Hitzig/Alexis Geschichten aus dem Neuen Pitaval Interessante Kriminalfälle aller Länder aus älterer und neuerer Zeit F. W. Hendel Verlag zu Leipzig, 1927, Zweiter Band Inhalt Gescha Margaretha Gottfried Die Frau des Parlamentsrats Tiquet John Sheppard Louis Mandrin James Hind, der royalistische Straßenräuber Die Kindesmörderin und die Scharfrichterin Francesco Fava Anna Margaretha Zwanziger Eine Entführung Gescha Margaretha Gottfried 1831 Ein junger Radmachermeister zu Bremen mit Namen Rumpf hatte ein dort in der Pelzerstraße gelegenes Wohnhaus im Jahre 1825 gekauft. An Warnungen von seiten seiner Freunde, daß er den Kauf unterlassen möge, hatte es nicht gefehlt. Man sagte, das Haus wäre ein Unglückshaus, in dem die Männer stürben. Vor allem aber solle er sich vor der bisherigen Besitzerin in acht nehmen und sie nicht im Hause wohnen lassen. Denn wenn auch keiner der Madame Gottfried etwas Böses nachzusagen wußte, so herrschte doch bei vielen, die sie näher kannten, eine gewisse Furcht vor ihr, die allerdings einigen Grund hatte. In dem Hause, welches die verwitwete Madame Gottfried bis jetzt besessen hatte, waren in den letzten Jahren nicht wenige Todesfälle vorgekommen. Sie hatte ihren ersten Mann, dann ihre Mutter, ihren Vater, ihre Kinder, ihren Bruder, den zweiten Mann, alle nach einem kurzen Krankenlager, plötzlich verloren. Ja, wenn man es zusammenzählte, so hatte die unglückliche Witwe im Verlauf von vierzehn Jahren nicht weniger als dreizehn Särge bei dem Tischler Bolte, der ihr gegenüber wohnte, bestellen müssen, alle für liebe, teure Angehörige; und so auffällig war das ungewöhnliche Unglück dieser Frau geworden, daß ein hochberühmter Kanzelredner in Bremen, Dräseke, selbst auf der Kanzel für die »christlich starke Dulderin« öffentliche Fürbitten hielt. Gegen die anständige, allgemein geliebte und wohltätige Frau selbst konnte kein Verdacht obwalten, ihr Ruf war, wenn nicht ganz unbescholten, doch durch einen untadeligen Wandel gegen alle Verdächtigung wirklicher Verbrechen gekräftigt. Wenn einige meinten, daß sie schon bei Lebzeiten des ersten Mannes mit dem zweiten in vertrauterm Umgänge gelebt habe, als erlaubt ist, so wußten diese zugleich, daß jener durch sein wüstes Leben ihr dazu Anlaß gegeben, ja wahrscheinlich diesen Umgang gewissermaßen als Ersatz für seine eigenen Untugenden zugelassen und nicht ungern gesehen hatte; vielleicht daß er sogar auf dem Totenbette gewünscht hatte, daß der Hausfreund seine Witwe heirate und gut mache, was er schlimm gemacht hatte. Und wenn sie da gefehlt hatte, so hatte sie durch ihre unerhörten Leiden gebüßt. Durch ihre religiöse Gesinnung, durch ihre christliche Wohltätigkeit, mit der sie die Lager der Kranken besuchte, liebevoll pflegte und Spenden über ihre Kräfte austeilte, sowie durch ihr bescheidenes Benehmen gegen Höhere und durch ihre Leutseligkeit gegen Untergebene war sie überall beliebt und gern gesehen. Viele wußten überdem von ihrer früheren Schönheit und Lieblichkeit zu erzählen, und auch jetzt, im angehenden Matronenalter, hatte sie eine Anmut sich zu bewahren gewußt, die überall für sie einnahm. Madame Gottfried, von Geburt mehr dem mittleren Bürgerstand angehörend, zählte durch ihre Heiraten, ihre anscheinende Bildung und ihren Umgang schon zu den höheren Ständen. Im Hannöverschen Nachbarlande verkehrte sie freundschaftlich mit angesehenen Familien und wurde ihres Charakters wegen nicht allein gern gesehen, sondern man fand sich durch den Besuch der liebenswürdigen Frau geschmeichelt, und sie konnte nicht genug den wiederholten Einladungen nachkommen. Ihre Wohnung in dem ansehnlichen Hause, welches sie bis da besessen hatte, war elegant und mit Geschmack ausgestattet. Fußteppiche, Blumen, Kupferstiche und alle die Kleinigkeiten, welche den Aufenthalt behaglich machen und seine weibliche Sorgfalt verraten, schmückten ihr Zimmer. Auch eine kleine Bibliothek neuerer Schriftsteller fand sich darin, mit Geschmack gewählt, schönwissenschaftlichen und religiösen Inhaltes; alle im elegantesten Einbande, nur oft den Goldschnitt von Staub geschwärzt. Ihre Toilette war die einer Dame der höheren Stände, und man bemerkte die Sorgfalt, womit sie das, was das modernste war, zugleich am passendsten und am mindesten auffällig sich anzueignen wußte. Höhere suchten ihren Umgang, Gleichstehende fühlten sich darin behaglich, Niedere waren durch ihn geschmeichelt. Ihre Dienstboten hingen ihr mit rührender Liebe und Treue an; Bewerber um ihre Hand näherten sich, wie dem jungen Mädchen und der Jungfrau, so noch der Matrone und Witwe, die jetzt um die Vierzig zählte, weniger leidenschaftlich, die meisten schüchtern, durch anständige Freiwerber. Familienväter hätten es für ein Glück geachtet, wenn eine so herzliche, teilnehmende, gefühlvolle Frau von feinen Sitten und einem hübschen Vermögen in ihre Kreise gekommen wäre. Sie pflegte indessen die Anträge in freundschaftlicher Art abzulehnen: sie habe es ihrem seligen Gottfried auf dem Totenbette versprochen, sich nicht wieder zu verheiraten. Dennoch stand ihr furchtbares Schicksal als nicht wegzuleugnende Tatsache da: die in ihrer Nähe sich immer wiederholenden Todesfälle. Einige hielten sie für schwere, unergründliche göttliche Prüfungen; andere flüsterten sich zu von einem pestartig giftigen Atem, welcher der eigentümlichen Frau als ein krankhaftes Übel anhafte. Rumpf aber war ein entschlossener Mann, ein entschiedener Feind alles Aberglaubens, wofür er jene Meinungen und Warnungen hielt. Er kaufte nicht allein das Haus, sondern behielt auch Madame Gottfried als Mieterin in ihren bisher bewohnten Zimmern. Außerdem ließ er ihr den vertraglich ausbedungenen Mietertrag zweier Nebenhäuser. Zu Anfang schien er allen Grund zu haben, mit seinem Entschlusse zufrieden zu sein. Man konnte sich kein angenehmeres Verhältnis denken, als welches zwischen der jungen Familie des Käufers und der früheren Besitzerin eintrat. Die freundliche Witwe, welche für nichts in der Welt zu sorgen hatte, lebte nur für die Rumpfsche Familie. Aber kaum acht Wochen, nachdem diese eingezogen war, starb die Gattin im Wochenbette. Sie hatte die Entbindung glücklich überstanden, als ein heftiges Erbrechen und Durchfall sich einstellten, welche den Tod zur Folge hatten. Niemand konnte sich trostloser und liebevoller zeigen als Madame Gottfried. Sie war nicht vom Krankenlager der Leidenden gewichen. Die Sterbende sah in der Todesnähe nur darin einen Trost, daß sie eine solche Pflegerin für ihr verwaistes Kind und für ihren armen Mann zurückließ. Sie übergab ihr das teure Vermächtnis, für beide zu sorgen, und die Gottfried erfüllte den Willen der Gestorbenen. Sie pflegte das Kind, sie besorgte die Wirtschaft, die Küche; sie heiterte durch Unterhaltung und religiöse Zusprüche den tiefbetrübten Mann auf. »Tante Gottfried« hieß sie in der Familie. Aber das Unglück, das die Freunde prophezeit hatten, war doch im Anmarsche. Bald darauf erkrankte, ebenfalls an Durchfall und Erbrechen, die für den Säugling in Dienst genommene Amme, und ebenso die Hausmagd. Die Amme erklärte, in dem Hause könne sie nicht gesund werden, und ging in ihre Heimat zurück. Nun erbrachen sich Gesellen und Lehrlinge. Einer der letzteren lief auch fort. Rumpf selbst fing wenige Monate nach dem Tode seiner Frau an demselben Übel zu leiden an. Ein strenger und tätiger Mann, tat er das Seine, es nicht aufkommen zu lassen, und glaubte zuerst, die Burschen wollten sich nur über ihn lustig machen und äfften ihm deshalb nach. Er fuhr mit strenger Züchtigung unter sie, aber ohne Erfolg. Das eigene Unbehagen des Meisters ward immer größer. Was für Speisen er auch zu sich nahm, sie erregten ihm das fürchterlichste Erbrechen. Seine früher blühende Gesundheit sank von Tag zu Tag mehr dahin. Zuerst wollte er sich selbst kurieren, er hielt seine Krankheit für die Folge einer Magenerkältung. Aber weder die eigenen noch die Mittel des Arztes schlugen an. Eine niederdrückende Schwäche hatte sich seines Körpers bemeistert. Der kräftige, rüstige Mann war mutlos und träge geworden. Er scheute die geringste körperliche und geistige Anstrengung. Zehen und Fingerspitzen hatten das Gefühl verloren, und die entsetzliche Angst, daß er wahnsinnig werden könnte, quälte ihn. Er glaubte weder an eine Vergiftung noch an unerklärliche Einflüsse; er wollte einen natürlichen Grund auffinden, und in diesem unermüdlichen Bestreben gewann seine schon geisterhafte Erscheinung noch mehr Gespensterhaftes. Gleich als suche er einen verborgenen Schatz, von dessen Dasein er dunkle Kunde hatte, durchstreifte er sein Haus vom Keller bis zum höchsten Boden. Er wollte in der Örtlichkeit den geheimen Grund entdecken, warum er krank sei und so viele vor ihm krank geworden seien. Er dachte an eine verderbliche Zugluft und schloß und öffnete alle Türen und stopfte alle Ritzen. Vielleicht dunstete der Fußboden, irgendein vermodernder Stoff brütete dort Gift. Er roch, atmete und lüftete die Dielen: alles vergebens. Fast erlag er schon dieser doppelten Pein und kämpfte einen neuen Kampf, ob es wirklich geheimnisvolle Mächte gäbe, welche die Sinne der Menschen verrückten und ihren Körper heimlich verwüsteten. Da erschien die Tante Gottfried als einziger Trost des armen Leidenden. Sie pflegte ihn mit mehr als mütterlicher Sorgfalt. Jeden Morgen war sie die Erste, sich zu erkundigen, wie er geruht habe, und wenn sie hörte, daß er wieder eine qualvolle Nacht durchwacht habe, wünschte sie ihm nur etwas von dem sanften Schlafe, womit Gott sie erquicke. Dieses Leiden dauerte jahrelang, ohne daß in Rumpfs Seele der geringste Verdacht aufstieg. Später entsann er sich wohl, daß die Magd ihm – etwa zwischen Ostern und Pfingsten 1827 – einmal Salat gebracht hatte, auf dessen Blättern er etwas Weißes, Zuckerähnliches bemerkt hatte. Da er süßen Salat nicht liebte, schalt er und ließ ihn wegwerfen. Später hatte er auch in einer Tasse Bouillon einen dicken weißen Bodensatz bemerkt; nach der Bouillon hatte er an heftiger Übelkeit gelitten. Erst im März 1828 sollte die Entdeckung erfolgen. Er hatte sich für seine Haushaltung ein Schwein schlachten lassen. Von einem ausgesuchten Stücke, welches ihm der Schlächter brachte, genoß er einen Teil und verschloß das übrige in einen Schrank. Das Fleisch war ihm wider Gewohnheit sehr wohl bekommen; also wollte er am folgenden Tage den Rest verzehren. Bei der Öffnung des Schrankes bemerkt er, daß der Speck nicht mehr die gestrige Lage hatte. Er hatte ihn mit der Schwarte nach unten gelegt: jetzt findet er die Schwarte oben. Als er den Speck umkehrt, entdeckte er zu seinem Erstaunen darauf wieder solche weißliche Körner wie früher auf dem Salat und in der Bouillon. Tante Gottfried, die herbeigerufen wird, erklärt es für Fett. Aber jetzt steigt eine Ahnung in dem Unglücklichen auf, er schweigt und ruft in der Stille seinen Hausarzt. Die weiße Substanz wird abgestreift, durch einen geschickten Chemiker untersucht, und es findet sich darin eine nicht unbedeutende Beimischung Arsenik. Dies geschah am 5. März; schon am 6. März wurde dem Kriminalgericht Anzeige gemacht, und nachdem dasselbe eine summarische Vernehmung der Zeugen veranlaßt hatte, begab sich eine Kommission in das Rumpfsche Haus. Die Gottfried wurde, angeblich krank, im Bette gefunden. Nach einem Verhör, das sie noch verdächtiger machte, wurde sie indessen beim Eintritt des Abenddunkels zur vorläufigen Verhaftnahme ins Stadthaus abgeführt. Noch am gleichen Abend verbreitete sich das Gerücht davon. Eine in allgemeiner Achtung stehende Frau hatte ihre Hand in Gift getaucht, um das Leben eines Familienvaters zu verderben, mit dem sie in freundschaftlichsten Beziehungen stand. Staunen und Erschrecken bemächtigte sich aller Bewohner einer friedlichen, wegen ihres Religionseifers berühmten Stadt, in deren Mauern so selten ein Kapitalverbrechen vorfällt. Aus dem Schrecken aber wurde Entsetzen, als man mit dem einen ausgesprochenen Falle die bisherigen dunklen Todesfälle in dem Unglückshause in Verbindung brachte, Ahnungen stiegen auf, die man auszusprechen zauderte, und doch sollte die Wirklichkeit noch diese Ahnungen an Gräßlichkeit übertreffen und ein Ungeheuer ans Licht gezogen werden, das an Scheinheiligkeit, Mordlust und Furchtbarkeit alle bisher bekannten Verbrecherinnen weit hinter sich ließ. Der Name Gottfried schwebte auf allen Zungen, bei jedem Gespräch, in jeder Gesellschaft war sie das Losungswort, und weit über das Weichbild der Stadt Bremen hinaus, ja man kann wohl sagen, in aller Welt wurden ihre Taten mit Entsetzen erzählt, wurde ihr Name mit Abscheu genannt. Aber ehe noch das volle Maß der ersteren ermittelt war, hatte sich schon die Sage derselben bemeistert, und das Gerücht vervollständigte das Gräßliche in der Art, wie es der Fassungskraft der großen Menge zugänglicher ist. Der Heißhunger nach dem Entsetzlichen liegt in der menschlichen Natur, unzertrennbar von dem Hange nach dem Wunderbaren. Hier aber war es sehr erklärlich, daß die ungeläuterte Wißbegierde des Volkes zu dem Unerhörten auch einen wunderbaren Schlüssel suchte; der psychologische wurde erst nach unsäglicher Mühe und nach Jahren von wissenschaftlichen Männern gefunden. Was davon erfuhr das Volk? Eines ausführlichen Werkes bedurfte es, um nur die gebildete Welt über die Motive und den inneren Organismus dieser Verbrecherin ohne Beispiel aufzuklären; was aber konnte man davon dem Volke geben, dem man doch die schreienden Tatsachen nicht verbergen konnte? Es lag also in der Natur der Dinge, daß das Volk sich selbst einen Schlüssel zu all dem Entsetzlichen suchte, das zutage gekommen war. Im Stadthause versuchte die Gottfried anfänglich zu leugnen; aber ihr ganzes zusammengeknicktes Wesen verriet die Verbrecherin, deren Kraft und Mut dahin war mit dem Scheine, den sie durch so lange Jahre aufrechterhalten hatte. Mit Erstaunen und Entsetzen zogen die Wärterfrauen der wohlgebildeten Madame Gottfried, als sie ihr der Vorschrift zufolge die Kleider wechseln mußten, dreizehn Korsetts, eines über dem andern, aus. Ihre lieblichen roten Wangen waren Schminke, und nachdem alle Toilettenkünste entfernt waren, stand an der Stelle der blühenden, wohlbeleibten Dame vor den erschreckten Weibern ein blasses, angstvoll verzerrtes Gerippe. Aber mit dem äußeren Scheinbild sank zu gleicher Zeit das moralische Trugbild zusammen, das sie seit zwanzig Jahren und mehr vor den Menschen zur Schau getragen hatte. Die Kraft zur Lüge, welche ihr Wesen zusammenhielt, zerbrach. Dazu erwachten und sprachen in ihr plötzlich die allerfurchtbarsten Traumbilder. Sie bekannte, aber nicht gestachelt von Gewissensunruhe, nicht gerührt durch den Zorn Gottes, sondern weil sie nicht mehr Kraft hatte, die Lügen aufrechtzuerhalten. Das Bekenntnis erfolgte nicht mit einem Male, es war ein fortgesetztes zweijähriges Bekennen, und auch dies Bekennen war ein fortgesetztes neues Lügengewebe: nicht mehr jene großartige Lüge, keine, die sie vom Untergang hätte retten können, sondern ein kleinliches Ableugnen, durch das sie, nachdem das Gräßlichste heraus war, noch hier und dort einen Anhalt, eine kleine Entschuldigung zu gewinnen hoffte; noch letzte Versuche, mit sich schön zu tun und das Mitleid und Interesse für sich anzuregen. Das ungeheure Leichentuch, unter dem eine noch jetzt vielleicht nicht ganz bestimmt ermittelte Zahl von Opfern ruhte, konnte weder sie selbst mit einem Male aufdecken, noch wagten es ihre Richter, die so Unerhörtes gern selbst dämonischen Einflüssen beigemessen hätten. Die Gottfried hatte nach den ersten Verhören schon genug bekannt, um das Leben zehnfach verwirkt zu haben; die Untersuchung wurde deshalb nicht mit der Eile geführt, die bei anderen Verbrechen nötig ist, um Spuren, die verloren gehen könnten, zu verfolgen. Man durfte vielmehr, da der rächenden Gerechtigkeit auf jeden Fall ihr Recht ungeschmälert blieb, den wissenschaftlichen und humanioren Rücksichten nachgeben, um das furchtbare Rätsel eines so entarteten menschlichen Wesens gründlich zu studieren. Rechtsgelehrte, Theologen, Mediziner experimentierten an dieser Rarität, und eben um dieser Absichten willen hegte man das moralische Scheusal und pflegte es mit einer rücksichtsvollen Menschlichkeit, welche über die Begriffe von dem Verhältnis zwischen dem Richter und dem Verbrecher, wie sie in früheren Jahrhunderten geherrscht hatten, gegangen wäre. Nie war wohl ein Strafurteil begründeter als das, welches auf Grund der Verhandlungen die Gottfried zum Tode verdammte. Die Aktenberge schienen das Tatsächliche erschöpft zu haben; und doch liefern sie nur einen Beleg für die Mangelhaftigkeit aller menschlichen Einrichtungen. Der äußere Mensch, die Gottfried, wie sie straffällig vor dem Gesetz erscheint, ist darin vielleicht splitternackt dargestellt. Aber durch kein artikuliertes Verhör und durch keine Protokolle, die ein Richter führt, kann eine Erscheinung wie die ihre psychologisch ergründet werden. Um die feineren Fäden zu verfolgen, wie aus der menschlichen Natur ein solches entmenschtes Wesen werden konnte, sind die Federn der Gerichtsstube und das Aktenpapier zu grob. Es ginge auch vielleicht über die richterliche Aufgabe hinaus. Die Akten, so klares Licht sie über die Tatsachen verbreiten, blieben doch im Rückstande über die Motive; ja, bei dem fortgesetzten Lügengespinste der eitlen Frau soll sich dort manches eingeschlichen haben und nicht wieder fortzuwischen gewesen sein, was nicht in der Wahrheit, sondern in der erfinderischen Nachhilfe, sich, wenn nicht besser, doch interessanter darzustellen, seinen Grund hat. Ihrem erwählten Defensor, dem Dr. Voget, blieb es vorbehalten, diesem rätselhaften Wesen weiter nachzufolgen in seine scheinbar verborgensten Schlupfwinkel, um der Mit- und Nachwelt darzutun, daß hier weder dämonische Einflüsse gewaltet haben, noch daß die Gottfried eine Ausgeburt der Hölle war, sondern ein menschliches Wesen gleich uns, das nur, in Eitelkeit gesäugt, von der Sünde genährt und gesättigt, von Stufe zu Stufe immer tiefer sank. So wenig es ihm gelang und gelingen konnte, sie vor dem weltlichen Richtstuhle zu verteidigen, um so erfolgreicher war er, durch eine unermüdliche Behandlung in ihr innerstes Sein einzudringen: eine Aufgabe, die durch bloßen Pflichteifer nicht zu lösen war. Es gehörte mehr dazu, ein ganz besonderes Interesse, bei ihm durch religiöse Motive warm und frisch erhalten, um nicht durch die beständigen Rückfälle der Heuchlerin ermüdet und gereizt zu werden. Er mußte bei ihren proteischen Windungen jeden Silberblick der Wahrheit, der aus ihrer erschöpften, hohlen Seele kam, erhaschen und schnell festzuhalten versuchen; er mußte jede Gemütsbewegung benutzen, um ihrer schnell vorübergehenden Zerknirschung ein Geständnis abzupressen, welches sie aus Eitelkeit und Furcht vor strenger Bestrafung jeden Augenblick bereit war wieder zurückzunehmen oder durch eine neue Lüge zu trüben. So gelang es ihm endlich nach einer Arbeit, wie sie selten ein Geistlicher, noch seltener ein gerichtlicher Verteidiger übernimmt, ein vollständiges Bild dieses Wesens, das eigentlich nur noch ein Schemen war, zusammengehalten von der Eitelkeit, zu entwerfen, welches er in einem ausführlichen Werke »Lebensgeschichte der Giftmörderin Gescha Margaretha Gottfried, geborenen Timm. Nach erfolgtem Straferkenntnisse höchster Instanz herausgegeben von dem Defensor derselben, Dr. F. L. Voget« (Bremen 1831) niedergelegt hat. Diesem ließ er in demselben Jahre ein zweites Werk folgen: »Die Giftmörderin Gescha Margaretha Gottfried in der Gefangenschaft bis zur Hinrichtung. Nach Vollzug des Todesurteils herausgegeben von dem Defensor usw.«, dessen Inhalt sein Titel besagt. Zu Hilfe kam ihm hierbei eine Autobiographie, welche die Gottfried, wohl vorzüglich aus dem Motiv der Eitelkeit, in ihrem Gefängnisse zu schreiben bewogen wurde. Sie selbst wünschte, daß ihre Geschichte geschrieben und dem Publikum bekannt gemacht würde, sie selbst trug dies ihrem Defensor auf. Wenn ihr nichts auf Erden bliebe als ihr gräßlicher Ruf, so wünschte sie doch dies letzte Besitztum sich zu erhalten, und wenn sie in religiöser Demut zu hoffen vorgab, daß ihr Beispiel warnend auf andere einwirken werde, so gab sie daneben doch auch der schmeichelnden Hoffnung Raum, daß man sie etwas besser und interessanter darstellen werde, als wofür sie die Menge hielt. Bei diesem Kriminalfall kommt es nicht auf eine Geschichte des Prozesses an. Dieser ist einfach genug. Die Lügenwindungen, in denen die Gottfried sich erging, um nicht mit einem Male die ganze Last aller ihrer Giftmorde auf sich gewälzt zu sehen, und die widerwärtigen Versuche, ein freundlicheres Licht auf ihre Untaten zu werfen, kommen nicht auf gegen die interessanten Zwischenfälle, die den Prozeß der Brinvillier lebendig machen. Die Verbrechen an sich sind hier die Hauptsache, vor der die gerichtlichen Verhandlungen als Nebensache verschwinden. Wir glauben unserem Zwecke genugzutun, wenn wir die Lebensgeschichte der Gottfried, das ist die Geschichte ihrer Untaten, aus dem umfangreichen Werke in eine kürzere Erzählung zusammenfassen und später daran reihen, was aus der Untersuchungsgeschichte zur Ergänzung ihrer Charakteristik von Wichtigkeit erscheint. In der Pelzerstraße in Bremen lebte die Familie eines ehrbaren Frauenschneiders namens Johann Timm, die sich den Ruf der Arbeitsamkeit und treuen Rechtschaffenheit in der ganzen Nachbarschaft erworben hatte. Vater Timm war so fleißig in seinem Berufe, daß sie von ihm sagten, er halte beim Nähen den Atem an, um mehr Nadelstiche in einer Minute zu machen. Zu eigentlichem Wohlstände brachte er es seiner großen Tätigkeit und Sparsamkeit ungeachtet nie; aber er konnte es doch auf seinen guten Ruf hin wagen, das Haus, in welchem er später starb, anzukaufen, und so viel blieb und mußte bei seinem Verdienst übrig bleiben, daß die Armen jede Woche ihr Teil erhielten. Das war in der Bibel geboten, und Timm und sein Eheweib wollten hinter keinem biblischen Gesetze zurückbleiben. Er sang jeden Tag sein Morgenlied, besuchte regelmäßig die Kirche und galt als fromm und gottesfürchtig, was indes nicht hinderte, daß der Defensor seiner Tochter meint, seine Religiosität habe mehr in einer äußeren Werkgerechtigkeit bestanden als in wahrhafter Gottesfurcht und Liebe. Aus dieser Schule entsprang die Religiosität, ja die ganze Geistesrichtung seiner Tochter, deren Tun und Streben in wohlgefälligen Handlungen von früh auf nur dahin ging, daß es den Leuten gefalle und sie es lobten. Am 6. März 1785 gebar Timms junge Frau Zwillinge, einen Sohn und eine Tochter. Bei diesen Kindern verblieb es. Der Sohn Johann Christoph machte später den Eltern wenig Freude. Auf der Wanderschaft geriet er in liederliche Gesellschaft, wurde verführt, krank, kostete den Eltern viel Geld, ließ sich endlich als Husar unter Napoleon anwerben, bis er nach langen Jahren als ein Krüppel wieder in seiner Vaterstadt erscheint. Das Mädchen, Gescha Margaretha, indessen war bald die Freude und der Augapfel beider Eltern. Schwächlich, war sie doch nicht kränklich. Von der zartesten Gestalt und der feinsten Bildung, fast nur Knochen und Haut, schwebte von früh an etwas Ätherisches über ihrem ganzen Wesen, das sie für besser erscheinen ließ, als sie war. Anmutig und leicht in ihrer Bewegung, lieblich in ihrem Benehmen, mit einem freundlichen, hübschen, offenen Gesicht, war das Kind überall gern gesehen und wurde von den Erwachsenen geliebkost und anderen als Muster gezeigt. Schon im frühen Alter von drei Jahren mußte die kleine Gescha die Schule besuchen, damit sie an ein äußeres gesetzmäßiges Wesen gewöhnt werde. Ihre Schulgespielinnen hatten Taschengeld von den Eltern und benutzten es zu Näschereien. Gescha hatte stets leere Taschen. Ohne die größte Not gaben ihre kargen Eltern keinen Groten (etwas mehr als ein Kreuzer Rhein.) aus. Da half sie sich selbst. Wenn sie von der Mutter ausgeschickt ward, um Weißbrot zu holen, brachte sie unter den größeren einige kleinere und erübrigte dadurch manchen Groten zu jenem Zwecke. Das war der erste Schritt zur Sünde, Gescha war damals sieben Jahre alt. Der Betrug wurde nicht entdeckt. Das war eine Aufmunterung zur Wiederholung. Glücklich darüber, daß es nie herauskam, ging sie zu eigentlichen Diebereien über. Sie nahm aus der unbewahrten Tasche der Mutter einen, zwei, bis zwölf Groten. Der Verlust blieb zwar nicht unbemerkt; welche Mutter sollte aber einen Verdacht auf ihr liebliches, offenes Kind werfen, auf den »Engel von Tochter«, wie beide Eltern ihre Gescha nannten. Das verschlossene, menschenscheue Wesen ihres Bruders lenkte ihn weit eher auf sich, und Gescha – schwieg zur Verdächtigung ihres Bruders. Fünf Jahre setzte Gescha diese Diebereien fort, ohne daß ein Verdacht auf sie fiel; fünf Jahre heuchelte sie bei diesen kleinen Sünden ein unschuldiges Wesen und ward nach wie vor belobt, gestreichelt und belohnt. Welche Schule, in der Sünde fortzufahren! Sie vergriff sich, elf Jahre alt, an fremdem Eigentum und entwendete einer alten Mamsell, die bei Timms zur Miete wohnte, eine bedeutendere Summe als jemals vorher, etwa im Betrag von einem Taler. Der Diebstahl wurde entdeckt, die Täterin nicht. Das Haus geriet in Aufruhr. Alles ward vergebens durchsucht; der Vater schloß nun auf seinen Sohn. Da rief die Mutter: »Warte nur, Vater, ich weiß schon ein Mittel und will gleich hinter die Wahrheit kommen.« Nach einer halben Stunde kam sie zurück und sprach mit zuversichtlicher Miene: »Ich hab' den Dieb gesehen. Einer klugen Frau in der Neustadt habe ich's gesagt. Die holte einen Spiegel, und wie ich hineinsehe, steht der Dieb da und guckt über meine Schulter.« Die Mutter hatte ihre Tochter dabei scharf ins Auge gefaßt, und wie ein Schwert drangen ihr die Worte ins Herz. Das ist dein Gesicht gewesen, dachte sie, und von nun an wagte sie im elterlichen Hause nie mehr etwas zu entwenden. Mit einer kleinen Erschütterung ging so die Krisis vorüber; aber es war nicht herausgekommen, sie stand, in der Verstellungskunst früh geübt, vor der Welt so rein da als vorher und war nach wie vor der Engel ihrer Eltern. In ihrem zwölften Jahre hatte Gescha nach Ansicht ihrer Eltern genug gelernt. Sie ward aus der Schule genommen und mußte im Hause an Stelle der abgeschafften Dienstmagd alle nötigen Arbeiten verrichten, zugleich aber auch für den Vater nähen und an Wochentagen außer Hause arbeiten; das Erworbene ward ihr in der Sparbüchse aufgehoben. Der nächste Antrieb nach fremden Gute war also fortgefallen. Dagegen erhob sie ihr Fleiß bei der Arbeit in den Augen des Vaters zu einem Ideal von Vortrefflichkeit, und ihre Fortschritte im Rechnen machten sie dem Vater bei seinen Kassenabschlüssen fast unentbehrlich. Die Tochter schien vollkommen in die Begriffe ihrer Eltern von Ordnungsliebe und Ehrbarkeit einzugehen. Sie zeigte sich genügsam und erfreut über das Kleinste, war über das Kuchenbrot, das ihr als Geburtstagsgeschenk gereicht wurde, entzückt und betete alle Gebete, welche die Mutter sie für alle Verrichtungen des Lebens gelehrt hatte, mit buchstäblicher Treue. Sie trug die Almosen für Vater und Mutter aus, und schon früh war es ihr eingeprägt, daß solche Taten der Wohltätigkeit hohen Wert hätten und die Danksagung der Armen zu Verheißung göttlicher Vergeltung würden; ein Wahn, der später von furchtbarem Einfluß auf ihr Leben wurde. Aber sie gehörte auch zu den weichen, reizbaren Seelen, die, jedem Gefühl und aufregenden Einfluß offen, leicht zu Tränen gerührt werden. Des Vaters frommes Morgenlied, die stille Ordnung des Hauswesens erfüllten oft das Herz des Mädchens mit lebhafter Rührung; auch religiösen Eindrucken blieb sie nicht verschlossen, obschon der amtliche Religionsunterricht ohne Wirkung auf sie geblieben zu sein scheint. Aber es war eine leichte Erregbarkeit, die mehr den Nerven angehörte und die Seele nicht berührte. So weinte sie auch später und konnte aufs tiefste gerührt scheinen, war es auch vielleicht für den Augenblick, wenn ihr Opfer unter den entsetzlichsten Qualen verschied. Aber die Summa dessen, was sie im elterlichen Hause erlernte, war der Schein eines Wertes, den sie nicht besaß. Denn die Zuneigung der Eltern wurde bald eine blinde, grenzenlose, die dem Mädchen von hellem Kopfe nicht unbekannt blieb und ihr ein Bewußtsein einimpfte, welches sie aus der Sphäre ihres wirklichen Seins in einen leeren Zustand besseren Scheins erhob. Geiz und eigentliche Habsucht blieben ihr, auch als sie auf der Laufbahn des Verbrechens raschen Schrittes forteilte, immer fremd; selbst die Genußsucht war kein Motiv, das sie bei ihren Handlungen beherrschte; sie hatte kein heißes Blut, keine starken Leidenschaften. Nur als die Sünde auf anderen Wegen ihrer Meisterin geworden war, ließ sie das Weib, das nun ihre Sklavin war, alle Laster auskosten, indem mit der einen alle Schranken der Tugend gebrochen und gefallen waren. Aber es war der Ehrgeiz, in jener vornehmeren, ausgezeichneteren Sphäre, in die sie der Zufall und die Gunst der Menschen versetzt hatten, sich zu erhalten, es war die Eitelkeit, welche ihr besseres Selbst mehr und mehr aufzehrte und damit einer furchtbaren Selbstsucht Nahrung gab, welche sie endlich kaltblütig zu den gräßlichsten Mordtaten schreiten ließen, sobald ein oft nur scheinbarer Vorteil in Aussicht stand. Sie lernte in einem Nachbarhause – die Eltern konnten ihrem Engel schon nichts mehr abschlagen – tanzen. Sie spielten Sonntags Komödie. Bald war das ganze Leben des dreizehnjährigen Mädchens eine Komödie, in der sie die große Rolle durchführte, allen Leuten zu gefallen, eine Rolle, mit solcher Kunst durchgeführt, daß man ihr erst im dreiundvierzigsten Jahre ihres Lebens die Larve vom Gesicht riß! – Gescha spielte unter ihren Gespielinnen am besten, sie bekam die besten Rollen; sie war die Schönste, man schmückte sie am schönsten mit Bändern und Schleifen heraus. Sie war die Königin des Spiels, und die armselige Alltagswoche konnte nur in Erwartung des berauschenden Sonntagsvergnügens ruhig verlebt werden. Aber doch spielte sie auch die übrigen sechs Tage zu Hause Komödie: sie ließ nichts von ihrer Lust dazu merken! Am Montag freilich fiel sie aus der Rolle; sie wischte die Schminke von gestern noch nicht ab, die ihr so wohl stand, und die Mutter begnügte sich damit, darüber zu lächeln. Sie war zur Jungfrau aufgeblüht. Ihr äußerlicher Liebreiz war gewachsen. Die charakteristische Weichheit ihres Herzens schien nur noch mehr ausgesprochen. Von den Müttern wurde sie ihren Töchtern als Muster vorgestellt, von diesen selbst aber nicht etwa beneidet, sondern innig geliebt. Gern hätte Gescha, in ihrem Studium dessen, was vor den Menschen gilt, weit vorgeschritten, musikalischen Unterricht gehabt und Klavierspielen gelernt, das war aber von den Eltern zu viel gefordert, die nur für Notwendiges und Nützliches Geld ausgaben. Auch schien es doch unpassend für ein Bürgermädchen, das als Magd im Hause arbeitete. Ein- oder zweimal in der Woche kehrte sie auch wohl, den Besen in der Hand, vor dem Hause. Und dennoch entschlossen sich die Eltern, ihr – französischen Unterricht geben zu lassen, weil sie meinten, ein so außerordentliches Kind müsse bei seinen seltenen Geistesgaben doch wenigstens eine besondere Kenntnis vor allen Töchtern gleichen Standes voraushaben. Aber schon hier betrog sie. Der wissenschaftliche Unterricht war viel zu ernsthaft für ihr leichtfertiges Gemüt. Die aufgegebenen Arbeiten langweilten sie, und sie ließ sie sich von einem befreundeten Tischlergesellen, der vollkommen französisch sprach, aufschreiben, arbeitete aber sorgsam einige Fehler hinein, um den Betrug nicht zu auffällig zu machen. Sie erntete für ihre vortrefflichen französischen Aufsätze das größte Lob ein, das sie in Bescheidenheit hinnahm. Aber mit dem wenigen, was sie aufgefaßt hatte, putzte sie später ihre oberflächliche Bildung aus, und es diente ihr zu dem Lug und Trug, den sie in höheren Kreisen so geschickt wie in den niedrigeren fortspielte. Bei einer sogenannten Korporalsmahlzeit – einem jährlichen Schmause der nach altertümlicher Weise in eine Miliz eingeteilten Bürger – trat Gescha, damals sechzehn Jahre alt, zum ersten Male in die Welt. Jubel, Tanz und Spiel begleiteten mehrere Tage lang diese Feier. Sie zog aller Augen auf sich. Aber die Sinnlichkeit war in der Jungfrau noch nicht erwacht. Sie war mannigfachen Nachstellungen ausgesetzt, hat aber in dieser Beziehung den unbescholtensten Ruf mit in die Ehe genommen. Heiratsanträge kamen schon in diesem sechzehnten Jahre. Drei wurden ohne weiteres von Vater und Tochter zugleich abgelehnt; ein vierter und, da der Freiwerber ein junger wohlhabender Meister des Gewerbes war, ziemlich verlockender nur auf Überredung des Vaters. Gegen Person und Vermögen des Werbers hatte der alte Timm nichts einzuwenden, wohl aber gegen den Handwerkszweig, weil es sein eigener war. Da Geschas Bruder dereinst in Bremen Meister werden sollte, fürchtete der fern in die Zukunft rechnende Alte einen Brotneid zwischen den Geschwistern. Gescha hatte den Werber zwar nicht gerade geliebt, aber es durchzuckte sie doch mit Eiskälte, als sie den abgewiesenen Werber an der Hand einer anderen jungen Braut dahinschreiten sah. Gescha – vielmehr Gesina, wie sie sich jetzt nennen ließ, da ihr jener Name zu gemein klang – wuchs, wie an Schönheit und Jahren, so an Liebe im Herzen ihrer Eltern; sie, die ausgezeichnete Tochter, die über ihrer Art stand und doch Vater und Mutter auch nicht den geringsten Kummer verursachte, während der Bruder, ein ausschweifendes Leben in Hamburg und Paris führend, Schulden machte, sein Erbteil verzehrte und schon anfing, als verlorener Sohn betrachtet zu werden. Auch der Ruf ihrer Sittsamkeit und Tugend wuchs unter ihren Gespielinnen, denn ihre wunderbare Erscheinung lockte Vornehmere heran, aber Gesina unterdrückte alle Wünsche des Herzens, sobald sie wahrnahm, daß der Bewerber keine ehrbaren Absichten haben könnte. Eines Abends war sie im Theater in Begleitung ihrer vertrauten Freundin Marie Heckendorf, die in ihrem Leben eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Es war das erstemal, daß sie das Theater besuchte, und dieser Besuch sollte für ihr Leben von großem Einfluß werden; aber die Gottfried erinnerte sich später trotz ihres vortrefflichen Gedächtnisses weder des Namens noch des Inhaltes des Stückes und wußte nichts davon, als daß eine sehr schöne Person, Elise Bürger, darin mitgespielt habe. In der Loge des zweiten Ranges, wo sie saß, drängte sich ein dicker vornehmer Herr an Gesina heran, der sie mit Artigkeiten überschüttete und nachher, wiewohl umsonst, dem schönen Mädchen nachstellte. In der Person eines Nachbars, des jungen Miltenberg, erschien aber zugleich ein Beschützer, welcher sich während der Aufführung zwischen den galanten Herrn und das hübsche Mädchen drängte und dann aus nachbarlicher Pflicht Gesina aus dem Theater bis in ihr Haus begleitete. Vom Augenblick dieses ritterlichen Dienstes an entspann sich zwischen beiden kein Liebesverhältnis, aber eine stumme Beobachtung und Aufmerksamkeit; Miltenberg ging immer vor des alten Timm Hause vorüber, wenn Gesina mit dem Besen davor kehrte, und unterließ nie zu sagen: »So fleißig?« Gesina dagegen fand, daß das Wasser im Miltenbergschen Brunnen das beste in der Straße sei, und holte es daher für die Wirtschaft von dort, was nicht auffällig war, da Miltenbergs Haus dem ihrer Eltern schräg gegenüber lag. Auch kaufte sie im Gürtlerladen, wenn der junge Miltenberg verkaufte, gern ein paar Kleinigkeiten, und Miltenberg begleitete sie dann hinaus. Liebe war auf ihrer Seite nicht im Spiel, aber Eitelkeit und für ihre Lage eine glänzende Aussicht. Der junge Miltenberg war eigentlich nichts weniger als berufen, ein Beschirmer der Unschuld und Sittsamkeit zu sein. Als verzärtelter einziger Sohn eines wohlhabenden Vaters hatte er schon vor seiner ersten Verheiratung ein wüstes Leben geführt. Eine ältere Buhlerin hatte ihn dann in ihre Netze zu locken gewußt; aber nachdem sie Madame Miltenberg geworden war, hattte sie keinen Grund abgesehen, noch länger die Larve des Anstandes vor dem Gesicht zu behalten. Wollüstig, dem Trunk ergeben, jähzornig, widerwärtig in jeder Beziehung, hatte sie dem jüngeren und schwächlicheren Gatten das Leben unerträglich gemacht und seine Kräfte ausgesogen. Von einem gewaltigen Körperbau, hatte sie ihn nicht selten im trunkenen Zustande untergekriegt und mißhandelt, ja diese Familienszenen nicht in der Verschwiegenheit der vier Wände abgetan, sondern manchen Skandal vor Zeugen, ja auf der Straße wiederholt. Der Tod des frechen Weibes hatte nun zwar den armen Menschen aus den lästigen Eheketten erlöst, aber mit seiner Gesundheit schien auch seine Ehre und sein ganzes moralisches Wesen bis auf den Grund zerstört. Er schleppte sich hin in Faulheit und Liederlichkeit und suchte in Weinstuben und bei gemeinen Dirnen Trost oder Vergessenheit für sein zerfallenes Leben. Sein Vater, ein wohlhabender Mann, galt, obwohl er nur Sattlermeistei war, für einen vornehmen Herrn. Er besaß das größte Haus in der Straße, welches mit sieben kleinen Nebengebäuden, die ihm zugehörten, einen eigenen Hof, »Miltenbergs Hof«, bildete. Die Zimmer waren schön möbliert, und eine Sammlung Ölgemälde, die man für wertvoll hielt, brachte ihn mit angesehenen Leuten und sogar mit Senatoren in nahe, freundschaftliche Verbindung. Der Vater konnte das Lasterleben des Sohnes nicht länger mit ansehen. Mit dem Menschen gingen auch die Wirtschaft und das Geschäft zugrunde. Vater und Sohn gerieten oft in heftigen Streit, und endlich soll der Alte dem Jungen erklärt haben, das einzige, was ihn wieder mit ihm aussöhnen könne, sei eine anständige Heirat, und die einzige anständige Heirat, die ihm gefalle, mit Timms wohlgeratener Tochter. Der Sohn hatte seinerseits nichts dagegen einzuwenden, nur fürchtete er sich bei seinem bekannten ausschweifenden Leben vor dem Antrage. Dazu ward als Mittelsperson ein Magister ausersehen, welcher mit seiner lateinischen Gelehrsamkeit und seiner stilistischen Kunst schon oft zu Rat und Hilfe in beiden Familien zugezogen worden war und auch noch später als Vermittler in manchen schwierigen Fällen auftrat. »Fein schwarz gekleidet, damals jung und von sehr ehrbarem Aussehen«, wie sich die Gottfried bei ihrem lebhaften Gedächtnis für alles Äußerliche noch im Gefängnis entsann, erschien der Brautwerber beim alten Timm und brachte in zierlichsteifen Worten seinen Antrag vor. Der künftige Reichtum des einzigen Erben, das große Miltenbergsche Haus, für das schon einmal zwanzigtausend Taler geboten worden wären und auf dem nur tausend Taler hypothekarisch lasteten, das köstliche Mobiliar, die Gemäldesammlung, in der sich Stücke von dreihundert Taler Wert befänden, das alles glänzte dergestalt in der Rede, daß Vater und Mutter Timm vor Freude zitterten und auch nicht an die Möglichkeit einer abschlägigen Antwort dachten. Die Tochter ward hereingerufen, um ihr Glück zu erfahren, und die Tränen, die sie vergoß, galten als eine Einwilligung, an der überdies bei dem Verhältnis zwischen Eltern und Tochter die ersteren nicht im entferntesten zweifeln konnten. Das glücklichste Ereignis ihres Lebens, wofür die drei es hielten, ward nicht von jedermann so angesehen. Timms Freunde schüttelten bedenklich den Kopf und hielten es für eine große Torheit, daß er das tugendhafte, schöne Mädchen um Geldes willen mit dem wüsten, entnervten und leichtsinnigen Menschen zusammenkuppelte. Die Mutter erwiderte, wenn die jungen Leute nur Brot hätten, würde alles übrige schon von selbst kommen. Der verwüstete Haushalt bei Miltenbergs verlangte eine schnelle Änderung. Die Heirat wurde am 6. März 1806 feierlich begangen, und obgleich die Gottfried sich der kleinsten äußeren Umstände entsann, z. B. der ersten seidenen Strümpfe, die ihr der Bruder aus Hamburg schickte, und der Ermahnungen der Freunde, daß ihr Mann nicht weinen solle, so erinnerte sie sich weder der Trauungsrede noch des Predigers, der sie verband. Die Trauung fand in Miltenbergs Hause, und zwar in der großen Hinterstube mit den Ölgemälden, statt. Über dem Kopfe der Braut hing die Mutter Jesu mit dem Kinde, rechts ein Abendmahl, links ein Petruskopf. Es war dieselbe Stelle, wo sie später ihre Mutter vergiftete. Diese Ehe konnte nur das Selbstgefühl der jungen Frau nähren. Durch Sitte, Bildung, Achtung vor der Welt, Verstand und Lieblichkeit weit über ihrem Gatten stehend, war sie wie von selbst die Herrin im Hause, Sie war die Wiederherstellerin der Ordnung und des Friedens zwischen Vater und Sohn. Beide erkannten es, und sich in Dank erschöpfend, opferten sie täglich am Altare ihrer Eitelkeit. Miltenberg, so oft durch die Schande seiner ersten Frau von den Leuten aufs tiefste beschämt, setzte seinen Stolz darein, die junge schöne zweite Frau zu einer vornehmen Dame zu machen. Er fühlte sich um so mehr verpflichtet, sie äußerlich, so hoch zu stellen, da er ihrer Jugendfrische nur einen entnervten Körper und einen abgestumpften Geist entgegensetzen konnte, ja nicht einmal so viel Macht über sich selbst besaß, mit dem Besitz des schönen Weibes zufrieden zu sein und seiner früheren Lebensart, dem Umhertreiben in den Schenken und Klubs, und seinen gewohnten Ausschweifungen zu entsagen. Die liebebedürftige Jungfrau konnte nichts für diesen Mann empfinden, sie mußte im Stolz auf ihre äußerliche glückliche Lage, in ihrer befriedigten Eitelkeit den Ersatz suchen. Er verreiste und kam schlaff und gleichgültig wieder. Statt der Liebe brachte er ihr eine Verehrung entgegen, die ihr Herz nicht wärmte. Prächtige Kleider, Damenhüte, alle möglichen rauschenden Vergnügungen mußten die Leere ihres Herzens füllen, und sie verdrängten die stillen und frommen Gefühle, welche im elterlichen Hause gepflegt worden waren. Auch ihre Eltern erkannten zu spät, was ihrer Tochter zum Glück fehlte. Auch sie bemühten sich, es sie vergessen zu machen, indem sie ihre Miltenbergin (wie sie von der Mutter genannt wurde, die den gemein klingenden Namen Gescha umgehen wollte) selbst zu lärmenden Lustbarkeiten geleiteten. So besuchten sie namentlich zu diesem Zwecke wieder die schon erwähnten Korporalsmahlzeiten. Der junge Miltenberg hatte von ungefähr beim Glase Wein mit einem lebensfrohen jungen Weinreisenden namens Gottfried Freundschaft geschlossen. Gottfried war bei einer Korporalsmahlzeit der gefällige, liebenswürdige Nachbar der Madame Miltenberg; nachher beim Tanze wurde er ihr Tänzer, und zwar ihr alleiniger Tänzer während des ganzen Balles. Die Mutter flüsterte ihr warnend zu: »Ich glaube, dein Mann ist unzufrieden über dich«. Der Vater kam am anderen Morgen zur Tochter und machte ihr die heftigsten Vorwürfe über ihr Betragen auf dem Tanzboden: »Du hast deinen Mann ganz vernachlässigt. Solange ich lebe, gehst du nicht wieder in eine solche Gesellschaft. Eine Frau muß nicht ihren Mann zurücksetzen, wie du es gestern getan hast.« Aber der Mann selbst war gestern abend ganz zufrieden gewesen; in brüderlicher Herzlichkeit, Arm in Arm mit dem Freunde und der Frau, war er nach Hause gegangen. Was konnte nun der Vater dagegen einwenden? Deshalb gingen sie schon an diesem Tage wieder auf denselben Tanzboden, dieselbe Gesellschaft fand sich zusammen; Miltenberg, der selbst nicht tanzte, führte seiner Frau den Freund als Partner zu, und das Spiel von gestern ward fortgesetzt, nur daß Madame Miltenberg nach ihrem Bekenntnis »sich vor den Leuten genierte« und ihrem Tänzer zu verstehen gab, daß auch er sich vorsehen möge. Von diesem Tage an richtete sich ihr Sehnen und Wünschen auf Gottfried. Ihre Sucht, vornehmer, gebildeter, besser zu erscheinen, ihr Hang zu Putz und prächtigen Kleidern bekam neue mächtige Triebfedern. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel, um zu wissen, wie Gottfried sie am schönsten finden möchte. Sie erschrak über ihre Blässe, erinnerte sich der Schauspielerkünste ihrer Jugend, und von jetzt ab waren ihre Wangen nicht mehr blaß. Das war ein wesentliches Moment für die Folge ihrer Verbrecherlaufbahn: die Schminke wurde »die rettende Maske vor dem verräterischen Erröten und Erblassen des Gewissens«. Miltenberg sah die nähere Bekanntschaft Gottfrieds mit seiner Frau offenbar gern und beförderte sie. Eifersucht war ihm von Natur fremd, er fühlte vielleicht, daß er ihr einen Ersatz schuldig war; noch mehr freute er sich, ungestört seinen Vergnügungen nachgehen zu können, während Gottfried seiner Frau die Zeit vertrieb. Endlich war Miltenberg ein Freund des Weines und liebte frei zu trinken; Gottfried aber setzte so manche Flasche auf den Tisch oder brachte sie sogar unter dem Mantel mit ins Haus. Dies geschah jedoch erst später. Anfangs schien Gottfried selbst sein Glück nicht verfolgen zu wollen; sei es, daß er zu gewissenhaft war oder, was wahrscheinlicher ist, es überhaupt nicht in seiner Art lag, nach der letzten Gunst bei Frauen zu ringen. Gerade diese Zurückhaltung entzündete aber immer mehr die Glut im Herzen der jungen Frau. Das heftige Verlangen ging in stillen Schmerz über, in einen Unmut, der ihr ganzes Wesen durchdrang. Ihren Angehörigen, die es merkten, log sie vor, es sei die Furcht, kinderlos zu bleiben. Auch diese Lüge, wie alle ihre bisherigen, fand nicht allein Glauben, sondern wurde auch belobt. Sie war und blieb das Schoßkind der Eltern, mit denen das frühere kindliche Verhältnis merkwürdigerweise fortdauerte, und auch der Schwiegervater sah ihr ihre Wünsche ab. Um ihren angeblichen Kummer nicht zu mehren, ließ er ein Bild über ihrem Bette fortnehmen, welches er früher schalkhafterweise dahin gehängt hatte. Es war das Bild eines jungen englischen Mädchens, das recht oft anzusehen er ihr empfohlen hatte. Im Winter 1807 zeigte sich die junge Frau zur unsäglichen Freude der Familie guter Hoffnung. Man trug sie auf den Händen. Mutter Timm, abergläubischer Natur durch und durch, ließ eine Kartenlegerin holen, um das künftige Schicksal der Tochter zu erfahren. Das dunkelgelbe Weib machte auf die Schwangere einen grauenhaften Eindruck. Sie wußte aber später nur, daß die Mutter von der Kartenlegerin viel Betrübendes erfahren habe. Vor ihrer Niederkunft nahm sie, seit sieben Jahren zum ersten Male, auch wohl nur aus abergläubischer Furcht, mit ihrer Familie das Abendmahl. Aller ihrer religiösen Floskeln ungeachtet war es zugleich das letztemal in ihrem Leben. Die Mutter hatte in den Rock der Schwangeren eine wundertätige Wurzel genäht, auch ins Kopfkissen ihres Bettes Knoten geschlungen, eine Vorsicht, die sie später bei jedem Wochenbette in Anwendung brachte. So genas die Miltenberg denn im September 1807 leicht und in Gesundheit einer ersten Tochter, die den Namen Adelheid erhielt. Das arme Kind trug an seinem Leibe als Erbteil der ausschweifenden Lebensweise des Vaters die Spuren einer Krankheit, deren Ursache man zu verbergen suchte, indem man die Amme entfernte. Die reine, natürliche Mutterliebe hat die Verbrecherin nie empfunden; es freute sie, Mutter zu sein, um der Zeichen von Teilnahme willen, welche sie in ihrem Wochenbett empfing. Jene Entdeckung vermehrte nicht ihr eheliches Glück, und die Aussicht, vor Ablauf von Jahresfrist aufs neue Mutter zu werden, stimmte sie sogar zum heftigsten Mißmut. Doch hatte sich inzwischen statt des noch zaudernden Gottfried ein anderer Tröster eingefunden, abermals ein Weinhändler, abermals ein Freund von Miltenberg und jemand, den das böse Geschick in der Nähe des Miltenbergschen Hauses verkehren ließ. In der Biographie der Gottfried wird er in Berücksichtigung seiner noch lebenden Familie mit dem Pseudonamen Kassow aufgeführt. Kassow war verheiratet, Vater, nicht schön und mit einem starken Bauche ausgestattet. Aber er besaß Verführungskünste. Kaum daß es deren bedurft hätte, wenn ihm ein Blick in die Seele des erstrebten Gegenstandes gestattet gewesen wäre. Das Begehren war bei ihr da, eine heftige Neigung zu Gottfried: und Gottfried zauderte. Aufgeregt, erzürnt, ohne allen moralischen und religiösen Halt, hätte sich die getäuschte und verlangende Frau vielleicht einem jeden in die Arme geworfen, der sie ihr in stiller Heimlichkeit entgegengebreitet hätte, wohlverstanden aber einem jeden, dessen Neigung ihrer Eitelkeit schmeichelte, dessen Stand und Wohlstand sie über ihre Sphäre erhob. Die Miltenbergs, wenn auch wohlhabend, gehörten dem Handwerksstande an, Kassow war wie Gottfried ein Kaufmann; er liebte Lust und Aufwand und war ein jovialer Lebemann. Aber noch schützte das geistig schutzlose Weib wider ihren Willen die selbstgefertigte Maske von Tugend und Anstand. Alles kam Kassow zu Hilfe, und doch hielt er in seinen Angriffen zurück. Miltenberg war auch sein Busenfreund geworden, denn auch Kassow spendete aus dem Weinlager gegenüber, dessen Aufseher er war, an den durstenden Ehemann Flasche um Flasche. Miltenberg lud ihn täglich ins Haus; er mußte Beefsteaks und Hasenbraten bei ihm verzehren und brachte dafür Wein in der Tasche mit. Er konnte es wagen, der feinen Madame Miltenberg Geschenke mit Weinflaschen zu machen, die in der Regel ihr Mann leerte, welcher die Frau dann bat, sie möge Kassow nicht anders wissen lassen, als daß sie selbst den Wein ausgetrunken hätte. Kassow arrangierte Partien über Land, wobei die ländlichen Freiheiten benutzt wurden. Sie kam solcher Aufmerksamkeit mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln entgegen. Geschenke und Briefe wurden später ein täglich angewandtes Mittel ihrerseits, sich die Freundschaft und Liebe ihrer alten und neuen Bekannten zu sichern. Sie schenkte Kassow eine Tuchnadel mit einer Haarlocke, wollte aber gern das Geschenk mit einigen bedeutungsvollen Worten begleiten. Nun war sie in der Kunst des Briefschreibens nicht geübt – auch später bediente sie sich der Hilfe von dem und jenem, denn sie hatte immer unsichtbare Vertraute hinter jeder Kulisse stehen –, Miltenberg aber war sehr geschickt darin, und sie übte den ersten ehebrecherischen Betrug, indem sie ihn ersuchte, für eine Freundin einen sinnvollen Brief aufzusetzen, die ihrem Freunde eine Tuchnadel schenken wolle. Der »sinnvolle« Brief lautet: »Nicht die Locke sei Ursache, daß Sie sich meiner erinnern; nein, das Gefühl für Freundschaft und Tugend mehre sich täglich in Ihnen, wie ich nie aufhören werde, mich zu nennen usw.« Und doch, wunderbarerweise, gelangte Kassow noch immer nicht zu dem erstrebten Genuß. Eine zweite, zwar glückliche Niederkunft, aber mit einem toten Kinde, kam störend dazwischen. Die Miltenberg blickte mit Schaudern ihre Magerkeit an und fürchtete, daß ihr Ansehen bei den Leuten dadurch Einbuße erleiden möchte. Die Auspolsterung eines einfachen Kleidungsstückes könne, fürchtete sie, sich leicht verschieben und sie auf diese Weise entdeckt werden. Deswegen verfiel sie auf den Gedanken, sich Korsetts über Korsetts anzuziehen, was sicherer war und zugleich den Vorteil bot, daß, indem sie eins über das andere tat, der Schein einer natürlich anwachsenden Fülle ihres Körpers gewonnen wurde. Sie kam bis zur Zahl dreizehn! So glücklich fiel diese wie alle ihre betrügerischen Handlungen aus, daß es erst zwanzig Jahre später bei ihrer Gefangensetzung entdeckt wurde. Das Volk in Bremen schrieb damals diesen Korsetts eine magische Kraft bei. Die Gottfried habe sich mit ihrer Hilfe unsichtbar machen, ja fliegen können. Dennoch wurden bei der öffentlichen Versteigerung ihrer Effekten die siebzehn wohlerhaltenen Korsetts für ein paar Groschen verkauft; gewiß eine Merkwürdigkeit, da Englands reiche Kuriositätensammlungen der Stadt Bremen so nahe sind. Durch die naturwidrige ununterbrochene Einschnürung des oberen Körpers schadete sie nicht wenig ihrer Gesundheit. Im Herbste desselben Jahres, nach ihrer zweiten Niederkunft, blühte das zarte Verhältnis zwischen ihr und dem Kassow wie vorher. Kassow hatte eine vorteilhafte Geschäftsreise nach Berlin vor; in der Stunde der Trennung, bei Punsch und Küssen, reifte die von beiden Seiten genährte Sünde zur Tat. Madame Miltenberg mußte sich um des Auslandes willen untröstlich stellen; aber Kassow beschwichtigte ihre Tränen durch das Versprechen eines schönen und großen Geschenkes, das er ihr aus Berlin mitbringen wolle, und niemand wußte um das Vorgefallene; also war alles gut. Um diese Zeit erschien Gottfried wieder. Eine jährliche Geschäftsreise hatte ihn aus Bremen entfernt. Dieser Michael Christian Gottfried wird uns so geschildert: eine kerngesunde, kräftige Natur, leichten Blutes bei vollen Säften; zwar nicht schön, aber von keiner unangenehmen Gesichtsbildung, gewandt in seinem Benehmen, ein guter Tänzer, Reiter, Guitarrenspieler und Sänger, mit männlich kräftiger, klangreicher Stimme. Dagegen bezeichnen ihn seine nächsten Bekannten als einen gutmütigen, aber charakterlosen Menschen von verliebter Natur und ohne religiöse oder tiefere sittliche Haltung, obwohl als Eigenheit an ihm bemerkt wird, daß er seine Eroberungen beim weiblichen Geschlecht selten bis zum letzten Angriff ausdehnte, sich vielmehr vor dem Siege abwandte. Ihm war es mehr um ein eitles Spiel, um eine sentimentale Unterhaltung zu tun, was, wie man meinte, in einer phlegmatischen Organisation seines Körpers den Grund hatte. Den Mangel wahrer geistiger Vorzüge verdeckte seine Jovialität, ein gewisser Grad äußerer, doch nur im geselligen Verkehr glänzender Bildung, welche er seinen Reisen und seiner Belesenheit verdankte. Er besaß eine elegante Bibliothek der damaligen Klassiker von Kotzebue und Lafontaine bis zu Klopstock hinauf, auch geistliche Morgen- und Abendopfer darunter; nur vermissen wir in dem uns mitgeteilten Verzeichnisse, merkwürdig genug, Goethes Werke, wogegen eine Menge Gedichte und Liedersammlungen vorkommen, durch seine große Liebhaberei für Gesang und gesellige Freuden erklärt. Gottfried war in dieser Beziehung selbst Schriftsteller und hat zwei Sammlungen Lieder mit Gesängen herausgegeben. Seine »Blumenkränze geselliger Freude« (Bremen 1808) haben sogar vier Auflagen erlebt. Seine »Blumenlese« (Bremen 1816) ist vergriffen. Der alte Miltenberg hatte sein Haus dem Sohne übertragen. Es wurden die Zimmer darin an einzelne Herren vermietet; ein Umstand, der nicht wenig zum verbrecherischen Entwicklungsgange der gefallenen Frau beitrug. Der Zufall wollte, daß Gottfried bald ausziehen mußte, und Miltenberg nahm ihn in sein Haus auf, ja er gab ihm die Vorderstube, welche bis da seine Frau bewohnt hatte, natürlich mit deren voller Einwilligung. Gottfried ging ein, aber – in keiner verbrecherischen Absicht. Er hatte von Kassows Verkehr mit der Miltenberg gehört und strebte jetzt noch weniger nach dem verbotenen Gute. Ihm war nur die Aufmerksamkeit der schönen jungen Frau schmeichelhaft; zudem liebte auch er auf fremde Kosten zu zehren und zugleich ein gemütliches häusliches Leben, ohne dafür viel auszugeben. Beides fand er bei Miltenberg; er war in den Schoß der Familie aufgenommen, verbrachte dort die Abende, aß an ihrem Tische und gab die Klubs und Wirtshäuser auf. Durch seine Aufmerksamkeiten gegen die schöne Frau, indem er ihr Serenaden brachte, ihr Blumenbrett schmückte, den kleinen Garten bestellte, suchte er es zu vergelten. Er verführte nicht, er ward verführt. Die junge Frau hielt es für dienlich, in Schwermut zu verfallen, sie klagte über ihren rohen Mann, der sie stets verlasse, und daß er, wie ihr Gemüt, auch ihre Kasse leer lasse. Gottfried war leicht zu rühren; er schenkte ihr nicht allein Mitleid, sondern gab ihr auch dann und wann ein Darlehn zur Bestreitung ihrer angeblich nötigsten Bedürfnisse für die Haushaltung. Es bestand also schon ein Geheimnis zwischen Frau und Freund. Die Musik wurde zur Zwischenträgerin ihrer Gedanken. Er sang abends vor ihrem Fenster »Beglückt, beglückt, wer die Geliebte findet«, »Wen ich liebe, weiß nur ich«, »Süßer Traum, wie bald bist du entschwunden«, »Weine nicht, es ist vergebens« und »Das Grab ist tief und stille«, und Madame Miltenberg netzte, wenn sie sich niederlegte, ihr Lager mit Tränen. Einsame Spaziergänge folgten, ein erster Kuß an einem alten steinernen Kreuze, und das gemeinschaftliche Besitztum schien vollkommen angedeutet, wenn Miltenberg beim Nachhausekommen mit seinem Busenfreunde Gottlieb diesen fragte: »Was mag wohl nun unsere kleine Frau machen?« Da kam Kassow aus Berlin zurück, brachte der Geliebten ein Geschenk von zehn Louisdor und forderte seine alten Rechte, welche sie ihm aus fortgeschrittener Lasterhaftigkeit oder aus Furcht nicht versagte. Diese letztere wuchs in ihr mit der Zahl und Größe ihrer Verbrechen. Ihr kam es also vor allem darauf an, daß weder Gottfried von ihrer Vertraulichkeit mit Kassow, noch Kassow etwas von der mit Gottfried erfahre. Beides gelang ihrer Verschmitztheit und Verstellungskunst bis zum Tode beider Männer. Nur einmal, als Kassows Eifersucht rege geworden war, kam es bei einem Tanzfest zu einem ärgerlichen Auftritt, indem jener, betrunken, der Miltenberg den Halsschmuck, den er ihr geschenkt hatte, entreißen wollte. Gesina übte seitdem die Vorsicht, nie einen öffentlichen Tanz zu besuchen. Kassow hatte sich bei den alten Timms einzunisten gewußt, er ward ein Hausfreund, brachte dann und wann auch dorthin eine Flasche Wein und lieh ihnen Geld, mit dem sie die Schulden ihres ausschweifenden Sohnes bezahlten. Wohl hob die alte Timm drohend den Finger: »Hör' mal, Miltenbergin, das geht nicht mit der Freundschaft von Kassow!« Aber es geschah nur in freundlicher Art, gewissermaßen in der Erwartung, daß die Tochter sie beruhige, und ohne den geringsten Argwohn, daß es bereits zum ärgsten gekommen sei. Die Eltern hielten nach wie vor ihre Tochter für ein Musterbild von Tugend und fingen nun auch an, sie zu beklagen und ihr ihr volles Mitleid zu schenken, als jene es jetzt für dienlich zu ihren Plänen hielt, ihren Mann aufs schlimmste zu verleumden. Daß er arbeitsscheu war und seine Vermögenszustände verfielen, war ihnen bekannt. Auch seine Saufereien, seine Spiele und seine Liederlichkeit waren nur zu sehr stadtkundig; aber sie log auch, daß er sie aufs grausamste mißhandle, wenn sie nicht stets für die feinste Tafel sorge, und er lasse es ihr doch stets am nötigen Gelde dazu fehlen. Um seiner Brutalität zu entfliehen, habe sie einmal eine ganze Nacht in einem Kutschkasten zubringen müssen. Kurz, sie müsse namenlos leiden; aber sie sei fest entschlossen, still und gelassen alles zu dulden, und beschwor ihre Eltern, ebenfalls zu schweigen. So erschien die Ehebrecherin und Betrügerin als eine Märtyrerin und Heilige. Das angeregte Mitleid trug reiche Früchte. Eltern und Liebhaber beschenkten sie, und während sie selbst Wirtschaftsstücke heimlich verkaufte, klagte sie noch ihren Mann deshalb an. Und dieser selbe Mann, so lasterhaft sonst sein Leben sein mochte, war ihr gegenüber gerade um jene Zeit der liebevollste, gefälligste Gatte. Gesina brauchte allerdings Geld, da die Vermögensumstände ihres Mannes immer verworrener wurden; sie brauchte das Geld zum Putz und zur Befriedigung ihrer eitlen Wünsche, aber schon jetzt fing auch ihre Großzügigkeit im Geschenkemachen und Wohltun an. Ihre Dienstboten kannten keine leutseligere, freigebigere Herrin. So gab sie sich, um sich Freunde und einen guten Ruf zu verschaffen; vielleicht aber auch zur Beschwichtigung ihres Gewissens. Später wurde dies ein bewußtes Prinzip. Im Jahre 1810 genas sie nach einer dritten Niederkunft so leicht wie früher eines wohlgebildeten Knaben, der den Namen Heinrich erhielt. Man flüsterte, daß Kassow sein Vater sei. Gesina blühte wieder und – brauchte wiederum Geld. Von der Verleumdung zur Beraubung ihres Mannes war nur ein Schritt. Sie ließ unter einem Vorwande durch den Schlosser das Pult desselben öffnen, entwendete zehn Taler, und die nicht entdeckte Tat lockte zur Wiederholung, Miltenbergs Kasse war nur klein, Ihr Mieter Th... mußte viel Geld haben. Bei dem Versuch mit einem kleinen Schlüssel öffnete sich sein Pult, und sie hielt zu ihrem eigenen Schrecken einen Beutel mit neunzig Talern in den Händen. Das schien der Anfängerin im Diebstahl zu viel; sie hätte wohl die Hälfte zurückgetan, fürchtete aber, der Schlüssel möchte brechen. Bei der der Entdeckung folgenden allgemeinen Aufregung bewährte sie ihre Meisterschaft in der Verstellungskunst. Sie brauchte immer neues Geld. Jetzt lieh sie im Jahre 1812 von einem Bekannten eine Summe, vorgeblich um ihren armen Bruder in der Fremde zu unterstützen. Es ward vergeudet, und als es wiedergezahlt werden sollte, mußte der Mann dafür aufkommen, der ihr verzieh. Sie bog sich einen Dietrich zurecht, erbrach das Pult ihres eigenen Geliebten Gottfried und nahm daraus etliche zwanzig Taler. Gottfried geriet in Feuer und Flammen; die Miltenberg aber war am aufgebrachtesten, sie wollte nicht ruhen, bis der schändliche Dieb entdeckt wäre, und ließ gegen einen Lehrling und eine Wärterin Verdacht fallen. Die Untersuchung, bei der sich beide Angeschuldigte heftige Vorwürfe machten, gab zu öffentlichen Auftritten Anlaß, welche für die Verbrechcrin nicht schmeichelhaft waren, und wobei ihr Verhältnis zu Kassow zur Sprache kam. Es gereichte ihr zur neuen Warnung, auch in ihren Liebeshändeln noch vorsichtiger zu sein. Im Oktober 1812 hatte sie ein Kind geboren, welches bald darauf starb; im Januar 1814 kam wieder eine Tochter zur Welt, deren Züge, je mehr sie sich ausprägten, Gottfried als Vater zu bezeichnen schienen. Inzwischen hatte sich, nachdem Kassow sich mehr und mehr zurückgezogen hatte, die Leidenschaft für Gottfried zu wilder Gier gesteigert. Miltenberg, infolge seiner Ausschweifungen mit einem neuen Schaden behaftet, wankte als ein siecher Schatten umher. Um seinen hinkenden Gang zu rechtfertigen, hatte man ausgesprengt, es sei ihm ein schwerer Kutschkasten auf den Leib gefallen. Dieser elende Mann war das einzige Hindernis zu dem heißersehnten Glück, das die Phantasie seiner Frau im Besitze Gottfrieds erblickte. Die Miltenberg fing an, ihren Ehemann zu hassen. Er ward bei den Eltern aufs neue verklagt und verleumdet. Unter verschämten Tränen vertraute sie ihnen die Schande und gab zu erkennen, daß es auf Erden kein zweites so unglückliches Geschöpf wie sie gäbe. Die tiefgerührten Eltern sahen ihre Tochter bereits mit zerrütteter Gesundheit am Bettelstabe; sie klagten sich als die Stifter dieser Ehe, also als Urheber des namenlosen Unglücks an. Sie verhehlten nicht, daß sein Tod für ihn selbst wie für die Seinigen das wünschenswerteste Ereignis sei. Aber der alte Timm fühlte sich auch gedrungen, alles mögliche zu tun, dem Übel abzuhelfen. Er drang darauf, daß seine Tochter eine vom Manne abgesonderte Schlafstelle einnahm; er sann darüber nach, wie es zu verhindern wäre, daß Miltenberg neue Schulden mache und auf sein Haus eintragen lasse. Miltenberg ließ sich in seiner physischen und moralischen Schwäche alles gefallen, und schon sollte deshalb mit dem alten Miltenberg eine Vereinbarung getroffen werden, als dieser am 2. Januar 1813 plötzlich starb. Es war ein natürlicher Tod: aber Gesina lernte am Sterbebett des Alten zuerst den Tod kennen. Sie ging im Dunkeln zur Leiche hinauf, drückte ihr die Hand, daß alle sich verwunderten, und hatte nicht die mindeste Furcht vor ihr. Dagegen sah sie in ihrem Manne, der sich, den Stachel seines unseligen Lebens im Herzen, die Bürgschaft des Todes in Mark und Beinen, in düsterer Melancholie mit seinenm Dasein quälte, eine wandelnde Leiche. Nur zuweilen erleichterte ein Strom heißgeweinter Tränen seine Brust. Der Wahn, daß sein Leben zu nichts nütze sei als zu seiner eigenen Qual, und daß es eine Wohltat für ihn selbst werde, wenn er davon befreit würde, ward durch eine eigene Äußerung Miltenbergs bestärkt. Als man von einem unheilbaren Anverwandten sprach, sagte er: »Was sind das für Ärzte, daß sie ihm nicht ein wenig nachhelfen. Ihm ist ja doch mit seinem Leben nicht gedient.« Eine Wahrsagerin hatte seiner Frau um diese Zeit die Verheißung gegeben, ihre ganze Familie werde aussterben und sie allein übrigbleiben, um dann sehr gut leben zu können. Nun faßte der Glaube an die Notwendigkeit, daß ihr Mann sterben müsse, immer fester in ihr Wurzel. Sie wünschte seinen Tod und war entschlossen, nachzuhelfen. Da fiel ihr ein, daß ihre Mutter früher wohl zur Vertilgung der Ratten und Mäuse Gift gelegt hatte, und daß auch wohl Menschen daran sterben möchten. Der Gedanke durchzuckte sie so angenehm, wie wenn man ein Rätsel löst; es war dieselbe befreiende Empfindung, die sie bei der Öffnung der verschiedenen Kassen gehabt hatte. Gift sollte ihr zu ihrem Glück helfen, und der erste Gedanke wurde Entschluß. Sie klagte ihrer Mutter Ende Juli, daß sie in ihrer Bettkammer oben Mäuse hätte: ob sie wohl Rat dafür wüßte? Die Mutter brachte kleine Stücke Schwarzbrot, auf die Arsenik gestreut war, und legte sie oben in die Kammer. »Sei vorsichtig um Gottes willen, daß keins von den Kindern hinauf geht, 'ist Gift.« Einige Tage nachher ging Gesina hinauf, kratzte das Gift mit einem Messer von den Butterbroten, doch so, als hätten es die Mäuse abgefressen, und nahm es mit hinunter, um es Miltenberg zu geben. Aber »sie kann nicht dazu kommen, wird ängstlich« und legt das Gift in Papier gewickelt in ihre Kommode. Die Mutter will einige Tage später hinaufgehen und nachsehen, ob die Mäuse dagewesen sind. Schnell erwidert die Tochter: »Sie haben alles aufgefressen«, und bittet sie, noch etwas zu bringen, was auch geschieht. Mehrere Wochen noch kämpfte sie mit sich selbst. »Endlich an einem Morgen fasse ich den schrecklichen Entschluß und gebe meinem Mann auf seinem Frühstück etwas davon ....« Miltenberg ging darauf hinaus. Sie geht hinauf und tritt ans Fenster und denkt: »Wenn er nun mal unterwegs stirbt, und sie bringen dir ihn tot zurück!« Miltenberg kam blaß nach Hause, ging zu Bett, stand zwar am nächsten Tage wieder auf, mußte sich jedoch wieder zu Bett legen, Nachdem er acht Tage bettlägerig gewesen war, wankt er an einem Stocke die Treppe herunter, zeigt seiner Frau einen Wagen, den er selbst verfertigt hatte, und spricht: »Wenn ich sterbe, verkaufe den, und laß mich davon beerdigen,« Vier Tage vor seinem Tode gab sie ihm noch einmal in einer Krankensuppe Gift. Die letzten vier Tage konnte sie sich nicht mehr seinem Bette nahen. Nicht aus Rührung oder Gewissensbissen: es war ihr nur immer, als ahne sie, daß er es wisse. Sie blieb an der Türe stehen. Einmal glaubte sie, er werde aus dem Bette springen und sie schlagen. Als Gottfried mehrere Tage vor Miltenbergs Tode nach Oldenburg reisen mußte, sagte der Kranke zu ihm: »Gottfried, lebendig findest du mich nicht wieder, wenn du zurückkommst, Ich weiß, du hast mit meiner Frau zu tun gehabt; ich vergebe dir gern. Versprich mir, sie nicht zu verlassen, und nimm dich der Kinder an,« Am 1. Oktober 1813 stiegen die Leiden des Unglücklichen unerhört. In seinem Schmerze krümmte und wälzte er sich, flog oft hoch in die Höhe und schrie wie rasend. Gesina ließ sich am Sterbebette nicht sehen. Etwa eine Stunde vor dem Tode rief man sie; sie kam nicht. Er verschied unter lautem Brüllen. Da erst trat Madame Miltenberg in der vor dem Spiegel vollkommen fertig einstudierten Rolle einer untröstlichen Witwe an das Lager des Verblichenen. Es war ihr gelungen. Kein Mitleid, keine Neue, keine Gewissensbisse, die Frucht der ersten Tat war für ihre Seele keine andere, als daß sie gelernt hatte, wie man an Gift stirbt, und daß man die Portion größer machen müsse als diesmal, wenn man schneller damit zum Ziele kommen wolle. Nur ein Schrecken bemeisterte sich ihrer. Sein Leib war hoch aufgeschwollen, der ganze Körper voller Flecken. Da bekam sie einen schrecklichen Frost. Sie hatte Angst, daß ihre Mutter Verdacht schöpfen könnte. Aber diese sagte nur zum Tischler, er möchte den Sarg gut mit Pech anmachen; sie befürchte, der Körper möchte bersten. Daß der Sarg ordentlich verpicht wurde, gereichte der Witwe zum wahren Herzenstrost; aber beim Zunageln beschlich sie noch einmal ein Gefühl der Angst, denn sie glaubte, der Mann könnte von dem Klopfen wieder erwachen. In Bremen war es Sitte, daß ein Kirchhof nach dem Namen des zuerst darauf Beerdigten genannt wurde. Der Kirchhof vor dem Heldentore war eben erst angelegt worden, und die Witwe schwebte in großer Angst, daß Miltenbergs Leiche ihm für alle Zukunft den Namen geben und ihr das Gedächtnis des Toten zurückrufen werde. Zu ihrer Beruhigung ward indes Miltenberg als Zweiter begraben. Keine Blume ward auf sein Grab gepflanzt. Gottfried kam von der Reise zurück, als die Leiche noch über der Erde stand; in schonender Achtung lenkte er sein Pferd um und schlich zu Fuß in das Haus. Anders benahm sich eine schwangere Weibsperson, die an Miltenberg Rechte zu fordern hatte. Vier Wochen lang kam sie in den Hof und schrie unter den Fenstern, wenn das Kind zur Welt komme, wolle sie es ins Haus schmeißen. »Jetzt will ich mich deiner annehmen! Du hast nach deiner Eltern Willen geheiratet«, so sprach der alte Timm zur Tochter und hielt redlich Wort. Im schlechtesten Rock, den ältesten Hut auf, ging er mit einer Schrift bei allen Gläubigern Wittenbergs umher und akkordierte mit ihnen. Das bare Geld in der Tasche und seine Versicherung, wie schlecht es mit dem Nachlaß bestellt sei, wirkten; er konnte sich eines Tages erschöpft auf einen Stuhl niederwerfen und sprechen: »Miltenbergin! nun bist du schuldenrein!« Er ordnete ihre Wirtschaft, verschaffte ihr tüchtige Gesellen, kaufte Vorräte zum Geschäft, und sie betrieb es zuerst mit Eifer. Gottfried rekommandierte sie überall, sie konnte auf Borg holen, und sie war ganz zufrieden. In Wirklichkeit war sie ja durchaus nicht insolvent, im Gegenteil, sie war eine reiche Witwe. Von jetzt ab teilte sie ihre ungestörte Liebe zwischen Gottfried und dem wieder erscheinenden Kassow. Mit letzterem führte sie ein buhlerisches Leben außer dem Hause. Gottfried betrachtete sich mehr als gemütlichen Freund, der durch Galanterie, Aufmerksamkeiten aller Art und eine herzliche Unterhaltung die junge Witwe zu trösten suchte. Die Kinder liebten ihn als ihren Vater, krochen in sein Bett, und wenn er kam, brachte er Geschenke; aber er hielt sich in einer scheuen Entfernung, welche die Leidenschaft der Liebenden unbefriedigt hielt. Als ein Beweis der ungeheueren Selbstsucht der Verbrecherin und dafür, daß sie sich für nichts interessierte, was nicht zu ihrem Wohlleben beitragen konnte, wird angeführt, daß sie von den gewaltigen Weltereignissen jenes Jahres (1813) später nicht die Spur mehr wußte und sich nur noch der großen Freude entsann, die ihr ein Erlaß von fünfunddreißig Talern gewährte, welche sie von seiten der Einquartierungskommission zurückerhielt. Ihr ältester Geselle, ein geschickter junger Mann, hielt bald um die Hand der jungen Witwe an. Alles sprach für ihn, die Kinder liebten ihn. Sie lehnte höflich den Antrag ab, und der Geselle verließ bald nachher die Werkstatt; doch – um wieder zu kommen. Es schmeichelte der Eitelkeit der Miltenberg – weiter wollte sie hier nichts, und der Antrag ward im Vertrauen Bekannten und Freunden mitgeteilt. Gottfried soll darauf geantwortet haben (wir wissen es nur aus den Geständnissen der eitlen Verbrecherin): »Wenn ich das noch erlebte, daß du dich verheiratetest, die Kugel ginge durch meinen Kopf.« Die Mutter aber sagte ihr: »Nicht wahr, du liebst Gottfried? Mit unserem Willen wirst du nie mit ihm zusammenkommen« – ein Motiv zum späteren Elternmorde. Wir wissen von ihrem Gemütszustande um diese Zeit mit Bestimmtheit, daß auch keine Regung von Gewissensbissen sich zeigte. Alle ihre Gedanken waren, sowie die Furcht vor einer Entdeckung beseitigt war, nur auf ihr Ich gerichtet. Dagegen stellten sich jetzt zum ersten Male Visionen ein, welche in ihrem späteren Leben, und namentlich im Gefängnis, eine bedeutende Rolle spielten. Als hätte es eine äußere Geisterwelt, eine Naturkraft übernehmen müssen, die verhärtete Stimme der eigenen Brust zu ersetzen, stiegen sie nicht wie Traumgebilde auf, die von der inneren Seelenangst geboren werden, denn die Miltenberg erfreute sich nach allen ihren Verbrechen des ruhigsten und süßesten Schlafes; sondern wenn sie wachte, von außen traten sie ihr entgegen. Sie erzählte selbst viel darüber. Einmal – einige Wochen nach Miltenbergs Tode – stand sie vor ihrer Stube: »Es war Abend und auf der Diele finster. Auf einmal sah ich ein hellbrennendes Licht, ganz niedrig an der Erde, die Hausdiele heraufschweben, bis vor meine Hinterstube. Da verschwand es.« Drei Abende wiederholte sich das. Ein andermal kann sie sich gar nicht die Diele herunterfinden. »Und wie ich in die Höhe sehe, kommt mir eine große Wolke entgegen. Ach, denke ich, das ist Miltenbergs Erscheinung.« Wenn man fragt, wie es der Verbrecherin möglich wurde, so vielfachen Betrug, solche scheußliche Verbrechen zu begehen und dabei ihr Scheinleben unter Beobachtung so vieler Augen fortzuführen, ohne eine Unterstützung als ihre Schlauheit, so wird uns darauf geantwortet, es sei ihr deswegen leicht geworden, da dieses Leben sich immer nur in dem engen, sich gleichbleibenden Kreise bewegte, wo sie die Personen, die ihre Welt ausmachten, kannte und die Art, sich zu ihnen zu stellen, genau studiert hatte. Gesellschaften wurden nicht gehalten; sie verkehrte nur mit Verwandten und Freundinnen, die sie weit übersah, und mit untergebenen Personen, deren Urteil, wenn eins hätte da sein können, durch den höheren Stand der Madame oder durch die feste Überzeugung von deren Herzensgüte geblendet war. Um Ostern 1814 aber bekam sie eine erste Vertraute in ihrem neuen Dienstmädchen, Beta Cornelius. Nicht daß Beta die Mitwisserin ihrer Greueltaten wurde und ihr dabei half, denn sie war ein braves, gottesfürchtiges Mädchen von argloser Gutmütigkeit, Anhänglichkeit, Fleiß und einer anspruchslosen Bescheidenheit; aber sie war das treueste und verschwiegenste Geschöpf, welches, ohne zu fragen, im guten Glauben für ihre Herrschaft alles tat und dabei eine seltene, unverbrüchliche Verschwiegenheit beobachtete. Beta tat aber nicht allein alles, was die Herrin sie hieß, sie betete diese auch an, da sie die Überzeugung hatte, daß es keine gutherzigere, liebevollere und bessere Herrschaft in der Welt gäbe. Eines solchen Wesens bedurfte das auf den feinsten Selbstbetrug raffinierende Gewissen der heuchlerischen Verbrecherin. Gottfried, wie liebevoll er auch war, wie nahe sie es ihm auch legte, zeigte durchaus noch keine Absicht, um ihre Hand zu bitten. Miltenberg stand ihm doch nicht mehr im Wege. Also mußte er einen anderen Grund haben: ihre Kinder und ihre Eltern! Ihre Phantasie spiegelte ihr nun immerfort die Schlüsse vor: Wären deine Eltern nur nicht dagegen, brauchtest du nur das Vermögen nicht mit deinen Kindern zu teilen, besäßest du sogar deren vom Großvater erwartetes Vermögen – dann würdest du Gottfrieds Frau! Sie, die niemand liebte, betrachtete schon längst ihre Eltern trotz des Übermaßes von Güte, mit der sie die Tochter überschütteten, als lästige Zwischenpersonen. Aber auch auf die Kinder hatte sie schon verdrießliche Blicke geworfen. Tagelang schickte sie die Kinder aus dem Hause, damit Gottfried nicht an ihr Dasein erinnert werde. Selbst die nachteiligen Reden der Nachbarn und Bekannten vermochten nichts dagegen. Um zur Gräfin von Orlamünde zu werden, fühlte sie, daß es noch eines Impulses bedürfe. Sie wünschte schon damals vom Schicksale einen Wink zu erhalten, selbstbetrügerisch durch irgend etwas von außen her sich bestimmen zu lassen. Sie wandte sich wieder an die Kartenlegerinnen und befragte wenigstens vier derselben nacheinander. Indem sie ihnen die geheimen Wünsche ihres Herzens verriet und ihnen so das Wort in den Mund zu legen wußte, erhielt sie von allen dem Sinne nach denselben Ausspruch, daß ihre ganze Familie aussterben und sie ganz allein übrigbleiben werde, um dann im Überfluß leben zu können. Zugleich arbeitete sie aber mit scharfblickender Voraussicht auf die Zukunft hin, indem sie es sich angelegen sein ließ, daß diese Prophezeiungen unter den Leuten bekannt würden. Wenn es dann so kam, so geschah nichts anderes, als was die klugen Frauen längst vorausgesagt hatten, und die Möglichkeit, daß sie ein Verdacht treffen könne, wurde mindestens weiter entfernt. Dies schlaue Verfahren ist durch vielfache Zeugenaussagen außer Zweifel gesetzt. So mit dem festen Entschluß zur Tat gerüstet, erwartete sie nur die Gelegenheit zur Ausführung. Es war ihr sehr willkommen, daß ihre Eltern öfters schon ihres Todes gedachten und die Mutter den Wunsch aussprach: »Das wünsche ich mir, Alter, vom lieben Gott, daß ich dich, wenn du einmal stirbst, nicht länger als acht Tage überlebe.« Die alte Timm erkrankte wirklich: eine Hoffnung für die Miltenberg, daß sie diesmal das Gift sparen könne. Aber trotz ihrer vierzehntägigen Pflege starb die Mutter nicht! Der alte Timm hatte inzwischen sein Haus an den Tischler Bolte verkauft. Während der Unruhe des Einziehens läßt sich die schwache Alte in das Haus der Tochter tragen, um dort ihre Gesundheit wiederzugewinnen. Liebevoll und mit kindlichster Herzlichkeit wird sie in dem schönen neutapezierten Zimmer aufgenommen, das der alten Bürgersfrau viel zu prächtig dünkt. Mutter und Tochter scherzen darüber. »Mutter, du mußt denken, du bist im Kindbett«, sagte die letztere, und die Mutter lächelte herzlich. Drei Tage nachher will die Miltenberg angeblich etwas Kleidung für die Mutter aus deren Hause holen, da sieht sie ein Papier, mit Zwirn zugebunden, und darauf geschrieben: »Rattenkraut«; es war ihr, »als sei es ihr absichtlich in den Weg gelegt worden«, und die Nacht konnte sie nicht schlafen vor dem Gedanken: »Wenn du nun keine Eltern hättest, so könnte dich doch niemand hindern!« Nach drei Tagen besserte sich der Zustand der Mutter. Die Unruhe der Tochter wuchs. Sie ging wieder hinüber zum Schrank und holt sich in Papier – ein wenig aus dem Pakete. Aber wiederum verstreichen acht Tage. Die Mutter fällt so oft zurück, und es ist doch vielleicht nicht nötig, von dem Gift Gebrauch zu machen. Bald aber wurde ihr sichtlich wohler. Da trat einmal ihr Enkel Heinrich mit der Frage ans Lager: »Großmutter, ist es wahr, daß dem Kinde, welches nicht gut an seinen Eltern tut, die Hand aus der Erde wächst?« Der Miltenberg schnitt das Wort durch die Seele; aber statt sie vom Vorsatz abzumahnen, bestärkte es ihn. Noch an demselben Tage – es war ein Sonntag – rührte sie das Arsenik in ein Glas Limonade, das Lieblingsgetränk der Alten. Die Verbrecherin bekannte: »Denken Sie, während ich das Gift einmache, gibt mir der liebe Gott ein herzliches, lautes Lachen ein, daß ich erst noch selbst davor erschrak. Aber gleich besann ich mich, dies gäbe mir der liebe Gott ein zum Beweise, daß die Mutter nun bald so im Himmel lachen werde.« Als die Mutter das Gift schon getrunken hatte, flogen auf einmal drei Schwalben zur Stubentür herein und setzten sich auf die Krone des Himmelbettes. Die Miltenberg erschrak, ihre Knie zitterten. Sie dachte, das bedeute den ankommenden Tod. Aber die Mutter sagte ganz ruhig: »Süh mal, die lüttge Vogels!« Schwalben kamen nie sonst, nach der Miltenberg Versicherung, in ihr Haus, noch nisteten sie auf dem Hofe. Das Gift wirkte. Schon Tags darauf verlangte die Mutter nach dem Abendmahl und erhielt es. Sie ordnete ihre kleinen Dinge an. Dem Ehemann drückte sie die Hand und sprach: »Wenn ich noch etwas erflehen darf: daß du mir bald folgst.« Der Timm antwortete: »In zwei Monaten bin ich bei dir«, und er verließ das Zimmer. Zur Miltenberg sprach sie darauf: »Wenn dein Bruder als Krüppel kommt, pflege seiner«, und hob beide Arme gen Himmel: »Ach könnte ich doch alle meine Kinder mitnehmen.« Erschöpft davon ruhte sie, schien am nächsten Morgen ganz wohl, verschied aber in der Frühe, noch ehe der alte Timm von drüben kam. Bei der Leiche ihrer Mutter war die Miltenberg besonders ruhig. Eine Zeugin sagt sogar, sie sei lustig gewesen. Den Tag nach der Beerdigung der Mutter (10. Mai) befand sie sich in dem Hinterzimmer mit der fünfvierteljährigen Johanna, ihrer jüngsten Tochter, allein. Das schien ihr die gelegenste Zeit, und Johanna war auch das in ihrem Verhältnis zu Gottfried hinderlichste Kind. Ohne Zaudern reichte sie der Kleinen ein Stück Kuchen von der Begräbnisfeier und darauf Arsenik, mit Butter festgeschmiert. Das Kind ward alsbald unwohl, Gottfried erquickte es mit Wein und Wasser, und es ward ruhiger. Er ging um zehn Uhr zu Bett. »Als es elf schlägt, sehe ich, in die Wiege – ach Gott! da war sie tot!« Bei Johannas Ermordung, sagt die Miltenberg, habe sie einen großen Schreck gehabt. Dieser, wie alle ihre Gefühle, lief aber nur auf den Gedanken hinaus: »Sollte dein Vater auch wohl etwas merken, daß du das Arsenik genommen hast?« Ihr Schreck galt wohl nur der Überraschung, daß das gefährliche Stück so leicht von der Hand gegangen war. Es lachte in ihr auf zum Fortfahren. Adelheid, ihr ältestes Kind, gewöhnlich Adeline genannt, war seit acht Tagen krank gewesen; aber es täuschte die Hoffnung der Mutter, daß es von selbst sterben werde. Als sie Adeline so unerwartet genesen sah, gab sie ihr auch von dem Butterkuchen mit Gift, und das Kind starb nach einigen Tagen am 18. Mai. Im Todeskampfe umklammerte es die Mutter, aber diese blieb ruhig dabei. Das oben erwähnte Porträt, das englische Mädchen, welches der alte Miltenberg seiner Schwiegertochter schalkhafterweise über das Bett gehängt hatte, hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit Adelinens Gesichtszügen gehabt. Jetzt holte die Mutter dieses Bild unter Tränen hervor, ließ einen schönen Rahmen darum machen, hing es auf und nannte es ihre Adelheid. Der alte Timm, der fast täglich das Grab seiner Frau besuchte, hatte den Schmerz gehabt, auch dem Leichenbegängnis zweier Enkel folgen zu müssen. »Bei deinem dritten Kinde ist dein Vater nicht mehr da«, sagte er zur Tochter, und sie nahm es als Aufforderung des Schicksals. Zwei Wochen nach Adelinens Tode, an einem Sonntagabend, gab sie ihm eine ihren Zwecken entsprechend zubereitete Suppe. »Wenn du mich so pflegst, wirst du deinen Vater noch lange behalten«, sagte er, indem er die Suppe verzehrte. Sie erschrak und brachte den Vater nach Hause. In der Nacht entkleidete sie sich nicht, in der Erwartung, jeden Augenblick gerufen zu werden. Um vier Uhr morgens wird auch wirklich ans Haustor geklopft, ein Bote vom Tischler Bolte meldet, der alte Herr sei niedergefallen und verlange nach der Tochter; der Vater wünsche, daß seine Miltenbergin nicht mehr von ihm gehe. Er litt nach den Zeugenaussagen entsetzlich. Zwei Frauen bekunden, daß die Tochter dabei froh, ja lustig gewesen sei. Möglich, daß die spätere moralische Entrüstung die Erinnerung der Zeugen färbte, möglich, daß es geschah, um den Vater zu beruhigen; fast wäre die Heuchlerin zu sehr aus ihrer Rolle gefallen. Sie entsann sich, daß Wasser und Wein ihre Johanna ruhig gemacht hatten, sie holt es; als sie wiederkommt, sitzt der Vater an der Erde. Nachdem er eine Tasse Wein getrunken hat, redet er irre, phantasiert von der seligen Frau, die er auf seinem Bette sitzen sieht, ordnet noch verschiedenes an und stirbt darauf am 28. Juni. Diese vier Vergiftungen gingen ohne allen Verdacht ab. Kinder sterben leicht hin. Die alten Leute hatten längst ihr Ende erwartet. Auch des Vaters Tod hatte nicht die geringste Gemütsbewegung bei der Mörderin veranlaßt, und sie entsann sich später kaum der Umstände, wie der Vater beerdigt wurde. Ein einziges Kind, der fünfjährige Heinrich, war noch übrig. »Mutter, warum nimmt dir der liebe Gott alle deine Kinder?« fragte sie das Kind: ein Dolchstoß in ihr Herz, eine Mahnung, auch an die Wegräumung dieses letzten Hindernisses zu schreiten. Sie gibt ihm Gift. Er richtet sich am zweiten Tage ängstlich in die Höhe. Da ergreift sie – zum ersten Male – Angst. Sie ruft ihre Beta, geschwind Milch zu bringen, »Ach, wenn in dem Augenblicke eine fremde Person bei mir gewesen wäre, so hätte ich mich ja verraten! Denn Milch soll ja Gegengift sein!« Das waren ihre Reflexionen über den Mord ihres letzten Kindes. Ob sie ihm wirklich Milch gegeben hat oder nicht, war ihr nicht erinnerlich. Der kleine Heinrich phantasierte auf seinem Krankenlager: »O Mutter, wie lacht Adelheid! Da steht sie auf dem Ofen .... Da steht mein Vater .... Bald bin ich im Himmel.« Unter unsäglichen Schmerzen starb der Knabe am 22. September. In fünf Monaten, vom Mai bis September 1815, hatte die Miltenberg ihre beiden Eltern und ihre drei Kinder ermordet. So viele Todesfälle in so kurzer Zeit hintereinander waren doch auffällig. Ihre Tränen, ihre frommen Sprüche vom Anbeten der dunklen Wege der Vorsehung konnten nicht allen Verdacht abwenden. Es verbreitete sich das Gerücht, es könne mit den Todesfällen im Miltenbergschen Hause nicht mit rechten Dingen zugehen. Die Freundinnen teilten das Gerücht der Witwe mit und verlangten, daß sie, um die schändliche Nachrede niederzuschlagen, die letzte Leiche sezieren lasse. Mit vollkommner Ruhe kam sie dem Wunsche entgegen. Die Leiche ward in Gegenwart vieler Zeugen vom Arzt seziert, und dieser gab die Versicherung, der Knabe sei an einer Verschlingung der Eingeweide gestorben. Jeder Schatten von Verdacht mußte darauf weichen. Eine schmerzliche, langwierige Krankheit befiel nach diesem letzten Morde die Verbrecherin. Sie erkannte darin keine vergeltende Gerechtigkeit, keine Warnung. Von jetzt an begann aber ihre werktätige Wohltätigkeit. Sie ließ nicht die Armen zu sich kommen, sie suchte sie auf. Kranken und Wöchnerinnen bereitete sie Speisen und erbot sich zu ihrer Pflege. Wo der Ruf eines Bedürftigen ihr Ohr erreichte, sie eilte und bot das Ihre auf, beizuspringen. Den bedürftigen Schwestern ihres Vaters schenkte sie ein Stück Land, das zu dem Erbteil gehörte, das ihr zufiel. Das Geld an sich war nie das Ziel ihrer Wünsche. Sie war nichts weniger als habsüchtig. Aber sie brauchte fortwährend Geld, um ihrer Eitelkeit mit Geschenken und Wohltaten zu frönen. Sie nahm Anleihen auf, deren Wiedererstattung im weiten Felde lag. Sie ließ sich von Kassow Geschenke über Geschenke geben und wußte ihn durch einen neuen Kunstgriff zu immer fortgesetzter Freigebigkeit zu bestimmen: sie habe nämlich die Ahnung, daß sie infolge ihrer unglaublichen Leiden bald sterben müsse. Kinder habe sie nicht, und was er ihr schenke oder leihe, gebe er seinen eigenen Kindern, denn sie sei willens, diese zu Erben einzusetzen. Da erschien im Mai 1816 unerwartet ihr Bruder in Bremen: eine Erscheinung, welche auch in anderen Häusern keine freudige Überraschung hervorgebracht hätte. Man hatte den verlorenen Sohn, der sich in Münster 1812 als Stellvertreter hatte anwerben lassen, zur katholischen Religion übergegangen war und von dem die letzten Nachrichten aus Paris gekommen waren, längst für tot gehalten. Die Schwester hatte seine Habseligkeiten verkauft, und ein Erbteil hatte er bei den vielen Verwendungen zu seinem Besten kaum noch zu fordern. Da klopft er, zerlumpt, krüppelhaft, den Tod anscheinend in den Gliedern, an das Haus seiner Schwester. Die Heuchlerin verleugnete sich zum ersten Male, das heißt, sie fiel aus der Rolle. Eine elegante Dame konnte einen solchen Bruder unmöglich mit Vergnügen aufnehmen. Sie erschrak, und wäre es nicht vor den Leuten gewesen, sie hätte ihm den Eintritt ganz verwehrt. Sie logierte ihn in eine schlechte Kammer ein. Die Geschichte des Bruders gehört nicht in diese an Ereignissen und Schrecknissen schon überreiche der Verbrecherin. Außer dem, daß sie sich der Verwandtschaft schämte und daß sie ein neues Hindernis der Heirat mit Gottfried werden könne, hegte sie noch die Furcht, daß ihr Bruder doch noch eine Erbschaft verlangen könne. Rasch war ihr Entschluß gefaßt. Am Freitag oder Sonnabend war der Bruder angekommen, am Sonntagmittag wurde er mit einem Gericht Schellfisch vergiftet. Nachmittags ward er in einem Wirtshause furchtbar krank und konnte sich kaum nach Hause schleppen. Die Schwester mußte ihn der Jugendbekannten wegen, die sich an seinem Krankenbette einfanden, anscheinend sorgsam pflegen. Aber mitten in seiner schweren Krankheit muß der arme Bruder sich aus seiner schlechten Hinterkammer in die höchste Bodenkammer schleppen lassen. Die Verbrecherin gibt als Grund für diese Grausamkeit an, daß auch der Bruder sich geäußert hätte, mit seinem Willen solle sie den Gottfried nicht heiraten, und sie habe letzteren täglich zurückerwartet. Der Kranke geriet in die Hirnwut, phantasierte von seinem Pferde und seinem Liebchen, redete seinen Leutnant an, wenn die Schwester bei ihm stand, rief »Vive l'empereur!« und war des Abends am 1. Juni tot. Wer sollte sich wundern, daß ein invalider Krüppel, dem die Füße in Rußland erfroren waren und der, voll kranker Säfte, vielleicht ein Lazarettfieber mitbrachte, ein französischer Husar, dem trotz seines Passes kein Dorfschulze ein Nachtlager hatte geben wollen, ein Ausgestoßener, den der patriotische Haß genötigt hatte, auf offenem Felde zu schlafen, seit er die deutschen Grenzen betreten hatte: wem fiel es auf, daß ein solch verlorener Mensch bei der Heimkehr krank wurde und starb? Nun waren die Eltern tot, die Kinder weggeschafft, der Bruder ins Grab geschickt, was hielt Gottfried noch ab, sie zu heiraten? Vielleicht den Kaufmann das Handwerk, welches sie betrieb? Es war ein gutes Brot, aber es erforderte eine Tätigkeit, welche sie, an andere Beschäftigungen gewöhnt, allmählich anwiderte. Sie gab das Geschäft auf und damit den letzten äußeren Halt gegen die Stürme in ihrem Inneren. Es fiel die letzte morsche Stütze; sie selbst äußerte sich darüber: »Ich kam dadurch außer Tätigkeit, jetzt war ich mir allein überlassen.« Gottfried kam von einer Reise zurück. Leidenschaftlich empfing ihn die Witwe, mit deutlichen Worten forderte sie ihn zur Eingehung der Ehe auf. Er wich aus; vielleicht im Vorgefühl einer bevorstehenden, schweren Krankheit, vielleicht in dunkler Empfindung, »des gewissen von vielen schon verspürten Grauens vor der Frau«. Wie die Erhitzte und Gekränkte darüber dachte, ergibt sich aus einer ihrer vertraulichen Äußerungen, indem sie es als etwas ihr selbst Unbegreifliches bezeichnete, daß sie den Gottfried, der damals krank wurde, nicht vergiftet habe: »Denken Sie, damals hatte ich Gift in der Kommode, und doch fiel es mir nicht ein, Gottfried etwas zu geben.« Sie gab ihre Hoffnung nicht auf. Der kranke Gottfried ward mit aller Aufopferung gepflegt; bei augenblicklichen Geldbedürfnissen zahlte sie für ihn, indem sie ihre eigenen Effekten versetzte. Er genas unter ihrer Pflege und schien endlich den Netzen, die sie um ihn spannte, zu erliegen. Beim Punsch am Silvesterabend 1816 auf ihrem Sofa kosend, »verließ uns«, wie die Verbrecherin sich ausdrückt, »die Tugend«. Die Folgen stellten sich ein. Nun mußte doch Gottfried, der gemütliche, redliche Gottfried, auf ihre Wünsche eingehen. Aber er glaubte, daß Kassow der Vater sei, oder eine dunkle Ahnung, welche Schlangen aus dem Busen des liebreizenden Weibes hervorzückten, durchschauerte ihn. Ihrem Jammer über den Verlust ihrer Ehre begegnete er nur mit dem Rate, »unten im Lande«, wo er Bekannte habe, heimlich die Niederkunft abzuwarten. In Tränen schwimmend, flammte jetzt ihr Haß gegen den auf, um den sie solche Opfer umsonst gebracht haben sollte. Nicht mehr um seine Person war es ihr zu tun - ihre Sinnlichkeit war befriedigt oder erwartete keine Befriedigung mehr, es galt seinen Rang, sein vermeintliches Vermögen. Dazu kam die Furcht, durch ihre Niederkunft, die sie umsonst durch Abtreibungsversuche zu vermeiden gesucht hatte, um die sorgsam gehütete bürgerliche Ehre zu kommen. Sie wandte sich an seine genauesten Freunde. Die Überredungskünste derselben wirkten; Gottfried und die Miltenberg machten ihre Verlobung bekannt. Sie hatten schon die ersten Besuche miteinander abgestattet, als das innere Grauen ihn überwältigte. Er trat zurück: »Ich kann und will sie nicht zur Frau haben«, sagte er zu seinen Freunden. Aber er ließ sich dann doch wieder überreden. Schon waren sie zweimal an einem Sonntag aufgeboten worden, als die Angst sie folterte, er könne etwas von ihren Taten wissen und sie deshalb nicht heiraten wollen. Dazu kam ihr die sehr natürliche Überzeugung: »Er liebt dich nicht, er nimmt dich nur gezwungen; du wirst unglücklich mit ihm.« Der längst gereifte Vorsatz, auch ihn zu vergiften, wurde zum Entschluß. Der gezwungene Bräutigam schwankte aufs neue. Irgendein dazwischentretendes Hindernis konnte sie um ihren neuerrungenen Gewinn bringen; sie wollte ihn nunmehr durch einen moralischen Impuls zu einem Entschluß nötigen und sich sicherstellen. Montag nach dem Aufgebot gab sie ihm vergiftete Mandelmilch. Erbrechen und Durchfall traten ein. Das Übel griff mit Riesenschritten um sich. Schnell ward ein Prediger geholt, um die Trauung mit dem Sterbenden zu vollziehen. Nach der Trauung mußte sie Gottfried versprechen, sich nicht wieder zu verheiraten. Er sagte, dann sterbe er ruhig. In der Nacht darauf, als die unerhörten Schmerzen des Unglücklichen sich zur Raserei steigerten, soll er den Trauring mit wütendem Ingrimm zu Boden geschleudert haben. Nach der Aussage der Verbrecherin aber fiel ihm der Ring vom Finger, da er von der Krankheit so mager geworden war. Er starb am 5. Juli, drei Tage nach der Trauung. Alle diese bisherigen Taten hatten ihre bestimmten Motive. Die Höllenmacht in ihrem Busen war dadurch so genährt, die Begierde zum Vernichten so gesteigert worden, daß jedes neues Verbrechen ihr in der Folge immer gleichgültiger und der kleinste Beweggrund hinreichend wurde, es unter Verleugnung aller Gefühle und Rücksichten mit einer wunderbaren Ruhe und Selbstbeherrschung zu begehen. Sechs Jahre lang, vom Jahre 1817 bis 1823, verübte die Gottfried keine Mordtaten. Die Akten berichten auch nicht einmal von Vergiftungsversuchen. Dagegen stellte sich unwillkürlich etwas von Reue ein bei dem Gedanken: Was hat mir das alles nun geholfen? In ihren Bekenntnissen heißt es: »Reue über den Verlust meiner Kinder habe ich, seit mein Heinrich nicht mehr war, oft genug empfunden. Ich schloß mich oft auf meiner Bodenkammer ein und weinte unbeschreiblich. Ich konnte es nicht sehen, wenn den Kindern von ihren Eltern Geschenke eingekauft wurden, und wich dem Schmerze aus. Wenn die Kinder aus der Schule kamen, mußte ich immer wegsehen. Oft im Mondschein saß ich im Garten; und wenn dann das große, schöne Erbe vor mir lag und ich mich darüber freute, dann durchfuhr mich oft der Gedanke, was für eine Person ich sei, der das gehöre! Dann schämte ich mich.« Sie tröstete sich aber mit dem Phantasiespiel, wie glücklich sie wäre, wenn sie reich genug wäre, allen Unglücklichen wohlzutun oder, wie sie ausdrücklich bekannte, ihre Sünden wieder gutzumachen und - selbst ohne Sorgen zu leben! Nachdem die Motive, die aus dem Geschlechtstriebe entsprangen, ausgegangen waren, reichten für die Folge zwei schwächere Beweggründe, Sucht nach Genuß und eitlen Freuden und Sorge wegen ihres Auskommens, zu den neuen Verbrechen aus. Nach Gottfrieds Tode erwartete sie eine bittere Enttäuschung. Sie hatte Gottfried für reich gehalten, statt dessen hatte er Schulden. Statt daß er von seinem Prinzipal sechshundert Taler zu fordern gehabt hatte, hatte dieser Prinzipal eine hohe Forderung an ihn gehabt, und die Witwe mußte mit der goldenen Uhr, der eleganten Bibliothek, einigen Kupferstichen und der Guitarre, den einzigen wirklichen Erbstücken, die sie übernahm, auch diese Schulden mit übernehmen. Diese Erbschaft scheint drückend; erscheint es für die Familie Gottfried aber nicht noch drückender, daß ihr unschuldiger Name um einer Ehe willen, die keine war, auf die Verbrecherin überging, und daß unter demselben ihre Schandtaten nun auf alle Zukunft übergehen werden? Ein kleines Erbteil hatte Gottfried zwar noch in Regensburg stehen. Als aber seine Brüder der Witwe die drückende Lage einer reichgewesenen, jetzt verarmten Schwester vorstellten, wurde sie durch die einmal übernommene Rolle der Mildherzigen genötigt, so unangenehm es ihr war, von diesem Anspruch abzustehen. Aber Geld mußte sie haben, bares; und Lügen, weshalb sie dessen bedürfe, waren stets zur Hand. Sie maß anderen gegenüber im Vertrauen ihrem seligen Gottfried eine Schuldenlast von dreitausendzweihundert Talern bei, die sie tilgen müsse; außerdem dichtete sie ihm, wie schon früher ihrem Vater, eine uneheliche Tochter an, für deren Schicksal zu sorgen die Ehrenrettung des teueren Verstorbenen ihr gebiete. Sie erntete für dieses ehrenhafte Benehmen die größten Lobsprüche ein. Gottfrieds nachgeborenes Kind war tot zur Welt gekommen. Die Stelle des Vaters schien bald, bei den noch immer großen und durch den Schmerz erhöhten Reizen der Witwe, durch mehrere Bewunderer ersetzt zu werden. Auch der Ruf ihres Wohlstandes lockte noch immer Bewerber an. Wie weit die Vertraulichkeit der Witwe mit den neuen Freunden gegangen ist, darüber geben die Akten kein gewisses Licht, und die Gottfried leugnete alles Unerlaubte. Allerdings spricht der Umstand, daß sie diese Freunde nur benutzte, um Geschenke und Darlehen von ihnen zu erpressen, für diese Behauptung. In vielfacher Berührung erscheint die Gottfried namentlich mit einem ungenannten angesehenen Manne, der als Herr X in der Biographie figuriert und bald als Liebhaber, Bewunderer, Beschützer, bald als Gläubiger auftritt. Er hatte sie schon als Kind bewundert, den Vater auf ihren Wert aufmerksam gemacht und diesen gebeten, sie ihm zu verwahren, bis er von einer Reise zurückkehre. Er erscheint darauf eine Zeitlang immer als Freund in der Not, Ratgeber und Tröster. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der selige Gottfried schon auf ihn eifersüchtig war. Er schoß alle nötigen Gelder, deren die Witwe zu den Begräbniskosten bedurfte, vor und trug auch später zu diesen und jenen Ausgaben bei. Aber als ein wohlhabender Mann und sehr gewiegter Finanzier übte er seine großmütigen Handlungen mit einem scharfen Umblick auf die pekuniären Verhältnisse seiner Freundin, und während er zu Anfang kaum eine Verschreibung annahm, sie mit Geschenken überhäufte, sein Kind der Gottfried zur Pflege übergab, drängte er sie später mit ernsten Mahnungen und Vorstellungen zur Sparsamkeit mit sehr genauen Berechnungen, daß sie ihr Vermögen über ihre Kräfte angreife, und gab um seiner Neigung willen keineswegs seine Forderung an die schöne Schuldnerin auf. Er war der erste, der ihre Aufrichtigkeit in Zweifel zog. Wenn sie wirklich in innigem Verhältnis zu X gelebt hat, so war diese Liebschaft gewiß für sie eine der peinigendsten, da der Liebhaber so klug, schlau und überdem ein Gläubiger war, der sie von Haus und Hof treiben konnte. Aber er blieb der einzige ihrer Freunde, der vor ihrer Mäusebutter gesichert war. Sie konnte wohl ihn vergiften, aber nicht die Papiere, welche in den Händen seiner Erben blieben. Der Gottfried Verhältnis zu X gehört zu den unklareren Partien ihrer Lebensgeschichte. Die Familie des Betreffenden scheint sowohl von dem Herausgeber als von der Gottfried selbst geschont und von letzterer gefürchtet worden zu sein. Obwohl der Tod auf dem Schafott ihr gewiß war, ist dies doch das Merkwürdigste, in welcher Art sie ihre Geständnisse umhüllte und beschönigte, was dritte Personen anlangte, immer in der entsetzlichen Angst, daß der Einfluß der Familie derselben ihr Schicksal noch erschweren, ihre Strafe noch verstärken könne. Von den Geschenken und Komödienbilletts und den Einladungen zum Essen usw. fing die Gottfried wieder an, wie sie sich ausdrückte, »von neuem zu leben!« Über den Umgang und die Aufmerksamkeiten des X vergaß sie alle ihre Vergehungen, fing an ihn zu lieben und glaubte die Glücklichste auf der Welt zu sein. Im Glück dieser Verbindung schlug sie drei ehrenwerte Heiratsanträge aus, stets unter dem Vorwand, daß sie dem seligen Gottfried versprochen habe, sich nicht wieder zu verheiraten. Im übrigen war diese Verbindung auch um deswillen angenehm für die Sünderin, weil Herr X ihr in ihrem Umgang vollkommen freie Hand ließ. Sie hatte viele Mieter, und einer derselben, der Kommissionär Johann Mosees, trat, wie sie sich ausdrückte, »in des seligen Gottfrieds Fußtapfen«. Er pflegte den Garten, sang, ging mit ihr spazieren. Und dabei war er sehr religiös! »Da wurde sein jüngster Bruder konfirmiert. Ach, das war eine schöne Zeit! Acht Tage zuvor betete er jeden Nachmittag mit seinem Bruder. Wäre ich damals zu einem Prediger geeilt und hätte ihm meinen Herzenskummer mitgeteilt! Denn durch diesen jungen Mann konnte ich wieder gut werden!« Sie lebte »sehr glücklich, einig und zufrieden«. Um diese Zeit knüpfte sie ihre alten Freundschaften wieder an, was ihr um so leichter fiel, als sie von ihren Freundinnen als eine unerhörte Dulderin betrachtet wurde. »Der liebe Gott legt mir ein schweres Joch auf, aber er macht mich stark!« sagte sie. Einer Freundin wollte sie kaum Dräsekes Predigten leihen, aus Furcht, sie könnte das kostbarste Buch verlieren; »denn das ist es, was mich einzig erhält«. Sie hatte aber nie ein Blatt darin gelesen. Es scheint während dieser Zeit des Stillstandes im Vergiften gewesen zu sein, daß sie allen Ernstes glaubte, durch ihre Wohltätigkeitshandlungen alle auf ihrer Seele lastenden Mordtaten wieder gutzumachen. Im Jahre 1819 war der Ruf, der sie zu einem Engel des Lichtes, zum Vorbild frommer Duldung und wohltätiger Liebe erhob, schon allgemein verbreitet. Neue Heiratsanträge erfolgten, ein ehrenwerter Witwer hielt in fast romanhafter Weise um sie an. Als ein solches Glück für die Familie wurde die Heirat betrachtet, daß selbst die Tochter des Mannes die Witwe bat, sie möge doch die Hand ihres Vaters nicht ausschlagen. Sie schlug sie doch aus mit den rührenden Worten: »Sie sind für mich viel zu gut!« Diese demütige Selbsterkenntnis war indessen nichts weniger als der Grund. Herr X war entschieden gegen diese Heirat, und die Gottfried klagte noch oft darüber, daß sie den ehrenwerten, wohlhabenden Mann nicht genommen habe, sie »hätte dann ohne Sorgen leben können und wohl nie wieder an Vergiftungen gedacht!« Ihre Vermögensverhältnisse wurden immer verwickelter. Herr X sah ihr zu sehr in die Karten, er wagte zu eigenmächtige Eingriffe in ihren Wirkungskreis; dazu gab es nun auch ein ihrem sittlichen Rufe unvorteilhaftes Gerede. Sie suchte sich von ihm loszumachen; aber die drückenden Geldverbindungen ließen es nicht zu. Sie blieb abhängig von ihm bis zu ihrer Entdeckung. Mosees war jetzt ihr Herzensfreund, ihre Beta nicht mehr Magd, sondern Freundin geworden, und wenn die alte Furcht sie beschlich, so bediente sie sich als Trost des Umgangs und der Liebe junger Mädchen. Um nicht im Alter allein zu stehen, schloß sie, spekulativ in allem, Bündnisse mit der Jugend. Zugleich gab das Zerstreuung und Aufheiterung von außen. Der erfrischende Umgang wirkte heilsam den Gespenstern des Wahnsinnes entgegen. Die Mädchen herzten und küßten sie als ihre liebste mütterliche Freundin, verehrten ihr Geschenke, versprachen unter teueren Gelöbnissen, sie nie zu verlassen. Zwar klopfte dann zuweilen das Gewissen an; und manchmal, wenn sie mit den Kleinen am Kirchhof vorüberfuhr, dachte sie an ihre Kinder, die dort im Grabe ruhten. Bald trieb es sie aus dem Hause, an dem so viele Verbrechen hafteten. Auch hatte sich ihre Beta inzwischen an den Küfer Schmidt verheiratet. Ihr fehlte deren zerstreuender Umgang, und sie wollte den Besuchen des X entgehen. Sie bezog eine elegante, freundliche Wohnung in der schöneren Oberstraße bei Herrn Eckerlien. Die Zerstreuungen, welche die Aussicht auf die lebhafte Passage bot, konnten ihre innere Unruhe indessen nicht beschwichtigen. Willkommen kam ihr deshalb eine Einladung zu einer in der Stadt verheirateten Freundin, die sich in größeren Verhältnissen bewegte als die Gottfried in Bremen, und wo die schöne, liebenswürdige Witwe mit besonderer Zuvorkommenheit aufgenommen wurde. Der vornehmen Rolle gemäß, die man sie spielen ließ, mußte ihre vermutete Wohlhabenheit sich durch Freigebigkeit äußern; plötzlich fand sie zu ihrem Schrecken die Kasse erschöpft. Schnell weiß sie Rat: ihr Geld ist ihr gestohlen worden. In einem günstigen Augenblick ergreift sie den Schlüsselbund ihrer Freundin, dreht den Bart eines Schlüssels in ihrem Kommodenschlosse ab, wirft den Schlüssel weg, macht Lärm, Die Kommode wird geöffnet. Es ist richtig, ihr Geld fehlt. Alles lief glücklich ab. Wer konnte an ihrer Angabe zweifeln? Nur eine Magd, mit der die Herrschaft schon unzufrieden war, kam in Verdacht und entlief, ward später ergriffen und während einer langwierigen Untersuchung in Haft behalten. Die Richter kamen ins Haus zur Feststellung des Tatbestandes des Diebstahles. Sie sollte ihn beschwören. Aber etwas hatte die Gottfried nicht voraus bedacht, die gerichtliche Untersuchung. Zurücktreten konnte die feine, vornehme Dame nicht, ohne ihr ganzes schwer errungenes Ansehen bloßzugeben. Sie schwor und beging den ersten Meineid. Dieser unangenehme Vorfall wurde indessen bald durch die Zerstreuungen des vornehmen Lebens ganz in den Hintergrund gedrängt. Madame Gottfried, allenthalben geehrt und umschmeichelt, konnte nicht wieder fort. An Geld gebrach es ihr nun nicht mehr, und als sie endlich zurückkehrte, begleiteten sie die dringendsten Einladungen, wiederzukehren. In Bremen dagegen erwarteten sie die alten Erinnerungen und neue Sorgen um die Zukunft. Herr X drängte, und sie schuldete ihm bereits mehrere tausend Taler. Ihre Immobilien, 1817 nur mit zweitausendfünfhundert Talern belastet, waren jetzt schon mit über fünftausend Talern verhaftet, sie schienen dem Liebhaber und Gläubiger zu keiner weiteren Sicherheit zu genügen. Da, in ihren Nöten, meldete sich ein neuer Freiwerber, der Stiefsohn ihres Wirtes Eckerlien, den ihr dieser Ehrenmann selber aufs dringenste anempfahl. Zimmermann war ein Modewarenhändler, von rechtlichem Charakter, der einem einträglichen Geschäft vorstand, und jedenfalls mußte diese Verbindung bei ihren jetzt so zerrütteten Vermögensumständen als ein Glück betrachtet werden. Auch war ihr der Heiratsantrag sehr willkommen. Aber heiraten konnte sie den Mann nicht; sie konnte überhaupt nicht mehr daran denken, eine eheliche Verbindung einzugehen. »Ihr ganzes Wesen war geistig und körperlich nur eine große Lüge, ein Schein ohne Wesen, unfähig, den durchschauenden Blick täglicher eng vertrauter Beobachtungen eines Ehegatten zu ertragen. Ihr Körper mit übertünchten Wangen, elfenbeinernem Gebiß, falschem Busen und einer durch zehnfache Kleidung erkünstelten Wohlbeleibtheit, unter der sich ein sündenabgezehrtes Gerippe barg, stand mit ihrer Seele im Wetteifer der Heuchelei zur Verbergung des Wahren, steter Aufmerksamkeit bedürftig. Aber noch schwerer, ja unmöglich war der Verbrecherin die bei täglichem ehelichen Zusammenleben erforderliche Spannung zur heuchlerischen Verbergung ihres wahren Inneren.« Heiraten konnte, heiraten wollte sie Zimmermann nicht; aber sie hatte ja auch ihren Gottfried nicht eigentlich geheiratet, sondern nur die kurze Ehe mit ihm zur Erringung der möglichsten Vorteile benutzt. So wollte sie auch den neuen Bewerber benutzen; wie, das würde schon die Gelegenheit eingeben. Vorerst lehnte sie den Antrag so bescheiden ab, daß er wiederholt werden mußte. Sie teilte ihn X mit, der ihr wider Erwarten dazu riet; sogleich bat sie ihn um ein Darlehen von dreihundert Talern, da sie ihr Leinenzeug zur Hochzeit instand setzen wolle. Sie erhielt das Geld, und das war der erste Vorteil, den ihr der Antrag gebracht hatte. Zugleich aber versprach ihr X, seine Kapitalien nicht, wie er gedroht hatte, zu kündigen, damit der Kredit ihres Bräutigams nicht leide: der zweite Vorteil. Das errungene Geld ward sofort angewendet, um sich in den Augen der alten und wackeren Eltern Zimmermanns einen Schein von Wohlhabenheit und Reichtum zu geben, der sie als eine gute Partie erscheinen ließ. Nun wurde das Versprechen, welches sie Gottfried gegeben haben wollte, nicht wieder zu heiraten, als letzte Schanze gegen den Stürmenden aufgestellt, wobei er einiges Blut lassen sollte. Sie hatte gerade zweihundert Taler Schulden zu bezahlen. Mit Freuden streckte Zimmermann, der die Angelegenheit als einen Prüfstein seiner Liebe ansah, das Geld der reichen Frau vor. Auch als des seligen Gottfrieds Prinzipal sie um die Rückzahlung der sechshundert Taler anging, war Zimmermann aus denselben Gründen gern bereit, das Geld vorzuschießen. Sie fiel ihm darauf um den Hals, und der Bund war geschlossen. Dies war der dritte bare Vorteil. Sie benutzte das Verlöbnis aber auch, um sich mit ihrer Freundin Maria Heckendorf auszusöhnen, die ihr den Umgang mit X nicht hatte vergeben wollen. Was konnte die Heckendorf nun aber dagegen sagen, als ihre Freundin die Braut eines Mannes wurde, der, wie jene versicherte, nichts lieber als die »Stunden der Andacht« las und der fromme Eltern hatte, mit denen wieder zum heiligen Abendmahl zu gehen die Gottfried sich freute. So schien, wenn nicht alles, so doch vieles, was sie gewünscht hatte, erreicht, als Freundeseinflüsterungen den Bräutigam dringend vor der einzugehenden Ehe warnten. Man machte auf ihre gefahrbringende Nähe, auf das Verhältnis mit X aufmerksam, und die Gottfried befürchtete mit Grund, daß er wanke. Mit schneller und wohlberechneter Entschlossenheit spielte sie jetzt die durch Mitteilung der Nachreden zu ungunsten ihres Rufes tief Verletzte, erklärte sich weinend für ein Opfer der dunklen, unerforschlichen Wege der Vorsehung und entschlossen, keinen Glücklicheren mehr an ihr unglückliches Los zu knüpfen. Sie wollte zurücktreten. Natürlich wollte der wackere Zimmermann nun nichts davon wissen. Es kam wieder zur Vereinigung; aber die Gottfried zog den richtigen Schluß, wer sich einmal überreden lasse, könne es auch ein zweites Mal. Zimmermann konnte von ihren großen Schulden an X hören, er konnte, erschreckt, zurücktreten und seine eigenen Darlehen zurückfordern. Dies mußte verhütet, ihre bisher errungenen Vorteile mußten gesichert werden; darum dachte sie daran, ihn mit Mäusebutter zu vergiften. Sie hatte nämlich einige Tage zuvor solches in den Zeitungen zum Verkauf ausgebotcn gelesen und sogleich die Neugier empfunden, ob dies wohl auch wie Arsenik auf Menschen wirke, und sich deshalb durch ihre Beta eine Kruke davon holen lassen. Sich noch mit diesem Verlobten auf dessen Totenbette ehelich verbinden zu lassen, kam ihr nicht in den Sinn. Er hatte zu wenig wirkliches Vermögen, und die Täuschung bei der Verheiratung mit Gottfried war ihr noch zu erinnerlich; auch hätte eine Wiederholung der Geschichte bedenkliche Gerüchte erzeugen können. Sie wollte ihn nur einfach vergiften und bei der Gelegenheit sehen, was diese Vergiftungsprozedur etwa noch für sie abwürfe. Zimmermann sollte indessen keines schnellen Todes sterben. Teils hätte das neuen Verdacht erregen können, teils hatte sie sich auf die Rolle präpariert, während einer langen schmerzlichen Krankheit ihn mit aufopfernder Liebe und Treue zu pflegen. Dabei konnten Vermächtnisse für sie abfallen, welche der durch Erfahrung Gewitzigten lieber waren als ganze Erbschaften. Er erhielt daher gegen Ende April 1823 nur eine mäßige Portion Mäusebutter auf Zwieback. Um diese Zeit erhielt aber auch ihre Freundin Marie Heckendorf eine ziemliche Portion, weil diese sich zu vorlaut und eindringlich über das Verhältnis zu X geäußert hatte, vielleicht auch, um sie von Besuchen bei der Gottfried abzuhalten, während diese ihre ganze Geisteskraft an Zimmermanns Krankenbette aufbieten mußte. Endlich gab es auch erwünschte Gelegenheit, an deren Krankenlager zu beweisen, wie sie sich einer Freundin annehme, die gegen sie vor aller Welt gesprochen hatte. Das Mäusegift wirkte sehr schnell bei beiden Personen. Die unglückliche Marie erkrankte sehr heftig. Aber das Gift, das hier nicht wiederholt beigebracht wurde, bewirkte nur bei der in bedrängten Verhältnissen und von ihrer Hände Arbeit Lebenden eine Lähmung der Hände und Füße. Im übrigen siegte ihre starke Leibesbeschaffenheit über das Gift, und sie blieb am Leben. Auch Zimmermanns starke Gesundheit widerstand länger den Angriffen. Nach acht Tagen konnte er sich schon wieder aufrichten und die Verlobte durch einen Besuch überraschen. Da mußte sie ihn ernsthafter anfassen. Er erhielt ein gebratenes Küchlein mit Pflaumen: die neue Vergiftung ließ ihn nicht wieder aufkommen. »Willst du Erbin meines Vermögens sein?« fragte der Todkranke die Gottfried nach ihrer eigenen Angabe Sie erinnerte ihn an seinen Bruder. Er antwortete nun: »So sollst du, was ich dir gegeben habe, als Geschenk annehmen; aber versprich mir, daß du gleich nach Hannover reisen willst zu deinem Cousin. Denn wenn ich tot bin, was wollen die Leute mit dir machen?« Diese Warnung scheint wirklich aus liebender Besorgnis erfolgt zu sein. Zimmermann kannte die ungünstigen Gerüchte, die unter einigen über seine Braut umgingen, und war doch zauberartig von ihren Blicken und Worten gefesselt. Am 1. Juni 1823 gab Zimmermann unter entsetzlichen Beängstigungen seinen Geist auf. Der Schmerz seiner Braut erschien natürlich grenzenlos, und jetzt war es, wo sie, um ihn ertragen zu können, »denjenigen Prediger ihres Kirchspiels, welcher die meisten Zuhörer hatte«, um eine öffentliche Fürbitte für sie ersuchte, Man erfuhr erst später, daß diese Fürbitte von ihr angeregt worden war, damals erregte die Sache wirklich nur Mitleid, aber nicht den geringsten Argwohn. Zweihundert und dann sechzig Taler und das allgemeine Mitleid waren der bare Ertrag dieser Vergiftung. Zudem besorgte die Gottfried den Ausverkauf des Zimmermannschen Modewarenlagers, angeblich zur Zerstreuung und auf Wunsch der Erben und Verwandten. Außer daß die treuherzigen Erben ihr willig noch mehr gezahlt hatten, als das mündliche Vermächtnis des Bräutigams bestimmt hatte, machte sie noch bei diesem Ausverkauf für sich Geschäfte. Die schöne, reizende, von so wunderbarem Unglück verfolgte Witwe, die am Ladentisch als Ausverkäuferin stand, muß aller Wahrscheinlichkeit nach noch einen bedeutenden Zulauf von Käufern und Käuferinnen veranlaßt haben, und sie schlug dabei eine nicht unbedeutende Summe für sich heraus. Mit der gewonnenen Beute ging sie auf eine Zerstreuungsreise nach Hannover, wo die liebenswürdige Witwe, von einem väterlichen Verwandten empfangen, abermals in Kreise geriet, die, weit über ihre Sphäre in Bremen, ihrer Eitelkeit aufs äußerste schmeichelten. Verwandte und Freunde suchten alles hervor, ihr den Aufenthalt angenehm zu machen, und das sanfte, geschmeidige, gemütliche Wesen der Verbrecherin, verbunden mit ihrer glänzenden Toilette aus Zimmermanns Lager, verschaffte ihr überall Zuneigung und das Ansehen einer Dame von Stand. Sie war unerschöpflich in solchen Erfindungen, Erzählungen und Liebesbeweisen, welche die Zuneigung zu ihrer Person vermehren mußten; aber in ihren Briefen nach Hause erfand sie über das wirklich Erfahrene noch manches hinzu, um auch in Bremen dadurch ihren Kredit zu erhöhen. Ihr Cousin Temme, im Hause des Herzogs von Cambridge, mußte bei dessen Rückkehr aus dem Palais von Monplaisir, welches er interimistisch bewohnt hatte, in seine Stadtwohnung ziehen. Da diese zu klein war, schätzte es ein Freund desselben, Herr Kleine, ein wohlhabender Beamter, für eine Ehre, die kindlich-naive, heitere, lustige, lebensfrohe, sanfte, gefühlvolle Frau, die ihre nach solchen Schicksalen so natürliche Schwermut der Gesellschaft wegen auf so liebenswürdige Weise zu bewältigen wußte, vornehm, freigebig und immer die Liebe und Güte selbst war, in seine größere Wohnung aufzunehmen. Man freute sich, wie die Musik die Leidende erweichen konnte. Als ein junger Mann die Arie sang: Eingehüllt in Dunkel sind die Wege, Gott, die du uns führst! war sie von der tiefsten Wehmut ergriffen, und wollte kein tröstlicheres Lied gehört haben, keines, das so auf ihr Schicksal paßte; sie bat um eine Abschrift, die man ihr später nach Bremen nachschickte. An ihre Freundin Marie schrieb sie die rührendsten Trostbriefe. Nichts könne ihr so oft die Freude ihres Aufenthaltes in Hannover verkümmern als die Nachricht, daß sie ihre Marie noch immer leidend wisse. Sie bat sie dringend, wenn das ihren Zustand lindern könne, noch mehr Bäder zu nehmen, die sie gern bezahlen wolle. – »Verzage doch nicht. – Dein religiöser Sinn ahnt gewiß die dunklen Wege der Vorsehung, die doch immer unser Bestes will; und wir Kurzsichtigen, sehen wir nicht auch oft ein, daß alles zu unserem Besten geschieht? Laß uns ihm glaubend vertrauen. Er ist unser bester Vater.« Zum Schluß, nachdem sie die liebste Freundin aufgefordert hat, ihr bei der Rückreise entgegenzukommen, heißt es noch: »Du bist überzeugt, ich meine es gut, und was ich sage, ist aufrichtig gemeint.« So konnte sie auch ihren Freundinnen nicht genug Stammbuchblätter mit frommen Versen zuschicken. Einst, als sie Kaffee tranken, kam ein Hausierer, der allerhand ausbot, auch Mäusebutter. Die Gottfried schien kaum zu wissen, was das sei, und bat dann, ihr eine Kruke zu kaufen; aber sie affektierte eine solche Angst vor dem Gift, daß sie es nicht in die Hände nahm, sondern den jungen Herrn Kleine bat, es für sie einzupacken. Im November (1823) kehrte sie nach Bremen zurück. Diesmal hatte sie in Hannover niemanden vergiftet, auch kein Verbrechen begangen. In Bremen dagegen erwarteten sie Ärger und Bedrängnisse ihrer Gläubiger. Da waren Schulden eingefordert, die sie durch den Akkord ihres Vaters für getilgt hielt. X drohte, und Kassow, der schon bei der Verlobung mit Zimmermann erkannt hatte, daß es ein leeres Versprechen der Gottfried gewesen war, seine Kinder zu Erben einzusetzen, forderte ungestüm seine Vorschüsse und hätte gern auch seine Geschenke zurückgenommen. Jener Magister, welcher die Ehe mit Miltenberg zustande gebracht hatte, mußte die undankbare Mühe übernehmen, für Kassow als Vermittler bei der Gottfried aufzutreten. Ihre Antwortsbriefe sind merkwürdige Belege dafür, mit welcher Gewandtheit und Hartnäckigkeit dieses Weib ihre Ansprüche zu verteidigen wußte, und wie sie die Federn ihrer Freunde (denn die meisten Briefe ließ sie sich konzipieren) zu gebrauchen wußte, um ihre Rolle fortzuspielen. Einzelne Stellen aus diesen Schreiben können wir uns nicht entheben, zu ihrer Charakteristik hier auszuziehen: »Gott wird mich jetzt stärken; auf alles bin ich gefaßt. Mit gutem Gewissen erscheine ich, wo Sie es wünschen; die Wahrheit soll und darf der Mensch reden.« – »Ich bin nicht reich – aber ehrlich und redlich durchs Leben gehen, ist mein Vorsatz.« – »O wie leicht irrt man in der Beurteilung des menschlichen Herzens! – Wie empfindlich der Schmerz ist, von anderen verkannt zu sein und sich bei dem besten Willen höhnisch beurteilt zu sehen, davon hat wohl keiner mehr Ursache zu reden als ich bei Ihren mir zugesandten Briefen.« – »O könnten Sie in mein Herz sehen! Sie haben mir eine Wunde geschlagen, die nie zu heilen ist.« – »So unedel, wie Sie mich schildern, bin ich nicht, bloß unglücklich. Wer hat mehr Tränen der Verzweiflung geweint als ich – und ich lebe dennoch! Glück gibt es nicht auf dieser Welt voll Mängel und Trübsal. Wer aber wahrhaft glaubt, wird und soll nicht untergehen.« – »Mit Beschämung wird gewiß mancher Verleumder bereuen, mir wehe getan zu haben. Die Reue bleibt nicht aus.« – »Eine unglückliche Ehe war mein Los, aber Vertrauen zu dem lieben Gott ließ mich alles ertragen.« – »Was nützt die Schale, wenn der Kern nichts taugt? – Dem Reinen ist alles rein. Gott ist Zeuge meiner unglücklichen Lage. Ach Herr (Magister), welch ein schönes Gefühl, nach der Eltern und des Mannes Tode so zu handeln, wie ich tat! – Da ich am Sonntag zum heiligen Abendmahle gehe, werden Sie die Kürze meines Briefes verzeihen, indem mein Geist mit der heiligen Handlung zu sehr beschäftigt ist. So gewiß ich dieses Mahl empfange, rede ich die Wahrheit.« So verteidigte sich die Giftmischerin, um der Abbezahlung von fünfhundert Talern zu entgehen! Welche Kräfte sie anwandte, um dem Verdachte des Mordes zu entweichen, mag man danach berechnen. Zum Belege ihrer Kraft in der Heuchelei mögen jene Auszüge genügen. Aber das Drehen und Wenden half ihr nichts. Gerichtlich hätte Kassow schwerlich die fünfhundert Taler einfordern können; das böse Gewissen der Schuldnerin half dem Gläubiger, und sie sah sich zur Unterzeichnung eines Schulddokumentes über fünfhundert Taler genötigt. Von jetzt ab war ihr Leben eine fortgesetzte Angst vor ihren Gläubigern und eine ununterbrochene Kette von Versuchen, um anderwärts Geld aufzunehmen, um die dringendsten Gläubiger zu beschwichtigen und Zeit zu gewinnen. Zur Einschränkung genötigt, verließ sie ihre elegante Wohnung in der Oberstraße und bezog wieder ihr Erbhaus. Der Lehrer S. und der fromme Kommissionär Mosees zogen gleichfalls zu ihr. Da wurde jeden Tag gesungen und gebetet. »Aber,« sagte sie, »statt daß ich nun angefangen hätte, still und fromm zu leben, tat ich gerade das Gegenteil. Ich fing an zu reisen, liebte geistige Getränke, lebte ungesittet, unordentlich, entwendete meinen Nebenmenschen das Ihrige, las gerne Romane, traktierte, und wurde aufs neue Mörderin!« Im Frühjahr 1824 reiste sie abermals nach Hannover, ward freundlich im Kleineschen Hause aufgenommen, kehrte aber mit neuen Schulden, die das vornehme Leben verursacht hatte, nach Bremen zurück. So hatte ihr der alte Herr Kleine achthundert Taler, angeblich zur schleunigen Abtragung dringender Schulden, vorgestreckt; aber auch das half ihr wenig. Die einst wohlhabende Frau brauchte dringend drei Louisdor. Sie selbst wollte sich nicht mehr an X wenden. Eine langjährige Freundin der Verbrecherin, die Musiklehrerin Anna Meyerholtz, ward von ihr ersucht, bei dem gemeinsamen Freunde um die drei Louisdor für die Gottfried zu bitten. Umsonst, X wollte nichts mehr geben. Die Meyerholtz lebte in dürftigen Umständen, von ihrem geringen Einkommen mußte sie noch einen blinden achtzigjährigen Vater ernähren. Sie selbst konnte nichts geben, aber sie hatte mehrere Wohltaten früherhin von der Gottfried erfahren; so erbot sie sich in ihrer Herzensgüte, von den seit Jahren zusammengesparten Begräbniskosten für den zu erwartenden Tod des alten Vaters ihr auf kurze Zeit die nötige Summe zu leihen. Ein schneller Gedanke durchzuckte die Mörderin, und in vierundzwanzig Stunden wurde er zur Tat. Statt von dieser aufopfernden Liebe gerührt zu werden, beschloß sie, die hilfsbereite Freundin zu vergiften und sich ihres sauer ersparten Geldes durch Diebstahl zu bemächtigen. Vergebens hat man sich bemüht, die Motive dieser Tat zu positiver Gewißheit ans Licht zu stellen. Befragt, warum sie das getan habe, konnte sie unter Seufzern und Tränen nur antworten: »Ach, das mag Gott wissen!« Und doch war ein Grund vorhanden, auch außer dem Wunsch, in den völligen Besitz des Geldes zu gelangen, das sie von der armen Freundin nur leihweise zu erhalten hatte; es war der instinktartige Reiz, der hier zum ersten Male wirkt und fürchterlich heraustritt. Sie war im Besitz von vielem Gift und hatte so lange nicht vergiftet, wenigstens nicht wirkungsreich vergiftet. Ganz hatte sie es freilich nicht lassen können und darum versuchsweise diesem oder jenem etwas eingegeben. Schon vor Pfingsten 1824 hatte sie einer entfernten Verwandten aus irgendeiner gehässigen Gesinnung Mäusebutter auf Weißbrot gereicht. Im September desselben Jahres erhielt die sechsjährige Tochter des Lehrers S. Gift, weil – die Gottfried ihre Mutter haßte! Ihr Freund, der fromme Mosees, hatte ebenfalls vor kurzem Mäusebutter erhalten, damit – die Gottfried während seines Unwohlseins seine Speisekammer bestehlen könnte. Sie war jetzt auf die Höhe des Verbrechens gekommen, wo die Sünde zur Lust, zum Bedürfnis wird. Das Vergiften hatte längst alles Schreckliche für sie verloren. Es war ihr ein Nahrungszweig geworden und die Spannung dabei ihre liebste Unterhaltung; ihr fehlte ja schon seit langem jede Tätigkeit. Sie selbst sagte: »Mir war gar nicht schlimm bei dem Vergiften zumute. Ich konnte das Gift ohne die mindesten Gewissensbisse und mit völliger Seelenruhe geben. Es war mir, als wenn meine Stimme zu mir sagte, ich müsse es tun. Ich hatte gewissermaßen Wohlgefallen daran. Ich schlief ruhig, und alle diese ungerechten Handlungen drückten mich nicht. Man schaudert doch sonst vor dem Bösen; allein das war nicht bei mir der Fall. Ich konnte mit Lust Böses tun.« Der Grund war da: sie wollte und mußte vergiften, und mit Erfolg vergiften, und es bedurfte nun nur noch eines äußeren Anlasses. Den gab die Aussicht auf den Erwerb einiger Taler; vielleicht auch die Furcht, daß die schlimmen Reden des X über die Gottfried auf die Meyerholtz einen üblen Eindruck gemacht haben könnten. Nach so vielen Vergiftungsgeschichten, aus denen wir die Verfahrungsart der Gottfried kennen, mögen wir über die folgenden, was die sich überall ähnlichen Einzelheiten betrifft, kürzer fortgehen und nur die Motive näher betrachten. Die Musiklehrerin erhielt die Mäusebutter bei einem Besuche bei der Gottfried, auf Zwieback geschmiert. Schon auf der Straße befielen sie ein starker Stuhlzwang und heftiges Erbrechen. Sie schrie auf dem Bette, »als wenn sie mit einem Schwert durchschnitten würde«, griff die Umstehenden an, schleuderte sie von sich und starb am 21. März 1825 furchtbar entstellt. Natürlich war die Gottfried wieder die treueste Krankenpflegerin gewesen. Als eine gemeinschaftliche Bekannte ausrief: »Herr Jesus, die hat etwas eingekriegt«, schüttelte sie ruhig den Kopf und tadelte die andere, daß sie sich von ihrem lebhaften Gefühl habe hinreißen lassen: »Möchten Sie dem alten Vater den Schmerz antun?« Als der Arzt die Leiche öffnen wollte, kam er zu spät. Die Gottfried hatte, weil die Leiche platzen wollte, die schleunige Einsargung durchgesetzt. Niemand hegte Verdacht. Dagegen plünderte, ungestört durch die Gegenwart des blinden Greises, des achtzigjährigen Vaters der Ermordeten, die Gottfried deren Schränke, während sie vorgab, für den armen, nun seiner letzten Stütze Beraubten den Haushalt zu führen. Es war um diese Zeit, da sie Shakespeares »Hamlet« im Theater sah. Als eine Freundin sehr gerührt war und weinte, sagte die Gottfried, sie solle doch denken, es wäre Komödie. Nachdem sie im Frühjahr noch eine dritte Erholungsreise nach Hannover gemacht hatte, fuhr sie in ihren Vergiftungsarbeiten fort. Im Juli 1825 vergiftete sie, doch ohne tödliche Folge, den schon erwähnten Lehrer S. (wie schon früher dessen Kind), weil seine Frau ihr zuwider war. Ihr lieber Mietsmann, der fromme Mosees, kränkelte schon seit Jahren an dem ihm gelegentlich, wenn sie gerade daran dachte, beigebrachten Gifte. Als er im Begriffe schien, sie heiraten zu wollen, hielt sie es für an der Zeit, ihn ernstlich zu vergiften. Unter Kuß und Tränen gab sie ihm die stärkste Dosis, und er starb, vor Schmerz rasend, am 5. Dezember 1825, nachdem sie sich versichert hatte, daß er ihr ein bedeutendes Legat ausgesetzt hatte. Zum ersten Male schien sie beim Leichenbegängnisse dieses Opfers ihre Maske abzunehmen. Nach den Aussagen von Zeugen verbarg sie nicht die kälteste Gleichgültigkeit, und zu einer neben ihr stehenden Frau sagte sie während der Leichenrede, das sei nun die einundzwanzigste oder zweiundzwanzigste Leiche, die sie begraben lasse; es komme ihr gerade vor wie eine Hochzeit. In ihrem Selbstbekenntnis aus jener Zeit räumt sie ein, daß ihr damaliger Seelenzustanü ein unbehaglicher und sie am liebsten allein gewesen sei, auch Unlust am Anziehen, an jeder Ordnung, ja auch an vielen Vergnügungen empfunden habe. Besonders bedauerte sie, daß sie, wenn sie sterbe, den Armen nichts hinterlasse, wie andere tun, um ihre Sünden abzulösen. Mosees Vergiftung, zwar ein Kapitalstück, genügte indessen nicht zum täglichen Brot. Sie übte und versuchte sich fortwährend in kleineren Vergiftungen, die schwerlich zur Kenntnisnahme der Richter gekommen sind. Um der unbedeutendsten Ursachen willen griff sie zu ihrer Mäusebutter. Sie reichte sie ihrer Magd, Luzie Block, dem Kindermädchen des Lehrers S., Blandine Witzel, also schon der dritten Person in einer Familie, die Gift essen mußte, nur um des Hasses der Gottfried gegen die Frau willen, die sie nicht vergiftete, und der Magd Sophie Luise Fette, die sich in den Diensten einer ihrer Mieterinnen befand. Schon wählte sie nicht mehr, noch verfolgte sie Einzelne, vielmehr gab sie das Gift, wenn der Zufall ihr die Personen zuführte. In ihren Geständnissen heißt es: »Zuweilen war ich monatelang von dem Triebe frei; dann aber kam wieder eine Periode, wo ich mit dem Gedanken aufwachte: wenn der oder die kommen sollte, da solltest du Gift geben. Am häufigsten gab ich die Mäusebutter Personen, die mich allein besuchten, weil ich dann am häufigsten den Trieb fühlte.« Sie konnte, wenn sie einmal zum Nachdenken über sich selbst kam, sich oft darüber wundern, daß alles so unentdeckt blieb. Zugleich hatte sie es aber in der teuflischen Heuchelei so weit gebracht, daß sie ihre Opfer in ihren Qualen noch necken konnte. Seit Jahren vergiftete sie fort und fort ihre Freundin Marie Heckendorf, jedoch in geringen Dosen. Einst konnte sie, als von den Flecken die Rede war, welche infolge des häufigen Giftgenusses im Gesichte entstanden, den Finger heben und im Tone warnender Liebe fragen, sie genösse doch wohl nicht heimlich starke Getränke. Mancherlei immer dringendere Geldverwicklungen zwangen sie, ihr Haus zu verkaufen. Von Anfang an schwebte ihr dabei vor, daß ihr dasselbe über kurz oder lang wieder als Eigentum zufallen müsse. Deshalb hatte sie sich auch die lebenslängliche Nutznießung zweier Nebenhäuser, die zu ihrem Besten vermietet wurden, vorbehalten und fing ihr Lebensverhältnis mit dem Käufer, dem Radmacher Rumpf, so an, daß sie in gewohnter Weise durch verschiedene Vergiftungen zu ihrem Zwecke zu kommen hoffte. Es gab hier eine Arbeit mit großem Ziel, und mit voller Kraft ging sie ans Werk. Im allgemeinen gaben ihr die Vorgänge mit Gottfried, Zimmermann, Mosees die Grundzüge ihres Verfahrens an; die vorliegende Aufgabe forderte aber Vorarbeiten. Um einen Bräutigam zu gewinnen, der ihr auf dem Totenbette alles oder doch den Teil seines Vermögens verschreibe, den sie wünschte, mußte sie zuvor seine Frau und so viele Mitglieder der Familie, als nötig waren, beiseite schaffen. Wie dies zu bewerkstelligen war, dazu fand sie in ihrer eigenen Geschichte genügende Anleitung. Wie die Gottfried sich in das Vertrauen der Rumpfschen Familie einzuschleichen verstanden hatte, wissen wir. Sie betrachtete sich als Mitglied der Familie; wie in ihrem Verhältnis mit Kassow spiegelte sie dem neuen braven Freunde vor, daß sie, die alle Teuren auf dieser Welt verloren habe, doch jemanden haben müsse, dem sie ihr Hab und Gut hinterlasse, und die Rumpfschen Kinder sollten ihre Erben werden. Schon aus dem Zusammenleben mit ihnen zog sie bedeutende Vorteile, indem sie bei ihrer Absicht, den Rumpfs ihr ganzes Vermögen zuzuwenden, eine strenge Scheidung des Mein und Dein für überflüssig hielt. Die Ehefrau des Rumpf starb am fünfzehnten Tage nach ihrer Entbindung, am 22. Dezember 1826, wie niemand zweifelte, infolge der Niederkunft, in der Tat aber vom Genuß einer Hafersuppe. Als diese zu langsam wirkte, frischte die Gottfried drei Tage vor dem Tode das Gift noch einmal auf. Es schien, als werde sie selbst an teilnehmendem Schmerz sterben. Wer hätte gegen sie Verdacht schöpfen sollen, obwohl bald darauf auch Magd und Amme, von ihr aus Mutwillen oder kleinen Nebengründen vergiftet, dieselben Qualen erlitten! Nach einigen Wochen spielte sie gegen den Witwer auf eine Wiederverheiratung an. Er wies, »von entschiedener Abneigung beseelt«, den Antrag, wenn auch scherzend, so doch bestimmt zurück, indem er erklärte, am wenigsten eine Witwe heiraten zu wollen. Nun mußte auch er erkranken und verdankte nur dem Umstande, daß er sich nicht wie die früheren Opfer durch ihr einschmeichelndes Wesen zu Versprechungen und Vermächtnissen hinreißen ließ, die längere Fristung seines Lebens, freilich auch die langsameren Oualen. Auch der Gottfried mochte dieser Vergiftungsprozeß zu lange dauern; wenigstens gewährte er ihrer rastlosen Seele nicht Beschäftigung genug. Sie vergiftete inzwischen ihre treue Beta Cornelius, die jetzt verehelichte Schmidt, während der Abwesenheit ihres Mannes. Das Motiv waren fünfzig Taler, welche Schmidt seiner Frau behufs der Kosten ihrer bevorstehenden Entbindung zurückgelassen hatte. Die Gottfried brauchte das Geld. Freilich, sie brauchte auch ihre Beta, welche ihr auch nach ihrer Verheiratung noch immer die treuesten Dienste leistete. War es aber doch vielleicht ein krampfhaftes Verlangen der Verlorenen, sich auch dieses letzten Trostes zu berauben, ein Kitzel der Verzweiflung, der nicht ohne Analogie dasteht? Ihre letzte Mäusebutter mußte die Wöchnerin verzehren, aber ihre gesunde Natur widerstand lange. Noch gebar sie einen Knaben; noch mußte die Todkranke auch ihre dreijährige Tochter vor sich hinsterben sehen, da auch das Kind von der vergifteten Kirschsuppe zu essen bekommen hatte. Ein neuer Vorrat Mäusebutter, den sich die Gottfried schnell zu verschaffen gewußt hatte, vollendete endlich die Zerstörung des kräftigen Körpers ihrer Beta. Kein Todesfall, außer dem ihres Sohnes Heinrich, scheint sie auf gleiche Weise, wenn nicht erschüttert, doch später in der Erinnerung bewegt zu haben, als dieser. »Ich bekenne,« schrieb sie, »zwei Menschen (Beta und ihren Mann) getrennt zu haben, die sehr glücklich waren, und die beide ihr Leben für mich würden hergegeben haben.« Dieser Raubmord, durch den sie nur etwa fünfundzwanzig Taler gewonnen haben will, genügte nicht, sie aus den Verlegenheiten zu reißen. Der alte Herr Kleine in Hannover drängte um die geliehenen achthundert Taler. Sie konnte nur mit Mühe einige hundert Taler aufnehmen, um ihn einstweilen zu befriedigen. Dafür machte sie den Plan, nach Hannover zu reisen und dort den Vater Kleine und »womöglich auch seine Kinder zu vergiften«, nicht um damit die Schuld zu tilgen, sondern um fürs erste von seinen Mahnungen befreit zu werden. Weiter gingen ihre Absichten selten; sie ging nicht habsüchtig auf Gewinn aus, sie wollte in der Regel nur aus einer augenblicklich drückenden Verlegenheit gerettet sein und freien Atem schöpfen. Die Zukunft kümmerte sie wenig. Voraus schickte sie Briefe über Briefe voller Zärtlichkeit an den lieben Vater Kleine, der ihr einziger Freund wäre, der ihr in den kleinsten Angelegenheiten seinen Rat schenken müßte; denn sie könne nicht tun, was er nicht billige. Dann trat sie mit einer vollen Kruke Mäusebutter ihre vierte und letzte Reise nach Hannover an. Der Alte und seine Tochter nahmen die Gottfried wie eine Tochter auf. Ihr ganzes Sinnen und Trachten war, ihr den Aufenthalt angenehm zu machen. Am 17. Juli präparierte sie ihm seinen Schinken zum Frühstück, und am 24. gab er unter namenlosen Schmerzen seinen Geist auf. Nach der Sezierung gab das ärztliche Gutachten als Ursache seines Todes die Gallenruhr an. Tags darauf, am 25., erkrankte die ganze Kleinsche Familie infolge Genusses einer Hafersuppe, an der der älteste Sohn, welcher gerade zum Tode seines Vaters aus Paris zurückgekehrt war, bereits einen metallischen Geschmack bemerkt hatte. Glücklicherweise mußten sich alle so stark erbrechen, daß die Nachwirkungen des Giftes nicht erheblich waren. Über den Todesfall schrieb die Gottfried nach Hause: »Wenn Sie es doch gesehen hätten, wie der Selige mich mit seinen Kindern vor sein Sterbebette kommen ließ, mich bat, bei seinen Kindern zu bleiben und Luise, die Tochter, nie zu vergessen! Wir haben uns in seiner Gegenwart ewige Freundschaft gelobt. Ich kann sagen, an ihm wohl einen zweiten Vater verloren zu haben. Wen habe ich jetzt? Es ist schrecklich, mein Los auf der Welt! Alles, was ich liebe, wird mir genommen!« Durch Kleines Tod gewann sie allerdings den gewünschten Aufschub. Niemand dachte daran, den Rest von fünfhundert Talern, den sie ihm noch geschuldet hatte, jetzt zurückzufordern. Außerdem log sie den Erben vor, dem Verstorbenen fünf Louisdor zur Aufbewahrung gegeben zu haben. Obwohl dies auffiel, da man die Geldstücke nicht fand, auch nichts darüber verzeichnet fand, während Kleine doch der allersorgsamste Mann in seinen Geldangelegenheiten war, erhielt sie dieselben, und es erregte nicht den geringsten Verdacht. Ferner stahl sie einem Fräulein Stockhausen einen Doppellouisdor und der Kleineschen Tochter Wäsche und andere Kleinigkeiten. Dabei war sie so sicher. Jede Furcht vor Entdeckung war verschwunden; ja sie gestand, sie hätte letztere nach so vielem Erfolge für unmöglich gehalten. Zwar besuchten sie wieder ihre Visionen; auch den alten Kleine sah sie an einem Nebeltage vor ihrem Kammerfenster im dichten Nebel stehen, und, versicherte sie im Gefängnis, »dies ist so gewiß wahr, als ob ich es eben sähe!« Aber sie beschwichtigte die bösen Geister durch gute Worte. Ihre Briefe nach Hause, besonders die an Rumpf, waren voll frommer Ermahnungen, als habe sie in der Fremde keinen anderen Gedanken als an ihre daheimgebliebenen Bekannten und deren Leiden. »Fassen Sie nur Mut,« schreibt sie wiederholt an Rumpf, »und ehren Sie die dunklen Wege des Schicksals, das doch immer unser Bestes will. Und tun wir nicht auch am besten, unser Schicksal in die Hand des besten Führers glaubend und vertrauend zu geben?« Aus Hannover, wo man sie unter Tränen und Liebesversicherungen entlassen hatte, brachte sie viele Geschenke an ihre Lieben und Hausgenossen zurück, bestahl aber sogleich alle dafür und trieb Unfugs die Fülle im eigenen Hause. Ja es waren so tolle Streiche darunter, die man eher einem neckischen Kobold als einer vernünftigen Person zuschreiben sollte, so daß von einigen Richtern auf eine Geistesverwirrung geschlossen werden konnte. Frischgebackenes Brot lag im Schmutz auf dem Hofe; eine neue, sorgfältig verschlossene Blechtrommel war mit Menschenkot angefüllt und dergleichen. Aber alles geschah nur, um sich dem Witwer Rumpf unentbehrlich zu machen. Aber Gift wirkte doch besser, Gift und schöne Redensarten, wechselweise gebraucht. Wenn der arme Mann sich im Erbrechen würgte, hielt Tante Gottfried ihm teilnehmend den heißen Kopf; sie wischte mit ihrem Tuche seinen Angstschweiß ab und vergoß Tränen, daß sie nicht an seiner Statt leiden könne. Und wenn er erschöpft auf seinem Lager ruhte, steckte sie ihm ein Brieflein und Stammbuchblätter zu mit Gedenksprüchen erbaulichen Inhaltes, wie etwa folgendem: »Schuldlos sein ist des Leidenden höchste Würde, und der Edle, welcher mit heißem Antlitz unter das Geschick sich beugt, ist ein Anblick, über den der Himmel sich freut.« Es half ihr alles nichts. Rumpf wollte sie weder heiraten, noch fühlte er sich gedrungen, ihr Vermächtnisse zu machen. Im Gegenteil vermehrte sich von Tag zu Tag sein geheimer Widerwille gegen die Witwe; ja sie fürchtete, er ahne mehr, als er solle. Ihr Widerwille stieg zum Ingrimm an; zugleich aber auch ihre Angst vor dem unsichtbaren Rächer, den sie jetzt in allen ungewöhnlichen Ereignissen seinen Arm nach ihr ausstrecken sah. Als Bremen am 6. März 1827 durch Deichbrüche und Wassersnot heimgesucht wurde, meinte sie, es geschehe ihretwegen; als ein Feuer entstand und aus dem Haus eines Malers dessen Gemälde auf die Straße geschleudert wurden, sah sie das Gemälde fliegen, um das sie denselben Maler bei der Auktion ihres Vaters betrogen hatte. Bei anhaltender Dürre, bei Schlackerwetter und Stürmen sah sie sich als die Zielscheibe, und die Sonne brannte, die Orkane tobten, um sie der Gerechtigkeit in der Welt zu verraten. Sie erblindete einmal auf eine Viertelstunde; manchmal, wenn sie etwas anfangen oder anrühren wollte, trat plötzlich Nasenbluten ein. Es war das Walten der unsichtbaren Dämonen, Sie floh vor ihnen nach den Gräbern der von ihr Ermordeten, um sich homöopathisch vor ihnen zu retten. Aber sowie sie sich den Kirchhöfen näherte, schauerten Regengüsse nieder, und sie mußte umkehren. Die Dämonen hielten sie indessen nicht von neuen Untaten ab. Sie befand sich nur wohl, wenn sie in ihrer Tätigkeit war. Ihre Freundin Marie, die noch fortwährend an dem Gifte zehrte, hatte einen Pflegesohn, Wilhelm Suhling, einen elfjährigen Knaben. Am 31. Januar 1828, als Marie die Gottfried besucht, freut sich diese über den wahren Johanniskopf des Knaben, aber im selben Augenblick reicht sie ihm das vergiftete Butterbrot und fragt bedeutungsvoll ihre Freundin: »Was meinst du, Marie, wenn du den einmal verlieren müßtest?« Der Knabe erkrankte, aber verwand die Schmerzen, und nach drei Wochen war sein erster Ausgang zur Tante Gottfried, um geliebkost und beklagt zu weiden. Zugleich aber empfing er gekochte Pflaumen mit Mäusebutter zur Auffrischung der Vergiftung. Er kam noch glücklich mit dem Leben davon. Auch ein junges Mädchen, welches ihr zum Geburtstag gratulierte, erhielt zum Dank Mäusebutter. Sie vergeudete und verspritzte das Gift wie eine Rasende, die mit ihrem Vorrat von Kraft zu Ende kommen will. Die einzelnen Umstände ihrer letzten Giftgebung sind von keiner anderen Bedeutung mehr, als daß sie die Entdeckung herbeiführten. Am 5. März 1828 vergiftete sie den Speck, um Rumpf aus der Welt zu schaffen, wie sie im Verhör angab, in der Absicht, ihr Haus wiederzubekommen. – »Ich dachte, wenn alles ausstürbe, würde ich die Nächste zum Hause sein.« Ihre letzten Vergiftungen in diesem Schreckenshause waren doppelter Art gewesen. Einmal gab sie Rumpf besondere Portionen, dann aß er auch mit bei den allgemeinen Vergiftungen, welche sie den Hausgenossen in den gewöhnlichen Mahlzeiten bereitete. Am 6. März 1828, an ihrem Geburtstage, wurde die Gottfried mit Antritt ihres vierundvierzigsten Lebensjahres verhaftet, und die Laufbahn ihrer Verbrechen war mit dem fünfzehnten wirklich erfolgten Giftmorde und mit ungefähr (denn genau ist die Zahl nicht ermittelt worden) auch fünfzehn Vergiftungen, die keine schädlichen Folgen gehabt hatten, geschlossen. Außerdem belasteten sie als erwiesene Verbrechen wiederholter Ehebruch, Meineid, Diebstahl, Einbruch, Unterschlagungen und der Versuch, ihre Leibesfrucht abzutreiben. Wie die Verbrecherin zum Geständnis gebracht wurde, ist schon oft angeführt worden: wie sie mitten im Bekennen zurückhielt, widerrief und gleich darauf wieder bekennen mußte, wie die entsetzlichste Angst sie durchschüttelte, weniger vor dem Bewußtsein ihrer Sündenlast und vor der göttlichen Strafe als vor der weltlichen Gerechtigkeit. Die Furcht war ihr angeborenes Erbteil. Sie fürchtete alles, was ihr sinnlich entgegentrat, das Rauschen eines Blattes, ein wildes Pferd vor dem Wagen, die scharfe Ansprache des Richters. Mehr als alles aber fürchtete sie den äußeren Schmerz der Todesstrafe, und ihr ganzes heuchlerisches Drehen und Wenden ging dahin, sich die Möglichkeit vorzuspiegeln, daß es nicht zum Ärgsten kommen werde. Daher rührt ihr Bemühen, mit sich selbst und den Richtern schön zu tun und sich in dem Lichte einer unfreiwillig Handelnden, einer von bösen Dämonen Verführten, unbewußt und unwiderstehlich Geleiteten darzustellen. Daher kommt bei den gräßlichsten Geständnissen die große Scheu, wo es einen Nebenumstand zu bekennen galt, der die Rache einer angesehenen Person oder Familie auf sie hätte herbeiziehen können, als möchte, wenn sie den oder jenen nenne oder einräume, auch ihm ein Leid zugefügt zu haben, ihre Strafe verstärkt werden. Daher bekannte sie früher die Kindermorde als die ihrer Eltern, Ehemänner und Freunde. Sie vermeinte, auf ihre Kinder ein Recht zu haben, und daß daher wegen ihrer Ermordung weniger als bei den anderen Ermordeten dritte Personen als Rächer auftreten würden. Die Sündenlast, auch als sie ausgesprochen war, drückte sie nicht nieder; vor allem aber hielt sie die Hoffnung aufrecht, daß die vornehmen Herren und die Richter, gegen welche sie so demütig war, sie mit dem Tode verschonen möchten. Sie bat und stellte anheim, ob man sie nicht zur Abbüßung ihrer so großen Vergehen im Gefängnis belassen und ihr als Strafe Magddienste in demselben auftragen wolle. Die Verzögerung der Untersuchung, die lange schwebende Pein waren ihr ein Trost; sie konnte vergnügt sein und zufrieden, daß es so wurde, wie einige der Herren ihr vorausgesagt hatten, nämlich daß der Prozeß sich auf Jahre hinausziehen werde. Ihre einzige und fürchterliche Angst war, daß doch plötzlich die Türe rasseln und der Henker eintreten möchte, um sie zum Richtplatz abzuholen. Sie zitterte nicht, wenn in ihrer Gegenwart die Leichen der von ihr Gemordeten ausgegraben wurden, der Modergeruch war nicht zu angreifend für ihre Nerven; aber sie gab sich allen Ernstes dem Gedanken hin, daß man sie mit den Leichen zusammenbinden, in eines der Gräber werfen, mit kochendem Wasser überschütten und dann lebendig begraben werde! Ja, als wilde Tiere in Bremen gezeigt wurden, zitterte sie vor der Vorstellung, die zuweilen in den Glauben überging, man werde sie dem Publikum zur Genugtuung diesen Tieren lebendig vorwerfen. Ihre Schlauheit bewährte sich in dem von ihr angenommenen Verteidigungssystem. Mochte von dem dichterisch-philosophischen Fatalitätsspuk, der in jenen Jahren im Schwunge war, etwas in die Pelzerstraße nach Bremen gedrungen sein, daß auch die Gescha, ihrer abergläubischen Mutter Kind, davon erfahren hatte? Ihr Glaube war gewiß nicht stark, es war nur ein Mittel, die härteste Anklage von sich abzuwenden, vielleicht auch sich selbst zu stärken. Sie wollte sich darstellen als eine Unglückliche, der finstere Mächte den Trieb in ihre Wiege gelegt hatten. Mit Schlauheit wußte sie ein unbedeutendes Faktum als Motiv zu benutzen. Sie habe nämlich eine schlechte Amme gehabt, und ihre Mutter habe immer gesagt, daß des verruchten Menschen Milch ihr geschadet habe. Bei der Untersuchung ergab sich indessen nicht mehr, als daß die Amme etwas heftiger Gemütsart gewesen und einmal im Zuchthause gesessen habe. Es lag in diesem Verteidigungssystem, daß sie die näherliegenden Motive ihrer einzelnen Taten möglichst entfernte, um immer wieder auf den unwiderstehlichen Trieb zurückzukommen. So redete sie mit der äußersten Liebe, ja Zärtlichkeit von allen ihren Opfern; sie zerfloß in Tränen, wenn sie ihrer gedachte, und dichtete den teuern, werten Personen gute Eigenschaften an, damit es unwahrscheinlicher werde, daß sie ihre Opfer bei gesunden Sinnen habe vergiften können. Selbst ihren ersten Mann, der erweislich ein Taugenichts und ein wüster Mensch gewesen war, konnte sie nicht genug wegen seiner Liebenswürdigkeit rühmen. Es gehörte die langwierigste und strengste Untersuchung dazu, um die selbstischen Beweggründe der einzelnen Verbrechen ans Licht zu stellen, um die Heuchlerin aus ihrer Schanze herauszuschlagen und wieder in die gemeine Verbrechersphäre zu treiben, in die sie gehörte. Ohne diese genauen Ermittlungen über die Motive ihrer Giftmorde und die sie begleitenden Verbrechen wäre es denkbar gewesen, daß Ärzte und Richter vereint auch ein moralisches Scheusal wie die Gottfried dem Gesetze hätten entziehen können. Alle ihre Reue war nur Scheinwerk, Lug und Trug, vor den Menschen wie vor sich selbst. Vergebens suchten ihre Richter, ihr Verteidiger, vergebens die Geistlichen die Saat der Erkenntnis und der Buße in ihr Herz zu streuen: sie schlug nicht Wurzel, da kein Feld für sie war. Sünde und Eitelkeit hatten den fruchttragenden Boden gänzlich fortgespült. Was im Tränenwasser aufkeimte, waren Scheinblüten, die sofort wieder hinwelkten. Allerlei Heuchelei ließ sie spielen, um mit sich und den Machthabenden schön zu tun. Sie bat um die frommen, schönen Bücher und hielt sie auch aufgeschlagen vor sich, wenn jemand eintrat; es war aber in jedem Falle wahrscheinlich, daß sie nicht darin gelesen hatte. Die Eitelkeit hielt sie auch in den Kerkermauern in ihren Ketten. Es war ein schrecklicher Moment für sie, als ein Maler sie zeichnete, sie, das eingefallene, hagere Gerippe im Friesrock. Jemand lobte beim Malen ihre Nase. »Da ist doch etwas Gutes an mir!« rief sie. Als später ein zweiter Maler ein gelungenes Bild entwarf, war sie sehr zufrieden und äußerte, nun würde sie doch nicht wieder wie das erstemal um den Spottpreis von achtzehn Groten in den Gassen ausgeboten werden. Sie schätzte es als die größte Humanität, daß man ihr vergönnt habe, statt der gewöhnlichen Gefängniskleidung ihren seidenen Jumper zu tragen, den sie auch trotz Lumpen und Flicken durch die Jahre ihrer Gefangenschaft anbehielt. Des Nachts schlief sie ohne Laken, um dieses des Morgens rein über ihr Bett breiten zu können, wenn Besuch käme. Daß ein solches hohles Wesen die Strafe als eine notwendige Vergeltung und Sühnung ihrer Schuld betrachten solle, war nicht zu erwarten. Das Unsichtbare rächte sich für diese Verleugnung durch furchtbare Visionen, die die Verbrecherin gespensterhaft bei Nacht und Tage ängstigten. Sie gibt selbst darüber in ihren schriftlichen Mitteilungen die genauesten Nachrichten. So sieht sie, während der Polizeikommissar bei ihr ist, als sie aus dem Fenster blickt, einen großen schönen Saal mit einem schönen Schreibpult und einem Tisch mit Kaffeeservice; die beiden Söhne des ermordeten Kleine gehen im Saale auf und nieder, und deren Schwester will mit einer langen Nase auf die Verbrecherin zu. Sie ruft den Kommissar herbei, der natürlich nichts sieht. Ein andermal sitzt der alte Kleine in einer Wolke auf dem Kirchturm und droht ihr. Am häufigsten erblickte sie den blinden achtzigjährigen Herrn Meyerholtz, dem sie seine einzige Stütze und Ernährerin, seine Tochter, geraubt hatte, ohne die Barmherzigkeit geübt zu haben, auch ihn zu vergiften, und ein andermal den armen Küfer Schmidt und sein Kind, die traurig auf einer Wiese sitzen; denn sie hat ihnen ihr Liebstes und das Einzige gemordet, was für sie Wert auf Erden hatte. Das Totenantlitz des alten Herrn Kleine in Hannover verließ sie fast nirgends; die Söhne rannten ihr nach, und der eine schleuderte sie bei den Haaren auf den Schinderkarren. Zuweilen werden die Visionen poetisch; so ist sie einmal in der Kirche, aber als sie sich niedersetzen will, stehen alle Leute auf und gehen weg. Einmal sieht sie Zimmermann, ihren verlobten Bräutigam, in einem schönen Laden totenblaß stehen. Als sie eintritt, reicht er ihr ein ganz schmutziges Gesangbuch mit den Worten: »Suche hierin deinen Trost, mein Gesangbuch ist verloren.« In der Regel offenbart sich aber nichts Geistiges und Sinniges in den Erscheinungen, es sind nur Larven, um sie zu erschrecken. Diese Visionen wurden oft so arg, daß sie nachts aufsprang und himmelhoch bat, daß man Wächter in ihrer Zelle lasse. Auch mußte die Frau des Gefangenenwärters ihr Gardinen vor das Fenster machen, weil die Gespenster immer von außen zu ihr kämen! Die Angst nach solchen Erscheinungen bewog sie auch zu Geständnissen, gegen welche sie sich früher gesträubt hatte. Sie hatte die scheußliche Frechheit gehabt, ihren seligen Vater zu verleumden, daß er es gewesen sei, der sie zum Vergiften angeleitet und ihr den Auftrag gegeben hätte, Miltenberg zu ermorden; ja er habe seinem eigenen kleinen Kinde mit den Fingern die Hirnschale eingedrückt und noch viele andre Greueltaten verübt. Die Geister, die ihr erschienen, zwangen sie hier, wie in anderen Fällen, die Wahrheit zu bekennen. Aber auch in diesen Visionen spielte ihre Eitelkeit und Verkehrtheit mit. So erscheint ihr ihr vergifteter erster Mann, der Wüstling Miltenberg, als ein anderer Heiland an der Hand Doktor Dräsekes, reicht ihr die Hand und spricht: »Ich will dich erretten und seligmachen, und du sollst mich preisen.« Wir mögen fragen: Bedarf es noch einer Charakteristik dieses Weibes? Ihr Verteidiger hat sich durch die Lebensgeschichte der Gottfried ein großes Verdienst erworben, vielleicht auch bei denen, um deren Dank es ihm nicht zu tun ist; er hat aus der Erscheinung der Verbrecherin alles Spukhafte entfernt und das Menschliche der Verbrecherin ans Licht gestellt. Aber in welcher Verzerrung erscheint dabei das Menschliche dieser Frau! Gegen ihre Vorgängerinnen gehalten, ist die Gottfried allerdings ein Spuk. Jene sind warmblütige Wesen, von großen, furchtbaren Leidenschaften getrieben; der Teufel fand Grund und Boden, um seine Saaten auszustreuen. In dieser fand er nur eine Negation. Selbstsucht und Eitelkeit haben alles Göttliche und Menschliche aufgezehrt, und es steht nichts vor uns als ein hohles Scheinbild, dem man alle Lumpen umhängen kann, weiße und schwarze. Das Diabolische ist ihr nicht angeboren; kaum mögen wir in ihrem späteren Tun ihre Tatkraft eine diabolische nennen. Nichts von Affekt, nichts von Leidenschaft, kein Hohn, kein Haß, keine Rache. Nicht die kalte, selbstische Berechnung, welche gerade die Nächsten und Liebsten hinopfert, um zu einem Zwecke zu kommen. Ein einziger hat sie vielleicht gekränkt, beleidigt, ihr erster Mann: sie hat keinen Groll gegen ihn. Gift befreite ihn von einem kläglichen Dasein; eine Mörderin konnte sich der Selbsttäuschung hingeben, daß sie ihm eine Wohltat erzeigte. Auch daran hatte sie nie im Ernste gedacht. Nur und allein, um durch seinen Tod zu gewinnen, vergiftete sie ihn wie die anderen. Sie kennt keine Bande der Liebe und des Hasses, und dieselbe Gleisnerei, die von keinem Unglück hören kann, ohne Tränen zu vergießen, die die Leidenden aufsucht, die Kranken pflegt, kann ohne die geringste Regung die fürchterlichsten Qualen ihrer Opfer ansehen, ohne Mitgefühl zu empfinden. Sie, die vor dem geringsten körperlichen Schmerze zittert, kann kaltblütig diese Qualen noch durch neue Giftdosen erhöhen. Und sehen wir, wie sie an fünfzehn Opfern dieses Wesen treibt, wie alle ihre Gifttränke den beabsichtigten Erfolg haben und sie doch vor der Welt dasteht als eine tugendhafte Frau, als ein liebliches, gefeiertes Wesen, als eine christliche Dulderin, so hätte allerdings ein früheres Zeitalter an einen seelenlosen Kobold, an ein Dunstbild habe denken können, das ein boshafter Zauberer ins Leben setzte mit der Kraft, alles zu scheinen und nichts von allem zu sein. Aber sie ist kein Werkzeug einer dämonischen Macht: sie ist eine Spekulantin im Dienste ihres Egoismus. Alles an ihr ist Berechnung. Das Dämonische liegt nur darin, wie alle ihre mit dem äußersten Leichtsinn unternommenen Handlungen glücken, ohne entdeckt zu werden; wie sie Leichenberge um sich häufen kann, und kein Auge sieht durch die Nacht; mit den allergewöhnlichsten Verstellungskünsten täuscht sie den Argwohn der Kläger und der Menge. Und nun, als die erste Entdeckung erfolgt ist, ist damit alles entdeckt. Sie hat nicht mehr die Kraft, die Lügen zu fassen, und die ganze Lügenerscheinung sinkt wie ein Dunstbild zusammen, das eben nur durch die Einbildungskraft und Täuschung den anderen groß und furchtbar war. Gleichwohl läßt sich der Trieb zum Vergiften nicht wegleugnen. Nur war er kein ursprünglicher, angeborener. Erst im Verlauf ihrer Verbrecherschicksale wuchs er und wurde so stark, bis er sie überwältigte. Sie ist schuld daran; nicht finstere Mächte, böse Dämonen, sie selbst impfte sich ihn ein. Sie kommt dafür und für seine Wirkungen auf; auch wenn er sie später in einer Art fortriß und zu Taten bewog, daß wir bei uns sprechen müssen, es ist unmöglich, daß sie dies bei gesunder Vernunft tat. Der Durst, der Kitzel, die Befriedigung suchten, schweiften ins Gebiet des Unbegreiflichen; aber es ist uns sehr begreiflich gemacht, wie dieser Durst und Kitzel entstanden sind. Sie fühlte sich unruhig und ängstlich, wenn sie eine Weile keinen Arsenikvorrat besaß, und ihr ward erst wieder wohl, wenn die Kruke Mäusebutter in ihrem Schranke stand. Ihre letzte Kruke nahm sie mit in den Kerker! Aber diese Egoistin verschwendete nicht die köstliche Gabe zu spielerischen Zwecken; es war fast bei allen ihren Gaben eine bestimmte Absicht da. Selten geschah es aus zornigen oder rachsüchtigen Gefühlen. Nur zuletzt, als nach so vielem Glück und Greuel doch kein sichtliches, greifbares Resultat für sie da war, als Sorge und Not ihr drohten, als sie einsam dastand, von furchtbaren Gespenstern geneckt und umgeben, da schweifte auch ihr Sinn in der Irre umher, und wie eine Trunkene oder am Leben Verzweifelnde vergiftete sie darauf los, wen und wie es traf, nur um Beschäftigung zu haben und in der Beschäftigung Vergessenheit ihrer selbst zu finden. Am 17. September 1830, im dritten Jahre ihrer Verhaftung und der Berge von Akten auftürmenden Untersuchung, erfolgte die Verurteilung der Gottfried durch das Bremer Obergericht zum Tode mittels des Schwertes. Ihre Gesundheit, geschwächt durch die stete Furcht vor einem plötzlichen, gewaltsamen Tode, hatte sich in der letzten Zeit wieder gebessert. Völlig unvorbereitet ward sie am 18. September zur Entgegennahme des Urteils abgeholt. Aber beim Eintreten in den Saal fiel ihr falkenartig umherspähendes Auge auf ein Gefäß, dessen Inhalt sie sogleich richtig erriet. Es war Essig zum augenblicklichen Schutze gegen eine Ohnmacht. Sie wußte nun, ehe ein Wort gesprochen war, was ihr bevorstand. Sie bekam, nach ihrem Bekenntnis, keinen wirklichen Schreck, aber ein heftiges Beben und innerlicher Frost überfielen sie. Sie erklärte, daß sie dieses Urteil und noch weit mehr verdient habe, weshalb sie es mit Dank annehme. Dennoch appellierte sie und bemühte sich in Briefen und Gesprächen, ihren Verteidiger von ihrer guten Gesinnung zu überzeugen; das heißt, sie wünschte alle ihre Missetaten ins schönste Licht gesetzt zu sehen und den Beweis ihrer Unzurechnungsfähigkeit weitergeführt. Aber dieser bemerkt, daß ihr Schmerz nach wie vor selbstischer Natur geblieben sei. Es zeigte sich keine Spur von einem Gefühl geistiger Hilfsbedürftigkeit. Im Gegenteil bemerkte er eine gewisse Sattheit und Selbstzufriedenheit, die in frömmelnden Redensarten ihre Blößen verbarg. Das Gericht besorgte einen Selbstmord, und deshalb ward sie von nun an unter steter Bewachung von fünf Frauen, die sich abwechselten, gehalten. Diesen Frauen gegenüber sprach sie sich ungezwungener, charakteristischer aus als gegen Geistliche, Richter und Verteidiger. Vergebens hatte sie um Befreiung von dieser Bewachung gebeten; sie schloß daraus auf ihr nahe bevorstehendes Ende. Dem Tode auf dem Schafott zuvorzukommen, versuchte sie sich durch Hunger selbst ums Leben zu bringen. Alle dagegen angewandten Mittel schlugen fehl; vergebens stellte ihr Doktor Dräseke auch vor, daß sich dieser Vorsatz nicht mit ihrer vorgegebenen Religiosität vereinen lasse. Die Natur half selbst. Wenn der Hunger aufs höchste gestiegen war, verlangte sie doch noch etwas Bouillon und Apfelmus. Nur die letzten acht Tage genoß sie gar nichts. Die fünf Frauen sagten einstimmig, in der letzten Zeit sei die Gottfried immer schlechter geworden, immer »gallichter«, »häßlicher«, »unartiger«. Sie las auch nicht mehr zum Scheine in den Erbauungsbüchern. Sie betete nie und klagte nie über ihre Sünden. Die heuchlerisch-demütige Kreatur ward jetzt, da sie sah, daß alle ihre Verstellung nichts half, frech und bitter gegen die Beamten und Richter: die Bewachung habe ihr ein Gallenfieber zugezogen; es fehle nur, daß man sie auch noch fessele; es sei unausstehlich, wie viele Besuche man zu ihr lasse usw. Sogar noch gegen die fünf Frauen heuchelte sie; denn sie gab jeder einzelnen den Vorzug vor der anderen und schmähte auf die Abwesenden. Sie hoffte aufs bestimmteste, noch vor ihrer Hinrichtung aus Schwäche zu sterben, und verordnete für diesen Fall, daß man ihr den Mund zubinden solle, damit er nicht so häßlich offen stehe. Dann möchte man ihr den Todesschweiß abwischen und sie mit einem Bettlaken bedecken, daß sie nicht zum Schauspiel würde, wenn man sie die Treppe hinuntertrage. Trotz dieser Todesgedanken und -vorbereitungen hatte sie das feinste Ohr für alles, was im Gefängnis vorfiel; sie horchte durch die Mauern, kannte die Gefangenensprache, interessierte sich aufs lebhafteste für die männlichen Gefangenen und hätte gern die Kupplerin gespielt für ihre Liebschaften; denn auch diese werden in den Kerkermauern gepflogen. Ein besonderes letztes Interesse erregte ihr die Gefangensetzung einer anderen Frau, die des Giftmordes an ihrem Gatten beschuldigt war. Sie versuchte durch die Wände den Antworten bei deren erstem Verhör zuzuhören und äußerte dann: »Die teufelt sich davon los. Wenn ich hätte so sprechen können, so wäre ich auch freigekommen.« Der Erteilung des Abendmahls wich sie, indem sie Krankheit vorschützte, noch aus, und Doktor Dräseke mußte mehrere Male unverrichteter Sache fortgehen. Im übrigen versuchte sie auch jetzt noch die Fromme zu spielen und prunkte vor allen, die sie besuchten, mit salbungsvollen biblischen Sprüchen, die sie immer zur Hand zu haben schien. Am 14. April 1831 wurde ihr das unter dem 6. April ergangene Urteil des Oberappellationsgerichts der vier freien Städte Deutschlands zu Lübeck, welches das Bremer Urteil lediglich bestätigte, eröffnet. Keine sonderliche Bewegung ward an ihr sichtbar; doch ließ sie es sich wiederholen, worauf sie Tränen vergoß und erklärte, ihr Leben sei das wenigste, was sie für so viele Verbrechen geben könne. Fest und entschieden erklärte sie, als ihr Verteidiger sie darauf aufmerksam machte, daß sie um Begnadigung beim Senate einkommen dürfe und er gern erbötig sei, ihr Gesuch aufzusetzen, daß sie nicht um Begnadigung bitten wolle, sie gebe gern ihr Leben hin. Noch war freilich ihr Vertrauen darauf gerichtet, aus Schwäche vor der Hinrichtung zu sterben. Zusammengekauert lag sie im Bette, stumpfsinnig das Unvermeidliche erwartend. Vom Lesen und Beten mochte sie nichts hören; sie sei zu schwach dazu, und kurz erklärte sie allen, die sie befragten, Gottes Barmherzigkeit sei größer als alle Sünden, und niemand könne mehr tun, als sein Leben hingeben, noch dazu, wenn er es gern gebe. Als die Hoffnung, an Schwäche zu sterben, fehlschlug, beschäftigte sie sich nur mit den Äußerlichkeiten der Hinrichtung. Zwar nahm sie nun endlich nach vielem Aufschub das Abendmahl, doch ohne inneres Verlangen, nur durch äußere Rücksichten genötigt. Ihre Toilette war viel wichtiger. Als man ihr im Gefängnis einige Tage vorher zum ersten Male einen Spiegel gab, erschrak sie heftig, wie sie jetzt aussehe und wie sie gealtert sei. Sie wollte nicht wieder hineinsehen. Sie lieh sich eine Haube von der Gefangenenwärterin, und da sie ihr nicht weiß genug war, bat sie die Frau, sie vorher in ihrem Garten noch etwas zu bleichen. Am 19. April erfuhr sie, daß sie am nächsten Morgen hingerichtet werden solle. Sie erkundigte sich genau nach dem Ort und der Stunde und versicherte, sie habe alles gestanden und keinen mehr vergiftet, als die auf der Liste ständen; ihr Herz sei ganz rein! Überhaupt kamen nur selbstgefällige Äußerungen über ihre Lippen, ein flüchtiger Scherz mit dem Gefangenenknecht, ein Gelüst nach Johannisbeeren und Apfelsinen. Das gleißende Gewand äußerer Leutseligkeit entfiel ihr mehr und mehr, je näher die Todesstunde kam. Sie ward einsilbig und antwortete kaum. Noch bis zur letzten Stunde gab sie die Hoffnung nicht auf, daß sie an dem Gallenerbrechen, das ihre Schwäche erhöhte, sterben möchte. Morgens um fünf Uhr erschien der Geistliche und fand sie noch schlafend. Als man sie endlich weckte, war sie nicht weniger als erfreut über den Besuch, forderte Wein zum Trinken und Einreiben, Kaffee und andere Kleinigkeiten, ohne daß ihr Sinn sich besonders mit dem Prediger beschäftigt hatte. Eine neue Angst stieg in ihr auf vor dem offenen Wagen, in dem sie transportiert werden sollte. Sie fürchtete, den Exzessen des Pöbels ausgesetzt zu sein. Man beruhigte sie, indem man ihr sagte, daß ein Polizeidiener neben ihr sitzen werde. Ihr Anzug beschäftigte sie fast allein in der letzten Stunde. Aus ähnlichem Grunde ließ sie den Geistlichen, der einen zweiten Besuch machen wollte, nicht vor. Sie zog sich selbst an und ließ sorgsam den Kragen der Jacke abschneiden, damit Platz zum Schwertstreich werde. Die neuen Schuhe von grober Arbeit, die man ihr hinstellte, wies sie mit Abscheu von sich und gab sich erst zufrieden, als eine Frau ihr ein Paar leichte Zeugschuhe brachte; aber die schwarzen Strümpfe, die ihr geliefert wurden, zog sie über ihre alten grauen, um ihre Waden dadurch mehr hervorzuheben. Noch kam ein furchtbarer Moment für das eitle Weib. Man wußte, wie sie sich gegen das übliche Totenkleid, ein weites, weißes Gewand mit schwarzer Einfassung und gleichen Bändern und Schleifen, sträuben würde. Und deshalb ward es ihr erst hereingebracht, als sie schon aufrecht stand, unterfaßt von zwei Dienern der Gerechtigkeit. Ihre Augen verdrehten sich auf furchtbare Weise, als sie das Kleid zu Gesicht bekam, und sie seufzte tief auf, als man es ihr über den Kopf warf, faßte sich aber doch und zupfte es zurecht. Schnell und ohne Rührung nahm sie Abschied von den Frauen; als aber Dräseke den Augenblick wahrnahm und plötzlich an sie herantrat, wandte sie sich mit den Worten um: »Ihnen will ich nicht adieu sagen«. – »Und mir willst du nicht adieu sagen?« sprach der Geistliche. Sie antwortete rasch: »Na, dann will ich Ihnen auf ewig adieu sagen.« – »Nein, nicht auf ewig«, erwiderte Dräseke tief bewegt, sprach noch einige Worte der Ermahnung und weinte bitterlich. Jetzt stürzten auch ihre Tränen hervor; sie hielt ihr weißes Tuch vor das Gesicht und wankte die Treppe hinunter. In äußerlich vollkommener Haltung saß sie während des ganzen Weges zur Richtstatt auf dem Leiterwagen, den sie ohne große Unterstützung bestiegen hatte. Ihre Hände hatte sie schon bald von dem Stricke, der scheinbar darum geschlungen worden war, befreit, und sie hielt während der ganzen Fahrt krampfhaft die Hand des neben ihr sitzenden Polizeidieners. Im Angesicht des Marktplatzes war das Schafott aufgeschlagen, elf Fuß hoch, schwarz behangen. Ihm gegenüber, sechs Fuß hoch, stand die ebenfalls schwarze Tribüne zur Hegung des hochnotpeinlichen Halsgerichts. Auf jene hinaufgehoben, hörte sie, dem Gerichte gegenüber, mit sichtbarer Angst, doch ohne Tränen die Vorlesung des Todesurteils. Nachdem von dem Senator der Stab über ihrem Haupte zerbrochen und sie dem Scharfrichter übergeben worden war, reichte sie dem Gerichte zum Abschied ihre Hand, nahm einen guten Trunk Weins und wankte dem Schafott zu. Zierlich faßte sie beim Aufsteigen auf die Treppe das Gewand. Als sie oben den für sie bestimmten Lehnstuhl sah, stierte, so wird uns vom Verteidiger berichtet, »ihr Blick wild umher, ein satanisches Leben, ein Feuer der Hölle blitzte aus dem sonst erloschenen Augapfel hervor«. Da der zur Aufrechterhaltung des Kopfes bestimmte Riemen nicht passen wollte, vergingen noch einige Minuten. Die Knechte stießen den kraftlos übersinkenden Kopf wiederholt durch Stöße unter das Kinn empor, bis ein kräftiger Hieb das Haupt vom Körper trennte. Die vorige Stille verwandelte sich in ein lautes Rufen der zahllos Versammelten. Der Scharfrichter nahm das weiße Tuch, welches die Gerichtete auf ihrem Schöße liegen hatte, und wischte damit das Blut vom Schwerte. Bei der Sektion des Leichnams – er ward auf dem Schinderkarren fortgefahren – ergab sich eine vollkommen regelmäßige Struktur aller edlen Körperteile und zugleich die völlige Gesundheit der Verbrecherin. Ihre Schwäche war nur die Folge des versuchten Hungertodes. Nur durch das unerhört gewaltsame Schnüren waren die Brustknochen emporgetrieben. In dem Museum in Bremen wurde noch lange der Kopf der Gottfried in Spiritus, ihr Skelett in einem Schranke aufbewahrt. Die Frau des Parlamentsrats Tiquet 1699 Angelique Earlier war eines der reizendsten Geschöpfe von blendender Schönheit, von einem vorzüglichen Wuchs und einer Anmut des Wesens, die ihresgleichen suchte. Bei ausgebildetem Verstande und einem überraschenden Witz in der Unterhaltung, war sie, wo sie erschien, gefeiert und ward als ein Meisterstück der Natur bewundert. Dieses Meisterstück hatte aber noch andere Vorzüge, welche nicht allein Anbeter, sondern auch ernste Bewerber um sie versammelten. Sie war die einzige Tochter des reichen Buchhändlers Carlier zu Lyon, der, als sie kaum fünfzehn Jahr zählte, gestorben war und ihr und ihrem Bruder ein reines Vermögen von einer Million Livres hinterlassen hatte. Sie hatte Anspruch auf eine der vornehmsten Partien. Aber sie konnte vollkommen frei wählen, wie ihr Herz entschied. Sie wählte indes weder nach Rang und Reichtum, noch nach der Sprache des Gefühls, sondern von einer Eitelkeit gekitzelt, die weder den Verstand noch das Herz zu Rate gezogen hatte. Unter allen ihren Bewerbern soll der Parlamentsrat Tiquet hinsichtlich seines Vermögenszustandes den geringsten Anspruch gehabt haben. Ob er durch persönliche Liebenswürdigkeit bestach, wird nicht gesagt. Daß es durch männliche Würde geschah, ist mehr als zweifelhaft. Er steckte sich hinter eine Verwandte der Schönen, mit der sie lebte. Diese bestach er mit vierzigtausend Livres, und für diesen hohen Preis gewann er sehr bald den Vorsprung vor allen andern Bewerbern. Endlich trug er den entscheidenden Sieg davon durch eine Galanterie. Zu Angeliques Geburtstag überreichte er ihr den köstlichsten künstlichen Blumenstrauß mit Tautropfen. Der Tau waren Diamanten. Der Strauß kostete fünfzehntausend Livres. – Er hatte ihre Hand durch ein Geschenk erkauft. Die ersten Jahre der Ehe vergingen in Glück und Wonne. Lust, Schönheit und Jugend, der Reiz der Neuheit, rauschende Vergnügungen und zwei Kinder verdeckten die mancherlei Mängel in beider Sinnesart, die erst mit den Jahren und bei ruhiger Besinnung hervortraten. Ihr Sinn war für den Wandel und das Vergnügen; der seine war der eines mürrischen Geschäftsmannes, der im Vollgenuß dessen, was er erstrebt, nicht mehr den galanten Anbeter zu spielen für nötig hielt. Sie liebte Pracht und Aufwand und wollte sich ihren Neigungen ohne Zurückhaltung überlassen. Er liebte beides vielleicht auch, hatte aber vernünftige Gründe dagegen und Gründe der Klugheit, jene Gründe seiner Frau zu verbergen. Er eiferte aus Moralgründen, die eine Frau wie die seine am wenigsten überzeugten. Im Gegenteil ward sie aufmerksamer und entdeckte nun die wahren. Angelique hatte ihrem Gatten ihre Hand gereicht im Glauben, daß das Vermögen eines Mannes, der seiner Geliebten diamantene Blumensträuße schenkt, zum mindesten dem ihrigen gleichkommen müsse. Er hatte selbst viel von seinem Reichtum gesprochen. Statt dessen ward sie mit Schrecken inne, daß sein Vermögen fast nur in den Einkünften seines Amtes bestand, ja daß er Schulden hatte und noch die Gelder für die Brautgeschenke, vielleicht sogar die für den Diamantenstrauß, bezahlen mußte. Sie verachtete nunmehr ihren Gatten. Sie sah sich von ihm betrogen, also im Rechtszustande gegen einen Betrüger. Diesem elenden und doch gegen sie finstern, trockenen, ja zuweilen tyrannischen Mann angehören zu müssen, empörte sie; aus der Verachtung wurde Abscheu, aus dem Abscheu Haß. Ihr Bruder Carlier war Offizier bei der Garde; er führte einen Kameraden, den Kapitän de Mongeorge, im Hause seiner Schwester ein, einen jungen Mann, der alle Eigenschaften besaß, das Herz einer lebenslustigen Frau zu gewinnen. Es bedurfte kaum des Vergleichs zwischen ihrem mürrischen Manne und diesem liebenswürdigen Offizier, um sie ganz für den letztern einzunehmen. Ihre Neigung ging in eine rasende Leidenschaftlichkeit über, welche sie vor ihrem Ehemanne zu verbergen kaum für nötig hielt. Dieser aber hielt es für nötig, eifersüchtig zu sein oder wenigstens zu scheinen. Das vermehrte nicht den Frieden, sondern steigerte den Haß. Der erste Fehltritt blieb nicht der letzte. In ihrem Sinne sich aller Pflichten gegen den verächtlichen Gatten entbunden haltend, ließ sie ihrer wilden Leidenschaftlichkeit, ihrem heißen Blute Zaum und Zügel schießen. Sie haßte nur den Parlamentsrat und liebte nur den Kapitän, aber sie verschenkte ihre Gunst, wohin ihre wollüstige Laune sie trieb. Den einzigen moralischen Unterschied zwischen ihr und einer Messalina setzt Pitaval darin, daß die Pariserin doch den äußern Schein des Anstandes beobachtete und trotz ihrer zügellosen Ausgelassenheit doch ihren ersten Liebhaber mit einer Herzlichkeit und Aufrichtigkeit liebte, welche ihn – was freilich schwer zu glauben ist – zur Hochachtung vor ihrer edleren Natur zwang. Der Parlamentsrat wurde von seinen Gläubigern gedrängt, eine erwünschte Gelegenheit für seine Frau, auf Absonderung ihres Vermögens von dem seinigen anzutragen. Dies war so viel als eine förmliche Kriegserklärung. Herr Tiquet glaubte, nunmehr keine Rücksicht zu haben, seine Frau zu schonen. Er trat als Ankläger wider sie auf. Ganz öffentlich, vor seinen Bekannten, bezichtigte er sie der schändlichsten Untreue und beschwerte sich zumal über ihr offenkundiges Verhältnis zum Kapitän de Mongeorge. Ja er ging so weit, in einer Bittschrift seine Not vor den Thron zu bringen. Er erwirkte auch eine königliche Kabinettsordre, die ihn ermächtigte, das schamlose Weib zur Verhütung weiterer Schande einsperren zu lassen. Wie sonderbar nach unsern Begriffen dieses Mittel an sich schon ist, so machte er, in unserm Sinne, einen noch seltsamern Gebrauch davon. Er trat in das Zimmer seiner Frau und hielt ihr mit drohender Miene die königliche Ordre hin. Entweder hoffte er, sie werde in sich gehen und ihren Lebenswandel bessern, oder doch wenigstens aus Furcht vor dem Verlust ihrer Freiheit sich bewogen fühlen, ihre Klage auf Vermögensabsonderung zurückzunehmen. Er hatte sich getäuscht. Madame Tiquet, als sie es hörte, sprang auf ihn los, riß ihm die Ordre aus den Händen und warf sie, trotz des königlichen Siegels, in das Kaminfeuer. Eine solche Ordre war nur mit Mühe zu erlangen. Der Parlamentsrat suchte zwar um eine zweite Ausfertigung nach, aber man verlachte ihn, und er hielt es nun für das Geratenste, davon abzustehen. Die Vorgänge konnten nicht dazu dienen, ihr gegenseitiges Verhältnis zu bessern. Dem Antrage der Frau war von den Gerichten stattgegeben worden. Das Vermögen der Eheleute war gesondert worden, und sie lebten, zwar in demselben Hause und an demselben Tische, doch in verschiedenen Zimmern und in sonst völlig getrennter Haushaltung. Während dreier Jahre erfolgten, bei gegenseitiger Abneigung, wenigstens keine öffentlichen Auftritte. Aber die Art und Weise, wie der Parlamentsrat die wenigen Stunden, in denen er täglich seine Frau sah, benutzte, diente nur dazu, täglich ihrem Hasse neue Nahrung zu geben. Er eiferte, murrte, predigte, schimpfte und schalt, für den Erfolg zu spät nach dem Vorangegangenen und mit unkluger Berechnung ihres leidenschaftlichen Charakters. Der Wunsch, sich des verdrießlichen Gatten zu entledigen, faßte Wurzel, bis er zum festen Entschlusse ward. Sittenloser in ihrem Wandel als Donna Maria de Mendieta, soll sie doch dabei, wenn man es so nennen darf, ein sittliches Ziel vor Augen gehabt haben. Sie wünschte, sich mit ihrem geliebten Mongeorge zu verheiraten. Madame Tiquel vertraute sich zuerst dem Portier ihres Hauses, Jacques Moura. Sie hatte ihn durch Geschenke und, hieß es, durch Gunstbezeigungen völlig in ihr Interesse gezogen. Dieser zog einen Lohnlakaien, August Catelain, hinzu, der sich derselben Belohnungen im voraus erfreute. Dies waren aber noch nicht genug Teilnehmer. Beide gewannen für ihren Zweck noch einen Gardisten, Claudius Desmarques, zwei Bediente des Hauses, Philipp Complet und Claudius Roussel, die beiden Kammerjungfern der Madame Tiquet, Jeanne Lammirant und Marie Lafort, einen verarmten Adeligen, Jean Desmarques, den Kutscher des Hauses, Jean Loiseau, und noch einige Soldaten und Taugenichtse! So furchtbar diese Verschwörung klingt, so erfolglos ging sie vorüber. Der Parlamentsrat sollte an einem Abende, wenn er nach Hause kam, auf der Straße überfallen und niedergeschossen werden; aber er ging unbemerkt an den Banditen vorüber. Madame Tiquet schien dies als einen Fingerzeig anzunehmen, von dem Vorsatz einstweilen abzustehen. Sie ließ den Verschworenen sagen, sie möchten sich nicht weiter bemühen. Ihren Vertrauten aber schärfte sie unverbrüchliches Geheimhalten ein und belohnte sie noch außerdem für das Versprechen, die Sache mit in ihr Grab zu nehmen. Unbegreiflich erscheint es, daß nach dem Vorangegangenen noch die Eifersucht des Ehegatten gewachsen sein soll. Wir wollen annehmen, daß es ihm jetzt nur noch darum zu tun war, das öffentliche Ärgernis zu vermeiden. Deshalb verbot er dem Portier, den Kapitän Mongeorge ins Haus zu lassen. Aber der Portier war nicht seine, sondern die Kreatur seiner Gattin. Der Kapitän kam nach wie vor ins Haus. Der Parlamentsrat jagte den Portier fort und bewachte selbst das Haus. Bei Anbruch der Nacht verschloß er eigenhändig die Haustür, ließ selbst ein und aus, steckte den Schlüssel zu sich, wenn er fortging, und legte ihn des Nachts unter sein Kopfkissen. Aber die Vorsicht war, wie sich denken läßt, eine törichte. Der Kapitän schlich nach wie vor zu seiner Geliebten, und diese sann nach wie vor auf Pläne, den verhaßten Mann aus der Welt zu schaffen. Ihre Absicht war nur, das erste Attentat vergessen zu machen und die Erinnerung daran auch im Gedächtnis der leichtsinnigen Teilnehmer ersterben zu lassen. Deshalb wartete sie lange Zeit. Zugleich hatte sie die Moral aus dem Vorfall gezogen, daß, wenn man ein Verbrechen begehen will, man so wenig Mitwisser und Gehilfen als möglich zuziehen müsse. Sie wollte nun allein das Werk übernehmen. Nur der ehemalige Portier Moura war noch in ihrem Vertrauen. Durch seine Vermittlung verschaffte sie sich Gift. Ihr Gatte befand sich eines Tages unwohl. Sie schickte ihm durch seinen Kammerdiener eine Suppe. Der Diener aber schöpfte Argwohn. Er stolperte absichtlich, als er die Suppe überbringen sollte, und ließ den Napf fallen. Auf der Stelle forderte er seinen Abschied, erzählte aber, sobald er außer Dienst war, öffentlich den Vorfall. Madame Tiquet gab um deswillen ihren Vorsatz nicht auf. Sie kehrte nun wieder zu ihrem Entschlusse zurück, ihren Mann ermorden zu lassen. Drei Jahre nach dem Mordversuche fand ein glücklicherer statt, der zur Untersuchung führte, und man teilt uns über die Indizien, welche zum Beweise führten, folgendes mit. An dem Tage des Mordanfalls kam Madame Tiquet zu der als Schriftstellerin ihrer Zeit bekannten Gräfin d'Aulnoy, wo sich die beste Gesellschaft von Paris versammelte. Man fand, daß Madame Tiquet ungewöhnlich zerstreut und unruhig sei. Einige der Anwesenden fragten sie, was ihr fehle. – »Ich bin eben zwei Stunden in Gesellschaft des Teufels gewesen.« – Da die Wirtin bemerkte, daß das sehr schlechte Gesellschaft sei, erwiderte Madame Tiquet, sie verstehe unter dem Teufel eine der berüchtigten Wahrsagerinnen, welche damals in Paris viel Aufsehen erregten und zum Modezeitvertreib der höhern Gesellschaft gehörten. Auf die Frage, was sie ihr denn prophezeit hätte, antwortete Madame Tiquet: »Lauter Gutes. Ich würde in zwei Monaten über alle meine Feinde siegen und über ihre Bosheit und Verredungen hinaus sein. Indessen«, fügte sie hinzu, »mögen Sie denken, daß ich darauf eben nicht baue; denn solange mein Mann lebt, werde ich niemals ruhig sein können, und er befindet sich zu wohl, als daß meine Wünsche so schnell in Erfüllung gehen könnten.« Am Abende dieses Tages war die Gräfin Semonville bei Madame Tiquet. Nach ihrem Zeugnisse war durchaus keine Unruhe und Zerstreuung an ihr zu bemerken. Aber die Gräfin ward selbst unruhig, weil der Parlamentsrat noch immer nicht nach Hause kam. Er war zum Besuch bei seiner Nachbarin, der Frau von Villemur. Nicht daß sie sich nach seiner Person gesehnt oder eine Bangigkeit für ihn empfunden hätte; es war nur auf ein kleines Spiel der Bosheit abgesehen. Seine häuslichen Verhältnisse waren ihr bekannt, und daß er selbst den Portier machte. Sie wollte sich still im Zimmer verhalten, bis er nach Hause gekommen und sich zu Bette gelegt hätte. Dann wollte sie aufbrechen und ihn zwingen, seine Ruhe zu verlassen, sich anzukleiden und ihr die Haustüre zu öffnen. Allein er blieb länger als gewöhnlich; sie ward ungeduldig und ging, ohne ihn zu erwarten. Auch die Bedienten wurden schon ungeduldig über das ungewöhnliche Ausbleiben ihres Herrn, als jetzt auf der Straße einige Pistolenschüsse fielen. Man stürzte hinaus. Unfern vom Hause lag der Parlamentsrat in seinem Blute schwimmend. Die Mörder waren entflohen. Aber er war nicht tot, auch seine Besinnung kam ihm wieder, und als man ihn aufhob, erklärte er, man solle ihn nicht in sein Haus, sondern in das seiner Freundin, der Frau von Villemur, tragen. Bei der Besichtigung fand man fünf Wunden; indessen war keine tödlich. Die gefährlichste war nahe am Herzen. Der Wundarzt erklärte, das Herz müsse durch den plötzlichen Schrecken sich im Augenblicke, wo der Schuß eindrang, so zusammengezogen haben, daß es nicht seinen ganzen, natürlichen Raum ausgefüllt hätte. Ohne dies hatte es getroffen werden müssen. Die vorläufige Untersuchung ward sofort eröffnet. Der Kommissär des Viertels fragte den Verwundeten, ob er Feinde hätte, und wer diese waren. Er antwortete mit fester Stimme: »Ich habe keinen Feind als meine Frau.« Diese Antwort verstärkte den Verdacht, und es ward in der Stille die gerichtliche Untersuchung gegen Madame Tiquet vorbereitet. Diese selbst, im vollen Bewußtsein des Ungewitters, das über sie aufzog, bereitete sich dagegen zu der Entschlossenheit vor, mit der sie ihm begegnen und durch kluges Benehmen es von sich abwälzen wollte. Die Kunde von der Mordtat war wie ein Lauffeuer durch Paris gegangen. Schon am nächsten Morgen wußte sie jeder, und die Frau wurde als Mörderin genannt. Dessenungeachtet besuchte sie an diesem Tage ihre Freundin, die Gräfin d'Aulnoy, wo abermals eine zahlreiche Gesellschaft versammelt war. Sie wollte zeigen, daß sie vor dem Gerede sich nicht fürchte, aber zugleich erfahren, was im Publikum geredet würde. Alle, die in der Gesellschaft anwesend waren, bezeugen, daß man ihrem Betragen, ihren Gesprächen nichts angemerkt, was Anlaß zum Verdacht hätte geben können. Sie war freilich nicht so heiter und witzig als sonst, aber es waren nur die Zeichen des stillen Kummers, der jede Frau in ihrer Lage, auch wenn sie noch so unschuldig war, drücken mußte. Die vollkommenste Schauspielerin hätte ihre Rolle nicht feiner und geschickter durchführen können. – Die Gräfin d'Aulnoy warf hin, Herr Tiquet kenne wohl seine Mörder nicht. Sie erwiderte mit bedeutungsvoll niedergeschlagenem Blicke: »Ach, und wenn er sie kennte, er würde sie nicht nennen. Ich bin das Opfer, das man ermorden will.« Kaum nach Hause gekommen, erhielt Madame Tiquet die Nachricht unter der Hand, man werde unfehlbar zu ihrer Verhaftung schreiten. Das einzige Mittel, das ihr bliebe, sei die Flucht. Sie floh nicht. Durch acht Tage wiederholten sich diese Warnungen eines unbekannten Freundes. Sie blieb. Am achten Tage trat hastig ein Theatinermönch in ihr Zimmer; er erklärte ihr, sie habe keinen Augenblick zu zögern, wenn sie nicht arretiert werden wolle. Er zog unter seiner Kutte ein anderes Theatinerhabit hervor und drang in sie, es anzulegen. Im Hofe stehe eine Sänfte bereit. Die Träger wären schon angewiesen, sie an einen Ort zu bringen, wo bereits eine Postkutsche für sie angespannt stehe. Sichere Leute würden sie nach Calais und von da nach England bringen. Madame Tiquet erklärte mit Ruhe, nur ein Verbrecher habe nötig zu fliehen. Sie fühle sich durch ihre Unschuld hinlänglich geschützt und fürchte daher keine Drohungen. Sie wisse zu gut, daß all das ehrenrührige Gerede und die Drohungen wider sie nur aus einer Quelle herstammten. Ihr unseliger Mann sei es, der ihren Ruf untergraben und sie des schwärzesten Verbrechens beschuldigt habe; er werde es also auch wohl sein, der ihr diese neue Schlinge lege. Es sei freilich in seinem Interesse, sie durch falschen Lärm aus Frankreich zu treiben, um dann desto leichter Herr ihres Vermögens zu werden. Sie dankte dem Mönche und bat ihn, sich nicht weiter um ihre Sicherheit zu bemühen. Wirklich hatte es den Anschein, als sei dieser Besuch des Theatiners nur ein Manöver gewesen. Die Gerichtsdiener klopften nicht an, und der ganze Tag verging ruhig. Am folgenden erhielt sie wieder einen Besuch der Gräfin Semonville, die einige Stunden bei ihr verplauderte. Als diese endlich fortgehen wollte, bat sie sie dringend, ihr noch etwas Gesellschaft zu leisten, denn sie ahne, daß man in den nächsten Augenblicken kommen und sie verhaften werde, da möchte sie doch nicht gern mit dem Lumpengesindel allein sein. Kaum hatte sie ausgesprochen, als auch schon die Tür aufging und der Kriminalleutnant Deffita mit vielen Gerichtsdienern eintrat, um sie im Namen des Königs zu verhaften. Sie trat ihm dreist entgegen und redete ihn, mit kaltem Hohne auf seine Begleiter blickend, an: »Wahrhaftig, mein Herr, Sie hätten sich die Mühe ersparen können, sich von dem Troß begleiten zu lassen. Ich beteure Ihnen, mir kommt es nicht in den Sinn, durchzugehen, und ich wäre Ihnen auch dann ohne Einrede gefolgt, wenn Sie mich allein mit Ihrem Besuche beehrt hätten.« Mit der vollkommensten Ruhe verlangte sie, daß man ihre Zimmer versiegle, damit ihre Möbel nicht zu Schaden kämen, umarmte zärtlich ihren neunjährigen Sohn, den sie sehr liebte, schenkte ihm Geld, daß er sich ein Vergnügen mache, bat ihn, die Sache sich nicht so zu Herzen gehen zu lassen, die Sache wäre nicht so schlimm, und die Mutter werde bald wiederkommen. Dann empfahl sie sich, wie man aus einer Gesellschaft geht, von der Gräfin Semonville und stieg mit Herrn Deffita in die Kutsche, »als wäre es eine Partie in die Komödie.« Unterwegs begegnete ihr eine Bekannte. Sie grüßte sie und nickte ihr freundlich aus dem Wagen zu, wie in vollkommenster Heiterkeit der Seele. Erst beim Anblick der grauen Mauern und Türme des Petit Chatelet wich ihre Heiterkeit der Bestürzung, ohne daß sie doch aus ihrem Charakter fiel. Nachdem sie in das Grand Chatelet gebracht worden war, wurde der Prozeß mit großem Eifer gegen sie instruiert. Von diesem ist uns wenig mitgeteilt, was bei ihrem spätem Bekenntnis vor der Hinrichtung auch für das Resultat unserer Beurteilung von minderer Wichtigkeit ist. Sie leugnete standhaft und behielt in allen Verhören, unter allen Drohungen ihre Kaltblütigkeit und den entschlossenen Geist, der so viele Verbrecherinnen aus jener Zeit charakterisiert. Der Ausspruch des Gerichts wäre sehr zweifelhaft geblieben, wenn sich nicht unerwartet jener Lohnlakai August Catelain als freiwilliger Zeuge gemeldet hätte. Entweder dünkte er sich schlecht für sein Schweigen bezahlt, oder das Gewissen hatte ihn gerührt, oder der Bandit war in seiner Ehre verletzt, daß man ihn zum ersten Mordanfall gedungen, bei dem zweiten glücklicheren aber aus dem Spiele gelassen hatte; genug, er legte ein vollständiges Zeugnis hinsichtlich des ersten Komplottes ab, zu dem er durch den Portier Moura gedungen worden war. Man spürte nun auch nach diesem und fing ihn ein. Die Gegenüberstellung beider mit Madame Tiquet führte zwar zu keinem Resultate, auch fehlten hinlängliche Beweise wegen des letzten mörderischen Anfalls, dahingegen erschien den Richtern der Beweis wegen des vor drei Jahren verunglückten Komplotts gegen den Parlamentsrat Tiquet vollkommen geführt. Das Urteil des Chatelet vom 3. Juni 1699 lautete, daß Angelique Carlier, verehelichte Tiquet, und der ehemalige Portier Jacques Moura als überwiesen zu erachten, miteinander verabredet und den Vorsatz gefaßt zu haben, den Parlamentsrat Tiquet durch gedungene Banditen ermorden zu lassen, daß Angelique Carlier demnächst, den Gesetzen gemäß, auf dem Grèveplatz enthauptet und Moura daselbst gehangen werden solle. Ihr gesamtes Vermögen solle eingezogen werden und demjenigen zufallen, dem es nach den Gesetzen gehöre; doch auf den Fall, daß besagtes Vermögen nicht dem König zufiele, sollten hunderttausend Livres für den König und hunderttausend Livres als Entschädigung für Herrn Tiquet abgezogen werden, von welcher Summe er zeitlebens die Nutznießung haben, seinen beiden Kindern aber das Eigentumsrecht bleiben solle. Demnächst wurden beide Delinquenten verurteilt, auf die Folter gebracht zu werden, um ihre Mitschuldigen anzugeben. Der Prozeß gegen diese, zum Teil Flüchtigen, solle aber bis nach Hinrichtung der zwei Hauptverbrecher Anstand finden. Kriminalurteile der französischen Gerichte, auf eine bestimmte Anklage gefällt, erkannten damals nicht allein zugleich mit der Strafe über die Zivilansprüche der Kläger, sondern in der Regel auch über die Einziehung des Vermögens der Verklagten. Es ward alsdann als eine Gnadensache betrachtet, die auf dem Wege des Petitionsverfahrens zu betreiben war, da die natürlichen Erben oder Angehörigen der Gerichteten das Vermögen für sich in Anspruch zu nehmen sich für berechtigt hielten. Doch mochten auch die Ankläger, wenn sie sich durch das Urteil beeinträchtigt hielten, appellieren. Herr Tiquet appellierte an das Parlament, weil ihm nur die Nutznießung der hunderttausend Livres zuerkannt war, und verlangte noch zwanzigtausend Livres eigentümlich als Entschädigung (für seine Ehre oder seine Wunden). Das Erkenntnis des Parlaments bestätigte hinsichtlich der Strafe das Urteil des Gerichtshofs vom Chatelet, erkannte aber dem Appellanten die geforderte Entschädigung zu. Diese schmutzige Geldepisode mitten in dem ernsten Drama, dessen blutige Katastrophe noch bevorstand, erregte selbst in Paris, wo man auch damals über diese Angelegenheiten leichter dachte, Unwillen. Herr Tiquet, von seinen Wunden genesen, warf sich mit seinem Sohne und seiner Tochter dem Könige in Versailles zu Füßen und bat um Begnadigung für die Mutter seiner Kinder. Als ihm die Bitte abgeschlagen wurde, bat er noch in demselben Atem wenigstens darum, daß ihm das ganze eingezogene Vermögen seiner Frau zufallen möge. Ludwig der XIV. bewilligte zwar die letzte Bitte, bemerkte aber zu seiner Umgebung, Tiquet habe durch die zweite Bitte alles Verdienstliche der ersten selbst wieder ausgetilgt. Ernstlicher als ihr Ehemann bemühten sich ihr Bruder, der Kapitän, und Herr von Mongeorge und setzten alles in Bewegung, um ihrer Schwester und Geliebten das Leben zu erhalten. Ohne den damaligen Erzbischof von Paris, Ludwig Anton von Noailles, einen der würdigsten und achtbarsten Prälaten, hätte der König vielleicht den vielfachen Verwendungen für die schöne Frau ein geneigtes Ohr geliehen. Aber der Erzbischof stellte dem Monarchen das Gefährliche einer solchen Begnadigung vor: die Beichtväter hörten ohnedies in Paris fast nichts als Bekenntnisse galanter Frauen, die ihren Männern nach dem Leben getrachtet hätten. Wenn auch diese offenkundige Freveltat unbestraft bleibe, würde kein Ehemann seines Lebens sicher sein. Die Publikation des unwiderruflichen Endurteils sollte mit der Hinrichtung an einem und demselben Tage erfolgen. Die Gerüste für die Zuschauer waren schon auf dem Grèveplatz gezimmert, denn halb Paris drängte sich, die Hinrichtung der berühmten, schönen Frau zu sehen. Sie wurde morgens um fünf Uhr in die Marterkammer geführt. Noch wußte sie nichts vom Urteile des Parlaments. Sie fragte auf dem Wege, ob denn ihre Sache nicht bald zu Ende kommen würde. – »Bald genug«, antworteten ihre Führer. Pitaval berichtet uns eine Szene von tragisch-dramatischem Interesse. Seine Darstellung verwischt zwar wieder etwas davon; ein französischer Romantiker möchte leicht einen jener haarsträubenden Auftritte, die unser Gefühl zerreißen, daraus entwerfen, aber sie hat schon in der einfachen Andeutung der Situation des Herzzerreißenden genug. Der Kriminalleutnant erwartete die Verbrecherin in der Marterkammer, er hieß sie niederknien, wie es die Ordnung gebietet, und so das Arrêt anhören, das ihr der Aktuar vorlas. Kaltblütig, ohne sich zu verfärben, fast regungslos hörte sie das Urteil, als ginge es sie nichts an. Das Urteil machte es eben auch nötig, daß dieselbe obrigkeitliche Person der Verurteilten eine Ermahnungs- und Strafrede hielt, welche nach unsern Ansichten, wenn es so weit gekommen, nicht mehr den weltlichen Behörden obliegt, denn der Verbrecher hat mit dieser Welt abgeschlossen, sondern allein denen, welche ihn auf eine andere Welt vorbereiten sollen. Der Kriminalleutnant malte ihr in pathetischen Bildern den Unterschied des Sonst und Jetzt, jene freudenvollen Tage, verlebt in Schönheit, Jugendlust und Überfluß an alledem, was das Herz erfreut und die Sinne kitzelt, und diese Tage des Schreckens, die in wenigen Stunden drohende schimpfliche Todesstrafe. Er bat sie dringend, von der kurzen Zeit, die sie noch zu leben hätte, Gebrauch zu machen und, offen bekennend, sich und ihm die Schmerzen zu ersparen, wenn er sie auf die Folter bringen lasse. Er hatte sich getäuscht, wenn er bei ihr auf die Wirkung rechnete, welche der Auftritt auf ihn selbst machte. Sie antwortete ihm, den Kopf stolz erhebend: »Sie haben recht. Der heutige Tag ist sehr verschieden von denen, die ich erlebt habe. Heute liege ich vor Ihnen auf den Knien; damals lagen Sie vor mir. Das waren allerdings schöne Tage. Aber über diese Erinnerung bin ich hinweg. So wenig fürchte ich mich vor dem Augenblick, der mein trauriges Leben zu Ende bringt, daß ich ihn vielmehr als die Erlösung von all meinem Unglück ersehne. Ich hoffe, das Schafott mit eben der Sündhaftigkeit zu besteigen, als ich in den Verhören und jetzt beim Urteil gezeigt habe. Auch die Furcht vor Ihren Martern soll mir kein Geständnis eines Verbrechens entreißen, das ich nicht begangen habe.« Der Polizeibeamte hatte zu den Verehrern, und man darf annehmen, zu den begünstigten Verehrern der schönen Frau gehört. Heute war er verurteilt, sie auf die Folter zu spannen und Zeuge ihrer Qualen zu sein. Ihr war die Wassertortur, die Question à l'eau , zuerkannt. Diese bestand nach dem französischen Gerichtsgebrauch in folgender Prozedur: Die Delinquentin, (denn in der Regel wurde sie bei den Frauen angewandt) ward entkleidet. Man setzte sie auf eine Bank und fesselte sie mit Händen und Füßen an zwei in die Mauer der Marterkammer übereinander befestigte eiserne Ringe. Dann wurde ihr ein Trichter in den Mund gesteckt und Wasser in Fülle nach und nach in den Mund gegossen. Bei der ordentlichen Folter mußte die Delinquentin vier, bei der außerordentlichen acht volle Maß auf diese Weise verschlucken. Gewöhnlich waren danach die Delinquentinnen so erschöpft, daß man sie auf eine Matratze und im Winter ans Feuer legen und durch einige Gläser Wein wieder ins Leben rufen mußte, damit das Urteil an ihnen vollstreckt werden könne, was in der Regel fünf oder sechs Stunden nachher erfolgte. Madame Tiquet war schon von den Qualen, die ihrem Leibe das erste Maß Wasser verursachte, überwältigt. Sie bat, sie mit dem zweiten zu verschonen, und bekannte alles. Auf Befragen, ob der Kapitän Mongeorge an ihren mörderischen Anschlägen teilgehabt, antwortete sie entschieden: »Ich hütete mich wohl, ihm etwas davon zu entdecken; denn es hätte mich augenblicklich seiner Achtung, und auf immer, beraubt.« Die geistlichen Tröstungen durch den Pfarrer von St. Sulpice empfing sie anscheinend mit allen Anzeichen christlicher Gesinnung. Ihr letzter Auftrag an ihn war, daß er ihren Gatten in ihrem Namen um Verzeihung bitten möge. Keine Hinrichtung unter Ludwig XIV., selbst nicht die der berühmten Giftmischerin Brinvilliers, hat so viel Zuschauer in Paris angelockt. Die Fenster nach dem Grèveplatz waren zu teuern Preisen vermietet, die Dächer waren mit Schaulustigen bedeckt, die Straßen, durch welche der Zug ging, waren so gedrängt voll, daß mehrere Personen erdrückt wurden. Madame Tiquet war nie schöner als in dem weißen Kleide an ihrem Hinrichtungstage. Als die Blicke der vielen Tausende starr auf sie fielen, zog sie die Haube tief ins Gesicht und beugte den Kopf zur Brust. Ihre Frechheit war verschwunden. Aber als der Pfarrer von St. Sulpice ihren sinkenden Mut durch seinen geistlichen Zuspruch wieder gestärkt, richtete sie sich abermals in die Höhe, schob die Haube zurück und blickte auf die Pariser mit unbefangenem, ruhigem Blicke, aus dem aber alle Herausforderung und aller Hohn fort waren. Der Portier saß ihr gegenüber auf demselben Wagen. Sie bat ihn, ihr zu verzeihen, daß er durch ihre Schuld denselben Weg mit ihr fahre. Abends um fünf Uhr kam sie auf dem Grèveplatz an. Ein Aufschub kam vom Himmel herab. Es goß in Strömen, die Bretter des Schafotts wurden so schlüpfrig, daß der Scharfrichter nicht mit Sicherheit darauf stehen konnte. Zur Verschärfung ihrer Qual mußte die feine Frau lange Zeit, bis die Wolken sich verteilten, in ihrem leichten Kleide, im Angesichte aller, in den Wolkengüssen, die ihre zarte Haut verwundeten, auf dem Karren aushalten. Sie mußte alle Zubereitungen sehen, die sonst der Angstschleier, welcher sich um die letzten Blicke des Verurteilten hüllt, denselben verbirgt. Auch die schwarze Kutsche, mit ihren eigenen Pferden bespannt, die ihre Leiche fortführen sollte, auch die Hinrichtung des Portiers Moura, die vor ihren Augen erfolgte, erschütterten sie nicht. Sie reichte dem Scharfrichter die Hand, sie aufs Schafott zu führen, küßte oben das Beil, strich ihre Haare zurück und setzte das Kopfzeug fest, und alles mit einem Anstande und einer raschen Gewandtheit, welche die Pariser entzückten. Mit derselben Anmut kniete sie nieder, entblößte den Hals und legte den Kopf auf den Block. Die ungewöhnlichen Reize, die er erblickte, verwirrten sogar den Scharfrichter. Er mußte fünfmal zuhauen, ehe er den Kopf vom Rumpfe trennen konnte. Der Kopf der Ehebrecherin und Gattenmörderin blieb einige Zeit auf dem Schafott ausgestellt. War die Absicht dabei, Entsetzen und Abscheu vor der Tat zu erwecken, so war sie verfehlt. Die Pariser konnten sich an dem schönen Kopf nicht satt sehen. Die Züge sollen nicht im geringsten verändert gewesen sein; ja man fand sogar, daß die lebendige Tiquet nie so schön ausgesehen habe. Und doch war es der abgeschlagene blutlose Kopf einer Frau von zweiundvierzig Jahren. Ihr Gatte tröstete sich, indem er den Körper der Entseelten mit allen Ehren bestatten ließ und ihr Vermögen für sich einzog. Die Pariser trösteten sich durch lebhafte Teilnahme an dem Schicksale des unglücklichen Geliebten der Madame Tiquet. Kapitän Mongeorge irrte einsam im Park von Versailles während der Hinrichtung umher. Weder der Zuspruch des Königs, noch die Teilnahme der ganzen Stadt an seinen Seelenschmerzen konnten durch acht Monate seinen Kummer lindern, während deren er eine Reise ins Ausland zu seiner Zerstreuung vornehmen mußte, begleitet vom Mitgefühl und der Hochachtung der Pariser feinen Gesellschaft. So starb Angelique Carlier auf dem Schafott. Ihr Tod war noch lange Zeit ein Gegenstand so der allgemeinen Rührung, als ihre Hinrichtung ein Schauspiel voll des pikantesten Interesses gewesen war. Die Spanier durchrieselte ein Entsetzen, als Donna Maria de Mendieta ihre sündige Lust auf der Garotta büßte, und der Mord des Castillo klang noch lange als ein grauenvolles Ereignis in das Ohr des Kastilianers. Beim Gedächtnis an die Tiquet flüsterten die Damen von Paris ein: »Schade um die schöne Frau!«, und ein Lächeln schwebte um die Lippen, wenn des Parlamentsrats Tiquet erwähnt wurde. Der Lohnlakai August Catelain, der sich freiwillig angegeben, kam mit lebenslänglicher Galeerenstrafe davon. Von den übrigen Teilnehmern wurden einige vorläufig, andere völlig freigesprochen. John Sheppard 1724 Der kühnste Dieb, den London je gesehen hat, war Jac Sheppard. Sein Lebenslauf war kurz; erst zweiundzwanzig Jahre alt, hatte er ihn 1724 schon vollendet: aber sein Angedenken ist von längerer Dauer; es lebt noch heute im Volke, in der Kriminalistik und in der Literatur. Für uns besonders hat er Bedeutung als Repräsentant einer großen Gaunerklasse der englischen Hauptstadt; durch Geschick, Witz, Verwegenheit und ein seltenes Glück in den allergefährlichsten Fluchtversuchen erhob er sich schon im Knabenalter über seine Jahre und erwarb sich einen Namen, der der englischen Sittengeschichte angehört. Die Dichtung hat ihn in der Art behandelt, wie sie oft Räuber zu Helden erhob; unsere Aufgabe ist es, diesen geborgten Lustre abzustreifen und die Wirklichkeit, welche aus den erhaltenen Aktenstücken sehr deutlich erhellt, wieder herzustellen. Auch da bleibt noch genug Ungewöhnliches übrig, und das natürliche Bedauern stellt sich ein, daß solche außerordentliche Kraft keine Wege fand, sich für das Gemeinwohl zu äußern. Alle seine Diebstähle, Einbrüche, Straßenüberfälle aufzuzählen, liegt außer unserm Zweck; seine Bedeutung erhält er erst durch sein Ende, zu dem wir deshalb in möglichster Kürze hinübereilen wollen. Am Strande wohnte ein wohlhabender Tuchhändler, William Kneebone. Im Sommer 1724 erhielt er die heimliche Warnung, daß gefährliche Diebe in seinen Laden einzubrechen beabsichtigten. Solche Warnungen kamen nicht selten vor, zuweilen waren es nur Mystifikationen, hinter denen sich andere Absichten verbargen, zuweilen verriet ein unzufriedener Spießgesell seine Gefährten. Kneebone traf seine Maßregeln. Er ließ seine Leute im Hause wachen, die verkappten Wächter gingen auf der Straße auf und ab. Es blieb still, die Diebe waren gewarnt. Dennoch glaubte gegen Morgen die Magd ein Geräusch an der Tür und die Worte zu hören: »Ist's heute nicht, so ist's ein andermal!«, und die Diebe liefen fort. Aber sie kamen, als man des Wachens überdrüssig war, nach vierzehn Tagen wieder. Am 13. Juni morgens fand Kneebone seinen Laden erbrochen. Zwei dicke Eichenstangen an der Hintertür waren durchschnitten, eine mit drei Riegeln und starkem Vorhängeschlosse verwahrte Tür war gesprengt, und außer andern Gegenständen von Wert war der größere Teil des Tuchvorrats ausgeräumt. Im Hause hatte niemand das geringste Geräusch gehört. Ein so kühner Diebstahl konnte so geschickt, so in der Stille nur von einem Diebe ausgeführt sein – von Jac Sheppard. Kneebone hatte noch andere Gründe, auf ihn zu raten. Er wandte sich an den berühmten Diebesfänger Jonathan Wild, der diesmal mit großer Bereitwilligkeit und Schnelle ans Werk ging, die bekannte Konkubine Sheppards, Edgeworth Beß, in einer Branntweinkneipe aufgriff und ihr mit Drohungen so hart zusetzte, bis sie den Aufenthalt ihres Geliebten verriet. Er ward schon am folgenden Tage von Jonathans Diener Quilt überrascht. Zu seinem Mißgeschick versagte die Pistole, welche er auf Quilts Brust abdrückte; er ward überwältigt und in den unterirdischen Kerker von New-Prison gesetzt, wo er schon am andern Tage nach seiner Verhaftung ein vollständiges Bekenntnis aller seiner Verbrechen ablegte. Ein großer Teil derselben war schon aus frühern Verhören bekannt; waren doch sein Leben und seine Taten bereits stadtkundig. John Sheppard (Jac genannt) war der Sohn rechtschaffener Eltern, 1702 geboren. Nachdem sein Vater, ein Zimmermann, früh gestorben war, suchte seine Mutter ihm und seinem altern Bruder Thomas eine möglichst gute Erziehung zu geben, hatte aber wenig Freude an beiden Söhnen. Ein Freund des verstorbenen Sheppard, derselbe Tuchhändler Kneebone, den er nachher bestahl, nahm sich Jacs an, er nahm ihn zuerst in seinem eigenen Hause auf, lehrte ihn selbst schreiben und rechnen und brachte ihn dann beim Zimmermeister Wood in die Lehre. Er führte sich hier zuerst gut auf, aber beim Besuch der Alehäuser geriet er in schlechte Gesellschaft, und die Liebschaft mit einer öffentlichen Dirne, Edgeworth Beß, verdarb ihn gänzlich. Indes liebte er diese verworfene Person mit einer fast ritterlichen Zuneigung und Aufopferung, was auf einen bessern Grundcharakter schließen ließe. Er fing an zu stehlen, nicht für sich, sondern für sie, und wenn er auch mit einer ganzen Schar anderer Geliebten später sein ausgelassenes Leben trieb, bewahrte er ihr doch eine Treue, die bis in den Tod dauerte. Er stahl und brach ein. Der Verdacht traf ihn, aber durch Keckheit und offenes Wesen wußte er ihn mehrmals zu entfernen. Mit seinem gutmütigen Lehrherrn, der ihn unter Tränen warnte, trieb er sein Spiel. Wenn dieser den Herumtreiber nachts ausschloß, fand er ihn zu seiner Verwunderung des Morgens ruhig in seinem Bette schlafen. Schon war ihm die Kunst, durch alle Türen zu dringen, eine Kleinigkeit. Endlich überwarfen sich beide ernstlich; der Meister war eines solchen Lehrlings, der sich sogar an öffentlichen Orten gegen ihn vergriff, wenn er ihn liebevoll zur Rede stellte und warnte, und er der väterlichen Zuchtrute und des regelmäßigen Lebens überdrüssig. Ein so kühner Gesell, von liebenswürdigem Äußern, von tollem Wagesinn, von geschickter Hand, ein ausgelernter Zimmermann, war den Gaunern, mit denen er nun Gemeinschaft schloß, Blueskin, Field, Doling, Sickes, ein willkommener Bruder. Gehörte doch sein eigener Bruder Thomas Sheppard schon zu dieser Bande, die einen Ruf in den Straßen und Tavernen hatte. Mit dem Oktober 1723 fing ihr gemeinschaftliches Geschäft an – also nur ein Jahr einer Tätigkeit, die ihm einen unsterblichen Namen verschaffte! Diese Gemeinschaftlichkeit hinderte übrigens nicht, daß nicht ein jeder auf seine Hand und für sich allein tätig war, ja daß nicht einer den andern bestahl und angab. Jac war indes immer der Großmütige, der freigebig fortschenkte und für sich den geringsten Anteil behielt. Einst brach er mit seinem Bruder in ein Wirtshaus ein, voraus bedungen war gleiche Teilung; da aber Thomas nachher ein verdrießliches Gesicht machte, überließ ihm Jac das Ganze. Züge der Art, als sie bekannt wurden, erhöhten seinen Ruf. Einen wahrhaft ritterlichen Anstrich gewann er aber, und er ward der erkorene Liebling aller Dirnen der Straße, als er einst seine Beß, die eingesperrt worden war, mit Gewalt befreite, indem er den Büttel niederschlug und die Gefängnistür sprengte. Tom Sheppard vergalt später seinem Bruder jene Großmut in schlimmer Weise. Nach einem andern gemeinschaftlichen Einbruch ergriffen, verriet er in der Hoffnung, als Königszeuge zugelassen zu werden, den Bruder. Jac entwich, aber ein anderer Bundesgenosse, James Sikes, überlieferte ihn, während er ihn als Gast zum Trinken eingeladen hatte, den Konstablern. Solcher Verrätereien hat Jac sich nie schuldig gemacht. In das Rundhaus von St. Giles gesperrt, zwei Stock hoch, machte er seinen ersten, glücklichen Versuch zu entfliehen. Nur mit seinem Rasiermesser und dem Eisen versehen, das er aus einem Stuhl entnommen hatte, brach er durch die Giebelwand und ließ sich an dem mit den Bettdecken zusammengeknüpften Bettuche in den Kirchhof hinunter. Innerhalb zwei Stunden war er als Gefangener eingebracht und schon entflohen. Später wegen eines leichten Vergehens – sein Gefährte wollte an einem schönen Maiabend einem Gentleman die Uhr ausziehen und entfloh, als der Gentleman »Diebe!« rief, und Jac wurde ergriffen – in das Rundhaus von St. Anna gebracht, erhielt er einen Besuch seiner geliebten Beß. Da auch sie verdächtig war und man beide für Mann und Frau hielt, wurden sie zusammen nach New Prison gebracht und dort eingesperrt. Man vergönnte ihnen, Freunde zu empfangen, die ihn heimlich mit allen Werkzeugen, die zur Flucht nötig sind, versahen. Es war seine zweite, gefährlichere Flucht. Beide lagen in dem festesten Gefängniszimmer, Sheppard in Ketten und Schlössern von vierzehn Pfund Gewicht. Aber schon fünf Tage nach seiner Gefangennehmung, am 25. Mai, es war der Pfingstmontag, hatte er seine Ketten durchgefeilt. Er brach durch die Mauer, und mit ungewöhnlicher Kraft und großem Geschick löste er eine Eisenstange und zugleich einen neun Zoll dicken Querbalken, welche das Fenster von außen barrikadierten. Aber die Tiefe bis zum Boden betrug noch fünfundzwanzig Fuß. Auch hier wurden Bettuch und Bettdecke zusammengeknüpft, an eine der noch festen Eisenstangen befestigt, und Beß mußte zuerst hinunter. Sie war sehr wohlbeleibt, und die Öffnung schien zu schmal. Sie mußte Rock und Unterrock ablegen und zwängte sich mit großer Mühe hindurch. Als sie unten war, folgte ihr Sheppard. Hiermit war jedoch die Schwierigkeit noch nicht überwunden. Sie waren in den Hof des Gefängnisses von Newgate gestiegen, und eine Mauer von zweiundzwanzig Fuß Höhe trennte sie noch von der Straße. Glücklicherweise schlief hier alles, und er hatte seine Werkzeuge mitgenommen. Stangen und Holz lagen da, und die Bohrer in seiner Tasche wurden in Tätigkeit gesetzt, um eine Art Notleiter anzufertigen. Um zwei Uhr morgens war er an das Durchbrechen des Fensters gegangen, und noch ehe es hell ward, war er mit seiner Gefährtin über die Mauer geklettert und in Freiheit. Diese kühne Flucht allein hatte ihm in der Londoner Gaunerwelt unsterblichen Ruhm gebracht. Seine durchfeilten Ketten werden noch samt der Leiter in dem Gefängnis aufbewahrt. Er galt jetzt für einen so ausgezeichneten Genius, daß auch ältere schon berühmte Galgenvögel ( prig ) es sich zur Ehre rechneten und es für sehr vorteilhaft hielten, unter ihm zu dienen. Unter andern bewarb sich um diese Gunst ein gewisser Charles Grace, der als Grund anführte, er habe eine Geliebte, die außerordentlich viel brauche. Was er selbst stehlen könne, reiche gar nicht aus zu ihren Bedürfnissen. Jac nahm ihn ohne Umstände an, nicht, wie er sagte, weil er Grace (Gnade) bedürfe, sondern weil Grace seiner bedürfe. Grace und Sheppard ließen sich von dem Lehrling des Instrumentenmachers Carter, ihrem Genossen Lamb, in dessen Haus einführen und brachen in der dort befindlichen Wohnung eines wohlhabenden Schneidermeisters Barton mit großem Erfolg ein. Zu seinem Glücke hatte Barton in der Nacht sich bei einem Punschgelage gütlich getan und schlief so fest infolgedessen, daß er nichts von dem Einbrechen der Türen und Schränke im eigenen Zimmer, wo er schlief, hörte. Er war um ein Uhr in der Nacht nach Hause gekommen und hatte alles in Ordnung gefunden; um vier Uhr morgens weckte ihn seine Wirtin, und er fand alles leer und in Unordnung. Der Verdacht fiel sogleich auf den Lehrling Lamb. Verhaftet, gestand er bald; er ward zur Deportation verurteilt. Der liebenswürdige, witzige Jac Sheppard ward von jetzt ab auch als furchtbarer Mann betrachtet. Mit geladenem Pistol hatte er Grace neben das Bette des schlafenden Barton gesetzt mit dem Befehl, wenn derselbe erwache und schreie, ihm die Kugel durch den Kopf zu jagen. Die Beute war nicht unansehnlich; außerdem hatte Jac für sich eine sehr kostbare Kleidung mitgenommen, die er selbst für seinen Körper sich zurechtschnitt und -nähte, um dem großen Vergnügen nachzugehen, als Gentleman durch Londons Straßen zu spazieren. Mit seinen Genossen machte er im Sommer noch verschiedene Besuche in Häusern, hielt auch Kutschen und Spaziergänger an und wollte sich ausschütten vor Lachen, als der beraubte Attorney Pergitor vor der Jury einen seiner Gefährten als den, welcher ihn persönlich angegriffen habe, bezeichnete und ihn »einen großen, furchtbaren Kerl« nannte. »Meine kleine Person«, rühmte er sich in den Tavernen, »war der große, furchtbare Kerl, der ihn in den Graben stieß; aber die Furcht hat ihn mit einem Vergrößerungsglase sehen lassen.« Zwischen den Verbündeten ward ehrlich geteilt, so ehrlich als möglich, und wenn nicht das besondere Interesse des einen oder andern dies unmöglich machte. William Field übernahm in der Regel das Geschäft, Jac sagte, weil er zu feig war, selbst zu stehlen, und das Geschäft des Hehlers und Teilers eine ansehnliche Rente abwarf. Jac und Blueskin hatten für ihren Anteil sehr gute Geschäfte gemacht, es kam noch dazu der letzte Gewinn aus dem Einbruch bei Kneebone. Sie wollten ihre Güter nicht verschleudern und einen guten Markt abwarten. Sie mieteten deshalb einen Stall in Westminster zu ihrem Warenhause. Hier wurden auch die bei Kneebone gestohlenen Tücher niedergelegt. Aber Field schien diese Separatwirtschaft als eine Beeinträchtigung ihres Sozietätsvertrages anzusehen. Als sie ihn dahin führten, damit er die Waren besähe und sie ihnen zu gutem Preise für beide Teile abnehme, schwieg er. Die Waren fand er gut, aber den Preis zu hoch. In der Nacht darauf brach er in den Stall ein und stahl das Gestohlene. Field tat noch mehr, er war es, der Jac Sheppard bei Jonathan Wild angab. Ja noch mehr: er gab sich selbst fälschlich als Mitschuldigen beim Einbruch in Kneebones Warenlager an, um als Kronzeuge zugelassen zu werden, was auch geschah. Das hatte Jac Sheppard sich nicht im Traume einfallen lassen. »Er wußte von alledem nicht eine Sterbenssilbe vorher!« rief er erstaunt aus. »Erst am Tage darauf erzählte ich ihm alles, wie es hergegangen. Wie konnte ich nur träumen, daß der Schuft einen so schändlichen Gebrauch von meinem Vertrauen machen werde!« Und doch ward Jac Sheppard auf Grund dieses falschen Zeugnisses von der Jury im August 1724 schuldig befunden und zum Tode verurteilt. An der Wahrheit der Sheppardschen Beteuerung mochten seine Richter nicht zweifeln, und sein eigenes Bekenntnis bei der Verhaftnahme gegen Polizeibeamte und Privatleute – er hatte auch gegen seinen Wohltäter Kneebone reuig seine Verbrechen und seine Undankbarkeit eingestanden und die Schuld auf die Verführung böser Leute geschoben – konnte ihm nach den englischen Gesetzen wenig schaden, insofern er darauf vor Gericht sich als nicht schuldig erklärte. Aber die strengen Formen der Gesetze, durch deren Lücken der Schuldige so leicht schlüpft, machen solche Mittel notwendig. Wenn die Geschworenen die moralische Überzeugung hatten, daß ein falscher Zeuge vor ihnen auftrat, so hatten sie doch zugleich die moralische Überzeugung, daß Sheppard wirklich schuldig sei. Indessen verzögerte sich der Befehl zur Hinrichtung, weil der Hof sich gerade zu Windsor aufhielt. Die Zwischenzeit ließ Jac nicht unbenutzt. Er hatte mit seinen Mitgefangenen einen neuen Fluchtversuch verabredet. Wie schlecht die Gefangenenpolizei damals sein mußte, beweist der Umstand, daß die Gefangenen auch diesmal Besuche annehmen durften, daß selbst Jacs Konkubine, Edgeworth Beß, die inzwischen freigelassen worden war, Zutritt erhielt, und daß ihnen durch diese Personen alle möglichen Instrumente zugesteckt wurden. Indessen änderten Jacs Mitgefangene, Harman, Cranley und Davids, ihren Entschluß. Um das klägliche Leben, welches ihnen bevorstand, wollten sie ihre letzten Kräfte nicht zu einem so anstrengenden Wagestück mit wenig Aussicht hinopfern. Sie ergaben sich für ihre Person in ihr Schicksal, aber vermachten als treue Kameraden ihrem Leidensgenossen Sheppard ihre Sprengfedern, Feilen und Sägen mit ihrem besten Segen. Sie wurden an einem Freitag hingerichtet. Gleich nach ihrer Abführung machte Jac sich an die Arbeit. Er feilte den ganzen Freitag an seinen Ketten, auch am Sonnabend. Nur am Sonntag hielt er inne, nicht des Sabbats wegen, sondern weil es an dem Tage in Newgate zu lebhaft war. Am 30. August kam der königliche Befehl nach Newgate zur Hinrichtung John Sheppards und zweier anderer Verbrecher, Joseph Woods und Anthony Uptons. Der Tag war auf den nächsten Freitag angesetzt. Der Gefangenenwärter hielt eine eindringliche Ermahnung an Jac Sheppard, die wenigen Tage, die ihm noch geschenkt wären, wohl anzuwenden. Lächelnd rief er ihm zu: »O gewiß!« Er bat, daß man ihn einige Zeit allein lasse, damit er sich mit seinem Mitgefangenen John Fowles noch über einige Privatangelegenheiten unterhalte. In Newgate war ein Gitter mit starken eisernen Stangen, durch welches den Gefangenen mit ihren Freunden sich zu unterhalten erlaubt war. Der Raum dort war dunkel, und aus dem innern, verschlossenen Teile desselben führten einige Stufen in das Armesünderstübchen. Alles war vorbereitet. Im günstigen Augenblicke schlich Jac hinunter und feilte an einer der Stangen. Am Abende war ein Rendezvous mit einigen seiner Freundinnen verabredet. Im Schlafrock, von Fowles begleitet, machte er sich an die letzte Arbeit. Die Eisenstange ward ausgebrochen. Dennoch blieb der Zwischenraum noch zu eng für einen ausgewachsenen Körper. Mit aller Anstrengung zwängten die beiden Männer die Stäbe etwas auseinander. Fowles hob und stützte und schob Jacs Schulter und Kopf durch die Stäbe, dann zogen seine drei Freundinnen von außen, Fowles stieß von innen nach, und glücklich kam er durch dies Gitter. Alles dies geschah, während die Wächter unweit davon in der Halle zechten. In einer Mietskutsche entkam er unverfolgt. Sie kreuzten dann die Themse, um jede Spur zu verwischen. Noch mit dem Kettenringe an den Beinen, feierte er mit seiner Geliebten im Weißen Hirsch bei einem festlichen Schmause seine Befreiung und fand dann erst Mittel, den Ring ganz loszusägen. Im Wonnegefühl seines Glückes schlenderte er am Arm seiner Beß durch Londons erleuchtete Straßen und schien sich wie ein Kind an allem Sehenswerten zu freuen. Doch kam am nächsten Tage schon einiger Ernst über ihn. Er beriet sich mit seinem Freunde, dem Schlächter Page, über seine bedenkliche Lage, und beide fanden es angemessen, London zu verlassen. Aber bei Pages Verwandten in Northamptonshire, wohin sie sich begaben, fanden sie eine so kühle Aufnahme, daß sie bald wieder nach London zurückkehrten. Durch einen glücklichen Griff in ein Schaufenster war Sheppard in den Besitz von drei Uhren gekommen, die er aber nicht Zeit fand zu verkaufen. Die Kunde seiner Flucht hatte am Strande und um Drurylane unter den Bürgern, Kaufleuten und Ladenbesitzern Angst und Schrecken erregt. Welche Tür, welche Mauer war gegen Sheppard fest genug! Kneebone ließ sein Haus förmlich in Verteidigungsstand setzen und jede Nacht einen Haufen Bewaffneter einlagern; nicht ganz ohne Grund, denn Sheppard hatte hoch und teuer gelobt, er wolle sich an allen, die ihn verraten hatten, blutig rächen. Alle Spürhunde waren daher gegen ihn losgelassen, und um der ersten Hitze der Verfolgung zu entgehen, zog er sich mit Page aus London nach Finchley Commons zurück. Doch auch hier ward er bald entdeckt, denn es war jetzt zur Ehrensache der Kerkermeister von Newgate geworden, das Gerücht durch die Tat zu widerlegen, daß sie es gewesen waren, welche ihn hatten entkommen lassen. Ein Trupp wohlbewaffneter Häscher machte an einem Septembertage, teils in einer Kutsche, teils zu Pferde, sich auf den Weg und besetzte die ganze Umgegend. Zwei Schlächter ließen sich auch nach einigem Warten sehen in blauen Kitteln und weißen Schürzen, es waren Sheppard und Page. Man erkannte sich gegenseitig. »Nun gilt es!« rief Jac und flog nach einem Fußsteige, wo die Berittenen ihm nicht folgen konnten. Indem Page über einen Graben springen wollte, strauchelte er; der Torschließer Langlay setzte ihm die Pistole auf die Brust. Der Schlächter bat fußfällig um Pardon und überlieferte Messer und Feile. Mit einem Strick um den Leib mußte er der neuen Hetze auf Jac folgen. In einer Meierei hatte dieser zwar zwischen Heu- und Strohhaufen ein Versteck gefunden, da die Spürhunde jedoch die ganze Gegend wohl ins Auge gefaßt hatten, konnte er ihnen hier nicht entgehen. Bei der Durchsuchung des Hauses fand ihn eine Stallmagd. Sein Mut schien ihn auf einen Augenblick verlassen zu haben. Auf seinen Knien bat er um sein Leben. Sein breites Messer lieferte er ab, es war die einzige Waffe; dagegen fand man beim Durchsuchen in den beiden Achselgruben noch zwei der gestohlenen Uhren. Jacs Mut und Lustigkeit kehrten indessen bei dem Transporte bald wieder. Als er bei einer Branntweinschenke vorüberkam, auf deren Schilde die Worte standen: »Ich habe meine Schweine gut zu Markte gebracht,« brach er in ein unmäßiges Gelächter aus. Die Häscher ließen sich gern von ihm bewirten, wie dies bei allen Diebesfängereien vorkommt. Sein Versuch, sie trunken zu machen und zu entfliehen; mißlang indessen. Nahe vor Newgate, als der Zug stillhielt, versuchte er, aus der Mietskutsche springend, mit einem Satze unter derselben fortzuschlüpfen. Er ward ergriffen, durchgehauen und nun in das festeste Gemach, das Kastell genannt, eingesperrt und mit Händen und Füßen an den Boden geschmiedet. Sheppard war nicht mehr der Mann der Diebe und des Volkes, er war eine Berühmtheit, ein Lion der Stadt geworden. Es gehörte zur Mode, ihn gesehen zu haben, und Scharen von Neugierigen aus allen Ständen strömten nach Newgate, ihm ihren Besuch zu machen und mit ihm sich zu unterhalten. An die Erde geschmiedet, unter einer Last von Ketten und Eisenblöcken, in der kläglichsten Lage und unter der trostlosesten Aussicht, verlor er keinen Augenblick seine ausgelassene Lustigkeit. Sein zynischer Witz, seine blitzenden Einfälle ergötzten die Roués der Hauptstadt, und mit Selbstbewußtsein und Laune erzählte er seine Taten. Niemand ging fort, ohne eine Gabe zurückzulassen; aber eine Feile, ein Meißel oder ein Hammer wären ihm lieber gewesen, denn seine Gedanken waren auf eine neue Flucht gerichtet. Diesmal ward er jedoch so streng bewacht, daß es unmöglich war, ihm dergleichen zuzustecken, Jac Sheppard machte noch einen Fluchtversuch, den verwegensten, den je ein Verbrecher gewagt, und diesmal ohne Helfershelfer, ohne Mitwisser, ohne Feile, Säge, Scheidewasser. Er hat selbst später das vollständige Bekenntnis darüber abgelegt, dem wir in unserer Erzählung hier folgen wollen. Mitten unter den Scherzen, mit welchen er seine Besucher unterhielt, war jeder Gedanke, jeder Blick auf die Möglichkeit zu entweichen gerichtet. Aber aus keinem Ärmel fiel ein Stückchen Eisen. Da entdeckte er, als er allein war, im Winkel einen kleinen, verrosteten Nagel. Er preßte seinen Körper, er reckte seine Glieder, um ihn zu erreichen; es gelang. Ein Nagel war für ihn so gut als ein Schlüssel. Nach einigen Versuchen gelang es ihm, die Schlösser seiner Ketten aufzuschließen. Er hatte die Genugtuung, sich frei in seinem Kerker bewegen zu können, aber weiter öffnete ihm dies keine Aussicht. Auch war er nicht vorsichtig genug, die Kerkermeister ertappten ihn, sie nahmen ihm den Nagel fort und legten ihm noch schwerere Hand- und Fußschellen an. Der gutmütige Kneebone, der ihn besuchte, erbarmte sich seiner und bat sogar für ihn, doch ohne Erfolg. Aber das Kunststück hatte aufs neue die Aufmerksamkeit des Publikums erregt. Man besuchte ihn wieder, und die Wärter ließen es ihn zum Staunen der Anwesenden vormachen, wofür ihm eine silberne Ernte zufloß. Er hatte darum die Hoffnung nicht aufgegeben, denn – sagt ein späterer Bericht – er wußte jetzt, daß er auch ohne Nagel mit Hilfe seiner Zähne die Schlösser öffnen könne. Die aktenmäßigen Berichte von Old-Bailey erwähnen davon nichts. Jenes mag eine Ausschmückung der spätern Mythe sein, die ihren Liebling gern mit Wunderkraft ausstattete, und wir mögen annehmen, daß er ein zweites Stück Eisen wieder gefunden oder den ersten Nagel versteckt bei sich behalten habe. Am 14. Oktober begannen die Sessionen in Old-Bailey, dann hatten die Schließer viel zu tun. Jac rechnete auf ihre Abwesenheit, auch mußte er seine Rechnung schnell abschließen, denn am folgenden Freitag war die Hinrichtung angesetzt. Als man ihm sein Mittagbrot brachte, untersuchte man seine Hand-, Fußschellen und Stangen und fand alles in bester Ordnung. Aber schon eine Stunde darauf war er in voller Arbeit. Die Handschellen waren schnell durch Zusammenpressen der Finger abgestreift. Mit einem gebogenen Nagel, sagen die Akten, öffnete er den Ring um den Leib, der ihn mit einer Kette an den Boden schmiedete. Dann kam die schwierigste Arbeit. Mit allem Aufwand seiner Kraft zerbrach er ein kleines Stück der Kette, welche seine Füße verband. Er war frei, aber die Eisenringe mit dem Kettenreste waren noch an seinen Beinen. Er zog die Strümpfe durch die Eisen aus, und mit neuer Kraft preßte und streifte er nun die Ringe über die Waden bis an die Knie und band sie hier, damit man sie nicht rasseln höre, mit seinen Strumpfbändern fest. Der Kamin war der einzige Ausweg. Kaum aber war er etwas hinaufgeklettert, als er an eine zolldicke, zwei Fuß lange Eisenstange stieß, welche den Durchweg verhinderte. Aber das Stückchen Kette, welches er von der Beinkette losgebrochen hatte, bewährte sich als ein guter Mauerbrecher. Er kratzte den Mörtel an der Seite los, es gelang ihm, einige Steine zu lösen, und der Eisenbolzen gab nach. Er wich und ward nun ein vortreffliches Werkzeug in seiner geschickten Hand. Er kletterte weiter – Kettenringe an den Beinen, Bolzen und Kette in der Hand, klomm er den Kamin bis zum obengelegenen Stockwerk hinauf. In dieser schwebenden Stellung brach er mit seiner Stange wieder so viel Steine aus, daß er durch das Loch in das sogenannte rote Zimmer kriechen konnte. Hier fand er einen großen Nagel, ihm abermals von unschätzbarem Wert. Dies Gefangenenzimmer führte nach der Kapelle zu, aber die Tür war seit sieben Jahren nicht geöffnet worden, und das Schloß war verrostet. Sie zu erbrechen kostete ihm die größte Mühe. Indes war in sieben Minuten das Schloß heraus. Er befand sich in einer Entrée, wo er eine zweite Tür zu erbrechen hatte, und sie war von der andern Seite verriegelt. Hier mußte er durch die Mauer ein Loch brechen, und den Arm durchzwängend, stieß er den Riegel zurück. Endlich stand er nun vor der geschlossenen Kapelle; aber er riß zu weiterem Gebrauch eine von den eisernen Gitterstangen ab und kam nun in ein Vorgemach zwischen der Kapelle und den flachen Dächern. Hinaus mußte er, aber, was das Schlimmste war, die Dunkelheit hatte ihn überrascht, und er mußte im Finstern die schwierigste Arbeit verrichten. Schlösser, Eisenstangen und Riegel von der allerstärksten Art waren zu überwältigen; und er hatte bereits fünf Stunden ohne Ausruhen gearbeitet! Endlich krachte nach einer halbstündigen Arbeit das Schloß, den Anstrengungen des großen Nagels, der Stange aus dem Kapellengitter und dem Kaminbolzen nachgebend. Die Tür war auf, aber – noch eine Tür vor ihm! Auch hier Schlösser, Eisenstangen und Riegel. Diese Tür mußte er ausheben. Sie stürzte zusammen, als es draußen von der Heiligengrabkirche gerade acht Uhr schlug. Noch trennte ihn von den Dächern eine dritte Tür, diese war aber nur von innen verriegelt. Mit Leichtigkeit öffnete er sie, und über die freistehende Giebelmauer kletternd, gelangte er zu den unteren flachen Bleidächern. London lag zu seinen Füßen. Die Straßen waren hell erleuchtet, die Läden noch alle offen. Er hatte Zeit zum Überlegen; noch durfte er nicht hinab, ohne sogleich erblickt und wieder eingefangen zu werden. Aber welche Todesangst, im Angesichte der Freiheit, des bewegten Lebens einer Stadt, wo er seine kühnen Taten vollbracht hatte, auf einem Dache zu schweben, zwei Stunden lang, und jede Minute konnte verräterisch werden! Ein Blick in seinen Kerker, ein später Besuch, und alle seine Arbeit war umsonst. Dennoch war die ihm gewahrte Muße zu seinem Vorhaben von Nutzen; er hatte gedacht, von dem niedrigsten Punkte des Bleidachs auf das Dach eines der Nachbarhäuser springen zu können. Aber die Höhe bis auf das Dach von Turners Hause war noch sehr bedeutend, der Sprung konnte lebensgefährlich werden. Er mußte sich herablassen und hatte kein Seil bei sich. Rasch entschlossen kehrte er auf demselben Wege, auf dem er heraufgekommen war, wieder in sein Gefängnis zurück, holte das Laken seines Lagers und kam wohlbehalten durch den Schornstein, die gesprengten Türen und über die Mauer wieder zurück. Jetzt war es zehn Uhr geworden. Mittels der Eisenstange aus der Kapelle befestigte er das Laken an der Mauer und ließ sich daran auf das auch flache Vordach des Turnerschen Hauses herab. Zu seinem Glück war die Tür, welche vom flachen Dach nach dem Boden führte, unverschlossen. Leise schlich er zwei kleine Treppen hinab, als er in einem unteren Zimmer, dessen Tür halb offen stand, Stimmen hörte. Da klirrte seine Kette. Eine Weiberstimme rief: »Herr Gott, was ist das?« Eine andere Stimme sagte: »Entweder der Hund oder die Katze!« Sheppard wand sich still wieder zurück auf den Boden, wo er über zwei Stunden liegen blieb. Die Ruhe tat ihm not. Endlich machte er sich wieder heraus, als er einen Herrn von der Gesellschaft Abschied nehmen hörte. Das Dienstmädchen leuchtete ihm hinunter. Sobald sie zurückgekommen war und die Stubentür verschlossen hatte, huschte er die Treppe hinab, riegelte die Haustür auf und – war frei. Wenigstens auf der freien Straße. Noch mußte er beim Wachthause an der Heiligengrabkirche vorbei. Er rief der Schildwacht einen guten Morgen zu und war schnell aus ihrem Bereich. Gegen drei Uhr lag er schon in einer verfallenen öden Gartenhütte, in einer wüsten Gegend Londons, die Leuten seines Gelichters wohl bekannt war, auf modernder Streu, von Schmerzen gefoltert, vor Kälte zitternd, aber von Todesmüdigkeit überwältigt, und schlief mehrere Stunden. Merkwürdigerweise war niemand von Donnerstag nachmittag zwei Uhr bis zum Freitagmorgen um acht Uhr in sein Gefängnis gekommen. Als der Schließer Austin an jenem Morgen die wohlverriegelte und verschlossene Tür öffnete, überzeugte ihn beim ersten Anblick ein Haufen Schutt und Backsteine von dem, was hier vorgegangen war. Die Spuren des Flüchtlings wurden durch die sechs erbrochenen Türen verfolgt, und das am Bleidache niederhängende Laken gab ihnen Gewißheit von dem Geschehenen. Statt des einen Gefangenen im Kerker war dieser an jenem Tage von Scharen zahlloser Neugieriger angefüllt. Sheppards Arbeiten wurden jedem gezeigt, ein Wunderwerk, wie Reste der Tätigkeit von Dämonen, welche jeder menschlichen Kontrolle und Aufsicht spotten. Nur seine Ketten konnte man nicht zeigen. Wohin? In die Luft hatte er sie mitgenommen. Man konnte ernstlich sich dem Glauben hingeben, hier sei es mit natürlichen Dingen nicht zugegangen. Nach den freilich bald darauf gedruckten Akten von Old- Bailey wußte man nicht, wo und wie Sheppard die folgenden Tage verbracht habe und wie er der Ketten ledig geworden sei; die gedruckten Berichte geben aber darüber ausführliche Nachricht. Dieser folgende Tag, der Freitag, an welchem Jac in Tyburn hängen sollte, war ein grauer Regentag. Es goß vom frühen Morgen bis zum späten Abende, so daß sich kaum jemand in der verlassenen Gegend, wo er Zuflucht gefunden hatte, sehen ließ. Sheppard ward durch die furchtbaren Schmerzen seiner zerstoßenen und geschwollenen Beine erweckt; dazu trug er noch die engen Kettenringe mit den Ketten an seinen Knien. In den Taschen hatte er zwar gegen fünfzig Schilling Geld, aber keine Nahrung, und er wußte keinen Menschen umher, dem er sich anvertrauen konnte. Er blieb den Tag über in seinem Versteck; doch gegen Abend trieb ihn der Hunger hinaus. Er tappte nach einem entlegenen Vorstadtgäßchen und kaufte bei einem blinden Krämer ein Flasche Bier, Käse und Brot. Einen Hammer, um sich von seinen Ketten zu befreien, konnte er nicht auftreiben. Er schlief darauf am vorigen Orte die ganze Nacht durch und auch den folgenden Sonnabend. Am Abend wiederholte er den nämlichen Gang nach Fourage und schlief wieder bis zum Sonntagmorgen. Beim Geläute der Glocken fing er an, mit einem Steine gegen seine Ketten zu hämmern. Dies Geräusch führte den Eigentümer des Gartens herbei, der über diesen Besuch nicht wenig erschreckt schien. Auf Sheppards Versicherung, daß er ein armer unglücklicher Mensch sei, der sich mit einer Dirne abgegeben und, weil er dem Kirchspiel für das Kind, das sie zur Welt gesetzt, keine Sicherheit habe gewähren können, ins Zuchthaus gesperrt worden und nun entlaufen sei, beruhigte sich der Mann zwar wieder, versicherte ihm aber, daß sein Gesicht ihm nicht gefalle und er sich aus seinem Eigentum auf und davon machen möge. Einen armen Schuhmachergesellen, dem er in einem verlassenen Feldgäßchen begegnete, wußte er durch dasselbe Märchen und zwanzig Schillinge dahin zu bringen, daß er ihm Hammer und Schroteisen verschaffte und ihm treulich half, sich von der Last der Ketten zu befreien. Kaum indessen der Ketten ledig, war der alte Mutwille und die volle Lebenslust in ihm erwacht. Ehe er noch Gelegenheit gefunden hatte, seine zerlumpte Kleidung zu bessern, saß er schon in einem Austernkeller und aß Austern und trank Porter. Wo er einkehrte, wo er speiste, es gab nur ein Gespräch: Sheppards Flucht; er redete dreist mit und versicherte, in ein paar Tagen werde die Polizei ihn schon wieder haben, und dann werde er gewiß baumeln. Es war ihm eine Seelenlust, wenn er dafür Rippenstöße bekam oder zur Tür hinausgewiesen wurde; er war der Liebling des Volks. Er drängte sich unter die Volkshaufen auf der Gasse, wo ein paar Bänkelsänger Jac Sheppards Flucht bei einem Porträtbilde, welches ihn nicht verraten konnte, absangen und das Volk mit immer neuem Jubel die Wiederholung des Liedes verlangte. Ja er trieb die Keckheit so weit, zwei Briefe an seine Gefangenenwärter Applebar und Austin zu schreiben, die er selbst, verkleidet, an der Haustür soll abgegeben haben. Im Briefe an den ersteren versicherte er dem Empfänger, daß er sich bei bester Gesundheit befinde, und wünschte ihm dasselbe; er bedauerte ihn, daß er mit dem Verkauf seiner letzten Todesrede (wie sie bekanntlich vor dem Tode des armen Sünders gedruckt werden, um während seiner Hinrichtung verkauft zu werden) schlechte Geschäfte gemacht haben werde, erlaubte ihm aber, als Ersatz dafür den Brief zu drucken. Schließlich deutete er an, daß er auf einem Schmugglerschiff die englische Küste verlasse. In dem Schreiben an Austin entschuldigte er sich, daß er so ohne alle Zeremonien von ihm Abschied genommen habe, und daß jener um seine Ketten gekommen sei. »Hättet Ihr sie mir nicht aufgedrungen, so hätte ich sie nicht mitgenommen.« Er trieb seine Einbrüche nach wie vor fort und setzte sich dadurch in den Stand, wieder als Gentleman unter seinen alten Freunden zu erscheinen. In seinem schwarzen Anzuge, mit langer Perücke, Handkrausen, einem Silberdegen an der Seite, einem Diamantring am Finger und eine goldene Uhr aus seiner Tasche hängen lassend, zeigte er sich wieder mit ihnen in Drurylane und Clare-Market. Er ward das Opfer seines eigenen Leichtsinns, ja seiner Tollkühnheit. Am 31. Oktober speiste er mit zwei seiner Geliebten, den Dirnen Cook und Key, in Newgatestreet in einem Speisehause. Damit nicht zufrieden, nahm er eine Mietskutsche und fuhr mit den beiden Mädchen nachmittags bei heruntergelassenen Fenstern spazieren. Abends ließ er seine Mutter in ein Wirtshaus bestellen und bewirtete sie mit Branntwein, von dem er leider selbst den größten Teil trank. Die Mutter beschwor ihn, nicht auf sein Glück zu trotzen, sondern bei der Gefahr, die ihm von allen Seiten drohe, sich auf und davon, am besten außer Landes zu machen. Jac war durch das Trinken zu weise geworden, um noch andern Rat anzunehmen, und zu mutig, um sich vor etwas zu fürchten. Er verließ die Mutter und streifte in übermütiger Laune von Schenke zu Schenke. Ein Kellner in einem Alehause erkannte ihn endlich und zeigte ihn an. Er war aber in einem so trunkenen Zustande, daß von Widerstand bei seiner Ergreifung nicht die Rede war. Die scharf geladenen Pistolen nahm man ihm aus der Tasche und brachte ihn völlig besinnungslos, diesmal zum letzten Male, nach Newgate. Die Zahl derer, welche ihn jetzt besuchten, war noch größer als früher, darunter Männer vom höchsten Adel und Staatsbeamte in den höchsten Würden. Jac war nichts weniger als niedergeschlagen, er tat das Seinige, um sie aufs beste zu unterhalten. Er war so voll von seinen Streichen und gelungenen Verbrechen, daß man ihm ansah, wie sehr weit er davon entfernt war, sie zu bereuen, sondern alle seine Gedanken schienen nur darauf gerichtet, jede Gelegenheit zu erhaschen, um sie womöglich zu wiederholen. Die Lords, welche beim Könige Zutritt hatten, ersuchte er, sich doch ja für seine Begnadigung zu verwenden, und er dachte wirklich allen Ernstes daran, daß ihm Pardon geschenkt werden dürfte, weil er ein so ungewöhnlicher Dieb und Schelm sei. Der König und der Ministerrat fanden diesen Grund nicht ausreichend. Nachdem ein kurzes Verfahren über die Identität des Wiedereingefangenen mit dem einst Verurteilten stattgefunden hatte, wurde John Sheppard am 16. November zur Hinrichtung abgeführt. Auch an diesem Schreckenstage hatte er die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, den Händen der Justiz noch einmal zu entgehen. Jemand hatte ihn mit einem Federmesser versehen. Er steckte es entblößt in seine Tasche, die Spitze nach oben. Seine Absicht, die er einem Vertrauten mitteilte, war, sich in dem Karren vornüber zu lehnen und, die Hände in die Tasche bringend, die Stricke an der Schneide des Messers auf- und niederzustreichen, bis sie entzwei wären. Dann, wenn der Zug an einer der kleinen Quergassen vorbeikäme, in die kein Reiter kann, wollte er sich schnell über den Wagen ins Volk stürzen und in die Quergasse zu entkommen suchen. Vom Volk nahm er an, daß es ihm befreundet sei. Bis die Konstabler aus dem Sattel wären, hoffte er entschlüpft zu sein. Die Geistlichen legten seine Worte, als er den Karren bestieg: »Mein Herz ist jetzt so zufrieden, als ginge ich, um ein Landgut mit zweihundert Pfund Sterling Einkünften in Besitz zu nehmen«, als Büßfertigkeit aus; es ist nicht unmöglich, daß er des Gelingens seines Fluchtversuchs sich für gewiß hielt. Bußfertige Gedanken hatte er überhaupt nie viel gezeigt und nur in Gegenwart des Geistlichen und in der Kapelle den äußern Anstand, der einem Kandidaten solchen Todes ziemt, bewahrt. Der Plan scheiterte schon beim Einsteigen in den Karren. Einer der Beamten schnitt sich, als er die Tasche zu rasch durchsuchte, in die Finger. Das Messer ward herausgenommen, Sheppards freilich noch nicht letzte Hoffnung. So schwer ward ihm das Scheiden vom Leben, das ihm durch seine raschen Katastrophen so lieb geworden war. Er verabredete mit einigen seiner Bekannten, sie möchten, sobald sein Körper abgeschnitten worden sei, ihn eiligst in ein warmes Bett legen und zur Ader lassen. Er glaube gewiß, daß man ihn unter dieser Behandlung wieder ins Leben zurückbringen könne. Auf dem Richtplatz selbst benahm er sich ernst und des Augenblicks würdig. Er räumte alle seine Verbrechen ein, auch diejenigen, wegen deren er von der Jury freigesprochen worden war. Auch beteuerte er nochmals, daß der Spruch, welcher ihm den Tod brächte, auf ein falsches Zeugnis erfolgt sei, denn William Field sei bei dem Einbrüche bei Kneebone nicht zugegen gewesen und habe nichts davon gewußt, als was ihm später darüber mitgeteilt worden sei. Sein Todeskampf war lang, das Volk begleitete ihn mit unverkennbaren Zeichen der Teilnahme und des Mitleids. Nach einer Viertelstunde schnitt ein Soldat ihn ab, und seine Freunde empfingen den Körper. Er war und blieb ein Leichnam, und noch am selben Abend wurde er im Kirchhof von St. Martin beerdigt. Mit Bestimmtheit sagt der Referent in den Old-Bailey- Akten: »Ich wüßte von keinem Gauner in diesem Königreiche, dessen Abenteuer ein gleiches Aufsehen gemacht haben, als die Sheppards.« Lange Zeit über sprach man in allen Kreisen der Gesellschaft nur von ihm. Schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts waren sechs bis sieben Geschichten seines Lebens veröffentlicht. Man sah darin verschiedene Kupferstiche, welche die Momente seiner Flucht durch das Gitter des Armensünderstübchens und das Kastell von Newgate vorstellten. An einzelnen Porträts, Holz- und Kupferstichen fehlte es auch nicht. Das vorzüglichste war ein in Mezzotinto nach einem Gemälde Sir James Thornhills ausgeführtes; denn auch dieser jener Zeit so berühmte Maler hatte es seiner nicht unwert gehalten, den noch berühmtern Dieb zu porträtieren. Er ward deshalb in dem British Journal vom November 1724 angesungen, daß er einem Räuber ewiges Leben verschafft habe, indem dies Bild Der fernsten Zukunft macht bekannt Die Wunder deiner Meisterhand, Gleich Malern, die im Altertum, Noch größern Räubern schafften Ruhm. Apelles malte Alexandern, Aurelius Cäsarn. Laß die andern. In Cilly spiegelt Cromwell sich, Doch Sheppard, Thornhill, lebt durch dich. Noch im Dezember des folgenden Jahres 1725 erschien in demselben Journal ein Totengespräch nach Lucian zwischen Julius Cäsar und Sheppard, das sehr bewundert wurde. Cäsar entsetzt sich, daß ein solcher Schuft sich ihm zuzugesellen erdreiste. Aber Sheppard erwiderte ihm: »Was wundert Euch das? Ich war auf meinem Felde so ausgezeichnet als Ihr auf Euerem; vielleicht noch ein bißchen mehr. Und da wir uns nun an einem Orte befinden, wo wir recht eigentlich vom Nachruhm zehren müssen, sehe ich nicht ab, warum unser gleiches Verdienst uns nicht zu gleichen Ansprüchen berechtigen sollte.« Mit dem weitern Gespräche wollen wir unsere Leser nicht behelligen, es kommen indes ganz interessante Vergleiche darin vor. So sagt Sheppard unter anderm: »Was ist sträflicher, ein Schloß zu zerbrechen oder eine Verfassung umzustoßen? Sind ein paar Ketten heiliger als die Freiheit eines Volkes? Und ist es schmachvoller, aus den Händen eines Kerkermeisters zu entschlüpfen, als die Gesetze eines Landes zu durchbrechen?« Sheppard zieht zum Schluß die Moral: »Es gibt gar kein persönliches Verdienst, welches getrennt werden könnte von der bürgerlichen Gesellschaft, in der wir leben, und keine ausgezeichneten Eigenschaften, noch sonstige Vollkommenheiten haben Anspruch auf den Namen von Verdienst, wenn das öffentliche Wohl nicht davon Nutzen zieht. Mut, Menschlichkeit, Mäßigung, Weisheit, Kenntnisse und Entschlossenheit sind schöne Dinge, zum Verdienst werden sie aber erst dann, wenn man sie zum Nutzen des Staates und der bürgerlichen Gesellschaft anwendet.« Cäsar muß dem Gauner recht geben und schließt mit dem Wunsche, daß alle Regenten auf der Erde ebenso dächten. Schon damals ward Sheppard auch auf die Bühne gebracht. Er erschien in einer Pantomime von Thurmond unter dem Namen Harlequin Sheppard. Sie wurde auf dem königlichen Theater von Drurylane aufgeführt. Auch eine Posse in drei Akten wurde gedruckt und später mit der Oper The Quakers opera verschmolzen und zur Aufführung gebracht. Ainsworths Roman aus diesem Jahrzehnt ist eine ganz willkürliche, grotesk romanhafte Verarbeitung des Gegenstandes. Noch mehr! Auch die Kanzel bemächtigte sich seiner. Jemand trat bald nach der Hinrichtung in die Kirche eines abgelegenen Stadtteils, wo er den Prediger in folgender Weise reden hörte: »Welche traurige Betrachtung, meine Andächtigen, zu sehen, wie die Leute so große Anstrengungen machen, ihren sterblichen Leib zu erhalten, der doch nur wenige Jahre dauern kann; und zur selben Zeit, wie wenig sorgen sie für ihre kostbare Seele, die bestimmt ist, in Ewigkeit zu dauern. Ein merkwürdiges Beispiel haben wir davon in jenem berüchtigten Übeltäter, wohlbekannt unter dem Namen Jac Sheppard. Welche ungeheuren Schwierigkeiten hat er überwältigt, welche staunenswerten Taten getan, nur für einen jämmerlichen, stinkenden Leib, der kaum des Hängens wert war. Wie geschickt öffnete er das Schloß seiner Kette nur mit einem gekrümmten Nagel! Wie männlich zerriß er seine Ketten, klomm in den Schlot hinauf, riß eine Eisenstange aus, brach durch eine dicke Steinmauer und zersprengte die stärksten Türen, um auf die Dächer seines Gefängnisses zu kommen. Und dann, wie unerschrocken ließ er sich an einem Bettuche hinab auf des Nachbars Dach, wie vorsichtig schlüpfte er die Treppen hinunter und entkam durch die Haustür ins Freie. – Oh, meine Andächtigen, daß ihr doch alle Jac Sheppards wäret! – Versteht mich nicht falsch, meine Brüder, nicht meine ich im Fleische, sondern im Geiste! Geistig fasset es auf. Welche Schmach für uns, hielten wir es nicht für wert, zur Rettung unserer unsterblichen Seele so viel zu wagen, als er gewagt, um seinen sterblichen Leib zu retten. So laßt mich denn euch ermahnen, daß ihr die Schlösser eures Herzens mit dem Nagel der Reue öffnet; zersprengt die Fesseln eurer sündigen Lust; klettert hinauf den Schlot der Hoffnung; ergreift dort die Riegelstange des guten Entschlusses; brecht durch die Steinmauer der Verzweiflung und alle die festen Stangen, Riegel und Schlösser im dunklen Eingänge zum Tale der Schatten und des Todes; erhebt euch auf die Dächer und Giebel des göttlichen Nachdenkens; festigt daran das Bettuch des Glaubens mit der Eisenstange der Kirche; dann laßt euch getrost nieder auf das Haus dessen, der die Herzen wendet und euch Kraft gibt, euch selbst zu bescheiden; steigt hinab die Treppen der Demut. So werdet ihr denn gelangen an die Tür der Befreiung aus dem Gefängnis der Unruhe und Ungerechtigkeit, und entschlüpfen den Klauen des alten Exekutors, des Teufels, der umgeht wie ein brüllender Löwe, aufsuchend, wen er verschlingen möge.« Diese Abraham a Santa Clarasche Ermahnungspredigt mag freilich, obgleich der Reporter von Old-Bailey sie nach glaubwürdigen Berichten mitzuteilen keinen Anstand nimmt, nicht wörtlich so gehalten sein; wenn sie indes auch nur in der Ausschmückung so lautet, ist doch ein Kern daran echt und ein Beweis, wie populär Jac Sheppard seinerzeit war, und welche Bedeutung man ihm in allen Kreisen des Lebens beilegte. Die Aufmerksamkeit blieb auch auf seine minderbedeutenden Genossen gerichtet, welche großenteils bald nach ihm eingezogen, vor Gericht gestellt und verurteilt wurden, wie auch Jacs viele Freundinnen; bei einer derselben fand man seine Ketten und Fußringe. Die meisten wurden nur zu Freiheitsstrafen und zur Transportation verurteilt. Blueskin endete wie sein genialer Freund am Galgen. Louis Mandrin 1755 In einer einsamen, unwegsamen Gegend an der Küste von St. André hörte, wer sich dahin verirrte, ein dumpfes Geräusch von Hammerschlägen und Metallklang; auch züngelte wohl ein verräterischer Rauch aus dem Felsgeklüft auf. Falsche Münzwerkstätten zu entdecken und anzugeben hatte sein Mißliches, und wer nicht dazu verpflichtet war, scheute sich davor, denn die Verbindungen der Falschmünzer waren ausgebreitet und sie selbst gefürchtete und furchtbare Menschen, denen es nicht darauf ankam, ihrer Verborgenheit ein Menschenleben zu opfern. Für ihre nächste Umgebung waren sie überdem nicht schädlich. Wenn man daher auch ahnte, was hier getrieben wurde und von wem, so fand sich doch kein Angeber, bis etwa um das Jahr 1740 einer der Genossen der Falschmünzerbande, von Gewissensbissen geplagt, heimlich entwich und bei den Behörden eine vollständige Angabe machte. In einer Felsenhöhle, dicht am Meere, hauste eine wohlorganisierte Bande Falschmünzer von zehn bis zwölf Mann unter dem Oberbefehl eines jungen Hauptmanns von einigen zwanzig Jahren, der durch Klugheit, Geistesgegenwart, unerschrockenen Mut und ein beispielloses Glück eine grenzenlose Macht auf seine Leute ausübte. Sie ehrten ihn wie einen Vater und hatten ihm blinden Gehorsam geschworen. Louis Mandrin aus der Dauphiné, wo er 1714 zu St. Etienne geboren war, war schon der Sohn eines Diebes und Falschmünzers, den man einst auf der Flucht erschossen hatte. Bereits als Knabe fuhr er in dem Geschäfte seines Vaters fort. Aber von heftigem Charakter, von unbegrenztem Ehrgeiz, hatten ihn die Reize des Feldlebens und einer Tätigkeit, die mit Wagnissen verbunden ist, angelockt, und er hatte beim Ausbruch des Krieges Dienste genommen. Die Disziplin behagte ihm nicht; er desertierte. Doch hatte er durch sein gefälliges, entschlossenes, keckes und frisches Wesen seinen Hauptmann dermaßen für sich eingenommen gehabt, daß ihn derselbe nicht verfolgen ließ. Ein Soldat war nach damaligen Begriffen noch zur Hälfte der Diener seines Hauptmanns, nur zur andern gehörte er dem Staate an. Mandrin warb seine Leute an und etablierte in der gedachten Höhle bei St. André die Münzwerkstätte, die viele und dem Anschein nach treffliche Münzen lieferte. Während der Nacht wurde gemünzt, Sturm und Brandung sollten den Lärm des Prägens verbergen. Bei Tage ließen sich wenige von der Bande sehen. Mandrin, der Hauptmann, machte allein den Austräger des Geldes. Er suchte entfernte Dörfer, Städte und Märkte auf und war so vorsichtig, sich immer nur an fremde, weit hergekommene Verkäufer zu machen. Auch geschah es in immer andern Verkleidungen, als Mönch, Soldat, reisender Viehhändler usw. Die eingekaufte Ware ward bei der Rückkehr tariert, dann durch vertraute Hehler losgeschlagen und verteilt, wobei Mandrin natürlich seinen Hauptmannsanteil erhielt. Einige Jahre vor der Entdeckung war ein Kapitän der königlichen Truppen, welcher einem Derserteur nachritt, in dieser Gegend mit seinem Reitknecht verschwunden. Man hatte nichts darüber in Erfahrung gebracht. Durch jenen Angeber erfuhr man aufs genaueste sein Schicksal. Es war der Hauptmann, unter dessen Kompagnie Mandrin gedient. Aus dem Feldzuge zurückgekehrt, hatte er seinem entlaufenen Soldaten durch dessen Bruder bedeuten lassen, er solle sich nur augenblicklich einstellen; wo nicht, werde er ihn ausforschen und nach der Strenge der Gesetze bestrafen lassen. Mandrin schwur dem Hauptmann Rache und Untergang. Er lauerte ihm auf, als er in Erfahrung gebracht, daß derselbe an der Küste vorbeikommen werde. Sobald er sich zeigt, eilt er ihm auf offener Straße entgegen, bittet ihn schon von fern um Gnade und Schonung und bietet ihm eine ansehnliche Summe, wenn er ihm den Abschied verschaffe. Der Hauptmann schien geneigt, er mochte nicht die geringste Wissenschaft von Mandrins verbrecherischem Treiben haben. Kaum aber ist er in einen Hohlweg eingebogen, der nach einem kleinen Hause führen soll, wo des Entlaufenen Mutter angeblich wohne, und wo sie die Geschäfte abmachen wollten, so schießt ihn Mandrin von hinten nieder. Mit einem Schuß aus seiner zweiten Pistole streckt er auch den Reitknecht nieder, den einzigen lebendigen Zeugen der Tat. Von seinen Leuten wurden beide unglücklichen Opfer vergraben, und die Sache blieb ein Geheimnis. Auf des Verräters Anzeige machte sich die Maréchaussée auf den Weg, um die Bande einzufangen. Es geschah aber mit wenig Vorsicht; sie rückten bei hellem Tage aus und sprengten unter rohem Geschrei schon von fern auf die Höhle zu. Der zweite Leutnant der Bande, Rocqueirol, hatte schon aus der unmotivierten Abwesenheit des einen aus der Bande Verdacht geschöpft und Mandrin, der auf ein ernsthaftes Liebesabenteuer aus war, warnen lassen. In höchster Eile ließ er das gemünzte Geld, Formen und Prägestücke fortschaffen, so daß, als die Maréchaussée anpreschte, die Bande mit ihrer wertvollsten Habe bereits durch Schluchten und Seitenwege entkommen war. Die Reiter fanden nichts als die Schmelzöfen und Blasebälge. Weil sie diese aber fanden, meinten sie, es sei nur eine zufällige Ausflucht, und die Bande werde wiederkehren. Sie versteckten sich deshalb in einem Winkel der Höhle und warteten dort die Nacht über in der Hoffnung, die rückkehrenden Spießgesellen samt und sonders zu fangen. Ihre Hoffnung ward nicht allein getäuscht, sondern ihre Durchsuchungen mußten so nachlässig geführt sein, daß sie nicht einmal zwei Glieder der Bande entdeckten, welche hinter einem Stein in der Seitenhöhle unter Todesangst die Nacht durch unfreiwillig ihre Häscher belauschten. Der erste Leutnant Perniot und noch ein Mitglied der Bande hatten hier geschlafen, als die erste Meldung kam, und Rocqueirol hatte entweder vergessen, sie wecken zu lassen, oder mit Absicht sie nicht geweckt. Auch in dieser gesellschaftlichen Verbindung lebte der Ehrgeiz. Rocqueirol wollte erster Leutnant werden, und Mandrin hatte es ihm für einen guten Rat bei einem Liebesabenteuer versprochen. Die Bande fand einen andern Schlupfwinkel. Hier streifen die Berichte schon in das Romanhafte, in jenes Räuberleben, wie es der jugendliche Schiller sich dachte. Am Abhange eines wilden Bergrückens siedelten sie sich an unter einem weit hinausragenden Felsen. Das Lager ward mit einem Graben umzogen, mit Pfählen verschanzt; selbst ein unterirdischer Gang zur Flucht für schlimme Fälle in den tiefen Wald hinein miniert. Alles wurde durch Gestrüpp verdeckt, und Wächterposten wurden zwischen den Klippen ausgestellt, während die Mehrzahl auf Kundschaft und Beute auszog. Aber der Schlupfwinkel schien weder ganz sicher noch ganz bequem. Falschmünzer bedürfen Höhlen, unzugängliche Geklüfte in Hochgebirgen, und noch besser für sie sind Keller und Ruinen. Ein noch stattliches Feudalschloß lag auf einer mäßigen Anhöhe im Tal zu Füßen des Gebirges. Es hatte uralte, dicke Mauern mit Türmen. Der Park war mit dunkeln Alleen durchschnitten, Taxushecken, ein sumpfiger Graben umgaben Türme und Mauern, und man sprach von unterirdischen Gängen. Das Schloß hatte zuletzt einem alten Advokaten gehört, der erst kürzlich gestorben war. Seine noch jugendliche Witwe schien der Trauer nicht allzusehr nachzuhängen und wenig geneigt, in den unheimlichen Räumen ein einsames, trostloses Leben zu führen. Hierauf baute Mandrin seine Pläne, von Rocqueirol ausgeheckt, sich in den Besitz des kostbaren Schlosses zu setzen. Er wollte die Besitzerin durch Gespensterfurcht austreiben. Nachdem er sich unter einer Verkleidung in das Schloß geschlichen und als ein angeblicher Käufer die Lokalitäten besichtigt hatte, wußte er mehrere seiner Leute heimlich in die unbewohnten Gänge und Zimmer zu schaffen, die auf seine Anweisung arbeiten mußten. Es spukte im Schlosse. Der Spuk wurde sehr arg. Aus dem Zimmer des verstorbenen Advokaten hörte man klägliche Stimmen. Sie wurden lauter, herzzerreißend, es klang wie das Jammergeschrei Gefolterter. Tische und Stühle wurden lebendig, die Bücher fielen aus den Pulten, sie flogen an die Wände, die Fensterscheiben klirrten. Mandrin mochte seine Leute kennen. Ein feiner Betrug wirkt auf die Massen weniger als ein plumper, grober. Die erschreckte Witwe soll zuerst zu ihren Leuten in die Küche geflohen sein. Nun aber ging der Spuk an allen vier Enden des Schlosses los. Es heulte, ächzte, Flammenscheine zuckten auf, Schwefelgeruch erfüllte die Luft, die Stimmen der Kobolde stritten um des Verstorbenen Seele. Ja diese selbst erschien, ein klägliches Gespenst, im Leichentuch, zitternd, verfolgt von Teufeln, die klirrende Ketten nachschleppten und qualmende Fackeln in den Händen trugen. Die junge Witwe verließ halb tot das Schloß mit all ihrem Gesinde, und Mandarin zog in Stille mit seiner übrigen Bande ein. Kettengeklirr und aufleuchtende Flammen erschreckten die Nachbarschaft. Auch wird uns gesagt, er habe seine Leute als Geister in Leichenhemden und als Teufel mit Hörnern und Ketten bei Fackelschein eine Runde vor dem Schlosse tanzen lassen. Er mußte wissen, wie weit der Aberglaube der Umgegend ging, was man ihm bieten konnte. Das Schloß ward ein Spukschloß. Niemand getraute sich mehr, dasselbe zu betreten. Ein knurrender Bär hob seine Tatzen gegen den Beherzten, der sich etwa in der Mittagssonne ihm zu nähern wagte. Das Haupttor war in seine Riegel gesprungen. Die Bande bediente sich nur eines Hinterpförtchens, welches mit ängstlicher Vorsicht bewacht wurde. In den Kellern wurden Schmelzöfen angelegt und eine großartige Münzfabrik eingerichtet. An Vertreibern fehlte es nicht. Aber Mandrin wachte darauf, daß von seinem falschen Gelde nichts in der Umgegend ausgegeben wurde. Es zirkulierte dagegen auf vielerlei sinnreich erdachten Wegen durch die übrigen Provinzen Frankreichs. Eine musterhafte Ordnung, eine treffliche Administration war eingeführt. In der Nacht wurde gearbeitet, am Tage geschlafen oder gezecht und gespielt. Die Wachen waren überall ausgestellt und wurden regelmäßig abgelöst. Ein Pferde- und Tabakhandel wurde nach der spanischen Grenze hin getrieben, ergiebig wie das Münzgeschäft. Mandrin war schon im Besitz eines bedeutenden Vermögens. Aber er hatte sich verliebt, ernsthaft verliebt in die eine der beiden Töchter eines verstorbenen Landedelmanns. Schon während des Überfalls in der Meereshöhle war er dort zum Besuch; daher seine Abwesenheit. Auch von seinem Spukschlosse aus setzte er diese Besuche fort. Im glänzenden Staatskleide eines Edelmanns, begleitet von einem gallonierten Diener, erschien er auf dem Edelhofe, gern empfangen. Schon sprach man von mehr als Liebe, man machte Pläne für die Zukunft, als die Geliebte dem Geliebten vertraute, daß sie unter der Eifersucht ihrer Schwester leide. Mandrin konnte gewiß zwei schöne Damen lieben, aber nicht heiraten. Sein Leutnant Rocqueirol half ihm, wie schon aus mancher anderen, auch aus dieser Verlegenheit. Auch er erschien als junger, reicher Edelmann und machte der zweiten Schwester den Hof. Seine Bewerbungen wurden nicht zurückgewiesen, und der Roman ging schon seinem Ende entgegen, als eine neue Katastrophe im Spukschlosse sein unheilvolles Ende für die beiden Fräuleins verzögerte. Es hatte sich in den letzten Monaten niemand mehr auch nur in die Nähe des Schlosses gewagt. Von einigen, die sich dahin verirrt, sagte man, daß sie spurlos verschwunden wären. Ein junger Offizier hörte auf einer Reise nach Grenoble von dem Spuk und ließ sich durch keine Warnungen abhalten, dem gespenstischen Advokaten einen Besuch abzustatten. Von einem Grenadier begleitet, den derselbe Mut wie seinen Herrn antrieb, machte er sich auf den Weg. Er pochte an das Tor, ohne daß das Gespenst Antwort zu geben für nötig fand. Nur der grinsende Bär ließ sich nach einer Weile durch eine Türritze sehen. Ein Pistolenschluß des Offiziers trifft ihn, streckt ihn nieder, und beide entschlossene Männer sprengen das Tor. Es ging nun im Schlosse zu, sagen die Geschichten, denen wir folgen, wie es überall zugeht, wenn beherzte Männer in ein Gespensterschloß dringen, welches von entschlossenen Gaunern oder Falschmünzern behütet wird. Sie mußten Tür um Tür aufsprengen, sahen in den Winkeln vermummte Gestalten, die sich dehnten und verkleinerten, und feuerten auf sie. Da krochen in einem Saale große Schlangen, und giftiges Gewürm huschte von einer Ecke zur andern. Indessen machte der Grenadier die Entdeckung, als er auf eine dieser Schlangen trat, daß sie sich zusammendrücke wie Pappe, die über Springfedern gezogen ist. Sie waren eben im weitern Nachforschen nach dieser interessanten Entdeckung begriffen, als ein Kavalier mit gezogenem Degen, gefolgt von einem Diener, eintrat. Es war Rocqueirol, der in Mandrins Abwesenheit kommandierte und mit sich beraten hatte, was in dieser gefährlichen Krisis zu tun sei. Es wäre ein leichtes gewesen, aus dem Versteck durch zwei Flintenkugeln die Vorwitzigen auf ewig stumm zu machen. Auch bei einem offenen Anfall hätten sie der Übermacht erliegen müssen. Aber im nächsten Orte wußte man von ihrem Vorhaben, und ihr nahe liegendes Regiment hätte nach ihrem Verschwinden eine dem Geschäft vollständigen Ruin bringende Untersuchung angestellt. Rocqueirol erkünstelte eine überraschte Miene, noch jemand, und zur selben Zeit mit ihm, bei derselben abenteuerlichen Geisterjagd zu finden. Er spielte seine Rolle so gut, daß auch der beherzte Offizier über seinen Schreck erschrak, als die Schlangen und das Gewürm in einem Nu verschwanden. Ja, dem fremden Kavalier zitterten noch die Glieder vor dem Anblick des verzauberten Bären, auf den er draußen angelegt, und eine Stimme aus den Lüften hatte ihm zugerufen: »Schon ein Waghals schoß auf mich; ich rate dir bei deinem Leben keinen zweiten Schuß!« – Auch fuhr der Bär, als die vier aufs neue hinauseilten, der Offizier, um zu sehen, ob sein Schuß denn wirkungslos geblieben, wutheulend auf die Hinterfüße und dann mit einem Satze in den nächsten Turm, dessen Tür hinter ihm ins Schloß sprang. Freilich nicht derselbe Bär, den der Offizier gut getroffen, dieser lag bereits verbunden in den unterirdischen Gemächern, aber ein anderer von der Bande, welcher auf Rocqueirols Befehl schnell in die Haut gekrochen war. Rocqueirol führte seine Rolle bis zum Siege durch. Er wollte Mut zeigen gegen den Spuk und ließ sich doch so von innerm Grauen übermannen, daß der Offizier ihn aufmuntern mußte, aber in dieser Bemühung von den erlogenen Gefühlen des andern unmerklich angesteckt wurde. Der Offizier hielt es für geraten, als die Dunkelheit anbrach, sich zurückzuziehen. Er ward von dem Kavalier begleitet, oder begleitete ihn, bis ihr Weg sich trennte. Am Feuerherde des Wirtshauses wuchs sein Mut wieder mit der ruhigen Überlegung. Er erzählte seine Abenteuer und wies sogar ein Stück der Ungeheuer von Pappe vor, welches sein Grenadier erhascht hatte. Aber solcher Unglaube konnte den Köhlerglauben der Leute nicht erschüttern, um so weniger, als man morgens statt des Stückes bunter Pappe ein Stück faulen Holzes fand. Ein Kundschafter der Bande, von Rocqueirol ins Dorf geschickt, hatte es in der Nacht vertauscht. Es war alles Teufelstrug, und der Offizier und sein Grenadier mußten, ohne Glauben gefunden zu haben, aber nicht ohne Spott am andern Morgen wieder abziehen. Zu einem zweiten Besuche fanden sie sich nicht veranlaßt. Dennoch hatte der Vorfall dem Glauben einen ersten Sprung gegeben. Das Nachdenken darüber konnte nicht ausbleiben; Mandrin wurde vorsichtiger. Die Unvorsichtigkeit eines seiner Leute konnte noch bedenklichere Folgen haben. Er hatte auf einem Jahrmarkt in der Nähe von Lyon einen vorteilhaften Handel abgeschlossen und für schlechtes Geld gute Ware eingekauft. In seiner Freude warf er einen Kronentaler in die Luft. Er zerbrach in Stücke. Die Probe mit einem zweiten erging nicht besser. Nur der Schnelligkeit seines Pferdes verdankte der Gauner, daß ihm die Flucht gelang. Seine Verfolger entdeckten nicht seine Spur, wenigstens nicht bis zum Spukschlosse. Aber das Gerücht lebte doch auf, daß in der Gegend Falschmünzer wären. Man hatte in dem Park am Schlosse Pferde grasen gesehen. Sie hatten deutlich gewiehert wie Pferde von dieser Erde. In andern Gegenden pflegen zwar Kobolde sich auf Mähren zu nesteln und aus Mutwillen sie in Schweiß zu setzen oder gar lahmzureiten; das tun aber nur neckische Elfen in Irland, England und Schottland. Wahrhafte Teufel, die aus der Hölle abgesandt sind als Exekutoren an armen Sündern, die Diener Satans und die Schreckbilder der mittelalterlichen christlichen Mythe, geben sich in Frankreich mit solchem unnützen Spuk nicht ab. Die Witwe des Advokaten fand es zudem sehr unbequem, daß sie durch Geister aus ihrem Wohnsitz getrieben sei und diese ohne Recht mit aller Behaglichkeit in ihrem rechtmäßigen Erbe auf die Dauer hausen sollten. Das Interesse war allmählich stärker als der Glaube. Freunde sammelten sich um sie, man redete sich Mut zu, auch der reine Unglaube wagte wieder seine Stimme zu erheben. Eine Expedition zur Untersuchung ward in der Stille, wie man glaubte, verabredet, und eines Morgens rückten gegen vierzig Mann, alle bewaffnet, einige Soldaten, Bauern unter Anführung jener Freunde und eines Offiziers, gegen das Schloß vor. Aber Mandrin hatte von allem Kunde. Seine Schätze mit allen Gerätschaften plötzlich fortbringen zu lassen, hatte die Zeit gefehlt; auch mochte er auf sein Glück trotzen. Er hatte nur eiligst alles, was von Wert war, in die hintersten Keller schaffen und seine Leute sich bewaffnen lassen, entschlossen, sich aufs äußerste zu verteidigen. Gespenster und Bären verlegten diesmal den Eindringenden nicht den Weg. Es war totenstill in den Höfen, den Gängen, den Zimmern. Die Eroberer erbeuteten nur einiges Federvieh, das sich nicht gerettet hatte; auch Wein in den Kellern, den die Gespenster entweder vergessen hatten ausfließen zu lassen oder mit Absicht zurückgelassen hatten, damit ihre Feinde sich betrinken möchten. Der Anführer des Trupps aber ließ sich nicht irre machen; er besetzte das Haupttor und das Hinterpförtchen und ließ die Berittenen um das ganze Schloß flankieren, während der innere Park mit Wachtposten bestellt wurde. Darauf erfolgte der Sturm auf den Eingang zum Keller, da es keinen Augenblick zweifelhaft war, daß die Bande sich dorthin zurückgezogen hatte. Aber eine scharfe Salve aus vielen Musketen trieb die Angreifenden zurück. Man mußte zum eigenen Schutz Faschinen bauen. Man riß dazu die alten Tapeten herunter und füllte sie mit Erde. Nach einer dreistündigen heftigen Gegenwehr schwieg das feindliche Feuer, der Eingang war erstürmt, und die Sieger fanden sich in – einem leeren, ungeheuren Gewölbe. Ein Keller von achtzig Fuß Länge und achtzehn Fuß Breite, hell erleuchtet von Fackeln an den Mauern, und die Bande wie durch einen Zauber verschwunden; weder Menschen, noch Schätze, noch Münzwerkstätten. Der Boden war festgestampfter Ton, die Decken ein festes Gewölbe; in beiden fand sich auch keine Spur einer Öffnung. Ebensowenig bemerkte man eine solche oder eine verborgene Tür an den Seitenwänden, die mit starken Palisaden dicht besetzt waren, entweder um das Nachsinken der Erde zu verhüten oder um den Schall beim Münzenprägen zu ersticken. Irgendwohin mußten die, die noch eben so munter gefeuert hatten, entkommen sein, und dringender war es, zu finden, wo sie waren, als den verborgenen Weg aufzusuchen, durch welchen sie entkommen. Aber vergebens wurde der ganze Schloßberg umkreist, vergebens legte man sich auf die Erde, um zu horchen, und grub, wie nach dem Dachse, wo ein Geräusch vernommen wurde. Kein Blatt schien gerührt, kein Fußtritt verriet einen Flüchtigen. Es war außer Zweifel, daß die Räuber zuletzt in dem verpalisadierten Keller gewesen waren, von hier aus mußte man also ihre Spur entdecken. Nachdem der Hauptmann seine Mannschaft an dem erbeuteten Weine sich hatte stärken lassen, ging er daran, die Palisaden eine um die andere auszureißen. Man fand etwa sechs Stück einige Zoll über der Erde durchgeschnitten und mittels eines Zapfens wieder künstlich verbunden. Dahinter war kein Mauerwerk, sondern Erde. Hier mußte ein Ausweg gewesen sein, obgleich es von ungewöhnlicher Besonnenheit und Tätigkeit zeugte, diesen Weg nach einem hitzigen Gefechte so geschickt wieder zuzumachen und noch dazu den weitern Weg mit Massen von Erde zu verschütten. Es war der Ausweg gewesen. Mandrin und die Seinen hatten sich durch denselben in ein anderes etwa fünfzig Schritte entferntes Gewölbe, das aber tiefer und außerhalb des Schlosses lag, zurückgezogen und die ungeheure Arbeit, obgleich ohne sichere Aussicht auf Erfolg, nicht gescheut. Denn alle Botschafter, welche er durch die einzige Öffnung jenes zweiten Kellers ausschickte, brachten ihm während der Riesenarbeit die Nachricht, daß an ein Entkommen oder Durchbrechen nicht zu denken sei, da der ganze Berg von den wachsamen Bauern umkreist sei. Er zog sich also eigentlich nur in sein letztes Loch zurück, in der Hoffnung, daß man den Weg nicht finden und endlich der Eifer der Verfolger ermatten werde. Ein Glas Wasser und eine Trommel waren am Eingange auf der lockern Erde aufgestellt, während die völlig Erschöpften sich zur notdürftigsten Ruhe hinstreckten. Aus der Erschütterung des Wassers, aus dem Dröhnen der Trommel nahmen sie die Schläge der Arbeiter wahr. Immer höher wallte das Wasser auf, immer stärker klang die Trommel. Mandrin sprang auf und erklärte den Seinen, daß ein Widerstand hier eine unnütze Metzelei sein würde, ohne die geringste Aussicht, auch nur einen ehrenvollen Tod zu sterben. Ein letzter Versuch zur Rettung bleibe der allen bekannte Ausweg durch das Gewölbe, wo indes jeder nur für sich selbst vorzusehen habe und nichts als das ihm Wertvollste und das Leichteste mitnehmen könne. Es blieb kein anderer Rat. Um Zeit zu gewinnen, ließ er die hölzernen Stützen jenes Ganges gewaltsam einreißen und die Erde herunterstürzen. Ihre Bewältigung mußte den Feind wenigstens aufhalten. Dann ging man an die Flucht. Gerade über dem Gewölbe stand eine uralte, sehr dicke Eiche, die durch ihre ausgewaschenen Wurzeln das Licht herunterfallen ließ. Dies war der verborgene, enge, mißliche Ausweg, gut für einzelne Späher, gefährlich für eine ganze bewaffnete Bande. Indessen kam einer nach dem andern glücklich hinauf. Sie konnten sich ordnen, ehe sie entdeckt wurden. Die Bauern, auch ermüdet, schnarchten umher. Die wenigen, die noch Wache hielten, wurden zu Boden gerannt, und in Sturmesflug enteilte die Bande ins Dickicht. Der Offizier kam mit seinen Soldaten zu spät zur Verfolgung. Mandrin, der Wege kundig, wußte ihn so geschickt in die Irre zu leiten, daß er nach einem Tage und einer Nacht, ohne nur einen Gefangenen gemacht zu haben, zurückkehren mußte. In der letzten Höhle fand man außer Leinwand, einigem Geräte und Lebensmitteln auch nur – Haufen falschen Geldes. Glücklicher war eine Kompanie der Maréchaussée. Längs der Küste von St. André hinstreifend, griff sie zwei Verdächtige auf, welche allerdings zur Bande gehörten. Auf die Folter gespannt zu Grenoble, gaben sie die vollständigste Auskunft über Mandrin und seine Leute, alle Namen und Verhältnisse derselben, die hier zum ersten Male in den Akten erschienen. Auch sein kühnes Liebesverhältnis scheint hier zur Sprache gekommen zu sein, denn als Mandrin die ersten Augenblicke seiner wiedergewonnenen Freiheit dazu benutzte, bei seiner Braut als Kavalier zu erscheinen, ward er entdeckt und im Augenblick, da er aus der Tür trat, von den Landreitern, doch in bürgerlicher Tracht, ergriffen. Die junge Dame hielt sie für Privatfeinde ihres Bräutigams und befahl ihren Dienern, ihn aus ihren Händen zu befreien. Der Anführer der Maréchaussée zeigte den Verhaftbefehl vor und fragte das entsetzte Fräulein, welchen Anteil sie an dem Schicksal des Mörders und Falschmünzers Mandrin nehme. Sie fiel in Ohnmacht und soll noch am selben Tage in ein Kloster gegangen sein. Niedergeworfen, gefesselt, ward Mandrin fast bewußtlos abgeführt und in einen Kerker geworfen. Da er hier, erwachend, fast wie ein Rasender tobte und die Ketten zerriß, warf man ihn in eines jener unterirdischen Löcher, die zur Aufbewahrung der Schwerverbrecher dienten. Er ward krank; die Nachricht, daß sein Arzt bemerkt habe, wenn man seine Hinrichtung wünsche, möge man seinen Prozeß beschleunigen, da er sich dem Tode nähere, spornte seinen Mut an. Als einige Betschwestern ihn besuchten, um ihm geistlichen Trost zuzusprechen, benahm er sich gegen diese selbst zwar freundlich, wollte aber von keinem Geistlichen etwas hören, weil er zu unmenschlich von den Menschen behandelt würde. Er hatte das Herz der Frommen gerührt, und sie ruhten nicht eher, bis sie die ganze Stadt zugunsten des armen Sünders und seiner unsterblichen Seele in Bewegung gesetzt hatten. Er kam in ein besseres Gefängnis, er ward menschlicher behandelt. Jetzt bekannte er alle seine Taten vor den Richtern, noch mehr vor seinem Beichtvater. Der Kapuziner, sowie jene frommen Schwestern wußten die Bußfertigkeit des reuigen Sünders nicht genug zu rühmen. Sein Urteil war gefällt, der folgende Tag zur Hinrichtung anberaumt, er aber hatte längst die Gunst der Umstände benutzt, sich mit seinen Mitgefangenen zu verständigen. Es war ein letzter, einziger Wunsch, den er äußerte, vor dem Abschiede aus dieser Welt noch einmal mit denen eine gemeinschaftliche Abendmahlzeit einzunehmen, mit denen er im Leben so lange und so oft bei schlimmen Dingen verweilt. Als bußfertiger Christ wollte er sie durch sein Beispiel und seine Ermahnungen auf den Weg des Heils führen. Das letzte Zusammenspeisen Verurteilter, welche für dieselben Verbrechen denselben Tod erleiden sollen, kam wohl als ein Akt der Gnade, als eine religiöse Feierlichkeit vor. Hier aber handelte der Kerkermeister gegen seine Pflicht, als er seine Zustimmung gab; er tat es nur aus Rücksicht vor dem hohen, frommen Protektorate und gegen das Versprechen der strengsten Verschwiegenheit. Der Kerkermeister nahm an dem Mahle teil, welches mit Gebeten und salbungsreichen Reden anhub, mit starkem Trinken fortfuhr, um die finstern Todesbilder zu verscheuchen, und mit der vollkommenen Trunkenheit des Kerkermeisters endete. Als er besinnungslos unter dem Tische lag, bemächtigte sich Mandrin seiner Schlüssel, löste die Ketten aller Gefangenen, schloß den Kerkermeister ein, und die wilde Rotte stürmte, alle Türen erbrechend, alle Wachtposten umrennend, aus dem Gefängnis, aus der Stadt. Noch hatte Mandrin die Kühnheit, den Schlüsselbund des Gefängnisses dem Rittmeister der Maréchaussée ins offene Fenster hineinzuwerfen. Als dieser sie verfolgen ließ, war es zu spat. Mandrin war frei, aber hatte alles verloren. Um eine neue Bande zu bilden, war das nächste Erfordernis Geld. Auch das von ihm vergrabene war während seiner Gefangenschaft verschwunden. Ein alter Kamerad meldete ihm, daß die Bauern der Umgegend eine beträchtliche Geldsumme unter sich verteilt hätten. Die Wut stieg in ihm auf, aber er durfte die Bauern, namentlich an der Küste, nicht gegen sich erbittern. Die Zersprengten hatten sich inzwischen gesammelt. Man suchte nach einer neuen Stätte, um das alte Gewerbe anzufangen. In günstiger Lage, angelehnt an ein Gebirge, fand man eine Einsiedelei. Der Mönch ward überfallen, zwar nicht seines Lebens, aber doch seiner Kutte und seines Hauses beraubt; er mußte einem der Bande Unterricht geben, wie man als Einsiedler sich zu benehmen habe, um die Landleute zu täuschen und zu Opfern geneigt zu machen. Im Berge entdeckte man eine Höhle und vergrößerte sie. Aus der Einsiedelei ward ein unterirdischer Gang dahin gegraben. Die Höhle bekam, wie ein Fuchsbau, mehrere Auswege, ein längerer, unterirdischer Gang aber führte bis ins Tal. Die Falschmünzer mußten auch in der Pionierkunde erfahren sein. Sie waren wieder auf siebenunddreißig Mann angewachsen; das Geschäft ging munter vorwärts, und der Absatz war bedeutend. Sie lebten herrlich und in Freuden, und solange Mandrin da war, wurde eine musterhafte Ordnung innegehalten. Zum Ausgehen und zur Rückkehr waren bestimmte Zeiten und Stunden festgesetzt. Die Bande speiste gemeinschaftlich. Nur der Hauptmann hatte seine besondere Tafel mit sechs Gedecken. Er zog seine Lieblinge dazu, und bei Tafelmusik, natürlich von Mitgliedern der Bande, wurde mit einem fürstlichen Luxus gezecht. Um acht Uhr morgens ging man schlafen, um vier Uhr nachmittags ward aufgestanden. Die weiblichen Besuche, welche zur Unterhaltung der Bande in das Heiligtum zugelassen wurden, mußten in männlichen Kleidern erscheinen. Bei der äußersten Sorgfalt, ihren Aufenthalt vor der Umgegend zu verbergen, erscheint es schon merkwürdig, daß man überhaupt Personen hereinließ, die nicht durch Blut und Schwur zur Bande gehörten, zumal leichtfertige Frauen. Aber aufs strengste sah Mandrin darauf, daß das Zusammenleben mit diesen Frauen keine Folgen habe. Trotz der Fülle und des Glücks ward Mandrin des stillen Lebens überdrüssig. Sein tätiger Geist fand sich bei den schwelgerischen Genüssen in dem Höhlenleben nicht befriedigt. Er konnte wüten und zum Kannibalen werden. Eine junge Bäuerin geriet beim Verfolgen einer Ziege in das wilde Felsgeklüft. Sie hörte das Prägen, sie lauschte und ward, ehe sie entfliehen konnte, ergriffen, in die Höhle geschleppt, entkleidet, an einen Pfahl gebunden, und Mandrin selbst stieß ihr den Dolch in die Brust, um sie zum ewigen Schweigen zu bringen. Er streifte unter allerhand Verkleidungen in der Gegend umher, auf Abenteuer ausgehend. Währenddessen sah es mit der Mannszucht schlecht aus, seine Leute waren faul in der Arbeit; sie lagen auf den Dörfern umher, tranken, plauderten, fingen Handel an und warfen Worte hin, die nicht verlorengingen. Zum drittenmal wiederholte sich ein Angriff auf ihre Burg, abermals in Mandrins Abwesenheit. Diesmal geschah es mit mehr Vorsicht. Die Maréchaussée von Grenoble, Valence und den Nachbarstaaten rückte in aller Stille an. Der ganze Berg ward umstellt und dann erst die Einsiedelei angegriffen. Man sprengte ihre Tür. Alles war leer wie im Spukschlosse, und erst nach langem Suchen entdeckte man den nach der Höhle führenden unterirdischen Gang. Die Bande fand dadurch Zeit, sich und ihre besten Habseligkeiten zu retten. Sie entflohen durch den zweiten unterirdischen Gang, der nach dem Tale führte. Was sie nicht mitschleppen konnten, verbrannten sie. Die Maréchaussée fand im geräumigen Innern der Höhle nichts als Asche und Rauch, aber in einem Seitenloche ein verkümmertes, fast lebloses menschliches Wesen, den gefangenen Einsiedler, dem man in der Verwirrung der letzten Tage Nahrung zu reichen vergessen hatte. Sein Zeugnis ward später zur Feststellung der Personen und Taten von Wichtigkeit. Während man sich zur Verfolgung der flüchtigen Räuber anschickte, erfolgte eine Explosion, die einen Teil der Höhle und darunter einige Soldaten verschüttete. Mandrin hatte mit seiner Umsicht alles zur hartnäckigen Verteidigung eingerichtet und auch für den schlimmsten Fall eine Mine gelegt, die Rocqueirol auf der Flucht anzündete. Aber nur ein Seitengewölbe spaltete sich und flog mit fürchterlichem Krachen in die Luft. Die Verfolgung der Bande ward dadurch nicht gehemmt. Die Sturmglocken läuteten in den Dörfern, als Mandrin auf dem Heimwege war. Von den Bauern, die bewaffnet von allen Seiten durcheinanderliefen, erfuhr er zur Genüge, was es galt, und unter dem Scheine, mit aufsuchen zu helfen, sprengte er mit verhängtem Zügel der Richtung nach, welche seine Leute genommen haben sollten. Er traf sie im dichtesten Walde in einer günstigen Stellung und voller Mut, dem Feinde, dem sie nicht mehr entweichen konnten, mit offener Gewalt zu begegnen. Rocqueirol meinte es nur mit Bauern zu tun zu haben, Mandrin aber hatte denselben Offizier erkannt, welcher ihn aus dem Spukschloß vertrieben hatte, und wußte, daß es das äußerste galt. Er ließ Bäume fällen und ein geschlossenes Verhack bilden. Aber auch die Angreifenden kannten ihre Feinde. Der Offizier ließ seine Leute mit Faschinen anrücken, die in Brand gesteckt wurden. Rauch und Flammen wälzten sich bei günstigem Winde gegen die Räuber, und Mandrin, um nicht zu verbrennen oder zu ersticken, warf sich seitwärts in einem geschlossenen Keil auf seine Feinde. Nach einem mörderischen Gefechte, welches die meisten seiner Leute tot oder verwundet niederstreckte, mußte er selbst, mit Staub und Blut bedeckt, die Flucht suchen, ward aber mit zwei Brüdern und noch fünf seiner Bande gefangen. Im Kerker von Grenoble benahm er sich mit einer Würde und einem Stolze, der einer bessern Sache Ehre gemacht hätte. Der Prozeß war kurz, da kaum etwas zu ermitteln übrigblieb; jeder Versuch zur Flucht war im voraus durch die getroffenen Anstalten verhindert. Das Urteil war gefällt, der Tag zur Hinrichtung erschien. Nur um eine Gnade bat er, und man gewährte sie: nicht auf dem gemeinen Karren der Armensünder zum Richtplatz geführt zu werden. Zur Vorsicht hatte man ihm indessen nicht allein die Hände vorn gebunden, sondern insbesondere die Daumen scharf zusammengeschnürt. Schon auf dem Schafott überkam ihn eine Simsonstärke. Er zerriß seine Bande, schlug den Henker zu Boden, stieß den Beichtvater auf die Häscher und sprang ins Volk. Die Masse machte unwillkürlich dem Rasenden Platz. Er erreichte das Tor, und als die Reiter ihm folgten, war er schon in dem Gebüsch nach den Bergen zu verschwunden. Seine Brüder und die übrigen von der Bande wurden hingerichtet. Die Geschichte seiner Flucht liefert nicht weniger Wunderbares als das Bisherige. Nachdem er drei Nächte wie ein Schatten umhergeirrt war – bei Tage schlief er – und nirgends einzukehren gewagt hatte, da Steckbriefe und Kundschafter das Land durchflogen und ein hoher Preis auf seinen Kopf gesetzt war, überfiel er einen Kapuziner, den er in den Wald gelockt, nahm ihm seine Kutte und ließ ihm sein Sterbehabit, in keiner andern Absicht, als daß der Kapuziner überall die Nachricht verbreiten solle, Mandrin irre als Kapuziner umher. Seine wahre Absicht aber war eine andere, die er später ausführte, zu früh aber einem Freunde mitteilte, der ihn verriet. Er ward wieder gefangen. Diesmal ward er von den Landreitern, die ihn jetzt kannten, geknebelt und in Ketten geschlossen. Als sie auf dem Wege nach Grenoble irgendwo übernachten mußten, ließen sie ihn in eine Zisterne hinab und bedeckten diese mit Brettern und Steinen. Außerdem standen zwei Soldaten Wache. Aber auch diesmal war das Glück ihm günstig. Die Wächter waren eingeschlafen, und Mandrin zerriß seine Bande. Die Zisterne lag an einem Keller, wie die hohlklingende Wand ihn lehrte. In Minierarbeiten suchte er seinesgleichen. Er sprengte einige Türen, sah sich im Freien und bald in Freiheit. Er schlich auf ihm wohlbekannten Wegen nach Avignon, von da die Rhone weiter hinauf. Als er indes von seinen Leuten keine Nachricht erhielt und keine tauglichen Leute zu einer neuen Bande auftrieb, ließ er sich in Lyon als Soldat anwerben. Aber die Gefahr, sich öffentlich zu zeigen, war zu groß; er schützte eine Krankheit vor und desertierte mit dem Werbegelde und drei Rekruten. Er traf seinen früheren Leutnant Perniot mit noch vieren seiner Bande. Entsprungene Verbrecher gibt es überall; bald war seine Bande auf vierzehn Mann angewachsen, und er hielt es unter den Umständen am angemessensten, mit ihnen einen Schleichhandel an der savoyischen Grenze zu beginnen. Dieser ging nicht allein außerordentlich glücklich vonstatten, sondern durch einige barbarische Taten verschaffte sich Mandrin auch in dieser neuen Laufbahn einen furchtbaren Namen. An einem kalten Januartage nach einer gelungenen Expedition ging er den Zollbeamten, welche seinem Trupp auflauerten, vertraulich entgegen, als wolle er ihnen in ihrer Arbeit beistehen, und nachdem er sie auf einen Bergpfad geführt, setzte er seinen Hut auf als Zeichen für die Seinen. Diese feuerten aus ihrem Versteck, und fünf Mautsoldaten stürzten tot oder schwerverwundet nieder. Die Kontrebandiers rüsteten sich mit den Kleidungsstücken und Waffen der Toten und Beraubten aus. So überfiel er in der nächsten Nacht einen Zollbeamten in seinem eigenen Hause, weil er sich gerühmt hatte, schon mit Mandrin fertig werden zu wollen, plünderte und nahm fort, was sich fortschaffen ließ. Sein Ruf wuchs durch beide Taten auch in dieser Gegend ins Ungemeine. Alle Vagabunden glaubten, unter ihm zu dienen, sei die Anwartschaft auf ein sicheres, glückliches Leben, und die Freiwilligen drängten sich ordentlich zu seinen Diensten. Aber er war sehr streng in der Auswahl und Annahme. Nur solche, die durch wirkliche schwere Verbrechen ihm sicher waren oder durch besondere Talente im Durchbrechen sich ausgezeichnet hatten und bei den Proben Mut und Entschlossenheit zeigten, wurden in seine Bande aufgenommen. Die Bande wuchs dennoch – es war dies im Jahre 1754 – ungemein an und machte so glückliche Expeditionen, daß die Provinzen Dauphiné, Languedoc und Macon mit Kontrebande angefüllt waren. Der gewöhnliche Handel litt, die Generalpächter und die königliche Akzise verloren bedeutend. Mandrins Treiben ging in einen förmlichen Krieg über. Seine Leute ritten in königlichen Uniformen, mit Schärpe und Ludwigskreuz: so belagerte er Brücken, stürmte Zollhäuser und drang bewaffnet mit hellen Haufen in Städte ein. Er legte sich in den Hinterhalt und schoß ganze Trupps Zollbeamte nieder. Indes machte sein Glück ihn übermütig. Daß er die Spione, welche man ausgesandt, um ihn und seine Verhältnisse zu erspähen, nach kurzem Prozeß erschießen oder aufhängen ließ, war das traurige Pflichtgebot seiner Lage. Aber er beging den Mißgriff, es mit dem Landvolk, das er früher klüglich geschont hatte, zu verderben. Er zwang die Leute, seine Kontrebande ihm abzukaufen, weil ihm der weitere Selbstvertrieb zu unbequem und weitläufig wurde. Indes reichte dieses seltsame Mittel nicht aus, und in halber Verrücktheit wollte er die Angestellten der Generalpächter selbst zwingen, seine Kontrebande ihm abzunehmen. So zog er einst an der Spitze von zweiundfünfzig Mann, alle mit geladenen Musketen und aufgepflanztem Bajonett, in die Stadt Rhodez ein und brachte einige Maultiere mit Ballen eingeschmuggeltem Tabak vor das Haus des dortigen Zollaufsehers. Der Mann ward heruntergerufen und sollte zu dem ihm gesetzten niedrigen Preise kaufen. Ihm ward dafür versprochen, daß auch aller Tabak, den man künftig einbringe, ihm allein und zu diesem Preise überlassen werden solle. Vergebens sträubte sich der Beamte gegen das tolldreiste Ansinnen, welches ihn um sein Amt bringen und zum Mitschuldigen der Verbrecher machen mußte. An die Wand bei der Kehle gedrückt und unter dem Blitzen der Bajonette, die auf seine Brust gerichtet wurden, mußte er kaufen und zahlen. Ebenso erging es dem Zollaufseher zu Menthe. Der Handel gefiel Mandrin so wohl, daß er auf gewöhnlichem Wege nicht genug Tabak zu beschaffen vermeinte. Er zog daher mit seiner ganzen Bande nach Savoyen und der Schweiz hinüber und trieb sich dort mit einer immer wachsenden Mannschaft bis Ende Juli umher. Er war so stark, daß er es wagen konnte, mit einem Transport von vielen Wagen die Grenze wieder zu passieren. Jetzt rückten ihm aber in der Franche Comté zwei Zollbrigaden, die von Menthe und von Channence, entgegen. Mandrin, genau durch seine Späher von ihren Bewegungen unterrichtet, ermüdete sie durch Kreuz- und Quermärsche, bis er sich an einer günstigen Stelle so gelagert hatte, daß er es mit ihnen aufzunehmen beschloß. Ihm galt es, ein abschreckendes Beispiel seinen Verfolgern für immer zu geben und durch die Furchtbarkeit seines Namens zu wirken. Es war an der Seite eines kleinen Gehölzes. Hinten war ein Berg, vor ihm ein Sumpf; die freie Seite hatte er mit einem Graben durchschneiden und dahinter seine Wagen auffahren lassen. Durch einen Schuß aus dem niedrigen Gehölze vor dem Graben, der einen Zollbeamten vom Pferde warf, angelockt, saßen die Zollsoldaten schnell ab und kamen im Suchen unvorsichtig dem Graben nahe. Ein mörderisches Feuer begrüßte sie und trieb sie auseinander. Doch sammelten sie sich wieder, und auf ihre Zahl vertrauend griffen sie von neuem an und trieben die Kontrebandiers aus dem Graben. Aber drüben in der Wagenburg war nicht ihr Terrain. Sie wurden umzingelt und teils gefangen, teils zurückgeworfen. Mandrin ging von der Defensive zur Offensive über. Die gebundenen Gefangenen vor sich herstoßend, griff er an und trieb an der Spitze von zweiunddreißig Mann die Soldaten wieder über den Graben. Aus den Gebüschen empfing sie eine neue Salve von den dort versteckten Kontrebandiers, dergestalt, daß sie mit Hinterlassung vieler Toten und Verwundeten in der Flucht ihr Heil suchen mußten. Mandrin hatte die Keckheit, mehrere Tage trotzig auf der Walstatt zu bleiben. Hier schlug er seinen Markt auf, hierher wurden die Käufer, die nicht freiwillig kamen, mit Gewalt getrieben. Dann zog er auf neue Kontrebande und nötigte die Zollaufseher von Craponc, Brisonde und Montbrison, gleich denen von Rhodez und Menthe, seine Vorräte zu nehmen. In viele andere Zollhäuser brach er mit Gewalt ein, raubte, verwundete, tötete. Überhaupt scheint durch seine glücklichen Erfolge nicht sein ritterlicher Sinn, sondern die wollüstige Grausamkeit in ihm genährt worden zu sein. Schon früher hatte er den Zollbeamten, welcher seinen Bruder Pierre beim Gefecht hinter der Einsiedelei gefangengenommen hatte, bei einem Streifzuge aus Rachelust heimgesucht. Der Unglückliche hielt ihm auf den Knien einen Säugling entgegen und bat um Gnade; aber mit lautem Hohn hieb er Kind und Vater zusammen. Die Möglichkeit eines solchen Treibens läßt sich nur aus dem zerrütteten Zustande der französischen Verwaltung vor der Revolution erklären. Die Feudalmacht war gleich der der Munizipalitäten gebrochen und doch die Zentralisation der administrativen Kräfte noch nicht hergestellt. Generalpächter verschlangen die Einkünfte; es ging dem Staat nicht sehr nahe, wenn sie Schaden litten, und das Volk hatte noch weniger Interesse, vielleicht auch Schadenfreude, wenn die, welche es drückten und sein Mark verzehrten, von ihren reichen Einkünften einbüßten. Dazu erwäge man, daß diese Geschichten im südlichen Frankreich spielen, wo auch viel später noch der gesellschaftliche Zustand nicht auf so geordneten Grundlagen ruhte als im Norden; das katalonische und korsikanische Element spukt herüber. Bis dahin hatten eigentlich nur die Generalpächter im eigenen Interesse gegen den frechen Räuber operiert. Es waren ihre Soldaten, welche gegen ihn kämpften, nur daß hie und da eine Obrigkeit, ein Militärbefehlshaber sie unterstützte. Jetzt endlich erwachte auch die Regierung zur Tätigkeit. Das Ministerium schickte eine ansehnliche Truppenzahl, um die gefährliche Bande zu vertilgen. Noch jetzt hatte Mandrin den verwegenen Mut, statt zu fliehen, es auf einen offenen Kampf mit den königlichen Truppen ankommen zu lassen. Im Kirchspiel von Brion, beim Dorfe Grenand, verschanzte er sich. Bei einer Rekognoszierung mit Husaren und Tirailleurs sah der Anführer der königlichen Truppen ein, daß mit einem Handstreich nichts zu machen sei. Man beschloß, das Lager zu berennen und auszuhungern. Das durfte Mandrin nicht abwarten. Bei der Erbitterung des Landvolks gegen ihn hatte er keine Aussicht, daß man ihm heimlich Nahrungsmittel zuführen werde. Auch ein Durchschleichen, wenn es zum Schlimmsten kam, wurde unter diesen Umständen mißlich. Er beschloß, sich durchzuschlagen. Als Feldherr teilte er seine Schar in drei Treffen. Auf einem stattlichen Pferde, an der Spitze seiner Leute, den gezückten Säbel in der Hand, führte er zum Angriff gegen die Husaren und Dragoner. Das Feuern von beiden Seiten war heftig. Wo die Gefahr am größten schien, war er. Einer seiner Leutnants fiel; er sprang vom Pferde, und mit dem Bajonette führte er dessen Trupp in die feindlichen Glieder. Perinot kommandierte den linken Flügel, der zu wanken begann. Im Augenblick war Mandrin wieder zu Roß und jagte dahin; aber trotz eines dreimaligen wütenden Ansatzes konnte er nicht durchdringen, die Ordnung nicht mehr herstellen. Alle drei Treffen wurden fast zugleich geworfen und in die Flucht geschlagen. Die Schlacht war blutig gewesen. Von beiden Seiten waren viele Leute, von der königlichen angesehene, ihrer Tapferkeit wegen berühmte Offiziere geblieben. Mandrin hatte nicht das Glück, den Tod des Helden auf dem Felde der Ehre zu sterben. Er war entkommen und sammelte etliche dreißig seiner Leute auf der Flucht. Aber zu großen, kühnen Unternehmungen kam es nicht mehr. Er raubte und mordete oft nicht allein seine Feinde, die Zolldiener, sondern unschuldige Bauern, sogar Frauen, die nichts mehr getan, als gezaudert hatten, ihm die Haustür zu öffnen. Das elastische Glück hatte ihn verlassen. Er entkam zwar durch schnelle Kreuz- und Ouermärsche seinen Verfolgern und setzte die Ortschaften Carcieres, Noiretable und Choisedieu in Kontribution, auch schlug er sich noch einmal in den Straßen des Dorfes Sauce-Etat mit den Volontairs der Regimenter Flandern und Dauphiné herum, aber es blieb seine letzte Tat. Er träumte noch von neuem Erfolge, aber nur um zu seiner letzten Gefangenschaft zu erwachen. Einer seiner eigenen Leute, angelockt durch den hohen auf seinen Kopf gesetzten Preis, verriet ihn. Die Zollbeamten überfielen ihren unerbittlichen Feind mitten im Schlafe, und als er erwachte, war er schon mit scharfen Stricken an Händen und Füßen gebunden und bis aufs Blut zusammengeschnürt. Es waren Bande, die er nicht mehr zerreißen sollte. Fünf seiner Leute wurden mit ihm nach Valence gebracht. In den Verhören schien Mandrin seine Heldenrolle weiterspielen zu wollen. Auf viele Fragen antwortete er gar nicht, auf andere nur mit Spott. Die Namen seiner Mitschuldigen zu nennen konnte er nicht bewogen werden. Das Gefängnis war von Neugierigen belagert, die den größten Räuberhauptmann Frankreichs sehen wollten. Man fand, was man glaubte, einen Helden: so war sein Blick, seine verächtliche Miene, seine ganze Haltung. Auch in Ketten war er noch der Anführer, der stolze Gebieter über einen Haufen unwiderstehlicher Genossen. Seine Verbrechen schienen vergessen oder vergeben. Der Wunderschein des Außerordentlichen erhob ihn vor dem Volke, und es fehlte nicht an solchen, die ihn sogar für einen großen Mann erklärten. Aber die innere Gemeinheit blitzte in widerwärtigen Witzen, in rohen Spaßen für den Menschenkenner und jeden, der ihn täglich sah, deutlich genug heraus. Wer eine Rolle wie Mandrin gespielt, durfte, um sie gut zu schließen, nicht die kecke Laune des liebenswürdigen und eiteln Jac Sheppard zur Schau tragen. Dafür klebte, auch nach den gewöhnlichsten Volksbegriffen, zu viel grausam vergossenes Blut an seinen Händen, zu viele Greueltaten schändeten sein Gedächtnis. Ein Jesuit rühmte sich, nachdem Mandrin alle ihm zugeschickten Beichtväter mit frechem Hohn fortgeschickt hatte, den einen, weil er ihm zu dick, den andern, weil er ihm zu mager sei, daß er noch am Hinrichtungstage den verstockten Sünder zur Büßfertigkeit und zum reumütigen Bekenntnis aller seiner Verbrechen unter Tränen gebracht habe. Doch bestieg er furchtlos, ja mit einem gewissen Stolz, der aber von herausfordernder Frechheit entfernt blieb, am 26. Mai 1755, einundvierzig Jahre alt, das Schafott. Er ward von unten auf gerädert. James Hind, der royalistische Straßenräuber 1652 Alt-England war von je die eigentliche Heimat der großartigen Räuber, welche eine vergangene Romanepoche, fälschlich und ohne Grund, nach Italien versetzt. Die Volkserinnerung in England feiert das Andenken jener kühnen Wegelagerer und freien Söhne der Wälder mit besonderer Vorliebe und dichtet diesen Lieblingen gern Züge verwegenen Mutes, hochherziger Gesinnung und überraschenden Witzes an. Die Helden der alten Balladen, die Robin Hood und seine Gesellen, gehören freilich zum großen Teil mehr der Romantik an als der Geschichte. Aber auch seit diese eintritt, wird das Feld nicht leer von kühnen Gesellen, die, selbst wenn sie den Kriminalgerichten verfielen und auf dem Galgen endeten, doch großen, ja ewigen Ruhm ernteten; denn die Bänkelsänger singen noch heute auf den Straßen die Taten der verwegenen und galanten Wegelagerer. Zu den berühmteren und den Lieblingsfiguren der englischen Kriminalistik gehört der Kapitän James Hind, ein Straßenräuber, wie er sein soll. Zwar nicht mehr aus der romantischen Zeit, sondern aus einer stark politisch gefärbten, nahm er, als Mann der Zeit, von dieser Färbung an und glaubte als Räuber einer großen Idee zu dienen, die ihn bis zu seinem Tode nicht verließ. Dabei war er, im englischen Sinne, ein Gentleman und verband mit seinem Geschäfte diejenige Ritterlichkeit, Humanität und den Frohsinn, welche Räuber besitzen müssen, um Volkslieblinge zu werden. James Hind war der einzige Sohn eines Sattlers zu Chipping Norton in Oxfordshire, eines wegen seiner außerordentlichen Rechtlichkeit in der ganzen Umgegend geachteten Mannes, außerdem in religiösen Grundsätzen von puritanischer Strenge. Der Vater wollte ihm eine seinen Fähigkeiten entsprechende Erziehung geben. Er schickte ihn in die Schule, wo er bis zum fünfzehnten Jahre blieb und lesen, schreiben und auch genug rechnen lernte, um einem Hausstande vorzustehen. Aber seine Fähigkeiten schlugen nach einer andern Richtung aus, als es der Vater wünschte. Er hatte ihn nach dem Schulbesuch bei einem Schlächter in die Lehre gegeben; das rohe Wesen und die grausame Behandlung durch den Meister ließen den Knaben aber nur zwei Jahre dort aushalten. Mit siebzehn Jahren entlief er aus der Lehre und machte sich getrosten Mutes nach London auf, wo dem Mutigen immer das Glück lacht. Vorher hatte James noch einen Brief an die Mutter geschrieben, in dem er ihr seine traurige Lage herzbrechenderweise vorstellte, seinen Entschluß zu rechtfertigen suchte und sie bat, ihm etwas Geld nach London zu schicken, damit er sich dort einen neuen Meister suchen könne. Die Mutter, aufs äußerste von den Leiden ihres einzigen Kindes gerührt, scharrte, was sie vermochte, von ihren Ersparnissen zusammen und schickte es nach London. War es dies Geld, was ihn verführte? Es wird uns nicht gesagt, wie der Übergang vom Guten zum Bösen erfolgte. Von den Eigenschaften des Vaters hatte James wenigstens nicht die puritanische Sittenstrenge geerbt; oder es war die Strenge des Vaters, welche in dem Sohn die frivolste Lustigkeit als Opposition hervorrief. Er jagte in der großen Stadt allen den Vergnügungen nach, welche vor der herben Puritanerherrschaft in die Winkel sich verbargen. Eines Nachts finden wir ihn im Hause einer gefälligen Frau, die am Abend vorher die Tasche eines jungen Bürgers wider dessen Willen um fünf Guineen leichter gemacht hatte. Statt der Guineen entdeckte man bei der Frau beim Nachsuchen James Hind, und er ward mit ihr sofort auf die Wache gebracht. Die Frau wanderte am Morgen ins Gefängnis von Newgate; den jungen Burschen ließ man frei. Aber diese Nacht war für sein Schicksal entscheidend. Auf der Wache lernte er einen Straßendieb, damals von großem Namen, kennen, Thomas Allen, der in derselben Nacht auf den Verdacht eines begangenen Diebstahls eingezogen war. Weil es indessen an allen Beweisen fehlte, wurde auch er freigelassen. Beide hatten sich liebgewonnen und beschlossen, nach einer kurzen Verständigung, einen Bund fürs Leben zu schließen; er wurde noch am selben Morgen in einer nahen Taverne durch einige Gläser besiegelt. Allen wurde James Hinds guter Lehrmeister; er hatte aber auch nie einen gelehrigeren und sinnreicheren Schüler gefunden. Sein erstes Probestück war sogleich ein Meisterstück. Schlendernd auf der Straße nach Shooter-Hill sahen sie von fern einen Reisenden mit seinem Bedienten ankommen. Hind, voller Lust, erklärte seinem Begleiter, er fühle sich stark genug, das Wagstück allein zu übernehmen. Allen willigte ein, versteckte sich aber in der Nähe, um, wenn es schlimm ginge, zur Hand zu sein. Die Vorsicht war diesmal unnötig. Hind näherte sich dem Reisenden in artiger Weise, aber mit der entschlossensten Miene, und ward, ohne Widerstand zu finden, Herr von allem, was dieser besaß. Aber nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Barschaft nicht übermäßig groß war und der Mann noch eine ziemliche Reise vorhatte, überschlug er mit ihm, wieviel er zur Vollendung derselben brauchte, und zahlte ihm darauf zwanzig Schilling aus. Der Beraubte fühlte sich dadurch und durch die feinen Manieren des Räubers so gerührt, daß er ihm die Hand schüttelte und ihm versicherte, ihn nie verraten zu wollen, und auch wenn er ihn in seine Gewalt bekomme, werde er ihm nichts anhaben. Nachdem Hind dem Fremden die glücklichste Reise gewünscht, kehrte er mit fünfzehn Pfund Sterling zu seinem Kameraden zurück. Allen, entzückt über James' Mut und Edelsinn, schloß ihn in seine Arme und schwor, sich von nun ab nie mehr von ihm zu trennen. Dieses Bündnis wurde zwischen beiden gerade um die Zeit geschlossen, als ganz England von der Hinrichtung Karls I. erschüttert war. Diese Blutschuld, welche ihr Land traf, zu rächen und gutzumachen, was an ihnen war, gaben sich Allen und Hind das Wort: keinen der Königsmörder zu schonen, welche das Schicksal in ihre Hand liefere. Nur zu bald fand sich Gelegenheit, dieses ihr Wort in einer Art einzulösen, welche Englands Geschichte möglicherweise eine andere Wendung gegeben hätte. Sie erfuhren, daß Oliver Cromwell in einem Wagen mit geringer Bedeckung aus seinem Geburtsort Huntingdon nach London fahren werde. Sie lagerten am Wege. Des Protektors Wagen kam, aber sieben Bewaffnete ritten nebenher. Dies erschreckte sie nicht; sie machten einen beherzten Angriff, der aber natürlich gegen die Übermacht vollkommen fehlschlug. Es galt jetzt nur zu fliehen und sich zu verteidigen. Thomas Allen wurde verwundet, gefangen, nach London gebracht und starb durch Henkers Hand. James Hind entkam zwar für diesmal, aber nur nach unendlichen Gefahren und Schwierigkeiten. Cromwell übte eine gute Polizei, wie sie nur mit den Verhältnissen sich vertrug, und es waren nicht allein die Reiter um seinen Wagen, welche den verwegenen Angreifer auf das Leben des Protektors verfolgten; man machte von allen Seiten Jagd auf ihn. Um ihr zu entgehen, tötete Hind sein Pferd und versteckte sich während mehrerer Tage. Dieser Unstern kühlte aber nicht seine Tatenlust. Im Gegenteil, sobald er freie Luft schöpfte, machte er sich wieder auf den Weg, oder vielmehr, er legte sich am Wege nieder, fürs erste mit keiner andern Absicht, als um sich die notwendigste Waffe und Hauptbedingung eines guten Räubers jener Zeiten – ein Pferd – wieder zu verschaffen. Das Glück lächelte ihm. Er sah ein gesatteltes Pferd etwas abwärts von der Straße an eine Hecke gebunden. Der Reiter stand, etwa zwanzig Schritte davon, in der Beschäftigung vertieft, von einem Dornstocke, den er sich vielleicht eben als Waffe geschnitten, die Dornen abzuputzen. Die Waffe ward zu spät fertig. James rief freudig beim Anblick des Tieres: »Das ist ja mein Pferd!«, und im Moment saß er auch schon im Sattel, hatte es losgemacht und schickte sich an, ins Weite zu jagen. Der Reisende, erschreckt, fährt auf und schreit: »Herr, was soll das? Das ist ja mein Pferd.« James wendet sich noch einmal um und spricht im Tone des äußersten Erstaunens: »Wie, mein Herr, können Sie nicht zufrieden sein, daß ich Ihnen das Geld in Ihren Taschen ließ, um sich ein anderes zu kaufen? Nehmen Sie freundlichen Rat an und geben Sie künftig auf der Straße besser acht; Sie könnten nicht jedesmal so wohlfeilen Kaufes davonkommen.« Das Glück lächelte dem verwegenen Mann auch noch weiter. Sein Name erhielt einen guten Klang; und da Kapitän Hind (wie er jetzt vom Volke genannt wurde) seine royalistischen Gesinnungen gegen niemand verbarg, so darf angenommen werden, daß es ihm nicht an heimlichen Freunden fehlte, welche selbst zwar nicht gegen die herrschende Gewalt ihr Haupt zu erheben wagten, ihm aber gern Winke gaben, wo Beute zu finden und Gefahr zu meiden war. Hughes Peters war ein bekannter Königsmörder. In Enfield-Chase begegnete ihm der Wegelagerer und forderte seine Börse. Peters verlor nicht die Geistesgegenwart; er glaubte den gefürchteten Räuber mit Worten entwaffnen zu können. »Steht nicht geschrieben in der Heiligen Schrift: Du sollst nicht stehlen?« rief er ihm zu. »Auch sagt Salomo der Weise: Beraubet nicht den Dürftigen, denn er ist dürftig,« Kapitän Hind ließ sich nicht verblüffen und wußte mit allerhand Waffen zu fechten. Aus dem Vaterhause waren ihm die Bibelstellen erinnerlich geblieben, und er antwortete ihm auf der Stelle: »So du selber die Vorschriften des Gesetzes bei dir behalten, dann hättest du auch die Worte des Propheten gewußt, wider die du gesündigt: Sie haben gefesselt ihre Könige und ihre Edlen in Eisen geschmiedet! Schändlicher Heuchler, du wagst die heilige Schrift zu zitieren, und aus der Schrift habt ihr verfluchten Republikaner euern königlichen Herrn und Gebieter gerichtet und ihn vor seinem eigenen Palast geopfert!« Peters ließ sich aber dadurch nicht stumm machen. Er verteidigte den Königsmord durch andere Bibelstellen und schloß damit, daß der Straßenraub eine sowohl vor göttlichen als menschlichen Gesetzen verdammungswürdige Handlung sei. »Still!« rief ihm Hind zu. »Keine Injurien gegen mein Handwerk! Denn sagt nicht auch Salomo ausdrücklich: Du sollst auch den Räuber nicht verachten! Aber wir sind nicht hier beieinander um theologischer Disputationen willen. Schließ deine Ohren auf und höre, was es gilt. Heraus auf der Stelle mit deinem Gelde, oder ich schicke dich zu deinem König und Herrn in die andere Welt, wo du mich anklagen magst.« Auf diese Anrede gingen dem alten Presbyterianer seine Gründe aus. Er griff seufzend in die Tasche und gab ihm seine Börse. Der Kapitän hätte billigermaßen mit dem Abenteuer zufrieden sein können, denn es hatte ihm dreißig Goldstücke ohne Kampf eingebracht; aber er überschlug, als der Beraubte schon seines Weges zog, daß er doch auch für die Mühe seines theologischen Unterrichts eine Erkenntlichkeit verdiene, und die Lust, den verhaßten Feind seiner loyalistischen Sache noch ein wenig zu quälen, kitzelte ihn. Er gab seinem Pferde die Sporen und holte den geängstigten Mann bald wieder ein. »Heda, Master!« rief er ihm zu. »Mir ist da eben ein Gedanke gekommen. Weißt du wohl, warum dir das Unglück begegnet ist? Ich weiß es. Weil du die Worte der Schrift vergessen hast. Steht es nicht geschrieben: So ihr auf Reisen seid, führet nicht mit euch Gold oder Silber, ja selber nicht Kupfergeld in eurem Sack!? – Und du, frommer Mann, hast dich so vergessen gegen das Gebot, daß du so vieles Gold in deinen Beutel stecktest! Siehst du nicht, daß ich die Macht habe, dir alles zu befehlen, was mir einfällt? Und ich sehe gar nicht ab, warum ich es nicht tun soll. Also bitte ich dich, gib mir auch deinen Mantel.« Der unglückliche Königsmörder fand keine Bibelstelle, um ihm die Bitte zu verweigern. Er gab ihm das Geforderte ohne Widerstreben. Der Räuber war aber auch damit noch nicht zufrieden: »Unser Herr und Heiland spricht: Wer dir den Mantel nimmt, dem wehre nicht den Rock. Nun kann ich mir nicht denken, daß du gegen das Gebot sündigen willst. Solltest du es aber vergessen haben, so siehst du doch, daß ich dich in Güte daran erinnere, und wärst mir Dank schuldig.« Auch seinen letzten Rock auszuziehen, wollte dem armen Puritaner doch zu hart dünken. Er machte verschiedene Gegenvorstellungen, diesmal aber nicht aus der Bibel, sondern aus allgemein menschlichen Gründen. Der Kapitän blickte ihn ernst an und erklärte, solche Gründe könnten ihn nicht bewegen, von einer Forderung abzustehen, welche durch die Heilige Schrift geboten sei. Peters mußte seufzend auch seinen Rock ausziehen und in Hemdsärmeln den Weg nach Hause antreten. Die Tat, mit allen Umständen, wurde ruchbar, denn der Kapitän Hind mochte selbst gern von seinen Abenteuern reden, und sie fand im Publikum großen Beifall. Hughes Peters bekleidete eine Pfarre. Am nächsten Sonntage wollte er von der Kanzel herab gegen die Straßenräuber losdonnern und wählte zum Text seiner Predigt einen Vers aus den Psalmen. Ein Witzbold unter den Zuhörern bemerkte so laut, daß es alle hörten: »Wahrhaftig, wenn nicht etwa Kapitän Hind unter uns ist, so wüßte ich doch niemand, der respondieren könnte.« Ein allgemeines Gelächter brach unwillkürlich aus; die Andacht war gestört, und der Geistliche mußte die Kanzel verlassen. Eines Tages traf James Hind auf dem Wege von Sherbourn nach Shaftesbury in Yorkshire den viel verrufenen Sergeant Bradshaw, welcher der Kommission, die Karl I. zum Tode verurteilt hatte, als Präsident vorgesessen und das Todesurteil gegen den Monarchen ausgesprochen hatte. Bradshaw fuhr in einem Wagen. Hind ritt heran und forderte seine Börse. Der Mann des Schreckens glaubte, daß sein bloßer Name hinreiche, um den Räuber in einen heilsamen Schrecken zu versetzen. »Ich bin Bradshaw«, rief er mit feierlicher Stimme aus. Aber der Kapitän antwortete ihm mit Heftigkeit: »Ob du Bradshaw bist oder einer von den andern Hunden, die ihres Königs Blut gesoffen haben, ich fürchte dich nicht und könnte auch an dir tun, was du an deinem Herrn getan. Ich würde ein gutes Werk tun vor Gott und dem Lande; aber lebe nur fort, du Schuft, und laß dich von deinem Gewissen quälen, bis dich der Henker faßt, wie du es verdienst. Du verdienst nicht, von andern Händen zu sterben, und Tyburn, das ist der Ort, wo du hingehörst. Aber merke dir's, ich schone nur darum dein Leben, weil du ein Königsmörder bist, aber als sonstiger Schuft erwürge ich dich augenblicklich, wenn du einen Augenblick zögerst, mir alles Geld, das du bei dir führst, auszuliefern.« Bradshaw zog seine Börse hervor, die nur vierzig Schillinge enthielt. Der Kapitän, sehr erbittert über den Bettel, den man ihm bot, setzte ihm die Pistole auf die Brust und drohte ihm ein Loch zu schießen, daß die Sterne durch seinen Leib scheinen sollten, wenn er nicht besseres Geld auffinde. Der Sergeant mußte sein Felleisen öffnen und reichte dem Räuber eine volle Börse mit Goldstücken. James Hind war damit keineswegs zufrieden. Goldes war es genug, er wollte aber auch noch sein Mütchen kühlen, sich seiner guten Tat bewußt werden, indem er den Charakter des schlechten Mannes recht ins Licht stellte und ihn auf alle mögliche Art quälte. Deshalb ritt er noch eine Weile neben dem Beraubten her und klingelte ihm dann und wann mit der geraubten Börse um die Ohren, indem er in Absätzen ein Loblied auf das Geld anstimmte. »Schau, Ehrenmann, das ist das Metall, das mein Herz erfreut! – O kostbares Gold, fast verehre ich dich, wie die Bradshaw, Pryn, und wie das andere gottlose Gesindel heißt, das seinen Herrn und Heiland auch darum verraten würde, so er noch einmal zur Erde herabkäme. Das ist die Universalmedizin der großen republikanischen Ärzte. Solche Wundertäter haben die Katholiken nicht; dagegen sind nichts die Künste der Jesuiten. Das ist ein Zauberer, dem alles ein Spiel ist. Die Gerechtigkeit macht es blind und taub. Es wäscht dir jeden Flecken ab, selbst den pechschwarzen Verrat. In zwei, drei Tagen ändert es so durchaus einen ganzen Menschen, als sieben volle Jahre sonst nicht tun. Wer noch gestern ein Rebell war, wenn es sein muß, das Geld macht ihn heute zu einem loyalen Mann. Ja einem Schuft, wie du, um Geld glauben sie dir, daß du eine ehrliche, unschuldige Seele bist. Das ist ein Lebenstropfen; eine Sache, die schon im Aussterben ist, für Geld erholt sie sich wieder und glaubt noch einmal an sich selbst. Und desgleichen kann ich damit Verschwörungen und Parteien, die sich dem Teufel verschworen, sprengen; Narren mache ich zu Weisen und aus Weisen Narren und aus beiden, wie's mir gefällt, gerade solche Bösewichter, als du bist.« Kapitän Hind, nachdem er genug zum Lobe des Geldes gesprochen, zog seine Pistole heraus und spannte den Hahn. Bradshaw zitterte. Aber der Räuber sprach: »Du und deine höllische Bande, ihr seid nun lange genug, wie Jehu, auf eurer Laufbahn von Blut und Gottlosigkeit fortgerannt, und euer Vorwand war ein heiliger Eifer für den Herrn und seine Heerscharen. Wie lange ihr noch darauf fortlaufen werdet, das weiß Gott allein. Wie dem auch sei, ich meinesteils will alles tun, euch ein bißchen aufzuhalten.« Damit drückte er die Pistole los, aber nicht auf den Königsmörder, sondern auf den Kopf eines der Pferde vor seinem Wagen. Eine zweite Pistole tötete das zweite Tier, und indem er neben dem Auftritt voll Verwirrung, den stürzenden, geängsteten Rossen und dem schwankenden Wagen ruhig hielt und immer wieder seine Gewehre lud, erschoß er die sämtlichen Pferde vor Bradshaws Wagen, eines nach dem andern, und sprengte erst dann ins Weite. Bald nachher begegnete James Hind zwischen Petersfield und Portsmouth einem Wagen voll Damen. Er reitet auf den Kutschenschlag zu, lüftet den Hut und erklärt den Damen, er sei ein Ritter, in Wehr und Waffen für die Verteidigung des schönen Geschlechts; besonders aber sei er in diesem Augenblick auf Reisen, um die harten Widerwärtigkeiten zu bekämpfen, welche seine eigene Geliebte und Gebieterin gefährdeten. »Und deshalb, Myladies,« schloß er, »sehe ich mich in die Notwendigkeit versetzt, einige Unterstützung einzusammeln; denn in diesen teuern Zeiten kosten auch die Abenteuer Geld.« Die jungen Damen, wohlbewandert in der Lektüre der Zeit, dachten nicht anders, als einen neuen Don Quijote oder gar einen Amadis von Gallien vor sich zu sehen und waren sehr entzückt, daß sich die gute alte Zeit in der schweren und trüben der Gegenwart wiederhole. »Edler Ritter,« antwortete ihm die Munterste aus dem Wagen, »wir sind außerordentlich erfreut, einem so edeln Paladin zu begegnen, und unsere Wünsche sollen Euch begleiten; aber es tut uns sehr leid, geben können wir nichts; denn was wir bei uns haben, das ist ein heiliges Unterpfand, und gerade nach den Gesetzen Eures Ordens darf es nicht angerührt werden.« Der Kapitän lächelte und gestand später, die Antwort hatte ihm so wohlgefallen, daß er die Damen gern ohne Brandschatzung ihres Weges hätte ziehen lassen, wenn er nicht gerade damals zu sehr des Geldes bedurft hätte. »Ihr holdseligen Frauen,« rief er, »würdigt mich, zu wissen, worin dieses heilige Unterpfand besteht; denn gerade die unverbrüchlichen Gesetze der irrenden Ritterschaft zwingen mich, daß ich es unter meinen Schutz nehme. Ihr werdet mir nämlich zugeben, daß ich es besser zu verteidigen weiß, wenn ihm Gefahr droht, als zarte Frauen, die irgendein ungalanter Räuber anfällt.« Das muntere Mädchen glaubte wirklich, es stecke dahinter nur eine artige Neckerei, und antwortete ihm mit mehr Anmut als Klugheit, daß dies Unterpfand in nicht weniger als dreitausend Pfund Sterling bestehe, welche eine der mit anwesenden Damen als Mitgift einem andern Ritter zutrage, welcher das Glück gehabt, durch einige kühne Dienste die Gunst der edeln Lady zu erwerben. »Meine volle Achtung, holde Damen, diesem vortrefflichen Ritter«, rief rasch der Wegelagerer; »sagt ihm, inständigst bitte ich euch darum, daß mein Name Kapitän Hind ist, sagt ihm auch, daß ich ohne die allerdringendste Notwendigkeit niemals dieses Hochzeitsgeschenk angerührt hätte, welches gewiß, angesehen seiner ritterlichen Verdienste, nur sehr gering ist; sagt ihm aber auch, wie ich heilig gelobe, die Summe nur allein zur Verteidigung der gekränkten Liebe und zur Unterstützung der irrenden Ritterschaft zu verwenden,« Die Damen erblaßten. Ihr Mutwille war hin. In ganz England war niemand, welcher nicht den Kapitän Hind kannte. An Widerstand war nun kein Gedanke mehr. Sie wollten vor ihm zu Füßen fallen, aber er bat sie auf höflichste Weise, sich ja nicht zu beunruhigen; von ihm hätten sie nichts zu besorgen, und um ihrer Liebenswürdigkeit willen wolle er sich mit dem Drittel der Summe begnügen. Die Damen waren nun wieder entzückt, James Hind wurde wieder in ihren Augen zum wahren Ritter. Er empfing aus ihren Händen mit der liebenswürdigsten Miene einen Beutel mit tausend Pfund Sterling und wünschte ihnen alles Glück auf die Reise, zumal aber mit lächelnder Miene der holden Verlobten auf die längere und gefährlichere, welche sie anzutreten im Begriff war. Ein wie außerordentlicher Räuber James Hind auch sonst war, in einem Punkte unterschied er sich nicht von seinen Standesgenossen: er gab ebenso schnell aus, als er verdiente, und trotz seinem glücklichen Geschäfte befand er sich oft in der äußersten Verlegenheit. Die Verfolgungen gegen ihn wurden einst sehr heftig; er mußte sich versteckt halten und litt dabei großen Mangel. Freilich hätte es bei seinem Glücke nur einiger nächtlicher Ausflüge bedurft, aber die Not hatte ihm gezwungen, auch sein Pferd zu verkaufen, und er mochte seinen Ruf und sein Ansehen nicht aufs Spiel setzen, indem er als ein gemeiner Schnapphahn zu Fuß hinter einem Strauche lagerte. Er rief daher die List zu Hilfe. Am äußersten Ende eines Dorfes hatte er ein kleines verfallenes Haus gemietet, welches ihm als Asyl diente. Durch seine Kundschafter in Kenntnis gesetzt, daß ein berühmter Arzt beim Heimwege von einer vornehmen Patientin des Weges kommen werde, erwartete er ihn an der Schwelle und stürzte ihm händeringend entgegen, sobald der Reiter sich der Hütte näherte. Er flehte ihn an, nur zwei, drei Minuten seiner armen kranken Frau zu schenken, die dermaßen an Ausleerungen litte, daß es außer seiner Macht stände, sie zu hemmen. Der Arzt, reich belohnt von der alten Dame, welche er eben verlassen, fühlte sich von der Not des unglücklichen Ehemannes gerührt und stieg sogleich ab, um, was in seinen Kräften sei, ihm zu helfen. Das Pferd wird unten angebunden, der Arzt eine enge, steile Treppe hinaufgeführt. James schließt rasch die Tür, und während jener sich noch vergebens nach dem Bette der Kranken umsieht, tritt dieser ihm, in der einen Hand eine Pistole, in der anderen einen leeren Geldbeutel, entgegen. »Dies, Master, ist meine Frau«, spricht er, ihm die Börse vorhaltend; »sie braucht dringend Eurer Hilfe, denn ihre Ausleerung ist von der Art, wie Ihr seht, daß gar nichts drinblieb. In Euren Taschen, weiß ich, habt Ihr ein untrügliches Universalmittel. Wenn Ihr zu helfen zaudert oder nur ein Wort dagegen sprecht, so soll Euch dieses Instrument auf der Stelle von allen Kopfschmerzen heilen, die Ihr jemals bekommen werdet.« Der Arzt, in der Diagnose wohl bewandert, erkannte den richtigen Zustand, in dem er sich befand, und das einzige Mittel, das hier half. Er zog vierzig Guineen aus der Tasche und steckte sie schweigend in die Börse des Räubers. James verbeugte sich lächelnd, wünschte ihm eine gute Gesundheit und erklärte ihm, daß er ihm zur Entschädigung für das empfangene Geld sein ganzes Haus mit allem Anrecht darauf zurücklasse. Dann schloß er den Doktor in das Zimmer ein, stürzte die Treppe hinunter und schwang sich auf das angebundene Roß, mit dem er in andere Gegenden fortsprengte, wo er zur Zeit noch minder bekannt war. Andere Berichte aus dieser Zeit rühmen seine Großmut, mit der er die Reisenden behandelte, welche ihr Unstern in seine Hände führte. Besonders zart und mildtätig bewies er sich gegen Arme und auch gegen solche, von denen er nicht glaubte, daß sie gerade in Überfluß lebten. Davon hat man zahllose Beispiele. Einstmals, gerade als er wieder durch seine Verschwendung in die äußerste Dürftigkeit geraten war, lag er auf der Lauer. Ein alter Mann kam langsam auf einem Esel des Weges. Er trat auf ihn zu und fragte ihn freundlich, wohin er gehe. »Nach dem Markt von Wantage«, war die Antwort. »Ich will mir eine Kuh kaufen, um Milch zu haben für meine Kinder.« »Wieviel Kinder habt Ihr?« fragte Kapitän Hind. »Ihrer zehn, Herr!« »Und wieviel meint ihr nötig zu haben, um die Kuh zu kaufen?« »Vierzig Schilling; gerade was ich mir seit zwei Jahren zurückgelegt.« James Hind fühlte sich gerührt und mußte doch zugleich über die Einfalt des Menschen lachen. Schon wollte er von ihm ablassen, als ihm seine eigene Lage wieder deutlich aufstieg. Er mußte durchaus Geld haben, und er überdachte ein Auskunftsmittel, sein Gewissen und seine Bedürfnisse zugleich zu befriedigen. »Hört mich an«, sprach er. »Ich bedarf jetzt des Geldes, welches Ihr da bei Euch führt. Aber Eure Kinder sollen darum doch die Milch nicht einbüßen. Sie müssen doch leben. Ich bin James Hind. Willigt Ihr in den Pakt, so gebt mir heute Eure vierzig Schilling, heute über acht Tage stellt Ihr Euch wieder hier ein und empfangt dann achtzig Schilling dafür. Nur eine Bedingung ist dabei: Ihr sagt zu niemandem auf der Welt eine Silbe von dem, was hier zwischen uns vorgeht. Sind die acht Tage um, so sollt Ihr es ausschreien können, wie es Euch beliebt.« Der Handel ward geschlossen. Der Alte stellte sich nach acht Tagen ein, und der Räuber fehlte nicht. Er zahlte ihm nicht allein die Summe, um sich zwei Kühe, sondern noch obendrein zwanzig Schilling, um sich auf dem Markte, was ihm gefiele, zu kaufen. Wie oft James Hind auch mit der Pistole in der Hand seinen Opfern den Tod drohte, hatte er doch eine außerordentliche Scheu davor, Blut zu vergießen. Wer aber einmal auf dem Pfade des Verbrechens sich befindet, wird von der Konsequenz fortgerissen und kann nicht willkürlich Halt machen. Die Kriminalverhandlungen gegen ihn sprechen nur von einer einzigen Mordtat, welcher er vergeblich, auch vor dem Richterstuhl seiner eigenen Vernunft, den Charakter der Notwehr und Selbstverteidigung aufzudrücken bemüht war. Es war für den Kapitän ein glücklicher Morgen gewesen, Bei Maidenhead-Thicket war er in günstiger Stunde einem der berühmtesten Königsmörder, dem Obersten Harrison, begegnet und hatte ihm sechzig Pfund Sterling abgenommen. Aber der Oberst hatte sich nicht vom Schreck überwältigen lassen, sondern, sobald er losgekommen, die Polizei requiriert. James erfuhr es in einem der Häuser am Wege, wo er Freunde und Helfershelfer hatte, und setzte seinem Roß die Sporen in die Seite. Die Furcht zeigte ihm überall Feinde. Er hörte einen Reiter in vollem Galopp hinter sich kommen. Es war der friedfertige Diener eines Reisenden, der keine andere Absicht hatte, als seinen Herrn einzuholen. Des Dieners Roß war frisch, das des Räubers abgemattet. Vergebens strengte sich der letztere an, jenem den Vorsprung abzugewinnen. Als er sah, daß es unmöglich würde, zog er die Pistole, und als der andere, in dem seine Furcht nichts als einen Diener der bewaffneten Gerechtigkeit vermutete, ihn eingeholt, feuerte er das Gewehr auf ihn ab und streckte ihn tot zu Boden. Dies war die einzige Bluttat in seiner ganzen langen Räuberlaufbahn und die, um welche er gerichtet wurde. Auch den Verfolgungen des furchtbaren Oberst Harrison war James glücklich entkommen. Von jetzt ab verfolgte ihn aber sein Gewissen. Er wollte den Raub aufgeben und suchte eine andere, ehrenwertere Beschäftigung. Sie fand sich bald. Die Schotten standen für Karls I. Sohn auf, sie proklamierten ihn als König Karl II. und rückten mit großem Heereszuge in England ein. Unter den Freiwilligen, welche dem royalistischen Heere zuströmten, befand sich auch James. In einem ehrenvollen Kampfe wollte er die Schande, die seinen Namen befleckte, abwaschen. Er kämpfte mit in der Schlacht von Worcester, welche die Hoffnungen der Royalisten blutig vernichtete. James Hind entkam durch die Flucht, aber er hatte nicht das Glück seines königlichen Herrn. Statt der Eiche von Woodstock fand er zwar in London im Hause des Barbier Dingie ein sicheres Asyl, aber ein Jugendfreund, dem er sich vertraute, verriet ihn. Man mußte den gefürchteten James Hind schon für so wichtig und der Kategorie eines gewöhnlichen Räubers entwachsen halten, daß man ihn vor den Sprecher des Hauses der Gemeinen führte, um ihn nicht als Straßenränder, sondern als Hochverräter zu inquirieren. Unter großer militärischer Eskorte ward er darauf nach Newgate geführt und in Ketten gelegt. Aber seine Verurteilung machte noch viel Verlegenheit. Vor die Schranken von Old-Bailey gestellt, konnte man ihm nur Taten beweisen, welche die Todesstrafe nicht nach sich ziehen. Und deshalb stellte man ihn vor die Assisen von Reading in Berkshire wegen des Mordes an jenem Diener, namens Georges Sympson. Indessen war inzwischen eine allgemeine Amnestie ergangen, welche die Strafe für alle Verbrechen, mit Ausnahme des Hochverrats, aufhob. James schöpfte wieder einige Hoffnung, doch vergebens. Man konnte dem offenkundigen Straßenräuber nicht anders ans Leben gehen, als indem man die Klage auf Hochverrat abermals vornahm. Er hatte für seine politischen Gesinnungen die Genugtuung, daß er am 3. September 1652 als Hochverräter zum Tode verurteilt ward. In diesem Sinne war es ihm vergönnt, noch in seinen letzten Augenblicken eine Art heroischer Rolle zu spielen. Am 24. September ward er auf einer Schleife zur Richtstatt gezogen. Hier erklärte er, daß er der Mehrzahl seiner Verbrechen sich mit Vergnügen erinnere, denn sie wären gegen Republikaner verübt worden, deren Grundsätze und Taten er auf gleiche Weise verabscheue. Er schloß seine Rede mit der Versicherung, daß nur etwas seine letzte Stunde verkümmere, nämlich, daß er den Tag nicht mehr erlebe, wo sein königlicher Herr auf den Thron seiner Väter zurückkehre, und daß nicht lieber die ganze Schar niederträchtiger Rebellen am Stricke hinge, welche den Galgen weit mehr verdient habe als er. James Hind starb, sechsunddreißig Jahre alt. Nachdem er am Strange geendet hatte, ward sein Leichnam gevierteilt und sein Kopf auf ein Gitter der Brücke über der Severn gesteckt. Die Glieder seines Körpers wurden über die verschiedenen Stadttore von Worcester, wo die Hinrichtung erfolgte, gehängt. Hier blieben sie bis zur völligen Verwitterung; den Kopf beerdigte man schon in der Mitte der nächstfolgenden Nacht. Die Kindesmörderin und die Scharfrichterin 1625 Zu den berühmten Rechtsfällen gehört der nachstehende, nicht wegen seiner kriminalistischen Verwicklungen und schwierigen Rechtsfragen, denn die Geschichten und die Entscheidung sind sehr einfach, sondern durch den besonderen Umstand, welcher die Entdeckung veranlaßte, und durch andere, welche die Strafe begleiteten und den Vorfall ins Gebiet des Märchenhaften versetzen. Helene Gillet war ein liebenswürdiges junges Mädchen, geachtet von allen, welche sie kannten, um ihres Charakters und ihres sittlichen Benehmens willen. Auch ihre Eltern standen in Achtung. Der Vater war königlicher Kastellan zu Bourg-en-Bresse. Im Oktober des Jahres 1624 verbreitete sich das Gerücht, Helene Gillet sei schwanger. Die klugen Frauen sahen viele verdächtige Zeichen. Jedermann sprach davon, nur nicht zu ihr selbst und nicht in den Kreisen ihrer Eltern. Nach einiger Zeit waren alle diese Zeichen einer Schwangerschaft wieder verschwunden, und jetzt ward in allen Gesellschaften zu Bourg von nichts anderem gesprochen als von diesem auffälligen Verschwinden. Das Geflüster ward so laut, daß es endlich auch den Kriminalgerichten in der Art zu Ohren kam, daß sie sich für verpflichtet hielten, handelnd einzuschreiten. Sie ließen Helene Gillet durch einige Hebammen untersuchen. Die Hebammen erklärten, eine Geburt habe stattgefunden, und Helene habe wahrscheinlich etwa vor vierzehn Tagen ein Kind zur Welt gebracht. Sie ward auf dieses Zeugnis sofort in Verhaft genommen. Helene machte schüchtern, aber doch freiwillig ein Geständnis. Ein junger Mann, der in der Nachbarschaft wohnte und ihren jüngern Geschwistern im Schreiben und Rechnen Unterricht gab, habe sich in sie verliebt gehabt. Sie hätte seinen Zudringlichkeiten mit Ernst widerstanden. Der Verliebte aber habe in Liebeswahnsinn und wilder Begier, zu seinem Ziele zu gelangen, eine Magd ihrer Eltern bestochen. Dieses pflichtvergessene Mädchen schloß ihn in ihre Schlafkammer ein. Überrascht, erschrocken bei seinem plötzlichen Vorspringen, verlor Helene die Besinnung. Sie wollte sich gegen ihn nach Kräften gewehrt haben, aber Angst und weibliche Schamhaftigkeit verschlossen ihr die Kehle, so daß sie nicht um Hilfe rief. Sie war der Gewalt des Ungestümen erlegen. Aber sie leugnete, davon schwanger geworden zu sein und ein Kind zur Welt gebracht zu haben. Ihr eigenes Geständnis, zusammengehalten mit den Zeugnissen der Hebammen, bewirkte eine starke Vermutung wider das junge Mädchen. Doch wäre sie wahrscheinlich vorläufig freigesprochen worden, da kein corpus delicti vorlag. Ihre Freunde hofften, sie selbst blieb traurig und schweigsam. Da ging ein Soldat an dem Garten des Kastellans vorüber spazieren. Die Bewegungen eines Raben lockten seine Aufmerksamkeit an. Am Fuße einer Mauer war eine Grube, und der vom Spaziergänger aufgescheuchte Rabe kreiste immerfort um diese Stelle und schoß, sobald der Soldat sich anscheinend entfernt hatte, wieder dahin herab, wo er vorhin gesessen. Der Soldat gab genau acht und sah, daß das Tier etwas Weißes aus der Erde vorzuzerren suchte. Es war ein Stück Leinwand, welches immer länger wurde. Der Soldat sprang nun hinzu, scheuchte den Vogel fort und zog selbst an der Leinwand. Er mußte indes die lose Erde fortscharren, um sie freizubekommen, und fand nunmehr nicht allein die Leinwand, sondern auch die Gebeine eines augenscheinlich erst vor kurzem geborenen Kindes, welches in dieselbe gewickelt waren. Er machte bei den Gerichten Anzeige, welche sofort den Körper und seine Hülle aufnehmen ließen. Der Rabe hatte das fehlende oorpus delicti angezeigt. Die Untersuchung ward aufs neue gegen Helene aufgenommen. Das tote Kind war in ein Frauenhemde gewickelt. Das Hemde war, was die Güte der Leinwand, Größe und Zuschnitt anlangt, völlig den Hemden gleich, welche Helene Gillet trug. Ja noch mehr, es war wie alle ihre Hemden mit einem H. G. gezeichnet. Helene leugnete; dennoch hielten die Richter die Indizien für naheliegend und dringend genug, um ein Urteil zu fällen. Unter dem Publikum war damals nur eine Stimme gewesen: Helene ist schwanger. Die Hebammen hatten eidlich erhärtet, alle Merkmale deuteten darauf hin, daß sie vor vierzehn Tagen niedergekommen sei. Es war ungefähr ebenso lange her, daß man allgemein und ebenso bestimmt im Publikum die Wahrnehmung gemacht hatte, daß die Anzeichen der Schwangerschaft plötzlich wieder verschwunden waren. Helene selbst hatte eingeräumt, daß sie vor mehreren Monaten wider ihren Willen von einem Manne überwältigt worden war. Sie hatten den Tag, wo der junge Mann sie zu seinem Willen gezwungen, genau angegeben, und die von den Hebammen bestimmte Zeit, wo sie geboren haben mußte, fiel gerade auf neun Monate nach jenem für sie verhängnisvollen Tage. Nun war ein totes Kind, unfern der Wohnung ihrer Eltern, in der Erde verscharrt gefunden worden. Es war in ein Hemde gewickelt, welches unstreitig eins der ihrigen war. Dieser Zusammenhang dringender Indizien war so folgerecht, daß er den Richtern als Beweis des begangenen Verbrechens galt. So stark und dringend diese Vermutungen indes waren, so waren es doch im Sinne des Gesetzes nur Vermutungen. Man konnte ihnen Gegenvermutungen und Möglichkeiten entgegenstellen, welche ihre Kraft wenigstens zu schwächen imstande waren. Ob sie von dem Verteidiger ausgesprochen wurden oder nur die des Berichterstatters waren, wird uns nicht mitgeteilt. Es war nur ein Gerücht, was Helene für schwanger erklärte. Der Augenschein konnte trügen; ihre veränderte Farbe, ihr matter Blick, ihre veränderte Gestalt konnten andere Gründe gehabt haben. Auch der Bericht der Hebammen, die nur von etwas Gewesenem sprachen, konnte auf Täuschung beruhen, die in solchen Fällen wohl vorkommt. Andere natürliche Ursachen konnten einen Zustand hervorgebracht haben, der die Anzeichen einer überstandenen Geburt verriet. Zudem waren sie mit dem bestimmten Vorurteil des Publikums, Helene sei schwanger gewesen, an die Untersuchung gegangen. Daß Helene geständlich von einem Manne genotzüchtigt worden, machte die Präsumtion, daß sie davon schwanger geworden, nicht zu einer notwendigen; denn der Beischlaf war nur einmal vollzogen worden, und dazu war es ein gewaltsamer gewesen, der nur in den seltenern Fällen eine Schwangerschaft zur Folge hat. Auch ein anderes Weib konnte heimlich geboren und ihr Kind an der Gartenmauer verscharrt haben. Dringender war allerdings das Indizium, daß der kleine Körper in eins von Helenes Hemden gewickelt vorgefunden wurde. Aber es war möglich, daß die wahre Mutter, um den Verdacht von sich abzulenken, das Hemde einer andern gestohlen haben konnte, welche schon im Gerede stand, schwanger zu sein; dergleichen Erfindungen, um ein Verbrechen zu verbergen, waren nicht ungewöhnlich. Die Richter hielten die Angeschuldigte indes für überwiesen und sprachen am 6. Februar 1625 das Urteil, daß Helene Gillet wegen verheimlichter Schwangerschaft und Kindesmordes mit dem Schwerte vom Leben zum Tode zu bringen sei. Es sind so viele Fälle bekannt, wo die Gerichte im alten Frankreich durch dringende Indizien sich täuschen ließen und ein ungerechtes Bluturteil sprachen, daß es uns zur Genugtuung gereicht, auch einen Fall zu berichten, wo sie auf minder starke Anzeichen ein gerechtes Urteil fällten. Sie verurteilten wenigstens kein unschuldiges Mädchen. Nach dem Urteilsspruch bekannte Helene, sie sei allerdings infolge der Gewalttat des jungen Mannes schwanger geworden; aber Furcht vor ihren Eltern und eine unüberwindliche Scham hätten ihr den Mund verschlossen. Sie habe sich ihrer Mutter entdecken wollen, aber das furchtbare Bekenntnis von einem Tage zum andern verschoben. So sei die Zeit unter unaussprechlicher Angst verstrichen, bis sie, ihr selbst unerwartet, in einer Nacht von den Geburtswehen überrascht worden sei. Sie habe nicht Kräfte genug gehabt, um aufzustehen und jemand um Hilfe zu rufen. Auch sei ihre Schlafkammer zu weit abgelegen gewesen, als daß die übrige Familie ihr Ächzen und Winseln hätte hören können. Sie habe daher allein, ohne allen Beistand und in der entsetzlichsten Todesangst ein Kind zur Welt gebracht. Als sie aus ihrer Besinnungslosigkeit wieder zu sich gekommen, habe sie ihr Kind gesehen, aber kein Leben in demselben bemerkt. Dies habe sie bewogen, alles zu verbergrn, um ihre Ehre zu retten. Sie habe den Leichnam in ein Hemd gewickelt und ihn an der angegebenen Stelle im Garten verscharrt. Sie beteuerte bei allem, was ihr heilig, daß sie ihr Kind nicht umgebracht, und wollte auf dieses Bekenntnis leben und sterben. Das Parlament zu Dijon bestätigte das vom Kriminalgericht zu Bourg gefällte Urteil am 12. Mai 1625; denn auch wenn das Parlament die Richtigkeit des nachträglichen Bekenntnisses in allen seinen Teilen annahm, so bestimmte doch ein Edikt aus den Zeiten Heinrichs II., daß jedes Mädchen schon wegen verheimlichter Schwangerschaft und Niederkunft als Kindesmörderin bestraft werden solle, auch wenn sie behaupte, das Kind tot zur Welt gebracht zu haben. Helene konnte sich aber um so weniger mit der Unkenntnis dieses Gesetzes entschuldigen, da dieses Edikt auf königlichen Befehl viermal des Jahres verlesen wurde. Die Stadt Bourg und die ganze Umgegend war vom innigsten Mitleiden für die Unglückliche erfüllt. Das Publikum glaubte ihrer Aussage. Es sah in dem anmutigen einundzwanzigjährigen Mädchen, dessen Ruf bis dahin völlig unbescholten war, nur das Opfer eines frechen Wüstlings und begriff nicht, oder wollte nicht begreifen, daß ein Widerstand ohne Sieg und ein Schweigen, um den Ruf vor den Menschen zu bewahren, zu einem Verbrechen werden könne, welches nur durch Blut zu sühnen sei. Der Tag der Hinrichtung war schon bestimmt. Helene betrat das Schafott, blaß, zitternd und von der ganzen furchtbaren Bedeutung des Auftritts durchschauert, aber doch gefaßt und vorbereitet auf den Tod. Nicht so der Scharfrichter. Die allgemeine Meinung im Publikum hatte auch auf ihn eingewirkt. Sein Amt schien ihm heute eine Mordtat zu sein. Er hatte am Tage vorher gebeichtet und das Abendmahl genommen. Jetzt beim Anblick des lieblichen, in sein Schicksal ergebenen Opfers, vielleicht auch beim Anblick der unwilligen Menge, welche das Schafott umgab, ergriff ihn eine entsetzliche Unruhe; er zitterte, rang und wand die Hände, erhob die Arme gen Himmel, fiel auf seine Knie, sprang in die Höhe und fiel wieder auf die Erde. Er flehte Helenen an, sie möge ihm vergeben, was er ihr anzutun gezwungen werde, und wie halb gestört bat er wieder die Geistlichen, sie möchten ihm des unschuldigen Opfers Segen verschaffen. Diesem erschütternden Auftritte sollte ein noch furchtbarerer folgen. Helene betete zum letzten Male und kniete auf dem Sandhaufen nieder. Der Scharfrichter rief laut, er wünsche an ihrer Stelle zu sein. Rasch indes ergriff er das Schwert, hieb, fehlte, und statt den Hals zu treffen, verwundete er sie nur an der linken Schulter. Das getroffene, blutende Mädchen fiel auf die rechte Seite. Nun warf der unglückliche, entsetzte Mann das Richtschwert von sich und bat die Umstehenden flehentlich, sie möchten ihn töten. Das Volk geriet wirklich in Aufruhr; man brüllte, schimpfte ihn, und ein Steinregen flog gegen seinen Kopf. Des Scharfrichters Frau stand auch auf dem Schafott, Sie hatte einen bösen Ausgang vermutet, weil sie das innere Widerstreben kannte, mit welchem er gerade in diese Exekution ging. Sie sah, daß es sich hier vielleicht um sein Leben, gewiß um den Ruf seiner Tüchtigkeit, um sein Amt handle. Während sie ihm mit kurzen, eindringlichen Worten Mut zusprach, stürzte sie auf Helenen zu, hob sie auf, überredete sie, dem Unwiderruflichen sich in Ruhe zu fügen, und brachte sie wieder dahin, daß das unglückselige Geschöpf sich abermals freiwillig nach dem Sandhaufen schleppte, niederkniete und ihren Hals dem Schwerte darbot. Auch dieser Auftritt sollte indes durch die folgenden noch überboten werden. Das entsetzliche Weib reichte ihrem Manne das Schwert wieder hin: »Nun tu deine Schuldigkeit!« Er nahm es, holte aus und führte den Streich entweder mit geschlossenen Augen oder blind vor Schreck. Er fehlte zum zweiten Male. Von neuem Grauen und gerechter Furcht ergriffen, schleuderte er das Schwert von sich und stürzte vor dem Gebrüll des zähneknirschenden Volkes vom Schafott herunter und in eine Kapelle, welche dicht daneben war. Vielleicht hätte sie ihm als Asyl gedient, wenn nicht das Volk durch die Handlungsweise seiner Frau auf das äußerste empört worden wäre. Das weibliche Ungeheuer fühlte sich berufen, das Werk, das ihrem Manne mißlungen war, auszuführen. Zwar hatte sie nicht die Kraft, das Richtschwert zu schwingen; aber zum Tode bringen wollte sie wenigstens das Opfer. Sie ergriff die Leine, mit der Helene festgebunden war, und schlang sie ihr um den Hals. Jetzt wehrte sich das arme Mädchen, sie war ja nicht zum Strange verurteilt; das Weib schlug sie mit den Fäusten auf Nacken und Brust, um sie zu betäuben. Fünf- bis sechsmal versuchte sie die Schlinge zuzuziehen, um Helenen zu erwürgen. Aber das Volk schleuderte einen Hagel von Steinen nach ihr. Getroffen, selbst schon blutend, betäubt, wollte sie doch ihr Opfer nicht lassen. Sie schleppte das halbtote Mädchen bei deren langen Haaren von der Stelle fort an den anderen Rand des Schafotts. Hier zog sie eine lange Schere aus der Tasche. Da sie den Hals nicht abschneiden konnte, stach sie ihr damit in die Kehle, in den Hals, ins Gesicht und versetzte ihr neun bis zehn Wunden. Die Wut des Volkes war nicht mehr zu bändigen. Die Leute kletterten von allen Seiten auf das Gerüst und erstürmten das Schafott. Das gemarterte arme Wesen ward den Händen seiner Peinigerin entrissen. Diese, von Faust- und Knittelschlägen getroffen, sank zu Boden. Man stampfte sie mit Füßen, man warf sich auf sie, und in wenigen Augenblicken war sie erschlagen. Dasselbe Schicksal traf ihren Mann, den man aus der Kapelle hervorriß. Auf der Stelle tödlich getroffen, stürzte er in seinem Blute an den Stufen des Schafotts nieder. Auch Helene Gillet ward vom Schafott heruntergetragen – es war niemand in der Stadt, der sie hinrichten konnte – und in den Laden eines Wundarztes gebracht. Er fand viele, aber keine tödlichen Wunden, Als sie wieder zum Bewußtsein gekommen, waren ihre ersten Worte: »Ich wußte wohl, daß mir Gott beistehen würde.« Die Parlamentsakten von Dijon, dem diese Nachrichten entnommen sind, enthalten keine Nachricht, was die außerordentliche Angst des Scharfrichters und was die rasende Wut seines Weibes verursacht habe. Ein Scharfrichter jener Zeit, in der die Krimmalgesetze mit Blut geschrieben waren, war gewiß oft in die peinliche Lage versetzt, Unschuldige hinzurichten oder solche, für die sein Herz, wenn er eins hatte, mitleidsvoll schlug. War die Teilnahme für das arme Opfer vielleicht schon von der Ahnung begleitet, daß er, in ihr den Liebling des Volkes tötend, der Rache desselben verfallen sollte? Was aber machte das Weib zur Furie und Kannibalin? Angst, daß der Mann um seinen Ruf und sein Amt komme? Menschenhaß oder die Erinnerung an ähnliche Verbrechen, welche sie selbst vielleicht in ihrer Jugend begangen? Wir finden nur eine Vermutung ausgesprochen: daß sie, aus einem Henkergeschlechte stammend, jene kannibalische Wut als Familienerbteil mit auf die Welt gebracht hatte, und diese Vermutung scheint uns die wahrscheinlichste; nur daß dieses Henkergeschlecht ein weiter verbreitetes in jenem Lande ist, wenn wir die Furienfamilien von der Bartholomäusnacht bis zu den Tagen des Terrorismus ins Auge fassen. Das Volk hatte Helenen freigemacht. Mit tausend Stimmen rief es: Sie ist unschuldig. Die tausend Stimmen stießen aber das einmal gefällte rechtskräftige Urteil nicht um. Es stand fest auf dem Papier; das Parlament wäre nach der Strenge der Gesetze verpflichtet gewesen, einen andern Scharfrichter herbeizuholen und aufs neue die Todesstrafe an ihr vollziehen zu lassen; denn es stand geschrieben, sie solle mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht werden. Wohl herrschte im Mittelalter der Glaube, daß, wenn der Scharfrichter zwei- oder dreimal Fehlschläge tue und der Verbrecher noch lebe, das Gottesurteil über das Menschenurteil gehe und dem Sünder sein Leben geschenkt sei; aber kein Gesetzbuch hat diesen Glauben aufgenommen. Noch weniger hatte das Parlament ein Recht, Helenen zu begnadigen; es hatte nicht einmal eine Aufforderung oder einen Beruf dazu, wegen der merkwürdigen und erschütternden Umstände um Begnadigung einzukommen. Der Antrag auf Gnade war, wo er damals erfolgte, ein rein zufälliger. Die Selbständigkeit der alten aus dem Volke hervorgegangenen Urteilssprüche wurde auch in den nicht mehr volkstümlichen gelehrten Gerichten und Parlamenten dergestalt anerkannt, daß es selbst bei Bluturteilen keiner höhern Bestätigung bedurfte. Auch Helene Gillet hätte bluten müssen ohne das Zusammentreten zufälliger Umstände. Das Parlament hätte ein neues Schafott bauen, einen neuen Scharfrichter verschreiben und das Mädchen, nachdem sie von ihren Wunden geheilt oder vielleicht auch nicht geheilt gewesen, hinaufführen lassen müssen, um sie doppelt und dreifach hinzurichten. Aber gerade am Tage nach jenen Mordszenen traten die gewöhnlichen Parlamentsferien ein. Alle Sitzungen und Geschäfte blieben ausgesetzt, nachdem noch am Abende vorher Helene, bis auf weitere Verordnung, der Bewachung durch einen Gerichtsdiener übergeben worden war. Diese Zwischenzeit benutzten ihre Freunde, um ihre Begnadigung bei Hofe zu erwirken. Es war eine sehr günstige Zeit dazu, denn durch ganz Frankreich wurde das Beilager der Prinzessin Henriette, der Schwester des Königs Ludwig XIII., mit König Karl I. von England festlich begangen. Die Bittsteller fanden beim König Gehör. Das pikante Schicksal der armen Büßerin interessierte am Hofe, und es erfolgte im Mai 1625 nicht allein eine Begnadigung, sondern eine vollständige Abolition des Gerichtsverfahrens. Es hieß darin: »in Betracht der Schwäche und Unerfahrenheit ihres Geschlechts und Alters; in Erwägung, daß die Todesangst, welche sie erlitten, und die ihr zugefügten körperlichen Leiden die zuerkannte Todesstrafe beinahe überwogen; auch daß ihre alten Eltern, die als Leute von Ehre und guter Familie bekannt seien, wohl verdienten, mit weiterer Schande und Schmach verschont zu werden; desgleichen in Erwartung, sie werde ihr künftiges Leben mit Dank gegen Gott, Fürbitte für das königliche Wohlsein und Ausübung guter Werke verbringen: aus diesen Gründen, und weil die Vermählung der innigstgeliebten königlichen Schwester, jetzigen Königin von England, uns besonders hoch erfreut hat, wollen wir aus königlicher Macht und Gewalt usw. besagter Helene Gillet vollkommene Begnadigung angedeihen lassen, auch die wider sie geschehene Untersuchung und das gesprochene Todesurteil für nicht geschehen und gesprochen erklären und ihre bürgerliche Ehre vollkommen wiederherstellen.« Francesco Fava 1607-1608 Zum Bischof von Concordia, der in Padua seine Residenz hatte, kam im Frühjahr 1607 ein Mann in mittleren Jahren, dessen schlichtes ehrwürdiges Ansehen der einfachen Priestertracht entsprach, welche er trug. Er kam, um seine Hilfe anzuflehen, und der Stand und Name, den er nannte, verfehlte nicht auf den Kirchenfürsten den Eindruck zu machen, den er wünschte. Auch er war ein Bischof, Bischof von Venafri im Königreich Neapel. Seine Feinde hatten eine Intrigue gegen ihn angesponnen, und auf die falsche Anklage, daß er ein Liebesverhältnis mit der Tochter des Herzogs von Caetano unterhalten habe, war er seines Bistums entsetzt worden. Er war nach Rom gegangen, um sich zu rechtfertigen. Die Wut seiner Feinde hatte ihn aber auch bis dahin verfolgt. Er war seines Lebens unter den gedungenen Dolchen nicht mehr sicher und verkleidet entflohen. Der Flüchtling flehte seinen geistlichen Bruder um ein Asyl und um Schutz gegen seine Verfolger an. Der Bischof in Padua, ein freundlicher, wohlgesinnter Mann, war gerührt durch die Leidensgeschichte und versprach ihm alle Unterstützung. Dieser aber wollte ihn nicht durch einen langen Aufenthalt belästigen und noch weniger seine Kasse in Anspruch nehmen. Sein Anliegen ging mehr auf Vermittlung, welcher sein Kollege sich unterziehen möge. Der Bischof von Venafri hatte bei seiner Flucht in Neapel zehntausend Dukaten zurückgelassen. Sie lagen bei einem Freunde, dem Marquis de Ste. Arme. Er wünschte dieses Geld nach Venedig zu haben, getraute sich aber nicht, selbst deshalb Schritte zu tun, weil dies augenblicklich die Aufmerksamkeit seiner Verfolger auf ihn lenken müsse. Die Gunst, welche er von seinem Kollegen in Anspruch nahm, war, daß dieser ihm behilflich sei, dieses Geld in Venedig aufzunehmen. Für diese zehntausend Dukaten wollte er in Venedig Diamanten, Perlen und goldene Ketten zu Geschenken für gewisse Seigneurs und Kirchenfürsten einkaufen, mit deren Hilfe er hoffte, daß seine Angelegenheiten ausgeglichen werden würden und er sein Bistum wieder erhalten könnte. Der Bischof von Concordia fand das sehr natürlich und löblich. Er hatte in Venedig einen Freund, den Bankier Bartoloni, und verhieß ihm, daß durch dessen Beistand das Geschäft sehr leicht abgewickelt werden könne. Gerührt und dankbar über die Bereitwilligkeit seines Amtsbruders empfahl sich der Flüchtling, ohne sich mehrere Tage hindurch sehen zu lassen oder ihm sonst durch Anliegen lästig zu fallen. Er blieb gerade so lange aus, als ein Kurier nötig hatte, von Padua nach Neapel zu reisen und nach Abmachung seiner Geschäfte daselbst nach Padua und nach Venedig zurückzureisen. Der Kurier kam auch wirklich in der Person eines gewissen Octavio Oliva mit einem ganzen Paket Briefe in Venedig an, welches an den Großbankier Angelo Bossa daselbst gerichtet war. Es enthielt erstens ein Schreiben des Bankiers Alessandro Bossa, der das größte Bankierhaus in Neapel hatte und Angelos Neffe war, an seinen Oheim in Venedig, mit dem Aviso, daß er ihm in einigen Tagen zehntausend Dukaten übersenden werde, welche er dem Bankier Antonio Bartoloni in Venedig übermachen möge; zweitens ein direktes Schreiben desselben Ausstellers an diesen Bartoloni mit der Nachricht, daß er ihm in wenigen Tagen einen Wechsel auf zehntausend Dukaten übersenden werde. Eingeschlossen waren zwei Briefe des Marquis de Ste. Arme, der eine an den Bischof von Venafri, der andere an den Bischof von Concordia, in welch letzterem der Briefsteller diesem für die freundliche Aufnahme seines Freundes, des Bischofs von Venafri, dankte. Die letzteren beiden Briefe gingen sofort nach Padua ab. Der flüchtige Bischof erschien aber auch jetzt noch nicht bei seinem Gastfreunde, entweder aus Bescheidenheit oder um seinen Verfolgern keine Spur zu geben, sondern erst dann, als auch er eine direkte Zusendung aus Neapel erhalten hatte, und darin einen Brief und Wechsel, unterzeichnet von Francesco Bordenali, dem Associé Alessandro Bossas in Neapel. Der freundliche Bischof von Concordia redete dem Flüchtling zu, nunmehr selbst nach Venedig, wo er ganz sicher sein könne, mit seinem Wechsel zu gehen. Mit Empfehlungsbriefen des Bischofs an seinen Freund Bartoloni machte er sich nun auf den Weg nach der Inselstadt und ward sofort von Bartoloni in dessen Hause aufgenommen und mit aller einem Kirchenfürsten gebührenden Hochachtung behandelt. Bartoloni aber war ein sicher gehender Geschäftsmann. Erst nachdem er bei Angelo Bossa angefragt, ob dieser den Wechsel honorieren werde, beeilte er sich, den Wünschen seines Gastes nachzukommen. Er ließ in den besten Kaufläden und Werkstätten Venedigs die kostbarsten und schönsten Diamanten und Perlen aufsuchen und sie dem Bischof vorlegen, damit dieser, was ihm gefällig wäre, auswähle. Der Bischof schien die Gegenstände wohl zu kennen und zu würdigen, er prüfte sehr sorgfältig und nahm nur das Beste, aber in großer Anzahl. Es konnten viele große Herren damit bestochen werden. Bartoloni zahlte alles sofort bar aus. Der Bischof von Venafri benahm sich übrigens während dieses Handels und seines ganzen Aufenthalts in Venedig und in Bartolonis Hause mit der Würde, die man von einem Kirchenfürsten und Dulder erwarten konnte. Miene und Bewegungen waren die Demut selbst; sein Blick hatte mystische Süßigkeit. Er sprach wenig, aber mit Salbung; Sprüche aus dem Evangelium mischten sich unwillkürlich in seine Unterhaltung. In der Hand hielt er immer sein Breviarium, auf dem seine Blicke hafteten, wenn keine andern Gegenstände sie beanspruchten. So gewann er denn durch seine Würde und seine Bescheidenheit alle Herzen im Hause des Bankiers. Besonders gefiel der würdige Priester durch seine Tischgespräche. Er ließ nur dann und wann Erinnerungen an sein früheres Leben, Begebenheiten während seines Bischofamtes einfließen, stets gelegentlich, nie um sich zu rühmen und die andern durch das Gefühl seiner Würde zu drücken. Die Preziosen waren jetzt sämtlich eingekauft, noch aber in Verwahrsam des Bankiers. Denn Bartoloni war ein zu guter Geschäftsmann und seinem Freunde, dem Bischof von Concordia, dienstgetreu, als daß er sie ohne dessen spezielle Anweisung jemandem ausgeantwortet hätte. Der Bischof von Venafri schrieb aber jetzt an diesen, daß er seine Geschäfte in Venedig glücklich beendet habe, und erinnerte ihn an ein Versprechen, welches jener ihm mündlich in Padua gemacht habe. Der Bischof von Concordia hatte einen alten, treuen, ehrenhaften Diener, Don Martino, den er seinem Kollegen als Begleiter auf seiner Reise angeboten hatte. Denn jener Zeit pflegte man mit solchen Schätzen nicht gern ohne bewaffneten Schutz zu reisen: um so mehr ein verfolgter Kirchenfürst, der die Dolche seiner Feinde fürchtete. Er ersuchte ihn, daß Don Martino sich bereit halte, wenn er nächsten Tages ankomme, um ihn von Padua aus zu begleiten. Der Brief war unterzeichnet Don Pirotto. Der gute Bischof von Concordia hatte sich nicht einmal bemüßigt gefunden, seinen Amtsbruder einmal nach dessen Familiennamen zu fragen, noch war ihm derselbe sonst bekannt. Auch Bartoloni erhielt vom Bischof auf spezielle Anfrage einen Brief, daß er sofort alle Preziosen seinem Gaste gegen Quittung übergeben möge, die dieser denn auch ausstellte unter dem Namen Carlo Pirotto, Bischof von Venafri. Der Abschied war würdevoll und herzlich. Der Bischof konnte seinen Dank dem Gastfreunde nicht herzlicher ausdrücken, und der Bankier konnte sich schmeicheln, in ihm einen Gönner für sein Leben erworben zu haben. Doch begleitete Bartoloni ihn noch selbst, aus Respekt für seine Würde, bis Padua. Außerdem war in seinem Gefolge Pietro Oliva, der Bruder dessen, der für ihn die Kurierdienste geleistet hatte. Man glaubte in ihm einen Anverwandten zu erkennen. In Padua war natürlich sein erster Besuch beim Bischof von Concordia. Dieser wollte ihn zu Tisch behalten, aber der Reisende entschuldigte sich. Er wollte, so schnell es ging, nach Turin, wo er den Marchese D'Este zu treffen hoffe, durch dessen Vermittelung seine Angelegenheiten arrangiert werden sollten. Leider war Don Martino abwesend. Dies hinderte ihn aber nicht, nur in Begleitung Pietro Olivas abzureisen. Bartoloni kehrte nach Venedig zurück. Folgenden Tages, als er eine Geldkiste öffnete, stimmte die Summe darin nicht mit seinen Büchern, und es blieb kein Zweifel, daß vierhundert Krontaler fehlten. Bei näherer Untersuchung fand er Spuren einer Feile oder eines andern Instrumentes. Die Eisenstangen waren erbrochen gewesen, aber sehr geschickt wieder verschlossen worden. Die Kiste hatte entweder in den Zimmern gestanden, welche der Bischof bewohnt hatte, oder doch in dessen Bereich. Ein leiser Verdacht stieg in ihm auf; er ließ ihn indes nicht aufkommen. Nach acht Tagen präsentierte er Angelo Bossa den ihm vom Bischof zedierten Wechsel, ausgestellt von Alessandro Bossa, und erhielt darauf die Bezahlung. Andern Tages kam aber schon ein Kurier aus Neapel mit einem Briefe von Alessandro Bossa an seinen Oheim Angelo, des Inhalts, er wisse durchaus nichts von dem fraglichen Geschäft und habe auch keinen Wechsel dem Marchese de Ste. Arme ausgestellt. Angelo Bossas Bestürzung war groß. Er eilte, Klage zu erheben bei der venetianischen Justiz, aber der Verklagte fehlte, und das Institut der Steckbriefe war sehr unvollkommen zu einer Zeit, wo die Zeitungen noch hinkende Boten waren. Inzwischen vereinigten sich Bossa, Bartoloni und der Bischof von Concordia zu allen möglichen Anstrengungen, um den Betrüger zu entdecken und seiner habhaft zu werden. Denn daß er es mit einem falschen Bischof zu tun gehabt hatte, daß der Bischof von Venafri, wenn er lebte, nicht abgesetzt worden sei und wahrscheinlich auch nicht Carlo Pirotto heiße, davon hatte mutmaßlich der Bischof von Concordia sich mittlerweile unterrichtet. Der schlaue und kühne Betrüger, der alles so geschickt angefangen, hatte, wie man später erfuhr, nur den Umstand vergessen, sich nach dem Geschlechtsnamen der Person zu erkundigen, die er vertrat, und erst in Venedig aufs Geratewohl den Namen Pirotto angenommen. Man schickte in alle Länder und Provinzen Italiens genaue Beschreibungen der erschwindelten Gegenstände. Man versprach das Viertel des Gesamtwertes dem, der zu ihrer Wiederbeschaffung verhelfe. Alles umsonst. Glücklicherweise hatte man aber auch außer Italien einige Hauptstädte beschickt, und eine dieser Schriften kam an den Bankier Aumagres in Paris, der davon Abschriften verfertigen und an die Goldschmiede und Juweliere der Hauptstadt verteilen ließ. In Paris nun hatte ein kleiner Goldschmied namens Bourgoin seinen Laden nahe der Kirche St. Lenfroy, unweit der Pont au Change. Eines Tages, im Januar 1608, erschien hier ein Italiener, der ihm Diamanten zum Kauf anbot. Bourgoin war nicht im Besitz der Mittel, sie selbst zu erstehen, aber er versprach, ihm Käufer zu verschaffen, und das vielleicht auf der Stelle. Der Italiener ging darauf ein und ließ ihm vier Schächtelchen mit Brillanten gegen Empfangsschein zurück, um nach einigen Stunden wiederzukehren. Bourgoin kannte seine Leute und hoffte ein gutes Geschäft zu machen. Er wandte sich an zwei Kaufleute und größere Juweliere, Maurice und Paris Turquet. Beide aber hatten von dem vorhin genannten Bankier Abschriften der in Venedig gestohlenen Preziosen erhalten. Im ersten Augenblick erkannten sie die Schachteln, in denen die Diamanten lagen, für die in jenen angegebenen. Nachdem sie die Schrift genauer mit dem Gegenstand verglichen und gefunden hatten, daß kein Zweifel bleibe, schlossen sie sofort einen Bund, um gemeinschaftlich zur Entdeckung des Diebes zu operieren und gemeinschaftlich das versprochene Viertel des Diebstahls zu gewinnen. Sie benachrichtigten auf der Stelle den Leutnant der Grande prévoté de la Connetablie de France, Herrn Denis de Quiequeboeuf, davon, der sich auch sofort beim Juwelier Bourgoin einfand. Der Italiener kam. Denis de Quiqueboeuf gab sich für einen Kaufmann aus, der gern eine große Anzahl Edelsteine erstehen möchte. Der Italiener hatte kein Arg und zeigte ihm außer den erstern noch mehrere Schächtelchen. Die beiden großen Kaufleute erkannten auch in diesen Gegenstände des Venezianer Raubes. Ihre Aufmerksamkeit auf Fassung und Schachteln, ihre Mienen und Blicke erregten im Italiener denn doch Verdacht. Er schützte plötzlich einen andern, dringenden Besuch vor und wollte in kurzem wiederkommen. Da gab sich Quiqueboeuf zu erkennen. Der Italiener beteuerte sein Unschuld, daß er auf die redlichste Weise, durch den Handel, in Besitz der Steine gekommen sei. Der Polizeimann ließ sich aber nicht überreden, sondern verhaftete ihn. Man durchsuchte zugleich seine Wohnung, die er hatte nennen müssen, und fand dort eine noch junge, schöne Frau und einen Familienkreis, der unverdächtig schien, in den Schranken und Kisten aber alle die Preziosen, welche, außer den schon zutage gekommenen, als in Venedig gestohlen in der Beschreibung angegeben waren. Dies geschah am 12. Januar 1608. Beim ersten, am selben Tage vorgenommenen Verhör nannte sich der Italiener Francesco Fava, gebürtig aus Capria an der Grenze von Ligurien, alt etwa fünfundvierzig oder sechsundvierzig Jahre. Er sei seines Standes Doktor der Medizin, habe sich aber von frühauf mit dem Handel mit Edelsteinen abgegeben und die jetzt bei ihm vorgefundenen in Piacenza für fünftausendeinhundertundfünfzig Dukaten gekauft. Zugleich mit Fava war der uns schon bekannte Pietro Oliva, den Fava für seinen Schwager ausgab, entweder auf der Straße oder in seiner Wohnung gefangen worden. Noch am selben Abend fand dieser indes Gelegenheit zu entkommen und ward nie wieder gesehen. Am folgenden Morgen fuhr man mit dem Verhör fort. Man hielt ihm die genaue Beschreibung der in Venedig entwandten Kleinode vor, zeigte, wie Stück für Stück auf die in seinem Besitz gefundenen passe, wie man nur diese und keine andern Pretiosen bei ihm gefunden. Er war sichtlich betroffen, verwirrte sich in seinen Antworten und endete damit, daß er in Tränen ausbrach, den Richtern zu Füßen stürzte und alles bekannte. Die französische Justiz jener Tage ließ sich in der Regel genügen, wenn sie einen Verbrecher ertappt hatte und er zum Geständnis der Tat, um deretwillen er ergriffen war, gezwungen worden war, ohne sich sehr viel um seine frühere Verbrecherlaufbahn zu bekümmern, zumal wenn er ein Ausländer war. Francesco Favas Kühnheit und Glück muß doch aber ihr besonderes Interesse erregt haben, denn aus den Akten der Zeit hat sich mehreres aus seiner Vorgeschichte erhalten, und es sind dabei zugleich die Zweifel angedeutet, ob er nicht früher in anderer Gestalt noch andere ansehnliche Betrügereien begangen habe. Er hatte oft seinen Namen wie seinen Stand gewechselt, indem er hier als Arzt, dort als Kaufmann auftrat. Den Namen Fava gab er aber vor Gericht als seinen wahren an und wollte aus einer ehrbaren Familie aus Finale bei Genua stammen. Von Jugend ab war er durch einen großen Teil Italiens gereist. Seine glänzende Laufbahn, heißt es, begann er als Arzt; ja, er hatte in der Arzneiwissenschaft einen gewissen Ruf erlangt, bezüglich seiner genauen Kenntnisse aller Arten von Vergiftungen. Um sein Los zu bessern, oder vielmehr, um mehr Ansehn und Einfluß zu gewinnen, hielt er es für angemessen, sich nach einer schönen und geistreichen Frau umzusehen. Er fand sie in Katharina Oliva, der Tochter eines Kaufmanns in Orta. Unter dem Namen Cesar Fiori führte er sich bei der Familie der jungen Neapolitanerin ein. Er hoffte, sein Ruf allein werde ihm beim Vater zur Empfehlung gelten. Dieser aber verlangte Geburtsatteste, und Fava überbrachte ihm ein Attest des Richters von San Severino, worin ihm bezeugt ward, daß er aus der Familie der Fiori von Severino stamme. Attest und Siegel darunter waren aber von ihm allein gefertigt. Der Kaufmann glaubte, die Hochzeit ward gefeiert, und Francesco zog bald darauf mit seiner jungen Gattin von Orta weg nach Castelarca, einer Stadt einige Meilen von Piacenza, wo er wieder den Namen Francesco Fava annahm und als Arzt praktizierte. Ob und wie ihm seine schöne Frau in seiner ärztlichen oder andern Praxis geholfen, wird uns nicht gesagt. Wir erfahren nur, daß sie ihn zum Vater vieler Kinder machte, und daß seine zahlreiche Familie ihm Sorgen verursachte, die sein Erwerb als Arzt nicht zu beseitigen vermochte. Der Geist der Intrige, der immer in ihm lebendig gewesen war, trieb ihn, durch einen kühnen und verzweifelten Streich sich Mittel zu verschaffen, um den Rest seines Lebens in Ruhe zu verbringen. Im Jahre 1607 um Pfingsten verließ er Castelarca und ging nach Neapel, wo er als Abbé ankam. Sein erstes Geschäft war, sich nach den ansehnlichsten Bankiers daselbst zu erkundigen. Der reiche Alessandro Bossa war der erste. Er meldete sich bei ihm mit der Bitte, ihm einen Wechsel auf fünfzig Colonnaten auf Rom zu geben, wo er einen studierenden Neffen habe. Der Bankier stellte ihm einen Wechsel gegen Empfang des Geldes aus. Fava behielt den Wechsel vierzehn Tage bei sich, die er dazu benutzte, Schrift und Unterschrift dergestalt nachzuahmen, daß die Täuschung vollkommen war. Alsdann brachte er dem Bankier den Wechsel zurück, indem er vorgab, daß er das Geld in Rom nicht mehr bedürfe, und erhielt sein eingelegtes Geld wieder. Bei der Gelegenheit hatte er indessen mehrere Besuche im Kontor des Bankiers gemacht und sich dabei manche unnütze Skripturen angeeignet, die aber für ihn nicht unnütz waren, weil sie die Handschrift Alessandro Bossas und seines Kompagnons Bordenali in aller Ausführlichkeit enthielten. Als eines Tages Alessandro Bossa nicht zu Hause war, bat er den jungen Mann, der im Kontor arbeitete, auf den Bankier hier warten zu dürfen, und zugleich um etwas Papier, Siegellack oder Wachs und Petschaft, um während der Zeit einige dringende Briefe expedieren zu können. Zweck war, die Papiersorte kennenzulernen, auf die der Bankier gewöhnlich schrieb, und sein Siegel sich zu verschaffen. Sein Aufenthalt in Neapel – oder vielmehr diese vorbereitenden Geschäfte – hatte zwei Monate gedauert. Nachdem er sein Studium für vollendet hielt, reiste er ab, und wir sehen ihn in Padua als abgesetzten Bischof von Venafri ankommen. Was hier und in Venedig geschah, und wie geschickt er seine erworbene Wissenschaft ausbeutete, ist bereits bekannt. Der Pietro oder Octavio Oliva, der ihm als Kurier diente und sein beständiger Begleiter war, war einer der Brüder seiner Frau. Als er eiligst Padua verließ, um vorgeblich nach Turin zu gehen, kehrte er in seine Wohnung nach Castelarca zurück und schützte hier gegen seine Frau vor, daß es ihm gelungen sei, auf seinen Reisen von einigen faulen Schuldnern mehrere Restsummen zu erheben. Mit diesen wolle er in Frankreich sich niederlassen und dort sein Glück versuchen. Auch reiste er bald darauf mit der ganzen Familie und einem seiner Schwäger dahin ab. Er wagte es, über Venedig zu gehen, wo er indes nur so kurze Zeit blieb, als es unerläßlich war, und kam durch die Schweiz nach Frankreich und Paris, wo er im November sich eine möblierte Wohnung am Platze Maubert mietete. Hier hielt er sich in voller Sicherheit. Dennoch fürchtete er, daß der Haß derer, die er betrogen, später ihm doch auf die Spur kommen könne, und sein Plan war, wenn es ihm gelungen wäre, seine Diamanten an den Mann zu bringen, sich mit dem Erlös in irgendeine kleine Stadt des Poitou oder Anjous zurückzuziehen. Noch zauderte er indes. Er schrieb an einen seiner vertrautesten Freunde von früher, Francesco Corsina, der in Flandern als Apotheker etabliert war, er wolle sich mit ihm vereinigen. Sie könnten beide vermöge der Mittel, die er mitbringe, eine schöne, große Apotheke anlegen und ein vorteilhaftes Geschäft mit Teilung des Gewinstes betreiben. In Erwartung auf die Antwort Francescos versuchte Fava jetzt einige der Diamanten loszuschlagen. In gerechter Besorgnis, daß die größeren und reicheren Juwelenhändler Notizen und Beschreibungen des venezianischen Diebstahls erhalten haben könnten, suchte er einen der kleinern auf und ward darauf eben im Bourgoinschen Laden verhaftet. Er wurde nun in das Fort Lévêque abgeführt. Hier überdachte er schnell sein Schicksal. Wie auch sein Prozeß sich entscheide, er schloß richtig, daß seine Zukunft in der bürgerlichen Gesellschaft verloren sei. Entweder der Brandmarkung der Schande oder dem schmachvollen Tode verfallen, wollte er sich selbst den letztern geben und löste sich mit dem Federmesser die Adern in seinen beiden Armen an fünf verschiedenen Stellen. Da aber der Frost hinzutrat, hörte das Blutströmen auf. Er war zu schwach, um den Selbstmord zu vollenden, und mußte in seinen Schmerzen nach dem Kerkermeister rufen, der ihn mit aller Anstrengung ins Leben zurückbrachte. Leidlich geheilt, legte er vor dem Richter ein vollständiges Bekenntnis des von ihm verübten Verbrechens ab. Befragt, ob seine Frau beteiligt gewesen sei, erklärte er, sie sei zu unschuldig und einfach, als daß er ihr das geringste davon habe mitteilen dürfen. Bei der Gegenüberstellung mit ihr zeigte sich, daß er die Wahrheit angegeben hatte. Sie schien vor Schmerz und Scham über sein Verbrechen ganz überwältigt und warf sich totenblaß und ohne ein Wort sprechen zu können an seine Brust. Auch er ward gerührt und sagte zu ihr in zärtlichem Tone: »Mein teures Weib, beruhige dich, bleibe ich am Leben, so wirst du immer das besitzen, was du liebst; sterbe ich aber, so verlierst du die Ursache deiner Betrübnis.« Favas Richter zweifelten lange Zeit, daß er allein, ohne Beihilfe anderer, imstande gewesen sei, einen so fein durchgeführten Betrug zu begehen. Auch blieben sie steif und fest dabei, daß es unmöglich sei, daß er allein alle diese falschen Briefe geschrieben haben sollte. Fava erklärte ihnen lächelnd, daß sie sich irrten; sei er zwar weder Bischof, Marquis noch Kaufmann, so kenne er doch ihre Titel, Ehrenbezeichnungen, kurz das ganze Formular des geselligen Lebens, dessen sich diese Stände untereinander bedienten. Außerdem könne er fremde Handschriften nur zu gut nachmachen, sei diese verderbliche Wissenschaft doch leider der Grund seines Unglücks geworden. Ja, er wäre so fertig in dieser Kunst, daß er in weniger als einer Stunde fünfzig verschiedene Handschriften nachahmen könne, und in solcher Vollkommenheit, daß es schwer falle, sie von den Originalen zu unterscheiden. Wenn er nur einen Wachsabdruck von einem Petschaft habe, so könne er davon andere Petschafte desselben Stempels schneiden, wie nur der geschickteste Graveur. Während der gerichtlichen Untersuchung war Francesco Corsina nach Paris gekommen und hatte Mittel gefunden, den Gefangenen zu sehen. Er versprach ihm, seine Flucht zu ermöglichen und bis dahin ihm Nachricht von allem mitzuteilen, was auf seinen Prozeß Bezug habe. So erfuhr Fava am 25.Februar durch ihn, daß der Kurier von Venedig angekommen sei, und daß Antonio Bartoloni ihm auf dem Fuß folgen werde, um ihm den Prozeß zu machen. Dies bewog ihn, keine Zeit zu verlieren, um alles zu seiner Rettung zu versuchen, da der Ausgang dieses Prozesses unzweifelhaft schien. Er hatte bemerkt, daß ein Sprung aus dem Fenster des Zimmers, in welchem sein Kerkermeister wohnte, leicht sei, von dort brauchte er nur eine Mauer zu erklettern, die nicht unübersteigbar war. In das Zimmer des Kerkermeisters zu dringen aber war nicht schwer. Corsina mußte ihm Stricke verschaffen und erhielt dafür das Versprechen, daß er ihm eine Apotheke herstellen wolle, in welcher sie beide, zusammenwirkend, Schätze zu erwerben hofften. Am 27.Februar ward dieser Fluchtversuch gemacht, aber im Augenblick der Ausführung entdeckt. Folge war engere Einsperrung. Antonio Bartoloni war angekommen und hatte alle nötigen Beweisstücke zur Führung des Prozesses mitgebracht. Dies und das Eingeständnis des Verbrechers schien aber jener Zeit doch noch nicht zu genügen, um einen unsers Bedünkens so einfachen Prozeß zu Ende zu führen. Denn Bartoloni brachte zuvörderst ein Empfehlungsschreiben seiner Republik mit, dann erforderte er die Unterstützung des venezianischen Gesandten in Paris, und durch diesen dem Könige vorgestellt, der sich für die Angelegenheit sehr interessierte, erhielt er von demselben ein offenes Schreiben an den Kanzler des Inhalts, daß man ihm pünktliche und volle Gerechtigkeit angedeihen lassen möge. An Flucht war nicht mehr zu denken. Fava faßte den Entschluß zu einer andern Flucht; er wollte sich, seine Frau und seine Kinder vergiften, um sie insgesamt der Schande, die ihrer warte, zu entziehen. Am 4. März ließ er sich einen Barbier kommen, um sich Haare und Bart scheren zu lassen. Er klagte ihm über Inflammation der Augen und bat ihn, ihm Rosenblätter, Rosinen und Korinthen, Zucker und eine halbe Unze Antimonium zu verschaffen. Davon wollte er sich eine Salbe bereiten. Der Barbier zeigte sich auch bereit und kaufte; da aber Antimonium ein Gift war, glaubte er dem Kerkermeister davon Notiz machen zu müssen. Das Antimonium ward dem Gefangenen nicht ausgeantwortet. Indessen scheint es, daß Fava sich auch schon damals etwas Antimonium anderweitig verschafft haben müsse, denn er wurde krank und litt ununterbrochen an Erbrechen und Kolik. Alle Formalitäten des Prozesses waren beobachtet und die Akten dem Advokaten Roland Bignon übergeben, der den Bericht abfassen sollte. Fava wußte am 22. März, daß der Bericht fertig war und sein Prozeß am folgenden Tage entschieden werden sollte. Seine Frau war bei ihm zum Besuch. Er drückte ihr gegenüber den Wunsch aus, eine italienische Pastete zu essen, die sie ihm schon mehrere Male bereitet hatte. Sie sandte ihm dieselbe am andern Morgen durch ihren Sohn. Sobald er sie erhalten hatte, brach er ein Stück aus, und nach einigen Manipulationen damit verschlang er es wie mit Heißhunger. Er ward blaß, entstellt und litt sichtbar. Seine Frau kam, er klagte über fürchterliche Schmerzen, ohne den Grund zu sagen. Der Tod stand auf seiner Stirn, er nahm von der Gattin Abschied auf immer, segnete zweimal seinen Sohn und drängte dann, daß sie fortgingen. Dann verlangte er nach einem Priester. Man wies ihm einen zu, der selbst Gefangener im Hause war. Diesen wollte er nicht. Aber während man nach einem andern schickte, wurden seine Qualen so furchtbar, daß er es nicht im Bett aushielt. Man mußte ihn herausheben und auf eine Srohdecke legen, wo er unter schrecklichen Konvulsionen nach einigen Augenblicken starb, ohne dem Kerkermeister ein Wort zu sagen, und ohne daß dieser Zeit fand, ihm Heilmittel beizubringen. Er hatte in der Pastete eine starke Portion Arsenik verschluckt, ohne daß es der eifrigsten Untersuchung möglich geworden wäre, zu entdecken, woher er das erhalten. Man fand das Gift bei der Leichenöffnung am 24. März 1608. Der Prozeß ward nichtsdestoweniger gegen den Leichnam fortgesetzt, aber schon am Tage der Obduktion entschieden. Francesco Fava ward als überführt erklärt des Diebstahls, des Betrugs mit Schwindelei (escroquerie), der Führung eines falschen Namens, der Fälschung in Schriften und Siegeln, des vielfach wiederholten Selbstmordversuches in einem Gefängnis, endlich der vollbrachten Selbstentleibung, als sein Urteil doch schon vor der Tür stand. Zur Buße dessen sollte sein Leichnam mit dem Gesicht gegen die Erde zur Richtstätte geschleift und dort bei den Füßen an einen eigens dazu errichteten Galgen aufgehängt werden. Sein sämtliches Vermögen sollte eingezogen werden zugunsten dessen, der darauf ein Recht habe, nachdem zuvor soundso viel für Angelo Bossa zur Erstattung seiner Schäden zurückbehalten worden war. Auch sollte auf Octavio Oliva, Pietro Oliva und Francesco Corsina gefahndet und, wenn man sie fände, auch ihnen der Prozeß gemacht werden. Die Kaufleute und Juweliere erhielten nicht das versprochene Viertel, da Angelo Bossa sie schon vorher mit hundert Krontalern abgefunden hatte. Anna Margaretha Zwanziger 1811 Im Baireuther Oberlande hielt sich im Jahre 1807 eine Witwe von mittleren Jahren auf, die sich vom Stricken ernährte. Sie war nicht ohne Bildung, und man sah es ihrem stillen Wesen an, daß sie viel in der Welt gesehen und erfahren hatte. Sie war gefällig und freundlich gegen jedermann, voll Demut und Gottesfurcht und galt für eine rechtschaffene Frau, die es sich sauer werden ließ, um ehrlich durchzukommen. Man nannte sie die Schönleben, ihr Vorname war Nannette, ihr Vatersname Steinacker; sie war aus Nürnberg gebürtig, aber weit durch die Welt verschlagen worden und sah sich wieder nach einem dauernden Unterkommen um. Dies konnte ihr bei ihrem guten Rufe nicht fehlen, und binnen kurzer Zeit hatte sie Bekanntschaften und Empfehlungen in mehreren achtbaren Häusern, wo sie, fleißig und rechtschaffen, zur Zufriedenheit aller sich betrug und nur durch besonders unglückliche Veranlassungen gezwungen wurde, ihre Wanderung weiter fortzusetzen. Der Justizamtmann Glaser zu Kasendorf, der von seiner Gattin getrennt lebte, nahm sie zuerst im März 1808 als Haushälterin in Dienst. Wenige Monate nachher versöhnte er sich indessen wieder mit seiner Frau; sie kam in sein Haus zurück, und die Dienste der Schönleben wurden überflüssig. Aber die gesunde, kräftige Frau erkrankte bald nach ihrer Rückkehr an heftigem Erbrechen und Durchfall und starb am 26. August, schon vier Wochen nach der Wiedervereinigung mit ihrem Gatten. Die Schönleben trat nun mit guten Empfehlungen gleichfalls als Haushälterin im September in die Dienste des Justizamtmanns Grohmann zu Sanspareil. Grohmann war ein Junggeselle von achtunddreißig Jahren, von starkem, vollsaftigem Körperbau, aber doch ein kränkelnder Mann; er litt an der Gicht und mußte oft das Bett hüten. Die Schönleben zeigte sich als die sorgsamste Krankenpflegerin. Sie kam nicht von seinem Lager. Aber der Justizamtmann erkrankte im Frühjahr 1809 immer heftiger und mit Symptomen, die sich bis dahin nicht gezeigt hatten: heftigem Erbrechen, Schmerzen in den Gedärmen, wiederholtem Stuhlgang, einer äußerst trockenen Haut. Vom Schlunde bis zum After schien eine Entzündung sich zu erstrecken, und er litt am unauslöschlichem Durst. Er starb am 8. Mai. Der Ruf der Schönleben war durch die treue Pflege des armen Kranken nicht wenig gestiegen. Sie hatte ihm stets selbst das Bett gemacht, ihm selbst die Arzneien gereicht und schien untröstlich über seinen Verlust. Dieser Ruf ihrer Menschenfreundlichkeit, Dienstgefälligkeit und Aufmerksamkeit als Krankenpflegerin verschaffte ihr bald ein neues drittes Unterkommen. Im Hause des Kammeramtmannes Gebhard erwartete die Frau ihre Niederkunft. Man war sehr froh, die Schönleben als Haushälterin und Wärterin am Wochenbette gewinnen zu können. Die Niederkunft war glücklich vonstatten gegangen, Mutter und Kind befanden sich wohl; aber am dritten Tage erkrankte die erstere: heftiges Erbrechen, große Unruhe, qualvolle innere Hitze, Entzündung des Schlundes. In der Nacht vorher rief sie in der Angst ihrer Schmerzen: »Um Gottes willen! Ihr habt mir Gift gegeben!« und starb tags darauf, an den Folgen des Wochenbettes, hieß es. Sie war aber immer von schwächlicher Leibesbeschaffenheit gewesen. Der Witwer war froh, in der verwaisten Wirtschaft und für das arme Neugeborene in der Schönleben eine Person zu haben, welche die Hausfrauen- und Mutterstelle nun verwaltete. Zwar suchten mehrere Personen ihn bedenklich zu machen: die Schönleben sei doch ein Unglücksvogel; wohin sie komme, da bringe sie den Tod, wie erst jüngst an den drei Personen sich gezeigt habe. Aber damit war kein Verdacht gegen sie als etwaige Urheberin ausgesprochen, es war nur eine dunkle Ahnung, eine abergläubische Besorgnis, daß ihre Persönlichkeit kein Glück bringe. Der Witwer, ein vernünftiger Mann, ging nicht darauf ein; er bedürfe einer Haushälterin, glaubte sie erprüft zu haben und nahm sie förmlich als solche in seine Dienste. So blieb sie mehrere Monate und stand dem ganzen Hauswesen vor. Auch während dieser Monate ereignete sich vieles, was, wenn irgend Verdacht vorhanden gewesen wäre, ihn hätte steigern müssen. Verschiedene Dienstleute und Angehörige des Hauses waren nach dem Genuß von Getränken krank geworden. Aber als am 1. September 1809 einer ganzen Kegelbahngesellschaft von fünf Personen, welche sich bei Gebhard versammelt hatten, nach dem Genusse einiger Krüge bayrischen Biers, die Gebhard aus seinem Keller hatte holen lassen, plötzlich übel wurde, bei allen Leibschmerzen auftraten und sie sich erbrechen mußten, entstand ein allgemeiner Verdacht gegen die Wirtschafterin; doch bei keinem von allen ein solcher, der sie zu einer Denunziation oder Untersuchung angetrieben hätte. Sie drängten nur in den Hausherrn, daß er augenblicklich eine Person entlasse, unter deren Hausverwaltung so viel Unheil vorgefallen sei. Gebhard tat es, er wollte das unheilbringende Wesen los sein. Er kündigte ihr auf der Stelle den Dienst und nahm ihr die Aufsicht über das Hauswesen und sämtliche Schlüssel ab. Dennoch stellte er ihr noch am selben Tage ein schriftliches Zeugnis aus, worin er »die Treue und Bravheit ihres Betragens« rühmte. Die Schönleben zeigte sich wohl etwas gekränkt über ihre plötzliche Entlassung, fiel aber nicht aus ihrer artigen, demütigen Weise. Sie war noch am folgenden Tage die geschäftigste Dienerin im Hause. Sie griff selbst an, selbst wo sie es nicht nötig hatte. So trug sie am Vorabend ihrer Abreise selbst das Salzfaß auf den Tisch, nachdem sie es aus der Salztonne neu gefüllt hatte. Die Mägde wunderten sich darüber; aber sie sagte ihnen scherzend, so müsse es sein. Die Leute, die abzögen, müßten das Salzfaß füllen, damit die, die zurückbleiben, desto länger den Dienst behielten. Der Wagen, der sie nach Baireuth fahren sollte, stand am nächstfolgenden Tage schon vor der Tür. Gebhard hatte ihr denselben aus Güte gemietet, auch noch einen Kronentaler ihr auf den Weg gegeben, und zum Überfluß sollte sie vor ihrer Abreise noch Schokolade bei ihm trinken. Sie aber war an diesem Morgen die Freundlichkeit und Weichmütigkeit selbst. Den beiden Dienstmägden Hagin und Waldmann, mit denen sie sich sonst nicht zum besten vertrug, hatte sie eigenhändig Kaffee gemacht und reichte jeder eine Tasse, indem sie den Zucker aus einer Tüte nahm. Besonders rührend aber war der Abschied von dem verwaisten Kinde, dessen Geburt der Mutter den Tod gekostet hatte, und das sie ihr liebes Fritzchen nannte. Sie mußte es noch einmal auf den Arm nehmen, es herzen und küssen, und gab ihm dann ein Biskuit, das sie in Milch tauchte, ohne von der Milch selbst etwas zu trinken. Endlich mußte geschieden sein. Der Wagen war ungefähr eine halbe Stunde fort, als das arme Kind von zwanzig Wochen plötzlich ein starkes Erbrechen befiel. Es wurde sehr krank. Die beiden Mägde mußten nach einigen Stunden sich gleichfalls heftig übergeben. Jetzt stieg mit einem Male der furchtbarste Verdacht auf. Man erinnerte sich der vorangegangenen Vorfälle im Hause: zwei Gäste, die im August bei Gebhard zu Mittag gespeist hatten, der Handlungsdiener Beck und die Sekretärswitwe Alberti, hatten nach Tisch gleichfalls an heftigem Erbrechen, an Leibschmerzen und Zuckungen gelitten. Gegen Ende August hatte die Schönleben dem Amtsboten Rosenhauer ein Glas weißen Wein zu trinken gegeben, und Rosenhauer hatte dieselben Beschwerden gehabt. Den Laufburschen des Rosenhauer, Krausch, hatte sie am nämlichen Tage mit sich in den Keller genommen und ihm ein Glas Branntwein gereicht. Als er ein wenig getrunken hatte, bemerkte er darin einen weißen Satz und wollte nicht mehr, ward aber doch übel. Die erwähnte Magd Waldmann erinnerte sich, schon früher einmal eine Tasse Kaffee von der Schönleben erhalten zu haben, und zwar, nachdem sie sich mit ihr gezankt hatte, und daß sie danach ebenso übel geworden sei wie jetzt und sich vom Morgen bis Abend jede halbe Stunde davon hatte erbrechen müssen. Der Amtmann erfuhr die Geschichte mit dem Salzfaß; denn jetzt tauchte jeder seltsame Vorfall, der unverstanden geblieben war, in der Erinnerung auf. Das Salzfaß ward untersucht, und man fand es stark mit Arsenik vermischt. Auch in der großen Salztonne fanden sich später auf drei Pfund Salz dreißig Gran Arsenik. Man entsann sich, daß, als die Schönleben bei Glasers und Grohmanns gedient hatte, auch dort mehrere Personen nach genossenen Getränken und Speisen erkrankt seien. Endlich entdeckte man, daß es auch mit ihrem Namen nicht volle Richtigkeit habe, daß sie von Vaters wegen wohl Schönleben heiße, aber die Witwe des Notars Zwanziger sei und Gründe habe, diesen wahren Namen zu verschweigen. Trotz dieser dringenden Anzeichen ließ der Kammeramtmann Gebhard noch einen Monat verstreichen, ehe er deshalb gerichtliche Anzeige machte: so schwer scheint er sich überwunden zu haben, an die nach allen gewöhnlichen Erfahrungen allerdings kaum glaubhafte Schuldbarkeit der gerühmten Frau zu glauben. Diese inzwischen reiste mit der Sorglosigkeit weiter, welche nur ein sehr glücklicher Erfolg in gefährlichen Dingen hervorbringen kann. Sie hatte sogar Gebhard einen Brief zurückgelassen, in welchem sie ihm mit affektierter Empfindsamkeit den Vorwurf des Undanks macht. Es heißt unter anderm darin: »Wenn Ihr Kind nicht ruhig sein will, dann wird Ihnen mein Schutzgeist zurufen: Warum nahmst du ihr ihr Liebstes (das Kind) hinweg?« Sie versprach, alle vierzehn Tage ihm Nachricht von sich zu geben, logierte sich in Baireuth, unverschämt genug, als Freundin der verstorbenen Gebhard bei deren Mutter ein und schrieb von jedem Orte, wo sie zugebracht hatte, an ihren verehrungswürdigen Herrn, »dessen fortdauernder Gnade« sie sich empfahl, und dessen liebem kleinen Fritzchen sie zärtliche Küsse zusandte, alles mit der unverhohlenen Erwartung, daß Gebhard binnen kurzem eilen werde, eine so vortreffliche Hausvorsteherin zurückzurufen. Aber trotz ihrer Versicherungen in den Briefen von der guten Aufnahme, die sie überall finde, und den guten Aussichten, die sich ihr eröffneten, und trotz aller Briefe, mit denen sie den ganzen Kreis der ihr bekannten Häuser überschüttete, mußte sie von Ort zu Ort weiter, und niemand rief sie, niemand wollte sie behalten. Am bittersten fand sie sich in einem Örtchen in Franken getäuscht, wo ihre Tochter an einen Buchbinder Sauer verheiratet war. Als sie vor dem Hause ankam, war freilich großer Jubel, an dem sie aber keinen Teil hatte. Sauer heiratete wieder. Sauer hatte sich von ihrer Tochter scheiden lassen. Die Tochter war im Zuchthause wegen Diebstahl und Betrügereien. Niemand verlangte nach ihr. Als sie nach Nürnberg zurückkehrte, waren daselbst allerdings mehrere Briefe eingegangen, die dringend nach ihr fragten – Requisitionsschreiben um ihre Verhaftung. Als sie festgesetzt wurde, fand man bei ihr drei Päckchen, welche über ihr Wesen und Gewerbe keinen Zweifel ließen: zwei Päckchen mit Mückenstein und eins mit Arsenik. Um Mitte Oktober 1809 war die Zwanziger auf dringende Verdachtsgründe hin verhaftet worden. Sie war natürlich die unschuldigste Person von der Welt, und es werde sich schon finden, wie man sie verkenne. Gegen Ende Oktober wurde ohne ihr Vorwissen mit der Leichenausgrabung derjenigen Personen begonnen, die möglicherweise von ihr vergiftet sein konnten. Seit den letzten großen Giftmordprozessen war die gerichtliche Arzneiwissenschaft um viele Erfahrungssätze hinsichtlich der Arsenikvergiftung reicher geworden. Alle die Wahrnehmungen, welche man an den Leichen gemacht hatte, die in ähnlichen Fällen untersucht worden waren, fand man hier wieder. Der Leichnam der Justizamtmännin Glaser, der vierzehn Monate im Grabe gelegen hatte, trug verhältnismäßig nur geringe Spuren der Verwesung an sich. Die ganze Oberfläche des Körpers schien zur Mumie erhärtet und hatte nach Wegnahme des Schimmels eine braune, mahagoniartige Farbe. Diese mumienartige, elastische Härte zeichnete sich besonders bei den vollen Brüsten aus. Der Unterleib war etwas ausgedehnt und gab, wenn man mit einem Stocke darauf schlug, einen hohlen, dumpfen Laut von sich. Die Bauchmuskeln waren in eine speck- oder käseartige Masse verwandelt und hatten auch einen Käsegeruch. Ganz dieselben Wahrnehmungen fanden sich beim Leichnam der Amtmännin Gebhard. Überdem fand man bei der chemischen Untersuchung in den Eingeweiden beider Frauen noch Arsenik vor, so daß das ärztliche Gutachten dahin ging, man könne mit Gewißheit annehmen, daß beide an einer Arsenikvergiftung gestorben seien. Beim Leichnam des Grohmann fanden sich jene Zeichen nicht so bestimmt ausgedrückt, auch entdeckte man das Arsenik nicht, wonach nur eine Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit der Vergiftung begutachtet werden konnte. Da aber die fernere Untersuchung auch den wirklich erfolgten Giftmord des Grohmann außer Zweifel gestellt hat, so drängt sich uns die Frage auf, ob das Arsenik vielleicht bei weiblichen Körpern prononzierter in seinen Wirkungen ist als bei männlichen, auch dort vielleicht länger die Giftstoffe zurückläßt. Auch im Prozeß der Ursinus erklärten die Sachverständigen, daß aus den gefundenen Kennzeichen auf die Vergiftung der Tante mit der höchsten Wahrscheinlichkeit zu schließen sei, die des Mannes erschien ihnen nur wahrscheinlich. Beinahe ein Jahr lang verblieb die Zwanziger bei einem starren Leugnen in bezug auf alles, was den Giftmord betraf, wiewohl ihr verdächtiger und schlechter Lebenswandel, ja der ganze Charakter dieser gefährlichen Person schon ins vollste Licht gestellt war. Zu den Episoden dieses Prozesses gehörte das plötzliche Erscheinen ihrer Tochter, derselben geschiedenen Sauer, welche wegen Diebstahls im Zuchthause saß, als die Zwanziger sie aufsuchen wollte. Diese Tochter, deren Existenz die Mutter bis dahin verheimlicht hatte, kam nach abgesessener Zuchthausstrafe nach Kulmbach, um die Mutter aufzusuchen, von der das Gerücht bis in ihre Kerkermauern gedrungen war, daß sie als Giftmischerin das Schafott besteigen werde. Dies überraschende Auftreten einer nächsten Zeugin wider die Zwanziger brachte vieles Licht in die Untersuchung und die Überzeugung, daß diese stille, rechtschaffene Witwe eine der gefährlichsten Landstreicherinnen sei, welche bis dahin dem Auge der Polizei entschlüpft war. Aber so vieles auch über ihren Lebenswandel schon entdeckt war, noch am 16. April 1810 glaubte die Zwanziger, alles, was gegen sie sprechen könne, sei erschöpft, und sie stellte sich mit völliger Unbefangenheit vor den Richter. Da erst entdeckte dieser ihr, der Leichnam der Glaser sei ausgegraben worden, man habe die unverkennbaren Spuren der Vergiftung gefunden, und der dringende Verdacht treffe sie. Nach zwei Stunden brach ihr Mut. Nachdem sie schluchzend und händeringend ihre Unschuld beteuert und in allen Krümmungen einer angstgepeitschten Sünderin, die noch nach Auswegen sucht, sich gewunden hatte, gestand sie, doch noch mit vielen Lügen und Ausflüchten durchwebt, daß sie der Glaser zweimal Gift gegeben habe. Dies Bekenntnis war aber kaum von ihren Lippen, als sie, wie vom Blitz getroffen, zu Boden stürzte und in solchen heftigen Zuckungen sich wälzte, daß man sie aus dem Gerichtszimmer forttragen mußte. Der Lebenslauf der Verbrecherin ist als vollständig ermittelt nach den Akten zu betrachten. Zum Überfluß, und allerdings eine Kuriosität bei Verbrecherinnen, schrieb sie noch eine Autobiographie in der Zwischenzeit vom Schluß der Untersuchung bis zur Publikation des Urteils. Sie ist achtzehn engbeschriebene Bogen stark, keine Beichte wie die der Brinvillier, sondern ein Versuch, die Greuel ihres liederlichen und lasterhaften Wandels zu beschönigen, nicht sich zu rechtfertigen, sondern interessant zu machen. Die Stellen, welche wörtlich aus dieser eigenen Lebensbeschreibung in unserem Auszüge entnommen sind, sollen durch Häkchen bezeichnet werden. Anna Margaretha Zwanziger war in demselben Jahre geboren, in dem auch die Ursinus zur Welt kam, 1760. In der eigenen Biographie macht sie sich um vier Jahre jünger. Zur Zeit ihrer Verhaftung war sie also im fünfzigsten Jahre. Sie war klein von Wuchs, hager, schief und verwachsen. Ihr bleiches, mageres Gesicht, mit den Spuren von Alter und Leidenschaft, verriet auch keine Spur mehr von ehemaliger Schönheit. Aus ihren widrigen Augen blickte Gehässigkeit und Neid, während der Mund sich doch immer zu freundlichem Lächeln verzog und ihr Betragen über und über Höflichkeit, kriechende Untertänigkeit und schmeichelndes Schöntun war. Eitel, gefallsüchtig und wollüstig von Jugend auf, entfernten Alter und Häßlichkeit noch nicht die Sünde und das Begehren von ihr. Noch im Gefängnisse, als sie bereits ihrem Todesurteil entgegensah, spielte ihre Einbildungskraft mit der Erinnerung an die Blütezeit ihrer Jahre. Sie bat oft ihren Richter, er möge doch ja nicht nach der Zwanziger von heut sich eine Vorstellung der Zwanziger von ehemals machen, denn sie sei schön, sehr schön gewesen. Ihr Vater Schönleben in Nürnberg war, wie sie selbst bemerkte, zu böser Vorbedeutung für sie der Eigentümer des Gasthauses zum schwarzen Kreuz, unter dessen Zeichen auch sie geboren wurde. Schon im fünften Lebensjahre vater- und mutterlose Waise, ging sie aus Hand in Hand, bis sie im zehnten Jahre im Hause eines wohlhabenden Kaufmanns eine nicht gewöhnliche Erziehung erhielt. Auf Zureden desselben verlobte sie sich im fünfzehnten und heiratete im neunzehnten einen älteren Mann, den sie nicht eben liebte, den damaligen Furier, späteren Notar Zwanziger. Sie »fürchtete den Mann, wie das Kind die Rute«. Zudem war es still im Hause. Der Mann war entweder in seinem Beruf oder trank außer dem Hause. Bei ihrem Vormunde war es immer heiter und geräuschvoll gewesen; um die Einsamkeit zu bewältigen, griff sie zu den Büchern. »Mein erstes Buch, welches ich las, waren ›Werthers Leiden‹. Dies Buch machte gleich so großen Eindruck auf mich, daß ich immer weinen mußte. Hätte ich da eine Pistole gehabt, so hätte ich mich auch erschossen. Hierauf las ich ›Pamela‹ und ›Emilia Galotti‹.« Die Früchte dieser Halbbildung, einer Anempfindelei, welche das natürliche Gefühl zurückdrängte, zeigten sich erst später in dem Streben, immer interessant zu sein und zu scheinen und sich hinaus zu sehnen aus den engen und unbefriedigenden Kreisen in glänzendere und vornehmere, zu denen weder ihre Geburt, ihre Lage, noch die wahre Bildung sie berechtigten. Vorerst machte die Empfindsamkeit der Vergnügungslust Platz. Sie war volljährig geworden, ihr Mann erhielt ihr Vermögen vom Vormundschaftsamte ausgeliefert und wußte nichts Besseres damit zu tun, als in Lust und Jubel rauschende Zerstreuungen zu suchen. Tag und Abend vergingen in Saus und Braus, und die junge Frau nahm mit Vergnügen daran teil. Es wurden Gäste geladen, musikalische Gesellschaften veranstaltet, über Land in froher Kumpanei gefahren, und keine zugänglichen Bälle und Redouten blieben unbesucht. Aber in wenigen Jahren war das Geld verpraßt, und Sang und Klang schwiegen still. Hunger und Not klopften ans Tor, und drinnen verlangten zwei Kinder nach Nahrung. Der Mann entwich dem Kindergeschrei in seine alten Zufluchtsörter, die Weinhäuser, wo er an einem Tage seine zehn Flaschen vertrug. Sie sollte Geld schaffen, wie es sei. Erhielt er es, war er freundlich, erhielt er keins, tobte er im Hause. Die empfindsame junge Frau, die für die Tugend der Pamela und der Emilia Galotti geschwärmt hatte, machte ihre Person zur Ware. »Doch besaß ich immer so viel Delikatesse, mich nur zu Standespersonen zu halten, die stillschwiegen. Denn das Prinzip ist mir von Jugend auf eingeprägt, mich nur zu Personen zu halten, die mein Glück machen können. So hatte ich denn auch der Liebe das Glück zu danken, daß ich von edlen Männern viel unterstützt wurde.« Nach zwei Jahren lächelte das Glück wieder dem sauberen Ehepaar. Zwanziger gewann durch eine Uhrenlotterie, die er unternommen hatte, Geld. Das frühere Wohlleben kehrte zurück, aber nicht die Tugend, wenn diese überhaupt dagewesen war. Die Gattin setzte, was sie aus Not angefangen hatte, aus Liebe und Gewohnheit fort. Eines dieser Liebesverhältnisse scheint ernsthafter von ihr und dem Geliebten genommen worden zu sein. Sie entfloh mit diesem, einem adeligen Offizier, nach Wien zur Schwester desselben, kehrte zwar auf Vorstellung ihres Mannes wieder nach Nürnberg zurück, ließ sich aber nun von demselben gerichtlich scheiden. Kaum aber war das Urteil publiziert, als sie sich abermals mit ihm in der Lorenzkirche trauen ließ. Sie will von nun an in glücklicher Ehe mit ihm gelebt und ihn sogar geliebt haben, weil sie bei mehreren Gelegenheiten bemerkt habe, »daß er sehr edel denke und ein empfindsames Herz besitze«. Im Jahre 1796 starb der Notar Zwanziger im achtzehnten Jahre ihrer Ehe. Sein schneller Tod erregte den Verdacht, daß auch er einem Gift könne erlegen sein, das sie gemischt hatte; es bestätigte sich indessen nicht. Von nun an begann ein Gewirr von Unglücksfällen, Torheiten, Lastern und Verbrechen, welche das Leben der Zwanziger bildeten. Mit vierhundert Gulden, die sie von allem, was sie und ihr Mann besessen hatten, gerettet hatte, begab sie sich nach Wien, angeblich, um von der Zuckerbäckerei zu leben. Der Plan schlug fehl. Sie diente als Haushälterin in verschiedenen angesehenen Häusern, machte dann Bekanntschaft, zwar nur mit einem Schreiber von der ungarischen Kanzlei, »welcher aber von sehr gutem Gemüt war«, und gebar ihm ein Kind, welches, in ein Findelhaus getan, dort starb. Nach anderthalb Jahren kehrte sie nach Nürnberg zurück, wo ein Freiherr v. W. ihr seine »Freundschaft und Liebe« antrug, die sie auch annahm, da sie an allem merkte, »daß sie in diesem Freiherrn einen sehr edeln Mann vor sich habe«. Sie will aber nur, wer das glauben mag, von diesem Beschützer »wie eine Freundin vom Freunde« besucht und mit allen ihrer Tugend gefährlichen Zumutungen von ihm nicht allein verschont, sondern auch »zu allem Guten geleitet« worden sein. Darauf ging sie nach Frankfurt am Main, wo ihr ein vorteilhafter Dienst als Haushälterin beim Ministerresidenten v. K. angetragen war. Ihr edler Beschützer in Nürnberg wollte sie nicht hindern und schenkte ihr hundert Gulden auf den Weg. Aber sie mußte den vorteilhaften Dienst, weil sie die Küche nicht zu verwalten verstand, und wegen Unreinlichkeit (so in Verfall war also die gefeierte Schöne) wieder verlassen. Dieser Verfall ging nun schnellen Schrittes. Sie mietete sich bei einem Friseur ein, verdingte sich bei englischen Reitern als Kinderwärterin, entlief diesen und ward endlich von einem Kaufmann auf kurze Zeit als Kindermagd angenommen. Alles das fiel in wenigen Monaten vor. Mit ihrem wachsenden Notstand geriet auch ihr Gemütszustand in Verwirrung. Das Herabsinken von einer Herrin zur Magd, von einer Gebieterin nach Laune über ihre Liebhaber zu einem Dienstboten, den man wegen Unreinlichkeit fortjagt, war zu rasch. Sie weinte, lachte und – betete in einem Atem. Sie lachte, wenn die Herrschaft befahl, ging gehorsam ab und tat doch nichts von dem, was man verlangte. Sie wandte sich in ihrer Not noch einmal an ihren edeln Beschützer in Nürnberg, der sich auch wirklich ihrer annahm. Aber »zu ihrem Erstaunen nahm sie eine große Veränderung in seinen Sitten wahr. Er, der verheiratete Mann, wurde auf einmal freier, immer zudringlicher, äußerte sehr leichtsinnige Grundsätze und vergaß endlich seine Würde so ganz und gar, daß sie von ihm in die Hoffnung versetzt wurde, von neuem Mutter zu werden«. Darauf wurde er plötzlich kalt, machte seltenere, kürzere Besuche, und sie erhielt die entsetzliche Gewißheit, daß er eine damals berühmte Schauspielerin, die sich in Nürnberg aufhielt, lieber besuche als sie selbst. Der Schreck veranlaßte eine Fehlgeburt. Die Fehlgeburt veranlaßte sie zum Selbstmord. Der Versuch mit dem Aderlaßeisen lief aber unglücklich ab, und sie konnte nicht mehr als eine Kaffeeschale voll Blut herausbringen. Der Freiherr erschien, aber nicht voll Schmerz und Reue; er lachte, obgleich ihm die Kaffeeschale mit Blut unter die Augen geführt wurde, die Närrin aus und drehte ihr trotz aller ihrer Beschwörungen und Vorwürfe den Rücken. Sie, um sich zu rächen, packte seine Briefe zusammen, sandte sie an des Freiherrn Gemahlin und ging dann, den »Siegwart in der Tasche und ihr Dienstmädchen neben sich«, an die Pegnitz, um ihrem Liebesgram und Leben zugleich ein Ende zu machen. Sie las im Siegwart, bis sie an die Stelle kam, wo das Lied steht: »Mein Leben ist so traurig usw.« und stürzte sich dann in den Fluß. Aber zwei Fischer, die in der Nähe waren, brachten sie auf der Stelle ohne allen Schaden ans Ufer. Nur ihre Kleider waren durchnäßt. Sie wurden sofort, nachdem sie trockene angezogen hatte, durch das Mädchen an den Freiherrn geschickt als Belege für den neuen Mordversuch. Dieser schlug ihr zwar nicht die Tür vor der Nase zu, sondern gab der Botin ein für allemal fünfundzwanzig Gulden, zugleich aber die Weisung, auf der Stelle Nürnberg zu verlassen und je weiter desto besser zu reisen. Bei den erwiesenen furchtbaren Verbrechen der Zwanziger kommt es auf eine Lüge mehr oder weniger nicht an. Doch erhellt, daß wir hier einen vielfach von ihr ausgeschmückten Roman vor uns haben, zumal wenn wir bedenken, daß sie, als sie die empfindsame Rolle darin spielte, schon das vierzigste Lebensjahr zählen mußte. Nur so viel leuchtet daraus hervor, daß sie einen ehemaligen Liebhaber noch auf alle mögliche Weise zu fesseln oder vielmehr Geld von ihm zu erpressen versuchte und die angebliche Schwangerschaft und Fehlgeburt sowohl als die beiden Mordversuche Theatercoups waren, die abblitzten. Aber dem hartherzigen Benehmen dieses treulosen Beschützers legt sie einen großen Teil ihrer Erbitterung gegen das Menschengeschlecht zur Last. »Als ich mir die Adern aufgeschnitten, da lachte er nur; als ich ihm vorhielt, daß er schon einmal ein Mädchen unglücklich gemacht, die mit seinem Kinde ins Wasser sprang, da lachte er wieder. Sooft ich nachher etwas Böses tat, dachte ich bei mir: mit dir hat kein Mensch Mitleid gehabt; so habe denn auch kein Mitleid, wenn andere unglücklich sind.« Sie folgte der Weisung des Freiherrn und kehrte nicht noch einmal nach Nürnberg zurück, sondern reiste sogleich nach Regensburg. Nachdem sie sich in Wien, Nürnberg und anderen Orten in Kummer und Not umhergetrieben hatte, mußte sie als Dienstmagd bei einem Kammerherrn v. S. ein Unterkommen annehmen. Weil aber hier der Dienst sehr beschwerlich und wenig lohnend war, beschloß sie, »ihn heimlich und ohne Aufkündigung« zu verlassen, sich jedoch eine Entschädigung mitzunehmen. Nach ihrem Romane wies ihr ihr Schutzgeist selbst diese Entschädigung, indem das Kind mit den Juwelen der Herrschaft spielte, während diese bei Tafel saß, und ihr mit seinem kleinen Händchen den Ring gab: »Da war mir, als stände jemand neben mir und spräche: Behalte ihn! Ich folgte der Eingebung,« Sie schläferte das Kind ein und lief mit dem Ringe davon. Die Dienstherrschaft erzählte den Vorfall etwas anders, und wenn ihr Schutzgeist die Zwanziger angetrieben hatte, den Ring zu nehmen, so muß er ihr danach auch die Weisung gegeben haben, einen verschlossenen Schreibschrank zu erbrechen und Geld herauszunehmen. Sie ward durch Steckbriefe verfolgt. Als sie bei ihrem schon erwähnten Schwiegersohn, dem Buchbinder Sauer, in Mainbernheim war, las dieser mit Entsetzen den Steckbrief in der eben angekommenen Zeitung und wies eine solche Schwiegermutter sogleich aus dem Hause. Noch hatte sie die Unverschämtheit, an den Kammerherrn einen Brief zu schreiben, worin sie ihm Vorwürfe machte, daß er sie durch solche öffentliche Behandlung einer Privatsache ins Unglück stürze; aber ihr Name war einmal ehrlos, sie selbst geächtet, ihre Person bürgerlich vernichtet. Sie mußte aufhören, die zu sein, welche sie war, und, um nur fortzuexistieren, einen anderen Namen annehmen. Sie wählte den väterlichen und hieß von nun an Schönleben. Als ginge ihr mit dem neuen Namen ein neuer Glücksstern auf, fand sie 1805, nachdem sie sich an verschiedenen Orten umhergetrieben und sich meistens bei den höheren Ständen eines kurzen Unterkommens erfreut hatte, in der Oberpfalz im Flecken Neumarkt eine Art Versorgung. Als Lehrerin junger Mädchen in weiblichen Arbeiten erhielt sie viele Lehrstunden und hätte durch ihren Fleiß und ihr anständiges Benehmen (die beide von der Ortsobrigkeit ihr bezeugt wurden) hier eine dauernde Stätte finden können, wäre nicht der alte Sündengeist durch ein unglückliches Zusammentreffen aufs neue in ihr erweckt worden. Die Lüste eines bejahrten Generals aus München, der sich in Neumarkt aufhielt, wurden durch die bejahrte Witwe angeregt. In den Stunden der Vertraulichkeit entfiel dem General das Versprechen, er wolle für sie sorgen. In der alten Buhlerin erwachten die Erinnerungen an die schöne Vergangenheit, wo »die vornehmen, edlen Männer ihre Beschützer waren«, und sie träumte davon, die unbescholtene Freundin einer Exzellenz in München zu sein. Sie glaubte das um so sicherer hoffen zu dürfen, als sie immer gehört hatte, »daß die Katholiken sehr Wort zu halten pflegen«. Aber der General ließ nichts von sich hören und antwortete auch nicht auf ihre Briefe, nachdem er Neumarkt verlassen hatte. Sie meldete ihm, sie sei schwanger; auch da erhielt sie keine Antwort, sondern durch einen Pfarrer eine kleine Summe Geldes mit dem Bedeuten, nun ein für allemal sich zur Ruhe zu geben. Die Törin reiste in ihrer Unverschämtheit dem General nach München nach, ward aber bei ihm, wie man denken mag, nicht vorgelassen, sondern erhielt nur von einem Bedienten einige Gulden, damit sie auf der Stelle aus München wieder fortreisen möchte. So hatte sie um einer unverzeihlichen Torheit willen ihren letzten Hafen verlassen und war aufs neue hinausgeschleudert aufs stürmische Meer. Bekannt, verachtet, gescheut, verfolgt, mußte sich die Fünfzigerin neue Länder, Orte, Menschen suchen, um nur Aufnahme zu finden. So kam sie in das Baireuther Oberland, und ihren Grimm gegen die ganze Menschheit im Heizen, mußte sie aufs neue heucheln, sich bücken und freundlich sein, um nur in der demütigsten Stellung ein Unterkommen zu finden; aber in ihr kochte der Groll, und es bedurfte nur weniger Antriebe und einer günstigen Gelegenheit, um ihn in schwarzen Rachetaten gegen alle zu entladen, welche vornehmer, reicher, glücklicher, sorgenfreier waren als sie und nicht mit ihr teilen konnten. Feuerbach sagt hier in der unübertroffenen Charakteristik dieses Weibes: »Fast zwanzig Jahre von Ort zu Ort umhergejagt, beinahe schon fünfzig Jahre alt und noch immer ein Fremdling auf dieser Erde, ohne Vaterland und Heimat, von der Welt entehrt, bloß durch einen Namenstrug unter den Menschen geduldet, suchte sie endlich angstvoll nach Ruhe, nach einer bleibenden Stätte, nach einer sicheren Versorgung. Und als Herrin, wie ehemals, nicht mehr als verachtete Magd wie jetzt; immer nur anderen, nie sich selbst angehören; nie befehlen, immer nur von anderen Befehle empfangen oder befürchten; immer kriechen und schmeicheln, bloß um als Magd zu gefallen; fortwährend dazu verdammt, mit freundlich erzwungener Miene den Menschen schön zu tun, welche sie gleichwohl nur hassen konnte; abhängig, untertänig, bei dem erzürnten Gefühle lebhafter Erinnerung an die vergangenen Zeiten eigener Herrschaft; voll alter Ansprüche auf das gefällige Zuvorkommen und die äußere Achtung anderer, und doch so oft geneckt, verspottet, verachtet, über die Achseln angesehen – das alles war mehr, als eine solche Seele länger zu ertragen vermochte. Rettung mußte ihr werden aus einer solchen Lage, oder wenn nicht Rettung, wenigstens Ersatz dafür! Aber aus dem Labyrinth ihres verworrenen Lebens führte kein gewöhnlicher Weg zur Freiheit! Überall Abgründe, welche den Ausgang wehrten! Innerhalb der Schranken bürgerlicher Ordnung nirgendwo ein ausreichendes, sicheres Mittel der Hilfe. Da entdeckt sich ihr endlich das Geheimnis einer still verborgenen Macht, welche sie nur sich dienstbar zu machen braucht, um über alle Berge und Abgründe leichten Fußes hinüberzuschreiten und, jenseits der lästigen Schranken beengender Verhältnisse, den Gesetzen des bürgerlichen Lebens entrückt, sogar über die Menschheit selbst hinausgehoben, mit unsichtbarer Gewalt nach eigener Willkür frei zu herrschen. Diese geheimnisvolle Macht war – Gift.« In das Haus des Justizamtmanns Glaser zu Kasendorf war die Zwanziger auf Empfehlung des eigenen Sohnes desselben gekommen. Mit dem ersten Tritt ins Haus faßte sie auch festen Fuß darin. Sie wußte sich durch anschmiegende Zudringlichkeit in das Vertrauen des neuen Herrn einzuschmeicheln und sich durch ihre Künste und Unverschämtheiten mit ihm auf einen gewissen Fuß von Gleichheit zu stellen. Sie unternahm für eine Person in ihrer Lage etwas kaum Glaubliches. Glaser, ein Mann in den Fünfzigen, lebte seit Jahren von seiner Gattin getrennt, wie es heißt, ohne seine Schuld. Sie, die fremde, kaum ins Haus gekommene Person, die Dienerin des Herrn, unternahm es, unaufgefordert von irgend jemand, die Versöhnung zwischen den Eheleuten zu stiften, sie, deren neue Stellung durch die wirklich erfolgte Aussöhnung mindestens bedroht werden mußte. Denn wenn eine Hausfrau da war, was bedurfte es einer bezahlten Haushälterin? Unermüdlich geschäftig und mit Weiberschlauheit ging sie zu Werke. Da wurde jede schwache Stunde des Herrn benutzt, da wurden hinter seinem Rücken Briefe an die geschiedene Gattin geschrieben, auch an Freunde der Familie, daß sie zum Versöhnungswerke hülfen. Sie, die Protestantin, schrieb sogar an einen katholischen Pfarrer unter Übersendung eines Zwanzigkreuzerstückes mit dem Ersuchen, für das Gelingen des frommen Werkes eine Messe lesen zu wollen! Das Werk gelang. Die geschiedene Frau ließ sich überreden, zurückzukehren. Der Mann war durch die Überredungskünste der Zwanziger vollkommen ausgesöhnt. Aber mit schwerem Herzen reiste die Frau nach Kasendorf, ob allein durch böse Ahnungen oder auch durch Gewissensschläge beunruhigt, bleibt ungesagt. Denn unterwegs schrieb sie an ihre Verwandten: »Wie mir ist, kann ich euch nicht sagen; fürchterlich tobt es in mir. Ob mir vielleicht etwas ahnt? Ich bin wie verwirrt.« Glaser war seiner Frau entgegengefahren. Als er zurückkehrte, hatte die Zwanziger den durch sie verführten Ehegatten einen lauten, fast theatralischen Empfang bereitet; einen, wie er sich für jedes feinere Gefühl bei der Wiederanknüpfnng eines so gebrochenen Verhältnisses am wenigsten schickte. Der ganze Ort war auf den Beinen, Blumen und Gewinde überall an Türen, Pfosten, Fenstern, Wänden. An dem mit Kränzen umhangenen Ehebette hing ein zierlich ausgeschnitztes Papier, worauf die Versöhnerin den selbst gedichteten Spruch mit großen Buchstaben geschrieben hatte: Der Witwe Hand Knüpft dieses Band. Der unzarte Aktus, angestiftet von der Frau, welche nicht genug ihre Delikatesse zu rühmen wußte, scheint von den beteiligten Personen ohne Arg aufgenommen worden zu sein. Die diabolische Absicht der Zwanziger ist kein Geheimnis. Die häßliche, alte und, wie uns noch zum Überfluß gesagt wird, mit einem ekelhaften Schaden behaftete Witwe hatte nichts Geringeres zur Absicht, als Justizamtmännin in Kasendorf zu werden. Sie hoffte, »sich endlich noch in ihrem Alter ein ruhiges Leben zu bereiten«. Die Schwelle, über die sie notwendig mußte, war der Tod der Glaser. Für das Weitere glaubte sie dann leichter sorgen zu können. Die fromme Rolle der Friedensstifterin, wurde ohne Zweifel nur in der Absicht übernommen, das Opfer in ihre Gewalt zu bekommen. Wahrscheinlich lagen die Gifte schon bereit, als sie das arme Opfertier mit Blumen und Kränzen empfing und es streichelte und liebkoste. Glaser behandelte seine Frau mit aller Liebe und Aufmerksamkeit. Aber schon nach einigen Wochen fühlte sie sich unwohl und mußte sich erbrechen. Die Zwanziger hatte ihr, angeblich nur ein halbes Teelöffelchen, Mückenstein in den Tee geschüttet. Sie dachte dabei: Du willst dir doch ein ruhiges Alter machen; und wenn ihr das Gift diesmal nicht hilft, so gibst du es ihr öfter. Einige Tage darauf goß sie einen guten Eßlöffel aufgelösten Mückensteins in eine Tasse Kaffee, rief die Glaser ins Zimmer und lud sie zum Trinken ein. Nachts erkrankte die Hausfrau unter den gewöhnlichen Symptomen und war am zehnten Tage eine Leiche. »Als ich das Gift in die Tasse goß und das dicke Zeug sah, dachte ich gleich: Herr Jesus, die muß gewiß sterben!« Mit diesem Giftmorde an der Glaser ist ein vorangehender Vorfall zugleich zur Untersuchung gekommen, der aber doch kein genügendes Resultat geliefert hat; denn die Geständnisse der Zwanziger blieben bis zu ihrem Tode Stückwerk und wurden ihr gleichsam nur abgepreßt. Der Amtmann Wagenholz mit Frau und Sohn besuchte bald nach der Versöhnung der Ehegatten die Glasersche Familie. Nach dem Abendessen wurden alle, die davon genossen hatten, von Übelkeit und Erbrechen befallen. Als die Zwanziger am Tage darauf den Rest einer Schüssel dem Sohn des Nachtwächters gab, mußte auch dieser heftig sich erbrechen und ins Bett kriechen. Es ist möglich, daß die Zwanziger hier nur ein Probestück versuchte, gleichwie die Brinvillier, ehe sie zu den beabsichtigten Vergiftungen schritt, eine Probe an Tieren, armen Leuten und ihrer Kammerjungfer versucht haben soll. Möglich auch, daß ihr die Gäste lästig waren, sie fürchtete, durch ihre wiederholten Besuche in ihrem Plan gestört zu werden und gebrauchte die Vergiftung als ein Abschreckungsmittel. Die Zwanziger wollte den Verdacht auf den Justizamtmann Glaser wälzen. Er sei wie der Satan auf die Wagenholzschen Eheleute erbost gewesen und möchte wohl etwas in die Speisen getan haben; denn sie habe sich selbst nachher davon erbrechen müssen. Aber das weibliche Ungeheuer wollte auch die Vergiftung der Glaser selbst zur größeren Hälfte von sich auf den unschuldigen Ehemann abwälzen. Indem sie gestand, ihr Gift gegeben zu haben, behauptete sie, es sei auf Anstiften des Mannes geschehen, der seine Frau für immer habe los sein wollen. Bei der Kaffeevergiftung habe er ihr den Mückenstein mit den Worten gereicht: »Da geben Sie es ihr hin. Für das Luder ist es nicht schade.« Glaser erschien dem Richter infolge dieser Angabe und des früheren ehelichen Verhältnisses auch wirklich so verdächtig, daß er gefangen gesetzt und die Untersuchung gegen ihn eröffnet wurde. Erst bei den ferneren Entwickelungen gegen die Zwanziger kam seine Unschuld vollkommen zutage. Ihr Zweck im Glaserschen Hause war nicht erfüllt. Ein Mord war umsonst begangen. Sie kam ins Grohmannsche Haus. Auch hier war ihr Gedanke, daß Grohmann sie heiraten solle. Dieser selbst hatte sich gegen eine Bekannte dahin geäußert, bei einem jeden Briefe, den er erhalte, vermute die Schönleben einen Heiratsantrag. So alt sie sei, bilde sie sich wohl gar ein, er werde sie selbst noch heiraten! Grohmann, so kränklich er war, ging in der Tat damit um, zu einer ehelichen Verbindung zu schreiten, aber nicht mit seiner alten Haushälterin, sondern mit der Tochter eines benachbarten Justizamtmanns. Die Zwanziger kümmerte sich um diese Angelegenheit mit der lästigsten, ängstlichsten Zudringlichkeit und gab auf verschiedene Weise zu erkennen, wie das ganz gegen ihre Absichten und Wünsche sei. Sie belauerte alle Briefe, die an ihn gelangten, und wußte den Inhalt auszuspähen. Gegen Dritte äußerte sie: »Der Mann ist immer krank und will doch heiraten!« Zu Grohmanns Schwester äußerte sie, die Braut ihres Bruders sei an ein lustiges Leben gewöhnt; sie werde sich in das einsame, stille Sanspareil nimmermehr finden, auch wenig Lust haben, immer mit der Klistierspritze umherzugehen. Als es endlich hieß, Grohmann sei schon aufgeboten, und in acht Tagen werde die Braut erwartet, erschien die Zwanziger in ganz besonderer Bewegung, und um diese Zeit erkrankte Grohmann unter ungewöhnlichen Erscheinungen. Das Betragen der Zwanziger an seinem Krankenlager, wo sie ihn nicht aus dem Auge und aus den Händen ließ; ihr ungebärdiges Benehmen nach seinem Tode, wo sie durch Übertreibung eines affektierten Heulens und Schreiens einen Schmerz heuchelte, der bei ihrem entfernten Verhältnisse kein natürlicher sein konnte; die naheliegenden Motive der Tat, der Zustand, in welchem Grohmanns Leiche gefunden wurde, endlich ihr Charakter und ihre anderen Taten begründen den dringendsten Verdacht, daß auch dieser Mann an Gift gestorben sei, welches sie ihm gereicht habe. Sie selbst hat es zwar beharrlich in Abrede gestellt, denn Grohmann wäre ihr viel zu schätzbar gewesen, ihr Alles und ihr bester Freund, so daß sie nichts an ihm zu rächen Ursache gehabt habe; aber doch räumte sie es ein, es sei möglich, daß Grohmann von den vergifteten Bierkrügen getrunken habe, welche sie für andere hingestellt habe. Jeder dieser drei großen Giftmorde, deren sie verdächtig und überwiesen ist, ist von anderen kleineren Versuchen wie von einem notwendigen Gefolge begleitet, und wenn vor dem Richter über den Giftmord des Grohmann selbst noch Zweifel obwalten könnten, so sind sie doch hinsichtlich dieser gelegentlichen Nebenvergiftungsversuche völlig bestätigt. Zwei Gerichtsdienerburschen namens Dorsch, der eine Lorenz, der andere Johann mit Vornamen, hatten sich das Mißfallen der Zwanziger zugezogen. Sie meinte von den dreisten Jungen fortwährend geärgert und gefoppt zu werden, und hielt es für nötig, sie deswegen zu züchtigen. Um ihnen den Appetit zu verderben, wie sie sagte, nahm sie vier Krüge Bier, vermischte zwei derselben mit Mückenstein, die beiden anderen aber mit einer etwas größeren Portion Mäusegift. Von diesen Krügen wollte sie den Jungen nach und nach vorsetzen. Sie wollte sie aber nicht töten, sondern nur krank machen und zwingen, daß sie sich erbrächen. Die Burschen tranken einst aus einem dieser Krüge, das Bier schmeckte ihnen aber nicht, und der Instinkt leitete sie zu einem unvermischten Kruge. Die kräftigen Züge, die sie aus demselben nahmen, verursachten, daß sie gar keine Wirkung von dem vergifteten Bier spürten. Auch der Amtmann Hoffmann, der den kranken Grohmann besuchte, trank bei ihm Bier, welches ihm schlecht bekam. Die Zwanziger läßt es dahingestellt, ob sie vielleicht die Krüge, welche sie für die beiden Dorsch gemischt hatte, mit reinen Krügen könne verwechselt haben, denn da sie lange im Gewölbe gestanden hätten, habe sie die vergifteten von den unvergifteten nicht mehr unterscheiden können! »Daher kann es denn sehr wohl sein, daß er zufällig von dem vergifteten Biere getrunken hat. Meine Absicht war es jedoch nie, ihn auch nur zum Erbrechen zu reizen, denn er war mir als ein sehr solider und rechtschaffener Mann, der nebst seiner Frau mir immer Achtung erwies, viel zu lieb.« Am 13. Mai 1809 wurde die Zwanziger vorläufig als Wärterin und zur Aushilfe in das Haus des Kammeramtmanns Gebhard aufgenommen. Schon am vierten Tage nach ihrem Einzüge beschloß sie geständlich, der Frau des Gebhard Gift beizubringen, weil diese sich sehr ärgerlich bezeigte, sie sehr schnöde behandelte und ihr wegen angeblich verwahrlosten Hauswesens Vorwürfe machte. Am 17. Mai ging sie in das Gewölbe und vergiftete zwei Krüge Bier. Auch hier mischte sie dem einen eine schwächere, dem anderen eine stärkere Dosis bei, indem sie in jenen Mückenstein tat, so viel sie mit zwei Fingern fassen konnte, in diesen eine starke Portion Mäusegift. Aus jenem wurde schon am nämlichen Tage eine gläserne Kanne der Wöchnerin vorgesetzt, und ihr Mann selbst reichte ihre mehreremal unwissend den Gifttrank zur Labung. Zwei Tage darauf wurde der stärker vergiftete Krug zu Hilfe genommen, und die schon Kranke mußte aufs neue trinken. Die Zwanziger behauptet, nicht zum Sterben habe sie die Gebhard bringen wollen, sondern sie habe nur vorgehabt, »sie zu plagen, weil sie mich auch geplagt hat.« Und zugleich versichert sie mit einer unglaublichen Konsequenz der Frechheit und Tücke, sie hätte ja gewußt, schaden könne ihr das Bier nicht. Hätte sie überzeugt sein können, daß die Gebhard durch ihre Schuld gestorben wäre, so würde sie sich zu ihr ins Grab gelegt haben. »Früherhin war sie mir jederzeit gut; sie war meine beste Freundin und stand mir bei mit Rat und Tat. Stets betrug sie sich freundlich gegen mich und lobte mich, wo sie hinkam. Wir waren wie ein paar Schwestern, kamen oft zusammen und besprachen uns über ökonomische Dinge.« Kaum kann man diese Äußerung als eine beschönigende Lüge betrachten, da sie geständlich der schon vom schwächeren Gift Erkrankten noch vom stärkeren reicht, kaum sich der Meinung erwehren, daß nur ein fürchterlicher frecher Hohn aus dem ingrimmigen Weibe spricht, wie es denn auch nur dieselben heuchlerischen Liebesversicherungen über den Leichnam der sogenannten Freundin sind, welche sie früher über den Leichnam des sogenannten Freundes, des toten Grohmann, ausgestoßen hatte. Damit zu täuschen, konnte sie selbst nicht mehr glauben; es war nur eine fortgespielte Rolle, zu welcher ihre zweite Natur sie zwang, die Rolle der Empfindsamen, die einzige höhere, zu welcher sie über ihr Leben voll Laster, Greueln und Verbrechen sich aufschwingen konnte. Ihr Motiv war nicht, Rache zu nehmen wegen erlittener Kränkungen; es war, wie aus der Schlußfolge der vorigen Giftmorde, aus mehreren Zeugenaussagen und aus verschiedenen Stellen ihrer Briefe hervorgeht, auch diesmal die törichte Hoffnung, wenn man es so nennen kann, die vage Möglichkeit, daß, wenn die Frau aus dem Wege geschafft sei, der Witwer sie heiraten könne! Auch dieser dritte Giftmord hatte seine Trabanten, und die zahlreichsten unter allen. Die Sekretärswitwe Alberti und der Handlungsdiener Beck sind geständlich bei einem Mittagessen um Ende August des Jahres an der Gebhardschen Tafel von ihr vergiftet worden. Beck absichtlich, die Alberti nur aus Fahrlässigkeit. Beck hatte sie zuweilen geneckt und gefoppt, und sie hatte nun einmal ihren Spaß dabei, wenn die Leute, die sie so quälten, sich erbrechen mußten. Sie stellte ihm darum denselben Krug Bier mit Mäusegift hin, aus dem die Gebhard sich den Tod getrunken hatte. Sie hatte ihn wieder frisch aufgefüllt. Natürlich war es ihr nur um das Krankwerden und Erbrechen zu tun. Den Tod beabsichtigte sie nicht, und er erfolgte auch nicht. Daß die Alberti auch davon trank, geschah wider ihren Willen, und sie suchte es nachher wieder gutzumachen durch Kaffee und Hoffmannsche Tropfen. Der Amtsbote Rosenhauer war der Zwanziger von Anfang an zuwider. Er klatschte so viel und machte ihr vielen Verdruß; darum sollte er auch gezüchtigt werden und brechen. Aber Wein wollte sie ihm nicht gegeben haben. Sie rührte nur den Bodensatz in dem Kruge um, der schon so gute Dienste geleistet hatte, und goß frisches Bier darauf. Er wirkte ganz, wie sie es wünschte. Auch dem Laufburschen des Rosenhauer, Johann Kraus, Gift gegeben zu haben, leugnete sie keineswegs, nur nicht in Branntwein. Fast gereizt durch diese Beschuldigung, sagte sie, es gebe ja der gesunde Menschenverstand, daß man in einem so hellen Getränk wie Branntwein, in dem jedes Fäserchen zu sehen sei, niemand vergiften könne. Aber weil Kraus immer so grob gegen sie gewesen sei, hätte sie ihm ein kleines Glas vergiftetes Bier gegeben, damit er sich erbreche. Kraus aber wollte gerade durch den Branntwein erkrankt sein und auch in dem Glase einen fremden Körper bemerkt haben. Am 1. September war eine Kegelgesellschaft im Gebhardschen Hause oder in der Nähe desselben versammelt: außer dem Wirte der Justizamtsverweser Beck, dessen Bruder, der schon einmal vergiftete Handlungsdiener Beck, der Bürgermeister Petz und der Skribent Scherber. Auf Verlangen des Gebhard mußte die Zwanziger den Kegelspielern Bier aus dessen Keller schicken. Nach dem Genusse davon erkrankte plötzlich die ganze Gesellschaft mehr oder minder, und es ward dies die Veranlassung, die Haushälterin fortzuschicken. Diese Vergiftung wollte die Zwanziger jedoch ganz in Abrede stellen. Das Höchste, was sie zugab, war, daß in den beiden für die Gebhard gemischten Krügen noch ein Bodensatz gewesen sei, der, abermals aufgerührt, diese Wirkung hervorgebracht habe. Demnach, bemerkt Feuerbach, müßten diese beiden Krüge etwas von den Eigenschaften des Ölkrügleins der Witwe an sich getragen haben; denn zuerst vergiftete sich daraus die Gebhard zu Tode; dann tranken daraus der Beck und die Alberti mehrere Gläser und erkrankten heftig; hierauf Rosenhauer und Kraus, und ein durstiger Amtsbote pflegt stark zu trinken; endlich aber war in diesen unerschöpflichen Krügen noch so viel Bodensatz, daß der bloße Aufguß frischen Bieres genügt hätte, um fünf rüstige Kegelspieler mit einem Male umzuwerfen! Wenn es auch nicht bestimmt erwiesen ist, so wird es doch wahrscheinlich, daß die Zwanziger auch hier eine neue Vergiftung beabsichtigte. Gesetzt, das Gift selbst sei nach den vielen Vergiftungen noch so stark gewesen, um diese Wirkung hervorzubringen; läßt es sich aber denken, daß eine Verbrecherin wie sie nur aus Nachlässigkeit eine so gefährliche Rache wie die Vergiftung von fünf zum Teil angesehenen Personen und zu gleicher Zeit würde zugelassen haben? Sie hatte im Keller ein eigenes Töpfchen, welches sie bei ihrem Abzuge mit fortnahm, und bei dessen Auswaschung sich ein weißlicher Bodensatz fand. Wahrscheinlich stand dasselbe als Giftvorrat immer bereit, um die leergewordenen Krüge aufs neue damit zu füllen. Unter der Gesellschaft, die sich so heiter vergnügte, waren gewiß einige, denen sie es gönnte; aber sie, der es schon einen Spaß machte, wenn die Leute sich quälten, wie sie sich ja auch im Leben so oft und lange gequält hatte, mochte es auch diesmal spaßhaft finden, einer ganzen Kegelgesellschaft ihre Lust zu verderben, und sie mochte sich in Gedanken an ihrem Krümmen, Würgen und Gesichtelschneiden ergötzen. Die Mägde im Hause, die Hagin und Waldmann, befanden sich nach dem Genusse von Kuchen, welche die Zwanziger ihnen vorgesetzt hatten, sehr übel. Diese Vergiftung leugnete sie bestimmter, und sie ist auch durch nichts erwiesen. Geständlich hat sie aber beim Wegzuge das Salzfaß, welches in der Küche stund, durch eine Prise Mäusegift, das sie in der Tasche mit sich führte, vergiftet, »damit alle, die im Hause blieben, etwas kriegten und ich der Magd einen Verdruß zuziehe.« Aber der Geist der Lüge, der immer wieder in ihr aufschoß, wenn sie kaum, durch einen momentanen Eindruck erregt, etwas Wahrheit von sich gegeben hatte, bewog sie augenblicklich wieder, und ohne Zweck und Grund, abzustreiten, daß sie auch in die Salzkanne das Arsenik gemischt habe. Und doch blitzt ein Nebenzweck heraus. Sie meinte, sie könne nicht anders denken, als daß andere Leute das getan, die auf ihr Unglück losarbeiteten! Als der Wagen vor der Tür stand, um die Verabschiedete nach Baireuth zu schaffen, herzte sie ihr liebes Fritzchen, das kaum sechs Monate alte Wochenkind, das zum ersten Male lallte, als seine Mutter unter den Qualen des Giftmordes schrie und verschied. Sie konnte es kaum übers Herz bringen, sich von ihm zu trennen. Sie gab ihm eine Kaffeetasse voll Milch und hatte nur »ein klein wenig Mückenstein hineingetan.« Einige Kaffeelöffelchen gab sie dem armen Wurme zu trinken, wieder durchaus nicht in der Absicht, dem Leben des Kindes zu schaden, nur um ihm Übelkeit zu erregen, »es unruhig zu machen, damit Gebhard bewogen werde, sie zur Beruhigung seines Kindes von Baireuth wieder zurückzurufen und wieder ins Haus zu nehmen.« Dies sind ihre Geständnisse, die, was das Motiv anbetrifft, als vollkommen wahr anzunehmen sind. Sie bot alle Mittel auf, wieder ins Gebhardsche Haus zurückzukommen. Darum hatte sie an den Amtmann einen Brief zurückgelassen, darum blieb sie in unglaublicher Verblendung vier Wochen lang in Baireuth; darum schrieb sie Briefe über Briefe mit der direkten und indirekten Aufforderung, sie zurückzurufen. Was sollte die Giftmischerin gescheut haben, um zu ihrem Zwecke zu kommen, auch dem lieben Kinde etwas unschädliches Gift einzugeben! Nur hinsichtlich der Ausführung wollte sie nicht alles, was durch die Zeugen bekundet wurde, und auch nicht gerade so, wie sie es aussagten, einräumen. So wollte sie dem lieben Fritzchen nichts im Biskuit eingegeben haben, und doch ist erwiesen, daß sie das Biskuit in die Milch tauchte und es ihm gab. Nur ein paar Kaffeelöffelchen wollte sie ihm gegeben haben, und doch weiß man, daß sie ihm die ganze Schale vor den Mund hielt und ihn diese ganz ausschlürfen ließ. Die Lüge war in ihr innerstes Wesen untilgbar eingedrungen, auch wo der mindeste Aufwand von Urteilskraft ihr sagte, daß Lüge und Ausschmückung ihr nichts halfen, mußte sie zur Befriedigung ihrer zweiten Natur die Wahrheit verringern oder entstellen. Das war ihr Leben, ihre Taten! Bedarf es nach den Ermittelungen und Geständnissen noch einer Charakteristik dieses weiblichen Ungeheuers? Unseres Erachtens steht es mit einer solchen plastischen Klarheit und Durchsichtigkeit vor unseren Augen, daß wir das widerwärtige Weib mit seiner grinsenden Freundlichkeit, seiner niederträchtigen Demut und doch dazwischen aufleuchtenden Tücke nicht allein als ein vollkommenes Bild, wie es nur Dichter und Maler zeichnen können, lebendig vor uns sehen, sondern auch die Triebfedern ihres Tun und Treibens verfolgen mögen. Die Brinvillier und andere waren diabolische Naturen, gleichsam die Aristokratinnen unter den Giftmischerinnen; diese ist die Demokratin. Die Brinvillier, deren Taten zum Teil nur aus dem Nebellichte der Fabel uns entgegenglänzen, zerstörte und vernichtete das Leben der anderen von ihrer Höhe herab mit dem Hohne des Stolzes. Ähnlich, aber mit mehr Vorsicht und Selbstbeherrschung, die Ursinus. Sie vertilgte, was ihren Zwecken im Wege stand, ohne Rücksicht auf die teuersten Blutsbande, die innigsten Verhältnisse. Ihre gräßlichen Taten haben aber eben deshalb eine großartige Beimischung. Sie setzte sich über alles hinweg, was dem Menschen am heiligsten und teuersten ist. Die Zwanziger übte das Werk der Rache, aber die Rache einer gemeinen, tief gekränkten Natur, einer durchaus erbitterten Seele. Das Diabolische war nicht in ihrer Natur, es war nur das Produkt eines verfehlten Lebens, sie war der getretene Wurm, der unter den Qualen des Zertretenwerdens Gifte in sich sammelt und ausspritzt, um anderen wieder Qualen zu bereiten. Zum Hohngelächter der Hölle hatte sie nicht Mut, nicht Elastizität der Seele genug; eine Schleicherin, die nur heiser, innerlich bei sich lachte. Wenn sie darin gegen ihre Vorgängerinnen zurück ist, daß sie nur Fremde vergiftet, nicht Verwandte, so ist sie darin ihnen wieder vorausgeeilt, daß sie nicht allein vergiftet, um zu ihren Zwecken zu vertilgen, sondern auch – man erlaube den Ausdruck – angiftet, um den erwählten Opfern Beschwerden, Unbehagen zu erregen und darin einen Spaß zu finden, als wäre es ein unschuldiges Vergnügen, wenn das Opfer nur nicht daran stirbt. So hat sie ihre Vorgängerinnen auch in der Zahl der Vergiftungen bei weitem übertroffen, und ihre Präparation verschiedener Gifttränke, tödlich oder nicht tödlich wirkender, die Anlegung einer förmlichen Vorratskammer solcher Tränke bringt sie der Charakteristik einer Giftmischerin im juristischen Sinne näher, obwohl wir nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche auch andere Giftmörderinnen darunter begreifen. Aber in einem Punkte begegnen sich alle diese Frauen. Sie arbeiteten aus bestimmten Motiven zu einem bestimmten Zwecke. Vergebens dürfte man in der Zwanziger, wie die Ursinus es für sich geltend zu machen versuchte, eine Geisteszerrüttung entdecken wollen. Sie wußte, was sie wollte, so gut als die Ursinus und die Brinvillier. Und diese Zwecke sind nicht in eine nebelhafte Ferne gerückt, daß man sie nur mit besonderer Anstrengung entdecken könnte. Wenn jene Erbschaften oder Befreiung von Zwang suchten, so wollte diese ein Unterkommen, Männer heiraten und endlich für erlittene spezielle und allgemeine Kränkungen sich rächen. Die Manie, der Vergiftungstrieb waren nicht ursprünglich da. Bei ihren kleinsten, scheinbar unnötigen, nutzlosen Vergiftungen hatte sie geständlich bestimmte Absichten. Daß eine Lust am Vergiften, ein Vergiftungsfieber nicht zuletzt hinzutrat, soll nicht bestritten sein. Das Glück, das sie bei diesen Versuchen begleitete, die Gefahrlosigkeit, unter der sie dieselben ausführte, gaben der Lust immer neue Nahrung, neuen Reiz. Es war so bequem und erzeugte so viel Vergnügen; und wo andere in Schimpf- und Scheltworten ihre Lunge ausgeschrien oder auf die Ungezogenen losgeschlagen hätten, da half sie sich sicherer, empfindlicher und bequemer durch ein Giftpülverchen. Wer aber doch noch ein unerklärliches Ungeheuer in ihr erblicken sollte, den verweisen wir auf Feuerbachs Charakteristik der Zwanziger (»Aktenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen«, Bd. 1), in welcher er diese Verbrecherin mit seinem philosophischen Zauberstabe geistvoll und klar entfaltet und ihr einen so bestimmten Platz unter den moralischen Erscheinungen derart anweist, daß ihr Zusammenhang mit ihnen deutlich wird, wenn nicht das Naturwidrige durch das scheinbar Unerklärliche verschwindet. Wir mögen uns jedoch nicht enthalten, auch hier eine Stelle daraus mitzuteilen: »Was die Zwanziger mit dem Gifte befreundete, war überhaupt nur das Gefühl unwiderstehlicher Macht, die mit tückischem Stolz kitzelnde Freude, eine Kraft zu besitzen, mit der sie jede Beschränkung nach Gefallen umwerfen, jeden Zweck erreichen, jede Neigung befriedigen und gleichsam in die Pläne des Schicksals zerstörend eingreifen und dieses nach ihrem Gefallen lenken konnte. Gift war ihr das magische Szepter, womit sie unsichtbar diejenigen beherrschte, welchen sie sichtbar dienen mußte; Gift vertrat ihr die Stelle des Zauberstabes, womit sie das goldene Tor ihrer letzten Hoffnungen sich öffnete. Ihr, welche die Schmach ihrer Dienstbarkeit an den verhaßten Menschen zu rächen hatte, gewährte es das Bewußtsein furchtbarer Erhabenheit, gleichsam als eine friedliche Gottheit, wie ein Engel des Todes unter dem widerlichen Geschlecht umherzuwandeln und mit geheimer Kraft hier Tod, dort Schmerz und Krankheit auszuteilen. Dieses Gift, wozu diente es nicht! Gift strafte jede vermeintliche oder wirkliche Kränkung; Gift züchtigte für jede kleine Neckerei; Gift wehrte unangenehmen Gästen das Wiederkommen; mit Gift störte man die beneideten Freuden geistlicher Vereine; Gift gewährte mitunter in den lächerlichen Gebärden der Vergifteten eine lustige Unterhaltung; Gift gab Gelegenheit, sich den daran Erkrankten nachher in Wort und Tat durch geheuchelte Teilnahme zu empfehlen; Gift war das Mittel, um Unschuldige in Verdacht zu bringen und verhaßtem Mitgesinde bei seiner Herrschaft Verdruß zu bereiten; Gift machte Kinder schreien und ließ die Väter glauben, jene schreien aus Sehnsucht nach der geliebten Wärterin. Schmeichelte ihr die Hoffnung mit der Aussicht auf die Heirat eines noch verheirateten Mannes, so durfte sie nur wollen, und die Weiber stiegen in das Grab, um ihre Männer ihr als Witwer zu hinterlassen. Giftmischen und Giftgeben wurde sonach für sie ein gewöhnliches Geschäft, ausgeübt zum Scherze wie zum Ernste, zuletzt mit Leidenschaft betrieben, nicht bloß um seiner Folgen willen, sondern um seiner selbst willen, aus Liebe zum Gift, aus bloßer Freude an dem reinen Tun an und für sich. Wie man alles liebgewinnt, womit man lange umgeht, und am liebsten hat, was uns am treuesten dient, so hatte zuletzt zwischen ihr und dem Gifte gleichsam die Liebe ein unzertrennliches Band geknüpft. Gift erschien ihr als ihr letzter treuester Freund, zu dem sie sich überall unwiderstehlich hingezogen fühlte, und von welchem sie nicht mehr lassen konnte.« Noch wird uns ein charakteristischer Zug hierüber mitgeteilt. Als ihr im Gefängnis das bei ihr vorgefundene Arsenik zur Anerkennung vorgelegt wurde, war es, als wenn sie vor Freude zitterte. Mit Augen, welche vor Entzücken strahlten, starrte sie auf das weiße Pulver hin und schien es als ein Wesen zu betrachten, das sie mit ihren Armen umfangen und an ihre Brust drücken möchte. Ihre Vorgängerinnen handelten und heuchelten nur vor der Welt. Wie sie zu sich selbst standen, ob und wie sie ihre Taten vor ihrem Gewissen rechtfertigten, wissen wir nicht; aber sie kokettierten wenigstens nicht mit ihren Gefühlen. Der Selbstbetrug, das sentimentale Schöntun, das Hineinspielen religiöser Gefühle, diese furchtbarste Seelenverwirrung, welche bei späteren Giftmischerinnen dann wieder auftritt, spukt schon bei der Zwanziger. Sie wußte sich vor sich selbst, wenn nicht zu rechtfertigen, doch sehr zu entschuldigen; sie spricht in ihren Selbstbekenntnissen immer nur von ihren geringen Vergehungen, um deretwillen die Menschen sie ins Verderben gebracht haben, ja sogar von ihrer allzu großen Religiosität, welche von jeher die größte Quelle ihres traurigen Schicksals gewesen sei. Im Lügen vor dem Richter log sie auch vor sich selbst und fiel selbst mit dem Tode nicht aus der Rolle, die sie sich aufgegeben hatte, immer, wenigstens in ihren eigenen Augen, interessant zu sein. Sie ward verurteilt, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht zu werden. Selbst die Verschärfung des Urteils, daß ihr Körper auf das Rad gelegt werden sollte, ward noch durch die königliche Gnade beseitigt. Die Zwanziger zeigte keine Spur von Reue oder Gemütsbewegung, als ihr das Urteil eröffnet wurde. Mit fester Hand unterzeichnete sie das Protokoll und verlebte in vollkommenster Ruhe die drei Tage bis zur Vollstreckung des Urteils; ja sie gestand, ihr Tod sei für die Menschen ein Glück, denn es würde ihr nicht möglich gewesen sein, ihre Giftmischereien zu unterlassen. Ihr Inquirent hatte durch sein mildes und ernstes Wesen ihre ganze Zuneigung gewonnen, wie es bekanntlich nicht selten der Fall ist. Sie wollte sich ihm erkenntlich beweisen und tat dies in einer eigenen Art. Sie bat ihn, ihr zu erlauben, daß sie ihm, wenn dieses möglich sei, als Geist erscheinen dürfe, um ihm einen handgreiflichen Beweis von der Unsterblichkeit der Seele zu liefern. Aber zugleich beharrte sie standhaft bei einer entsetzlichen Lüge. Wie ihr auch der Untersuchungsrichter auf ihr Gewissen zugeredet hatte, wenigstens darin die volle Wahrheit zu sagen, daß der Justizamtmann Glaser an der Vergiftung seiner Frau unschuldig sei, blieb sie bei ihrer früheren verleumderischen Beschuldigung und beugte mit dieser letzten Lüge ihr Haupt unter das Scharfrichterschwert. Auch auf dem Schafott hörte sie mit größter Gelassenheit ohne Tränen das Urteil an. Nur aus Schamgefühl vor der großen Volksmenge hielt sie das Tuch vor das Gesicht. Als der Stab über sie gebrochen war, nahm sie von Richter und Schöffen wie von einer gewöhnlichen Gesellschaft mit zierlicher Verbeugung höflich Abschied. Am 17. September wurde sie hingerichtet. Eine Entführung 1837-1838 Das herrschaftliche Schloß des Freiherrn von ... liegt in einem großen, hie und da mit Buschwerk und Baumgruppen besetzten Garten, an den ein nicht unbeträchtlicher Wald grenzt, der durch verschiedene Wege mit dem Garten in Verbindung gebracht ist, so daß das Ganze einen großartigen Park bildet. Das Schloß liegt am südlichen Ende eines Fleckens, welcher gleichfalls, wenigstens 1837 noch, zur Herrschaft des Freiherrn gehörte; der Flecken wird uns Bärwalde genannt und liegt in Sachsen. Etwa zweihundert Schritte vom Schloß entfernt stand oder steht noch in diesem Park ein Gartenhaus, das einen großen Gartensaal enthielt, an welchen sich links und rechts Zimmer anschlossen. Es war unbewohnt, und der Gutsherr pflegte es seinen Untertanen bei festlichen Gelegenheiten herzuleihen. Es scheint überhaupt ein patriarchalisches Verhältnis im besten Sinne des Wortes zwischen dem Freiherrn und seinen damaligen Untertanen obgewaltet zu haben. Er wohnte den festlichen Gelegenheiten gewöhnlich selbst bei und bekümmerte sich auch sonst, wohltätig eingreifend und Hilfe leistend, um die Familienangelegenheiten der Ortsangehörigen. Die Herrschaft mußte nicht unbedeutend sein. Der Freiherr hatte mehrere Administrativbeamte, auch einen Oberförster, Xaver Bamberger, einen Mann aus guter Familie und in seinen besten Jahren, sechsunddreißig Jahre alt, noch unverheiratet, in voller männlicher Kraft und ein Muster an Pflichttreue, Kenntnissen, Ordnungsliebe und Mäßigung. Der Freiherr konnte sich glücklich schätzen, einen solchen Mann zur Verwaltung seiner bedeutenden Forsten gewonnen zu haben. Am 20. Januar feierte der herrschaftliche Tischler Wilhelm Klett, ein braver junger Mann von sechsundzwanzig Jahren, Hochzeit mit einem ausgezeichnet schönen und liebenswürdigen Mädchen. Rosalie Wiesner, zweiundzwanzig Jahre alt, war die Tochter des herrschaftlichen Brauers Wiesner. In der protestantischen Kirche zu Bärwalde wurden sie getraut. Darauf zog das junge Ehepaar mit den Hochzeitsgästen unter Musikbegleitung in das Gartenhaus. Der Gutsherr, die Verwalter und der Oberförster waren mit bei dem Brautzuge und blieben Gäste bei dem feierlichen Hochzeitsmahle. Erst als die Tische fortgeräumt waren und die Anstalten zum Tanz gemacht wurden, entfernten sich der Freiherr und die Verwalter. Der Oberförster ließ sich überreden oder blieb aus freien Stücken als teilnehmender Gast auch bei dem rauschenden Tanzvergnügen, das weit in die Nacht hin zu dauern bestimmt war. Nur einmal, nachmittags gegen fünf Uhr, war der Oberförster in seine Wohnung fortgegangen, aber bald wiedergekehrt. Er unterhielt sich mit mehreren Gästen, speiste auch noch abends in der Gesellschaft, erschien aber unter den froh Jubelnden gleichgültig, ja verstimmt. Als er mit der Braut tanzte, fiel ihr dies auf, so daß sie ihn mit teilnehmender Besorgnis fragte, ob ihm etwas fehle. Bamberger drückte ihre Hand an die Brust, indem er ihr sagte, er müsse sie unter vier Augen sprechen. Er habe ihr etwas sehr Wichtiges zu sagen, was nur sie wissen dürfe. Es müsse heut abend noch geschehen, weil es sonst zu spät wäre. Rosalie war betroffen. Der Oberförster war ein Biedermann. Acht Jahre schon auf seinem Posten, kannte man ihn im Ort, und auch er mußte die Verhältnisse und Personen kennen. Sie wurde immer bänger, und eine große Angst erfüllte sie, nachdem sie ihm zugesagt hatte, denn was konnte der Ehrenmann anderes und so dringend ihr mitzuteilen haben als Nachrichten, die ihren Ehemann betrafen, in dessen Haus und Besitz sie in wenigen Stunden treten sollte. Konnte er ihr etwas mitteilen, was ihrem Manne nachteilig wäre, wollte er sie warnen? Aber sie war ja schon verheiratet, der Ehebund am Altar geschlossen. Sie konnte kaum den Augenblick abwarten, ihn zu sprechen, um ihrer Ungewißheit ledig zu werden. Es ward schnell verabredet, wenn der nächste Tanz begonnen habe, solle jeder einzeln in den Garten gehen und den anderen an einer bestimmten Stelle treffen; einer nach dem anderen, damit es niemand bemerke. Um Mitternacht stellten sich die Tänzer zum nächsten Tanze an, und die Musik begann. Der Oberförster steckte sich einige Stücke Kuchen in die Tasche und ging in die Kühlung hinaus. Bald darauf trat auch Rosalie in den Garten. Niemand hatte es bemerkt oder darauf acht gegeben. Erst um ein Uhr vermißte man die Braut. Man rief sie: keine Antwort. Man durchlief den Garten, den Park, ihren Namen laut schreiend: keine Antwort. Man suchte in ihrer Wohnung, bei ihren Freundinnen nach: überall vergebens. Einige Gäste äußerten die Vermutung, das junge Mädchen könne sich in der Angst, die wohl manchmal Bräute von reizbarem Wesen vor der hochzeitlichen Nacht ergreift, ein Leid angetan und in den Schloßteich gestürzt haben. Man hatte den Freiherrn geweckt, und er war sofort in den Garten gekommen und traf Anstalten, den Schloßteich abzulassen, um nach dem Körper der Verunglückten suchen zu lassen. Denn auch ihm schien diese Vermutung die wahrscheinlichste. Nach vier Uhr morgens trat der Oberförster, dessen Abwesenheit niemand bemerkt hatte, ins Gartenhaus. Er kam gerade dazu, als ein herbeigerufener Arzt sich mlt der Mutter der Verschwundenen beschäftigte. Sie war in eine lange währende Ohnmacht gefallen, als die Vermutung, daß ihre Tochter ertrunken sei, laut geworden war. Sein Benehmen war teilnehmend, ruhig, unbefangen. Das allgemeine Wehklagen, Jammern, der Schrei der Verzweifelnden und Neugierigen hatte auch jemandes Ohr erreicht, der bis dahin hier gar nicht zum Vorschein gekommen ist: der Kutscher des Oberförsters, Samuel Hänel, der vor kurzem mit dem Geschirr seines Herrn von einer Fahrt durch den Forst zurückgekehrt war, lief plötzlich, von innerer Angst gepeinigt, auf das Schloß und wollte beim Freiherrn gemeldet werden. Der Freiherr war im Park; er hatte Befehle zum Ablassen des Teiches gegeben und wollte dabei gegenwärtig sein. Hänel lief in die Oberförsterwohnung zurück; aber er hatte keine Ruhe. Wieder stürzte er ins Schloß. Er beschwor den Kammerdiener Helm, seinen Herrn aus dem Park zu rufen, denn er habe ihm sehr Wichtiges zu melden. Aber er beschwor ihn auch, es seinem Herrn insgeheim zu sagen und ja niemand wissen zu lassen, wer den Freiherrn zu sprechen wünsche. Der Freiherr kam. Hänel stürzte ihm zu Füßen und bat ihn, sich seiner anzunehmen; er verliere sonst Dienst und Brot und bekomme noch Strafe obendrein. Der Freiherr war durch das, was Hänel ihm mitteilte, wie aus den Wolken gefallen und glaubte, Hänel sei betrunken, denn was dieser von seinem Herrn; dem Oberförster sagte, paßte wie die Faust aufs Auge, klang wie ein Märchen zu dem Charakter des ruhigen, gelassenen, pflichtgetreuen Beamten, den er seit acht Jahren kannte, und über den er nie zu klagen gehabt hatte. Aber Hänel beschwor alles, was er mitgeteilt hatte, auf seine Seligkeit, so daß der Freiherr nicht anders konnte, als ihm Glauben zu schenken und zugleich seine Pflicht zu erkennen, unverzüglich einzugreifen. Sofort in der frühen Morgenstunde ließ der Freiherr den Oberförster aus dem Garten zu sich rufen und übertrug ihm eine, wie er sagte, dringend notwendige Zusammenstellung der Reinerträgnisse der Waldungen in den letzten zehn Jahren nebst dem Entwurfe eines gründlichen Gutachtens über die hier und da erforderliche Waldkultur. Der Oberförster mußte sich dem wunderlichen Ansinnen als Untergebener fügen, indessen wahrscheinlich schon ahnend, was es bedeutete. Er ging in die Kanzlei. Der Amtsverwalter erhielt Anweisung, den Förster nicht eher aus dem Schlosse zu lassen, bis die ihm aufgetragene Arbeit vollendet sei, und ihn auch dort zu Mittag speisen zu lassen. Der Freiherr hatte inzwischen anspannen lassen, er fuhr am Brauhaus vorüber, tröstete die inzwischen dahin geschaffte kranke Wiesner mit der Hoffnung, daß ihre Tochter am Leben sei, ja daß sie wahrscheinlich bald wieder bei ihr eintreffen werde, und forderte den Vater, den Brauer Wiesner, auf, sich zu ihm in den Wagen zu setzen. Sie fuhren dann an der Oberförsterwohnung vorüber. Der Freiherr ließ sich vom Kutscher Hänel den Schlüssel zum Reinecksturm und Bambergers Doppelterzerol ausfolgen, und die Rosse mußten im Galopp nach dem Forste fahren. Im tiefen Forste, drei Stunden etwa von Bärwalde, liegt der Reinecksturm, der Überrest eines ehemaligen Raubschlosses, ein uraltes, viereckiges, hohes Gebäude, welches nebst dem Walde umher zur Herrschaft Bärwalde gehört. Eine steinerne Wendeltreppe führt im Innern hinauf, und im obersten Stockwerke hatte Bamberger schon früher unter Zustimmung des Freiherrn ein Stübchen einrichten lassen, in welchem er wohnte, wenn Amtsgeschäfte seine längere Anwesenheit in diesem Forste erforderten. Die ganze Einrichtung bestand nur aus einem Schemel, einem Tische, einer Matratze und einer wollenen Decke. Sie ward vor Dieben durch eine unten am Turm angebrachte und mit einem Riesenschloß versehene alte eiserne Tür geschützt. Das Stübchen war vierzehn Fuß im Geviert, dreizehn hoch und hatte nur vier kleine Fenster, welche ganz oben, nahe an der Decke, angebracht waren und das Stübchen nur sparsam erhellten. Dort fanden sie die junge Frau. Als der Freiherr und der Brauer ins Schloß von Bärwalde zurückgekehrt waren, ließ der Freiherr den Oberförster verhaften und einstweilen ins Amtsgefängnis sperren. Dem Krimlnalgericht ward sofort Anzeige gemacht, und es traf schon am nächstfolgenden Tage mit einem Physikus und einer Hebamme in Bärwalde ein. Nachdem die Zeugen vernommen waren und die nötigen Besichtigungen stattgefunden hatten, wurden der Oberförster Bamberger und sein Kutscher Hänel als angeschuldigt des Verbrechens der gewaltsamen Entführung zur Kriminalhaft und Untersuchung nach der nächsten Kreisstadt abgeführt. Bamberger verbarg, sobald die Sache ruchbar geworden war, sein Verbrechen nicht und legte vor dem Kriminalgericht ein so vollständiges Bekenntnis ab, als man es nur verlangen konnte. Er hatte schon früher, wie er sagte, »die blühende Rosalie immer gern gesehen«. An jenem Hochzeitstage kam sie ihm schöner als je vor. Er tanzte viel mit ihr, und eine nie gefühlte Sinnlichkeit bemächtigte sich seiner. Es war etwas Dämonisches, was ihn überkam. Unter der rauschenden Musik, im Wirbel des Tanzes, vielleicht auch angeregt durch erhitzende Getränke, entstand und wuchs der Entschluß, die schöne Frau zu besitzen, sie in seine Arme zu schließen. Koste es, was es wolle: er mußte, ehe ihr junger Gatte sie umarmte, seine Begierde befriedigen. Er war plötzlich ein anderer geworden. Stets hatte ihm die Vernunft gesagt, es sei die Pflicht des Mannes, sich selbst zu überwinden, heute sagte ihm die Raserei der Leidenschaft, um das erwünschte Ziel müsse man sich selbst vergessen. Früher ehrlich, offen, mitleidig, ward er hinterlistig, versteckt, grausam. Als er nachmittags gegen fünf Uhr nach Hause ging, war der ganze Plan schon in seinem Kopfe fertig. Er befahl seinem Kutscher Samuel Hänel, nachts zwölf Uhr Pferde und Wagen hinter dem Schloßgarten im Teichwege bereit zu halten und dort seiner weiteren Befehle gewärtig zu sein. Er selbst steckte ein geladenes Doppelterzerol zu sich und kehrte in den Speisesaal zurück. Hier erfolgte nach dem Abendessen das Zwiegespräch zwischen Bamberger und Rosalie. Wäre sie weniger befangen gewesen, würde die wilde Glut, mit welcher er Rosaliens Hand an seine Brust drückte, sie bald auf den richtigen Gedanken geleitet haben, in welcher Absicht er um die Unterredung bat. Als sie im nächtlichen Garten sich trafen, reichte der Oberförster ihr den Arm, und sie gingen schweigend durch den Garten nach dem Teichwege. Die junge Frau zauderte mehrmals und suchte stehenzubleiben, indem sie ihn bat, sie doch nicht zu weit vom Gartenhause abzuführen, damit sie hören könne, wenn man sie rufe. Er antwortete nicht und ließ sie nicht los. Sie waren am Teichwege, Bambergers Kutsche stand davor. Der Oberförster umschlang mit kräftigem Arm seine erschrockene Beute und trug sie in den geöffneten Wagen. Sie bat, flehte, schrie um Hilfe. Vergeblich, die rauschende Musik aus dem Gartensaal übertönte ihre Stimme. Der Oberförster schlug die Wagentür zu und hieß dem Kutscher, die Pferde im Galopp nach dem Reinecksforst zu treiben. Im Wagen kaum zur Besinnung gekommen, bat Rosalie unter Tränen, sie loszulassen, damit sie zu ihrem Mann und zu den Gästen zurückkehren könne. Dann versuchte sie mit Gewalt zu entkommen. Sie stieß mit dem Fuß die Wagentür auf, sie schrie aus allen Kräften um Hilfe, sie wollte sich hinausstürzen. Der kräftige Arm des Oberförsters umfaßte sie und zog sie zurück. Nun flehte sie den Kutscher um Erbarmen an. Auch der blieb unerbittlich. Bamberger, der bis jetzt in nicht minderer Benommenheit und in einem furchtbaren Sinnentaumel befangen gewesen war, fand jetzt Worte für seine Begierden. Er erklärte ihr, er könne, er werde nicht dulden, daß ein anderer sie besitze, bevor er nicht seinen Zweck erreicht habe. Sie ahnte noch nicht, heißt es in den Akten nach Rosaliens Angabe, was er eigentlich beabsichtigte. Sie bat ihn, den Kutscher halten zu lassen, sie wolle ja dem Oberförster alles zu Gefallen tun, was er nur verlange, wenn er sie nur vorher zu den Ihrigen zurückkehren lasse. Statt einer Antwort schloß er sie in seine Arme und preßte glühende Küsse auf ihren Mund. Aber sein Versuch, ihr Busentuch und Rock aufzureißen, scheiterte an der äußersten Kraftanstrengung, die sie entwickelte, um ihn daran zu hindern. Sie klagte, drohte, das sei schändlich, lästerlich von ihm, abscheulich, sie von Gatten und Eltern fortzulocken. Wenn er davon nicht ablasse und er sie nicht augenblicklich zurückführe, stürze er ja sie und sich in ein unübersehbares Unglück. Er hörte nicht, sie schrie wieder um Hilfe. Da drohte ihr Bamberger, wenn sie nicht stillschweige, werde er sie und sich erschießen; sie könne und dürfe keinem anderen angehören. Er zog sein Doppelterzerol aus der Tasche und sprach: »Das macht deinem und meinem Leben ein Ende, wenn du mir nicht zu Willen bist. Ich liebe dich leidenschaftlich, und du mußt mich lieben lernen, wo nicht, so stehen wir beide am Rande des Grabes.« Die Drohung ward in einem Tone gesprochen, die jeden Zweifel entfernte, daß er entschlossen sei, sie auszuführen. Jetzt schwieg Rosalie, ihre innere Angst hatte keine Worte mehr, selbst die Besinnung fing ihr an zu schwinden. Morgens gegen zwei Uhr hielt der Wagen am Reinecksturme. Der Oberförster sprang hinaus, schloß mit dem mitgebrachten Schlüssel die eiserne Tür auf und trug seine jetzt schon halb besinnungslos in der Wagenecke sitzende Beute die Wendeltreppe hinauf in das oben beschriebene Stübchen. Er legte sie auf die Matratze, zündete ein Licht an und sprach dann: »Das ist dein Brautbett, ich bin dein Bräutigam! Wirst du tun, was ich will, so ist es gut; tust du es nicht, so ist es deine und meine letzte Stunde.« Dabei legte er das Doppelterzerol auf den Tisch. Rosalie wußte kaum mehr, was mit ihr vorging, als er sie auf die Matratze niederdrückte, ihr die Brust entblößte und die Kleider aufriß. Nachdem er völlig befriedigt war, zog er die mitgebrachten Stücke Kuchen aus der Tasche, legte sie auf den Tisch, eilte die Treppe hinunter, schöpfte in einem Kruge aus dem Brunnen des Turmes frisches Wasser, sprang wieder hinauf, stellte ihn auf den Tisch und stürzte hinunter. Er verschloß die Eisentür und sprang in die Kalesche. Nach Haus! Auf einem Seitenwege durch das Holz flog der Wagen über Stock und Block, so daß er schon nach vier Uhr morgens im Forsthause war. Erst unterwegs hatte er überdacht, was denn nun weiter zu tun sei. In einem Dorfe, zehn Stunden von Bärwalde entfernt, hatte der Oberförster einen kleinen Freihof, den er als Eigentümer besaß. Zu seinem Pächter, auf den er sich ganz verlassen zu können glaubte, wollte er Rosalie in der nächsten Nacht bringen. Dann, die Mittel, wie, schwebten ihm wohl nur dunkel vor, wollte er alles anwenden, den jungen Ehemann Klett dahin zu bewegen, daß er gegen seine Ehefrau wegen böswilliger oder nicht böswilliger Entfernung auf Scheidung klagen solle. Er hatte vielen Einfluß auf den Tischler, und ihn dahin zu bringen schien ihm ebenso leicht, als Rosalien durch liebevolle Behandlung und Geschenke für sich zu gewinnen. Auch mochte er denken, daß ihre Eltern noch leichter zu gewinnen seien, wenn sie statt des herrschaftlichen Tischlers den Oberförster des Freiherrn zum Schwiegersohn erhielten. So – meinte er – sei bald alles wieder gutgemacht. Unter harter Androhung befahl er dem Kutscher, von dem, was er gesehen hatte, niemand ein Wort zu sagen. Hänel versprach es. Nachdem er Turmschlüssel und Terzerol in einen Tischkasten gelegt hatte, eilte er in den Schloßgarten, um zu sehen, wie die Sachen dort standen, und um jeden Argwohn abzuwenden, indem er sich selbst zeigte. Möglich, daß es ihm gelungen wäre und die Sache einen anderen Ausgang genommen hätte, wenn im Kutscher Hänel das Gewissen nicht so mächtig erwacht wäre. Was hierauf erfolgte, wissen wir. Um sechs Uhr morgens sehen wir den Freiherrn mit dem Vater der entführten jungen Frau im Galopp nach dem Reinecksforst fahren. Sie waren schon eine Viertelstunde vor sieben vor dem Turm. Kein Laut kam ihnen entgegen, als sie das Eisentor öffneten. Sie stiegen die Wendeltreppe hinauf und fanden Rosalie mit geschlossenen Augen auf der Matratze im oberen Stübchen liegen. Der Vater hatte unterwegs vom Freiherrn gehört, was der Kutscher Hänel diesem mitgeteilt hatte. Er trat zu ihr heran, rüttelte sie und hob sie endlich auf, sie liebkosend und streichelnd. Sie konnte nicht zu sich gebracht werden. Der Freiherr nahm Wasser aus dem Kruge und besprengte ihr Gesicht. Endlich schlug sie die Augen auf, tat einen heftigen Schrei, stieß ihren Vater von sich und fiel wieder auf die Matratze zurück. Der Vater traf endlich die rechten Worte: »Komm, Rosalie, zu deiner Mutter; sie stirbt, wenn du ihr nicht bald Trost bringst.« Da erhob sie sich, reichte ihrem Vater die Hand und sagte: »Besser, die Mutter stirbt, als daß sie mich so wiedersieht.« Auch der Freiherr wandte sich jetzt zu Rosalie: man wisse, daß sie ganz unschuldig sei, daß der Oberförster ein großes Verbrechen an ihr begangen habe, und sie werde nun von ihrer Mutter und ihrem Gatten mit Sehnsucht erwartet, ja, alle in Bärwalde bedauerten sie herzlich. Sie antwortete unter Tränen, der Oberförster habe ihr Gewalt angetan, er habe sie entehrt; sie getraue sich nicht mehr nach Bärwalde zurückzugehen, sie schäme sich, sie wolle hier bleiben und hier sterben, hier, am Ort ihrer Schande. Es kostete viel Mühe, sie in den Wagen zu bringen. Unterwegs lösten sich ihr Schmerz und ihre Erstarrung in einem ununterbrochenen Tränenerguß. Am Brauhause gegen Mittag angekommen, mußte sie aus dem Wagen gehoben werden, sie zitterte an allen Gliedern. Man führte sie an das Bett der Mutter, sie fiel ihr um den Hals, konnte aber kein Wort sprechen. Da trat ihr junger Gatte ins Zimmer, schlich leise ans Bett und faßte ihre Hand, aber sie riß sie zurück. Man brachte sie zu Bett; man hielt ihre Lage für gefährlich und war besorgt, daß sie nicht allein psychisch, sondern auch physisch gelitten habe. Mit dem Wortlaut des Untersuchungsberichts, welchen Physikus und Hebamme über sie zu Protokoll gaben, behelligen wir unsere Leser nicht. Sie war infolge der angewandten Gewalt verletzt. Die Verletzungen waren zwar an sich nicht gefährlich, konnten es aber doch infolge der ungewöhnlichen Gemütsaufregung werden. Ihr Puls ging fieberhaft. Ihr Fieberzustand währte so lange fort, daß sie erst nach vier Tagen gerichtlich vernommen werden konnte. Ihre Aussage stimmte in allem mit dem überein, was Bamberger später aussagte und der Kutscher Hänel schon früher ausgesagt hatte. Über das Tatsächliche des Verbrechens bestand durchaus keine Dunkelheit. Nachdem der Oberförster aus dem Turm fortgestürzt war, hatte sie die Matratze nicht mehr verlassen und war in einen ohnmachtähnlichen Zustand versunken, aus welchem sie erst durch ihren Vater und den Freiherrn erweckt worden war. Der Kutscher Hänel konnte nur darüber aussagen, was vor seinen Augen vorgegangen war. Er hatte nichts von der Absicht seines Herrn gewußt, als dieser ihn um Mitternacht auf den Teichweg beorderte. Hier sah er, wie sein Herr die Rosalie in den Wagen hob. Bei der nächtlichen Fahrt wollte er die größte Angst ausgestanden haben. Manchmal hatte er gedacht, sein Herr sei närrisch geworden, weil er das hübsche Geschöpf so barbarisch behandelte. Die Klett habe ihn herzlich gedauert; sie habe ihn auch um Erbarmen gebeten; aber er habe gefürchtet, der Oberförster, wie er war, jage ihm eine Kugel durch den Kopf, wenn er etwas tue, um sie frei zu machen. Er hatte sich beim Fahren nicht umgesehen, wußte also auch nicht, was im Wagen vorgegangen war, und auch nicht eigentlich, was oben im Turm geschehen war, aber gehört hatte er einige Male beim Fahren die »junge Person jämmerlich aufschreien«. Er wollte aber durchaus nicht wissen, was die Fortschaffung der Klett zu bedeuten gehabt habe. Auch er ward wegen tätiger Beihilfe bei der Entführung zur Kriminaluntersuchung gezogen. Der Oberförster blieb in allen seinen Verhören seiner ersten Aussage getreu. Er gestand unumwunden, daß er in seiner damaligen Leidenschaft Rosalie und sich selbst würde erschossen haben, wenn er seinen Zweck nicht erreicht hätte. Er habe bestimmt in dieser Absicht das Terzerol zu sich gesteckt. Er sei wie verwirrt und bezaubert gewesen. Man fand das betreffende Terzerol auch wirklich mit Pulver und Kugeln scharf geladen; die Zylinder der Perkussionsschlösser waren mit Zündhütchen besteckt. Über Bambergers Antezedenzien wurden die genauesten Recherchen angestellt, obgleich es deren nicht bedurfte, da sein Leben klar zutage lag. Er war aus einer sehr angesehenen Familie, sein Vater war Steuerrat, seine Mutter aus einem adeligen sächsischen Hause, sein Bruder Kammerassessor. Er hatte eine sorgfältige Erziehung genossen, auf der Forstakademie studiert und seit acht Jahren als Oberförster auf der Herrschaft des Freiherrn zu dessen größter Zufriedenheit sein Amt verwaltet. Nach der gerichtlichen Aussage des Freiherrn hatte er sich durch Kenntnisse, Ordnungsliebe, Diensttreue und Fleiß dessen ganze Achtung erworben. Alle Zeugen gaben ihm das Lob eines ruhigen, friedliebenden und bedächtigen Mannes, dem, wie einer der Zeugen, ein Schullehrer, sagte, niemand in der Welt ein Verbrechen zugetraut haben würde. Die Untersuchung, so einfach sie schien, ward durch den lange fortdauernden Krankheitszustand der Rosalie Klett verzögert. Wäre sie gestorben, so hätte sich das Schuldmaß des Angeklagten weit anders gestellt. Ihre Leiden, Nervenzufälle infolge der psychischen Erschütterung, dauerten mehrere Monate fort. Im November endlich ging das ärztliche Attest ein, daß für ihr Leben keine Gefahr mehr zu besorgen sei. Zugleich hatte sich herausgestellt, daß Bambergers Tat keine Schwangerschaft zur Folge gehabt hatte. Die Untersuchung war geschlossen, Bamberger blieb getreu bei seinen Geständnissen und sagte in einer Schlußvernehnmng: »Ich hätte manches leugnen können, wovon das Gegenteil nie gegen mich erwiesen worden wäre; allein, ich habe die reine Wahrheit, ja jeden Gedanken dem Gericht offenbart, den ich in jener unglücklichen Nacht hatte. Und ich hoffe, daß das Gericht sich werde überzeugt haben, daß die von mir begangene Tat gewiß abscheulicher ist, als ich selbst bin.« Bambergers Verteidiger ergriff eine von diesem offenen und würdigen Geständnis sehr abweichende ungeschickte und verletzende Verteidigungsweise, indem er zwei Umstände erfand. In Rosaliens Zustimmung, dem Oberförster in den Garten zu folgen, erblickte er ein geheimes Einverständnis derselben mit ihrem Verführer zu einer ehebrecherischen Umarmung. Sie sei nach derselben so lüstern gewesen wie er selbst, nur habe sie diese Umarmung irgendwo im Garten in der Nähe des Tanzlokals gewünscht, um, wenn sie gerufen würde, sofort zur Hand zu sein. Von seiten des Oberförsters sei also nur in der Hinsicht ein Gewaltakt vollbracht worden, daß er, um den Genuß vollständiger zu haben, die junge Frau in seinen Wagen geworfen und in den Turm geschleppt habe. Dies sei aber von ihm in trunkenem Zustande geschehen, damit also dieses Verbrechen des Raubes und der Entführung vor dem Gesetze sehr gemildert. Da der Angeklagte selbst nicht vorgegeben hatte, daß er in trunkenem Zustande gewesen sei, und da auch kein Zeuge diesen Umstand erwähnt hatte, bekam der Verteidiger von Gerichts wegen für diese willkürliche Angabe eine Rüge. Fast noch strafbarer erscheint jene Annahme, daß Rosalie in die Umarmung gewilligt habe und in sträflicher Lust dem Verführer in das Dunkel des Gartens gefolgt sei; denn kein einziger Zeuge gibt zu einer solchen Auslegung Anlaß; es widerspricht der eigenen Aussage des Oberförsters. Rosaliens Angabe, aus welchen Motiven sie dem angesehenen Ehrenmanne in den Garten gefolgt sei, hat genug innere Wahrscheinlichkeit für sich, es steht fest, daß sie als reine Jungfrau in die Arme des Verführers fiel, und ihr ganzes nachfolgendes Benehmen legt für ihre Aufrichtigkeit und tugendhafte Gesinnung Zeugnis ab. Ganz willkürlich erfindet also hier der Verteidiger eine Annahme, durch welche er den Ruf einer bis da ganz unbescholtenen arglosen jungen Frau verunglimpft, um die Strafbarkeit seines Klienten zu mildern, ohne dessen Auftrag und aller Wahrscheinlichkeit nach, wie sich aus dem Folgenden ergibt, auch ganz gegen dessen Willen. Im Januar 1838 ward das Straferkenntnis gefällt, welches Xaver Bamberger wegen Entführung der verehelichten Rosalie Klett mit lebenslänglicher Zuchthausstrafe belegte: in Betracht dessen, daß dieses Verbrechen wider den Willen der Entführten, unter Anwendung großer Gewalt und unter Bedrohung der Entführten mit augenblicklicher Ermordung im Falle des Widerstandes begangen wurde, auch mit Notzucht, welche unter Anwendung von Gewalt und unter Bedrohung mit augenblicklicher Ermordung im Falle des Widerstandes wirklich ausgeführt wurde, verbunden war; endlich auch, daß die Entführte infolge der erlittenen Gewalttätigkeit so gefährlich erkrankte, daß sie über fünf Monate daniederlag und ärztlich behandelt werden mußte. Der Kutscher Hänel ward, weil er sich der Teilnahme am Verbrechen insofern schuldig gemacht hatte, als er, obgleich er wußte, daß die der Klett zugefügte Gewalt rechtswidrig war, auf ihren Hilferuf nicht achtete, die Pferde trotz ihres Angstgeschreies und ihrer Bitten nicht anhielt, sondern bis zum Reinecksturm fortfuhr, jedoch mit Beachtung der mildernden Umstände, daß er nicht gewußt habe, was die Fortschaffung der Klett bedeute, und daß er aus Gewissensdrang seinem Gutsherrn sofort Anzeige gemacht habe, zu drei Monaten Strafarbeitshaus verurteilt. Bamberger bat um eine Unterredung mit dem Freiherrn. Er bezeugte ihm die tiefste Reue wegen des begangenen Verbrechens und bat ihn um seine Verzeihung. Er sagte, er liebe noch jetzt die von ihm so tief Beleidigte mit derselben Leidenschaft, die ihn zum Verbrechen getrieben habe, und drückte die Hoffnung aus, es möchte dem Freiherrn gelingen, ihm die schriftliche Verzeihung der so schwer Gekränkten, ihres Gatten und ihrer Eltern zu verschaffen. Er hoffe, mit diesen Schriftstücken in zweiter Instanz ein milderes Urteil zu erlangen. Der Freiherr erklärte sich bereit, soviel an ihm liege, seinen Wünschen zu entsprechen. Die schriftliche Verzeihung des jungen Ehegatten konnte er ihm aber nicht mehr verschaffen, Wilhelm Klett, der sich schon seit dem 21. Juni 1837 infolge des unglücklichen Ereignisses auf Rosaliens Wunsch ganz von ihr zurückgezogen hatte, war am 17. Juni 1838, zwei Tage vor Veröffentlichung des Erkenntnisses, gestorben und am 21., zwei Tage nach ihr, beerdigt worden. Ein Strahl der Hoffnung fiel bei diesen Worten sichtlich in das Gemüt des gebeugten Mannes. Rosalie selbst war völlig wiederhergestellt. »O könnte ich sie selbst und ihre Eltern sprechen!« rief Bamberger, »sie würden Mitleid mit mir haben.« Der Freiherr entfernte sich, nachdem er dem Gefangenen wiederholt versichert hatte, er werde alles für ihn tun, was er vermöge. Es waren keine leeren Verheißungen. Der Oberförster hatte ihm nicht allein treue, er hatte ihm auch wichtige Dienste geleistet. Er machte sich selbst Vorwürfe, daß er den »nächtlichen Vorfall, wie er bei seinem Verhältnis zu dem Brauer und dem jungen Tischler wohl gekonnt hätte, nicht auf andere Weise behandelt hatte«. Er machte sich Gewissensbisse, daß er den sonst so braven Mann und den tüchtigen Beamten durch sein zu gewissenhaft rasches Einschreiten dem Kriminalgericht ausgeliefert und zu ewiger Gefangenschaft überantwortet habe. Der Freiherr beratschlagte mit der Familie des Verurteilten, mit dem achtundsechzigjährigen Vater desselben, dem Steuerrat, und dem Bruder, dem Kammerassessor. Der Verteidiger, den man hinzugezogen hatte, riet von einem Begnadigungsgesuch ab, weil davon weniger zu erwarten sei als von einem Gesuche um Strafverwandlung. Vor allem sei die Verzeihung der Beleidigten und die der Eltern derselben zu beschaffen. Der Landesherr, welcher die Ehen sehr begünstigte, werde, wenn alle Verwandten des Beleidigers und der Beleidigten zugleich diesen Antrag stellten und ihn dahin erweiterten, daß mit der Strafverwandlung zugleich die Erlaubnis zur Eingehung der Ehe zwischen dem Entführer und der Entführten nachgesucht werde, gnädig gestimmt werden. Der Brauer Wiesner ward vom Freiherrn ohne große Mühe zu einer Einwilligung gestimmt, aber er konnte für seine Tochter nicht bestimmt zusagen. Diese erklärte, sie könne unmöglich glauben, daß ein Mann sie liebe, der sie so schrecklich behandelt habe. Sie zitterte schon vor dem Gedanken, daß sie jemals im Leben mit diesem Manne wieder allein zusammentreffen solle. Verzeihen wolle sie ihm gern die Tat, obgleich durch sie ihr ganzes Leben vergiftet sei. Dies war eine abschlägige Antwort. Der Freiherr aber ermüdete nicht. Als der Familienrat noch beisammen war, ging er selbst zur jungen Witwe. Er brauchte alle Überredungskunst, die zu einem guten Zwecke erlaubt ist: der Oberförster werde sich selbst im Gefängnisse für den glücklichsten Menschen halten, wenn er höre, daß Rosalie ihm ihre Hand anvertrauen wolle; sein ganzes Leben hindurch werde er bemüht sein, durch treue Liebe zu vergüten, was er durch wilde Leidenschaft verschuldet habe. Nur der Gedanke, daß sie die Gattin eines anderen werden sollte, hätte ihn zu der Raserei verführt, er sei in dem Augenblick sinnlos gewesen. Er könne nicht tiefer bereuen, und neben der Reue glühe noch immer seine Liebe für Rosalie. Wenn Rosalie unerbittlich bleibe, werde wahrscheinlich der alte, gebeugte Vater des Oberförsters seinem Gram erliegen. Einem solchen Freiwerber mußte Rosaliens Standhaftigkeit weichen. Sie weinte und fragte endlich, ob denn der Oberförster frei werde, wenn sie ihn heirate. Der Freiherr konnte nur antworten, er glaube es. Da sprach Rosalie endlich: »Es ist ein schwerer, wichtiger Schritt, gnädiger Herr, zu dem Sie mich bestimmen. Aber ich will Ihrem Willen nachgeben. Gehe es denn, wie Gott will.« Am 29. Januar erbaten sich Rosalie und ihr Vater eine Unterredung mit dem Gefangenen. Bamberger ward vorgelassen. Er stürzte der zitternden Rosalie zu Füßen, hob die Finger und sprach: »Ich schwöre, dir dein Leben so schön wie möglich zu machen, wenn Gott und mein Landesherr mir gnädig sind.« Rosalie reichte ihm stillschweigend die Hand. Der Vater Wiesner ließ sich seine Rechte von ihm drücken. Die Bittschrift ward günstig aufgenommen, der alte Steuerrat erhielt selbst eine Audienz beim Landesherrn, der ihn trostreich empfing, und Mitte Februar erging das landesherrliche Reskript, welches in Anbetracht des früheren musterhaften Lebenswandels des Verurteilten, seiner tiefen Reue, seiner mehr als siebenmonatigen schweren Gefangenschaft, der zwischen Entführer und Entführten stattgefundenen Versöhnung, der beschlossenen Heirat, endlich der vielseitigen Anträge achtbarer Personen, insbesondere aber in favorem matrimonii die Zuchthausstrafe in (wie der Antrag lautete) eine Geldstrafe von zweitausend Talern, tausend für die Armenkasse und tausend für die Kirchenkasse zu Bärwalde, verwandelte. »Seine Königliche Hoheit versehen sich übrigens,« heißt es zum Schluß, »zu Bamberger, daß derselbe die Heirat mit der Klett zu seiner Zeit vollziehen und sein ganzes Leben hindurch keine Gelegenheit unbenutzt lassen werde, der ihm widerfahrenen Gnade sich würdig zu bezeigen.« Der Oberförster ward entlassen, zahlte seine Strafe und ward vom Freiherrn wieder in sein Amt eingeführt. Es gelang ihm, wird versichert, nach und nach Rosaliens Liebe zu erwerben, und die Hochzeit fand am 21. August 1838 statt.