopf zu drehen; der König, der herangeritten war, brummte beifällig vor sich hin. »Würden Sie das für den Maharadscha Kunwar auch gethan haben?« fragte er, sein Pferd wendend, so daß er wieder an Tarvins Seite war. »Nein,« sagte dieser gelassen. »Da hätte ich lang vorher zu schießen angefangen.« »Was? Fünfzig Mann würden Sie der Reihe nach erschossen haben?« »Nein, aber den Anführer.« Der König schüttelte sich vor Lachen und hielt eine Hand in die Höhe. Auf dieses Zeichen ritt der Hauptmann der Leibwache heran. »Oho, Pertab Singh-Ji, er sagt, er würde dich erschossen haben,« teilte ihm der König mit und setzte, zu Tarvin gewendet, lächelnd hinzu: »Er ist nämlich mein Vetter.« Der wohlbeleibte Radschpute verzog den Mund grinsend von einem Ohr zum andern, entgegnete aber zu Tarvins höchster Ueberraschung in tadellosem Englisch: »Bei ungeschulten Truppen wäre es das Richtige, die würden mit dem Fall des Führers ausreißen, wir sind aber nach englischem Muster gedrillt, wie ich auch meinen Rang und Auftrag unmittelbar von der Königin erhalten habe. In der deutschen Armee ist der Dienst...« Tarvin riß förmlich Mund und Nase auf. »Doch, Sie sind ja nicht Fachmann in militärischen Dingen,« unterbrach sich Pertab Singh-Ji mit verbindlichem Lächeln. »Ich will nur bemerken, daß ich Ihren Schuß hörte und wohl sah, um was es sich handelte. Wir haben aber den Befehl, sofort einzuschreiten, wenn in der Nähe Seiner Hoheit ein Schuß abgegeben wird; darum bitte ich, den Ansturm zu entschuldigen.« Mit soldatischem Gruß zog er sich zu seinen Leuten zurück. Die Sonne brannte jetzt schon sehr unangenehm, und der König und Tarvin ritten in gemäßigter Gangart heimwärts. »Wieviele Sträflinge können Sie mir zur Verfügung stellen?« fragte Tarvin nach einer Weile. »So viele Sie haben wollen, die Gefängnisse sind gepfropft voll,« versetzte der König, mit Begeisterung darauf eingehend. »Bei Gott, Sahib, einen Mann wie Sie habe ich nie gesehen, ich würde Ihnen geben, was Sie haben wollen.« Tarvin nahm den Hut ab und trocknete sich unter Lachen die feuchte Stirne. »Ich nehme Sie beim Wort, und was ich fordere, soll Sie nicht einmal etwas kosten!« Der Maharadscha brummte zweifelhaft vor sich hin. Die Leute verlangten in der Regel gerade das von ihm, was er nicht hergeben mochte. »Diese Rede klingt mir fremd, Tarvin Sahib!« bemerkte er. »Und ist doch richtig. Ich wünsche nichts, als das Naulahka sehen zu dürfen. Alle Staatsdiamanten und goldenen Karossen habe ich gesehen, nur das Naulahka nicht.« Der Maharadscha trabte etliche hundert Schritte schweigend einher. »Weiß man auch davon in dem Lande, wo Sie herkommen?« fragte er dann. »Selbstverständlich! Jeder Amerikaner weiß, daß es das Großartigste in ganz Indien ist. Das steht in allen Reisehandbüchern,« log Tarvin unverfroren. »Steht in den Büchern auch, wo es ist? Die Englischen sind ja so weise!« Der Maharadscha blickte gerade vor sich hin und lächelte leise. »Nein, das steht nicht darin, aber es heißt, der Maharadscha von Gokral Sitarun wisse es, und ich möchte es sehen!« »Sie müssen wissen, Tarvin Sahib,« sagte der Fürst wie aus tiefen Gedanken heraus, »daß unsre Naulahka nicht ein , sondern das Staatskleinod ist, ein Heiligtum – Staatsglück bedeutet ja sein Name. Selbst ich habe es nicht in Verwahrung und kann nicht befehlen, daß es Ihnen gezeigt wird.« Das war eine bittere Enttäuschung für Tarvin! »Aber wenn ich Ihnen sage, wo es ist,« fuhr der König fort, »so können Sie auf Ihre eigene Gefahr hingehen, die Regierung hat da nichts drein zu reden. Ich habe gesehen, daß Sie keine Gefahr scheuen, und ich habe einen dankbaren Sinn. Vielleicht, daß die Priester es Ihnen zeigen, vielleicht auch nicht. Möglich, daß Sie die Priester überhaupt nicht antreffen – ach, ich vergaß ja! In dem Tempel, woran ich dachte, ist es gar nicht. Nein, nein, es muß im Gye-Mukh sein – das heißt Kuhmaul. Aber dort sind keine Priester und niemand geht hin. Jawohl, jawohl, im Kuhmaul ist's; ich dachte erst, es wäre in der Stadt,« setzte der Maharadscha hinzu. Es klang, als ob von einem verlorenen Hufeisen oder einem verlegten Turban die Rede wäre. »Versteht sich, im Kuhmaul,« wiederholte Tarvin, gerade wie wenn er durch seine Reisehandbücher auch über das »Kuhmaul« ganz genau unterrichtet wäre. Mit erneuter Lebendigkeit fuhr der König fort: »Bei Gott, nur ein sehr tapferer Mann wird zum Gye-Mukh gehen, nur ein so tapferer wie Sie, Tarvin Sahib« – er sah seinen Gefährten mit schlauem Blinzeln von der Seite an –. »Pertab Singh-Ji zum Beispiel, der ginge nicht, nicht um die Welt, nicht mit der ganzen Truppe, der Sie heute standgehalten haben.« »Warten Sie mit Ihren Lobeserhebungen, bis ich sie verdient habe, Maharadscha Sahib,« sagte Tarvin. »Warten Sie, bis der Fluß abgeleitet ist.« Dann versank er in Schweigen; diese letzten Mitteilungen lagen ihm ein wenig schwer im Magen. »Nein, Ihre Stadt, die wird ungefähr sein wie diese?« bemerkte der Maharadscha, nach dem vor ihnen aufsteigenden Rhatore deutend. Tarvin hatte bis auf einen gewissen Grad seine anfängliche Verachtung für Rhatore und Gokral Sitarun überwunden. Es lag in seiner Natur, den Ort, wo er lebte, und die Menschen, mit denen er lebte, gütig zu beurteilen, und diese Anlage machte sich auch in Indien geltend. »Topaz wird in kurzem größeren Umfang haben als Rhatore,« erwiderte er. »Und wenn Sie dort sind, was ist dann Ihre Würde?« fragte der Maharadscha. Ohne zu antworten, zog Tarvin Frau Mutries Telegramm aus der Tasche und reichte es dem König. Wo es seine Wahl galt, war ihm auch die Teilnahme eines opiumsaugenden Radschputen nicht gleichgültig. »Was bedeutet das?« fragte der König so verständnislos, daß Tarvin verzweifelt mit den Händen herumfuchtelte. Er erklärte nun seine Beziehungen zum Staatswesen, wobei die Legislatur von Colorado zu einem amerikanischen Parlament anwuchs. Wenn der König ihm durchaus seinen vollen Titel geben wolle, bekenne er sich zum »Ehrenwerten« Nikolas Tarvin. »Das ist so etwas wie die Mitglieder des Provinzialrats, die von Zeit zu Zeit hierher kommen?« meinte der Maharadscha, an die grauköpfigen Herren denkend, die in bestimmten Zeiträumen bei ihm erschienen, mit einer Machtvollkommenheit ausgerüstet, die der des Vizekönigs nur wenig nachgab. »Aber Sie werden doch dem ›gesetzgebenden Körper‹ keine Briefe schreiben über meine Regierungsweise?« fragte er argwöhnisch, denn ihm fielen überaus neugierige Abgesandte des britischen Parlaments ein, die wie Mehlsäcke zu Pferd saßen und ihm ohne Unterlaß Regierungsweisheit predigten, wenn er viel lieber zu Bett gegangen wäre. »Und vor allem sind Sie doch,« setzte er langsam hinzu, als man sich jetzt dem Palast näherte, »ein wahrer Freund des Maharadscha Kunwar? Und Ihre Freundin, die Doktordame, wird ihn gesund machen?« »Zu dem Zweck sind wir ja alle beide hier!« versicherte Tarvin, einer plötzlichen Eingebung gehorchend. Zwölftes Kapitel. Als er sich vom König verabschiedet hatte, wäre Tarvin am liebsten auf seinem Foxhallhengst im Galopp davon geritten, um das Naulahka zu suchen. Mechanisch wandte er sich seiner Wohnstätte zu und zog, in Gedanken verloren, die Zügel scharf an, eine Ungehörigkeit, die ihm der Hengst rasch zum Bewußtsein brachte. Das rief ihn in die Wirklichkeit zurück und lehrte ihn, sein Pferd und sein eigenes Ungestüm zu gleicher Zeit zügeln. Tarvin war schon so vertraut geworden mit indischen Benennungen, daß ihn der Ortsname »Kuhmaul« weiter nicht anfocht, aber daß ein Staatskleinod im Kuhmaul sein sollte, fand er etwas verwunderlich, und darüber wollte er sich bei Estes einige Aufklärung verschaffen. »Diese Heiden,« sagte er sich, »sind ja ganz die Leute, es in einer Salzlecke zu verstecken oder in die Erde zu vergraben! Jawohl, ein Loch in der Erde, das ist so ungefähr ihr Stil! Diamanten bewahren sie in alten Blechbüchsen auf, die sie mit Schuhriemen zuschnüren, das Naulahka hängt möglicherweise an einem Baum.« Während er jetzt auf das Missionshaus zutrabte, sah er sich seine Umgebung mit ganz neuem, erhöhtem Interesse an, denn jede Ritze zwischen den Erdwellen, jedes Haus in der winkeligen Stadt konnte ja den heiß begehrten Schatz enthalten! Estes, der schon viele Seltenheiten genossen hatte und Radschputana kannte wie der Gefangene die Wände seiner Zelle, hatte auf Tarvins Frage eine wahre Flut von Belehrungen bereit. In ganz Indien gab es »Mäuler«, von dem »Brennenden Maul« im Norden an, wo eine Ausströmung von Erdgasen von Millionen gläubiger Seelen als Verkörperung der Gottheit angebetet wurde, bis zum »Teufelsmaul« unter einigen vergessenen buddhistischen Tempelruinen in der südlichsten Ecke von Madras. Ein »Kuhmaul« befand sich auch etliche hundert Meilen von hier in einem Tempelhof von Benares und hatte großen Zulauf der Gläubigen, aber soweit Radschputana in Betracht kam, konnte es sich nur eines Kuhmauls rühmen, und das befand sich in einer toten Stadt. Und nun erging sich der Missionar weitläufig in einer Geschichte von Kriegen und Raubthaten, die mehrere Jahrhunderte umfaßte und als Mittelpunkt eine felsumgürtete Stadt in der Wildnis hatte, die einst Stolz und Ruhm der Könige von Mewar gewesen war. Tarvin hörte zu mit einer Geduld, so groß wie seine Ermüdung – die Geschichte der Vergangenheit war dem Mann, der seine Stadt in der Gegenwart errichtete, gar nicht wichtig –, während Estes sich über die Vorzeit verbreitete, die freiwillige Selbstvernichtung von Tausenden von radschputanischen Frauen schilderte, die sich in den unterirdischen Palästen mit eigenen Händen den Holzstoß geschichtet hatten, um nicht in die Gewalt der mohammedanischen Eroberer zu fallen, die wohl ihre Männer und Väter und Brüder hatten töten können, aber um den billigen Ruhm dieser Eroberung doch betrogen sein sollten. Estes fand viel Geschmack an der Archäologie, und es war ihm ein Genuß, seine Kenntnisse vor einem Landsmann zu entfalten. Seine Angaben über die Reise nach Gye-Mukh lauteten, Tarvin müsse die sechsundneunzig Meilen nach Rawut wieder im Büffelkarren zurücklegen, dort treffe er einen Zug, der ihn siebenundsechzig Meilen westwärts zu einem Knotenpunkt befördere, wo er dann umsteigen und mit einer andern Linie hundertundzwanzig Meilen nach Süden fahren müsse. Dann sei er nur noch anderthalb Wegstunden von jener Stadt entfernt und möge sich ihren wunderbaren neunstöckigen Turm des Ruhmes wie die cyklopische Stadtmauer und die verlassenen Paläste wohl anschauen. Zwei Tage würden Hin- und Herreise mindestens kosten. Als man so weit war, verlangte Tarvin eine Karte, die ihm auf den ersten Blick deutlich machte, daß Estes ihm zumutete, drei Seiten eines ungeheuren Quadrats zu umkreisen, wahrend eine spinnenfüßige Linie geradeaus von Rhatore nach Gunnaur lief. »Das käme mir kürzer vor,« sagte Tarvin, den Strich verfolgend. »Ist aber nur ein Feldweg, und von der Beschaffenheit indischer Straßen haben Sie ja einen Begriff. Siebenundfünfzig Meilen auf einer derartigen Straße in diesem Sonnenbrand, das könnte einem das Leben kosten!« Tarvin lächelte; er kannte die Angst vor der Sonne noch nicht, der Sonne, die Jahr um Jahr seinem Gefährten etwas von der Lebenskraft geraubt hatte. »Ich werde doch wohl hinreiten. Um halb Indien herumzufahren, nach einem Ziel, das mir gerade gegenüber liegt, hieße mir zuviel Zeit verschwenden, wenn es auch hierzulande Brauch sein mag.« Er fragte weiter, wie denn das Kuhmaul eigentlich beschaffen sein möge, und Estes gab ihm archäologische, philologische und architekturgeschichtliche Erklärungen, aus denen für Tarvin wenigstens hervorging, daß es ein Loch sein müsse, ein sehr altes, ganz hervorragend altes Loch von besonderer Heiligkeit, schließlich aber eben doch nichts als ein Loch im Boden. Tarvin beschloß, sofort dahin aufzubrechen, der Damm mochte warten, bis er zurückkam. Es war ohnehin zweifelhaft, ob des Königs Anwandlung von Begeisterung so weit reichen würde, daß er morgen seine Gefängnisse aufschließen ließe. Dann überlegte sich Tarvin, ob er den Maharadscha von seinem Vorhaben in Kenntnis setzen, oder erst das Naulahka besichtigen und hernach die Unterhandlungen anknüpfen solle. Da letzteres mehr in Geist und Brauch des Landes lag, entschied er sich dafür. Mit Estes' Karte in der Tasche, kehrte er ins Rasthaus zurück, um seinen Leibstall zu besichtigen. Wie jeder Westamerikaner rechnete Tarvin ein Pferd zur Notdurft des Lebens, und so hatte er sich gleich nach seiner Ankunft instinktmäßig eines angeschafft. Es war ihm dabei wohlthuend gewesen, alle Kniffe und Pfiffe der Roßhändler, mit denen er's je im Leben zu thun gehabt hatte, bei dem mageren, schwärzlichen Kabuli getreulich wiederzufinden, der ihm an einem unbeschäftigten Abend vor der Veranda des Rasthauses einen bockenden, ungebärdigen Gaul vorführte, und noch wohlthuender war es ihm gewesen, sich mit dem Kerl herumzubalgen, wie er sich daheim mit solchem Gelichter herumzubalgen pflegte. Das Ergebnis dieses in gebrochenem Englisch und äußerst nachdrücklichem Amerikanisch geführten Wortkampfes war der Ankauf eines unschönen, mausfarbigen Kathiavarhengstes von zweifelhaftem Ruf gewesen, der wegen Bosheit aus dem Dienst seiner Majestät entlassen worden war und sich mit der Hoffnung trug, auf seinen Lorbeeren ruhen zu dürfen, nachdem er das Leben mehr als eines Reitersmanns der irregulären Deolee-Kavallerie auf dem Kerbholz hatte. In Stunden, wo Tarvin um jeden Preis irgend etwas leisten, vornehmen mußte, hatte er ihm diesen Irrtum gründlich benommen, und wenn auch nicht gerade dankbar für Belehrung, so fand sich der Kathiavar doch mit Höflichkeit darein. Er führte bei seinem jetzigen Gebieter den Namen Fibby Winks, womit sein wenig kavaliermäßiges Betragen gekennzeichnet und eine Aehnlichkeit konstatiert werden sollte, die Tarvin zwischen dem schmalen, langen Pferdekopf und jenem Amerikaner fand, der ihm ein Recht streitig zu machen wagte. Tarvin traf den Gaul in der Nachmittagssonne hinter dem Rasthaus schlafend und nahm ihm die Stalldecke ab. »Wir wollen einen kleinen Spaziergang machen, Fibby,« kündigte er ihm an. Der Kathiavar schnappte und wieherte unwirsch. »Ja wohl, du warst von jeher ein Faulpelz, Fibby.« Fibby wurde von dem aufgeregten eingeborenen Diener gesattelt und Tarvin holte indes aus seinem Zimmer eine Wolldecke, die er so zusammenrollte, als enthielte sie allerhand Lebensmittel. Fibby sollte sich seine Mahlzeiten selbst suchen. Dann machte er sich auf den Weg, so leichtherzig, als ob sich's um einen Spazierritt um die Stadtmauer gehandelt hätte. Es war jetzt gegen drei Uhr nachmittags. Tarvin war entschlossen, daß Fibby mit Hilfe der Sporen den ganzen unergründlichen Vorrat von Bosheit und Halsstarrigkeit daransetzen müsse, die siebenundfünfzig englischen Meilen in zehn Stunden zu bewältigen, falls der Weg annehmbar war. Fand es sich, daß er sehr schlecht war, so würde er ihm zwölf Stunden Zeit vergönnen. Auf dem Heimweg waren dann jedenfalls die Sporen entbehrlich. Heute nacht war Mondschein und Tarvin wußte schon genug von Feldwegen in Gokral Sitarun und Bergpfaden anderwärts, um sicher zu sein, daß ihm Straßenkreuzungen kein Kopfzerbrechen kosten würden. Nachdem Fibby beigebracht worden war, daß man nicht von ihm verlangte, in drei Richtungen zumal, sondern nur in einer auszuschreiten, kaute er sich behaglich auf dem Gebiß ab, senkte den Kopf und begann kunstgerecht zu traben; da zog aber Tarvin die Zügel an und hielt ihm eine schöne Rede: »Du mußt nämlich wissen, Söhnchen, wir reiten nicht zum Vergnügen – vor Sonnenuntergang wirst du das vollständig begriffen haben. Nun hat dich irgend eine Kommißseele gelehrt, deine kostbare Zeit mit englischem Trab zu vergeuden. Wir werden uns im Verlauf unsres Unternehmens noch über verschiedene Punkte auseinandersetzen müssen, dieses aber muß jetzt schon klar werden; wir wollen nicht mit einem Frevel beginnen. Sei also so gut, Fibby, und laß das Traben und schreite aus wie ein braves, mannhaftes Roß von Natur geht.« Dieser Vortrag genügte noch nicht vollständig, vielmehr hatte Tarvin noch einige Ergänzungen nötig, bis Fibby wirklich in den leichten Laufschritt verfiel, den Eingeborene des Ostens wie des Westens reiten und der weder Pferd noch Mann ermüdet. Nun dämmerte dem Tier wohl auch eine Ahnung, daß man eine lange Reise vorhabe, denn er ließ den Schwanz hängen und legte sich ordentlich ins Zeug. Anfangs mußte er in eine Wolke sandigen Staubs schreiten, zwischen Baumwollfrachtwagen und ländlichen Karren, die sich rasselnd und knarrend nach der Bahnlinie von Gunnaur bewegten. Als die Sonne zu sinken begann, tanzte sein großer Schatten wie ein Gespenst über vulkanische Felsbrocken, die mit niederem Buschwerk oder da und dort mit einer Aloe bewachsen waren. Die Fuhrleute spannten jetzt am Straßenrand ihre Zugtiere aus und schickten sich an, bei trüb glostenden Feuern ihre Abendmahlzeit zu bereiten und zu verzehren. Fibby spitzte die Ohren und schielte wehmütig nach den Lagerfeuern, hielt aber wacker aus in der wachsenden Dunkelheit und Tarvin roch den scharfen Saft des Kameldorns, den seine Hufe zerstampften. Hinter ihnen stieg der Mond in voller Herrlichkeit auf, und seinen lauernden Schatten folgend, überholte Fibby bald einen nackten Mann, der über der Schulter einen Stecken mit bimmelnden Glöckchen trug, und schweratmend und schweißtriefend vor einem andern zu fliehen schien, der ihn mit entblößtem Schwert verfolgte. Die beiden waren der Landpostbote und die ihm zum Schutz beigegebene Wache auf dem Weg nach Gunnaur. Das Gebimmel der Glöckchen verklang in der Ferne, und Fibby ging jetzt langsamer zwischen endlosen Reihen von Dorngesträuch hin, das verzweifelt die Arme zu den Sternen emporstreckte und Riesenschatten quer über die Straße warf. Ein Nachttier brach seitwärts aus dem Dickicht und Fibby schnaubte in Todesangst. Dann raschelte ein Stachelschwein gerade vor seinen Füßen über den Weg und verpestete die stille Luft eine ganze Strecke weit mit seinem Gestank. Ein Stück weiter tauchte ein Lichtschein auf; ein Büffelkarren war zusammengebrochen und die Treiber schliefen friedlich, um erst bei Tageslicht den Schaden zu untersuchen. Hier blieb Fibby einfach stehen und sein Herr weckte die Schläfer etwas unsanft, machte sie aber durch eine Rupie, die solchen Leuten ein Vermögen bedeutet, höchst willig, dem Pferd Futter und Wasser zu reichen. Tarvin lockerte ihm die Gurten und behandelte ihn so artig als möglich, und als Fibby sich neu gekräftigt wieder auf den Weg machte, war er zum zweitenmal voll guten Willens. Das Blut seiner Ahnherrn, ihre Abenteuerlust und Kühnheit schien sich in ihm zu rühren! Stammte er doch von einem Geschlecht, das gewöhnt war, seinen Herrn an einem Tag dreißig Seemeilen weit zu tragen, um, während eine Stadt eingeäschert wurde, angepflockt an eine Lanze, kurze Rast zu halten, und ehe die Asche der niedergebrannten Häuser verkühlt war, wieder zu stehen, von wannen man gekommen war. So hob nun Fibby mutvoll den Schweif, wieherte und setzte sich in Bewegung. Die Straße führte nun meilenlang abwärts, kreuzte verschiedene ausgetrocknete Wasserläufe, einmal auch einen breiten seichten Fluß, wo Fibby einen ausgiebigen Trunk that und sich gern in einem Melonenbeet gewälzt haben würde, wenn ihn die scharfen Sporen nicht gleich wieder den jenseitigen Abhang hinaufgetrieben hätten. Das Land wurde von Viertelstunde zu Viertelstunde fruchtbarer, die Erdwellen breiter; im Licht des sinkenden Monds schimmerten die opiumtragenden Mohnfelder silberweiß, in dunkeln Wassern ragte das Zuckerrohr. Aber Mohn und Zuckerrohr verschwanden jählings, als Fibby jetzt eine lange steile Böschung hinunterklettern mußte, mit weitgeöffneten Nüstern den Morgenwind witternd. Er wußte wohl, daß der Tag ihm Ruhe bringen würde. Tarvin folgte mit spähendem Blick der weißen Straßenlinie, die im sammetigen Dunkel niedrigen Buschwerks verschwand. Er überblickte von hier eine weite, von sanftgeschwungenen Hügellinien umrandete Ebene, die von seinem erhöhten Standpunkt aus so glatt erschien wie der Meeresspiegel. Und gleich der See trug sie auf ihrer Brust ein Schiff, einen gigantischen Monitor, der mit scharfgeschwungenem Bug in gerader Richtung von Norden nach Süden strebte. Es war ein Schiff, wie es noch kein Menschenauge erblickt hat, wohl zwei Meilen lang mit drei- bis vierhundert Fuß freien Raums auf Deck, einsam, schweigend, ohne Masten und Lichter, herrenlos auf der Erde treibend. »Wir sind nah am Ziel, Fib, mein Junge,« sagte Tarvin, die Zügel anziehend und das gespenstische Ungeheuer im Sternenschein ermessend. »Wir wollen ihm so nah kommen, als wir können, und dann das Tageslicht abwarten, eh wir an Bord gehen.« Das Pferd kletterte den mit scharfen Steinen und schlafenden Ziegen übersäten Abhang hinunter. Dann machte die Straße eine scharfe Biegung nach links und lief nun parallel mit der Längsseite des Schiffs, Tarvin aber trieb das Pferd rechts ab in einen kürzeren Fußpfad, wo das arme Tier kläglich zwischen Büschen und Wurzeln und einem ganzen Netzwerk bis zu sechs Fuß tiefer, vom Regen eingerissener Wasserrinnsale hinstolperte. Endlich stöhnte Fibby in heller Verzweiflung laut auf, und jetzt erbarmte sich Tarvin seiner, stieg ab, band ihn an einen Baumstamm und ermahnte ihn, bis zur Frühstückszeit über seine Sünden nachzudenken. Er selbst war vom Sattel herab in ein ausgetrocknetes, stauberfülltes Wasserloch geraten, zehn Schritte weiter und das Buschwerk schlug über ihm zusammen, peitschte seine Stirn, hakte seine Dornen in seine Kleider ein und streckte seinen Knieen Luftwurzeln entgegen, die es fast unmöglich machten, den immer steiler werdenden Pfad zu erklimmen. Schließlich arbeitete sich Tarvin auf Händen und Knieen rutschend weiter, von Kopf bis zu Fuß mit Staub und Erde und Laub überzogen, kaum mehr zu unterscheiden von den Wildschweinen, die da und dort wie schieferfarbige Schatten durch das Dickicht schlüpften, nach nächtlichem Raubzug ihre Ruhestätten aufzusuchen. Viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich durch ihr Grunzen stören zu lassen, stemmte und schwang er sich in die Höhe, die Wurzeln schüttelnd, als ob er das Naulahka aus den Tiefen der Erde zu Tag fördern wollte, und bei jedem Ruck und Tritt gotteslästerlich fluchend. Als er endlich einen Augenblick stille hielt, um sich den Schweiß von der Stirne zu wischen, entdeckte er mehr durch Betastung als mit dem Auge, daß er dicht am Fuß einer Mauer in die Kniee gesunken war, die bolzgerade bis zu den Sternen aufzusteigen schien. Aus dem Dickicht unter ihm erklang Fibbys klägliches Wiehern. »Dir thut nichts weh, mein Sohn,« sagte Tarvin, nach Luft schnappend und das dürre Gras ausspeiend, das ihm zwischen die Zähne geraten war, »du kannst von Glück sagen, daß du nicht an meiner Stelle bist und daß dir niemand zumutet, heute nacht das Fliegen zu erlernen!« Dabei schielte er mutlos an der glatten Mauerfläche empor und gab einem Eulenruf einen leisen Pfiff zur Antwort. Jetzt versuchte er, längs der Mauer weiterzukommen, die eine Hand gegen die roh behauenen Steine gestemmt, mit der andern seine Augen vor dem Buschwerk wahrend. Zwischen zwei Cyklopensteinen hatte einst ein Feigenkern Raum und dann jahrhundertelang ungestörte Muße gefunden, sich zu einem knorrigen, trotzigen Baum zu entwickeln, der sich zwischen die Fugen drängte und das Mauerwerk da und dort sprengte. Tarvin überlegte eine Weile, ob er auf den Ansatz des untersten Astes steigen solle, ging noch ein paar Schritte weiter, um sich die Sache von beiden Seiten anzusehen, und stand nun plötzlich vor einer Lücke in der Mauer, die in ihrer ganzen Dicke von wohl zwanzig Fuß so breit gespalten war, daß ein ganzes Regiment hätte durchziehen können. »Das sieht ihnen ähnlich! So sind sie!« brummte Tarvin vor sich hin. »Das hätte ich mir ja denken können! Eine sechzig Fuß hohe Mauer aufrichten und ein achtzig Fuß breites Loch darin anbringen! Das Halsband hängt wahrscheinlich an einem Busch oder ein Kind spielt damit und – ich kann's nicht erreichen!« Er stolperte über den Schutt in der Öffnung hinüber und stand dann mitten unter geborstenen Pfeilern, Steinplatten, herabgestürzten Tragsteinen und eingesunkenen Grabmälern. Fast unter seinen Reitstiefeln hörte er ein leises, langgedehntes Zischen – keinem vom Weibe Geborenen braucht die Stimme der Schlange erst vorgestellt zu werden, er kennt sie beim ersten Mal. Er machte einen Satz und stand dann still. Fibbys Wiehern drang nur noch ganz schwach an sein Ohr. Der Morgenwind strich durch die Kluft in der Mauer und Tarvin trocknete sich erleichterten Herzens die Stirn. Weiter vordringen wollte er erst, wenn es Tag wurde, jetzt war es an der Zeit, sich zu stärken. Daß es dabei angebracht war, sich nicht vom Fleck zu rühren, hatte ihn die zischende Stimme gelehrt. So zog er denn seine Feldflasche und seinen Mundvorrat aus der Rocktasche und aß mit wahrem Heißhunger, ohne dabei die gespannte Umschau zu versäumen. Das nächtliche Dunkel lüftete sich schon ein wenig und er unterschied den Umriß eines großen Gebäudes, von dem ihn nur ein paar Schritte trennten. Seitwärts davon tauchten andre Schatten auf, blaß und geisterhaft wie Traumgesichter, Schatten von Tempeln und abermals Tempeln und Häusern. Der Wind, der zwischen ihnen durchfuhr, trug das sausende Geräusch von seinem Hauch gepeitschter Hecken mit sich. Die Schatten wurden größer und greifbarer, und Tarvin sah jetzt, daß er mit dem Gesicht gegen ein umgestürztes Grabmal stand. Jetzt mußte er die Augen eindrücken, denn ohne alle vorbereitenden Anzeichen war jählings in seinem Rücken die Morgenröte aufgeschossen und hatte die Stadt der Toten aus dem Dunkel der Nacht gehoben. Weiträumige zackenkupplige Paläste enthüllten, blutrot übergossen, ihre unheimliche Leere und starrten in den Tag hinein, der ihre innersten Räume durchdrang. Singend, pfeifend strich der Wind durch die öden Straßen, und da er niemand fand, der ihm Antwort gegeben hätte, ging er wieder, eine Wolke von Schutt und Staub vor sich her jagend, die er plötzlich zu einem kleinen Cyklontrichter zusammendrehte und seufzend hinwarf. Zierliches, marmornes Netzwerk, das aus einer Fensterfüllung herabgestürzt war, lag auf dem dürren Gras und eine Eidechse kroch darüber hin, um sich zu sonnen. Schon war die glühende Morgenröte verflogen, erbarmungslos klares Licht lag auf allem, ein Weih kreiste am wolkenlosen blauen Himmel; der kaum geborene Tag hätte schon so alt sein können wie die tote Stadt. Es war Tarvin, als ob der Tag und er selbst stillstünden, um auf den Flügeln ziellos hingewirbelten Staubs die Jahrhunderte an sich vorüberlauschen zu hören. Als er jetzt die erste Straße betrat, spazierte ein Pfau aus dem leeren Thorbogen eines hoffärtigen roten Hauses und schlug im Glanz der Sonne ein prachtvolles Rad. Tarvin blieb stehen und nahm vollkommen ernsthaft vor dem königlichen Vogel den Hut ab, das einzige lebende Wesen grüßend, das sich im Farbenschmuck seines Gefieders leuchtend von der Steinwelt abhob. Das Schweigen des Orts und die vermessene Nacktheit der leeren Gebäude legten sich ihm wie ein schwerer Druck auf die Seele. Lange Zeit war Tarvin nicht einmal im stand, vor sich hinzupfeifen, sondern wanderte planlos zwischen den Mauern umher, besah sich die ungeheuren, natürlich ausgetrockneten Wassersammler, die hohlen Schilderhäuser, womit die Verschanzung wie mit Nägeln besetzt war, die von der Zeit morsch gewordenen Bogen, die jeden Straßeneingang überspannten, und vor allem den neunstöckigen Turm des Ruhmes mit seinem halbeingestürzten Dach, das in einer Höhe von hundertfünfzig Fuß in die Luft ragte, um dem umliegenden Land zu sagen, daß die königliche Stadt nicht tot sei, sondern sich eines Tags wieder bevölkern werde mit Menschen. Nach mühsamem Aufstieg in dem Turm, dessen Außenwände eine völlige Kruste von Hochreliefdarstellungen menschlicher und tierischer Gestalten trugen, sah Tarvin herab auf das weite schlafende Gelände, worin die Totenstadt lag. Er sah die Straße, die er zur Nachtzeit geritten war, und konnte sie dreißig Meilen weit verfolgen, wie sie bald in einer Einsenkung verschwand, bald wieder auftauchte, er überblickte die weißen Mohnfelder und das braungrüne Buschwerk und sah, wie die endlose Ebene im Norden vom funkelnden Schienenstrang der Bahnlinie durchschnitten wurde. Wie zur See vom höchsten Mastkorb hielt er Umschau aus seiner luftigen Höhe, denn sobald er wieder unten war in der Stadt, beraubte ihn das himmelhoch ragende Bollwerk jedes Ausblicks. An der Nordseite, wo die Eisenbahnlinie der Stadt am nächsten kam, liefen steingepflasterte Laufgräben an der Böschung hinunter, die sich von dieser Höhe genau ausnahmen wie die herabgelassenen Fallreepstreppen an einem Schiff, und durch die von der Zeit und wuchernden Bäumen gerissenen Lücken in der Mauer sah man den fernen bläulichen Horizont der Ebene hereinschimmern, gerade als ob es die tiefblaue See wäre. Eingedenk, daß Fibby im Gesträuch auf sein Frühstück wartete, beeilte er sich, die zerbröckelnden Stufen wieder hinabzusteigen, und eingedenk des Wesentlichen, was ihm Estes über die Lage des Kuhmauls gesagt hatte, schlug er ein Seitensträßchen ein, wobei er vielen Eichhörnchen und Affen in die Quere kam, die im kühlen Dunkel der leeren Thorbogen ihre Wohnung aufgeschlagen hatten. Das letzte der Häuser endete in einem von Mimosen und Binsen überwucherten Schutthaufen, durch den schmale Fußspuren liefen. Tarvin nahm Notiz von diesem Haus, als der ersten thatsächlichen Ruine, die er zu Gesicht bekam. Was er den Tempeln und Palästen hauptsächlich zur Last legte, war, daß sie eben keine Ruinen waren, sondern nur leer, tot, ausgefegt, von den Teufeln der Einsamkeit schwelgerisch in Besitz genommen. Mit der Zeit, in ein paar Tausend Jahren vielleicht, würde die Stadt in Staub und Moder zerfallen, dieses Haus wenigstens war mit gutem Beispiel vorangegangen. Die Fußspur, der er folgte, führte ihn auf einen vorspringenden massiven Felsblock, der wie ein Wasserfall überhing. Kaum hatte indes Tarvin einen einzigen Schritt darauf gemacht, als er auf der Nase lag, denn das Gestein hatte tiefe Rinnen glätter als Eis, die von Millionen nackter Füße eingetreten und blank poliert worden waren; wie lange diese Füße dazu gebraucht hatten, würde kein Mensch nachrechnen können. Als er sich wieder aufrichtete, hörte er ein boshaftes Kichern und Glucksen, das halb unterdrückt mit einem Stickhusten endete, dann ganz verstummte und von neuem wieder anhob. Tarvin schwor sich im stillen, den Spötter ausfindig zu machen und zu bestrafen, sobald er sein Halsband gefunden haben würde, und gab dann etwas besser acht auf sein Gleichgewicht. An dem Punkt, wohin er jetzt gelangt war, schien es ihm, als ob das Kuhmaul ein ausgedienter Steinbruch wäre, dem die Schlingpflanzen aus dem Hals wuchsen. Der Blick auf alles tiefer Liegende war durch das dichte Laubwerk von Bäumen versperrt, die sich aufwärts reckten und ihre Köpfe zusammenstreckten wie eine Leichenwache über einem Toten. Früher hatten in den Fels gehauene Stufen den beinahe senkrechten Abhang hinunter geführt, sie waren aber von den nackten Füßen längst zu bloßen glasigen Runzeln abgeschliffen worden, und der vom Wind hergetragene Staub hatte in den Vertiefungen eine dünne Erdschichte angesetzt. Tarvin spähte längere Zeit ärgerlich hinunter, denn das Hohngelächter drang wieder aus der Tiefe herauf, dann stieg er, die Stiefelabsätze tief in die Mulden bohrend, Schritt für Schritt hinab und suchte von Zeit zu Zeit an einem Grasbüschel Halt. Ehe er sich's versah, war er der Sonne entrückt und stand bis über die Schultern in hohem, hartem Gras. Die Fußspur führte immer noch weiter, die Senkung dauerte an und er griff beim Weiterschreiten mit beiden Händen in die starken Grashalme. Jetzt fühlte er eine Feuchtigkeit an seinen Ellbogen und sah, daß der Fels, wo dieser aus der Erde ragte, von Nässe zerfressen und mit Moos überzogen war. Die Luft wurde feucht und kühl und beim nächsten Schritt, den er mehr hinabrutschte als ging, sah er, auf einem breiteren Steinvorsprung aufatmend, was ihm das Geäst der Bäume bisher verhüllt hatte. Die Stämme wuchsen aus der Umfassungsmauer eines viereckigen Teichs empor, dessen Wasser so still stand, daß es längst den Höhepunkt der Fäulnis überschritten hatte und phosphorisch leuchtend im fast nächtlichen Schatten des üppigen Laubwerkes lag. Durch die Sommerhitze war der Spiegel gesunken, und so zog sich eine Bank getrockneten Schlamms rundum. Das Kapitäl eines umgesunkenen Pilasters, in das ungeheuerliche und unzüchtige Götzenbilder gehauen waren, ragte aus der Pfütze empor wie der Kopf einer aufs Land zusteuernden Schildkröte. Hoch über Tarvins Haupt, da wo noch Sonnenstrahlen durchs Gezweig drangen, schwirrte es von Vögeln; kleine Zweigchen und Beeren fielen zuweilen herab in das tote Gewässer und ihr Aufklatschen hallte wider von den Rändern des Teichs, der von keinem Sonnenschein wußte. Das Kichern und Glucksen, das Tarvin so geärgert hatte, ertönte jetzt aufs neue, dieses Mal in seinem Rücken. Sich scharf umwendend, entdeckte er, daß es von einem dünnen Wasserstrahl herrührte, der stoßweise aus dem Maul eines roh in Stein gehauenen Kuhhauptes hervorsprudelte und über eine Steinrinne in den regungslosen blauen Teich rieselte. Unmittelbar dahinter stieg die steile Felswand auf, an der er herabgeglitten war. Das war also das Kuhmaul. Der Teich lag am Boden eines hohen Schachts, und der einzige Weg, der aus Licht und Sonnenglut in dieses düstere nasse Gewölbe führte, war der, den Tarvin gekommen war. »Recht freundlich vom König, das muß ich sagen,« brummte er, vorsichtig auf dem Gesimse weitergehend, das fast ebenso schlüpfrig war wie sein Felsenabstieg. »Was in aller Welt soll dabei herauskommen?« Er kehrte wieder um, denn das Gesimse war nur an einer Seite des Teichs erhalten, während die andern drei von lehmigen Schmutzanhäufungen eingefaßt waren, die zu betreten nicht ratsam schien und die ihm doch die einzige Möglichkeit boten, seine Erforschung weiter zu treiben. Jetzt kicherte und gluckste das Kuhmaul wieder, weil sich ein neuer Wasserstrudel durch seine unförmlichen Kinnladen drängte. »So vertrockne doch!« brummte Tarvin ungeduldig, indes er sich ziemlich ratlos in dem Halbdunkel umsah. Er warf zuerst einen Felsbrocken auf den Schmutzwall, betastete ihn dann vorsichtig mit der Zehenspitze und beschloß, da er ziemlich verläßlich zu sein schien, den Umgang zu wagen. Da an der rechten Seite des Teichs mehr Bäume standen als an der linken, wählte er diese und hielt sich für den Fall eines Fehltritts vorsichtig an den Zweigen fest. Ursprünglich war die Felseneinfassung des Teichs vollkommen wagrecht gewesen, aber Zeit, Feuchtigkeit und die eroberungslustigen Baumwurzeln hatten die Steine an tausend Stellen gesprengt und gespalten, so daß der Fuß nur hie und da zweifelhaften Halt fand. Entschlossen, ringsum zu wandern, arbeitete sich Tarvin an der rechten Seite des Teichs weiter. Die Dämmerung vertiefte sich noch, als er jetzt unmittelbar unter dem größten der Feigenbäume war, der tausend Arme über das Wasser hinbreitete und mit schlangenhaft gewundenen Wurzeln vom Durchmesser eines männlichen Körpers am überhängenden Felsen hinaufkletterte. Hier ruhte Tarvin eine Weile, in einer Wölbung des Geästes sitzend, um sich noch klarer zu verdeutlichen, wie der Ort beschaffen war. Die Sonne schoß den schlüpfrigen Pfad herunter, den er gekommen war und der ihm nun gerade gegenüber lag, und sie warf einen breiten Lichtfleck auf das verwitterte buntschimmernde Marmorgesims des jenseitigen Teichrands und auf die stumpfe Schnauze des Kuhmauls. Da wo Tarvin saß, herrschte volle Finsternis und ein fast unerträglicher Moschusgeruch. Das faulig schillernde Wasser war kein einladender Anblick, und so sah er lieber in die Höhe nach den Bäumen und dem überhängenden Gestein in seinem Rücken und entdeckte auch die smaragdenen Flügel eines Papageis, der sich auf einem der oberen Zweige schaukelte. Nie im Leben hatte Tarvin den gesegneten Sonnenschein so vermißt und herbeigesehnt. Er fror und hatte ein Gefühl eindringender Feuchtigkeit am ganzen Körper, auch merkte er deutlich, daß ein kalter Luftzug gegen sein Gesicht wehte, sobald er es dem Felsen und den Schlangenwurzeln zukehrte. Mehr sein Raumgefühl als thatsächliche Wahrnehmung sagte ihm, daß hinter den Wurzeln, worauf er saß, ein Zugang, ein unterirdischer Durchgang sein müsse, und mehr die angeborene amerikanische Neugierde, als eigentliche Abenteuerlust trieb ihn, sich in die Dunkelheit zu stürzen, die sich vor ihm aufthat und hinter ihm zusammenschlug. Er fühlte, daß er behauene Steine mit einer dünnen trockenen Erdschicht unter den Füßen hatte, und als er die Arme ausbreitete, konnte er zu beiden Seiten Mauerwerk fühlen. Er steckte ein Streichholz an und verwünschte seine Unbekanntschaft mit Kuhmäulern, die ihn das Mitbringen einer Laterne hatte versäumen lassen. Das erste Streichholz flammte flackernd auf, um in dem starken Luftzug sofort zu erlöschen, und eh' noch das Hölzchen verglüht war, hörte er vor sich ein Geräusch, wie es etwa die zurückweichende Welle auf kiesigem Strand hervorbringt. Sehr ermutigend klang der Ton nicht, aber Tarvin arbeitete sich, nachdem er sich mit rascher Kopfwendung überzeugt hatte, daß das Tageslicht noch in gerader Linie hinter ihm glimmte, doch ein paar Schritte weiter und strich ein zweites Zündholz an, das er dieses Mal mit der Hand vor dem Luftzug schützte. Beim nächsten Schritt überlief ihn ein Schauder, sein Stiefelabsatz hatte einen Totenschädel zermalmt. Das flackernde Lichtchen zeigte ihm, daß er den Durchgang selbst schon hinter sich hatte und jetzt in einem pechschwarzen Raum von unerkennbarem Umfang stand. Er glaubte einen Pfeiler, nein ganze Reihen von Pfeilern zu unterscheiden, die in dem unstäten Lichtschein wie Betrunkene schwankten: sicher war er dessen nicht, um so sicherer aber, daß der Boden unter ihm vollständig bedeckt war mit Totengebeinen. Jetzt wurde er sich auch bewußt, daß ein Paar smaragdgrüner Augen ihn unverwandt anstarrten und daß tiefe schnaubende Atemzüge durch den Raum tönten, die nicht von ihm herrührten. Er warf das Zündholz weg, die Augen zogen sich zurück, ein fürchterliches Rascheln und Krachen ertönte in der Finsternis, ein Geheul erklang, das von Mensch oder Tier herrühren konnte, und Tarvin sprang nach links, schwang sich atemlos keuchend über die Baumwurzeln und floh in wildem Lauf um den Teich herum, bis er wieder auf dem festen Gesims stand, wo er, das Kuhmaul im Rücken, Halt machte und seinen Revolver hervorzog. In diesem Augenblick der Erwartung, was aus dem unterirdischen Gang hervorkommen werde, lernte Tarvin kennen, was rein physische Todesangst heißt. Dann bemerkte er plötzlich, ohne recht hinzusehen, daß ein Teil des Schlammwalls zur Linken, den er nur deshalb nicht betreten hatte, weil weniger Zweige darüber hinragten, sich in Bewegung setzte. Es war ein sehr beträchtlicher Teil, wohl die Hälfte der ganzen Länge und dieser Teil ruderte langsam über das Wasser, ein langer Streifen von Schleim und Schlamm. Aus dem Loch hinter den Wurzeln des Feigenbaumes kam nichts heraus, aber hart an dem Gesims, worauf Tarvin stand, fast unter seinen Schuhsohlen, fing der Schlammwall zu grunzen an und äugte zwischen hornigen mit grünlichem Schleim verklebten Augenlidern zu ihm hinauf. Der Amerikaner des Westens ist mit vielen seltsamen Erscheinungen vertraut, aber der Alligator gehört nicht in den Kreis seiner üblichen Lebenserfahrungen. Zum zweitenmal an diesem Tag legte Tarvin einen schwierigen Weg zurück, ohne recht inne zu werden, was er that. Ehe er sich's versah, saß er im sengenden Sonnenlicht oberhalb des schlüpfrigen steilen Pfades, der in die Tiefe führte. Seine beiden Hände waren voll von heilsamem hartem Dschungelgras und reinlicher trockener Erde, er sah die tote Stadt vor sich und um sich und fühlte sich geborgen. Das Kuhmaul kicherte und gluckste unsichtbar, wie es gegluckst hatte, als der Teich angelegt worden war, und das mag geschehen sein, als die Zeit überhaupt entstand. Ein verkrüppelter alter Mann, fast vollständig nackt, kam mit einem jungen Zicklein, das er am Strick zog, durch das hohe Gras geschritten und rief von Zeit zu Zeit: »Ao, Bhai! Ao! Komm, Bruder! Komm!« Tarvin war erst starr vor Staunen, überhaupt ein menschliches Wesen zu erblicken, und noch mehr, dieses Wesen mir nichts dir nichts zu den Greueln der Finsternis hinabsteigen zu sehen. Er wußte eben nicht, daß dem heiligen Krokodil beim Kuhmaul allmorgendlich sein Frühstück gebracht wurde, wie es ihm gebracht worden war in den Tagen, wo Gunnaur von Menschen gewimmelt und seine schönen Königinnen noch nichts geahnt hatten von Tod und Verödung. Schluß des ersten Bandes. Zweiter Band. Dreizehntes Kapitel. Eine halbe Stunde später verzehrten Tarvin und Fibby einträchtiglich ihr Frühstück in dem sonndurchspähten Schatten des Buschwerks am Fuße der Mauer. Das Pferd vergrub die Nase in seinen Futtersack und sagte gar nichts, und der Mann verhielt sich nicht weniger schweigsam. Zwei- oder dreimal sprang er auf, betrachtete prüfend die unregelmäßigen Linien von Mauer und Wall und schüttelte den Kopf. Nein, er hatte keine Lust, dorthin zurückzukehren. Als die Sonne heißer und heißer zu brennen anfing, suchte er sich einen geeigneten Ruheplatz in einem Kreis von Dornbüschen, schob sich den Sattel unter den Kopf und legte sich zum Schlafen nieder. Fibby fand das Beispiel seines Herrn durchaus nachahmenswert und wälzte sich wohlig im Gras. So pflegten die beiden der Ruhe, während die Luft vor Hitze brodelte und vom Summen der Insekten schwirrte, und die werdenden Ziegen mit tapp tapp kletterten oder durch die Wasserrinnen platschten. Der Schatten vom Turm des Ruhmes wuchs, er fiel über die Mauer hinüber und streckte sich lang hinaus ins flache Land, die Weihen senkten sich paarweise oder zu dreien aus der Höhe herab, nackte Kinder, die einander mit schallender Stimme anriefen, sammelten die zerstreuten Ziegen, um sie heimzutreiben in die rauchigen Hütten der nahen Dörfer, und nun erst schickte sich Tarvin zur Heimreise an. Als er die Anhöhe gegenüber der Stadt wieder erreicht hatte, hielt er Fibby an, um einen letzten Blick auf Gunnaur zu werfen. Die Sonne hatte sich schon von den Mauern verabschiedet, die nun pechschwarz aus der dunstbedeckten Ebene und dem bläulichen Zwielicht in die Luft aufragten. Aus einem Dutzend Höhlen rings am Fuß des Bollwerks zwinkerten Hirtenfeuer auf, aber längs der Umfassung des trostlosen Orts schimmerte kein Licht. »Ein trübseliges Nest, Fibby,« sagte Tarvin, die Zügel aufnehmend. »Wir halten nicht viel von unsrer Landpartie und werden in Rhatore nicht darüber reden, merk' dir das, mein Sohn!« Er trieb das Pferd an und Fibby jagte heimwärts, daß die Funken stoben; er hatte es so eilig, daß er unterwegs nur ein einziges Mal eine Stärkung verlangte. Tarvin that auf dem langen, langen Ritt den Mund nicht mehr auf, aber als er im hellen Morgensonnenschein vor dem Rasthaus abstieg, entrang sich ein tiefer Atemzug der Erleichterung seiner Brust. Als er dann in seinem Zimmer saß, bereute er es zwar tief, sich nicht in Gunnaur eine Fackel zurecht gemacht und das unterirdische Gewölbe genauer untersucht zu haben, aber sobald ihm die grünen Augen und der Moschusgeruch in Erinnerung kamen, schauderte ihn. Das Ding war unausführbar. Nie wieder, mochte ihn locken, was da wollte, würde er, solang er im gesegneten Licht der Sonne wandelte, einen Fuß in die Höhle des Kuhmauls setzen, so fremd seiner Natur die Furcht war. Es war sein Stolz, in allen Stücken immer zu wissen, wann er genug hatte. Vom Kuhmaul hatte er genug gehabt, und das Einzige, wonach ihn in Beziehung darauf noch gelüstete, war, dem Maharadscha die Meinung darüber zu sagen. Daran war aber unglücklicherweise gar nicht zu denken. Der müßige Monarch, der ihn, wie er nun deutlich sah, dorthin gewiesen hatte, entweder in einer Anwandlung despotischer Sport- und Spottlust, oder um ihn von der richtigen Fährte des Halsbands abzulenken, war und blieb ja der einzige Mensch, von dessen Wohlwollen der endliche Sieg abhing. Dem Maharadscha zu sagen, was er von ihm dachte, wäre ein Genuß gewesen, den er sich leider versagen mußte. Glücklicherweise fand der König zu viel Spaß an den Arbeiten am Ametfluß, die Tarvin gleich am nächsten Tag einleitete, um sich eingehend zu erkundigen, ob sein Freund das Naulahka im Gye-Mukh gesucht habe oder nicht. Am Morgen nach seiner Rückkehr von dem unheimlichsten Fleck Erde, den er je gesehen hatte, war Tarvin vor dem Maharadscha erschienen mit der Miene eines Mannes, der nicht ahnt, was Furcht ist, und nie eine Enttäuschung erfahren hat, und hatte ihn fröhlich an die Erfüllung seines Versprechens gemahnt. Nach dem bedeutenden Mißerfolg in einer Richtung, fühlte er das Bedürfnis, auf der Stelle den ersten Spatenstich an einem neuen Werk zu thun, gerade wie die Bewohner von Topaz am Morgen nach dem großen Brand zu bauen angefangen hatten. Seine Erlebnisse am Gye-Mukh stählten nur seine Entschlossenheit und gesellten ihr das ingrimmige Verlangen bei, mit dem Mann, der ihn hingeschickt hatte, Abrechnung zu halten. Der Maharadscha, der an diesem Morgen ganz besonders zerstreuungsbedürftig war, zeigte sich voll Eifers, Wort zu halten, und erteilte Befehl, daß dem langen Engländer, mit dem er Pachisi spiele, so viel Mannschaft zur Verfügung gestellt werden solle, als er verlange. Tarvin stürzte sich in die Ableitung des Flusses und die Erbauung des Damms mit der ganzen Willenskraft der Wut, die aus der Erinnerung an die fraglichsten und ungemütlichsten Augenblicke seines Lebens immer neue Nahrung sog. In dem Land, worein er geraten war, schien es ja nötig zu sein, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, um seine Absichten zu verbergen, und das wollte Tarvin in einem Maßstab besorgen, der dem Abenteuer, das er selbst bestanden hatte, entsprechen würde. Geschäftsmäßig, gründlich, unerbittlich wollte er sie in wahre Wirbelstürme von Sand einhüllen. Der Anfang seiner Thätigkeit war wirklich verblüffend und in Sandwolken gehüllt. Seit der Gründung dieses Staats hatte man nichts Derartiges zu sehen bekommen in Gokral Sitarun. Der Maharadscha stellte ihm die ganze Arbeitskraft seiner Sträflinge zur Verfügung, und Tarvin ließ die kleine Armee an den Beinen gefesselter »Kaidies« fünf Meilen vor der Stadt ein Feldlager beziehen und entwarf höchst feierlich die Pläne für die zwecklose Stauung des halb eingetrockneten Amet. Seine frühere Ausbildung zum Ingenieur kam ihm jetzt sehr zu statten, denn er war wenigstens im stande, die Arbeiten sachgemäß anzuordnen und seinem Werk den Anschein der Zweckmäßigkeit zu verleihen. Am Ausgangspunkt einer ungeheueren Schleife, die der Fluß beschrieb, sollte das Wasser durch einen Querdamm gestaut und dann ein neues Bett gegraben werden, das in gerader, bedeutend kürzerer Linie an den Weiterlauf anschließen würde. Auf diese Weise war das alte Flußbett auf verschiedene Meilen bloßgelegt, und falls sich überhaupt Gold darin fand, sagte sich Tarvin, könne man sich ja wohl die Zeit nehmen, es herauszuschaffen. Einstweilen fand der König das Unternehmen höchlich unterhaltend, ritt jeden Morgen hinaus und sah eine Stunde oder länger mit an, wie Tarvin seine Mannschaft befehligte. Das Hin- und Hermarschieren der Sträflinge in wohlgeordneten Reihen mit Körben, Schaufeln und Spaten, die Esel mit zwei großen Tragkörben, die verschwenderisch ausgeführten Felssprengungen, das Geschrei und das emsige Gewimmel, das alles ergötzte den König, in dessen Anwesenheit Tarvin auch immer die größten Sprengungen vornehmen ließ. Da der König das Pulver lieferte, überhaupt die Kosten des ganzen Vergnügens trug, fand Tarvin dies nur recht und billig. Zu den minder angenehmen Obliegenheiten Tarvins gehörte die Notwendigkeit, jeden Tag dem Oberst Nolan, dem König und sogar allen Handlungsreisenden, die im Rasthaus einkehrten, seine Gründe für die Stauung des Flusses auseinanderzusetzen, so oft es eben dem einen oder andern beliebte, danach zu fragen. Ja, sogar die kaiserlich indische Regierung fragte nach diesen Gründen und zwar schriftlich, sie wollte ferner wissen, weshalb Oberst Nolan die Arbeiten am Amet zulasse, und sogar, warum der Maharadscha einen Ingenieur, der nicht von der Regierung angestellt und mit keinerlei Machtbefugnissen versehen sei, den Amet ableiten lasse. Diese Anfrage war von dem Ersuchen um nähere Auskunft begleitet. Tarvin für sein Teil erfand eine so vortrefflich ausweichende und eigentlich nichtssagende Antwort, daß er sich schmunzelnd sagen konnte, eine bessere Vorbereitung für die staatsmännische Laufbahn zu Hause hätte er gar nicht finden können. Der Oberst Nolan gab amtlich bekannt, die Arbeit der Sträflinge würde bezahlt, und fügte vertraulich bei, der Maharadscha sei so erstaunlich fügsam und artig, seit ihm dieser hereingeschneite Amerikaner die Langeweile vertreibe, daß es Sünd' und schade wäre, ihn um sein Vergnügen zu bringen. Oberst Nolan war persönlich stark beeinflußt von dem Umstand, daß Tarvin der Ehrenwerte Nikolas Tarvin und Mitglied eines gesetzgebenden Körpers in den Vereinigten Staaten war. Die Regierung, der die ununterdrückbare Rasse bekannt genug war, die in Reiterstiefeln in den Rat des Königs tritt und von Arracan bis zum Peschin das Recht zu Oelbohrungen fordert, wandte nichts dagegen ein, wiederholte aber, daß sie von Zeit zu Zeit ausführlichen Bericht über den Fortgang der Arbeiten erwarte. Als Tarvin davon erfuhr, stieg die kaiserlich indische Regierung in seiner Achtung. Er konnte ihr vollständig nachfühlen, daß sie wissen wollte, was vorging, er hätte ja auch so gern wissen mögen, wo sich das Halsband befand, hätte wissen mögen, wann die Zeit kommen würde, wo Käte einsehen mußte, daß sie ihn nötiger hatte, als das Elend der Welt sie! Mindestens zweimal in der Woche faßte er den Vorsatz, das Naulahka zu lassen, wo es war, nach Topaz zurückzukehren und den Beruf eines Bodenspekulanten und Versicherungsagenten wieder aufzunehmen. So oft er zu diesem Entschluß gelangt war, atmete er erleichtert auf und erinnerte sich mit Befriedigung, daß auf der Erdoberfläche wenigstens ein Ort sei, wo ein Mann ohne Winkelzüge ans Ziel gelangen konnte, vorausgesetzt natürlich, daß er die Ellbogen zu brauchen verstand, wo er auf geradem Wege seinen Ehrgeiz befriedigen konnte und nicht mit Vorliebe um fünf Ecken ging, um an die andre Seite eines Vierecks zu kommen. Manchmal, wenn er unter den blendenden Strahlen indischer Sonne geduldig in dem Flußbett schmorte, konnte Tarvin im stillen das Naulahka verfluchen, ja in der Ketzerei so weit gehen, daß er sich selbst vorredete, das ganze Halsband sei überhaupt nicht vorhanden, sei eine Mythe, wie des Königs Staatsweisheit und Dhunpat Rajs ärztliche Kunst. Und doch wieder – aus hundert Quellen flossen die Nachrichten über seine Existenz, seinen Wert, nur auf eine offene Frage erhielt man keine Antwort. Dhunpat Raj besonders, der einmal die Schwäche gehabt hatte, bei Tarvin über der neuen Doktordame »übertriebenen Eifer und ganz verschwenderische Verwaltung« zu klagen, hatte ihm mit seiner Beschreibung des Halsbands den Mund wässerig gemacht. Aber gesehen hatte es auch Dhunpat Raj nur einmal, und das war vor fünfzehn Jahren gewesen bei der Krönung des jetzigen Maharadscha, seither nicht wieder. Sogar die Sträflinge schwatzten darüber, und wenn sie über das ihnen zugeteilte Essen haderten, hieß es, die Hirse scheine hier so kostbar zu sein wie das Naulahka. Zweimal hatte der Maharadscha Kunwar ruhmredige Reden über alles, was er thun werde, wenn er König sei, mit der vertraulichen Mitteilung geschlossen: »Und das Naulahka werde ich alle Tage auf meinem Turban tragen.« Als ihn aber der große Freund, dem er seine Zukunftspläne auseinandersetzte, eifrig gefragt hatte, wo es denn sei, das Naulahka, das Staatsglück, hatte er ganz bescheiden geantwortet: »Ja, das weiß ich nicht.« Das höllische Ding schien ein Wort, ein Begriff, eine Mythe, ein Bild zu sein – alles eher, als das schönste Schmuckstück der Erde. In den Pausen zwischen Sprengungen und Ausgrabungen machte Tarvin immer wieder fruchtlose Versuche, auf seine Spur zu kommen. Er durchforschte die Stadt Bezirk um Bezirk und jeden einzelnen Tempel darin; unter dem Vorwand, archäologische Studien zu treiben, ritt er nach den Außenforts und nach zerstörten Palästen, die, weit von der Stadt, zerstreut in der Wüste lagen. Rastlos besuchte er alle Gruftkammern, wo die Asche der verstorbenen Könige von Gokral Sitarun ruhte. Er sagte sich selbst hundertmal, daß alles Suchen und Fragen umsonst sei, aber er bedurfte des Trosts der Spannung und Erwartung, so oft sie auch getäuscht wurden. Wenn er mit dem Maharadscha ins Land hinausritt, wußte er seine Ungeduld und Verstimmung zu bekämpfen. Im Palast, den er täglich mindestens einmal besuchte, angeblich, um über die Arbeit am Fluß zu berichten, widmete er sich hingebender als je dem Pachisispiel. Es gefiel dem Maharadscha in diesen Tagen, statt in dem weißen Marmorpavillon des Orangengartens, den er sonst zur Frühlingszeit bevorzugte, im Hof zu sitzen, unmittelbar vor Sitabhais Flügel des roten Palastes, und zum Zeitvertreib abgerichteten Papageien zuzusehen, die kleine Spielzeugkanonen abfeuerten, oder den hitzigen Kämpfen von Wachtelhähnchen, oder große graue Affen in englischen Offiziersuniformen exerzieren zu lassen. Kam der Oberst Nolan, so wurde letztere Kurzweil jäh unterbrochen, und die Affen mußten verschwinden, aber Tarvin durfte auch an diesem Genuß teilnehmen, wenn ihm der Damm Muße dazu ließ. Sein ganzes Wesen bäumte sich auf gegen die erzwungene Unthätigkeit, die Unmöglichkeit, dem Naulahka näher zu rücken, während er diesen kindischen Spielen zusah. Nur daß er den Maharadscha Kunwar bei dieser Gelegenheit fest im Auge behalten konnte, war ein Trost; dabei fand sein Scharfsinn doch einige Verwendung. Der Maharadscha hatte strengen Befehl erteilt, daß der Prinz allen Anordnungen der Doktordame zu gehorchen habe. Sogar sein schwerfälliger, trüber Blick nahm eine Besserung im Befinden des Kleinen wahr, und Tarvin trug Sorge, daß das Verdienst einzig und allein Käte zugeschrieben wurde. Allein der Knabe, der bisher nie im Leben Befehle erhalten und gehorchen gelernt hatte, fand plötzlich eine koboldmäßige Lust an Widerspruch und Ungehorsam und wandte all seinen Witz daran, samt Gefolge in dem von Sitabhai bewohnten Teil des Palasts herumzutollen. Dort fand er grauhaarige Schmeichler die Fülle, die sich vor ihm erniedrigten und ihm ohne Ende vorleierten, was für ein Herrscher er seiner Zeit sein werde, dort fand er auch hübsche Tänzerinnen, die ihm ihre Lieder vorsangen und ihn im Grund der Seele verderbt haben würden, wenn er nicht zu sehr Kind gewesen wäre für ihre Künste. Außerdem gab es dort Assen und Pfauen und Gaukler, die jeden Tag andre Kunststücke machten, Seiltänzer und ungeheuere Kisten, die aus Kalkutta kamen, und aus denen er sich allerlei Herrlichkeiten auswählen durfte: zierliche Pistolen, mit Elfenbein eingelegt, kleine Säbel in goldener Scheide, die in der Mitte eine Rinne hatte, worin Perlen hin und her liefen, die melodisch klingelten, wenn er den Säbel über seinem Haupte schwang. Daß er in einem Tempel, der ganz aus Elfenbein und Opalen bestand und sich im Innersten des Frauenreichs befand, den Opfertod einer Ziege mit ansehen dürfe, war ein Versprechen, das ihn mit unwiderstehlicher Gewalt fesselte. Diesen Wonnen gegenüber hatte ihm die ernste, schwermütige Käte, die immer zerstreut war und deren Augen häufig voll Thränen standen, Thränen des Mitleids und der Hilflosigkeit, im Missionshaus nichts zu bieten als die harmlosesten kindlichen Spiele. Der mutmaßliche Thronerbe machte sich gar nichts aus »Froschhüpfen«, das er sogar höchst würdelos fand, »Kämmerchenvermieten« war auch kein sonderlicher Genuß, für seinen Geschmack zu lärmend und unruhig. Vom Tennis wußte er zwar, daß die europäischen Prinzen es mit Vorliebe spielten, aber daß es zur Erziehung eines Radschputen gehöre, vermochte er nicht einzusehen. Mitunter, wenn er gerade sehr müde war – er kam manchmal auffallend erschöpft von einem der verbotenen Ausflüge in Sitabhais Gebiet zurück – konnte er lange stillsitzen und mit Spannung den Geschichten von Krieg, Schlachten und Siegen lauschen, die ihm Käte vorlas, aber wenn er dann am Schluß mit leuchtenden Augen in die Worte ausbrach: »Wenn ich König bin, müssen meine Soldaten alle diese Greuel verrichten,« so war seine Freundin wenig erbaut von der Wirkung ihres Vortrags. Es lag nicht in Kätes Natur, ja sie würde es für ein Unrecht gehalten haben, leise Versuche religiöser Unterweisung zu unterlassen. Aber dem gegenüber kehrte der Knabe sofort die ganze Unzugänglichkeit des Orientalen heraus und sagte einfach: »Dein Gott ist ganz gut für dich, Käte, aber meine Götter sind gut für mich, und wenn mein Vater wüßte, daß du mir von dem Christengotte erzählst, würde er sehr böse werden.« »Und was betest du denn an?« fragte Käte, im Grund ihres Herzens den kleinen Heiden bemitleidend. »Meinen Säbel und mein Roß,« lautete die entschiedene Antwort, und der Maharadscha Kunwar zog den juwelenbesetzten Säbel, der sein unzertrennlicher Begleiter war, halb aus der Scheide, in die er ihn mit einem lauten Knacks zurückschob, der weitere Erörterungen ausschloß. Der Maharadscha Kunwar mußte indes bald die Entdeckung machen, daß es wohl einigermaßen möglich war, Käte auszuweichen, aber nicht seinem langen Freund Tarvin. Er hatte ihm zu verstehen gegeben, daß die Anrede »Jüngelchen« oder »kleiner Mann« seinem Geschmack nicht besonders zusage, Tarvin hatte aber eine Art, das Wort Prinz mit ruhiger Unterwürfigkeit in die Länge zu ziehen, die dem jungen Radschputen öfter Zweifel aufdrängte, ob er sich nicht über ihn lustig mache. Daneben behandelte ihn aber Tarvin Sahib wieder ganz als Mann und erlaubte ihm, mit der nötigen Vorsicht natürlich, sein eigenes wirkliches »Gewehr« zu handhaben, das zwar kein Gewehr, sondern ein Revolver war. Und als der Prinz einmal den Stallmeister mit Bitten und Schmeicheln dahin gebracht hatte, ihn ein schwer zu behandelndes Reitpferd besteigen zu lassen, hatte Tarvin den Prinzen im Vorüberreiten einfach beim Kragen genommen und aus den Tiefen seines Samtsattels auf seinen eigenen Sattelknopf gesetzt und hatte ihm in einer Wolke von Staub gezeigt, wie der Cowboy seiner Heimat die Zügel auf diese oder jene Seite des Pferdehalses lege, um ihm die Richtung anzugeben, in der ein der Herde entflohener Stier eingeholt werden müsse. Mit freier Hand von einem Sattel auf den andern gehoben zu werden, war ein Erlebnis, das die auch in einer morgenländischen Knabenseele schlummernde Lust an Zirkuskniffen wachrief und den Prinzen derart ergötzte, daß er sich in den Kopf setzte, das müsse vor Kätes Augen wiederholt werden, und da Tarvin der durchaus unentbehrliche handelnde Teil bei dieser Vorstellung war, lockte er ihn eines Tags vor das Missionshaus. Herr und Frau Estes traten mit Käte auf die Veranda. Der Missionar kargte nicht mit Beifall für dieses Schauspiel, ja er verlangte sogar mehrfache Wiederholungen, und als auch diese erfolgt waren, machte Frau Estes Tarvin den Vorschlag, da er nun doch einmal da sei, auch zu Tisch zu bleiben. Tarvin warf einen fragenden Blick auf Käte, der sich ihre Erlaubnis zur Annahme der Einladung erbitten wollte, und mit jener Logik, die Liebenden geläufig ist, nahm er ihren gesenkten Blick und das abgewandte Gesicht für Zustimmung. Als man sich nach Tisch im Sternenlicht auf die Veranda setzte und die Gäste eine Weile allein blieben, fragte er: »Ist es dir wirklich unlieb?« »Was?« fragte sie dagegen, ihm mit klarem, kühlem Blick voll ins Gesicht sehend. »Daß ich dich mitunter treffe. Ich weiß ja, daß es dir nicht recht ist, aber wie soll ich dich sonst beaufsichtigen? Das wirst du ja mittlerweile einsehen gelernt haben, daß du einige Beaufsichtigung nötig hast.« »O nein.« »Ich danke dir,« sagte Tarvin beinah demütig. Er bezog offenbar die Verneinung auf seine erste Frage. »Ich meine, daß ich keine Beaufsichtigung brauche!« »Aber sie ist dir auch nicht unangenehm?« »Jedenfalls ist sie ja gut gemeint,« versetzte sie, die Frage umgehend. »Dann wäre es unrecht von dir, wenn du sie unangenehm fändest.« Jetzt war es an Käte, zu lächeln. »Nein, nein, ich finde sie nicht unangenehm.« »Dann erlaubst du also, daß ich zuweilen hier vorspreche? Du machst dir keinen Begriff, wie öde solch ein Rasthaus ist, und diese Handlungsreisenden bringen mich noch um. Die Sträflinge am Damm sind auch nicht ganz mein Fall.« »Da du nun einmal hier bist, sehe ich das ja ein, die Sache ist nur, daß du nicht hier sein solltest. Wenn du mir wirklich Güte erzeigen willst, Nick, so reise ab!« »Wenn du mir nur eine leichtere Aufgabe stellen wolltest!« »Aber sage mir nur, weshalb du hier bist. Du kannst wirklich keinen verständigen Grund dafür vorbringen.« »Das findet die kaiserlich indische Regierung auch, aber mir genügen meine Gründe vollkommen.« Tarvin gestand aber, daß er nach einem Tag in dieser tollen heidnischen Sonne oft eine brennende Sehnsucht nach etwas Heimatlichem, Natürlichem, Amerikanischem verspüre, und sobald er seine Gefühle in dieses Licht rückte, war Käte voll Verständnis und Teilnahme. Sie war mit dem Begriff aufgewachsen, daß Frauen eine Verantwortlichkeit dafür hätten, jungen Männern das Haus behaglich zu machen, und Tarvin fühlte sich mehr als behaglich, als sie ihm ein paar Abende darauf eine Nummer der Topazer Zeitung geben konnte, die ihr der Vater geschickt hatte. Tarvin fuhr darauf los wie ein Stoßvogel, kehrte die ärmlichen zwei Blatt um und um und dann in umgekehrter Richtung. »Famos, famos!« murmelte er in seliger Verzückung, mit der Zunge schnalzend. »Nimmt sich der Anzeigenteil nicht sehr anständig aus? Nun, und wie steht's mit Topaz?« rief er, das Blatt auf Armeslänge von sich haltend und die Spalten mit Liebesblicken überfliegend. »Scheint, die Stadt befindet sich wohl, geht ihr vortrefflich!« Es klang wie das melodische Liebeswerben irgend eines Vogels, wenn er solche Worte sprach, und war wirklich vergnüglich anzuhören. »Sag' einmal, wir kommen voran, meinst du nicht? Wenn wir auch die C. C. C. noch nicht haben , so vertrödeln und verbummeln und vergeuden wir unsre Zeit drum nicht, nein, nein, wir marschieren flott mit im Zug! Haha! Sieh dir doch einmal das ›Vermischte aus Rustler‹ an, just was der Setzer in einen Winkelhaken bringt! Die gute alte wurmstichige Stadt legt sich friedlich aufs Ohr und schläft ein wie eine Greisin – nein, die Idee, dorthin eine neue Eisenbahnlinie zu führen! Nun, hör' einmal dies: ›Milo C. Lambert, der Eigentümer der Mine »Lamberts letzter Graben« hat eine Wagenladung guten Erzes daliegen, findet aber, wie wir alle, daß der Versand nicht lohnt, wenn die nächste Eisenbahnlinie fünfzehn Meilen weit entfernt sei. Milo sagt, sobald er sein Erz fortgeschafft habe, werde er Colorado verlassen, denn hier sei nichts zu machen!‹ »Ganz richtig, Milo, was Rustler betrifft – komm nach Topaz, Mann, sag' ich dir – und nun höre dies: ›Wenn die C. C. C. im Herbst hierher kommt, so wird das Gerede über schlechte Zeiten ein Ende haben. Mittlerweile begeht man eine große Ungerechtigkeit gegen die Stadt, eine Ungerechtigkeit, die alle guten Bürger bekämpfen und bestrafen sollten, wenn man behauptet, daß Rustler hinter irgend einer Stadt gleichen Alters zurückstehe. Thatsächlich steht Rustler geradezu auf einem Höhepunkt gedeihlicher Entwickelung. Mit Bergwerken, die im letzten Jahr ein auf eine Million zweihunderttausend Dollars geschätztes Ergebnis lieferten, mit sechs Kirchen verschiedener Bekenntnisse, mit einer noch jungen, aber vielversprechenden, in der Zunahme begriffenen Akademie, die bestimmt ist, dereinst in die vorderste Reihe amerikanischer Schulen zu treten, mit einer Bauthätigkeit, die nach Zahl und Bedeutung der im Vorjahr errichteten Gebäude der jeder andern Bergstadt gleichkommt und viele übertrifft, mit einer Bevölkerung rühriger, tüchtiger, entschlossener Geschäftsleute, kann Rustler im kommenden Jahr jeden Wettbewerb aufnehmen, um seinem Namen Ehre zu machen!‹ »Wer hat denn etwas dagegen? Wir doch nicht, uns kann's ja einerlei sein, wir zucken nur die Achseln! Aber Heckler hätte das nicht in seine Korrespondenz aufnehmen sollen, dumm von ihm,« erklärte Tarvin mit gefurchter Stirne. »Es könnte doch in Topaz Leute geben, die darauf reinfallen und sich nach Rustler verziehen, um die C. C. C. dort abzuwarten! Im Herbst kommt sie hin, hieß es nicht so? O Gott, O Gott, O Gott! Auf diese Weise vergnügen sich die Leute, sitzen auf ihrem Berg, lassen die Füße baumeln und legen die Hände in den Schoß! Nun, wenn's ihnen Spaß macht, können sie ja auf die C. C. C. warten bis zum jüngsten Tag! Doch was steht denn da? »›Unsre Kaufleute zeigen sich der freudigen Stimmung durchaus gewachsen, die in der Stadt herrscht, seit bekannt wurde, daß Präsident Mutrie bei seiner Rückkehr nach Denver ein günstiges Urteil über Rustlers Ansprüche gefällt hat. Robbins zeigt eine sehr hübsch aufgebaute Auslage von Luxusartikeln. Sein Geschäft scheint große Anziehungskraft zu üben auf unsere Jüngsten, die ein paar Nickel ausgeben können!‹ »Da hört sich doch alles auf! Solch ein Mumpitz! Sag' einmal, liebe Käte, würdest du dich nicht freuen, wenn die C. C. C. eines schönen Morgens angeschnaubt käme in Topaz?« fragte Tarvin plötzlich, indem er sich zu Käte aufs Sofa setzte und die Zeitung so hielt, daß sie mit hineinsehen konnte. »Würde es dir große Freude machen, Nick?« »Mir? Und ob ! Ist das eine Frage!« »Dann würde ich mich natürlich auch freuen! Aber ich glaube, daß es für dich zuträglicher wäre, sie käme nicht hin. Du könntest zu reich werden – denk' an meinen Vater!« »Ich werde schon den Radschuh einlegen, wenn ich merke, daß ich zu reich würde! Sobald ich über das Stadium anständiger Armut hinaus bin, werde ich Halt machen, das verspreche ich dir! Thut's einem nicht in der Seele wohl, wieder einmal den alten Zeitungskopf zu sehen – Hecklers Name in lebensgroßen Buchstaben unter dem Untertitel: ›Aelteste Tageszeitung des Distrikts‹ und Hecklers Faust ausgestreckt über einem zündenden Leitartikel über das Wachstum und die Aussichten der Stadt? Meint man nicht, daheim zu sein? Zwei Spalten mehr hat er im Anzeigenteil, das beweist den Aufschwung der Geschäfte! Und sieh dir nur die lieben, alten Annoncen der Agenturen vom Osten an! Wie einen die anheimeln! Hätt' ich wirklich nicht gedacht, daß mich eine Anpreisung von Kastorhüten je berühren könnte wie ein Geschenk des Himmels – hättest du das für möglich gehalten, Käte? Und doch ist's so! Macht mich ordentlich fromm und gut. Wenn du viel sagst, lese ich auch noch die innere Seite!« Käte lächelte. Auch in ihr rief das Zeitungsblatt ein gewisses Heimweh hervor. Sie hatte auch ein Herz für Topaz, aber was aus den Zeilen des geschäftigen Tageblatts vor ihrem inneren Auge aufstieg, war das Bild ihrer Mutter, die lange Nachmittage in ihrer Küche saß – Frau Sheriff hatte in den Zeiten der Armut und des Wanderlebens keinen »Salon« gehabt und bevorzugte auch jetzt noch den Aufenthalt in ihrer Küche – und wehmütig zu den schneegekrönten Berggipfeln aufsah, die bange Frage im Herzen, wie es ihrem Kinde wohl gehen, was es um diese Stunde thun möge. Wie deutlich diese Nachmittagsstunden in der Küche nach gethaner Arbeit vor Käte standen! Aus den Zeiten des Eisenbahnbaus war ihr besonders ein Schaukelstuhl erinnerlich, der einst bessere Tage gesehen und im Salon geglänzt hatte. Die Mutter hatte seine Schäden mit einem alten Fell verhüllt und ihn dem Küchendienst zugewiesen. Mit Thränen in den Augen erinnerte sie sich, wie oft die Mutter gewollt hatte, daß sie drin sitze, und wie gemütlich es gewesen war, von ihrem eigenen Sitz, dem Holzkorb neben dem Herd aus, die kleine Gestalt der Mutter ganz in seinen Tiefen verschwinden zu sehen. Sie hörte die Katze schnurren unter dem Herd und den Wasserkessel singen, ganz deutlich hörte sie wieder die Uhr ticken und fühlte, wie ihr zwischen den schlecht gefügten Brettern des Fußbodens in der eilig erbauten Baracke der kalte Prairiewind um die Beine strich. Ueber Tarvins Schulter blickte sie auf die zwei rohen Holzschnitte, die jede Nummer des Tageblattes schmückten. Der eine stellte Topaz im Keim, das Topaz des ersten Jahrs seiner Entstehung dar, der andre das glänzende Topaz der Gegenwart, und ihr wurde sehr weh ums Herz. »Ein Unterschied, nicht?« bemerkte Tarvin, die Richtung ihres Blickes beobachtend. »Erinnerst du dich noch, wo deines Vaters Zelt zu stehen pflegte, und kannst du dir noch denken, wo das alte Sektionshaus stand, da unten ganz dicht am Fluß?« Er deutete auf das Bildchen, und Käte nickte stumm. »Das waren eigentlich doch schöne Zeiten damals, meinst du nicht, Käte? Dein Vater war freilich noch kein reicher Mann wie jetzt und ich noch viel weniger, aber seelenvergnügt waren wir doch alle miteinander!« Auch Kätes Gedanken schweiften in jene Zeit zurück, und die schmächtige Gestalt der Mutter stand wieder vor ihr; sie sah sie nicht nur im Schaukelstuhl ruhen, sondern mit harter Arbeit mancherlei Art beschäftigt. Besonders sah sie eine eigenartige Bewegung greifbar deutlich vor sich; wenn die Mutter am offenen Herdfeuer gekocht oder Krapfen gebacken oder auch die Glut geschürt hatte, war so häufig eine Hand nach der Stirne gefahren, um das junge und von Mühsal doch schon gealterte Gesicht vor der Glut zu schützen. Käte mußte ihre Thränen hinunterwürgen; das einfache Bildchen stand so fabelhaft klar vor ihr bis auf den Feuerschein auf den schmalen Wangen der Mutter und dem rosigen Licht, das durch die dünnen Finger schimmerte. »Hallo!« rief Tarvin, der sich abermals in die interessante Zeitung vertieft hatte. »Sie haben ja noch ein Gespann anschaffen müssen für die Straßenreinigung! Eins hatten wir ja schon. Das Wetter vergißt Heckler auch nicht, und das ›Mesahaus‹ scheint Gäste genug zu haben, eine ganze Liste. Das ist ein gutes Zeichen. Wenn die neue Linie da ist und wir das richtige Hotel haben, werden sich alle Reisenden in Topaz aufhalten, im Vergleich mit mancher Stadt kann sich ja unser ›Fremdenverkehr‹ jetzt schon sehen lassen! Zu fünfzig haben sie neulich im Mesahaus gespeist – telegraphische Bestellung. Und eine neue Gesellschaft hat sich gebildet zur Verwertung der heißen Quellen! Weißt du, mich würde es gar nicht wunder nehmen, wenn dort eine vollständige zweite Stadt entstünde – Heckler hat ganz recht, das wäre eher förderlich als schädlich für Topaz! Stört uns gar nicht, wenn in solcher Nähe eine entsteht – die wird bald genug zur Vorstadt von Topaz werden.« Tarvin gab seiner Dankbarkeit für die Zugeständnisse, die ihm Käte gemacht hatte, dadurch Ausdruck, daß er zeitig ging, aber am folgenden Abend legte er sich ein weniger strenges Zeitmaß auf, und da er nicht Miene machte, verbotene Gesprächsgebiete zu berühren, fand es Käte recht angenehm, ihn da zu haben. Er gewöhnte sich infolgedessen an, des Abends, wenn die Familie bei weitoffenen Fenstern und Thüren um die Lampe saß, vorzusprechen und eine gute Weile mitzuplaudern. In der Glückseligkeit über thatsächliche Ergebnisse ihrer Arbeit, die sie allmählich unter ihren Augen entstehen und wachsen sehen durfte, hatte Käte lange nicht mehr soviel gegen seine Anwesenheit in Rhatore einzuwenden als anfangs. Mitunter ließ sie sich auch von ihm auf die Veranda hinauslocken, in die Pracht und Herrlichkeit einer indischen Nacht, wo die »Hitzblitze« gleich feurigen Schwertern am Horizont aufzuckten, das Firmament tief, herabhing auf die in wundersamem Schweigen ruhende Erde. Meist aber saßen sie drinnen bei dem Missionar und seiner Frau, plauderten über Topaz, das Spital in Rhatore, den Maharadscha Kunwar, Tarvins Damm und nicht selten über die Kinder des Ehepaars im fernen Bangor. Meist aber drehte sich das Gespräch, wenn es allgemein wurde, zu Tarvins Mißvergnügen um den kleinlichen Klatsch, der in jedem abgeschlossenen Lebenskreis so wichtig genommen wird. So oft derartige Dinge aufs Tapet kommen wollten, riß Tarvin gewaltsam das Gespräch an sich und zwang den Missionar, auf Zollgesetze, Silberwährung und andres einzugehen, wobei wenigstens jeder etwas lernen konnte. Tarvin war ein durch ernstes Zeitungslesen vielseitig unterrichteter Mann, die Grundlagen seiner Bildung aber hatten ihm das Leben selbst und die Notwendigkeit, sich den eigenen Weg zu bahnen, beigebracht, und theoretischer Zeitungspolitik wie den Schulsystemen gegenüber brauchte er die haarige Faust des gesunden Menschenverstands. Müßiges Streiten und leere Wortklaubereien waren indes nicht seine Sache, und am liebsten unterhielt er sich, wenn es sein konnte, mit Käte. Seit sich einige Erfolge feststellen ließen und ihr Mut wuchs, bildete das Spital den Hauptgegenstand der Unterhaltung zwischen den beiden, und Käte gab endlich Tarvins dringender Bitte nach, ihm das Musterinstitut zu zeigen, daß er sich selbst von der Vortrefflichkeit ihrer Neuerungen überzeugen könne. Seit den Tagen des »unheilbaren Wahnsinns« und der Herrschaft der »in ihrem Dorf hoch geschätzten klugen Frau« hatte sich in der That vieles geändert, doch Käte allein wußte, wieviel noch zu thun übrig war. Jetzt war das Spital wenigstens sauber und die üblen Gerüche waren beseitigt, vorausgesetzt natürlich, daß sie jeden Tag selbst nachsah, und die Kranken waren auf ihre Weise auch dankbar für eine gütigere und zweckmäßigere Behandlung, als sie ihnen je widerfahren war. Nach jeder gelungenen Heilung liefen Gerüchte durchs Land von einer neuen Macht, die in Gokral Sitarun eingezogen sei, und andre Hilfsbedürftige rückten an oder auch eine Geheilte brachte selbst ein Kind, eine Schwester, eine Mutter her, die schon den unverbrüchlichen Glauben an die »weiße Fee«, die alle Schäden heilen konnte, übernommen hatten. Sie konnten ja nicht einmal beurteilen, wieviel Käte mit ihren ruhigen Bewegungen wirklich für sie leistete, aber was sie davon wahrnahmen, dafür waren sie dankbar. Ihre unverbrauchte Thatkraft riß sogar Dhunpat Raj einigermaßen mit sich fort. Er wurde ganz eifrig im Tünchenlassen der Wände, dem Desinfizieren der Räume, dem zweckmäßigen Lüften des Bettzeugs und ließ sogar willig die Betten, worin Blatternkranke gestorben waren, deren Verkauf ihm sonst Nebeneinkünfte geliefert hatte, den Flammen übergeben. Seit er inne geworden war, daß hinter dieser »Doktordame« ein sehr entschlossener weißer Mann stand, arbeitete er entschieden noch williger in ihrem Sinn – er war eben ein Eingeborener. Tarvins Besuch und ein paar scherzhaft hingeworfene Worte, hinter denen er den Ernst witterte, hatten ihn über diesen Umstand aufgeklärt. Vom Dialekt der Kranken verstand Tarvin wenig, und die Frauenabteilung zu besuchen, wurde ihm nicht gestattet, aber er sah doch genug, um Käte uneingeschränktes Lob spenden zu können, das diese vergnügt lächelnd einstrich. Frau Estes nahm ja wohl Anteil an ihren Bestrebungen, aber Begeisterung hatte sie nicht dafür, und so war es ihr eine wirkliche Genugthuung, von Tarvin gelobt zu werden, der ihren Plan selbst so sehr mißbilligt hatte. »Es ist sauber hier und die Luft ist rein, kleines Mädchen,« erklärte er, nachdem er sich umgesehen und herumgeschnüffelt hatte, »und du hast mit diesen Quallenmenschen wahre Wunder vollbracht. Wenn du mein Gegner bei der Wahl gewesen wärest, statt deines Vaters, so wäre ich jetzt kein Gesetzgeber!« Von jenem Teil ihrer Thätigkeit, der im Frauenpalast des Maharadscha lag, sprach Käte nie ein Wort. Schritt für Schritt lernte sie sich in dem ihr zugänglichen Teil des Palastes zurechtfinden. Daß im ganzen Bienenstock nur eine Königin herrschte, deren Namen man nur flüsternd nannte, deren leisester Befehl, und wenn ihn ein nur schreiendes Kind weiter trug, den ganzen Schwarm in Bewegung setzte, hatte sie bald entdeckt. Gesehen hatte sie diese Königin nur ein einziges Mal, glitzernd und gleißend, wie ein Skarabäus, hatte sie auf einem Berg von seidenen Kissen geruht, ein schwarzhaariges, geschmeidiges, junges Ding mit einer Stimme, so sanft wie das Gemurmel des Springbrunnens in stiller Nacht, und mit Augen, die auch nicht den Schatten der Furcht kannten. Sie drehte sich lässig um, wobei ihre Juwelen an Fußgelenk, Arm und Brust leise klirrten, und blickte lange, lange in Kätes Gesicht. »Ich habe nach Ihnen geschickt, weil ich Sie sehen wollte,« sagte sie endlich. »Sie sind übers Meer gekommen, um dem Ungeziefer hier Hilfe zu bringen?« Käte nickte stumm; ihre innerste Natur empörte sich gegen das goldstrotzende Geschöpf mit der Silberstimme, das vor ihren Füßen lag. »Verheiratet sind Sie nicht?« fragte die Königin, beide Hände unter ihren Kopf schiebend und zu den gemalten Pfauen an der Zimmerdecke hinauf starrend. Käte gab keine Antwort; das Blut pochte wild in ihren Schläfen. »Ist hier jemand krank?« fragte sie dann mit harter Stimme. »Ich bin sehr beschäftigt ...« »Nein, krank ist hier niemand, wenn Sie es nicht sind ... man kann auch krank sein, ohne es zu wissen.« Die Königin wandte das Haupt, um Käte anzusehen, deren Augen vor Entrüstung flammten. Dieses Weib, das in Müßiggang und Putzsucht vor ihr lag, hatte nach des Maharadscha Kunwar Leben getrachtet, und Grauen schüttelte sie vor dieser Jugend – Sitabhai war jünger als sie selbst. »Achcha,« sagte die Königin noch langsamer, ohne den Blick von Käte zu verwenden. »Wenn Sie mich so hassen, weshalb sagen Sie mir's nicht? Ihr Weißen, ihr liebt ja die Wahrheit!« Käte drehte sich auf dem Absatz um und wollte aus dem Zimmer eilen, aber Sitabhai rief sie zurück und würde sie, einer Laune gehorchend, geküßt haben, wenn Käte nicht entsetzt zurückgefahren wäre. Seither vermied sie diesen Flügel des Palastes aufs ängstlichste. Sie wurde auch nie gerufen, denn die Frauen dort begehrten ihrer Dienste nicht, aber wenn sie an dem dunkeln Gang, der zu Sitabhais Gemächern führte, vorüber mußte, sah sie nicht einmal, sondern öfters ein nacktes Knäblein umherhüpfen, das jubelnd ein juwelenbesetztes Messer in den enthaupteten Rumpf einer Ziege stieß, deren Blut die weißen Marmorfliesen überströmte. »Das,« sagten ihr die Frauen, »ist der Zigeunerin Sohn. Er lernt töten, Tag für Tag. Eine Schlange ist eine Schlange und eine Zigeunerin bleibt eine Zigeunerin bis zu ihrem letzten Atemzug.« In dem Teil des Palastes, wo Käte am ehesten heimisch war, wurden keine Ziegen geschlachtet und keine Cymbeln gerührt. Hier lebte, vergessen vom Maharadscha, verspottet von Sitabhais Frauen, die Mutter des Maharadscha Kunwar. Sitabhai hatte ihr alle Ehren und alle Liebe geraubt, durch teuflische Zigeunerkünste sagten die Anhänger der Königin Mutter, durch ihre Schönheit und Liebesgewalt sang man im jenseitigen Teil des Palastes. Wo sich sonst ein glänzender Hofstaat von Frauen gedrängt hatte, wandelte man jetzt durch leere, verödete Räume, und die wenigen Getreuen, die bei der gefallenen Größe ausharrten, wurden scheel angesehen und wenig beachtet. Sie selbst war nach morgenländischen Begriffen eine ältliche Frau, das heißt über fünfundzwanzig Jahre alt und war auch nie mehr als alltäglich hübsch gewesen. Ihre Augen waren trüb geworden vom Weinen, und ihre Seele war erfüllt von abergläubischer Angst – jede Stunde des Tages und der Nacht hatte für sie ihre besonderen Schrecken und in ihrer Vereinsamung konnte sie der Schall eines Fußtritts erbeben machen. In den Jahren ihres Glücks hatte sie sich täglich mit Wohlgerüchen gesalbt, all ihre Juwelen angelegt und mit künstlich geflochtenen Haaren den Maharadscha erwartet. Auch jetzt noch schmückte sie sich wie einst, ließ sich ihre Kleinodien umhängen und wartete, von ihrem ehrfurchtsvoll schweigenden Hofstaat umgeben, auf den königlichen Gatten, wartete die ganze lange Nacht hindurch, bis das Morgenlicht die Fahlheit unter der Schminke verriet. Käte hatte eine dieser Nachtwachen miterlebt, und ihre Augen mochten verraten haben, wie unbegreiflich ihr die Sache vorkam, denn die Königin Mutter winkte sie, nachdem sie ihren Schmuck wieder abgelegt hatte, schüchtern herbei und bat sie, nicht zu spotten. »Sie verstehen das eben nicht, Fräulein Käte,« verteidigte sie sich mit kläglicher Stimme. »In einem Land sind die Sitten so, im andern anders, aber Sie sind ja auch ein Weib – Sie werden es noch begreifen lernen!« »Aber Sie wissen doch, daß niemand kommt,« sagte Käte weich und herzlich. »Ja, ich weiß es, aber – nein, Sie sind eben doch kein Weib, Sie sind ein guter Geist, der weit übers Meer her gekommen ist, um mir Aermster und den Meinigen zu helfen.« Käte war überrascht. Außer in der Botschaft, die ihr der Maharadscha Kunwar bestellt hatte, war nie ein Wort über die Lippen der Königin gekommen, das irgend welche Angst um das Leben ihres Sohnes verraten hätte. Wiederholt hatte Käte den Versuch gemacht, das Gespräch darauf zu lenken, um wenigstens eine Andeutung über die Art der Gefahr zu bekommen, der sie vorbeugen sollte – es war immer vergebens gewesen. »Ich weiß nichts,« pflegte die Königin zu sagen. »Niemand weiß etwas hier, hinter diesem Vorhang. Fräulein Käte, wenn meine eigenen Frauen tot da unten lägen,« – sie deutete durch das grüne Lattenwerk vor ihrem Fenster nach dem gepflasterten Weg, der sich darunter hinzog, – »ich wüßte nichts davon. Auch von dem, was ich gesagt, weiß ich nichts, aber,« setzte sie so leise hinzu, daß Käte sie kaum verstand, »es wird doch kein Unrecht sein, wenn eine Mutter ihren Sohn dem Schutz einer andern Frau befiehlt! Er ist jetzt alt genug, um sich als Mann zu fühlen und der Mutter zu entfremden, und ist noch jung genug, um der Welt zu trauen. Ahi! Und er ist so weise, denn er hat tausendmal mehr gelernt als ich und spricht englisch, wie ein Engländer. Wie kann ich mit meinen geringen Kenntnissen und meiner großen Liebe den Sohn beaufsichtigen? Darum sage ich Ihnen, seien Sie gut gegen ihn! Das darf ich ja laut sagen, das dürfte ich an die Wände schreiben, wenn's not thäte. Das ist ja nichts Verdächtiges. Wenn ich aber mehr sagte, so würden die Steinfliesen unter meinen Füßen die Worte aufsaugen, und der Wind würde sie in die Stadt und weit in die Dörfer hinaustragen. Ich bin eine Fremde in diesem Land – eine Radschputin aus Kulu, viele tausend, tausend Meilen von hier. In einer dicht verschlossenen Sänfte trugen sie mich her zur Hochzeit – einen ganzen Monat lang trug man mich und ich saß in der Dunkelheit, und wenn nicht eine von meinen Frauen es mir gesagt hätte, ich wüßte nicht, in welcher Richtung der Wind weht, der in meine Heimat zieht, nach Kulu. Was soll ihnen eine fremde Kuh im Stall? Mögen die Götter ihr beistehen!« »Aber sagen Sie doch mir , was Sie denken?« »Ich denke nichts,« hatte die Königin verdrossen erwidert. »Was geht uns Frauen das Denken an? Wir lieben und leiden! Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich sagen darf. Fräulein Käte, Sie werden auch Mutter werden und einen Sohn zur Welt bringen. Wenn die Zeit kommt, werden Sie's erfahren, wie voll von Liebe ein Mutterherz ist, und mögen die Götter gut sein gegen Ihren Sohn, wie Sie es gegen den meinigen waren.« »Wenn ich ihn behüten soll, muß ich wissen, wovor, und Sie lassen mich im Dunkeln!« »Ich bin auch im Dunkeln, und das Dunkel ist voll Gefahren.« Tarvin hielt sich sehr viel im Palast auf, nicht nur, weil er dort am ehesten Kunde von seinem Halsband erlauschen zu können hoffte, sondern weil er dadurch in der Lage war, Kätes Kommen und Gehen zu beobachten. Oft genug fuhr seine Hand wieder nach dem Revolver, und sein Blick folgte der entschwindenden Gestalt mit aller Sehnsucht des Liebenden, aber er äußerte nichts davon, und dafür war ihm Käte dankbar. Tarvin sagte sich, es sei die Zeit gekommen, einfach wieder ihren Helfer und Wasserträger zu spielen, wie dereinst in der Bauhütte, die Zeit, sie zu behüten und zu bewachen, ohne daß sie seiner inne ward – er fühlte, daß er ihren Frieden nicht stören durfte. Der Maharadscha Kunwar kam ihm im Palasthof häufig unter die Augen, und Tarvin war unermüdlich, auf Kurzweil zu sinnen, die den Jungen von Sitabhais Bereich fernhalten sollte, aber gelegentlich entschlüpfte er ihm doch, und dann war es an Tarvin, ihm nachzugehen und sich zu überzeugen, daß ihm kein Leides geschah. An einem Nachmittag, wo er alle möglichen Künste und schließlich auch Gewalt angewendet hatte, den widerspenstigen Jungen in seiner Nähe festzuhalten, stürzte, als Tarvin durch einen Thorweg ritt, den man auszubessern angefangen hatte, dicht vor Fibbys Nase ein zwölf Fuß langer Balken von Teakholz vom Gerüst herab. Fibby wich auf den Hinterbeinen in den Hof zurück, und hinter den Holzgittern flüsterten und tuschelten Frauenstimmen. Tarvin überlegte nur, wie unverbesserlich nachlässig doch die Leute hierzulande seien, wetterte die Arbeiter an, die auf dem Gerüst in der Wölbung des Thorbogens hockten, und ritt seines Weges. Er hatte derlei Fahrlässigkeiten bei den Arbeiten am Fluß auch schon gehörig zu kosten bekommen; es müsse diesem Volk im Blut liegen, nichts sorgfältig zu machen, nahm er an. Der Anführer eines Kulitrupps, der schon mindestens zwanzigmal über den Amet gegangen sein mußte, wies ihm eine neue Furt über einen besonders einladenden Kanal, es fand sich aber, daß sie im Treibsand verlief, und nachdem sich Tarvin selbst glücklich herausgewunden hatte, war der ganze Trupp einen halben Tag damit beschäftigt gewesen, den armen Fibby mit Stricken herauszuwinden. Nicht einmal eine Notbrücke konnten sie aufschlagen, ohne die Planken so zu legen, daß ein Pferdehuf notwendig dazwischen geraten mußte, und die Kulis schienen ein ganz besonderes Talent zu haben, Büffelkarren den steilen Uferwall herabrollen zu lassen, gerade auf Tarvins Rücken zu, wenn dieser den Werkleuten einmal zugekehrt war, was freilich selten geschah. Er bekam dadurch immer mehr Respekt vor der britischen Regierung, die mit diesem Material zu arbeiten verstand, und mehr Verständnis für die milde Hoffnungslosigkeit, die des Missionars Urteil über die Eingeborenen durchwehte. Auch Kätes Erbarmen konnte er jetzt weit eher mitfühlen als im Anfang. Diese wunderlichen Leutchen wollten nun, wie Tarvin zu seinem Entsetzen erfuhr, das Maß ihrer Thorheit voll machen, indem sie den Maharadscha Kunwar verheirateten! Die Braut, ein dreijähriges Kind, sollte mit ungeheuren Kosten von den fernen Kuluhügeln hergebracht werden. Auf diese Nachricht hin eilte er gleich ins Missionshaus, wo er Käte, die schon darum wußte, in flammender Entrüstung fand. »Sieht ihnen ganz gleich, eine Hochzeit für nichts und wieder nichts zu feiern,« bemerkte er beschwichtigend. Wenn Käte aufgeregt war, mußte ja Tarvin ruhig sein. »Laß dich nicht davon anfechten, Käte, du hast so wie so zu viel im Kopf. Du willst zu viel leisten und empfindest zu viel dabei. Eh' du dich's versiehst, wirst du an Erschöpfung der Mitleidsnerven zusammenbrechen!« »O nein!« entgegnete Käte. »Ich fühle mich allem gewachsen, was kommen mag – zusammenbrechen darf ich nicht. Bedenke doch diese bevorstehende Hochzeit! Da wird der Knabe meiner mehr bedürfen als je. Vorhin hat er mir gesagt, daß er drei Tage und drei Nächte nicht schlafen dürfe – so lange beten die Priester über ihm!« »Hirnverbrannt! Auf die Weise bringen sie ihn vielleicht schneller um, als Sitabhai! Großer Gott, das ist ja gar nicht auszudenken! Reden wir von etwas anderm – hast du keine Zeitung mehr bekommen von deinem Vater? Bei solchen Geschichten wässert einem der Mund nach einem vernünftigen Wort aus Topaz!« Käte gab ihm eine Kreuzbandsendung, die mit der letzten Post gekommen war, und Tarvin vertiefte sich schweigend in eine sechs Wochen alte Nummer des Tageblattes. Sehr viel Trost schien sie ihm aber nicht zu bieten, denn seine Stirne verdüsterte sich mehr und mehr. »Donnerwetter! So geht das nicht!« rief er plötzlich. »Was ist denn?« »Heckler wirft mit der C. C. C. um sich, aber auf höchst ungeschickte Weise. Sieht Jim gar nicht ähnlich! Er spricht davon, als ob die Sache vollständig sicher sei, und zwar so nachdrücklich, als ob er selbst nicht daran glaubte. Ja, man könnte denken, es sei ihm vertraulich gesteckt worden, daß es nichts damit sei – glaube auch, daß es geschehen, aber solche Blößen darf er sich deshalb Rustler gegenüber doch nicht geben. Halt – sehen wir uns einmal den Liegenschaftsumsatz an! Aha, da liegt der Hund begraben,« rief er noch aufgeregter, als er die Stelle gefunden hatte. »Die Preise sinken, in der G-Straße haben sie ihre Bauplätze geradezu verschleudert. Die Jungens geben klein bei, sie werfen die Flinte ins Korn!« Tarvin sprang auf und rannte aufgeregt im Zimmer hin und her. »O, wenn ich sprechen dürfte, wenn ich's ihnen sagen könnte!« »Was denn, Nick? Was möchtest du ihnen denn sagen?« Tarvin faßte sich sofort. »Daß ich daran glaube,« erwiderte er. »Daß sie nicht weich geben dürfen!« »Aber wenn schließlich doch nichts daraus wird? Wie kannst du das wissen, hier im fernen Indien?« »Komm mit nach Hause, kleines Mädchen,« brüllte Tarvin förmlich. »Auf nach Topaz! Die C. C. C. soll nach Topaz kommen, und wenn ich eigenhändig die Schienen legen müßte!« Aber dieser Umschlag in der Stimmung seiner Mitbürger beunruhigte und quälte ihn nichtsdestoweniger, und noch am Abend telegraphierte er nach Denver an Frau Mutrie, die das Telegramm schon weiter gehen lassen würde, als ob es in Denver aufgegeben wäre: »Heckler, Topaz. Kopf nicht hängen lassen. Ich halte auf die C. C. C. Seid guten Mutes wie Tarvin.« Vierzehntes Kapitel. Innerhalb drei Tagen war rings um die Mauern von Rhatore eine Zeltstadt entstanden, eine Stadt, die grün schimmerte, weil ihre Straßen mit aus weiter Ferne hergeschleppten Rasenstücken belegt und mit hastig versetzten Orangenbäumen bepflanzt waren. Bunt bemalte hölzerne Laternenpfähle ragten dazwischen auf, und sogar ein gußeiserner Springbrunnen von grotesker Form war aufgestellt worden. Rhatore erwartete viele und hohe Gäste, die zu Ehren der Vermählung des Maharadscha Kunwar eintreffen sollten, Barone, Fürsten, Thakurs, Herrscher, die über große ungeheure Festungen und elende Dörflerhütten verfügten, aus dem Norden und Süden des Reichs, Lehensträger aus den fetten, von Mohnfeldern betupften Ebenen von Mewar und Radschas, die dem König ebenbürtig waren. Natürlich kam ein jeglicher mit großem Gefolge und Troß von Pferden und Menschen. In einem Land, wo jeder, der etwas gelten will, seinen Stammbaum mindestens achthundert Jahre zurück als makellos nachweisen muß, ist die Frage des Vortritts natürlich eine sehr heikle und jeder wacht mit Eifersucht darüber, daß dem Nachbar keine ungebührliche Ehre widerfahre. Damit die Platzordnung noch verwickelter werde, führte jeder Fürst seinen Hausbarden mit sich, der sich dann mit den Sängern von Gokral Sitarun in den Haaren lag. Hinter den Zelten war eine endlose Reihe von Pfählen eingerammt worden, um die Pferde anzupflöcken, und die bläulich und rötlich gefleckten Hengste scharrten und wieherten den ganzen Tag unter ihren fast zum Boden reichenden samtenen Satteldecken. Die abgerissene Miliz von etlichen zwanzig Staaten und Stätchen saß rauchend und spielend auf ihren Sätteln umher oder zeterte über die Speisenverteilung, die der Großmut des Maharadscha oblag. Aus einem Umkreis von Hunderten von Meilen hatten sich Bettelmönche und wandernde Priester jeden Bekenntnisses in die Stadt verzogen, und ihre lachsfarbigen Kleidungsstücke und schwarzen Decken und ihre mit Asche beschmierte Nacktheit ergötzten Tarvin manche Viertelstunde. Mit roten rollenden Augen zogen sie furchtlos von Zelt zu Zelt, bald mit Drohungen, bald mit Gewinsel Almosen erzwingend. Auch das Rasthaus war mit neuen Ankömmlingen, meist Handlungsreisenden, überfüllt. Daß der Radscha bei diesem Anlaß seine Schulden bezahlen würde, war zwar unwahrscheinlich, aber neue Bestellungen waren sicher zu erwarten. Die Stadt strahlte im Glanz frischen rosa und weißen Anstrichs und die Hauptstraßen waren durch Bambusgerüste für das Feuerwerk stark eingeengt. Die Häuser waren auf der Straßenseite samt und sonders gefegt und mit weißem Lehm verkittet und die Eingänge waren von Jasminzweigen und Ringelblumenbüscheln umrankt. Im Schweiß ihres Angesichts bahnten sich Händler mit Süßigkeiten, Glasperlen, billigem Schmuck, englischen Spiegelchen und besonders auch Falken ihren Weg durch die überall gestaute Menge, oder würdevolle Stabträger mit silbernen Abzeichen ihrer Macht schafften Raum für eine Karosse des Maharadscha. Vierzig Wagen waren in Bewegung, und solang es Pferde gab und Pferdegeschirr mit Stricken zusammengeflickt werden konnte, wäre es unter der Würde des Staatsoberhauptes gewesen, auch nur einen einzigen mit weniger als vier Pferden zu bespannen. Da diese Pferde schlecht oder gar nicht eingefahren waren, und da die kleinen Jungen von Rhatore in ihres Herzens Freude schon am hellen Mittag Frösche und Schwärmer abbrennen mußten, war das Straßenbild ziemlich »belebt« zu nennen! Die Felsenhöhe, worauf der Palast stand, schien sich in einen qualmenden Vulkan verwandelt zu haben, denn ohne Unterlaß trafen die Würdenträger ein und jeder erwartete die seinem Rang zukommende Anzahl von Salutschüssen. Entstand zwischen dem Donner der Geschütze eine Pause, so schmetterten Blechinstrumente ihre nicht eben melodischen Klänge von den roten Mauern ins Land, und alle Augenblicke öffnete sich dies oder jenes Thor und ein Offizier sprengte heraus, seine sämtliche Mannschaft hinter sich, alle aufgeputzt wie Fasanenhähne im Herbst, die frisch geölten Schnurrbarte martialisch über die Ohren gestrichen; oder es wandelte einer der königlichen Elefanten feierlich einher, den silbernen Tragstuhl auf goldgestickter scharlachroter Samtdecke, die ihm bis an die Knöchel hing, schaukelnd, und gab höchstselbst mit der ihm von der Natur verliehenen Trompete das Zeichen, ihm die Bahn zu räumen. Siebzig Elefanten hatte der König in diesen Tagen zu füttern, und da jedes dieser Tiere täglich so viel Grünfutter braucht, als es auf seinem Rücken schleppen kann, und die Kleinigkeit von dreißig bis vierzig Pfund Mehl obendrein, so spürte der Staatshaushalt diese Gäste. Der Lärm und das Getöse oder die Anwesenheit fremder Rivalen versetzten von Zeit zu Zeit eines dieser Ungeheuer in blinde Wut. Man riß ihm dann eilig die Samtdecke ab, band es mit Stricken und Ketten und ließ es zwischen zwei besonneneren, kaltblütigen Kameraden eine halbe Meile weit vor die Stadt ans Ufer des Amet führen, wo es nach Herzenslust schreien und stampfen konnte, was aber zuweilen zur Folge hatte, daß die Pferde ihre Pflöcke ausrissen und wild zwischen den Zelten herumrasten. Pertab Singh, der Kommandant der königlichen Leibwache, konnte sich jetzt glanzvoll entfalten; jede Stunde des Tages gab ihm Anlaß, an der Spitze seiner Truppe höchst wichtig aussehende Aufträge von der Stadt in die Zelte, von den Zelten in die Stadt zu tragen. Der Austausch fürstlicher Besuche nahm allein zwei Tage in Anspruch. Jeder Fürst fuhr gleich nach der Ankunft mit sämtlichem Gefolge feierlich in den Palast, und eine halbe Stunde später erwiderte der Maharadscha, vom Wirbel bis zur Zehenspitze von Juwelen funkelnd, in silberner Staatskarosse diesen Besuch, die Geschütze aber hatten beide Ereignisse der Berg- und der Zeltstadt zu verkündigen. Die nächtliche Stille trat jetzt höchstens gegen Morgen ein, denn wandernde Musikanten, Bänkelsänger, Märchenerzähler, Tänzerinnen, vierschrötige Ringer und Müßiggänger ohne Zahl drängten sich von Zelt zu Zelt, um ihre Künste zu üben. Waren diese Klänge verstummt, so hörte man um so deutlicher das heisere Gekrächz der Muscheln aus dem Tempel und Käte glaubte in jedem solchen Muschelton einen Wehelaut des Maharadscha Kunwar zu vernehmen, der durch endlose Gebete und »Entsündigungen« auf seine Hochzeit vorbereitet wurde! Sie sah den Knaben jetzt so wenig als Tarvin den Maharadscha, jede Bitte um Audienz wurde mit dem Bescheid: »Die Priester sind mit ihm«, abgelehnt. Tarvin verfluchte die gesamte Priesterschaft von Rhatore und verdammte die Fakirs, die ihm überall in den Weg liefen, zu jeder erdenklichen Höllenstrafe. »Wollte Gott, diese blödsinnige Geschichte wäre endlich überstanden,« so lauteten seine Gedanken in all der Festfreude. »Ein Jahrhundert habe ich doch nicht übrig für Rhatore!« Nach fast acht Tagen ununterbrochenen Festestaumels und einer Sonnenglut, in der einem die grellfarbigen Festgewänder der gesamten Bevölkerung vollends Kopfschmerzen machten, langten auf demselben Weg, den Käte zurückgelegt hatte, zwei europäische Wagen mit fünf Engländern und drei Damen an. Bald darauf durchwanderten die neuen Gäste die Stadt mit teilnahmlosen Blicken, sichtlich verstimmt über die Pflichten ihres Amts, die sie zwangen, in der heißesten Jahreszeit Augenzeugen eines Verbrechens zu sein, das sie nicht nur nicht verhindern konnten, sondern durch ihre Gegenwart gutheißen mußten. Der Geschäftsträger des Generalgouvernements, das heißt also der amtliche Vertreter des Vizekönigs für die Provinz Radschputana, hatte einige Zeit vorher dem Maharadscha zu Gemüt geführt, daß man von ihm als einem erleuchteten, fortschrittlich gesinnten Fürsten die Erwartung hege, er werde mit dem indischen Brauch der Kinderheiraten brechen und seinem Sohn erst in zehn Jahren eine Gemahlin wählen. Der Maharadscha hatte dagegen die Macht und Bedeutung seinem Volk seit undenklichen Zeiten heiliger Sitten und das Begehren der Priester geltend gemacht und seine Weigerung durch eine fürstliche Schenkung an das so wie so reiche Spital von Kalkutta vergoldet. Tarvin für sein Teil hatte kein Verständnis dafür, daß eine Regierung der gotteslästerlichen Posse, die man Hochzeit nannte und deren Opfer zwei Kinder waren, ruhig zusehen konnte. Er wurde alsbald dem Geschäftsträger vorgestellt, der eine große Wißbegierde bezüglich der Arbeiten am Fluß an den Tag legte. Nach der Stauung des Amet gefragt zu werden, wo er doch so wenig damit vom Fleck kam, wie mit dem Naulahka, berührte Tarvin vollends wie eine persönliche Kränkung, und er zeigte sich daher nichts weniger als mitteilsam, belästigte dagegen seinerseits den Geschäftsträger mit Fragen darüber, wie er sich zu dem schmählichen Vorgang im Palast verhalte. Nachdem dieser ihm erklärt hatte, dieses Puppenspiel einer Hochzeit sei eine politische Notwendigkeit, legte Tarvin einer politischen Notwendigkeit dieser Art Gründe unter, die den Beamten veranlaßten, mehr als förmlich zu werden und sich diesen ungehobelten Amerikaner mit plötzlich erwachter Neugier zu betrachten. Die beiden Männer trennten sich nichts weniger als erbaut voneinander. Mit der übrigen Gesellschaft kam Tarvin besser zurecht. Die Frau des Geschäftsträgers, eine hochgewachsene Brünette die aus einer jener Familien stammte, die seit den Tagen der Ostindischen Kompanie an der Verwaltung der Kolonieen teilgenommen haben, besuchte das Spital und studierte Kätes Werk gründlich. Da sie eine Frau und kein Beamter war, durfte sie deutlich zeigen, wie anziehend ihr das hilfreiche Mädchen mit den traurigen Augen erschien, das so wenig Aufhebens von seinen Leistungen machte. Aus diesem Grunde widmete sich dann Tarvin mit Eifer der Unterhaltung und Erheiterung dieser Dame, die ihn für einen interessanten Sonderling erklärte. »Sonderlinge sind sie alle, diese Amerikaner,« setzte sie hinzu. »So gescheit sie auch sein mögen, seinen Vogel hat jeder.« Auch in diesem lärmenden Gepränge war sich ja Tarvin immer bewußt, ein Bürger von Topaz zu sein, und so erzählte er ihr viel von der gesegneten Stadt in der weiten Prairie, an der sein Herz abgöttisch hing. Die »Zauberstadt« nannte er Topaz, kühnlich behauptend, daß sie im Westen Amerikas allgemein so genannt werde. Er langweilte die Dame nicht, vielmehr fand sie Gefallen an seiner Unterhaltung. Bodenverbesserungsgesellschaften, Handelskammern, Bauplatzspekulationen und die Anlage der C. C. C. waren für sie etwas Neues und es gelang Tarvin mit Leichtigkeit, darauf zu kommen, was ihm vor allem am Herzen lag. Ob sie je das Naulahka gesehen habe, fragte er sie unverfroren. Nein, sie wußte kein Wort von dem wunderbaren Halsband! Sie wußte überhaupt nicht viel von Indien, sie hatte nur Gedanken für ihre Heimreise im nächsten Frühjahr. »Zu Hause« war für sie eine bescheidene Wohnung bei Surbiton dicht am Krystallpalast, wo ihr dreijähriger Junge auf sie wartete. Auch die übrige englische Gesellschaft schien sich außerordentlich wenig mit Radschputana zu beschäftigen, geschweige denn mit dem Naulahka. Nur durch Kreuz- und Querfragen brachte Tarvin heraus, daß alle diese Leute die Arbeitsjahre des Lebens zumeist in diesem Land zugebracht hatten. Sie sprachen darüber, wie Zigeuner von einem Ort sprechen mögen, eh' sie die Pferde schirren, um nach dem nächsten zu ziehen. Ja, die Straßen seien schlecht und furchtbar heiß und staubig und sie hofften bald zur Ruhe kommen zu können. Diese Hochzeit war nur eine lästige Mühsal weiter und sie wünschten sehnlich, daß sie bald überstanden wäre. Einer von der Gesellschaft beneidete Tarvin, weil er mit frischen Augen an Indien herangetreten sei und mit dem lebendigen Glauben an die Möglichkeit, hier etwas andres zu säen und zu ernten als Enttäuschungen. Der letzte Tag der Hochzeitsfestlichkeiten begann und schloß mit weiterem Kanonendonner, weiterem Feuerwerk, weiterem Hufgeklapper, Elefantenschreien und krampfhaften Versuchen sämtlicher Militärkapellen, das » God save the Queen « richtig zu spielen. Am Abend sollte der Maharadscha Kunwar – die Braut wird bei einer indischen Hochzeit weder gezeigt, noch genannt – bei einem Bankett erscheinen, wobei der Vertreter des Vizekönigs den Trinkspruch auf ihn und seinen Vater auszubringen hatte. Hierauf wollte der Maharadscha in seinem allerbesten Englisch erwidern, zu welchem Zweck der Hofschreiber ihm eine sehr schöne lange Rede aufgesetzt hatte. Tarvin zweifelte allen Ernstes daran, ob er den Knaben lebendig wiedersehen würde, und ritt vor dem Bankett in die von Menschen wimmelnde Stadt, um sich nach ihm umzusehen. Die Dämmerung war schon angebrochen und die Fackeln flammten zwischen den Häusern. Wilde Wüstensöhne, die noch nie einen weißen Mann zu Gesicht bekommen hatten, hielten Tarvins Pferd am Zügel fest, sahen sich den Reiter gründlich an und ließen ihn dann unter Grunzen vorüber. Die vielfarbigen Turbane schimmerten im Fackelscheine wie Glieder eines zerrissenen Juwelenbands und alle Dächer waren mit dicht verschleierten Frauen besetzt. In einer halben Stunde sollte der Maharadscha Kunwar aus dem königlichen Tempel treten und sich an der Spitze eines Zuges von festlich geschmückten Elefanten ins Bankettzelt verfügen. Zoll für Zoll mußte sich Tarvin durch die dichtgestaute Menschenmenge vor den Tempelstufen seinen Weg bahnen. Er verfolgte keinen andern Zweck, als sich zu überzeugen, ob der Knabe wohlbehalten sei, nur deshalb wollte er ihn aus dem Tempel treten sehen. Als er sich jetzt umsah, ward er inne, daß er der einzige Weiße in diesem ungeheuren Menschenschwarm war, und die neuen Bekannten thaten ihm leid, daß sie viel zu blasiert waren, um an einer solchen phantastischen Scene, wie sie sich jetzt vor ihm abspielte, Gefallen zu finden. Die Tempelpforten waren noch geschlossen; die Silber- und Elfenbeinzeichnung, die darin eingelegt war, flimmerte im Fackelscheine. Irgendwo in der Nähe mußten die Elefanten stehen; Tarvin hörte ihr schnaubendes Atmen und hie und da übertönte ihr schriller Schrei das Summen der Menge. Eine kleine Abteilung Berittener, staubbedeckt und abgehetzt von des Tages Arbeit, versuchte vor dem Tempel eine offene Gasse zu schaffen, aber ihr Bemühen war so vergebens, als ob sie einen Regenbogen hätten durchschneiden wollen. Die Frauen auf den Dächern warfen Ringelblumen, Süßigkeiten und buntgefärbten Reis unter die Menge, Privatbarden, die noch keine Anstellung an irgend einem Hof gefunden hatten, sangen Ruhmeshymnen auf den Maharadscha, den Prinzen, den Vizekönig, den Vertreter des Generalgouvernements, den Oberst Nolan und jeden, von dem sich eine anständige Belohnung erwarten ließ. Einer davon bemerkte Tarvin und machte ihn sofort zum Helden seiner Gesänge. Aus fernem, fernem Land, so sang er, sei dieser Mann gekommen, um einen unbändigen Fluß zu dämmen und zu stauen und den Bewohnern des Landes die Taschen mit Gold zu füllen, sein Schritt sei gleich dem Schritt des Dromedars im Frühling, sein Auge furchterregend wie das Auge des Elefanten, und die Anmut seiner Gestalt so groß, daß die Herzen aller Frauen in Rhatore ihm entgegenschlugen, wenn er des Wegs geritten käme. Ein solcher Mann werde den Sänger dieses armen Liedes fürstlich beschenken und sein Name und Ruhm werde fortleben, solange das fünffarbige Banner über Gokral Sitarun wehe und solange Naulahka, das Staatsglück, die Brust seiner Könige, schmücke. Jetzt öffnete sich unter ohrzerreißendem Muschelgetute die Tempelthüre nach innen, und mit einemmal schien die tobende Menge in Schauern der Ehrfurcht zu verstummen. Die geöffneten Thüren rahmten pechschwarze Dunkelheit ein und zu dem Kreischen der Muscheln gesellte sich ein vielstimmiger Trommelwirbel. Tarvin faßte die Zügel kurz und beugte sich weit vor über den Hals seines Pferdes; der Weihrauchdunst, der aus dem Tempel drang, benahm ihm selbst im Freien fast den Atem, die Menge aber verstummte unter seinem Hauch vollständig. Jetzt trat der Maharadscha Kunwar allein, ohne jede Begleitung aus der Dunkelheit hervor und stand, das Händchen auf den Schwertknauf stützend, einsam vor seinem Volk. Das Kindergesicht unter dem Turban, von dessen Smaragdenschnalle schwere Diamanten auf die Stirne tropften, war aschfahl, die Augen waren blau umrändert, der Mund stand offen, aber das tiefe Mitleid, das Tarvin mit dem gemarterten Kind empfand, wurde verschlungen von einem wilden Pochen des eigenen Herzens – auf dem Goldstoff, der des Maharadscha Kunwar Brust bedeckte, lag das Naulahka. Tarvin brauchte niemand zu fragen, ob es das echte sei. Nicht er hatte das Halsband, es hatte ihn gesehen; aus großen Augen starrte es ihn an. Feuersprühend starrte es ihm entgegen, das tiefe Rot des Rubins, das zornige Grün des Smaragden, das kalte Blau des Saphirs, der weiße leidenschaftliche Strahl des Diamanten. Aber all diese Herrlichkeit überstrahlte und verlöschte ein Stein, der über dem großen geschnittenen Smaragd in der Mitte der Schnalle saß. Es war der schwarze Diamant – schwarz wie die Flut des Styx, funkelnd wie die Gluten der Hülle. Wie ein flammendes Joch lag das Staatsglück auf des Knaben Schultern. Es überstrahlte die funkelnden Sterne des indischen Firmaments, es wandelte das flackernde Fackellicht in trübgelbe Flecken, es sog allen Glanz des Goldgewebes an sich, worauf es lag. Zum Denken, Beurteilen, Würdigen, Bewundern hatte Tarvin keine Zeit, er hatte kaum Zeit, die Thatsache zu begreifen, denn die Muscheln wimmerten und kreischten ein zweites Mal, der Maharadscha Kunwar trat zurück ins Dunkel, die Thürflügel schlossen sich. Fünfzehntes Kapitel Mit glühendem Gesicht und einer am Gaumen klebenden vertrockneten Zunge kam Tarvin ins Bankettzelt. Er hatte es gesehen. Es war vorhanden; Thatsache, nicht Mythe. Und es würde sein eigen werden, er würde es mit nach Hause nehmen. Frau Mutrie würde es um den schön geformten Hals legen, der so reizend aussah, wenn sie lachte, und die C. C. C. würde nach Topaz kommen. Er war der Helfer und Retter seiner Stadt, die jungen Leute würden ihm die Pferde ausspannen, und seinen Wagen im Laufschritt durch die Pennsylvaniastraße ziehen, und im nächsten Jahr würden Baustellen in Topaz nach dem laufenden Zoll verkauft werden. Das alles lohnte wohl des Wartens, der Ableitung von hundert Flüssen, Jahrzehnte des Pachisispiels und einer Reise von Tausenden von Meilen im Büffelkarren. Als er beim Bankett auf die Gesundheit des Maharadscha Kunwar sein Glas leerte, erneuerte er im stillen den Schwur, nicht zu ruhen, bis er sein Ziel erreicht hätte, und wenn er den ganzen Sommer opfern müßte. Der Glaube an seine Erfolge hatte in letzter Zeit manchen Stoß erlitten und war ein wenig schwächlich geworden, aber nun, da Tarvin den Siegespreis gesehen hatte, glaubte er ihn auch schon in Händen zu haben, gerade wie er in Topaz gefolgert hatte, daß Käte ihm gehöre, weil er sie liebe! Am andern Morgen erwachte er mit dem unklaren Bewußtsein, auf der Schwelle großer Thaten zu stehen, als er aber später in seinem kalten Bad saß, konnte er sich nicht mehr recht erklären, woher ihm gestern abend die Siegesgewißheit und der Siegesjubel gekommen waren. Freilich, gesehen hatte er ja das Naulahka, aber die Tempelthore hatten sich, sein Traumgesicht verschlingend, darüber geschlossen, und es schien ihm nun fraglich, ob Tempel, wie Halsband überhaupt der Wirklichkeit angehörten oder nur Phantasiegebilde seien, und unter solch aufgeregtem Nachsinnen war er schon halbwegs in der Stadt, ohne recht zu wissen, daß er seine Wohnung verlassen hatte. Als er sich aber erst einmal darauf besann, wußte er sehr genau, wohin sein Weg führte und was für einen Zweck er verfolgte. Hatte er das Naulahka gesehen, so galt es nun, es im Auge zu behalten. Im Tempel war es verschwunden, in den Tempel wollte er darum gehen. Ausgebrannte Fackelstummel, zertretene Blumen lagen auf den Tempelstufen zwischen kleinen Lachen verschütteten Oels, welk und schlaff hingen die Ringelblumenkränze an den fetten Stierleibern aus schwarzem Gestein herunter, die den inneren Hof bewachten. Tarvin nahm den weißen Korkhelm ab, denn es war jetzt, zwei Stunden nach Sonnenaufgang, schon drückend heiß, strich sich das spärliche Haar aus der hohen Stirne und betrachtete die Ueberbleibsel der Festwoche. Die Stadt war grabesstill; sie mußte ihren Festjubel ausschlafen. Die Tempelthüren standen weit offen; er stieg die Stufen empor und trat hinein, ohne daß jemand den Versuch gemacht hätte, ihn daran zu hindern. Das formlose Bild des vierköpfigen Gottes Isvara, das im Mittelpunkt des Gebäudes stand, war von Weihrauchdunst und geschmolzener Butter geschwärzt und beschmiert. Tarvin betrachtete es neugierig, halb und halb darauf gefaßt, das Naulahka an einem seiner vier Hälse hängend zu finden. Dahinter in den dunkleren Teilen des Tempels standen noch andre mehrköpfige und vielarmige Gottheiten, die diese Arme in die Höhe hoben oder die Zungen herausstreckten und einander angrinsten. Die Ueberbleibsel mannigfaltiger Opfer lagen auf und vor ihnen. Trotz des Dämmerlichts unterschied Tarvin, daß die Kniee des einen schwarz waren von vertrocknetem Blut. Das dunkle Dach lief in eine hindostanische Kuppel aus, und Tarvin hörte über sich das leise Rascheln und Kratzen nistender Fledermäuse. Den Helm tief in den Nacken gerückt, die Hände in die Rocktaschen versenkt, hielt Tarvin, leise vor sich hin pfeifend, gründliche Umschau. Er war jetzt seit vier Wochen in Indien, aber ins Innere eines Tempels war er noch nicht eingedrungen. Der Anblick brachte ihm mit neuer Gewalt zum Bewußtsein, wie fern dieses fremde Volk in Lebensanschauungen, Gewohnheiten und Ueberlieferungen allem stand, was ihm gut und richtig dünkte, und es erfaßte ihn ein gewisser Groll, daß die Diener dieser greulichen Götzen ein Halsband besitzen sollten, in dessen Macht es lag, das Schicksal einer christlichen und civilisierten Stadt wie Topaz zu beeinflussen. Er wußte, daß er ohne weiteres als Tempelschänder hinausgewiesen würde, sobald man ihn entdeckte, und beeilte sich daher mit seiner Untersuchung. Er hatte sich einigermaßen in der Hoffnung gewiegt, bei der Nachlässigkeit dieses Volks könnte das Naulahka in irgend einem Winkel liegen geblieben sein, wie der Schmuck einer Dame auf dem Ankleidetisch, wenn sie spät vom Ball heimkommt. Er sah sich daher hinter und unter jedem Götzenbild danach um, während die Fledermäuse über seinem Haupt ungestört quieksten. Dann kehrte er wieder in die Mitte des Tempels zurück und pflanzte sich in seiner gewohnten Haltung vor dem Gotte Isvara auf. Mit einemmal fühlte er, daß sein Körpergewicht, trotzdem er auf vollständig ebenem Grund stand, ausschließlich auf den Zehenspitzen ruhte, und er trat ein paar Schritte zurück, um sein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Nun drehte sich die Sandsteinplatte, worauf er eben noch gestanden hatte, langsam, wie eine Schildkröte sich in stillem Wasser wälzt, und für einen Augenblick eröffnete sich der Einblick in einen gähnenden schwarzen Schlund. Vollkommen lautlos legte sich die Platte wieder an ihre alte Stelle, Tarvin aber mußte sich kalte Schweißtropfen von der Stirne wischen. Wenn er in diesem Augenblick das Naulahka irgendwo entdeckt hätte, er würde es in seiner Wut mit den Füßen zerstampft haben. Als er rasch in den heißen klaren Sonnenschein hinaustrat, weihte er in seinen Gedanken dieses Land seinen eigenen Göttern; eine schlimmere Verwünschung konnte er nicht ersinnen. Unmittelbar nachdem er dem Tempel den Rücken gekehrt hatte, sprang ein Priester aus einem unentdeckbaren Hinterhalt hervor und sah ihm lächelnd nach. Mit dem Bedürfnis, wieder festen Fuß zu fassen in einer vernunftgemäßen Welt, wo es Häuslichkeit und Frauen gab, ging er sofort ins Missionshaus und lud sich selbst zum Frühstück ein. Herr und Frau Estes hatten sich grundsätzlich von der ganzen Hochzeitsfestlichkeit ferngehalten, aber sie vom amerikanischen Standpunkt aus schildern zu hören, belustigte sie sehr. Käte machte kein Hehl daraus, daß ihr Tarvins Erscheinen eine Freude war. Ihr Herz war voll heiligen Zorns über die Pflichtvergessenheit Dhunpat Rajs und des gesamten Wartepersonals – die ganze Gesellschaft war einfach den Festlichkeiten nachgelaufen und hatte sich volle drei Tage nicht im Spital blicken lassen. Sie und jene Frau aus der Wüste, die nicht von ihrem »unheilbar geisteskranken« Manne wich, hatten die ganze Arbeit allein verrichten müssen. Käte war demnach sehr erschöpft und obendrein voll Sorge um die Wohlfahrt des Maharadscha Kunwar. »Ich bin überzeugt, daß er jetzt unbedingte Ruhe nötig hätte,« sagte sie fast mit Thränen zu Tarvin, als die beiden nach dem Frühstück auf die Veranda traten. »Gestern abend war ich im Palast, und da kam er nach dem Bankett zu mir und weinte wohl eine halbe Stunde bitterlich, der arme kleine Kerl! Natürlich Nervenüberreizung, es ist eine Grausamkeit!« »Nun, heute kann er ja den ganzen Tag schlafen, dann gibt sich's wieder.« »O nein, heute wird die Braut in ihre Heimat zurückgebracht, und er muß ihr das Geleite geben, ich weiß gar nicht wie weit, und in dieser Sonne! Das ist ganz abscheulich! Macht dir eigentlich die Sonne keine Kopfschmerzen, Nick? Ich muß manchmal dran denken, wenn du draußen bist an deinem Damm und wundre mich, daß du's aushältst.« »Ich halte viel aus um deinetwegen, kleines Mädchen,« erwiderte er, ihr tief in die Augen blickend. »Um meinetwillen, Nick? Was nützt mir der Damm?« »Das wirst du schon erfahren, wenn du lang genug lebst,« sagte Tarvin ablenkend, denn von seinem Damm sprach er nicht gern; der kleine Prinz war ein sichereres Gebiet. In den nächsten Tagen ritt er ziemlich planlos in der Umgebung des Tempels herum; hinein wagte er sich nicht mehr, aber im Auge behalten wollte er die Stätte, wo er das Naulahka ein erstes, vielleicht ja auch ein letztes Mal gesehen hatte. Mit dem einzigen lebenden Wesen außer dem König, von dem er nun gewiß wußte, daß seine Hand das Halsband berührt hatte, konnte er ja nicht verkehren, und die Ungeduld, womit er den Maharadscha Kunwar von seinem Brautgeleite zurückerwartete, machte ihn beinahe toll. Er hoffte viel von diesem Wiedersehen und beschwichtigte seine Ungeduld durch häufige Besuche im Spital, wo er nachsah, ob Käte sich auch nicht zu viel zumute. Der pflichtgetreue Arzt hatte sich allerdings nach dem Fest samt seinem Personal wieder eingefunden, aber das Haus war überfüllt mit Gästen aus den entlegensten Teilen des Landes. Meist handelte es sich um Knochenbrüche und andre durch Rosseshufe und Wagenräder verursachte Schäden und ein paar für Käte sehr beunruhigende Fälle von Männern, die unter dem Deckmantel der Freundlichkeit mit Betäubungsmitteln eingeschläfert, ihres Reisegelds beraubt und hilflos auf die Straße geworfen worden waren. Wenn Tarvins Späherblick die tadellos gehaltene Männerabteilung wieder einmal durchforscht hatte, gestand er sich selbst freimütig, daß Käte in Rhatore weit bessere Geschäfte mache als er selbst. Sie betrieb ihre Spitalverwaltung doch nicht als Vorwand für tiefere und minder reine Absichten, und sie genoß den unschätzbaren Vorteil, einem greifbaren, erreichbaren Ziel zuzusteuern. Dieses Ziel verschwand nicht, nachdem es ein einziges Mal wie ein Irrlicht aufgefunkelt hatte, es lag nicht in den Händen einer in Geheimnisse gehüllten Priesterschaft, einer undurchdringlich verhüllten Staatsgewalt. Man konnte es nicht verstecken in Tempeln mit verräterischen Versenkungen, nicht entschwindenden Kindern um den Hals hängen. Eines Morgens, noch vor der Zeit, wo er gewöhnlich zum Fluß hinausritt, erhielt Tarvin im Rasthaus ein Briefchen, worin Käte ihn dringend bat, spornstreichs zu ihr ins Spital zu kommen. Eines Pulsschlags Dauer spiegelte ihm seine Phantasie Unmögliches vor, dann verlachte er seine eigene Hoffnungsseligkeit, steckte sich eine Cigarre an und gehorchte dem Befehl. Käte kam ihm auf den äußeren Stufen entgegen und führte ihn in die Apotheke. »Verstehst du dich auf die Symptome der Hanfblättervergiftung?« Die zur Blütezeit abgestreiften Blätter des Hanfs, in Indien Bhang oder Siddi genannt, dienen zur Bereitung eines berauschenden Getränks und ähnlich wirkender Latwergen, »Majuns« genannt. Anm. d. Uebers. fragte sie, ihm im Eifer die Hand auf den Arm legend. Mit einem raschen Griff bemächtigte er sich ihrer beiden Hände und starrte ihr entsetzt ins Gesicht. »Wieso? Warum? Hat man gewagt ...« Sie lachte aufgeregt. »Nein, nein, Nick ... nicht ich ... er ...« »Wer?« »Der Maharadscha, das Kind. Ich bin meiner Sache jetzt ganz sicher.« Und nun erzählte sie in fliegender Hast, daß heute früh die Staatskarosse samt der Leibwache vors Missionshaus gekommen sei und ein pomphaft herausgeputzter Eingeborener die beinahe leblose Gestalt des Maharadscha Kunwar auf den Armen hereingetragen habe. Anfangs habe sie den Zustand einfach auf Erschöpfung durch die Festlichkeiten zurückgeführt, dann aber sei der Knabe mit blauen Lippen und hohlen Augen aus der Betäubung erwacht und derart von Krämpfen und Zuckungen befallen worden, daß es zum Verzweifeln gewesen sei. Endlich sei er aus reiner Erschöpfung eingeschlafen, und sie habe ihn für eine Stunde der Obhut von Frau Estes anvertrauen können. Sie berichtete, daß Frau Estes, die früher schon Krampfzufälle bei ihm mitangesehen hatte, der Meinung sei, es handle sich um eine Wiederholung des alten Leidens. »Jetzt sieh dir aber das an,« sagte Käte, ihm ihr Tagebuch über die Fälle im Spital hinreichend, worin sie die zwei Fälle von Betäubung durch die sogenannten »Majuns«, die in der letzten Woche vorgekommen waren, genau aufgezeichnet und beschrieben hatte. »Diese Leute,« erklärte sie, »haben von einem Trupp wandernder Zigeuner Zuckerwerk bekommen, und sie sind nicht eher erwacht, als bis die Bande sie all ihres Gelds beraubt hatte. Nun lies, bitte, die Symptome.« Tarvin las, an seinem Schnurrbart kauend, dann sah er Käte forschend an. »Ja,« sagte er, bedeutungsvoll mit dem Kopf nickend. »Das stimmt. Sitabhai?« »Wer sonst würde das wagen?« erwiderte Käte leidenschaftlich. »Ich weiß. Ich weiß. Aber wie ihr beikommen, wie der Sache ein Ende machen?« »Der Maharadscha muß die Wahrheit erfahren,« erklärte Käte mit Entschiedenheit. Tarvin ergriff ihre Hand. »Gut! Den Versuch will ich machen. Aber du weißt, daß ich auch nicht den leisesten Schatten von einem Beweis vorlegen kann.« »Er muß dir glauben. Denke an das Kind und versuch's. Jetzt muß ich zu ihm.« Schweigend ritten sie miteinander zum Missionshaus zurück. Tarvins Entrüstung, daß Käte in eine solch abscheuliche Sache verwickelt werden sollte, machte ihn beinahe ärgerlich über Käte selbst, aber beim Anblick des kranken Knaben schwand aller Groll aus seiner Seele. Fast zu schwach, um den Kopf zu heben, lag das Kind auf einem Bett im Missionshaus. Frau Estes, die ihm eben seine Arznei gereicht hatte, stand auf, erstattete kurzen Bericht und ging wieder ihrer eigenen Arbeit nach. Ein weißes Musselinhemd war alles, was der Knabe trug, aber sein Säbel und der juwelenbesetzte Gurt lagen quer über seine Beine. »Salaam Tarvin Sahib,« murmelte er mit schwacher Stimme. »Es thut mir sehr leid, daß ich krank war....« Tarvin beugte sich zärtlich über ihn. »Strenge dich nur nicht mit Sprechen an, mein Kleiner!« »Ich bin ja wieder wohl jetzt ... bald wollen wir miteinander ausreiten, Tarvin Sahib. ...« »Warst du sehr übel dran, kleiner Mann?« »Ich weiß es nicht. Mir ist alles dunkel. Ich war im Palast ... habe gelacht über die Tänzerinnen ... dann bin ich umgefallen. Ich weiß nicht, was dann geschah ... wie ich hierherkam. ...« Er schluckte gierig das kühlende Getränk, das ihm Käte vorhielt, dann sank der Kopf in die Kissen zurück, indes das eine wachsgelbe Händchen mit dem Säbelgriff spielte. Käte kniete neben dem Bett und schob den Arm unter sein Kissen, um den Kopf zu stützen. Tarvin glaubte nie vorher genügend gewürdigt zu haben, wieviel Schönheit in ihrem guten, klugen, wahrhaftigen Gesicht lag. Die sonst herb mädchenhafte Gestalt nahm weichere Linien an, der entschlossene Mund zuckte, und aus den feuchten Augen leuchtete ein Liebesstrahl, den Tarvin noch nie gesehen hatte. »Komm auf die andre Seite – so,« befahl der kleine Kranke, nach indischer Art durch rasches Einziehen und Spreizen der schmächtigen Finger seinen Wunsch ergänzend. Gehorsam kniete Tarvin an der andern Seite des Betts nieder. »So, jetzt bin ich der König und ihr seid mein Hofstaat.« Käte lachte melodisch, voll Wonne, daß der Knabe sich so rasch zu erholen schien. Tarvin schob seinen Arm auch unter das Kopfkissen, erwischte dort Kätes Hand und hielt sie fest. Der Thürvorhang hob sich leise. Frau Estes hatte ein wenig nach dem Kranken sehen wollen, was sie sah, veranlaßte sie aber, sich leise wieder fortzustehlen. Verwunderlich kam es ihr nicht vor; sie hatte sich ja schon bei Tarvins erstem Besuch ihre Gedanken gemacht. Jetzt wurden die Augen des Knaben abermals trüb und schwer und Käte wollte aufstehen, um ihm wieder etwas zu trinken zu geben. »Nein, nein, bleib so,« rief er befehlshaberisch und setzte dann, in die heimische Mundart verfallend, mit schwerer Zunge hinzu, »die dem König dienen, sollen ihres Lohns nicht verlustig gehen. Sie sollen Dörfer haben, steuerfreie ... drei, fünf Dörfer ... Sujjain, Amet und Gungra. Als freies Geschenk sollen sie eingetragen werden, wenn sie heiraten ... sie sollen heiraten und immer um mich sein ... Fräulein Käte und Tarvin Sahib. ...« Tarvin begriff nicht, weshalb Kätes Hand plötzlich aus der seinigen schlüpfte; er verstand die Mundart nicht wie sie. »Nun fängt er wieder zu phantasieren an,« flüsterte sie leise. »Das arme, arme Kind!« Tarvin biß die Zähne zusammen und verfluchte im stillen diese Sitabhai. Käte trocknete dem Knaben den Schweiß von der Stirn und suchte den Kopf, den er jetzt rastlos herumwarf, besser zu stützen. Tarvin hielt ihm die Hände fest, deren dünne Fingerchen sich um die seinigen krallten, während der kleine Körper von den letzten Wirkungen des Giftes geschüttelt wurde. Ein paar Minuten lang schlug das Kind wild um sich, rief die Namen aller möglichen Götter an, wollte nach seinem Säbel greifen und erteilte einem unsichtbaren Regiment Befehle, diese weißen Hunde an die Pfosten des Palastthors zu hängen und zu Tode zu räuchern. Dann ließen die Krämpfe nach, er sprach leise vor sich hin und rief nach seiner Mutter. Vor Tarvins innerem Auge stand eine ferne Ebene, die sich sachte zum Fluß hinabsenkte. Dort hatten sie den Kirchhof von Topaz abgesteckt gehabt, als ein kleines Grab gegraben werden mußte. Hecklers erstes Kind war in einem roh gezimmerten Särglein von Tannenholz hinabgesenkt worden, Käte hatte daneben gestanden und auf ein fingerlanges Brettchen von Tannenholz, das sein einziges Grabmal bildete, Namen, Geburts- und Todestag des Kindes geschrieben. »Nein, nein, nein!« wimmerte der Maharadscha Kunwar. »Ich lüge nicht, ich spreche die Wahrheit, und ich war so müde, so müde von dem heidnischen Tanz im Tempel, daß ich nur gerade über den Hof ging. ... Es war eine neue Tänzerin da, ein Mädchen aus Lucknow, und sie sang von dem ›grünen Busch von Mundora‹.... Jawohl, aber nur ein bißchen Mandelkäse, weißen Mandelkäse, Mutter. Ich war so hungrig, Mutter ... ein Stückchen weißen Mandelkäse ... warum soll ich nicht essen, wenn ich Lust dazu habe? Bin ich eines Straßenkehrers Sohn oder ein Prinz, Mutter? Hebt mich auf! Hebt mich auf! Es ist schrecklich heiß in meinem Kopf, ganz innen ... Lauter, lauter ... ich verstehe nicht . .. bringt man mich zu Käte? Käte wird mich gesund machen! Wie war die Botschaft?« Das Kind rang verzweifelnd die Hände. »Die Botschaft! Die Botschaft! Ich habe sie vergessen. ... Keiner im ganzen Staat spricht englisch wie ich ... aber die Botschaft hab' ich vergessen ... »Tiger, Tiger, glühend bunt In dem Wald zur Nacht, Welch unsterblich Wesen schuf Deiner Farben Pracht. »Jawohl, Mutter ... bis sie weint. Das Ganze soll ich sagen, bis sie weint, ich will's nicht vergessen, ich hab's ja auch nicht vergessen das erste Mal. ... Beim großen Gott Har! Nun hab' ich's doch vergessen.« Er fing bitterlich zu weinen an. Käte, die schon an so vielen Schmerzenslagern gestanden hatte, blieb ruhig und stark. Sie beschwichtigte das Kind mit leiser, besänftigender Stimme, reichte ihm einen beruhigenden Trank und that, wie Tarvin bewundernd sah, gelassen und sicher in jedem Augenblick das Richtige. Er dagegen war im Innersten erschüttert vom Anblick dieser Qualen und von der Hilflosigkeit, womit er dabeistehen mußte. Der Maharadscha Kunwar that einen tiefen schluchzenden Atemzug und zog die Brauen kraus. »Mahadeo ki jai!« schrie er. »Es kommt wieder, es fällt mir ein! Eine Zigeunerin hat's gethan, eine Zigeunerin hat's gethan ... und das soll ich sagen, bis sie weint. ...« Käte richtete sich auf; es war ein furchtbarer Blick, womit sie Tarvin ansah. Er verstand ihn, nickte ihr zu und ging, sich hastig die Augen trocknend, hinaus. Sechzehntes Kapitel. »Ich will den Maharadscha sprechen!« »Der Maharadscha ist nicht zu sprechen.« »Dann warte ich, bis er kommt.« »Er wird den ganzen Tag nicht kommen.« »Dann warte ich den ganzen Tag.« Tarvin setzte sich bequem zurecht im Sattel und stellte sein Pferd genau in die Mitte des Hofs, wo seine Zusammenkünfte mit dem Maharadscha in der Regel stattfanden. Die Tauben schliefen im Sonnenschein, der Springbrunnen führte ein Selbstgespräch, wie eine Taube gurrt, ehe sie ihr Nest aufsucht. Die weißen Marmorfliesen glühten und strahlten die Hitze wider, heiße Luftwellen fluteten von den grün vergitterten Mauern herab. Der Thorhüter wickelte sich wieder in sein Leintuch und schlief weiter, und mit ihm schlief, so schien es, die ganze Welt in einem Schweigen befangen so überwältigend wie die Hitze. Tarvins Roß biß in die Zaumstange, und das Klirren des Metalls erweckte das Echo der schweigenden Wände. Der Mann darauf schlang ein großes seidenes Taschentuch um den Hals, um den Sonnenstrahlen wenigstens etwas zu wehren. Den Schatten des Thorbogens verschmähte er; der Maharadscha sollte ihn mitten in der Glut halten sehen, um zu begreifen, wie dringend sein Anliegen war. Nach ein paar Minuten wurde in der mittäglichen Stille ein Geräusch wahrnehmbar, etwa wie wenn der Wind zur Herbstzeit in den hohen Aehren eines Weizenfeldes rauscht. Es drang hinter den grünen Fensterläden hervor, und unwillkürlich setzte sich Tarvin strammer im Sattel zurecht. Der Laut wuchs an und brach wieder ab, endlich aber äußerte er sich deutlich als ein fortgesetztes Stimmengemurmel, dem das Ohr wider Willen gespannt folgen mußte, solch ein Murmeln, wie es in schweren Träumen steigende Fluten ankündigt, denen der Träumer nicht entrinnen kann, wo er für seine Angst keinen anderen Laut findet, als ein heiseres Flüstern. Mit dem Gemurmel kamen die Tarvin schon so wohl bekannten starken Jasmin- und Moschusdüfte durch die Luft gezogen. Der Palast war von seiner Siesta erwacht und spähte mit seinen hundert Augen nach ihm aus. Er fühlte die Blicke, die er nicht sehen konnte, und sie versetzten den unbeweglich Dasitzenden in Wut, während das Pferd nach den Fliegen schlug. Irgend jemand gähnte hinter dem Gitter; so leise und diskret dieses Gähnen war, berührte es doch Tarvin wie eine persönliche Beleidigung, und er nahm sich vor, auf seinem Posten auszuharren, bis er oder sein Pferd umsinken würde. Langsam, Zoll für Zoll, kroch die Sonne ihres Wegs, und endlich hüllte ihn die westliche Mauer in erstickenden Schatten. Jetzt ging ein gedämpftes Summen durch die inneren Gänge, deutlich unterschieden von dem bisherigen Gemurmel. Eine kleine reich mit Elfenbein eingelegte Seitenthüre öffnete sich, und der Maharadscha wälzte sich heraus. Er war im denkbar häßlichsten Hausgewand aus leichtem Musselin, und der kleine saffrangelbe Turban saß ihm schief auf dem Kopf, so daß die zeisiggrüne, lange Feder wie betrunken schwankte. Seine Augen waren gerötet vom Opium, sein Gang erinnerte an einen Bären, den das Morgengrauen im Mohnfeld überrascht, wo er sich nächtlicher Weile gütlich gethan hat. Tarvins Gesicht verfinsterte sich noch mehr bei diesem Anblick, und der Maharadscha, der den entrüsteten Blick seines englischen Freundes auffing, gab seinen Begleitern einen Wink, außer Hörweite zu bleiben. »Haben Sie lange auf mich gewartet, Tarvin Sahib?« fragte er mit rauher Kehle, aber sichtlichem Bestreben, huldreich zu sein. »Sie wissen ja, daß ich um die Nachmittagszeit niemand empfange, und man hat mir auch nicht gemeldet, daß Sie da seien.« »Ich kann warten,« versetzte Tarvin mit Ruhe. Der König setzte sich in den halb zerbrochenen Lehnstuhl, den die Sonne vollends zum Bersten brachte, und schielte argwöhnisch zu Tarvin hinauf. »Hat man Ihnen genug Sträflinge gegeben zur Arbeit? Ja, warum gehen Sie dann nicht zu Ihrem Damm, statt meine Ruhe zu stören? Bei Gott! Soll ein König um Ihrer und Ihresgleichen willen keine Ruhe haben?« Tarvin ließ diesen Ausbruch ohne Widerspruch über sich ergehen. »Ich bin hier des Maharadscha Kunwar wegen,« sagte er ruhig. »Was ist's mit ihm?« fragte der König rasch. »Ich ... ich habe ihn seit einigen Tagen nicht gesehen.« »Warum nicht?« fragte Tarvin scharf. »Staatsgeschäfte ... dringende politische Angelegenheiten,« brummte der König, Tarvins strafendem Blick ausweichend. »Warum sollte ich mich denn um alles kümmern, wenn ich doch weiß, daß meinem Sohn kein Leid geschehen kann!« »Kein Leid!!« »Was sollte ihm denn zustoßen?« fragte der König, dessen Stimme ganz kläglich, fast winselnd klang. »Haben Sie mir nicht selbst versprochen, ihm ein wahrer Freund zu sein, Tarvin Sahib? Das war an dem Tag, wo Sie so fest im Sattel saßen und meiner ganzen Leibwache standhielten! Besser reiten habe ich im Leben nicht gesehen, und darum weiß ich, daß ich mir keine Sorgen zu machen brauche! Lassen Sie uns trinken!« Er gab dem Gefolge ein Zeichen, worauf einer von den Leuten mit einem silbernen Pokal vortrat, den er unter dem bauschigen Gewand getragen hatte, und einen Liqueur einschenkte, dessen Geruch Tarvin das Wasser in die Äugen trieb, obwohl er an starke Getränke gewöhnt war. Ein Zweiter brachte eine Sektflasche zum Vorschein, entkorkte sie mit der Geschicklichkeit, die nur lange Uebung gibt, und füllte den Pokal mit dem schäumenden Wein. Der Maharadscha that einen tiefen Zug, wischte sich den Schaum vom Bart und bemerkte entschuldigend: »Der Vertreter des Vizekönigs braucht so etwas nicht zu sehen; aber Sie sind ein wahrer Freund des Staats, Tarvin Sahib, darum dürfen Sie es sehen. Soll man Ihnen auch einen Trunk mischen wie diesen?« »Danke, nein. Nicht um zu trinken kam ich hierher, sondern um Ihnen zu sagen, daß der Prinz sehr krank war.« »Mir wurde berichtet, er habe einen leichten Fieberanfall,« sagte der König, sich in seinem Stuhl zurücklehnend, »und er ist ja bei Fräulein Sheriff, die ihn bald gesund machen wird! Nur ein bißchen Fieber, Tarvin Sahib. Trinken wir eins!« »Ein bißchen Hölle! Begreifen Sie denn nicht, was ich sage? Der kleine Bursche ist ja halbwegs vergiftet worden!« »Das werden die englischen Arzneien gewesen sein,« sagte der Maharadscha mit einem stumpfsinnigen Lächeln. »Die haben mir auch einmal den Magen verdorben, seither nehme ich immer unsre heimischen Mittel. Sie sind doch immer ein Spaßvogel, Tarvin Sahib!« Mit übermenschlicher Anstrengung bekämpfte Tarvin seinen gerechten Zorn, klopfte mit der Reitpeitsche an seine Stiefel und sagte laut und deutlich: »Zum Spaßen bin ich heute gar nicht aufgelegt, Maharadscha Sahib. Ja, der Prinz ist jetzt bei Fräulein Sheriff – bewußtlos wurde er hingebracht. Man hat im Palast den Versuch gemacht, ihn mit Hanfblättern zu vergiften.« »Mit Bhang ...« sagte der König. »Wie man das Satansgebräu hierzulande nennt, weiß ich nicht, aber vergiftet hat man ihn. Wäre Fräulein Sheriff nicht gewesen, so wäre Ihr Erstgeborener, Ihr Thronerbe gestorben. Er ist vergiftet worden, verstehen Sie mich recht, Maharadscha Sahib, und zwar hier im Palast.« »Ach, er wird irgend etwas Unverdauliches gegessen und sich den Magen verdorben haben,« entgegnete der König leichthin. »Kinder essen allerhand! Bei Gott! Es lebt kein Mensch, der es wagen würde, Hand anzulegen an meinen Sohn!« »Und, bitte, womit verhüten Sie es denn?« Der König richtete sich auf; seine geröteten Augen funkelten vor Wut. »An das Vorderbein meines größten Elefanten würde ich ihn binden und ihn einen ganzen Nachmittag zu Tode martern!« Den Schaum vor dem Mund, redete er hindostanisch weiter, ein ganzes Verzeichnis abscheulicher Martern heraussprudelnd, die zu verhängen er wohl den Willen, aber nicht die Macht gehabt hätte. »All das widerführe dem Mann, der meines Sohnes Leben antastete,« schloß er. Tarvin lächelte ungläubig. »Ich weiß, was Sie denken,« brach der König los, von Alkohol und Opium halb wahnsinnig. »Sie meinen, weil wir eine englische Regierung haben, könne ich nur nach dem Gesetz richten! Unsinn! Geschwätz! Was frage ich nach dem Gesetz, das in den Büchern steht? Werden die Wände meines Palastes den Englischen erzählen, was dahinter vorgeht?« »Nein, die sind stumm, sonst hätten sie Ihnen längst erzählt, daß ein Weib zwischen ihnen lebt, das solche Missethaten anstiftet!« Das kupferfarbene Gesicht des Königs wurde grau. Mit heiser krächzender Stimme kreischte er: »Bin ich ein Fürst oder ein Töpfer, daß ich die Angelegenheiten meines Harems ans Tageslicht zerren lassen muß, wenn es einem weißen Hund einfällt, mich anzuheulen? Fort mit dir! Packe dich! Oder die Wache wird dich hinaustreiben wie einen Schakal!« »Das kann sie thun,« versetzte Tarvin gelassen, »aber was nützt es dem Prinzen, Maharadscha Sahib? Kommen Sie mit mir ins Missionshaus, daß ich Ihnen das Kind zeige. Sie werden wohl etwas von Giften verstehen und mögen dann selbst urteilen. Der Knabe ist vergiftet worden.« »Fluch dem Tag, an dem ich den Missionaren gestattete, in meinem Staate zu wohnen! Dreifacher Fluch dem Tag, an dem ich Sie nicht hinaus jagte!« »Sie thun mir unrecht. Ich bin hier, um über den Maharadscha Kunwar zu wachen, und werde meine Schuldigkeit thun, auch wenn Sie ihn lieber von Ihren Weibern vergiften ließen!« »Tarvin Sahib, wissen Sie, was Sie sagen?« »Wenn ich's nicht wüßte, würde ich's nicht sagen. Ich kann's beweisen.« »Beweisen? Vergiftung nachweisen? Vollends wenn ein Weib die Hand im Spiel hat? Verdacht kann man haben und danach richten, aber das englische Gesetz sagt, auf bloßen Verdacht dürfe man niemand verurteilen. Tarvin Sahib, sie haben mir alles genommen, was des Radschputen Stolz ist, ich und meinesgleichen, wir verkommen im Müßiggang, wie Rosse, die man nicht aus dem Stall führt, da drinnen aber bin ich wenigstens Herr.« Dabei wies seine Hand nach dem grünen Gitterwerk und er sprach leiser, dann lehnte er sich erschöpft im Stuhl zurück und schloß die Augen. Tarvin war in Verzweiflung. »Kein Mensch würde es wagen – niemand würde es wagen,« sprach der König halblaut vor sich hin. »Und das andre, was Sie sagten ... davon zu sprechen, liegt nicht in Ihrer Macht. Bei Gott! Ich bin Radschpute, ich bin König, doch vom Leben hinter dem Vorhang spreche ich nicht.« »Ich verlange auch nicht, daß Sie davon reden, Maharadscha Sahib,« versetzte Tarvin, seinen Mut in beide Hände nehmend, »Ich will Sie nur warnen vor Sitabhai. Sie ist's, die den Prinzen vergiftet.« Der Maharadscha schauderte. Daß ein weißer Mann, ein Fremder, den Namen seiner Königin aussprach, war an sich schon ein Schimpf, wie er dem König nie im Leben angethan worden war, aber daß ein weißer Mann eine derartige Anklage im offenen Hof vor seinem Gefolge laut erhob, das überstieg alles Maß der Möglichkeit. Der Maharadscha war eben von Sitabhai gekommen, die ihn mit Liedern und Koseworten, die keines andern Mannes Ohr je hören durfte, eingelullt hatte, und da erhob dieser hergelaufene Ausländer solche Anklage. Hätten ihn Alkohol und Opium nicht gelähmt, er würde sich über Tarvin hergeworfen haben. »Die Beweise, die ich dafür habe,« schloß Tarvin, »werden dem Oberst Nolan vollständig genügen.« Der Maharadscha starrte Tarvin mit verglasten Augen an; es sah fast aus, als ob der Fürst in Zuckungen verfallen würde, allein Alkohol und Opium waren die wahren Urheber dieses Zustands. Er stöhnte und brummte zornig, der Kopf sank auf die Brust, die Zunge versagte den Dienst, schwer atmend, bewußtlos, wie ein Stück Holz lag er in seinem Stuhl. Tarvin faßte die Zügel, blieb aber noch eine Weile in den Anblick des sinnlos betrunkenen Würdenträgers versunken. Das Rascheln und Raunen und Tuscheln hinter den Gittern dauerte gleichmäßig fort, wie Meeresbrandung. Nachdenklich gestimmt lenkte Tarvin sein Pferd durch den Thorbogen. Aus der dunkeln Ecke, wo der Thorhüter schlief und die Kampfaffen des Königs an der Kette lagen, sprang jählings etwas hervor, und Fibby wich zurück, als sich ein grauer Affe mit abgebrochenem Kettenende am Gürtel kreischend hinten auf den Sattelknopf schwang. Tarvin fühlte und roch das Tier, das mit der einen Hand in die Mähne des Pferdes griff, mit der andern Tarvins Hals umkrallte. Unwillkürlich griff dieser zurück, und noch ehe die Zähne in den scheußlichen blauen Kinnladen sich irgendwo hatten einbohren können, feuerte er, den Revolverlauf gegen das weiche Fell drückend, zweimal. Stöhnend wie ein Mensch, kugelte das Geschöpf zur Erde und der Pulverrauch zog langsam durch den dunkeln Thorbogen und verteilte sich im Hof. Siebzehntes Kapitel. In der Wüste sind die Nächte im Sommer noch heißer als die Tage, denn wenn die Sonne verschwunden ist, strahlen Mauern, Marmor, Sand und Erde die aufgespeicherte Hitze aus, und tiefhängendes Gewölk, das immer Regen verspricht und nie bringt, wehrt ihr jeglichen Ausweg. Tarvin lag auf der Veranda des Rasthauses, rauchte eine Cigarre und fragte sich, ob sein Einschreiten die Lage des Maharadscha Kunwar wohl verbessert oder verschlimmert haben werde. Er konnte ganz ungestört seinen Gedanken nachhängen, denn auch die letzten Geschäftsreisenden waren, bis zum letzten Moment murrend, nach Kalkutta oder Bombay zurückgekehrt, und der Dâk Bungalow stand jetzt zu seiner alleinigen Verfügung. Seinen Herrschersitz überblickend, dachte Tarvin, Rauchringe blasend, über die verzweifelte und keine Aussicht auf Besserung gewährende Lage nach. Im Grund waren die Dinge jetzt gerade auf dem Punkt angelangt, wo sie ihm am besten gefielen. War der Karren einmal so gründlich verfahren, so brauchte man einen Nikolas Tarvin, um ihn wieder flott zu machen! Käte war halsstarrig, das Naulahka entschlüpfte ihm, der Maharadscha war drauf und dran, ihn aus dem Land zu jagen. Sitabhai hatte mit angehört, daß er sie eines Mordversuchs bezichtigte, sein Leben konnte also in jedem Augenblick ein geheimnisvolles Ende nehmen, wobei ihm nicht einmal der Trost blieb, daß Heckler und die andern Jungen von Topaz ihn rächen würden. Kam es nicht dazu, so sah es doch ganz danach aus, als ob er dieses Leben ohne Käte werde weiterleben müssen, Topaz nicht mit einer neuen Aera würde beschenken können – mit andern Worten, daß es gar nicht der Mühe wert sein würde, überhaupt zu leben. Das Mondlicht, das die hochgelegene Stadt jenseits des Sandmeers beschien, warf phantastische Schatten auf Tempelkuppeln und Wachtthürme. Ein Nahrung suchender Hund beschnüffelte Tarvins Stuhl, zog sich dann zurück und heulte ihn aus einiger Entfernung an. Es war merkwürdig melancholisch, dieses Hundegeheul. Tarvin rauchte weiter, bis der Mond unterging und die undurchdringliche Finsternis indischer Nächte angebrochen war. Kaum hatte sie ihn ganz eingehüllt, als er sich bewußt ward, daß etwas noch undurchdringlicher Schwarzes zwischen ihm und dem Horizont auftauchte. »Sind Sie es, Tarvin Sahib?« fragte eine Stimme in gebrochenem Englisch. Tarvin sprang auf, ohne eine Antwort zu geben. Er fing an, plötzliche Erscheinungen mit einem gewissen Mißtrauen zu betrachten, und seine Hand zuckte nach dem Revolver. In einem Land, das nach dem Muster einer »Feeerie« eingerichtet war, konnte seiner Meinung nach so ziemlich alles passieren! »Nein, fürchten Sie nichts,« fuhr die Stimme fort. »Ich bin's – Juggut Singh.« Tarvin saugte nachdenklich an seiner Cigarre. »Singh heißt in Gokral Sitarun jeder dritte Mensch – was für ein Singh?« »Juggut Singh vom Haushalt der Maharadscha,« »Hm... will der König mich sprechen?« Die Gestalt trat lautlos näher. »Nein, Sahib, die Königin.« »Welche?« fragte Tarvin abermals. Jetzt war die Gestalt auf der Veranda selbst dicht an seiner Seite. »Es gibt nur eine, die den Mut hat, den Palast zu verlassen,« raunte sie ihm zu, »die Zigeunerin!« Tarvin schnalzte leise mit den Fingern und mit der Zunge; diese Sache ließ sich ja ganz nach seinem Geschmack an! »Angenehme Empfangsstunden beliebt die Dame,« bemerkte er in triumphierendem Ton. »Das ist nicht der Ort, darüber zu reden, Sahib. Ich soll sagen: ›Komm zu mir, falls du Dunkelheit nicht fürchtest.‹« »Wahrhaftig? Nun, sehen Sie, Juggut Singh, über den Punkt müssen wir uns doch ein wenig aussprechen. Ich freue mich wirklich, Frau Sitabhais Bekanntschaft zu machen; aber wo steckt sie denn? Wohin soll ich gehen?« »Ich sollte sagen: ›Komm zu mir‹ ... Fürchten Sie sich?« Dies letztere sagte Juggut Singh aus eigenem Antrieb. »Ich kann mich auch fürchten, wenn's drauf ankommt, aber jetzt ist davon nicht die Rede,« sagte Tarvin, dicken Rauch aus seiner Cigarre blasend. »Es sind Pferde da, rasche Pferde. Die Königin will's, folgen Sie mir.« Tarvin rauchte ruhig weiter – Eile hatte er offenbar nicht. Dann erhob er sich aus dem Schaukelstuhl, als ob er jeden Muskel einzeln in Bewegung setzten müßte. Jetzt zog er den Revolver aus der Tasche, untersuchte dicht unter Juggut Singhs wachsamen Augen die einzelnen Kammern und steckte ihn, dem Begleiter zunickend, wieder in die Tasche. »So, jetzt kann's losgehen,« sagte er. Sie gingen um die Veranda herum, an die Rückseite des Hauses, wo zwei Pferde angepflockt standen, die Köpfe mit leinenen Tüchern umhüllt, um sie am Wiehern zu verhindern. Der Mann bestieg das eine, Tarvin das andere; nicht ohne sich vorher überzeugt zu haben, daß der Sattelgurt dieses Mal richtig geschnallt war. Schweigend ritten sie im Schritt davon, von der Straße zur Stadt bald in einen Feldweg einbiegend, der in der Richtung der Hügel führte. »So,« sagte Juggut Singh, nachdem sie eine Viertelmeile entfernt und in tiefster Einsamkeit unter dem Sternenhimmel waren, »jetzt können wir zureiten!« Aus den Steigbügeln schlüpfend, legte er sich platt vor auf den Hals des Pferds und begann das Tier rasend anzutreiben. Nur unmittelbare Todesfurcht konnte den verzärtelten Palast-Eunuchen zu einem solchen Tempo bewegen; Tarvin beobachtete, wie die feiste Gestalt auf dem Sattel hin und her rollte, kicherte ein wenig und folgte. »Als Cowboy würden Sie sich nicht sehr auszeichnen, Juggut,« bemerkte er. »Was meinen Sie?« »Vorwärts!« rief Juggut Singh keuchend. »Auf die Kluft zwischen den zwei Anhöhen zu halten ... nur schnell!« Der trockene Sand stäubte hoch auf unter den Pferdehufen, die heiße Luft pfiff um die Ohren von Mann und Roß, als sie die leichte Steigung nach dem Hügel drei Meilen von der Stadt hinauf jagten. In früheren Jahren, vor der Einführung des Telegraphen in Indien, hatten sich die Opiumhändler der Wüste von niederen Wachtürmen auf den Hügeln aus durch Feuerzeichen über Sinken oder Steigen der Preise verständigt, und eine dieser in den Ruhestand versetzten Meldestationen war das Ziel, dem Juggut Singh zustrebte. Die Pferde fielen in Schritt, sobald die Steigung fühlbarer wurde und die Umrisse des kumpfigen Turmes sich deutlich vom nächtlichen Himmel ablösten. Ein paar Minuten später traten die Pferde statt auf Sand auf festen Marmorboden, und Tarvin sah jetzt, daß sie längs eines bis zum Rand gefüllten großen Sammelbeckens hin ritten. Ein paar Lichter, die in östlicher Richtung zwinkerten, zeigten ihm, wo Rhatore lag und versetzten Tarvin ganz in die Nacht zurück, wo er von der hinteren Plattform eines Pullman-Wagens aus Topaz lebewohl gesagt hatte. Nachtvögel ließen aus dem Röhricht am gegenüberliegenden Rand des Weihers ihre Stimmen erschallen, und ein großer Fisch schnappte im Wasser nach dem Spiegelbild eines Sterns. »Der Wachturm ist am andern Ende der Umfassungsmauer,« belehrte ihn Juggut Singh, »und dort ist die Zigeunerin.« »Wird dieser Name nie in Vergessenheit kommen?« fragte eine Stimme von unvergleichlich schmeichelndem Wohllaut aus der Dunkelheit heraus. »Es ist gut, daß ich sanftmütig bin, sonst würden dich die Fische kennen lernen, Juggut Singh.« Tarvin riß sein Pferd ungestüm zurück, denn fast unter seinem Zaum stand eine Gestalt, vom Kopf bis zu den Füßen in einen Nebel von hellgelber Seidengaze gehüllt. Sie war seitwärts hinter dem roten Grabstein hervorgetreten, der die Ruhestätte eines einst gefeierten radschputischen Edeln, des Erbauers dieses Sammelbeckens, bezeichnete. Man glaubte im ganzen Land, daß sein Geist nächtlicher Weile hoch zu Roß sein Bauwesen bewache, und das war einer von den Gründen, weshalb der »Dungar Talao« von Sonnenuntergang an gemieden wurde. »Steigen Sie ab, Tarvin Sahib,« sagte die süße Stimme mit spöttischer Betonung. »Ich bin wenigstens kein grauer Affe. Juggut Singh, du hütest die Pferde unter dem Wachturm!« »Und schlafen Sie dabei nicht ein, Juggut,« fügte Tarvin hinzu. »Wir könnten Ihrer bedürfen.« Er sprang vom Pferde und stand vor Sitabhais verschleierter Gestalt. »Ich wußte, daß Sie kommen würden, Sahib,« sagte sie nach einer Weile, ihm eine Hand hinstreckend, die noch kleiner war als die Kätes. »Ich wußte, daß Sie keine Angst haben.« Sie hielt seine Hand bei diesen Worten mit leisem zärtlichem Druck fest, und Tarvin griff nun fester zu, vergrub die schlanken Finger ganz in seiner mächtigen Tatze und schüttelte sie, daß der Königin unwillkürlich ein leiser Wehruf entfuhr. »Bei Indur, der Mann kann zufassen,« murmelte sie vor sich hin, während er laut und herzhaft versicherte, daß er sehr erfreut sei, endlich ihre Bekanntschaft zu machen. »Ich freue mich auch, Sie zu sehen,« erwiderte sie. Die Stimme war wirklich berückend – wie nur das verschleierte Gesicht aussehen mochte, fragte sich Tarvin. Gelassen ließ die Königin sich auf der Steinplatte des Grabmals nieder und winkte ihm, sich an ihre Seite zu setzen. »Weiße Männer lieben offene Rede,« begann sie, langsam die Worte suchend und in einigem Kampf mit der Aussprache des Englischen. »Sagen Sie mir, Tarvin Sahib, wieviel Sie wirklich wissen?« Sie zog bei diesen Worten den Schleier weg und wandte ihm ihr Gesicht zu. Bei Gott – schön war sie. Diese Wahrnehmung drängte sich unmerklich zwischen Tarvins vorgefaßte Meinungen. »Sie werden doch nicht verlangen, daß ich mich selbst aufgebe, Königin?« »Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen, aber ich weiß, daß Sie anders sprechen als andre weiße Männer,« versetzte sie in ihren süßesten Tönen. »Nun, mit andern Worten, Sie werden doch nicht erwarten, daß ich Ihnen die Wahrheit sage?« »Nein, sonst würden Sie mir sagen, weshalb Sie hier sind. Aber warum machen Sie mir so viel Mühe?« »Thue ich das, Königin?« Sitabhai lachte, wobei sie den Kopf zurückwarf und die Hände im Nacken verschränkte. Talvin beobachtete sie neugierig beim Licht der Sterne. Mit allen Sinnen war er hell wach und auf seiner Hut; von Zeit zu Zeit spähte er scharf aus nach allen Seiten, aber nichts war wahrzunehmen als der schwache Glanz des Wassers, das leise gegen die Marmorstufen plätscherte, nur Eulenrufe unterbrachen die tiefe Stille. »O Tarvin Sahib!« sagte sie. »Als ob Sie's nicht wüßten! Aber nach dem ersten Mal that mir's leid.« »Bitte, wann war denn das erste Mal?« »Als der Sattel sich drehte, natürlich. Als dann der Balken vom Gerüst fiel, glaubte ich wenigstens Ihr Pferd getroffen zu haben – war es nicht verletzt?« »Nein,« sagte Tarvin, den diese unverblümte Offenheit denn doch verblüffte. »Das wußten Sie ja doch,« bemerkte sie beinah vorwurfsvoll. Tarvin schüttelte den Kopf. »Nein, meine verehrte Königin, nein,« gestand er langsam und nachdrücklich, »zu meiner Schande sei's gesagt, ich vermutete Sitabhai nicht dahinter. Jetzt dämmert mir so manches ... der kleine Scherz am Damm war wohl auch Ihre Erfindung, und die Notbrücke mit den Löchern und die Büffelkarren, die an der Böschung herunter rutschten? Und das alles habe ich der Nachlässigkeit dieses Volks in die Schuhe geschoben! Da soll doch ...« Er stieß einen Pfiff aus, der sofort in dem heiseren Gekrächz einer Weihe Antwort fand. Aufspringend griff Sitabhai in ihr Gewand. »Ein Signal!« entfuhr es ihr, aber gleich darauf ließ sie sich wieder beruhigt neben Tarvin nieder. »Nein, Sie haben ja niemand mitbringen können und Sie fürchteten sich auch nicht, allein zu gehen, das weiß ich ja.« »Fällt mir gar nicht ein, daß ich den Versuch machte, Sie umzubringen, meine Schönste, thäte mir leid um Ihre erfinderische systematische Teufelei, die ich höchlich bewundere! Also Ihnen danke ich all die netten Abenteuer! Das mit dem Triebsand war besonders hübsch. Führen Sie das öfter aus?« »Ach, Sie meinen beim Damm?« fragte die Königin leichthin. »Nein, ich gab damals nur den Befehl, daß die Leute ihr Möglichstes thun sollen, aber viel Scharfsinn haben sie eben nicht – was kann man auch von Kulis erwarten! Ich war sehr ärgerlich, als mir gemeldet wurde, wie sie's angestellt hatten.« »Den Boten haben Sie wohl umgebracht?« »Nein, weshalb denn?« »Wenn man einmal nach dem Warum fragt, möchte ich wohl wissen, weshalb Sie so darauf erpicht sind, mich umzubringen,« fragte Tarvin trocken. »Weil ich nicht will, daß weiße Männer sich hier aufhalten, und von Ihnen wußte ich gleich, daß Sie bleiben wollen. Ueberdies hat der Maharadscha einen Affen an Ihnen gefressen und einen weißen Mann hatte ich noch nie getötet. Zudem gefallen Sie mir!« »Oho!« rief Tarvin. »Bei Malang Shah, es ist so, und Sie haben es nie gemerkt.« Sie schwur bei ihrem eigenen Gott, dem Gott der fahrenden Leute. »Verschwören Sie lieber nichts,« versetzte Tarvin. »Und meinen Lieblingsaffen haben Sie mir erschossen,« fuhr sie fort. »Er hat jeden Morgen so hübsch vor mir gesalaamt, genau wie Luchman Rao, der Staatsminister. Tarvin Sahib, ich habe viele Engländer gekannt. Ich habe auf dem losen Seil getanzt vor den Kasinozelten der Offiziere, wenn die Regimenter auf dem Marsch begriffen waren, und meine kleine Bettelbüchse dem großen bärtigen Obersten hingehalten, als ich ihm noch nicht bis ans Knie reichte. Und als ich älter geworden war, glaubte ich das Herz der Männer zu kennen durch und durch, aber bei Malang Shah, Tarvin Sahib, einen Mann wie Sie hatte ich nie gesehen! O sagen Sie nicht,« setzte sie beinahe flehend hinzu, »Sie hätten's nicht gewußt! In meiner Sprache gibt's ein Liebeslied, das heißt: ›Von Mond zu Mond nicht schlief ich deinetwegen‹, und das paßt genau auf mich. Manchmal ist mir's, als ob ich doch nicht so ernstlich gewünscht hätte, Sie sterben zu sehen, aber besser wär's ja freilich, viel besser, Sie wären tot. Ich und ich allein herrsche in diesem Staat. Und nun, nachdem Sie dem König gesagt haben ...« »Das haben Sie mit angehört, ja?« Sie nickte flüchtig. »Nachdem Sie das gesagt haben, sehe ich eigentlich keine andre Möglichkeit mehr, außer Sie gingen fort.« »Ich gehe nicht.« »Das ist gut,« sagte die Königin auflachend. »Da werde ich also Ihren Anblick nicht entbehren, soll Sie Tag für Tag im Hof stehen sehen! Heute dachte ich, die Sonne müßte Sie töten, als Sie so lang auf den Maharadscha warteten! Sie sind mir auch noch Dank schuldig, Tarvin Sahib, denn ich habe den Maharadscha hinausgeschickt zu Ihnen. Anstatt dessen spielten Sie mir einen schlimmen Streich!« »Meine liebe junge Dame,« sagte Tarvin mit großem Ernst, »wenn Sie Ihre boshaften kleinen Krallen einziehen wollten, würde kein Mensch Ihnen etwas zu leide thun. Aber des Maharadscha Kunwar wegen kann ich Ihnen nicht weichen. Ich bin hier, um den Knaben am Leben zu erhalten. Bleiben Sie aus dem Gras, und ich geb's auf.« »Das verstehe ich wiederum nicht,« versetzte Sitabhai betroffen. »Was kann Ihnen, dem Fremden, das Leben eines kleinen Kindes bedeuten?« »Was es mir bedeutet? Was es allen anständigen Menschen bedeuten würde, das Leben eines schuldlosen Kindes. Braucht's da besondere Gründe? Ist Ihnen denn gar nichts heilig?« »Ich habe auch einen Sohn, und mein Kind ist kräftig,« sagte die Königin mit Nachdruck. »Tarvin Sahib der Knabe war kränklich von Geburt an. Wie soll er über Männer herrschen? Mein Sohn wird ein echter Radschpute werden und in künftigen Zeiten ... doch was kümmert das einen Fremden, einen weißen Mann! Lassen Sie den Kleinen heimgehen zu seinen Göttern, Tarvin Sahib!« »Nicht, wenn ich's hindern kann!« entgegnete Tarvin bestimmt. »Wenn er nicht stirbt,« sprudelte die Königin weiter, »kann er neunzig Jahre lang elend dahinsiechen. Ich kenne die entartete, unreine Rasse, aus der er stammt. Ja, an den Thoren des Palastes habe ich gesungen, als wir beide Kinder waren, seine Mutter und ich – ich stand im Staub der Landstraße, sie saß in ihrer Hochzeitssänfte. Heute liegt sie im Staub. Tarvin Sahib,« – die Stimme schmolz in süßem Flehen – »mein Schoß wird keinen zweiten Sohn tragen, aber von meinem Platz hinterm Vorhang könnte ich wenigstens diesen Staat modeln, wie es viele Königinnen vor mir gethan haben. Ich bin keine Palastpflanze. Die da drinnen« – sie deutete verächtlich auf die zwinkernden Lichter der Stadt – »haben nie ein Kornfeld wogen gesehen, nie den Wind pfeifen gehört, sind nie im Sattel gesessen, sie haben nie auf offener Straße Aug' im Auge mit einem Mann gesprochen. Mich nennen sie die Zigeunerin, und wenn es mir einfällt, die Hand zum Bart des Maharadscha zu erheben, so verkriechen sie sich schaudernd in ihre Schleier wie fette Schnecken in ihr Haus. Ihre Barden singen von zwölfhundertjähriger Vergangenheit ihrer Vorfahren. Ja, ihr Adel ist alt! Aber bei Indur und Allah und bei dem Gott Ihrer Missionare, an Sitabhai sollen sich ihre Kinder und Kindeskinder und die englische Regierung zweimal zwölfhundert Jahre erinnern! Ahi, Tarvin Sahib, Sie wissen nicht, wie klug mein kleiner Sohn ist! Ich lasse ihn nicht zu den Missionaren gehen. Alles, was er später brauchen wird, und es gehört viel dazu, einen Staat wie diesen zu regieren, soll er von mir lernen, denn ich habe die Welt gesehen und das Leben und bin wissend geworden. Und bis Sie kamen, ging alles so glatt, so glatt, so schlankweg aufs Ziel zu. Der andre Knabe wäre gestorben – jawohl, dann wäre uns nichts mehr im Wege gestanden. Und keine Menschenseele im ganzen Palast, weder Mann noch Weib, würde je gewagt haben, dem König ins Ohr zu flüstern, was Sie laut im Licht der Sonne durch den Hof schreien! Nun wird der Argwohn nicht mehr einschlummern in des Königs Sinn und – ich weiß, ich weiß nicht ...« sie beugte sich vor, um ihm recht in die Augen zu sehen, »Tarvin Sahib, wenn ich in dieser Nacht die Wahrheit geredet habe, so sagen Sie mir wenigstens, wie viel Sie wissen!« Tarvin beharrte bei finsterem Schweigen; bittend legte sie ihm eine Hand aufs Knie. »Und niemand würde Verdacht geschöpft haben! Als die Damen des Vizekönigs voriges Jahr hier waren, gab ich aus meinem eigenen Schatz fünfundzwanzigtausend Rupien für das Kinderspital, und die Dame Sahib küßte mich auf beide Wangen, und ich sprach englisch mit ihr und zeigte ihr, wie ich meine Zeit zubringe – mit Stricken! Ich, die ich Männerherzen zu bestricken und zu zerpflücken vermag!« Dieses Mal pfiff Tarvin nicht; er lächelte nur und murmelte etwas Beifälliges. Der großartige, meisterliche Zug in ihrer Schlechtigkeit und die kühle Gelassenheit, womit sie ihr Uebelthun betrieb, verliehen ihr eine gewisse Vornehmheit. Vielleicht aber war es ihre vollendete Schönheit, die ihm noch mehr Achtung einflößte; für Frauenschönheit ist der Westamerikaner vor allem zugänglich. Sitabhai imponierte ihm. Es war richtig, ihre Anschläge gegen ihn waren ja mißlungen, aber daß sie ausgeführt worden waren, ohne daß er's gemerkt hatte, erfüllte ihn beinahe mit Verehrung. »Jetzt werden Sie zu begreifen anfangen, daß hier etwas mehr auf dem Spiel steht als ein kränkliches Kind,« fuhr die Königin fort. »Wollen Sie wirklich dem Oberst Nolan die Geschichte zutragen, Tarvin Sahib?« »Wenn Sie nicht gesonnen sind, Ihre Hand vom Maharadscha Kunwar zu lassen, allerdings,« erwiderte Tarvin, der seinen persönlichen Gefühlen in geschäftlichen Dingen nie Raum gab. »Klug ist es nicht,« erklärte die Königin. »Der Oberst wird dem König viel Unlust und Scherereien bereiten, der König wird im Palast großen Wirrwarr anrichten und bis auf einige wenige werden alle meine Dienerinnen gegen mich zeugen, so daß der Verdacht vielleicht sehr stark werden wird. Sie denken dann vielleicht, Sie hätten mich ja gewarnt, aber, Tarvin Sahib, ewig können Sie doch nicht hier bleiben, meinen Tod können Sie nicht abwarten, und sobald Sie Rhatore den Rücken kehren ...« sie schnalzte zur Ergänzung ihres Satzes mit den Fingern. »Diese Möglichkeit soll Ihnen genommen werden,« versetzte Tarvin unerschüttert. »Lassen Sie das nur meine Sorge sein. Wofür halten Sie mich denn?« Die Königin nagte in innerer Unschlüssigkeit am Rücken ihres Zeigefingers. Was dieser Mann, der heil und ganz aus allen ihren Anschlägen hervorgegangen war, noch ausrichten würde oder nicht, war nicht abzusehen. Hätte sie es mit einem aus ihrem Volke zu thun gehabt, sie würde Drohung gegen Drohung ausgespielt haben, aber diese vollständig kraftbewußte Gestalt, die in leichter, unbefangener Haltung neben ihr saß und doch jede ihrer Bewegungen beobachtete, immer sprungbereit auf der Lauer lag, einzig und allein sich selbst vertrauend, war eine unberechenbare Gewalt, die sie verblüffte und um ihre Sicherheit brachte. Ein bescheidenes Hüsteln ließ sich hören, und Juggut Singh kam herbeigewatschelt, um unter demütigen Verbeugungen der Königin einige Worte ins Ohr zu flüstern. Sie lachte spöttisch und schickte ihn auf seinen Posten zurück. »Er sagt, die Nacht gehe auf die Neige und es koste mein und sein Leben, wenn wir beim Morgengrauen außerhalb des Palastes wären.« »Dann will ich Sie nicht aufhalten,« sagte Tarvin, indem er aufstand. »Ich glaube, daß wir einander verstanden haben,« – er beugte sich hinunter, um ihr in die Augen zu sehen, – »Hände weg! heißt die Losung.« »Ich soll also nicht mehr thun dürfen, was mir gefällt? Sie wollen morgen zum Oberst gehen?« »Je nachdem,« sagte Tarvin kurz. Als er jetzt wieder auf sie niedersah, schob er die Hand in seine Brusttasche. »Setzen Sie sich noch einen Augenblick, Tarvin Sahib,« sagte sie, einladend mit der Handfläche auf die Steinplatte klopfend. Tarvin gehorchte. »Wenn ich keine Balken mehr stürzen lasse und die grauen Affen an der Kette halte ...« »Und den Triebsand im Flußbett wegschaffe,« ergänzte Tarvin mit grimmigem Lächeln. »Ich verstehe! Mein lieber kleiner Feuerteufel, das können Sie nach Belieben halten! Ich möchte Sie Ihrer kleinen Freuden gewiß nicht berauben!« »Das war dumm von mir – ich hätte ja wissen müssen, daß keine Gefahr Sie schreckt,« sagte sie, bedächtig zu ihm hinüber schielend, »und mich schreckt kein Mann außer Ihnen, Tarvin Sahib. Wenn Sie ein König wären und ich die Königin, wir beide würden Hindostan in unsern Händen halten.« Bei diesen Worten umfaßte sie seine geschlossene Faust, und eingedenk des Griffes in ihr Gewand, den sie bei seinem Pfiff gethan hatte, legte Tarvin die andre Hand über die ihrigen und hielt sie fest. »Gibt es gar keinen Preis, Tarvin Sahib, wofür ich mir die Freiheit erkaufen könnte? Was ist's, wonach Sie trachten? Um den Maharadscha Kunwar am Leben zu erhalten, sind Sie doch nicht nach Indien gekommen!« »Woher wissen Sie, ob dem nicht so ist?« »Sie sind sehr klug,« sagte sie mit silbernem Lachen, »aber man muß nicht noch klüger scheinen wollen, als man ist! Soll ich Ihnen sagen, weshalb Sie gekommen sind?« »Nun, warum? Sprechen Sie.« »Sie sind hierher gekommen, wie Sie in den Tempel des Isvara gingen, um etwas zu suchen, was Sie nie finden werden, außer« – sie lehnte sich an seine Schulter – »Sitabhai hilft Ihnen. War es sehr kalt im Kuhmaul, Tarvin Sahib?« Tarvin steifte seinen Nacken und seine Stirn furchte sich, aber weiter verriet er sich nicht. »Damals hatte ich Angst, die Schlangen könnten Sie gebissen haben ...« »Wahrhaftig?« »Ja, gewiß,« sagte sie sanft. »Und neulich war ich in Sorge, Sie könnten nicht rasch genug zurücktreten von dem Wippstein im Tempel.« »Wahrhaftig?« »Jawohl. Ach, ich wußte genau, wonach Ihr Sinn stand, ich wußte es, noch eh' Sie dem König Ihre Bitte vorgetragen hatten – damals, als die Leibwache gegen Sie anritt.« »Wirklich nett! Sie stehen in Ihren Mußestunden wohl einem Privatauskunftsbureau vor?« Sie lachte. »Im Palast singt man jetzt Lieder von Ihrer Tapferkeit, aber die kühnste Ihrer Thaten ist, daß Sie mit dem Maharadscha vom Naulahka gesprochen! Er hat mir genau erzählt, was Sie gesagt haben, aber daß Sie, daß ein ›Feringhi‹ nach seinem Besitz lüstern sein könnte, das hat auch er sich nicht träumen lassen! Und ich, ich war gut – ich hab's ihm nicht gesagt. Tarvin Sahib,« fuhr sie fort, indem sie ihre Hände aus seinem Griff befreite und ihm die eine zärtlich auf die Schulter legte, »Sie und ich, wir gehören zusammen, wir sind Eines Geistes Kinder! Leichter ist es, diesen Staat zu regieren, nein, leichter wäre es noch, von diesem Staat aus ganz Hindostan zu erobern und die weißen Hunde, die Engländer, hinauszutreiben, als das, was Sie zu vollbringen träumen. Aber ein starkes Herz macht alles möglich, alles leicht. Begehren Sie für sich selbst nach dem Naulahka, Tarvin Sahib, oder für einen andern, gerade wie ich Gokral Sitarun besitzen will für meinen Sohn? Kleinlich sind wir beide nicht. Ist es für einen andern, Tarvin Sahib?« »Sagen Sie mir,« fragte Tarvin achtungsvoll, indem er ihre Hand von seiner Schulter löste und wieder fest umspannt hielt, »gibt es viele wie Sie in Indien?« »Nur eine. Ich bin wie Sie einzig und – einsam.« Ihr Kinn neigte sich gegen seine Schulter und die dunkeln Augen blickten von unten zu ihm auf, geheimnisvoll wie die Wasserfläche, an deren Rand sie saßen. Die brennenden Lippen und die beweglichen, zuckenden Nüstern waren so dicht in seiner Nähe, daß ihr duftender Atem seine Wangen streifte. »Wollen Sie auch Staaten beherrschen wie ich, Tarvin Sahib? Nein, Ihr Dichten und Trachten gilt einem Weib. Ihre Regierung denkt für Sie, und Sie thun, was Ihnen befohlen wird. Ich habe den Kanal, den die Regierung durch meinen Orangengarten führen wollte, einen andern Weg gehen heißen, wie ich den König meinen Willen beugen und den Knaben töten und Gokral Sitarun beherrschen werde durch meinen Sohn! Aber Sie, Tarvin Sahib, Sie begehren nichts als ein Weib! Ist es nicht so? Ach, und sie ist zu klein und zu schmächtig, um die Last des Staatsglücks zu tragen. Sie wird ja bleicher und bleicher von Tag zu Tag.« Sie fühlte, wie Tarvin zusammenzuckte, aber er sagte nichts. Aus dem Dickicht von Schilf und Buschwerk, das am jenseitigen Ufer des Teiches stand, ertönte ein heiseres, bellendes Husten, das von den Höhen widerhallte und den ganzen Umkreis mit Schrecken erfüllte, wie Wasser eine Schale füllt. Tarvin sprang auf: er hörte ihn zum erstenmal, den zornigen Klagelaut des Tigers, der ums Morgengrauen nach fruchtloser nächtlicher Jagd sein Lager aufsucht. »Das hat nichts zu bedeuten,« sagte die Königin, ohne mit der Wimper zu zucken. »Es ist nur der Tiger, der beim Dungar Talao haust. Ich habe ihrer viele heulen hören, als ich noch eine Zigeunerin war, und wenn er auch hierher käme – Sie würden ihn niederschießen wie meinen Affen, nicht wahr?« Sie drängte sich an ihn und zog ihn zu sich hernieder; unwillkürlich legte er den Arm um ihre Gestalt. Der Schatten des Tieres glitt über eine offene Stelle im Röhricht, lautlos wie Distelwolle durch die Sommerluft gleitet, und Tarvins Hand schloß sich enger um den blühenden Leib – seine Hand ruhte plötzlich auf einem gebuckelten Gürtel, der sich durch all die Hüllen von Seidengaze kalt anfühlte. »So klein und so schmächtig – wie sollte sie es tragen?« fuhr die Königin leise fort. Sie machte eine leise Wendung in seinem Arm, und Tarvins Hand faßte ein zweites, ein drittes Glied der breiten Kette, alle wie das erste mit hohen Buckeln, und nun drückte sich sein Ellbogen gegen eine große viereckige Schnalle. Mit entfärbten Lippen, aber seine Bewegung meisternd, zog er Sitabhai noch näher an sich. »Aber wir beide,« fuhr sie ganz leise fort, traumverloren zu ihm aufblickend, »wir könnten dieses Königreich zum Kampf aufhetzen wie die Wasserbüffel im Frühling. Möchten Sie mein Minister sein, Tarvin Sahib, und Staatsgeschäfte mit mir beraten durch den Vorhang?« »Ich zweifle, ob ich Ihnen vertrauen könnte,« sagte Tarvin schroff. »Und ich zweifle, ob ich mir trauen könnte,« versetzte die Königin. »Es könnte sein, daß ich zur Dienerin würde, ich, die ich allezeit Herrscherin war! Ich war nahe daran, mein Herz unter die Hufe Ihres Rosses zu werfen, nicht einmal, sondern oft ...« Sie schlang Ihre Arme um seinen Hals und verschränkte die Hände in seinem Nacken; sein Gesicht zu sich herunterziehend, blickte sie ihm tief in die Augen. »Ist es so wenig,« girrte sie, »wenn ich Sie zu meinem König mache? In den alten Zeiten, ehe wir das indische Kaiserreich hatten, kamen Engländer herüber, Männer ohne Rang und Titel, sie wußten sich ins Herz einer Begum zu stehlen und führten ihre Soldaten ins Feld ... sie waren Könige, nur nicht dem Namen nach. Wer weiß, ob die alten Zeiten nicht wiederkehren ... dann könnten wir miteinander unsre Heere führen.« »Das läßt sich hören! Halten Sie mir jedenfalls den Posten offen, vielleicht bewerbe ich mich darum, wenn ich daheim etliches erledigt habe.« »Sie wollen fort? Sie wollen uns bald verlassen?« »Sobald ich in Händen habe, was ich haben will, meine Liebe,« erwiderte er, sie fester an sich drückend. Sie biß sich auf die Lippen, sagte aber sanft: »Ich hätte mir's denken können! Auch ich gebe nie auf, wonach mich einmal verlangt hat. Nun, was ist es denn?« Ihr Kopf sank vollends auf seine Schulter, um die Mundwinkel zuckte es schmerzlich. Herunter blickend, entdeckte er den rubinenen Griff eines Dolchs zwischen den Falten des hängenden Gewandes. Mit einer raschen Bewegung löste er sich aus den umschlingenden Armen und sprang auf. Sie sah hinreißend aus, wie sie in dem dämmernden Licht die Arme stehend nach ihm ausstreckte, aber Tarvin hatte jetzt andre Dinge zu bedenken. Wie er sie jetzt ansah, mußte sie die Blicke senken. »Ich will, was Sie um den Leib tragen – darum bitte ich.« »Der weiße Mann denkt nur an Geldeswert, das hätte ich wissen können,« rief sie verächtlich, löste eine silberne Kette von ihrem Gewand und warf sie ihm hin, daß sie klirrend auf die Marmorplatte schlug. Tarvin würdigte das Ding keines Blicks. »Sie kennen mich besser,« sagte er ruhig. »Kommen Sie, halten Sie die Hände auf – die Komödie ist zu Ende.« »Ich verstehe nicht ... soll ich Ihnen etwa ein paar Rupien geben?« höhnte sie. »Sputen Sie sich mit Ihren Wünschen, Juggut Singh bringt die Pferde.« »Das soll schnell geschehen sein. Ich will das Naulahka haben.« »Das Naulahka?« »Jawohl. Ich habe wackelige Brücken und ungegürtete Pferde und schlecht gebaute Gerüste und trügerischen Flugsand satt. Ich will das Halsband haben.« »Und Sie überlassen mir den Prinzen?« »Nein, weder den Prinzen, noch das Halsband.« »Und werden Sie morgen früh zum Oberst gehen?« »Der Morgen ist schon da. Entscheiden Sie sich rasch.« »Werden Sie zum Oberst gehen?« wiederholte sie, dicht vor ihn hintretend. »Gewiß, falls Sie mir das Halsband nicht geben.« »Und wenn ich's Ihnen gebe?« »So gehe ich nicht hin. Soll der Handel gelten?« Genau dasselbe hatte Tarvin zu Frau Mutrie gesagt. Die Königin sah verzweifelt zu dem Morgenstern empor, der am östlichen Himmel zu verblassen begann. Wenn der Tag sie außerhalb des Palastes fand, konnte selbst des Königs Wille sie nicht vor dem Tod bewahren. Und dieser Mann sprach, als ob er ihr Leben in Händen hielte, und dem war auch so, sie wußte es wohl. Wenn er Beweise hatte, würde er sie ohne Bedenken dem Maharadscha vorlegen, und wenn der Maharadscha zu begreifen, zu zweifeln anfing – Sitabhai war's, als ob sie den kalten Stahl schon an ihrem schlanken Hals fühle. Dann würde sie sicher nicht als Begründerin einer Dynastie gefeiert werden, eine Namenlose mehr, die im Palast verschwand, das war ihr Schicksal. Des Königs Begriffsvermögen war ja barmherzigerweise zu umnebelt gewesen, um Tarvins Verdächtigungen in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen, aber jetzt war sie wehrlos allem preisgegeben, was dieser rücksichtslos entschlossene Fremde gegen sie unternehmen wollte. Mindestens konnte er den ungreifbaren Argwohn eines indischen Hofstaates gegen sie entfesseln, konnte durch Oberst Nolans Vermittlung den Maharadscha Kunwar vollständig ihrer Macht entziehen, und schlimmstenfalls – sie mochte den Gedanken nicht weiter verfolgen. In ihrem innersten Herzen fluchte sie der erbärmlichen Neigung, die sie für den Mann empfand und die sie gehindert hatte, ihn zu töten vorhin, als ihre Arme ihn umfangen hielten. Ihn zu töten, war ihr fester Entschluß gewesen, als sie herkam, dann hatte es sie gereizt sich mit ihm zu messen, und schließlich hatte sie mit dem berückenden Gefühl, sich von einem stärkeren Willen beherrscht zu fühlen, zu lange ihr Spiel getrieben. Aber noch war es ja Zeit ... »Und wenn ich Ihnen das Naulahka nicht gebe?« »So wissen Sie wohl am besten, was die Folge sein wird.« Ihr Blick schweifte über die weite Ebene und sie merkte, daß die Sterne nur noch schwache Leuchtkraft hatten. Die tiefschwarze Wasserfläche wurde heller, sie schimmerte jetzt grau und im Röhricht erwachten die wilden Vögel. Die Morgendämmerung war ihr auf den Fersen, erbarmungslos gleich diesem Mann. Juggut Singh führte die Pferde vor; mit verzweifelten Gebärden drängte er zum Aufbruch. Der Himmel war gegen sie und auf Erden keine Hilfe. Sie legte die Hände auf den Rücken. Tarvin hörte ein scharfes Knacken, und wie eine Feuerschlange lag das Halsband zu ihren Füßen. Ohne ihm oder dem Schmuck den Blick zuzukehren, schritt sie auf die Pferde zu. Tarvin bückte sich rasch und riß den Schatz an sich. Während er das Halsband in seine Brusttasche zwängte, faßte er mit der andern Hand nach dem Zügel des Pferdes, das Juggut Singh losgelassen hatte. Wieder überzeugte er sich, ob der Sattelgurt in Ordnung sei. Sitabhai, die hinter ihr Pferd getreten war, zögerte aufzusteigen. »Leben Sie wohl, Tarvin Sahib! Vergessen Sie die Zigeunerin nicht,« sagte sie, den einen Arm über den Hals des Pferdes ausstreckend. »Hehi!« Tarvin sah einen Lichtblitz aufzucken und im nächsten Augenblick den rubinfunkelnden Dolchgriff in die Satteldecke fahren, nur einen Zoll über seiner rechten Schulter. Mit einem Schmerzenslaut rannte sein Pferd auf den Hengst der Königin zu. »Töte ihn, Juggut Singh!« rief sie, auf Tarvin deutend, dem feisten Eunuchen zu, der sich eben schwerfällig in den Sattel hob. »Töte ihn!« Tarvins Hand umfaßte ihr zartes Handgelenk wie eine eiserne Klammer. »Nur sachte, Teuerste! Sachte!« Sie sah ihn betroffen an. »Ich will Sie aufs Pferd heben,« sagte Tarvin. Er umschlang sie mit beiden Armen und schwang sie in den Sattel. »Jetzt noch einen Kuß,« sagte er, zu ihr aufblickend. Sie beugte sich herunter. »Nein, nicht Sie,« sagte er, ihre beiden Hände gefangen nehmend und sie herzhaft auf den Mund küssend. Dann versetzte er dem Pferde einen schallenden Schlag auf die Flanken, daß das Tier den Abhang hinunterstolperte und über die Ebene jagte. Nachdem Tarvin der Wolke von Staub und fliegenden Steinen, worin Sitabhai und ihr Begleiter verschwanden, eine Weile nachgesehen hatte, that er einen tiefen Atemzug der Erleichterung und wandte sich dem Teich zu. Auf der Steinplatte des Grabmals zog er das Naulahka hervor, breitete es zärtlich auf seinen Händen aus und weidete seine Augen daran. Die Steine funkelten im Morgenrot und machten die wechselnden Farben der Hügel zu schanden. Wie sie am Hals des kleinen Prinzen den Fackelschein überstrahlt hatten, so nahmen sie jetzt den Wettkampf auf mit der roten Glut, die plötzlich hinter dem Röhricht aufschoß, und bezwangen auch diese. Das zarte, frische Grün der Binsen, das tiefe starke Blau des ruhenden Wassers, den Perlmutterschimmer der blitzschnell dahinschießenden Fische und auch die ersten blendenden Sonnenstrahlen, die über den Spiegel des Wassers hinschossen und leise Kreise zogen, als ob ein Flug Rebhühner ihn mit den Flügeln gestreift hätte – das Halsband überstrahlte alles. Nur der schwarze Diamant fühlte sie nicht mit, die Freudigkeit des werdenden Tages, er ruhte unter den funkensprühenden Genossen finster und rotherzig wie die bange Nacht, der Tarvin ihn entrissen hatte. Tarvin ließ die Steine einen nach dem andern durch die Hand gleiten. Es waren ihrer fünfundvierzig, einer wie der andre tadellos, von reinstem Wasser. Damit von ihrer Schönheit nichts verloren gehe, waren sie nur in fadendünne Goldreifchen gefaßt und bewegten sich frei auf dem mattgoldenen Band, das sie aneinander reihte. Jeder einzelne davon hätte eines Königs Lösegeld bilden können, wog den guten Namen einer Königin auf. Das war eine gute Viertelstunde für Tarvin, der Brennpunkt seines Lebens. Die Zukunft von Topaz war gesichert. Die Wildenten strichen hin und her auf dem Teich, die Kraniche riefen einander zu und stolzierten durch das Röhricht, das über ihren scharlachroten Köpfen zusammenschlug. Aus irgend einem Tempel, der in einer Ritze des zerklüfteten Hügellandes stecken mochte, erklang das Morgenlied, das der Priester bei seinem Frühopfer anstimmt, und von der Stadt trug ein leichter Wind die Klänge des Trommelwirbels herüber, womit den Bewohnern angezeigt wurde, daß die Thore offen stehen und der Tag erschienen ist. Tarvin blickte auf von seinem Schatz. Vor seinen Füßen lag Sitabhais funkelnder Dolch; er griff nach der zierlichen Waffe und warf sie in den Teich. »Und nun geht's an Käte,« sagte er sich. Achtzehntes Kapitel. Der Palast schien noch friedlich zu schlummern auf seinem roten Felsenthron, als Tarvin jetzt zur Stadt zurückritt. Aus einem der Stadtthore, die rechtwinkelig zu seinem Pfad lagen, kam ein Kamelreiter heraus, und Tarvin betrachtete mit Interesse, wie rasch die langen Beine dieses Tieres ausgreifen können. So vertraut ihm auch der Anblick der straußhalsigen Lasttiere allmählich geworden war, einigermaßen riefen sie ihm immer noch die Erinnerung an seine Knabenzeit und den Zirkus wach. Der Reiter kam näher und kreuzte vor ihm die Straße. Dann hörte Tarvin in der Stille des Morgens einen ihm wohlbekannten Laut, das Knacken eines Flintenschusses, und zwar, wie er deutlich erkannte, das eines Repetiergewehrs. Instinktiv glitt er aus dem Sattel und stand schon jenseits seines Pferdes, als ein Schuß fiel und ein Wölkchen blauen Rauches über dem Kamel aufstieg und unbeweglich in der Luft hängen blieb. »Hätte mir's denken können, daß Sitabhai früh an die Arbeit geht,« brummte er über den Widerrist des Pferdes, wegspähend. »Für meinen Revolver ist die Entfernung leider zu groß ... ja, worauf wartet denn der Narr?« Jetzt ward ihm klar, daß der Mann mit echt indischer Ungeschicklichkeit den Knopf festgeklemmt haben mußte, denn er schlug die Flinte wütend vor sich auf den Sattel. Hastig schwang sich Tarvin wieder aufs Pferd und sprengte hinzu, den Revolver in der Faust, um auf das bleiche Gesicht Juggut Singhs anzulegen. »Sie sind's? Aber, Juggut Singh, hübsch ist das gerade nicht von Ihnen!« »Es wurde mir befohlen,« versetzte der vor Angst schlotternde Mörder. »Ich bin wirklich ganz unschuldig und ich ... ich verstehe mich gar nicht auf solche Dinge.« »Das ist zum Lachen – ich will's Ihnen zeigen!« Und Tarvin nahm ihm die Flinte aus den zitternden Händen. »Die Patronenhülse ist verbogen, so kann man nicht gut schießen, man braucht sie aber nur ein wenig auszuklopfen – sehen Sie – so! Das sollten Sie wirklich lernen, Juggut.« Damit warf er die leere Hülse über seine Schulter. »Und was werden Sie nun mit mir machen, Sahib?« rief der Eunuche kläglich. »Sie würde mich umgebracht haben, wenn ich nicht gegangen wäre!« »Glauben Sie nur das nicht, Juggut! Sie ist eine Teufelin in der Theorie, aber in der Praxis hält die Kraft nicht vor. So, jetzt reiten Sie gefälligst voran.« So setzten sich denn beide in der Richtung nach der Stadt in Bewegung, Juggut Singh aber drehte sich häufig im Sattel, um furchtsame Blicke nach rückwärts zu werfen. Tarvin nickte ihm, die erbeutete Flinte auf seiner Hüfte wiegend, beruhigend zu. Richtig gebraucht, war es übrigens eine vortreffliche Flinte, hatte Tarvin gefunden. Am Eingang von Sitabhais Palastflügel stieg der Eunuche ab und schlurkte, ein wahres Bild der Angst und Beschämung, über den Hof. Tarvin ritt ihm klappernd nach, und als er eben durch eine von den Thüren verschwinden wollte, rief er ihn zurück. »Sie haben ja Ihr Gewehr vergessen, Juggut; zu fürchten, brauchen Sie sich nicht davor.« Trotzdem streckte Juggut nur zögernd die Hand danach aus. »Geschadet hat ja der kleine Scherz niemand. Melden Sie sich bei der Dame als glücklich zurückgekehrt und bestellen Sie ihr meinen Dank für die Aufmerksamkeit!« Nicht der leiseste Ton drang zwischen den grünen Gitterstäben hervor, als Tarvin aus dem Hof ritt. Der Thorbogen spie weder Balken noch Steine aus und die Affen lagen ruhig an der Kette. Auf ihren nächsten Schachzug mußte sich Sitabhai offenbar erst besinnen. Tarvin war sich vollständig im klaren, was er zunächst zu thun hatte – wenn je, so war jetzt eine Fanfare angezeigt. So ritt er denn spornstreichs zur Moschee hinaus, riß seinen taubengrauen Freund aus süßem Schlummer und übergab ihm folgende Botschaft zur Beförderung: »Frau Mutrie, Denver. »Halsband Ihr Eigentum. Hals bereit halten. Schienen legen nach Topaz. Tarvin.« Im Rasthaus wechselte er nur sein Pferd und dann ging's zu Käte. Er knöpfte seinen Rock fest zu, betastete von Zeit zu Zeit zärtlich die Tasche, die das Naulahka barg, und stieg, nachdem er Fibby im Hof angebunden hatte, die Stufen zur Veranda hinauf. Frau Estes war die erste, die ihm entgegentrat und ihm die gehobene Stimmung, seine Zufriedenheit mit sich und der Welt, von den Augen ablas. »Sie haben Angenehmes erlebt oder gehört,« rief sie. »Bitte, kommen Sie herein!« »Das Angenehmste oder Zweitangenehmste, was zu erleben war,« versetzte er lächelnd, indem er ihr ins Familienzimmer folgte. »Ich würde es Ihnen für mein Leben gern erzählen, Frau Estes, ich ersticke fast daran, wenn ich's niemand erzähle, aber für Leute, die in der Gegend wohnen, ist die Geschichte nicht zuträglich. Meinem Geschmack nach würde ich am liebsten den Ausrufer dingen und ein paar Musikanten dazu, um das Ereignis bekannt zu machen, und wir würden ein Freudenfeuer anzünden und so eine Art 4. Juli feiern, wobei ich die Unabhängigkeit von den Eingeborenen mit Begeisterung erklären wollte, aber es geht leider Gottes nicht. Etwas andres aber kann ich Ihnen sagen. Sie vermuten wohl, weshalb ich so oft hier bin, Frau Estes, das heißt abgesehen davon, daß Sie so gütig gegen mich sind, daß ich Sie und Ihren Mann sehr gern habe und mich riesig freue, mit Ihnen plaudern zu können? Aber den andern Grund, den haben Sie wohl erraten?« »Ich glaube fast,« erwiderte Frau Estes lächelnd. »Nun, das freut mich! Freut mich rechtschaffen, muß ich sagen! Dann darf ich wohl auch hoffen, daß Sie auf meiner Seite sind.« »Wenn Sie meinen, daß ich Ihnen alles Glück wünsche, gewiß! Aber Sie werden begreifen, daß ich für Fräulein Sheriff eine gewisse Verantwortlichkeit fühle ... ich bin manchmal mit mir zu Rat gegangen, ob ich nicht an ihre Mutter schreiben soll und ihr mitteilen ...« »Ach! Ihre Mutter weiß alles, die ist voll davon, und ich darf wohl sagen, es wäre ihr höchster Wunsch. Dort liegt die Schwierigkeit nicht, aber anderswo, Frau Estes!« »Ja, ja, ich verstehe Sie. Ein eigentümliches Mädchen, ebenso stark als weich. Ich habe sie fest ins Herz geschlossen und bewundre ihren hohen Mut, und doch war' mir's lieber, sie hätte ihn nicht und würde aufgeben, was sie damit erkämpft. Als Frau wäre sie ganz gewiß besser an ihrem Platz,« setzte die Missionarin überlegend hinzu. »Wie verständig Sie sind!« sagte Tarvin mit einem bewundernden Blick. »Wie verständnisvoll! Ganz dasselbe habe ich ihr wohl hundertmal gesagt! Und sind Sie ferner nicht auch der Ansicht, Frau Estes, es wäre am besten, sie würde vom Fleck weg heiraten, ohne allen Zeitverlust?« Frau Estes sah ihn forschend an; dieser Tarvin war ihr manchmal etwas unverständlich und verblüffend. »Ich meine, wenn Sie klug sind , so stellen Sie den Zeitpunkt dem Lauf der Ereignisse anheim,« entgegnete sie nach einer Weile. »Wir haben ihr Werk hier beobachtet mit der sehnlichen Hoffnung, daß ihr gelingen möchte, was noch keinem gelungen ist, aber mein innerstes Gefühl sagt mir, daß es nicht der Fall sein wird. Sie hat zu viel gegen sich. Tausendjährige Ueberlieferung, Lebensgewohnheiten, Erziehung, alles steht ihr entgegen, und früher oder später wird die Niederlage kommen. Darein muß sie sich ergeben, trotz ihrer Entschlossenheit und Tapferkeit. In der letzten Zeit habe ich manchmal denken müssen, der Kampf könnte ihr nahe bevorstehen; im Spital herrscht große Unzufriedenheit, Mein Mann hat manches gehört, was uns sehr beunruhigt.« »Beunruhigt! Das will ich meinen! Das ist ja gerade das Schlimme an der Geschichte ... nicht nur, daß sie mich warten und mitunter verzweifeln läßt, Frau Estes, sondern daß sie mittlerweile in die unerdenklichsten Gefahren rennt! Aber jetzt habe ich keine Zeit mehr abzuwarten, daß sie das einsieht, ich muß ihr beibringen, daß es jetzt die allein richtige Zeit wäre, Nikolas Tarvins Frau zu werden. Ich muß fort von Rathore, das ist der langen Rede kurzer Sinn, Frau Estes! Fragen Sie nicht warum, es muß sein. Und ich muß Käte unbedingt mitnehmen – wenn sie Ihnen lieb ist, so helfen Sie mir!« Frau Estes gab die beste Antwort, die sie geben konnte, sie sagte, sie wolle hinaufgehen und Käte seinen Besuch melden. Diese Meldung schien viel Zeit zu kosten, aber Tarvin wartete nicht nur geduldig, sondern mit zuversichtlichem Lächeln. Er zweifelte jetzt gar nicht mehr, daß Käte sich herumbringen lassen werde; in der Trunkenheit des einen Erfolgs wäre es ihm unmöglich gewesen, am andern zu zweifeln. Trug er nicht das Naulahka in der Brusttasche? Käte gehörte dazu, sie war unlöslich damit verknüpft. Immerhin war er ganz gewillt, die Hilfe, die sich ihm bot, anzunehmen, und er dachte mit Vergnügen, daß Frau Estes dabei sei, ihr kräftig und lang zuzureden. Plötzlich entdeckte er auf einem Tischchen eine neue Nummer des Topazer Tageblatts, und als er sie durchlas, stieß er abermals auf ein gutes Omen! Er hatte sich nicht getauscht in seinem Vertrauen auf die »Zögernde Ader,« die Leute, die in seinem Auftrag die Mine bearbeiteten, hatten jetzt wirklich eine ergiebige Ader gefunden und man förderte in der Woche für fünfhundert Dollar Erz zu Tage! Er steckte das Blatt in die Tasche und überwand mannhaft die Lust, Freudensprünge zu machen – vielleicht war es doch ratsam, mit dieser Leibesübung zu warten, bis er Käte gesprochen hatte! Den kleinen Freudenpfiff, den er sich zum Trost gestatten wollte, mußte er auch unterlassen, denn jetzt kam diese Käte zur Thür herein, und die mußte er doch mit einem Lächeln begrüßen. Sie hatte ja jetzt überhaupt keine Wahl mehr, und sein Lächeln war allerdings geeignet, ihr das klar zu machen. Der erste Blick in ihr Gesicht belehrte ihn jedoch, daß ihr die Sache noch lange nicht so fadengerade vorkam. Das konnte er damit entschuldigen, daß sie ja den Ursprung seiner inneren Gewißheit noch gar nicht kannte. Er hielt sich sogar damit auf, das graue mit schwarzem Samt besetzte Hauskleid zu beachten, das sie heute trug, nachdem er sie all die Zeit her nur in Weiß gesehen hatte. »Freut mich, daß du für eine Weile das Weiß aufgegeben hast,« bemerkte er, ihr die Hand schüttelnd. »Ich nehm's für ein Zeichen, daß du in den gemütlichen Zuständen dieses gesegneten Lands überhaupt ein Haar gefunden hast, und in der Stimmung wünsche ich dich zu finden. Ich möchte, daß du die Geschichte aufgäbest.« Er hielt dabei ihre schmale, abgearbeitete Hand in der braunen Tatze fest, die aus seinem weißen Aermel hervorkam, und sah ihr gespannt in die Augen. »Was für eine Geschichte?« »Indien – die ganze Geschichte. Ich möchte, daß du mit mir heimkämst,« sagte er sanft. Jetzt blickte sie zu ihm auf, und er sah um ihre Mundwinkel Spuren des Kampfes, den sie mit Frau Estes ausgefochten haben mochte. »Du willst abreisen? Ich bin sehr froh darüber ... du verstehst doch warum?« Die letzten Worte hatte sie mit der deutlichen Absicht einer Freundlichkeit hinzugesetzt. Tarvin nahm lachend Platz. »Ja, ich kenne dich: Abreisen werde ich allerdings, aber nicht allein, du gehörst auch dazu,« versicherte er, ihr zulächelnd. Sie schüttelte schweigend den Kopf. »Nein, Käte, sag' das nicht! Du darfst es nicht sagen ... Dieses Mal wird es Ernst.« »War es das nicht immer?« fragte sie, sich ebenfalls setzend. »Für mich war es immer bitterer Ernst, nicht thun zu können, was du von mir haben willst, meine ich. Es nicht zu thun, das heißt etwas andres thun zu müssen, was für mich die ernsthafteste Sache von der Welt. Seither hat sich nichts verändert, Nick, weder um mich noch in mir. Wenn das geschehen wäre, hätt' ich dir's gleich gesagt. Was soll denn jetzt anders geworden sein für uns beide?« »Mancherlei. Zum Beispiel, daß ich Rhatore notwendig verlassen muß, und daß ich dich zurücklasse, wirst du mir hoffentlich nicht zutrauen.« Käte hatte viel zu sehen an ihren eigenen Händen, die gefaltet in ihrem Schoß lagen. Erst nach einer Weile blickte sie auf und sah ihm fest in die Augen. »Nick,« begann sie, »ich möchte dir gern erklären, wie ich die ganze Frage ansehe, was ich darüber denke. Findest du meine Anschauungen unrichtig, so kannst du mir's ja sagen.« »Selbstverständlich sind sie durch und durch verkehrt!« rief er, sich nichtsdestoweniger gespannt vorbeugend. »Nun, laß mich's doch versuchen! – Du willst mich zur Frau haben?« »Ja, das will ich,« versetzte Tarvin feierlich. »Gib mir Gelegenheit, das vor einem Pfarrer zu wiederholen!« »Ich bin dir dankbar dafür, Nick. Es ist ein Geschenk, das größte und höchste, das ein Mann geben kann, und ich danke es dir. Aber was verstehst du eigentlich unter Heiraten – darf ich dich das fragen, Nick? Du möchtest, daß ich dein Leben abrunde, daß du mich neben andern Dingen, wonach du trachtest, auch hättest. Ist dem nicht so? Sag' mir's ehrlich, Nick, habe ich recht oder nicht?« »Nein, du hast nicht recht!« brüllte Tarvin. »Aber es ist so! Die Ehe ist immer so und von Rechts wegen. Heiraten heißt, in einem andern Menschen aufgehen, nicht mehr sein eigenes, sondern eines andern Leben leben. Das ist gut, das ist das richtige Frauenleben. Ich habe gar nichts dagegen, es stößt mich nicht ab, ich glaube, daß andre ihr Glück darin finden, nur mich kann ich nicht hineindenken. Eine Frau, die heiratet, gibt ihr Selbst auf, schenkt sich her in jeder glücklichen Ehe. Ich kann aber mein ganzes Selbst gar nicht hergeben, denn ich hab's nicht mehr, es gehört etwas anderm. Und einen Teil von mir kann ich dir nicht anbieten; wohl wäre er so groß, wie der Teil, den der Mann der Frau von sich gibt, aber der Mann kann sich damit nicht begnügen, er muß alles fordern.« »Das heißt also, du müssest deine Arbeit aufgeben oder mich, und letzteres wird dir leichter?« »Das habe ich nicht gesagt, Nick, aber war's denn so unbegreiflich, wenn ich's sagte? Sei doch ehrlich Nick! Stell dir doch vor, daß ich von dir verlangte, du solltest alles aufgeben, was deines Lebens Zweck und Inhalt ist. Wenn ich fordern wollte, daß du deine Arbeit aufgibst? Und was würde ich dir dagegen bieten? Die Ehe! Nein, nein! Die Ehe ist etwas sehr Schönes, aber welcher Mann würde diesen Preis dafür bezahlen?« »Ja, mein liebes Kind, aber die Frau? Die bezahlt diesen Preis doch gern!« »Die glückliche, die zum Glück geborene Frau, ja, aber nicht jeder ist es gegeben, in der Ehe das Einzige zu sehen. Sogar für Frauen gibt es mehr als einen Lebenszweck.« »Nun höre aber einmal, Käte, ein Mann ist doch kein Waisenhaus und kein Heim für Obdachlose! Du nimmst den Mann wirklich gar zu ernsthaft. Du stellst dir die Ehe offenbar vor wie eine Wohlthätigkeitsanstalt, der man seine ganze Zeit und Kraft widmen muß. Im Anfang allerdings sieht es ungefähr so aus und man stellt sich so an, als ob man nichts mehr daneben treiben könnte, in der Praxis aber braucht man nur ein paar Gesellschaften mitzumachen, einer halbjährlichen Generalversammlung beizuwohnen, ein oder zwei Gartenfeste anzuordnen, um die Geschichte im Gang zu erhalten. Wenn du heiratest, verpflichtest du dich zu nicht viel weiter, als mit einem Mann zu frühstücken und des Abends, wenn er heimkommt, in keinem allzu häßlichen Kleid am Kamin zu sitzen oder doch nicht zu weit davon. Das ist doch keine so fürchterliche Zumutung, oder doch, Käte? Versuch's einmal mit mir und du wirst sehen, wie leicht ich dir die Sache mache! Von der andern Hingebung weiß ich ja auch, und ich begreife vollkommen, daß dir das Leben unerträglich wäre, wenn du außer deinem Mann nicht noch eine Menge Leute glücklich machen könntest. Ich anerkenne diese Thatsache, ich lege sie unserm Vertrag zu Grund, ja ich sage, gerade so will ich's haben. Du hast nun einmal das Talent, die Menschheit zu beglücken, und ich verlange nur, daß du bei mir anfängst. Ist das geschehen – und du sollst sehen, wie leicht es bei mir geht – so freue ich mich nur, wenn du das Geschäft draußen fortsetzen und die ganze Welt in einen Blumengarten verwandeln wirst. Und das wirst du thun, oder besser noch, Käte, wir wollen's zusammen fertig bringen. Man hat noch gar keine Idee davon, wie gut zwei Leute sein können, wenn sie ein Kompaniegeschäft in Wohlthätigkeit betreiben. Das ist nur noch nicht probiert worden – versuch' du's mit mir. O Käte, ich liebe dich, ich brauche dich, und wenn du mich nur gewähren lassen willst, so schaffe ich dir ein Leben, wie du es brauchst!« »Ich weiß es wohl, Nick, du würdest sehr gut gegen mich sein, du würdest alles für mich thun, was ein Mann thun kann. Aber nicht der Mann macht die Ehe glücklich oder auch nur möglich, das thut die Frau und muß es thun. Entweder würde ich daheim meine Pflicht erfüllen und die andre vernachlässigen, dann wäre ich todunglücklich, oder ich würde dich vernachlässigen und noch viel unglücklicher sein. Welchen Weg wir auch einschlagen, Glück wäre für mich auf keinem zu finden.« Tarvins Hand griff nach dem Naulahla in seiner Tasche. Er mußte seinen Schatz befühlen –, es war, als ob Kraft davon ausströmte, die Kraft, ein rasches Wort zu unterdrücken, das vollends alles verdorben hatte. »Käte, hör' mich an,« fuhr er mit großer Ruhe fort. »Wir haben keine Zeit mehr, uns künftige Gefahren und Möglichkeiten auszumalen, denn wir müssen einer thatsächlichen Gefahr ins Auge sehen. Du bist hier nicht sicher. Ich kann dich hier nicht allein lassen, und ich muß fort. Darum bitte ich dich, sofort meine Frau zu werden.« »Aber ich fürchte mich gar nicht. Wer sollte mir etwas anhaben?« »Sitabhai,« versetzte er ingrimmig. »Uebrigens brauchst du das gar nicht zu wissen; wenn ich dir sage, daß du nicht sicher bist, muß es dir genügen. Mein Wort darauf, daß ich's weiß.« »Und du?« »Ach, ich! Darauf kommt's ja nicht an!« »Die Wahrheit, Nick! Ich fordre sie.« »Nun, ich Hab' dir ja immer gesagt, daß mir kein Klima paßt, wie das von Topaz.« »Das heißt also, du bist in Gefahr, in Lebensgefahr vielleicht?« »Nun, mir das Leben zu retten, strengt Sitabhai ihren klugen Kopf sicherlich nicht an,« sagte er lächelnd. »Dann mußt du auf der Stelle fort von hier, nicht eine Stunde darfst du säumen. O Nick, du mußt fort!« »Das sag' ich ja auch. Rhatore kann ich sehr leicht entbehren, aber dich nicht, du mußt also mitkommen.« »Willst du damit sagen, daß du ohne mich nicht gehen, dich lieber der Gefahr aussetzen willst?« fragte sie angstvoll. »Nein. Wenn ich das sagen wollte, wär's eine Drohung. Ich sage nur, daß ich auf dich warte.« Seine Augen lachten ihr zu. »Nick, ist die Gefahr aus dem entstanden, was ich dich thun hieß?« fragte sie plötzlich. »Das brauchst du nicht zu wissen...« »Dann ist es so und auf mich fällt die Schuld.« »Was für eine Schuld? Daß ich mit dem König gesprochen habe? Mein liebes Kind, das will nicht mehr bedeuten, als der Eröffnungsumzug bei diesem Zirkusspiel. Setz' dir nur nichts in den Kopf von Schuld und Verantwortlichkeit! Das Einzige, wofür du verantwortlich bist, ist, daß wir jetzt fortkommen, miteinander durchbrennen, ausreißen, verschwinden. Dein Leben ist hier keine Stunde mehr sicher, dessen bin ich gewiß – das meinige keine Minute.« »Und in diese Lage bringst du mich,« sagte Käte vorwurfsvoll. »Ich bringe dich nicht in die Lage, aber ich zeige dir den einzigen Ausweg, der einfach genug ist!« »Und der heißt Nikolas Tarvin!« »Nun ja, ich sage ja, daß er einfach ist. Ich behaupte, ja gar nicht, er sei glänzend. Viele könnten dir mehr bieten, es gibt Tausende von Männern, die besser sind als ich, aber keinen, der dich mehr lieben könnte. O Käte, Käte!« rief er aufspringend. »Vertrau' dich meiner Liebe an, und ich trotze einer Welt, dich glücklich zu machen!« »Nein, nein ... du mußt gehen.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Ich kann dich nicht verlassen! Das fordere du von einem andern! Meinst du, ein Mann, der dich liebt, könnte es über sich bringen, dich in dieser trostlosen Wildnis allen Gefahren preisgegeben zu wissen und zu gehen? Traust du das irgend einem zu? Käte, mein Lieb, komm mit mir! Du quälst mich, du treibst mich in den Tod, indem du mich zwingst, dich auch nur einen einzigen Augenblick ohne Aufsicht zu lassen – ich sage dir, du bist in äußerster Lebensgefahr. Nun du das weißt, wirst du doch wohl nicht bleiben wollen. Dein Leben diesen Geschöpfen zu opfern, hast du doch nicht im Sinn!« »Und warum nicht?« rief Käte aufspringend, die alte Begeisterung im Blick. »Gewiß! War es recht, für sie zu leben, so ist es auch recht, für sie zu sterben. Ich glaube nicht, daß mein Tod ihnen not thut, aber wenn dem so ist, bin ich bereit.« Tarvin starrte sie an. Er war bestürzt, ratlos, hilflos. »Du kommst also nicht mit?« »Ich kann nicht. Lebe wohl, Nick. Das ist das Ende ...« »Wenigstens für heute,« sagte er, ihr die Hand gebend. »Guten Nachmittag!« Sie sah mit beklommenem Herzen zu, wie er den Hut aufstülpte und sich zum Gehen anschickte. »Aber du gehst doch?« rief sie plötzlich erschrocken. »Gehen? Nein! Nein! Ich bleibe und wenn ich mir eine Armee zusammentrommeln, mich zum König erklären und den Dâk Bungalow als Regierungssitz verteidigen müßte! Gehen !!« Sie streckte flehend die Hand aus, um ihn festzuhalten, aber Tarvin war schon fort. Käte ging zu ihrem Kranken. Der Maharadscha Kunwar wohnte noch im Missionshaus, hatte sich aber zur Erheiterung seiner Genesungszeit Spielzeug und Lieblingstiere vom Palast kommen lassen dürfen. Schweigend setzte sich Käte an sein Bett und weinte lange Zeit leise in sich hinein. »Was hast du denn, Fräulein Käte?« fragte der Prinz, nachdem er ihr seltsames Gebaren eine Weile verwundert beobachtet hatte. »Mir geht's ja jetzt ganz gut, da braucht niemand zu weinen! Wenn ich wieder im Palast bin, werde ich meinem Vater, dem Könige, sagen, was du für mich gethan hast, und dann wird er dir ein Dorf schenken. Wir Radschputen vergessen nie, was man uns Gutes thut.« »O Lalji, ich weine nicht um dich,« sagte Käte, sich die Augen trocknend. »Dann wird dir mein Vater zwei Dörfer geben. Wenn ich gesund werde, darf niemand weinen, denn ich bin ein Königssohn. Wo ist denn Moti? Er soll an meinem Bett sitzen.« Käte stand gehorsam auf, um des Maharadscha Kunwar Liebling zu holen. Moti war ein kleiner grauer Affe, der ein goldenes Halsband trug, sich frei in Garten und Haus herumtrieb und des Abends alle erdenkliche List aufwendete, um sich eine Schlafstätte in des Prinzen Bett zu erobern. Er beantwortete Kätes Ruf von einem Baume aus, wo er sich mit den wilden Papageien geneckt hatte und folgte ihr, in der Affensprache murmelnd, ins Krankenzimmer. »Da komm her, kleiner Hanuman,« sagte der Prinz, eine Hand aufhebend, und der Affe war mit einem Satz auf dem Bett. »Ich habe von einem Könige gehört, Moti,« plauderte der Prinz, mit dem, goldenen Halsband des Tieres spielend, »der dreimalhunderttausend Rupien ausgab für eine Affenhochzeit. Möchtest du auch eine Frau haben, Moti? Ach nein, das goldene Halsband ist ganz genug für dich. Wir wollen unsre Rupien sparen, bis wir gesund sind, und dann wollen wir Fräulein Käte und Tarvin Sahib verheiraten und ihnen ein Fest geben, und du sollst auf ihrer Hochzeit tanzen.« Der Knabe sprach in der Mundart, aber Käte verstand jetzt manches davon und die Verbindung ihres Namens mit dem Tarvins machten ihr den Sinn nur zu klar. »Sprich nicht davon, Lalji, bitte, nicht!« »Warum denn nicht, Käte? Sogar ich bin ja verheiratet.« »Ja, das ist etwas andres. Käte mag einmal nichts davon hören, Lalji.« »Wie du willst,« versetzte der Prinz, ein Pfännchen ziehend. »Jetzt bin ich ja nur ein kleines Kind, aber wenn ich gesund bin, will ich wieder ein König sein, und niemand kann meine Geschenke zurückweisen. Horch! Das sind meines Vaters Trompeten! Er kommt, er besucht mich!« Man hörte aus ziemlicher Entfernung ein Hornsignal, dann Hufschlag, und bald darauf rasselte die Staatskarosse des Maharadscha samt einem Haufen Berittener in den Hof des Missionshauses. Käte sah ihren Pflegling aufmerksam an, besorgt, daß ihm die Unruhe schaden könnte, aber die Augen des kleinen Mannes leuchteten freudig, seine Nasenflügel bebten, und während die schmale Kinderhand sich fest um den Griff des unentbehrlichen Säbels schloß, flüsterte er glückselig: »Das ist schön! Mein Vater bringt alle seine Reiter mit!« Eh' Käte aufstehen konnte, führte Herr Estes schon den Maharadscha ins Krankenzimmer, das vor dem Umfang und Glanz seiner Persönlichkeit ganz zusammenzuschrumpfen schien. Er hatte eine Parade über seine Truppen abgenommen und war daher in voller Uniform, als oberster Kriegsherr, was keine Kleinigkeit war. Die Augen des Maharadscha Kunwar ruhten mit wahrem Entzücken auf der erhabenen Gestalt des königlichen Vaters, die er von den glänzenden Reiterstiefeln mit den goldenen Sporen aufwärts zu den weißledernen Reithosen, dem goldstrotzenden Waffenrock mit den Diamanten des Steins von Indien bis zum safrangelben Turban mit der nickenden Smaragdagraffe andächtig studierte. Der König zog die Stulphandschuhe aus und schüttelte Kätes Hand herzhaft; nach einer richtigen Orgie pflegte Seine Hoheit immer bemerkenswert civilisiert zu sein. »Und dem Kleinen geht's gut?« fragte er heiter. »Ein kleiner Fieberanfall, wie ich höre – ich selbst hatte in letzter Zeit auch etwas Fieber.« »Ich fürchte, daß die Krankheit des Prinzen etwas mehr zu bedeuten hatte, Maharadscha Sahib,« bemerkte Käte. »Siehst du, mein Kleiner,« sagte der König auf hindostanisch, indem er sich zärtlich über ihn beugte, »das kommt davon, wenn man zu viel ißt!« »Nein, Vater, zu viel gegessen habe ich nicht, ich bin aber jetzt ganz wohl.« Käte stand am Kopfende des Bettes und strich mit leiser Hand über das Haar des Knaben. »Wie viele Truppen nahmen an der Parade teil?« »Beide Geschwader, mein General,« versetzte der Vater mit stolz leuchtendem Blick. »Du bist ein echter Radschpute, mein Sohn!« »Und meine Leibwache – wo stand die?« »Bei Pertab Singhs Corps. Sie führte den Angriff beim Schlußtableau.« »Beim heiligen Roß,« rief der Maharadscha Kunwar, »sie soll ihn später im Ernst führen! Nicht wahr, Vater? Du auf dem rechten, ich auf dem linken Flügel!« »Gewiß, mein Sohn, aber um ein Feldherr zu werden, muß ein Prinz viel lernen und darf nicht krank sein.« »Ich weiß es wohl,« sagte der Knabe mit tiefem Ernst. »Mein Vater, ich habe in diesen Nächten viel darüber nachgedacht – bin ich immer noch ein kleines Kind?« Er sah bittend zu Käte auf und flüsterte ihr zu: »Ich möchte mit meinem Vater sprechen. Niemand soll uns stören.« Käte verließ, dem Knaben noch freundlich zunickend, das Zimmer, und der Maharadscha setzte sich an seines Sohnes Bett. »Nein, ich bin kein Kind mehr,« begann der Prinz. »In fünf Jahren werde ich ein Mann sein und viele Männer werden mir gehorchen. Wie aber soll ich wissen was Recht oder Unrecht ist, daß ich's ihnen befehle?« »Darum muß ein Prinz eben viel lernen,« versetzte der Maharadscha so im allgemeinen. »Ja, daran habe ich eben gedacht, als ich hier so im Dunkeln lag, Vater, und mir ist, als ob ich nicht all diese Dinge im Palast und nicht von Frauen lernen könnte. Vater, laß mich fortgehen, daß ich lerne, wie man ein Prinz ist!« »Ja wohin wolltest du denn gehen? Mein Königreich ist doch deine Heimat, Söhnchen.« »Ich weiß, ich weiß, und ich will auch wieder heimkommen, aber laß mich nicht zum Gespött der andern Prinzen werden. Bei meinem Hochzeitsfest hat mich der Ravut von Bunnaul ausgelacht, weil ich nicht so viele Schulbücher habe wie er, und er ist doch nur der Sohn eines in Adelstand erhobenen Herrn, hat keine Ahnen. Aber er ist in ganz Radschputana herumgekommen bis Delhi und Agra und, denke dir, sogar nach Abu, und er ist in der oberen Klasse der Prinzenschule in Adschmir. Vater, alle Königssöhne gehen in diese Schule, und dort spielen sie nicht mit den Frauen, sie reiten mit Männern! Und die Luft und das Wasser sind sehr gut in Adschmir. Ach, laß mich auch hin, Vater!« Auf des Maharadscha Zügen zeigte sich ernste Bekümmernis, denn der Knabe war ihm sehr ans Herz gewachsen. »Aber es könnte dir irgend etwas zustoßen, bedenke doch, Lalji.« »Ich hab's bedacht. Was sollte mir zustoßen dort, wo ich unter der Obhut der Engländer stehe? Der Ravut von Bunnaul hat mir gesagt, daß ich meine eigenen Zimmer haben würde, meine eigene Dienerschaft, meine eigenen Pferde, gerade wie die andern Prinzen, und daß ich dort sehr angesehen sein würde, hat er auch gesagt.« »Gewiß, gewiß,« stimmte der Vater bei, um den Kleinen nicht aufzuregen. »Wir sind ja Kinder der Sonne, du und ich, mein Prinz.« »Deshalb kommt es mir auch zu, so gelehrt, so stark und tapfer zu werden als die Besten meines Geschlechts. Vater, es ist mir entleidet, in den Frauengemächern zu spielen, die Geschichten meiner Mutter und die Lieder der Tänzerinnen anzuhören, und die wollen mich auch immerzu küssen! Laß mich nach Adschmir, laß mich in die Prinzenschule gehen. Und in einem Jahr, schon in einem Jahr, sagt der Ravut von Bunnaul, werde ich genug gelernt haben, um meine Leibwache zu führen, wie ein König sie führen soll! Versprichst du mir's, Vater?« »Wenn du wieder ganz gesund bist, wollen wir weiter darüber reden,« sagte der König, »Ich will es mit dir besprechen nicht wie ein Vater mit dem Kind, sondern wie ein Mann mit dem andern.« Des Prinzen Augen strahlten vor Vergnügen. »Das ist gut! Wie ein Mann mit dem andern. ...« Der Maharadscha nahm ihn liebkosend in die Arme und erzählte ihm kleine Neuigkeiten aus dem Palast, was eben einen Jungen interessieren konnte. »Gibst du mir jetzt Urlaub zu gehen, mein General?« fragte er dann lachend. »O mein Vater!« Der Prinz vergrub sein Köpfchen in dem mächtigen Bart des Vaters und schlang die Arme um seinen Hals. Sachte und freundlich machte sich der Maharadscha los und ebenso sachte ging er auf die Veranda hinaus, und noch ehe Käte zurückgekommen war, verschwand der Wagen mitsamt den Reitern unter Trompetengeschmetter in einer Wolke von Staub. Eben waren sie außer Sicht gekommen, als ein Bote erschien, der ein aus Gras geflochtenes Körbchen mit Apfelsinen, Bananen und Granatäpfeln, smaragdgrün, gold und kupferfarbig, mit den Worten: »Ein Geschenk der Königin«, vor Käte niedersetzte. Der Prinz hörte die Worte im Zimmer und rief seelenvergnügt: »Käte, das schickt dir meine Mutter! Sind es große Früchte! Gib mir einen Granatapfel,« bat er, als Käte den Korb hereinbrachte. »Ich habe dieses Jahr noch gar keinen gegessen.« Käte setzte den Korb auf den Tisch, aber schon war dem Prinzen etwas andres in den Sinn gekommen. Er wollte jetzt einen Scherbett von Granatäpfeln haben und gab Käte genau an, wie sie Zucker und Milch mit dem Saft und den roten Fruchtkernen anrühren müsse. Sie verließ das Zimmer, um ein Glas und Milch zu holen, und Moti, der sich unterm Bett verkrochen gehabt, weil er bei einem Versuch, sich des Prinzen Smaragden anzueignen, einen Tritt bekommen hatte, kam hervor und benutzte die Zeit, eine schöne Banane zu stibitzen. Da ihm wohl bekannt war, daß sein Herr und Gebieter das Bett nicht verlassen konnte, kehrte er sich nicht an seinen abwehrenden Ruf, sondern setzte sich ganz gemütlich hin, streifte mit den kleinen, schwarzen Fingern geschickt die grüne Haut ab, grinste den Knaben an und ließ sich's schmecken. »Du bist ein Strick, Moti,« sagte der Prinz lachend. »Käte meint, du seiest gar kein Gott, sondern nur ein graues Aeffchen, und ich glaub's auch. Wenn sie zurückkommt, kriegst du Schläge, Hanuman.« Moti hatte schon die halbe Banane verspeist, als Käte wieder eintrat, er machte aber gar nicht Miene, ihr zu entwischen. Sie stieß den kleinen Räuber, der ihr gerade im Weg saß, leicht an, und er fiel sofort um. »Was hat denn dein Moti, Lalji?« fragte sie, das Aeffchen verwundert ansehend. »Eine Banane hat er gestohlen und jetzt stellt er sich tot. Gib ihm nur einen Klaps!« Käte beugte sich über den regungslosen kleinen Körper; aber da gab's nichts zu züchtigen. Er war tot. Mit blassem Gesicht richtete sich Käte wieder auf und beroch vorsichtig den Obstkorb. Richtig, ein feiner, süßlicher, schwer lastender Duft stieg von den leuchtenden Früchten auf; er wirkte in dieser Nähe betäubend. Den Korb rasch niedersetzend, griff sie mit der Hand an die Stirne; ihr war schwindlig geworden. »Nun,« sagte der Prinz, der seinen toten Liebling nicht sehen konnte, »bekomme ich jetzt meinen Scherbett?« »Ich fürchte, Lalji, die Früchte sind nicht ganz gut,« erwiderte Käte, sich gewaltsam zusammennehmend. Noch ganz benommen von Schreck und Schwindel warf sie die halbe Banane, die der tote Moti zärtlich an sein böses, kleines Herz gedrückt hatte, durchs offene Fenster in den Garten hinaus. Sofort stürzte sich ein Papagei auf den Leckerbissen und nahm ihn mit auf seinen Zweig. Es war geschehen, ehe Käte, die halb bewußtlos war, den Vogel verscheuchen konnte, und im nächsten Augenblick fiel ein Klumpen grüner Federn schwer herab. Der Papagei war auch tot. »Nein, Lalji, die Früchte sind nicht gut,« wiederholte Käte mechanisch mit weitoffenen, erschrockenen Augen und bleichem Gesicht. Ihre Gedanken eilten zu Tarvin! Ach, die Warnungen und flehentlichen Bitten, die sie von sich gewiesen hatte! Er hatte gesagt, ihr Leben sei keine Stunde mehr sicher, und wie recht er gehabt hatte! Die unheimliche, leise schleichende Gefahr, die sie bedrohte, hätte stärkere Nerven als die Kätes zu erschüttern vermocht. Von welcher Seite, in welcher Form würde der nächste Angriff erfolgen? Aus welchem Schlupfwinkel der Mord hervorkriechen? Die Luft selbst konnte ja vergiftet sein, sie wagte kaum mehr zu atmen. Die Frechheit der Ausführung erschreckte sie so sehr wie die Absicht der That. Wenn das am offenen Tag, unterm Deckmantel der Freundschaft, fast gleichzeitig mit einem Besuch des Königs geschehen konnte, was würde die Zigeunerin demnächst wagen? Sie war mit dem Maharadscha Kunwar unter einem Dach; wenn Tarvins Vermutung begründet war, daß Sitabhai auch ihr nach dem Leben trachte, so mochte sie gehofft haben, zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen. Wenn sich Käte vorstellte, wie leicht sie selbst dem Prinzen eine der vergifteten Früchte hätte geben können, so überlief es sie eiskalt. Der Knabe drehte sich im Bett um und betrachtete Käte. »Bist du nicht wohl?« fragte er ernsthaft. »Dann mach dir nur, bitte, keine Mühe mit dem Scherbett; reiche mir nur Moti her zum Spielen.« »O, Lalji! Lalji!« rief Käte außer sich. Schwankenden Schrittes ging sie auf sein Bett zu, warf sich über ihn und umschlang den Knaben bitterlich weinend, als ob sie ihn mit ihrem Leib vor bösen Mächten schützen wollte. »Jetzt weinst du heute zum zweitenmal,« sagte der Prinz, die zuckenden Schultern neugierig beobachtend. »Das werde ich dem Tarvin Sahib sagen!« Das Wort traf Käte ins Herz und rief ein bitteres, hoffnungsloses Sehnen in ihr wach. Ach, nur einen Augenblick die sichere, rettende Kraft fühlen, die sie von sich gewiesen hatte! Wo er jetzt sein mochte, fragte sie sich mit leidenschaftlicher Selbstanklage, was dem Mann wohl widerfahren sein mochte, den sie abgehalten hatte, dieses Land zu fliehen, wo Tod und Verderben ringsum lauerten? Tarvin saß zur Zeit in seinem Zimmer im Dâk Bungalow. Er hatte beide Thüren weit offen stehen, daß der heiße Wüstenwind über ihn hinstrich, denn er wollte wenigstens alles sehen, was sich nähern würde. Vor ihm auf dem Tisch lag der Revolver, in seiner Brusttasche war das Naulahka, er verzehrte sich in ungeduldiger Sehnsucht, fortzukommen von diesem Ort, und fluchte dem eroberten Schatz, der nicht die Kraft hatte, Käte nach sich zu ziehen. Neunzehntes Kapitel. Nachdem sie die verräterischen Früchte unter sichern Verschluß gebracht und den Prinzen über den geheimnisvollen Tod seines Moti getröstet hatte, fand Käte am Abend und während der langen Nacht reichlich Muße, mit ihrem Herzen und Gewissen zu Rat zu gehen. Als sie am andern Morgen mit geröteten Augenlidern und schwerem, von keinem Schlaf erfrischtem Kopf aufstand, war ihr wenigstens das eine klar – so lang sie am Leben war, blieb es ihre Aufgabe, unter den indischen Frauen und für diese weiter zu arbeiten, und für das Weh in ihrem Herzen durfte sie kein andres Heilmittel suchen, als eben die Arbeit. Mittlerweile blieb der Mann, der sie liebte, in Gokral Sitarun, harrte aus in stündlicher Todesgefahr, um in Rufweite zu sein, wenn sie ihn brauchte, und rufen durfte sie ihn doch nicht, denn das hieße schwach werden, fahnenflüchtig. Sie machte sich auf den Weg nach ihrem Spital. Die Angst um Tarvins Leben schnürte ihr die Kehle zu, saß ihr im Nacken wie ein Gespenst; sie mußte arbeiten, um ihren Gedanken zu entrinnen. Wie gewöhnlich hockte die Frau aus der Wüste mit verschleiertem Gesicht, die Hände ums Knie verschränkt, auf den Stufen vor der Hausthüre, um sie zu erwarten. Heute stand aber auch Dhunpat Raj müßig dort, obwohl er um diese Stunde in den Krankensaal gehört hätte, und Käte sah, daß der Hof voll war von Fremden, wohl Besuchen für die Kranken, die doch nach der von ihr eingeführten Ordnung nur einmal in der Woche und nicht an diesem Tag zugelassen waren. Ueberreizt und erschöpft, wie sie von den Erlebnissen des gestrigen Tages war, fühlte sich Käte von diesem Anblick noch peinlicher berührt, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre. »Was soll das heißen, Dhunpat Raj?« fragte sie in zorniger Erregung. »Aufruhr aus religiösem Fanatismus,« gab Dhunpat Raj achselzuckend zum Bescheid. »Hat nichts zu sagen, habe öfter erlebt. Nur nicht hineingehen!« Käte schob ihn ohne ein Wort beiseite und war im Begriff einzutreten, als einer von ihren Kranken, ein Mann im letzten Stadium des Typhus, von einem halben Dutzend Leute herausgetragen wurde. Die lärmenden Krankenträger warfen ihr drohende Worte zu, und im Nu stand die Frau aus der Wüste an ihrer Seite. In der hoch erhobenen braunen Hand funkelte ein langes Messer mit breiter Klinge. »Seid still, ihr Hunde!« herrschte sie die Leute in ihrer Mundart an. »Wagt es nicht, die Hand an diese Peri zu legen, die alles für euch thut!« »Ja wohl, sie bringt unsre Leute um,« schrie einer von den Dörflern. »Das mag sein,« rief das Weib mit einem flüchtigen Lächeln, »aber ich weiß, wen ich umbringe, wenn ihr sie nicht ungestreift vorüber laßt. Seid ihr Radschputen oder wilde Tiere, Maulwürfe, Fischjäger, daß ihr wie das Vieh einem verlogenen Pfaffen nachlauft, der eure Strohköpfe verwirrt? Sie soll eure Leute umbringen? Wie lang könnt denn ihr den Mann da am Leben erhalten mit euren Hexensprüchen und Sudelbrühen?« fragte sie, nach der abgezehrten Gestalt auf der Tragbahre deutend. »Hinaus mit euch! Ist dieses Spital euer Dorf, wo ihr Schmutzfinken treiben könnt, was ihr wollt? Habt ihr auch nur einen Heller bezahlt an dem Dach über euren Köpfen oder an den Arzneien in euren Bäuchen? Macht, daß ihr fortkommt, ehe ich euch ins Gesicht speie!« Und mit einer Herrschergebärde wies sie das Gesindel fort. »Besser nicht hineingehen,« flüsterte Dhunpat Naj Käte ins Ohr. »Heiliger Mann aus Umgegend drinnen, bringt sie in Aufregung. Fühlen mich selbst auch sehr unbehaglich.« »Aber was hat es denn zu bedeuten?« fragte Käte abermals, denn sie sah jetzt, daß der ganze Bau in der Gewalt einer hin und her wogenden Volksmenge war, daß Betten, Kochgeschirr, Lampen und Weißzeug zusammengerafft und eingepackt wurden. Mit gedämpfter Stimme riefen die Leute einander Befehle zu, schleppten die Kranken aus den oberen Sälen die Treppen herunter, wie Ameisen ihre Eier fortschleppen, wenn ihr Bau zerstört wird. Je sechs bis acht Mann trugen einen Kranken; einige davon hielten Ringelblumensträuße in der Hand und standen auf jeder Treppenstufe still, um ein Gebet zu murmeln, andre warfen furchtsame, forschende Blicke in die Apotheke, wieder andre holten Wasser vom Brunnen und gossen es rings um die Betten aus. Im Mittelpunkt des Hofes saß splitternackt, wie der unheilbar Geisteskranke bei Kätes Ankunft, ein mit Asche beschmierter, langhaariger, eingeborener Wanderprediger mit langen Klauen an Händen und Füßen, der seinen Dornstecken, der scharf zugespitzt war, wie eine Lanze überm Kopf schwang und mit einem lauten, eintönigen Gesang Männer und Weiber zur Eile antrieb. Als Käte ihm mit blitzenden Augen, blaß vor Zorn gegenübertrat, wandelte sich der Gesang in ein Wutgeheul. Rasch mischte sie sich unter die Frauen, unter ihre Frauen, von denen sie dachte, sie hätten sie lieben gelernt. Aber jetzt waren die Verwandten um sie her, und ein breitschultriger, halbnackter Mann aus einem entlegenen Dorf im Innersten der Wüste brüllte Käte mit lauter Stimme an und stieß sie zurück. Er hatte nicht die Absicht, Käte zu verletzen, aber im selben Augenblick zog ihm die Frau aus der Wüste mit ihrem Messer einen breiten Hieb über die Stirne, daß er aufheulend zurückwich. »Laß mich zu ihnen sprechen,« sagte Käte, und ihre Anhängerin brachte mit hocherhobenen Armen die Menge zum Schweigen. Nur der heilige Mann setzte seinen Gesang fort, bis Käte hoch aufgerichtet und zornbebend auf ihn zutrat und ihn in der Mundart anherrschte: »Schweig, oder ich werde Mittel finden, dir den Mund zu verschließen!« Der Mann verstummte wirklich, und Käte trat jetzt ruhiger unter die Frauen. »O, ihr Frauen, was habe ich euch gethan?« rief sie, in der Aufregung die Sprache des Volkes besser beherrschend als sonst. »Wenn ihr über etwas zu klagen habt, wer wird euch Recht schaffen, wenn nicht ich? Ihr wißt doch, daß mein Ohr euch offen steht bei Tag und bei Nacht! Hört mich an, meine Schwestern! Seid ihr denn von Sinnen, daß ihr halb geheilt, krank, sterbend davongehen wollt? Ihr könnt ja gehen, ihr seid frei, aber um eurer selbst, um eurer Kinder willen, geht nicht, ehe ich euch mit Gottes Hilfe gesund gemacht habe! Jetzt herrscht in der Wüste die große Hitze, und manche von euch sind weit, weit von hier daheim ...« »Da hat sie recht! Das ist wahr,« sagte eine Stimme aus dem Haufen. »Ja, ich spreche die Wahrheit und ich habe immer ehrlich gehandelt an euch, darum ist's jetzt an euch, mir auch die Wahrheit zu sagen. Ich will wissen, was euch in die Flucht treibt, ihr sollt nicht davonlaufen, wie Mäuse. Meine Schwestern, ihr seid krank und schwach und eure Freunde wissen nicht, was euch heilsam ist, ich aber weiß es. ...« »Arre! Was sollen wir aber beginnen?« rief eine schwache Stimme. »Unsre Schuld ist's nicht. Mir wär's schon recht, man ließe mich im Frieden sterben, aber der Priester sagt ja. ...« Jetzt brach der Lärm und das Geschrei von neuem los. »Auf den Pflastern stehen Zaubersprüche. ...« »Weshalb sollen wir uns gegen unsern Willen zu Christen machen lassen. ...« »Die weise Frau, die man fortgejagt hat, sagt. ...« »Was bedeuten die roten Striche auf den Pflastern?« »Warum sollen wir Teufelsstempel auf dem Leib tragen? Sie brennen uns wie höllisches Feuer!« »Gestern kam der Priester, der heilige Mann dort und sagte uns, daß ihm fern im Hügelland offenbart worden sei, der Pflasterteufel wolle uns unsrem Glauben abtrünnig und zu Christen machen. ...« »Und wir werden seinen Stempel auf unsern Leibern tragen, wenn wir das Spital verlassen. ...« »Und die Kinder, die wir im Schoß tragen, werden Schwänze haben wie die Kamele und Ohren wie die Maulesel, und das sagt die kluge Frau, und der Priester sagt es auch. ...« »Nun hört aber auf mit eurem Geschwätze!« rief Käte, das Stimmengewirr übertönend. »Was für Pflaster sollen denn das sein? Schämt ihr euch nicht, wie dumme Kinder vom Teufel zu reden, weil ein Senfpflaster brennt? Sind nicht viele Kinder hier zur Welt gekommen, seit ich da bin, und waren sie nicht alle gesund und hübsch? Das wißt ihr doch! Von der unwürdigen Person laßt ihr euch etwas weismachen, die ich wegjagen mußte, weil sie euch mißhandelt hat. ...« »Aber der Priester sagt ...« »Was frage ich nach dem Priester! Hat er euch gepflegt? Hat er bei euch gewacht in der Nacht? Hat er an eurem Bett gesessen, eure Kissen geschüttelt und eure Hände gehalten, wenn ihr in Schmerzen lagt? Hat er eure Kinder gewiegt und gebettet, statt selbst zu ruhen?« »Es ist ein heiliger Mann. Er hat Wunder gethan. Dem Zorn der Götter wagen wir nicht zu trotzen. ...« Ein Weib, das kühner war als die andern, zog eins der kürzlich von Kalkutta bezogenen Senfpapiere heraus, das auf der Rückseite den roten Fabrikstempel trug, und hielt das Blättchen Käte vors Gesicht. »So, da sieh her! Was soll die Teufelsklaue?« schrie die Frau, aber Kätes Getreue hatte sie schon an den Schultern gepackt und drückte sie auf die Kniee nieder. »Ob du schweigst, du Weib ohne Nase!« rief sie in wildem Zorn. »Die Peri ist nicht Teig von deinem Teig, deine Hand würde sie beflecken. Denke an den Misthaufen vor deiner Thür und halte dein Maul!« Käte griff lächelnd nach dem Pflaster. »Und wer sagt, daß diese Buchstaben Teufelswerk seien?« fragte sie. »Der heilige Mann sagt's, und der weiß alles.« »Das wenigstens könntet ihr besser wissen,« sagte Käte, deren Entrüstung sich mehr und mehr in Mitleid wandelte. »Ihr kennt das Pflaster doch aus eigenem Gebrauch. Hat es dir denn je geschadet, Pithira? Hast du mir nicht oft und viel gedankt für die Erleichterung, die dir der Teufelsspuk brachte? Warum hat's dich denn nicht verzehrt, wenn es Höllenfeuer war?« »Gebrannt hat's genug,« versetzte die Anklägerin mit trotzigem Lachen. Auch Käte lachte, aber harmlos heiter. »Ja, das ist ganz wahr! Leider kann ich's nicht hindern, daß Senf brennt, und kann auch nicht alle Arzneien wohlschmeckend machen. Ihr wißt aber, daß sie euch helfen, und was verstehen denn eure Freunde, diese Dörfler und Kameltreiber und Ziegenhirten von meinen englischen Arzneien? Sind sie so weise, ist dieser Priester so allwissend, daß er fünfzig Meilen von hier weiß, was ich euch eingebe? Hört nicht auf sie, o, schenkt ihnen keinen Glauben! Sagt ihnen, daß ihr bei mir bleiben wollt, weil ich euch gesund mache. Mehr kann ich nicht für euch thun, deshalb bin ich hergekommen. In einem fernen Land, zehntausend Meilen weit von hier, hat man mir von eurem Elend berichtet und Mitleid mit euch zerriß mir das Herz. Wäre ich so weit hergekommen, um euch Uebles zu thun? Kehrt ruhig in eure Betten zurück, meine Schwestern, und sagt diesen Leuten, daß sie euch in Frieden lassen sollen.« Ein Gemurmel entstand, in dem sich Zustimmung und Widerspruch bekämpften. Für einen Augenblick schwankte das Zünglein an der Wage unentschieden hin und her. Dann erhob der Mann, der den Messerhieb bekommen hatte, seine Stimme und schrie: »Was nützt das Gerede? Wir nehmen unsre Weiber und Schwestern mit! Wir wollen keine Söhne, die dem Teufel gleichen! – Leihe uns deine Stimme, o Vater!« wandte er sich an den Priester. Der heilige Mann richtete sich auf und verwischte jede Wirkung von Kätes Worten durch einen Strom von Schmähungen, Anrufungen der Götter und Drohungen mit ewiger Verdammnis. Zu zweien oder dreien schlüpften die Weiber an Käte vorüber, ihre Kranken wurden halb geführt, halb mit Gewalt weggeschleppt. Käte rief jede einzelne beim Namen an, bat sie, zu bleiben, redete ihr mit Vernunftgründen zu, aber ohne allen Erfolg. Manche hatten Thränen in den Augen, aber ihre Antwort lautete übereinstimmend, daß es ihnen ja leid thäte, daß sie aber nur schwache Frauen seien und den Zorn ihrer Männer fürchteten. Von Minute zu Minute leerten sich die Krankensäle mehr und mehr, während der Priester laut sang und mitten im Hof wie ein Wahnsinniger zu tanzen anfing. Der Strom buntfarbiger Gewänder wälzte sich die Stufen hinab in die Straße hinein; Käte sah ihre sorgfältig behüteten kranken Frauen in der blendenden, erbarmungslosen Sonnenglut verschwinden, nur das Weib aus der Wüste blieb an ihrer Seite. Mit starren Augen verfolgte sie das unerhörte Schauspiel – ihr Spital war leer. Zwanzigstes Kapitel. »Hat Fräulein Sahib Befehle für mich?« fragte Dhunpat Raj mit orientalischer Gelassenheit, als sich Käte jetzt an die breite Schulter ihrer Getreuen lehnte, um nicht umzusinken. Sie schüttelte den Kopf, ohne die Lippen zu bewegen. »Ja, es ist recht betrüblich,« bemerkte Dhunpat Raj mit der Ruhe eines gänzlich unbeteiligten Zuschauers, »aber religiöser Fanatismus und Aberglauben seien stark im Land. Einmal – zweimal dasselbe gesehen. Manchmal wegen Pulver, und dann sagten sie, die mit Maßen bezeichneten Gläser seien heilige Gefäße und Zinksalbe sei Kuhfett. Aber ganzes Spital zugleich leer haben nie gesehen. Glaube nicht, daß wiederkommen, aber meine Anstellung, Staatsanstellung,« setzte er mit befriedigtem Lächeln hinzu, »werde Gehalt beziehen, wie vorher.« Käte starrte ihn betroffen an. »Sie meinen, es werden gar keine Kranken mehr kommen?« fragte sie stammelnd. »O doch – in Zeit – einer oder zwei. Vielleicht Männer, wenn vom Tiger gebissen, oder mit Augenentzündung, aber Frauen – nein. Ihre Männer werden's nicht mehr erlauben – fragen Sie nur die!« Käte, richtete einen hilflos stehenden, Trost suchenden Blick auf ihre getreue Freundin. Die bückte sich zu Boden, griff ein wenig Sand auf, ließ ihn zwischen ihren Fingern durchrieseln, rieb die Handflächen aneinander ab und schüttelte den Kopf. Käte verfolgte dieses Gebärdenspiel in verzweifelter Spannung. »Sie sehen – alles vorüber, nichts zu hoffen,« sagte Dhunpat Raj nicht ohne Teilnahme, hinter der aber doch eine gewisse schmunzelnde Genugthuung lauerte über eine Niederlage, die ja kluge Leute, wie er, längst vorausgesagt hatten. »Und was will Euer Gnaden jetzt vornehmen? Soll ich Apotheke schließen, oder soll Drogistenrechnung nachgesehen werden?« Käte winkte ihm, zu gehen. »Nein! nein! Nicht jetzt! Ich muß mich fassen, muß Zeit haben, dann werde ich Ihnen Bescheid senden. Komm, du Liebe!« Damit faßte sie die Frau aus der Wüste an der Hand und verließ mit ihr das Hospital. Draußen nahm die stämmige Radschputin Käte wie ein Kind auf den Arm und hob sie aufs Pferd. »Und wohin geht dein Weg jetzt?« fragte Käte die entschlossen neben dem Pferd Herschreitende. »Ich war zuerst hier,« versetzte die Geduldige, Getreue, »es ziemt sich darum, daß ich zuletzt gehe. Wo du hingehst, gehe ich auch – nachher mag geschehen, was da will.« Käte beugte sich aus dem Sattel und nahm die braune Hand der Tochter der Wüste mit dankbarem Druck in die ihrige. Als sie am Missionshaus anlangten, mußte Käte all ihre Kraft aufraffen, um nicht zusammenzubrechen. Es war ihr unsäglich bitter, ihre gänzliche Niederlage den Menschen einzugestehen, die am meisten von ihren Hoffnungen und Erwartungen gehört hatten, deren unausgesprochenen Zweifeln gegenüber sie immer freudig betont hatte, was sie den armen indischen Frauen jetzt schon sei, was sie ihnen zu werden hoffe. An Tarvin durfte sie überhaupt nicht denken, dazu fehlte ihr die Kraft. Glücklicherweise schien Frau Ostes nicht zu Hause zu sein. Dafür wartete ein Bote, um im Namen der Königin Mutter Käte samt dem Maharadscha Kunwar nach dem Palast zu bescheiden. Das braune Weib wollte Käte von diesem Besuch abhalten, aber Käte kehrte sich nicht an ihre Warnung. »Nein, nein, nein! Ich muß hin – irgend etwas muß ich thun,« rief sie beinah heftig, »so lang mich noch jemand haben will. Ich muß Arbeit haben, sonst verzweifle ich. Geh' du nur voraus und erwarte mich vor dem Palast.« Die Frau fügte sich schweigend und trottete auf der staubigen Landstraße den Weg zurück, während Käte zu ihrem Pflegling eilte. »Lalji,« sagte sie, sich über ihn beugend, »meinst du, es würde dich nicht zu sehr anstrengen, wenn wir dich in einen Wagen heben und zu deiner Mutter bringen?« »Ich möchte lieber meinen Vater besuchen,« versetzte der Prinz, der heute zur Belohnung für gestrige Fortschritte in der Genesung auf dem Sofa liegen durfte. »Mit meinem Vater habe ich sehr Wichtiges zu besprechen.« »Aber deine Mutter hat dich so lang nicht gesehen, Lalji!« »Gut, dann will ich gehen.« »Dann bestelle ich gleich den Wagen.« »Nein, bitte, ich will meinen eigenen haben. Wer ist denn da draußen?« »Sohn des Himmels, ich bin's,« versetzte die tiefe Stimme eines Soldaten. »Achcha! Reite schnell hinauf und sage ihnen, mein Wagen und Gefolge sollen kommen. Wenn sie in zehn Minuten nicht da sind, werde ich Sirop Singhs Gehalt beschneiden und ihm vor all meinen Leuten das Gesicht anschwärzen lassen. Ich fahre heute zum erstenmal aus!« »Möge Gottes Güte zehntausend Jahre mit dir sein, Sohn des Himmels!« rief der Mann von draußen herein, während er sich in den Sattel schwang, um seinen Auftrag auszuführen. Als der Prinz angekleidet war, rasselte auch schon der Wagen vor die Thüre, den eine sorgliche Hand im Palast mit weichen Kissen ganz ausgestopft hatte. Käte mußte den Knaben mehr tragen als stützen, obwohl er auf der Veranda durchaus frei stehen wollte, um den militärischen Gruß seiner Leibwache geziemend zu erwidern. »Ahi! Ich bin noch recht schwach,« gestand er unterwegs mit einem verlegenen Auflachen. »Mir kommt's vor, als ob ich in Rhatore überhaupt nicht mehr frisch werden könnte.« Käte schlang den Arm um ihn und stützte ihn zärtlich. »Käte,« begann er jetzt, »willst du mir helfen, meinen Vater um etwas bitten, willst du ihm auch sagen, daß es gut für mich sei?« Käte, deren Gedanken bei ihrer großen Bitternis verweilten, tätschelte ihn liebreich auf die Schulter und hob den thränenfeuchten Blick zu dem roten Steinkoloß des Palastes. »Wie kann ich dir das versprechen, Lalji?« fragte sie, in das erwartungsvoll zu ihr aufgerichtete Kindergesicht blickend. »Es ist ja etwas sehr, sehr Verständiges!« »Wahrhaftig, Lalji?« »Ja, und ich habe mir's ganz allein ausgedacht. Ich bin ja ein Radscha Kunwar und möchte in die Radscha Kunwar-Schule gehen, wo man Prinzen lehrt, Könige zu werden. Das gibt's nur in Adschmir, und da will ich hin und mit den andern Prinzen von Radschputana lernen und fechten und reiten, daß ich ein ganzer Mann werde. In die Radscha Kunwar-Schule in Adschmir will ich, daß ich alles lerne über die ganze Welt. Das ist doch verständig, Käte? Seit ich krank war, kommt mir die Welt so sehr, sehr groß vor – Käte, wie groß ist denn die Welt, die du gesehen hast über dem schwarzen Wasser? Und wo ist denn Tarvin Sahib? Mit dem würde ich auch gern sprechen. Ist Tarvin Sahib böse mit mir oder mit dir, Käte?« So plauderte der Prinz und bedrängte Käte mit Hunderten von Fragen, bis der Wagen vor dem Seitenthor hielt, das zu dem von der Königin-Mutter bewohnten Palast führte. Kätes dunkle Freundin stand davor und streckte ihr die Arme entgegen. »Laß mich den Prinzen hineintragen,« bat sie, »ich weiß, daß es notthut. Nein, Sohn des Himmels, du brauchst dich nicht davor zu scheuen, ich bin von gutem Blut.« »Frauen von gutem Blut gehen verschleiert und sprechen nicht auf der Straße,« wandte der Prinz zweifelnd ein. »Das gilt für deinesgleichen, nicht für unsereins,« entgegnete die Frau lachend. »Wer sein tägliches Brot verdienen muß, kann nicht verschleiert gehen; aber meine Väter haben viele hundert Jahre vor mir im Land gelebt, gerade wie die deinen, Sohn des Himmels, und die weiße Frau kann dich nicht so leicht tragen als ich.« Sie faßte ihn in die Arme und schloß ihn an ihre Brust, als ob er ein Wickelkind gewesen wäre, und der Knabe fühlte sich sicher und wohl in diesen starken Armen. Er winkte mit der abgezehrten, kleinen Hand, woraus der schwere Thorflügel sich kreischend in den Angeln drehte, und sie miteinander hineingingen – Weib, Kind und Mädchen. In diesem Teil des Palastes war nicht viel von Pracht und Ausschmückung zu sehen. Die bunten Fliesen an den Wänden waren vielfach zerbröckelt und abgefallen, die Fensterläden hätten eines neuen Anstrichs bedurft und zeigten zerbrochene Stäbe, im Vorhof lag Kehricht und Staub. Eine Königin, die beim Herrscher in Ungnade gefallen ist, büßt auch manche andre Vorteile ein. Eine Thüre that sich auf, und eine Stimme rief die Eintretenden an. Sie gerieten in einen dunkeln Gang und dann auf eine lange Reitschnecke, die mit leuchtend weißem Stuck so glatt wie Marmor belegt war und zu den Gemächern der Königin führte. Die Mutter des Prinzen hielt sich mit Vorliebe in einem langen, niederen Zimmer auf, das gegen Nordosten lag, wo sie ihr Gesicht an das Marmormaßwerk der Fensterfüllung pressen und mit der Seele die Heimat suchen konnte, die Kuluhügel, achthundert Meilen von hier, jenseits der Sandwüste. In diesen Raum drang kein Laut von dem geschwätzigen Treiben und Lachen und Singen im Palast; nur der Fußtritt weniger getreuer Dienerinnen unterbrach die tiefe Stille. Mit dem Gebaren eines gefangenen Panthers durchschritt das braune Weib, den Prinzen noch fester an sich drückend, den Irrgarten leerer Zimmer, kleiner Seitentreppen, bedachter Höfe. Für Käte und den Maharadscha Kunwar hatte der dunkle, winkelige, geheimnisvolle, totenstille Bau nichts Befremdliches mehr, der Knabe war darin aufgewachsen, und Käte hatte sich damit abgefunden als mit einem Teil der Mühsale und Schrecken, die sie aus freien Stücken aufgesucht hatte. Endlich war die Reise beendigt: Käte hob einen schweren Thürvorhang, der Prinz rief nach der Mutter, und die Königin fuhr mit einem leidenschaftlichen Aufschrei von ihrem Fenstersitz aus weißen Kissen auf. »Wie... wie steht's mit dem Prinzen?« Der Prinz zappelte, auf den Boden gelassen zu werden, und die Königin warf sich schluchzend über ihn, den kleinen Mann vom Kopf bis zu den Füßen mit Küssen bedeckend, tausend Kosenamen flüsternd. Des Kindes Zurückhaltung schmolz vor dieser Begrüßung. Er hatte sich vorgenommen gehabt, der Mutter den echten Radschputen zu zeigen, das heißt einen Mann, dem jede öffentliche Gefühlsäußerung in tiefster Seele zuwider ist, aber jetzt lachte und weinte er in ihren Armen. Die Frau aus der Wüste fuhr sich mit der Hand über die Augen und Käte wandte den Blick ab und sah zum Fenster hinaus. »Wie soll ich Ihnen danken?!« rief die Königin endlich. »O mein Sohn, mein Liebling, Kind meines Herzens, die Götter und sie haben dich wieder gesund gemacht. Wer ist die Frau?« fragte sie rasch, zum erstenmal die hohe Gestalt erblickend, die in ihrem roten Gewand still am Thürvorhang stand. »Sie hat mich hergetragen aus dem Wagen,« erklärte der Prinz. »Sie sagte, sie sei eine Radschputin von gutem Blut.« »Vom Stamm der Khohan, eine Radschputin und Mutter von Radschputen,« versetzte die Frau einfach. »Die weiße Fee hat ein Wunder gethan an meinem Mann. Er war krank im Kopf und kannte mich nicht mehr. Freilich mußte er sterben, aber ehe sein Atem entfloh, hat er mich erkannt und beim Namen gerufen.« »Und sie hat dich getragen!« rief die Königin, den Prinzen schaudernd näher an sich ziehend, denn wie jede Inderin, sah sie in der Berührung, ja dem Blick einer Witwe ein böses Omen. Die Frau sank der Königin zu Füßen. »Vergib mir! Vergib mir!« rief sie. »Drei Kinder habe ich geboren, alle haben mir die Götter genommen und meinen Mann zuletzt. Es that so wohl – o so wohl – wieder ein Kind im Arm zu halten! O du kannst ja vergeben,« setzte sie kläglich hinzu, »du bist reich in deinem Sohn und ich bin nur eine Witwe!« »Bin ich nicht auch eine Witwe?« murmelte die Königin leise vor sich hin, »Sie spricht wahr, ich sollte vergeben – erhebe dich!« Aber die Frau blieb am Boden liegen, der Königin nackte Füße umklammernd. »Erhebe dich, Schwester!« flüsterte die Königin. »Wir von den Feldern, wir wissen nicht zu reden mit den Vornehmen. Verzeiht mir die Königin, wenn meine Worte rauh sind?« »Gewiß verzeihe ich das! Deine Sprache klingt weicher als die der Hügelleute von Kulu, aber fremde Wörter sind darin.« »Ich komme aus der Wüste, treibe Kamele, melke die Ziegen, wie sollte ich die Sprache des Hofs reden können? Laß die weiße Fee sprechen für mich.« Käte hatte zerstreut zugehört. Jetzt, da ihr keine Pflicht mehr oblag, kam das Entsetzen über die Schmach, die man ihr angethan hatte, kam die Angst um Tarvin mit neuer Gewalt über sie. Sie sah die Frauen wieder vor sich, wie sie an ihr vorbei gezogen waren, eine nach der andern, sah ihr zerstörtes Werk vor sich und sich aller Hoffnung beraubt, es wieder aufzurichten, und sie sah Tarvin in Todesgefahr, grausam gemordet – durch ihre Schuld! »Was willst du?« fragte sie teilnahmlos, als die Frau sie am Rocksaum zerrte, setzte aber dann, zur Königin gewendet, hinzu: »Das ist die einzige von all den Frauen, denen ich Liebe erzeigt habe, die heute an meiner Seite blieb, Königin.« »Ja, es wurde im Palast davon gesprochen,« versetzte die Königin, den Arm um des Prinzen Schultern gelegt, »daß Ihrem Spital Unheil widerfahren sein soll, Sahiba?« »Ich habe keinen Spital mehr,« sagte Käte bitter. »Und du hast mir doch versprochen, mich einmal hinzuführen,« bemerkte der Knabe. »Die Frauen waren Närrinnen,« berichtete das braune Weib von seinem Platz am Boden aus. »Ein toller Priester hat ihnen Lügen aufgebunden, er hat ihnen gesagt, die Arzneien seien verhext ...« »Bewahre uns vor bösen Geistern und Teufelsspuk,« murmelte die Königin. »Verhext – Arzneien, die sie mit ihrer eigenen Hand mischt und berührt! Und da sind die Närrinnen davongelaufen, Sahiba, und haben geschrieen, ihre Kinder könnten mißgestaltete Affen werden und ihre Hühnerseelchen in die Hölle kommen! Aho! Sie werden's ja inne werden, morgen schon, nicht erst in acht Tagen, wohin ihre Seelen kommen, denn sterben werden sie alle miteinander, die dummen Gänse, nun ihnen niemand mehr hilft!« Käte schauderte; sie wußte ja am besten, wie wahr die Frau sprach. »Aber diese Arzneien,« hob die Königin an. »Man kann doch nicht wissen, ob nicht ein Zauber darin steckt!« Sie sah Käte an und lachte verlegen. »Dekho! Sieh diese doch nur an,« sagte das braune Weib mit ruhiger Ueberlegenheit. »Sie ist ein Mädchen und sonst nichts: was vermöchte sie an den Thoren des Lebens auszurichten?« »Sie hat meinen Sohn gesund gemacht, darum ist sie mir eine Schwester,« erklärte die Königin. »Sie hat meinen Mann sprechen gemacht vor der Todesstunde, deshalb diene ich ihr mit Leib und Seele, gerade wie dir auch, Sahiba,« sagte das Weib. Der Prinz blickte fragend in seiner Mutter Gesicht. »Sie nennt dich ›du‹,« bemerkte er, als ob die Frau ihn nicht hören könnte. »Das ziemt sich nicht! Eine Königin und eine Dörflerin ›du und du‹!« »Wir sind beide Frauen, kleiner Mann – bleibe ruhig in meinem Arm! O, wie wohl es thut, dich wieder zu halten, du ärmliches Kerlchen!« »Der Sohn des Himmels sieht aus wie dürrer Mais,« sagte das braune Weib rasch. »Nein, wie ein ausgemergelter Affe,« fiel die Königin ein, ihre Lippen in des Kindes Haar drückend. Beide Frauen sprachen laut und nachdrücklich – die Herabsetzung des beliebtesten Guts sollte die Götter täuschen, daß sie nicht neidisch würden auf menschliches Glück. »Aho – mein kleiner Affe ist tot,« warf der Prinz plötzlich dazwischen. »Ich muß einen andern haben. Laßt mich in den Palast gehen und mir einen neuen Affen aussuchen!« »Er soll sich nicht im Palast herumtreiben,« rief die Königin erregt, mit einem hilfeflehenden Blick auf Käte, denn sie selbst hatte es nie fertig gebracht, des Knaben Willen zu durchkreuzen. »Du bist noch viel zu schwach, Lalji, – o, Fräulein Sahib, er soll nicht aus dem Zimmer gehen!« »Es ist mein Befehl,« erklärte der Prinz, ohne die Mutter anzusehen. »Ich will!« »Bleibe bei uns, Liebling,« sagte Käte geistesabwesend, denn sie überlegte gerade, ob ihr Spital nicht doch in ein paar Monaten wieder zusammengeflickt werden könnte und ob sie die Tarvin drohende Gefahr nicht am Ende überschätzt habe. »Ich gehe!« wiederholte der Prinz, sich aus den Armen der Mutter lösend, »Ich habe genug von diesem Gethue.« »Gibt mir die Königin Erlaubnis?« fragte das braune Weib flüsternd. Die Königin nickte, und der Prinz fühlte sich plötzlich von zwei Armen gefesselt, gegen deren Kraft es keinen Widerstand gab. »Laß mich gehen, du – du Witwe!« zischte der kleine Mann wütend. »Es ziemt sich nicht, daß ein Radschpute die Mutter von Radschputen mißachtet, mein König,« lautete die gelassene Antwort. »Wenn der junge Stier der Kuh nicht gehorcht, lehrt ihn das Joch Gehorsam. Der Sohn des Himmels ist noch schwach, in all diesen Gängen, auf den vielen Treppen würde er straucheln und fallen, darum bleibt er hier. Wenn der Zorn verraucht ist, wird er noch schwächer sein, als vorher, jetzt schon ...«, die großen leuchtenden Augen bohrten sich förmlich in die des Kinds ..., »jetzt schon,« fuhr die gleichmäßige Stimme fort, »weicht der Zorn. Nur noch einen Augenblick, Sohn des Himmels, und du bist kein Prinz mehr, nur ein kleines, kleines Kind, gerade wie die Kinder, die ich geboren habe, ach, und wie ich keines mehr gebären werde.« Bei den letzten Worten hatte sich das Köpfchen des Knaben auf ihre Schulter gesenkt. Die Heftigkeit hatte sich ausgetobt und ihn, wie die Frau vorausgesehen, müde und schläfrig gemacht. »O Schmach! O Schmach!« murmelte er schlaftrunken. »Ja, ich will gar nicht mehr fort ... laßt mich nur schlafen, schlafen!« Das braune Weib tätschelte ihn auf den Rücken, bis die Königin hungrige Arme nach ihrem Eigentum ausstreckte und es wieder an sich riß. Sie bettete das Kind auf ein Kissen an ihrer Seite, breitete den Saum ihres langen Musselinkleides über ihn und sah ihr Kleinod zärtlich an. Das braune Weib kauerte sich auf dem Boden zusammen. Käte saß auch auf einem Kissen und lauschte dem Ticken einer billigen amerikanischen Wanduhr, die irgendwo in einer Nische hing. Durch viele Wände gedämpft klang der Gesang einer Frauenstimme herein. Der Mittagswind rauschte in den durchbrochenen Fensterschirmen, und vom Hof, der wohl hundert Fuß tiefer liegen mochte, drang das Scharren und Stampfen der Pferde der Leibwache herauf, die mit den Schwänzen fuchtelten und in den Zaum bissen. Käte lauschte all diesen Geräuschen in abermals wachsender Angst um Tarvin. Die Königin beugte sich immer tiefer über den schlafenden Sohn; Mutterglück feuchtete ihre Augen. »Jetzt ist er fest eingeschlafen,« sagte sie endlich. »Was war doch das mit seinem Affen, Fräulein Sahib?« »Er ist gestorben,« versetzte Käte, sich gewaltsam zur Lüge zwingend. »Wahrscheinlich hat er im Garten faules Obst gegessen.« »Im Garten?« fragte die Königin hastig. »Ja, im Garten.« Das braune Weib sah die beiden Frauen forschend an; sie wußte nicht, was sie aus Frage und Antwort machen sollte, und streichelte der Königin die Füße. »Affen sterben leicht,« bemerkte sie. »In Banswarra habe ich einmal eine Art Pest unter dem Affenvolk erlebt.« »Wie starb er denn?« fragte die Königin. »Das... das weiß ich nicht genau,« stotterte Käte. Und nun herrschte wieder ein langes Schweigen in dem schwülen Raum. »Fräulein Käte,« begann die Königin dann flüsternd, »was denken Sie über meinen Sohn? Ist er gesund oder nicht?« »Kräftig ist er nicht, aber mit der Zeit kann er es werden, doch wäre es gut, wenn er eine Weile von hier fort käme.« Die Königin nickte ergebungsvoll. »Daran habe ich auch schon oft gedacht, wenn ich so allein saß, und dann war mir's, als ob mir das Herz aus der Brust gerissen würde. Ja, es wäre gut, wenn er fort käme von hier, nur daß ich so gar nichts weiß von der Welt, wohin er gehen soll,« sagte die arme Mutter, ihre Hände in hilfloser Verzweiflung nach dem Sonnenschein ausstreckend. »Weiß ich denn, ob er dort sicher sein wird? Weiß ich's denn hier? Seit Sie zu uns gekommen sind, hat mein Herz ein wenig Trost gefunden, aber weiß ich denn, wann Sie wieder gehen?« »Auch wenn ich da bin, kann ich das Kind nicht vor jedem Uebel behüten,« sagte Käte, die Hände vors Gesicht schlagend. »Darum schicken Sie ihn fort, fort aus diesem Palast, so schnell als möglich. In Gottes Namen lassen Sie ihn ziehen.« »Such hai! Such hai! Es ist die Wahrheit, die Wahrheit.« Die Königin wandte sich zu dem Weib, das zu ihren Füßen saß. »Drei hast du geboren?« fragte sie. »Drei – ein viertes hat nie geatmet, und lauter Söhne waren's,« sagte das Weib der Wüste. »Und die Götter haben sie von dir genommen.« »An Blattern starb der eine, am Fieber zwei.« »Bist du gewiß, daß die Götter es gethan?« »Ich war bei ihnen bis zum letzten Atemzug.« »Dein Mann – der war also ganz dein eigen?« »Wir waren nur zu zweien, er und ich. In unsern Dörfern sind die Männer arm, da haben sie genug an einem Weib.« »O ihr seid reich in euren Dörfern! Höre mich an – wenn ein Kebsweib deinen dreien nach dem Leben getrachtet hätte ...« »Würde ich sie erschlagen haben, was sonst?« Das Weib rief's mit bebenden Nüstern und ihre Hand griff rasch in die Falten des Gewandes. »Und wenn du an Stelle der drei nur einen einzigen gehabt hättest, die Wonne deiner Augen, und gewußt hättest, daß dein Schoß keinen zweiten tragen wird, und das Kebsweib hätte diesem einzigen auf Schleichwegen nach dem Leben getrachtet? Was dann?« »Ich würde sie erschlagen haben, aber leicht hätte ich ihr das Sterben nicht gemacht. An ihres Mannes Seite, in seinen Armen würde ich sie erschlagen haben, und wenn sie gestorben wäre, eh' meine Rache satt war, wäre ich ihr nachgeschlichen in die Hölle.« »Du kannst in die Sonne hinaustreten und durch die Straßen gehen, und kein Mann sieht sich nach dir um,« versetzte die Königin mit Bitterkeit. »Deine Hände sind frei, dein Antlitz ist unverhüllt. Wenn du aber eine Sklavin wärest unter Sklaven, eine Fremde unter fremdem Volk und« – sie flüsterte es kaum vernehmlich – »der Gunst deines Herrn beraubt?« Das Weib küßte den zarten Fuß, den ihre Hände umklammert hielten. »Dann würde ich mich nicht verzehren in Sorge, dann würde ich nur daran denken, wie aus meinem Sohn ein König werden kann, und würde ihn fortschicken, dahin, wo des Kebsweibes Macht nicht reicht!« »Ist es so leicht, sich die Hand abzuhauen?« fragte die Königin schluchzend. »Besser die Hand als das Herz, Sahiba! Wer vermöchte ein Kind zu behüten an einem Ort wie dieser?« »Sie ist von weit her gekommen,« entgegnete die Königin, auf Käte deutend, »und sie hat ihn mir schon einmal vom Tod errettet.« »Ihre Mittel sind gut und ihre Hand ist geschickt, aber – du weißt es ja – sie ist nur ein Mädchen, das weder Besitz noch Verlust kennt. Es mag ja sein, daß ich ein Kind des Unglücks bin und daß mein Blick Unheil bringt – mein Mann freilich sprach anders im letzten Herbst – aber es mag ja sein. Und doch kenne ich den Schmerz in der Brust und den Jammer um das Neugeborene, wie du ihn kennst.« »Wie ich ihn kenne!« »Mein Haus ist leer und ich bin eine Witwe und kinderlos und nie mehr wird ein Mann mich zur Ehe begehren.« »Wie ich – wie ich...« »Nein, dir ist der Kleine geblieben, mag dich auch sonst alles verlassen haben, und der Kleine muß sorglich behütet werden. Wenn sich Neid und Eifersucht rühren gegen den Knaben, so ist's nicht wohl gethan, ihn in diesem Mistbeet zu lassen. Laß ihn fort!« »Aber wohin? Weiß es das Fräulein Sahib? Uns die wir hinterm Vorhang sitzen, ist die Welt ja dunkel.« »Ich weiß, daß der Prinz aus freiem eigenem Antrieb in eine Fürstenschule nach Adschmir gehen möchte, wie er mir selbst gesagt hat,« erwiderte Käte, die, das Kinn in die Hand gestützt, der ganzen Unterredung gefolgt war. »Es handelt sich ja nur um ein Jahr oder zwei.« Die Königin lachte ein wenig unter ihren Thränen. »Nur ein Jahr oder zwei, Fräulein Käte! Weiß du nicht, wie lang eine einzige Nacht ist ohne den Knaben?« »Aber er kann zurückkommen, wenn du ihn rufst, aber kein Rufen bringt die Meinigen zurück. Nur ein Jahr oder zwei. Sahiba, auch denen, die nicht hinterm Vorhang sitzen, ist die Welt dunkel!« sagte das braune Weib leise zur Königin. »Es ist nicht ihre Schuld – wie sollte sie wissen?« Käte fühlte sich wider Willen verletzt von dieser Art, sie beharrlich als vom Gespräch auszuschließen. Sie, mit dem schweren eigenen Leid im Herzen, sie, die sich andrer Leiden zum Lebensberuf erkoren hatte, sie sollte an diesem gemeinsamen Frauenleid keinen Anteil haben? »Was soll ich nicht wissen?« fragte sie in diesem Gefühl beinah ungestüm: »Kenne ich etwa den Schmerz nicht? Ist er nicht mein Leben?« »Noch nicht,« versetzte die Königin sanft. »Weder Leid noch Lust. Fräulein Käte, du bist sehr klug und weißt vieles, ich dagegen bin eine Frau, die nur die vier Wände ihres Palastes kennt, und doch bin ich wissender als du, denn ich weiß, was du nicht wissen kannst, obwohl du mir meinen Sohn zurückgegeben hast und dieser Frau die Sprache ihres Mannes! Womit soll ich dir's lohnen?« »Mit der Wahrheit,« flüsterte das braune Weib. »Sag' ihr: »Wir sind alle drei Frauen, Sahiba – das abgefallene Laub, der blühende Baum und die verschlossene Knospe.« Die Königin faßte Kätes Hände und zog das Mädchen sanft zu sich heran, bis ihr Kopf auf dem Knie der Königin ruhte. Erschöpft von den Aufregungen des Morgens, müde an Leib und Seele, ließ sich Käte die Ruhestätte gern gefallen. Weiche, linde Frauenhände strichen ihr das dunkle Haar aus der Stirn, und Augen, die viel geweint hatten, senkten sich tief in die ihrigen, indes der Arm des braunen Weibes sich um ihre Hüften schmiegte. »Höre mich an, meine Schwester,« begann die Königin mit unendlicher Zärtlichkeit. »In unsern Bergen daheim bei meinen Leuten erzählt man von einer Ratte, die ein Stück Safran gefunden und damit eines Apothekers Laden aufgeschlossen habe. So ist es mit dem Schmerz, den du kennst und heilst, Geliebteste. Du bist mir doch nicht böse? Nein, es darf dich nicht kränken! Vergiß, daß du eine Weiße bist und wir Inderinnen sind, bedenke nur, daß wir Schwestern sind. Kleine Schwester, für uns Frauen alle gilt eine Wahrheit – die kein Kind geboren hat, ist keine Wissende, die Welt ist ihr verborgen. Ich bete zitternd zu dem und jenem Gott, von dem du sagst, er sei schwarzer Stein, ich schaudre vor dem Nachtwind, weil ich glaube, die bösen Geister reiten um diese Stunde an meinem Fenster vorüber, und ich sitze hier im Dunkeln und stricke wollene Sachen, die niemand trägt und bereite Süßigkeiten, die ungekostet von meines Herrn Tisch zurückkommen. Und du, die viele tausend Meilen weit her gekommen, du bist sehr klug und hast mich tausend Dinge gelehrt, wovon ich nichts wußte, und bei alledem bist du doch das Kind und ich bin die Mutter. Was ich weiß, kannst du nicht wissen, kannst den Quell meiner Glückseligkeit nicht ergründen und nicht das Meer meines Leids, bis du selbst gleiches Weh gekostet haben wirst. Ich habe dir von meinem Kind erzählt – alles, ja mehr als alles? Kleine Schwester, weniger als die Wurzeln meiner Liebe zu ihm habe ich dir gezeigt, weil ich wußte, daß du mich nicht verstehen könntest! Ich hätte dir mein Leid geklagt, all mein Leid und mehr denn alles, meinst du, als ich mein Gesicht an deine Brust lehnte? Wie hätte ich dir alles klagen können? Du bist ein Mädchen und das Herz in deinem Busen, das am meinigen schlug, verriet mir schon durch seinen Schlag, daß es mich nicht verstand. Und siehe, dieses Weib, das von draußen herein kommt, weiß mehr von mir als du! Und in einer Schule, so hast du mir erzählt, haben sie dich gelehrt, wie man Kranke heilt, und es gibt keine Krankheit, von der du nicht wüßtest? Kleine Schwester, was soll die vom Leben verstehen, die nie Leben gab? Hast du je ein Kind saugen gefühlt an deiner Brust? Was brauchst du denn zu erröten? Hast du's gefühlt? Nein, ich weiß es! Als ich deine Sprache zum erstenmal vernahm, als ich dich nur gehen sah im Hof von meinem Fenster aus, wußte ich, daß du es nie gefühlt hast. Und die andern, meine Schwestern in der Welt, wissen's auch, nur daß sie nicht zu dir sprechen wie ich. Wenn das Leben wächst in ihrem Schoß und sie wach liegen in der Nacht, hören sie die ganze Erde sich rühren nach dem Takt ihres Herzschlags. Aber warum sollen sie dir das sagen? Heute ist dein Werk im Spital unter dir zusammengebrochen – ist's nicht so? Und die Frauen sind fortgegangen, eine nach der andern? Und was hast du ihnen gesagt?« An Kätes Stelle antwortete das braune Weib: »Sie sagte: Bleibt bei mir, ich will euch gesund machen.« »Und mit welchem Eid hat sie's ihnen gelobt?« »Mit keinem Eid,« versetzte die Frau. »Sie stand nur unterm Thor und rief sie an.« »Und worauf soll sich ein Mädchen berufen, um schlotternde Weiber zurückzuhalten? Auf die Mühsal, die sie auf sich genommen hat? Die verstehen jene nicht, aber von den Schmerzen, die ein Weib mit dem andern geteilt hat, weiß jede. Kein Kind hat in deinen Armen geruht, der Mutterblick leuchtet nicht aus deinen Augen, mit welchem Zauber willst du denn Weibern gebieten? Sie sagten, deine Arzneien seien verhext und die Frucht ihres Leibes werde mißgestaltet – was weißt denn du von der Quelle des Lebens und Todes, um sie anders zu belehren? In den Büchern deiner Schule, ich weiß es wohl, steht geschrieben, daß solche Dinge nicht sein können, aber wir Frauen lesen keine Bücher, nicht aus Büchern lernen wir das Leben begreifen. Wie sollte eine, die es nur aus Büchern kennt, unsern Willen lenken? Es müßte denn sein, daß die Götter ihr beistehen und die Götter sind fern. Du hast dein Leben dran gesetzt, den Frauen zu helfen, kleine Schwester – wann wirst du selbst Weib werden?« Die Stimme verstummte. Kätes Haupt war im Schoß der Königin vergraben; sie hob es nicht. »Uy!« sagte das braune Weib. »Das Zeichen des Frauenstandes ist von meinem Haupt genommen, die Glasspangen an meinem Arm sind zerbrochen und mein Anblick bedeutet Unheil dem Manne, der auf die Reise auszieht. Solang ich lebe, muß ich einsam bleiben, allein mein Brot verdienen und an die Toten denken. Aber wenn ich auch wüßte, daß ich alles Leid noch einmal erfahren sollte, in einem statt in zehn Jahren, doch würde ich den Göttern danken, daß sie mir Liebe geschenkt haben und ein Kind. Will das Fräulein Sahib diese Worte als Zahlung nehmen für alles, was sie an meinem Mann gethan hat? ›Ein wandernder Priester, ein kinderloses Weib und ein Stein im Wasser, die gehören zusammen,‹ sagt ein Wort unsres Volkes. Was will das Fräulein Sahib jetzt beginnen? Die Königin hat Wahrheit gesprochen. Die Götter und deine Weisheit, die weit hinaus geht über die Mädchenweisheit, haben dir bis hierher geholfen. Des bin ich Zeuge, die ich um dich war und dein Thun gesehen habe. Aber die Götter haben dir zu wissen gethan, daß ihre Hilfe zu Ende sei – was bleibt dir dann? Ist dies ein Leben für eine wie du? Ist es nicht, wie die Königin sagt? Sie, die hier allein sitzt und nichts sieht von der Welt, hat gesehen, was ich sah und wußte, als ich dich Tag für Tag bei den Kranken sah – kleine Schwester, ist es nicht so?« Käte hob langsam den Kopf und stand auf. »Nimm das Kind, und laß uns gehen,« sagte sie mit heiserer Stimme. Die barmherzige Dunkelheit im Zimmer verbarg den andern ihr Antlitz. »Nein,« entschied die Königin. »Die Frau soll ihn zurückbringen. Geh' du allein.« Und Käte ging. Einundzwanzigstes Kapitel. Stillsitzen ist das erste, was der junge Jockey lernen muß. Tarvin lernte es und es war eine bittere Lehre. Um seiner Stadt, um seiner Liebe willen, vor allem um des Lebens der Geliebten willen hätte er fort sollen. Die Stadt erwartete ihn, das Pferd stand gesattelt vor der Thüre, aber die Geliebte kam nicht, er mußte stillsitzen. Der glühende Hauch des Wüstenwinds wehte ihn durch die offene Verandathüre so schonungslos an, wie Sitabhais Haß. Wenn er hinaussah, war nichts zu erblicken, als die im grellen Sonnenlicht schlafende Stadt und die kreisenden Weihen in den Lüften. Wenn aber der Abend kam, wo ein kühner Reiter vielleicht die Eisenbahnlinie hätte erreichen können, lösten sich geheimnisvolle Gestalten von den Wällen und pflanzten sich in Schußweite vom Dâk Bungalow auf. In allen Windrichtungen bezogen sie ihre Posten und ein Berittener pendelte die ganze Nacht zwischen ihnen hin und her. Es war so still, daß Tarvin den gleichmäßigen Hufschlag dieses Wachtdiensts deutlich vernahm, ein Geräusch, das nicht viel Ermutigendes hatte. Und doch – ohne Käte, ohne Käte, so wiederholte er sich ohne Unterlaß, wäre er längst außer dem Bereich von Rossen und Kugeln gewesen. Unendlich lang dehnten sich die Stunden, wie er so saß und die Schatten wachsen und schwinden und schwinden und wachsen sah, und schien es ihm, wie es ihm schon so oft geschienen hatte, daß haarscharf in diesem Augenblick Topaz sein Glück verscherze. Schon achtundvierzig dieser kostbaren Stunden hatte er auf diese Weise vergeuden müssen, und ihn bedünkte es fast, als ob er den Rest des Lebens mit dieser unfruchtbaren Beschäftigung auszufüllen hätte. Und mittlerweile war Käte jeder erdenklichen Gefahr preisgegeben! Sitabhai nahm ja unbedingt an, daß er ihr für das kleine, schmächtige Mädchen das Halsband abgejagt habe, sie hatte es ja ausgesprochen. Es war auch für Käte erbeutet, in gewissem Sinn wenigstens, aber wie konnte er der Feindin zutrauen, daß sie das Maß von Kätes Anteil, an der Sache richtig schätze? Die Orientalen haben überhaupt wenig Sinn für Maßverhältnisse und schlagen gegen das Zunächstliegende los. Und Käte? Wie in aller Welt sollte er ihr die Sachlage verständlich machen? Er hatte ihr gesagt, daß sie in Gefahr sei und er auch, und sie wollte der Gefahr, die sie betraf, die Stirne bieten. Diesen Mut, diese Aufopferungsfähigkeit liebte er ja an ihr, aber zähneknirschend mußte er sich gestehen, daß auch ein gutes Teil Eigensinn dabei sei. In dem ganzen Knäuel von Schrecknissen und Wirrsalen war wenigstens ein Moment kaustischer Komik. Was würde der König zu Sitabhai sagen, wenn er entdeckte, daß sie das »Staatsglück« verloren hatte? In welcher Weise würde sie den Verlust verheimlichen und vor allem, welch königlicher Zornesraserei würde sie verfallen? Tarvin schüttelte nachdenklich den Kopf. »Für mich ist die Sache ja schlimm genug,« brummte er, »so schlimm, als sie überhaupt sein kann, aber dem wackeren Juggut mag's auch nicht sonderlich wohl sein in seiner Haut. Ja, so viel Zeit habe ich schon noch übrig, daß mir der fette Bursche leid thut. O wackerer Juggut, wenn du etwas sicherer gezielt hättest das erste Mal draußen vor der Stadtmauer!« Er stand auf und sah auf die sonnbeschienene Straße hinaus. Welcher von den Wegelagerern, die sich da herumtrieben, wohl ein Abgesandter des Palasts sein mochte? Einer lag scheinbar schlafend im Schatten seines Kamels; doch als Tarvin wie zufällig ein paar Schritte vor die Veranda machte, wälzte sich der Schläfer sofort auf die andre Seite des Tiers. Weiter schlendernd, bemerkte Tarvin, daß auf dem Rücken des Kamels etwas wie Silber im Sonnenschein funkelte. Den Revolver in der Hand, ging er geradeaus auf das glitzernde Ding zu. Als er vor dem Kamel stand, war dessen Rücken leer, der Mann schlief den Schlaf des Gerechten, aber zwischen den Falten des Mantels blinkte die Mündung einer neuen, überaus blanken Flinte. »Sieht aus, als ob Sitabhai die Miliz einberufen und aus ihrem Privatarsenal nagelneu ausgerüstet hätte! Jugguts Flinte war auch neu,« überlegte Tarvin, vor dem Schläfer stehend, »dieser da versteht aber sicher etwas mehr von Schießgewehren. Heda, Mann!« Er beugte sich über den Schützen und stieß ihn mit dem Revolver an. »Thut mir leid, Ihren Schlaf zu stören, aber ich muß mir die Flinte da ausbitten. Bestellen Sie der Dame, sie solle sich nicht weiter bemühen, es lohnt nicht!« Der Mann, der die stumme Sprache der Pistole, wenn auch sonst nichts, verstand, gab sichtlich verdrossen die Flinte ab und zog, zornig auf sein Kamel lospeitschend, seines Wegs. »Wieviele von dieser Armee ich wohl noch zu entwaffnen bekomme?« fragte sich Tarvin, als er, die erbeutete Flinte über die Schulter hängend, zurückging. »Ob sie wohl – nein, nein, daß sie sich an Käte wagt, will ich nicht glauben! Sie kennt mich doch hinreichend, um zu wissen, daß ich sie mitsamt ihrem alten Palast ins Jenseits befördern würde! Wenn sie auch nur halbwegs die Person ist, die sie sich zu sein brüstet, wird sie vorher mit mir abrechnen, eh' sie weiter geht!« Allein es war ganz vergebens, daß Tarvin sich in diesen tröstlichen Glauben hineinreden wollte, Sitabhai hatte ihm gezeigt, welcher Art ihre Barmherzigkeit war, und Käte mochte sie mittlerweile schon an sich erfahren haben. Jetzt zu ihr zu gehen, ohne unterwegs mindestens zum Krüppel geschossen zu werden, war ein Ding der Unmöglichkeit, Tarvin beschloß aber doch, es zu thun. Hastig suchte er sein Pferd auf, das noch vor drei Minuten im Sonnenschein hinter dem Rasthaus nach den Fliegen geschnappt und geschlagen hatte, fand aber Fibby von einem Strick erwürgt in Todeszuckungen am Boden liegend. Den Diener hörte er auf der andern Seite eifrig hantieren, und als der Mensch auf seinen Ruf herbeikam, warf er sich heulend neben dem Pferd zu Boden. »Ein Feind hat's gethan! Ein Feind hat's gethan!« schrie der Bursche, sich windend und krümmend. »Mein schönes braunes Roß, das nie nichts Böses gethan hat als Bocken, wenn es der Hafer stach! Wo soll ich wieder einen Dienst finden, wenn ich mein anvertrautes Tier so sterben lasse?« »Wenn ich's nur wüßte! Wenn ich's nur wüßte!« brummte Tarvin, durch diesen rätselhaften Zwischenfall wirklich der Verzweiflung nahe. »Der Kerl hätte seine Kugel im Kopf, wenn ich nur meiner Sache etwas sicherer wäre! Steh' auf, du Halunke! Fibby, alter Freund, ich vergebe dir all deine Sünden, und da – leb' wohl!« Ein blaues Rauchwölkchen verhüllte Fibbys Kopf für einen Augenblick, dann fiel er schwer aufschlagend zur Seite und das wackere Roß hatte ausgelitten. Sein Wärter erfüllte die Luft mit Geheul und Wehklagen, bis Tarvin ihm einen Fußtritt gab und ihm befahl, sich zu packen. Es war auffallend, wie plötzlich sich sein Schmerz beruhigte, und als er in die Lehmhütte ging, um seine Siebensachen zusammenzuschnüren, schmunzelte er vergnüglich und holte aus einem Loch unter seiner Bettstelle etwas Silberglänzendes hervor. Der seines Rosses beraubte Mann sah sich hilfesuchend nach allen Himmelsrichtungen um, gerade wie Sitabhai damals am Teich. Da bog eine Zigeunerbande mit magern Büffeln und kläffenden Hunden um einen Vorsprung der Stadtmauer und ließ sich wie ein Flug Schmutzvögel vor dem Stadtthor nieder. An und für sich waren Zigeunerbanden hierzulande nichts Auffälliges, aber die Polizei wachte sonst streng über die Ausführung der Bestimmung, daß sie nur eine Viertelmeile vor der Stadt lagern durften. »Aha, wohl arme Verwandte der Dame!« brummte Tarvin vor sich hin. »Den Eingang zur Stadt verrammeln sie ja ganz niedlich, und wenn ich jetzt durchbrechen wollte zum Missionshaus, hätten sie mich! Es gibt entschieden angenehmere Spielgefährten, als morgenländische Königinnen, sie scheinen sich nicht viel um die Regeln zu kümmern.« In diesem Augenblick wirbelte eine große Staubwolke mitten durchs Zigeunerlager und das Gefolge des Maharadscha Kunmar trieb das Volk nach rechts und links auseinander, um Raum für seinen Victoriawagen zu schaffen. Tarvin fragte sich noch, was das zu bedeuten haben möge, als der Wagen schon samt Gefolge vors Rasthaus gerasselt kam. Ein einzelner Soldat, der etwa zweihundert Schritte zurück war, erhob seine Stimme, um eine ehrfürchtige Meldung zu machen. Das Gefolge antwortete mit Lachen und zwei helle Kinderstimmen kreischten vor Vergnügen. Ein Kind, das Tarvin noch nie gesehen hatte, stand aufrecht auf dem Rücksitz der Kutsche und übergoß den atemlosen Soldaten mit einem wahren Strom hindostanischer Schimpfwörter, worauf das Gefolge wieder lachte. »Tarvin Sahib! Tarvin Sahib!« zirpte das Stimmchen des Maharadscha Kunwar. »Sieh uns doch nur an!« Einen Augenblick dachte Tarvin an eine neue Tücke, aber der Maharadscha war doch ein zu vertrauter und erprobter Bundesgenosse, und so trat er an den Wagen. »Prinz,« sagte er, ihm die Hand gebend, »Sie sollen nicht in der Sonne ausfahren!« »Ach, ich bin ja wieder ganz gesund,« entgegnete der junge Mann hastig, obwohl ihn sein Aussehen Lügen strafte. »Ich habe den Befehl gegeben, und da sind wir. Fräulein Käte gibt mir Befehle, aber sie hat mich in den Palast gebracht, und dort befehle ich! Das ist Umr Singh, mein Bruder, der kleine Prinz – aber nur ich werde König!« Der kleine Junge schlug die Augen auf und sah Tarvin voll an. Diese Augen und die niedere breite Stirne waren ganz von der Mutter, und die Lippen schlössen sich so fest über den Perlzähnchen, wie sich Sitabhais Lippen bei ihrem Streit am Dungar Talao zusammengepreßt hatten. »Er ist von der andern Seite des Palasts,« plauderte der Maharadscha Kunwar auf englisch weiter, »von der Seite, wo ich nicht hingehen soll. Aber als ich im Palast war, ging ich doch hinüber, und da, denken Sie sich nur, Tarvin Sahib, hat er gerade eine Ziege umgebracht! Sieh! Er hat noch ganz blutige Hände!« Auf ein Wort in der Mundart öffnete Umr Singh die geballten Fäustchen und hielt Tarvin zwei kleine Handflächen hin, die schwarz waren von erstarrtem Blut. Ein Staunen lief durch die zuschauenden Reiter; der Anführer drehte sich ein wenig im Sattel, nickte Tarvin zu und flüsterte: »Sitabhai!« Tarvin verstand ihn und begriff, daß ihm die Vorsehung aus heiterem Himmel ihren Beistand gesandt hatte. Sofort war sein Plan gefaßt. »Aber wie kommt Ihr denn hierher, Ihr kleinen Bälger?« fragte er. »Ach, in dem ganzen Palast sind ja nur Frauen, und ich bin ein Radschpute und ein Mann,« erklärte ihm der Prinz. »Der da kann gar nicht englisch sprechen, kein Wort, aber wenn wir zusammen spielten, habe ich ihm immer viel von Ihnen erzählt, Tarvin Sahib, und wie Sie mich aus dem Sattel gehoben und auf Ihr Pferd gesetzt haben, und da wollte er durchaus mitkommen und alles sehen, was Sie mir gezeigt haben, und da gab ich ganz heimlich den Befehl, und dann sind wir durch ein kleines Thor miteinander herausgeschlüpft – so kamen wir her! Salaam Baba!« sagte er gönnerhaft zu dem Kleinen, der langsam und würdevoll die Hand an die Stirne drückte, ohne den forschenden festen Blick von Tarvin abzuwenden. Dann flüsterte er seinem Bruder etwas zu, worüber dieser lachte. »Er sagt,« verdolmetschte der Prinz, »Sie seien nicht so groß, als er gedacht hätte! Seine Mutter habe ihm gesagt, Sie seien stärker als alle Männer, aber er meint, manche von meinen Soldaten seien größer!« »Und was soll ich denn jetzt für euch thun?« fragte Tarvin. »Ihm Ihr Gewehr zeigen und Rupien schießen, und ihm zeigen, wie Sie's anstellen, daß kein Pferd Sie abwirft, und alle solche Sachen.« »Schön, aber hier kann ich euch das nicht zeigen. Ihr müßt mit mir hinüberkommen zu Herrn Estes!« »Das mag ich nicht ... mein Affe ist tot ... und ich glaube auch nicht, daß Käte eine Freude an uns hätte! Sie weint überhaupt die ganze Zeit! Gestern hat sie mich in den Palast gebracht und heute früh war ich bei ihr, aber sie wollte mich gar nicht sehen.« Tarvin hätte das Kind küssen mögen für die gesegnete Botschaft, daß Käte überhaupt am Leben war. »Ist sie denn nicht im Spital?« fragte Tarvin mit erstickter Stimme. »Gibt kein Spital mehr. Keine Frauen mehr darin. Sind alle fortgelaufen.« »Fortgelaufen! Sagen Sie das noch einmal, Prinz. Ja warum denn?« »Teufel!« erklärte der Maharadscha kurz. »Was weiß ich davon? Weibergeschwätz! Sie müssen meinem kleinen Bruder zeigen, wie Sie reiten, Tarvin Sahib!«. Wieder flüsterte Umr Singh seinem Bruder etwas zu und streckte dabei das eine Beinchen schon zum Wagen heraus. »Er sagt, er wolle vor Ihnen im Sattel sitzen, wie ich damals,« übersetzte der Prinz. »Gurdit Singh, steig ab!« Ein Soldat schwang sich vom Pferd und führte es Tarvin vor. Lächelnd über die Willfährigkeit, womit man ihm in die Hände arbeitete, stieg Tarvin auf, hob mit sicherem Griff den Kleinen aus dem Wagen und setzte ihn behutsam vor sich in den Sattel. »Sitabhai würde diesen Anblick wohl etwas ungemütlich finden,« brummte er vor sich hin, indem er den Arm um die schmale Kindergestalt schlang. »Die Jugguts werden mir wohl vom Leib bleiben, solang ich diesen Schild vor die Brust halte.« Während das Gefolge eine Gasse bildete, um Tarvin an die Spitze des Zugs zu lassen, wandte sich ein herumstrolchender Priester, der die kleine Scene aus einiger Entfernung aufmerksam beobachtet hatte, der Stadt zu und fing mit voller Kraft seiner Lungen zu rufen an. Unsichtbare Stimmen nahmen den Ruf auf und trugen ihn weiter, bis er von der Stadtmauer weiter hallte und dann verklang. Umr Singh lachte, als das Pferd zu traben begann, und drängte Tarvin, schneller zu reiten. Dagegen erhob aber der Maharadscha Kunwar Einsprache, er wollte in seinem Wagen nichts von dem Schauspiel verlieren. Als sie sich jetzt dem Zigeunerlager näherten, warfen sich die Leute mit dem Ruf: » Jai! Jungle da badschah jai! « in den Sand. Die Gesichter der Soldaten wurden finster. »Das heißt, Sieg dem König der Wüste!« rief der Maharadscha Kunwar. »Und jetzt habe ich gar kein Geld bei mir – haben Sie keins, Tarvin Sahib?« In seines Herzens Freude, sich sicher auf dem Weg zu Käte zu wissen, würde Tarvin all sein Hab und Gut, beinahe das Naulahka, hergegeben haben! Er warf eine Handvoll Silber- und Kupfermünzen unter das fahrende Volk, und der Zuruf ertönte abermals, nur mischte sich diesmal mildes Lachen darein und die Zigeuner riefen einander höhnische Worte zu, bei deren Klang das Gesichtchen des Maharadscha Kunwar purpurn erglühte. Er hörte einen Augenblick aufmerksam hin, dann rief er zornig: »Bei Indur! Sie meinen ihn! Reißt ihre Zelte nieder!« Auf einen Wink seiner Hand sprengten die Soldaten jauchzend in das Lager hinein, rissen die Feuer auseinander, zerstreuten die Asche, hieben mit flachen Schwertern auf die Esel ein, daß sie davon rannten, und brachten die schlechten braunen Zelttücher an der Lanzenspitze zurück. Tarvin sah mit Befriedigung, wie sich die Zigeuner zerstreuten, wohl wissend, daß sie ihn aufgehalten hätten, sobald er allein gewesen wäre. Umr Singh biß sich auf die Lippen, wandte sich aber dann lächelnd zum Maharadscha Kunwar und zog als Zeichen seiner Lehenstreue den kleinen Säbel aus dem Gürtel. »Es ist gerecht, mein Bruder,« sagte er auf Hindostanisch. »Aber,« – dabei erhob er die Stimme ein wenig – »zu weit treiben würde ich die Zigeuner nicht. Sie kommen doch immer wieder,« »Jawohl,« rief eine Stimme aus dem Zuschauerkreis, der sich rasch um das zerstörte Lager gebildet hatte, bedeutungsvoll, »Zigeuner kommen immer wieder, mein König!« »Wie die Hunde,« rief der Maharadscha zähneknirschend. »Und wie die Hunde jagt man sie mit Fußtritten. – Weiterfahren !« Eine ungeheure Staubwolke wälzte sich aufs Missionshaus zu, Tarvin in voller Sicherheit mitten drin. Er wies die Prinzen an, auf der Veranda zu spielen, bis er wieder herauskäme, und stürmte ins Haus. In einer dunkeln Ecke des dämmerigen Wohnzimmers fand er Käte mit einer Näharbeit in der Hand. Die Augen, die jetzt zu ihm aufblickten, hatten viele Thränen vergossen. »Nick!« wollte sie rufen, aber die Stimme versagte ihr fast. »Nick!« Er war zögernd auf der Schwelle stehen geblieben. Sie warf die Arbeit weg und flog empor. »Du bist da! Du bist's! Du lebst!« »Ueberzeuge dich davon,« sagte Tarvin lächelnd, indem er ihr die Arme entgegenbreitete. »O ... ich hatte solche Angst ...« »Komm!« Zweifelnd that sie einen Schritt vorwärts, da umfaßte er sie rasch und bettete ihr Haupt an seiner Brust. Eine Weile ließ sie ihn gewähren, dann blickte sie auf. »So war's nicht gemeint,« wandte sie ein. »Gib dir keine Mühe, etwas so Verständiges verbessern zu wollen!« sagte Tarvin hastig. »Sie hat den Versuch gemacht, mich zu vergiften, und als ich so lange nichts von dir hörte, da dachte ich – die entsetzlichsten Dinge habe ich mir vorgestellt!« »Armes Kind! Und dein Spital ist des Teufels? Das war eine harte Zeit! Jetzt kommt's aber anders! Wir müssen fort, so rasch du dich fertig machen kannst! Für den Augenblick habe ich ihr die Klauen beschnitten! Ich halte ein Pfand von ihr, das sie nicht aufs Spiel setzt, aber ich bin nicht in der Lage, es lange festzuhalten. Darum müssen wir fort.« »Wir?« wiederholte Käte leise. »Willst du etwa allein reisen?« »Nein,« sagte sie lächelnd, indem sie sich aus seinem Arm löste, »du mußt ja fort.« »Und du?« »Ich bin nicht wert, daß man sich um mich sorgt. Ich bin gescheitert in allen Stücken, alles, was ich aufgebaut habe, ist zusammengestürzt. Mir ist's zu Mute, als ob ich ausgebrannt wäre, Nick, ganz ausgebrannt.« »Ganz schön! Da setzen wir ein neues Werk ein und betreiben dich nach einem andern System! Paßt mir ganz gut! Du sollst nicht mehr daran erinnert werden, daß du je in Rhatore warft.« »Es war ein Irrtum, Nick.« »Was?« »Alles! Mein Plan, meine Reise. Es ist keine Arbeit für ein Mädchen, oder vielleicht bin ich nicht das Mädchen dafür. Ich gebe sie auf, Nick – bring mich nach Hause!« Tarvin stieß einen höchst unziemlichen Jubelschrei aus und schloß Käte wiederum in die Arme. Mit hastigen Worten setzte er ihr auseinander, daß sie sofort getraut werden und, wenn irgend möglich, noch heute nacht abreisen müßten. Käte erhob keine Einsprache, weil ihr um sein Leben bangte, aber sie murmelte etwas von Vorbereitungen, Tarvin erklärte aber, sie müsse sich eben nach vollbrachter That »vorbereiten«. In Bombay würde man ja alles kaufen können, haufenweise! Vom Wirbelsturm seiner Ungeduld und Thatkraft mit fortgerissen, gab sie ihre Bedenken auf, plötzlich aber rief sie erschreckend: »Und was wird aus dem Damm, Nick? Den kannst du doch nicht verlassen.« »Mumpiz!« rief Tarvin aus Herzensgrund. »Du bildest dir doch nicht etwa ein, es sei auch nur ein Körnchen Gold in dem Fluß?« Rasch löste sie sich aus seinen Armen und starrte ihm erschrocken und vorwurfsvoll ins Gesicht. »Du willst doch nicht sagen, daß ... daß du das von Anfang an gewußt hättest?« Tarvin nahm rasch die Maske vor, aber nicht so schnell, daß sie nicht ein Geständnis in seinem Blick gelesen hätte. »Du hast es gewußt,« sagte sie in eisigem Ton. Schnellen Blicks überschaute Tarvin die neue Gefahr, die aus heiterem Himmel über ihn hereinbrach: mit einer plötzlichen Veränderung seiner Taktik erwiderte er ihren anklagenden Blick durch ein sonniges Lächeln. »Ja, ich hab's gewußt. Die Arbeit war ein Blendwerk, ein Vorwand.« »Ein Blendwerk? Um was zu verdecken?« »Dich!« »Was soll das heißen?« fragte sie mit einem Ausdruck, der ihm einen Schauder über den Rücken jagte. »Die indische Regierung gestattet keinem Fremden längeren Aufenthalt im Lande, wenn er nicht einen bestimmten Zweck dafür angeben kann. Daß ich meinem Schatz nachgereist sei, konnte ich dem Oberst Nolan doch nicht wohl angeben, oder?« »Ich ... ich weiß nicht ... aber du hättest doch vermeiden können, dieses ... dieses Blendwerk mit dem Geld des Maharadscha auszuführen! Ein ehrlicher Mann würde das nicht gethan haben.« »Da muß ich denn doch bitten!« rief Nikolas Tarvin. »Wie konntest du dem König weis machen, dein Werk habe einen ernsten Zweck, ihn belügen, dir Tausende von Arbeitskräften geben lassen, sein Geld verschwenden! O Nick! Nick!« Im Innersten betroffen starrte er sie fast verzagend an. »Aber Käte!« rief er. »Weißt du denn gar nicht, daß du von dem besten Witz redest, den Indien seit der Welterschaffung zu genießen bekam?« Das war ja recht gut gesagt, aber lange nicht gut genug, das wurde Tarvin klar, als Käte mit einem verdächtigen Klang in der Stimme zur Antwort gab: »Du machst die Sache nur schlimmer!« »Sinn für Humor war nie deine starke Seite, das wissen wir ja, Käte,« bemerkte er, sich neben sie setzend und ihre Hand ergreifend. »Ich meine aber, dieses Mal müßte er dir doch aufgehen! Findest du denn gar nichts Ergötzliches daran, wenn ein Mann ein halbes Königreich umgräbt, einzig um in der Nähe eines kleinen Mädchens sein zu können, eines ganz besonderen, herzigen Mädchens freilich, das aber im Vergleich zum Ametthal doch sehr winzig ist – belustigt dich das kein bißchen?« »Ist das alles, was du zu deiner Verteidigung vorzubringen hast?« fragte sie. Tarvin wurde blaß. Er kannte diesen abschließenden, endgültigen Ton, er hatte ihn oft gehört, wenn von Niedrigem die Rede war, und er kannte diesen Blick voll Verachtung, womit sie sittliche Verkommenheit von sich zu weisen pflegte. Er las darin sein Verdammungsurteil und ihn schauderte. In dem Augenblick, den er jetzt schweigend vorübergehen ließ, erkannte er, daß er hier einer Gefahr gegenüberstand, die ernster war, als alles, was ihm Sitabhai anhaben konnte. Er nahm sich darum stramm zusammen und sagte ruhig und unbefangen: »Du traust mir doch wohl zu, daß ich dem Maharadscha seine Ausgaben bei Heller und Pfennig zurückerstatten werde?« Käte war verblüfft. So genau sie Tarvin kannte, an diese schwindelerregenden Wendungen war sie noch nicht gewöhnt. Seine vogelartige Geschicklichkeit, anscheinend geradeaus zu stürmen, plötzlich einen Kreis zu beschreiben und wieder am Ausgangspunkt zu stehen und dabei alles wie aus einem Impuls entsprungen erscheinen zu lassen, würde sie wohl noch oft in Verwirrung stürzen! Aber sie glaubte ja unverbrüchlich an seinen Willen zum Guten, sobald er klar sah, was gut war, und ihr Glaube an seine Kraft und Ueberlegenheit verhinderte sie, zu erkennen, daß sie es war, die ihm in diesem Fall den Weg gezeigt hatte. Sie wußte nicht und hätte sich vermutlich gar nicht vorstellen können, wie wenig seine Erkenntnis des Richtigen mit irgend einem Moralsystem zu schaffen hatte und wie ausschließlich sein Rechtsgefühl auf das ihrige angewiesen war. Andre Frauen liebten Putz und Schmuck, Käte zog Sittlichkeit vor, und da ihr Geschmack einmal so war, wollte er sie ihr verschaffen, und wenn er sie stehlen müßte! »Du hast doch nicht im Ernst gezweifelt, daß ich den Spaß nicht aus meiner Tasche bezahlen werde?« fuhr er mit einem großen Aufwand von Tapferkeit fort, im innersten Herzen aber scholl eine Stimme: »Sie haßt es! Sie verdammt es! Warum hab' ich das nicht bedacht?« Laut setzte er hinzu: »Ich habe meinen Spaß daran gehabt, und jetzt habe ich dich! Beides ist für den Preis billig, und darum werde ich ihn ohne Murren zahlen. Das könntest du doch wissen, Käte.« Aber seinem Lächeln antwortete kein Lächeln von ihr. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah das Mädchen in heimlicher Angst von der Seite an. Aller Humor der Welt stand ihm nicht gut dafür, was sie zunächst sagen würde, aber sie sagte gar nichts, und so mußte er weiter reden, obwohl ihm die Angst fast die Kehle zuschnürte. »Das würde mir doch nicht ähnlich sehen, den alten Radscha betrügen zu wollen? Ein Mann, dem eine einzige Mine zweitausend Dollars im Monat einträgt, braucht doch nicht in die Wüste zu gehen, um einen arglosen indischen Fürsten um ein paar tausend Rupien zu prellen?« Er trug diese vom Augenblick eingegebene Auffassung seiner Handlungsweise mit einer Ueberzeugung vor, als ob er seit undenklichen Zeiten damit vertraut wäre; die helle Verzweiflung gab ihm Kraft dazu. »Was für eine Mine?« fragte Käte trocken. »Die ›Zögernde Ader‹ natürlich! Du hast doch davon gehört?« »Ja, aber ich wußte nicht ...« »Daß sie so viel einträgt? Nun gut, es ist aber so. Willst du die Erzprobe sehen?« »Nein, nein ... aber dann, ... Nick ... dann bist du ja ...« »Ein reicher Mann? So lang das Blei vorhält allerdings, wenn auch in bescheidenem Maßstab. Zu reich für kleinliche Diebsgelüste jedenfalls.« Er witzelte um sein Leben! Der herzbrechende Ernst seiner Lustigkeit durchbohrte ihm ordentlich den Kopf, die Anspannung war zu groß. In der wahnsinnigen Angst dieser Sekunden sah und fühlte er doppelt klar und stark. Als er das Wort »Diebsgelüste« hinwarf, that sein Herz einen wilden Schlag, dann schien es still zu stehen. Eine furchtbare, unumstößliche, leuchtend klare Gewißheit drängte sich ihm auf: er wußte, daß er verloren war. Wenn sie das schon haßte, was würde sie erst zu dem andern sagen? Als ein Erfolg, Triumph, Sieg war es ihm erschienen, aber ihr? Es wurde ihm schwarz vor den Augen. Käte oder das Naulahka. Vor diese Wahl war er gestellt. Das Naulahka oder Käte. »Schreib's nicht nur deinem Geld zu, Nick,« erwiderte sie. »Du würdest ebenso ehrlich und ehrenhaft handeln, wenn du keins hättest.« Und sie legte in stummer Abbitte für ihren Zweifel ihre Hand auf seinen Arm. »Ich kenne dich ja, Nick! Du liebst es, den schlechteren Beweggrund an Stelle des besseren zu setzen, dich selbst anzuschwärzen. Wer ist denn ehrlicher als du? O Nick! Ich wußte es wohl, daß du nicht anders als wahr sein kannst. Sonst müßte ja die ganze Welt schlecht sein.« Er schloß sie in die Arme. »Meinst du, kleines Mädchen?« fragte er, auf sie niederblickend. »Dann müssen wir sorgen, daß die Welt gut bleiben kann, koste es, was es wolle!« Mit einem schweren Seufzer beugte er seinen Kopf und küßte er Kätes Lippen. »Hast du vielleicht ein Kistchen?« fragte er nach einer Weile. »Irgend ein Kistchen?« fragte Käte verwundert. »Von Rechts wegen sollte es der schönste Schrein der Welt, ein Kunstwerk sein, aber ich denke mir, so ein Traubenkistchen thut's zur Not auch. Man schickt nicht jeden Tag einer Königin Geschenke!« Käte reichte ihm ein längliches, schmales Holzkistchen, wie man sie zur Verpackung der langen grünen Kabultrauben verwendet. Der Boden war mit Watte belegt. »Das Hab' ich neulich von einem Hausierer gekauft,« bemerkte sie. »Ist es groß genug?« Tarvin nahm's und wandte sich stumm ab. Es klang, als ob er eine Handvoll Kieselsteine in die Kiste würfe, und er seufzte tief dabei. Was er hier einpackte, war Topaz. Da erklang aus dem anstoßenden Zimmer die Stimme des Maharadscha Kunwar. »Tarvin Sahib – Käte, das Obst haben wir aufgegessen, jetzt möchten wir etwas andres thun.« »Nur einen Augenblick, kleiner Mann,« rief Tarvin hinaus. Käte den Rücken zukehrend, strich er mit liebkosender Hand noch einmal, zum letztenmal, über die blitzenden Steine, die er auf die Watte gebettet hatte, von jedem einzelnen zärtlich Abschied nehmend. Der große grüne Smaragd funkelte ihn an, ordentlich zornig und vorwurfsvoll, wie es Tarvin vorkam. Ein Nebel legte sich vor seine Augen – der Diamant war gar zu blendend. Hastig schloß er den Deckel und legte das Kistchen mit seltsamem Ernst in Kätes Hand; sie mußte es halten, während er es schweigend zuschnürte. Nach einer Weile erklärte er ihr mit einer Stimme, die gar nicht wie die seinige klang, sie müsse es Sitabhai persönlich übergeben mit seinem Gruß. »Nein, nein,« setzte er als Antwort auf ihren erschrocken fragenden Blick hinzu, »sie wird dir kein Leid thun – jetzt wagt sie's nicht. Ihr Kind ist bei uns, und natürlich bleibe ich in deiner Nähe, soweit es angeht. Gott sei gelobt, das ist die letzte Reise, die du in dem verdammten Land machen wirst, die vorletzte heißt das. Der Hochdruck, worunter wir in Rhatore stehen, geht über meine Kräfte – wenn du mich liebst, so tummle dich!« Käte machte sich eilends zum Ausgehen fertig, während Tarvin den beiden Prinzen seinen Revolver zeigte und ihnen versprach »ein ander Mal« so viel Rupien, als sie wollten, aus der Luft zu schießen. Das vor dem Haus herumlungernde Gefolge wurde plötzlich durch einen reitenden Boten aufgestöbert, der mit verhängten Zügeln durch ihre Reihen sprengend schon von weitem rief: »Ein Brief für Tarvin Sahib!« Tarvin trat auf die Veranda, nahm ein zerknittertes Briefblatt aus der ausgestreckten Hand des Mannes und las die mühsam und sorgfältig hingemalten Worte: »Lieber Herr Tarvin! Geben Sie mir den Knaben und behalten Sie das andre. Ihre Freundin.« Tarvin steckte das Blatt lächelnd in die Westentasche. »Keine Antwort nötig,« beschied er den Boten, zu sich aber sagte er: »Du bist eine aufmerksame Frau, Sitabhai, ich fürchte, ein wenig zu aufmerksam, und deinen Sohn haben wir für die nächste halbe Stunde sehr nötig. Bist du fertig, Käte?« Die Prinzen erhoben ein Wehgeschrei, als man ihnen ankündigte, daß Tarvin sofort zum Palast reite und daß sie ihn begleiten müßten, falls sie weitere Kurzweil wünschten. »Dann gehen wir in die große Durbarhalle,« beschwichtigte der Maharadscha Kunwar schließlich den trostlosen kleinen Bruder, »und lassen alle Musikwerke zugleich spielen!« »Ich will aber den Mann schießen sehen,« erklärte Umr Singh eigensinnig. »Ich will sehen, wie er etwas tot schießt, und nach Hause will ich nicht!« »Du sollst auf meinem Pferd reiten,« tröstete ihn Tarvin, nachdem ihm des Kindes Verlangen verdolmetscht worden war, »und wir werden den ganzen Weg Galopp reiten. Wie rasch kann denn der Wagen fahren, Prinz?« »Sehr, sehr schnell, wenn Käte keine Angst hat!« Käte stieg ein, und der Zug setzte sich in Bewegung. Tarvin galoppierte an der Spitze, und Umr Singh patschte mit den Händchen auf den Sattelknauf. »Wir müssen bei Sitabhai vorfahren,« bestimmte Tarvin. »Du fürchtest dich doch nicht, neben mir durch den Thorbogen zu gehen?« »Ich vertraue dir, Nick,« sagte Käte einfach, indem sie aus dem Wagen stieg. »Dann geh' in den Frauenpalast, gib das Kästchen in Sitabhais eigene Hand und sage ihr, ich schicke es zurück. Du wirst merken, daß sie meinen Namen kennt.« Die Huftritte des Pferdes hallten unter dem Thorbogen, Käte schritt neben Roß und Reiter her, und Tarvin hielt den kleinen Prinzen so, daß er gesehen werden mußte. Der Hof war leer, aber als sie in das helle Sonnenlicht beim Brunnen in der Mitte kamen, entstand wieder ein Flüstern und Rascheln und Raunen hinter den grünen Läden, wie wenn der Wind im Röhricht rauscht. »Einen Augenblick, Liebste,« sagte Tarvin, »wenn du diese Sonne ertragen kannst.« Eine Thüre ging, und ein Eunuche machte Käte ein Zeichen, einzutreten. Sie gehorchte und die Thüre fiel hinter ihr zu. Tarvins Herz pochte angstvoll, und unbewußt preßte er den Knaben so fest an sich, daß Umr Singh aufschrie. Das Geflüster hinter den Läden nahm zu, und Tarvin war's, als ob er jemand schluchzen höre. Dann folgte ein leises perlendes Lachen, und die Spannung um Tarvins Mund ließ ein wenig nach. Umr Singh begann ungebärdig zu werden, er wollte absteigen. »Noch nicht, noch nicht, junger Mann! Du mußt warten bis – Gott sei gelobt!« Die Thüre hatte sich wieder geöffnet, Kätes schmale Gestalt stand hell in dem dunklen Rahmen. Hinter ihr kam der Eunuch, furchtsam zu Tarvin herkriechend. Dieser lächelte huldvoll und warf ihm den sehr erstaunten kleinen Prinzen in die Arme. Umr Singh mochte boxen und stoßen, wie er wollte, er wurde davongetragen, und man hörte von drinnen sein Wutgebrüll, dem nicht zu mißdeutende Schmerzenslaute folgten. Tarvin lächelte. »Aha, man haut junge Prinzen in Radschputana, das spricht für beginnenden Fortschritt! Was hat sie gesagt, Käte?« »Ich soll dir bestellen, daß sie wisse, es geschehe nicht aus Furcht. »Sagen Sie Tarvin Sahib, ich wisse, Furcht sei es nicht«, das waren ihre Worte.« »Wo ist Umr Singh?« fragte der Maharadscha Kunwar, der in seinem Wagen geblieben war. »Bei seiner Mutter, und mit unsrer Unterhaltung wird es jetzt leider nicht viel werden, kleiner Mann! Ich habe vierzigtausend Geschäfte zu erledigen und nicht die entsprechenden Minuten dafür! Sagen Sie mir, wo der König ist.« »Ich weiß es nicht. Im Palast gab's Zank und Thränen. Frauen weinen ja immer, und da wird mein Vater böse. Ich will bei Herrn Estes bleiben, und Käte soll mit mir spielen!« »Ja, laß ihn bei mir,« fiel Käte rasch ein. »Nick, meinst du denn überhaupt, ich dürfe ihn verlassen?« »Das ist auch eine von den Angelegenheiten, die ich zu erledigen habe,« versetzte Tarvin. »Vor allem muß ich jetzt den Maharadscha auftreiben, und wenn ich Rhatore auf den Kopf stellen müßte. – Was bedeutet das, kleiner Mann?« Ein Soldat hatte dem Prinzen etwas ins Ohr geflüstert. »Der Mann sagt, mein Vater sei hier, er sei schon seit zwei Tagen hier. Ich habe ihn auch gar nicht zu sehen bekommen.« »Gut. Fahr' du nach Hause, Käte, ich warte hier.« Er ritt wieder durch den Thorbogen und pflanzte sich im Hof auf. Wieder erhob sich das Geraschel hinter dem Gitterwerk, und ein Thürhüter fragte nach Tarvins Begehren. »Ich muß den Maharadscha sprechen.« »Warten Sie.« Und Tarvin wartete volle fünf Minuten, eine Frist, die er zu gesammeltem Nachdenken wohl brauchen konnte. Dann trat der Maharadscha wirklich heraus; Leutseligkeit und Huld strahlten aus jedem einzelnen Haar des frischgeölten Schnurrbarts. Aus geheimnisvollen Gründen hatte ihm Sitabhai die Wonne ihres Anblicks zwei volle Tage entzogen gehabt und sich in ihre Gemächer verschlossen, wo sie vor Wut raste. Nun hatte sich die Wolke des Unmuts verzogen, und die Zigeunerin ließ ihn wieder vor. Darum war das Herz des Maharadscha voll Freude, und weise, wie der Gatte so vieler Frauen sein muß, unterließ er allzu gründliche Fragen nach der Ursache dieser Wandlungen. »Ach, Tarvin Sahib!« begrüßte er den Freund. »Ich habe Sie ja lange nicht gesehen! Was macht der Damm? Irgend etwas Neues vorgefallen?« »Maharadscha Sahib, darüber wollte ich eben sprechen! Vorgefallen ist nichts, und ich glaube, wir werden auch kein Gold finden.« »Das ist ja schlimm,« sagte der König leichthin. »Aber zu sehen ist mancherlei, wenn Sie hinauszukommen geruhen. Jetzt, da ich überzeugt bin, daß wir kein Gold finden, möchte ich Ihnen keine unnützen Ausgaben mehr bereiten, aber weshalb wir mit dem Pulver knausern sollten, das schon hinausgeschafft worden ist, sehe ich auch nicht ein. Es werden ungefähr fünfhundert Pfund draußen sein.« »Ich verstehe nicht recht...« sagte der Maharadscha, der ganz andre Dinge im Kopf hatte. »Möchten Sie die großartigste Explosion mitansehen, die sich denken läßt, möchten Sie die Erde beben und die Felsen fliegen sehen?« Des Maharadscha Augen leuchteten auf. »Wird man's vom Palast aus sehen können?« fragte er. »Vom obersten Dach?« »Gewiß, aber die beste Ansicht wird doch die vom Flußthal aus sein. Um fünf Uhr will ich den Amet in sein altes Bett lassen, jetzt ist's drei Uhr. Werden Sie hinauskommen, Maharadscha Sahib?« »Ich werde kommen. Das muß ja ein großartiges ›Tamasha‹ werden! Fünfhundert Pfund Pulver! Die werden die Erde entzwei reißen!« »Das will ich meinen! Und hernach, Maharadscha Sahib, mache ich Hochzeit und dann werde ich abreisen. Wollen Sie der Trauung beiwohnen?« Der Maharadscha beschattete seine Augen mit der Hand und schielte unterm Turban zu Tarvin hinauf. »Bei Gott, Tarvin Sahib, Sie sind ein rascher Mann! Sie werden also die Doktordame heiraten und dann fortgehen? Gut, gut, ich komme zur Trauung, und Pertab Singh wird mitkommen.« Die zwei nächsten Stunden in Nikolas Tarvins Leben werden nie einen Chronisten finden, der sie erschöpfend beschriebe. Ein wilder Trieb, Berge zu versetzen und die Pole der Erde aus den Angeln zu reihen, beherrschte den Mann: unter sich fühlte er ein feuriges Roß, in sich das Bewußtsein, Naulahka, das Staatsglück, eingebüßt und Käte errungen zu haben. Wie ein Meteor platzte er unter die Kulis am Damm, und sie begriffen, daß große Dinge im Werk waren. Der Vorarbeiter erhob seine Stimme zu weithin schallenden Rufen, er hatte begriffen, daß die Losung des Tags Zerstörung hieß, das Einzige, was der Morgenländer wirklich erfaßt. Das Pulver wurde mit viel Geschrei unter gellenden Zurufen aus dem Schuppen geschafft, die Büffelkarren von der Böschung des Damms geschoben, die Krahnbalken heruntergelassen, wobei die Rasen- und Binsenwälle der Kulis mitgerissen wurden. Dann wurden die Pulverfässer unter Tarvins zur Eile antreibendem Befehl auf der Höhe des Damms in die Erde gegraben, die umwickelten Zünder darüber geschichtet und über das Ganze frischer Sand geschaufelt. Die Sache wurde etwas überstürzt betrieben, aber wenigstens war der ganze Pulvervorrat an einer Stelle angehäuft, und es wäre nicht Tarvins Schuld, wenn Knall und Rauch hinter den Erwartungen des Maharadscha zurückblieben! Kurz vor fünf Uhr rückte er mit seiner Leibwache an, Tarvin steckte einen vielfach verlängerten Zünder in Brand und hieß alle Mann davonlaufen. Langsam fraß sich das Feuer in den Damm ein, dann spaltete dieser sich mit dumpfem Getöse, eine weiße Flamme zuckte aus seinem Herzen auf, und die Massen der emporgeworfenen Erde verdunkelten den Rauch. Die Ruine fiel einen Augenblick in sich zusammen, bis die Wasser des Amet vorwärts stürzten in die breite Lücke, die sie mit zischenden Wirbeln erfüllten, um dann gelassen das alte Bett auszufüllen. Ein Regen aller möglichen von den Ufern herabrutschenden Dinge spaltete die Wellen und hemmte das Wasser, daß es kleine Wirbel und Fälle bildete, nach kurzer Zeit aber waren der Pulverdampf und die geschwärzten Flanken des Damms, die mit jeder Minute mehr in das aufsaugende Wasser herunterrieselten, die einzigen Ueberbleibsel des großen Werks. »Und nun, Maharadscha Sahib, wie viel bin ich Ihnen schuldig?« fragte Tarvin, nachdem er sich mit Befriedigung überzeugt hatte, daß auch von den waghalsigeren Kulis keiner umgekommen war. »Es war sehr schön! Ich habe nie etwas Derartiges gesehen!« erklärte der Maharadscha. »Schade, daß man dieses Schauspiel nicht wiederholen kann.« »Und wieviel bin ich Ihnen schuldig?« wiederholte Tarvin. »Dafür? Ach, das waren ja meine Leute! Sie haben ein wenig Hirse gegessen, viele kommen auch aus den Gefängnissen. Das Pulver, das ist aus dem Arsenal. Was brauchen wir da von Bezahlung zu reden? Bin ich ein Krämer, daß ich Ihnen sagen könnte, was es kostet? Es war ein schönes Tamasha. Bei Gott, jetzt ist der Damm ganz weg!« »Ich möchte die Sache aber doch ins Reine bringen ...« »Tarvin Sahib, wenn Sie noch ein Jahr hier bleiben oder auch zwei, dann würde man's vielleicht ausrechnen können, und wenn Sie's dann bezahlen, würden die Zahlmeister der Gefängnisse das Geld in ihre Taschen stecken, und ich wäre um kein Haar reicher. Es waren meine Leute, die Hirse war billig, und das große Tamasha haben sie auch gesehen – das genügt. Von Bezahlung spreche ich überhaupt nicht gern. Kehren wir jetzt in die Stadt zurück! Bei Gott, Tarvin Sahib, Sie sind ein rascher Mann! Nun wird niemand mehr Pachisi mit mir spielen und niemand wird mich zum Lachen bringen. Der Maharadscha Kunwar wird Sie auch sehr vermissen, aber ein Weib zu nehmen ist gut für den Mann, sehr gut. Weshalb gehen Sie denn fort, Tarvin Sahib? Hat's die Regierung befohlen?« »Ja, die amerikanische. Man braucht mich, um den Staat regieren zu helfen.« »Es ist aber kein Telegramm für Sie gekommen,« sagte der König unbefangen. »Doch Sie wissen ja alles!« Tarvin lachte, warf sein Pferd herum und ritt der Stadt zu, den Maharadscha innerlich beschäftigt, aber unerschüttert zurücklassend. Der König hatte sich allmählich gewöhnt, Tarvin und seine Handlungen als eine Naturerscheinung hinzunehmen, die niemand in der Gewalt hat. Als der Amerikaner dem Missionshaus gegenüber gewohnheitsmäßig die Zügel anzog und einen Augenblick nach der Stadt hinaufsah, überfiel ihn jener Eindruck von plötzlicher Fremdheit täglich gesehener Dinge, der sich leicht einstellt, wenn uns eine große Veränderung bevorsteht, mit solcher Gewalt, daß er schauderte. »Es war ein böser Traum,« brummte er vor sich hin, »ein böser, banger Traum, und das Schlimmste ist, daß sie mir in Topaz nicht die Hälfte glauben werden von dem, was ich wirklich erlebt habe!« Sein Blick überflog die sonnverbrannte Landschaft, an die sich nun schon so manche Erinnerungen knüpften. »Tarvin, mein Junge, du hast mit einem Königreich gespielt, und dabei ist ungefähr herausgekommen, was herauskommt, wenn der Affe mit der Kreissäge hantieren will! Du warst auf dem Holzweg, als du diesen Staat für ein ausgedientes Loch im Boden hieltest, ganz auf dem Holzweg, und wenn du sechs Monate hier herumgejagt bist nach einer Sache, die du nicht die Schneid hattest festzuhalten, so hast du wenigstens das gelernt ... Topaz! Mein armes altes Topaz!« Wieder faßte er den lohfarbigen Horizont ins Auge und lachte. Die kleine Stadt im Schatten des »Großen Häuptlings«, die zehntausend Meilen weit weg war und sich nicht träumen ließ, was für mächtige Hebel ihretwegen in Bewegung gesetzt worden waren, würde dieses Lachen bitter übel genommen haben, denn Tarvin, noch ganz im Bannkreis von Ereignissen, die Rhatore bis in die Eingeweide erschüttert hatten, dachte fast mit Herablassung an das Kind seines Strebens. Er schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und lenkte sein Pferd aufs Telegraphenamt zu. »Wie in aller Heiligen und Teufel Namen soll ich diese Geschichte mit der Mutrie ins Lot bringen? Selbst eine Nachahmung des Naulahka in Glas würde dieser Frau das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. ...« Das Pferd trottete stetig weiter, und Tarvin verabschiedete die peinliche Sorge mit einer großartigen Handbewegung. »Wenn ich's überwinden konnte, kann sie's auch! Aber per Draht will ich sie darauf vorbereiten.« Der taubengraue Telegraphist und Generalpostmeister von Gokral Sitarun erinnert sich bis auf den heutigen Tag, wie der Engländer, der kein Engländer war, und daher doppelt unverständlich, zum letztenmal die enge Stiege heraufgeklettert kam, sich in den zerbrochenen Stuhl warf und um unbedingtes Schweigen bat. Nach einer guten Viertelstunde schweren Nachdenkens, wobei er sich den Schnurrbart fast ausriß und jene tiefen Seufzer ausstieß, die bei den Engländern Brauch sind, wenn sie etwas Unbekömmliches gegessen haben, sprang er auf, schob den hohen Beamten beiseite, rief das nächste Amt an und tippte eigenhändig seine Botschaft mit hochmütiger, hochtrabender Fingerbewegung. Lang, fast zärtlich verweilte er bei dem letzten Tasterdruck, hielt sein Ohr an den Apparat, als ob der ihm Antwort geben könnte, und wandte sich dann mit einem Lächeln von erhabener Milde dem Taubengrauen zu. »Finis, Babu. Behalten Sie das wohl im Gedächtnis,« sagte er, und das Feldgeschrei seines Staats: »Nicht Titel, Staat, nicht Geld, Nur Thatkraft braucht der Held« vor sich hin pfeifend, ging er ab. Der Büffelkarren bewegte sich schwankend und krachend in der ersten Purpurglut der hereinbrechenden Nacht auf der Straße nach Rawut, und die niederen Vorberge der Aravullis standen wie vielfarbiges Gewölk gegen die türkisblaue Horizontlinie. Dahinter ragte zornesrot glühend der Fels von Rhatore in die Wüstenfläche hinein, deren eintöniges Gelb von den Schatten weidender Kamele gesprenkelt war. Die Weihen und Wildenten suchten ihre Lagerstätten im Röhricht auf, und graue Affen hockten familienweise am Rand der Straße, jeder den Arm um des andern Hals geschlungen. Hinter einem mit Buschwerk gefleckten Felsblock kam der Abendstern herauf; sein Spiegelbild erschien hell und ungestört auf dem Grund eines halb ausgetrockneten Sammelbeckens, das von rostgelb gewordenem Marmor und silberschimmerndem Federgras umsäumt war. Zwischen dem Stern und dem Erdboden wirbelten riesengroße fuchsköpfige Fledermäuse, und die Nachtschwalbe machte Jagd auf die gefiederten Motten. Die Büffel waren aus ihren Wasserlöchern hervorgekommen, und das Vieh legte sich zur Nachtruhe. Aus zerstreuten Höhlen erklang Gesang, und an den Hügelabhängen zwinkerten die Lichter friedlicher Heimstätten. Die Zugstiere grunzten, als der Treiber ihre Schwänze zusammenband, und das hohe Gras am Wegrain schlug wie leise Brandung gegen die sich langsam drehenden Radspeichen. Der erste Hauch dieser Nacht, womit die kühle Jahreszeit anbrach, veranlaßte Käte, sich fester in ihre Decken zu wickeln. Tarvin saß am hinteren Ende des Karrens, die Beine frei baumeln lassend, den Blick unverwandt auf Rhatore geheftet, das jeden Augenblick durch eine Biegung der Straße für alle Zeiten aus seinem Gesichtskreis verschwinden konnte. Für Käte war das volle Bewußtsein ihrer Niederlage noch nicht angebrochen: was ein allzu wohl geschultes Gewissen ihr zu sagen hatte, stand ihr noch bevor. In dieser Stunde, wo sie mollig ausgestreckt auf einem Berg weicher Kissen ruhte, war ihr nichts bewußt als das wohlige Sicherheitsgefühl einer Frau, der ein Mann die Sorgen des täglichen Lebens abgenommen hat, wiewohl sie ihr Interesse an diesem noch nicht verloren hatte. Sie war noch vollständig erschöpft von dem leidenschaftlichen, nicht enden wollenden Abschied, den die Frauen im Palast von ihr genommen hatten, von dem Wirbelsturm einer Hochzeitsfeier, bei der Nick, die dem Bräutigam zukommende stumme Rolle rundweg ablehnend, den ganzen Kreis in übersprudelnder Lebhaftigkeit mit sich fortgerissen hatte. Das hungrig fieberhafte Heimweh, das sie vor einer Stunde noch in Frau Estes' nassen Augen hatte glühen sehen, verfolgte sie unablässig, und sie hätte gern ihr eigenes Untertauchen im Uebel der Welt für einen bangen Traum gehalten, wenn nur ... »Nick,« sagte sie leise. »Was ist's, Frauchen?« »O nichts – ich dachte nur. Nick, was hast du wegen des Maharadscha Kumuar gethan?« »Der ist versorgt! Ueber den brauchst du dir gar keine Sorgen zu machen. Nachdem ich dem Oberst Nolan ein paar kleine Geschichten erzählt hatte, kam er sofort auf den Gedanken, unsern jungen Freund bis zu seinem Abgang nach Adschmir als Gast bei sich aufzunehmen. Damit bist du wohl einverstanden?« »Die arme Mutter! Wenn ich nur gekonnt hätte ...« »Du konntest eben nicht, kleine Frau. Da, Käte, sieh schnell her! Der letzte Blick auf Rhatore!« Die wie mit schwarzem Samt bekleidete Schulter eines Hügels drängte sich jetzt vor die Reihe farbiger Lampen, die die hängenden Gärten der Palastdächer bezeichnete. Tarvin sprang ab und verbeugte sich ehrfürchtig nach morgenländischem Brauch. Eins der Lichter nach dem andern verschwand hinter dem Bergrücken, gerade wie die Steine des Naulahka in das Traubenkistchen geglitten waren, bis nur noch der rote Fackelschein von einem Fenster eines Wachturms sichtbar war – so tiefrot und so fern wie der schwarze Diamant des Halsbands. Nun erlosch auch dieser Schimmer, und die linde Dunkelheit stieg von der Erde empor, die beiden Wanderer, Mann und Weib, in die Falten ihres Mantels hüllend. »Bei Licht betrachtet,« sagte Tarvin sich an die aufsteigenden Sterne wendend, »war das entschieden ein Abgang durch die Hinterthüre.« Ende.