Lieber Fritz Roman von Emile Erckmann – Alessandre Chatrian Deutsch von Hans Schwenke © Hans Schwenke 1994, 1995, 2000 Alle Rechte vorbehalten. Vorwort ... schon früh erwuchs mir ... ein Mißtrauen gegen Landesgrenzen und eine innige, oft leidenschaftliche Liebe zu allen menschlichen Gütern, welche ihrem Wesen nach die Grenzen überfliegen und andere Zusammengehörigkeiten schaffen als politische. Darüber hinaus fand ich mich mit zunehmenden Jahren immer unentrinnbarer getrieben, überall das, was Menschen und Nationen verbindet, viel höher zu werten als das, was sie trennt. Hermann Hesse Das französische Original dieses Romans erschien im Jahr 1864 in Paris Im Verlag Hachette. unter dem Titel L'ami Fritz . Es hat zwei Verfasser, denn die Bezeichnung Erckmann-Chatrian steht für das Autorenteam Emile Erckmann (1822-1899) und Alexandre Chatrian (1826-1890), das eine lange Reihe von literarischen Werken gemeinsam verfaßte. Zumeist schrieb Erckmann die Texte, Chatrian las sie gegen und sorgte für die Veröffentlichung. Das literarische Verdienst dieser Autoren wird im wesentlichen darin gesehen, daß sie mit ihren romans nationaux die napoleonische Zeit entzaubert haben So die Kurzcharakterisierung des Werks der Autoren im Dictionnaire de notre temps (Paris 1988: Hachette). . Vor allem die Histoire d'un conscrit de 1813 oder der Folgeband Waterloo sind hier zu nennen Nachweise über das Gesamtwerk von Erckmann-Chatrian finden sich im National Union Catalog, Pre-1956 Imprints , Vol. 161 (Chicago 1971: Mansell), S. 222 ff, und bei Schmuck / Gorzny / Popst / Schöller: Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1700-1910 , Band 34 (München, New York, London und Paris 1981: K.B. Saur), S. 36 ff. . Obwohl auch L'ami Fritz an manchen Stellen die napoleonische Zeit anspricht, zählt dieses Buch nicht zu den romans nationaux , sondern zu den romans populaires, der zweiten Hauptlinie, in der die beiden Autoren auf die Lebensart und die Sitten im Elsaß und in Ostlothringen eingehen. Vermutlich ist das der wesentliche Grund, weshalb L'ami Fritz in Frankreich bis in die Gegenwart als eins der wichtigsten Werke von Erckmann-Chatrian anerkannt und populär ist, denn dieser Roman stellt die Bräuche und das lebensfrohe Selbstgefühl der Ostfranzosen in einer Weise dar, die bis auf den heutigen Tag gilt. Die Treffsicherheit der Autoren erklärt sich daraus, daß Emile Erckmann in L'ami Fritz seine Kindheits- und Jugenderinnerungen in Phalsbourg in Ostlothringen verarbeitet hat Georges Benoit-Guyod: La vie et l'œuvre d'Erckmann-Chatrian, in Jean-Jacques Pauvert (Hrsg.): Erckmann-Chatrian, Contes et romans nationaux et populaires (Paris 1962: Pauvert \& Hachette), Band XIV. Einzelheiten finden sich in den Fußnoten zu den folgenden Kapiteln. . Belege für die andauernde Beliebtheit des Romans und seiner Titelfigur in Frankreich sind ein kürzlich erschienener Folgeroman Bernard Riebel : La lune de miel de l'ami Fritz (Sarreguemines 1993). , die Verwendung der Begriffe L'ami Fritz und Fritz Kobus zu kommerziellen Zwecken sowie die Tatsache, daß der Roman heute in fast jedem Buchladen im Elsaß und in Ostlothringen erhältlich ist, oft sogar in verschiedenen Ausgaben, die allesamt in den letzten Jahren gedruckt wurden. Der Erfolg des L'ami Fritz in Frankreich geht allerdings nicht auf eine kürzliche Entwicklung zurück, sondern stellte sich von Anfang an ein, so daß der Stoff – federführend war insoweit Alexandre Chatrian – bald zu einem Lustspiel L'ami Fritz , comédie en trois actes, en prose par Erckmann-Chatrian , musique de Henri Maréchal . verarbeitet wurde, das seit seiner Uraufführung in der Pariser Comédie Française (1876) ähnlich beliebt ist wie der Roman. In den 1930er Jahren wurde L'ami Fritz verfilmt; als Kulisse diente das historische Stadtviertel Bruch im nordelsässischen Wissembourg. Weniger erfolgreich und daher nur der Vollständigkeit halber zu erwähnen ist die Oper L'amico Fritz , die Giovanni Mascagni , der Komponist der Cavalleria Rusticana , zu dem von Nicola Daspuro alias T. Suardon anhand der Komödie verfaßten Libretto schrieb und die 1891 in Wien uraufgeführt wurde Angaben zu der Oper zitiert nach Rein A. Zondergeld in: Enzyklopädie des Musiktheaters (München 1989), Band 3, S. 708 ff. . Auch in Deutschland war man zunächst rege an L'ami Fritz interessiert; mehrere deutsche Außerdem sind italienische, spanische, englische, holländische und finnische Übersetzungen erschienen ( National Union Catalog , s.o., Fußnote 3). Übersetzungen Die in Fußnote 3 genannten Bibliographien nennen M. Bergmann: Freund Fritz (Leipzig 1892: P. Reclam jun.); M. Platschek : Freund Fritz (Berlin 1892: J. Gnadenfeld \& Co.); Dr. Hallbauer: Freund Fritz / Bild aus dem Kleinstadtleben (Halle a.d.S. 1889: O. Hendel); Ludwig Pfau : Vetter Fritz , in: Ausgewählte Werke (Stuttgart 1882: Rieger). und andere Bearbeitungen Die in Fußnote 3 genannten Bibliographien nennen Prof. J. Etlin: L'ami Fritz , im Auszug mit Anmerkungen zum Schulgebrauch, nebst Anhang und Wörterbuch, 3 Bände (Bielefeld und Leipzig 1906: Velhagen \& Klasing); ferner die Übersetzung der Komödie L'ami Fritz von Demetrius Schrutz: Freund Fritz , Lustspiel in 3 Aufzügen von Erckmann-Chatrian (Halle a.d.S. 1893: O. Hendel). des Stoffs erschienen kurz nacheinander. Es blieb aber durchweg bei je einer Auflage, und wie im Ausland Nach dem National Union Catalog (s.o., Fußnote 3) wurde das Lustspiel L'ami Fritz in den USA 1920 aufgeführt, und in Spanien erschienen Übersetzungen des Romans noch ca. 1942 und 1969. – Frankreich selbstverständlich ausgenommen – wurde es hierzulande bald still um das Buch. Man muß davon ausgehen, daß L'ami Fritz bereits vor dem Ersten Weltkrieg beim deutschsprachigen Leserpublikum in Vergessenheit geraten war. Das mag daran gelegen haben, daß Erckmann-Chatrian sich nach dem Krieg von 1870 dem (französischen) Revanchismus und Nationalismus zuwandten und damit nicht nur ihre deutschen Leser brüskierten, sondern auch alle Qualitäten aus der Hand gaben, die L'ami Fritz auszeichnen und die – wie man noch sehen wird – der Grund für diese Neuübersetzung sind. Der deutlichste Beleg für den Abstieg des L'ami Fritz ist die erwähnte Bühnenversion von 1876, die man als Profanisierung des Stoffs bedauern darf. Aber lassen wir die alten Kamellen und wenden wir uns der Frage zu, weshalb dieser vergessene Roman heute, 130 Jahre nach seinem Erscheinen, erneut in deutscher Sprache aufgelegt werden sollte.Bei allem Respekt vor unseren Nachbarn kann allein die andauernde Popularität des Buches in Frankreich kein hinreichender Grund für eine neue Übersetzung sein, und auch der literarische Wert des Romans genügt nicht, denn L'ami Fritz bietet ein eher schmales Vokabular, fällt im Stil manchmal etwas holprig aus und weist mehr als gelegentlich kitschige Verzeichnungen und Betulichkeiten auf. Diese Mängel werden durch die Vorzüge des Romans – eine frische, manchmal fast rasante Erzählhaltung, plausible Charaktere, feine, zurückhaltende Ironie, kristallklarer Realismus, lebendige, bunte Bilder und viele authentische Versatzstücke – eher knapp ausgeglichen. Die Gründe, weshalb L'ami Fritz wieder auf deutsch gelesen werden sollte, gehen aus der Bedeutung hervor, die erst die jüngere oder gar zeitgenössische deutsche Geschichte diesem Buch gegeben hat. Bevor dies erörtert wird, erscheint es allerdings nötig, die ›doppelte Szenerie‹ des L'ami Fritz zu betrachten. In Frankreich wird z.T. heute noch gern behauptet Z. B. im Klappentext der Textausgabe des Verlags Jean-Claude Lattès (Paris 1987) sowie auf dem Deckel der Ausgabe der Librairie générale française (Paris 1990: Le livre de poche). , daß L'ami Fritz im Elsaß spielt. Wer den Roman jedoch mit der Landkarte liest, wird bald feststellen, daß er in Wirklichkeit zwei geographische Räume beansprucht: Eine Reihe von Ortsnamen (etwa Hunebourg , Lixheim oder Forstheim ) und geographischen Bezeichnungen (z.B. Meisenthâl ) sowie die dargestellten Sitten und Gebräuche weisen auf das ostlothringische Städtchen Phalsbourg und seine Umgebung hin, das Emile Erckmanns Geburtsort ist und zu dem die Beschreibung von Hunebourg paßt. Eine zweite Gruppe von Ortsnamen und Bezeichnungen (z.B. Lauter, Rothalps oder Landau ) und vor allem bestimmte Äußerungen der Charaktere des Romans dagegen weisen in eine andere Richtung: Demnach hätte Fritz Kobus als Untertan des Königs von Bayern in der Südpfalz gelebt, etwa im Raum zwischen Dahn und Landau. Das wäre bei Erckmann-Chatrian kein Zufall, denn immerhin spielen ihr Roman La taverne du jambon de Mayence und die Kurzgeschichte Le combat de coqs ou le hibou de la synagogue in Bergzabern. Fragt man nach dem Grund für die Wahl dieser doppelten Szenerie des L'ami Fritz , so könnte man zunächst auf eine geschickte literarische Spielerei der Verfasser schließen, die sich die Ähnlichkeiten zwischen Ostlothringen und der Südpfalz zunutze macht. Immerhin ähneln sich diese Gebiete landschaftlich in einem gewissen Grad, es gibt einige Parallelen in den Traditionen, den Gebräuchen und der Mentalität der Bewohner, und immerhin war die Südpfalz vor 1815 lange Zeit französisch. Für die Autoren war jedoch der Gedanke, daß sich die heiteren und amourösen Erlebnisse des Fritz Kobus ebensogut in der deutschen Pfalz wie im französischen ›Pfalz-Burg‹ hätten abspielen können, offenbar mehr als ein Spiel. Sie wollten die kulturelle Gleichwertigkeit der beiden Gebiete demonstrieren und beabsichtigten wahrscheinlich sogar eine Art literarische Wiedervereinigung Deutschlands und Frankreichs. Immerhin hatte Emile Erckmann – der deutsch ebensogut verstand wie französisch – bereits als Fünfzehnjähriger die Eingebung, im Elsaß ein deutsch-französisches Kulturzentrum zu gründen, um die überreichen Kulturschätze der beiden Nationen zu vereinen Benoit-Guyod (s.o., Fußnote 4), S. 42, erwähnt, daß Johann Wolfgang Goethe während seines Studiums in Straßburg einen ganz ähnlichen Einfall hatte, der allerdings seinerzeit ebensowenig verwirklicht wurde wie Erckmanns Idee. , und die Werke von Erckmann-Chatrian aus der Zeit vor dem Deutsch-Französischen Krieg bringen der deutschen Kultur und Zivilisation geradezu demonstrativ Sympathie und Respekt entgegen. Man kann L'ami Fritz daher so verstehen, daß die Autoren in Fritz Kobus einen Franzosen mit ›teutonischen‹ Ahnen und zugleich einen Deutschen darstellen, dem französischen Publikum die fremdartige ›teutonische‹ Mentalität nahebringen und zugleich Deutschland ein Kompliment machen wollten. Denn die Akribie und der Stil, mit denen über den gesamten Text hinweg Gewohnheiten, Empfindungen, Gedankengänge und Gespräche wiedergegeben werden, können nur den Zweck haben, dem Leser das Denken und Handeln der Charaktere als vernünftig und anerkennenswert nahezulegen, wenn es dem französischen Publikum auch an manchen Stellen ungewohnt erscheinen mag, während ein deutscher Leser dieselben Passagen als übergenau empfinden könnte. L'ami Fritz wird wohl noch heute vom französischen und deutschen Publikum verschieden aufgefaßt. Der heutige Leser diesseits der Grenze darf den Franzosen ihren Teil lassen und sich darauf beschränken, Fritz Kobus und seine Freunde als deutsche Kleinstadtbürger des 19. Jahrhunderts zu betrachten. Da viele ›deutsche Elemente‹ dieses Romans aus dem französischen Phalsbourg importiert wurden, kann man zwar darüber streiten, wie ›echt‹ die Schilderung des Kleinstadtlebens im L'ami Fritz ist oder was sich in den 130 Jahren seit dem Erscheinen des Romans an der Mentalität der Deutschen geändert hat. Unbestreitbar ist jedoch, daß die Beschreibung der Charaktere aus einer wohlwollenden Perspektive heraus verfaßt wurde. In dem Kompliment, das L'ami Fritz den Pfälzern stellvertretend für die gesamte deutsche Kultur und Zivilisation macht, liegt einer der wesentlichen Vorzüge dieses Romans und zugleich der erste Grund für seine nochmalige Übertragung ins Deutsche. Kaum jemand nennt die Zustände im Deutschland der Gegenwart ›ordentlich‹, aber viele von uns sehnen sich nach einer Darstellung akzeptabler Zustände, um sich daran orientieren zu können. Wenn ein Modell für die Gegenwart oder die Zukunft fehlt, dann bleibt uns nur der Blick in die Vergangenheit, die Besinnung darauf, woher wir gekommen sind und inwieweit wir die Ansätze von früher wiederaufgreifen sollten. Eben das – die Rückschau in das liebe alte Deutschland – bietet L'ami Fritz . Zugleich reiht sich L'ami Fritz in diejenigen Werke ein, die Brücken zwischen den Völkern schlagen. Wenn Erckmann-Chatrian in Fritz Kobus und seinen Freunden sowohl Deutsche als auch Franzosen darstellen wollten, so muß man dies als den Versuch zur Anbahnung eines deutsch-französischen Verständnisses auffassen. Und wenn die Autoren dieses Verständnis bereits anregen wollten, lange bevor dessen Notwendigkeit allgemein bewußt wurde, so kann dies nur als erstaunlicher Weitblick erklärt werden. Mit L'ami Fritz haben Erckmann-Chatrian sich einen Platz unter den fernen, aber gesicherten Ahnen der europäischen Idee verdient – und unsere Nachsicht wegen ihres späteren nationalistisch-revanchistischen Sündenfalls. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man die beiden besten Freunde des Fritz Kobus betrachtet, denn Erckmann-Chatrian stellen ihrem Fritz Kobus einen Juden und einen Zigeuner zur Seite, ausgerechnet Vertreter zweier Minderheiten, die in unserem Jahrhundert unter den Grausamkeiten Deutschlands so schrecklich leiden mußten und die in Deutschland nicht einmal in der Gegenwart völlig unangefochten sind. Bemerkenswert am Ansatz des L'ami Fritz ist zunächst, daß die Autoren den Zigeunermusikanten Josef Almani und den Rabbi David Sichel als von der übrigen Bevölkerung akzeptiert und allenfalls geringfügigen Herabsetzungen und Ausgrenzungen ausgesetzt darstellen. Da dies der Realität in Frankreich und in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht entsprach, darf man annehmen, daß Erckmann-Chatrian mit ihrer Darstellung des Juden und des Zigeuners einen besonderen Zweck verfolgt haben. Offenbar wollten sie an ihre Leser appellieren, es den guten Leuten in Hunebourg gleichzutun und Minderheiten und Außenseitern unvoreingenommen gegenüberzutreten. Die Autoren liefern auch eine Begründung für ihren Ansatz, indem sie demonstrieren, daß Vertreter von Minderheiten, die man unbehelligt läßt, die sie duldende Gesellschaftsordnung respektieren, geläufige Talente und verständliche Neigungen an den Tag legen und sich im allgemeinen weder fremdartig noch ›besser‹ oder ›schlechter‹ als Fritz Kobus und die autres bavarois benehmen. Daher kann L'ami Fritz ohne weiteres als ein Plädoyer für eine tolerante Gesellschaft verstanden werden. Der besondere Zweck, den Erckmann-Chatrian mit der Darstellung des Rabbi und des Zigeuners verfolgen, verleitet die Autoren übrigens nicht dazu, diese Charaktere in künstlicher Weise hervorzuheben. Im Gegenteil, so natürlich, plausibel, lebendig und ausgewogen zugleich werden Vertreter dieser Randgruppen in der deutschen Literatur nur selten beschrieben. Es ist daher unerläßlich, daß Josef Almani und Rabbi Sichel – die immerhin zwei historischen Personen abgeschaut wurden – auf dem Wege der Wiederbelebung dieses Romans erneut in die deutsche Literatur einziehen. Die Figur des Rabbi David Sichel verdient in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung, denn dieser Charakter weicht von allen Klischees wohltuend ab. Erckmann-Chatrian stellen nicht nur einen weisen und in seiner Weisheit für jedermann verständlichen, gläubigen Juden dar, sondern auch einen armen Schlucker, der ständig in Geldnöten steckt und seinen wohlhabenden Freund Kobus häufig um erhebliche Kredite bitten muß. Das Besondere an der Figur des Rebbe David ist jedoch die Art und Weise, in der er am Ende der Geschichte ein wenig über sich selbst hinauswächst, sich den naheliegenden Triumph über den in Schwierigkeiten geratenen Fritz versagt und diesem stattdessen seine Freundschaft durch einen ›Liebesdienst‹ beweist. Ausgerechnet ein Zigeuner und ein Jude sind also Fritz Kobus' beste Freunde . Es ist, als ob Erckmann-Chatrian den Bedarf der Gegenwart nach der literarischen Darstellung eines reibungslosen Verhältnisses zu diesen Minderheiten vorhergesehen hätten. Wenn die ›gesellschaftliche‹ Bedeutung des Romans erst heute in ihrem vollen Umfang erkannt werden kann, so läßt dies L'ami Fritz 130 Jahre nach seiner Erstausgabe so jung und frisch erscheinen wie seine Titelfigur selbst. Diese Vorzüge machen L'ami Fritz im Ergebnis eindeutig lesenswert. Zu den bereits vorgestellten moralischen und literarischen Qualitäten treten die Spitzweg-Romantik, der offenbar auch französische Gemüter zugänglich sind, die Bloßstellung frömmlerischer Rückständigkeit, der Querschnitt durch die deutsch-ostfranzösische Liederlandschaft um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die Beschreibung eines Weinkellers, bei der jedem Weinliebhaber das Wasser im Mund zusammenlaufen muß, das plausible Psychogramm eines Junggesellen, der durch die Macht zarter Gefühle umgekrempelt wird und dadurch an Menschlichkeit gewinnt, eine schöne, aber nicht klischierte Liebesgeschichte mit Happy End, die schonungslose Beschreibung der Steuereintreibung im 19. Jahrhundert, die Anklänge an den Vormärz und die realistische Darstellung einer Gerichtsverhandlung, in der ein versierter Laienrichter eine zum Meineid bereite Partei derart nachdrücklich über die Folgen des falschen Schwurs belehrt, daß sie schließlich vom Eid Abstand nimmt. Die geschilderten Schwächen des Romans lassen sich zumeist bei der Übersetzung abmildern, ohne daß dabei der Inhalt nennenswert verändert werden muß. Nur ein Mangel war in der Übersetzung nicht völlig auszumerzen, nämlich die untergeordnete, letztendlich abwertende Rolle, die allen Frauen in diesem Buch zugewiesen wird, ausgenommen nicht einmal die geliebte, charmante Susel . Man sollte Erckmann-Chatrian diesen Fehler angesichts der vielen Vorzüge des Buchs nachsehen, zumal wir im späten 20. Jahrhundert endlich die Aussicht haben, daß die vielen heiteren, liebenswerten und vor allem klugen Mädchen und Frauen, die es gottlob auch heute noch gibt, in der europäischen Gesellschaftsordnung nun endlich so weit aufrücken werden, wie es ihnen natürlicherweise zusteht. Ich möchte mich herzlich für die freundliche Unterstützung und Beratung bedanken, die mir Frau Dr. Linder-Beroud vom Deutschen Volksliederarchiv in Freiburg im Breisgau, das Institut Français (ebenda), das Militärgeschichtliche Forschungsamt / Wehrgeschichtliche Museum in Rastatt, die Bibliothèque des Musées in Strasbourg, die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, das Museum für Verkehr und Technik in Berlin, das Deutsche Spielkarten-Museum in Leinfelden-Echterdingen und die Volkskundlichen Sammlungen des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums in Schleswig gewährt haben. Ich wollte, ich könnte auch einem jüdischen Gelehrten Dank für ergänzende Beratung zu den vielen Bibeltexten, jüdischen Begriffen und Sitten sagen, die im L'ami Fritz angesprochen sind, aber es gelang mir trotz mancherlei Bemühungen nicht, auf dieser Seite jemanden anzusprechen. Verbunden bin ich last not least den Schöpfern der elektronischen Textverarbeitung, ohne deren vielfältige Möglichkeiten ich mich nicht an die Übersetzung gewagt hätte. Weingarten / Baden, im September 1995 Hans Schwenke I Als im Jahr 1832 1832 ist das Todesjahr von Emile Erckmanns Mutter ( Benoit-Guyod (Fußnote 4 zum Vorwort), S. 32). der Hüneburger Eine Stadt mit diesem Namen gibt es nicht, nur eine Burg Hunebourg in den Nordvogesen, nordöstlich von Phalsbourg. Amtsrichter Zacharias Kobus gestorben war, sah sein Sohn Fritz Kobus, dass er nun Herr über ein hübsches Haus am Akazienplatz Emile Erckmanns Familie wohnte in Phalsbourg an der Place des Acacias (heute Place de la halle aux grains, Benoit-Guyod (Fußnote 4 zum Vorwort), S. 20 ) . Philippe Erckmann, Emiles Vater, war allerdings nicht juge de paix , sondern Kaufmann (ebenda). , ein stattliches Landgut im Meisental Im Originaltext Meisenthâl . Es gibt in den Nordvogesen – etwa 10 km nördlich von Phalsbourg – eine kleine Ortschaft mit diesem Namen. und eine Menge Taler war, die in soliden Hypotheken angelegt waren. Da wischte er die Tränen fort und sprach zu sich mit dem Prediger Salomo Zum Folgenden vgl. im Alten Testament Koh 1, 2-11. : »Oh Windhauch Im Originaltext Vanité des vanités, tout est vanité... , eng angelehnt an den lateinischen Bibeltext vanitas vanitatum, et omnia vanitas... Im Zusammenhang des Romans erscheint mal die Übersetzung in ›Eitelkeit‹ bzw. ›eitel‹ passend, mal das dem hebräischen Text angenäherte Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch... (so die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift , Aschaffenburg 1980: Paul Pattloch); wieder an anderen Stellen bieten sich Begriffe wie nichtig , hohl , leer , dumm etc. an. , oh Eitelkeit, wie nichtig doch alles ist! Welchen Vorteil hat der Mensch von seiner Arbeit auf Erden? Eine Generation geht dahin und die andere kommt. Die Sonne geht heute wie gestern auf und unter. Der Wind weht einmal aus Norden, dann wieder aus Süden. Die Flüsse ergießen sich in das Meer, das davon nicht voll wird. Alles müht sich mehr, als es je ein Mensch sagen könnte. Weder wird das Auge satt vom Sehen noch das Ohr vom Hören. Man vergisst das Vergangene, und auch das Zukünftige wird vergessen werden – am besten, man tut nichts, damit man sich nichts vorzuwerfen hat.« So dachte Fritz an jenem Tag. Als er am nächsten Tag erkannte, dass seine Überlegungen vom Vortag gut gewesen waren, sagte er weiter zu sich: »Du stehst morgens zwischen sieben und acht Uhr auf, und die alte Katel bringt dir ein Frühstück nach deinen Wünschen und deinem Geschmack. Dann gehst du ins Kasino zum Zeitunglesen oder ins Grüne, um deinen Appetit anzuregen, kommst mittags heim zum Essen und führst danach deine Bücher, ziehst Forderungen ein oder machst Besorgungen. Abends nach Tisch gehst du in die Schenke zum Großen Hirschen Emile Erckmann beschreibt hier seine eigenen Lebensgewohnheiten aus der Jugendzeit, als er in Phalsbourg häufig das Café Hermann-Forty an der dortigen Place d'Armes besuchte ( Benoit-Guyod , Fußnote 4 zum Vorwort, S. 41 und passim). Allerdings war Erckmann seinerzeit eher ein armer Schlucker. und spielst dort ein paar Partien Jucker oder Ramsch Im Original youker und rams. Nach David Parlett: The Oxford Guide to Card Games (Oxford und New York 1990: Oxford University Press), S. 187 ff und 190 ff, waren diese Spiele (in beiden ging es um Trümpfe, Stiche und Punkte) um die Mitte des 19. Jahrhunderts u.a. in Belgien, dem Elsass und in Deutschland verbreitet und vor allem deshalb beliebt, weil die Anzahl der Spieler nicht festgelegt war und man nebenher essen, trinken oder sich unterhalten konnte, ohne dass es den Spielablauf störte (s. auch Friedrich Anton: Encyklopädie der Spiele (4. Auflage Leipzig 1884: Otto Wigand), S. 47 f und S 415 ff; ferner René Alleau und Renaud Matignon (Hrsg.): Dictionnaire des Jeux (Tchou), bei R wie Ram). Youker (engl. yuker oder uker , amerikanisch euchre ) kommt von dem deutschen Namen Jucker , das Spiel hieß in Deutschland auch Bester Bube, Bester Bauer oder Hasenpfeffer . Rams dagegen stammt von dem frz. Wort ramasser (= aufsammeln, einsammeln) und war in Deutschland als Rams, Rammes, Ramsch oder Mauscheln bekannt. mit den ersten besten. Du kannst Pfeife rauchen, Bier trinken und dabei der glücklichste Mann auf der Welt sein. Sieh nur zu, dass du stets einen kühlen Kopf behältst, einen unbeschwerten Magen und warme Füße, denn das ist vernünftig. Vor allem aber vermeide drei Dinge, nämlich zu fett zu werden, Industrieaktien zu kaufen und zu heiraten. Alt wie Methusalem kannst du auf diese Weise werden, das wage ich dir vorherzusagen, Kobus. Die nach dir kommen, werden sagen: ›Er war ein geistreicher, vernünftiger Mann und ein fröhlicher Mitmensch.‹ Was willst du mehr, wenn doch König Salomo selbst Vermutlich frei nach Koh 3, 19. sagt, dass das Unglück, das dem Menschen geschieht, und das Unglück eines Tiers ein und dasselbe ist, dass der Tod des einen dem des anderen gleicht, und dass sie denselben Atem haben!... Wenn's denn so ist,« dachte Kobus, »dann soll man doch wenigstens atmen , solange man kann.« Fünfzehn Jahre Der Vergleich mit der Jahresangabe im ersten Satz dieses Kapitels zeigt, dass die hauptsächliche Handlungszeit des L'ami Fritz im Jahr 1847 liegt. lang befolgte Fritz Kobus die Regeln genau, die er sich selbst vorgeschrieben hatte. Seine alte Magd Katel – die beste Köchin von Hüneburg – setzte ihm stets seine Lieblingsgerichte vor, die sie so zubereitete, wie er es wollte. Er bekam nur das beste Sauerkraut, den besten Schinken, die besten Würstchen und den besten Wein weit und breit; regelmäßig trank er fünf Krüge Bockbier in der Schenke zum Großen Hirschen , las die gleiche Zeitung zur gleichen Stunde und spielte tagaus, tagein Jucker und Ramsch , mal mit dem einen, mal mit dem anderen. Um ihn herum änderte sich alles, nur Fritz änderte sich nicht. Wenn seine alten Freunde Karriere machten, empfand Kobus keinen Neid, im Gegenteil – las er in der Zeitung, dass Hansgeorg soeben wegen seines Muts zum Rittmeister der Husaren befördert worden war, dass Franzseppel eine Maschine erfunden hatte, mit der man Hanf zum halben Preis spinnen konnte, dass Petrus einen Lehrstuhl für Metaphysik in München erhalten oder dass man Nickel Bischof den Verdienstorden für seine schönen Gedichte verliehen hatte, dann freute er sich und sagte: »Schaut doch, wie all diese Pfundskerle sich schinden. Die einen lassen sich Arme und Beine brechen, um mir mein Vermögen zu beschützen, die anderen erfinden etwas, damit ich billiger kaufen kann, wieder andere schwitzen Blut und Wasser, während sie Gedichte schreiben, damit ich manchmal ein amüsantes Viertelstündchen haben kann und mich nicht langweile... Hahaha! Die Guten!« Da hoben sich Fritz' dicke Wangen, sein breiter Mund spaltete sich bis zu den Ohren, und die große Nase blähte sich vor Zufriedenheit. Er brach in ein Lachen aus, das kein Ende nehmen wollte. Ansonsten sah Fritz zunehmend besser aus, denn er trieb stets maßvoll Leibesübungen. Sein Vermögen wuchs allmählich, weil er sich nicht auf einen Schlag bereichern wollte und daher keine Aktien kaufte. Als Junggeselle war er von allen Familiensorgen frei. Alles kam ihm zugute, stellte ihn zufrieden und machte ihn froh. Er war das lebendige Beispiel der guten Laune, die man vom Menschenverstand und von der Weisheit bekommt. Und da er Taler hatte, hatte er selbstverständlich auch Freunde. Obwohl niemand zufriedener sein konnte als Fritz, hatte er doch seine Liebesmüh, denn man kann sich denken, dass er in jenen fünfzehn Jahren ungezählte Heiratsanträge ablehnen musste. Viele Witwen und Mädchen hätten sich mit Wonne seinem Glück gewidmet, und die guten Hausmütter versuchten Monat für Monat und Jahr für Jahr mit List und Tücke, ihn in ihr Haus zu locken und ihn zur Entscheidung für Charlotte oder Gretchen zu bringen. Nur mit Mühe konnte Fritz seine Freiheit vor dieser allgemeinen Verschwörung retten. Vor allem der alte Rabbi David Sichel Sichel – mit hartem ch gesprochen – soll auf Hebräisch so viel wie ›der Glückliche‹ oder ›der Glückselige‹ bedeuten. – wohl der größte Heiratsvermittler aller Zeiten – versuchte geradezu mit Feuereifer, Fritz unter die Haube zu bringen. Man darf sagen, dass der Rabbi seine Ehre an den Erfolg in dieser Sache geknüpft hatte. Dies war umso schlimmer, als Fritz sehr an dem alten David hing, denn er hatte ihn seit seinen ersten Tagen von morgens bis abends bei seinem Vater, dem angesehenen Amtsrichter, sitzen gesehen, hatte David rund um seine Wiege näseln, palavern und rufen gehört, war auf Davids mageren Knien herumgehüpft, hatte aus seinem Mund Jiddisch gelernt, im Hof der alten Synagoge gespielt und sogar als Bübchen in der Laubhütte mitessen dürfen, die David Sichel wie alle Söhne Israels zum Tabernakelfest bei sich aufgeschlagen hatte. Weil diese Erinnerungen in Fritz' Gedächtnis mit den schönsten Tagen seiner Kindheit vermischt und verwoben waren, kannte er kein größeres Vergnügen, als von nah oder fern die Gestalt des alten Rebbe David Sichel ist vermutlich dem Rabbiner Meyer Hermann nachempfunden, den Benoit-Guyod (s. Fußnote 4 zum Vorwort, S. 22, 34 und 113) als guten Freund des Elternhauses Erckmann beschreibt, als tiefgläubigen, schriftgelehrten Rabbiner und als nebenberuflich tätigen Laienrichter mit den Qualitäten der Unparteilichkeit und der Fairness. zu erblicken, mit dem abgewetzten Hut auf dem Hinterkopf oder dem schwarzen Baumwollkäppchen im Genick, der alten grünen Kapote Der Originaltext umschreibt sowohl Fritz' Umhang als auch den Alltagsrock des Rabbiners mit dem Wort capote . In der letzteren Bedeutung ist das Wort ins Jiddische eingegangen ( Salcia Landmann : Jiddisch. Abenteuer einer Sprache (München 1964: Deutscher Taschenbuch Verlag), S. 199). mit dem breiten, hochgestellten, fettigen Kragen, der bis über die Ohren reichte, der tabakverschmierten Hakennase, dem grauen Bärtchen, den langen mageren Beinen, die wie Besenstiele in schwarzen Faltenstrümpfen steckten, und den Schuhen mit den runden Kappen und den Kupferschnallen. Dieses liebe gelbliche Gesicht, das Schläue und Gutmütigkeit zugleich ausstrahlte, konnte Fritz Kobus mehr aufmuntern als jedes andere in Hüneburg, und sobald er den alten Rebbe auch nur von weitem auf der Straße sah, ahmte er seine Haltung und Stimme nach und rief in näselndem Tonfall: »Heda, alter Posche Jisroel Im Original posché-isroel geschrieben und dort mit ›schlechter Jude‹ ( mauvais juif ) erklärt. Wie im Original wurde es in der Übersetzung durchweg beim jüdischen Ausdruck belassen. Nach Dr. Georg Herlitz, Dr. Bruno Kirschner u.a.: Jüdisches Lexikon (Jüdischer Verlag), Band IV/1, S. 1054, ist der Posche Jisroel ein gelegentlicher Gesetzesübertreter oder Abtrünniger mit unjüdischer Lebensweise und/oder Gesinnung. , wie geht's? Jetzt komm und probier mein Kirschwasser!« Obwohl David Sichel über siebzig Jahre alt war und Fritz erst sechsunddreißig, duzten sie sich und waren ein Herz und eine Seele. Der alte Rebbe kam nun näher, schüttelte den Kopf in aberwitziger Weise und leierte: » Schaute Im Original schaude geschrieben und dort in einer Fußnote als ›Dummkopf‹ ( braque ) erklärt. Nach Landmann (s. Fußnote 13, S. 244) handelt es sich um die deutsch-jiddische Form von schojte , was so viel wie ›Narr‹ oder ›Tölpel‹ bedeutet. ... Schaute ... du änderst dich auch nie. Willst du denn ewig derselbe Kindskopf bleiben, als den ich dich von klein auf kenne, seit du auf meinen Knien gespielt hast und mir den Bart ausrupfen wolltest? Kobus, in dir ist der Geist deines Vaters. Das war auch so ein alter Schelm, der den Talmud und die Propheten besser kennen wollte als ich und sich über Heiliges lustig machte wie ein echter Heide! Wenn er nicht der beste Mensch auf der Welt gewesen wäre und seine Urteile bei Gericht nicht so herrlich wie Salomo gefällt hätte, hätte man ihn hängen sollen! Ja, und du gleichst ihm, denn du bist ein Apikaures Im Original épicaures , vermutlich also die hier übersetzte Vulgärform des Namens Epikuro s, eines griechischen Philosophen des 4. Jahrhunderts. Die jüdische Philosophie identifiziert in ihm nach dem Jüdischen Lexikon a.a.O. sowie ebenda Band II, S. 432, die Ablehnung des Judentums zugunsten fremder, meist freidenkerischer Anschauungen und die Hinwendung zum Lebensgenuss. Interessant ist übrigens, dass das Jüdische Lexikon (a.a.O.) die Begriffe Posche Jisroel (s.o.) und Apikaures im Zusammenhang diskutiert. . Daher vergebe ich dir, ich muss einfach.« Da lachte Fritz Tränen, und sie gingen hinein auf ein Glas Kirschwasser, das der alte Rabbiner nicht verschmähte. Auf Jiddisch besprachen sie den neuesten Stadtklatsch, die Getreide- und Viehpreise und so weiter. Manchmal brauchte David Geld, und Kobus schoss ihm recht ansehnliche Summen zinslos vor, denn er liebte den alten Rebbe sehr, und David Sichel hatte nach seiner Frau Surle und seinen beiden Söhnen Isidor und Nathan keinen Menschen lieber als Fritz. Jedoch benutzte David Fritz' Freundschaft andauernd für seine Versuche, ihn zu verheiraten. Fast zwanzig Minuten saßen sie beieinander im Gespräch und sahen sich dabei mit dem Behagen an, das zwei alte Freunde jedes Mal erleben, wenn sie einander sehen, miteinander reden und sich so offen und ohne Hintergedanken aussprechen, wie man es mit Fremden niemals kann – sie hockten also beisammen, und für einen Moment hatte sich der Schwatz über Alltagsangelegenheiten erschöpft, als das Gesicht des alten Rebbe einen träumerischen Zug annahm, um sich dann plötzlich mit merkwürdigem Glanz zu beleben. Er rief: »Kobus, kennst du die junge Witwe des Ratsherrn Römer? Weißt du, dass sie hübsch ist, oh ja, eine hübsche Frau! Sie hat schöne Augen und ist obendrein sehr charmant. Weißt du, da komme ich vorgestern zufällig an ihrem Haus in der Zeughausstraße vorbei, und sie beugt sich aus dem Fenster und ruft mir zu: ›Hallo, da ist ja der Herr Rabbiner Sichel, es freut mich, Sie zu sehen, mein lieber Herr Sichel!‹ Tja, Kobus, ich also ganz überrascht, bleibe stehen und antworte ihr freundlich: ›Kann denn ein alter Mann wie David Sichel so schönen Augen gefallen, Frau Römer? Nein, nein, es kann nicht sein, ich sehe schon, dass Sie das aus Herzensgüte gesagt haben!‹ Und wahrhaftig, Kobus, sie ist so gut und anmutig, und gescheit ist sie. Sie ist – um es mit dem Hohelied zu sagen – wie die Rose von Scharon und das Maiglöckchen im Tal In Hld 2, 1 ist allerdings die Rede von Blumen und Lilien, nicht von Rosen und Maiglöckchen. «, sagte der alte Rabbiner und wurde dabei immer lebhafter. Da sah er, dass Fritz grinste, unterbrach sich, wackelte mit dem Kopf und schrie: »Du lachst... du musst doch immer lachen! Ist das eine Art, sich zu unterhalten? Also, habe ich nicht recht, ist sie nicht so, wie ich sage?« »Sie ist noch tausendmal schöner«, antwortete Kobus, »aber jetzt erzähl weiter, sie hat dich hereingebeten, nicht wahr... und sie will wieder heiraten?« »Ja.« »Haha! Gut! Das wäre die dreiundzwanzigste...« »Die dreiundzwanzigste, die du mir ausschlägst?« «Ja, David, und es fällt mir schwer, sehr schwer. Ich würde gern heiraten, damit du mit mir zufrieden bist, aber du weißt doch...« Da wurde der alte Rebbe zornig. »Ja«, sagte er, »ich weiß, dass du ein dicker Egoist bist, ein Mensch, der nur an Trinken und Essen denkt und sich Gewaltiges auf seine Größe einbildet. Fritz Kobus, du tust unrecht, ja, unrecht, so ehrliche Menschen abzuweisen, die besten Partien von Hüneburg, denn – du wirst alt. Noch drei oder vier Jahre, und dein Haar wird grau. Ha, und dann wirst du mich rufen und sagen, ›David, such mir eine Frau, lauf, ist da denn keine, die zu mir passt?‹ Doch dann wird deine Zeit vorbei sein, du verfluchter Schelm, der über alles lacht! Die Witwe war viel zu gutherzig, überhaupt nach dir zu fragen!« Je mehr der alte Rabbiner sich ärgerte, desto mehr lachte Fritz. »Dieses Lachen«, schrie David, erhob sich und wackelte mit den Händen neben seinen Ohren, »dieses Lachen will ich nicht mehr hören, denn es macht mich wütend! Wer so lacht, muss doch blöde sein!« Dann wurde er ruhiger. »Kobus«, sagte er und schnitt ein verdrossenes Gesicht, »mit diesem Lachen verscheuchst du mich noch aus deinem Haus. Kannst du denn nicht einmal ernst sein, nur einmal in deinem Leben?« »Ach komm, Posche Jisroel «, erwiderte Fritz, »setz dich her und lass uns noch ein Gläschen alten Kirsch trinken.« »Soll mich dieses Kirschwasser doch vergiften, wenn ich noch einmal hierherkomme!« sagte der alte Rebbe wütend. »Dein Lachen ist so dumm, so dumm, dass mir davon schlecht wird.« Mit steifem Nacken stieg er die Treppe hinunter und rief: »Das war das letzte Mal, Kobus, das allerletzte Mal!« »Ach was«, sagte Fritz, der sich über das Geländer gelehnt hatte. Seine Wangen waren vor Vergnügen gebläht. »Du bist morgen wieder hier.« »Niemals!« »Morgen, David. Die Flasche ist ja noch halbvoll, weißt du.« Der alte Rabbiner ging mit großen Schritten die Straße hinauf und murmelte etwas in seinen grauen Bart, während Fritz fidel wie ein Zaunkönig die Flasche in den Schrank schloss und zu sich sagte: »Die dreiundzwanzigste also... Ach, alter Posche Jisroel , hast du mir Spaß gemacht!« Am nächsten oder übernächsten Tag kam David auf Kobus' Einladung wieder. Sie saßen wieder miteinander am selben Tisch, und was sich zuvor ereignet hatte, war vergessen. II Eines Tages gegen Ende April war Fritz Kobus früh aufgestanden, hatte die Fenster zum Akazienplatz geöffnet und sich dann wieder ins warme Bett gelegt. Mit der Decke um die Schultern und dem Federbett auf den Beinen betrachtete er das rote Licht durch die geschlossenen Augenlider, gähnte behaglich, ließ seine Gedanken wandern und blinzelte von Zeit zu Zeit, um zu sehen, ob er wachte oder träumte. Draußen war es so hell, wie man es bei der Schneeschmelze erlebt, wenn die Wolken abziehen und das Dach gegenüber, die spiegelnden Fensterchen, die Baumwipfel, eben alles glänzt; wenn man sich verjüngt fühlt, weil man neue Kraft verspürt und wiederentdeckt, was es seit fünf Monaten nicht mehr zu sehen gab: Den Blumentopf der Nachbarin, die Katze, die wieder die Dachtraufen entlang läuft, oder die lärmenden Spatzen, die ihren Zank von neuem beginnen. Sanfte laue Windstöße bewegten Fritz' Bettvorhänge. Dann wieder verbreitete sich in der Kammer die Bergluft, kühl vom Eis, das langsam durch die schattigen Wildwasserschluchten herabfließt. Von weitem hörte man auf der Straße die Hausfrauen miteinander lachen, während sie den Schneematsch mit kräftigen Besenschüben die Gossen entlang jagten. Die Hunde bellten hell, und im Hof hörte man die Hühner gackern. Endlich war es Frühling. Kobus war unter seinen Träumen schließlich wieder eingeschlafen, als der Klang einer Fiedel ihn aus dem Schlummer holte und ihm die Tränen in die Augen trieb. Eindringlich und lieb hörte es sich an, wie die Stimme eines Freundes, der lange fort war und nun »da bin ich, ich bin's!« sagt. Fritz atmete flach, um besser zu hören. Was er da vernahm, war die Fiedel des Zigeuners Josef, begleitet von einer anderen Geige und einem Kontrabass. Sie sang in seiner Kammer, gleich hinter den blauen Bettvorhängen: »Ich bin's, Kobus, ich bin's, dein alter Freund! Ich komme mit dem Frühling und der lieben Sonne zurück zu dir... Hör zu, Kobus, die Bienen summen um die ersten Blumen, die ersten Blätter regen sich, die erste Lerche zwitschert am blauen Himmel, die erste Wachtel läuft durch die Ackerfurchen, und ich komme, um dir meinen Gruß zu bringen. Jetzt ist das Elend des Winters vergessen, endlich kann ich wieder im Staub der Wege und im warmen Gewitterregen lustig von Dorf zu Dorf wandern. Doch wollte ich nicht vorübergehen, ohne dich zu besuchen, Kobus. Ich bin gekommen, um dir mein Liebeslied vorzusingen, meinen ersten Gruß an den Frühling.« Noch vieles andere sang Josefs Fiedel, was tiefer ging: Einen Ruf an die alten Jugenderinnerungen, die jedem von uns... ganz allein gehören. Der glückliche Kobus war zu Tränen gerührt. Als die Musik dann ernster und inniger weiterspielte, schob er sachte die Bettvorhänge auseinander und sah die drei Zigeuner auf der Türschwelle der Kammer. Dahinter stand die alte Katel in der Tür. Josef – groß, mager, gelb und zerlumpt wie immer – hatte gefühlvoll das Kinn an die Fiedel gelehnt und strich den vibrierenden Bogen mit Liebe über die Saiten. Seine Augenlider waren gesenkt, das dichte, wollige, schwarze Haar mit dem breiten, zerrissenen Filzhut obenauf fiel ihm auf die Schultern wie einem Merinoschaf das Fell, und über der dicken, bläulichen, gespannten Oberlippe blähten sich die Nasenflügel. So erblickte er Josef, der seelenruhig vor sich hin musizierte. Neben ihm spreizte der bucklige, rabenschwarze Kopel mit dem geflickten Hosenknie und den zerfetzten Schuhen die langen, knochigen, bronzefarbenen Finger auf den Saiten des Basses, während auf der anderen Seite der junge Andres die großen schwarzen, hell umringten Augen vor Hingebung zur Zimmerdecke hinauf verdrehte. Fritz betrachtete diese Szene in unsagbarer Rührung. Doch jetzt muss ich Euch erklären, warum Josef ihm zum Frühling aufspielen kam, und warum Fritz davon so ergriffen war. Lange Zeit zuvor war Kobus an einem Heiligabend in der Schenke zum Großen Hirschen gewesen, als draußen drei Fuß Altes Längenmaß, das in Deutschland – je nach Region verschieden – mit 25 bis 34 cm veranschlagt wurde. Schnee lagen. Im grauen Dunst des Schankraums umstanden die Raucher den großen gusseisernen Ofen. Manchmal bewegte sich der eine oder andere zum Tisch hinüber, leerte seinen Bierkrug und kam zurück, um sich still aufzuwärmen. Man dachte an nichts Besonderes, als ein Zigeuner eintrat. Durch die Löcher in seinen Schuhen waren die nackten Füße zu sehen. Zitternd und mit traurigem Gesicht begann er aufzuspielen, und Fritz gefiel die Musik, denn sie kam ihm wie ein Sonnenstrahl vor, der durch die grauen Winterwolken dringt. Hinter dem Zigeuner stand nahe bei der Tür im Dunkel der Wachtmann Fuchs Im Original Foux geschrieben. Ein des Deutschen nicht mächtiger Leser würde die Bedeutung des Worts im französischen Originaltext nicht erkennen und sich daher über diese Beschreibung des Stadtwächters lediglich wundern – auf Deutsch wirkt sie kitschig. . Sein Raubtierkopf lauerte, die Ohren waren aufgestellt, die Schnauze spitz, und die Augen leuchteten. Kobus spürte, dass mit den Papieren des Zigeuners etwas nicht in Ordnung war und dass Fuchs ihn am Ausgang erwartete, um ihn ins Kittchen abzuführen. Da fühlte er sich herausgefordert. Er ging zum Zigeuner, legte ihm einen Taler auf die Hand, nahm ihn Arm in Arm und sagte zu ihm: »Heute, am Heiligabend, bleibst du bei mir. Komm! So oder ähnlich sprach der etwa fünfzehnjährige Emile Erckmann an einem Weihnachtsabend zu einem bohémien namens Jôseph Almâni, den er aus dem Griff eines Phalsbourger Gendarmen rettete, vor den staunenden Augen der Mitbürger in sein Elternhaus führte und dort bewirten ließ ( Benoit-Guyod (s. Vorwort, Fußnote 4), S. 41). « Inmitten des allgemeinen Erstaunens gingen sie hinaus, und einige dachten: »Dieser Kobus ist verrückt, eingehakt mit einem Zigeuner zu gehen. Das soll wohl ein Vorbild sein.« Die Mauern entlang streichend folgte Fuchs ihnen. Der Zigeuner hatte Angst, festgenommen zu werden, aber Fritz sagte zu ihm: »Fürchte nichts, er wagt nicht, dich anzufassen.« Er führte den Zigeuner in sein Haus, wo der Tisch für das Christkindfest gedeckt war. Der Weihnachtsbaum stand in der Mitte auf dem weißen Tischtuch, in hübscher Ordnung umringt von den Küchlein mit weißem Zuckerstaub und dem Gugelhupf mit den dicken Rosinen. Drei Flaschen alter Bordeaux lagen in Tücher eingeschlagen zum Wärmen auf der Marmorplatte des Kachelofens. »Katel, hol noch ein Gedeck«, sagte Kobus, während er den Schnee von den Füßen schüttelte. »Heute Abend feiere ich die Geburt des Erlösers mit diesem braven Mann, und wehe, wenn ihn jemand fortholen will!« Die Magd ergänzte das Gedeck, und der arme Zigeuner setzte sich. Er war völlig verdutzt. Fritz füllte die Gläser bis zum Rand und rief: »Auf die Geburt unseres Herrn Jesus Christus, des wahren Gottes der guten Herzen!« Da trat Fuchs ein. Als er den Zigeuner mit dem Hausherrn am Tisch sitzen sah, verschlug es ihm den forschen Tonfall, und er sagte nur: »Ich wünsche Ihnen einen schönen Heiligabend, Herr Kobus.« »Danke ebenso. Möchtest du ein Glas Wein mit uns nehmen?« »Danke, ich trinke nie im Dienst. Nur – kennen Sie diesen Mann, Herr Kobus?« »Ich kenne ihn und stehe für ihn ein.« »Dann sind seine Papiere also in Ordnung?« Mehr mochte Fritz nicht hören. Seine dicken Wangen wurden bleich vor Wut. Er stand auf, nahm den Wachtmann fest beim Kragen, warf ihn hinaus und rief dabei: »Dich werde ich lehren, am Heiligabend einen ehrlichen Mann heimzusuchen!« Dann setzte er sich wieder. Als er aber sah, wie sehr der Zigeuner zitterte, sagte er: »Hab nur keine Angst, du bist bei Fritz Kobus. Sei so gut und trink und iss in Frieden.« Er schenkte dem Zigeuner Bordeaux ein, und da er wusste, dass Fuchs trotz des Schnees immer noch draußen lauerte, wies er Katel an, dem Gast für die Nacht ein gutes Bett zu bereiten, ihm Schuhe und alte Kleider zu geben und ihn nicht ohne eine gute Wegzehrung fortzuschicken. Fuchs wartete noch bis zum letzten Glockenschlag der Christmette und zog sich dann zurück. Und da der Zigeuner, der niemand anders als Josef war, sich frühmorgens davonmachte, geriet die Geschichte in Vergessenheit. Kobus hatte sie auch schon vergessen, als er im folgenden Jahr an einem der ersten schönen Frühlingsmorgen im Bett lag und von der Tür seiner Kammer her plötzlich eine liebliche Musik hörte. Das war die arme Lerche, die er aus dem Schnee gerettet hatte und die sich mit dem ersten Sonnenstrahl bedanken kam. Auch der historische Jôseph Almâni (s. vorige Fußnote) besuchte Emile Erckmann im folgenden Frühling und spielte ihm ein Ständchen zum Dank für die Rettung ( Benoit-Guyod (s.o.,), S. 42 f). Ob Almâni in späteren Jahren wiederkam, ist nicht berichtet. Seitdem kam Josef jedes Jahr zur selben Zeit vorbei, manchmal allein, manchmal mit einem oder zwei Kameraden, und Fritz empfing ihn jedes Mal wie einen Bruder. Deshalb sah Kobus auch an jenem Tag seinen alten Freund wieder. Als der brummende Bass verstummte und Josef beim letzten Strich des Fiedelbogens die Augen hob, streckte Fritz die Arme durch die Bettvorhänge und rief: »Josef!« Da kam der Zigeuner und umarmte ihn, lachte, dass man seine weißen Zähne sah, und sagte: »Siehst du... ich vergesse dich nicht... das erste Lerchenlied ist für dich!« »Ja... und es ist schon das zehnte Jahr«, sagte Kobus. Sie hielten sich bei den Händen und schauten einander mit Tränen in den Augen an. Dann sah Fritz, dass die beiden anderen mit ernster Miene warteten, brach in ein Lachen aus und sagte: »Josef, reich mir meine Hose.« Der Zigeuner tat es, und Fritz zog zwei Taler aus der Tasche. »Das ist für euch beide«, sagte er zu Kopel und Andres, »ihr könnt im Drei Täubchen essen. Josef isst heute Mittag bei mir.« Dann sprang er aus dem Bett, begann sofort, sich anzuziehen und sprach weiter: »Hast du schon deine Runde durch die Wirtshäuser gemacht, Josef?« »Nein, Kobus, noch nicht.« »Also, dann beeil dich damit, denn pünktlich zu Mittag ist hier der Tisch gedeckt. Das gibt wieder einen Spaß! Der Frühling kommt, und wir werden ihn jetzt richtig einleiten. – Katel! Katel!« »Dann gehe ich lieber sofort los«, sagte Josef. »Ja, mein Lieber, aber vergiss nicht – Schlag zwölf!« Der Zigeuner stieg mit seinen zwei Gefährten die Treppe hinab, und Fritz schmunzelte zur alten Magd hinüber. »Tja, Katel, der Frühling ist da, und wir veranstalten eine kleine Schlemmerei... aber warte mal – zuerst müssen wir meine Freunde einladen.« Er lehnte sich aus dem Fenster und rief: »Ludwig! Ludwig!« Unten kam gerade ein Knirps mit struppigem blondem Haarschopf vorbei, das war Ludwig, der Sohn des Leinewebers Koffel. Barfüßig blieb er im Schmelzwasser stehen und steckte die Nase in die Luft. »Komm rauf!« rief Kobus ihm zu. Das Kind beeilte sich, blieb aber mit scheuem Blick auf der Türschwelle stehen und kratzte sich verlegen am Nacken. »Komm her und hör zu... ach richtig, hier erst einmal zwei Groschen.« Ludwig steckte die zwei Groschen in die Tasche seiner Tuchhose und wischte sich mit dem Handgelenk unter der Nase, als ob er »in Ordnung!« sagen wollte. »Geh und lauf zu Friedrich Schulz Im Originaltext Frédéric Schoultz . in der Zinnschüsselstraße und zu Herrn Steuereinnehmer Hahn Im Originaltext Hâan . im Hotel Zum Storchen ... hörst du?« Ludwig nickte kräftig mit dem Kopf. »Sag ihnen, dass Fritz Kobus sie auf Schlag zwölf zum Essen einlädt.« »Ja, Herr Kobus.« »Warte doch, du musst auch zum alten Rebbe David gehen und ihm sagen, dass ich ihn gegen ein Uhr zum Kaffee erwarte Wie selbstverständlich berücksichtigt Fritz, dass ein Jude einem nicht-koscheren Essen fernbleiben muss. . Jetzt lauf!« Der Bub sauste die Treppe hinunter. Kobus sah vom Fenster aus einige Augenblicke lang zu, als Ludwig die schlammige Straße hinauflief und dabei wie eine Katze über die Gossen sprang. Die alte Magd wartete immer noch. »Hör zu, Katel«, sagte Fritz und wandte sich ihr zu, »du gehst jetzt auf den Markt und suchst das schönste aus, was an Fisch und Wild zu finden ist. Wenn's Frühlingsgemüse gibt, dann kauf's auch, egal zu welchem Preis. Hauptsache, es ist alles frisch und gut! Ich werde den Tisch decken und die Flaschen heraufholen, kümmere du dich also nur um die Küche. Jetzt aber fix, denn Professor Speck und all die anderen Leckermäuler der Stadt sind sicher schon zur Stelle und feilschen bereits um die feinsten Stücke.« III Als Katel gegangen war, trat Fritz in die Küche und zündete eine Kerze an, denn er wollte seinen Keller inspizieren und einige alte Flaschen Wein für die Feier seines Frühlingsfests aussuchen. Sein breites Gesicht strahlte vor Zufriedenheit, als er sich vorstellte, wie sich jetzt die schönen Tage bis zum Herbst aneinanderreihen würden: Das Spargelfest, die Kegelpartien im Blumenkorb Wie man später sehen wird, ist Blumenkorb (im Original Panier-Fleuri ) der Name einer Gastwirtschaft. draußen vor Hüneburg, die Angelpartien mit Christel, seinem Gutsbauern im Meisental, oder die Bootsfahrt auf der Losser im Wechselspiel von Licht und Schatten unter den Ulmen, die vom Ufer her ihr Laubgewölbe spannen. Dann Christel mit dem Wurfnetz auf der Schulter, der Fritz nahe der Forellenquelle plötzlich »halt!« zuruft und das Netz ringsherum wie ein riesiges Spinnengewebe über dem ruhigen Wasser auswirft, um es voll zappelnder, goldfarbener Fische herauszuziehen. Oder die Abfahrt der lustigen Jagdkumpane in den Buchenwald bei Katzenbach. In wildem Durcheinander wickeln sich die Jäger lederne Gamaschen die Beine hinauf, werfen die Jagdtasche auf den Rücken ihrer grauen Kittel, schnallen Jagdflasche und Pulverbeutel an die Hüften, stellen die doppelläufigen Flinten zwischen ihre Knie in das Stroh auf den offenen Wagen mit Sitzbänken und binden hinten die Hunde an, die wie toll kläffen und heulen. Fritz selbst hält die Zügel, lenkt den Wagen bis zum Haus des Wildhüters Rödig, lässt die Gesellschaft drauflos jagen und wendet sich der Küche zu, um Zwiebelchen anzubraten und Wein in Bottichen zu kühlen. Erst nachts kommen die Jäger zurück. Die einen haben leere Jagdtaschen, die anderen tröten auf dem Jagdhorn. So zog alles vor seinen Augen vorbei, während er die Kerze anzündete, die Kornmahd, der Hopfenschnitt, die Weinlese, und leise kicherte er: »Hihihi! Das wird schön... das wird schön!« Schließlich stieg er mit der Hand vor dem Licht hinab, den Schlüsselbund in der Tasche und einen Korb am Arm. Unter der Treppe öffnete er den Keller. Es war ein alter trockener Weinkeller Auch Emile Erckmanns Vater Philippe unterhielt in seinem Haus an der Place des Acacias in Phalsbourg einen ansehnlichen Weinkeller ( Benoit-Guyod (s. Fußnote 4 zum Vorwort), S. 113). mit Wänden voll kristallin glänzendem Salpeter. Seit einhundertfünfzig Jahren, als Urgroßvater Nikolaus zum ersten Mal Anno 1715 Markobrunner Eine Weinlage im Rheingau. bestellt hatte, war dies der Weinkeller der Familie Kobus, und gottlob hatte sich sein Bestand seitdem unter der weisen Voraussicht der Familie von Jahr zu Jahr vergrößert. Als Fritz den Keller geöffnet hatte, weiteten sich seine Augen vor Freude. Er stand vor zwei blauen Oberlichtern, die auf den Akazienplatz hinausliefen. Langsam ging er an den eisenbereiften Fässchen vorbei, die auf dicken Balken entlang der Wände aufgereiht waren, betrachtete sie und sagte zu sich: »Dieser Gleiszeller Ein Weindorf an der südlichen Pfälzer Weinstraße. ist acht Jahre alt; den habe ich selbst vom Hang weg gekauft. Jetzt dürfte er genug gelagert sein, und es wird Zeit, dass ich ihn auf Flaschen ziehe. In acht Tagen werde ich den Küfer Schweyer herbestellen, und dann fangen wir an. Der Steinberg Eine weitere bekannte Weinlage im Rheingau. dort ist elf Jahre alt. Er hat eine Krankheit durchgemacht, ist dickflüssig geworden, aber das sollte nun vorbei sein... wir werden bald sehen. Aha, hier ist mein Forstheimer Dies soll wohl auch ein Weinort sein, der nicht zu weit entfernt von Hüneburg liegt. In Deutschland gibt kein Weindorf mit diesem Namen, dem der Weinort Forst in der Südpfalz wohl am nächsten kommt. Im nördlichen Elsass liegt ein Forstheim – aber Wein liefert es heutzutage nicht. vom letzten Jahr, den ich mit Eiweiß geklärt Setzt man jungem Wein Eiweiß hinzu, so bindet er Hefe und Schwebstoffe und zieht sie zum Fussboden hinunter. Diese geschmacksneutrale und natürliche Methode zur Stabilisierung und ›Schönung‹ des Weins ist noch heute anerkannt. habe. Den muss ich unbedingt verkosten, aber heute will ich mir nicht die Zunge verkleben. Morgen oder übermorgen ist auch noch Zeit.« Während er so nachdachte, ging Kobus weiter. An der ersten Ecke, am Eingang zum zweiten und eigentlichen Weinkeller, dem Flaschenkeller, blieb er stehen und stutzte den Docht der Kerze – mit den Fingern, weil er die Dochtschere vergessen hatte. Dann steckte er die Kerze auf den Zapfen eines Leuchters und ging gebückt weiter unter einem kleinen, in den Fels gehauenen Gewölbebogen hindurch. Am Ende dieser Röhre öffnete er eine zweite Tür, die mit einem riesigen Vorhängeschloss gesichert war. Nachdem er die Tür aufgestoßen hatte, richtete er sich freudestrahlend auf und rief: »Aha, da sind wir also!« Seine Stimme hallte von einem hohen Gewölbe wider. Zugleich kletterte eine schwarze Katze die Wand hinauf und drehte sich im Oberlicht mit grün funkelnden Augen um, bevor sie zur Brandeckstraße hinaus entfloh. Dies war der beste Weinkeller von Hüneburg, teils aus dem Fels gehauen, teils mit gewaltigen Quadersteinen aufgemauert. Der Keller maß höchstens zwanzig Fuß in der Länge und fünfzehn in der Breite, aber er war hoch, mit einem festen Lattengitter unterteilt und mit einer Tür verschlossen, die ebenfalls aus Holzlatten bestand. Entlang der Wände waren Regale gezogen, und darauf lagen die Flaschen in tadelloser Ordnung. Sie stammten aus allen Jahrgängen zwischen 1780 und 1840 Im Gegensatz zu den kurzlebigen deutschen Weinen von heute konnten derart alte Weine im Jahr 1847 noch recht gut schmecken, wie Hugh Johnson in seiner Weingeschichte (Berlin und Stuttgart 1990: Hallwag), S. 286-288 und S. 389 unter Berufung auf zeitgenössische Quellen erläutert. Demnach waren z.B. um 1830 in Hochheim im Rheingau der 1775er, 1766er und 1748er als feine alte Jahrgänge ohne weiteres erhältlich, und diese Weine wurden als gehaltvoll, trocken, von feinem Aroma und beispiellos langlebig beschrieben. Diese Eigenschaften sollen nicht nur daher stammen, dass vor den Reblaus- und Mehltauplagen der Wein insgesamt kräftiger schmeckte und robuster war oder dass man damals hohe Qualität bei kleinen Ernten erzielte, sondern auch vom damals üblichen ›deutschen Solera-Verfahren‹: Man zog aus den Weinfässern jedes Jahr einen Bruchteil ab, füllte sofort mit jungem Wein auf und sorgte für luftdichte Lagerung. Dies ergab nach vielen Jahren bemerkenswert aromatische, trockene und haltbare Weine, die nach dem Jahrgang der ersten Füllung des jeweiligen Fasses benannt wurden. . Das Licht von den drei Kellerfenstern brach sich in dem Lattenrost und ließ die Flaschenböden anheimelnd und malerisch funkeln. Kobus ging hinein. Er hatte einen Drahtkorb mit viereckigen Fächern mitgebracht, in die je eine Flasche passte. Fritz stellte den Korb auf den Boden, hob die Kerze hoch und ging die Regale entlang. Der Anblick der guten Weine in den Flaschen mit den blauen Siegeln oder Bleikapseln bewegte ihn zu dem Ausruf: »Wenn doch meine armen Ahnen wiederkämen, die diese Weine seit fünfzig Jahren mit so viel Weisheit und Voraussicht zur Seite gelegt haben! Ich bin sicher, dass sie's gern sehen würden, wie ich ihrem Beispiel folge, und dass sie mich für würdig halten würden, auf Erden in ihre Fußstapfen zu treten. Ja, sie wären alle zufrieden, denn diese drei Regale dort habe ich selbst angelegt, und zwar mit Umsicht, so darf ich wohl sagen, denn ich habe mich stets in eigener Person zu den Weingärten begeben, mit den Winzern vor dem Weinfass verhandelt und mir auch die Arbeit im Keller nicht erspart. Daher mögen diese Weine jünger als die anderen sein, aber bestimmt nicht schlechter. Sie werden reifen und die älteren würdig ablösen. So setzt man gute Traditionen fort, und es gibt in einigen Familien nicht nur Gutes, sondern sogar vom Besten. Ja, wenn der alte Nikolaus Kobus, Großvater Franzsepp und mein Vater Zacharias zurückkehren und diese Weine probieren könnten, dann wären sie mit ihrem Nachkommen zufrieden, weil sie in mir ihre eigene Weisheit und Tugend wiedererkennen würden. Schade, dass sie nicht zurückkommen können, ach, es ist vorbei für immer! Ich muss sie alle in allem ersetzen. Traurig ist der Gedanke aber schon, dass so kluge Menschen, solche Genießer, nicht einmal mehr ein Glas von ihrem Wein probieren können, um sich daran zu laben und den Herrn für seine Gnade zu preisen! Nun, so ist's eben, dieses Schicksal trifft uns alle früher oder später, und daher muss man die guten Gaben genießen, solange man kann!« Nach diesen traurigen Überlegungen wählte Kobus die Weine aus, die er zu Mittag trinken wollte, und das besserte seine Laune wieder. »Wir fangen mit den Weinen aus Frankreich an«, sagte er sich, »die mein würdiger Großvater Franzsepp über alle anderen setzte. Da hatte er wohl nicht ganz unrecht, denn dieser alte Bordeaux ist sicher das Beste, um sich eine gute Grundlage anzutrinken. Ja, wir nehmen erst einmal sechs Flaschen Bordeaux, das wird ein hübscher Anfang, und danach drei Flaschen Rüdesheimer Noch ein bekannter Rheingauer Wein. , den mein armer Vater so sehr mochte! Ihm zum Gedenken sagen wir vier. Das macht schon zehn. Die beiden für den Schluss sollten allerdings etwas Besonderes sein, etwas Älteres, was uns zum Singen bringt... Moment mal, das muss ich mir aus der Nähe anschauen.« Kobus bückte sich, fuhr sacht durch das Stroh auf dem untersten Regal und las die alten Etiketten. »1780er Markobrunner... 1804er Affentaler Eine alte, renommierte Rotweinlage bei Bühl in Baden. ... Johannisberger Vermutlich Wein aus der berühmten Lage im Rheingau. von den Kapuzinern, ohne Jahrgang. – Aha! Johannisberger von den Kapuzinern!« sagte er, richtete sich auf und schnalzte mit der Zunge. Er hob die staubbedeckte Flasche und stellte sie andächtig in den Korb. »Das kenne ich doch!« sagte er. Mehr als eine Minute ließ er sich, um daran zu denken, dass die Kapuziner In Phalsbourg gab es seinerzeit ein Kapuzinerkloster. Der junge Emile Erckmann hatte dort Unterricht genommen ( Benoit-Guyod (s. Fußnote 4 zum Vorwort), S. 33 f). von Hüneburg im Jahr 1792 beim Einmarsch der Franzosen unter Custine In ihrem Roman Histoire d'un paysan gehen Erckmann-Chatrian ausführlich auf Adam Philippe (comte de) Custine (1740-1793) ein, der 1789 auf seine Adelsprivilegien verzichtet hatte und unter der französischen Revolution bis zum Kommandeur der Nordarmee aufstieg, bevor er wegen Verrats abgelöst und hingerichtet wurde. Die Passage, die Custine erwähnt, ist übrigens nicht in allen Ausgaben des L'ami Fritz enthalten. geflohen waren und ihren Weinkeller zurückgelassen hatten, aus dem Großvater Franz glücklicherweise zwei- oder dreihundert Flaschen vor der Plünderung Ob Custines Truppen tatsächlich in Phalsbourg oder in der Südpfalz ein Kapuzinerkloster geplündert haben, ist in Histoire d'un paysan (s.o.) nicht berichtet. Sicher ging die französische Revolution nicht gerade zimperlich mit den Kapuzinern um, weil diese sich nach Ansicht der Revolutionäre am Volk bereichert hatten und obendrein offen für die royalistische Reaktion agitierten. rettete. Das war ein goldgelber Wein und so köstlich, dass er wie ein Duft des Orients im Mund zerging. Daran dachte Kobus mit Vergnügen. Er füllte den Korb nicht ganz und sagte zu sich: »Das genügt jetzt. Noch eine Flasche Kapuziner , und wir wälzen uns unter dem Tisch. Schon mein tugendhafter Vater sagte stets: Man muss ge brauchen, nicht mis sbrauchen.« Damit stellte er vorsichtig den Korb vor das Lattengitter, schloss die Tür, legte sorgsam das Schloss vor und ging zurück in den ersten Keller. Im Vorbeigehen fügte er dem Korb eine Flasche alten Rum hinzu, der seitwärts in einem alten Schrank lagerte, eingerahmt zwischen zwei Pfeilern des niedrigen Gewölbes. Schließlich stieg er hinauf und blieb immer wieder stehen, um die Türen hinter sich zu verschließen. Als er sich dem Hausflur näherte, hörte er, dass in der Küche die Kochtöpfe klapperten und das Feuer knisterte. Also war Katel vom Markt zurück, alles ging voran, und das gefiel ihm. Er stieg weiter hinauf, blieb im Flur an der Schwelle der vom Herdfeuer hell erleuchteten Küche stehen und rief: »Hier sind die Flaschen! Katel, jetzt erwarte ich, dass du dich selbst übertriffst und uns ein Mittagessen kochst, ein Mittagessen...« »Seien Sie doch still, Herr Kobus«, antwortete die alte Köchin, die sich ungern Vorschriften machen ließ. »Sind Sie in zwanzig Jahren auch nur einmal mit mir unzufrieden gewesen?« »Nein, Katel, nein, im Gegenteil. Doch du weißt, man kann's gut machen, sehr gut, und ganz und gar gut.« »Ich tue, was ich kann«, sagte die Alte, »mehr kann man nicht verlangen.« Kobus erblickte auf dem Tisch zwei Haselhühner, den herrlichen, bereits im Topf rundgelegten Hecht, kleine Forellen als Fischbrät und eine wunderbare Gänsestopfleber. Da wusste er, dass alles geraten würde. »Ist gut, ist gut«, sprach er und ging weiter, »alles klappt. Hahaha! Werden wir lustig sein!« Anstatt in das übliche Esszimmer zu gehen, schlug er den kurzen Gang nach rechts ein, stellte den Korb vor einer hohen Tür ab, steckte einen Schlüssel in das Schloss und öffnete. Das war das Galazimmer der Kobus, wo nur bei besonderen Gelegenheiten getafelt wurde. Die Läden vor den drei hohen Fenstern am Ende des Zimmers waren geschlossen. Der Tag schaute grau herein und zeigte im Halbdunkel alte Möbel, gelbe Sessel, einen Kamin aus weißem Marmor und entlang der Wände große Bilderrahmen, die mit weißen Leinwandtüchern verdeckt waren. Fritz öffnete zuerst die Fenster und schob die Fensterläden auf, um zu lüften. Mit seiner Täfelung aus alter Eiche hatte der Saal etwas Feierliches und Würdiges an sich; man verstand auf den ersten Blick, dass dort schon mehrere Generationen bestens gespeist hatten. Fritz zog die Tücher von den Bildern. Das erste zeigte Nikolaus Kobus, den Geheimen Rat des Königs Friedrich Wilhelm Gemeint ist vermutlich König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der 1713 bis 1740 regierte. im Jahre des Heils 1715. Der Herr Geheime Rat trug eine riesige Louis XIV-Perücke, einen kastanienfarbenen Rock mit weiten Ärmeln, die er bis zu den Ellenbogen hinaufgeschoben hatte, und einen Kragen aus feiner Spitze. Das Gesicht war breit, kantig und würdig. Das nächste Bild gab Franzsepp Kobus als Fähnrich im Leininger Leiningen war ein Fürstengeschlecht mit einem Herrschaftsgebiet in der linksrheinischen Pfalz. 1803 wurde es von Napoleon Bonaparte aufgehoben. Ob Leiningen ein Dragonerregiment hatte und inwieweit die Uniform authentisch ist, konnte nicht festgestellt werden. Dragonerregiment wieder, in einer himmelblauen Uniform mit silbernen Tressen, einer weißen Schärpe am linken Arm, gepudertem Haar und dem Dreispitz auf dem Ohr. Er konnte damals höchstens zwanzig Jahre alt gewesen sein und sah frisch wie eine Wildrosenknospe aus. Ein drittes Porträt zeigte den Amtsrichter Zacharias Kobus in einem eckig wirkenden schwarzen Talar. Er hielt seine Tabaksdose in der Hand und trug eine Perücke mit feinem Schwanz. Die drei Porträts waren gleich groß, alles breite und solide Gemälde. Man merkte ihnen an, dass Familie Kobus stets genug Geld gehabt hatte, um die Künstler üppig zu bezahlen, die sie damit beauftragt hatte, ihre Bildnisse für die Nachwelt festzuhalten. Mit seinen blauen Augen, der gerümpften Nase, dem runden, senkrecht gespaltenen Kinn, dem breitgeschnittenen Mund und dem lebensfrohen Blick sah Fritz den Bildern sehr ähnlich. Schließlich hing rechts, dem Kamin gegenüber, das Porträt einer Frau. Es war ein Jugendbild von Kobus' Großmutter mit lachendem, halb geöffnetem Mund, der die schönsten weißen Zähne sehen ließ, die man sich vorstellen kann. Ihr Haar war etwa in der Form eines Schiffs toupiert, und sie trug ein himmelblaues, rosa eingefasstes Samtkleid. Man sah dem Bild an, dass Großvater Franzsepp eine Menge Neider gehabt haben musste. Andererseits war es erstaunlich, dass sein Enkel derart wenig Neigung zur Heirat hatte. In den Rahmen mit den dicken goldenen Zierleisten hoben sich die Porträts hübsch von der braunen Wand des hohen Zimmers ab. Über der Tür war auf einem Sims die Entführung der Liebe in einem von drei Tauben gezogenen Wagen abgebildet. Zusammen mit den hohen Schranktüren, der alten Rosenholzkommode für Nadelarbeiten, der Anrichte mit der geschnitzten Täfelung, dem ovalen Tisch mit den geschwungenen Beinen und dem abwechselnd in gelb und schwarz verlegten Eichenholzparkett belegte diese Darstellung die gute Figur, welche die Kobus seit einhundertfünfzig Jahren in Hüneburg gemacht hatten. Nachdem Fritz die Fensterläden geöffnet hatte, schob er den Rolltisch in die Mitte des Raums und öffnete zwei doppelflüglige Wandschränke, die von der Decke bis zum Boden hinunterreichten. Im einen lag auf einer unendlichen Anzahl von Borden die Tischwäsche, so schön man sie sich nur vorstellen kann, im anderen stand das Geschirr aus herrlichem alten, wohlgeformten, vergoldeten und mit Blumenmustern verzierten Meißner Porzellan; unten die Stapel der Teller und weiter oben diverses Tafelgeschirr, dickbäuchige Suppenterrinen, Tassen und Zuckerdosen, schließlich das gewöhnliche Tafelsilber in einem Korb. Kobus wählte ein schönes Damasttischtuch und breitete es sorgfältig auf dem Tisch aus, fuhr mit der Hand darüber, um die Falten glattzuziehen, und schlug dicke Knoten in die Ecken, damit sie nicht auf dem Boden schleiften. Dies tat er langsam, gewissenhaft und mit Liebe. Danach stellte er auf das Kaminsims einen Stapel flacher Teller, einen weiteren mit tiefen Tellern und dazu ein Tablett Kristallgläser, die mit dicken Diamanten geschliffen waren. In diesen schweren Gläsern leuchtete der Rotwein wie dunkler Rubin und der gelbliche Weißwein wie Topas. Schließlich legte er die Gedecke einander genau gegenüber auf, faltete sorgsam die Servietten zu Schiffchen und Mitren und stellte sich einmal rechts, dann wieder links vom Tisch hin, um die Symmetrie abzustimmen. Als er damit fertig war, trug sein breites Gesicht einen unbeschreiblich andächtigen Ausdruck. Er straffte die Lippen und runzelte die Stirn. »So geht's«, sagte er leise, »der lange Friedrich Schulz kommt ans Fenster, mit dem Rücken zum Licht, und der Steuereinnehmer Christian Hahn ihm gegenüber. Josef sitzt hier und ich dort... so wird's gehen... so ist's gut. Wenn die Tür aufgeht, werde ich sofort sehen und wissen, was aufgetragen wird. Ich kann Katel winken, dass sie hereinkommen oder warten soll – sehr gut so. Jetzt die Gläser, rechts das für den Bordeaux, den ersten Wein; in die Mitte das für den Rüdesheimer , und dann das für den Johannisberger von den Kapuzinern. Alles muss seine Ordnung haben, und alles zu seiner Zeit. Die Ölkaraffe steht auf dem Kaminsims, Salz und Pfeffer sind auf dem Tisch, jetzt fehlt nichts mehr, mein Kompliment, Herr Kobus! – Ach, es wird schon warm hier! Da gehört der Wein in einem Kübel unter dem Hahn der Wasserpumpe gekühlt, ausgenommen der Bordeaux, der chambriert getrunken wird. Ich werd's Katel sagen. – Doch jetzt bin ich an der Reihe, muss mich rasieren, umziehen und meinen hübschen kastanienfarbenen Rock anziehen. – Es geht voran, Kobus, hahaha! Ein Frühlingsfest... und draußen scheint die Sonne so wunderschön. He! Da geht ja schon der lange Friedrich auf dem Platz spazieren. Jetzt ist keine Minute zu verlieren!« Fritz ging hinaus. Als er bei der Küche vorbeikam, trug er Katel auf, den Bordeaux zu wärmen und die anderen Weine zu kühlen. Strahlend ging er in sein Zimmer und sang leise: »Trariro, der Sommer kommt ja wieder... juhu!« Der feine Geruch von Krebssuppe füllte das Haus. Jetzt kam die Köchin vom Roten Ochsen herein, die große Fränzel, die als Tischbedienung bestellt war, denn die alte Katel konnte nicht zugleich in der Küche und im Esszimmer sein. Von St. Landolf schlug es halb, und die ersten Gäste konnten jeden Augenblick eintreffen. IV Gibt es auf Erden etwas Angenehmeres, als sich mit drei oder vier guten Freunden im alten Speisezimmer der Vorfahren an den gedeckten Tisch zu setzen, sich mit ernsthafter Miene die Serviette unter das Kinn zu heften, die Schöpfkelle in eine gute, fein duftende Krebsschwanzsuppe zu tauchen, die Teller weiterzureichen und dabei zu sagen: »Jetzt probiert einmal, Freunde, und sagt mir, ob's schmeckt«? Ach, glücklich ist doch, wer so ein Essen geben kann, während die Fenster vor einem blauen Frühlings- oder Herbsthimmel geöffnet sind. Wenn man das große Messer beim Hirschhorngriff nimmt und saftige Scheiben aus der Keule schneidet oder andächtig mit dem silbernen Spatel einen herrlichen, im eigenen Saft erkalteten Hecht mit dem Maul voll Petersilie längs zerteilt – wie ergriffen die anderen dabei zusehen! Dann greift man hinter seinen Stuhl und holt noch eine Flasche aus dem Kühler, nimmt sie zwischen die Knie, um leise den Korken zu ziehen, und alle fragen sich schmunzelnd: »Was kommt denn jetzt?« Ach, ich sage Euch, es ist ein großes Vergnügen, seine alten Zechkumpane auszuhalten und dabei zu denken, »so geht's jedes Jahr aufs neue, bis der Herrgott uns zu sich winkt und wir friedlich in Abrahams Schoß ruhen.« Und wenn sich bei der fünften oder sechsten Flasche die Gesichter beleben, wenn die einen plötzlich das Bedürfnis an den Tag legen, den Herrn zu loben, der uns mit seinen Segnungen überhäuft, während die anderen den Ruhm des alten Deutschland mit seinen Schinken, Pasteten und edlen Weinen feiern; wenn Kaspar gerührt den Michel um Verzeihung bittet, weil er ihm etwas nachgetragen habe, wovon Michel niemals etwas ahnte; wenn Christian den Kopf auf die Schulter sinken lässt und leise lacht, während er an Vater Bischoff denkt, der seit zehn Jahren tot ist und den er längst vergessen hatte; wenn alle durcheinander über die Jagd und Musik sprechen, aber von Zeit zu Zeit innehalten und in ein Lachen ausbrechen – dann wird es richtig gemütlich, dann ist das Paradies, das wahre Paradies auf Erden. Genauso ging es bei Fritz Kobus gegen ein Uhr nachmittags her. Der alte Wein hatte seine Wirkung getan. Der lange Friedrich Schulz, der früher Sekretär des alten Kobus und davor Feldwebel bei der Landwehr von 1814 gewesen war, trug seinen weiten blauen Gehrock und eine gezopfte Perücke. Mit langen Armen und Beinen, flachem Rücken und spitzer Nase erläuterte er unter den drolligsten Gesten, dass er sich beim Frankreichfeldzug in irgendeinem Dorf im Elsass totgestellt und dadurch gerettet hatte, während ihm zwei Bauern die Stiefel ausgezogen hatten. Er raffte seine Lippen, weitete die Augen, breitete die Hände aus, als ob er noch in derselben üblen Lage sei, und rief: »Ich hab mich nicht gemuckst! Ich dachte, wenn du dich bewegst, sind sie imstande und stecken dir ihre Mistgabeln in den Rücken!« Dies erzählte er dem dicken Steuereinnehmer Hahn Diese Figur ist wahrscheinlich dem Phalsbourger Steuereinnehmer Bougel nachempfunden, der ein Freund des Hauses Erckmann war ( Benoit-Guyod (s. Fußnote 4 zum Vorwort), S. 37 und 113). , der ihm zuzuhören schien. Er hatte einen runden Bauch wie ein Gimpel und ein purpurrotes Gesicht. Seine Krawatte war gelockert, die dicken Augen waren von Tränchen verschleiert, und er lachte, weil er an die Eröffnung der nächsten Jagdsaison dachte. Manchmal räusperte er sich, als ob er etwas sagen wollte, lehnte sich dann aber wieder langsam in den Sessel zurück. Seine schwere Hand mit den vielen Ringen lag neben seinem Glas auf dem Tisch. Josef sah ernst aus; sein kupferfarbenes Gesicht spiegelte tiefe Betrachtung wieder. Er hatte das dicke wollige Haar zurückgeworfen, und sein schwarzes Auge verlor sich im Himmelblau oben hinter den großen Fenstern. Kobus kicherte so sehr über die Geschichte des langen Friedrich, dass seine gerümpfte Nase sein Gesicht halb verdeckte. Er platzte aber nicht laut heraus, obwohl seine edlen Wangen aussahen wie eine Komödiantenmaske. »Also prost!« sagte er, »noch einen Schluck! Die Flasche ist noch halbvoll.« Die anderen tranken und ließen die Flasche von Hand zu Hand gehen. Gerade in diesem Augenblick trat der alte David Sichel ein, und man kann sich die heiteren Rufe vorstellen, mit denen er empfangen wurde. »He, David! ...David ist da! Pünktlich! ...Er kommt!« Der alte Rabbiner ließ einen spöttischen Blick über die angeschnittenen Torten, zerwühlten Pasteten und leeren Flaschen spazieren, verstand sofort, dass das Fest auf den Höhepunkt zusteuerte, und schmunzelte in sein Bärtchen. »He, David, das wurde aber Zeit«, rief Kobus ausgelassen, »zehn Minuten später, und ich hätte dich durch die Gendarmen holen lassen. Wir warten schon eine halbe Stunde lang.« »Wenigstens nicht inmitten der Seufzer von Babylon Vgl. Ps 137, 1 «, sagte der alte Rebbe scherzend. »Das hätte uns gerade noch gefehlt«, sagte Kobus und bot ihm einen Sitzplatz an. »Komm, Alter, nimm einen Stuhl und setz dich. Nur schade, dass du diese Pastete nicht probieren darfst, sie ist nämlich köstlich!« »Ja«, rief der lange Friedrich, »aber's geht nicht; sie ist trejfe D.h. eine nach dem Gesetz Mose unreine Speise, vgl. Lev 11, 7 und 8 sowie Dtn 14, 8. . Der Herr hat den Schinken und die Schweinswürste nur für uns gemacht.« »Die Verdauungsbeschwerden auch«, sagte David mit leisem Lachen. »Oft hat mir dein Vater Johann Schulz davon erzählt. Das ist wohl ein Familienwitz, der bei euch vom Vater auf den Sohn übergeht wie die Zopfperücke und die Samthosen mit den beiden Schnallen. Dein Vater wäre noch frisch und munter wie ich, wenn er den Schinken und die Schweinswürste weniger lieb gehabt hätte. Doch keiner von euch Schaute will es hören, und daher geht ihr nach und nach in die Falle wie die Ratten, nur weil ihr den Speck so sehr mögt.« »Da schaut einmal an, wie der alte Posche Jisroel Furcht vor Verdauungsbeschwerden vorschützt«, rief Kobus, »als ob ihm nicht das mosaische Gesetz im Weg wäre.« »Schweig«, unterbrach ihn David näselnd, »ich sag's nur für diejenigen, die nicht einmal die besten Gründe verstehen würden. Für euch genügt dieser, weil er zu einem Feldwebel der Landwehr passt, der sich in einem Schlammloch im Elsass die Stiefel abziehen lässt, denn Verdauungsbeschwerden sind ebenso gefährlich wie Stiche mit der Mistgabel.« Jetzt erscholl von überall ein gewaltiges Gelächter, und der lange Friedrich hob den Finger und sagte: »David, das zahl ich dir noch heim!« Er wusste aber nicht, was er noch antworten sollte, und der alte Rabbiner lachte aus vollem Herzen mit den anderen. Die große Fränzel vom Gasthaus zum Roten Ochsen hatte den Tisch abgeräumt und brachte jetzt ein Tablett mit Tassen aus der Küche. Hinter ihr kam Katel, die ein weiteres Tablett mit der Kaffeekanne und den Flaschen voll Hochgeistigem auftrug. Der alte Rebbe setzte sich zwischen Kobus und Josef. Friedrich Schulz nahm ernst eine dicke Ulmer Pfeife aus der Tasche seines Gehrocks, und Fritz holte eine Zigarrenkiste aus dem Schrank. Kaum war Katel hinaus, und die Tür stand noch offen, als ein frisches, munteres Stimmchen aus der Küche erklang: »Hallo, guten Tag, Fräulein Katel. Mein Gott, was für ein großes Essen! Die ganze Stadt spricht ja davon.« »Pst!« rief die alte Magd, und die Tür fiel zu. Im Speisesaal hatten sich alle Ohren aufgestellt. Der dicke Steuereinnehmer Hahn sagte: »Meine Güte, so eine hübsche Stimme! Habt ihr das gehört? Hehehe, Kobus der alte Hecht, schau einer an!« »Katel, Katel!« rief Kobus und drehte sich erstaunt um. Die Küchentür ging wieder auf. »Haben wir etwas vergessen, Herr Kobus?« fragte Katel. »Nein, aber wer ist denn da draußen?« »Das ist Suselchen, Sie wissen doch, die Tochter von Christel, Ihrem Gutsbauern im Meisental. Sie kommt mit den Eiern und frischer Butter.« »Ach, die kleine Susel, schau einer an... Ja, schick sie doch herein! Ich habe sie schon seit fünf Monaten nicht mehr gesehen.« Katel wandte sich um. »Susel, Herr Kobus bittet dich herein.« »Oh mein Gott, Fräulein Katel, ich bin ja nicht passend angezogen!« »Susel«, rief Kobus, »komm doch!« Da erschien ganz verschämt und mit gesenktem Kopf ein blondes und rosiges Mädchen Die Figur der Sûzel ist der wesentliche Daseinsgrund des Romans L'ami Fritz , denn Emile Erckmann wollte sich damit seine Jugendliebe aus der Seele schreiben ( Benoit-Guyod (s. Fußnote 4 zum Vorwort), S. 39 f und 112 f). In Sûzel ist zum einen die Tochter eines Phalsbourger Richters verewigt, die große, schlanke, blonde, blauäugige, oft in blau gekleidete Léontine Bonat, mit der Erckmann gern Walzer tanzte. Vor allem aber trifft die Beschreibung der Sûzel (kluge Augen, kleine, gerade Stupsnase, geflochtenes brünettes Haar, ländliche Tracht mit freien Unterarmen) auf Mlle Charlotte zu, die Tochter eines elsässischen Jagdhüters. Sie wurde als etwa 16jährige in Philippe Erckmanns Laden angestellt, und Emile Erckmann verliebte sich auf den ersten Blick in sie, offenbarte ihr aber aus Scheu nie seine Gefühle. von sechzehn oder siebzehn Jahren auf der Türschwelle. Mit ihren blauen Augen, der kleinen geraden Nase mit den hübschen Nasenflügelchen, dem Röckchen aus weißer Wolle und der niedlichen Schoßjacke aus blauem Leinentuch sah sie frisch wie eine Wildrosenknospe aus. Alle bestaunten sie, und Kobus war überrascht über ihren Anblick. »Was bist du groß geworden, Susel«, sprach er. »tritt doch näher und hab keine Angst, wir fressen dich schon nicht.« »Ach, ich weiß doch«, sagte das Mädchen, »aber ich bin nicht richtig angezogen, Herr Kobus.« »Angezogen!« schrie Hahn, »hübsche Mädchen sind eben nicht immer angezogen!« Fritz drehte sich herum, schüttelte den Kopf, zog die Schultern hoch und sagte: »Hahn, Hahn, sie ist doch noch ein Kind! Na komm, Susel, trink Kaffee mit uns. Katel, bring der Kleinen eine Tasse.« »Das kann ich doch nicht annehmen, Herr Kobus!« »Ach was – nun mach schon, Katel.« Als die alte Magd mit einer Tasse zurückkam, saß Susel bereits aufrecht auf der Kante des Stuhls zwischen Kobus und dem alten Rebbe und war rot bis an die Ohren. »Also, wie geht's auf dem Hof, Susel? Ist Vater Christel gesund?« »Ja, ja, Herr Kobus, Gott sei Dank«, sagte das Mädchen, »es geht ihm sehr gut. Er lässt Sie vielmals grüßen, und meine Mutter auch.« »Herzlichen Dank, das ist sehr nett. Habt ihr heuer viel Schnee gehabt?« »Zwei Fuß rund um den Hof drei Monate lang, aber binnen acht Tagen war er geschmolzen.« »Dann war die Saat ja gut zugedeckt.« »Oh ja, Herr Kobus, alles wächst jetzt, und der Boden ist schon grün bis tief in die Furchen hinein.« »Sehr schön, aber trink doch, Susel, magst du denn den Kaffee nicht? Möchtest du lieber ein Glas Wein?« »Oh nein, ich trinke gern Kaffee, Herr Kobus.« Der alte Rebbe sah das Mädchen zärtlich und väterlich an und wollte ihr selbst Zucker in den Kaffee geben. Dabei sagte er: »Das ist ein liebes Mädchen, ja, ein liebes Mädchen, bloß ein wenig zu scheu. Na los, Susel, trink ein Schlückchen, das gibt dir einen Schubs.« »Danke, Herr David«, antwortete das Mädchen leise. Der alte Rebbe richtete sich zufrieden auf und schaute gütig zu, wie sie ihre rosigen Lippen in die Tasse tauchte. Alle sahen entzückt dieses hübsche, sanfte und scheue Mädchen an. Sogar Josef lächelte. Sie hatte etwas vom Duft der Wiesen an sich, einen Hauch von Frühling und frischer Luft, etwas Beschwingtes und Zartes wie das Zwitschern der Lerche über einem Kornfeld. Wenn man sie ansah, glaubte man sich aufs Land versetzt, auf den alten Gutshof, gleich nach der Schneeschmelze. »Also, da draußen wird jetzt alles wieder grün«, fuhr Fritz fort. »Habt ihr schon im Garten angefangen?« »Ja, Herr Kobus, der Boden ist noch etwas kalt, aber in den letzten acht Sonnentagen hat alles zu wachsen angefangen. In zwei Wochen gibt's schon Radieschen. Ach ja, mein Vater würde Sie gern sehen, wir sehnen uns alle sehr nach Ihnen und warten jeden Tag auf Sie. Mein Vater möchte einiges mit Ihnen besprechen. Die Bless hat letzte Woche gekalbt, und das Kleine wächst gut heran. Es ist ein weißes Kälbchen.« »Ein weißes Kälbchen, na wie gut.« »Ja, die weißen geben mehr Milch und sind auch hübscher als die anderen.« Es wurde still. Kobus sah, dass Susel ihren Kaffee ausgetrunken hatte und sehr verschämt war. Er sagte zu ihr: »Also, mein Kind, es war schön, dich zu sehen. Wenn du dich vor uns aber so genierst, kannst du jetzt zu der alten Katel gehen, sie wartet schon auf dich. Sie soll dir ein gutes Stück Pastete in den Korb legen, hörst du, sag's ihr, und eine Flasche guten Wein für Vater Christel.« »Danke, Herr Kobus«, sagte das Mädchen und stand schnell auf. Sie machte einen artigen Knicks und war schon draußen. »Vergiss nicht, zu Hause anzusagen, dass ich spätestens in zwei Wochen hinkomme«, rief Fritz ihr nach. »Nein, Herr Kobus, ich werd's nicht vergessen. Alle werden sich freuen.« Sie hüpfte davon wie ein Vogel aus dem Käfig, und der alte David, dessen Augen vor Vergnügen funkelten, rief: »Das nenn' ich ein hübsches Mädchen. Ich glaube, sie würde ein gutes kleines Hausfrauchen abgeben.« »Ein gutes kleines Hausfrauchen, aber ja doch«, rief Kobus und lachte hell. »Der alte Posche Jisroel kann kein Mädchen und keinen Jungen sehen, ohne sich sofort zu überlegen, wie er sie verheiratet, hahaha!« »Aber ja doch!« rief der alte Rebbe mit gesträubtem Bart, »ich hab's gesagt und ich sag's noch einmal: Ein gutes kleines Hausfrauchen! Was ist denn daran so schlimm? In zwei Jahren kann Suselchen heiraten; sie kann dann sogar schon ein rosiges Kindchen im Arm haben.« »Ach sei doch still, du faselst ja schon.« »Ich fasele... nein, du faselst, du Apikaures . Du magst ja sonst vernünftig sein, aber wenn's zum Kapitel der Heirat kommt, bist du ein wahrhafter Narr.« »Also gut, ich bin ein wahrhafter Narr, und David Sichel ist ein Vernunftmensch. Welcher Teufel reitet bloß diesen alten Rebbe, dass er alle Welt verheiraten will?« »Ist das denn nicht die Bestimmung von Mann und Frau? Hat nicht Gott bereits am Anbeginn gesprochen: ›Seid fruchtbar und vermehrt euch! Vgl. Gen 1, 22. ‹? Ist es denn nicht verrückt, gegen den Willen Gottes anzugehen und allein zu...« Da lachte Fritz derart, dass der alte Rebbe vor Empörung bleich wurde: »Du lachst«, sagte er und nahm sich dabei sehr zusammen, »lachen ist leicht. Wenn du bis ans Ende aller Tage ›hahaha, höhöhö, hihihi‹ lachen könntest, dann hättest du's allen gezeigt, nicht wahr? Wenn du nur einmal vernünftig mit mir diskutieren wolltest, wie ich dich drankriegen würde! Doch du lachst bloß, öffnest deinen großen Mund – hahaha, deine Nase breitet sich auf deinen Wangen aus wie ein Fettfleck – und glaubst, mich besiegt zu haben. So geht's nicht, Kobus, so redet man nicht vernünftig.« Während er sprach, ahmte der alte Rebbe Kobus' Art zu lachen mit derart grotesken Grimassen nach, dass niemand im Raum das Lachen verkneifen konnte, und Kobus selbst musste sich den Bauch halten, um nicht herauszuplatzen. »Nein, so geht's nicht«, fuhr David mit seltsamer Lebhaftigkeit fort. »Du denkst nicht nach, hast's nie getan.« »Ich tue doch nichts anderes«, sagte Kobus und wischte seine breiten Wangen ab, wo die Tränen kleine Ströme bildeten. »Ich lache doch nur wegen deiner verrückten Ideen und weil du mich für dumm verkaufen willst. Seit fünfzehn Jahren lebe ich hier mit meiner alten Katel ruhig vor mich hin und hab's mir richtig bequem gemacht. Wenn ich spazieren gehen will, gehe ich spazieren; wenn ich mich hinsetzen und schlafen will, setze ich mich hin und schlafe; wenn ich einen Schoppen trinken will, trinke ich einen; wenn's mir einfällt, drei, vier, fünf Freunde einzuladen, dann lade ich sie ein. Und du willst, dass ich das alles ändere! Du willst mir eine Frau anschleppen, die hier alles auf den Kopf stellt? Nein wirklich, David, das ist zuviel des Guten!« »Glaubst du denn, dass es immer so weiter gehen kann, Kobus? Mach die Augen auf, Junge, das Alter naht, und bei deiner Lebensweise wird dir schon bald dein großer Zeh mitteilen, dass der Spaß zu lange gedauert hat. Dann willst du bestimmt eine Frau!« »Katel wird mir genügen.« »Die alte Katel hat das Beste schon hinter sich, wie ich. Irgendwann wirst du eine andere Magd nehmen müssen, und die wird dich ausplündern, Kobus, sie wird dich bestehlen, während du mit der Gicht im Bein im Sessel sitzt und stöhnst.« »Quatsch«, unterbrach ihn Fritz, »wenn's soweit kommt... dann muss ich eben aufpassen. Bis auf weiteres mache ich mir deswegen keine Sorgen. Wenn ich mir aber eine Frau nehmen würde – und ich stelle mir das gut vor, stelle mir eine ausgezeichnete Frau vor, eine gute Hausfrau und so weiter –, dann, David, müsste ich sie doch spazieren führen, mit ihr auf den Ball des Herrn Bürgermeisters oder der Frau Landrat gehen, müsste meine Gewohnheiten ändern, dürfte nicht mehr den Hut aufs Ohr oder in den Nacken schieben oder das Halstuch locker tragen, müsste die Pfeife aufgeben... und das wäre die grässlichste Verzweiflung. Ich zittere, wenn ich nur daran denke. Siehst du, ich kann meine kleinen Angelegenheiten ebenso gut überlegen wie ein alter Rebbe, der in der Synagoge predigt. Jedenfalls geht mir das Vergnügen über alles!« »Das klingt nicht gut, Kobus.« »Was – das klingt nicht gut? Streben wir denn nicht alle nach dem Glück?« »Nein, das ist nicht unser Ziel, denn sonst wären wir alle glücklich, und man würde nicht so viele Elende sehen. Gott hätte uns die Mittel gegeben, um unser Ziel zu erreichen, wenn's Sein Wille gewesen wäre. Er will, Kobus, dass die Vögel fliegen, und die Vögel haben Flügel. Er will, dass die Fische schwimmen, und so haben die Fische Flossen. Er will, dass die Obstbäume im Herbst Früchte tragen, und sie tun's. Jedes Wesen bekommt die Mittel, um an sein Ziel zu gelangen. Da aber der Mensch nichts hat, um damit glücklich zu werden, da es in diesem Moment auf der ganzen Welt keinen einzigen glücklichen Menschen gibt, der auf Dauer glücklich bleiben kann, ist bewiesen, dass Gott das Glück nicht will.« »Was will er denn, David?« »Er wünscht, dass wir uns das Glück verdienen, und das ist etwas ganz anderes, Kobus, denn um sein Glück zu verdienen, gleichgültig ob in dieser Welt oder einer anderen, muss man erst einmal seine Pflichten erfüllen. Die erste dieser Pflichten besteht aber darin, eine Familie zu gründen, eine Frau und Kinder zu haben, ehrliche Menschen zu erziehen und anderen die Gabe des Lebens zu vermitteln, die uns gespendet wurde. »Ganz schön verrückte Vorstellungen hat er, der alte Rebbe«, sagte Friedrich Schulz und goss Kirschwasser in seine Tasse, »man könnte meinen, dass er glaubt, was er da sagt.« »Meine Vorstellungen sind nicht verrückt«, antwortete David ernsthaft, »sie sind richtig. Wenn dein Vater der Bäcker so gedacht hätte wie du, wenn er die Plackerei abgeworfen und anderen zur Last gelebt hätte, und wenn der alte Zacharias Kobus die Dinge ebenso gesehen hätte, dann wärt ihr nicht hier mit der roten Nase und dem Bauch am Tisch, um die Früchte ihres Fleißes zu verprassen. Lacht den alten Rebbe nur aus, aber wenigstens sagt er euch einmal die Meinung. Die Alten haben auch manchmal gescherzt, doch die ernsthaften Dinge bedachten sie ernsthaft, und mit dem Glück kannten sie sich besser aus als ihr, das sage ich euch. Erinnerst du dich an ihn, Kobus, an deinen Vater, den alten Zacharias, der so ernst bei Gericht war, wenn er zwischen elf und zwölf Uhr nach Hause kam mit seiner Schachtel unter dem Arm? Sah er dich von weitem unter der Tür spielen, wie änderte sich sein Gesicht, wie begann er zu lächeln, als ob ein Sonnenstrahl auf ihn gefallen wäre. Wenn er dich dann in diesem Raum hier, in dem wir jetzt sind, auf seinen Knien herumhüpfen ließ, während du tausend Flegeleien dahergesabbelt hast wie auf der Gasse, was war der arme Mann glücklich! Geh doch in deinen Keller und hol die beste Flasche Wein, stell sie vor dich hin und lass uns sehen, ob du so lachen kannst wie er, ob dein Herz so vor Glück springt, ob deine Augen so leuchten, und ob du so die Melodie von den drei Husaren Nach Prof. Etlin (Fußnote 10 zum Vorwort, Anhangsband, S. 9) ist damit wahrscheinlich ein erstmals 1776 aufgezeichnetes Volkslied gemeint, das mit Es ritten drei Reiter beginnt. Es gibt allerdings noch andere Volks- und Kunstlieder mit diesem oder ähnlichem Titel. vor dich hinsingst, wie er's getan hat, um dich zu unterhalten!« »David«, rief Fritz gequält, »lass uns von etwas anderem sprechen!« »Nein! All eure kindischen Genüsse, der viele alte Wein, den ihr miteinander trinkt, alle eure Scherze, all das ist wertlos... ist das reine Elend gegen das Glück in der Familie. Denn nur dort ist man wirklich glücklich, weil man geliebt wird; dort lobt man den Herrn für seinen Segen. Doch ihr versteht ja nichts von alledem. Ich erkläre euch, was wahr und richtig ist, und ihr hört gar nicht zu.« Der alte Rebbe hatte sich in Schwung geredet. Der dicke Steuereinnehmer Hahn starrte ihn mit geweiteten Augen an, und Josef murmelte von Zeit zu Zeit wirres Zeug. »Was hältst du davon, Josef?« fragte Kobus schließlich den Zigeuner. »Ich denke wie der Rebbe David«, sagte der, »aber ich kann nicht heiraten, weil ich zu gern unterwegs bin, und dabei könnten meine Kleinen umkommen.« Fritz war in Gedanken versunken. »Ja, er spricht nicht schlecht für einen alten Posche Jisroel «, sagte er und lachte, »aber's bleibt dabei, Junggeselle bin ich und Junggeselle bleibe ich.« »Du?« rief David, »also gut, hör zu, Kobus, ich habe nie den Propheten gespielt, aber heute sage ich dir voraus, dass du heiraten wirst.« »Dass ich heirate – hahaha! David, du kennst mich wohl noch nicht.« »Jawohl, du wirst heiraten!« näselte der alte Rebbe ironisch, »du wirst heiraten!« »Ich wette dagegen.« »Wette nicht, Kobus, du verlierst.« »Also gut, wenn... ich wette... mal sehen... ich setze mein Rebstück am Sonneberg, du weißt doch, das Gärtchen, das so guten Weißwein hervorbringt, mein bestes, das du kennst, Rebbe, das setze ich...« »Wogegen?« »Gegen überhaupt nichts.« »Das nehme ich an«, sagte David, »alle hier sind Zeugen, dass ich's annehme! Diesen Wein, der mich nichts kostet, den will ich trinken, und nach mir sollen ihn meine beiden Söhne auch trinken, hähähä!« »Sei still, David«, sagte Kobus und erhob sich, » der Wein wird euch niemals zu Kopf steigen.« »Es ist gut, ist gut, ich nehme an. Hier ist meine Hand, Fritz.« »Und hier ist meine, Rebbe.« Dann drehte Kobus sich um und rief: »Na und – gehen wir nicht in den Großen Hirschen , auf eine Erfrischung?« »Ja, gehen wir in die Schenke«, schrien die anderen, »das wird ein hübscher Tagesausklang. Um Gottes Willen, war das ein gutes Essen!« Alle standen auf und nahmen ihre Hüte. Der dicke Steuereinnehmer Hahn und der lange Friedrich Schulz marschierten voraus, Kobus und Josef hinterher, und der alte David Sichel machte munter den Schluss. Arm in Arm gingen sie die Kapuzinerstraße hinauf und traten in die Schenke zum Großen Hirschen , gegenüber der alten Markthalle. V Am nächsten Morgen gegen neun Uhr saß Fritz Kobus mit schwermütigem Blick auf der Kante seines Betts, zog langsam seine Stiefel an und hielt sich eine Moralpredigt. »Das war zu viel Bier gestern Abend«, sagte er und kratzte sich am Ohr. »Dieses Zeug kann einem die Gesundheit ruinieren. Ich hätte lieber eine Flasche Wein mehr und vier oder fünf Biere weniger trinken sollen.« Dann hob er die Stimme. »Katel, Katel!« Die alte Magd erschien auf der Türschwelle, sah ihn gähnend, rotäugig und mit zerwühltem Haarschopf dasitzen und sagte: »Hihihi, haben Sie einen Kater, Herr Kobus?« »Ja, und das kommt vom Bier. Wenn ich das noch einmal anrühre...« »Immer dasselbe Lied«, lachte die Alte. »Was kannst du mir vorsetzen, damit mir besser wird?« fuhr Fritz fort. »Wollen Sie Tee?« »Tee! Sag lieber gute Zwiebelsuppe zum Frühstück. Und dann, warte mal...« »Ein Kalbsohr mit Essigsoße?« »Ja genau, ein Kalbsohr mit Essigsoße. Wie kann man nur so viel Bier trinken! Ach was, es ist vorbei, Schwamm darüber. Nun geh schon, Katel, ich komme gleich nach.« Katel ging lachend in die Küche zurück, und nach einer Viertelstunde hatte Kobus sich endlich fertig gewaschen, gekämmt und angezogen, obwohl er kaum Arme und Beine heben konnte. Schließlich warf er seinen Rock über, ging ins Speisezimmer und setzte sich vor eine gute Zwiebelsuppe, die ihm wohltat. Er aß ein Kalbsohr mit Essigsoße und trank einen kräftigen Schluck Forstheimer dazu, der ihn aufmunterte. Dennoch war sein Kopf noch etwas schwer. Er döste zu den Fenstern hinüber, wo die Sonne hereinschien. »Was ist Bier doch für ein unheilvolles Getränk«, sagte er, »man hätte diesem Gambrinus Die Erfindung des Bierbrauens wird Gambrinus, einem flandrischen Sagenkönig aus karolingischer Zeit zugeschrieben, der auch als der Schutzherr der Bierbrauer gilt. den Hals umdrehen sollen, als er auf den Gedanken kam, Malz mit Hopfen zu verkochen. Ist doch abartig, Süßes und Bitteres zu mischen. Die Männer sind verrückt, dieses Gift zu schlucken. Der Rauch ist auch schuld, denn ohne die Pfeife wäre das Bier kein Problem. Na, Schluss jetzt – Katel!« »Was ist, Herr Kobus?« »Ich gehe aus, frische Luft schnappen. Ich muss einen großen Spaziergang machen.« »Kommen Sie mittags heim?« »Ja, werde ich wohl. Jedenfalls deckst du den Tisch ab, wenn ich bis ein Uhr nicht wieder hier bin, denn dann bin ich in einem Nachbardorf zum Essen.« Damit setzte Kobus seinen Filzhut auf, holte seinen Gehstock mit dem Elfenbeinknopf aus der Kaminecke und stieg zum Hausflur hinab. Katel zog das Tischtuch ab und kicherte vor sich hin. »Morgen wird er als erstes nach dem Mittagstisch in den Großen Hirschen gehen. So sind die Männer eben, sie bessern sich doch nie.« Draußen schritt Kobus gravitätisch die Hildebrandtstraße hinauf. Das Wetter war herrlich, und alle Fenster waren dem Frühling geöffnet. »Hallo, guten Tag, Herr Kobus, jetzt kommt das warme Wetter«, riefen ihm die Hausfrauen zu. »Ja, Bärbel... ja, Kathrin, es sieht gut aus«, sagte er. Die Kinder tanzten, sprangen und lärmten an allen Türen. Es konnte keinen froheren Anblick geben. Nachdem Fritz die Stadt durch das alte Hildebrandttor verlassen hatte, wo die Frauen bereits überall an den alten Bastionen ihre Wäsche und ihre roten Röcke in die Sonne hängten, stieg er die Böschung zum Vorwerk hinauf. Im Schatten der Wehrgänge schmolz der letzte Schnee, und soweit der Blick reichte, sah man rings um die Stadt junge zartgrüne Triebe überall an den Hecken, in den Obstbäumen und an den Pappelalleen längs der Lauter Fluss in der Südpfalz, dessen Unterlauf stellenweise die Grenze zu Frankreich bildet. . Weit in der Ferne trugen die Gipfel des blauen Wasgenwalds Das im Originaltext gebrauchte französische Wort Vosges und der alte Name Wasgenwald für den südlichen Pfälzer Wald stammen von derselben Wurzel. noch einige kaum wahrnehmbare weiße Flecken, und darüber breitete sich der weite Himmel aus, auf dem leichte Wölkchen ins Unendliche davon trieben. Selig ließ Kobus den Blick in die Ferne gehen und dachte: »Wenn ich dort drüben am Ginsterhang wäre, dann hätte ich nur noch eine halbe Meile Die Meile war in Deutschland je nach der Region unterschiedlich festgelegt. Alle Maße lagen jedoch zwischen 7 und 7,6 km. Die französische lieue maß ca. 4 km. bis zu meinem Landgut im Meisental Der nachfolgend beschriebene Weg zum Meisenthâl gleicht in etwa dem, der Emile Erckmann zu seinem Lieblingsausflugsziel führte, einem Weiler namens Hammerweyer im Tal der Zinsel, nordöstlich von Phalsbourg ( Benoit-Guyod (s. Fußnote 4 zum Vorwort) S. 38 f, 114 und 257 f.) Aus Liebhaberei erwarb Erckmann 1868 die dortige Sägerei. . Dort könnte ich mit dem alten Christel über das Geschäft sprechen und die junge Saat und das weiße Kälbchen besehen, von denen mir Susel gestern erzählt hat.« Als er sich so gedankenverloren umschaute, flog ein Schwarm Ringeltauben hoch über den fernen Hang hinweg zum Buchenwald. Fritz blinzelte ihnen nach, bis sie in der endlosen Ferne verschwunden waren, und beschloß sofort, ins Meisental zu gehen. Soeben kam der alte Gärtner Bosser mit der Hacke auf der Schulter durch das Vorwerk. »Hallo, Vater Bosser«, rief Fritz. Der andere hob die Nase. »Da Sie auf dem Weg in die Stadt sind, machen Sie mir doch bitte die Freude und sagen Sie Katel, dass ich ins Meisental gehe und nicht vor sechs oder sieben Uhr zurück sein werde.« »Ja gut, Herr Kobus, ich werd's erledigen.« »Danke, Sie tun mir einen Gefallen.« Bosser entfernte sich, und Fritz schlug den Fußpfad nach links ein, der hinter dem Posttal hinab ins Blickental führt und gegenüber den Ginsterhang hinauf. Der Pfad war schon trocken, aber weiter unten auf der großen Wiese des Gresseltals kreuzten sich tausend Schmelzwasserbächlein und glänzten wie Silberadern in der Sonne. Während Kobus den Gegenhang hinaufstieg, erblickte er zwei oder drei Waldturteltaubenpärchen, die an den grauen Hupefelsen entlang schwirrten und auf den Felsleisten mit aufgefächerten Schwanzfedern schnäbelten. Es war ein Vergnügen zu sehen, wie sie geräuschlos durch die Luft glitten, und man hätte meinen können, dass sie keinen Flügelschlag nötig hatten, weil die Liebe sie trug. Unzertrennlich turtelten sie bald im Schatten der Felsblöcke, bald im hellen Licht, wie Blumensträuße, die flatternd vom Himmel fallen. Wem diese hübschen Vögel nicht gefielen, der musste herzlos sein, und Fritz, der sich gegen seinen Stock gelehnt hatte, sah ihnen lange zu. Er hatte sie nie so gut beim Schnäbeln gesehen, denn die Waldturteltauben sind sehr scheu. Schließlich bemerkten sie ihn und flogen davon. Da nahm er in Gedanken seinen Weg wieder auf, und gegen elf Uhr stand er oben auf dem Ginsterhang. Von dort aus sah Hüneburg mit den alten gewundenen Straßen, der Kirche, dem St.-Arbogastbrunnen Nach der Encyclopédie de l'Alsace , Vol. 11 (Strasbourg 1985: Publitotal), S. 6620, war Arbogast ca. 550-560 erster fränkischer Bischof von Straßburg (ebenso Otto Wimmer / Hartmann Melzer / Josef Gelmi : Lexikon der Namen und Heiligen (6. Auflage Innsbruck und Wien 1988: Tyrolia), S. 145). Er wurde zum Hauptpatron des Bistums Straßburg erhoben . , der Kavalleriekaserne und den drei alten verfallenen Stadttoren, von denen Efeu und Moos hingen, wie in blau auf den gegenüberliegenden Hang gemalt aus. Alle Fensterchen und Dachluken blitzten in der Sonne. Die Trompete der Husaren, die eben zum Appell rief, klang wie das Gebrumm einer Wespe. Durch das Hildebrandttor kam es wie ein Ameisenzug, und Kobus fiel ein, dass am Vorabend die Hebamme Lehnel gestorben war. Jetzt wurde sie beerdigt. Nach diesem Rückblick durchquerte er mit gutem Schritt die Hochfläche. Dort, wo der Sandpfad sich senkte, tauchten vor ihm plötzlich auf dem Grund des Meisentals, unten am Fuß des Abhangs, das große, mit grauen Ziegeln gedeckte Dach des Landguts und die zwei kleineren Dächer des Schuppens und des Taubenschlags auf. Es war ein altes, nach herkömmlicher Art errichtetes Landgut mit einem großen viereckigen Hof, den ein Mäuerchen aus Natursteinen umgab und in dessen Mitte ein Brunnen stand. Vor dem grünlichen Trog war die Tränke, die Vieh- und Pferdeställe standen rechts, links die Scheune und der Taubenschlag mit dem spitzen Türmchen darauf, und in der Mitte war das Wohnhaus. Dahinter lagen die Brennerei, das Waschhaus, die Kelter, der Hühnerstall und die Schweineställe. All das war hundertfünfzig Jahre alt, denn Großvater Nikolaus Kobus hatte es gebaut. Zehn Morgen Altes Flächenmaß, in Bayern 34,07 a, in Preußen 25,5 a. Der französische arpent maß – je nach Region – 20 bis 50 a. Naturweide, fünfundzwanzig Morgen urbares Land, ein Hang voller Obstbäume und, in einer sonnigen Ecke, ein Hektar Rebland mit gutem Ertrag verliehen diesem Landgut ansehnliche Einkünfte und begründeten seinen großen Wert. Während er den Serpentinenpfad hinunterstieg, erblickte Fritz Suselchen, die am Brunnen bei der Wäsche war, die Tauben, die in Schwärmen zu zehn bis zwölf Tieren um den Schlag turtelten, und Vater Christel, der mit der großen Peitsche in der Hand die Ochsen von der Tränke wegführte. Das ländliche Bild regte Fritz an. Er genoss das Gekläff des Hundes Mopsel und die Schläge des Wäscheklopfers, die durch das stille Tal klangen, und das Gebrüll der Ochsen, das bis in den Buchenwald gegenüber schallte, wo am Fuß der Bäume noch einige gelbliche Schneeflecken übriggeblieben waren. Das größte Vergnügen hatte er jedoch an Susel, die sich über das Waschbrett gebeugt hatte und die Wäsche einseifte, um sie dann wie ein gutes Hausfrauchen zu schlagen und zu wringen. Jedes Mal wenn sie das Wäscheholz hob, das vor Wasser und Seife glänzte, schien die Sonne darauf und schickte einen Lichtstrahl den Hang hinauf. Als Fritz zufällig einen Blick auf den Grund der Schlucht warf, wo die Lauter sich durch die Wiesen schlängelte, sah er oben auf einer alten Eiche einen Bussard sitzen. Er lauerte auf die Tauben, die um den Hof turtelten. Als Fritz mit seinem Stock auf den Vogel anschlug, strich der sofort ab und schickte ein wildes Miauen ins Tal hinunter. Auf diesen Kriegsruf hin flohen alle Tauben zum Schlag. Da lachte Fritz vor sich hin und lief weiter den Pfad entlang, bis ein helles Stimmchen rief: »Herr Kobus! Da kommt Herr Kobus!« Das war Susel, die ihn eben bemerkt hatte und jetzt die Scheune entlang rannte, um ihren Vater zu rufen. Kaum hatte Fritz den Fahrweg am Fuß des Hangs erreicht, als der alte Mennonit Erckmann-Chatrian setzen hier den Mennoniten (im Originaltext Anabaptistes ) ein Denkmal. Nachdem ihre erste Gemeinde 1523 in Zürich entstanden war, fand ihre Forderung nach der Erwachsenentaufe vor allem in Norddeutschland und Holland Anklang. Bald verschrieben sich diese Spättäufer oder Täufer der Lehre Ihres Predigers Menno Simons (1492-1559), der zu Friedfertigkeit, einfacher, tiefer Frömmigkeit und harter Arbeit auf dem Lande aufrief. Gewalttaten einzelner Fanatiker hatten jedoch die gesamte Glaubensgemeinschaft in Verruf gebracht, und die deutschen Landesherren vertrieben die Mennoniten, die man polemisch Wiedertäufer nannte. Einige fanden im 16. und 17. Jahrhundert Zuflucht im Oberrheintal. Vor allem im 19. Jahrhundert sind die ›Stillen im Lande‹ in so großer Zahl ausgewandert, dass sie heute in Deutschland als Religionsgemeinschaft keine herausragende Rolle mehr spielen. und Bauer mit dem breiten Vollbart, dem Hut aus Rosshaar und der grauen Wolljacke mit den Messingspangen ihm freudestrahlend entgegenkam und gutgelaunt ausrief: »Willkommen, Herr Kobus, willkommen. Sie machen uns sehr froh, denn wir haben Sie nicht so früh erwartet. Der Himmel sei gelobt, dass Sie sich heute entschieden haben und gekommen sind.« »Ja, Christel, ich bin's«, sagte Fritz und schüttelte dem braven Mann die Hand, »der Gedanke kam mir ganz plötzlich, und schon bin ich da. Hihihi, schön, dass Sie immer noch gut beieinander sind, Vater Christel.« »Ja, der Himmel hat uns die Gesundheit bewahrt, Herr Kobus. Es ist die größte Gabe, die wir uns wünschen können; er sei dafür gesegnet! Hier ist meine Frau, Susel hat sie hergerufen.« Richtig, die gute Mutter Orschel Im Originaltext Orchel , also wohl die in Südwestdeutschland gängige Form des Vornamens Ursel. kam auch herbeigeeilt. Sie war dick und fett, trug eine schwarze Tafthaube und eine weiße Schürze, und aus den Ärmeln der Bluse ragten ihre dicken runden Arme. Susel folgte ihr. »Ach Herrgott, Sie sind's, Herr Kobus«, sagte die Gute lachend. »Schon so früh? Ist das aber eine schöne Überraschung.« »Ja, Mutter Orschel. Das ist ja die reinste Augenweide hier. Ich habe einen Blick auf die Obstgärten geworfen, alles wächst nach Wunsch; und als ich eben das Vieh von der Tränke kommen sah, fand ich, dass es gut im Futter ist.« »Ja, alles ist in Ordnung«, sagte die dicke Bäuerin. Man sah ihr an, dass sie Kobus gern umarmt hätte, und auch Susel machte ein frohes Gesicht. Zwei junge Knechte im Hemd fuhren gerade mit dem Pflug im Geschirr hinaus. Sie hoben ihre Kappen und riefen: »Guten Tag, Herr Kobus!« »Guten Tag, Johann, guten Tag, Kaspar!« sagte er freundlich. Er stand jetzt vor dem Hofgebäude, dessen alte Fassade mit einem Spalier bedeckt war. Sechs oder sieben dicke, knotige Weinranken kletterten dort bis unter das Dach hinauf. Die Knospen waren noch kaum sichtbar. Rechts vor dem runden Türlein stand eine Steinbank, und weiter vorn, unter dem Schutzdach der Scheune, das zwölf Fuß über die ebene Erde vorsprang, waren Eggen, Karren, Strohhäcksler, Sägen und Leitern durcheinander aufgestapelt. Auch sah man an der Tür des Schuppens ein großes Fischernetz und darüber, zwischen den Tragebalken des Schuppens, hingen dicke Strohballen, in denen sich Spatzen eingenistet hatten. Mopsel, ein kleiner Schäferhund mit eisengrauem Fell, dickem Bart und hängendem Schwanz rieb sich eben an Fritz' Bein, der ihm mit der Hand über den Kopf strich. Unter Gelächter und heiterem Schwatz, zu dem die Ankunft des guten Kobus alle anregte, gingen sie in die Diele und weiter in die Wohnstube des Guts. Es war ein großer, kalkweißer, acht bis neun Fuß hoher Raum mit einer von braunen Balken durchzogenen Decke. Drei Fenster mit achteckigen Gläsern liefen auf das Tal und ein kleineres Fenster nach hinten zum Hang hinaus. Vor der Fensterreihe stand ein langer Tisch aus Buchenholz mit xförmigen Beinen und einer Bank auf jeder Seite. Links hinter der Tür erhob sich pyramidenförmig der Kachelofen, und auf dem Tisch standen fünf oder sechs Becher und ein Steinkrug mit blauem Blumendekor. Vervollständigt wurde das Mobiliar des Raums durch alte Heiligenbilder, die mit Zinnober aufgehellt und schwarz gerahmt waren. »Herr Kobus«, sagte Christel, »Sie essen doch bei uns, nicht wahr?« »Selbstverständlich.« »Gut. Orschel, weißt du, was Herr Kobus mag?« »Ja, sei nur ruhig. Wir haben erst heute Morgen Nudelteig gemacht.« »Also, setzen wir uns. Sind Sie müde, Herr Kobus? Möchten Sie Ihre Schuhe ablegen und meine Holzpantinen anziehen?« »Sie scherzen, Christel, ich habe die zwei Meilen zurückgelegt, ohne es zu merken.« »Umso besser. Susel, sagst du denn nichts zu Herrn Kobus?« »Was soll ich ihm denn sagen? Er sieht doch, dass ich hier bin und dass wir froh über ihn sind.« »Sie hat recht, Vater Christel. Wir zwei haben uns gestern schon genug unterhalten. Sie hat mir über alles hier berichtet, und ich schätze sie sehr, denn sie ist ein liebes Mädchen. Wissen Sie, was wir tun sollten, während Mutter Orschel uns Nudeln kocht? Lassen Sie uns doch hinausgehen und ein wenig die Felder, die Obstbäume und den Garten besehen. Ich bin so lange nicht draußen gewesen, dass mir der Weg hierher nicht genug Auslauf war.« »Gern, Herr Kobus. Susel, du kannst deiner Mutter helfen, wir kommen in einer Stunde zurück.« Während Fritz mit Vater Christel hinausging, sah er im Vorbeigehen vom Gang zum Hof her den Schein des Feuers hinten in der Küche. Die Bäuerin knetete schon den Teig im Becken. »In einer Stunde, Herr Kobus«, rief sie ihm zu. »Ja, Mutter Orschel, in einer Stunde.« Sie gingen hinaus. »Diesen Winter haben wir viel Obst gekeltert«, sagte Christel, »wenigstens zehn Fass Nach Prof. J. Etlin (s. Fußnote 10 zum Vorwort, Anhangsband, S. 11) meint das an dieser Stelle im Originaltext gebrauchte Wort mesure ein Hohlmaß von ca. 150 l. Apfelmost und zwanzig Fass Birnenmost. Most erfrischt bei der Kornmahd besser als Wein.« »Er ist auch gesünder als Bier«, fügte Kobus hinzu. »Weder muss man ihn verstärken noch mit Wasser strecken; er ist ein natürliches Getränk.« Sie gingen eben an der Mauer vor der Brennerei entlang. Durch ein Fensterchen warf Fritz einen Blick ins Innere. »Haben Sie Kartoffeln gebrannt, Christel?« »Nein, Herr Kobus, Sie wissen ja, dass sie letztes Jahr nichts hergegeben haben. Wir müssen auf eine große Ernte warten, damit's sich lohnt.« »Das stimmt. He, ich meine, dass Sie mehr Hühner haben als letztes Jahr, und hübschere?« »Ach ja, Herr Kobus, es sind Cochinchinahühner. Davon gibt's seit zwei Jahren viele im Land. Ich hatte sie bei Daniel Stenger auf dem Lauterbachhof gesehen und wollte auch welche haben. Es ist eine ansehnliche Rasse, aber ich möchte erst noch sehen, ob diese Cochinchinesischen gut im Eierlegen sind.« Sie waren vor dem Gatter des unteren Hofs, wo viele große und kleine Hühner mit dickem Kopfputz und breiten Klauen Bei einigen Haushuhnrassen – auch beim Cochinchinahuhn – schließt das Federkleid an den Beinen nach unten mit seit- oder abwärts gerichtetem Gefieder ab, das bis auf den Boden hinunterragen kann und breit ausläuft. im Schatten standen, mittendrin ein prächtiger Hahn mit fuchsroten Augen. Sie spähten und horchten herüber und putzten sich mit dem Schnabel. Einige Enten waren auch dabei. »Susel, Susel!« rief der Bauer. Das Mädchen kam sofort. »Ja bitte, Vater?« »Mach doch bitte das Gatter auf, damit die Hühner Auslauf haben und die Enten ans Wasser gehen können. Wenn das Gras gewachsen ist, kann man sie ja wieder einschließen, damit sie im Garten nicht alles herausreißen.« Susel öffnete eifrig das Gatter, und Christel ging die Wiese hinunter, Fritz hinterher. Hundert Schritte vor dem Fluss hielt der Mennonit an, weil der Boden tief wurde, und sagte: »Sehen Sie, Herr Kobus, seit sechs Jahren gibt dieser Fleck nichts als Weidengeflecht und Pfeilkraut her, kaum genug, um eine Kuh darauf zu weiden. Diesen Winter haben wir den Hang ausgeglichen, und jetzt läuft das Wasser schneller ab. Noch vierzehn Tage Sonne, und alles ist trocken. Dann können wir säen, was wir wollen, Klee, Süßklee oder Luzernen. Ich sage Ihnen, das gibt gutes Futter.« »Das nenne ich eine ausgezeichnete Idee«, sagte Fritz. »Ja, Herr Kobus, aber ich muss noch etwas anderes ansprechen. Wenn wir zum Hof zurückkehren und an der Stelle sind, wo der Fluss eine Schleife macht, werde ich's Ihnen erklären, dort verstehen Sie's besser.« Bis gegen Mittag gingen sie weiter durch das Tal spazieren. Christel legte Fritz seine Pläne offen. »Hier«, sagte er, »werde ich Kartoffeln anpflanzen, und dort werden wir Korn säen. Nach dem Klee ist der Boden darauf gut vorbereitet.« Fritz verstand nichts von Fruchtwechsel, gab sich aber den Anschein, als ob er sich auskenne, und der alte Bauer fachsimpelte gern. Es wurde heiß. Bei jedem Schritt durch fetten, tief umgepflügten Boden bleibt ein Erdklumpen am Hacken hängen, und Kobus bemerkte schließlich, dass ihm der Schweiß den Rücken hinunterlief. Als sie oben auf dem Hang standen und Atem holten, dröhnte in seinen Ohren das Gebrumm der Insekten, die in den ersten schönen Tagen aus der Erde steigen. »Hören Sie, Christel«, sagte er, »was für eine Musik ... nicht wahr? Es ist doch erstaunlich, dass das Leben als lauter Raupen, Maikäfer und Fliegen aus der Erde steigt und von einem Tag auf den anderen die Luft füllt. Das hat etwas Großartiges!« »Ja, sogar zu großartig«, sagte der Mennonit. »Wenn's nicht zum Glück die Spatzen, Buchfinken, Schwalben und die hundert anderen Arten von Vögelchen gäbe, die Stieglitze und die Grasmücken, die all das Ungeziefer kurz halten, dann wären wir verloren, Herr Kobus, dann würden uns die Maikäfer, Raupen und Heuschrecken alles wegfressen! Zum Glück hilft uns der Herr. Man müsste die Jagd auf kleine Vögel verbieten. Ich habe auf dem Hof stets das Ausrauben der Spatzennester untersagt, denn die Spatzen stehlen zwar viel Korn, retten uns aber noch mehr.« »Ja«, antwortete Fritz, »so geht's auf Erden zu. Die Insekten fressen die Pflanzen, die Vögel fressen die Insekten, und wir essen die Vögel mit allem anderen darin. Seit Anbeginn ist alles so eingerichtet, dass wir alles essen. Dafür haben wir zweiunddreißig Zähne, die einen spitz, andere schneidend, und wieder andere, die Backenzähne, zum Zerkauen. Das zeigt, dass wir die Herren der Welt sind. – Ach, hören Sie doch, Christel, was ist das?« »Das ist die dicke Glocke von Hüneburg, die Mittag schlägt. Der Schall dringt bis in dieses Tal hinein, dort hinten, beim Turteltaubenfelsen.« Sie stiegen wieder hinab. Hundert Schritt vor dem Hof blieb der Mennonit am Flussufer erneut stehen und sagte: »Herr Kobus, jetzt komme ich zu dem Einfall, von dem ich vorhin sprach. Sehen Sie, dass der Fluss hier flach ist? Jedes Jahr zur Schneeschmelze und wenn's im Sommer stark regnet, tritt der Fluss hier übers Ufer, in dieser Richtung mindestens hundert Schritt weit. Wenn Sie letzte Woche gekommen wären, hätten Sie ihn voll Schaum sehen können. Sogar jetzt ist der Boden noch ganz feucht. Ich habe mir gedacht, wenn wir in diesem Bogen fünf oder sechs Fuß Flussbett ausheben, dann haben wir zunächst zwei- oder dreihundert Karrenladungen fetten Boden, der auf dem Hang guten Humus bildet, denn dafür gibt's nichts Besseres als eine Mischung aus Lehm und Kalkboden. Dann fassen wir den Fluss mit einem festen Mäuerchen und haben den besten Teich, den man sich wünschen kann, um darin Forellen, Barben, Schleie und alle anderen Arten von Fisch zu halten, die in der Lauter vorkommen. Das Wasser läuft durch eine Schleuse mit Gittern hinein und auf der anderen Seite durch ein enges Flechtwerk ab. In dem strömenden Wasser fühlen sich die Fische zu Hause, und man muss nur das Netz hineinwerfen, um herauszuholen, was immer man haben mag. Derzeit gibt's kaum Fisch hier, zumal seit der Hüneburger Uhrmacher und seine zwei Söhne den lieben langen Tag angeln und jeden Abend die Forellen säckeweise davontragen. Was halten Sie davon, Herr Kobus, Sie mögen doch lebendfrischen Fisch so sehr? Jede Woche könnte Ihnen Susel den mit der Butter, den Eiern und den anderen Sachen bringen.« »Also«, sagte Fritz im Brustton der Bewunderung, » das ist ein herrlicher Gedanke. Christel, Sie sind ein gescheiter Mann. Ich hätte schon längst an diesen Teich denken sollen, denn ich esse gern Forelle. Sie haben recht. Ja, ja es ist völlig richtig! Gleich morgen fangen wir an, hören Sie, Christel? Heute Abend gehe ich nach Hüneburg und hole Arbeiter, Wagen und Karren zusammen. Der Architekt Lang muss auch kommen, damit alles richtig gemacht wird. Wenn wir fertig sind, setzen wir Forellen, Barsche und Barben aus, wie man Kohl, Radieschen und Rüben im Garten aussät.« Kobus lachte laut, und der alte Mennonit war sehr zufrieden, als er sah, dass Fritz seinem Plan zustimmte. Als sie wieder beim Hof waren, sagte Fritz: »Christel, ich werde acht, zehn oder vierzehn Tage bei Ihnen wohnen, um die Arbeit zu überwachen und voranzutreiben, denn ich möchte alles mit eigenen Augen sehen. Da unten am Fluss bauen wir aus gutem Kalk eine feste Mauer mit einem guten Fundament, und für den Boden des Teichs brauchen wir Sand und Kies, denn so mögen's die Fische im Strom. Schließlich soll der Bau lange halten.« Dann kamen sie in den großen Hof vor der Scheune. Susel stand in der Tür. »Wartet Mutter schon auf uns?« fragte sie der alte Mennonit. »Noch nicht, sie deckt gerade erst den Tisch.« »Gut, dann haben wir noch Zeit, um den Stall zu besichtigen.« Er überquerte den Hof und öffnete ein Fensterchen. Kobus sah in einen weißgekalkten, mit Bruchsteinen gepflasterten Stall mit einer leicht angeschrägten Ablaufrinne der Mitte. Im Schatten reihten sich die Ochsen und Kühe aneinander. Als die guten Tiere ihre Köpfe zum Licht drehten, sagte Vater Christel: »Die beiden großen Ochsen da vorn sind seit drei Monaten in der Mast. Der jüdische Schlachter Isaak Schmul will sie haben, er war schon zwei- oder dreimal hier. Die sechs anderen genügen dieses Jahr für die Feldarbeit. Sehen Sie doch einmal dieses kleine Schwarze, Herr Kobus, es ist so hübsch, dass es mir leid tut, davon kein zweites zu haben. Ich bin schon durch das ganze Land gereist, um noch eins zu finden. Mit den Kühen ist's übrigens genau wie im Vorjahr. Rösel gibt Milch, und ich lasse sie ihr weißes Kälbchen großziehen.« »Gut«, sagte Kobus«,ich sehe, es ist alles in Ordnung. Jetzt wollen wir essen, denn ich bekomme allmählich Appetit.« VI Fritz war von dem Einfall mit dem Fischteich so begeistert, dass er den Heimweg nach Hüneburg bereits gegen ein Uhr antrat, kaum dass das Mittagessen beendet war. Am nächsten Tag kam er mit einem Wagen voll Hacken, Schaufeln und Schubkarren, einigen Handwerkern vom Dreibrunner Im Original Trois Fontaines . Ein Ort dieses Namens findet sich ca. 10 km südwestlich von Phalsbourg. Steinbruch und dem Architekten Lang wieder, der den Bauplan entwerfen sollte. Sofort wurde das Gelände am Fluss untersucht. Lang nahm mit dem Zollstock in der Hand Maß und besprach das Vorhaben mit Vater Christel. Kobus setzte eigenhändig die Markierungspflöcke. Als man sich endlich über Gewerk und Vergütung geeinigt hatte, begannen die Handwerker mit der Arbeit. Langs Hauptvorhaben für dieses Jahr war die Steinbrücke über die Lauter zwischen Hüneburg und Biewerkirch Der Ortsname taucht im XVII. Kapitel in anderer Schreibweise wieder auf. Biberkirch ist ein Ortsteil von Trois Fontaines (s. vorige Fußnote). , und daher konnte er die Arbeiten nicht beaufsichtigen. Das übernahm Fritz, der das Gästezimmer des Mennoniten bezogen hatte. Da seine zwei Fenster im Dach der Scheune lagen, musste er nicht einmal aufstehen, um nach dem Werk zu sehen, denn von seinem Bett aus überschaute er mit einem Blick den Fluss, den Obstgarten gegenüber und den Hang darüber. Alles war wie für ihn eingerichtet. Wenn der Hahn frühmorgens seinen Ruf im noch nachtgrauen Tal erhob und weit, weit weg das Echo vom Bichelberg Ein Ort namens Buechelberg liegt ca. 1 km nördlich von Phalsbourg, auf dem Weg in das Tal der Zinsel (vgl. Fußnote 51). durch die Stille antwortete; wenn Mopsel in seine Ecke zurückkehrte, nachdem er zwei- oder dreimal gebellt hatte; wenn die Drossel von oben herab ihr erstes Lied in den widerhallenden Wald rief; wenn dann einige Sekunden lang alles wieder ruhig war und die Blätter zu rascheln begannen – ohne dass man gewusst hätte, weshalb, und als ob auch sie die Mutter des Lichts und des Lebens begrüßen wollten –, und wenn ein bleiches Licht sich auf dem Himmel ausbreitete, dann erwachte Kobus. Er hatte mit geschlossenen Augen zugehört und schaute nun hin. Um ihn herum war noch alles dunkel, aber unten auf der Diele ging der Knecht mit schweren Schritten zur Scheune und öffnete die Luke des Heubodens, um die Tiere zu füttern. Die Ketten klirrten, die Ochsen muhten leise wie im Schlaf, und Holzschuhe liefen hin und her. Bald danach stieg Mutter Orschel in die Küche hinunter. Während Fritz lauschte, wie die Gute Feuer machte und in den Kochtöpfen rührte, zog er die Vorhänge beiseite und sah die grauen Fensterchen, die sich schwarz umrissen vor dem bleichen Hintergrund abzeichneten. Manchmal stand eine Wolke als leichtes, purpurrotes Flöckchen zwischen den beiden Hügeln gegenüber und kündigte den Sonnenaufgang in zehn Minuten oder einer Viertelstunde an. Das Landgut war bereits voller Lärm. Im Hof lief alles, Hahn, Hühner und Hund, gackernd und bellend hin und her. In der Küche klapperten die Kochtöpfe, das Feuer knisterte, die Türen gingen. Außen an der Scheune ging eine Laterne entlang, und in der Ferne hörte man die Handwerker vom Bichelberg kommen. Dann wurde es plötzlich hell. Sie war es... die Sonne, die sich endlich zeigte. Fritz sah sie rotgoldglänzend zwischen den beiden Hügeln aufgehen und dachte dabei: »Gott ist groß.« Während er dann den Handwerkern zuschaute, wie sie gruben und die Schubkarren zogen, sagte er leise zu sich: »Es geht voran.« Er hörte auch Suselchen, die wie ein Rebhühnchen die Treppe hinauf- und hinunterlief und seine gewichsten Schuhe vor die Tür stellte. Das tat sie ganz leise, um Fritz nicht zu wecken. Er lächelte vor sich hin, umso mehr als der Hund Mopsel im Hof zu bellen begann und das Mädchen mit gedämpfter Stimme rief: »Pst! Pst! Oh du Schlingel, du weckst uns noch Herrn Kobus auf!« »Erstaunlich, wie das Mädchen sich um mich kümmert«, dachte er. »Sie errät alles, was ich mag. Als ich von den vielen Dampfnudeln genug hatte und lieber Eier wollte, hat sie mir welche gekocht, ohne dass ich etwas gesagt hätte. Dann mochte ich die Eier nicht mehr, und sie briet mir Kräuterkoteletts... Ein hellwaches, erstaunliches Kind, dieses Suselchen.« Mit diesen Gedanken zog er sich an und ging hinunter. Das Gesinde war eben mit dem Frühstück fertig, spannte den Karren an und fuhr davon. Das Tischende war mit einem weißen Tuch gedeckt, und darauf standen das Weinkrüglein und die dicke Wasserkaraffe, auf der Tröpfchen funkelten. Die Fenster zum Tal waren offen, und stoßweise trieben die herben Walddüfte herein. Wenn Vater Christel kam, war er manchmal schon am Hang gewesen. Dann war sein Hemd von Tau durchtränkt und das Schuhwerk mit gelbem Lehm bedeckt. »Nun, Herr Kobus«, rief der brave Mann, »wie geht's Ihnen heute morgen?« »Sehr gut, Vater Christel. Mir gefällt's hier immer mehr. Ich lebe wie die Made im Speck, denn Ihr Suselchen lässt's mir an nichts fehlen.« Wenn Susel dabei war, errötete sie und lief gleich davon. Der alte Mennonit sagte dann: »Sie loben das Kind zu sehr, Herr Kobus, davon wird sie noch eingebildet.« »Ach was, man muss sie doch ermuntern, zum Teufel. Sie ist ein ausgezeichnetes Hausfrauchen und wird das Glück Ihrer alten Tage sein, Vater Christel.« »Wenn Gott es will, Herr Kobus, wenn Gott es will, zu ihrem und unserem Glück.« Sie frühstückten zusammen und gingen dann das Werk besehen, das gut vorankam und rasch Gestalt annahm. Danach kehrte der Bauer auf den Acker zurück, und Fritz ging auf sein Zimmer, um eine gute Pfeife zu rauchen. Mit den Ellenbogen auf dem Fensterbrett unter dem Vordach beobachtete er die Handwerker beim Bau und das Gesinde, wie es kam und ging, das Vieh zum Fluss führte oder im Garten jätete. Er sah Mutter Orschel, die Erbsen säte, und Susel, die morgens gegen sieben und abends nach dem Essen gegen acht Uhr mit einem sauberen Eimer aus Tannenholz in den Stall ging, um die Kühe zu melken. Oft stieg Fritz dann hinunter, um dieses Schauspiel zu genießen, denn er hatte allmählich an der Viehwirtschaft Geschmack gewonnen und amüsierte sich, wenn er sah, dass die guten, ruhigen, friedlichen Kühe ihre rosigen oder bläulichen Mäuler Susel zuwandten und im Chor zur Begrüßung muhten, sobald sie kam. »Na los, Schwarz, auf, Horni... dreht euch um... lasst mich durch!« rief ihnen Susel zu und stieß sie mit ihrer kleinen drallen Hand an. Die Kühe mochten sie so sehr, dass sie Susel nicht aus den Augen ließen. Wenn sie auf dem dreibeinigen hölzernen Schemel saß und zu melken begann, drehte sich die große Weiß oder Röselchen ihr immer wieder zu, um sie zu belecken, was Susel unsagbar ärgerte. »So werde ich doch nie fertig, hört jetzt auf!« rief sie. Fritz, der durch die Bodenluke zusah, lachte aus vollem Hals. Manchmal band er nachmittags den Nachen los und fuhr zu den grauen Felsen beim Birkenwald hinunter. Er warf über dem sandigen Flughund das Netz aus, fing aber nur selten etwas und dachte jedes Mal, während er stromaufwärts zum Landgut zurückruderte: »Gut, dass wir den Fischteich anlegen. Mit einem einzigen Wurf des Netzes kann ich dort mehr Fisch fangen als ich in zwei Wochen aus dem Fluss holen könnte.« So ging die Zeit auf dem Hof vorüber, und Kobus staunte, wie wenig er seinen Weinkeller, seine Küche, die alte Katel und das Bier im Großen Hirschen vermisste, die er fünfzehn Jahre lang gewohnt gewesen war. »Ich denke so wenig daran, als ob das alles nie gewesen wäre«, sagte er manchmal abends vor sich hin. »Gewiss würde ich gern den alten Rebbe David, den langen Friedrich Schulz und den Steuereinnehmer Hahn sehen und abends eine Partie Jucker mit ihnen spielen. Ich komme aber auch ohne aus und meine sogar, dass es mir hier besser geht, denn meine Beine werden kräftiger und ich habe besseren Appetit. Das kommt von der guten Luft. Ich werde frisch, rosig und pausbäckig wie eine Stiftsdame heimkommen, und meine Augen werden nicht mehr zu sehen sein, so dick werde ich hier, hahaha!« Eines Tages kam Susel auf die Idee, in der Stadt eine fette Kalbsbrust zu kaufen, sie mit kleingehackten Frühlingszwiebeln und Eigelb zu füllen und zu diesem Gericht eigenartige, mit Zimt und Zucker bestreute Krapfen zu servieren. Fritz fand dies gelungen, und als er hörte, dass Susel die Leckerbissen ganz allein zubereitet hatte, konnte er sich nicht zurückhalten und sprach nach dem Essen zum Mennoniten: »Hören Sie, Christel, Ihr Kind ist ja außerordentlich fleißig und klug. Wo zum Teufel kann Susel das nur gelernt haben? Sie ist bestimmt ein Naturtalent.« »Ja, Herr Kobus, das ist sie«, sagte der alte Bauer. »Die einen werden mit Talenten geboren, und andere haben zu ihrem Unglück keine. Mein Hund Mopsel zum Beispiel kann gut Leute verbellen, aber wenn ihn jemand zum Jagdhund erziehen wollte, das würde ihn verderben. Unser Kind ist zur Hausfrau geboren, Herr Kobus, denn sie kann Hanf rösten, spinnen, waschen, Butter schlagen, Quark pressen und genauso gut kochen wie meine Frau. Nie muss man ihr sagen, ›Susel, das musst du so machen‹, denn sie tut's von allein, und deshalb nenne ich sie eine richtige Hausfrau – allerdings, ganz so weit wird sie wohl doch erst in zwei oder drei Jahren sein, denn jetzt ist sie noch nicht kräftig genug für die wirklich harte Arbeit. Aus ihr wird einmal eine gute Hausfrau, denn sie hat die Gaben des Herrn und tut alles gern. Wenn man seinen Jagdhund zur Jagd tragen muss, sagte der alte Jagdhüter Frölig, dann stimmt etwas nicht, denn die echten Jagdhunde laufen von allein hin. Man muss ihnen nicht erst sagen, was ein Spatz oder eine Wachtel oder ein Rebhuhn ist, und sie bleiben vor einem Erdhaufen nicht stehen, als ob's ein Hase wäre. Mopsel wird den Unterschied nie kennen, aber über Susel wage ich zu sagen, dass sie für die gesamte Hauswirtschaft geschaffen ist.« »Das ist klar«, sagte Fritz. »Dennoch ist das Talent für die Küche ein besonderer Segen. Man kann mit den Armen, den Beinen und mit gutem Willen Hanf rösten, spinnen, oder waschen – alles, was Sie wollen. Doch zwei Soßen unterscheiden und sie beide passend verwenden zu können, das ist selten. Daher setze ich diese Krapfen über alles, und ich bleibe dabei, dass man, um sie so gut zu machen, tausendmal mehr Talent braucht als zum Spinnen oder um fünfzig Ellen Tuch zu bleichen.« »Das kann sein, Herr Kobus, Sie kennen sich in diesen Kapiteln besser aus als ich.« »Ja, Christel, ich mag diese Krapfen so sehr, dass ich gern wüsste, wie Susel sie zubereitet hat.« »Wir brauchen sie doch nur zu rufen«, sagte der alte Bauer, »und sie wird's uns erklären. Susel! Susel!« Susel schlug gerade Butter in der Küche und hatte dazu hinter Rücken und Nacken eine weiße Latzschürze geschnürt, die vom unteren Ende des blauen Wollröckchens bis zu Susels hübschem rosigen Kinn hinaufreichte. Hunderte weißer Fleckchen besprenkelten ihre Wangen und kräftigen Arme, und einige Flecken waren sogar in ihrem Haar, so eifrig arbeitete sie. Ganz erhitzt trat sie ein und fragte: »Was ist denn, Vater?« Fritz sah sie so jung und lächelnd, mit den großen blauen, etwas naiv geweiteten Augen und dem kleinen, halb geöffneten Mund, der die hübschen weißen Zähne erkennen ließ, und konnte den Gedanken nicht zurückdrängen, dass sie appetitlich war wie ein Teller voll Erdbeeren mit Sahne. »Was ist denn, Vater?« fragte sie mit ihrem munteren Stimmchen, »hast du gerufen?« »Ja, Herr Kobus findet deine Krapfen so gut, dass er gern das Rezept hätte.« Susel wurde rot vor Stolz. »Herr Kobus will mich bloß auslachen.« »Nein, Susel, die Krapfen sind köstlich. Sag doch, wie du sie gemacht hast.« »Ach, Herr Kobus, es ist nicht schwer, ich habe... aber wenn Sie wollen, werde ich's aufschreiben... sonst vergessen Sie's wieder.« »Bitte? Sie kann schreiben, Vater Christel?« »Seit zehn Jahren führt sie auf diesem Hof die Bücher«, sagte der alte Mennonit. »Teufel... Teufel... schau an... eine richtige Hausfrau... ich werde sie bald nicht mehr duzen dürfen... Also gut, Susel, abgemacht, schreib mir bitte das Rezept auf.« Da ging Susel glücklich wie eine kleine Königin in die Küche zurück, und Kobus zündete seine Pfeife an, während der Kaffee kam. Am folgenden Nachmittag gegen fünf Uhr wurde der Fischteich fertig. Er war dreißig Meter lang, zwanzig breit und mit einer festen Mauer gefasst. Bevor man allerdings die Gitter einsetzen konnte, die im Klingental bestellt worden waren, musste erst das Mauerwerk gut durchtrocknen. Die Handwerker zogen mit geschulterten Hacken und Schaufeln ab, und Fritz erklärte am selben Abend bei Tisch, dass er morgen nach Hüneburg zurückkehren werde. Diese Entscheidung stimmte alle traurig. »Sie gehen zur schönsten Jahreszeit«, sagte der Mennonit. »In zwei oder drei Tagen werden die Haselnusssträucher Blütenkätzchen und der Holunder und der Flieder Blütenbüschel tragen. Dann blühen alle Ginsterbüsche am Hang, und im Schatten der Hecken wird's lauter Veilchen geben.« »Susel wollte Ihnen schon bald Radieschen vorsetzen«, sagte Mutter Orschel. »Mir tut's auch leid« antwortete Fritz, »denn ich könnte mir nichts Schöneres wünschen als zu bleiben, aber ich muss Geld einnehmen und Quittungen schreiben. Vielleicht warten einige Briefe auf mich. Übrigens bin ich in zwei Wochen wieder hier, wenn die Gitter eingesetzt werden, und dann kann ich mir alles anschauen, was Sie erwähnt haben.« »Wenn's sein muss«, sagte der Bauer, »dann wollen wir nicht mehr davon sprechen, obwohl's schade ist.« »Sicher, Christel, ich bedauer's auch.« Susel sagte nichts, sah aber sehr traurig aus, und als Kobus an diesem Abend wie üblich vor dem Zubettgehen an seinem Fenster Pfeife rauchte, hörte er sie nicht wie sonst beim Abwaschen mit ihrer hübschen Grasmückenstimme singen. Rechts, auf Hüneburg zu, war der Himmel glutrot, während die Hänge am anderen Ende des Horizonts von blauen Tönen in ein dumpfes Violett übergingen und schließlich im Dunkel verschwanden. Der Fluss im Talgrund flimmerte wie Goldstaub, und vor diesem lichten Hintergrund zeichneten sich als grobe schwarze Schraffur die Trauerweiden mit den langen herabhängenden Blättern ab, das Schilf mit den spitzen Halmen und die Korbweiden und Espen, die im leisen Wind raschelten. Ein Sumpfvogel, wohl ein Eisvogel, warf alle Augenblicke seinen fremdartigen Ruf in die Stille. Dann wurde alles still, und Fritz legte sich schlafen. Am nächsten Morgen gegen acht Uhr stand er gefrühstückt mit dem Gehstock in der Hand vor dem Landgut bei dem alten Mennoniten und Mutter Orschel und wollte gehen. »Wo ist Susel denn?« rief er, »ich habe sie heute morgen noch nicht gesehen.« »Sie muss im Stall oder im Hof sein«, sagte die Bäuerin. »Bitte holen Sie sie. Ich kann doch das Meisental nicht verlassen, ohne ihr auf Wiedersehen gesagt zu haben.« Orschel ging ins Haus, und einige Augenblicke später kam Susel mit rotem Gesicht heraus. »He, Susel, komm doch bitte her«, rief Kobus ihr zu, »ich muss mich bei dir bedanken, denn ich bin mit dir sehr zufrieden, weil du mich so gut umsorgt hast. Hier, nimm als Zeichen meiner Zufriedenheit einen Gulden, du kannst damit tun, was du möchtest.« Anstatt über das Geschenk froh zu sein, blickte Susel völlig verwirrt drein. »Danke, Herr Kobus«, sagte sie. Als Fritz darauf bestand und sprach: »Nimm doch, Susel, du hast ihn dir wirklich verdient«, wandte sie den Kopf ab und zerfloss in Tränen. »Was hat das zu bedeuten?« sagte jetzt Vater Christel, »warum weinst du?« »Ich weiß nicht, Vater«, schluchzte sie. Kobus dachte bei sich: »Susel ist stolz; sie fühlt sich als Magd behandelt, und das tut ihr weh.« Er steckte den Gulden in seine Tasche zurück und sagte: »Hör zu, Susel, ich werde dir selbst etwas kaufen, das bedeutet dir mehr. Doch du musst mir die Hand geben, denn sonst glaube ich, dass du mir böse bist.« Da gab ihm Susel die Hand, verbarg aber ihr hübsches Gesicht in der Schürze und verdrehte den Kopf zur Schulter. Als Fritz ihre Hand gedrückt hatte, lief sie in den Hausgang zurück. »Die Kinder haben lauter Flausen im Kopf«, sagte der Mennonit. »Sie glaubt wohl, dass Sie mit Geld bezahlen wollten, was sie aus gutem Herzen getan hat.« »Ja«, sagte Kobus, »es tut mir leid, dass ich sie verletzt habe.« »Ach was«, rief Mutter Orschel, »sie ist bloß eingebildet. Das Mädchen wird uns noch große Scherereien machen.« »Nur ruhig, Mutter Orschel«, sagte Fritz lachend, »lieber ein wenig zu stolz als zu wenig, glauben Sie mir, das gilt vor allem für die Mädchen. Jetzt auf Wiedersehen!« Christel begleitete ihn bis zum Hang. Bei den Felsen trennten sie sich, und Kobus nahm mit gutem Schritt den Weg nach Hüneburg. VII Soviel Fritz auf dem Landgut auch erlebt haben mochte, Hüneburg sah er mit lebhafter Freude auf dem Hügel vor sich wieder. Was am Tag seiner Anreise im Tal feucht gewesen war, schien jetzt trocken und hell. Wie ein riesiger grüner Teppich erstreckte sich die große Finkmatt vom Abhang hin zum Gresselbach, und die großen Pferdemisthaufen im Posttal, die mit grünen Hecken umzogenen Gärtchen der Veteranen und die alten bemoosten Wallanlagen darüber boten einen reizvollen Anblick dar. Dann erblickte er hinter den kugelförmigen Akazien des kleinen Platzes beim Rathaus die weiße Fassade seines Hauses und konnte trotz der Entfernung erkennen, dass die Fenster zum Lüften offenstanden. Unterwegs stellte Fritz sich das Wirtshaus zum Großen Hirschen vor und den Hof dahinter mit dem Saum von Platanen, unter denen sich an den Tischchen die Leute um die überschäumenden Bierkrüge drängten. Auch sah er sich selbst, zurückgekehrt in sein Zimmer, in Hemdsärmeln, Hüftbundhose und mit Pantoffeln an den Füßen. Da sagte er beschwingt vor sich hin: »Zu Hause mit den alten Kleidern und Gewohnheiten ist's doch am schönsten. Die zwei Wochen im Meisental waren gewiss nett, aber wenn ich länger dort geblieben wäre, hätte ich mich gelangweilt. Also – zurück zu den alten Streitgesprächen mit Rabbi Sichel und den Jucker partien mit Friedrich Schulz, dem Steuereinnehmer Hahn, Speck und den anderen. Das gefällt mir doch am besten. Wenn ich an meinem Tisch sitze und esse oder eine Rechnung begleiche, dann ist alles in schönster Ordnung. Woanders mag's mir gut gehen, aber nirgends ist's so ruhig und friedlich wie in meinem guten alten Hüneburg.« Nach einer halben Stunde, in der er so vor sich hingeschwärmt hatte, lag der Finkmattweg hinter ihm, und er kam an den Misthaufen des Posttals vorbei auf die Stadt zu. »Was wird wohl die alte Katel sagen?« dachte er. »Wahrscheinlich singt sie ihre alte Litanei daher und hält mir die lange Abwesenheit vor.« Als er unter dem Hildebrandttor war, verlängerte er die Schritte, lächelte und schaute sich um, während er vor den offenen Türen und Fenstern in der langen gewundenen Straße vorbeikam. Da schnitt der Klempner Schwarz mit der Brille auf der kleinen Stupsnase und geweiteten Augen sein Weißblech zurecht, und der Drechsler Sporte ließ das Rad singen und spulte Späne in endlosen Bändern ab. Der kleine gelbe Leineweber Koffel war bei der Arbeit und Schoss sein Weberschiffchen mit unaufhörlichem metallischem Klang durch, der Schmied Nickel beschlug an der Tür seiner Schmiede das Pferd des Gendarmen Hierthes, und der Küfer Schweyer trieb hinten in seinem widerhallenden Gewölbe mit festen Hammerschlägen Reifen auf ein Fass. Der Lärm und das Treiben, das helle Licht auf den Dächern und der Schatten in den Straßen; die Leute, die ihn im Vorbeigehen mit besonderem Blick begrüßten, als ob sie sagen wollten, »Herr Kobus ist wieder da, jetzt schnell nach Hause und die Neuigkeit meiner Frau erzählt«; die Kinder, die in der Schule im Chor »B-A BA, B-E, BE« riefen; die Hausfrauen, die in Gruppen zu fünft oder sechst vor ihren Türen saßen und strickten, wie Elstern schwatzten, Kartoffeln schälten und ihm zuriefen, »Hallo, sind Sie's, Herr Kobus? Wir haben Sie schon lange nicht mehr gesehen!«, während sie sich mit der Nadel hinter dem Ohr kratzten – all das ermunterte ihn und brachte ihn in sein gewohntes Gleis zurück. »Wenn ich heimkomme«, sagte er vor sich hin, »werde ich mich umziehen und dann im Großen Hirschen einen Schoppen Bier trinken.« Mit diesem angenehmen Gedanken kam er um die Ecke des Rathauses und überquerte den Akazienplatz, wo die alten Hauptleute im Ruhestand ihr Rheuma in der Sonne wärmten und sieben oder acht Husarenoffiziere in Uniform gravitätisch und steif wie Holzsoldaten spazieren gingen. Kaum hatte er die fünf oder sechs Stufen unter der Säulenfassade seines Hauses erstiegen, als die alte Katel schon vom Vorraum her rief: »Da kommt Herr Kobus!« »Ja... ja... ich bin's«, sagte er und stieg eilig hinauf. »Ach, Herr Kobus«, rief die Alte und faltete die Hände, »was haben Sie mir Angst gemacht!« »Aber Katel, als ich die Handwerker holte, habe ich dir doch gesagt, dass ich einige Tage nicht daheim sein würde!« »Ja, Herr Kobus, aber bedenken Sie doch... allein im Haus zu sein... nur für einen zu kochen...« »Ja sicher... ja gewiss... ich verstehe das... ich habe mich herumgetrieben, aber einmal in fünfzehn Jahren ist doch nicht zuviel. Nun, jetzt bin ich wieder hier... und du kannst wieder für uns zwei kochen. Bitte lass mich jetzt vorbei, Katel, damit ich mich umziehen kann, denn ich bin völlig verschwitzt.« »Ja, Herr Kobus, beeilen Sie sich, man erkältet sich ja so leicht.« Fritz ging auf sein Zimmer, schloss die Tür und rief: »Da wären wir also wieder!« Er war nicht mehr derselbe. Während er die Vorhänge aufzog, sich wusch, Wäsche und Oberbekleidung wechselte, lachte er und sagte zu sich: »Hihihi, ich muss wieder lustig werden und lachen! Die Ochsen, Kühe und Hühner auf dem Landgut haben mich stumpfsinnig gemacht.« Wie auf einer Laterna Magica zogen vor seinem geistigen Auge der lange Schulz vorüber, der Steuereinnehmer Hahn, der alte Rebbe David, das Wirtshaus zum Großen Hirschen , der alte Hof der Synagoge, die Markthalle, der Marktplatz und die ganze Stadt. Zwanzig Minuten später schritt er frisch, munter und fidel wieder aus dem Haus, hatte den breiten Filzhut aufs Ohr geschoben und rief Katel im Vorbeigehen mit strahlendem Gesicht zu: »Ich gehe aus, mich in der Stadt umtun.« »Ja, Herr Kobus, aber kommen Sie auch wieder?« »Sei nur ruhig, auf den Schlag zwölf komme ich zu Tisch.« Er trat auf die Straße und fragte sich: »Wohin jetzt? Ins Wirtshaus? Vormittags ist dort niemand. Also zum alten David, ja, zum alten Rebbe. Es ist lustig, kaum denke ich an ihn, schon sticht mich der Hafer. Ich muss ihn reizen und ärgern, das wird mich anregen und mir Appetit machen.« Mit dieser angenehmen Aussicht ging er die Kapuzinerstraße bis zum Hof der Synagoge Eine Synagoge gab es in Phalsbourg zu Emile Erckmanns Jugendzeit nicht ( Benoit-Guyod (Fußnote 4 zum Vorwort), S. 22). hinunter, den man durch ein altes Tor betrat. Nur über diesen Hof und das Treppchen dahinter kam man hinab zur Judengasse. Sie war so alt wie Hüneburg selbst, ein Reich grauer Schatten und hoher verfallener Gebäude, die von rostigen Dachrinnen zerfurcht waren. Ganz Judäa zog ringsum von den Fensterchen bis zu den Hausgipfeln zerlöcherte Strümpfe auf, alte speckige Unterröcke, geflickte Hosen und grobfaserige Wäsche. In allen Kellerfenstern erschienen wackelnde Köpfe mit zahnlosem Mund, Nase und Kinn wie auf einer Fasnachtsmaske. Die Leute machten einen derart alten Eindruck, dass man meinen konnte, sie seien aus Ninive oder Babylon gekommen oder aus der ägyptischen Gefangenschaft entflohen. Am Eingang zum Hof hockte im Schneidersitz ein christlicher Bettler mit einem grauen Dreiwochenbart, flachgekämmten Haaren und lang herabhängenden Koteletten. Alle nannten ihn Franzos' , denn er war ein napoleonischer Veteran. Der alte David wohnte hinten im Hof mit seiner Frau, der alten, runden, gelblich-fetten Surle, deren Wangen von dicken halbkreisförmigen Falten umgeben waren. Ihre Nase war stumpf, ihre Augen waren tiefbraun und ihr Mund war ein Loch, auf das ringsherum sternförmig Runzeln zuliefen. Dem mosaischen Gesetz gemäß verdeckte sie ihr Haar mit einem Stirnband, um keinen Fremden zu verführen. Ansonsten war sie gutherzig, und der alte David bezeichnete sie gern als vollkommenes Exemplar ihres Geschlechts. Fritz legte einen Groschen in Franzosens Sammelschale. Er hatte seine Pfeife entzündet und paffte dicke Wolken, als er an der Sickergrube vorbeikam. Vor dem Treppchen, dessen Stufen ausgewaschen wie Traufsteine waren, blieb er stehen, neigte sich zur Seite zu einem runden Fensterchen auf Bodenhöhe und sah den Rabbiner hinten in einem großen verrauchten Zimmer an einem alten Eichenholztisch sitzen. Er lehnte die Ellenbogen auf ein dickes Buch mit rotem Schnitt und stützte seine gerunzelte Stirn auf die Hände. In dem trüben Licht erschien das gedankenversunkenene Gesicht des alten David sehr ausdrucksvoll. Seine Miene erinnerte an den meditativen Blick eines Dromedars, den man übrigens bei allen orientalischen Völkern findet. »Er liest im Talmud«, sagte Fritz zu sich. Dann stieg er zwei Stufen hinab, öffnete die Tür und rief: »Bist du wieder in die Wonnen der Propheten versunken, alter Posche Jisroel ?« »Ach, du bist's, Schaute !« sprach der alte Rabbiner, dessen Gesicht sofort einen Ausdruck tiefer Zufriedenheit und feiner, wohlwollender Ironie annahm. »Du konntest es wohl nicht länger ohne mich aushalten, hast dich gelangweilt und wolltest mich besuchen?« »Ja, ich sehe dich immer wieder gern«, sprach Kobus lachend, »es ist mir ein Vergnügen, vor einen Rechtgläubigen zu treten, einen Enkel des tugendhaften Jakob, der seinen Bruder bestahl... Anspielung auf Gen 25, 27-34. « »Halt!« rief der Rebbe, »deine Witze über dieses Kapitel kann ich nicht durchgehen lassen, du Apikaures ohne Recht und Glauben. Lieber würde ich eine tüchtige Diskussion gegen zweihundert Priester, fünfzig Bischöfe und den Papst selbst durchstehen als gegen dich. Denn diese Leute müssten wenigstens den Text achten und anerkennen, dass Abraham, Jakob, David und alle Propheten ehrliche Leute waren. Nur du elender Schaute streitest alles ab, weist alles von dir und hältst unsere Patriarchen für Lumpen. Du bist schlimmer als die Pest, denn du lässt dir nichts erklären, und deshalb bitte ich dich, hör auf damit, Kobus. Es ist übel von dir, mich auf einem Gebiet anzugreifen, auf dem ich mich irgendwie zu verteidigen schäme... schick mir lieber den Pfarrer.« Da brach Fritz in ein gewaltiges Gelächter aus, setzte sich und rief: »Rebbe, ich liebe dich. Du bist der beste und lustigste Mann, den ich kenne. Also, wenn du dich davor schämst, Abraham zu verteidigen, dann lass uns von etwas anderem sprechen.« »Er braucht nicht verteidigt zu werden«, rief David, »er kann sich selbst verteidigen.« »Nun, es wäre jetzt schwer, ihm wehzutun«, sagte Fritz, »aber lassen wir das. Ach sag mal, David, ich lade mich jetzt bei dir auf ein Glas Kirschwasser ein, denn ich weiß, dass deins recht gut ist.« Dieser Vorschlag gefiel dem alten Rabbiner sehr, denn er liebte es wirklich nicht, sich mit Kobus über Religion zu unterhalten. Er erhob sich schmunzelnd, öffnete die Küchentür und sagte zur guten alten Surle, die gerade den Teig für einen Schaled Nach Landmann (s. Fußnote 13) eigentlich tscholent , d.i. der Oberbegriff für alle jüdischen Sabbatspeisen. Nach einer Fußnote im Originaltext bereitete Surle eine Art Pastete oder Auflauf ( gâteau ) zu. knetete: »Surle, gib mir bitte die Schlüssel zum Schrank. Mein Freund Kobus ist hier und möchte ein Glas Kirschwasser.« »Guten Tag, Herr Kobus!« rief die Gute, »ich kann nicht kommen, bin bis an die Ellenbogen im Teig.« Fritz hatte sich erhoben. Er schaute in die winzige, dunkle Küche, die durch ein bleigefasstes Fensterchen erhellt wurde, und sah die gute Alte kneten, während David ihr die Schlüssel aus der Tasche zog. »Lassen Sie sich nur nicht stören, Surle«, sagte er. David kam wieder herein, schloss die Küchentür und öffnete die Tür eines Schränkchens, in dem sich das Kirschwasser und drei Gläschen befanden. Er trug dies auf den Tisch und war offenbar froh, dass er Kobus etwas anbieten konnte. Kobus bemerkte es und rief, der Kirsch sei köstlich. »Du hast besseren«, meinte der alte Rebbe und probierte. »Nein, nein, David, vielleicht ebenso guten, aber keinen besseren.« »Möchtest du noch ein Glas?« »Nein danke, die guten Dinge darf man nicht missbrauchen, sagte mein Vater. Ich komme ja wieder.« Sie waren wieder versöhnt, doch der alte Rebbe kniff die Augen zusammen und setzte nach: »Was hast du denn da drüben gemacht, Schaute ? Ich habe mir sagen lassen, dass du große Aufwendungen vorgenommen hast, um einen Fischteich anzulegen. Ist das wahr?« »Es ist wahr, David.« »Aha!« rief der alte Rebbe, »das wundert mich nicht. Wenn's um Essen und Trinken geht, schaust du nicht aufs Geld.« Kopfschüttelnd näselte er: »Du bleibst auch immer derselbe.« Fritz grinste. »Hör zu, David,« sagte er, »in sechs oder sieben Monaten, wenn Fisch knapp wird und du mit hängendem Kopf vom Markt kommst, weil du nichts Gutes gefunden hast – denn du magst die guten Sachen auch, Alter, ja schüttele nur den Kopf, in dir steckt eine Katze, und Fisch ist dir gerade recht...« »Ach Kobus, Kobus!« rief David, »willst du mich jetzt als ebensolchen Apikaures wie dich selbst hinstellen? Gewiss, ich habe lieber einen schönen Hecht auf meinem Teller als einen Kuhschwanz, ist doch selbstverständlich. Ich wäre kein Mensch, wenn ich dies anders sehen würde. Bloß denke ich nicht im voraus darüber nach. Das übernimmt Surle.« »Blabla«, sagte Kobus, »wir werden sehen, ja, das werden wir sehen, ob du mir wegen meines Fischteichs noch Vorwürfe machst, wenn ich dir in sechs Monaten zum Simres-Thora -Fest Das jüdische ›Fest der Gesetzestreue‹, das am 8. oder 9. Tag des Laubhüttenfestes (= jüdisches Erntedankfest) zum Gedenken an die Verkündung des Gesetzes durch Moses gefeiert wird. Auch Simchat-Thora genannt. Forellen und Forstheimer Wein schicke.« David lächelte. »Der Herr«, sagte er, »hat alles gut gemacht. Den einen gibt er Klugheit, den anderen Besonnenheit. Du bist klug, und ich werfe dir deine Klugheit nicht vor, denn sie ist eine Gabe Gottes. Wenn die Forellen kommen, werden sie willkommen sein.« »Amen!« rief Fritz. Beide lachten aus vollem Herzen. Doch auch Kobus wollte den alten Rebbe ärgern. Daher sagte er plötzlich: »Und die Frauen, David, die Frauen? Hast du noch keine für mich gefunden? Die vierundzwanzigste? Du musst doch wild darauf sein, meinen Weingarten am Sonneberg zu gewinnen. Ich bin gespannt darauf, die vierundzwanzigste kennenzulernen.« Bevor er darauf antwortete, setzte David Sichel eine ernste Miene auf. »Kobus«, sprach er, »da fällt mir eine alte Geschichte ein, die jedem eine Lehre sein kann. Die Geschichte besagt, dass die Esel Pferde waren, bevor sie zu Eseln wurden. Sie hatten feste Fesseln, kleine Köpfe, kurze Ohren, und Schweife statt Fellbüscheln. Eines Tages stand eins dieser Pferde, der Urgroßvater aller Esel, auf einer Wiese, und das Gras ging ihm bis an den Bauch. Da sprach's zu sich: ›Dieses Gras ist mir zu grob, ich brauche feine Blumen, etwas Köstliches, was noch kein Pferd probiert hat.‹ Es verließ die Weide und suchte feine Blumen. Zunächst fand es Gras, das ihm noch unfeiner vorkam als das erste, und verschmähte es. Dann fand es an einem Sumpf Pfeilkraut und trampelte darüber hinweg. Schließlich umging es den Sumpf und kam in ein karstiges Land, immer noch auf der Suche nach feinen Blumen. Es bekam Hunger, schaute sich um, sah in einem Tal Disteln stehen – und fraß sie genüsslich auf. Da wuchsen seine Ohren, statt eines Schwanzes bekam es ein Fellbüschel, und als es wiehern wollte, kam ein ›I-A‹ heraus. Es wurde zum ersten Esel.« Fritz wollte über diese Geschichte lachen, war aber zu verärgert dazu, ohne zu wissen warum. »Wenn's aber die Disteln nicht gegessen hätte?« fragte er. »Dann wär's noch weniger geworden als ein Esel, nämlich ein toter Esel.« »Ach David, so ein Unsinn.« »Nein, es besagt nur, dass man besser jung heiratet als seine Magd zur Frau zu nehmen wie alle die alten Junggesellen. Glaub mir...« »Geh zum Teufel!« rief Kobus und erhob sich. »Es schlägt Mittag, ich habe keine Zeit, dir zu antworten.« David lachte vor sich hin, während er Kobus zur Tür brachte, und als Kobus davonging, sagte er mit schlauer Miene: »Hör zu, Kobus, du wolltest keine der Frauen, die ich dir angeboten habe, und dabei hattest du wohl nicht unrecht. Doch bald wirst du selbst eine aussuchen.« » Posche Jisroel «, antwortete Kobus, » Posche Jisroel !« Er hob die Schultern, faltete mit mitleidigem Gesicht die Hände und ging davon. »David«, rief Surle aus der Küche, »das Mittagessen Den Schaled (s.o.) wird Surle nicht aufgetragen haben, denn der wird am Vortag des Sabbat vorbereitet, in die heiße Backröhre gestellt und erst am Sabbat fertig aus dem Ofen genommen und serviert. Diese Praxis stellt die Einhaltung der Vorschrift sicher, wonach am Sabbat nicht gearbeitet, also auch nicht gekocht werden darf ( Landmann , s. Fußnote 63). ist fertig, deck bitte den Tisch.« Der alte Rebbe schaute mit seinen schlauen, ironisch zugedrückten Augen hinter Fritz her, bis der aus dem Tor war. Dann ging er hinein und lachte leise über diesen Besuch. VIII Am Nachmittag begab Kobus sich in die Schenke zum Großen Hirschen und fand dort seine alten Kumpane Friedrich Schulz, Hahn und die anderen wieder, die gerade eine Partie Jucker spielten wie jeden Tag von Neujahr bis Sylvester zwischen ein und zwei Uhr. Natürlich brachen sie alle in den Ruf aus: »Hallo, Kobus... Kobus ist da!« Jeder machte ihm eifrig Platz, während er lachend und juchzend links und rechts Hände schüttelte. Schließlich setzte er sich ans Tischende bei den Fenstern, und Lottchen mit der weißen, vor dem roten Rock ausgebreiteten Schürze setzte ihm ein Bier vor. Er nahm das Glas, hielt es ernst vor das Licht, bewunderte die schöne Bernsteinfarbe, blies den Schaum vom Rand und trank hingegeben und mit halb geschlossenen Augen. Dann rief er »es schmeckt!« und beugte sich über die Schulter des langen Friedrich, um ihm in die Karten zu kiebitzen, die er eben aufgenommen hatte. So einfach kam er auf seine alten Gewohnheiten zurück. »Treff! Karo! Stecht das As!« rief Schulz. »Ich gebe«, sagte Hahn und sammelte die Karten ein. Die Gläser klangen, die Flaschen klirrten, und Fritz dachte bald an das Meisental nicht mehr als an den Großtürken. Es war, als ob er Hüneburg nie verlassen hätte. Um zwei Uhr trat Herr Professor Speck ein, über dessen großen, eckigen Schuhen an den langen mageren Beinen und dem langen kastanienbraunen Rock eine Himmelfahrtsnase ragte. Feierlich zog er den Hut und sprach: »Ich habe die Ehre, dieser Gesellschaft zu vermelden, dass die Störche eingetroffen sind.« Sofort klang es aus jeder Ecke der Schenke zurück: »Die Störche sind da! Die Störche sind gekommen!« In einem wilden Durcheinander ließ alles die halbleeren Schoppen stehen, um die Störche zu sehen, und in weniger als einer Minute steckten mehr als hundert Leute vor dem Großen Hirschen die Nasen in die Luft. Hoch oben auf der Kirche stand ein Storchenweibchen auf einem Bein. Es hatte die schwarzen Flügel über dem weißen Schwanz zusammengefaltet, den großen roten Schnabel wie traurig geneigt und ließ sich von der ganzen Stadt bewundern. Das Männchen flog im Kreis umher und versuchte, sich auf das Rad zu stellen, an dem noch ein paar Halme Stroh hingen. Soeben kam auch der Rebbe David, schob den alten Hut in den Nacken, schaute hinauf und rief: »Sie kommen von Jerusalem!... Sie haben auf den Pyramiden von Ägypten gerastet... Sie sind übers Meer gezogen.« Die Straße entlang und vor der Markthalle sah man nur Hausfrauen, alte Papas und Kinder mit begeistert zurückgelegtem Kopf. Einige Alte wischten sich die Augen und sagten: »Wir haben sie noch einmal gesehen.« Kobus besah sich die braven Leute und die begeisterten Mienen und dachte: »Ist doch lustig, wie wenig es braucht, um die Menschen zu erheitern.« Vor allem das frohe Gesicht des alten Rabbiners versetzte ihn in Laune. »Na, Rebbe«, sagte er zu ihm, »das findet du wohl hübsch?« Dieser senkte die Augen, sah ihn lachen und rief: »Hast du denn kein Herz? Siehst du überall nur Ziele für deinen Spott? Hast du kein Gefühl?« »Schrei nicht so laut, Schaute , alle Leute schauen auf uns.« »Ich schreie, wie's mir beliebt! Dir kann man nur so die Wahrheit sagen! Und wenn's mir passt ...« Zum Glück hatten sich die Störche bereits ausgeruht und flogen soeben wieder ab, um die Stadt zu besehen und die Wolken über Hüneburg in Besitz zu nehmen. Überall auf dem Platz, wo man vor Begeisterung hingerissen war, erhob sich ein bewundernder Ruf. Als ob sie diesen Gruß erwidern wollten, klapperten die beiden Vögel im Flug mit den Schnäbeln. Eine Horde Kinder folgte ihnen durch die Kapuzinerstraße und rief: »Trariro, der Sommer kommt wieder! Juh, juh, juh, der Sommer kommt wieder!« Kobus ging mit den anderen in die Schenke zurück, und bis sieben Uhr gab es dort kein anderes Thema als die Rückkehr der Störche und den Schutz, den sie über den Städten ausbreiten, wo sie nisten; ganz zu schweigen von den besonderen Diensten, die sie Hüneburg durch die Vernichtung der Kröten, Nattern und Eidechsen leisteten. Ohne die Störche würde es von diesen Kriechtieren in den alten Stadtgräben nur so wimmeln, und nicht nur dort, sondern auch auf beiden Ufern der Lauter, wenn der Himmel nicht diese Vögel gesandt hätte, um das Ungeziefer auf der Flur auszurotten. Nachdem auch David Sichel eingetreten war, wollte Fritz ihn reizen und behauptete daher, die Juden hätten die Gewohnheit gehabt, die Störche zu töten und sie zum Passahfest zusammen mit dem Osterlamm zu verspeisen. Diese Gewohnheit habe damals die große Plage in Ägypten ausgelöst, wo es Frösche Die ägyptische Froschplage ist in Ex 8, 1-10 beschrieben, aber ohne die von Fritz dargestellten grotesken Einzelheiten. in derart großer Zahl gegeben habe, dass sie durch die Fenster hereingekommen und sogar aus den Kaminen gefallen seien. Schließlich hätten die Pharaonen sich keinen anderen Rat gewusst, um sich vor dieser Geißel zu retten, als die Söhne Abrahams aus dem Lande zu jagen. Diese Darstellung brachte den alten Rebbe derart in Wut Seit dem Mittelalter haben Christen immer wieder böswillig den Juden vorgeworfen, sie hätten anstatt des Passahlamms Christenkinder geschlachtet und verzehrt. Der Anklang an diese antisemitische Hetzgeschichte erklärt wohl den Zorn des Rabbi , wenn Fritz' Storch-Variante auch witziger und weniger herausfordernd erscheinen mag. , dass er erklärte, Kobus gehöre gehängt. Da fühlte sich Fritz wegen der Fabel von dem Esel und den Disteln gerächt, und Tränchen liefen ihm über die Wangen. Dann erhöhten der lange Friedrich Schulz, Hahn und Professor Speck seinen Triumph und riefen, dass der Frieden wiederhergestellt werden müsse. Zwei alte Freunde wie David und Kobus dürften nicht wegen der Störche zerstritten bleiben. Sie schlugen Fritz vor, seine Behauptung zurückzunehmen, und David solle ihn dafür umarmen. Fritz stimmte zu, die beiden fielen sich gerührt in die Arme, und der alte Rebbe schluchzte: »Wenn er nicht den Fehler hätte, so kreuz und quer zu lachen, dann wäre Kobus der beste Mensch auf der Welt«. Man kann sich denken, dass Fritz diese Geschichte erheiterte. Er hörte erst gegen Mitternacht auf, darüber zu lachen, und sogar viel später schmunzelte er noch, wenn er sich gelegentlich daran erinnerte. »Man müsste sehr weit gehen«, dachte er, »um so herzliche Menschen wie in Hüneburg zu finden. Der arme Rebbe David ist ja so ehrlich in seinem Glauben! Der lange Friedrich, der gute alte Pferdekopf, und Hahn, der so gicksen kann! Welch ein Glück, hier zu leben!« Am nächsten Morgen schlief er noch um acht Uhr glückselig, aber dann weckte ihn ein grässliches Knirschen auf. Er horchte und erkannte, dass der Scherenschleifer Higenbeck Im Originaltext Higuebic . sich soeben wie jeden Freitag an der Hausecke aufgestellt hatte, um die Messer und Scheren der ganzen Stadt zu schärfen. Das störte Fritz sehr, denn er war noch müde. Alle Augenblicke unterbrach das Schwatzen der Hausfrauen das Pfeifen des Schleifrades. Dann wieder knurrte der Pudel, der Esel schrie, jemand fing an, über den Schleiferlohn zu feilschen, oder es kam wieder etwas anderes. »Hol ihn der Teufel!« dachte Kobus. »Sollte das nicht der Bürgermeister verbieten? Der letzte Bauer kann friedlich schlafen, aber gute Bürger werden um acht Uhr aufgeschreckt, weil die Behörde nicht aufpasst.« Plötzlich fing Higenbeck an, mit näselnder Stimme zu rufen: »Messer, Scheren schleifen!« Da hielt Fritz es nicht mehr aus und stand wütend auf. »Das muss ich melden«, brummte er vor sich hin, »ich bringe das vor den Amtsrichter. Sonst glaubt dieser Higenbeck am Ende noch, dass die Hausecke ihm gehört. Seit fünfundvierzig Jahren stört er uns alle nun schon, meinen Großvater und mich, aber jetzt reicht's, es wird Zeit, dass das aufhört!« So grollte Kobus, während er sich anzog. Er war verwöhnt durch die Zeit auf dem Landgut, wo kein Geräusch außer dem Geraschel des Laubs den Schlaf gestört hatte. Doch nach dem Frühstück dachte er nicht mehr an die Belästigung. Ihm fiel ein, dass er zwei Fässer Rheinwein, die er im vorigen Herbst gekauft hatte, auf Flaschen ziehen könnte. Daher schickte er Katel nach dem Küfer und zog die dicke graue Wolljacke an, die er bei der Arbeit in seinem Weinkeller trug. Der alte Schweyer kam in seiner Lederschürze, die ihm bis zu den Knien hinabreichte, mit dem Holzhammer im Gürtel und dem Bohrer unter dem Arm. Sein dickes Gesicht strahlte. »Also, Herr Kobus«, sagte er, »dann fangen wir heute an?« »Ja, Vater Schweyer, es ist Zeit. Der Markobrunner Zur Herkunft der Weine vgl. die Fußnoten zum III. Kapitel. lagert seit fünfzehn Monaten im Fass und der Steinberg seit sechs Jahren.« »Gut... und die Flaschen?« »Wurden vor drei Wochen gespült und trocknen seitdem.« »Oh, wenn's darum geht, edlen Wein zu pflegen«, sagte Schweyer, »darauf versteht man sich bei Kobus, Vater und Sohn. Dann müssen wir ja nur noch hinuntersteigen?« »Ja, gehen wir hinunter.« Fritz zündete in der Küche eine Kerze an und nahm den einen Henkel des Flaschenkorbs. Schweyer ergriff den anderen, und sie gingen in den Keller hinab. Als sie unten angekommen waren, rief der alte Küfer: »Welch ein Keller, wie trocken alles hier ist! Hm, hm, ein schöner heller Klang. Ach, Herr Kobus, ich habe hundertmal gesagt, dass Sie den besten Keller in der Stadt haben.« Dann näherte er sich einem Fass und klopfte mit dem Finger daran: »Das ist der Markobrunner , nicht wahr?« »Ja, und dort ist der Steinberg .« »Gut, gut, dann werden wir einmal ein Wörtlein mit ihm sprechen.« Er bückte sich, stützte den Bohrer gegen seinen eingekrümmten Bauch, stach das Fass Markobrunner an und setzte geschickt den Zapfhahn in die Öffnung. Dann reichte Kobus ihm eine Flasche, die er füllte und verkorkte. Fritz zog eine blaue Kappe aus Wachs darüber, stempelte sie, und so wiederholte sich der Vorgang zur großen Zufriedenheit von Kobus und Schweyer. »Hihihi«, ging es immer wieder, »wir machen Pause.« »Und trinken einen Schluck«, sagte Fritz. Sie nahmen den kleinen Becher vom Spundloch, erfrischten sich mit einem Schluck des ausgezeichneten Weins und nahmen ihre Arbeit wieder auf. Bisher hatte Kobus jedes Mal nach zwei oder drei Gläsern angefangen, schrecklich laut alte Melodien zu singen, die ihm einfielen, etwa das Miserere Lateinisches Kirchenlied ( Miserere mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam... ). , die Gambrinushymne Bei Ernst Challier : Großer Lieder-Katalog (Berlin 1885) sind zwei Lieder unter diesem Titel verzeichnet: Alle meine Pulse klopfen, tralala, bei dem Duft von Malz und Hopfen, tralala ... von A. Hopf (Text) und August Conradi (Melodie); ferner Stimmt an ein Lied zum Preis ... von Adolf Müller (Melodie); der Texter ist nicht bekannt. oder das Lied von den drei Husaren S. dazu Fußnote 46. . »Das hallt wie in einem Dom«, lachte er. »Ja, Sie singen gut« sagte Schweyer. »Schade, dass Sie nicht in unserem großen Johannisbergchor mitgesungen haben. Man hätte nur noch Sie gehört.« Dann begann er zu erzählen, dass es zu seiner Zeit bei den Küfern im Nassauer Land Gemeint ist vermutlich – der Hinweis auf den Groß herzog weiter unten im Text ist unzutreffend – das Herzogtum Nassau, das durch den Wiener Kongreß errichtet wurde und den Rheingau mitsamt dem berühmten Johannisberg umfaßte. einen Musikverein Die hier beschriebenen Bräuche der Küfer sind zwar historisch nicht belegt, aber auch nicht unwahrscheinlich, denn es gab in den Küferzünften durchaus besondere Riten, z.B. den sogenannten Binderschlag oder den Küfertanz; auch der Gesang im Kreis der Handwerker wurde gepflegt (vgl. Waltraud Linder-Beroud : Von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit? Untersuchungen zur Interdependenz von Individualdichtung und Kollektivlied , in: Lutz Röhrich (Hrsg.): Artes Populares / Studia Ethnographica et Folkloristica , Band 18 (Frankfurt / Main 1989: Lang), S. 115 ff). gegeben und dass man in diesem Verein nur unter Begleitung von Fässern, Tönnchen und Kannen gesungen habe. Die Flaschen und die Kannen hätten die Altlage und die Fuder den Bass gegeben. Niemals habe man etwas derart Sanftes und Bewegendes gehört. Die Töchter der Küfermeister hätten den Besten Preise verliehen, und er, Schweyer, habe zwei Trauben und einen Pokal aus Silber erhalten, weil er so harmonisch auf ein Fass von dreiundfünfzig Maß S. Fußnote 56. klopfen konnte. Er erzählte bewegt durch seine Erinnerungen, und Fritz musste sehr an sich halten, um nicht in Lachen auszubrechen. Schweyer erzählte noch von vielen anderen merkwürdigen Dingen, vor allem vom Weinkeller des Großherzogs von Nassau, der nach seinen Worten »kostbaren Wein enthält, dessen Ursprungsjahre in grauer Vorzeit liegen.« Auf diese Weise machte der alte Schweyer die Arbeit angenehm. Wegen des Frohsinns verlief die Abfüllung, Versiegelung und Ablage der Flaschen nicht etwa langsamer; im Gegenteil, es geschah mit umso mehr Maß und Schwung. Kobus hatte die Gewohnheit, Schweyer zu ermuntern, wenn dessen Arbeitseifer nachließ. Mal sagte er ihm etwas Nettes, mal gab er ihm das Stichwort für eine neue Geschichte. An jenem Tag jedoch hatte der alte Küfer den Eindruck, dass Fritz anderen Gedanken nachging. Zwei- oder dreimal setzte Fritz zum Singen an, brummte aber nur etwas, verstummte dann und schaute zu, wie eine Katze durch das Oberlicht entschlüpfte oder draußen ein Kind sich neugierig bückte, um zu sehen, was im Keller vor sich ging. Er horchte nach dem pfeifenden Wetzstein des Scherenschleifers, dem Gebell seines Pudels oder anderen Geräuschen. Fritz war mit dem Geist nicht im Weinkeller, aber der zurückhaltende Schweyer wollte seine Gedankengänge nicht stören. So ging es drei oder vier Tage lang weiter. Jeden Abend spielte Fritz wie üblich einige Partien Jucker im Großen Hirschen . Auch seine Freunde dort bemerkten seine Geistesabwesenheit, denn Fritz vergaß zu spielen, wenn er an der Reihe war. »Los, Kobus, los doch, du bist dran«, rief ihm der lange Friedrich zu. Da warf Fritz irgendeine Karte hin, und natürlich verlor er. »Ich habe kein Glück«, sagte er, als er heimging. Schweyer hatte auch bei sich daheim zu tun und konnte nur für zwei oder drei Stunden am Tag kommen, morgens oder am Nachmittag. So zog sich die Arbeit dahin und fand schließlich ein merkwürdiges Ende. Als der alte Küfer den Steinberg abzog, wartete er darauf, dass Fritz ihm wie gewohnt den Becher füllte und anbot. Der zerstreute Fritz vergaß diese wichtige Zeremonie jedoch, und das ärgerte Schweyer. »Seinen Krätzer gönnt er mir«, sagte er zu sich, »aber seine feinste Sorte ist ihm wohl zu schade für mich.« Dieser Gedanke verdarb Schweyer die Laune. Als Kobus ihm wenig später zwei Tropfen Wachs auf die Hände fallen ließ, während Schweyer sich bückte, platzte er wütend heraus. »Herr Kobus«, sagte er und richtete sich auf, »ich glaube, Sie werden verrückt! Neulich haben Sie das Miserere gesungen, und dagegen wollte ich nichts sagen, obwohl's eine Herausforderung unseres Glaubens war, vor allem bei meinem vorgerückten Alter. Mir war, als ob Sie mir die Tür zum Grab öffnen wollten, und das war hässlich, wenn man bedenkt, dass ich Ihnen nichts angetan habe. Außerdem ist das Alter kein Verbrechen, denn jeder möchte alt werden. Sie werden vielleicht auch alt, Herr Kobus, und dann werden Sie Ihre Grobheit einsehen. Aber jetzt tropfen Sie mir auch noch hinterhältig Wachs auf die Hände.« »Hinterhältig?« rief Fritz verdutzt. »Ja, hinterhältig. Sie lachen doch über alles!... Sogar jetzt wollen Sie mich bestimmt auf den Arm nehmen, aber ich bin nicht Ihr Hanswurst, hören Sie? Das ist das letzte Mal, dass ich mit einem Schelm wie Ihnen gearbeitet habe.« Mit diesen Worten zog Schweyer die Schürze ab, nahm seinen Bohrer und stieg die Treppe hinauf. Der wahre Grund für seinen Zorn war aber weder das Miserere noch die Wachstropfen. Es war der vorenthaltene Steinberg . Kobus, der nicht dumm war, bemerkte dies bald und bedauerte seine Unhöflichkeit und Nachlässigkeit gegenüber den alten Sitten sehr, denn alle Kellermeister der Welt haben ein Anrecht auf einen kräftigen Probeschluck von dem Wein, den sie auf Flaschen ziehen, und wenn der Hausherr dabei ist, hat er den Wein anzubieten. »Wo zum Teufel habe ich seit einigen Tagen meinen Kopf?« sagte Fritz zu sich. »Ständig starre ich vor mich hin, gähne und langweile mich. Eigentlich fehlt mir nichts, aber ich bin geistesabwesend. Das ist doch merkwürdig... ich muss besser auf mich aufpassen.« Es blieb aber dabei, dass Fritz den Küfer nicht zurückholen konnte, und daher musste er seinen Wein schließlich allein abfüllen. IX Wenn dienstags und freitags morgens Markt war, pflegte Kobus sich ans Fenster zu setzen, Pfeife zu rauchen und den Hüneburger Hausfrauen zuzusehen, die auf dem Akazienplatz geschäftig zwischen den langen Reihen der Körbe, Kisten, geflochtenen Käfige, Buden, Töpferstände und Karren hin und her eilten. Stets genoss er dieses Schauspiel und amüsierte sich unsagbar über all den Lärm und die tausend Gesten, mit denen Händler und Käufer schreiend feilschten. Wenn er von fern ein schönes Stück erblickte, rief er sogleich Katel herbei und sagte ihr: »Siehst du den Kranz aus Krammetsvögeln oder Meisen dort hinten? Siehst du den großen rötlichen Hasen auf dem dritten Stand der letzten Reihe? Geh dort einmal nachschauen.« Katel ging dann hinaus, und er verfolgte interessiert, wie sie verhandelte. Kam die alte Magd mit den Meisen, den Krammetsvögeln oder dem Hasen zurück, dann sagte er zu sich: »Wir haben's!« Eines Morgens merkte er, dass er ganz gegen seine Gewohnheit geistesabwesend war, ständig in die Hand gähnte und gleichgültig zuschaute. Keine Ware lockte ihn, und das Getümmel und das Hin und Her der Leute kamen ihm eintönig vor. Manchmal richtete er sich auf, schaute zum fernen Ginsterhang und dachte: »Wie schön die Sonne jetzt aufs Meisental scheint.« Tausend Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er hörte das Vieh brüllen und sah Susel, die in Hemdsärmeln mit dem Eimer aus Tannenholz in der Hand und Mopsel bei den Fersen unter der Scheune entlang zum Stall schlüpfte. Diese Erinnerungen ergriffen ihn. »Die Mauer im Fischbecken müsste jetzt trocken sein«, dachte er, »bald kann man das Gitter einsetzen.« Während er vor sich hinträumte, kam Katel herein. »Herr Kobus«, sagte sie, »dies habe ich in Ihrem Winterumhang gefunden.« Es war ein Stück Papier. Er faltete es auseinander. »Ach ja«, sagte er betroffen, »das Krapfenrezept! Wie konnte ich's nur drei Wochen lang vergessen? Ich habe eben meine Gedanken nicht beisammen.« Er sah die alte Magd an und rief erregt: »Das ist ein Rezept für Krapfen, für ganz köstliche Krapfen! Rate mal, Katel, wer mir das Rezept gegeben hat?« »Die große Fränzel vom Roten Ochsen .« »Ach, geh mir doch mit der Fränzel! Als ob die irgendetwas erfinden könnte, ganz zu schweigen von solchen Krapfen! Nein... es ist Susel, die Tochter des Mennoniten.« »Oh die«, sagte Katel, »das wundert mich nicht, denn sie steckt voller guter Einfälle.« »Ja, sie ist ihrem Alter voraus. Katel, du musst mir diese Krapfen machen. Folge aber genau dem Rezept, hörst du, denn sonst geht's schief.« »Nur ruhig, Herr Kobus, ich werd's schon besorgen.« Katel ging, und Fritz setzte sich ans Fenster, während er sorgfältig seine Pfeife stopfte. Jetzt kam ihm alles verändert vor, die Gesichter, die Mienen, das Gerede und Geschrei überall – es war, als ob der Platz plötzlich im Sonnenschein lag. Fritz dachte wieder an das Landgut und fand, dass das Leben in der Stadt eigentlich nur im Winter angenehm sei und dass es gut tue, manchmal den Speisezettel zu ändern, denn immer dieselbe Küche sei auf die Dauer fade. Ihm fiel ein, dass die guten frischen Eier und der Quark beim Mennoniten zum Frühstück besser geschmeckt hatten als sämtliche Schleckereien von Katel. »Wenn ich nicht unbedingt Jucker spielen, Bier trinken und David, Friedrich Schulz und den dicken Hahn sehen müsste,« sagte er zu sich, »dann würde ich lieber sechs Wochen oder zwei Monate im Jahr im Meisental verbringen. Doch meine Annehmlichkeiten und Angelegenheiten sind nun einmal hier. Schade, dass man nicht alle Freuden zusammen haben kann.« Diese Gedanken setzten sich in seinem Geist fest. Nachdem es elf geschlagen hatte, kam die alte Magd und deckte den Tisch. »Also, Katel«, sagte Fritz und wendete sich ihr zu, »und meine Krapfen?« »Sie haben recht, Herr Kobus, sie sind wirklich delikat.« »Sind sie dir gelungen?« »Ich habe mich an das Rezept gehalten, da konnt's gar nicht schiefgehen.« »Wenn sie gut geraten sind«, sagte Kobus, »dann muss ein passender Wein her. Ich gehe in den Keller hinunter und hole mir eine Flasche Forstheimer .« Als er aber mit dem Schlüsselbund in der Hand hinausging, fiel ihm etwas ein, und er fragte: »Und das Rezept?« »Habe ich in der Tasche, Herr Kobus.« »Gut, es darf nicht verlorengehen. Gib's mir bitte, ich leg's in den Sekretär. Darauf werden wir gern zurückkommen.« Er faltete das Papier auseinander und las es von neuem. »Hübsch schreibt sie«, sprach er, »eine runde Schrift, wie gestochen! Ganz erstaunlich, diese Susel, weißt du?« »Ja, Herr Kobus, sie ist wirklich hell im Kopf. Sie sollten sie einmal in der Küche hören, wenn sie herkommt. Immer hat sie einen Scherz parat.« »Oh ja? Ich hätte geglaubt, sie sei eher ernsthaft.« »Ernsthaft? Ach was!« »Wovon spricht sie denn?« fragte Kobus, dessen breites Gesicht vor Freude strahlte, als er daran dachte, dass das Mädchen heiter sei. »Was weiß ich schon? Nur dies: Wenn sie über den Platz geht, bekommt sie alles mit. Sie beschreibt alle Gesichter, aber derart lustig...« »Ich wette, dass sie sich auch über mich lustig gemacht hat.« »Oh nein, niemals, Herr Kobus. Über den langen Friedrich Schulz vielleicht, aber über Sie...« »Hahaha!« unterbrach Kobus, »sie hat sich über Schulz lustig gemacht! Sie findet ihn wohl etwas dumm, oder?« »N-nein, das nicht. Ich erinnere mich nicht mehr daran... verstehen Sie?« »Es ist gut, Katel, ist gut«, sagte Fritz und ging heiter davon. Die alte Magd hörte, dass er bis hinunter an den Fuß der Treppe laut lachte und ständig wiederholte: »Suselchen macht mich froh.« Als er zurückkam, war der Tisch gedeckt und der Eintopf aufgetragen. Er entkorkte die Flasche, heftete sich mit dem Gesichtsausdruck tiefer Zufriedenheit die Serviette unters Kinn, streifte die Hemdsärmel zurück und aß mit gutem Appetit. Katel servierte ihm die Krapfen vor dem Dessert. Da füllte Fritz sein Glas auf und sagte: »Jetzt wollen wir doch einmal sehen.« Die alte Magd blieb am Tisch stehen, um sein Urteil zu hören. Fritz nahm sogleich einen Krapfen und probierte ihn schweigend, dann einen zweiten und einen dritten. Schließlich drehte er sich um und sprach mit Nachdruck und Überlegung: »Die Krapfen sind vorzüglich, Katel, vorzüglich! Man merkt sofort, dass du dem Rezept nach Möglichkeit gefolgt bist. Allerdings, verstehe mich bitte richtig – ich mache dir jetzt keinen Vorwurf –, die auf dem Landgut waren besser. Sie hatten etwas Feineres und Köstlicheres an sich, ein besonderes Aroma« – Fritz hob den Finger, während er sprach – »ich kann's nicht beschreiben. Es schmeckte vielleicht nicht so kräftig, aber leckerer.« »Habe ich etwa zuviel Zimt genommen?« »Nein, nein, es hat gestimmt, ganz sicher. Aber siehst du, Susel hat einfach die richtige Hand für Krapfen, so wie du eine Hand für Truthahn mit Kastanienfüllung hast.« »Das kann schon sein, Herr Kobus.« »Ich bin mir sicher. Ich täte unrecht, wenn ich diese Krapfen nicht ausgezeichnet finden sollte. Doch über dem Besten steht etwas, was Professor Speck ›das Ideal‹ nennt. Das ist etwas Poetisches, etwas...« »Ja, Herr Kobus, ich verstehe«, sagte Katel. »Zum Beispiel Mutter Hafens Würste, die ihr niemand nachmachen konnte, weil die drei Gewürznelken fehlten.« »Nein, das meine ich nicht. Hier fehlt nichts, dennoch...« Er wollte weitersprechen, aber da ging die Tür auf, und der alte Rabbiner trat ein. »Gut, dass du da bist, David«, rief Fritz, »komm her und erkläre Katel, was man unter dem ›Ideal‹ versteht.« Bei diesen Worten zog David die Augenbrauen zusammen. »Willst du mit mir Unfug treiben?« fragte er. »Nein, es ist mir ernst. Sag Katel, warum ihr den Zwiebeln und Karotten von Ägypten Während die Kinder Israels in Ex 16, 3 wehmütig an die Fleischtöpfe und das Brot Ägyptens dachten, ist in Num 11, 5 die Rede von Fleisch, Fischen, Gurken, Melonen, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. so sehr nachgetrauert habt...« »Hör mal, Kobus«, rief der alte Rebbe, »kaum bin ich hier, da ziehst du schon über alles her, was mir heilig ist. Das gehört sich nicht.« »Du verstehst alles falsch, Posche Jisroel . Setz dich her, und ich werde nichts mehr über ägyptische Zwiebeln sagen. Wenn du kein Jude wärst...« »Aha, du willst mich doch verjagen.« »Ach nein, ich sage ja nur, dass du diese Krapfen essen könntest, wenn du kein Jude wärst. Und dann müsstest du anerkennen, dass sie tausendmal besser sind als das Manna, das vom Himmel fiel, um euch die Lepra und die anderen Krankheiten auszutreiben, die ihr euch bei den Ungläubigen geholt hattet.« »Jetzt gehe ich, das ist mir zuviel!« Katel ging hinaus, aber den alten Rebbe hielt Kobus am Ärmel fest und sagte: »Nun hör doch, zum Teufel! Setz dich hin. Ich habe schweren Kummer.« »Was für Kummer?« »Weil du nicht mit mir ein Glas Wein trinken und diese Krapfen probieren kannst. Sie sind wirklich außerordentlich gut.« David setzte sich, und jetzt lachte er. »Du hast sie erfunden, nicht wahr?« fragte er, »du entwickelst doch dauernd solche Sachen.« »Nein, Rebbe, nein, weder ich noch Katel. Ich wäre stolz, wenn ich diese Krapfen erfunden hätte, aber geben wir Cäsar, was Cäsars ist – die Ehre steht Susel zu... du kennst doch die Tochter des Mennoniten?« »Aha«, sagte der alte Rebbe und heftete seine grauen Augen auf Kobus, »schau an! Also findest du die Krapfen gut?« »Köstlich, David.« »Hihihi, ja... dieses Mädchen kann alles... sogar dich Feinschmecker zufriedenstellen.« Dann änderte er den Tonfall. »Susel hat mir von Anfang an gefallen, denn sie ist gescheit. In drei oder vier Jahren wird sie so gut kochen können wie deine alte Katel. Dann führt sie ihren Mann wie an der Leine, und wenn er klug ist, wird er zugeben, dass ihm kein größeres Glück geschehen konnte.« »Hahaha, diesmal stimme ich dir zu, David, du hast nicht übertrieben. Es ist erstaunlich, dass Vater Christel und Mutter Orschel, die keine drei Gedanken im Kopf haben, ein solch hübsches Geschöpfchen in die Welt setzen konnten. Weißt du, dass sie schon den ganzen Hof führt?« »Was habe ich gesagt?« rief David, »ich hab's gewusst! Siehst du, Kobus, wenn eine Frau klug ist, dann ist sie damit noch nicht zufrieden. Also versucht sie, sich ihren Mann zu unterstellen, um sich selbst zu erheben, und macht sich bald zur Herrin. Dennoch gehorcht man ihr irgendwie gern.« In diesem Moment ging Fritz Gott weiß welcher Gedanke durch den Kopf. Er schaute den alten Rebbe aus dem Augenwinkel an und sagte: »Die Krapfen kann sie ja, aber sonst...« »Hör gut zu«, rief David, »sie wird dem braven Bauern, der sie heiratet, Glück bringen und ihn sehr reich und froh machen! Ich kenne mich bei den Frauen aus, denn ich beobachte sie schon lange. Ich sehe sofort, was sie sind, was sie können und was sie später sein und können werden. Susel hat mir stets gefallen, und es freut mich zu hören, dass sie gute Krapfen machen kann.« Fritz war in Tagträume verfallen. Plötzlich fragte er: »Sag mal, Posche Jisroel , warum kommst du denn am Mittag zu mir? Das ist doch sonst nicht deine Zeit?« »Ach richtig, du musst mir zweihundert Taler leihen.« »Zweihundert Taler? Oho«, sagte Kobus halb ernst und halb im Scherz, »alles auf einmal, Rebbe?« »Alles auf einmal.« »Ist's für dich?« »Wenn du so willst, ist's für mich, denn ich allein verpflichte mich zur Rückzahlung. Eigentlich will ich jemandem damit einen Gefallen tun.« »Wem denn, David?« »Du kennst doch den alten Hausierer Herzberg. Also, der junge Salomon freit um seine Tochter. Zwei brave Kinder«, rief der alte Rebbe und faltete mit bewegtem Gesicht die Hände, »aber du weißt ja, es braucht eine kleine Mitgift, und da hat Herzberg mit mir gesprochen...« »Änderst du dich denn niemals?« unterbrach ihn Fritz, »hast du nicht genug eigene Schulden, dass du dir obendrein die Verbindlichkeiten anderer Leute aufladen musst?« »Ach Kobus, Kobus!« rief David mit durchdringender und leidenschaftlicher Stimme, gekrümmter Nase und verdrehten Augen, die zu Boden schielten. »Wenn du die lieben Kinder sehen könntest! Übrigens ist der alte Herzberg zuverlässig, er zahlt innerhalb von ein oder zwei Jahren ab.« »Also gut«, sagte Fritz und erhob sich, »aber hör zu: Diesmal zahlst du Zinsen, fünf Prozent. Dir selbst leihe ich gern zinslos, für andere jedoch...« »Ach mein Gott, wer widerspricht dir denn?« sagte David. »Es geht doch nur um das Glück dieser armen Kinder! Der Vater wird mir die fünf Prozent erstatten.« Kobus öffnete seinen Sekretär und zählte zweihundert Taler auf den Tisch, während der alte Rebbe ungeduldig zusah. Dann nahm Fritz Papier, Schreibzeug und Feder und sagte: »Also, David, zähle nach.« »Ist unnötig, ich habe zugesehen, und du hast richtig gezählt.« »Nein, nein, zähle.« Da zählte der alte Rebbe nach und steckte mit sichtbarer Befriedigung die Münzstapel in seine große Hosentasche. »Also, jetzt setz dich her und stell mir den Schuldschein zu fünf Prozent aus. Und denk daran, wie ich dir mit diesem Papier kommen kann, wenn dir meine Späße nicht gefallen.« David lächelte vor Glück, während er schrieb. Fritz schaute ihm über die Schulter. Als er sah, dass David kurz davor war, die Zinsen einzutragen, rief er: »Halt, alter Posche Jisroel , halt!« »Willst du sechs?« »Weder sechs noch fünf. Sind wir denn nicht alte Freunde? Ach, du verstehst wirklich keinen Jux. Mit dir muss man immer so ernst sein, als wenn man einen Esel striegelt.« Da erhob sich der alte Rebbe, reichte ihm die Hand und sagte ergriffen: »Danke, Kobus.« Dann ging er. »Braver Mann«, dachte Fritz und sah dem Rabbi nach, der mit krummem Rücken und der Hand auf der Tasche die Straße hinaufging. »Jetzt läuft er hin, als ob's um sein eigenes Glück ginge. Er wird dem Glück der Kinder zusehen und mit einer Träne im Auge leise dazu lachen.« In diesem Gedanken nahm er seinen Gehstock und ging aus, um Zeitung zu lesen. X Zwei oder drei Tage später kam das Gespräch abends im Kasino zufällig auf die alten Zeiten, und der dicke Steuereinnehmer Hahn feierte die Bräuche von früher. Er erzählte von den winterlichen Schlittenfahrten mit seinem guten Vater Christian, der in seinen mit Fuchspelz gefütterten Mantel und die dicken, mit Lammfell ausgelegten Stiefel geschlüpft war und sich die Kappe aus Fischotterfell über die Ohren und die Fäustlinge bis an die Ellenbogen hinauf gezogen hatte, um die ganze Familie bis zum Gipfel des Rothalps Damit könnte der Berg Rodalben in der Südpfalz gemeint sein, wenige km westlich von Dahn. zu fahren, wo man die reifbedeckten Wälder bewundern konnte. Die jungen Männer der Stadt seien zu Pferd gefolgt, um verstohlene, verliebte Blicke auf den Schwarm junger Mädchen zu werfen, die sich in Umhänge hüllten und ihre rosigen Näschen in schwanenweißen Kätzchen vergruben, weißer als Schnee. »Eine schöne Zeit war das«, meinte Hahn. »Bald darauf erfuhr die ganze Stadt, dass der junge Ratsherr Lobstein oder der Herr Notarassessor Münz mit Lottchen, der hübschen Rosa oder der großen Wilhelmine verlobt war. Mitten im Schnee, vor den Augen der Eltern hatten sie sich ineinander verliebt. Man kam damals auch oft im Frauenzimmer Im Originaltext Madame-Hüte oder -Hütte genannt und als Tanzsaal erklärt. zusammen, und in der Stimmung gerieten alle Stände durcheinander, Adel, Bürgertum und Volk. Niemand kümmerte sich darum, ob jemand Graf oder Freiherr war, wenn er nur gut Walzer tanzen konnte. Versucht einmal, heute solche Ausgelassenheit zu finden! Die vielen Geadelten, die's jetzt gibt, fürchten sich doch viel zu sehr davor, mit dem gemeinen Volk verwechselt zu werden.« Hahn pries auch die kleinen Konzerte und die schöne, elegante und schlichte Kammermusik, die neuerdings durch das Getöse der großen Ouvertüren und die düsteren Melodien der Symphonien verdrängt worden sei. Wenn man ihm zuhörte, glaubte man den alten Ratsherrn Baumgarten in der mit Glanzpuder bestäubten Perücke und dem steifen Rock zu sehen, der das Violoncello gegen sein Bein stemmte und den Bogen quer über die Saiten strich. Neben ihm saß Fräulein Seraphia Schmidt zwischen zwei Leuchtern am Cembalo, und ringsumher spielten die Geiger mit den Augen auf den Notenheften. Der Freundeskreis stand im Schatten des Hintergrundes. Diese Bilder machten alle nachdenklich. Der lange Schulz wippte auf dem Stuhl, hielt eins seiner spitzen Knie in den Händen, heftete die Augen auf die Zimmerdecke und rief: »Ja, ja, diese Zeiten liegen weit zurück! Ach, wir werden alt... Welche schönen Dinge, welche lieben Erinnerungen du in uns wachrufst, Hahn! Bloß macht uns das nicht wieder jung.« Auch Kobus hatte Hahns Gedanken im Kopf, als er durch die Kapuzinerstraße heimging. »Er hat recht«, sagte er zu sich, »wir haben's erlebt, aber es kommt uns vor, als ob's ein Jahrhundert zurückliegt.« Er schaute zu den Sternen auf, die zittrig am unendlichen Himmel standen, und dachte: »Dort oben ist die Zeit nicht vorangeschritten, alles ist noch an seinem Platz. Nur wir haben uns geändert. Welch schreckliche Einsicht, dass man jeden Tag ein wenig altert, ohne es zu merken. Am Ende zieht man vor den Augen der jungen Generation grau und runzlig in den alten Kleidern und ehrwürdigen Perücken vorüber, die uns Hahn vorhin geschildert hat. Dagegen kann man nichts machen; es steht uns ebenso bevor wie allen anderen.« Mit diesen Gedanken trat Fritz in sein Zimmer und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen hatte er bereits alles vergessen, als seine Augen auf das alte Cembalo fielen, das zwischen der Anrichte und der Tür stand. Es war ein Möbelchen aus Rosenholz, mit dünnen Beinen, die elegant gekrümmt ausliefen, und wies nur fünf Oktaven auf. Seit dreißig Jahren stand es da. Katel stellte vor dem Essen die Teller dort ab, oder Kobus warf seine Kleider darüber. Weil er es oft sah, hatte er nicht mehr darauf geachtet, aber jetzt kam es ihm vor, als habe er es wiedergefunden, nachdem es ihm lange gefehlt hatte. In Gedanken versunken zog er sich an. Dann schaute er aus dem Fenster und sah, dass Katel draußen auf dem Markt beim Einkaufen war. Sofort trat er ans Cembalo, öffnete es und ließ die Finger über die gelben Tasten gleiten. Als ein dünner Klang aus dem Instrument erscholl, überflog der gute Kobus in weniger als einer Sekunde die letzten dreißig Jahre. Ein feines, bleiches Gesicht Das Gesicht der Mutter Emile Erckmanns ist so beschrieben worden ( Benoit-Guyod (Fußnote 4 zum Vorwort), S. 35). fiel ihm ein, das Gesicht seiner Mutter, der jungen Frau Kobus, die das Cembalo gespielt hatte. Neben ihr saß der Herr Amtsrichter Kobus, hatte seinen Dreispitz an die Stuhllehne gehängt und hörte zu. Fritz selbst war damals als Bübchen mit dem Pferd aus Pappe auf dem Boden gesessen und hatte »hüh, hüh!« gerufen, während der Vater den Finger hob und »leise!« mahnte. Das und vieles andere zog vor seinen Augen vorbei. Er setzte sich und schlug ein paar alte Melodien an, den Sänger Im Originaltext Le troubadour . Es könnte sich um Johann Wolfgang Goethes Gedicht Der Sänger (1782, vertont von Reichardt ) handeln. Weniger wahrscheinlich ist ein Anklang an den Troubadour von Verdi , denn dieses Werk wurde erst 1853 uraufgeführt (Hinweis von Prof. J. Etlin (Fußnote 10 zum Vorwort), Anhangsband S. 15). und die alte Romanze vom Kreuzfahrer Prof. J. Etlin (wie vorige Fußnote) meint, der hier angesprochene Croisé könne ein Lied aus der Oper Il crociato in Egitto von Giacomo Meyerbeer sein. . »Ich hätte nicht gedacht, dass mir davon auch nur eine Note einfallen würde«, dachte er. »Erstaunlich, dass das alte Cembalo noch so gut gestimmt ist. Mir ist, als ob ich's erst gestern gehört hätte.« Er bückte sich und zog einige alte Notenhefte aus dem Kasten, die Belagerung von Prag Mit Le siège de Prague ist vermutlich das Lied aus dem Siebenjährigen Krieg Als die Preußen marschierten vor Prag gemeint. , das Aschenbrödel Nach Prof. J. Etlin (wie Fußnote 80) wahrscheinlich die ›Zugnummer‹ aus der 1820 erstaufgeführten komischen Oper La Cenerentola von Gioacchino Rossini (1792-1868). , die Ouvertüre zur Vestalin La Vestale war eine der ersten sog. großen Opern mit vollständig vertontem Libretto, dramatischem Geschehen und Massenszenen. Geschrieben von Gasparo Spontini, wurde sie 1807 in Paris uraufgeführt ( Willi A. Koch : Musisches Lexikon (Stuttgart 1956: Alfred Kröner), Sp. 880). und alte Romanzen, kleine lustige Stücke, aber stets über die Liebe: Die lachende und die weinende Liebe; Liebe hier, Liebe dort! Zwei oder drei Monate früher hätte sich Kobus über Lukas und seine rosa Strumpfbänder oder Arthur mit dem schwarzen Federbusch lustig gemacht. Er hatte einmal den Werther Die Leiden des jungen Werthers ist Johann Wolfgang Goethes Verarbeitung einer unglücklichen Liebesgeschichte, entstanden 1774 in Form eines Briefromans. gelesen und sich während der ganzen Geschichte die Rippen gehalten. Jetzt fand er das alles wunderbar. »Hahn hat völlig recht«, sagte er zu sich, »so schöne Lieder werden nicht mehr geschrieben: Im Original lautet der folgende Liedtext: Rosette / si bien faite / donne-moi ton cœur, ou je vas mourir! Der ebenso triviale deutsche Text stammt vom Übersetzer. Rosalind', schönes Kind... Schenk mir dein Herz, sonst leide ich Schmerz... So einfach und natürlich! Schenk mir dein Herz, sonst leide ich Schmerz... Genau richtig! Das ist doch Poesie, es geht einem nahe, aber die Sprache ist ganz simpel. Und dann die Melodie!« Er fing an zu spielen und sang: »Rosalind', schönes Kind, Schenk mir dein Herz, sonst leide ich Schmerz!« Unaufhörlich wiederholte er die Schnulze, und das ging wohl zwanzig Minuten, bis ein Geräusch von der Tür her zu hören war. Jemand klopfte an. »Das ist David«, sagte er zu sich und schloss schnell das Cembalo, »der würde aber lachen, wenn er mich Rosalind' spielen hörte!« Er wartete einen Augenblick. Als aber niemand hereinkam, ging er nachsehen. Man stelle sich seine Überraschung vor, als er hinter der Tür Susel mit ihrem weißen Schürzchen, dem himmelblauen Rock und einem Korb erblickte. Sie war errötet und völlig verschüchtert. »Ach, du bist's, Susel!« sagte er erstaunt. »Ja, Herr Kobus«, sagte das Mädchen, »ich warte schon lange in der Küche auf Fräulein Katel, und da sie nicht gekommen ist, habe ich gedacht, ich müsste doch meinen Auftrag erledigen, bevor ich gehe.« »Welchen Auftrag denn, Susel?« »Mein Vater schickt mich, um Ihnen mitzuteilen, dass die Gitter angekommen sind und wir mit dem Einbau nur auf Sie warten.« »Nanu? Dafür schickt er dich extra her?« »Oh nein, ich soll auch dem Juden Schmul sagen, dass er die Ochsen abholen soll, wenn er nicht für das Futter zahlen will.« »Aha, sind die Ochsen verkauft?« »Ja, Herr Kobus, für dreihundertfünfzig Taler.« »Das ist ein guter Preis. Komm doch herein, Susel, du brauchst dich nicht zu genieren.« »Ich geniere mich nicht.« »Oh doch... ich seh's dir an. Sonst wärst du gleich hereingekommen. Bitte, setz dich hierher.« Er schob ihr einen Stuhl hin und öffnete mit zufriedener Miene wieder das Cembalo. »Geht's allen gut bei euch, Vater Christel und Mutter Orschel?« »Allen geht's gut, Herr Kobus, Gott sei Dank. Wir freuen uns darauf, dass Sie kommen.« »Ich komme, Susel, morgen oder übermorgen komme ich sicher herüber.« Fritz hatte jetzt große Lust, für Susel zu musizieren, sah sie lächelnd an und sagte schließlich zu ihr: »Ich habe vorhin ein paar alte Melodien gespielt und dazu gesungen. Du hast mich wahrscheinlich von der Küche aus gehört. Kam's dir komisch vor?« »Oh nein, Herr Kobus, im Gegenteil, ich war ganz traurig, denn schöne Musik macht mich immer traurig. Ich wusste nicht, wer da so schön spielte.« »Warte«, sagte Fritz, »ich werde dir etwas Heiteres spielen, was dich aufmuntert.« Er wollte Susel gern sein Talent vorführen und begann mit der Königin von Preußen Dies könnte Friedrich de la Motte Fouqués (1777-1843) Lied Wilhelm komm an meine Seite sein, zu dem eine Melodie im Dreivierteltakt vorliegt. Man hat das Lied der preußischen Königin Luise (+ 1810) als Sterbelied in den Mund gelegt und es in der mündlichen Überlieferung z.T. auch mit Königin Luise , Königin Luise an ihren Gemahl oder Tod der Königin Luise betitelt. . Seine Finger hüpften vom einen Ende des Cembalos zum anderen, sein Fuß tappte den Takt, und er kniff die Lippen zusammen, wie man tut, wenn man Angst davor hat, falsch zu spielen. Fritz musizierte wie für die ganze Stadt. Von Zeit zu Zeit blickte er auf in den Spiegel, um das Mädchen zu sehen. Susels große blaue Augen weiteten sich vor Staunen, und ihr rosa Mündchen stand halb offen vor Entzücken. Als Fritz mit dem Walzer fertig war und sich voll Stolz zu ihr umdrehte, sagte sie: »Oh, ist das schön, ist das schön!« »Ach was«, sagte er, »das ist noch gar nichts. Jetzt kommt etwas Herrliches: Die Belagerung von Prag . Man glaubt, die Kanonen donnern zu hören. Pass auf.« Er spielte die Belagerung von Prag und geriet dabei derart in Schwung, dass das alte Cembalo bis in seine dünnen Beinchen hinein dröhnte und zitterte. Als Kobus hörte, dass Susel andauernd leise »ach, ist das schön!« seufzte, kam er erst richtig in Fahrt und konnte sich vor Glück kaum fassen. Nach der Belagerung von Prag spielte er das Aschenbrödel und die große Ouvertüre zur Vestalin . Als ihm dann nichts mehr einfiel und weil Susel andauernd »oh wie schön, Herr Kobus, ach, wie schön Sie spielen!« sagte, rief er: »Ja, es ist schön, aber wenn ich nicht erkältet wäre, würde ich dir etwas Rechtes vorsingen, Susel! Na egal, ich versuch's doch. Nur schade, dass ich erkältet bin.« Noch während er redete, sang er drauflos, und seine Stimme erklang hell wie die eines Hahns, der sich inmitten seiner Hennen regt. »Rosalind', schönes Kind, schenk mir dein Herz, sonst leide ich Schmerz!« Er wiegte den Kopf langsam hin und her und riss den Mund bis zu den Ohren auf, stemmte sich am Ende jeder Strophe gegen die Rückenlehne, steckte die Nase in die Luft und schwankte wie ein Verzweifelter, während er eine halbe Stunde lang weinerlich wiederholte: »Schenk mir dein Herz, schenk mir dein Herz,... sonst leide ich Schmerz!... sonst leide ich Schmerz! Ich leide Schmerz ... Schmerz!... Schmerz!...« Bis ihm schließlich der Schweiß übers Gesicht lief. Susel war errötet und hatte sich vornüber geneigt, ohne Kobus anzusehen, als ob sie sich über das Lied schämte. Als er sich zu ihr umdrehte, um ihr »wie schön! Was ist das schön!« zu hören, sah er, dass sie mit den Händen auf den Knien und niedergeschlagenen Augen leise vor sich hin seufzte. Zufällig schaute er in den Spiegel und bemerkte, dass er selbst purpurrot geworden war. Da er nicht wusste, was man in einer so unverhofften Lage tut, ließ er die Finger hin und her und her und hin über das Cembalo gleiten und machte »prrruh! Puuuh!« Sein Haar war wildgesträubt. In diesem Moment hörte Fritz, dass Katel die Küchentür zuwarf. Da sprang er auf und schrie wie ein Ertrinkender: »Katel! Katel!« Katel kam herein. »Ach, gut...« sagte er. »Schau her, Susel wartet schon seit einer Stunde auf dich.« Als Susel ihre verwirrten großen blauen Augen zu ihm erhob, fügte er hinzu: »Ja, wir haben musiziert... ein paar alte Melodien... alte Klamotten!... Nun ja, ich habe mein Bestes gegeben... aber aus einem alten Strohsack kann man kein Korn dreschen.« Susel hatte ihren Korb genommen und ging mit Katel hinaus. Sie sprach ihr »guten Tag, Herr Kobus!« derart sanft, dass Fritz keine Antwort einfiel. Länger als eine Minute blieb er wie angewurzelt mitten im Raum stehen und starrte entgeistert die Tür an. Dann sagte er zu sich: »Na großartig, Kobus! Hervorragend hast du auf dem alten Kasten geklimpert... ja... ja... wunderbar... du kannst stolz auf dich sein... das steht dir gut in deinem Alter. Soll doch der Teufel in die Musik fahren! Wenn ich auch nur noch den Kapuzinerpater Im Original Père Capucin , vermutlich die elsässische Variante eines erotischen Volkslieds, das auch mit Die Beichte betitelt ist und im 19. Jahrhundert im Elsass und in Luxemburg populär war. Der Text beginnt mit Es war gerade hundert Jahr bzw. Es war einst vor fünfhundert Jahr. spiele, gehört mir der Hals umgedreht!« Fritz wartete das Mittagessen nicht ab, sondern nahm Stock und Hut und ging auf den Wallanlagen spazieren, um dort gründlich über sein überraschendes Erlebnis nachzudenken. XI Man kann sich vorstellen, worüber Fritz auf den Wallanlagen nachdachte. Mit gesenktem Kopf und dem Gehstock unter dem Arm spazierte er hinter dem Magazin entlang und spähte nach rechts und links, ob jemand käme. Er meinte, dass jeder seine Lage auf den ersten Blick erkennen müsste. »Ein Junggeselle von sechsunddreißig Jahren verliebt sich in eine Siebzehnjährige, so etwas Lächerliches!« sagte er zu sich. »Daher kam also der Ärger mit deiner Zerstreutheit und deinen Träumereien in den letzten drei Wochen, Fritz! Deshalb hast du andauernd in der Schenke verloren, warst mit dem Geist nicht im Weinkeller und hast am Fenster beim Blick auf den Markt gegähnt wie ein Esel. Kann man in deinem Alter so dumm sein? Es wäre ja noch verständlich, wenn du dich zum Beispiel in die Witwe Windling oder die große Salome Rödig verliebt hättest. Lieber sich tausendmal erhängen als eine davon zu heiraten, aber wenigstens wäre so eine Heirat in den Augen der Leute vernünftig. Doch sich in Susel zu verlieben, die Tochter deines Bauern, ein Kind ohne deinen Stand oder deine Stellung, ein richtiges Kind, dessen Vater du sein könntest, das geht zu weit! Es ist ganz und gar wider die Natur, ist nicht einmal witzig. Wenn zu allem Unglück jemand etwas ahnen sollte, dann könntest du dich im Großen Hirschen , im Kasino oder sonst wo nicht mehr sehen lassen. Auslachen würde man den Fritz, der die anderen so sehr ausgelacht hat. Ein Abgrund der Verzweiflung würde sich auftun. Sogar der alte David, der doch so viel fürs Heiraten übrig hat, würde dir ins Gesicht lachen und dir eine Standpauke halten, aber wie! Zum Glück weiß niemand etwas, und du bist rechtzeitig aufmerksam geworden. Jetzt ersticke nur schnell diese Schwärmerei und reiß das Unkraut aus deinem Garten. Du wirst wohl drei oder vier Tage lang ein wenig traurig sein, aber der Humor kommt schon wieder. Der alte Wein tröstet dich, du kannst Essen ausrichten und in Hahns Wagen Ausflüge in die Umgebung machen. Ach richtig, erst vorgestern hat er mich zum hundertsten Mal bekniet, ihn bei der Steuereinnahme zu begleiten. Diesmal fahre ich mit. Wir werden uns unterhalten und lustig sein, und in vierzehn Tagen ist alles vorbei.« Zwei Husaren näherten sich Arm in Arm mit ihren Liebchen. Als Kobus sie auf der Spitalbastion daherkommen sah, stieg er in die Alteisenstraße hinunter und ging nach Hause. »Ich schreibe sofort an Vater Christel, dass er selbst das Gitter einsetzen und das Fischbecken füllen soll«, sagte er zu sich. »Wer mich dabei ertappen will, wie ich nochmal zum Meisental gehe, der kann bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten.« Als er heimkam, deckte Katel gerade den Tisch. Susel war schon lange fort. Fritz öffnete seinen Sekretär, schrieb Vater Christel, dass er nicht kommen könne, und trug ihm auf, das Gitter selbst einzusetzen. Dann versiegelte er den Brief, setzte sich zu Tisch und aß wortlos. Nach dem Essen ging er gegen ein Uhr zu Hahn, der gegenüber der Markthalle im Hotel Zum Storchen wohnte und dort auch sein verrauchtes Amtsstüblein hatte. Mit der Pfeife im Mund legte er sich soeben Säckchen zurecht und steckte große, in Kalbsleder gebundene Registerbücher in eine Ledermappe. Sein Bediensteter Geiß half ihm. »Hallo, Kobus!« rief er aus, »was verschafft mir dein Besuch? Ich sehe dich nicht oft hier.« »Du hast mir vorgestern gesagt, dass du eine Rundreise vorhast«, antwortete Fritz und setzte sich auf die Tischecke. »Ja, der Wagen ist für morgen früh um fünf Uhr bestellt. Schau her, ich bin eben mit meinem Stammbuch Nach Prof. J. Etlin (Fußnote 10 zum Vorwort, Anhangsband, S. 16) war das livre à souches ein Steuerregister mit abtrennbaren Zetteln als Quittung. und den Säckchen fertig. Die Reise wird wohl sieben oder acht Tage dauern.« »Ich möchte mitfahren.« »Du fährst mit!« schrie Hahn fröhlich und schlug mit seinen dicken, breiten Händen auf den Tisch. »Endlich, endlich hast du dich entschlossen, ist ja großartig! Hahaha!« Voll Begeisterung warf er sein schwarzes Seidenkäppchen beiseite, fuhr sich mit der Hand über den halbkahlen, geröteten Kopf und rief: »Das passt mir gut!... passt mir gut!... Werden wir einen Spaß haben!« »Ja, das Wetter sah günstig aus«, sagte Fritz. »Ein herrliches Wetter«, rief Hahn und schob die Vorhänge hinter seinem Sessel auseinander. »Ein goldenes Wetter, ein Wetter wie in zehn Jahren nicht. Wir brechen morgen in aller Frühe auf und ziehen durchs Land... alles klar... aber sag mir nicht ab!« »Da kann ich dich beruhigen.« »Ach du meine Güte«, rief der Dicke, »du hättest mir keine größere Freude machen können. Geiß! Geiß!« »Herr Hahn?« »Meinen Umhang! Hier... hängen Sie meinen Hausrock hinter die Tür. Schließen Sie das Büro ab, den Schlüssel bekommt Mutter Lehr. Gehen wir in den Großen Hirschen , Kobus?« »Ja, auf ein paar Schoppen; unterwegs gibt's kein gutes Bier.« »Warum nicht? In Hackmatt ist das Bier doch gut.« »Hast du denn nichts mehr vorzubereiten, Hahn?« »Nein, alles ist fertig. Ach ja, sag mal, möchtest du nicht zwei oder drei Hemden und Strümpfe in meinen Koffer legen?« »Ich packe selbst.« »Na dann los!« schrie Hahn und nahm ihn beim Arm. Sie gingen hinaus, und der dicke Steuereinnehmer begann, die Dörfer aufzuzählen, die sie in der Ebene und im Gebirge besuchen würden. »In der Ebene; in Hackmatt, Mittelbronn und Lixheim Einen Ort namens Lixheim gibt es ca. 5 km westlich von Phalsbourg. wohnen lauter Protestanten, alles reiche, wohlsituierte Leute mit hübschen Häusern, gutem Wein, gutem Essen und guten Betten. Wie die Maden im Speck können wir in den ersten sechs Tagen leben, und die Steuereinnahme ist auch nicht schwer, denn die Gelder des Königs werden schon bereitliegen. Bloß am Ende gibt's da noch ein Eckchen, das Wildland, eine Wüstenei, wo man am Weg lauter Kreuze sieht und die Reisenden am Hungertuch nagen. Na, keine Bange, wir werden schon nicht verschmachten.« Fritz hörte lachend zu, und so kamen sie in die Schenke zum Großen Hirschen , wo alles wie üblich ablief. Es wurde gespielt, Bier getrunken, und gegen sieben Uhr kehrten alle heim zum Abendessen. Wie gewohnt ging Kobus durch den Hausflur in die Küche, um zu sehen, was Katel für ihn kochte, und fand die alte Magd auf einem Holzschemel beim Herd sitzend vor. Sie hatte einen Wischlappen auf den Knien und wichste gerade seine festen Schuhe. »Was machst du denn da?« fragte er. »Ich putze Ihre dicken Schuhe, damit Sie zum Landgut gehen können. Das haben Sie doch morgen oder übermorgen vor.« »Ist unnötig«, sagte Fritz, »ich gehe nicht hin, hab's mir anders überlegt.« »Sie gehen nicht hin?« sagte Katel überrascht, »da werden Vater Christel, Susel und die anderen dort aber traurig sein, Herr Kobus!« »Ach was, wenn sie bisher ohne mich ausgekommen sind, werden sie's mit Gottes Hilfe auch weiterhin ertragen. Ich reise mit Hahn übers Land, um einige Angelegenheiten zu erledigen. Übrigens, da fällt mir ein, dass auf dem Kaminsims ein Brief für Christel liegt. Gib ihn bitte morgen dem kleinen Schorsch, er soll ihn hinbringen. Heute Abend pack mir den Koffer mit drei Hemden und allem, was man sonst noch für ein paar Reisetage braucht.« »Ja, Herr Kobus.« Voll Stolz über seine Entschlossenheit ging Kobus ins Speisezimmer. Nachdem er mit gutem Appetit zu Abend gegessen hatte, legte er sich schlafen, um früh am nächsten Morgen zur Abreise frisch zu sein. Noch vor fünf Uhr hockten Fritz Kobus und sein Freund Hahn auf einem alten Wagen, der nach einer vergangenen Mode mit Weidenruten wie ein Korb umflochten war, und fuhren im scharfen Trab durch das Hildebrandttor auf die Michelsberger Landstraße hinaus. Die Sonne ging soeben im Nebel über der Losser auf. Hahn hatte einen dicken Biberpelzmantel an und eine Kappe aus langhaarigem Fuchsfell aufgesetzt, deren Schwanz hinter ihm her flatterte. Kobus trug seinen schönen blauen Umhang, die grün-rot karierte Samtweste und seinen breiten schwarzen Filzhut. Einige alte Frauen mit dem Besen in der Hand sahen sie vorüberziehen und sagten: »Da fahren sie und sammeln in den Dörfern das Geld ein. Es wird Zeit, dass wir unsere Schätze hervorholen, denn bald kommt der Bescheid über die Fenster- und Türsteuer. Ist dieser Hahn doch ein Lump! Er glaubt wohl, dass alle Welt sich nur für ihn abschuften soll. Nie hat er genug, und die Gendarmen unterstützen ihn auch noch!« Übelgelaunt setzten sie ihre Kehrarbeit fort. Unmittelbar hinter dem Vorwerk gerieten Hahn und Kobus in den Flussnebel. »Hübsch kühl heute Morgen«, sagte Kobus. »Hahaha«, antwortete Hahn und knallte mit der Peitsche, »ich hab' dir ja gestern gesagt, dass du deine Wolljacke anziehen solltest. Jetzt leg dich nach hinten ins Stroh, mein Lieber, leg dich nur hin. Hüh, Fuchs, hüh!« »Ich werde eine Pfeife rauchen«, sagte Kobus, »das wärmt mich auf.« Er schlug Feuer, zog seine große Porzellanpfeife aus einer Seitentasche und rauchte mit ernster Miene vor sich hin. Das Pferd war ein großer Mecklenburger Klepper, der die Hufe artig hinter sich warf. Die Bäume und Büsche reihten sich am Weg aneinander. Hahn hatte die Peitsche in eine Ecke gegen seinen Fußhacken gestellt und rauchte jetzt auch wie träumend vor sich hin, denn dazu neigt man im Nebel, wo nichts klar zu erkennen ist. Die gelbe Sonne hatte Mühe, die dicken Nebelschwaden aufzulösen. Unten an der Straßenböschung rauschte die Losser. Sie war weiß wie Milch und schien unter den großen Trauerweiden zu schlafen. Manchmal schrie ein Eisvogel durchdringend auf und flog davon, wenn der Wagen sich näherte, oder eine Lerche zwitscherte ein paar Töne. Wenn man genau hinschaute, sah man die Dachform ihrer grauen Flügel, während sie in einigen Fuß Höhe über die Felder flog. Sekundenschnell fiel sie wieder ein, und man nahm nur noch das Rauschen des Flusses und das Geraschel der Pappeln wahr. Kobus spürte ein wahres Wonnegefühl. Er freute und beglückwünschte sich zu seinem Entschluss, Susel in heldenhafter Flucht zu entkommen, denn dies hielt er für den Gipfel menschlicher Weisheit. »Wie viele andere«, dachte er, »wären in diesen Schlingpflanzen aus Rosen eingeschlafen, die einen enger und enger umschließen und endlich zu festen Bändern werden wie die, welche die tugendhafte Dalila für Samson knüpfte Vgl. im Alten Testament Ri 16,7 f ! Ja, ja, Kobus, du kannst dem Himmel für dein Glück danken, denn jetzt bist du wieder frei wie ein Vogel hoch in der Luft. Bis in die Sicherheit des Alters hinein wirst du von Zeit zu Zeit deine Abreise aus Hüneburg nach Art der Hebräer feiern, die sich stets mit Andacht an die goldenen und silbernen Töpfe von Ägypten erinnerten, wo sie alle Kohlköpfe, Kohlrabi und Zwiebeln S.o., Fußnote 76. zurückgelassen hatten, um das Allerheiligste zu retten. Jetzt folgst du ihrem Beispiel, und selbst der alte Sichel wäre begeistert über deine seltene Weisheit.« Noch tausend andere, nicht minder rechtschaffene Gedanken gingen Fritz durch den Kopf. Er glaubte sich fern jeder Gefahr und atmete die Frühlingsluft mit dem beruhigenden Gefühl der Sicherheit ein. Doch der Herrgott, dem diese Anmaßung wohl zu viel geworden war, hatte beschlossen, an Fritz die Weisheit des Spruchs aufzuzeigen: »Verbirg dich nur, flieh, versteck dich im Gebirge und auf der Ebene, tief im Wald oder in einem Brunnen; ich aber werde dich entdecken, und meine Hand liegt auf dir! Dieser Gedanke erscheint an mehreren Stellen im Alten Testament, am deutlichsten wohl in Ps 139, 5-12. « In Steinbach bei der großen Mühle trafen sie auf eine Tauffeier in St. Blasius und sahen ein rosiges Kindchen auf dem weißen Kopfkissen, die stolze Hebamme mit ihrer Spitzenhaube und viele Leute, die munter wie die Buchfinken waren. In Hoheim feierte ein greises Paar auf einer Wiese goldene Hochzeit. Sie tanzten inmitten des ganzen Dorfvolks. Es wurde gelacht, und die Gläser klangen; Wein, Bier und Kirschwasser flossen auf den Tischen. Auf einer Tonne stand der Dorfmusikant und blies die Klarinette aus vollen roten, bis zu den Ohren hin geblähten Backen. Seine Nase war purpurrot und die Augen weit aufgerissen. Jeder schlug den Takt mit. Die beiden Alten warfen die Arme hoch und walzten mit lachenden Gesichtern. Kinder scharten sich um sie, und lauter Jubel stieg zum Himmel. In Frankental zog eine Hochzeitsgesellschaft die Stufen zur Kirche hinauf, voran der Brautführer mit einem dreieckigen Blumengebinde auf der Hemdbrust und einem Hut, an dem Bänder in tausend Farben flatterten. Ihm folgte das junge, aufgeregte Paar, die alten Papas, die in ihre grauen Bärte lachten, und die dicken, stolzen Mütter. Diese herrlichen Anblicke gaben einem unsagbar viel zu denken. An einer anderen Stelle pflückten fünfzehn- oder sechzehnjährige Jungen und Mädchen an den Hecken entlang Veilchen. Man sah ihren leuchtenden Augen an, dass sie sich nachher lieben würden. Wieder woanders wurde ein Rekrut mit seinem Bündel unter dem Arm von seiner Verlobten auf dem Weg begleitet. Von fern hörte man den Schwur der beiden, aufeinander zu warten. Wo man auch hinsah, weit und breit lief in tausend verschiedenen Formen die alte Geschichte von der Liebe ab. Man hätte glauben können, dass der Teufel die Hand im Spiel hatte. So ist eben die Frühlingszeit, wenn die Herzen erwachen und alles wiedergeboren wird, wenn das Leben aufblüht, jeder zum Glück eingeladen ist und der Himmel den Verliebten unzählige Versprechen gibt! Überall traf Kobus auf Szenen, die ihn an Susel erinnerten, und jedes Mal errötete er, verfiel ins Grübeln, kratzte sich am Ohr, seufzte und sagte zu sich: »Was sind die Leute doch dumm zu heiraten! Je weiter man reist, desto deutlicher erkennt man, dass drei Viertel der Menschheit den Kopf verloren haben und in jeder Stadt nur fünf oder sechs alte Kerle vernünftig geblieben sind. Ja, kein Zweifel... die Weisheit ist nicht jedem gegeben, man darf sehr zufrieden sein, wenn man zu den wenigen Auserwählten gehört.« In jedem Dorf ging Hahn sofort dazu über, die Steuergelder für den König einzuziehen und Quittungen auszustellen. Währenddessen langweilte sich unser Fritz Im Originaltext wird an dieser Stelle der Begriff l'ami Fritz zum erstenmal verwendet. . Da er immer mehr an Susel denken musste, verließ er schließlich die Herberge und ging die Hauptstraße entlang, um sich abzulenken. Rechts und links betrachtete er die alten Häuser mit ihren verzierten Balken, Freitreppen, Galerien aus wurmstichigem Holz, efeubedeckten Taubenschlägen, Gärtchen mit Plankenzäunen darum, Innenhöfen und den hohen Nuss- und Kastanienbäumen, deren auseinanderstrebendes Laubwerk sich über den Dächern wiegte. Die Fensterchen mit den sechseckigen Gläsern waren trübe von Staub oder glänzten wie Perlmutt. Blendend helles Licht füllte die Luft, und in den Gässchen liefen scharenweise Hühner und Enten gackernd und quakend herum. Die Schwalben hatten damit begonnen, ihre Nester aus Schlamm in den Fensterecken zu bauen, und flitzten wie Pfeile über die Straßen. Strohblonde Kinder flochten die Bänder ihrer Peitschen, und die Alten sahen aus der Tiefe ihrer dunklen Küchen oder von den ausgetretenen Stufen der Vordertreppen her gütig zu. Mädchen lehnten sich neugierig aus den Fenstern und schauten herüber. All das zog an Fritz' Augen vorbei, konnte ihn aber nicht ablenken. Er ging umher, sah, wurde gesehen und dachte ständig an Susel, an ihre Halskrause, ihr Häubchen, ihr schönes Haar und die festen Arme. Dann dachte er an den Tag, als der alte David Susel zwischen Fritz und sich an den Tisch gesetzt hatte, an den Klang ihrer Stimme, als sie die Augen senkte, dann an ihre Krapfen oder an die Sahnefleckchen, die er einstmals auf dem Landgut an ihr gesehen hatte. Er erinnerte sich an einfach alles – und völlig gegen seinen Willen! Mit der Nase in der Luft und den Händen in den Hosentaschen geriet er am Ende des Dorfs in ein kleines Kornfeld oder auf einen Fußpfad zwischen den Roggen- oder Kartoffeläckern. Dort sang die Wachtel ihr Liebeslied, das Rebhuhn rief nach seinem Gefährten, und die Lerche bejubelte in den Wolken ihr Mutterglück. Hinter Fritz, in den fernen Gassen, schrie ein Hahn seinen Triumph hinaus. Der lauwarme Hauch des sachten Windes trug und verteilte überall unzählige Samen, die den Boden befruchteten, toujours l'amour! Darüber strahlte die Sonne, die Mutter allen Lebens, die mit ihrem breiten, feurigen Kranz und langen, goldenen Armen alles umarmt und segnet, was atmet! Ach, scheußliche Bedrängnis! Wenn man unglücklich ist, glaubt man überall denselben Gedanken und denselben Plan zu erkennen und erleidet überall dieselbe Qual! Wie wird man diese Räude los, die einen ständig verfolgt und umso stärker juckt, je mehr man sich kratzt? Gott im Himmel, was sind manche Menschen doch arm dran! »Es ist erstaunlich«, sagte der geplagte Kobus zu sich, »dass ich nicht mehr denken kann, was ich möchte, und nicht mehr vergessen kann, was ich nicht mag. Wie geht das zu, dass mein Hirn alle Ordnung, Vernunft und Vorausschau über den Haufen wirft, sobald ich nur ein paar Vögeln beim Schnäbeln oder den Schmetterlingen bei ihren Luftspielen zusehe? Dabei sind das doch Kindereien, vollkommen unsinniges Zeug! Ich denke an Susel, brabble vor mich hin und fühle mich unglücklich, obwohl mir nichts fehlt und ich gut esse und trinke! Na komm, komm, Fritz, das geht doch nicht. Wirf's ab, werde endlich vernünftig!« Genauso gut hätte er seine Vernunftgründe gegen die Gicht oder die Zahnschmerzen erheben können. Das Schlimmste war jedoch die näselnde Stimme des alten David, die er auf den schmalen Feldwegen zu hören glaubte: »He, Kobus, daran kommst du nicht vorbei... dir geht's wie den anderen... hihihi! Ich sag's dir doch, Fritz, deine Stunde ist nah!« – »Hol dich der Teufel!« dachte Fritz. Dann sagte er in schmerzhafter und trauriger Resignation zu sich: »Wenn man's recht bedenkt, sind die Menschen vielleicht doch zum Heiraten bestimmt... schließlich heiratet alle Welt. Böswillige könnten sogar übertreiben und behaupten, dass in Wirklichkeit die alten Junggesellen nicht die Weisen, sondern die Narren der Schöpfung sind und sich wie die Axt im Walde benehmen, wenn man's aus der Nähe betrachtet.« Diese Gedanken waren wie quälende Stiche. Er wandte sich davon ab und entrüstete sich über Leute, die imstande waren, an etwas anderes zu denken als an den Frieden, die Stille und die Ruhe, die er zur Grundlage seines Daseins gemacht hatte. Jedes Mal, wenn ihm dies in den Sinn kam, beeilte er sich zu entgegnen: »Geht mein Glück nicht mehr von mir selbst aus, sondern von den Launen einer Frau, dann ist alles verloren. Besser man erhängt sich, als sich auf eine solche Galeere zu begeben!« Diese Ausflüge endeten damit, dass er inmitten der Felder von fern die Turmuhr des Dorfs hörte und voll Verwunderung über die Geschwindigkeit der Zeit zur Herberge zurückkehrte. »Hallo, da bist du ja«, rief ihm der dicke Steuereinnehmer zu. »Ich rechne gerade ab. Hier, setz dich hin, in zehn Minuten bin ich fertig.« Der Tisch war mit Stapeln aus Talern und Goldstücken bedeckt, die beim geringsten Stoß zitterten. Hahn saß über sein Buch gebeugt und zählte zusammen. Dann schob er mit strahlendem Gesicht die Geldstapel in einen ellenlangen Beutel, den er sorgfältig zuband und zu einem Haufen anderer Säckchen auf den Boden stellte. Als schließlich alles versorgt, die Rechnung geprüft und die Einnahmen reichlich waren, drehte Hahn sich befriedigt herum und rief: »Schau her, das ist das Geld für das Heer des Königs! Verdammt viel Mammon braucht es, um das Heer seiner Majestät zu bezahlen, seine Räte und alle, die da sonst noch sind, hahaha! Da sollen wohl die Erde und die Menschen Gold schwitzen. Kann man bei den großen Tieren etwas kürzen, um die kleinen Leute zu entlasten? Das wird nicht leicht gehen, Kobus, denn die großen Tiere würde seine Majestät zuerst dazu befragen.« Dann nahm er seinen Bauch in beide Hände, lachte aus vollem Hals und rief: »Was für ein Schwindel, welcher Schwindel! Uns geht's allerdings nichts an, bei mir stimmt alles. Magst du etwas essen?« »Danke, Hahn, ich möchte nichts.« »Ach was, lass uns einen Happen nehmen, während das Pferd eingeschirrt wird. Bei einem Glas Wein kommt einem alles gleich schöner vor. Kobus, wenn man schwere Gedanken hat, dann braucht man neue Brillengläser und sollte die Welt durch den Boden einer Flasche Gleiszeller oder Umstein Einen Weinort mit diesem Namen gibt es nicht in Deutschland. Ist hier Ungstein in der Pfalz gemeint? betrachten.« Er ging hinaus, um das Pferd anschirren zu lassen und die Zeche zu begleichen, und kam dann auf ein Glas mit Kobus zurück. Wenn alles erledigt und die Säcke in der blechbeschlagenen Truhe auf dem Wagen verstaut waren, knallte Hahn mit der Peitsche, und sie fuhren los zu einem anderen Dorf. So verbrachte der verliebte Fritz die Zeit unterwegs. Man sieht, dass sie nicht immer lustig war, denn seine Kur führte nur den geringsten Teil der erhofften Wirkungen herbei. Unangenehmer als alles andere zusammen empfand Fritz das abendliche Zusammenhocken mit Hahn nach dem Essen. Nach neun Uhr kehrte in den alten Landgasthäusern Ruhe ein, und man vernahm keinen Laut, weil alles schlafen gegangen war. Zuflucht zu einer Partie Jucker oder zum Biertrinken gab es nicht, weil Spielkarten fehlten und das Bier essigsauer schmeckte. Also betranken sich die beiden mit Schnaps oder Eckerstaler Wein, der allerdings auf Fritz während dieser Flucht aus Hüneburg seltsam traurig und zart zugleich wirkte, denn sogar dieses Weinchen, das niemanden hätte umwerfen können, machte ihn stumpfsinnig. Er erzählte alte Geschichten, zum Beispiel von der Heirat seines Großvaters Nikolaus mit Großmutter Gorgel oder von den Abenteuern seines Großonkels Seraphim Kobus, der Geheimrat bei der Großfasanerie des Kurfürsten Hans-Peter XVII. gewesen war. Urplötzlich hatte sich dieser Großonkel in seinen Siebzigern in eine französische Tänzerin des Opernhauses verliebt, die sich Rosa von Pompon nannte. Es lief darauf hinaus, dass Seraphim ihr schließlich zu allen Festen und Theatern nachreiste, nur um sie bewundern zu dürfen und dabei glücklich zu sein. Lang und breit sprach Fritz darüber, und Hahn, der schon zu drei Vierteln schlief, gähnte von Zeit zu Zeit in die Hand und sagte näselnd: »Ist's möglich? Ist das möglich?« Oder er unterbrach Kobus, indem er auflachte, ohne zu wissen warum, und lallte: »Hähähä, komische Sachen passieren auf der Welt. Weiter, Kobus, nur weiter, ich höre zu. Ich hab' bloß eben an dieses Rindvieh von Schulz gedacht, der sich von den Bauern in einem Schlammloch die Stiefel abziehen ließ.« Fritz setzte seine sentimentale Geschichte fort, und die Schlafenszeit rückte näher. In der fest verriegelten Schlafkammer mit der Truhe zwischen den zwei Betten fielen Kobus noch mehr und neue Einzelheiten über die unselige Leidenschaft des Großonkels Seraphim und die Unarten des Fräuleins Rosa von Pompon ein. Er sprach weiter davon, bis er den dicken Hahn wie eine Trompete schnarchen hörte. Er musste sich selbst die Geschichte zu Ende erzählen – und immer schloss sie mit einer Heirat. XII Bittere Gedanken über die Weisheit, die größte aller Eitelkeiten, machte sich der gute Kobus, während Hahn ihn eines Morgens auf einem holprigen Weg durchs Rehtal fuhr und scharf aufpasste, damit er den Wagen nicht in den Schlaglöchern umwarf. Arg bedrückt sagte Fritz zu sich: »Was nützt es dir jetzt, dass du zwanzig Jahre lang einen kühlen Kopf, einen unbeschwerten Magen und warme Füße behalten hast? Trotz aller Vorsicht hat ein schwaches Geschöpf deine Ruhe mit einem einzigen Blick seiner Augen zerstört. Was hat's dir genützt, weit von daheim zu fliehen, wenn dieser verrückte Gedanke dir überallhin folgt und du ihm nirgends entkommen kannst? Wozu war es gut, dass du in rechtschaffener Vorausschau über Jahre hinweg kostbaren Wein gesammelt und manchem damit Zunge und Nase erfreut hast, wenn du nicht einmal mehr ein Glas Wein trinken kannst, ohne wie ein altes Waschweib daher zu schwatzen und Geschichten zu erzählen, die dich bei David, Schulz, Hahn und der ganzen Gegend ins Gerede bringen würden, wenn herauskäme, weshalb du sie zum besten gibst? Sowas Trostloses!« Bei diesem Gedanken schrie er innerlich auf wie König Salomo Vgl. zum Folgenden im Alten Testament Koh 2,1-15. : »Ich sprach zu meinem Herzen: Auf, ich will dich jetzt durch Glückseligkeit prüfen, genieße die Güter dieser Erde! Doch auch das war bloß eitel und nichtig. Ich habe mein Herz nach Gelegenheiten erforscht, um mich an Köstlichkeiten zu erfreuen, damit mein Herz derweil der Weisheit folge. Ich habe mir Häuser errichtet, Gärten und Weinberge gepflanzt, Wasserbecken angelegt und wohlschmeckende Fische darin ausgesetzt. Reichtümer habe ich angehäuft und noch hinzugewonnen, und als ich auf all diese Werke zurückschaute, da war alles bloß eitel! Wenn's mir heute genauso ergeht wie einem Toren, wozu war ich dann weise? Susel stört mich unsagbar, und doch erfreut sich meine Seele an ihr! Ich und mein Herz, wir haben uns nach allen Seiten gewendet, um die Weisheit zu prüfen und zu erforschen, und sind nur auf das Übel der Verrücktheit, des Schwachsinns und der Unvernunft gestoßen. Wir haben dieses Mädchen gefunden, deren Lächeln ein Netz und deren Blick ein Band ist – ist es nicht Wahnsinn? Warum hat sie sich nicht an jenem Tag den Fuß verstaucht, als sie nach Hüneburg kam? Warum habe ich sie in der Laune meines Festessens gesehen? Warum hat sich alles geradeso und nicht anders abgespielt? Und jetzt, Fritz – warum kommst du von dieser Narretei nicht los?« Er brütete in unaussprechlicher Verzweiflung vor sich hin und schwitzte dicke Tropfen. Am meisten angewidert war er jedoch, als Hahn die Flasche aus dem Stroh zog und sagte: »Da, nimm einen kräftigen Schluck, Kobus! So eine Hitze hier unten im Tal!« »Danke«, sagte Fritz, »ich bin nicht durstig.« Er hatte Angst davor, nochmals die Liebesgeschichten all seiner Vorfahren und obendrein seine eigenen zu erzählen. »Was? Du hast keinen Durst?« rief Hahn, »das kann doch nicht sein, na los!« »Nein, nein, mir liegt dort etwas schwer drin«, sagte er und legte mit verzerrtem Gesicht die Hand auf den Magen. »Das kommt davon, dass wir gestern Abend nicht genug getrunken und uns zu früh schlafen gelegt haben«, sagte der dicke Steuereinnehmer. »Trink einen Schluck, dann geht's dir besser.« »Nein danke.« »Du willst nicht? Das ist ein Fehler.« Hahn hob nun den Ellenbogen, und Fritz sah, dass sein Hals in unsagbarer Befriedigung anschwoll und schrumpfte. Dann stieß der Dicke einen Seufzer aus, klopfte den Korken fest, stellte die Flasche zwischen seine Beine und sprach: »Das tut gut – hüh, Fuchs, hüh!« »Ein alter Materialist, dieser Hahn« sagte Fritz zu sich, »er denkt nur an Trinken und Essen!« »Kobus«, fuhr der andere ernst fort, »nimm dich in acht, du brütest eine Krankheit aus! Seit zwei Tagen hast du nicht mehr getrunken, und das ist ein schlechtes Zeichen. Du magerst ab. Wenn die Dicken abmagern oder die Dünnen fett werden, dann wird's gefährlich.« »Hol dich der Teufel«, dachte Fritz, und manchmal meinte er, dass Hahn etwas gemerkt haben könnte. Mit rotem Kopf beobachtete er ihn dann aus dem Augenwinkel, aber Hahn war völlig friedlich, und der Verdacht verflog. Nach zwei Stunden Abstieg erreichten sie einen ebenen Sandweg im Tal. Hahn wies mit der Peitsche auf ein Hundert altersschwacher Hütten auf halber Höhe des nächsten Hügels, überragt von einer Kapelle, die in den Wolken verschwand. Dumpf sagte er: »Da ist das Wildland, die Gegend, von der ich dir in Hüneburg erzählt habe. Hier am Baum hängen zwei Votivbilder, und drüben in dem Felsloch ist noch eins, das wie eine Kapelle aussieht. Wir werden jetzt bei jedem Schritt auf sowas stoßen. Das ist ein Elend. Nicht eine Landstraße, nicht ein Feldweg ist in gutem Zustand, aber überall diese Votivgaben! Stell dir vor, die Leute hier lassen sich Messen lesen, sobald sie vier Pfennige zusammen haben, und der arme Hahn muss auf den Tisch hauen und sich die Seele aus dem Hals brüllen wie ein Tobsüchtiger, um die Gelder für den König zu bekommen! Ob du's glaubst oder nicht, Kobus, mir blutet das Herz, wenn ich hierherkomme, Geld verlange und Hütten für vier Kreuzer oder Möbel für zwei Pfennige verkaufen lasse.« Mit diesen Worten schlug Hahn Fuchs, der in Galopp fiel. Das Dorf lag jetzt zwei- oder dreihundert Schritt über ihnen. Hufeisenförmig umgab es eine steile, tiefe Schlucht. In dem Hohlweg, durch den es aufwärts ging, behinderten Sand, Steine und loser Schutt die Fahrt, denn die schweren Ochsenkarren der Bauern hatten die Gleise tief ausgefahren. Es wurde so eng, dass die Achsnaben des Wagens manchmal zu beiden Seiten am Fels aufsetzten. Fuchs war in den Schritt zurückgefallen. Eine Viertelstunde später kamen sie bei den ersten zwei Bauernhäuschen an. Es waren regelrechte Holzbuden von fünfzehn bis zwanzig Fuß Höhe, mit dem Taubenschlag auf der Talseite und der Tür sowie den beiden Fensterchen zur Straße hin. Eine Frau, die ihren rötlichen Haarschopf in eine Haube aus gefärbtem Kattun gesteckt hatte, stand auf der Türschwelle der ersten Hütte. Ihr Gesicht war hohlwangig, und der Hals verlief lang und dünn wie der einer Flasche vom Unterkiefer bis zur Brust hinunter. Mit spitzer Nase und starrem, verstörtem Blick glotzte sie den Wagen an. Vor der Tür der Kaschemme gegenüber hockte ein Dreijähriges, das nichts anhatte als einen Hemdfetzen, der ihm von den Schultern bis zu den Oberschenkeln hinab reichte. Neugierig und lieb schaute das braunhäutige, blonde Kind herüber. Fritz besah sich diese merkwürdige Szene. Die schlammige Straße führte schräg zum Dorf hinab, wenn man ein Durcheinander aus Schuppen voller Stroh, Scheunen, trüben Fensterchen, offenstehenden Türchen und eingesackten Dächern so nennen darf. Zusammengedrängt auf engem Raum stach dieses Wirrwarr vom grünen Hintergrund der Tannenwälder ab. Als der Wagen dem Weg zwischen den Misthaufen folgte, kam ein kleiner schwarzer Schäferhund mit buschigem Schwanz und bellte Fuchs an. Jetzt erschienen auch die Leute auf den Schwellen ihrer Hütten. Alt und jung standen da in schmutzigem Blauzeug oder Tuchhosen, mit bloßer Brust oder im offenen Hemd. Nach fünfzig Schritt ins Dorf sah man links die Kirche. Sie war sauber und frisch geweißt, hatte neue Fenstergläser und wirkte lustig und keck inmitten dieses Elends. Ringsherum lag der Friedhof mit den kleinen Kreuzen. »Da wären wir«, sagte Hahn. Der Wagen war in einer Bodenvertiefung vor einem gelbgetünchten Haus stehengeblieben, das nach dem Pfarrhaus wohl das ansehnlichste im Dorf war. Es hatte ein Obergeschoß und auf der Vorderfront fünf Fenster, drei oben und zwei unten. Die Tür war an der Seite unter einer Art Vordach, wo Reisigbündel, eine Säge, ein Beil und Keile aufgestapelt lagen. Daneben bildeten zwei oder drei dicke Steinplatten eine Schräge, um das Wasser vom Dach auf den Weg zu leiten, wo der Wagen stand. Fritz und Hahn mussten nur über das Geschirr des Wagens steigen, um den Fuß auf diese Platten setzen zu können. Soeben trat ein Männchen mit einer neugierig wirkenden Elsternase, flachsblondem, auf der Stirn flachgelegtem Haar und fayenceblauen Augen in die Tür und sagte: »Hihi, Herr Hahn, Sie kommen zwei Tage früher als letztes Jahr.« »Das stimmt, Schneegans«, antwortete der dicke Steuereinnehmer, »aber ich habe mich ja angemeldet. Sie haben doch den Ausruf angeordnet?« »Ja, Herr Hahn, der Büttel Im Original beutel genannt. ist seit heute Morgen unterwegs. Hören Sie... er trommelt gerade auf dem Platz.« Tatsächlich rumpelte soeben auf dem Dorfplatz ein holpriger Trommelwirbel. Kobus hatte sich umgedreht und sah beim Brunnen einen großen rothaarigen, hohlwangigen Burschen im Hemd, der sich einen Klappzylinderhut in den Nacken geschoben hatte und ein Horn auf dem Rücken trug. Mit dem Bein stemmte er die Trommel vor, schlug darauf herum und schrie dann mit kreischender Stimme, während eine Menschenmenge von den umliegenden Fensterchen her zuhörte: »Es wird bekanntgegeben, dass der Herr Einnehmer Hahn im Gasthaus Zum Rappen die Steuerzahler erwartet, die noch nichts entrichtet haben. Er wird bis zwei Uhr warten. Wer bis dahin noch nicht bezahlt hat, wird sich innerhalb von zwei Wochen nach Hüneburg begeben müssen, wenn er's nicht mit dem Steuerboten Im Originaltext steuerbôt , vermutlich ein Vollstrecker von Steuerrückständen. zu tun bekommen will.« Dann ging der Büttel die Straße hinauf und wiederholte den Trommelwirbel. Hahn trat mit seinen Steuerbüchern in der Hand in die Schankstube des Gasthauses, und Kobus folgte ihm. Sie stiegen eine Holztreppe hinauf und fanden oben einen Raum, der dem unteren ähnlich, aber heller war. Es gab dort zwei Alkovenbetten, die so hoch lagen, dass man einen Stuhl brauchte, um hineinzusteigen. Rechts stand ein viereckiger Tisch. Zwei oder drei hölzerne Stühle in der Fensterecke, ein altes Barometer, das hinter der Tür hing, und wundersam lichtvolle Bilder des Heiligen Meinertreu Im Originaltext Saint Maclof , also ein frei erfundener Heiliger. , des Heiligen Hieronymus Eremit und Kirchenlehrer des 4./5. Jahrhunderts, Verfasser der lateinischen Bibelübersetzung Vulgata . und der Heiligen Jungfrau an den kalkgeweißten Wänden ringsum ergänzten die Einrichtung des Raums. »Endlich sind wir da«, sagte der dicke Steuereinnehmer und setzte sich mit einem Seufzer. »Fritz, jetzt wirst du Augen machen.« Er öffnete das Register und schraubte das Tintenfass auf. Kobus stand an einem Fenster und schaute über die Dächer der Häuser gegenüber in das tiefe bläuliche Tal. Die Wiesen unten in der Schlucht und die Obstgärten voller Bäume davor, die Gärtchen mit den wurmstichigen Lattenzäunen oder Hecken darum und die schweigenden Tannenwälder umher erinnerten ihn an sein Landgut im Meisental. Alsbald hörte man ein lautes Getöse vom unteren Raum her, denn das ganze Dorf, Männer und Frauen, kam in das Gasthaus. Zugleich trat Schneegans ein und stellte eine Flasche Wein und zwei Gläser auf den Tisch. »Sollen sie alle auf einmal heraufkommen?« fragte er. »Nein, einer nach dem anderen, wie ich sie aufrufe«, antwortete Hahn und füllte die Gläser. »Da, Fritz, nimm einen Schluck! Den großen Sack müssen wir heute wohl nicht öffnen, denn sie haben sicher noch ein gutes Werk an der Kirche getan.« Dann beugte er sich über die Treppe und rief: »Franz Laer!« Sofort ließ ein schwerer Schritt die Treppe erdröhnen, während der Steuereinnehmer sich wieder hinsetzte. Ein großer Kerl in blauer Bluse und mit einem breiten Filzhut auf dem Kopf kam herein. Sein langes, knochiges, gelbes Gesicht sah gefasst aus. Er blieb auf der Türschwelle stehen. »Franz Laer«, sagte Hahn zu ihm, »Sie sind mit neun Talern im Rückstand und schulden vier Taler neu dazu.« Der andere hob sein Hemd, steckte die Hand bis an den Ellenbogen in seine Hosentasche, zählte acht Taler auf den Tisch und sagte: »Hier.« »Wie bitte, hier! Was soll das? Sie schulden dreizehn Taler.« »Mehr kann ich nicht geben. Meine Kleine hatte vor acht Tagen Erstkommunion, und das hat mich viel gekostet. Außerdem habe ich vier Taler für den neuen Mantel des Heiligen Meinertreu gespendet.« »Für den neuen Mantel des Heiligen Meinertreu?« »Ja, die Gemeinde hat einen wunderschönen neuen Mantel mit goldener Stickerei für unseren Schutzpatron gekauft, den Heiligen Meinertreu.« »Ah, sehr gut«, sagte Hahn und blinzelte Kobus aus dem Augenwinkel zu. »Hätten Sie's nur sofort gesagt. Da Sie einen neuen Mantel für den Heiligen Meinertreu gekauft haben... Sehen Sie bloß zu, dass er nächstes Jahr nicht wieder etwas braucht. Also – acht Taler erhalten.« Hahn schrieb die Quittung, gab sie Laer und sagte: »Bleiben fünf Taler, die innerhalb der nächsten drei Monate zu begleichen sind, da ich sonst beitreiben muss.« Der Bauer ging hinaus, und Hahn sagte zu Fritz: »Das ist noch der beste im Dorf, ein Amtsgehilfe. Jetzt schau dir die anderen an.« Dann rief er von seinem Platz aus: »Joseph Besmer!« Der Steuerpflichtige war ein alter Holzhauer, der vier Taler von zwölf zahlte. Dann kam jemand, der sechs Taler anstatt siebzehn gab, dann einer mit zwei Talern statt dreizehn, und so weiter. Alle hatten für den schönen Mantel des Heiligen Meinertreu gespendet, und jeder von ihnen hatte einen Bruder, eine Schwester oder ein Kind im Fegefeuer, die nach Messen schrien. Die Frauen wimmerten, hoben die Hände zum Himmel und riefen die Heilige Jungfrau an. Die Männer blieben ruhig. Als schließlich fünf oder sechs nacheinander nichts bezahlt hatten, sprang Hahn wütend zur Tür und schrie mit einer Sturmesstimme: »Kommt herauf, kommt alle herauf, ihr Bettellumpen! Kommt alle miteinander!« Auf der Treppe entstand ein gewaltiger Lärm. Hahn nahm wieder Platz, und Fritz, der neben ihm stand, sah die Leute zur Tür hereinkommen. In zwei Minuten war die Hälfte des Raums voller Männer, Frauen und Mädchen in Hemden, Jacken und geflickten Röcken. Alle waren ausgemergelt, hager und zerlumpt, und hatten regelrechte Pferdeköpfe: Enge Stirnen, hervorstehende Backenknochen, lange Nasen, trübe Augen und gleichmütige Mienen. Die Stolzesten trugen eine hochmütige Gleichgültigkeit zur Schau, indem sie ihre breiten Filzhüte zurückschoben, beide Fäuste in den Jackentaschen ballten, ein Bein vorstellten und die Ellenbogen spreizten. Bei zwei oder drei ausgemergelten alten Frauen sah man den Zorn in den Augen aufblitzen und ahnte die Verachtung auf ihren Lippen. Bleiche Mädchen mit flachsfarbenem Haar und kleinere mit Stupsnasen, braun wie wilde Heidelbeeren, stießen einander mit den Ellenbogen an und stellten sich auf die Zehenspitzen, um sehen zu können. Der Steuereinnehmer saß mit purpurrotem Gesicht da; seine drei rötlichen Haare hatten sich auf dem dicken Schädel aufgerichtet. Er wartete, bis jeder seinen Platz gefunden hatte, und tat, als ob er in seinem Steuerregister lese. Schließlich drehte er sich ruckartig um und fragte, ob noch jemand etwas bezahlen wolle. Eine Alte kam und legte zwölf Kreuzer hin. Alle anderen blieben unbeweglich. Da drehte Hahn sich erneut um und rief: »Ich habe mir sagen lassen, dass ihr dem Patron eures Dorfes einen schönen neuen Mantel gekauft habt. Weil nun drei Viertel von euch kein Hemd am Leib haben, dachte ich, dass der glückliche Heilige Meinertreu mir wohl aus Dank für euren guten Einfall eure Steuergelder selbst vorbeibringen würde. Schaut her, meine Säckchen lagen schon bereit, und ich war voller Vorfreude. Doch niemand ist gekommen. Da kann der König lange warten, wenn er hoffen soll, dass ihm die Heiligen aus dem Kalender die Geldtruhen füllen! Ich würde nur zu gern wissen, welchen Gefallen euch der Heilige Meinertreu getan und welche Dienste er euch erwiesen hat, dass ihr ihm all euer Geld gebt. Legt er euch denn einen Weg an, damit ihr euer Holz, Vieh und Gemüse zur Stadt fahren könnt? Bezahlt er die Gendarmen, die hier für ein wenig Ordnung sorgen? Würde euch der Heilige Meinertreu daran hindern, einander zu bestehlen, auszuplündern und euch gegenseitig totzuschlagen, wenn's keine öffentliche Gewalt gäbe? Ist es nicht unverschämt, dass ihr dem König alle Kosten lasst und euch über ihn lustig macht, der er das Heer bezahlt, um das deutsche Vaterland zu verteidigen, die Botschafter, die das alte Deutschland würdig vertreten, die Architekten, Ingenieure und Arbeiter, die das Land mit Kanälen, Landstraßen, Brücken und allen anderen Bauwerken überziehen, die unserem Volk zur Ehre und zum Ruhm gereichen? Er bezahlt die Steuerboten, die Beamten und die Gendarmen, die es jedem ermöglichen zu behalten, was er hat, und die Richter, die nach unseren alten Gesetzen, herkömmlichen Bräuchen und nach unserem geschriebenen Recht die Justizgewalt ausüben... Ist es nicht schändlich, dass ihr nicht daran denkt, dem König etwas zu bezahlen und ihm zu helfen wie ehrliche Leute, sondern alle eure Kreuzer lieber dem Heiligen Meinertreu, der Lalla-Rumpfel und den anderen Heiligen hintragt, die seit Adam und Eva kein Mensch gekannt hat, von denen in der Heiligen Schrift kein Wort steht und die euch im Übrigen wenigstens fünfzig Tage im Jahr kosten, die zweiundfünfzig Sonntage gar nicht gezählt? Glaubt ihr denn, dass das ewig so weitergehen kann? Seht ihr denn nicht, dass es gegen die Vernunft ist, gegen die Gerechtigkeit und... gegen alles? Wenn ihr ein wenig Herz hättet, würdet ihr dann nicht an die Dienste denken, die euch euer gnädiger Landesherr leistet, der Vater seiner Untertanen, der euch das Brot zum Mund führt? Schämt ihr euch denn nicht, euer Allerletztes zum Heiligen Meinertreu zu bringen, während ich hier darauf warte, dass ihr eure Schulden gegenüber dem Staat bezahlt? Hört her! Wäre der König nicht so gütig, so voller Geduld, dann hätte er schon vor langer Zeit eure Bruchbuden verkaufen lassen, und dann würden wir ja sehen, ob euch die Heiligen aus dem Kalender neue Häuser bauen. Wenn ihr ihn derart verehrt, diesen großartigen Heiligen Meinertreu, dann macht's doch wie er! Warum verlasst ihr nicht eure Frauen und Kinder, warum geht ihr nicht mit einem Sack auf dem Rücken durch die Welt und ernährt euch von Brotkanten und Almosen? Es wäre doch nur natürlich, seinem Beispiel zu folgen! Andere würden das Land bestellen, das ihr brach lasst, und dafür sorgen, dass sie ihre Pflichten gegenüber dem Souverän erfüllen könnten. Schaut euch einmal um und seht die Leute aus Schneematt, Hackmatt, Urmatt und anderswo, die Cäsar geben, was Cäsars ist, und Gott geben, was Gottes ist, nach den heiligen Worten unseres Herrn Jesus Christus. Schaut sie an, das sind gute Christen, denn sie arbeiten, anstatt jeden Tag neue Heiligenfeste und Vorwände zu erfinden, damit sie in Faulheit verkommen oder ihr Geld im Wirtshaus ausgeben können. Sie kaufen keine goldbestickten Mäntel, sondern lieber Schuhe für ihre Kinder, während ihr barfuß geht wie die Wilden. Fünfzig Feste pro Jahr bei tausend Personen macht fünfzigtausend verlorene Arbeitstage! Wenn ihr arm und elend seid und dem König nichts bezahlen könnt, dann steht die Ehre dafür den Heiligen im Kalender zu. Ich sage euch das, weil's auf der Welt nichts Widerlicheres gibt, als alle drei Monate hierher zu kommen, um seine Pflicht zu erfüllen, und euch Strolche vorzufinden, die ihr aus eigener Schuld elend und nackt seid und einen dabei noch wie den Antichristen anseht, wenn man von euch verlangt, was in allen christlichen Ländern dem Souverän zusteht und sogar bei den Wilden, etwa den Türken und den Chinesen. Das ganze Universum zahlt Abgaben, um Ordnung und Freiheit bei der Arbeit zu haben, bloß ihr gebt alles dem Heiligen Meinertreu, und gottlob kann jedermann euch ansehen, wie er euch dafür belohnt! Jetzt mache ich euch auf etwas aufmerksam. Wer innerhalb von acht Tagen nicht bezahlt, erhält Besuch vom Steuerboten. Die Geduld seiner Majestät ist lang, aber sie hat ihre Grenzen. Ich bin fertig – jetzt geht und bedenkt, was Hahn euch eben gesagt hat: Der Steuerbote ist euch gewiss.« Da ging der ganze Haufen ohne Antwort davon. Fritz war über die Redegewalt seines Freundes verblüfft. Als die letzten Schuldner die Treppe hinunter verschwunden waren, sagte er zu ihm: »Hör mal, Hahn, du sprichst ja wie ein gelernter Redner. Doch unter uns, du bist zu hart mit diesen Armen.« »Zu hart!« schrie der Steuereinnehmer und hob seinen dicken, ungekämmten Kopf. »Ja, du hast kein Gefühl... verstehst nichts vom Gefühlsleben...« »Vom Gefühlsleben?« sagte Hahn. »Auch das noch. Sag mal, willst du mich veralbern, Fritz? Hahaha, darauf falle ich nicht herein wie der alte Rebbe Sichel... deine ernste Miene kann mich nicht täuschen... ich kenne dich!« »Ich sage dir doch«, rief Kobus, »dass es ungerecht ist, diesen Bauern ihren Glauben vorzuwerfen und dann auch noch ein Verbrechen daraus zu machen. Der Mensch ist doch nicht nur auf Erden, um Geld aufzuhäufen und sich den Bauch zu füllen... Vielleicht sind diese Armen mit ihrem naiven Glauben und ihren Kartoffeln glücklicher als du mit deinen Omeletten, Schweinswürsten und gutem Wein.« »Hehe, du Schwindler«, sagte Hahn und legte ihm die Hand auf die Schulter, »sprich bitte auch für dich. Ich glaube, dass keiner von uns beiden bisher nur von Votivgaben und Kartoffeln gelebt hat, und ich hoffe auch, dass es auf keinen von uns so bald zukommt. Ach, so willst du dich also über deinen alten Hahn lustig machen. Das sind mir ja völlig neue Ideen und Theorien!« Während sie diskutierten und sich zur Abreise fertigmachten, kam ein leises Geräusch von der Tür. Sie drehten sich um und sahen, dass dort an der Wand ein Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren mit niedergeschlagenen Augen stand. Sie war bleich und schwächlich, ihr Kleid aus grauem Leintuch war mit großen Flicken ausgebessert und an den Hüften zu eng. Schönes blondes Haar rahmte die Schläfen ein. Die Füße waren bloß, und Gott weiß welche ferne Ähnlichkeit Kobus vor Mitleid sofort so sehr bewegte, wie er es noch nie verspürt hatte. Er glaubte, dort Susel zu sehen, aber durch große Not geschwächt, krank, zitternd und erschöpft. Sein Herz schmolz, und ein kalter Schauer fuhr ihm über die Wangen. Hahn jedoch schaute lieblos auf das Mädchen. »Was willst du?« fragte er hart, »die Steuerregister sind geschlossen, die Einnahme ist beendet. Ihr müsst jetzt alle zum Bezahlen nach Hüneburg.« »Herr Einnehmer«, antwortete das arme Kind nach einem Moment des Schweigens, »ich komme für meine Großmutter Ewig. Seit fünf Monaten kann sie sich nicht aus dem Bett erheben. Wir hatten großes Unglück. Mein Vater ist im letzten Winter beim Kohlplatz unter seinen Schlitten geraten... er ist tot... sein Seelenfrieden hat uns viel gekostet.« Hahn, dem dies allmählich naheging, warf ein ungnädiges Auge auf Fritz. Hörst du, schien er zu sagen, immer wieder St. Meinertreu. Dann erhob er die Stimme und antwortete: »Solches Unglück kann jedem passieren, mein Beileid. Doch wenn ich zur Hauptkasse komme, fragt man mich nicht, ob die Leute glücklich oder unglücklich sind. Man fragt mich, wie viel Geld ich bringe, und wenn's nicht genügt, dann muss ich aus eigener Tasche drauflegen. Deine Großmutter schuldet acht Taler. Letztes Jahr habe ich für sie bezahlt, aber's kann nicht immer so weitergehen.« Das arme Mädchen war traurig geworden. Man sah ihr an, dass sie kurz vor den Tränen war. »Also«, sagte Hahn, »du wolltest mir sagen, dass nichts zu holen ist, nicht wahr, dass deine Großmutter keinen Pfennig hat? Um mir das zu sagen, hättest du daheim bleiben können, ich hab's schon gewusst.« Da schob sie langsam und ohne die Augen zu heben die Hand vor und öffnete sie. Man sah einen Taler darin. »Wir haben unsere Ziege verkauft... um etwas zu bezahlen...« sagte sie mit gebrochener Stimme. Kobus drehte seinen Kopf zum Fenster. Sein Herz bebte. »Teilzahlungen«, sagte Hahn, »nichts als Teilzahlungen! Wenn's doch bloß die Mühe wert wäre.« Dennoch schlug er sein Register wieder auf und sagte: »Also, komm her.« Sie kam näher, aber Fritz beugte sich über die Schulter des Steuereinnehmers, während der schrieb, und sagte leise zu ihm: »Ach, lass doch.« »Was?« sagte Hahn und schaute ihn erstaunt an. »Streich das aus.« »Bitte? Ausstreichen?« »Ja! – Nimm dein Geld zurück«, sagte Kobus zu dem Kind und flüsterte in Hahns Ohr: »Ich bezahle.« »Die acht Taler?« »Ja.« Hahn legte die Feder beiseite. Er sah aus, als ob er in Gedanken weit weg wäre. Dann schaute er das Mädchen an und sagte in ernstem Ton zu ihr: »Das ist Herr Kobus aus Hüneburg. Er bezahlt für euch, sag das deiner Großmutter. Nicht der Heilige Meinertreu bezahlt, sondern Herr Kobus, ein seriöser und vernünftiger Mann, der's aus gutem Herzen tut.« Das Mädchen hob die Augen, und Fritz sah, dass sie hellblau wie Susels Augen waren, allerdings voller Tränen. Sie hatte ihren Taler bereits auf den Tisch gelegt. Er nahm ihn, fuhr in seine Tasche, gab fünf oder sechs Taler dazu und sagte: »Hier, mein Kind, versucht, eure Ziege zurückzubekommen oder eine andere als Ersatz zu kaufen. Du kannst jetzt gehen.« Als sie sich nicht regte, sagte Hahn, der ihre Gedanken erriet: »Du willst Herrn Kobus danken, nicht wahr?« Sie neigte schweigend den Kopf. »Ist gut, ist gut«, sagte er, »wir wissen doch, was du denkst. Euch ist eine Wohltat des Himmels geschehen. Zahlt von jetzt ab pünktlich. Es ist doch keine große Sache, wenn man jede Woche zwei Groschen beiseitelegt, um ein ruhiges Gewissen zu haben. Nun geh, deine Großmutter wird sich freuen.« Das Mädchen warf Kobus noch einen Blick voll Dankbarkeit zu, ging hinaus und stieg die Treppe hinab. Fritz war völlig verwirrt zum Fenster gegangen. Er sah, dass das arme Kind zu laufen begann, während es die Straße hinaufeilte. Man hätte meinen können, dass es Flügel hatte. »Jetzt sind wir hier fertig«, sagte Hahn. »Abfahrt!« Kobus drehte sich herum und sah ihn schon mit dem Registerbuch und gebeugtem Rücken die Treppe hinuntergehen. Er wischte sich die Augen und ging auch hinab. »He!« rief ihnen Schneegans unten in der großen Stube zu, »wollen Sie nichts essen, bevor Sie abreisen, Herr Einnehmer?« »Hast du Hunger, Kobus?« fragte Hahn. »Nein.« »Ich schon gar nicht. Sie können Ihr Essen dem Heiligen Meinertreu vorsetzen! Jedes Mal, wenn ich in diese verlauste Gegend komme, bin ich zwei Wochen lang wie zerschlagen. Völlig durcheinander bin ich. Schirren Sie das Pferd ein, Schneegans, mehr verlangen wir nicht.« Der Wirt ging hinaus. Hahn und Fritz sahen ihm von der Tür aus zu, während er das Pferd aus dem Stall zog und vor den Wagen spannte. Kobus stieg ein. Hahn bezahlte die Rechnung, ergriff die Zügel und die Peitsche, und schon fuhren sie ebenso davon, wie sie gekommen waren. Es mochte gegen zwei Uhr sein. Alle Leute im Dorf standen vor ihren Hütten und schauten ihnen nach, ohne dass einer auf den Gedanken gekommen wäre, seinen Hut zu lüften. Sie kamen wieder in den Hohlweg am Abhang. Lang fiel der Schatten des St. Meinertreu-Felsens ins Tal. Die andere Seite des Berges war in Licht getaucht. Hahn starrte träumerisch vor sich hin. Fritz ließ den Kopf auf die Brust sinken und gab sich zum ersten Mal den Gefühlen der Zärtlichkeit und der Liebe hin, die seit einiger Zeit seine Seele bedrängten. Er schloss die Augen und sah auf den roten Innenseiten seiner Augenlider Susels Bild vorüberziehen, dann das des armen Kindes vom Wildland. Der Steuereinnehmer sagte auch nichts, denn er musste sehr darauf achten, zwischen den Felsen im Gleis zu bleiben. Gegen fünf Uhr rollte der Wagen auf dem Tiefenbacher Ein Ort namens Tieffenbach liegt ca. 10 km nördlich von Phalsbourg. Sandweg. Hahn warf jetzt einen Blick auf Kobus und meinte, der sei eingenickt, denn sein Kopf lag auf seiner Schulter und wiegte sich sanft. Da zündete Hahn seine dicke Pfeife an und ließ die Zügel schießen. Eine halbe Meile weiter wählte er eine Abkürzung, stieg ab und führte Fuchs am Zaum auf dem steilen Weg durch den Tannewald. Fritz blieb auf dem Bock sitzen. Er schlief nicht, wie sein Freund glaubte, sondern gab sich seinen Träumen hin... niemals in seinem Leben hatte er so viel geträumt. Schon kam der Abend in den Wald hinunter, und die Talgründe füllten sich mit Schatten. Nur die hohen Wipfel standen noch im Sonnenlicht. Nach einer guten Stunde Anstieg – Fuchs und Hahn waren von Zeit zu Zeit stehengeblieben, um Atem zu schöpfen – erreichte der Wagen die Hochebene. Jetzt musste man nur noch durch den Wald fahren, um Hüneburg vor sich zu haben. Der Steuereinnehmer, der trotz seines dicken Bauchs energisch marschiert war, stellte jetzt den Fuß auf die Deichsel, knallte mit der Peitsche, und sein breites Hinterquartier versank im Ledersitz. »Na los, hopp, hopp«, rief er. Fuchs zog den Holzschleifweg entlang und schlug einen Trab ein, als ob er nicht bereits drei gute Meilen im Gebirge zurückgelegt hätte. Ach, welcher Anblick, wenn die Sonne untergeht. Man kommt aus dem Tal, plötzlich fällt purpurnes Abendlicht durch die hohen, fein auslaufenden Birkenwipfel, und tausend Wohlgerüche des Waldes erfüllen ringsherum die Luft mit ihrem duftigen Atem! Der Wagen folgte jetzt dem Waldrand. Stellenweise, unter den herab geneigten Zweigen der hohen Bäume, war es schon dunkel. Manchmal kam ein Eckchen des roten Himmels hinter den tausend Sträuchern hervor, die aus dem Dickicht ragten, dann verbarg sich alles erneut, Gestrüpp zog vorbei, und die Sonne sank weiter. Jedes Mal, wenn man sie durch eine Schneise sah, stand sie etwas niedriger. Bald schon hoben sich die Spitzen der hohen Sträucher vor ihrem Bonvivantgesicht ab, einem wahrhaften Puttengesicht, purpurrot und mit Weinlaub gekrönt. Schließlich verschwand sie, lange goldene Flügel schlossen sich über ihr, und die grauen Farbtöne der Nacht drangen auf dem Himmel vor. Einige Sterne standen bereits zitternd in der unendlichen Tiefe über der dunklen Masse des Waldes. Jetzt wurden Kobus' Phantasien stärker und inniger. Er hörte die Räder im Sand mahlen, den Schlag des Pferdehufs gegen ein Steinchen oder ein paar Vögelchen, die vor dem herannahenden Wagen flohen. So ging es lange, bis Hahn auffiel, dass sich am Wagen ein Riemen gelockert hatte. Er hielt an und stieg ab. Fritz öffnete die Augen und sah ihm zu. Soeben ging der Mond auf, und der Weg lag im fahlen Licht. Als der Steuereinnehmer den Riemen zurrte, stimmten plötzlich Mäherinnen und Schnitter, die von der Arbeit kamen, im Chor das alte Lied an: Wenn ich an mein Liebchen denke! Vermutlich eine Variante des im 19. Jahrhundert verbreiteten Liedes Wenn ich an den letzten Abend denke , das auch in Elsass-Lothringen bekannt war. Da schwieg die Nacht noch stiller, und der Wald hörte den ernsten und weichen Stimmen zu, denen die Liebe Einklang verlieh. Die Leute konnten nicht weit weg sein. Man hörte ihre Schritte am Waldrand. Sie gingen im Takt. Hahn und Kobus hatten das alte Lied hundertmal gehört, aber in dieser stillen Stunde sprach es sie besonders an, und sie lauschten in poetischer Ergriffenheit. Fritz empfand allerdings etwas anderes als Hahn, denn unter den Stimmen klang eine fein und hoch heraus. Gleich einem Seufzer vom Himmel stimmte sie jede Strophe an und verstummte als letzte. Fritz meinte, diese junge, zärtliche und verliebte Stimme zu erkennen, und sein ganzes Herz lag in seinem Ohr. Nach einer Weile sagte Hahn, der Fuchs beim Zaumzeug hielt, damit der nicht den Kopf schüttelte: »Ach richtig! So singen die Kinder im alten Deutschland. Da kann man anderswo lange suchen...« »Pst!« machte Kobus. Das alte Lied erklang wieder und zog davon, und immer noch erhob sich dieselbe Stimme hoch und tragend über die anderen, bis sie schließlich vom Geraschel des Laubs übertönt wurde. »Schön sind diese alten Lieder«, sagte der Steuereinnehmer und stieg wieder auf. »Wo sind wir denn?« fragte Fritz, der bleich geworden war. »Beim Turteltaubenfelsen, zwanzig Minuten oberhalb deines Landguts«, antwortete Hahn, während er sich setzte und das Pferd antrieb, das wieder anzog. »Das war Susels Stimme«, dachte Kobus, »ich hab's doch gewusst!« Als sie aus dem Wald kamen, fing Fuchs an zu galoppieren, denn er witterte seinen Stall. Hahn, der froh war, heute Abend ein Glas Bier zu bekommen, sprach von den Gaben des alten Deutschland, den alten Liedern und den Minnesängern. Kobus hörte ihm nicht zu, denn er hatte seine Gedanken woanders. Jetzt waren sie schon durchs Hildebrandttor, und die Lichter, die in allen Häusern brannten, leuchteten Fritz ins Auge, ohne dass er sie wahrnahm. Der Wagen hielt. »Also, mein Guter, du kannst absteigen, wir sind vor deiner Tür«, sagte Hahn. Fritz sah auf und stieg ab. »Guten Abend, Kobus«, rief der Steuereinnehmer. »Gute Nacht,« sagte er und ging in Gedanken versunken die Treppe hinauf. An diesem Abend war die alte Katel so froh, Kobus wiederzusehen, dass sie die ganze Küche anheizen wollte, um seine Rückkehr zu feiern. Doch er war nicht hungrig. »Nein,« sagte er, »lass gut sein, ich habe schon gegessen... bin müde.« Er ging schlafen. So kam es, dass Kobus der Bonvivant, das Leckermaul, der Feinschmecker sich von einer Scheibe Schinken am Morgen und von einem alten Lied am Abend ernährte. Wie hatte er sich verändert! XIII Gott weiß, wann Fritz in jener Nacht einschlief, aber es war heller Tag, als Katel in seine Stube kam und die Fensterläden geschlossen vorfand. »Bist du's, Katel?« sagte er und reckte die Arme. »Was gibt's?« »Vater Christel ist hier und möchte Sie sprechen, Herr Kobus. Er wartet schon eine halbe Stunde.« »Ach, Vater Christel ist hier. Ja schön, er soll doch hereinkommen. Immer herein, Christel. – Katel, zieh die Vorhänge auf. Ja, guten Tag, guten Tag, Vater Christel, Sie sind also hier!« Er ergriff beide Hände des alten Mennoniten, der im ergrauenden Bart und mit dem breiten schwarzen Filzhut vor dem Bett stand, und strahlte ihn an. Christel war über diesen begeisterten Empfang sehr erstaunt. »Ja, Herr Kobus,« sagte er lächelnd, »ich komme vom Landgut und bringe Ihnen ein Körbchen Kirschen... Sie wissen doch, die knackigen Kirschen vom Baum hinter der Scheune, den Sie selbst vor zwölf Jahren gepflanzt haben.« Fritz erblickte auf dem Tisch einen Korb voll Kirschen, die sorgfältig auf großen, ringsum heraushängenden Erdbeerblättern angehäuft und ausgelegt waren. Er staunte, wie frisch, anregend und schön sie aussahen. »Ah gut, gut! Ja, diese Kirschen mag ich!« rief er. »Weshalb haben Sie an mich gedacht, Vater Christel?« »Nicht ich, sondern Suselchen,« antwortete der Bauer, »sie gab keine Ruhe und keinen Frieden. Jeden Tag ging sie nach dem Kirschbaum schauen und sagte: ›Wann gehst du nach Hüneburg, Vater, die Kirschen sind reif, du weißt doch, wie sehr Herr Kobus sie mag!‹ Als ich ihr schließlich gestern Abend gesagt habe: ›Morgen gehe ich hin‹, da hat sie heute Morgen ganz früh die Leiter genommen und ist pflücken gegangen.« Bei jedem Wort von Vater Christel hatte Fritz ein Gefühl, als ob ein erfrischender Balsam sich auf seinem Körper ausbreitete. Gern hätte er den braven Mann umarmt, hielt sich aber zurück und rief: »Katel, bring bitte die Kirschen her, ich möchte sie versuchen.« Er betrachtete die Kirschen zunächst und glaubte dabei Susel zu sehen, die das grüne Laub auf dem Boden des Korbes ausgebreitet und die Kirschen darauflegt hatte. Dies versetzte ihn in Rührung und Behagen. Schließlich probierte er die Kirschen genüsslich und langsam und schluckte die Kerne mit hinunter. »Wie frisch und knackig Kirschen sind,« sagte er, »wenn sie gerade eben vom Baum kommen. So gute gibt's nicht auf dem Markt. Der Tau ist noch darauf, und das erhält den natürlichen Geschmack und die ganze Lebenskraft.« Christel sah ihm freudig zu. »Schmecken Ihnen die Kirschen?« fragte er. »Ja, sie sind ein Genuss. Setzen Sie sich doch bitte.« Er stellte den Korb auf das Bett zwischen seine Knie, und während er sprach, genoss er von Zeit zu Zeit eine Kirsche. Seine Augen waren wirr vor Glück. »Also, Vater Christel,« fuhr er fort, »geht's allen gut daheim, auch Mutter Orschel?« »Sehr gut, Herr Kobus.« »Susel auch?« »Ja, Gott sei Dank, allen geht's gut. Bloß Susel sieht seit einigen Tagen etwas traurig aus. Ich dachte, sie sei krank, aber's liegt wohl am Alter, Herr Kobus. Da werden die Kinder schwärmerisch.« Fritz fiel die Szene mit dem Cembalo ein. Er wurde rot und sagte hustend: »Ist gut... ja, ja... ach, Katel, stell die Kirschen bitte in den Schrank, sonst esse ich sie noch vor dem Mittagessen auf. Entschuldigen Sie bitte, Vater Christel, aber ich muss mich jetzt anziehen.« »Genieren Sie sich nur nicht, Herr Kobus.« Während er sich anzog, sagte Fritz weiter: »Sie kommen doch nicht vom Meisental, nur um mir Kirschen zu bringen?« »Ach nein, ich habe noch etwas anderes in der Stadt vor. Erinnern Sie sich an die zwei Mastochsen, die ich Ihnen gezeigt habe, als Sie zuletzt auf dem Hof waren? Einige Tage nach Ihrer Abreise hat sie gekauft. Wir haben uns auf dreihundertfünfzig Taler geeinigt, und Schmul sollte die Ochsen am ersten Juni abholen oder mir einen Taler für jeden Tag Verzug zahlen. Doch jetzt lässt er mir die Tiere schon seit fast drei Wochen im Stall stehen. Susel ist zu ihm gegangen und hat ihm gesagt, dass mir das gar nicht recht sei, und als er darauf nicht antwortete, habe ich ihn vor den Amtsrichter laden lassen. Er hat den Kauf der Ochsen nicht bestritten, aber behauptet, dass über die Abholung nichts vereinbart worden sei und auch nichts wegen der Kosten der Verzugstage. Da der Richter keinen anderen Beweis hatte, hat er Schmul den Parteieid aufgegeben, der heute um zehn Uhr vor dem alten Rebbe David Sichel geleistet werden soll, denn die Juden haben ihren eigenen Brauch beim Schwören.« »Aha,« sagte Kobus, der seinen Umhang angelegt hatte und seinen Filzhut vom Haken nahm. »Jetzt ist's gleich zehn Uhr. Ich gehe mit Ihnen zu David, und nachher kommen wir zu Mittag hierher zurück. Sie essen doch mit mir?« »Ich habe meine Pferde in der Herberge zum Roten Ochsen eingestellt, Herr Kobus.« »Ach was, Sie essen mit mir. Katel, koch uns ein gutes Mittagessen. Ich bin froh, Sie zu sehen, Christel.« Sie gingen hinaus. Unterwegs dachte Kobus: »Erstaunlich! Heute Morgen habe ich von Susel geträumt, und schon kommt ihr Vater und bringt mir Kirschen, die sie für mich gepflückt hat. Das ist herrlich, herrlich!« Sein Gesicht strahlte rundum vor Befriedigung, denn er erkannte in diesen Dingen den Fingerzeig Gottes. Einige Augenblicke später traten sie in den Hof der alten Synagoge. Franzos' , der verhärmte Bettler, war da mit seiner Sammelschale auf den Knien, und als Kobus in seiner Laune einen Taler hineinwarf, hielt Christel ihn für großzügig und gütig. Franzos' hob die Augen und sah Fritz überrascht an, aber der schaute nicht hin, sondern ging mit erhobenem Kopf lachend weiter und schwelgte in dem Glücksgefühl, Susels Vater bei sich zu haben. Es war, als ob ein Lufthauch aus dem Meisental oder ein heller Sonnenstrahl vom Himmel zwischen den hohen, dunklen Gebäuden ging. Merkwürdig sind manche Leute doch. Zwei oder drei Monate früher hatte der alte Mennonit auf Fritz den Eindruck eines ehrlichen Bauern gemacht, und nichts weiter. Jetzt fand Kobus ihn sympathisch, entdeckte Witz an ihm und andere Vorzüge, die er zuvor nicht erkannt hatte. Er schlug sich auf Christels Seite und zog über Schmul her. Der alte Rebbe David stand schon am offenen Fenster und erwartete Christel, Schmul und den Gerichtsschreiber. Kobus' Anblick belustigte ihn. »Hallo, da bist du ja, Schaute «, rief er von weitem. »Seit acht Tagen sieht man dich nicht mehr hier.« »Ja, David, ich bin's«, sagte Fritz und blieb beim Fenster stehen. »Ich bringe dir meinen Bauern Christel, einen braven Mann, für den ich mich verbürge. Er würde niemals etwas behaupten, was nicht...« »Gut, gut«, unterbrach David, »ich kenne ihn schon lange. Geht hinein, immer hinein, die anderen kommen auch gleich. Es schlägt eben zehn Uhr.« Der alte David hatte seine weite braune Kapote an, die an den Ellenbogen glänzte. Ein Häubchen aus schwarzem Samt bedeckte seinen kahlen Hinterkopf, und außenherum wehten einige graue Haare. Das magere, gelbe, von unzähligen Runzelchen durchzogene Gesicht trug einen gedankenversunkenen Ausdruck, wie beim Jom-Kippur Jüdischer Fasten- und Sühnetag. . »Legst du keine Amtstracht an?« fragte Fritz ihn. »Nein, ist nicht nötig. Nehmt Platz.« Sie setzten sich. Die alte Surle schaute durch die halboffene Küchentür und sagte: »Guten Tag, Herr Kobus.« »Guten Tag, Surle, guten Tag. Kommen Sie nicht?« »Später«, sagte sie, »ich komme nach.« »Ich muss dir wohl nicht erst sagen, David«, sagte Fritz weiter, »dass in meinen Augen Christel im Recht ist und dass ich meine Hand für ihn ins Feuer lege.« »Gut, das weiß ich«, sagte der alte Rebbe, »und ich weiß auch, dass Schmul schlau ist, sehr schlau, überschlau sogar. Aber sprechen wir nicht davon. Ich habe die Verfügung vor drei Tagen erhalten, über diese Sache nachgedacht und... da kommen sie!« Eben kam Schmul mit seiner großen Geiernase und seinem feuerroten Haar, dem an der Hüfte mit einem Band geschnürten Hemd und der flachen, auf die Stirn gedrückten Mütze. Er trug ein sorgloses Gesicht zur Schau, während er über den Hof ging. Hinter ihm kam der Sekretär Schwan, dem der Ofenrohrhut gerade über dem dicken, pickeligen Gesicht saß. Er hatte das Protokollbuch unter dem Arm. Als die beiden eintraten, sprach David ernst zu ihnen: »Setzen Sie sich, meine Herren.« Zu der folgenden Szene sei bemerkt, dass Emile Erckmann 1838 in Saverne den Prozeß gegen den Rabbiner Isidor beobachten konnte, der sich geweigert hatte, als Richter einen jüdischen Zeugen nach jüdischem Brauch zu vereidigen ( Benoit-Guyod (Fußnote 4 zum Vorwort), S. 42). Zum anderen sei an Rabbi Meyer Hermann erinnert (s. Fußnote 12). Übrigens waren Erckmann und Chatrian rechtskundig. Dann ging er selbst, um die Tür wieder zu öffnen, die Schwan aus Versehen geschlossen hatte, und sagte: »Die Eidesleistungen erfolgen öffentlich.« Er nahm aus einem Wandschrank eine dicke Bibel mit hölzernem Deckel, rotem Schnitt und abgefingerten Seiten, schlug sie auf dem Tisch auf und setzte sich in seinen großen Ledersessel. Seine Haltung war ernst und nachdenklich geworden. Alle warteten. Während David im Buch blätterte, kam Surle und stellte sich hinter dem Sessel auf. Ein oder zwei Passanten waren auf der dunklen Treppe zur Judengasse stehengeblieben und schauten neugierig zu. Die Stille dauerte bereits mehrere Minuten, und jeder hatte Zeit zum Nachdenken gehabt, als David den Kopf hob, seine Hand auf das Buch legte und sprach: »Der Herr Amtsrichter hat dem Viehhändler Isaak Schmul aufgegeben, den Parteieid zu folgender Frage zu leisten: ›Ist es wahr, dass zwischen Isaak Schmul und Hans Christel vereinbart wurde, dass Schmul binnen acht Tagen zwei Ochsen abholen sollte, die er am 22. Mai dieses Jahres gekauft hatte, und dass er, wenn er nicht rechtzeitig käme, Christel für jeden Tag Verzug einen Taler Entschädigung wegen des Futters der Ochsen bezahlen sollte?‹ Ist das die Frage?« »Ja«, sagten Schmul und der Mennonit zugleich. »Also kommt es nur darauf an, ob Schmul den Eid leisten will.« »Dazu bin ich hier«, sagte Schmul ruhig, »und ich bin bereit.« »Einen Augenblick«, unterbrach ihn der alte Rebbe und hob die Hand, »einen Augenblick. Bevor ich den Eid abnehme, ist es meine Aufgabe, Schmul über die Bedeutung dieser Handlung zu belehren, die eine der heiligsten und weihevollsten unserer Religion ist.« Mit ernster Stimme las er vor. »Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht missbrauchen. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen. Altes Testament, Ex 20, 7 und 16. « Dann las er weiter unten mit demselben feierlichen Ton: »Wenn eine Zweifelsfrage auftritt wegen eines Ochsen oder eines Esels oder wegen Kleinvieh oder eines Kleides oder einer anderen Sache, dann soll der Rechtsstreit dem Richter vorgetragen werden, und ein Eid beim Namen des Ewigen wird zwischen den Parteien entscheiden Etwas frei nach Ex 22, 8-10. .« Schmul wollte dazu etwas sagen, aber David bedeutete ihm zum zweitenmal zu schweigen und sprach: »›Du sollst den Namen des Ewigen, deines Gottes, nicht missbrauchen, und du sollst kein falsches Zeugnis ablegen!‹ Diese zwei Gebote Gottes hat das Volk Israel inmitten von Blitz und Donner vernommen. Es zitterte und hielt sich fern in der Wüste Sinai. Ex 20, 18. Jetzt höre, was der Ewige zu dem spricht, der seine Gebote verletzt. Die folgenden Zitate sind kreuz und quer über Dtn 28 verstreut. ›Wenn du der Stimme des Ewigen, deines Gottes, nicht gehorchst und nicht einhältst, was ich dir heute befehle, soll der Himmel über dir aus Erz und der Boden unter deinen Füßen aus Eisen sein. Statt Regen wird dir der Ewige Staub und Asche geben; der Ewige wird dich und deine Nachkommen mit fremdartigen Wunden schlagen, mit großen und dauerhaften Wunden und mit bösartigen Krankheiten von Dauer. Der Fremde steigt hoch über dich hinaus, und du wirst weit hinabsinken. Er wird dir Geld leihen, und du wirst ihm nichts leihen. Der Ewige wird dich mit dem Fluch belegen und Verderben über alles bringen, auf das du die Hand legst oder was du erschaffst, bis du vernichtet bist. Deine Töchter und deine Söhne sollen in die Fremde verkauft werden, und deine Augen sollen den ganzen Tag zusehen und sich verzehren, aber deine Hand wird keine Kraft haben, um sie zu befreien. Dein Leben soll vor dir wie an einem Faden hängen, und Tag und Nacht sollst du in Angst und Schrecken leben. Morgens wirst du sagen: Wer wird mich den Abend schauen lassen! Abends wirst du sagen: Wer wird mich den Morgen schauen lassen! Alle diese Verfluchungen werden über dich kommen und dich verfolgen und auf dir bleiben, bis du vernichtet bist, weil du der Stimme des Ewigen, deines Gottes, nicht gehorcht und Seine Gebote und Gesetze nicht beachtet hast, die Er dir gegeben hat!‹ Soweit die Worte des Ewigen!« schloss David und hob den Kopf. Er sah Schmul an, der die Augen entrückt auf die Bibel geheftet hielt. »Jetzt, Schmul«, fuhr er fort, »wirst du auf dieses Buch den Eid schwören, in Gegenwart des Ewigen, der dich hört. Du sollst schwören, dass zwischen dir und Christel nichts vereinbart wurde, weder wegen der Verspätung, noch für die Verzugstage, noch für das Futter der Ochsen in jenen Tagen. Hüte dich davor, dass dein Herz krumme Wege geht und dir gestattet zu schwören, obwohl du von der Wahrheit des Eides nicht überzeugt bist. Hüte dich zum Beispiel, dir zu sagen: ›Dieser Christel hat mich hereingelegt, hat mir Schaden zugefügt und mich daran gehindert, Gewinn zu machen.‹ Oder: ›Er hat meinem Vater Unrecht getan oder denen, die mir nahestehen, und ich hole mir nur zurück, was mir gerechterweise zusteht.‹ Oder: ›Der Wortlaut unserer Abrede war zweideutig, und ich wende sie daher so zurecht, wie's mir passt. Der Wortlaut war nicht klar genug, und so kann ich darüber hinweggehen.‹ Oder: ›Christel kommt mich zu teuer zu stehen, denn seine Ochsen sind weniger wert als der vereinbarte Preis. Auf diese Weise schaffe ich Recht, denn die Ware und ihr Preis sollen gleich sein wie die zwei Schalen einer Waage.‹ Oder dies: ›Ich habe heute nicht so viel Geld, kann aber später den Schaden gutmachen.‹ Oder irgendein ähnlicher Gedanke. Nein, alle diese Ausreden können das Auge des Ewigen nicht täuschen. Du darfst daher weder nach diesen Gedanken noch nach anderen, ähnlichen schwören. Nicht nach deinem Geist, der sich aus Eigennutz dem Bösen zuwenden kann, darfst du den Eid leisten, nicht nach deinen Gedanken, sondern nach meinen musst du dich richten und darfst bei dem, an das ich denke, nichts aus Arglist oder sonstwie hinzufügen oder weglassen. Der Gedanke des Rabbi Sichel aber ist so einfach und klar: Hat Schmul für das Futter der Ochsen, die er gekauft hatte, Christel einen Taler versprochen, und zwar für jeden Tag des Verzugs nach Ablauf von acht Tagen? Wenn er Christel dies nicht zugesagt hat, möge er die Hand auf das Gesetzbuch legen und sagen: ›Ich schwöre nein! Ich habe nichts zugesagt!‹ Schmul, tritt vor, strecke deine Hand aus und schwöre!« Schmul, der jetzt die Augen hob, sagte: »Dreißig Taler sind keine Summe für einen Eid. Da Christel sich sicher ist, dass ich's ihm versprochen habe – ich selbst erinnere mich nicht genau daran –, werde ich bezahlen und hoffe, dass wir gute Freunde bleiben. Später werde ich Christel das Geld aber wieder abgewinnen, denn seine Ochsen sind wirklich zu teuer. Nun, nichts für ungut; Schmul wird niemals um Geld schwören, wenn er sich nicht ganz und gar sicher ist, selbst wenn's zehnmal soviel sein sollte.« Da warf David Kobus einen pfiffigen Blick zu und antwortete: »Daran tust du gut, Schmul, denn im Zweifel soll man nicht schwören.« Der Schreiber hatte protokolliert, dass der Eid abgelehnt worden war, erhob sich, grüßte die Versammlung und ging mit Schmul hinaus, der sich auf der Schwelle umdrehte und mit harter Stimme sagte: »Ich komme morgen um acht Uhr, hole die Ochsen ab und bezahle.« »Ist mir recht«, antwortete Christel und neigte den Kopf. Als sie unter sich waren, lächelte der alte Rebbe. »Schmul ist schlau«, sagte er, »aber unsere alten Talmudisten waren schlauer als er. Ich wusste genau, dass er's nicht auf die Spitze treiben würde, und deshalb habe ich meine Amtstracht nicht angelegt.« »Ja«, rief Fritz, »ich sehe schon, ganz und gar verkehrt ist eure Religion doch nicht.« »Schweig, du alter Apikaures «, antwortete David, indem er die Tür schloss und die Bibel in den Schrank stellte. »Ohne uns wärt ihr alle Heiden, denn seit zweitausend Jahren denkt ihr durch uns. Ihr selbst habt nichts erfunden und nichts entdeckt. Denk nur einmal daran, wie oft ihr euch in diesen zweitausend Jahren entzweit und bekämpft und wie viele Sekten und Bekenntnisse ihr hervorgebracht habt! Wir dagegen sind seit Moses gleich geblieben. Wir sind immer noch die Söhne des Ewigen, während ihr die Söhne von Zeitgeist und Hochmut seid. Der geringste Eigennutz kann eure Meinung ändern, während das gesamte Universum uns arme Teufel auch nicht von einem einzigen unserer Gesetze abgebracht hat.« »Aus diesen Worte spricht die Überheblichkeit deiner Rasse«, sagte Fritz. »Bisher habe ich dich für einen anständigen Menschen gehalten, aber jetzt sehe ich, dass die Grundlage deiner Seele die Hoffart ist.« »Wozu sollte ich auch bescheiden sein?« rief David näselnd. »Wenn der Ewige uns auserwählt hat, dann doch nur deshalb, weil wir mehr wert sind als ihr.« »Ach, sei doch still«, sagte Kobus lachend, »deine Überheblichkeit ist ja fürchterlich. Am Ende werde ich dir deswegen noch böse.« »Werde so böse wie du willst«, sagte der alte Rebbe, »nur keine falsche Scham.« »Ach nein, ich lade dich lieber auf ein Uhr zum Kaffee bei mir ein. Wir können uns unterhalten und lustig sein, und dann gehen wir das Märzenbier probieren. Gefällt dir das?« »Ja,« sprach David, »ist genehmigt. Die Distel kann durch den Umgang mit der Rose nur gewinnen.« Kobus wollte ›oho, das geht entschieden zu weit!‹ schreien, hielt sich aber zurück und sagte schlau: »Die Rose bin ich!« Da konnten die drei das Lachen nicht mehr zurückhalten. Christel und Fritz gingen untergehakt hinaus und sagten: »Ein Pfiffikus, dieser Rebbe David! Er hat doch immer einen Spruch zur Hand, um damit Spaß zu machen. Ein braver Mann.« Alles lief ab wie besprochen. Christel und Kobus aßen zusammen zu Mittag, und beim Nachtisch kam der Rebbe zum Kaffee. Dann begaben sie sich zur Schenke zum Großen Hirschen . Fritz war in bester Laune, nicht nur weil er zwischen seinem alten Freund David und Susels Vater ging, sondern auch, weil er eine Flasche Steinberg im Kopf hatte, vom Bordeaux und vom Kirschwasser nicht zu reden. Er sah die Welt wie durch einen Sonnenstrahl. Sein fleischiges Gesicht war hochrot, und er hatte die dicken Lippen zu einem strahlenden Lächeln gerafft. Welche Begeisterung schlug ihm entgegen, als er unter der grauen Markise erschien, die über dem Tor zum Großen Hirschen aufgespannt war! »Da ist er! Da ist er!« schrie es von allen Seiten, »hoch die Kanne, Kobus ist da!« Fritz wiederholte ständig mit Lachen: »Ja, er ist da, hahaha!« Er stieg zwischen die Bänke und schüttelte allen seinen alten Freunden die Hand. Während der vergangenen acht Tage hatte man sich überall gefragt: »Wo er nur bleibt? Wann sehen wir ihn wieder?« Und der alte Krautheimer war bekümmert, weil das Bier keinem seiner Gäste schmecken wollte. Schließlich setzte Fritz sich inmitten des allgemeinen Jubels und lud Vater Christel zu seiner Rechten ein. David sah Friedrich Schulz, dem dicken Hahn, Speck und fünf oder sechs anderen zu, die eine Partie Ramsch um zwei Kreuzer für eine Marke spielten. Es gab das berühmte Märzenbier, das wie Sekt in der Nase prickelt. Gegenüber, in der Schenke zu den Zwei Schlüsseln , tranken Friedrich Wilhelms Damit könnte König Friedrich Wilhelm IV. gemeint sein, der im Jahr 1847 Preußen regierte. In der bayerischen Pfalz waren seine Soldaten damals jedoch nicht stationiert, auch nicht als Besatzung der Bundesfestungen Landau und Germersheim. Husaren das Bier aus kleinen Kruken. Die Korken knallten wie Pistolenschüsse. Man begrüßte sich über die Straße hinweg, denn die Hüneburger sind stets jovial zu den Soldaten, obwohl sie keinen Umgang mit ihnen pflegen und sie erst recht nicht nach Hause einladen, denn sowas ist stets riskant. Alle Augenblicke sagte Vater Christel: »Ich sollte heimfahren, Herr Kobus, bitte entschuldigen Sie mich, ich hätte schon vor zwei Stunden auf dem Gutshof sein sollen.« »Ach was,« rief Fritz und legte ihm die Hand auf die Schulter, »sowas gibt's nicht alle Tage, Vater Christel. Hin und wieder muss man feiern und den Geist beleben. Na los, noch ein Bier!« Der alte Mennonit, der bereits angesäuselt war, setzte sich wieder und dachte: »Das ist das sechste! Hoffentlich werfe ich auf dem Heimweg den Wagen nicht um!« Dann sagte er: »Herr Kobus, was soll denn meine Frau denken, wenn ich mit einem Rausch nach Hause komme? So hat sie mich noch nie gesehen!« »Das verfliegt an der frischen Luft, Vater Christel, und Sie müssen ja nur sagen: ›Herr Kobus hat's gewollt‹, damit Susel Sie verteidigt.« »Ja, das stimmt,« rief Vater Christel lachend, »das ist wahr. Alles, was Herr Kobus sagt und tut, ist gut. Also, noch ein Bier!« Das Bier kam und wurde getrunken, das Serviermädchen brachte noch eins, und so weiter. Als es eben von St. Sylvester drei Uhr schlug und niemand etwas Böses dachte, bog eine Horde Kinder um die Ecke des Gasthauses Zum Schwanen und lief in Richtung des Landauer Tors weiter. Dann kamen einige Soldaten, die einen ihrer Kameraden auf einer Bahre trugen, und dahinter noch mehr Kinder. Die Schritte trappelten auf dem Pflaster, dass man es von fern hörte. Alle beugten sich aus den Fenstern und kamen aus den Häusern, um zuzusehen. Die Soldaten zogen die Schmiedestraße neben dem Spital hinauf und mussten daher an der Schenke zum Großen Hirschen vorbei. Die Kartenpartien wurden abgebrochen. Hahn, Schulz, David, Kobus, die Kellnerinnen, Krautheimer, kurz alle Anwesenden richteten sich in den Bänken auf. Von drinnen her kamen noch mehr Leute, und man raunte sich zu: »Ein Duell, das war ein Duell!« Währenddessen kam die Bahre langsam näher. Zwei Männer trugen sie, es war eine von den Mulden, mit denen man den Mist aus den Ställen der Kavalleriekasernen trägt. Darauf lag mit den Beinen zwischen den Holmen der Trage und dem Kopf seitwärts auf der aufgerollten Jacke der Soldat mit bleichem Gesicht, geschlossenen Augen und halb geöffneten Lippen. Die Hemdbrust war voller Blut. Dahinter gingen die Sekundanten, zunächst ein alter Husar mit gelblichen Augenbrauen und einem dicken rötlichen Schnauzbart, der sich von den braunen Wangen abhob. Der Alte trug den Säbel des Verletzten unter dem Arm, hatte den Trageriemen über die Schulter geworfen und wirkte völlig ruhig, während der andere Sekundant, der jünger und blond war und den Tschako hielt, niedergeschlagen aussah. Dann kamen zwei Unteroffiziere, die sich bei jedem Schritt umdrehten, als ob die vielen Leute sie störten. Von den Zwei Schlüsseln her riefen einige Husaren den Alten mit dem Säbel: »Rappel! He, Rappel!« Er war wohl ihr Fechtmeister, erwiderte aber nichts und drehte sich nicht einmal um. Als die letzten zwei vorbeikamen, besann sich Friedrich Schulz darauf, dass er früher Feldwebel bei der Landwehr gewesen war, und rief von seinem Stuhl herunter: »He, Kameraden, Kameraden!« Einer blieb stehen. »Was geht denn hier vor, Kamerad?« »Tja, Alterchen, das war ein Säbelstoß zu Ehren von Fräulein Gretel, der Köchin im Roten Ochsen .« »Aha.« »Ja, ein Gegenstoß mit der Spitze und ohne Parade, denn die kam zu spät.« »Wo hat's getroffen?« »Zwei Fingerbreit oberhalb der rechten Brustwarze.« Schulz schob die Lippe vor. Man sah ihm an, dass er stolz darauf war, eine Antwort erhalten zu haben. Alles drängte sich um die beiden und hörte zu. »Ein böser Stoß«, sagte er, »sowas habe ich beim französischen Feldzug gesehen.« Der Husar sah seine Kameraden in die Spitalgasse einbiegen, hob die Hand zum Ohr und sagte: »Entschuldigen Sie mich.« Er ging zu seinem Trupp zurück. Schulz ließ einen zufriedenen Blick über die Anwesenden gehen, setzte sich wieder und sagte: »Als Soldat zieht man eben den Säbel, nicht wie die Bürgerlichen, die sich mit den Fäusten grün und blau prügeln.« Er sah aus, als ob er sagen wollte: »Ich hab's schon hundertmal getan.« Einige bewunderten ihn. Doch die Mehrzahl – lauter vernünftige und friedliebende Leute – murmelten untereinander: »Wie können Männer einander nur wegen einer Köchin umbringen? Das ist ja widerwärtig. Diese Gretel gehört aus der Stadt gejagt, wenn sie unter den Husaren bösartige Leidenschaften aufrührt.« Fritz sagte nichts. Er sah nachdenklich aus, und seine Augen hatten einen merkwürdigen Glanz. Als der alte Rebbe sprach: »Da sieht man, wie Gottes Geschöpfe sich für nichtige Dinge massakrieren«, benahm er sich plötzlich merkwürdig. »Was nennst du da nichtige Dinge, David?« rief er mit dröhnender Stimme. »Hat uns die Liebe nicht stets und überall zu den schönsten Taten und den edelsten Gedanken angeleitet? Ist sie nicht der Atem des Ewigen selbst, die Grundlage des Lebens, der Begeisterung, des Muts und der Hingabe? Das kann dir so passen, über die Quelle unseres Glücks und der Ehre der menschlichen Rasse herzuziehen. Reiß die Liebe aus dem Mann, und was bleibt ihm? Die Selbstsucht, der Geiz, der Suff, die Langeweile und die elendsten Instinkte. Was soll er noch Großes tun, was soll er Schönes sagen? Nichts, er würde bloß darüber nachdenken, wie er sich den Wanst füllt.« Alle Anwesenden hatten sich vor Staunen über diesen Ausbruch herumgedreht. Hahn sah Fritz aus großen Augen über Schulz' Schulter hinweg an, und der renkte sich fast den Hals aus, um zu sehen, ob da wirklich Kobus redete, denn er traute seinen Ohren nicht. Fritz achtete nicht darauf. »Sag mal, David,« sprach er weiter und wurde dabei immer lebhafter, »wenn der große Dichterfürst Homer uns die Helden Griechenlands zeigt, die zu Hunderten in ihren Schiffchen abfahren, um eine schöne Frau zurückzuholen, die ihnen davongelaufen ist, die Meere überqueren und sich zehn Jahre lang mit den Asiaten gegenseitig massakrieren, um die Frau wiederzubekommen, glaubst du, er hätte es erfunden? Glaubst du, er hätte nicht die Wahrheit gesagt? Hat er seinen Ruhm als der größte aller Dichter nicht damit begründet, dass er das Größte und Erhabenste unter dem Himmel gerühmt hat – die Liebe! Und wenn man den Gesang eures Königs Salomo das Hohelied nennt, liegt das nicht ebenfalls daran, dass er die Liebe besingt, die edler, größer, tiefgreifender ist als alles andere im Herzen der Menschen? Wenn er im Hohelied sagt: ›Meine Freundin, du bist wie der gewölbte Sternenhimmel, lieblich wie Jerusalem, schrecklich wie die vorrückenden Heere mit ihren Feldzeichen voran Hld 6, 4. ‹, will er damit nicht sagen, dass es nichts Schöneres, Unbesiegbareres und Süßeres als die Liebe gibt? Haben nicht alle eure Propheten dasselbe gesagt? Hat nicht seit Jesus Christus die Liebe die barbarischen Völker bekehrt? Macht sie nicht bereits mit einem einfachen rosafarbenen Band aus einer Bestie einen Ritter? Wenn heutzutage alles kleiner, unscheinbarer oder unedler aussieht als früher, liegt das nicht daran, dass die Menschen die wahre Liebe nicht mehr kennen und wegen des Geldes heiraten? Nein, David, hör zu, ich sage und behaupte, dass die wahre und reine Liebe das einzige ist, was das Herz des Menschen ändern kann, das einzige, was ihn erhebt und es wert ist, dass man sein Leben dafür hergibt. Ich finde, dass diese Männer recht getan haben, als sie miteinander fochten, denn keiner von ihnen konnte auf seine Liebe verzichten, ohne zugleich zuzugeben, dass er ihrer unwürdig sei.« »He!« schrie Hahn am anderen Tisch, »wie kannst du denn darüber reden? Du warst doch nie verliebt, also sprichst du wie ein Blinder über die Farben.« Dieser Einwand ließ Fritz verstummen. Er sah Hahn mit glanzlosen Augen an, als ob er antworten wollte, und stammelte einige wirre Wörter, während er sein Glas austrank. Da fingen einige an zu lachen. Sofort hob Kobus seinen dicken Kopf, und sein Haar sträubte sich, als ob es lebendig wäre. In einem seltsamen Ton rief er: »Es ist richtig, ich war nie verliebt. Doch wenn ich das Glück gehabt hätte, verliebt zu sein, dann hätte ich mich lieber abschlachten lassen, als auf meine Geliebte zu verzichten, oder ich hätte den anderen vernichtet.« »Ach Kobus,« rief Hahn in leicht spöttelndem Tonfall, während er die Karten mischte, »so wildwütig bist du doch gar nicht.« »Nicht so wildwütig?« sagte Fritz und breitete die Arme aus. »Wir sind doch alte Freunde, nicht wahr, Hahn? Also, wenn ich verliebt wäre und auch nur den Eindruck hätte, dass du in Gedanken die Dame meiner Wahl begehrst... ich würde dich erwürgen!« Er sprach mit geröteten Augen und sah nicht aus, als ob er scherze. Die anderen lachten auch nicht mehr. »Außerdem,« fügte er hinzu und hob den Finger, »würde ich von der ganzen Stadt und dem Land ringsum Achtung für meine Geliebte verlangen, selbst wenn sie nicht von meinem Rang oder meiner Stellung wäre oder kein Vermögen hätte. Der geringste Tadel an ihr würde ein schreckliches Gemetzel auslösen.« »Na,« sagte Hahn, »dann walte Gott, dass du dich nie verliebst, denn einige von Friedrich Wilhelms Husaren leben noch, und manch einer von ihnen wollte vielleicht sein Leben riskieren, wenn deine Geliebte schön wäre.« Fritz' Augenbrauen zitterten. »Das ist möglich«, sagte er und setzte sich wieder, denn er war aufgesprungen. »Stolz wäre ich darauf, denn es wäre mir eine Ehre, mich für eine so schöne Sache zu schlagen! Habe ich nicht recht, Christel?« »Völlig recht, Herr Kobus«, sagte der bezechte Mennonit, »unsere Religion ist ein Bekenntnis des Friedens, aber damals, als ich in Orschel verliebt war – Gott vergebe mir! – wäre ich imstande gewesen, mich mit der Sense in der Hand um sie zu schlagen. Dank sei dem Himmel, dass es nicht zum Blutvergießen kam. Mir ist wohler, wenn ich mir nichts vorzuwerfen habe.« Fritz erkannte, dass alle ihn beobachteten, und sah ein, dass er sich unvorsichtig benommen hatte. Vor allem der alte Rebbe David ließ ihn nicht aus den Augen und schien im Grund seiner Seele lesen zu wollen. Als kurz darauf Christel zum zwanzigsten Mal gerufen hatte: »Herr Kobus, es wird schon spät, und ich werde erwartet. Orschel und Susel sind gewiss schon beunruhigt.« Da antwortete er endlich: »Ja, es wird Zeit. Ich bringe Sie zu Ihrem Wagen.« Er benutzte diesen Vorwand, um sich davonzumachen. Der Mennonit erhob sich und sagte: »Wenn Sie lieber bleiben wollen, finde ich den Weg zur Herberge auch allein.« »Nein, ich begleite Sie.« Sie stiegen aus der Bank und gingen über den Platz. Etwa zur selben Zeit kehrte der alte David heim. Nachdem Vater Christel abgefahren war, ging Fritz aus Vorsicht nach Hause. An jenem Tag bemerkte Surle beim Schlafengehen, dass der alte Rebbe wirres Zeug vor sich hinmurmelte, und das kam ihr merkwürdig vor. »Was ist denn, David?« fragte sie ihn. »Seit dem Abendessen höre ich dich leise vor dich hinreden. Woran denkst du?« »Schon gut, schon gut«, sagte er und zog sich die Bettdecke bis ans Bärtchen hinauf. »Ich meditiere über das Wort des Propheten: ›Ich war eifersüchtig um Heva, voll großer Eifersucht‹ und an dieses: ›In jenen Tagen werden seltsame Dinge geschehen, neuartige und frohe Dinge!‹« »Hoffentlich hat er an uns gedacht, als er das sagte«, antwortete Surle. »Amen«, sagte der alte Rebbe, »alles kommt zu dem, der warten kann. Schlaf gut.« XIV Eigentlich hätte Kobus am nächsten Tag seine unachtsame Rede im Biergarten zum Großen Hirschen bereuen und sogar darüber besorgt sein müssen. Denn wenige Tage zuvor hatte er bemerkt, dass der Wein ihm die Zunge löste, so dass er die geheimen Gedanken seiner Seele verriet, und hatte sich daher gesagt: »Der Rebstock ist eine Pflanze aus Gomorra Sündige Stadt des Alten Testaments, vgl. Gen 18, 20 ff. . Seine Trauben sind voller Galle, und seine Kerne sind bitter. Du darfst keinen Rebsaft mehr trinken.« So hatte er zu sich gesprochen. Doch das Herz des Menschen ist in den Händen des Ewigen, der damit tut, was Ihm gefällt. Erst wendet Er's nach Norden, dann nach Süden. So kam's, dass Fritz beim Erwachen nicht einmal mehr an die Ereignisse im Biergarten dachte. Sein erster Gedanke war, dass Susel es ihm angetan hatte. Er stellte sie sich vor und glaubte, ihre Stimme zu hören und sie lächeln zu sehen. Ihm fiel auch das arme Kind vom Wildland ein, und er beglückwünschte sich dazu, ihm geholfen zu haben, weil es der Tochter des Mennoniten ähnlich sah. Dann erinnerte er sich an Susels Gesang inmitten der Schnitterinnen und Mäher, und ihre feine Stimme, die sich wie ein Seufzer in der Nacht erhoben hatte, kam ihm wie die eines himmlischen Engels vor. Alles, was sich seit dem ersten Frühlingstag ereignet hatte, zog wie im Traum an ihm vorbei: Als Susel inmitten seiner Spießgesellen Hahn, Schulz, David und Josef so schlicht, bescheiden und mit niedergeschlagenen Augen aufgetreten war und doch die letzte Stunde des Festschmauses verschönert hatte. Er sah sie wieder auf dem Landgut in ihrem blauen Wollröckchen bei der Wäsche der Familie, und als sie später schüchtern und bebend bei ihm gesessen war, während er sang und das Cembalo näselnd die alte Melodie begleitete: »Rosalind', schönes Kind, Schenk mir dein Herz, sonst leide ich Schmerz!« Diese Gedanken bewegten ihn derart, dass er sich nur noch wünschte, Susel wiederzusehen. »Ich gehe ins Meisental«, sagte er zu sich, »ja, ich gehe gleich nach dem Frühstück hin... ich muss unbedingt bei ihr sein.« So erfüllte sich das Wort, das Rebbe David zu seiner Frau gesprochen hatte: »In jenen Tagen werden außergewöhnliche Dinge geschehen.« Dieses Wort bezog sich auf den Wandel in Kobus und bewies zugleich die große Klugheit des alten Rabbiners. Während Fritz seine Strümpfe anzog, fiel ihm etwas ein. Vater Christel hatte ihm am Vorabend gesagt, dass Susel zum Bischheimer Der Ort heißt im Originaltext Bischem . Fest gehen würde, um dort ihrer Großmutter beim Tortenbacken zu helfen. Da riss er die Augen auf und sagte zu sich: »Susel ist bestimmt bereits abgereist, denn das Fest in Bischheim fällt auf den Sankt-Peters-Tag Gemeint ist wahrscheinlich das Kirchenfest St. Peter und Paul (29. Juni). , und das ist morgen, am Sonntag In den Fußnoten zum I. Kapitel wurde festgestellt, dass L'ami Fritz im Jahre 1847 spielt. Der 29. Juni 1847 (s. vorige Fußnote) war ein Dienstag. Wie man im XVI. Kapitel sehen wird, begann das Bischheimer Fest bereits am vorausgehenden Sonntag. Die Kegelpartie hätte demnach am Samstag, den 26. Juni 1847 stattgefunden. .« Das gab ihm zu denken. Katel kam und trug das Frühstück auf. Fritz aß mit gutem Appetit, setzte dann seinen breiten Filzhut auf und ging auf dem Platz herum, wo gewöhnlich zwischen neun und zehn Uhr der dicke Hahn und der lange Schulz spazierten. Dort waren sie jedoch nicht zu finden, und das verstimmte Fritz, denn er wollte sie morgen zum Fest nach Bischheim mitnehmen. »Wenn ich allein hingehe«, dachte er, »dann könnte es auffallen nach allem, was ich gestern im Biergarten gesagt habe. Die Leute sind ja so hellhörig, vor allem die Alten, die sich um alles kümmern, was sie nichts angeht! Ich muss zwei oder drei Begleiter mitnehmen, dann sieht's wie eine Landpartie aus, um Kalbspastete zu essen und weißen Landwein zu trinken, einfach eine Ablenkung von der Eintönigkeit des Daseins.« Daher stieg er auf die Wälle und ging um die Stadt, um zu sehen, wo Hahn und Schulz abgeblieben waren. Da er sie aber in keiner Straße erblickte, nahm er an, dass sie nach außerhalb auf eine Kegelpartie zu Vater Baumgarten im Blumenkorb an der Losser gegangen waren. Mit diesem Gedanken kam Fritz bis kurz vor das Hildebrandttor, und als er zu der Gastwirtschaft hinüberschaute, die eine halbe Kanonenschussweite Je nach Kaliber und Ladung konnte man damals mit einer Kanone 4 bis 5 km weit schießen. von Hüneburg entfernt liegt, glaubte er dort tatsächlich hinter den hohen Trauerweiden Gestalten zu erkennen. Da stieg er munter die Böschung hinab, ging durch das Tor und schlug den Pfad am Fluss ein. Nach einer Viertelstunde hörte er bereits Hahns lautes Gelächter und Schulz' Ruf: »Zwei! So ein Pech!...« Er schob sich durch das Laubwerk, und vor dem Häuschen Der Blumenkorb ist möglicherweise dem Oberhof im Zinseltal nachempfunden, einem bei Emile Erckmann beliebten Ausflugsziel ( Benoit-Guyod (Fußnote 4 zum Vorwort), S. 38 f). – dessen breites Dach im Obstgarten bis zwei oder drei Fuß über den Boden hinabreichte und dessen weiße Fassade von einer stattlichen Weinranke begrünt wurde – entdeckte er seine zwei Kumpane, die ihre Röcke auf die Hecken geworfen hatten und in Hemdsärmeln mit zwei weiteren Spielern unter dem Laubwerk der Korbweide, das den Hausgiebel berührte, Kegel schoben. Die beiden anderen waren der Ratsschreiber Hitzig, der seinen Stock in den Boden gerammt und seine Perücke darauf gesteckt hatte, und Professor Speck. Der dicke Hahn stand wie festgemauert da und hielt die Kugel unter seine Nase. Sein Gesicht war purpurrot, die Augen hatte er hoch erhoben, die Lippen gestrafft, und seine drei Haare standen ihm gerade wie Stäbe im Nacken: Er zielte! Schulz und der alte Schreiber schauten halbgebückt, mit gesenkten Schultern und den Händen auf dem Rücken zu und wiegten sich dabei hin und her. Am anderen Ende der Bahn stellte der kleine Seppel Baumgarten die Kegel wieder auf. Nachdem er genau gepeilt hatte, schwang Hahn schließlich seinen dicken Arm zum Halbkreis gebeugt zurück, und die Kugel rollte in einer eindrucksvollen Kurve los. Es erhob sich ein Geschrei: »Fünf!« und Schulz bückte sich, um eine Kugel aufzuheben, während der Schreiber Hahn beim Arm ergriff, auf ihn einredete und dazu rasch den Finger hob, wohl um Hahn einen Fehler aufzuzeigen. Der hörte nicht zu, sondern schaute auf die Kegel, setzte sich dann auf das Ende der Bank unter der Hagenbuchenlaube und füllte mit ernster Miene sein Glas auf. Diese kleine ländliche Szene belustigte Fritz. »Sie sind in Stimmung«, dachte er, »das passt mir. Ich werd's ihnen mit einer List beibringen, dann geht alles von selbst.« Er trat vor. Soeben hatte der lange, dürre Friedrich Schulz sorgfältig in der Hand die Kugel zurechtgelegt und geworfen. Sie rollte wie ein Hase, der am Gestrüpp entlang davonrennt. Als Schulz die Arme in die Luft schwang und »der König! Der König!« Schulz hatte offenbar den Kegel-König getroffen. schrie, da brach Fritz, der hinter ihm stand, in ein Lachen aus und sagte: »Oh, gut getroffen! Komm her, ich setze dir eine Krone auf.« Die anderen drehten sich herum und riefen: »Kobus! Du kommst uns gerade recht... genau zur richtigen Zeit... endlich sieht man ihn auch einmal hier!« »Kobus«, sagte Hahn, »steig bitte in die Partie ein. Wir haben eine schöne Platte Bratfisch bestellt, und du sollst sie bezahlen, beim Kuckuck!« »Na«, sagte Fritz lachend, »mehr kann ich nicht verlangen. Ich bin nicht in Übung, aber egal, ich werde euch trotzdem schlagen.« »Gut«, rief Schulz, »ich lag voraus und hatte fünfzehn Punkte, die bekommst du. Ist dir das recht?« »Ja«, sagte Kobus, legte seinen Umhang ab und hob eine Kugel auf. »Ich bin neugierig, ob ich's seit dem letzten Jahr vergessen habe.« »Vater Baumgarten!« rief Professor Speck, »Vater Baumgarten!« Der Wirt erschien. »Bitte noch ein Glas für Herrn Kobus und noch eine Flasche. Geht's mit dem Fisch voran?« »Ja, Herr Speck.« »Legen Sie noch etwas dazu, weil wir einer mehr sind.« Mit gekrümmtem Rücken wie ein Frettchen trabte Baumgarten ins Haus zurück, und im selben Augenblick warf Fritz die Kugel mit so viel Schwung, dass sie hinter der Bahn wie eine Bombe in den Obstgarten bei der Pferdestation einschlug. Das Vergnügen der anderen kann man sich vorstellen. Sie schwankten auf den Bänken hin und her, warfen die Beine in die Luft und lachten derart, dass Hahn mehrere Knöpfe seiner Kniehose öffnen musste, um sich nicht zu erdrücken. Schließlich kam der Bratfisch. Es war eine herrliche Platte knuspriger Gründlinge, die vor Fett wie der Morgentau auf der Wiese funkelten und einen köstlichen Duft verbreiteten. Fritz hatte die Partie verloren. Hahn schlug ihm auf die Schulter und rief lebhaft: »Du bist stark, Kobus, sehr stark! Pass bloß auf, dass du beim nächsten Mal nicht den Himmel über Landau einschießt.« Dann setzten sie sich in ihren Hemdsärmeln an das schimmelige Tischchen und machten sich ans Werk. Unter Gelächter beeilte sich jeder, seinen reichlichen Anteil vom Fisch zu erlangen. Die Zinngabeln eilten hin und her wie Weberschiffchen, die Kiefer galoppierten, und die Schatten der Hagenbuchenlaube flackerten über die belebten Gestalten hinweg, über die große, mit Blumen geschmückte Platte, die mit Rautenmustern verzierten Trinkbecher und über die hohe gelbe Flasche, in der der weiße Landwein funkelte. Neben dem Tisch saß der kleine Schäferhund Lackel Im Original Mélac , d.i. der Name des französischen Generals Ezéchiel comte de Mélac, der im Jahre 1689 auf Befehl ( Brûlez le Palatinat! ) seines Königs Ludwig XIV. bzw. dessen Ministers Louvois die Pfalz gründlich verwüstete. Diese Grausamkeit erregte in Süddeutschland einen unvorstellbaren Haß auf die Franzosen und vor allem auf Mélac , dessen Name in Abwandlung noch heute als Schimpfwort verwendet wird und lange Zeit auch als Hundename mißbraucht wurde. , der zum Blumenkorb gehörte, auf seinem buschigen Schwanz. Sein Fell war schneeweiß, nur die Nase war schwarz wie eine verbrannte Kastanie; seine Ohren standen aufrecht, und die Augen lauerten. Hin und wieder warf ihm jemand einen Bissen Brot oder einen Fischschwanz hin, den er aus der Luft schnappte. Das war eine hübsche Szene. »Gut, dass ich heute Morgen hierhergekommen bin«, sagte Fritz. »Ich habe mich gelangweilt und hatte nichts zu tun. Immer nur ins Wirtshaus zu gehen ist doch schrecklich langweilig.« »Heda«, rief Hahn, »wenn du dich im Wirtshaus langweilst, liegt das nicht an dir, denn gottlob verbreitest du dort gute Laune, und darauf kannst du stolz sein. Gestern hast du dich ziemlich hübsch über die Leute lustig gemacht mit deinen Zitaten aus dem Hohelied , hahaha!« »Jetzt erst«, fügte der lange Schulz hinzu und hob die Gabel, »erkennen wir diesen seriösen Herrn. Wenn er ernst spricht, dann gibt's was zu lachen, und wenn er lacht, heißt's aufgepasst.« Da lachte Fritz aus vollem Hals. »Aha, ihr habt also den Braten gerochen«, sagte er, »und ich glaubte schon...« »Kobus«, fiel Hahn ihm ins Wort, »wir kennen dich schon lange. Wenn du uns einen Bären aufbinden willst, bist du an der falschen Adresse. Doch lass mich auf das zurückkommen, was du vorhin gesagt hast. Es ist leider wahr, dass die Wirtshauslauferei einem schlecht bekommen kann. Wenn man die vielen sieht, die vor der Zeit fett werden, Asthmatiker, Menschen mit Geschwülsten oder schnaufendem Atem, Gichtige, Harngrießige und Wassersüchtige zu Hunderten, dann kommt das vom Bier aus Frankfurt, Straßburg, München und so weiter. Denn Bier enthält zuviel Wasser, und das macht den Magen träge. Wenn der Magen träge wird, greift das auf alle anderen Körperteile über.« »Das stimmt, Herr Hahn«, sprach Professor Speck, »statt auch nur ein einziges Glas Bier soll man lieber zwei Flaschen guten Wein trinken, der weniger Wasser enthält und daher weniger Harnsteine erzeugt. Jeder weiß, dass Wasser Harnsteine in der Blase ablagert. Andererseits kommt auch das Fett vom Wasser her. Wer daher nur Wein trinkt, hat die Aussicht, lange schlank zu bleiben. Schlank sein erträgt sich aber leichter als Übergewicht.« »Sicher, Herr Speck, sicher«, antwortete Hahn, »wenn man Vieh mästen will, gibt man ihm Wasser mit Kleie. Mit Wein würde es niemals fett. Der Mensch hat außerdem Bewegung nötig, die unsere Gelenke instand hält, denn sonst würden wir den Karren ähneln, die jedes Mal quietschen, wenn sich die Räder drehen, und das wäre sehr unangenehm. Unsere Vorfahren haben diese Unannehmlichkeiten in ihrer großen Voraussicht mit Hilfe des Kegelspiels, mit Maibaumklettern, Sackhüpfen, Schlittschuhlaufen und Schlittenfahrten vermieden, nicht zu reden vom Tanz, der Jagd und dem Angeln. Seit sich alle möglichen Kartenspiele vorgedrängt haben, geht's mit der Menschheit bergab.« »Ja, es ist bedauerlich«, rief Fritz, indem er seinen Becher leerte. »Ich erinnere mich, dass noch zu meiner Kindheit alle guten Bürger mit ihren Frauen und Kindern die Dorffeste besuchten. Heute hockt alles daheim, und es ist ein seltenes Ereignis, wenn einer die Stadt einmal verlässt. Bei den Dorffesten wurde gesungen und getanzt, es gab Scheibenschießen, und man war an der frischen Luft. Daher wurden unsere Ahnen hundert Jahre alt, hatten rote Ohren und kannten keine Alterswehwehchen. Schade, dass es diese Feste nicht mehr gibt!« »Nun«, sagte Hahn, der sich in den alten Sitten auskannte, »das kommt daher, dass das Netz der Verbindungswege erweitert worden ist. Früher gab's wenige Landstraßen und keine Seitenwege, und daher sah man keine reisenden Händler, die in jedem Dorf ihren Pfeffer oder Zimt, ihre Striegel, Bürsten oder Kleiderstoffe aller Art anboten. Damals kamen der Gemüse-, Eisenwaren- oder Tuchhändler nicht bis an die Tür, vielmehr wartete jede Familie auf bestimmte Feste, um sich dort einzudecken. Daher waren die Jahrmärkte auch besser beschickt und schöner, denn die Kaufleute kamen von sehr weit her, weil ihr Umsatz gesichert war. Das waren die guten Zeiten der Messen von Frankfurt, Leipzig oder Hamburg in Deutschland, in Lüttich und Gent in Flandern oder in Beaucaire in Frankreich. Heute ist ständig Markt, und bis in unsere kleinsten Dörfer hinein findet man alles fürs Geld. Alles hat seine gute und seine schlechte Seite. Wer dem Sackhüpfen und dem Zielschießen nachtrauert, beklagt zugleich den natürlichen Fortschritt des Handels.« »Trotzdem sind wir Esel, stets am selben Ort zu hocken«, antwortete Fritz, »wenn wir uns amüsieren, guten Wein trinken, tanzen, lachen und uns auf jede denkbare Weise einen schönen Tag machen können. Wer dazu nach Beaucaire oder nach Flandern gehen müsste, könnte das vielleicht etwas weit finden. Doch wenn's nette Feste in der Nähe gibt, die nach altem Brauch veranstaltet werden, würd' ich gern hingehen.« »Wo soll das sein?« rief Hahn. »Zum Beispiel in Harzwiller, Rohrbach oder Klingental. Ach halt, so weit braucht man ja gar nicht zu gehen. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater mich jedes Jahr zum Bischheimer Fest mitnahm und dass es dort köstliche Pasteten gab... einfach köstlich!« Er küsste seine Fingerspitzen. Hahn sah ihn erstaunt an. »Außerdem gab's dort faustgroße Krebse zu essen«, fuhr er fort, »viel bessere Krebse als die aus der Losser. Dazu trank man ein Weißweinchen, das sehr... sehr ordentlich war. Es war zwar kein Johannisberger und auch kein Steinberg , aber herzerfrischend war's doch!« »He!« schrie Hahn, »warum hast du uns das nicht früher gesagt, wir wären doch hingefahren! Potz Blitz, du hast recht, völlig recht.« »Ach nicht doch, ich habe eben nicht daran gedacht.« »Wann soll denn dieses Fest sein?« fragte Schulz. »Warte, warte... an St. Peter.« »Herrje«, schrie Hahn, »das ist ja morgen!« »Ach richtig,« sagte Fritz, »wie sich das trifft... Also, beschlossen, dass wir nach Bischheim gehen?« »Selbstverständlich! Selbstverständlich!« riefen Hahn und Schulz. »Die anderen Herren auch?« Speck und Hitzig baten um Entschuldigung, sie seien beruflich unabkömmlich. »Also, dann fahren wir drei eben hin«, sagte Fritz und stand auf. »Ja, die Krebse, die Pasteten und das Weißweinchen in Bischheim habe ich noch in bester Erinnerung.« »Brauchen wir nicht einen Wagen?« warf Hahn ein. »Schon gut, schon gut«, antwortete Kobus und bezahlte die Rechnung, »ich kümmere mich um alles.« Kurz darauf waren die Lebenskünstler unterwegs nach Hüneburg, und man hörte auf eine halbe Meile weit, wie sie die Pasteten des Dorfs, den Gugelhupf und die Küchlein hochleben ließen und sagten, dass sie sie an die gute Zeit ihrer Kindheit erinnerten. Einer sprach von seiner Tante, der andere von seiner Großmutter, und man hätte meinen können, dass sie mit ihnen beim Weinchen auf dem Bischheimer Fest Urständ und Wiedersehen feiern wollten. So gelang es dem verliebten Fritz, Susel zu treffen, ohne dass jemandem etwas daran auffiel. XV Kobus' Vorfreude wird man sich denken können. Vorstellungen von Prunk und Pracht gingen ihm durch den Kopf. Er wollte schick herausgeputzt vor Susel treten, sie so tief wie möglich beeindrucken und fand nichts schön genug dafür. Bei anderer Gelegenheit hätte er Hans Nickels Merkwürdigerweise lautet dieser – für die Handlung bedeutungslose – Name in einigen Ausgaben des Originalwerks Baptiste Krômer . Wagen und Gaul für die Reise gemietet, aber jetzt fand er das zu dürftig für einen Kobus. Sofort nach dem Mittagessen holte er seinen Stock hinter der Tür hervor und begab sich zur Pferdewechselstation an der Kaiserslauterer Straße, wo Meister Johann Fahnen zehn Postkutschen in seinem Schuppen und achtzig Pferde im Stall hatte. Fahnen war ein Mann von sechzig Jahren. Die ausgedehnten Weideflächen entlang der Losser gehörten ihm, aber trotz seines Reichtums hatte dieser kleine Dicke seine schlichten Manieren bewahrt, denn er trug einen abgewetzten Leinenrock, einen breiten Hut aus Rosshaar sowie einen stark ergrauenden Achttagesbart. Breite krumme Runzeln zerfurchten seine runden, gelben Wangen. Fritz traf ihn an, als er gerade im Hof der Poststation Pferde striegeln ließ. Fahnen erkannte ihn von weitem und kam ihm bis zum Torweg entgegen, hob seinen Hut, grüßte und sagte: »Ja guten Tag, Herr Kobus, was verschaffen mir das Vergnügen und die Ehre Ihres Besuchs?« »Herr Fahnen«, antwortete Fritz lächelnd, »ich möchte mit meinen Freunden Hahn und Schulz eine Vergnügungsfahrt zum Bischheimer Fest unternehmen. Wegen des Erntebetriebs sind aber alle Gespanne der Stadt unterwegs, und ich kann keinen Wagen mit Sitzbänken finden. Tja, habe ich mir gesagt, gehen wir doch zu Herrn Fahnen und nehmen wir eine Postkutsche. Zwanzig oder dreißig Taler bringen einen Mann nicht um, und wenn man sich amüsieren will, darf man nicht kleinlich sein. So bin ich eben.« Das leuchtete dem Postmeister sofort ein. »Herr Kobus«, sagte er, »da haben Sie recht, und ich stimme Ihnen zu. In meiner Jugend unternahm ich gern bequeme Ausfahrten, wenn mir danach war. Jetzt bin ich alt, halt's aber immer noch so. Wünsche sind gut, wenn man sie sich leisten kann, wie Sie und ich.« Er führte Fritz in seinen Schuppen zu den Kaleschen Elegante, offene, eher flache vierrädrige Kutschwagen mit nach hinten einklappbarem Verdeck. nach der neuesten Pariser Mode. Sie waren federleicht, mit Wappenschildchen verziert und so schön und anmutig, dass man sie in einen Salon hätte stellen mögen wie Möbel, die wegen ihrer Eleganz auffallen. Kobus fand sie sehr hübsch, aber eine Neigung zum Luxus ließ ihn eine Berline Eine Art Kutsche, die seit dem frühen 18. Jahrhundert in Mode war und ihren Namen von der Stadt Berlin ableitet, wo diese Art Fahrzeug seinerzeit aufgekommen sein soll. Die Berline war eine große, geschlossene Kutsche von großem Komfort – sehr weich federnde Aufhängung, Glasfenster und oftmals auch ein zurückklappbares Verdeck. auswählen, die innen mit Seide gepolstert war. Sie wirkte etwas schwerfällig, das ist wahr, aber Fahnen sagte ihm, dass dies ein Wagen für herausragende Persönlichkeiten sei. Er blieb also dabei, und nun führte der Postmeister ihn in seine ausgedehnten Stallungen. Der Stall war hundertzwanzig Schritt lang und sechzig breit. Zwölf Pfeiler aus massiven Eichenstämmen stützten seine kalkgeweißte Decke. Darunter standen in zwei Reihen, die durch Barrieren getrennt waren, sechzig graue, schwarze, braune und scheckige Pferde mit runden, glänzenden Kruppen, vielfach geknoteten Schweifen, festen Knien und erhobenen Köpfen. Einige wieherten und stampften mit den Hufen, andere zogen Futter aus der Raufe, wieder andere drehten sich halb herum, um zu sehen. Das Sonnenlicht kam durch zwei hohe Fenster in der Tiefe des Raums und erleuchtete den Stall mit goldenen Strahlen. Die Pfeiler warfen lange Schatten auf das Pflaster, das sauber wie ein Parkett war und wie Felsgrund klang. Es war eine ansehnliche, großartige Anlage. Stalljungen striegelten die Pferde und rieben sie ab. Ein Postillion in einer kurzen blauen, silberbestickten Jacke und mit dem Hut aus Wachstuch im Nacken führte gerade ein Pferd zur Tür. Er sollte wohl die Poststafette reiten. Fahnen und Fritz gingen langsam hinter den Pferden entlang. »Sie brauchen zwei«, sagte der Postmeister, »suchen Sie aus.« Nachdem Kobus die Pferde besehen hatte, wählte er zwei kräftige grauscheckige Hengste, die schnell wie der Wind laufen konnten. Dann ging er mit Fahnen ins Büro, zog aus der Tasche eine lange Geldkatze aus grüner Seide mit goldenen Quasten und bezahlte die Rechnung im Voraus. Dabei sagte er, dass er den Wagen am nächsten Tag um neun Uhr vor seiner Tür haben wolle, und verlangte als Postillion den alten Zimmer, der seinerzeit den Kaiser Napoleon kutschiert hatte. Nachdem alles getan, abgesprochen und geregelt war, brachte Meister Fahnen Fritz bis vor das Tor. Sie reichten sich die Hände, und Fritz ging zufrieden zur Stadt zurück. Unterwegs malte er sich aus, wie sehr Susel, Christel und ganz Bischheim überrascht sein würden, wenn man ihn und seine Mitstreiter unter Peitschenknallen und Horngeblase ankommen sah. Seltsam selig wurde ihm davon, vor allem wenn er sich Susels Erstaunen vorstellte. Die Zeit wurde ihm nicht lang. Als er sich ganz in Gedanken Hüneburg näherte, zogen der alte Rebbe in seiner schönen, kastanienbraunen Kapote und Surle unter ihrer herrlichen Tüllhaube mit den breiten gelben Bändern seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie gingen auf dem Fußpfad, der entlang der Gärten vor dem Glacis verläuft, denn sie hatten die Gewohnheit, an jedem Sabbat außerhalb der Stadt zu spazieren. Untergehakt kamen sie daher wie zwei junge Verliebte, und jedes Mal sprach David zu seiner Frau: »Surle, wenn ich das Grün und das Korn sehe, das sich wiegt, und diesen Fluss, der so gemächlich fließt, dann werde ich wieder jung. Ich komme mir wie mit zwanzig vor, als ich dich spazieren geführt habe, und ich lobe den Herrn für seine Gnade.« Da war die gute Alte glücklich, denn David sprach ehrlich und ohne Schmeichelei. Über die Hecke hinweg hatte der Rebbe auch Fritz gesehen, der gerade auf dem Weg durch die Schanzen war, und rief ihm zu: »Kobus!... Kobus!... Komm doch her!« Da Fritz befürchtete, dass der alte Rabbiner über seine Rede im Biergarten zum Großen Hirschen witzeln würde, ging er weiter und schüttelte den Kopf. »Ein andermal, David, ein andermal«, sagte er, »ich hab's eilig.« Der Rebbe lächelte listig in sein Bärtchen und dachte: »Flieh nur, ich erwische dich doch.« Gegen vier Uhr kam Kobus schließlich heim. Obwohl die Fenster offen standen, war es sehr warm, und Fritz war sehr froh, den Umhang loszuwerden. »Jetzt werden wir unseren Anzug und unsere Hemden aussuchen«, sagte er gutgelaunt und zog die Schlüssel aus dem Sekretär. »Susel soll einfach staunen und von mir träumen, ich muss die bestaussehenden jungen Männer von Bischheim ausstechen. Gott im Himmel, steh mir bei, dass ich alle Welt verblüffe!« Er öffnete die drei großen Wandschränke, die von der Decke bis zum Parkett hinunterreichten. Mutter Kobus und Großmutter Nicklaus hatten eine Schwäche für feines Tuch gehabt, so wie Fritz' Vater und Großvater für guten Wein. Man wird sich daher vorstellen können, welche Mengen an Damasttüchern, Handtüchern mit roten Fäden, Taschentüchern, Hemden und Decken hier aufgestapelt lagen; es war unglaublich. Die alte Katel verbrachte die Hälfte ihrer Zeit damit, das alles zu falten und zu entfalten, um es zu lüften oder mit Reseda, Lavendel und tausend anderen Düften gegen die Motten zu überstreuen. Ganz oben waren sogar zwei ausgetrocknete, grün und golden gefiederte Eisvögel am Schnabel aufgehängt, denn von diesen Vögeln sagt man, dass sie die Insekten vertreiben. Einer der Schränke war voller uralter Kleider, Dreispitzen mit Kokarden, Perücken, Plüschkleidern mit Silberknöpfen groß wie Zimbeln, Gehstöcken mit Knöpfen aus Gold und Elfenbein, und Puderdosen mit dicken Pinseln aus Schwanenfedern. Dies ging auf Großvater Nicklaus zurück, und nichts war seitdem verändert worden. Die braven Leute hätten wiederkommen und sich nach dem Geschmack des vorigen Jahrhunderts einkleiden können, ohne ihre lange Grabesruhe zu bemerken. Im anderen Schrank befanden sich Fritz' Kleider. Er ließ sich jedes Jahr beim Schneider Herkules in Landau für eine komplette Ausstattung Maß nehmen, zog die Kleider jedoch nie an, denn er war mit dem Gedanken zufrieden: »Ich könnte mich genauso modisch kleiden wie der dicke Hahn, wenn ich wollte, aber mein alter Umhang ist mir lieber. Jeder nach seinem Geschmack.« Dies betrachtete Fritz nun in großem Entzücken, und ihm fiel ein, dass Susel vielleicht schönes Tuch genauso mögen könnte wie Großmutter Kobus; dass sie die Schätze des Haushalts vermehren, die Schlüssel führen und morgens und abends begeistert vor diesen Schränken stehen würde. Diese Vorstellung bewegte ihn, und er wollte, dass es schon soweit wäre, denn die Vorliebe für guten Wein und schönes Tuch schafft einen ansehnlichen Haushalt. Im Moment ging es darum, das hübscheste Hemd, das schönste Taschentuch, das beste Paar Strümpfe und den feinsten Rock zu finden. Das war das Problem. Nachdem er lange geschaut hatte, rief Kobus sehr verlegen: »Katel! Katel!« Die alte Magd, die in der Küche strickte, öffnete die Tür. »Komm doch herein, Katel«, sagte Fritz zu ihr, »ich bin in einer großen Verlegenheit. Hahn und Schulz wollen um alles in der Welt, dass ich mit ihnen zum Bischheimer Fest fahre, und sie haben mich derart bedrängt, dass ich schließlich zugesagt habe. Zu diesem Fest gehen aber auch Hunderte von Preußen, Richter und Offiziere, ein Haufen schicker Leute, die nach der neuesten Pariser Mode gekleidet sein und uns Bayern Im Original wörtlich etwas abfällig nous autres Bavarois . Diese Passage – die im folgenden Kapitel wiederholt wird – belegt, dass Fritz Kobus und seine Freunde Untertanen des Königs von Bayern waren, zu dessen Reich damals die Südpfalz auf dem linken Rheinufer gehörte. über die Schulter hinweg ansehen werden. Was soll ich anziehen? Ich verstehe doch nichts von diesen Sachen, sowas geht mich eigentlich nichts an.« Katel kniff ihre Äuglein zusammen. Es gefiel ihr, dass sie wegen einer wichtigen Sache gerufen wurde. Sie legte ihr Strickzeug auf den Tisch und sagte: »Sie haben gut daran getan, mich zu holen, Herr Kobus. Gottlob ist es nicht das erste Mal, dass ich jemanden über gute Kleidung zur passenden Gelegenheit und Gesellschaft berate. Ihr Vater, der Herr Amtsrichter, rief mich üblicherweise, wenn er auf einen Empfang musste, und ich sagte dann zu ihm: ›Bei allem Respekt, Herr Richter, Ihnen fehlt noch dies und das‹, und's hat stets gestimmt. Jeder in der Stadt musste anerkennen, dass Herrn Kobus an guter, modischer Kleidung niemand gleichkam.« »Gut, gut! Ich glaube dir«, sagte Fritz, »und ich hör's gern, obwohl sich die Mode seitdem geändert hat.« »Die Mode mag sich ändern, wie sie will«, antwortete Katel und trug die Leiter zum Schrank, »aber guter Geschmack ändert sich nie. Wir werden Ihnen zuerst ein Hemd aussuchen. Schade, dass knielange Hosen nicht mehr getragen werden, denn Sie haben gutgebaute Beine wie Ihr Herr Vater. Ihnen würde auch eine Perücke gut stehen, eine hübsche, auf französische Art gepuderte Perücke. Heutzutage sehen gutgekleidete Leute und Bauern gleich aus. Früher oder später muss die alte Mode wieder her, damit der Unterschied wieder sichtbar wird. Man kennt sich ja nicht mehr aus.« Katel stand bereits auf der Leiter und suchte sorgfältig ein Hemd aus. Fritz wartete schweigend unten. Endlich kam sie wieder herunter und trug mit dem Ausdruck der Verehrung ein Hemd und ein Taschentuch auf den ausgebreiteten Händen. Sie legte die Sachen auf dem Tisch aus und sagte: »Hier ist zunächst das Wichtigste. Wir wollen doch einmal sehen, ob Ihre Preußen solche Hemden und Taschentücher haben. Dies, Herr Kobus, waren die Festtagshemden und Tücher des Herrn Amtsrichters. Schauen Sie, wie fein das Tuch ist, wie herrlich diese Brustkrause mit sechsreihiger Spitze. Und diese Manschetten sind die schönsten, die man in Hüneburg je gesehen hat. Schauen Sie nur einmal diese Vögel mit den langen Schwänzen und diese Blätter an, früher stickte man so, welche schöne Arbeit, Herrgott, welch schönes Werk!« Fritz, der sich mit solchen Dingen nie mehr beschäftigt hatte als mit den Bewohnern des Mondes, strich mit den Fingern über die Spitzen und betrachtete sie entrückt, während die alte Magd, die ihre Hände vor der Schürze gefaltet hatte, vor Begeisterung laut rief: »Ist es zu glauben, dass Frauenhände so etwas gemacht haben? Ist's nicht wunderschön?« »Ja, es ist schön«, antwortete Kobus, der an den Eindruck dachte, den er auf Susel machen würde, wenn er diese Krause vor der Brust und diese Manschetten an den Handgelenken zur Schau tragen würde. »Katel, glaubst du, dass es viele Leute gibt, die solche Arbeit zu schätzen wissen?« »Viele Leute? Jedenfalls alle Frauen, Herr Kobus! Wenn sie bis an ihre fünfzig Jahre die Gänse gehütet haben, wissen sie, was reich, schön und ansehnlich ist. Ein Mann, der so ein Hemd trägt, könnte der größte Einfaltspinsel der Welt sein, er hätte dennoch einen Ehrenplatz in ihrem Herzen, und zwar zu recht, denn wenn's ihm an Geist fehlte, hätten ihn seine Eltern an seiner Stelle gehabt.« Fritz brach in ein Lachen aus. »Hahaha, komische Vorstellungen hast du, Katel«, sagte er, »aber egal, ich glaube, dass du nicht ganz unrecht hast. Jetzt brauchen wir noch Strümpfe.« »Hier, diese Seidenstrümpfe, Herr Kobus, schauen Sie, so dehnbar und weich sind sie! Frau Kobus selbst hat sie mit haarfeinen Nadeln gestrickt, eine großartige Arbeit. Heutzutage wird alles mit dem Webstuhl gemacht, das sind doch keine richtigen Strümpfe mehr! Man tut recht daran, sie unter langen Hosen zu verstecken.« Während die alte Magd sprach, wurde Kobus immer heiterer. Schließlich rief er: »Ja, ja, es nimmt recht hübsch Gestalt an. Wenn wir erst einmal halbwegs passable Kleider beisammen haben, will ich glauben, dass die Preußen schief liegen, wenn sie sich über uns lustig machen wollen.« »Ach, in Himmels Namen«, sagte Katel, »sprechen Sie doch nicht dauernd von Ihren Preußen! Die armen Teufel haben doch keine sechs Taler in der Tasche und ziehen sich alles Mögliche an, um anständig auszusehen. Da sind wir andere Leute! Wir wissen, wo wir abends unser Haupt betten, und bestimmt nicht auf einem Stein, Gott sei Dank! Wir wissen auch, wo wir eine gute Flasche Wein finden, wenn's uns gefällt, eine zu trinken. Wir sind bekannte, alteingesessene Leute. Wenn man von Herrn Kobus spricht, weiß man, dass sein Landgut im Meisental steht und sein Buchenwald bei Michelsberg...« »Sicher, sicher, aber die preußischen Offiziere mit ihren großen Schnauzbärten sind doch gutaussehende Männer, und so manches Mädchen, das sie sieht...« »Halten Sie die Mädchen bitte nicht für dumm«, unterbrach ihn Katel, die gerade einige Kleider aus dem Schrank zog und auf der Kommode auslegte. »Auch die Mädchen können zwischen einem Vogel unterscheiden, der am Himmel vorüberfliegt, und einem, der sich am Spieß dreht. Die Mehrzahl bleibt lieber am warmen Feuer, und diejenigen, die auf die Preußen schauen, sind's nicht wert, dass man sich damit abgibt. Hier sind Ihre Sachen, es ist alles da.« Fritz besah seine Garderobe und sagte nach einem Augenblick: »Der Umhang mit dem schwarzen Samtkragen sticht mir ins Auge, Katel.« »Wo denken Sie hin, Herr Kobus?« rief die Alte und rang die Hände, »ein Umhang zu einem Hemd mit Krause?« »Warum denn nicht? Der Stoff ist doch wunderschön.« »Wollen Sie denn nicht gut angezogen sein, Herr Kobus?« »Gewiss doch.« »Gut, dann nehmen Sie diesen himmelblauen Rock, der noch nie getragen wurde. Schauen Sie nur!« Sie deckte die vergoldeten Knöpfe auf, die noch unter Seidenpapier lagen. »In der neuen Mode kenne ich mich nicht aus, aber dieser Rock ist hübsch. Er ist schlicht und gut geschnitten, auch leicht genug für die Jahreszeit, und schließlich steht Himmelblau den Blonden gut. Herr Kobus, ich glaube, dass dieser Rock Sie bestens kleiden wird.« »Mal sehen«, sagte Kobus. Er zog den Rock an. »Vorzüglich... schauen Sie sich doch einmal an.« »Von hinten auch, Katel?« »Von hinten sieht's wunderbar aus, Herr Kobus, er macht Ihnen die Taille eines jungen Mannes.« Fritz betrachtete sich im Spiegel und wurde rot vor Stolz. »Ist das wahr?« »Ich bin mir völlig sicher, Herr Kobus, ich selbst hätt's nie geglaubt. Ihre dicken Umhänge machen Sie eben zehn Jahre älter. Es ist erstaunlich.« Sie fuhr ihm mit der Hand über den Rücken. »Keine Falte!« Da wirbelte Kobus auf dem Absatz herum und rief: »Ich nehme diesen Rock. Jetzt eine Weste, du weißt schon, etwas Besonderes, wie der Rock, aber mehr ins Rot hinein.« Katel konnte das Lachen nicht verbeißen: »Sie sind ja wie die Bauern vom Koksberg, die vom Kinn bis zu den Beinen hinab Rot tragen! Rot mit einem himmelblauen Rock, da würde man ja bis ins hinterste Preußen hinein lachen, und diesmal hätten die Preußen sogar recht.« »Was soll ich denn sonst anziehen?« fragte Fritz, der jetzt selbst über seinen Einfall lachte. »Eine weiße Weste und ein gesticktes weißes Halstuch, Herr Kobus, dazu Ihre hübsche nussbraune Hose. Schauen Sie selbst.« Sie legte alles auf der Ecke der Kommode aus. »Diese Farben sind für einander gemacht, sie passen gut zusammen. Sie werden sich leicht fühlen, tanzen können, wenn Sie mögen, und zehn Jahre jünger aussehen. Ach – Sie glauben mir nicht? Muss Ihnen erst ich arme Alte sagen, was Ihnen steht?« Sie lachte heraus. Kobus sah sie überrascht an und sagte: »Es stimmt. Ich denke so selten über Kleidung nach...« »Das ist ein Fehler, Herr Kobus, denn Kleider machen Leute! Jetzt muss ich bloß noch Ihre feinen Schuhe blankputzen, und Sie sind wie aus dem Ei gepellt. Alle Mädchen werden sich in Sie verlieben.« »Oho«, rief Fritz, »willst du mich auslachen?« »Nein, seit ich Ihre wahre Gestalt entdeckt habe, hab' ich's mir anders überlegt, hihihi! Ihren Gürtel werden wir etwas enger schnallen müssen. Ach – sagen Sie doch, Herr Kobus, wenn Sie auf dem Fest ein hübsches Mädchen finden, das Ihnen gefällt, und wenn Sie dann... hihihi!« Als sie ihn mit ihrem zahnlosen Mund anlachte, wurde er rot und wusste keine Entgegnung. »Ja und«, sagte er schließlich, »was würdest du dazu sagen?« »Mir wär's recht.« »Du wärst dann allerdings nicht mehr die Herrin im Haus.« »Ach mein Gott, ich bin doch bloß das Mädchen für alles, ich passe auf und hüte alles. Was wäre ich froh über eine gute, fleißige junge Herrin, die käme und mich entlastete... wenn man mich nur die Kinder wiegen ließe.« »Wärst du wirklich nicht böse darüber?« »Im Gegenteil! Wie sollte ich denn... jeden Tag komme ich mir steifer vor. Die Beine wollen nicht mehr. Ewig kann das nicht weitergehen. Ich bin jetzt vierundsechzig, Herr Kobus, vierundsechzig wohl gezählte Jahre...« »Ach was, du machst dich älter als du bist«, sagte Fritz, dem ihr Wunsch insgeheim behagte, da er zu seinem passte. »Ich habe dich nie lebendiger und munterer gesehen.« »Sie schauen eben nicht genau hin.« »Also«, sagte er lachend, »Hauptsache, es ist alles in Ordnung für morgen.« Er besah nochmals seinen hübschen Anzug, die weiße Weste, das Halstuch mit den gestickten Ecken, die nussbraune Hose und das Hemd mit der Krause. Dann wandte er sich der wartenden Katel zu. »Sind wir fertig?« fragte er. »Ja, Herr Kobus.« »Gut, dann gehe ich jetzt auf ein gutes Glas Bier.« »Und ich koche das Abendessen.« Er nahm seine dicke Meerschaumpfeife vom Wandhaken, ging hinaus und pfiff dabei wie eine Amsel. Katel ging in die Küche zurück. XVI Munter sprang der lange Schulz am nächsten Morgen schon um halb neun Uhr Kobus' Treppe hinauf und nahm dabei stets mehrere Stufen auf einmal. Er war von Kopf bis Fuß in Nanking Ein im 19. Jahrhundert populäres weil billiges Tuch aus glattem Baumwollstoff, der aus China importiert wurde und üblicherweise gelb gefärbt war. gekleidet, hatte sein Stöckchen aus Walbein in der Hand und auf dem Kopf seine Jägermütze aus hartgekochtem Leder, die ihm gerade über dem langen, braunen, vom Wein leicht geröteten Gesicht saß. Langsam und mit der fetten Hand auf dem Geländer folgte Hahn, dessen leichte Schuhe bei jedem Schritt knackten. Er trug einen kurzen grünen Rock, eine schwarze, mit gelben Blümchen verzierte Samtweste, von der lauter Uhrketten hingen, und einen herrlichen Hut aus dickem weißem Biberfell. Beide sahen gutgelaunt aus und erwarteten wohl, ihren Freund Kobus wie gewohnt in seinem grauen Umhang und seiner rostbraunen Hose vorzufinden. »Also, Katel«, rief Schulz und schaute durch die halboffene Küchentür, »ist er fertig?« »Gehen Sie nur hinein, meine Herren«, schmunzelte die alte Magd. Sie überquerten den Hausflur und machten auf der Schwelle zum großen Zimmer verdutzt halt, als sie dort vor dem Spiegel den Dandy Fritz erblickten. Der himmelblaue Rock machte ihm eine schlanke Taille und die nussbraune Hose zeichnete seine Beine fein nach; sein Kinn war rosig, frisch und glänzend, die Ohren rot, das Haar im Nacken angelegt, und die cremefarbenen Handschuhe waren sorgfältig unter den Manschetten aus dreilagiger Spitze zugeknöpft. Kurz, er glich Cupido Römischer Liebesgott, auch Amor genannt, der als Kind mit Pfeil und Bogen dargestellt wird. Wer von einem Pfeil ins Herz getroffen wird, verliebt sich. , der Pfeile verschießt. »Oho, oho!« rief Hahn, und seine Stimme schwoll vor Verblüffung an, »oho, oho! Kobus... Kobus...« Schulz sagte nichts, sondern stand da, streckte den Hals vor und stützte sich auf sein Stöckchen. Schließlich sprach er dann: »Fritz, das ist Verrat. Du willst uns als deine Diener hinstellen. Das geht nicht... ich bin dagegen.« Da drehte Kobus sich herum, und seine Augen waren etwas wirr vor Erregung, denn er dachte an Susel. Er fragte: »Findet ihr denn, dass es mir steht?« »Mit anderen Worten«, sagte Hahn, »du willst uns an die Wand drücken und uns ausstechen? Ich wüsste gern, weshalb du uns diesen Hinterhalt gelegt hast.« »Na«, sagte Kobus lachend, »wegen der Preußen doch.« »Wieso – wegen der Preußen?« »Ganz sicher. Wisst ihr denn nicht, dass Hunderte von Preußen zum Bischheimer Fest gehen? Das sind eitle Leute, die sich nach der neuesten Mode kleiden und von oben herab auf uns Bayern Vgl. Fußnote 122. schauen werden.« »Mein Gott nein, ich hab's nicht gewusst«, sagte Hahn. »Wenn ich es gewusst hätte«, rief Schulz, »hätte ich meine Landwehruniform angelegt, denn die steht mir besser als eine Nankingjacke. Damit hätten wir Nationalstolz gezeigt... ein Vertreter des Heeres.« »Ach was, du siehst gar nicht so übel aus«, sagte Fritz. Alle drei betrachteten sich im Spiegel, und jeder gefiel sich selbst am besten. »Wenn man's bedenkt, hat Kobus recht«, rief Hahn, »er hätte uns zwar besser gewarnt, aber wir werden trotzdem eine gute Figur machen.« Schulz fügte hinzu: »Ich habe mich salopp gekleidet, weil ich in Bischheim nicht auffallen will. Ich will nur zusehen und mich amüsieren...« »Und wir?« fragte Hahn. »Ihr auch, aber ich entspreche den Anlass halt besser. Ein Nankinganzug ist eben einfacher und natürlicher zu so einem Fest als Hemdkrausen und Spitzen.« Als sie sich umdrehten, sahen sie auf dem Tisch eine Flasche Forstheimer , drei Gläser und einen Teller Kekse. Fritz warf einen letzten Blick auf sein Halstuch, das Katel kunstvoll gebunden hatte, und fand alles sehr gut. »Zum Wohl«, sagte er, »der Wagen kommt bestimmt gleich.« Sie setzten sich, und Schulz sagte zwischen zwei Schlucken Wein nachdenklich: »Alles schön und gut. Allerdings – ihr seht wohl ein, dass es nicht besonders gut aussehen wird, wenn ihr fein angezogen in einem alten Karren auf Strohbündeln dort ankommt. Das passt nicht zusammen, ist sogar ein wenig vulgär.« »He«, rief der dicke Steuereinnehmer, »wenn wir's richtig machen wollten, müssten wir im Hemd auf einem Esel hinreiten. Jeder weiß doch, dass die Landedelmänner ihre Ausstattung nicht immer zur Hand haben. Sie besuchen die Feste nebenher. Man muss sich ja auch nicht schämen, wenn man sich amüsieren will.« Sie sprachen etwa zwanzig Minuten lang. Fritz, der auf der Standuhr sah, dass es allmählich Zeit wurde, horchte hin und wieder auf. Plötzlich sagte er: »Der Wagen kommt.« Die beiden anderen lauschten, hörten aber nach ein paar Sekunden nur ein fernes Rollen, das von lautem Peitschenknallen begleitet wurde. »Das kann er nicht sein«, sagte Hahn, »es ist eine Postkutsche auf der Hauptstraße.« Das Rollen kam jedoch näher, und Kobus schmunzelte. Schließlich bog der Wagen in die Straße ein, und die Peitschenschläge hallten auf dem Akazienplatz wie Knallfrösche wider, dazu das Hufgetrappel der Pferde und das Dröhnen des Pflasters. Da standen alle drei auf, beugten sich aus dem Fenster und sahen, dass sich im Trab die Berline näherte, die Kobus gemietet hatte. Der alte Postillion Zimmer trug seine dicke, an den Ohren geflochtene Hanfperücke, eine weiße Weste, eine mit Silber besetzte Jacke, eine Kniehose aus Hirschleder und dicke Stiefel, die ihm bis über die Knie hinaufreichten. Er schaute herauf und knallte weit ausholend mit der Peitsche. »Einsteigen!« rief Kobus. Er setzte seinen großen Filzhut auf, während die beiden anderen sich erstaunt ansahen, denn sie konnten nicht glauben, dass die Berline für sie sein sollte. Erst als sie vor der Tür anhielt, brach Hahn in ein gewaltiges Gelächter aus und schrie: »Das passt genau! Passt genau! Bei Kobus gibt's keine halben Sachen, hahaha! Du alter Angeber!« Sie gingen hinunter, und die alte Magd kam lächelnd hinterdrein. Zimmer sah ihnen durch den Hausflur entgegen, drehte sich auf seinem Pferd Obwohl die Berline im allgemeinen mit Kutschbock dargestellt wird, soll es Ausführungen gegeben haben, bei denen der Bock fehlte oder entfernt werden konnte, so dass der Kutscher zur besseren Führung der Zugtiere auf einem der Pferde saß. herum und sagte: »Pünktlich, Herr Kobus, Sie sehen, ich bin pünktlich auf die Minute.« »Ja gut, Zimmer«, antwortete Kobus und öffnete den Schlag. »Also, hinein mit euch. – Kann man das Verdeck zurückschlagen?« »Bitte sehr, Herr Kobus, Sie müssen nur am Knopf drehen, dann geht's von selbst.« Stolz wie Fürsten stiegen sie ein. Fritz setzte sich und drehte das Verdeck zurück. Er saß rechts, Hahn links und Schulz in der Mitte. Mehr als hundert Leute sahen ihnen von den Türen und Fenstern aus zu, denn Postkutschen fahren normalerweise nicht durch die Akazienstraße, sondern folgen der Hauptstraße. Es war ein ungewohnter Anblick in dieser Gegend. Das Vergnügen, das Schulz und Hahn empfanden, kann man sich vorstellen. »Herrje!« rief Schulz und tastete seine Taschen ab, »meine Pfeife liegt noch auf dem Tisch.« »Wir haben Zigarren«, sagte Fritz und reichte Zigarren herum, die sofort angezündet wurden. Die drei fingen an zu rauchen, lehnten sich zurück, schlugen die Beine übereinander, steckten die Nasen in die Luft und schoben ihre Unterarme hinter die Köpfe. Katel sah ebenso zufrieden aus wie sie. »Fertig, Herr Kobus?« fragte Zimmer. »Ja, wir können abfahren, aber bis zum Hildebrandttor bitte schön langsam«, sagte Fritz. Da knallte Zimmer mit der Peitsche, zog die Zügel an, und die Pferde fielen in einen langsamen Trab, während der alte Postillion das Horn ansetzte und die Luft mit seinen Signalen erzittern ließ. Katel sah ihnen nach, bis sie um die Straßenecke bogen. Sie durchquerten Hüneburg von einem Ende zum anderen. Das Pflaster dröhnte weithin, die Fenster füllten sich mit staunenden Gesichtern, und die drei, die sich nonchalant wie Grandseigneurs zurückgelehnt hatten, rauchten, ohne sich umzusehen, und taten, als ob sie ihr Leben lang nur Postkutsche gefahren wären. Schließlich ging das Dröhnen des Pflasters in das weichere Gerumpel der Landstraße über, denn jetzt kamen sie durch das Hildebrandttor. Zimmer hängte das Horn an seine Halskette, griff wieder zur Peitsche, und zwei Minuten später sausten sie wie der Wind die Landstraße nach Bischheim entlang. Die Pferde sprangen mit wehenden Schweifen, das Klickklack der Peitsche klang wider, und die Pappeln, Felder, Wiesen, Hecken – alles flog vorbei. Fritz strahlte über das ganze Gesicht. Er ließ seine Augen über den Himmel wandern und dachte an Susel. Vor Sehnsucht füllten seine Augen sich mit Tränen. »Sie wird sich wundern, mich zu sehen«, dachte er. »Ob sie etwas ahnt? Nein, aber bald wird sie alles wissen... sie soll alles wissen!« Der dicke Hahn rauchte mit ernster Miene, und Schulz hatte seine Mütze hinter sich in die Falten des Verdecks gesteckt, um sein langes, ergrauendes Haar zu scheiteln, durch das der Fahrtwind strich. »Also«, sagte Hahn, »nun habe ich das Reisen gelernt. Lasst mich in Ruhe mit den alten Chaisen und den Salatschleudern, die einen kreuzlahm stoßen, ich hab' die Nase voll davon. So zu reisen, das ist etwas anderes. Ob du's glaubst oder nicht, Fritz, ich könnte mich innerhalb von zwei Wochen an diese Art Wagen gewöhnen.« »Hahaha!« rief Schulz, »ich glaub's dir sofort.« Fritz träumte vor sich hin. »Wie lange dauert die Fahrt?« fragte er Zimmer. »Zwei Stunden, Herr Kobus.« Da dachte er: »Wenn sie nur dort ist, wenn der alte Christel es sich bloß nicht anders überlegt hat.« Diese Befürchtung bedrückte ihn, aber nach einer Weile kam seine Zuversicht wieder, und ein Blutstoß färbte seine Wangen. »Sie ist dort«, dachte er, »ich bin mir ganz sicher, denn's kann doch gar nicht anders sein.« Während Hahn und Schulz sich wiegen ließen, sich räkelten, vor sich hin lachten und den Rauch genüsslich und langsam über ihre Lippen ziehen ließen, richtete er sich alle Augenblicke auf, schaute sich um und fand, dass ihm die Pferde nicht schnell genug liefen. In einer Stunde zogen zwei oder drei Dörfer vorbei, dann noch zwei, und schließlich fuhr die Berline ins Altenbrucker Tälchen hinunter. Kobus fiel sofort ein, dass Bischheim auf dem nächsten Hügel lag. Der Anstieg im Schritt kam ihm sehr lang vor, aber schließlich waren sie oben. Zimmer knallte mit der Peitsche und rief: »Da ist Bischheim!« Tatsächlich erblickten sie fast im selben Augenblick die alte Ortschaft, die das Tal gegenüber umgab. Sie hatte eine gewundene Hauptstraße, verfallene Fassaden, die von geschnitzten Balken durchzogen waren, hölzerne Galerien, Außentreppen, Hoftore, über denen gerupfte Eulen angenagelt waren, und mit Ziegeln, Schiefer oder Schindeln gedeckte Dächer, die an die Kriege der Markgrafen, der Landgrafen, der Armleder Ein Schankwirt namens Vetter Toms wiegelte im 14. Jahrhundert die Elsässer gegen die Juden auf und brachte eine gewalttätige Bande von Heeresgröße zusammen, die Juden ausplünderte, folterte und tötete, wo immer sie angetroffen wurden. Diese Banditen hießen Armleder , und Vetter Toms nannte sich ihr König. Als das Gesindel im Jahre 1338 die Stadt Kolmar belagerte, weil sie Juden aufnahm und beschützte, organisierte der Bischof von Straßburg ein Bündnis, das die Bande zerstreute ( Encyclopédie de l'Alsace (Vol. 1 Strasbourg 1982: Publitotal), S. 340). , der Schweden Das Rheintal – und damit sowohl die Pfalz als auch das Elsass – wurde im Dreißigjährigen Krieg ab 1632 durch schwedische Truppen verwüstet. oder der Republikaner Damit sind offenbar die französischen Revolutionstruppen gemeint. erinnerten, denn all das war im Lauf der Jahrhunderte wohl zwanzigmal gebaut, niedergebrannt und wiederaufgebaut worden. Rechts stand ein Haus aus der Zeit Hoches Zu Hoche s.u., Fußnote 134. , links eins aus der Zeit von Mélac S. Fußnote 118. und weiter hinten eins aus der Zeit Barbarossas Friedrich von Hohenstaufen, genannt Barbarossa (= Rotbart), war 1152-1190 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Das hier angesprochene Gebäude wäre demnach im romanischen Stil errichtet worden. . Große Dreispitze, zweiteilige Nackenhäubchen, rote Westen und Trägerkorsetts gingen, kamen, drehten sich um und schauten. Hunde liefen herbei, und die Gänse und Hühner rannten mit unendlichem Geschrei durcheinander, während die Berline im scharfen Galopp die Hauptstraße hinabfuhr und Zimmer mit abgespreiztem Ellenbogen ein Fanfarensignal blies, das Tote auferweckt hätte. Hahn und Schulz besahen alles und genossen die allgemeine Verwunderung. Um eine Straßenecke herum erblickten sie auf dem Zweibockplatz den alten Springbrunnen, das Frauenzimmer aus Tannenholzbrettern, die Buden der Händler und das Gewühl der Menschenmenge. Blitzschnell zog alles vorbei. Weiter die Straße entlang sahen sie die alte Kirche St. Ulrich Der Heilige Ulrich von Zell (1029-1093), auch Udalrich, Ulrich von Regensburg oder Ulrich von Cluny genannt, wirkte in der Umgebung von Freiburg im Breisgau, wo er noch heute verehrt wird ( Wimmer / Melzer / Gelmi (s.o., Fußnote 52), S. 809). mit den beiden viereckigen Türmen, den schiefergedeckten Helmen darüber und den karolingischen Torbögen. Alle Glocken läuteten, die Messe ging eben zu Ende. Die Leute, die die Treppe vor dem Säulengang herabstiegen, schauten erstaunt herüber. Auch das war im Nu vorbei. Fritz hatte nur einen Gedanken: »Wo ist sie?« Er lehnte sich zu jedem Haus hinaus, als ob Susel dort im selben Moment erscheinen müsste. Auf jeden Balkon, jede Treppe, jedes Fenster und jede Tür, egal ob rund, eckig oder mit Weinlaub umrankt, heftete er den Blick und dachte: »Ist sie wohl dort?« Hätte sich das Gesicht eines Mädchens im Schatten eines Hausgangs, hinter einer Fensterscheibe oder hinten in einer Stube abgezeichnet – er hätte es gesehen! Jedes Band an Susel hätte er aus voller Fahrt erkannt. Er sah sie jedoch nirgends, und schließlich hielt die Berline auf den Alten Metzgerplatz vor dem Goldenen Schaf . Fritz erinnerte sich sofort an das alte Gasthaus, denn dort war vor fünfundzwanzig Jahren sein Vater abgestiegen. Er erkannte das große Tor zum Hof mit dem geborstenen Pflaster, die hölzerne Galerie mit den massiven Pfeilern, die zwölf Fenster mit den grünen Läden, das Türlein unter dem Bogen und die ausgetretenen Stufen davor. Einige Minuten früher hätte dieser Anblick in ihm tausend herzbewegende Erinnerungen hervorgerufen, aber jetzt befürchtete er, dass er Susel nicht treffen könnte, und das machte ihm Sorgen. Das Gasthaus musste gesteckt voll mit Gästen sein, denn kaum war der Wagen auf dem Platz erschienen, da zeigten sich lauter Gesichter in den Fenstern, vor allem Preußen mit flachen Mützen und dicken Schnauzbärten. Zwei Pferde waren an den Ringen bei der Tür angebunden, und ihre Herren schauten aus dem Hausgang herüber. Als die Berline hielt, kam groß, ruhig und würdig der alte Wirt Lörich mit der Baumwollhaube auf dem weißhaarigen Kopf herbei, klappte feierlich das Treppchen heraus und sagte: »Wenn die Herren sich bemühen und aussteigen wollen...« Da rief Fritz: »Kennen Sie mich denn nicht mehr, Vater Lörich?« Der Alte sah ihn überrascht an. »Ach, mein lieber Herr Kobus«, sagte er nach einem Augenblick, »wie Sie Ihrem Vater ähneln! Bitte um Verzeihung, ich hätte Sie erkennen müssen.« Fritz stieg lachend aus und sagte: »Nicht schlimm, Vater Lörich, zwanzig Jahre können einen Menschen verändern. Ich stelle Ihnen meinen Feldmarschall Schulz und meinen Ministerpräsidenten Hahn vor. Wir reisen inkognito.« In den Fenstern konnte man das Grinsen nicht zurückhalten, vor allem nicht die Preußen. Das ärgerte Schulz. »Den Feldmarschall«, sagte er, »kann ich genauso gut wie viele andere. Ich würde Angriff oder Schlacht befehlen und von fern in Ruhe zusehen.« Hahn war zu gut gelaunt, um sich zu ärgern. »Wann gibt's Mittagessen?« fragte er. »Um zwölf Uhr, mein Herr.« Sie traten in den Vorraum, während Zimmer die Pferde ausschirrte und zum Stall führte. Der Vorraum lief nach hinten zum Garten hinaus. Links war die Küche, und man konnte das Tick-tack des Bratenwenders, das Knistern des Feuers und das Geklapper der Töpfe hören. Die Dienstmädchen eilten im Laufschritt über den Flur, eine mit Tellern, die andere mit Gläsern. Der Kellner stieg mit einem Korb voller Weinflaschen aus dem Keller herauf. »Wir brauchen ein Zimmer«, sagte Fritz zum Wirt, »ich möchte das von Hoche.« »Unmöglich, Herr Kobus, es ist belegt. Die Preußen haben's sich reservieren lassen.« »Gut, dann bitte das Nachbarzimmer.« Vater Lörich ging ihnen voran die große Treppe hinauf. Als Schulz von der Stube des Generals Hoche Lazare Hoche (1768-1797) befehligte als General der französischen Revolutionstruppen die sogenannte Moselarmee, die am 22.12.1793 bei Frœschwiller im Nordelsaß und wenige Tage später bei Wissembourg das Reichsheer schlug (vgl. P. de Pardiellan : Récits Militaires d'Alsace (Strasbourg 1905), S. 113 ff). Hoche galt als führendes militärisches Genie der französischen Revolution. Sein früher Tod beugte einer möglichen Rivalität mit Napoleon Bonaparte vor. hörte, wollte er wissen, was es damit auf sich habe. »Bitte hier, mein Herr«, sagte der Wirt und öffnete die Tür zu einem großen Raum auf der ersten Etage. »Hier haben die republikanischen Generale am 23. Dezember 1793 Kriegsrat gehalten, drei Tage vor dem Angriff auf die Weißenburger Linien Der Führungsstab der französischen Moselarmee plante tatsächlich kurz vor Weihnachten 1793 den Angriff auf die sog. Weißenburger Linien, allerdings nicht in einem Ort namens Bischem, sondern vermutlich in Wœrth im Nordelsaß, das in Deutschland vor allem als Schauplatz einer Schlacht des deutsch-französischen Kriegs bekannt ist. . Schauen Sie, Hoche war dort drüben.« Er zeigte auf den gusseisernen Ofen, der rechts in einer ovalen Nische stand. »Haben Sie ihn gesehen?« »Ja, mein Herr, ich erinnere mich daran, als ob's gestern gewesen wäre. Ich war damals fünfzehn. Die Franzosen lagerten rund ums Dorf, und die Generale schliefen weder tags noch nachts. Mein Vater schickte mich eines Abends hier herauf und sagte: ›Sieh dich gut um.‹ In dieser Stube gingen die französischen Generale auf und ab. Sie hatten Schärpen in den Farben der Trikolore um die Hüften, trugen ihre großen Zweispitze quer und schleppten Säbel hinter sich her. Alle Augenblicke kamen schneebedeckte Offiziere, um Befehle abzuholen. Da alle Leute von Hoche sprachen, hätte ich ihn gern kennengelernt, schob mich daher mit der Nase in der Luft die Wand entlang und besah mir die großen Männer, die solchen Lärm im Haus machten. Dann kam mein Vater dazu und war blass im Gesicht. Er zog mich am Ärmel und sagte mir ins Ohr: ›Er ist ganz nah.‹ Ich drehte mich um und sah Hoche, der mit den Händen auf dem Rücken und vornüber geneigtem Kopf vor dem Ofen stand. Gegen die anderen Generale war er unscheinbar in seinem blauen Rock mit den aufgeschlagenen breiten Revers und den Stiefeln mit den eisernen Sporen. Ich sehe ihn da noch stehen. Er war mittelgroß und braun, mit einem schmalen Gesicht. Sein langes Haar war über der Stirn gescheitelt und hing ihm auf die Wangen herab. Inmitten dieses Spektakels war er in Gedanken vertieft, und nichts konnte ihn ablenken. In derselben Nacht gegen elf Uhr zogen die Franzosen ab, und am nächsten Morgen sah man keinen einzigen mehr im Dorf oder in der Umgebung. Fünf oder sechs Tage später hieß es, es habe ein Gefecht stattgefunden, und die Reichstruppen seien auf dem Rückzug. Wahrscheinlich hat Hoche dort drüben den Schlachtplan geschmiedet.« Vater Lörich erzählte dies in aller Bescheidenheit, und die anderen hörten staunend zu. Dann führte er sie in die Stube nebenan und fragte, ob sie dort essen wollten, aber sie zogen es vor, am Tisch in der Gaststube zu tafeln. Also stiegen sie wieder hinab. Die Gaststube war vollbesetzt. Drei oder vier Reisende hatten ihre Koffer auf Stühle gestellt und warteten auf die Linienkutsche nach Landau. Preußische Offiziere gingen paarweise auf und ab. Ein paar Markthändler aßen im Nebenzimmer, und einige Bürger saßen am Tisch, der bereits mit dem Tischtuch, den funkelnden Karaffen und sauber aufgereihten Tellern gedeckt war. Jeden Augenblick erschienen Neuankömmlinge auf der Türschwelle, warfen einen Blick in die Runde und gingen dann wieder oder traten näher. Fritz ließ eine Flasche Rüdesheimer bringen, bis das Essen kam. Gelangweilt betrachtete er die hübsche indigoblaue und ockergelbe Tapete, auf der die Schweiz und ihre Gletscher dargestellt waren. Wilhelm Tell zielte hier nach dem Apfel auf dem Kopf seines Sohns, und dort stieß er mit dem Fuß Geßlers Boot in den See zurück. Fritz dachte nur an Susel, während Hahn und Schulz sich den Wein schmecken ließen. Da erklang draußen Gesang, und fast zugleich fiel der dunkle Schatten eines großen, dann eines zweiten Wagens in die Stube. Alles sprang zu den Fenstern. Draußen zogen Bauern auf der Ausreise nach Amerika vorbei. Ihre Wagen waren mit alten Schränken, Bettladen, Matratzen, Stühlen und Kommoden bepackt und mit großen Segeltüchern überdacht, die man auf Fassreifen gespannt hatte. Unter diesen Planen saßen kleine Kinder auf Strohbündeln, und ein paar arme, altersschwache Großmütterlein mit schlohweißem Haar schauten ihnen still zu, während fünf oder sechs Klepper mit Hundefelldecken auf den Kruppen langsam anzogen. Dahinter kamen Männer, Frauen und drei auf Stöcke gestützte Greise mit krummem Rücken und bloßem Kopf. Alle sangen im Chor: Was ist das deutsche Vaterland? Der Text dieses Lieds stammt von Ernst Moritz Arndt und erschien erstmals in Ludwig Jahn (Hrsg.): Deutsche Wehrlieder für das Königlich Preußische Frey-Corps (Berlin 1813). Die Melodie schrieb Reichardt (1825). Während der Restaurationszeit wurde das Lied von der deutschen Freiheitsbewegung übernommen und daher durch die Obrigkeiten verboten. Wahrscheinlich erklärt das die Reaktion der preußischen Offiziere. Übrigens heißt der Text richtig weiter: ...Ist Bayernland? Ist Preußenland? ... Was ist das deutsche Vaterland? Die Alten antworteten: Amerika! Amerika! Die preußischen Offiziere sagten zueinander: »Man sollte diese Leute verhaften.« Hahn hörte diesen Vorschlag und konnte es nicht lassen, bissig zu antworten: »Sie meinen, dass Preußen das deutsche Vaterland ist. Der Hals gehört ihnen umgedreht.« Die preußischen Offiziere schauten ihn schief an, aber Hahn hatte keine Angst, und Schulz zog würdevoll die Stirn glatt. Fritz hatte sich still erhoben und ging hinaus, als ob er in der Küche etwas erfragen wollte. Als er nach einer Viertelstunde noch nicht zurück war, wunderten Hahn und Schulz sich sehr, zumal nun Suppenterrinen aufgetragen wurden und alles sich zu Tisch setzte. Fritz war eingefallen, dass hinter Bischheim am Ende der Gänsegasse zwei oder drei Mennonitenfamilien wohnten, vor deren Tür sein Vater früher auf dem Rückweg nach Hüneburg stets angehalten hatte, um einen Sack Backpflaumen aufzuladen. Da er Susel dort vermutete, war er stillschweigend in den Garten des Goldenen Schafs gegangen und von dort aus weiter ins Stechpalmengässchen, das dem Dorfrand folgt. Er rannte durch dieses Gässchen wie ein Hase, denn das Verlangen, Susel wiederzusehen, trieb ihn an. Was wäre er drei Monate früher verdutzt gewesen, wenn er sich so gesehen hätte! Als er schließlich das große, mit grauen Ziegeln gedeckte Dach der Mennoniten über die Obstgärten hinweg erblickte, schlich er leise die Hecken entlang weiter, bis er vor dem Hof stand. Zu seiner Befriedigung entdeckte er dort zwischen dem großen, eingefassten Misthaufen und der verwitterten, mit Efeu bewachsenen Hauswand Vater Christels Wagen, und sein Herz schwoll vor Glück. »Sie ist hier«, sagte er zu sich, »gut... schön! Ich muss sie sehen, koste es, was es wolle. Selbst wenn ich drei Tage hier bleiben muss – ganz egal!« Seine Augen konnten vom Anblick des Wagens nicht genug bekommen. Plötzlich sprang Mopsel aus dem Hausgang und bellte wie es Hunde tun, wenn sie einen alten Bekannten treffen. Da hatte Fritz gerade noch Zeit, sich in das Gässchen zu retten. Mit gebeugtem Rücken schlich er wie ein Dieb die Hecke entlang zurück, denn trotz seiner Seligkeit schämte er sich irgendwie über seinen Vorstoß. Er war glücklich und verwirrt zugleich. »Wenn man dich entdecken würde«, sagte er zu sich, »und wenn die wüssten, was du da treibst, um Gottes Willen, was würden sie dich auslachen, Fritz! Na egal, alles läuft glatt. Du hast wirklich Glück.« Er kehrte ins Goldene Schaf auf denselben Schleichpfaden zurück, die er auf dem Hinweg benutzt hatte. Als er in die Gaststube trat, wurde gerade der zweite Gang aufgetragen. Hahn und Schulz hatten den Platz zwischen sich für Fritz freigehalten. »Wo zum Teufel warst du denn?« fragte Hahn. »Ich wollte den Doktor Rübeneck besuchen, der ein Bekannter meines Vaters war«, sagte er und heftete sich die Serviette vor. »Eben hörte ich, dass er vor zwei Jahren gestorben ist.« Dann aß er mit großem Appetit drauflos, und da soeben ein leckerer Aal in Senfsoße aufgetragen wurde, zog der dicke Hahn es vor, keine weiteren Fragen zu stellen. Während des ganzen Essens saß Fritz mit strahlendem Gesicht da und hatte nur den einen Gedanken: »Sie ist hier«. Manchmal schloss er sachte seine großen, hoch erhobenen Augen und öffnete sie dann wieder wie ein Kater, der vor sich hin träumt und dabei eine Mücke belauert, die in der Sonne tanzt. Er aß und trank mit Genuss, ohne dass es ihm bewusst wurde. Draußen war das Wetter unübertrefflich. Von fern hörte man die Hauptstraße entlang heitere Lieder, näselnde Flötentöne und Gelächter. Leute in festlicher Kleidung, mit Blumen am Hut und Hauben, deren Bänderschmuck nur so flimmerte, gingen Arm in Arm zum Zweibockplatz. Hin und wieder stand ein Tischgast auf, warf die Serviette auf die Rückenlehne seines Stuhls und ging hinaus, um sich unters Volk zu mischen. Um zwei Uhr waren nur noch Hahn, Schulz, Kobus und zwei oder drei preußische Offiziere am Tisch, vor sich den Dessert und leere Flaschen. Die durchdringenden Töne einer Trompete und eines Horns riefen zum Tanz. Das riss Fritz aus seinen Träumen. »Ob Susel schon dort ist?« dachte er. Er schlug mit dem Griff seines Messers auf den Tisch und rief laut: »Vater Lörich! Vater Lörich!« Der alte Wirt kam herbei. Fritz fragte mit listigem Lächeln: »Haben Sie noch dieses Weißweinchen, Sie wissen doch, das prickelnde Weinchen, das der Herr Amtsrichter Kobus so sehr mochte?« »Ja, das gibt's noch«, antwortete der Wirt im selben heiteren Tonfall. »Schön, dann bringen Sie uns bitte zwei Flaschen«, sagte Kobus und zwinkerte mit den Augen. »Den Wein mag ich sehr, und ich hätte nichts dagegen, wenn meine Freunde ihn probierten.« Vater Lörich ging hinaus und kam kurz darauf mit einer Flasche unter jedem Arm zurück. Die Flaschen waren fest verkapselt und mit Messingdraht zugebunden. Lörich hatte auch ein Zänglein, um den Draht aufzubiegen, und drei dünne, funkelnde, tütenförmige Gläser auf einem Tablett. Da merkten Hahn und Schulz, um welches Weinchen es sich handelte, und lachten sich an. »Hihihi«, sagte Hahn, »dieser Kobus macht mitunter gute Witze. Sowas nennt er ein Weinchen.« Schulz schielte zu den Preußen hinüber und fügte hinzu: »Ja, ein Weinchen aus Frankreich. Das trinken wir nicht zum erstenmal. Bloß haben wir damals in der Champagne die Flaschenhälse mit dem Säbel abgeschlagen.« Während er das sagte, strich er die ergrauenden Spitzen seines Schnurrbärtchens nach oben und schob sich die Mütze aufs Ohr. Der Korken knallte wie aus der Pistole geschossen unter die Decke, und die Gläser wurden mit dem himmlischen Tau gefüllt. »Auf deine Gesundheit, lieber Fritz!« rief Schulz und hob sein Glas. In einem Zug ließ er den himmlischen Tau seinen langen Storchenhals hinablaufen. Hahn und Fritz machten es ebenso, wiederholten das Manöver noch dreimal und entzückten sich über das Bukett des Weinchens. Die Preußen standen würdevoll auf und gingen hinaus. Kobus hakelte die zweite Flasche auf und sagte: »Schulz, manchmal übertreibst du deine Angeberei. Sag mir doch mal, ob dein Landwehrbataillon überhaupt über die kleine Festung Pfalzburg Emile Erckmann konnte es offenbar nicht lassen, seinen Geburtsort auch ausdrücklich zu erwähnen. in Lothringen hinausgekommen ist und ob ihr damals etwas anderes als Elsässer Weißwein getrunken habt?« »Ach, lass mich doch«, rief Schulz, »Muss man sich denn vor diesen Preußen genieren? Als Vertreter des bayerischen Heeres kann ich dir nur sagen, dass ich meinen guten Teil Champagner getrunken hätte, wenn unterwegs welcher zu finden gewesen wäre. Was kann ich denn dafür, dass ich in die Wildnis geraten bin? Das hat doch der Feldmarschall Schwarzenberg Der Österreichische Feldmarschall Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg (1771-1820) befehligte die Truppen der Koalition gegen Kaiser Napoleon I. in der Völkerschlacht von Leipzig (1813) und auch beim anschließenden Einmarsch in Frankreich, auf den hier angespielt wird. ausgeheckt, der uns drangab, damit seine Österreicher sich mästen konnten. Lass uns von etwas anderem sprechen, Kobus, denn ich zittere heute noch, wenn ich nur daran denke. Zwei Tagesmärsche lang gab's nur Tannen und schließlich einen Haufen Lumpen, nackte Wilde, die uns von den Felsen herab mit Steinen totwarfen Benoit-Guyod (Fußnote 4 zum Vorwort, S. 152) erwähnt den französischen Patrioten Wolff , der 1813 in den Nordvogesen mit einer aus den Bauern der Gegend gebildeten Guerillatruppe die einmarschierenden Koalitionsheere bekämpft habe. Diese Tat habe Erckmann mehrfach in seinen Werken verarbeitet und während des deutsch-französischen Krieges den Aufbau eines maquis in den Vogesen vorgeschlagen. Der Plan wurde allerdings nicht ausgeführt. . Ich sage dir, es wäre bestimmt schöner gewesen, in der Champagne guten Wein zu saufen, als sich in den Vogesen mit den wildgewordenen Hinterwäldlern herumzuschlagen!« »Beruhige dich doch«, sagte Hahn lachend, »wir glauben dir ja. Allerdings – von den Österreichern und Preußen haben Tausende Kaiser Napoleon I. gab sich nach seiner Niederlage in der Völkerschlacht von Leipzig nicht geschlagen und verteidigte bis in den April 1814 hinein die Umgebung von Paris zwar sinnlos, aber umso hartnäckiger und blutiger. ihre Knochen in der Champagne lassen müssen.« »Wer weiß, vielleicht trinken wir gerade den Lebenssaft eines prügelnden Unteroffiziers Im Originaltext caporal schlague . Der Hinweis auf die militärische Prügelstrafe trifft nicht zu, denn am napoleonischen Rußlandfeldzug von 1812 hatten alle verfügbaren Truppen aus Deutschland teilgenommen und waren mitsamt der grande armée umgekommen. Insbesondere Preußen stellte 1813 ein völlig neues Heer auf, in dem nicht mehr geprügelt wurde. Daher waren bei den preußischen Truppen, die 1813/14 in Frankreich einmarschierten, nur noch wenige Unteroffiziere aus der Prügelzeit. !« rief Fritz. Alle drei brachen in ein übermütiges, albernes Gelächter aus. Sie waren beschwipst. »Hahaha, nun gehen wir tanzen«, sagte Kobus und stand auf. »Auf zum Tanz!« echoten die anderen. Sie leerten ihre Gläser im Stehen und gingen hinaus, schwankten aber dabei und lachten so laut, dass alle Leute auf der Straße sich nach ihnen umdrehten. Schulz hob seine langen Grillenbeine bis zum Kinn, warf die Arme in die Luft und schrie im Hanswurstton: »Preußen kann mich, und alle Preußen können mich auch, vom prügelnden Unteroffizier bis hinauf zum Feldmarschall!« Hahns Nase war rot wie Klatschmohn, und seine Wangen glühten. Mit Tränchen in den Augen lallte er: »Um Gottes Willen, Schulz, Schulz, mäßige deine Kampfeslust, sonst bringst du uns noch Friedrich Wilhelms Heer an den Hals! Schließlich sind wir friedliche und ordentliche Leute, hab doch Achtung vor der Eintracht in unserem alten Deutschland.« »Nein, nein, sie können mich alle!« brüllte Schulz, »sie sollen nur herkommen, dann werden wir ja sehen, was ein alter bayerischer Landwehrfeldwebel kann. Hoch das deutsche Vaterland!« Einige Preußen lachten in ihre langen Schnauzbärte, als sie vorbeikamen. Fritz dachte daran, dass er nun Susel wiedersehen würde, und schwelgte in Glückseligkeit. »Alle Mädchen sind im Frauenzimmer «, dachte er, »vor allem am ersten Tag des Fests Vgl. die Fußnoten 113 und 114. . Also ist Susel auch da.« Dieser Gedanke entrückte ihn in den siebten Himmel. Er war voller Erwartung und begrüßte beschwingt die Leute. Dann stand er auf dem Zweibockplatz, sah die Fahne über der Holzbaracke wehen – und erkannte an den letzten Tönen eines Hopsers den Bogenstrich seines Freundes Josef. Da geriet er in einen regelrechten Glückstaumel, zog seine Kumpane vorwärts und rief: »Das ist Josefs Kapelle!... Das ist Josef mit seinen Musikanten!... Jetzt gibt's keinen Zweifel mehr – wir stehen in der Gunst des Herrn!« Als sie am Eingang des Frauenzimmers ankamen, ging der Hopser gerade zu Ende, und Leute kamen heraus. Die Posaune, die Klarinette und die Querpfeife wurden für den nächsten Tanz gestimmt, und die dicke Pauke schickte einen letzten dröhnenden Rumser durch die widerhallende Baracke. Sie gingen hinein und ließen die Blicke über die erhöhten Balustraden gehen, die dicht mit Mädchen, Papas und Großmüttern besetzt waren, und über die Girlanden aus Eichen- und Buchenlaub und Moos, die ringsherum von den Pfeilern hingen. Alles war in Bewegung, denn die Tänzer führten eben ihre Tänzerinnen zurück. Fritz erkannte von fern das dicke Haarfell seines Freundes Josef inmitten der schmutziggrünen Musikkapelle und geriet außer sich vor Aufregung. Er warf beide Arme in die Luft, schwenkte seinen Filzhut und rief laut: »Josef! Josef!« Links und rechts richteten sich die Leute auf und beugten sich vor, um zu sehen, welcher Übermütige da schrie. Als sie Hahn, Schulz und Kobus vortreten sahen – lachend, jubelnd, rotgesichtig und jeder am Arm des anderen schwankend, wie's so kommt, wenn man getrunken hat –, wogte ein gewaltiges Gelächter durch die Baracke, denn jeder dachte: »Da kommen ein paar rechte Kerle, die bestens getafelt haben.« Josef hatte sich indessen umgedreht und Kobus von fern erkannt. Mit weit ausgebreiteten Armen, die Fiedel in der einen und den Bogen in der anderen Hand, stieg er vom Podium herab, und Fritz kam ihm entgegen. Sie fielen sich auf halbem Weg in die Arme, und alles war verblüfft. »Wer zum Teufel kann das sein?« hieß es. »Da lässt sich ein feiner Herr von einem Zigeuner umarmen...« Bockel, Andres und die gesamte Kapelle beugte sich auf dem Podium vor und applaudierte diesem Schauspiel. Schließlich richtete Josef sich wieder auf, hob den Bogen und rief: »Herhören! Hier ist mein Freund Herr Kobus aus Hüneburg, der mit seinen Freunden den Dreierleins Im Originaltext treieleins genannt. Gemeint ist offenbar ein Tanz, an dem drei Paare teilnehmen. tanzen möchte. Ist jemand dagegen?« »Nein, nein, er soll tanzen«, rief's aus allen Ecken. »Also«, sagte Josef, »dann werde ich einen Walzer spielen, den Josef Almani-Walzer, den ich komponiert habe, während ich an jemanden dachte, der mich einmal aus großer Not gerettet hat. Kobus, außer Bockel, Andres und den Bäumen im Tannewald hat bisher niemand diesen Walzer gehört. Such dir also eine hübsche Tänzerin nach deinem Geschmack aus, und ihr, Hahn und Schulz, wählt auch. Außer euch soll niemand den Almani-Walzer tanzen.« Fritz hatte sich auf der Treppe zum Podium umgedreht, ließ den Blick durch den Saal gehen und befürchtete einen Augenblick lang, dass er Susel nicht finden könnte. An schönen Mädchen fehlte es nicht. Schwarzhaarige und Brünette, Rothaarige und Blonde richteten sich auf, schauten Kobus an und erröteten, wenn sein Blick bei ihnen stehenblieb, denn es ist eine große Ehre, von einem gutaussehenden Mann ausgewählt zu werden, vor allem wenn ein Dreierleins getanzt werden soll. Doch Fritz sah weder, dass sie erröteten und sich aufrichteten wie Friedrich Wilhelms Husaren bei der Parade, noch dass sie die Schultern einzogen und die Lippen spitzten. Er übersah diese strahlende Blüte der Jugend, die sich unter seinen Blicken entfaltete, denn er suchte nur ein kleines Vergissmeinnicht, das blaue Blümchen, das als Liebesandenken gilt. Lange musste er nach ihr suchen und wurde dabei allmählich unruhig. Endlich entdeckte er sie ganz hinten, hinter einer Girlande aus Eichenlaub, die vom Pfeiler rechts neben der Tür herabhing. Zugleich furchtsam und begierig, gesehen zu werden, streckte Susel ihren Kopf unter den dicken grünen Blättern hervor, die sie halb verdeckten. Ihr einziger Schmuck war ihr schönes blondes Haar, das in langen Zöpfen über ihre Schultern fiel. Ein blaues Seidentüchlein verhüllte ihre entstehende Brust, und ein Samtkorsettchen mit weißen Trägern hob ihre Taille hervor. Neben ihr stand gerade wie ein I die Großmutter Anna, die ihre grauen Haare unter eine Nonnenhaube gesteckt hatte und die Arme schlicht herabhängen ließ. Diese Leute waren nicht zum Tanzen, sondern zum Zuschauen hergekommen und hielten sich daher in der hintersten Ecke. Fritz' Wangen wurden warm. Er ging die Treppe hinunter und durchschritt die Baracke inmitten der allgemeinen Aufmerksamkeit. Susel sah ihn kommen, erblasste und drückte sich an den Pfeiler. Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Fritz stieg vier Stufen hinauf, schob die Girlande beiseite, nahm Susel bei der Hand und sagte leise: »Susel, möchtest du beim Dreierleins mit mir tanzen?« Da hob sie ihre großen blauen Augen wie im Traum, und ihre Blässe ging in Röte über. »Oh ja, Herr Kobus«, sagte sie und sah zu ihrer Großmutter hinüber. Nach einem Augenblick neigte die Alte den Kopf und sprach: »Es ist gut... du darfst tanzen.« Sie kannte Fritz von früher, als er mit seinem Vater in Bischheim gewesen war. Sie stiegen in den Saal hinab. Die Tanzordner mit ihren Strohhüten voller bunter Bänder umkreisten die Tanzfläche außen und schwenkten frohgestimmt ihre Peitschen mit den bunten Bändern, um die Menge zurückzudrängen. Hahn und Schulz waren noch unterwegs auf der Suche nach ihren Tänzerinnen. Josef wartete vor seinem Stehpult; Bockel mit dem Kontrabass vor dem gestreckten Bein und Andres mit der Fiedel unter dem Arm hielten sich neben ihm. Nur sie sollten ihn begleiten. Susel stand an Fritz' Arm inmitten dieser Menge und warf heimliche Blicke ringsum, in denen Entzücken und Verwirrung lagen. Alle bewunderten die langen Zöpfe, die ihren Rücken hinab bis zum unteren Saum des hellblauen, in Samt gefassten Röckchens fielen, ihre runden Schuhchen, deren schwarze Seidenbänder kreuzweise geflochten die erstaunlich weißen Strümpfe empor liefen, ihre rosa Lippen, das runde Kinn und den weichen, anmutigen Hals. Einige Mädchen schauten streng drein und suchten etwas auszusetzen, während ihr hübscher Arm, der nach der örtlichen Mode bis zum Ellenbogen hinauf bloß war, mit naiver Anmut auf Fritz' Arm lag. Nur zwei oder drei Alte kniffen die Augen zusammen, lachten in ihre Runzeln hinein und sagten ohne Scheu: »Er hat gut gewählt.« Kobus hörte dies und drehte sich zufrieden zu ihnen um. Gern hätte er Susel ein Kompliment gemacht, aber ihm fiel nichts ein. Er war zu glücklich. Schließlich zog Hahn aus der dritten Bank links eine sechs Fuß große, schwarzhaarige Frau mit einer Adlernase und durchdringenden Augen. Sie erhob sich kerzengerade und trat in majestätischer Haltung vor, denn sie war die Tochter des Bürgermeisters. Hahn sah glücklich über seine Wahl aus, denn er mochte solche Frauen. Er stand stramm, rückte seine Hemdkrause zurecht, und man hatte den Eindruck, als ob das große Mädchen, das ihn um einen halben Kopf überragte, ihn führte. Zugleich brachte Schulz ein rundliches Frauchen mit wunderschönem rotem Haar herbei. Sie lächelte froh und sprang mit einem Ruck zu Schulz, als ob sie ihn an der Flucht hindern wollte. Sie nahmen Aufstellung für einen Rundgang durch den Saal, wie der Brauch es wollte. Kaum hatten sie die erste Runde vollendet, da rief Josef: »Bist du soweit, Kobus?« Als Antwort umfasste Fritz mit dem linken Arm Susels Taille, hielt ihre Hand nach der feinen Mode des achtzehnten Jahrhunderts hoch und führte sie wie eine Feder. Als Josef seinen Walzer, den Walzer der Luftgeister, mit drei Bogenstrichen anstimmte, merkte man sofort, dass nun etwas Besonderes kam. Denn abends, wenn der Horizont in der Ebene als goldene Linie zu sehen ist, wenn die Blätter schweigen und die Insekten sich niederlassen, schlägt die Nachtigall ihr Lied mit drei Tönen an. Der erste ist ernst, der zweite sanft und der dritte so voll Drang, dass die Stille sich überall ausbreitet, um zuzuhören. So begann auch Josef, der in seinem unsteten Leben oft den Ellenbogen ins Moos und das Ohr auf die Hand gestützt hatte, um der Nachtigall eine Lektion abzulauschen, bei der er die Augen geschlossen hatte und in himmlischer Seligkeit versunken war. Dann lebte der Walzer auf, empor getragen von den Flügeln des nächtlichen Meistersingers, der jeden Abend am Nest seiner Geliebten mehr Wohlklänge verbreitet als der Tau Perlen auf dem Gras im Tal. Schnell, verrückt und funkelnd schwirrten die Luftgeister umher und versetzten Fritz und Susel, Hahn und die Tochter des Bürgermeisters, Schulz und seine Tänzerin in endlose, wirbelnde Drehungen. Bockel ließ den fernen Bass der Wildbäche ertönen, und der große Andres schlug den Takt der schnellen und heiteren Läufe, die wie Schwalbenrufe die Luft spalten. Denn wenn die Eingebung vom Himmel kommt und sich mit Phantasie vereinigt, herrschen Ordnung und Maß auf Erden! Stellt Euch vor, dass sich jetzt die Liebeskreise des Walzers verflechten, die Füße sich drehen, Kleider wehen und sich zu Fächern ausbreiten. Stellt Euch Fritz vor mit Susel im Arm, der ihre Hand anmutig hochhält, sie wie berauscht ansieht, sich erst wie der Wirbelwind dreht und dann wieder im Takt wiegt, lacht, sie immer noch schwärmerisch ansieht und dann mit neuem Eifer Schwung holt, während sie ihre runden Hüften wiegt, ihre zwei langen Zöpfe wie Flügel schwingen, ihr zauberhaftes Köpfchen, das sie in den Nacken geworfen hat, ihn hingerissen anschaut, und ihre Füße den Boden kaum streifen. Der dicke Hahn hatte in vollem Galopp seiner Tänzerin beide Hände auf die Schultern gelegt, wiegte sich hin und her, klappte mit den Hacken und betrachtete die Frau mit der großen Nase bewundernd von oben bis unten, während sie sich wie eine Wetterfahne drehte. Schulz hatte sich halb gebückt und war mit seinen langen Beinen etwas in die Knie gegangen. Er hielt seine kleine Rothaarige unter dem Arm und drehte, drehte, drehte sich unaufhörlich mit erstaunlichem Gleichmaß wie eine Spule um die Haspel. So genau hielt er den Takt, dass es alle hinriss. Die allgemeine Bewunderung galt jedoch Fritz und Susel, weil sie so anmutig und glücklich aussahen. Sie waren nicht mehr auf der Erde, sondern wiegten sich im Himmel. Diese singende und lachende Musik, die das Glück, die Freude und die Liebe hochleben ließ, war für sie geschaffen. Der ganze Saal sah ihnen zu, und sie sahen nur noch einander. Alle fanden sie so schön, dass gelegentlich ein bewunderndes Raunen durch das Frauenzimmer lief. Man hätte jeden Augenblick einen Ausbruch von Applaus erwartet, aber der Bann des Walzers hielt die Leute ruhig. Erst als Hahn, den der Schwung und der Anblick der großen Tochter des Bürgermeisters toll gemacht hatten, sich auf die Zehenspitzen stellte, die Frau zwei Pirouetten drehen ließ, dabei dröhnend »Juh!« brüllte und vor Anstrengung aus dem Gleichgewicht geriet; als Schulz daraufhin das rechte Bein hob und es über den Kopf seiner Rothaarigen hinwegschwang, ohne dabei aus dem Takt zu geraten, dazu ein heiseres »Juh! Juh! Juh! Juh! Juh! Juh!« schrie und besessen weiterwalzte, erst da brach die Begeisterung der Zuschauer in ein Stampfen und Rufen aus, dass die Baracke zitterte. Niemals, niemals hatte es einen so schönen Tanz gegeben. Der Beifall dauerte länger als fünf Minuten, und als es schließlich ruhiger wurde, hörte man gern, dass der Luftgeistwalzer von vorn einsetzte wie das Lied der Nachtigall, nachdem ein Windstoß durch den Wald gegangen ist. Schulz und Hahn konnten nicht mehr. Schweiß lief ihnen über die Wangen, und sie legten eine Polonaise ein. Der eine hatte die Hand auf der Schulter seiner Tänzerin, während dem anderen die Dame irgendwie am Arm hing. Susel und Fritz drehten sich weiter, unbeeindruckt vom Schreien und Stampfen der Menge. Erst als Josef erschöpft den letzten Liebesseufzer auf der Fiedel erklingen ließ, blieben sie stehen – gerade vor Vater Christel und einem anderen alten Mennoniten, die eben in den Saal gekommen waren und sie verwundert anstarrten. »Hallo, Sie sind's, Vater Christel«, rief Fritz beschwingt, »wie Sie sehen, tanzen Susel und ich gerade.« »Das ist eine sehr große Ehre für uns, Herr Kobus«, antwortete der Bauer lächelnd, »aber kann Susel das denn? Ich habe gedacht, sie hätte niemals auch nur eine Walzerdrehung gemacht.« »Vater Christel, Susel ist ein Schmetterling, eine wahre kleine Fee. Sie hat Flügel!« Gutgelaunt sah Christel seine Susel an, die sich mit niedergeschlagenen Augen und roten Wangen an Fritz' Arm festhielt, und fragte: »Ja Susel, wer hat dir denn das Tanzen beigebracht? Du erstaunst mich!« »Ich habe hin und wieder mit Majel in der Küche zum Spaß zwei oder drei Drehungen gemacht.« Die Leute, die sich um sie drängten, lachten, und der andere Mennonit rief: »Ja, Christel, was glaubst du denn?... Mädchen müssen doch gar nicht erst tanzen lernen... es kommt von allein! Hahaha!« Fritz wusste nun, dass Susel nie mit jemand außer ihm getanzt hatte, und ihm war, als ob ihm betörende Düfte in die Nase stiegen. Er hätte singen mögen, hielt sich aber zurück. »Jetzt geht das Fest erst richtig los«, sagte er, »wir kommen gerade in Schwung! Bleiben Sie bitte bei uns, Vater Christel. Hahn und Schulz sind auch hier. Wir tanzen bis zum Abend und essen dann gemeinsam im Goldenen Schaf .« »Herr Kobus«, sagte Christel, »bei allem Respekt vor Ihnen, und obwohl ich mich gewiss gut amüsieren würde, wenn ich bliebe – ich kann's nicht annehmen. Ich muss fort... und wollte eben Susel abholen.« »Susel abholen?« »Ja, Herr Kobus.« »Warum denn?« »Weil zu Hause dringende Arbeit wartet. Die Erntezeit hat begonnen... der Wind kann von einem Tag auf den anderen drehen. Wir haben bereits zwei Erntetage verloren, und das ist viel, obwohl ich mir deswegen keinen Vorwurf mache, denn es steht geschrieben: ›Ehre Vater und Mutter!‹, und es ist nicht übertrieben, wenn man seine Mutter zwei- oder dreimal im Jahr besucht. Doch jetzt müssen wir fort. Übrigens haben Sie mich letzte Woche in Hüneburg derart ausgehalten, dass ich erst gegen zehn Uhr heimgekommen bin. Wenn ich wieder länger ausbleibe, wird meine Frau glauben, dass ich Unsitten annehme, und das würde sie beunruhigen.« Fritz war fassungslos. Da ihm keine Antwort einfiel, nahm er Christel beim Arm und führte ihn und Susel hinaus. Der andere Mennonit folgte ihnen. »Vater Christel«, sagte er und hielt ihn an einer Spange seines Kittels, »Sie haben sicher nicht völlig unrecht, soweit es Sie selbst betrifft, aber wozu wollen Sie Susel mitnehmen? Sie können sie doch mir anvertrauen, schließlich hat sie nicht oft Gelegenheit, sich zu amüsieren, zum Teufel!« »Ach mein Gott, mit Freuden würde ich sie Ihnen anvertrauen!« rief der Bauer und hob die Hände. »Bei Ihnen wäre sie so gut aufgehoben wie bei ihrem eigenen Vater, Herr Kobus. Fehlen würde sie uns aber doch, denn man kann die Arbeiter nicht allein lassen... meine Frau bekocht uns, ich fahre den Wagen... wenn das Wetter umschlägt, wie sollen wir dann die Ernte einbringen? Schließlich ist da noch eine wichtige Familienangelegenheit zu regeln.« Während er sprach, sah er den anderen Mennoniten an, der ernst mit dem Kopf nickte. »Herr Kobus, ich bitte Sie, halten Sie uns nicht fest, es wäre wirklich nicht recht, nicht wahr, Susel?« Susel antwortete nicht, sondern schaute zu Boden, und man sah ihr an, dass sie lieber bleiben wollte. Fritz sah ein, dass er sich verdächtig machen würde, wenn er weiter insistierte. Daher gab er sich einen Ruck und rief plötzlich heiter: »Also gut, wenn's nicht geht, dann sprechen wir nicht mehr davon. Sie trinken doch bestimmt noch ein Glas Wein im Goldenen Schaf mit uns?« »Oh, das kann ich nicht ablehnen, Herr Kobus. Susel und ich werden uns sofort von der Großmutter verabschieden, und in einer Viertelstunde steht mein Wagen vor dem Gasthof.« »Na, dann los.« Fritz drückte Susel, die etwas traurig dreinschaute, sanft die Hand, sah ihnen nach, während sie den Platz überquerten, und ging dann ins Frauenzimmer zurück. Hahn und Schulz hatten ihre Tänzerinnen zu ihren Plätzen geführt und waren wieder auf das Podium gestiegen. Fritz kam dazu. »Sag Andres, dass er deine Kapelle leiten soll«, sprach er zu Josef, »und komm mit uns auf ein gutes Glas Wein.« Mehr konnte der Zigeuner nicht verlangen. Andres übernahm das Stehpult, und die vier gingen untergehakt hinaus. Im Gasthaus zum Goldenen Schaf ließ Kobus in der großen, menschenleeren Gaststube Süßigkeiten auftragen, und Vater Lörich stieg in den Keller hinab, um drei Flaschen Champagner zu holen, die man zum Kühlen in einen Bottich mit Quellwasser legte. Dann gingen alle zu den Fenstern, und alsbald erschien der Wagen des Mennoniten am Ende der Straße. Christel saß vorn und Susel dahinter auf einem Strohbündel, inmitten der Gugelhupfe und Torten aller Art, wie man sie von einem Fest heimbringt. Als Fritz Susel sah, beeilte er sich, den Draht einer Flasche zu brechen, und während der Wagen eben anhielt, baute er sich vor dem Fenster auf, ließ den Korken wie einen Knallfrosch abgehen und rief dazu: »Auf die schönste Tänzerin beim Dreierleins !« Man kann sich denken, dass Susel glücklich war. Es kam ihr vor, als ob jemand zur Feier ihrer Hochzeit einen Pistolenschuss abgefeuert hätte. Christel lachte aus vollem Herzen dazu und dachte: »Der gute Herr Kobus! Er ist ein wenig angeheitert, aber auf einem Fest ist das wohl nichts Besonderes.« Als er in die Stube trat, hob er seinen Filzhut und sagte: »Das muss Champagner sein, von dem ich oft gehört habe, der Wein aus Frankreich, der diesem kämpferischen Volk zu Kopf steigt und es zum Krieg gegen alle Welt treibt. Oder irre ich mich?« »Nein, Vater Christel, nein, bitte nehmen Sie Platz«, antwortete Fritz. »Susel, dein Stuhl ist hier, neben mir. Nimm dir ein Glas. – Auf das Wohl meiner Tänzerin!« Alle klopften auf den Tisch und riefen: »Das soll gelten! Dieser Satz ist im Originaltext – wohl zur Hervorhebung – auf deutsch wiedergegeben: Das soll gülden! « Sie hoben die Ellenbogen und schnalzten mit den Zungen wie ein Schwarm Drosseln beim Blaubeerenpicken. Susel tauchte ihre rosa Lippen in den Schaum, hob ihre großen Augen zu Kobus und sagte leise: »Ach, ist das gut! Das ist kein Wein, es ist viel besser!« Sie wurde rot wie eine Himbeere, und Fritz freute sich wie ein Schneekönig. Er rückte seinen Stuhl zurecht. »Hm, hm«, sagte er wichtigtuerisch, »ja, ja, schlecht ist er nicht.« Alle Weine von Frankreich und Deutschland hätte er hergegeben, um noch einmal Dreierleins tanzen zu dürfen. Wie sich ein Mensch doch in drei Monaten ändern kann! Christel saß vor dem Fenster und hatte den großen Hut in den Nacken geschoben. Sein Gesicht strahlte, er hatte den Ellenbogen auf den Tisch und die Peitsche zwischen die Beine gestellt, schaute dem herrlichen Sonnenschein zu, dachte an seine Ernte und sagte: »Ja... ja... das ist ein guter Wein!« Er achtete nicht auf Kobus und Susel, die sich wortlos und glücklich wie zwei Kinder anlächelten. Nur Josef betrachtete sie nachdenklich. Schulz füllte die Gläser auf und rief: »Man kann wohl sagen, dass die Franzosen's gut haben! Schade, dass ihre Champagne, ihr Burgund und das Bordeaux nicht auf dem rechten Rheinufer liegen!« »Schulz«, sagte Hahn ernst, »du weißt nicht, was du da verlangst. Bedenke bitte, dass die Franzosen kommen und diese Länder nehmen würden, wenn wir sie hätten. Das gäbe aber ein ganz anderes Massaker als wegen der Freiheit und der Gleichheit, es wäre das Ende der Welt! Denn der Wein ist etwas Anständiges, und die Franzosen, die andauernd von großen Prinzipien, erhabenen Gedanken und edlen Gefühlen sprechen, neigen sehr zum Anstand. Die Engländer mögen stets darauf aus sein, die Menschheit zu beschützen, und scheinen sich über ihren Zucker, ihren Pfeffer oder ihre Baumwolle nicht zu ängstigen, die Franzosen aber haben immer eine bestimmte Linie gezogen. Manchmal geht sie zu weit nach rechts, dann wieder zu sehr nach links. Sie nennen das ihre natürlichen Grenzen. Um die fetten Weiden, Weinberge, Felder und Wälder, die innerhalb dieser Linie liegen, machen sie sich die geringsten Sorgen und wenden nur ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit und Geometrie darauf an. Doch Gott bewahre, dass wir ein Stück Champagne in Sachsen oder Mecklenburg hätten, denn dann würden ihre natürlichen Grenzen dort hindurchgehen! Lasst uns ihnen lieber ein paar Flaschen Wein abkaufen und unser Gleichgewicht hüten. Das alte Deutschland liebt seine Ruhe und hat daher den Ausgleich erfunden. Im Namen des Himmels, Schulz, bitte keine kühnen Wünsche!« So sprach Hahn mit Ernst, aber Schulz trank sein Glas ruckartig aus und antwortete: »Du redest wie ein Pazifist und ich wie ein Krieger. Jeder nach seinem Geschmack und seiner Berufung.« Er zog die Augenbrauen zusammen, während er eine zweite Flasche öffnete. Christel, Josef, Fritz und Susel hatten nicht zugehört. »Ein herrliches Wetter!« rief Christel aus, als ob er zu sich selbst spräche. »Seit einem Monat hat's nicht geregnet, aber jeden Abend gibt's Tau in Fülle. Das ist ein wahrer Segen des Himmels.« Josef schenkte nach. »Seit dem Jahr 22«, sagte der alte Bauer weiter, »erinnere ich mich an kein so gutes Erntewetter. Damals war der Wein auch gut, ein milder Wein. Es gab eine volle Ernte und eine gute Weinlese Nach einer Tabelle von Bernadette Burn und Gilles Schmidt : Alsace / clos et grands crus (Paris 1989: Jacques Legrand), S. 174 ff, fiel im Elsass die Weinlese in den Jahren 1822 und 1847 tatsächlich nach Menge und Qualität ausgezeichnet aus. Mindestens ebenso gut und reichlich waren dazwischen allerdings der 1834er und der 1846er. .« »Hat's dir gefallen, Susel?« fragte Fritz. »Oh ja, Herr Kobus«, sagte sie, »ich habe mich nie so amüsiert... ich werde lange an heute denken!« Sie schaute Fritz in die verwirrten Augen. »Noch einen Schluck«, sagte er. Beim Einschenken berührte er ihre Hand, und das ließ sie von Kopf bis Fuß erbeben. »Magst du den Dreierleins , Susel?« »Das ist der allerschönste Tanz, Herr Kobus, wie sollte ich ihn nicht mögen! Wenn die Musik so schön ist... ach, was war die Musik schön!« »Hörst du das, Josef?« flüsterte Fritz. »Ja, ja, Kobus«, antwortete der Zigeuner leise, »ich hör's und freue mich darüber.« Er schaute Kobus bis auf den Grund der Seele, und Kobus war sprachlos vor Glück. Die drei Flaschen waren nun allerdings leer. Fritz drehte sich zum Wirt herum und sagte: »Vater Lörich, bitte noch zwei!« Da fuhr Christel hoch und rief: »Herr Kobus, Herr Kobus, wo denken Sie hin? Ich werde noch den Wagen umwerfen! Nein... nein... es ist schon halb sechs und höchste Zeit für die Heimfahrt.« »Wie Sie wollen, Vater Christel, dann eben ein andermal. Schmeckt Ihnen der Wein nicht?« »Im Gegenteil, Herr Kobus, er schmeckt mir ausgezeichnet, aber seine Süße hat's in sich. Ich werde noch den Weg verfehlen, hähähä! – Susel, lass uns gehen!« Susel stand traurig auf, aber Fritz hielt sie am Arm fest und steckte ihr die Makronen, die Mandeln, einfach alles in die Schürzentasche. »Oh, Herr Kobus«, sagte sie mit ihrem feinen Stimmchen, »nicht so viel!« »Beiß nur hinein«, sagte er zu ihr, »du hast schöne Zähne, Susel, die sind für alle die guten Sachen, die der Herr geschaffen hat. Und da dir dieses weiße Weinchen schmeckt, werden wir's später wieder trinken.« »Oh mein Gott! Woher soll ich's denn nehmen, es ist doch so teuer!« sprach sie. »Schon gut... schon gut... ich weiß, was ich sage«, flüsterte er, »du wirst sehen, wir trinken's wieder.« Vater Christel, der etwas besäuselt war, sah ihnen zu und sagte zu sich: »Was für ein braver Mann, der gute Herr Kobus! Ach, der Herr hat recht, über solchen Leuten seinen Segen zu verbreiten! Er ist wie der Tau vom Himmel, jeder erhält seinen Teil davon.« Schließlich gingen alle hinaus, voran Fritz mit Susel am Arm. Er sagte: »Ich muss doch meine Tänzerin heimbringen.« Beim Wagen fasste er Susel unter die Arme und setzte sie mit dem Ruf »hopp, Susel!« wie eine Feder aufs Stroh, das er um sie herum anhäufte. »Steck deine Füßchen tief hinein«, sagte er, »abends wird's kühl.« Er wartete die Antwort nicht ab, sondern ging zu Christel und schüttelte ihm heftig die Hand. »Gute Reise, Vater Christel«, sagte er, »gute Fahrt!« »Viel Vergnügen noch für Sie, meine Herren«, antwortete der alte Bauer und setzte sich auf den Bock. Susel war blass geworden. Fritz nahm ihre Hand und hob den Finger. »Wir werden wieder das Weißweinchen trinken!« sagte er. Da lächelte sie. Christel knallte laut mit der Peitsche, und die Pferde sprangen im Galopp los. Hahn und Schulz waren ins Gasthaus zurückgegangen. Fritz und Josef sahen von der Türschwelle her dem Wagen nach; vor allem Fritz ließ ihn nicht aus den Augen. Kurz bevor der Wagen um die Ecke der Hauptstraße verschwand, drehte Susel heftig den Kopf zurück. Da fiel Fritz mit beiden Armen Josef um den Hals, und die Tränen liefen ihm über das Gesicht. »Ja... ja...« sagte der Zigeuner sanft und tief, »es ist schön, einen alten Freund zu umarmen! Doch diejenige, die man liebt und die einen liebt... ja, Fritz, das ist schon etwas anderes!« Josef hatte alles erraten! Gern hätte Kobus noch mehr geweint, aber plötzlich hüpfte er auf und nieder und rief: »Na los, Alter, los, lass uns munter sein... uns amüsieren... Hinein ins Frauenzimmer ! Ach, ist die Sonne schön!« Dem Postillion Zimmer, der mit hochrotem Gesicht im Hoftor stand, gab Kobus zwei Taler und sagte: »Trinken Sie einen kräftigen Schluck, Zimmer, und feiern Sie anständig mit! Wir fahren nach dem Abendessen heim, gegen neun Uhr.« »Ist recht, Herr Kobus, der Wagen wird bereitstehen, und dann sausen wir wie der Blitz nach Hause.« Der alte Postillion sah ihnen nach, wie sie untergehakt davongingen, lächelte gutmütig und ging über die Straße ins Wirtshaus zum Schwarzen Bären . XVII Am nächsten Morgen stand Fritz in seliger Gemütsverfassung auf. Er hatte die Nacht hindurch von Susel geträumt und beschlossen, auf sechs Wochen ins Meisental zu gehen, um soviel wie möglich bei ihr sein zu können. »Hahn, Schulz und der alte David sollen lachen, soviel sie wollen,« dachte er, »ich gehe dennoch hin, denn ich muss dieses Mädchen einfach sehen, und wenn sich die Dinge weiterentwickeln, nun, in Gottes Namen – was geschehen soll, soll geschehen!« Beim Frühstück stellte er sich im vorhinein den Pfad durchs Posttal vor, den Turteltaubenfelsen, den Ginsterhang und das Landgut, dann Christels Erstaunen und Susels Jubel, und das alles stimmte ihn sehr froh. Er hätte mit Salomo singen mögen: »Da bist du, meine Geliebte, meine Vollkommene. Deine Augen sind wie die der Täubchen! Altes Testament, Hld 1, 15 und 4, 1. « Schließlich setzte er seinen Filzhut auf und nahm voll Eifer seinen Gehstock. Doch was sah er, als er hinunterging, um Katel zu sagen, dass sie weder abends noch am nächsten Tag auf ihn warten solle? Mutter Orschel stieg langsam mit gebeugtem Rücken die Treppe herauf. Sie trug ihren kurzen blauen Leinenüberrock auf dem Arm, und man sah ihr an, dass sie in der Hitze schnell gegangen war. Wenn man bedenkt, dass Fritz gerade auf dem Abmarsch zum Landgut war, kann man sich seine Überraschung vorstellen. »Ja, Sie sind's, Mutter Orschel?« rief er, »was führt Sie früh am Morgen zu mir?« Im selben Augenblick kam Katel durch die Küchentür und sagte: »Ach, guten Morgen, Orschel, Herrgott, müssen Sie gelaufen sein. Sie sind ja völlig verschwitzt.« »Das ist wahr, Katel«, antwortete die Gute, während sie Atem holte, »ich habe mich beeilt.« Sie wandte sich Fritz zu. »Herr Kobus, ich bin schon früh losgegangen. Ich komme wegen der Sache, von der Ihnen Christel gestern auf dem Bischheimer Fest erzählt hat. Es ist wichtig, und Christel möchte ohne Sie nichts entscheiden.« »Ich habe keine Ahnung, worum es sich handelt«, sagte Fritz. »Christel hat mir nur gesagt, dass es da eine Familienangelegenheit gebe, die ihn zur Rückkehr ins Meisental zwinge, und ich habe selbstverständlich nicht weiter gefragt.« »Deshalb bin ich hier, Herr Kobus.« »Gut, kommen Sie herein und setzen Sie sich, Mutter Orschel, » sagte er und öffnete die Tür, »Sie können gleich frühstücken.« »Oh, vielen Dank, Herr Kobus, aber ich habe noch daheim gefrühstückt.« Orschel kam also in die Stube und nahm an der Tischecke Platz. Sie setzte ihre dicke runde Haube auf, die ihr am Arm hing, raffte sorgfältig ihr Haar darunter und breitete dann ihren Überrock auf den Knien aus. Fritz sah ihr verlegen zu, setzte sich schließlich vor sie hin und sagte: »Sind Christel und Susel gestern Abend gut heimgekommen?« »Sehr gut, Herr Kobus, um acht Uhr waren sie zu Hause.« Als sie endlich alles geordnet hatte, begann sie zu erzählen. Sie hatte ihre Hände zusammengelegt und neigte den Kopf vornüber wie eine Hausmutter, die mit ihrer Nachbarin spricht. »Zunächst müssen Sie wissen, dass wir einen Vetter in Bischheim haben, Herr Kobus. Er ist Mennonit wie wir, heißt Hans-Christian Pelsly und ist der Enkel der Fränzel-Debora Rupert, die eine leibliche Schwester der Anna-Christina-Carolina Rupert ist, also Christels Großmutter mütterlicherseits. Von daher sind wir verwandt.« »Sehr schön«, sagte Kobus, der sich fragte, worauf das alles hinauslaufen sollte. »Ja«, sagte sie, »Hans-Christian ist unser Vetter. Christel hat mir erzählt, dass Sie ihn gestern in Bischheim gesehen haben. Er ist ein wohlhabender Mann mit guten Äckern bei Bieverkirch und hat einen Sohn namens Jacob. Ein braver Junge, Herr Kobus, ordentlich und tüchtig, und er wird bald sechsundzwanzig. Niemand hat je etwas Nachteiliges über ihn gehört.« Fritz war ernst geworden. »Wohin zum Teufel will sie denn mit ihrem Jacob?« fragte er sich ungeduldig. »Susel steht kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag, denn sie ist im Oktober zur Welt gekommen, nach der Weinlese«, sprach die Bäuerin weiter. In fünf Monaten wird sie achtzehn sein, und das ist ein gutes Alter zum Heiraten.« Auf Fritz' Wangen entstand eine Gänsehaut. Ein Schauder fuhr ihm durchs Haar, und Gott weiß, welcher Schreck ihm ans Herz griff. Die dicke Bäuerin in ihrer stillen und friedlichen Art merkte nichts und fuhr ruhig fort: »Ich habe auch mit achtzehn geheiratet, Herr Kobus, und es ist mir gut bekommen, Gott sei Dank! Pelsly weiß, dass wir wohlhabend sind und hat schon seit Micheli Der 29. September. daran gedacht, Susel mit seinem Jungen zu verbinden. Doch bevor er irgendetwas sagen oder unternehmen wollte, ist er selbst gekommen, als ob er unser Öchslein kaufen wollte. Er hat den Johannistag Der 24. Juni. bei uns verbracht und sich Susel gut angeschaut. Er hat gesehen, dass sie keinen Fehler hat, weder bucklig ist noch hinkt noch sonstwie verwachsen ist, dass sie sich auf alle Arbeit versteht und tüchtig ist. Da hat er Christel gebeten, zum Bischheimer Fest zu kommen, und Christel hat sich den Jungen gestern angesehen. Er heißt Jacob, ist groß, gut gebaut, fleißig und hat alles, was wir uns für Susel nur wünschen können. Also hat Pelsly gestern für seinen Sohn um Susels Hand angehalten.« Fritz hörte bereits eine Zeitlang nichts mehr. Seine Hochstimmung, seine Hoffnung, seine Liebesträume, alles flog davon. Schwindelig wurde ihm, und er kam sich vor wie eine Pusteblume, deren Same von einem Windstoß in der Luft verstreut wird, so dass nur ein kahler, trostloser, armseliger Stumpf zurückbleibt. Mutter Orschel, die nichts ahnte, zog den Zipfel ihres Taschentuchs hervor, senkte den Kopf und schnäuzte sich. Dann fuhr sie fort. »Christel und ich haben die ganze Nacht davon gesprochen. Das ist eine schöne Partie für Susel, und Christel hat gesagt: ›Alles in Ordnung, aber Herr Kobus ist so gütig, mag uns so sehr und hat uns auch so große Gefälligkeiten erwiesen, dass wir wahrhaft undankbar wären, wenn wir solch eine Angelegenheit entscheiden würden, ohne ihn dazu zu befragen. Ich selbst kann heute nicht nach Hüneburg gehen, denn wir müssen fünf Erntewagen einfahren, aber du geh bitte gleich nach dem Frühstück los, dann kannst du vor elf Uhr zurück sein und unseren Leuten das Mittagessen kochen.‹ Das hat Christel zu mir gesagt. Wir beide hoffen, dass Sie einverstanden sind, vor allem wenn Sie erst den Jungen gesehen haben. Christel hat ihn extra eingeladen, um ihn Ihnen vorzustellen. Wenn er Ihnen auch gefällt, ja gut, dann richten wir die Hochzeit aus. Ich hoffe, dass Sie auch zur Hochzeit kommen werden, denn diese Ehre können Sie uns doch nicht versagen.« Die Wörter »Hochzeit«, »Partie« und »Junge« dröhnten in Fritz' Ohren. Orschel war mit ihrer Geschichte fertig und wunderte sich nun, dass sie keine Antwort bekam. Sie fragte: »Was halten Sie davon, Herr Kobus?« »Wovon?« sagte er. »Von dieser Heirat.« Da fuhr er sich langsam mit der Hand über die Stirn, auf der Schweißtropfen glänzten. Mutter Orschel erschrak, als sie ihn blass werden sah, und fragte: »Fehlt Ihnen etwas, Herr Kobus?« »Nein, es ist nichts«, sagte er und stand auf. Der Gedanke, dass ein anderer Susel heiraten sollte, zerriss ihm das Herz. Er wollte ein Glas Wasser trinken, um sich zu erfrischen, aber der Schock war zu stark. Seine Knie zitterten, und als er die Hand ausstreckte, um nach der Karaffe zu greifen, brach er zusammen und fiel lang auf die Dielenbretter. Da fing Mutter Orschel an zu schreien: »Katel! Katel! Herr Kobus ist krank! Oh Herr, hab Erbarmen mit uns!« Katel trat zu Tode erschrocken ein, sah den armen Fritz ausgestreckt und totenbleich daliegen, hob die Hände zum Himmel und rief: »Mein Gott! Mein Gott! Mein armer Herr! Wie ist's denn passiert, Orschel? Ich habe ihn noch nie so gesehen!« »Ich weiß nicht, Fräulein Katel, wir sprachen gerade in Ruhe über Susel... er wollte aufstehen und ein Glas Wasser trinken, und dabei ist er umgefallen!« »Oh mein Gott, mein Gott! Wenn's nur kein Blutsturz ist!« Weinend, wimmernd und verzweifelt hoben die beiden armen Weiblein Fritz auf – die eine an den Schultern, die andere an den Füßen – und legten ihn auf sein Bett. Da sieht man, in welche Lagen uns die Liebe bringen kann! So gut hatte sich dieser vernünftige Mann für ein ruhiges, langes Leben eingerichtet und sich weise mit gutem Wein versehen, betrachtete alles aus der Ferne und schien nichts zwischen Himmel und Erde zu fürchten... und wie hatte ihn der Blick eines einfachen Kindes, eines Mädchens ohne List und Tücke zugrundegerichtet! Da sage noch einer, dass die Liebe die schönste und angenehmste Leidenschaft von allen ist. Da man sich jedoch über dieses Kapitel redliche Gedanken bis ans Ende aller Zeiten machen könnte, fangen wir damit lieber gar nicht erst an. Jeder soll selbst diejenigen weiteren Schlüsse ziehen, die ihm naheliegen. Orschel und Katel waren also verzweifelt und wussten nicht mehr ein noch aus. Doch dann bewies Katel in dieser schwierigen Lage ihre Qualitäten. »Orschel«, sagte sie und lockerte ihrem Herrn das Halstuch, »gehen Sie bitte sofort auf den Akazienplatz hinunter. Rechts neben der Kirche finden Sie ein Gässchen und auf der linken Seite der Gasse einen grünen Lattenzaun auf einem Mäuerchen. Dort wohnt Doktor Kipert, der jetzt wohl gerade wie jeden Tag seinen Mohn und seine Rosenstöcke schneidet. Sagen Sie ihm, dass er erwartet wird, weil Herr Kobus krank ist.« »Ja gut«, sagte die dicke Bäuerin und ging hinaus. Katel zog erst Fritz die Schuhe aus und lief dann in die Küche, um Wasser abzukochen, denn heißes Wasser ist bei jeder Heilbehandlung nützlich. Während sie damit beschäftigt war und das Feuer im Herd wieder aufloderte, kam Orschel zurück. »Hier ist er, Fräulein Katel«, sagte sie außer Atem. Im selben Augenblick erschien der Doktor im Hausgang und ging sogleich in die Stube weiter, ohne ein Wort zu verlieren. Er war ein dünnes Männlein in einem Pullover aus grüner Wolle und einer Nanking-Kniehose, die durch einen Hosenträger in der Mitte des Rückens gehalten wurde. Seine fünf oder sechs Haarlocken fielen ihm büschelförmig über die gerötete Stirn. Orschel und Katel folgten ihm. Erst sah der Arzt Fritz an, dann fühlte er den Puls, wobei er den Blick auf das Fußende des Betts heftete wie ein alter Jagdhund, der vor einer Wachtel steht. Nach einer Minute sagte er: »Es ist nichts, das Herz rast, aber der Puls ist gleichmäßig... es ist nicht gefährlich... er braucht ein Beruhigungsmittel, mehr nicht.« Erst jetzt fing die alte Magd an, in ihre Schürze zu schluchzen. Kipert drehte sich um und fragte: »Was ist denn passiert, Fräulein Katel?« »Nichts«, sagte die dicke Bäuerin, »wir haben uns ruhig unterhalten, und dabei ist er umgefallen.« Der alte Arzt warf noch einen Blick auf Kobus und sagte: »Ihm fehlt nichts... eine Gefühlsaufwallung... ein Einfall! Na, nur ruhig... stören Sie ihn jetzt nicht... er kommt von allein wieder zu sich. Ich werde die Medizin bei Harwich selbst anmischen.« Als er jedoch hinausging und noch einen letzten Blick auf den Kranken warf, öffnete Fritz die Augen. »Ich bin's, Herr Kobus«, sagte Kipert und kam zurück. »Sie haben doch etwas... Kummer... Schmerzen... nicht wahr?« Fritz schloss die Augen, und Kipert sah zwei Tränen in seinen Augenwinkeln. »Ihr Herr hat Kummer«, sagte er leise zu Katel. Im selben Moment murmelte Kobus: »Der Rebbe... der alte Rebbe!« »Wollen Sie den alten David sprechen?« Fritz nickte. »Also gut, die Gefahr ist vorbei«, sagte Kipert lächelnd. »Merkwürdige Dinge geschehen auf dieser Welt.« Er ging hinaus, ohne nochmals stehenzubleiben. Katel stand schon am Fenster und rief: »Schorsch! Schorsch!« Auf der Straße hob Georg Koffel, das Söhnchen des Leinewebers, seine Rotznase in die Höhe. »Lauf und hole den alten Rebbe Sichel, lauf! Sag ihm, er soll sofort kommen.« Das Kind lief los, blieb aber gleich wieder stehen und rief: »Er ist schon da!« Katel schaute die Straße entlang und sah den alten Rebbe David mit dem Hut im Nacken und im offenem Hemd daherkommen. Die lange Kapote umflatterte seine mageren Waden, sein Halstuch hatte er in der Hand, und er lief so schnell seine alten Beine konnten. Die ganze Stadt wusste bereits, dass Herr Kobus einen Anfall erlitten hatte. Man stelle sich Davids Gefühle angesichts dieser Nachricht vor. Er hatte sich keine Zeit gelassen, seine Kleidung zuzuknöpfen, und kam in unendlicher Bestürzung daher. »Wenn's nichts ist«, sagte Mutter Orschel, »dann kann ich ja gehen... Ich komme morgen oder übermorgen wieder, um Herrn Kobus' Antwort zu hören.« »Ja, Sie können gehen«, antwortete Katel und führte sie hinaus. Die Bäuerin stieg hinab und begegnete am Fuß der Treppe dem alten Rebbe, der heraufkam. Als David im Dunkel des Hausgangs Katel sah, stammelte er leise: »Was gibt's? Was ist passiert? Ist er krank... umgefallen... Kobus!« Man hörte sein Herz klopfen. »Gehen Sie nur hinein«, sagte die alte Magd, »er verlangt nach Ihnen.« Bleich ging David auf den Spitzen seiner dicken Schuhe hinein, streckte den Hals vor und schaute derart erschreckt drein, dass es wehtat, ihm zuzusehen. »Kobus! Kobus!« sprach er so sanft und leise, wie man mit einem kleinen Kind redet. Fritz öffnete die Augen. »Bist du krank, Kobus?« fuhr der alte Rebbe immer noch mit zitternder Stimme fort. »Ist etwas passiert?« Fritz sah mit feuchten Augen zu Katel hinüber, und David verstand sofort, was er sagen wollte. »Willst du mit mir allein sprechen?« sagte er. »Ja«, flüsterte Kobus. Katel ging mit der Schürze vor dem Gesicht hinaus. David beugte sich vor und fragte: »Was hast du... bist du krank?« Ohne zu antworten, fiel Fritz ihm mit beiden Armen um den Hals, und sie umarmten sich. »Ich bin so unglücklich«, sagte Fritz. »Du – unglücklich?« »Ja, ich bin der unglücklichste Mensch auf der Erde.« »Sag das nicht«, sagte der alte David, »hör auf damit... du zerreißt mir das Herz! Was ist denn geschehen?« »Wirst du dich auch nicht über mich lustig machen, David?... Ich war oft schlecht zu dir... habe dich oft ausgelacht... habe dir nicht die Achtung gezeigt, die ich dem ältesten Freund meines Vaters schuldig war... Du lachst mich doch nicht aus, nicht wahr?« »Ach Kobus, im Namen des Himmels!« rief der alte Rebbe und zerfloss schier in Tränen, »sprich doch nicht davon... Du hast mir immer nur Freude bereitet... niemals Kummer... im Gegenteil... im Gegenteil... es hat mir gefallen, wenn du gelacht hast... jetzt sag doch endlich...« »Versprichst du, mich nicht auszulachen?« »Ich dich auslachen! Habe ich denn so ein schlechtes Herz, dass ich mich über die Not meines besten Freundes lustig mache? Ach, Kobus!« Da platzte Fritz heraus: »Es war all mein Glück, David. Ich habe nur noch an sie gedacht... und jetzt will man sie einem anderen geben!« »Wer denn... wen denn?« »Susel«, schluchzte er. »Suselchen... die Tochter deines Bauern?... Du liebst sie also?« »Ja.« »Ach so!...« sagte der alte Rebbe und richtete sich auf. Seine Augen waren vor Staunen geweitet. »Die Susel, er liebt Suselchen! So... so... so... ich hätt's ahnen müssen!... Aber das ist doch in Ordnung, Kobus... sie ist ein sehr nettes Mädchen... genau, was du brauchst... du wirst mit ihr glücklich werden, sehr glücklich...« »Sie wollen sie einem anderen geben«, fiel Fritz verzweifelt dazwischen. »Wem?« »Einem Mennoniten.« »Wer hat dir das gesagt?« »Mutter Orschel... vorhin... sie ist extra deshalb hergekommen...« »Aha, gut... jetzt verstehe ich. Sie wollt's ihm bloß erklären, hat sich nichts dabei gedacht... und da ist er umgefallen... Gut, alles klar... ist doch natürlich.« Während David zu sich selbst sprach, ging er zwei- oder dreimal mit den Händen auf dem Rücken auf und ab. Dann blieb er am Fußende des Betts stehen. »Wenn du sie liebst«, rief er, »dann muss Susel es erfahren... Du hast's ihr doch sicher gesagt.« »Ich hab's nicht gewagt.« »Du hast's nicht gewagt!... Egal, sie weiß es schon. Sie hat einen hellen Kopf... hat's sofort bemerkt... Es gefällt ihr sicher, dass du sie magst, denn du bist schließlich kein hergelaufener Mennonit, du... du stellst etwas Anständiges dar. Ich sage dir, die Kleine fühlt sich geschmeichelt und schätzt sich glücklich bei dem Gedanken, dass ein Herr aus der Stadt sein Auge auf sie geworfen hat, ein schöner Herr, jung, gut gebaut, lustig und sogar majestätisch, wenn er seinen schwarzen Rock und seine goldenen Ketten vor dem Bauch trägt. Ich behaupte, dass sie dich lieber mag als alle Mennoniten dieser Welt. Der alte Rebbe Sichel kennt doch die Frauen! Die sind auch nur vernünftig. Sag mal, hast du denn gefragt, ob sie den anderen will?« »Daran habe ich nicht gedacht. Mir ging ein Mühlstein im Kopf herum.« »He!« schrie David und zog mit einer wunderlichen Grimasse die Schultern hoch, neigte den Kopf und faltete die Hände in der Haltung des Bedauerns. »Wieso, du hast nicht daran gedacht! Aber verzweifelt sein, das bringst du fertig! Du fällst auf die Nase, weinst und heulst! Ach, Verliebte sind doch alle gleich! Warte mal, wenn Mutter Orschel noch da ist, das werden wir gleich haben!« Er öffnete die Tür und rief in den Hausgang: »Katel, ist Mutter Orschel da?« »Nein, Herr Sichel.« Da schloss er die Tür wieder. Fritz schien sich von seiner Trostlosigkeit etwas erholt zu haben. »David«, sagte er, »du gibst mir das Leben zurück.« »Ach was, Schaute «, sagte der alte Rebbe, »jetzt steh auf, zieh deine Schuhe an und lass mich nur machen. Wir gehen zusammen hin und halten um Susels Hand an. Kannst du dich denn auf den Beinen halten?« »Ach, wenn's darum geht, um Susel zu werben«, rief Fritz, »dann gehe ich bis ans Ende der Welt!« »Hihihi!« sagte der alte Sichel, zog seine Gesichtsfalten zusammen und blinzelte mit den Augen, »hihihi, hast du mir Angst gemacht!... Wie bin ich denn durch die Stadt gelaufen? Ein Glück, dass ich nicht auch noch vergessen habe, meine Hose anzuziehen.« Er lachte, während er seine Wollweste und seine dicke grüne Kapote zuknöpfte. Fritz wagte nicht zu lachen. Er war blass vor Ungeduld, während er seine Schuhe anzog. Dann setzte er seinen Filzhut auf, nahm seinen Gehstock und sagte mit bewegter Stimme: »Ich bin jetzt fertig, David. Möge der Herr uns beistehen!« »Amen!« antwortete der alte Rebbe. Sie gingen hinaus. Katel hatte sie von der Küche aus gehört und ließ sie wortlos vorbei. Sie fand diese seltsamen Ereignisse zugleich wunderlich und ermunternd. In Gedanken versunken gingen die beiden durch die Stadt und achteten nicht darauf, dass die Leute sie überrascht ansahen. Die frische Luft belebte Fritz, und während sie den Posttalpfad hinabgingen, begann er zu erzählen, was sich in den letzten drei Monaten ereignet hatte. Wie er seine Liebe zu Susel entdeckt hatte und sich davon durch die Reise mit Hahn abbringen wollte; wie ihn seine Gefühle überallhin verfolgt hatten; dass er nicht einmal mehr ein Glas Wein trinken konnte, ohne von Liebe daherzufaseln, und wie er sich schließlich in Gottes Hand ergeben hatte. David hatte den Kopf geneigt, lachte im Gehen in sein graues Bärtchen, zwinkerte von Zeit zu Zeit mit den Augen und sagte: »Hihihi, ich hab's dir ja gesagt, Kobus, ich hab dir gesagt, dass man dagegen nicht ankommt! Ihr habt also musiziert, und du hast Rosalind', schönes Kind gesungen. Und dann?« Fritz fuhr fort mit seiner Geschichte. »Genau, ganz genau«, warf der alte David wieder ein, »hihihi, das hat dich verfolgt... es war stärker als du. Ja... ja... ich kann's mir so gut vorstellen, als ob ich dabei gewesen wäre. Also weiter, im Biergarten zum Großen Hirschen hast du alle Welt herausgefordert und die Liebe hochleben lassen... Weiter, immer weiter, ich höre dir gern zu.« Fritz, der glücklich war, sich auszusprechen, setzte seine Geschichte fort, unterbrach sich allerdings hin und wieder und rief: »Glaubst du im Ernst; dass sie mich liebt, David?« »Ja, ja... sie liebt dich«, sprach der alte Rebbe und kniff die Augen zusammen. »Bist du sicher?« »Hihihi, selbstverständlich... Weiter jetzt, in Bischheim habt ihr verliebt den Dreierleins miteinander getanzt. Da warst du wohl froh, Kobus?« »Oh!« rief Kobus. Das Erlebnis beim Dreierleins stieg in ihm auf. Nie war der alte Sichel zufriedener gewesen. Er hätte Kobus' Geschichte ein Jahrhundert lang immer wieder hören können, ohne sich zu langweilen. Manchmal unterbrach er die Stille durch einen Gedanken aus der Bibel, etwa »ich habe dich unter einem Apfelbaum erweckt, dort, wo deine Mutter dich gebar, dort, wo sie dich gebar, die dir das Leben geschenkt hat Hld 8, 5. « oder »nicht einmal Wasserströme könnten diese Liebe auslöschen, und sogar die Flüsse könnten sie nicht ertränken Hld 8, 6-7. oder dies: »Du hast mein Herz mit einem Blick deiner Augen verführt, mit einem Stück aus deiner Halskette. Hld 4, 9. « Fritz fand diese Gedanken sehr schön. Doch als sie zehn Minuten vor dem Landgut am Waldrand beim Turteltaubenfelsen angekommen waren und Fritz gerade zum drittenmal auf neue Einzelheiten einging, blieb der Rebbe stehen und sprach: »Da ist das Meisental. Du kannst mir den Rest später erzählen, aber jetzt gehe ich weiter, und du wartest hier.« »Bitte? Ich soll hierbleiben?« fragte Kobus. »Ja, denn es handelt sich um eine delikate Sache. Ich werde wohl mit den Leuten beraten müssen. Wer weiß, vielleicht haben sie dem Mennoniten Zusagen gegeben. Es ist besser, wenn du nicht dabei bist. Bleib hier, ich gehe allein hinunter. Wenn alles gut geht, wirst du mich an der Ecke des Schuppens sehen. Ich halte mein Taschentuch hoch, und du weißt dann schon, was das bedeutet.« Trotz seiner großen Ungeduld musste Fritz zugeben, dass David recht hatte. Also blieb er am Dickicht am Rande des Waldes stehen, und David stieg hinab. Wie ein alter Hase trabte er durch das Heidekraut, den Kopf geneigt und Kobus' Stock – den er genommen hatte – voraus. Es mochte jetzt ein Uhr sein. Die Sonne schien mit aller Macht heiß ins Meisental hinunter und funkelte überall im Fluss. Nicht ein Lufthauch regte sich, nicht ein Heimchen erhob seinen eintönigen Gesang. Die Vögel ruhten mit dem Kopf unter dem Flügel, und nur dann und wann brüllten Christels Ochsen, die sich im Schatten des Hausgiebels mit den Beinen unter dem Bauch niedergelassen hatten, ein feierliches »Muh!« durch das stille Tal. Man kann sich vorstellen, woran Fritz dachte, als der alte Rebbe gegangen war. Er folgte ihm mit den Augen bis zum Hof. Hinter der Heide schlug David den Sandweg ein, der am Fuß des Hanges im Schatten der Apfelbäume verschwindet, und Kobus sah nur noch seinen Hut, der unten am Hang voranrückte. Dann sah er den Rebbe an den Ställen vorbeigehen, und zugleich erscholl Mopsels Gebell, fern wie das Plärren einer Nürnberger Puppe. David bückte sich und streckte den Stock vor, worauf Mopsel das Fell sträubte und noch lauter bellte. Schließlich verschwand der alte Rebbe um die Hausecke. Fritz wurde die Zeit inmitten der tiefen Stille sehr lang. Es dauerte ihm eine Ewigkeit. Seit einer Viertelstunde reihten sich die Minuten aneinander, da sah er im Vorhof etwas aufblitzen und fuhr zusammen, weil er meinte, dies sei Davids Taschentuch. Es war jedoch nur das Küchenfensterchen, das beim Drehen in der Sonne blinkte, als die Magd Majel einen Eimer Obstschalen herauskippte. Man hörte ein paar Laute von den Hühnern und Enten, und dann schien die Zeit sich erneut auszudehnen. Tausend Gedanken schmiedete Fritz. Er sah im Geist, dass Christel und Orschel sich weigerten... wie der alte Rebbe nachsetzte... Was soll man sagen? Seine Hirngespinste setzten ihm derart zu, dass er davon wirr wurde. Endlich erschien David wieder bei der Stallecke, schwenkte aber nichts. Fritz starrte hin und fühlte, dass seine Knie zitterten. Nach einem Augenblick fuhr der alte Rebbe bis zum Ellenbogen in die Tasche seiner langen Kapote und zog sein Taschentuch heraus, schnäuzte sich, als ob nichts dabei wäre, hob schließlich das Tuch und winkte damit. Sofort rannte Fritz los, denn seine Beine galoppierten wie von selbst. Er sprang wie ein Hirsch, und in weniger als fünf Minuten war er am Hof. Davids Wangen waren von unzähligen Runzeln durchzogen, und seine Augen funkelten, als er Fritz mit einem Lächeln begrüßte. »Hihihi«, sagte er leise, »es klappt... es geht gut... du bist willkommen... aber warte doch... hör doch!« Fritz hörte nicht hin. Er lief zur Tür und hinterdrein der Rebbe, der über die Eile froh war. Eben gingen fünf oder sechs Tagelöhner im Hemd und mit dem Strohhut auf dem Kopf wieder an die Arbeit. Einige legten den Ochsen das Joch mit dem Laubschmuck auf, und die anderen sahen mit der Mistgabel oder dem Rechen auf der Schulter zu. Die Leute drehten die Köpfe herüber und sagten: »Guten Tag, Herr Kobus!« Er ging vorbei, ohne hinzuhören, und lief wie außer sich durch die Diele in die Wohnstube, gefolgt vom alten David, der sich die Hände rieb und in sein Bärtchen lachte. Das Mittagessen ging gerade zu Ende. Die großen Näpfe aus rotem Steinzeug, die Zinngabeln und die Tonkrüge standen noch auf dem Tisch. Christel saß am oberen Ende, hatte den Hut im Nacken und blickte erstaunt drein. Mutter Orschel stand in der Küchentür mit einem dicken roten Gesicht und sperrte den Mund auf. Susel saß im alten Ledersessel zwischen dem großen gusseisernen Ofen und der alten Standuhr, die ihren ewigen Takt schlug. Ja, da war Susel in Hemdsärmeln und einem blauen Korsett und hatte ihr niedliches Gesicht in der Schürze auf ihren Knien verborgen. Man konnte nur den hübschen sonnengebräunten Hals und die angewinkelten Arme sehen. Fritz wollte etwas sagen, brachte aber bei diesem Anblick kein Wort heraus. Daher begann Vater Christel zu sprechen: »Herr Kobus!« rief er völlig erstaunt, »ist's möglich, was uns der Rebbe David da sagt? Sie lieben Susel und bitten um ihre Hand? Das müssen Sie uns selbst sagen, sonst können wir's niemals glauben.« »Vater Christel«, antwortete Fritz, dem sich nun die Zunge löste, »wenn Sie mir Susels Hand nicht geben oder wenn Susel mich nicht liebt, dann kann ich nicht mehr leben. Ich habe nie eine Frau außer Susel geliebt und will nie eine andere lieben. Wenn Susel mich liebt und Sie sie mir gewähren, bin ich der glücklichste Mann, und ich werde alles tun, um sie auch glücklich zu machen.« Christel und Orschel schauten einander verwirrt an, und Susel begann zu schluchzen. Ob sie vor Glück schluchzte, konnte man nicht sagen, aber sie weinte wie Maria Magdalena. »Vater Christel«, sagte Fritz weiter, »Sie halten mein Leben in der Hand...« »Ach Herr Kobus«, rief der alte Bauer laut und streckte die Arme aus, »mit Vergnügen geben wir Ihnen unsere Tochter zur Frau. Welch größeres Glück könnte uns auf Erden geschehen, als Sie in der Familie zu haben? Nur, bitteschön, Herr Kobus, überlegen Sie's sich doch... überlegen Sie, wer wir sind und wer Sie sind... Bedenken Sie bitte, dass Sie von anderem Stand sind als wir. Wir sind arbeitende Menschen und einfache Leute, während Sie aus einer Familie stammen, die seit langem hochangesehen ist, nicht nur durch ihr Vermögen, sondern auch durch die Achtung, die Ihren Vorfahren und Ihnen selbst zukommt. Bedenken Sie das alles... damit Sie's später nicht bereuen müssen... und damit uns der Vorwurf erspart bleibt, dass Sie durch unsere Schuld unglücklich geworden sind. Sie verstehen es besser, Herr Kobus, wir sind nur arme, ungebildete Leute. Denken Sie daher bitte für uns alle mit!« »Ein ehrlicher Mann«, dachte der alte Rebbe. Fritz sagte erregt: »Wenn Susel mich liebt, ist alles gut! Wenn das Unglück es will, dass sie mich nicht liebt, dann sind mein Vermögen, Rang und Ansehen mir nichts mehr wert! Ich hab's mir überlegt und will nur Susels Liebe.« »Also gut«, rief Christel, »dann geschehe der Wille des Herrn. Susel, du hast's gehört, nun antworte selbst. Was uns betrifft, was können wir uns für dein Glück mehr wünschen? Susel, liebst du Herrn Kobus?« Susel antwortete nicht, sondern schluchzte nur noch lauter. Erst als Fritz schließlich mit zitternder Stimme rief: »Susel, liebst du mich denn nicht, dass du nicht antwortest?« Da sprang sie plötzlich wie verzweifelt auf, warf sich in seine Arme und rief: »Oh doch! Ich liebe dich!« Sie weinte, während Fritz sie an sein Herz drückte und ihm dicke Tränen über die Wangen liefen. Alle weinten mit. Majel mit dem Besen in der Hand steckte den Hals durch die Öffnung der Küchentür. Fünf oder sechs Schritte entfernt sah man große Augen in neugierigen Gesichtern, die sich durch die Fenster hereindrängten, um alles mitzubekommen. Schließlich schnäuzte sich der Rebbe und sagte: »Es ist gut... ist gut... Liebt euch nur... liebt euch!« Er wollte wohl ein Bibelzitat hinzufügen, aber da stieß Fritz plötzlich einen Jauchzer aus, legte Susel die Hand um die Taille, begann einen Walzer mit ihr und rief: »Juh! Hopsa, Susel! Juh! Juh! Juh! Juh!« Hatte man bisher geweint, so begann nun alles zu lachen, und Susel, die durch ihre Tränen lachte, verbarg ihr hübsches Gesicht an Kobus' Brust. Auf allen Gesichtern breitete sich Heiterkeit aus wie der herrliche Sonnenschein, der auf die warmen Regengüsse des Frühlings folgt. Zwei dicke Mädchen mit riesigen Sonnenhüten aus Stroh, purpurroten Gesichtern und großen Augen hatten sich bis an ein Fensterbrett vorgewagt, stützten die Arme auf, schauten herein und lachten herzlich. Andere standen hinter ihnen und horchten mit vorgereckten Ohren. Orschel hatte sich die Wangen mit der Schürze abgewischt und war dabei hinausgegangen. Jetzt erschien sie wieder und brachte eine Flasche und Gläser. »Das ist die Flasche Wein, die Sie uns vor drei Monaten durch Susel geschickt haben«, sagte sie zu Fritz. »Ich wollte sie für Christels Geburtstag aufheben, aber wir können sie genauso gut heute trinken.« Zugleich hörte man draußen einen Peitschenknall, und der Großknecht Xaver Im Originaltext Zaphéri . rief: »An die Arbeit!« Die Fenster leerten sich, und als der Mennonit die Gläser füllte, sagte der alte Rebbe fröhlich zu ihm: »Also, Christel, wann ist die Hochzeit?« Diese Worte ließen Susel und Fritz aufhorchen. »He, Orschel, was hältst du davon?« fragte der Bauer seine Frau. »Wann Herr Kobus es möchte«, antwortete die dicke Mutter und setzte sich. »Auf euer Wohl, meine Kinder«, sagte Christel. »Ich meine, dass wir nach der Ernte...« Fritz schaute zum Rebbe hinüber, und der sagte: »Hören Sie, Christel, die Ernte ist gut und schön, aber das Glück steht höher. Ich spreche hier für Kobus' Vater, dessen bester Freund ich war... Also, ich meine, wir sollten's auf heute in acht Tagen festsetzen, nicht länger als für das Aufgebot nötig ist. Wozu sollen wir diese braven Kinder hinhalten? Wozu noch länger warten? Findest du das nicht auch, Kobus?« »Was Susel will, das will ich auch«, sagte er und schaute sie an. Sie schlug die Augen nieder und lehnte still den Kopf an Kobus' Schulter. »Dann soll's geschehen«, sagte Christel. »Ja«, sagte David, »es ist das beste. Kommt bitte morgen nach Hüneburg, damit wir den Ehevertrag aufsetzen können.« Sie stießen an, und der alte Rebbe fügte lächelnd hinzu: »Ich habe in meinem Leben einige Hochzeiten angebahnt, aber diese macht mich froher als alle anderen, und ich bin sehr stolz darauf. Christel, ich bin zu Ihnen gekommen, wie Eleasar, der Knecht Abrahams, zu Laban kam Vgl. Gen 24, 10-32. . Diese Angelegenheit hat der Ewige bestellt. Gen 24, 50. « »Segnen wir den Willen des Ewigen«, antworteten Christel und Orschel wie aus einem Mund. Von da an stand fest, dass der Ehevertrag am nächsten Tag in Hüneburg geschrieben werden und die Hochzeit acht Tage später sein sollte. XVIII Die Nachricht über diese Ereignisse verbreitete sich noch am selben Abend in Hüneburg, und die ganze Stadt staunte. Jeder sagte zu sich: »Wie kann Herr Kobus, dieser reiche, angesehene Mann, erst fünfzehn Jahre lang so viele schöne Partien ausschlagen und dann ein einfaches Landmädchen heiraten, die Tochter seines Bauern?« Mitten auf der Straße erzählte man sich diese seltsame Neuigkeit und sprach darüber an den Haustüren, in den Stuben und in den Höfen. Die Verwunderung nahm kein Ende. Ebenso erfuhren auch Hahn, Schulz, Speck und Kobus' andere Freunde die frohe Neuigkeit. Am nächsten Tag saßen sie im Großen Hirschen beisammen, unterhielten sich darüber und sagten: »So eine Eselei, eine Frau von niedrigerem Stand zu heiraten. Das bringt nur Ärger und Neid aller Art. Besser, man heiratet überhaupt nicht. Schließlich gibt's nicht einen Ehemann, der so zufrieden und lustig ist wie die alten Junggesellen.« »Ja«, rief Schulz, der sich ärgerte, weil Kobus ihm nichts gesagt hatte, »bald werden wir unseren dicken Fritz nicht mehr sehen, denn er wird in seinem Schneckenhaus leben und seine Fühler einziehen müssen. Da sieht man, wie das Alter den Männern zusetzt. Wenn sie schwach werden, bändigt sie ein einfaches Landmädchen und führt sie an einem rosa Seidenband herum. Bloß die alten Soldaten bleiben fest! Tja, so wird's dem guten Kobus gehen, und wir können ihm Lebewohl, adieu, ruhe in Frieden! sagen wie beim Kehraus der Fasnacht.« Hahn schaute in Gedanken unter den Tisch und leerte die Asche seiner dicken Pfeife zwischen den Knien aus. Als aber schließlich eine Atempause eintrat, sagte er: »Die Ehe ist das Ende der Glückseligkeit, und ich für meinen Teil würde lieber den Kopf in ein Bündel Nadeln rennen, als mir diesen Strick um den Hals zu legen. Allerdings – obwohl unser lieber Kobus vom rechten Glauben abgefallen ist – Muss man doch zugeben, dass sein Suselchen durchaus würdig war, dieses Wunder zu bewirken. An Herzlichkeit, Geist und Vernunft kenne ich nur eine Frau, die sich mit ihr vergleichen kann oder sogar noch höher steht, denn sie ist die Schönste im ganzen Land – es ist die Tochter des Bürgermeisters von Bischheim, die wunderbare Frau, mit der ich beim Dreierleins getanzt habe.« Da schrie Schulz, dass weder Susel noch die Tochter des Bürgermeisters von Bischheim würdig sei, der kleinen Rothaarigen die Schuhbänder zu lösen, die er ausgewählt hatte. Das Gespräch ging immer lebhafter weiter, bis um Mitternacht der Wachtmann kam und den Herren mitteilte, dass die Konferenz bis auf weiteres unterbrochen sei. Am selben Tag wurde bei Fritz der Ehevertrag aufgesetzt. Als der Notarassessor Münz Kobus' Vermögenswerte aufgelistet und Susel in den Haushalt nichts weiter als den Zauber der Jugend und der Liebe einzubringen hatte, beugte sich der alte David über den Notar und sagte zu ihm: »Schreiben Sie, dass der Rebbe David Sichel der Braut als Mitgift die drei Morgen Weingarten am Sonneberg schenkt, die den besten Wein im Land geben. Schreiben Sie das, Münz.« Fritz hatte sich überrascht aufgerichtet, denn die drei Morgen gehörten ihm. Da hob der alte Rebbe den Finger und sagte lächelnd: »Erinnere dich, Kobus, erinnere dich an unser Streitgespräch über die Ehe in diesem Raum vor drei Monaten, am Ende des Festessens!« Da fiel Fritz die Wette ein. »Das stimmt«, sagte er und wurde rot, »diese drei Morgen Rebland stehen David zu, denn er hat sie mir abgewonnen. Da er sie nun Susel schenkt, nehme ich sie für sie an. Nur schreiben Sie bitte, dass der Rebbe sich den Nießbrauch vorbehält, denn ich möchte, dass er den Wein bis ins hohe Alter seines Großvaters Methusalem trinken kann, sonst fehlt mir etwas an meinem Glück. Schreiben Sie auch, Münz, dass Susel als Mitgift das Landgut im Meisental einbringt, das ich ihr zum Zeichen der Liebe schenke. Christel und Orschel können's für ihre Enkel bestellen, und das wird ihnen die Arbeit versüßen.« So wurde der Ehevertrag aufgesetzt. Was das übrige betrifft – wie Josef Almani, Bockel und Andres fünfzehn Meilen weit herbeieilten, um ihrem Freund Kobus zur Hochzeit aufzuspielen; den Festschmaus, den die alte Katel nach allen Regeln ihrer Kunst mit der Unterstützung der Köchin vom Roten Ochsen ausrichtete; Susels naive Anmut, Fritz' Jubel und Hahns und Schulz' würdevoller Auftritt als Trauzeugen; Herrn Pastor Diemers schöne Ansprache beim großen Ball, den der alte Rebbe David selbst mit Susel inmitten des allgemeinen Beifalls eröffnete; Josefs künstlerischen Schwung, mit dem er so herrlich fiedelte, dass halb Hüneburg bis zwei Uhr morgens auf dem Akazienplatz blieb, um ihm zuzuhören – das alles wäre eine Geschichte, die noch einmal so lang ginge. Es sei nur gesagt, dass Fritz etwa zwei Wochen nach der Hochzeit alle seine Freunde zum Essen einlud. In demselben Raum, in dem Susel drei Monate zuvor mitten unter ihnen gesessen hatte, erklärte er laut, der alte Rebbe habe recht damit, dass ohne Liebe alles sinnlos sei, dass es nichts Vergleichbares gebe und dass die Ehe mit der geliebten Frau das Paradies auf Erden sei. Da sprach David Sichel andächtig einen Satz aus, den er in einem hebräischen Buch gelesen hatte und den er für unübertroffen hielt, obwohl er nicht aus dem Alten Testament stammte Das hatte der Rabbi im Neuen Testament gefunden: 1 Joh 4, 7-8. : »Liebe Brüder, lasst uns einander lieben. Wer liebt, kennt Gott. Wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist Liebe.«   ENDE