Verschiedene Autoren Lustige Geschichten aus Schwaben. Erster Teil Ich liebe mir den heitern Mann Am meisten unter meinen Gästen: Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, Der ist gewiß nicht von den Besten. Goethe. Wie die Schwaben geneckt wurden. I. Die neun Schwaben. (Ältere Fassung der Historie von den sieben Schwaben.) Neun Schwaben, so lieset man im Buch der alten ungeschehenen Dinge, wollten einst die Welt erfahren und unseres Herrgotts Rock zu Trier besuchen und Ablaß holen. Damit sie nun desto sicherer wandelten, sahen sie's für gut an, daß sie einen starken und langen Spieß machen ließen, daran sie alle neun, der Kühnste und am besten Geharnischte zuvorderst, gingen. Ihre Reise begab sich aber im Juli oder Heumonat. Als sie nun eines Tages einen sehr weiten Weg gezogen waren, dazu auch noch gar fern in ein Dorf hatten, wo sie die Nacht über bleiben wollten, und im Dunkeln über eine Wiese oder Matten gingen, flog der großen Roßkäfer oder Hurnusseln eine nit weit von ihnen hinter einer Stauden und brummelt feindlich. Darüber erschrak der vorderste so sehr, daß er den Spieß schier hätte fallen lassen. »Loset, loset!« sagte er zu seinen Gesellen; »Gott, ich hör' eine Trommel.« Die anderen sagten, es wär' ihnen auch also. Im Hui begann der Geharnischte zu fliehen, sprang über einen Zaun, daran von ungefähr noch ein Rechen lag   denn es hatten daselbst die Leute den Tag über Heu gemacht   und trat darauf, daß der Stiel ihn auf die Nase schlug. »O weih, o weih!« schrie er; »nimm mich gefangen, ich ergib mich!« Die andern hüpften alle, einer über den andern, hernach, und riefen: »Ergibst du dich, so ergeb ich mich auch!« Zuletzt wurden sie gewahr, daß sie betrogen waren; und damit sie deshalb nicht verspottet würden, verschwuren sie sich untereinander, solange stillzuschweigen, bis einer das Maul auftät'. Der andern Gefahr, die ihnen zustieß, mag die erste nit verglichen werden. Denn nach etlichen Tagen trug sie ihr Weg durch das Brachfeld, und sie sahen da einen Hasen in der Sonne sitzen und mit den vorderen Läufen um den Kopf putzen. Erschrocken blieben sie stehen und beratschlagten, was wohl am wenigsten gefährlich wäre. Einer von ihnen (man sagt, es sei der hinterste gewesen), sprach ganz beherzt: »Ragenöhrle, gang anher, Ragenöhrle!«   »O Gott,« sagte der vorderste, »wenn du hier stündest, wo ich stehe, würdest du mit nichten sagen: »Ragenöhrle, gang anher!« Hub indem an sich zu segnen mit dem heiligen Kreuz, ruft Gott um Hilfe an, und zum letzten, als nichts helfen will, den Hasen zu vertreiben, schreit er aus großer Furcht: »Hau, hurle   hau, hau, hau!« Darüber erschrak der Has und lief davon. Der Kecke aber sprach: »Nun seh' ich wohl, daß ein Hurlehau besser ist denn tausend Gotthelf.« Als sie fürder gingen und jetztund an die Mosel, ein moosicht', still' und tief' Wasser, kamen, darüber nit viel Brücken gemacht sind, sondern an mehreren Orten man sich muß in Schiffen überführen lassen, wußten sie nicht, wie sie hinüberkommen sollten. Sie riefen einem Manne zu, der jenseits des Wassers seine Arbeit vollbrachte, und fragten ihn, was sie tun sollten. Derselbige verstund aber von wegen der Weite, auch der Sprach' halber nit, was sie wollten, und fragte auf seine Trierische Sprach': »Wat, wat?« d. i. was, was? Sie meinten nun, er sage, sie sollten waten, und hub an der vorderste hinüberzugehen. Er vermochte es aber nit gar lang um des Schlammes und der Tiefe willen, fiel hinunter und ertrank. Als die andern seinen Hut schwimmen sahen, der vom Wind gegen das jenseitige Ufer getrieben ward, und ein Frosch dabei saß und quaket: »Wat, wat, wat!« (das aber lautet wie in Schwaben, wo sie das Maul bei diesem Worte weit aufsperren), hielten sie's dafür, ihr Geselle rufe ihnen zu waten und ihm nachzumachen, und sagten untereinander: »Kann er hinüberwaten, warum wir nit auch?« Und sind also alle neun ertrunken und durch Unkenntnis der Sprache und den leidigen Frosch jämmerlich umgebracht worden. (Nach Wendunmut von H. W. Kirchhof 1563. K. R.) II. Der Schwabe und die Frösche. Ein Schwabe, welcher seines Handwerks ein Schneider war, hatte an einem Ort zehn Taler verdient. Damit wollte er weiter reisen. Als er nun unterwegs an einem Teich vorbeikam, setzte er sich auf einen Stein, um ein wenig auszuruhen. Aus Freude an seinem Geld langte er die Taler aus der Tasche, sie zu begucken und sie nochmals zu zählen. Weil es aber Sommer war, machten die Frösche ein großes Geschrei und Gequak in dem Teiche. Solches Gequak verstand der Schwabe unrecht. Er bildete sich ein, sie riefen wegen seines Geldes, und zwar »acht! acht! acht!« daß er nur acht Taler und keine zehn hätte. Er sah und hörte es eine Zeitlang an, zählte dann sein Geld nocheinmal und rief: »Es sind gleichwohl zehn, ihr möget sagen, was ihr wollet.« Die Frösche kehrten sich daran nicht, sondern riefen jemehr und mehr. Der Schwabe zählte aufs neue und schalt dann heftig. Wie aber das Rufen kein Ende nehmen wollte, faßte er seine zehn Taler zusammen und warf sie zu den Fröschen im Teich, sagte dabei: »Ich sehe wohl, ihr wollt mir nicht glauben; da habt ihr sie, zählt sie nun selber.« Hiemit setzte er sich nieder und wartete, bis sie gezählt waren. Aber die Zeit wurde ihm zu lang, weshalb er endlich rief, ob er sein Geld bald wieder haben könnte, bekam aber nichts als »quak, quak, quak« zur Antwort. Wie sie's aber gar zu lang machten, fing er an zu schelten, zog sich aus und ging in den Teich und verlangte seine zehn Taler wieder. Als er aber nichts bekam, wollte er sie mit Gewalt nehmen und ging immer tiefer ins Wasser hinein, bis es ihm zuletzt über dem Kopf zusammenschlug. Also mußte der gute Schwab' sein Leben nebst den zehn Talern im Teiche lassen. (Nach Rottmann, Lustiger Historienschreiber 1725. K. R.) III. Der Schwabe und der Schweizer. Ein Schwabe traf auf der Wanderschaft mit einem Schweizer zusammen. Wie sie so miteinander fürbaß gingen, kamen sie auf den Gedanken, in dem Flusse nebenan ein Gericht Krebse zum Nachtessen zu fangen, Der Schwabe fing aber statt der Krebse lauter Frösche. Und so oft er einen erwischte, sagte er zu dem Schweizer, der Ulrich hieß: »Guck, Uli, i hab' wieder oin mit oim gelben Beinle!« Beim Weitergehen fand der Schwabe von ungefähr eine Kästen oder Kastanie. Die hub er auf und sprach mit Freuden: »Guck, Uli, guck, was ich für ein schönes und gutes Nüßle gefunden hab'; das ist in ein Lederlein genähet!« Der Schweizer besah die Kastanie von allen Seiten, denn auch er hatte eine solche Frucht noch nie gesehen, und sagte mit großem Verwundern: »Luget, luget, was das ist! Das ist bi Gott ein finer Schnider gsi und hat gar ein suberes Nähteli können machen, denn er meinte, der Ort oben am Stiel wäre die Naht, da das Lederlein zugenäht worden sei. Ein' Bayer, der nie aß ein' Mus, Schwaben, die nie liebten die Nuß: Vergl. S. 182: Sind keine Böblinger da? Daß jemand deren je gesach, Geb' ich mit Wahrheit nit bald nach. Der Spötter zürn' drum oder lach.' (Nach Kirchhof, Wendunmut 1563. K. R.) Geschichten von Buchhorn am Bodensee. I. Der Besuch des Kaisers. Als Kaiser Sigismund aus Anlaß des großen Konzils (1414-1418) in Konstanz weilte, beschloß er, auch seine Stadt Buchhorn (das heutige Friedrichshafen) durch seinen Besuch zu erfreuen. Er tat diese seine Absicht den Buchhornern durch einen Boten kund. Darob gerieten der Bürgermeister und sein Rat in nicht geringe Bewegung; denn sie gedachten der Schwierigkeiten, die es haben werde, bei den geringen Einkünften des kleinen Städtchens die Kaiserliche Majestät gebührend zu ehren. Vornehmlich schien es ihnen ganz und gar unmöglich, die vielen roten Tücher zu beschaffen, mit denen der Weg belegt zu werden pflegte, wenn der Kaiser zur Kirche schritt. Nach langem Hin- und Herberaten kam ein Ratsherr auf den Einfall, nur zwei solche Tücher anzuschaffen. Und wenn dann Kaiserliche Majestät über das erste Tuch geschritten und auf das zweite getreten sei, so sollten vier Ratsherren geschwind das hintere Tuch aufheben und es wieder vorn ausbreiten. Alles war mit diesem Vorschlag einverstanden; nur der bedenkliche Bürgermeister meinte: »Ja, wir werden die Sau aufheben.« Er wollte damit sagen, daß sie Unglück bei der Sache haben würden. Als der Kaiser mit dem Schiff gefahren kam, wurden schnell die Tücher am Landungssteg ausgebreitet. Es ging auch alles ganz gut, bis durch allzugroßen Eifer eines jungen Ratsherren das hintere Tuch einmal aufgenommen wurde, ehe des Kaisers Füße es verlassen hatten. Plumps! lag die Majestät der Länge nach am Boden. Der Bürgermeister sprang eiligst zur Hilfeleistung herbei, und während er den Kaiser am Arm in die Höhe zerrte, schrie er die verdutzt dastehenden Ratsherren an: »Hab' ich's nit g'sagt, daß wir bei der G'schicht eine S.. aufheben müßten!« II. Das Festmahl. Im Rathaussaal hatten die Buchhorner dem Kaiser das Mittagsmahl zubereitet. Dabei hatte wohl jeder der Gäste seinen besonderen Löffel, aber keiner einen Teller; denn man aß nach guter alter Sitte gemeinsam aus einer großen Schüssel. Der Schüssel zunächst saß der Kaiser, und vor ihm schwammen lauter große Brocken weißen Brotes, während für die übrigen Gäste rauhes Schwarzbrot in die Suppe gebrockt war. Da geriet nun der Kaiser mit dem Löffel einmal über seine Grenze hinaus und erwischte einen Brocken Schwarzbrot. Gar höflich klopfte ihm der Bürgermeister von Buchhorn auf die Finger und sagte: »Nit da, nit da! Das ist für Bürgermeister und Rat.« III. Der Wetterprophet. Der witzigste von den Ratsherren war ausersehen, dem Kaiser die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten zu zeigen und ihn überhaupt zu unterhalten. Nachdem nun die Mahlzeit beendet war, schob der Kaiser ein Fenster des Saales zurück und sah hinaus, um die frische Luft und die Aussicht zu genießen. Sofort stürzte der Ratsherr auf das benachbarte Fenster und streckte seinen Kopf auch hinaus, und nach einigem Besinnen und Nasenrümpfen rief er zum Kaiser hinüber: »Wir kumment schlecht Wetter über: d' Hüsle riechent so!« IV. Die geborgenen Glocken. Im 30jährigen Krieg kamen die Schweden auch nach Oberschwaben und erfüllten Stadt und Land mit Mord, Raub und Brand. Als nun in Buchhorn von Ravensburg her die Nachricht vom Anrücken der Feinde eintraf, wurde sofort der Rat zusammenberufen, um zu beschließen, was zu tun sei. Da meinte ein Ratsherr: »Wir lassen den Schweden nit herein. Vom See her kann er nit in die Stadt; die Ravensburger Straß wird gesperrt und das Betreten der Felder ist ja verboten.« Indes glaubten nicht alle, daß die Schweden sich um das Verbot viel kümmern würden, und so dachte man daran, wie die Habe der Stadt gerettet werden könnte. Es war nun bekannt, daß es die Feinde namentlich auf die Kirchenglocken abgesehen hatten, weil daraus Kanonen gegossen werden konnten. Es ward also beratschlagt, wie man die Glocken vor den Schweden verbergen könnte. Am besten fand man den Vorschlag eines Ratsherrn, die Glocken im See zu versenken. Gesagt, getan! Man ruderte die Glocken hinaus, und bald verbarg die blaue Tiefe das teure Gut jedem habsüchtigen Blick. Schon wollte man zurückfahren, da erhob sich Zweifel, ob man die Stelle, wo die Glocken liegen, auch wieder finden werde. Aber auch hier war der Ratsherr nicht verlegen. Schnell zog er sein Messer aus der Tasche, machte einen Schnitt in die blaue, glatte Fläche des Wassers, einen zweiten in die Wand des Schiffes und sagte: »Da, wo die beiden Schnitte aufeinander passen, da liegen die Glocken.« V. Die merkwürdige Inschrift. Einmal war ein so strenger und kalter Winter, daß der ganze Bodensee zufror. Weil aber dies kaum alle hundert Jahre einmal vorkommt, so wollten die Buchhorner das merkwürdige Ereignis für ewige Zeiten dem Andenken der Nachwelt erhalten, gingen mit Stemmeisen hinaus auf die glatte Eisfläche und meißelten in großen, weithin lesbaren Ziffern die Jahreszahl im Eise ein. Wie waren sie aber erstaunt, als im Frühjahr eines Tages die Inschrift mitsamt der Eisdecke verschwunden war! Zum Glück hatte man andernorts das Ereignis besser aufgezeichnet, an das aber die Buchhorner nicht mehr erinnert werden mögen. (Nach verschiedenen Quellen von P. B.) Womit die Leutkircher und die Isnyer einander foppten. Die Isnyer wurden früher von den Leutkirchern gerne »mit ihren luimenen Glocken« aufgezogen, indem ihnen vorgehalten wurde, daß sie einstmals, um an Kosten zu sparen oder aus sonstigen Gründen, ein Turmgeläute aus Lehm hergestellt hatten, um am Sonntag damit die frommen Gläubigen zum Gottesdienst zusammenrufen zu können. Die Isnyer leugneten nun zwar nicht, daß sie mit den neuen seltsamen Glocken nicht viel Glück gehabt hätten, meinten aber, die Leutkircher brauchten gar nichts zu sagen, denn die hätten lange Zeit überhaupt keine Kirchenglocken gehabt und sich damit beholfen, daß der Mesner sich jedesmal unter die Fensteröffnungen des Turmes stellte, zwei Finger in den Mund steckte und einen grellen Pfiff ausstieß. Dann habe er mit den Armen herumgefuchtelt und den Leuten »zugewunken«, daß sie kommen sollen. (Reiser, Sagen vom Algäu.) Der Biberacher Karpfen. In Biberach trat einmal die Riß aus ihren Ufern und überschwemmte die Stadt. Das Wasser drang auch in eine Stube, worin ein Kanarienvogel in einem Käfig hing. Eine Welle schlug das Türlein des Käfigs auf, und der Vogel flog davon. Dafür aber fing sich ein hereingeschwommener Karpfen im Käfig. Als das Wasser wieder zurücktrat und der Mann und die Frau, die sich in ein Nachbarhaus geflüchtet hatten, die Stube betraten, waren sie nicht wenig erstaunt über den sonderbaren Vogel, der im Käfig steckte. Der Mann hielt ihn für einen Ausländer und glaubte darum, er müsse besonders schön singen können. Da aber der Karpfen keinen Laut von sich gab, sondern wie närrisch mit dem Schwanz hin- und herschlug, wollte der Mann ihn beruhigen und zum Singen ermuntern. Er sang und pfiff ihm allerlei schöne Lieder vor, wie sie damals in Schwaben üblich waren. Endlich sperrte der Karpfen das Maul aus und fing an nach Luft zu schnappen; denn der Aufenthalt im Käfig wollte seinen sonstigen Lebensgewohnheiten nicht entsprechen. Der Mann meinte aber, der Vogel wollte jetzt zu singen anfangen. Überglücklich rief er seine Frau herbei und sagte: »Jetzt paß' auf, Frau, wie der fremde Vogel singen kann.« Der Karpfen aber sperrte das Maul weit auf, tat noch einmal einen tiefen Schnapper und   war tot. Der Mann war darüber sehr betrübt und zeigte den toten Vogel seinem Nachbar. Der lachte ihn aus, weil er einen Fisch nicht von einem Vogel unterscheiden konnte. Die Gasse aber, wo das geschah, nennt man in Biberach die Karpfengasse. (Nach Birlinger u. Buck von K. Rommel.) Dutsit. Nach dem blutigen Gefecht bei Biberach, durch das die Österreicher im Jahr 1800 von den Franzosen zum Rückzug gezwungen wurden, richteten die Franzosen draußen vor der Stadt Biberach im Kapuzinerkloster ein Lazarett ein. Der Offizier, der die Aufsicht darüber führte, schickte eines Tages einen Bauern in die Stadt, um sich Sachen holen zu lassen, die er ihm auf einen Zettel geschrieben hatte. Da der Offizier die Gemächlichkeit der schwäbischen Bauern kannte, befahl er ihm Eile und rief ihm noch zweimal nach: tout de suite! tout de suite! d. h. schnell, schnell! Der Bauer kam in die Stadt und in den Laden, wo die Einkäufe zu machen waren, und der Kaufmann legt ihm alles: Zucker, Kaffee, Schreibpapier, Schreibfedern, Tabak, Zopfbänder usw, wohlgeordnet in den Korb. Aber der Bauer will sich nicht zufrieden geben. Mißtrauisch durchmustert er die Gegenstände, immer und immer wieder, bis ihn der Kaufmann endlich fragt, ob denn noch etwas fehle. Da erwidert der Bauer: »Der Herr General schrie mir noch zweimal nach Dutsit, und wenn ich das Dutsit nicht auch bringe, so habe ich nicht mehr das Herz, nach Hause zu gehen.« Der Kaufmann konnte sich des Lachens nicht enthalten. Der Bauer trottete aber eiligst davon, als er vernommen hatte, was das »Dutsit« des Generals zu bedeuten hatte. (Pflug, Erinnerungen eines Schwaben.) Ulmer Geschichten I. Der Ulmer Spatz So ein Spatz kann manches, was wir Menschen noch nicht können. Das muß wahr sein, und die lieben Ulmer haben diese Tatsache schon vor vielen hundert Jahren einmal herausbekommen. Dabei ist es aber so zugegangen. Vor Zeiten, als man in Ulm zu Ehren des lieben Gottes ein Münster bauen wollte, da sandte der Rat der Stadt viele Holzhacker aus. Die mußten hingehen in den Albecker Wald, mußten Eichen fällen und sie zurichten zu Balken, auf daß man baue das Haus des Herrn. Und die Holzhacker gingen hin und taten, was ihnen befohlen war. Eines Tages führten sie dann den ersten Balken zur Stadt hinab. Sie hatten ihn aber quer auf den Wagen geladen, so daß er auf beiden Seiten weit über den Wagen hinaus und in den Weg hinein ragte. So kam das Fuhrwerk an das Tor am Gaisberg, und o weh, hier wollte nun der Wagen nicht durch das Tor gehen, weil der Balken hüben und drüben an die Mauer stieß. Als sich der Fuhrmann gar nimmer zu helfen wußte, da ließ er sein Fuhrwerk stehen, wie es stand, und lief spornstreichs aufs Rathaus, wo zum Glück gerade der Rat versammelt war. Und die Herren stunden alle eilends auf und liefen mit dem Fuhrmann nach dem Tor am Gaisberg. Sie besahen sich die Sachen von vorn und von hinten und von allen Seiten und hatten viel Sorge. Aber sie fanden keinen Rat und keinen Weg, bis endlich einer sagte: »Ich schätz', da ist bald geholfen; der Balken ist eben zu lang, und wir müssen ihn halt absägen.« Da sprach aber Herr v. Besserer, welcher zu dieser Zeit Ulmer Bürgermeister war: »Absägen? Wo denkt Ihr hin? Da würde der Balken ja für das Münster zu kurz.« »Jaso!« gab der andere zu und schlug sich an den Kopf, »an das habe ich nicht gedacht.« Und die anderen Ratsherren sagten: »'s ist währle wahr: da würde er zu kurz.« Und wer nichts sagte, der nickte, also daß man es gleich sah, daß die Ratsherren in diesem Stücke alle einig seien: abgesägt darf der Balken nicht werden. Nachdem sie sich wieder eine Weile besonnen hatten, sagte ein Ratsherr: »Diesmal bleibt uns, meiner Seel, nichts übrig als das Tor zu erweitern.« Auf dies hin nickten wieder alle vom Rat und sagten nichts bis auf einen, welcher meinte: »Wenn wir das Tor erweitern, dann fällt ja der Turm ein!« »Halt!« rief auf dies hin der Bürgermeister, »das darf nicht vorkommen. Da würde die Bürgerschaft nicht übel schelten. Aber ich weiß einen andern Rat. Wir lassen den Torturm einfach durch Maurer abtragen, dann kann er nicht einfallen. Hernach erweitern wir das Tor, und dann fahren wir mit dem Balken in die Stadt hinein, richten ihn auf und bauen das Münster. Holet also fürs erste Maurer herbei!« Und etliche vom Rat gingen, die Maurer zu holen. Indes die andern nun am Gaisbergtor warteten, sah einer von ihnen wehmütig an dem schönen Turm hinauf, der nun abgetragen werden sollte, und bemerkte zufällig unterm Torbogen ein ärmliches, kleines Nest. Und wie er so hinsah, flog ein Spätzlein herzu, das trug einen ellenlangen Strohhalm im Schnabel. Es wollte damit sein kleines Haus bessern. Das Spätzlein trug den Strohhalm aber der Länge nach, nicht der Breite nach durch den Torbogen. Da stupfte der Ratsherr, der alles beobachtet hatte, seinen Nebenmann, und dieser stupfte den seinigen und so fort bis zum Bürgermeister, und alle sahen nun dem Spätzlein zu. »Sapperlot!« rief da auf einmal der Bürgermeister aus und patschte in die Hände; »jetzt hab' ich etwas gelernt. So muß es gehen! Der Nase nach, nicht quer hinein!« Und sie drehten nun eilends den Balken, also daß er hinten zum Wagen hinaussah. Dann riefen sie hist! und wollten gerne sehen, wie es ginge. Die Gäule zogen an, und siehe da, das Fuhrwerk kam glücklich mitsamt dem Balken durchs Tor, und hinterdrein jubelten die Ulmer Ratsherren und sagten: »Das haben wir aber einmal fein fertig gebracht!« Und als sie dann den Maurern begegneten, die eben ans Tor eilen wollten, hießen sie die wieder umkehren. So blieb das Gaisbergtor stehen, und auch der Turm wurde nicht abgetragen. In der nächsten Ratssitzung aber erhob sich der Bürgermeister und hielt zu Ehren des rettenden Vogels eine ergreifende Rede. Und dieweil die Ulmer zu allen Zeiten dankbaren Gemüts waren und noch sind, so ließen sie den Spatzen in Stein aushauen, und hernach stellten sie ihn, den Strohhalm im Schnabel, auf das Münsterdach, wo er noch heute zu sehen ist. Seit der Zeit aber, da die Geschichte mit dem Balken passiert ist, müssen sich die Ulmer »die Spatzen« heißen lassen bis auf den heutigen Tag. (C. Schnerring.) II. Die Ulmer Heringe Zu Kaiser Friedrichs III. Zeiten brachte ein Kaufmann die ersten Heringe nach Ulm. Die lobte er gar sehr, wie sie eine so gute Fastenspeise und gar leicht und ohn' alle Unkosten zu bereiten seien; denn, wenn sie nur das Feuer gesehen hätten, wären sie schon gekocht. Man führte nun die ganze Tonne hinaus aufs Feld, um eine Probe damit zu machen. Der weise Herr Bürgermeister nahm einen Hering heraus und hielt ihn ans Feuer. Aber er entschlüpfte ihm aus der Hand, dieweil er schlüpfrig war. Der Bürgermeister, nicht langsam, greift ins Gras, um ihn zu fassen, erwischt aber einen Frosch und drückt ihn, daß er schreit: »Kwäck! Kwäck!« Der Bürgermeister läßt sich darob nicht aus der Fassung bringen. »Kwäck hin, kwäck her!« sagt er, »du hast das Feuer gesehen« und wischt damit ins Maul. »Von der Zeit pflegt man die Schwaben und besonders die von Ulm mit Frosch' zuo fatzen« (necken). (Aus einer Augsburger Handschrift des 15. Jahrh.) III. Der Ulmer Kuhhirte. Die Ulmer hatten einmal einen Kuhhirten, welcher sein Amt dergestalt lässig und liederlich versah, daß der Stadtrat beschloß, ihn abzusetzen. Während nun dieser Beschluß gefaßt wurde, horchte der Ulmer Kuhhirt an der Türe des Sitzungssaals, und als er nun hörte, was ihm bevorstand, trat er rasch entschlossen vor die Ratsherren und verlangte, um seiner Absetzung zuvorzukommen, einfach seinen Abschied.   Seitdem soll sich die Geschichte im lieben Schwabenland und draußen im Reich schon öfters wiederholt haben, daß ein Beamter abdankt »wie der Ulmer Kuhhirt.« (Nach Meier.) IV. Der Schneider von Ulm In der Donaustadt Ulm lebte vor 100 Jahren der Schneider Ludwig Albrecht Berblinger. Er war ein spintisierender Kopf, der alles andere gerne trieb, nur sein Handwerk nicht. Einstmals konstruierte er einen Flugapparat. Damit gedachte er's den Vögeln gleich zu tun und durch die Luft zu streichen. Und es gelang ihm auch, eine Maschine zuwege zu bringen, welche einen Menschen, zumal einen so federleichten, wie der Schneider einer war, eine Zeitlang in der Luft schwebend halten konnte. Da träumte sich der ehrsame Meister der Nadel schon in allen Höhen, und er lud auch auf den 31. Mai 1811 die Bürger der Stadt Ulm zu einer öffentlichen Schaustellung ein. An der schönen blauen Donau von einem Gerüste aus wollte der Tausendsassa seinen ersten Flug in die Welt tun. Seine Flügel sollten ihn über die Donau und also über alle Schlagbäume und Grenzpfähle hinweg vom Württembergischen ins Bayrische führen. In kurzer Zeit von einem Königreich in ein anderes zu kommen und so die Welt buchstäblich im Flug zu nehmen: mehr konnte man billigerweise von niemand, auch vom ehrsamen Ulmer Schneidermeister Ludwig Albrecht Berblinger nicht erwarten. Darum war die Stadt Ulm, das halbe Bayerland und das Schwäbische an diesem Tag in fieberhafter Aufregung, sollte sich doch die größte Frage des 19. Jahrhunderts entscheiden, die Frage, ob der Mensch auch König der Lüfte werden solle oder nicht. Schon am Vormittag dieses Tages kam das Landvolk aus den benachbarten Dörfern nach Ulm; und auch aus weiter Ferne, aus Günzburg, Donauwörth, Elchingen, Ehingen, Geislingen kamen sie, zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß, und alle wollten den berühmten Schneidermeister Berblinger durch das Luftrevier segeln sehen. Aus Stuttgart aber war König Friedrich gekommen. Auf der Adlerbastei an der Donau war ein Holzturm errichtet worden. Von der Plattform desselben wollte Meister Berblinger den Flug wagen. Schon eine Stunde vor der bestimmten Zeit stand die Volksmenge Kopf an Kopf am jenseitigen Ufer der Donau, von wo aus man die Adlerbastei und den Holzturm vor sich hatte. Um fünf Uhr abends erschien der Held des Tages auf der Plattform des Turmes. Zwei Stadtknechte waren ihm beigegeben, und die halfen ihm nun, als er mit den Armen in die Ringe der Flügel schlüpfte; sie legten ihm die Riemen über Brust und Rücken, und an den Füßen befestigten sie etliche Zugbänder, mittels deren der Meister durch das Anziehen und Strecken der Beine das Heben der Flügel unterstützen konnte. Dann trat Berblinger an die Brüstung des Holzturms. Ein erwartungsvolles, fast banges Schweigen, wie es entscheidungsvollen Stunden eigen zu sein pflegt, trat ein, und die Menge stund mit verhaltenem Atem. »Die Fahne hoch!« rief kühn der Meister Berblinger, nahm einen Anlauf und flog hinaus. Und jetzt hing er im freien Reich der Lüfte, aber nur für die Länge eines Pulsschlags. Tapfer und brav und hastig schlugen die Flügel die Luft; aber dann krachte mit einem Mal etwas, und nun ging die Reise des Schneiders rettungslos nach unten. Im nächsten Augenblick war die Freude der Leute, war der ehrsame Schneider und war die Flugmaschine ins Wasser gefallen, und im wirbelnden Spiel der Donauwellen ging's flußabwärts, bis einige Fischer herzuruderten und den so jäh aus allen Himmeln gefallenen Schneider barmherzig aus dem Wasser zogen. Und dieweil derjenige, der den Schaden hat, für den Spott nie zu sorgen braucht, so haben unverständige Landsleute des Schneiderleins folgenden spottschlechten Vers über ihn verbrochen: »Der Schneider von Ulm hat 's Fliegen probiert, Da hat ihn der Teufel in d' Donau nei g'führt.« Andere aber waren verständiger und bedauerten den Mann, dieweil ihm das Erfinderschicksal so unhold gewesen war. Und König Friedrich ließ dem verunglückten Vogelmenschen aus seiner Privatschatulle zwanzig Friedrichsdor senden, weil dessen Courage die allerhöchste Anerkennung verdiene. Diese königliche Huld konnte freilich dem Meister Berblinger nicht übermittelt werden, da er nach dem Unglückstag aus der Stadt Ulm verschwunden war und lange auch verschollen blieb. Seine Tat aber wird nie vergessen werden. So lange es ein Ulm gibt, wird man ihr gedenken und vom Schneider von Ulm erzählen, der das Fliegen probiert hat. (C. Schnerring.) Herzog Karls Schimmel Herzog Karl von Württemberg ritt einst durch Blaubeuren auf einem schneeweißen Rosse, das allgemeine Bewunderung erregte. Auf seiner Hausstaffel stand auch der ehrsame Färbermeister des Städtchens, hatte sein Käppchen gezogen und blickte andächtig auf den gestrengen Landesherrn. »Was gafft Er mich so an?« rief der Herzog ihm zu; »getraut Er sich wohl, meinen Schimmel schwarz zu färben?«   »Jawohl, Durchlaucht,« entgegnete der Meister, »wenn der Gaul das Sieden verträgt.« (Fr. Hummel.) Des Helden Fläschlein zu Justingen Vor alten Zeiten gab es allerlei Landfahrer und Gauner, die den Leuten auf alle mögliche Weise das Geld aus der Tasche zu holen wußten. Zu dieser Sorte gehörten auch die sogenannten fahrenden Schüler, die sich für Studenten ausgaben und den Leuten weismachten, sie hätten im Venusberg die sieben freien Künste erlernt und vermöchten deshalb mehr als Brot essen. Eines Abends kam zu dem Bauern Held in Justingen auf der Alb auch solch ein fahrender Schüler, grüßte ihn freundlich und bat ihn um eine Nachtherberge. Der Bauer bewilligte sie ihm und führte ihn in die Stube, die so niedrig über dem Erdboden gelegen war, daß man von außen bequem mit der Hand durch's Fenster langen konnte. In der Stube brannte schon der Kienspan, und gleich darauf stellte die Magd die dampfende Schüssel auf den Tisch. Der Bauer lud den Fremden zum Nachtessen ein, und alles setzte sich zu Tische. Wahrend des Essens griff der Schüler in die Tasche, holte eine volle Weinflasche heraus und ließ daraus den Bauern und das Gesinde trinken. Er ermunterte sie auch, nur tüchtig zuzugreifen; denn seiner Kunst sei es ein leichtes, ihnen Wein genug zu verschaffen. Die Leute ließen sich das nicht zweimal sagen, und bald war die Flasche leergetrunken. Der Schüler nahm sie, hielt sie zum Fenster hinaus und stellte sie gleich darauf wieder gefüllt auf den Tisch. Denn draußen vor dem Fenster hatte sich einstweilen sein Geselle eingefunden; der nahm die leere Flasche in Empfang und stellte dafür eine gefüllte auf den Fenstersims. Der Bauer und das Gesinde merkten davon aber nichts, und als der Vorgang sich einigemal wiederholte, waren sie alle voll Staunens über das Wunder. Sie fragten den Schüler, wie es denn zugehe, daß die Flasche sich immer wieder fülle, sa oft er sie vor das Fenster stelle. Der Schüler antwortete: »Liebe Freunde, merket wohl auf, was ich euch sage! Diese Flasche, die ihr hier vor euch sehet, ist die wunderbare Flasche des heiligen Ottmar, die er von Gott durch sein heiliges Leben und anhaltendes Gebet erworben hat. Wer sie besitzt, dem mangelt es nie an köstlichem Wein. Denn so oft sie leer ist und er hält sie hinaus unter das Himmelszelt, so füllt sie sich von neuem, wie der Weinstock sich alle Jahre wieder mit köstlichem Saft füllet.« Der Bauer und sein Gesinde sperrten Maul und Augen auf und bezeigten den sehnlichen Wunsch, auch eine solche Flasche zu besitzen. Der Schüler sagte: »Ich bin nicht abgeneigt, die Flasche zu verkaufen, vorausgesetzt, daß mir ein ordentliches Gebot gemacht wird; denn ich bin des ewigen Weintrinkens satt und brauche das Geld zu nötigeren Dingen.« Der Bauer, ein wohlhabender Mann, war froh, als er das hörte, und fragte den Schüler, was er für seine Flasche wolle. Dieser forderte hundert Gulden. Nach langem Feilschen und Handeln wurden sie endlich einig: der Schüler bekam 20 Gulden in bar; den Rest sollte der Bauer zu gelegentlicher Zeit entrichten. Ehe der Hahn krähte, machte sich am andern Morgen der Schüler auf und davon, um am ausgemachten Ort mit seinem Gesellen zusammenzutreffen und mit ihm die Beute zu teilen. Der Bauer Held aber hatte das Nachsehen. Denn als er beim Mittagessen die Flasche probierte, war sie bald leer, und alles Warten, sie möchte sich wieder füllen, war vergeblich. In seiner Not wandte er sich an die Nachbarn um Rat. Sie lachten ihn aber aus, als sie die Geschichte erfuhren, und so hatte er zum Schaden auch noch den Spott. Wie der schwäbische Poet Bebel (ums Jahr 1500) erzählt, entstand darüber zu Justingen ein Sprichwort. Denn so im Keller ein Fäßlein länger Wein gab, als man angenommen hatte, sagte man: Ich glaub', es ist des Helden Fläschlein.« (Nach Bebel u. Wendunmut [1563] von K. Rommel.) Mundinger Geschichten I. Der Mundinger Kuckuck An einem Maientag kehrte ein Mundinger Bauer heimwärts vom Ehinger Markt. Wie er nun nicht mehr fern von seinem Dorfe ist und durch den Wald geht, hört er zwei Kuckucke, die einander rufen und antworten. Der eine von ihnen rief im Mundinger Gemeindewald, der andere in dem von Kirchen. Der Bauer hörte den Vögeln eine Weile zu, und da deuchte es ihn, als ob's der Kirchener Kuckuck besser könne als der Mundinger. Darüber ärgerte er sich sehr; denn die Mundinger sind auf ihr Dorf stolz und dünken sich mehr zu sein als die von Kirchen und anderen Orten. Um den Nachbarn nicht den Ruhm zu lassen, den besseren Kuckuck zu haben, band der Mundinger sein Roß an einen Baum und stieg in das Geäst, um von dort aus dem Mundinger Kuckuck zu helfen. Eine geraume Zeit saß er dort oben und rief »Kuckuck«, so gut er's eben fertig brachte. Er war in sein Geschäft so vertieft, daß er nicht bemerkte, wie ein Schelm des Weges daherkam, das ledige Roß losband und auf ihm davonritt. Als nun endlich die beiden Kuckucke stillschwiegen, stieg der Bauer von seinem Baume herab. Da war er nicht wenig erstaunt, kein Roß mehr anzutreffen. Er suchte lange hin und her. Als er's aber nirgends fand, blieb ihm keine andere Wahl, als zu Fuß heimzureiten. Doch ging er im Dorf sofort zum Schultheiß, klagte ihm seinen Verlust und bat ihn um Rat und Beistand. Der Schultheiß ließ die Glocke läuten, und als die Gemeinde versammelt war, stellte er ihr mit beweglichen Worten vor, wie ihr Mitbürger in großen Schaden gekommen, weil er dem Mundinger Kuckuck gegen den Kirchener geholfen habe. »Da er durch sein löbliches Tun unser Dorf vor Schand und Spott bewahrt hat, ist es nur billig, daß wir ihm den Schaden ersetzen, den er hiedurch erlitten hat.« Also sprach der Schultheiß, und die Gemeinde stimmte ihm zu. Dem Bauern wurde das gestohlene Pferd ersetzt, und jedermann freute sich, daß der Mundinger Kuckuck im Wettstreit gegen den Kirchener mit Ehren bestanden war. (Nach Bebel u. Wendunmut von K. Rommel.) II. Der Mundinger Krebs Ein Fischer aus Ehingen kam noch eines Abends spät mit seinem Fischkorb über die Mundinger Weide. Als er da in der Dunkelheit über einen Stein stolperte, entfiel ihm, ohne daß er's merkte, ein Krebs. Wie es nun Morgen ward und die Mundinger Buben das Vieh auf die Weide trieben, sahen sie den Krebs. Er krabbelte im Gras umher, bald vorwärts, bald rückwärts; denn er sehnte sich in sein nasses Element zurück. Die Buben wußten aber nicht, was für ein Tier es war; denn sie hatten ihr Lebtag noch keinen Krebs gesehen. Das krabbelnde Ding erschien ihnen so merkwürdig, daß einige in das Dorf liefen und dort viel Aufhebens davon machten. Der Schultheiß ließ Sturm läuten, und alles eilte nun auf den Anger, um das Wundertier zu besehen. Bald umstand ein dichter Kreis von Neugierigen den Krebs. Doch hielten sich alle in respektvoller Entfernung; denn sie fürchteten das Tier, weil es schwarz war, so lange Stacheln hatte und mit seinen seltsamen Füßen hinter sich zu gehen schien. Alles war einig, daß ein solches Geschöpf in ihrem Dorfe noch nie gesehen worden sei.   Nun lebte damals zu Mundingen ein Schneider, der immer das große Wort führte und sich klüger dünkte als die Bauern, dieweil er einige Zeit gewandert war. Den fragten die Bauern um seine Meinung übet das Tier. Der Schneider beguckte den Krebs nochmals vorsichtig von allen Seiten und sagte endlich gewichtig: »Ich habe in fremden Ländern allerlei seltsame Dinge gesehen, aber ein solches noch nie. Doch vermute ich, es möchte, da es so lange Hörner hat, ein junger Hirsch oder, des seltsamen Schwanzes wegen, eine kleine Taube sein.« Das wollten die Bauern aber nicht glauben; sie hielten den Krebs für ein giftiges höllisches Ungeheuer, das großes Unglück über das Dorf bringen könne, und sie beschlossen es zu töten. Da sich aber niemand heranwagte, holten sie Büchsen aus dem Dorf und schossen den Krebs tot. Darauf beugten sie Steine rings um ihn her, so daß ein hoher Wall entstand. »Denn,« sagten sie,   »besser ist besser, und ist das Tier auch tot, so sind wir doch sicherer, wenn es noch hinter einem Steinwall liegt und also gewiß niemand Schaden tun kann.« (Nach Bebel u. Wendunmut von K. Rommel.) III. Die Mundinger Schlange »Do Bua,« sagte eines Tages der Steffesbauer in Mundingen zu seinem Sohn, »bring' de Säu 's Futter!« Der Junge gehorchte und ging in den Hof. Als er jedoch eben im Begriff war, die Türe des Schweinstalles zu öffnen, sah er aus einer Ritze desselben ein mächtig langes gelbes Ding herausbaumeln, das immer hin und her züngelte. Voll Entsetzen ließ er den Kübel mit dem Futter fallen und lief zurück in die Stube. »Herrje, Herrje!« schrie er dem Vater entgegen, »im Saustall ischt a wütig grausa Schlang!« Dem Bauern blieb bei dieser Nachricht ein Rädle von der Wurst, die er eben verzehren wollte, im Halse stecken. Doch faßte er sich bald wieder, nahm eine Heugabel und ein Beil zur Hand und ging auf den Schweinstall los. Richtig, da ringelte sich die Schlange immer noch zur Ritze heraus, größer und giftiger, als er sich's gedacht hatte. Bei diesem Anblick verging dem Bauern der Mut rasch wieder. »Lauf, was du kannst zum Schmied!« rief er seinem Buben zu, »und sag', er soll mit einer großen Zang' kommen.« Der Junge lief, so schnell ihn die Füße trugen, und kam in wenig Minuten mit dem Dorfschmied und zehn bis zwölf Nachbarsleuten zurück. Jetzt ging das Debattieren los; denn keiner wagte sich an die gefährliche Schlange heran. Endlich aber griff doch der Schmied zu seiner langen Zange und packte die Schlange mit einem starken Griff, so daß ihr Hinterteil abgezwickt zur Erde fiel. Im selben Augenblick fing die Sau im Stall drinnen ein gräßliches Geschrei an. Man riß die Türe auf und sah, wie das Tier unter jämmerlichem Grunzen im Ring herum lief und sich vergeblich den blutenden Schwanz zu lecken versuchte. Alle standen da und sperrten Maul und Augen auf; aber niemand sprach ein Wort. »Vater,« sagte endlich der Sohn, »des Ding, des aus dem Stall rausguckt hat, ist glaube der Schwanz von unserer Sau und koi Schlang gwea.« Und so war es auch; doch hören die Mundinger die Geschichte nicht gern. (Aus »Schwabenstreiche«.) Die Geschirrweiber zu Ebingen Graf Ludwig zu Württemberg hielt einst einen großen Tag zu Ebingen. Da waren um ihn versammelt Ritter und Grafen und Herren, unter ihnen auch der Edle Hans von Rechberg, ein lustiger Mann voll Schalkheit und guter Laune. Eines Morgens steht er am Fenster des Rathauses und sieht auf dem Markt zwei Weiber, die Geschirr feil hatten. Unbemerkt schleicht er aus der Versammlung der Ritter hinweg, begibt sich auf den Markt hinunter und kauft den Händlerinnen in aller Stille ihre Häfen und Krüge und Töpfe samt und sonders ab. Er reichte ihnen dann noch ein gutes Trinkgeld und hieß sie, wenn er ihnen von einem Fenster am Rathaus aus ein gewisses Zeichen gebe, all ihr Geschirr in Scherben schlagen. Der Rechberger tritt hierauf rasch wieder in das Rathaus zurück, stellt sich mit andern Herren und Edelleuten an das Fenster, zeigt ihnen die Geschirrweiber auf dem Markt und erklärt spaßhaft, er wette darauf, daß, wenn er wolle, die Weiber da drunten sofort ihr Geschirr zusammenschlagen würden, ohne daß er aus dem Zimmer gehe oder ein Wort rede. Man lachte über die närrische Behauptung. Hans von Rechberg blieb dabei. »Das müßte mit Hexerei zugehen,« meinte der Graf von Württemberg und wettete seinen schönsten Hengst mit dem Rechberger, daß er das nicht vermöchte.   »Es gilt!« rief dieser, und alle blickten gespannt durch das Fenster auf den Markt. Kaum hatte der lustige Ritter das verabredete Zeichen gegeben, so nahmen die beiden Weiber drunten behend einen Knüppel und schlugen ihre Hafen und Krüge alle zu Haufen. Darüber entstand ein schallendes Gelächter im Saal. Alle verwunderten sich, und Graf Ludwig wollte um alle Welt wissen, wie das möglich wäre. »Ich will Euch die Kunst lehren,« lachte der Rechberger, »wenn Ihr mir noch einen Hengst verwilligt.« Der Graf war bereit dazu. Als nun Hans von Rechberg die beiden edlen Rosse zu eigen hatte, erklärte er dem Fürsten den Hergang der Sache. Ludwig ließ selbst die Weiber kommen, die ihm alles bestätigten, was der Ritter gesagt hatte. Also hat der Graf von Württemberg diese feine Kunst gelernt und ist nachher so klug gewesen als zuvor. (Aus der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.) Der Vogt von Kolbingen In dem Dorfe Kolbingen, das über dem Donaustädtchen Mühlheim am Südrand des Heubergs liegt, hatten vor alter Zeit die Herren von Ulm-Werenwag neben anderen Rechten die hohe und niedere Gerichtsbarkeit. Mitten im Ösch stand der dreibeinige Galgen, und es wurde ohne viel Federlesens daran gehenkt, wer sich gegen die strengen Gebote der damaligen Zeit vergangen hatte. Einmal geschah es, daß einer mitten im Sommer, da Gras und Frucht am schönsten standen, gehenkt werden sollte. Die Bauern waren darüber nicht sehr erbaut; denn sie wußten, daß durch die Menge der von allen Seiten zuströmenden Neugierigen ihre Felder so zerstampft und zertreten würden, daß an einen Ertrag nicht mehr zu denken war. Sie wandten sich daher an die Herrschaft mit der Bitte, die Hinrichtung bis auf den Herbst zu verschieben. Die hohe Obrigkeit erwies sich auch einsichtsvoll und ging auf die Bitte ein. Da sie aber die Arrest- und Verpflegungskosten des Delinquenten scheute und nicht in Schaden kommen wollte, beschloß sie, ihn in Freiheit zu setzen, doch mit der Auflage, daß er sich im Herbst wiederum stellen müsse, damit man ihn henken und also der Gerechtigkeit Genüge tun könne. Der Verurteilte versprach dies auch und wurde darauf der Haft entlassen. Als es nun Herbst wurde und die Felder abgeräumt waren, stellte er sich auch richtig wieder ein. Darüber herrschte allgemeine Verwunderung; denn für so redlich hatte man ihn nicht gehalten. Die seltene Ehrlichkeit wurde auch belohnt. Die gnädige Herrschaft erließ ihm die Strafe, und die Bürgerschaft erwählte ihn, da eben die Stelle frei war und »kein Redlicherer weit und breit zu finden sei«, zu ihrem Vogt. (Nach den Blättern des Schwäb. Albvereins von K. R.) Bare Zahlung Ein Bauer aus der Tuttlinger Gegend kommt nach Frankfurt; er will seinen Bruder besuchen, der bei der württembergischen Gesandtschaft am Bundestag ein Dienstlein hat. In seiner Heimat aber war ein Schultheiß, der schrieb sich immer ein Denkzettelein, wenn er in die Oberamtsstadt gehen wollte, und da stand allerlei darauf, was er zu besorgen hatte in der Oberamtei, im Kaufladen usw.; aber jedesmal schrieb er oben auf das Papierle: z'airsta trinka. Und so macht's auch unser Schwabe in Frankfurt. Er geht zuerst in ein Wirtshaus und macht in der großen Stube gleich Bestellung auf Essen und Trinken. Daneben in der kleineren und schöneren Stube essen gerade vielerlei Herren zu Mittag: Alte und Junge, Doktoren und Kaufleute, Beamte und Steindrucker. Die sehen heraus und wundern sich, wie es dem Bauern schmeckt; sie treiben ihr Gespött mit ihm und sagen: Der muß ein Schwabe sein. Beim Nachtisch kommt ein junger Herr heraus; der hat eine Brille auf der Nase und einen schwachen Anflug von einem Schnauzbart, und der stellt gleich allerlei Fragen an ihn: wo er herkomme, und was er hier tun wolle. Der Bauer sagt ihm alles ausführlich und fragt ihn auch, wo sein Bruder wohne   er heiße Gottfried und sei Leibkutscher ... Der junge Fürwitz weiß da keinen Bescheid; er will nur den guten Schwaben zum besten haben und fragt ihn: »Ei, is es wahr, daß die Bauern in Schwaben zehn Tache blind bleiben nach der Geburt? Mein Großvater sachte mir's; er war in Schwaben einmal gar lange im Quartier; is es wirklich wahr, daß sie so lange blind bleiben?« Der Bauer aber hat gleich gemerkt, daß hinter der Brille nicht viel Witz steckt, und daß der junge Herr ein grober Naseweis ist, und sagt ihm frei heraus: »Jo, Herr, 's ist wohr, mer ka's it leugna, zehn Tag und zehn Nächt bleiba bei au's d'Kinder blind; aber wenn-en amol d'Auga aufgauh't, no gucka sie so en Esel, wia do oaner voar mehr stoht, dur und dur.« Der Herr geht jetzt gern wieder und mit einem etwas langen Gesicht an seinen Tisch. Der Bauer aber fragt nach der Zeche, trinkt vollends aus, wickelt sein Restlein Braten in den Brief von seinem Gottfried, setzt den Hut auf und sagt: Adjes, ihr Herra, nix für u'guat! (Nefflens »Vetter aus Schwaben«. A. H.) Die Rottweiler Hasenjagd Ums Jahr 1560 lebten die Rottweiler mit der Witwe des Merz von Staffelberg, die damals Schramberg inne hatte, in großem Unfrieden; denn die Rottweiler beanspruchten das Recht der freien Pirsch in den Waldungen der Herrschaft Schramberg, und die Staffelbergerin wollte das nicht zugeben. Eines Tages wählte der Rat 500 Bürger aus, darunter bei 300 Hakenschützen; die sollten das beanstandete Recht mit Gewalt ausüben. Die Merzin war aber auf der Hut. Sie hatte verschiedene Edelleute gewonnen und ließ den »Schmerschneidern und Sichelschmieden« sagen, daß sie bös mit ihnen umgehen werde, sofern sie außerhalb ihrer Mauern den Schrambergischen Forst betreten würden. Diese Drohung machte »nit ein klein Entsetzen unter dem Haufen, zudem die Zunftmeister in staubigen Hütlein hinter dem Ofen blieben«. Unter den Rottweilern war einer, hieß Heinrich Scherer, »dem war gar nit geheuer bei diesem Abenteuer«. Er hieß sein Weib, bevor er aus dem Hausgang ging, das kleine Kind aus der Wiegen bringen und sprach: »Ach Gott, Weib, laß mich doch das Kind vor sehen, ich sehe es wohl nie mehr!« Und als er's geküßt hatte, zog er mit seinem rostigen Eisenhut davon. Es war ein dunkler, nebeliger Tag. Die Rottweiler waren voll Angst vor den Edelleuten; doch schritten sie rüstig fürbaß und kamen »mit ihrer Zugordnung in den Wald hinein.«   »Do hat einer unter ihnen, genannt der lang Jörg, mit seinem laut klappernden Harnasch zwen Hasen uftrieben. Das hat ein' große Unordnung unter dem Haufen gegeben.« Doch wurden die Hasen glücklich erlegt. Nicht weit von Sulgen sahen die Jäger auf einer Anhöhe etliche Rosse und Rinder weiden. Da überkam sie die Furcht aufs neue; denn sie vermeinten, es seien die Edelleute mit den Schrambergischen Bauern. »Das hat ein heimlichen Lerman unter sie gegeben,« und es wurde beratschlagt, daß es besser sei, bei guter Zeit und mit ganzer Haut wieder heimzuziehen. »Wer Lust zum Fechten habe, der möge mehr Leut' holen, damit man den Kaiben stark genug wäre.« Also sind sie wieder heimgegangen und haben ihren Herren, den Zunftmeistern, die zwei Hasen überliefert, mit Bericht, welch' große Gefahr sie überstanden hätten. »Von solchem Jagen und Weidwerk derer von Rottweil, auch der überstandenen großen Not, haben Spaßvögel ein Lied gemacht. Das bringt die Rottweiler in großen Zorn, insonderheit die Eisenfresser mit den langen Degen, die mit ihrem Harnisch also geklappert und die Herde Vieh so ernstlich erschreckt haben.« Rottweil trieb eine große Klag: Der Merz führt eine scharfe Sprach. Die Bürger wollten Hasen fahn Beim Schramberg, sie ließen's aber gahn, Dieweil sie sahen Roß und Kühe(n) Gar bald sie fingen an zu fliehen Und sprachen: Kommt, laßt uns gehn und Leute holen! Das alte Weib werd uns gestohlen! (Nach der Zimmerschen Chronik von K. Rommel.) Die Rede des Rottweiler Bürgermeisters Im Jahr 1514 kam Graf Rudolf von Sulz nach Rottweil und blieb da etliche Tage. Dem Gast zu Ehren veranstaltete die Stadt ein glänzendes Bankett, zu dem sie auch die beiden Freiherren von Zimmern und eine große Zahl Herren vom Adel einlud. Dabei sollte der Bürgermeister der Stadt, Herr Heinrich Freiburger, eine Rede halten und die edeln Gäste begrüßen. Also stand er vom Tische auf und fing an: »Wohlgeborne, gnädige Herren!«   Von Sulz und von Zimmern, wollte er sagen. Da fiel aber sein Blick auf eine mächtige Platte mit Sulzfischen, die auf der Tafel standen, und er sprach: »Wohlgeborne, gnädige Herren von Sulz und auch Fisch.« Darüber entstand ein allgemeines Gelächter unter den Herren. Und der Bürgermeister lachte selbst am lautesten mit, daß man vermeinen sollte, er habe absichtlich so sagen wollen. Aber die Gäste wußten wohl, »daß solches aus großem Schleck desselben und mit beiwohnender Weinfeuchte geschehen war«. (Aus der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.) Wie ein Rottenburger bayerisch sprach Zu Rottenburg am Neckar lebte der ehrsame Schuhmachermeister Ergenzinger. Der hatte einen Sohn, der seines Vaters Hantierung erlernte, und nachdem er Geselle geworden war, in die Fremde ging. Mit dem Wanderstab in der Hand schritt der Bursche schweren Herzens zu den Toren der alten Neckarstadt hinaus, erstieg das Albgebirge und kam nach Ulm, des Heiligen Römischen Reiches freier Stadt am Donaustrom. Bei einem alten Meister der Zunft fand er Arbeit. Doch da befiel ihn das Heimweh, und er sehnte sich nach Vater und Mutter und nach dem schönen Neckarstrande zurück. Freilich, was wird der Vater sagen, wenn er nach so kurzer Zeit schon wieder heimkehrt? dieser Gedanke machte dem jungen Burschen ein wenig Sorge. Nachdem er's aber 6 Wochen ausgehalten hat, denkt er: »Nur kein Bangen! Habe ich doch in Ulm so herrlich viel gelernt, ganz besonders die schöne bayerische Sprache; wie sollten da Vater und Mutter und die Rottenburger nicht staunen, wenn sie mich hören!« So packte er sein Bündel wieder und kehrte heim in die Vaterstadt. Aber dort angekommen hat er doch nicht den Mut, sogleich vor den Vater zu treten. Also geht er mit seiner schönen bayerischen Sprache erst in ein Wirtshaus in der Vorstadt, wo man ihn wohl kannte. Da fragt er den Hausknecht: »Mein Freund, kennet Ihr nicht einen Handwerksmann von hier, heißt Ergenzinger und ist halt mein Vater. Wollt's mir ihn rufen, daß er herauskomme?« Der Hausknecht mußte lachen über die seltsame Sprache des »Guggele«, ging zu dem Vater des Burschen und sagte ihm, wie sein Sohn gekommen sei und in so kurzer Zeit eine andere Sprache gelernt habe. Der gute alte Ergenzinger war nicht wenig verdrossen über diese Nachricht, nahm schnell einen guten Stecken unter den Arm, zog den Rock an und ging ins Wirtshaus. Wie der Vater in die Stube tritt, findet er den Sohn vor einer Kanne Weins am Tische sitzen. Als er seinen Vater erblickt, bleibt er ruhig sitzen und sagt in seiner bayerischen Sprache: »Seid Ihr's, Ergenzinger? So seid Ihr halt mein Vater! Wie lebt's halt unsre olte Kotzen?« Als Antwort nahm der Alte rasch den Stecken unter dem Rock herfür, und er schlägt den Burschen weidlich über das Hirn und über den Rücken, wohin er nur trifft, und sagt: »Wart', Bürschlein, ich will dich die alte Herberge suchen und deinen Vater kennen lernen!« Solchen Empfangs hatte sich der Sohn nicht versehen; er hatte gedacht, seine bayerische Sprache werde ihm über alles weghelfen. Unter solchen Umständen zog er es vor, Reißaus zu nehmen und bei der Mutter Schutz zu suchen, hinter ihm her lief der Vater mit dem Stecken, und es war sehr ergötzlich zu schauen, wie sie durch die Straßen rannten und in die Pfützen tappten und der Sohn bisweilen einen scharfen Treffer von hinten erwischte, bis er das Elternhaus erreichte. Von der Zeit an ist der junge Ergenzinger sein Lebtag mit seiner bayerischen Sprache geneckt worden. (Nach der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.) Galgenhumor Zu Rottenburg am Neckar war ein Mann zum Tode verurteilt worden. Als er nun zur Richtstätte geführt wurde, lief viel Volk mit. Besonders die Knaben waren voll Neugier, drängten und drückten sich; denn es wollte jeder der vorderste sein, um am besten zusehen zu können. Als das der Verurteilte sah, wandte er sich um und sagte: »Tut gemach, liebe Söhne, und überjaget euch nicht so sehr. Denn wiewohl ich langsam hernachschleiche, so wird doch eher aus diesem Spiel nichts werden, als bis ich auch dabei bin.« (Nach Bebel u. Wendunmut 1563.) Die Mondfanger von Kiebingen Ein Bauer aus Kiebingen sah eines Abends den Mond im Neckar und zeigte es sogleich im Dorfe an, daß man den Mond fangen könne, da er im Neckar liege. Alsbald nahm er ein Netz, und viele Leute zogen mit ihm zum Neckar und sahen ganz still zu, wie er versuchte, den Mond zu fischen und zu fangen. »Aette zieh, du hascht 'n!« rief ein Bub; allein der Mond schlüpfte immer wieder aus dem Netz heraus. Ein andres Mal wollten sie den Mond im Schweinstalle fangen und festhalten; aber sie konnten die Tür nie schnell genug zumachen; und dabei ärgerte sie der Mond noch; denn so oft sie die Tür wieder aufmachten, saß der Mond vor ihrer Nase schon wieder drin, wollte sich aber durchaus nicht einsperren lassen. Weil die Kiebinger aber doch gar zu gern den Mond gehabt hätten, so nahmen sie später noch einmal eine Stange und wollten ihn vom Himmel wie einen Apfel vom Baume herunterstoßen. Allein die Stange war nicht lang genug. »Man muß sie strecken!« sprach einer. Und nun machten sie es so, wie's die Genkinger mit dem Balken getan haben (s. Seite 52). Seitdem heißen die Kiebinger: »Mondfanger und Stangenstrecker.« (Nach Meier.) Der Bauer und die Tübinger Studenten Drei Tübinger Studenten machten miteinander aus, sie wollten einem Bauern im nächsten Dorf etliche Gänse stehlen. In der Nacht kamen sie vor das Bauernhaus und waren dort so laut, daß der Bauer aufwachte und alles hörte, was sie miteinander redeten. Doch getraute er sich nicht aufzustehen, sondern gedachte, sie am anderen Tag vor dem Tübinger Konsistorium zu verklagen. Als nun der eine der Studenten in den Gänsestall griff, um die Gänse zu nehmen, fragte ihn der andere auf lateinisch: Habes? d. h. Hast du sie? Er antwortete: Habeo, d. h. Ja, ich habe sie. Indessen mahnte sie der dritte zur Eile und sagte: Curre cito d. h. Lauf tapfer!   worauf sie sich schleunigst mit den Gänsen entfernten.   Der Bauer hatte die Worte gehört und sie wohl behalten. Als es Morgen wurde, stund er auf, ging in die Stadt auf das Konsistorium und zeigte an, daß ihm nächt drei Studenten etliche Gänse gestohlen hätten. Auch bat er die Herren Doktoren, sie möchten ihm behilflich sein, daß die Studenten ihm die Gänse bezahlten. »Ei, lieber Biedermann«, sagten die Herren, »zeig' uns die drei, die dir den Schaden getan haben, so wollen wir dir zu deinem Gelde verhelfen.«   »Liebe Herren,« antwortete der Bauer, »ich kenne sie nicht, weiß aber wohl, wie sie heißen. Der eine heißt Habes, der andre Habeo und der dritte Kurrezito.« Sprach einer der Herren darüber: Verba sunt, d. h. das sind keine Namen, sondern leere Worte. Antwortet ihm der Bauer: »Nein, nein, es ist nicht des Färbers Hund, sondern es sind drei Studenten, die ich eben genannt habe, und ich bitte euch, liebe Herren, ihr möchtet mir die bösen Buben verschaffen, damit sie mir die Gänse bezahlen.« Da nun die Herren auf dem Konsistorium sahen, was für einen Vogel sie vor sich hatten, gaben sie dem Bauern zur Antwort, er solle einstweilen heimgehen, indessen wollten sie fleißig nach den dreien fragen; wenn sie erkundet wären, wollten sie ihm verschaffen, daß ihm die Gänse bezahlt würden. Der Bauer gab sich mit dieser Antwort zufrieden und zog heimwärts. Ob aber die Doktoren nach den dreien sehr geforscht haben, also daß dem Bauern seine Gänse bezahlt wurden, findet sich nicht geschrieben. (Nach Mich. Lindeners Rastbüchlein [1558] v. K. Rommel.) Hagelloch Bergauf, bergab ritt der Herzog Karl von Württemberg auf der Jagd, und wieder bergauf. Als er oben war, jenseits hinab erblickte er ein Dörflein und fragte zwei Männer, die auf dem Berge standen: »Wie heißt das Dorf da unten?« Da bückten sich die zwei, daß hinter ihnen die Tännlein in großer Gefahr waren, und »Hagelloch« sagte der eine. »Wem gehört's?« fuhr der Herzog fort. Da stieß der zweite den ersten mit dem Ellenbogen in die Rippen, daß ihm der Atem verhielt. »Es gehört Eurer Hochfürstlichen Durchlaucht«, sagte er gleichwohl; »ich bin der Weidgesell.« Als aber der Herzog vorbei war, sagte der andere: »Dumme Kuh, konntest du nicht sagen, es sei hechingisch, wenn er's nicht weiß. Bei dieser Gelegenheit hätten wir das Dörflein können frei machen.« (Hebel, Rheinl. Hausfreund.) Reutlinger Geschichten I. Wie die Reutlinger den Nürnberger Trichter holten Die Nürnberger waren einst die gescheitesten Leute weitum im Heiligen Römischen Reiche deutscher Nation, und besonders ihre Bürgermeister. Das kam aber daher, daß sie einen großen blechernen Trichter hatten, mit welchem jedem Menschen Weisheit eingegossen werden konnte. Diesen Trichter hatte ein Hexenmeister gemacht. Wenn nun ein junger Nürnberger zu Jahren kam, daß er studieren und verständig werden sollte, so wurde der Bader geholt. Dieser machte ein kleines rundes Loch in den Kopf des Jungen, setzte den Trichter an und blies nun alle Weisheit dieser Erde hinein. Wer solchermaßen getrichtert war, dem war für sein Lebtag geholfen. Er machte die gescheitesten Streiche und ließ andere kaum einmal etwas Dummes tun. So bekamen die Nürnberger die allerpfiffigsten und gelehrtesten Bürgermeister im ganzen Reich, und ihre Stadt wurde groß und reich und mächtig. Und als die Nürnberger das merkten, da verbrannten sie den Hexenmeister, damit er nicht auch anderen Städten solche Weisheitstrichter machen könne; ihren Trichter aber hoben sie sorgfältig auf. Nun hatten um jene Zeit auch die Memminger einen neuen Bürgermeister gewählt, und weil sie auch gerne so reich und so berühmt gewesen wären wie die Nürnberger und auch so gescheit, so sandten sie um den Trichter bittweise hin nach Nürnberg, damit sie auch ihren neuen Bürgermeister trichtern könnten. Aber die Nürnberger schüttelten ablehnend die Köpfe und sagten: »Mag euer Bürgermeister so dumm sein, als er will und das Gesetz es erlaubt   unsern Trichter geben wir nicht her.« Dieses gottlose Wort beleidigte nun die Memminger sehr, und sie ließen in ihrer Stadt trompeten und blasen, daß es ein Graus war, und boten allenthalben auf zum Kriegszug wider die Nürnberger. Als den Nürnbergern dies angesagt war, da zeigten sie sich auch nicht faul, sie boten ihre Bürger alle, Schneider und Gießer und andere ehrbare Leute auf auszuziehen und sich der Memminger zu erwehren. Der Nürnberger Bürgermeister aber, ein kluger Mann, dieweil er seiner Zeit getrichtert worden war, kam auf einen guten Gedanken. Er ging ganz in aller Stille hin zu seinem Gevattersmann, der ein ehrsamer Blechschmied war, besprach sich insgeheim mit ihm und führte ihn hehlingen an den Ort, wo der Nürnberger Trichter aufbewahrt wurde. »Einen solchen Trichter mache mir,« sagte er zu seinem Gevatter, »und bis morgen, ehe wir ausziehen, muß er fertig sein.« Und der Gevatter Blechschmied machte einen blechernen Trichter, wie der echte Nürnberger einer war. Und nun zogen die Nürnberger wider die Memminger aus. Bald stunden sich beide Parteien auf dem Lechfeld gegenüber, nicht weit von Ingolstadt. Als nun die Memminger die Nürnberger sahen, da machten sie Halt, und als die Nürnberger die Memminger sahen, da machten sie auch Halt. Und nun sandte der Hauptmann der Nürnberger zum Hauptmann der Memminger und ließ ihm sagen: »Komm' doch ein wenig herüber zu uns zu freundlichem Zwiegespräch: denn eh' daß Blut fließt, soll nach altem Kriegsgebrauch beim fröhlichen Mahl ein guter Trunk fließen.« Des ließ sich der Memminger nicht zweimal bitten und ging hinüber ins Nürnberger Lager. Und wie nun die beiden Hauptleute beisammen waren, gab der Nürnberger dem Memminger insgeheim den falschen Trichter, den der Gevatter Blechschmied gemacht hatte. Da frohlockten die Memminger, brachen die Zelte ab und zogen heim. Die Nürnberger aber, die nicht wußten, warum und wieso, sahen ihnen betrübt nach; denn sie hatten sich schon so sehr auf eine große Schlacht gefreut. In Memmingen aber wurde nun der Bürgermeister auch getrichtert, blieb jedoch so dumm als wie zuvor, dieweil es ja der falsche Trichter gewesen war. Die Memminger aber meinten, der Trichter habe geholfen, und sie hielten nun ihren Bürgermeister für sehr gescheit. Sie sagten es auch überall herum. Als nun die Reutlinger hörten, daß der Memminger Bürgermeister schier so gescheit sei wie der Nürnberger, da ließ es ihnen keine Ruhe mehr. Sie dingten ganz heimlich etliche schlaue Schlingel aus Tübingen, dieweil es in Reutlingen selber keine gab, und die sandten sie hin nach Memmingen. Sie kamen auch bald wieder zurück und brachten als Beute den Memminger Trichter mit. Das war ein Jubel in Reutlingen! Es wurde mit allen Glocken geläutet, und man hätte gerne ein Dankfest abgehalten, wenn der Herr Stadtpfarrer mitgetan hätte; doch der litt es nicht von wegen des Diebstahls. Am andern Tag aber trichterte man dann den Bürgermeister feierlich auf dem Rathaus. Und alsobald zeigte sich die wunderbare Wirkung des Trichters; denn der getrichterte Bürgermeister wurde gleich so gescheit, daß er herging und rings um die Stadt Reutlingen Weinberge pflanzte. Die Reutlinger merkten es nicht, daß sie einen falschen Trichter hatten. Wenn aber fremde Leute den Reutlinger Wein versuchen, so merken sie es gleich, daß die Nürnberger damals ihren echten Trichter behalten haben, und wer nach Nürnberg kommt, merkt es erst recht; denn noch heutzutage sind die Bürgermeister von Nürnberg pfiffiger als alle anderen nördlich und südlich vom Main. (C. Schnerring-Crailsheim. Aus dem Nürnberger Kreisarchiv.) II. Ein Kaiserbesuch in Reutlingen (Auch von Tuttlingen, Überlingen und Bopfingen erzählt.) Als Kaiser Friedrich III. (1440 1493) einst durch Schwaben reiste, wollte er mit seinem Gefolge in der Reichsstadt Reutlingen übernachten. Aber die Reutlinger waren über den Besuch nicht sehr erfreut; denn sie fürchteten die großen Kosten und auch, daß der Kaiser, der oft in Geldverlegenheit war, sie anpumpen möchte. Daher sandten sie ihm den Bürgermeister und etliche vom Rat entgegen, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Die Reutlinger Gesandtschaft erwies Kaiserlicher Majestät alle Ehr' und Reverenz und stellte ihr vor, daß Reutlingen gar klein und von schlechten, unzierlichen Häusern gebaut und daher unvermögend sei, den Kaiser und sein großes Gefolge nach Gebühr zu bewirten. Der Kaiser wurde jedoch von dieser Bitte nicht angefochten, sondern ritt fürbaß Reutlingen zu. Wie er nun in das Städtlein kam, fand er das Pflaster versunken und die Straße derart mit Schmutz bedeckt, daß die Pferde bis an die Knie darin waten mußten. Da lachte der Kaiser und sagte zu seinen Dienern: »Die Reutlinger sind doch fromme und treue Leute! Sie wollten uns nicht in ihre Stadt lassen; denn sie waren besorgt, wir könnten in den tiefen Gassen im Dreck ersaufen.« (Nach Kirchhofs Wendunmut [1563] von K. Rommel.) III. Wie sich die Reutlinger Stadtgarde zu helfen wußte Als im Mai 1847 Kronprinz Karl von Württemberg mit seiner Gemahlin Olga die »gute« Stadt Reutlingen besuchte, wollte auch die Reutlinger Stadtgarde den hohen Herrschaften ihre Aufwartung machen. Diese Stadtgarde bestand aus lauter ehrsamen Bürgern, die, angetan mit laubgrünen Uniformen und ausgerüstet mit alten Musketen, bei festlichen Gelegenheiten als Paradetruppe auszurücken pflegte. Die Reutlinger hatten einen großen Stolz auf dieses Korps, und der Kommandant desselben dünkte sich nicht weniger zu sein als ein General. Leider war aber die Schar nur klein, und der brave Kommandant dachte hin und her, wie er sein Heer vergrößern könnte, um bei einer solchen Feierlichkeit, wie sie der Besuch des kronprinzlichen Paares nun einmal war, mit Ehren bestehen zu können. Ein kluger Mann findet immer Rat, und unser Kommandant war ein kluger Mann. Als der festliche Tag kam, führte er seine kleine Armee zum unteren Tor, wo eine prächtige Ehrenpforte errichtet war, und wo die Spitzen der Behörden das hohe Paar begrüßen sollten. Hier am Ehrenbogen stellte der Kommandant seine Stadtgardisten in schnurgeraden Reihen auf. Und als bald darauf die Böller krachten, die Glocken läuteten und die Stadtmusik anfing zu blasen: Heil dir im Siegerkranz! da zog der Kommandant seinen langen Säbel und kommandierte mit schallender Stimme: »Präsentiert das Gewehr!« Und als der Kronprinz und die Kronprinzessin durchs Tor fuhren, stand die Bürgergarde stolz und stramm da wie eine Mauer, so daß der Kronprinz seine helle Freude an ihr hatte und dem Kommandanten und den Mannen freundlich zuwinkte. Großer Stolz schwellte da die Herzen der braven Gardisten. Kaum hatten die königlichen Wagen den letzten Mann passiert und waren eingebogen in die mit Blumen und Fahnen geschmückte Wilhelmstraße, wo eine jubelnde Menge Kopf an Kopf stand, so sagte der Kommandant zu seinen Leuten: »Auf, liebe Freunde, wir wollen unserem guten Kronprinzen am oberen Tor auch Spalier bilden, damit er vor uns Reutlingern Respekt bekommt!« Und nun ging's marsch, marsch! hinter der Stadt den Hundsgraben hinauf zum oberen Tor, daß die Tschakos und die Bäuche der guten Stadtgardisten wackelten und der Schweiß aus allen Poren floß. Keuchend, aber noch zu rechter Zeit langten sie am oberen Tor an. Und als die Wagen kamen, war die Stadtgarde schon wieder in Reihen gerichtet und präsentierte das Gewehr so gut, wie sie's am untern Tor getan hatte. Der Kronprinz war über die stattliche Militärmacht Reutlingens nicht wenig erstaunt. Er bot mit Lächeln dem wackeren Kommandanten die Hand aus dem Wagen und soll sich auch nachher noch dem Stadtschultheißen gegenüber voll Rühmens über die Bürgergarde der guten Stadt Reutlingen geäußert haben. (Nach K. Bames' Chronika von K. Rommel.) IV. Vom Reutlinger Wein Über den Reutlinger Wein ist schon oft und viel gespottet worden, obgleich er nicht zu den schlechtesten Marken unseres Landes gehört. Schon die Römer müssen ihn nicht ungern getrunken haben; denn eine alte Sage erzählt, daß der Kaiser Probus an der Achalm bei Reutlingen habe Weinberge anlegen lassen. Auch die Tübinger Pfalzgrafen hatten Weingärten an der Achalm, woher es kommt, daß heute noch die sonnigste Halde an diesem Berg »der Pfalzgraf« genannt wird. Die Weine aus diesen Lagen sind noch immer gut. Als man aber anfing, auch in geringeren Lagen Reben zu pflanzen und dabei mehr auf reichtragende als auf gute Sorten sah, kam der Reutlinger Wein in Verruf. In schlechten Jahrgängen wurde ein Wein erzeugt, der wegen seiner Säure kaum genießbar war. Diese geringen Weine gaben den Anlaß zu den Neckereien, von denen, da sie nicht ohne Humor sind, nachfolgende wiedergegeben werden sollen. Sie werden zum Teil auch von anderen Weinorten erzählt. 1. Die Reutlinger Trauben sind zum Versenden besonders geeignet, da es ohne Gefahr des Zerdrückens in Säcken geschehen kann. Einst fiel mitten in der Stadt ein solcher Traubensack von einem Frachtfuhrwagen herab, und das Rad ging über ihn weg. Erschrocken hob ihn der Fuhrmann wieder auf, rief aber, als er ihn genau besichtigt hatte, frohlockend aus: »Gottlob, koi Beerle ist verdruckt!« 2. Im Jahr 1843 geriet der Wein besonders schlecht. Die Trauben blieben so hart, daß man daran zweifelte, ob sie auf die gewöhnliche Weise zertreten werden könnten. Man wußte nicht, was tun. Da kam Hilfe in der Not. Während der Traubenlese nämlich kam nach Reutlingen der große Elefant, der damals auch sonst im Schwabenland gezeigt wurde. Sofort beschloß man, sich seiner Hilfe zu bedienen. Man mietete ihn auf vier Wochen, erbaute eine große Bütte, in der er sich im Ring drehen konnte, und stellte ihn hinein. Als nun die Trauben in die Bütte geschüttet wurden und der Elefant sich im Ring drehte, soll der Wein in Strömen geflossen sein. Der Wein bekam den Namen »Elefantenwein«. 3. Auf einer Halde am nördlichen Abhang der Achalm   sie soll die Essighalde genannt werden   wächst der Dreimännerwein. Er hat seinen Namen daher, daß man ihn nicht allein trinken kann. Da er aber doch getrunken werden muß, so tun sich immer drei Männer zusammen, gehen miteinander zu dem Weingärtner, der ihn schenkt, und machen sich hier an die Arbeit. Einer um den andern greift zum Glase, und während er trinkt, müssen ihn die beiden anderen halten, da ihn sonst der Wein krumm ziehen würde. 4. Damit in geringeren Jahrgängen dieser Wein keinen Schaden anrichtet, wird um Mitternacht eine besondere Glocke angezogen. Da müssen dann die Weiber ihren Männern einen Rippenstoß geben, daß sie sich auf die andere Seite legen; denn sonst würde ihnen der neue Wein den Magen durchfressen. 5. Nicht lang nach Beendigung seines türkischen Feldzuges machte Prinz Eugen, der Sieger von Belgrad, eine Reise durch Süddeutschland. Bei dieser Gelegenheit soll er auch durch Reutlingen gekommen sein. Bürgermeister und Rat zogen ihm feierlich entgegen, um seine glorreichen Verdienste zu ehren, und boten ihm einen silbernen Becher voll Weins zum Willkomm dar. Prinz Eugen nahm einen guten Schluck davon, machte aber ein saures Gesicht, als er ihn zurückgab. Die Ratsherren wollten den Becher wieder füllen; er aber sagte: »Lieber will ich Belgrad noch einmal erobern, als einen zweiten Becher von diesem Wein austrinken!« (Nach H. Kurz u. a. von R.) Die Genkinger Balkenstrecker. Zu Genkingen auf der Alb stand einst inmitten des Dorfes eine große Linde. Bei ihr versammelten sich am Sonntag oder am Abend, wenn die Geschäfte vollbracht waren, die Leute, um Rat zu halten oder zu plaudern. Unter der Linde lag auf Steinen ein dicker Balken, der ihnen als Bank diente. An einem Sonntagabend war der Balken eng mit Leuten besetzt. Da kam noch der Schultheiß, und obwohl die Leute enger zusammenrückten, so wollte es für ihn doch nicht mehr zum Sitzen reichen. Weggehen und dem Schultheiß Platz machen wollte aber niemand. Nachdem man sich lange hin- und herberaten hatte, was in diesem schwierigen Fall zu tun sei, kam endlich einer auf den Einfall, den Balken zu strecken. Gesagt, getan! Die beiden stärksten Burschen faßten den Balken an den Enden und fingen an, aus Leibeskräften zu ziehen. Dabei geschah es, daß einem der Balken plötzlich aus den Händen glitt. Der andere, vermeinend der Balken gebe nach, lief mit ihm davon und schrie: »'s goht! 's goht!« Die Genkinger erhielten von dieser Geschichte den Namen »Balkenstrecker«. (Ähnliches wird von Kiebingen, Bildechingen, Biberach bei Heilbronn u. a. Orten erzählt.) (Mündlich von K. Rommel.) Über den Umgang mit Herren. Ein schwäbischer Bauer sollte zum gestrengen Herrn, dem Amtmann, gehen, vor dem er noch nie gestanden war. Im Wirtshaus, wo er eingekehrt, um ein Gläschen Kurasche zu trinken, erzählte er dem Wirt, was er vorhabe, und daß es ihm bang sei, indem er nicht wisse, wie er mit dem gestrengen Herrn zu Wort kommen könne. Da sagte der Wirt: »Laß dir drum kein graues Haar wachsen. Mach's du nur, wie das Männlein von Desingen.« Der Bauer sagte, das wisse er nicht, er solle es ihm erzählen. »Recht gern,« sagte der Wirt, und erzählte, wie folgt: »Das Männle von Desingen lag im Sterben. Er hatte aber dabei keine andere Not, als wie er, wenn er nun in den Himmel käme, an unsern Herrgott das Wort richten sollte. Das vertraute er nun seinem Weib an. Diese sprach: Was braucht's da viel Bedenken? Sag du nur: Grüß Gott, Herr! dann gibt ein Wort das andere. Das ging dem Männle von Desingen ein, und er meinte, nun ruhig sterben zu können.«   Als der Bauer wieder später aus dem Amthaus gekommen, fragte ihn der Wirt, ob er seinen Rat befolgt und gut befunden habe. »Jawohl,« antwortete der Bauer. »Ich habe zum Herrn gesagt: Grüß Gott, Herr! und der Herr hat dann zu mir gesagt: Was willst, Lump? Und so hat denn ein Wort das andere gegeben.« (L. Aurbacher, Volksbüchlein I.) Der Uracher Fischdieb Graf Ulrich von Württemberg (1419 1480) hielt häufig Hof zu Urach. Da pflegte er gern vor dem Tore seines Schlosses zu sitzen und die Vorübergehenden anzureden. Eines Tages sieht er einen Menschen aus dem Schlosse kommen; der hatte einen Fisch gestohlen und hielt ihn unter dem Kleid verborgen. Damals trug man kurze Mäntel, und so hing ihm der Fisch unter dem Mantel hervor. Schon war der Mann am Grafen vorbeigegangen, da ruft ihn dieser zurück. Hoch erschrocken tritt er vor den Fürsten, nicht anders glaubend, als seine Missetat werde nun bestraft. Aber der Graf, gütig, wie er war, sagte nichts weiter als: »Wenn du wieder einen Fisch stehlen willst, so ziehe einen längeren Mantel an oder   stiehl einen kürzeren Fisch.« (Nach der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.) Der Pfarrer von Seeburg Zu Seeburg bei Urach war einst ein Pfarrer, ein origineller Mann, aber ein herzlich schlechter Prediger. Er wußte das auch und meinte, er müsse seinen Predigten, was ihnen an Güte abging, an Länge zusetzen. So kam es, daß unter seiner Rede die Zuhörer gar oft vom Schlaf übermannt wurden und einnickten. Den Pfarrer ärgerte das sehr; aber er wollte es nicht merken lassen. An einem Sonntagmorgen im Sommer, da über der langweiligen Predigt des Pfarrers und der Sommerschwüle ein großer Teil der Gemeinde wieder den Schlaf der Gerechten schlief, sagte der Pfarrer auf einmal mitten unter der Predigt das erlösende »Amen«. Wer noch wach war, stand auf, und weil das Aufstehen ein Geräusch macht, so wurden die Schläfer geweckt und standen auch auf. Da lächelte der Pfarrer auf seiner Kanzel gar pfiffig und sagte: »Ätsch gäbele! Desmal hab' i euch kriegt! 's ist no net aus; sitzet no wieder hin!«   Enttäuscht ließ sich die Gemeinde nieder, und der Pfarrer setzte die Predigt wieder fort, wo er sie unterbrochen hatte, bis es endlich Zeit war aufzuhören. (Nach Fr. Vogt, Schwäb. Alb, von K. Rommel.) Die Schulzenwahl in Feldstetten Der Schulze von Feldstetten hatte altershalber sein Amt niedergelegt. Ein neuer war zu wählen. Ein schwieriger Fall! Einer von auswärts konnte nie und nimmer der »Haichst im Flecka« werden; dazu waren die Feldstetter zu stolz. Nur ein einheimischer Bürger konnte in Betracht kommen. Aber wer? fragten sich die Mannen. Natürlich der, der den größten Geldsack hat. »Und der bin ich,« dachte jeder im stillen.   »Oder wer am meisten Grütz' im Kopf hat.« »Das bin wiederum ich und kein anderer!« Und sich selber kann man doch nicht wohl wählen. So kam der entscheidende Tag heran. Mann für Mann im Bewußtsein der Würde, die das Wahlrecht dem Bürger verleiht, schritt zur Abstimmung auf das Rathaus, um vielleicht selbst als Schultheiß gewählt zu werden. Denn, wie gesagt, jeder hätte am liebsten sich selbst gewählt. Vor dem Wahlzimmer stand der Dorfbüttel mit den leeren Stimmzetteln, um jedem der Wähler einen solchen einzuhändigen. »Ja, wen soll ich halt uf den Zettel schreiben?« fragte der erste, der zur Wahl erschien, »was meinst, Hansjörg?« »Ei,« erwiderte schlau lächelnd der rotbärtige Büttel, wenn dir kein Name einfällt, so schreib halt den meinigen drauf   zum Spaß! Auf eine Stimme kommt's ja nicht an.«   »Hast recht,« meinte der Mann, »'s ist nur um den Spaß!« Und er schrieb den Namen des Büttels auf den Zettel und legte ihn in die Wahlurne. So der erste, der zweite, so der dritte und so fort, wie die Feldstettener Bürger einzeln zur Wahl herangeschritten kamen. »'s ist nur um den Spaß!«   Richtig, als man am Abend die Wahlurne öffnete und die Stimmen zählte, da gab es einen Spaß und keinen kleinen: zum »Haichsten im Flecken« war der Büttel einstimmig gewählt worden. Und so ist's gekommen, daß in Feldstetten der Dorfschütz »aus Spaß« auf den Schultheißensessel zu sitzen kam. (Nach mündlichem Bericht von Fr. H.) Der neue Dorfschultheiß In einem Dorfe, nicht weit von Münsingen entfernt, wurde ein Bauer zum Schultheißen über neun Bauern erwählet. Da er nun nicht lange darauf, um zu baden, ins Städtlein ging, traf er dort einen andern Bauern, mit dem er einst in der Jugend die Pferde auf der Weide gehütet hatte. Der Bauer wünschte dem Schultheißen Glück zum neuen Amt. Leutselig dankte er ihm und sagte: »Nicht wahr, alter Freund, wer hätte gedacht, da wir noch auf der Weide beisammen waren, daß aus mir einmal ein solcher Mann werden würde? Aber ich überhebe mich des nicht und ist mit mir so gut reden wie mit einem anderen.« (Nach Heinrich Bebel, Spässe [1512], von K. Rommel.) Das schwere Wort Ein Schultheiß von der Alb hatte dem Oberamt über die Fruchtbarkeit des Jahres zu berichten. Er schrieb, es habe in diesem Jahre wenig Nüsse gegeben, da die Nußbäume durch den kalten Winter sehr gelitten hätten. Als der Schultheiß bald darauf in die Oberamtsstadt zur Amtsversammlung kam, fragte ihn der Oberamtmann: »Ei, Herr Schultheiß, in Ihrem Bericht hat sich ein kleiner Anstand ergeben. Sie schreiben, die Nüsse seien dieses Jahr erfroren, und soviel ich weiß, gibt es ja in Ihrem Ort gar keinen Nußbaum.« »Wohl, wohl,« sagte der Schultheiß, »es sind auch keine Nußbäume sondern Zwetschgenbäume; aber der Teufel schreib' ›Zwetschgen‹.« (Aus »Schwabenstreiche«.) Der listige Schmied von Grötzingen Einst wurde das Städtlein Grötzingen bei Nürtingen belagert. Die Einwohner kamen in große Not. Niemand wußte Rat, wie man den Feind vertreiben könnte. Da hatten die Bürger aber einen Schmied unter sich, einen ganz findigen und mutigen Kameraden. Der machte den Vorschlag, man solle die alten Brunnendeichel zu den Maueröffnungen hinausschieben, damit der Feind meine, es seien Kanonenläufe. Man tat es, und der Feind kam in großen Schrecken; aber abziehen wollte er noch nicht. Da befahl der Schmied, den man unterdessen im Städtchen zum Oberbefehlshaber ernannt hatte, es solle jeder Bürger seinen Wagen einspannen und an die Räder Ketten, Pfannen, Deckel, Blechhäfen und andere Lärmgeräte hängen. Als es nun Nacht war, fuhren die Grötzinger mit ihren Wägen im schnellsten Galopp durch die gepflasterten Gassen des Städtchens. Das gab einen solchen Höllenspektakel, daß die Feinde glaubten, der leibhaftige Beelzebub sitze ihnen schon im Nacken. Angsterfüllt zogen die Belagerer ab. Dem Schmied zu Ehren aber wurde ein Freudenfest gefeiert. (Kohler-Häslach.) Der Stuttgarter Poet auf dem Krebsstein Wer das Lenninger Tal, das Kirschengäu, kennt, der weiß, daß am Anfang oder am Ende desselben Gutenberg liegt. Wen schon die Kirschenblüte in den ersten Maitagen dahin gelockt hat, der weiß auch, wie hoch über dem Dorfe der Krebsstein steht und daß man gerne nach erhaltener Stärkung im Gutenberger Wirtshaus diesen Felsen ersteigt, wo man vieles überschauen könnt', wenn das Tal nicht so krumm wäre. Man guckt dann um so lieber das Nahe an. So etwas weiß uns ein junger Dichter aus Stuttgart zu rühmen, der einst am ersten Maitage in munterer Gesellschaft das Gäu durchwandert, in Gutenberg sich eine erkleckliche Erfrischung beigebracht und dann voll Begeisterung, voll Dichterlust den Krebsstein erstiegen hatte. Er kann aber auch noch von den Leuten auf dem Krebsstein (denn man trifft dort einen kleinen Weiler, der auch von Menschen bewohnt ist) erzählen, daß sie nicht auf den Kopf gefallen sind und überhaupt Red' und Antwort zu geben verstehen, wie es ein junger Dichter am ersten Maimorgen brauchen kann. Als er am ersten Hause von Krebsstein angelangt war, begegnete ihm ein hübsches Bauernmädchen, das ein Liedchen vor sich hinträllerte. Er ist voll Begierde nach einem rohen poetischen Stoffe und redet sie süß freundlich an: »Schönes Kind, gibt's hier auch Sagen ? nicht wahr, hier gibt es Sagen?« Das Mädchen, ganz der sichtbaren Gegenwart angehörend, faßt die Frage unseres gierigen Dichters recht praktisch auf und erwidert ohne langes Besinnen und Stottern: »Noa, vo deane woaßt mer bei uns nex; aber gang der Herr nu um däs Eck do num, do geits nuibachene Wecka.« (Aus Nefflens Schwäbischer Feierabend, herausgegeben von A. Holder.) Gansloser Streiche In einem Seitental der Fils zwischen Albbergen liegt das gute Dorf Ganslosen. Man erzählt sich von ihm wunderliche Geschichten, wie sie heutzutage nicht mehr passieren, und daher kommt es, daß man in Württemberg jeden dummen Streich einen Gansloser Streich nennt. Von den Ganslosern will man unter vielen anderen insbesondere folgende Geschichten wissen: I. Der Storch Auf den Wiesen zu Ganslosen hielt sich vor Jahren ein Storch auf. Den bewunderten und verehrten die Bewohner des Dorfes so sehr, daß sie alljährlich ihm zu Ehren ein großes Fest feierten. Es wurde ein Umzug mit Kirchgang gehalten und dabei folgendes Lied gesungen: Heut' feiern wir das große Tier, Das auf unsern Wiesen geht; Es hat ein schwarz-weiß Wammes an Und einen Schnabel wie a Gans.           Hallelujah! Indes wurde der Storch den Ganslosern doch bald zu lästig, weil er ihnen so viel schönes Gras verwatete. Sie hielten daher einen Rat, wie man das Tier am besten von den Wiesen entfernen könnte, und nach langem Hin- und Herreden wurde beschlossen, daß der Gemeindebüttel ihn wegjagen solle. Damit aber nicht auch der Büttel das schöne Gras zertrete, und um zugleich Zeugen für die Ausführung des Ratsbeschlusses zu haben, sollten vier Gemeinderäte den Büttel auf einer Bahre in die Wiesen hinaustragen. Und so geschah es. Der Storch ließ die Gansloser Abordnung ganz nahe zu sich herankommen, sah sie verwundert an und flog darauf davon. »Gucket au,« rief der Büttel, wie höflich das Tierle ischt! hent iahr et gsea, was er für e tiefe Verbeugung vor em Gmeindsrot gmacht hat, eb er dervogfloge ischt?« II. Die Sonnenuhr Als die Gansloser ihre Kirche bauten, brachte man auch eine Sonnenuhr an der Seite des Turmes an. Der Maler hatte das Ziffernblatt mit wunderschönen Farben auf die weißgegipste Wand gemalt, und jedermann freute sich über die schöne und praktische Uhr. Nur der Schultes machte ein bedenkliches Gesicht und bemerkte besorgt, der Regen werde die schönen Farben bald abwaschen. Er erteile daher den Rat, man möge ein schützendes Bretterdach über die Sonnenuhr machen. Das geschah denn auch, und jedermann bewunderte die Weisheit des Schulzen. III. Der Brunnen Einst hatten die Gansloser einen Gemeindebrunnen graben lassen. Nun hätten sie gar zu gerne gewußt, wie viel Mannslängen tief der Brunnen wäre. Der Schultheiß wußte Rat. Er legte quer über das Brunnenloch eine starke Stange, hängte sich daran und befahl, daß sich nun an seine Füße ein Gemeinderat hängen solle, an dessen Füße wieder einer und so fort, bis man endlich auf den Boden des Brunnens komme. Als nun so ihrer fünf oder sechs Gemeinderäte an den Füßen des Schulzen hingen, wollte diesem die Last doch etwas zu schwer werden, und die Finger begannen an der glatten Stange abzurutschen. Da befahl er: »Haltet fest, ihr da hunten! I mueß amol in d'Händ spucka.« Tat's und   plumps! lagen Schulze und Gemeinderäte drunten im Brunnen. IV. Das Feuerroß Die Gansloser waren von jeher brave Leute und stets bereit, wenn's not tat, andern mit Rat und Tat beizuspringen. Brach irgendwo in einem Nachbarort ein Brand aus, so eilten sie, so rasch es eben gehen wollte, mit Spritze und Feuereimern zu Hilfe. Und wenn es gerade lichter Tag war und nicht irgendein Bürger von Ganslosen ein Rad von der Feuerspritze herausgenommen hatte, um ein zerbrochenes Rad am Mistwagen damit zu ersetzen, so kam der Schulze mit seiner Mannschaft auch meist noch eben recht auf dem Platz an, ehe der Brand von andern gelöscht war. War es aber Nacht, so ging es den Ganslosern mitunter recht fatal. Man konnte nie so recht sehen, in welchem Ort es eigentlich brenne, und einmal hatte man zu spät bemerkt, daß der Feuerschein, auf den man zugefahren war, vom aufgehenden Mond herrührte. Um solchen Irrungen vorzubeugen, hatte nun der Gemeinderat beschlossen, wenn eine Brandröte am Himmel aufsteige, den Büttel als Boten auszusenden. Der mußte genau nachsehen, wo es brenne, und alsdann die Gansloser Feuerwehr holen und an die Brandstätte führen. Nun kann man sich wohl denken, daß auf diese Weise viel Zeit verloren ging, zumal der Büttel schon ein älterer Mann war. Und in der Tat kam nun die Löschmannschaft von Ganslosen immer erst dann auf dem Brandplatz an, wenn's nichts mehr zu löschen gab. Da beschloß nun der weise Rat von Ganslosen, statt des zu Fuß gehenden Boten einen Reiter auf Kundschaft nach dem Feuer auszuschicken. Gesagt, getan. Als man wieder einmal eine Brandröte am Nachthimmel aufsteigen sah, wurde rasch das Feuerroß vorgeführt. Da war aber keiner, der sich getraut hätte, in die stockfinstere Nacht hinauszureiten. Man konnte ja nicht wissen, ob man mit dem Pferd in einen Graben stürzte oder auf einen Baum stieß oder über einen Stein fiel. Doch der Schulze und sein Gemeinderat wußten auch in diesem Falle Rat. Sie beschlossen: »Wenn es wieder einmal bei Nacht brennt, so muß dem Feuerreiter stets der Büttel mit der Laterne vorangehen und den Weg erleuchten.« V. Der Farre Der Kirchturm von Ganslosen hatte in etwas mehr als halber Höhe ein schmales Gesims. Zwischen den Steinfugen dieses Gesimses wucherten üppige Grasbüschel. Keine Frage, das schöne Gras, das da oben am Turme wuchs, war Gemeindeeigentum; aber niemand wußte zu sagen, wie man das Gras pflücken könnte. Jedoch auch in diesem Falle wußte der Schulze das Richtige zu treffen. Er befahl, den Gemeindefarren herbeizuführen und an einem Seil am Turme hinaufzuziehen, damit er das Gras abfresse. Es geschah so. Man legte dem Tier eine Schlinge um den Hals und zog es in die Höhe. Kaum schwebte der Farre frei am Seil, so streckte er die Zunge aus dem Maul heraus. »Gucket,« schrieen die Zuschauer, »er schleckt scho mit der Zong dernoch.« Als aber der Farre beim Gras ankam, war er in der Schlinge erstickt. VI. Das Eselsei. Die Einwohner von Ganslosen hatten einen ziemlich weiten Weg in die Mühle, und es war ihnen oft recht unbequem, kleinere Mengen von Getreide oder Mehl, deretwegen sie nicht gerade einen Wagen nehmen wollten, tragen zu müssen. So beschloß endlich der hochweise Rat von Ganslosen, von Gemeinde wegen einen Esel zu kaufen, der das Geschäft des Säcketragens besorgen sollte. Der Schultheiß ging also am nächsten Markttag in die Stadt. Aber er mußte wohl nicht recht im Kalender nachgesehen haben, oder er hatte sich im Marktplatz getäuscht, kurz und gut: der Schultheiß geriet auf den Gemüsemarkt und suchte hier vergeblich ein Grautier. Wie es nun so seine Blicke suchend nach links und nach rechts schweifen ließ, sah er auf den Brettern einer Marktbude zwischen Körben mit Eiern, Kartoffeln, Rettichen auch eine großmächtige runde Kugel, wie sie der Schultheiß noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Es war aber ein Kürbis. Der Schultheiß trat näher und beguckte das große runde Ding von allen Seiten, betastete es auch, wurde aber nicht recht klug daraus, was es sein sollte. Endlich faßte er sich ein Herz und fragte den Händler: »He, Vetter, was ist das für ein Ding da?« Der Händler aber war ein Schalk und hatte schon lange dem biedern Landmann verschmitzt lächelnd zugeschaut und erwiderte nun in wichtigem Ernste: »Das ist ein Eselsei, frisch angekommen aus der Türkei, wo es die größten Esel gibt.« »Das wäre!« sprach der Schultheiß, und das Maul blieb ihm voll Verwunderung offen stehen. Dann aber dämmerte ein großer Gedanke in seinem Hirn auf, daß es am Ende das beste wäre, wenn die Gemeinde den Esel selbst aufziehen würde; denn man wüßte dann gewiß, wie alt das Tier wäre. So fragte er denn den Händler weiter: »Was kostet denn so ein Ei?«   »Ich habe heute schon elf Stück verkauft,« sagte dieser, »ich will Euch dieses letzte Stück vom Dutzend um einen Gulden lassen.« Der Schultheiß fand zwar den Preis nicht hoch; aber aus Gewohnheit versuchte er etwas abzuhandeln. »Seht,« sprach er, »das Ei ist nicht ganz rund, und es hat auch einen weißen Fleck; der Esel wird gewiß einen Fehler mit auf die Welt bringen, kurze Ohren oder krumme Beine oder sonst etwas. Ihr könnt mir das Ei wohl um 50 Kreuzer lassen.« Der Händler verschwor sich hoch und teuer, wenn bei der Sache zuletzt nicht ein normaler Esel herauskomme, so wolle er Hans heißen, ließ aber endlich dem Schulzen den Kürbis um 50 Kreuzer. Dieser zog sein rotes Schnupftuch heraus, band das Eselsei fürsichtiglich ein und zog vergnügt der Heimat zu, nachdem ihm der Händler noch einmal empfohlen hatte, das Ei ja recht warm zu halten und bald ausbrüten zu lassen. Die Gemeinderäte in Ganslosen waren nicht wenig erstaunt, als ihnen der Schulze das türkische Eselsei zeigte, und beschlossen sogleich, das Ei einer Henne unterzulegen. Da merkten sie zu ihrem großen Schrecken, daß das Ei zu groß oder die Hennen zu klein seien, und Gänse gab es nicht in der Gemeinde, daher ja der Ort Ganslosen hieß. Nun war guter Rat teuer. Einer meinte zwar, man könnte das Ei durch eine Kuh ausbrüten lassen; aber die Weisheit der übrigen fand das nicht angängig, da dabei das Ei leicht zerdrückt werden könnte. Aber der Schulze wußte Rat. »Ihr Mannen,« sprach er, »ein türkisches Eselsei ist nicht wie andere Eier und bedarf daher auch einer weisen Behandlung. Ich mache den Vorschlag, daß wir, der Rat von Ganslosen, das Ei selbst ausbrüten. Und da wir schon etliche ältere Leute unter uns haben, so wollen wir das Brutgeschäft droben auf der Sommerhalde über dem Wald vornehmen. Dort scheint die Sonne gar warm und hilft mitbrüten.« Alle waren einig, und so begann denn der Schultheiß droben an der Sommerhalde einen Tag lang zu brüten, und nach ihm setzte jeder Gemeinderat einen Tag lang das Geschäft fort. Endlich kam die Reihe auch an den Büttel. Als der nun so einige Stunden im Sonnenschein ruhig auf dem Ei gesessen war, wandelte ihn ein menschliches Bedürfnis an. Fürsichtiglich zog er sich vom Ei zurück und setzte sich dicht hinter demselben nieder. Da stieß er unversehens mit dem Fuß an den Kürbis und, o Schrecken! dieser geriet ins Rollen und rollte den Abhang hinunter. Mit Entsetzen sah der Büttel, wie das Ei in immer tolleren Sprüngen hinabhüpfte. Jetzt war es dicht am Walde, da stieß es, bums! an einen Baumstamm, flog, in zwei Stücke zersprungen, in einen dichten Haselbusch, und, o Wunder! heraus aus dem Busch sprang in wilden Sätzen   ein Hase. Der Büttel traute seinen Augen nicht recht, als er das langohrige Tierlein am Berghang hinüberrasen sah. Es war ihm ganz klar: das war der junge Esel, der aus dem zersprungenen Ei herausgekommen war, und nun war das undankbare Vieh im Begriff davonzulaufen. Und in heller Verzweiflung schrie er dem Tiere nach: I-a, i-a, Esele! Ganslausa zua! do isch dein Ätte!« VII. Die Namensänderung. Die Einwohner von Ganslosen hatten es endlich satt, daß man jeden dummen Streich, der im Lande begangen wurde, ihnen in die Schuhe schob und die Gemeinde dadurch zum Gespött der Leute machte. Sie beschlossen daher, eine Abordnung zum König zu schicken und ihn zu bitten, er möchte ihrem Heimatorte einen andern Namen geben. Der Schulze reiste also mit etlichen Gemeinderäten nach Stuttgart und trug dem König das Anliegen der Gemeinde vor. Der König hatte aber noch nie etwas von Ganslosen gehört und wußte nicht, ob es ein Hof oder ein Weiler, ein Flecken oder ein Städtchen sei. Und als der Sprecher geendet, fragte er: »Ja, liebe Leute, was ist denn eigentlich Ganslosen?« »Ha,« antwortete der Schulze, »des ischt ebe au a Dorf.« »Nun,« sagte lächelnd darauf der König, »so soll es von heute an Auendorf heißen.« (Nach Meier, Magenau u. mündlichen Berichten von P. Barth.) Der Bayer in Wiesensteig Das Städtlein Wiesensteig, früher den Grafen von Helfenstein gehörig, liegt in einem tiefen Kessel, rings mit Bergen umgeben. In dieses Städtlein kam einmal ein Bayer in Hans Weckerlins, des Wirts, Haus. Und als er eine Weile darin gewesen, schaute er zum Fenster hinaus und sah nichts denn eitel Berge. Er fragte die Wirtin, ob es in diesem Loch auch regne. »Ja freilich,« sagte die Wirtin, »warum sollte es nicht regnen?«   »O Wirtin,« sagte der Bayer, »gebet mir schnell etwas zu essen, damit ich hinauskomme! Ich bleibe nicht übernacht in diesem Wirtshaus; denn, wenn es regnet, müßten wir alle ertrinken!« Die Wirtin und alle im Hause lachten, was sie konnten, gaben dem Bayern zu essen und ließen ihn weiterziehen. (M. Montanus, Gartengesellschaft [1557].) Bestrafte Neugierde Als die Fürsten des Schwäbischen Bundes einstmals zu Augsburg versammelt waren, schickte ein Edelmann einen Boten mit Nachrichten nach Hause. Nicht fern von seiner Heimat kam der Bote durch ein kleines Städtlein. Der dicke Löwenwirt lag breit zum Fenster heraus, und da er ein neugieriger Mann war, so rief er dem Boten zu, den er wohl kannte: »He, Jakob, was gibt's Neues beim Bundestag zu Augsburg? « »Nicht viel,« antwortete der Bote, »außer dem einen, daß neulich zu Augsburg einer verbrannt worden ist.« »Verbrannt?« fragte begierig der Löwenwirt, »und warum denn, wenn man fragen darf?«   »Wegen Fälscherei,« erwiderte der Bote.   »Ei, ei,« sagte der Löwenwirt, »was es doch für Spitzbuben auf der Welt gibt! Aber halt', Jakob, noch ein Wort! Was hat er denn gefälscht? Geld oder Papiere oder Wein oder sonst was?«   »Weder das eine noch das andere,« sagte der Bote, »sondern denket nur, Löwenwirt, er hat Schnee hinter dem Ofen gedörrt, das Zeug für Salz verkauft und damit die Leute um ihr gutes Geld gebracht.« Sprach's und ging seines Weges weiter. Der Löwenwirt machte ein verdutztes Gesicht und hat von da an keine Neuigkeiten mehr vom Augsburger Bundestag wissen wollen. (Nach Bebel [1506] von K. Rommel.) Der Heubacher Bürgermeister Das Städtchen Heubach mußte früher, weil es so klein war, manchen Spott erdulden. So sagte man, die Wölfe hätten darin den Schultheißen auf dem Markt gefressen, und die Bürger seien über die Mauern gefallen, daß die Zäune gekracht hätten. Von diesem Städtchen war einst der Bürgermeister, ein Leinwandweber, auf dem Jahrmarkt zu Eßlingen und hatte allda seine Ware feil. Ein Käufer fragte ihn, ob er solches Tuch selber mache. Als er's bejahte, fragte er ihn um seinen Namen und um den Ort, wo er daheim sei; »denn,« sagte er, »ich will Euch noch mehr und öfters davon abkaufen.« Der Bürgermeister war ein eitler Mann, und das Lob tat ihm wohl. Er gab dem neuen Kunden freundlich Bescheid und fügte hinzu: »Wenn Ihr in meine Stadt kommt, so gehet durch etliche lange Gassen, weit, weit, bis auf den Marktplatz. Dort fraget nach dem Bürgermeister. Alsdann wird man Euch ein schönes großes und hohes Haus zeigen, darin werdet Ihr mich finden.« (Nach Wendunmut u. Bebel [1512] von K. Rommel.) Wui Buger! Ein Schreiner aus Heubach sollte im Krieg von 1805 einem Zug Franzosen den Weg über das Albuch zeigen, wußte aber kein Wort von ihrer Sprache als oui (wui), welches soviel heißt als ja, und bougre (buger), welches ein Schimpfname ist und einen Schuft bedeutet. Diese zwei Worte hatte er oft gehört und lernte sie nachsagen, ohne ihren Sinn zu verstehen. Anfänglich ging alles gut, solange die Franzosen nur unter sich sprachen und ihn mit seiner Laterne und drei oder vier Tornistern, die sie ihm angehängt hatten, voraus oder nebenher gehen ließen. Da er aber der Spur nach allemal mitlachte, wenn sie etwas zu lachen hatten, so fragte ihn einer französisch, ob er auch verstünde, was sie miteinander redeten. Er hätte herzhaft nein sagen dürfen. Aber eben, weil er's nicht verstand, so kam es ihm nicht darauf an, was er antwortete. Er nahm daher all sein Französisch zusammen und antwortete: »Oui bougre!« Mit einem ellenlangen französischen Fluch riß der Soldat den Säbel aus der Scheide und ließ ihm denselben um den Kopf herum sausen. »Wie,« sagte er, »du willst einen französischen Soldaten schimpfen?«   »Oui bougre,« war die Antwort. Die andern hatten die höchste Zeit, dem erbosten Kameraden in die Arme zu fallen, daß er dem Wegweiser, ohne welchen sie in der finstern Nacht nicht weiterkommen konnten, nicht auf der Stelle den Kopf spaltete. Noch gaben sie ihm mit manchem Fluch und Flintenstoß rechts und links zu verstehen, wie es gemeint sei, und fragten ihn alsdann, ob er jetzt wolle manierlicher sein. »Oui bougre,« war die Antwort. Nun wurde er jämmerlich zerschlagen, und alle seine Bitten um Verzeihung und alle seine Bitten um Schonung legte er ihnen mit lauter »oui bougre« ans Herz. Endlich kamen sie auf die Vermutung, er sei verrückt; denn daß er französisch verstehe, hatte er ja bejaht. Sie nahmen daher auf einem Hof, wo noch ein Licht brannte, einen andern Führer, jagten diesen fort, und er erwiderte den Abschied des einen, daß er sich zum Henker packen sollte, richtig mit »oui bougre« .   Als er aber so bald wieder nach Hause kam und sich seine Frau darüber verwunderte, da erzählte er, wie die Soldaten unterwegs viel Spaß mit ihm gehabt hätten, so daß es ihm fast sei zu arg geworden, und wie sie hernach einen andern genommen und ihn wieder heimgeschickt hätten. »Die Franzosen,« setzte er treuherzig hinzu, »sind nicht so schlimm, als man meint, wenn man nur mit ihnen reden kann.« (Nach Hebel, Vogt und mündlichem Bericht v. K. R.) Seltsame Jagdpacht Ein böser Streich, den man einem andern spielt, ist ein böser Streich, und wenn er gleich eine lustige Jacke trägt, wie ein Hanswurst. Aber lachen muß man.   Solch ein lustiges Stücklein erzählt man von einem Franzosen, der, wie der Leser merken wird, ein rechter Spitzbube war. Der war bei einem schwäbischen Bauern im Quartier. Nachmittags, wie er hinter dem Ofen lag   die Fliegen ließen ihm nicht Ruh und Rast   dachte er aus Langeweile daran, wie er seinem Wirte einen Posen spielen und mit ihm auf gute Manier einen dicken Taler oder zwei aus der Tasche praktizieren könnte. Auf böse Einfälle kommt man leichter als auf gute, absonderlich bei dem Müßiggang. Nun sagte er zum Bauern: »Wirt, ick will dir abkauf die Fliegen in der Stube.« Der Bauer meinte, der Soldat wolle ihn foppen und sagte, er gebe sie ihm umsonst, er solle sie nur alle totschlagen, es geschehe ihm damit ein Gefallen. »Nein,« sagte der Soldat, »umsonst ick nit mag, aber ick will kaufen sie, wenn Sie will, um einen dicken Taler.« Der Bauer dachte sich: »Ist der Soldat ein Narr, so ist er's in mein' Sack,« und sagte, wenn er's so wolle, ihm sei es ganz recht. Der Soldat gab ihm den Taler, und der Bauer steckte ihn lachend ein. Er hatte aber bald Ursache, mehr zu weinen als zu lachen. Denn der Soldat holte jetzt seine Muskete hinter dem Ofen hervor, lud sie mit Schrot und schoß, mir nichts dir nichts, auf das Getäfel, wo die meisten Fliegen hockten, daß es krachte und die Fenster davon klirrten. »Ums Himmels willen, was macht Ihr?« rief der erschrockene Bauer. »Ick schieß tot die Fliegen, die ick hab Euch abgekauft«   sagte der Franzose ganz ernsthaft, als ob sich das so von selbst verstünde; und er lud wiederum und legte nochmals an. Da fiel der Bauer ihm in die Arme und auf die Kniee und bat ihn bei allen Heiligen, er sollte doch sein Haus verschonen und ihn nicht unglücklich machen. Der Soldat gab ihm zu verstehen: sollte er auf sein Recht Verzicht leisten, so müsse er Entschädigung haben und Gewinn obendrein; und er verlangte noch einmal so viel, als er dem Bauern gegeben hatte. Dem mochte es lieb sein oder nicht, er mußte sich den Handel gefallen lassen und bezahlen, was jener wollte. Und so merkte er denn zu spät, daß der Franzose kein Narr sei, oder wenn auch ein Narr, so doch in seinen Beutel.   Lustig ist der Streich, und man muß lachen. Aber der redliche Leser denkt sich dabei: ein Spitzbube war er doch, der Franzose, und ich denk's auch. (Aurbacher, Volksbüchlein I.) Auf städtisch Zu Anhausen im Schwabenland hatte ein reicher Bauer einen läppischen Sohn, ungefähr 33 Jahre alt. Der kam einstmals zu einem Schneider und brachte Zeug zu Hosen und Wams. Wie nun der Schneider fragte: »Mein Fritz, wie willst du es haben? Ich höre, du seiest ein Bräutigam«   und seinen Spaß mit ihm trieb, hub Fritz an zu lachen; denn es gefiel ihm wohl, daß er ein Bräutigam geheißen ward, und sagte: »Auf städtisch will ich den Anzug haben.« Der Schneider, dem das Necken Vergnügen machte, fragte den Fritz weiter: »Wie denn? Du mußt es mir deutlich sagen oder ein Muster davon geben.« Fritz sagte: »Auf städtisch, so wie es zu Anhausen, zu Ulm und Augsburg der Brauch ist.« Der Schneider sprach: »Ich versteh' es immer noch nicht, du mußt es mir recht sagen oder mir weisen.« Da deutete Fritz auf das Leder, fuhr mit dem Finger darüber hin und her und sagte: »Auf und nieder, hin und wieder, kritzel, krätzel, schnitzel, schnetzel. So will ich es haben.« Darüber lachte der Schneider sehr. Und da er Fritzens drollige Antwort weiter erzählte, so ward sie in der ganzen Gegend bekannt und zu einem Sprichwort, so daß man heute noch sagt: Der will's auf städtisch haben wie des Bauern Fritz. (Nach Michael Lindener, Katzipori 1558. K. R.) Das Herz am rechten Fleck Als im Schmalkaldischen Krieg 1546 die Sachsen und Hessen ihr Lager bei Giengen an der Brenz hatten, fand ein Bauernknecht von der Artillerie ein Stück von einem Panzer, etwa so breit wie eine Hand, bracht' es dem Schneider, der ihm eben ein Paar Hosen machte, und befahl ihm, solches in das Wams vor's Herz zu nähen. Der Schneider sagte es ihm zu und nähte das Panzerstück zwischen das Futter an den Hosen hinten am Gesäß. Wie er nun dem Bauern die Kleidung bringt und dieser nach dem Panzer fragt, antwortet der Meister: »Sei unbesorgt, ich habe den Panzer an den rechten Ort gemacht.« Nun weiß ein jeder, der im selbigen Zug mitgewesen, daß damals der großen Menge und des langwierigen Lagers halber die Fütterung zum wenigsten drei Meilen und noch weiter mußte geholt werden. Wer läßt sich aber gern das Seine mit Gewalt nehmen, besonders wenn er's wenden kann? Daher wehrten sich die Bauern mit Gefahr ihres Lebens gegen die, so aus dem Lager nach Stroh, Heu, Haber u.a. zu ihnen kamen. Mit einigen Wagen und seinen Gesellen hatte sich eines Tages auch der obengenannte Knecht zu weit vorgewagt. Schon wollten sie die erbeutete Frucht aufladen, da sprangen plötzlich die Bauern mit Dreschflegeln und Gabeln herfür, um ihnen ein Draufgeld zu ihrem Kauf zu geben. Die aus dem Lager wollten den Kauf nicht halten und ergriffen eiligst das Hasenpanier. Wie nun der mit seinen gepanzerten Hosen über einen Zaun springen will, bleibt er mit ihnen hängen. Das ersah einer der Verfolger. Er säumte nicht und stach ihn mit dem Spieß so gewaltiglich hintenfür, daß die Hosengurt brach und der Knecht vom Zaune fiel. Glücklicherweise konnte er seinem grimmigen Feind entrinnen; doch empfand er von dem Stoß nicht wenig Schmerzen. Als er aber voll Besorgnis nachsah, fand er, daß er nirgends wund war, und daß der Panzer in der Hose den Stich aufgehalten hatte. Darüber war er sehr erfreut, nahm, als er ins Lager zurückkam, vor dem Schneider den Hut ab und sprach: »Lieber Meister, ich muß Euch billig Lob und Dank sagen; denn Ihr seid ein rechter Mann und wisset, wo mein Herz liegt!« (Aus H. W. Kirchhofs Wendunmut [1563] von K. Rommel.) Bopfinger Streiche 1. Als die Bopfinger anfingen, ihre Stadt zu bauen, brauchten sie viel Bauholz. Sie gingen in den Wald, hieben Bäume um und schleppten die Stämme über den Ipfberg herbei. Schon hatten sie im Schweiß ihres Angesichts eine große Anzahl über den Berg hinabgezogen, da entschlüpfte zufällig einem von ihnen ein Stamm und rugelte den Berg hinab. Verwundert standen sie still und schauten das Wunder an. »Ei, sind wir aber dumm,« sagten sie, »daß wir uns so geplagt haben; die Stämme rugeln ja von selbst den Berg hinunter.«   Um die Sache nun besser zu machen, holten sie die Baumstämme wieder herauf und ließen sie von selbst den Berg hinabspringen. 2. Auch eine Kirche bauten sie in ihre neue Stadt. Doch vergaßen sie Fenster darein zu machen. Als nun die Kirche eingeweiht werden sollte und der Festzug zur Kirche kam, war es darin so Nacht wie in einer Kuh. Da war guter Rat teuer. Die Bopfinger Ratsherren hatten aber einen glücklichen Einfall. Sie befahlen jedem Bürger, mit einem Sack vor der Kirche zu erscheinen. Hier fingen die Ratsherren das Tageslicht mit Maus- und Rattenfallen ein, und die Bürger mußten es in den Säcken in die Kirche tragen. Ob's geholfen hat, weiß ich nicht; doch ist die Kirche zu Bopfingen jetzt hell. 3. Beim Bau des Rathauses wurden die Türen vergessen. Deshalb mußte der ehrsame Rat seine Sitzungen auf dem Marktplatz abhalten. Das war bei Regenwetter sehr unangenehm. Um dem Übel abzuhelfen, ließen die Bopfinger ein Seil mit einem Rad ans Rathaus machen. So oft nun eine Sitzung war, wurden die Ratsherren mit dem Seil am Rathaus hinaufgezogen, so daß sie durch das Fenster in den Ratssaal gelangen konnten. Unter den Ratsherren war einer, der den Beruf eines Scherenschleifers hatte. Dieser bekam, als man die Herren das erstemal am Rathaus hinaufzog, das Übergewicht; denn er trug seinen Schleifstein auf dem Rücken mit. Er stürzte herab auf die Straße, daß man meinte, er habe Hals und Bein gebrochen. Es tat ihm aber weiter nichts; nur verlor er bei dem Sturz, wie er sagte, seine Rede, die er zur Feier des Tages auf dem Rathaus hatte halten wollen. Eifrig suchte man nach dem Kleinod, fand es aber nicht, obgleich auch das Pflaster aufgegraben wurde. Da der Scherenschleifer seine Rede nicht auswendig konnte und ein anderer Redner nicht zur Hand war, so mußte die Sitzung für dieses Mal unterbleiben. 4. Um die Stadt herum wurde ein Graben gezogen und darein Wasser aus der Sechta geleitet. Der Graben wimmelte bald von einem Heer von Fröschen, die in den Frühlings- und Sommernächten ein Geschrei erhoben, daß einem darüber Hören und Sehen verging. Der Rat beschloß diesem Unfug zu wehren und schickte den Büttel mit einem Schreiben zu den Fröschen hinaus. Gewichtig trat dieser an den Stadtgraben, schlug mit seinem Stock ins Wasser und gebot den Fröschen Ruhe. Als sie schwiegen, zog er sein Schriftstück heraus und las ihnen vor, daß ein ehrsamer Rat beschlossen habe, den Fröschen künftighin den Stadtgraben zu verweisen, sofern sie bei Nacht nicht ruhig wären. Die Frösche ließen sich aber durch des Rats Gebot nicht stören, und da der Rat sie nicht einsperren lassen konnte, so mußte er sie eben, wohl oder übel, gewähren lassen. 5. Als die Stadt endlich fertig war, wußte man nicht, wie man sie heißen sollte. Die Stadträte kamen aufs Rathaus und berieten sich über den Namen der neuen großen Stadt hin und her. Da sie sich aber nicht einigen konnten, beschlossen sie, die Entscheidung dem Schicksal zu überlassen. Sie rollten ein Faß auf den Ipf hinauf, steckten den Schultheißen hinein und ließen nun das Faß den Berg hinabrollen. Einige liefen nebenher und gaben sorgfältig acht, welche Worte der Schultheiß bei dieser Bergfahrt ausstoßen würde; denn darnach wollten sie die Stadt benennen. So oft nun das rollende Faß über einen Rain hüpfte oder an einen Stein stieß, deren es am Ipfberg die Menge hat, schrie der Schultheiß mit jammervoller Stimme: »Bopf! Bapf! Bopf! Bapf!« Daher hat die Stadt den Namen »Bopfingen« bekommen. 6. Als der erste Heuwagen zum Tore hereinfahren wollte, konnte er nicht; denn der Wiesbaum war schräg über den Wagen gelegt. Die ganze Stadt kam vor's Tor gelaufen und gab Rat, was zu machen sei. Aber alles Mühen war umsonst: der Wagen kam nicht vorwärts wegen dem Baum. Endlich wurde beschlossen, das Tor abzureißen und ein weiteres zu bauen; denn der Wagen   das war sicher   mußte in die Stadt gebracht werden. Im Stadtgraben bei den Fröschen tummelten sich Gänse. Sie schauten auch dem Ding zu. Plötzlich erhob eine Gans ihre Stimme und rief: »Gigag! Gigag!« Die Bopfinger meinten, sie schreie: Säg ab! Säg ab! Da ging ihnen ein Licht auf. Schnell holten sie eine Säge und sägten den Wiesbaum ab. So konnte der Wagen glücklich durchs Tor in die Stadt gebracht werden. 7. Um Raum zu gewinnen, da der Marktplatz zu klein ausgefallen war, beschlossen die Bopfinger das Rathaus weiter fortzurücken. Alle Bürger mußten sich darum am Rathaus aufstellen und schieben. Der Schultheiß legte seinen Mantel hin, bis wohin das Rathaus geschoben werden sollte. Während nun die Bürger aus Leibeskräften am Rathaus schoben und die Ratsherren sie durch allerlei Zuspruch ermunterten, kam ein Schalk daher und stahl des Bürgermeisters Mantel. Als man nach einiger Zeit nachschaute, wie weit das Rathaus schon geschoben sei, wurde der Mantel nicht mehr gefunden. Alles meinte nun, das Rathaus sei über den Mantel hinweg und also schon zu weit geschoben worden. 8. Das Wappen der Stadt soll eine »Schlafe« oder »Schlaufe« sein. Wie die Bopfinger dazu gekommen sind, erzählt folgende Geschichte. Einstmals wurde ein neuer Kaiser gekrönt, und die Bopfinger wurden, da ihre Stadt eine Reichsstadt war, zum Krönungsfeste geladen. Der Rat ordnete zwei Herren dazu ab, die nach langer Reise abends spät in der Krönungsstadt ankamen und daher am andern Morgen, dem Krönungstage, verschliefen. Die Kanonen krachten, die Glocken läuteten, die Musik spielte, und die Menge des Volkes jauchzte und lärmte. Die Bopfinger aber ließen sich durch nichts daraus bringen und schliefen in ihrem Quartier wie Murmeltiere. Und als sie endlich aufwachten, blieben sie doch liegen; denn alles um sie her war stockdunkel, und die Nacht schien kein Ende nehmen zu wollen. Das kam aber daher: in dem Schlafzimmer waren die Läden geschlossen und das Tageslicht konnte deshalb nicht eindringen. Endlich wollte ihnen die Nacht doch zu lange dauern, und einer stand auf, um zu schauen, ob's nicht bald tage. Statt des Fensterladens machte er aber einen Kasten auf, der im Zimmer stand, und in dem der Wirt allerlei Speisevorräte verwahrte. »Bruder,« sagte er, als er hineinguckte, »bleib' nur ruhig liegen, 's ist draußen noch Kuhnacht, und 's Wetter schmeckt nach Backsteinkäs  « und er legte sich ebenfalls wieder nieder und schlief weiter. So ging die Krönung vorbei, ohne daß die Reichsstadt Bopfingen dabei vertreten gewesen wäre. Endlich, als die fremden Gäste sich gar nicht sehen ließen, wurde der Wirt besorgt. Er ging zu ihrer Tür und klopfte an. Sie machten auf und waren sehr verwundert, daß es schon so spät war. Der Kaiser aber lachte nicht wenig, als er das Abenteuer der guten Bopfinger vernahm. Und um ihnen seine Gunst zu bezeigen, verlieh er ihnen die »Schlafe« ins Wappen. 9. Da sich das Bedürfnis herausstellte, daß die Beschlüsse des Rats auch aufgezeichnet werden sollten, wurde ein Ratsschreiber gewählt. Der hochweise Rat versammelte sich zu diesem feierlichen Akt auf dem Rathaus. Es waren mehrere Bewerber da; aber die Stimmen fielen auf einen, der sich nicht gemeldet hatte, jedoch mit den vornehmsten Ratsherren verschwistert und verschwägert war. Nachdem die Wahl vorbei war, wurde der Mann vorgefordert und über seine Befähigung zur Ausrichtung dieses Amtes befragt. Da stellte es sich heraus, daß er weder lesen noch schreiben konnte. »Tut nichts zur Sache,« sagte er, »ich habe ein gutes Gedächtnis.« Die Ratsherren konnten dagegen nichts einwenden, und so wurde er als Ratsschreiber bestätigt. 10. Als die Bopfinger einst die jährliche Abgabe, die in Eiern bestand, an den Kaiser entrichten mußten, beluden sie damit einen Krättenwagen, wie man sie im Ries und anderswo hat. Die Eier gingen aber nicht alle in den Wagenkorb, und die Bopfinger wußten nicht, was sie anfangen sollten. Jedoch der Bürgermeister fand Rat. Er schickte einige Männer auf den Wagen und ließ die Eier mit den Füßen eintreten, um so Raum für die übrigen zu schaffen. Das gab nun eine schöne Bescherung; denn bis an die Knie herauf spritzte den Eierlädern der gelbe Dotter. Die Bopfinger haben davon den Namen Gelbfüßler bekommen. 11. Einmal waren die Bopfinger in großer Verlegenheit, weil die Salzträger ausgeblieben waren und niemand mehr Salz hatte. Um diesem Übelstand in Zukunft vorzubeugen, gedachten sie selber Salz zu pflanzen. Sie schrieben aus, wer Salzsamen habe, solle sich melden, sie bezahlen solchen gut. Lange wollte sich kein Verkäufer finden. Endlich aber kam einer und brachte viele Säcke voll mit. Die Bopfinger waren froh und kauften ihm den Salzsamen ab. Auf dem Breitwang ging's nun an ein Ackern und Säen; denn der teure Samen sollte eine reiche Ernte bringen. Nach einiger Zeit ging der hochweise Rat hinaus, um nach der Salzsaat zu sehen. Die stand so dick wie ein Wald, daß allen das Herz im Leibe lachte. Der Bürgermeister wollte die Saat begehen, um sich auch im Innern von ihrem Stand zu überzeugen, befürchtete aber Schaden zu tun. Die Ratsherren kamen daher überein, es sollten ihn vier hindurchtragen. Damit sie keinen Schaden anrichteten, zogen sie die Stiefel aus und gingen barfuß. Die Salzpflanzen waren aber nichts anderes denn Brennessel; sie brannten die vier gewaltig an die Füße, so daß sie rieben und kratzten und auf den Bürgermeister, den sie auf dem Rücken trugen, nicht mehr acht gaben. Plumps! lag dieser in den Nesseln. Über und über mit »Blattern« bedeckt kamen die Herren vom Felde heim und konnten nicht genug sagen von der Schärfe des Salzkrautes, das auf dem Breitwang wachse. Die Geschichte mit dem Salzkraut hat aber den Bopfingern den Namen »Blôtere« eingetragen. 12. Als im September 1634 das schwedische Heer unter Bernhard von Weimar bei Nördlingen geschlagen wurde, wälzte sich der Strom der Flüchtlinge durchs Ries herab, Bopfingen zu. Die Bopfinger schlossen ihre Tore und harrten voll banger Sorge der Dinge, die da kommen sollten. Es stand nicht lange an, so kamen schon die ersten schwedischen Reiter dahergesprengt, neun Mann auf keuchenden Rossen, das Gesicht schwarz von Pulverdampf. Als sie das Tor verschlossen fanden, klopften sie ungestüm mit ihren Säbeln und Pistolen daran. Die Bopfinger fragten von der Mauer aus, was sie wollten. »Einlaß!« riefen die Schweden, »oder wir brennen das ganze Nest an!« Da befiel die Bopfinger eine so große Angst, daß sie sich nicht mehr getrauten das Tor aufzumachen. Sie warfen darum die Torschlüssel den Schweden über die Mauer hinab und baten sie, das Tor selber zu öffnen. (Nach Birlinger u. Buck u. a. von K. Rommel.) Die Ohrfeige. In einer schwäbischen Reichsstadt galt zu seiner Zeit ein Gesetz, daß, wer sich an einem verheirateten Mann vergreift und gibt ihm eine Ohrfeige, der muß fünf Gulden Buße zahlen und kommt 24 Stunden lang in den Turm. Deswegen dachte am Andreastag ein verlumpter Zirkelschmied im Vorstädtlein: »Ich kann doch auf meinen Namenstag ein gutes Mittagessen im goldenen Lamm bekommen, wenn ich schon keinen roten Heller hier und daheim habe und seit 2 Jahren nimmer weiß, ob die bayerischen Taler rund oder eckig sind.« Daraufhin läßt er sich vom Lammwirt ein gutes Essen auftragen und trinkt viel Wein dazu, also, daß die Zeche zwei Gulden fünfzehn Kreuzer ausmachte, was damals auch für einen wohlhabenden Zirkelschmied schon viel war. Jetzt, dachte er, will ich den Lammwirt zornig machen und in Jast bringen.   »Das war ein schlechtes Mittagessen, Herr Lammwirt,« sagte er, »für ein so schönes Geld. Es wundert mich, daß Ihr nicht schon lange ein reicher Mann seid, wovon ich doch noch nichts habe rühmen hören.« Der Wirt, so ein Ehrenmann war, antwortete auch nicht glimpflich, wie es ihm der Zorn eingab, und es hatte ihm schon ein paarmal im Arm gejuckt. Als aber der Zirkelschmied zuletzt sagte: »Es soll mir eine Warnung sein, denn ich habe mein Leben lang gehört, daß man in den schlechtesten Kneipen, wie Euer Haus eine ist, am teuersten gehalten wird,« da gab ihm der Wirt eine entsetzliche Ohrfeige, die allein zwei Dukaten unter Brüdern wert war, und sagte, er solle jetzt sogleich seine Zeche bezahlen, oder er lasse ihn durch die Knechte bis in die Vorstadt hinausprügeln. Der Zirkelschmied aber lächelte und sagte: »Es ist nur mein Spaß gewesen, Herr Lammwirt, und Euer Mittagessen war recht gut. Gebt mir nun für die Ohrfeige, die ich von Euch bar erhalten habe, zwei Gulden fünfundvierzig Kreuzer auf mein Mittagessen heraus, so will ich Euch nicht verklagen. Es ist besser, wir leben im Frieden miteinander als in Feindschaft. Hat nicht Eure selige Frau meiner Schwester Tochter ein Kind aus der Taufe gehoben?«   Zu diesen Worten machte der Lammwirt ein paar kuriose Augen, denn er war sonst ein gar unbescholtener und dabei wohlhabender Mann und wollte lieber viel Geld verlieren, als wegen eines Frevels von der Obrigkeit sich strafen lassen und nur eine Stunde des Turmhüters Hausmann sein. Deswegen dachte er: Zwei Gulden und fünfzehn Kreuzer hat mir der Halunke schon mit Essen und Trinken abverdient; besser, ich gebe ihm noch zwei Gulden fünfundvierzig Kreuzer drauf, als daß ich das Ganze noch einmal bezahlen muß und werde beschimpft dazu. Also gab er ihm die zwei Gulden fünfundvierzig Kreuzer, sagte aber: »Jetzt komm mir nimmer ins Haus!« Drauf, sagt man, habe es der Zirkelschmied in andern Wirtshäusern probiert, und die Ohrfeigen seien noch ein- oder zweimal al pari gestanden, wie die Kaufleute sagen, wenn ein Wechselbrief soviel gilt als das bare Geld, wofür er verschrieben ist. Drauf seien sie schnell auf 50 Prozent heruntergesunken und am Ende so unwert worden, daß man jetzt wieder durch das ganze Schwabenland hinaus bis an die bayerische Grenze so viel unentgeltlich ausgeben und wieder einnehmen kann, als man ertragen kann. (Hebel, Rheinl. Hausfreund.) Eines Schwaben Hofred'. Der hochwürdige Herr Albrecht von Rechberg, Probst zu Ellwangen, schickte dem durchlauchtigen Fürsten und Herrn, Herrn Jörgen, Herzog zu Bayern, etliche Jagdhunde. Und als der Bote mit den Hunden vor dem Herzog stund, fragte der Fürst unter anderm, ob sie auch laut riefen. Antwortet ihm der Bote unbedacht und sagt, er wüßte es nit, doch zweifelte er nit. Hätte sein Herr, der Probst, ein Wissen gehabt, daß sie guot Stimmen hätten, er hätte sie zu Ellwangen im Kloster für Sänger behalten. Doch möcht' der Fürst des bald ein Wissen überkommen: wenn er einen jeden Hund insonder in ein Ohr bisse, so würde er schreien, darob der Fürst eines jeglichen Stimm' dann leichtlich erlernen möcht'. Um dieser Hofred' willen begabte der Fürst den Boten reichlich und schickte ihn wieder heim. (Aus Augustin Tüngers Facetiae vom Jahr 1486. K. R.) Die Jagstheimer Eierleger Wenn einer sich rührt, um vorwärts zu kommen, und vollends wenn der Erfolg ihm freundlich lächelt   flugs sind auch schon die Neider da, die wohl eines ihrer Augen geben wollten, wenn nur der andere gar keines hätte. Das mußten vor alten Zeiten auch die biedern Jagstheimer erfahren. Tüchtig und richtig in Handel und Wandel, fleißig und sparsam, wie sie waren, kamen sie zu Wohlstand, und wer eine vermögliche Bauerngemeinde sehen wollte, der mußte nach Jagstheim fahren. Da konnte er dann beobachten, wie alles, Feld und Wald, Wiese und Garten, Scheune und Stall, des Bauern Beutel mußte füllen helfen. Besonders die Hühnerzucht blühte, und auf dem Markt zu Crailsheim wurden die Jagstheimer Eier mit besonderer Vorliebe gekauft, gleich als ob sie zwei Dotter hätten. Da war nun einmal in Jagstheim eine Bauersfrau. Die hielt nur ein paar Hühner und brachte doch immer eine große Menge Eier auf den Markt der Stadt. Den lieben Nachbarn war das schon lange verdächtig vorgekommen, und natürlich ließen sie kein Mittel unversucht, hinter die Sache zu kommen. Sie wandten sich zu guter Letzt an den Knecht des Hauses und beredeten ihn, daß er der Frau aufpassen möge. Der Knecht war ein Neiding und verstund sich gern dazu. Nun hatte er schon längst beobachtet, daß die Bäuerin zweierlei Brot buk, ein halbweißes, das sie selber aß, und ein schwarzes für die Hausgenossen. Als nun die Frau einst auf den Crailsheimer Markt gegangen war, da suchte der Knecht in Küche und Kasten nach dem halbweißen Brot und fand es endlich. Er schnitt sich ein wacker Stück davon ab und aß und aß. Aber o weh! Auf einmal hub er an zu gackern wie ein Huhn. Eilends mußte er zum Hühnerstalle springen. Dort setzte er sich schnell aufs Nest und fing an, Eier zu legen, viele, viele. Während er so auf dem Eierkorb saß, rief ihm sein Herr. Weil aber das Eierlegen kein Ende nehmen wollte und der Knecht also nicht kommen konnte, so sah der Herr nach ihm. Und als er nun die merkwürdige Geschichte hörte, schüttelte er den Kopf und wollte sie nicht glauben. Er ging aber hin und aß auch von dem Zauberbrot, und siehe da: alsofort fing auch er an zu gackern und Eier zu legen, und legte eine große Menge. Diese merkwürdige Geschichte wurde nun ruchbar, und die lieben Nachbargemeinden sorgten getreulich für ihre Verbreitung. Und seit dieser Zeit nennt man die Jagdstheimer »die Eierleger«. Nur mag man sich hübsch hüten, sie ins Gesicht hinein so zu heißen; ein paar Eier, und wahrscheinlich faule, wären das wenigste, was sie als Gegengruß verehren würden, und das von Rechts wegen. (Nach Meier von C. Schnerring-Crailsheim.) Die Eselsfresser. In einem Ort bei Creglingen entlief einst des Müllers Esel. Bald verbreitete sich das Gerücht, ein Hirsch sei im Walde gesehen worden. Darauf zogen die Männer aus zur Jagd, und es gelang den Wackeren auch, das edle Wild zu erlegen. Jubelnd kehrten sie mit der Jagdbeute nach Hause. Ein großes Hirschessen wurde veranstaltet. Reden würzten das Mahl, und der Becher machte fleißig die Runde. Da, als der letzte Bissen vom Wildbret aufgezehrt war, erschien der Müller vor den »glückhaften« Jägern und begehrte Schadenersatz für seinen Esel. Denn diesen hatten die Jäger, in der Meinung, es wäre ein Hirsch, erlegt und   gegessen! Seit der Zeit heißt man die Leute von diesem Ort »die Eselsfresser«. (Auch die Schlesier und noch viele andere werden so genannt.) (Mündlich von Fr. Hummel.) Eppelein von Gailingen, der adelige Till Eulenspiegel des Frankenlandes. I. Einen Erzschlingel ohnegleichen hat das Frankenland aufzuweisen. Es ist Eppelein von Gailingen, einst Herr auf Tramaysl(Dramâus) und Strauchritter von Beruf. Er vollführte viele lose Streiche, foppte die Welt, zumal die Reichsstädter, und ließ den Reichen, vor allem den reisenden Kaufleuten, schrecklich zu Ader. Einmal lagen zu Nürnberg 10 000 Goldgulden, die nach Hall in Schwaben gebracht werden sollten. Man getraute sich's aber nicht, dieweil der Eppelein hatte verlauten lassen, er werde denen Nürnbergern ihre Goldfüchslein diesmal sicher fahen, sobald sie sich nur aus der Höhle hervorwagen sollten. Deshalb war der ehrsame Rat der Stadt Nürnberg nun sehr besorgt und sagte: Vorsicht ist die Mutter der Weisheit. Schrieb auch an die Haller einen gar artigen Brief, daß es besser wäre, das Geld bliebe bis auf unbestimmte Zeit noch zu Nürnberg, um erst später, wenn sich's der Eppelein nimmer versehe, unauffällig nach Hall gebracht zu werden. Und die Kaller lobten solche Vorsicht und willigten ein. Davon erhielt der Eppelein Kunde, schlug sich verdutzt vor den Kopf und sann nun Nacht und Tag: Wie mach ich's nur, daß die Nürnberger das schöne Geld zu ihren Toren herauslassen?   Und einsmals kam ihm ein rettender Gedanke. Er sandte seine Diener aus in die Städtchen und Dörfer und Burgen des fränkischen Landes und ließ zu sich entbieten alle weisen Männer und Frauen, so heimliche Sprüche sagen und Gesundheitstränklein brauen konnten; denn der Eppelein sei auf den Tod krank und bitte um gotteswillen alle christlichen Leute um Hilfe. Aber niemand konnte ihm helfen, und die Krankheit schien eher zu- als abzunehmen. Da entbot Eppelein einen seiner Getreuen zu sich und befahl ihm, er solle flugs nach Nürnberg zum dortigen Rat reiten und bitten, daß man doch nach Tramaysl senden möge den Doktor Pihlmann, welcher war der berühmteste Chirurg der freien Stadt. Und siehe, der Rat Nürnbergs ließ es zu, daß Herr Doktor Pihlmann hin nach Tramaysl zum Eppelein ritt. Zuvor aber hatten die Ratsherren dem Doktor einiges ins Ohr geflüstert und gesagt, ein Arzt sei auch dazu da, solch einen Schwerkranken, wie der Eppelein einer sei, nicht unnötig lange in den Schmerzen liegen zu lassen, ihn vielmehr bald und sicher von seiner Krankheit zu erlösen, und zwar für immer und ewig. Und der Doktor ging und fand den Eppelein fiebernd, phantasierend und auf den Tod erkrankt. Da sagte er: Mit dem ist's aus und gar, schüttelte den Kopf und ritt wieder heim gen Nürnberg. »Keine zwölf Stunden und der Eppelein ist dahin,« sagte er dort, und die Nürnberger frohlockten, dieweil sie nun diesen Erzschelm, den Eppelein, vom Hals bekommen sollten. Nach Hall aber sandten sie einen Boten und ließen sagen, daß nun das Geld bald gesandt werden würde. Und als die Nürnberger Boten auf ihrem Weg nach Hall an Tramaysl vorüberritten, da sahen sie von den Zinnen der Burg die Trauerfahnen wehen, und sie sahen die Diener und Angehörigen Eppeleins in schwarzen Kleidern gehen. Auch einen eichenen Sarg sahen sie aus der Burg Tramaysl tragen. Und um sich zu versichern, was das zu bedeuten habe, schlossen sie sich dem Leichenzuge an und hörten einen Priester an der Gruft die Leichenrede halten und dabei sagen: »Ja, ja, der Eppelein hat viel Übles getan in seinem Leben und ist somit zu besorgen, ob ihm der hl. Petrus die Himmelstür aufschleußt, sintemal der Eppelein auch den heiligen Dienern der christlichen Kirche nicht wohl gewogen war, was eine Sünde ist, unverzeihlich wie die Sünde wider den heiligen Geist. Amen.«   Und die Leute gingen heim, und die Nürnberger Boten gingen auch heim, solches alles dem Rat ihrer Stadt anzusagen. Da jubelten die Nürnberger abermals, dieweil nun der Eppelein tot und also nicht mehr zu fürchten sei. Sie beschlossen auch, jetzt allsofort den Hallern die 10 000 Goldgulden zustellen zu lassen. Und am folgenden Tag ritt ein reisiger Zug aus Nürnbergs Toren und geleitete den Schatzmeister der freien Stadt auf seinem Wege gen Hall. Sie versahen sich dabei nichts Schlimmes und zogen sorglos dahin. Da mit einem Mal brach's hinter ihnen aus dem Dickicht eines Waldes hervor, und einer, ein verwegener Gauch, stürzte daher und schrie: »He, Nürnberger, der Eppelein ist von den Toten auferstanden! Kennt ihr ihn?« Und hageldicht fielen die Streiche auf die Nürnberger hernieder, also daß sie sich schleunigst zur Flucht wandten und Geld und Geldkiste schmählich im Stiche ließen. Die Kiste nahm der Eppelein, leerte sie und segnete die Nürnberger, die sie so wohl gefüllt hatten. Und weil er bei aller Verderbtheit seines Herzens doch ein höflicher Mann war, so sandte er dem Rat zu Nürnberg einen gar artigen Brief, welcher ungefähr also lautete: Wohlweise, hochgelahrte und ehrenfeste Herren, meine lieben Freund' und Gönner im Rat zu Nürnberg! Daß kein Unkraut nicht verdirbt, denn es kommt allemal wieder ein Regelein darauf, das habt Ihr, denk' ich, wohl genugsam schon an Euch selber erfahren. Und obwohl sie mich zu Tramaysl schön ehrsam begraben und gar sehr beweint haben   mit alleiniger Ausnahme eines Priesters, welchen ich mir noch kaufen werde   so hab' ich doch wollen niemand in solch bitt'rem Herzeleid lassen, sondern habe mich vielmehr wieder, wie schicklich, vom Grab in die liebe, schöne Zeitlichkeit zurückbegeben. Denn Sterben ist niemandes Gewinn als allein der Herren Doktores. Bei mir aber heißt es: Leben ist mein Gewinn und sterben lassen. Und damit Euch doch ja nicht allzuviel Sorge um irdisch' Gut entstehe, hab' ich zu mir genommen Eure schwergefüllte Geldkatz, wie Ihr das nun ja wohl wißt. Euern Landsmann, den Hans Fürbringer aber, welchen meine Knechte ehegestern beim Überfall haben gefangen genommen, will ich gerne wieder christlich los haben und freigeben. Weil nun aber eine Ehr' die andre wert ist, so denke ich, es möcht' für einen so hochweisen, fürtrefflichen Herrn und Bürger der freien Stadt Nürnberg sehr mäßiglich berechnet sein, wenn ich für ihn fünftausend güldene Gulden echter Währung ansetze, da doch, wie Ihr selber zugebet, ein jeder Reichsstädter, Kind und Kegel, er sei, wer er wolle, mehr als das Dreifache wert ist. Somit hinterlegt für den Hans Fürbringer 5000 Goldgulden am Kreuzweg bei Tramaysl von heut auf den dritten Tag. Ihr könnt damit beweisen, daß Ihr die schäbigen, geizigen und geldgierigen Krämerseelen nicht seid, als welche böse Zungen Euch schelten. Und daß Ihr solches zeigen könnet, das habt Ihr niemand anders als dem Eppelein zu danken, welcher Euch hiemit die Gelegenheit dazu gibt. Gedenket's wohl und haltet mir's zum besten, so wie ich Euch zum besten halt' und Eurer auch fürderhin in Treuen gedenke. Und daß ich's nicht vergeß': auch eine höfliche Meldung an den Herrn Doktor Pihlmann; denselbigen will ich niemals mehr begehren, vielmehr ihn Euch belassen, damit er fleißig wie bisher Euch Eure Leut zu Tod kurier'. Ihr aber bedenkt: Von heut überm dritten Tag erwart ich Geld von Euch am Kreuzweg zu Tramaysl! Der Eppelein. II. Als Eppelein auch diese 5000 Goldgulden von den Nürnbergern bekommen hatte und also bei Geld war, da kam ihn das Heiraten an. Nun hatte einer seiner Spießgesellen eine Schwester, die war lustig und schön. Aber soviel auch Eppelein um sie in Minne warb, so ward er doch nicht erhört, und die Holde sagte, daß sie solange nicht seine Frau werden wolle, solange er nicht sein Raubwesen aufgebe; da müßte sie ja immer in Angst und Sorge um ihn leben, und wenn es ihm einsmals schlimm erginge, so würde sie gar zur Witwe werden. Das verdroß den Eppelein sehr, und er sann darauf, den Sinn der Schönen zu wenden; aber vergeblich. Sie sagte: Bevor du mit den Nürnbergern nicht Frieden gemacht hast, ist keine Rede davon, daß wir zusammenkommen können. Da lachte der Eppelein hellauf und sagte: »Nichts leichter als das! Was gilt's? Die Nürnberger stiften mir, wenn ich's haben will, sogar ein Hochzeichtsgeschenk für dich und mich; wenn nicht, dann bist du deines Wortes quitt, und ich muß dann eben als einsamer Ritter sterben.«   Am dritten Tag darnach ritt einer um die Vesperzeit in die Stadt Nürnberg ein, hinter einem Karren daher, gleich als ob er ein gewöhnlicher Soldknecht und kein Ritter wäre. Niemand erkannte Eppelein. Beim Schmied in der Fischgasse ließ er sein Rößlein beschlagen, und dann ritt er gemächlich bis zum großen Wechselhaus am Markt, wo das berühmte silberne Vogelhaus der Nürnberger hing. In diesem hatten die Nürnberger Goldschmiede und Silberkünstler ihre Waren zur Schau ausgelegt, und das Volk stand davor und bewunderte das viele kostbare Geschmeide. Eppelein wartete, bis er ganz nahe an das Vogelhaus herankommen konnte. Dann riß er mit eins das Vogelhaus mit allen Inlagen vom Haken und sprengte mit dem Ruf: »Platz da für den Eppelein!« sein Schwert schwingend, durch die Menge, die erschrocken auswich. Der Rat ließ die Glocken stürmen, ließ trompeten, daß es ein Graus war, und zu allen Toren der Stadt sprengten die Reisigen haufenweise hinaus. Doch der Eppelein war fort und das Vogelhaus auch. Zu Tramaysl aber führte nun Eppelein die Braut heim. Später erzählte er seiner Erwählten, wie er zu dem Vogelhaus gekommen war, worauf er die Antwort erhielt: »Du lieber Schelm, das wußt' ich wohl, daß du das Vogelhaus nicht als Brautgeschenk bekommen hast; aber deshalb nun keine Feindschaft. Ich hasse, wen du hassest, und wir haben nun einmal einander.« Da freute sich Eppelein eines solchen Weibes, und die Nürnberger hatten eine Zeitlang Ruhe vor ihm; denn er blieb daheim bei ihr. Das Vogelhaus aber kam erst nach 200 Jahren wieder in den Besitz der Stadt Nürnberg. Als nämlich der Schwäbische Bund im Jahr 1525 die Raubschlösser in Schwaben und Franken zerstörte, fand man das Vogelhaus auf dem Schloß Absberg hinter Schwabach gelegen; 1542 wurde es den Nürnbergern wieder zurückgegeben. III. Als im Jahres 1348 die Universität zu Prag errichtet worden war, sandten viele vornehme Nürnberger ihre Söhne als Studenten dorthin. Eppelein setzte sich eines Tages hin und schrieb dem Rat der Stadt, er sei auch gesonnen, nach Prag zu gehen, ob nicht die Stadt die Studienkosten für ihn aufbringen wolle, es käme sie das sicherlich billiger, als wenn er daheim bleibe. Eines freilich wisse er noch nicht, nämlich ob er als Student oder als Professor nach Prag gehen solle.   Der Nürnberger Rat gab zur Antwort, daß in Prag weder Hexerei, noch Raub, noch Mord gelehrt werde, Eppelein tauge also weder zum Professor noch zum Studenten. Wolle er sich aber wieder einmal nach Nürnberg bemühen, so werde er bald klug und gescheit sein; denn sie hätten einen mächtig großen Trichter, mit welchem sie jedem Vernunft beibringen könnten.   Als Eppelein das vernommen hatte, gab er zur Antwort: er danke für die Auskunft und werde gelegentlich nach Nürnberg kommen. Sie würden dann aber sehen, daß er für einen Studenten zu viel wisse und für einen Professor zu wenig.   Bald nach diesem Briefwechsel war Palmsonntag, wo in Nürnberg der Palmesel in feierlicher Prozession durch die Stadt geführt wurde. In der Nacht vorher aber durfte der Esel im Gotteshaus übernachten. Wie nun der Tag da war und die Prozession beginnen sollte, da erfand sich's, daß der Palmesel einen Trichter auf dem Kopf hatte; und um den Hals trug er einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: »Der den Trichter trägt, ist Euer Professor, Ihr werdet zu tun haben, seine Gelehrsamkeit zu erlangen. Bin bei Euch gewesen. Der Eppelein.« IV. Ein Nürnberger Priester predigte im Jahr 1353 scharf gegen die »Raub- und Schnapphähne« im allgemeinen und gegen den Eppelein im besonderen. Eppelein hörte davon; und auch das ward ihm angesagt, daß der Pfarrer geäußert habe, es müsse alles Geheime an den Tag kommen. Flugs setzte er sich hin und schrieb dem Nürnberger Priester einen Zettel, auf welchem stand: Weil der Pfarrer zu St. Lorenz sage, es komme alles an die Sonne, so wolle er ihm seiner Zeit schon den Mund schließen und das Gegenteil beweisen.   Da zerbrach man sich in Nürnberg den Kopf, welch' losen Streich wohl der Eppelein wieder im Schilde führe. Am nächsten Abend, als der Priester im Beichtstuhl saß, kam ganz zuletzt ein altes Männlein in die Kirche gehumpelt. Das kniete nieder und beichtete. Und es beichtete arge Sünden. Und ganz zuletzt sagte es ganz zerknirscht: »Eine Schuld drückt mich noch, die ich aber nicht sagen kann, denn ich fürchte mich, sie möchte bekannt werden, und dann wehe mir!« Der Priester sprach: »Mein Sohn, was du mir im Beichtstuhl anvertraust, das bleibt vor Menschen verschwiegen immer und ewig, und ich würde eher sterben, als ein Beichtgeheimnis verraten.« Das freute den Beichtenden, und er gestand nun, wie er schon geraubt und gemordet und die Leute gottlos gefoppt habe. Des entsetzte sich der Priester, und er fragte: »Ja hör', Mann, wer bist du denn?« Sprach der Mann: »Das will ich Euch als Beichtgeheimnis wohl anvertrauen: Ich bin der Eppelein. Was Ihr neulich gesagt habt, daß alles Geheime an den Tag kommen solle, das ist nicht wahr; denn meinen Namen, den ich Euch im Beichtstuhl gesagt habe, dürft Ihr ja niemand nennen. Hab' Euch somit widerlegt und den Mund fein geschlossen.« Damit ging Eppelein zur Türe hinaus. Der Priester aber schwieg pflichtgemäß, und Eppelein entkam ungeschoren aus Nürnberg. Draußen aber erzählte er's allerorten, wie er den Pfarrer von St. Lorenz gefangen hatte. (C. Schnerring.) Haller Geschichten. I. Der Streit um die Kellerhälse. Im Jahr des Heils 1261 ließ der hochweise Rat der Reichsstadt Schwäbisch Hall eine Verordnung ergehen, wie weit man die Häuser in die Gassen vorbauen dürfe. Es wurde da öffentlich befohlen, alle die weit in die Gassen vorspringenden Kellerhälse zu entfernen und in die Häuser hineinzubauen, weil durch sie der Verkehr aufs schwerste gehemmt und den Nachbarn der freie Ausblick benommen würde. Mit dieser Verordnung waren die guten Haller keineswegs einverstanden. »Was, unsere schönen Kellerhälse, diese lieblichen Brillen vor den Häusern, will man entfernen? Soll der Bürger diesen Eingriff in seine Freiheit, seine fromme Eigenart sich gefallen lassen? Was erkühnen sich die Herren vom Rat, der alten Vätersitte zu wehren?« Solche und andere Reden führten die erbosten Bürger, und allenthalben gab es Zusammenlauf und drohende Mienen und Scheltworte gegen die Obrigkeit der Stadt. Ja, es rottete sich das Volk auf dem Markte zusammen in der Absicht, den Rat zu überfallen und zu zwingen, daß er die neue Bauvorschrift zurücknehme. Die Herren hatten aber Wind von der Sache bekommen und den Adel, der in den Schlössern um die Stadt her saß, um Hilfe wider die Bürgerschaft gebeten. So wurde der Aufstand mit Mühe gedämpft, und der Rat mußte das Zugeständnis machen, die alten Kellerhälse noch eine Zeitlang bestehen zu lassen. Seit der Zeit antwortet man in Hall, wenn zwei auf offener Straße miteinander reden und noch ein dritter dazukommt und fragt, was sie reden: »Sie reden von den alten Kellerhälsen.« (Nach Crusius II. Fr. Hummel.) II. Wie die Haller das Gold wuschen Die Stadt Hall hatte einst mit einigen Edelleuten, die ihr nicht grün waren, unliebsame Verhandlungen zu führen, und diese waren schon so weit gediehen, daß man sie statt mit Feder und Tinte mit dem Schwert und mit Blut zum Austrag bringen wollte. Da legten sich einige Nachbarn ins Mittel und luden die stolzen Herren vom Adel zu einem gütlichen Vergleiche nach Hall ein. Auf dem Rathause dort fanden sich denn auch die Streitenden ein. Während die beiden Parteien auf der Ratsstube miteinander verhandelten und ihre Sache rechtlich verfochten, sann in dem stattlichen Steinhause, der Ratsstube gegenüber, der reiche Haller Patrizier Herr Burkhard von Eltershofen auf ein Mittel, wie er von seiner Vaterstadt den drohenden Krieg helfen abwenden möchte. Er rief einen seiner Knechte, ließ ihn etliche tausend Goldgulden aus der Truhe nehmen und in ein hölzernes Geschirr tun. Dies geschah. Darauf befahl er ihm, das Gold oben auf seinem Hause neben der Kornkammertüre frei und öffentlich zu waschen und darauf in einem Sieb zum Trocknen an die Sonne zu stellen, so daß die Edelleute drüben in der Ratsstube es sehen könnten. Da man nun dies alles in der Tat vom Rathaus aus beobachtete, sagten die Advokaten der Edelleute zu den Junkern: »Seht einmal, gnädige Herren, was da geschieht! Die Haller sind so reich, daß sie ihr Geld von Zeit zu Zeit waschen und an der Sonne trocknen müssen, damit es nicht verschimmelt. Das läßt sicher vermuten, daß sie einen langwierigen Krieg leicht auszuhalten imstande sind. Wir wollen uns also in unseren Ansprüchen an die Stadt ein wenig mäßigen.« Und so geschah es auch. Die Herren vom Adel gaben klein bei, und der Streitfall wurde friedlich beigelegt. (Nach Crusius. Fr. Hummel.) III. Priester Griekenbach. Im Jahre 1393 starb bei St. Johann in Schwäbisch Hall der Priester Konrad Griekenbach. Er war sein Lebtag ein trinkfester Mann und ein lustiger Bruder gewesen, und sein Haus war daher stets der Sammelpunkt fröhlicher Zecher. Namentlich der Adel aus der Umgegend stieg zu gerne bei dem lebenslustigen Manne Gottes ab, und in feuchtfröhlicher Runde kreisten dann allemal die Becher bis tief in den Morgen hinein. Nun lag aber St. Johann jenseits des Kochers und außerhalb des Tores und der Stadt. Und da geschah es einmal, daß dem trinkfrohen Priester und seinen Gesellen eines Abends der Wein ausging. Die Tore Halls waren verschlossen, und diesseits war kein Wirt, der einen guten Tropfen ausgeschenkt hätte. Was tun? Guter Rat war teuer. Der Durst der geselligen Runde aber war gar groß und die Trinklaune im besten Zuge. Doch ein gescheiter Mann weiß sich aus allen Verlegenheiten zu retten, und auch Griekenbach wußte Rat. Er steckte ein Bündel Stroh in Brand und hielt das Feuermal über den Kamin seines Hauses. Alsobald tönten vom Michaelisturm her die Sturmglocken durch die Nacht, und die Wächter auf den Stadttürmen bliesen das Feuerhorn. Da sprangen die Haller aus den Betten und eilten nach Spritze und Feuereimer. Der Torwächter an der Kocherbrücke schob den Riegel auf; knarrend gingen die Flügel des Tores in ihren Angeln, und die Löschmannschaft stürmte hinaus, Hilfe zu bringen. Diese Gelegenheit ersah sich eine Gestalt, die einen mächtigen bauchigen Krug trug. Indes die andern herausstürmten, schlüpfte sie in die Stadt hinein. Hier ließ sie sich ihren Humpen füllen. Draußen in Griekenbachs Wohnung war inzwischen das Strohfeuer erloschen, und die Wehrleute konnten wieder einrücken. Nun, da sie in die Stadt zurückgingen, huschte der Diener des Priesters mit gefülltem Maßkrug an ihnen vorüber und hinaus, und nach einer Weile kreisten im Haus des Priesters Griekenbach wieder die vollen Becher. Als dann nach einem Vierteljahr die Sache in Hall bekannt wurde, »ließ man es ihm vor einen scherzlichen Possen gelten.« (Nach Haller Chroniken von C. Schnerring.) IV. Kaiser Friedrich III. zu Hall. Als Kaiser Friedrich III. im Jahr 1485 mit seinem Sohn Maximilian, dem späteren Kaiser, von Hall nach Gmünd reisen wollte, blieben auf der hohen Steige vor der Stadt die Wagen stecken und konnten nicht mehr vorwärts kommen. Man holte etliche Ochsen, die den Kutschenpferden vorgespannt wurden. Als dies Kaiser Friedrich sah, sprach er mit lachendem Munde: »Sehet doch um Gottes willen, jetzt führet man gar das Heilige Römische Reich im Land mit Ochsen umher.« (Zinkgref, Apophthegmata 1693.) V. Der betrogene Werber. In Hall waren anno 1634 Werber, die mit allerlei Listen Leute für den Kriegsdienst gewinnen wollten. Eines Tages saß ein Bauersmann, der in die Stadt gekommen war, auf der Kirchenstaffel am Markt und hielt aus seinem Tragkorb Mahlzeit. Ein Werbesoldat kam geschlichen, ließ einen Reichstaler in den Korb fallen und sagte zu dem Bauern, er sei nun als Soldat angeworben, da er den Taler als Handgeld genommen habe. Der Bauer war zuerst erschrocken, wußte sich aber bald zu fassen. Er nahm schnell sein Essen in das Schnupftuch, ließ den Korb stehen und sagte: »Korb, hast du das Handgeld genommen, so sei auch Soldat und zieh' mit fort in den Krieg!« Mit diesen Worten ging er davon und ließ den verdutzten Werber bei dem angeworbenen Korbe stehen. (Sinnersberg, Der lustige Teutsche 1729.) Der Michelbacher und der Haller Wein. Der Weinbau war früher in Württemberg viel verbreiteter als jetzt. Auch an ganz ungeeigneten Plätzen wurde Wein gebaut. Der Wein war aber auch darnach. Einer der geringsten Weine war der Michelbacher (O.A. Gaildorf) und der Haller Wein. Nach glaubwürdigen Berichten sollen die Schullehrer jener Gegend ihren Schülern, wenn sie gar zu ausgelassen und unartig waren und kein Mittel mehr helfen wollte, die Drohung zugerufen haben: »Wart, Männle, wenn du nicht brav bist, laß ich dich Michelbacher Wein trinken!« Im Jahr 1647 hatte die Stadt Hall an den österreichischen General Klugen eine Lieferung mit Wein zu machen. Der General sandte ein Faß Haller Wein wieder zurück, dieweil er »ärger sei als Seewein«. Der hochedle Rat der Stadt Hall prüfte den Wein und fand, daß der General nicht ganz unrecht hatte. Es wurde darum beschlossen: »Weilen der Wein etwas zu frisch, soll man ihn mit zwei Kübel Wasser geschlacht machen.« (Nach Volz, Weinbau in Württemberg, von K. Rommel.) Die Distelfinken. Die Ingelfinger nennt man Distelfinken. Daran sind aber sie nicht schuldig, sondern ihr Schultheiß, dem mit einem Distelfinken einmal ein Streich passiert ist. Dieser Schultheiß hielt nämlich in seiner Stube einen Distelfinken, und der Vogel war ihm lieb und wert, nicht sowohl wegen seines hellen Gesanges, sondern noch mehr wegen seines zutraulichen Wesens. Da geschah es nun eines Morgens, daß der Schultheiß den Vogel fütterte und dabei die Türe des Käfigs öffnete. Er wußte nicht, daß zur selben Zeit seine Frau hinter ihm das Fenster aufmachte, dieweil sie die Stube kehren wollte. Wie's nun des weiteren ging, weiß ich nicht; kurz und gut, der Distelfink entwischte dem Käfig und flog hinaus auf den Baum vor dem Hause, wo er sich niederließ und gegen den Schultheißen, der ihm vom Fenster aus lockte, piepste, gleich als ob er sagen wollte: Fang mich, wenn du kannst! Er schien auch einen Flug in die weite Welt zu planen, denn er hob und senkte immer wieder die Flügel, wie wenn er probieren wollte, ob sie dazu auch kräftig genug seien. Den Schultheiß brachte dies in helle Verzweiflung. Er lief aufs Rathaus und läutete dem Schützen. Und als der in Eile gelaufen kam, befahl er ihm, rasch die Tore der Stadt zu schließen, damit der Vogel nicht entwische. Ob's geholfen hat, weiß ich nicht; aber die Ingelfinger haben von der Geschichte den Namen »Distelfinken« bekommen. (Mündlich von F. H.) Das verlogene Wetterglas. Der Bachbauer im Hohenlohischen hat vom Jakobimarkt in Hall ein Barometer oder Wetterglas mit nach Hause gebracht. Neben dem Ledersofa an der Wand hängt er das Ding auf und betrachtet nun mit Interesse das Steigen und Fallen der Quecksilbersäule in der Glasröhre. Er wird auch Tag um Tag mit seinem Kauf zufriedener; denn das Wetterglas zeigt immer schönes Wetter an, und es ist auch ein Tag so schön wie der andere, was der Bauer zur Erntezeit wohl brauchen kann. Da eines Mittags, der Bauer sitzt mit seiner Familie und seinem Gesinde eben bei Tisch, fängt der Himmel an sich zu bewölken. Der Sohn fragt den Vater: »Vôder, soll i auße fôhre?« Der Bauer geht ans Fenster, besieht das Wetterglas und klopft unten an das Häuslein, »Spann norr ein,« sagt er, »'s Wetterglôs staicht.« Der Sohn tut's. Nach zwei Stunden aber kehren Vater, Sohn und Gesinde bis auf die Haut vom Gewitterregen durchnäßt zurück. Ergrimmt tritt der Bauer in die Stube, nimmt das trügerische Instrument von der Wand und   der Leser glaubt, daß er's an die Wand wirft? Nein! das läßt ein hohenlohischer Bauer sein   er hält's mit starker Hand zum Fenster hinaus und ruft, daß es die Nachbarn hören: »Dô, siech naus, verloches Bêst und guck wias rechert! 's is norr guet, daß mer de net au no füttere mueß!« (Nach Halm, Skizzen aus dem Frankenland, von K. R.) Die Hohenloherin beim Photographen. 's Katheile von Erlenbach hat des Nachbars Fritz, der in Ludwigsburg bei den Dragonern steht, ihre Photographie versprochen. An einem schönen Sonntag nach der Ernte nimmt sie den Weg unter die Füße und kommt nach Öhringen zum Photographen. Der Photograph macht dem schöngeputzten »Madle« sein Kompliment (denn die Geschäftsleute der Stadt halten viel auf die Kundschaft vom Lande) und sagt, während er den Apparat zurechtrückt: »Sie wünschen doch ein Brustbild, Fräulein?«   »Joa,« erwidert 's Katherle verschämt, »awer a bisle vom Kôupf sedd doch a dabai sein.« (Nach Halm, Skizzen aus dem Frankenland, von K. R.) Das Wams des Winzers. Man konnte in Weinsberg den alten Weingärtner R. immer halblaut mit sich selbst reden hören, wenn er mit der Hacke auf der Schulter in seinen Rebberg ging. Eines Tages im Mai hatte er den ganzen Nachmittag emsig dort gearbeitet und, da es ihm warm geworden war, sein Wams ausgezogen und an einen Pfahl über einen Rebstock gehängt. Am Feierabend vergaß er es anzuziehen, obwohl sich ein recht scharfer Nordwind erhoben hatte, und ging heim. Als er am andern Morgen wieder in seinen Weinberg kam, waren über Nacht alle Weinstöcke erfroren mit Ausnahme des einzigen, an dem sein Wams noch hing. »So, glaubt ihr, man solle euch auch noch Wämser machen lassen?« rief er in vollem Unmut aus und fing an, mit dem Messer einen Stock um den andern an der Wurzel abzuschneiden. Und er hätte den ganzen Weinberg zu Schanden geschnitten, wenn vernünftige Nachbarn es ihm nicht gewehrt hätten. (F. H. nach Niethammer: Justinus Kerner.) Der Jäger Nast vom Heilbronner Wartberg Vor mehr als 100 Jahren lebte auf dem Wartberg bei Heilbronn ein Jäger namens Nast. Von ihm wird erzählt, daß ihn die Langweile zu absonderlichen Dingen getrieben habe. Als großer Freund des Waldes und seiner Bewohner hielt er in einem gut umzäunten Garten nicht nur einige Rehe, sondern auch einen Hirsch. Die Tiere hatten sich, weil jung eingefangen, ganz an den Jäger gewöhnt. Auf seinen Ruf eilten sie herbei und nahmen Leckerbissen gerne in Empfang. Auch gegen die vielen Besucher des Wartbergs waren sie zutraulich. Die gleiche Geschicklichkeit im Abrichten der Tiere zeigte der Jäger bei einem Hasen und einem Esel. Er lehrte den Hasen das Trommeln auf einer kleinen Trommel und den Esel das Wahrsagen. Je nachdem der Jäger fragte, schüttelte oder neigte der Langohr den Kopf oder scharrte mit dem rechten oder linken Vorderfuß. Mancher Heilbronner wanderte damals dem Wartberg zu, um die drei berühmten Tiere zu sehen und sich an ihren Künsten zu erfreuen. An einem schönen Junitag begegnete Nast einem Bauersmann, der einen gänzlich haarlosen Gaul auf der Straße von Weinsberg nach Heilbronn führte. Auf Anfragen erfuhr der Weidmann, daß der Gaul im letzten Winter einen bösartigen Schnupfen, Strengel genannt, gehabt habe und endlich nach verschiedenen erfolglosen Kuren vom Scharfrichter in Steinfurt bei Öhringen durch einen starken Trank aus Sevenbaumzweigen geheilt worden sei. Das Pferd habe durch den Trank nicht bloß den Strengel, sondern auch alle Haare einschließlich der Augenwimpern und des Schweifes verloren. Über das Gesicht des Jägers zog ein verschmitztes Lächeln. Er machte dem Eigentümer den Vorschlag, mit ihm zur Messe nach Frankfurt zu ziehen, wo der Gaul und seine drei abgerichteten Tiere ein gutes Geschäft erwarten ließen. Von der Einnahme wurde dem Besitzer des Pferdes ein Drittel zugesichert; dagegen sollte er das Versprechen geben, tiefes Stillschweigen über die Herkunft des haarlosen Tieres zu bewahren und selbst den Gelehrten gegenüber die Behauptung aufrecht erhalten, man habe es mit einer ganz neuen Tiergattung aus einem fremden Weltteil zu tun. Der Bauer hatte allerlei Bedenken; Nast jedoch wußte so viele Vorteile anzuführen, daß er endlich einwilligte und schon am folgenden Tage gemeinschaftlich mit dem Jäger die Reise nach Frankfurt antrat. Dort zögerte Nast nicht, seine Menagerie zu empfehlen. Sein Hirsch leistete ihm dabei die besten Dienste. Auf ihm ritt er in den Straßen der alten Reichsstadt umher und machte bekannt, daß er neben einem Hasen als Künstler auf der Trommel und einem wahrsagenden Esel ein lebendiges »amerikanisches Nilpferd« zeige, wie solches bisher in Europa noch nie gesehen worden sei. Die sonderbare Ankündigung hatte trotz des großen Widerspruchs, der in dem Namen »amerikanisches Nilpferd« lag, großen Erfolg. Viele Leute strömten nach der kleinen Menagerie, und die Einnahmen flossen reichlich. Die ganze Stadt sprach von dem Nilpferd, und selbst in Gelehrtenkreisen erregte es Aufmerksamkeit. Nach der Behauptung des Jägers hielt der Gelehrte Blumenbach in Frankfurt eine Vorlesung über den Gaul und erklärte ihn für eine seither nicht bekannte Tiergattung. Auch andere Naturforscher sollen sich die Köpfe über das sonderbare Tier zerbrochen haben. Nast schmunzelte über die Weisheit der Gelehrten, ermahnte von Zeit zu Zeit den Bauern, den er als seinen Knecht ausgab, zum Stillschweigen und strich das Geld wohlgefällig ein. Die Freundschaft zwischen den beiden Männern, dem Jäger und dem Bauern, hielt jedoch nicht lange stand. Zu dem Mißtrauen, das sich bei dem Bauersmann wegen des Drittels der Einnahme einstellte, kam noch ein anderer Zwischenfall. Nast fühlte sich so sehr als Herr, daß er eines Tages seinem »Knecht« einige derbe Hiebe mit dem Hirschfänger versetzte, weil er dem »weisen« Esel einen Fußtritt gegeben hatte. Eine derartige Behandlung ging dem Bauern wider den Strich. Sofort eilte er zu einem Löwen- und Elefantenbändiger, der schon längst mit scheelen Augen die guten Einnahmen des Jägers verfolgte, und verkaufte ihm seinen Gaul um eine beträchtliche Summe. Das »amerikanische Nilpferd« brachte auch dem neuen Besitzer reichen Gewinn. Es wanderte später für schweres Geld nach Berlin und soll noch lange in verschiedenen Menagerien gezeigt worden sein. Wenn Nast in späterer Zeit unter seinen Gästen auf dem Wartberg saß, erregte er immer die größte Heiterkeit, wenn er von seinen Abenteuern auf der Frankfurter Messe erzählte. (G. A. Volz, Heilbronn.) Was soll ich tun? In einem stattlichen Marktflecken am mittleren Neckar haben die Leute jeden Sonntag Gelegenheit, nach dem Zusammenläuten Kirchenmusik zu hören. Die Viola oder Bratsche spielt ein Weingärtner, der auch nebenbei ein leidlicher Sänger ist. Er ist mit Leib und Seele bei der Sache, dagegen kommt er seinem werktäglichen Beruf nicht recht nach. So ließ er einst seinen Weinberg im Siehdefür (Seh'-dich-vor) lange ungepflegt daliegen, so daß das Unkraut recht üppig emporschoß und über die stumpigen Pfähle hinauszuwachsen drohte. Das sah ein Nebenlieger mit stillem Ingrimm, und er nahm sich vor, dem Bratschgeiger bei schicklicher Gelegenheit seine Meinung darüber zu sagen. Am nächsten Sonntag kam er in die Kirche, sah den Künstler diesmal aber nicht geigen, sondern hörte ihn eine Solostelle aus einem Kirchenstück von Donz singen, darin es hieß: »Was soll ich tun? was soll ich tun?   soll ich ich tun?« Und jetzt treibt es den Nachbar innerlich an zu sagen, was ihm schon lange auf dem Herzen liegt. Er rief ihm recht vernehmlich zu: »Wie magst noch fragen? Narr, geh' naus in deinen Siehdefür und felg' ihn   mußt ihn aber vorher mähen!« Der Bratschgeiger sang nicht mehr; er klagte hernach, und der Pfarrer gab dem Nachbar einen Verweis vor dem Kirchenkonvent von wegen der passenden Antwort an einem unpassenden Orte. Es ging aber recht freundlich dabei her. (Nach Nefflens »Vetter aus Schwaben« von A. H.) Die Pelzmühle von Tripstrill Am südlichen Abhang des Michelsberges liegt abseits vom eigentlichen Zabertal auf der Flur »Rauhe Klinge« bei Cleebronn der kleine Weiler Treffentrill oder Tripstrill. Ein seltsamer Bericht, den man Jahrhunderte lang ernst nahm und der vom Volk zum Teil heute noch geglaubt wird, erzählt von dem römischen Hauptmann Trepho, welcher zur Zeit des Kaisers Probus um das Jahr 280 unserer Zeitrechnung daselbst ein Landhaus baute, das er zu Ehren seiner Gattin Truilla Trephonius Truilla nannte. Daraus soll mit der Zeit ein großer Ort geworden sein, in welchem der fromme Bonifatius eine Kirche zur heiligen Katharina erbaute, wohin jährlich auf ihren Namenstag (25. November) viel gewallfahrtet wurde. Dieses alte Treffentrill habe Pfalzgraf Ruprecht kurz vor 1400 zerstört. Dieselbe Örtlichkeit suchte man 1659 wieder hervor, als nämlich die kurmainzischen Beamten das verfallene liebensteinische Lehen beim Michelsberg übernahmen, und sie benamsten nun mit diesem rätselhaften Worte die Schuttstätte des untergegangenen großen Gehöftes Rauhenklingen. So kam der Ortsname Treffentrill in ein Cleebronner Lagerbuch vom Jahr 1685 hinein und ging allmählich in den Volksmund über. Das heutige Treffentrill oder Tripstrill wurde aber   und zwar so ziemlich auf demselben Grund und Boden   erst 1798 zu bauen begonnen, und alsbald ward es zum Schauplatz des Schwanks von der Pelz- oder Altweibermühle bestimmt. Unsere Väter hatten schon früher eine große Freude an lustigen Bilderbogen mit Versen, die als Flugblätter eine ziemliche Verbreitung fanden. Solche hatten namentlich das Verhältnis der beiden Geschlechter zu einander zum Gegenstand. Wir erwähnen nur einige: »der Baum der Liebe«, »der Weibermarkt«, »die Mitgift«, und namentlich »die Weibermühle « zur Verjüngung alter Ehefrauen, Gerade diese hat bis auf diese Stunde der Volksmund treu erhalten und für absehbare Zeiten an unser Tripstrill geknüpft, während die anderen der Vergessenheit anheimfielen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wies man die Fremden, welche den Michaelsberg besuchten und scherzhaft nach der Pelzmühle fragten, neckisch auf das einzeln stehende Waschhaus unter dem Weiler hin, wo junge und alte Weiber hinter dem Waschzuber ebenso fleißig mit der Zunge als mit den Händen arbeiteten. Später blühte auf den sonnigen Wiesen noch das Geschäft der Leinwandbleicherei, wo manches alte Weibchen auf der Bildfläche erschien. Das alles ist dahin; aber die lachende Schöpfung des dichtenden Volksgeistes macht eine erfreuliche Ausnahme von der Wandelbarkeit der Dinge unter dem Monde. Und während ehemals die Altweibermühle gleichsam in der Luft schwebte, steht sie nunmehr auf festem Boden, und der kleine Weiler hat im Bewußtsein der Gegenwart den Alleinbetrieb derselben. Ja, die ganze lustige Geschichte hat allmählich ausgesprochen schwäbische Eigenart angenommen. Tripstrill ist heutzutage also in jedermanns Mund, und doch ist sein Ruhm nicht sonderlich fein. Schon der wörtliche Sinn des Ortsnamens besagt, daß man hier nichts Rechtes zu finden hoffen könne; denn der Trips oder die Trefze ist eine Art wilden Habers, und die Drille bedeutet eine notdürftige Mühle, auf welcher dieser geschrotet wird   also wäre »Trefzendrille« oder Tripstrill eine unzulängliche Mahleinrichtung für das geringwertigste Getreide. Noch deutlicher ist jene geringe Meinung von Tripstrill in einer Anzahl von Redensarten zum Ausdruck gebracht. Einem Naseweis kann auf seine Frage: »Wohin geht's?« wohl die Antwort werden: »Nach Tripstrill, wo die Leute krumme Nasenlöcher haben;   wo der Bach über den Weidenbaum fließt;   wo die Gäule Eier legen und die Esel Feigen geben;   wo die Hunde mit dem Schwanz bellen;   wo die Gänse Haarbeutel tragen und die Enten Perücken.« Fragt er nach dem Woher? so bekommt er den Bescheid: »Von Tripstrill, hättest es schon vorher wissen sollen«; und will er wissen, wo dies oder jenes passiert sei, so heißt es wohl: »In Tripstrill, wo niemand drin ist« (Niemands- oder Nirgendheim). Diesen Nachreden gegenüber erscheint die Weibermühle als ein wahrer Vorzug, in dessen Besitz das kleine Tripstrill durch reinen Zufall und ohne jegliches Verdienst ganz unerwartet gelangte. Seine Bewohner freuen sich gemeinsam mit den zahlreichen Besuchern des vorderen Strombergs über den schönen Traum, welchen der Inhalt des bekannten Schwanks gleichsam widerspiegelt, und gönnen jedem ihrer Nebenmenschen die unschuldige Freude, sich bei ihnen glücklich zu fühlen. Wir lassen nun den ältesten vollständigen Bericht über die Weibermühle (etwa 1630) in folgenden Versen zur Geltung kommen: Ich habe all mein Tag gehört, Das Alter sei gar sehr unwert, Wie dann oft manchem Mann tut grauen Ob seiner ungestalten Frauen, Die jetzt bekommen schmale Backen, Runzelte Stirn, Zähn', die nicht hacken, Daß er sie gleich nicht mag ansehen, Wie öftermalen tut geschehen. Diesem Unheil nun zuvorzukommen, Hat sich ein Meister unternommen, In seinem Kopf viel phantasiert, Auf alle Weg' auch disputiert, Wie er ein Mittel möcht' ergründen Und eine solche Kunst erfinden, Daß er ein alt Weib jung möcht' machen; Hat soweit nachgedacht die Sachen, Bis er ein' Windmühl hat erfunden, Daß er's kann in wenig Stunden; Die steht nicht weit auf ebenem Land, Ist worden vielen schon bekannt. Drum bringen ihm viel ihre Weiber, Schön jung zu machen ihre Leiber; Teils bei der Hand sie sittsam führen, Teils, daß sie nicht viel Zeit verlieren, Sie auf Schiebkarren bringen dar, Auf Wägen, auch in Schiffen gar, Dem Müller solche übergeben, Der tut sie dann aufschütten eben. Wann dann ein junger starker Mann In die Läng' nicht wohl warten kann, So läßt er sich das Geld nicht dauern, Gibt guten Sold ohn' alles Trauern, Daß die Sach' bald geliefert werd', Daß sich der Meister nicht beschwert, Tut sie desto bälder schütten auf Und schaut, daß die Mühl tapfer lauf'. Dann fallen sie mit großem Wunder, Schön, hurtig, frisch und jung herunter, So daß mit Freuden jeder Mann Ein junges Weib empfahen kann Und mit ihr wieder zeucht nach Haus. Und so ein Mann zu lang bleibt aus, So laufen sie selbst heim mit Macht. Schau! solche Kunst ist nun erdacht, Daß das alt' Weib werd wieder geehrt, Ist ihrem Mann nicht mehr unwert. Ein Erfolg der Tripstriller Verjüngungsmühle kann aber auch ihre unangenehme Kehrseite haben. Darüber gibt uns ein schalkhaftes Volksschaustück eine überraschende Auskunft. Als die Tripstriller Weibermühle eines schönen Tags in Betrieb gesetzt ward, hatten vier Männer große Not, ihre betagten Frauen zur Mühle zu bringen. Wie erschraken sie aber, als nach vollzogener Kur die jungen Frauen an ihren alten Männern keine Freude mehr hatten, sondern in einer anderen Ehe altersgemäß versorgt sein wollten. Der Müller mußte seine ganze Beredsamkeit aufwenden, um die Paare wieder zu vereinigen; er versprach schließlich, demnächst auch noch eine Altmännermühle einzurichten und zu eröffnen, und auf dies bindende Versprechen hin fügten sich die Frauen, und die vier Paare sangen zum Preise des Menschenbeglückers von Tripstrill gemeinsam ein rührendes Lied, dessen Schluß wir hier mitteilen: Wir loben nun alle den Erfinder der Mühl' Der jetzt alle Männer gebracht zu dem Ziel, Daß für alte Weiber Mit runzligen Leiber(n), Statt faltiger Wangen Sie wieder empfangen Ein hübsches Weibchen, sehr jung und sehr schön. Die göttliche Mühle soll ewig hier steh'n! Der Weg zur Pelzmühle steht jedem offen. Das wahre Tripstrill ist eigentlich nur die Kunst, sich innerlich jung zu erhalten, so daß das schöne Wort Schillers in Erfüllung geht: »Hier ist ewige Jugend bei niemals versiegender Fülle.« Es kommt also auf den einzelnen Menschen an, den Tripstriller Glücksfall zu erleben und sich dessen zu freuen. In diesem Sinne schließen wir mit den Worten, welche ein Freund des Zabergäus in ein Cleebronner Fremdenbuch schrieb: Wer jung ist, wünscht wohl alt zu sein, An Erfahrung reicher und Ehren; Wer alt ist, schickt sich übel drein Und möchte der Runzeln entbehren. Drum   wer die wieder los sein will. Reis' in die Pelzmühl von Tripstrill. (Nach I. Bolte, O. Schanzenbach, F, Lörcher von A. Holder.) Der starke Beilsteiner Das Geschlecht derer von Lichtenberg, die ihren Sitz im Bottwartal hatten, war seiner großen Körperstärke wegen berühmt. Auch unter ihren adeligen Dienstmannen hatten die Lichtenberger manchen mit Riesenkräften. Da war z. B. ein Herr von Beilstein, der leistete einst einen tüchtigen Schwabenstreich. Es war nämlich in der Burg zu Lichtenberg Herkommen und Brauch, daß jeder, ob Edelmann oder Knecht, so er etwas zu essen begehrte, dem Koch ein Scheit Holz in die Küche zu tragen hatte. Nun begehrte der Beilsteiner eines Tags eine Suppe von dem Koch, ohne ihm das Scheit Holz dafür zu bieten. Der Koch weigerte sich also, ihm zu essen zu geben, wofern der Ritter ihm nicht wie billig sein Recht geleistet hätte. Zornig begab sich der Beilsteiner hinweg. Wie er nun vor die Türe tritt, sieht er, wie eben ein Esel, mit Holz beladen, in den Schloßhof getrieben wird. Rasch entschlossen packt der Riese den Grauen samt seiner Last, nimmt ihn auf den Rücken und trägt ihn in die Küche, wo er die ganze Bescherung dem entsetzten Koch zu Füßen wirft. Einige Dienstleute beklagten sich darüber beim Lichtenberger und sagten, man solle dem Beilsteiner solchen Unfug nicht hingehen lassen. Aber der Graf sprach lachend: »Wenn's einer von euch ihm nachmacht, dann soll der Beilsteiner bestraft werden.« (Nach der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.) Abt Güttigott zu Murrhardt. Zur Zeit des Grafen Ulrichs V., des Vielgeliebten, von Württemberg (1419 1480) lebte im Benediktinerkloster Murrhardt der Prälat Herbort, den man nur den Abt Güttigott nannte, weil er seine Reden immer mit dem Ausruf »botz, gütig Gott!« bekräftigte. Er war recht haushälterisch gesinnt und sorgte nach Kräften für sein Kloster; dabei hatte er einen heiteren Sinn und freute sich gelegentlich mit den Fröhlichen. Gestorben ist er am 3. Juni 1473 und ward beigesetzt im Chor der Klosterkirche daselbst. Sein Kloster hatte viel zu leiden durch Belästigungen bei den gräflichen Jagden in den benachbarten Waldungen. Zwar fanden die vornehmen Jäger ein Unterkommen in dem »Fürstenbau« (auf der Südostecke der Murrhardter Stadtkirche), aber der gemeine Troß fiel dem Kloster selbst zur Last. Als nun die Jäger mit ihren zahlreichen Hunden wieder einmal gen Murrhardt gekommen waren, zog der Prälat nach Stuttgart und aß bei Hof. Nachdem er etliche Tage daselbst gewesen war, wurde er gefragt, was er für ein Anliegen bei Hof anzubringen habe   man wolle ihm jetzt Gehör schenken. Zunächst gab er kurz zu wissen, daß er für sich selbst nichts auf dem Herzen habe. Er wurde nun umso eindringlicher befragt, warum er dann doch gekommen sei. Da fuhr er heraus: »Botz, Gütiggott! ich wollte wähnen, Kaiser Ludwig (der Fromme, Sohn Karls des Großen) habe zu Murrhardt ein Kloster gestiftet, nun sehe ich aber, daß es ein Hundestall ist, denn meines gnädigen Herrn Hundsbuben und Hunde liegen darin; meine Mönche dürfen nicht singen, die Hunde heulen genug. Ich will deshalb, solang die Hunde in meinem Kloster liegen, allhie nach Hof gehen; denn mein gnädiger Herr vermag mir besser zu essen geben als ich seinen Hunden.« Darauf erwiderte der fromme Graf: »Ziehet heim, lieber Abt, es soll abgeschafft werden;« was denn auch allsogleich geschah. Auch auf andere Weise suchte er die Einkehr in Murrhardt und Bottwar auf ein Mindestmaß zu beschränken. Die Wege waren zu seiner Zeit stets bodenlos schlecht, und wenn er von seinen Gästen gefragt wurde, warum er sie nicht ausbessern lasse, antwortete er ganz offen: »Botz Gütiggott! es kommen dennoch mehr Gäste, als mir lieb ist.« Wenn er festsitzende Gäste hatte, die bei ihm bis auf den dritten Tag verharrten und immer noch nicht wegreiten wollten, so ließ er sie durch seinen Kämmerling fragen, ob sie auch wüßten, warum Christus nicht länger als bis zum dritten Tage im Grabe gelegen wäre. Wenn dann der eine, wie der andere dieser lästigen Tischgenossen das aufgegebene Rätsel nicht zu lösen wußte, so sagte der Kümmerling in trockenem Tone: »Mein Herr, der Abt, sagt, Christus sei selbige Zeit bei seinen guten Freunden, den Patriarchen und Propheten, in der Vorhölle (dem Fegfeuer) gewesen, habe sie alsdann sofort solcher Last entlediget, um damit uns anzuzeigen   wenn einer einen guten Freund besuche und bei ihm bleibe bis zum dritten Tag, so wisse er genugsam, wie dieser lebe und sich befinde, und es sei nicht nötig, daß er länger allda bliebe, sondern er solle wegziehen,« So merkte dann jeder Gast, daß er unwert war, und zog seinen Pfad weiter. Einst ritt der Abt gen Bottwar und sah vor der Stadt viel Gänse in einem Dinkelacker gehen, welcher dem Kloster Murrhardt gehörte. Da schickte er seinen Diener, der mit ihm ritt, in die Stadt und ließ jeder Gans einen Kübel kaufen und mit Wasser gefüllt in den Acker stellen, indem er sagte, die Gänse möchten Durst sterben und die Bürger von Bottwar könnten sagen, die Gänse hätten an seinem Dinkel den Tod gefressen und hernach von ihm »Bekehrung« (Entschädigung) begehren. Nun ritt er in die Stadt hinein, berief den Vogt zum Morgenessen und erzählte ihm den Handel mit den Gänsen: er sehe, daß die von Bottwar es getreulich mit ihm meinen, denn sie trieben ihre Gänse in seine Frucht, damit er »das Schnitterlohn entpfor hätte,« d. h, es ersparen könnte. Wenn er dergleichen sollte gewärtig sein, daß er seine Äcker für die Gänse derer zu Bottwar sollte säen und bauen, so wollte er sie lieber baulos liegen lassen, dann hätte er das Baugeld bevor. Hierauf schickte der Vogt jemand hin, um zu erkundigen, wem solche Gänse gehört hätten; diese mußten den Dinkel und die Kübel dem Abt wohl bezahlen. Wegen solcher und ähnlicher Einfälle gab es bald üble Nachreden. Seine Gegner, namentlich diejenigen beim »Hofgesinde«, behaupteten offen, der Abt sei ein »kindisch törichter Mann«, arbeiteten mit aller Macht gegen ihn und setzten im Jahre 1469 seine Absetzung durch. Als ihm Eröffnung hievon gemacht wurde, sagte er zu den gräflichen Räten, die zugegen waren: »es sollte ein Mann herfürgehen, der sagen dorfte, er hätte Sankt Januarium (den Klosterheiligen) je umb einen Heller verletzt,«   »Aber die Glocken war gegossen, der gute Abt mußte von der Abtei.« (Nach Widmanns Chronica von Hall von A. H.) Der Pfeffer von Stetten. 1. Norddeutschland hat seinen Eulenspiegel, Schwaben seinen Pfeffer von Stetten. Über die Streiche dieses Spaßvogels und Schwankhelden lachte vor hundert Jahren jung und alt. Schon als Knabe zeichnete er sich durch seine Findigkeit und durch seinen Mutterwitz aus. Einmal belustigten sich die Knaben am Brunnen. Eine Nachbarsfrau hatte dort einen Zuber mit Wasser stehen, der ausgetrocknet war und nun durch Aufquellen wieder brauchbar werden sollte. Dieser Zuber bot den Knaben ein erwünschtes Spielzeug dar. Mit einem Stein lockerten sie den Zapfen, und in kräftigem Strahl sprang das eingeschlossene Wasser zur großen Freude der Knaben heraus. Unter dem leeren Behälter fanden alsbald Pfeffer und ein weiterer Knabe einen Unterschlupf, während die anderen den Holzboden als Trommel benützten. Eine solche Behandlung konnte aber der ausgetrocknete Zuber nicht ertragen; er brach zusammen. David teilte den Schrecken der andern nicht, die feige davonlaufen wollten. Er gab die Anweisung, die Dauben schön geordnet an den nächsten Gartenzaun zu stellen. Ehe sie aber das Geschäft beendigt hatten, eilte die Eigentümerin herbei und fing weidlich an zu schimpfen. Der kleine Pfeffer suchte sich jedoch zu rechtfertigen und meinte: »Die Bretter waren ganz naß, und so wollten wir sie in der Sonne trocknen.« 2. In der Schule erregte Pfeffer durch seine witzigen Antworten öfters Heiterkeit. Einmal sollten die Schüler bei einer Prüfung durch den Dekan die eigentümliche Frage beantworten: »Welches ist der kleinste Fluß in Württemberg?« Würde ein solches Ansinnen heutzutage gestellt, so dürften sich wohl ebensowenig Hände erheben als damals bei der Schulprüfung in Stetten. David aber, der an seine kleinen Vesperbrote und kärglichen Mahlzeiten denken mochte, blieb die Antwort nicht schuldig. Mit lauter Stimme sagte er: »Der Überfluß!« Die allgemeine Heiterkeit, die diesen Worten folgte, machte ihn für den Augenblick etwas stutzig. Er sah den visitierenden Dekan und den Lehrer erstaunt an und   lachte auch mit. Als dann die zu einer Prüfung nötige Ruhe wieder hergestellt war, meinte der Visitator: »So ganz unrecht wirst du nicht haben, kleiner Schelm; bei vielen Leuten ist das Einkommen ein recht kleiner Fluß.« 3. Mit 14 Jahren kam David nach Waiblingen zu einem Schuhmacher in die Lehre . Die Abwechslung gefiel ihm, zumal der Meister nicht allzustreng war. Als aber Klagen über ihn einliefen, da wurden die Saiten (in diesem Falle der Knieriemen) etwas straffer gespannt. Pfeffer mußte sich wohl oder übel daran gewöhnen, den raschen Gedankenflug etwas zu zügeln. An den Stirnfalten des Meisters hatte er das beste Barometer. Stand Sturm angeschrieben, so ruhte die Zunge, bis die Luft wieder ruhig war. Dann aber war er wieder der alte Schelm. Über den Ratsschreiber in Waiblingen war ihm schon allerlei zu Ohren gekommen. Niemand mochte den alten, mürrischen Mann leiden, der sich auf dem Rathause und außerhalb des Dienstes gleich unfreundlich zeigte. »Wer diesem einen Streich spielt,« hörte Pfeffer zuweilen sagen, »dem wissen es die Einwohner zu danken.« Für unsern Pfeffer eröffnete sich da eine günstige Aussicht; denn an dem Wohlwollen der Leute hatte er bis jetzt noch nicht schwer zu tragen gehabt. Pfeffer wußte, daß der Ratschreiber jeden Mittag einen Gang vor die Stadt hinaus machte. Bei den letzten Häusern, die landwirtschaftlichen Betrieb verrieten, wurde der einsame Spaziergänger eines Tages durch die freundliche Anrede: »Herr Ratsschreiber!« aufgehalten. Er kehrte sich um, und vor ihm stand Pfeffer, das abgenommene Käppchen scheinbar verlegen mit den Fingern drehend. »Herr Ratsschreiber,« wiederholte er, »ich möchte Sie etwas fragen.« »Nun was denn?« gab dieser mürrisch zurück. »Wissen Sie vielleicht, wie man einen Esel mit List fängt?« Der Angeredete stutzte. Er nahm rasch den Burschen am Arm und verlangte gebieterisch eine nähere Erklärung von ihm. »Gerne will ich die geben,« lächelte Pfeffer, »wenn der Herr Ratschreiber durch einen Handschlag bekräftigt, mir nichts zu tun.« »Von mir hast du nichts zu befürchten,« sagte dieser und bot dem Lehrling die Hand. Pfeffer griff herzhaft zu und sagte: »So jetzt habe ich schon einen gefangen.« Das unsanfte Zurückziehen der Hand gab dem jungen Schuster die Gewißheit, daß nichts Gutes bevorstand. Ehe sie aber in Tätigkeit treten konnte, hatte der Missetäter schon einen Ausweg über die nahe Dungstätte gefunden, wobei er mit Leichtigkeit eine offene Grube übersprang. Der erzürnte Ratsschreiber wollte ihn verfolgen; denn einen solchen Schimpf konnte er als Beamter nicht ungerächt hinnehmen. Infolge seiner Kurzsichtigkeit bemerkte er aber die Grube nicht und fiel hinein. Auf sein Jammergeschrei eilten einige Männer herbei, die ihn auch glücklich aus der braunen Flüssigkeit heraus und wieder aufs Trockene brachten, nicht ohne sich im Innern zu freuen über den Unfall, den der unbeliebte Ratsschreiber erlitten hatte. Der Ratsschreiber ging nach Hause mit dem Bewußtsein, daß, wer den Schaden hat, für den Spott nicht sorgen darf. Er tauschte seine übelriechenden Kleider und begab sich dann wutschnaubend aufs Rathaus, wo er den Vorfall in den dunkelsten Farben schilderte. Die Ratsherren, die sich zwar eines schadenfrohen Lächelns nicht erwehren konnten, mußten ihm recht geben. »Für eine solche Bosheit kann nur die Schandbühne die angemessene Bestrafung sein. Und da in der Erziehung des Knaben gewiß große Fehler begangen worden sind, so ist es ganz billig, daß auch der Vater an den Pranger gestellt wird.« Also sprachen die Richter, und ihr Urteil wurde ausgeführt. Am nächsten Sonntag mußten Vater und Sohn die kleine, verrufene Tribüne auf dem Waiblinger Marktplatz besteigen. Der alte Pfeffer war untröstlich und weinte laut. David aber nahm die Sache auf die leichte Achsel und suchte den Vater zu trösten. »Laß doch das Weinen sein, ich muß mich ja neben dir schämen,« sagte er. Den zahlreichen Zuschauern machte der heitere Einfall viel Spaß. 4. Mit der Zeit wurde Pfeffer ein stattlicher Mensch. In seinem bäuerlichen Sonntagsstaat, der aus einem breitrandigen Filzhut, einem langen bläulichen Tuchrock, einer roten Weste, gelben kurzen Lederhosen und bis an die Kniee reichenden Rohrstiefeln bestand, nahm sich die schlanke Gestalt trefflich aus. Er maß sechs Schuh, nach unserem Maß 1,70 Meter. Gerne rühmte er sich dieser Länge. Lobte nun jemand seinen Heimatort, so entgegnete Pfeffer: »Das ist noch lange nichts. Stetten ist eine ganz andere Gegend; dort wächst der Pfeffer sechs Schuh lang.« 5. Eine solch schön gewachsene Pflanze konnte man natürlich auch beim Militär brauchen. Pfeffer mußte also auf einige Jahre die Bauerntracht ablegen und den bunten Rock tragen. Für viele ist die Soldatenzeit eine recht gute Schule. Sie beseitigt manche Untugend und lehrt ohne Widerrede gehorchen. Pfeffer machte diese Wandlung nicht mit; auch in die Kaserne verpflanzte er sein schalkhaftes Wesen. Die auffallenden Bewegungen, Mienenspiele und Schimpfworte der Vorgesetzten konnte er viel schneller nachmachen als die Exerzierübungen, so daß ihm die Soldaten in der Freizeit gerne zuhörten und zusahen. So stand eines Mittags fast die ganze Kompanie auf dem Kasernenhof um ihn herum und freute sich über seine Spässe. Niemand beachtete das Herannahen des Majors. Zornig ritt dieser auf Pfeffer zu und schrie ihn an: »Pfeffer, ich glaube gar, du hältst dich für den Major!« Ganz ruhig erwiderte der Schalk: »Nein, so ein Rindvieh bin ich nicht.« Der Major hielt es für das beste, in das schallende Gelächter miteinzustimmen und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. 6. Sein Major scheint überhaupt kein strenger Herr gewesen zu sein. In der Instruktionsstunde hatten die Soldaten die verschiedenen Rangstufen beim Militär kennen gelernt. Der Major fühlte ihnen eines Tags auf den Zahn und stellte dabei allerlei Fragen, endlich auch die: »Pfeffer, wer befiehlt denn mir?« Mit der unschuldigsten Miene antwortete der Gefragte: »Die Frau Major.« Auch hier konnte der Vorgesetzte nichts anderes tun, als aus vollem Halse lachen und bekennen: »Du hast recht, Pfeffer, die steht über mir.« 7. Ein andermal wäre freilich die Strafe wohl am Platze gewesen. Doch brachte er auch da seine Haut in Sicherheit. Mittags zwischen 11 und 12 Uhr stand der stattliche Grenadier in Stuttgart vor der Akademie auf dem Hafenmarkt am Eberhardsplatz auf Posten. Dem regen Geiste kam das langsame Auf- und Abschreiten höchst langweilig vor. Auf einmal blitzten aber seine Augen. Ein Eselstreiber trat nämlich zu ihm heran und bat ihn, ob er sein Tier nicht auf kurze Zeit an den nahen Zaun binden dürfe. Pfeffer hatte nichts dagegen, und der Eigentümer des Esels entfernte sich, um in der Nähe Frucht zu fassen. Kaum war der Soldat mit dem Esel allein, so dachte er: »Ein Esel ist ein besonderes Tier. Selten läßt er sich aus seiner Ruhe bringen. Wie greife ich es nur an, daß er rasch in Wut gerät? Ich hab's!« Schnell lehnte er das Gewehr an das Schilderhaus und holte ein Stück Zunder, einen Feuerstein und Stahl aus der Tasche hervor. Wenige Schläge, und dem Schwamm entstieg ein bläulicher Rauch. Schon im nächsten Augenblick hatte der Esel den brennenden Zunder in einem seiner langen Ohren, und es stand nicht lange an, so machte das gequälte Tier die wunderlichsten Sprünge, riß das Seil ab, mit dem es angebunden war, und rannte davon, mitten zwischen die Wachparade hinein, die eben aufzog. Während nun einige handfeste Männer nach dem Langohr griffen, um ihn zu bändigen, stellte sich auch der Eigentümer ein. Der Hauptmann, welcher das Kommando hatte, fluchte über ihn hinein und rief: »Kerl, binde deinen Esel an!« Ganz erschrocken entgegnete der Eselstreiber: »Er war gut angebunden, aber der Soldat, der da draußen steht, muß ihn verhext haben.« »Wer ist denn auf dem Posten vor der Akademie?« forschte der Hauptmann. »David Pfeffer steht dort, Herr Hauptmann,« berichtete der Feldwebel. »Ja, freilich, das ist der Rechte!« meinte der Hauptmann und befahl die Schildwache herbeizuholen. David erschien vor dem Gestrengen. Dieser herrschte ihn an: »Pfeffer, was hast du mit dem Esel gemacht?« »Herr Hauptmann,« entgegnete Pfeffer mit dem unschuldigsten Gesicht, »ich habe ihm bloß ins Ohr geblasen, sein Vetter über dem Rhein drüben habe heute Hochzeit, und darüber ist das Luder so lustig geworden.« Diese drollige Antwort brachte alle, auch den gestrengen Hauptmann zum Lachen. Eine Strafe erfolgte nicht, obwohl man den abgebrannten Zunder in dem Ohr des Esels entdeckte und Pfeffer eine Strafe auch wohl verdient gehabt hätte. 8. Höchst unangenehm berührte es Pfeffer, als die Nachricht in Stuttgart eintraf, die Württemberger müßten mit anderen deutschen Bundestruppen an den Rhein, um den Franzosen den Übergang zu wehren. Vom Pulvergeruch und den blauen Bohnen, wie er die Bleikugeln nannte, war er durchaus kein Freund. »Die Welschen sollen zu Hause bleiben,« meinte er, »wie wir, dann wird die Freundschaft nicht gestört.« Doch half der weise Rat nichts. Er mußte auf einige Zeit sein Schwabenland verlassen und dem Feinde gegenübertreten. Aber auch da vergaß er seine mutwilligen Streiche nicht. Eines Abends eröffneten die Franzosen ein scharfes Feuer gegen die Deutschen. Voll Angst schrie Pfeffer, so laut er konnte, über den Fluß hinüber: »Ihr Franzosen, hört doch mit dem Schießen auf; es könnte ja das größte Unglück geben!« Aber die Franzosen hörten nicht auf Pfeffer, oder sie verstanden nicht deutsch, kurz: sie schossen lustig weiter. Da war es mit Pfeffers Standhaftigkeit aus: er packte auf und lief davon und gerade seinem Hauptmann in die Hände. »Kerl,« fuhr ihn dieser an, »wo willst du so eilig hinlaufen?«   »Herr Hauptmann, i will hoim, d' Franzose schiaßet jo mit Fleiß nach oim,« antwortete Pfeffer. »Was, feiger Hund, du laufst von deinem Posten fort?« donnerte der Hauptmann.   »Noa, noa, Herr Hauptmann,« entgegnete Pfeffer, 's send no drei andere auf em Posta, aber mir send z' wenig zu deam Streit; jetzt will i bloß gschwend hoim und mein Vatter hola.« 9. Die Kriegstüchtigkeit zeigte David Pfeffer auch auf andere Weise. Sein Hauptmann ritt einen Schimmel, der den Feinden ein sicheres Ziel hätte geben können. Als er nun diese Befürchtung einmal äußerte und in Pfeffers Gegenwart hinzufügte: »Meinen Schimmel würde ich gerne gegen einen Rappen umtauschen,« meinte David: »Da ist bald geholfen. Geben Sie mir den Gaul eine Zeitlang; ich werde in Bälde den schönsten Rappen dafür herbeischaffen.« In der Nähe betrieb ein Kienrußbrenner sein schwarzes Geschäft. Pfeffer brachte den Schimmel vor die Hütte, ließ sich eine Schachtel Ruß geben und bearbeitete das Pferd so lange, bis kein weißes Härchen mehr an ihm zu sehen war. Der Frage des Hauptmanns: »Woher hast du denn das schöne Pferd?« folgte die prompte Antwort: »Beim Kienrußbrenner, der dort drüben am Waldsaume wohnt, habe ich es eingetauscht.« Als dann freilich der Hauptmann seinen gefärbten Handschuh betrachtete, mit dem er den Rappen vor dem Aufsteigen geliebkost hatte, da verstand er die Worte des Schalks. 10. Der Wunsch, möglichst bald wieder in die Heimat zurückkehren zu dürfen, ging für Pfeffer in Erfüllung. Von den vielen Soldaten, die an den Rhein hatten ziehen müssen, wurde ein Teil zurückgeschickt. Zu ihnen gehörte auch der Spaßmacher von Stetten.   Unter dem Befehl eines Hauptmanns, der am Kriegsleben ebenfalls wenig Gefallen fand, erfolgte der Rückmarsch »der Tapferen«. Der Marsch ging über den Schwarzwald. Von einer militärischen Ordnung war wenig mehr zu sehen, besonders als der eigentliche Gebirgskamm zwischen Oppenau und Kniebis erklommen werden mußte. »Woher geht's denn heute schon?« fragte ein Holzmacher, dem der sechs Schuh lange Pfeffer gewaltigen Respekt eingeflößt hatte. »Von Davonspringen,« gab Pfeffer zurück. »So, so, das muß ein kleiner Ort im Badischen sein,« erwiderte der Waldarbeiter, »da oben kennt man den Namen nicht.« Der Hauptmann aber sah Pfeffer vorwurfsvoll an und strafte ihn mit den Worten: »Schäme dich!«   »Sie sind ja auch mit uns gegangen,« spottete Pfeffer. Und was konnte der Vorgesetzte dagegen sagen? So ganz unrecht hatte der Schalk nicht, wenn auch Zeit und Ort zu solch einer Bemerkung schlecht gewählt waren. 11. »Warte,« dachte der Hauptmann im stillen, »ich werde dir in Stuttgart deinen Lohn schon zukommen lassen, wenn dein vorlautes Maul nicht zum Schweigen kommt.« Schweigen konnte aber Pfeffer nicht. Von anderen über die baldige Rückkehr aus dem Feldzug befragt, sagte er: »Wenn ich am Rhein geblieben wäre, so hätte es noch ein großes Blutvergießen gegeben; auch wollten wir unseren Hauptmann nicht so allein den weiten Weg nach Stuttgart machen lassen.« Für diese Bemerkung erhielt er eine Strafe von 25 Stockschlägen zudiktiert. Pfeffer sollte also seinen sechs Schuh langen Körper auf eine Schranne legen und Bekanntschaft mit dem berüchtigten Haselstock machen. Als es ernst wurde, strich er die Hosen an der gefährdeten Stelle auf und ab und bemerkte dann wie zufällig: »Darf ich hinliegen, wie ich will?« Die Frage kam dem aufsichtsführenden Hauptmann etwas seltsam vor; doch trug er kein Bedenken, Pfeffers Bitte zu erfüllen. Auch der Mann mit dem Stock in der Hand meinte: »Es ist am Ende gleich, ob die Schläge etwas weiter oben oder weiter unten aufgemessen werden.« Der Verurteilte gab nun seinem Gesicht den freundlichsten Ausdruck, legte sich schleunigst mit dem Bauch auf den Boden und brachte die umgekehrte Bank in eine solche Lage, daß seiner Rückseite in keiner Weise beizukommen war. Dann rief er unter der Schranne hervor: »Schlaget nur zu; ich bin bereit!« Das kräftige Lachen, das an Pfeffers Ohr drang, ließ auf eine Sinnesänderung der Vorgesetzten schließen. Seine Geistesgegenwart hatte die Strafe nicht bloß aufgeschoben, sondern auch aufgehoben. 12. Trotz des heiteren Soldatenlebens verließ Pfeffer die Kaserne gerne. Im Remstal war es doch angenehmer als am Nesenbach. Statt sich aber in erster Linie den Feldgeschäften und dem Handwerk zu widmen, griff jetzt Pfeffer zu seiner Geige, die ihm und andern schon früher Unterhaltung verschafft hatte. Die ländlichen Tanzweisen waren ihm längst geläufig. Wo eine Hochzeit in Stetten oder in der Umgegend war, da durfte »der Geiger-David« nicht fehlen. Der Musik paßte er zuweilen selbstgemachte Verse an, die in der fröhlichen Gesellschaft großen Anklang fanden und seinem Beutel manches Geldstück eintrugen. Wenn Pfeffer die Geigenstriche mit dem Reim begleitete: »I mag halt nemme geige, Die Grosche bleibet aus. Mei Fiedel lass' i schweige Und bring se schnell nach Haus,« so wußte jeder Tänzer, was er zu tun hatte und was dem Teller, den David immer vor sich stehen hatte, fehlte. Wollten die Tänzer trotz wiederholter Mahnung vom Zahlen nichts wissen, so spielte er nur noch eine Tanzweise, welcher er den schlauen Vers unterlegte: »Dreizeh Tänzle, dreizeh Stückle Spiel i, wenn i lustig be. Zwölfe bleibe heut im Säckle, Bis i wieder Sechser seh.« 13. Einem guten Tropfen in heiterer Gesellschaft war Pfeffer nie abgeneigt. Selbst bei federleichter Tasche schmeckte ihm der Wein. Die Wirtsschulden nahm er auf die leichte Achsel, zumal die Gesetze jener Zeit dem faulen Gast mehr Spielraum ließen als jetzt. Einmal kam er mit leerem Geldbeutel und großem Durst nach Rotenberg und wählte dort eine Wirtschaft, aus der eine Witfrau mit einigen Kindern ihr Auskommen suchte. Pfeffer fand, was er suchte, heitere Gesellen und vortrefflichen Neckarwein. Öfters mußte die Wirtin zur Kreide greifen und die Zahl der geleerten Flaschen auf dem schwarzen Brett anmerken. Während aber Pfeffers Zechgenossen ihre weißen Striche vor dem Weggehen wieder austilgen ließen, zeigte er hiezu keinerlei Neigung. Mit freundlichen Worten verabschiedete er sich zuerst von der Wirtin und auf der Straße unten von seinen Gesellschaftern und wanderte gut gelaunt der Heimat zu. Bald nachher führte ihn sein Weg wieder an der genannten Wirtschaft vorbei. Ans Einkehren schien er diesmal nicht zu denken. Ohne aufzublicken wollte er vorübergehen. Die Wirtin jedoch, die zufällig am Fenster war, bemerkte ihn und rief ihm zu: »Pfeffer, Pfeffer!« David zeigte aber keine Lust, ein Gespräch anzuknüpfen und erwiderte: »Ich habe große Eile; man erwartet mich in Fellbach zum Aufspielen. « »Aufhalten will ich dich nicht,« sagte die Wirtin, »doch möchte ich dich an die drei Flaschen Wein erinnern, die seit deinem letzten Hiersein noch stehen.« »Schütte den Wein nur in das Essigfäßchen!« rief Pfeffer lachend, »der ist seither ja doch sauer geworden.« Diese Kaltblütigkeit war der Wirtin doch zu stark, und ziemlich gereizt schickte sie dem Davonschreitenden die bissigen Worte nach: »So kann es nur der schlechte Pfeffer von Stetten machen!«   »Das ist mein Name,« gab dieser zurück und endete das ihm unliebsame Zwiegespräch mit dem Rat: »Lasset das Weinschenken bleiben, dann hört das Borgen auf!« Das Zuschlagen des Fensterflügels gab Pfeffer die Gewißheit, daß seinem weisen Vorschlag nicht zugestimmt wurde. 14. Um eine andere Wirtsschuld los zu werden, benützte Pfeffer einst einen gar seltsamen Weg. Sein Freund, ein Fuhrmann in Stetten, mußte zuweilen Selbstmörder in einer eigens zu diesem Zwecke bestimmten Kiste in die Anatomie nach Tübingen überführen. Das Gefährt kannte man in der ganzen Gegend. Als nun wieder ein Transport aus dem Oberamt nach der Universitätsstadt bevorstand und der Fuhrmann »die Leiche« abholen wollte, traf Pfeffer wie zufällig vor Stetten draußen mit ihm zusammen. Die Fahrt ging durch die Ortschaft, in welcher David vor nicht langer Zeit auf Kosten des Wirts gezecht hatte. Diesem galt heute Peffers Anschlag. Im Einverständnis mit dem Rosselenker legte er sich in die verrufene Truhe, und fort ging's im Trab. Vor der bekannten Wirtschaft hielt der Wagen an, und alsbald tauchte auch der Wirt am geöffneten Fenster mit der Frage auf: »Wen hast du denn wieder in deinem Kasten?« »Ach Gott,« seufzte der Fuhrmann, »diesmal ist die Reihe an den Pfeffer von Stetten gekommen!« »Mach' keine schlechten Witze!« kam es von oben; »für den wäre es ja jammerschade. Auf zehn Stunden hat keiner so zum Tanz aufspielen können wie er. Fünf Gulden ist er mir auch noch schuldig; aber ich schenk's ihm gerne. Ich würde, sogar gleich zwei Flaschen Wein und einen Braten auftischen, wenn er noch am Leben wäre.« Eine solch liebliche Musik raubte Pfeffer die Ruhe. Schnell stieß er den Deckel empor, richtete sich auf und rief lachend: »Es freut mich recht, daß du mir etwas schenkst, und den Wein und Braten wollen wir gleich mitnehmen.« Als sich der Wirt von seinem Schrecken erholt hatte, stimmte er in das Gelächter ein und fügte etwas kleinlaut hinzu: »So, du schlechter Kerl, du lebst noch! Aber es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Nur mußt du uns ein wenig aufspielen.« Gerne kam Pfeffer dieser Aufforderung nach und ließ sich dabei Wein und Braten gut schmecken. 15. Den Wert seiner Geige zeigte Pfeffer einst in recht heiterer Weise. An einem trüben Novembersonntag saß er in seiner Junggesellenstube. Er war noch nicht mit sich eins, wie er den Nachmittag zubringen sollte. Schwere Tritte auf der Treppe zeigten ihm an, daß Gesellschaft nahe. Ein Zechgenosse wollte auch nicht zu Hause bleiben und suchte deshalb Pfeffer auf. Die frostige Stube entlockte ihm den Ausruf: »Bei dir ist es aber kalt! Geh' doch hinaus und lege Holz in deinen großen Kachelofen!« Nach kurzer Zeit kam David aus der Küche zurück und sagte lächelnd: »So, jetzt ist Holz und Feuer drinnen.«   »Dann wird's wohl bald warm sein,« meinte der Besuch, »'s ist möglich,« gab Pfeffer trocken zurück und plauderte über andere Dinge. Als aber der Ofen so kalt wie zuvor blieb und Pfeffer zum zweitenmal aufgefordert wurde, für ein warmes Zimmer zu sorgen, entgegnete er: »Du machst mich noch zum armen Mann; eben habe ich für 10 Kronentaler Holz in den Ofen gelegt. Du kannst dich selbst davon überzeugen, wenn du es nicht glauben willst.« »Einen solchen Bären lasse ich mir nicht aufbinden,« brummte der Angeredete und ging zur Türe hinaus. Was mußte er aber sehen? Der Schalk hatte seine Geige und daneben eine brennende Kerze in den Kachelofen gestellt. 16. Kurze Zeit nachher kehrte Pfeffer von einer Hochzeit heim. Der Weg führte ihn durch Ludwigsburg. Die Geige unter dem Arm betrachtete er die schönen Gebäude der zweiten Residenz und die mit weißen Vorhängen geschmückten Fenster. Auf einmal entdeckte er ein bekanntes Gesicht. Ein reicher Privatier besah sich die Straße von oben. Der Geiger war um eine Anrede nicht verlegen und begann: »Wohin guckst du denn, Christian?« Dieser kannte seinen Mann und sagte mürrisch: »Du bist ein Schlingel, geh' deines Wegs!«   »Große Eile,« lachte Pfeffer, »habe ich heute nicht; nach Stetten reicht es mir schon noch. Übrigens wüßte ich dir ein Geschäft, mit dem du 10 000 Gulden verdienen könntest.« Mit diesen Worten war die richtige Saite bei dem geizigen Mann angeschlagen, und rasch erwiderte er: »Pfeffer, komm' zu mir herauf; im Zimmer läßt sich eine solche Sache besser besprechen!« »Christian geht auf den Leim!« frohlockte David in seinem Innern und folgte der Einladung. Schon unter der Türe wurde er mit den Worten empfangen: »Was ist denn das für ein Geschäft, das einen solchen Nutzen abwirft?« »Laß mich nur erst zu Atem kommen!« wehrte der Eintretende pfiffig ab; »vor allem will ich wissen, was mein Lohn sein wird.«   »Du darfst verlangen, was du willst,« sagte Christian wohlwollend und legte seine Rechte vertraulich auf Pfeffers Schulter, »wenn's mit den 10 000 Gulden seine Richtigkeit hat.«   »So wahr ich der Pfeffer von Stetten bin,« beteuerte dieser; »es ist so, wie ich sagte. Und das Geheimnis will ich dir gegen einen Schinken und drei Flaschen Rotwein verraten. Diese Kleinigkeit wirst du doch aufwenden können.« »Gerne!« rief der Privatier, und eilte mit frohem Herzen davon, um das Gewünschte herbeizuholen. »So, hier nimm deinen Lohn,« fuhr Christian fort und stellte drei verkorkte Flaschen und einen schön geräucherten Schinken auf den Tisch, »und nun laß hören, was du weißt.« »Was ich weiß?« begann Pfeffer geheimnisvoll und machte einen Schritt vorwärts, »ist auch dir nicht unbekannt. Dein Bärbele ist jetzt 24 Jahre alt und würde, wie ich gestern bei der Hochzeit hörte, nicht ungern heiraten,«   »Möglich wär's schon,« antwortete etwas enttäuscht Christian; »aber was hat meine Tochter mit deinem Vorschlag zu tun?«   »Sehr viel,« flüsterte David jenem ins Ohr. »Sage mir ehrlich, wie viel gibst du denn der Barbara mit?«   »Zum Geschäft gehört dieses nicht,« brauste Christian auf, »doch kann ich auch deinem Wunsche entsprechen; meine Tochter erhält 80 000 Gulden bar. Damit wird sie und ihr künftiger Mann zufrieden sein können.« »Gewiß, gewiß!« schmunzelte Pfeffer, »und jetzt ist das Geschäft schon gemacht. Ich gehe gegenwärtig auf Freiersfüßen und nehme dein Bärbele mit 70 000 Gulden; dann bleiben 10 000 Gulden in deiner Tasche. Gib mir deine Hand darauf und deinen Segen!«   »So weit sind wir noch nicht!« schrie der Privatier rot vor Wut. »Wenn das alles ist, was du zu sagen hast, so will ich vor allem den Wein und den Schinken wieder an ihren Platz bringen.«   »Sie kommen schon an ihren Platz,« höhnte Pfeffer, der flinker als Christian gewesen war, zur Türe herein, um gleich darauf zu verduften. 17. Ähnlich erging's in Waiblingen einem alten Geizhals, der durch Wucher reich geworden war. Unter dem Namen »Goldhannes« kannte ihn jung und alt. Pfeffer traf ihn eines Tags, als er gerade vor seinem Hause im Schatten eines Apfelbaumes saß, und nahm, ohne lange zu fragen, neben ihm Platz. Auf die wenig einladende Frage: »Was treibt denn der faule Spielmann hier?« entgegnete Pfeffer zutraulich: »Goldhannes, ich weiß dir eine ganz leichte Arbeit, an welcher du gerade 100 Prozent Reingewinn hast. Wenn ich morgen nicht bei einer Hochzeit aufspielen müßte, so würde ich mir den Gewinn nicht entgehen lassen.«   »So warte bis übermorgen,« setzte Goldhannes hinzu; »was ein lockerer Vogel ausschlägt, will ich nicht.«   »Wie du meinst,« antwortete gleichmütig Pfeffer und schickte sich zum Gehen an; »dein Nachbar drüben wird mit beiden Händen zugreifen.« Dem Bäckermeister, der das Haus nebenan bewohnte, gönnte der Wucherer aber nicht einmal den freundlichen Sonnenschein, und deshalb kam es schneller als sonst zwischen seinen Lippen hervor: »Sei doch nicht kindisch! Wenn du wirklich etwas Rechtes weißt, so soll es dein Schaden nicht sein. Setze dich nur wieder zu mir auf die Bank!«   »Nun, meinetwegen,« lenkte Pfeffer scheinbar zögernd ein; »unter uns gesagt, dir gönne ich die einträgliche Arbeit viel eher als deinem Nachbar, der ohnedies schon leichte Arbeit genug macht. Seine Wecken könnten ja die Spatzen forttragen.«   »Du hast ganz meine Meinung,« fuhr Goldhannes innerlich erleichtert fort. »Laß mich dein Geheimnis wissen! Ein bißchen arbeiten kann ich schon noch. Was deinen Lohn betrifft, so wirst du mit mir zufrieden sein.«   »Ich halte dich billig,« erklärte Pfeffer schmunzelnd, »ein Stück Rauchfleisch aus deinem Kamin und zwei Flaschen Fellbacher vom vorigen Jahrgang ist alles, was ich will.« Das gerauchte Fleisch war alsbald zur Stelle, und Pfeffer ließ es in seiner inneren Wamstasche verschwinden. »Den Wein,« erklärte Goldhannes, »müssen wir drüben beim Kronenwirt trinken.«   »Was in der Wirtschaft getrunken wird,« fügte Pfeffer hinzu, »ist ein Fall für sich; der Fellbacher gehört zum Rauchfleisch und wird erst in Stetten getrunken.« Goldhannes, dem der große Gewinn vor Augen schwebte, nahm auch die weitere Bedingung an, und bald perlte der Wein in den Gläsern. Pfeffer lobte den Roten in allen Tonarten und leerte ein Glas ums andere. Endlich, als der Inhalt der Flasche fast ganz auf eine Seite geflossen war und Goldhannes wiederholt die gewünschte Antwort verlangt hatte, rückte Pfeffer mit seinem Rat heraus: »Goldhannes, passe jetzt genau auf, was ich dir sage! Nimm das schärfste Messer, das in deinem Besitze ist, und spalte Zündhölzer der Länge nach, dann sind es immer 200 statt 100, und du hast genau 100 Prozent verdient.« Den Eindruck seiner Rede wartete David nicht ab. Die leere Weinflasche hatte für ihn keinen Reiz mehr, und der Fellbacher befand sich schon vorher in den beiden Seitentaschen in Sicherheit. So konnte er den Abschied kurz machen und dem Wucherer die Gründung seines neuen Geschäftes allein überlassen. Die Andeutungen bei einem Glase Wein in Stetten, daß man jetzt bald die Zündhölzer aus einer Waiblinger Fabrik beziehen könne, verstand man erst, als der Goldhannes in seinem Ärger aus der Schule geplaudert hatte. 18. Pfeffers spaßhafte Bemerkungen und vorwitzige Fragen erregten zuweilen ein unfreundliches Echo. Am wenigsten Anklang fand er, sobald er sich auf das Gebiet der Ortsneckereien begab. Nicht gar weit von Stetten ist eine Ortschaft, deren Bewohner »die weichgesottenen Eier« heißen. Und wie sind sie zu diesem Zunamen gekommen? Bei einer im Kochen noch wenig bewanderten Wirtin bestellte ein Fremder weichgesottene Eier und einen Schoppen Wein. Der letztere war alsbald zur Stelle; über die Eier aber erhielt der Gast nach einiger Zeit die Auskunft, daß die Schale trotz des stärksten Feuers noch nicht weich geworden sei. Will nun jemand die Leute jenes Dorfes ärgern, so darf er nur nach weichgesottenen Eiern fragen. Pfeffer von Stetten hatte einst bei einer Hochzeit aufgespielt und kam gegen Abend ziemlich angeheitert durch das Eierdorf. Ein stämmiger Bauer kehrte eben, die Haue auf der Achsel, vom Feld heim. An ihn wandte sich der Schalk: »Kann man hier weichgesottene Eier haben? Ich mußte den ganzen Tag aufspielen und bin nun hungrig.«   »Solche wird's nicht geben,« entgegnete gelassen der Gefragte; »aber hartgesottene kannst du haben, soviel du willst.« Dabei nahm er die Haue in die Hand und ließ den Stiel kräftig auf dem Rücken des Spielmanns tanzen. Die Folge davon war, daß Pfeffer noch schneller lief als der Takt geschlagen wurde. 19. Ein anderer Ort des Remstals soll sich der Erwürgung eines Hummels (Farren) schuldig gemacht haben. Als nämlich ein großes Sterben unter dem Vieh war, beschlossen die Bewohner desselben, einen Farren lebendig zu begraben, um durch dieses Opfer der Seuche Einhalt zu tun. Pfeffer ging eines Tages durch diesen Ort, als eben ein Farre durch die Dorfstraße getrieben wurde. Er konnte den Mund nicht halten und erlaubte sich die anzügliche Frage: »Ist dies der nächste Weg zum Hummelsgalgen?«   »Jawohl, der Hummel wird dir den Weg zeigen!« rief der Führer und ließ den Strick aus der Hand gleiten. Und richtig, das unvernünftige Tier schien die Worte zu befolgen. Es wählte den Weg, den auch Pfeffer einschlagen wollte. Statt aber die Führerrolle zu übernehmen, ging der Farre zum Angriff über; denn die rote Weste Davids war nicht nach seinem Geschmack. Von einem Zweikampf wollte Pfeffer aber nichts wissen, und so lief er davon und rechtfertigte sich den schadenfrohen Zuschauern gegenüber mit dem ängstlichen Ruf: »Der Gescheiteste gibt nach! Der Gescheiteste gibt nach!« 20. Zu Hause hielt sich Pfeffer nicht gerne auf. Selbst seine Verheiratung machte ihm das Heim nicht angenehmer. Die Frau verstand auch in vielen Stücken ihren Mann nicht. Scherzhafte Bemerkungen, die er auch ihr gegenüber nicht lassen konnte, führten zu heftigen Auftritten. In der Regel verließ er dann »die Drachenhöhle« und suchte die Kneipe auf. Hinter dem Wirtstisch, im Kreise froher Zecher, verschwand der Ärger rasch, und die drohenden Gesichtsfalten machten einem freundlichen Sonnenschein Platz. Daß dann mehr als ein Glas über den Durst getrunken wurde, ist leicht zu erraten. Selten verließ er die Wirtschaft mit klarem Kopfe, sondern meist in einer Verfassung, für die der Schwabe gar viele Ausdrücke hat. Daheim fehlte es daher oft am Nötigsten, und des öftern mußte ihn die Frau erinnern, seine Pflicht als Hausvater nicht ganz zu vergessen. So war einst weder Brot noch Mehl vorhanden; trotzdem schickte sich Pfeffer an, mit seiner Geige dem Hause den Rücken zu kehren. Da warf ihm sein Weib das leere Mehlsäckchen vor die Füße mit der wenig schmeichelhaften Bemerkung: »So, von jetzt an kannst du kochen und backen. Ich werde mir mein Auskommen als Dienstmagd suchen.« Pfeffer steckte das Säckchen, ohne etwas zu erwidern, in die Tasche und ging davon. Diesmal lenkte er seine Schritte Cannstatt zu, wo er in den nächsten Tagen einen Verdienst durch Aufspielen zu erwarten hatte. Bei einem bekannten Bäcker ließ er sich 1/8 Zentner Mehl geben und suchte dann das Gasthaus auf, in dem ihm das Geschäft winkte. Hier stillte er seinen Durst gründlich. Endlich dachte er an den Heimweg, sein Mehl in einem vom Wirt entlehnten Tragkorb auf dem Rücken. Mit ziemlich unsichern Schritten ging's über das holperige Pflaster der Neckarbrücke zu. »Auf der steinernen Brüstung muß ich etwas abstellen und den verflixten Tragriemen kürzer machen,« brummte er vor sich hin; »der Korb hängt so tief wie der Butten des Weingärtners.« Ohne viel Mühe gelang die Kürzung eines Tragbandes; beim andern aber wollte die eingerostete Schnalle nicht nachgeben. Plötzlich kam der Tragkorb ins Wanken und   plumps   lag er mit dem Mehl im Wasser. »O weh, mein Mehl!« rief Pfeffer, als er das Säcklein im Wasser sah. Schlecht gelaunt wanderte diesmal Pfeffer von Untertürkheim die Steige zum Rotenberg empor und von da durch den frischen Laubwald nach Stetten. Immer mußte er an den empfindlichen Verlust denken. Der Empfang zu Hause: »So, nichtsnutziger Mensch, kommst wieder ohne Mehl!« besserte seine Stimmung nicht, sondern entlockte ihm nur die beißende Spottrede: »Ich habe einen Sack voll Mehl gekauft, aber in Cannstatt gleich Teig daraus gemacht. Dabei beging ich den Fehler, zu viel Wasser zu nehmen.« Am andern Tag schaffte er aber doch Mehl ins Haus. 21. Dieser kleine Vorgang zeigt, daß Pfeffer zu Hause kaum durch einen Leckerbissen überrascht wurde. Aus diesem Grunde standen Braten, Schinken und Rauchfleisch bei ihm um so höher im Ansehen, je billiger sie waren und je unverhoffter er in ihren Besitz kam. Einen Blick in seinen gewöhnlichen Küchenzettel durfte einst der Herzog Karl tun, den die Jagd ins Remstal führte. Pfeffer hatte mit noch vielen andern nach damaliger Sitte unentgeltlich Treiberdienste zu leisten. Die Schützen zogen die Jagd in die Länge, und der Magen Pfeffers knurrte bedenklich. Endlich wurde Halt geblasen. Jäger und Treiber sammelten sich um den Herzog, den die Jagd in die beste Laune versetzt hatte. Mehrere Rehe, 2 Wildschweine und eine große Zahl Hasen lagen schön geordnet umher. Voller Freundlichkeit wandte sich Herzog Karl an den ihm zunächst stehenden Treiber, es war Pfeffer, mit der Frage: »Wie lebt er denn?« Pfeffer ließ einen vielsagenden Blick über das geschossene Wild gleiten und erwiderte rasch: »Genau wie die Schweine! Den einen Tag gibt's Erdbirnen und Milch und den andern Milch und Erdbirnen. Dabei muß man oft lange warten, bis die Mahlzeit beginnt.« »Seinem Aussehen nach gedeiht er dabei nicht schlecht,« meinte der Herzog trocken und schritt davon. Über diesen kurzen Abschied war Pfeffer wenig erbaut. Der Braten, den er durch seine schlaue Antwort zu ergattern hoffte, blieb aus. Das erlegte Wild mußte bis auf den kleinsten Hasen hinaus in die Hofküche abgeliefert werden. Enttäuschungen gab es übrigens auch später noch hin und wieder. Mancher Wirt, der Pfeffers schwache Seite erkannt hatte, wies ihm, wenn er ohne Geld zechen wollte, die Türe. Zudem halfen die lustigen Schwänke und die heitere Musik nicht immer über den Ernst des Lebens hinweg. Die Tage, die weniger gefallen, sah auch Pfeffer kommen. So wurde der Spaßmacher von Stetten zu der Überzeugung gebracht, daß der Schein trügt, und daß die Ehrlichkeit am längsten währt. (Nach verschiedenen Quellen von G. A. Volz.) Der Scherrüble von Uhlbach Als im Juli 1796 die Franzosen bei Cannstatt über den Neckar gingen, ohne daß die Österreicher es ihnen wehren konnten, bekam auch das hinter dem Rotenberg gelegene Dorf Uhlbach Franzosen ins Quartier. Wie jedermann weiß, wächst in Uhlbach ein guter Wein, dem wenige in Württemberg gleichkommen. Den besten schenkte damals der Lammwirt Scherrüble aus, weshalb die Herren von Stuttgart und Eßlingen ihn fleißig versuchten. Der Lammwirt hatte darauf einen großen Stolz und meinte, es gäbe überhaupt keinen besseren in der ganzen Welt. Als nun die Franzosen unter Trommelschlag im Dorf einrückten, sagte er zu seiner Frau: »Hör', Alte, lieb wär mir's schon gewesen, die Franzosen hätten unser Dorf gar nicht gefunden. Nachdem sie aber einmal da sind, so wollen wir uns nicht lumpen lassen. Mach' ein saftiges Schweinsbrätle; ich will derweilst in den Keller gehen und ein Fläschlein vom Guten heraufholen; der Franzos soll sich's schmecken lassen.« Als nicht lange darauf der einquartierte Franzose in die Stube trat, war der Tisch schon gedeckt, und der Lammwirt stellte schmunzelnd eine Flasche Wein auf den Tisch, wie ihn die Herren von Stuttgart und Eßlingen zu trinken pflegten, und wünschte dem fremden Gast einen guten Appetit. Der Franzose, nachdem er Gewehr und Tornister abgelegt hat, setzt sich an den Tisch, ißt von der Suppe und schenkt sich hernach von dem Wein ein. Aber kaum hat er einen Schluck davon genommen, so macht er ein gar grimmiges Gesicht, stößt das Glas auf die Seite und ruft: »Sakerdifuder! Schlecht Wein, miserables Wein! Ick will gut Wein!« Der Lammwirt kann's gar nicht begreifen, daß sein Wein nicht gut sein soll, und als der Franzose weiter rumort und schreit, zieht er sein Schmerkäpplein ab und sagt: »'s ist währle mein bester, Herr, und 's hat en noch älles geara trunka!« Der Franzose aber schimpft fort und schreit: »Schlecht Wein! Miserabel Wein! Champagner will ick, nix mowäh Wein!« Der Lammwirt ist ratlos und weiß nicht, was er anfangen soll. Endlich geht er in den Keller und holt eine Flasche 1788er, die er sich für besondere Fälle zur Herz- und Magenstärkung auf die Seite gestellt hatte. Doch der Franzose besieht sie gar nicht lange, sondern wirft sie an die Wand, daß die Scherben klirren, und ruft: »Champagner will ick, nix mowäh Wein!« Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn nicht plötzlich der Tambour auf der Gasse sich hätte hören lassen. Der Franzose mußte sich also den Mund wischen und zum Appell eilen. Er kam nicht wieder, und der Lammwirt erhielt einen andern ins Quartier, der dem Uhlbacher Wein alle Ehre antat. Alles ändert sich, auch das Kriegsglück. Nachdem die Franzosen und ihr Kaiser Napoleon lange Zeit in Deutschland die Meister gewesen waren, wurden sie im Oktober 1813 bei Leipzig dermaßen geschlagen, daß sie eiligst über den Rhein flüchten mußten. Die verbündeten Truppen folgten ihnen im Jahr 1814 nach, und auch die Württemberger, geführt von ihrem wackeren Kronprinzen, dem nachmaligen König Wilhelm I., waren dabei. Bei den schwarzen Jägern, wie ein württembergischer Truppenteil hieß, diente des Lammwirt Scherrübles Sohn von Uhlbach. Er war damals, als der Franzose die Flasche an die Wand geworfen, ein kleiner Knirps von etwa 3 4 Jahren gewesen, aber der Vorfall, den er vom Küchenfensterle aus mit angesehen hatte, war ihm unvergeßlich geblieben. Als er nun mit dem verbündeten Heer in Frankreich einmarschierte, dachte er: »Jetzt, Scherrüble, ist die Zeit gekommen, daß du den vermaledeiten Franzosen die Laibe heimgeben kannst!« Er wartete auf eine günstige Gelegenheit; doch wollte sie sich lange nicht bieten. Als nun eines Tags sein Kamerad zu ihm sagte: »Jetzt, Scherrüble, können wir uns freuen; jetzt kommen wir in die Champagne, wo der gute Wein wächst!« da dachte er: »Jetzt tu' ich's auch!« Wie er nun ins Quartier kommt, wirft er seinen Tschako auf den Tisch und den Tornister in die Ecke und schreit: »Wein! Wein! bon Wein!« Die dürre Französin, die in der Stube ist, stellt ihm eine Flasche Wein auf den Tisch. Scherrüble schenkt sich davon ein, und obgleich er sofort merkt, daß der Wein gut ist, schmeißt er doch die Flasche an die Wand und schreit voll Zorn: »Schlechter Wein! Mowäh Wein! Ich will bon Wein!« Die Französin schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und springt herum, daß die Haubenbändel fliegen, und holt dann ihren Mann. Der kommt mit seiner Zipfelmütze, und beide welschen nun auf Scherrüble ein, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Aber er läßt sich nicht daraus bringen und denkt an den Franzosen von anno 1796. Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, flucht und wettert mit den Stühlen und schreit: »Bon Wein, nicht mowäh Wein!« so daß die Franzosen sich nimmer zu raten und zu helfen wissen. Endlich bringen sie eine zugepfropfte Budelle, und wie sie aufgemacht wird, da schäumt es heraus, und der Franzose lacht den bösen Scherrüble an und sagt: »Exzellent Wein, Herr Deutsch! best Champagner!« Aber Scherrüble, obgleich ihm der Mund danach wässert, wirft die Flasche unbesehen an die Wand und schreit: »Was Champagner! Uhlbacher will ich! Uhlbacher!« Da gab's nun ein Geschrei! Die Frau fing an zu zetern und zu schimpfen; Scherrüble wird immer wilder, und der Mann bittet und jammert. Und da der Franzose sich nicht anders zu helfen weiß, greift er in die Tasche, zieht ein Goldstück heraus und sagt: »Ach, lieb Deutsch, sei ruhig, hab nix Uhlback, will geben viel Geld! Sei ruhig, lieb Deutsch!« Scherrüble denkt: »Jetzt ist's genug!« und läßt die Leute in Ruhe. Und weil das Unrecht von 1796 gesühnt und beglichen ist, so läßt er sich von nun an den Champagner trefflich munden und verlangt keinen Uhlbacher mehr in Frankreich. (Nach Siegfried Pfaff von K. Rommel.) Die Gotteszähren Ein Schwabe ging einmal nach Rom; der hatte Zeit seines Lebens noch keinen Wein getrunken. Als er nun in das Welschland kam und man ihm des guten welschen Weines vorsetzte, wußte er nicht, was für ein Trank das war. Er rief aber dem Wirt und raunte ihm ins Ohr, wie man den guten Saft nenne, den er ihm da vorgesetzt hätte. Der Wirt sah wohl, was es für ein Vogel war, und sprach: »Es sind Gotteszähren« (Lacrimae Christi = eine am Vesuv wachsende Weinsorte). Da hob der Schwabe die Augen auf gen Himmel, seufzte tief und sprach: O Gott, warum hast du nicht auch in unserem Lande geweinet! (Pauli, Schimpf und Ernst 1552.) Der Lügenschmied von Cannstatt 1. Zu des schwäbischen Poeten Bebels Zeiten (ca. 1500) lebte zu Cannstatt ein Schlosser oder Kleinschmied, den man den Lügenschmied nannte. Er war weit in der Welt herumgekommen, hatte viel gesehen und gehört und wußte davon allerlei Wunderbares zu erzählen. In seiner Jugend diente er bei einem Edelmann als Stallbube. Einmal an einem kalten Wintertag mußte er mit seinem Herrn über Land reiten. Sie ritten den ganzen Tag bis zum Abend und kamen endlich zu einer Herberge, wo sie nächtigen wollten. Der Wirt kam heraus, um ihnen beim Absteigen behilflich zu sein. Aber als unser Schmied vom Pferde steigen wollte, war er auf dem Sattel festgefroren. Er gab sich alle Mühe loszukommen, doch vergebens. Der Wirt und seine Leute konnten nicht anders helfen, als daß sie die Sattelgurt losmachten und den Reiter mitsamt dem Sattel vom Pferde nahmen. So trugen sie ihn in die Stube und setzten ihn hinter den Ofen, wo er nach und nach auftaute und sich endlich vom Sattel befreien konnte. 2. Auf dem Heimweg begegnete ihm ein anderes Abenteuer. Denn als er mit seinem Junker an einem tiefen Wasser vorbeiritt, sahen sie zwischen den Eisschollen eine Fischreuse schwimmen. Der Junker sagte: »Wenn wir nur die Reuse hätten, denn sie ist gewißlich voll von Fischen!«   »Die ist bald geholt,« entgegnete der Lügenschmied und sprengte mit seinem Roß in den Fluß. In dem Flusse hauste aber ein mächtig großer Fisch. Der hatte schon lange auf Beute gelauert. Als nun der Schmied eben die Reuse fassen wollte, kam er herbeigeschwommen, sperrte den Rachen auf und verschlang mit einem Mal Roß und Reiter. Der Junker, der vom Ufer aus zuschaute, war darüber voll Entsetzen. Um so größer war aber sein Erstaunen, als er am andern Tag seinen Buben, den Schmied, gesund und munter in den Schloßhof einleiten sah. Der Fisch war nämlich noch am selben Abend gefangen worden. Als man ihn aufschnitt und ausweidete, kam der Lügenschmied, noch auf dem Gaule sitzend, hervorgesprengt, so daß die Leute sich nicht wenig darüber verwunderten. 3. Eines Tages ging er in den Wald, um ein Wildbret zu schießen. Lange wollte ihm nichts in den Schuß kommen. Da auf einmal knackte es im Gebüsch, und wie erstaunt war er, als er ein Wildschwein daherkommen sah, hinter dem ein altes Schwein lief, das den Schwanz des jungen im Maul hatte. Das alte Schwein war nämlich blind und wurde auf diese merkwürdige Weise von dem jungen geleitet. Der Schmied, schnell besonnen, spannte die Armbrust, zielte genau und schoß dem jungen Schwein das Schwänzlein glatt am Leibe ab. Es lief eiligst davon. Das blinde Schwein aber hielt das abgeschossene Schwänzlein des jungen im Maule, blieb stehen und wartete geduldig, bis der Schmied herbeikam, den Stummel ergriff und es von dannen führte. Fünf Meilen weit führte er es durch Wälder und Felder bis nach Stuttgart, wo er großes Aufsehen erregte und das Schwein auf dem Markt gut verkaufte. 4. Ein andermal war er wieder im Wald auf der Jagd. Da stieß er auf ein überaus starkes Wildschwein. Es war ein Hauer und hatte Zähne, die ihm wohl eine halbe Elle lang zum Maule heraushingen. Da Hunde das Schwein gehetzt hatten, war es ganz wild und ging mit großem Grimm auf unsern Jäger los. Diesem fiel das Herz in die Hosen. Er floh und verkroch sich voll Angst in einen hohlen Eichbaum. Aber das Wildschwein war ihm auf den Fersen. Da es nun an den Baum kam und ihn dort erspürte, fing es an, mit seinen Zähnen in den Eichbaum zu hauen. Es geschah dies mit solcher Gewalt, daß die Zähne ziemlich tief eindrangen und der geängstigte Schmied sie wohl sehen konnte. Immer näher kamen ihm die furchtbaren Hauer. Da in seiner Not kam er auf einen glücklichen Einfall. Er trug in seinem Gürtel einen Dolch, der am Heft eine breite Platte hatte. Den nahm er und schob ihn, als das ergrimmte Schwein wiederum zu arbeiten anfing, durch die krummen Hauer des Tieres, so daß sie nicht mehr zurückgezogen werden konnten. Das Wildschwein war somit gefangen, und der Schmied konnte es, als er glücklich seinem Gefängnis entstiegen war, auf bequeme Weise töten. 5. Später durchzog unser Schmied als Kriegsmann die Welt. Da geschah es, daß er einsmals durch einen großen Wald kam, der voll tiefen Schnees lag. Während er so dahinging, kam plötzlich ein hungriger Wolf auf ihn losgerannt. Das Tier sperrte den Rachen auf, als ob es ihn mit Haut und Haar verschlingen wollte. Der Schmied hatte weder Wehr noch Waffen bei sich, um das Untier von sich abzuhalten. Doch kam er nicht aus der Fassung. Als der Wolf herbeikam, fuhr er ihm schnell mit der Hand durch den Schlund in den Leib hinab und hinten hinaus, erwischte den Schwanz des Tieres und zog nun an diesem aus Leibeskräften, bis er ihn durch den Leib gezogen und also den Wolf umgewendet hatte, wie ein Schuhmacher einen Schuh umwendet, den er in Arbeit nimmt. 6. Im Krieg wurde er mit andern Reitern ausgeschickt, den Feind auszuspähen. Sie wagten sich zu weit vor und fielen in einen Hinterhalt, den die Feinde gelegt hatten. Zurück konnten sie nicht, vorwärts aber auch nicht, denn ein breiter Fluß hinderte sie daran. Der Fluß war zwar, da es Winter war, mit einer Decke von Eis überwölbt. Doch war das Eis noch dünn, so daß seine Mitgesellen nicht wagten, es zu betreten. Alle fielen darum den nachfolgenden Feinden in die Hände. Nur der Schmied wagte den Ritt übers Eis. Kaum hatte aber das Pferd das Eis betreten, so brach es ein, und Roß und Reiter versanken im tiefen Wasser. Es geschah ihnen jedoch weiter kein Leid, und sie kamen auch glücklich auf dem Grund des Wassers an. Dort irrte der Schmied lange umher, ohne einen Ausgang zu finden; denn die Eisdecke wölbte sich über den ganzen Fluß und hielt ihn gefangen. Endlich wurde er zornig, legte seinen scharfen Raufspieß an, den er bei sich führte, und durchbohrte mit einem heftigen Anlauf das Eis, daß es zerbarst. Glücklicherweise war das Wasser an dieser Stelle ziemlich seicht. So konnte das Pferd mit einem kräftigen Satz aus dem Wasser auf den Damm springen. Mit dem Bewußtsein, daß Gott den Mutigen nicht verläßt, trabte der Schmied wohlgemut von dannen. 7. Einst nahm er an der Belagerung einer Stadt teil. Dabei geschah es, daß die Feinde aus der Stadt fielen und mit ihm und seinen Kameraden scharmützeln wollten. Sie wurden aber besiegt und wiederum in die Stadt hineingetrieben. Bei der Verfolgung war der Schmied so hitzig hinter den Feinden her, daß er aller Gefahr vergaß und ihnen sogar zum offenen Tor der Stadt hinein auf seinem Pferde nachjagte. In demselben Augenblick ließ der Torwart das Gatter fallen, mit dem das Tor für gewöhnlich verschlossen wurde. Das schwere Gatter schlug unserem Schmied den Gaul hinter dem Sattel ab, ohne daß er es merkte. So kam's, daß er auf dem halben Gaul die Feinde durch die Gassen bis zum Marktplatz verfolgte und ihnen dabei noch vielen Schaden tat. Hier auf dem Markt stellte sich ihm aber eine Übermacht entgegen, der er nicht gewachsen war. Schnell wollte er darum das Pferd wenden und wieder zurückreiten, konnte aber nicht, da das Pferd nur noch eine vordere, aber nicht mehr eine hintere Hälfte hatte. Es blieb ihm nun nichts anderes übrig, als sich zu ergeben. Die Feinde, seine große Tapferkeit ehrend, schenkten ihm die Freiheit und entließen ihn unbehelligt wieder zu seinen Gesellen. (Nach Bebel u. Wendunmut [1563] von K. Rommel.) Eine Historie von Graf Ulrich von Württemberg Graf Ulrich der »Vielgeliebte« von Württemberg, (1419 1480) war ein recht leutseliger Herr, der auch einen Spaß ertragen konnte. Einer seiner Dienstmannen, ein Herr von Lentersheim, hatte eine Frau, die wegen ihrer Schönheit weit und breit berühmt war. Graf Ulrich hörte auch von ihr und war sehr begierig, sie zu sehen. Als daher Herr von Lentersheim einsmals in Stuttgart bei Hofe war, sagte ihm der Graf, er möchte ihm doch auch einmal seine Gemahlin zeigen. Der von Lentersheim, obwohl ein eifersüchtiger Mann, konnte dem Herrn seine Bitte nicht abschlagen. Also lud er ihn auf einen bestimmten Tag auf sein Schloß ein. Ulrich kam mit ritterlichem Gefolge. Wie staunte er aber, als er die Burg Lentersheim wohl verwahrt, das Tor geschlossen und die Zugbrücke aufgezogen fand. Er ließ den Ritter herausrufen. Der erschien mit seiner Frau auf der Zinne über dem Tor und rief von oben herab: »Herr, dies ist meine Hausfrau, besehet sie; so ist sie von vornen gestaltet!«   Dann drehte er sie um und sprach: »Herr, also sieht sie von hinten aus. Jetzt habt Ihr sie gesehen und könnet nun wieder heimreiten; herein lasse ich Euch nicht.« Wohl oder übel mußte der Graf wieder umkehren. Doch trug er dem unhöflichen Dienstmann darum nichts nach. (Nach der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.) Eine Jägermesse Graf Ulrich V. »der Vielgeliebte« von Württemberg (1419 1480) war wie seine Vorgänger und Nachfolger ein eifriger Weidmann. Eines Tages verkündigte ihm ein Diener, daß er an einem Ort schöne wohlgehörnte Hirsche aufgespürt habe. Der Graf, besorgt sie möchten ihm verscheucht werden, machte sich allsofort zur Jagd bereit. Doch wollte er, dem Brauch der damaligen Zeit gemäß, noch vorher die Messe hören. Er sagte darum zu seinem Hofkaplan, er solle ihm eine »Reiter- oder Jägermesse« lesen. Damit wollte er anzeigen, der Kaplan möchte es kurz und gut machen. Der Priester nahm sein Meßbuch zur Hand und fing darin an zu blättern und zu suchen, fand aber nirgends eine Reiter- oder Jägermesse verzeichnet. Als er das dem Grafen mit trauriger Miene ansagte, lachte dieser mit seinen Dienern nicht wenig, »und so er ihn nicht unterrichtet hätte, suchte gewißlich das Pfäfflein nach der Jägermesse noch jetzt in seinem Buche«. (Nach Kirchhofs Wendunmut [1563] von K. R.) Der gelehrte Bauer Zu Herzog Ulrichs Zeiten lebte zu Villingen im Schwarzwald ein Bauer. Der war ein grober Kegel, konnte aber lesen und wußte fast die ganze Bibel auswendig. Gegen den Winter, wenn er seine Äcker gesät hatte und nichts mehr zu tun war, ging er dem Disputieren nach. Wo er hinkam, befragte er die Priester und Gelehrten: »Wo steht dies in der Bibel und das?« Einstmals kam er auch nach Stuttgart an des Herzog Ulrichs Hof. Die Doktoren kannten ihn wohl, und der Fürst wollte ihn auch hören. Er lud ihn darum zu Gaste. Was ihn die Gelehrten aus der Bibel fragten, darüber konnte er guten Bericht geben, so daß der Fürst ein Wohlgefallen an ihm hatte. Hans Werner, der Bauer, sprach zu dem Herzog: »Herr, wisset Ihr auch, wie groß Gott ist?« Der Herzog antwortete: »Wer kann das sagen!« Der Bauer sprach: »Er ist so groß, wie ein Prophet spricht: Der Himmel ist mein Sessel, und das Erdreich ist ein Schemel meiner Füße. Und mit seinen Armen reicht er von einem Ort zum andern.   Nun ratet einmal, ihr Herren, wie viel müßt' er Tuch zu einem Rock haben, wenn er so groß ist?« Der Fürst sprach: »Das weiß ich nicht.« Der Bauer sagte: »Er bedarf nicht mehr als ich; denn er spricht: Was ihr einem armen Menschen tut in meinem Namen, das habt ihr mir getan.   Darum, wenn Ihr mir einen Rock gebet, so habt Ihr ihn Gott gegeben.« Der Herzog sprach: »Bist du auf Mitfasten hier, wenn ich mein Hofgesind bekleide, so will ich dir auch einen Rock geben.« Hans Werner verschlief es nicht. Und er machte sich auf und kam an dem bestimmten Tag wiederum an des Fürsten Hof und empfing allda einen Rock, wie ihm der Herzog versprochen hatte. (Nach Pauli, Schimpf und Ernst [1552] von K. R.) Ein guter Hirte Herzog Christoph von Württemberg (1550 1568) trank gern Wein, und es kam nicht selten vor, daß an seinem Tisch die Gäste mehr zu trinken bekamen, als sie vertragen konnten. Ein Herr von Limpurg kam eines Tages nach Stuttgart, um dem Herzog seine Aufwartung zu machen. Der Herzog saß mit seinen Dienern noch an der Tafel, ließ aber dennoch den Herrn hereinführen. »Hie sitzen wir bei unsern Schäflein,« sagte er mit Lachen, als er den Limpurger willkommen hieß. Dieser, wohl sehend, daß alle wohl getrunken hatten, antwortete: »Habt Ihr sie nicht wohl geweidet, so habt Ihr sie doch wohl getränket.« Darüber entstand nicht geringe Heiterkeit, in die auch der Herzog von Herzen mit einstimmte. (Nach Zinkgref, Apophthegmata [1693] von K. R.) Mit gesündigt, mit gebüßt Im Jahre 1602, sagt eine Stuttgarter Chronik, ist das Rebenwerk umb Stuttgart, so sich wohl angelassen gehabt, ganz zunichte geworden; denn am 21., 22. und 23. Aprilis haben starke Reifen dem Rebenwerk den Garaus gemacht. Deswegen hat Herr Joh. Magirus, damals Probst allhier, diesen erbärmlichen Schaden mit solchen Worten in der Freitagspredigt beklagt: »Wir haben heut St. Georgentag, da leider, Gott erbarm's, der Ritter St. Georg uff einem weißen Pferd mit solch' Ungestüm und Grausamkeit eingeritten, daß der Türk, wann er mit etlich' tausend Pferden in die Christenheit eingefallen, in so kurzer Zeit so großen Schaden nicht hätte tun können.«   Die Geistlichen suchten die Schuld für dieses Unglück in der Sünde der Leute, die Gottes Zorn und Mißfallen erregt haben. Es gab sehr wenig Wein in diesem Jahr; auch war er ziemlich gering und sauer. Einige württembergische Pfarrer, die Wein bei ihrer Besoldung hatten, konnten diesen Wein nicht hinunterbringen. Sie wandten sich also an den Herzog Friedrich mit der Bitte, daß man ihnen als Seelsorger, die guten Magenwein vonnöten hätten, doch einen besseren Dienstwein geben solle. Der Herzog, dem die Predigten der Pfarrer über die Ursache des schlechten Weinwachses nicht unbekannt geblieben waren, ließ die Bittschriften zurückgehen und schrieb darunter die kurzen Worte: »Mit gesündigt, mit gebüßt.« (Nach Volz, Weinbau, und Zinkgref, Apophthegmata, v. K. R.) Das Weintrinken in der Frone Im Jahre 1539 wuchs sehr viel Wein in Württemberg; doch war er nur von mittlerer Güte, so daß damals »die Faß mehr galten als der Wein«. Ein Edelmann bekam soviel Wein, daß er nicht wußte, was mit anfangen. Auf den Boden laufen lassen, wie es anno 1484 geschehen ist, das wollte er nicht, und Abnehmer fand er keine. Da kam er auf einen glücklichen Gedanken. Seine Bauern waren verpflichtet, ihm in der Woche gewisse Tage unentgeltlich zu dienen oder zu fronen. Er bestellte sie nun auf diese Tage ins Schloß und ließ den Wein in der Frone austrinken. Geld erhielt er natürlich keines dafür; aber er kam dabei doch auf seine Rechnung. Denn ungemessen strömte der Wein in die durstigen Kehlen der Bauern, erhitzte ihre Köpfe, und bald gab es Zank und Schläge und Verwundungen genug. Der Edelmann war, wie es damals rechtens war, der Gerichtsherr. Er ließ durch seinen Amtmann die Bauern für den begangenen Frevel strafen und erhielt also an Strafen mehr, als wenn er den Wein verkauft hätte. (Nach Volz, Geschichte des Weinbaus in Württemberg, von K. Rommel.) Schieferdecker Baur und Schubart im Adler zu Stuttgart In den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts versammelte sich allabendlich im Gasthaus zum Adler in Stuttgart eine lustige Tafelrunde. Die beiden Hauptpersonen in der fröhlichen Gesellschaft waren der Schieferdecker Baur und der Dichter Schubart. Baur war ein Originalmensch, von dem man in Stuttgart noch lange erzählte. Sein Äußeres wird folgendermaßen geschildert: »Wie ein Fleischberg war er anzusehen. Sein Domherrnkopf ruht auf einer Körperlast von mehr als dritthalb Zentnern; seine krummgebogene Adlersnase ist mit Rubinen geschmückt, seine hochaufspringende Stirn ganz mit Perlen besäet; ein freundlich, vergnüglich Auge lächelt oder blitzt unter den Augenwimpern hervor; sein Mund ist zwei Felsen gleich, welche den schönsten Hafen bilden, um an den Schiffen des Weins das Recht des Stapels zu üben. Das doppelte Kinn senkt sich, einem Talgklumpen gleich, am Halse herab; und die wie ein Damm aufgeworfene Brust ist mit dem hallenden Donner der Stimme gestählt. Dann in fürchterlicher Rundung erhebt sich der Bauch, dem Heidelberger Faß vergleichbar, diese kolossale Stube des Gottes der Reben.« Denn der Wein war sein Element und das Trinken seine liebste Beschäftigung. Schon zum Frühstücke genoß er eine gute Portion Mannheimer Wasser, auch zum Zuspitzen noch etwas Cyperwein, den er kistenweise von fernher zu verschreiben pflegte, um 10 Uhr etliche Schoppen des besten Neckarweins, zu Tisch ein paar Flaschen Rhein- und Moselwein, nach der Tafel in einem benachbarten Orte ein ordentliches Quantum von anderem Gewächs, abends zu Stuttgart in dem Adler eine erstaunliche Menge des besten, den der Keller zu bieten hatte, und zuletzt als Schlaftrunk eine oder auch einige Flaschen Champagner. Einer, der Wasser trank, erschien ihm als der ärgste Verbrecher. »Das Wasser,« sagte er, »macht dumm, es ist nur für Fische, Gänse und   Dummköpfe.« Als einmal neben ihm einer Wasser in seinen Wein schüttete, war ihm das ein unerträglicher Anblick. Er schrie: »Kellner, schnell etliche Bouteillen Rheinwein auf meine Rechnung. Fort mit dem Wasser, fort mit dem Wasser, ich kann und will's nicht sehen!« Schubart dichtete folgendes Verslein auf ihn: Wenn Baur ein Walfisch wäre, Und alle Meere Wein, So trockneten die Meere Von seinem Schlucken ein. Um zu verhindern, daß ihn der Wirt beim Zahlen betrüge   denn er selbst konnte um diese Zeit nicht mehr rechnen   hatte er sich angewöhnt, die Pfropfen von den ausgetrunkenen Weinflaschen in die Tasche zu stecken. Am andern Morgen war dann sein erstes Geschäft, aus der Zahl der Pfröpfe und dem Stand seines Geldbeutels die Zeche zu berechnen. Baur war Junggeselle und hatte sich in seinem Beruf ein großes Vermögen erworben. Dieses reichte nicht nur hin, um seinen üppigen Lebenswandel zu bestreiten, sondern er konnte auch noch vieles für die Armen tun   und dies ist die gute Seite seiner Persönlichkeit. Wie viel er in dieser Beziehung tat, erfuhr man erst aus den Dankschreiben, die man in seinen hinterlassenen Papieren fand; denn er ließ seine linke Hand nicht wissen, was die rechte tat. In seinen Ausdrücken war der Schieferdecker überaus derb. Man könnte nur die verhältnismäßig feinsten von seinen Redensarten allenfalls hieherschreiben. Ein Lieblingsausdruck von ihm war »Lalle«. Je nach ihrem Beruf nannte er seine Freunde Wirtslalle, Schullalle, Postlalle usw. Natürlich blieben ihm diese nichts schuldig. Einer derselben, der ihm zu seinem Geburtstag ein Gedicht überreichte, redete ihn also an: Allen, die sich Zecher nennen, Sei zwar dieses Lied gezollt, Doch mit laut gestimmt'rem Schalle Tönt es dir, erhabener Lalle , Deinem Namen, Leopold. Wie man ihm nirgends etwas übel nahm, wo man ihn kannte   und wo kannte man ihn nicht!   so ließ er sich auch alles sagen, namentlich wenn wirklich Witz darin lag. Eines Tages traf er einen Juden namens Hirsch, den er zuvor nicht gekannt hatte. Da er gegen alle Juden einen besonderen Widerwillen hatte, so redete er ihn an: »Na, mit was schacherst, Hebräer? Wohl mit alten Lumpen? Kaufst keine Schweine?«   »Es ist ein Glück für Sie,« erwiderte der Jude, »sonst ging es Ihnen übel.« »Flegel,« donnerte ihn Baur an, »küß mich im Buckel!« »Ich habe Ihnen schon gesagt,« war die Antwort, »daß mir mein Gesetz verbietet, Schweinefleisch zu genießen.« Von da an war der Jude bei Baur wohl gelitten. Auf ähnliche Weise wurde der Theaterdirektor Schlotterbeck sein Freund. Als derselbe zum erstenmal bei Baur am Wirtstisch saß, hielt ihn dieser für einen Juden und schrie fortwährend: »Zum Teufel mit dem Juden! Hol' die Pest alle Juden! Ich will bei keinem Juden sitzen!« Schlotterbeck sagte ganz ruhig: »Ich will Euch tatsächlich beweisen, Meister Schieferdecker, daß ich kein Jude bin, indem ich neben ein Schwein mich setze.« Zugleich setzte er sich auf einen Stuhl, der neben Baur stand. Dem Schieferdecker gefiel die schnelle Besonnenheit des jungen Mannes so sehr, daß er alsbald Brüderschaft mit ihm trank. Schlotterbeck wurde eines der »hervorragendsten« Mitglieder der Tischgesellschaft im Adler. Trotz seiner Derbheit war Baur sehr kirchlich. Er verrichtete regelmäßig seine Andachten, ging täglich in die Messe (er war nämlich Katholik) und erklärte alle Lutheraner für Lalle. Daher wollte er auch nicht in Stuttgart begraben sein, sondern in Hofen bei seinen Glaubensgenossen. Von seinem Freund Schubart läßt sich dasselbe rühmen wie von Baur, daß er nämlich äußerst wohltätig gegen die Notleidenden war. Er hatte selber schlimme Zeiten mitgemacht. Nachdem er aber nun in besseren Verhältnissen war, gab er oft den letzten Pfennig her, um andere zu unterstützen. War Baur wegen seiner Derbheit und seines originellen Wesens als Gesellschafter sehr beliebt, so war es Schubart hauptsächlich wegen seiner witzigen Einfälle und seiner Kunst, aus dem Stegreif zu dichten. Zu Heslach in der Traube wollten einmal zwei bereits betrunkene Weingärtner von Schubart einen Reim aus dem Stegreif haben. Schubart fragte sie nach ihrem Namen: der eine hieß Klumpp, der andere Fesel. Ohne sich lang zu besinnen, fing Schubart an: Nimm 's K hinweg von Klumpp, Und 's F hinweg von Fesel, So ist der ein' ein Lump, Der andere ein Esel. Als Schubart noch seinen Aufenthalt in Ulm hatte, lud der dortige Baumstark-Wirt Becker, der in seinem Hause einen neuen Saal gebaut hatte, zur Einweihung desselben eine Abendgesellschaft ein. Auf den im Saale stehenden Ofen hatte Becker von einem Kunsthafner eine Schubart vorstellende Büste, in der Hand einen Schinken haltend, setzen lassen. Schubart erkannte sich beim Eintreten in den Saal sogleich in diesem Bilde und sagte folgenden Reim aus dem Stegreif: »Das ist Schubart, der Schlecker, Frißt ein Stück vom Baumstarkwirt Becker.« Bei einem Mittagessen erhob sich einmal eine Dame, nahm ganz zimpferlich ihr Gläslein und sprach mit zarter Stimme: »Schubart, Schubart, dir zu Ehren Will ich dieses Gläschen leeren.« Schubart ergriff sogleich sein Glas und erwiderte mit seiner Baßstimme: »Ach, das freut mich königlich, Daß die Dame säuft wie ich.« Einst war Schubart zu einem Weinbergbesitzer namens Landauer zur Weinlese eingeladen worden. Schubart war unglücklicherweise nicht bei Laune. Der Weinbergbesitzer setzte ihm aber zu, die übrigen Gäste doch aufzuheitern, und ließ so ziemlich merken, daß er ihn nur deshalb eingeladen habe. Schubart, der vielen Aufforderungen endlich müde, ergriff sein Glas und brachte vor der ganzen Tischgesellschaft folgenden Trinkspruch aus: »Hoch lebe Herr Landauer Und auch sein ganzes Haus: Der Kerl wird immer grauer, Der Esel muß heraus.« Schubart leistete im Trinken auch Erkleckliches; aber seinen Freund Baur erreichte er doch bei weitem nicht. Man kann sich wohl denken, daß es gar lustig zugegangen sein muß, wenn diese beiden Männer abends zusammenkamen, und wenn noch einige andere trinkfeste und witzige Leute sich dazu gesellten. »Nichts Ergötzlicheres ließ sich denken, als eine Abendgesellschaft dieser lustigen Gesellen. Der Adler in Stuttgart war ihr liebstes Quartier, und es sammelte sich alles, was einen gesunden Sinn und Füße hatte, wenn man wußte, daß Schubart und der dicke Baur zu treffen seien. Das ganze Haus war mit Gästen gefüllt; an den entferntesten Tischen der Wirtsstube saßen Perückenmacher, Stallknechte, Bediente, Schreiner und andere Handwerker; um die Helden des Hauses saßen herum: Offiziere, Advokaten, Schreiber, Kammerdiener, Künstler, Schulmänner, Ärzte, Feldscherer, Kanzlisten, Sekretäre, Kammerräte, Buchhalter, Kaufleute, Studenten, Blaser und Geiger, Springer und Tänzer, Engländer, Franzosen, Italiener und Deutsche   alle in einem Zimmer beisammen, alle beschäftigt, die Sorgen des Lebens im Wein zu ertränken. Unter allen aber leuchtete der Schieferdecker hervor, strahlend wie eine kugelige Sonne.« Einer, der auch gerne hinging, sagt: »Nein, es ist nicht zu beschreiben; nur wer's selbst gesehen hat, kann sich einen Begriff von diesen lustigen Brüdern machen. Das Wort ist viel zu arm, um diesen komischen Anblick zu beschreiben. Der Baur war ein ungeheures Stück Zunder, auf den man nur tupfen durfte, um ihm den köstlichsten Stoff zu einem schallenden Gelächter zu entlocken. Jetzt sog dieser Turm von Fleisch und Speck die Weinflaschen aus, einem Elefanten nicht ungleich, der ein Fuder von Bouteillen mit dem Rüssel sich zu Gemüt führt; jetzt scholl ihm das Gelächter wie das Echo aus Felsengeklüft aus der Brust herauf; jetzt schien ihm vor Freude über irgendein Stichwort seines Freundes Schubart der Gürtel zu platzen; jetzt schien er lächelnd und besänftigt wie ein schlafender Vulkan; jetzt entströmten gleich dichtgesätem Hagel in Eiergröße ganze Quadersteine von Schimpfwörtern seinen wolkigen Lippen.« Es war eine Lieblingsbeschäftigung der Gesellschaft, Wörter, auf die sich in der gewöhnlichen Sprache kein Reim finden läßt, doch künstlich in Verse zu bringen. Schubart war darin Meister. Als nun einmal auch über diese Kunstfertigkeit Schubarts, der noch nicht anwesend war, Verse aus dem Stegreif zu machen, gesprochen wurde, sagte der Oberst Ramsler, er habe auf seinen Namen noch keinen passenden Reim finden können und bezweifle daher, daß Schubart einen finden werde. Sogleich setzte der Schieferdecker sechs Kronentaler dafür, der Oberst mit noch einigen der Gesellschaft sechs dagegen. Die Summe wurde auf einen Teller gelegt. Schubart kam, und mit einigen Worten von der Wette in Kenntnis gesetzt, fing er also an: »Auf Ramsler soll ich reimen was   Sechs Kronentaler gilt der Spaß, Drum kauf' ich mir ein neues Wams, Dann hab' ich schon die Silbe Rams; Jetzt fehlt mir noch die Silbe ler, Gebt eure Kronentaler her!« Damit schob er das Geld ein.   Dem Postmeister Reinöhl von Cannstatt, der Schubart auch zu einem Reim auf seinen Namen aufforderte, sagte er: »O du mit deiner fetten Wange, Von Reinöhl, In deiner Geisteslampe Ist kein Öl.« Damit soll es genug sein von den lustigen Zechbrüdern. Baur starb im Frühjahr 1791 im Alter von 59 Jahren, und Schubart folgte ihm im Herbst desselben Jahres im Tode nach, erst 52 Jahre alt. Wir wollen nur noch hören, was ein Zeitgenosse über die beiden sagt: »Was sollen wir von diesen lustigen Brüdern denken? Ich für meinen Teil muß gestehen, daß sie mir lieber sind, als alle jene Modejäger, die keine andere Beschäftigung haben als frisieren, putzen, tändeln, effen, schwatzen, lachen, nachäffen, plappern, spielen, tanzen, spazieren, lügen, lästern, kriechen; die unter uns umlaufen, als wären sie von der Natur nur im Vorbeigehen zum Haß gemacht worden; die, wenn sie zusammenkommen, von nichts als Hunden, Gäulen, Komödiantinnen zu reden wissen; deren Gedanken förmlich im Kopfe umschwimmen wie Eulenspiegels Linse im Topf; denen kein Hut gehört, weil sie keinen Kopf haben, und die darum ganz recht daran tun, daß sie, wenn sie in Gesellschaft erscheinen, chapeaubas (hutlos) sind.« (Nach zwei anonymen Schriften [1792 u. 1845) von R. Haußmann.) Von einem Stuttgarter »Becken« Im Jahr 1856 wurden in Stuttgart »Zwölf Protzenlieder von August Cloß, einem Nichtbecken aus Huetlulapallan« veröffentlicht, wovon eines mit den Worten begann: O du große Stadt der Becken, O du Stadt der großen Becken, O du große Beckenstadt ... Unter dem hervorgehobenen Worte verstand man auf Grund der alltäglichen Anschauung damals einen reichen Mann, der auch etwas sagen durfte und mitunter von diesem Vorrecht in heiterem Sinn ausgiebigen Gebrauch machte. Ein wandelndes Urbild dieser Gattung aus der Landeshauptstadt wollen wir unsern Lesern hiemit vorführen. Der Königliche Hoflieferant X., Besitzer einer »hygienischen Backwarenfabrik«, hatte im Tagblatt einen »Lehrling von guter Schulbildung« gesucht. In solchem Hause geht nicht jeden Tag eine Lehrstelle auf, und da durften auch »bessere« Leute sich nicht lange, besinnen, ein Söhnlein unterzubringen. Der jüngste Sprößling eines geachteten Küfermeisters machte in der Schule gar geringe Fortschritte, nicht weil er unbegabt gewesen wäre; sondern weil es ihm am nötigen Fleiß fehlte und er lieber seinem Vergnügen nachging, als seine Schulaufgaben ausarbeitete. So blieb er nun im Realgymnasium schon zum zweitenmal in der fünften Klasse sitzen, und der gestrenge Vater war jetzt fest entschlossen, ihn ganz aus der Schule zu nehmen und ihn in einer Lehrstelle unterzubringen. Die Mutter nahm den Knaben also mit sich und suchte den vornehmen Meister auf. Schon zum voraus glaubte sie einer freundlichen Aufnahme gewiß zu sein, waren doch ihr Mann und der Vater des Herrn Bäckermeisters langjährige Herzensfreunde gewesen. Die gute Frau täuschte sich jedoch; der Bäcker wußte rein nichts von diesen Beziehungen, auch der ihm mitgeteilte Name schien ihm fremd zu sein. Endlich konnte sie ihr Anliegen vorbringen, und er hörte sie gnädig an. Seine Antwort gab er im schönsten Schwäbisch, das man in Stuttgart hören kann. »Ja freile! a Beck werde   deescht glei gsagt und schließlich au net schwer tu ' (getan), wenn einer e Grupper sei will, wie viel ummertappet; die werdet aber bei mir net ausbildet, und drum mueß ich vor allen Dingen en junga Mann kriega, der a guata Schual gnossa hat. Heutigstags ist unser Gschäft nach Form a Kunst und nach Inhalt a Wissaschaft worda, und do muß i de nötich Vorbilding «'bedingt verlanga«.« Als er merkte, daß die Frau das nicht so recht zu fassen vermochte, fügte er einige Erläuterungen bei, indem er die Fremdwörter nach schwäbischem Brauch in der ersten Silbe betonte: »Was Chemie, Physik, Gemetrie und die Sacha sind, kommet jo Tag für Tag vor, und nô isch vor alle Dinga au notwendig, daß oiner de kaufmännisch Buchführing aus-em Exzeß ka', womöglich de doppelt und dreifach. Nô wisset Se vielleicht, daß bei mir alles mit Maschinena gmacht wird: do darf natürlich so-n a junger Kerl vorderhand net dra-na'; do wird's nô scho' nötich sei', daß mer ihn später, wenn er 's Allgemeine a bißle los hat, in Baugewerkschul schickt, aber deescht jo auch noch im weita Feld.« Im Anschluß hieran fragt er nach den Schulzeugnissen und der Einjährigenberechtigung des Knaben. »Wissen Se, ohne 's Einjährig' nehm i koin Lehrling in mein G'schäft auf,« sagte er.   Da der junge Mann, wie wir wissen, diesen Nachweis nicht erbringen konnte, so führte dies zum Abbruch der Unterhandlungen, und die Frau verabschiedete sich rasch mit ihrem Sohn. Daheim erzählte sie alles ihrem Mann, der darüber gar sehr in Harnisch geriet. Nun hatte der ehrsame Küfermeister einen guten Bekannten, dem er gelegentlich Mitteilung von dem Vorkommnis im Beckenhaus und vom seltsamen Grund der Zurückweisung seines Sohnes als Lehrling machte, und dieser entwarf auf der Stelle einen lustigen Plan zu einer gründlichen Genugtuung für die schmähliche Niederlage, welche die Eltern des zurückgewiesenen Burschen erlitten hatten. Statt in's sogenannte Mostkasino unter der Mauer zu gehen, suchten sie nämlich gemeinsam den Glassalon auf, wo sie den Bäckermeister X. im Laufe des Abends zu treffen hoffen konnten. Sie saßen bereits eine gute Weile dort und wurden warm, da trat er herein, und unser Rächer sorgte ihm gleich für ein schönes Plätzchen in seiner nächsten Nähe. Sie unterhielten sich gut und drunterhinein fragte er nach einer Lehrstelle für den Sohn eines weitläufigen Verwandten, sein Dötlein. Die bereits erwähnten Vorbedingungen für die Aufnahme in die wissenschaftliche Kunstwerkstätte des Bäckermeisters waren auf Grund der vorzüglichen Schulzeugnisse des angehenden Jünglings leicht zu erfüllen, und bald war alles im reinen. »Jetzt, bevor wir die Sache fest machen,« sagte unser Schelm, »auch noch eine Frage: Sie sind doch, Herr A., auch Reserveoffizier?«   Der Bäckermeister schien sich über diese Frage höchlichst zu verwundern und verneinte sie. »Was, Sie sind nicht Reserveoffizier?« versetzte dann der andere. »Ich glaubte dies annehmen zu dürfen, da Sie zum Eintritt in Ihr Geschäft den Einjährigenschein verlangen. Natürlich kann unter solchen Umständen mein Dötlein die Lehrstelle nicht bei Ihnen annehmen; als späterer Einjähriger ist er es seiner Ehre schuldig, zu verlangen, daß sein Meister im Rang höher steht als er.« Alles lachte zusammen. Der Bäckermeister aber trank sein Glas aus und ging mit kurzem Gruß von bannen. (Nach »Schwabenland« von A. H.) Der Advokat und der Schneider. Fast jeder Mensch hat eine kitzliche Seite. Auch der Ludwigsburger Advokat Wölfle hatte eine solche und dazu noch ein gar wunderliches Tuch an seinem Rock. In seinem Zimmer durfte man lärmen, poltern und pfeifen   er schrieb fort, als ob er taub wäre. Allein hörte er von außen einen Laut, so mußte er die Arbeit augenblicklich aufstecken: er konnte nimmer denken, nimmer lesen und schreiben. Daher gefiel es ihm auch in keiner Wohnung lange; denn jede hatte etwas an sich, das ihm mißfiel. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in der Stadt suchte er sich das sechzehnte Logis zur Miete und glaubte auch das rechte diesmal gefunden zu haben; denn der Hauseigentümer, der ihm die Wohnung zeigte, wußte sie ins hellste Licht zu setzen, »Sehen Sie, Herr Doktor,« sagte er zu ihm, »gegen die Straße heraus wohnen und schlafen Sie, von den beiden Hinteren Zimmern mit der Aussicht auf den Garten wählen Sie das kleinere zur Bibliothek, das größere zu Ihrem Arbeitszimmer. Hier werden Sie von niemand gestört. Im andern Haus hat der Stadtrat Fingerhut, Schneiderzunftobermeister, seine Butike; es ist ein stilles Gewerbe, und der Herr Stadtrat hält viel auf Ordnung in seinem Hause. Da auf der rechten Seite logieren zwei alte Jungfern, die nur hie und da stille Besuche annehmen. Und sehen Sie, dort hinter dem Garten wohnt der Geldmakler, der seine Kunden in aller Stille über den Löffel zu barbieren weiß.« Diese Beschreibung leuchtete unserem Advokaten wohl ein. Der Mietvertrag wurde abgeschlossen, und der Einzug geschah Punkt Lichtmeß. Wirklich fand er auch die ersehnte Stille um sein Arbeitszimmer, und es war ihm recht wohl, den rechten Fleck einmal gefunden zu haben. Mit jedem Tag fühlte er sich glücklicher, bis auf einmal ein warmer Maitag seine Hausfreuden unbarmherzig über den Haufen warf. Der Herr Stadtrat Fingerhut nämlich war ein großer Vogelliebhaber. Da ihm zehn Kinder immer in den ersten Monaten des Lebens weggestorben waren, so entschädigte er sich dafür und umgab sich mit zehn Kanarienvögeln, die als lebendige Denkmäler sein Kinderglück vorstellen sollten. Und nun war es seine höchste Wonne, wenn die lieben Vögelein, während er mit Meßband und Schere arbeitete, lauten Beifall sangen, daß ihm die Ohren gellten. Dafür war er auch in ihrer Pflege äußerst sorgfältig; im Winter durfte das Zimmer nie kalt werden, und als der Frühling ins Land kam, so gönnte er ihnen auch frische Luft und die freundliche Aussicht in den Garten: er pflanzte die Käfige vor die Fenster. Und so war es auch, als unser Advokat, Herr Wölfle, in seiner stillen Wohnung im Mai das erstemal von seinem Schreibpult sich aufjagen ließ. Er konnte sich kaum fassen über die Unterbrechung seines bisherigen Wohlseins in dem stillen Stüblein. Nachdem sich aber der erste Kummer gelegt hatte, sann er auf Mittel und Wege, um sich die Ruhestörer vom Halse zu schaffen. Er entschließt sich zu einer Aufwartung bei dem Herrn Stadtrat und läßt sich bei ihm erkundigen, ob und wann es dem Herrn Stadtrat gefällig wäre, einen Besuch anzunehmen. Und Herr Fingerhut läßt alsbald vermelden, es sei ihm eine große Ehre, seine werte Person zu jeder Stunde zu empfangen, wenn sich der Herr Doktor das Vergnügen machen wolle. Nach kurzer Zeit klopft der angekündigte Besuch schon an der Türe. Auf das gravitätische »Herein!« tritt der Herr Doktor ins Zimmer des Herrn Stadtrats. »Guten Tag, Herr Stadtrat! muß doch auch nach Ihnen sehen. Wie befinden Sie sich? wie ich sehe, wohl. Als Nachbarn hätten wir schon längst zusammenkommen sollen, konnte mich in der Tat nicht länger enthalten, weil ich so gerne in Ihrer Nachbarschaft wohne.«   »Ist mir eine große Ehre, Herr Doktor, wäre auch schon längst meine Schuldigkeit gewesen; allein Sie wissen wohl, die vielen Amtsgeschäfte   der gemeine Bürger hat gar kein Einsehen nicht, wie er unsereinen überladet mit Anfragen und Aufträgen..« Advokat Wölfle: Und Ihr bedeutendes Gewerbe, das nimmt Sie doch auch in Anspruch? Stadtrat Fingerhut: Gott behüte, das ist das Wenigste, ich besorge nur die Buchführung, und mein meisterhafter Obergeselle, direkt aus Paris, direktiert die Butike. Sonst könnte es nicht sein, wenn ich oft ganze Tage auf dem Rathaus funktiere. Habe selten Zeit, nach meinen Assistenten zu sehen, was mir oft für den Inzipienten sehr leid tut. Wölfle: Sie haben auch Vogelliebhaber unter Ihren Gesellen? Fingerhut: Nein, Herr Doktor, das ist meine Liebhaberei; muß so etwas zu meiner Aufheiterung haben. Wölfle: Dann nimmt mich's aber wunder, daß Sie die Vögel nicht in Ihrem Wohn- oder Schlafzimmer anbringen. Fingerhut: Ganz nach Ihrem Belieben, bin nach meiner vollen Überzeugung damit einverstanden; aber meine Frau kann eben das Geschrei der Vögel nicht aushalten, sie hat gar reizende Hörnerven und ist sehr oft mit dem zweischläfrigen Kopfweh behaftet. Wölfle: Da werden Sie wohl geneigt sein, einem freundlichen Nachbar ein Opfer zu bringen, wenn es darauf ankommt, ein Hindernis seiner Geschäftsruhe zu entfernen. Ich spreche nämlich hier in eigener Sache, Ihre Vögel, die heute zum erstenmal außerhalb des Zimmers Laut geben, stören mich so gewaltig, daß ich zu jeder Arbeit unfähig bin. Fingerhut (wirft sich in die Brust, erhebt sich auf die Zehenspitzen, den Advokaten unterbrechend): Herr Doktor, alle Ehr und Regard vor Ihnen, nehmen Sie mir nicht übel, Sie greifen an mein Herz: ich habe zehn Kinder auf dem Kirchhof und zehn Vögel im Käfig, sind meine Kinder. Die soll ich einsperren im Frühling, im Sommer? oder gar abtun? Das, wollen Sie mir zumuten in meinem eigenen Hause? und Sie sind nicht einmal Hausbesitzer, sind nur Mietling! Der Henker noch einmal, wenn Sie nichts Gescheiteres wissen     (Wölfle nimmt den Hut zur Hand und geht mit einer stummen Verbeugung zur Türe hinaus.) Drüben in seiner Wohnung in einer Zimmerecke auf dem Sessel ruht er von seinem schweren Gange aus, dumpf vor sich hinbrütend. Bald ärgert er sich über das grobe Benehmen des Stadtrats, bald lacht er über die possierliche Stellung des Schneiders   sehr ähnlich einem stößigen Bocke. Halt! denkt er, dies Tier ist ihm das widerwärtigste; da findet sich noch Rat. Hurtig springt er auf, nimmt Hut und Stock und eilt aus dem Hause. In der darauffolgenden Nacht, als schon die ganze Nachbarschaft in der Ruhe lag, wurde in aller Stille ein Verschlag herbeigetragen, auf zwei Leitern am Hause des Doktors sanft emporgehoben, von diesem am Fenster erwartet und mittelst Haften an den Ladenkloben rechts und links befestigt. Der bretterne Verschlag ist 4 Fuß lang, 3 Fuß hoch und 2 Fuß breit. An der Seitenwand, dem Fingerhut zugekehrt, ist oben eine Öffnung eingeschnitten. Die Handwerksleute gehen leise fort, und der Doktor geht zur Ruhe in Erwartung der Dinge, die am nächsten Morgen kommen sollen. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne leuchten durch das einzige Fenster im Fingerhut'schen Schlafgemache. Altes und junges Volk jubelt vor dem Hause. Susanna, die Schneidersgattin, erwacht und horcht und staunt; endlich entschließt sie sich, ihren Mann zu wecken. »Hör', Daniel, es meckert ein Bock vor dem Hause, und die gottlosen Leute meckern nach. Hast du ein scharfes Wort gesprochen auf dem Rathaus?« Fingerhut erhebt sich vom Bette, wirft sich in den Schlafrock und nähert sich dem Fenster. »Weiß nichts, stimme ja immer zuletzt und jedesmal mit der Mehrheit. (Er öffnet das Fenster): Ihr Leute, was gibt's? warum stört ihr mich?« Die Jungen meckern, der Haufe lacht. Er reckt sich zum Fenster weiter hinaus, um zu zanken. Aber o weh!   er sieht den Kasten, aus dem ein Bock hervorguckt, der ihm ein dreifaches Mäh zum Morgengruße zuruft. Wie vom leibhaftigen Höllenbocke erschreckt, zieht er sich zurück und schlägt das Fenster hastig zu. Der Volkshaufe, dem es nur darum zu tun war mit anzusehen, wie diese Morgengabe den Herrn Stadtrat überraschen werde, verlief sich nach und nach, obgleich das geängstigte Tier unaufhörlich nach Hilfe meckerte. Der Stadtrat sitzt stumm im Lehnsessel und faltet die Hände. Die besorgte Susanna stellt sich vor ihn hin mit stierem Blick. In diesem Augenblick stürzt ein Freund des Hauses, Herr Schneckenfizer, herein. Ihm vertraut das betrübte Ehepaar seinen Schmerz, und auch der Besuch des Doktors am vorigen Tag wird nicht vergessen. Mit klarem Blick überschaut Schneckenfizer den Zusammenhang und entfernt sich mit der Beruhigung: »Da weiß ich schon Rat.« Herr Wölfle sitzt wohlgemut bei einer Tasse Kaffee und liest die Zeitung. Es klopft an; »herein!« Schneckenfizer tritt ein. Nach langer und breiter Einleitung kommt er auf das Herzeleid der Fingerhut'schen Eheleute zu sprechen; er habe es übernommen, den Herrn Doktor um Abwendung des Jammers angelegentlichst zu bitten. Wölfle: Schon lange habe ich eine große Freude an der Possierlichkeit der Böcke; erst gestern ist sie wieder in mir rege geworden, und zum guten Glück habe ich Gelegenheit gefunden, ein überaus nettes Böcklein zu kaufen. Vorerst behelfe ich mich mit diesem plumpen Bretterverschlag, in wenigen Tagen werde ich aber einen hübschen Käfig bekommen, der für eine Zierde des Hauses gelten könnte. Übrigens bin ich als guter Nachbar gerne geneigt, auf das Vergnügen zu verzichten, sobald der Herr Stadtrat Fingerhut die Gewogenheit haben wird, mir einen Gegenbesuch abzustatten, um die Sache mit mir selber näher besprechen zu können. Damit konnte Schneckenfizer wieder zurückkehren, von wannen er gekommen war. Der Herr Doktor aber rieb sich höchst entzückt die Hände und schrieb flugs eine Übereinkunft, wonach der Herr Stadtrat versprach, die Vögel im Zimmer zu behalten, überhaupt jede Störung des Advokaten zu verhüten, solange dieser in der Nachbarschaft wohne... Die Antwort, welche Schneckenfizer zurückbrachte, war eine Hiobspost für Daniel und Susanna, Nachdem aber jener auseinandergesetzt hatte, daß der Herr Wölfle, was seine Bocksliebhaberei betrifft, so gut in seinem Rechte sei als der Herr Stadtrat mit seinen Vögelein, stand dieser auf und sprach: »In Gottesnamen! der Gescheitere gibt nach,« und begab sich hinüber zu seinem Nachbarn. Als man die Mittagsglocke läutete, saßen die beiden Herren immer noch vertraulich beisammen auf dem Sofa, vor sich eine leere und eine halbvolle Burgunderflasche. Herr Wölfle hielt in der linken Hand einen bereits von Herrn Fingerhut unterzeichneten Vertrag, und mit der andern ergriff er sein volles Glas und stieß mit dem Herrn Fingerhut an: »Herr Stadtrat, auf eine glückliche Fortdauer unserer guten Nachbarschaft!« Alsdann verabschiedeten sie sich, und nach einer Viertelstunde waren an beiden Häusern weder Vögel noch ein Bock mehr zu sehen. (Nach J. Refflens Schwab, Feierabend von A. H.) Der Esel von Asperg. Ein Mülleresel verirrte sich einmal, ging seiner Nase nach und kam nach Asperg auf das Rathaus. Da er die Gerichtsstube offen fand, ging er hinein und legte sich hinter den warmen Ofen. Wie nun der Ratsdiener heraufkam und schüren wollte, erschrak er nicht wenig, als er hinter dem Ofen die langen grauen Ohren erblickte, sprang davon und schrie: »Der Teufel liegt in der Stube droben hinter dem Ofen!« Die Schreckensbotschaft flog durchs ganze Städtchen, und jung und alt versammelte sich vor dem Rathaus; doch niemand wagte es hinaufzugehen und mit dem »bösen Feind« anzubinden. Der Esel hatte unterdessen ausgeruht, wollte nun nach Futter schauen und stolperte die Stiege herab. Da entstand unter den guten Leuten allgemeines Entsetzen. Die vorderen drängten rückwärts auf die Hinteren; Weiber und Kinder kreischten und flüchteten, kurz: es entstand ein fürchterliches Getümmel, Plötzlich aber erscholl ein großes Gelächter: der Esel war unter die Türe getreten und schaute sich mit prüfenden Augen und wedelnden Ohren das Menschengewimmel an. Seitdem werden die Asperger von ihren Nachbarn mit dem Esel aufgezogen, und ich möchte keinem raten, einen Asperger so zu heißen oder in Asperg ein aus einem Schurz oder Taschentuch geformtes Eselsohr sehen zu lassen. (Nach A. Birlinger von K. R.) Sind keine Böblinger da? Jedes Kind weiß, daß Christoph Kolumbus Amerika entdeckt hat. Nicht jedermann aber weiß, daß dabei auch ein Schwabe war. Die Schwaben nämlich sind sehr wanderlustig. Es liegt dies wohl an ihrer großen Volkszahl, die einst so groß war, daß das Land sie nicht zu fassen vermochte und man sagte, die Schwaben würden nicht geboren sondern gesät, und der grobe Schwabensame seien die Nüsse, für die der Schwabe so eine Vorliebe hätte. Aber auch im Blut liegt dem Schwaben das Wandern. Ein lateinischer Spruch aus dem 13. Jahrhundert (verdeutscht von Dr. J. Hartmann) sagt von ihnen: Wenn der Schwab das Licht erblickt, Wird er auf ein Sieb gedrückt, Spricht zu ihm das Mütterlein Und der Vater hintendrein: Soviel Löcher als da sind In dem Siebe, liebes Kind, Soviel Länder sollst du sehen, Dann magst du zu Grabe gehen. In allen Kriegsheeren der Welt gab es Schwaben, und sie zeichneten sich aus durch ihren Mut und ihre Verwegenheit. Als daher Christoph Kolumbus kühne Leute suchte, die mit ihm die abenteuerliche Fahrt um die Erde herum nach Indien wagen wollten, da fand sich auch ein Schwabe aus Böblingen bei ihm ein. Siebzig Tage war die kleine Flotille auf dem weiten Meer. Endlich, es war am 12. Oktober 1492, landete sie in Westindien an der kleinen Insel Guanahani. Christoph Kolumbus sprang als erster ans Land, die spanische Fahne in der Hand, und gleich hinter ihm unser Landsmann, der Böblinger. Und als er den Fuß auf die fremde Erde gesetzt hatte, schaute er sich um. Und da er in der Ferne Menschen sah, die staunend und furchtsam zugleich die weißen Ankömmlinge betrachteten, erhob er seine Stimme und rief in die neue Welt hinein: »Sind keine Böblinger da?«   Aber da war weder Stimme noch Antwort, also daß er sich darüber baß verwunderte; denn wohin er bis jetzt gekommen war, hatte er Schwaben und Böblinger gefunden. (Nach Bebel, Fischart u. a. von K. Rommel, R.) Der Kuckuck von Haiterbach. Die Leute von Haiterbach, einem alten Städtlein im Oberamt Nagold, sahen vor vielen hundert Jahren im Wiestale zum erstenmal einen Kuckuck und erschraken nicht wenig über diesen ihnen unbekannten Vogel. Sie hielten ihn für einen Unglücksboten und schlossen sogleich das Stadttor. Ja, sie verstopften sogar mit Kraut die Spalten und Öffnungen desselben, damit der Vogel ja nicht in die Stadt kommen möchte. Auch sollen sie in der Kirche eine Betstunde gehalten und dabei ein Lied gesungen haben, das anfing: Es ist ein fremder Vogel kommen In dem Wiestal unne dran, Kyrie eleyson! Trotz aller Vorsicht kam der Vogel aber doch in die Stadt, indem er über das Stadttor hinwegflog, tat ihnen aber nichts zuleide, sondern ließ nur seinen Ruf: »Kuckuck! Kuckuck!« erschallen. Seit dieser Zeit haben die Haiterbacher den Zunamen »Kuckuck« erhalten; hörens' aber nicht gern, wenn man ihnen diesen Namen gibt oder vor ihnen die Geschichte erzählt. (Birlinger u. Buck, Volkstümliches aus Schwaben.) Das Hornberger Schießen. Das Städtchen Hornberg im Gutachtal auf dem badischen Schwarzwald, das 1417 zum erstenmal als hälftiger württembergischer Besitz genannt wird und 1810 bleibend an das Großherzogtum Baden überging, ist durch eine Redensart landbekannt geworden, welche jedermann ohne Erläuterung versteht, obwohl nur wenige wissen, wie sie aufkam; ich meine den Spruch: Wie ging das Hornberger Schießen aus? Ein württembergischer Herzog machte einmal einen Besuch in dem entlegenen Amtsstädtchen: Es war wahrscheinlich Eberhard Ludwig. Kaum hatten die Hornberger Bürger Kenntnis von der gnädigen Absicht des Herzogs bekommen, so rüsteten sie sich zu einem würdigen Empfang. Aber zwischen Ankündigung und Ausführung lag nur ein Zeitraum von 3 Tagen, und so konnte nicht gar viel geschehen. Die Ankunft des Herzogs sollte aber durch Böllerschüsse der ganzen Umwohnerschaft verkündigt werden. Die vorhandenen Geschütze wurden hervorgeholt und auf den Glanz hergerichtet. Das Probeschießen am Vorabend des Besuchs fiel auch über Erwarten gut aus, und alles freute sich auf das große Ereignis des morgigen Tages. Am andern Morgen, als alles bereit war, fand man auch Zeit, nach dem Pulvervorrat zu schauen; aber o weh! alles war verprobt und nirgends mehr etwas zu finden. Da war guter Rat teuer. Woher sollte man in den wenigen Stunden, die noch übrig waren, die nötige Menge bekommen? Die Krämer durften so gut wie keines auf Lager halten, und die öffentlichen Niederlagen von Schießbedarf lagen sämtlich zu weit ab von der Feststadt. Doch der Bürgermeister wußte sich zu helfen. Er bestellte die »Herren« aufs Rathaus und befahl seinen Leuten, sich zur rechten Zeit beim Stadttor einzufinden, wo sie bei der Annäherung des Herzogs auf einen Schlag mit kräftigster Stimme »bumm!« schreien sollten   dann meine der Herzog, es sei geschossen worden. Gesagt, getan. Die Hornberger schrieen aus Leibeskräften; aber der Herzog war ja in solchen Sachen kundig genug, um den Unterschied zwischen dem Donner eines Geschützes und dem Brüllen einer Schar Schwarzwälder Bauern herauszumerken, und nahm den Spaß höchst ungnädig auf. Er befahl jeden Schreier einen Tag, den Bürgermeister aber drei Tage ins Loch zu stecken. So endete das Hornberger Schießen, und ähnlich kann es auch andern ergehen, welche mit unzulänglichen Mitteln ein großes Fest einleiten und doch den Schein wahren wollen, als ob es ihnen an nichts fehle. (Nach einer alten Überlieferung von A. H.) Die Reise ins Paradies. Ein fahrender Schüler kehrte einmal im Wirtshaus eines Schwarzwalddorfes ein. Die Wirtin, eine alte, etwas einfältige Fran, war allein zu Hause und fragte den Gesellen, woher und wohin die Reise gehe. »Nach Paris«, erwiderte er. Die Frau hatte noch nie von dieser großen Stadt gehört, dafür aber umsomehr vom Paradies, und sie glaubte nicht anders, als der Fremde habe gesagt, er reise nach dem Paradies. »Ei du meine Güte!« rief sie und schlug die Hände vor Verwunderung zusammen, »gar ins Paradies! Hab' ich meiner Lebtag noch niemand gefunden, der lebendig dorthin gezogen oder Nachricht von dannen gebracht hätte. Mein Mann, dem Gott gnad, ist vor etlichen Jahren dahin gezogen, aber er ist vorher gestorben. Ach, wie gern würde ich ihm als Gruß etwas schicken, wenn Ihr so gut wäret und es mitnehmen würdet!«   Der fahrende Schüler merkte wohl, wes Geistes Kind die Frau war, und daß er sie mit leichter Mühe rupfen könnte; deshalb antwortete er: »Ich tu' Euch gern einen Gefallen, liebe Frau, und will, was Ihr mir für Euren seligen Mann mitgebet, verwahren, als ob es mein Eigentum wäre.« Die Frau war darüber seelenvergnügt, gab ihm reichlich zu essen und zu trinken und beim Abschied einen Rock und ein Hemd, sowie ein schönes Stück Geld, was er alles ihrem Mann ins Paradies bringen sollte. Noch unter der Tür dankte sie ihm mit Tränen für seinen Dienst und gab ihm viele Grüße an ihren Mann im Paradies mit auf den Weg.   Kurze Zeit darauf kam ihr Sohn nach Hause. Der war ein sehr pfiffiger Mensch; und als ihm die Mutter erzählte, was für eine geschickte Gelegenheit sie gehabt habe, dem Vater ins Paradies etwas zu senden, wurde er zornig und schalt seine Mutter eine Gans. Schnell setzte er sich auf sein Pferd und eilte dem Gauner nach. Dieser sah den Bauern von weitem kommen, und da er nichts Gutes ahnte, warf er schnell das Kleiderbündel in ein Gebüsch, setzte sich an den Rain und tat, als ob er ausruhte. Als der Wirtssohn daherkam, fragte er den Ruhenden, ob er nicht einen Mann mit einem Pack gesehen hatte. »Doch, doch«, versetzte dieser, »er ist schnell an mir vorbeigelaufen, wie wenn er gestohlen hätte; es wäre mir ein Leichtes, ihn einzufangen, wenn ich ein Pferd hätte.« Der Wirtssohn trug ihm sein Pferd an und versprach ihm auch eine Belohnung, wenn er den Dieb brächte. »Ich kann leider nicht gehen«, sagte der Schlaumeier, »denn hier unter meinem Hut hab ich eben einen wunderschönen Vogel gefangen, den ich nicht verlassen kann.« »Ei,« sagte der junge Mann, »den kann ich ja hüten, bis Ihr mit dem Gauner zurückkommt.« So wurden die zwei handelseins, und der fahrende Schüler trabte auf dem Gaule davon. Als es Abend wurde und der Fremde mit dem Gaul immer noch nicht zurückkam, wurde die Sache dem jungen Bauern bedenklich. Er hob sachte den Hut des Schelmen in die Höhe, um den Vogel zu erhaschen, der darunter sitzen sollte. Aber statt des Vogels bekam er etwas in die Hand, was man sonst bei jedem Dorf hinter der Hecke finden kann. Da sah er ein, daß er betrogen war und zwar noch ärger als seine Mutter, und kehrte beschämt nach Hause zurück. (Nach Wendunmut und Birlinger von K. R.) Ein kluger Schwabenstreich. Vor alten Zeiten lebte ein König. Der war reich an Land und Volk und hatte eine einzige Tochter, eine Jungfrau von wunderbarer Schönheit. Viele Prinzen und vornehme Herren kamen und wollten um sie freien. Doch der König war ein weiser Mann. Ihm dünkte ein kluger Eidam besser zu sein als ein reicher und vornehmer. Daher sagte er zu ihnen: »Nur der soll meine Tochter zur Frau haben, der so zu lügen weiß, daß ich ihn mit eigenem Munde einen Lügner nennen muß. Er ließ dies Gebot auch im ganzen Lande verkünden, und so kamen bald Leute genug, die den Preis gewinnen wollten. Aber soviel sie sich auch Mühe gaben, den König anzulügen, so brachte es doch keiner fertig, daß ihn darüber der König einen Lügner nannte. Der König hatte aber an den wunderbaren Geschichten, die ihm aufgetischt wurden, sein Vergnügen, und auch der Prinzessin machten sie gar vielen Spaß. Nun geschah es, daß ein junger Schwabe auf der Wanderschaft durch dieses Königs Reich kam. Er hörte des Abends in der Herberge, was der König versprochen hatte, und da er kecken Mutes war, so beschloß er, auch einen Versuch zu wagen. Er machte sich also flugs auf den Weg zum Schlosse und ließ sich bei dem König melden. Der König hieß ihn hereinführen und gebot ihm, seine Märe zu sagen. Der Schwabe erzählte: »Es ist noch nicht lange her, Herr König, daß ich auf der Jagd im Gebirge war. Als nun ein Hase daherlief, erlegte ich ihn rasch mit einem Pfeil, zog dann das Messer heraus und schnitt ihm den Kopf ab. Wie ich nun den Kopf mit der Hand emporhob, flossen plötzlich aus dem einen Ohr des Hasen tausend Maß Wein heraus. Darob verwundert, wandte ich ihn um, und alsobald fielen aus dem anderen Ohr tausend neue Goldgulden heraus. Voll Freude darüber band ich alles zusammen in die Haut des Hasen ein, um es nach Hause zu tragen.«   Der König lächelte und sagte: »Solche Geschichten habe ich schon viele gehört.« Der Schwabe aber sagte: »Meine Geschichte ist noch nicht aus, Herr König; denn als ich den Hasen daheim zerlegte, da fand ich ganz hinten im Schwanze einen königlichen Brief mit Unterschrift und Siegel, in dem geschrieben steht, daß ich der Herr von diesem Lande und Ihr, der König, nichts anderes seid als mein Untertan und Leibeigener.« Wütend sprang der König von seinem Stuhle auf und schrie mit zornbebender Stimme: »Wie kannst du solches sagen, du frecher Lügner? Lügenwerk ist alles, was du gesagt hast von dem Brief, von dem Hasen und von mir!«   »Ihr habt recht,« erwiderte der Schwabe, »ich habe das alles gelogen und bin ein Lügner, wie Ihr eben mit Eurem eigenen Munde bestätigt habt. Aber den Preis habe ich gewonnen, und Eure Tochter müßt Ihr mir nun zur Frau geben.« Der König merkte jetzt erst, wie ihn der Schwabe überlistet hatte. Und obgleich der Schwabe nur ein geringer Geselle war, so hielt der König doch an seinem Worte fest und gab ihm seine Tochter zur Frau. Und er durfte es auch nicht bereuen; denn der Schwabe war wirklich ein kluger Mann, und als der König sterben wollte, da war er froh, daß er solch' einem tüchtigen Eidam Thron und Reich übergeben konnte. (Nach einer lat. Handschrift aus dem 10. Jahrh. [mitgeteilt in Hartmanns Schwabenspiegel] von K. Rommel.)