Wilhelm Raabe Fabian und Sebastian Eine Erzählung Erstes Kapitel Wenn es allen auf die äußeren Umstände oder was man so den Zubehör nennt, ankäme, so wäre dieses eines von den hellsten Büchern in dieser Welt und würde wie ein buntfarbigster Lichtblitz über den dunkeln Ozean von Druckerschwärze fallen, der jedes Leben jetzt doch ohne alle Frage mehr oder weniger umflutet, wenn er es nicht gar ganz überschwemmt. Und welch ein süß begehrens- und lesenswert Buch würde dies werden können, wenn wir es nur für die jungen Kinder in dieser Welt zu schreiben hätten! Da ist kein Sack, welchen der gute Knecht Rupert, der Pelzmärtel und Weihnachtsmann mit sich schleppen kann, so groß und umfangreich, daß er ihn nicht unter dem Dache, unter welches wir jetzt die alten Kinder dieser Erde zu führen gedenken, bis zum Rande vollstopfen konnte, mit allen Wundern in Zucker für die Feier jener Nacht, in der einmal der Ruf erklang: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Pelzmann und Kompanie klingt heimlich und warm genug, die Firma steht aber nicht so angeschrieben in goldenen Lettern über dem Eingangstor des Geschäftes, denn sie hat’s wirklich nicht nötig. Wenn sich je eine Fabrik eine gute Stätte auf den Zungen der Unmündigen, im Munde der Mündigen zubereitet hatte, so war es diese. Tausende und aber Tausende von leckenden, schmatzenden, zuckerschaum- und schokoladebekrusteten Kindermäulchen verkünden und verbreiten seit mehreren Menschenaltern ihr Lob und ihren Preis; doch, wie gesagt, nicht allein die Kleinen, sondern auch die Großen halten viel von Pelzmann und Kompanie, sowohl an der Börse wie an den Frühstückstischen. Fassen wir uns kurz, so bedeuten die Worte Pelzmann und Kompanie eine der größesten und wohlberüchtigtsten Schokoladen- und Konfitürenfabriken Deutschlands. Was nun die Kompanie anbetrifft, die auch heute noch an den Namen der Inhaber hängt, so hat sie freilich nicht das geringste mehr zu bedeuten. Ein sicherer Herr J. J. Doppelmeier gab vor langen Jahren zum Beginn des Geschäftes weniger seine Tätigkeit und sein kaufmännisches Wissen als ein nicht unbeträchtliches Kapital her. Doch beide, sowohl der stille Kompagnon wie das lautklingende Kapital, sind längst in den Büchern gestrichen, und gegenwärtig – Doch das wird sich ja nun finden, oder besser, die Leser werden allgemach selber herausfinden, wer gegenwärtig Pelzmann und Kompanie sind! Von sehr süßen Sachen könnte die Rede sein, und an einem lieblichen Trost durch das Ganze hin und an ein paar beruhigenden Worten, und zwar aus einem Kindermunde zum Schluß soll’s auch nicht fehlen; aber vor einem sauersüßen Anfang stehen wir und können nichts dafür – wie immer. Am dreizehnten Februar feiern heuer die Oldenburger und die Meininger ihren Bußtag, am siebenundzwanzigsten desselbigen Monats die aus dem Königreiche Sachsen. Am sechsundzwanzigsten März begehen ihn Sachsen-Altenburg, Gotha und Hannover, am einundzwanzigsten April die Preußen und die Hamburger, am zweiundzwanzigsten September die Bremer oder Bremenser und am zwanzigsten Oktober die Hannoveraner zum zweitenmal. Am sechzehnten November sitzen die Braunschweiger im Sack und in der Aschen, am neunzehnten desselbigen Mondes setzen sich die Sachsen ebenfalls zum zweiten Male hinein und sicherlich nicht, ohne ihre Gründe zu haben. Am dritten Dezember schlagen sich die Thüringer im allgemeinen an ihre Brüste und, weil sie sich selber doch am besten kennen, an desselbigen Monden Fünfzehntem, weiß Gott, die Hannoveraner zum dritten Mal; aber – am Tage Fabians und Sebastians, ganz vernünftigerweise an dem Tage, an welchem der Saft wieder in die Bäume schießen soll und welchen sehr seltsamerweise kein deutscher Volksstamm oder angestammter Bruchteil des deutschen Volkes sich zum In-sich-Gehen ausgesucht hatte, ging die Buße Herrn Sebastian Pelzmann an. Am zwanzigsten Januar 187* ging Herr Sebastian wenn nicht schon in sich, so doch seinem wirklichen Soll und Haben im Leben mit außergewöhnlichem Unbehagen näher und fragte einen Doktor der Medizin dabei um Rat, welches letztere der Menschheit an ihren Buß- und Beichttagen nicht selten wohl anzuraten wäre. Der Schnee lag hoch, und es hatte bis in die Dämmerung hinein geschneit. Dann war es klar geworden, und nunmehr glitzerten die Sterne herrlich, aber gleichgültig bei acht bis neun Grad Kälte auf die weißen Dächer der Stadt hernieder. Auf wie manche Bußnächte der armen kurzlebigen Menschen haben diese ewigen Sterne auch schon herabgesehen im Sommer wie im Winter, bis es zwölf schlug, ein neuer Tag kam und alles beim alten fand, allen Reuetränen, Seufzern und guten Vorsätzen zum Trotze! Wie oft haben sie schon am zwanzigsten Januar, am Tage Fabians und Sebastians, den Saft von neuem in die Bäume steigen sehen auf einem ihresgleichen, nämlich auf diesem, gleich ihnen selber durch die ewige Finsternis schimmernden Sterne – Erde genannt! Das ›Tout comme chez nous‹ wird da eben nicht minder am Platze sein wie – anderswo! Wir befinden uns in dem Speisezimmer eines wohlhabenden Mannes, und daß bei diesem wohlhabenden Manne soeben zu Nacht gespeist worden war, ließ sich auch nicht verkennen. Es ist nicht immer der Beichtstuhl, wo dem Menschen das Bedürfnis kommt, einmal wirklich wahr über sich zu werden und sich zu geben, wie er ist. Gut Essen und Trinken tut oft nicht weniger dazu, und die Beichtväter und barmherzigen Brüder tragen nicht immer den Chorrock, die härene Kutte und den Strick um den Leib, sondern ziehen gottlob nicht selten die Serviette unterm Kinn weg und legen sie sanft auf den Stuhl nebenan mit einem: »Nur weiter. Immer die alte Geschichte! Wohl, ich höre, ich merk’, ich verstehe!« Es gab nun wohl keine zwei größeren Gegensätze als die, welche sich in den beiden Männern ausprägten, die hier eben ihr Abendessen eingenommen hatten miteinander und die wir hiermit die Ehre haben unseren Lesern vorzustellen – Herr Medizinalrat und Hofmedikus Baumsteiger, Leibarzt Ihrer Hoheit der Prinzeß Gabriele Angelika – Herr Sebastian Pelzmann, jüngerer Chef der berühmten Firma Pelzmann und Kompanie! Ersterer als Wirt, letzterer als Gast. Beide über die Fünfzig hinaus; eine Zahl, über die sich der erstere jedoch weggekugelt zu haben schien, während der andere sich unbedingt durch sie gezwängt hatte, um dünn genug auf der Schattenseite dieser bedenklichen Lebenszeitscheide zum Vorschein zu kommen und zum Exempel in diesem Moment unruhigen Schrittes im Zimmer auf und ab zu laufen, während der Tischgenosse sich nur etwas behaglicher in seinem Sessel zurückgelehnt hatte, zur Seite auf dem Tische in einem Zigarrenkistchen mit dem feinen Gefühl des Weisen tastete und hier, wie meistens überall, in Beziehung auf sein Wohlsein das Richtige traf. »Willst du dich wirklich nicht wieder setzen, lieber Pelzmann? Ich versichere dich, du besserst weder in dir noch um dich das geringste durch dieses spasmodische und wirklich bis jetzt noch ziemlich überflüssige Gezappel. Als einen Spasmophilos habe ich dich freilich von jeher im Behaglichen wie im Unbehaglichen gekannt. Also – nur weiter, und rede dich aus. Nicht tot zu kriegen!« »Ich bitte dich, laß mich!« rief der andere. »Ich spreche wahrhaftig von diesen Dingen immer noch ruhiger an eine Windfahne gebunden wie auf den weichsten Kissen, die du mir unterschieben könntest. Ich bin ein nervöser Narr und bin es immer gewesen. Was ist das nun, wenn einem Temperament wie dem meinigen von euch Vernünftlern geraten wird, die Zeiten walten zu lassen, um Ruhe zu bekommen? Eine erkleckliche Zahl von Jahren habe ich doch nun wohl allgemach um mich aufgebaut, aber welch inneres Behagen und Genießen schützt das? Lächerlich! – Es war eben dein altes Vergnügen, einen neuen Namen für mich zu erfinden und deine ewige Redensart dranzuhängen. So – kriege mich tot in dieser Hinsicht, und ich werde dir danken wie nie für ein ander Rezept. Eine Mauer! Wahrhaftig, eine schöne, feste Mauer baut die Zeit um mich auf. Ein Mückenflügel wirft sie um! der jämmerlichste Tagesverdruß im Geschäft sie über den Haufen! – Da rede ich zu dir wie zu einem Beichtiger, weil du mir wie gewöhnlich einen guten Wein vorgesetzt hast und weil – weil – wir aneinander gewöhnt sind und du mich kennst; – weil – du weißt, wer ich bin und wie ich mein Leben geführt habe – führen mußte, und was alles um euere abgeschmackte Mauer von behaglichem An-sich-kommen-Lassen herumliegt. Alter Freund, deine Weinkarte war wirklich tadellos, und ich beichte dir: Ich hatte auf deine Mauer gerechnet und mich für allen späteren Komfort darauf verlassen, und nun – da ist der Mückenflügel mit seinem Wehen! Um des Himmels willen, Baumsteiger, was soll ich mit dem Mädchen anfangen? wie wird dies Kind mir meine Existenz auf den Kopf stellen? Eine Welt von Verwirrung dringt da über euere abgeschmackte Mauer auf mich ein, und als ob ich der Narren nicht schon genug im Hause hätte, drängt jetzt auch das auf mich los. Ich habe mich wenigstens immer gegeben, wie ich bin; und so sage ich es ganz offen, Baumsteiger, ich wollte, diese Kreatur wäre geblieben, wo der Pfeffer wächst.« »Der Kakao, willst du sagen«, warf der Hofmedikus ein. »Und meinem verehrten Herrn Bruder habe ich selbstverständlich auch für dies Vergnügen, zum größten Teil wenigstens, zu danken. Oh, hätte ich nur eine Ahnung davon gehabt, in welcher Art die Korrespondenz da die letzten Jahre hinüber und herüber hinter meinem Rücken geführt worden ist!« »Hm«, brummte Baumsteiger, »das muß man euch lassen: ein hartköpfiges und damit zuweilen auch mitten im Weichen, ja Breiigen und Fließenden sonderbar steif hinstehendes Geschlecht seid ihr, ihr Pelzmänner. Ja, ja, der brave Melancholikus und Attrappenonkel hat doch auch seinen Willen und weiß ihn immer noch von seinem Hinterhaus aus durchzusetzen. Der muntere, vergnügte Luftflieger, der Lorenz, hatte sich deiner brüderlichen Zuneigung nie in sehr hohem Grade zu erfreuen; aber diese energische Art und Weise, wie du deine Abneigung nunmehr auf sein Kind überträgst, hat in der Tat etwas Imponierendes. Andere, weniger steifnackige Burschen würden es wenigstens erst abwarten, wie die Kleine ausfällt; ich zum Exempel, der ich doch auch ein Ziemliches auf komfortable Lebensgewohnheiten halte und mir nicht gern meine Kreise in dieser Beziehung verstören lasse.« »Ja du!« rief der Fabrikant und warf sich jetzt endlich wieder auf den Sessel hin, von dem er vorhin aufgesprungen war, um seiner verdrießlichen Stimmung freiern Spielraum nach außen zu verschaffen. »Wer hat dich denn je in deinem Leben so gestört und aufgehalten, wie ich es alle Zeit, so lange ich denken kann, durch meine Verwandtschaft – lebende und tote – wurde? Es ist doch wahrhaftig kein Vergnügen, in einer Familie von lauter Phantasten den einzigen klaren, vernünftigen Kopf auf den Schultern zu tragen und bei jedem Schritte vorwärts erst eine burleske Hanswurstiade oder sentimentale Simpelei aus dem Wege räumen zu müssen! Wer hat dessenungeachtet das Haus Pelzmann und Kompanie wieder hingestellt, wie es heute steht und hoffentlich, während ich lebe, stehen bleiben wird? Ich, ich allein! – Und wer hat stets sein möglichstes getan, es zu ruinieren? Meine Herren Brüder, der Fabian wie der Lorenz; und ein jeder von ihnen auf seine besondere Weise, als ob es nicht schon an einer genug und übergenug wäre!« »Richtig! Sie verließen sich eben auch darauf, daß das Haus Pelzmann nicht tot zu kriegen sei, und so nahmen sie es eben auch für das, als was es so vielen anderen Kindern und sonstigen naschhaften Sachverständigen gilt. Nämlich für die größeste und wundervollste Weihnachtspuppen- und -kuchenbude der Welt. Sie hatten Vergnügen an eueren Süßigkeiten als solchen und waren ziemlich schlechte Rechenmeister, Buchführer und Bilanzzieher, der arme selige Lorenz sowohl wie mein ganz spezieller Freund, unser Attrappenonkel, der am liebsten selber an jedem Tage im Jahre als Weihnachtsmann mit dem Sacke umginge und eure angenehmen Fabrikate gratis an das Geschlecht Adams und Evas austeilte. Schade, daß der Mann nicht Buchhändler geworden ist! Der würde die schöne deutsche Literatur endlich auf den Strumpf gebracht haben.« »Und sich in die Konkursliste und an den Bettelstab. Ich bitte dich, Baumsteiger, ärgere du mich nicht auch jetzt noch mit dem Narren, dem Fabian! Dies Übel bin ich gewohnt, wie der Mensch ja auch ein hölzern Bein allgemach gewohnt wird, und es ist mir wenigstens gelungen, diese Imbezillität so unschädlich als möglich zu machen. Bleiben wir bei dem Lorenz oder vielmehr seiner Hinterlassenschaft. Bei allem, was sich –« »Unter Debet und Kredit eintragen läßt, was soll ich mit dieser Hinterlassenschaft anfangen? Nicht wahr, so heißt die Klemme, in der wir festzusitzen glauben?« fragte Hofmedikus Baumsteiger mit einem höchst eigentümlichen und jedenfalls sehr klugen und vielsagenden Blick auf seinen Gast. »Hm, der Attrappenonkel – « »Eine Deutsch-Holländerin!« rief Herr Sebastian Pelzmann, auf nichts achtend ringsumher, nur mit sich selber und mit dem Anfang seiner Buße an diesem Abend des Tages Fabian und Sebastian, wo – der Saft wieder in die Bäume geht, beschäftigt. »Gar nicht tot zu kriegen!« sagte Baumsteiger. »Fünfzehn wundervolle tropische, exotische Mädchenfrühlinge alt, alter Kenner!« »Jawohl! Auf der Insel Sumatra geboren und wahrscheinlich annähernd so alt, wie du angibst. Jawohl, nette tropische Zustände wird die exotische Pflanze im Hause zur Blüte bringen!« »Solltest du wirklich nicht dem Onkel Fabian, der sie sich, wie du sagst, heimtückischerweise von seinem Hinterhause aus hinter deinem Rücken verschrieben hat, einfach die Verantwortlichkeit für alles überlassen können?« Der Onkel Sebastian wehrte mit beiden Händen die Möglichkeit hiervon in einer so energischen Weise ab, daß er fast das Gleichgewicht auf seinem Stuhle verlor. »Was würde aus dem Hause Pelzmann und Kompanie werden, wenn ich dem nur für acht Tage die Verantwortlichkeit für etwas anderes als die Modellkammer allein überließe? Aus einem Narrenhause ein Tollhaus! O liebster Freund, wer verteilt diese Nerven in dieser nichtsnutzigen Welt? Du bist mein Schulgenosse, mein Hausarzt, und ich rede gegenwärtig zu dir wie zu einem Beichtvater, und es scheint dir in deiner philosophischen Gelassenheit nur ein Nachtischbehagen mehr zu sein, mir gleichfalls noch auf die Nerven zu fallen. So seid ihr aber allesamt, ihr gemütlichen Herren, die ihr es in eurem stoischen Behagen nie zugeben könnt, daß ihr euch wohl in eurer Haut fühlt auf diesem widerwärtigen, langweiligen, abstehenden Erdenball.« Ein Diener trat in diesem Augenblick herein und brachte ein Billett des Inhalts: »Bester Medizinalrat, wir bitten dringendst!!! Ihre Fredegunde Gräfin zum Stuhle, geb. Freiin von Raschlauffen.« Von philosophischer Gelassenheit war nach Einsichtnahme der zierlichen Schrift an dem Medizinalrat, Hofmedikus und Leibarzt Ihrer Hoheit der Prinzeß Gabriele Angelika, Dr. med. Baumsteiger, nicht das mindeste mehr zu bemerken. Er wartete es kaum ab, daß sich die Tür wieder hinter seinem Diener geschlossen hatte, um in höchst unstoischer Weise loszubrechen. »Da!« ächzte er, den erlauchten Hülferuf dem Gastfreunde mehr hinschleudernd als zureichend. »Der Satan hole die alten Weiber! Na, nicht wahr, wir saßen hier ja wohl ganz behaglich? – Wohl in meiner Haut? Du lieber Himmel! – Jawohl, kriege du das mal tot! Den Magen verdirbt das sich und zwar ganz speziell an euren nichtsnutzigen Geschäftskünsten und Präparaten alle Augenblicke. Leibarzt bin ich da zu aller sonstigen Plage und frage dich, mon cher, ob es da noch viel zärtlicher Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen bedarf, um mich tagtäglich dahin zu kriegen, mich und mein Dasein auf deinem ›abstehenden‹ Erdball zu allen Teufeln zu wünschen.« Er zog die Glocke: »Anspannen, Georg! – Dich, Pelzmann, werde ich vor deiner Haustür absetzen. Schade darum! Du gerietest mir in der Tat allgemach in eine psychologisch und physiologisch ungemein interessante Stimmung. Ich hätte gern noch ein paar ruhige Minuten länger deinen Reueanwandlungen gegenüber sowohl als dein Mitmensch wie dein Hausarzt den innigen Anteil nehmenden Beichtiger agiert.« »Reueanwandlungen?« murrte Herr Sebastian. »Dummes Zeug! – Körperlich verstimmt fühle ich mich, und somit seit einiger Zeit in der Laune, in verlorenen Momenten für allerlei Lebenserfahrnisse auch einmal nach eurer philosophischen Methode nach dem Wie, dem Warum und dem Wozu zu fragen. Diese Störung eben kommt mir übrigens ganz recht, den Platz in deinem Wagen nehme ich an, und – wenn es dir gefällig ist, reden wir unterwegs von anderen Dingen.« Hofmedikus Baumsteiger warf noch einmal einen verstohlenen Blick auf seinen Gast, und dieser Blick tut uns wiederum zur Evidenz dar, daß der Mann kein geringer Seelenkundiger, kein unfeines Menschenkind und – seit langer Zeit nicht nur der Hausarzt, sondern auch der Hausfreund bei Pelzmann und Kompanie und letzteres nicht nur im Vorderhause, sondern auch im Hinterhause war. Zweites Kapitel Ziemlich im Mittelpunkt der Stadt ist die große Süßigkeitenfabrik der Firma Pelzmann und Kompanie gelegen, ein stattlicher Komplex von Gebäuden, Höfen und Schornsteinen. Von den letzteren ragen die beiden höchsten, die des Kesselhauses, hoch über die Dächer hinaus und qualmen auch in diesem Augenblick noch leise zum klaren Winternachthimmel empor. Nach einer der belebtesten Straßen zu erstreckt sich das alte Wohnhaus der Familie, in dem sich auch die Kontore befinden und dessen Erdgeschoß in seiner halben Länge durch des Onkels Fabian Wunderladen für den städtischen Einzelverkauf eingenommen wird. Die Kontore des Onkels Sebastian liegen dem Hofe zu, nur aus den Fenstern eines sehr eleganten Privatkabinetts sieht man ebenfalls in die Hochstraße hinein. Dabei aber hat er den ganzen oberen Stock des Vorderhauses inne, führt daselbst ein gesellschaftlich ungemein bewegtes und jedenfalls sehr nervöses Leben weiter und gibt dort dann und wann seinen Freunden anerkannt lobwürdige Diners unter Vermittlung einer ganz vorzüglichen Köchin, die ihn seit langen Jahren an einer seiner stärksten Seiten fest zu nehmen weiß und die ihn fast noch mehr tyrannisiert als er das übrige Haus – das Geschäft und die Fabrik eingeschlossen. Nur selten setzt der Bruder Fabian, der zu allem übrigen auch nicht einmal Whist spielt, sondern höchstens nur dann und wann eine Partie Schach im Café Zusi, den Fuß in diese Räume. Sein Reich, das heißt, was ihm von seinem Teil an dem Reich Pelzmann und Kompanie geblieben ist, liegt ganz nach der entgegengesetzten Seite, nämlich über die eigentliche Fabrik hinaus in den nach einer engen, dunkeln, unbetretenen Gasse gelegenen Hintergebäuden, welche zum Teil auch von den Magazinen des Geschäftes eingenommen werden und außer einem großen Torwege für die Wagen ein merkwürdig verstohlenes und geheimnisvolles Schlupfpförtchen für den Attrappenonkel haben. »Er hat sich das nach seinem Geschmack so ausgesucht«, sagt der Bruder Sebastian. »Ich setze nur selten einen Fuß dahin; denn eine einzige Geburtstagsgratulation genügt immer, um mir die Lust zum Wiederkommen für ein Jahr gründlich zu vertreiben. Daß an einem Menschen irgend etwas verloren geht; ein Professor, ein Pinsler oder ein Musikante, will ich mir zur Not noch gefallen lassen, denn das kommt alle Tage vor. Aber daß an einem Menschen alles verdorben wird, was die Menschheit zu präsentieren vermag, das ist mir denn doch zu – enorm; und da müssen Sie sich die Wissenschaft bei meinem Herrn Bruder lieber selber mal ansehen. So bloß zu glauben ist das nicht!« Ja, wenn das nur so leicht gewesen wäre, sich die Wirtschaft des Herrn Fabian Pelzmann mit eigenen Augen anzusehen! Eine ziemliche Reihe von Kammern und sonstigen Gemächern versperrte er durch einen Schlüssel; und die Leute und Besucher, die den Weg zu ihm aus der Fadengasse die enge steile Treppe hinauf zu seiner Haupttür gefunden hatten, waren darum häufig noch lange nicht hinter der letzteren. Sie hatten erst eine ziemliche Zeit zu pochen, ehe ihnen geöffnet wurde, und auch dann war es noch sehr fraglich, ob sie gebeten wurden, näher zu treten, oder ob nicht das Geschäft oder die Höflichkeitsvisite freundlich oder aber etwas kurzab auf dem Vorsaal erledigt wurde. Die anständigsten, respektabelsten Menschen der Stadt hatten leider diese Erfahrung machen müssen und sich mit mehr oder weniger lächelndem Ingrimm auf dem Rückwege treppab selber das Versprechen gegeben: dem »eigentlich doch auch halbverrückten Flegel« nimmer so wiederzukommen, sondern sich zu jedem ferneren notwendigen Verkehr mit ihm stets der Stadtpost zu bedienen. Daß der kuriose Herr dessenungeachtet eine merkwürdig lange Reihe von Bekanntschaften besaß, die er gleich einließ, konnte die Gefühle der Abgewiesenen gegen ihn nicht milder machen. Gott sei Dank, wir haben freien Zutritt zu ihm, dürfen mitbringen, wen wir wollen, und machen ihm jetzt den ersten Besuch, das heißt, wir gehen vielmehr mit ihm nach Hause und erreichen seine Tür so ziemlich um dieselbe Stunde, wo der Bruder Sebastian im Speisezimmer des Hofmedikus anfängt, auf und ab zu laufen. Um diese Zeit schneite es noch, wenn auch mäßiger denn zuvor; und Herr Fabian kam wie eines seiner eigenen mit Zucker bestreuten Fabrikate vor seiner Schlupftür in der Fadengasse an. Er hatte dazu auch die erste Spur in die weiße, reinliche, weiche Decke des wenig betretenen Durchganges zu stapfen, und als er unter der Tür sich schüttelte und seinen Filzhut kurzweg an den Pfosten schlug, sagte er dazu, in den durch den Lichtschein der Gaslaterne über seinem Haupte flimmernden Flockentanz blinzelnd: »Sehr nett! – Seht mal, das kann sie ja auch unmöglich schon kennen?! – Guck, da haben wir ja schon wieder etwas, was dem Kinde vielleicht einmal einen Spaß macht! Artet sie nach mir, so hat sie, warm eingewickelt, seinerzeit sogar ihr Vergnügen dran. Warm einwickeln muß man sie freilich, die kleine Malaiin! Ich werde mir das lieber gleich heute abend noch notieren, denn hier kenne ich mich und weiß, zu wie vielen Dummheiten ich im gegebenen Moment fähig bin, gerade – wie ihr seliger Vater, der arme Lorenz. Nun, Knövenagel, wo steckst du denn?« »Hier, Herr Pelzmann! Sie haben mir doch Vorsichtigkeit anbefohlen, und laufen taten Sie auch nach Ihrer gehorsamsten Art und Weise. Da kommen Sie denn einmal selber mit sich mit, als ob Sie nicht noch dazu mir aufgeladen hätten in fünfzig Läden, als ob nicht bloß Ihnen, sondern auch jedem beliebigen Dromedare und Lasttier, von mir selbstverständlich nicht zu reden, der Odem von unserem Herrgott gratis zugegeben wäre! Na, Gott sei Dank, da sind wir heil und in Sicherheit mit aller Bagage, natürlich bis auf das eine Paket, was Sie der Vorsicht wegen selber tragen wollten, – na, was habe ich denn gesagt?! Na, wer hat denn nun schon wieder einmal recht gehabt?! Sie oder ich?!« Also schnarrte Knövenagel, der Attrappenonkel aber griff sich hastig erst mit der rechten Hand unter den linken Arm und sodann mit der linken Hand unter den rechten Arm. Und immer hastiger und verzweiflungsvoller griff er an sich herum und in sämtliche Taschen seines etwas schäbigen schokoladefarbigen Oberrocks. Er fuhr sogar, um ein Gepäckstück von nicht geringem Umfang noch an sich selber zu erwischen, in die Taschen seiner schokoladefarbigen Hosen, sah sich sodann ratlos um im Lichtkreis der Laterne vor seiner Tür und endlich – jedoch nur von der Seite – auf Knövenagel, und dazu ächzte er dann sehr verlegen und verdrießlich: »Das weiß doch der liebe Himmel!« Ob es nun der liebe Himmel wirklich wußte, wissen wir nicht; aber mit einem wahrhaft satanischen Gegrinse und ununterbrochenem teuflisch-schadenfrohen Kopfnicken stand Knövenagel unter seiner glücklichen und sicher heimgebrachten vielartigen Last im hohen Schnee und kostete seinen Triumph bis zum Äußersten durch. »Und wenn Sie nun auch umkehren wollten und bis morgen früh herumlaufen, so finden wir bei der weißen Emballage und dem Schnee und der Menge unnötiger Umwege doch nichts wieder; also schließen Sie nur ruhig das Haus auf und setzen Sie sich wie gewöhnlich morgen als abhanden gekommen ins Blatt, Herr Pelzmann. Ich sage es ja immer und immer: bei den hunderttausend Devisen, die wir allewig im Kopf haben, kann uns dies ja gar nicht anders attrappieren. Und, bitt’ ich Sie, wozu hatten Sie denn mich als Ihr angeborenes Kamel hinter sich, wenn Sie selber als solches mir vorauflaufen wollten? Nicht wahr, es war ja wohl das Aquarium für die Goldfische und unser Fräulein, was Sie absolut selber tragen wollten?« »Nur der Zerbrechlichkeit wegen« brummte Herr Fabian kleinlaut. »Recht schön! Na, denn laden Sie es ja nur recht vorsichtig ab, und wenn wir endlich oben sind, auf daß es mir ja nicht noch zuletzt zu Schaden kommt und es Ihnen damit geht wie mit dem netten Toilettespiegel neulich, wo Sie für ihn keinen weichern Platz wußten als das Sofa, und natürlich fünf Minuten nachher für sich selber auch nicht. Da saßen wir denn darauf und können noch vom Glück sagen, daß der liebe Gott gnädig über die Splittern waltete; aber unser zukünftiges gnädiges Fräulein besieht ganz gewiß nicht mehr ihr hübsches Gesichte in ihnen. Schade aber, daß Sie nicht wieder einmal Ihr eigen Gesicht betrachten konnten, sondern sich bei der Affäre wie immer auf meines verlassen mußten.« Auf diese boshafte Erinnerung hin suchte der Attrappenonkel nicht weiter nach einer Rechtfertigung im leichten Schneegestöber der Fadengasse. Er schloß jetzt möglichst rasch die Tür auf und seufzte: »Halt den Mund, Alter, ich sage mir alles selber! Stehe still, bis ich Licht gemacht habe. Vorsichtig jetzt auf der Treppe und für mich mit, Knövenagel!« »Wem sagen Sie das, Herr Prinzipal?« fragte Herrn Fabians biederes Faktotum gröblich und stand auf dem engen Flur, ohne sich zu rühren, bis sein gutmütiger Herr das Haus wieder geschlossen und einen kleinen Handleuchter ertastet und angezündet hatte. Sie erreichten beide glücklich ohne weiteren Verlust das Wohnzimmer des Herrn Fabian, der auch hier die Lampe anzündete, während Knövenagel »krummbuckelig«, ohne sich zu rühren, stand und endlich nur bemerkte: »Nun, denn laden Sie mich ab; und wenn Sie unten im Modelliersaal mal wieder ein neu Modell für’n Schiff der Wüste brauchen, dann schicken Sie mich nur dreiste runter. Es ist doch die Menschenmöglichkeit, was wir alles wieder zusammengeschleppt haben, und alles doch so bloß auf den blauen Dunst hin.« »Auf den blauen Dunst?« »Auf unser gnädiges Fräulein meine ich; denn da kommt es doch wohl einzig und allein darauf an, ob es unseren Ordnungssinn hier im Hintergebäude oder den von unserm Herrn Bruder da vorn mit sich bringt von seiner Affen- und Meerkatzeninsel. Setzen Sie nur mal den Fall, es wird so, wie es das Unglück will, nämlich unsere Nichte artet gar nicht nach uns hier im Hinterhaus, sondern hält uns sofort, nachdem sie aus der Droschke gestiegen ist, für ganz dasselbige, als was man uns da vorne taxiert – na, was denn?! Herr Pelzmann, ich habe Sie schon manchmal wie Moses auf den Ruinen von Jerusalem sitzen sehen und meistens nicht so viel Mitleiden mit Ihnen gehabt, als es sich wohl schickte; aber käme dies hier so heraus, wie es wohl kommen kann, und wir hätten unsere ganze Freude an dem Kinde einzig und allein schon bei allen diesen unnötigen Einkäufen für es vorweggenommen, so – könnten Sie mir wirklich leid tun.« »Ich mir auch!« sagte der Onkel Fabian leise, und da er sich in diesem Augenblicke über den Tisch und ein außergewöhnlich sicher umwickeltes Paket vorbeugte, fällt der Lampenschein voll auf sein Gesicht und zeigt es uns in seiner ganzen ängstlichen Freude an seiner Welt, seinem Mißtrauen gegen sich selber und der ganzen passiven Hartnäckigkeit bei der Verfolgung und im Festhalten dessen – was er sich einmal vorgenommen oder zusammengeträumt hatte. »Es kann aber nicht sein! Sie ist ja Lorenz’ Kind!« rief er plötzlich hell und in der fröhlichsten Gewißheit. »Ärgere mich also nicht länger mit deinen gewöhnlichen dummen, melancholischen und mir dann und wann doch verdrießlichen Anmerkungen. Behalte gefälligst deine menschenfeindliche Weisheit für dich oder komme mir damit lieber morgen oder übermorgen. Und jetzt nimm die Lampe und leuchte mir; ich meine, allgemach macht das Nest doch schon einen ganz netten Eindruck, und das Kind wird sich gewiß ganz behaglich darin finden.« Die letzten Worte wurden bereits nicht mehr in dem Wohnzimmer des Attrappenonkels gesprochen, sondern in dem Gemache, welches er zum Wohnort für das unbekannte Nichtchen nach langem Überlegen auserkoren und zu dessen weicher Ausstattung er nunmehr seit Wochen bereits selber als ein närrischer alter Vogel Federn und Flaumen zusammengetragen hatte und zwar so gut es ihm – seine pekuniären Mittel erlaubten und manchmal sogar etwas über dieselbigen hinaus. Und man mußte es ihm lassen: er hatte in der Tat jetzt schon die Berechtigung gewonnen, sich selber zu loben. Keine Mutter, die für ein lange abwesendes Lieblingskind eine Heimstätte ausschmückte, hätte ihre Sache besser machen können; und wenn Herr Fabian Pelzmann bei dem kommenden verwandten jungen Gast nur halbwegs die Anerkennung fand, die er verdiente, so durfte er dreist seinen Herrn Bruder reden und seinen Knövenagel brummen lassen: er hatte dann wahrhaftig wieder einmal etwas, was manchem lächerlich vorkommen mochte, zu seinem innersten Behagen durchgesetzt. »Hm, hm, hm!« brummte Knövenagel, die Lampe auf einem zierlichen Schreibtische niedersetzend, während sein Herr sofort anfing, die Ausstattung des Zimmerchens durch die eben nach Hause gebrachten Einkäufe zu vervollständigen; »ich sage es immer, daß die Leute unten im Geschäft, im Kesselhause, im Klappersaale und in den Magazinen ganz recht in ihrer Unverschämtheit haben, wenn sie uns nennen, wie sie Sie betitulieren, Herr Prinzipal. Der Attrappenonkel sind wir und bleiben wir, darauf richten Sie sich gefälligst nur immerhin ruhig ein: diese Devise werden wir bis an unser selig Ende nicht wieder los, und zwar mit Recht! Wozu wir sonst noch es gebracht haben –« »Hm«, sagte auch Herr Fabian, durchaus nicht symbolisch einen Nagel in die Wand schlagend, »ich hoffe wahrhaftig eben, daß sie endlich einmal ein neues Sobriquet für mich ausfindig gemacht hätten. Laß sie reden und reich mir lieber mal die Kneifzange her, Knövenagel. Um einen guten Zoll zu weit links!« »Nach rechts, wie mir von meinem Standpunkte aus scheint, Herr Pelzmann.« Der Attrappenonkel sah über die Schulter zurück auf sein Faktotum und zwar mit einem ganz besonderen Blick. »Ja, wenn du das meinst«, sagte er, »so laß die Zange nur. Ich werde dann doch den Nagel wahrscheinlich wieder einmal an der richtigen Stelle auf den Kopf getroffen haben.« Da kam plötzlich sowohl in dem Blick wie in dem Tone eine so freundliche aber unerschütterliche Lebensüberlegenheit zum Vorschein, daß es jedem, der den Mann bisher nur von seinen komischen Seiten gekannt hatte, wie eine Offenbarung aufgehen mußte, daß dann und wann die allerschärfsten und allerverständigsten Leute, zum Beispiel der liebe Bruder, Herr Sebastian Pelzmann, und der Herr Hofmedikus Baumsteiger nicht das geringste gegen den »Attrappenonkel« auszurichten vermochten, sondern ihn einfach seine Wege gehen lassen mußten. »Entschuldigen Sie, Herr Prinzipal«, sagte Knövenagel ganz geduckt; wir aber schließen mit diesem Worte dies Kapitel. Es wird draußen nahe an neun Grad Kälte, und bis jetzt hat Herr Fabian in dem Nestchen, welches er dem »armen kleinen Mädchen« oder, wie Knövenagel sich ausdrückt, »unserem zukünftigen Fräulein von der Affen- und Meerkatzeninsel« zurichtet, den Ofen daraufhin noch nicht studiert, ob er zieht oder vielleicht heimtückischerweise sogar raucht. Man kann eben nicht gleich an alles denken. Zu bemerken wäre wohl noch, daß Herr Fabian der ältere von den zwei Brüdern war, aber seit Jahren nicht mehr der erste Chef des Hauses Pelzmann und Kompanie. Drittes Kapitel   Am anderen Morgen beleuchtete eine helle, klare Wintersonne die Welt und war in der großen Fabrik alles im gewohnten lebendigsten Gange. Kein Rad und Rädchen versagte seinen Dienst in dem merkwürdigen Getriebe, und von den zwei- bis dreihundert Arbeitern und Arbeiterinnen, die das Haus Pelzmann und Kompanie beschäftigte, wußte ein jeder und eine jede, wofür sie in der Welt waren. In der Schreibstube kritzelte die scharfe Feder des Herrn Sebastian ununterbrochen über das Papier, und ein gut halb Dutzend anderer Federn folgte ihr in fliegender Hast. Niemand sah auf. In dem Kesselhause arbeiteten die Dampfmaschinen, überall durch immer andere Säle anderes Räderwerk in Bewegung setzend. Es glühen die Röstöfen, es rasselt die Mühle, in den Trichtern der Walzmaschinen verschwinden ununterbrochen Karrenladungen der gebräunten Bohnen, um als dickflüssige Kakaomasse von dem »Melangeuer« oder der hydraulischen Presse weiter verarbeitet und im »Klappersaal« im tollsten Lärm von auf und ab, hin und her fliegenden Platten und Tafeln in bekanntere Formen gerüttelt und geschüttelt zu werden. In dem Klappersaal hört natürlich keiner sein eigen Wort vor dem Getöse des Maschinenwerkes, aber in den Etikettiersälen hindert nichts, daß die Mädchen bei der Arbeit singen, wenn die Herren Prinzipale nichts dagegen einzuwenden haben. Ebenso in den Packräumen, wo das Fabrikat von Männerhänden in Kisten vernagelt wird und die Rollwagen in fast ununterbrochener Folge an- und abfahren. Wer dies alles doch im ganzen zu würdigen vermöchte, wie es im letzten Grunde im einzelnen auch gewürdigt wird; nämlich mit der ganzen Konsumfähigkeit eines Kindes! Und vor allem auf der Zuckerseite des Wunderhauses, in den Konfektensälen, in der Makronenbäckerei, in dem Zauberreiche der Pralinés und Dragées, wo die Fülle des Süßen so überwältigend wirkt, daß der Erwachsene anfängt, beim bloßen Anblick an Magensäure und Sodbrennen zu leiden und, wenn er von etwas regerer Phantasie ist, mit dem grimmigsten Magendrücken und dem furchtbarsten Leibweh behaftet, sich an den begriff »Rhabarber« wie an einen rettenden Felsen in dem klebrigen Meer von breiigem Zuckerschaum, Fruchtsäften aller Arten und Likören aller Gattungen anzuklammern. Aber auch der Genius der Kunst schwebt über der großen süßen Firma Pelzmann und Kompanie und reicht uns mit christfestlichstem Lächeln im Notfall auch noch kurz vor dem Übelwerden seine rettende Hand. Da sitzen Künstler und Künstlerinnen an den Arbeitstischen, die vermittelst einer einfachen, mit einem Loch in der Spitze versehenen Düte alles zustande bringen, was der liebe Gott in seinen sieben Schöpfungstagen durch das Wort: Es werde! in die Erscheinung rief. Alle Formen und Farben stehen ihnen zur Verfügung. Was im Wasser schwimmt, was in der Luft fleugt, was auf der Erde wohlgerundetem Runde umherhüpft, -stolziert und -kriecht, wird durch einen Druck der hand nachgebildet. Was da sprießt, wächst und blüht: sprießt, wächst und blüht auch hier aus Zucker auf. Und was der Mensch im Traume sah und was er je auf Erden im Wachen war und ist, hier gewinnt es von neuem farbigste und noch obendrein wohlschmeckendste Gestalt. Hier haben wir den Fürsten Bismarck zum Fressen liebenswürdig und den Kaiser Napoleon zum Ablecken verlockend, und hier – hier vor allem ist das Reich, die Herrschaft und der unbegrenzte Tummelplatz der Kinderphantasie des »Attrappenonkels«, des Herrn Fabian Pelzmann, nominellen Mitinhabers der großen, sehr ernsthaften Firma Pelzmann und Kompanie; und wenn der andere, wirkliche Mitinhaber, Herr Sebastian, diese Räume durchwandelte, um auch seinerseits daselbst nach dem Rechten zu sehen, so mochte er selber noch so sehr von seinem Rechte dazu überzeugt sein, von einem anderen war dieses durchaus nicht zu verlangen. Und nun war dem so. Gegen zehn Uhr hatte Herr Sebastian Pelzmann zum erstenmal an diesem Morgen seine Feder ausgespritzt, sie hinter das Ohr geschoben und seinen scharfen Inspektionsrundgang »durch sein Geschäft« begonnen. Wenn einer, nach der alten Haushaltsregel, es verstand, seine Augen zu seinem Nutzen überall zu haben, so war er der Mann; und eine feste Stunde für diese Gänge hatte er natürlich auch nicht. Im Gegenteil, er zog es nach eben derselbigen alten, guten, mißtrauischen Regel vor, stets dann zu kommen, wenn niemand es vermutete, und liebte es, immer gerade da zu sein, wo man in diesem Augenblicke seine Gegenwart mit Vergnügen entbehrt haben würde. Und es war merkwürdig! So leise er einherzugehen pflegte, Menschen und Maschinen schienen es instinktmäßig vorzufühlen, wenn er sich ihnen näherte. Schon ehe er einen Saal betrat, drehten sich darin die Walzen und Kessel hastiger, schnurrten die Räder an den Decken rascher und flogen die Hände fleißiger bei der Arbeit, aber verstummte auch alles Geschwätz und schwieg jedes Lied. Er hatte zwar nichts dagegen, daß in einigen Räumen gesungen wurde, denn das gab gewissen Beschäftigungen sogar eine taktmäßige Aufmunterung; jedoch daß er ein warmherziger Freund vom Gesange als solchem, das heißt außerhalb des Konzertsaales und des Opernhauses, sei, konnte gewiß niemand behaupten. Man mußte ihn sehen, wie er sich, stets dunkelfarbig und mit möglichster Eleganz gekleidet, hinschob, unhörbar, den Oberkörper ein wenig vorgebeugt, die Hände auf dem Rücken, um sofort ebenfalls der allgemeinen Überzeugung anheimzufallen, daß er die »Seele« des berühmten Geschäftes sei. Man mußte ihn beobachten, wie er vielleicht vor dem Röstofen ein Handvoll seiner gebräunten Kakaobohnen aus den unendlichen Haufen aufgriff und sie wieder zwischen den Fingern durchlaufen ließ, um zu erfahren, wie er lächeln konnte. Man mußte ihn aber auch gesehen und gehört haben, wenn er irgendwo einen Unrat gewittert, seine Nase hineingeschoben und sich gar einen einzelnen armen Sünder aus der Menge herausgelangt hatte, um es zu merken, wie grob er werden konnte, und daß dann und wann aller Zucker, der sich unter seiner Direktion zu Menschenfreude, Kinderlust und Wohlgeschmack gestaltete, es nicht vermocht hätte, ihn jetzt selber menschenfreundlich, dem Auge lieblich und, kurz und gut, dem Seelenkenner wohlschmeckend zu machen. An diesem gegenwärtigen hellen Morgen nun erschien er verstimmter als gewöhnlich. Wie auch die schwarzen Gesellen im Kesselhause die Glut in ihren Öfen bei seinem Nahen schüren mochten, wie seine Schornsteine in völlig kompakten, wühlenden Massen ihre Rauchwolken zum blauen sonnigen Winterhimmel emporstießen, wie es in allen Sälen um ihn her sauste, klapperte und rasselte, wie die Walzen sich drehten, wie eine ganze exotische Welt mit verdoppelter Hast für seinen Betrieb anmutig Geschmack, Form und Farbe annahm: Herr Sebastian Pelzmann ging hindurch mit Bitterkeit auf der Zunge und Verdruß im Herzen, und zuletzt, wie gesagt, im Hof neben dem großen Magazingebäude in eine Tür, von der gleichfalls eine Treppe zu den Räumen seines Bruders empor führte. Was sonst alle Jahre kaum dreimal vorkam, geschah in diesem jetzigen laufenden Jahr merkwürdigerweise schon zum vierten Mal. Der jüngere Chef der Firma Pelzmann und Kompanie machte dem älteren einen Besuch; uns aber bietet sich hiermit die beste Gelegenheit, Herrn Fabian Pelzmann zum ersten Mal gleichfalls bei Tage in seiner sonderlichen Häuslichkeit aufzusuchen und ihn und sie um ein Merkliches genauer kennenzulernen. Viertes Kapitel Eine grade so enge und halsbrechende Treppe wie von der Fadengasse aus führte von dem zweiten Fabrikhofe zu der Wohnung des Attrappenonkels empor. Herr Sebastian erstieg sie, indem er beinahe auf jeder Stufe etwas von »verrückter Welt!« murmelte und von seinem Standpunkte aus der Welt gegenüber, die er jetzt widerwillig genug betreten wollte, vollkommen recht hatte. Wie jeder andere hatte er auf dem dämmerigen Korridor die Glocke zu ziehen und zu warten, bis man ihn einließ, und daß er dabei wenigstens dreimal: »Der ganz verrückte Narr!« sagte, war ihm denn auch nicht zu verdenken von seinem kühlen Standpunkte aus. »Du – Bruder? – O bitte, komm herein!« sagte Herr Fabian. Er warf in dem dunkeln Vorplatz hinter der Korridortür die Tür seiner Wohnstube auf, und was die Fadengasse von Sonne über ihre Dächer ließ, schlug dem jüngern Mitinhaber der Firma Pelzmann und Kompanie entgegen und blendete ihn für den ersten Augenblick vollständig. Er hatte auch in einigen seiner Geschäftsräume die Sonne, wenn sie schien; aber sie diente nur seinen Arbeitern bei der Arbeit, konnte in jedem Augenblick durch Hunderte von Gasflammen ebenso zweckdienlich ersetzt werden und hatte noch nie, und noch dazu an einem Morgen im Januar, irgendwelchen Eindruck auf ihn gemacht. Sie tat da nur, wie alles sonst, nichts weiter als ihre Schuldigkeit; überraschend kam sie ihm unter allen bunten Wundern, die dort entstanden, nie. Hier in der Arbeitsstube seines Bruders geriet er in sie hinein wie in etwas ihm ganz Fremdes, und er hatte die Hand über die Augen zu legen und mit ihr, der Sonne, in Herrn Fabians Stube fertig zu werden, ehe er sich mit dem, was er in seiner verdrossenen Seele bei sich trug, an den Mitinhaber seines Familiennamens wenden konnte. Mit der Sonne sind aber auch wir noch nicht fertig. Wie leuchtet sie über den großen Arbeitstisch des Attrappenonkels! Wie hatte sie ihre Freude an den Wänden und am Fußboden! Wie gab sie sich Mühe, überall zu sein, um nichts unbesehen zu lassen. Und das letztere war wohl der Mühe wert. Was da unten in den Arbeitssälen aus den Menschenhänden und den Formen vielgestaltig, phantastisch oder naturgetreu, buntfarbig, glitzernd und schimmernd in unerschöpflicher Fülle hervorging und nachher hinaus in die Welt: hier war es vorher »Idee« gewesen, war im Traum gesehen worden, war aufgelesen in den Gassen und auf den Feldwegen zu jeder Tages- und Jahreszeit, war weggeschnappt aus Bildern, Bilderbüchern und Zeitungen, kurz, war überall da genommen worden, wo der Attrappenonkel, Herr Fabian Pelzmann, es als sein Eigentum erkannt hatte und auf der Stelle mit zwei zupackenden Händen zugesprungen war. Jawohl, nicht ohne Grund hatte die Sonne, die große Künstlerin, zu jeglicher Jahreszeit lächelnd dem Kollegen zuzusehen und ihm so häufig als möglich ihren Besuch abzustatten. In der ganzen weiten Welt fand sie kaum noch einen zweiten Artifex in Worten, Tönen, Farben, Marmor oder – Zucker, der die alte einzige Künstlermaxime: ›Ich nehme das Meinige, wo ich es finde!‹ so wohl begriffen hatte und so unbefangen glückselig ihr nachlebte wie der Devisen- und Attrappenerfinder der berühmten Schokoladen- und Konfitürenfabrik Pelzmann und Kompanie, der – » ganz verrückte Narr«, Herr Fabian Pelzmann! – Hier konnte man wahrlich nicht sagen, daß der Bewohner dieses Raumes nur deshalb zusammentrug, um zu haben. Nein, was er auflas, das las er zum Gebrauch auf, und so waren alle Tische, Stühle, Bücher-, Fensterbretter, alle Winkel und Schränke seiner Modelle voll, und es fand sich in dem Wirrwarr kaum der notwendige Platz für ihn zum Niedersitzen, für einen Gast gar nicht. Dessenungeachtet aber sagte er jetzt aufs freundlichste: »Setze dich doch, lieber Bruder; es ist wirklich –« »Die Frage wo? In den Napf mit nassem Gips, auf die Wachspuppen da, in den Kleistertopf, den Leimtiegel oder in die Farbentöpfe?« brummte der Junior des Geschäftes, sich umsehend. »Wie du dich in dieser Wirtschaft – halb Bosselwerkstatt, halb Rumpelkammer und ganz Kinderstube – wohlfühlen kannst, ist und bleibt mir unbegreiflich. Aber was hilft es, mit dir noch darüber zu reden! – Ich danke dir, Fabian.« Herr Fabian Pelzmann hatte in eilfertigster, sozusagen furchtsamer Beflissenheit von dem nächsten Stuhl einen Turm von Glaskästen, die eine nicht ganz wohlkonservierte und vor einigen Tagen in einer Auktion erkaufte Käfersammlung enthielten, weggeräumt und ihn dem Bruder zugeschoben. »Du erinnerst dich wohl noch unseres Schulgenossen Otto Rost, Sebastian?« sagte er beruhigend. »Der arme Kerl! Diese Kästen stammen allesamt aus der Zeit, wo er als Schulamtskandidat am hiesigen Gymnasium noch ganz wohl auf den Füßen war. Du weißt, ich lief mit ihm – sieh mal, diesen Cerambyx habe ich selber ihm ziemlich hoch von einem Eichenstamm herabgeholt! Nun ist er mittellos im vorigen Monat als Oberlehrer an der Schwindsucht gestorben, und ich habe die Sammlung wohl etwas teuer bezahlt, aber – ich hatte wirklich gerade einen Riesenbock, Cerambyx heros, für den Modelleur drunten nötig. Sehr häufig ist die Spezies nicht und auch nicht leicht zu erhaschen. Es war doch eine gute Zeit, als wir noch selber in die Bäume stiegen! Ganz vergeblich habe ich im vergangenen Sommer die jetzige Jugend nach diesem Langfühler abgesucht, und jetzt mitten im Winter – « »Entschuldige, Fabian«, unterbrach ihn der jüngere Bruder, »erzähle mir dieses ein andermal. Ich habe augenblicklich wirklich keine Zeit für dergleichen Allotria dranzugeben. Willst du so gütig sein, mit dir einen kürzesten Moment über das uns Nächstliegende reden zu lassen, ohne sofort dabei in das Fernste abzuschweifen?« Es war ein eigentümlicher Blick und eine gewissermaßen vornehme Handbewegung, mit denen der Attrappenonkel noch einmal einlud, sich zu setzen und zu reden. »Man hat mir gesagt, daß du so ziemlich mit deinen Vorbereitungen zum Empfang unserer Nichte fertig seist. Ich habe es, um mich nicht auch noch über Nebensachen zu ärgern, bis jetzt vermieden, mich genauer danach zu erkundigen, worin diese Vorbereitungen bestehen. Was darüber mir zu Ohren gekommen ist, entspricht natürlich allen meinen Vorraussetzungen. Du siehst in diesem unbekannten jungen Mädchen, das uns beiden Junggesellen so unvermutet über den Hals geschickt wird, ein neues Spielzeug und nichts weiter. Ob wir aber wirklich imstande sind, unsere Rolle in dem Leben der jungen Dame durchzuführen, wie es jeder verständige Mensch erwarten müßte, davon ist bis jetzt nicht die Rede gewesen. Wir führten bis jetzt jeder für sich einen Haushalt, der auf irgendwelche vernunftgemäße Kindererziehung wahrhaftig nicht eingerichtet war. Daß wir dem Fräulein ein Dach zu bieten haben, ist klar. Aber was sonst noch? Du weißt, du bist deine Wege gegangen, ich die meinigen. Hältst du es nun für möglich, daß uns dies, wie gesagt, bis jetzt uns noch völlig unbekannte junge Geschöpf mit unseren Lebensanschauungen, Lebensstellungen, Grillen, Liebhabereien, kurz allem, was es an Verschiedenheiten zwischen uns gibt, plötzlich an ein und demselben Tische zusammenbringen und mit notdürftigster Behaglichkeit daran festhalten wird? Ich bezweifle das sehr.« Herr Fabian Pelzmann nickte an dieser Stelle beistimmender als an irgendeiner anderen dieser sehr vernünftigen Ansprache; Herr Sebastian aber fuhr fort: »Was würde also das Resultat sein? Im behaglichsten Falle ein ewiges Ärgernis, Auge um Auge, Teller gegen Teller, von der Suppe bis zum Käse. Und wir sind zu alt dazu, Bruder; und was mich betrifft, so habe ich’s mir mein Leben durch in unserem Geschäft zu sauer werden lassen, um nicht den Wunsch zu hegen, mir wenigstens den Rest meiner Verdauungskraft im passabeln Zustande zu erhalten.« »Dazu bist du vollkommen berechtigt«, sagte Herr Fabian leise. »Ich freue mich, daß du mir das ohne die gewöhnlichen Redensarten zugibst, und hoffe also auch, daß du dich in die unabweislichen Konsequenzen zu finden wissen wirst und, kurz und gut, jetzt, wo das Ding noch möglich ist, Vernunft annimmst, das heißt, die doch nun mal gegebenen Verhältnisse mitsprechen läßt. Ändern kann ich sie doch ja sowenig wie du selber.« »Vollkommen richtig!« bestätigte Herr Fabian das letzte Wort. »Gott sei Dank, daß du das einsiehst, und so läßt sich wohl alles auch jetzt noch zum besten und behaglichsten wenden. Auch andere vernünftige Leute denken ganz wie ich. Da habe ich gestern abend noch die Sache mit unserm Hausfreunde Baumsteiger durchgesprochen« – hier mußte der Attrappenonkel trotz allem ein wenig lächeln! – » und auch er, der Hofmedikus, war ganz meiner Meinung. Lieber Bruder, was wissen wir denn im Grunde von diesem Kinde, das man uns da so plötzlich auf den Hals ladet? Nichts weiter, als daß es höchstens vierzehn oder fünfzehn Jahre alt und, wenn nicht total verzogen, so doch sicherlich für unsere Verhältnisse nicht erzogen ist. Für die Vollendung seiner Erziehung zu sorgen würde also unbedingt unsere erste Aufgabe sein; wir beide aber sind sicherlich nicht die richtigen Pädagogen, um hier alle Verantwortlichkeit auf uns nehmen zu dürfen. Also kurz, mein guter Fabian, was sagst du zu dem trefflichen Institut der Madame Printemps? Ich habe mich genau danach erkundigt und nur das Beste darüber gehört. Die Pension ist zwar etwas teuer, allein das kommt gewiß nicht in Betracht. Lieber Bruder, was meinst du, wenn wir das Kind unseres Bruders – fürs erste wenigstens, sagen wir auf einige Jahre – dieser vortrefflichen Madame Printemps überweisen würden?! – Fürs erste, lieber Bruder! Guck, hier habe ich dir auch den Prospekt der Dame mitgebracht. Sieh ihn durch und gestehe selber, daß unsere Nichte nirgends besser aufgehoben sein kann als unter einer Obhut, die, wie ich als gewiß annehmen darf, alles hält, was sie hier verspricht.« Wie die Sonne lachte über das kuriose Arbeitsmaterial des Attrappenonkels! Wie sie ihre Lust an ihm selber hatte! wie sie ihm einen vergnüglichen Schein über den grauen, etwas ungekämmten Schädel warf, wie sie ihm den kakaofarbenen Rücken ganz zärtlich streichelte! Bei ihren Besuchen in der Fadengasse hatte sie diesen Herrn Fabian schon in allerlei Stimmungen beobachtet und kannte sein Gesicht ziemlich genau, aber hier war es doch noch einmal in einer anderen Fasson, und keine Attrappe, die je dem Geschäft Pelzmann und Kompanie Ehre erworben, Geld eingebracht und nachher der Welt Vergnügen gemacht hatte, kam ihm gleich, sowohl der Form wie dem Inhalt nach, und es war nur schade, daß der Attrappenonkel sich nicht selber sehen und bei seiner nächsten Erfindung als Modell benutzen konnte in Zucker, Schokolade und Papiermaché. Dafür aber betrachtete ihn sich sein Bruder Sebastian, immer noch mit dem eleganten Prospekt des ersten Erziehungsinstitutes der Stadt für junge Damen aus den besten Ständen in der Hand, auf das genaueste, scheiterte vollständig mit seinem »vernünftigen Vorschlage« an dieser etwas herunterhängenden Unterlippe, dieser beinahe zu gutmütigen Nase und den etwas kurzsichtigen Augen, zerknitterte ingrimmig das zierliche Meisterstück der Druckerkunst und Lithographie, warf es zu den Devisen des »nominellen« Mitinhabers seiner Firma und schnarrte: »Du bist nicht meiner Meinung?« »Nein!« seufzte Herr Fabian Pelzmann. »Das ist mir unmöglich, und ich kann nicht einmal sagen ›leider‹!« »Überlege es dir. Ich habe dir eben einen letzten, wohlmeinenden Vorschlag gemacht. Lehnst du ihn wiederum ab, um einer sentimentale Grille wegen meine und deine gewohnte Ruhe und meine wahrhaftig nicht leicht erkaufte Behaglichkeit zu opfern, so sage ich dir kurzweg, daß ich dir von diesem Augenblicke an auch in dieser Beziehung alle meine Verantwortlichkeit für alles Fernere allein überlasse.« »Die heimatlose Tochter unseres Bruders muß unter diesem Dache ein Unterkommen finden«, sagte Herr Fabian sanft. »Ich weiß nicht, was du unter meiner Ruhe und Behaglichkeit verstehst; aber – Bruder, Bruder, wenn du es wirklich so willst, brauchen wir dich ja gar nicht in der deinigen zu stören! – Ich bitte dich, überlege es dir selber noch einmal! Du machst wahrhaftig keine Ansprüche auf das Kind?« »Nein!« rief der jüngere Chef des großen Süßigkeitshauses. »Nein und abermals nein!« »Du bist immer ein guter Rechner gewesen, ein viel besserer als ich; aber solltest du nicht in dem Verhältnis zwischen unserem armen Bruder und dir vielleicht ein zu guter gewesen sein? Oh, überlege es, Sebastian! So weit und hart und scharf trägst du die – die – Mißstimmung, die leider Gottes von frühester Jugend an zwischen euch herrschte, in den heutigen Tag und in die vollständig veränderten Verhältnisse hinein?« »Ich bin zu alt, um anderer Leute Kinder zu erziehen, und – da wir denn einmal wieder auf dem Standpunkt der gegenseitigen Offenherzigkeit angelangt sind – halte auch dich für absolut unfähig dazu.« Herr Fabian Pelzmann erwiderte darauf nichts. Er stützte seitwärts den Arm auf seinen wunderlichen Arbeitstisch und legte die Stirn in die Hand. Ob er bei sich überlegte, was er auf das böse Wort antworten könnte; ob er sich fragte, ob der kluge Bruder wirklich recht mit seiner so wenig schmeichelhaften Bemerkung habe; ob er ihm in der Tiefe seiner Seele wirklich recht geben mußte –, wissen wir nicht. Aber das wissen wir, daß, als er wieder auf und dem Herrn Sebastian voll aus seinen kurzsichtigen, aber glänzenden runden Augen ins Gesicht sah, diesem letzteren nichts weiter übrig blieb, als möglichst schnell Abschied zu nehmen, um sich nicht auch noch körperlich, wenn auch nicht an dem Attrappenonkel, so doch an irgendeinem Gegenstande aus der Umgebung desselben zu vergreifen. Er stieß den Stuhl, von welchem Herr Fabian seinetwegen die Käfersammlung des verstorbenen Schulgenossen so freundlich-eilfertig weggeräumt hatte, mit dem Fuße zurück, und es war ein Wunder, daß der Türgriff nicht in seiner Hand blieb, als er sich jetzt für alle Zeit zum letzten Mal in dieser Tür zurückwendete und rief: »So bleibt es denn dabei! Du tust, was du willst, aber fragst mich nicht demnächst doch außer in geschäftlichen Angelegenheiten um meine Meinung oder verläßt dich gar irgendwie auf meine Beihülfe und meinen Rat. Du hast dir wieder einmal auf dein eigen Konto ein neues Spielzeug verschrieben, und ich wünsche dir viel Pläsier dazu, oder wie die Redensart sonst heißt. Guten Morgen!« Fünftes Kapitel »Unser Allerungnädigster begegnete mir ja da eben ganz extraordinär menschenfreundlich und himmlisch milde im Hofe«, sagte Knövenagel, sein unbeweglich Ledergesicht in die Tür schiebend. »Wenn man fragen darf, wer hatte denn diesmal die Schuld? Sie natürlich wieder, Herr Pelzmann?! Großer Gott, was für eine Welt zum vergnügten Leben!« Der Mensch weckte zum wenigsten durch sein dröhniges Genäsel seinen »angeborenen« Prinzipal aus dem trübseligen Sinnen, in welches derselbe versunken war. Herr Fabian fuhr empor und seufzte mit einem schweifend unbestimmten Blick ins Leere: »Zur Madame Printemps! Das würde freilich der neue Frühling für mich und eine neue Heimat für das Kind geworden sein, wie ich mir beides nicht ausgemalt hatte! – Du sagtest etwas. Was meintest du, Knövenagel?« »Daß es hier bei Ihnen ja wohl wieder mal recht vergnügt, brüderlich und ganz, wie’s im Evangelium steht, zum Hüttenbauen anlockend zugegangen sein muß. Jawohl, und daß Knövenagel Ihnen denn auch immer über seinen Anteil an dem ewigen Verdruß, Hickhack, Gift und sonstigen wehmütigen Stillvergnügen zu quittieren hat, das ist er gottlob schon gewohnt. Jedenfalls hat mir da eben neben der Mehlbodenwinde unser geliebtester Herr Bruder sehr gefühlvoll die verehrliche Faust unter die Nase gehalten und mir auf unser Gesamtkonto, Herr Pelzmann, den Titel ›Widerwärtige Holzaffenvisage!‹ zugegeben.« »Nimm es dir nicht zu Herzen. Leg es wie ich ruhig zu dem übrigen, Knövenagel«, seufzte Herr Fabian melancholisch. »Ne, durchaus nicht! Im Gegenteil! Holzaffenvisage ist zu gut! Wie oft soll ich es Ihnen denn sagen, Herr Prinzipal, daß Sie es durchaus nicht sind, nach dem sich der Mensch bilden kann. Millionen Jahre hätten Sie alt werden können, ohne dieses ganz richtige Wort gefunden zu haben. Da läuft unsereiner Tag für Tag in der Stadt herum und besinnt sich ewig vergeblich, was er dem dritten Menschen, der ihm begegnet, sagen soll. Holzaffengesicht! Ist das nicht wie eine Eingebung von oben? Jawohl, zum übrigen habe ich es notiert; aber sicherlich nicht als Ladenhüter, sondern zum täglichen Nutzen und Gebrauch. Holzaffenvisage! Doch dieses nur beiläufig; was denn das übrige anbelangt, so sind hier die ersten Exemplare aus der Form von Ihren Karamel-Osterhasen für die diesmalige Saison, und die Herren im Geschäft lassen Ihnen insgeheim ihr ernstgemeintes Kompliment raufsagen und sind der Ansicht, dies sei wirklich eine Novität und müsse ziehen. Selbstverständlich habe ich denn auch mein Wort zu Ihrem Lobe gesprochen, Herr Prinzipal Senior, und habe gesagt: Nicht wahr, meine Herren, da konnten Sie hundert Jahre sitzen und brüten, ehe und bevor so’n Anrecht auf die erste Medaille in Gold von der nächsten Weltindustrieausstellung unter Ihnen lebendig geworden wäre? Sodann nachher, das heißt vorher und um meinen Sack von uns betreffenden Erlebnissen für Sie jetzt ganz auszuschütten, ist mir denn auch in der Hochstraße – Holzaffenvisage ist ganz gut! – mein Gevatter, der ungläubige Schäfer Thomas von Schielau, begegnet und hätte wohl eher die Berechtigung gehabt, mir als zur Firma gehörig gleichfalls die Faust unter die Nase zu halten; hat’s aber nicht getan, sondern läßt Sie bloß höflichst grüßen, Herr Pelzmann, und sein Herr sei gleichfalls zum Markte in der Stadt, und wie er vernommen habe, würde er wohl gegen Mittag bei Ihnen vorsprechen, was uns in Anbetracht, daß er Sie gewöhnlich auf andere und teilweise vernünftigere Gedanken bringt, nur lieb sein kann.« Rüpel! Sagte der Attrappenonkel nicht, auch nicht Holzaffe! Er zog nur rasch den Ellbogen von der Tischplatte und hob die schwere, sorgenvolle Stirn von der Hand, die sie bis jetzt wieder gestützt hatte. »Gott sei Dank!« rief er, »hab’ ich mich nach einem Menschen jetzt gesehnt, so ist es dieser! Oh, der kommt mir recht, und nun komme ich doch noch zu einem freien Atemzuge an diesem Tage! Und er ist immer so gut wie sein Wort; – wahrhaftig, da ist er wirklich schon auf der Treppe.« » Den soll man wohl drei Häuser weit vernehmen, wenn er irgendwo in einem die Treppe hinaufsteigt«, brummte Knövenagel. »Na, ich für mein Teil habe an dem Schritt und Tritt nichts auszusetzen, solange er mir nicht den Buckel hinaufsteigen will; aber dies sage ich: unserem allergnädigsten Herrn Bruder muß bei jedweder Begegnung mit dieser Schielauer Gesellschaft netto so zumute werden wie unserem netten jungen spanischen Menschen in seinen Trikots in der Musikoper, kurz bevor ihn der Deubel ganz holt; uh, eine ewige Gerechtigkeit gibt es doch noch in der Welt, und ich meine den –« »Ich meine jetzt wirklich und ernstlich, daß du den Mund hältst!« rief Herr Fabian Pelzmann hastig und mit einem Blicke, der keine Widerrede mehr duldete. »Wie oft habe ich dich ersucht, daß du wenigstens hierin deine böse Zunge im Zaume halten mögest? Übrigens habe ich dich jetzt hier oben in keiner Weise nötig, tu mir also die Liebe an, packe dich und sieh zu, ob du dich nicht unten in der Fabrik irgendwie nützlich machen kannst. Den Herren im Modelliersaal sprich fürs erste meinen besten Dank aus, und ich würde im Laufe des Tages noch persönlich kommen. Guten Morgen – guten Morgen, Rümpler; oh, wie willkommen du mir bist!« Der neue Besucher hatte mit dem Stockknauf einen Schlag gegen die Tür getan, dieselbige dann sofort aufgerissen, und da stand er auf der Schwelle, den Wolfspelz weit zurückgeschlagen, die Fuchspelzmütze weit rückwärts auf dem Hinterkopf, und brachte eine erkleckliche Kälte, aber auch Leben, Behagen und einen gar nicht mißzuverstehenden Hauch von der Insel Madeira mit sich. Nicht das mindeste hat er dagegen einzuwenden, wenn wir ihn unseren Lesern vorstellen als den Amtmann Rümpler auf Schielau. Es ist ihm vieles in der Welt »ganz egal« oder »tuttlamähmschoose«, und auch diese gehört dazu, so wenig schmeichelhaft es für ihn auch sein mag. »Natürlich bin ich willkommen. Wie die Sonne in der Ernte, wie der Hundsstern zwischen dem vierundzwanzigsten Juli und achtundzwanzigsten August!« lachte der Amtmann von Schielau. »Alter Rattenkönig! alter Mauspriester! – Da sitzt er und piept. Was macht er denn aber mal wieder für ein Gesichte, dieser Schokoladenzauberkerl? Mir ist es jedesmal, als würde ich wieder sieben Jahre alt, sobald ich nur einen Blick in sein Knecht-Ruprechts- uns Sankt-Nikolaus-Reich hineintue, und hockt da mit beiden Händen auf dem Bauche und einer Physiognomie wie: Hülfe und Barmherzigkeit, gleich geht es schlimm!« »Dies verhält sich auch so, Herr Amtmann«, sprach Knövenagel, der trotz dem Wunsche seines Herrn ruhig oben geblieben war, in der unerschütterlichen Gewißheit, daß er sich drunten sicherlich nicht nützlicher machen könne als hier hinter der Stuhllehne seines »Spezialprinzipals«. »Sie konnten uns gar zu keiner andern Zeit angenehmer die Ehre geben, Herr Amtmann, als jetzt in diesem augenblicklichen Momente. Wir befinden uns Ihnen vor einer Krisis, Herr Amtmann. Rattenkönig ist nett; Mausepriester ist auch nicht übel, bin ich soeben mit einer Holzaffenvisage begabet worden, so haben wir in unserem Verdruß und Kummer gewiß nichts gegen alle sonstigen geistreichen Devisen und auf uns passende Betitelungen einzuwenden.« Er hatte dem Besuch den Stuhl, von welchen Herr Sebastian Pelzmann in seinem Grimme aufgesprungen war, zugeschoben. Der Gast ließ sich schwerfällig nieder, warf die Pelzkappe auf den Arbeitstisch des Herrn Fabian, legte beide Hände auf den Stockknauf und fragte, von einem der Bewohner des Hintergebäudes der Firma Pelzmann und Kompanie auf den anderen glotzend: »Nun, Kinder, was ist denn vorgefallen, daß ihr mich anstiert und an den Ketten zieht, als ob eben der Tierarzt in den Stall gekommen sei? Wo ist der Kakao mißraten? Die Prinzessin aus dem Mohrenlande ist doch nicht etwa gar bereits angekommen in dieser Nacht und bei hellem Morgen selbst für euren Geschmack ein bißchen zu schwärzlich ausgefallen?« »Mein Bruder war eben hier und hat mit mir über das Kind gesprochen. O Rümpler!« Der Amtmann ließ einen langen Pfiff hören: »Er will seinen Teil davon, und du willst es ganz behalten. Ihr habt da selbstverständlich die alte Komödie unter dem alten süßen Firmaschild Pelzmann und Kompanie agiert? Ihr gönnt die arme Kreatur selbstverständlich einander nicht – nun, da kenne ich euch hinten und vorn, das heißt im Vorder- und im Hinterhause!« »Er will das Kind nicht im Hause haben! Er will es auch mir nehmen! er will es zur Madame Printemps wegschaffen!« rief Herr Fabian. »Es ist ihm außer der Gewohnheit! es stört ihm seine Behaglichkeit! er sieht tausend Widerwärtigkeiten aus dem Aufenthalte des Kindes seines Bruders unter diesem Dache entstehen! Er ist im bitteren Zorn von mir gegangen –« »Und Sie, Knövenagel, gehen Sie jetzt mal hin, das heißt, gehen Sie mal ’nunter in die Likörkammer, bestellen Sie einen Gruß von mir, und der Amtmann Rümpler aus Schielau bäte höflichst um eine Probe aus der Quelle, die er selber in die Fabrik neulich rekommandiert habe.« »Sehr wohl, Herr Amtmann«, sprach Knövenagel, der einem verständigen Wunsche immer nachkam und nur unberechtigte stets überhörte. Er stapfte ab, weniger wie aus Zucker als wie aus Holz gearbeitet, und sein fast allzu gutmütiger Herr fand sich allein mit dem gutmütigen Freunde, Peter Rümpler aus Schielau. – In hastiger sich überstürzender Redeweise erzählte nun Herr Fabian von seiner letzten Unterhaltung mit dem Bruder, während der andere gelassen, dem Anschein nach mit wenig Interesse an der Erzählung, sich seines Pelzes entledigte und sich als ein zwar untersetzter und breitschulteriger, aber durchaus nicht ungeschlachter Herr von fünfzig und einigen Jahren entpuppte. Als aber der Senior des Hauses Pelzmann geendet hatte, war es plötzlich wie ein Phänomen anzusehen, wie mit einem Ruck der Sonnenschein sowohl aus der Stube des Attrappenonkels wie von dem behaglichen Gesicht des wackeren Landbebauers verschwand. Die leuchtende Kugel verschwand hinter einem Schornstein und vorspringenden Dachgiebel, die Jovialität Peter Rümplers in einem Donner- das heißt Faustschlag, der wie aus heiterem Himmel auf den Arbeitstisch des Freundes niederkrachte. Daß der Himmel über den schneebedeckten Dächern der Fadengasse blau blieb, erschien nun fast wie ein Hohn auf die Stimmung der beiden Herren im Hintergebäude der Firma Pelzmann und Kompanie. »Wie mir deucht, ist es sogar Jahreszeit – so um Epiphanias herum, als sie sich vor zwanzig Jahren zuletzt in die Haare gerieten und auf ewig die brüderliche Zuneigung kündigten, der wilde Hans und der sanfte Heinrich – Gebrüder Lorenz und Sebastian Pelzmann meine ich!« brummte der Amtmann von Schielau. »Wie das nun wieder zu einem vergnügten Frühstück an diesem Morgen zusammentrifft! Mein alter Thomas stattet eben auch seiner Tochter seine Visite – du weißt wohl wo! ab, und so sind wir ja einmal wieder vollzählig hier in der Stadt bis auf den Leutnant, der auf Sumatra in einem Sumpf versunken liegt, aber dafür jetzt sein Kind schickt, daß es sich auch sein Teil von dem alten widerwärtigen Elend hole. Zwanzig Jahre – während welcher die Zucker- und Schokolade-Weihnachtsbude mit ungeschwächten Fonds und immer brillanterem Resultat, wenigstens für den Herrn Chef junior, weiter gearbeitet hat! Als ich vorhin drüben durch die Straße ging, stand es voll von Kindern vor dem unbändigen Mirakelladen. Wie das an den Scheiben leckte und eure Herrlichkeiten mit den Augen und der Einbildungskraft verschlang und gar keine Ahnung davon hatte, was so ein Philisterdach an ganz und gar nicht süßen Teufelsgeschichten in oder unter sich hat! Seit einer netten Reihe von Jahren ist das Schielauer Schäfermädchen nun glücklich im Zuchthause untergebracht und kommt erst in diesem Herbst wieder los, natürlich unter fernerer polizeilicher Aufsicht. Was hat es geholfen, daß sich vor zwanzig Jahren der schöne Lorenz zu ihrem Champignon aufwarf? Wer an einem Giftpilz zugrunde gehen soll, dem kommt derselbige auch in der feinsten Trüffelpastete zwischen die Zähne. Es war freilich ein hübsches, frisches, quickes Ding, und der Zuckerpascha, unser beider Monsieur Sebastian, hat in der Beziehung allewege einen feinen Geschmack präsentiert. Dich nennen sie bloß den Attrappenonkel; aber der hat es von jeher noch ganz anders wie du verstanden, seine Erfindungsgabe zu einem Vergnügen und zum Pläsier der Unschuld nützlich zu gebrauchen. Der verstand es, sich der Welt Nichtsnutzigkeit in Zucker einzumachen – der mit seiner Feder hinterm Ohr und von seinem Schreibpult aus! O Fabian, alter Fabian, welch eine kuriose Weihnachtsfirma seid ihr doch auf diesem sappermentschen Erdball, von dem wir Ökonomen immer noch am ersten und genauesten die Erfahrung machen, daß er nicht aus Zucker und Schokolade gewälzt ist! Dich nennen sie in der Stadt einen Narren und den Attrappenonkel, ich habe heute morgen meinen Thomas auf dem Schlittenbock mit hineingebracht, weil er seinem Kinde seinen Monatsbesuch abstatten will, und der Mann mit der Feder hinter dem Ohr will seines Bruders Kind nicht unter seinem Dach leiden, weil es ihm die Behaglichkeit seiner solideren Lebensjahre stören könnte. O alter, lieber Kerl, du bist doch der Beste; und der einzige richtige Attrappenonkel ist einzig und allein unser Herrgott, weil er immer noch solche komischen Burschen wie dich und auch immer mit einer Devise im Bauche in seinem Allerweltsladen und großen Schaufenster zum Handel aufstellt. Also du hast ihm, unseren edlen Junior meine ich, höflichst die Tür aufgemacht und ihm den Weg nach seinem Kontor zurückgewiesen? Fabian, ich hoffe zu Gott, daß du deine Natur wenigstens diesmal gänzlich verleugnet und so heimtückisch und grob als möglich dich bewiesen hast!« »Ja«, sagte der Attrappenonkel, »ich habe ihm meinen festen Willen ausgedrückt, meinesteils den Versuch zu machen, der Tochter unseres verstorbenen Bruders eine Heimat unter diesem Dache zu bereiten; – ich –« »Sagen Sie ganz dreiste wir , Herr Pelzmann«, sprach Knövenagel, der mit einer in exotisches Stroh- oder Rohrgeflecht gewickelten, rundbäuchigen Flasche und einigen Spitzgläsern auf einem Teller von seiner Sendung in die Fabrik zurückkehrte, das letzte Wort aufschnappte und natürlich sofort eines aus seinem eigenen unermeßlichen Vorrat dranhing. »Daß ich nun und nimmer das Kind, vorausgesetzt, daß es selber es nicht so will, seinen Weg allein und unbeschützt durch die schlimme Welt gehen lassen werde«, fuhr Herr Fabian fort, »und –« »Daß wir mit unserer häuslichen Einrichtung zum Empfang für das Fräulein grade heute morgen so weit fertig geworden sind, daß wir uns nicht gar zu sträflich damit blamieren«, schloß Knövenagel. »Sehen Sie sich vor allen Dingen nur erst mal das Nest an, was wir, ich und der Herr Prinzipal, unserer gnädigen jungen Dame ausgefedert haben, Herr Amtmann. Es ist wirklich der Mühe wert.« Da war die Sonne wieder! Nicht in dem kuriosen Arbeitszimmer des Attrappenonkels; aber gottlob mit verdoppeltem Glanze auf seinem Gesichte! Mit freudestrahlenden Augen, einem bis an beide Ohren selig verzogenen Munde und die Hände im behaglichen Gekitzel eines vorgeschmeckten Lobes zwischen den Knieen reibend, rief er: »Ja, da hat Knövenagel recht, lieber Peter, und es würde mir in der Tat angenehm sein, auch deine Ansicht über unsere kleinen Einrichtungen zu vernehmen!« »Nimm an, ich sei eigens hierzu, und nicht um dir eben die dumme, lange, überflüssige Rede zu halten, in die Stadt gekommen!« rief der Amtmann Rümpler von Schielau; und Herr Fabian, glückselig aus seinem Sessel emporschnellend, rieb doch dabei unwillkürlich ein wenig die Schulter, auf welche der Amtmann zärtlich seine Hand hatte niederfallen lassen. »Sage mir aber aufrichtig deine Meinung, Peter!« rief der Attrappenonkel, den sachverständigen Freund vom Lande am Arm mit sich ziehend. Knövenagel, dem äußeren Anschein nach unbewegter denn je, innerlich aber mehr denn je als »eigentlich der wahre Mann«, stieg steifbeinig mit seinem Präsentierteller, seiner exotischen Schnapsflasche und seinen drei Spitzgläsern den beiden Herren nach und trat ihnen fast die Hacken ab in dem unerschütterlichen Bewußtsein, daß auch an dieser Stelle sein Spezialprinzipal für gar nichts das richtige Wort zu finden wissen werde. Auch aus den Gemächern, die der Onkel für seine unbekannte tropische Nichte zubereitet hatte, war die Sonne der Fadengasse weggeschlüpft um diese Stunde wie aus seinem eigenen Zimmer. Es war in Anbetracht der gegenüberliegenden hohen Häuser und der engen Straße auch hier trotz dem hellen Mittag ziemlich dämmrig. »Donnerwetter, wie kühl!« rief der Amtmann, als Herr Fabian die erste Tür öffnete und die Portiere zurückschlug. »Alle Hagel, wie schön!« rief er, mit unbegrenztem Erstaunen umherstarrend. »Wunderbar!« schrie er endlich, »jawohl, die Lokalitäten hattest du, alter schnurriger Tausendkünstler, eine Wand einzuschlagen verstehst du auch, und was den sonstigen Geschmack in den Händen und dem Hirnkasten anbetrifft – alabonnör! Die Auslagen wirft das Geschäft gottlob auch noch ab, und die Küche besorgt Knövenagel. Für ’n paar schwarze Sklaven, Sklavinnen und sonstige Kulis findet sich beizu auch noch das nötige Unterkommen. Bringt sie einen Elefanten mit, so brauche ich dir nicht anzuraten, dem möglichst im Warmen in einem Stall neben dem Kesselhause die Krippe hinzustellen. Fabian, du hast deine Sache ausgezeichnet gemacht und wirklich das Recht, dich auf das Gesicht, was die Kleine machen wird, riesig zu freuen. Jaja, eine gewisse Unbequemlichkeit in den gewohnten Verhältnissen macht die Geschichte freilich, und daß unser guter Bruder Sebastian jetzt schon ein Gesicht dazu schneidet, das – wollen wir ihm lassen, das ist sein Vergnügen, und sein Vergnügen will doch jedermann in dieser Welt haben.« Für die schönere Jahreszeit rechnen wir ganz bestimmt auch auf Schielau« sagte der Attrappenonkel, von dem letzten, recht unvergnüglichen Thema die Unterhaltung rasch wieder ablenkend. »Den deutschen Frühling und Sommer zeigen wir dem Kinde in Schielau. Ihr nehmt uns doch auf, wenn ich mit ihm komme, Peter?« »Na, meine Alte!« schrie Peter Rümpler, einen entzückten Faustschlag, dem der Attrappenonkel diesmal glücklich auswich, in die Luft tuend. »Hurra, du bist und bleibst ein Hauptkerl, Fabian, von den ersten neun gesunden Kräutern am grünen Donnerstag an bis zum letzten Feldfeuer in der Kartoffelernte. Ein Untier bist du.« »Da haben Sie ganz recht, Herr Amtmann«, sprach Knövenagel, immer noch mit seinem Präsentierteller zwischen den Fäusten. »Das ist er; aber erwarten Sie auch mich mal erst in meiner ganzen richtigen Glorie hier in unserer Domäne als Haushofmeister, Kammerjunker und dergleichen. Passen Sie auf, dem Vordergebäude werden wir im Laufe der Zeiten andeuten, was wir hier von hinten der muffigen Menschheit – ohne nähere Bezeichnung, Herr Pelzmann – zu zeigen haben.« »Am ersten März reise ich nach Marseille«, sagte Herr Fabian. »Hallo?!« stammelte der Schielauer Amtmann im höchsten Zweifel, den Senior der Firma Pelzmann und Kompanie von oben bis unten anstierend. »Menschenskind?! – du ?« »Einer muß doch das Kind vom Schiff abholen«, erwiderte der Attrappenonkel, und Peter Rümpler griff nach der exotischen Flasche auf dem Teller, den ihm Knövenagel vorhielt, goß alle drei Kristallgläser voll, goß das erste in sich hinein, ließ ihm das zweite folgen und ächzte mit dem dritten in der Hand: »Da hört denn doch alles auf!« »Da haben – Sie – wieder – recht – Herr Amtmann!« stotterte Knövenagel, zum ersten Mal in dieser Geschichte vollständig aus der Fassung gebracht. Mit geöffnetem Munde blickte er von den drei so phänomenartig geleerten Gläsern auf seinem Präsentierteller zuerst auf den landbebauenden Freund seines Herrn und sodann mit dem ganzen horror vacui in dem Blick auf seinen Herrn und stöhnte: »Jawohl, am ersten Märzen fahren wir ab nach Marsellje! – Unten im Geschäft werden sie das eine Naturbegebenheit nennen; aber es freut mich, daß es Sie doch auch also ein bißchen wundert, Herr Amtmann!« Sechstes Kapitel »Nach Marseille! Das Universum träumt das also nicht bloß, sondern es ist ein wirklich wahrhaftig Faktum!« rief der Hofmedikus Baumsteiger. »Man hat eines Morgens seine Tür verschlossen und einen Zettel daran geklebt gefunden mit der stupifizierenden Benachrichtigung: Verreist! – Hinein ins rachgierige Frankreich! Nach Marseille mit einem Diktionär unter dem einen Arme, seinen Regenschirme unter dem anderen und seinem Knövenagel mit einem Reisesack auf den Hacken! Er, der bis dato nie eine Meile über das Weichbild dieser Stadt sich hinausgewagt hatte! Das ist einfach großartig, und – Pelzmann, beinahe ebenso merkwürdig ist, daß die ganze Stadt, soweit sie in Betracht kommt, mit demselbigen Interesse dem alten originalen Burschen nachguckt wie ich. Ad exemplum mein altes altjüngferliches, allergnädigstes allerdurchlauchtigstes Leckermaul, Ihre Königliche Hoheit meine Prinzeß Gabriele Angelika, die sich wenigstens alle vierzehn Tage einmal den Magen an euerm Geschäft verdirbt und mich aus dem Schlummer schellen läßt, erkundigte sich täglich bei mir nach dem Attrappenonkel. Ich versichere dich, cher ami, war der schnurrige Kerl bis jetzt eine bekannte Persönlichkeit, so ist er nunmehr zu einer berühmten geworden und macht Reklame für die Firma, wie sie nicht riesenhafter gedacht werden kann. Und für die Nichte mit! Wo ich hinkomme und noch ehe ich mir die Zungen sonst habe zeigen lassen, erkundigen sie sich nach euerm kleinen Mädchen aus der Fremde und fragen nach, ob sie immer noch nicht in der großen Sodbrennerei und Magendruckfabrik zwischen der Hochstraße und der Fadengasse angelangt sei.« Der Doktorwagen des beliebten Arztes hielt vor der Haustür des Hauses Pelzmann in der breiten volks- und geschäftsreichen Hochstraße, und der Doktor selbst saß in dem Privatkabinett des Juniors der Firma diesem gegenüber und – konnte, seinem behaglichen Schmunzeln nach zu urteilen, nicht die mindeste Ahnung von dem Mißbehagen haben, welches auch er dem verdrießlichen Manne durch seine Unterhaltung bereitete. »Ich bitte dich um alles in der Welt, verschone du mich wenigstens mit dem Geschwätz der Stadt!« rief Herr Sebastian, als er es zuletzt nicht mehr aushielt. »Ob mein Bruder verreist ist, weiß ich nicht. Wohin er gereist ist, weiß ich nicht. Abschied hat er jedenfalls nicht von mir genommen. Daß er wisse, was er zu tun habe, behauptet er wenigstens. Ich für meinen Teil desgleichen.« »Hm«, brummte der Hofmedikus, die goldene Dose zwischen den weißen, fleischigen Händen auf dem behaglichen Bäuchlein drehend, während der Fabrikant, um der unbehaglichen Unterhaltung ein Ende zu machen, aufstand und zum Fenster schritt. »Märzstaub, Baumsteiger«, sagte er. »Ein kalter, trockner Ostwind. Viele Kranke in der Stadt, lieber Freund?« »Danke, es geht!« brummte der liebe Freund und harmlose therapeutische Mephistopheles mit einem viel weniger diabolischen als wehleidigen Blick auf den Rücken des Herrn Sebastian. »Die besten, zähesten Naturen können nicht umhin, sich durch gegenwärtige Witterung hier und da – sagen wir mal, an ihre Jugendsünden erinnern zu lassen. He, was gibt’s denn da?« Der letzte fragende Ausruf galt einem raschen Zurückfahren des Fabrikanten vom Fenster, infolgedessen auch Hofmedikus Baumsteiger mit möglichster Raschheit die goldene Brille zurechtrückte und, auf den Zehen stehend, mit fast komischer Neugier dem Whist-, Tafel- und Klubgenossen über die Schulter weg auf die Hochstraße hinaussah. Nur ein alter Mann in bäuerlicher Tracht, der einen rauhzottigen Hund an einem Stricke mit sich führte, langsam, ohne aufzusehen, auf dem Bürgersteige der entgegengesetzten Seite der sehr belebten Gasse vorbeiging, und höflich eben einem ihm entgegenkommenden Schwarm junger Damen auswich, – im nächsten Augenblick schon durch die paarweise einherziehende Pension der Madame Printemps den Blicken der zwei Herren im Hause Pelzmann entzogen! – Der Hofmedikus brummte diesmal nicht einmal hm hm, und der Fabrikant sagte auch nichts. Letzterer jedoch sah verkniffener und gelblicher denn je aus und fiel schwer in den Sessel zurück. Der bäuerliche Mann auf der anderen Seite der Straße war der Schäfer Thomas aus Schielau gewesen, der seinen Märzbesuch in der Stadt abgestattet hatte und auf dem Rückwege, anscheinend aus Holz wie Knövenagel, jeden Monat einmal die Hochstraße passierte, obgleich er deshalb einen Umweg machen mußte, um wieder zu seinem Tor und auf seine Landstraße nach Schielau zu gelangen. Als der Hofmedikus wieder in seinem Wagen saß, summte er zuerst eine geraume Weile Heinrichs des Vierten Liebeslied mit wenig wonnigem Ausdruck vor sich hin: »Reizende Gabriele! Ob wund von Liebespfeilen, Folg’ ich des Mars Befehle, Zur Kriegesfahn’ zu eilen.« Sodann aber entschädigte er sich fernerhin durch ein längeres Selbstgespräch für den Zwang, den er seinem Unterhaltungsbedürfnis soeben hatte antun müssen. »Der liebe Mann!« brummte er. »Dieser gute Sebastian! Schade um ihn! Versteht es doch sonst so wohl, sich nichts aus den Gefühlen, dem Verdruß und Ärger anderer zu machen, und ist mir doch in meiner Praxis kaum ein anderer vorgekommen, der sein Lebensbehagen mit so viel nervösen und moralischen Aufregungen nach der unangenehmen Seite hin zu bezahlen hat. Auch so ein tröstlich Beispiel dafür, daß der Mensch nicht so leicht totzukriegen ist, wie er selber es sich dann und wann bei deterioriertem Gangliensystem einbildet. Könnte es so leicht haben, dem ewigen Verdruß um alberne, längst verstunkene und von jedermann vergessene Allotria durch ein angenehm einschläfernd, in sein eigen Fabrikat gewickelt Mittelchen ein Ende zu machen, und – gibt allewege seine trefflichen Diners und Soupers weiter! Wie nett war zum Exempel das gestrige! – Jaja, es war richtig unser tragischer, melodramatischer Schafmeister von Schielau, der ihm da wieder mal durch die Hochstraße stieg und ihn auf Wochen hinaus für jede L’hombrepartie unerträglich machte! – Und drolligerweise in demselben Moment unsere liebenswürdige geistige Engelmacherin Lady Pinchbeck mit ihrer allerliebsten, für den Heiratsmarkt auf den Faden gezogenen Hühnchenkette, wegen welcher er, wie er uns mitteilte, für alle Zeit mit dem Attrappenonkel endgültig gebrochen hat! – Was hatte der Attrappenonkel auch einzuwenden gegen Mylady Pichbeck, Madame Printemps? – Der Attrappenonkel auf der Jagd nach seinem surinamschen, sumatraschen oder javanschen Paradiesvogel – unser braver Fabian mit seinem Knövenagel auf der Fahrt durch das revanchebrütende Franzosenland. Sämtliche Taschen nach gewohnter Weise voll Zuckerplätzchen und sonstiger eigener Fabrikate, wie auf einem Spaziergange durch und um hiesige Stadt! Ich bin unbedingt dabei, wenn er wieder nach Hause kommt, und Knövenageln lade ich mir an dem ersten nächstfolgenden stillen Sonntagmorgen ganz privatim zum Frühstück ein, um mir von ihm seine Abenteuer erzählen zu lassen. Nichts tot zu kriegen in der Welt! auch der Spaß an ihr nicht!« Was das Wort von der Lady Pinchbeck anbetrifft, so beweist es nur, daß der Hofmedikus Dr. Baumsteiger auch den Don Juan des Lord Byron, wo es heißt: ›Consulting the Society for Vic- Suppression, Lady Pinchbeck was his choice‹, nämlich für die «Zähmung der kleinen, wilden Asiatin" – mit Nutzen für den täglichen Gebrauch gelesen hatte. Was aber das Wort von dem Nichttotkriegen des Spaßes in dieser Welt angeht, so gibt es Gott sei Dank immer noch Leute, die gar nicht lesen können und doch nur selten um eine Belegstelle dafür in Verlegenheit geraten und in Melancholie verfallen. Gott sei Dank, der Spaß ist nicht tot zu kriegen in dieser so sehr mürrischen Welt, und einen Spaß, ein Vergnügen ersten Ranges geben für jeden mit dem nötigen Verständnis dafür Begabten die Umstände ab, unter denen auch hier aus der Erwartung die Gewißheit hervorging und der »asiatische Bachfisch« endlich als im Lande eingetroffen gebucht werden konnte. Ein überwundener Standpunkt wird auch aus der gespanntesten Erwartung, und so auch in diesem Falle. Es kam ein letztes lustiges winterliches Schneegestöber, dem ein längerer Regen folgte. Hinter letzterm trocknete der Ostwind rasch wie gewöhnlich in diesem Monat auf, und der Märzenstaub gewann von neuem die Herrschaft in den Gassen; aber aus der Umgebung der Stadt brachten die Leute von ihren Spaziergängen alles das mit, was gleichfalls in den März hinein sich schickt und dazu gehört: Weidenkätzchen und Haselnußschäfchen, Seidelbastblüten, Leberblumen, Anemonen, Veilchen und auch dann und wann einen heftigen Schnupfen. Und an dem schönsten, sonnigsten, aber auch windigsten Vorfrühlingsmorgen ging es wie ein elektrischer Schlag durch sämtliche Fabrikräume und sonstigen Geschäftslokale der Firma Pelzmann und Kompanie: »O du meine Güte – Knövenagel! – Ist denn das Knövenagel? – Herrgott, da ist ja Knövenagel!« Einer erblickte ihn natürlich zuerst, hatte aber nicht nötig, seinen Nachbar am Tagewerk auf die Merkwürdigkeit aufmerksam zu machen. Von Hof zu Hof, von Arbeitssaal zu Arbeitssaal, von Stuhl zu Stuhl, von Bank zu Bank, von Tisch zu Tisch ging die Nachricht: »Knövenagel ist wieder da aus Frankreich! Eben geht er durch den Klappersaal! Unser Herr Fabian ist zurück!« Während einer geraumen Zeit stockte jegliche Handarbeit vollständig, und es war als ein Wunder zu nehmen, daß die Maschinen ihre Tätigkeit nicht auch unterbrachen, daß, was durch Rad und Hebel in Bewegung gesetzt wurde, weiter haspelte, gleichgültig dagegen, ob Knövenagel wieder im Lande war oder nicht! Es blieb aber kein Zweifel möglich. Da stieg er hin durch das große Geschäft, als ob er niemals draus weg gewesen sei – des Herrn Sebastian Pelzmann widerwärtigster Holzaffe, des Herrn Fabian Pelzmann linke Hand! Dasselbe langweilig-dumm-diabolisch-schlaue Ledergesicht, derselbe Rock, dieselben Beine, dieselben Arme und an letzteren die unmenschlichen, unglaublichen, schlaff aus den Ärmeln hängenden Tatzen. Knövenagel, wie er leibte und lebte. »Vorausgesetzt, daß er es in Leib und Leben ist!« sagte einer. »Vorausgesetzt, daß sie ihn nicht richtig in Frankreich als allgemeinen Deutschen und wegen seiner persönlichen, besondern Liebenswürdigkeit um sein Leben gebracht und eingeschlachtet haben und er uns nur als Gespenst kommt. Sie, Pommer, Sie standen in der Division Kummer und stehen feste, rühren Sie ihn doch mal der Gewißheit wegen an. Ich tue es nicht für ’ne Million, ich graule mir zu scheußlich vor ihm!« »Äh!« sagte Knövenagel, der, je mehr die Bewegung um ihn her zunahm, desto steifer sich hindurchschob. Einige, deren Beschäftigung es zuließ, liefen auch nach dem Hinterhofe, um nach den Fenstern des Attrappenonkels emporzustarren; aber die meisten drängten sich doch des Onkels Famulus in den Weg und wagten es endlich auch wohl, ihn »anzurühren«, um sich dadurch von seinem Vorhandensein im Fleisch zu vergewissern. »Es hat richtig seine Richtigkeit mit ihm! Er ist es noch, gerade als ob ihn sein Herr, unser Herr Fabian, eben erst neu erfunden hätte! Juchhe, wir haben ihn wieder auf der Nase! – Um Gottes willen, Knövenagel, seit wie lange sind Sie denn wieder im Lande, ohne daß eine Menschenseele eine Ahnung davon gehabt hat?« »Öh!« »Na, alter Holzbock, wie war es denn in Frankreich? Was sagten denn die lieben Franzosen zu Ihnen? Was? So was haben sie wohl selbst Anno siebenzig, als sie sich die ganze Musterkarte haben kommen lassen, nicht zur Auswahl mitgekriegt? So erzählen Sie doch, Knövenagel!« »Ah – öh!« ächzte Knövenagel, mit beiden Ellenbogen wie im gesteigerten Ekel vor der Zärtlichkeit und Zudringlichkeit der Menschheit sich Raum schaffend. »Ist denn der Herr auch wieder da? und hat er das Fräulein – unser Fräulein glücklich mitgebracht? – Dies ist ja zu graulig! So tun Sie doch einmal die Zähne voneinander, Sie –« »Holzaffenvisage«, schnarrte Knövenagel. »Das sagt gewiß keiner als Sie selber, alter Fetisch; aber im vollen Ernste, wissen wollten wir jetzt, wie lange Sie schon da oben in Ihrer verzauberten Burg stecken, ohne daß hier unten einer das geringste davon gemerkt hat?« »Liegt Ihnen wirklich daran, es ganz genau zu wissen, Herr Buchhalter?« »Nun höre einer! das Ungeheuer fragt noch?« Na, denn ohne alle weiteren Injurien, was das Frankreich anbetrifft, so ist das gar nichts, und was die Franzosen angeht, so sage ich allabonnör sowohl in unserer Branche als auch überhaupt als umgängliche und höfliche Leute, zumal und nach dem zu beurteilen, was in diesem Moment hier um mich herum drängelt und Maulaffen feil hält, wobei ich Sie, Herr Buchhalter, aus geschäftlichem Respekt wenigstens ausnehme. Was unsere glückliche Wiederankunft im lieben Vaterlande anbetrifft, so – sagen wir meinetwegen zirka vorige Woche. Für die genaueren Umstände habe ich erstens keine Zeit und zweitens keine Ordre, sowohl von meinem Herrn als auch von meinem Fräulein, und drittens – zum Donnerwetter, haben wir für die gegenwärtige angenehme Empfangsfestivität doch nun wohl lange genug faul hingestanden und unser Pläsier aufs Konto der Firma aneinander gehabt. Meinen Sie nicht auch, Herr Lagerinspektor?« »Zirka seit voriger Woche! dies wäre doch zu großartig!« seufzt der eine, dem langsam sich weiterschiebenden Knövenagel ungläubig nachsehend. »Möglich ist es schon bei dem Charakter!« meinte kopfschüttelnd der »Lagerist« der Firma Pelzmann und Kompanie. Sodann besprachen sie in jedem Arbeitssaal und an jedem Schreibpulte die wunderbare Neuigkeit weiter, und so gelangte, kaum eine halbe Viertelstunde, nachdem der Famulus des Herrn Fabian von neuem an dem Horizonte des großen Geschäftes aufgegangen war, die Nachricht davon leise und schüchtern in das Privatkabinett des Herrn Sebastian. »Und was das Merkwürdigste ist«, setzte der letzte Berichterstatter in der Stellung des letzten Pfahls einer Telegraphenleitung hinzu, »vor acht Tagen bereits sollen die Herrschaften drüben von ihrer Reise angekommen sein.« Herr Sebastian blickte auf und den Herrn aus dem Nebenkontor an, als ob er ihm etwas zu erwidern habe, sagte jedoch nichts, und nachdem der Berichterstatter mehrere Augenblicke vergeblich auf ein wenn auch nicht freudiges, so doch verwundertes Wort gewartet hatte, zog er sich bescheiden zurück und sah – seinen Herrn Prinzipal weiterschreiben. Sowie sich aber die Tür hinter dem Herrn aus dem Geschäfte geschlossen hatte, warf der jüngere und Hauptteilhaber des Hauses Pelzmann die Feder hin und rief: »Was geht’s mich an?« Was in diesem Falle nur heißen konnte: »Da habe ich es denn! – Es ist unglaublich, aber ganz und gar in sein Charakter!« Mit dem letztern Ausruf stand er seinem älteren Bruder gegenüber nur auf dem Standpunkte des letzten seiner Arbeiter und doch auf einem sehr beträchtlich davon entfernten und verschiedenen. Siebentes Kapitel Dies war nun wieder so ein Stück von dem Attrappenonkel. So machte er es, und auf dieser lärmvollen Erde imponiert den Menschen am Ende doch nichts sosehr als einer von ihnen, der gar keinen Spektakel zu verursachen wünscht und doch seinen Willen effektvoll durchsetzt. Wenn auch nicht seit acht Tagen, so doch schon seit dem gestrigen Abend wohnte Konstanze Pelzmann unter dem Dache, unter welchem ihr Vater geboren war. Der Attrappenonkel hatte das Kind, in der Dämmerung mit ihm auf dem Bahnhofe anlangend, wie einige sagten: nach seiner Art verstohlen! in eine Droschke gehoben und in der Fadengasse ebenso unbemerkt seinen Hausschlüssel herausgezogen und es und sich hineingelassen in das Hinterhaus des Geschäftes von Pelzmann und Kompanie. Für einen Mann, der bis dahin nicht eine Meile über die nächste Umgebung seiner Vaterstadt hinausgekommen war und jetzt von Marseille kam, konnte die Sache kaum programmäßiger verlaufen. Auch seinen Leuchter hatte er auf dem Hausflur in gewohnter Weise bereit gefunden, diesmal freilich in der Hand eines ebenfalls mit auf seinem Programm stehenden weiblichen Wesens, einer Frau Kettner, zwar keiner Base Knövenagels, aber doch ganz ausnehmend in seine Familie passend und mit einem Anflug von Wehleidigkeit in zähester Lederhaftigkeit bereit, sowohl das Leben für den Herrn Pelzmann senior zu lassen, wie auch seiner Fräulein Nichte aus dem Asien alle die Dienste zu leisten, für die Knövenagel selber und auch der Onkel sich, und zwar widerwillig genug, inkompetent erklären mußten. Deren waren freilich nicht viele. Sie hatten ein lustig Feuer in jedem Ofen flackernd gefunden und ein programmäßig Nachtessen, von dem unser »armes indianisches Fräulein« in seiner Reismüdigkeit leider nur zu wenig zu genießen vermochte. »Ja, da sind wir nun zu Hause, mein Herz«, sagte Herr Fabian, »und du mußt nun vorlieb nehmen mit mir ungeschicktem alten Burschen und Knövenagel und der Madam Kettner. Dich fröstelt noch immer, mein armes Kind; bei euch zu Hause ist es freilich wärmer. Guck nach dem Ofen, Knövenagel! sieh nach allen Öfen! das ist hier ja eine wahre Hundekälte!« rief er, sich den Schweiß von der Stirn trocknend. »Das ist nun die Frau Kettner, mein Liebchen; ist es dir von zu Hause her angenehmer, so läßt sie sich auch schwarz färben. Vierundzwanzig Grad Zimmerwärme hatte ich doch telegraphisch voraufbestellt – das sind hier aber sicherlich nur zwanzig, liebste Frau. Sieh du einmal nach dem Thermometer, Knövenagel, und schaff mehr Holz in den Ofen!« seufzte der Onkel Fabian, und jeder Angsttropfen, den ihm die herrschende Temperatur im Gemache auspreßte, wog mehr denn ein ganz von unfruchtbaren Liebestränen durchfeuchtetes Sacktuch auf. »Bloß fünfundzwanzig Grade, Herr Pelzmann«, meldete Knövenagel ruhig, aber gleich seinem Herrn schwitzend; und wie auch die Frau Kettner sich zu der Idee, sich von wegen des möglichen Heimwehs unseres Fräuleins nach ihren Mohren gleicherweise schwarz färben zu lassen, stellen mochte, sie lächelte holdselig und meinte: »Seien Sie nur ganz ruhig, Herr Pelzmann. Sie kennen mich, Knövenagel kennt mich, und ganz umsonst habe ich doch auch nicht in den besten Familien Amme, Kinderfrau und bis jetzt Haushälterin für alleinstehende Herren gespielt, und setzen Sie mir auch unangefärbt eine Prinzessin auf den Schoß, ich weiß mit ihr umzugehen, und ein bißchen sollten Sie sich doch zwingen, liebes, gutes Fräulein, und ein bißchen genießen auf die lange Reise von Indien her. Das hält ja wirklich kein Mensch aus!« »Oh, ich bin so sehr glücklich und so dankbar!« rief dann Konstanze Pelzmann, und weiter hatte sie überhaupt nichts sagen können an ihrem ersten Abend in dem Reiche des Attrappenonkels. Und wir, wir sind so ziemlich in demselben Falle und können bis jetzt nichts weiter von ihr sagen, als daß sie wirklich fröstelnd, in allerlei wundervolle Decken und Tücher gehüllt, im Diwan saß, die Hand des Onkels hielt und immer von neuem den Versuch machte, dieselbe an ihre Lippen zu ziehen, was jedesmal den Attrappenonkel sehr heftig aufregte und die wunderlichste Attrappe für ihn selber bedeutete. Wir wissen aber Gott sei Dank auch, was Kindern und jungen Damen am dienstlichsten ist, bringen also das Fräulein von der Malaieninsel früh zu Bette, das heißt schicken es unter der Aufsicht und der Hülfeleistung der Frau Kettner hinein und lassen uns von der letztern beruhigt versichern: »Nach fünf Minuten schon haben wir nichts mehr von der Welt und uns gewußt.« Letzteres konnte man, aller Reisestrapazen ungeachtet, von Herrn Fabian Pelzmann, nachdem auch er zu Bette gegangen war, nicht behaupten. So ziemlich die ganze Nacht hindurch wußte er sowohl von sich wie auch von der Welt. Bis nach Mitternacht lief er in seinem kuriosen Studio auf und ab, und als er dann endlich zu Bette stieg, ging er damit noch lange nicht zur Ruh. Glücklicherweise war es nicht die nötige sorgenvolle Abrechnung mit der Welt, die ihn bis zur Morgendämmerung wach hielt; viel angenehme ihn selber allein betreffende Bilder beschäftigten ihn, und er attrappierte sich auf Phantasien, wie sie ihm, trotz seiner allgemeinen Begabung dafür, bis dato noch nie gekommen waren. Das Resultat war zuletzt: »Darin hatte der Bruder recht, die Welt wird eine andere, wenn man nicht mehr für sich allein in seinen vier Pfählen ist. O du armer, lieber kleiner Kompagnon mit deinem leeren, armen Pfötchen, wie machst du mir die alte Firma zu einem andern Dinge! Aus einem ledernen Sack zu einer silbernen Glocke! – Welch eine Beruhigung; drüben schläfst du nach deiner langen, schlimmen Reise und weißt nichts von der Welt, und – ich – ich habe es bis jetzt auch nicht gewußt, daß die Sorge mit das Beste in und an der Welt ist! – Du kümmere dich um nichts und schlaf ruhig mit deiner kleinen, offenen Hand auf der Decke, mein arm Mädchen, mein lieber kleiner Kompagnon!« Wir haben es nicht gezählt, wie oft der Attrappenonkel in seinen wachen Träumen unter seiner Decke die Hände aneinander rieb, wie oft er bei dem Scheine seines Nachtlichts nach der Uhr sah. »Erst vier? Wie spät es doch hierzulande Tag wird! Das ist mir wirklich noch nie so deutlich geworden wie jetzt. Ach, und wie dunkel trotz der Sonne diese Fadengasse morgen früh für mein Tropenkind sein wird!« Der neue Morgen kam, und wir sahen Knövenagel durch das erstaunte Geschäft schreiten und es mit unerschütterlich gröblich spukhaftem Phlegma fast außer sich bringen. Nun scheint die Märzensonne, so hell sie es eben »hierzulande« vermag, über die Dächer der Fadengasse in des Attrappenonkels buntes Reich, und Fräulein Konstanze Pelzmann kann nur immer von neuem die Hände zusammenlegen und zwischen Lachen und Weinen rufen: »O wie wundervoll! O wie sonderbar! O wie gut werde ich es bei dir haben, du guter Onkel Fabian!« Wir aber, die wir erst in diesem Kapitel dazu gekommen sind, nur ihren Taufnamen hinzuschreiben, kommen jetzt endlich doch wohl nicht mehr um die Verpflichtung herum, ein wenig mehr von ihr zu sagen. Sie hatten allesamt in der Familie die Schönheit nicht mit Löffeln gefressen, wie die ganz gemeine Redensart lautet. Was an Familienbildnissen sich an den Wänden hier und da, sowohl im Vorder- wie im Hinterhause, erhalten hatte, zog wenig an, wie auch die Künstler in Öl, Kreide und Bleistift ihr Bestes getan haben mochten. Und die Pelzmanns, die geheiratet hatten, schienen auch viel weniger auf vergängliche Reize als gediegene Mitgiften gesehen zu haben. Die Damen aus den besten Firmen der Stadt, die auf diese Weise in die Familie hineingekommen waren – zwei von ihnen hatten sich speziell als hervorstechende Muster in Bleistift über dem Schreibtische des Attrappenonkels erhalten –, hätten beide wohl einem Rubens, aber nimmer einem Raffael zum Modell dienen können. Aber auch dem Miniaturbilde der hübschen holländisch-kreolischen Mutter, das das Töchterlein in einer Goldkapsel an einem schwarzen Bande auf dem Busen trug, sah es kaum ähnlich, und was es von dem im Sumpfe versunkenen Vater an sich hatte, mochte wohl des Hauptsächlichste zu dem Eindruck tun, den es auf die Leute machte. Mejuffrouw Konstantia Pelzmann! Wie das sonor und vollgewichtig klingt! Und nun schlüpft sie dahin durch diese Blätter, für den Geschmack des Onkels Sebastian in der Tat viel zu mager und auch gar nicht so, wie sie sich der kunstreiche Attrappenonkel in seinen phantasievollen Träumen vorgestellt und gedacht hatte, sondern »selbstverständlich« über »alle Phantasterei und alle überflüssigen Voreinbildungen lieber, nicht wahr, Knövenagel?« »Gar nicht zu brauchen in Schokolade und Zucker, Herr Prinzipal. Ganz ohne allen Fond für eine von unseren Erfindungen, Herr Pelzmann!« Da geht sie langsam und ruhig hin durch dies Buch, ein klein, ehrlich, ruhig Fräulein, ein Blondinchen aus dem Mohrenlande, des ebensogut in der Fadengasse oder der Hochstraße hätte geboren sein können, und das sich nun mehr durch seine ernsthaften, ehrbaren, ehrlichen dunklen Augen als durch seine Zunge in der deutschen Welt und gegen die deutsche Sprache zu helfen hatte und seinem Schöpfer danken mochte, daß es wenigstens im Verkehr mit dem Onkel Fabian weder der einen noch der anderen, weder der Augen noch der Zunge bedurfte, um sich ihm als sein liebes Kind und gutes Mädchen verständlich zu machen und die Frau Kettner, Knövenageln, sowie späterhin einige andere Leute mit in das Verständnis hineinzuziehen. Könnten wir sie reden lassen, wie sie auf Holländisch, Malaiisch und Deutsch radebrechte, so wäre uns viel dadurch geholfen. Glücklicherweise spricht sie wenig, und das wenige sagt sie, so gut sie es kann, deutsch. Für ihre fast immer wie verwundert dreinblickenden Augen bitten wir vor allen andern auch unsere Leser um das nötige Verständnis. Gegen zwölf Uhr mittags kehrte Knövenagel von einem abermaligen Gange in das Vorderhaus zu seinem Spezialprinzipal zurück und berichtete: »Wir sollen angenehm sein drüben! – Angenehm?! – Na schön, aber ich sage nichts weiter.« »So komm denn, mein Kind«, sprach der Attrappenonkel ruhig. »Mein Bruder, dein Onkel Sebastian, erwartet uns; ich – ich werde dich ihm vorstellen und dir auf dem Wege zu ihm ein wenig mehr von dem Hause deiner Großeltern und – deines armen Vaters zeigen.« »Oh!« seufzte Konstanze Pelzmann beklommen. Um zwölf Uhr mittags treibt es sich in solch einem großen Fabrikwesen um wie in einem aufgestörten Ameisennest. Sie gehen alle zum Essen, die nicht unbedingt an den Öfen und Maschinen zu bleiben haben, und es war also hierzwischen der Hochstraße und der Fadengasse ein arges Gewühl in den Sälen, Gängen und Höfen, und zwar nicht wenig zum Troste des Attrappenonkels, als er mit seiner Nichte am Arm aus der Hintertür seines Hinterhauses in dasselbe hineintrat. Die Begrüßung, die ihm bei jedem Schritt zuteil wurde, erleichterte ihm sehr den unerquicklichen Gang, der des Anstandes wegen doch gemacht werden mußte. Sie begrüßten sich beiderseits scheu aber freundlich, das Fabrikvolk und das Fräulein aus Indien; letzteres gefiel dem erstern ausnehmend, und Knövenagel, der selbstverständlich hinter seinen Herrschaften herstieg, schnurrte mit der Miene eines indianischen Menschenfressers in der Tiefe seiner Seele mit vielem Behagen: »Guck einer die Schwefelbande! ’s ist doch ein wahres Mirakel, daß sie nicht auf der Stelle von wegen ihres Vergnügens an ihm und ihr ’nen Streik macht und zehn Prozent Lohnaufschlag vom Ersten nächsten Monats an uns abverlangt!« Ihr Vergnügen hatten die Leute an ihrem Herrn Fabian und seiner jungen Nichte; aber Hunger hatten sie freilich auch und nur eine kurze Stunde zum Essen und zur Siesta. Im Vorderhause wartete Herr Sebastian auf die vermittelst eines Billets ihm vom Attrappenonkel durch Knövenagel angesagte Visite, und schon stieg der Senior der Firma mit der immer ängstlicher sich an seinen Arm hängenden Nichte die breite, stattliche Treppe zu dem Junior empor, ließ sich durch den Diener melden und wurde ersucht, einzutreten. Nun stand die Tochter Lorenz Pelzmanns auch dem zweiten Bruder ihres Vaters gegenüber, fühlte einen kurzen Moment seine kühle Hand in ihrer heißen und wurde gebeten, Platz zu nehmen. Der Onkel Sebastian erkundigte sich höflich nach ihrer Gesundheit und ihrer Reise und – hieß sie wirklich zuletzt auch seinerseits willkommen in seinem Hause. Über den Onkel Fabian sah er dabei vollkommen weg, und es wäre kein »wahres Mirakel« gewesen, wenn der Attrappenonkel, der ungebeten auch einen Stuhl genommen hatte, auf demselbigen gesessen hätte wie jemand, der, auf irgendeiner Todsünde attrappiert, sofort das Geköpftwerden erwartet. Daß er daher den Hals tief in die Krawatte und die Schultern so hoch als möglich in die Höhe zog, konnte ihm also keiner verdenken. Daß er sehr bald nach der Uhr sah, war jedenfalls dem natürlichen Menschenrecht, jeder Qual so rasch als möglich ein Ende zu machen, zugute zu halten. Dem armen Mädchen, der Konstanze, versagte die Stimme immer mehr und ging zuletzt ganz in verschluckten Tränen unter. Es versuchte noch ein- oder zweimal, fröhlich von sich zu erzählen und glücklich dabei auszusehen, aber der Onkel Sebastian wurde gegen es nur immer höflicher und gegen seinen Bruder immer geschäftsmäßiger. Einige Unannehmlichkeiten, die während der sonderbaren französischen Reise des Herrn Fabian in der großen Süßigkeitsfabrik vorgefallen waren, wurden mit einer kühlen Bitterkeit leichthin gestreift; dann sah auch Herr Sebastian Pelzmann nach der Uhr und brachte es unter der Tür wirklich fertig, sich – recht zu freuen, die liebe Nichte nunmehr unter der Obhut seines »älteren Bruders so gut aufgehoben zu wissen«. Er hoffte, daß die junge Dame nicht zuviel unter den veränderten klimatischen Verhältnissen zu leiden haben werde, und begleitete in dieser Hoffnung den Alten und sein Kind an die vornehme Treppe seines Reiches. Da stand er denn und sagte zuletzt ganz beiläufig: »Auch ich, mein guter Fabian, folge nun deinem Beispiel und verreise auf einige Wochen. Der Hofmedikus hat mir dringend für einige Zeit eine Luftveränderung angeraten. Geschäftliche Notizen finden mich jederzeit unter der dir bekannten Adresse in Berlin. Mit Liebetreu habe ich bereits die nötige Rücksprache genommen, und von außergewöhnlichen Affären wird ja wohl hoffentlich in den nächsten Wochen nichts vorkommen. Ich habe mich sehr gefreut, Nichtchen! Au revoir, Bruder Fabian.« »Auf Wiedersehen, Sebastian«, sagte der Attrappenonkel, hätte aber ebensogut etwas anderes sagen können, der Verbeugung des dünnen, feinen schwarzen Mannes auf der obersten Treppenstufe gegenüber. Auf dem Wege nach dem Hinterhause hielt die kleine Asiatin ihre Tränen nicht mehr zurück: »O lieber Onkel, was habe ich ihm getan? Oh, ich bin ihm nicht willkommen! Oh, was soll ich tun? O bitte, bitte, sage mir, wie ich mir dazu helfen kann, daß er mir so gut ist wie du?!« Das war nun eine Frage, auf die der Attrappenonkel augenblicklich nicht die kleinste Antwort zu geben vermochte. Ganz menschlich aber mischte sich in seinen Zorn und Kummer ein unendlich süß kitzelnd behagen ein ob der Gewißheit, nach dieser gottlob vollendeten Anstandsvisite die Kleine ganz allein für sich selber zu haben. »Nun, wie waren wir? wie hatten wir uns?« fragte Knövenagel auf der untersten Stufe der Treppe des Hinterhauses. »Ganz wie gewöhnlich? Ganz unmenschlich höflich! Was? Wie? – Na?! Sehen Sie mal, liebes Fräulein, wenn Sie sich mal ganz richtig über mich im Laufe der Zeiten ärgern müssen, dann denken Sie gefälligst nur immer daran, daß ich zeit meines Lebens Botschaft habe laufen müssen zwischen Ihren lieben zwei Onkeln und mit unserm Herrn Prinzipal senior immerdar den kürzern dabei gezogen habe. Und nun kommen die Herrschaften nur rasch zu Tische; unsere Madam hat sich großartig gemacht, und nachher haben wir unser Fräulein hier in Deutschland doch noch in mancherlei einzuweihen, was ihr Spaß machen wird; nicht wahr, Herr Pelzmann?« Achtes Kapitel Nun klingen mit einem Male leise Glocken durch die Stille einer Sonntagsfrühe; und die Glocken der Stadt, wie man sie von einem Dutzend Kirchtürmen rund um die Firma Pelzmann und Kompanie dann und wann läuten hört, sind Gott Lob und Dank für diesmal nicht dabei! Gut zwei Stunden glücklicherweise liegt doch wohl Schielau, jene nahrhafte Staatsdomäne, welche das biedere Geschlecht der Rümpler seit drei Generationen weder zu seinem Schaden noch dem des Staates bewirtschaftet, von der Residenz entfernt. Aus einem halben Dutzend näheren oder ferneren Dörfern kommen die melodischen Töne, und frisch gewaschene, weißhemdärmelige Dorfjugend hängt an jedem Glockenseil, nicht versoffenes, unrasiertes Straßenstrolchtum, wie in der Stadt. Über die grünen wogenden Ackerfelder, über die bunten Wiesen der Hochebene klingen die harmonischen Rufe. Hinter dem fernen Wälderkranz des Horizontes und dazu sechshundert Fuß tiefer als Schielau über dem Meer liegt die Stadt, die Firma Pelzmann und Kompanie und der Onkel Sebastian, von welchem allen wir wirklich fürs erste genug hatten und unser Leser vielleicht dito, wie es in den Büchern der großen Zuckerwerkfabrik Seite nach Seite hinunter lautet. – Mejuffrouw Konstanze Pelzmann ist zum ersten Besuch in Schielau bei Mijnheer Peter Rümpler, und die Stadt und Firma liegt in der gegenwärtigen schönen Frühsommer-Morgenstunde hinter dem duftigen Wälderkranze des Horizontes in gradeso weiter Ferne von ihr ab wie ihre tropische Geburtsinsel im Indischen Ozean. Wie ein echt deutsches Mägdelein und Stadtfräulein auf Landbesuch, das ein Tigertier höchstens in der Menagerie brüllen hörte, aber sich nimmer auf einem Spaziergange »recht vor ihm in acht zu nehmen hatte«, sitzt das Kind am Bach, hat sämtliche in seinen Bereich fallenden Vergißmeinnicht in seinen Schoß gerupft, flicht einen Kranz und träumt hinein in das leise Murmeln des kleinen Wassers durch die deutsche Sonntagmorgenstille, das heißt denkt an gar nichts. Sie, die junge Fremde im Lande, hat aber doch seltsame Wochen durchlebt seit ihrem Einzug in das Haus ihrer europäischen Verwandtschaft. Sie war nach Knövenagels Wort in mancherlei eingeweiht worden, was ihr Spaß gemacht hatte. Einiges hatte ihr zwar, wie wir das schon wissen, grade nicht viel Spaß machen können, aber der schönen und behaglichen Merkwürdigkeiten war doch die größere Zahl gewesen, und der alte Zauberer, der Attrappenonkel, hat wahrlich sein möglichstes getan, ihr die so sehr neuen und fremden Bilder im Lebensguckkasten in der vergnüglichsten Beleuchtung vorbeigleiten zu lassen. Herr Fabian hat ihr vor allen Dingen alle hübschen und kuriosen Mysterien der großen ernsthaften Weihnachtsbude, deren ältester, närrischer Teilhaber er ist, erschlossen, und er hat ihr die Stadt und die Menschen darin gezeigt, wie er sie selber sieht und kennt – in einem Guckkasten –, ohne sich viel anders als durch die Augen mit ihnen in Verbindung zu bringen. Knövenagel hat ihm natürlich dabei geholfen und ihr gleichfalls die Stadt und die Leute darin auf seine Weise gedeutet. Ein Philosoph war der immer, aber die Weisheit, die er jetzo mit erhöhter Verdrossenheit und Unfehlbarkeit von sich gibt, seit er ein gereister Mann geworden und in Marseille gewesen ist und sein hinterindisches Fräulein in alle »hiesigen Niederträchtigkeiten« einzuweihen hat, könnte ihm selber dann und wann unheimlich vorkommen. Glücklicherweise hat sie – seine unergründliche Lebensweisheit und Erfahrung – auch Konstanze Pelzmann wie allen anderen Menschenkindern gegenüber stets etwas an sich, was das Kind nicht weniger als die anderen Leute zum Lachen bringt. Von den anderen Leuten haben manche ein Interesse an dem jungen Mädchen genommen. Die von der Fabrik voraus, und nach ihnen wirklich nicht zuletzt auch der Fabrik allerbeste Kundin, die die Süßigkeiten der Firma fast zu sehr liebenden Prinzeß Gabriele Angelika, Hofmedikus Baumsteigers magenleidende hohe Patientin und Gönnerin, die sich seit ihrer überfütterten Kindheit in allem, was das Haus Pelzmann und Kompanie angeht, auf dem laufenden erhält und sich fast täglich bei ihrem Leibarzt nach den darin in die Erscheinung tretenden »zuträglichen Nouveautés« erkundigt. »Peuh! – ah ça – voilà donc la petite drôle!" hat auch Madame Printemps gehaucht, auf einem Spazierwege mit ihrer paarweise aneinandergereihten Elfenschar dem Attrappenonkel mit dem Nichtchen begegnend und sich des Billets erinnernd, in welchem ihre der Onkel Sebastian sein tiefstes Bedauern darüber aussprach, daß sich leider unüberwindliche Hindernisse seinem Wunsche, ihr die junge Dame mit Leib und Seele zu überliefern, entgegengestellt hätten. Was nun den Onkel Sebastian betraf, so war der von seiner Reise nach Berlin und dem Erholungsaufenthalt daselbst natürlich längst zurückgekehrt, und zwar ohne viel von des Lebens Last und Überdruß vom Leibe und von der Seele abgeschüttelt zu haben. Und wenig erfrischt durch sich selbst, ist er auch der Heiterkeit, der Freude, dem Glück, die ihm von anderen her zu Hause zuteil werden konnten, nicht zugänglich geworden. Vergeblich hat ihm Konstanze ihr scheues, kleines, volles Herz in den Weg zu tragen versucht, um ihn mehr durch einen Blick als durch Worte zu bitten; sei gut und freundlich gegen mich, ich möchte so gern, daß auch du mich gern aufgenommen hättest! – Er ist ungemein höflich gegen sie gewesen und so geblieben; und nun läuft sie ihm nicht mehr in den Weg. Sie weiß, daß ihr das doch nichts helfen kann. Sie weiß es jetzt ganz genau, daß es nicht der Onkel Sebastian war, an den ihr sterbender Vater ihretwegen schrieb, wie sie es längst wußte, daß es nicht der Onkel Sebastian war, der sich zu sich rief, nachdem die Kompanie holländischer Infanterie die drei Salven über dem Grabe ihres Vaters abgegeben hatte und sie auf der Welt allein war und nur ganz undeutlich davon wußte, daß es da in weiter, weiter Ferne hinter unendlichen Meeren ein Haus gab mit der Inschrift über der Tür: Pelzmann und Kompanie, das Geburtshaus ihres Vaters. Was ihr Vater dem Onkel Sebastian zuleide getan hat, weiß sie nicht; aber sie weiß, daß der letztere seinen Groll auf sie überträgt, und daß sie ohne Schutz des Attrappenonkels , des guten Onkels Fabian, tausendmal besser dort aufgehoben gewesen wäre, wo sie doch niemand mehr hatte, der zu ihr gehörte und ihr ein Unterkommen gegeben hätte, ausgenommen vielleicht ein paar gutmütige Soldatenweiber, oder Mevrouw Gesina Waterdonck, die gutherzige aber gar nicht gut berüchtigte Frau des Korporals Waterdonck aus der aus aller Herren Länder zusammengelaufenen Kompanie königlich niederländischen Kriegsvolkes. Doch still, die leisen Sonntagsglocken klingen immer noch, wenn sie wieder denkt, in ihre Gedanken an den Onkel Fabian hinein, wie sie jetzt da auf der Schielauer Feldmark unter den Weiden und deutschen Feld- und Maienblumen sitzt und den Bach zu ihren Füßen vorbeigleiten sieht. Sie fühlt sich doch geborgen und in lieblichster Sicherheit hinter dem Attrappenonkel. Ja, sie denkt doch, und zwar mit einem Lächeln, an ihn und mit einem anderen Lächeln an seinen Knövenagel. Es ist so süß, wenn man den großen, stürmischen Indischen Ozean, das Rote Meer und das Mittelländische hat durchschiffen müssen, sich hinter dem Onkel Fabian in der dunklen, närrischen, aller Wunder vollen Fadengasse und nun auch bei dem Amtmann Rümpler auf Schielau in Sicherheit zu fühlen! Seit acht Tagen ungefähr wohnte sie bei dem letztern und seiner guten Frau, »in der Sonne draußen, so gut die Gegend sie zu geben hatte«, wie Herr Pelzmann senior gesagt hatte; und sie hat wohl ihre Freude an dieser milden europäischen Sonne und an dem, was dieselbe aus dem alten zertretenen, zerwühlten, seit Jahrtausenden so arg mißhandelten Kulturboden immer noch lachend hervorlockt. Es hätte mehr als ein Gewitter, Hagelschauer und Landregen dazu gehört, um ihr fürs erste den Spaß daran wie eingeborenen Leuten zu verderben. Ein naturhistorisch- klimatologisches Überlegen war gottlob deshalb nicht in ihr, sondern auch in dieser Hinsicht nichts weiter als das Gefühl – das Gefühl des Geborgenseins in der Heimat, zu der sie alle gehörten: der Onkel Fabian, Mijnheer der Amtmann Rümpler und sein Haus, die Fadengasse, die wunderbare Weihnachtsfabrik, das Amthaus zu Schielau, die Sonne, die Felder und Wiesen, die fernen Wälder, der Bach zu ihren Füßen, der weite, leise nickende Roggenacker und das brachliegende Land gegenüber, auf welchem letzteren eben des Meisters Thomas Erdener Schafherde, gefolgt von ihm und seinem Hunde Pilgram, langsam weidend von dem Bachrande weg weiter in das Feld sich zurückzog. Von ihrem Schoß voll Blumen aufsehend, wendete sich Fräulein Konstanze jetzt an den ältlichen Herrn in kurzer grauer Joppe, weißen Hosen und blankgewichsten Stulpenstiefeln, der mit der Zigarre im Mund behaglich am Stamm des nächsten Weidenknorren lehnte, warf noch einen Blick dem Schäfer und seiner Herde nach und sagte: »Ich habe noch eine dumme Frage, Mijnheer. Wacht jedes Jahr alles hier so langsam auf und wird so ganz leise immer grüner und immer bunter und immer wärmer, oder ist das nur in diesem jetzigen eine schöne Neuigkeit?« »Hm«, brummte der Amtmann Rümpler, die Mütze von einem Ohr auf das andere schiebend, »die Vegetation, die Ackerfrüchte und die Witterung meinst du? Für’n eingeborenen Ökonomen wäre dies freilich eine kuriose Frage aus der Landwirtschaft. Na, es kann ja eben doch nicht jeder auf hiesigen Akademien zum rationellen Verständnis für das Mistfahren, und was sonst dazu gehört, gebildet und zu einem gebildeten, übergeschnappten Agronomiker und Hanswurst ausstudiert werden. Und so ist deine Frage mir immer noch lieber als hundert andere, die mehr als einer von meinen jungen Herren Verwalters und Volontärs je an mich getan hat, mein Herz. Solange ich denken kann, ist dies wohl immer so langsam peu à peu vor sich gegangen. Manchmal ’n bißchen früher, manchmal ’n bißchen später wird’s grün und wieder gelb, je nachdem es dem Landwirt nach dem Willen der Vorsehung selber grün und gelb vor Sorgen, Ärger und Verdruß vor den Augen werden soll. Seine Angst von wegen der Kornpreise wird einem in dem besten Jahre nicht gespart, und was die liebliche übrige Natur anbetrifft, na, hübsch grüne ist sie allen noch einfallenden Nachtfrösten zum Trotze bei meinem Lebenszeiten immer noch ganz langsam vom Märzen an geworden.« »Dann ist das das Schönste von allem bei euch, Mijnheer!« rief das Fräulein, ihre Vergißmeinnichtkranz hochhebend und ihn mit aller Befriedigung beäugelnd. »Es ist so angenehm, die Zeit zu haben, sich auf alles zu besinnen. Da schlägt man die Tage um wie in einem Bilderbuch ein Blatt nach dem anderen.« »Was aber bei uns nur die Artigsten von dem Teufelszeug fertigbringen«, brummte der Amtmann. »Die meisten von der Sorte klappen das Ding von hinten auf, und ehe sie bis vorne durch sind, fliegt die ganze Bescherung zur Freude der lieben Eltern in Fetzen in der Stube herum. Bei euch in euerm Affenlande geht ihr natürlich sittsamer und vernünftiger mit dem Vergnügen in der Welt um? Was? Wie?« Konstanze Pelzmann schien den Amtmann von Schielau in seiner Erinnerung an die Kinderstube seiner eigenen wilden, jetzt auch längst in alle Welt zerstreuten Rangen von Jungen nicht ganz zu verstehen. »Ah!« rief sie; aber der Ausruf galt nicht ihm, sondern dem Aufschnellen einer silbernen Flosse im Bach unter ihr. »Das nennt man ’nen Schielauer Haifisch; Krokodile kommen in dem Wasserlauf erst ein bißchen weiter unten vor, wo er in der Stadt sich im obern Feuerteich ansammelt. Mit alten Gießkannen, abgelegtem Schuhwerk und Scherben von jedweder Art von Küchenware sind das dorten die Hauptbiester, welche den städtischen Pumpenbeamten das Leben am sauersten machen. Frage nur den Attrappenonkel, wie oft er schon einen Blutegel in seiner Wasserflasche attrappiert hat«, lachte der Amtmann. Auch sein junger Gast lachte; um so sonderbarer klang es denn aber auch, wie das Kind aus der blauesten, sonnigsten Frühlingssonntagsstimmung heraus noch eine Frage, und zwar die aller bedenklichste, an den behaglichen, alten, neuen Freund stellte. »Mijnheer, was fehlt dem Baas Thomas?« Amtmann Rümpler, der eben im Begriff stand, für eine frische Zigarre ein Zündholz in Brand zu setzen, unterließ dies doch. Erst sah er ein wenig betreten auf die Fragende, dann nach dem eben über die Höhe des Brachfeldes ziehenden Hirten hin, und dann stotterte er wie in Verlegenheit: »Dem Erdener? Meinem Schafmeister? Was sollte dem denn grade fehlen, Kind?« »Ich weiß es nicht, und ich möchte lieber erst einen anderen fragen, ehe ich ihn selber bitte, daß er es mir sage. Wir haben eben über den Bach herüber miteinander gesprochen. Nur über das schöne Wetter und wie die Dörfer heißen, aus denen sie eben mit den Glocken läuteten. Wir kennen uns schon ganz genau; weshalb sieht er aber mich doch immer so an, als wollte er nicht mit mir reden? Er hat auch nach meinem Vater gefragt, und ich habe ihm gern alles erzählt. Oh, ich muß ihn doch fragen, weshalb er mich dabei so ansieht und mit sich selbst spricht und den Kopf schüttelt! Er hat ein so gutes Gesicht, und ich möchte gar gern gut freund mit dem alten Mann werden.« »Weißt du, Kind«, sagte der Amtmann mit steigender Verlegenheit, »das ist nun so ’ne Sache. Es sind meistens allesamt kuriose Patrone, diese Kerle, die so von Amts wegen mit dem lieben Vieh allein auf dem Felde sind, und das Schäfervolk voraus. An seiner Visage ist wohl nichts auszusetzen; aber seine Nücken und Tücken hat er doch. Was dem Schielauer Schäfer-Thomas fehlt? Frage ihn doch lieber nicht danach. Hat er sein unhöflich Schauer, so kann er bei der Gelegenheit sackgrob werden –« »Gegen mich doch nicht!« rief Konstanze Pelzmann, mit ihren großen ernsthaften Augen fast erschreckt zu ihrem neuen und des Attrappenonkels altem Freunde emporsehend. »Das wird er nicht! Mijnheer, er sieht mich ja immer an, als wolle er mir einen Kummer anvertrauen. Weil ich die deutsche Sprache noch nicht recht kenne, muß ich den Menschen hier im Lande immer genauer als wohl andere auf den Mund sehen und auf ihre Augen achten. Es spricht keiner bloß mit seiner Zunge – oh, und Baas Thomas hat auch mir schon abgelesen von meinem Gesicht, als wir gestern drüben auf der Heide beisammen auf dem Stein saßen und gar nichts miteinander redeten, daß ich ihn gern in dem Kummer , den er auf sich liegen hat, trösten möchte! Oh, ich muß ihn doch selber auch mit Worten danach fragen!« Mit immer größerem Unbehagen sah Peter Rümpler seinen hartnäckigen, holländisch-deutschen jungen Gast sich an. Seine Zigarre hatte er endlich zwar in Brand gesetzt, aber immer kürzere Rauchwolken puffte er jetzt in immer steigender Verlegenheit in den holden Morgen hinein. »Zum Blitz, Mädchen, hast du es denn absolut drauf angelegt, dir und mir die gute Stunde zu verderben?« fuhr er endlich heraus. »Das ist ja ein wahres Glück, daß du mir nicht gar noch eine Viertelstunde vor der Schielauer Tischglocke mit diesen alten, nichtsnutzigen Familiengeschichten auf den Leib rückst. Kummer und Sorgen! Wer hat nicht sein Teil davon zu tragen in diesem elenden Jammertal? Natürlich hat auch der alte schnurrige Patron, mein Leibschafmeister, der Herr Baas, wie du ihn verholländerst, sein Bündel aufgehuckt gekriegt. Allerhand hat er in seinen siebenzig Lebensjahren auszufressen gekriegt und, na gottlob, einen guten Löffel geführt. Der härteste Bissen, an dem er jetzt noch würgt – na, kurz und gut –, ein Kind hat er, welches sein Elend ist – drunten in der Stadt –, eine Tochter, die ihm unser Herrgott, um ihn zu prüfen, angehängt hat. Brauchst bloß noch ein bißchen länger bei uns zu bleiben – so im Umkreise der Hochstraße und der Fadengasse, um das Genauere von guten Leuten – der Teufel hole sie alle! – darüber zu erfahren. Pelzmann und Kompanie! – Der Attrappenonkel weiß das ganz Genaue. Und nun gib dich zufrieden, du änderst nichts daran, mein Herz. Zu verderben ist schon längst nichts mehr daran als – dann und wann so ein netter, idyllischer Morgen auf dem Lande, wie ihr Stadtleute sagt. Zum Exempel wie anjetzt. Und nun komm mit deinem Vergißmeinnichtkranze, du allerliebster Krauskopf und Steifnacken; unsere Alte hat wahrscheinlich schon seit Stunden Haus und Garten nach dir abgesucht. Weißt du, Kind, je mehr ich dich ansehe, desto deutlicher wird’s mir, daß du doch eine große Ähnlichkeit mit deinem seligen Vater hast, und – vielleicht ist es auch deshalb, daß der Schielauer Schäfer dich dann und wann so genau betrachtet.« »Weshalb hat er seine Tochter in der Stadt?« fragte Konstanze mit unerschütterlich ernsthaftem Nachdruck. Sie beklagen sich dort schon über die Sonne und die große Wärme, die wunderlichen Menschen; aber es ist in ihr doch nur bei uns – beim Onkel Fabian, hell und warm. Weshalb holt der Schäfer Erdener seine Tochter nicht heraus aus der kalten, dunkeln Stadt und hat sie hier bei sich in der Sonne und im Grünen und läßt sie bei sich wohnen in seinem kleinen Hause?« Des Attrappenonkels bester Freund tat einen langen Pfiff. »Mein Schatz, da haben leider Gottes vorher erst mehrere mit dreinzusprechen!« seufzte er dann kläglich. »Zum Herbst läßt es sich vielleicht einrichten, und wer weiß, ob das nicht schlimmer ist als alles andere. Jawohl, jetzo stehen sie nun rundum in allen Dorfschaften, woher sie vorhin läuteten, in Bocksdorf, in Langensalm, in Klein- und Groß-Kirschheim Etceteribus auf ihren Kanzeln und sind meistens allesamt gute Bekannte auf Schielau und meistens recht gern bei uns zu Tische und abends zum Whist; und wenn wir nicht heute zu Mittage den Attrappenonkel erwarteten, so würde meine Alte wohl auch in dieser Stunde mit dir in Bocksdorf im Amtskirchenstuhl sich zu allem Gutem ermahnen lassen, was, beiläufig gesagt, ihr und keinem schaden kann, und ich gebe dir mein heiliges Wort darauf, Konstänzchen, es ist keiner von den Herren, den ich nicht in Punkto dieses um seinen geistlichen Rat angegangen bin. Aber denen komme man mal mit dem Schäfer Thomas von Schielau! Sie haben alle eine Pike auf ihn; unser Herrgott weiß es allein ganz genau, weshalb! Darein habe ich mich als Amtmann hier auf der Domäne nicht zu mischen und tue es auch nicht. Sie haben da in der Stadt allerlei schöne Vereine zur Besserung der Menschheit, und ich bin auch Mitglied von den meisten, wo es denn freilich am einfachsten war, daß sie mich darauf hin verwiesen und mir auch noch ein Extraexemplar der Statuten auf den Hof schickten. Und nun, mein Herz, wollen wir den Sack aber wirklich zubinden; heute mittag kommt der Attrappenonkel, um dich heute abend leider Gottes wieder mit nach Hause zu nehmen. Wenn nun ein Mensch in der Welt ist, der dir über diese Angelegenheiten eine Auskunft geben kann, wie sie sich für dich schickt, so ist’s dein Onkel Fabian. Den frag einmal in einem passenden behaglichen Momente nach dem Schielauer Schäfer und seiner Tochter und weshalb der Alte dann und wann in den hellsten Sonnenschein ein Gesicht wie die Tage Regenwetter hineinschneidet. Und jetzo, mein Fräulein, Ihren Arm und marsch zum Frühstück! Drei Tage Regenwetter? Puh, lerne du erst mal deine Tante Pussel bei bedecktem Himmel kennen! Deinen Kranz da brauchst du ihr wahrhaftig nicht aufzusetzen, um die alte brave Kratzbürste als ewiges Vergißmeinnicht im Gedächtnis zu behalten.« Mejuffrouw Konstanze nahm lachend den Arm des gleichfalls jetzt wieder ganz behaglich lachenden braven Gastfreundes, und so gingen sie heim zu einem der nahrhaftesten Frühstückstische im Deutschen Reiche: erst über die Wiese und dann durch den Amtsgarten, umflattert von Schmetterlingen, umsummt von Bienen, in aller schönen Freiheit der Erde und mit recht gutem Appetit beide. Auf der welligen Heide, auf dem höchsten Hügel derselben stand jetzt, auf seine Schippe gelehnt, der alte Hirt inmitten seiner weithin sich zerstreuenden Herde wie ein unbeweglich Bild. Wer ihn so gesehen hätte, ohne von dem Kreuz zu wissen, das er trug, der hätte wohl meinen dürfen, daß der Friede Gottes an diesem holden Morgen grade so in ihm sei wie in der weiten Natur ringsum, wo selbst die lieblichen Glockentürme jetzt still geworden waren. Dem war aber nicht so; - Konstanze Pelzmann hatte ganz recht gesehen. Mit einem schweren Seufzer sagte der Alte: »Ein hübsch, sanft, gut Kind hat ihnen der wilde Herr Lorenz herübergeschickt; – ein lieb, schön Mädchen hülflos hereingeschickt in die schlechte, gottlose Welt! Pack an, Satan!« Der letzte wilde Ruf galt seinem Hunde, und ein Steinwurf aus der Schäferschaufel begleitete den die Herde von einem bestellten Acker zurücktreibenden zottigen Gehülfen. Dann sah der Alte nach der Gegend hin, wo die Stadt und in ihr die berühmte Zuckerwerkfabrik dem Auge verborgen im Tale lag; und hier und da in einer der Dorfkirchen auf der grünen, sonnigen, fruchtbaren Hochebene rundum wurde gerade vielleicht auch über das Wort gepredigt: »Die Liebe decket auch der Sünden Menge.« »Grad als ob es noch nicht genug an ihren Glocken und Orgelspiel in der Frühe, der Wärme, dem Licht und der weiten Welt gewesen wäre!« murmelte der Schäfer von Schielau und dachte wahrlich nicht an den trostvollen Text auf den Kanzeln durch die weite Welt, sondern nur an seinen Sonntagmorgengruß über den kleinen namenlosen Bach der Schielauer Feldflur an diesem wolkenlosen, lichtblauen, grünen Frühlingssonnenmorgen. Neuntes Kapitel Also sie erwarteten den Attrappenonkel in Schielau zum Mittagessen; und wer die Gewißheit, daß ein hoher Gast im Anzuge sei, durch alle fünf Sinne hätte in sich aufnehmen wollen, der hätte nur einen Augenblick die Nase in die stattliche Küche der Frau Amtmann stecken dürfen. Das siedete und prasselte, zischte und brätelte da, das klapperte und klirrte mit allem möglichen Geräte und warf mit allen möglichen geflügelten und beflügelnden Worten um sich, das machte mit Redensarten von jeglicher Art, lieblichen und sehr unangenehmen, jedermann Beine und trieb jedermann von der ersten Mamsell bis zur letzten Magd die schwersten Angsttopfen auf die Stirn. Und – alles eigentlich pour le roi de Prusse, wie die Franzosen sagen, das heißt ganz und gar vergeblich, denn dem Onkel Fabian war’s im Grunde gleichgültig, was er auf seinem Teller vorfand, und selbst ein Haar würde er ohne Mißvergnügen darauf attrappiert haben, ja sogar mit Interesse, wenn es von einem ihm freundlich geneigten Haupte in die Suppe geraten wäre. Ein Haar in der Suppe der Frau Therese, der Frau Amtmann Rümpler! – Wenden wir uns von der allzu fabelhaften Idee mit dem Lächeln ab, das ihm zukommt. Seit acht Uhr morgens befindet er sich auf dem Wege zu seinem Kinde und den guten Freunden auf Schielau und könnte längst angekommen sein, wenn nicht alles ihm auf diesem fröhlichen Pfade zu einem Hindernis würde und er selber sich alle zehn Minuten zum größten. Den Wald hat er hinter sich, zwischen den Dorfschaften der Hochebene brätelt er seinerseits auf den Feldwegen zwischen den Roggen- und Weizenbreiten, längs der grünen Hecken und der bunten Wiesen; er, der es immer noch so gut hätte haben und so bequem hätte fahren können auf der Staatsstraße. Wer überhaupt hatte je den Senior der Firme Pelzmann und Kompanie nur auf den Wegen, welche alle verständigen Leute zu fahren und zu wandeln pflegen, erblickt? Vivat der Attrappenonkel! Krumm um kommt er auch heute und verdient sich seinen Spitz- und Kosenamen von neuem unter dem alten verblaßten getreuen Regenschirm, der ihm, solange sehr viele Leute denken können, zum Schutze gegen den Regen wie die Sonne dient und unter welchem ihn neulich auf der Cannebière zu Marseille die schlaue französische Menschheit sofort als das erkannte, was er doch eigentlich gar nicht war, nämlich den barbare prussien sans phrase und den deutschen Pendülendieb ganz ohne die mots sonores, die Herr Renan so unbeschreiblich schmerzlich an unseren großen Feldherren vermißt in seinem discours vom dritten April 1879 in der französischen Akademie. Hurra, der Attrappenonkel! Ob ein großer General mit großmauligen Redensarten unter Umständen nicht auch in ihm steckte, wissen wir nicht; wir sehen nur, daß auch er von Heerscharen begleitet einherzieht, wenngleich nur von Kinderscharen, und auf dem Richtewege aus der Bocksdorfer Feldmark in die von Langensalm: der Mann mit den Wunderrocktaschen, der wahre Geschäftsträger der Firma Pelzmann und Kompanie. Ja, sie kannten ihn alle – die Kinder auf dem Wege von der Stadt nach der Domäne Schielau – »Von einem Jahrgang lumpiger Brut zum andern steckt ihm jedwedes Balg die Zunge entgegen, sowie er nur um die Ecke biegt oder über den Busch guckt« pflegte Knövenagel verdrießlich zu brummen. »Ich glaube auch, er ist nur allein deshalb als Teilhaber bei der Firma geblieben, um so den Knecht Nikolaus durch Sommer und Winter spielen zu können und sich von einer flachsköpfigen Freßbande und einer des Himmels Segen auf ihn herabflehenden Bettelmadam an die andere weitergeben zu lassen. Und auch das soll unseren Herrn Bruder nun nicht ärgern?!« ächzte Knövenagel und wurde – der Schonung seiner Gefühle wegen – auf diesen fröhlichen Wegen von seinem Prinzipal am liebsten zu Hause belassen. Der Attrappenonkel war gottlob sehr vergnügt. Die kurze Zeit, die er bis jetzt mit dem Kinde seines Bruders, mit seinem Kinde zugebracht hatte, war voller an Behagen und Freude gewesen, als manches liebe lange Jahr, während welchem er, von dem scharfen jüngern Bruder vollständig in den Schatten gedrückt, als wunderlicher Tausendkünstler in seiner dunklen Fadengasse gehaust hatte. So hell war sein Dasein noch nie gewesen und soweit sein Reich in dieser Welt nimmer gegangen wie jetzt! Soweit das letztere, das Reich, sich in dem alten Familienhause der Pelzmanns erstreckte, gab nun alles von Winkel zu Winkel, von Wand zu Wand, von Schrank zu Schrank bis in die dunkelsten vergessensten Ecken hinein einen andern Schein. Sie »kramten« zusammen durch das Haus und vergaßen oft alles andere und sich selbst dazu dabei. Da war aber auch kein Gegenstand, von dem der Alte dem jungen Mädchen nicht eine Geschichte hätte erzählen können, und keiner, dem nicht die Eigenschaft innegewohnt hätte, das Kind zum Weinen und zum Lachen zu bringen. Und wohl hundertmal hat Konstanze Pelzmann mit wehmütigem Entzücken gerufen: »O, davon hat mir der Papa auch erzählt, und in seiner letzten Krankheit, in seinem schlimmen Fieber ist er noch hier in seiner Stube gewesen, in welcher er als Knabe gewohnt hat, und hat alles noch gewußt, was er darin zurückgelassen hat. O Gott, und nun bin ich darin an seiner Stelle und sehe alles, wie er es sah in seinen Phantasien, und möchte immer so in der alten Zeit sitzen und gar nicht mehr hinausgehen zu anderen Leuten und in Gesellschaft! O bitte, bitte, lieber Onkel Fabian, nimm mich nur nicht jetzt schon fort daraus; laß mich mich erst so ganz und gar zurecht finden in diesem Vaterhaus und in diesem Vaterlande!« »Zu Hause und im Vaterlande!« hat dann wohl der Attrappenonkel mit einem leisen Seufzer gemurmelt. »Sie werden sich wohl ohne Beschwerde in Geduld fassen, bis wir zu ihnen zur Visite kommen. Nun, denn krame zu, mein Mädchen; aber das sage ich dir, Achtung gebe ich genau, und fühlt dir morgen der Hofmedikus, der Baumsteiger, noch einmal mit Kopfschütteln den Puls, schaffe ich dich auf der Stelle nach Schielau.« Vivat hoch Schielau! Da schwenkt der Attrappenonkel den Hut im Hoftor, und da laufen sie ihm alle entgegen und hängen sich sämtlich an ihn, – wenn auch nicht gerade an seine Rocktaschen! An seinem Halse hängt das Kind; über die Brüstung der Vortreppe hängt sich die Frau Amtmann und ruft: »Jesus, wie er schwitzt! So laßt ihn doch am Leben oder bringt ihn mir wenigstens noch lebendig in den Gartensaal, dort ist’s am kühlsten!« In den Gartensaal wird er wohl noch lebendig gelangen, aber hinkend gewiß, denn einen Fuß, auf den der Herr Amtmann in seinem Vergnügen seinen Stiefel setzt, steckte man, wie Knövenagel sich ausdrücken würde, am liebsten in die Tasche. – »Guten Morgen, Herr Pelzmann!« Mamsellen und Verwalter wünschen ihm denselbigen glücklicherweise aus etwas respektvollerer Ferne. An den Scheunentoren und Stalltüren drängen sich, bereits im halben Sonntagshabit, Knechte und Mägde, um gleichfalls einen Blick auf den Weihnachtsmann am hellen Sommertag zu tun und einen freundlichen Gruß von ihm zu erhalten. Dann, über alles, sofort natürlich ein Ruf: »Zu Tisch, zu Tische!«, und im großen Eßsaale, inmitten der tafelfähigen Haus- und Hofgenossenschaft, sitzt der Attrappenonkel obenan zwischen der Frau Amtmann in schwarzer Seide und der Nichte in Hellblau und hat den Amtmann mit gelöstem Halstuch, offener Weste und der offensten Absicht, dem Gastfreund sowohl wie sich selber einen kleinen Sonntagsrausch anzuhängen, sich gegenüber. Ganz Indien, holländisch wie englisch, Inseln wie Festland, kommt nicht dagegen auf, wenngleich noch fortwährend von seinen Vorzügen dem Schielauer Amtshofe gegenüber die Rede ist. Sie haben allesamt in der letzten Zeit ihre geographischen Schulerinnerungen von neuem aufgefrischt und in populären Zeitschriften und in den Winkeln vergessenen Bilderbüchern und derlei trefflichen Quellen die merkwürdigsten Studien über »Fräulein Konstanzens Insel« gemacht. Schriftlich wissen sie ganz kurios genau Bescheid, aber was ist das doch gegen das Wunder, das Fräulein so zwischen sich zu haben und es mündlich darüber ausfragen zu können, wie es in dem und jenem Falle »bei ihr zu Hause« gehalten wird und zugeht. »Immer ganz anders als hier bei uns«, sagt der Amtmann kopfschüttelnd. »Dein Wohl, Fabian! Aber nimm nur mal an, nimm nur einzig und allein den Unterschied an zwischen unserer Canaille, dem Marder, und ihrem nichtsnutzigen Vieh, dem Tigertier, was ihnen allnächtlich, grade wie bei uns, in die Ställe steigt, und wo es denn das ganz Normale ist, daß jeden Morgen der Junge kommt und berichtet: ›Herr, er ist wieder diese Nacht auf dem Taubenschlag gewesen.‹« »Ein guter Schweinebraten soll ihm lieber sein, sagt Alexander von Humboldt in seinen Ansichten von seiner Natur«, lacht der Attrappenonkel. »Nun, wie ist es damit, Konstanze? Wie lautet das Bulletin des Hofjungen über euere nächtlichen Raubtiervisiten auf Sumatra?« »Unsere Schweine sind ihm lieber, als was er auf dem Taubenschlage und im Hühnerhof erwischen könnte, lieber Onkel«, meint das Fräulein, »und Herr Alexander von Humboldt hat da ganz recht. Er kommt gewiß gern genug auf Besuch, der Tiger, Mijnheer Rümpler, aber eigentlich kümmert sich keiner viel um ihn, und er ist auch lange nicht so schlimm, als wie es in den Büchern steht. Menschen frißt er nur, wenn sie in den Wäldern eingeschlafen sind oder sich hingesetzt haben, um auszuruhen, sonst fürchtet er sich sehr vor uns. O Mijnheer, die Schlangen sind viel schlimmer und auch viel unangenehmer! Vor denen muß man sich zu sehr in acht nehmen, und immer grade dann am meisten, wenn es anfängt, am Abend draußen hübsch und kühl zu werden. Das mögen sie leider gleichfalls zu gern; dann kommen sie auch hervor, und es gibt ihrer fast zu viele im Grase und auf den Blumenbeeten, und sehr viele sind sehr giftig –« »Oh, wie wohl ist mir am Abend«, summt der Amtmann zwischen den Zähnen, und der Onkel Fabian lächelt: »Dein Wohl, Rümpler! Vergiß aber auch den Moskito nicht, der dann gleichfalls am liebsten hervorkommt und die menschliche Gesellschaft sucht, wenn zur Ruh’ die Glocken läuten –« »Oh, das ist schlimmer als alles, alles, als Tiger und Schlangen, Elefanten und Rhinozerosse!« ruft Mejuffrouw Konstanze Pelzmann jetzt wirklich aufgeregt, rot und schauernd in der Erinnerung, und sie drängt sich dichter an die Frau Amtmann, als müßte sie jetzt noch in dem kühlen Eßsaale auf Schielau, am deutschen Frühsommer-Sonntagsmittage Schutz vor dem Entsetzlichen suchen. Die Frau Amtmann aber wirft einen würdigen Blick über die gesamte grinsende Tafelrunde und sagt: »Apropos, die Elefanten, Kind! Das ist ein Tier, für welches ich von Kindesbeinen an ein Faible gehabt habe und was ich mir eigentlich gar nicht als wild vorstellen kann. Nun sollen sie bei euch wirklich, ohne einen Turm und einen Indianer auf dem Rücken, wild, und zwar in Herden herumlaufen und auch in die Gärten kommen, und dabei muß ich mir doch sagen, daß mir ganz blümerant zumute wird, wenn ich mir das hier in Schielau denke, und daß du auch ihre Bekanntschaft in der Art und außerhalb dem Geschichtenbuch und der Historie von dem Schneider, der ihm mit der Nadel in den Rüssel stach, gemacht hast. Seit ich einen von ihnen unten in der Stadt in der Meßbude gesehen habe, kann ich es mir so ziemlich genau taxieren, wieviel zweihundert ruinieren, wenn sie euch mir nichts dir nichts über die Hecke in eure Plantagen und den Garten steigen. Zwischen den Rabatten gehen die sicherlich nicht. »O doch, Tante Rümpler! Grade die! Kein ander Tier nimmt sich so gutherzig in acht, dem Menschen unnötigen Schaden anzurichten, wie der Elefant. Sie halten sich immer in den Furchen und schonen alles, was sie nicht essen mögen. Wenn sie auf ihren Zehen gehen könnten, ich glaube, sie täten’s; aber freilich, gern sieht man sie doch nicht auf Besuch kommen.« »Das glaube ich jedem dortigen Ökonomiker aufs Wort«, brummt der Amtmann. »Nicht wahr, Mutter, so etwas fehlte uns hier in Schielau grade noch bei der enormen Pacht? Vivat da denn doch in Gottes Namen der Mäusefraß, Alte! – Na, freilich, einmal in meinem Dasein möchte ich aber doch wohl als Unbeteiligter so’n Elefanten zwischen den Rabatten trappen und sich so’n vollgefressen Rhinozeros im Zuckerrohr wälzen sehen.« »Das Rhinozeros ist recht unangenehm und kümmert sich um nichts und wird deshalb auch gern in Gruben gefangen«, benachrichtigt Konstanze Pelzmann eifrig-treuherzig die Tischgesellschaft. »Mijnheer de Major van Brouwers hat mir eins mit allen Jägern gezeigt, wie es sich in der Falle auf einen spitzen Pfahl gespießt hat, und es ist selbst im Bild schauderhaft anzusehen, und der Onkel Fabian will es in Schokolade nachbilden.« Der kunstreiche Onkel nickt träumerisch behaglich in das tropische Tischgespräch hinein; zwischen all dem bunten unheimlichen Getier, von welchem die Rede ist, wandelt seine bewegliche Künstlerseele unter der bunten Flora des Geburtslandes seiner Nichte; und die Fadengasse und der Modellsaal der Firma Pelzmann und Kompanie gehören ohne alle Zweifel auch zu dem Behagen der Stunde und haben nicht das mindeste Unerquickliche an sich, wenn er sich erinnert, daß weit über fünfzig Jahre hinaus sein Leben in ihrer Halbdämmerung sich abgesponnen hat. Der Saft ist wahrlich wieder in dem alten Stamm und Strunk emporgestiegen, grün und lustig schlägt es aus den Wurzeln aus, und der jüngste Busch im Lande hat da nichts mehr voraus vor dem Onkel Fabian Pelzmann! Aber auf Schielau folgt der gesegneten Mahlzeit das ebenso gesegnete Stündlein stillen Nachdenkens in einer Sofaecke oder gar dem Lehnstuhl, halb hinter der Fenstergardine und halb in dem von draußen aus dem Garten hereintanzenden Licht und Blätterschatten. Dann der Kaffeetisch im Garten und der Inspektionsgang mit der langen Pfeife, dem Amtmann, der Frau Amtmann, der Nichte und sämtlichen Hunden des Hauses durch die Feldmark, bis die Schatten länger werden über dem Segen des Jahres und wenn auch nicht die Schlangen aus Indien, so doch die deutschen Werkeltagsbegriffe lebendig werden. »Ja, wenn nur nicht morgen wieder ein Tage wäre, und zwar ein Montag! – In einer Stunde – spätestens – wirst du leider anspannen lassen müssen, Rümpler!« »Meinetwegen, alter Schokoladenpapst. Deine Sehnsucht nach Knövenageln und dem Herrn Bruder ist mir ja längst bekannt. Aber das Kind läßt du uns wenigstens noch acht Tage länger hier in Schielau.« »Das ist auch meine Ansicht«, meint die Frau Amtmann, und der Attrappenonkel wäre wieder einmal wehrlos gegen die Welt, wenn ihm das indische Fräulein nicht sofort zu Hilfe käme, sich an ihn hinge und leise bäte: »Ich bin so gern hier und komme so gern immer wieder, wenn Sie mich haben wollen; aber bitte, bitte, heute muß ich doch mit dem Onkel nach Hause!« Nach Hause! Das ist nur ein Wort aus einem feststehenden Programm, aber für die junge Fremde im Lande eines, das ihr über alle anderen geht. Zu Fuße kommt der Attrappenonkel am Morgen von der Stadt herauf, aber heim fährt er und zwar bis an den Rand der Hochebene, bis an das Bocksdorfer Holz, von welchem aus sich der Weg zur Stadt absenkt. Seit Jahren ist dies so gewesen und wird hoffentlich noch lange so sein. Mit der Dämmerung hält die Schielauer Kalesche an der Haustürtreppe; dem Onkel Fabian ist ein wenig voll zumute, und gegen das Öffnen einer letzten Weinflasche hat er sogar mit ziemlicher Nachdrücklichkeit Protest einlegen müssen; aber wohl zumute ist es ihm auch. Wiederum hat sich das ganze Haus um die abfahrenden Stadtgäste versammelt; der Amtmann, immer noch mit dem Korkenzieher in der Faust, lehnt sich schwer über den Kutschenschlag, sucht noch eine letzte Schielauer Schnurre zum Abschluß zu bringen, hat aber leider die Pointe vergessen und »das beste Ende« bis aufs nächste Mal aufzusparen. Bis aufs nächste Mal! Da jedermann weiß, daß der Abschied nicht für ewig ist, so gibt man sich zuletzt doch drein mit einem simpeln: »Na, denn kommt gut heim.« »Guten Abend« und »glückliche Fahrt« wünscht ringsum das Hofvolk; in das Froschgequak des Abends klingt von einem Feldwege her das Singen einiger vom nächsten Dorfe heimkehrender Mägde. Die Gäule ziehen an, der Wagen rasselt aus dem Hoftor, und der Onkel und die Nichte befinden sich auf dem Wege – nach Hause. Es kann nichts auf der Welt programmgemäßer für Herrn Fabian Pelzmann verlaufen wie diese Fahrt von Schielau bis in das Bocksdorfer Holz. Die Landstraße durchschneidet in einer schnurgeraden Linie das Bocksdofer Holz, langsam ansteigend. Von der letzten Höhe führen nur noch einige hundert Schritte bis an den Rand der Waldung, und der Wagen hält – »weil Sie es denn so wollen, Herr Pelzmann« – und kehrt um. Arm in Arm wandeln Onkel und Nichte auf einem Fußpfade entlang der Landstraße die kurze Strecke durch das nächtliche Dunkel fürder. »Wie schön und kühl und still das ist«, sagt Konstanze leise. »Bei uns ist der Wald in der Nacht nur allzu laut und schrecklich. Es heult und schnattert und kreischt. Die großen feuertragenden Schmetterlinge sind wohl auch schön, aber ich habe eure blauen kleinen Funken im Grase doch lieber. Sieh – wetterleuchtet es da über uns? Und horch, ist das schon die Stadt?« Der Onkel bestätigt es, daß das dumpfe Summen und Rauschen aus der Tiefe die Stadt bedeutet. »Es sind kaum achtzigtausend Menschen, aber man hört sie mit ihrem Vergnügen, ihrer Hast, Sorge und Not doch weit genug in der Stille.« »Oh!« ruft Konstanze Pelzmann. Die beiden stehen nun unter den letzten Bäumen des Gehölzes und haben die tausend Lichter der zusammengedrängten Menschenwohnungen unter sich; in ziemlich grader Richtung zieht sich der weiße Streifen der Landstraße abwärts. Es ist nicht leicht, sich von diesem Anblick loszureißen; der Onkel Fabian sucht unwillkürlich unter den Schatten und Lichtern nach dem Dache der großen Firma Pelzmann und Kompanie; aber dem Kinde kommt seltsamerweise die Erinnerung an die liebliche Morgenstunde am Bache auf der Schielauer Feldflur, an die Sonne, die tanzenden Wasserjungfern, die Vergißmeinnicht und das Brachfeld und darüberhin die weite Heide jenseits des Baches. Sie sieht wieder den Schäfer von Schielau mit seiner Herde heranziehen, und sie sieht ihn, auf seine Schippe gelehnt, mit so wunderlichem Blicke sich gegenüber, und sie weiß selber nicht, wie es kommt, daß sie grad jetzt fragt: »Weshalb wollte mir Mijnheer Rümpler nicht sagen, was seinem Schäfer Thomas fehlt? Weshalb ist es besser, daß du es mir sagst, lieber Onkel? Es ist ein so guter Bekannter von mir gewesen, der Baas Thomas, und ich möchte ihm gar zu gern helfen, wenn ich es könnte!« Das junge Mädchen fühlte, wie plötzlich der Arm des alten Herrn zuckt. »Kind, Kind«, ruft der Attrappenonkel, »was ist das? Geht es wirklich nicht anders, als daß du nun auch schon dir das arme Köpfchen über die bösen Geschichten und Schicksale der Menschen zerbrichst?! Ach, auch das ist das Schicksal. Aber wie soll ich es dir jetzt schon deutlich machen, was wir dem Manne zuleid getan haben?« »Wir?« fragte das junge Mädchen. »Jawohl, wir, wir, wir! Komm, Kind. Ja, wir müssen hinunter. Hier oben ist die Luft wohl leicht und klar und gut zu atmen; aber es hilft nichts, wir müssen abwärts, wieder hinein in all das Elend, die Qual und das Leid, das die Schatten und die leuchtenden Punkte, der Nebel und brütende Dunst da unten bedeuten!« Wie zu sich selber murmelte er dann: »Es hilft nichts, – die Wahrheit liegt am Wege, und wir können nicht ausweichen. Es ist wohl auch am besten so.« Laut wieder rief er dann: »So komm nach Hause, Kind! Es liegt an unserem Wege, was seit manchem bösen Jahr dem Schielauer Schäfer und dem Hause Pelzmann das Atemholen in dieser Stadt und dieser Welt gar schwer macht.« Er faßte die Hand seiner Nichte und führte sie talwärts, und freilich wurde die Luft um sie her immer schwüler, je mehr sie sich der Stadt näherten. Aber aus Gartenhäusern und Lauben an den Berghängen fiel fröhlicher Lichtschein. Auf Terrassen unter Weingehängen saßen lustige Menschen und sangen; hübsche Mädchen beugten sich über die Mauern herab und lachten und kicherten. Aus Vergnügungsgärten erscholl Konzertmusik, und in einem derselben wurde auch ein Feuerwerk abgebrannt. Aber der schwere, weiße Staub des Weges machte die Schritte des alten Herrn und des jungen Mädchens doch müde, und die Obstbäume drückten mit ihrem dunkel sich über die Straße legenden Gezweig und Blätterwerk die Luft auch noch zusammen. Und dann kam gar nicht weit der eigentlichen Stadt ein Fleck, der in dem lustigen, vergnüglichen Abendleben wie tot war. Eine hohe Mauer umzog wenig seitwärts von der Straße ein hohes, weitläufiges, sehr regelmäßig gebautes Gebäude. Wie eine turmartige Schattenmasse richtete das sich auf gegen den Schimmer des Nachthimmels und im Schein der Gaslaternen – das Zuchthaus der Hauptstadt! »Komm vorbei, Kind!« flüsterte der Onkel Fabian. »In dem Hause halten sie die Tochter des Schielauer Schäfers eingesperrt seit manchem Jahr. Deshalb geht er so in Kummer hinter seiner Herde her. Du aber frage mich jetzt nicht weiter – noch bist du zu jung, um dir von solchen schlimmen Lebensgeschichten erzählen zu lassen. Auch du wirst älter werden und sehr verständig und klug, und wirst auf die Reden der Leute um dich hören – jetzt aber, mein liebes, liebes Kind, denke nur, aus wie weiter Ferne du zu mir gekommen bist und mir einen hellen Schein in mein mürrisch, kümmerlich, verdrießlich Leben mitgebracht hast. Frage mich nicht, wie das Haus Pelzmann mit dem schrecklichen Hause da zusammenhängt. Laß uns rasch vorüber; sieh nicht hin! sieh nicht hin! Komm nach Hause – nach unserem Hause!« »Ja, lieber Onkel Fabian!« sagte leise das Kind. Seine Hand zitterte in der des alten Herrn, und Herr Fabian Pelzmann hielt den zierlichen Arm so fest, daß er ihm fast wehe dadurch tat. So folgte Konstanze erschrocken und betäubt durch die heißen, menschenvollen Straßen der Stadt bis in die Fadengasse, und hier schloß der Attrappenonkel wieder vorsichtig alle Türen hinter ihr und sich, als ob er nur so sein schönstes Eigentum vor der argen Welt in Sicherheit bringen könne, und zwar nicht rasch und nicht verstohlen genug. Zehntes Kapitel Wenn Ihre gastronomische Hoheit, Prinzeß Gabriele Angelika, ihrem Leib- und Hofmedikus, dem Dr. Baumsteiger, fast alltäglich und, was noch viel imbezill-heimtückischer war, dann und wann nächtlicherweise den gewohnten Ärger durch ihr so höchst ehrenvolles Vertrauen auf seine Kunst, wissenschaftliche Bedeutung und intime Bekanntschaft mit ihrem erlauchten Organismus bereitete, so machte ihm sein langjähriger epikuräischer Tisch- und Lebensgenosse, der jüngere Chef des Hauses Pelzmann und Kompanie, seit einiger Zeit wirkliche Sorge. Er, Herr Sebastian Pelzmann, der sich »von allen aus unserem Jahrgange« am besten gehalten hatte, war seit Beginn des Frühjahres, wenigstens zeitweise, für seine besten Freunde »ungenießbar« geworden; und dem vielbeschäftigten Arzte, der sich in seiner weiten Praxis seinen Patienten gegenüber in Wohl und Wehe stets die gehörige Gleichmütigkeit und notwendige Objektivität zu erhalten wußte, ging dieser spezielle Fall unaufhaltsamer Deterioration, das heißt Abnutzung oder Verfalls, wie er sich kopfschüttelnd ausdrückte, »verstimmend persönlich an die Nieren«. »Lächerlich!« brummte zwar natürlich der Herr des Vorderhauses der Firma Pelzmann und Kompanie, wenn nicht nur der joviale Hausarzt und Freund ihn sich kopfschüttelnd betrachtete, sondern auch fernerstehende Leute sich außergewöhnlich teilnehmend nach seinem Befinden erkundigten. Es war aber eben doch mit ihm die alte Kindergeschichte von dem Vogel Strauß, der den Kopf in den Sand steckt, um unliebsamen Zudringlichkeiten sich zu entziehen. Herr Sebastian richtete sich dann zwar nur grader an seinem Schreibpulte empor, legte sich behaglicher beim Diner oder am Spieltische in seinem Sessel zurück, aber es war und blieb doch die uralte närrische Kindergeschichte, die als eine »wirklich wahre« sicherlich in dem Leben des Menschen auf der Erde viel häufiger sich ereignet als in dem jenes äußerst verständigen Wüstenvogels, der unbedingt nicht so dumm ist, wie ihn das Geschlecht homo sapiens seiner Flügel- und Schwanzfedern wegen gern haben möchte. Ist denn nicht unser ganzes Dasein meistens ein Kopf-weg-Stecken vor dem Unvermeidlichen, vor dem armseligen Verdruß der nächsten Viertelstunde wie vor dem furchtbaren Jäger, dem Tode, der, gleichfalls in eine Staubwolke gehüllt, am Horizont der Wüste erscheint und hinter und über uns ist, während wir noch einen Spaß über ihn machen oder ihn in das Netz eines Dogmas oder eines philosophischen Systems verwickelt haben? Und es ist der Attrappenonkel, der, ohne im geringsten dabei an seinen Herrn Bruder zu denken, behauptet, daß es noch etwas Schlimmeres und Dummeres gäbe. Nämlich den Kopf in den flimmernden, glitzernden, buntfarbigen Sand dieser Welt zu stecken, wenn die Sonne aufgehe, ihn drinzuhalten und nur die Posteriora zu zeigen, während sie ihren Weg hell, glorreich und freundlich hingehe, und ihn erst dann hervorziehe, wenn die Dämmerung gekommen und die Nacht da sei. Das war nur eine von den vielen ganz allgemeinen philosophischen Anmerkungen des Mannes aus dem Hinterhause; aber, wie gesagt, nur zu gut paßte sie auf den Bruder im Vorderhause, der vor allen anderen freilich jetzt noch dem Attrappenonkel mit ihr die Tür gewiesen haben würde, wenn er ihm so weise und naseweis gekommen wäre. Was ging die Welt im allgemeinen und die Fadengasse im besonderen die abgeschmackte Stimmung an, die augenblicklich über einen gekommen war? – Eine Dosis Salz, und alles war wieder in Ordnung; – Unsinn! Lächerlich! Auf die »abgeschmackte Stimmung« schob es Herr Sebastian, wenn er seit einiger Zeit weniger häufig als sonst in seinen behaglichen Wohnräumen die behaglichste Gesellschaft der Stadt um sich versammelte und andererseits den angenehmsten Einladungen unter dem Vorwande außergewöhnlicher Geschäftsüberbürdung auswich. Daß er viel rechnete, war in der Tat ein Faktum, aber ebenso, daß ihm der gewohnte Lärm der Hochstraße auf einmal recht beschwerlich fiel, daß ihm die schöne Sonne des gegenwärtigen Sommers viel zu hell durch die hohen Fenster und geschlossenen Vorhänge fiel. Ja, er rechnete und hatte dabei ein unabweislich Verlangen nach Dämmerung und Stille. Es war, als ob ihn eine schwere Hand in die Stille und Dämmerung hineinzwinge. Er fühlte sie auf seinem Haupte, und wie er sich auch gegen sie wehren mochte, sie drückte ihn immer von neuem auf das wirkliche, ernste Hauptbuch des Lebens mit der Stirn nieder, und Eine Stimme gab es dabei, der gegenüber er nicht entgegnete: »Unsinn! Lächerlich!«, sondern vor der er stumm, müde und melancholisch sich in die Kissen seines Diwans drückte und sie, die Augen starr auf eine der bunten Blumen des Teppichs zu seinen Füßen gerichtet, reden ließ. »Es scheint mir eben Zeit geworden zu sein, die Bilanz zu ziehen«, sagte diese Stimme. »Meinst du nicht auch, Sebastian Pelzmann, daß es sich allgemach für uns nicht mehr allein um die Süßigkeiten unserer Existenz handelt? Auch wir werden älter, alter Freund; die Gegenwart ist ziemlich langweilig, die Zukunft wenigstens ehrlich, denn sie verspricht nicht viel von neuen Genüssen. Wie wäre es nun, wenn wir anfingen, die Blätter rückwärts zu wenden und nachzuzählen, ob du dich auch nicht verzählt habest, Sebastian? Verlaß dich darauf, ich helfe dir treulich. Rechnen wir zusammen, so wirst du dich nicht mehr verzählen, weder zu deinem Schaden noch zu deinem Vorteil. Ich habe tausend Namen – Ehrlichkeit, Reue, Gewissen, Überdruß –; was weiß ich , wie du mich nennen willst?! Daß ich dabin, das ist die Hauptsache. Sitze, liege, stehe oder gehe: am heitern Festmahl, in der schlaflosen Nacht, hinter dem Kontortische, auf der Eisenbahn und im Komödienhause bleibe ich bei dir und helfe dir rechnen, rechnen, rechnen! Oh, wir wollen schon ins klare kommen, und wenn wir das Fazit gezogen haben werden, sollst du genau wissen, woran du bist! « Um zu erfahren, woran er eigentlich mit seinem Freunde Pelzmann sei, versuchte es Hofmedikus Dr. Baumsteiger selbstverständlich mit Karlsbad; sprach traulich beruhigend von Magen, Milz und Leber, wahrscheinlichen Blutstockungen im Unterleibe, Defäkation, Alkaleszenz des Blutes, schwefel- und kohlensaurem Natron, Chlornatrium, Eisenoxydul, Manganoxydul, Vorbeugungskuren, von Goethes früherm Aufenthalt, Labitzkys gegenwärtigen Konzerten, und was sonst dazu gehört. Wir können nicht anders sagen, als daß die Blutstockungen dem kränkelnden Mann wirklich einleuchteten. Für eine Zeit hob Herr Sebastian wieder den Kopf höher, sah klarer aus den Augen und sprach lauter. Mit nicht geringem Vertrauen und einem ausführlichen Begleitschreiben Baumsteigers an einen dortigen berühmten Kollegen ging er hin nach Karlsbad und – kam wieder. Sämtliche neun Quellen des Weltbades, vom Sprudel bis zum Kaiserbrunnen, hatten sich als machtlos erwiesen gegen die Schatten, die sich über diesem Patienten zusammenzogen. Rechnend und zählend kam er heim und saß von neuem in seiner Sofaecke und horchte wieder matt und nervös in den Lärm der Hochstraße hinein, unmächtig, ihn wie den Sonnenschein aus seinen Gemächern aussperren zu können. Nun wußte er aber bereits ziemlich genau sich die Stunde anzugeben, in welcher er zuerst den dunkeln, drohend aufgehobenen Finger sich gegenüber gesehen hatte, diesen Schattenfinger, aus dem die schwer niederdrückende Geisterhand wurde, welche er nun allstündlich auf seinem grauen Schädel lasten fühlte. Der alberne, halbkindische ältere Bruder aus dem Hinterhause hatte ihm in jener Stunde jenen Brief gebracht, der den Tod des jüngsten Bruders der Firma in der fernen niederländischen Kolonie beglaubigte und von Konsulats wegen sich trocken erkundigte, wie es mit der Hinterlassenschaft Mijnheer de luitenant Pelzmanns zu halten sei, das heißt, wer in der deutschen Heimat möglicherweise sich bereit erklären werde, einige ausstehende Schulden zu bezahlen und sich einer eben den Kinderjahren entwachsenden Tochter anzunehmen. Was uns anbetrifft, so wissen wir es bereits, daß das Verhältnis des Herrn Sebastian zu seinem verstorbenen Bruder nicht das beste genannt werden konnte, daß die zwei meistens nicht friedlich, wie es sich für Brüder ziemte, nebeneinander gewohnt hatten, daß sie von Kindheit an nur zu häufig eines Sinnes, nämlich in betreff augenblicklichen Wunsches und Willens, gewesen waren. Freilich war Herr Sebastian diesem tollen Lorenz gegenüber nur zu häufig der Vernünftigere, das heißt Feinere und Schlauere gewesen, hatte zu oft seinen Willen bekommen, und der Bruder Lorenz hatte ihm das noch dazu fast jedesmal zu leicht gemacht. Er war ein leichsinniger Patron, dieser Lorenz Pelzmann, und gar kein feiner Rechner wie der Bruder Sebastian. Die ganze Stadt war ja auch damals einer Meinung über ihn und hielt es endlich für das beste für alle, daß er in die Fremde ging und aus dem Leibhusarenregiment der Heimat als militärischer Abenteurer in den Dienst Sr. Majestät des Königs der Niederlande übertrat. Die ganze Stadt und Umgegend gab damals dem Bruder Sebastian recht in seiner Ansicht, daß der unzurechnungsfähige Mensch in geordneten Zuständen durchaus nicht zu gebrauchen und eine ihm drüben in Batavia angewiesene letzte pekuniäre Unterstützung mehr sei, als man von den innigsten verwandtschaftlichen Gefühlen im Grunde verlangen könne. War es nicht genug, daß der gewissenlose Bursche den guten ältesten Bruder, den Herrn Fabian, zu einem verhältnismäßig armen Manne gemacht und in das Hinterhaus der Firma gedrängt und wahrscheinlich auf Lebenszeit auf die Aussicht in die übelduftende, enge, dunkle, in jedweder Beziehung anrüchige Fadengasse beschränkt hatte? Oh, die Rechnung stimmte damals ausnehmend zwischen dem wilden Lorenz von der Zuckerwerksfirma Pelzmann und Kompanie und dem Sittlichkeits- und Gerechtigkeitsgefühl der süßen Heimat; wie kam es nun, daß auf einmal, nach so langen Jahren, der Bruder aus dem Vorderhause des Geschäftes sich bewogen fühlte, sie noch einmal, und zwar von vorn an durchzurechnen? Er, Herr Sebastian, hatte den verlorenen Sohn des Hauses und sein späteres Schicksal doch so gründlich von der Tafel seines Gedächtnisses wegzuwischen vermocht! Und er stand so sicher im Leben; es ging ihm nach der Leute Meinung so sehr gut darin. Das alte, wackere Geschäft hatte er durch seine Energie und Klugheit zu einem Ansehen und einer Ausdehnung gebracht, die es bis zu ihm hin noch nie erreicht hatte. Selbst der verkümmerte Bruder im Hinterhause war allgemach zu einer Folie für seinen Ruf in der Stadt und Gesellschaft geworden, und daß er als Junior dieses spaßhaften Attrappenonkels wegen den Kommerzienratstitel ausgeschlagen hatte, wurde allseitig als Beweis von höchstem Taktgefühl und feinstem Sinn für das Schickliche anerkannt und auch höheren Orts nach Gebühr durch Verleihung einer höheren Klasse des Landesordens für bürgerliche Verdienste gewürdigt. Wahrlich, es ist so! Nicht immer fällt einem die Wahrheit wie ein Stein auf das Herz und zermalmt es. Das Gewöhnlichste ist, daß sie niederrieselt wie Sand, anfangs kaum beachtet in den fliegenden Atomen, aber Körnchen auf Körnchen durch Tag und Nacht – belächelt – dem Anschein nach durch einen Hauch weggeblasen, nicht des Nachdenkens und noch weniger eines körperlichen Mißbehagens wert. Wie genau muß der Mensch aufpassen, um zu merken, wie die Dämmerung kommt, wie aus der Helle die Dunkelheit wird! – Es ist immer ein betroffenes, plötzliches Aufsehen und Aufmerken! Liegt es nicht wie ein leichter Staub auf den Dingen dieser Welt? Wo kommt der her? Was ist das? Hat das wirklich etwas zu tun mit dem, was du eben noch vertriebest, indem du mit der Hand vor den Augen und der Stirn durchfuhrest?! – Nun fährst du schon mit dem Finger über die dir nächsten Sachen in deiner Welt, und sieh, es gibt eine Spur, welche der Hogarthschen Schönheitslinie gleicht, aber wie ein Fragezeichen aussehen würde, wenn du einen Punkt darunter machtest. Das tust du nicht; – du ärgerst dich und suchst um dich her nach einem, dem du für dein vorübergehend Unbehagen die Schuld tragen lassen kannst. Vorübergehend? – Was ist das? Fängt nicht jeder Atemzug an, es dich selber merken zu lassen, daß die Veränderung, welche du in dir und um dich spürst, nicht vorübergehend und nicht einem andern zuzuschreiben sei?! – Wie grau die Welt wird! Staub über deinem Leben! Staub auf deinem Geiste! – Machtlos gegen den rieselnden Sand! Wehe dir, du fängst an nachzugrübeln über die Stunde, in der du zum erstenmal Erde auf deiner Zunge schmecktest! Vielleicht an dem schönsten Frühlingsmorgen, in aller Blütenpracht, in dem lichterhellsten Festsaale, unter allen lieblichsten und größesten Bildern und Tönen der Kunst war es; und die schlimme Erschöpfung, eine öde Mutlosigkeit überwältigt dich. Gestern noch suchtest du nach einem, dem du die Schuld an deinem Verdruß geben konntest, und heute weißt du, daß du selbst dich verrechnetest, daß der Staub, der graue, trostlose Überzug auf deinen Lieblingsneigungen, deinen Anschauungen und Begriffen wachsen, immer wachsen wird; daß der Schatten und der Staub von Rechts wegen deine Herren sind auf deinem fernern Lebenswege. Du hattest eine helle, laute Stimme und ein herzhaft, blechern, jovial Lachen, und nun wagst du nicht einmal mehr, laut zu sprechen; der ewig niederrieselnde Sand, der Staub auf den Dingen und Farben verschlingt auch den Ton in deiner Kehle. Du fühlst und findest dich in einer grauen Wüste allein – zähle doch die Sandkörner! Rechne, rechne – aber rückwärts! Du rechnest mit dem Staube, der sich auf deiner Welt gesammelt hat und den kein Hauch der Luft irgendeiner Stunde wieder von den Dingen bläst; – jawohl, die Zeit ist da, in welcher auch die gleichgültigsten guten Bekannten anfangen, sich zu verwundern und einander beiläufig zu fragen, an der Börse, an einer Straßenecke, nachdem du eben Abschied von ihnen genommen hast, an der Tafel, nachdem du eben die Serviette niederwarfest und den Rücken wendetest – immer wenn du den Rücken wendest: »Finden Sie nicht auch, daß eine eigentümliche Veränderung mit dem Manne vorgegangen ist? Finden Sie nicht auch, daß er über Nacht merkwürdig alt wurde? – Lassen Sie uns doch einmal rechnen, so hoch in den Jahren kann er eigentlich doch noch nicht sein. Sind wir nicht Zeitgenossen? Und über seinen Magen hat er doch auch nie geklagt. Was seine äußeren Umstände anbetrifft, so gäbe es nicht wenige, die gern mit ihm tauschen würden. Sonderbar, sehr sonderbar! Was meint denn Baumsteiger eigentlich dazu? – Nichts! Sie kennen ja die Herren Doktoren, lieber Freund, sie zucken die Achseln und sagen: Abwarten.« Wir sagen: Es ist ein anderes, ruhig und ergeben zu wissen: Pulvis et umbra sumus, Staub und Schatten sind wir; und ein anderes, mitten im Tumult und Genuß bei vollständigen Leib- und Seelenkräften zu merken: Staub und Nacht sind über dir und um dich, rieselnder Sand und Dunkelheit werden dich begraben! Nachher fügen wir hinzu: Es ist zwar wieder nur eine kleine Geschichte, die wir erzählen, und sie handelt durchaus nicht von großen Menschen und gewaltigen Zuständen, aber zu merken ist doch auch allerlei in ihr und aus ihr. Elftes Kapitel Er fing an zu horchen, der melancholische Mann, nicht allein in der schlaffen, müden Untätigkeit seiner Privatwohnung in dem großen, zuletzt so verödeten Familienhause, sondern auch über seiner Arbeit in seinem Kabinett drunten in dem nimmer ganz still stehenden Getriebe seines großen Geschäftes. Hier auf die Gespräche seiner Untergebenen und vor allem auf jede im Flüsterton geführte Unterhaltung, dort zuerst auf einen leichten Fußtritt, den Schritt eines Kindes, der ihm noch nie so nahe kam, daß er ihn hätte vernehmen können, der ihm scheu auswich, letzteres ganz nach seinem mißmutigen Wunsch und Willen. Das war aber doch nur ein verdrießlich übellauniges Horchen; wäre nur nicht ein schlimmeres dazugekommen – das Horchen auf einen anderen Fuß, von dem er noch dazu ganz gewiß wußte, daß er sich ihm nicht, für jetzt wenigstens, nähern konnte, ein schwankender, schwerer Schritt, den ein leises, schreckliches Geklirr in sein angstvolles Lauschen hineinbegleitete! So lange Jahre hindurch war doch das schlimme, in der Welt aber doch so notwendige Haus mit den hohen Mauern, den scharf bewachten, stets verriegelten Toren, an welchem neulich Herr Fabian seine Nichte so eilig und angsthaft vorübergezogen hatte, wie gar nicht für ihn, Herrn Sebastian, vorhanden gewesen. Den Weg, der daran vorbeiführte, hatte er ja vermeiden können; mit einem Achselzucken hatte er sich über jede unbequeme innerliche Mahnung daran hinweggeholfen; aber nun zwang ihn mehr als alles andere dieses zum Rückblättern seines Lebensbuches, zum Rechnen und Zählen. Wie jedem anderen, eine längere Zeit durch diesen Erball bewohnenden Menschenkinde kam auch ihm wieder einmal »alles zugleich über den Hals«. Im fieberhaften Hinhorchen, bei Tage und bei Nacht, während der Arbeit und im stillen Brüten der Muße hinter seiner jetzt so häufig verriegelten Tür zählte er – zählte er die Stunden bis zu jener, die das Kind des Schäfers Thomas Erdener in Schielau noch einmal in Freiheit setzte und ihm hexenhaft, grauhaarig, hager und grinsend als gealterte Zuchthäuslerin wieder in den Weg stellte, auf welchem er sie jung, lächelnd, lieblich und leichtsinnig gefunden hatte, als er und sein Bruder Lorenz auch noch junge Leute gewesen waren! »Wenn ich sie ihm damals gelassen hätte! Wenn er seinen albernen Willen gekriegt hätte und nicht ich den meinigen?« murmelte er zwischen seinem Rechnen und Zählen. Ach, wenn es nur nicht allzu häufig eben die erfüllten Wünsche wären, gegen deren Schlußfolgen späterhin weder Karlsbad noch Kissingen, weder Schwefel noch Schlamm, und das heilige Meer auch nicht, von dem geringsten Nutzen sind, was, beiläufig gesagt, die Herren Hofmedici, die Herren Stadt- und Landphysici recht gut wissen, jedoch dabei nur in den seltensten Fällen die Verpflichtung fühlen, ihre Patienten hierauf aufmerksam zu machen. Währenddem schnurrt, rasselt und klappert zwischen der Hochstraße und der Fadengasse, zwischen den zwei so scharf voneinander abgegrenzten Privatbereichen der beiden Brüder in gewohnter Weise die große Fabrik in allen ihren Tätigkeitszweigen weiter, und Maschinen wie Menschenhände sind in rastloser Bewegung, um alle die bunten, süßen, glitzernden, lustigen und tragischen Produkte, von denen jetzt schon so häufig die Rede gewesen ist, hervorzuzaubern, hinzuschütten und sie in fast unzählbaren Kisten und Kasten – in Glanzpapier, in Buntdruckpapier, in Gold- und Silberschachteln dem Weltverkehr und Konsum zu überliefern. E n o r m, um das widerwärtige Reklamewort auch einmal und noch dazu gesperrt anzuwenden, war die Nachfrage. In Blüte stand das Geschäft mehr denn je, und daß die gegenwärtige Verstimmung des jüngeren Chefs einen hindernden Einfluß auf seine persönliche Teilnahme und Tätigkeit dabei und daran gehabt hätte, hat noch keiner bemerkt. Sie sehen allesamt ihn da bis jetzt noch entscheiden und handeln – kommen, gehen und stehen, wie sie es von ihm gewohnt sind, das heißt durchaus nicht zu ihrem Behagen. Wenn sie ihrerseits mit einiger Angst auf einen Schritt horchen, so ist das immer noch der des jüngeren Teilhabers der Firma, Herrn Sebastian Pelzmanns; immer noch läßt sich niemand gern von ihm unvermutet über die Schulter blicken, immer noch fällt jedermann ein Stein vom Herzen, wenn er zusammenschreckend findet, daß es nur der Attrappenonkel war, der ihm die Hand auf die Schulter legte. Aber der, der Herr Fabian, wurde grade in dieser Zeit am meisten vermißt in den Fabrikräumen. Ein gutes Wort, einen guten Rat, ein freundlich Nicken und einen nicht immer wohl angebrachten Lobspruch hatte er zwar noch immer für jedermann, aber ein bedauerliches Nachlassen seines Interesses und seiner Tätigkeit für das Geschäft ließ sich nicht wegleugnen. Wenn man sich nach dem Befinden Herrn Sebastians mehr in den gesellschaftlichen Kreisen der Stadt erkundigte, so ist es merkwürdigerweise grade die Fabrik, deren eigentlich nur noch nomineller Mitinhaber er ist, die sich Sorge um den Herrn Fabian macht, und zwar ganz unnötige. Es war nämlich so. Mitten im Sommer fing sonst der Attrappenonkel am liebsten an, »auf Weihnachten vorzuarbeiten«, will sagen, pflegte seine Phantasie und Erfindungsgabe die grünsten Schossen zu treiben und es zu üppigster, närrischster Blüte zu bringen. Da wuchsen ihm auf jedem Schritte, den er von Trinitatis bis zu Mariä Geburt tat, die absonderlichsten, die drolligsten und für die Firma lukrativsten »Ideen« nicht nur im Kopfe, sondern auch zwischen den seltsam geschickten Fingern. Wie ein Poet, der den Winter am besten in den Hundstagen und des Lukullus Festmahle am delikatesten bei Wasser und Brot beschreibt, fand der Attrappenonkel das, was das Geschäft am nötigsten hatte, um an der Spitze der Affären für den Christmarkt aller Welt zu bleiben, bei aufgeknöpfter Weste, mit dem Hute in der Hand, blasend und keuchend in den schwülen Gassen und auf den heißen Märkten der Stadt, nach Luft schnappend am offenen Fenster der Fadengasse und vor allem im sonnigen Grün und Sommermondschein auf breitem Wege und engem Pfade um die Residenz – seine Residenz, in welcher dann freilich nicht mehr der gegenwärtige, durchs Reichsadreßbuch beglaubigte Landesvater nüchtern die oberste Hand hatte, sondern in der Wahrlich Harun al Raschid der Beharrscher der Gläubigen hieß Abu Giaffar, der Barmekide, Minister des Inneren war. Nun aber war es in diesem laufenden Sommer ganz anders. Der Attrappenonkel fand nichts, suchte nichts, tat nichts; und wenn sie sonst im Modelliersaale dann und wann sogar abzuwehren hatten, sahen die Herren heuer sehr betroffen ins Kahle und fanden sich in bedenklichster Weise auf ihre eigene Erfindungsgabe angewiesen. Jawohl, ’ne Eule hatte da mal gesessen, und ohne alle Gewissensbisse ließ der Onkel Fabian den leeren Ast durch das kopfschüttelnde Geschäft betrachten. Er hatte eben die Befriedigung, die er sonst in seiner Kunst oder vielmehr seinen Künsten gesucht und gefunden, in seinem Hinterhause auf viel schönere und lebendigere Weise zu Handen und zu Herzen. Jawohl, Gewissensbisse! Noch nimmer war ein so ganz außergewöhnliches Talent mit innigerem Seelenbehagen von seinem Besitzer vernachlässigt und also zum Schaden der Welt brach liegen geblieben wie das des Attrappenonkels in diesem glückseligen Sommer. »Ist es erlaubt, ein Wort zu reden, Herr Prinzipal?« fragte Knövenagel. »So viele du willst; nur die Betitelung könntest du doch endlich dir und mir ersparen. Du weißt, wie wenig Anspruch ich –« »Ich weiß alles!« schnarrte Knövenagel. »Und was im speziellen die Betitelung anbetrifft, so wissen Sie zu Ihrem Troste, daß ich es darin um keinen Grad besser habe als Sie, Herr – P – elzmann. Jetzt rufen sie mich seit Wochen nur noch ›Parisieng!‹ da unten! Natürlich auch noch unserer französischen Reise zu Gefallen. Machen Sie es also wie ich, Herr Prinzipal, und hören Sie auf nichts, als was Sie hören wollen, und sagen Sie höchstens ruhig und stillschweigend in Ihrem Gemüte: Jammerpack. Übrigens das Lange und Kurze von dem, was ich jetzo vorzubringen habe, ist, daß sie mich wieder mal schicken und zwar mit der Devise: ›Sie, feiner Pariser, sagen Sie es noch mal da oben bei Ihnen so höflich als möglich, daß dieses wirklich nicht länger so angeht, wenn es gut gehen soll auf die Länge.‹« »Etwas weniger rätselhaft wäre mir lieber, Knövenagel«, meinte der Attrappenonkel lächelnd. »Richtig! Grade dasselbe Wort, dessen sich die nette Menschheit da unten gegen uns bedient! Rätselhaft hat es wahrscheinlich einer in der Gesellschaft zuerst genannt, und nun ist es grade so, als ob das Wort in meines Gevatters Thomas Schafstall in Schielau gefallen sei und jegliches es in seiner Tonart weitergeben müsse, die ganze Herde durch. Daß dieses mir nun ganz gleichgültig bliebe, wenn es nicht auch meine eigene Meinung wäre, nämlich nicht das Rätselhafte, sondern daß dieses wirklich so nicht länger angehen kann, das werden Sie mir wohl auf meinen Eid hin auch ohne Eid glauben, Herr Prinzipal – senior. Herr Pelzmann, so tut es da unten wahrlich nicht viel länger gut, und im letzten Grunde haben die Leute im Parterre recht: es geht wirklich so nicht länger, wenn uns nicht jede Konkurrenz in der Faxenmacherei ganz demnächst über den Kopf wachsen soll. Daß ich dieses einer gewissen Beletage da vorn heraus wohl gönnen könnte von meinswegen – « »Aber meinetwegen bitte ich dich, bei der Sache zu bleiben«, seufzte der Onkel Fabian und erreichte wenigstens, daß der bevollmächtigte Botschafter der Geschäftsräume der Firma Pelzmann und Kompanie nochmals im tiefsten Brusttone verächtlich hervorstieß: »Rätselhaft?!« und sodann mit vollster Überzeugung hinzusetzte: »Dummheit! denn daß Sie endlich auch einmal ein Vermögen in der Welt haben und Ihre beste Zeit damit vertrödeln, verdenke ich Ihnen gewiß nicht. Daß Sie alles um unser Fräulein, unser liebes Kind hintansetzen, ist ja ganz natürlich, und ich tue es gleichfalls. Ja, da sitzen Sie nun und reiben die Hände zwischen den Knieen und glucksen inwendig; aber der noch größern Schadenfreude wegen sollten sie doch wirklich dito selber darnach fragen, ich meine die Herren da unten – was daraus werden wird, wenn Sie es so forttreiben und Sie uns heuer gänzlich für das heilige Christfest, das heißt das Weihnachtsgeschäft, mankieren werden! Ich für meinen Teil wünsche mir gar nichts weiter geschenkt als dieses. So manches liebe, lange Jahr hat man sich immer ruhig auf uns verlassen, und zur richtigen Stunde war die Fadengasse mit ihren Devisen und Attrappen für Zucker und Kakao da. Juchhe und o weh, nun haben wir unser Fräulein und sie drunten die Verlegenheit! Vivat die Blamage, Herr Prinzipal senior; und nun laß mal unsern Allerwertesten – ich meine den Herrn Bruder im Vorderhause, sich selbst auch in diesem Departemang aufs Nest setzen und die Novitäten für die diesjährige Geburt unseres Erlösers ausbrüten. Eine schöne Bescherung wird das abgeben. Ja, ja, eine Konsequenz nennt man dies; nämlich wenn einer so alten Firma auf diese Art wie uns der Saft wieder in die Bäume schießt. Da datiert man seine Taufnamen wahrhaftig mal nicht bloß aus Zufall vom Tage Fabian und Sebastian.« Überrascht lächelnd hob der Attrappenonkel das Gesicht zu seinem kuriosen Famulus empor: »Wie ist das mit dem Saft in den Bäumen, Knövenagel?« »Na wo? Von den Bäumen ist gar nicht die Rede. Höchstens von einem alten, vertrockneten, mißhandelten, gekappten Strunk, den der vertrauensvollste Stukenförster schon längst, mit Erlaubnis zu sagen, ins Brennholz gerechnet hätte. Gott sei Dank, von uns allein ist diesmal die Rede. Wir haben von frischem ausgeschlagen, und da unten im Unterreich sitzen sie nun und wissen sich nicht in das Mirakel zu finden, und der Heidenspaß ist ja grade, daß das Geschäft so enorm darunter leidet, und nichts wüßte ich, was mir lieber wäre, als mich täglich von ihnen mit Tränen in den Augen schicken zu lassen und immer wieder anzufragen: ob es denn um Gottes willen noch immer nichts geworden wäre mit den diesjährigen Dummheiten für die diesmalige Geschäftssäsong; von Tage zu Tage würde es mehr Zeit dazu – O Fräulein!« »O Knövenagel!« rief auch Fräulein Konstanze Pelzmann, ihr Kindergesicht zwischen Ärger und Glückseligkeit ganz drollig verziehend und zwar in dem Sonnenstrahl, den sie aus ihrem Nebenzimmerchen in des Attrappenonkels Museum mitbrachte. Und sie legte dem alten, jetzt so freudenreichen Nichtstuer den Arm um die Schulter, küßte ihn und rief: »Er denkt immer noch nicht daran, daß ich jetzt immer hinter dem Türvorhang sitze und all meine Schande höre, der närrische Mijnheer Knövenagel! Ach, und ich glaube, er hat recht, der brummige Baas Knövenagel: du vertrödelst wirklich und wahrhaftig zu viel Zeit mit mir, Onkel Fabian. O, es sollte mir eigentlich so sehr leid tun!« »Mein Herz!« rief Herr Fabian Pelzmann. »Was sollte dir eigentlich so sehr leid tun? Etwa, daß du noch ganz im letzten Augenblicke noch so ganz zur rechten Zeit zu uns gekommen bist? Mein Herzenskind, was dem alten trübseligen Hause noch an Glück zuteil werden konnte, hast du ihm ja mitgebracht und bringst es ihm noch täglich und stündlich zu. Aus so weiter Ferne, von deinem Wunderlande her bist du mir gegeben zu meiner Freude, und wer weiß, was dir alles hier in deiner Väter Hause noch aufgehoben ist, was ich dir ersparen möchte! Laß du die Herren da unten und den Esel, den Knövenagel, hier oben nur schwatzen; deine liebliche Mission ist noch lange nicht vollendet, mein Wunderkind. Denke nur daran, welch ein Wunder es ist, daß wir beide das Weihnachtsfest diesmal zusammen begehen werden hier in der alten dunklen Fadengasse, wo ich so manches trübe, einsame Jahr mit den Possen zugebracht habe für andere Leute und anderer Leute Kinder und um mir den närrischen Titel zu erwerben, bei dem sie mich hinter meinem Rücken rufen. Ja, mein eigenes liebes Kind, du bist’s, das seine Tage mit dem kindischen, unnützen Graukopf, dem Attrappenonkel, vertrödeln muß!« Er war aufgestanden und ging mit großen Schritten in der wunderlichen Arbeitsstube auf und ab; und um so überraschender erschien es, als er plötzlich ganz unversehens vor dem wohlmeinenden Biedermann, seinem guten Knövenagel, anhielt, die Hände auf den Rücken legte und, so fest und weitbeinig wie nie in seinem Leben stehend, rief: »Jawohl, du greisgrämlicher Hanswurst! Du verregnete Klatschrosenfeldphysiognomie! – Kurz, du niederträchtiges, heimtückisches, verfilztes drahtstieliges Kaminkehrerzwetschenkerl-In-di-vi-duum du!« Der Effekt dieses so unvermuteten Ausbruchs konnte nicht drolliger sein. Dem Kinde verjagte der Attrappenonkel das halbe Erschrecken auf der Stelle, indem er es in seinen Armen fing; aber seinem Knövenagel küßte er wahrlich nicht die Verblüffung von den weit offenen Lippen ab. Es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe der Wackere – Knövenagel nämlich – das beredte Maul schloß, um es tief gekränkt von neuem öffnen zu können. Jawohl, vorwurfsvoll und tiefgekränkt gebrauchte nach mühsam wiedergewonnener Fassung Knövenagel die Gabe der Rede, und wenn jetzt der Attrappenonkel nicht wenigstens noch einmal eines seiner schönsten Motive, die Holzaffenvisage des Mannes nämlich, aufgriff und für den nächsten Weihnachtsmarkt rasch verwertete, dann war in dieser Hinsicht freilich alles verloren. So grotesk tragisch-komisch konnte sie ihm nicht wieder kommen. »Nun höre einer!« sprach Knövenagel mit einer Stimme, mit der er jeden Augenblick als Spuk umgehen konnte, und zwar mit dem Ellbogengestus eines Gemordeten, der eben im Begriff ist, den Grabesdeckel aufzuheben. »Wenn man so was anhören muß, sollte man da nicht wirklich seufzen wie der Herr Hofmedikus: Nicht tot zu kriegen!? Denn wenn ich tot zu kriegen wäre, so wäre das durch solche Redensarten, solche Worte wie von Ihnen, Herr Pelzmann! – Bin ich es denn, der was gesagt hat? Da ist es doch wahrhaftig, als ob auf einmal alles miteinander in Konfusion in der Welt und in der Firma Pelzmann und Kompanie geraten sollte! Meinswegen möchte doch der Satan den ganzen Kram und Krimskrams holen, und wenn auch nur, daß das ewige Geschicke von unten nach oben und von oben nach unten für mich aufhörte.« »Das scheußliche Fluchen verbitte ich mir auch!« rief Herr Fabian, doch Knövenagel, die Hände zusammenschlagend, stöhnte: »Wer flucht denn? O Herzenskind, Herzenskind! liebes, liebstes Fräulein, stehen Sie doch um Gottes willen nicht so da, sondern geben Sie doch auch Ihr Wort dazu und sagen Sie es ihm, daß ich mir eher den Kopf abreißen würde, als mein Teil von unserm Pläsier an Ihnen in dieser scheußlichen Welt und heimtückischen Zuckerpuppenfabrikation aufgeben. Zeit vertrödeln? Wer hat Ihnen denn anders als ich das schöne liebe Wort auf den vorliegenden Fall beigebracht, Herzensfräulein? Natürlich vertrödeln wir Gott sei Dank unsere kostbarste Zeit mit Ihnen; denn wer weiß, wieviel davon wir noch in unserm Guthaben haben?! O Herzenskind, Herzenskind, hat er es denn nicht selber gesagt, daß es schon lange Zeit war, daß wir endlich auch einmal dazu kämen, auch für uns in all dem Überdruß rundum mit Wonne und Vergnügen Atem zu schöpfen? Und nun in dem nämlichen Moment, wo ich mich eben grade hinstelle und mit ihm als ein Herz und eine Seele in ein Horn blase, springt er auf und gegen mich an wie gegen einen Fremden, schnauzt mich an, als ob wir nicht etwa an die dreißig schlimme Lebensjahre miteinander hausgehalten hätten, sondern wie das allergemeinste, tagtäglichste Lumpenpack auf die allergewöhnlichste achttägige Kündigung einander gegenüberständen und – gibt mir die Schuld, wenn – die alte ehrbare Firma Pelzmann und Kompanie vor dem steht, was man – wissenschaftlich – eine Krisis benennt und – was gottlob mit dem heiligen Christfeste und unsern Devisen und Attrappen dazu gar nichts zu schaffen hat! Nicht tot zu kriegen! Als ich vor fünf Jahren am Nervenfieber lag und Sie, Herr Pelzmann und Prinzipal, mich wie einen Bruder und Standesgenossen besorgten, habe ich das Wort vom Herrn Hofmedikus millionenmal in mein Elend hinein gehört; und nun, wenn Sie es wissen, weshalb es mir jetzt seit Wochen, wenn Sie mich schicken oder wenn ich aus der Unterwelt da unten zu Ihnen in Geschäftsangelegenheiten geschickt werde, immer von neuem ins Ohr brummt, so sagen Sie es dreiste; ich bin stille!« Zwölftes Kapitel Es war, als ob mit dem Worte »Krisis« gleichwie mit einem kalten nassen Schwamm dem Attrappenonkel über die ihm eben von seinem nichtswürdigen Knövenagel so unnützerweise heißgemachte Stirn gefahren worden wäre. Kalt blies es ihn von dem Vorderhause her an; er setzte sich wieder und starrte seinen ungemütlichen, wenn auch getreuen Famulus mit einem solchen Ausdruck banger Ratlosigkeit an, daß Konstanze angstvoll und betroffen ihm rasch die Arme um den Hals schlang, sich an ihn schmiegte und rief: »Lieber Onkel, lieber Onkel, sieh mich an! Oh, was ist dir?« Herr Fabian Pelzmann drückte seinerseits das Kind an sich und bedeckte vor allem mit seiner hagern breiten Hand den hübschen Lockenkopf, als müsse er den zuerst und vor allen übrigen Dingen in der Welt vor einem Unheil in Sicherheit bringen, fuhr sich dann mit der andern Hand über den eigenen grauen kahlen Schädel und seufzte leise: »Nichts, nichts, gar nichts!« Wie konnte er der Kleinen das Gespenst schildern, welches er soeben gesehen hatte? Wie konnte er das von seinem Knövenagel unter all seinen übrigen Dummheiten mehr zufällig und aus Verlegenheit vorgebrachte Wort ihr in seiner wahren Bedeutung für das Haus Pelzmann und Kompanie darlegen? Was der griesgrämliche Bursche, der Knövenagel, dahin gesprochen hatte, wie es ihm auf die schwatzhaft-verdrießliche Zunge geraten war, das kleine Wort Krisis : – wem klang das seit Wochen und Monaten ernster, drohender, unablässiger im Ohr als dem nominellen Mitinhaber der Firma Pelzmann und Kompanie, diesem in das Hinterhaus der großen Zuckerwerkfabrik zurückgewichenen ältern, so närrischen und so weisen Bruder des klugen Mannes im Vorderhause?! Der jüngere Bruder hatte Wort gehalten, er hatte seit dem auf Fabian und Sebastian folgenden Tage, an welchem er, wie wir wissen, dem Herrn Fabian seinen letzten Besuch abstattete, den Fuß nicht wieder in die Wohnung desselben gesetzt. Sie waren einander nur in den Fabrikräumen und zwei- oder dreimal in den Gassen der Stadt begegnet, und das meiste, was der ältere Bruder von dem Gesundheitszustande des jüngeren wußte, wußte er vom Hörensagen, das heißt aus den direkten Mitteilungen Baumsteigers und seinem eigenen zufälligen Hinhorchen in die Unterhaltung des Lebens rundum. Und er konnte nicht das mindeste tun, der Attrappenonkel, um hier sein sonst so devisenreiches Herz, sein gutes, mitleidiges Herz an den harten Mann zu bringen. Auch auf diesem Felde ließen ihn in dieser Epoche seine tausend Künste gänzlich im Stich. Was konnte er tun? Wie konnte er helfen? Er wußte es ja, daß es zu nichts führte, wenn er in der stillsten Abendstunde an die Tür des Kranken klopfte oder sie, ohne anzuklopfen, öffnete und sagte: »Da bin ich, Bruder; ich weiß es, du bist krank , und ich ahne es, es ist nichts trostloser als ein eisernes Herz, welches anfängt, sich zu fürchten !« Das war es! Herr Fabian wußte es, daß eine große, eine grimmige Angst ihre Krallen in das harte Gemüt Herrn Sebastian Pelzmanns geschlagen hatte und daß das allerschlimmste war, daß er, der in diesem Fall wahrlich nicht bloß nominelle Mitinhaber am Wohl und Wehe der Firma, von seinem eigenen gegenwärtigen großen Glück und kindlichen Behagen, von seiner endlich ihm zuteil gewordenen Lebensfreude nicht das geringste abgeben konnte. Das wäre freilich das allerärgste gewesen, wenn er jetzt noch einmal das Kind an die Hand genommen hätte, um es im Vorderhause die breite, kühle Treppe hinaufzuführen, oder wenn er es gar allein hingeschickt hätte zu dem sein Lebensbuch rückwärts durchblätternden, finstren Mann, daß es, wenn auch ohne ein Wort zu reden, ihm sagte: »Oh, schicke mich nicht wieder weg! Laß mich jetzt bei dir sitzen und dir Gesellschaft leisten! Ich fürchte mich gewiß nicht; – laß mich dir helfen! Ich bin ja deshalb hergekommen und geschickt aus einer fernen Welt, in der ich niemand hatte, in der ich ganz allein gelassen worden war. Fürchte du dich nun nicht vor mir!« – – – »Was sollte mir sein, Kindchen? Was sollte mir fehlen? Freilich sehe ich dich an zu meinem Troste und den Narren von Knövenagel, der wieder mal nicht recht bei Troste war, gleichfalls!« rief der Onkel Fabian und log freilich ein wenig in betreff des wolkenlosen Behagens der eben vorbeigeflossenen Minute. Es war ein böser, schlimmer mitternächtiger Traum an diesem hellen lichten Sommersonnentage, aus dem er durch die bittende Kinderstimme erweckt wurde, und er hatte wohl Grund, einen Seufzer der Erlösung aus der Tiefe seiner ehrlichen Brust heraufzuholen, als er sich wirklich noch inmitten des drolligen Wirrwarrs seiner Arbeitsstube in der Fadengasse sitzend fand, und zwar mit der Tochter des Bruders Lorenz auf dem Knie und Knövenagel dem Braven, bocksteif und tiefgekränkt durch »unverdientes Angeschnauze«, gegenüber am bunt- und hochbepackten Museumstische. »Aber helfen wirst du mir freilich wohl müssen, mein Töchterchen!« rief der Attrappenonkel. »Beim Wundersuchen für den diesjährigen Weihnachtsmann meine ich. Ganz närrisch müßte es doch zugehen, wenn wir beide nicht grade diesmal hier in der Fadengasse das Richtige zu Haufen und in Säcken fänden!« »Ach Gott, wenn du mir nur erlaubst, dir über die Schulter zuzusehen!« rief Konstanze Pelzmann, glückselig in die Hände klatschend. »Ich weiß das ja nur aus Büchern und Bildern, wie schön und lieb das bei euch hier ist, wenn die Welt ganz weiß geworden und nicht grün geblieben ist wie bei uns, wo nur die komischen Chinesen ihre bunten Lampen hergeben müssen, daß wir sie in die Büsche und Bäume hängen.« »Mir haben Sie also wohl nichts weiter zum Bestellen in die Unterwelt da unten mit hinzugeben, Herr Pelzmann?« fragte Knövenagel. »Schön, ich werde es ausrichten«, brummte er und marschierte ab. Fest hielt er den Deckel auf der in seinem biedern Gemüte überkochenden Welterfahrung und Menschenkenntnis, und von seinem innerlichsten Behagen ließ er die große Fabrik auch nicht das geringste merken, als er jetzt über ihre Höfe und durch ihre Gänge und Säle stapelte. »Wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, so ist es«, sprach er dann an betreffender Stelle. »Für diesmal wird Ihnen wohl nichts übrig bleiben, als daß Sie sich mal ganz allein auf Ihr eigenes Ingenium ponieren; oder aber, wenn Sie dem lieber nicht zu viel trauen, sich an unsere Produkte von früheren Säsongs halten und aufs Stehlen bei der verehrlichen Konkurrenz legen. Ja, stehen Sie nur mit Ihren leeren Eimern, meine Herren; diesmal bleiben wir gefälligst aus wie’s Röhrwasser. Unser Herr im Hinterhaus! Nicht wahr, das war recht häufig hier unten bei Ihnen so ’ne mitleidige, erbarmenswürdige Redensart, wenn von uns die Rede war? – He, he, he, diesmal haben Sie recht mit dem Mitleid, meine Herren: er ist kaputt, unser Herr vom Hinterhaus – fertig ist er – alle! Rücken Sie mir nicht so auf den Leib, das hilft Ihnen zu gar nichts, sondern ist höchstens unangenehm bei der übrigen heutigen Hitze. Nicht wahr, jetzo werden wir erkennen, was es heißt, ein Schenie im Hause gehabt und wie immer das für ganz selbstverständlich und natürlich genommen zu haben? Jaja, meine Herren, dieses haben wir – dem Himmel sei Dank – nunmehro total ausgegeben, und was wir vielleicht davon noch in den Winkeln zusammenkratzen, das behalten wir von jetzt für uns allein; so nehmen wir zum erstenmal heuer unser erstes eigenes Weihnachtspläsier hin, und zwar mitten im Sommer. Wie gesagt, ein netter amüsanter Spitzname war’s, der Attrappenonkel; aber was die geschäftliche Seite desselben anbelangt, so machen Sie gefälligst vom heutigen Datum an einen Strich dadurch: mein Herr Prinzipal, der Herr Attrappenonkel, Herr Fabian Pelzmann im – Hin-ter-hau-se, werden von nun an ihre Zeit und Muße sicherlich besser anzuwenden wissen als für den Profit von – ich will nicht sagen wem, meine lieben Herren vom Geschäft – hier unten.« Er stand wieder einmal hinter ihnen, ohne daß sie, trotz all ihrer Vorsicht, sein Kommen bemerkt hatten. »Wovon ist hier die Rede?« fragte er, Herr Sebastian Pelzmann, mit seiner klanglosen, seiner mehr denn je klangslosen Stimme, und der Kreis, der sich allgemach immer dichter um den Famulus des Herrn Fabian zusammengezogen hatte, fuhr vor dieser Stimme auseinander wie ein Hühnerhof, wenn der Weih drein stößt; und verschiedene aus der gemischten Gesellschaft, die bei Mars-la-Tour und anderswo in Frankreich unter dem französischen Kanonenfeuer ganz gemütlich stehengeblieben waren, hätten hier sofort Fersengeld auf dem Wege zum nächsten Mauseloch gegeben, wenn ein scharfes »Ich bitte!« des wirklichen Prinzipals sie nicht an Ort und Stelle zurückgehalten hätte. »Holzaffenvisage!« sagte Herr Sebastian diesmal nicht, dem allein unbewegt stehengebliebenen, mürrischen Diener und Freunde seines Bruders in das unerschütterliche Ledergesicht blickend. Achselzuckend wendete er sich an den nächsten eine Feder hinterm Ohr tragenden Bediensteten des Geschäfts: »Nun, Herr? Verlohnt es sich der Mühe, noch länger auf gefällige Auskunft zu warten? Wurde nicht auch mein Name in der angenehmen Morgenkonversation genannt?« »Oh, gewiß nicht, Herr Pelzmann!« stotterte der Angeredete. »Knövenagel brachte uns nur – in seiner Weise – die sonderbare Nachricht in die Fabrik hinunter, daß unser Herr Fabian – der Herr Bruder –« »So! von dem war also die Rede. Nun, was befielt denn mein Bruder – unser Herr Fabian, wie Sie sich ausdrücken?« »Oh, gar nichts – nichts weiter als eine von den gewöhnlichen Dummheiten Knövenagels!« fuhr der junge kaufmännische Inquisit heraus, unter dem scharfen, harten Blick des wirklichen Prinzipals der Firma Pelzmann und Kompanie seine Feder hinter dem Ohr hervorreißend und sie in ein imaginäres Tintenfaß tauchend, wie um seine Beichte auch sogleich schriftlich abzugeben. «Nur um eine mögliche Stockung im Geschäftsgange, dem – Weihnachtsgeschäft zu, handelt’s sich; wenn er – Knövenagel da – nicht wieder einmal pur seine gewöhnliche gute Laune hier unten in der Fabrik zu Markte bringen will. Wir haben mehrfach seit Wochen, weil uns die Zeit anfängt zu drängen, um die Muster für die nächste Saison hinaufgeschickt nach unserm – in das Hinterhaus, und nun kommt eben durch Knövenagel hier auf wiederholte, dringende Anfrage die sonderbare und wahrscheinlich hoffentlich wie gewöhnlich von ihm gelogene Nachricht, daß es dergleichen für das laufende Jahr von seinem Herrn nicht geben werde, daß dieselben – in der Fadengasse für diesmal gänzlich paßten und für die Firma und das Geschäft nicht ein Minimum von Zeit zur Verfügung hätten. Und dazu verlangt er noch, daß wir uns und ihm und verschiedenen anderen obendrein von ganzem Herzen gratulieren möchten!« Wir wissen uns nicht anders zu helfen: – 0 Hierin – an diese Stelle und in diesem Moment hatten wir Knövenagels Gesicht hinzumalen, aber der Pinsel entsank uns grade so machtlos wie unzähligen Kollegen, wenn sie sich mit ihm und unserm allmählich ziemlich bekannten Farbentopf der Schönheit oder der Scheußlichkeit, der Tugend oder dem Laster, der Unschuld oder ihrem Gegenteil gegenüber fanden. Es blieb uns nichts übrig, als eine möglichst dicke und tintenhaltige Null hinzukratzen. Der Onkel Sebastian streifte diesen wüsten Punkt im Weltall nur noch einmal flüchtig, doch genügend mit dem Auge und wendete sich sodann von neuem an den Herrn mit der Feder, demselben aber jetzt den Ellenbogen mit harter Hand fassend. »Was soll das heißen, junger Mensch! Wer hat in diesem Hause keine Zeit übrig für das, was notwendig ist? Wem soll man in dem Hause Pelzmann und Kompanie – grade jetzt dazu Glück wünschen?« Der Ausdruck ratloser Verlegenheit auf dem hübschen, unbedeutenden Gesicht des jungen Kommis hätte jeden andern als den Onkel Sebastian zum innigsten Mitleiden bewegt. Einen Blick der Verzweiflung warf er auf Knövenagel, sah wiederum, daß den »die ganze Geschichte gar nichts anging«, und stotterte, Verzicht leistend auf jedwede Gehaltserhöhung, Weihnachtsgratifikation und mit der bittersten Gewißheit sofortiger Kündigung: »Knövenagel sagt es – unserm geehrten Herrn Bruder – Herr Pelzmann! – Knövenagel sagt, es sei das Fräulein; es sei so viel Vergnügen und neue Beschäftigung mit – unserem – dem gnädigen Fräulein ins Geschäft gekommen, daß unser Herr Fabian –« Es war nicht nötig, daß er Knövenagels Ansicht von der Sache noch ausführlicher darlegte, um sich selbst so sehr als möglich dahinter in Sicherheit zu bringen. Er hatte genug gesagt; Herr Sebastian ließ seinen Arm los und wendete sich, ohne noch weiter auf ihn oder einen anderen aus der ängstlichen Gruppe zu »reflektieren«. Sie sahen ihm alle scheu nach, wie er über den Hof zurückschritt und bis er in einer der Türen, die in das Vorderhaus führten, verschwand. »Nun guck einer diesen leibhaftigen Satan, wie er jetzt sein Pläsier hat!« brummten sie, dem Famulus des Attrappenonkels sämtlich die Fäuste unter die Nase haltend. »Einen Bittern sollte man nach jedem Blick auf den Kerl nehmen. Nun seh’ einer die grinsende Wermutsfratze! Jawohl, Sie sind eine richtige Akquisition für jede Zucker- und Kakaofirma, Sie französischer Reiseonkel für Beelzebub und Kompanie, Sie!« Damit gingen sie alle wieder an ihre Geschäfte, um für die Firma Pelzmann und Kompanie möglichst einzuholen, was sie soeben ihrerseits an Zeit vertrödelt hatten. Herr Sebastian Pelzmann aber stieg währenddem die breite Treppe zu seiner Privatwohnung hinauf, sank von neuem in seine verdüsterte Ecke und murmelte: »Das alte Kind! – Wie ein Spielwerk hat er sein Teil von unserer gemeinschaftlichen Arbeit angesehen. Wie ein Kind fast hat ihn die allgemeine Meinung unter meine Kuratel gestellt. Das Resultat kennt jedermann in der Stadt; – ich konnte nur die Achseln zucken, und die anderen haben gelacht über die Null, die er unter sein Konto schrieb –« Er sprang auf und sprach einen bösen Fluch leise aus und dann noch leiser vor sich hin: »Das wäre freilich ein sonderbares Ende, wenn mich jetzt der Neid überkäme!« Dreizehntes Kapitel Es kam uns in die Feder, noch eine Null in das vorige Kapitel hineinzuzeichnen, und zwar an das Ende desselben. Wir unterließen es jedoch, denn die erste Null malten wir des Spaßes wegen hin, und nichts hat in dieser ernsten Welt so enge Grenzen wie der Spaß, und nichts wird eher überleidig als ein nichtig leichtsinnig Spiel mit jenen Hieroglyphen des Lebens, unter denen dieses Zeichen, in seiner Leere so furchtbar schwerwiegend, die erste und die letzte Stelle einnimmt. In der Fadengasse vernahm man die Turmuhr von Sankt Michel deutlicher als in der Hochstraße, wenigstens am Tage, wo ihre sonoren Klänge durch den Lärm des Verkehrs in letzterer oft gänzlich verschlungen wurden. Aber einerlei, der Hochstraße wie der Fadengasse zählte die Uhr ihre Stunden, ohne sich viel dabei zu irren, regelrecht zu. Die Tage rückten vor, dem Herbst entgegen, und es blieb dabei: je mehr dem Attrappenonkel das Geschäftsgewissen schlug, desto weniger richtete er mit seiner auf andere Bahnen geratenen Phantasie für die ihm noch untergebene »Branche« des Geschäfts, seinen besten Vorsätzen und Anläufen zum Trotze, aus. Es half ihm nichts, daß Konstanze wirklich es versuchte, ihm zu helfen; mit den Schnurren, die ihm noch einfielen, fiel er bei den Sachverständigen drunten »in der Unterwelt« total ab. Sie gingen in den betreffenden Fabrikräumen von Hand zu Hand, aber unbegleitet von dem frühern behaglichen Kichern, Schmunzeln und Kopfnicken. »Es tut es nicht! es tut es wahrhaftig nicht!« seufzten sie im Modelliersaale, und – es tat es wirklich und wahrhaftig nicht; die kunstreiche Ader, die dem Herrn Fabian Pelzmann durch so lange trübselige Jahre so reichlich geflossen war, war versiegt und blieb so in seiner ersten, ersten glücklichen Zeit. Seine besten Freunde aber konnten nur wünschen: der Herr segne ihm die Trocknis fürderhin und erhalte ihn so lange als möglich dabei! Der Attrappenonkel hatte immer einen guten, kindlichen Schlaf gehabt und sich selten darin durch die Uhr auf dem Michelsturm stören lassen, obgleich er derselben um ein ganzes Häuserquadrat näher war als die Hochstraße. Jetzt wachte er häufiger auf und lag wachend und horchte auf die Uhr; aber wie ein Kind, das einer kommenden Freude wegen den Morgen nicht erwarten kann. Kam ihn dann freilich der Gedanke an seinen Bruder im Vorderhause, so ließ ihn derselbe nicht behaglich auf dem Rücken liegen und die feierlichen Schläge aus der Höhe nachzählen: aufrecht mußte er sich setzen und nach der Hochstraße hinhorchen, als ob von dort her auch ein Ton – ein Laut – vielleicht ein Schrei herüberdringen könnte. Es half ihm dann zu seiner Beruhigung in der »Angst in der Nacht« wenig, wenn er erst die Nachtmütze herabriß, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen, und sie dann tief über die Ohren zog. Die feste Gewißheit, daß auch der Bruder Sebastian dort wachend auf seinem Bette liege, hielt ihn angstvoll und sehr voll Sorge wach bis zur Morgenröte; und wenn es zufällig eine windige Nacht war, oder der Regen durch die Nacht in den Morgen hineinplätscherte, war’s noch schlimmer. – Zählen, rechnen – rückwärts blättern – zwischen zwei Nullen Zahl auf Zahl häufen: wehe dem, der damit beschäftigt auf seinem Bette liegen muß durch die lange, endlose Nacht, und dem der wieder dämmernde Tag auch keine andere Beschäftigung bringen wird und bringen kann. Für keines der Häuser in der Stadt, und auch für das schlimme Haus vor dem Tor auf dem Wege gegen Schielau hin nicht, stand die Zeit still. Nicht für Schielau und nicht für den Schäfer in Schielau, Thomas Erdener, dem sie am mildesten noch die Sterne zuzählten, wenn er nächtlicherweile auf freiem Felde inmitten seiner Herde ihren leisen Gang verfolgte und auch so in ganz eigenem Schrecken und Schauder den Tag und die Stunde näher und näher kommen hörte, die ihm noch einmal sein Kind wiedergeben sollten. In des Attrappenonkels Freude an seinem Kinde fiel der Gedanke an den alten Mann auf der Schielauer Heide und dessen Tochter auch wie ein Stern vom Himmel, dessen Namen wahrlich Wermut hieß! Wahrhaftig, das dritte Teil seines Glückes ward Wermut dadurch; er aber, Herr Fabian Pelzmann, konnte diese so dunkel hinströmenden, so bitter gewordenen Lebensbäche nicht wieder süß machen. Die Zeit stand keinem still. Leider, leider auch für unsern guten Peter nicht, den braven Amtmann Peter Rümpler auf Schielau in seinen behaglichen Erntehoffnungen und -erfüllungen des laufenden Herbstes. Seit »Generationen« hatte es für ihn nicht ein gleich gedeihliches Jahr gegeben wie das heurige. Er, der es grade so gut wie jeder andere Landbebauer verstand, vor einem, der ihm die Güte der Mutter Natur loben wollte, die Ohren hängen zu lassen und die Schultern in die Höhe zu ziehen und über »verdammt schlechte Zeiten« zu stöhnen – brachte das in diesem laufenden Jahre in seinem innerlichen Behagen nur sehr unvollkommen fertig. Es »ging diesmal und bis jetzt, woll’n mal sagen wirklich an«, das heißt seine Äcker und Triften trieften von Fett, seine Stiere und Gäule stöhnten vor seinen knarrenden Erntewagen, und seine Frau Amtmannin, unsere liebe Gastfreundin Frau Therese, brummte behaglich: »Nun hör endlich einmal auf mit der Komödie, Rümpler, und versündige dich nicht, Alter! Es ist ein Gottessegen von oben und unten, wie ich ihn in meiner Lebenszeit und hier auf Schielau noch nicht erlebt habe! Laß uns doch dem lieben Gott zum danke dafür keine Faxen machen, Rümpler.« Auch als so eine dumme Faxe zur unrechten zeit erschien ihr der Schnupfen, den sie sich um Bartholomä, als sie grade alle Hände am vollsten hatte, holte. Er schlug ihr auf die Brust, und vierzehn schlimme Tage und Nächte wehrte sie sich tapfer gegen die Lungenentzündung, die daraus wurde. Dann hatten sie viele Mühe, ihren armen braven Peter davon zu überzeugen, daß es nicht anders sei – daß es das allgemeine Schicksal sei – daß er mit Gottes Hülfe sich drein finden müsse, wenn Schielau mit einem Male ein anderer Ort für ihn geworden sei – daß er sich dabei als Mann zeigen müsse und so weiter. Der Attrappenonkel konnte nichts weiter tun, als den alten geschlagenen Freund mit derlei Redensarten zu verschonen, als er auf die böse Trauerbotschaft noch in der Nacht herauskam, diesmal mit ganz leeren Taschen. Er, der Attrappenonkel, hatte auch am Begräbnistage kein Zuckerwerk und keine Zuckerwerksredensarten zu verteilen, obgleich es richtig war, daß, wenn etwas seiner Erfindungsgabe noch hätte aufhelfen können, es zuerst dieser unvermutete Todesfall mit all seinen Folgen auch für sein Behagen in der Welt hätte sein müssen. Jeder Tag, an welchem der Freund Peter von nun an mit seinem schwarzen Florband um den Hut in die Stadt hinunterkam, hätte dazu mithelfen können. Konstanze Pelzmann weinte sehr, sowohl auf die erste Nachricht vom so plötzlichen Tode ihrer ältesten, besten Freundin im deutschen Vaterlande, sowie auch am Begräbnistage, an welchem der Onkel Fabian sie nicht mit hinausnahm nach Schielau, weil er es ihrer jungen Jahre wegen nicht wußte, was sie unter diesen Umständen dort machen sollte. Wir aber können dieses alles nur so beiläufig erzählen, wie auch uns ähnliches nur so beiläufig während unseres eigenen Aufenthaltes und Vorübergehens auf der Erde an unseren Freunden, Nachbarn und sonstigen Zeitgenossen passiert. Speziell in diesem Kapitel haben wir gar nichts auf dem kleinen Dorfkirchhof von Bocksdorf, wo die Frau Amtmann Rümpler begraben wurde, zu schaffen, dagegen aber wohl etwas auf dem großen Blumen- und Gemüsemarkt der Stadt, und zwar an einem Tage gegen die Mitte des Septembers, einem Markttage, an welchem auch wieder, seiner Geschäfte wegen, der gute Peter in den ihm jetzt so überleidigen Lärm hineingemußt und seinen Schafmeister nunmehr fast wie zu seinem Troste mitgebracht hatte. Ach, wir gäben viel darum, wenn unser jetziges Zusammentreffen mit dem Schäfer Thomas von Schielau wiederum auf der stillen Heide, auf dem Brachfelde am Schielauer Wiesenbache stattfinden könnte und nicht mitten in dem Gewühl, dem Gezänk und Gekläff des Handels und Wandels aller Welt rund um die Firma Pelzmann und Kompanie! – Wie gesagt, gegen die Mitte des Septembers war’s und zwar an einem sonnigen Tage, dem schon eine ganze Reihe gleicher vorangegangen war. Aber längst bereits meinten die Leute, wenn sie vom Sommer des Jahres sprachen: »Den haben wir gehabt, und daß die Tage abnehmen, fängt man wirklich auch allmählich schon an zu merken.« Es war Mittwoch und ein Markttag, und der Amtmann Peter kam wieder aus dem Café Zusi, wohl noch um ein weniges mehr angerötet wie sonst, aber wahrlich nicht mehr mit so jovialem Gesumm und Gebrumm wie sonst, in der Fadengasse die Treppe herauf. »Der arme Kerl! Die Geschichte mit seiner Alten hat ihn doch arg verschnupft! Na, es war auch eine nette, ordentliche Frau, die ihn zunehmen wußte. Nun, es wird sich wohl wieder zuziehen!« hatte man in der fidelen Gesellschaft der fidelen sonstigen Ökonomen in der Stammfrühstücksstube hinter seinem Rücken gesagt, sowie er denselben ihr gewendet hatte. Für jetzt hatte sich in dieser Hinsicht noch nichts »zugezogen«. Für Peter Rümpler von Schielau war für lange Zeit noch die einzig wirklich ihm zusagende Gesellschaft in der Stadt Herr Fabian Pelzmann, und das war freilich rührend zu beobachten, wie der mit dem betrübten Witwer umzugehen wußte. Da saß er denn wieder auch an diesem Tage in dem Wunderarbeitsmuseum des Attrappenonkels, der jetzt keine Wunder mehr darin zuwege brachte, sondern nur solche an seinem Kinde erlebte, aber vielleicht nur desto mehr mit seinem freundlichen, teilnahmevollen Herzen für jeden, der ihm mit seinem Verdruß, Kummer und Elend kam, zu Trost und womöglich auch zur Hülfe bereit saß. In seinem Kummer, trotz des obenerwähnten kühlern Wehens der Jahreszeit schwitzend. Saß der alte Freund vom Lande da, trocknete sich die jetzt so kläglich gerunzelte Stirn, sprach von seiner Seligen und seufzte: »Das ist eine Welt! Nicht eine blasse Ahnung habe ich davon gehabt, was für eine Welt dies ist! Du magst es mir glauben oder nicht, wie eine Katze, der man ihre Jungen ertränkt hat, komme ich mir Tag für Tag mehr vor, Fabian. Daß ich nicht miauze auf der Suche nach ihr – meiner Alten meine ich – ist noch ein Mirakel. Und dazu hat man solch ’n alter grauer Kater werden müssen, um das zu erleben! Immerfort höre ich sie – da klappert sie in der Nebenstube mit den Tassen; oder ich höre von der Küche aus ihre Stimme, und eben, wenn ich sie mit ihrem Namen rufen will: Pussel!, mit dem ich sie von unserm Verlobungstage an gerufen habe, und eben, wenn ich brummen will: Na, na, ruhig Blut, Pussel! – ach, Herrgott, da weiß ich denn ja wieder ganz genau, was die Glocke geschlagen hat, und daß sie sich nimmer und nimmermehr, wenn wir eine feine Gesellschaft, zum Exempel die Herren Kammerräte aus der Domänenkammer, zu Tische bei uns haben, den Namen von mir verbitten wird! Ach, Pelzmann, und wie hatte sie sich doch im Laufe der lieben langen Jahre an diesen selbigen Appell gewöhnt, und ich glaube, wenn sie mich jetzt noch in Schielau umschwebt und es ihr gestattet ist, mich auch in meiner Sehnsucht nach ihrer alten Stimme in meinem Seufzer zu hören, so ist ihr der Ruf jetzt doch am liebsten trotz aller Sphärenmusik. Ach, Fabian, und wenn wir, was der Himmel meinetwegen morgen geben mag, mal wieder da droben – in der ewigen Seligkeit zusammenkommen und ich nenne sie dann, vielleicht ein bißchen schüchtern wegen der fremden Umgebung, mit ihrem wirklichen Taufnamen Therese, so glaube ich fest, sie sagt: ›Na, was fällt dir denn ein, Alter?‹« »Hier oben braucht sich keiner vor der Oberlandesökonomiekommission zu schenieren bei Tische«, gab Knövenagel selbstverständlich seine Weisheit und sein Wort ab. »Halt den Mund, Menschenskind!« rief der Onkel Fabian ärgerlich, doch der Amtmann seufzte kopfschüttelnd und den Boden zu seinen Füßen betrachtend: »Laß ihn nur. Er hat ganz recht. Er hat sie ja auch gekannt! Nicht wahr, Ihr habt sie auch gekannt, Knövenagel?« »Jawohl, Herr Amtmann! zu meinem bitteren Leide – Mitleiden meine ich! und gewiß und wahrhaftig, ich wünsche mir keine zweite von ihrer Art kennenzulernen, Herr Amtmann.« Der Attrappenonkel erhob fast in hellem Grimm seine Faust gegen den getreuen Biedermann; doch der Amtmann legte ihm seine Hand auf den Arm und zog ihn wieder auf den Stuhl herab: »Nur ruhig, lieber Alter! Ist es denn nicht so? Hat er denn nicht auch hierin recht, der alte Bär? Ich weiß schon, was er meint, und er trifft damit ganz richtig ins Schwarze in meinem Gemüte: auch ich wünsche mir ganz gewiß keine andere von ihrer Art, und wenn sie eine mit dreidoppeltem Gewicht von ihren Vorzügen brächten. Ach, Fabian, wer für so was ein Herz hat, der weiß es auch zu taxieren und daß es eben nur einmal für ihn in der Welt da sein kann zum Präsent. Gewiß möchte ich keine zweite von ihrer Art kennen lernen, wie Knövenagel ganz recht sagt. Wo gibt es da einen Ersatz? Du, alter Fabian, der du deine ganzen Lebtage so solus hier gesessen hast bei deinen Erfindungen fürs Geschäft, kannst dich freilich nicht so ganz in solche Wohltat hineinfinden.« »O doch, Peter!« rief der Attrappenonkel, »Ich kannte sie ja auch! Mit wem habe ich – bis das Kind kam, wohl mehr und intimer gelebt als mit ihr und mit dir?« Der Amtmann drückte dem Freunde die Hand und erkundigte sich jetzt nach dem »Kinde«. »Das und sie hatten sich auch zu gerne«, seufzte er. »Es, ich meine das Kind, hatte sich gleich an ihr forsches, frisches Wesen gewöhnt und es ’raus, aus was für einem Teige sie gewälzt war und aus was für einem guten stillen Herzen der Wind uns dann und wann in Schielau um die Ohren pustete. Weißt du wohl noch, wie sie, unser Konstänzchen meine ich, zuerst unter der Haustür nach deinem Rockschoß griff, als du sie uns zum ersten Mal herausbrachtest, grade als ob ihr eben eines von ihren indianischen Biestern auf den Hals springen wollte?! Aber die Alte brauchte es, das liebe Kind, bloß ein oder zwei Mal beim Kopf genommen und es abgeküßt zu haben, um mit ihm auf den richtigen Wendepunkt anzukommen. Nun habe ich nichts mehr in Schielau als meine beiden dummen Jungen, den Inspektor und den Leutnant, die, wie sie sagen, mir zum Troste in jetziger Zeit nach Hause gekommen sind, um mich aufzurichten, und selber mir da herum zu liegen, mir ewig in ihren modernen Ansichten und Naseweisheiten vor die Beine laufen und sich und mich gottsträflich zu langweilen. Du lieber Himmel, Pelzmann, manchmal attrappiere ich mich drauf, daß ich mir Vorwürfe mache, daß die Langeweile jetzo auf Schielau so nahe an das Elend und den Schmerz und das Verlangen nach der Seligen grenzt! Wo steckt es denn, das Kind meine ich, mit seinem guten mitleidigen Gesichte? Nur dessentwegen bin ich ja auch heute mal wieder in die Stadt gekommen, denn freilich wäre jetzt für das liebe Wurm kein Pläsier bei einer Einladung aufs Land, in das leere Haus und in den Blätterfall.« »Zu Markte ist sie mit unserer Madam Kettnern, Herr Amtmann«, mischte sich natürlich Knövenagel, ehe der Onkel Fabian den Mund offen brachte, ins Gespräch, »und da nehmen die Herren es wohl nicht übel, wenn ich beiläufig ihnen, und vor allem Ihnen, Herr Pelzmann, mit einer Persönlichkeit komme. Nämlich Ihnen, Herr Prinzipal, und dem Kinde, unserm Fräulein, meinetwegen zu jeder Stunde auf jeden Wink auf allen Vieren als Packesel oder Kamel oder Dromedar; aber – der Alten zuliebe mit dem Marktkorbe hinterher oder beizu – niemals ! – Dies fehlte uns grade noch zu allen übrigen Verächtlichkeiten hier unter der Firma, daß sich das alte Erbstück von Weiblichkeit zuletzt auch mir noch so auf die Nase setzte, wie sie Ihnen, Herr Prinzipal, schon lange drauf sitzt.« »Auf mein Wort, wie nun auch dieses jetzt hierher gehört, ist mir völlig unklar«, stöhnte der Attrappenonkel, trotzdem aber in seinen erweiterten Haushaltssorgen sich doch ein wenig die Stirn reibend. Der Amtmann von Schielau lachte trotz seines schwarzen Florbandes und Herzenskummers und sagte: »Hättest du heute deiner eben so schändlich verketzerten heimlichen Liebe den Korb nachgetragen, Knövenagel, so würdest du wahrscheinlich das Vergnügen gehabt haben, deinem Gevatter unterwegs zu begegnen. Ich habe nämlich meinen ungläubigen Thomas auch wieder mit in der Stadt, Pelzmann. Er will wieder seinen Besuch machen – du weißt wo; und dazu hat er jetzt so seine eigenen Gänge; und mir schwant wohl, was er vorhat; aber ich halte es fürs erste für das beste, mich gar nicht dreinzumengen, sondern ihm ganz seine freie Hand zu lassen. Zu seiner Zeit wird man ja wohl eingreifen können, ohne ein neues Unheil anzurichten. Was aber diese trübseligen Besuche – wo, weißt du – anbetrifft, so ist dies nunmehr einer von den letzten; und unser Herrgott gebe nur, daß das nachher nicht schlimmer wird als alles andere!« Herr Fabian Pelzmann war auf seinem Stuhle herumgefahren, als ob plötzlich ein gespenstiges Etwas hinter ihm stehe; er faßte sich nur mühsam und stammelte: »Das gebe der liebe Gott!« Nachher können wir glücklicherweise ihn und den guten Peter über einer Flasche Bordeaux lassen, die Knövenagel, ohne sich dessen aus irgendwelchen Rücksichten auf sein Ehrgefühl oder sonst seine Gefühle zu weigern, ihnen aus dem Keller heraufgeholt hat. Wir suchen uns das »Kind« der Firma Pelzmann und Kompanie auf dem Blumen- und Gemüsemarkt, selbst auf die Gefahr hin, mit einer viel schwereren Last als dem Marktkorbe der braven, aber »arroganten« Madam Kettner, der Frau Aja des Attrappenonkels und der kleinen Konstanze, beladen von diesem Morgengange heimzukommen. Vierzehntes Kapitel Sie hatte allgemach ein gut Teil ihrer ersten Scheu vor dem Europäertum abgestreift, die kleine Inderin nämlich. Wenn wir den Onkel Sebastian ausnehmen, so gab es in dieser so durch und durch zivilisierten, dieser mit Malaien, Laskaren, Batakern, Atchinesen, Chinesen und sonstigem Barbarenvolk gänzlich ungemischt gebliebenen Gesellschaft niemand, der ihr auf dem Markte und der Gasse große Furcht eingejagt hätte. Es war dem Attrappenonkel seltsam, zu bemerken, wie in dem Kinde seines verstorbenen Bruders immer mehr von der Abenteuerlust, dem munteren Blute und dem heitern Mute des Vaters zutage trat und wie es der hübschen Halbbarbarin nur selten an einem passenden Worte auf jede Frage oder umgekehrt an einer Frage nach einem an sie gerichteten Worte mangelte. Sie liebte es, im etwas unberechtigten Gefühl einer Sicherheit, die sie in ihren halbwilden Garnisonen in Holländisch-Indien nicht gekannt hatte, allein durch die Straßen der Stadt zu schlendern, ihre kleinen Einkäufe selber zu besorgen und von Schaufenster zu Schaufenster zu hüpfen. Sie hatte ganz unschuldig dem Onkel Fabian von diesem Behagen gesprochen und war damit ganz an den rechten Mann gekommen. Auch ihm war noch niemals etwas Unangenehmes in den Gassen dieser soliden Residenz begegnet, und so machte er sich kaum einige Sorge um sie, wenn sie auch einmal ein Stündlein über die Zeit ausblieb oder etwas hochrot vom eiligen Lauf ihm in seinem Museo an den Hals sprang und ihm mutwillig-glücklich halb in niederdeutscher und halb in hochdeutscher Zungenüberstürzung mitteilte, an welcher Ecke ihr die Madam Kettner merkwürdigerweise abhanden gekommen sei. Merkwürdigerweise hatte sie gegen den Marktkorb der guten Wirtschafterin des absonderlichen Haushalts in der Fadengasse eine gradeso große Abneigung wie der brave Knövenagel. Unbedingt aber würde sie ihn tausendmal lieber selber geschleppt haben, als ihm nachgetrippelt zu sein, ohne den Versuch machen zu dürfen, der Trägerin bei der ersten geschickten Gelegenheit womöglich abhanden zu kommen. Letztere Gelegenheit hatte sich denn auch heute geboten, und wir treffen sie allein mitten im Gewühl auf dem Blumenmarkte und zwar als glückselige Besitzerin des größten, aber auch ums Doppelte zu teuer erstandenen Asternstraußes des ganzen Marktes. Sie haben ihr des deutschen Herbstwindes wegen einen dicken Schal um den Hals gewunden, aber »einen Schnupfen hat sie doch schon weg« und kennt auch diese deutsche Redensart ganz genau, aber kümmert sich weder ums eine noch ums andere viel. Sie niest nur herzhaft in der Vorfreude über das gutmütig-lächelnde Gesicht des Attrappenonkels über ihren farbenbunten Einkauf hinein und hat, als eine etwas harte Stimme: »Zur Gesundheit, Fräulein!« dicht vor ihr sagt, noch nicht die geringste Ahnung davon, daß sie heute durch ihr längeres Ausbleiben den Onkel Fabian doch in gar große Unruhe und Sorge versetzen wird. »Oh, Baas Erdener!« rief Konstanze Pelzmann froh überrascht im ersten Augenblick und reichte mitten im lustigen Gedränge des Wochenmarktes dem alten, grauen, ernsten Mann und Freunde von den Schaftriften von Schielau, der mit seinem Hund am Stricke vor ihr stand, die Hand; und – nun sogleich doch wieder an die Frau Therese und die so betrübt veränderten Zustände auf Schielau sich erinnernd, sagte sie: »Oh, ich freue mich doch, Sie einmal wiederzusehen. Es ist so traurig, daß, wenn einer stirbt, er so vieles mit sich nimmt, woran man zuerst in seinem Kummer gar nicht denken kann. Wie schön war es auf Ihrem Felde, und nun komme ich niemals wieder so zu Ihnen hinaus wie früher; und Sie kommen noch immer nicht in die Stadt zu uns und besuchen den Onkel und mich, und wir würden uns doch so sehr darüber freuen. Nicht wahr, Pilgram?« Der Hund stieß ein leises Gewinsel aus und suchte seinen zottigen Kopf dem jungen Mädchen in die Hand zu schieben; aber der alte Mann riß rauh des Tier an dem Stricke zurück und schien sich nur mit Mühe zu einem nicht rauhen Gegenwort auf die freundliche, sanfte Anrede der Kleinen zu fassen. »Es geht ja nicht an! Es geht nicht!« murmelte er. »Sie kommen, Gott sei Dank, so aus der Ferne und der Fremde, daß Sie für mich ganz wunderlich wie nicht unter jenem Dache herstammen und ich mit Ihnen spreche wie mit keinem andern in dem Hause. Und Sie sind zum Glück auch noch so jung, daß Sie keine grausamen Fragen aus Unbedacht an mich richten können. Ja, es ist ein kühler Trunk Wasser, daß ich Sie so gern sehen und mit Ihnen reden kann wie mit einer jungen, lieben Fremden; aber nun fragen Sie mich auch nichts weiter, sondern lassen Sie uns Alte das, was zwischen uns liegt, unter uns allein ausmachen! Und sehen Sie, ich hatte ja auch heute morgen so viele Wege und Geschäfte unter den Menschen, daß ich auch ohne den Eidschwur, den ich nach Gottes Willen lange vor Ihrer Geburt in dem fremden Lande hier im Lande habe tun müssen, nicht zum Besuch zu Ihnen und dem Herrn Onkel Fabian habe kommen können. Und bitte, nun grüßen Sie den Herrn Onkel recht schön von mir. Den Herrn Amtmann finden Sie vielleicht noch zu Hause, wenn Sie nicht zu lange von dort ausbleiben. Er hatte eine wirkliche Sehnsucht nach Ihnen; ich aber habe nun nur noch einen letzten Weg zu tun, ehe ich mich auf den Heimweg mache.« Das Kind hätte es wirklich nicht aussprechen können, woher es den Mut nahm, dem finstern Alten die Hand auf den Arm zu legen und bittend zu sagen: »Ich ginge so gern mit Ihnen, Baas Thomas.« »Auf diesem Wege?« rief der Schielauer Schäfer, im wahrhaftigen Schrecken und Entsetzen zurücktretend. »Auf diesem Wege, den ich jetzt noch vor mir habe?« sagte er leise, mit bitterem Lächeln in das unschuldige Gesichtchen vor ihm starrend. »Kind, Kind, selbst hier den Hund nehme ich ja nur ungern mit dahin bis vor die Tür! Aber, Kind, wissen Sie denn auch nur, wohin ich jetzt noch gehen muß; ehe ich mich wieder auf mein einsam Feld flüchten kann?« Konstanze nickte weinerlich: »Ich weiß es von Knövenagel, wohin Sie gehen müssen, wenn Sie in die Stadt kommen und den Onkel Fabian nicht besuchen, Baas Thomas.« »Was hat Ihnen der Narrenkopf aus seinem dummen Wichtigtun mitgeteilt?« rief der »Baas« zornig. »Hat der Unglücksmensch noch immer nicht genug Unheil und Verdruß angerichtet? Daß ich nach dem Zuchthause gehe, um mein Kind darin zu besuchen, das hat er Ihnen gesagt?« »Der Onkel Fabian auch! Ich habe sie danach gefragt, weil ich Euch so gern habe und Ihr mich stets immer so kummervoll und vorwurfsvoll angesehen habt, als ob auch ich eine Sünde gegen Euch begangen hätte. Und Knövenagel hat nur gesagt, er sei Schuld daran, denn er habe zuerst Euere Tochter in unser Haus gebracht. Keiner will mir das Rechte und Ganze sagen, und – jetzt möchte ich so gerne mit Euch gehen, Baas Erdener, und Euch helfen auf Euerm Wege. O laßt mich! ich fürchte mich gar nicht; ich habe auch schon Tote gesehen – tote Menschen an den Wegen in meinem Geburtslande. Gewiß, ich fürchte mich gar nicht!« »Aber ich!« murmelte der Greis, und dann nahm er die kleine Hand, die den großen, für den Arbeitstisch des Attrappenonkels bestimmten Blumenstrauß umklammert hielt, zwischen seine harten, dürren, braunen Hände; und die Leute, deren Verkehr die zwei in ihrem jetzigen Zusammentreffen auf dem Markte des Lebens immerhin ein wenig hinderlich waren, wurden immer ungeduldiger. »Nein, nein, nein, mein Herzenskind, es ist keine Möglichkeit! Und dann – sie erlauben es auch gar nicht. Ich allein habe nur die Vergünstigung dann und wann. O Fräulein, seit ich neulich den Herrn Doktor Baumsteiger auf der Chaussee unter meiner Herde anhielt und er mir verkündete, daß keine Hoffnung mehr für unsere Frau sei, hat mir kein Mensch solche Bangnis eingeflößt als wie Sie jetzt. Deshalb gehen Sie nach Hause mit Ihren Blumen und grüßen Sie von mir den Herrn Onkel Fabian und –« »Ich gehe mit Ihnen, Baas Thomas, und wenn auch nur wie Pilgram da mit Ihnen bis vor die Tür. Da warte ich mit ihm auf Euch, und die Astern, die eigentlich der Onkel haben sollte, nehmt Ihr mit hinein, – das erlauben sie schon – und sagt, daß sie von uns, dem Onkel und mir, kommen. Und dem Onkel brauche ich nichts vorzulügen, wenn ich nach Hause komme; – ich weiß es, wenn ich auch keinen danach gefragt habe, daß es ihm lieb ist, was ich – was ich Euch zuliebe tun möchte. Ich weiß es aus seinen Augen, wenn die Rede auf Sie kommt, Vater Erdener, wie gern auch er helfen möchte in Ihrem Kummer. Und ich, ich habe den Herrn Amtmann nach Euch gefragt, Baas Thomas, und den Onkel Fabian und Knövenagel; aber jetzt frage ich keinen mehr, sondern gehe mit Pilgram mit Euch, weil ich zu meinen Freunden nicht umsonst aus der Ferne gekommen sein will, wenn ich auch noch zu jung bin, um alles zu verstehen, wie jeder sagt, den ich frage.« »So komm denn, Kind, und gehe mit mir zu meinem Troste!« rief der alte Mann, und jeder Uneingeweihte hätte wohl meinen dürfen, daß er die Worte im hellen Zorn hinsprach. Es war aber wahrhaftig nicht an dem. Viele Leute sahen recht verwundert dem abgetragen-bäuerlich gekleideten Schäfer und der eleganten jungen Dame auf ihrem Gange durch die Straßen der Stadt nach, und es war eigentlich sehr schade, daß nicht auch Madame Printemps mit ihrer auf den Faden gezogenen Schar von jungen Fräuleins der ihrer Erziehungsanstalt leider so unverantwortlich entzogenen Nichte des Attrappenonkels begegnete. Wir aber sehen jetzt zum erstenmal das Kreiszuchthaus im hellen Schein der Mittagssonne liegen; und das freundliche Licht, das sonst allem Unheimlichen so viel von seinem Schrecken nimmt, war hier nicht nur machtlos, sondern verstärkte noch die dunkeln Schauer, die über dem Orte in jener schönen Sommernacht lagen, in welcher der Onkel Fabian das Kind am Handgelenk so rasch daran vorüberzog. Ein unregelmäßig dreieckiger Rasenfleck mit einigem verstaubten, vertrockneten Herbstgebüsch trennte die hohe harteiserne Eingangspforte von der Landstraße und ihrer jetzt gleichfalls herbstlich entfärbten Obstbaumallee. Unter einem dieser Bäume, grade dem stillen, dunkeln Tore gegenüber, befand sich eine Steinbank, und man tat besser, lieber gar nicht darüber nachzudenken, wer wohl schon, abgesehen von den gleichgültigen müden Vorbeiwandernden, auf dieser Bank mit dem Blick auf das stille, hochgetürmte Gebäude und die mitleidlose Tür gesessen haben konnte – wartend, – und was für Gedanken und Bilder da durch menschliche Phantasie und menschliches Herz gegangen sein mochten. Nun standen sie hier, der Greis und das Kind aus dem Hause Pelzmann und Kompanie, und der Greis legte mit einemmal ganz sanft den Arm um die Schultern des Kindes, sah ihm lange in die dunklen Augen und sagte mit zitternder Stimme: »Also wirklich? – Aus so weiter Ferne und unbekanntem Lande – über die weite See hierher gekommen bis zu dieser Stelle! Und zu meinem Troste, zu meinem Trost! – Kind, liebes Kind, wenn du es selbst nicht weißt, wer dich geschickt hat: kein anderer in der Welt kann es dann wissen!« »Ich bin aus mir selber her mit dir gegangen, Baas Thomas!« rief Konstanze Pelzmann schluchzend. »Wer sollte mich denn geschickt haben? Der Onkel Fabian wird nur nichts dagegen haben, wenn ich ihm nachher sage, wo ich gewesen bin; und hier auf dieser Bank will ich nun mit Pilgram warten, und du kannst nun ruhig hineingehen, und sie erlauben es schon, daß du die Blumen mitnimmst. Sage nur – nein, sage gar nichts von mir, sondern alles, wie du es am besten verstehst, und der liebe Gott wird uns allen schon helfen.« Eine klare, nüchterne Glocke, die Glocke des Uhrturmes des Kreiszuchthauses, schlug langsam elf. Konstanze fühlte die schwere harte Hand von ihrer Schulter sinken, sie sah in einen flimmernden Nebel vor ihren Augen, und als sie wieder alles um sich deutlich wiedererkennen konnte, fand sie sich allein auf der Bank unter dem Obstbaum, soweit man auf einer Landstraße dicht vor dem Tore einer volkreichen Stadt allein sein kann. Da saß sie im kärglichen Schatten und senkte den Blick vor dem grellen Widerschein des festungsartigen Turmgebäudes gegenüber, und der Hund lag zu ihren Füßen und stand jedesmal auf und knurrte leise, wenn ein Vorübergehender stehen blieb und erstaunt die junge Dame, die sich diesen seltsamen Fleck zum Ruheplatz erwählt hatte, genauer ansehen wollte. Wagen rollten vorbei und erregten dichte Staubwolken; der Septemberwind blies dieselben gegen das schwarze Tor mit den grimmigen Löwenköpfen hin. Sie wußte, daß sie eine halbe Stunde – drinnen rechneten sie auch in dieser Hinsicht genau – auf die Rückkehr des Schäfers Thomas zu warten habe, und schon nach den ersten Minuten ihres Wartens hatte sie jeden Überblick über den Lauf der Zeit verloren. Sie fuhr wieder über das Weltmeer auf dem großen Dampfschiffe und sah die Wasser in ihrem hellsten Lichte leuchten und tanzen. Darein mischten sich Bilder von den Schielauer grünen Wiesen, und nun plätscherte wieder der Schielauer Bach zu ihren Füßen und sie hörte die Stimme der Frau Amtmann im Schielauer Amthause. Sie dachte an des Onkel Fabians wundervolles Museum und an ihr eigenes hübsches, allerliebstes Zimmerchen in der Fadengasse und die Glocke der Michelskirche jenseits der Dächer auf der andern Seite der Gasse; und bei dem allen, trotz dem allen war sie doch da drin – da drinnen in dem schrecklichen stummen Hause mit dem alten Manne. Und weil sie gar nicht wußte, wie es darin aussah und wie die Tochter des alten Mannes aussah und was der Vater und die Tochter grade jetzt einander sagten, so hätte sie vor Angst trotz ihres Mitleids und ihres Mutes doch beinahe laut aufgeschrieen und nach dem Onkel Fabian gerufen, wenn ihr nicht Pilgram mit seinem bösesten Gekläff zu Hülfe hätte kommen wollen, und dann erst erlebte sie das Schlimmste. Es war nämlich wieder jemand, der des Weges kam, vor ihr stehen geblieben, und diesmal hatte es der Hund des Schäfers von Schielau nicht bei einem leisen warnenden Geknurr bewenden lassen, sondern sich mit grimmigem Gebell auf die Füße gestellt. Durch den Nebel vor ihren Augen sah Konstanze Pelzmann den Onkel Sebastian vor sich stehen und bog sich im höchsten stummen Erschrecken zurück auf ihrem häßlichen Sitze an diesem Wege. Sie hatte ihn seit längeren Wochen nicht zu Gesicht bekommen, sie hatte gar nicht gedacht, daß er sie erkennen würde, wenn er ihr irgendwo auf der Straße begegnete; aber er erkannte sie wirklich, und nun hatte sie auf einmal das Gefühl, daß er sie immer beobachtet habe, daß er sie, wenn auch widerwillig, gesucht habe, mit dem Auge sowohl als wie mit der Phantasie. Sie hatte ihn eben wie einen schwarzen Schatten unter der andern Baumreihe der Landstraße gesehen – scheu, schwankenden Schrittes, und nun war es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit, daß er vor ihr stand und sie anredete mit heiserem Tone: »Was ist das? Was willst du hier? Bist du nicht meine Nichte? Wie kommst du auf diese Stelle, Mädchen?« Wahrlich, er hätte diese selbe Frage an sich selber stellen können, hätte sie von einem andern an sich gerichtet hören können und wäre wohl nicht besser und mehr auf eine rasche Antwort eingerichtet gewesen wie das junge, durch ihn zum Tode erschreckte Kind auf der unheimlichen Steinbank, gegenüber dem Provinzialzuchthause und Zellengefängnis. Wir wissen es ja wohl, was ihn trieb, aber es läßt sich schwer in Worten ausdrücken, was es war. Es war eben die große Unruhe, für die es keinen rechten Namen gibt – die geheimnisvolle Kraft und Macht im Innern, welche der Mensch selber ist und die ihm doch wie etwas ihm Fremdes sich aufdrängt und ihn zwingt zu bleiben, wo er keine Ruhe findet und nicht bleiben möchte, und hinzugehen, wo er nicht hingehen will, und zu horchen, wo er die ewige Stille vorzöge. Es ist doch im Grunde nur ein ärmlicher Notbehelf der Sprache, wenn sie hier vom bösen Gewissen redet. Der Hund war auch nicht zu beruhigen; er, welcher den Onkel Sebastian nie in seinem Leben gesehen hatte. Er hatte den Haltestrick, ohne welchen er sich maulkorblos nicht vor dem Auge der Polizei in der Residenz sehen lassen durfte, mit einem Ruck dem jungen Mädchen aus der Hand gerissen und stand nun von ferne, den Onkel Sebastian wütend ankläffend. »Und der Hund? Was ist mit dem Hunde? Man scheint in einer sonderbaren Weise zu Hause auf dich Achtung zu geben, Fräulein Nichte! Wem gehört das tolle Tier, Mädchen?« »Dem Schäfer Erdener aus Schielau, Herr«, sagte die Stimme des Greises ruhig hinter dem aufgeregten Manne, und der von seinem schlimmen Morgenbesuche bei der vordem so schönen Marianne Erdener zurückgekehrte Vater stand vor dem auf seinen Füßen schwankenden jüngeren Chef der Firma Pelzmann und Kompanie. Herr Sebastian stieß einen unverständlichen, rauhen Laut aus und wich, den Alten fortwährend anstierend, zurück, Schritt vor Schritt, und zwar nicht vor einem toll gewordenen Hunde oder wütenden Menschen, sondern vor dem Blick und dem Lächeln eines anscheinend sehr ruhigen und keineswegs in tödlicher Feindschaft gegen ihn sein Leben abspinnenden alten Mannes. Aber mit seiner ruhigen Stimme sagte Thomas Erdener: »Ich weiß es, Sebastian Pelzmann, daß Gerechtigkeit im stillen an dir geübt wird. Ich habe dich nicht hierher gerufen und will dich auch jetzt nicht hier aufhalten. Wozu das dienen mag, daß du mich und deines Bruders Kind jetzt hier hast treffen müssen, weiß ich nicht. Komm künftig lieber wieder wie sonst in dunkler Nacht vor diese Tür. Mir ist es nichts zu meiner Befriedigung, daß ich jetzt dich ansehe und zu dir rede. Es ist einerlei: gehe oder bleibe, komme wieder oder bleibe weg; – es ist mir nichts – heute und in alle Ewigkeit.« Er legte der zitternden Konstanze leise und sanft wie vorhin die Hand auf die Schulter und sagte mit einem andern Lächeln: »Armes Kind, siehst du, es ist nicht meine Schuld, daß es so viel Erschrecken und Angst auch für deinesgleichen und deine jungen Kinderjahre auf der Erde gibt! Und siehst du, da mußt du auch deinen lieben Strauß wieder hinnehmen; sie haben es nicht erlauben können, daß ich ihn nach deinem guten Herzen und Mitleid abgeben mochte. Ich kann dir leider Gottes auch nicht dazu helfen, daß du nun wieder sicher zu deinen Freunden zurückkommst. Es ist nicht anders.« Sein Hund drängte sich schmeichelnd, winselnd und wedelnd an ihn heran. Er hob den Strick, den das Tier nachschleifte, vom staubigen Boden auf und ging, von dem freudig springenden Pilgram gezogen, ohne sich umzusehen, seines Weges die Straße hinauf, die nach seinen stillen Brachfeldern und Schaftriften zurückführte. Es tat ihm wirklich leid, aber er konnte ja nichts dafür, daß er das unschuldige, schreckensbleiche Kind in seiner Angst und Ratlosigkeit hinter sich zurücklassen mußte. Konstanze Pelzmann sah sich jedoch auch nicht nach ihm um; sie stützte den Onkel Sebastian, der ohne ihre Gegenwart und schwache Kraft zu Boden gefallen wäre, nun aber mit ihrer Hülfe die Steinbank erreichte und auf derselben niedersank, und den und dessen Firma sie jetzt dem rasch sich um sie her sammelnden Menschenhaufen gegenüber zu repräsentieren hatte. Da war es denn freilich ein Glück zu nennen, daß Hoheit Prinzeß Gabriele Angelika noch immer »nicht tot zu kriegen« gewesen war, sondern munterer denn je in der vergangenen Nacht von einer ihrer habituellen Unpäßlichkeiten befallen wurde. Und ein ebenso großes Glück war es, daß von ihrer Hoheit Apanage-Landsitz Monplaisir bei Tagesgrauen schon Mère la Chaise, wie der Leibmedikus seine beste Freundin, Gräfin Fredegunde, dann und wann ingrimmig zu betitulieren pflegte, eine Kutsche und einen Boten zu besagtem Hof- und Leibmedikus Baumsteiger gesendet hatte. Die intimste Vertraute der Leiden ihrer Hoheit konnte es nicht ahnen, daß sie sowohl wie die Prinzeß selber schnöder Weise gar nichts weiter bedeuteten als irgendein ander ganz gewöhnlich Mittel zum Zweck in der Hand der Vorsehung; aber der Hofmedikus, nach heuchlerisch geschäftig gelinderten Leiden in seiner Hofequipage von Monplaisir wieder nach Hause fahrend, kam grade im richtigen Augenblick vor der Bank am Wege gegenüber dem Provinzialzuchthause vorbei. Wie hätte er auch unterlassen können, einen neugierigen Blick auf die, wie es schien, um einen gleichfalls in seinen Geschäftskreis gehörigen Unglücksfall am Wege versammelte Volksgruppe zu werfen. »Halt da, Kutscher! – Na, was gibt’s da Leute? Wer hat sich nun hier wieder den Magen am Leben verdorben?« »Ja, sehen Sie nur mal, Herr Hofmedikus! Sie kommen ganz gewiß hier grade recht, Herr Hofmedikus! So laßt doch den Herrn Hofmedikus ’ran!« klang ’s zurück aus dem Haufen, dem der stadtbekannte Mann gewiß nicht unbekannt geblieben war. Aber Baumsteiger hob nun doch jetzt auf dieser Praxisfahrt die Hände im ungeheuchelten Erschrecken empor. »Zum Henker – aber was soll – was ist denn das? Sie, Kind – Fräulein Pelzmann? – und er! – Und hier?! – Und in wirklicher Geistesabwesenheit! – So gebt doch Raum, Menschenkinder; glaubt ihr etwa, ihr bringt ihn dadurch wieder zu Atem, daß ihr ihm so auf den Leib drängt? – Fassen Sie sich, Konstanze, es hat nicht das mindeste zu sagen; – da haben wir ihn schon wieder mit wiederkehrender Besinnung unter uns. – Jetzt helft mir ihn sanft in den Wagen schaffen, Leute, damit ihr wirklich zu etwas nutz hier seid. Und du komm, dich trage ich am besten selber, mein Kind! – Nach der Hochstraße, Fritz! Pelzmann und Kompanie! – Nun ist es mir nicht mehr bloß so so, sondern es war wirklich der ungläubige Thomas von Schielau, der mir vorhin an der Straßenkreuzung quer über den Weg stieg. Hm, da säßen wir denn freilich gewissermaßen mitten in der Geschichte. Na, nicht tot zu kriegen, nicht tot zu kriegen, hm, hm.« Fünfzehntes Kapitel Wie im Hinauflaufen des Wassers, so bildet sich im Hinstürzen menschlicher Schicksale dann und wann eine Stelle, wo das Leben dem Wasser gleich nach dem äußersten Tumult, Aufruhr, Gewirbel und Geschäume still wird und sich glättet über einer Tiefe oder, wie das Volk sich ausdrückt, einer Untiefe. Da scheint der Lauf der Ereignisse stillezustehen; scheinbar ist dann nur ein leises Ziehen im Kreise, ein kaum bemerkbar Drehen um sich selber an einem Feststehenden vorhanden. Das ist aber nur eine Täuschung. Es kommt wohl für jeden von uns oder ist wohl schon einmal oder vielmal für jeden von uns eine Zeit gekommen, wo er alles über sich, seine Pläne, Ansichten, Meinungen und Überzeugungen ergehen lassen muß; doch still steht die Weltgeschichte nicht darum. Die Geschäfte des Ganzen werden nur desto besser darum betrieben, wenn über den einzelnen zur Tagesordnung übergegangen wird. Es fließt eben weiter; es ist ein fließend Element, und nichts überflüssiger, als wenn ein sich als versinkend empfindendes Individuum sich mit der letzten Kraft der Stimme, mit dem letzten Blick des Auges angstvoll danach fragt, was nun aus der Geschichte werden solle, und die Anwesenden seltsamerweise in die Frage einstimmen. Die ist im großen so wie im kleinen; in dem vorliegenden Falle aber reden wir von der Krankheit Herrn Sebastian Pelzmanns und dem Eindruck, den dieselbe wenigstens im ersten Anfang auf seine Umgebung machte. Vollständig willenlos mußte er alles über sich ergehen lassen – er, der jeder fremden Meinung, jedem noch so bescheidenen Widerspruch stets so scharf sein Besserwissen und seinen Willen entgegengesetzt hatte. Lange, lange Wochen hindurch wußte er nicht, was man mit ihm vornahm, welche Hände über ihm walteten, ob harte oder weiche, Mietlingshände oder befreundete, welche Blicke über ihn hin gewechselt wurden, welche Worte man über ihn neben seinem Bette sprach, und vor allem nicht, wie die berühmte Firma Pelzmann und Kompanie es möglich machte, ohne ihn fertig zu werden. Still lag er nicht auf seinem Bette, während das Reich zum erstenmal wieder dem Attrappenonkel zugefallen war und sogar ungeteilter denn je zuvor. Er sprach viel und manchmal ganz zusammenhängend in seinem Fieber, und der Hofmedikus, der doch schon manche Leute im Fieber hatte reden hören, erklärte ihn für den eigentümlichsten Räsonneur von allen, die ihm jemals in seiner Praxis vorgekommen seien. »Er ist sich merkwürdig klar«, murmelte Freund Baumsteiger schier enthusiastisch. »Merkwürdig viel Methode liegt in seiner Unterhaltung mit sich selber, Fabian! Und wie nett er das alles sagt, was ihn drückt und was er so verständig bis dato bei sich behalten hatte. Was für ein Exempel sich da meine Hoheit an ihm nehmen könnte, die bei dem geringsten Druck auf ihrer Seele sofort losschreit, und zwar – nach mir! – Hm, hm, da haben wir das unschuldige Wurm Knövenagel wieder in der Konversation, dem Selbstgespräch! – Wie menschlich berechtigt das ist, sich selbst bei vollkommener Unzurechnungsfähigkeit immer den unrechten Mann für die eigenen Peccadillen herauszulangen! – Natürlich, hätte Knövenagel ihm nicht des Gevattern allerliebst Töchterlein mit allen seinen Naturtalenten von der Schielauer Heide in den Dekorateusensaal verpflanzt und wäre unser seliger Bruder Lorenz nicht dazu gekommen, so wären selbstverständlich sämtliche Konsequenzen geblieben, wo sie waren – auf dem Schoße der Mütter, harmlos in der angenehmen Gesellschaft sämtlicher übrigen platonischen Ideen! – Ach ja, jawohl, liebster Attrappenonkel, – platonischer Ideen! Diesmal waren sie leider tot zu kriegen, die Konsequenzen davon, und zwar unter Ausschluß aller mildernden Umstände. Joseph, Joseph, auf entfernte Meilen – höre ihn einer nur, wie genau er den Verhandlungen beigewohnt hat und wie er die Daten weiß! Zum Tode verurteilt – begnadigt zu zwanzig Jahren Zuchthaus, die – im – nächsten Monat laufenden Jahres auch vorbeigegangen sein werden gleich allem übrigen zugleich Notwendigen und Überflüssigen.« »Machst du ihn wirklich nicht unruhiger durch dein Akkompagnement zu seinen trostlosen Reden?« fragte Herr Fabian; doch der Hofmedikus schüttelte melancholisch den Kopf und sagte: »Beruhige dich, Alter; wir beiden sind hier augenblicklich ganz und gar unter uns und der da mit sich allein. Achte übrigens nicht auf mein Geschwätz, wenn es dich intrigiert; mir ist es in der Tat momentan ein Bedürfnis. Du hast freilich keine Ahnung davon, was so’ n beliebter Doktor an Notizen in sich hereinzufressen hat an seinen Krankenbetten. Da ist es denn ein wahres Labsal, sich endlich einmal, ohne Schaden in seiner Praxis und in der guten Meinung seiner Klienten zu nehmen, so recht nach Herzenslust gehenlassen zu dürfen, zumal wenn man in den Vorgeschichten der obwaltenden Krisis so zu Hause ist wie ich hier im Hause Pelzmann und Kompanie. Sieh mal, Bester, da hat der weimarsche Superintendent Herder einmal ein ganz vernünftiges Wort gesprochen, nämlich: ans Theater des bürgerlichen Lebens sei gewöhnlich ein Spital gebaut, in welches sich nach und nach die meisten der Schauspieler verlören. So ist es wahrhaftig; aber wem die Misere der am letztern Orte so nach und nach anlangenden Herrschaften aus den besten Kreisen unserer nächsten Bekanntschaft auf den Buckel fällt, das sind doch nur wir, wir Hof-, Leib-, Magen- und Seelenbeichtiger der angenehmen societas peccatorum. Auf Ehre, alter, guter Attrappenmensch, wir sitzen viel weniger im Theater und zanken uns um Wagner herum oder gucken nach den Wattons des Corps de Ballet, als daß wir im besagten Spital hocken und auf die vom théâtre de la vie abtretenden Helden und Heldinnen, Statisten und Statistinnen mit unserer – Kritik passen. Den feinen Komödianten hier habe ich schon seit lange fest in der Klinik. Tot zu kriegen ist er nicht in der Welt, aber ob ich ihn durch gegenwärtiges Nervenfieber bringen werde, das ist freilich eine andere Frage, lieber Fabian. Und ob ihm nachher, wenn es uns gelänge, viel daran gelegen wäre, das ist noch eine andere Frage. Er ist ziemlich satt vom Tische aufgestanden; er war mir trotz allem stets ungemein sympathisch, und ich bin auch lange genug sein Tischgenosse gewesen, um als Mensch und als wissenschaftlicher Mensch einige bescheidene Zweifel in jener Beziehung hegen zu dürfen.« Man bilde sich nicht etwa ein, daß Hofmedikus Baumsteiger seiner Prinzeß Hoheit gegenüber einen anderen Ton anschlug wie diesen, in welchem wir ihn soeben reden hörten. Er wußte es ganz genau, daß nicht nur sie, Prinzeß Gabriele Angelika, sondern auch manche andern Damen aus den besten Kreisen der Gesellschaft ihm grade dieses Tones wegen ihr Vertrauen mit Vorliebe zuwendeten; aber dem Attrappenonkel hätte er ihn, besagten Ton, im gegenwärtigen Augenblick wohl schenken dürfen. Er paßte durchaus nicht für ihn und an ihn und wurde von ihm mitgenommen wie so manche andere sauer-bittere Zutat zum Dasein, welcher er sich gleichfalls nicht zu entziehen vermocht hatte. Er seufzte nur tief und schwer, der Herr Fabian Pelzmann, und murmelte: »Und das Kind! das Kind! Daß das Kind es sein mußte, auf dessen arm unschuldig Köpfchen das ganze, erste, volle Gewicht jenes entsetzlichen Ausbruches fiel! Wie du sie mir beide zuführtest – « »Nicht wahr?« fiel der Hofmedikus eifrig ein. »Ein Arrangement durch Mr. Zufall, Miß Fatum, Mrs. Möre – kurz das, was ich allerhöchste Regie zu nennen pflege, wie’s nicht drastischer, nicht melodramatischer gedacht werden kann! Ich im richtigen Moment von Monplaisir her zur Stelle, und dazu der Alte von Schielau, der mir an der Straßenkreuzung mit seinem schottischen Covenantergesicht in die Karrete guckt und als Augenblicksbild meine psychologischen Erfahrnisse um ein erkleckliches bereichert! – Horch, da redet auch er wieder davon. Jaja, er hat uns seine Spazierwege nach jener Richtung hin lange recht geschickt zu verbergen gewußt; aber jetzt hängt einer der mysteriösen Fäden, an denen wir drolligen Hampelmänner hier sub divo gezogen werden, deutlich genug heraus. Was hat er denn aber immer wieder mit der jungen Dame – unserm kleinen Fräulein? Hm, ist es nicht, als verwechsele er es mit einem andern Kinde, das ihm freilich nur höchst gespenstisch an jener Stelle entgegentreten konnte? Das ist wirklich eigentümlich interessant! Laß uns doch noch ein wenig genauer horchen, Fabian.« Sie taten das; aber der Kranke tat dem Hofmedikus nicht den Gefallen, seine psychologischen Erfahrungen durch das wirre Fiebergerede zu erweitern, und dem Attrappenonkel war es eine wirkliche Erlösung, als sich noch eine Stimme, und zwar die Knövenagels, vom Nebenzimmer aus in die Unterhaltung mischte: »Sorgen Sie sich nur nicht auch noch gar um unser Kind, Herr Prinzipal. Wir sind ganz ruhig und gefaßt in unserm Nest da hinten, und ich sehe auch gar nicht ein, was uns eigentlich die ganze Geschichte viel angehen sollte. Ne, hierdurch sind wir wirklich fürs erste noch nicht tot zu kriegen, wie der Herr Hofmedikus sich stets so passend auszudrücken belieben. Wir sitzen am Fenster in der Fadengasse mit unserer Stickarbeit und gucken wohl ein bißchen melancholisch in das Stück blauen Himmel, was uns die Jahreszeit und unser lieber Herr Onkel Sebastian da noch gelassen haben, aber mit freundlicher Konversation kommen wir doch ganz passabel und konfortemang in der Zeit weiter und über die jetzige ganz gerecht gesendete Ungemütlichkeit hinweg.« »Ich bitte dich, hier wenigstens und jetzt deine Philosophien bei dir zu behalten und vor allen Dingen meine Nichte mit allen unnötigen Erörterungen zu verschonen!« rief Herr Fabian, trotz des Trostes, den ihm sein Famulus aus dem Hinterhause herüberbrachte, mit nicht geringem Verdruß und nicht ganz ungerechtfertigtem Mißtrauen in die Zweckdienlichkeit der Unterhaltungen, welche Knövenagel mit der Tochter seines Bruders Lorenz und der Nichte seines Bruders Sebastian aus »der besten Meinung heraus« zu führen imstande war. Der Hofmedikus nahm nur eine wohlwollende Prise, nickte zustimmend, das heißt Knövenageln zustimmend, und meinte: »Laß ihn nur, den Alten, Fabian. Es hat noch niemand die gute Bekanntschaft dadurch, daß er dem einzelnen drunter das Maul verbot, gehindert, ihre Ansichten, Meinungen oder vor allem ihre Weisheit und ihr Wissen an Mann, Weib oder Fräulein zu bringen. Mir ist es immer sogar lieb, wenn von allen Seiten auf mich eingeschwatzt wird; ein mittleres Maß richtigen Verständnisses kommt einem doch dabei zuwege; und auch dir, mein Bester, möchte ich raten, für den vorliegenden Fall dein kleines, wirklich allerliebstes und verständiges Mädchen nicht zu hermetisch gegen die Äußerungen und Mitteilungen der Welt abzusperren. Ich habe mich mit dem Kindsköpfchen so von weitem dann und wann ziemlich genau beschäftigt, und es ist meine Meinung, daß es die Dinge und Zustände mindestens ebenso klar übersehen wird wie ein gewisser sehr respektabler, aber wegen seiner Lebensführung nur zu stadtbekannter Charakter, den ich schon deshalb dir nicht zu nennen brauche, weil er sich im Grunde viel besser selber kennt als ich ihn oder gar das mobile vulgus rund um ihn her.« Der Attrappenonkel, die letzte schmeichelhafte Bemerkung des Hofmedikus ganz außer acht lassend, griff mit beiden Händen nach der fleischigen, wohlgepflegten Rechten Baumsteigers und rief: »Sieh, hier nimmst du mir wirklich einen Stein durch deine Worte vom Herzen, und ich danke dir innigst dafür! Ja, ich glaube das auch, was du da eben von meinem armen Kinde bemerkt hast, und ich bin nie im Leben für einen andern freudigen Glauben im stillen so dankbar gewesen wie für diesen. Sie ist ein sehr kluges Mädchen für ihr Alter und hat auch schon so viel darin erlebt und mit ihren ernsthaften, guten Augen mit angesehen, daß man ihr wohl in dieser schlimmen Erdenwirrnis mehr vertrauen und anvertrauen kann als manchen, die mit ihr nur wie mit einer Puppe spielen und sprechen würden, wenn ich sie dazu kommen ließe. Ach, Baumsteiger, gehe du nur auch recht freundlich mit ihr um. Sie erschrickt doch recht leicht, und dann denkt sie auch zu lange über Worte nach, bei denen der, welcher so laut zu ihr sprach, sich wohl nichts gedacht hatte. Und so macht sie sich Sorgen, als ob sie auch schon sechzig Jahre lang in der Welt sei und aus bitterer Erfahrung ganz genau wisse, wie übel oft die Menschen das bloße Dasein eines andern in eben dieser Welt aufnehmen und wie sie ihr eigen Leben so häufig an dem der andern rächen möchten.« »Dummes Zeug«, brummte der Hofmedikus ärgerlich. »Da haben wir mal wieder ein sauberes Exempel davon, wie impertinent so ein naiver, alter Hexenmeister aus der Fadengasse bei Gelegenheit werden kann. Eine Ahnung davon hat er natürlich durchaus nicht. Also – erstens: Unfreundlich gehe ich mit niemand um, sondern werde nur da grob, wo die Praxis es erfordert; Leibarzt Ihrer Hoheit der Prinzeß Gabriele Angelika bin ich nur meiner eigenen Seelendiät wegen. Zweitens: Laute Worte mach ich nur da, wo es mir in der Wüste zu einem Bedürfnis wird, eine vernünftige Stimme zu vernehmen. Drittens: denke ich mir stets etwas bei dem, was ich sage, und habe jedenfalls immer meine Devise im Bauche, nicht nur Mère la Chaise, sondern auch dem Attrappenonkel, Monsieur Fabian Pelzmann, gegenüber. Viertens hast du unverschämter, alter Eckenhocker vollkommen recht: wenn einem unglückseligen Menschenkind das pure Atemschnappen in dieser miserablen Lebensjahrmarktsbude zum Verbrechen angerechnet wird, bin ich’s, und wenn eine harmlose Lammskreatur durch Ärger tot zu kriegen wäre, so wäre ich’s auch. Übrigens ist die gegenwärtige Konsultation vollständig zu Ende. Guten Morgen, lieber Knövenagel, und – also – immer hübsch Eis auf den Kopf.« »Besten guten Morgen, Herr Hofmedikus. Verlassen Sie sich ganz auf mich, Herr Hofmedikus!« erwiderte Knövenagel mit einem so innigen, so herzlich sich anschmiegenden Ausdruck in Stimme, Ton und Gebärde, daß jedermann hätte denken sollen: da sieht man’s, auch er braucht nur einen ihm sympathischen Menschen zu begegnen, um das Organ für den Umgang mit demselben in sich zu finden. Daß dieser »jedermann« sich wie gewöhnlich darin ein wenig täuschte, ist auch im vorliegenden Falle mehr denn verzeihlich. Trotzdem daß man, wie wir eben gehört haben, ein so außerordentliches Zutrauen in die Verständigkeit und Vernünftigkeit Konstanzes hatte, ließ man sie doch natürlich nicht in das Krankenzimmer, sondern hielt sie sogar aus der Nähe desselben, und nicht bloß der Ansteckungsgefahr wegen, fern. Nicht alles, was der arme Onkel Sebastian in seinen Fieberphantasien, und zwar häufig nur allzu laut, vorbrachte, hätte wohl für das unschuldige Ohr der Kleinen gepaßt. Es war für das Kind eine Zeit, in der sie mehr als in einer andern seit ihrer Heimkehr ins alte Vaterland allein und auf sich selber angewiesen war. Der Onkel Fabian konnte sie jetzt nur im Vorübergehen küssen und streicheln und sein liebes Herz nennen. Der kranke Mann drüben im Vorderhause rief in seinen Phantasien wunderlicherweise sehr häufig nach dem Bruder, redete viel von ihm, ließ ihn antworten, Einsprache tun, nannte ihn einen Tropf und Narren über den andern, um ihn dann wieder, mit krampfigen Händen nach ihm oder seiner Decke zugreifend, nur mit seinem Namen anzuschreien, oder ihn in abgebrochenen, stöhnenden Sätzen einzuladen, bei ihm zu bleiben und ihn nicht zu verlassen. Wann aber hätte der Attrappenonkel je einen Menschen verlassen, der ihn darum bat, es nicht zu tun, und wenn er auch im Augenblick vorher von eben diesem Hülfsbedürftigen ein Schwachkopf und Pinsel, ein unzurechnungsfähiger Unmündiger genannt worden war?! Und von noch einer Merkwürdigkeit haben wir an dieser Stelle zu berichten, nämlich von der Stellung des Attrappenonkels als alleinigen Trägers der berühmten Firma Pelzmann und Kompanie. Die Sache machte sich viel besser, als irgend jemand in dem Geschäft für möglich gehalten hatte. Wie er dazu kam, wußte wohl keiner sich selber ganz deutlich zu machen; aber das Faktum stand fest, jeder tat sein möglichstes für – den Onkel Fabian, und sie setzten alle eine Ehre drein, unter seinem sanften Szepter den alten Ruf der Firma nicht in die Brüche gehen zu lassen. Durchaus nicht merkwürdig aber war es, daß man in einem ganz bestimmten Departement der fröhlich weiter rasselnden und klappernden Maschinerie anfing, einander die Ellenbogen in die Seite zu stoßen, mit vergnügtem Lächeln die Köpfe auf die Seite zu legen und einander zuzuraunen: »Na, weiß der Teufel, nun werden sie sich doch noch zu wundern haben, die Herren Konkurrenten!« Jawohl! Neben dem Lager des kranken Bruders oder im Nebengemach bei der niedergeschrobenen Lampe, wo der reine süße Atem und die Locken des Kindes an seiner dürren Wange und auf seiner Schulter nicht mehr unter dem Vorgeben, ihm helfen zu wollen, ihm jedwede objektive gedeihliche Betätigung seines erfinderischen Ingeniums unmöglich machen durften, saß der Attrappenonkel Nacht für Nacht, und die Attrappen für die diesmalige Saison gelangen ihm nunmehr schnurriger, fideler, drolliger und der Weihnachtsjubelstimmung der Konsumenten angemessener und fesselnder denn je für eine frühere. Ein Novitätenmodell nach dem andern trug Knövenagel schmunzelnd und in seinem Hohn und seiner Verachtung gegen die »Unterwelt« immer steifer hinab in den Modelliersaal. Es war eine traurige Wahrheit: Herr Fabian Pelzmann fühlte sich nach kurzem Aufatmen von neuem sehr gequält in seinem Gemüte, bedurfte dringend einer Ableitung, und so – hat alles in der Welt seinen Grund; in diesem Falle war sogar mehr denn ein zureichender vorhanden. Sechzehntes Kapitel »Lieb Mädchen, wenn ich dir nur einen bessern und passenderen Umgang verschafft hätte in der Stadt!« seufzte der Onkel Fabian. »Nun sitzest du da verlassen und einsam auf dem Stänglein wie ein armer kleiner Vogel im Bauer, und kein Menschenkind guckt nach dir, und selbst der alte Sünder, der dich für seine Freude eingefangen, hat jetzt keine Zeit dazu.« »Oh, ich springe auch wohl lustig hin und her und verlange nach niemand, und nach einem weiteren Reiche gar nicht!« rief Konstanze Pelzmann; aber Herr Fabian schüttelte kläglich den Kopf: »Nein, nein, nein! Zu deinesgleichen gehörst du doch; aber der alte Egoist dachte natürlich nur an sich und wollte dich ganz allein für sich selber behalten. Er gönnte dich nicht der Jugend, und – der Sonne womöglich immer nur in seiner verdrießlichen melancholischen Gesellschaft. Die Gewissensbisse wenigstens kommen mir ganz verdient jetzt zu allem übrigen über den Hals. Wen hast du denn zum Umgang außer der Madam Kettner und –« »Knövenagel!« lachte das Kind und fügte noch schalkhafter hinzu: »Und dann schickst du mir ja auch alle Augenblicke den Herrn Hofmedikus, daß er mir den Puls fühle und sich sonst nach meinem Befinden erkundige; aber er ist gottlob viel zu lustig dazu, um mir nach deinem Wunsch jeden Tag ein ander Rezept zu verschreiben.« »Ohne Knövenagel würde die Geschichte freilich ein bißchen sehr triste sein, da haben Sie vollkommen recht, Herr Prinzipal; aber auch das Fräulein hat recht: solange es sich in Knövenagels Gesellschaft befindet, kann von Langeweile und Tristität gewiß nicht die Rede sein«, sprach – Knövenagel. »Ja, du bist mir der Rechte!« ächzte der Attrappenonkel, küßte zärtlich das Kind und schlich kopfschüttelnd und trübselig wieder hinüber in das Vorderhaus. »Juchhe, nun tanzen die Mäuse wieder auf dem Tische!« grinste der Famulus. »Aber es war recht lieb von Ihnen, liebstes, liebstes Fräulein, daß Sie mich wirklich mit unter Ihren täglichen Vergnügen mitgezählt haben.« »Und es ist ganz gewiß meine feste, feste Meinung, Baas Knövenagel«, lächelte das junge Mädchen im Hinterhause der Firma Pelzmann und Kompanie. »Ich weiß auch gar nicht, was die Leute gegen Sie haben und weshalb auch der Onkel immer so ärgerlich mit Ihnen spricht. Oder sprechen Sie wirklich so sehr viel anders mit mir als wie mit dem guten Onkel und den anderen Herren und Leuten drunten?« Die »Holzaffenvisage« des Alten war wieder einmal nicht zu beschreiben; aber er seufzte zum erstenmal in dieser Geschichte und sprach ganz merkwürdig mit dem Ausdruck, Ton und Gestus des Attrappenonkels: »O Kind, entschuldigen Sie nur, daß auch gute Beispiele die Höflichkeit verderben und ich mir herausnehme, Sie auch unser Kind zu nennen wie mein einziger Herr und Prinzipal, unser Herr Fabian. Fräulein Pelzmann, wären Sie wie ich hier von den ersten Hosen an in der Firma aufgewachsen und immer eingeklemmt zwischen Ihre ehrliche Pflicht und Liebe und Zuneigung und Wut und Gift, ewiges Ärgernis und was Sie sich sonst nur in Ihrem Menschengemüte zusammengerührt denken können, so würden Sie mich noch viel richtiger und liebender taxieren, als Sie’s schon tun. Was Ihnen unser Herrgott gewiß auch demnächst einmal nicht bloß wie jetzo durch einen allerbesten Onkel, sondern auch durch einen ebenso guten und umgänglichen Mann vergelten wird! Sehen Sie, da steigt eben unser Fabrikkater übers Dach vom Zuckermagazin! Sie kennen ihn, denn er hat Ihnen auch allbereits seine Aufwartung gemacht wie wir andern alle aus dem Geschäfte. Sie wissen, was für eine gutmütige Kreatur es ist; aber das können Sie sich doch nur schwach vorstellen, was sein Charakter wäre, wenn man ihn von seinen ersten Sprüngen durch die Firma an so wie mich zwischen dem Hinter- und dem Vorderhaus gegen den Strich gekämmt hätte. Was unser Herr Fabian ohne mich angefangen hätte, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß ich Sie nicht bloß allein für ihn mit abgeholt habe mitten aus dem Franzosenlande heraus und von seinem äußersten Rande, wo es schon zu Wasser wird, weg. So wahr ich hier vor Ihnen stehe, er hat nicht allein, bis Sie kamen, hier in der Schokolade und im Überdruß an sich selber und dem Universum gesessen und gekaut. Und jetzt, was kann ich Ihnen heute zu Gefallen tun? Soll ich mich auf den Kopf stellen oder soll ich unsere angenehme Frau Kettner drauf stellen? Da soll es doch keine Erfindung unseres Herrn Onkels geben, die wir, soweit sie die Menschheit betrifft, Ihnen nicht in Fleisch und Blut zu Ihrem Amüsemang prästieren; ich auf Ihr bloßes Wort und unsere Haushaltsmadam auf mein höfliches Zureden.« »Duizendmaal dank!« ruft Mejuffrouw Konstantia Pelzmann in kindlich glücklichster Heiterkeit und bleibt Knövenageln, obgleich sie in einer fremden Zunge redete, durchaus verständlich. Sie hatten freilich alle immer etwas an ihm auszusetzen, mochte er reden oder mochte er den Mund halten, und er meinte es doch so gut mit ihnen allen, der arme, liebe Kerl. Da war keiner in der Fabrik, sowohl in den Kontoren wie in den Arbeitssälen, dem er nicht das Beste und ihm Dienlichste von ganzem Herzen gönnte. Unter dem Dienlichen hatte er leider nur zu häufig eine gründliche »Ablederung«, sei es durch die irdische oder durch die himmlische Gerechtigkeit, zu verstehen. Ein desto wirklicheres Wunder war es deshalb, daß das Kind ihm so gern zuhörte und seine Unterhaltung der aller übrigen, den Onkel Fabian ausgenommen, ganz offen vorzog. Da kommt der Regen eines der ersten Oktobertage leise herunter und wickelt die Residenz und mit ihr die Firma Pelzmann und Kompanie in einen feuchtkalten Schleier. Konstanze sitzt mit ihrer Arbeit an einem der Fenster des Reiches des Attrappenonkels, die nicht in die Fadengasse, sondern in die Hofräume der Fabrik hinuntersehen. Sie wartet auf den Onkel, der nun bald, wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt, zu Tische kommen muß, während das Arbeitervolk von seiner kurzen Freistunde eben zurückkehrt, in dichten Gruppen und Scharen, von der Fadengasse her, durch den Geschäftstorweg und sich, naß und wahrscheinlich auch fröstelnd, über den Hof drängt. Sie weiß es auch von ihrem sonnigen Geburtslande her, aus den Faktoreien und Plantagen, die ihr seliger Vater mit seinen Soldaten gegen die wilden Menschen aus den Bergen beschützen mußte, aber – kalt war es doch dort nicht und nicht so grau. Und sie hat ein inniges Mitleid mit diesen Arbeitsleuten ihrer europäischen Verwandten, und vorzüglich mit ihresgleichen darunter – obgleich die ganz lustig sind –, und mit den ältern Frauen, von denen nur wenige, wenige ein vergnügtes Gesicht machen oder gar in das laute Lachen und Kreischen der Jüngeren einstimmen. Und mit dem Messerkorb des Haushaltes der Fadengasse unterm Arme ist natürlich Knövenagel als Statistiker, Menschenkenner und Philosoph der Firma Pelzmann und Kompanie neben ihr vorhanden, sieht ihr über die Schulter gleichfalls in den Hof hinunter und redet wie ein Buddhist oder wie Buddha selber hinein in das Vorübergleiten der Erscheinung. Es war merkwürdig, wie genau er Bescheid wußte unter den Leuten da unten und vorzüglich den jungen Mädchen. Kannte er sie mit Namen, so wußte er auch fast von einer jeglichen ihre Geschichte, und wenn dieses nicht, so doch eine Geschichte, die er freilich immer erst ganz väterlich und verständig sehr genau darauf ansah, ehe er sie seiner jungen Herrin in ihrer gegenwärtigen Einsamkeit zur Unterhaltung zum besten gab. Es hatte niemand im Geschäft, und selbst der Onkel Fabian nicht, eine Ahnung davon, was in dieser Hinsicht in seiner untersten Tiefe lag und wie er es mit unbewegter Miene vermochte, das Kind bald zum hellen Lachen und bald dem Weinen so nahe als möglich zu bringen und alle Augenblicke zum Ausruf: »O Knövenagel!« Und recht nett war er auch jetzt wieder am Werke und brummte sinnig: »Was für ein Gesichtchen machen wir denn nun wieder in die heutige unangenehme Witterung herein, Fräulein? Die ist nun mal nicht anders bei uns zu Lande und kommt im nächsten Monat noch viel besser: aber wenn Sie vielleicht meinen, anderwärts in Europia hätten Sie’s immer blau über dem Kopfe wie vielleicht bei Ihnen zu Hause, da irren Sie sich Gott sei Dank ungeheuer. Zum Exempel, was tut es zu Paris? Es goß ihnen auf die nichtsnutzigen Köpfe, was das Zeug halten wollte, als wir, ich und der Herr Prinzipal, uns auf der Fahrt zu Ihnen dort aufhielten und uns gottlob in aller unserer Erwartung von dem Nest getäuscht fanden. Und erinnern Sie sich nur: Was tat es in Paris, als wir mit Ihnen wieder zurückkamen und es Ihnen auch in seiner Gloria zeigen wollten? Es regnete wiederum wie des Himmels Strafgericht unsern lieben Franzosen auf die Frisur, und was das Trockensitzen anging, so hatten sie mit ihrer neuen freien Republik, die wir ihnen verschafft hatten, gar nichts voraus vor uns mit unseren lieben Landesvätern und neuem Reich, zu welchem sie uns mitgeholfen haben.« »O Knövenagel«, lächelte das Fräulein, »wie kommen Sie nun darauf? Wer denkt denn jetzt hieran? Mich fröstelt eben nur mit den Armen da drunten, und es sind noch so junge Mädchen dabei, in ihren nassen Kleidern.« »Hm«, brummte des Onkel Fabians Famulus, »daß ich als zukünftiger Seelenwanderer mal in so ’ne Existenz hineinfahren möchte, kann ich grade nicht behaupten; aber ihr Vergnügen haben die naseweisen, impertinenten, schnattermäuligen, albernen Trinen vielleicht mehr an sich als ich an mir in meinem heutigen Zustande. Sehen Sie mal, Kind, ehe der Mensch stirbt, muß der Mensch eben leben, und nun hören Sie gefälligst mal das Gekicher und Gekreisch da im Hofe – klingt das, als ob sie es gar nicht mehr aushalten könnten in dieser miserablen Welt? Wissen Sie, schon ganz ohne alle Seelenwanderung sitze ich in jeder von ihnen und weiß ihre Freuden und ihre Leiden zu taxieren. Ihr Wohlbehagen zum Exempel, daß sie jetzt unsern – nun, ich will nicht sagen wen – da im Vorderhause so in Sicherheit fest liegen haben –« »O Knövenagel!« rief Konstanze Pelzmann vorwurfsvoll; doch Knövenagel sprach würdig: »Die Wahrheit immer zuerst, Fräulein, und nachher die feinern Gefühle und das übrige! Ihr Juchhe darüber, daß ihnen augenblicklich ein gewisser Jemand fürs erste nicht in ihre Insolenz, Faulheit und Naschhaftigkeit hineinfahren kann, will ich zwar nicht billigen, aber mitgenießen kann ich es schon nolens volens. Und so wie dieses legt ihnen jeder Tag für ihre Lästermäuler, Schadenfreude und Lust am Schabernack ein anderes Bosheitsei unter, was sie jedesmal ganz richtig ausbrüten und begackern und Hunger und Durst und jedwede Witterung darüber vergessen. Und dazu rechnen Sie denn auch, Fräulein Konstanze, bitt’ ich Sie, die hübsche reinliche Arbeit, die sie hier bei uns haben – so ein Tagewerk aus nichts als Gold- und Silberpapier und Wohlgeruch und Kakao, Zucker und Schokolade, wovon sie freilich wenig mehr haben als den Geruch, welchen letztern aber grade bei manch einem andern Geschäfte der Satan holen soll. Arme, geplagte Geschöpfe und nichtsnutzige Kreaturen sind es; aber so ganz schlimm haben sie es nicht, wie sie es meistens verdienen; und, Fräulein, wie oft, wie oft habe ich hier im Hinterhause einen andern Jemand, den ich auch nicht nennen will, grade da, wo sie jetzo sitzen, ebenfalls sitzen sehen und auf ihr Lachen und Singen horchen hören, und zwar mit einem Seufzer, der viel weniger Mitgefühl mit ihnen als mit sich selber war! Und wie oft hat er, wenn er sich dann selber darüber attrappierte, seine Melancholie an mir ausgelassen, und wenn er auch nur aufguckte und sagte: ›Nun, was gibt es nun wieder, – lieber Knövenagel?‹« »Kerl, was stehst du jetzt wieder so dumm und stierst und gaffst?« lautete eigentlich die letzte Redensart; aber das ist einerlei, Konstanze Pelzmann stützte den Ellenbogen auf die Fensterbank wie der Onkel, sah hinein in den grauen Regentag und sagte leise: »Er meint es sehr gut mit uns allen. Es ist wohl nur ein Mensch wie er in der ganzen weiten Welt! Wir sind schon zu einigen hingegangen, wenn sie krank waren; auch hinter Ihrem Rücken, Knövenagel. Ach, ich weiß es nur zu gut, daß viele von ihnen, die hier lachen, zu Hause bitterlich weinen – vorzüglich, wenn sie aus großen Familien kommen, aber auch wieder, wenn sie ganz allein auf der Erde sind. Am liebsten holte er sie wohl alle dann wie mich hierher zu sich herauf.« »Das würde freilich einen netten Haushalt hier im Hinterhause geben. Herr du mein Heiland, Fräulein, was haben Sie für merkwürdige Ideen aus Indien und von Ihrer Meerkatzeninsel mitgebracht. Lieber doch die ganze Bande schwarz färben und sie zu jedem Preise nach dorthin losschlagen! Um Gottes willen, reden Sie nur nicht so was hier am Platze, und noch dazu bei dem Geruche, in welchem so schon unser Herr Prinzipal Fabian in hiesiger Stadt steht, und nach dem Haar, was wir vor Jahren schon stadtkundig hier in der Firma in dieser Suppe gefunden haben. Bin ich nicht noch erst vorgestern darüber angeschnauzt, bloß weil ich Ihnen einen Namen genannt habe, der doch wahrlich und zwar seit Wochen mehr denn je auf der Lippe schwebt, in und außerhalb dem Geschäft, wenn die Rede auf meine und unsere Herzensgüte kommt.« »Marianne Erdener!« murmelte Konstanze, und nun war es in der Tat überraschend und zum wirklichen Erschrecken, wie nun plötzlich alles herausbrach, was in dem alten kuriosen Menschenfresser über den Fall gesteckt hatte, wie nichts von dem, was in ihm kochte, brodelte und misanthropische Blasen warf, sich länger zurückdrängen ließ, wie der Topf überlief, wie Knövenagel sich Luft machen mußte und zwar in einem Geheul, das zuletzt fast in ein Schluchzen überging. »Meine Marianne, mein Patenkind, an der ich mir auf der Schielauer Heide einen Narren gefressen hatte, gegen den selbst ihr eigener Vater nicht aufkommen konnte, grade wie Ihr seliger Papa heute, wenn er noch lebte, gegen unsern Herrn Onkel Fabian! Mein Mariannchen, das ich mir zu meinem Vergnügen und ihrem Elend und Verderben hierher in die Stadt und nachher ins Zuchthaus heruntergeholt habe! – Sehen Sie, Fräulein Konstanze, und ich hatte doch meinesteils zuerst auf das scheue, flinke Ding bei seinen Sprüngen über die Wiesen und Gekicher hinterm Ofen im Hirtenhause kaum achtgegeben, denn daß ich damals gerade ein Kinderfreund gewesen wäre, das soll mir heute noch keiner vorwerfen. Ach, damals nannten sie ihn noch nicht den Attrappenonkel, unsern Herrn Prinzipal meine ich; sie sagten nur: an dem ist vielleicht doch ein Künstler, Maler oder Steinbildner verlorengegangen, und es ist eigentlich schade, daß er alles, was er so findet, nur in Zucker und Schokolade in sein Schaufenster stellt! O Kind, wie viele bittere, reuevolle Stunden hat ihm das ohne seine Schuld zubereitet, daß er auch damals auf Schielau solch ein Auge für das Hübsche und Merkwürdige hatte; oh, und verdammt sei der Tag, an dem ich es ihm an der Hand brachte und unsere selige Frau Amtmann als junge Frau lachend ihm – meines Gevattern jungem Dinge – ein kurz rosenrot Röckchen anzog, ihm einen Maskeradenschäferhut mit Rosen und Bändern aufsetzte und sagte: ›Jetzt zeigen Sie Ihre Kunst, Herr Pelzmann!‹ Wie heute weiß ich es. Ich stand in der Tür vom Eßzimmer und hörte, wie er sagte: ›Entschuldigen Sie, Therese, da kommen Sie mir auch, als kämen wir eben von einem Kasinoballe. Halte doch noch ’nen Augenblick still, Mädchen! Ich habe sie zwar schon in meinem Zeichenbuch, wie sie von Peters Wiese kommt, Frau Amtmann; aber besser ist besser.‹ Und nun ist es fast ein Vierteljahrhundert her, seit die Leute sich in der Hochstraße vor unserm Fenster drängten, das Wunderkunststück und das Schielauer Schäfermädchen anzugaffen, und mich der Satan verblendete, daß ich mit dem armen Geschöpf, der lebendige Kreatur, im Haufen stand und ihr anzuhören gab, was die dummen Mäuler da über ihr Bild in Zucker schwatzten und an ihm priesen! – Barmherziger Gott, das war eine Attrappe zur Weihnachtszeit, wie sie der Verderber wohl selten so fein hingestellt hat, um einen ganzen Haufen armseliger Menschenkinder in einem Netz zu fangen; mich, das Kind, den Gevatter Thomas, den seligen Herrn Papa, den Onkel Fabian und – den Onkel Sebastian. Sechzehn Jahre war die unglückselige Gans alt, als ich ihr das Stadtleben zum erstenmal zu schmecken gab und in meinem damaligen Stolz auf die Firma ihr mit Pelzmann und Kompanie und ihrem süßen, bunten Geschäfte als dem Höchsten auf Erden vorrenommierte. Sie hob schon so ihre hübsche naseweise Nase über das Schielauer Volk empor, und eine feine geschickte Hand für unsere Künste hatte sie, das muß man ihr lassen. Da machte sie eines Tages heimlich ein Bündel aus ihren Siebensachen, ohne daß mein Gevatter eine Ahnung davon hat, und unser Herr Prinzipal, unser Onkel Fabian, hat in großem Verdruß und schon damals gleich großer Beängstigung hinausfahren müssen, um dem Thomas anzuzeigen, wo sie geblieben war. Du lieber Himmel, wo hätte sie, da das nun einmal so sein sollte, wohl besser aufgehoben sein können als unter unseres Herrn Fabian und meiner scharfen Obhut und Aufsicht? Unser seliger Herr Leutnant, der Herr Papa, meine ich, hatte seinen fröhlichen, lachenden Spaß an der Geschichte und zog meinen Herrn Fabian häufig nur zu arg damit auf; aber unserem Herrn Sebastian war die Sache im Anfang recht widerwärtig, denn er hat nie sich viel aus dem Verkehr mit Schielau gemacht, weil er stets lieber sein Vergnügen und seinen Umgang unter den Herrschaften hier in der Stadt suchte. So wahr ich lebe, er ist es gewesen, der den tausendfältigen Verdruß, der aus dieser Affäre entstehen sollte, am schärfsten vorausgesagt hat. Vor zwanzig Jahren! Vor mehr als zwanzig Jahren! O Fräulein, wie muß sich der Mensch nach Ablauf so langer Zeit besinnen, ehe er sich nur notdürftig in seinen eigenen Schicksalen wiedererkennt! Wie muß der Mensch sich quälen, ehe er klein beigibt und sich drein findet, daß er in dem Verlauf der Dinge drin steckt heute wie vordem und heute ebensowenig herauskann wie vor einem Vierteljahrhundert! Tagtäglich haben sie sich da unten über den Hof geschoben bei Regen und bei Sonnenschein, und eine Generation ist der andern gefolgt wie beim Bäcker die Semmeln, und keiner hat viel darauf geachtet, außer bei der wöchentlichen Ablohnung: wer konnte es nun ahnen, daß der Teufel jetzt uns eine drunter eingeschmuggelt hatte, die unser Herr Fabian auch sein ›Wunderkind‹ nannte und der Onkel Sebastian auch leider Gottes! – Vor fünfundzwanzig Jahren! O Fräulein, was würde das Ihnen heute für eine Freude sein, Ihren Herrn Papa in seiner jungen, ehrlichen Pracht und Tollheit gekannt zu haben! Es gab gottlob keinen zweiten wie ihn in der Stadt, sowohl was die Noblesse wie was das Kümmre-mich-nicht-drum! betrifft. Und dazu wie ein Sohn zum Vater gegen unsern ersten, einzigen, wirklichen und wahrhaftigen Prinzipal, unsern Onkel Fabian! Wenn uns einer von dem Unglücke hätte erlösen können, so wäre das unser lieber Herr Lorenz gewesen; aber, wie gesagt, unter einem Netz hatte uns der böse Feind allesamt, und so ist es doch wohl so am besten gewesen, daß Sie nicht damals bereits in der Welt vorhanden waren, um das mitzuerleben, Fräulein Konstänzchen. Oh, es ist doch eben das schönste Wunder, daß wir Sie hier jetzt so sitzen haben, wie aus dem Blau über uns heruntergekommen in all unsere graue Trübsal, und daß ich hier so wie im Traum und Dusel auf Sie hereinreden kann. Aber auch daran ist ja im letzten Grunde die Schielauer Hexe schuld gewesen; denn sie allein war es doch zuletzt, die unsern Herrn Lorenz auf den Weg in den holländischen Dienst und uns hier in das Hinterhaus beförderte und unsern Herrn im Vorderhause für sich nahm und ein, zwei tolle Jahre durch die Firma Pelzmann und Kompanie, das gute ehrenhafte Haus, in der Leute Mäulern vertrat, wie es nie vorher gewesen ist und nimmer hoffentlich wieder sein wird. Es war unser Herr Sebastian, der ihr Unterricht hatte geben lassen in allem, was dazugehört, um ein schönes Mädchen zur Dame zu machen. Es war unser Herr im Vorderhause, der sie mit sich nahm nach Italien, von wo er dann allein zurückkam nach Hause und sie erst ein paar Monate später und den Konkurs unseres bürgerlichen guten Rufes einleitete, aus dem der Herr Papa erst in Batavia wieder aufgetaucht ist als ein nobler, ritterhafter, vermögensloser Kriegsmann und unser Herr Fabian hier in der Fadengasse als der Spott und das Vergnügen der Lumpen und Narren – der Attrappenonkel; und wiederum als das Vergnügen, aber auch die Rührung und Hochachtung aller wirklichen Menschen und Leute – Herr Fabian Pelzmann, der Attrappenonkel! . . .« Siebzehntes Kapitel Wir brauchen es wohl nicht zu sagen, daß es doch ein Glück für Knövenagel war, daß der Attrappenonkel den konfusen Kerl nicht dabei attrappierte, wie er seiner unschuldigen Nichte im Tone eines verunglückten getreuen Eckarts der Firma Pelzmann und Kompanie über die trivial-frivole Nichtsnutzigkeit des Daseins doch nur neue Rätsel aufgab. Ihm das Handwerk gänzlich zu legen, war, wie wir beide, den Herrn wie den Diener, jetzt allmählich kennengelernt haben, freilich eine Unmöglichkeit. Zitternd, mit auf den Knien gefalteten Händen saß Konstanze da, während draußen der europäische Herbstregen unaufhörlich niederrieselte, aus den Fabrikräumen und Sälen das Arbeitsgeräusch des großen Geschäftes von neuem klang und die schwere Luft den schwarzen Braunkohlenqualm der beiden Schornsteine auf die Dächer und die Höfe niederdrückte. Vergeblich versuchte sie, es sich klarzumachen, wieviel von der dunkeln Schuld, die über ihrem Namen und dem Hause ihrer Angehörigen liegen mußte, auf ihr Teil und unwissend Haupt und Gewissen fallen mußte. Selbst wie die anderen gesündigt hatten, war ihr trotz Knövenagel lange nicht so klar, wie ein Untersuchungsrichter in ihm gegebenen Falle wohl hätte wünschen mögen. Was aber ihren armen seligen Papa und den Onkel Fabian anbetrifft, so hat sie es heute noch nicht recht heraus, was deren liebe Häupter unter das Verhängnis ihrer Familie, Marianne Erdener genannt, so tief wie den Kopf des guten Onkels Sebastian und des armen Baas Thomas von der Schielauer Schaftrift niederbeugte. Was ging es aber eigentlich auch sie an, auf wie feine und bürgerlich unangreifbare Weise der arme Onkel Sebastian es angefangen hatte, den Ruin des leichtsinnigen Reiterleutnants Lorenz Pelzmann zu vollenden, um sich das Feld rein zu machen? Was konnte sie davon wissen, wieviel seines Privatvermögens der Onkel Fabian hergegeben und eingebüßt hatte, um den jüngsten Sohn der Firma mit möglichst intakter bürgerlicher Ehre aus dem Lande zu schaffen und in die königlich niederländischen Kriegsdienste zu bringen? Sie hatte kaum ihre holländisch-indische Mutter gekannt, so bald war dieselbe nach ihrer Geburt gestorben; ihr Leben in der tropischen Wildnis war mit der Ehrensalve, die über dem Grabe des Vaters abgefeuert worden war, verklungen wie ein Traum. Sie war aus der Fremde in eine fremde Welt hineingekommen, und ihre erste wirkliche Heimat hatte sie unter den Glocken von Sankt Michel in des Attrappenonkels Traumhaushalt gefunden. Wir können nur, wie wir angefangen haben, von ihren Angehörigen und ihr weitererzählen; es läuft doch wie ein feiner, lichter, silberglänzender Faden durch all das trübe vergangene und gegenwärtige Wirrsal, und wir tasten uns weiter an ihm wie das Kind . Ein Phantasma hielt der kranke Mann im Vorderhause fest durch Tag und Nacht. Was für andere Trugbilder und Bilder des Wirklichen sich durch seine Seele drängen mochten, dieses stieg immer von neuem wieder empor auf die Oberfläche und ließ sich nur auf kürzeste Momente hinunterdrücken. Fest, dann als ein grauenhaftes Schrecknis und dann wieder als einen süßen Trost, hielt er es in seinem fiebernden Gedächtnis, daß neulich ein Kind, ein schönes junges Mädchen aus weiter Ferne her ins kinderlose Haus gekommen sei; und eine seltsame, höchst tragische Verwechslung und Verschiebung fand dabei in seiner niedergeworfenen Seele statt. Es kam nicht immer ganz deutlich für die an seinem Bette Wachenden und Horchenden zum Vorschein, aber das Faktum war doch da, daß er die Tochter seines auf Sumatra gestorbenen Bruders Lorenz mit einem Kinde verwechselte, das wohl einige Jahre älter als Konstanze Pelzmann gewesen wäre, wenn es noch gelebt hätte. Das war der große Schrecken dieses Sterbebettes: Marianne Erdener hatte dieses gestorbene Kind auf dem Arm getragen! Es hatte schon aufrecht auf ihrem Arm gesessen und sein Köpfchen an ihre Schulter gelegt gehabt – in der Sommermondscheinnacht, in welcher sie mit ihm aus der Stadt nach Schielau durch den Wald, die schlafenden Dörfer, die Wiesen und das hohe Korn gegangen war. Am Schielauer Bach, mit den Händen im Schoße, allein sitzend, war sie dann am Morgen bei Sonnenaufgang, mit den Lerchen über ihr, von ihrem Vater gefunden worden, und bei den nachfolgenden Gerichtsverhandlungen hatte Herr Sebastian in seiner Seele zugegen sein müssen vom Anfang bis zum Ende! Ein Name war jenem kleinen, im Schlafe gestorbenen Mädchen noch nicht gegeben worden; aber in seinen Phantasien rief es jetzt der Kranke und nannte es bald angstvoll, bald schmeichelnd, bald wie zornig und bald in scheuer, furchtsamer Zärtlichkeit mit einem Namen, dessen Widerhall in der Nacht von den düstern Wänden des Krankenzimmers dem Attrappenonkel das Blut erstarren machte und die Haare zu Berge trieb. »Konstanze!« »Beruhige dich, lieber Bruder«, stammelte Herr Fabian, wie um sich selber sprechen zu hören. »Wir sind alle da, und auch das Geschäft geht ungestört« – »Alle! – Wer ist da? – Keinen will ich sehen als das Kind! – Alle lügen sie, alle, nach ihrer Art! Ich auch! aber nicht so dumm wie die andern alle! – Nicht wahr, es war doch eine dumme, infame Lüge? Wie hätte das Wiesenrinnsal so hoch über solch ein groß erwachsen Mädchen hingehen können? – Lächerlich! zum Verrücktwerden lächerlich! – Konstanze, Konstanze? Welch einen Namen du da mitgebracht hast! Meine Mutter hieß doch Johanne. Nicht wahr, Fabian, nicht wahr, Lorenz, unsere Mutter hieß doch Johanne? – Eine Lüge war es; – das Wasser war es nicht, das dich versteckte. Komm her, fürchte dich nicht, Hübsche, Kleine, wo haben sie dich versteckt, um mich in das Geschwätz der Leute zu bringen?! – Ich lasse dich nicht los – zwanzig Jahre Zuchthaus! – Ich will es wissen, wo du so lange dich versteckt hast, bis keiner dich mehr suchte. Es ist so viel Wasser in der Welt – weite Meere – bergetiefe See – über das Meer bist du gekommen, sagen sie; aber du weißt es, was dran ist, – du weißt es, daß du viel weiter her zurückkommst in die Welt, und willst mich nur wieder necken, wenn du dich wieder versteckst beim – Bruder Fabian – Pelzmann und Kompanie, – im Hinterhause. Haha, der arme Kerl, der arme Narr! Senior der Firma? Der Unmündige?! – Komm, wir wollen gut von ihm reden – er soll ja auch seinen Willen haben – sein Spielwerk; aber er soll dich nicht länger verstecken. Zwanzig Jahre! Gehörst du nicht mir, arme kleine Konstanze? Auch er lügt, wenn er dir sagt, daß du vor zwanzig Jahren gestorben seist. Lache ihn aus – gehe nicht wieder hinein in die Nacht; ich gebe dir alles, was ich habe, wenn du lebendig lachen willst, Kind, Kind, mein Kind!« Nun wäre es wohl nicht mit rechten Dingen zugegangen und vor allem hätten kein Weib und kein Knövenagel hülfreiche Hand an diesem bedauernswerten Krankenbette leihen müssen, wenn nichts von diesen wirren, wunderlichen Worten in das Hinterhaus und das hübsche Nestchen, das der Attrappenonkel seinem Kinde darin zurecht gemacht hatte, hätte hinüber dringen sollen. »Oh, laßt mich doch zu ihm, wenn er jetzt meinen Namen ruft!« bat Konstanze flehentlich. »Ich habe mich ja so lange danach gesehnt, daß auch er mich zu sich rufe und mich zu sich nehme, wie du, lieber, lieber Onkel Fabian, es getan hast. Ach, was seht ihr mich so an und schüttelt den Kopf? – Zu jung sei ich für solch ein schlimmes, böses Krankenbett? Ach, nein, nein, auch mein Papa war ja ebenso krank, und so viele von unsern armen Soldaten, und ich bin meiner Pflegemutter oft zu ihnen nachgegangen. O bitte, da er mich ruft, so nimm mich mit hinüber zu ihm, lieber Onkel Fabian!« Wir wissen es, wie schwer es dem Attrappenonkel wurde, irgendeinem Menschen irgendeine Bitte abzuschlagen; aber hier waren die Verhinderungsgründe doch stärker als sein Herz, und es hätte des peremtorischen Vetos des zu seiner Hülfe herbeikommenden Hofmedikus Baumsteiger nicht einmal bedurft. Herr Sebastian schrie doch zu seltsame Dinge in seinem Fieber und verwechselte zu sonderbar für eines Kindes Verständnis das Lebende mit dem Toten. Es sollte kein Schrei, kein lauter Ruf, nicht einmal ein kaum von den Wächtern vernommener Seufzer sein, was endlich doch die Tochter der Firma Pelzmann und Kompanie zu dem wirklichen Chef der letztern führte, ohne daß sie den Onkel Fabian und den Hofmedikus Baumsteiger um die Erlaubnis fragte. Sie saß aufrecht in ihrem Bette in der nordischen Herbstnacht und hörte wieder dem Regen zu, dem Regen und dem Winde in der Nacht. Es war wohl noch eine Reihe heller, sonniger Tage gekommen, und man hatte um sie her von einem »recht schönen Oktober« lobend gesprochen; aber nun näherte der Monat sich seinem Ende, und es war »eine häßliche Witterung im bitteren Ernste« geworden, und zu einem bittern Ernst ward dem Tropenkinde allgemach mehr und mehr das Frieren in der Fremde und die Erinnerung an die heißen Tage und schwülen Nächte ihrer Heimatinsel. Sie saß aufrecht und hatte die weichen, warmen Kissen und Decken so dicht als möglich um sich her zusammengehäuft und -gezogen; aber sie fror doch, und ein Angstgefühl sondergleichen war in ihr. Trotz des Onkel Fabians väterlicher Liebe kam sie sich in dieser Nacht wie allein in der Welt vor – in der sichern, alten, guten Fadengasse verlassener als auf dem menschenvollen, fremden, gewaltigen, grimmigen, keuchenden, schnaubenden Meeresschiff, auf dem sie nächtlicherweile in ihrer Koje, auch so horchend und ihr Herz in unbestimmtem Bangen zusammendrückend, gelegen hatte. Horch! Da war es wieder! Was? Ach, wenn sie das hätte sagen können! Es war die Stimme ihres Vaters, wie er wirr in seiner Todeskrankheit von seinem Vaterhause in der Hochstraße redete und nach diesem Hause heim verlangte. Es war aber auch wie des Onkel Fabians Stimme, wenn er sie mit ihrem Namen rief; und es war beides nicht. Wir haben es gesagt, daß in dieser Nacht kein lauter Ruf nach dem letzten Kinde der Firma Pelzmann und Kompanie von den heißen, zersprungenen Lippen des Kranken im Vorderhause drang. Also war es nur eine Täuschung dieser schlaflosen Stunden, ein Trug, mit welchem die verständige, vernünftige Überlegung so vergeblich kämpfte wie die kleine Lampe in ihrer Alabasterglocke mit der rauschenden, gurgelnden, stöhnenden, seufzenden Finsternis umher?! Eine Täuschung und doch eine Wirklichkeit, eine Wahrheit! Es ist die Gewalt gewesen, mit der wir Menschen auf dieser Erde nur mit übers Kreuz gefesselten Händen willenlos folgend oder – durch ein dummes Lachen und Achselzucken fertig werden. Das Fräulein hat es selbst nicht gewußt, wie es geschah, daß sie plötzlich mit nackten Füßen in der kalten deutschen Herbstnacht vor ihrem Bette stand. Sie hat ihrerseits mehrmals den Namen des Attrappenonkels wie sich zur Hülfe gerufen, bis die »vernünftige Überlegung« wieder so weit reichte, daß sie sich zuflüsterte: »Der wird ja auch bei dem kranken Onkel Sebastian drüben sein. Knövenagel sagte es ja, als er mir gute Nacht wünschte und so mürrisch meinte, daß die Nacht wohl nicht gut werden würde.« Wie sich das alles ohne Zutat des eigenen Willens machte für das Kind aus dem Sonnenlande! – mitten in der dunkeln, fremden, kalten Nacht voll unbekannten winterlichen Geräusches! Der Frost schüttelte sie, während sie sich hastig beim Zucken der Nachtlampe ankleidete, aber sie fühlte ihn nicht mehr. Wie eine Nachtwandlerin tat sie alles. So zündete sie eine Wachskerze an, und so schlich sie zu der Tür und horchte. So trat sie hinaus in den dunkeln Gang und fuhr nur in einem kurzen Erschrecken vor ihrem Schatten an der Wand zusammen und bog sich seitwärts. Dann aber zitterte der Leuchter in ihrer Hand nicht mehr, und sie schlüpfte gegen die Tür, welche des Attrappenonkels Reich gegen die Galerie schloß, die aus dem Hinterhause um die eine Seite des Gebäudevierecks, die Speicher entlang, zu dem Vorderhause führte. Seit Wochen war diese Tür nicht mehr wie sonst verschlossen und verriegelt und sperrte nicht mehr das Dasein der Fadengasse von dem der Hochstraße ab. Es war ein rosenfarbenes Kerzchen in einer zierlichen silbernen Blume, welches dem gerufenen Kinde der Firma Pelzmann und Kompanie auf seinem Wege leuchtete. Unhörbar glitt die weiße kleine Gestalt die schwarzen Wände entlang. Ein Fabrikwächter, der ihr so begegnet wäre, hätte sich wohl scheu weggedrückt: »Gelobt sei Jesus Christus! Alle guten Geister!« – aber gefürchtet hätte er sich wohl nicht vor diesem guten Geiste des Hauses – »Sie hätte sich den Tod bei der Geschichte holen können!« rief später der Attrappenonkel mit feuchten Augen; doch der Hofmedikus brummte nur sein ewiges: »Nicht tot zu kriegen!«, fügte freilich ziemlich verdrießlich hinzu: »Daß unsereiner trotz alledem dem Tod im einzelnen kein Bein stellen kann und dem Gerippe den Nackenwirbel brechen, ist bekannt, seit der Asklepiaden Tagen die unversieglichste Quelle schlechtester Witze und keiner weiteren Erörterung bedürftig. Nun, im ganzen, lieber Alter, konnte doch die Sache nicht behaglicher und beruhigender für alle Parteien zum Abschluß kommen.« Dies war nachher; wir aber atmen noch immer schwer in jener regen- und windvollen Nacht, in der Doktor Baumsteiger wie gewöhnlich wohl das Ganze vor dem Verderben gesichert wußte, aber den einzelnen Patienten hinzugeben hatte, wie er ihm aus der Praxis herausgenommen wurde. Wir haben davon zu erzählen, so gut wir es vermögen, das heißt so einfach als möglich. »Das Kind!« rief Sebastian Pelzmann, sich aufrichtend auf seinem Bett, und empor fuhr auch der Onkel Fabian aus dem Lehnstuhl, in welchem er neben dem kranken Bruder gewacht hatte, das heißt aus tiefstem Schlummer, aus der Bewältigung durch höchste Anspannung und Ermattung. Wahrhaftig, es war das Kind, das neue Leben, welches den alten Stämmen wiedergekommen war, doch jedem der beiden Brüder auf eine andere Weise! Da stand Konstanze Pelzmann in ihrem weißen Nachtkleide, zitternd mit dem zitternden Lämpchen in der Hand, doch gerufen von dem Onkel Sebastian in seiner letzten Lebensangst und Not. Der Attrappenonkel streckte beide Hände aus – noch im Schrecken abwehrend und zurückwinkend; aber beide Hände streckte auch Herr Sebastian aus: »Mein Kind! mein Kind! Laß mein Kind zu mir, Bruder! Oh, seht ihr, es war nur eine schlechte Lüge und liegt nur als eine schlechte, grausame Lüge bei den Akten, daß es umgebracht wurde! – Oh, nun endlich! gib mir die Hand – deine Hand, laß mich deinen Atem fühlen, mein Kind, mein großes, schönes, lebendiges Kind!« Willenlos, mechanisch nahm Herr Fabian den silbernen Blumenleuchter aus der Hand seiner Nichte. Schon war sie neben dem Bette des Kranken, schon beugte sie sich über denselben – sie sahen einander in die Augen, und dann sagte der Onkel Sebastian: »Es ist zu viel Lüge in der Welt. Ich habe zwanzig Jahre falsch gerechnet! – Mein Kind, zwanzig Jahre durch habe ich mir selber vorgelogen und mir selber geglaubt, daß du gestorben seist. Nur dein Onkel Fabian hat es gewußt, wie falsch ich unsere Bücher führte. Sieh, Bruder Fabian, sieh, das Kind lebt!« – Herr Sebastian Pelzmann starb in dieser Nacht, aber er hatte keinen schlimmen Tod. Die Illusion hielt vor bis zum Ende, und er hatte seine Freude an seiner Tochter und sprach viel von dem, was er für sie tun wollte. Wagen und Pferde wollte er für sie halten, und so sprach er ihr noch von mancherlei andern Sachen, zum Beispiel von ihrer Mutter, und da tat es gar nichts, daß seine Stimme allmählich wieder immer unverständlicher wurde und somit auch seine Nichte in der Täuschung blieb, er rede wirklich von ihrer armen auf Sumatra begrabenen Mutter. Herr Fabian Pelzmann mischte sich nicht darein. Er war über alles weg: über die Furch vor möglicher Ansteckung des Kindes durch die tückische Krankheit wie über die Sorge, daß hier etwas gesagt werden könne, für welches das Kind zu jung sei. Auch Hofmedikus Baumsteiger, den Knövenagel gegen ein Uhr morgens noch einmal holte, sprach nicht drein. Er gab nur fünf Minuten nach zwei Uhr das letzte Wort ab: »Nicht tot zu kriegen! – Morgen früh werde ich jedenfalls nach der Kleinen sehen, Fabian. Weine nicht, mein Mädchen, bist mein gutes Kind und hast deine Sache brav gemacht! – Wir wären wirklich ohne sie nicht so glatt über den Fall weggekommen, und nun bitte ich auch dich, lieber Alter, dich nicht mehr, als unbedingt nötig ist, aufzuregen. Übrigens – quelle attrape! Du selbst hättest dies nicht besser machen können als unser Herrgott!« Achtzehntes Kapitel »Fabian Pelzmann in Firma Pelzmann und Kompanie.« Schon um acht Uhr am Morgen hatte der Attrappenonkel diese Unterschrift abzugeben. Er schrieb sonst seinen Namen mit einem feinen, sicheren Schnörkel, doch diesmal brachte er weder den Namen noch den Schnörkel mit dem gewohnten charakteristischen Schwunge zustande, und auch die Hand des ihm gleichaltrigen Buchhalters, der ihm die erste Post des Tages in das Kontor des Bruders brachte, rauschte und knitterte mit den Papieren wenig geschäftsmäßig. »Also Sie wieder! Herr – Herr! Und wieder definitiv! Ist es denn möglich? – Oh, Herr Fabian – ich bitte gehorsamst um Verzeihung; aber es ist wirklich uns allen noch ein Traum. Unser Herr Fabian Pelzmann in Firma Pelzmann und Kompanie!« »Es ist leider eine Wahrheit, alter Freund. Geben Sie mir Ihre Hand und helfen Sie mir in der alten Treue, lieber Schulze. Sie müssen nun sehen, wie Sie von neuem wieder mit mir – mit mir allein fertig werden.« Herr Schulze zog seine Feder mechanisch hinter dem Ohr hervor und zog vor sich einen Strich durch die Luft und wie über eine lange Reihe von Jahreszahlen. Er griff erst nach dem Schreibtisch des in der vergangenen Nacht verstorbenen Herrn Sebastian, dann nach der nächsten Stuhllehne und zuletzt nach dem Türpfosten, als er das Kontor wieder verließ. War es denn wirklich so? Und kein Protest des Verewigten gegen diesen – Wechsel auf Sicht mehr denkbar? Nein. – Und während das große Geschäft die große, tragische Neuigkeit nach der Art eines solchen vielköpfigen, vielgegliederten Organismus hin und her bewegte, bekopfschüttelte, beachselzuckte, bephilosophierte kurz sie langsam verdauete, schritt auf dem Wege von Schielau durch den tröpfelnden Wald in den dichtern Nebel, der über der Stadt lag, der Schäfer Erdener aus Schielau hinunter und stand um zehn Uhr vor dem Tore des Zuchthauses. In seinem Sonntagshabit. Wie um einen Kopf gewachsen. Mit einem Gesicht wie aus Eisen! Baumsteiger hat ihm einmal ein Covenantergesicht zugeteilt, nun aber finden wir eine andere, bessere oder – schlimmere Ähnlichkeit und vergleichen ihn dem florentinischen Mann, den die guten Bürger, die Frauen mit Kindern auf dem Arm, die jungen Mädchen und die Kinder scheu einander zeigen: »È stato all’ Inferno! Sieh, das ist der Mann, der in der Hölle gewesen ist!« Wahrlich, obgleich er nur von den nahrhaften Ackerfeldern, den Triften und Wiesen von Schielau kam, in der Hölle wußte auch dieser hagere, unbewegliche, greise Mann Bescheid, und zwar ohne daß er von einem überirdischen Führer durch ihre Schrecknisse geleitet worden war. Es hatte nunmehr nicht den mindesten Anstand, daß sie ihm seine Tochter zurückgaben. Die größesten, gewaltigsten, schlimmsten und besten Angelegenheiten, Geschäfte und Ereignisse werden ja fast immer so einfach abgemacht oder wickeln so sich ab, daß man kaum darüber sich Rechenschaft zu geben vermag und daß, wer das tun will, nur zu häufig in einem neuen Schauder sich der Gleichgültigkeit des unbewegten Weltenauges gegenüber findet. Es hatte kaum eine nennenswerte Zeremonie stattgefunden. Alles war in Ordnung – zwanzig Jahre hingegangen vor dem, vor welchem Jahrtausende wie ein Augenblick sind; – Gerechtigkeit war gehandhabt, Buße getan und Marianne Erdener frei . Dabei hat man denn wohl überall einen Provinzialausdruck für jenes Wetter zwischen Nebel und Regen, welches in dem Menschen stets jenes Frösteln zuwege bringt, das ihn bei weitem unangenehmer drücken mag als der bitterste Frost: der Vater und die Tochter standen darin vor dem wieder hinter ihnen zugefallenen schwarzen Tor, unter den blätterlosen Bäumen der Landstraße, und Marianne Erdener schielte empor und sah sich um in ihrer Freiheit – zum erstenmal. Kurzverschnittenes greises Haar unter einer grauen Haube – ein zu schnellem Atemholen geöffneter lippenloser Mund – Augen gleich denen eines durch die Peitsche gebändigten wilden Tieres und – ein Lächeln um den zahnlosen Mund und in den scheuen Augen – ein Lachen des Hasses, des Triumphes und der Angst. »So? – Also so sieht die Welt heute morgen aus! – Kalt, kalt und dreckig. Was soll’s nun werden, Alter? – Sie haben mich verwöhnt da drinnen, und ich spüre keine Lust, eine Ewigkeit hier zu stehen in der Nässe und in den niederträchtigen grauen Sack da über uns hineinzustarren.« Das Weib sprach das mit einer rauhen, heisern Stimme; aber noch viel heiserer klang die Antwort des Vaters: »Komm. Du weißt es, daß ich ein Dach und einen warmen Ofen für dich habe.« Sie lachte wieder; aber er ging fort, ihr voran, und sie folgte ihm wie ein böser Hund, blieb aber noch einmal stehen und fragte: »Was will der Köter? Gehört er zu dir, daß er mich so anschnuppert? So zutunlich täte er mir wohl nicht, wenn es deiner wäre?!« »Es ist meiner. Pilgram heißt er. Komm nur fort.« Er ging weiter mit gesenktem Kopfe, sie aber mit zurückgeworfenem. Sie summte höhnisch im Gehen vor sich hin. Aber von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick auf den Hund ihr zur Seite, und als derselbe ihr wieder die niederhängende Hand mit der feuchten Nase anstieß, tätschelte sie ihm einen Augenblick den Kopf, sich niederbeugend, fuhr aber sofort wieder grimmig in die Höhe, als der Vater sich grade jetzt nach ihr umsah. Der Schäfer Thomas tat das dann nicht eher wieder als am Anfang der ersten wirklichen Straße der Stadt, wo er zu seinem Schrecken merkte, daß sie weit hinter ihm zurückgeblieben war. Vor der ersten Anschlagsäule stand sie, auf die mannigfachen weißen und bunten Zettel und Plakate mit den Ankündigungen, Aufrufen und Vergnügungen des Tageslebens starrend. Er aber war wieder an ihrer Seite, legte ihr mit einem eisernen Griff die Hand auf die Schulter und riß sie herum: »Was soll das? – Einen Spiegel habe ich dir auch in deine Stube gekauft. Aber komm nur; wir treffen auch wohl schon unterwegs auf einen in einem Ladenfenster.« Sie griff auf ihrem Haupte wie nach einem Kopfputz, faßte aber nur das kurzgeschnittene Haar unter der grauen Haube. Da stöhnte sie leise und folgte willenlos und nun auch mit niedergeschlagenen Augen, bis jetzt der Vater stehenblieb und über die Straße deutete. »He?« fragte sie. Er deutete noch einmal, und nun verstand sie, was er meinte. Sie rannte, stürzte über den Weg und tat einen gierigen Blick in das Glas im hohen Goldrahmen hinter dem Schaufenster – seit zwanzig Jahren den ersten Blick auf ihr Spiegelbild, und stieß einen gellenden Schrei aus, der jeden in der Nähe zum erschreckten Auf- und umsehen brachte. Sie sank in sich zusammen, ein häßliches, krankes, gebrochenes, irrsinnig stierendes Weibsbild – so faßte sie nach dem Rockschoß des alten Vaters und hielt sich an ihm und sah nicht mehr auf und sich um auf ihrem fernern Wege durch die Stadt. Sie verschwinden uns in dem Nebelgrau und Menschengetriebe der inneren Stadt, und wir wenden uns zurück gegen das »Trauerhaus«, das heißt zu der Firma Pelzmann und Kompanie. Da war das Getriebe im Gange, als ob nichts geschehen sei. Dem Anschein nach ging das bunte Handwerk auch ohne den Herrn Sebastian ohne Stockung seien Weg. Die Räder rasselten, die Dämpfe schnoben, alle Transmissionen taten ihre Schuldigkeit, die Formen gingen von Hand zu Hand, von Maschine zu Maschine. Ganz wie gestern nahm jedwedes Produkt Gestalt, Farbe und Geschmack an zum Genuß oder Vergnügen der Welt. Das einzige, was aufhielt an dem arbeitsvollen Geschäftstage, waren die vielen Besuche, die dem stillen Mann im Vorderhause galten, von Herrn Fabian empfangen werden mußten und keine Geschäftsbesuche waren. Eine ziemliche Stütze hatte er dabei an dem Hofmedikus, der mehr als einen seiner »Amateurpatienten« und vor allen anderen zuerst Ihro Hoheit Prinzeß Gabriele Angelika »auf morgen verschob«, um sich soviel als möglich dem Attrappenonkel zu widmen und ihm glücklich und mit möglichst intakter Zurechnungsfähigkeit in den »stillen Abend, das nach solchem Trubel und Embrouillement in der Tat ganz gemütliche Hinterhaus und in den Schlafrock und die Pantoffeln« hineinzuhelfen. Es war trotz Hofmedikus Baumsteiger eine große Erlösung für den Onkel Fabian, als dieser stille Abend endlich gekommen war und er ohne den medizinischen Hausfreund nach einem letzten Blick in das Sterbezimmer und einem letzten Wort an den von dem Hofmedikus in dasselbe gesetzten Wächter durch die nunmehr auch schweigenden Fabrikräume und Höfe sich wieder in sein eigen Reich im »Hinterhause« zurückziehen durfte. Nun waren sie unter sich und blieben dicht zusammen, und selbst Knövenagel ging an diesem Abend nur auf den Zehen um den Prinzipal und das Fräulein herum, und wenn er ein Wort in ihr leises Gespräch einwarf, so war das mehr als sonst wirklich zum Zweck. Im Innersten der Seele aber gab es an diesem trübsalsvollen, wirren Tage keinen vergnügteren Menschen unter dem Dache von Pelzmann und Kompanie als eben diesen Knövenagel. Ihm war es wahrlich keine Kunst, milde und sanft zu sein, aber eine so sehr große, sich zu mäßigen in seinem Behagen und nicht alle fünf Minuten in ein jubilierendes Triumphgeheul auszubrechen. Daß er sich alle Augenblicke mehr oder weniger verstohlen die Hände rieb, war auch nicht recht schicklich, aber doch bei weitem jeder lauten Äußerung seiner Gefühle durch Wort und Ausruf vorzuziehen: »Aha, ahm – i, siehst du! Na, na – puh, – na nur stille, Knövenagel! Anhalten, Knövenagel!; Holzaffe! – Uh ja, dieses heiße ich doch endlich mal einen Trauerfall, wie er von Rechts wegen eigentlich immer sein sollte! – Lederaffenvisage! – Also wirklich? Mäßigung, Knövenagel, in ei-nem – Trau-er-hau-se! I bitte, sehen Sie jetzt gefälligst doch einmal, Herr Sebastian Pelzmann! Also doch ’n bißchen beizugesetzt?! Ja, ja, ja rrrrrm!« – – »Mein armer Bruder«, seufzte währenddessen der jetzige einzige und wieder wirkliche Chef des Hauses. »Nun bist du, mein Herz, von Rechts wegen unser aller Herrin. Er hat dich als sein Kind gerufen und somit als seine Erbin eingesetzt, wenn auch nicht mit Worten und schriftlich und vor anderen Zeugen als uns beiden und Knövenagel im Nebenzimmer –« »Ich will nichts, als daß du mich bei dir behältst, wie du mich bei dir aufgenommen hast, du lieber Onkel Fabian!« schluchzte das Kind. »Oh, und er hat mich ja auch doch nur für eine andere gehalten!« »Für eine andere!« murmelte der Attrappenonkel schaudernd und zog das junge Mädchen fester an sich. Mehr zu sich als zu Konstanze sprach er dann: »Da hatte Baumsteiger recht. Ein großes, mildes Wunder war dies, und ein so feines, daß kein Menschenwitz darauf kommen konnte, sondern nur das Menschenschicksal selbst. Kind, dereinst wirst du es besser fassen als heute, wie freundlich gegen deinen armen Onkel Sebastian sein Schicksal durch deine Hülfe gewesen ist. So weit übers Meer bist du dazu hergeführt, und er kannte dich nicht; und sieh, es war nicht das Rechte, daß ich einmal gemeint habe, nur meinetwegen – zu meinem Glücke allein seist du zu uns gekommen – zurückgekommen zu deines Vaters Hause. Was half es ihm, daß er sich gegen dich wehrte? Was half es mir und dem Doktor Baumsteiger, daß wir dir verboten, zu uns in das Vorderhaus zu kommen? Durch die kalte, dunkle, stürmische Nacht mit deinem Lämpchen in der Hand mußtest du deine Sendung vollenden, dem Onkel Sebastian einen sanften Tod zu geben. Du bist wahrhaftig die einzige Erbin der Firma Pelzmann und Kompanie!« Wie ein Besessener nickte Knövenagel hinter dem Paar sein absolutes Einverständnis mit den Worten des Attrappenonkels. »Stimmt ausnehmend!« brummte er. »Und dann suche man mir mal einen, der es besser in Worten, in Schokolade und Zucker ausdrücken könnte als unser Herr Prinzipal ! Welch ein Attrappenesel von Zucker und Schokolade und was für ein Vomitivus wärest du, Knövenagel, wenn du ihn jetzo in diesem Moment an die andere niederträchtige Erlösung aus der Knechtschaft auf diesem Attrappenerdball erinnertest – nämlich an unsere Mamsell Erdener!« Der Tropf hatte leider nur das letzte Wort zu laut von sich gegeben. Er konnte wirklich nichts dafür; aber Herr Fabian Pelzmann ließ das Kind frei aus seinen Armen, fuhr herum und blickte wie erstarrt auf den Schwätzer. »Großer Gott – das ist das Datum!« stammelte er dann. »Gütiger Gott, und ich habe das ganz vergessen!« Der getreue Knecht, da er sich leider die Zunge nicht vor der Katastase dieses Kapitels abgebissen hatte, gebrauchte sie jetzt in seiner Weise weiter: »Holzaffe!« schnarrte er wütend. »Zum Henker, der Selige hatte recht mit jeder Betitelung, die er mir im Verlaufe seiner Existenz aufgelegt hat und meinetwegen noch fünfzig Jahre länger für mich in seinem Komplimentierbuch aufschlagen möchte. Uh, ich Stallesel, ich Devisenrindvieh! Jaja, Herr Pelzmann, weil ich denn einmal solch eine elende Jammerfratze gewesen bin: heute morgen hat sie der Alte abgeholt aus ihrer Zurückgezogenheit, und ich bin ihnen in der Stadt begegnet, als mich der Herr Hofmedikus nach dem Pumpfünäber schickte!« Neunzehntes Kapitel Wenn man aus dem Studium der Weltgeschichte dann und wann nur die Erfahrung heimbringt, daß manches, wofür viele Leute Leib und Seele gaben, am Ende kaum des Sehnens und der Mühen wert war, so tritt uns eine ähnliche Erfahrung noch deutlicher aus den Geschichten des persönlichen Alltagslebens entgegen. Vorzüglich wird dieselbe uns dann zuteil, wenn man so im Zuge der Honoratioren hinter einer ehrenwerten, stadtbekannten Leiche mit einherzieht und sein eigen Gedankenspiel unterbricht, um auf das zu achten, was die Mitwandernden vor, hinter und neben uns über den verschlossenen Mann, der die Prozession führt, zu sagen haben. Und das Sonderbarste ist, daß das Interesse an dem stillen Zugführer im Verhältnis zu der Höhe der Summen und der Ausdehnung der Besitztümer, die er hinterlassen hat, abnimmt und sich den Erbberechtigten zuwendet! Ich wenigstens bin noch hinter keinem wohlsituierten Leichnam hergetrabt, der nicht in der Unterhaltung des Trauergefolges (natürlich die nächsten Angehörigen ausgenommen) schon gänzlich die Nebensache bei der höchst würdigen Zeremonie gewesen wäre. Nun war an dem wiederum recht nebelgrauen Morgen, durch welchen der Leichenkondukt Herrn Sebastian Pelzmanns von der Firma Pelzmann und Kompanie mit Fußgängern und Kutschen sich hinbewegte, ganz außergewöhnlich lebhaft von den Erben die Rede: Herr Sebastian mußte also wohl als ein für die örtlichen Verhältnisse sehr wohlhabender Mann das Zeitliche gesegnet haben, um derartig zur Ventilierung der Frage: Wer hat nun was davon? Anlaß zu geben. »Es ist nur der Attrappenonkel da vorn, soviel ich weiß, noch vorhanden von der Familie.« »Jawohl der drollige Kauz! Und dann, wenn ich nicht irre, ein Kind – eine Tochter des jüngeren Bruders – Sie erinnern sich – des tollen Menschen, der vor zirka zwanzig Jahren hier eine ziemlich wilde Rolle spielte, den gutmütigen und stets etwas beschränkten ältesten Bruder in große pekuniäre Verluste hineinzog, aus der Gesellschaft verschwand, in der Ferne verduftete und – was weiß ich! – vor kurzem in Indien – englischen oder niederländischen Diensten als militärischer Abenteurer untergegangen ist.« »Es war der Selige, der damals an die Spitze des Geschäftes trat. Wirklich ein ausgezeichneter Geschäftsmann, ein Mensch von enormer Energie –« »Bitte, erwähnten Sie nicht eben eines jungen Mädchens? Bei den jetzigen Umständen ist mir das wirklich ungemein interessant.« »Hm, hm, alter Schäker, in der Tat vielleicht eine recht passable Partie, wenn auch leider nicht mehr für uns, Herr Senator! Ja, die Sache verhält sich so; in diesem Frühjahr hat man die junge Dame sozusagen nackt – wenigstens vollständig mittellos von Singapore herübergeschickt. Erinnern Sie sich doch, wie der Selige einige Male en petit comité (wir haben wirklich recht angenehme Stunden bei ihm und mit ihm verlebt) seinem Herzen in seiner Weise über die Sache Luft machte.« »Sie haben recht; aber es geht einem selber stets so vieles durch den Kopf, daß man wirklich nicht imstande ist, alle diese Privataffären selbst seiner besten Freunde drin in conto corrente zu halten. Sie haben vollkommen recht; da war ja die höchst amüsante Fahrt unseres trefflichen und wirklich im besten Sinne singulären Attrappenonkels nach Frankreich –« »Onkel Fabians Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich!« lächelte hinter dem weißen Taschentuche ein literarisch angehauchter Leidtragender. »Nach Marseille, um die Kleine vom Schiff abzuholen und sie wie ein echter, rechter Märchenonkel richtig möglichst hermetisch bei sich in seinem bizarren Hinterhause zu verschließen. Die Geschichte hat jedenfalls jedem andern in der Stadt mehr Spaß gemacht und Sympathie erregt als unserm armen stillen Freunde – da vorne.« »Hat sich auch später wenig genug um dieses in der Tat ganz hübsche kleine Mädchen aus der Fremde gekümmert; und die Zuneigung zwischen den beiden Brüdern ist grade nicht durch die Affäre gestiegen. Ein angenehmes Verhältnis zwischen ihnen war’s ja nie.« »Ein Testament hat der Verstorbene nicht hinterlassen?« fragte jemand ein wenig mehr auch »da vorn« im Zuge über die Schulter, und man zuckte, soweit die Frage gehört wurde, die Achseln und gab sie weiter. »Baumsteiger würde wohl am besten Auskunft darüber geben können«, meinte dann jemand, »aber momentan ist nicht an ihn zu appellieren. Da vorn geht er mit dem alten Fabian. ’s ist merkwürdig, wie den guten Menschen, den jetzigen Pelzmann meine ich, der Todesfall angegriffen zu haben scheint. Manch einer an seiner Stelle würde unbedingt sicherer auftreten und des Hofmedikus Arm nicht so nötig haben.« »Ich par exemple. Ich gestehe das ganz offen!« dachte freilich manch einer im Zuge, wenngleich er es nicht laut äußerte; unsere Aufgabe aber ist es gottlob nicht, Herrn Sebastian Pelzmann ganz bis nach dem Kirchhofe hinaus zu begleiten und den munteren Experten und Praktiker und den melancholischen »Gescheidtle« bis zu dem so sehr ernsten: Von Erde bist du genommen usw. weiter zu agieren. Es ist auch, wie wir vernommen haben, auf dem Friedhofe nichts Neues passiert, und auch der geistliche wohlmeinende Herr, der von der »Familie«, das heißt dem Hofmedikus Baumsteiger, mit der Leichenrede beauftragt worden war, hat dergleichen nicht vorzubringen gewußt. Unsere Pflicht und Schuldigkeit ist es, mit den Lebenden weiter zu gehen, und da haben wir dem Haupterben der Firma Pelzmann und Kompanie, unserem Herrn Fabian, still auf einem zweiten sehr schweren Gange an diesem Morgen zu folgen. Von dem Kirchhofe weg hat der Attrappenonkel diesen Gang getan. Er hatte das Trauer- und Ehrengeleit sich zerstreuen und die Kutschen davonfahren lassen und von neuem den Arm des Hofmedikus genommen, jedoch nur bis in die Mitte der Stadt zurück, welche letztere er ziemlich in ihrer ganzen Ausdehnung zu durchkreuzen hatte, um die Sankt-Georgen-Vorstadt zu erreichen. »Tu mir den Gefallen und sieh bei meinem Kinde vor und sag ihr, daß ich bald zu ihr zurückkommen werde. Der Hofmedikus, der, ohne daß man es ihm mitgeteilt hatte, wußte, wohin der Freund jetzt noch ging, nickte: »Gern. Hätte es auch ohne diese Mahnung besorgt. Hast du übrigens deine Adresse jetzt genau?« »Durch Knövenagel seit längerer Zeit. Er hat nach seiner Art hinterrücks dem Vater, der meine Hülfe nicht angenommen hätte, geholfen, der Unglücklichen ihren jetzigen Zufluchtsort einzurichten.« »Gut«, sprach Baumsteiger. »Unter allen Umständen erinnere dich, daß ich auch dort mit meinem Motto gern und zu jeder Zeit einzutreten bereit bin.« »Nicht tot zu kriegen!« seufzte der Attrappenonkel mit einem trüben Blick zum trüben Himmel. »So ist es!« sagte Baumsteiger, dem Freunde die Hand auf die Schulter legend. »Bei allem, was unter der Erscheinung liegt, es verhält sich so!« Damit winkte er der nächsten Droschke und fuhr ab. Zuerst nach der Fadengasse, sodann nach Hause zu einem behaglichen Garçon-Dejeuner und sodann in eigener Equipage von neuem auf die Praxis. Beiläufig: er ließ nie seinen wohlbekannten Doktorwagen in einem Trauerkutschengeleit mitfahren. Eine Kutsche mit ihrem prinzeßlichen Wappen aber hatte Hoheit Gabriele Angelika sehr anständigerweise hinter ihrem abgeschiedenen Hof- und Leiblieferanten drein geschickt. Durch Knövenagel hatte Herr Fabian Pelzmann die jetzige Adresse des Schäfers Erdener aus Schielau in Erfahrung gebracht; aber in dem Teile der Stadt, wo derselbe nunmehr ein Unterkommen für sich und seine Tochter gefunden hatte, wußte der Attrappenonkel schon seit langer Zeit recht gut Bescheid. Es war der ungemütlichste der ganzen Residenz, und er, der alte Tausendkünstler in Zuckerwerk und Schokoladenwundern, hier, im Lächerlichen sowohl wie im Tragischen, auf mehr denn eine seiner besten Ideen fürs Geschäft gekommen. Damit hing selbstverständlich aufs innigste zusammen, daß er auch hier »seiner Studien wegen« stets mit den Taschen voll Süßigkeiten aus diesem Geschäft als lebendiger Weihnachtsmann aufgetreten war; aber heute brachte er nichts von dergleichen mit (wie er glaubte), sondern nur sein volles gutes Herz, eine große Angst vor dem alten Thomas und ein ganz und gar überflüssiges Gefühl von Schuldbewußtsein, wie es stets von neuem den Unschuldigsten in dieser Welt auferlegt wird, um ihnen den Schlaf und den Appetit zu verderben und sie daran zu hindern, zu – übermütig auf dieser fröhlichen Erde zu werden. Der Alte von der freien Heide, der Schäfer des Schielauer Amtmanns, hatte das städtische Unterkommen für seine Tochter in wahrhaft raffinierter Weise sich ausgesucht. Obgleich eine Vorstadt der Residenz, gehörte Sankt Georgen nicht zu den jüngsten Teilen derselben. Es war das eigentliche Quartier der Fabriken und hohen Schornsteine und jedenfalls das der schwärzesten, feurigsten, qualmendsten und lärmvollsten Menschenarbeit. Aber in dem Lärm und Gewirr gab es stets einige tote Punkte, nämlich da, wo irgendein großes Etablissement zu Schaden gekommen war und eine Firma nicht nur ihre Tätigkeit, sondern auch ihre Zahlungen hatte einstellen müssen. Zu einem solchen, momentan erloschenen, wüste, still und öde liegenden Fabrikkrater führte der schwere Weg des Onkels Fabian und endete zuerst auf einem dunkeln schwarzen Hofe, wo schwarzes Gras kümmerlich sich zwischen den Pflastersteinen durchdrängte. Mit allerhand Schmiedearbeit mußte dieses bankrotte Wesen zu tun gehabt haben, als es noch lebendig war. Aber die Herdfeuer in den Werkstätten rund um den Hof waren schon seit einigen Jahren erloschen. Nur einige rostige Eisenstangen lehnten noch an einer Wand, und einige ebenso verrostete Zahnräder lagen in einer Ecke, überwuchert von den Nesseln und dem gespenstischen Grase. Aber auf der türlosen Schwelle einer der leeren, dunkeln Schmieden saß der Hund Pilgram aus Schielau mit trübselig gesenktem Kopfe wie jemand, der auch nicht hierher gehörte; und an ihm vorbei und durch die wüste Werkstätte, eine geschwärzte Treppe hinauf, führte der Weg zu seinem Herrn, dem Schäfer Thomas Erdener aus Schielau. Trotzdem daß das Tier den Attrappenonkel ganz gut kannte, knurrte es ihn doch träge-mürrisch an und gab ihm erst auf eine wiederholte freundliche Anrede Raum zum Passieren. Herr Fabian Pelzmann hielt sich nicht so lange, wie er es unter anderen Umständen wohl getan hätte, auf bei dem treuen, wie sein Herr nur an die Freiheit, die Sonne, den reinen Nebel, den Wind der Heide und Feldtrift gewöhnten Gesellen. Er trat in die verlassene Werkstatt und fand im Hintergrunde die Treppe, die sonst wahrscheinlich in die Wohnung eines der Werkmeister geführt hatte und jetzt zu dem Versteck des ungläubigen Thomas und seiner verlorenen Tochter hinaufleitete. In der Finsternis des engen Vorplatzes stand er einen Augenblick still, mehr um sich zu fassen, als um sich zu orientieren; denn aus seiner eigenen Geschäftsherrschaft und seinem guten milden Herzen heraus wußte er ganz genau, wo die Türen zu dem Volke, das mit seinen Händen zum Fortbestand der Welt hilft, zu suchen sind nach Überwindung solcher Treppen. Aber auch sein Gehör hätte ihm diesmal schnell geholfen, die Richtung nicht zu verfehlen. Eine heisere Weiberstimme sang, und dem Gesang war nicht gut lange zu horchen. Mit ängstlichem Finger klopfte Fabian, das Lied brach ab, und einen Moment später stand er, ein Trostbringer, der nichts weiter als sich selber bringen konnte und auch diesmal nur auf die Gefahr hin, kalt-grimmig zurückgewiesen zu werden, inmitten dieses schlimmen Haushaltes, der hier unter so trostlosen Verhältnissen eingerichtet worden war. Der Vater hob sich von dem kleinen Kochherde, neben welchem er gesessen und Kartoffeln geschält hatte, empor, in der Tat, wie um einem ungeladenen Eindringling entgegenzutreten. Marianne blieb lässig auf dem Bettrande sitzen, bis sie den Eintretenden erkannt hatte, worauf sich etwas begab, was im Grunde sehr schrecklich war, obwohl es auf jeden nicht Eingeweihten nicht diesen Eindruck gemacht haben würde. Vor allen Dingen – sie erkannte Herrn Fabian Pelzmann! Nach zwanzigjähriger Einsperrung im Zuchthause, und nachdem sie beide um soviel älter geworden waren und manches Jahr von diesen zwanzigen in der schweren Lebensspinnarbeit auch für Herrn Fabian doppelt gezählt werden mochte, erkannte sie ihn sofort wieder! Sie stieß einen Schrei aus. Nicht wie ein Weib, das erschrickt, Angst hat oder sich freut, sondern wie ein albern Frauenzimmer, das bei der Toilette überrascht wurde und sich ziert. Dann sprang sie von ihrem Sitze und tat dem Besuch zwei Schritte entgegen, machte ihm eine Verbeugung, die man sich nur von einem Schleppenrauschen umgeben vorstellen konnte, und riß sich wie ein zorniges, widerspenstiges Kind von der Hand ihres Vaters los, der ihren Arm gefaßt hatte, um sie auf ihren Sitz zurückzuziehen – zurückzuschleudern. »Endlich, Herr Pelzmann! Haben wir endlich das Vergnügen? – Aber weshalb ist – der – andere nicht gleich gekommen zur Visite? – Hat er wieder Furcht vor mir? Hat er sie geschickt, Herr Fabian? – Oh, wie hab’ ich auf ihn gewartet und mich nach ihm gesehnt! – Ah, nun glaube ich endlich, endlich daran, daß ich wirklich meine Freiheit wieder habe! Er hat Furcht vor mir gehabt, als ich mich nicht rühren konnte, als ich in der Gefangenschaft saß; aber nun weiß er’s und ich auch, daß ich frei bin! Frei! frei! ledig! – Und da er aus Furcht nicht selber gekommen ist, will ich jetzt gleich mit Ihnen zu ihm gehen, Herr Fabian. Sie sind immer besser gegen mich gewesen als sonst irgendein Mensch. Oh, und ich schäme mich gar nicht, mit Ihnen über die Straße zu gehen. Er wird mich nun zu sich nehmen, wie es sich gehört, und wenn er sich sperrt, schicke ich ihm allnächtlich unser Kind. Ich habe es durch alle Mauern zwanzig Jahre lang als meinen Trost gewußt, daß er Furcht hat vor seinem Kinde, seinem Kinde, und Sie wissen das auch, lieber, bester Herr Pelzmann, und haben ihm deshalb diesen ersten Weg zu mir in Ihrer alten närrischen Herzensgüte abgenommen – und einen Wagen haben Sie gewiß vor der Tür, denn anständig, anständig müssen wir jetzt sein, und ich will gewiß, gewiß nichts tun, was den Anstand verletzt. Ich habe darüber nachgedacht und mich gebessert zwanzig Jahre lang, und zwanzig Jahre am Spinnstuhl machen einen wohl fein, fein und ergeben; nicht wahr, mein lieber, lieber Herr Fabian?! Fein und geschickt zum Umgang mit den feinsten und geschicktesten Leuten! Eine Kutsche haben Sie mir gewiß, ganz gewiß mitgebracht, Sie guter, überkluger, närrischer Herr Fabian, nicht wahr?! Oh, ich will auch ganz gewiß nicht wieder so dumm über Sie lachen wie früher – wissen Sie wohl noch?« »Großer Gott, weiß sie denn noch nichts, Erdener?« murmelte der Attrappenonkel, schaudernd über die Art, wie sie scheu und leise, während sie das übrige hastig und gell hervorsprudelte, dem toten Bruder mit dem toten Kinde drohte. Der Schielauer Schäfer zuckte nur grimmig die Schultern und sagte: »Was sollt’s nützen, ihr es zu erzählen oder ihr das Anzeigeblatt unter die Augen zu halten? Mit meinem Willen tut sie keinen Schritt mehr unter die Menschen da draußen, und im Notfall zwinge ich sie wohl noch und binde sie mit Stricken an die Bettlade da fest.« »Erdener?!« murmelte Herr Fabian. »Was soll’s Herr? – Sie sehen ja, daß sie noch vollständig die alte ist, daß zwanzig Jahre der besten Zucht auf Erden gewesen sind, wie wenn der Wind über den Sumpf fährt. Es duckt sich das Kraut und Rohr, solange er bläst, und es richtet sich auf, so er wieder still wird. So ist’s am besten, wir haben mit niemandem mehr zu schaffen und bleiben unter uns, ich und sie, als ob ich jetzt mit ihr in ihrer Zelle eingesperrt wäre. Übrigens, Herr, ich hab’s, wie gesagt, nicht der Mühe wert gehalten, aber wenn Sie meinen, daß es ihr gut tun kann, so sagen Sie’s ihr selber, daß Sebastian Pelzmann keine Furcht mehr vor ihr und – nein, nur vor ihr zu haben braucht.« Seine Tochter blickte mit großen, irren, fragenden Augen von dem einen der beiden Männer auf den andern. Der Vater zuckte von neuem die Achseln; aber Herr Fabian suchte ihre Hand zu fassen, die sie aber wegzog und auf dem Rücken verbarg, wiederum mit der Miene und der Gebärde eines unartigen, trotzenden Kindes. »Ich komme vom Kirchhofe, Marianne«, sagte der Attrappenonkel leise. »Sei ein gutes Mädchen! – Sieh, sie hätten es dir doch mitteilen sollen! Heute morgen habe ich meinen Bruder begraben. Mein armes Kind, er hat nach einem schwerbelasteten Leben einen sanften Tod gehabt; oh, nun sei auch du milde und fasse dich in Geduld. Wir wollen alles –« »Es ist eine Lüge! eine neue Finte!« schrie das Weib wild heraus; aber dann stieß es ein gellendes Lachen hervor, warf sich auf das Bett, und die beiden Männer hörten mit schütterndem Herzen es in halberstickten Tönen weiter in die Kissen hineinlachen. »Sie sehen, wie es ist, Herr Pelzmann«, sagte dann Thomas Erdener. »Haben Sie uns sonst noch etwas zu bringen?« »Nichts, nichts!« stöhnte Herr Fabian, »aber du bist auch schlecht, alter Mann, denn du weißt es, daß ich nicht gekommen bin, dir etwas zu bringen, sondern nur, um mir mein Teil von der Hinterlassenschaft meines Bruders zu holen!« – Nach einer Weile stotterte der Schäfer von Schielau: »Nehmen Sie es nur nicht übel, Herr Pelzmann. Es ist wohl die ungewohnte Stadtluft und die Luft hier im Hofe, die mir vor den Augen flirrt und macht, daß ich mich so schwer zurecht finde.« – Einige Tage später sagte Baumsteiger zu dem Attrappenonkel: »Ich bin auf deinen Wunsch drüben in Sankt Jürgen gewesen. Wie ich jetzt bei genauerer Erkundigung vernehme, hat man die arme Person ziemlich kurzweg aus der Krankenabteilung an die freie Luft gesetzt. Ich werde doch einmal den Kollegen da draußen vor dem Tor – fragen, ob denn das eine so grausame Eile hatte. Auf ein paar Tage mehr im Warmen kam es in diesem Falle doch wirklich nicht an. Ich muß dir offen bekennen, liebster Freund, daß mir das alte Mädchen gar nicht recht gefällt.« Zwanzigstes Kapitel In keinem andern Jahre, dessen sich die ältesten Leute in der Firma Pelzmann und Kompanie zu erinnern vermochten, hatte die berühmte Süßigkeiten- und Christfestwunderfabrik so brillante Geschäfte gemacht wie in diesem und in dieser jetzt dem Christfest zulaufenden Zeit. Nie hatte es alle deutschen und ausländischen Konkurrenten so leicht und so glorreich durch Originalität und überraschende Neuheit seiner Mustererzeugnisse auf den Märkten geschlagen wie diesmal. Noch nie, solange die eigentlichen Kontoristen, die Buchhalter und Kassierer usw., den Attrappenonkel über die Schulter angesehen hatten, waren ihm in seinem »Departement« die Ideen so unerschöpflich zugeströmt wie im Laufe dieses Novembers, und auch was die übrigen Departements anbetraf, so ging es merkwürdigerweise viel besser mit dem jetzt wirklichen Prinzipal, als man es sich gedacht haben konnte. Es wurde in den Schreibstuben kaum ein Tropfen Dinte weniger lukrativ als sonst für die Firma verschrieben, und Knövenagel konnte, grinsend in seinem verächtlichen Behagen, knurren: »Ich will natürlich gar nichts hierüber gesagt haben, denn was hülfe es mir auch in einer solchen miserablen Welt wie dieser, wenn ich zehntausendmal gesagt hätte, was ich gesagt habe? Na übrigens, nun mal mit der Hand auf dem Herzen, wie ist es Ihnen denn nun, meine Herren? Aha, was? Nicht wahr, mein Gevatter Erdener da in Sankt Jürgen und der es als Schafmeister wissen mußte, hatte ganz recht, wenn er bemerkte: ›Wenn’s Grummet von den Wiesen ist, kommt erst das Rindvieh drauf, aber die Schafe nicht eher, als bis es gefroren hat‹? Na, der Himmel segne mir und Ihnen diesen endlichen Frost, meine Herren, behüte uns aber in Gnaden vor allem fernern Umsichgreifen der Drehkrankheit, meine Herren.« Etwas dunkel wie gewöhnlich war diese Insinuation, jedoch deutlich genug, um den Murrkopf zu bewegen, etwas rascher als sonst die Tür zwischen sich und seinen Hörern zu schließen. Vor der Tür gab er noch einmal seine auf seine Weise unterdrückten Gefühle durch einen kopfschüttelnd an aller Gerechtigkeit für sich verzweifelnden Blick aufwärts kund, und nun bringen auch wir so rasch als möglich wieder eine Wand zwischen uns und ihn. Wir könnten es aus den Büchern beweisen, daß die Fabrikate von Pelzmann und Kompanie heuer zu einigen tausend Weihnachtsbäumen mehr als sonst gingen; allein wozu? Niemand, das heißt von den Hauptpersonen bei der Feier unter all den lichterbesteckten, in Gold- und Silberschaum flimmernden Tannen, bekümmerte sich im geringsten darum, wo die guten Dinge herkamen, sondern jedermann hielt sich daran, daß sie gottlob dawaren, und wir – wir haben nie die Absicht gehabt, die Kinder mit den Privatschicksalen der Firma Pelzmann und Kompanie zu behelligen. Wir haben aber leider auch keine Liebesgeschichte für die jüngeren Leute von allen Altern und beiden Geschlechtern hier aufzuschreiben. Wir haben keinen angenehmen, hübschen und liebenswürdigen jungen Menschen bis jetzt für Fräulein Konstanze Pelzmann in petto, obgleich sie in der Stadt seit dem Frühjahr eines der schönsten und liebenswürdigsten jungen Mädchen war und nun auch eines der reichsten in den Kauf geworden ist. Daß sie später einmal einen wirklich guten Mann kriegt, einen, der sie nicht ihres Geldes halber, sondern ihrer selbst und des Attrappenonkels wegen nimmt, können wir augenblicklich nur hoffen. Augenblicklich sitzt sie immer noch als unser Märchen-, Gold- und Sonnenkind in der Fadengasse am Fenster und guckt still und beklommen in den wunderlichen deutschen Novembermorgen und von Zeit zu Zeit nach dem Zifferblatt am Sankt Michelsturm drüben über den Dächern. Da saß sie, in dem europäischen Bilderbuch, welches ihr das Schicksal in diesem Jahr zugeschoben hatte, mit banger Hand blätternd. Für eine reiche Erbin, wie die Welt sich dieselben vorzustellen pflegt, machte sie augenblicklich noch nicht das richtige Gesichtchen. Wohl hatte sie jetzt alle Wohngemächer in dem Hause oder den Häusern ihrer Verwandtschaft zu ihrer Verfügung, aber es fröstelte sie nur noch mehr, wenn sie an die glänzenden Räume der Hochstraße zu nur dachte. Noch waren daselbst alle Vorhänge der in das bunte Treiben der Stadt sehenden Fenster niedergelassen, und alle die Zimmer, die der arme Onkel Sebastian bewohnt hatte, waren so kalt, als ob er selbst noch kalt drin läge und seine Temperatur der ganzen Umgebung mitteile. Der Onkel Fabian hatte jetzt fast zu viel zu tun. Er mußte zu oft und zu lange abwesend sein, innerhalb und außerhalb des Geschäftes. Sie hatten es beide schlimm. Der Alte und das Kind, und große Sehnsucht nach ihrem früheren Zusammenhocken unter Knövenagels und der Frau Kettner Oberaufsicht; aber das Kind hatte es im Grunde doch am schlimmsten, denn es kam am Ende alles über ihr zusammen: Schicksale des Hauses, töricht Geschwätz um sie her, Vereinsamung und – nicht zum geringsten Teil das Wetter der Jahreszeit. So war es denn kein Wunder, daß es sich mehr und mehr um ihr alles doch nur zur Hälfte begreifendes, landfremdes Herzchen zusammenzog und sie nur allzu häufig dem Weinen sehr nahe war, des Heimwehs wegen – des Heimwehs nach der Sonne ihrer Geburtsinsel! Dieser graue Himmel hing doch auch zu lange über dieser Stadt, diesem Lande und den Menschen darin. Wie lange war es nun schon, seit jedes Licht für immer am Himmel über den Dächern und über den kahlen Bäumen und frierenden Gesträuchen draußen ausgelöscht zu sein schien? Die Wochen ließen sich beinahe nicht mehr an den zehn armen, kalten Fingerchen abzählen. Jedesmal, wenn sie den Blick aus des Onkel Fabians warmen, bunten Reiche hinausgeschickt hatte, mußte sie sich dichter zusammenkauern. Am liebsten außerhalb ihres eigenen Stübchens hielt sie sich in Abwesenheit ihres treuen, alten Beschützers in den Fabrikräumen auf und fand daselbst einen gewissen phantastischen Trost in all den bunten Farben und Figuren, die hier nach des Attrappenonkels genialen Erfindungen tausendfach entstanden und in ununterbrochener Folge in jene öde, regennasse, graue europäische Welt hinausging. Für die Leute in den Arbeitssälen aber war es gleichfalls ein Trost, daß sie es jetzt war, die dann und wann so plötzlich hinter ihnen stand und ihnen über die Schulter sah, und nicht mehr der selige Herr Sebastian Pelzmann. Und ganz andere Gespräche wurden hinter ihrem Rücken bei der bunten Arbeit geführt als vordem über den gefürchteten Ersten Prinzipal, wenn auch jüngeren Chef der Firma Pelzmann und Kompanie. Dann und wann kam ihr jedoch ein Wörtlein davon zu Ohren; aber leider vernahm sie dann nicht nur ihr Lob, sondern auch manches, was ihr bedrücktes Herz nicht leichter machen konnte. Der Name ihres greisen Freundes von der sonnigen Schielauer Heide war dann immer dabei und der ihres Onkels Fabian auch und noch ein anderer, der stets leiser als sonst etwas in der Unterhaltung an den Arbeitstischen geflüstert wurde. Tag für Tag ging der Attrappenonkel nach Sankt Georgen hinaus und kam stets betrübter und schweigsamer zurück; und wenn dann das Kind sich an ihn schmiegte und ihn fragte, wie es heute dem Baas Thomas und der »armen Kranken« gehe, so konnte Herr Fabian Pelzmann nur den Kopf schütteln und seufzen: »Nicht gut, mein Herz.« Ganz das Gegenteil freilich behauptete Knövenagel, der auch tagtäglich mehr als einmal den Weg zwischen der Fadengasse und der Vorstadt von Sankt Georg zurückzulegen hatte und jedesmal auch zurückkam, aber bissiger als betrübter, und schweigsamer jedenfalls nicht mehr als sonst. »Ganz gut geht es, Fräulein. Ich wüßte wahrhaftig nicht, wie es da besser gehen könnte. Ja, unser Herr Fabian, unser Herr Prinzipal! Wenn er ihnen das Gegenteil behauptet, Fräulein, so ist das nur so seine gewohnte Art, sich an den allerbesten Anschlägen, welche die Mutter Natur und die göttliche Vorsehung gegen ihn haben mögen, mit der Nase in den Lüften vorbeizudrücken, gradezu auf das Trübsalsloch im Erdboden zu, in welches er sich partout legen – will! Melancholie, Hindrucksen, Wehmut und der Prophet Jeremias sind nun einmal sein Hauptfach – natürlich und alles nur, um ihn zu seinen Künsten fürs Geschäft besser zu befähigen, wie die Herren drunten im Kontor und im Formensaale meinen. Verlassen Sie sich auf mich, Fräulein Konstanze, ein besseres Ende als wie jetzt kann es gar nicht nehmen in Sankt Jürgen.« Und dann kam wieder ein Wort, welches das Kind drunten beim Überschreiten eines der Höfe auffing. Zwischen ein paar der älteren Arbeitsfrauen wurde es geflüstert: »Ja, wissen Sie noch, Base! Damals wollte Sie es keiner von uns glauben, daß es so ausgehen werde. So ein Ding! und man hatte doch auch damals nur seine sechzehn Jahre und konnte sich sehen lassen, ohne die Leute sich graulen zu machen. Es geht zu Ende, die Krauklingen hat’s mir zur Arbeit gebracht, und die wohnt ja nebenan. Da kann man doch nicht genug auf seine Kinder passen. Der Alte soll ganz weg sein; aber unser Herr – ich meine unsern jetzigen wirklichen Herrn, der soll den Bruder für den einen und den Vater für die andere und den holdseligen Engel vom Himmel für beide spielen. Der liebe Gott bewahre einen aber bei Bibel und Gesangbuch, vorzüglich auch mit ’nem halbwachsenen Mädchen zu Hause; so’n Leben und Sterben ist doch zu wohlfeil gegeben für das kurze Pläsier.« »Stille doch! da geht ja unser Fräulein – Guten Morgen, Fräulein; – ach, Sie sollten doch bei so schlechter Witterung sich lieber nicht in die Nässe und den Schmutz herunterlassen. Was wird da unser lieber Herr Onkel sagen, liebes Fräulein! Der wird doch gewiß schelten, wenn er nach Hause kommt.« Der Attrappenonkel Herr Fabian schalt über nichts, als er durch den grauen, nebligen Tag wieder nach Hause kam. Er hatte sich dazu ein allzu schweres Gewicht von der Hinterlassenschaft des Herrn Sebastian als sein Erbschaftsteil heimgeholt. Sie hätten ihm heute in seines seligen Bruders Schreibstube mit der Nachricht von dem vollständigen Bankerott der alten berühmten Firma entgegenstürzen können, und es würde wahrscheinlich nur einen sehr mäßigen, wenn nicht gar erleichternden Eindruck auf ihn gemacht haben. Er erreichte aber das große Haus nicht von der Hochstraße her; er schlüpfte wieder von der Fadengasse in es hinein und stieg schwerfälliger, keuchender, müder denn je die dunkle Treppe zu seiner langjährigen Wohnung empor. Als ihm das Kind wie gewöhnlich mit offenen Armen entgegeneilte, erschrak es heftig und rief: »Oh, Onkel, lieber Onkel, was ist geschehen?« Er zog seine Nichte an sich, aber er küßte sie nicht, sondern hielt sie nur fest in seinem Arm, während er an seinem Arbeitstische gebrochen sich niedersetzte. Er sprach zu ihr und doch auch wieder wie ins Weite, Leere hinein: »Sie sagen alle, es sei ein Glück, daß es so gekommen sei. Der eigene Vater sagt das! – Es mag ja sein. Es ist ja wohl so – Ach, Herz, das waren schlimme Tage! böse Tage und Nächte! – Wie hübsch still das hier ist! – Auch dort ist es nun still geworden – Gott sei Dank! Sie sagen dies ja alle, auch Baumsteiger sagte es; und nun, mein Kind, sind wir denn wohl allein mit uns in dem Hause Pelzmann und Kompanie, und dies Singen und Summen hier in meinem Gehirn wird sich ja auch wohl wieder allmählich geben.« »Oh, hätte ich mich doch nicht so sehr vor dem Wege in der Nacht durch diese weite Stadt gefürchtet!« schluchzte Konstanze Pelzmann. »Wäre es dir gewiß nicht recht gewesen, wenn ich auch dorthin zu dir in dieser letzten Nacht gekommen wäre?« »Zu mir! Mir zu Hülfe!« murmelte Herr Fabian. »Aber in – jener Nacht hörtest du noch einen andern Ruf und gingest ihm nach. In dieser Nacht hat dich niemand in deiner Seele gerufen?!« Ich weiß ja von nichts. Ich habe nur wieder wach auf meinem Bette gesessen und großes Mitleid mit dem Baas Erdener gehabt.« »Er hat auch nach dir gefragt«, sagte der Attrappenonkel so beizu, sich wiederum tiefer in eigener Rechnung in das Nachkosten der letzten bitteren Stunden Marianne Erdeners seit Mitternacht verlierend. – Grau und immer grauer! Und dazu wieder allein! Hofmedikus Baumsteiger war vorgestern und gestern dagewesen, hatte in seiner gewohnten Weise seinem »exotischen Liebchen«, seinem »indischen Mamsellchen«, seiner »deutsch-holländischen Lotosblume« den Puls gefühlt und gemeint: »Ich halte es wirklich besser, Mejuffer, daß du dich bei der gegenwärtigen ortsgemäßen, schändlichen meteorologischen Niedertracht wie bisher ruhig im Neste hältst und wenigstens bis zum nächsten Witterungsumschlag, wenn auch ins noch Scheußlichere, dein Bedürfnis an Europiens Kulturluft auf ein Minimum beschränkst. Der Dreck vor Weihnachten ist ja sowieso vor der Tür. Gegen den ersten Schnee und, noch besser, einen ordentlichen, klaren, steifen Winterfrost habe ich viel weniger für dich einzuwenden, mon coeur. Also, bitte freundlichst, halte mir zuliebe dein tropisch Näschen hübsch drinnen. Verlierst wahrhaftig nichts bei den Geschäften, die wir – andern momentan da draußen noch vor der Hand haben. Siehst du, der Attrappenonkel macht auch ganz das zu meinem väterlichen Rat für meine Tochter passende Gesicht – halb Schokolade, halb Wurmkuchen. Na, Knövenagel, alles ordentlich besorgt?« »Nicht tot zu kriegen, der Pumpfünäber, Herr Hofmedikus«, sprach der feucht aus den Gassen kommende Famulus des Herrn Fabian. »Für jedwede Bestellung stets auf dem Ki-wiwe und für jeden Auftrag herzlich gern gefällig, Herr Prinzipal, Herr Pelzmann. Nichts tot zu kriegen, auch mein Gevatter nicht. Er will auch das alleine besorgen und dankt für jede sonstige Beihülfe. Wirklich, alles schon hübsch ordentlich und einfach in Ordnung, meine Herren.« Grauer und immer grauer das Gewölk über der Stadt und dabei, wie gesagt, wieder allein gelassen und auf den Blick über die schwarzen, verrauchten, nassen Dächer der Fadengasse und die Unterhaltung der Frau Kettner beschränkt!« »Geduld, mein Kind«, hatte um neun Uhr an diesem Morgen der Onkel Fabian, wiederum seinen Hut mit dem Trauerflor für den Onkel Sebastian ergreifend, gesagt. »Nun mag es ja wohl doch einmal wieder still um uns werden; und dann wollen wir beide gewiß nichts tun, um das Echo dieser lärmvollen Welt von neuem um uns aufzuwecken. Nur noch ein paar Stunden Geduld, mein Herz; wir bleiben dann wieder zusammen – wie früher.« Der Attrappenonkel sprach das letzte Wort ein wenig zögernd und nicht ohne seine Gründe. Auch das, was er über das Beieinanderbleiben gesagt hatte, kam ihm, als er die Treppe hinunterstieg, als eine höchst unvorsichtige, mißliche, verwegen das Schicksal herausfordernde »Beschreiung« zukünftigen, noch möglichen Behagens vor, und fast wäre er umgekehrt, um noch einmal den Kopf in das Stübchen seiner Nichte zu stecken und ein Absit omen in germanischer Fassung hineinzuflüstern. Daß er es dann doch unterließ, hatte viel weniger seinen Grund in dem Vertrauen auf den nicht zwinkernden Blick der Götter wie in seiner geistigen Abspannung und körperlichen Müdigkeit. Er war eben schon zu weit die steile Treppe hinunter, und so nahm er auf dem nächsten Halteplatz eine Droschke und fuhr seufzend und fröstelnd nach Sankt Georgen. – – Mit der Unterhaltungsgabe der Frau Kettner hatte es nicht viel auf sich; und Knövenagel, das Konversationsgenie, hatte bereits mit Tagesanbruch das Haus verlassen, um »nolens volens für den alten querköpfigen Schielauer Unglücksmenschen draußen bei der Hand zu sein, wie sich’s konvenierte«. Grau und trübe und augenblicklich wirklich fast zu still für das Kind draußen und drinnen! Freilich, daß die gute Madam Kettner bald durch ihre Haushaltsgeschäfte abgerufen wurde, war trotz allem doch eine Erleichterung. Die Hände über dem Knie zusammengelegt, saß das Fräulein am Fenster und sah nach den schweren Wolken, die sich über die Dächer wälzten, und nach den schwarzen Vögeln, die den Sankt-Michels-Turm umflatterten und dann und wann herniederschossen und auf einem höhern Dachfirste in langer Reihe nebeneinander saßen. Es waren gar gute Bekannte des Attrappenonkels, diese Krähen von Sankt Michel. Er hatte sie in seinen Künsten sehr häufig drollig genug verwendet und auch sehr bald seine Nichte in ihre gesellschaftlichen und individuellen Gewohnheiten und Gepflogenheiten eingeweiht, und wäre er jetzt zugegen gewesen, so würde er sicherlich bemerkt haben: »Kind, guck nur mal! da muß heute morgen etwas außergewöhnlich Interessantes in der Luft sein. Ich bitte dich, guck nur mal hin! Wenn sie so miteinander diskurrieren und derartig den Kopf auf die Schulter legen, ist unbedingt was los, und die Konsuln sind sicherlich aufgefordert worden, ja recht hübsch aufzupassen, auf daß der Republik kein Schaden geschehe.« Letztere antik-politische Redensart hätte dann jedenfalls noch aus seinem Umgange mit seinem weiland philologischen, naturforschenden Jugendfreunde, Oberlehrer Doktor Rost, hergestammt. – Nun aber trat etwas ein, was immer noch wie von oben herkommt, wenn einem jungen Kinde mit seinen Schmerzen, seinem Verdruß oder seinem Kummer ein Blick ins Freie und Weite der Natur, und wenn auch nur aus einem Dachfenster über die Dächer und auf einen aufgeregten Krähenschwarm, offen gelassen wurde: Die lustigen schwarzen Vögel lösten der jungen Dame mehr und mehr den Sinn ab von der drückenden Schwere der gegenwärtigen Stunde. Sie erhob sich und stand am Fenster und begleitete in ihren Gedanken zwar immer noch den Onkel Fabian nach Sankt Georgen, allein es mischte sich doch auch etwas anderes ein, was sie freier atmen ließ und das Zucken um ihren Mund verwischte. Es waren ja schon gute Bekannte aus dem Frühjahr und von den Schielauer Feldern und Wiesen her, die Krähen von Sankt Michel nämlich! Fräulein Kostanze Pelzmann hatte schon damals genauere Nachrichten über sie bei dem Schäfer Thomas Erdener eingeholt; und nach den Wiesen und Feldern von Schielau führte auch jetzt der muntere Schwarm das Kind zurück. Es atmete plötzlich wieder eine Luft, die nicht mehr die der Fadengasse war, sondern weit, weit her, über Meer und Berge und Dorfkirchtürme, nickende Saaten und roten Mohn, über gelbe Butterblumen, Thymian und – wie der alte, gute Freund, der Herr Amtmann Peter Rümpler von Schielau, gesagt haben würde – einen gottgesegneten, ungezählten Reichtum von andern verblümten Futterkräutern herfloß. Und in diesem Einatmen der süßen Luft der freien Landschaft fühlte das Kind es zum zweiten Mal, daß es, ungerufen von den verständigen Leuten um sich her, doch zu ihnen gehen müsse in ihrer Not. – – Es geschah fast ganz wie in jener Sterbenacht des Onkels Sebastian. Daß es am Tage war und gegen Mittag ging, kam gar nicht in Betracht. »Ich weiß nicht, was ich ihm sagen werde, aber schelten wird er mich doch nicht«, flüsterte sie. »Ich werde mich auch recht warm anziehen, des Herrn Hofmedikus wegen, und den Weg werde ich auch finden.« Schon hatte sie, wieder auf den Zehen, ihr Pelzwerk und ihre Sammetkapuze zusammengesucht. Auf den Zehen entschlüpfte sie dem Bereich und dem Nachrufen der Frau Kettner, glitt die Treppe hinab und – nun stand sie draußen unter dem trübwolkigen Himmel der Fadengasse; und wie sie fröstelnd und zusammenschreckend in jener Nacht in dem Korridor, der aus dem Hinterhaus zu dem Vorderhaus führt, einen Augenblick gezaudert hatte, den Fuß weiterzusetzen, so tat sie’s unwillkürlich auch diesmal im ersten Anhauch der nordischen feuchtkalten Novemberluft. Aber nur einen Augenblick. Es war unbedingt etwas los in der Luft, und jetzt hatte ebenso sicher der vergnügte schwarze, krächzende, kreischende, im Kreis sich schwingende Schwarm ihrer geflügelten Freunde von Sankt Michel heraus, was da sich begeben sollte. Wieder erhob sich die lustige Schar von den Dächern, stieg hoch auf, überschlug und drehte sich nochmals im Kreise und fuhr dann davon durch die Lüfte, so unvermutet, daß die plötzlich eintretende Stille wie eine gut vorbereitete Überraschung wirkte und der Attrappenonkel nimmer die Sache besser gemacht hätte mit seinem Talent, die Leute zu überraschen. Fräulein Konstanze zog die Hand aus dem Pelzmuff und hob sie rasch, wie wenn man einen zu eiligen Freund für ein letztes Wort zurückhalten will. »Oh! – Ich wollte, sie flögen nun nach Schielau!« sagte sie weinerlich, um dann, durch kein Bedenken und Nachdenken mehr aufgehalten, in eigener Mission weiterzutrippeln. Wer war der ältliche, breitschultrige Herr mit dem dickwolligen, umfangreichen Winterüberzieher, dem dicken Schal um den Hals, dem blaurötlich angehauchten Gesicht und den etwas feuchtflimmernden Äuglein, der sie dann zehn Minuten später auf dem jetzt so kahlen und verödeten Blumenmarkt stehend und im grenzenlosesten Staunen gen Himmel schauend fand? Der Amtmann Peter aus Schielau war’s, der wieder mal im Café Zusi in seiner gewohnten Ecke und im Kreise seiner städtischen oder auch vom Lande heute reingekommenen guten Bekanntschaft seinen »Ewigen Verlust und häuslichen Kummerstand« glücklicherweise nicht ohne Erfolg auf ’nen Moment unterzupflügen getrachtet hatte und einen merkwürdigen Duftkreis von Tabaksdampf, Portweindünsten nebst einem ausgesprochenen Fisch-Seegeruch, nämlich von Lachs und Austern, ins Freie mit sich brachte. »Weiß Gott, das Mädchen!« rief er. »Und was hat es? Was guckt es, das Mädchen? – Sieh dich noch mal um auf Erden, Kind; noch sind wir ja wohl auch noch da. Was passiert denn eigentlich da oben bei dir zu Hause so Merkwürdiges?« »Oh!« rief Konstanze Pelzmann. »Ach Gott, Sie sind es, Onkel Rümpler! – Oh, sehen Sie doch nur! Sehen Sie! Was ist das? was ist das?« Sie hatte, nachdem sie sich von dem ersten Zusammenfahren ob des unvermuteten Anrufs erholt hatte, den Arm des alten Herrn gefaßt und deutete staunend, ein wenig ängstlich, aber doch voll Lust an dem unerklärlichen Mirakel aufwärts und öffnete halb scheu, halb vorwitzig die ausgestreckte Hand, um ein Teilchen von dem weißen, flatternden, tanzenden, zierlichen Luftspiel aufzufangen. »O sieh – oh, was ist’s? Oh, wie ist das wunderbar!« »Ja, was denn? – I richtig! Da ist er wirklich und zwar ganz zu seiner Zeit. Na, und soweit ich von hier aus das Gewölke taxieren kann, kommt es ihm diesmal zum guten Anfang möglicherweise auf ein paar Sack voll mehr nicht an. Na, meinetwegen!« »Oh!« rief Fräulein Konstanze Pelzmann, jetzt mit beiden Händen den Arme des Amtmanns umklammernd; und Peter Rümpler von Schielau, jetzt zuerst genauer in das aufgeregte Gesichtchen seiner kleinen Freundin sehend, hätte nunmehr beinahe, in der vollen Erkenntnis der Sachlage, seine breiten Tatzen auf die Knie geschlagen, um in der einzig dem Fall angemessenen Positur seinen Gefühlen Lust zu machen. »Ach Herrje, es ist ja richtig, richtig! Sie kennt ihn ja noch gar nicht! – Ja, wahrhaftig, woher sollte sie denn? – Schnee ist es, Kind ! Frau Holle ist’s, welche die Betten schüttelt! Hat dir denn keiner wenigstens davon erzählt bei dir zu Hause? Deutscher Schnee! Der erste deutsche Winterschnee! – Herz, Herzchen, es ist nichts weiter als der erste Schnee, aber – ach, dies wäre auch wieder was für sie gewesen! Ach, wenn ein Mensch hierbei hätte zugegen sein müssen, so wäre das deine arme selige Tante Therese gewesen! Jaja, mein Herz; der erste Schnee ist es und freilich von uns hierzulande ein recht guter alter Bekannter.« »Oh, wie merkwürdig und wunderlich und wundervoll!« rief das Kind aus dem Sonnenlande, und dann fügte es als seine unerschütterliche fernere, dem Ereignis entfließende Überzeugung bei: »Wo mein Onkel Fabian jetzt ist, denkt er an mich.« Dazu war der Attrappenonkel in der Tat imstande. Wir dürfen ihn dreist im Verdachte haben und haben es auch wohl schon leise erwähnt, daß er sich schon den ganzen Sommer durch darauf gespitzt hatte, persönlich diesen Schnee seiner Nichte vorzustellen. Es wurde dem Amtmann nicht leicht, eine weitere Erkundigung nach dem Attrappenonkel in das fortdauernde, ja noch immer steigende Erstaunen der jungen Dame einzuschieben. Aus dem anfänglichen Niederflirren vereinzelter Flocken wurde ja allgemach ein vollständig lustig Gestöber, und es war wirklich fürs erste nicht von dem Kinde zu verlangen, daß es alle seine Gedanken in logischer Folge beieinander behalte. Nur bruchstückweise bekam der Alte das Nötige heraus. »Also wir gehen desselbigen Weges? – Jawohl, es schneit fidel für den ersten Anfang! – Freilich, gar kein übel Wetter für einen Begräbnistag! – Natürlich in Sankt Jürgen steckt er seit dem Morgenkaffee. Und dich hatten sie ganz verständigerweise bei dem Trübsal nicht zugegen haben wollen? – Sieh es dir nur genau an, – lauter Sterne und Blumen sind es unter dem Vergrößerungsglase, und wirklich ganz niedlich. Möchte selber das Mirakel heute morgen zum erstenmal kennenlernen! – Nach Sankt Jürgen wollte ich eben auch hinaus, um mit den Leuten Vernunft zu reden. – Halten kannst du’s heute noch nicht, Kind; – das schmilzt und wird zu Wasser, wie es dir auf den Ärmel oder die Nase fällt! – Jaja, so ist auch dies Elend vor der Hand abgetan, und so geht alles vorbei auf dieser Erde, Pflügen und Düngen, Säen und Ernten, Regen, Sonnenschein, dieser jetzige Schnee und wir Menschen auch. Es ist kein Aufhören dabei, und denke ich nur noch ein bißchen länger daran, wird mir sicher grade so schwindlig wie dir, wenn du nur noch ein paar Minuten länger in das Gewirbel und Gewimmel aufwärts guckst. Also komm nur, mein Schäfchen, das Pläsier und himmlische Zauberkunststück geht mit uns, und dieser Gemüsemarkt hier hat kein Abonnement allein drauf genommen.« Wirklich schon halb betäubt durch die fremde, kalte Luft und schwindelnd unter dem Eindruck des großen unbekannten Naturwunders, hing sich das junge Mädchen an den Arm des standfesten, gutmütigen, kindlichen Freundes und ließ sich gern und willig durch die Stadt und den ersten Schneefall des Winters weiterführen. Wir aber, wir haben schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert, als wir unsere erste Geschichte den Leuten in die Hand gaben, es ihnen und uns beschrieben, welch ein ander Gesicht diese nordische Welt annimmt, wenn der erste Schnee herunterkommt. Nun sind wir aber diesmal nicht am Anfange einer Geschichte, sondern am Schluß einer solchen und können wahrlich ein ander Gesicht der Welt in diesem Falle noch viel besser brauchen als im andern, und sie macht es uns – dem Himmel sei Dank! Es war in dieser Beziehung gut, daß der Amtmann und das Fräulein auf dem leeren Blumenmarkt zusammengetroffen waren: nichts in den Gassen der Stadt hatte in dem weißen, wirbelnden Schleiertanz sein früher Aussehen behalten, und nimmer würde Konstanze Pelzmann ohne ihren jetzigen Begleiter den Weg nach Sankt Georgen gefunden haben. Häuser und Türme, Bäume und Brunnen – alle Merkmale und Wahrzeichen, woran man sonst wohl sich zurechtfinden konnte, waren, wie von einer Zauberrute berührt, etwas anders geworden. Und nun gar die Menschen, die man vielleicht um ihren Rat und Beistand in dem sinnverwirrenden Ringen mit der großen, großen Verzauberung hätte angehen können! Nicht ein einziger von ihnen sah aus, als ob er dazu imstande sei, jetzt den Weg zu wissen, und Madame Printemps, die’s gewesen wäre, wenn Sankt Jürgen nicht all zu tief unter ihr gelegen hätte, befand sich leider nicht in den Gassen, sondern bemerkte eben in ihrer Klasse: »Mesdemoiselles, ich bitte dringend, sich nicht durch das Phénomène vor den Fenstern zerstreuen zu lassen. Im nächsten Semester werden wir in der Physique zu ihm gelangen und uns diese Naturerscheinung wissenschaftlich klarzumachen versuchen.« Wissenschaftlich dem indischen Kinde den ersten deutschen Winterschnee zu erklären, war Mijnheer Peter Rümpler von Schielau nicht imstande; aber den Weg nach Sankt Georgen kannte er, und wie der lustige meteorologische Spuk für das Kind unter den dort obwaltenden betrübten Verhältnissen ferner auf diesem Wege zu verwenden war, wußte er in seinem guten Herzen auch, obgleich er das Begräbnis der armen Marianne Erdener in seinem eigenen Privatkummer richtig bei Zusi vergessen hatte. Ohne Gefährde brachte er sein halbberauscht Fräulein durch die fortspielenden weißen Wirbel nach Sankt Jürgen, und grade weil dies von allen übrigen Stadtteilen der schwärzeste, schmutzigste, verwahrloseste war, erschien er nun um so phantastischer, vergnüglicher, heiterer. Da war zum zweiten Male der verlassene düstere Schmiedehof und in der türlosen Pforte, die wir bereits kennen, auch Pilgram wieder; aber beide – der Hof wie der Hund – als ein vollständig ander Ding und Wesen. In Sprüngen mit fröhlichem Gebell kam der getreue Wächter im Unglück dem Amtmann und seiner jungen Begleiterin entgegen durch das Gestöber, zum erstenmal seit seinem erzwungenen Einzuge in die Stadt als ein vergnügter armer Teufel von einem Hunde. Freudewinselnd umtanzte er die beiden guten Bekannten aus der Schielauer Feldmark. »Alter Strick!« brummte der Amtmann kopfschüttelnd. »Goeden morgen, Pilgram« seufzte Konstanze Pelzmann, nun doch wieder scheu und voll schmerzlicher Angst in die schwarze, leere Werkstatt sehend, zu welcher hin das Tier schwanzwedelnd den Weg weiter andeutete. Aus der Tiefe des verlassenen Arbeitsraumes blickte das Kind noch einmal über die Schulter ins Freie zurück, wie um sich zu vergewissern, daß der fröhliche Flockentanz dort noch fortdauere. Dann aber faßte sie rasch und fest nach dem Arm ihres Führers und folgte ihm auf der dunkeln, gebrechlichen Treppe und kam zu dem Schäfer Thomas Erdener grade so zur richtigen Zeit wie – neulich zu dem Onkel Sebastian. Drei vollkommen ratlose Männer, drei, jeder auf seine Art, in vielem und ernstem Nachdenken über die Welt alt gewordene Männer, die augenblicklich nicht aus noch ein wußten, traf sie beisammen an dem letzten Erdenaufenthaltsort Marianne Erdeners, und der Amtmann von Schielau, der mit ihr jetzt auch noch dazukam, konnte dreist als der vierte gezählt werden, wenn er’s auch mit der »Philosophie und sonstigen Tiftelei« wohl ein wenig leichter genommen haben mochte. Die arme Marianne fand das Kind nicht mehr vor in Sankt Georgen. Der Vater und der Attrappenonkel waren eben von ihrer allerletzten Ruhestelle auf dieser Erde heimgekommen, und Hofmedikus Baumsteiger war, wie gewöhnlich, unterwegs ihnen in den Weg gelaufen. Eine notdürftige Ordnung war in dem Gemache wiederhergestellt, aber es war bitterkalt darin, und der Hofmedikus in seinem Pelze und der Onkel Fabian in dem seinigen empfanden das bis in das Mark der Knochen. Unempfindlich dagegen schien nur der Schäfer von Schielau zu sein. In seinem langen, blauen, ländlichen Sonntagsrocke saß der neben dem Tische, mit dem dreieckigen Bauernhut in der Faust auf dem Knie, und starrte bewegungslos zu Boden und auf die nassen Stiefelspuren der Träger, die, selbstverständlich unter Knövenagels »Oberdirektion«, ihm sein Kind jetzt auf Nimmerwiederkehr aus dem Hause geführt hatten. Und es war wie eine Mauer um ihn her, und der Arzt und der jetzige Inhaber der Firma Pelzmann und Kompanie standen vor dieser Mauer und wußten nicht, auf welche Weise sie dem großen still-grimmigen Leid dahinter beikommen sollten. Guten rat hatten sie nicht, und mit Gelde war gar nichts auszurichten. So unschlüssig hatte sich der Hofmedikus noch nie im Leben und so unglücklich der Attrappenonkel nur selten sich in dem seinige gefühlt. Es war kein Brot mehr in dem Schranke des Greises, und keiner wagte ihm doch sein eigen Mittagessen anzubieten. Es war kein Öl mehr in der Flasche, und die Lampe war schon in der Todesnacht Mariannes, eine Stunde nach ihrem letzten Atemzuge, erloschen, und keiner von den zwei Herren hatte den Mut, dem Alten den Vorschlag zu machen, mit ihm zu gehen und am Abend in seinem häuslichen Lichtkreis mit ihm niederzusitzen. Was das Geld anbetraf, so hatte der Schäfer von Schielau sein letztes Ersparnis an diesem Morgen ausgegeben; aber – wir wissen es ja schon, er wollte niemand zu dem Aufwand für sein Leben in der Stadt und noch weniger zu den Kosten der letztvergangenen Tage beisteuern lassen. Was sollten diese wohlmeinenden, bis ins Tiefste bewegten Männer sagen, was sollten sie tun diesem Greise gegenüber, dem sie selber im Innersten ihrer Seele recht geben mußten in seiner Auffassung der Lage und für den alle Schätze der Erde leichter wogen als eine der Flocken, die da eben vor dem trüben, schlechtverwahrten Fenster herniedertanzten?! Der Schäfer Thomas rührte sich nicht bei dem Gebell seines Hundes im Hofe, auch nicht bei dem Klang der Stimme und dem schweren Tritt seines Dienstherrn auf der Treppe, aber der Attrappenonkel tat’s – »Da ist er ja doch noch – der Amtmann!« sagte er, »Erdener, es kommt noch ein Freund, der es gut mit Ihnen meint – o – was ist – ?« Das Wort versagte ihm natürlich – »Das Kind!« murmelte er. »Zum zweitenmal das Kind! – Erdener, Erdener – wieder das Kind – wie in der Nacht, wo – Und ich hatte wieder es nicht haben wollen!« Da war sie und glitt selbst in ihrer Aufregung und eigenen Angst anmutig und lieblich in das trostlose Gemach – in ihren Locken, auf ihrem Hütchen und ihren Schultern ihren ersten Anteil an den weißen Sternen und Blumen ihres ersten nordischen Winters. »Nun seh einer!« brummte Hofmedikus Baumsteiger. »Hat man richtig wieder mal seinen Kopf gegen die verständigen Leute aufsetzen müssen? Durch solch ein Sündenwetter! Na, Fräulein Tropenpflanze, wer in des – Himmels Namen bringt dich jetzt hierher?« »Meine Wenigkeit, mit deiner Erlaubnis, Vetter«, sprach Peter Rümpler von Schielau. »Freilich wohl ein bißchen per Zufall, aber doch als der einzig Richtige diesmal; denn ein beinahe ausgewachsenes Frauenzimmer aus dem Mohrenlande, das noch keinen Schnee hat fallen sehen, hat wirklich einen sachverständigen Landeingeborenen nötig unterwegs, um nicht alles, was herunterfällt, für Zucker zu halten, selbst wenn es selber aus einer Zuckerfabrik herstammt.« »Ich mich selber! O doch! ich mich selber ganz allein habe mich hierher gebracht!« rief Konstanze Pelzmann, die geschmolzenen lustigen Flocken und bittern Tränen mit zitternder Hand wegstreichend. »O bitte, sei nicht böse, Onkel Fabian! sei keiner böse – ich konnte ja nicht anders! Ich konnte nicht allein zu Hause bleiben mit der Frau Kettner!« »Nicht tot zu kriegen!« rief der Hofmedikus. »Es wird mir am Ende noch allzu langweilig, euch das stets von neuem zu wiederholen.« Die junge Dame achtete nicht im mindesten auf ihn. »Oh, guten Tag, Baas Erdener. Oh, und ich habe solch ein groß wundervoll Wunder unterwegs erlebt! Dadurch hin bin ich zu Ihnen hergekommen, Baas Erdener, und ich kann mich noch immer nicht recht wieder besinnen. Ich hatte es mir wohl ein bißchen ausgedacht, was ich zu dem Onkel und zu Ihnen sagen wollte und was ich Sie bitten wollte; aber nun ist dies alles in mir durch dieses weiße, stille Wehen und Wesen wie unter einer Decke, und wenn Sie wollen, Baas Erdener, so müssen Sie mir helfen, daß ich von neuem darüber nachdenken kann, was Ihnen Schlimmeres als der Tod durch unsere Schuld begegnet ist!« Es hätte wohl kein zweites Wort in der Welt gesprochen werden können, was den Greis mit stärkerer Gewalt aus seiner öden Versteinerung unter die Lebendigen zurückgerufen haben würde als dies tränenvolle, ängstlich fragende, sanft bittende Wort aus diesem schuldlosen Kindermunde: Durch unsere Schuld! Wer von den Gegenwärtigen hatte an dieser Schuld so schwer mitzutragen, daß er in diesem kalten, leeren, verwüsteten Zimmer das Gesicht nicht gradeaus erheben durfte? An wen konnte sich der Greis mit vollem, unwiderlegbarem Rechte fernerhin halten in seinem zornigen Herzen nach dieser Rückkehr vom Friedhofe? Wem von den Anwesenden gegenüber konnte er dadurch Trost, Erleichterung, Frieden finden, daß er ihm mit einem Vorwurfe, einem Fluche eine Hand voll Erde von dem frischen Grabe auf diesem Kirchhofe bei Sankt Jürgen ins Gesicht schleuderte?! Ein Schauder schüttelte ihn leise; er faßte nach der kleinen Hand, die auf seiner Schulter lag. Zuerst, als wollte er sie doch wegstoßen; aber er tat es nicht. Er hielt sie nicht fest, aber er hielt sie doch, als er stöhnte: »Kind, was willst du? Du meinst es gut; aber auch du kannst uns nicht helfen, und – so komme – auch du mir nicht zu nahe!« »O doch! – Onkel Fabian, sag du ihm, daß ich ihm nahe kommen darf. Bitte du ihn, daß er es mir erlaube. Auch der Onkel Sebastian hat es mir erlaubt in seiner letzten Stunde. Wenn der liebe Gott es erlaubt und ich länger lebe als du, lieber Baas Erdener, will ich auch zu dir kommen, wenn dir der Herr Hofmedikus nicht mehr helfen kann, und will auch für dein Kind gelten in deiner letzten Stunde!« Der Schäfer Thomas von Schielau stieß einen rauhen Laut aus, der ebensogut aus der Kehle seines Hundes hätte kommen können; aber der Herr Hofmedikus Baumsteiger hatte sich erst einige Minuten später wieder so weit gefaßt, daß er sein ewiges Wort doch noch einmal wiederholte, jetzt freilich zum letztenmal in dieser süßbittern Geschichte vom Hause Pelzmann und Kompanie. »Nicht tot zu kriegen!« sprach er, und da er einmal im Zuge war, redete er auch weiter: »Du bist und bleibst mein Herzensmädel und bringst mir richtig auch diesen armen Teufel zu guter Letzt noch ins richtige Geleis. Selbstverständlich wirst du mir achtzig Jahre alt und ein gedeihlich Großmütterlein, das einst alle diese dummen, es gar nichts angehenden Tagesmiserien dahin geschoben haben wird, wohin sie für es dann, im nächsten Jahrhundert, gehören. Wirst schon mal deine eigenen Geschäfte, die du natürlich dann für ganz neue hältst, abzuspinnen bekommen, und selbst der – Onkel, dein guter seliger Onkel Baumsteiger, wird dir dann zu einem schönen beiläufigen Abendthema am warmen Ofen im Kreise deiner Enkel geworden sein. Na, fürs erste bringst du es mir jetzt auch noch fertig, daß sich der alte Charakterspieler da vom Amtmann hier sofort aufpacken und nach Schielau zurückliefern läßt. Daß der arme Kerl mit dem Attrappenonkel gehe und das Vorderhaus von Pelzmann und Kompanie beziehe, kann keiner von ihm verlangen. Hier in der Stadt hat er endlich, endlich, und Gott sei gelobt, nicht das geringste mehr zu suchen. Nicht wahr, Fabian?« »Augenblicklich nicht!« seufzte Herr Fabian Pelzmann; doch er hatte wie der Hofmedikus, aber aus viel vollerer Seele, beizufügen: »Gottlob!« »Oh, seht doch, wie das weiße Wunder vom Himmel alles zudeckt!« rief Konstanze. »Ja, Frau Holle ist’s, die Frau Holle! Ich kannte sie bei mir zu Hause in der Sonne nur aus den Bildern und aus der Beschreibung in den Büchern, die aus euerm Lande die Schiffe mitbrachten. Und ich habe mir auch davon erzählen lassen von meinem Papa, und wer es sonst aus eigener Erfahrung kannte; aber ich habe nicht geglaubt, daß es so eine ganz andere Welt machen könnte. Lieber Baas Thomas, und ich habe schon mit dem Onkel Rümpler darüber gesprochen, als wir durch diesen Schnee hierher kamen. Heute bleibt es noch nicht so; es muß erst noch viel kälter werden, und dann kommt er wieder, der rechte Schnee. Dann erst wird es ganz still! Ich denke es mir sehr gut, daß dann auch alle Gräber mit allem andern Dunkeln unter der weißen Decke wie eines liegen. Und ich denke es mir dann so gut in Schielau! Der Bach friert dann auch und schwatzt nicht mehr durch das Grün, und du sitzest dann am Fenster in dem kleinen Hause hinter dem Amtshause und guckst in das stille, weiße Land hinaus. Lebte die gute Frau Amtmann noch, so wäre es wohl noch besser für dich, Baas Thomas, aber es ist auch gut, daß du an sie mit den andern, die von uns jetzt weggegangen sind, denken kannst in der Stille unter dem weißen Schnee. Lieber Baas Thomas, nicht wahr, du tust mir den Gefallen und gehst heute noch mit dem Herrn Amtmann wieder nach Schielau, wieder nach Hause? O bitte, weine nicht!« Das Kind erschrak heftig über die Wirkung, die ihr schockend tränenvoll Zureden hervorbrachte; aber die andern sagten aufatmend wiederum »Gottlob!« und mit vollem Rechte. Konstanze Pelzmann ging zu dem Attrappenonkel hin und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Der Attrappenonkel hat weiter nichts gesagt und Hofmedikus Baumsteiger auch nicht; nur Peter Rümpler aus Schielau hat sich geäußert: »Das müßt Ihr doch selber sagen, Schafmeister, daß dies unerfahrene Geschöpf, was von gar nichts weiß in der Welt und sogar, weiß der Himmel, heute zuerst seinen ersten Schnee fallen sah, unser aller Meinung ganz genau getroffen hat. Und das mit – meiner Alten und – den – übrigen in ihrer Ruhe konnte gar keiner richtiger ausdrücken. Sollte da nicht ein jeder jetzt das Gelüste verspüren, sich des Kindes und der Frau Holle Deckbett mit den andern über die Nase zu ziehen und stille drunter aufs Weitere zu warten und aufs nächste Frühjahr? Wenn der Kerl, der Knövenagel, vorhanden wäre, könnten wir ihn gleich nach dem Preußischen Hof schicken, wo unser Fuhrwerk steht – nicht wahr, Erdener?« Der Kerl, der Knövenagel, war vorhanden. Er saß vor der offenstehenden Tür auf der obersten Treppenstufe, mit dem Hunde seines Gevatters zwischen den Knien, hatte alles angehört und sich zum erstenmal in seinem Leben nicht mit in die Unterhaltung gemischt, obgleich sie diesmal ausnahmsweise Angelegenheiten betraf, in die er persönlich ziemlich tief, und zwar von Anfang an, mit verwickelt war. »Herr, ich wollte es schneite bergehoch! Hund, jetzt keinen Muck mehr!« murmelte er, mit der zitternden Faust fester in das Lederhalsband seines vollständig lautlosen Gesellschafters auf der Treppe greifend. Er fraß dabei wirklich auch so was wie eine Träne herunter, aber zweifelhaft bleibt es, wen er eigentlich mit seinem letzten Worte in diesem Buche meinte, – sich oder seinen Treppengefährten. Auch das geht wohl in Einem hin.