Italienische Novellen Dritter Band Die Novellen sind übersetzt von Eduard von Bülow, Bruno Henrich, Adalbert von Keller, Karl Simrock Die einzelnen Novellen in Klammern beigefügten Angaben weisen auf Bearbeitungen des gleichen Stoffes in anderen Literaturen hin. Inhaltsverzeichnis Antonio Francesco Grazzini Der Alchemist Fiammetta und der Arzt Des Fischers Glück und List Verständig geträumt! Der Mützenmacher und der Zauberer Der Stellvertreter des Ehemanns Ein Schwank Lorenzo Medicis Giovanni Battista Giraldi Ein argloser Ehemann Glück im Unglück Bestrafte Habgier Rinieri und Cicilia Delio und Dafne Der Richter in Verlegenheit Ein Hüter seiner Ehre Der Mohr von Venedig Der ertappte Tugendlehrer Treulos, doch getreu Filippo Sala und sein Herr Maß für Maß Der Gang nach der Löwengrube Die unglückliche Mutter Täuschung und Treue Pietro Fortini Die Flamänderin Der ungeschickte Schwiegersohn Der verliebte Hauslehrer Geistesgegenwart einer Paduanerin Antonio Francesco Doni Der Ehemann als Beichtvater Celio Malespini Wagen gewinnt Ascanio de Mori Ercole Torelli Giambattista Basile Der lästige Gevatter Der Knoblauchgarten Giovanni Crocebianca Ottavio und Florida Giovanni Francesco Loredano Dercella Liberale Motense Störung zu rechter Zeit Pietro Pomo Abenteuer eines deutschen Poeten Carlo Vassalli Die eifersüchtigen Nachbarinnen Lorenzo Graf Magalotti Verwechslungen Eustachio Manfredi Die Witwe von Ephesus Giovanni Bottari Der Mönch von Maronia Francesco Argelati Das Luftschloß Gasparo Graf Gozzi Kunstkennerschaft Vincenzo Rota Der Gastwirt von Maderno Carlo Graf Gozzi Wie Battista Moscione sich rächte Michele Colombo Der Mönch als Esel Antonio Francesco Grazzini 1503 – 1584 Der Alchemist In den Historien von Pisa steht geschrieben, daß vor alters Guglielmo Grimaldi, ein von einer Partei aus Genua vertriebener junger Mensch, sich daselbst niederließ. Er hatte wenig Geld mitgebracht, mietete sich ein Häuschen und lebte sparsam, indem er anfing auf Wucher zu leihen. Da er durch dies Gewerbe bei wenig Ausgaben viel verdiente, ward er in kurzem wohlhabend und im Verlaufe der Zeit außerordentlich reich, obgleich immer begieriger, reicher zu sein. So war er alt geworden und hatte Tausende aufgehäuft, während er aus Geiz immerdar allein und in seiner anfänglichen engen Wohnung blieb. Da er niemandem traute, hütete er seine Schätze selbst mit der äußersten Wachsamkeit und hing so völlig mit seiner Seele daran, daß er keinen Skudo gegeben hätte, um einem Menschen das Leben zu retten. Wie nun jedermann in Pisa Guglielmo, dieses Lebens und Wandels halb, haßte und beneidete, ward er dereinst, nachdem er mit Freunden auswärts zu Abend gespeist hatte, in tiefer, stockfinsterer Nacht beim Nachhausegehen, ob aus böser Absicht oder verkannt, angefallen und mit einem Dolchstoße über der linken Brust verwundet. Der arme Teufel ergriff in dem Augenblicke die Flucht, als die dunklen Wetterwolken sich entluden und aus ihrem Schoße ein schwerer Platzregen niederfiel. Nachdem er etwa auf Armbrustschußweite gelaufen und schon ganz durchnäßt war, sah er die Tür eines Hauses offen stehen, in dem ein großes Feuer loderte. Er trat hinein. Das Haus bewohnte ein gewisser Fazio, der seines Handwerks eigentlich ein Goldschmied war, seit einiger Zeit sich aber der Alchemie ergeben und ihr schon ein gut Teil seiner Habe aufgeopfert hatte im Bemühen, aus Blei und Zinn feines Silber zu verfertigen. Auch diese Nacht hatte er ein gewaltiges Feuer angeschürt und gab sich mit Schmelzen ab, ließ aber die Haustür wegen der Hitze des Feuers und der Jahreszeit offen stehen. Beim Geräusch des Eintretenden wandte er sich rasch um und sprach, da er ihn sogleich erkannte: »Je, Guglielmo! Was machst du zu dieser Stunde bei dem gräßlichen Wetter hier?« »O weh!« krächzte Guglielmo, »mir ist schlecht. Ich ward angefallen und verwundet, ich weiß nicht von wem und warum.« Er sprach die Worte, ließ sich zum Sitzen nieder und schied aus diesem Leben in einem Augenblicke. Die letzte fernere Turmuhr der Stadt hatte eben die mitternächtliche Stunde angeschlagen, und die Glockentöne bebten, wellenartig vom Winde gepeitscht, durch die Stille der Finsternis. Verwundert, den fremden Mann umfallen zu sehen, und über die Maßen bestürzt, stand Fazio da; doch besann er sich, knöpfte ihm das Wams über Brust und Magen los, bemühte sich, ihn aufzurichten, und rief ihm »Guglielmo!« zu, in der Meinung, es müsse ihn eine Ohnmacht angewandelt sein. Aber da er ihn kein Glied regen sah und fühlte, daß er weder atmete, noch sein Puls mehr schlug, dann auch die Wunde in der Brust fand, aus der schlimmerweise so viel als gar kein Blut geflossen war, überzeugte er sich von Guglielmos schon erfolgtem Tode. Außer sich vor Entsetzen, rannte er dem Eingange zu, um die Nachbarschaft zu rufen; denn der Zufall wollte, daß er sich allein zu Hause befand, weil seine Frau mit seinen zwei kleinen fünfjährigen Zwillingsknaben zu ihrem todkranken Vater gegangen war. Aber wie er den Regen auf das Pflaster prasseln und den Donner hörte, auf der ganzen Straße keinen Menschen sah, der Heilmittel herbeizuschaffen vermocht hätte, und zweifeln mußte, daß man seine Stimme vernehme, stand er an und änderte seinen Entschluß. Er kehrte in das Haus um, schloß es hinter sich ab und riß vor allen Dingen die Geldtasche des Toten auf, um zu sehen, wieviel darinnen sei. Er fand vier Lire und, unter vielem alten wertlosen Plunder, ein großes Bund Schlüssel vor, das wahrscheinlich, wie er meinte, den Zugang zu den Türen, Kisten und Kasten in dem Hause Guglielmos öffnete, dessen Reichtum, besonders an barem Gelde, stadtkundig war. Mit wüsten Gedanken beschäftigt, verschmitzt und klug von Natur, fuhr es ihm wie der Blitz durch den Sinn, seinem Leben mit einem Male einen höheren Schwung zu verleihen. Er sagte zu sich selbst: »Ja, warum gehe ich mit den Schlüsseln nicht auf der Stelle nach seinem Hause, wo, wie ich gewiß bin, keine Menschenseele ist? Wer hindert es, wenn ich sein Geld nehmen und leise, leise hierher in mein Haus tragen will? Zu meinem guten Glücke regnet es, und der Donner rollt; es wird niemand herumgehen, wenn die Mitternacht vorbei ist; ein jeder bleibt gern im Trocknen unter seinem Dache und kriecht nicht aus seinem Schlafwinkel hervor. Ich bin allein in meinem Hause, und wer den Guglielmo erstochen hat, ist nach geschehener Tat sicherlich entflohen und hat sich versteckt. Sonach hat ihn schwerlich ein Menschenkind hereinkommen sehen. Wenn ich schweigen kann und keiner Seele je etwas von dem Vorfall sage, – wer wird sich einbilden, daß Guglielmo Grimaldi verwundet zu mir gekommen und auf diese Weise gestorben sei? Unser Herrgott hat mir ihn zu meinem Heile zugeschickt. Wer weiß, ob man mir glaubte, wenn ich in der Sache die reine Wahrheit aussagte? Könnten sie nicht denken, ich hätte ihn ermordet, um ihn zu berauben, wozu mir nach der Tat der Mut gefehlt habe? Wer schützt mich, wenn man mich greift und auf die Folter spannt? Und wie könnte ich mich rechtfertigen? Die Herren Diener der Gerechtigkeit sind sehr gestrenge, und ich trüge wohl zuletzt einen Ruck mit dem Stricke oder gar etwas Schlimmeres davon. Was soll ich tun? Am Ende ist es besser, ich entschließe mich, mein Glück zu machen (sie sagen ja, ›wagen gewinnt!‹), und sehe zu, ob ich mit einemmale alle Sorgen abschütteln kann.« Gesagt, getan. Er warf sich einen tüchtigen Filzmantel über die Schultern, stülpte einen breitkrempigen Hut auf den Kopf und schlug, die Schlüssel im Busen, die Laterne in der Hand, unter Regen, Donner und Blitzen den Weg nach Guglielmos nicht sehr entferntem Hause ein. An Ort und Stelle schloß er mit den zwei größten Schlüsseln des Bundes den Eingang auf und ging vorerst nach der Schlafkammer, worin er eine große Lade fand, die er nach vielen Versuchen mit dem rechten Schlüssel öffnete. In der Lade standen zwei Geldkoffer, deren Schlösser endlich seinen wiederholten Anstrengungen wichen und sich gleichfalls auftaten. Der eine war mit Kostbarkeiten, goldenen Ringen, Ketten, Armspangen, Perlen und Juwelen von großem Werte angefüllt; der andere mit vier Beuteln vollwichtiger Dukaten, zugeschnürt und mit Zetteln versehen, auf denen geschrieben stand: dreitausend richtig abgezählte Goldskudi. Ob solchen Anblicks hocherfreut und lüstern, nahm Fazio nur diesen Koffer und ließ den anderen mit den Kostbarkeiten stehen, weil er vielleicht fürchtete, durch so leicht wiedererkennbare Dinge sich verraten zu sehen. Er schloß dann die Truhe wieder zu, brachte alles in die Ordnung, in der es vorher gewesen war, verließ, die Schlüssel im Gürtel, den Koffer auf dem Kopfe, das Haus und ging, von niemand wahrgenommen, in seine Wohnung zurück. Es glückte ihm diese Nacht alles um so vortrefflicher, da der Regen immerfort in Strömen vom Himmel floß und der Gewittersturm ärger als jemals noch in diesem Jahre wütete. Fazios erstes Geschäft zu Hause bestand darin, daß er den Koffer in seine Kammer stellte und sich ganz umkleidete. Stark und rüstig wie er war, bürdete er sich den Toten nachher behende auf und trug ihn in den Keller, wo er mit Hacke und Spaten in einem Winkel ein langes, vier Ellen tiefes Loch eingrub. Dahinein legte er Guglielmo mit Kleidern und Schlüsselbund und scharrte ihn wieder mit der Erde zu, die er ebnete, fest zusammentrat und mit einem im Keller liegenden Haufen Schutt und Kalk beschaufelte, so daß es schien, als könne der Fleck niemals berührt worden sein. Sobald er in seine Kammer zurückgekommen war und den Koffer geöffnet hatte, schüttete er einen der Säcke auf den Tisch aus und überzeugte sich, daß er wirklich lauter blanke, ihm die Augen fast verblendende Goldgulden enthielt. Ebenso prüfte und überschaute er den Inhalt der anderen Beutel und fand in jedem richtig dreitausend Stück Dukaten vor. Freudeberauscht band er die Beutel wieder zu und stellte sie in seiner Schreibstube in einen verschlossenen Schrank; den Koffer warf er ins Feuer und gab acht, bis er ihn gänzlich zu Asche gebrannt sah. Seine Schmelzöfen, sein Blei und seine Destilliergläser aber ließ er von ungefähr stehen und legte sich schlafen, als es eben zu regnen aufgehört hatte und zu tagen anfing. Die durchwachte Nacht wieder einbringend, schlief er bis zur nächsten Vesper ununterbrochen fort, stand hiernach auf und ging zuvörderst auf den Marktplatz in einige Läden, um an den Orten seiner täglichen Geschäfte zu hören, ob nichts über Guglielmo verlautete. Man sprach weder diesen noch den folgenden Tag von ihm. Als Guglielmo aber auch am dritten Tage seiner gewöhnlichen Bedürfnisse wegen nicht erschien, so fingen die Leute an zu munkeln und zu glauben, da sie in seinem Hause Fenster und Türen verschlossen sahen, es möge ihm etwas zugestoßen sein. Die Freunde Guglielmos, mit denen er zuletzt zu Abend gegessen hatte, sagten bis dahin, wo er von ihnen geschieden war, die Wahrheit über ihn aus. Von der Zeit an wußte aber niemand, was er weiter getan hatte noch wo er gewesen war. Es ließen also die Gerichte aus diesem Grunde, und weil von Guglielmo gar keine Spur ersichtlich ward, in der natürlichen Befürchtung, er möge in seiner Wohnung gestorben sein, durch Beamte die Türen aufbrechen und das Haus untersuchen, in dem sich alles in der gehörigen Ordnung befand und nur der Besitzer selbst nicht zum Vorschein kam. Erstaunt über diese unerwartete Lage der Dinge, brach man in Ermangelung der Schlüssel vor Zeugen alle vorhandenen Türen, Kisten und Kasten mit Hilfe von Schlossern auf, brachte alle Kostbarkeiten und Sachen genau zu Papier und schaffte sie nebst den Büchern aus dem leer stehenbleibenden Hause in gutes Gewahrsam aufs Gericht. Zu gleicher Zeit ergingen strenge Aufforderungen, der Obrigkeit etwaige Nachricht von dem Vermißten zu geben, und man sicherte demjenigen eine große Belohnung zu, der ihn lebendig oder tot zur Stelle schaffe oder Kunde von seinem Aufenthalt erteile. Es blieb alles vergebens. Und wie nach Verlauf dreier Monate noch nichts von ihm verlautete, gerade damals aber die Genueser mit den Pisanern in Feindschaft und Fehde lebten und Guglielmos Verwandte sich deshalb nicht wegen der Erbschaft meldeten, so zogen die Gerichte sein ganzes Vermögen ein. Es verwunderte sich allerdings jedermann, daß gar nicht von vorhandenem barem Gelde die Rede gewesen war; einige glaubten, daß er damit in die Hölle gefahren, andere, daß es vergraben oder von ihm an geheimen Orten verborgen sei; viele wohl auch, die Gerichte hätten es vertuscht. Fazio hatte sich mittlerweile ganz still verhalten und lebte, wie die Sachen so gut und immer besser gingen, munter und vergnügt. Seine Frau war schon seit lange mit den Kindern zu ihm zurückgekehrt. Er hatte ihr von jener Nacht kein Wort gesagt, und es würde sein Glück gewesen sein, hätte er es nie getan, derweil das Gegenteil schuld an seinem, seiner Frau und Kinder Verderben war. Als Guglielmos Geschichte nach und nach aufhörte besprochen zu werden, sprengte Fazio in der Stadt aus, er habe eine Anzahl Brote Silber gemacht und wolle nach Frankreich gehen, um sie zu verkaufen. Die meisten Menschen lachten ihn aus, weil er schon zweimal vorher sich vergebens abgearbeitet und Zeit, Mühe und Geld an ein Produkt weggeworfen hatte, das keinmal die Probe aushielt. Seine Freunde und Verwandten rieten ihm von seinem Vorhaben ab mit dem Bedeuten, er könne ja auch in Pisa die Probe anstellen und, schlüge es gut aus, sein Silber so gut da verkaufen wie in Paris. Im unglücklichen Falle erspare er so wenigstens die Kosten der Reise und das Ungemach. Aber es half alles nichts. Fazio war auf jeden Fall entschlossen, zu reisen und nirgend anders als in Paris die Probe anzustellen, weil er diesmal der Güte und Vortrefflichkeit seines Silbers vollkommen versichert sei. Er stellte sich darauf an, als habe er das Geld zum Reisebedarf nicht, verpfändete ein Gütchen, das er besaß, für hundert Gulden, von denen er fünfzig zur Bestreitung seiner Ausgaben nahm und fünfzig seiner Frau, zu ihrem und der Kinder Unterhalte, bis zu seiner Rückkehr ließ, und traf, unbekümmert um das Gerede der Leute, Abmachungen mit einem Ragusanischen Schiff, das im Hafen segelfertig nach Marseille lag. Wie die Frau dies hörte, erhub sie ein großes Lärmen und Weinen und sagte zum Manne: »So läßt du mich denn allein mit zwei kleinen Kindern, du böser Mensch, und bringst auch das Wenige noch durch, was uns geblieben ist, auf daß ich mit den armen Würmern Hungers sterben soll? Verwünscht sei die Alchemie, und wer sie dir in den Kopf gesetzt hat! Wann werden wir doch einmal bessere Tage sehen, und wann kehrst du, als ein fleißiger Mann, zu deinem Handwerke zurück?« Fazio ließ nicht ab, sie zu trösten und aufzurichten, und versprach ihr goldene Berge von seiner Wiederkunft. Sie entgegnete auf alles nur: »Wenn dein Silber gut und echt ist, so ist es hier so echt und gut, wie es in Frankreich nur sein kann, und du verkaufst es überall wie dort. Aber ich weiß wohl, du gehst, weil du nicht wiederkehren willst. Und wenn die fünfzig Dukaten, die du mir läßt, alle sind, so bleibt mir armem Weibe nichts übrig, als mit den Kinderchen betteln zu gehen.« Die betrübte Frau hörte Tag und Nacht nicht auf zu weinen und zu jammern, worüber denn Fazio, der sie liebte wie seinen Augapfel, ja wie sein Leben teuer hielt, so gerührt und mitleidig ward, daß er sie eines Tages nach Tische allein mit in seine Kammer nahm und, um sie zu trösten und zu ermutigen, ihr genau vom Anfang an erzählte, was ihm mit Guglielmo geschehen war. Darauf nahm er sie bei der Hand und führte sie in seine Schreibstube, wo er sie die mit Gold angefüllten Beutel sehen ließ. Es läßt sich nicht mit Worten beschreiben, nicht mit Gedanken ermessen, in wie freudiges Erstaunen die Frau über das geriet, was sie hörte und sah. Tausendmal umarmte und küßte sie, aus überströmendem Entzücken, den geliebten Mann, der ihr mit umständlichen Worten dartat, wie notwendig es sei, über diese Dinge zu schweigen, und ihr fernerhin auseinandersetzte, was er im Sinne habe zu tun, und wie ruhig und glückselig ihr Leben nach seiner Wiederkunft sein werde. Der Frau gefiel alles über die Maßen, und sie gab ihrem Manne gern die Erlaubnis, so bald als möglich abzureisen, damit er nur desto eher wieder bei ihr sei. Fazio ordnete mit seiner Pippa alles an, ließ des andern Tages einen starken Kasten mit festem Doppelschloß machen, tat zuunterst drei seiner Goldsäcke, indem er für alle möglichen Fälle den vierten seiner Frau zur Aufbewahrung einhändigte, legte zwölf bis vierzehn aus einer Mischung von Blei, Zinn, Quecksilber und anderen Materien gemachte Brote darauf und ließ die wohlverwahrte Kiste zu Schiffe bringen, gegen den Willen seines Schwiegervaters, seiner Verwandten und Freunde, ja, anscheinend seiner Gattin auch, die ihm mit verstellten Tränen nachging. Ganz Pisa lachte und spottete über den Törichten, und manche, die ihn vorher als schlau und erfinderisch gekannt hatten, glaubten nicht anders, als daß er, wie schon so viele, übergeschnappt und zugrunde gegangen sei über die vermaledeite Alchemie. Die Pippa blieb vor den Leuten schwerbetrübt daheim, besorgte ihre Wirtschaft und erzog ihre Kinder. Das Schiff aber spannte mit günstigem Winde seine Segel auf, fuhr von dannen und langte zu guter Zeit in Marseille an, wo Fazio, nachdem er eines Nachts zuvor alle seine alchemischen Brote in die See geworfen hatte, mit seinem Kasten landete. Er reiste mit Mauleseltreibern sofort weiter nach Lyon, trug einige Tage nach seiner Ankunft seine Beutel in eine der ersten Banken dieser Stadt und nahm dafür zwei Wechselbriefe auf Pisa, einen an die Firma Lanfranchi, den andern auf das Haus der Gualandi ausgestellt. Dann schrieb er einen Brief an seine zurückgebliebene Frau, worin er sie benachrichtigte, er habe sein Silber gut verkauft und werde bald als reicher Mann wieder in Pisa sein. Verwandte und Freunde, die die wohlunterrichtete Pippa diesen Brief lesen ließ, glaubten freilich von seinem Inhalte nichts und erwarteten geradezu das Gegenteil. Fazio selbst verließ aber wirklich nach einiger Zeit Lyon wieder, reiste nach Marseille, bestieg ein mit Getreide beladenes Biskayisches Schiff und fuhr mit ihm nach Livorno, von wo er vollends zu Lande nach Pisa ging. Dort angekommen, eilte er zuerst zu seiner Frau und zu seinen Kindern, küßte und umhalste vor Freude und Fröhlichkeit jeden, der ihm auf der Straße begegnete, und sagte, er sei mit Gottes Hilfe reich zurückgekehrt, indem sich sein Silber bei jeder Probe gut und echt erwiesen habe. Dann begab er sich mit seinen Wechselbriefen nach den Banken der Gualandi und Lanfranchi und erhielt neuntausend Dukaten dafür ausgezahlt, die er zum Erstaunen und zur Freude seiner Verwandten und Bekannten nach Hause tragen ließ, während ihn alles liebkoste und ihm schöntat und seine Fähigkeiten unerhört pries. Fazio, der sich nunmehr der reichste unter seinesgleichen sah und bei ganz Pisa festen Glauben fand, daß sein Reichtum aus der Alchemie entstanden sei, dachte daran, ihn geltend zu machen und zu vertun. Er löste zuvörderst sein Gütchen ein, kaufte ein sehr schönes Haus, dem seinigen gegenüber, sowie vier der fettesten Meiereien, die es in der Grafschaft gab, nahm ferner für zweitausend Skudi Schuldverschreibungen des römischen Stuhls und lieh zweitausend in einen Tuchladen, auf zehn vom hundert Zinsen, so daß er sich wie ein Fürst befand. Als er in das neue große Haus gezogen war, hatte er zwei Mägde und zwei Bediente angenommen, hielt zwei Reitpferde, eines für sich, das andre für seine Frau, und kleidete seine Kinder anständig und reich. Die Pippa aber, ungewohnt solcher Wohlhabenheit und Fülle, ward übermütig und setzte sich vor, eine ihr bekannte alte Frau mit deren Tochter, einem wunderschönen Mädchen von sechzehn bis siebzehn Jahren, zu sich ins Haus zu nehmen. Sie brachte es dahin, daß Fazio einwilligte, weil sie ihm vorschwatzte, wie sehr sie des Mädchens zum Kochen und zum Nähen von Hemden und Hauben bedürftig sei, und lebte allerdings, nach Erfüllung dieses Wunsches zufriedengestellt, mit Mann und Kindern in Eintracht und Glück. Ein neidisches Schicksal aber, aller Zufriedenheit, aller irdischen Freuden Feind, wandelte die Fröhlichkeit dieses Hauses in Schmerz, alle Süße in Bitterkeit, jedes Lächeln in Tränen um. Fazio verliebte sich heftig in Maddalenen, die Tochter der alten Frau, und indem er jede günstige Gelegenheit wahrnahm, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen, bestach er endlich die bettelarme Frau mit Geld und guten Worten, und sie gab ihm das Mädchen preis. Derweil er nun den verbotenen Umgang ohne Wissen seiner Frau trieb, wuchs seine Leidenschaft von Tag zu Tage, und obwohl er das Versprechen abgegeben hatte, das Mädchen bald mit guter Aussteuer zu verheiraten, so leistete er doch nimmermehr auf sie Verzicht und blieb in Maddalenens Besitz, da er von Zeit zu Zeit einige Gulden spendete. Sie beherrschten sich aber beide nicht so sehr, daß die Pippa nicht hätte merken sollen, was zwischen ihnen einverstanden war. Sie hatte anfänglich deswegen mit dem Manne Ungelegenheiten und Verdruß, geriet härter mit der Alten und dem Mädchen in Streit und schickte eines Tages nach der Mahlzeit, als Fazio eben ausgegangen war, unter schmählichen Lästerungen beide mit Sack und Pack fort. Fazio, der einen gewaltigen Aufstand machte, besuchte das Mädchen nun in ihrem Hause, verwilderte immer mehr in seinen zügellosen Begierden und lebte in stetem Kriege mit seinem Weibe, das Tag und Nacht nicht vor Eifersucht und Zorn ruhte. Ja, es gedieh so weit, daß vor ihrem Geschrei und Keifen kein Bleibens mehr in dem Hause war und Fazio, nachdem er gescholten, getröstet und öfter noch gedroht hatte, und als gar nichts half, ihrem Wüten freien Lauf gab und aufs Land ging, wohin er Maddalenen und ihre Mutter kommen ließ, mit denen er fern von seiner ihm beschwerlichen Frau sich belustigte. Die Pippa ward darüber so trostlos und mißvergnügt, daß sie unaufhörlich weinte, wehklagte und seufzte über den ungetreuen Mann, die ehrvergeßne Alte und das verhaßte Geschöpf. Ein Monat verging, und Fazio war weder zurückgekehrt, noch hatte er das geringste Zeichen von sich gegeben, daß er willens sei, es je zu tun. Dagegen brachte er die Zeit mit seiner Geliebten unverhehlt in Freuden und übermäßigem Genüsse zu, wovon die sichere Kunde die Pippa so außer sich vor Schmerz und Erbitterung setzte und so plötzlich zu übermenschlichem Zorne gegen die beiden Weiber und Fazio entflammte, daß sie, ohne den Schaden zu bedenken, der daraus erfolgen könne, verzweiflungsvoll ihren Mann anzuklagen beschloß: er habe seinen Reichtum nicht aus der Alchemie erlangt, sondern alles dessen, was er vorgeblich in Frankreich für verkauftes Silber gelöst, den Guglielmo Grimaldi beraubt. Auf diese Art meinte sie, die verhaßten Weiber zugleich mit dem undankbaren Mann zu züchtigen. Und ohne eines anderen Gedankens mächtig zu sein, von Minute zu Minute zu größerer Wut sich entzündend, kleidete sie sich an und ging in der Raserei gegen Abend allein zu einem der Gerechtigkeitspflege obliegenden hohen Beamten. Sie teilte ihm die ganze Geschichte ihres Mannes mit, wie sie ihr selbst von ihm erzählt worden war, und forderte ihn auf, hinzusenden und an der Stelle, die sie genau bezeichnete, im Keller des alten Hauses nachsehen zu lassen, wo Guglielmo begraben sei. Der Ratsherr ließ vorerst die Frau in Gewahrsam bringen, weil er der Meinung war, ihre Aussage könne so gut wahr als unwahr sein, und schickte dann ohne Aufsehen in das Haus, wo Guglielmos toter Leichnam, nach der Pippa Angabe, richtig gefunden ward. In derselben Nacht begaben sich die Diener des Bargello auf das Land zu Fazio, den sie im Bett bei seiner Geliebten überraschten, trotz seines Wütens festnahmen und noch vor Tage nach Pisa in den Kerker schleppten, in dem er düster und in sich gekehrt bis zum Morgen blieb. Im Verhöre bekannte er anfänglich nichts. Als man ihm aber seine Frau gegenüberstellte, schrie er bei ihrem Anblick laut auf und sagte: »Wohlan denn, es sei!« Und zu ihr gewandt: »Meine allzugroße Liebe zu dir hat mich hierher geführt.« Er erzählte den Richtern die ganze Sache, wie sie wirklich vorgegangen war. Allein sie setzten ihm hart mit Drohungen zu und sagten, sie wären fest überzeugt, er habe den Guglielmo böslicherweise verwundet und gemordet, um ihn seines bisher genutzten Geldes zu berauben. Grausamerweise ward er dann auf die Folter gespannt und so lange gemartert und gequält, bis er zuletzt, um sich der unerträglichen Schmerzen zu entledigen, alles, was man ihm aufbürdete, eingestand. Die Richter sprachen ihm das Urteil, er solle des andern Morgens durch die Straßen der Stadt geführt, enthauptet und gevierteilt werden, sein ganzes Vermögen aber falle dem Staat anheim. Guglielmo ward aus dem Kerker heraufgeschafft und zum Erstaunen von jedermann, der es mit ansah, in geweihter Erde begraben. Die Landgüter des Verurteilten nahmen die Gerichte ohne weiteren Verzug in Besitz und jagten alles daraus fort, so daß auch Maddalena und ihre Mutter arm und trostlos nach Pisa in ihr Häuschen zurückkehren mußten. Die Pippa wandelte nach ihrer Freilassung wieder ihrem Hause zu, in dem sie glaubte, nach wie vor als Gebieterin schalten und walten zu können. Aber sie täuschte sich; denn von den Schergen auf die Gasse geworfen, fand sie Mägde, Bediente und Kinder vor, suchte, auf den Tod betrübt, mit ihnen in ihrem öden kleinen Hause Schutz und bereute weinend und jammernd ihren Irrtum nun zu spät. Die Kunde von allen diesen Ereignissen kam in der Zwischenzeit in Pisa herum, die Leute entsetzten sich drob und verurteilten die ruchlose Schlauheit des Alchemisten nicht minder als die Undankbarkeit des verräterischen Weibes. Auch ihr Vater und ihre Verwandten, die sie besuchen kamen, schalten und tadelten sie schwer und beteuerten ihr, sie werde noch mit ihren Kindern Hungers sterben, wie sie es durch ihre Greueltat und die unmenschliche Behandlung des armen Mannes verdient habe. In Tränen aufgelöst und in düstere Gedanken versunken blieb sie allein. Am nächsten Morgen zur bestimmten Zeit ward der unselige Fazio auf einem Karren durch ganz Pisa bis auf den Markt gefahren und auf einem zu dem Ende erbauten Gerüste, indem er fortwährend sich selbst und sein gottloses Weib verwünschte, vom Henker, vor den Augen alles Volkes, gerichtet und gevierteilt, sein Körper dann aber wieder zusammengefügt und zum warnenden Beispiel aller bösen Menschen am Galgen aufgespannt. Von Schmerz, so sehr man es sein kann, nach Empfang der furchtbaren Botschaft zerrissen, durch ihre eigne blinde Wut und Eifersucht ihres Mannes und ihrer Güter beraubt, schickte die Pippa sich an, für die begangene Sünde sich selbst Buße aufzuerlegen. Ihres Bewußtseins nicht mehr mächtig, nahm sie, als sie mit sich über das, was sie tun wollte, einig war, zur Mittagsstunde, in der die größte Menschenmenge sich verlaufen hatte, ihre kleinen Kinder, eines an jede Hand, und trat, häufige Tränen vergießend, den Weg nach dem Markte an. Wer ihr begegnete und sie kannte, rief ihr zwar Verwünschungen und Scheltworte nach, ließ sie aber weiterziehen. Auf dem Markt unten am Gerüste standen nur wenige Menschen. Kannten einige von ihnen die Unglückliche, so machten sie ihr, nicht wissend, was sie vorhatte, Platz. Sie stieg, immerdar schluchzend, mit den Kinderchen die schauderhafte Leiter empor, und wie sie ihren toten Gatten umarmen wollte und zu beklagen schien, ward sie von den Umstehenden hart geschmäht: »Das abscheuliche Weib weint nun über das, was sie selber gewollt und angestiftet hat!« Sie aber zerfleischte sich mit den Nägeln das Gesicht, zerraufte sich das Haar, bedeckte das Antlitz des Toten mit Küssen und Tränen und ließ die zarten Kleinen mit den Worten niederknieen: »Umarmt und küßt euren unglücklichen Vater zum letzten Male!« Wie nun die Kleinen schluchzten und alles Volk Tränen vergoß, riß die grausame Mutter ein scharf geschliffenes spitzes Messer aus dem Busen, stieß es dem einen Knaben in den Hals, wandte sich, grimmiger als eine getretene Otter, zu dem andern und wiederholte die Tat so rasch, als es die versammelte Menge kaum ersah. Dann richtete sie das bluttriefende Messer krampfhaft gegen sich selbst, zog es sich bis zum Heft durch die Gurgel und sank verscheidend rücklings auf ihre Kinder und den Leichnam ihres Gatten hin. Das unten gaffend umherstehende Volk drang aufkreischend bei diesem Anblicke hinzu und fand die beiden unglücklichen Kinderchen in den letzten Zügen, wie unschuldige Lämmer von der verzweifelten Mutter hingewürgt. Auf der Stelle erhob sich ein gräßliches Toben und Schreien, und die Kunde vom Geschehenen drang wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Alles weinte und rannte herbei, das empörende Trauerspiel zu sehen, wie Vater und Mutter mit zwei so schönen blonden Söhnchen, mit schmählichen Wunden, blutbesudelt und tot kreuzweise übereinander lagen. Der Tränen und Wehklagen gab es in der Stadt so überflüssig viel, daß es schien, als müsse das Ende der Welt bevorstehen. Zumal beklagte das Volk den Tod der beiden unschuldigen Brüderchen, die ohne Sünde oder irgendein Vergehen, zu grausam mit dem Blute ihres Vaters und ihrer entarteten Mutter gefärbt, auf dem Boden ruhten, gleichsam als schliefen sie. Aus der geöffneten zarten Kehle entträufte ihr warmes rotes Blut und erregte in den Busen der Zuschauenden solch Mitleiden und Weh, daß einer, der seine Zähren oder sein Schluchzen hätte zurückhalten können, vielmehr müßte Stein oder Eisen, als ein menschlicher Körper gewesen sein. Denn der grausame wilde Anblick hätte wohl in der toten Natur selbst den Laut des Mitleidens erweckt. Einige Freunde und Verwandte Fazios und der Pippa ließen die irdischen Hüllen von Mann und Weib, mit Erlaubnis der Obrigkeit, auf eine Bahre legen und, weil sie als Verbrecher gestorben waren, nicht an geweihter Stätte, sondern der Mauer entlang beerdigen. Aber die Leichen der beiden Brüderchen wurden zum unaussprechlichen Schmerz aller Pisaner in Santa Caterina beigesetzt. Antonio Francesco Grazzini Fiammetta und der Arzt Es ist nicht lange her, da lebte in unserer Stadt ein Notar, der sich Herr Anastasius dalla Pieve nannte. Er kam klein nach Florenz und war dann als Erzieher im Hause der Strozzi, um schließlich, als er heranwuchs, sich in die Zunft einzuschreiben; nachdem er im Gerichtsgebäude begonnen hatte Geld zu verdienen, wurde er im Laufe der Zeit reich. Als er nun schon beinahe alt geworden war, beschloß er, weil er niemand hatte, um ihm seine Habe zu hinterlassen, ein Weib zu nehmen. Da er nicht nach Mitgift fragte, fand er glücklich ein junges, schönes Mädchen aus vornehmem Hause, das von ihm, innerhalb wie außerhalb des Bettes, in allen Dingen zufriedengestellt ward, die sie nur immer fordern und erbitten mochte. Denn der Herr war von ihr so bezaubert und so in sie verhebt, daß er der eifersüchtigste Mann der Welt geworden war, der mehr Mühe und Sorgfalt darauf verwandte, sie gut zu bewachen, als daß er Kunden zu gewinnen und Verträge aufzusetzen suchte. Das Mädchen, die sich Fiammetta nannte, ward gar bald des verkehrten Sinnes und der Furcht ihres Gatten inne; darob und weil sie von edlem Blut und adliger Gesinnung war, entrüstete sie sich so sehr, daß sie sich vornahm, ihm das anzutun, nur aus diesem Grunde, was sie anders nie auch nur gedacht hätte zu tun. Und da sie gewahr wurde, daß ein ihr benachbarter Arzt, der vor kurzem aus Paris zurückgekehrt war, wo er zum Studium gewesen, ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren, voll Anmut und Grazie, ihr in besonderer Weise den Hof machte, begann sie ihm ein heiteres Gesicht zu machen. Darüber war der Arzt außer sich vor Freude und ging noch häufiger am Hause vorbei; und da sie ihn immer freundlicher ansah, geschah es, daß sie sich in ihn verliebte. Als sie so einander liebten, begehrten sie nichts glühender, als sich zusammenzufinden. Aber sie konnten damit nicht zu Rande kommen wegen einer alten Magd, die der Herr zu keinem andern Zweck im Hause hielt, als daß sie tagsüber aufpasse; nachts dann behütete er sie selbst. Damit waren Fiammetta und ihr Magister Julius, denn das war der Name des Arztes, ganz und gar unzufrieden. Trotzdem berieten sich die junge Frau und der, den die Sehnsucht zusammenschnürte, um Mittel und Wege, zu ihrer Lust zu finden; und es kam ihr eine neue List in den Sinn, um mit ihrem Arzt zusammen zu sein und sich mit ihm zu vergnügen. Davon unterrichtete sie ihn durch Briefe. Nachdem sie so einig waren über das, was sie unternehmen wollten, begann die gute Frau eines Nachts im ersten Schlafe laut zu schreien und zu rufen: »0 Herr Anastasius, o mein Gemahl, ich sterbe, ich sterbe! 0 weh, helft mir um Gottes willen!« Herr Anastasius, erwacht, sprang sofort im Hemde aus dem Bett. Er rief die Mägde, die schnell mit entzündeter Öllampe herbeieilten, um der zu helfen, die nicht aufhörte weh zu schreien und sich zu beklagen. Sie sagte, der ganze Körper täte ihr weh, und sie fühle, wie ihr Leib sich aufblähe. Die andern wärmten Tücher und Kohlblätter, aber wußten dann nicht mehr was tun, als sie sahen, daß nichts half und der Schmerz und das Geschrei schlimmer wurden, während sie rief: »O ich Unglückliche, ich Arme! O mein lieber Gemahl, ich platze, ich platze, mein lieber, süßer Gemahl! Helft mir, helft mir, ich fleh' Euch an«; und sie verdrehte die Augen auf die unwahrscheinlichste Art. Herr Anastasius, vor Zärtlichkeit weinend und fürchtend, sie möchte ihm unter den Händen sterben, beschloß zum Arzt zu gehen. Und um ihr etwas Trost zu geben, sagte er es zu seiner Frau, worauf sie antwortete: »Mach schnell, mein guter Gemahl, um Gottes willen! Schnell, sag' ich, damit es nicht zu spät sei!« »Beruhigt Euch«, erwiderte der Herr, »denn ich will, um so schnell wie möglich zu machen, hier um die Ecke gehen, zu Magister Julius, unserm Nachbarn.« »Ja, gut,« sagte Fiammetta, »zögert nicht! 0 weh, ich werde sterben, wenn er nicht sofort kommt, um mir irgendwie zu helfen.« Der Notar verlor keine Zeit und machte sich sofort auf den Weg. Ohne allzulange zu klopfen, gab ihm der Arzt, der bereit stand, Antwort, und so standen sie in wenigen Augenblicken in dem Zimmer, wo sie in Verzweiflung lag. Der Magister grüßte sie und sprach ihr fürs erste Mut zu; dann untersuchte und befühlte er sie am ganzen Körper, wandte sich zum Gatten und sagte: »Sie hat entweder etwas Giftiges gegessen, oder es ist ein Frauenleiden. Ihr müßt, wenn Ihr sie retten wollt, zur Sternenapotheke gehen um eine Latwerge, die ich verordnen werde, ein hervorragendes und besonders angezeigtes Heilmittel gegen Gift wie gegen Frauenleiden.« »Das ist wenig«, antwortete der Herr und fügte hinzu: »Wachet hier, bis ich wieder da bin.« »Seid versichert«, sagte der Magister, »daß ich ihr inzwischen ein Hausmittel auf den Leib geben werde, das ich hier mit diesen Mägden zubereiten will.« »Jetzt werde ich gehen«, sagte Herr Anastasius. Nachdem man ihm Schreibzeug gebracht, schrieb ihm der Magister ein außergewöhnliches Rezept und sandte ihn eiligst zu jenem Apotheker, der seinen Laden im Wohnhaus hatte. Er aber blieb um Fiammetta, die fortwährend schrie. Aber als sie den Gatten das Tor schließen hörte, begann sie noch stärker zu jammern und beherrschte das ganze Haus mit ihrem Geschrei, indem sie tat, als ob der Schmerz zunähme. Daher sagte der Arzt zu den Mägden, die Mehl und Öl für den Umschlag brachten, daß er einen Zauber machen wolle, da er kein anderes Mittel mehr sehe, sie am Leben zu erhalten. Er wandte sich zu ihnen und befahl, ihm hurtig einen Becher Wein und einen mit Wasser zu bringen, was auch sogleich geschah; worauf der Arzt in jede Hand einen nahm, sich den Anschein gab, als ob er über jedem einzelnen ich weiß nicht welche Formeln spräche und sie der Fiammetta darreichte, den Wein mit der rechten Hand, das Wasser mit der linken, und ihr gebot, vier Schlucke von dem einen und von dem andern zu trinken; und jenen Mägden machte er begreiflich, daß sie, wenn sie die Herrin am Leben erhalten wollten, sofort, die eine auf den höchsten, die andere zum tiefsten Punkt des Hauses gehen müßten, um dort vier Rosenkränze zu beten, je einen zu Ehren der vier Evangelisten. Er gebot ihnen sehr aufmerksam zu sein, damit sie langsam und vollständig beteten und sich durch nichts abbringen ließen, bevor sie nicht fertig gebetet hätten. Die Mägde glaubten fest daran, und obwohl es ihnen verdrießlich erschien, gingen, ohne an anderes zu denken, die Alte hinab in den Keller und die Junge hinauf auf das Dach, jede mit ihrem Rosenkranz; denn sie wollten ihre Herrin heilen, die ununterbrochen mit lauter Stimme schrie und jeden Augenblick ihren Geist aufzugeben schien. Aber kaum waren die Mägde aus dem Zimmer, ließ Magister Julius Wein und Wasser und Zauber beiseite und sie die Schreie und das Jammern. Welches Vergnügen einer am andern hatte, werdet ihr euch leicht vorstellen können. Und sie hatten Muße, denn Herr Anastasius befand sich auf der Straße nach Fiesole, und bevor er dort war und vom Apotheker die Latwerge zubereitet war, verbrachte er eine gute Weile, und das nahm so viel Zeit in Anspruch, daß er nicht mehr dachte, seine Frau noch lebend anzutreffen. Auf diese Weise waren der Herr Arzt mit seiner schönsten Fiammetta dreimal zum Turnier gegangen mit unendlichem und wunderbarem Wohlgefallen von beiden Seiten. Aber als es ihnen an der Zeit schien, daß die Mägde oder der Notar zurückkommen müßten, machte sich die Frau zurecht, als ob sie schliefe, und der Arzt ließ sich auf die Kniee nieder, wobei er so tat, als läse er in seinen Papieren. Nachdem die Mägde ihre Rosenkränze beendigt hatten und die eine aus dem Keller, die andere vom Dache fast zu gleicher Zeit zurückkamen, betrat die Alte als erste das Zimmer, um zu sehen, wie es mit der Herrin stünde. Als sie den Arzt auf der Erde knieend murmeln und die Frau im Bette still und ruhig liegen sah, als ob sie schliefe, fürchtete sie, sie sei gestorben, und wollte schreien und Lärm machen; aber sie wurde sogleich vom Magister zurückgehalten und schweigen geheißen: »Die Herrin sei geheilt und ruhe sich schlafend aus.« Als er dann diese Magd und die andere, die auch schon ins Zimmer gekommen war, gefragt hatte, ob sie die Rosenkränze beendet hätten, und sie »Ja« geantwortet hatten, stand er auf gerade in dem Augenblick, als Herr Anastasius an das Tor klopfte, das ihm sogleich von einer der Mägde geöffnet wurde. Dann erschien er sofort im Zimmer ganz aufgeregt und schwer atmend mit der Latwerge, voll Furcht, seine Frau nicht mehr lebend anzutreffen. Ihm sagte sogleich Magister Julius: »Eure Gemahlin befindet sich sehr wohl. Durch Gottes Gnade ist sie geheilt, so daß wir keine Arzneien mehr nötig haben.« Und er erzählte ihm alles und wie er gezwungen war, da ihm kein anderes Mittel mehr blieb, zu einem Zauber Zuflucht zu nehmen. Inzwischen wandte sich jene, indem sie tat, als ob sie erwache, ganz heiter und lächelnd an ihren Gatten und sagte: »Mein süßester Gemahl, gebt Euch Rechenschaft, daß Ihr Eure Fiammetta aus dem Grabe zurückhabt, und sagt Dank fürs erste Gott dem Herrn und zum andern dem Magister Julius!« Herr Anastasius zögerte nicht, dafür Gott zu danken und dem Arzt, und voller Freuden wollte er dem Magister einen Goldgulden verehren. Aber der Arzt antwortete, daß er für solche Behandlung niemals Geld zu nehmen pflege; nach vielen Höflichkeiten und Danksagungen nahm er schließlich Abschied von ihnen und ging in sein Haus. Der Hausherr und seine Frau schickten die Mägde ins Bett und legten sich sehr vergnügt schlafen. Am andern Morgen hatte Herr Anastasius bei dem Prokonsul wegen bestimmter wichtiger Rechtsfälle zu verhandeln, die er in Händen hatte. Er stand früh auf und ließ seine Frau schlafen, denn er dachte, daß sie nach den Beanspruchungen der vergangenen Nacht größtes Bedürfnis danach haben müsse. Er zog sich eilig an, um wegzugehen; aber als er die Treppe hinunterging, wollte es sein Mißgeschick, daß er strauchelte und von der ersten Stufe ganz hinabstürzte; dabei schlug er sich neben andern Verletzungen eine Schläfe so sehr auf, daß ihm die Sinne schwanden. Beide Mägde liefen bei dem Lärm herbei und ebenso Fiammetta; als sie hinunterkamen, fanden sie ihn auf der Erde bewußtlos hingeschlagen und ganz blutig an der Seite des linken Ohres in einem solchen Zustand, daß sie fest glaubten, er sei tot. Weinend erhoben sie ein lautes Wehgeschrei; davon lief die ganze Nachbarschaft herbei, und sogleich trug man den Herrn so zerschlagen und blutig auf das Bett und schickte nach zwei Wundärzten, den ersten von Florenz. Inzwischen rieben sie ihm die Pulse mit kaltem Wasser und Essig, so daß ihm die geschwundenen Sinne zurückkehrten gerade in dem Augenblick, als die Ärzte kamen. Nachdem ihn diese genau angesehen und den Bruch mit der Sonde untersucht hatten, gaben sie ihn auf, indem sie sagten, man solle ihn beichten lassen, da er nur noch kurz zu leben hätte. Fragt nicht, wieviel Kummer das erregte und welchen Schmerz Fiammetta darüber zeigte! Dies machte dem Gatten mehr Mühe und Not als die Verletzung selbst, so daß er zunächst seine Seele läuterte und dann sein Testament machte. Da er keine Verwandten hatte, die ihn gesetzlich beerben würden, hinterließ er alles seiner Frau zur freien Verfügung und machte sie zur Alleinerbin aller seiner beweglichen und unbeweglichen Güter ohne Verpflichtung oder Auflage, um offen die glühende und unvergleichliche Liebe, die er für sie hegte, zu zeigen. Worüber Fiammetta, innerlich hocherfreut, so sehr heulte, daß es schien, als ob sie mit den Tränen zugleich sich die Seele aus dem Leibe weinen wollte, so sehr, daß Herr Anastasius, seiner selbst vergessend, gezwungen war, sie zu stärken und zu trösten. Indem er ihr sagte, daß sie reich hinterbliebe, wünschte und erbat er nur eine Gunst, und das war: Falls sie sich nicht wieder verheiraten würde, solle sie nach ihrem Tode alles dem Waisenhause hinterlassen; oder falls sie sich wieder verheiratete, möge sie dem ersten Sohn, der ihr geboren würde, den Namen Anastasius geben, damit sie Anlaß habe, sich lange an ihn zu erinnern. Unter strömenden Tränen versprach ihm die Frau alles vielmals; dann verlor der Herr, da sich sein Zustand stark verschlimmerte, bei Sonnenuntergang die Sprache und verschied in derselben Nacht. Fiammetta teilte ihre heftige Betrübnis mit ihrem Vater und den Brüdern, die sie besuchen gekommen waren, und ließ ihn anderntags aufs ehrenvollste begraben. Der alten Magd, die lange Zeit im Hause gewesen war, gab sie außer dem Lohn ein gutes Geldgeschenk und schickte sie fort; die junge verheiratete sie. Sie selbst, da sie reich war und sich jung fand, entschloß sich gegen den Willen ihres Vaters und all der Ihren, sich wieder zu verheiraten. Da sie ihren Magister in bester Erinnerung und ihn immer vor Augen und in allen Liebesproben als tüchtigen und freimütigen Liebhaber befunden hatte, so unterhielt sie mit ihm im geheimen ein sehr enges Verhältnis. Auch er nicht weniger als sie ersehnte in jeder Hinsicht die Hochzeit, so daß sie schließlich in der ehrbarsten Weise, die möglich war, die Ehe schlossen. Sie lebten dann lange Zeit, sich ihres Glücks erfreuend, zusammen, sehr reich und zufrieden, und nahmen ständig zu an Wohlstand und Kindern. Fiammetta hielt nach Zeit und Ort darin ihrem Gatten die Treue, daß sie ihrem ersten Sohne den Namen Anastasius gab. Antonio Francesco Grazzini Des Fischers Glück und List Geraume Zeit bevor Pisa der florentinischen Herrschaft unterworfen wurde, kam ein Mailänder Arzt von Paris, wo er studiert und die Heilkunde erlernt hatte, in diese alte Stadt, blieb allda eine Weile, indem er mit Gottes Hilfe einige Edelleute behandelte und ihnen wieder zu ihrer verlorenen Gesundheit verhalf, und gelangte bei den Pisanern allmählich zu so großem Ansehen und Verdienste, daß er nicht übel Lust bekam, weil ihm überdies die Stadt sowie die Sitten und Lebensweise ihrer Bewohner gar wohl zusagten, nicht nach Mailand zurückzukehren, sondern sich in Pisa niederzulassen. Da er nun in seiner Heimat von den Seinen niemand als seine alte Mutter hinterlassen und wenige Tage, ehe er nach Pisa kam, die Nachricht erhalten hatte, daß sie aus diesem Leben geschieden sei, so setzte er, also von nichts mehr dahin zurückgezogen, seine ferneren Hoffnungen ganz allein auf Pisa und erwählte es zu seinem Wohnorte, wo er seine Kunst mit vielem Glück ausübte, in kurzem reich ward und sich Meister Basilio von Mailand nennen ließ. Um seiner guten Verhältnisse willen wünschten mehrere Pisaner, ihn zu verheiraten, und brachten ihm eine Menge Jungfrauen in Vorschlag, ehe er sich dazu entschloß. Zuletzt gefiel ihm ein Mädchen, das weder Vater noch Mutter hatte, zwar edelgeboren, aber arm war und ihm nichts als ein Haus zur Mitgift einbrachte, in welchem der Meister, nachdem er lustig und guter Dinge darin seine Hochzeit gehalten und es bezogen hatte, viele Jahre lang ein glückliches und zufriedenes eheliches Leben führte, das ihn an Kindern und an Hab und Gut bereicherte. Seine Frau gebar ihm drei Knaben und ein Mädchen. Dieses letztere und den ältesten der Söhne verheirateten sie im erwachsenen Alter, und der jüngste Sohn widmete sich den Wissenschaften, weil der mittlere, namens Lazzaro, denselben lange Zeit vergeblich oblegen hatte und in seinem trägen, schwerfälligen Verstände keine Neigung dazu empfand, sondern vielmehr von Natur melancholisch, zerstreut, menschenscheu, wortkarg und so störrig war, daß, wenn er einmal zu einer Sache Nein gesagt hatte, die ganze Welt ihn nicht anderen Sinnes zu machen vermochte. Da ihn denn sein Vater als so grob, halsstarrig und bäurisch erkannte, so entschloß er sich, ihn von sich zu entfernen, und schickte ihn aufs Land, wo er unweit der Stadt vier schöne Besitzungen gekauft hatte. Mit diesem Aufenthalte äußerst zufrieden, weil er an den ländlichen Sitten viel mehr Geschmack als an den städtischen fand, hatte Lazzaro allda wohl an die zehn Jahre gelebt, als Pisa von einem seltsamen, gefährlichen und überdies gleich der Pest ansteckenden Übel heimgesucht wurde, das die daran erkrankenden Menschen mit einem hitzigen Fieber und zugleich mit einer solchen Schlafsucht befiel, daß sie sich niemals wieder daraus ermuntern konnten, sondern besinnungslos hinstarben. Gewinnsüchtig wie andere, war Meister Basilio einer der ersten Ärzte, die die böse Krankheit zu heilen versuchten. Er zog sie sich aber bald im höchsten Grade selbst zu, so daß sie nicht allein, trotz seiner angewandten Arzneien, in wenigen Stunden ihn tötete, sondern auch alle durch ihn damit angesteckten Hausgenossen und Kinder allmählich unter die Erde brachte und nur eine alte Magd von ihnen am Leben ließ. Erst nachdem die Krankheit in ihren verschiedenen Stadien großen Schaden angerichtet hatte, der noch viel größer geworden sein würde, wenn nicht eine Menge Menschen ihretwegen die Stadt verlassen hätten, ließ sie mit der neuen Jahreszeit in ihrem Wüten nach, worauf sich die verödeten Häuser mit den ermutigt zurückkehrenden Flüchtlingen wieder füllten und jedermann von neuem an seine Geschäfte und an sein gewohntes Tagewerk ging. Auch Lazzaro wurde nach Pisa eingeholt, um die ihm zugefallene unmäßig große Erbschaft anzutreten, und in deren Folge setzte er über seine Güter und Ernten einen Verwalter ein, während er außer der alten Magd, die er von den Seinen mit ererbt hatte, nur einen einzigen Mann zu seiner Bedienung annahm. Ließ es sich nun zwar mit einem Male das ganze Land angelegen sein, ihn, seiner Ungeschliffenheit und seines Eigensinnes ungeachtet, mit einer Frau zu versorgen, so erwiderte er doch mit Entschlossenheit, vorderhand wolle er noch vier Jahre warten und alsdann die Sache in Erwägung ziehen, so daß kein Mensch ein ferneres Wort darüber gegen ihn verlor, weil seine Art und Weise zur Genüge bekannt war. Er beschäftigte sich allerdings inzwischen zumeist damit, sich gütlich zu tun und sein Leben zu genießen, ging aber fortwährend mit keiner Menschenseele um und floh – wie der Teufel das Kreuz – die Nähe anderer. Lazzaros Hause gegenüber wohnte ein armer Mann, der sich Gabbriello nannte, mit seiner Frau, namens Santa, und zwei kleinen Kindern, einem Knaben von fünf und einem Mädchen von drei Jahren, in einer ärmlichen Hütte. Dieser Gabbriello war eingeschickter Fischer und Vogelsteller, der Netze und Käfige meisterhaft verfertigte und also im Schweiße seines Angesichts mit Fischen und Vogelstellen, wiewohl auch mit Hilfe seines Weibes, das Leinen webte, so gut es gehen wollte, sich sein Brot verdiente und seine Familie erhielt. Der Himmel wollte, daß er dem Lazzaro auf das wunderbarste in seinen Gesichtszügen ähnlich sah. Beide hatten rötliches Haar und trugen auch den Bart, der bei beiden von gleicher Farbe war, in gleicher Länge und auf gleiche Art. Da sie überdies von gleicher Größe und von gleichem Alter waren, auch in ihrem ganzen Wesen miteinander übereinstimmten, so hätte man sie eher für Zwillingsbrüder als für Leute, die einander fremd waren, halten mögen. Wären sie in gleicher Kleidung nebeneinander erschienen, so würde sich gewiß nicht leicht jemand gefunden haben, der sie voneinander hätte unterscheiden können; ja selbst Gabbriellos Ehefrau wäre wohl der Täuschung unterlegen. Ihre damalige Kleidung war zwischen beiden der einzige Unterschied, denn der eine war beinahe in Lumpen gehüllt, der andere auf das feinste angetan. Sobald sich Lazzaro seiner so großen Ähnlichkeit mit seinem Nachbar versah, hielt er dafür, daß diese nicht von ungefähr entstanden sein, sondern mehr zu bedeuten haben möge, und fing daher an, sich mit ihm zu befreunden und ihm und seiner Frau des öfteren zu essen und zu trinken zu schicken. Ebenso lud er Gabbriello nicht selten zu Mittag und zu Abend zu sich ein und unterhielt sich dabei mit ihm auf das mannigfaltigste, weil Gabbriello ihn die wunderlichsten Dinge von der Welt glauben machte und, wenn auch arm und von geringem Herkommen, doch klug und listig genug war, sich dergestalt in ihn zu schicken und ihm nach dem Munde zu reden, daß Lazzaro am Ende gar nicht mehr ohne ihn sein konnte. Wie nun Gabbriello einmal zu Mittag bei Lazzaro aß und sie ihre Mahlzeit schon ziemlich beendigt hatten, kamen sie auf den Fischfang zu sprechen, und nachdem Gabbriello seinem Wirte einige Arten desselben beschrieben hatte, kamen sie auch auf das Untertauchen mit dem Hamen am Halse, wovon der Fischer so viel zu sagen wußte, wie ergötzlich und vorteilhaft es sei, daß den Lazzaro plötzlich die größte Lust anwandelte, selbst in Augenschein zu nehmen, auf welche Weise man durch Untertauchen fischen und die großen Fische nicht nur mit Netzen und Händen, sondern sogar mit dem Munde fangen könnte, weswegen er also den Fischer dringend bat, ihm seine Neugier zu befriedigen. Gabbriello erwiderte, er sei auf sein Verlangen jederzeit bereit, ihm zu dienen, und da sie sich damals mitten im Sommer befanden, so kamen sie miteinander überein, auf der Stelle danach auszugehen, und standen vom Tische auf. Sie verließen unverzüglich das Haus; Gabbriello holte seine Hamen, und Lazzaro begleitete ihn zum Seetore hinaus an das von Pfahlwerk gehaltene Ufer des Arno, das einen mit hoch in die Luft ragenden Bäumen und mit Erlengebüsch bepflanzten süßen, frischen Schatten gewährenden Damm bildete. Dabei angelangt, sagte Gabbriello zu Lazzaro, er möge sich an einen kühlen Ort niedersetzen und zusehen, zog sich nackend aus und befestigte sich die Netze an die Arme. Der im Schatten ruhende Lazzaro erwartete indessen geduldig, was geschehen würde. Gabbriello aber war kaum in den Fluß gewatet und unter das Wasser getaucht, als er auch, ein vortrefflicher Meister seines Gewerbes, alsbald wieder auf die Wasserfläche emporkam und in seinem Hamen acht bis zehn große derbe Fische gefangen hatte. Sein Begleiter staunte es wie ein Wunder an, unter dem Wasser so gut Fische einfangen zu sehen. Es wandelte ihn augenblicklich die unwiderstehliche Lust an, es näher zu betrachten. Und da die Mittagsglut fast senkrecht und versengend auf die Erde hernieder traf, so gedachte er sich auch ein wenig zu erfrischen, entkleidete sich mit Gabbriellos Hilfe und ließ sich von diesem in den Fluß an eine Stelle führen, wo ihm das Wasser kaum bis an die Knie ging und sanft und ruhig in seinem Bette hinfloß. Gabbriello warnte ihn, als er ihn dahin gestellt hatte, ausdrücklich, ja nicht über einen eingerammten Pfahl hinaus vorzugehen, der ein wenig über die anderen aufragte, und den er ihm bezeichnete, und fuhr dann mit seinem Fischfange fort. Lazzaro fand am Waten unsägliches Vergnügen, kühlte sich durchaus im Wasser ab und behielt fortwährend seinen Freund im Auge, der immer wieder, Netze und Hände voll Fische, auftauchte und auch aus Lust und Fröhlichkeit mehr wie einmal welche im Munde fing. Da nun Lazzaros Erstaunen allmählich dermaßen anwuchs, daß er sich einbildete, man möge unter dem Wasser, worein er niemals getaucht hatte, hell sehen können, weil er es für unmöglich hielt, im Finstern so viele Fische zu fangen, so ließ er sich zu dem Wunsche verleiten, sich durch den eignen Augenschein zu überzeugen, wie Gabbriello es zustande brächte, und steckte also, bei dem nächsten Zuge, sowie jener untertauchte, auch seinen Kopf unter das Wasser, ließ sich, ohne es weiter zu bedenken, eine Strecke mit dem Wasser gehen, und drang aus Neugier bis zu dem Pfahle vor. Indem er sich nun aber, weil das Wasser an dieser Stelle schon viel tiefer und reißender war, an demselben festhalten wollte, um der Gewalt der Wellen zu widerstehen, sank er, gleich als ob er von Blei gewesen wäre, immer tiefer mit ihm in den schlammigen Grund hinein. Unbehilflich, wie er von Natur war, und unfähig sowohl zum Schwimmen als länger den Atem an sich zu halten, bemühte er sich nicht allein vergebens voller Schrecken, sich wieder emporzurichten, sondern konnte auch nicht verhindern, daß ihm das Wasser zu Nase, Mund und Ohren eindrang: kurz, er verlor immer mehr Besonnenheit und Kräfte und wurde bald unwiderstehlich von der Strömung fortgerissen. Gabbriello war mittlerweile in eine größere Vertiefung der Umpfählung gewatet, in der ihm das Wasser beinahe bis an die Brust ging, und gedachte, weil er darinnen viele Fische merkte, sich seinen Hamen vorerst recht voll zu füllen, ehe er diese Stelle wieder verließe. Dagegen wurde der unglückliche, schon halbtote Lazzaro zwar noch zwei- oder dreimal auf die Oberfläche emporgetrieben; als er aber zum vierten Male untersank, kam er nicht wieder zum Vorschein, sondern gab seinen Geist, elenderweise ertrinkend, auf. Nachdem nun Gabbriello seinen Fischzug zu seiner Befriedigung beendigt hatte, kam er mit strotzenden Netzen aus dem Wasser hervor und kehrte sich, vergnügten Angesichts nach Lazzaro aussehend, um. Da er ihn aber bei wiederholtem Hinundwiderblicken nirgends erspähte, erstaunte und erschrak er, besonders, als er seines Freundes Kleider noch auf dem grünen Ufer liegen sah, über die Maßen, wurde immer ängstlicher und unruhiger und begann, sich überallhin unter dem Wasser umzusehen, wo er denn am Ende wirklich den von der Flut an das Ufer gespülten toten Leichnam am Boden wahrnahm. Zitternd und zagend auf den Ertrunkenen zueilend und sich seines Todes versichernd, wurde er urplötzlich von solchem Schmerze und von solcher Angst erfaßt, daß er, alles Bewußtseins beraubt, eine Weile regungslos wie eine Bildsäule dastand und zu keinem Entschlüsse gelangen konnte, weil er befürchtete, man würde ihm, wenn er die Wahrheit aussage, schuld geben, seinen Gesellschafter absichtlich ertränkt zu haben, um ihn zu berauben. Zuletzt aus der Not eine Tugend machend und aus Verzweiflung kühn geworden, nahm er sich vor, einen Gedanken zu verwirklichen, der ihm im Augenblicke in den Sinn gekommen war. Da nämlich durchaus kein Augenzeuge in der Nähe zu sehen war, weil die meisten Menschen entweder im Kühlen saßen oder schliefen, so hob er vor allen Dingen die gefangenen Fische in einem dazu vorhandenen Kasten auf, lud sich Lazzaros Körper auf die Schultern und schleppte ihn, wie schwer er auch war, an das feuchte Ufer des Flusses, wo er ihn in das üppige Schilfgras niederließ. Alsdann zog er sich die Wasserhosen aus und bekleidete ihn damit, wand die Netze fest um den Arm des Ertrunkenen, den er hiernächst wieder aufnahm und mit dem er untertauchte, und legte ihn in das Bett des Flusses nieder, wo er den Hamen so künstlich an einen Pfahl verwickelte und festknüpfte, daß er nur mit großer Anstrengung wieder losgerissen werden konnte. Als er dies getan hatte, tauchte er wieder auf, stieg an das Ufer zurück, legte sich allmählich, vom Hemd bis zu den Schuhen, ein Kleidungsstück seines Freundes nach dem anderen an und setzte sich einen Augenblick in die Absicht versunken nieder, doch einmal sein Glück zu versuchen, teils um sich selbst zu erretten, teils um sich mit einem Wagestücke der ihn so schwer bedrückenden Dürftigkeit zu überheben und aus seiner wunderbaren Ähnlichkeit mit Lazzaro vielleicht das Heil und Wohlergehen seines ganzen Lebens zu ziehen. Mit Verstand und Keckheit begann er darauf, als es ihm an der Zeit zu sein schien, sein ebenso gefahrvolles als verwegenes Unterfangen auszuführen, gleich als ob er Lazzaro wäre, zu schreien und zu rufen: »Zu Hilfe, zu Hilfe, ihr guten Leute! Ach, kommt herbei und rettet den armen Fischer, der untergesunken ist!« – und so lange aus vollem Halse fort zu brüllen, bis der benachbarte Müller mit vielen anderen Landleuten herbeigelaufen kam. Da gab ihnen Gabbriello nun, um Lazzaro desto besser nachzuahmen, mit tölpischen Worten fast weinend zu verstehen, wie der arme Fischersmann viele Male untergetaucht und mit vielen Fischen wiedergekommen, das letzte Mal aber fast schon seit einer Stunde unter dem Wasser geblieben sei, so daß wohl gar zu befürchten stehe, er möge darin seinen Tod gefunden haben, und bezeichnete ihnen, als er um die Stelle befragt wurde, wo Gabbriello verschwunden sei, den Pfahl, woran er den Ertrunkenen vorher befestigt hatte. Gabbriellos Busenfreund, der Müller, der ein guter Schwimmer war, warf rasch seine Kleider von sich, tauchte dicht an dem Pfahle unter und fand alsbald den daran befestigten Leichnam vor, worauf er, nachdem er umsonst versucht hatte, ihn loszuwickeln und an sich zu ziehen, von Schmerz durchdrungen wieder emporkam und den anderen mit kläglicher Stimme zurief, daß der arme Schelm mit dem Netzwerke an den Pfahl verstrickt am Boden hege und ohne Zweifel schon ertrunken sei. Die bestürzten Gefährten des Müllers gaben ihr äußerstes Leidwesen über das Unglück mit Worten und Gebärden kund, und es entkleideten sich noch zwei andere, die denn zusamt dem Müller den Leichnam aus dem Wasser fischten und an das Ufer zogen, nicht ohne daß sie sich dabei die Arme zerfleischten und die Netze zerrissen, deren Verschlingungen sie den verzweifelten Tod des Unglücklichen schuld gaben. Indem sich nun die schlimme Neuigkeit verbreitete, zog sie auch einen Priester aus der Nachbarschaft herzu, und man lud den Toten am Ende auf eine Bahre, auf der er in eine kleine unferne Kirche getragen und mitten darin ausgestellt wurde, damit ihn jedermann in Augenschein nehme und als Gabbriello erkenne, mit dem man ihn allgemein verwechselte. Gabbriellos arme hilflose Frau rannte, mit ihren kleinen Kindern und von ihren nächsten Verwandten und Freunden begleitet, weinend und schreiend aus Pisa herbei, warf sich, als sie den Leichnam in der Kirche ausgestellt sah und ihn in der Tat für den ihres Gatten nahm, verzweiflungsvoll, mit aufgelösten Haaren und verschobenen Gewändern, über ihn und konnte so wenig ein Maß und Ziel finden, ihn zu küssen, zu umarmen und auf das herzbrechendste mit ihren bitterlich weinenden Kleinen zu bejammern, daß alle Umstehenden vor Trauer und Mitleiden darüber fast vergingen. Der noch anwesende Gabbriello, der Frau und Kinder unendlich gern hatte, vermochte vor tiefer Rührung seine Tränen ebensowenig zurückzuhalten und sprach zu ihr mit gebrochener Stimme, um die allzubetrübte und verzagende Gattin ein wenig zu trösten und aufzurichten, indem er Lazzaros Hut tief in die Augen gedrückt auf dem Kopfe trug und sich mit einem Tuche die Tränen abtrocknete, von ihr und allen andern für Lazzaro angesehen: »Gib dich zufrieden und weine nicht so sehr, gutes Weib; ich werde dich nicht verlassen. Dein Mann hat aus Liebe und Gefälligkeit zu mir, gegen seine eigene Neigung, heute seinen Fischzug angestellt, und da ich also teilweise schuld an seinem Tode und an deinem Unglücke bin, so will ich auch dir und deinen Kindern immer hilfreich beistehen und für euch sorgen. Weine und jammere nur nicht so sehr, fasse dich und geh nach Hause! Solange ich lebe, soll es dir an nichts fehlen, und wenn ich einmal sterbe, will ich dir so viel hinterlassen, daß du für deinen Stand zur Genüge haben sollst.« Bei diesen letzteren Worten weinend und schluchzend, gleich als ob er sich Gabbriellos Tod und das Elend seiner Familie so übermäßig zu Herzen nähme, ging er, von allem Volke belobt und gepriesen, als Lazzaro von dannen. Und nachdem sich die Santa mit den allzuvielen Tränen fast die Augen wund geweint und mit den unablässigen Wehklagen die Zunge müde gesprochen hatte, kehrte auch sie, zur Stunde, da der Ertrunkene beerdigt werden sollte, in Gesellschaft ihrer Verwandten in ihre kleine Wohnung nach Pisa zurück, von dem Zureden dessen, den sie steif und fest für Lazzaro hielt, allerdings einigermaßen beruhigt. Gabbriello, der sich zufolge seiner Ähnlichkeit mit Lazzaro zu diesem umgestaltet hatte, war bereits als solcher in dessen Haus getreten und hatte sich, weil er mit seines Freundes häuslicher Art und Weise innig vertraut war, ohne zu grüßen in ein reiches, nach einem schönen Garten hinausgehendes Gemach begeben. Daselbst zog er die Schlüssel aus der Tasche des gestorbenen Eigentümers und fing an, alle Kasten, Schränke und Koffer und mit anderen Schlüsseln viele Schatullen, Kistchen und Pulte zu öffnen und fand in denselben zwar, außer den Tapeten und Teppichen, der wollenen, leinenen und samtnen Stoffe und der reichen Kleider aus den Erbschaften des alten Arztes und der Brüder des Ertrunkenen die Menge, zu seiner höchsten Freude aber auch, neben vielen goldenen Kleinodien und Juwelen, an die zweitausend Goldgulden und vierhundert Silberstücke vor. Gabbriellos ganzes Sinnen und Trachten war nun darauf gerichtet, zunächst seine Hausgenossen genugsam zu täuschen, um von ihnen für Lazzaro gehalten zu werden, und also kam er, dessen Gewohnheit nach, gegen die Stunde des Abendessens fast weinend aus seinem Zimmer hervor. Diener und Magd, zu denen mittlerweile die Kunde von Santas Mißgeschick und das Gerede der Leute gedrungen war, daß Lazzaro zum Teil es mit verschuldet habe, schrieben diese Stimmung der Trauer um Gabbriello zu. Er aber rief den Diener zu sich, befahl ihm, sechs Brote zu nehmen und zwei Flaschen Wein zu füllen, und schickte damit noch die Hälfte seiner Abendmahlzeit durch ihn der Santa zu, die sich seiner Gaben freilich nicht sehr erfreuen mochte, weil sie nichts tat als weinen. Als der Diener zurückgekehrt war, ließ sich auch Gabbriello an, sein Abendbrot einzunehmen; da er aber, um Lazzaro desto mehr zu gleichen, nur wenig zu essen sich getraute, so stand er bald wieder vom Tische auf, ging, ohne weiter etwas zu sprechen, fort und schloß sich in sein Zimmer ein, aus dem er nicht früher wieder als am anderen Morgen um zehn Uhr zum Vorschein kam. Dem Diener wie der Magd wollte es zwar dünken, daß er in seiner Art zu essen und zu reden etwas verändert sei; sie schrieben dies aber seinem Leidwesen über den Unfall des armen Fischers zu, verzehrten ihr Abendmahl und legten sich auch ihrerseits schlafen, als die Zeit dazu gekommen war. Die schmerzensvolle Santa aß mit ihren Kindern ein wenig von dem, was ihr Gabbriello zugeschickt hatte, wurde von einigen ihrer Verwandten, die bei ihr geblieben waren, bestmöglichst mit Lazzaros guten Gesinnungen gegen sie über ihren Verlust getröstet und legte sich, als sie sich allein sah, ebenfalls zu Bett. Gabbriello, dem eine Menge von Dingen und Gedanken den Kopf einnahmen, schloß natürlicherweise in dieser Nacht kein Auge zu und stand des anderen Morgens zu Lazzaros Stunde fröhlichen Mutes auf, demselben, so gut er es nach seiner Bekanntschaft mit seinem Wesen imstande war, fernerhin nachahmend und es seiner Santa an nichts fehlen lassend. Da Gabbriello nun aber von dem Diener hörte, daß die Santa gar nicht aufhören konnte zu weinen und zu jammern, und da er sie doch so zärtlich liebte, wie ein Ehemann sein Weib irgend Heben kann, so nahm er sich endlich vor, sie zu trösten, und ging eines Tages nach der Mahlzeit zu ihr in ihre ärmliche Behausung, wo er einen leiblichen Vetter von ihr antraf, der ihr Gesellschaft leistete, und sobald er erklärt hatte, daß er etwas Wichtiges mit ihr allein besprechen wolle, mit den Worten von ihr Abschied nahm: sie möge sich nicht abhalten lassen, ihrem mildtätigen Nachbar Gehör zu schenken. Der Vetter hatte kaum das Haus verlassen, so schloß Gabbriello den Eingang zu, trat in sein kleines Kämmerchen und winkte der Santa, ihm zu folgen. Santa, der vielleicht seine Absichten verdächtig vorkommen mochten, wußte einen Augenblick nicht, was sie tun und ob sie mit ihm in die Kammer gehen oder draußen bleiben sollte. Endlich trug das Bedenken der Vorteile, die sie von ihm bereits erlangt hatte und wohl noch zu erlangen hoffte, den Sieg über ihre Schüchternheit davon, und sie schritt an der Hand ihres ältesten Söhnchens ihm in die Kammer nach, wo sie ihn auf einem ärmlichen Bette ausgestreckt liegen sah, auf dem ihr Mann immer der Ruhe gepflogen hatte, wenn er ermüdet gewesen war. Sie blieb verwundert stehen; ihr Erstaunen stieg aber auf einen noch viel höheren Grad, als sich Gabbriello, den Knaben bei ihr wahrnehmend, mit einem zufriedenen Lächeln über die Reinheit seiner Frau, zu ihr wandte und nicht nur ein Wort gegen sie aussprach, das er vorher die Gewohnheit gehabt hatte, öfter im Munde zu führen, sondern auch darauf den Knaben beim Halse nahm, ihn küßte und sprach: »Deine Mutter weiß nicht, was sie tut, daß sie dein Wohl und ihre und ihres Mannes Glückseligkeit beweint!« Da sich Gabbriello indessen dem Kinde nicht anvertrauen wollte, weil es zu klein war, so trug er es auf dem Arme nach dem Zimmer zu seinem Schwesterchen, gab ihm eine Hand voll Geld, daß es sich daran erfreuen möge, und kehrte zu seinem Weibe, das mittlerweile über seine Worte nachgedacht und ihn daran fast erkannt hatte, in die Kammer zurück, wo er ihr denn, nachdem er die Tür hinter sich verriegelt, alles, was er getan, der Reihe nach erzählte und seinen ganzen Plan auseinandersetzte. Die gute Frau wurde darob über alle Maßen erfreut, überzeugte sich noch durch mancherlei zwischen ihnen auf das geheimste bewahrte Dinge, daß es Gabbriello wirklich sei, und konnte vor Entzücken gar nicht aufhören, ihn an sich zu drücken und ihn zu umarmen, indem sie jetzt ebensoviel fröhliche Küsse dem lebenden Gatten gab, als sie jüngst in ihrer innigsten Betrübnis dem ertrunkenen zu geben vermeint hatte. Mitsammen vor übermäßiger Freude weinend, tranken sie sich gegenseitig die Tränen von den Wangen, bis auch durch die ferneren Beweise ihrer Zärtlichkeit, die sie sich gaben, die Santa vollkommene Gewißheit erlangte, ihren Gabbriello nicht verloren zu haben. Nachdem sie also lange Zeit auf das vertrauteste zusammen geplaudert hatten, mahnte nicht nur der Fischer sein Weib an die Notwendigkeit zu schweigen, sondern schilderte ihr auch das glückliche Leben, das sie mit den Schätzen, die er aufgefunden habe, führen könnten, und setzte ihr zu ihrem großen Wohlgefallen weitläufig auseinander, was er anderweit zu tun beabsichtige. Als er die Kammer mit ihr verließ, stellte sich die Santa an zu weinen, öffnete die Haustür und rief ihm auf die Straße nach, so daß viele Menschen sie vernahmen: »Ich empfehle Euch meine armen Kinder an«, worauf er erwiderte: »Verlaßt Euch nur auf mich!« und sie, in ihre Wohnung zurückgehend, still bei sich überlegte, wie sie sich ihrerseits zu betragen habe, um ihre Absichten und Pläne am sichersten zu fördern und gelingen zu sehen. Der Abend kam; Gabbriello aß, wie er seither getan hatte, zu Nacht, ohne weiter ein Wort zu sprechen, begab sich in seine Schlafkammer und legte sich zu Bett, um der Ruhe zu pflegen, vermochte aber eben kein Auge zu schließen, weil er die ganze Nacht beschäftigt blieb, mit sich einig zu werden, was er zu seinem Besten ferner zu tun und zu lassen habe. Es war daher nicht so bald die Morgenröte aufgegangen, als er sich erhob, um nach der Kirche der heiligen Katharina zu wandeln, bei der ein ehrwürdiger, frommer Geistlicher namens Bruder Angelico wohnte, der von den Pisanern für einen halben Heiligen gehalten wurde, und als er denselben rufen ließ und zu ihm sagte, er habe notwendigerweise mit ihm zu sprechen, um ihn wegen eines ihm zugestoßenen wichtigen und seltsamen Falles zu Rate zu ziehen. Wiewohl dem barmherzigen Pater unbekannt, wurde er von ihm dennoch in sein Zimmer eingeführt, und daselbst stellte sich ihm nun Gabbriello als Lazzaro, Sohn des Meister Basilio von Mailand, vor, teilte ihm dessen ganzes ihm wohlbekanntes Geschlechtsregister mit und erzählte ihm allmählich unter anderem, wie er, nach der großen Sterblichkeit, von den Seinigen allein am Leben geblieben sei, bis er, zuletzt auf Gabbriello zu sprechen kam und ihm auseinandersetzte, was er ungeflissentlich an diesem verschuldet, indem er ihn wider seinen Willen verleitet habe, im Arno zu fischen und sich dabei den Tod zuzuziehen, und wie er infolgedessen mit der Not seiner Witwe und nachgelassenen hilflosen Waisen, die in ihm ihren Ernährer und einzigen Schutz auf Erden verloren hätten, sein Gewissen dermaßen belastet und sein Herz bedrängt fühle, daß er, wie auf göttliche Eingebung, den Vorsatz gefaßt habe, die Santa trotz ihrer Armut und ihrer niedrigen Herkunft zur Frau zu nehmen, wofern sie selbst und ihre Verwandten darein willigten, und die Kinder des ertrunkenen Fischers nicht nur, als ob es seine eigenen wären, zu erhalten und zu erziehen, sondern sie auch einmal zu ganz gleichen Teilen mit denen, die er mit ihrer Mutter vielleicht erzeuge, ihn beerben zu lassen, damit er auf diese Weise womöglich Vergebung bei Gott und Nachsicht bei den Menschen finden möge. Der geistliche Vater, der in diesem heiligen Vorsatze ein äußerst frommes Werk reifen sah, tröstete den vermeintlichen Lazzaro bestens, ermahnte ihn, dasselbe möglichst bald zur Ausführung zu bringen, und sprach sich zuletzt sogar entschieden dahin gegen ihn aus, daß er sich der göttlichen Barmherzigkeit also ganz gewiß versichere. Um einen desto kräftigeren und schnelleren Beistand von ihm zu erlangen, zog Gabbriello aus einer Börse dreißig Lire in Silber hervor und gab sie ihm mit den Worten, er möge dafür drei Montage hintereinander die Messe des heiligen Gregor für die arme Seele des toten Fischers lesen lassen. Der ehrwürdige Mönch seinerseits erfreute sich aber ungeachtet seiner Heiligkeit an diesem süßen Anblicke solchergestalt, daß er das Geld mit den Worten annahm: »Die Messe soll schon nächsten Montag gesungen werden, mein lieber Sohn, und was die Heirat betrifft, so rede ich dir nach meinem besten Wissen und Vermögen zu ihrem Abschlüsse zu, ja freue mich, daß du nicht auf Stand und Reichtum siehst, auf welchen letzteren du doch bei der großen Wohlhabenheit nicht zu sehen brauchst, die dir die Gnade Gottes hat zufließen lassen, und welcher erstere von uns eben nicht in Anschlag zu bringen ist, da wir ja vom ersten Anfange her alle Kinder eines Vaters und einer Mutter und nur durch Tugend oder Gottesfurcht untereinander verschieden sind, an denen es der armen Witwe und den Ihrigen, die ich recht wohl kenne, nicht gebricht.« »Ich bin auch eben in keiner anderen Absicht zu Euch gekommen«, sagte Gabbriello, »als um Euch zu bitten, daß Ihr mir zu meiner Heirat behilflich werden mögt.« »Wann wollt Ihr die Ringe wechseln?« fragte der Mönch. »Heute noch, wenn sie es zufrieden wäre«, erwiderte er. »Nun, so laß mich in Gottes Namen machen«, sprach der Mönch. »Geh nach Hause zurück und verhalte dich ruhig: eine Gott so wohlgefällige Ehe soll bald zustande gekommen sein.« »Ich wünsche sehnlich, daß es geschehen möge«, sagte Gabbriello, »und lege Euch meine Sache an das Herz«, worauf er den Segen des Mönchs empfing und aus dessen Zelle in der frohen Erwartung nach Hause ging, die ganze Angelegenheit baldigst nach seinem Sinne beendigt zu sehen. Der heilige Pater hob die dreißig Lire auf, begab sich mit einem Begleiter erst zu einem Oheime der Santa, einem Schuhmacher, und zu einem Barbiere, der Geschwisterkind mit ihr war, welchen beiden er gehörig vortrug, was im Werke sei, und suchte in deren Gesellschaft sodann mit seinem Auftrage die Santa selbst heim, die sich anfänglich durchaus nicht darein schicken zu wollen schien. Nur erst, nachdem alle drei sie inständigst gebeten und ihr mit vielen Gründen vorgestellt hatten, wie von ihrer Einwilligung ihr eigenes und ihrer Kinder Glück abhängig sei, gab sie fast weinend die Antwort von sich: sie wolle eine zweite Ehe, wenn auch nur zu Nutzen und Frommen ihrer Kinder, und um Lazzaros großer Ähnlichkeit mit ihrem Gabbriello willen zufrieden sein. Um in der Kürze zu schließen, bleibt nichts mehr zu sagen übrig, als daß der gute Pater so viel zuwege brachte, daß noch desselben Morgens in Lazzaros Hause, wohin sich alle begeben hatten, und in Gegenwart vieler Zeugen und des Notars Gabbriello zum zweitenmale als Lazzaro seinen Trauring der Santa ansteckte, die ihr schwarzes Kleid bereits von sich getan und dagegen ein reiches Prachtgewand aus dem Nachlasse der Brudersfrau Lazzaros angelegt hatte, das ihr so gut paßte, als ob es für sie gefertigt worden wäre. Mittags und abends nahmen sie eilig bereitete Festmahle ein, und als die halbberauschten Hochzeitgäste zu Nacht insgesamt von dannen gegangen waren, gingen die wiedervereinigten Ehegatten munter und guter Dinge zu Bett und erfreuten sich, unter Scherzen und Kosen, der Einfalt des Mönchs und der Leichtgläubigkeit ihrer Verwandten, Freunde und Nachbarn. Lazzaros Magd und Diener waren erstaunt, mit einem Male so großen Jubel und Aufwand im Hause einkehren zu sehen, und fanden sich durch diese ruhestörende Verheiratung nicht eben zufriedengestellt. Das junge Ehepaar stand des anderen Morgens spät auf, empfing die Besuche der Verwandten Santas und stellte nicht allein an diesem Tage ein stattliches Gastmahl an, sondern feierte sogar drei oder vier Tage lang sein zweites Hochzeitsfest, nachdem Gabbriello auch seine armen Kinderchen neu und ehrbar gekleidet hatte. Die mit einem Male von der Erde nach dem Himmel entrückte oder aus der Hölle in das Paradies eingegangene Santa kam mit ihrem Manne überein, mehrere Dienstboten anzunehmen. Gabbriello hielt es aus verschiedenen Rücksichten für ratsam, die alten von Lazzaro überbliebenen fortzuschicken. Und so rief er sie eines Tages vor sich, trug ihnen seine Worte vor und gab nicht allein der alten Magd außer ihrem Lohne dreihundert Lire, mit denen sie eine Nichte verheiraten konnte, sondern auch dem Knechte, den Lazzaro erst vor kurzem angenommen gehabt hatte, ein gutes Stück Geld über das hinaus, was er ihm schuldig war. Beide verließen demnach in Frieden und fröhlichen Mutes seinen Dienst, der von neuen Mägden und Knechten versehen wurde, und Gabbriello führte fernerhin mit seinem ihm zweimal angetrauten Weibe eine gemächliche Ehe. Er wurde darin in der Folge der Vater noch zweier Söhne, die er mit einem neuen Geschlechtsnamen die Fortunati nennen ließ, und es gingen aus deren Nachkommenschaft viele in den Waffen und Wissenschaften berühmte und namhafte Männer hervor. Antonio Francesco Grazzini Verständig geträumt! Lisabetta, die Tochter der Frau Laldomine degli Uberti, einer edlen und reichen Witwe in Florenz, war nicht gerade zu tugendsam, aber wunderschön. Es ward ihr deshalb von vornehmen Jünglingen nachgestellt und geliebäugelt, und unzählige verlangten sie in Ansehung der Aussteuer und einstigen Erbschaft von ihrer Mutter zur Ehe. Aus allzugroßer Sorge, ihre geliebte Tochter gut zu verheiraten, konnte sich die Mutter aber nie entschließen, sie von sich zu geben; denn sie suchte einen jungen, schönen, adligen, reichen, klugen und gesitteten Mann und fand keinen nach ihrem Sinne, da jedem immer wenigstens eine dieser Eigenschaften mangelte. Inzwischen verliebte sich Lisabetta heftig in einen jungen, Alessandro genannten Menschen, der in dem Nachbarhause wohnte und sich in jeder Hinsicht für sie geschickt hätte, außer daß er arm und nicht vom ältesten Adel war. Er hatte weder Eltern noch Geschwister mehr und lebte für sich allein, mit einer einzigen Magd. Da er den größten Teil des Tages zu Hause dem Studium der Wissenschaften oblag und Lisabetta seinetwegen oft an ein Fenster oder auf den Balkon hinaustrat, so gewahrte dies der scharfsinnige Jüngling notwendigerweise bald und schloß die Jungfrau dermaßen gegenseitig in sein Herz, daß er Tag und Nacht an nichts anderes als an sie dachte, die seine Leidenschaft durch ihre verliebten Blicke tausendfach steigerte und ihn endlich bewog, den Versuch zu unternehmen, ob sie wohl in eine, sobald sie schnell vollzogen werde, unwiderrufliche Vermählung mit ihm willige. Fällt mir das Glück so zu, dachte er, wer lebt zufriedener und glücklicher in der Welt als ich ? – Er schrieb ihr einen Brief, worin er ihr seine ganze Seele öffnete, und Lisabetta gab ihm ihr Herz ohne weiteres Bedenken hin; denn, abgesehen von ihrer eigenen Meinung, hatte sie die verständigsten Männer Alessandros Einsichten und Fähigkeiten bewundern hören, der als ein guter Wirt ihr Vermögen gewiß eher zu vermehren als zu verschwenden fähig war. Sie verständigte sich also mit dem Jünglinge, und er stieg in der folgenden Nacht mit Hilfe einer Leiter von seinem Dache auf ihren Altan, wo sie sehnsuchtsvoll seiner harrte und die Morgendämmerung beide noch bei Küssen und zärtlichem Gespräche fand. Alessandro steckte an Lisabettens Finger seinen Ring und überließ ihr, wie sie es verlangte, ganz allein die Sorge, ihre Verlobung zu entdecken und geltend zu machen. Sie trennten sich endlich, eines gleich zufrieden mit dem anderen. Frau Laldomine hatte sich nach langer Wahl entschlossen, ihre Tochter an Bindo, den Sohn Messer Geri Spinas, eines der vornehmsten Florentinischen Bürger, zu geben, obgleich er sehr wenig der erforderlichen Eigenschaften besaß. Lisabetta, der diese Absicht nicht entging, kam ihrer Mutter zuvor und erzählte ihr einst nach dem Abendessen Punkt für Punkt, was zwischen ihr und Alessandro vorgefallen war. Frau Laldomine schalt und zürnte und untersagte ihr jeden ferneren Gedanken an Verlobung oder Ehe: denn sie erhalte nun gar keinen Mann. Des andern Morgens brachte sie mit dem frühesten die Tochter in ein Kloster, ließ Messer Geri zu sich kommen, dem sie alles erzählte, und verabredete mit ihm, wie Lisabetta in Güte zur Vernunft zu bringen oder nach Rom zu schreiben sei, um von dem Papste den Befehl zu erkaufen, daß der Vikar die Verlobung bei Strafe der Exkommunikation vereitele. Das Gerücht von diesen Schritten verbreitete sich, und der fehlgeschlagene Liebeshandel ward zum Stadtgespräche. Der tiefbetrübte Alessandro verlor schon die Hoffnung, seine Geliebte jemals zu besitzen; denn Messer Geri hatte ernsthaft mit ihm reden lassen und ihn so eingeschüchtert, daß er nichts zu unternehmen wagte. Er begriff gar nicht die Meinung und Zuversicht seines Mädchens, das der Einwilligung ihrer Mutter so gewiß gewesen war. Lisabetta aber, die das Kloster nicht verlassen durfte und niemand mit Aufträgen oder Briefen an den Jüngling absenden konnte, hegte Zweifel an seiner Standhaftigkeit und Besorgnisse, er möge aus Furcht vor Messer Geris Ansehen und Gewalt auf sie verzichten. Die unerwartete Maßregel ihrer Mutter hatte sie sehr übler Laune gemacht, und sie dachte Tag und Nacht nur daran, ihre Wünsche dennoch zu erfüllen. Tausend Gedanken, tausend verschiedene Mittel und Wege erwog sie stündlich in ihrem Sinn; zuletzt blieb sie bei einem stehen. Sie ging zu der Äbtissin und sagte, ihr Gewissen lasse ihr gar keine Ruhe mehr, es treibe sie an, von dem armen Alessandro abzustehen und ihrer Mutter zu Willen des reichen Bindo Frau zu werden. Nach reiferem Bedachte wolle sie alles tun, was Frau Laldominen gefällig sei. Der Äbtissin war dieser Entschluß äußerst lieb, und sie ließ ihn augenblicklich der Mutter wissen, die voller Freuden ins Kloster eilte, mit Zärtlichkeit ihre Tochter küßte und in die Arme schloß und sie desselben Abends noch in der Absicht mit sich nahm, am nächsten Morgen Messer Geri zu sich zu bescheiden, um die nötigen Anordnungen zur Hochzeit zu veranstalten. Lisabetta, die im Vorzimmer geschlafen hatte, stand, sowie die Morgenröte durch die Fenstergatter schien, zur Ausführung ihres Vorsatzes auf und ging eilig und scheinbar sehr erschreckt in das Schlafzimmer ihrer Mutter, zu der sie mit bebender Stimme sprach: »Meine liebe gute Mutter, ich habe soeben einen bösen Traum gehabt, über den ich noch wie ein Espenlaub vor Furcht zittere.« »Was soll ich dabei tun?« erwiderte Frau Laldomine; »denke nicht mehr daran! Du weißt ja, das Sprichwort sagt: Träume sind Schäume.« »Ach nein! nein!« sagte Lisabetta. »Ihr wißt nicht, was ich sah. Aber laßt Euch nur sagen, es geht Euch auch mit an; deshalb möchte ich gern, wir dächten zusammen darüber nach.« »Was ist wegen eines Traumes groß zu überlegen?« fiel die Mutter ein und kam auf das Kapitel, wohin das Mädchen sie haben wollte. »Wenn du willst, lasse ich Bruder Zaccaria, unsren Beichtiger, kommen, der ein halber Heiliger und großer Traumdeuter ist.« »Ei ja, dafür würde ich Euch recht dankbar sein«, meinte Lisabetta, »schickt zu ihm: es kommt mir eine Ewigkeit vor, bis ich die Sorge los bin.« Frau Laldomine trug einer Magd auf, nach Santa Croce zu gehen und dem Bruder Zaccaria zu sagen, er möge doch wegen einer Sache von Wichtigkeit gleich zu ihr kommen. Es war dieser Bruder ein Geistlicher vom besten Rufe und mehr voll Menschenliebe als Gelehrsamkeit, ein einfältiger, frommer Mann, der unmittelbar nach erhaltener Botschaft den Weg zu Frau Laldominen einschlug und sie, seiner gewärtig, noch mit Lisabetten in der Schlafstube antraf. Die Frauen gingen ihm mit ehrerbietigem Gruß entgegen, ließen ihm einen Stuhl reichen und setzten sich ihm gegenüber, dessen Begleiter im Saale wartete. Die Mutter hub folgendermaßen an: »Ihr werdet Euch verwundert haben, Herr Pater, daß wir so frühen Morgens und so eilig zu Euch schickten. Meine Lisabetta hat aber einen Traum gehabt, der sie sehr fürchten macht und um dessen Auslegung sie Euch als ihren wohlmeinendsten Ratgeber ersuchen will.« »Mit Hilfe Gottes, Schwester, und um Euch gefällig zu sein«, erwiderte der Geistliche, »werde ich so viel sagen, als ich selber weiß und der Himmel mir offenbaren will. Zuvörderst muß ich Euch nur erinnern, daß es Torheit ist, macht man sich zu viel Sorge um Träume oder setzt zu viel Glauben darein: denn sie sind fast immer falsch. Hinwieder soll man sie freilich nicht ganz verspotten und verachten; denn zuweilen treffen sie ein und bewähren sich, wie viele Stellen des Alten und Neuen Testamentes Zeugen sind. So liest man, wie Ihr wißt, vom Pharao und seinen sieben magern und sieben fetten Kühen, und von den Kornähren. Und Sankt Lukas sagt im Evangelium, daß dem Joseph ein Engel im Traum erschienen sei und ihn geheißen habe, mit der Jungfrau und Christus damals nach Ägypten zu fliehen, als Herodes ihn töten wollte.« Nach dieser Rede wendete er sich zu dem Mädchen und bat um Mitteilung des Gesichts. Lisabetta schlug die Augen zur Erde nieder, ließ sich vom Bruder Zaccaria und ihrer Mutter die Zusage geben, sie nicht zu unterbrechen und sie ruhig bis zu Ende anzuhören, und hub mit Zittern und Zagen an: »Gestern abend, nachdem ich später als gewöhnlich zu Bett gegangen war, geschah es mir, daß ich auf mannigfache Gedanken geriet und sann und sann, so daß ich lange kein Auge schloß. Wie ich endlich eingeschlafen war, schien es mir, ich sei vor dem Tore San Friano, an des Arno Ufer, das grünte und blühte, und setze mich in das zarte, frische Gras unter den kühlen Schatten eines Baumes. Während ich allda mit unaussprechlichem Vergnügen und Wohlsein in das klare Wasser sah und auf das Gemurmel der sanft hinplätschernden Wellen horchte, stand plötzlich ein großer Wagen vor mir, halb weiß wie Elfenbein, halb schwarz wie Ebenholz, vor dem rechts eine große schneeweiße Taube, links ein ungeheurer kohlschwarzer Rabe gespannt waren, so wie es Pferde und Ochsen vor unsern gewöhnlichen Wagen sind. Inmitten dieses Wagens befand sich ein Stuhl, halb weiß, halb schwarz, wie überhaupt wunderbarerweise alles an dem Fuhrwerke gearbeitet war, in das ich im träumenden Staunen, ich weiß nicht von welch unbekannter Gewalt, gehoben ward. Ich saß nicht so bald darinnen, als die weiße Taube und der düstere Rabe die Flügel ausbreiteten und schneller wie der Wind mit dem Wagen durch die Lüfte flogen, höher und höher in die Himmel empor. Ich mag die Wunder nicht beschreiben, die ich sah, und erzähle nur, daß ich zuletzt in einem geräumigen, runden, ganz nach unserer Art gebauten Saale war, mitten hinein neben eine große Kugel gestellt. Um die Kugel herum standen auf drei Stufen wunderschöne Jünglinge, auf der ersten grün-, auf der zweiten weiß-, auf der dritten rotgekleidete. Furchtsam und erwartungsvoll dessen, was weiter erfolgen solle, stand ich da, als plötzlich die große Kugel mit einem Knall aufsprang und einen hohen Lehnstuhl sehen ließ, der zu brennen schien, und auf dem ein in Feuer gekleideter, mit leuchtenden Flammen gekrönter Jüngling saß. Wie er sein Antlitz mir zuwendete, ertrugen meine Augen nicht so vielen Glanz; denn er strahlte tausendmal heller als die Sonne; ich mußte geblendet sie zu Boden schlagen und hielt sie geraume Weile zu. Als ich sie wieder öffnete und um mich sah, gewahrte ich, daß ich an dem überirdischen Glanz erblindet war, hörte aber von der Stimme des Jünglings, die wie der furchtbarste Donner erklang, ein noch nie vernommenes Wort, das vielleicht auch niemals auf der Welt ausgesprochen worden ist, worauf ich fühlte, abermals, ich weiß nicht von wem, getragen und, nachdem sie mich lange herumgedreht hatten, zur Erde niedergesetzt zu werden, auf eine grasreiche Wiese, so schien es mir. Ich vernahm alsbald eine menschliche Stimme, die zu mir sprach: ›Sei getrost, meine Tochter, und gedulde dich: du wirst das Gesicht wieder erhalten.‹ Beim Ton dieser süßen Worte wandte ich mich und wollte antworten, aber die Zunge sprach, was mein Herz fühlte, nicht aus; ich befand mich nicht allein blind, sondern auch stumm, und ich erwartete voll Angst und Kummer, was aus mir werden würde. Da ergriff ein lebendes Wesen meine rechte Hand und gebot: ›Strecke dich aus, so lang du bist!‹ Gehorsam tat ich es und berührte gleich mit der Stirne den frischen Wasserstrahl eines Quells. Der Unsichtbare führte mir die Hand ins Wasser und hieß mich, sie damit an die Augen zu halten und mein ganzes Gesicht mit dem heiligen Quell zu baden. Ich tat es, und, o Wunder! ich konnte wieder sehen. Wie ich den Blick umhergleiten ließ, ergriff mich ein wunderbares Staunen; mir war, als solle mir vor Wonne und Freudigkeit das Herz aus dem Busen springen, und ich sah einen heiligen Einsiedler vor mir stehen, von Ansehn schön und streng, das Gesicht blaß und hager, die Augen sanft und nachdenklich, den Bart dicht und lang auf die Brust herabhängend, das Haupthaar wie gelockte Silberfäden über beide Schultern wallend. Er trug ein langes, fein gesponnenes Gewand von der natürlichen Farbe der Wolle, in der Mitte mit zwei geschmeidigen Binsenseilen gegürtet, und auf dem Kopfe einen leichten Kranz von friedlichen Ölzweigen. Sein ganzer Anblick erregte Ehrfurcht und Vertrauen. Die Wiese, auf der ich saß, hatte weiches, dunkelgrünes Gras, das ins Braune spielte, überall bunt und tausendfarbig mit den lieblichsten Blumen durchmischt. Soweit mein heiteres Auge trug, vielleicht noch weiter hinaus, erstreckte sich die reizende Ebene, ohne von Bäumen oder Gesträuch unterbrochen zu sein. Der Himmel darüber leuchtete hell und klar, ohne Sterne, Mond oder Sonne. Der göttliche Greis ließ sich zu einem erhöhten Sitze an einem über und über mit grünem Efeu bewachsenen Felsen nieder, aus dem ein zweiter, nicht künstlich in Marmor oder Alabaster von Meisterhand gehauener, sondern von der Natur selbst gebildeter Springquell sprudelte. Das Becken des einen umkränzten frische, tauige Lilien, das des andern bleiche, blutgefärbte Violen; das Wasser des ersteren schien weich und milde wie Milch, das des anderen scharf und schwarz wie Tinte zu sein. Derweil ich aufmerksam all diese Gegenstände betrachtete, segnete mich der fromme Greis, und ich hatte die Sprache zurück, warf mich auf die Knie vor ihm nieder und bezeigte ihm in Demut und Ehrfurcht meine innige Dankbarkeit. Er unterbrach meine Worte und sagte: »Gib sorgsam auf das, was ich zu deiner Belehrung jetzt tun werde, acht!‹ Er nahm mit seiner Rechten einen kleinen Stein und warf ihn, zwischen den beiden Quellen sitzend, in die, welche gen Morgen lag; nicht sobald aber durchschnitt der Stein die weißliche Flut, als ihr ein weißes, lockiges Kind entstieg, mit Sternen und himmlischem Glanze umstrahlt, singend und lachend, gleichwie beflügelt sich durch die Lüfte zum Himmel emporschwingend, höher und höher, bis es meinen Augen entschwand. Der Alte ergriff mit der Linken einen anderen Stein und warf ihn nach Abend in den anderen Quell, aus dem, sowie der Stein in das trübe Wasser spritzte, gleich ein andres Kind sichtbar auftauchte, schwarzgelb und geschwollen über und über, mit sengenden Flammen umkreist, in denen es sich wie brennend krümmte und wand. Im nächsten Augenblick tat sich vor mir die Erde zu einer Tiefe auf, in die das Kind schreiend und kreischend hinabstürzte. Wie es verschlungen war, schloß die Öffnung sich wieder, und wie vorher grünte die Erde und blühte. Nunmehr rief der Mann Gottes mich, die ich halb sinnenlos über die geschauten Wunder dastand, unwissend, was sie bedeuteten, und sagte zu mir: ›Wofern du tust, meine Tochter, was ich dir sagen will, so wird am Ende deines Lebens deine Seele wie jenes erste Kind entfliehen, das der milchweißen Quelle da entstiegen ist. Brichst du hingegen,‹ fügte er hinzu, ›mein und Gottes Gebot, so wirst du und deine Mutter zugleich mit dir, wie das andre, der zweiten Quelle entstiegene Kind, in die Tiefen der Hölle zu ewiger Verdammnis und Strafe gebannt.‹ Zwischen Furcht und Hoffnung, Schmerz und Freude schwebend, erwiderte ich: ›Gebiete mir, du Diener Gottes, was ich zu tun habe, um dir und meinem Schöpfer wohlzugefallen!‹ Er sagte: ›Es gefällt Gott, daß du Alessandro Torelli zu deinem Gatten nimmst, der er rechtmäßigerweise ist, weiter an keine andre Verlobung denkst und überdies dem ersten Priester, der dir vor Augen kommt, dreihundert Lire gibst, die er, um Gottes Barmherzigkeit willen, einem armen Mädchen zu ihrer Ausstattung schenken soll!‹ Kaum hatte er dies gesprochen, so schwanden Wiese, Quellen, der heilige Eremit sowie der ganze Traum plötzlich vor meinen Augen, und ich wachte auf.« – Sie schwieg. Bruder Zaccaria, der fast eine halbe Stunde mit gespannter Aufmerksamkeit und Teilnahme zugehört hatte und Wort für Wort Glauben beimaß, da er nicht im entferntesten dachte, es habe ein so zartes Kind so schlauen Anschlag selbst erfunden oder ausgeführt, überlegte und erwog den Traum, in Staunen versenkt, mit ängstlicher Genauigkeit und wandte sich zu Frau Laldominen, die sich bekreuzigt und gesegnet hatte und eben auf die Tochter losschelten wollte, mit dem Ersuchen, aus Gunst für ihn still zu sein. Er ließ Lisabetten umständlich erzählen, was zwischen ihr und Alessandro vorgefallen war. Unterrichtet, wie sie von neuem sich mit Bindo versprechen und mit Hilfe des Papstes die erste wahre Verlobung rückgängig machen solle, meinte er, der Herr Gott habe dem Mädchen aus diesem Grunde solchen Traum verliehen. Er fing also Frau Laldominen zu trösten und zu besänftigen an, hielt ihr eine schöne Predigt über den Ehestand und schloß mit der Erklärung, daß auf keine Weise die Verlobung mit Alessandro ungeschehen gemacht werden dürfe, weil er in Wahrheit von Gott zu Lisabettens Gatten ausersehen worden sei. »Was Gott verbunden hat,« sagte er, »soll und kann der Mensch nicht trennen, denn die Bande der Ehe sind stärker und unauflöslicher, als der Mensch gemeiniglich denkt.« Zu dem Traume zurückkehrend, legte er ihn Punkt für Punkt aus, indem er behauptete, von jenen zwei Quellen stelle die weiße den Stand der Unschuld und Gnade, die schwarze den der Bosheit und Sünde vor. Wie sie nun beide, vollbrächten sie den Willen Gottes nicht, am Ende ihres Lebens in den Pfuhl der Hölle versinken würden, stellte er ihnen so augenfällig dar, daß Frau Laldomine vor Entsetzen schon glaubte, in des Teufels Händen zu sein. Der gute Pater, eingedenk, wie das Almosen der dreihundert Lire zunichte sei, wenn Lisabetta ihren Alessandro nicht erhalte, half der an sich schon vernünftigen Sache, so viel bei ihm stand, nach und schilderte den Jüngling, der Wahrheit getreu, als so fleißig, gelehrt, gesittet und gut, daß er Frau Laldominen überredete, ihm ihre Tochter zu gönnen. »Denn«, hatte er ihr gesagt, »die Tugend ist der einzige wahre Reichtum auf dieser Welt. Eure Tochter ist so schon reich und bedarf keines reichen Ehemannes, wohl aber eines rechtschaflfenen, der ihr Vermögen zu bewahren und zu mehren versteht und freigebig ist, wenn sich die Gelegenheit darbietet und es die Not erheischt. Ihr findet in ganz Florenz keinen Menschen, der geeigneter als Alessandro zu diesem Zweck ist, und so ist es nicht minder gerecht als klug, wenn Ihr vielmehr diesen Sohn nehmt oder behaltet.« Nachdem also Furcht vor angedrohter Verdammnis und gute Worte sich gleich wirksam auf Laldominens Sinnesänderung bewährt hatten, blieb ihr das einzige Bedenken, Messer Geri zu verabschieden, durch den schon nach Rom geschrieben, mit dem Vikar gesprochen und der Magistrat der Stadt aufsässig gemacht worden sei. Sie wandte bescheidentlich dem Bruder Zaccaria ein: »Ihr habt mich, werter Mann, durch Auslegung des Traumes wie durch Gründe der Vernunft so zu überreden gewußt und mich mit der Hand daraufgewiesen, wie meine Seele, die mir wichtiger als alles ist, und die Seele meiner Tochter in die Hölle kommen würden, daß ich wohl zufrieden wäre, was Ihr wollt, zu tun, wüßte ich nur Messer Geri zu beseitigen, der doch nicht gar zu sehr beleidigt werden darf.« Bruder Zaccaria gab ihr darauf zu verstehen: »Madonna, wo es die Liebe zu Gott und der Seele Heil gilt, muß man weder Bedenken tragen noch Rücksichten nehmen. Ich unterziehe mich, ist es Euch eben recht, der Sache gern und will zu Messer Geri gehen; ich weiß, ich stelle ihn zufrieden und erhalte ihn Euch freundlich gesinnt.« »Ihr würdet mir eine große Wohltat erzeigen«, entgegnete die Frau; »ich bitte Euch, es zu tun, und wünsche überdies, die ganze Heiratsangelegenheit möge durch Eure Hände gehen, damit Ihr der erste seid, der Alessandro meine Einwilligung überbringt.« Lisabetta wußte sich vor Freude über diese allmählichen Reden gar nicht zu lassen und sagte: »Es ist aber nötig, daß vor allen Dingen der geistliche Vater dreihundert Lire empfängt, um ein gutes Werk durch die Verheiratung eines jungen Mädchens zu stiften.« »Du hast wohlgesprochen, Kind«, nahm der Bruder das Wort auf, »man tut auf Erden nichts Gott Wohlgefälligeres, als wenn man Werke der Barmherzigkeit ausübt. Ihr müßt wissen, daß eine Muhme von mir eine gutgezogene, gesittete Tochter hat, die schon seit zwei Jahren einen Mann haben möchte und nur noch wartet, weil es ihr an der Ausstattung fehlt. Ihr Vater ist ein Weber, der außer seiner Frau noch mehr Kinder ernähren muß und kaum die Trauung bezahlen kann. Darum wird Euer Werk ein recht christliches bei den Leuten sein.« Frau Laldomine stellte dem Bruder einen Zettel über dreihundert Lire an die Bank der Peruzzi aus und ersuchte ihn, sobald er sie abgeholt habe, aus Gefälligkeit für sie den Gang zu Messer Geri zu tun. Zaccaria ging vergnügt davon und ließ auch die Frauen, besonders Lisabetten, zufriedengestellt, trug das Geld nach Hause, womit er zu gelegener Zeit seine Nichte verheiratete, und machte sich, als es an der Zeit war, zu Messer Geri auf den Weg, der aus Ehrfurcht vor ihm und aus Vertrauen in seine Vorstellungen Vernunft annahm. Der Bruder dankte ihm bestens und kehrte zu den ihn erwartenden Frauen zurück, die er seine Erfolge wissen ließ. Alessandro, gerade beim Mittagessen zu Hause, ward herbeigeholt und mußte sich zu den Frauen und dem Bruder setzen, der ihm zu seiner höchsten Freude alles Vorgefallene in einem schönen Sermon ankündete und ihm schließlich sagte: es werde diesen Abend, bei einem stattlichen Feste, in Gegenwart von Verwandten und Freunden seine Trauung mit Lisabetten vor sich gehen. Sie begaben sich insgesamt zu Tische, wobei sie sich über alle Dinge genugsam verständigten, und am Abend ward eine prunkvolle Hochzeit angestellt, da Alessandro denn öffentlich vor den Gästen als Lisabettens Mann mit ihr die Ringe wechselte. – Die näheren Umstände dieser Heirat wurden in Florenz bekannt, gefielen jedermann, und Mutter wie Tochter ernteten Lob ein. Alessandro zog aus dem ärmlichen Häuschen in den Palast seiner Frau, nahm von ihren Reichtümern Besitz, vernachlässigte aber nichtsdestoweniger nicht seine Studien. Er gedieh an Reichtum, Kenntnis und Tugenden und ward als Bürger so geehrt, daß der Staat in wichtigen Fällen auswärts und im Innern öfter seine Dienste ansprach. Gesegnet mit Würden und Kindern lebte er zur Freude und höchlichen Zufriedenheit Frau Laldominens lange Zeit. Und also besiegte ein verliebtes Mädchen durch Klugheit Mißgeschick, verschaffte sich und ihrem Gatten Freuden und dauerhaftes Wohlergehen, ihrem Vaterlande aber Heil und Ruhm. Antonio Francesco Grazzini Der Mützenmacher und der Zauberer Scheggia und Pilucca waren einst, wie ihr wohl schon vernommen habt, verschmitzte und lustige Kumpane aus der guten alten Zeit und verständige Meister ihres Handwerks, der eine Goldschmied und der andere Bildhauer. Obgleich sie eher arm waren, so waren sie doch aufrichtige Feinde von Mühen und Plagen, ließen es sich so wohl als möglich sein und lebten, ohne sich um irgend etwas Sorge zu machen, fröhlich in den Tag hinein. Zufällig standen sie in freundschaftlichem Verkehr mit einem Mützenmacher Hans Simon, einem Mann von grobem Verstand, der aber recht wohlhabend war und damals seinen Laden am Eck der Pecori hatte. In einem kleinen Lagerraum desselben versammelte man sich, und zwar hauptsächlich im Winter. Scheggia und Pilucca kamen oft dorthin, um sich die Zeit zu vertreiben, manchmal nur Tricktrack oder auch Karten zu spielen, wobei man häufig neben der Unterhaltung manchen Fiasco trank. Da Scheggia ein guter Erzähler war und sehr schöne Geschichten zu erfinden wußte, so sprach er oft von Geistern und Zauberkünsten, was den Zuhörern nicht wenig Vergnügen machte und sie in Erstaunen versetzte. Zu jener Zeit war dieser Hans Simon in eine Witwe, seine Nachbarin, verliebt, die über die Maßen schön war; doch war sie aus edlem Geschlecht, äußerst züchtig und mit Glücksgütern reichlich gesegnet, worüber er sehr mißvergnügt war, da er nicht wußte, wie er mit dieser seiner Liebe ans Ziel gelangen sollte. Weil er keinen andern Ausweg sah, dachte er, er werde nur durch Zauberkraft und nicht anders die ersehnte Frucht pflücken können. Er rief eines Tages den Scheggia, in den er großes Vertrauen hatte, erzählte und enthüllte ihm sein Begehren und verlangte dann von ihm Rat und Beistand, nachdem er ihn hatte vorher schwören lassen, Stillschweigen darüber zu bewahren. Scheggia sagte ihm, daß sich alles leicht machen ließe, aber daß man sich deswegen an Pilucca wenden müsse, der einen Freund namens Zoroaster habe, welcher die Teufel machen ließe, was er wollte und was ihm gefiel. Hans Simon antwortete, daß er mit allem einverstanden sei, und sie vereinbarten, am andern Abend wieder im Hause Hans Simons zum Nachtmahl zusammenzukommen, um zu beraten und zu beschließen, was man für diese seine Liebe tun könne. Kaum war Scheggia sehr aufgeräumt von ihm weggegangen, so traf er den Pilucca und erzählte ihm alles der Reihe nach, und sie feierten es ausgiebig zusammen; denn sie gedachten außer dem Spaß keinen kleinen Nutzen davon zu haben. Sie ließen stehen, was sie eigentlich zu tun hatten, um sich dieser Sache zu widmen. Am andern Abend dann, es war an Allerheiligen, fanden sie sich frühzeitig im Laden des Hans Simon ein, von dem sie bald nach Hause geführt wurden, wo er ein glänzendes Nachtmahl bestellt hatte. Nachdem man das Obst gegessen und die Frauen schlafen geschickt hatte, kamen sie auf Hans Simon und seine Liebe zu sprechen. Darum bat Scheggia den Pilucca, er möchte so freundlich sein, den Zoroaster um die Gefälligkeit zu ersuchen, mit seinen Zauberkünsten zu bewirken, daß sich Hans Simon seiner Angebeteten erfreue und sie besitze, wie er es ja schon für unzählige andere ehrbare Leute ihres Standes getan habe. Pilucca sagte, er würde sich alle Mühe geben und morgen mit der Antwort wiederkommen, wobei er sicher sei, ihm gute Nachrichten bringen zu können. Schließlich verabschiedeten sie sich von ihm, der ganz getröstet und fröhlich zurückblieb, konnte er es doch vor Sehnsucht kaum mehr aushalten, bis er mit seiner Witwe zusammenkäme. Die zwei Kumpane machten noch verschiedene Pläne und gingen dann zu Bett. Am andern Morgen besuchten sie jenen Zoroaster, der ein Freund von ihnen war, und erzählten ihm alles, was sich angesponnen hatte. Dies gefiel ihm sehr, da er äußerst erpicht auf dergleichen Liebeshändel war. Er macht ihnen viele Vorschläge, und sie fanden zusammen viele Arten, Geld aus ihm zu ziehen und ihn zum Narren zu halten. Man kam überein, Pilucca solle ihn aufsuchen, um ihm zu sagen, der Zauberer sei bereit, ihm jede Gefälligkeit zu erweisen, und hinzuzufügen, daß er fünfundzwanzig Gulden vorausbezahlt haben wollte. Sie verließen Zoroaster, und Pilucca ging in den Laden und unterrichtete Hans Simon ausführlich über alles. Diesem erschien die Sache mit den Gulden sehr sonderbar, und besonders daß er sie vorausbezahlen sollte. Da er sich nicht entschließen konnte, antwortete er dem Pilucca, er müsse erst mit dem Scheggia zusammensein: darum sollten sie beide kommen, er erwarte sie zum Essen, wobei er sich dann entschließen würde, denn er wolle nichts ohne Scheggias Rat unternehmen. Das gefiel dem Pilucca gar wohl; er traf Scheggia, der ihn in der Kirche der heiligen Reparata erwartete, und erzählte ihm alles, worüber dieser sehr zufrieden war. Dann gingen sie ein wenig spazieren, und zur Essenszeit begaben sie sich zu Hans Simon. Als dieser sie sah, ging er ihnen entgegen, faßte sie unter und führte sie zum Essen (denn er wohnte damals in der Fiesolestraße); nachdem sie tüchtig zugegriffen hatten, sprach man geraume Weile von der Angelegenheit der Zauberei und von dem Zauberer. Hans Simon wollte jene fünfundzwanzig Gulden nicht herausrücken, insbesondere da er sie vorher bezahlen sollte; jedoch Scheggia sagte ihm, der Nekromant würde bewirken, daß seine Dame nicht mehr ohne ihn werde leben können, und erreichte, daß er einwilligte – unter der Bedingung jedoch, daß er, bevor er das Geld zahle, eine Probe seiner Kunst sehen wolle, aus der er Hoffnung schöpfen könne, sich mit seiner Geliebten vereinigt zu sehen. »Ihr wißt wohl«, antwortete Scheggia, »daß er ein ehrbarer Mann ist und Euch etwas sehen lassen wird, worüber Ihr staunen werdet und das Euch von allem überzeugen wird. Aber, sagt mir, habt Ihr schon daran gedacht, auf welche Art und Weise Ihr Euch das erstemal mit ihr treffen wollt?« »Noch nicht«, antwortete Hans Simon. Da sagte Pilucca: »Es wäre gut, wenn er sie zum ersten Male so gegen Mitternacht ins Bett kommen ließe und sie Euch nackt zur Seite legte, und daß er sie dann derartig in Euch verliebt machte, daß sie keinen andern Gott mehr sieht und um Euer Tun sich so verzehre und auflöse, wie das Salz im Wasser, und er wird es dahin bringen, daß sie Euch mehr nachläuft als die Lämmer gesalznem Brote.« »Du hast es erfaßt«, fügte Hans Simon hinzu, »man könnte es nicht besser ausdenken: genau so soll er es machen. Aber bevor ich das Geld aufzähle, will ich irgendeine Probe sehen, nicht weil ich euch und ihm nicht traue, sondern um nicht fahrlässig zu erscheinen, auch um zu zeigen, daß ich ein Mann bin und kein Schatten, und um in allen Angelegenheiten gesichert vorzugehen; darum wird mich der Zauberer nur um so höher schätzen.« »Er kann nichts dagegen einwenden«, fuhr Scheggia fort, »so gut sprecht Ihr, und darum werden wir ihn übermorgen abend, das ist am Sonntag, in seinem Hause besuchen, wo er in der Gualfondastraße wohnt, und Ihr werdet Wunder sehen.« Nachdem sie so noch über viele andere Dinge gesprochen hatten, kamen sie überein, sich Sonntagabend in der Kirche Santa Maria Novella einzufinden, verließen das Haus, und Hans Simon ging fröhlich in seinen Laden, während die beiden Kumpane Zoroaster aufsuchten. Das war ein Mann so zwischen sechsunddreißig und vierzig Jahren, groß und gutgewachsen, von olivenfarbner Haut, mit düsterm Antlitz und stechendem Blick und einem langen, schwarzen, zerzausten Bart, der fast bis auf die Brust ging, sehr seltsam und phantastisch. Er hatte Alchimie getrieben, er hatte sich mit dem Unsinn der Zauberkünste beschäftigt und tat es noch, er besaß Siegel, Schriftzeichen, Talismane, Amulette, Glasglocken, Destilliergläser und Öfchen verschiedener Art, um Kräuter, Erden, Metalle, Steine und Holz zu destillieren, Pergament aus der Haut ungeborner Tiere, Luchsaugen, Geifer eines tollen Hundes, Gräten vom Adlerrochen, Totenknochen, Galgenstricke, Dolche und Degen, die Menschen getötet hatten, den Schlüssel und das Messer Salomonis, Kräuter und Samen, die zu verschiedenen Mondzeiten und Sternstellungen gepflückt waren, und tausend andere Fabeln und Geschichten, um den Dummen angst zu machen. Er oblag der Astrologie, der Physiognomik, der Handlesekunst und hundert andern Possen, er glaubte sehr an die Hexen, aber vor allem war er hinter den Geistern her. Und bei alledem hatte er niemals etwas sehen oder tun können, was über die Ordnung der Natur hinausgegangen wäre, obwohl er tausend Blödsinn und Geschichten darüber erzählte und sich bemühte, sie die Leute glauben zu machen. Er hatte weder Vater noch Mutter und war ziemlich wohlhabend, und es behagte ihm die meiste Zeit allein zu Hause zu sein, da vor Furcht weder Magd noch Diener bei ihm bleiben wollten, was ihn innerlich außerordentlich erfreute; er hatte wenig Umgang, ging aus, wie es der Zufall ergab, mit verworrenem Bart, ohne sich zu kämmen, immer schmutzig und schmierig, und wurde so vom Volke für einen großen Philosophen und Nekromanten gehalten. Scheggia und Pilucca waren seine nächsten Freunde, die auf zwei Unzen genau wußten, was er wog, und die sein Geschäft genau verstanden. Als sie ihn getroffen hatten, erzählten sie ihm, wie sie mit Hans Simon zusammengekommen waren, von den fünfundzwanzig Dukaten, die er vorauszahlen sollte, und daß er vorher eine Probe sehen wolle, um sich von dem Gelingen der Sache überzeugen zu können, und sagten ihm schließlich alles, was sie mit ihm abgemacht hatten. Nichtsdestoweniger war Zoroaster sehr schlau; nachdem sie viele Arten, ihm zuerst eine Probe zu geben und dann seine Liebesangelegenheit zu behandeln, gefunden und noch endlos darüber geredet, hatten sie sich geeinigt und festgesetzt, was sie nun veranstalten wollten. Zoroaster sagte ihnen, daß er sie Sonntagabend hier im Hause in allem vorbereitet erwarte. Sie gingen höchstvergnügt von dannen, weil sie viele Tage und Wochen auf Kosten Hans Simons würden verbringen können, und bis zum gegebenen Zeitpunkt verbrachten sie ihre Tage mit Spaziergängen und anderem Zeitvertreib. Hans Simon sah jeden Morgen seine rundliche und frische Witwe und verzehrte sich und zerfloß wie der Schnee an der Sonne, und es schien ihm ewig zu dauern, bis er sie an sich ziehen könnte. Oft sprach er dabei mit sich selbst: »O du elende Verführerin, herzlose Ketzerin, du hast mir noch nicht ein einziges Mal gerade ins Gesicht gesehen, obgleich ich mich in dich verliebte; aber die Zeit wird kommen, in der du um mich heiße Tränen weinen wirst! Laß mich nur machen! Wenn ich mal meine Hand auf dich lege, beim Leibe des Antichrist, da wirst du besser reden können!« Häufig sah er jetzt den Scheggia, dann den Pilucca und unterließ nie, sich anzuempfehlen und sie an seine Sache zu erinnern. Schließlich kam der Sonntag; und kaum daß Hans Simon zu Mittag gegessen hatte, ging er schon nach Santa Maria Novella und hörte dort die Vesper, das Abendgebet und den Schlußgesang. Im Herausgehen traf er gerade unter der Tür die beiden Kumpane, als man schon bald daran war, das Ave zu läuten. Er bot ihnen guten Abend und sagte: »Ich begann schon unruhig zu werden, ihr seid so spät gekommen!« »Es ist nicht spät, nein«, antwortete Pilucca, »wir haben noch eine halbe Stunde, um hinzugehen.« So begaben sie sich mit ihm auf kleinen Umwegen zu jenem Hause, als eben die Dämmerung herabsank. Sie klopften zweimal, worauf geöffnet wurde. Oben auf der Treppe erschien Zoroaster mit einem Leuchter in der Hand und machte ihnen Licht. Sie erstiegen die Treppe, betraten den Saal und wurden von ihm mit freundlicher Miene empfangen. Man setzte sich und plauderte und sprach über Verschiedenes, doch immer über Teufel und Geister. Schließlich wandte sich Pilucca an Zoroaster und sagte: »Dieser hier ist jener schwerverliebte Mann, von dem ich Euch sprach; er ist gekommen, um eine Probe Eurer Kunst zu sehen, und wird dann tun, was wir wünschen.« Darauf wandte sich Zoroaster mit weitaufgerissenen Augen gegen Hans Simon und mit einem so wilden Blick, daß dieser durch und durch erschauerte, und sagte zu ihnen: »Es sei, Glück auf denn! Ich bin gerüstet auszuführen, was er wünscht, euch zuliebe, und ich weiß nicht, ob andere außer euch mich dazu bringen würden, dies zu tun; aber ihr seid mir so befreundet, daß ich euch nichts, was man überhaupt machen kann, abschlagen könnte oder dürfte.« Er ließ sie in den Saal, sagte, er käme gleich wieder, und begab sich in eine Kammer, zog ein schneeweißes Hemd an, das bis zur Erde reichte, und gürtete sich mit einem roten Strick. Auf den Kopf stülpte er sich einen Helm mit einer Girlande von künstlichen Schlangen, die aber so kunstvoll gemacht waren, daß sie zu leben schienen; in die linke Hand nahm er ein Marmorgefäß und in die rechte einen Schwamm, der an ein Totenbein gebunden war. So aufgeputzt begab er sich in den Saal. Soviel Vergnügen und Spaß nun jene an diesem Aufzug hatten, so viel Angst und Furcht hatte Hans Simon, und fast reute es ihn schon, gekommen zu sein. Zoroaster legte den Schwamm und das Gefäß auf den Boden und sagte ihnen, sie sollten keine Angst haben, was auch immer sie hören und sehen würden, und sie sollten sich ja nicht weder Gottes noch der Heiligen erinnern. Dann zog er ein kleines Buch aus dem Busen und tat so, während er leise, leise murmelte, als ob er hohe und tiefsinnige Sachen lese; er kniete nieder, küßte jetzt die Erde, betrachtete dann mehrere Male den Himmel und trieb eine Viertelstunde lang den sonderbarsten Hokuspokus. Als ihm das genug schien, öffnete er das Gefäß, das voll von roter Tinte war, tauchte den Schwamm darein und rief mit etwas erhobener Stimme: »Durch dieses Drachenblut entstehe Plutos Kreis!« Dann machte er einen großen Bogen, der zwei Drittel des Saales umschloß, kniete darin in der Mitte nieder, küßte dreimal die Erde und sprach zu ihnen, sie möchten sagen, welche Probe sie wollten. Darauf wandte sich Pilucca an Hans Simon, der wie Espenlaub zitterte, und fragte ihn, welche Probe er am liebsten sehen möchte. Hans Simon sagte, indem er sich an Scheggia wandte, er möchte sich mit dem Pilucca ein wenig darum kümmern. Da sie ihm eine ganze Menge vorgeschlagen hatten, aber ihm nichts gefiel, weil das eine zu kurz und das andere zu lange dauerte, dieses gefährlich war und jenes gegen den Glauben verstieß, so wußte er sich nicht mehr zu helfen, als Zoroaster fast lachend zu ihm sagte: »Ich habe nachgedacht und will euch eine vergnügliche und heitere Sache sehen lassen und trotzdem nicht von geringem Wert; es besteht darin, daß ich Monaco sehe, unser aller Freund, der eben am Eck des alten Marktes steht, noch in Pantoffeln, mit Mantel und Kapuze: ihn will ich kraft und vermöge meiner Kunst unaufhaltsam in diesen Kreis hier kommen machen.« Das wurde von Scheggia und Pilucca gelobt und gefiel Hans Simon sehr, der sagte, er würde das zu gerne haben, denn der gerade sei ein lieber Freund von ihm. Dieser Monaco war ein bei der Seidenzunft eingetragener Makler; aber er beschäftigte sich mit vielen Sachen: er vermittelte Heiraten, vermietete Häuser, kuppelte zwischen Männern und Frauen und hätte, wenn nötig, auch eine kleine Gaunerei gemacht; er war ein Mann von fröhlicher Lebensart, Tänzer, Sänger und ausgezeichneter Harfenspieler, ein Kerl, der euch von Wald und Wasser reden kann, und, wie ich schon sagte, intimster Freund von Zoroaster, Scheggia und Pilucca. Von denen hatte er alles über den Fall des Hans Simon vernommen, und auf Verabredung mit ihnen war er in Zoroasters Haus gekommen, gekleidet, wie ihr gehört habt, und dazu noch mit zwei Körben Salat und einem Bund Radieschen am Arm; und während jene anklopften und hereingekommen waren, hatte er sich auf das äußere Fensterbrett gegen die Straße zu gesetzt, und wenn er da auch unbequem saß, so doch der Art, daß er nicht fallen konnte. Zoroaster hatte das Fenster so zurechtgemacht und die Klinke so gestellt, daß es aussah, als ob es verschlossen sei, es aber nicht war und sich auf den leichtesten Druck geöffnet hätte. Monaco stand also in dieser Weise bereit und sah und hörte durch ein kleines Loch, das man dazu gemacht hatte, alles, was man im Saale tat und sprach, wobei er mit größter Heiterkeit den gegebenen Augenblick erwartete. Indes nahm Zoroaster wieder das Wort und sagte: »Jetzt ist es Zeit, daß ich euch aufkläre«, und fügte hinzu: »Unser Monaco steht neben einem Salatverkäufer, – da, er fragt ihn, um zu kaufen.« Nach einer Weile sagte er: »Er hat zwei Körbe Salat und ein Bund Radieschen genommen –, oh, oh, er hängt sie ihm an den Arm, – jetzt wechselt er ihm einen Groschen, um ihm den Rest zu geben, denn der Salat und die Radieschen kosten sechs Pfennige.« Nachdem er dies gesagt, warf er sich mit dem Gesicht zur Erde nieder und sagte, ich weiß nicht welche Worte, stand dann wieder auf, machte zwei Purzelbäume, warf sich auf der einen Seite des Kreises in die Knie, sah scharf in das Gefäß und sagte, nachdem er dies getan: »Unser Monaco hat den Rest schon herausbekommen und geht mit dem Salat gegen die Straße der Pelzhändler, um nach Hause zu gehen. Aber in diesem Augenblick habe ich ihn von den Teufeln unsichtbar von der Erde erheben lassen – oh, da ist er schon über dem Bischofspalast! Oh, er kommt gut daher! – Jetzt ist er über dem Platz der Madonna. – Oh! Jetzt ist er über dem alten Platz von Santa Maria Novella, – eben kommt er in die Gualfondastraße, – oh, da ist er schon halb durch die Straße, – oh, jetzt ist er keine fünfzig Ellen mehr entfernt, – oh, jetzt streift er schon das Fenster! Sofort wird er im Kreise sein!« Wie er das letzte Wort gesprochen, gab Monaco, der auf dem Posten stand, dem Fenster einen Stoß und sprang gleichsam fliegend in die Mitte des Kreises, in Pantoffeln, im Mantel, mit Kapuze und mit dem Salat und den Radieschen in der Hand. Er stieß sofort einen gellenden Schrei aus und begann zu brüllen, was die Kehle hergab. Hans Simon, als er das sah, war mit einem Schlage so von Staunen und Furcht überwältigt, daß er nahe daran war, tot umzusinken; er wollte noch reden, war aber der Worte nicht mehr mächtig, und wegen der schlotternden und ungewöhnlichen Angst rührte sich ihm der Leib auf eine Weise, daß er sich die Hosen ganz vollmachte. Scheggia sagte gleichwohl zu ihm: »Was sagt Ihr, Hans Simon, ist das nicht ein sonnenklarer Beweis dafür, daß er mit der Zauberei vermag, was er will?« Monaco schrie mit lauter Stimme: »Ach, ihr Verräter! Was soll das bedeuten? Geht man so mit anständigen Leuten um?« Und Pilucca bemühte sich, ihn zu trösten. Aber Scheggia und Zoroaster standen um Hans Simon, sahen, daß er nicht sprach und im Gesicht aschfahl geworden war, wurden sehr besorgt um ihn und nahmen ihn, da er saß, unter die Arme und begannen mit ihm im Saale auf und ab zu gehen. Doch bald kam er wieder zu sich und fand Worte und begann zitternd zu sagen: »Gehen wir weg, gehen wir weg, denn ich kann es nicht mehr erwarten, zu Hause zu sein!« Und er klapperte zitternd derart mit den Zähnen, daß man es mehrere Wochen später noch hörte. Darauf nahm ihn Scheggia an der Hand, und ohne weiter etwas zu sagen, wandte er sich der Treppe zu; aber er war noch keine zwei Schritte gegangen, als er gewahr wurde, da es bei Hans Simon immer noch durchsickerte, daß er die Hosen voll haben müsse. Darum wandte er sich um und sagte: »Hans Simon, ich würde meinen, daß Ihr Euch bekackt habt.« Da antwortete Pilucca: »Das würde selbst Cimabue sehen, der blind geboren wurde: riechst du denn nicht, wie er stinkt?« Dazu sagte Hans Simon: »Ich wundere mich, daß mir nicht die Seele aus dem Leibe gefallen ist, um nicht zu sagen das Herz! 0 weh! Ich habe mit den Geistern verkehrt!« »Es wäre jedoch gut, wenn Ihr Euch umkleiden ginget«, erwiderte Zoroaster, »damit Ihr mir so triefend nicht dies Haus verpestet; später können wir uns dann in aller Behaglichkeit wiedersehen.« So ging Scheggia mit ihm weg und ließ Monaco, der sich noch immer beklagte, und bei ihm Pilucca, der so tat, als ob er ihn besänftige. Er ließ ihn zu Hause, da er ihm nicht hatte antworten wollen, sondern den ganzen Weg nur geächzt und gestöhnt hatte. Schließlich kehrte Scheggia, nachdem er für ihn geklopft und die Tür hinter ihm geschlossen hatte, in das Haus Zoroasters zu den Kumpanen zurück, die den ganzen Abend lachten; und nachdem sie dort lachend zu Nacht gegessen hatte, begab sich ein jeder nach Hause. Sobald Hans Simon zu Hause war, begann er gleich aus dem Erdgeschoß seine Frau und die Magd zu rufen, sie sollten schnell Wasser aufs Feuer setzen, da er sich dringend waschen müsse. Seine Frau roch, wie er stank, sah sein völlig farbloses Gesicht und sagte betrübt: »Mein lieber Mann, was ist Euch Seltsames zugestoßen? Ihr seht aus, als ob Ihr aus dem Grabe kämt! Was soll das heißen?« Worauf Hans Simon antwortete: »Bestimmte Leibschmerzen sind zusammen mit einem heftigen Durchfall so plötzlich über mich gekommen, daß ich zu sterben glaubte, und als ich nun schnell nach Hause eilte, verstärkte sich unterwegs der Schmerz, und da ich mir nicht anders helfen konnte, mußte ich es in die Hosen gehen lassen.« Die Gattin, die eine richtige Frau war, zog sie ihm aus, und mit Hilfe der Magd wusch sie ihn sehr gründlich und brachte ihn, wie er wünschte, ins Bett, ohne daß er zu Nacht gegessen hätte; dort jammerte er die ganze Nacht, ohne ein Auge zu schließen; aber gegen Morgen wurde ihm kalt, und er bekam hohes Fieber. Scheggia erhob sich anderntags beizeiten, traf den Pilucca, und sie gingen dann gegen neun Uhr nach dem Laden Hans Simons, wo sie hörten, er fühle sich unwohl. Das tat ihnen leid, und Scheggia, der ihm näherstand, ging ihn besuchen und fand ihn wie tot im Bett; worauf er zu ihm sagte, damit die Sache nicht in Florenz bekannt würde, wolle er, daß er sich von einem Arzt behandeln ließe, und er wolle ihm einen Arzt verschaffen. »Und wen würdest du finden?« sagte Hans Simon. »Meister Samuel Ebreo«, antwortete Scheggia, – der war in jener Zeit der beste Arzt in ganz Italien. Und damit sich die Sache nicht hinzöge, machte er sich sogleich auf den Weg und fand den Arzt, mit dem er sehr befreundet war, und erzählte ihm von Anfang bis zum Schluß die ganze Krankheit Hans Simons. Er hörte sich das an, nicht ohne schallend zu lachen, und ging bald mit Scheggia, um den Kranken zu besuchen, dem er sofort acht oder zehn Unzen des gequältesten und erschrockensten Blutes abließ, das man je gesehen hat. Dann sagte er ihm: »Hans Simon, zweifle nicht! Du bist geheilt.« Und um es in wenigen Worten zu sagen, er ließ ihn ein erlesenes und gutes Leben führen und nach acht oder zehn Tagen aufstehen, mit einem Schlage vom Fieber und von der Liebe geheilt. Um dieser Liebe willen war Scheggia ihn eines Tages besuchen gekommen, als er noch nicht aus dem Hause gegangen war; da es ihm befremdend schien, die fünfundzwanzig Dukaten zu verlieren, kam er gesprächsweise auf seine Liebe und sagte folgendes: »O Hans Simon, jetzt, da Ihr Gott sei Dank geheilt seid und die Probe gesehen habt, so daß Ihr getrost glauben könnt, daß Zoroaster Euch zu helfen vermag, jetzt fehlt nur noch das Geld, um die Sache zum Abschluß zu bringen, und wann es Euch gefällt, könnte Ihr Eure kleine Witwe nackt in den Armen halten, die bei den heiligen Evangelisten ein leckerer Bissen ist, den Ihr ungeschmälert und sorgenlos haben sollt.« Ihm erwiderte Hans Simon kopfschüttelnd: »Kamerad, ich danke dir und auch dem Nekromanten; um dir's kurz zu sagen, ich will mich weder mit Teufeln noch mit Geistern einlassen. O weh! Ich zittere noch, wenn ich an Monaco denke, wie er da erschien, halbtot durch die Luft getragen und man sah nicht von wem. Ich schwöre dir bei meiner Seligkeit, daß alle Liebe aus meinem Leib restlos verschwunden ist, und um die Witwe kümmere ich mich nicht im geringsten mehr; ja, wenn ich an sie denke, die beinahe schuld an meinem Tode war, wird mir elend zumute. Oh, welch schreckliche Furcht hatte ich auf einmal! Die Haare stehen mir zu Berg, wenn ich nur daran denke, so daß ich darum Zoroaster absage und danke.« Als Scheggia diese seine Worte gehört hatte, wurde er ganz, ganz klein, denn es schien ihm alles umsonst gewesen zu sein, und er sprach zu sich selbst: »Sieh, das geht nicht so glatt, wie wir dachten!« Und da er sich genasführt fühlte, antwortete er folgendermaßen: »0 weh, Hans Simon, was sagt Ihr mir da? Gebt acht, daß der Nekromant nicht in Zorn gerät! Zum Teufel, was für Einfälle habt Ihr? Ihr treibt sehr gefährliche Sachen für Euch! Ich bin sehr besorgt, wie wohl Zoroaster das von Euch aufnehmen wird: daß er sich nur nicht erzürnt und sich für gefoppt hält und Euch dann einen schlimmen Streich spielt! Schöne Sache das, unter anständigen Leuten sein Wort nicht zu halten! Wozu müßt Ihr ihn eine Probe geben lassen, wenn Ihr im Sinne habt, nicht weiter fortzufahren? Es ist so, Hans Simon, man darf ihn nicht in Wut geraten lassen; denn wenn er Euch etwa in irgendein übles Tier verwandelt, so habt Ihr Euch eine schöne Suppe eingebrockt!« Jener war vor Furcht kreideweiß geworden und antwortete dem Scheggia: »Beim Blute aller Märtyrer werde ich beschwören, daß er mir nach dem Leben trachtet, und als erstes will ich morgen zum Rate der Acht gehen, den Fall erzählen und mich gegen jeden Angriff sicherstellen; ich weiß nicht, wer mich abhält, daß ich nicht sofort gehe.« Sobald Scheggia die Acht erwähnen hörte, verfärbte er sich und sagte zu sich: »Da ist keine Zeit zu verlieren: sorgen wir dafür, daß der Teufel nicht herumgeht!« Er wandte sich an jenen und begann sanft folgendermaßen zu sprechen: »Jetzt, Hans Simon, geht Ihr direkt in den Abgrund, und wenn Ihr tausend Gulden damit gewönnet, möchte ich nicht, daß Zoroaster erführe, was Ihr eben gesagt habt! Oh, wißt Ihr denn nicht, daß die Behörde der Acht Macht über Menschen hat und nicht über die Dämonen? Er hat tausend Mittel, wenn ihn der Wunsch ankommen sollte, Euch Böses anzutun, was man niemals erfahren würde. Ich dachte, da er freundlich, höflich und freimütig ist, würdet Ihr ihm ein Geschenk von nicht zu großen Kosten machen: vier Paar Kapaune, acht Paar fette Tauben, zehn Fiaschi eines guten Weines, wie ihn Giugni oder Macinghi verkaufen, sechs Ziegenkäse und sechzig Spätbirnen, und daß Ihr ihm das durch zwei Träger als Geschenk überreichen lasset. Es wird ihm lieber sein, und er wird diese Eure Liebenswürdigkeit und Freigebigkeit mehr schätzen als hundert Dukaten, und Ihr werdet sehen, daß er Euch danken lassen wird, und auf solche Weise werdet Ihr ihn Euch als Freund erhalten; macht Ihr es aber anders, so ist das verlorne Liebesmüh', und Ihr schlagt Euch mit der Axt ins Bein.« Dieser Vorschlag gefiel Hans Simon sehr, und er sagte: »Ich möchte, daß du ihm diese Sachen in meinem Auftrag überreichst und mich entschuldigst, denn du weißt alles, und empfiehl mich ihm, indem du ihm unendlichen Dank bestellst!« »Mir ist es recht«, antwortete Scheggia, »und ich bin sicher, daß ich ihn zufriedenstellen und zu Eurem Freunde machen werde.« »Daß er zufriedengestellt wird, ist mir sehr lieb«, antwortete Hans Simon, »aber auf seine Freundschaft lege ich keinerlei Wert.« Nachdem sie berechnet hatten, wieviel die Sachen kosten würden, die Scheggia angegeben hatte, gab er ihm das Geld. Darum ging nun Scheggia auf den alten Markt und nahm zwei erfahrene Speisenträger und Zubereiter in Dienst, schickte einen den Wein zu kaufen und belud den andern beim Geflügelhändler, der fette, schöne Kapaune hatte und ebensolche Tauben; sobald der Träger mit dem Wein zurückgekommen war und das Obst gekauft war, ging man zum Hause Simons. Er rief ihn und ließ ihn vom Fenster aus einen Blick darauf werfen und sagte: »Ich gehe dorthin!« »Geh«, sagte Hans Simon, »und gebe Gott, daß du etwas Gutes ausrichtest!« So ging denn Scheggia weg und begab sich mit den Speiseträgern hinter sich zu Zoroaster, dem er lachend alles erzählte, was Hans Simon gesagt hatte. Hierüber war Zoroaster sehr vergnügt, ließ die Träger absetzen und auspacken, ordnete an, daß man rupfe und zur Abendmahlzeit alles vorbereite, und wollte nicht mehr von Hause weggehen, um auf die Köche aufzupassen, damit das Essen gut gerate. Aber Scheggia ging weg, um Pilucca und Monaco zu suchen, und als er sie schließlich gefunden hatte, erzählte er ihnen alles, womit sie sehr zufrieden waren, obgleich es ihnen sehr schmerzlich schien, die fünfundzwanzig Gulden gegen eine schäbige Mahlzeit zu tauschen. Vor allem hätte Pilucca auf keinen Fall nachgegeben, wenn er nicht von der Drohung mit den Acht gehört hätte. Schließlich vereinbarten sie, sich abends in Zoroasters Haus einzufinden, um gemeinsam kostenlos zu nachtmahlen. Scheggia verließ sie und besuchte Hans Simon, dem er von Seiten Zoroasters tausend Dank, tausend Anerbieten und tausend Angebote überbrachte. Dann kehrte er in Zoroasters Haus zurück, um aufzupassen, wie man die Braten zubereite, und sie nach seinem Geschmack braten zu lassen, denn er war den Gaumenreizen mehr ergeben als der heilige Franz den Bußübungen. Zur verabredeten Stunde kamen dann auch Pilucca und Monaco; sie bereiteten sich gegenseitig einen festlichen Empfang, lachten viel über Hans Simons Begebenheiten und setzten sich endlich zu Tisch, wo sie von einem Diener Zoroasters und den Speisenträgern bedient wurden. Bei dem Essen, von dem ihr wißt und das gut zubereitet und hergerichtet war, ließen sie es sich Wohlsein und machten eine Zeche wie Prälaten mit jenem Wein, der funkelte. Als sie dann an den Punkt gekommen waren, wo man mehr Freude und Vergnügen an der Unterhaltung als an den Speisen hat, begann Pilucca, dem jene fünfundzwanzig Dukaten das Herz bedrückten und der nicht darüber hinwegkommen konnte, plötzlich zu sagen: »Bei Gott, diese Kapaune und Tauben sind wohlschmeckend und delikat gewesen, und ich habe, glaub' ich, nie besseren Ziegenkäse gegessen noch köstlicheren Wein getrunken.« Worauf Zoroaster erwiderte: »Für morgen abend habe ich die Hälfte von allem aufheben lassen, so daß wir ebensogut wie heute essen können; und wenn Ihr etwas Geduld gehabt hättet, so hätte ich Euch auf jeden Fall eingeladen.« »Davon bin ich fest überzeugt«, fuhr Pilucca fort, »und ich sagte es nicht deshalb, sondern weil Essen ohne Kosten mir immer doppelt so gut schmeckt; und darum möchte ich, daß wir eine Verwicklung herbeiführen, einen Anschlag, durch den wir Hans Simon ins Netz bekommen, um ihm jene fünfundzwanzig Gulden abzunehmen. Überlegt bei eurer Seligkeit, wie viele Nachtmähler solcher Art das wären! Ich kann euch sagen, daß ich ungemein fett davon würde.« »Ans Werk denn!« sagte Monaco. »Und was denkt ihr, daß man mit ihm anstellen könnte?« fragte Scheggia. So wurden denn von Zoroaster und den andern viele Arten vorgeschlagen, Geld aus ihm herauszuziehen; darunter war eine von Pilucca erfundene, für die sie sich als aussichtsvoll und wenig gefährlich entschieden, und die ihnen dann auch glücklich gelang, wie ihr gleich hören werdet; nachdem sie schließlich verabredet, was sie zu tun hatten, verabschiedeten sie sich von Zoroaster und gingen schlafen. Zeitig am andern Morgen begann Pilucca mit der Ausführung des gefundenen Planes, schrieb und imitierte eine Vorladung und nahm einen der Arbeiter von der Bauhütte von Santa Maria del Fiore, da wo er Meister war, mit sich; es war ein Steinmetz, der vor kurzem aus Rom gekommen war, mit einem dünnen, kurzen, schwarzen Bart, der ganz wie ein Scherge aussah. Dem gab er einen alten Degen an die Seite und sandte ihn in Hans Simons Haus, nachdem er ihm gesagt und beigebracht hatte, was er zu tun und zu sprechen habe. Dieser pochte ans Tor, betrat das Haus und ging, von der Magd geführt, ins Zimmer, wo er das Papier Hans Simon persönlich übergab. Als dieser fragte, von wem er käme, wurde ihm erwidert: »Lies, und du wirst es sehen!« Kaum gesagt, drehte er sich ohne weiteres um und ging weg, wobei er sich mit dem Degen zu schaffen machte, damit Hans Simon ihn sehe. Dieser hörte diese schroffe Antwort, sah an jenem die Waffe und erriet sofort, daß er ein Gerichtsbote sei. Schmerzlich berührt, beschloß er aufzustehen und las so im Bett bei geöffnetem Fenster jene Vorladung, die also lautete: »Von seiten und auf Anordnung des ehrwürdigen Vikars des Erzbischofs von Florenz wird dir Hans Simon, Mützenmacher, befohlen, daß du innerhalb von drei Stunden, nachdem du gegenwärtige Vorladung gesehen, dich auf der Kanzlei des Bischofspalastes einzufinden hast bei Strafe der Exkommunikation und von hundert Goldgulden.« Als Unterschrift hatte Pilucca den Namen des Kanzlers gesetzt, den er wußte, und hatte ein halbverwischtes Siegel beigefügt, bei dem man die Prägung nicht erkennen konnte, wie wenn es in Eile gemacht worden wäre, wie es bisweilen vorkommt. Hans Simon war voll Staunen und Sorgen und überlegte bei sich, was das wohl bedeuten könne. Inzwischen ließ er sich von der Magd seine Kleider bringen und zog sich an, entschlossen, am Morgen auf jeden Fall auszugehen, und sagte: »Sieh, ich werde wegen etwas aus dem Hause gehn! Was zum Teufel hab' ich mit dem Vikar zu tun? Ich weiß doch, daß ich nichts mit Priestern oder Mönchen oder Nonnen zu teilen habe. Ich kann das nicht verstehen!« Indem pochte Scheggia ans Tor, der auf Posten stand in der Sorge, jener könnte ausgehen, und man öffnete ihm. Er war noch kaum im Zimmer, als er fast weinend zu sagen begann: »Nun sind wir wahrhaftig schön zugrunde gerichtet! Da gibt es keinen Ausweg mehr! Oh, wir Unglücklichen! Oh, wir Elenden! Wer hätte das je gedacht ? Schließlich, wenn ich je da herauskomme, nie wieder lasse ich mich weder mit Zauberern noch mit Hexern ein! Verflucht seien die Nekromanten und die Zauberei!« Mehrmals hatte ihn Hans Simon gebeten, er möchte ihm den Grund seines Kummers sagen, aber Scheggia fuhr in seinem Reden fort und antwortete ihm nicht. Nun, als er die Nekromanten nennen hörte, schrie er: »Scheggia, um Gottes willen, sag mir, was dir Übles begegnet ist und was dich jammern macht!« »Eine Sache«, antwortete Scheggia sogleich, »die nicht schlimmer sein könnte für Euch als für mich.« »O weh! Was gibt es da Neues?« sagte Hans Simon und wollte ihm die Vorladung zeigen, als Scheggia sagte: »Seht Ihr hier? Das ist eine Zitierung zum Vikar!« »0 weh«, antwortete Hans Simon, »und hier ist eine andere!« »Daraus entspringt nun«, fuhr Scheggia fort, »mein und Euer Ruin.« »Und wieso?« fragte Hans Simon; »erzähl' mir schnell, wie sich die Sache verhält!« Darauf begann Scheggia in sehr traurigem Ton zu sprechen: »Euer lieber Freund Monaco, der, wie Ihr wißt, von den Teufeln durch die Luft getragen wurde, hat sich nie darüber beruhigt, weil ihn die Sache über alle Maßen bedrückt. So hat er nach und nach vom Pilucca die Sache erfahren und wie Ihr und ich die Hauptursache sind, und daß alles nur gemacht wurde, damit Ihr eine Probe sähet. Darüber geriet Monaco in Zorn, und voller Wut ging er gestern abend zum Vikar, erzählte ihm die Sache, und Pilucca bestätigte und bezeugte die Wahrheit zu seinen Gunsten. Darum wollte der Vikar, da ihm die Sache übel erschien, die Vorladungen sofort ausfertigen lassen; aber da es schon spät war und der Kanzler nicht da war, verschob er es auf heute morgen. So habe ich es eben von einem Priester gehört, der beim Vikar wohnt und sehr mit mir befreundet ist. Da seht Ihr, wo wir nun sind!« »Scheint dir das nun eine so große Angelegenheit«, antwortete Hans Simon, »daß sie dir so Kummer macht und du so Furcht hast? Was haben wir denn schon gemacht?« »Was wir gemacht haben?« versetzte Scheggia, »Ihr sollt es hören! Wir haben gegen den Glauben gehandelt, der erste Punkt, an Zauberei glauben und mit Hilfe der Teufel einer edlen und gesitteten Frau Schimpf und Schande antun; sodann haben wir den Monaco in Lebensgefahr gebracht, da er einen solchen Weg durch die Luft gekommen ist; ein andrer Punkt, daß er vor Furcht besessen würde oder der Teufel ihm in den Leib fahre: alles Dinge, die den Kopf kosten. Ihr könnt sicher sein, wenn wir vor dem Vikar erscheinen, werden wir sofort ins Gefängnis geworfen. Wenn wir die Sache bekennen, laufen wir Gefahr verbrannt zu werden; aber da der Beweis erbracht ist, können wir nicht leugnen, und das wenigste, was uns begegnen kann, ist am Pranger zu stehen oder mit einem Urteil um den Hals auf einem Esel zu reiten; und vielleicht wird unsere ganze Habe eingezogen, und wir werden lebenslänglich in ein Turmverließ gesteckt oder noch schlimmer! 0 weh! Euch scheint das wenig?« Und bei diesen letzten Worten vergoß er künstlich so viele Tränen, daß es erstaunlich war, und weinend sagte er: »0 weh, armer Scheggia, geh jetzt das Haus zu kaufen; wenn du jetzt das Geld zur Hand hättest, könntest du fliehen, so wie es der Nekromant machen wird, sobald er die Sache hört; denn ich bin sicher, daß er nicht abwarten wird, bis er drin steckt.« Hans Simon überdachte diese Worte, sah sein Verhalten und seine Tränen und glaubte fest, daß es wahrhaftig so sei. Er bekam mehr Angst, als er jemals hatte, und sah sich schon in der Hand der Schergen, und so begann er weinend seine Liebe, die Witwe, die Zauberer und die Zauberei zu beschimpfen und zu verfluchen und sagte, zu Scheggia gewandt: »Wie werden es Pilucca und Zoroaster machen?« »Pilucca«, antwortete Scheggia, »ist einig mit Monaco und wird sich als Angeber herausziehen. Zoroaster wird sich bei einem Zipfel nehmen und anderswohin gehen, und außerdem hat er tausend Möglichkeiten, dem Tode zu entgehen und auch uns heil herauszubringen.« »Warum gehst du nicht, um ihn zu bitten, dir zu helfen«, sagte Hans Simon, »und dich aus diesem Unheil zu retten? O weh! Mir scheint, es geht uns schlechter als zuvor.« »Gut«, antwortete Scheggia, »ich weiß, daß man von Euch sagen kann: Ihr seid vom Regen in die Traufe gekommen. Aber mit welchem Gesicht soll ich vor ihn hintreten, nachdem ich ihn um die fünfundzwanzig Gulden geprellt habe, die gewonnen zu haben er so fest überzeugt war, nachdem er dich das Probestück sehen ließ? Und wenn er auch das Geschenk gehabt hat, so bedenkt doch, daß er sich daran erinnert, und daß sie ihm sehr am Herzen liegen müssen.« Darauf sagte Hans Simon: »0 Gott! Wenn er uns irgendwie aus dieser Verstrickung befreit, geben wir sie ihm jetzt: Wird es möglich sein?« »Ich gehöre nicht zu denen, die gleich verzweifeln. Möge es dir gefallen, Gott, mein Herr, daß er zufrieden ist«, antwortete Scheggia, während er die Hände zum Himmel erhob. »Sofort, sofort will ich ihn aufsuchen, – aber mit diesem Geld, damit Ihr Euer Wort nicht zurücknehmt, denn dann kämen wir in große Gefahr.« »Nein, denkt das nicht«, versetzte jener, »o weh, dem Belieben der Priester ausgeliefert zu sein! Sie würden mich wirklich für einen Ketzer erklären und mich zum Feuertode verurteilen. Und wenn ich mein gesamtes Hab und Gut daran setzen würde, so würden sie glauben, mir eine Gefälligkeit zu erweisen. Geh denn, und möge Gott mit dir sein!« Scheggia brach denn sofort auf, vergnügter als er je gewesen. Er entfernte sich nicht weit vom Haus, und es dauerte nicht lange, bis er zurückkam und so tat, als ob er mit dem Zauberer gesprochen habe. Er sagte zu Hans Simon, wie gerne jener bereit wäre, alles für ihn zu tun; aber er wolle zuerst das Geld, und er wisse tausend Arten, ihn zu befreien. Hans Simon tat es sehr leid, das Geld auszugeben; aber er wollte nicht vor dem Vikar erscheinen und seine Existenz aufs Spiel setzen müssen, und außer dem Schaden, der ihm daraus erwachsen konnte, peinigte ihn sehr, daß diese Geschichte sich in der Stadt verbreiten möchte. Darum sagte er, zu Scheggia gewandt: »Das Geld ist in jenem Kasten, den du da siehst, zu deiner Verfügung, um es dorthin zu tragen. Aber bevor er es in die Hände bekommt, möchte ich wissen, auf welche Art und Weise und auf welchem Wege er uns da herausziehen will, denn ich will nicht in einen noch tieferen Abgrund geraten.« »Ihr sprecht gut und weise«, antwortete Scheggia, »ich werde laufen, um ihn aufzusuchen, und sowie er mir erzählt hat, wie er es anstellen will, um uns zu retten, komme ich sofort zu Euch mit der Antwort zurück; inzwischen legt das Geld zurecht, daß ich nicht warten muß!« »Mach es so«, sagte Hans Simon, »gerade jetzt ist meine Frau zur Messe gegangen; und sieh zu, daß du rasch zurückkommst: denn ich kann es nicht mehr erwarten, bis ich aus dieser Sache heraus bin.« Darum ging Scheggia sogleich weg und ging höchst vergnügt und wie im Flug zu Zoroasters Haus, fand ihn dort mit Pilucca zusammen ihn erwartend und begierig, zu hören, wie die Dinge liefen, wobei sie fürchteten, der Hase möchte entschlüpfen. Da sie aber alles von ihm gehört hatten, waren sie bis zum Bersten von Heiterkeit erfüllt. Nachdem schließlich Scheggia einen guten Schluck des guten Weines vom andern Abend getrunken und einen Bissen gegessen hatte, kehrte er fast laufend in das Haus Hans Simons zurück, den er im Zimmer traf, wo er ihn erwartete und das Geld zurechtgelegt hatte, grüßte ihn und sagte: »Die Art und Weise, die Zoroaster anwenden will, um Euch zu befreien, unter den vielen, die er hätte ins Werk setzen können, Hans Simon, ist folgende: Er sprach mit seinem dienstbaren Geist, den er in ein Glas gebannt hält, und erfuhr von ihm, daß nur Pilucca, Monaco, der Vikar und der Kanzler von der Sache wissen und niemand sonst. Obwohl der Kanzler die Vorladung ausgestellt, hat er sie doch nicht ins Buch eingetragen; denn sie pflegen das nur einzuschreiben, wenn die Leute erscheinen oder wenn die Zeit verstrichen ist, in der sie erscheinen sollten. Darum hat er vier Figuren aus grünem Wachs gemacht, eine für jeden von ihnen, und hat eben jetzt einen dienstbaren Dämon in die Hölle zum Fluß Lethe gesandt um eine Flasche jenes verzauberten Wassers. Wenn die Figuren darin dreimal gebadet und dann zerschmolzen und verbrannt werden, werden jene sofort alles über unsern Fall vergessen, noch sich jemals in ihrem Leben daran erinnern, auch wenn sie tausend Jahre lebten; ja wenn Ihr oder ich darüber sprächen, würden Pilucca und Monaco uns für Narren halten. Der Vikar und der Kanzler werden die Sache nicht weiter verfolgen, da keiner da ist, der sie erinnert noch der die Sache antriebe; und da sie es vollständig vergessen und ins Klagebuch nicht einschrieben, so wird es sein, als ob es nie gewesen sei, – und das heißt man den Vergessenheitszauber.« Große, wunderbare Dinge schienen das dem Hans Simon zu sein; aber viel höher noch schätzte er es ein, daß Monaco durch die Luft fliegend in Zoroasters Haus gekommen war, woran er fest glaubte. So sagte er denn, Scheggias geheuchelten Worten Glauben schenkend: »Das Geld liegt dort auf der Truhe in dem Kissenüberzug; nimm es zu dir! Aber wie machen wir es, denn es sind nur zweiundzwanzig Gulden, da ich von den fünfundzwanzig, die es waren, drei um mich zu kurieren und für das Geschenk verbraucht habe?« »In Gottes Namen«, antwortete Scheggia, »damit die Verzögerung kein Unheil bringe, denn es scheint mir sonst alles gut zu gehen, werde ich von einem mir befreundeten Bankier sie mir erbitten und sie vom Meinigen dazutun. Was zum Teufel kann man wissen? Deswegen kann man nicht stehenbleiben.« »Du tust recht«, sagte Hans Simon, »und wenn du ihm das Geld gegeben hast und der Zauber beendet ist, komme zu mir und erzähl' es mir!« So nahm Scheggia jenen Kissenüberzug, in dem das Geld war, alles in Gold und Silber, und ging sehr fröhlich von ihm fort, um die zwei Kumpane zu treffen, die auf ihn warteten. Diese sahen das Geld und hörten über die drei Gulden, die fehlten, das, was Scheggia gesagt hatte, und beschlossen lachend und voll Freude sich, solange sie ausreichten, damit Wohlsein zu lassen. Nachdem man abgemacht hatte, daß Pilucca zu Monaco ginge, um ihn zum Mittagessen herzubringen, wo sich alle wiedersehen sollten, kehrte Scheggia zu Hans Simon zurück und sagte zu ihm: »Alles ist in Ordnung!« und fuhr fort: »Ich borgte mir die fehlenden drei Gulden und ging flugs zu dem Zauberer und traf gerade den Teufel, der das Wasser herbeigebracht hatte; sowie er das Geld gesehen, badete er die Figuren, und dann tat er alle vier über ein Feuer, das er aus Zypressenkohlen entfacht, und augenblicklich zerschmolzen sie und verzehrten sich. Zoroaster ließ sich darauf eine große Schüssel von dem Zauberwasser bringen, sagte ich weiß nicht mehr welche Worte und verlöschte alles. Zu mir sagte er: ›Geh auf deinen Platz und fürchte weiter nichts!‹ Ich dankte ihm und ging sogleich weg. Und während ich auf Euer Haus zuging, traf ich am Pazzieck ausgerechnet den Monaco, der mir das freundlichste Gesicht der Welt machte und mich grüßte, während er vorher mit mir nicht zu sprechen pflegte, sondern mir immer ein Gesicht wie eine Stiefmutter machte.« Wie zufrieden Hans Simon darüber war, braucht man nicht zu fragen. Er sagte zu Scheggia: »Glaubst du, wenn Zoroaster auch für mich eine Figur gemacht hätte, daß auch ich es vergessen hätte?« »Ja, Ihr hättet es«, antwortete Scheggia, »zweifelt Ihr etwa daran?« »Ich möchte denn«, fuhr Hans Simon fort, »daß du zu ihm zurückkehrst und es machen läßt; denn das ist eben das, was ich will: wenn ich diese Sache vergessen könnte, wäre ich der zufriedenste Mensch, der lebt.« Worauf Scheggia folgendermaßen antwortete: »Verflucht sei diese Saumseligkeit! Ihr hättet mir das vorher sagen können! Jetzt ist es eine zu große Zumutung, den Teufel noch einmal zurückzuschicken und wiederum zu nötigen. Genügt es Euch nicht frei zu sein? Und dann will ich ihm auch nicht lästig werden, daß er mir dann sagen müßte, er wäre meiner überdrüssig; außerdem will ich das Glück nicht mehr versuchen weder mit Geistern noch Zaubereien, noch mich je wieder mit Zauberern einlassen; drum laßt mich damit in Frieden!« »Du hast durchaus recht«, antwortete Hans Simon, »die Sache ist gut genug abgelaufen.« Und so, nachdem sie noch andere ähnliche Unterhaltungen gepflogen hatten, ließ er Scheggia in Frieden. Dieser ging in Zoroasters Haus, wo ihn die Kumpane erwarteten, und nachdem er ihnen berichtet hatte, speiste er vergnügt mit ihnen. Anderntags, als Hans Simon ausging, traf er Monaco und Pilucca und wurde ganz sicher, daß sie alles vergessen hatten. Aber dann nach einiger Zeit wollte er sie einige Male ausforschen und etwas aus ihnen herauslocken; aber sie taten, als ob ihnen alles völlig neu und wunderlich sei, und lachten sich den Bauch voll: ließen ihn doch die vier Kumpane mit Spott und Schaden und schwelgten lange Zeit auf seine Kosten. Antonio Francesco Grazzini Der Stellvertreter des Ehemanns Es ist schon lange her, da wohnte in der Ghibellinenstraße eine Witwe der Familie Chiaramontesi, die Frau Margherita genannt wurde. Diese nahm ein kleines Bauernmädchen von Kind auf als Magd ins Haus mit der Verpflichtung, sie später zu verheiraten, wenn sie herangewachsen und in das passende Alter gekommen sei, und verabredete mit ihren Angehörigen, ihr hundertfünfzig leichte Lire als Mitgift zu geben. Nun begab es sich, daß sie, herangewachsen und heiratsfähig geworden, von ihrer Mutter geholt und ins Mugellotal, von wo sie waren, gebracht wurde, durchaus im Einverständnis mit Frau Margherita, die ihnen gesagt, die Mitgift stände jederzeit zur Verfügung, wofern sie einen passenden Gatten fänden. Frau Mea, so ließ sich ihre Mutter nennen, hatte das Töchterchen zu sich genommen und ließ im Lande wissen, daß sie sie verehelichen wolle; und da sie eine recht gute Mitgift hatte und auch strotzend gesund und kräftig von Gestalt war, hatte sie sogleich viele Gatten zur Auswahl. So gab die Mutter sie einem jungen Mann, der Beco dal Poggio hieß, mit der genannten Mitgift. Am Abend des Hochzeitstages wollte Beco mit ihr schlafen und hatte vor, in wenigen Tagen wegen der Mitgift der Witwe nach Florenz zu kommen. Aber in der Zwischenzeit bekam er Lust, auf den Markt in Dicomano zu gehen, um Stoffe für sich und seine Frau zu besorgen. Darum sagte er der Schwiegermutter und der Frau, sie sollten ihrerseits zu Frau Margherita gehen, sich die Mitgift geben lassen und sie nach Hause bringen, denn er bleibe drei bis vier Tage fort, ehe er zurückkomme, brach sodann auf und ging zu jenem Markt. Frau Mea und das Töchterlein machten sich anderntags zu sehr früher Stunde auf den Weg und kamen gegen Mittag zu einem Ort, an dem ein Priester amtierte, der früher ihr Pfarrherr gewesen war, ein sehr angesehener und liebenswerter Mann. Nach dem Brauche fast aller aus jenem Ort sprachen sie bei ihm vor und wurden von Hochwürden so willkommen geheißen, daß sie zum Mittagessen dablieben. Zufällig befand sich an diesem Morgen auch ein Nachbar von ihnen dort, der aus Florenz kam und heimkehrte, Nencio dell' Ulivello mit Namen. Als sie gegessen hatten und noch bei Tisch saßen, schickte sich der Priester an, zu fragen, was für gute Umstände denn Frau Mea nach Florenz führten, und sie antwortete, daß sie um die Mitgift der Tochter ginge, die sie verheiratet habe, und sagte ihm, mit wem. Hochwürden sagte lachend: »Und wo ist Beco?« »Er ist auf den Markt nach Dicomano gegangen«, antwortete die Frau; »was macht es aus, ob er da ist oder nicht ?« »Es bedeutet«, sagte Herr Agostino (denn das war der Name des Priesters), »daß ihr umsonst geht; denn wenn die Herrin den Gatten nicht sieht, wird sie das Geld nicht zahlen wollen, womit sie recht hat.« »Wir haben also ein schönes Zeug angerichtet«, sagte Pippa (denn so hieß die Braut), »und wir werden abwarten müssen, bis Beco zurückkommt, und zusammen hingehen. Verflucht sei eine solche Gedankenlosigkeit!« »Ei«, sagte der Priester, »ich will Euch zeigen, daß Ihr doch nicht umsonst gekommen seid: nehmt den Nencio hier mit Euch, von dem ich weiß, daß er, um Euch gefällig zu sein, gerne mitkommt, und sagt, er sei der Gatte. Da ihn jene nie gesehen hat, wird sie das ohne weiteres glauben und Euch das Geld auszahlen.« Dieser Vorschlag gefiel Frau Mea sehr, und Nencio, um dem Priester und den Frauen einen Dienst zu erweisen, nahm einfach an, wobei er nicht daran dachte, daß das noch andere Folgen haben sollte. So schlugen sie, ohne zu säumen, den Weg nach Florenz ein, kamen schließlich bei dem Hause der Witwe an und wurden freundlich von ihr aufgenommen, da Frau Mea sagte, Nencio wäre der Gatte Pippas und sie seien wegen der Mitgift gekommen. Darauf antwortete Frau Margherita, nachdem sie den Eheleuten liebenswürdig die Hand gereicht hatte, daß sie sehr zufrieden sei. Und sogleich sandte sie die Magd zu einem, der ihre Geschäfte besorgte, er möge das Geld zurechtmachen und rasch hersenden, damit jene weggehen könnten; inzwischen ließ sie ihnen einen Imbiß geben und beglückwünschte Pippa und Nencio sehr, den sie für ihren Gatten hielt und dem sie sagte, er habe ein gutes, wohlerzogenes Mädchen, und er müsse sehr nett zu ihr sein. Nencio bemühte sich darüber erfreut zu erscheinen. Schließlich kam, schon lange erwartet, der Vermögensverwalter der Witwe; sie erklärte ihm alles und sagte, sie brauche einhundertundfünfzig Lire, um Pippa zufriedenzustellen und sie hier dem Gatten auszuzahlen für Rechnung der Mitgift, die sie sich verdient hatte. Jener ging und begab sich auf die Bank, um das Geld zu bringen; aber er kam bald zurück und sagte, daß er den Kassierer dort nicht gefunden habe; es sei darum nötig, daß sie sich bis zum andern Morgen geduldeten, an dem er das Geld zu früher Stunde schicken werde. Dazu ergriff Frau Margherita das Wort und sagte: »Auf jeden Fall ist es so spät, daß ihr nicht mehr heimgehen könnt, das würde ja Mitternacht; darum wird es besser sein, daß ihr heute nacht bei mir bleibt; hier ist Platz genug im Hause, um euch unterzubringen; sicher müßt ihr müde sein. Dies konnte gar nicht besser kommen; denn so erfreue ich mich noch ein wenig an meiner Pippa, die ich Gott weiß wann wiedersehen werde; denn da ich sie aufgezogen, habe ich sie gern und lieb wie eine Tochter.« Damit waren Frau Mea und das Mädchen, die nicht weiter dachten, zusammen mit Nencio einverstanden. Es kam der Abend; die Witwe hatte inzwischen das Abendessen herrichten lassen; sie gingen zu Tisch und aßen mit großer Fröhlichkeit zu Nacht. Aber beim Zubettgehen gerieten Frau Mea und Pippa sehr in Bestürzung, als sie hörten, daß Frau Margherita in einem Erdgeschoßzimmer ein Bett hatte herrichten lassen, wo das Ehepaar schlafen sollte, und Frau Mea sollte mit der Magd oben übernachten. Das machte dem Nencio so viel Freude und Vergnügen, wie ihnen Schmerz und Ungemach. Frau Mea machte viele Worte, um zu sagen, daß sie mit der Tochter schlafen wolle; aber alle wurden von der Witwe verworfen, die ihr sagte, daß es nicht erforderlich und unziemlich sei und daß Nencio Pippa in Florenz ebensogute Gesellschaft leisten werde wie auf dem Lande; so wurde Frau Mea gezwungen, zuzustimmen, in der Furcht, die Herrin möchte merken, daß Nencio nicht der Gatte der Tochter sei, und man sie ertappe und für eine Lügnerin halte. Sie ging mit Nencio und der Pippa in die Kammer, warf sich dort vor Nencio auf die Knie und bat ihn um Gottes willen, er möge sich zufrieden geben, die Tochter in dieser Nacht nicht anzusprechen, was ihr Nencio bei seiner Seligkeit versprach. Vergnügt darüber kehrte sie in den Saal zurück und ging mit der Magd schlafen; ebenso tat Frau Margherita. Sowie Frau Mea weggegangen war, verschloß Nencio die Tür sehr sorgfältig von innen und begann sich zu entkleiden, betrachtete dabei aber die Pippa, die sich zierte und kicherte und so tat, als ob sie angekleidet schlafen wollte, und keinerlei Anstalt traf, sich auszuziehen; aber Nencio machte ihr deutlich, daß er sie nicht fressen würde, und wußte sie so zu bezaubern, daß sie sich mit einem Ruck auszog und sich vor ihm ins Bett legte, worauf er, als das Licht verlöscht war, sich vergnügt neben ihr ausstreckte. Nachdem sie einige Zeit ohne zu sprechen verweilten, begann Nencio einen Fuß auszustrecken und kam mit einer Seite von ihr in Berührung, und Pippa, ohne weiter etwas zu sagen, kraulte ihn leicht, worauf Nencio sie umfaßte, um sie zu erregen, und sie ihn, so daß der Gefährte sich scherzend auf sie legte, ohne je dabei ein Wort zu sagen, und er von ihr und das Mädchen von ihm jenes Vergnügen und die Zufriedenheit empfing, die Eheleute einer vom andern erhalten. Als dann Nencio aufhörte, begann zuerst Pippa zu sprechen und sagte fast lachend: »O weh, Nencio, auf diese Weise hältst du die Treue und die Schwüre, die du meiner Mutter geleistet ? Ich hätte es nie geglaubt und hielt still, nur um zu sehen, ob du so böse seiest; aber es ist mir lieb, dich für ein andermal kennengelernt zu haben.« Darauf erwiderte Nencio lachend: »Ich habe keinen Schwur gebrochen noch irgend jemand Unrecht getan! Es ist wahr, daß ich deiner Mutter versprach, dich nicht anzureden, – und so habe ich es gehalten. Wie hätte ich dich angeredet?« Er näherte sich wieder, denn ihm gefielen ihre rundlichen Formen, und ebenso stillschweigend fand er ein andermal mit ihr zusammen und streckte sich sodann zum Schlafen aus. Am Morgen darauf früh erwacht, verschafften sie sich zwei weitere Male das gleiche Vergnügen. Inzwischen war Frau Mea aufgestanden und hatte von Frau Margherita zwei Paar frische Eier erhalten, um sie dem Paar zu bringen. Sie nahm sie, um kein Aufhebens zu machen, und brachte sie ihnen, wenngleich sie dachte, daß sie sie nicht nötig hätten. Als sie in die Kammer kam, fand sie die Tochter, die eben mit dem Anziehen fertig war; aber Nencio war noch im Bett. Lachend sagte sie zu ihnen: »Seht, was für eine gute und liebenswerte Dame Frau Margherita ist! Sie schickt euch sogar frische Eier, da sie glaubt, ihr braucht eine Stärkung. Aber sag mir ein wenig, du«, sagte sie zu dem Mädchen, »was für eine Gesellschaft hat dir Nencio heute nacht gemacht ?« »Eine ausgezeichnete«, antwortete Pippa, »er hat sich genau an das gehalten, was er versprochen hat, so daß ich sehr befriedigt bin und ihm immer verpflichtet bleibe.« »Gott möge es ihm vergelten«, antwortete Frau Mea, »und möge es seiner Seele Segen bringen! Aber was mache ich mit diesen Eiern in den Händen?« »Gebt sie her«, sagte Nencio, »ich werde sie trinken, damit die Sache echter aussieht.« Er ließ sich ein Paar geben und schlürfte sie in einem Zuge aus. Er wollte auch noch das andere Paar verschlingen, als Pippa sagte: »Eh, Vielfraß, die andern will ich für mich«, nahm sie der Mutter aus der Hand und trank sie aus. Darauf gingen die Frauen in den Saal und ließen Nencio, damit er sich anzöge. Sie waren nicht lange dort, als der mit dem Geld erschien und dem Nencio, der inzwischen heraufgekommen war, als dem Ehegatten hundertfünfzig Lire guten Geldes aufzählte – als Zahlung der Mitgift der Pippa, Magd der Frau Margherita, so schrieb er es in das Buch ein – und ging weg. Frau Mea tat das Geld in einen Kissenüberzug, den sie mitgebracht hatte; dann wurde etwas getrunken, und sie, Pippa und Nencio bedankten und verabschiedeten sich und gingen vergnügt und fröhlich von Frau Margherita fort. Gemeinsam, ohne den Priester gesprochen zu haben, da sie ihn zu Hause nicht antrafen, kehrten sie ins Mugello zurück, und jeder ging nach seinem Hause; doch hatte Frau Mea und ihre Tochter vorher Nencio für den Dienst gedankt, den er ihnen erwiesen. Zwei Tage später kam Beco vom Markt zurück, fand die Schwiegermutter, die die Mitgift abgehoben hatte, war's zufrieden und dachte an nichts anderes als seinen Geschäften nachzugehen und sich seiner Pippa zu erfreuen. Später jedoch, am Johannistag, kam er nach Florenz, um seinem Grundherrn ein paar junge Gänse zu bringen, und der Zufall wollte es, daß diese gerade am Tag zuvor nach dem Elsatal gegangen war, um seinen Bruder zu besuchen, der in Certaldo Beamter war, und seinen ganzen Hausstand mitgenommen hatte, so daß er das Haus verschlossen fand. Und da er nicht wußte, was er mit den jungen Gänsen anfangen sollte, wollte er sie Frau Margherita bringen, der vormaligen Herrin seiner Pippa, deren Namen und Wohnung er wohl wußte; denn es schien ihm, sie habe sich großzügig benommen, da sie seinem Weibe ohne ihn die Mitgift gegeben hatte, und er sagte sich: »So werde ich sie kennenlernen und werde meine Pflicht zum Teil erfüllen.« So begab er sich auf den Weg und klopfte dort angelangt an die Tür. Die Magd, die ihn mit den Gänsen im Arm gesehen hatte, sagte zu Frau Margherita: »Es ist ein Bauer«, und öffnete die Tür. Als Beco in den Saal gelangt war, machte er eine schöne Verbeugung, grüßte Frau Margherita und sagte: »Ich bin der Gatte von Eurer Pippa, und ich bringe Euch als Geschenk diese jungen Gänse, damit Ihr sie Euch im Gedenken an unsere Liebe schmecken lasset.« Darauf antwortete die Frau, nachdem sie ihm sehr genau ins Gesicht gesehen: »Guter Mann, gibt acht, daß du nicht den Namen verwechselst oder dich im Hause irrst! Wer schickt dich, und wohin hast du zu gehen?« Darauf sagte Beco: »Seid Ihr nicht Frau Margherita Chiaramontesi, die einst die Pippa aufzog? Und noch sind es keine zehn Monate her, daß Ihr ihr hundertfünfzig Lire als Mitgift gabt.« »Ja, ich bin es«, antwortete die Witwe. »Ich bin also der Gatte«, versetzte Beco. »Wie?«, fuhr die Frau fort, »du bist doch nicht der Gatte meiner Pippa!« »Warum bin ich's nicht?« sagte Beco, »ich weiß, daß ich heute nacht mit ihr schlief und sie heute morgen zu Hause ließ, und daß sie sich den Kopf waschen wollte, um sich zu diesem Johannistage schön zu machen.« »Wie, um Gottes willen«, erwiderte Frau Margherita fast wütend, »bist du ihr Gatte? Ich weiß doch, als Pippa wegen der Mitgift kam, daß er mit ihr war und von andrer Figur ist, als du bist; ich habe ihn doch gesehen und weiß noch, daß ich sie abends zusammen schlafen schickte, und weiß auch, daß er am Morgen die Mitgift wegtrug, zusammen mit Frau Mea, der Mutter des Mädchens.« Darüber rief Beco mit lauter Stimme schreiend: »O weh, ich bin betrogen worden!« Als er dann mehr und in Ruhe mit Frau Margherita sprach und sich nach allen Einzelheiten erkundigte, wurde er nach Zeit, Person, Gesicht und Namen sicher, daß der, der sich an seiner Statt als Gatte der Pippa ausgab, Nencio dell' Ulivello gewesen war. Aber das bedeutete ihm wenig im Vergleich dazu, daß er ganz allein mit ihr geschlafen hatte; es schien ihm und ebenso der Witwe die unerhörteste und befremdendste Sache auf der Welt. Er ließ die jungen Gänse da, und ohne daß er hätte essen oder trinken wollen, brach er voll Wut und Eifersucht auf und marschierte derart, daß er abends zu Hause anlangte; und der ersten, die ihm begegnete, es war Frau Mea, sagte er eine grobe Beleidigung, und ebenso auch seiner Frau, die bald darauf erschien. Um sich zu entschuldigen, sagten die guten Frauen, daß der Priester ihnen das geraten hätte, und daß Nencio nichts anderes tat, als mit der Pippa schlafen. Aber Beco konnte sich nicht wieder trösten, da ihm jene Schimpf und Schande angetan zu haben schienen, und er geriet derartig in Zorn, daß er einen Stock nahm, um ihnen die Arme zu brechen; doch hielt er dann aus Furcht vor der Justiz an sich, aber jagte sie zum Hause hinaus und sagte, sie sollten nach Hause gehen, denn er wolle diesen Schimpf nicht bei sich haben, verschloß die Tür gut und ging ohne Nachtessen zu Bett. Die Frauen gingen schmerzerfüllt in das Haus eines Bruders von Frau Mea, das nicht weit weg war. Beco konnte die ganze Nacht kein Auge schließen und mußte immer an seine Pippa denken. Er beschloß bei sich, sie nicht mehr haben zu wollen und zum bischöflichen Gericht zu gehen und Nencio wegen Ehebruchs vorladen zu lassen. Und so, als der Morgen Tag wurde, sprang er aus dem Bett, und mehr von entfesselter Wut als von vernünftigen Gründen bewegt, begab er sich schreiend nach Florenz und beklagte sich auf dem ganzen Weg und bei allen Leuten, die er traf, über seine Frau. Als er schließlich zum bischöflichen Gericht gelangt war, erhob er die Anklage. Deshalb wurden am selben Tag Nencio dell' Ulivello und Pippa vorgeladen, so daß sie anderntags vor Mittag in Florenz waren, um sich zu verteidigen, beide fest entschlossen, immer zu leugnen und dem Vikar zu sagen, daß Nencio ganz auf seinem Bettrand geschlafen habe. Als sie schon vor dem Bischofssitz waren und eben eintreten wollten, sahen sie ausgerechnet Herrn Agostino, der gewisser Geschäfte halber dorthin gekommen war, deren ledig er sich nun sehr verwunderte, an diesem Ort Nencio und sie zu sehen, und er fragte, warum sie hier wären. Darum erzählte ihm Nencio Punkt für Punkt die ganze Geschichte, worüber aber Hochwürden das Lachen nicht verhalten konnte; als er Beco am gleichen Ort und aus demselben Grunde sah, nahm er ihn beiseite und machte ihm heftigste Vorwürfe wegen seines törichten Verhaltens und weil er sich so habe von der Wut hinreißen lassen, und sagte ihm, daß Nencio alles gut gemacht habe, und zwar um ihm und den Frauen gefällig zu sein, daß er in jener Beziehung nichts mit der Pippa gehabt habe, wofür er mit seinem Worte bürgen könne, da Nencio letzte Ostern bei ihm gebeichtet habe. Er bewies ihm dann mit tausend Gründen, daß er ein Narr sei, und daß, wie auch immer die Sache ausgehen mochte, es für ihn nicht anders als schlimm sein werde. Schließlich erreichte er, daß er ihn dazu brachte, der Pippa zu vergeben und Frieden mit Nencio zu machen. Dann ging er zu dem Vikar hinein, mit dem er sehr vertraut war, und bewirkte, daß jene entlassen wurden, und einmütig gingen sie dann zusammen nach seiner Kirche, um dort den ganzen Abend zu verbringen. Beco aber konnte durchaus nicht über diesen Schlaf hinwegkommen, den Nencio mit seiner Frau gemacht hatte, und stand nicht wenig verdrießlich da; daher ließ Herr Agostino, um die Sache zur Ruhe zu bringen und sie wirklich zu versöhnen, sich von Nencio unter Eid versprechen, daß, wenn er eine Frau habe, Beco eine Nacht mit ihr zu schlafen hätte unter der Auflage, daß er nichts zu ihr sagen dürfe, nur damit er den Leuten antworten könne: »Wenn Nencio mit meiner, so habe ich mit seiner Frau geschlafen«; auf diese Weise hätte keiner einen Vorteil vor dem andern. Nachdem sie sich aufs neue ausgesöhnt hatten, verließen sie den Priester mit guten Wünschen und gingen am andern Morgen fort, und jeder kehrte in sein Haus zurück. Solange jedoch Beco lebte, nahm Nencio kein Weib, da er fest überzeugt war, seine Frau würde nicht besser sein als die Pippa. Antonio Francesco Grazzini Ein Schwank Lorenzo Medicis Lorenzo der Alte von Medici war ohne Widerrede gewiß einer, wo nicht der erste der aller vortrefflichsten Männer, nicht nur der selbst tugendhaften, sondern auch der die Tugend hebenden und belohnenden, die da jemals in der Welt gefeiert wurden. Zu seiner Zeit nun befand sich in Florenz ein Arzt namens Meister Manente vom Kirchspiel Sankt Stephan, der mehr durch die Erfahrung als durch Wissenschaft gelehrt worden und, wenn auch in der Tat sehr kurzweilig und spaßhaft, doch so anmaßlich und unverschämt war, daß man es gar nicht mit ihm aushalten konnte. So liebte er unter anderem auch über die Maßen den Wein; er gab sich für einen großen Weinkenner und Weinschmecker aus und pflegte sich oftmals, ohne eingeladen zu sein, bei dem Erlauchten einzufinden. Diesem wurde aber seine Zudringlichkeit und Unverschämtheit allmählich so zum Ekel und Überdruß, daß er ihn nicht mehr vor Augen sehen mochte und sich im stillen vornahm, ihm einen recht auffallenden Streich zu spielen, um sich seiner auf eine Weile und vielleicht für immer zu entledigen. Er hatte nun eines Abends vernommen, daß Meister Manente in dem Wirtshause zu den »Affen« sich so übernommen habe, daß er nicht mehr auf den Füßen stehen konnte und der Wirt, als er seine Gaststube geschlossen, ihn durch die Kellner unter beiden Armen hinausführen oder besser hinaustragen lassen mußte, nachdem ihn seine Gesellschafter verlassen hatten. Er wurde nun auf eine große Bank vor die Bude bei Sankt Martin niedergelegt, und dort schlief er so fest ein, daß ihn die Bombarden nicht aufgeweckt hätten, und schnarchte wie ein Ratz. Dies schien dem Fürsten die erwünschteste Zeit für seinen Plan. Er tat, als habe er nicht gehört, was jener sprach, der von ihm berichtete, und sei mit anderem beschäftigt, stellte sich, als wolle er zu Bett gehen, denn es war doch schon ziemlich spät; übrigens bedurfte seine Natur wenig Schlaf, und es war immer schon Mitternacht, ehe er zur Ruhe kam. Nun ließ er insgeheim zwei ganz zuverlässige Diener rufen und trug ihnen auf, was sie zu tun hätten. Die Diener gingen sodann mit verhülltem Gesichte und unerkannt aus dem Palaste und nach Lorenzos Auftrage nach Sankt Martin, wo sie auf die zuvor angegebene Weise Meister Manente schlafend fanden. Sie ergriffen ihn, stark und rüstig wie sie waren, stellten ihn aufrecht auf die Erde und vermummten ihn gleichfalls. Dann schritten sie mit ihm, indem sie ihn fast in der Schwebe trugen, von dannen. Als der vom Weine wie vom Schlafe betäubte Arzt fühlte, daß er hinweggeführt wurde, glaubte er sicher, die Wirtsjungen oder seine Zechbrüder und Freunde brächten ihn nach Hause; so überließ er sich, schläfrig und betrunken, wie nur einer sein konnte, geduldig der fremden Willkür. Die Diener drehten sich mit ihm eine Weile in Florenz umher, kamen zuletzt in den Palast der Medici und traten vorsichtig, um von niemandem bemerkt zu werden, durch eine Hintertür in den Hof, wo sie den Erlauchten ganz allein fanden, der sie mit unaussprechlicher Heiterkeit erwartete. Sie stiegen die ersten Treppen miteinander empor in einen Zwischenstock inmitten des Hauses und begaben sich in ein ganz geheimes Zimmer. Dort legten sie Meister Manente auf Lorenzos Befehl auf ein aufgeschütteltes Federbett und kleideten ihn ganz leise aus bis aufs Hemd, so daß er es kaum spürte. Es sah nun aus, wie man einen Toten auszieht. Sie nahmen alle seine Kleider mit und ließen ihn liegen hinter wohlverschlossener Tür. Der Erlauchte befahl seinen Dienern nochmals reinen Mund zu halten, hob die Kleider des Arztes auf und schickte sogleich nach dem Possenreißer Monaco aus, der besser als irgend jemand in der Welt alle Personen in der Rede nachmachen konnte. Sobald dieser vor ihm erschien, führte ihn Lorenzo in sein Schlafzimmer, entließ seine Diener zur Ruhe und setzte dem Monaco auseinander, was er von ihm ausgeführt wünsche, worauf er selbst wohlgemut zu Bette ging. Monaco nahm alle Kleider des Arztes zusammen, schlich sich heimlich nach dem Hause zurück, zog die seinigen aus und kleidete sich von Kopf bis zu Fuß in erstere; worauf er sich, ohne jemand ein Wort zu sagen, entfernte und, als schon überall die Frühmette geläutet wurde, nach dem Hause Meister Manentes ging, der damals in der Grabengasse wohnte. Da es September war, hatte er seine Familie aufs Land nach Mugello geschickt, nämlich seine Frau, ein Knäbchen und die Magd; er selbst war allein in Florenz geblieben und kam nur nachts zum Schlafen nach Hause, denn er speiste immer im Gasthause mit Gesellschaft oder im Hause seiner Freunde. Sowie nun der als Meister Manente verkleidete Monaco bei dessen Hause angekommen war, holte er den Schlüssel aus der Tasche, schloß ohne Beschwerde die Tür auf, verschloß sie wieder hinter sich und legte sich, munter und guter Dinge darüber, dem Erlauchten dienstlich zu sein und zu gleicher Zeit den Arzt zu prellen, zu Bette. Indessen kam der Tag. Als Monaco bis zur dritten Stunde nach Sonnenaufgang geschlafen hatte, sprang er von seinem Lager auf, zog die Kleider des Arztes an und einen langen Hausrock über das Wams, setzte sich einen großen Hut auf den Kopf und rief, des Arztes Stimme nachahmend, von dem nach dem Hofe zu gehenden Fenster aus einer seiner Nachbarinnen zu, er fühle sich ein wenig unpaß, er habe etwas Schmerzen am Halse, den er sich wohlweislich mit Werg und Fettwolle umwickelt hatte. Die Stadt Florenz stand eben damals im Verdachte, von der Pest angesteckt zu sein, die bereits in einigen Häusern in den letzten Tagen sich gezeigt hatte. Die Nachbarin erkundigte sich daher erst vorsichtig, was er von ihr fordere. Monaco bat sie um ein paar frische Eier und um ein wenig Feuer und empfahl sich ihr. Dann stellte er sich mit Worten und Gebärden, als könne er nicht mehr aufrecht bleiben, und entfernte sich vom Fenster. Die gute Frau holte Eier und Feuer herbei, rief ihrem Nachbar mehrmals und tat ihm zu wissen, daß sie ihm beides vor die Tür nach der Straße stellen werde, und vollbrachte es. Dreist, als ob er Meister Manente wäre, ging Monaco, mit seinem langen Hausrocke bekleidet und mit dem großen in die Augen gedrückten Hute bedeckt, an den Eingang, nahm die Eier und das Feuer auf und schlich damit ins Haus zurück, wie wenn er sich nicht mehr auf den Beinen erhalten könnte; und den Hals hatte er dabei über und über verbunden, so daß ihn alle Nachbarn, die ihn sahen, zu ihrem Leidwesen schon ganz mit Pestbeulen bedeckt glaubten. Das Gerücht von diesem Vorfalle verbreitete sich plötzlich in der Stadt und zog denn auch einen Bruder von Meister Manentes Frau, der ein Goldschmied namens Niccolajo war, im Fluge herbei, um sich zu erkundigen, wie die Sache stehe. Er pochte an die Tür, pochte abermals, erhielt aber keine Antwort, weil Monaco seine guten Gründe hatte, nicht darauf zu hören. Hingegen bestätigte ihm die ganze Nachbarschaft, daß der Arzt ohne Zweifel die Pest habe. In diesem Augenblick ritt Lorenzo wie von ungefähr in Gesellschaft vieler Edelleute die Straße entlang und fragte, als er hier Leute beisammenstehen sah, was das bedeute. Der Goldschmied antwortete, man befürchte sehr, Meister Manente möchte von der Pest angesteckt sein. Der Erlauchte sprach, es werde wohlgetan sein, dem Kranken einen Wärter beizugeben, und ließ dem Niccolajo eröffnen, er solle in seinem Namen nach Santa Maria Nuova gehen und sich für Messere einen tüchtigen und erfahrenen Mann geben lassen. Der Goldschmied machte sich eiligst auf den Weg, richtete dem Spitalverwalter seinen Auftrag aus und erhielt sofort einen Wärter, den Lorenzo bereits in sein Geheimnis gezogen und zu dem, was er zu tun habe, abgerichtet hatte. Lorenzo der Erlauchte war indessen ab- und zugeritten und erwartete sie an der Ecke der Allerheiligenstraße; dann ritt er ihnen entgegen, tat, als schließe er den Mietvertrag mit dem Wärter ab, und empfahl ihm Meister Manente auf das dringendste. Er ließ ihn ins Haus treten, nachdem er die Tür durch einen Schlosser hatte öffnen lassen. Nach einer kleinen Weile trat der Wärter an das Fenster und rief heraus, der Arzt habe eine Pestbeule am Halse so groß wie ein Pfirsich, er könne sich nicht vom Bette erheben und biege halbtot da; er werde ihm jedoch alle mögliche Hilfe leisten. Lorenzo beauftragte den Goldschmied, für ihn und den Kranken Speise herbeizuschaffen, ließ das Pestzeichen an das Haus befestigen und ritt seines Wegs, indem er in Worten und Gebärden nun reges Mitleid mit dem Arzte an den Tag legte. Der Krankenwärter ging zum Monaco hinein, der vor Lust und Lachen fast bersten wollte. Der Goldschmied brachte Essen in Menge, im Hause selbst fanden sie Pökelfleisch und zapften ein Fäßchen trefflichen Wein an und hielten so für den Abend einen wahrhaft päpstlichen Schmaus. Unterdessen hatte Meister Manente die Nacht und den folgenden Tag ununterbrochen geschlafen und wußte, als er sich bei seinem Erwachen im Bett und im Dunkeln wiederfand, sich nicht zu besinnen, wo er sei, zu Hause oder anderswo. Bei sich selbst darüber nachdenkend, erinnerte er sich endlich, wie er in den »Affen« zuletzt mit Burchiello, mit dem Succia und mit dem Makler Biondo getrunken hatte, darauf eingeschlafen und nach seinem Dafürhalten nach Hause gebracht worden war. Er sprang aus dem Bette, tastete vorsichtig nach einem Fenster rings umher, fand aber keines, wo er glaubte, es müsse eines sein; so tappte er denn fort, bis er die Tür eines Abtritts fand. Dort entleerte er die Flüssigkeit, wozu es ihn sehr drängte, und verrichtete seine Notdurft, drehte sich dann wieder in dem Gemache umher und kehrte endlich voll Angst und Erstaunen in das Bett zurück, denn er wußte gar nicht mehr, ob er in dieser oder in der andern Welt lebte. Er durchlief in seinem Gedächtnisse alles, was ihm begegnet war, von neuem; da ihm aber allmählich der Hunger zu kommen anfing, fühlte er sich mehrmals versucht zu rufen. Doch hielt ihn die Angst zurück, er schwieg und wartete ruhig zu, was aus ihm werden sollte. Lorenzo hatte unterdessen bereits die Anordnung zu weiterer Durchführung seines Planes getroffen; er steckte heimlich die beiden Diener in weiße Mönchskutten, die bis auf den Boden reichten, und setzte ihnen einen großen Kopf auf nach Art derer in der Knechtegasse, die aussehen als lachten sie: solche setzte er ihnen aufs Haupt oder eigentlich auf die Schultern auf; die Köpfe wie die Mönchskutten nahm er aus der Kleiderkammer, worin unzählige andere der verschiedensten Gattung sich befanden, und ebenso Masken, die zum Fasching gedient hatten; einer hatte ein bloßes Schwert in der rechten Hand und in der linken eine große weiße brennende Kerze; der andere trug zwei Flaschen guten Wein bei sich und in ein Tuch gewickelt zwei Paare Brot und zwei dicke kalte Kapaunen, ein Stück Kalbsbraten und Obst nach Maßgabe der Jahreszeit. So mußten sie leise in das Zimmer treten, in dem der Arzt eingeschlossen lag. Da nun die Kammer von außen verschlossen wurde, schoben sie mit großem Ungestüm den Riegel weg, rissen die Tür auf, traten ein und verschlossen plötzlich den Eingang hinter sich. Der mit dem Schwerte und der Fackel stellte sich hart an die Tür, damit der Arzt nicht etwa hinlaufe und sie öffne. Als Meister Manente die Tür berühren und den Riegel wegschieben hörte, schauderte er zusammen und setzte sich im Bette auf; als er aber die seltsam gekleideten Gestalten eintreten und in der Hand des einen ein Schwert blitzen sah, wurde er von solchem Staunen und Entsetzen übermannt, daß ihm der Schrei, den er ausstoßen wollte, in seinem Munde erstarb und er in Todesangst wie festgewurzelt erwartete; was mit ihm geschehen solle. Gleich darauf aber sah er, daß der andere, der die Eßwaren trug, das Tuch auf einem dem Bette gegenüberliegenden Tische ausbreitete und sodann Brot, Fleisch, Wein, Flaschen und die übrigen Leckerbissen darauf stellte und ihm mit einem Winke bedeutete, zuzugreifen. Der Arzt, der den Hunger leibhaftig vor sich gesehen, stand nunmehr stracks auf und fuhr im Hemd und ohne Unterkleider, wie er war, auf die Lebensmittel los; jener aber zeigte ihm auf einen Schlafrock und ein Paar Pantoffeln, die auf einem Ruhebette lagen, und bedeutete ihm, beides anzulegen, worauf Meister Manente dann mit dem besten Appetite von der Welt sich über das Essen hermachte. Mit Blitzesschnelle öffneten nun die beiden Gestalten die Tür, glitten aus dem Gemach, schoben den Riegel vor und ließen jenen ohne Licht zurück. Sodann zogen sie sich aus und erstatteten dem Erlauchten ausführlichen Bericht. Meister Manente fand seinen Mund auch in der Dunkelheit mit seinen Kapaunen und dem Kalbsbraten, trank aus der Flasche und lüpfte ganz erstaunlich, indem er bei sich selbst sprach: »Es geht mir doch nicht gar zu schlimm. Sei es wie es will, so viel weiß ich, wenn ich sterben muß, so will ich heute nicht mit leerem Magen sterben.« Er legte die Überbleibsel seiner Mahlzeit, so gut es gehen wollte, in das Tischtuch zusammen und kehrte in sein Bett zurück, wobei es ihm doch seltsam vorkam, so allein im Dunkeln zu sein, ohne zu wissen, wo und wie und von wem er hierhergebracht worden war, und wann er von hier loskommen werde. Doch wenn er sich der lachenden Karnevalsmasken erinnerte, so mußte er auch lachen, denn das schmackhafte Essen war ihm ganz recht gewesen, und er lobte vornehmlich den guten Wein, von dem er nicht viel weniger als eine Flasche ausgestochen hatte. Des festen Glaubens, es sei alles nur ein von seinen guten Freunden angelegter Schwank, überließ er sich der Hoffnung, über lang oder kurz das Licht des Tages wieder zu erblicken, und in diesen angenehmen Vorstellungen versank er in Schlaf. Am Morgen trat der Krankenwärter beizeiten an das Fenster und rief offen den Nachbarsleuten und dem Goldschmied zu, der Meister habe die Nacht über leidlich geschlafen; die Pestbeule komme heraus, er unterstütze ihn mit Mehlumschlägen und habe die beste Hoffnung. Als es nun Abend wurde, fand der Erlauchte zur Fortsetzung seines Scherzes die beste Gelegenheit, und ein Vorfall kam ihm zustatten, worauf er dem Monaco und dem Krankenwärter zu wissen tun ließ, was sie zu tun hatten. Es war nämlich an diesem Tage um die dritte Morgenstunde ein Roßkamm, der sich Franciosino nannte, indem er auf dem Platz von Santa Maria Novella ein Pferd zuritt und galoppieren ließ, mit ihm gestürzt und hatte durch einen mir nicht näher bekannten Umstand dabei den Hals gebrochen, während das Pferd nicht den mindesten Schaden nahm. Die Leute eilten hinzu, um ihm aufstehen zu helfen, fanden aber, daß er bereits das Bewußtsein verloren hatte. Man nahm ihn daher auf und trug ihn in das nahegelegene Hospital von San Pagolo; dort zog man ihn aus, um zu sehen, ob man ihn wieder zum Leben bringen könne, fand ihn aber tot und das Genick gebrochen. Daher machte man die wenigen Kleider, die er auf dem Leibe gehabt, zu Geld, und einige Freunde übergaben ihn als Fremden den Brüdern von Santa Maria Novella, um ihn nach der Vesper zu beerdigen. Diese brachten ihn in eines der Gräber außen unter der Treppe, der Haupttür der Kirche gegenüber. Monaco und sein Gesellschafter hatten von der Willensmeinung Lorenzos Kunde erhalten: um das Ave Maria trat der Wärter an das Fenster und rief, der Arzt habe einen so bedenklichen Anfall bekommen, daß er alle Hoffnung aufgebe; die Pestbeule verenge ihm dergestalt den Hals, daß er kaum zu Atem kommen könne, geschweige denn zu reden imstande sei. Deshalb erschien der Goldschmied am Hause und wünschte seinen Schwager doch noch ein Testament machen zu lassen. Der Wärter gab ihm aber zu bedenken, daß dies jetzt doch nicht wohl tunlich sei, und so wurden sie einig, den Kranken des andern Morgens, wenn er sich bis dahin nicht gebessert habe, beichten und kommunizieren und seinen letzten Willen aufsetzen zu lassen. Indessen kam die Nacht, und als zwei Dritteile derselben vorüber waren, gingen die zwei Diener heimlich im Auftrage des Erlauchten auf den Kirchhof von Santa Maria Novella, nahmen den Franciosino aus dem Grabe, in das er kurz zuvor gebracht worden war, und trugen ihn auf dem Rücken in die Grabenstraße in das Haus des Meister Manente. Monaco und der Wärter harrten an der Türe, nahmen ihn stille ab und brachten ihn hinein; die Stallknechte aber entfernten sich wieder, ohne von jemand gesehen worden zu sein. Monaco und der Wärter machten ein großes Feuer an, tranken wacker und machten dem Toten ein Kleid von schöner neuer Leinwand. Sodann verbanden sie ihm den Hals mit gesalbtem Werg, machten ihm durch Draufschlagen ein geschwollenes blaues Gesicht und legten ihn ausgestreckt auf einen Tisch im Erdgeschosse nieder. Auch setzten sie ihm ein großes Barett auf, das Meister Manente zu Ostern zu tragen pflegte, bedeckten ihn über und über mit Pomeranzenblättern und gingen schlafen. Der Tag aber war nicht so bald erschienen, als der Wärter unter Tränen der Nachbarschaft und den Vorübergehenden kundtat, wie Meister Manente gegen Tagesanbruch aus diesem irdischen Leben dahingeschieden sei. Die Nachricht verbreitete sich augenblicklich durch ganz Florenz; als daher der Goldschmied es vernommen, lief er eilends hin und vernahm von dem Wärter den ganzen Hergang umständlich; und da nun keine andere Hilfe war, beschlossen sie, ihn am Abend zu bestatten. Der Goldschmied ließ es dem Gesundheitsamte anzeigen, und so warteten sie bis dreiundzwanzig Uhr, das ist eine Stunde vor Sonnenuntergang, nachdem sie auch die Brüder von Santa Maria Novella und die Priester von San Pagolo benachrichtigt hatten, bis zu der festgesetzten Zeit jeder an seinem Platze war. Mönche und Weltgeistliche zogen ein Stück Weges voraus; dann kamen die Pestleichenträger in ziemlicher Entfernung und nahmen aus dem Unterstock des Hauses den Roßkamm Franciosino anstatt des Arztes Meister Manente, wofür sie ihn unzweifelhaft hielten sowie alle, die ihn sahen, obgleich allgemein behauptet wurde, er sei sehr entstellt; man dachte aber, das komme von der Krankheit, und einer sagte zum andern: »Sieh doch zu, wie der Flecken im Gesichte hat. Es hat ihm doch recht mitgespielt, das muß ich sagen.« Die Mönche und Priester schritten nun singend in die Kirche, um die heiligen Gebräuche zu vollziehen; die Träger aber warfen in das erste Grab, das sie an der Treppe fanden, kopfüber den Toten hinab, verschlossen es so schnell als möglich wieder und gingen an ihre Geschäfte zurück. Dem ganzen Leichenbegängnisse hatten aus der Ferne Tausende zugesehen, die sich die Nasen zuhielten, an Essig, Blumen und Kräutern rochen und die feste innerliche Überzeugung nährten, daß Meister Manente vor ihren Augen zur Erde bestattet worden sei. Seine Gestalt war auch um so leichter nachzuahmen, weil dazumal jedermann mit geschorenem Barte ging, und da man die Leiche aus seinem Hause herauskommen sah und mit dem Hute, der ihm das halbe Gesicht bedeckte, zweifelte niemand an der Sache. Als nun der Tote aus dem Hause entfernt und beerdigt war, empfahl der Goldschmied das Haus und die Habe dem Wärter und ging hin, um ihm ein Nachtessen zu schicken, und zwar ein gutes, damit er mit um so größerem Eifer und Liebe seine Schuldigkeit tue. Dann sandte er einen Eilboten an seine Schwester mit der Nachricht, ihr Mann sei schon gestorben und begraben, sie möge also nicht nach Florenz kommen, sondern ihm und seiner Besorgung Haus und Eigentum allein übergeben, im übrigen sich trösten und zufrieden leben, um nur auf die Erziehung ihres Söhnleins Bedacht zu nehmen. Beim Anbruch der Nacht und nachdem sich Monaco mit Speise und Trank gütlich getan, wobei er sich sehr in acht nahm, nicht gesehen zu werden, ließ er den Diener allein und schlich sich ganz leise nach Hause. Am folgenden Tage besuchte er Lorenzo; sie lachten miteinander über den Streich, der ihnen so wunderbar gelungen war, und trafen die ferneren Anordnungen, um ihn zu Ende zu führen. So gingen vier bis sechs Tage hin, während welcher indes nicht versäumt worden war, dem Arzte morgens und abends durch die zwei Verkleideten mit den großen, immer auf gleiche Weise lachenden Köpfen reichliches Essen zu schicken. Eines Morgens nun, vier Stunden vor Tag, wurde auf Befehl des Erlauchten das Zimmer von den zwei Großköpfen geöffnet und der Arzt zum Aufstehen bewogen. Durch Gebärden nötigten sie ihn, ein Kamisol von rotem Wollenzeug und ebenso ein Paar lange Hosen nach Matrosenart aus demselben Stoffe anzuziehen und eine griechische Mütze aufzusetzen, legten ihm sodann Handschellen an, warfen ihm den Regenmantel über den Kopf und wickelten ihn darein, so daß er keinen Stich mehr sah. In dieser Vermummung führten sie ihn aus dem Zimmer und geleiteten ihn in den Hof; er war aber so bekümmert und voll Herzensangst, daß er zitterte, als hätte er das Fieber. Dann hoben sie ihn auf und legten ihn in eine Sänfte, die von zwei sehr rüstigen Maultieren getragen und so gut verschlossen wurde, daß von innen nicht geöffnet werden konnte. Nun ging es auf und davon nach dem Kreuztore: die zwei Stallknechte in ihrer gewöhnlichen Tracht machten die Zugführer; bei ihrer Ankunft wurde das Tor plötzlich geöffnet, und sie zogen lustig ihres Weges weiter. Meister Manente fühlte sich getragen, ohne zu wissen, von wem und wohin, weshalb er in Angst und großem Erstaunen war. Als er aber später, sobald es Tag ward, die Stimme der Landleute und den Trott der Tiere vernahm, war er im Zweifel, ob er träume; doch nahm er sich vor, guten Muts zu sein, und sprach sich selber tröstend zu. Die Diener aber redeten nichts, was man hören konnte, und gingen weiter, ruhten aus und aßen, wenn es ihnen gelegen war, und richteten sich so ein, daß sie gerade um Mitternacht in der Einsiedelei von Camaldoli ankamen. Der Guardian empfing sie freundlich an der Pforte, ließ die Sänfte ein und begab sich mit ihnen, nachdem sie die Maultiere in den Stall gebracht hatten, durch sein Zimmer in ein kleines Nebengemach und von dort durch eine Schreibstube in einen kleinen Saal, wo der Guardian das Fenster hatte vermauern lassen, und das mit einem kleinen Bette, einem Tische und Schemel, auch einem Kamine und einer andern Notwendigkeit versehen war. Das Zimmerchen ging auf einen sehr hohen einsamen Abhang, wohin sich weder Menschen noch Tiere jemals verirrten; es war an dem entlegensten Teile des Klosters. Man hörte von dort niemals ein Geräusch, außer von Wind und Gewitter, und manchmal das Glöcklein, das zum Ave Maria oder zur Messe läutete oder die Klosterbrüder zur Mittags- und Abendmahlzeit rief. So schien es den Knechten zu ihrem Vorhaben sehr tauglich zu sein. Sie gingen in das Gastzimmer zurück, wo sie den Tragsessel hatten stehen lassen, zogen den Arzt, halbtot vor Hunger und Durst, durch die Ermüdung und Angst in einem Zustande, daß er sich kaum auf den Füßen halten konnte, hervor, wickelten ihm den Kopf abermals ein und schleppten ihn in das für ihn eingerichtete Gemach, wo sie ihn auf seine Lagerstatt absetzten und ihn, ohne ihm jedoch die Handschellen abzunehmen, sich selbst überließen. Darauf entfernten sie sich und begaben sich nach dem Zimmer des Guardians, wohin auf ihr Gebot sogleich zwei Laienbrüder kamen, um durch Anschauung den vollständigen Unterricht darüber zu erhalten, was sie in Beziehung auf die fernere Obhut und Bedienung des Meisters Manente zu tun hätten, wozu sie indes von dem Erlauchten besondere Weisung erhalten hatten. Die Diener hatten indessen die Kleider angezogen, die sie früher getragen hatten, nebst den lachenden Köpfen, mit dem Schwerte, der Fackel, kurz, ganz mit demselben Aufzug, den sie in Florenz gehabt hatten. So überbrachte man dem Arzt ein reichliches Abendessen, das der Bruder hatte zurüsten lassen. Sobald Meister Manente die zwei Großköpfe in der gewohnten Weise erscheinen sah, erheiterte er sich vollständig. Sobald der Truchseß die Speisen auf den Tisch gestellt hatte, ging er auf ihn zu, nahm ihn die Handfesseln ab und bedeutete ihm, sich in gewohnter Weise zu verhalten. Voll Hunger und Durst stürzte sich Meister Manente wie ein Taucher auf den Boden herab und verschlang, was er Eßbares und Trinkbares vorfand. Die beiden aber öffneten die Tür, gingen sogleich wieder weg und ließen ihn im Dunkel zurück. Um alles mit anzusehen, waren die Laienbrüder auf den oberen Boden gegangen, hatten ganz leise einen Backstein ausgehoben und durch die Öffnung alles einzelne, was unten vorging, genau gesehen. Dann gingen sie dahin, wo die Knechte waren, die sich auszogen und jenen die Kleider nebst den andern Siebensachen übergaben. Sodann aßen diese und erfrischten sich, und da sie ganz müde und schlaftrunken waren, gingen sie zur Ruhe. Des andern Morgens aber, nachdem die Knechte ausgeschlafen und ihr Frühstück eingenommen hatten, ermahnten sie nochmals den Guardian und die Laienbrüder, wenn sie dem Gefangenen morgens und abends seine Lebensmittel bringen, ja genau immer dieselben Gebräuche zu beobachten; dann nahmen sie Abschied und traten mit ihrer Sänfte den Rückweg an nach Florenz, wo sie dem Erlauchten zu seiner großen Freude und Erheiterung ausführlich über alles einzelne Bericht abstatteten. Unterdessen hatte der Krankenwärter seine Pestwache beendigt, war, von dem Goldschmied bezahlt, nach Santa Maria Nuova zurückgekehrt und hatte Haus und Habe Manentes jenem wieder übergeben. Meister Manentes Gattin kam in Witwenkleidern nach Florenz zurück; sie betrauerte mit ihrem Söhnchen und ihrer Magd einige Zeit den Tod des Gatten und lebte in ziemlicher Behaglichkeit. Die Laienbrüder brachten jeden Abend und jeden Morgen, wie sie es gesehen hatten, zu gewissen Stunden dem Arzte zu essen, und dieser beschäftigte sich, da er nichts Besseres zu tun wußte, mit nichts anderem, als seinen Bauch zu füllen und zu schlafen, und sah niemals Licht, als wenn jene ihm die Nahrung brachten. Er konnte sich nicht vorstellen, wo er war, noch wer seine Diener waren; er fürchtete, in irgendein verzaubertes Schloß geraten zu sein. So tat er nichts als essen und trinken in Fülle und träumen und, wenn er wachte, Luftschlösser bauen. Um diese Zeit begab es sich, daß Lorenzo, wegen sehr wichtiger Angelegenheiten des Staates und der städtischen Verwaltung, aus Florenz sich entfernen mußte; es dauerte ein paar Monate, bis er zurückkam, und hernach war er wieder mit höchst dringenden Angelegenheiten beschäftigt, so daß er einige Zeit gar nicht mehr an Meister Manente dachte, bis er eines Tages zufällig einen der Camaldolenser Mönche vorüberreiten sah, welche die Geschäfte des Klosters besorgen. Da fiel ihm denn plötzlich der Arzt ein. Der Erlauchte ließ den Mönch rufen und gab ihm, da er von ihm hörte, er gehe am nächsten Morgen nach der Einsiedelei zurück, einen Brief, mit dem Auftrage, ihn in seinem Namen dem Guardian zuzustellen. Der Mönch übernahm das Schreiben ehrfurchtsvoll und versprach, es richtig zu bestellen, was er seiner Zeit und seines Ortes tat. Es war bis dahin mancherlei Neues vorgefallen. Zuerst hatte sich Manentes Weib nach sechsmonatlicher Witwenschaft abermals verheiratet an einen Goldschmied Michelagnolo, den Genossen ihres Bruders Niccolajo, der ihr sehr dazu zugesprochen, ja sie inständig gebeten hatte, weil dadurch dann der Gesellschaftsvertrag auf zehn Jahre befestigt wurde. Darauf war Michelagnolo zu ihr ins Haus gezogen und mit dem Vormunde eins geworden, die Erziehung des Knaben zu besorgen. Von dem Hausgeräte hatte er ein Inventar aufnehmen lassen und führte ein Leben voller Freude mit seiner Brigida – so hieß die Frau –, die sich bereits von ihm schwanger fühlte. Der Guardian hatte wohl gehört, daß der Erlauchte verreist sei; da er ihm aber keine andern Verhaltungsbefehle zugesandt, folgte er der bisherigen Ordnung; und da Meister Manente, als die Kälte eintrat, sich sehr unbehaglich fühlte, versah er ihn mit Kohlen, von denen er durch die ihm aufwartenden Großköpfe einige Säcke hintragen und in einen Winkel des Gemaches werfen ließ. Dann wurde ihm der Kamin angezündet und er mit Pantoffeln und Kleidern zum Anziehen und für das Bett versehen. Ferner ließ er die Decke oben durchbrechen und ihm ein Lämpchen herabhängen, das Tag und Nacht brennend unterhalten wurde, so daß es ihm das Zimmer einigermaßen erhellte. So unterschied der Arzt wenigstens, was er aß, und sah, was er tat; und um einigermaßen die Unbekannten zu belohnen, die ihm diesen Vorteil zuwandten, sang er manchmal seine Trinklieder, die er am feuchten Tische einst mit seinen Zechbrüdern zu singen pflegte, und dichtete manchmal aus dem Stegreife; und da er eine schöne Stimme und eine gute Aussprache hatte, sagte er oftmals Stanzen her aus Lorenzos neu erschienenen »Liebeswäldern«, womit er den Laienbrüdern und dem Guardian, die ihn allein hören konnten, das größte Vergnügen bereitete. Auf diese Weise vertrieb er sich die Zeit, so gut er konnte, und hatte die Hoffnung fast ganz aufgegeben, jemals wieder das Sonnenlicht zu schauen. Indessen kam der, welcher dem Pater Guardian den Brief des Erlauchten überbrachte, woraus er den Willen und die Anordnung Lorenzos vollständig erfuhr; er befahl den Laienbrüdern desselbigen Tages, in der folgenden Nacht zwei bis drei Stunden vor Tag ihn hinwegzuführen, und sagte ihnen, wie und wohin und in welchem Zustande sie ihn verlassen sollten. Als es nun Zeit war, kleideten sich diese in der gewohnten Weise an, gingen zu dem Arzte, hießen ihn aufstehen und brachten ihn mit Gebärden dahin, sich in Matrosentracht anzuziehen. Dann legten sie ihm die Handschellen und einen schlechten Mantel an mit einer Kapuze, die bis aufs Kinn ging, und führten ihn hinweg. Diesmal dachte Meister Manente, das Ziel seines Lebens sei gekommen, er habe nun den letzten Bissen Brot gegessen. Über die Maßen betrübt, ließ er sich, um nicht noch schlimmer anzukommen, von jenen führen, welche zwei Stunden oder noch länger stark gingen über Stock und Stein immer weiter, bis sie in die Nähe von Vernia kamen, wo sie den Arzt an den Stamm einer sehr hohen Tanne in einem tiefen Tale mit Zaunrüben anbanden, ihm sodann den Mantel und die Handschellen abnahmen und den Hut tief in die Augen drückten. So ließen sie ihn an den Baum gebunden und flohen mit Windeseile von dannen und auf dem kürzesten Wege, wiewohl sie ihre Fackel ausgelöscht hatten, zurück nach Camaldoli, ohne daß jemand sie bemerkt hatte. Allein geblieben und nur schlaff und lose gebunden, spitzte Meister Manente eine Zeitlang in ängstlicher Besorgnis die Ohren, und da er nicht das mindeste Geräusch mehr um sich hörte, fing er allmählich an, die Hände an sich zu ziehen, indem er sich von seinen leichten Fesseln ohne Schwierigkeit befreite. Ebenso schob er den Hut vor seinen Augen hinweg, schlug sie empor und erblickte zwischen den Bäumen hindurch ein Stück des gestirnten Himmels, woraus er sich zu seiner größten Freude und Verwunderung überzeugte, im Freien und außerhalb des Kerkers zu sein. Er ließ die Augen umherschweifen und schaute genauer aus, denn schon begann es Tag zu werden. Da sah er die Tannen um sich her und das Gras unter seinen Füßen: so hielt er sich überzeugt, in einem Walde zu sein. Er erwartete indessen noch immer etwas Neues und Ungewöhnliches und blieb daher still und regungslos auf seinem Platze stehen und hatte kaum den Mut zu atmen, um nur nicht gehört zu werden; denn er meinte noch fortwährend, die lachenden Larven sich auf der Haube zu sehen, wie sie ihm wieder die Handfesseln anlegen und ihn von dannen führen wollen. Erst als es heller lichter Tag um ihn ward, die Sonne mit ihren leuchtenden Strahlen schon jedes Dunkel durchdrang und er weder Menschen noch Tiere in seiner Umgebung sah, faßte er das Herz, auf einem schmalen Fußpfade die steile Anhöhe vor sich emporzuklimmen, um aus diesem Tale wegzukommen, und war nun endlich seiner Sache gewiß, wieder in die Welt eingetreten zu sein. Er war nicht über eine Viertelmeile weit gegangen, so hatte er den Gipfel des Berges erreicht und kam auf eine sehr besuchte Straße, auf der er einen Fuhrmann einherkommen sah mit drei mit Getreide beladenen Mauleseln. Er ging ihm rasch entgegen und fragte ihn nach der Gegend und wie der Ort heiße, an dem er sich befinde. Der Mauleseltreiber antwortete rasch, es sei die Vernia, und fügte hinzu: »Was Teufels, bist du blind? Siehst du nicht dort San Francesco?« Dabei wies er auf die Kirche, die am Berge stand und nicht viel über zwei Armbrustschußweiten von ihnen weg lag. Meister Manente dankte ihm, fühlte sich nun sogleich wieder in der Gegend zu Hause, die er mit seinen Freunden öfters zum Vergnügen besucht hatte, und pries und lobte Gott, indem er die Hände zum Himmel emporhob und sich wie neugeboren fühlte. Er schlug den Weg zur Rechten ein und ging in seinem roten Fischeranzuge stracks auf das Kloster zu, wo er frühzeitig ankam und einen Mailänder Edelmann antraf, der in Gesellschaft eines andern Mailänders mit Pferden und Dienern aus Florenz gekommen war, um diesen heiligen Ort zu besuchen, an dem der andächtige San Francesco Buße getan hatte. Am vergangenen Abende aber hatte er ausgleitend sich den Fuß aufgeschlagen und verrenkt und sodann durch eine zugetretene Erkältung sich in der Nacht eine Geschwulst und solche Schmerzen zugezogen, daß er sich am Morgen weder regen noch die geringste Berührung dieses Gliedes ertragen konnte, so daß er sich gezwungen sah, das Bett zu hüten. Auf Anraten der Mönche wollte er eben nach Bibbiena schicken, um einen Arzt kommen zu lassen, als Meister Manente mit einem Gruße vor sie trat und, nachdem er sich die Ursache des Übels des Edelmanns hatte sagen lassen, die Brüder versicherte, sie hätten nicht nötig, anderwärts nach Ärzten auszusenden, denn er getraue sich, den Edelmann in einer halben Viertelstunde von seinen Schmerzen zu befreien und bis zum andern Morgen gänzlich wiederherzustellen. Wenn auch Meister Manente für einen Arzt in einem seltsamen Aufzuge erschien, so flößte sein Äußeres wie seine Rede dem Mailänder dennoch Vertrauen ein. Er ließ sich daher von den Brüdern Rosenöl und Myrtenpulver bringen, bestrich ihm die offene Wunde, richtete das ausgerenkte Bein ein, salbte ihn aufs beste, bepulverte ihm den Fuß und verband ihn sehr fest, so daß der Schmerz sogleich aufhörte und der Kranke die Nacht über ruhig schlief, während er in der vergangenen Nacht kein Auge hatte zutun können. Am kommenden Morgen stand er auf und fand sich so frei, daß er nicht nur den Fuß auf den Boden setzte, sondern selbst leicht umhergehen konnte. Er ließ sich daher die Pferde satteln, trank mit den Mönchen, schenkte dem Arzte zwei Dukaten und begab sich auf den Rückweg nach Florenz. Der vergnügte Meister Manente nahm gleichfalls die Gastfreundschaft der Mönche in Anspruch, verabschiedete sich sodann von ihnen und schlug den Weg nach Mugello ein, um auf sein Landgut zu gelangen, das er nach einem rüstigen Marsche abends im Augenblicke des Sonnenuntergangs erreichte. Er rief nun seinen Bauern laut bei Namen, erhielt aber von einem kleinen Jungen die Antwort, derselbe sei jetzt auf einer andern, eine gute Strecke entfernten Meierei. Dem Arzte kam diese Antwort wunderlich vor, und er konnte sich nicht darüber beruhigen, daß seine Frau ohne seine Zustimmung den Mann verabschiedet und das Gut anderweit verpachtet habe; er sagte auch zu dem Burschen, er solle seinen Vater herbeirufen, und setzte diesem auseinander, wie er ein großer Freund seines Gebieters sei und ihn bitte, für die Nacht ihm ein Unterkommen zu gewähren. Da ihn der Landmann aber auf diese Weise gekleidet sah, faßte er Verdacht und beantwortete nicht sogleich sein Verlangen. Indessen wußte Meister Manente den Zweifelhaften so gut zu überreden und zu beschwichtigen, daß er es am Ende zufrieden war und ihn aufnahm; besonders tröstete es ihn, daß er keine Waffen bei ihm wahrnahm; doch hatte er sich vorgenommen, ihn hinten in die Hütte zu verweisen. Er nahm ihn also ins Haus, der Tisch wurde gedeckt, und sie hielten eine magere Abendmahlzeit. Entschlossen, sich nicht zu entdecken, richtete Meister Manente durchaus keine Fragen in betreff des Gutes und seines Weibes an den Bauer; da er aber auf einem Brette ein Schreibzeug und Papier erblickte, denn der Pächter war zugleich der Schulze der Gemeinde, so forderte er Schreibzeug, und es wurde ihm gebracht. Er schrieb nun einen kurzen Brief an seine Frau und sprach zu dem jungen Bauernburschen: »Ich gebe dir einen Carlin; geh mir morgen früh beizeit nach Florenz und gib diesen Brief deiner Herrin: die wird dir dann schon sagen, was du weiter zu tun hast.« Dieser stimmte mit Genehmigung seines Vaters zu, führte den Arzt auf das Stroh und verschloß den Schuppen hinter ihm. Meister Manente ließ sich alles geduldig gefallen und sagte bei sich selbst: »Morgen wirst du schon die Mütze vor mir abziehen und dich glücklich schätzen, wenn ich dich im Dienste behalte.« So richtete er sich auf seinem Strohlager ein, so gut er konnte, und schickte sich zum Schlafen an. Am Morgen, sobald es zu dämmern anfing, machte der Bursche, der schon am Abend zuvor den Carlin und den Brief erhalten hatte, sich nach Florenz auf, kam um die Zeit des Frühmahls an das Haus seines Gutsherrn und übergab der Monna Brigida den Brief, den sie sogleich erbrach, und worin sie die Hand ihres ersten Gemahls zu erkennen glaubte. Als sie ihn aber las, wurde sie von Schmerz und Erstaunen dermaßen ergriffen, daß sie nahe daran war, in Ohnmacht zu fallen, und gar nicht wußte, ob sie nur noch in der Welt sei. Sie fragte aber den Bauern umständlich nach Alter, Gestalt und Angesicht des fremden Mannes, der ihn abgesandt, hörte mit immer wachsendem Erstaunen und Schmerz zu und ließ alsbald durch ihre Magd ihren Gatten Michelagnolo aus der Werkstätte zu sich entbieten. Er kam, las den Brief und war auch seinerseits ihrer Meinung, daß die Handschrift der des Meisters Manente gleich sehe, ja genau dieselbe sei, wußte aber freilich auch gewiß, daß dieser tot sei, und wußte somit ebenso gewiß, daß das Schreiben von jemand anders herrühren müsse, und das müsse ein rechter Gauner sein, der die Frau auf eine so unerhörte Weise zu überlisten gedenke. Der Inhalt des Briefes war nämlich folgender: er tue seiner geliebten Gattin hiermit zu wissen, daß er nach mannigfaltigen und seltsamen Schicksalen und nachdem er länger als ein Jahr in steter Todesangst eingesperrt gehalten worden, endlich wie durch ein Wunder Gottes aller Gefahr entronnen sei, wie er ihr mündlich alles umständlich erzählen werde; gegenwärtig beschränke er sich darauf, ihr zu sagen, daß er frisch und gesund auf ihrem Landgute angekommen sei, und sie zu bitten, dies in Florenz überall bekanntzumachen, ihm sein Maultier, seinen Rock, Regenmantel, die großen Stiefel und den Hut hinauszusenden und dem neuen Pächter kundzutun, daß er als Meister Manente, ihr Ehegatte, sein Gebieter sei, damit er ihm sein Haus öffne, um die Nacht über bequem zu ruhen und am andern Morgen zeitig nach Florenz zu kommen und sie zu trösten. Michelagnolo schrieb nun voll Gift und Galle im Namen seiner Frau einen Brief, der Hände und Füße hatte, und drohte ihm, wofern er nicht ungesäumt seines Weges ziehe, selbst zu ihm hinauszukommen, um ihn tüchtig abzuprügeln, oder ihm den Büttel über den Hals zu schicken. Zudem gab er dem Bauernjungen noch den mündlichen Auftrag an seinen Vater mit, den fremden Abenteurer zum Henker zu jagen. Der Junge ging eilig nach seinem Dorfe, und Michelagnolo kehrte in seine Werkstatt zurück; Brigida aber blieb in schmerzlicher Verwunderung befangen zu Hause. Desselben Morgens lustwandelte Meister Manente nach dem Vogelherde, etwa drei Meilen von seinem Gute, gab sich aber dem Wirte, der sein Freund war, nicht zu erkennen, sondern gab sich für einen Albanesen aus; er speiste lustig und wohlgemut mit ihm zu Mittag und schlenderte am Abend in der besten Stimmung nach Hause, wo er in der festen Überzeugung, als Herr anerkannt und empfangen zu werden, sich schon vorgesetzt hatte, einem Paar Kapphähnen die Hälse umdrehen zu lassen, die er am Morgen hatte mit den Schnäbeln auf der Tenne herumpicken sehen. Er war kaum in die Nähe seiner Wohnung gelangt, als ihm der bereits zurückgekehrte Knabe entgegengelaufen kam und mit einem sauern Gesichte, ohne nur einen Bückling zu machen, den Brief, der ohne Aufschrift und Siegel war, einhändigte. Hierüber verwunderte sich Meister Manente gleich von vornherein, und es betrübte ihn; ja, es deuchte ihn der Anfang zu einem traurigen Ende. Als er ihn aber seiner ganzen Länge nach durchgelesen hatte, geriet er vor Staunen und Schmerz so außer sich, daß er weder tot noch lebendig schien. Mittlerweile kam auch der alte Bauer hinzu, dem der Sohn bereits seine mündliche Botschaft ausgerichtet hatte, und sagte ihm mit dürren Worten, er möge sich nach einer andern Herberge für die Nacht umsehen, da sein Herr ihm befohlen habe, ihm unverzüglich die Tür zu weisen. Wie empfindlich es den armen Meister Manente auch kränken mußte, sich also von demjenigen aus seinem Eigentum verwiesen zu sehen, von dem er nach der Ankunft des Briefes als Gebieter anerkannt zu werden hoffte, so erwiderte er ihm doch gefaßt und sanftmütig, er werde gehen. Er geriet beinahe auf die Vermutung, daß er ein anderer geworden sei, oder daß es mehr als einen Meister Manente auf der Welt geben müsse, und fragte den Landmann nach dem Namen seines Herrn. Er empfing die Antwort, es sei der Goldschmied Michelagnolo, und seine Frau sei Monna Brigida. Der Arzt erkundigte sich ferner, ob diese Monna Brigida schon früher verheiratet gewesen sei, und ob sie Kinder habe. »Ja«, antwortete ihm der Bauer, »sie hatte früher einen Arzt, der, wie ich höre, Meister Manente hieß und ihr, als er an der Pest starb, ein Söhnlein namens Sandrino hinterlassen hat.« »Weh mir«, fiel ihm der Arzt in die Rede, »was sagst du mir da?« Dann fing er an, ihn nach allen Umständen auszuforschen. Der Pächter bedeutete ihm aber, er wisse sonst nichts zu sagen; er sei von Casentino gebürtig und habe erst seit dem August das Gut bezogen. Entschlossen, sich nicht weiter zu erkennen zu geben, schied Meister Manente, da es noch zwei volle Stunden Tag blieb, von dem Bauersmann und begab sich unverzüglich auf den Heimweg nach Florenz, in der Meinung, seine Frau und Verwandten müssen, in einem seltsamen Irrtume befangen, ihn für tot gehalten haben und eben auf diese Weise zu ihren folgenschweren Schritten verleitet worden sein; denn er kannte den Goldschmied, den Genossen seines Schwagers, recht wohl. Unter tausenderlei Gedanken rüstig zuschreitend, langte er noch spätabends im Wirtshaus zum Mühlstein, eine Meile von der Stadt, an; er kehrte daselbst ein, aß nur ein Paar weichgesottene Eier und legte sich zu Bette, wo er sich hin- und herwälzte, ohne auch nur ein Auge schließen zu können. Des andern Morgens stand er beizeiten auf, bezahlte den Wirt, schlich ganz sachte nach Florenz und betrat die Stadt in der oben erzählten Verkleidung, so daß er von niemand erkannt wurde, wiewohl er viele seiner Bekannten und Freunde auf der Straße traf. Er durchwanderte die halbe Stadt und gelangte endlich auf die Grabengasse, wo er eben seine Frau und den Knaben von der Messe heimkehrend ins Haus treten sah. Er war versichert, daß sie ihn gesehen hatte, und doch machte sie kein Zeichen, daß sie ihn kenne; deshalb änderte er mit einem Male seinen Entschluß, und anstatt sie anzureden, ging er nach Santa Croce, um seinen Beichtvater Meister Sebastiano aufzusuchen; denn er dachte, er müßte ein guter Mittelsmann werden, um seine Anerkennung von Seiten seiner Frau einzuleiten; er wollte ihm alles anvertrauen, was ihm begegnet war, und sich mit ihm beraten; als er aber im Kloster nach ihm fragte, erhielt er zur Antwort, er sei nach Bologna übergesiedelt; in Verzweiflung darüber wußte er gar nicht, was er beginnen sollte. Er lief umher, über den Platz, über den Neumarkt, den Altmarkt, er traf unter andern Bekannten und Freunden den Makler Biondo, den Trommelschläger Feo, den Meister Zenobi della Barba, den Sattler Leonardo und kam zuletzt halb von Sinnen, wie er sah, daß er fortwährend von keinem einzigen wiedererkannt ward. Nun war es aber schon Mittagessenszeit geworden; da ging er in die »Affen«, wo Amadore, einst sein innigster Freund, Wein schenkte. Diesen ersuchte er, ihm beim Essen Gesellschaft zu leisten, was er auch tat. Am Schluß des Essens sagte Amadore zu ihm, er meine ihn sonst schon gesehen zu haben, könne sich aber nicht darauf besinnen, wo. Meister Manente antwortete, es könne sehr leicht geschehen sein, da er lange Zeit in Florenz bei Meister Agostino in der Baderei am Platze Padella gewohnt habe, wohin er jetzt auch von Livorno zurückkehre, da er der Wasserfahrten überdrüssig sei. Während so ein Wort das andere gab, beendigten sie ihre Mahlzeit, und ohne sich zu erkennen zu geben, befriedigte Meister Manente den Wirt, ging höchst bekümmert und erstaunt, daß jener ihn nicht wiedererkannt habe, hinweg, mit dem festen Vorsatze, unter allen Umständen vor Nacht noch mit seinem Weibe zu reden. Er schlenderte deshalb so lange in der Stadt umher, bis ihm die schickliche Stunde gekommen zu sein schien, nämlich bis zu dreiundzwanzigeinhalb Uhr. Da klopfte er zweimal stark an die Türe. Die Frau sah heraus, wer es sei. Da antwortete der Arzt: »Ich bin's, meine liebe Brigida! Mach auf!« »Und wer seid Ihr denn?« fragte jene weiter. Meister Manente, um nicht laut sprechen zu müssen, daß die ganze Nachbarschaft es hörte, gab zur Antwort: »Komm herab, dann sollst du's hören!« Brigida hörte Meister Manentes Stimme, sah sein wohlbekanntes Angesicht, erinnerte sich des Briefes und wollte daher nicht herunterkommen, da sie irgendein unheimliches Ereignis befürchtete. »Sagt mir nur von unten«, rief sie ihm daher zu, »wer Ihr seid und was Ihr suchet?« »Siehst du es denn nicht?« antwortete der Arzt. »Ich bin Meister Manente, dein echter und rechtmäßiger Ehegatte; dich suche ich, du bist meine Frau.« »Meister Manente, mein erster Mann, könnt Ihr nicht wohl sein, weil der tot und begraben ist«, sagte die Frau. »Wie, Brigida?« fragte der Arzt, »tot? Ich bin noch nicht gestorben.« Dann fügte er bei: »Sei doch so gut und mach mir auf! Kennst du mich nicht, mein holdes Herz? Bin ich denn so sehr entstellt? Mach mir doch auf, ich bitte dich, und du sollst sehen, daß ich lebe.« »Ei was«, fuhr Brigida fort, »Ihr seid wohl auch der Schelm, der mir gestern früh den Brief geschrieben hat. Schert Euch in Gottes Namen fort, denn wehe Euch, wenn Euch mein Mann hier trifft!« Es waren indessen viele Leute aus Neugier vor dem Hause zusammengelaufen, und ein Nachbar nach dem andern zeigte sich am Fenster und gab sein Teil dazu. Monna Dorotea, die Betschwester, welche Brigiden gerade gegenüber wohnte, hatte alles von Anfang an mit angehört und sagte: »Nimm dich in acht, meine Tochter, das ist gewiß der Geist deines Meisters Manente, der hier umgeht, um seine Sünden abzubüßen. Er gleicht ihm vollkommen an Aussehen und Sprache. Rufe ihn ein wenig, frage ihn und beschwöre ihn, ob er etwas von dir will!« Brigida glaubte halb und halb und fing an mit kläglicher Stimme zu rufen: »O du arme Seele, hast du vielleicht etwas auf dem Gewissen? Willst du ein Totenamt? Hast du noch ein Gelübde zu erfüllen? Sprich es nur aus, was du willst, gebenedeite Seele, und geh mit Gott!« Wie Meister Manente dies hörte, kam ihn fast die Lust zu lachen an. Er sagte immer, er lebe, sie solle ihm nur aufmachen, und er werde sie schon vergewissern. Sie fuhr aber nichtsdestoweniger fort, ihn zu fragen, ob er des heiligen Ghirigoro verlange, bekreuzte sich, und auch Madonna Dorotea sprach: »0 du Gott befohlene Seele, wenn du im Fegefeuer bist, so sag es frei heraus, denn deine gute Frau wird für dich das Jubiläum mitmachen und dich erlösen.« Dazu schlug sie ellenlange Kreuze und rief jeden Augenblick: »Requiescat in pace!« So fingen denn alle umher an, sich zu bekreuzen, beiseite zu treten und grimmige Gesichter zu schneiden, denn schon hatte sich ein starkes Gedränge von Volk versammelt. Als nun der Arzt sah, daß Brigida ihm nicht mehr zuhörte, sondern in Gemeinschaft mit der Betschwester fortwährend sich bekreuzte und sinnloses Zeug schwatzte, beschloß er wegzugehen, da der Auflauf wuchs und er fürchten mußte, sich sonst noch einen schlimmen Handel zuzuziehen. Er schlug also ohne weiteres mit starken Schritten die Straße nach Santa Maria Novella ein; die ihm entgegenstehende Masse stob unter mächtigem Kreuzschlagen und Geschrei auseinander, nicht anders, als wenn sie wirklich einen Toten hätten wieder auferstehen sehen. Meister Manente wandte sich daher dahin, wo jetzt die Lastträger stehen; von dort ging er weiter durch die Mohrengasse und eilte dann halbumschauend durch die Gäßchen dort, da es schon etwas dunkel war, fast laufend; bald erreichte er so den Dreifaltigkeitsplatz; von dort ging er durch Portarossa nach den »Affen«, immer umschauend, ob die Volksmenge ihn erreiche, und sehr mißgestimmt; nun blieb ihm kein ander Mittel, als am nächsten Morgen hinzugehen und seine Zuflucht zum päpstlichen Vikar zu nehmen. Da er jedoch vorher noch den Versuch machen wollte, ob ihn auch Burchiello, sein vertrautester Freund, und Biondo nicht wiedererkennen würden, so sagte er zu Amadore, indem er ihm Geld in die Hand drückte, daß er, wenn es irgend sein könne, gern noch denselben Abend dem Burchiello und dem Makler Biondo in seiner Gesellschaft ein Nachtessen geben möchte. »Ei, das wird schon angehen«, erwiderte der Wirt; »laßt mich nur machen!« Er traf in der Küche die nötigen Anordnungen, nahm seinen Mantel um und ging nach San Giovanni, wo er den Biondo fand, den er gleich mit sich nahm, indem er ihm sagte, daß er diesen Abend in Gesellschaft eines Fremden und des Burchiello bei ihm speisen solle. Den Burchiello trafen sie im Hause und Laden zum Garbo, und es bedurfte bei ihm nicht vieler Worte, um ihn zu gewinnen; denn sowie er hörte, daß es freie Zeche gebe, wandelte ihn alsbald noch größere Lust an als die beiden selbst. Sie trafen demnach um ein Uhr nach Sonnenuntergang alle in den »Affen« zusammen; es mochte damals im Oktober sein, nahe um Allerheiligen. Gleich beim ersten Anblick und zumal, als er ihn reden hörte, meinte Burchiello Meister Manente zu erkennen. Dieser empfing den Burchiello mit der größten Höflichkeit; er sagte ihm, wie er, von seinem Rufe für ihn eingenommen, keinen andern Weg gefunden habe, ihn kennenzulernen, als daß er den Wirt gebeten habe, ihn zum Nachtessen einzuladen und auch den lustigen Zecher Biondo, seinen guten Freund, zur Gesellschaft zu ziehen. Burchiello sagte ihm großen Dank, und sie setzten sich in einem besonders für sie zugerichteten Nebenzimmer zu Tisch, wo sie in Erwartung einiger fetten Tauben und Krammetsvögel, wie sie die Jahreszeit bot, verschiedene Gespräche begannen, in welchen Meister Manente sie mit einem Märchen über sein Leben und den Grund seines Hierherkommens bewirtete. Burchiello hatte bereits dem Biondo gesagt, daß ihm eine solche Ähnlichkeit zwischen zwei Menschen noch nie vorgekommen sei wie seine und Meister Manentes. »Wenn ich nicht ganz gewiß wüßte«, fügte er hinzu, »daß er gestorben ist, so würde ich sagen, es könne kein anderer sein als er.« Der Biondo pflichtete ihm in allem bei. Unterdessen war alles zugerüstet, und der Wirt ließ Salat, Brot und zwei Flaschen funkelnden Wein auftragen. Sie ließen nun die Gespräche ruhen und fingen an zu essen. Burchiello und Amadore saßen an der Wand, Biondo und Meister Manente ihnen gegenüber. Während des Essens behielt Burchiello den Arzt immerdar im Auge. Beim ersten Trunk sah er ihn Meister Manentes Gebrauch üben, der immer zwei Gläser Wein auf einmal hinter dem Salat zu leeren pflegte und hernach jedesmal Wasser zugoß. Dies setzte ihn in großes Erstaunen. Als sodann die Tauben und die Krammetsvögel auf den Tisch kamen und der Fremde ihnen gleich die Köpfe abriß und sie aufspeiste, weil ihm der Kopf der liebste Bissen von jedem Tiere war, so war er drauf und dran loszuplatzen, hielt jedoch noch länger an, um seiner Sache gewisser zu werden. Nun kam der Nachtisch: es waren Birnen, Sancolombaner Trauben und vortrefflicher Ziegenkäse; und jetzt wurde er seiner Sache ganz gewiß: denn als der Arzt Birnen und Trauben gegessen hatte, beschloß er die Mahlzeit, ohne den Käse zu berühren, so sehr ihn auch die andern lobten; Käse aß er aber nie, und er war ihm so zuwider und zum Ekel, daß er lieber seine Hände gegessen hätte. Burchiello wußte dies am besten. Da er nun ganz überzeugt war, nahm er ihm lachend die linke Hand, streifte ihm den Wamsärmel ein wenig hinauf und erkannte scharf am Pulse ein Muttermal mit Wildschweinsborsten, worauf er mit lauter Stimme ausrief: »Du bist Meister Manente, du kannst dich nicht mehr länger verbergen!« Damit fiel er ihm um den Hals, umarmte und küßte ihn. Biondo und der Wirt waren voll Entsetzen zurückgefahren und erwarteten ängstlich, was der Fremde sagen würde. »Du allein, Burchiello«, antwortete er, »hast mich unter allen meinen Freunden und Verwandten noch erkannt. Freilich bin ich Meister Manente, wie du sagst, und bin niemals gestorben, wie mein Weib und ganz Florenz zu glauben scheint.« Jene beiden wurden bleich wie Asche; Amadore bekreuzte sich, Biondo wollte schreiend davonlaufen, und sie fürchteten sich vor ihm, wie wenn Gespenster und Tote vom Grabe erstünden. Burchiello aber redete ihnen zu: »Fürchtet euch nicht«, sagte er, »rührt ihn nur an, betastet ihn! Die Geister und Toten haben weder Fleisch noch Bein, wie dieser da, den ihr ja mit euren Augen habt essen und trinken sehen.« Meister Manente sagte auch: »Ich lebe, zweifelt und sorgt nicht, meine Brüder, ich habe noch nicht den Tod geschmeckt. Seid nur so gut und hört mich an: ich will euch eine der wunderbarsten Geschichten mitteilen, die man je gehört hat, seit die Sonne scheint.« So brachte er es mit Hilfe Burchiellos endlich dahin, daß der Wirt und der Makler Biondo sich ein wenig beruhigten. Sie riefen die Aufwärter herein, ließen außer dem Wein und Fenchel alles abdecken, schickten sie zum Essen hinweg mit dem Bedeuten, anders nicht wiederzukommen, als wenn Burchiello befehle, und schlossen die Tür ab, worauf sie mit Aufmerksamkeit und Neugierde lauschten, was sie nun Seltsames zu hören bekommen werden. Und nun begann Meister Manente seine Erzählung von dem Augenblicke an, wo er schlafend auf der Bank gelassen wurde, und berichtete in bester Ordnung alles, was ihm bis heute begegnet war, so daß sie mehrmals ihre Verwunderung äußern und laut lachen mußten. Sobald er aber mit seinen Mitteilungen zu Ende war, fiel Burchiello, ein ganz feiner Kopf, plötzlich ein und sprach: »Das ist ein Streich von Lorenzo dem Erlauchten!« Die andern setzten sich zwar allesamt dem entgegen und behaupteten, es sei durch Hexerei, Bannung und Bezauberung dahin gekommen. Burchiello aber beharrte auf seiner Meinung und fuhr fort: »Es kennt nicht ein jeder diesen wunderlichen Kopf. Wißt ihr nicht, daß er alles, was er einmal begonnen hat, zustande bringt, daß er sich in seinen Plänen nimmermehr täuscht und verrechnet, daß ihn keine Lust ankommt, die er nicht büßt? Und es ist ein verteufeltes Ding, es mit einem zu tun zu haben, der Verstand, Macht und Willen hat.« Gegen Meister Manente gewendet setzte er hinzu: »Ich habe es mir immer gedacht, daß er dir einmal einen solchen Streich spielen werde schon von der Stunde an, wo du zu Careggi mit ihm aus dem Stegreife reimtest und dich so unartig gegen ihn betrugst. Meister Manente, Fürsten sind Fürsten und machen es unseresgleichen oftmals so, wenn wir mit ihnen auf du und du stehen wollen.« Der Arzt entschuldigte sich mit der Behauptung, die Musen haben überall ein freieres Wort, und wußte noch hundert Gründe für sich anzuführen. Betrachtete er aber die Sache an sich selbst und Burchiellos Worte dazu, so konnte er doch nicht alle Zweifel in seiner Seele unterdrücken und mußte jenem bis auf einen gewissen Grad Glauben schenken. Als sie nun aber eine gute Weile über die Angelegenheiten des Meister Manente hin und her gesprochen hatten, ließ dieser auch von ihnen sich ausführlich erzählen, was bei der Pest sich zugetragen habe und wie es mit dem Menschen gewesen sei, der an seiner Statt tot und mit einer Pestbeule am Hals aus seinem Hause getragen worden sei. Er vermochte sich hierüber gar nicht zu beruhigen, und auch die andern zerbrachen sich umsonst den Kopf; selbst Burchiello wußte keinen Ausweg zu finden. Am Ende aber wurde es spät, und Meister Manente bat sie nun um ihre Ansicht und um ihren Rat, wie er sich aus dieser Verlegenheit ziehen möge, da es ihm doch allzu hart vorkam, Gut und Blut zugleich verlieren zu sollen. Nachdem aber vielerlei Mittel und Wege zusammen erwogen waren, wurden sie einig, daß der Arzt sich an den Bischof wenden solle. Zuletzt nahmen sie voneinander Abschied, und Meister Manente ging mit Burchiello heim, weil die andern seinethalb ihrer Sache doch nicht recht gewiß waren und immer noch ein heimliches Grauen vor ihm verspürten. Unterdessen war Michelagnolo nach Hause zurückgekehrt und hatte von Brigida einen umständlichen Bericht erhalten über alles, was sich vor ihrer Tür ereignet hatte, wobei sie ihn versicherte, sie hätte darauf schwören mögen, sie höre die Stimme und sehe das Gesicht Meister Manentes, was mit der Meinung der Monna Dorotea zusammentreffe, daß es seine arme Seele sei, die durch irgendein frommes Werk aus dem Fegefeuer erlöst sein wolle. »Was faselst du da, dumme Gans«, versetzte Michelagnolo, »von armer Seele und Fegefeuer? Es ist ein Schelm und listiger Betrüger, und du tatest wohl daran, ihm nicht aufzumachen.« Dennoch verwunderte er sich außerordentlich und konnte nicht begreifen, zu welchem Ende der Mensch dies begonnen habe, und worauf es dabei abgesehen sei; indes ließ er sich nichts weniger dabei einfallen, als daß Meister Manente wieder von den Toten erstanden oder daß er noch am Leben sei, sondern hoffte vielmehr, der Beutelschneider werde nach diesem ersten mißglückten Versuche nicht wieder zum Vorschein kommen. Des andern Morgens hieß Burchiello seinen Freund beizeiten aufstehen, ließ ihm vor allem den Kopf waschen, den Bart nach der Sitte der Zeit scheren und kleidete ihn dann von Kopf bis zu Fuß in eine Kleidung von ihm, die ihm auch so gut saß, als ob sie für ihn gemacht worden wäre. Dann ging er mit ihm aus, um ihn sehen und von den Leuten wiedererkennen zu lassen; sie gingen nach Santa Maria mit der Blume, nach der Verkündigungskirche, auf den Altmarkt, auf den Neumarkt, auf den Platz: alles Volk sah ihn, viele erkannten ihn und redeten ihn sogar an, weil durch den Mund des Biondo und des Amadore die Zeitung, daß er noch lebe und Weib und Eigentum zurückfordere, allgemein verbreitet worden war. Ja, Niccolajo und Michelagnolo hatten ihn gesehen, und es kam ihnen in der Tat vor, er sei es; doch da sie seines Todes gewiß waren, trösteten sie sich wieder, er könne es unmöglich sein. Auf die Nachricht, daß er bei dem Bistum klagbar werden wolle, bereiteten sie sich zur Gegenwehr, gingen zum Pestamte, in die Sakristei von Santa Maria Novella wegen des Totenbuches, zu dem Apotheker, der die Kerzen geliefert, zu den Totengräbern und in die Nachbarschaft umher und ließen sich beurkunden, daß Meister Manente in seinem Hause an der Pest umgekommen und beerdigt worden sei. Dieser Vorfall machte in Florenz das allergrößte Aufsehen, und viele, die den Leichnam hatten in die Gruft versenken sehen, wußten gar nicht mehr, woran sie waren, und sahen die außerordentlichsten Dinge kommen. Meister Manente begab sich nach Tische in Burchiellos Begleitung auf die bischöfliche Residenz und trug dem Vikarius den ganzen Handel vor, in dessen Folge er sein Weib wiedererstattet haben wollte. Der Vikarius, dem die Sache höchst wunderbar vorkam, ließ, um der Sache auf den Grund zu kommen, die Gegenpartei vorbescheiden, und als er dann auch Niccolajos und Michelagnolos Gründe vernommen und so viele gültige Zeugnisse und Aussagen glaubwürdiger Männer hinlänglich erwogen hatte, schwindelte ihm vollends vor Verwirrung. Da nun bei dieser Angelegenheit ein Toter im Spiele war und von keiner der beiden Parteien herausgebracht werden konnte, wer es gewesen und wie er in das Haus des Arztes geraten sei, war er überzeugt, es sei dabei ein Mord vorgefallen, und machte davon im stillen die Anzeige bei dem Rat der Achte, die sogleich ihre Häscher hinsandten. Diese trafen die Parteien noch im Streite an, nahmen sie mit Ausnahme Burchiellos sämtlich in Verhaft und führten sie zu dem Büttel ab. Am nächsten Morgen, sobald die Gerichte versammelt waren, verhörten sie zuerst den Meister Manente, nachdem sie ihn mit der härtesten Folter bedroht hatten, wenn er ihnen nicht die Wahrheit sage. Meister Manente begann daher von vorn und erzählte der Reihe nach bis zum Schlüsse alles, was ihm begegnet war, so daß alle mehr als einmal zum Lachen gebracht wurden. Darauf schickten sie ihn in seine Haft zurück und ließen Niccolajo kommen, der ihnen ganz der Wahrheit gemäß alles, was er wußte, erzählte. Michelagnolo gab das gleiche Zeugnis ab, und zur Bekräftigung ihrer Aussagen brachten beide die Urkunden vor, in voller Überzeugung, daß der Tote der Meister Manente gewesen sei. Als nun die Achte vernahmen, daß ein Spitaldiener dagewesen sei, um den Kranken zu pflegen und das Haus von der Ansteckung zu reinigen, dachten sie vielleicht den Faden zu diesem verwickelten Knäuel durch ihn zu finden und schickten daher wirklich einen Aufwärter in aller Eile nach Santa Maria Novella, um ihn zu holen. Sie hörten aber bald von demselben Gerichtsdiener, der Wärter habe in Händeln einen Kameraden mit einer Schere im Gesicht verwundet, sei aus Furcht vor Strafe davongelaufen, und man habe seitdem nicht wieder erfahren, was aus ihm geworden sei. So waren sie also so klug wie zuvor. Man sieht, wie glücklich die ganze Geschichte angelegt war. Die Achte ließen nunmehr die Parteien in das Gefängnis zurückbringen und befahlen ihren Beamten, die Urkunden genau zu prüfen und auf alle mögliche Weise zu untersuchen, ob Meister Manente die Wahrheit gesagt habe. Diese berichteten nach zwei oder drei Tagen, es haben alle die Wahrheit gesagt, zum äußersten Mißfallen und Erstaunen des Gerichts. Nunmehr begab sich Burchiello, um Meister Manente beizustehen, zu einem der wichtigsten Herren dieser Obrigkeit, der zugleich sein und Manentes großer Freund war, und machte ihm bemerklich, das Ganze sei nichts anderes als ein Anschlag des erlauchten Lorenzo, der es gewiß nur ersonnen habe, um mit dem Arzte seinen Spaß zu treiben, gab ihm auch den Grund und die mutmaßliche Veranlassung dazu an, indem er seine Ansicht so gut unterstützte, daß er ihn zu seiner Meinung bekehrte und sie beide zu dem Schluß kamen, auf keine andere Weise als durch Lorenzo sei in Florenz etwas der Art möglich. Er sprach daher eines Morgens in der Sitzung von dieser Angelegenheit und sagte, es scheine ihm, es wäre gut, darüber an den Erlauchten zu schreiben, der sich damals zu Poggio aufhielt, den ganzen verwickelten und bedenklichen Handel ihm vorzutragen und die Entscheidung seinem Ermessen anheimzustellen. Die übrigen Mitglieder des Rates billigten dieses Gutachten höchlich mit dem Beifügen, daß sie nicht allein dem Erlauchten ein großes Vergnügen dadurch bereiten würden, sondern daß er auch gerade der beste Richter für solcherlei Fälle sei. Es ward also einstimmig dem Kanzler der Auftrag gegeben, einen vollständigen Bericht von dem dermaligen Stande der Seiner Magnifizenz anheimzustellenden Sache abzufassen, und sobald dies geschehen war, am nämlichen Tage noch schickte man das Schreiben an ihn fort. Die Gefangenen wurden vorgeführt und empfingen den Bescheid, bei Strafe des Galgens nicht auf hundert Schritte der Grabengasse nahe zu kommen, noch mit Brigida zu sprechen, bis der Rechtshandel geschlichtet sei, den sie an den Erlauchten verwiesen hätten, der bald in die Stadt zurückkehren werde. Darauf gab man ihnen die Freiheit wieder, und sie gingen ein jeder mit der Hoffnung von dannen, die Entscheidung zu seinen Gunsten ausfallen zu sehen. Ganz Florenz war indessen voll von dieser erstaunlichen Begebenheit, Brigida war aber besonders verstimmt und bekümmert, und sie meinte den Ausgang gar nicht erleben zu können. Meister Manente zog fürs erste zu Burchiello und fing wieder an Kranke zu besuchen, die Goldschmiede aber arbeiteten in ihrer Werkstätte. Als der Erlauchte die Zuschrift der Achte empfing, mußte er so erstaunlich darüber lachen, daß er sich gar nicht zu fassen wußte; denn es kam ihm vor, der ganze Spaß habe eine tausendmal schönere und lustigere Wendung genommen, als man sich nur immer hätte vorausdenken können. Acht bis zehn Tage darauf kehrte er nach Florenz zurück, und noch an demselben Tage ging Meister Manente zu ihm, wurde jedoch nicht vorgelassen; das gleiche war den Goldschmieden begegnet. Am folgenden Tage kam Meister Manente wieder und fand ihn gerade bei Tisch; soeben war das Frühmahl vollendet. Das Herz hüpfte dem Erlauchten vor Freude, als er kam; dennoch gab er äußerlich Erstaunen und Mißtrauen kund. »Meister Manente«, rief er laut, »ich glaubte nicht, dich je wiederzusehen, denn man hatte mir für gewiß berichtet, du seiest tot; und freilich bin ich noch immer nicht vollkommen überzeugt, ob du es selber bist oder ein anderer, oder ob du ein phantastisches Zauberbild vor dir hast.« Der Arzt versicherte ihn, er sei niemals gestorben, sondern immer noch derselbe, der er vormals gewesen, und wollte näher treten, um sich auf die Knie niederzulassen und ihm die Hand zu küssen. Der Erlauchte aber sprach: »Halte dich fern! Es genüge dir für jetzt, daß, wenn du wieder der echte, lebendige Meister Manente bist, du mir willkommen bist, aber wo nicht, keineswegs!« Der Arzt wollte nun anfangen seine Geschichte vorzutragen, Lorenzo aber sagte ihm, es sei dazu gegenwärtig nicht Zeit. »Diesen Abend«, fügte er hinzu, »nach vierundzwanzig Uhr, erwarte ich dich in meinem Gemache, um deine Gründe zu hören.« Zugleich tat er ihm kund, daß auch seine Gegner sich dort einfinden werden. Meister Manente dankte ihm für seine Gnade, zog sich ehrerbietig zurück und ging nach Hause, wo er dem Burchiello den ganzen Vorfall berichtete. Dieser mußte im stillen lachen und dachte: »Ich weiß es ja wohl, daß die Sache an den rechten Mann gekommen ist. Dem Erlauchten glückt alles nach seinem Wunsch, er hat jeden Sonntag Ostern.« Doch konnte er keineswegs voraussehen, welche Wendung die Sache noch nehmen werde. Inzwischen war es Abend geworden, und die Goldschmiede hatten sich erhaltener Weisung zufolge bereits eingestellt und ergingen sich in der Galerie, in Erwartung, gerufen zu werden, als Meister Manente ebenfalls erschien. Seine Ankunft ward sogleich Lorenzo gemeldet, und er begab sich in Gesellschaft mehrerer Bürger und Edeln von Florenz, die allesamt Bekannte und Freunde des Arztes waren, in seinen Saal, wo er zuerst den Niccolajo und dann den Michelagnolo und später beide zusammen vorführen ließ, ihre Auseinandersetzungen anhörte, die Urkunden einsah und sich im höchsten Grade verwundert äußerte. Zuletzt traten sie ab, und es erschien Meister Manente, der von Anfang an in schönster Ordnung ihnen ganz der Wahrheit gemäß erzählte, was ihm begegnet war, ohne etwas ab- oder zuzutun. Darüber waren alle, die es mit dem Erlauchten anhörten, äußerst verwundert und mußten entsetzlich lachen, und sie konnten mit Gelächter und Erstaunen gar nicht zu Ende kommen; sondern nachdem Lorenzo den Meister Manente die Sache mehrmals hatte wiederholen lassen, befahl er die Goldschmiede hereinzurufen, und das gab für eine Weile die allerschönste und ergötzlichste Kurzweil, die er zeit seines Lebens gehabt hatte, denn nun sagten sich die Erhitzten im Ausbruche ihrer Leidenschaft die derbsten Grobheiten. Darüber kam auch der Vikarius herbei, den der Erlauchte hatte rufen lassen, und nachdem ihm alle Anwesenden ihre Ehrfurcht bezeugt hatten, nahm er seinen Platz an der Seite Lorenzos ein, und dieser fuhr also fort: »Mein Herr Vikar, da ich weiß, daß Ihr von den Streitigkeiten, welche diese ehrenwerten Männer miteinander führen bereits durch eigenes Verhör in Kenntnis gesetzt worden seid, so will ich auf nichts anderes als darauf gegen Euch drängen, wie mir als dem von den hochansehnlichen Herren Achten in dieser Sache erwählten Richter zunächst obliegt, zu erforschen, ob der echte Meister Manente jemals gestorben und also dieser hier vor uns stehende nicht etwa ein bezaubertes Trugbild oder gar ein höllisches Wesen ist, welche Entscheidung denn unzweifelhaft von Eurem Amte zu erwarten steht.« »Aufweiche Art und Weise das?« antwortete der Vikar. »Ich werde es Euch eröffnen«, fuhr Lorenzo fort und sagte: »Indem Ihr ihn von einigen frommen Brüdern, welche Teufel austreiben, beschwören lasset, indem man ihm Reliquien gegen die Behexung auflegt.« »Ihr habt wohlgesprochen«, antwortete der Herr Vikar; »gebt mir sechs bis acht Tage Zeit, meine Vorbereitungen zu treffen, und wenn er alsdann den Hammer aushält, so wird man mit Sicherheit annehmen können, daß er lebt und der rechte ist.« Meister Manente gab sich Mühe, zum Worte zu kommen; allein der Erlauchte bekräftigte die Ansichten des Vikars, erklärte, daß er sein Urteil von dem Erfolge der Beschwörung abhängig machen werde, stand auf und entließ die Sitzung, indem er sich mit den ihn begleitenden Edelleuten zum Nachtessen entfernte, wobei über diesen seltsamen Vorfall ungemein viel gelacht und gescherzt wurde. Des andern Tages machte der Vikar, ein guter und frommer Christ und eine ehrliche geistliche Haut, im ganzen Erzbistum bekannt, daß alle Priester und Mönche, welche Reliquien besitzen, die sich zum Austreiben von Teufeln und Beschwörung von Gespenstern eignen, selbige bei Strafe seines Unwillens binnen sechs Tagen nach Florenz in die Kirche Santa Maria Maggiore bringen sollen. Im ganzen Lande sprach man nun von nichts anderem als von dieser Neuigkeit, und den Goldschmieden wie Meister Manente schien es eine Ewigkeit, bis sie aus der Sache loskämen. Lorenzo hatte unterdessen den alten Nepo von Galatrona, einen berühmten Hexenmeister und Zauberer jener Zeit, nach Florenz kommen lassen, unterrichtete ihn von dem, was er zu tun habe, und behielt ihn im Palaste, um sich seiner bei schicklicher Zeit und Gelegenheit zu bedienen. Von Stadt und Land war in Santa Maria Maggiore eine ganz erstaunliche Menge von Reliquien zusammengebracht worden. Am festgesetzten Tage erschien Meister Manente; man erwartete nur noch den Vikar, der auch nach der Vesper, begleitet von vielleicht dreißig der angesehensten Geistlichen von Florenz, erschien, mitten in der Kirche auf dem für ihn zubereiteten Sitze Platz nahm, Meister Manente vortreten und niederknien ließ. Zwei Mönche von San Marco sangen über ihm Evangelien, Psalmen, Hymnen, Gebete, besprengten ihn mit Weihwasser, beräucherten ihn mit Weihrauch. Priester und Mönche ließen ihn ihre Reliquien berühren, aber alles war umsonst: der Arzt veränderte sich nicht im mindesten, sondern bewies vielmehr allen seine Ehrfurcht, dankte Gott und flehte den Vikar um seine Erlösung an. Die Kirche war voll und gedrängt in allen Ecken, denn alle erwarteten Wunderdinge, als ein feister Mönch, von Valombrosa kommend, jung, rüstig und ein erklärter Teufelsbanner, sich vordrängte und rief: »Laßt mich ein wenig schaffen! Ich will euch bald sagen, ob er besessen ist oder nicht!« Er band ihm die Hände fest, hängte ihm nochmals Sankt Philipps Mäntelchen um die Schultern und fing an ihn zu befragen und zu beschwören. Der Arzt antwortete zwar immerfort ganz so, wie sich's gehörte; da indessen bei dieser Beschwörung der Bruder Dinge sagte, welche Steine hätten zum Lachen bringen müssen, so wollte Meister Manentes Unglück, daß er den Mund zu einem halben Lächeln verzog. Da brach urplötzlich der Mönch gegen ihn los: »Jetzt hab' ich ihn!« Er gab ihm zwei Maulschellen aus dem Salz und rief: »Ja, ja, du bist ein Feind Gottes, und du sollst mir auf alle Weise weichen.« Schien auch dem Meister Manente der Spaß hier ein wenig zu weit zu gehen, so sprach er doch seinerseits gefaßt: »Beschwöre du, so viel du willst!« Der dicke Mönch aber stieß ihm unablässig mit der Faust auf die Brust und in die Seiten und schrie fortwährend: »Ei du böser Geist, dir zum Trotze sollst du heraus!« Der Arzt konnte sich bloß mit der Zunge wehren und schrie daher: »Wie, du verräterischer Pfaffe, ist das eine Art, mit ehrlichen Leuten umzugehen? Schämst du dich nicht, du Faulenzer, du Saufaus, meinesgleichen so zu schlagen? Beim Leib des Herrn, ich räche mich noch dafür!« Als der Mönch ihn so lästern hörte, machte er sich erst recht über ihn her, warf ihn zu Boden, setzte ihm die Füße auf den Leib, packte ihn an der Kehle und würde ihn sicherlich erwürgt haben, hätte ihn Meister Manente nicht um Gottes Barmherzigkeit willen gebeten. Darauf ließ denn der Herr Bruder von ihm ab, weil er glaubte, der böse Geist wolle heraus, und fing an, ihn zu fragen: »Welches Zeichen gibst du mir?« Jetzt gab Monaco, der auf Anordnung des Erlauchten mit Nepo in die Kirche gekommen war und sich unter das Volk gemischt hatte, diesem zu verstehen, der rechte Augenblick sei da. Da schrie Nepo plötzlich mit lauter Stimme: »Aus dem Weg, aus dem Weg, ihr ehrlichen Leute, laßt mich hindurch! Ich komme mit dem Vikar zu reden und ihm die Wahrheit zu enthüllen.« Bei diesem Geschrei und solchen Reden richtete jeder seinen Blick auf den Sprechenden: es war eine große Gestalt, schön, schlank, mit olivenfarbiger, fast brauner Hautfarbe, kahlem Kopf, feinem magern Gesicht, braunem und bis auf die Brust herabhängendem Barte, und groben seltsamen Kleidern, so daß alle in Verwunderung gerieten und aus Angst ihm gerne Bahn machten; so drang er bis zum Vikar vor und forderte die Entfernung des Mönches von Meister Manente, der ihn als seinen Erwecker vom Tode betrachtete. Dann fuhr er also fort: Damit nach Gottes Willen die Wahrheit allen kund werde, so wißt, daß Meister Manente allerdings niemals gestorben ist, sondern daß alles, was ihm begegnet ist, durch Zauberei und Teufelskünste auf mein Anstiften geschah. Ich bin Nepo von Galatrona und kann durch meine Teufelskünste alles vollbringen, was mir gefällt und gutdünkt. Ich war es, der ihn, während er in San Martino schlief, von Teufeln in ein Zauberschloß bringen ließ und genau in der Weise, wie ihr von ihm gehört habt, daselbst so lange gefangenhielt, bis ich ihn endlich eines Morgens in der Dämmerung im Walde von Vernia wieder in Freiheit setzte. Ich steckte einen Kobold in eine aus Luft geschaffene, ihm ähnliche Gestalt, ließ ihn darin als Meister Manente scheinbar an der Pest erkranken und am Ende sterben und veranlaßte seine Beerdigung, woraus denn alles übrige entstanden ist, wie ihr wißt. Und dieses alles habe ich vollbracht, um durch solche Verhöhnung an Meister Manente eine Beleidigung zu rächen, die mir dereinst im Kirchsprengel von Sankt Stephan sein Vater antat, dem ich sie selbst nicht wieder vergelten konnte, weil er jederzeit ein Amulett bei sich trug, auf dem das Gebet des heiligen Cyprianus geschrieben stand. Und damit ihr euch von der Wahrhaftigkeit dieser meiner Worte überzeugt, so geht jetzt hin und öffnet die Gruft, worin der vorgebliche Arzt bestattet wurde: Findet ihr darin nicht die offenbarste Bestätigung meiner Aussagen, so mögt ihr mich für einen Lügner und Betrüger halten und mir den Kopf abschlagen!« Der Vikar und alle andern hatten mit gespannter Aufmerksamkeit den Reden des Mannes zugehört. Meister Manente glühte vor Grimm, schaute ihn aber doch ganz ängstlich und wie trunken und schlafbetäubt an, und alles Volk gaffte ihn mit offenem Munde an. Um nun diese Sache völlig aufzuklären und zu sehen, wie es mit dieser verwickelten Geschichte sich verhalte, befahl der Vikar zweien Mönchen von San Marco und zweien vom Heiligen Kreuz, schnell hinzugehen und die geweihte Grabstätte zu untersuchen. Sie setzten sich sogleich in Bewegung, und viele andere Mönche und Priester und Laien in großer Zahl liefen hinter ihnen her. Nepo blieb in der Kirche bei dem Vikar und Meister Manente zurück, welche sich bald vor ihm fürchteten, so daß sie nicht wagten, ihm fest ins Gesicht zu sehen, denn sie befürchteten, wie überhaupt die Mehrzahl der Anwesenden, es sei ein zweiter Simon Magus oder ein neuer Malagigi. Indessen waren die Mönche mit ihrem Gefolge auf dem Kirchhofe von Santa Maria Novella angelangt und hatten den Sakristan herbeigerufen und sich von ihm das Grabmal zeigen lassen, worin man glaubte, daß der Leichnam des Arztes beigesetzt worden sei. Am nämlichen Morgen eine Stunde vor Tag hatte Monaco im Auftrag des Erlauchten eine pechschwarze Taube, die ganz ausgezeichnet rasch flog, von Careggi gebracht. Sie wußte ihren Schlag so gut wiederzufinden, daß sie schon von Arezzo und von Pisa zurückgekommen war. Diese hatte er mit großer Vorsicht, daß er von niemand bemerkt werde, in das Grab verschlossen, das er genau kannte und nachher wieder so gut zumachte, daß es in zehn Jahren nicht geöffnet worden zu sein schien. Der obengenannte Sakristan setzte nun den Haken an, hob die Platte auf und öffnete in Gegenwart vieler hundert Menschen den Deckel. Da schoß nun die Taube, welche man Kohle hieß, nachdem sie mehrere Stunden im Dunkel zugebracht, nichts aufgepickt und das Tageslicht nicht erblickt hatte, in pfeilschnellem Fluge aufwärts aus der Gruft hervor und stieg sichtlich himmelan und so hoch, bis sie Careggi erblickte. Dann wandte sie sich seitwärts in dieser Richtung hin und langte in weniger als einer halben Viertelstunde daselbst an. Alle Umstehenden waren darüber so sehr mit Verwunderung und Schrecken erfüllt, daß sie auf und davon liefen und schrien: »Jesus, erbarme dich!« Der Sakristan fiel aus Angst rücklings zu Boden, und der Stein stülpte über ihn hin, so daß er sich den Schenkel zerquetschte und viele Tage und Wochen krank daran niederlag. Die Mönche und ein großer Teil des Volkes liefen wieder nach Santa Maria Maggiore und riefen: »Ein Wunder, ein Wunder!« Der eine sagte, es sei ein Geist herausgefahren in Form eines Eichhörnchens, es habe aber Flügel gehabt; der andere, es sei eine Schlange gewesen, welche Feuer gespieen; ein dritter wollte, es sei ein Teufel gewesen in Gestalt einer Fledermaus; die meisten aber behaupteten, den Anblick eines Teufelchens gehabt zu haben; ja, einer sagte, er habe ganz genau die Hörnchen und die Gänsefüße wahrgenommen. In Santa Maria Maggiore, wo der Vikar und Meister Manente und eine ungeheure Menge Volks wartete, kam nun fast in vollem Laufe eine Schar Geistliche und Laien an, die alle einstimmig riefen: »Ein Wunder, ein Wunder!« Alles stieß und drängte sich um sie herum, um das Wahre an der Sache zu vernehmen, und so benützte Nepo den entstandenen Tumult, um sich unbemerkt und von Monaco und den Stallknechten gedeckt einen Weg durch das Gedränge bis vor die Kirche zu bahnen, wo ein rascher Gaul seiner wartete, auf dem er, wie ihm befohlen war, eiligst nach Hause zurückritt. Sobald sich der Vikar von den Brüdern den Hergang hatte ausführlich erzählen lassen, blickte er staunend und etwas bestürzt umher, ob er des Nepo nicht ansichtig würde; und als er ihn nicht mehr erblickte, begann er dann zu rufen, man solle ihn suchen und festnehmen, weil er diesen wahrhaftigen Hexenmeister, Zauberer und Teufelsbanner verbrennen zu lassen beabsichtige. Nepo ward indessen nirgends aufgefunden, und man glaubte allgemein, er habe sich durch Zauberkünste unsichtbar gemacht; so daß der Vikar aus diesem Grunde Priester und Mönche insgesamt mit dem Bedeuten entließ, ihre Reliquien wieder nach Hause zu tragen, und in Gesellschaft Meister Manentes nach dem Palaste ging, um den Erlauchten zu sprechen. Burchiello hatte mit einigen vertrauten Freunden aus einiger Entfernung alles mitangesehen und beobachtet und so gelacht, daß ihn die Kinnladen schmerzten, zumals als der dicke Pfaffe den Meister Manente so gewaltig durchprügelte. Die beiden verbündeten Goldarbeiter waren zu ihrem großen Mißbehagen und Erstaunen ebenfalls bei dem ganzen Hergang gegenwärtig gewesen, und als sie den Vikar nach dem Palaste gehen sahen, machten sie sich hinter ihm drein auch dahin auf den Weg, um zu sehen, wie doch aus diesem Labyrinthe hervorzukommen möglich werden möchte. Der Erlauchte hatte von Zeit zu Zeit genau über alles einzelne Bericht erhalten und konnte mit einigen Edelleuten und seinen nächsten Freunden nicht satt werden, zu lachen, als er hörte, der Vikar komme mit ihm zu reden. Dieser trat sogleich mit dem Ausrufe herein, er nehme den Beistand der Häscher in Anspruch, um den Nepo von Galatrona einfangen zu lassen. Lorenzo stellte sich befremdet, ließ sich alles noch einmal erzählen und sprach: »Mein Herr Vikar, ich bitte, schreiten wir nur sacht voran in allem, was den Nepo betrifft! Aber was sagt Ihr zu Meister Manente?« »Ich sage«, antwortete der Vikar, »es unterliegt gar keinem Zweifel mehr, daß er es leibhaftig ist und niemals den Tod geschmeckt hat.« »Nun denn«, sprach der Erlauchte, »so will ich das Urteil fällen, damit diese armen Menschen endlich einmal aus ihrer Bedrängnis erlöst werden.« Er ließ Niccolajo und Michelagnolo, die er in der Menge bemerkt hatte, vor sich führen, vermochte sie in Gegenwart des Vikars und vieler ausgezeichneter und bedeutender Männer, den Meister Manente zu umarmen und zu küssen und Frieden mit ihm zu schließen. Als sie sich nun gegenseitig entschuldigten und den ganzen Handel Nepo in die Schuhe schoben, tat endlich der Erlauchte folgenden Spruch: »Michelangolo solle am folgenden Tage alle Sachen, die er in Meister Manentes Haus gebracht, daraus fortschaffen, Brigida dagegen nur mit vier Hemden, einem Rocke und einem Mieder sich in die Wohnung ihres Bruders begeben und dort ihr Wochenbett abwarten; nach ihrer Niederkunft solle es Michelagnolo überlassen bleiben, ob er das Kind nehmen wolle oder nicht; wolle er es nicht, so könne es der Arzt zu sich nehmen; verschmähe es auch dieser, so möge man es in das Findelhaus geben; die Kosten des Wochenbettes trage Michelangolo; Meister Manente könne in sein Haus zu seinem Söhnlein zurückkehren und müsse Brigida, sobald sie entbunden sei, wieder bei sich aufnehmen und so gut behandeln wie zuvor.« Dieser Urteilsspruch gefiel allgemein, und jeder, dem er zu Ohren kam, pries darob den Erlauchten. Die Goldarbeiter und der Arzt dankten ihm höchlich und gingen wohlgemut von dannen. An demselben Abend speisten sie einträchtiglich miteinander bei Brigida in Gesellschaft Burchiellos, in dessen Hause sodann der Arzt die Nacht zubrachte. Der Herr Vikar war bei dem Erlauchten zurückgeblieben und drang von neuem darauf, den Nepo einzufangen, um ihn verbrennen zu lassen. Lorenzo stellte ihm aber vor, es würde besser sein, sich ruhig zu verhalten, weil, wenn man auch den Versuch mache, es doch vielleicht nicht gelinge bei einem Manne, dem tausend Mittel und Wege zu Gebote stehen, zu entfliehen und seine Verfolger zu narren, indem er sich unsichtbar mache, als Vogel davonfliege, zur Schlange werde und dergleichen, da einmal unser Herrgott jenem Hause von Galatrona diese Gewalt zu einem von Menschen nicht gekannten Zwecke verliehen habe; dann laufe man aber auch die größte Gefahr: denn wenn Nepo die böse Absicht sehe oder bemerke, könnte er sie stumm machen, einem die Augen verdrehen, den Mund schief ziehen, die Glieder lähmen oder sonst ein bösartiges Übel anhängen. Der Vikar, der, wie schon gesagt, von gutherziger, weicher Gemütsart war, fiel auf solche Vorstellungen leicht der Meinung Lorenzos bei, entschuldigte seinen Eifer damit, daß er der Sache nicht so reiflich nachgedacht habe, und erklärte endlich ein für allemal, daß er ferner nicht mehr davon zu reden entschlossen sei. Mit diesem Vorsatze verließ er den Erlauchten nicht ohne starke Besorgnis wegen eines etwaigen bösen Übels, ging nach seiner Wohnung zurück und erwähnte Nepo in seinem ganzen Leben nicht mehr weder im Guten noch im Bösen. Am folgenden Tage nahm Michelangolo aus Meister Manentes Hause alle seine Habseligkeiten weg, und Brigida begab sich in das Haus ihres Bruders, so daß der Arzt sein voriges Besitztum ungehindert antreten konnte und noch am nämlichen Tage wieder mit seinem Söhnchen zusammen wohnte, das ihm ein ganz unerwarteter Fund erschien. In dieser Zeit ward in Florenz von nichts anderem gesprochen als von diesem Ereignis, und vorzüglich Nepo erntete dabei große Ehre und unschätzbaren Ruf, zumal beim gemeinen Volke, und wurde für einen großen Schwarzkünstler gehalten. Meister Manente glaubte steif und fest, daß die Sache sich so verhalte, wie Nepo erzählt hatte, und pflegte in der Folge oft gesprächsweise zu sagen: »Die Birne, die der Vater ißt, verschlägt manchmal noch dem Sohne die Zähne.« Dies wurde von da an zum Sprichwort, das noch jetzt üblich ist. Der ehrliche Mann ließ sich auch in seinem Glauben durch nichts irre machen, obwohl nicht nur Burchiello, sondern auch sogar der Erlauchte, Monaco und die Stallknechte im Verlaufe der Zeit den ganzen Scherz erzählten, wie er sich verhielt. Er war vielmehr so verschüchtert, daß er sich viele Gebete des heiligen Cyprian kaufte, die er beständig auf dem Leibe an sich trug und auch Frau Brigida tragen ließ. Brigida nun gebar, als ihre Zeit erfüllt war, ein Knäblein, das Michelangolo zu sich nahm und bis in sein zehntes Jahr auferzog. Als dem Kinde in diesem Alter der Vater starb, machten es die Seinigen zu einem Mönchlein in Santa Maria Novella, wo es in der Folge sehr gelehrt ward und zu einem großen Prediger erwuchs, den die Leute um seiner scharfsinnigen Einfälle und anmutigen Scherze willen Bruder Grübler nannten. Meister Manente erfreute sich mit seiner Brigida eines steten Zuwachses an Wohlstand und Nachkommenschaft und feierte, solange er lebte, alljährlich das Fest des Sankt Cyprian, dem er immerdar mit besonderer Verehrung zugetan blieb. Giovanni Battista Giraldi 1504 –1573 Ein argloser Ehemann In Rimini, einer Stadt der Mark, die früher von der alten und edlen Familie der Herren Malatesta beherrscht wurde, solange das Schicksal ihrer Tugend und ihrer sehr großen Tapferkeit gewogen war, lebte eine junge Frau namens Vana, die aus ziemlich angesehener Familie stammte und mit einem netten jungen Manne verheiratet war, der sie außerordentlich liebte. Sie sah sehr schön aus und hatte feine Umgangsformen, aber mehr Neigung zur Lüsternheit, als einer anständigen Dame zukam, und war so mannstoll, daß sie nicht mit einem zufrieden war, sondern selbst wenn sie zehn gehabt hätte, wäre sie nicht befriedigt gewesen. Aber die Furcht vor ihrem Mann, der nicht nur sehr schön, sondern auch hochherzig war und auf Ehre hielt wie nur ein Mann seiner Stellung, legte ihrem lüsternen Verlangen Zügel an; denn sie fürchtete, wenn er irgend etwas Unehrbares an ihr wahrnehmen würde, würde er sie die härteste Strafe erleiden lassen. Und obwohl die Furcht sie sich etwas beherrschen ließ, blieb ihr Sinn dennoch der gleiche, und innerlich war sie durchaus gewillt, ihr Verlangen voll zu befriedigen, sooft ihr die Gelegenheit günstig schien. Obwohl sie ihren Mann sehr auf Ehre bedacht sah und sich selbst in Lebensgefahr, sooft er sie als nicht ehrbar erkannt hätte, so hätte sie sich doch am liebsten mit allen Männern, die ihr gefielen, eingelassen, wenn sie eine günstige Gelegenheit dazu gesehen hätte, falls es ohne Gefahr möglich gewesen wäre. Aber indem sie vor den Augen ihres Mannes höchste Keuschheit heuchelte, suchte sie bei ihm den Eindruck zu erwecken, als ob sie in ihn ebenso verliebt wäre wie damals, als sie begonnen hatte, ihn zu lieben. Von der Verstellung der falschen Frau getäuscht, war der junge Mann so zufrieden, wie jemals ein anderer Ehemann, der mit seiner Frau innig verbunden lebte, hatte sein können. Während sie immer den Gedanken hegte, ihr Verlangen zu sättigen, und der junge Mann des festen Glaubens war, daß sie die keuscheste Frau von der Welt sei, geschah es, daß er mit seiner Frau zur Erholung aufs Land ging. Von hier ging der junge Mann oft nach der Stadt und kam dann zu seiner größten Freude immer wieder zu seiner Frau aufs Land zurück. Nun lag gerade das Korn auf der Tenne, um enthülst zu werden; geschnitten hatte es der Pächter des jungen Mannes, und er hatte sich auch die Mühe gemacht, das Korn auszubreiten, damit der Wind die Spreu davontrage, so daß das Korn gereinigt zurückbliebe. Es war im Monat Juli, in dem die Sonne ihre Strahlen so glühend aussendet, die für viele Menschen tödlich sind. Der Pächter nun, sowohl wegen der beständigen schweren Arbeit als auch wegen der glühenden Hitze, fühlte sich schlaff und streckte sich, so barfuß und im Hemd, wie er war, unter dem Schatten einer Eiche aus, um sich auszuruhen, seine matten Glieder zu stärken und, nachdem er sich erholt habe, wieder mit neuen Kräften zu der verlassenen Arbeit zurückzukehren und sie fertigzumachen. Während er sich so ausruhte, schlief er unter der Eiche ein. Ein sanftes Lüftchen wehte und streifte ihm das Hemd über den Kopf. Infolgedessen, da er des Weines voll war und von Natur einen kräftigen Gliederbau besaß, zeigte er jenen Teil, den die Frauen nach ihrem Vorgeben bei den Männern mit großer Scham nackt sehen, so aufgerichtet und angeschwollen, daß es ein Wunder anzuschauen war, so sehr übertraf er die der anderen Männer. Die lüsterne Frau erblickte ihn, und da er ihr – verglichen mit dem ihres Mannes – wunderbar zu sein schien, konnte sie nicht ihre Augen von seinem Anblick abwenden. Jedoch fürchtete sie, ihr Mann könnte plötzlich hinzukommen oder jemand anders, der ihm berichten würde, mit welch gierigen Augen sie einen Gegenstand betrachtete, von dessen Anblick eine anständige Frau sich mit Entsetzen abgewendet hätte; daher entfernte sie sich. Aber es machte solchen Eindruck auf ihren Geist, daß sie brünstig danach begehrte, es auf irgendeine Weise ausprobieren zu können; und von diesem Tage an begann sie, dem Pächter verschiedentlich schönzutun. Wenn auch diese Zärtlichkeiten alle auf einen unehrbaren Endzweck gerichtet waren, so stellte sie sich so an, als ob sie sie ihm bezeige, weil er mit großem Eifer um den guten Zustand des Hauses sich bemühte, es gut hütete und das Korn reinigte. Aber in ihrem Innern hielt sie die Frau des Pächters für glücklich, weil ihr ein solcher Mann beschieden sei. Das Korn wurde von der Tenne geholt, und der Mann brachte es nach der Stadt; und nachdem er seiner Frau das Haus empfohlen hatte, sagte er, er würde in dieser Nacht nicht nach Hause kommen wegen einiger Geschäfte, die er in der Stadt zu erledigen habe. An diesem selben Tage hatte die Frau des Pächters gehört, daß eine Schwester von ihr, die in einem anderen, vielleicht zehn Meilen entfernten Ort wohnte, niedergekommen war, und mit Erlaubnis ihres Mannes ging sie dahin, so daß der Pächter und die gnädige Frau allein zurückblieben. Das war diesem schamlosen Weibe sehr angenehm; denn sie glaubte, es sei die Zeit gekommen, wo sie, wie sie gewünscht hatte, ausprobieren könnte, ob der Pächter mit einem besseren Horn stoße als ihr Mann. Als nun der Abend gekommen war, rief sie ihn, da einige Tischchen im Hause zerbrochen waren, und ließ ihn ihnen Füße aus Nußbaumholz machen, was er mit seiner Axt, die er bei sich hatte, besorgte, und er hobelte sie schön glatt und setzte sie wieder instand. Dann ließ sie ihn für ein paar Hühner, die sie im Hause hielt, einen Sack groben Kornes bringen, den er ausschüttete, worauf er den Sack in eine Kiste legte, die in der Kammer neben ihrem Bette stand. Dann beschäftigte sie ihn mit anderen Dienstleistungen im Hause und ließ ihn Holz hacken, um das Abendessen kochen zu können; und während er das tat, begann die Frau mit ihm zu scherzen und durch verschiedene Redensarten sein Verlangen zu erregen. Der Pächter, der ein bäuerischer Mensch war, wäre nie auf den Gedanken gekommen und hätte es niemals geglaubt, daß seine Herrin Verlangen nach ihm bekommen hätte, wie sie leider hatte, so daß sie ihn neckte; als er aber sah, daß sie ihn immer weiter in Versuchung führte, fing auch er an, mit ihr zu scherzen. Wie sie nun von Verlangen nach dem Bauern glühte und er spürte, daß das wach wurde, was zuerst geschlafen hatte, sagte er zu ihr: »Gnädige Frau, gnädige Frau, wenn Ihr nicht die wäret, die Ihr seid, würde ich Euch schon sehen lassen, wohin die Neckereien führen, die Ihr mir angetan habt, und die Ihr mir immer noch antut.« »Und was würdest du tun?« fragte sie; »möchtest du vielleicht deine Hand an die Axt legen, die du da hinten hast?« »Ich würde meine Hand an etwas anderes legen«, antwortete er, »und Euch unversehens zeigen, was jetzt aufrecht steht, während es herunterhing, bevor Ihr mich so in Versuchung geführt habt, wie Ihr getan habt.« »Was meinst du damit?« fragte sie lachend, »laß es mich besser verstehen!« »Ich kann mich nicht deutlich voll verständlich machen«, erwiderte er, »wenn ich es nicht ausprobieren könnte.« »Was möchtest du ausprobieren?« fragte sie. »Jetzt reizt mich aber nicht mehr«, erwiderte der Bauer, »sonst ließet Ihr mich eine Dummheit sagen oder gar tun, und ich würde Euch beweisen, was es bedeutet, daß eine Frau, die so schön ist wie Ihr, einen Mann reizt, wenn seine Frau nicht im Hause ist, um der Leidenschaft, die er durch den Stachel des Fleisches empfindet, freien Lauf lassen zu können.« Die Frau konnte nun keinen Aufschub mehr vertragen und sprach zu ihm: »Ich will, mein lieber Pächter, daß die Neckerei, die ich mit dir angestellt habe, auf ein Vergnügen hinausläuft, da ich ja sehe, daß du ein so guter Gefährte bist. So wie du allein bist, so bin ich auch allein; und wie du heute ohne Frau bist, so bin auch ich ohne Mann; und ich schwöre dir, unser gemeinsames Scherzen hat in mir dasselbe Verlangen erweckt, das es in dir erweckt hat; und wenn mein Mann hier wäre, würde ich ihm das gleiche zu tun geben, was du mit deiner Frau tun würdest.« Der Bauer wartete nicht, bis die Frau ihre Rede beendete, sondern begann bei ihren Worten zu erglühen: »Und wissen wir nicht«, sagte er, »ob Gott uns nicht hier heute abend so allein gelassen hat, damit wir uns zusammenfinden?« »Das glaube ich auch«, erwiderte sie, »und wenn ich nicht fürchtete, du liefest herum und rühmtest dich, mit mir zusammengewesen zu sein, woraus mir Schaden und Schmach erwüchse, so könnten wir so heimlich zusammensein, daß kein Mensch jemals etwas davon erführe.« »Ich schwöre Euch«, sagte der Pächter, »daß ich mir eher die Zunge ausreißen würde, als jemals ein Wort darüber zu verraten. Denkt Ihr denn, gnädige Frau, daß ich, wenn Ihr mich auch Euren Bauern nennt, so sehr Bauer bin, daß ich für die Freundlichkeit, die Ihr mir erweist, die Veranlassung sein wollte, daß Euch Schaden oder Leid oder Schande widerfahre? Das würde ich niemals tun.« Worauf sie fragte: »Würdest du mir das versprechen?« »Aber ja«, antwortete er, »und ich schwöre Euch, darüber so unverbrüchlich zu schweigen, wie wenn ich stumm geboren wäre.« Und wie er das sagte, nahm er mit seiner schwarzen groben Hand die weiße weiche Hand der Dame, drückte sie fest und sprach weiter: »So sei es, gnädige Frau, unfehlbar, wie ich Euch gesagt habe.« Darauf sagte sie: »Ich will nicht, daß du mir dein Versprechen umsonst gegeben hast«, legte ihm die Arme um den Hals, gab ihm einen warmen Kuß und streckte eine Hand nach dem Teil aus, der ihr neulich so sehr gefallen hatte, und da sie ihn ebenso wacker und stark fand, wie sie es sich gedacht hatte, glaubte sie es nicht schlecht getroffen zu haben; und da sie Aufschub nicht länger vertragen konnte, zumal die Türen schon geschlossen waren und der Bauer auch mit der Hand spielte, warf sich die Frau auf eine Bank und ergab sich dem Vergnügen mit ihm, was ihr solche Freude machte, daß ihr fast die Sinne schwanden. Da es schon spät war, setzten sie sich dann zum Abendessen, und dann gingen sie ins Bett, wo sie den Kampf von neuem begannen, und dreimal kam es zum Sturm. Beide waren nunmehr müde und schickten sich an zu schlafen, um sich für einen neuen Kampf zu stärken. Sobald der Pächter sich von der Frau losgemacht hatte, schlief er ein. Da kam, als Mitternacht schon vorüber war, der Herr an. Die Frau, der das Herz zitterte, und die deswegen noch nicht schlief, hörte im Hof das Getrappel des Pferdes, stieß den Bauern, der neben ihr lag und in tiefen Schlaf versunken war, kräftig an und sagte: »Hörst du das Getrappel des Pferdes? Ich glaube, daß es mein Mann ist, der aus der Stadt zurückgekehrt ist.« Kaum hatte sie diese Worte beendet, als der Mann an die Tür klopfte und sagte: »Mach auf!« Da sagte die Frau ganz voll Furcht zu dem Bauern, der noch ganz schlaftrunken war: »Was sollen wir machen? Gelegenheit zum Hinausgehen ist nur durch die Tür, durch die mein Mann hereinkommen muß. Und wenn er beim Hereinkommen dich hier findet, wird er dich und mich zugleich töten, und ich werde nicht nur tot sein, sondern auch mit Schande bedeckt.« Der Bauer, der kräftig und mutig war, erwiderte: »Mich wird er nicht totschlagen, und auch Euch nicht, wenn Ihr mit mir zusammen fliehen möchtet. Hier ist die Axt, die ich zum Holzspalten benutzte: wenn sie mir ihren Dienst nicht versagt, werde ich mich und Euch wohlbehalten aus der Gefahr ziehen.« »O weh«, meinte Vana, »wenn ich mit dir mitginge, würde ich doch die am meisten mit Schande bedeckte Frau sein, die jemals in der Welt geboren wurde.« Während sie in dieser Angst schwebte, klopfte der Mann von neuem, und da sie sich nicht anders helfen konnte, um der Gefahr zu entgehen, sagte sie mit einem Blick auf die Kiste neben dem Bett, wohinein der Bauer das Korn für die Hühner geschüttet hatte: »Steig da hinein, damit er dich nicht sieht! Gott wird uns schon weiterhelfen, und ich werde versuchen, meinen Mann aus der Stube fortzubringen, so daß du in aller Bequemlichkeit weggehen kannst.« Mit diesen Worten ließ sie den gemeinen Ehebrecher sich verstecken. Dann ging sie im Hemd, wie sie war, und sich ganz schlaftrunken zeigend, ihrem Mann aufzumachen, und sagte zu ihm: »Ich war so tief in Schlaf versunken, daß ich Euch kaum gehört habe. Aber was ist denn der Grund Eurer Heimkehr zu dieser Stunde, wo Ihr doch Gefahr liefet, daß Euch ein Mißgeschick begegnete? Unverhofft kommt oft, und wenn Ihr mit Euren Geschäften nicht zur rechten Zeit habt fertig werden können, so hättet Ihr doch Eure Absicht, hierher aufs Land zurückzukehren, bis zum Tage verschieben können. Seht Euch ja vor, ich bitte Euch darum, Euch zu solcher Stunde auf den Weg zu machen, damit ich mich nicht Euretwegen zu ängstigen brauche! Um die Wahrheit zu sagen, ich erwartete Euch heute nacht nicht mehr und war schlafen gegangen, und es ist nur gut, daß ich aufgewacht bin, sobald Ihr an die Tür geklopft habt! Aber da Ihr nun gesund angekommen seid, so seid willkommen!« Der Mann wurde von den Worten seiner Frau sehr gerührt und sagte, es wäre ja nicht seine Gewohnheit, wie sie wohl wisse, nachts zu reiten; aber als er in der Stadt zeitig mit seinen Geschäften fertig geworden sei und gar nicht daran gedacht hätte, auf sein Landgut zurückzukehren, sei er von einem seiner Freunde vom Lande, der einen Streit mit einem seiner Brüder hatte, zum Mitkommen aufgefordert worden, um diese Zwistigkeiten beizulegen, und er sei gern mitgegangen, damit zwischen den beiden kein Unglück geschähe; nachdem die beiden sich wieder vertragen hätten, sei er nach der Stadt zurückgekehrt, habe aber die Tore geschlossen gefunden, und infolgedessen sei er darauf, früher als er es gedacht hatte, aufs Land zurückgekehrt. Innerlich verwünschte die Frau, ohne ein Wort zu sagen, tausendmal den, der ihn aus der Stadt herausgeführt hatte. Der Mann fügte hinzu, er habe noch kein Abendbrot gegessen, und bat sie, ihm das Abendessen zurechtzumachen. Die Frau deckte den Tisch, wobei ihr Herz zitterte; und indem sie dabei bald dies, bald jenes tat, suchte sie mit allem Eifer ihren Mann zu veranlassen, aus der Stube herauszugehen, um dem Bauern Gelegenheit zu geben, sich zu entfernen und sich in irgendeinem Winkel zu verstecken. Als sie schließlich sah, daß nichts half, kam sie auf den Gedanken, das Pferd, auf dem er gekommen war, könnte ihn zum Hinausgehen veranlassen, und sagte: »Wollt Ihr denn, lieber Mann, Euer Pferd so stehen lassen? Da es erhitzt ist, könnte es sich erkälten, wenn Ihr nicht Vorsorge dagegen trefft. Da Ihr ja Euren Diener in der Stadt gelassen habt, wäre es doch gut, wenn wir dafür sorgten, daß es nicht krank wird.« Darauf antwortete der Mann: »Deine Mahnung ist gut; nimm daher das Licht und komm mit mir mit!« Die Frau war nicht langsam, da sie sah, daß ihr Hinweis solch gute Wirkung gehabt hatte, und dachte sich, während sie beide damit beschäftigt waren, das Pferd zu besorgen, sollte der Bauer hinausgehen, und sie würde dann in Sicherheit sein. Aber der Schlingel, müde von der Arbeit des Tages und der der Nacht, war, während die Frau mit der Bedienung des Mannes beschäftigt war, in so tiefen Schlaf gesunken, daß er nicht hörte, was geschah, und in seiner Kiste lag, wie wenn er auf dem bequemsten Bett gelegen wäre. Der Mann und die Frau waren nicht viel weniger als eine Stunde mit dem Pferd beschäftigt, und die Frau war überzeugt, daß der Bauer in seine Kammer gegangen sei; darüber war sie sehr zufrieden, da sie nun fern von jeder Gefahr zu sein schien, und kehrte sehr vergnügt mit ihrem Mann in die Stube zurück, richtete ein reichliches Mahl an und aß noch einmal mit ihm. Dann löschten sie die Lichter aus und gingen zusammen schlafen. Aber sie waren noch nicht lange im Bett, als der Bauer im Schlaf mit solchem Geräusch zu schnarchen anfing, daß es in einer Entfernung von einer Meile hätte gehört werden können, erst recht natürlich von denen, die im Bette lagen. Als der Mann es gehört hatte, fragte er seine Frau: »Hörst du dieses Geräusch? Was ist das?« »Es muß der Hund des Pächters sein«, erwiderte sie, und sie glaubte auch wirklich, daß er es sei, weil sie ja der Meinung war, der Bauer wäre fortgegangen. Aber wie der Mann das Geräusch immer weiter hörte, meinte er: »Das hört sich doch anders an als wie von Hunden.« Bei diesem Wort schien der Frau ein sehr scharfer Messerstich durch ihr Herz zu gehen, und sie erkannte nun, daß es der Bauer war. »O verflucht seist du«, sprach sie bei sich selbst, »mit deinem ganzen Hause!«; und es fehlte nicht viel, so wäre das arme Weib vor Angst, die sie erbeben ließ, in Ohnmacht gefallen. Der Mann faßte sich ein Herz, erhob die Stimme und fragte: »Wer ist da? Hörst du nicht? Wer bist du?« Bei diesem Anruf wachte der Bauer auf, und wie er sich ganz schlaftrunken in der Kiste fand, sagte er gähnend: »Ich bin es, mein Herr; was wollt Ihr von mir?« Als die Frau sah, daß es so weit gekommen war, faßte sie plötzlich einen Entschluß zu ihrer Rettung: »Und was tust du hier«, fragte sie, »du Schuft? Und zu welchem Zweck bist du hierhergekommen?« Worauf sie sich rasch an ihren Mann wandte und zu ihm sagte: »Lieber Mann, dieser Verbrecher wußte, daß Ihr nicht hier waret, und hat sich hier versteckt, um mich zu ermorden und dann mitzunehmen, was wir Wertvolles besitzen. Aber ich danke Gott, der Euch hat so zur rechten Zeit heimkehren lassen, daß Ihr seine böse Absicht verhindert habt. Ihr solltet ihm die Züchtigung verabfolgen, die er verdient: ergreift Euer Schwert, und ich werde diese Lanze nehmen, die Ihr dort am Bett stehen habt, und wir wollen diesen Bösewicht töten.« Es war dunkel, und in der Stube sah man kein Licht. Wie der Bauer, der ein Feigling war, hörte, daß die Frau ihren Mann anstachelte, ihm den Tod zu geben, war er ganz verdutzt und verlor zusammen mit seiner Dreistigkeit seine Stimme, als er hörte, daß der Mann und die Frau mit lauter Stimme riefen: »Du Verräter, ich werde es dir heimzahlen, wie du es verdienst!« Sie suchten mit den Waffen in verschiedenen Teilen der Stube, und besonders unter dem Bett, wohin die Frau ihren Mann geführt hatte, wobei sie so tat, als ob er darunter versteckt wäre; dabei stellte sie sich an die Ecke, wo die Kiste stand, und ihr Mann an die andere Ecke, – all das nur, damit er nicht zu dicht in die Nähe des Bauern käme. Dem Bauern war es tausendmal auf die Lippen gekommen, zu sagen, daß die Frau ihn sich hier habe verstecken lassen; aber weil er Angst hatte, sterben zu müssen, schwieg er. Wie er nun merkte, daß beide um das Bett herum beschäftigt waren, sah er sich eine günstige Gelegenheit geboten, entfliehen zu können; und da er im Haus gut Bescheid wußte, kletterte er aus der Kiste heraus, gab dabei aber der Vana einen solchen Stoß, daß sie ihrer ganzen Länge nach auf die Erde fiel. Da schrie sie: »O weh, lieber Mann, dieser Schurke hat mich geschlagen, und ich bin halbtot!« Der Mann lief zu seiner Frau, während der Bauer die Tür aufmachte und entfloh. Als der Mann die Tür öffnen hörte, lief er ihm nach, mit einem Messer in der Hand, um ihn zu töten, und verfolgte ihn bis in den Hof, fand ihn aber nicht, weil der Bauer gut laufen konnte und sich im Dunkel der Nacht in Sicherheit brachte, und er kehrte ins Haus zurück. Inzwischen hatte die Frau, die merkte, daß sie gerettet war, die Axt, die der Bauer am Abend, als er sich auszog, an das Fußende des Bettes gestellt hatte, in die Kiste geworfen, war dann an die Tür gegangen und schrie: »Schneidet diesen Schurken, diesen Halunken in Stücke! Gott soll mich bewahren, aber er verdient den Galgen, an den Ihr ihn bringen müßt, wenn Ihr ihn nicht einholt!« Ganz bekümmert kam der Mann ins Haus zurück und fragte die Frau, ob sie verletzt wäre; und als sie es verneinte, fuhr er fort: »Dann ist es nicht so schlimm, wenn du nur gesund bist. Aber was denkst du, liebe Frau, von diesem Schuft?« »Was ich von ihm denke?« erwiderte sie, »alles Schlechte, was man von einem solchen Verbrecher nur denken kann. Die Männer dürften ihre Frauen in einsam gelegenen Gegenden auf dem Lande nicht allein lassen; wenn das solche Schufte wissen, fassen sie Mut, da wir Frauen ja von Natur furchtsam und schwach sind, und trachten uns nach dem Leben. Was würde aus mir geworden sein, oder vielmehr, besser gesagt, was würde aus uns beiden geworden sein, wenn das Schnarchen dieses hinterlistigen Schurken uns nicht auf ihn aufmerksam gemacht hätte? Ich bin fest überzeugt, wenn wir zu unserem Unglück eingeschlafen wären, hätte er uns beide getötet. Aber der Herrgott, der die Unschuldigen beschützt, hat uns hier helfen wollen, da er selbst zu unserer Rettung sich verraten hat.« Ihr Mann glaubte, daß die Sache sich genau so verhielt (und wer hätte es nicht geglaubt?), und fragte: »Wo konnte er bloß versteckt sein?« »Ich weiß es nicht«, gab sie zur Antwort, »wir wollen Licht anzünden und sehen, ob wir vielleicht die Stelle finden können, wo er sich verborgen hatte.« Bei diesen Worten machten sie Licht und erblickten die Kiste offen; da rief die Frau sofort: »Hier steckte dieser Halunke, lieber Mann! Seht doch, was für ein ruchloser Mensch!« Dann guckte sie hinein und fand die Axt, die sie hineingeworfen hatte, nahm sie in die Hand und sagte: »Ich Unglückliche! Seht Ihr, daß dieser hinterlistige Schurke den Plan gefaßt hatte, mich aus der Welt zu räumen?« Und als sie danach auch noch den Sack darin fand, fuhr sie fort: »Seht, ob er die Absicht hatte, all unser Hab und Gut wegzunehmen? Ich will«, fuhr sie fort, »daß Ihr morgen bei Tagesanbruch mit diesen Indizien zum Podestà geht, damit er die Strafe bekommt, die er verdient!« Als er versprochen hatte, dies zu tun, schlössen sie die Türen und gingen schlafen; und am Morgen standen sie frühzeitig auf, und der Mann ging nach Rimini zum Podestà und reichte seine Klage ein. Der Bauer, der sich im Gebüsch hinter dem Hause versteckt hatte, hatte alles, was sie miteinander sprachen, vollständig mit angehört, und als am Morgen der Mann weggegangen war, ging er sogleich in größter Heimlichkeit zu der Frau und beklagte sich bei ihr, daß sie ihn in solche Gefahr gebracht habe. Sie antwortete: »Du hast wahrhaftig verdient, in Stücke geschnitten zu werden. Was wäre das für ein Mensch gewesen, der in ähnlicher Lage eingeschlafen und nicht entflohen wäre, obwohl ich dir doch so günstige Gelegenheit dazu gegeben hatte? Aber danke Gott und dem Einfall, der mir in so großer Not gekommen ist, und daß ich meinen Mann nicht zu der Kiste geführt habe, damit er dich dumme Schlafmütze umbrächte. Denn es war sehr gefährlich, dabei zu schlafen. Aber die Sache ist bis jetzt recht gut abgelaufen. Du mußt aber, in deinem und meinem Interesse, von hier fortziehen; und damit du zufrieden und ohne Schaden fortziehen kannst, nimm hier diese Goldgulden und geh nach der Lunigiana, wo du herstammst!« Als der Bauer sah, daß man ihm so viel Geld gab, war er sehr zufrieden, kehrte noch einmal zurück, um mit der Frau das Liebesspiel zu treiben und sich von ihr zu verabschieden; dann ging er seines Weges. Der Mann, der ihn als einen Verbrecher hatte verbannen lassen, lebte weiter mit seiner Frau, die er für nicht weniger ehrbar hielt, als er sie früher gehalten hatte, bevor sie mit einem so gemeinen Ehebrecher sich einließ. Giovanni Battista Giraldi Glück im Unglück In Venedig lebte vorzeiten ein tapferer und mutvoller Mann, namens Pisti, der durchaus nicht leiden mochte, daß man ihn oder etwa gar seine Ehre beleidigte. Derselbe hatte ein junges Weib, das Eugenia hieß, und das er ebenso über alles liebte, wie es ihm getreu und ergeben war. In diese verliebte sich ein überaus reicher Kaufmann aus Rimini, der mit großen Geschenken ihre Gunst zu gewinnen suchte. Sie benahm ihm ihrerseits zwar alle und jede Hoffnung auf einen guten Erfolg; aber er ließ sich desungeachtet nicht von seinem Unternehmen abschrecken und machte also die junge Frau sehr traurig, die nicht anders glaubte, als er müsse ihre Ehre dadurch benachteiligen. Ihr Gatte nahm wahr, daß die zuvor so Heitere und Vergnügte sich besonders in seiner Gegenwart niedergeschlagen zeigte, und verlangte den Grund ihres Trübsinns zu erfahren. Sie kannte aber die Stärke seiner Leidenschaft zu ihr gut genug, um zu wissen, er werde nicht dulden, daß einanderer einen unrechten Blick zu ihr zu erheben, geschweige denn gar sie zu lieben wage, und hatte nicht den Mut, ihm die Wahrheit einzugestehen, weil sie fürchtete, es könne daraus irgendein Unheil erwachsen, sondern gab ihm vielmehr, um ihn zu beruhigen, andere, erdichtete Gründe ihrer Verstimmung an. Mit diesen Gründen begnügte sich indessen Pisti nicht. Er sah recht wohl ein, daß es leere Ausflüchte waren, und nachdem er sie also noch einige Male liebevoll gebeten, offener gegen ihn zu sein, wandte er sich am Ende, da er fand, daß alles vergeblich blieb, mit gestrenger Miene zu ihr und sagte: »Entweder du gestehst mir nun freiwillig ein, was es mit deinem Trübsinne für eine Bewandtnis hat, oder du wirst mich zwingen, andere Mittel anzuwenden, um das Wahre an der Sache von dir zu erfahren.« Eugenia sah den Zorn ihres Gatten vor Augen. Und da sie nicht Lust hatte, seine weiteren Maßregeln abzuwarten, so erwiderte sie: »Wenn ich dir bisher auf deine Fragen nicht geradeheraus antwortete, so hatte ich meinen guten Grund dazu. Da du denn aber einmal keine weitere Rücksicht nehmen willst, so mag ich nicht zugeben, daß eines andern Schuld mir unverdienterweise deinen Zorn zuziehe, und bitte dich nur, um deiner Liebe zu mir willen, dich genugsam zu mäßigen, uns infolge meiner jetzigen Mitteilung nicht Unglück und Verdruß zu bereiten.« Nach diesen Worten erzählte sie ihrem Gatten, wie lästig ihr der Kaufmann schon seit langer Zeit mit seinen Bewerbungen gefallen sei, und wie lästig er ihr noch falle, obwohl sie ihn entschieden abgewiesen habe, und fügte hinzu, sie sei eben deshalb zwiefach betrübt, erstens, weil sie sehe, daß er durch seine Nachstellungen wohl gar ihren guten Ruf gefährde, und zweitens, weil sie sich vor denselben allerdings nicht anders mehr zu schützen wisse, als indem sie ihm, als ihrem Gatten, sich anvertraue, von dessen Jähzorn sie doch wieder alles zu befürchten habe. Pisti hatte Eugenia ruhig angehört und sagte: »Ich bin mir deiner Liebe und Treue wohl bewußt, und du brauchst um der Torheit jenes Mannes willen nicht betrübt zu sein; laß ihn nur anfangen und sich abmühen, was und wie er will, – du bist und bleibst mir so teuer wie zuvor.« Darauf ging er zwar ohne allen Anschein von Zorn von seiner Frau hinweg; nichtsdestoweniger aber sah sie, die die Gemütsart ihres Mannes kannte, unter Angst und Bangen kommen, was da wirklich kam. Pisti nämlich sagte zu dem Rimineser, den er auf dem Rialto traf, er möge davon abstehen, seine Gattin zu belästigen, sonst werde er ihn lehren, daß man der ehrbaren Frau eines anderen nichts Unehrbares ungestraft zumute. Der Riminese, der der Meinung war, um seiner großen Reichtümer willen müsse ihn jedermann fürchten und scheuen, erwiderte: es stehe ihm frei, zu tun, was er wolle; Pisti habe ihm keine Gesetze vorzuschreiben und dürfe nicht glauben, daß seine Frau etwas Besseres sei als andere; denn wenn Eugenia sonst ihm ihre Gunst zuwenden wolle, müsse er sich in Geduld darein fügen mit dem Bedenken, daß er weder der erste noch der letzte Hahnrei auf Erden sei. Solcherlei Reden war Pisti außerstande zu ertragen, und er sagte, außer sich vor Zorn: »Ebensowenig sollst du fernerhin mein Weib beleidigen, als ich mir von dir Hörner aufsetzen zu lassen gesonnen bin!« –, indem er zu gleicher Zeit Hand an sein Messer legte und den Kaufmann mit zwei Stichen tötete. Kaum sah er denselben aber vor sich am Boden liegen, als er sich auch auf die Beine machte und Straße auf und ab so lange von Ort zu Ort rannte, bis er unerkannt an einen vom Rialto entfernten Kanal gelangte. Daselbst bestieg er eine der kleinen Barken, die Gondeln genannt werden, ließ sich nach Lizzafusina fahren und begab sich von dannen, sobald es ihm möglich wurde, über Rovigo nach Ferrara, ohne daß er weder seiner Frau noch seinen Kindern vorher hätte Lebewohl sagen können. Als Eugenia von dem Geschehenen Kunde erhielt, fühlte sie sich das betrübteste Weib auf Erden; die Herren von Venedig aber, die nicht nur verlangen, daß in ihrer Stadt allerwärts Ordnung und Sicherheit herrsche, sondern auch deren Aufrechterhaltung vornehmlich an den öffentlichen Orten in Obacht nehmen, wo die venezianischen Edelleute ihre Geschäfte treiben, wurden durch diesen schlimmen Fall höchlich aufgebracht, zogen Hab und Gut des Mörders ein und sprachen, damit noch nicht zufrieden, zum abschreckenden Beispiele für andere, ihren Gesetzen gemäß den Bann gegen ihn aus, in dessen Folge sie denn auch einen Preis von zweitausend Dukaten für den, der ihn lebend in ihre Gewalt liefere, und einen von tausend Dukaten für den Überbringer seines Kopfes aussetzten. Dem Ehrenmanne selbst fiel diese schwere Ahndung seiner Tat höchst schmerzhaft, und zwar betrübte er sich weniger über die Einbuße seines Vermögens und über die seinem Leben so gefährliche Verbannung aus seiner Vaterstadt, als über die Trennung von seinem geliebten Weibe und von seinen Kindern, die das Licht seiner Augen waren. Er hätte zwar gern sie allesamt an seinen Aufenthaltsort kommen lassen; die Herren von Venedig vereitelten ihm aber auch diesen Trost, indem sie seinem Weib eine Grenze steckten, über die hinaus sie sich bei schwerer Strafe nicht von Venedig entfernen durfte. Von seiner Heimat also geschieden und ohne anderweitige Mittel zu seinem Lebensunterhalte als das wenige, was er im Solde des Herzogs von Ferrara mit dem Waffenhandwerk verdiente, war er außerstande, auch nur einen Heller zur Unterstützung seiner Frau nach Hause zu senden. Diese geriet hiernach mit ihren beiden Kindern von zehn und vierzehn Jahren bald in die äußerste Not und empfand ihre Armut um so übler, als ihr Mann sie bisher ein sehr behagliches Leben hatte führen lassen. Ja, es kam auf die Länge der Zeit so weit mit ihr, daß die Kinder, der notwendigsten täglichen Bedürfnisse ermangelnd, sie mit Tränen und Klagen fast umbrachten, und daß sie, von Tag zu Tag mit drückenderer Armut kämpfend, endlich an ihren Gatten schrieb: sie wisse nun gar nicht mehr, was sie in ihrer Not vornehmen solle, wenn von ihm nicht bald Hilfe für die Kinder ankomme; denn was sie selbst betreffe, wolle sie gern jedes Ungemach ertragen; doch müsse sie ernstlich für die Keuschheit ihrer Tochter fürchten, die er in mannbarem Alter verlassen habe, weil eine Menge Edelleute sie mit Versprechungen und Anerbietungen zu verführen trachte und es in so bitterem Mangel eine äußerst schwierige Aufgabe für eine Mutter sei, ohne den Schirm des väterlichen Ansehens eine Tochter zu hüten. Diese Worte gingen dem armen Manne wie ebenso viele Stiche durch das Herz, und da er neben seinen anderen vielen Sorgen sich nun auch noch die um die Ehre seiner Tochter aufgebürdet sah, so schrieb er an seine Gattin zurück, wie schwer ihm selber seine erzwungene Trennung von ihr und seinen teuren Kindern zu ertragen falle, ermahnte und beschwor sie aber zugleich auf das eindringlichste, die Keuschheit ihrer Tochter ebenso heilig zu bewahren wie ihre eigene, damit die Ehre seines Hauses unbefleckt und rein erhalten würde, und weil sie ja wohl wisse, daß man in der Welt zu sagen pflege, ebenso, wie die Tochter werde, sei die Mutter gewesen. Zum Schlüsse dieses Briefes fügte er den Trost hinzu, sie solle nur auf Gott hoffen und vertrauen, daß er sie und ihre Kinder nicht verlassen, sondern in seiner Gnade sie noch zufrieden und glücklich machen werde. Er selbst, versicherte er ihr, wolle alles aufbieten, ihr das Leben zu erleichtern und ihr zu beweisen, daß er ihr und ihrer Kinder Wohl höher achte als sein Leben. Währenddessen die Seinigen sich mit Mangel und Not herumschlagen mußten, ging er selbst zwar immer mit dem Gedanken um, wie er etwas für sie tun könne, wurde aber am Ende, da er gar keine Mittel und Wege dazu ausfand, desto lebenssatter und müder. Siehe, da geschah es nun dereinst, daß zwei Jünglinge, mit denen er schon lange in freundschaftlichem Verkehr gestanden, unter dem Vorgeben, daß sie eine Schwester verheirateten, auf deren Hochzeit sie auch ihn zu sehen wünschten, ihn vor die Stadt hinaus auf ein Landgut führten, das sie zu ihrem Vergnügen des öfteren zu besuchen pflegten. Kaum waren sie aber daselbst angelangt, wo die beiden Brüder noch mehrere Genossen vorfanden, als sie Pisti ergriffen und in enge Bande schlugen. Der Unglückliche erstaunte und fragte, warum sie sich an ihrer gegenseitigen Freundschaft also vergingen? Sie erwiderten, sie seien ihrem Vater größere Liebe schuldig als ihm, und angesehen, daß derselbe nicht nur aus der Stadt Venedig, sondern aus dem ganzen Staate verwiesen sei, so gedächten sie ihn dadurch von seiner Verbannung zu befreien, daß sie ihn eben von ihm den Herren von Venedig überantworten ließen. Was hierauf der arme Pisti denken und fühlen mußte, ist leicht zu erachten. Er war überzeugt, daß er bei seiner Ankunft in Venedig unverzüglich durch Henkershand um das Leben gebracht werden würde, und wie schmerzlich ihm dieser Gedanke auch schon an sich selber war, so war es ihm doch noch weit betrübender, gerade in Venedig sterben zu sollen, weil er wohl fühlte, daß es seiner Familie so viel entsetzlicher sein mußte, seinen Tod mit Augen anzusehen, als ihn sich verkündigt zu hören. Sobald die Jünglinge sich seiner bemächtigt hatten, ließen sie ihren Vater kommen und sagten ihm, sie hätten ein Mittel aufgefunden, ihn von seinem Bann zu erlösen und ihm überdies einen Gewinn von zweitausend Skudi zuzuwenden. Der Edelmann, der nach der Rückkehr in sein Vaterland, das ihm eine Welt im kleinen schien, sehnlichst verlangte, sprach: Um den Gewinn bekümmere er sich nicht viel; desto angenehmer werde ihm aber die Aufhebung seines Banns sein, wofern sie ihm zuteil werde. Die Söhne forderten ihn auf mitzukommen und setzten ihm auseinander, was er zu tun habe, indem sie ihn in das Zimmer zu dem gebundenen Pisti führten. »Entweder«, sprachen sie, »Ihr tötet diesen Mann hier auf der Stelle, Vater, und tragt seinen Kopf nach Venedig hin, um dafür dort neuerdings in Freiheit leben zu dürfen, oder Ihr bringt ihn lebendig dahin und verdient Euch damit neben Eurer Freiheit noch den ausgesetzten Preis.« Sowie Pisti des Ehrenmannes ansichtig wurde, wandte er sich ihm mit ernstem Angesichte zu und sagte: »Wäre es möglich, Herr, daß Ihr in die offenbare Gewalt willigen könntet, die Eure Söhne den heiligen Gesetzen der Freundschaft antun, indem sie Euch dazu verleiten wollen, Euch aus Eurer Verbannung, die Euch doch nichts weniger als lebensgefährlich ist, dadurch zu erlösen, daß Ihr mich auf eine für Euch so schmähliche Weise entweder selber tötet oder dem Henker übergebt? Ist das mein Lohn dafür, daß ich Euch jederzeit wie meinen Vater und Eure Söhne wie meine Brüder geliebt und Euch mein Leben und meine Freiheit so ruhig anvertraut habe?« Als der alte Mann diese Worte Pistis hörte und sein Elend in Erwägung zog, konnte er sich der Tränen nicht enthalten und sagte: »Wolle Gott nicht, daß, wenn meine Söhne dir ein so großes Unrecht zugefügt haben, ich selbst es durch meine Billigung vollende! Du hast mich für deinen Vater angesehen und sollst mir ein nicht weniger geliebter Sohn als diese beiden sein, die dich gefesselt haben. Ich will viel lieber in ewiger Verbannung leben, als daß man mir vorwerfen soll, ich habe mich daraus durch eine entehrende Tat befreit.« Er löste mit diesen Worten die gebundenen Hände des Unglücklichen und sagte ferner zu ihm: »Aus dem, was dir heute begegnet ist, Pisti, lerne in Zukunft vorsichtiger als bisher sein: denn du könntest leicht einmal einem in die Hände fallen, der nicht so barmherzig mit dir verführe wie gegenwärtig ich. Meinen Söhnen zu zürnen, daß sie dich in eine solche Lebensgefahr gebracht, bist du allerdings berechtigt; indessen, da du mit meiner Hilfe glücklich aus ihr hervorgegangen bist, hast du auch wieder alle Ursache, ihnen dankbar zu sein, daß sie zu deinem Heile dich gelehrt, wie man sich in der Welt betragen müsse. Vergib ihnen also, ich bitte dich, was sie doch nur aus kindlicher Liebe zu mir an dir verbrochen, die in ihnen stärker als die Freundschaft zu dir war, und was nun ja dennoch zu deinem Besten ausgeschlagen ist!« Pisti war geneigt, ihnen zu verzeihen, und so ließ der Greis die Jünglinge herbeikommen und stellte zwischen allen dreien wieder Frieden und Eintracht her. Nachdem nun aber Pisti dieser Gefahr entronnen war, kam er zu der Einsicht, daß es ihm auf die Länge der Zeit unmöglich fallen werde, einem verderblichen Schicksale zu entgehen. Er dachte dabei auch wieder an die gefährdete Ehre seiner Tochter und an das äußerste Elend, in das sein Tod seine Familie versetzen würde, und es stand mit einem Male vor seiner Seele der Entschluß, als ein recht getreuer Gatte und liebreicher Vater seine Not zu enden. Er begab sich demzufolge alsobald heimlich nach Venedig, trat zu seiner Frau ins Haus und entdeckte sich ihr, die zwar die herzlichsten Wünsche gehegt hatte, ihn bald wieder bei sich zu haben, dessenungeachtet aber ihn gegenwärtig nur höchst ungern so gefährdet vor sich sah. Sie sagte zu ihm: »Ganz gewiß bist du zu uns gekommen, teurer Mann, mir und deinen Kindern Hilfe in der Not zu bringen; aber konntest du sie uns denn gar nicht durch einen andern senden, ohne dich in so offenbare Gefahr zu stürzen? Würde es bekannt, daß du hier bist, so könnte dich keine menschliche Gewalt erretten. Darum besorge schnell, was du zu besorgen hast, und entferne dich dann schleunigst wieder; beträfe dich unsertwegen irgendein Unglück hier, ich würde mich zeitlebens nicht darüber zufrieden geben.« Pisti antwortete: »Ich bin allerdings da, eure Not zu lindern und die Ehre meiner Tochter sicherzustellen; da ich mich aber zu dieser Absicht nicht wohl eines anderen bedienen konnte, so bin ich persönlich gekommen, um dir anzugeben, wie du fürder gemächlich und ehrbar mit den Kindern leben magst.« Eugenia bat ihren Mann, sich zu beeilen, damit er wieder entfliehen könnte, ehe er etwa verraten würde, und Pisti ließ die Tochter durch die Mutter holen und sagte zu beiden, als sie vor ihm standen: »Ich habe vielfältig bedacht, meine Lieben, wie ich unserem allseitigen Elend ein endliches Ziel setzen könnte; aber es ist mir durchaus nichts als die Überzeugung in den Sinn gekommen, wie ich dies allein dadurch bewirken kann, daß ich den von den Herren von Venedig auf meine Auslieferung gesetzten Preis unserem eigenen Hause zuwende. Groß genug, was man uns geraubt hat, zu ersetzen, ist er zwar nicht; indessen reicht er hin, euch vor Nahrungssorgen und die Ehre unserer Tochter vor den drohendsten Gefahren zu schützen. Ich fordere dich daher auf, Eugenia, morgen zu unserer Obrigkeit zu gehen, von ihr den Lohn einzufordern, den sie demjenigen versprochen hat, der mich lebendig in ihre Hände liefere, und mich ihrer Willkür alsdann zu überantworten; denn ich will viel lieber hundertfältigen Tod erleiden, als die etwaige Schande meiner Tochter erleben.« Auf diese Worte wurde die Jungfrau feuerrot im ganzen Gesichte und schämte sich so sehr, daß sie die Augen zu Boden schlug und vor bitterlichem Weinen nichts erwidern konnte. Eugenia aber, die eher alles andere geglaubt, als daß Pisti in dieser Absicht zurückgekommen, warf es sich innerlich vor, ihm jene Mitteilungen über ihre Tochter gemacht zu haben, die nunmehr einen so üblen Erfolg hatten. Ein Strom von Tränen stürzte aus ihren Augen, indem sie anhub zu sagen: »Also soll mich, Pisti, das furchtbare Schicksal treffen, daß ich meinen Gatten verkaufe, um sein Blut von der Hand des Henkers vergießen zu sehen, und daß ich von dem Ertrage dieses Handels mein Leben friste, das ich doch mit Freuden für das deinige hingeben möchte? Nimmermehr geschehe das! Ich will lieber sterben, als daß man von mir sage, ich habe mir das Leben um einen solchen Preis erkauft. Ja, da ich mit dir, mein teurer Gatte, nicht leben kann, so laß uns miteinander sterben und unsere Not also auf einmal enden!« Nach diesen von Schluchzen und Weinen viele Male unterbrochenen Worten wollte Eugenia sich an die Brust ihres Mannes werfen; er hielt es aber nicht aus, wich ein wenig zurück und sagte: »Eugenia, du hast kein Verbrechen begangen, wodurch du verdient habest, mit mir zugleich zu sterben; dein Tod würde, im Gegensatze zu dem meinen, unserer Familie von keinem Nutzen sein: weine also nicht mehr, Eugenia, und auch du nicht, meine Tochter, und bereite dich, meinen Willen zu befolgen! Tust du das nicht, so verlaß dich darauf, daß ich selber mich den Gerichten überliefere.« Sowie sie diese Rede vernahmen, fingen die beiden Frauen laut an zu weinen und zu schreien. Derweil sie sich aber also ihrem Schmerze überließen und Pisti sie tröstete und zu seiner Meinung zu überreden suchte, trug es sich zu, daß der die Wache habende Hauptmann von ungefähr an dem Hause vorüberging, den Jammer hörte und, weil er nicht begriff, was derselbe zu bedeuten habe, Einlaß begehrend an die Türe klopfte. Ein unerhörtes Unglück wollte, daß Pistis kleiner Sohn gerade bei der Hand war, das Türseil, ohne zu wissen, was er tat, anzog und damit die Tür so schnell öffnete, daß Pisti keine Zeit übrigbehielt, sich zu verbergen. Der Hauptmann trat mit einigen Schergen ein, sah Pisti zwischen den beiden weinenden Frauen vor sich stehen und erstaunte über dessen Verwegenheit, auf Gefahr seines Lebens hin wiedergekommen zu sein. Hocherfreut indessen über den ihm also zufallenden Preis seiner lebendigen Überlieferung, bemächtigte er sich Pistis, band ihm die Hände auf den Rücken und wollte ihn abführen. Darüber, daß sein Tod nun, anstatt den Seinigen, dem Hauptmanne zugute kommen mußte, empfand Pisti ein so heftiges Leid, daß er nahe daran war, entseelt zu Boden zu sinken; die beiden Frauen aber hätten durch den Ausdruck ihrer Verzweiflung über dieses unerwartete neue Mißgeschick wohl Steine zu Mitleiden bewegen können. Sie erbaten sich und erlangten vom Hauptmanne die Erlaubnis, Pisti nach dem Gerichtshofe zu begleiten, um ihm dort das letzte Lebewohl zu sagen. Sie legten Trauerkleider an und erschienen, um Erbarmen flehend, mit ihm vor den Herren von Venedig, die der Hauptmann folgendermaßen anredete: »Dieser gefangene arme Sünder ist jener Pisti, dem ihr schon lange Zeit vergeblich nachstellt, um die Strafe seines Verbrechens an ihm zu vollziehen. Ich überliefere ihn hiermit lebendig der Gerechtigkeit und bitte euch, den von euch dafür ausgesetzten Lohn mir zufließen zu lassen.« Wie nun hierauf die Herren Pisti in so übler Lage sahen, fragten sie ihn, warum er so einfältig gewesen sei, seinem schmählichen Tode gerade entgegenzulaufen? Er stand wie betäubt ihnen gegenüber und erwiderte nichts. Eugenia jedoch brach unter kläglichen Gebärden in die folgenden Worte aus: »Vernehmt, ihr Herren, das allerärgste Mißgeschick, das jemals einen sterblichen Menschen betreffen konnte: Dieser mein Ehegatte, der Vater des unglücklichen Mädchens hier, hörte in seiner Verbannung, welche Not wir beide um des Umstandes willen litten, daß uns, auf euren Befehl alle unsere Habe weggenommen worden war, und zog sich diese dermaßen zu Herzen, daß er, in der Besorgnis, der Hunger werde am Ende mich und meinen kleinen Sohn töten und vielleicht gar die Tugend unserer Tochter wankend machen, nach Venedig mit dem Vorsatze zurückkehrte, mich zu überreden, ich solle ihn euch gefänglich zuführen und mit dem Lohne dieser Tat meinen Lebensunterhalt und die Aussteuer meiner Tochter bestreiten. Ich weigerte mich, dies als etwas unerhört Schmähliches zu tun, das mich selbst den Hunden verächtlich machen müsse, weinte mit meiner Tochter über unser Leiden und versuchte noch, ihn durch Bitten und Beschwörungen, wiewohl vergebens, von seinem festen Entschlusse abzubringen, – als der Hauptmann unser Schreien und Weinen hörte, in unser Haus eindrang und ihn aus unseren Armen riß, um ihn euch in Banden hierher zu bringen, wo der Arme vor euch steht und über seine letzten fehlgeschlagenen Hoffnungen die Besinnung verloren hat. Ihr Herren Richter mögt jetzt selbst urteilen, ob wir in solcher Bedrängnis gerechte oder ungerechte Tränen weinen und Klagen erheben. Und da euch niemals ein betrübterer und eures Mitleids würdigerer Fall vorgekommen ist, so bitte ich euch, gesetzt, daß die Bitten Unglücklicher über eure großmütigen Herzen etwas vermögen, daß ihr diesmal die Strenge der Gesetze zu unseren Gunsten mildern und Gnade vor Recht wollet ergehen lassen, als worauf wir die einzigen und letzten Hoffnungen setzen, die uns für dieses Leben geblieben sind.« Hier schwieg Eugenia still, denn sie konnte vor ihrem eigenen Weinen und Schluchzen nicht weiterreden. Die Herren von Venedig waren von der Außerordentlichkeit dieses Falles betroffen. Es nahm sie höchlich wunder, daß der zum Tode verdammte Pisti zurückgekehrt sei, aus unendlicher Liebe zu Frau und Kindern freiwillig sein Leben hinzugeben, und da diese seltene Großherzigkeit ihre notwendige Einwirkung auf ihre Herzen nicht verfehlte, so geschah es, daß sie in ihrer desfallsigen Beratschlagung von Mitleiden mit ihm, seiner Frau und seinen Kindern bewogen wurden, ihm das Leben zu schenken. Sie ließen dazu sogar die zweitausend Skudi herbeibringen und händigten sie Eugenia mit den Worten ein: Da sie eigentlich habe diejenige sein sollen, durch die ihr Mann, der nur darum zurückgekehrt sei, sich den Gerichten habe überliefern zu wollen, so befänden sie für gut, von dem Umstande, der die Ausführung dieses Planes verhindert habe, abzusehen und ihr die zweitausend Skudi, die ihr Gatte ihr zugedacht, hiermit desungeachtet und zwar zu der Ausstattung ihrer Tochter auszuzahlen. Zu Pisti selbst aber gewendet, fuhren sie zu reden fort: »Was dich anbetrifft, so geht unsere Meinung nicht bloß dahin, dir das nackte Leben allein zu schenken. Wir wollen im Gegenteile vielmehr, daß du fernerhin des Mangels überhoben seist, in dem du bisher mit den Deinigen versunken, und damit du also mit ihnen deines zukünftigen Daseins dich ebensowohl und redlich zu erfreuen habest wie deines ehemaligen, so geben wir dir zu gleicher Zeit dein sämtliches Vermögen zurück. Nur nimm du dich deinerseits hinwieder wohl in acht, nicht zum zweiten Male auf eine ähnliche Weise der Gerechtigkeit zu verfallen! Wir würden ihr dann ungehindert ihren Lauf lassen und, nachdem du unsere gegenwärtige unverdiente Güte gemißbraucht hättest, wahrlich anderen an dir ein warnendes und abschreckendes Beispiel stiften.« Pisti sagte den Richtern für die eine wie für die andere ihm erwiesene Gnade unendlichen Dank und schilderte ihnen, wie keineswegs eine vorbedachte Absicht ihn zu dem Morde des Riminesers angetrieben, wohl aber eine gewiß gerechte und unwillkürliche Erbitterung ihn dazu gereizt habe, in die er durch die höchst ungerechten Kränkungen versetzt worden sei, die jener auf öffentlichem Markte seiner eigenen Ehre und der Ehre seiner Gattin angetan habe. Was seine zukünftige Aufführung anlange, so verspreche er, diese so einzurichten, daß er von ihnen darum vielmehr zu beloben als zu bestrafen sei. Seine Worte erregten das hohe Wohlgefallen seiner Richter, und sie bestärkten ihn in seinen guten Vorsätzen. Nachdem er nun aber für seine eigne Person ihre Huld und Milde erfahren hatte, wollte er doch auch versuchen, ob er von ihnen nicht für jenen Ehrenmann Gnade erwirken könne, der sein Leben so großherzig gegen seine eignen Söhne zuvor beschützt hatte. Er sprach zu ihnen: »Ihr edlen Herren! Die Erhabenheit eurer gegenwärtigen Handlungsweise gegen mich erweckt in mir den Mut, euch eine Gelegenheit zu geben, sie auch gegen einen anderen Schuldigen auszuüben, der ihrer noch würdiger sein mag als ich selbst. Ich lege nämlich hiermit eine demütige Fürbitte bei euch für einen Mann ein, dem ich die Erhaltung dieses meines Lebens verdanke, das mir eure Großmut heute wiedergeschenkt hat.« Er erzählte ihnen hierauf, wie jener Edelmann, in dessen Macht es zwar gestanden, seine eigene Rückkehr in das Vaterland durch seine Auslieferung zu erkaufen, es doch vorgezogen hatte, in der Verbannung zu beharren, als seine Hände mit dem Blute eines Menschen, der ihn nie beleidigt, zu beflecken, und fügte schließlich nochmals die dringende Bitte hinzu, daß die Richter ihm dafür auch gnädig sein und ihm durch Aufhebung seines Bannes sein Verschulden verzeihen möchten. Die Herren von Venedig zogen in Betracht, daß das Vergehen des Edelmanns, für den Pisti bat, kein großes war, und daß er es bereits durch die geraume Zeit, die er in der Verbannung zugebracht, gutenteils abgebüßt hatte. Und also willigten sie in den Wunsch des dankbaren Pisti um so lieber, als sie nun an diesem einen Tage Gelegenheit gefunden, ihre Milde in einem rechten Glanze und in ihrem vollen Umfange zu betätigen. Die ganze Stadt war darauf voller Freude und Fröhlichkeit, und es konnte nur etwa jener Hauptmann mit einem gewissen Rechte unzufrieden scheinen, weil er den Mörder allerdings vor Gericht geführt und dennoch Eugenia statt seiner dafür den Lohn erhalten hatte; aber es wurde ihm durch die schon angeführten Gründe dargetan, daß er sich irre, und nachdem er mit einem billigen Anteil an der Summe des Preises abgefunden worden, fand auch er sich zufriedengestellt. Giovanni Battista Giraldi Bestrafte Habgier (Johann Peter Hebel, Der kluge Richter) Filargiro war ein griechischer Kaufmann aus Korfu, der sich nach Mantua zurückgezogen hatte, nachdem er viel in Italien herumgekommen war, um seine Handelsgeschäfte zu betreiben. Er war vor allen Habgierigen besonders habgierig auf Geld, und obwohl er eine große Menge davon hatte und seine Zahl von Tag zu Tag wuchs, wollte er nichtsdestoweniger immer mehr haben, als er in seinem Besitz wußte, weil in ihm mit dem Geld das Verlangen danach sich vervielfachte. Eines Tages hatte er nach dem Verkauf einer guten Menge von Waren 400 Goldskudi in eine Geldbörse gesteckt, um sie wegzuschließen, sobald er zu Hause wäre. Aber während er noch mit dem Verkauf seiner anderen Waren beschäftigt war, ließ er die Börse fallen, und ohne daß er es merkte, ging er nach Hause; und wie er hier die Hand an den Ärmel legte, um das Geld hervorzuholen und in die Geldkiste zu verschließen, wo er viele andere Tausende hatte, und seine Börse nicht darin fand, wurde er sehr bestürzt, kehrte auf dem Wege zurück, den er gekommen war, und fragte sogar die Hunde, die er auf der Straße traf, ob sie seine Geldbörse gesehen hätten; aber er kam bis zu dem Ort, von wo er weggegangen war, ohne nur ein kleines Anzeichen von ihr zu finden. Deswegen stand er nicht weniger betrübt da, als wenn ihm das eine seiner Augen aus dem Kopf gefallen wäre. Und da er sehr danach verlangte, das, was er verloren hatte, wiederzufinden, ging er ganz bekümmert zum Markgrafen und bat ihn, er möchte eine Bekanntmachung ergehen lassen, daß er demjenigen, der ihm die Börse wiederbrächte, zur Belohnung für die Wiedererlangung seines Geldes 40 Skudi geben würde. Der Markgraf, der ebenso gefällig war, wie er tapfer und mutig war, zeigte sich damit einverstanden, die Bitte des Kaufmanns zu erfüllen, dessen Verlust ihm sehr zu Herzen ging; und so wurde die Bekanntmachung erlassen und dem Wiederbringer der Börse das versprochen, was der Kaufmann angeboten hatte. Durch einen glücklichen Zufall hatte eine gute alte, sehr gottesfürchtige Frau sie gefunden, eine von denen, die sich sogar ein Gewissen daraus machen, in der Kirche auszuspucken. Wie sie also überlegte, daß sie im Besitz der 400 Skudi ihre Seele belasten würde, wogegen sie bei Abgabe der Börse das, was ihr durch die Bekanntmachung in Aussicht gestellt war, mit gutem Gewissen haben konnte, da es ihr die Gefälligkeit eines anderen aus freien Stücken gab, ging sie mit der Börse zum Markgrafen und überreichte sie ihm. Als der Markgraf die gute Frau in ihrer ärmlichen Kleidung sah, fragte er sie, ob sie nichts von Wert besäße, und ob sie vielleicht allein stünde. Sie antwortete: »Ich habe nichts anderes, mein Herr, als was ich mir zusammen mit meiner einzigen Tochter von Tag zu Tag verdiene, indem wir beide durch Spinnen und Weben, immer in Gottesfurcht lebend, uns so gut wir können durchs Leben zu schlagen versuchen.« Als der Markgraf das hörte und die Armut der Frau erkannte und sich überzeugte, daß nicht einmal das Verlangen, ihre Tochter zu verheiraten, sie hatte dahin bringen können, das zu behalten, was das Glück ihr in den Weg geführt hatte, während andere es vielleicht behalten hätten, wenn sie es gefunden hätten, war er der Meinung, sie verdiene in hohem Maße Hilfe, ihre Tochter zu verheiraten. Er ließ den Kaufmann rufen und sagte ihm, die Börse sei gefunden, und es bliebe nichts anderes zu tun übrig, als der guten Frau, die sie gebracht hatte, sein Versprechen zu halten. Zwar war der Kaufmann zufrieden, das Geld wiedergefunden zu haben, aber nicht zufrieden, der Frau die 40 Skudi geben zu müssen, und so dachte er unverzüglich darüber nach, wie er einen Weg finden könnte, sie ihr unter einem Vorwande nicht zu geben. Er nahm die Börse und leerte sie auf einen Tisch aus, der im Zimmer des Markgrafen stand. Und obwohl er beim Nachzählen fand, daß es 400 Goldskudi waren, wie er hineingesteckt hatte, sagte er trotzdem, sich zu der alten Frau wendend: »Es fehlen 34 venezianische Dukaten, die zusammen mit den Skudi hier drin waren.« Bei diesen Worten wurde die gute Frau rot und sagte: »Wie stellt Ihr Euch das vor, mein Herr, daß ich, wenn ich all dies Geld in der Hand hatte und nach meinem Belieben damit machen konnte, ohne daß irgend jemand mir es hätte vorwerfen können, und es ihm hierhergebracht habe, 34 Dukaten, die darin gewesen wären, hätte entwenden wollen?« Und ganz beschämt sagte sie zu dem Markgrafen: »Herr, ich schwöre Euch bei meiner Seele, daß ich Euch die Börse so gegeben habe, wie ich sie gefunden habe, daß ich nicht einmal die Hand hineingesteckt, geschweige denn ein Geldstück herausgenommen habe.« Aber Filargiro ließ nicht ab zu versichern, in der Börse seien jene Dukaten zusammen mit den Skudi gewesen, und er wollte unbedingt, daß sie sie ihm wiederbrächte, wenn sie die versprochene Belohnung haben wollte. Nunmehr erkannte der Markgraf, daß, wie groß die Gutmütigkeit der Frau, ebenso groß und noch größer die Schlechtigkeit und Habsucht dieses Schurken wäre, der nicht nur versuchte, dieser Frau sein Versprechen nicht zu halten, sondern auch den Herrn Markgrafen zu betrügen, indem er das nicht halten wollte, was der Herr Markgraf in seinem Namen in der Bekanntmachung versprochen hatte. Der Markgraf geriet also sehr in Zorn, und es schien ihm, daß der Betrug, den der Bösewicht vorhatte, schwere Strafe verdiene, und er war nahe daran, ihm das Leben rauben zu lassen, wie er seine Treulosigkeit erkannte. Aber er, der die Leidenschaftlichkeit seiner Seele durch Klugheit zügelte, dachte sich, die größte Strafe, die er ihm dafür geben könne, daß er einem Fürsten, wie er war, gegenüber die Treue gebrochen habe, bestünde darin, daß sein Betrug auf ihn, der ihn angezettelt habe, zurückfiele. Daher sagte er zu dem Habgierigen: »Warum erwähntet Ihr hier nicht die Dukaten, als Ihr um den Erlaß der Bekanntmachung batet?« »Ich dachte nicht daran«, erwiderte Filargiro, »und vergaß es.« »Seid Ihr so vergeßlich«, fuhr der Markgraf fort, »daß Ihr, für den die 40 Skudi Finderlohn eine so große Rolle spielen, Euch nicht erinnert habt, in Eurer Börse eine so große Anzahl Dukaten zu besitzen? Aber wie mir scheint, wollt Ihr Euch fremden Besitz aneignen: denn diese da ist nicht Eure Börse, da doch die Dukaten, von denen Ihr redet, sich nicht darin finden; vielmehr muß diese Börse diejenige sein, die einer von meinen Leuten an jenem selben Tage verlor, an dem Ihr die Eure verloren habt, und worin genau 400 Skudi waren, kein bißchen mehr, – und deswegen gehört dies Geld mir.« Und so sprechend, wandte er sich an die alte Frau und sagte: »Liebe Frau, da Gott gewollt hat, daß Ihr dies Geld gefunden habt, und da dies nicht das Geld ist, das dieser Kaufmann verloren hat, sondern meines ist, so schenke ich es Euch, damit Ihr Eure Tochter verheiraten könnt. Wenn es zufällig geschehen sollte, daß Ihr eine andere Börse findet, in der zusammen mit den Skudi die Dukaten sich befinden, von denen er sagt, daß sie in seiner Börse steckten, so gebt sie ihm, ohne eine Kleinigkeit davon anzurühren!« Die alte Frau dankte dem Markgrafen und versprach ihm, so zu tun, wie er ihr geboten hatte. Der Kaufmann merkte, daß der Markgraf als kluger Mann seine Arglist durchschaut hatte und daß dadurch sein Betrug ihm zum Unheil ausgeschlagen war, und sagte: »Mein Herr, ich werde nicht verfehlen, die 40 Skudi dieser Dame zu geben; veranlaßt sie, mir die Börse zu geben!« Darauf erwiderte ihm der Markgraf sehr heftig: »Ich weiß nicht, was mich davon abhält, aus dir den unzufriedensten Mann von der Welt zu machen: sehe ich dich doch so unverschämt, daß du willst, man solle dir das geben, was nicht dein Eigentum ist. Deshalb scher' dich hinweg und mach mich nicht zorniger, als ich schon bin! Wenn diese Dame deine Börse finden wird, wird sie sie dir geben.« Filargiro wagte nicht ein einziges Wort zu erwidern und bereute zu spät, daß er das Versprechen brechen wollte, das er einen vornehmen Herrn durch öffentliche Bekanntmachung hatte versprechen lassen, und ging ganz betrübt von dannen. Aber die alte Frau sagte dem Markgrafen den größten Dank, der nur möglich war, und ging ganz vergnügt nach Hause, und in kurzem verheiratete sie ihre Tochter ehrenvoll auf die Kosten des Habgierigen. Giovanni Battista Giraldi Rinieri und Cicilia Imola ward einst von eigenen Herren regiert, jetzt gehört es zum Gebiete der Kirche. Dort lebte vor Zeiten ein Edelmann namens Horatio, der mit Glücksgütern reichlich versehen und durch seine Liebenswürdigkeit in der ganzen Stadt beliebt war. Wiewohl er nun im Äußern milde schien, so zeigte er sich doch, sobald ihm eine Unbill widerfuhr, so entsetzlich, daß er seinen Zorn den Beleidiger schwer fühlen ließ. Dieser hatte nur eine einzige Tochter namens Cicilia, und diese war zu solcher Schönheit erwachsen, daß die Bewohner von Imola glaubten, sie sei die schönste Jungfrau des Landes. Der Ruf ihrer wunderbaren Schönheit verbreitete sich über alle Gaue der Romagna und kam auch einem Jüngling in Forli namens Rinieri zu Ohren, der nicht weniger schön war unter den Jünglingen, als Cicilia unter den Jungfrauen. Wie sehr ihn aber auch die Natur mit Körpergaben ausgestattet hatte, so karg war das Glück gegen ihn gewesen im Vergleich mit dem Vermögen Messere Horatios. Der Jüngling nahm sich so sehr die Schönheit des Mädchens zu Herzen, obwohl er sie nie gesehen hatte, daß er fühlte, es koste ihm das Leben. Alle, die von dort kamen, fragte er, ob sie Cicilia gesehen hätten und ob sie wirklich so schön sei. Jeder, der so glücklich gewesen war, sie zu sehen (denn nur selten ließ sie der Vater irgendwo sich zeigen), berichtete ihm, sie sei zum Verwundern schön; darum beschloß er, nach Imola zu gehen, um sie zu sehen. Als er in die Stadt kam, fragte er nach dem Hause Messere Horatios, ging dahin und fing an, sich auf die Lauer zu stellen, ob er die Jungfrau zu sehen bekomme. Da aber bei der Geburt des Mädchens die Mutter gestorben war, hielt, wie gesagt, Messere Horatio sie unter so strenger Obhut, daß sie nie einen Fuß vor das Haus setzte außer zur Messe und unter dem Geleite der ehrbarsten Frauen aus ihrer Verwandtschaft, weshalb er tagelang sich umsonst bemühte, bis es ihm gelang, sie zu Gesicht zu bekommen. Der Jüngling unterließ aber darum nicht, durch die Straße zu gehen, und begnügte sich damit, da er nicht weiter konnte, wenigstens die Mauern zu betrachten, die eine so große Schönheit in sich schlossen. Dem Hause ihres Vaters gegenüber wohnte ein Duftkrämer, der eine alte Frau hatte, die gewöhnlich in dem Laden stand. Rinieri trat hinein und tat, als wollte er etwas kaufen, und als dies auch wirklich geschehen war, ließ er sich mit der Alten, welche Nastagia hieß, in ein Gespräch ein und fragte sie freundlich, was für Frauen in dieser Straße wohnen. Nastagia antwortete ihm sogleich, es seien viele daselbst, und unter andern eine, die ihrem Laden gegenüber wohne, die sei wie ein Engel des Himmels. »Aber«, fügte sie hinzu, »der Vater hat sie so streng unter der Hut, daß man sie nur höchst selten sieht.« Während sie nun so miteinander sprachen, begab es sich, daß Cicilia, indem sie von einem Zimmer ins andere ging, sich ein wenig am Fenster zeigte. Sie sah die Duftkrämerin, grüßte sie, und diese erwiderte den Gruß. Bei diesem Gruße erblickte Rinieri, der schon aufgestanden war, die Jungfrau. Er zog das Barett ab und machte ihr eine Verbeugung. Bei dieser Gebärde gefiel er dem Mädchen, so daß auch sein Bild sich ihrem Herzen so wirksam einprägte, daß sie, begierig, ihn zu sehen, nicht aufhören konnte, mit Nastagia zu reden. Es kam aber ihre alte Muhme dazu, die sie ins Haus zurückrief und ihr drohte, wenn sie sie wieder am Fenster finde, werde sie es ihrem Vater sagen und sie dafür züchtigen lassen. Beim Anblick der Jungfrau meinte Rinieri, alles, was er von ihr gehört hatte, sei nur ein Traum gewesen neben der Wahrheit, und das Feuer wuchs in ihm so an, daß er ganz zur Flamme wurde. Nie war es ihm so leid, arm geboren zu sein, wie jetzt, denn er meinte, wenn er an Vermögen dem Messere Horatio gleich wäre, wäre Cicilia seine Gemahlin geworden. Die Duftkrämerin stand auf sehr vertrautem Fuße mit jenen Frauen und sie mit ihr, denn es verging keine Woche, wo nicht Nastagia in ihr Haus kam oder sie in das Haus Nastagias, wohin sie auch manchmal Cicilia mitbrachten. So kam die Alte in Messere Horatios Haus und fing an, mit der Jungfrau zutraulich zu plaudern. Diese fragte sie alsbald, wer der Jüngling sei, den sie in ihrem Laden gesehen habe, Sie antwortete, sie wisse nicht, wer es sei, doch komme er ihr sehr höflich und gebildet vor. »Es ist unmöglich«, antwortete Cicilia, »daß mit so großer Schönheit nicht jeder Vorzug verbunden sein sollte.« Nastagia verwunderte sich über diese ihre Rede und fragte sie: »Wie hat er Euch gefallen?« »So sehr«, entgegnete sie, »wie nur irgendeiner, den ich jemals gesehen habe, und es wird mir sehr lieb sein, wenn er öfters wieder hinkommt. Erkundigt Euch, wer er ist, und tut es mir zu wissen!« Die gute Alte versprach es ihr und ging nach Hause. Gleich als hätte sie ihr ins Herz gesehen, erkannte sie deutlich, daß sie in den jungen Mann verliebt war, und sah daraus, daß manchmal ein Blick beim ersten Begegnen, verbunden mit einem entsprechenden Wesen, mehr Kraft hat als sonst eine lange anhaltende Dienstbarkeit. Als Rinieri zu Mittag gegessen hatte, kehrte er in den Laden zurück, und Nastagia brachte nun ihre Fragen an, wer er sei und woher er komme. Der Jüngling antwortete, er sei Rinieri Chelini aus Forli. Um die Ursache seines Hierherkommens befragt, sagte er: »Madonna, ich will und kann die Wahrheit nicht verbergen. Das Gerücht hat mir den Ruf der großen Schönheit dieser Eurer Nachbarin bis nach Forli getragen, so daß ich mich gedrungen fühlte, meine Heimat und all das Meinige zu verlassen und hierher zu eilen, um mit Augen jene Schönheit zu sehen, die ich schon lange Zeit nach den Reden anderer im Geiste angeschaut habe. Ich habe sie auch bei ihrem ersten Erscheinen so gefunden, daß, wenn ich sie früher liebte, ich jetzt sie anbete.« »In der Tat«, entgegnete Nastagia, »ich glaube, Ihr habt Eure Liebe nicht schlecht angebracht; denn ich bin der Ansicht, wenn Ihr für Cicilia glühet, so steht sie für Euch in voller Lohe.« Rinieri war dies sehr angenehm, und er bat sie, ihm zu sagen, wie sie das wisse. Nastagia erzählte ihm nun, was die Jungfrau gesagt und wie dringend sie sie gebeten hätte, sie möge ihr ausführlichen Bericht über ihn verschaffen. Rinieri bat sie hierauf dringend, sie möge diese seine Liebe begünstigen, er werde sich gegen sie so halten, daß sie nicht bereuen solle, sich für ihn bemüht zu haben; eine Schande könne ihr daraus nicht erwachsen, denn er liebe das Mädchen nur, um sie zur Frau zu nehmen. Bei diesen Worten gab er ihr einen gar zierlichen Ring mit zwei ineinanderverschlungenen Händen mit dem Auftrag, ihn der Jungfrau als Geschenk anzubieten und ihr zu sagen, mit diesem Ringe schicke er ihr sein Herz. Dabei schenkte er der Botin einige Kleinigkeiten und versprach ihr reichliche Geschenke, wenn es ihm etwa gelinge, die Jungfrau zur Gattin zu bekommen, worin sein höchster Wunsch läge. Die gute Frau versprach ihm ihre ganze Mitwirkung, sagte ihm übrigens, da jene einst das ganze Vermögen ihres Vaters erbe, so verlangten viele sie zur Frau; dennoch habe er noch bei keinem seine Einwilligung gegeben, denn seine Absicht sei, sie nur mit einem Manne zu verbinden, der ihm an Vermögen gleichkomme; aus diesem Grunde scheine es ihr fast unmöglich, daß er jemals seinen Zweck erreiche. »Nichts ist der Liebe unmöglich«, antwortete Rinieri; »ich bitte Euch nur, daß Ihr bei Eurer Mitwirkung nichts versäumt: so werdet Ihr sehen, daß Amor sie für mich aufgehoben hat.« Nastagia wartete eine schickliche Zeit ab, um ihren Plan auszuführen, und ging nun zu Cicilia. Und kaum erblickte sie sie, als sie fragte, ob sie den jungen Mann gesehen habe. Sie antwortete ihr, sie habe ihn gesehen und sogar mit ihm gesprochen. Sie habe gefunden, daß, wenn er ihr gefalle, sie nicht minder ihm gefalle, und er sei, vom Rufe ihrer Schönheit angezogen, von Forli nach Imola gekommen, um sie zu sehen und ihr zu beweisen, wie sehr er sie liebe. »Und bin ich denn«, fragte sie, »bin ich denn so schön, Nastagia, daß die Männer auf den Ruf meiner Schönheit hin sich in mich verlieben?« »Freilich«, antwortete Nastagia, »und ich kann Euch noch weiter sagen, daß er mit mir von Eurer Schönheit und von der großen Liebe gesprochen hat, die er zu Euch hegt, und mich ersucht hat, ihn Euch zu empfehlen und Euch zu bitten, ihn so herzlich zu lieben, wie er Euch liebt. Auch hat er mir ein Geschenk gegeben, das ich Euch in seinem Namen überreichen soll.« »Und was denn?« fragte das Mädchen. »Es ist das holdeste Ringchen«, antwortete jene, »das Ihr je gesehen habt.« »Wie, ein Ring?« entgegnete Cicilia. »Was soll ich denn damit anfangen?« »Nichts anderes«, antwortete Nastagia, »als daß Ihr ihn als Pfand des Zieles anseht, um dessen willen er Euch liebt.« »Und was ist dieses Ziel?« fragte sie. »Euch zur Frau zu bekommen«, war die Antwort, »wenn es Euch nicht unlieb wäre.« »Keineswegs«, antwortete Cicilia, »vielmehr äußerst lieb; wenn es aber auch wahr ist, daß er mich liebt, wie du sagst, so kann ich ihm doch nicht versprechen, um was er mich bittet. Aber wo ist der Ring, von dem du sagst, daß er so hold anzuschauen sei?« »Hier habt Ihr ihn«, antwortete Nastagia, »und er hat mir gesagt, daß er Euch damit sein Herz schicke.« Bei diesen Worten lächelte das Mädchen, nahm den Ring in die Hand und lobte ihn sehr, indem er ein Zeichen der Treue an sich trug. »Wie mache ich's nun aber«, fragte sie, indem sie ihn an den Finger steckte, »um ihn tragen zu können?« »Ihr müßt«, antwortete Nastagia, »den, der ihn Euch schickt, zum Manne nehmen.« »Wäre nur«, entgegnete sie, »mein Vater damit so zufrieden, wie ich es wäre.« Sie behielt den Ring und übergab ihr ein hübsches Paar Handschuhe, um sie dem Jüngling zu überbringen als Gegengabe für das ihr geschickte Geschenk und zum Zeichen, daß sie ihn so aufrichtig liebe wie er sie. Nastagia brachte dem jungen Manne diese Kunde und gab ihm zugleich die Handschuhe, welches Geschenk ihm große Freude machte. Er meinte nun, es fehle jetzt nichts mehr zur Erfüllung seiner Wünsche, als daß er Cicilias Vater bestimme, sie ihm zur Frau zu geben. Er versuchte dazu alle möglichen Wege, aber alles war umsonst wegen seines im Vergleich zu Messere Horatios Reichtum geringen Vermögens. Während nun die Liebe zwischen den beiden jungen Leuten auf diese Weise fortging, fand Rinieri Gelegenheit, ein Fest zu besuchen, bei dem auch Cicilia anwesend war. Er tanzte mit, und am Ende des Fackeltanzes fügte es sich so glücklich, daß beim Wechsel der Orte und Personen, wie das bei einem solchen Tanze gewöhnlich ist, Rinieri Cicilia bei der Hand faßte; er drückte sie fest und sie die seinige. »Mein Leben«,flüsterte ihr der Jüngling zu, »ich brenne.« Und sie gab ihm zur Antwort: »Und ich bin schon verbrannt, Rinieri, und fast nichts mehr als Asche.« Als der Tanz aus war, verabschiedete sich der Jüngling und sprach zu ihr: »Ich lasse mein Herz in Euren Händen.« Und sie zu ihm: »Und ich meine Seele.« Weiter konnten sie sich nichts sagen und schieden voneinander, beider Herzen aber waren voll der glühendsten Flammen. Als Rinieri sah, daß Cicilias Vater ihren beiderseitigen Wünschen entgegenstand, gedachte er durch Vermittlung Nastagias seinen Zweck zu erreichen. Als er eines Tages mit ihr sprach, sagte er zu ihr: »Nastagia, ich sehe, wie genau Ihr mit Cicilia bekannt seid und wie sie sich mit ihren Frauen in diesem Euren Garten ergeht.« (Bei dem Hause des Duftkrämers war nämlich ein zwar kleiner, aber doch wohl der schönste Garten in ganz Imola.) »Ich weiß«, fuhr Rinieri fort, »daß, wenn Ihr wollt, Ihr mir leicht Gelegenheit verschaffen könnt, Cicilia zu heiraten und mich ihrer Liebe zu freuen. Darum bitte ich Euch, habt doch Erbarmen mit mir, und wenn alles andere mir widerstrebt, laßt Ihr mich nicht ganz zugrunde gehen, da Ihr so geschickt und ohne Nachteil helfen könnt!« Nastagia war nicht von Stahl; sie wünschte die Liebschaft, wie sie sie eingeleitet hatte, auch zu Ende zu führen, und sagte, sie wolle es gern tun, wenn die Jungfrau damit einverstanden sei. »Daran zweifle ich nicht«, sagte Rinieri, »da sie mich so feurig liebt, wie ich weiß, und wenn Ihr die Mittlerin macht, bin ich sicher, daß sie sich auf eine so ehrenhaft bezweckte Sache einlassen wird.« Die gute Alte versprach ihm wiederholt ihre Dienste, ging zu der Jungfrau und sagte ihr, was ihr Rinieri aufgetragen hatte. Cicilia war schon völlig mit ihrem Liebhaber ein Wesen geworden; sie antwortete daher, wofern sie nur ihre Ehre dabei unverletzt bewahren wolle, sei sie bereit, zu tun, was ihr gefalle. Nastagia kehrte also zu Rinieri zurück und bewies ihm, daß Cicilia ganz bereit sei, ihn zum Manne zu nehmen, weshalb sie unter sich sorgfältig verabredeten, was zu tun sei. Nach einigen Tagen ließ die Muhme, die das Mädchen unter ihrer Obhut hatte, der Duftkrämerin sagen, sie wolle morgen mit ihrem Mädchen in ihren Garten kommen. Daher ordnete Nastagia mit den Liebenden die Feier der Vermählung an. Die Frauen kamen in das Haus der guten Alten und traten in den Garten; während nun Cicilia Blumen pflückte, an denen der Ort sehr reich war, ließen sich die beiden Alten in ein Gespräch ein über ihre Einkäufe, über Leinwand und Spinnerei. Unter anderem sagte Nastagia zu der andern, sie wolle ihr eine bewundernswürdige Webearbeit zeigen, die eine ihrer Töchter außer dem Hause mache, wenn sie jemand hätte, der sie ihr holte. Die Frau sagte: »Wir wollen meine Magd danach schicken.« Cicilia, schon von allem zum voraus unterrichtet, sagte: »Ach nein, Muhme, schickt nicht hin! Wenn es Euch recht ist, möchte ich lieber, wir gingen nach Hause, denn es überfällt mich ein solcher Schlaf, daß ich die Augen kaum offenhalten kann.« »Ei«, sagte Nastagia, »Gott sei Dank, ich habe auch Plätze zum Schlafen in meinem Hause.« Dann wandte sie sich zu der Magd und sagte: »Geh, wohin dich die Frau sendet! Cicilia wird schon eine Ruhestätte finden.« Die Magd ging hin, Nastagia aber nahm die Jungfrau bei der Hand und führte sie samt der Muhme in ein Zimmer, legte sie aufs Bett, schloß die Fenster und endlich auch die Tür und gab der Muhme des Mädchens den Schlüssel. Sodann gingen beide in den Garten und erwarteten die Magd, die das Gewebe holen sollte. Die gute Alte hatte, kurz ehe die Frauen kamen, Rinieri in jener Kammer verborgen. Sobald er nun hörte, daß seine Cicilia eingeschlossen wurde, kam er aus seinem Versteck hervor, ging an das Bett, nahm die Geliebte in den Arm, preßte sie fest an seine Brust und gab ihr Tausende von Küssen – und ebenso sie ihm. Nach vielen gegenseitigen Liebkosungen vermählte sich Rinieri mit ihr, und auf die Versicherung des ehelichen Bundes pflückte er zu großer Wonne beider die ersehnte Frucht ihrer Liebe; ja, sie hatten so viel Muße, daß sie sich mehrmals von neuem ihrer Wonne hingeben konnten. Unterdessen war nämlich die Magd eingetroffen, und durch Nastagias Geschicklichkeit kamen beide Frauen in ein langes Gespräch über die Webearbeit. Schon war es mehr als Abend geworden; da schien es Cicilias Muhme, es sei nun Zeit, sich nach Hause zurückzuziehen. Sie ging mit Nastagia an das Zimmer, wo Rinieri sich in sein Versteck zurückgezogen hatte, und sie öffneten Tür und Fenster. Das Mädchen schlief, denn nach der ausgestandenen Ermüdung hatte sie wohl Grund dazu; die Muhme weckte sie und sprach: »Willst du Schlafhaube den ganzen Tag verschlafen? Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen.« Cicilia rieb sich die Augen, stand auf und kehrte, viel heiterer, als sie gekommen war, nach Hause zurück. Unterdessen war Messere Horatio zu Ohren gekommen, was auf dem zuvor erwähnten Balle zwischen den beiden Liebenden vorgefallen war. Daher faßte er den festen Entschluß, daß seine Tochter nirgends hin mehr weder allein noch in Begleitung gehen dürfe, und befahl, freilich zu spät, daß sie in seinem Zimmer schlafe. Nur allein vor Nastagia hütete er sich nicht, durch deren Vermittlung Cicilia von einer Jungfrau zur Frau geworden war; denn das Schicksal scheint zu wollen, daß man sich in solchen Fällen vor jedermann in acht nimmt, nur vor denen nicht, wo es am nötigsten wäre. Die beiden Liebenden waren über die neuen Beschränkungen unsäglich betrübt, und da sie sich den Weg abgeschnitten sahen, zusammenzukommen, brachte den Bekümmerten nur das noch einigen Trost, daß Nastagia Botschaften hin und her trug. Kaum aber war ein Monat verflossen, seit Rinieri die Zusammenkunft mit Cicilia gehabt hatte, da fing ihr an, die Eßlust zu vergehen, und sie fühlte Übelkeiten, was sie Nastagia mitteilte. »Meine Tochter«, sagte diese, »Ihr werdet wohl schwanger sein.« »Das fürchte ich auch«, antwortete sie; »und so bin ich das unglücklichste Geschöpf, das je mit einem Manne zu tun hatte; denn wenn das mein Vater merkt, so wird er mich ganz gewiß ums Leben bringen; auch wäre es leicht möglich, daß er Rinieri ermordete: denn ich weiß, wie weit sein Zorn geht, wenn er beleidigt ist.« Nastagia tröstete das Mädchen, ging weg und berichtete alles Rinieri, der sich schnell besann, seine Frau in seine Heimat fortzunehmen. Bis er aber verschiedene Vorkehrungen getroffen hatte, die ihm nötig schienen, um sie sicher dahin zu bringen, gingen einige Monate vorüber, und ihr Vater merkte inzwischen, daß Cicilia schwanger war. Er war darüber so betrübt, wie man nur über ein heftiges Unglück sein kann. Doch verschloß er sein Leid in sich, wollte auch nicht wissen, von wem sie schwanger war, und sein ganzes Trachten ging darauf, sie ums Leben zu bringen. Doch beschloß er, nicht selbst sich mit ihrem Blute die Hände beflecken zu wollen. Er rief einen gewissen Maltrova, seinen alten Diener, dessen er sich bediente, um denjenigen den Tod zu geben, die ihn beleidigt hatten. Er entdeckte ihm seinen Plan und brachte ihn mit leichter Mühe dazu, Cicilia zu ermorden; dann aber solle er so weit weggehen, daß man in Imola nichts mehr von ihm erfahre. Er versprach ihm dafür so viel Geld, daß er genug hätte, um überall davon leben zu können. Nachdem die Sache unter ihnen abgeschlossen und die Art der Ausführung verabredet war, führte Horatio Cicilia aufs Land unter dem Vorwand, einen Ausflug zur Erholung zu machen. Nachdem er einige Tage mit erheuchelter Heiterkeit dort gewesen war, kam eines Abends der verruchte Maltrova mit seiner Gattin, die nicht minder gottlos war als er. Sie kamen in Messere Horatios Haus und taten, als kämen sie ganz unversehens an und wollten ihre Pferde etwas ausruhen lassen, die den Wagen zogen, auf dem seine Frau mit einigen Habseligkeiten saß. Der Verräter ward samt seinem Weibe von Cicilia mit dem heitersten Gesichte empfangen; Messere Horatio war nämlich gerade abwesend, da er, um den Unmut zu zerstreuen, der ihm das Herz beklemmte, mit einem Sperber auf die Wachteljagd gegangen war. Als er nach Hause kam und den Henker erblickte, hieß er ihn willkommen; es war schon spät, man setzte sich zu Tische, und bei dem Essen fragte Messere Horatio, wo ihre Reise hingehe. Die Alte antwortete, sie wollten ein paar Hochzeiten von Verwandten mitmachen, die in Massa gefeiert würden. Cicilia wich gerne den Blicken ihres Vaters aus in Besorgnis, er möchte merken, was er schon längst gemerkt hatte. Daher sagte sie bei dieser Mitteilung: »Wie gerne ginge ich mit dahin, wenn es mein Vater erlaubte!« »Und warum sollte er es nicht zugeben?« sagte die Alte. »Weil«, antwortete Messere Horatio, vorsätzlich seinen eigentlichen höchsten Wunsch verbergend, »weil meine Tochter gar nicht gewohnt ist, umherzureisen.« »Ei«, sagte die gottlose Alte, die in den ganzen Plan eingeweiht war, »wollt Ihr, Messere, daß das Mädchen wie eine Nonne sich immer im Hause vergrabe? Vergönnt Ihr doch auch je und je eine anständige Zerstreuung! Der Ort, wohin wir gehen, ist nicht weit, der Weg gut und ungefährlich, die Jahreszeit lädt zu Vergnügungen ein, bei den Hochzeiten werden viele adlige Fräulein sein, wie Cicilia, und ich will schon über sie wachen und ihr Gesellschaft leisten, als wäre es mein eigen Kind. Daher bitte ich Euch, mir zu erlauben, daß sie mit mir kommt und mit meinem Manne; wir haben sie ja von Kindheit auf schon gepflegt und gewartet.« Messere Horatio tat noch immer, als sei er nicht einverstanden, und die unglückliche Cicilia, die nicht wußte, was das für Folgen haben werde, um was sie so einfältig bat, bestürmte ihren Vater unablässig, ihr die Erlaubnis zu erteilen. So bat also einerseits die Tochter, andererseits die böse Alte und die andern, die im Hause waren, und am Ende stellte er sich zufrieden. Am Morgen ließ Messere Horatio Cicilia ein karmosinrotes Zendelkleid anziehen und übergab sie Maltrova und dem gottlosen Weibe auf ihren Wagen. Messere Horatio tat, als wollte er seiner Tochter noch eine alte Frau zur Gesellschaft mitgeben; die andere aber sprach: »Ihr habt wenig Zutrauen zu mir, Messere, daß Ihr meint, sie brauche noch ein anderes Geleite, wenn ich bei ihr bin. Sollte ich etwa nicht verstehen, sie zu bedienen?« Der Vater schien sich auf diese Worte der Gottlosen zu beruhigen; das unglückliche Fräulein meinte eine Lustreise anzutreten und machte sich auf den Weg mit solchen, die sie zum Tode führten. Maltrova schlug den Weg gegen Ravenna ein, und als sie in einen dichten Wald kamen, tat er, als sei ein Holz am Wagen gebrochen, und sagte zu seinem Weibe und der jungen Frau, sie sollten aussteigen, damit er die zerbrochene Stange wieder in Ordnung bringe. Die zwei Frauen stiegen ab, und als Cicilia auf dem Boden stand, nahm sie Maltrova beim Arme und sprach: »Empfiehl deine Seele Gott, denn hier mußt du durch meine Hand sterben!« Die junge Frau war bei diesen Worten halb tot und fing an, laut zu weinen und zu schreien. »Ach, Maltrova«, sagte sie, »sind das die Hochzeiten, zu denen du mich führen willst? Behandelt man so Frauen meinesgleichen?« »Ja«, antwortete der Verruchte, »so behandelt man Weiber, die ohne Rücksicht auf die Ehre ihrer Familien tun, was du getan hast, schnödes Weib! Hier soll deine Hochzeit gefeiert werden, wie es sich für dich gehört.« Aus diesen Worten erkannte die Unglückliche, daß der Vater ihren Fehltritt bemerkt und sie deshalb diesem Manne übergeben habe, damit er sie umbringe. Dessenungeachtet warf sich die Unglückliche vor Maltrova auf die Knie und sprach weinend zu ihm: »Ich leugne nicht, gefehlt zu haben; aber nichtsdestoweniger habe ich ja dich niemals beleidigt und dir keine Schmach angetan, wofür du dich rächen müßtest. Ach, wenn du nicht mit mir Erbarmen haben willst, so habe wenigstens Mitleid mit dem unglücklichen Geschöpfe, das ich unter dem Herzen trage! Gib nicht außer mir auch ihm den Tod, das noch nichts verbrochen hat, ja noch gar nicht geboren ist!« Dann stand sie auf und wandte sich an die grausame Alte: »Ach, meine Mutter«, sprach sie, »ich bitte Euch, erlaubt doch nicht, daß ich von Eurem Gatten, dem ich immer, wie Ihr wißt, nur Freude machte, so grausam hingemordet werde!« Die mitleidslose Alte sagte nichts anderes zu ihr als: »Wenn dein Vater sich deiner nicht erbarmt hat, wie willst du, daß wir es sollen? Sterben mußt du: darum hab acht, nicht mit dem Leib auch die Seele zu verlieren!« Da nahm sie Maltrova bei den Haaren und hob das Schwert auf, um ihr den Kopf abzuschlagen. Während er aber ausholte, faßte die Alte, in der das Erbarmen Platz gegriffen hatte, doch das Mitleid mit dem jungen Weibe; sie hielt den Arm des Gatten auf und sprach zu der unglücklichen Cicilia: »Wenn du uns versprichst, so weit wegzugehen, daß dich niemand kennt und nie jemand sagt, daß du noch am Leben bist, so will ich dir das Leben schenken.« Cicilia meinte, es sei eine Stimme vom Himmel in ihre Ohren gedrungen; sie versprach es ihr und schwur ihr bei Gott, es so zu machen. Da bewog die Alte ihren Gatten, wiewohl mit Mühe, sie nicht umzubringen. Man nahm ihr nun den Rock von Zendel und alle Zierate ab, die ihre edle Abkunft andeuten konnten, und ließ sie im bloßen Hemde. Da schenkte ihr die Alte einen schlechten, sehr abgetragenen Unterrock von ihr, den sie anlegte. Maltrova ließ sie im Walde allein, stieg auf seinen Wagen und fuhr weiter samt den Kleidern der unglücklichen jungen Frau und allem, was Messere Horatio ihm zu seinem Zwecke gegeben hatte. Aber kaum hatte er sich von Cicilia zehn Meilen weit entfernt, als eine Räuberbande sie überfiel und ihm und seiner Frau den verdienten Tod gab; und mit Cicilias Kleid nahmen die Räuber ihnen alles, was sie von Messere Horatio bekommen hatten und was sich auf mehr als viertausend Gulden in Gold belief. Aber die göttliche Gerechtigkeit fügte es, daß auch sie bald hernach den Lohn für ihre verbrecherischen Taten bekamen: denn sie begegneten dem Polizeimeister von Ravenna, der mit einer starken Schar ausgezogen war, sie gefangennahm und vor den Richter führte, wo sie nach geleistetem Geständnis ihrer Mordtaten die gebührende Strafe fanden. Die unglückliche Cicilia hatte eingenäht in einen Gürtel, den sie unter dem Hemd auf dem bloßen Leibe trug, ein paar hundert Goldgulden und einige Kleinode; denn da sie mit Rinieri von ihrem Vaterhause fliehen wollte, hatte sie schon angefangen, wertvolle Sachen zusammenzusuchen, um sie mit sich zu nehmen. Sie zog daher zwei Paar Goldgulden heraus und ging so lange durch den Wald weiter, bis sie den Weg nach dem Meere fand. Sie stieg in eine Barke, die gegen Loretto ging, und ließ sich nach dem Hafen von Ricanati führen. Dort fand sie ein frommes und ehrbares altes Weiblein, mit der sie ihre armselige Lebensweise teilte; sie hieß Isabella von Narne. Zwei Tage darauf fing Messere Horatio an, sich zu verwundern, daß Cicilia nicht zurückkehre. Er schickte einen seiner Leute nach Massa, wohin Maltrova nach seiner Angabe hatte auf die Hochzeit gehen wollen. Der Diener kehrte zurück und meldete, er sei nicht nur nicht dorthin gegangen, sondern es sei dort gar keine große Hochzeit gefeiert worden. Als Messere Horatio dies hörte, fing er an zu schreien und zu wehklagen und den größten Schmerz zu heucheln und sich und sein Unglück zu verfluchen, das ihn verleitet habe, seine Tochter einem solchen Manne und Weibe anzuvertrauen. Er schickte Reitende nach allen Seiten, um zu sehen, ob man nicht eine Spur von Maltrova finden könne. Alle Leute in der Stadt bejammerten mit ihm einen so unerklärlichen Vorfall, wunderten sich aber unter sich, daß Messer Horatio sich diesem Manne in einer Sache von solcher Wichtigkeit anvertraut habe. Man wußte darüber nichts anderes zu sagen, als, nachdem Messere Horatio mit Hilfe dieses Menschen andern tausendfach Schmach angetan, habe Gott endlich diesen Vorfall gestattet, um zu zeigen, daß aus böser Handlungsweise und aus dem Umgang mit Bösen weiter nichts zu ernten ist als Böses. Die Leute, die ausgegangen waren, um Maltrova zu suchen, kehrten zurück und sagten, er sei gar nirgends zu finden; sie hätten aber gehört, im Hafen von Ravenna sei ein Schiff von Kaufleuten, die nach Otranto gesegelt seien, um von dort nach Konstantinopel zu fahren; sie halten es für sicher, daß er mit diesem Schiffe entflohen sei und Cicilia dem Großtürken bringe, indem er denke, da sie so schön sei, einen großen Gewinn daraus zu ziehen. Messere Horatio schickte nach Otranto und erfuhr, das Schiff sei schon über acht Tage weggefahren. Nun stellte er sich als den unglücklichsten Vater, der da lebe (obwohl ich glaube, daß sein Schmerz nicht ganz nur Verstellung war), und trauerte tief. Während dies in Imola vorfiel, gebar Cicilia im Hause der guten Alten einen wunderschönen Knaben, dem sie den Namen Rinieri beilegte, um durch den Namen ihres Kindes die Sehnsucht nach ihrem Gemahl zu lindern, die sie verzehrte, und dem sie sich doch nicht zu entdecken wagte, teils wegen des Eides, den sie Maltrova hatte schwören müssen, um nicht wider Gott zu sündigen, teils weil sie fürchtete, es könnte ihrem Vater zu Ohren kommen, und er würde dann sie beide umbringen lassen, nachdem sie schon einmal seine Grausamkeit erprobt hatte. Cicilias Schicksal ward in der ganzen Romagna bekannt und kam auch zu Rinieris Ohren, der höchst betrübt darüber nach Imola ging und von Nastagia zu erfahren suchte, was an der Sache sei. Als er nun kein Mittel sah, Cicilia wiederzufinden, nahm er den Dolch, den er an der Seite trug, und wollte sich erstechen. Nastagia aber gab es nicht zu und überredete ihn, seine Frau aufzusuchen: denn sie sei versichert, wenn er eifrig suche, werde er sie finden und einst noch glücklich mit ihr zusammen leben. Rinieri befolgte diesen Rat und ging, ohne weiteres Merkmal anzugeben, nachdem er erkundet hatte, welchen Weg Maltrova eingeschlagen habe, nach dieser Richtung hin. Nachdem er lange gesucht hatte, fand er einen Schäferknaben, der sagte, er habe gesehen, wie einer eine junge Frau umbringen wollte, die er auf dem Wagen gehabt, und er glaube auch, er habe sie umgebracht, denn er habe sie später nicht mehr gesehen. Auf diese Kunde war Rinieri so betrübt, daß es nicht zu sagen ist. Als er weiterging, fand er einen andern, der ihm sagte, der Mann auf dem Wagen sei nebst einem alten Weibe von Räubern umgebracht worden, eine junge Frau habe er aber nicht bei sich gehabt. Rinieri dachte, nun brauche er nicht weiterzugehen, denn er war nun überzeugt, daß nach der Aussage des Hirtenknaben seine Geliebte tot sei. Er wollte daher nach Imola zurückkehren und sich auf demselben Bett den Tod geben, auf welchem sie ihre Vereinigung gefeiert hatten. Aber siehe da, während er diesen Gedanken nachhing, sah er einen Mann kommen, der das Kleid anhatte, das Cicilia trug, als Maltrova sie umbringen wollte. Rinieri erkannte es sogleich als dasselbe, das das Fräulein auch an dem Tage trug, wo er und sie ein Paar wurden. Er fragte ihn freundlich, wo er es herhabe, und erhielt zur Antwort, er habe es in Ravenna in einem Judenladen gekauft. Rinieri bat ihn, mit ihm nach Ravenna zurückzukommen, und er war es zufrieden. Sie gingen beide nach der Stadt; der Fremde führte ihn dahin, wo er das Kleid gekauft hatte, und Rinieri erfuhr von dem Juden, es habe einigen Räubern gehört, die in Ravenna gehenkt worden seien. Rinieri begab sich zu den Richtern und den Notaren des Amtes, erforschte, was sie bei den Räubern gefunden und von ihnen erfahren hätten, und diese zeigten ihm denn unter anderem einen Brief, den sie Maltrova nebst einer Geldsumme abgenommen. Er hatte denselben gleich, nachdem er Cicilia verlassen, geschrieben, um ihn dem ersten vertrauten Boten zu übergeben, den er fände; er benachrichtigte darin Messere Horatio, daß er seinem Auftrage gemäß seine Tochter umgebracht habe. Rinieri nahm den Brief und kaufte das Kleid zurück, mit dem festen Entschluß, Rache zu nehmen für die Frau, die er wie sein Leben liebte. Er begab sich daher zu dem Präsidenten der Romagna, der gerade in Cervia war, überreichte ihm den Brief und bat, ihm Gerechtigkeit nicht zu versagen. Dem Präsidenten war der Vorfall mit Cicilia bereits gemeldet worden, und er hegte bei sich die Überzeugung, daß der Vater um das ihr zugestoßene Schicksal sicher wissen müsse. Als er daher den Brief sah, verfügte er sich alsbald nach Imola und ließ in der folgenden Nacht Messere Horatio verhaften und ins Gefängnis setzen. Am Morgen ließ er ihn vorführen und fragte ihn, was aus seiner Tochter geworden sei. Bei dieser Frage ging ihm ein Stich durchs Herz. Doch machte er, so gut er konnte, ein heiteres Gesicht und sagte, er wisse nicht mehr davon als die ganze Stadt. In diesem Augenblicke trat Rinieri unvermutet hinter einem Bett hervor, wo ihn der Präsident hatte verbergen lassen, trat Messere Horatio entgegen und zeigte ihm Cicilias Kleid mit den Worten: »Ha, alter Schurke, kennst du dieses Kleid? Übergabst du nicht dem Maltrova deine Tochter in diesem Aufzuge, damit er sie umbringe? Gabst du ihm nicht so und so viel Goldgulden und Kleinodien?« (Er war nämlich vom Amt in Ravenna vollständig unterrichtet, weil die Räuber bekannt hatten, welche Habseligkeiten dem Maltrova abgenommen worden waren.) »Gabst du sie ihm nicht, damit er dies ausführe? Kennst du diesen Brief, gottloser Mensch?« (Bei diesen Worten zeigte er ihm Maltrovas Brief.) »Lies ihn, und du wirst sehen, grausamer Mann, daß der verruchte Henker dein Verlangen erfüllt hat!« Der arme Alte las den Brief, sah das Kleid, und da er sich so bis ins Einzelne den Hergang vorerzählen hörte, wußte er nicht, was er antworten sollte, und stand wie versteinert da; denn er konnte sich gar nicht erklären, wie dieser Mensch das alles wisse. Da nun der Präsident sah, daß er in diesem Grade allen Mut verloren hatte, hielt er ihn mit Überzeugung für schuldig und sprach zu ihm: »Behandeln Väter ihre Töchter so, Messere Horatio? Aber Ihr sollt so dafür gestraft werden, daß es Euch jammern soll!« Der arme Schelm antwortete: »Ja, so machen es die Väter, wenn sie die Schmach nicht ertragen können, die ihre Töchter der Familie antun, indem sie sich Männern hingeben, die nicht ihre Gatten sind.« Darauf erwiderte Rinieri: »Nur ihrem Gatten hatte sich Cicilia hingegeben, Verruchter; von ihm war sie schwanger, sonst von keinem; und dieser bin ich. Aber ich danke Gott, daß deine Züchtigung dich erwartet; und nicht mit einem Tode allein solltest du gestraft werden, sondern mit zweien, wenn du zweimal sterben könntest, da du mit einem Male die Tochter und den unschuldigen Enkel ums Leben gebracht hast.« Da sprach Messere Horatio zu Rinieri: »Hätte ich dich nur früher gekannt als jetzt, so hättest du nicht Zeit gefunden, mich anzuklagen; jetzt aber sterbe ich nur darum ungern, weil du am Leben bleibst; dir aber gebührte eine weit größere Strafe als mir, weil du die erste Ursache des ganzen Unheils bist. Und der Herr Präsident handelt unrecht, wenn er dich nicht züchtigt und dich nicht lehrt, den Vätern freie Hand zu lassen in Verheiratung ihrer Töchter.« »Die Ehen sind frei, Messere Horatio«, antwortete der Präsident, »und wenn die Töchter sich nach ihrem Wunsche verheiraten, darf man sie deshalb nicht umbringen.« Nach diesen Worten ließ er Messere Horatio wieder ins Gefängnis unter sorgfältige Bewachung bringen und zeigte dem Papste an, wie die Sache stehe. Dieser schrieb ihm zurück, er solle ihm ihn nach Rom schicken. Der Präsident schickte ihn hin, der Papst ließ ihn sogleich verhören und fand ihn zweier Tode schuldig; darum wurde er verurteilt, geköpft zu werden, – nicht sowohl, um ihn für die Ausführung des Todes zu bestrafen, als weil er jenen Mörder mit Geld zu einer so verbrecherischen Tat bewogen hatte, – damit er ein abschreckendes Beispiel würde für die Welt und zeigte, welche Strafe diejenigen verdienen, die solche Bösewichte zum Morde anderer, namentlich der eigenen Angehörigen, mit klingender Münze dingen. Messere Horatio war, wie wir gesagt haben, in seiner Heimat ein Mann von edlem Hause und großem Vermögen; deshalb hatte er auch einen weiten Ruf, und kaum war er zum Tode verurteilt, als sich das Gerücht davon da- und dorthin verbreitete. So kam es auch nach Recanati zu Cicilias Ohren. Diese Nachricht berührte sie schmerzlich, und sosehr sie Rinieri liebte, so hörte sie doch mit großem Mißfallen, daß er es gewesen sei, der ihren Vater zum Tode gebracht habe. Sie beschloß daher, ihn zu retten, und meinte, den Eid, den sie dem Maltrova habe leisten müssen, sich nicht zu offenbaren, dürfe sie unter solchen Umständen wohl brechen, und sie könne das tun, ohne Gott zu verletzen. Daher nahm sie Abschied von der guten Alten, machte sich mit ihrem Söhnchen auf den Weg und kam gerade an dem Tage in Rom an, wo Messer Horatio zur Richtstätte geführt wurde. Als Cicilia auf den Platz kam, wo das Todesurteil vollzogen werden sollte, und den Henker mit dem Schwert in der Hand sah, bereit, ihm den Kopf abzuschlagen, da drängte sie sich gewaltig durch das Volk und fing an zu schreien, was sie konnte: »Halt ein mit deinem Schwert, halt ein mit deinem Schwert, Scherge! Der wackere Mann hat den Tod nicht verdient: denn sie lebt samt ihrem Kinde, um derenwillen er zu diesem grausamen Tode verurteilt wurde!« Alles anwesende Volk wandte seine Blicke nach diesem Schreien und sah die junge Frau mit dem Knäblein im Arme: das war das schönste Kind, das je ein sterbliches Auge erblickte; und wegen des Mitleids, das alle mit Messere Horatio hatten, ließ man die Hinrichtung nicht vollziehen, denn man dachte, es könne die Tochter des Edelmanns sein. Cicilia kam mit ihrem Söhnchen im Arme auf das Schafott, wo der Unglückliche mit auf den Rücken gebundenen Händen kniete, indem er den tödlichen Schlag erwartete. Sie fiel ihrem Vater um den Hals und rief: »Ach, liebster Vater, seht hier Eure unglückliche Tochter, die Gott sei Dank noch lebt und die Euch in so großer Not auch das Leben bringt, gänzlich vergessend, daß Ihr sie dem verruchten Maltrova übergeben habt, um sie zu ermorden! Seht hier bei ihr Euren Enkel, um dessentwillen Euch auch mit ein so schlimmes Los getroffen hat! Verzeiht mir, lieber Vater, wenn ich Euch beleidigt habe, und nehmt von mir Euer Leben an!« Bei diesen Worten fühlte ihr Vater seine Empfindungen sich so das Herz beklemmen, daß er keine Silbe hervorbrachte. Er weinte vor Rührung und hätte seine Tochter gern umarmt und ihr das liebe Kind abgenommen, wenn dem Armen nicht die Hände gebunden gewesen wären. Rinieri, der dabei war, um dem Schwiegervater den Kopf abschlagen zu sehen, und seine Frau lebendig und mit dem wunderschönen Söhnlein auf den Armen erblickte, erkannte sie sogleich. Wie närrisch lief er auf sie zu und umarmte sie vor allem Volk nebst dem Kinde, und auch sie umarmte ihn. Daraus erkannte denn jedermann, daß es die Tochter des Messere Horatio und daß der Jüngling ihr Gatte war. So kamen aus Freude und Mitgefühl allen die Tränen in die Augen. Der Gerichtshauptmann tat dem Papste den Vorfall zu wissen, der denn höchlich verwundert Messere Horatio und die andern vor sich führen, sich alles einzelne genau erzählen ließ und Gott lobte, daß die junge Frau so zeitig eingetroffen sei. Er tadelte die Tochter, daß sie ohne Wissen ihres Vaters sich vermählt habe, und Messere Horatio, daß er darum sie hatte ans Messer liefern wollen. Am folgenden Tag aber ließ er ein kostbares Mahl bereiten und die unter den zwei Liebenden heimlich geschlossene Ehe von neuem in seiner Anwesenheit feierlich einsegnen nach vorangegangener Zustimmung des Vaters. Dieser ließ seiner Tochter und seinem Enkel all sein Vermögen als Erbgut und ging, der Welt satt, in ein Mönchskloster, wo er sein Leben fromm beschloß. Rinieri aber lebte mit Cicilia fortwährend in glücklicher Eintracht, und beide dankten Gott, daß er sie nach solcher Bekümmernis für so große Wonne aufgespart. Giovanni Battista Giraldi Delio und Dafne In der Stadt Ferrara, die zwar vielen andern Städten Italiens an Alter, keiner einzigen aber an innerem Werte und Berühmtheit nachsteht, teils wegen der Milde und Gerechtigkeit ihrer Beherrscher, teils wegen der Schönheit ihrer Lage, der Pracht ihrer Paläste, der Fruchtbarkeit des Landes, der Tugenden und Fähigkeiten der ausgezeichneten Geister, die in ihr blühten, lebte ein Jüngling namens Delio, von edler Familie und von guter Erziehung, der, als er kaum sieben Jahre alt war, anfing, in dem Hause eines Messer Gianni Mazzo, das der Wohnung seines Vaters schräg gegenüber lag, vertraut aus- und einzugehen. Es hatte dieser Edelmann eine reizende, anmutige Tochter von vierzehn Jahren, die; ich weiß nicht, ob wegen ihres eigentlichen Namens oder wegen der besonderen Reize, die man an ihr wahrnahm, von ihren Hausgenossen und der ganzen Nachbarschaft Dafne genannt wurde. Sooft nun Delio mit dieser Jungfrau sprach, scherzte sie mit ihm, angesehen daß er ein sehr artiger Knabe war, liebkoste ihn nach Mädchenweise und fragte ihn um dies und das. Delio stand zwar noch in zu frühem Alter, um das Feuer der Liebe in seiner Brust aufzunehmen, blieb aber doch immer gern bei ihr, scherzte gerne mit ihr, und wenn es einmal vorkam, daß die Jungfrau ihn in die Arme nahm, so meinte er eines Vorschmacks der Himmelsfreuden teilhaftig zu sein. Während solchergestalt dieser Liebeshandel seinen Fortgang hatte, wuchs Delio zu dem Alter von vierzehn Jahren heran, und es ward aus dem kindlichen Wohlgefallen, das er an Dafne und ihrer Gegenwart empfand, in seinem Herzen allmählich eine so starke Leidenschaft, daß es vor krankhafter Sehnsucht nirgends mehr Ruhe fand als bei ihr. Er liebte und besuchte sie häufiger und heftiger als zuvor, und Dafne ging es ebenso, denn sie war für ihn entbrannt so gut als er für sie. Die beiden jungen Leute hielten nun zwar das Feuer in ihrer Brust verschlossen, aber doch merkten es die beiderseitigen Eltern. Deshalb wurde das Mädchen von den Ihrigen sorgfältiger als bisher gehütet, Delio aber fortan verboten, sie zu besuchen; und dies geschah nicht allein von Seiten des Mädchens, sondern auch von Seiten Delios. Denn sowie Delios Eltern fürchteten, die Liebe zu Dafne, die sie an ihm verspürten, möchte ihn von den philosophischen Studien abziehen, die sie ihn bereits hatten beginnen lassen, so begaben sie sich mit ihm auf einen zwölf Meilen von der Stadt entfernten Landbesitz und nahmen einen sehr geschickten Lehrer mit sich, damit er ihn auf dem bereits eingeschlagenen Pfade der Wissenschaft zu einem löblichen Ziele führe. Sie hielten dafür, durch Delios Entfernung von der Ursache seiner Liebe die ihn verzehrende Flamme erlöschen zu sehen. Wie sich nun aber die Liebenden nicht nur der süßen Gewohnheit der Zwiesprache, sondern auch der Möglichkeit, sich zu sehen, beraubt fanden, gerieten sie beide wie außer sich selbst und kannten keinen Augenblick der Ruhe mehr, als den ihnen die Kunde gab, die eins vom andern vernahm. Ja, Delio, der jüngere, und der vielleicht minder fähig war, der geheimen Macht der Liebe Widerstand zu leisten, erkrankte so gefährlich, daß er nach Ferrara gebracht und ärztlichen Händen übergeben werden mußte, die sich mit größtem Eifer um seine Wiederherstellung bemühten. Aber weil das Heilmittel für seine Krankheit nicht im Bereiche der ärztlichen Kunst lag, schlugen auch die Arzneien nicht an. Zu dieser Zeit sah Dafne, die um der Krankheit des Jünglings willen vielleicht ebenso großen Schmerz empfand wie der Leidende selbst, eines Tages von ungefähr einen zehnjährigen Bruder Delios, von dem sie hörte, daß weder sein Vater noch seine Mutter eben zu Hause sei, und dem sie deshalb ein Sträußchen Damaszenerrosen gab mit der Bitte, es seinem kranken Bruder von ihr zu bringen und ihm ihre herzlichen Grüße zu sagen. So einfältig der Knabe die Blumen von der Jungfrau nahm, so dienstfertig und liebreich trug er sie seinem Bruder hin. Als Delio das Geschenk sah, das ihm von derjenigen kam, von der sein Leben abhing, als er den Gruß hörte, den sie ihm sandte, fühlte er so innige Freude, daß der Geruch der Blumen und die Vorstellung dieser Liebesbezeugung seines Mädchens sein Befinden merklich besserten. Er ließ sich von seinem kleinen Bruder Schreibzeug reichen und dankte, so gut er konnte, in einem zärtlichen Briefe, den er mit zitternder Hand schrieb, dem Mädchen aufrichtig dafür, daß sie durch ihren Gruß und das Geschenk dieser schönen Blumen ihn wieder zum Leben geweckt habe; und in Ermangelung eines zuverlässigeren Boten gab er den Brief eben wieder dem Kinde zur Bestellung an das Mädchen. Er hatte dem Kleinen allerdings eingeschärft, den Brief niemandem zu übergeben als ihr. Das Schicksal wollte aber Delio auch in diesen geringen Trost sein Gift mischen: denn das unbefangene Kind trat zu dem Mädchen in das Zimmer, worin sie mit ihrer Mutter saß, hielt ihr den kleinen Zettel hin und sagte: »Nehmt, das sendet Euch mein Bruder.« Die Jungfrau ward an der Seite ihrer Mutter feuerrot im Gesicht und wollte den Brief nicht nehmen. Als die Mutter dies sah, nahm sie ihn, las ihn, und da sie sah, woher er kam und was sein Inhalt war, erhob sie einen großen Lärm gegen ihre Tochter, zerriß ihn in deren Gegenwart, schalt den Knaben, der ihn ihr gebracht hatte, heftig aus und hätte ihn beinahe mit Schlägen fortgejagt. Der kleine Knabe lief zu seinem Bruder zurück, sagte ihm indessen kein Wort von dem erlittenen Ungemach, weil ihn seine erste Unachtsamkeit behutsam gemacht hatte, keine zweite zu begehen, und hinterbrachte ihm im Gegenteile, Dafne habe den Brief mit Freuden empfangen und empfehle sich seinem Andenken. Über diese Nachricht war Delio so sehr erfreut, daß er in kurzem seine Gesundheit wiedergewann. Und von dem Verlangen getrieben, die Jungfrau, in der seine Seele lebte, wiederzusehen, ließ er sich seine völlige Herstellung selbst so angelegen sein, daß er in wenigen Tagen imstande war, auszugehen und zu spähen, ob er seine Geliebte erblicke. Indem er nun nach diesem Tröste strebte, siehe, da kam, von Dafne abgesandt, ihre Amme auf ihn zu und erzählte ihm, was durch die Unbedachtsamkeit des Knaben vorgefallen sei, und wie Dafne aus diesem Grunde in so strengem Gewahrsam gehalten werde, daß sie noch nicht einmal so viele Freiheit gehabt habe, die Feder zu ergreifen, um ihm ihre Betrübnis schriftlich zu schildern. Es läßt sich nicht sagen, wie empfindlich den Jüngling diese Botschaft traf. Da ihm jeder persönliche Umgang mit seiner Geliebten benommen blieb, so verabredete er mit der Amme, ihr zu schreiben und sich brieflich das mitzuteilen, was sie bei der Hut, unter welcher die Jungfrau stand, einander nicht erzählen konnten. Indem sie nun so in geheimem brieflichen Verkehr ihre Liebesgluten hegten, ging eine geraume Zeit hin; und bei so großem Mißgeschick schien es ihnen eine große Erquickung in ihrer Qual, wenn sie Briefe von einander lesen durften. Unterdessen hatte Messer Gianni die vollständige Gewißheit erlangt, Delios Vater hege durchaus nicht die Absicht, Dafne mit seinem Sohne zu verheiraten. Da diese nun bereits einundzwanzig Jahre alt geworden war, beschloß er, sie sogleich einem andern zur Frau zu geben. Er sprach daher hierüber mit seiner Tochter und setzte ihr mit vielen Gründen auseinander, sie könne unmöglich länger so bleiben, wie sie sei; er habe ihr schon einen ihrer würdigen Gatten ausersehen. Vater und Tochter hatten über diesen Gegenstand ein langes Zwiegespräch, bei dessen Ende das Mädchen dem Vater die Bitte vortrug, er möge ihr gestatten, noch eine Zeitlang bei ihm zu bleiben. Er erwiderte ihr aber, sie sei nicht dazu geboren, ihr ganzes Leben im elterlichen Hause zuzubringen, und bei reiflichem Nachdenken werde sie gewiß einsehen, daß er bloß auf ihr eigenes Beste Bedacht nehme. So verließ ihn Dafne, das Herz mit bitterem Leidwesen erfüllt, und suchte ihre Amme auf, bei der sie sich heftig über die Äußerungen ihres Vaters beklagte. Die Amme tröstete sie, so gut sie vermochte, indem sie ihr den Rat gab, in einem warmen und liebevollen Briefe Delio alles mitzuteilen, was ihr Vater gesagt hatte. Und so schrieb sie ihm denn und bat ihn inständig, da sie all ihr Glück auf ihn setze, möge er nicht zugeben, daß sie, um auf immer alle Freude zu verlieren, in die Hände eines andern komme, was, wenn er sie liebe, wie er ihr immer versichert habe, ihm nur zum größten Leidwesen gereichen müßte. Die Amme überbrachte dem Jüngling den Brief und fügte zu Dafnes feurigen Worten noch selbst alles dasjenige hinzu, was ihr geeignet schien, das Gemüt des Jünglings zu bewegen, auf die ehrbaren Wünsche Dafnes, die sie gesäugt und auferzogen hatte, einzugehen. Doch bedurfte es dazu nicht vieler Worte, denn Delio war nur allzusehr ebendazu geneigt. Er las den Brief der Geliebten, hörte die Worte der Amme an und erwiderte, Dafne sei seine Seele, ohne sie gebe es für ihn kein Gut auf Erden, und er hätte wohl gewünscht, daß es dem Himmel gefallen haben möge, daß auch sein Vater so gesinnt sei, denn er würde dann nicht gewartet haben, bis ihm von ihr Briefe und Botschaften zugekommen wären, die ihn dazu ermunterten, wonach über alles in der Welt seine Sehnsucht stehe. Da die Dinge nun aber gegenwärtig so weit gekommen seien, wie er sie erblicke, so werde er nicht unterlassen, alles mögliche zur Erfüllung ihrer beiderseitigen Wünsche zu tun. Die Amme hatte ihn auch kaum verlassen, als der tief niedergeschlagene Delio einen seiner Verwandten, der bei seinem Vater in großem Ansehen stand, in sein Vertrauen zog und ihn bat, allen seinen Einfluß bei seinem Vater aufzubieten, daß dieser, nachdem er sich Dafne zur Ruhe seines Lebens erwählt, ihn nicht ihrer beraube, denn er würde sein Leben lang dadurch unglücklich werden. Der wackere Mann empfand Mitleid mit dem Jüngling und ging zu dem Vater, dem er mit aller möglichen Eindringlichkeit auseinandersetzte, was ihm Delio selbst vorgestellt hatte, und alle Gründe zu bedenken gab, die er für dienlich erachtete, um die Wünsche des Sohnes durchzusetzen. Messer Christofano – so hieß Delios Vater – war ein gemäßigter, weiser und verständiger Mann, wie kein anderer in seiner Stadt. So liebreich er auch gegen seinen Sohn gesinnt war, meinte er doch nichtsdestoweniger, in dem, was sein wahres Wohl betreffe, weiter als er selbst zu sehen, und hatte fest beschlossen, das Mädchen nimmermehr als seine Schwiegertochter aufzunehmen. Er äußerte sich also, er liebe Delio über alles Maß, und wenn er mit ihm sprechen wolle, so werde er ihm in keinem Punkte entgegenstehen, wo er einsehe, daß es sich um seinen Nutzen oder um seine Ehre handle. Der ehrliche Fürsprecher berichtete dem Jüngling von dieser Unterredung Wort für Wort. Wiewohl er diese Äußerungen des Vaters als sehr liebevoll erkannte, so hoffte er dennoch nicht mehr als zuvor. Die Überzeugung jedoch, daß es mit ihm nicht schlimmer werden konnte, als es war, bestimmte Delio, die Unterredung zu versuchen. Er suchte sich daher die rechte Zeit und Gelegenheit aus, eröffnete mit der schuldigen Ehrerbietung dem Vater seine Absicht und verband damit die eindringlichsten Bitten, die er wußte, um seine Wünsche durchzusetzen. Der Vater hörte ihm ganz freundlich zu, und nachdem jener fertig war, begann er mit halb finsterem, halb heiterem Gesichte also: »Lieber Sohn, ich habe sehr wohl deine Wünsche verstanden; sie würden dir aber nicht so verständig vorkommen, wie du jetzt meinst, wäre dir erst eine weitere Einsicht in die Folgen gegönnt, welche diese deine jugendliche Lüsternheit zuletzt nach sich ziehen muß, und die gerade das Gegenteil dessen sind, was dir als dein höchstes Wohl erscheinen mag. Denn abgesehen davon, daß dein gegenwärtiges Alter vielmehr ein kindliches als ein zur Ehe taugliches zu nennen ist, und daß deine bereits aufs beste eingeleiteten Studien, zu einem glücklichen Ausgange gefördert, dir einen guten Ruf verschaffen und eine Frau von ganz anderem Stande verdienen können, als du jetzt verlangst, – gehe ich zu deiner Äußerung über, diese Jungfrau sei deine Ruhe und Zufriedenheit, so muß ich dir sagen, wofern dem also wäre, solltest du gewiß und wahrhaftig nicht nötig haben, mich mit Bitten zu bestürmen, daß ich sie dir zur Frau gebe. Aber eben weil ich klar sehe, was deine törichte Begierde dich nicht sehen läßt, weil sie dir das Auge des Geistes geblendet hat, erkläre ich dir, erkörest du Dafne zu deinem Weibe, so wäre es eben nichts anderes, als trautest du dir eine ewige Plage an. Denn betrachten wir zuvörderst die Beschaffenheit dieser Jungfrau, so ist es ein höchst unnatürlicher und ungewöhnlicher Fall, daß du dich in Liebe zu ihr entzünden mochtest, während du kaum dein fünfzehntes Jahr erreicht hast, sie aber eins weniger als zweiundzwanzig alt ist; so daß bei dem ersten Sohne, den sie dir gebären würde, ganz unzweifelhaft der Umstand einträte, daß sie viel mehr deiner Mutter als deiner Gattin ähnlich sehe; und wenn sie gar erst mehr als ein Kind von dir hätte, würde sie so welk werden, daß sie dir selbst unkenntlich würde und mit der nächsten Zeit nach der Sättigung deiner jugendlichen Lüste dir fürwahr so lästig fiele, daß du sie ungern dir entgegenkommen sähest. Ich selbst, mein lieber Sohn, nahm in meinem fünfundvierzigsten Jahre deine Mutter zur Frau, die damals noch nicht in ihrem achtzehnten Jahre stand, und mir will es scheinen, ich habe dies zur rechten Zeit getan, und als wäre sie eben alt genug für mich. Nun bedenke du wohl, was aus dir werden würde, wenn du in diesem deinem zarten Alter dieses Mädchen nähmest. Nächstdem nimmt man eine Frau zur Ruhe und Bequemlichkeit des Hauswesens; du weißt nun, wie wenig Dafne deiner Mutter behagt und wohlgefällt, und begreifst leicht, daß von zwei unvermeidlichen Dingen notwendig eines geschehen müßte, wenn sie deine Frau wäre: entweder gäbe es zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter stets Mißhelligkeiten und Zwist, eine Sache, die in dem zwischen deiner Mutter und mir obwaltenden Frieden eine Störung machen könnte, oder du trenntest dich mit deiner Frau von uns. Die Liebe aber, mit der ich dich erzogen und vor allen meinen andern Kindern bevorzugt habe, verdient meines Bedünkens nicht, daß du jetzt in diesem meinem Alter mich verläßt, da du ganz besonders derjenige bist, auf den ich als auf meine festeste Stütze meine Ruhe gebaut habe, – daß du mich verläßt, sage ich, um eines solchen Frauenbildes willen, das weder für das schönste noch für das edelste dieser Stadt gelten kann.« Mit Tränen in den Augen endete hier der Greis seine Rede. Von der Ehrfurcht überwunden, die Delio gegen seinen Vater hegte, und gerührt von seinen letzten Worten, konnte er nicht anders als sagen, daß er zwar mit der geliebten Jungfrau sein höchstes Gut in diesem Leben verlieren werde, daß er sich aber den väterlichen Geboten eher als gehorsamer Sohn fügen werde, als Gründe anführen, die den von ihm gegebenen entgegenstehen könnten. Hier brachen sie die Unterredung ab. Indessen hatten Vater und Sohn noch viele ähnliche Gespräche über denselben Gegenstand; doch Delio versuchte sein Glück jedesmal ohne bessern Erfolg. Messere Gianni versprach seine Tochter einem andern Jüngling, und so wurde beiden Liebenden jede Hoffnung benommen, sich durch das Band der Ehe vereinigen zu können, was ihnen den bittersten Schmerz verursachte. Als nun Dafne bereits verheiratet war, trug es sich zu, daß sie mit Delio auf einer Hochzeit zusammenkam, wo ihnen die Gelegenheit ward, lange miteinander zu sprechen. Daselbst sagte Delio: »Ich danke dem Glücke, Dafne, das mir heute nach so viel Widerwärtigkeiten, die es mir hat zustoßen lassen, die Gunst gestattet, Euch zu sehen und zu hören und mit Euch sprechen zu dürfen. Wenn auch mein Unglück und die Härte anderer bewirken konnten, daß ich Euch jetzt an eines andern Mannes Hand sehen muß, so wird es ihnen doch nimmermehr gelingen, weder mein Herz von Euch abzuwenden, noch Euer Bildnis, das in meine Brust eingegraben ist, zu verlöschen, noch mein eifrigstes Verlangen zu erkälten, Euch immer wohlgefällig zu sein; und es gereicht mir zum höchsten Tröste, einzusehen, daß mein Andenken bei Euch ebenso lebt, wie das Eurige in mir lebt und immer dauern wird, solange ich selbst lebe.« Mit einem schweren Seufzer antwortete ihm Dafne: »Delio, du kannst aus freiem Willen erkennen, wie sehr es mich schmerzen muß, daß es zwischen uns zu einem solchen Gespräche kommen mußte. Da mich aber unser hartes und ungerechtes Geschick weder die Deinige sein noch dich besitzen läßt, so werde ich zwar zeitlebens elend bleiben; da aber die Pflicht der Keuschheit mich nötigt, dem anzugehören, der mir aufgezwungen worden, beschwöre ich dich bei aller Liebe, die ich immer für dich hegen werde, und bei dem Eifer für meine Ehre, den ich bei all deiner Liebe zu mir immer in dir wahrgenommen habe, daß es dir gefallen möge, weder meinem Gatten noch einem andern Menschen Veranlassung zum Argwohn zu geben: denn du würdest nur meinen Ruf beflecken und Zeit und Mühe vergeuden. Ich werde dich immerdar heben, aber fernerhin dir mit anderem Verlangen und für ein anderes Ziel als zuvor zugetan sein; denn damals liebte ich dich, weil ich dich zum Manne bekommen konnte; von nun an will ich dich lieben, als wärest du mein Bruder. Laß uns der Notwendigkeit uns fügen, Delio, und nichts anderes wollen und wünschen, als was mit meiner Ehre sich verträgt!« Delio lobte Dafnes ehrbare Vorsätze, dankte ihr für ihre Zuneigung, und so endete ihre Unterredung. Die junge Frau lebte noch einige Monate mit ihrem Gatten, der sie viel schlechter behandelte, als er bei ihrer Güte und Sanftmut hätte verantworten können, ließ aber dessenungeachtet keinen Gedanken in sich aufkommen, der der Sittsamkeit zuwider gewesen wäre. Um diese Zeit suchte eine schwere, grausame Pest nicht nur die Stadt Ferrara, sondern ganz Italien heim, und es erfolgte aus ihr an allen Orten unter den Menschen eine so große Sterblichkeit, daß es ein Graus und Entsetzen war, in den von Kranken und unseligen Leichen ganz überfüllten Städten zu sein. Auch Messer Christofanos Haus blieb damals von der verderblichen Seuche nicht unverschont, und obgleich er sich auf das Land begab und alle Vorkehrungen und Arzneien anwandte zur Heilung der Kranken und Bewahrung der Gesunden, vermochte er doch weder sich noch seine Frau noch alle seine Kinder vom Tode zu erretten. Auch Delio wurde von der Krankheit ergriffen, aber kam durch Gottes Gnade glücklich davon. Wie er nun eben nach Ferrara zurückkehrte und an das Tor der Stadt gekommen war, erblickte er Dafnes Amme, die er sogleich befragte, wie es um ihre Herrin stehe. »O weh, Delio«, rief sie, »es geht so gar schlimm mit ihr, daß es mir das Herz zerbricht. Die Pest ist in ihrem Hause ausgebrochen; ihr Mann ist entflohen und hat sie ganz allein und hilflos zurückgelassen.« Auf diese Worte warf der von Mitleid mit der Frau tief ergriffene Jüngling alle Rücksicht auf Todesgefahr beiseite, die er selbst mit seiner Familie jüngst erst überstanden hatte, und ebenso den Schauder vor den Todesfällen der Seinigen, die er mit angesehen: Dafnes Errettung ging ihm seiner eigenen und allem andern vor, und er eilte an ihr Haus. Nachdem er an die Türe geklopft, erschien Dafne, die allein im Hause war, am Fenster und meinte, wie sie Delio wahrnahm, einen Engel des Himmels zu sehen, der gesandt sei, ihr in ihrem Elende hilfreich beizustehen. Vom Fenster aus sprach sie weinend zu ihm: »Es ist so gekommen, Delio, wie ich immer meinte, daß es kommen müsse, wenn ich nicht dich zum Mann erhielte, daß ich nämlich die elendeste, unglücklichste Frau geworden bin, die auf Erden lebt. Denn ich Arme erfahre jetzt zu meinem unsäglichen Schmerz, daß es noch anderer Dinge bedarf als Ringe und goldener Ketten, um die Gattin dem Gatten in Liebe zu verbinden. Sobald mein Mann die Gewißheit ersehen hatte, daß sein Haus von der Krankheit angesteckt war, floh er von dannen und ließ mich hier ohne Hoffnung auf Unterstützung unter Tod und Graus allein.« Hierauf erwiderte Delio, von unsäglichem Mitleid ergriffen: »Solange ich lebe, Dafne, soll man nicht sagen, daß Ihr verlassen gewesen seid; denn das Schicksal hat mich mehr, als mir lieb ist, gelehrt, Mitleid mit den Bedrängten zu haben, und so sollt Ihr denn auch von mir alles erhalten, was Ihr braucht.« Dafne dankte ihm und legte ihm vor allem ihre Ehre ans Herz. Er gab ihr darauf sein Wort, das er noch mit einem Eide bekräftigte, und bat sie, ihm ihre Tür zu öffnen, damit er zu ihr hinaufkommen könne. »Ich will nicht«, sagte Dafne, »daß du heraufkommst, ich komme vielmehr zu dir hinab.« Bei diesen Worten zog sie das Seil und machte die Tür auf; Delio trat in den Hausflur, und die Unglückliche fing an die Treppen herunterzusteigen. Doch welch ein Unfall, der auch das härteste Herz rühren könnte, begab sich da! Die unglückliche Dafne hatte fast schon die unterste Treppenstufe erreicht, als eine Ohnmacht sie anwandelte. Ob ihr die plötzliche Freude über den Anblick Delios, der in ihrer größten Not zu ihrer Hilfe herbeieilte, die Adern erweitert und alles Blut nach ihrem Herzen gedrängt, oder ob ein Funke der Pest ihre edleren Lebensteile in der Aufregung ihres Blutes mit größerer Gewalt ergriffen haben mochte, bleibt ungewiß: wie tot sank sie hin und konnte sich nicht bewegen. Als Delio dies bemerkte, ging er ihr mit offenen Armen entgegen und sagte zu ihr: »O weh, meine teuerste Seele, was ist mit Euch?« Dafne, deren Geist fast schon ihren Körper verlassen hatte, antwortete nichts; aber sie wendete ihre vom Tode gebrochenen Augen nach ihm, als flehte sie mit jammervollem Blicke um Hilfe. Delio legte sie auf ein Bett nieder, das in einer Stube im Erdgeschosse stand, löste ihr vorn das Kleid auf, jammerte und weinte bitterlich und versuchte die schon entflohenen Lebensgeister zu ihrem Dienste zurückzurufen. Als er sich aber am Ende überzeugen mußte, daß sie tot sei, sprengten Wehklagen gewaltsam seine Zunge, und er rief aus, indem er ihren Körper fest mit seinen Armen umschloß: »Welch übergrausames Geschick, Dafne, zwingt mich jetzt, da ich dem Tode dich zu entreißen hoffte, dich tot in meine Arme fallen zu sehen? Warum hat mich der Himmel für solche Unglückseligkeit erhalten? Warum hat er mich nicht lieber mit den Meinigen zugleich sterben lassen? Warum läßt er mich dich also vor mir sehen, wie ich dich jetzt sehe?« Er umarmte sie und drückte sie an sich und konnte nicht aufhören zu weinen und zu klagen. Zuletzt jedoch ermannte er sich aus seinem Schmerz und sprach: »Da ich nun, mein süßes Herz, nichts mehr für dich zu tun fähig bin, so liegt mir in diesem Äußersten nur noch die letzte Pflicht gegen dich nach Kräften zu erfüllen ob: ich will sorgen, daß diese Glieder, einst die würdige Herberge deiner edeln Seele, eine so würdige Bestattung finden, als die gegenwärtigen Zeitumstände irgend gestatten; eine angemessene Ehrenbezeugung aber behalte ich mir für bessere Verhältnisse vor.« Nach diesen Worten kleidete er die Geliebte in ein schneeweißes Gewand, und da er in einem Fenster einen Topf mit blühenden roten Nelken hatte stehen sehen, brach er zwei der schönsten ab und steckte sie der Gestorbenen an den Busen mit den Worten: »Nimm diese Blumen, meine Freundin, an deine einst so schöne wie getreue Brust, zum Zeugnis des herben Andenkens, das mir, solange ich lebe, von dir bleiben soll!« Hiernach ließ er sie vorläufig in einem ganz ausgepichten Sarge beerdigen, bis die Verhältnisse ihm gestatten würden, sie wieder ausgraben zu lassen. Nach Verlauf eines Jahres aber ließ er sie dem Kasten entnehmen und in der Gruft seiner Ahnen beisetzen, wo auch er dereinst seinen Leib bestattet haben wollte, damit bis zum Jüngsten Tage seine Gebeine mit den ihrigen vereinigt blieben und auf den Posaunenruf des Engels neues Fleisch annähmen und in unaufhörlicher Gemeinschaft der Seligkeit des Himmels sich erfreuten. Wunderbar genug waren die beiden Nelken, die Delio an den Busen Dafnes gesteckt hatte, unter dem Staube und unter dem Gebeine, das er aus dem Sarge hob, so frisch und blühend geblieben wie damals, als er sie dahin brachte. Als Delio dies bemerkte, nahm er sie hinweg und erhielt ihnen ihr Ansehen, solange es möglich war; danach legte er sie zu seinen teuersten Sachen, und darunter verwahrt er sie noch jetzt, so wie das unverlöschliche Bild seiner inniggeliebten Dafne ewig frisch in seinem Herzen lebt. Giovanni Battista Giraldi Der Richter in Verlegenheit In Palestrina lebte eine junge Florentinerin, die ebenso mit Schönheit des Körpers geschmückt war, wie sie ein weiches Herz hatte. Sie ließ es sich angelegen sein, diese ihre Liebenswürdigkeit den freundlichsten und liebenswürdigsten Jünglingen zu bezeigen, und sie zog es vor, lieber weniger Geld zu verdienen und mit solchen jungen Männern zusammenzusein, als von anderen viel Geld einzunehmen und dabei kein Vergnügen zu empfinden. In sie, die Bice hieß, verliebte sich ein junger Mann namens Panfilo, der anmutig und vornehm war und es verdiente, von einer großen Dame geliebt zu werden. Mit den Waffen in der Hand war er so tapfer, daß nur wenige gewagt hätten, ihm im Kampf gegenüberzutreten; und wie er mit solchem Mute ausgestattet war, so wäre er ebenso im Überfluß mit Glücksgütern versehen gewesen, wenn nicht sein Vater durch einen Mord all seinen weltlichen Besitz verloren hätte. Aber da die Armut ihm seinen edlen Sinn nicht geraubt hatte, ertrug er dies Unrecht, das Fortuna ihm angetan hatte, mit möglichst großer Würde. Er also hatte sich in Bice verliebt, verlor aber, obwohl er seine Armut kannte, nicht den Mut, und da er ihr Wesen kannte, dachte er, wenn er mit dem Geldbeutel bei ihr nicht das Ziel seiner Wünsche erreichen könnte, würde es ihm wenigstens mit Hilfe der Gabengelingen, die ihm die gütige Natur mitgegeben hatte. Er begann also, Bice zu grüßen, sie mit Botschaften zu bestürmen, sie mit Geschenken zu bedenken, die nicht viel kosteten, aber anmutig und gefällig waren, und ihr in Gotteshäuser und auf die Feste zu folgen und zu den übrigen Orten, wo sie sich die Zeit vertrieb. Eines Festtags traf er sie auf einem Ball, und wie es in Liebesdingen zu geschehen pflegt, es gibt keine Gelegenheit, die mehr dazu angetan ist, die Herzen zu erwärmen, als die Gelegenheiten, die sich auf Bällen finden, wo jeder die Freiheit hat, die Hand zu berühren, sie zu drücken und sich beim Tanze zu unterhalten, wie wir es bei den Festen der einfachen Bürger und bei denen der angesehensten Höfe noch heute sehen. Der Jüngling faßte Bice bei der Hand, drückte sie ihr und sagte: »Duldet doch nicht, gnädige Frau, daß ich aus Liebe zu Euch sterbe!« Auf diese Worte erwiderte Bice lachend: »Ich stamme doch nicht von einem wilden Tier ab, daß ich den Tod dessen wollte, der mich liebte. Und ich weiß nicht, woher Ihr diese Meinung über mich habt, die ich doch noch niemals jemandem, der mich geliebt hat, Grund zur Klage gegeben habe. Um so weniger bin ich geneigt, Euch Grund zur Klage zu geben, da ich weiß, daß Ihr mich in Wahrheit liebt. Damit Ihr vielmehr nicht sterbt, schenke ich Euch von jetzt an meine Liebe.« »Ich danke Euch unendlich«, versetzte Panfilo, »und ich werde Euch Tag für Tag zeigen, daß ich Euch wie meine Augen liebe.« Als das Fest beendet war, begleitete Panfilo Bice bis nach Hause. Dort tat er, als wollte er sich entfernen, und sagte: »Ich bitte Euch, gnädige Frau, meine Bereitwilligkeit, Euch zu dienen, anzuerkennen und ihr den Lohn zu gewähren, der Eurer Liebenswürdigkeit würdig ist!« Von der Schönheit und den vornehmen Umgangsformen ihres Liebhabers bezaubert, antwortete das junge Mädchen lachend: »Ich würde mich schämen, Panfilo, wenn Ihr mich unter dem Namen eines Dieners lieben würdet; aber gern nehme ich Eure Liebe als die meines Herren an, dem ich immer bereitwillig dienen werde. Und damit Ihr seht, daß Ihr mich zu Unrecht für grausam gehalten habt, will ich, daß Ihr heute mit mir zusammen zu Abend esset.« Etwas Ersehnteres als dies konnte nicht zu den Ohren des Jünglings kommen; er nahm also die Einladung an, und da schon alles vorbereitet war, setzten sie sich zu Tische und unterhielten sich über dies und jenes; aber alle Worte des Jünglings hatten zum Ziel, zu zeigen, wie sehr er wünschte, die Wirkung der Liebenswürdigkeit zu sehen, die ihm Bice erwies. Als das Abendessen beendet war und sie sich mit einem Brettspiel beschäftigten, verweilten sie so lange dabei, daß ein großer Teil des Abends verging. Jetzt begann ein sehr feiner und dichter Regen vom Himmel zu fallen, und die Luft wurde so trübe und dunkel, daß es ein Wunder war. Daher sagte Panfilo, in Anbetracht der späten Stunde würde er nicht länger zögern, nach Hause zu gehen; aber die Finsternis zusammen mit einem so starken Regen jage ihm Schrecken ein, und deswegen bäte er sie, ihn freundlichst diese Nacht beherbergen zu wollen. »Sowohl diese Nacht als auch andere Nächte«, erwiderte Bice, »werdet Ihr immer bei mir sein, wenn es Euch gefallen wird, hier zu sein. Und ich möchte, wenn es Euch so Vergnügen macht, daß heute Nacht zwischen uns eine ewigdauernde, treue Liebe begründet wird.« »Wer sollte solche Schönheit und solche Liebenswürdigkeit nicht lieben?« erwiderte Panfilo; und während er dies sprach, legte er einen Arm um ihren Hals, gab ihr einen sehr zärtlichen Kuß und fuhr fort: »So soll es sein, wie Ihr gesagt habt, mein süßes Leben!« Sich so ihre Liebe zeigend, zogen sie sich aus, gingen ins Bett und fanden aneinander ein unglaubliches Vergnügen. Von dieser Zeit an hielt Bice ihn immer für ihren teuersten Geliebten, und sie verabschiedete nicht nur alle anderen Liebhaber, sondern begann auch, was sie von ihnen allen bekommen hatte, im Dienste Panfilos freigebig auszugeben. Und da sie viel Geld ausgab, von Panfilo aber entweder wenig oder gar nichts bekam, fing das Geld ihr bald zu fehlen an. Da erkannte sie ihren Irrtum, und weil sie deswegen den Jüngling nicht verlassen wollte, sah sie ein, daß zu ihrer beider Lebensunterhalt etwas anderes als die Anmut und die Schönheit des Geliebten nötig wäre. Und obwohl andere, und zwar auch junge und anmutige Männer da waren, die sie bestürmten, wollte sie trotzdem niemanden dem Panfilo vorziehen, geschweige denn zum Liebhaber nehmen, sowohl weil sie ihn sehr liebte, als auch, weil er in solcher Weise Herr über sie geworden war, daß er ihr oft gesagt hatte, wenn er sie jemals mit einem anderen Manne zusammenträfe, würde er sie beide ohne Rücksicht auf die Welt in Stücke hauen. Und da sie wußte, daß er von Natur tapfer war und dazu stolz, wenn er in Zorn geriet, so fürchtete sie sehr, daß er so tun würde, wie er ihr gesagt hatte. In Bice hatte sich ein Richter aus der Stadt verliebt, ein schon älterer, aber reicher Mann. Obwohl er eine Frau hatte, war er dermaßen von Leidenschaft für Bice ergriffen, daß er fast den Verstand darüber verlor. Schon hatte er heimlich durch verschiedene Geschenke, die von nicht geringem Werte waren, sie für sich zu gewinnen gesucht. Wie er sie nun aufforderte, mit ihm zusammenzusein, sagte sie, sie könne nicht, denn sie hätte große Furcht vor Panfilo, der sie töten würde, sobald er es erführe; wenn es aber zufällig geschehen sollte, daß er nach außerhalb ginge, würde sie ihm gegenüber mit ihrer Person nicht knauserig sein. Damit hielt sie den Herrn Richter hin und vertröstete ihn mit leeren Versprechungen, während sie nichtsdestoweniger von ihm oft etwas anderes als Nichtigkeiten entgegennahm. In dieser Zeit ergab sich für Panfilo die Notwendigkeit, nach Neapel zu reisen, wo er nach seiner Angabe zwei oder drei Monate bleiben mußte. Aber bevor er abreiste, bat er Bice, ihm ihre Gunst zu bewahren und ihm bis zu seiner Rückkehr die Treue zu halten, damit sie ihm durch eine andere Handlungsweise nicht etwa Grund gäbe, etwas zu tun, was er sehr ungern tun würde. Nachdem sie ihm versprochen und geschworen hatte, so zu handeln, ging der Jüngling fort; aber er hatte Palestrina noch kaum verlassen, so waren tausend junge Männer hinter ihr her, und selbstverständlich fehlte der Richter dabei auch nicht, als er sah, daß durch Panfilos Abreise die Ausrede hinfällig geworden war, mit der Bice sich ihm bisher versagt hatte. Bice wollte sich nun keinem jungen Manne ergeben, weil sie wußte, daß die Jugend nicht schweigen kann, traf vielmehr ihre Anstalten, diesen guten Richter sich ihrer erfreuen zu lassen, wobei sie seine Börse, die er immer voll Geld zu ihr hinbrachte, viel mehr liebte als ihn selbst; außerdem war sie sicher, da er eine Frau hatte, schon in gesetzterem Alter war, und im Hinblick auf die Würde seines Amtes würde er in solcher Heimlichkeit zu ihr kommen, daß nur er und sie es wissen würden. Panfilo blieb zwei Monate in Neapel, und in dieser ganzen Zeit erfreute sich der Richter der Bice, wenn es ihm gerade paßte; dabei erklärte er dann seiner Frau, er müsse wegen amtlicher Geschäfte nach außerhalb gehen. Panfilo wußte, daß solche Frauen die Männer nur so lange lieben, wie sie in ihrer Gegenwart sind, und daß sie in ihren Liebesverhältnissen noch viel wandelbarer sind als das Laub; daher weilte er in Neapel unter großen Anwandlungen von Eifersucht, und er dachte beständig an seine Geliebte. Deshalb aufs heftigste beunruhigt, kehrte er unvermutet zu Bice zurück, und als er in ihre Straße gekommen war, gab er nach seiner Gewohnheit durch einen Pfiff Bice ein Zeichen, sie sollte ihm aufmachen. Zufällig war an diesem Morgen der Richter bei ihr, und sobald sie den Liebhaber auf der Straße hörte, verlor sie völlig ihre Fassung. Als das der Richter sah, fragte er sie: »Was hast du denn, daß du so betreten bist?« »Mein Herr«, antwortete sie ihm, »Panfilo ist gekommen, denn seinen Pfiff haben wir eben gehört, und wenn er uns hier beisammen findet, wird er uns beide töten: denn so wild ist er, und so groß wird sein Zorn sein, wenn er mich mit Euch zusammen findet.« »Warum jagst du ihn denn nicht von dir weg?« erwiderte der Richter, »und läßt ihn sich zum Henker scheren? Bist du nicht Herrin über dich?« »Nein«, war ihre Antwort, »ich bin es nicht, denn ich habe mich ihm zu eigen gegeben; und wenn es auch nicht so wäre, würde ich's doch nicht tun: denn ich bin überzeugt, er würde mich töten, sobald ich ihm begegnete. Und deswegen, mein Herr, ist es nötig, dafür zu sorgen, daß er Euch nicht hier findet; denn würde er Euch hier finden, so wären wir beide Kinder des Todes. Ich fürchte sehr, er möchte etwas gehört haben, da er so unvermutet angekommen ist.« Während Bice so sprach, klopfte Panfilo stürmisch an die Tür und rief mit lauter Stimme: »Warum zögerst du aufzumachen? Willst du, daß ich die Tür einschlage?« Ganz zitternd bemühte Bice sich, den Richter zu verstecken; und er, der schon in Furcht versetzt war, wußte nicht, was er tun sollte, und sprach: »Wo soll ich mich verstecken? Dein Haus ist doch so klein, daß ein einziger Blick es vollständig durchdringt!« Während beide von Furcht erfüllt waren, klopfte Panfilo von neuem; infolgedessen steigerte sich beider Furcht, und Bice versteckte den Herrn Richter mit allen seinen Sachen in einem Kasten, den sie im Hause hatte, und der einem ihrer Nachbarn gehörte, der ihn bei ihr in Sicherheit gebracht hatte, weil er fürchtete, die Beamten des Richters würden ihn ihm wegen eines gegen ihn erlassenen richterlichen Urteils wegnehmen. Hier hinein steckte ihn Bice, und dann schloß sie den Kasten zu, damit Panfilo ihn nicht öffnen und darin den versteckten Herrn finden könnte. Hierauf ging sie im Hemd und öffnete Panfilo. Sehr ärgerlich fragte er sie: »Was soll das bedeuten, daß du mich so lange warten läßt?« Sie antwortete ihm sehr schnell: »Ich wußte nicht mehr, wohin ich gestern abend den Türschlüssel gelegt habe, und ich habe so viel Zeit gebraucht, ihn wiederzufinden, daß ich Euch, mein Herr, fast zornig gemacht habe.« Dabei küßte sie ihn und schlang ihre Arme um seinen Hals und fuhr fort: »Seid willkommen! Ich schwöre Euch, daß mir kurz vor Eurem ersten Pfeifen geträumt hat, Ihr wäret gekommen, und ich danke Gott vielmals, daß mein Traum kein Traum gewesen ist, sondern Wirklichkeit.« Bei ihren warmen Liebkosungen beruhigte sich der Jüngling. Da fiel sein Blick auf den Kasten, und er fragte: »Was ist denn das für ein großes Ding, das du da hast? Als ich wegreiste, hattest du es doch noch nicht.« »Mein Nachbar«, erwiderte sie, »hat es dahin gestellt, weil er fürchtet, es könnte ihm vom Gericht weggenommen werden.« »Gib mir doch mal den Schlüssel«, fuhr Panfilo fort, »denn ich möchte gern, daß wir mal nachsehen, was darinnen ist.« Man kann sich vorstellen, in welcher Gemütsverfassung der Richter war, als er Panfilo so reden hörte: er war zweifellos halbtot! Aber Bice machte ein freundliches Gesicht: »Glaubt Ihr wirklich, ich hätte den Schlüssel genommen? Wahrhaftig, den Schlüssel habe ich nicht genommen, weil ich mich selbst viel zu lieb habe: denn es wäre mir sehr unangenehm gewesen, wenn nachher der Nachbar Gelegenheit hätte zu sagen, ich hätte ihm etwas entwendet, und wenn ich dadurch Scherereien hätte; ich hätte den Schlüssel auch nicht nehmen wollen, selbst wenn er ihn mir hätte geben wollen!« »Das war recht von dir«, sagte Panfilo, und lachend ging er mit seiner Bice nach oben. Aber Fortuna war noch nicht mit dem Streich zufrieden, den sie diesem unglückseligen Richter gespielt hatte, sondern bereitete ihm ein noch viel seltsameres Geschick. Am Tage vorher hatte der Richter gegen den Nachbarn, dessen Kasten in Bices Haus stand, die Vollstreckung des von ihm schon gefällten Urteils angeordnet. Aus diesem Grunde waren die Vollstreckungsbeamten in das Haus des Nachbarn gegangen; da sie dort aber nichts gefunden hatten, weil er sein Haus schon geräumt und seine Sachen an verschiedenen Orten untergestellt hatte, kehrten sie sehr unzufrieden wieder um; da trafen sie den Gläubiger, und der sagte zu ihnen: »Was soll das bedeuten, daß ihr ohne Pfandstück kommt?« »Wir haben«, erwiderten sie, »im Hause nichts anderes gefunden als die kahlen Wände.« Darüber war der Gläubiger sehr betrübt, und auch er ging seines Weges. Aber da sprach ihn ein niederträchtiges Weib aus der Nachbarschaft an, die den Schuldner nicht leiden konnte und den Kasten in Bices Haus hatte tragen sehen: »Was wollt Ihr mir geben, guter Mann, wenn ich Euch zeige, wohin er einen Teil seiner Sachen hat bringen lassen?« »Das, was sich gebührt«, erwiderte der Gläubiger. Worauf sie sagte: »Gebt mir zwei Giuli, dann werde ich Euch Bescheid sagen.« Er steckte seine Hand in seinen Geldbeutel und gab sie ihr, worauf sie sprach: »Er hat hier in Bices Haus einen sehr großen Kasten geschafft, in dem meiner Meinung nach viele Sachen sind«, und er ging in das Haus, und die Vollstreckungsbeamten, als sie das gehört hatten, ebenfalls, um nicht vergeblich den Weg gemacht zu haben. Sie fanden die Tür offen, und auf der Schwelle stand bereits Panfilo, der sich aus Bices Armen losgemacht hatte und gerade das Haus verlassen wollte. Da sagten sie zu ihm: »Guter Mann, wir haben Auftrag von dem Herrn Richter, diesen Kasten zu nehmen, der diesem Mann hier – dabei zeigten sie auf den Gläubiger – an Zahlungsstatt zugesprochen worden ist, und sollen ihn nach dem Gerichtsgebäude bringen; deswegen erlaubt uns freundlichst, ihn von hier abzuholen!« Der Jüngling, der schon von Bice gehört hatte, wie die Sache sich verhielt, sagte zu ihnen: »Nehmt ihn!« Aber sie, die sehr wohl wußte, wer darin steckte, stieg die Treppe hinunter, widersetzte sich ihnen und sagte, sie wollte nicht, daß die Sachen, die in ihrem Hause wären, weggenommen würden, und sie glaube nicht, daß der Richter es so angeordnet habe, und bevor sie den Kasten fortschafften, wolle sie erst Klarheit darüber haben, ob das sein Wille sei. Und schon hatte sie sich auf den Kasten gesetzt, um ihn nicht wegtragen zu lassen; denn sie war überzeugt, wenn der Kasten ins Gerichtsgebäude geschafft und dort geöffnet werden würde, dann würde ewige Schande über den Richter und Gefahr des Todes über sie selbst kommen. Der Herr Richter, der alles mit angehört hatte, bat im stillen Gott, daß Bice es fertig bekäme, diejenigen, die die Vollstrecker seines eigenen Urteils waren, fortzuschicken. Aber wie Bice sich weigerte, ihnen den Kasten herauszugeben, und jene darauf bestanden, ihn zu bekommen, wurde Panfilo halb zornig und sprach zu Bice: »Warum machst du denn solchen Lärm, daß die Nachbarn zusammenlaufen? Laß doch dem Recht seinen Lauf!« Und sich zu den Beamten wendend, fuhr er fort: »Nehmt ihn und tragt ihn dahin, wohin ihr den Auftrag habt ihn zu tragen!« Ich weiß nicht, ob es einen unter den Menschen gibt, der den Mut hätte, zu schildern, in welcher Gemütsverfassung der Richter war, der tief beunruhigt war bei der Vorstellung der Schande, die ihm bevorstand, wenn er in das Gerichtsgebäude geschafft und dort öffentlich entdeckt werden würde, und weiter durch die Furcht vor dem Tode, da er ja überzeugt war, sobald Panfilo den Sachverhalt erfahren würde, würde er ihn töten müssen. Aber wie glaubt ihr wohl, meine Damen, war der Bice zumute, die sich mit vollster Gewißheit sagen konnte, daß ihr Vergehen von Panfilo entdeckt werden und sie, sobald er es erfahren hätte, von ihm getötet werden würde? Ihr könnt überzeugt sein, das Messer schien ihr schon an der Kehle zu sitzen, und sie hätte gern Flügel haben wollen, um in eine weit entfernte Gegend fliegen zu können. Während er und sie also in größter Furcht schwebten, ließen die Vollstreckungsbeamten vier Lastträger den Kasten auf ihre Schultern nehmen, und da sie merkten, daß er sehr schwer war, dachten sie, es wären sehr wertvolle Sachen darin, und in dieser Hoffnung trugen sie ihn zum Gerichtsgebäude. Hier warteten sie auf die Ankunft des Richters, um zu erfahren, was sie zur Befriedigung der Vollstreckungsbeamten und des Gläubigers tun sollten. Da aber der Richter nicht erschien und die Stunde der Gerichtssitzung schon vorüber war, wollte der Gläubiger, man sollte den Kasten öffnen und von der Hand des Notars der Bank das Verzeichnis der Sachen aufstellen, die sich darin befanden. Als das der Herr Richter hörte, wurde er von solch fürchterlicher Angst ergriffen, daß er fast daran gestorben wäre. Wie sie aber den Kasten aufmachen wollten, fiel ihnen ein, daß sie ja den Schlüssel nicht bekommen hatten; sie gingen also zu Bice, um den Schlüssel zu holen, fanden aber, daß sie mit Panfilo aufs Land gegangen war. Als das der Gläubiger hörte, wollte er, daß der Kasten, zur größeren Sicherheit der Sachen, in das Zimmer des Richters gestellt und seiner Frau in Obhut gegeben würde. Diese nahm ihn gern an, und wie der Gläubiger fragte, was denn mit dem Richter los wäre, daß er nicht erschienen sei, sagte sie, er wäre wegen einiger Streitfälle nach außerhalb aufs Land gegangen. Der Kasten wurde in das Zimmer gestellt, die Frau schloß sorgfältig alle Türen und ging in ein anderes Zimmer, um Mittag zu essen, und nachdem sie gegessen hatte, besuchte sie einige Klosterschwestern, darunter ihre eigene Schwester, und dort blieb sie bis zum Abend. Der eingeschlossene Herr Richter unterließ nichts, um zu versuchen, ob er durch ein glückliches Geschick das Schloß öffnen könnte: bald versuchte er mit den Schultern den Deckel zu heben, bald drückte er mit den Füßen und den Händen nach dieser oder nach jener Seitenwand, indem er versuchte, ob es ihm möglich wäre, den Kasten irgendwie aufzubekommen und seiner Frau das Vorgefallene zu verheimlichen; denn wenn er aus dem Kasten herausgekommen wäre, wäre er, da er den Zimmerschlüssel bei sich hatte, hinausgegangen und hätte so getan, als ob er gerade vom Lande zurückgekehrt wäre. Aber mit all seinen Versuchen konnte er das nicht erreichen, was er wünschte. Daher mußte er warten, bis seine Frau sich zu Bett legte, denn sie schlief in diesem Zimmer. Und obwohl er sich dachte, daß es darum großen Lärm geben würde, dankte er doch Gott, daß er, wenn er nach so vielen Gefahren mit Schande bedeckt dastände, nur seiner Frau das Geheimnis zu enthüllen brauchte, und er vertraute darauf, ihre Klugheit würde so groß sein, daß sie das Geheimnis für sich behielte. Als die Frau – es war schon Abend – von den Klosterschwestern heimkehrte, aß sie Abendbrot, und danach ging sie gleich in das Zimmer, wo der Kasten stand, um zu Bett zu gehen. Wie sie aber in dem Zimmer stand und sich schon das Hemd ausgezogen hatte, um ins Bett zu gehen, wurde sie von weiblichem Verlangen ergriffen, zu sehen, was in dem Kasten war, und indem sie verschiedene ihrer Schlüssel ausprobierte, fand sie schließlich einen, mit dem sie den Kasten öffnen konnte. Von Kummer, Anstrengung und Ärger überwältigt, war der Richter in dem Kasten eingeschlafen; wie die Frau den Deckel hochhob, wachte er auf und bewegte sich heftig. Da wurde die Frau von solcher Furcht ergriffen, daß die Arme ohnmächtig wurde, ohne auch nur das kleinste Wort herausbringen zu können, und wie tot auf die Erde fiel. Wie der Richter seine Frau in solchem Zustande sah, stieg er aus dem Kasten, zog sich an und nahm sie in den Arm; da er sie aber ohne jede Bewegung und ganz kalt fand, hielt er sie für tot und begann bitter zu klagen. Er berührte die Frau bald hier, bald da und kam mit der Hand auch an ihr Herz, fühlte es aber doch noch etwas schlagen und schüttelte und rieb sie so lange, bis er ihr die Lebensgeister zu ihrem Dienste zusammen mit der Seele wieder zurückrief. Als die Frau wieder zu sich gekommen war und sich in den Armen ihres Mannes sah, erkannte sie sofort, daß er derjenige war, der im Kasten eingeschlossen gewesen war, und nachdem sie noch ein bißchen zwischen Furcht und Verwunderung schwebte, fiel ihr ein, daß eine Nachbarin ihr gesagt hatte, daß er Besuche bei Bice machte; und obwohl sie es zuerst nicht hatte glauben wollen, hatte sie nun ja von den Beamten gehört, daß der Kasten aus Bices Haus abgeholt worden war, und daher war sie überzeugt, daß es sich so verhielt, wie die Nachbarin ihr gesagt hatte. Sie wandte sich also zu ihm und sprach: »Was hat Euch denn veranlaßt, hier hineinzusteigen, mein Herr? Ich Unglückliche! Bice ist es gewesen, die Euch schließlich in solche Schande gebracht hat? Wenn man erfahren wird, was Euch begegnet ist, werdet Ihr der am meisten mit Schande bedeckte Mensch sein, der je geboren wurde. Ihr alter Mann, ein Gebildeter, ein Richter, und dazu verheiratet, Ihr habt Euch von einer Buhldirne so weit bringen lassen? Ach, hätte es doch dem Himmel gefallen, daß ich beim Aufmachen des Kastens nicht bloß ohnmächtig wurde, sondern ganz gestorben wäre, damit ich nicht gesehen hätte, ich will nicht sagen, wie wenig Ihr mich liebt, sondern diese Eure unendliche Schande, die mir mehr wehtut, als mir der Tod wehgetan hätte.« Der Herr Richter sah ein, daß er unrecht hatte, hörte geduldig an, was seine Frau zu ihm sagte, und suchte ihr eine Geschichte vorzureden, daß nicht Liebe ihn zu Bice gebracht hätte, sondern ein unvorhergesehener Zufall hätte ihn in ihr Haus gehen lassen, und schließlich hätte er in diesen Kasten hineinsteigen müssen, um sein Leben zu retten. Aber obwohl er seine Geschichte gut angelegt und sie sogar den Anschein der Wahrheit hatte, glaubte die Frau sie doch keineswegs und sagte zu ihm: »Das könnt Ihr Kindern weismachen, aber mir könnt Ihr das niemals einreden! Glaubt Ihr denn, daß ich nicht oft gemerkt habe, wie Ihr mit einer Börse voller Geld das Haus verlassen habt, aber mit leerem Beutel zurückgekehrt seid? Und wenn Ihr mir erzählt habt, Ihr hättet Zahlungen zu leisten gehabt, glaubt Ihr, daß ich jetzt nicht sehe, daß Euer Gläubiger die Buhldirne war, die Euch das Fell über die Ohren gezogen hat? Aber da ich, trotz so vieler Kränkungen, die Ihr mir erwiesen habt, doch nicht umhin kann, Euch zu lieben, will ich, daß meine Güte Eure geringe Treue übertreffe! Deshalb hört auf, mir Märchen zu erzählen, die Euch nicht einmal die Dummköpfe glauben würden, und sorgt bitte lieber dafür, in Zukunft ein anderer Mann zu sein, als Ihr bisher gewesen seid! Wenn Ihr das nicht tut, jetzt, wo ich Euch verzeihe, was geschehen ist, und Gott danke, daß er mir durch seine Güte Euch am Leben und frei von Schande bewahrt hat, so schwöre ich Euch beim Kreuze Gottes, wenn Ihr mich noch ein einziges Mal wegen einer anderen Frau vernachlässigt, werde ich Eure Schlechtigkeit jedermann offenbaren und werde in das Haus meiner Verwandten gehen, denn lieber lebe ich allein, als mit Euch in solchen Sorgen.« Der Herr Richter war sehr zufrieden, so große Güte bei seiner Frau zu sehen, drückte sie an die Brust und sagte: »Ich möchte, liebe Frau, daß du mir glaubst, daß das wahr ist, was ich dir gesagt habe; lassen wir die Klagen, und leben wir in Zukunft einträchtig zusammen! Und ich verspreche dir – und ich werde es dir halten –, zu dir immer so treu und liebevoll zu sein, daß du keinen Grund haben wirst, dich über mich zu beklagen.« »Ich möchte nicht, lieber Mann«, erwiderte sie, »daß jemals etwas, was Euch gefällt, mir nicht gefällt, und ich will Euch alles glauben, was Ihr möchtet, daß ich es glaube. Ich bitte Euch herzlich, so zu mir zu sein, wie Ihr mir jetzt versprecht; denn auf diese Weise werden wir uns des Friedens erfreuen, den Gott zwischen Mann und Frau eingesetzt hat.« Nachdem sie sich so miteinander versöhnt hatten, gingen sie einträchtiglich zu Bett und schlossen Frieden unter liebevollen Umarmungen. Dann standen sie am Morgen zeitig auf. Damit der Kasten sein richtiges Gewicht hätte und es kein Grund zu Lärm wäre, wenn man ihn zu leicht gefunden hätte, holten sie aus der Küche einen Sack mit Sand, der eigentlich zum Putzen des Zinngeschirrs und zur Reinigung des anderen Geschirrs bestimmt war, und legten ihn in den Kasten, und die Frau verschloß ihn mit dem Schlüssel, mit dem sie ihn aufgemacht hatte. Der Herr Richter verließ in aller Stille das Zimmer, bevor jemand von dem Gesinde aufstand, ging die Treppe hinunter und klopfte an die Tür, wie wenn er von draußen käme. Als die Stunde der Gerichtssitzung gekommen war, begab er sich auf seinen Richterstuhl. Der Gläubiger ließ den Kasten vor den Richter schleppen, und nachdem er einen Schlosser rufen ließ, ließ er ihn öffnen. Während er glaubte, viele Sachen darin zu finden, fand er den Sand, der an Stelle des Richters hineingelegt worden war, und war infolgedessen sehr betrübt. So ließ er nur den Kasten verkaufen und nahm, was er dafür bekommen konnte. Diese Geschichte wurde erst nach dem Tode des Richters bekannt; denn Bice wagte es nicht, davon zu sprechen, aus Furcht vor Panfilo, und die Frau hielt die Ehre ihres Mannes höher als das eigene Leben. Später erst, als die gute Frau durch ihr Beispiel eine Verwandte trösten wollte, die sich bitter darüber beklagte, daß ihr Mann sich um andere Frauen kümmere, erzählte sie ihr diese Geschichte und tröstete sie damit, sie sollte diese Dinge nicht tragisch nehmen. Und von dieser verbreitete sich später die Geschichte über das ganze Land, so, wie ich sie euch erzählt habe. Giovanni Battista Giraldi Ein Hüter seiner Ehre In Florenz, der edlen Stadt Toskanas, lebte zu der Zeit, als Lorenzo de'Medici sie mit seiner Autorität und seiner großen Klugheit regierte, ein sehr vornehmer Edelmann, der wegen seiner ausgezeichneten Fähigkeiten unter den höheren Beamten von Florenz eine ehrenvolle Stelle einnahm. Dieser hatte zur Frau die schönste Dame, die zu jener Zeit in der Stadt lebte. Wie sie wegen ihrer Schönheit von allen gepriesen wurde, so wurde sie auch allgemein für die gesittetste und anständigste Frau gehalten, die es jemals gab. Aber obwohl sie in diesem Rufe stand und es schien, daß in ihr Schönheit und Schamhaftigkeit, die so große Feindinnen zu sein pflegen, friedlich vereinigt waren, fehlte es trotzdem nicht an Männern, die, mehr von der Schönheit der Dame verlockt als von ihrer Ehrbarkeit eingeschüchtert, sich um sie bemühten, so viel sie konnten, um sie ihren Wünschen geneigt zu machen; denn sie hofften, diese zwei von Natur gewissermaßen entgegengesetzten Dinge würden nicht lange in ihr vereinigt bleiben können. Aber bei allem, was sie versuchten, konnten sie doch ihr Herz nicht erweichen, das mit Eis gegen Amors Glut und mit Diamant gegen seine Pfeile gepanzert zu sein schien. Sie redete auch den ganzen Tag schlecht nicht nur von den Frauen, die sich anderen Männern als ihren Ehegatten in Unkeuschheit hingeben, sondern auch von denen, die durch Blicke oder bloß durch Zeichen unkeusche Glut nähren. Nun ging eines Tages durch die Straße, in der sie wohnte, ein Jüngling, der von ziemlich niedriger Herkunft, aber doch anmutig und nett war. Die Frau stand gerade am Fenster und richtete ihre Augen auf ihn, und er die seinen auf sie, und die ersten Blicke hatten solche Gewalt über beide, daß im Herzen des Jünglings das Bild der Dame sich einprägte und in dem der Dame das des Jünglings. Und die ersten Strahlen aus den Augen beider entzündeten in ihren Herzen solches Feuer, daß sie in ganz unglaublicher Weise brannten; und nur insoweit hatten sie Frieden, als sie im Geist (was sie mit den Körpern nicht konnten) zueinander gingen. Ihre Liebe ging viele Tage weiter ohne jede Frucht, und nur mit den Blicken nährten sie ihre Flammen. Jetzt ließ die Frau erkennen, daß die bisher von ihr gezeigte Keuschheit nur erheuchelt war, und daß sie zur Unzucht geboren war; da sie aber fürchtete, ihr Mann könnte auf den Jüngling Verdacht schöpfen, sagte sie ihm, dieser wäre in ihre Magd verliebt. Das konnte sie ihrem Mann ohne Mühe einreden, weil er wußte, daß der Jüngling von niedrigem Stande und die Magd leicht zur Liebe zu bewegen war; er hätte ja auch niemals auf den Gedanken kommen können, daß seine Frau, die sogar Adel, edles Blut, warme Bitten, reiche Geschenke und glühende Liebe zu verschmähen schien, sich hätte verleiten lassen, eine so niedrige Person zu lieben, wie jener war. Infolgedessen geschah es, daß, wenn der Mann mit ihr am Fenster stand, er sich über den an der Straßenecke stehenden Jüngling amüsierte, weil er ja glaubte, er stünde da, um zu warten, bis die Magd erschiene. Die heuchlerische Frau freute sich, ihren Mann in dieser Weise getäuscht zu haben, so daß es auch in ihrer Gegenwart dem Liebhaber erlaubt war, ohne Argwohn zu erregen, ihr den Hof zu machen, und ihr gleichfalls, ihn anzuschauen. Bisher hatte weder sie dem Jüngling noch der Jüngling ihr Brief oder Botschaft gesandt; denn sie fürchteten, die Sache, die (wegen der angesehenen Stellung des Edelmanns, die beiden größte Angst einflößte) sehr gefährlich war, könnte entdeckt werden, und deshalb hielten sie es für richtig, ihre Liebe in größter Heimlichkeit fortzusetzen, damit sie nicht zu ihrem großen Schaden entdeckt würde. Beide brannten dennoch von der Sehnsucht, Gelegenheit und Zeit finden zu können, entweder sich miteinander zu unterhalten oder, wenn das nicht möglich wäre, mit Hilfe von Briefen oder Vermittlern das Feuer offenbaren zu können, das um so stärker in ihnen brannte, je verschlossener man es halten mußte. Es schien also dem Jüngling, daß ihm, um seine Wünsche vollständig zu verwirklichen, nichts anderes fehlte, als ein passendes und heimliches Mittel zu finden, seine leidenschaftliche Glut der Frau zu enthüllen. Wie er nun im Zweifel darüber war, weil er nicht wußte, wem er sich anvertrauen sollte, hörte er, daß einige Klosterschwestern mit der Dame befreundet seien, die ihr oft in ihr Haus irgendeine Kleinigkeit schickten; darunter war eine Verwandte von ihm, die ebenfalls eine Freundin der Dame und Nonne in diesem Kloster war. Sie besuchte er eines Tages, und nach den üblichen Begrüßungen redete er ihr ein, daß zwischen ihm und dem Gatten seiner Geliebten einige Streitigkeiten und Differenzen entstanden seien, die ein großes Unglück herbeiführen könnten, da auch er von einem hochstehenden Edelmann begünstigt werde, dessen Ansehen keineswegs geringer wäre als das des Gatten der Dame, und aus diesem Grunde wollte er auf jede Weise versuchen, den Streit aus der Welt zu schaffen; und weil ihm gesagt worden wäre, daß er jeden Grund zu Zwist beseitigen würde, wenn er mit der Frau dieses seines Gegners sprechen könnte, hegte er den sehnlichen Wunsch, mit ihr sprechen zu können; aber weil er einsah, daß das für ihn nicht möglich sei, habe er beschlossen, ihr einen Brief zu schicken, durch den er ihr alles Notwendige mitteile in der Überzeugung, daß es der Klugheit der Dame gelingen würde, ihren Mann zu besänftigen. Da er aber keine Möglichkeit habe, ihr den Brief zu übersenden, bäte er sie, so sehr er könnte, sie möchte ihn ihr durch einige ihrer Klosterschwestern übermitteln, wie wenn sie und nicht er der Absender wäre; abgesehen davon, daß er ein frommes Werk täte, wenn er solche Aussöhnung suche, würde er auch ihr immer zu Dank verpflichtet sein. Die Nonne, die einfältig und von derbem Schlage war (obwohl auch eine klügere Frau als sie sich durch solche Redeweise hätte täuschen lassen), dachte ein gutes Werk zu tun, versprach es zu machen und nahm den Brief des Jünglings, und nachdem sie die Adresse eigenhändig auf den Umschlag geschrieben hatte, pflückte sie ein paar Suppenkräuter und ein paar Blümchen, legte sie unter den Brief und schickte ihn der Dame vermittels derselben Klosterschwestern, die sie gewöhnlich besuchten. Die Frau nahm den Brief in Empfang, und als sie ihn gelesen hatte und erkannte, daß ihr Liebhaber ihn ihr schickte, lobte sie ihn innerlich sehr, daß er ihr auf diesem Wege seine Liebe kundgetan hätte, hielt ihn für ebenso vorsichtig wie klug und sagte zu den Klosterschwestern, die ihn ihr gebracht hatten: »Sagt eurer Schwester, daß ich ihr sehr danke, und daß ich mich sehr bemühen werde, das, weswegen sie mir schreibt, zu erfüllen; wenn ich so schreiben könnte, wie ich lesen kann, hätte ich ihr die Antwort gleich gesandt; ich werde aber dafür sorgen, daß jemand für mich an sie schreibt, und ich werde euch die Antwort morgen geben, wenn ihr mich deswegen besucht.« Kaum waren die Schwestern gegangen, als die Frau, deren zügelloses lüsternes Verlangen ihren Scharfsinn zum Bösen drängte, ihre Magd zu sich rief, welche Ghita hieß; sie unterhielten sich zusammen, wie sie zu tun pflegten, von diesem Jüngling – denn sie hatte der Magd sinnreich eingeredet, daß der Jüngling in sie verliebt wäre –, und sie sprach: »Was denkst du von deinem Liebhaber, Ghita? Glaubst du, daß er dich liebt? Diesen Brief hat er dir geschickt; aber sein Bote, der nicht sehr schlau ist, hat mich für dich gehalten und ihn mir gegeben. Wir wollen ihn lesen!« Darauf las die Frau den Brief zusammen mit dem Mädchen, und wie wenn sie sich über ihn lustig machte, hatte sie viel Vergnügen daran. Da die Frau aber dann bedachte, daß ihr ohne Gefahr für ihren guten Ruf jeder Weg, ihm antworten zu können, verschlossen war, sagte sie: »Wahrhaftig, ich möchte, daß diesmal der Herr dir als Sekretär diene, um an ihn zu schreiben; und wir wollen diesem Tölpel einen Possen spielen, der glaubt, weil er einigermaßen gut aussieht, alle Frauen bekommen zu müssen.« »Das soll ihm nicht gelingen«, erwiderte Ghita; »Ihr wißt doch, gnädige Frau, ich habe meinen Sinn auf jenen reichen Seidenhändler gerichtet, den Ihr mir zum Mann geben wollt. Aber wenn Ihr meint, daß wir diesem Dummkopf einen Schabernack spielen sollen, – meinetwegen!« Als der Mann nach Hause gekommen war, gingen alle beide lachend zu ihm und sagten ihm, der Verehrer hätte Ghita einen Brief geschickt, und sie gaben ihn ihm zum Lesen. Der Edelmann war gutgelaunt; daher las er ihn, lachte und sprach: »Sicher, Ghita, würde dieser dein Verehrer verdienen, daß wir uns einen Scherz mit ihm machen!« »Ach ja, bitte, das wollen wir tun!« sagte die Frau zu ihrem Mann; »ich verspreche Euch, wenn ich so hätte schreiben können, wie ich nicht kann, hätte ich für Ghita die Antwort verfaßt. Aber nun seid so gut und schreibt Ihr ihm den Brief, damit er, wenn er denn durchaus den Verstand verlieren will, den Weg dazu gebahnt findet.« Der Mann, der jung war und einen Spaß gern hatte und schon begonnen hatte, sich über solche Liebesgeschichte zu amüsieren, war bereit, ihm zu antworten, und wie die Frau ihm sagte, so schrieb er die Antwort und gab sie Ghita mit den Worten: »Da, wenn er nun durchaus zum Narren gehalten werden will, so halte du ihn auch ordentlich zum Narren!« Als der Herr fort war, sagte Ghita zu der gnädigen Frau: »Was sollen wir nun mit diesem Brief tun?« »Gib ihn mir«, erwiderte sie, »denn der Bote, der mich für dich gehalten hat, muß ja wiederkommen, und dann werde ich ihn ihm geben, und ich werde die Anführerin bei diesem Scherz sein.« Am folgenden Tag kamen die Schwestern; sie gab ihnen den Brief, und sie brachten ihn der Nonne, die ihn wieder dem Liebhaber gab. Und so ging es viele Male: der eine schrieb, und die andere antwortete, wobei immer der Ehemann (da seht die ungewöhnliche Verschlagenheit und Gemeinheit!) sein eigener Kuppler wurde und der Liebhaber die Nonne zur Kupplerin ihrer Freundin werden ließ. Es schien nunmehr dem Jüngling, als ob die Sache so ginge, wie er es wünschte, und zum besonderen Vergnügen der geliebten Frau, die leidenschaftlich in ihn verliebt war, und zur Freude der Magd, die ihn keineswegs liebte, machte er seine Fensterpromenaden. Als er nun eines Tages gehört hatte, daß die Geliebte die Absicht hatte, in das Kloster jener Ordensschwestern zu gehen, ging er auch dorthin, aber früher als die Dame, fragte nach seiner Verwandten und unterhielt sich mit ihr. Mittlerweile kam die Frau, und wie die Nonne, die sie sehr gut kannte, sie bemerkte, sagte sie: »Bruder, da kommt ja die Frau jenes Edelmannes, mit dem Ihr Streit habt! Ich werde Euch hier mit ihr sprechen lassen, damit Ihr Frieden schließen könnt.« »Aber ich möchte lieber«, sagte er, »daß auch Ihr dabei seid, so daß vielleicht Eure Vermittlung das zustande bringen könnte, was ich allein nicht fertigbekomme.« So fingen also alle drei an, sich miteinander zu unterhalten; denn sie allein wollte nicht mit dem Jüngling reden, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, und die Nonne bat die Dame mit liebenswürdigen Worten, sie möchte ihrem Verwandten den Gefallen tun und dafür sorgen, daß er die Gunst ihres Mannes wiedergewinne; sie würde damit ein gottgefälliges Werk und eine ihres Adels würdige Handlung tun. Die Frau, die den Worten der Nonne eine andere Bedeutung beilegte als die, mit der sie sie aussprach, erwiderte, sie würde sehr gern diesem Jüngling einen Gefallen tun, wenn sich nur Möglichkeit und Gelegenheit ihr böte. So sprach sie nämlich, weil sie bereits durch die heimlichen Briefe des Liebhabers erfahren hatte, unter welchem Vorwande er sich der Vermittlung der Nonne bediente. Sie fügte aber hinzu, daß ihr Mann mehr seinem eigenen Kopf folge, als andere dächten; doch schlage sie ihrem Verwandten vor, sich gegen Abend in der Loggia am Garten einzufinden, so daß er in ihrer Gegenwart mit ihrem Manne sprechen und dafür sorgen könnte, die gehörige Bescheidenheit zu zeigen; sie würde sich mit solchem Erfolge bei ihrem Manne ins Mittel legen, daß der Frieden geschlossen würde, bevor er ihren Mann verließe. Der Jüngling, der die Bedeutung der Worte der Dame sehr wohl erkannte, zeigte sich sehr geneigt, dies zu tun. Mit solchen nur von ihnen beiden verstandenen Worten trafen sie ihre Verabredung, wobei ihre Unterhaltung eine andere Bedeutung zu haben schien, als sich wirklich ergeben mußte. Da im Staate Dinge von großer Bedeutung sich ereignet hatten, hielt sich der Mann im Sommer, wie wenn es Winter wäre, mit seinen Kollegen bis drei oder vier Uhr nachts im Rate auf, um die dringend notwendigen Angelegenheiten zu erledigen. Am folgenden Abend ging der Jüngling an eine Seite des Gartens, einen so einsamen Ort, daß nie ein Mensch dort vorbeikam, und sah, daß die Dame ihm da schon vom Fenster eine Strickleiter herabgelassen hatte, auf der er sicher zu ihr hinaufsteigen konnte. Der Jüngling kletterte auf ihr hinauf und betrat das Zimmer, in welches die Dame mit dem Gebetbuch und einem Licht in der Hand unter dem Vorwande ging, ihre Gebete sagen zu wollen. Als sie hier den Liebhaber fand, war sie sehr zufrieden und empfing ihn höchst liebevoll. Nachdem sie sich zärtlich geküßt hatten, gingen sie beide ins Bett und vergnügten sich geraume Zeit. Dann verabredeten sie sich vorsichtig für die Zukunft, und der Jüngling kletterte dieselbe Strickleiter hinunter und ging von dannen. Dieses Spiel setzten sie viele Tage fort, ohne daß es jemals jemand merkte. Nun wollte es Fortuna, die Störerin der Freuden, oder auch Gott (wie mehr zu glauben ist), zu dem der Gestank der Schande gedrungen war, die diese Frau so listig ihrem Mann zufügte, der sie mehr als sein eigenes Leben liebte, daß ein alter Diener des Hauses eines Tages sah, wie die gnädige Frau im Zimmer sich mit jenem jungen Mann die Zeit vertrieb; und da er treu und eifrig auf die Ehre seines Herrn bedacht war, hielt er sich mit Mühe zurück, nicht die Frau zu beschimpfen, die sich so gegen ihren Gatten verging, und den Ehebrecher zu töten. Weil er aber wußte, daß der Wein ihm oft den Verstand raubte, und daß wegen der Dummheiten, die er in der Trunkenheit machte und redete, ihm nichts geglaubt wurde, auch wenn er es nüchtern gesagt hätte, und wäre es auch wirklich wahr, so überlegte er bei sich, diesmal sollte der Herr selbst das Huhn auf dem Ei vorfinden. Mit diesem Gedanken ging er also zum Rat, ließ sich seinen Herren herausrufen und sagte ihm zu seinem größten Bedauern, was er von der gnädigen Frau gesehen habe, und fügte hinzu, wenn er nicht zögere, nach Hause zu kommen, werde er finden, daß es diesmal nicht der Wein sei, der ihn solche Wunderdinge berichten lasse. Der Mann sagte zu sich selbst: »Und doch wäre es jetzt nötig, du hättest die Wunderdinge in der Trunkenheit gesehen, und das, was du mir erzählst, wäre nicht wahr!« Es fiel dem Mann schwer, das von seiner Frau zu glauben, die er hielt nicht als ob sie eine anständige Frau, sondern als ob sie eine Heilige wäre; und da ihm das von solch einem Manne, wie dieser war, berichtet wurde, war er sehr im Zweifel. Nachdem er es sich aber ein- und zweimal hatte erzählen lassen und es ihm vorkam, als ob der Diener bei gesundem Verstände sei, beschloß er, nicht so sehr auf die gute Meinung, die er von der Treue seiner Frau hatte, zu bauen, wenn er sich nicht Gewißheit über die Sache verschafft hätte. Zunächst aber sagte er zu dem Diener: »Du bist betrunken, und ich glaube dir kein Wort!« Darauf entgegnete der: »Das habe ich mir schon gedacht, daß Ihr so zu mir reden würdet; aber wenn Ihr mitkommt, werdet Ihr das sehen, was ich lieber nicht gesehen hätte.« »Dir wird es schlecht gehen«, sagte der Mann, »wenn ich nach Hause komme und nicht finde, daß das wahr ist, was du mir gesagt hast. Wahrhaftig, ich werde dir den Wein aus dem Kopf ziehen.« Und als jener versicherte, daß es doch so wäre, sagte der Herr: »Nimm diesen Dolch (und dabei gab er ihm einen Degen, wie ihn die Beamten trugen) und geh nach Hause und stelle dich an den Fuß der Treppe, wo man zur Tür herunterkommt; und wenn er herunterkommt, bevor ich ankomme, töte ihn, ohne irgendwelche Rücksicht zunehmen; kommt er aber nicht herunter, so rühre dich nicht und warte auf mich!« Der Diener ging nach Hause zurück, und als er abermals ganz leise an das Zimmer geschlichen war, hörte er das Geräusch, das die beiden Liebenden zusammen machten. Und als er gesehen hatte, daß der Ehebrecher noch da war, kehrte er mit dem Dolch zur Treppe zurück, um, wenn es nötig wäre, das zu tun, was sein Herr ihm gesagt hatte; und er wartete nur darauf, daß der Herr bald nach Hause käme. Der Edelmann wurde indessen von widerstreitenden Gedanken hin- und hergerissen, von denen einige ihn anspornten, nicht zu glauben, daß die Frau, die er für hochanständig hielt, sich zu einer solchen schmutzigen Handlung hatte treiben lassen; andere Gedanken wollten ihn dazu bringen, seinem Diener zu glauben, der seine Mitteilung mit solcher Beharrlichkeit versicherte. Daher entschloß er sich, nach Hause zu gehen, und war auf das eine wie das andere Schicksal vorbereitet. Zunächst aber ging er zu einem Seilermeister, und weil er wußte, wie hoch das Fenster über dem Garten gelegen war, kaufte er ein Seil von solcher Länge, wie ihm, nachdem einige Knoten, um hinauf- und hinabsteigen zu können, hineingemacht waren, nötig zu sein schien. Dies Seil versteckte er unter seinem Mantel, und so ging er nach Hause. Wie er den Diener fand, der auf ihn wartete, fragte er ihn, ob jener noch da wäre. »Ja, gnädiger Herr«, war die Antwort, »er ist noch da.« »Dreh' dich um«, sagte der Herr, »und paß gut auf, daß du dich nicht irrst!« Der Diener entfernte sich und kam bald zu dem Herrn zurück und berichtete ihm, er wäre noch da, und die gnädige Frau und er lägen sich umarmend im Bett. Da ließ der Edelmann den Diener am Fuß der Treppe mit dem Dolch in der Hand und mit demselben Auftrage, den Ehebrecher zu töten, wenn er die Treppe hinunterkäme, und er selbst ging zu dem Zimmer, trat ein und fand seine Frau im Arm des Liebhabers. Es wäre schwierig zu erzählen, wer von ihnen in größeren Nöten war, die Liebenden, die den Edelmann vor ihren Augen sahen, und besonders die Frau, die von ihrem Mann bei solchem Fehltritt ertappt war, oder der Ehemann, der sich so schwer beleidigt sah und, da er den Ehebrecher sogleich erkannte, merkte, daß er selbst durch das Empfangen und Absenden der Briefe seine eigene Schande gefördert hatte. In der Angst beider Teile fürchteten die beiden Liebenden für ihr Leben, da sie sich auf frischer Tat ertappt sahen, und sie, für die der Tod die einzige angemessene Strafe war, waren halb tot vor Angst, warfen sich beide mit Tränen in den Augen flehentlich dem Edelmann zu Füßen und baten ihn um Gottes willen um Gnade. Der Edelmann, der klug und verständig war, und der bereits bei den ersten Worten des Dieners bei sich überlegt hatte, was er tun solle, tat nicht, wie viele tun, die lärmen, schreien, zuschlagen oder offen töten – und dadurch jedermann das bekanntmachen, was sie mit allem Eifer, wenn sie nur ein Fünkchen Verstand besäßen, geheimhalten müßten. Er wandte sich vielmehr zu dem Jüngling, der am ganzen Leibe zitterte, und sagte zu ihm: »Die Schmach, die du mir angetan hast, du Ruchloser, verdiente, daß ich dir das Leben raubte; aber ich möchte, daß dies Vergehen dir durch meine Gutmütigkeit vergeben sei, vorausgesetzt, daß du zu zwei Dingen bereit bist: erstens, daß du mir versprichst, niemals mit irgend jemand hiervon zu sprechen; zweitens, daß du mittels dieser Strickleiter (– und während er dies sagte, zeigte er ihm die Strickleiter, die er mitgebracht hatte –) geräuschlos aus diesem Fenster dich in den Garten herunterläßt und fortgehst, um im ganzen Lauf deines Lebens niemals mehr hierher zurückzukehren. Wenn du nicht Lust hast, diese beiden Dinge zu tun, empfiehl deine Seele Gott und mach dich bereit, jetzt den Tod zu empfangen!« Zu dem ersten Vorschlag war der Jüngling sehr bereit, und er schwor ihm, so zu tun, wie er von ihm verlangte. Bei dem zweiten zeigte er sich ängstlich, denn er fürchtete, wenn er die Strickleiter herabkletterte, würde der Edelmann ihm nicht Wort halten, weil er so schwer von ihm beleidigt worden war; daher sagte er: »Ich werde mich, wenn es Euch, mein Herr, gefällt, auf dieser Strickleiter entfernen, auf der ich hinaufgestiegen bin, und die noch vom Fenster herabhängt.« Da erkannte der Edelmann, daß der Ehebrecher nicht durch die Tür, wie er gedacht hatte, sondern durch das Fenster zu der Frau hinaufgestiegen war, und er sagte ihm, er sollte weggehen mit der Absicht, die Sache völlig zu verschweigen. Nun entfernte sich der Jüngling, und der Edelmann wendete sich an die Frau, die zitterte und heftig weinte und um Erbarmen und Verzeihung für ihren Fehltritt bat, nahm sie bei der Hand und sagte zu ihr: »Die Liebe, die ich dir entgegenbringe, verdiente nicht, daß ich solche Beschimpfung von dir empfing; da das aber nun gegen alle Pflicht doch so geschehen ist, halte ich dein Vergehen deiner Jugend zugute. Jetzt wird es aber deine Pflicht sein, nicht mehr in einen ähnlichen Irrtum zu verfallen, weil du mich nicht immer so nachsichtig finden wirst wie heute. Wisch dir also die Tränen ab und beruhige dich, und werde deswegen jetzt nur nicht schwermütig, sondern tue so, als ob du diesen Fehltritt nicht begangen hättest!« Mit diesen heuchlerischen Worten beruhigte er die Frau. Er ließ sie sich so zurechtmachen, daß sie weder betrübt noch verstört aussah, und ließ sie sich mit dem Gebetbuch in der Hand hinsetzen in der Haltung des Betens. Nachdem er die Dinge in dieser Weise geregelt hatte, verbarg er die Strickleiter und auch das Seil an einem ganz geheimen Ort, den er allein kannte; dann ging er zu dem Diener hinunter und fragte ihn, da er selbst den Ehebrecher nicht gefunden hätte, ob er vielleicht die Treppe heruntergekommen wäre; denn soviel er ihn auch gesucht hätte, so hätte er ihn doch an keinem Orte gefunden. Der Diener antwortete, er sei nicht die Treppe herabgekommen. Darauf fragte der Herr, ob es noch einen andern Weg, das Haus zu verlassen, gebe außer durch die Tür. Das verneinte der Diener und fügte hinzu, es sei nicht anders möglich, als daß er noch im Hause sei. Wie der Edelmann seine Hartnäckigkeit sah, die ja doch auf der Wahrheit der von ihm beobachteten Tatsache beruhte, wollte er, daß er selbst das ganze Haus durchsuchte, und sagte zu ihm: »Wenn du ihn findest, mach mir ein Zeichen, denn ich will ihn mit meinen eigenen Händen töten; und wenn er zufällig hier herunterkommen wird, wo du mich läßt, werde ich ihn ebenfalls töten«; und so stellte er sich an den Fuß der Treppe, seinen Dolch in der Hand. Der Diener ging nach oben und erblickte die Frau ganz vergnügt, in der Haltung, die wir beschrieben haben; da geriet er außer sich vor Erstaunen und suchte an allen Ecken und Enden, wo jener sich vielleicht hätte verstecken können, fand ihn aber nirgends und kehrte mit langem Gesicht zu seinem Herrn zurück und sagte: »Herr, so wahr mir Gott helfe, er war mit der gnädigen Frau im Zimmer, als Ihr nach Hause kamt, – und wie Ihr mich nach oben schicktet, habe ich ihn nicht mehr gefunden; auf welchem Wege er aber das Haus verlassen hat, das kann ich mir nicht vorstellen, da es keinen anderen Weg als den durch diese Tür gibt.« Jetzt wandte sich der Edelmann mit bösem Gesicht ihm zu und sprach: »Trunkenbold, ich weiß nicht, warum ich dir nicht mit diesem Dolch eins auf den Kopf versetze, daß der Wein herausströmt, und warum ich dich nicht lehre, ein anderes Mal die Augen so weit aufzumachen, daß du nicht Gespenster siehst! Du dummes Tier, scher' dich aus dem Hause und geh zum Henker, und sorge dafür, daß du nicht nur niemals ein Wort von dieser Geschichte redest, sondern daß du mir niemals mehr vor Augen kommst, – sonst wird es dir leid tun!« Er gab ihm das Geld, das er ihm noch schuldete, und jagte ihn fort, wie wenn er ein Trunkenbold gewesen wäre. Betrübt und traurig zog der Diener von dannen, indem er zu seinem Schaden merkte, wieviel besser es ist, zu schweigen, wenn man solche Dinge sieht, als dadurch, daß man sie ausspricht, die Herzen derjenigen zu durchbohren, die lieber rascher den Tod erleiden möchten als solches Herzeleid hören und sehen. Der Edelmann bewahrte also seine Ehre und die der Frau, wenigstens zum Schein, indem er das Gerede unmöglich machte, das sonst hätte entstehen können; dennoch vergaß er die ihm widerfahrene Schmach nicht, behielt sie vielmehr innen in seinem Herzen, ohne sie irgendwie nach außen zu zeigen, und wartete, bis die Zeit ihm eine günstige Gelegenheit zur Rache sowohl an dem Ehebrecher wie an seiner Frau bringen würde. Aber ein unvorhergesehener Zufall schaffte ihm den Ehebrecher aus den Augen: denn als dieser wenig später in den Arno baden gegangen war, ertrank er dabei jämmerlich. So blieb allein die Frau zurück, die zu bestrafen war, wie es ihr Vergehen verdiente; und als der Mann gehört hatte, daß der Ehebrecher im Arno ertrunken war, sagte er zu sich selbst: »Und du, schändliches, treuloses Weib, wirst dich in den Wellen des Arno mit ihm vereinigen.« Kurze Zeit danach sagte er zu seiner Frau, er wolle, daß sie beide am 1. Juli aufs Land gingen, auf ein sehr hübsches Landgut, wo sie sich oft im Sommer zu erholen pflegten. Als sie das miteinander verabredet hatten, ließ er einem Maultier vielleicht acht Tage lang nur Hafer reichen, ohne ihm einen einzigen Tropfen Wasser zu trinken zu geben, indem er vorschützte, es sei krank und müßte auf diese Weise geheilt werden. Als der bestimmte Tag gekommen war, ließ er alles, was für die Reise nötig war, vorbereiten und fragte die Frau, ob sie vielleicht auf dem Pferd reiten wollte. »Ich werde«, war ihre Antwort, »wie gewöhnlich auf meinem Maultier reiten, da es für mich bequemer und geeigneter ist, als die Pferde sind.« »Es hat aber«, bemerkte er, »seit einigen Tagen nur Hafer und nichts zu trinken bekommen. Ich möchte nicht, daß deswegen irgendein Unglück geschieht.« »Es wird schon keins geschehen«, erwiderte sie. Er bestieg also ein Pferd, und sie, wie sie es gewohnt war, das Maultier. Zu ihrer Hut gab er ihr einen Reitknecht bei und schärfte ihm ein, er dürfe sich nicht von der Frau entfernen. Wie sie scherzend und heiter plaudernd am Arno entlang zogen, kamen sie an eine Stelle, wo das Ufer zerfallen und das Wasser sehr tief war. Da blieb der Edelmann hinter allen anderen zurück, wie um irgend etwas zu tun, legte die Hand an den Sattel, und da er sehr behend war, glitt er vom Sattel herunter und tat so, als ob er gefallen sei, indem das Pferd ihn abgeworfen hätte. Das glaubte man um so leichter, als das Pferd zu springen begann, nachdem der Edelmann abgestiegen war, und davonlief. Sowie die Diener das sahen, liefen sie zu ihrem Herrn. Der Reitknecht, der auf das Maultier achtete und zum Schutz der Frau da war, lief hinter dem Pferd her, um es zum Stehen zu bringen und einzufangen. Sobald das Maultier, das von Durst brannte, den Reitknecht los war, stürzte es, den Zügel zwischen den Zähnen und die Frau auf dem Rücken, mit einem Sprung in den Fluß. Wie die Frau merkte, daß das Maultier zum Fluß hinlief, begann sie zu schreien. Als der Mann ihre Stimme hörte, fragte er: »Was ist das ?« – und seine Diener antworteten ihm, das Maultier habe die gnädige Frau in den Fluß getragen. Sofort befahl er, daß alle ihn lassen – denn er tat so, als ob er sich nicht rühren könne, wie wenn er vom Sturz vom Pferde die Knochen gebrochen hätte und der Frau zu Hilfe eilen sollten. Aber bevor jemand, um ihr zu helfen, sie erreichen konnte, ertrank die Frau, die vom Maultier heruntergefallen war. Darüber zeigte sich der Ehemann äußerst betrübt und tobte, weil das Unglück durch die Schuld des Reitknechts geschehen sei, dem er die Obhut über seine Frau anvertraut habe und der sich von ihr entfernt habe. Das Maultier, das der Last der Frau entledigt war, kam wohlbehalten an das andere Ufer. Der Mann stellte sich, als ob er nicht mehr leben könne, da er seine teure Gattin verloren habe, tat so, als ob er unendlichen Schmerz empfände, und kleidete sich und sein ganzes Gesinde in Trauerkleidung. Den Leichnam ließ er suchen, und nachdem man ihn gefunden hatte, ließ er ihn mit großem Gepränge begraben. Giovanni Battista Giraldi Der Mohr von Venedig (Shakespeare, Othello) In Venedig lebte vorzeiten ein sehr tapferer Mohr, dessen streitbarer Arm sowohl, als die große Klugheit und Geistesgegenwart, die er in Kriegssachen bewiesen hatte, ihn den Herren jener Stadt sehr wert machten, die immer in Belohnung vorzüglicher Handlungen alle Republiken der Welt übertreffen hat. Nun begab es sich, daß ein tugendreiches Fräulein von wunderbarer Schönheit, Disdemona genannt, nicht von weiblichen Begierden, sondern von den Tugenden dieses Mohren angezogen ward, sich in ihn zu verlieben, während er, von der Schönheit und der edeln Gesinnung der Dame besiegt, gleichfalls für sie entbrannte. Die Liebe war ihnen so günstig, daß sie sich beide durch die Ehe verbanden, obgleich die Eltern des Fräuleins alle ihre Kräfte aufboten, um sie zu vermögen, einen andern Mann zu nehmen; und solange sie in Venedig blieben, lebten sie beide in solcher Eintracht und Zufriedenheit zusammen, daß nie auch nur ein unzärtliches Wort unter ihnen vorfiel. Unterdessen geschah es, daß die Herren von Venedig ihre Kriegsmannschaft ablösten, die sie in Cypern zu halten pflegen, und den Mohren zum Anführer des Heeres wählten, das sie dahin schickten. So vergnügt dieser auch über die ihm gewordene Ehre war – denn eine Ehrenstelle dieser Art wird gewöhnlich nur Männern übertragen, die sich durch Adel, Tapferkeit, Treue und ausgezeichnete Verdienste empfehlen –, so verminderte doch der Gedanke an die Länge und Beschwerlichkeit der Reise, welche seine Disdemona scheuen möchte, diese Freude um kein geringes. Sie aber, die außer dem Mohren kein Glück auf der Welt kannte und über die Achtung, die eine so mächtige und edle Republik ihrem Mann bezeugte, sehr erfreut war, konnte die Stunde kaum erwarten, in der ihr Gemahl mit seinen Leuten die Reise antreten und sie ihn auf einen so ehrenvollen Posten begleiten würde; aber es betrübte sie sehr, ihren Gatten mißgestimmt zu sehen. Da ihr die Ursache unbekannt war, sprach sie eines Tages bei Tische zu ihm: »Wie kommt es, daß Ihr so schwermütig seid, da Euch doch der Staat ein so ehrenvolles Amt übertragen hat?« Der Mohr antwortete Disdemona: »Die Liebe zu dir trübt die Freude über die Ehre, die mir geschieht; denn ich sehe, daß notwendig eins von zwei Dingen geschehen muß, entweder daß ich dich mit mir den Gefahren des Meeres aussetze, oder daß ich dich in Venedig zurücklasse, um dir diese Unannehmlichkeit zu ersparen. Das erste würde mir sehr schwer ankommen, weil jedes Leiden, das dir widerführe, und jede Gefahr, die wir zu überstehen hätten, mir den äußersten Kummer verursachen würde; das andere, dich hier zu lassen, würde mich mir selbst unerträglich machen, weil ich, von dir scheidend, zugleich von meinem Leben schiede.« Als Disdemona ihn so reden hörte, sprach sie: »Ei, lieber Mann, was sind das für Gedanken, die Euch durch den Sinn gehen? Wie könnt Ihr Euch solcher Dinge halber beunruhigen? Ich folge Euch gern allerwege, wohin Ihr geht, und müßte ich im Hemd durchs Feuer gehen, sowie ich jetzt mit Euch in einem sichern, wohlbewahrten Schiffe durchs Wasser gehen soll. Gibt es dabei auch Gefahren und Leiden, so werde ich sie freudig mit Euch teilen, und ich würde mich für sehr wenig von Euch geliebt halten, wenn Ihr mich nicht mit Euch über das Meer führen und mich in Venedig lassen wolltet, als ob ich mich hier sicherer glaubte, als wenn ich mit Euch dieselbe Gefahr bestehe. Darum schickt Euch von meinetwegen nur mit all der Heiterkeit zur Reise an, die Euer jetziger hoher Rang verdient!« Hierauf schlang der hocherfreute Mohr die Arme um den Hals der Gattin und sagte zu ihr mit einem zärtlichen Kusse: »Gott erhalte uns lange in so liebevollem Einverständnis, meine teure Gattin!« Bald darauf vollendete er seine Zurüstungen, brachte alles zur Reise in Ordnung und bestieg mit seiner Gemahlin und seinen Leuten die Galeere, die die Segel aufzog und in See stach, worauf sie denn bei vollkommen ruhigem Wasser nach Cypern gelangten. In seinem Gefolge hatte er einen Fähnrich von sehr schönem Äußern, wenn auch von der ruchlosesten Sinnesart, die je ein Mensch auf der Welt haben konnte. Er war bei dem Mohren sehr beliebt, weil dieser nichts von seiner Bosheit ahnte; denn so niederträchtig sein Herz war, so wußte er doch die Niederträchtigkeit, die sein Inneres beherbergte, so hinter hochtrabenden gleisnerischen Worten und seiner Schönheit zu verbergen, daß er von außen einem Hektor oder Achilles gleichsah. Dieser Nichtswürdige hatte auch seine schöne und sittsame junge Frau mit sich nach Cypern gebracht, die als Italienerin von der Gemahlin des Mohren sehr geliebt wurde und die meiste Zeit des Tages bei ihr zubrachte. Ferner war in dem Gefolge des Mohren ein Rottenführer, den dieser sehr wert hielt. Er kam sehr häufig in das Haus des Mohren und aß mit ihm und seiner Gemahlin, die, da sie ihn bei ihrem Gemahl so sehr in Gunst sah, ihm gleichfalls Beweise des größten Wohlwollens gab, und dies war dem Mohren sehr erwünscht. Der verruchte Fähnrich nun, aller Treue gegen seine Gattin und aller Freundschaft, Treue und Pflicht gegen den Mohren vergessend, verliebte sich leidenschaftlich in Disdemona und richtete all sein Sinnen und Trachten darauf, sich ihrer Reize zu erfreuen, wiewohl er nicht den Mut hatte, sich gegen sie zu erklären, weil er befürchtete, der Mohr werde ihn auf der Stelle töten, sobald er die Sache merke. Er bestrebte sich daher vielfach, so heimlich er konnte, der Dame seine Liebe zu verstehen zu geben; ihr Gemüt war aber einzig nur dem Mohren zugewandt und wußte weder etwas von dem Fähnrich noch von einem andern, und alle seine Versuche, sie in ihn verliebt zu machen, blieben wirkungslos. Er bildete sich daher ein, die Schuld davon sei, daß sie für den Rottenführer entbrannt sei, und nahm sich vor, ihn aus ihren Augen zu entfernen; aber er blieb dabei nicht stehen, sondern verwandelte seine Liebe zu der Dame in den bittersten Haß und gab sich alle Mühe, ein Mittel zu finden, wie er den Rottenführer umbringen und, wenn er selbst die Dame nicht genießen solle, auch den Mohren verhindern könne, sie zu genießen. Nachdem er zu diesem Ende mehrere Bubenstücke und Schurkenstreiche überlegt, beschloß er endlich, sie bei ihrem Gemahl des Ehebruches anzuklagen und den Rottenführer als den Ehebrecher zu bezeichnen. Da ihm aber die zärtliche Liebe des Mohren gegen Disdemona und seine Freundschaft gegen den Rottenführer bekannt war, so sah er wohl ein, es werde unmöglich sein, ihm das eine oder das andere einzureden, wenn er ihn nicht durch feine List betrüge. Er nahm sich daher vor, es abzuwarten, bis Zeit und Gelegenheit ihm den Weg zu einem so verbrecherischen Unternehmen eröffnen würde. Es währte nicht lange, so entsetzte der Mohr den Rottenführer seiner Stelle, weil er gegen einen Soldaten auf der Wache den Degen gezogen und ihn verwundet hatte. Disdemona, der dies sehr leid tat, versuchte oft, ihren Gemahl mit dem Rottenführer auszusöhnen. Um diese Zeit sagte der Mohr zu dem verräterischen Fähnrich, seine Gemahlin lasse ihm so wenig Ruhe wegen des Rottenführers, daß er fürchte, er müsse ihn zuletzt wieder in seine Stelle einsetzen. Dies sah der Bösewicht sogleich als einen Wink an, seinen hinterlistigen Plan auszuführen, und sagte: »Disdemona hat vielleicht Ursache, dies gern zu sehen.« »Und welche?« fragte der Mohr. »Ich möchte nicht gern Mann und Frau entzweien«, antwortete der Fähnrich; »aber Ihr dürft nur die Augen auftun, um es selbst zu bemerken.« Weiter wollte der Fähnrich nicht gehen, so sehr der Mohr auch in ihn drang, sich näher zu erklären. Aber seine Worte ließen einen so scharfen Dorn in der Brust des Mohren zurück, daß er ganz trübsinnig wurde und an nichts dachte, als was die Worte des Fähnrichs wohl zu bedeuten haben möchten. Als es daher seine Gattin eines Tages von neuem versuchte, seinen Zorn gegen den Rottenführer zu besänftigen, indem sie ihn bat, er möchte doch die treuen Dienste und die Freundschaft so vieler Jahre nicht um eines kleinen Versehens willen vergessen, zumal da der Rottenführer mit dem verwundeten Soldaten wieder ausgesöhnt sei, geriet der Mohr in heftigen Zorn und sprach: »Es ist doch auffallend, Disdemona, daß du so viel Anteil an dem Manne nimmst. Er ist doch weder dein Bruder noch dein Anverwandter, daß er dir so sehr am Herzen liegen sollte.« Ganz demütig und liebreich antwortete die Dame: »Ihr werdet mir hoffentlich deshalb nicht zürnen. Ich habe dazu keinen andern Beweggrund, als daß es mir leid tut, Euch eines so teuren Freundes beraubt zu sehen, wie der Rottenführer nach Eurem eigenen Zeugnis Euch gewesen ist. Er hat doch keinen so schweren Fehler begangen, daß Ihr ihm deshalb so sehr zürnen dürftet. Aber ihr Mohren seid so hitziger Natur, daß jede Kleinigkeit euch zu Zorn und Rache reizt!« Über diese Worte noch mehr erzürnt, antwortete der Mohr: »Das könnte wohl noch mancher erfahren, der es nicht dächte. Ich will die Beleidigungen, die man mir zufügt, rächen, bis ich gesättigt bin mit Rache.« Die Dame erschrak heftig bei diesen Worten, und da sie ihren Gemahl gegen seine Gewohnheit wider sich erzürnt sah, sagte sie mit vieler Demut: »Nur die beste Absicht hat mich bewogen, mit Euch hiervon zu sprechen; um Euch aber nicht ferner wider mich zu erzürnen, will ich nie mehr ein Wort davon reden.« Da der Mohr sah, wie seine Gemahlin sich von neuem zugunsten des Rottenführers verwandt hatte, überzeugte er sich, die Worte, die er vom Fähnrich vernommen, können nichts anderes bedeutet haben, als daß Disdemona den Rottenführer liebe. Er begab sich also ganz trübsinnig zu jenem Schurken und fing an, in ihn zu dringen, daß er sich deutlicher erklären möge. Der nach dem Verderben des unglücklichen Weibes trachtende Fähnrich stellte sich zuerst an, nichts sagen zu wollen, was ihm mißfallen könnte, sprach aber am Ende, wie von seinen Bitten überwältigt, zu dem Mohren also: »Ich kann nicht leugnen, daß ich, wie leid es mir auch tut, Euch etwas zu sagen habe, das Euch überaus unangenehm sein muß; aber da Ihr nun einmal verlangt, daß ich reden soll, und da mich die Sorge um Eure als meines Gebieters Ehre selbst dazu antreibt, so will ich jetzt Eurer Forderung und meiner Pflicht Genüge tun. Ihr müßt also wissen, daß Eure Gemahlin aus keinem andern Grunde sich die Ungnade, in der der Rottenführer bei Euch steht, so zu Herzen nimmt, als weil sie, sooft er in Euer Haus kommt, sich mit ihm vergnügt; denn sie ist Eurer Schwärze bereits überdrüssig.« Diese Worte schnitten dem Mohren bis in die Wurzel seines Herzens ein; aber um noch mehr zu erfahren, und wiewohl er bei dem Argwohn, der schon vorher in seiner Seele erweckt war, den Worten des Fähnrichs durchaus Glauben beimaß, brach er doch finsterblickend in die Worte aus: »Ich weiß nicht, was mich abhält, dir diese freche Zunge ausreißen zu lassen, die sich unterfängt, meine Gemahlin einer solchen Schmach zu bezichtigen.« Der Fähnrich entgegnete: »Ich erwartete für meinen Liebesdienst keinen andern Lohn von Euch, mein Hauptmann! Aber da mich meine Pflicht und der Eifer für Eure Ehre einmal so weit geführt hat, so beteuere ich Euch wiederholt, daß die Sache sich so verhält, wie Ihr gehört habt, und wenn das schlaue Weib Euch durch den Anschein ihrer Liebe zu Euch die Augen so verklebt hat, daß Ihr bis jetzt nicht gesehen habt, was Ihr doch hättet sehen sollen, so ist es darum nicht minder wahr, was ich Euch sage; denn der Rottenführer selber hat es mir gesagt, weil es ihm scheinen mochte, daß seine Glückseligkeit keine vollkommene sei, wenn er nicht jemand in ihre Mitwissenschaft ziehe.« Er fügte hinzu: »Hätte ich nicht Euren Zorn gefürchtet, so würde ich ihm, als er mir dies sagte, seinen verdienten Lohn gegeben und ihn getötet haben. Da mir aber die Mitteilung einer Sache, die Euch doch mehr als irgend jemand sonst angeht, einen so übeln Lohn eingetragen, muß ich bereuen, nicht stillgeschwiegen zu haben, wo dann ich mir wenigstens nicht Eure Ungnade zugezogen hätte.« Der Mohr versetzte ihm in voller Hitze: »Überzeugst du mich nicht durch meinen eigenen Augenschein von der Wahrheit deiner Angaben, so sei versichert, daß du zu der Erkenntnis kommen sollst, du wärest besser stumm geboren!« »Diese Überzeugung hätte ich Euch leicht verschaffen können«, fügte der Bösewicht hinzu, »solange er noch Euer Hausfreund war; jetzt aber, da Ihr ihn ohne Not, vielmehr aus einer ganz geringfügigen Ursache verjagt habt, geht das nicht so bequem; denn wenn ich auch der Ansicht bin, daß er fortwährend Disdemona genießt, sooft Ihr ihm Gelegenheit dazu gebt, so fängt er es doch jetzt sicherlich vorsichtiger als vorher an, da er weiß, daß Ihr ihn jetzt haßt, was früher nicht der Fall war. Aber dessenungeachtet gebe ich die Hoffnung noch nicht auf, Euch durch den Augenschein zu beweisen, was Ihr mir nicht glauben wollt.« Nach diesen Worten schieden sie voneinander. Der unglückliche Mohr ging nach Hause, wie von dem schärfsten Pfeil getroffen, und erharrte den Tag, an welchem ihm der Fähnrich das zeigen sollte, was ihn für immer unglücklich machen mußte. Aber ebenso unruhig war der verwünschte Fähnrich über die Keuschheit, die, wie er wohl wußte, Disdemona beobachtete, und bei der es ihm unmöglich schien, einen Weg zu finden, um dem Mohren seine falsche Angabe zu erhärten. In seinen Gedanken sich vielfältig damit beschäftigend, verfiel der Verleumder auf eine ganz unerhörte Bosheit. Die Gattin des Mohren kam, wie schon gesagt, oft zu der Gattin des Fähnrichs ins Haus und brachte einen guten Teil des Tages bei ihr zu. Da nun der Fähnrich bemerkte, daß sie um diese Zeit ein Schnupftuch trug, das ihr, wie er wußte, der Mohr geschenkt hatte, das äußerst fein auf maurische Weise gearbeitet war und von der Dame wie von dem Mohren sehr wert gehalten wurde, so bildete sich bei ihm der Vorsatz aus, ihr dieses Tuch heimlich zu entwenden und mittels dieses sie ins Verderben zu stürzen. Er hatte ein Töchterchen von drei Jahren, das Disdemona sehr liebte. Dies nahm er, als die unglückliche Dame eines Tages in das Haus dieses Bösewichts kam, auf den Arm und setzte es ihr auf den Schoß. Disdemona nahm es und drückte es an ihre Brust. Indes nahm ihr der Betrüger, der sich vortrefflich aufs Taschenspielen verstand, das Taschentuch so geschickt vom Gürtel, daß sie nicht das geringste davon bemerkte, und ging voller Freuden von ihr hinweg. Disdemona, die davon nichts ahnte, ging nach Hause und vermißte, da sie mit andern Gedanken beschäftigt war, das Schnupftuch nicht. Einige Tage nachher aber, da sie es suchte und nicht fand, war sie sehr in Furcht, der Mohr möchte, wie er öfter tat, danach fragen. Der gottlose Fähnrich ersah sich indes eine gelegene Zeit, ging zu dem Rottenführer und ließ mit verschmitzter Bosheit das Schnupftuch zu Häupten seines Bettes zurück, was der Rottenführer erst am folgenden Morgen bemerkte: denn als er vom Bett aufstand, trat er mit dem Fuß auf das Schnupftuch, das zur Erde gefallen war. Er erkannte es als das Eigentum Disdemonas, ohne begreifen zu können, wie es in sein Haus gekommen sei, und beschloß, es ihr zurückzugeben. Er wartete, bis der Mohr ausgegangen war, begab sich an die Hintertür des Hauses und klopfte an. Aber das Glück, das sich mit dem Fähnrich zum Verderben der Armen verschworen zu haben schien, wollte es, daß der Mohr in demselben Augenblicke wieder nach Haus kam. Da er nun an der Tür klopfen hörte, trat er an das Fenster und rief heftig erzürnt: »Wer klopft da?« Als der Rottenführer die Stimme des Mohren vernahm, fürchtete er, er möchte herabkommen, um ihn zu verderben, und ergriff die Flucht, ohne zu antworten. Der Mohr stieg die Treppe hinab und öffnete die Tür. Als er aber auf die Straße trat und ihn suchte, fand er ihn nicht mehr. Er ging also voller Wut ins Haus zurück und fragte seine Gattin, wer unten geklopft habe. Sie antwortete, der Wahrheit gemäß, sie wisse es nicht. »Mich deuchte aber«, sagte der Mohr, »es war der Rottenführer.« »Ich meinesteils«, antwortete sie, »weiß nicht, ob er es war, oder wer sonst.« Der Mohr hielt seine Wut zurück, obgleich er vor Zorn glühte, und wollte nicht eher etwas unternehmen, bis er mit dem Fähnrich gesprochen, zu dem er sich schleunigst begab, indem er ihm den Vorfall erzählte und die Bitte hinzufügte, den Rottenführer so genau als möglich darüber auszuforschen. Über einen ihm so willkommenen Vorfall höchst erfreut, versprach ihm der Fähnrich, es auszuführen. Darauf sprach er eines Tages mit dem Rottenführer an einem Orte, wo der Mohr zugegen war und ihrer Unterredung zusehen konnte. Er sprach mit ihm über tausend Dinge, aber mit keiner Silbe von Disdemona, schlug das hellste Gelächter auf, stellte sich sehr verwundert und gebärdete sich mit Haupt und Händen wie einer, dem unerhörte Dinge erzählt werden. Sobald der Mohr sah, daß sie voneinandergegangen waren, begab sich der Mohr zu dem Fähnrich, um zu hören, was ihm jener gesagt habe. Dieser ließ sich erst lange bitten und sprach dann endlich: »Er hat mir nicht das geringste verhehlt und gestanden, daß er Eure Gemahlin genossen habe, sooft Ihr ihnen, durch Eure Abwesenheit dazu Gelegenheit gegeben habt. Das letztemal, da er bei ihr war, hat sie ihm jenes Taschentuch geschenkt, welches Ihr bei Eurer Vermählung ihr gegeben habt.« Der Mohr dankte dem Fähnrich und war nun überzeugt, wenn es sich finde, daß sie das Schnupftuch nicht mehr besitze, so sei kein Zweifel mehr, daß alles wahr sei, was der Fähnrich ihm gesagt habe. Er verlangte daher eines Tages, da er sich nach Tische in mancherlei Gespräche mit seiner Gattin eingelassen hatte, das Schnupftuch zu sehen. Die Unglückliche, die diese Frage längst gefürchtet hatte, wurde darüber feuerrot im Gesicht und lief, um ihr Erröten zu verbergen, das der Mohr jedoch wohl bemerkt hatte, an ihren Schrein, wo sie tat, als suche sie es. Nach langem Suchen sprach sie endlich: »Ich weiß nicht, wie ich es heut nicht finden kann. Hättet Ihr es vielleicht gehabt?« »Wenn ich es gehabt hätte«, sagte er, »warum würde ich dich darüber befragen? Aber suche doch noch einmal genauer nach!« Indem er jetzt von ihr ging, war sein Sinnen nur darauf gerichtet, wie er seine Frau und zugleich den Rottenführer töten könne, ohne ihres Mordes beschuldigt zu werden. Er dachte Tag und Nacht an nichts anderes, und seine Frau konnte nicht umhin zu bemerken, daß er nicht mehr wie sonst gegen sie war. Sie sagte vielmals zu ihm: »Was habt Ihr nur, das Euch so verstört? Ehemals waret Ihr der aufgeweckteste und nunmehr seid Ihr der schwermütigste Mann von der Welt.« Der Mohr ersann darauf verschiedenartige Antworten, aber keine einzige genügte ihr; und wiewohl sie wußte, daß kein Vergehen von ihrer Seite diese Stimmung des Mohren veranlaßt haben könne, so fürchtete sie doch, gerade durch ihre große Zärtlichkeit ihm zur Last gefallen zu sein. Sie sagte einigemal zu der Gattin des Fähnrichs: »Ich weiß nicht, was ich von dem Mohren denken soll. Er pflegte sonst ganz Liebe zu mir zu sein und ist jetzt, ich weiß nicht, seit wieviel Tagen, ein ganz anderer geworden. Ich fürchte sehr, ich werde den Mädchen ein warnendes Beispiel werden, sich nicht gegen den Willen der Ihrigen zu vermählen, und die italienischen Frauen werden von mir lernen können, daß man sich nicht zu Männern gesellen soll, welche Natur, Himmel und Lebensweise von uns absondern. Da ich nun aber weiß, daß der Mohr ein vertrauter Freund Eures Gatten ist und ihm seine Angelegenheiten mitteilt, so ersuche ich Euch, wenn Ihr irgend etwas von ihm hörtet, das mir zu wissen nützlich wäre, mir Eure Hilfe damit nicht zu versagen.« Sie vergoß, während sie diese Worte sprach, die bittersten Tränen; die Gattin des Fähnrichs aber, die alles wußte, da sie ihr Mann als Vermittlerin des Mordes der Dame hatte gebrauchen wollen, wiewohl sie sich mit allen Kräften dagegen gesträubt, wagte aus Furcht vor ihrem Gatten ihr nichts von alledem zu verraten. Nur so viel sagte sie: »Sorget ja, daß Ihr Eurem Gatten keinen Grund zum Argwohn gebt, und sucht ihm Eure Liebe und Treue auf alle Weise zu betätigen!« »Das tue ich«, sprach Disdemona, »aber es hilft mir nichts.« Der Mohr strebte mittlerweile sich immer mehr von dem zu überzeugen, was er doch so gar nicht zu finden wünschte, und bat den Fähnrich, es zu bewirken, daß er das Schnupftuch im Besitz des Rottenführers sehen könne. Dem Bösewicht war dies freilich eine schwierige Aufgabe; indessen versprach er sein möglichstes zu tun, um ihn zu befriedigen. Der Rottenführer hatte eine Frau bei sich im Hause, die am Stickrahmen ungemein feine Stepparbeiten machte. Als diese das Tüchelchen sah und hörte, es gehöre der Gattin des Mohren an und solle ihr zurückgegeben werden, begann sie, sich, ehe es fortkam, ein ähnliches danach zu verfertigen. In dieser Arbeit begriffen sah sie einst der Fähnrich am Fenster sitzen und bemerkte zugleich, daß sie damit jedem Vorübergehenden auf der Straße sichtbar sei. Er zeigte dies daher dem Mohren, der sich nun vollkommen überzeugt hielt, daß seine durchaus keusche Frau wirklich eine Ehebrecherin sei. Er beschloß also mit dem Fähnrich, sie und den Rottenführer umzubringen, und indem sich beide berieten, wie dies anzustellen sei, bat ihn der Mohr, den Mord des Rottenführers auf sich zu nehmen, wogegen er ihm auf ewige Zeiten verpflichtet zu bleiben versprach. Der Fähnrich weigerte sich zwar, diese Tat zu begehen, weil sie, wie er sagte, sehr schwierig und gefährlich wäre, da der Rottenführer nicht minder gewandt als tapfer sei. Nachdem ihn aber der Mohr lange gebeten und ihm viel Geld gegeben hatte, brachte er ihn endlich zu der Zusage, er wolle sein Glück versuchen. Als sie diese Verabredung getroffen hatten, kam der Rottenführer eines Abends aus dem Hause einer Buhlerin, bei der er sich zu vergnügen pflegte, und der Fähnrich benützte die Dunkelheit, schlich sich mit gezogenem Schwerte an ihn heran und richtete ihm einen Hieb nach den Beinen, um ihn zu Fall zu bringen. Der Zufall fügte es, daß er ihm den rechten Schenkel entzweischlug, so daß der Unglückliche niederstürzte, worauf der Fähnrich herbeieilte, um ihm den Garaus zu machen. Aber der Rottenführer, der Herzhaftigkeit genug besaß und an Blut und Tod gewöhnt war, zog das Schwert und suchte sich, so schwer verwundet er auch war, zu verteidigen, wobei er mit lauter Stimme schrie: »Man bringt mich um!« Als daher der Fähnrich Leute herzulaufen hörte und einige Soldaten, die in der Nähe ihr Quartier hatten, ergriff er, um nicht erwischt zu werden, die Flucht, drehte sich aber plötzlich um und stellte sich, als komme er auch auf den Lärm herbeigelaufen. Er mischte sich unter die übrigen, und da er das Bein entzwei sah, so schloß er, daß der Rottenführer, obgleich er noch nicht tot war, doch ganz gewiß an dem Schlage sterben werde, und obwohl er darüber sehr froh war, so bezeugte er doch dem Rottenführer so viel Mitleid, als ob er sein leiblicher Bruder gewesen wäre. Den andern Morgen verbreitete sich die Sache durch die ganze Stadt und kam auch zu den Ohren Disdemonas, und sie, die sehr liebreich war und nicht ahnte, daß dies schlimme Folgen für sie haben könne, zeigte sich schmerzlich betrübt über diesen Vorfall. Der Mohr legte ihr dies sehr übel aus, ging wieder zu dem Fähnrich und sagte zu ihm: »Denke nur, die Närrin von meiner Frau ist über den Unfall des Rottenführers so betrübt, daß sie fast von Sinnen kommt.« »Und wie konntet Ihr Euch das anders vorstellen«, versetzte der Fähnrich, »da er ihre Seele war?« »Ihre Seele, ha!« entgegnete der Mohr. »Ich will ihr schon die Seele aus dem Leibe reißen. Ich würde mich für keinen Mann halten, wenn ich diese Schändliche nicht aus der Welt schaffte!« Sie beratschlagten hierauf, ob sie Disdemona mit Gift oder Dolch umbringen sollten; aber keines von beiden schien ihnen tunlich. »Da fällt mir ein«, sagte der Fähnrich, »wie Ihr Euch Genugtuung verschaffen könnt, ohne daß Euch der geringste Verdacht trifft. Nämlich das Haus, worin Ihr wohnt, ist alt, und die Decke Eurer Kammer voller Ritzen. Ich denke also, wir schlügen Disdemona mit einem mit Sand gefüllten Strumpfe so lange, bis sie stürbe, damit man keine Spur, daß sie geschlagen worden, an ihr wahrnimmt; und wenn sie dann tot ist, werfen wir einen Teil der Decke auf sie herab und zerschlagen ihr den Kopf, als hätte ein herabgefallener Balken sie zerschmettert und getötet. Auf diese Weise wird niemand Verdacht auf Euch werfen und jedermann ihren Tod einem bloßen Zufalle zuschreiben.« Dem Mohren gefiel der grausame Rat. Er paßte also die Zeit ab, die ihm am gelegensten schien, und da er eines Nachts mit ihr im Bette lag, machte der Fähnrich, den er vorher in einem Kabinett, das an die Kammer stieß, verborgen hatte, plötzlich der Verabredung gemäß in dem Kabinett ein Geräusch. Der Mohr hörte es sogleich und sagte zu seiner Gattin: »Hast du das Geräusch gehört?« »Jawohl habe ich's gehört«, entgegnete sie. »So steh auf«, versetzte der Mohr, »und sieh, was es sein mag!« Die unglückliche Disdemona stand auf, und sobald sie sich dem Kabinette näherte, trat der Fähnrich heraus und gab ihr, stark und kräftig, wie er war, einen so grausamen Schlag mit dem Sack voll Sand über das Rückgrat, daß sie plötzlich zur Erde fiel und kaum noch zu atmen vermochte. Doch mit der wenigen Stimme, die ihr noch blieb, rief sie den Mohren um Hilfe an. Dieser sprang aus dem Bette und sprach: »Das ist der Lohn, du ruchloses Weib, für deine Untreue! So behandelt man die Weiber, die unter dem Schein der zärtlichsten Liebe gegen ihre Männer ihnen Hörner aufsetzen!« Wie die unglückliche Frau dies hörte und ihr Ende nahen fühlte – denn der Fähnrich hatte ihr noch einen Streich versetzt –, so rief sie zum Zeugen ihrer Unschuld, da ihr auf Erden kein Recht widerfahren solle, die himmlische Gerechtigkeit an und flehte zu Gott, ihr beizustehen, indem der ruchlose Fähnrich sie mit dem dritten Streiche völlig tötete. Darauf legten die beiden sie in das Bett, zerschlugen ihr das Haupt und rissen, wie sie zuvor ausgemacht hatten, die Stubendecke ein. Sodann hub der Mohr an, um Hilfe zu rufen, da das Haus einfalle, bis die Nachbarn auf seinen Ruf herbeistürzten und bei Untersuchung des Bettes das arme Weib unter den Balken erschlagen fanden. Die Trauer hierüber war allgemein wegen der Vorzüge der Dame, und so wurde Disdemona am folgenden Tage unter den Klagen der ganzen Einwohnerschaft zur Erde bestattet. Der gerechte Gott aber, der die Herzen der Menschen durchschaut, wollte nicht, daß eine so unerhörte Schandtat der ihr gebührenden Strafe ermangeln sollte. Denn der Mohr hatte seine Gattin mehr als das Licht seiner Augen geliebt, und von der Stunde an, da er sich ihrer beraubt sah, überkam ihn eine solche Sehnsucht nach ihr, daß er wie außer sich selbst geriet und sie allerwärts in seiner Wohnung suchte. Ja, indem er bedachte, daß er durch die Schuld des Fähnrichs mit seiner Gattin allen Reiz des Lebens und sich selber verloren habe, wurde ihm der Bösewicht so in der Seele verhaßt, daß er ihn nicht mehr ansehen konnte und ihn wohl gar auf offener Straße umgebracht haben würde, hätte er nicht vor der unbestechlichen Gerechtigkeit der Herren von Venedig Scheu getragen. Da er nun so etwas nicht wohl mit Sicherheit vollbringen konnte, so entzog er ihm die Fahne und stieß ihn aus seinem Gefolge, woher eine so heftige Feindschaft zwischen beiden entsprang, wie man sie sich nicht ärger denken könnte. Der Fähnrich, der garstiger war als alle Verbrecher, richtete alle seine Gedanken darauf, dem Mohren zu schaden, und da er dereinst den Rottenführer antraf, der wiederhergestellt war und statt seines abgehauenen Beines mit einem hölzernen einherging, sagte er zu ihm: »Die Zeit ist gekommen, da du dich für dein abgehauenes Bein rächen kannst, und wenn du mit mir nach Venedig kommen willst, so werde ich dir sagen, wer der Verbrecher ist; denn hier habe ich aus mancherlei Rücksichten dazu nicht den Mut. Ich will es dir aber dort vor Gericht bezeugen.« Der Rottenführer, der so schwer beleidigt war, ohne zu wissen, warum, dankte dem Fähnrich und ging mit ihm nach Venedig. Sobald sie dort angelangt waren, sagte er ihm, der Mohr sei es, der ihm das Bein abgehauen, weil dieser sich in den Kopf gesetzt, er habe bei Disdemona geschlafen, und aus demselben Grunde habe er diese getötet und nachher ausgeschrieen, die eingefallene Stubendecke habe sie erschlagen. Sobald der Rottenführer diese Nachricht erhalten hatte, verklagte er den Mohren bei der Regierung wegen seines abgehauenen Beines und wegen der Ermordung der Dame und stellte als Zeugen den Fähnrich vor Gericht, der aussagte, das eine wie das andere sei wahr, denn der Mohr habe ihm alles mitgeteilt und ihn zuerst selbst überreden wollen, beide Verbrechen für ihn zu begehen, und nachdem er aus tierischer Eifersucht, die er sich in den Kopf gesetzt, sein Weib gemordet, habe er ihm anvertraut, auf welche Weise er diese Tat zustande gebracht. Als die Herren von Venedig vernahmen, welche Grausamkeit der Barbar gegen eine ihrer Mitbürgerinnen begangen habe, ließen sie den Mohren in Cypern verhaften und nach Venedig bringen, wo sie ihn durch vielerlei Martern zu zwingen suchten, die Wahrheit einzugestehen. Aber die Kraft seiner Seele half ihm alle Marter besiegen und die Tat mit solcher Hartnäckigkeit leugnen, daß nichts aus ihm herauszubringen war. Obgleich er aber durch seine Standhaftigkeit dem Tod entging, so ward er doch nach langer Gefangenschaft zu lebenslänglicher Verbannung verurteilt, in der er zuletzt von den Verwandten seiner Frau, wie er es verdiente, umgebracht wurde. Der Fähnrich kehrte nach seiner Heimat zurück, und da er von seiner Gemütsart nicht lassen konnte, so beschuldigte er einen seiner Gefährten, er habe ihn verleiten wollen, einen Edelmann, der sein Feind gewesen, ums Leben zu bringen. Der Angeklagte ward hierauf ergriffen und auf die Folter gebracht, und da er die Anklage leugnete, so ward der Fähnrich ebenfalls auf die Folter gespannt und so heftig gemartert, daß ihm die Eingeweide zersprangen. Als er daher aus dem Gefängnisse entlassen und nach Hause gebracht wurde, verschied er elendiglich. So rächte Gott die Unschuld Disdemonas; und den ganzen Hergang erzählte die Frau des Fähnrichs, die nun alles wußte, nachdem er, wie ich euch erzählt habe, ums Leben gekommen war. Giovanni Battista Giraldi Der ertappte Tugendlehrer Ferrara ist zwar eine viel jüngere Stadt als die andern italienischen Städte; aber deswegen ist es nicht geringer als die andern hinsichtlich Größe und Pracht, geschweige denn in der Einsicht und Klugheit, mit der ihre Herren ihre Geschicke lenken, die alle ihre Sorge darauf verwenden, ihr Volk nicht nur zufrieden zu machen, sondern es auch mit allen Tugenden zu schmücken, die geeignet sind, freie Menschen zu adeln, das heißt, die das Studium der schönen Wissenschaften fördern. Dieses Studium ist die Ursache, daß unter den Bürgern immer in jeder Art Wissenschaft hochgelehrte Männer sich befinden. Und nicht nur bedienen sich diese ausgezeichneten Herren der Stadt der Geister ihres Vaterlandes, obgleich sie unter diesen recht hervorragende besitzen, sondern sie ziehen auch mit großen Gehältern angesehene Fremde heran, damit sie die Jünglinge zu allem Guten und Schönen begeistern. Nun befand sich in diesem Dienst an der Öffentlichkeit ein fremder Gelehrter, der in seinem Fache einen großen Namen hatte; er hatte auch seine Frau und sein ganzes Hausgesinde mitgebracht, worunter sich ein Mädchen befand, liebreizend, hübsch aussehend, anmutig und schlank, im Alter von fünfzehn Jahren. Obwohl der Gelehrte schon ein wenig in Jahren war und graue Haare hatte, dazu eine junge, schöne Frau besaß, so entbrannte er, was kaum zu glauben ist, in Liebe zu dem Mädchen; und wo er Gelegenheit dazu hatte, war er hinter ihr her, bald mit Scherzen, bald mit Worten, bald mit Tätscheln, und redete ihr zu, nett zu ihm zu sein und seinen Wünschen zu willfahren. Nigella – denn so hieß das Mädchen – wies ihn oft von sich und sagte zu ihm: »Herr, ich bin nicht dafür, mich einem Manne hinzugeben, so reich und mächtig er auch sein mag, mit dem ich nicht verheiratet wäre; und deswegen hört auf, mich in Versuchung zu führen, weil ich nichts für Euch und Ihr nichts für mich seid. Ihr würdet gut daran tun, Euch mit Eurer Frau zu begnügen, die nicht verdient, daß Ihr sie verachtet oder daß Ihr ihr solches Unrecht zufügt.« Trotz dieser Worte hörte der Gelehrte nicht auf, sie zu belästigen, und eines Tages ging er so weit, daß er, wie er sie an einem passenden Orte fand, ihr die Hand an den Busen legte, einen Kuß raubte und sprach: »Mein Süßes, wenn du mir nachgibst, werde ich dir hundert Lire zur Mitgift schenken.« Nigella erwiderte ihm: »Schenkt doch die hundert Lire einer andern, denn meine Ehre will ich behalten«, lief ganz aufgebracht von ihm weg und ging zu ihrer Herrin und sagte ihr, was der Gelehrte gesagt und ihr getan hatte, und daß sie keinen Schritt tun könne, ohne daß er hinter ihr her wäre und sie belästige, und sie bitte sie, ihr diese Plage vom Halse zu schaffen. Die Frau, die sehr wohl wußte, daß ihr Mann sicherlich ausgelassener war, als seiner Würde und seinem Alter entsprach, sagte zu ihr: »Nigella, du bist ein Dummkopf; wie du weißt, ist mein Mann recht ausgelassen, und wenn er mit dir scherzt, tut er es zum Spaß, nicht weil er von dir etwas Unanständiges verlangt; denn ich kenne ihn nicht als einen so kräftigen Hahn, daß er zwei Hennen zugleich braucht: er hat reichlich genug an mir.« »Ihr täuscht Euch«, erwiderte Nigella, »wenn ich seinen Wünschen so willfahren würde, wie er sich bemüht, dann würde ich von ihm entehrt werden, und Euch hätte er beleidigt. Aber abgesehen davon, daß mir meine Ehre lieb ist, so würde es mir zu leid tun, Euch so Veranlassung zu Kummer zu bereiten. Und ich sage Euch weiter, wenn er es weiter so treibt und Ihr keinen andern Ausweg findet, werde ich mir eine andere Herrin besorgen, denn ich will mich nicht so andauernd ärgern müssen, besonders in meinem jugendlichen Alter.« Aber weil die Frau viel Vertrauen zu ihrem Manne hatte, blieb sie bei ihrer Meinung, daß das, was das Mädchen ihr gesagt hatte, viel eher zum Scherz gesagt wäre als aus lüsternem Verlangen des Mannes nach ihr. Und sie sprach zu dem Mädchen: »Nigella, mein Mann erlaubt sich einen Spaß mit dir, glaube es mir! Aber wenn er es auch zu einem andern Zweck täte, so sage ich dir, die Männer sind Männer und die Frauen Frauen, und die Männer können mit den Frauen nichts tun, wenn diese nicht damit einverstanden sind, und eine Frau kann sich, wenn ein Mann sich anschickt, seinen Sturmangriff auf sie zu unternehmen, so gut verteidigen, daß er sie eher töten als vergewaltigen kann, wenn sie nicht will. Also, mein Töchterchen, wenn der Herr auch um dich herumscherwenzelt, so viel er will, und dich belästigt, wie er dich nur belästigen kann, so wird er doch niemals das von dir erlangen, was du ihm nicht geben möchtest. Und ich sage dir, wenn du von mir weggehst, wie du mir gesagt hast, könntest du leicht in die Lage hineingeraten, der du zu entfliehen suchst. Daher bemühe dich, vernünftig zu sein: wenn du so handelst, wirst du nichts zu fürchten haben.« Der Nigella erschien es sehr seltsam, daß die Dame solches Vertrauen zu dem Doktor hatte, daß sie – während doch die anderen Damen oft auf ihre Ehemänner eifersüchtig werden, obgleich sie ihnen keinen Grund dazu geben, – daß sie, als sie etwas hörte, was ihr hätte unendlichen Argwohn einflößen müssen, nichts davon glauben wollte. Und damit die Dame nicht dächte, sie hätte ohne Grund zu ihr darüber gesprochen, begann sie abzuwarten, ob sich ihr eine Zeit bieten würde, wo sie der Dame zeigen könnte, daß all das, was sie ihr gesagt hatte, wahr sei; und deshalb ertrug sie geduldiger als bisher die Belästigung durch ihren Herrn, die von Tag zu Tag größer wurde. Da es aber dem Doktor so vorkam, als ob die Geduld, die Nigella an den Tag legte, ihm Hoffnung gab, sein Verlangen zu befriedigen, wartete er, bis das Schicksal ihm dazu eine günstige Gelegenheit bot. Einmal war Nigella in eine Kammer hinaufgestiegen, worin das Mehl lag, um es zu sieben; denn am nächsten Tage wollte sie davon Brot backen. Sie nahm das Sieb und begann durch ziemlich lebhaftes Schütteln die Kleie von dem Mehl zu sondern. Der Herr Doktor hatte sein Scharlachgewand an, dessen Kapuze ihm über die Schulter hing, und wollte gerade zu seiner Vorlesung gehen; da merkte er, daß Nigella oben war und Mehl siebte. Als er daraufhin verstohlen in das Zimmer schaute und seine Frau eifrig mit weiblichen Arbeiten beschäftigt sah, meinte er, nunmehr Zeit und Gelegenheit zu haben, um sich ohne Argwohn Nigellas erfreuen zu können; und während er hätte die Treppe hinuntergehen müssen, um zu seinen Vorlesungen zu gehen, stieg er nach oben in den Raum, wo Mehl gesiebt wurde, faßte Nigella um den Hals und gab ihr einen Kuß, wobei er sagte: »Meine Seele, jetzt ist es Zeit, daß du mich nicht mehr quälst. Wem willst du die Blüte deiner Jungfräulichkeit geben, wenn nicht mir, der ich dich so sehr liebe und der ich dir so viel Gutes tun kann? Jedenfalls wirst du doch die Frau eines armen Mannes werden, der dich entjungfern wird; aber die hundert Lire, die ich dir geben werde, werden ihm lieber sein als noch so viel Jungfräulichkeit, die du ihm geben könntest. Außerdem – wenn du dich einmal verheiraten solltest, werde ich dir ein Mittel sagen, um dich so zurechtzumachen, daß es scheinen wird, als seiest du noch so jungfräulich, wie du aus dem Mutterleib hervorgegangen bist.« Nigella schien die Zeit gekommen zu sein, ihre Herrin aus ihrem Wahne zu reißen; daher sprach sie: »Ihr macht mir so viel Versprechungen, mein Herr, und führt mir so viel Gründe an, daß ich Euch diesmal nicht Nein sagen kann und bereit bin, Euch gefällig zu sein. Aber ich möchte nicht, daß zum Unglück die gnädige Frau, die ich müßig in ihrem Zimmer ließ, als ich hierher kam, mich nicht mehr das Sieb schütteln hörte (ein Geräusch, das, wie Ihr wißt, dort unten ebenso gut gehört werden kann wie hier oben), daß sie dann nach oben käme und mich mit Euch zusammen fände, worauf wir beide, Ihr und ich, gleichzeitig Schimpf und Schande ernten würden. Daher ergreift gefälligst das Sieb und schüttelt es, solange wie ich hinuntergehe. Und wenn ich sie in solcher Beschäftigung finde, daß ich keine Schande zu befürchten habe, werde ich sofort zu Euch kommen und werde Euch vollkommenes Vergnügen an mir geben.« Diese letzten Worte gefielen dem Doktor, und da er wußte, in welcher Beschäftigung er seine Frau verlassen hatte, war er zufrieden, daß sie hinunterging, um sich zu vergewissern, dachte er doch, sie dann in größerer Ruhe genießen zu können; also sagte er: »Geh und komm bald wieder, damit ich zu meinen Studenten gehen kann, die darauf warten, daß ich ihnen eine Vorlesung halte, und bringe gleich die Bürste mit, um mir meine Kleidung vom Mehl reinigen zu können, das man vom Schütteln des Siebes darauf wird sehen können.« »Gern, mein Herr«, sagte sie, und das boshafte Mädchen verließ den Doktor, nahm die Treppe mit vier Schritten und suchte ihre Herrin auf. Als diese sie ganz weiß vom Mehl sah, dabei aber immer noch das Geräusch des Siebes hörte, fragte sie: »Was ist denn das, Nigella? Du bist hier unten, und von oben hört man das Sieb?« Darauf erwiderte Nigella: »Ich bitte Euch, gnädige Frau, kommt gefälligst nach oben; denn ich möchte, daß Ihr einen neuen Siebschüttler so gut das Sieb handhaben seht, um die Kleie vom Mehl zu sondern, daß Ihr Euch nicht weniger darüber wundern werdet, als ich es getan habe.« »Was für ein Wunder ist das denn?« fragte die Frau. »Ich möchte«, bemerkte Nigella, »daß Ihr es mit Euren eigenen Augen sehen sollt!« »Geh«, erwiderte die Frau, »ich folge dir; denn ich möchte doch sehen, was für ein Wunder es ist.« Während die beiden Frauen so miteinander sprachen, schüttelte der Doktor das Sieb mit kräftiger Hand und frohlockte, da er glaubte, Nigella dazu gebracht zu haben, ihm gefällig zu sein, und bei der kleinsten Bewegung, die er hörte, glaubte er, sie wäre es, die wiederkäme. Als er nun beim Heraufsteigen der Frauen Nigella husten und spucken hörte, erkannte er sie sogleich und rief ganz vergnügt: »Da ist sie ja!« Nigella blieb aber etwas zurück, als die gnädige Frau schon die letzte Stufe der Treppe erstiegen hatte, und da der Doktor meinte, es sei das Mädchen, rief er ihr entgegen: »Du wirst doch erst kommen, wenn es Gott gefällt! Ich bin schon ganz Mehl, und du wirst Mühe haben, mich zu säubern, das kannst du mir glauben!« Dabei wandte er sich rückwärts und erblickte an Stelle von Nigella – seine Frau, und da er sah, daß er von ihr überrascht war, schwand ihm mit einem Male die Besinnung. Aber die Frau, die alles andere eher gedacht hatte, als ihren Mann bei solcher Beschäftigung zu finden, geriet ganz außer sich und sprach: »So ist's gut, lieber Mann, daß Ihr aus einem Doktor und Herrn des Hauses, der Ihr gewesen seid, Euch in einen Siebschütteler verwandelt habt und der Diener Eurer Magd geworden seid! Was um Gottes willen habt Ihr machen wollen?« Bei diesen Worten wurde der Doktor röter im Gesicht, als das Scharlachgewand war, das er anhatte, und obwohl er in seinen Vorlesungen äußerst redegewandt war, stand er jetzt, wie seine Frau ihn scharf ausschalt, stumm da. Doch faßte er sich bald wieder und suchte nun die Frau mit den süßesten Worten zu besänftigen und bat sie, ihm seine Verschuldung im Hinblick auf die menschliche Schwäche zu verzeihen, die einem so mächtigen Feinde gegenüber, wie es Amor sei, wenig Widerstandskraft hätte, wenn Amor jemanden mit seiner ganzen Gewalt bestürme. »Wenn das so ist, lieber Mann«, sagte die Frau, »wie müßte ich von Euch entschuldigt werden, – die ich doch zum schwachen, kraftlosen Geschlecht gehöre und leichter besiegt werden kann als Ihr, – wenn ich, die ich jung bin, mit jungen Leuten das tun würde, was Ihr grauhaariger Mann mit Nigella tun wolltet?« Der Doktor antwortete ihr: »Das will ich nicht von dir denken, liebe Frau; denn ich weiß, daß du dich gegen solche Anfechtungen gewehrt hättest mit dem Schilde der Ehre, die dir, wie ich weiß, weit teurer ist als das Leben. Aber wenn es doch geschähe – was Gott verhüten möge! –, so würde ich dir ebenso verzeihen, wie ich möchte, daß du jetzt mir verzeihst.« »Jetzt seid Ihr sehr liebenswürdig und menschlich«, entgegnete die Frau, »aber Ihr habt nicht nötig, daß ich Euch verzeihe: denn nicht mir, sondern Euch habt Ihr Unrecht getan. Um meinetwillen würde ich Euch nämlich nicht ein einziges Wort sagen, wenn es sich nicht um Eure Schande handelte; aber es tut mir weh, wenn ich sehe, daß Ihr, der Ihr so viel wißt und andere lehrt, vernunftgemäß zu leben, Euch die Augen so habt zur Lüsternheit trüben lassen noch dazu in Eurem reifen Alter, daß ein junges Mädchen sich über Euch lustig gemacht hat, als ob Ihr ein Einfaltspinsel wäret! Ihr Unglücklicher, wie wollt Ihr, daß noch jemand zu Euch kommt um Rat in Angelegenheiten des öffentlichen Lebens, wenn er sieht, daß Ihr die Gesetzbücher mit dem Sieb vertauscht habt? Wenn man das erführe, würdet Ihr auf diese Weise zum Gespött der Kinder werden, so daß Ihr nicht auf der Straße erscheinen könntet, ohne daß sie Euch hinterher schreien würden.« Der Doktor sah, daß seine Frau nur zu sehr recht hatte, und zeigte sich ihr so demütig, daß ihr Zorn sich sehr schnell in Mitleid verwandelte. Sie verließen beide den Raum und gingen in die Stube, wo sie ihn mit Hilfe einer Bürste vom Mehl säuberte, von dem er so weiß geworden war, wie wenn er eingeschneit gewesen wäre. Den Studenten ließ er sagen, daß er infolge eines dazwischengekommenen Unfalles an diesem Tage keine Vorlesungen halten könne. Obwohl die Frau Nigella wegen ihrer Anständigkeit lobte, wollte sie doch jemanden, der ihrem Mann solch einen Schabernack gespielt hatte, nicht vor Augen haben. Daher ließ sie ihr eine Mitgift geben und gab sie einem Schmied zur Frau, der sie nach Mantua, seiner Heimat, führte. So geriet alles in Vergessenheit, und sie lebte in größtem Frieden mit ihrem Mann. Giovanni Battista Giraldi Treulos, doch getreu Vor nicht gar langer Zeit lebte in Pera ein Perote, namens Calisto, der eine Philotima genannte Griechin zum Weibe hatte. Wiewohl nun zwischen Peroten und Griechen von jeher wenige Übereinstimmung der Sitten stattfand, so herrschte doch zwischen Calisto und seiner Frau eine vollkommene Eintracht, und sie führten miteinander, in gegenseitiger Liebe und Treue, die friedsamste Ehe, die es geben konnte. Da trug es sich zu, daß Philotima eines Tages zu einer Hochzeit eingeladen wurde und bei Tische einem jungen Griechen gegenüber zu sitzen kam, der so ausnehmend schön und anmutig war, daß man ihn hätte für einen dem Himmel entstiegenen Engel halten mögen. Philotima sah ihn unverwandten Auges an und konnte sich nimmermehr an seinem Anblicke sättigen, indem seine Blicke allmählich eine so energische Liebesglut in ihrem Busen entzündeten, daß sie am Ende ganz in Feuer und Flamme stand. In ihrem Hause wieder angelangt, versah sie sich dessen, was wider ihren Willen mit ihr vorgegangen war, und schickte sich mit dem größten Ernste und Eifer an, das geschehene Übel womöglich wiedergutzumachen. Sie wendete ihr ganzes Sinnen und Trachten ihrem Gatten zu; und jedesmal, wenn ihr der Jüngling in die Gedanken kam, bildete sie sich ein, daß er Calisto sei, indem sie diesen in freiwilliger süßer Täuschung wie eine Neuvermählte mit tausend zärtlichen Liebkosungen überschüttete und also auf eine ehrbare, wiewohl vergebliche Weise ihre Leidenschaft einigermaßen durch ihn selbst zu lindern suchte. Alles, was sie inzwischen tat, um sich aus ihrer Verlegenheit zu befreien, verwickelte sie nur immer mehr darein, und da sie keinen Menschen hatte, dem sie ihren Kummer hätte klagen oder bei dem sie sich Rat und Trost hätte holen können, so empfand sie ihn um so schwerer, als sie ihn in ihr Inneres verschließen mußte. Die Arme hielt dafür, es sei das wirksamste Mittel gegen ihr Übel, dessen Urheber nicht mehr zu sehen, und erwählte damit in Wahrheit auch das beste Teil, da uns ja die Erfahrung unwiderleglich lehrt, daß man die Liebe nicht anders als durch Flucht vor ihr überwinden kann. Nachdem sie diesen Entschluß gefaßt hatte, ging sie weder mehr aus dem Hause, noch ließ sie sich jemals wieder an Türe oder Fenster sehen, um ein für allemal den Anblick dessen zu vermeiden, für den sie sich so wunderbarerweise entzündet fühlte. Es sollte aber eben beispielsweise an ihr bewiesen werden, wie schwer man auf Erden einem schlimmen Geschicke entgehen kann. Denn ohne ihre Liebe irgend zu ahnen, schloß ihr Gatte eine enge Freundschaft mit jenem Jünglinge und begann, ihn nicht allein zum Mittags- und Abendessen mit sich nach Hause zu bringen, sondern auch überhaupt, als ob er sein Bruder gewesen wäre, jederzeit in seiner Gesellschaft zu sein. Das bedauernswerte junge Weib empfand darüber unendliches Mißvergnügen und wollte gar nicht vor dem jungen Manne erscheinen, indem sie, wie es in der Tat auch der Fall war, ihrem Gatten zu verstehen gab, daß ihr seine Gegenwart lästig falle, der sie wider seinen Willen ins Verderben stürzte. Calisto bildete sich dagegen ein, sie zeige sich dem Jünglinge nur um seiner Liebe zu ihm willen abgeneigt, und sagte deshalb zu ihr, sie täte sehr unrecht daran, ihn zu hassen, denn er verdiente in Wahrheit, von jedermann geliebt zu werden. Er verbreitete sich darauf weitläufig über dessen Tugenden und Vorzüge und schloß mit den Worten: »Philotima! Wenn du ihn einmal solltest singen und spielen hören, du würdest dafür halten müssen, er verdiene nicht, daß man ihn hasse.« Die Frau, deren Sinn auf nichts anderes als darauf gerichtet stand, ihn aus ihrem Herzen zu verbannen, fühlte sich auf das höchste geängstigt, als sie ihren Gatten so sprechen hörte, und erwiderte, um keine neue Veranlassung zu erhalten, ihn zu sehen und zu hören, daß ihr dies völlig gleichgültig sei, und daß er ihr kein größeres Vergnügen machen könne, als ihr den Jüngling nimmer wieder vor Augen zu bringen. »Es ist wohl wahr, Philotima«, sprach Calisto, »daß die Frau die Freunde ihres Mannes in der Regel scheel ansieht. Aber über dich wundere ich mich dennoch, daß du, nachdem stets eine solche Eintracht zwischen uns obgewaltet hat, dich gegenwärtig meinen Wünschen so abgeneigt zeigst.« »Diese Eintracht, von der du sprichst«, antwortete sie, »sollte dich im Gegenteile abhalten, mir um seinetwillen mißfällig zu werden.« Er brach hier das Gespräch mit seiner Gattin ab, nahm sich aber vor, auch fernerhin nach seinem eigenen Willen zu handeln, sie möge darüber so mißvergnügt sein, als sie wolle. Indem er nun seinen freundschaftlichen Umgang mit dem Jünglinge fortsetzte, ereignete es sich, daß dieser eben eines Tages zu ihm kam, als er mit Philotima, wie er des öfteren zu tun gewohnt war, sang und musizierte. Calisto war darüber sehr erfreut, weil er meinte, daß, wenn seine Frau ihn singen höre, sie wohl oder übel davon ablassen müsse, ihm seine Freundschaft zu dem jungen Manne zu verargen. Mit heiterem Angesichte sich demselben zuwendend, sprach er: »Ihr kommt gerade zu rechter Zeit, uns mit Eurem Tenore zu begleiten«, gab ihm eine Geige in die Hand und zeigte ihm die Noten des Liedes, das sie sangen. Sie fuhren dann alle drei fort zu singen und zu spielen, und der Jüngling trug seine Stimme so anmutig und harmonisch vor, daß er hätte Steine, geschweige denn Weiberherzen in sich verliebt machen müssen. Philotimas Leidenschaft wurde zwar also auch ungemein gesteigert; mit ihrer Ehrbarkeit gewaffnet, leistete sie aber nichtsdestoweniger jedem unzüchtigen Verlangen in sich Widerstand. Hätte sie sich so ihrer Liebesglut entledigen können, wie sie ernstlich wünschte, der Vernunft die Oberhand zu lassen und ihre eheliche Treue rein zu erhalten, so würde sie nicht nötig gehabt haben, vor dem Anblicke und der Gesellschaft des Jünglings so ängstliche Scheu zu tragen. Inzwischen entbrannte sie von Tag zu Tag mehr, und weil ihr Gatte auf die angegebene Weise dem wilden Feuer in ihr selbst immer neue Nahrung verlieh, so wollte sie doch einmal versuchen, ob sie ihn nicht gegen den Jüngling argwöhnisch machen und ihn vielleicht also dahin bringen könne, ihn aus seinem Hause entfernt zuhalten. »Calisto«, sagte sie eines Tages zu ihm, »ich weiß nicht, wie du es geschehen lassen kannst, daß dein Freund so vertraulich und so frei in deinem Hause aus- und eingeht und allein bei mir bleibt, als ob er mein Bruder wäre? Bedenke doch, daß oft ein weit geringerer Anlaß hinreicht, demjenigen etwas zu denken und zu reden zu geben, der den Lauf der Welt mit scharfen Augen betrachtet und gemeiniglich geneigter ist, was da geschieht, zum Bösen, als zum Guten auszulegen. Ich will dir nicht nur in der Tat treu sein und bleiben, so wie ich es bin, sondern auch durchaus keinen Argwohn veranlassen, der meine Ehre beeinträchtigen könnte, und du selbst solltest es dir angelegen sein lassen, meinen guten Ruf und Namen vor jedem etwaigen schlimmen Verdachte sorgfältig zu bewahren.« Der Ehemann erwiderte ihr, daß er sich ihrer Ehrbarkeit sehr wohl bewußt sei, die Bescheidenheit und den Wert seines Freundes aber ebenfalls nicht verkenne und eben um der einen wie der anderen willen sie mit so vollem Vertrauen bei einander lasse. »Was die öffentliche Meinung anlangt,« fügte er hinzu, »so spricht man von einer ehrenwerten Frau, wie du bist, auch nicht anders als ehrenvoll.« »Und wenn ich eine Heilige wäre«, antwortete sie ihm, »wie man ja je zuweilen ehrbare und getreue Frauen nennt, so sage ich dir doch, Calisto, daß die Frauen es nicht besser haben, als ihr Ruf sie macht. Ich habe dir deswegen zu bedenken geben müssen, was ich dir eben gesagt habe, weil ich fürchte, daß der vertrauliche Umgang mit deinem Gefährten meinem Rufe nachteilig sein möge, und damit du mehr darauf achtest, mir auch in dem Namen die Ehre zu bewahren, die ich dir in der Tat erhalte.« Calisto lachte über ihre Rede, und da er glaubte, daß die Abneigung, die sie von Anbeginn dem Jünglinge dargetan habe, deren Urgrund sei, so ließ er sich in seiner Handlungsweise nicht irremachen. Es boten sich nachgerade der jungen Frau tausend Gelegenheiten dar, vor Sehnsucht nicht umzukommen, und zwar ihr dergestalt zu genügen, daß außer ihr und dem Jünglinge kein Mensch etwas davon erfahren hätte. Sie zögerte aber nicht, einer wie der andern aus dem Wege zu gehen, weil es ihr schien, wie es jeder ehrliebenden Frau desgleichen scheinen sollte, daß sie schon ihre eigene Scham und Schande in sich selbst nicht wohl würde ertragen können. Wie sie nun einsah, daß sie umsonst versucht hatte, ihrem Gatten ihretwegen Besorgnisse einzuflößen, so glaubte sie, ihr Heil darin zu finden, daß sie anfing, den Jüngling scheel anzusehen und ihm Worte anzuhören zu geben, aus denen er abnehmen konnte, ihr mit seiner Gegenwart beschwerlich zu fallen. Es schien jedoch, als ob die Liebe jeden unfreundlichen Blick und jede verdrossene Gebärde dergestalt in ihr gemildert hätte, daß er sich des Mißvergnügens, das sie ihm kundgeben wollte, ganz und gar nicht versah. Indem nun in Philotima auf solche Weise ihre Vernunft, ihr Wille und ihre Ehrbarkeit in unablässigem Kampfe mit ihrer Leidenschaft lagen, vermochte am Ende die Unglückliche diese Last nicht länger zu ertragen und erkrankte gefährlich. Calisto fühlte sich durch die Krankheit seiner Gattin ebenso aufrichtig geängstigt, wie er ihr mit Liebe zugetan war. Er ließ Ärzte herbeirufen und bot alle möglichen Mittel auf, ihre verlorene Gesundheit wiederherzustellen. Es verhinderten aber weder Ärzte noch Arzneien, daß das in ihrem Innern entbrannte Feuer immer mehr ihr Mark verzehrte. Den schlechten Erfolg ihrer Heilmittel zuletzt erkennend, erklärten die Ärzte, daß die Kranke schwermütig und der Aufheiterung bedürftig sei, und Calisto versuchte alsobald durch Musik und Gesang, durch Tanz und Spiel und durch alles, was ihm nur in den Sinn kommen wollte, seine geliebte Philotima zu zerstreuen. In dieser Bemühung sang er vor ihr zuweilen allein, zuweilen in Begleitung seines Freundes, und es geschah wohl auch, wenn eine Freundin Philotimas zugegen war, daß Calisto musizierte und der Jüngling mit dem jungen Frauenzimmer zu Philotimas Belustigung einen Tanz aufführte, wobei er dann so anmutige Stellungen anzunehmen und so liebliche Bewegungen auszuführen wußte, daß jedermann die Ausbildung seines Körpers wie ein Wunder anstaunte. Freilich versenkte Calisto also durch das, was er zum Troste und zur Heilung seiner Gattin ausersonnen hatte, die Arme nur in desto tiefere Traurigkeit und bereitete ihr, anstatt der Genesung, nur den Tod zu, den ihr Übel ihr von Stunde zu Stunde näher brachte. In dieser Zwischenzeit hin und her seine Not erwägend, fiel der Ehemann plötzlich auf den Gedanken, hinter dem Widerwillen, den sie dem Jünglinge kundgegeben und ihm selbst gegen ihn mitzuteilen gestrebt habe, könne wohl gar viel eher eine heftige Leidenschaft zu demselben verborgen gewesen sein, die sie durch Entfernung des Gegenstandes aus ihren Augen habe ersticken wollen, und der sie nunmehr als ein Opfer ihrer ehelichen Treue erliege. Infolge dieses Bedenkens zog er vor, seine Gattin am Leben zu erhalten, indem er seinem Freunde im verborgenen seine ehelichen Rechte abtrete, als sie sonst sterben zu sehen, und so begann er eines Tages, über dies und jenes mit ihr zu sprechen, und ließ endlich unvermerkt und absichtlich das Gespräch auf den Jüngling fallen. Er rühmte und pries dessen Schönheit, die ganz gewiß jedes Weib reizen müsse, fügte dazu, wie verzeihlich es nach seiner Meinung einer jeden sei, die nach ihm Verlangen trage, und sprach endlich aus: wenn er ein Weib wäre und ein solcher Mann sich jemals seinen Augen darböte, so würde er nicht eher ruhen, als bis er sich des Genusses seiner Liebe erfreute. In diesem Sinne redete er auch noch weiter und suchte Philotima durchaus dahin zu bringen, ein Wort über den Jüngling zu äußern, woraus er ihr Gefühl für ihn erkennen möchte. Mit kluger Vorsicht antwortend, sagte sie zu ihm: »Es könnte sehr wohl geschehen, Calisto, daß dieser Jüngling die Liebe eines Weibes fesselte; denn ich halte dafür, daß es nicht in unserer Willkür steht, ihren Flammen zu entfliehen oder sie durch keusche, frostige Gedanken in uns zu löschen. Wenn aber ein solches Weib etwa schon einem Gatten vermählt wäre und die Achtung vor ihrer Ehre hätte, die sie notwendigerweise haben müßte, wenn sie für achtungswert gelten wollte, so würde sie weit lieber wie ein braves Weib sterben, als ihre Ehre durch Verrat an ihrer ehelichen Treue beflecken und beschimpfen. Was mich betrifft, so weiß ich wenigstens für gewiß, daß ich so handeln würde, wofern mein Mißgeschick es mit sich gebracht hätte, mich für jenes Jünglings Schönheit, die du eine so seltene nennst, in Liebe zu entzünden.« Calisto sagte darauf: »Ich liebe dich so sehr, Philotima, daß ich beklagen würde, geboren zu sein, wenn du jemals daran dächtest, sterben zu wollen, um etwa deine Liebe zu einem Jünglinge, dessen Reize dein Verlangen erregt hätten, mit deinem Tode zu büßen.« »Und ich würde es bejammern, zu leben«, fiel sie ihm in das Wort, »wofern eine törichte Sehnsucht mich jemals zu dem Gedanken verleiten könnte, durch einen Treubruch an dir meine Ehre zu beeinträchtigen: denn in meinen Augen ist ein Leben voll Schande nichts als Tod, ein ehrenwerter Tod hingegen für den Eingang in das ewige Leben anzusehen.« Calisto wollte nach dieser Verständigung den letzten Versuch wagen, sie am Leben zu erhalten, und redete sie also an: »Philotima, ich weiß es, um von nun an unverhohlen mit dir zu sprechen, daß du diesen Jüngling liebst, und daß dich diese Liebe allmählich nur um deswillen zu einem schlimmen Ausgange führt, weil du mir deine Treue und dir deine Ehrbarkeit erhalten willst. Den unzweideutigsten Beweis dieser Wahrheit finde ich darin, daß ich sehen muß, wie es leider so weit mit dir kommen konnte. Da du denn aber keinen Vorschub hast benutzen wollen, den ich, schon lange Zeit im Geheimnisse deiner Leidenschaft, derselben gern zu deiner Heilung geleistet hätte, und da du dich im Gegenteile von der Sehnsucht immer mehr verzehren läßt, so fordere ich dich hiermit auf, gleichwie du mir deine Ehrbarkeit zur Genüge bewiesen hast, mir nunmehr auch die Liebe darzutun, von der ich dich immer zu mir durchdrungen glaubte. Du kannst dies auf keine bestimmtere Weise tun, als indem du dich am Leben zu erhalten suchst, und wie ich denn wohl weiß, daß dir dies nicht ohne den Genuß deiner Liebe gelingen wird, so bitte ich dich, ihr zu leben, weil ich dich mir lieber dadurch erhalten, als dich sterben sehen will. Tröste und stärke dich, wenn die äußerste Hinfälligkeit, in der du dich befindest, dich für den Augenblick diesen Genuß nicht wünschen läßt, damit du dich ihm nach deiner völligen Genesung überlassen kannst! Und wofern ich also, Philotima, dir mein Mitleiden zu erkennen gebe, so sei auch du, ich bitte dich, nicht grausam gegen dich, oder trage wenigstens, wo nicht mit dir selbst, so doch mit deinem Calisto Erbarmen, den du gewiß nicht infolge deiner Beharrlichkeit auf deinem Entschlüsse wirst absichtlich töten wollen, und der dir mit so großer Liebe zugetan ist, daß er dir, wenn du dich sterben ließest, alsbald folgen und dich so zur Mörderin an dir selbst wie desgleichen an ihm machen würde. Bedenke, was ohne Vater und Mutter aus unseren kleinen Kindern werden sollte, die so leicht auf Irrwege geraten könnten, und tue danach, was deine Pflicht von dir als gehorsamer Gattin und als liebevoller Mutter erheischt!« Sowie er dies gesagt hatte, schwieg er fast weinend still, und das schon am Rande des Grabes stehende Weib antwortete: »Nachdem ich dir, Calisto, jederzeit so innig zugetan war, daß mein Herz von keinem anderen Manne als von dir wußte, bin ich allerdings, ich will dir in diesen letzten Stunden meines Lebens die Wahrheit nicht verleugnen, in so glühender Liebe zu diesem Jünglinge entbrannt, daß es nicht mehr in meinem Vermögen steht, der mich vernichtenden Allgewalt dieser Flammen mich zu entziehen. Ich hätte wohl gern gewünscht, du möchtest mich vor diesem Geständnisse, aus dem du erkennen wirst, wie gefährlich es für dich war, einen solchen Jüngling in dein Haus einzuführen, ebensowohl und zwar als so schwach gekannt haben, wie du mich jetzt kennst, weil du mich alsdann vor der schweren Versuchung würdest behütet haben, der du mich durch seinen mir alltäglich gegenwärtigen Anblick preisgabst. Da es denn nun aber, dem Willen meines widerwärtigen Schicksals zufolge, also mit nur gekommen ist, so will ich dir, Calisto, ebenso getreu sterben, als ich dir im Leben getreu war. Des Mittels, welches du mir jetzt zu meiner Rettung anbietest, kann ich mich ebensowenig bedienen, als ich mich der Gelegenheiten bedienen konnte, die du mir vordem dazu bereitet hast, wie du sagst. Denn wiewohl du mir in beiderlei Weise aufs neue die große Liebe zu erkennen gegeben hast, mit der du schon unser ganzes früheres Leben bereichertest, so bin ich doch nicht fähig, dir meine gegenseitige Liebe und meine Dankbarkeit dadurch zu betätigen, daß ich mein dem Tode einmal verfallenes Dasein mit Aufopferung meines reinen Bewußtseins und meiner Selbstachtung rettete. Nein! Ich will mich viel lieber durch meinen Tod deiner und deiner Liebe würdig machen, als durch ein verdammliches Mitleiden mit dir und unseren Kindern auch noch die Schuld der Schwäche und damit eine ewige Schande auf mich laden. Lebe du also, mein teuerster Calisto, und halte das Angedenken deiner gestorbenen Philotima wert, indem du dir in Gedanken vorstellst, wie sehr sie dich in jenem anderen Leben lieben wird, wofern es wahr ist, daß sich auch jenseit die Seelen lieben, die sich einander in diesem Leben angehörten! In unseren lieben Kindern, die ich dir eng an dein Herz lege, erhalte dir das Angedenken unserer einstigen Liebe und Zärtlichkeit!« Das junge Weib vermochte hier nicht weiterzureden und verstummte. Wenige Tage darauf starb sie und hinterließ ihren Gatten in so schwerem Herzeleid, daß er, solange er lebte, keinen anderen Trost mehr als in der Erinnerung an die Treue und Keuschheit seiner innig geliebten Philotima finden wollte. Giovanni Battista Giraldi Filippo Sala und sein Herr Filippo Sala, ein edler ferrarischer Bürger, war von Natur mit schönem Äußern, sehr einnehmendem Geschick zur Unterhaltung, Rede und Verhandlung ausgestattet, und auch sonst war das Glück nicht karg mit seinen Gaben gegen ihn gewesen; denn durch Erbschaften, die ihm von seinem Vater sowie von andern Verwandten zufielen, erlangte er einen anständigen Reichtum. Wenn nun dieser Reichtum jedem andern hätte genügen können, der nicht über seine Kräfte hinausgestrebt, so gab er, obwohl ein geborner Bürger, sich doch das Ansehen eines großen Herrn und fing unbedachtsamerweise an, große Summen in Spiel, Kleidern, Pferden, Jagden, auf die er sich zu Lande wie mit Falken gründlich verstand, zu verschwenden, und dehnte seine Liebeshändel so weit aus, daß er in kurzer Zeit alles ausgegeben hatte, was er besaß, und in Armut versunken war. Er pflegte oft nach Venedig zu kommen, das einen Überfluß an leichtfertigen, für Geld käuflichen Frauen besitzt; dort lebte er mit vielen von ihnen äußerst vertraut; er bezahlte und schenkte reichlich, als wäre er ein großer Fürst; sein Äußeres war sehr einnehmend; er konnte singen, spielte verschiedene Instrumente, besonders die Laute, sehr geschickt und erwarb sich solche Beliebtheit bei derartigen Frauen, daß keine war, die nicht gewünscht hätte, sich ihm zu ergeben, um seiner ritterlichen Freigebigkeit teilhaftig zu werden und sich seiner Anmut zu erfreuen. Da geschah es, daß eine dieser Dirnen, die in ihrem schändlichen Gewerbe eines großen Rufes genoß, für Filippo so heftig entbrannte, daß ihr gar nicht wohl war, als solange sie in seiner Gesellschaft verweilte, und auch er verliebte sich in ihre außerordentliche Schönheit dergestalt, daß er auch, als er nicht mehr viel zu verschwenden hatte, nicht unterließ, sein Verlangen nach ihr zu befriedigen und durch Geschenke ihre Liebe zu nähren. Als es nun aber mit seinem Vermögen ganz zu Ende war, schied er, ehe die Frau seinen Verlust bemerkte, unter einem guten Vorwande von ihr, hinterließ ihr jedoch eine Menge von Versprechungen und namentlich die, daß er in wenigen Tagen wieder zu ihr zurückkehren werde. Als er nach Ferrara kam und ihm nun nichts übriggeblieben war von seiner reichlichen Verschwendung als der Verdruß, hielt er sich ärmlich zu Hause. Doch hatte er die ihm angeborene Seelengröße keineswegs eingebüßt und ertrug seine gedrückten Verhältnisse mit eben der hohen Gesinnung, womit er seine Reichtümer durchzubringen wußte, und obwohl er alles verloren hatte, glaubte er doch in seinen Gedanken noch auf silbernen Gefäßen Fasanen, Rebhühner, Hasen und andere Leckerbissen zu verspeisen, gleich als ob er sie in der Tat noch in so reicher Menge wie vordem besessen hätte, als er sie zu bezahlen imstande war. Ebenso pflegte er es mit seiner Kleidung und andern Bedürfnissen des Lebens zu halten, an denen es ihm gebrach. Wie große Not er aber auch litt und wie viele Edelleute ihm auch aus Mitleid mit seiner Armut ihre Unterstützung anboten, so wollte er doch durchaus nicht das mindeste von ihnen annehmen, sondern behauptete, er könne ebensowohl ihnen Geschenke geben als sie ihm. Es lebt in Ferrara der Graf Paolo Costabili, nicht weniger freigebig und edel gesinnt, als sich bei seinem großen Reichtum schickt; dieser, als ein Freund tüchtiger Menschen, fühlte sich von Filippos Festigkeit, seiner Anmut in der Unterhaltung, seiner Geschicklichkeit in Geschäften und andern seiner obengenannten Eigenschaften, die jedem großen Fürsten teuer sein müssen, so angezogen, daß er ihn ins Haus nahm, nicht als Diener, sondern als lieben Freund, und alle seine Bedürfnisse mit freigebigster Hand befriedigte, so daß er sagen konnte, er habe in diesem edeln Hause, was er wünsche. Derweil nun Filippos Schicksal diese Wendung genommen hatte, erwartete die obenerwähnte Buhlerin in Venedig sehnsüchtig seine ihr zugesagte Rückkehr; und da sie Monate, ja vielleicht Jahre verstreichen sah, ohne daß er zu ihr kam, fürchtete sie von ihm vergessen und verschmäht zu sein, und da sie weder Brief noch Botschaft von ihm erhielt, beschloß sie, getrieben vom scharfen Stachel der Liebe, die Filippos Liebenswürdigkeit und ritterlich freigebiges Wesen in ihr entzündet hatte, nach vielem Besinnen, nach Ferrara zu gehen, um ihn aufzusuchen; denn sie meinte, er sitze in demselben Reichtum, wo er reichlich spenden und geben könne, wie er es in Venedig seinerzeit geübt habe. Sie schickte also einen Diener nach Ferrara voraus, um eine Wohnung auf einige Tage zu mieten; dann ließ sie eine Barke für sich zurechtmachen, bestieg sie in Gesellschaft ihrer Dienerinnen und fuhr nach Ferrara ab. Als sie sich bei ihrer Ankunft nach einem Herrn Filippo Sala erkundigte, fand sie keine Spur von ihm auf, weil die Armut, worin er versunken war, seinen Namen fast in gänzliche Vergessenheit begraben hatte; außerdem ließ er sich in Venedig Herr Filippo nennen, während er in Ferrara nur unter dem Namen Filippino oder Philippchen bekannt war und ihm niemand den Titel »Herr« gab, den er sich durch seine Freigebigkeit in Venedig erworben hatte. Die Frau bereute nun fast, die Reise um seinetwillen unternommen zu haben. Während sie nun so darüber nachdachte, erblickte sie zufällig einen der Gefährten Filippos, der in Venedig gleichfalls ihre Bekanntschaft gemacht hatte. Sie rief ihn zu sich und fragte nach Herrn Filippo. Er kannte seine Verhältnisse genau, antwortete ihr aber vorsichtig, er habe ihn schon geraume Zeit nicht gesehen, weil er in bedeutenden Geschäften seines Herrn zu tun gehabt habe, halte aber dafür, daß es ihm wohlergehe. Auf diesen Bescheid konnte die Frau noch in der Hoffnung beharren, ihn in guten Umständen wiederzufinden und mit ihrem Besuche in Ferrara ihm nicht ungelegen zu kommen. »Seid doch so gut«, sagte sie, »zu ihm zu gehen und ihm zu sagen, ich sei, von meiner großen Liebe zu ihm angetrieben, nach Ferrara gekommen, um ihn zu sehen, und veranlaßt ihn, mich zu besuchen! Ihr könntet mir keinen größeren Gefallen und Freundlichkeit erzeugen, als damit.« Filippos Freund antwortete ihr, sobald er ihn sehe, wolle er mit Vergnügen sich dieses Auftrages entledigen. Er nahm von ihr Abschied und begab sich sogleich zu Filippo, um es ihm zu melden. »Du weißt wohl nicht,« sagte er, »daß die Wohlbekannte nach Ferrara gekommen ist und dich eifrig aufsucht. Ich fürchte, sie erlangt am Ende Kunde von deinen jetzigen Umständen und geht unzufrieden mit dir und mit den geringen Ehren, in denen du stehst, nach Venedig zurück, und während du dort bisher für einen großen Herrn gegolten hast, gibt man dir am Ende einen von dem jetzt erworbenen sehr verschiedenen Namen.« Diese Worte gingen Filippo durchs Herz, und er fragte seinen Freund, wie er zu dieser Nachricht gekommen sei. Der Freund erzählte alles, was zwischen ihm und der Kurtisane besprochen worden sei, und was er zu seinen Gunsten gesagt habe, und Filippo dankte ihm vielmals dafür, daß er sich so behutsam gegen sie ausgedrückt habe, ward aber ganz betrübt und niedergeschlagen, als er nach diesem Gespräche bedachte, wie er doch auf keine Weise auch nicht im geringsten imstande sei, dem Rufe zu genügen, den er sich in Venedig erworben und in dem ihn jener neuerdings gegen die Frau bestätigt hatte. Der Graf, der gewohnt gewesen war, ihn heiter und aufgeräumt zu sehen, und nun mit einem Male diese unendliche Schwermut an ihm entdeckte, derzufolge Scherz und Spaß und alle gute Laune und Heiterkeit von ihm gewichen und vertrieben waren, sagte zu ihm: »Was hast du, Filippo? Was wandelt dich so plötzlich an, das dich so außer dir selbst bringt und dich so ganz anders erscheinen läßt, als du warst? Wo ist deine Munterkeit und dein fröhliches Wesen hin?« Filippo kannte zwar den Grafen als einen freigebigen, großmütigen Herrn; es schien ihm jedoch unmäßig viel dazuzugehören, der hohen Meinung, die jenes Weib in Venedig von ihm gefaßt hatte, zu genügen, so daß er nicht wagte, seinem Beschützer die Ursache seiner Betrübnis zu entdecken. »Graf«, antwortete er daher, »der Grund des mich bedrückenden Kummers liegt allzu tief, und da ich weiß, wenn ich ihn ausspräche, würdet Ihr um meinetwillen betrübt werden, so schweige ich, um Euch nicht zu belästigen, und ertrage ein Übel, dem nicht abzuhelfen ist, für mich allein.« Hierauf sprach der Graf mit sehr wohlwollendem Gesicht: »Ei, Filippo, solange wir noch leben und atmen, gibt es in allen Dingen Rat und Hilfe. Verbirg mir die Ursache deiner Schwermut nicht! Vielleicht ist das, was du als so unrettbar aufgibst, doch nicht so ganz verloren, wie du glaubst, und du siehst wohl deine hoffnungslose Niedergeschlagenheit noch in völlige Genüge übergehen. Sage es mir, ich bitte dich! Wenn es etwas ist, worin ich dir mit allem, was mir zu Gebote steht, helfen kann, so sollst du mich so bereit finden, es zu tun, als wenn es für mich selber wäre.« Diese Worte erweckten in Filippo große Hoffnungen, er könne auch in seiner Armut die schöne Venezianerin glauben machen, der Titel »Herr« gebühre ihm in Ferrara so gut, als er ihn in Venedig erworben hatte. »Herr Graf«, sagte er daher zu dem Grafen, »während mir das Schicksal noch lächelte, liebte ich in Venedig eine sehr schöne feine Kurtisane, und zu meinem Glück oder Unglück entbrannte auch sie in solcher Leidenschaft gegen mich, daß sie alle andern verschmähte, welchen sie vorher gefällig gewesen war, und ihr ganzes Sinnen und Trachten ausschließlich auf mich allein richtete, und daß ich der Besitzer dieser seltenen Schönheit wurde, die jeden mit Bewunderung erfüllte, für alle die zu grenzenlosem Neide, die sich früher von ihr für besonders begünstigt erachteten. Diese Liebschaft hielt aus so lange wie mein Beutel; nicht etwa, als ob sie mich nun weniger hochgeschätzt hätte: sondern weil ich mich in der Unmöglichkeit sah, längere Zeit auf demselben Fuße wie seither mit ihr zu leben. Ich hielt es demnach für geratener, mich von ihr zu entfernen und sie in der über mich gefaßten Meinung zu lassen, als länger bei ihr zu bleiben, das Ansehen zu verlieren, das ich bei ihr gewonnen, und am Ende unter großer Schmach den andern zum Gelächter zu werden, die sie um meinetwillen verlassen hatte. Ich setzte daher Versprechungen an die Stelle, wo ich mit Taten nicht ausreichte, schützte ein unvorhergesehenes wichtiges Ereignis vor, das mich nach Ferrara zurückrufe, und trennte mich von ihr. Die Augen standen ihr voll Tränen, als ich von ihr Abschied nahm, und als sie mich das letztemal umarmte, bat sie mich, unsere baldige Wiedervereinigung nicht zu verzögern. Ich ging nur mit dem innigsten Mißvergnügen von ihr fort, und wenn ich außer dem vergeudeten noch weiteres Vermögen gehabt hätte, so schwöre ich Euch bei meiner Ehre, ich würde es zu Geld gemacht haben und hingegangen sein, um sie noch ferner zu genießen. Aber mein Schicksal wollte, daß ich schon meinen letzten Heller mit ihr durchgebracht hatte. Ich meinte nun längst von ihr vergessen zu sein und sie denke nicht mehr an mich, – siehe, da kommt sie nach Ferrara und spürt mir eifrig nach. Nun fürchte ich sehr, sie möge mich finden und für den armgewordenen Edelmann erkennen, der ich bin, wenigstens der Tat, ob auch nicht dem Geiste nach, und das erregt mir unendliches Leidwesen; denn ich sehe klar, daß der Ruf, den mir mein früheres Leben bis hierher erhalten hat, mir nunmehr von meinem jetzigen ganz entrissen wird, und meine Armut selbst, die ich stets mutvoll ertragen habe, ist mir nie so lästig gewesen wie jetzt, wo ich mir die Mittel fehlen sehe, sie nach meinem Wunsche und nach dem Verdienste ihrer Handlungsweise zu ehren, indem sie herkommt, mich aufzusuchen.« Der Graf, dessen Sinn nicht dahin ging, Schätze aufzuhäufen, wie diejenigen zu tun pflegen, die ihren Reichtum nicht besitzen, sondern vielmehr von ihm wie Sklaven in der Weise besessen werden, daß sie keinen Heller für sich selbst, geschweige denn für andere auszugeben wagen, sagte, als er die ihm von Filippo erzählte Geschichte vernommen hatte: »Wie nun, Filippo? Hast du so wenig Vertrauen zu mir, daß du nicht glaubst, ich werde dir das Unrecht vergüten, das dir dein schlimmes Geschick antut? Sei gutes Mutes: denn es ist mein Wille, daß, wenn dich dieses Weib in Venedig für einen Herrn gehalten hat, sie dich in Ferrara für einen König halten soll. Die Meinigen sind, wie du weißt, in Viconovo, und ich bin hier mit acht oder zehn Dienern, Pferden, Wagen und allen Dingen, die nur irgend vonnöten sein würden, irgendeiner großen Dame die schuldigen Ehren anzutun; Mein Haus samt allem, was darin ist, sei für zehn Tage dein! Hole deine Geliebte mit meinem Hofwagen zu dir ab! Ich lasse dir alle diese Diener auf diese Zeit zu Befehl und gehe die wenigen Tage aufs Land. Du magst indessen in meinem Hause gebaren, wie du von mir voraussetzen würdest, daß ich täte, um ein zärtlich geliebtes Weib ehrenvoll darin zu empfangen.« Filippo fühlte sich durch die Worte des Grafen vollkommen getröstet, schämte sich jedoch, zuzugeben, daß der Graf sein Haus verlasse, es ihm ganz einräume und ihn nicht nur über das Haus, sondern auch über das, was darin war, schalten lasse. »Eure Gefälligkeit gegen mich«, sagte er zu dem Grafen, »ist mir zwar teuer, und ich konnte von Eurer Großmut nichts anderes erwarten; aber da ich nicht durch Annahme Eures mir gütigst gemachten Anerbietens, während ich meine Achtung vor andern zu erhalten suche, nicht mich Euch gegenüber in ein nachteiliges Licht setzen möchte, kann ich dieses Erbieten nicht in seinem ganzen Umfange annehmen. Es genügt mir, mit einer oder zwei Abendmahlzeiten diese meine Geliebte ehrenvoll zu empfangen und sie anständig auszustatten, um nach Venedig zurückzukehren; das Weitere will ich mit Worten abmachen und bin gewiß, sie wird zufrieden wegreisen.« Der Graf, dessen Großmut den Umfang seiner Reichtümer noch übersteigt, ließ sich durch Filippos Worte nicht von seinem Plane abbringen. »Filippo«, sagte er, »wenn du auch, wie du mir gesagt hast, zufrieden wärest, so wäre doch ich noch nicht zufrieden, da ich sonst nicht das Bewußtsein hätte, für einen Freund alles getan zu haben, was ich in ähnlichem Falle um meinetwillen täte. Darum bleibe es dabei, und wenn es dir zu viel scheint für deine Bescheidenheit, so scheint es mir noch viel zu wenig für das, was ich einem Freunde wie du zu tun verpflichtet bin.« Nachdem er dies gesprochen, rief er alle seine Diener vor sich und sagte zu ihnen: »Ich lasse in meinem Palaste auf zehn Tage Filippo als unumschränkten Gebieter über das Haus und alles, was darin ist, zurück, und es ist mein Wille, daß ihr ihm gehorchet und dienet, nicht anders, als wenn ich es selbst wäre. In dieser Zeit sagt ihr der Frau, die er hierher bringt, das Haus und alles, was darinnen ist, gehöre Filippo; und wer von euch hierin mir zuwiderhandelt, hat meine Ungnade zu gewärtigen.« Dann faßte er Filippos Hand: »Du wirst«, sagte er zu ihm, »ihnen befehlen, was dir erforderlich scheint, um diese deine Dame hier in Ferrara zu ehren und sie nach Venedig zurückzubringen, so ehrenvoll, als dir zweckmäßig scheint; und diese meine Leute sollen deinen Befehlen aufs bereitwilligste gehorchen, wie wenn ich selbst die Befehle erteilte.« Filippo wollte durchaus so viel nicht annehmen; aber der Graf gestattete keine fernere Widerrede, ließ ihn im Besitz von allem und begab sich auf das Land. Filippo zog nun die vornehmsten Kleider an, die der Graf besaß, bestieg das schönste Reitpferd mit reichem Geschirr und suchte mit vier Reitknechten seine Geliebte auf, die ihm, als sie ihn erblickte, mit offenen Armen entgegeneilte. »Ach, Herr Filippo«, rief sie ,»wie habt Ihr es so lange können anstehen lassen, ohne mich zu besuchen! Euer langes Ausbleiben hat mich auf die Vermutung gebracht, Ihr liebtet mich nicht mehr. Fürwahr, wenn Ihr das Feuer der Liebe so sehr gefühlt hättet, wie ich es fühle, so hättet Ihr mir gegenüber das getan; was Ihr seht, daß ich Euch gegenüber getan habe: Ich konnte die Bedrängnis des Wartens nicht länger mehr aushalten und habe mich genötigt gesehen, Euch endlich aufzusuchen, während doch Eure unbestreitbare Schuldigkeit war, daß Ihr, Eurem Versprechen gemäß, zu mir kamet.« »Lassen wir«, sagte Filippo, »die Beschwerden beiseite, liebes Herz, und denken nunmehr an die Freude, da Ihr jetzt hier seid!« Er brachte sodann dieselbe Ausrede vor, die schon sein Freund gegen sie geäußert hatte: »Nur das eine«, sagte er, »will ich zu meiner Entschuldigung anführen, daß ich im Dienste meines Herrn in sehr wichtigen Angelegenheiten beschäftigt war; er hält mich fortwährend in Arbeit und läßt mich kaum Atem schöpfen. Wenn ich aber auch nicht nach Venedig gekommen bin, so ist doch mein Herz immer bei Euch gewesen, und ich habe fortwährend gewünscht, es möge sich mir eine Gelegenheit bieten, wo ich mit dem Einverständnis meines Fürsten abkommen könnte, um Euch aufzusuchen. Da ich aber dies nicht tun konnte, bin ich Euch um so dankbarer für die mir betätigte Liebe, indem Ihr mich hier aufsuchtet. So angenehm mir aber auch dies ist, so kann ich dennoch nicht umhin, mich deshalb sehr über Euch zu beschweren, daß Ihr bei Eurer Ankunft in Ferrara in eine Mietwohnung gezogen seid, statt bei mir selbst in meinem Palaste abzusteigen. Ich komme aber Euch aufzusuchen, sobald ich von Eurem Hiersein vernommen, um Euch abzuholen aus diesem Hause und in das Eurige zu bringen; denn der Palast, in dem ich wohne, soll ebensogut der Eure sein, wie er mir gehört.« Damit wandte er sich zu einem der Diener und sagte: »Geh schnell und laß meinen Wagen rüsten und herbringen, daß wir die gnädige Frau in den Palast führen!« Während der Diener hineilte, blieb Filippo bei der Frau in süßen Gesprächen, bis der Wagen kam. Als dies geschah, stieg sie mit ihren Frauen hinein und fuhr, begleitet von Filippo, in den Palast. Als sie diesen sah, der vielleicht seinesgleichen nicht in der Stadt hat – denn er sieht eher wie das Schloß eines großen Fürsten aus als wie das eines Edelmanns –, als sie in die Gemächer trat und alle mit den reichsten Tüchern behangen und mit reichen und sehr schönen Betten ausgestattet sah, dachte sie, der habe wohl mit Recht in Venedig den Titel »Herr« geführt. Wenn nun die Essensstunde kam, so stand immer morgens und abends der Tisch voll der besten Speisen und köstlichsten Weine; es waren Diener umher, die alle ein so anständiges Aussehen hatten, daß sie lauter Herren schienen. Dies alles setzte sie in Erstaunen. Auf solche Weise ging es sechs Tage fort. Endlich begehrte sie nach Venedig zurückzukehren und sagte eines Abends nach dem Essen: »Herr Filippo, ich bin lange von Hause weggewesen; mit der Zeit, wo ich Euch gesucht habe, mit der, in welcher ich bei Euch gewesen bin und mich hier aufgehalten habe, sind zwölf Tage hingegangen. Nachdem ich Euch nun aber gesehen und zu meiner großen Freude einige Tage Euren Umgang genossen habe, will ich mit Eurer Erlaubnis nach Venedig zurückkehren; nicht als ob ich nicht wünschte, mit Euch mein ganzes Leben hinzubringen, sondern weil, wie Euch die Angelegenheiten Eures Fürsten vollauf beschäftigen, so auch meiner in Venedig Geschäfte von nicht geringem Belange warten und mich dahin abrufen, da sie sonst einen ganz schlimmen Gang nehmen möchten, wenn ich nicht dabei wäre.« Filippo wollte nun die ganze Vollmacht ausüben, die die Großmut des Grafen ihm gestattet hatte. »Liebe Seele«, sagte er, »es scheint, Ihr seid so lange bei mir gewesen, daß es Euch genügt, und mir ist es, als wäret Ihr erst gestern abend hierhergekommen. So wünsche ich denn, daß Ihr wenigstens noch zehn Tage bei mir bleibet.« Er sagte dies, weil er schon die Eile sah, womit die Frau sich zur Abreise rüstete, und daher sicher war, daß sie einen so langen Aufschub nicht annehmen würde. Er täuschte sich auch in diesem Gedanken nicht, denn sie sagte: »Ich wünschte ganz und auf immer hierbleiben zu können, wie ich Euch schon sagte; aber die Verhältnisse zwingen mich wider meinen Willen zurückzukehren. Darum bitte ich Euch, zufrieden zu sein und mich zu entlassen.« Filippo spielte darüber den Verdrießlichen: »Ich werde glauben müssen«, sagte er, »daß Ihr mich nicht im Ernste liebt, wenn Ihr Euch nicht noch zehn Tage bei mir aufhalten mögt.« »Ich kann nicht, mein Herr, meiner Treu, ich kann nicht«, antwortete sie; »wenn ich so lange wegbleibe, so bin ich sicher, daß alle meine Angelegenheiten in Venedig schief gingen. Ich weiß aber, daß Ihr meinen Schaden nicht begehrt.« »Keineswegs«, antwortete er; »und wenn Ihr nicht noch zehn Tage bleiben wollt, so bleibt wenigstens sechs!« Sie behauptete von neuem, es sei ihr unmöglich, und so brachte er sie dahin, noch die vier Tage zu bleiben, mit welchen sein Regiment ablief. So ging denn die Lebensweise und die Bedienung in derselben Ordnung und Überfülle fort, daß sie Filippo für nichts anderes als einen großen Herrn halten mußte. Am Morgen des zehnten Tages kam der Graf zurück nach Ferrara, ließ Filippo zu sich rufen und sprach: »Nun, Filippo, wie ist die Sache abgelaufen? Hast du deiner Geliebten Ehre erwiesen?« »Ja, gnädiger Herr«, antwortete er, »Dank Eurer Güte, und ich wollte, ich hätte tausend Zungen und eine Stimme von Stahl, um Euch vollständig und anhaltend danken zu können für so große Gefälligkeit, für die ich Euch immer unendlich verbunden sein werde, solange ich lebe.« Der Graf versetzte: »Ich weiß nicht, ob du nicht vielleicht noch länger im Besitze des Meinigen zu bleiben wünschest; sage mir's: du wirst keine Fehlbitte tun!« »Nur zu lange, Herr Graf, habt Ihr mich darin gelassen«, antwortete er, »und es war nahezu eine Unzartheit, daß ich gestattete, daß Ihr so lange aus Eurem Hause wegbliebet, um mich, der ich Euer Diener bin, Eure Stelle darin einnehmen zu lassen. Überdies will die Dame morgen früh unfehlbar nach Venedig zurückreisen, und ich habe sie nur mit Mühe bis heute aufgehalten.« »Da sie nun weggehen will»«, sagte der Graf, »möchtest du ihr nicht gerne ein Geschenk machen, damit sie dich im Andenken behalte?« »Wenn ich nur so viel hätte, Graf«, fügte Filippo bei, »als ich ihr zu geben wünschte! Da ich aber sonst nichts habe, so werde ich sie mit Versprechungen befriedigen, so gut ich kann.« »Ich wünsche aber«, sagte der Graf, »daß du sie mit einem Geschenk entläßt, das der ihr getanen Kundgebung entspricht. Darum nimm diesen Ring und schenke ihr ihn!« Bei diesen Worten gab er ihm einen kostbaren Diamant. Filippo wollte ihn durchaus nicht annehmen in der Überzeugung, daß der Graf bis hierher nur allzuviel getan habe, und daß er ihn nicht noch weiter beschweren dürfe. Aber er war genötigt, ihn doch anzunehmen, was denn seine Freude verdoppelte. Hierauf wollte der Graf auch mit ihm nach Hause gehen, um zu sehen, ob der Ruhm der Schönheit, den Filippo der Frau zuerkannt, in der Tat derart sei, wie er geschildert. Er trat in den Palast, und Filippo tat, als wäre es ein ihm befreundeter Edelmann, der ihn besuche. Er zeigte ihm die Frau und ließ sie ihm die Hand reichen. Da glaubte der Graf, Filippo habe noch wenig gesagt im Verhältnis zu dem, wie er es gefunden hatte, und konnte sich nicht satt an ihr sehen. Filippo wußte, daß der Graf ein großer Verehrer von schönen Frauen war und keine Ausgabe scheute, um den Besitz einer jeden zu erwerben, die ihm wünschenswert schien. Er stellte sich daher vor, der Graf habe sich auch in diese Frau verliebt, und sagte zu ihm: »Graf, sie ist weder meine Tochter noch meine Frau noch meine Schwester, sondern ein Weib, das zwar nicht jedermann angehört, aber doch gegen vornehme Herren, die nach ihr trachten, nicht karg ist. Da mir nun vorkommt, ihre Schönheit habe Eindruck auf Euch gemacht, so gestattet mir, wenn es Euch recht ist, daß ich Euch bei ihr lasse; und damit Ihr ungestört mit ihr seid, will ich mich von Hause entfernen und ihr andeuten, daß ich nichts dawider habe, wenn sie zu Euch hält, nicht als wollte ich auf diese Weise Eure Großmut vergelten, der ich nicht im geringsten es gleichtun könnte, und wenn ich mein Leben für Euch ließe, – sondern ich möchte nur nicht für einen niedrigen Menschen gelten und Euch das verweigern, was ich ohne allen Nachteil für mich Euch zu Eurer Genugtuung gewähren kann.« Der Graf, der zu anderer Zeit und unter andern Umständen den ihm angebotenen Besitz der schönen Venezianerin nicht nur mit Freuden angenommen, sondern selbst gern um den höchsten Preis erkauft hätte, wollte doch nicht durch eine törichte Lust die Handlung der Edelmut beflecken, die er im Dienste seines Freundes geübt hatte. Er sagte daher: »Filippo, deine Geliebte ist weit schöner, als du mir gesagt hast, und die Lust könnte mich wohl dahin bringen, auf deinen Vorschlag einzugehen. Behüte aber der Himmel, daß mich ein loses Feuer dazu verführe! Ich habe sie zur Genüge genossen, indem ich deiner Leidenschaft zu ihr Vorschub leistete, und wie du sie hierhergebracht hast als die deinige, so führe sie auch als solche von hinnen!« Ohne weiter ein Wort hinzuzufügen, ging er aus seinem Hause fort und ließ Filippo in Freiheit, alle nötigen Vorkehrungen zur Abreise seiner Schönen zu treffen. Er brachte sie, reichlich mit Lebensmitteln versehen, in ehrenvollster Begleitung zu Schiffe und gab ihr, als er mit ihr die Barke bestiegen hatte, den schönen Ring, den ihm der Graf geschenkt, mit den Worten: »Nehmt dies und behaltet es zum Andenken an Euren Filippo!« Dann verabschiedete er sich zum letztenmal von ihr und verließ sie äußerst befriedigt über ihn. Als in der Folge öffentlich verlautete, was der Graf für seinen Freund getan hatte, erachtete ihn jedermann für den allervollkommensten Edelmann seines Landes, zählte ihn unter die wenigen, die ihren Reichtum dann wahrhaft zu besitzen glauben, wenn sie ihn freigebig im Dienste ihrer Freunde und Diener verwenden, und man wünschte nur, daß in der Stadt unter den reichen Edelleuten viele, die ihm glichen, gefunden würden. Giovanni Battista Giraldi Maß für Maß (Shakespeare, Maß für Maß) Als Kaiser Maximilian der Große, dieser seltene Spiegel der Ritterlichkeit, Großmut und hoher Gerechtigkeit, das römische Reich mit so vielem Glücke beherrschte, schickte er seine Diener aus, um die Provinzen zu verwalten, die unter seinem Szepter blühten. So trug er unter andern die Statthalterschaft über Innsbruck dem Juriste auf, einem Manne, der sein Vertrauen und seine Liebe besaß. Ehe dieser dahin abging, sprach der Kaiser zu ihm: »Juriste, ich habe, seit du in meinen Diensten stehst, eine so günstige Meinung von dir gefaßt, daß ich beschlossen habe, dir die Verwaltung einer so edeln Stadt wie Innsbruck zu übertragen. Über ihre Verwesung hätte ich dir vielerlei Dinge anzuempfehlen; ich fasse aber alles in die eine Anweisung zusammen, daß du die Gerechtigkeit unverletzlich handhaben mögest, solltest du auch gegen mich selber, der ich dein Herr bin, zu entscheiden haben. Wisse nämlich, daß ich dir alle andern Fehltritte, die du aus Unkenntnis oder auch aus Nachlässigkeit begehen könntest (obgleich es mein Wille ist, daß du auch diese nach allen Kräften vermeidest), vergeben könnte; aber für ein Vergehen wider die Gerechtigkeit würdest du niemals bei mir Vergebung finden. Fühlst du nun vielleicht, daß du nicht also bist, wie ich dich wünsche – denn ein Mensch ist nicht zu allem gut –, so enthalte dich, diese Würde anzunehmen, und bleibe lieber hier am Hofe in deinen gewohnten Beschäftigungen, in denen du mir wert bist; denn indem ich dich zum Statthalter dieser Stadt mache, habe ich dir eine Gnade erwiesen, die ich nur mit großem Widerwillen und aus Rechtsgefühl dann zurücknehmen müßte, wenn du die Gerechtigkeit verletztest.« Hier schwieg der Kaiser still, und Juriste, der sich viel weniger selbst kannte, als über das ihm zuerteilte Amt erfreut war, dankte seinem Gebieter für sein huldreiches Andenken und sagte zu ihm, er fühle sich zwar schon durch sich selbst zur Ausübung der Gerechtigkeit angetrieben; er werde sie aber nun um so strenger beobachten, da seine Worte ihm als Fackel dienen müssen, die ihm auf dem Wege der Erfüllung seiner Pflichten vorleuchte. Er wolle sich Mühe geben, sein Amt so zu verwalten, daß Seine Majestät nur Veranlassung haben werde, ihn zu loben. Der Kaiser nahm Juristes Worte wohlgefällig auf und sagte: »Gewiß werde ich nur Ursache haben, dich zu loben, wenn deine Handlungen so gut ausfallen wie deine Worte.« Er ließ ihm darauf den schon ausgefertigten Bestallungsbrief einhändigen und entließ ihn nach seinem Bestimmungsort. Juriste begann die Stadt mit Umsicht und Eifer zu beherrschen, ließ es sich sehr wichtig und angelegen sein, überall die Waage gerade zu halten, ebensowohl in den Gerichten als bei Verteilung von Ämtern, in Belohnung der Tugend und Bestrafung des Lasters. Und lange Zeit gewann er durch solche Mäßigung die größte Gunst seines Herrn und erwarb sich die Liebe des ganzen Volkes, so daß er in der Tat glücklich zu preisen gewesen wäre, wenn er seine Amtsführung auf diese Weise fortgesetzt hätte. Da geschah es jedoch, daß ein Jüngling namens Vico einer jungen Bürgerin aus Innsbruck Gewalt antat und deshalb bei Juriste angeklagt wurde. Dieser ließ ihn alsbald festnehmen, brachte ihn zum Geständnis, daß er die Jungfrau genotzüchtigt habe, und verurteilte ihn nach dem Gesetz jener Stadt, welches dahin lautet, daß einem Schuldigen dieser Art der Kopf abzuschlagen sei, selbst wenn er geneigt wäre, die Entehrte zu heiraten. Der Jüngling hatte eine Schwester, eine Jungfrau von nicht über achtzehn Jahren, die mit einer ungemeinen Schönheit ausgestattet war und in ihrer Rede wie in ihrem ganzen Auftreten einen süßen Liebreiz kundgab, den ihre jungfräuliche Reinheit noch erhöhte. Epitia, so war ihr Name, wurde von dem bittersten Schmerze durchdrungen, als sie das Todesurteil ihres Bruders vernahm, und beschloß, sie wolle sehen, ob sie, wo nicht den Bruder befreien, so doch seine Strafe mildern könne. Sie hatte zugleich mit ihrem Bruder den Unterricht eines alten Mannes genossen, den ihr Vater ins Haus genommen hatte, um sie beide in der Philosophie zu unterweisen, von der freilich ihr Bruder keinen guten Gebrauch gemacht hatte. Sie ging also zu Juriste und bat ihn, Erbarmen mit ihrem Bruder zu haben, wegen seines zarten Alters (denn er war noch nicht über sechzehn Jahre alt), das ihn entschuldbar mache, wegen seiner geringen Erfahrung und wegen des heftigen Triebes, womit die Liebe ihn aufgestachelt. Sie setzte ihm auseinander, wie es die Ansicht der größten Weisen sei, daß der Ehebruch, der aus Drang der Leidenschaft begangen werde und nicht darum, um den Gatten der Frau zu beschimpfen, geringere Strafe verdiene, als wenn man ihn aus beleidigender Absicht verübe; dasselbe gelte von dem Falle ihres Bruders, der nicht um zu beschimpfen, sondern von glühender Liebe gedrängt das getan habe, um deswillen er verurteilt worden sei; überdies wolle er ja sein Vergehen im wesentlichen dadurch wiedergutmachen, daß er das Mädchen zu heiraten geneigt sei; wenn auch das Gesetz vorschreibe, daß dies Jungfernschändern nichts helfen solle, so könne ja er als ein kluger Mann diese Strenge mildern, die eher ein Unrecht als Gerechtigkeit in sich schließe; denn er sei ja vermöge der vom Kaiser ihm übertragenen Gewalt das lebendige Gesetz, und sie sei der Ansicht, daß Seine Majestät ihm solche Gewalt dazu verliehen habe, daß er sich bei aller Unparteilichkeit lieber gnädig als hart erweise; und wenn je in einem Falle Milde anwendbar sei, so sei dies bei Vergehen der Liebe, vorzüglich dann, wenn die Ehre der Geschwächten gerettet werde, wie dies hier bei ihrem Bruder der Fall sei, der vollkommen bereit sei, sie zur Frau zu nehmen; sie glaube, jenes Gesetz sei mehr der Abschreckung wegen gegeben, als um es in Vollzug zu setzen: denn es dünke sie grausam, ein Vergehen mit dem Tode zu strafen, das zur Genugtuung des gekränkten Teils auf ehrenvolle und gottgefällige Weise wiedergutgemacht werden könne. Mit diesen und vielen andern Gründen suchte sie den Juriste zu überreden, daß er dem Verbrecher verzeihe. Juriste, dessen Ohr die süße Stimme und Rede der Epitia ebensosehr ergötzte, als ihre seltene Schönheit seinen Augen wohlgefiel, konnte sich nicht satt an ihr hören und sehen und veranlaßte sie, ihm ihre Gegenvorstellungen noch einmal zu wiederholen. Die Jungfrau, die dies als ein gutes Zeichen ansah, sagte dasselbe noch einmal und noch viel eindringlicher als zuvor. Die Anmut, womit Epitia sprach, und der Zauber ihrer Schönheit entwaffnete ihn völlig. Von heftigem Sinnenreiz ergriffen kam er auf den Gedanken, sich desselben Verbrechens an ihr schuldig zu machen, um dessenwillen er Vico zum Tode verurteilt hatte. »Epitia«, sprach er zu ihr, »deine Bitten haben es deinem Bruder ausgewirkt, daß die Vollziehung des Urteils, nach dem er schon morgen den Kopf verlieren sollte, so lange verschoben bleiben soll, bis ich die Gründe erwogen habe, die du mir vorgetragen hast. Wenn ich sie so beschaffen finde, daß ich dir deinen Bruder freigeben kann, so gebe ich dir ihn um so lieber zurück, als es mich schmerzen würde, ihn zum Tode führen zu sehen um der Strenge des Gesetzes willen, das eine solche Härte bestimmt.« Diese Worte gaben Epitia frohe Hoffnung; sie dankte ihm vielmals, daß er sich ihr so gnädig erwiesen habe, und beteuerte, ihm ewig dafür verpflichtet bleiben zu wollen; denn sie erwartete, er werde sich in Befreiung ihres Bruders ebenso gefällig finden lassen, als er sich in Vertagung des Endziels seines Lebens gefällig erwiesen hatte. Sie fügte hinzu, sie hege das festeste Vertrauen, das, was sie gesprochen, werde ihn bei näherer Erwägung bestimmen, ihren Wunsch durch Freilassung ihres Bruders ganz zu erfüllen; worauf er erwiderte, er werde ihre Gründe erwägen, und wenn er es ohne Beleidigung der Gerechtigkeit tun könne, nicht ermangeln, ihrem Wunsch zu willfahren. Mit der schönsten Hoffnung verließ ihn Epitia, begab sich zu ihrem Bruder und erzählte ihm ausführlich, welchen Schritt sie bei Juriste getan und welche Hoffnungen sie aus seinen Äußerungen entnehmen zu dürfen glaube. In so bedrängter Lage vernahm Vico dies mit Freuden, bat sie, nicht abzulassen, seine Befreiung nachzusuchen, und die Schwester gelobte ihm ihre nachdrücklichste Verwendung. Juriste, dem sich die Gestalt des Mädchens in die Seele geprägt hatte, dachte in seiner Lüsternheit nur daran, Epitia zu genießen, und erwartete daher mit Ungeduld ihre Wiederkunft. Epitia ließ drei Tage vergehen und erschien darauf wieder bei Juriste mit der bescheidenen Frage, was er beschlossen habe. Sobald Juriste sie erblickte, fühlte er sich ganz Feuer und Flammen und sprach: »Sei mir willkommen, schönes Mädchen! Ich habe nicht ermangelt, die Gründe, womit du deinen Bruder gegen mich verteidigtest, indes nochmals zu erwägen, ja, ich habe sogar deren neue aufgesucht, um dich zufriedenzustellen. Aber leider habe ich mich überzeugen müssen, daß ihm alles nur den Tod zuspricht, da nach dem allgemeinen Gesetze kein Mensch, der nicht ohne Vorwissen, sondern nur aus Unwissenheit sündigt, Entschuldigung finden kann; denn er hätte wissen sollen, was alle Menschen ohne Unterschied wissen müssen, um rechtlich zu leben, und wer aus einer solchen Unwissenheit fehlt, verdient weder Entschuldigung noch Mitleid. Dein Bruder ist in diesem Falle: er mußte wissen, daß das Gesetz einem Jungfrauenschänder den Tod zuerkennt; er muß also sterben, und ich kann ihm von Rechts wegen keine Gnade angedeihen lassen. Allerdings wünschte ich dir zu Gefallen alles mögliche zu tun, und wenn du daher, da du deinen Bruder so sehr liebst, dich dazu verstehen wolltest, dich mir zu ergeben, so wäre ich gern bereit, ihm das Leben zu schenken und sein Todesurteil in eine mildere Strafe zu verwandeln.« Epitia stieg auf diese Worte das Blut ins Gesicht, und sie sagte zu ihm: »Das Leben meines Bruders ist mir allerdings viel wert, aber weit teurer ist mir doch meine Ehre, und ich wollte meinen Bruder lieber mit dem Verluste meines Lebens als mit dem meiner Ehre erretten. Darum steht ab von diesem Eurem unehrbaren Gedanken! Kann ich aber auf andere Weise als dadurch, daß ich mich Euch hingebe, meinem Bruder das Leben retten, so werde ich das gerne tun.« »Einen andern Weg«, sagte Juriste, »gibt es nicht, als den ich dir bezeichnet habe. Auch solltest du dich nicht so spröde gegen mich beweisen, da es sich leicht fügen könnte, daß ich dich infolge unserer ersten Zusammenkünfte zu meiner Frau erköre.« »Ich will meine Ehre nicht in Gefahr bringen«, erwiderte Epitia. »Wieso in Gefahr?« fragte Juriste. »Vielleicht bist du so beschaffen, daß du dir nicht vorstellst, es werde gut gehen? Denke hübsch darüber nach! Ich erwarte deine Antwort morgen.« »Die Antwort gebe ich Euch auf der Stelle«, erwiderte sie; »denn wenn Ihr mich nicht zur Frau nehmt, da Ihr doch wollt, daß die Befreiung meines Bruders hiervon abhängen soll, so ist alles in den Wind gesprochen.« Juriste versetzte nochmals, sie solle die Sache erwägen und ihm morgen ihren Entschluß zu wissen tun, wobei sie auch reiflich überlegen möge, wer er sei, welche Macht er hierzulande besitze, und wie nützlich er nicht nur ihr werden könne, sondern jedem, dem er wohlwolle, denn er habe hier Recht und Gewalt in Händen. Epitia ging höchst bestürzt von ihm zu ihrem Bruder, dem sie hinterbrachte, was zwischen ihr und Juriste vorgefallen, und schloß damit, sie wolle ihre Ehre nicht verlieren, um ihm das Leben zu retten. Sie bat ihn unter Tränen, sich vorzubereiten, das Los geduldig hinzunehmen, das ihm das Verhängnis oder sein ungünstiger Zufall bereite. Da begann Vico plötzlich heftig zu weinen und seine Schwester zu bitten, sie möge ihn nicht sterben lassen, da sie doch auf die von Juriste vorgeschlagene Weise ihn befreien könne. »Willst du denn, Epitia«, sprach er, »mir das Henkerbeil am Halse und den Kopf von diesem Körper abschlagen sehen, den derselbe Leib wie dich getragen, derselbe Vater erzeugt hat? Willst du mich, der bisher mit dir aufgewachsen ist und denselben Unterricht mit dir genossen hat, vom Henker zu Boden geworfen sehen? O meine Schwester, laß die Stimme der Natur, des Blutes und der Liebe, die stets zwischen uns waltete, dich bewegen, mich, da es ja in deinen Kräften steht, von einem so jämmerlichen und schändlichen Ende zu befreien! Ich habe gefehlt, ich gestehe es; du, Schwester, die meine Fehler wiedergutmachen kann, sei nicht karg mit deiner Hilfe! Hat dir Juriste gesagt, daß er dich zur Frau nehmen könne, warum willst du es nicht für möglich halten, daß es geschehe? Du bist sehr schön, mit allen Reizen begabt, womit die Natur eine Edelfrau schmücken kann; du bist von guter Familie und anmutig, besitzest eine wunderliebliche Art dich auszudrücken, lauter Vorzüge, die dich samt und sonders dem Kaiser der ganzen Welt, geschweige dem Juriste, wünschenswert machen müssen. Du hast also nicht Grund, zu fürchten, daß Juriste zögern werde, dich zum Weibe zu nehmen, und so ist deine Ehre gesichert und zugleich deines Bruders Leben gerettet.« Vico weinte bei diesen Worten, und mit ihm weinte Epitia, die Vico umarmt hielt und nicht eher wieder losließ, bis sie, von den Tränen des Bruders gerührt, ihm versprach, sich seinem Rate gemäß dem Juriste hinzugeben, wenn dieser ihm das Leben schenke und sie in der Hoffnung befestige, daß er sie zum Weib nehme. Als dies unter ihnen beschlossen war, begab sich die Jungfrau am folgenden Tage zu Juriste und sagte ihm, die Aussicht, die er ihr eröffnet habe, nach den ersten Zusammenkünften sein Weib zu werden, und der Wunsch, den Bruder nicht nur vom Tode, sondern von aller Strafe, die er durch sein Vergehen verwirkt haben könne, zu befreien, hätten sie zu dem Entschluß gebracht, sich ganz seiner Willkür zu überlassen; aus beiden Rücksichten sei sie also bereit, sich ihm hinzugeben; vor allem aber bestehe sie darauf, daß er ihr das Leben und die Freiheit ihres Bruders verspreche. Juriste hielt sich für den glücklichsten der Menschen, daß er ein so schönes und reizendes Mädchen genießen solle, und sagte ihr, er mache ihr jetzt dieselben Hoffnungen, die er ihr neulich gemacht habe, und der Bruder solle ihr den Morgen, nachdem sie mit ihm zusammengewesen wäre, freigegeben werden. Nachdem sie zusammen zu Nacht gespeist, begaben sich Juriste und Epitia zu Bett, wo der Niederträchtige sich vollkommen an dem Mädchen ersättigte. Ehe er sich aber mit der Jungfrau zur Ruhe begeben, hatte er, statt Vico freizulassen, Befehl gegeben, ihn sogleich zu enthaupten. Das Mädchen konnte vor Begierde, ihren Bruder frei zu sehen, das Erscheinen des Tages kaum erwarten, und nie hatte ihr die Sonne so säumig geschienen, den Tag heraufzuführen, als in dieser Nacht. Als es hell wurde, entwand sich Epitia den Armen des Juriste und bat ihn mit den zärtlichsten Worten, daß er die Hoffnung, die er ihr gegeben, sie zum Weibe zu nehmen, erfüllen und vor allem ihr den Bruder frei zuschicken möge. Er antwortete ihr, er habe in ihrer Umarmung volle Freude genossen und sehe also gern, wenn sie die Hoffnung nähre, die er ihr gegeben habe; den Bruder werde er ihr ins Haus schicken. Nach diesen Worten ließ er den Gefangenwärter kommen und sprach: »Geh in den Kerker und hole den Bruder dieser Frau und bring ihn in ihre Wohnung!« Als Epitia dies hörte, begab sie sich voller Freuden nach Hause und erwartete ihren Bruder. Der Kerkermeister ließ den Leichnam des Vico auf eine Bahre heben, legte ihm das Haupt unter die Füße, spreitete ein schwarzes Tuch darüber und ließ ihn nach Epitias Hause tragen; er selbst schritt dem Zuge vorauf. Da sie ins Haus traten, ließ er das Mädchen rufen und sprach: »Dies ist Euer Bruder, den Euch der Herr Statthalter aus dem Gefängnis freigibt.« Mit diesen Worten ließ er das Tuch wegziehen und zeigte ihr den Bruder in dem Zustande, wie ihr vernommen habt. Kaum möchte eine Zunge imstande sein, es auszusprechen, oder ein menschliches Gemüt, es zu fassen, welcher Schmerz und welcher Schrecken über Epitia kam, indem sie jetzt ihren Bruder auf diese Weise getötet erblickte, den sie erwartet hatte, mit frohlockendem Herzen sobald als lebend und frei von jeder Pein begrüßen zu können, und gewiß nehmt auch ihr, meine Damen, an, daß der Schmerz der Unglücklichen so groß war, daß er jede Art von Entsetzen übertraf. Dennoch verschloß sie alles in ihrem Herzen, und wo jedes andere Weib geweint und geschrieen haben würde, blieb sie, die von der Philosophie gelernt hatte, wie der menschliche Geist in jeder Lage beschaffen sein müsse, scheinbar ruhig und zufrieden. Sie sagte zu dem Kerkermeister: »Hinterbringe deinem und meinem Herrn wieder, daß ich meinen Bruder annehme so, wie es ihm gefallen hat, ihn mir zu senden, und daß es mir, da er meinen Willen nicht habe tun wollen, recht sei, den seinigen erfüllt zu haben, den ich zu dem meinen mache, insofern ich glauben will, er habe an dem, was er getan, eben recht gehabt. Empfiehl mich ihm mit der Versicherung, daß ich zu jeder Zeit bereit sei, ihm du dienen!« Der Kerkermeister meldete Juriste Wort für Wort, was Epitia ihm für ihn aufgetragen, und berichtete ihm, daß sie bei dem entsetzlichen Anblicke auch nicht das mindeste Zeichen von Unmut habe blicken lassen. Juriste freute sich, als er das hörte, in seinem Innern sehr und ward der Meinung, das Mädchen möchte ihm wohl nach wie vor ihren Besitz gestatten, als wenn sie seine Frau wäre und er ihr Vico lebendig zurückgegeben hätte. Sowie der Kerkermeister fort war, hub Epitia an, über ihren toten Bruder bitterlich zu weinen und lange und schmerzliche Klage zu erheben. Sie verwünschte Juristes Grausamkeit und ihre eigene Einfalt, daß sie sich ihm vor der Befreiung ihres Bruders ergeben. Nachdem sie lange geweint, ließ sie den Leichnam zur Erde bestatten und zog sich darauf selbst in ihre einsame Kammer zurück, wo sie, von gerechtem Unwillen erregt, zu sich sagte: »Also willst du es ruhig dulden, Epitia, daß dieser Schurke dir deine Ehre geraubt und er dir dafür den Bruder lebend freizugeben versprochen, danach aber ihn dir tot in so jämmerlicher Verunstaltung dargebracht hat? Willst du es ruhig dulden, daß er sich doppelten Betrugs, den er an deiner Einfalt begangen, rühmen könne, ohne daß er dafür von dir die gebührende Züchtigung erhält?« Mit solchen Worten feuerte sie sich zur Rache an und sagte weiter: »Meine Einfalt hat diesem Bösewichte den Weg gebahnt, das Ziel seiner schändlichen Wünsche zu erreichen. Seine Lüsternheit soll mir nun das Mittel zu meiner Rache an die Hand geben; und wenn auch die Rache mir nicht das Leben meines Bruders zurückgibt, so soll sie mir doch das Gemüt erleichtern helfen.« Bei solcher Aufregung bestärkte sie sich in diesem Gedanken immer mehr und wartete nur darauf, daß Juriste sie von neuem zu sich bescheiden lassen werde, um bei ihr zu schlafen. Für diesen Fall hatte sie beschlossen, heimlich ein Messer mit sich zu nehmen und ihn wachend oder schlafend, sobald sich die Gelegenheit dazu darböte, zu ermorden; ja, wenn es irgend möglich wäre, wollte sie ihm den Kopf abschneiden, diesen auf das Grab ihres Bruders tragen und seinem Schatten weihen. Nachher dachte sie der Sache freilich auch wieder reiflicher nach und sah ein, daß, wenn es ihr selbst gelänge, den Schuldigen zu töten, doch mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen sei, daß man sie ein ehrloses Weib nennen und glauben werde, sie habe diese Tat viel mehr aus Bosheit und Eifersucht vollbracht, als weil er so treulos an ihr gehandelt. Da ihr nun die große Gerechtigkeitsliebe des Kaisers wohlbekannt war, der sich damals zu Villach aufhielt, so beschloß sie, zu ihm zu gehen und sich bei Seiner Majestät über die Undankbarkeit und Ungerechtigkeit Juristes gegen sie zu beklagen, in der festen Überzeugung, der so gnädige und gerechte Kaiser werde dem Bösewicht den verdienten Lohn für seine Ungerechtigkeit und Undankbarkeit erteilen. In Trauerkleider gehüllt, trat sie heimlich und ohne Begleitung den Weg zu Maximilian an, bat um ein Gehör, und als es ihr gewährt wurde, warf sie sich ihm zu Füßen und sprach mit klagender Stimme und der ganzen Haltung einer Tiefgebeugten: »Erhabenster Kaiser, es führt mich vor Eure Majestät der arge Verrat und die unglaubliche Ungerechtigkeit, die Juriste, Eurer kaiserlichen Majestät Statthalter zu Innsbruck, an mir verübt hat; ich habe die Hoffnung, Ihr werdet die Gerechtigkeit, die nie einem Unglücklichen versagt blieb, auch hier auf eine Weise üben, daß dieser Juriste, über den ich mich des beispiellosen Unrechts wegen, das er mir getan hat, unermeßlich zu beklagen habe, nicht triumphieren dürfe, mich so jämmerlich erwürgt zu haben: Entschuldige Eure Majestät dieses Wort, das, so stark es auch scheint, doch der grausamen und unerhörten Schande nicht gleichkommt, die mir dieser Bösewicht zugefügt, der sich zugleich höchst ungerecht und höchst treulos an mir erwiesen hat.« Hierauf erzählte sie dem Kaiser unter vielen Tränen und Seufzern, wie Juriste unter der Vorspiegelung, sie ehelichen und ihr ihren Bruder freigeben zu wollen, ihr Magdtum geraubt und dann ihr den Bruder tot auf einer Bahre, das Haupt zu den Füßen, ins Haus gesandt habe. Alsdann stieß sie einen so heftigen Schrei aus, und ihre Augen flossen so reichlich von Tränen über, daß der Kaiser und alle Herren in der Umgebung Seiner Majestät vor Rührung und Mitleid wie versteinert dastanden. Aber obgleich Maximilian sie sehr bedauerte und das eine Ohr den Klagen Epitias öffnete, die er, nachdem sie ihre Anrede geendigt hatte, sich erheben ließ, so hielt er doch das andere für Juriste frei und schickte die Dame zur Ruhe. Hierauf ließ er sogleich Juriste rufen und befahl dem Boten und allen Anwesenden bei Verlust seiner Gnade, dem Juriste kein Wort von dem, was vorgefallen war, zu entdecken. Juriste, der sich eher alles andere gedacht hätte, als daß Epitia sich an den Kaiser gewandt habe, stellte sich ganz unbefangen ein, und da ihn Seine Majestät vorließ, verneigte er sich und fragte, was er befehle. »Gleich«, sagte Maximilian, »gleich wirst du es erfahren.« Er ließ alsbald Epitia rufen. Als Juriste sah, daß sie hier sei, die er sich bewußt war tief gekränkt zu haben, erschrak er, vom Gewissen gefoltert, so heftig, daß er, von allen Lebensgeistern verlassen, am ganzen Leibe zu zittern begann. Als Maximilian dies sah, erkannte er, daß die Anklägerin nichts als die reine Wahrheit gesagt habe. Er wandte sich zu ihm und sprach mit der Strenge, die seine Grausamkeit verdient hatte: »Vernimm, was dieses Mädchen dir schuld gibt!« Dann befahl er Epitia, ihre Klage vorzubringen. Diese erzählte von neuem den ganzen Hergang und wandte sich zum Schlusse nochmals mit der Bitte um Genugtuung an den Kaiser. Als Juriste die Anklage vernommen, wollte er sie durch Schmeicheleien versöhnen und sprach: »Ich hätte nie geglaubt, daß Ihr, die ich so herzlich liebe, vor Seiner Majestät meine Anklägerin werden könntet.« Aber Maximilian duldete nicht, daß Juriste dem Mädchen schöntue, und sprach: »Es ist hier nicht der Ort, den Verliebten zu spielen; beantworte nur die Klage, die sie vorbringt!« Juriste mußte also diese List fahrenlassen, die ihm hätte gefährlich werden können. »Es ist wahr«, sprach er, »daß ich ihren Bruder habe enthaupten lassen, weil er eine Jungfrau entführt und geschwächt hatte; aber das habe ich getan, um die Heiligkeit der Gesetze aufrechtzuerhalten und jene Gerechtigkeit zu üben, die Eure Majestät mir so sehr eingeschärft hatte; denn ohne diese zu verletzen, konnte ich ihn nicht am Leben lassen.« Hier fiel ihm Epitia ins Wort: »Wenn du nun aber die Gerechtigkeit dabei vor Augen hattest, wie kam es, daß du mir doch sein Leben unter jener Bedingung zusichertest und mir mit der Vorspiegelung, mich zur Frau zu nehmen, mein Magdtum raubtest? Verdiente mein Bruder wegen seiner einen Versündigung, die Strenge der Gerechtigkeit zu schmecken, so verdienst du dies zwiefach mehr.« Da stand ihr Juriste verstummt gegenüber, und der Kaiser nahm zunächst das Wort: »Meinst du, Juriste«, sagte er, »es heiße Gerechtigkeit bewahren, wenn du ihr einen so gefährlichen Stoß beibringst, daß nicht viel zu ihrer völligen Ermordung fehlt, wenn du den größten Verrat übst gegen dieses Mädchen, wie nur je der gemeinste Verbrecher getan? Aber es soll dir nicht so leer ausgehen, das glaube mir!« Juriste fing nun an, um Gnade zu bitten, und Epitia ihrerseits, um Gerechtigkeit zu flehen. Maximilian erwog die Einfalt der jungen Frau und Juristes Bösartigkeit und überlegte, wie er der Ehre der Frau und der Gerechtigkeit zugleich Genüge tun könne. Er besann sich, was zu tun sei, und beschloß, Juriste solle Epitia heiraten. Sie wollte darein nicht willigen, indem sie behauptete, sie könne nicht erwarten, in der Ehe mit ihm etwas anderes als Mißhandlungen und Verrat zu erleben; aber Maximilian verlangte, daß sie sich bei seinem Beschluß beruhige. Epitia wurde mit Juriste vermählt, und dieser meinte nun, alle Not überstanden zu haben; aber es geschah ganz anders: denn Maximilian entließ die Frau mit der Weisung, in ihre Herberge zurückzugehen, und wandte sich dann zu dem zurückgebliebenen Juriste mit folgenden Worten: »Was du verbrochen hast, ist zweierlei, eines nicht minder schwer als das andere: erstens hast du diese Jungfrau geschändet, und zwar auf so betrügliche Weise, daß man mit Recht sagen kann, du habest ihr Gewalt angetan; sodann hast du wider dein ihr gegebenes Wort ihren Bruder ums Leben gebracht, der zwar allerdings den Tod verdient hat, dem du aber nichtsdestoweniger, einmal auf dem Wege der Rechtsverletzung begriffen, schuldig warst, das seiner Schwester gegebene Versprechen zu halten, nachdem sie dich bei deiner zügellosen Lüsternheit zu der Zusage auf Ehrenwort gebracht hatte, und nicht statt dessen, wie du befohlen hast, nachdem du ihre Ehre geraubt, ihn ihr tot zuzusenden, wie du getan hast. Da du nun das erste Vergehen wiedergutgemacht hast, indem ich dich veranlaßt habe, die Geschwächte zu heiraten, befehle ich zur Sühnung des zweiten, daß dir ebenfalls der Kopf abgeschlagen werde, wie du ihn ihrem Bruder abschlagen ließest.« Wie groß Juristes Betrübnis war, als er den Spruch des Kaisers vernommen, ist leichter sich zu denken, als ausführlich zu erzählen. Juriste wurde daher den Schergen übergeben, um am nächstfolgenden Morgen dem Urteil gemäß hingerichtet zu werden. Juriste war also ganz auf den Tod gefaßt und erwartete nichts anderes, als sich in kurzem unter den Händen des Henkers zu befinden. Unterdessen vernahm Epitia den Urteilsspruch des Kaisers, und so erbittert sie vorher auch gegen Juriste gewesen war, so trug doch ihre natürliche Herzensgüte den Sieg davon. Sie meinte, es wäre ihrer unwürdig, wenn sie zugäbe, daß Juriste, den sie einmal vom Kaiser als ihren Gatten angenommen, um ihretwillen den Tod erlitte. Sie fürchtete, man werde ihr dies eher als Rachedurst auslegen denn als Verlangen nach Gerechtigkeit. Sie wandte daher all ihr Sinnen und Trachten auf die Rettung des armen Verbrechers, begab sich zu dem Kaiser und sagte zu ihm, nachdem es ihr gestattet war zu reden, also: »Erhabenster Kaiser, die Ungerechtigkeit und der Verrat Juristes an mir trieben mich an, gegen ihn bei Eurer Majestät Recht zu suchen. Eurer großen Gerechtigkeit gemäß habt Ihr ihn wegen zweier Verbrechen auf das allergerechteste bestraft: für den betrügerischen Raub meiner Jungfräulichkeit durch den Befehl, mich zu ehelichen, für die Hinrichtung meines Bruders gegen das mir gegebene Wort durch seine Verurteilung zum Tode. Wie ich aber, bevor ich sein Weib geworden, darauf bestehen mußte, daß Eure Majestät ihn mit der Todesstrafe belege, die dieselbe gerechterweise über ihn verhängt hat, so müßte ich mich jetzt, nachdem es Euch gefallen hat, mich mit dem heiligen Bande der Ehe an Juriste zu knüpfen, für eine Pflichtvergessene, Unmenschliche, der ewigen Schande Preisgegebene halten, wenn ich in seinen Tod willigte. Unmöglich kann dies die Absicht Eurer Majestät sein, welche bei seiner Verurteilung nur meine Ehre bezweckte. Damit also, erhabenster Kaiser, die gute Absicht Eurer Majestät ihr Ziel erreiche und meine Ehre unbefleckt bleibe, bitte ich Euch demütigst und in tiefster Ehrfurcht, nicht zuzugeben, daß das Schwert der Gerechtigkeit zufolge des Urteils Eurer Majestät das Band so jämmerlich wieder auflöse, durch das dieselbe mich mit Juriste zu vereinigen geruhte; und wie das Urteil Eurer Majestät ihn zum unzweideutigen Beweis ihrer Gerechtigkeit mit dem Tode bestrafte, so möge es derselben jetzt gefallen, wie ich von neuem inbrünstiglich flehe, Eure kaiserliche Gnade an seiner Freigebung zu offenbaren; denn die Übung der Gnade, erhabenster Kaiser, ist für den, in dessen Händen die Herrschaft der Welt ruht, wie sie jetzt in den Euren würdiglich beschlossen ist, kein geringerer Ruhm als die Handhabung der Gerechtigkeit; denn wenn diese beweist, daß er die Laster haßt und mit der verdienten Strafe verfolgt, so macht ihn jene den unsterblichen Göttern ähnlich; und erlange ich diese einzige Bitte von Eurer Milde, so werde ich für die an mir demütigster Magd Eurer Majestät gewirkte Handlung der Güte ewig mit Andacht zu Gott flehen, daß er Eure Majestät auf lange glückliche Jahre erhalten möge, damit Ihr zur Wohltat der Sterblichen und zu Eurer eigenen Ehre und unsterblichem Ruhm bis in späte Zeiten Gerechtigkeit und Gnade üben möget.« Hiermit beschloß Epitia ihre Anrede. Maximilian war erstaunt, daß sie die von Juriste empfangene schwere Unbill schon vergessen habe und mit so vieler Wärme von ihm spreche. Solche Güte, wie er an dieser Dame erblickte, schien es ihm wohl zu verdienen, daß er ihr den aus Gnade freigebe, den er um des Rechtes willen zum Tode verurteilt hatte. Er ließ also den Juriste in eben der Stunde, in der er erwartete, zum Tode geführt zu werden, vor sich bringen und sprach zu ihm: »Verräter, die Güte Epitias hat so viel über mich vermocht, daß ich dir, dessen Verruchtheit den Tod doppelt verdient hätte, um ihretwillen das Leben schenke, und du sollst wissen, daß du nur ihr dessen Erhaltung zu danken hast; und da sie es zufrieden ist, mit dir zu leben, nachdem sie das Band an dich geknüpft hat, das dich auf meinen Befehl mit ihr verbindet, so bin ich es auch zufrieden, daß du mit ihr lebst. Aber kommt es mir je zu Ohren, daß du sie anders denn als eine liebevolle und großmütige Gattin behandelst, so sollst du erfahren, in welchen Unwillen ich darüber gerate.« Nach diesen Worten faßte der Kaiser Epitias Hand und übergab sie dem Juriste, worauf sie und Juriste mit ihr Seiner Majestät für die ihnen erwiesene Huld und Gnade ihren Dank aussprachen. Juriste aber erwog, welche Großmut Epitia an ihm geübt habe, und hielt sie immer teuer und wert, und so konnte sie den Rest ihrer Tage glücklich mit ihm verleben. Giovanni Battista Giraldi Der Gang nach der Löwengrube (Schiller, Der Gang nach dem Eisenhammer) Zu der Zeit, da Sultan Selim in Konstantinopel herrschte, raubten die Korsaren einen schönen, aus Korfu gebürtigen Jüngling namens Lamprino und brachten ihn ihm zum Geschenke dar, der sich durch den Anblick dieses Christensklaven so gerührt fühlte, daß er, wider seine sonstige Gewohnheit, ihn nicht töten ließ, obwohl er ihn um keinen andern Preis als unter der Bedingung vom Tode freigab, daß er den wahrhaften Glauben, in dem er geboren und damals bis zu dem Alter von fünfzehn Jahren erwachsen war, abschwöre. Von seinem zarten Alter und seinen geringen Erfahrungen, zumeist aber von der Furcht vor dem Tode, diesem schrecklichsten der Schrecken, verführt, entschloß sich der junge Mensch in dem Bewußtsein, sich in der Gewalt eines so grausamen Mannes zu befinden, zwar äußerlich den Heiland zu verleugnen und Mohammed mit Worten und Gebärden anzubeten; aber in seinem Herzen blieb er der Christusreligion nach wie vor getreu. An Schönheit und innerem Werte gedeihend, erlangte Lamprino die Gunst des Königs mit der Zeit in immer höherem Grade; da es denn aber nicht anders sein konnte, als daß demnach viele ältere und höhere Diener um seinetwillen zurückgesetzt wurden, so zog ihm eben sein gutes Glück viele Neider und Hasser zu. Unter den anderen Leuten des Hofes lebte auch einer, der Zelimo hieß und, weil er bei dem Sultan Selim in großen Ungnaden stand, eigentlich immerdar gefährdet war, sein Leben zu verlieren. Wie nun dieser Zelimo sah, daß Lamprino so viel über den König vermochte, kam er auf den Gedanken, ob er sich diesen nicht durch seine Vermittlung auch wohl wieder geneigt machen könnte. Er ging deswegen eines Tages zu ihm, klagte ihm sein großes Mißgeschick und ersuchte ihn um den Freundschaftsdienst, den König dahin zu bewegen, daß er ihn wieder als seinen getreuen Kämmerling bei sich aufnehme, der er früherhin gewesen sei. Er versprach Lamprino dagegen, einer solchen Wohltat nimmermehr gegen ihn uneingedenk zu werden und ihm zeitlebens dafür dankbar zu bleiben. Lamprino war von Natur menschenfreundlich und wohlwollend und versah sich also nicht so bald dieser Gelegenheit, Zelimo beizustehen, als er ihm auch bereitwillig das Versprechen ablegte, für die Erfüllung seines Wunsches alles zu tun, was ihm irgend möglich sei, und, sodann seine Zeit wahrnehmend, eine Fürbitte für ihn beim König einlegte. Als der König seinen Günstling Lamprino so warm für Zelimo sprechen hörte, sagte er: »Du kennst seine Natur nicht so wie ich. Glaube nicht etwa, daß ich ihn aus bloßer Abneigung aus meinem Dienste entfernt habe: nein, ich tat es, weil er mir dazu nicht würdig genug erschienen ist. Desungeachtet will ich nicht, daß du sagen sollest, ich hätte dir eine deiner Bitten jemals nicht erfüllt. Es soll geschehen, was du wünschest, nicht darum, weil ich anderer Meinung über Zelimo geworden wäre, als ich bisher gewesen bin, sondern damit du selbst erkennest, wie unwert er des Amtes ist, das du für ihn ansprichst.« Lamprino erwiderte: »Ich bin weit entfernt, mein hoher Herr, Euch verleiten zu wollen, etwas gegen Euren Willen zu tun; denn mein ganzes Sinnen und Trachten ist nur dahin gerichtet, Euch zu Gefallen zu leben; aber ich bin überzeugt, daß Zelimo Euch fortan der getreueste Diener sein wird, und habe ihm meine Verwendung bei Euch nicht eher zugesagt, als bis er mir dies feierlich selbst bestätigte.« »Nun denn«, sprach Selim, »weil es dir so scheint, will ich desselben Glaubens sein; du wirst aber sehen, daß wir uns beide täuschen.« Er gestattete Lamprino hierauf, Zelimo vor ihn zu führen, den er, wie er ihm auch sagte, um Lamprinos Fürbitte willen huldreich empfing, zugleich aber ernstlich ermahnte, sich inskünftige also zu betragen, daß Lamprino seinen ihm bewiesenen Edelmut nie zu bereuen habe. Zelimo entgegnete: »Ihr sollt mit mir zufrieden sein, mein Gebieter.« Er hatte aber nicht so bald seinen alten Dienst wieder angetreten und es so weit gebracht, daß er glauben konnte, das Vertrauen des Königs wiedererlangt zu haben, als er ausschließlich nur mit dem Gedanken umging, wie er, zum Danke für die von Lamprino empfangene Wohltat, den König dergestalt gegen ihn aufbringen möchte, daß er ihm den Tod geben ließe. Er hielt nämlich gegenwärtig mit Gewißheit dafür, in der Gunst des Königs so hoch gestiegen zu sein, daß er, wenn es ihm gelänge, Lamprino beiseite zu schaffen, der erste am ganzen Hofe werden würde. Vielerlei verderbliche Anschläge gegen den Unschuldigen in seinem Sinne erwägend, schwankte er eine lange Weile hin und her, welchen er ausführen würde. Denn da er die große Liebe des Königs zu Lamprino wohl beachtete, so konnte er sich allerdings nicht verhehlen, daß, wenn es ihm nicht gelänge, diesem eine Schuld aufzubürden, die den König auf das äußerste gegen ihn erzürne, er sich der Früchte seiner Bosheit in seinem ganzen Leben nicht würde erfreuen dürfen. Seine böse Absicht mittlerweile in sein Innerstes verschließend, behielt er stets den äußern Schein der Dankbarkeit gegen Lamprino bei, erspähte aber deshalb nicht weniger eifrig die Gelegenheit, sein Gift wider ihn auszulassen. Und siehe da, das Schicksal, diese Zerstörerin alles menschlichen Glückes, veranstaltete, daß ihm der König selbst einen Fingerzeig gab, seinen lang gesonnenen Verrat zu verwirklichen. Es befand sich unter Selims Frauen eine, die ursprünglich Christin gewesen, nachdem sie aber, wie Lamprino, von den Korsaren aufgebracht und dem Könige zugesendet worden war, ihren alten Glauben gegen den Mohammedanismus abgeschworen hatte. Diese war als eine der schönsten Frauen des Serails dem Könige über alles lieb und wert; und weil Selim unsäglich eifersüchtig war, sein vollstes Vertrauen aber vor allen seinen Dienern in Lamprino gesetzt hatte, so gab er dem jungen Weibe ihn zum Kämmerer und machte es ihm zur Pflicht, sie wie seinen Augapfel zu behüten. Lamprino versprach es ihm und hielt sein Versprechen um so mehr, als er in Erfahrung gebracht hatte, daß Tamulia seine Schwester war; daher lebte er mit ihr in brüderlicher Vertraulichkeit, ohne freilich die sie verbindende nahe Blutsverwandtschaft irgendeinem anderen Menschen anzuvertrauen. Der undankbare Zelimo aber, der es mit dem mißgünstigsten Auge angesehen hatte, wie Lamprino die Obhut über Tamulia zuerteilt worden war, gedachte vielleicht gerade durch dieses Mittel seine Pläne zur Reife zu bringen und fand also in seiner Betrübnis darüber selbst den Samen zu seiner höchsten Fröhlichkeit. Kaum hatte er nämlich wahrgenommen, daß Tamulia Lamprino liebevoll begegnete und eines das andere häufig beschenkte, als er sich entschloß, mittelst dieses Verhältnisses Selims Gemüt in solcher Eifersucht zu entzünden, daß diese ihn verleiten sollte, Lamprino umbringen zu lassen. Da nun der Verräter überdies auf Lamprinos Anstiften von dem Posten eines geheimen Kämmerlings zu dem eines Geheimschreibers des Königs befördert worden war, als welcher er mit dem letzteren in der äußersten Gemeinschaft stand, die nur ein Diener bei seinem Herrn erlangen konnte, so benutzte er die Gelegenheit, eines Tages, da Selim gesprächsweise Lamprinos mit großem Lobe gegen ihn gedachte, ihm zu sagen: »Ein wie seltener Fall es in der Welt ist, daß ein Herr seine Diener richtig schätzt, weil er in der Regel den Getreuesten mißtraut, während er hingegen die Ungetreuen seines Vertrauens würdigt, dessen seid Ihr jetzt selber ein lebendiger Beweis, mein Gebieter, weil Eure ungemessene Huld gegen Lamprino in der Voraussetzung fortbesteht, daß er ein Inbegriff all der Tugenden sei, deren trüglichen Anschein er gegen Euch zur Schau getragen hat, derweil er in Wahrheit der nichtswürdigste aller bübischen Knechte ist, die nur jemals die Wohltaten ihrer allzu gütigen Herren mit Undank vergalten.« Sowie Selim Zelimo solchermaßen reden hörte, antwortete er rasch darauf, in Beachtung dessen, was alles Lamprino für ihn getan hatte: »Ist dies, mein Lieber, der gute Wille, mit dem du Lamprino lohnst, dem du alles zu verdanken hast, was du bist?« »Ich verkenne gewiß nicht meine Verpflichtungen gegen Lamprino«, antwortete Zelimo, »und wofern dies das einzige Bedenken wäre, das ich zu beobachten hätte, würde ich geschwiegen haben. Aber da ich Euch noch mehr als ihm schuldig bin und wohl oder übel sehen muß, wie er Euch hintergeht, so macht es mir meine Euch gelobte Treue zur Pflicht, Euch die Wahrheit auszusagen.« »Und aus welchem Grunde«, sprach Selim, »bist du der Meinung, daß mir Lamprino ungetreu sei? Mir hat er bis zu dieser Stunde auch nicht den leisesten Verdacht erregt.« »Weil Euer günstiges Vorurteil für ihn«, fiel ihm Zelimo in die Rede, »das Auge Eures Verstandes so sehr geblendet hat, daß es seinen Verrat in der wichtigsten Angelegenheit Eures Hofes nicht erblickt.« »Was scheint dir die wichtigste Angelegenheit unsers Hofes zu sein?« fragte Selim. »Die Lamprino anvertraute Obhut über Tamulia«, sprach Zelimo scharf: »deren äußerster Gunst er mit so gutem Glücke nachstrebt, daß er sie wohl schon erworben haben würde, hätte nicht bis jetzt noch die Furcht vor Eurem Zorne seinen zügellosen Willen gebändigt, der indessen nichtsdestoweniger, da auch das härteste Weiberherz andrängenden Liebesbitten nicht auf die Dauer widersteht, sein schmähliches Ziel am Ende erreichen wird.« Indem er Tamulias Namen nennen hörte, wurde Selims Antlitz feuerrot. »Du behauptest also«, sprach er, »Lamprino sei im buhlerischen Einverständnisse mit Tamulia?« »So ist es, Herr«, entgegnete Zelimo dreist, »und wenn Eure edle Zuversicht Euch, wie gesagt, bisher nicht selbst betrogen hätte, so würde die Art und Weise, wie die Strafbaren miteinander umgehen, Euch schon längst verraten haben, wessen meine gegenwärtige Anklage sie beschuldigt. Ich verwundere mich gar nicht, daß ein Mensch von einem fremden Volke und eines so ganz anderen Glaubens als der unsere Euch die Treue bricht. Die Christen sehen uns ebensowohl für ihre Erbfeinde an, wie wir sie für die unsrigen, und sie machen sich nach den Gesetzen ihrer Religion sogar ihrem Gotte desto angenehmer, je größeren Schaden und je größeres Leid sie uns antun. Lamprino ist ein Christ und Tamulia eine Christin; sie sind beide aus Korfu, wie wir wissen, und also überdies Landsleute; wie sollte es da nun nicht leicht geschehen können, daß sie ihm nicht minder als Euch selbst angehörte? Sie können ja auch Kinder miteinander zeugen, die Ihr für Eure eignen Kinder anseht, und die mit der Zeit einmal Eure Nachfolger auf dem Throne des Ostens werden, worauf sie, als von christlichen Eltern entsprossen, wohl den Samen des christlichen Glaubens hier in diesen Landen aussäen, um unsere heilige Religion als ein wucherndes Unkraut auszujäten.« Der König, der Tamulia wie seine eigene Seele liebte, wurde zwar durch diese mit teuflischer Schlauheit auf ihn berechneten Worte nach und nach mit dem glühendsten Argwohn erfüllt; dennoch aber wollte er nicht eher seine Rache nehmen, als bis er sich durch den eignen Augenschein selbst überzeugt hätte, daß er dazu berechtigt sei. Er entgegnete: »Ich werde fortan, Zelimo, wie du mir es rätst, mit offenen Augen schauen und den Treubrüchigen, wie er es verdient, bestrafen, sobald ich ihn für schuldig erkennen muß. Finde ich dagegen, daß du ihn unschuldigerweise bezichtigtest, wie ich dies denn um der Wohltaten willen, die dir Lamprino erwiesen, noch unmöglich glauben kann, so gedenke ich, an dir ein Beispiel für andere zu stiften, wie unendlich hassenswert das Laster der Undankbarkeit in meinen Augen ist.« »So mag es geschehen, mein Gebieter«, sprach Zelimo, indem er entlassen wurde. Von nun an hegte der König die Schlange der Eifersucht in seinem Busen und sah alles Tun und Lassen Lamprinos und Tamulias mit ebenso befangenen als vorher mit unbefangenen Augen an, und es konnte daher nicht fehlen, daß sich ihm die falsche Anklage bald in seiner eignen Überzeugung bestätigte. Er ging eines Tages im geheimen zu Zelimo und sprach zu ihm, dem diese Nachricht die angenehmste wurde, die er noch im ganzen Verlaufe seines Lebens vernommen, womit er also bewies, daß der Samen des Argwohns in keinen fruchtbareren Boden als in das Herz eines leidenschaftlich liebenden Mannes fallen kann: »Ich habe deine Worte zu mir in betreff Lamprinos geprüft, Zelimo, und für wahr erkannt. Und obwohl ich weiß, daß Tamulias Ehrbarkeit ihr nimmer gestatten würde, sich einem anderen Manne als mir hinzugeben, so sehe ich doch dagegen ein, daß Lamprinos Vertraulichkeit mit ihr aus keinem anderen Grunde als aus einem unzüchtigen Verlangen nach dem Besitze ihrer Schönheit entspringen kann. Ich werde deshalb seinem frechen Unterfangen beizeiten Einhalt tun, und um ihm zu zeigen, daß ich ebensowohl den Verrat zu strafen, als die Treue zu lohnen weiß, will ich, daß der Verbrecher, weil er eben nicht würdig ist, durch Menschenhände zu sterben, von wilden Tieren zerrissen werde.« Selim hielt in einer abgelegenen tiefen Grube eine Menge Löwen und anderer wilden Tiere, an denen er jedesmal, wenn er sie zum Kampfe zusammenlassen wollte, großes Gefallen fand. Einer gewissen Anzahl Wärter lag die sorgfältigste Aufsicht über diese Bestien ob. Er ließ nunmehr einen solchen vor sich rufen und sprach zu ihm: »Ich werde dir diesen Abend einen Boten zusenden, der dich in meinem Namen fragen wird, ob du mein Gebot vollzogen habest? Sobald du diese Worte von ihm vernimmst, gebiete ich dir, daß du ihn greifen und den Löwen zur Speise vorwerfen läßt, ohne dich irgend daran zu kehren, was er dir vielleicht dagegen sagen mag, und wenngleich du ihn für einen meiner vornehmsten Diener erkennen solltest.« Der Wärter sagte ihm die pünktlichste Befolgung dieses Auftrages zu und entfernte sich, der Ankunft des verheißenen Boten daheim gewärtig. Selim ließ hiernächst Lamprino zu sich kommen, gebot ihm, zu dem Löwenwärter nach der Grube zu gehen und ihn zu fragen, ob er das Gebot des Königs vollzogen habe? Und Lamprino leistete dem alsobald, wenn auch zweifelhaften Sinnes, Folge, da es ihm doch seltsam bedünken wollte, nachdem er von dem Könige erst so hoch erhoben worden, jetzt zu einem Menschen so geringen Standes als Bote entsendet zu werden. Unterwegs von Furcht überkommen, daß ihm ein Unglück bevorstehen möchte, ging er, als schon der Abend dämmerte, von der Straße abseits in ein Gebüsch, das ihm zur Rechten lag, warf sich auf seine Knie nieder und betete, seine Augen zum Himmel aufschlagend und das Herz seinem Erlöser zuwendend, inbrünstig: »Du weißt, o Herr, daß es nur meine Gebrechlichkeit allein verschuldete, wenn ich, mich äußerlich zu dem falschen Glauben Mohammeds bekennend, deine heiligen Gebote übertrat. Es ist mir dein Name dennoch mit unverlöschlichen Zügen in mein Herz eingegraben geblieben, und ich habe dich immerdar im Geiste und in der Wahrheit angebetet. Darum bitte ich dich, daß, wofern dieser mir zuteil gewordene Auftrag meines Gebieters mir Nachteil oder Verderben bringen sollte, du, mein Gott, meine eigene Unwürdigkeit nicht ansehen, sondern mich davon erretten und mir die Mittel und Wege zeigen wollest, wie ich meine Freiheit aus diesem Joche des mohammedanischen Unglaubens wiedererlangen kann, um dir sodann ebenso offenkundig wie jetzt geheim zu dienen.« Nach diesem Gebete machte er das Zeichen des Kreuzes und lenkte seine Schritte nach dem Orte hin, wo die Löwen aufbewahrt wurden. Zelimo war in dem Gemache des Königs gegenwärtig gewesen, als dieser dem Löwenwärter jenen Auftrag gegeben hatte, und hatte ihn also vollständig mit angehört. Da sich nun seiner Ungeduld die Stunde, in der er die Gewißheit vom Tode des ihm so verhaßten Lamprino erlangen würde, ins Unendliche zu verzögern schien, so machte er sich, sobald derselbe den verhängnisvollen Gang angetreten hatte, im stillen ebenfalls auf den Weg, um Lamprinos Tod mitanzusehen. Hier veranstaltete jedoch die göttliche Gerechtigkeit, daß infolge eben des Aufenthaltes, den Lamprinos Wanderung durch sein Gebet in dem Gebüsche erlitten hatte, Zelimo vor ihm bei der Löwengrube eintraf. Der Verräter sah schon von weitem am Eingange der Grube den Wärter stehen, der des Opfers harrte, welches der König durch ihn dem entsetzlichen Tode weihen wollte. Als er ihm nahe gekommen war, trat er höhnisch lächelnd mit der Frage auf ihn zu, ob er das Gebot des Königs schon vollzogen habe? Der Wärter hatte ihn aber nicht so bald ins Auge gefaßt und seine Frage vernommen, so hielt er sich für überzeugt, daß es Zelimo sei, dem der Auftrag seines Gebieters gälte, und ließ ihn daher durch seine bereitstehenden Knechte ergreifen und ihm die Kleider vom Leibe reißen, um ihn den furchtbaren Bestien unverzüglich vorwerfen zu lassen. Zelimo verkannte die ungeheure Gefahr nicht, in der er sich befand. Er begann seinen Gott anzurufen, ihm zu helfen, und mit lauter Stimme zu schreien: »Ich bin es nicht, der den Löwen vorgeworfen werden soll, es ist Lamprino! Laßt mich los und wartet, bis er kommt! Er kann nicht mehr weit sein; ihm laßt widerfahren, was ihr mir antun wollt!« Indessen mochte er sagen, was er wollte, – es blieb vergebens, und er wurde entkleidet den Löwen vorgeworfen, die mit Heißhunger über ihn herfielen und an seinem ganzen Körper kein Glied unversehrt ließen. Nach einer kleinen Weile kam auch Lamprino bei dem Wärter an. Ehe er aber noch ein Wort hervorbringen konnte, sprach dieser zu ihm: »Ihr kommt gewiß, um Euch zu erkundigen, ob ich die Befehle des Königs vollzogen habe?« »So ist es«, erwiderte Lamprino und wollte nichts weiter hinzufügen, um abzuwarten, was ihm der Wärter werde anzuhören geben. Dieser fuhr zu reden fort: »Daß an dem, den mir der König vor kurzem zusendete, sein Urteilsspruch vollzogen worden ist, möchtet Ihr hier mit Euren eignen Augen wahrnehmen;« – ließ ihn in die Löwengrube hinuntersehen, wo die Knochen des Bösewichts einzeln und dermaßen abgenagt umherlagen, als ob sie niemals mit Fleisch bekleidet gewesen wären, und zeigte ihm auch Zelimos Kleider vor, an denen Lamprino erkannte, welcher Unglückliche einem solchen Schicksal unterlegen war. Da er nun recht wohl wußte, wie sehr ihn Zelimo gehaßt hatte, weil dieser eben nicht imstande gewesen war, seinen bösen Willen gegen ihn durchaus verborgen zu halten, so erriet er aus den gegebenen Umständen, wie es sich hatte zutragen können, daß der Verräter selbst hatte den Tod erleiden müssen, dessen Vollstreckung an seinem Feinde er gesonnen gewesen war, sich eine Augenweide sein zu lassen. Der Wärter selbst bestätigte ihm diese Vermutung, indem er zu ihm sagte: »Der zerrissene Schelm da wollte mich noch hintergehen und behauptete, er sei gar nicht der rechte, der den Löwen vorgeworfen werden solle: einen gewissen Lamprino habe der König dazu verdammt; aber ich hielt mich an Selims Worte fest und nicht an die seinigen und habe getan, was mir befohlen war. Dies hinterbringt dem Könige!« »Das werde ich tun«, antwortete Lamprino und ging von der Löwengrube hinweg, überzeugt, daß ihn der wahrhaftige Gott, den er im stillen anbetete, aus dieser entsetzlichen Lebensgefahr errettet habe; indem er nun seinem Erlöser für diese unverdiente Gnade dankte, faßte er alsobald den Entschluß, nicht länger in dem heidnischen Lande und unter einem so grausamen Könige zu verweilen. Lamprino war gewohnt, des öfteren einen schnellfüßigen und leicht zu bändigenden Renner zu tummeln, den der König jedesmal bestieg, wenn er sich in die Grube begab, um den Kämpfen der wilden Bestien untereinander zuzuschauen. Er gedachte sich gegenwärtig dieses Rosses zu seiner Flucht zu bedienen und sprach zu dem Knechte, der es mit zu pflegen hatte: »Sattle und zäume sogleich den Renner des Königs! Er hat mir aufgetragen, ihn ihm zuzuführen.« Der Wärter befolgte dies Geheiß, und Lamprino bestieg auf der Stelle das rasche Tier, mit dem er im schnellsten Jagen die Straße nach Slawonien einschlug. Unterwegs gab er gegen die königlichen Beamten vor, in einem geheimen Auftrage Selims entsendet zu sein, und da er nicht nur auf dem Renner des Königs ritt, sondern auch als dessen vertrautester Diener bekannt war, so ließ man ihn ungehindert bis zu den Christen entfliehen, wo er ungesäumt wieder dem wahren Glauben zuschwor. Selim hatte es inzwischen für ausgemacht angesehen, daß Lamprino von den Löwen zerrissen worden sei; wie er aber auch Zelimo nicht mehr am Hofe wahrnahm, verwunderte er sich baß darüber und schickte nach ihm aus, worauf er, da ihn niemand finden konnte und am ganzen Hofe kein Mensch war, der etwas von ihm gesehen oder gehört hatte, gar nicht wußte, was ihm möge zugestoßen sein und was er davon denken solle, weil er auch im mindesten nicht die Wahrheit ahnte. Nach Verlauf einiger Tage kam es dem Könige in den Sinn, die wilden Tiere in den Gruben zu Kämpfen zusammenzulassen, und deswegen ließ er sein schnellfüßiges Roß dem Wärter abfordern. Der Wärter gab zur Antwort: Er habe das Roß Lamprino zugestellt, von dem es ihm im Namen des Königs abverlangt worden sei. Wie nun der Bote seinem Gebieter diese Worte hinterbrachte, rief dieser staunend aus: »Hat denn der Wärter Lamprino nicht den Löwen vorgeworfen?« Er befahl, daß der Wärter vor ihn gebracht würde, und rief ihm bei seinem Eintreten zornig zu: »Warum hast du mit dem Menschen, den ich dir zusendete, nicht nach meinem Gebote getan?« »Ich habe danach getan, mein König«, erwiderte der Wärter. »Wie ist das möglich«, fügte der König hinzu, »da du ihm das Pferd zu seiner Flucht gegeben hast?« »Ich habe das Pferd nicht dem gegeben, der von den Löwen zerrissen werden sollte, sondern Lamprino, der es mir in Eurem Namen abforderte.« »Er war es ja aber eben, der den Tod erleiden sollte«, rief der König mit Entsetzen aus. »Ich weiß nicht, wie es damit zugegangen ist, Herr«, sagte der Wärter; »Ihr gebotet mir, denjenigen den Löwen vorzuwerfen, der zu mir kommen und die Worte sagen würde, die Ihr mir zum Wahrzeichen dessen, daß er der rechte sei, selbst angabt. Es kam vom Hofe einer und sagte sie, und ich habe mit ihm nach Eurem Willen getan.« »Und wer war der Unglückliche?« fragte der König. »Ich weiß nicht, wie er hieß«, erwiderte der Wärter; »aber seiner Kleidung nach schien er mir ein vornehmer Mann zu sein.« »Wie war er gekleidet?« fragte Selim weiter. Der Wärter beschrieb die Kleidung des Zerrissenen, und der König erkannte daran, daß es Zelimo gewesen war. Er erkannte aber zugleich aus den obwaltenden Umständen, daß Zelimo fälschlicherweise Lamprino angeklagt und der gerechte Himmel ihm dagegen den Lohn seiner Undankbarkeit in dem Augenblicke gegeben habe, als es seine Absicht gewesen war, sich an dem Tode seines Schlachtopfers zu weiden. Da sich nun in der nächsten Folge der Zeit an Selims Hof das Gerücht verbreitete, der König habe Lamprino töten lassen wollen, weil er darauf ausgegangen sei, ihm Tamulia zu veruntreuen, und da dieses Gerücht auch zu Lambrinos Ohren drang, der um keinen Preis dulden wollte, daß der Ruf seiner Treue durch eine solche Anschuldigung beeinträchtigt würde, so schrieb er an Selim, wie ungerechterweise er bei ihm angeklagt worden, weil eben Tamulia seine leibliche Schwester sei; und wie er, um der allzugroßen Leichtgläubigkeit seines Königs willen, die ihn einem so schmählichen Tode ungehört unterworfen, sich nicht habe überwinden können, ferner in seinem Dienste zu leben, sondern wie er vorgezogen habe, sich auf dem königlichen Renner zu flüchten, den er hiermit wohlbehalten zurücksende, damit man von ihm nimmermehr sage, daß er in seinem Dienste irgend etwas veruntreut habe. Er sendete mit diesem Schreiben und dem edlen Rosse einen zuverlässigen Boten an den König ab, und sobald dieser das erstere empfangen und gelesen hatte, ließ er Tamulia zu sich kommen und befragte sie über ihre Vertrautheit mit Lamprino, worauf er dann, da sie ihm dessen Aussagen bestätigte, das größte Leidwesen empfand, sich eines so getreuen Dieners selbst beraubt zu haben. Er versuchte anfänglich alles mögliche, Lamprino zur Rückkehr in seine Dienste zu bewegen; da dieser aber seine Anerbietungen standhaft von sich wies, so ging der Edelmut des Ungläubigen endlich so weit, daß er die vormalige Treue seines Dieners nicht unbelohnt lassen wollte, sondern ihm, als Zeichen seines dankbaren Gemütes, die reichsten Geschenke übersendete. Wenige Monate später starb Selim und hinterließ Tamulia große Reichtümer. Unwillig, nunmehr noch längere Zeit in fremden Landen und im Irrglauben zu leben, schrieb sie an ihren Bruder und bat ihn, sie nach ihrem christlichen Vaterlande abzuholen. Lambrino wußte sich von Selims Nachfolger Soliman freies Geleit zu verschaffen, ging nach Konstantinopel und führte seine Schwester nach Korfu über, wo sie, der Welt und alles Irdischen überdrüssig, als Nonne in ein heiliges Kloster ging und ihr ganzes Besitztum ihrem Bruder übergab, der sie zeit ihres Lebens mit allem, was sie benötigte, im Überflusse versorgte und auch an ihr Kloster jederzeit reiche Spenden verabfolgen ließ. Giovanni Battista Giraldi Die unglückliche Mutter In Salerno lebte einst ein Mann namens Marino, der von seiner liebenswürdigen Frau, welche Placida hieß, ein einziges Kind, einen Knaben, hatte. Das Kind hatte kaum ein Alter von zwei Jahren erreicht, als der Vater heftig erkrankte; kein Arzneimittel wollte helfen: er mußte sterben. Als er sich nun dem Tode nahe sah, rief er seiner Frau und bat sie, auch den Knaben mitzubringen, dem er den Namen Perpetuo beigelegt hatte; dieser Name »der Fortdauernde« sollte dem Kinde und der ganzen Familie eine gute Vorbedeutung werden, daß in ihm dem Hause fortdauernde, unaufhörliche Freude erwachse. Als die Frau mit ihrem Söhnchen ins Zimmer trat, erhob er sich, so gut er konnte, im Bette, nahm die Mutter mit der einen Hand und das Kind mit der andern und sprach zu seiner Gattin: »Placida, ich sehe meine letzte Stunde vor Augen, und es ist klar, daß ich nicht den Fleiß und die Sorgfalt auf die Erziehung und Heranbildung dieses unseres Söhnchens zu einem brauchbaren Manne verwenden kann, wie ich so sehr wünschte, und worauf alle meine Gedanken gerichtet waren. Er hätte das in seinem zarten Alter sehr nötig; aber ich sehe, ich muß ihn schon in seinen ersten Lebensjahren verlassen, und dies würde mir den Tod sehr verbittern, wenn ich nicht wüßte, daß deine Klugheit imstande ist, reichlich zu ergänzen, was der unausweichliche Zwang der Natur mich nicht selbst ausführen läßt. Darum, meine teure Gattin, befehle ich dir dieses Kind, in dem ich selbst gewissermaßen fortzuleben meine, wiewohl die letzte Stunde mir bald die Augen schließen wird, – ich befehle ihn dir, sage ich, ganz in deine Hände und zu deiner Leitung und bitte dich bei dem ganz besonderen guten Vernehmen, das unsere Verbindung bisher fortwährend bezeichnet hat, daß du, während du ihm bis jetzt für und für eine liebevolle Mutter gewesen bist, ihm von nun an Vater und Mutter zugleich sein mögest; und da es Gottes Wille ist, daß ich nicht länger bei dir bleibe, wünsche ich, daß du die Liebe, die du mir zugewandt hättest, wenn ich bis zu den grauen Haaren mit dir gelebt hätte, alle diesem Kinde zuwendest und in ihm auch mich fortliebest, wie wenn ich mit dir lebte. Wenn ich diese Hoffnung mit ins andere Leben nehmen darf, so wird mir der Tod nicht schwer werden.« Bei diesen Worten legte er die Hand des Kindes in die Hand der Mutter, schlang seinen Arm um ihren Hals und sprach, indem er seine Lippen auf die ihrigen drückte: »Ich befehle dir ihn, meine teure Gattin, und lasse an meiner Statt dir dieses teure Pfand als sicheres Zeugnis unserer beiderseitigen Liebe.« Er konnte diese letzten Worte nicht aussprechen, ohne reichliche Tränen zu vergießen, und Placida konnte nicht umhin, die ihrigen mit denen ihres teuersten Gemahls zu vermischen. Es wurde ihr schwer, unter lauter Schluchzen zum Worte zu kommen, und so sprach sie: »Marino, du nimmst den besten Teil von mir mit dir fort, indem du aus diesem Leben scheidest; denn mein Herz wird dich begleiten und dir Verbundenbleiben mit jenem Bande, womit treueste Liebe uns in dem Leben zusammengekettet hat, das du nunmehr zu verlassen auf dem Punkte stehst, um mich voll unglaublichen Schmerzes zurückzulassen. Ich wünschte sehr, daß es Gott gefiele, daß zur gleichen Stunde mit dem deinigen auch mein Leben sein Endziel erreichte. Aber nun hat er anders beschlossen, vielleicht, damit dieses unser Söhnlein nicht ohne Führer bleibe; und so werde ich ihm denn die Fülle der Liebe ganz zuwenden, die die Mutterliebe mich ihm zu widmen antreibt. Freilich hätte er zu seiner Erziehung und Anleitung zur Tugend dich mehr als mich nötig gehabt; aber ich will nun allen mir innewohnenden Geist und Eifer anwenden, damit du nicht in der guten Meinung getäuscht werdest, die du von mir hegst, und damit dieses unser Söhnlein, in dem ich dein Bild abgedrückt sehe, deinem Verlangen nachkomme und ein brauchbarer Mann werde. Ach, könnte ich nur, mein Gemahl, durch irgendein Mittel, ja durch Vergießen meines eigenen Blutes dein Hinscheiden von uns verhindern! Aber gewiß werde ich dich immer lieben in diesem unserm gemeinschaftlichen Kinde, das du in meine Hand befohlen hast und befohlen hast in meine Treue, die ich auch im Tode dir ebenso fest bewahren werde, wie ich sie dir im Leben bewahrt habe.« Darauf schwieg sie unter Tränen; ihr Mann freute sich der innigen Liebe seiner Gattin und lobte sie sehr. Kurz darauf gab er wirklich seinen Geist auf zum unsäglich großen Schmerze Placidas. Als ihr Mann tot war und sie ihn hatte ehrenvoll bestatten lassen, verfehlte Placida nicht, alles das auszuführen, was ihr nötig schien, um ihren Sohn gut zu erziehen; dieser war auch von Natur sehr leicht zur Tugend zu lenken und Seiner Mutter so sehr in Liebe zugetan, daß er von ihren Befehlen niemals abwich und in kurzem seinem Alter voraus war an Gelehrsamkeit, feinem Betragen und guten Sitten, worüber man in der ganzen Stadt sich verwunderte und seine Mutter wegen ihrer Sorgfalt rühmte. Als der Knabe zwölf Jahre alt war, wurde er von einem Fieber befallen, das sich bald so, bald so äußerte und die Ärzte auf die Besorgnis brachte, es möchte in eine Schwindsucht ausarten und am Ende den Knaben das Leben kosten. Placida war darüber so betrübt, daß sie sich nicht weniger vom Kummer verzehrte, als sie fühlte, daß das Fieber ihren Sohn verzehre, und sie unterließ nichts, was zur Wiederherstellung des Jünglings dienen konnte. Auch die Ärzte sparten keinen Fleiß, um zu verhindern, daß das Fieber in Mark und Bein eindringe und dann wie ein verdecktes schleichendes Feuer mit unbilliger Hitze jene feuchte Naturgrundlage des Lebens aufzehre. Sie bemühten sich daher, den Körper frisch und feucht zu erhalten, um auf diese Weise der Hitze Einhalt zu tun und endlich das Feuer ganz zu verlöschen, das die Lebenskräfte des armen jungen Menschen verzehrte. Sie verordneten ihm daher abgezogene Wasser, die diesem Plane ihrer Heilart entsprachen. Die Mutter hatte die Obliegenheit, ihm jeden Morgen bei Sonnenaufgang eine gewisse Latwerge mit Endivienwasser vermischt zu reichen, und wiewohl es der Frau nicht an Dienern und Aufwärtern fehlte – denn sie war sehr vornehm –, so wollte sie doch nicht, daß ein anderer als sie sich erlaube, dem Sohne das, was die Ärzte verordnet hatten, zu reichen; daher stand sie denn immer mit Tagesanbruch auf, bereitete den Trank und reichte ihn mit eigener Hand dem Kranken. Nun seht aber, wie schlecht das schnöde Schicksal uns behandelt, wenn es uns übel will und uns Widerwärtigkeit bereitet! Placida stand noch in jugendlichem Alter, denn sie zählte noch nicht viel über dreißig Jahre, und wiewohl sie durchaus sittsam lebte und fest entschlossen war, keinen Mann mehr zu nehmen, so hielt sie doch darauf, die Schönheit zu bewahren, welche die Natur mit freigebiger Hand ihr dargereicht hatte. Sie gebrauchte daher Sublimatwasser, um das Gesicht glänzend und rein zu erhalten und sich, so gut sie konnte, zu wahren gegen die Runzeln, die die Jahre bringen, und die einem männlichen Gesichte Ernst und Würde verleihen, dem weiblichen aber die Lieblichkeit rauben. Diese edle Frau hatte nun in einem Fläschchen solches Wasser, das sie zu diesem Zwecke verwendete, und eine ihrer Frauen hatte es aufzuheben. Als nun eines Morgens Placida mit ihrem Putze fertig war, gab sie das Fläschchen dem Mädchen, das sie bediente, mit dem Auftrage, es an seinen Platz zurückzustellen. Als sie das Zimmer verließ, kam einer der Diener ihr entgegen, der ihr das Fläschchen mit dem Endivienwasser gab, das man zur Heilung des Kranken anwendete; das Mädchen hielt nun beide Fläschchen in der Hand, legte sodann das eine in die Büchse, wohin das Sublimatwasser gehörte, und gab das andere ihrer Gebieterin, die es dahin stellte, wo dasjenige stand, aus dem sie das Wasser für ihren Sohn nahm. Als nun der Morgen kam, stand Placida auf und reichte nach ihrer Gewohnheit ihrem Sohne den Trank. Kaum hatte der Unglückliche ihn eine Weile im Magen, so empfand er die unsäglichsten Schmerzen: es war ihm, als würden ihm die Eingeweide zerfressen, und er fühlte seinen Tod nahe. Darum schickte die Mutter plötzlich zu den Ärzten und erzählte ihnen die seltsame Wirkung, die heute der Trank hervorgebracht, der doch bisher ihrem Sohne so wohltätig gewesen sei. Die Ärzte wunderten sich und konnten sich nicht einbilden, wie das komme. Sie traten zu dem Kranken, beobachteten die Zufälle, die ihn quälten, und erkannten, daß Zeichen von Vergiftung vorlagen. »Madonna«, sagten sie daher zu der Mutter, »Euer Sohn hat nicht den Trank bekommen, den er sonst zu nehmen pflegte, sondern statt dessen hat er ein ätzendes Gift verschluckt, das ihn verzehrt.« »Wie, Gift?« rief Placida. »Ich Unglückliche! Ihr täuscht euch, ihr Herren, denn niemand als ich hat ihm den Trank gereicht, und ich habe ihm den gleichen gegeben wie sonst immer.« »Vielleicht«, sagten die Ärzte, »haben die, die ihn geholt haben, Euch getäuscht und das Wasser vergiftet.« Sogleich wurde der Diener gerufen, welcher sagte, er habe das, was der Apotheker in die Flasche getan, ins Haus gebracht ohne Trug und Täuschung; ehe er eine solche Schurkerei beginge, würde er sich lieber das Leben genommen haben, denn er liebe den Sohn des Hauses wie sein eigenes Leben. Der Diener war ein rechtschaffener Mensch und galt dafür bei jedermann, weshalb man auch gern seinen Worten glaubte. Sie ließen den Apotheker rufen, welcher sagte, er habe das Wasser verabreicht, ohne irgend etwas daran zu fälschen. Die Ärzte wollten sich jedoch so gut als möglich aufklären, wie es mit der Sache sich verhalte, und ließen sich das Fläschchen mit dem Wasser bringen, betupften sich den Finger damit und brachten ihn an die Zunge, wo sie dann die tödliche Schärfe empfanden, die das Wasser in sich schloß; sie sprachen daher zu der Mutter: »Madonna, man hat Euch getäuscht: dies ist kein Endivienwasser, sondern wirklich Gift.« Nun betrachtete es die Frau genauer und erkannte, daß es ein Fläschchen Sublimatwasser sei, das sie zur Erhaltung ihrer Schönheit anzuwenden pflegte. Da fing sie an zu schreien und zu jammern und sah, daß die Dienerin sich in der Ähnlichkeit der Gefäße (denn sie sahen sich beide sehr ähnlich) getäuscht hatte, da der Diener ihr die Flasche mit dem Endivienwasser gab, während sie noch die andere in der Hand hatte; hier vertauschte sie die beiden, stellte die Arznei in die Büchse und gab Placida das Gift. Sobald die Ärzte dies begriffen, ermangelten sie nicht, jedes mögliche Heilmittel für ihren unglücklichen Sohn in Anwendung zu bringen; aber die tödliche Gewalt des Giftes hatte schon so sehr um sich gegriffen, daß alle Mittel umsonst waren, und der Jüngling starb. Im Bewußtsein, Gift statt Arznei dem Sohne gereicht zu haben, der ihr Gut, ihr Leben, ihr Herz war, fühlte sich die arme Mutter von solchem Schmerz erfüllt, daß sie den toten Sohn umarmte und über ihn hinsank in solcher Ohnmacht, daß man meinte, das Leben sei ganz von ihr gewichen. Da jedoch die anwesenden Ärzte ihre Mittel anwandten, riefen sie ihre Lebenstätigkeit zurück, worüber die Frau ganz unzufrieden war und sich beklagte, daß sie sie nicht haben sterben und ihre Seele hinziehen lassen, um der ihres Sohnes nachzueilen. »Aber«, sagte sie, »was der Schmerz nicht vermocht hat, soll meine Hand vollenden.« Sie hatte ein Messer in einer Scheide am Gürtel hängen, riß es heraus und wollte sich umbringen; aber die Anwesenden hielten sie zurück. Das Leben war ihr jedoch verhaßt, und darum nannte sie sie grausam, daß sie sie bei solchem Schmerze noch zum Leben zwingen. Sie verwünschte das Schicksal, sie beklagte sich über die Fügung, bezichtigte die Sterne und den Himmel der Grausamkeit und verlangte durchaus, daß ihr jene Dienerin herbeigeholt werde: denn sie wolle sie eigenhändig erwürgen, da sie durch ihre Fahrlässigkeit ihren teuern Sohn in den Tod gestürzt und ihr einen so herben Schmerz bereitet habe. Die Umstehenden suchten sie zu überzeugen, es sei nur ein Versehen, nicht böse Absicht gewesen, und das Mädchen verdiene deshalb nicht den Tod. Da sie aber ihren Zorn nicht beschwichtigen konnte, begehrte sie, man solle sie den Händen der Gerechtigkeit übergeben, damit sie zum Tode verurteilt würde. Nach einem gründlichen Verhöre fanden indes die Richter, daß sie eher unvorsichtig gewesen als schuldig sei, und sprachen sie von jeder Strafe frei. Dies war für Placida ein harter Schlag; denn sie war nicht zufrieden mit dem, was das Recht verlangte, sondern ließ sich einzig vom Zorn leiten und von der Wut. Man nahm ihr daher das Mädchen aus dem Hause, und sie ging voll Trauer hinweg; denn sie war sich bewußt, durch ihre Unvorsichtigkeit einen so bedeutenden Unfall veranlaßt zu haben. Als nun Placida sah, daß die frei ausgegangen war, die sie gerne zu einem grausamen Ende gebracht gesehen hätte, war ihr auch der kleine Trost entwunden, den sie aus dem Untergang derjenigen zu ziehen hoffte, die sie als die Ursache des Todes ihres Sohnes ansah. Sie kehrte daher den ganzen Zorn wider sich selbst; sie zog in Betracht, daß alles das geschehen sei zur Aufrechterhaltung ihrer Schönheit, und zerkratzte und verderbte sich dermaßen ihr Gesicht, daß ihre bisher schönen Züge viel häßlicher wurden als die des garstigsten alten Weibes, das man je gesehen. Sie sprach auch von nichts, als daß sie sich den Tod geben wolle. »Nimmermehr«, rief sie, »werde ich, die Mörderin meines Sohnes, am Leben bleiben. Diesen Sohn hat sein Vater Perpetuo genannt, in der Meinung, er werde in langer Nachkommenschaft sein eigenes Leben fortpflanzen.« Und fortwährend weinte und seufzte sie. »Du, Perpetuo«, sagte sie, »bleibst tot, und die dich umgebracht hat, soll leben bleiben? Leben bleiben soll die, die dich von der Hand deines Vaters empfangen, um dich zur Tugend zu erziehen und zu den Jahren der Reife zu bringen! Und jetzt hat sie dich getötet? Nein, nein, das darf nicht sein.« Damit bat sie die, welche sie bewachten, daß sie sich kein Leid antue, sie mögen ihr den Tod geben. Als sie aber kein Mittel wußte, sich das Leben zu nehmen, verfiel sie endlich darauf, nicht mehr zu essen und zu trinken. Ihre Wärter mußten ihr mit Gewalt den Mund öffnen und Flüssigkeiten hinuntergießen, um sie am Leben zu erhalten. Doch war die Gewalt ihres Schmerzes so groß, daß sie wahnsinnig wurde; während ihres Wahnsinns, der ihr jede vernünftige Überlegung raubte, führte sie fortwährend den Namen ihres Sohnes im Munde, und in diesem Zustande starb sie nach einigen Jahren. Man darf diesen Wahnsinn als ein Glück für sie betrachten, da er ihr das Bewußtsein des Unglücksfalls entzog, der ein Herz von Stein und Eisen, geschweige das Herz einer so liebenden Mutter, wie Placida ihrem Sohne war, hätte mit Jammer erfüllen müssen. Giovanni Battista Giraldi Täuschung und Treue In Mantua, der edeln Stadt der Lombardei, die durch ihre Lage und Annehmlichkeit sowie durch die feine Bildung ihrer Beherrscher und ihrer Einwohner berühmt ist, der Stadt, welcher weit größere Ehre der göttliche Genius Virgils verschafft als Ocnus, der Sohn des Mantus, von dem sie den Namen erhielt, – in Mantua lebte vor kurzem eine sehr artige und höfliche Jungfrau namens Nonna, die auf das glühendste in einen Edelmann namens Pantheone verliebt war. Aber obwohl die Jungfrau sehr schön, in der Blüte ihres Alters und unter den Sittsamen die sittsamste war, so galt sie doch für arm und er für reich, und obwohl er ihre Liebe zu ihm kannte, schlug er doch, weil er wußte, daß der Zweck ihrer Liebe nicht auf Wollust, sondern einzig darauf ging, ihn zum Manne zu bekommen, es nicht hoch an, von ihr geliebt zu werden, sondern verachtete sie so sehr, daß er niemand hören wollte, der ihm von ihr sprach, was der Jungfrau unerträglichen Kummer bereitete. Bei alledem aber ließ sie die Hoffnung nicht sinken, sondern dachte, da sie ihn zu einem guten Zwecke liebe, müsse ihr Gott den Weg zeigen, um das ersehnte Ziel ihrer Liebe zu erreichen. Pantheone war aber in ein anderes Mädchen verliebt namens Lipera, die geradeso ihn verschmähte, wie er Nonna verschmähte. Sie wollte zwar nicht den Anschein haben, als sei er ihr zuwider, und wenn er sie grüßte, so grüßte sie ihn wieder; aber sie wollte nie eine Botschaft von ihm annehmen noch auch ihm die Gunst bezeugen, daß er selbst nur ein Wörtchen mit ihr sprechen konnte. Wiewohl er bei ihrem Vater um sie angehalten, hatte er doch keine Antwort bekommen, die ihm gefallen hätte. Denn da der Vater wußte, daß das Mädchen sich nicht dazu verstehe, ihn zu erhören, und wußte, daß die Frauen, die sich verheiraten sollen, einen Mann bekommen müssen, der mehr ihnen zusagt als ihrem Vater und ihrer Mutter oder sonst jemand, der für sie zu sorgen hat, da ja sie auch ihre Lebtage mit dem Manne leben müssen, suchte er die Ausflucht, er wolle seine Tochter noch gar nicht verheiraten; wenn er sie aber irgendeinem Manne in der Stadt zu geben hätte, würde er sich nicht weigern, sie ihm zu geben. Mit diesen und ähnlichen Antworten fertigte er die ab, die mit ihm davon sprachen. Dies konnte jedoch in Pantheone die Liebe zu ihr nicht mindern. Andererseits wandte auch Nonna, obwohl sie sich von ihm verschmäht sah, ihre Liebe auf keinen andern als auf ihn. Während die Sachen so standen, kam Nonna die Liebe zu Ohren, die Pantheone für Lipera hegte, und daß diese ihn gar nicht liebe; darum kam ihr oft und viel der Wunsch, sich in jene verwandeln zu können. Da sie aber einsah, daß dies unmöglich war, fing sie an, bei sich zu überlegen, ob sie ein Mittel finden könne, Pantheone so zu täuschen, daß sie sich selbst die Liebe zuwenden könnte, die er für jene andere fühlte. Es fiel ihr aber nichts ein, womit sie ihren Zweck zu erreichen hoffen durfte. Sie dachte, wenn sie nur mit ihm sprechen könnte, würde sie ihm so eindringlich beweisen, wie sehr sie ihn hebe, daß er sich schämen müßte, sie nicht hochzuschätzen und sie mit Gegenliebe zu belohnen. Wie sehr sie aber auch ihren Kopf damit anstrengen mochte, es wollte ihr nie gelingen, so wenig Pantheone die Gunst zuteil wurde, mit der andern sprechen zu können. Das Glück aber, das Nonnas Liebe so begünstigen wollte, daß sie ein ersehntes Ziel erreichen durfte, ließ aller menschlichen Berechnung entgegen einen Fall eintreten, der Nonna zur höchsten Befriedigung gereichen sollte. Pantheone hatte nämlich einen Brief an Lipera geschrieben, in dem er sie bat, seine treue Liebe anerkennen zu wollen und ihm geneigtes Gehör zu gönnen; diesen übergab er einer Frau, die viel in das Haus des Mädchens kam, an das er gerichtet war, und sagte zu ihr: »Da, nimm diesen Brief und bring' ihn der Dame, die, wie du weißt, von mir über alles in der Welt geliebt ist. (Er hatte sich ihrer nämlich schon öfters in diesem Liebeshandel als Mittelsperson bedient.) Begleite das Schreiben mit den Worten, die dir geeignet scheinen, um sie zu bestimmen, daß sie mir Antwort gebe! Denn wenn ich das durch deine Vermittelung erreiche, so werde ich dir so reichlich lohnen, daß es dich nicht reuen soll, mir gedient zu haben.« Mesa (so hieß sie) nahm den Brief, versprach ihm, seinen Auftrag zu bestellen, und ging weg. Da sie aber aus früheren Erfahrungen wohl wußte, wie sehr Lipera ihn hasse, und daß es in den Wind geredet wäre, wollte man sie zu dem zu bestimmen suchen, was Pantheone verlangte, so beschloß sie, Pantheone zu sagen, sie habe zwar den Brief überbracht, allein die Jungfrau habe trotz aller Worte und Bitten ihn gar nicht annehmen wollen. Dieselbe Frau war nun sehr genau bekannt mit Nonna: denn da diese ihre Freundschaft mit Pantheone kannte, hatte sie sie auch mehrfach als Vermittlerin gebraucht, um ihn zur Gegenliebe zu stimmen. Sie ging nun zu ihr und erzählte ihr, was sie mit dem ihr zur Bestellung übergebenen Briefe anfangen wolle. »Ich Unglückliche«, sagte Nonna weinend, »was traf doch mich für ein herbes Los, daß ich, obwohl ich diesem Mann mit solcher Treue und Liebe zugetan bin, nie die Gunst erreichen kann, ihm ein Wörtchen zu sagen! Und er müht sich vergebens, von einer geliebt zu werden, die ihn doch haßt, und die darum ebenso von ihm gehaßt zu werden verdient, wie sie von mir gehaßt wird, denn in ihr ist das Ende der Liebe meines Geliebten.« Bei diesen Worten wandte sie sich zu Mesa und bat sie, ihr den Brief zu zeigen und sie ihn lesen zu lassen. Die gute Frau gewährte es ihr und gab ihr ihn. »Ach«, sprach sie, als sie ihn gelesen hatte, »warum hat der Himmel nicht gewollt, daß er diesen Brief mir schickte? Ich würde mich damit für das glücklichste Weib auf Erden halten.« Als Mesa dies hörte, sagte sie zu ihr: »Da ich ihn Euch gebracht habe, so seht es an, als habe er ihn Euch geschickt; Ihr könnt Euch so selbst täuschen und seid dann auch glücklich.« »Das wäre nichts anders«, entgegnete Nonna, »als wachend zu träumen und von der Luft zu leben ohne Hoffnung, dem Ziel meiner Wünsche näherzurücken.« Indem Nonna so sprach und weinte, rührte Mitleid mit dem Mädchen das Herz Mesas. Sie wandte all ihr Dichten und Trachten darauf und strengte all ihren Verstand an, um sie zu befriedigen; und wiewohl ihr für jetzt nichts Passendes einfiel, so dachte sie doch, es werde sich mit der Zeit ein Mittel finden. Daher suchte sie das Mädchen zu trösten und sagte zu ihr: »Und was meintet Ihr, wenn dieser Brief Euch nicht allein mit Hoffnung erfüllte, sondern mir auch noch die Mittel an die Hand gäbe, Eure Wünsche wirklich zu befriedigen?« »Und wie sollte das geschehen?« fragte Nonna. »Ich will Euch sagen, was mir eingefallen ist: Ich meine, nachdem sich einmal diese Gelegenheit Euch geboten hat, solltet Ihr Euer Glück benützen und denken, dies sei einzig nach der Fügung der unsterblichen Götter geschehen, welche Eure ehrbaren Bestrebungen, Pantheone zum Mann zu bekommen, begünstigen wollen. Damit nun dies erfolge, sollt Ihr statt des von ihm geliebten Fräuleins in der Art, wie es Euch am besten scheint, ihm antworten; ich bringe ihm den Brief, und er ist, in der Meinung, er komme von seiner Geliebten, befriedigt. Er wird antworten, ich bringe Euch die Antwort, und es könnte geschehen, wenn er immer schreibt und Ihr antwortet, würde sich leicht ein Zwischenfall einstellen, der Euch auf immer glücklich machen könnte.« »Weh mir«, sagte Nonna, »wie schlimm ist es doch, Mesa, dergleichen Dinge zu ersinnen, und wie wenig Wert haben sie, wenn man sie sich nur vorstellt! Aber wenn ich auch auf die Täuschung, die du mir vorschlägst, eingehe, – was wird die Folge davon sein, als daß ich klar erkenne, daß er jene andere liebt und mich gering schätzt, daß ich Schatten umarmen darf, während sie Pantheone ans Herz drückt? Und wenn ich das je sehen müßte, so würde es mir den herbsten Schmerz bereiten.« »Was meint Ihr aber«, versetzte Mesa, »wenn Euch Gott dadurch zeigen wollte, daß er der Urheber der Gnaden und derjenige ist, der alle Wunder in der Welt tut, und der auf uns unbekannten Wegen Haß in Liebe zu verwandeln weiß? Ich bitte Euch, tut, was ich sage: denn ich erwarte davon nur Gutes. Mein Herz hat mir nie zu etwas geraten, das nicht am Ende irgendwie gut ausgegangen wäre. Schreibt ihm nur, zeigt ihm unter der Maske der andern Eure Liebe und sagt ihm, die strenge Aufsicht, unter der Euch der Vater halte, lasse Euch nicht die Mittel finden, mit Bequemlichkeit mit Euch zu sprechen; sobald sich aber die Gelegenheit biete, werdet Ihr sie ihm kundtun, da Ihr nicht minder sehnlich wünschet, mit ihm zu sprechen, als er mit Euch; unterdessen bittet Ihr ihn, seine Liebe zu Euch mit der Treue fortzusetzen, womit Ihr an ihm hängt. Habt Ihr ihm das geschrieben, so überlassen wir es dem Schicksal, den guten Anfang weiterzuleiten und einem guten Ziele zuzuführen!« Nonna war zwar der Meinung, der Vorschlag der guten Alten könne zu nichts führen; dennoch schrieb sie den Brief in der Weise, wie Mesa ersonnen hatte, und diese überbrachte ihn Pantheone, der in der Meinung, er komme von seiner Geliebten, der Botin tausend Dank sagte und ihr noch überdies ein reichliches Geschenk machte. Voll Wonne antwortete er auf den Brief, Nonna schrieb auf die Antwort wieder und gab ihm auf Mesas Rat Hoffnung, nicht nur, daß er mit ihr werde sprechen können, sondern auch, daß sie ihm ihre höchste Gunst gewähren wolle, sobald sich Gelegenheit zeige, wofern er sie zur Frau nehmen würde. Pantheone zitterte vor Freuden über diese Nachricht; es wurden hin und her noch mehrere Briefe gewechselt, und so kamen die Festlichkeiten des Karnevals heran. Männer und Frauen fingen an, sich zu verkleiden und maskiert Feste zu besuchen. Als Pantheone dies sah, der von Nonna unter dem Namen Liperas Briefe voll der unbeschränktesten Anerbietungen und Versprechungen erhalten hatte, sagte er zu Mesa, die den Betrug zu Nonnas Gunsten leitete: »Wenn meine Geliebte die Versprechungen, die sie mir gegeben hat, zur Ausführung bringen wollte, so ist jetzt die Zeit da, wo sie mich selig machen könnte.« »Und was wollt Ihr«, fragte die Alte, »daß sie tue?« »Was ich wollte, daß sie tue?« versetzte er. »Sie soll sich maskieren und so irgendwohin kommen, wo ich die Frucht meiner Liebe genießen könnte, die sie sich so verlangend zeigt mir zu übergeben.« »Ich weiß nicht«, setzte Mesa hinzu, »ob ihr Vater es zugeben wird, daß sie sich eine Maske macht; denn ich weiß, er ist eifersüchtig sogar auf die Ratten, die ihm durchs Haus laufen. Aber gesetzt auch, daß sie dies von ihrem Vater erhielte, was ich kaum glauben kann, – glaubt Ihr, daß sie sich so Euren Händen anvertrauen werde, ohne ihrer Ehre sicher zu sein? Das würde sie nicht tun, so sehr sie Euch liebt, und ich würde ihr auch dazu nie zureden; denn ich weiß, daß ihr jungen Leute, sobald ihr euer Gelüste gesättigt habt, euch nicht mehr um die Frauen kümmert, die euch zu Willen gewesen sind, als wenn ihr sie gar nie gesehen hättet. Mit der Begattung erlischt Eure Liebe und die Sehnsucht nach ihnen: ich bin nicht erst von gestern her, Pantheone, um nicht die Natur der jungen Leute allmählich zu kennen.« »Das werde ich nicht tun«, unterbrach er sie, »vielmehr verspreche ich bei meinem Worte, wie ich wünsche, sie fortwährend zur Frau zu haben, werde ich mich nicht vor dem Eheverlöbnis mit ihr vereinigen, und ich wünsche, daß Ihr dies immer, überall und vor jedermann bezeugen mögt.« »Da Ihr so gesinnt seid«, sprach sie, »könnte es nur gut sein, wenn Ihr an sie schriebet und sie bätet, Euch ihr Versprechen zu erfüllen, indem Ihr ihr zeigt, daß sie es jetzt bei Gelegenheit des Faschings leicht ausführen könnte; dabei gebt Ihr ihr denn Sicherheit in betreff ihrer Ehre, wie Ihr mir soeben auseinandergesetzt habt; dann will ich zu ihrer und Eurer Befriedigung die Sache versuchen, und vielleicht werde ich mich nicht umsonst bemühen und euch beide glücklich machen, da ich sehe, daß die Liebe dieses Mädchens zu Euch und Eure Liebe zu ihr so groß ist.« Pantheone war nicht faul, die Feder zu ergreifen und einen Brief zu schreiben voll Liebesglut; den gab er der Frau, daß sie ihn seiner Geliebten überliefere. Sobald sie den Brief in Händen hatte, ging sie alsbald zu Nonna, händigte ihr ihn ein, und sie las ihn. »Was sehe ich«, sprach sie, als sie damit fertig war, »aus diesem Briefe anderes, als daß Pantheone eine andere liebt und sich um mich nichts bekümmert, daß er wünscht, sich mit jener zu vereinigen und mich beiseite zu lassen? Welchen Trost kann mir das Feuer bereiten, das hierinnen verschlossen ist, und die Treue, die er verspricht, wenn er von einem andern Feuer glüht und die Treue einer andern als mir zugesagt ist? Ich weiß hieraus nichts zu entnehmen als Kummer und die sichere Verzweiflung an dem, was ich mit solcher Hingebung so lange gewünscht habe.« Hier fing sie an jämmerlich zu weinen. Mesa, die bereits ihre Pläne mit ihr entworfen hatte, sprach zu ihr: »Nonna, wenn Ihr Euch meinem Rate fügen wollt, so sagt mir mein Herz, daß ich Euch so heiter machen werde, als Ihr jetzt traurig und kummervoll seid.« »Und wie willst du das je bewerkstelligen«, fragte jene, »wenn alle meine Freude davon abhängt, Pantheone zum Mann zu bekommen, und er der Gatte einer andern werden will?« »Gerade«, sagte sie, »will ich, daß er Euer Gatte werde.« »Und wie soll das geschehen?« fragte Nonna. »Folgendermaßen«, antwortete jene. »Pantheone hat bis jetzt geglaubt und glaubt noch immer, das Mädchen, das er liebt, habe allezeit auf seine Briefe geantwortet; ich habe diesen Glauben zu Euern Gunsten stets in ihm genährt in Erwartung, daß die Zeit Euer und mein Verlangen auf eine ehrenhafte Weise erfüllen werde; denn mein Verlangen geht nach Eurer Zufriedenheit, gerade als wäret Ihr meine Tochter. Und mir scheint nun, es sei das eingetroffen, was ich zu Eurem Besten seit dem Beginn dieser Unternehmung im Auge hatte. Ihr seht, wie sehr Pantheone wünscht, mit diesem Mädchen zusammenzusein. Nun sollt Ihr statt ihrer zu mir kommen, und ich will machen, daß Pantheone sich mit Euch verbindet, in der Meinung, bei seiner Freundin zu liegen.« Als Nonna dies hörte, stieg ihr das Bedenken auf, die Alte könnte mit dieser List sie Pantheone preisgeben und dann, nachdem er befriedigt wäre, sich nicht weiter darum kümmern, ob sie mit Schande bedeckt bleibe; darum sagte sie: »Ich weiß recht wohl, Mesa, wenn ich nicht für meine Ehre hätte sorgen und mich Pantheone hingeben wollen, so hätte ich weder deine noch sonst jemandes Vermittelung nötig gehabt, um mit ihm zusammenzukommen; aber wie das früher nicht meine Absicht war, so begehre ich es auch jetzt keineswegs; deshalb kann ich mich auf deinen Vorschlag nicht einlassen, und du solltest glühen vor Scham, mir ihn anzubringen: denn ich sehe nicht, was mir anderes daraus entspringen könnte als Schande ohne irgendwelchen Vorteil, und unter dieser Bedingung möchte ich nicht mit Jupiter selbst mich vereinigen, geschweige mit Pantheone; lieber will ich, daß die Flammen, von denen ich glühe, mich elendiglich verzehren, als daß ich das tue.« »Ihr habt Euch«, antwortete jene, »gleich das Schlimmste eingebildet, was hier möglicherweise geschehen könnte. Glaubt Ihr wohl, Nonna, daß ich so gottlos wäre, Euch schandbar mit ihm zu verkuppeln? Da kennt Ihr mich schlecht, Nonna, wenn Ihr eine solche Meinung von mir habt. Ein ehrenhafter Zweck treibt mich zu diesem Unternehmen, nicht Eure Schande; und darum, wenn es Euch recht ist, die Sache einzugehen, die ich Euch vorgeschlagen habe, so soll er nicht bei Euch liegen, ohne daß er Euch zur Frau nimmt, ehe er Euch anrührt.« »Eine größere Gnade«, entgegnete Nonna, »könnte mir freilich der Himmel nicht bescheren, und wenn dies geschehen soll, so werde ich dir unendlich verbunden sein, und du wirst mich niemals satt sehen, dir eine so große Wohltat zu vergelten.« »Es wird geschehen«, sagte die Frau, »und ich werde mich hinlänglich belohnt erachten, wenn ich Euch vollständig befriedigt sehe.« »Wie soll das aber geschehen?« fragte Nonna. »Sobald es Zeit ist, will ich Euch beweisen, daß ich Euch liebe, und daß vom ersten Briefe an, den ich Euch brachte, bis zum letzten ich an nichts anderes gedacht habe, als daß Ihr das ersehnte Ziel Eurer Liebe erreichen möget. Darum müßt Ihr ihm auf diesen Brief erwidern, er solle nur allem glauben, was ich ihm als Antwort vermelde; denn Ihr und ich haben miteinander beschlossen, was zur Ausführung dieser Angelegenheit erforderlich sei.« Nonna tat, wie die Frau verlangte. Diese nahm den Brief, begab sich zu Pantheone, der sie mit der größten Sehnsucht von der Welt erwartete, und überreichte ihm den Brief. Als er darin nur ein Beglaubigungsschreiben für sie sah, fragte er sie, was geschehen und was in der Sache angeordnet sei. Die Frau sagte: »Pantheone, ich habe ein solches Feuer im Herzen Eurer Geliebten erweckt, daß, wenn nicht die Rücksicht auf ihren Vater sie abgehalten hätte, sie mit mir zu Euch gekommen wäre; aber die große Furcht vor ihm, dessen Wesen hart und furchtbar ist, und der sie in beständiger Angst erhält, ließ es ihr nicht zu. Ich wollte indes nicht unterlassen, alles zu versuchen, was mir geeignet schien, Euch zufriedenzustellen; daher sagte ich zu ihr: ›Und warum maskiert Ihr Euch nicht und kommt in mein Haus? Ich werde Pantheone hinbestellen, und ohne daß Euer Vater etwas davon erfährt, könnt ihr euch eurer Liebe freuen.‹ Sie antwortete mir aber sogleich: ›Wie soll ich mich denn maskieren? Mein Vater würde nimmermehr zugeben, daß ich auch nur zu Hause eine Maske aufsetzte, geschweige daß ich damit ausginge. Ihr wißt ja, daß, seit meine Mutter gestorben ist, er kein Auge mehr von mir läßt und, wenn er ausgeht, mich so in seine Zimmer verschließt, daß ich keinen Fuß hinaussetzen kann.‹ – Als ich dies hörte, sagte ich zu ihr: ›Und wenn ich Euern Vater dazu brächte, daß er es erlaubt, würdet Ihr Euch dann nicht maskieren, und würdet Ihr nicht mit mir kommen?‹ – Darauf antwortete sie: ›Von ganzem Herzen gerne.‹ – Als ich so die Einwilligung des Mädchens hatte, habe ich mich bei dem Vater dafür verwandt, daß er erlaube, daß sie sich maskiere und morgen ein paar Stunden mit mir komme. Ich muß sie also morgen abholen und werde sie in Eure Arme führen, aber nur unter der Bedingung, daß Ihr, ehe Ihr sie berührt, Euch mit ihr verlobt und sie auf der Stelle für Eure Frau erklärt.« Ich glaube nicht, holde Frauen, daß eines Menschen Sinn die Freude fassen kann, die Pantheone nunmehr fühlte. Er segnete tausendmal den Tag, da er in das Mädchen sich verliebt habe, tausend- und aber tausendmal die Liebe, die ihm Mesa zugeführt als Vermittlerin dieses Verkehrs. Er konnte nicht satt werden, die Alte zu liebkosen und den Dienst zu loben, den sie ihm erwiesen. Am folgenden Tage ging das gute Weib zu Nonna und meldete ihr, was sie mit Pantheone verhandelt hatte. »Niemals«, fügte sie hinzu, »hat Pantheone mit Lipera gesprochen, die Euch so sehr verhaßt ist; auch hat er niemals mit Euch gesprochen; Eure Person gleicht vollkommen der seiner Geliebten, und wenn Ihr das Gesicht bedeckt habt, so fehlt zur Täuschung nichts mehr als die Augen. Dafür aber hat die Natur gesorgt: denn die Eurigen sind ebenso schwarz und lebendig, als Lipera sie hat, und können die Meinung, daß sie es sei, eher bekräftigen als schwächen. Wollte er Euch aber etwa, während er bei Euch ist, die Maske abnehmen, wie es geschehen könnte, so müßt Ihr Euch dem widersetzen, indem Ihr Euch, wie Euch am besten scheint, ausredet, so aber, als wäre Liperas Vater der Eurige.« Nonna war mit alledem einverstanden. »Aber«, sagte sie, »gesetzt, daß alles, wie du es ausgesonnen hast, ein glückliches Ende nehme, – zuletzt muß ja doch der Betrug an den Tag kommen, und wenn das geschieht, was soll alsdann aus mir werden?« »Werde«, sprach Mesa, »was da will! Er hat Euch einmal zur Frau genommen und muß Euch behalten auch gegen seinen Willen; ich werde beständig zu Euren Gunsten Zeugnis ablegen. Es geschieht dann nur, was dem alten Patriarchen widerfuhr, der um Rahel gedient hatte, aber Lea zum Weibe bekam. Ich will aber hoffen, wie Gott dort geholfen hat, so wird er auch hier nach seinem Erbarmen alle Hindernisse hinwegräumen.« Als Nonna hörte, was Mesa zu ihr gesagt und was sie ersonnen hatte, bat sie Gott um seinen Beistand. Sie zog ein Nonnenkleid an, nahm eine Maske vor und vermummte sich das Gesicht mit Binden und Schleiern, wie wir es Nonnen machen sehen. Daher war die Maske nicht leicht vom Gesicht abzunehmen, wenn man nicht den ganzen verwickelten Kopfputz in Unordnung bringen wollte. Sie machte sich also mit der Frau auf den Weg nach ihrer Wohnung. Bald darauf kam auch Pantheone, und als er das Mädchen dort sah, glaubte er, es sei Lipera, und wollte ihr die Arme um den Hals schlingen. Sie aber drängte ihn sanft zurück und sprach: »Pantheone, die absonderliche Liebe, die ich für Euch fühle, hat mich hergeleitet, und ich erkenne wohl, daß ich hierin gegen meinen Vater ein großes Unrecht begehe, indem ich so ohne seine Zustimmung zu Euch komme. Aber meine Liebe zu Euch war mächtiger als die Ehrerbietung, die ich meinem Vater schuldig wäre. Doch da mich die Liebe hierzu gezwungen hat, ihm solches Unrecht zu tun, so möchte ich ihm nicht noch ein zweites, weit größeres, zufügen, nämlich, daß ich mich Euch hingäbe mit Verlust meiner Ehre, so meinen guten Namen verlöre und den Glanz meines Blutes verdunkelte. Ehe daher etwas Weiteres zwischen uns erfolgt, verlange ich, daß Ihr mich heiratet und mich zu Eurer Gattin nehmt; dann bin ich vollkommen bereit, Euch zu Willen zu sein.« Pantheone heftete seinen Blick auf die Augen des Mädchens, und er fand sie denen gleich, aus welchen ihm Fackeln und Pfeile der Liebe zugeflogen waren; er vernahm den holden Ton ihrer Stimme, der bei Nonna bewundernswürdig war, und durch die Lebhaftigkeit der Blicke und die Süßigkeit der Rede war er ganz in der Gewalt der Jungfrau gefangen, die er für seine Geliebte hielt. »Auch ich«, versetzte er daher, »bin in keiner andern Absicht hergekommen, als um Euch zum Weibe zu nehmen, und ich will Euch das sogleich beweisen.« Er hatte zwei der schönsten Ringe mitgebracht: durch diese verlobte er sich mit ihr und nahm sie zur Frau. Dann wollte er ihr die Maske abnehmen und sich zu ihr legen. Nonna aber sprach: »Tut das nicht, mein Gemahl, denn mein Vater hat mich mit eigener Hand so angezogen und mir gesagt, er habe mir beim Befestigen der Maske und beim Zurechtlegen der Binden und Schleier darüber ein Zeichen gemacht, das ich nicht kenne; wüßte ich, worin es besteht, so hätte ich nicht gewartet, bis Ihr mir die Maske abzieht, sondern ich hätte sie selbst abgenommen, um desto ungezwungener Eure Liebe genießen zu können. Wenn ich ihm aber meinen Kopfputz nicht wieder geradeso nach Hause bringe, wie er mir ihn angemacht hat, so werde ich unglücklich; sicherlich könnte ich, wenn ich die Maske abnähme, das Zeichen leicht verderben, und wenn das wäre, würde ich Gefahr laufen, daß er mich umbrächte; denn ich weiß, wie heftig er ist. Wollt Ihr daher jetzt bei mir sein, so wie ich bin, – wohlan, ich bin ganz die Eure; seid Ihr aber damit nicht zufrieden, so bitte ich Euch, bringt mich nicht durch Ablegen meiner Maske in Gefahr, ums Leben zu kommen! Wenn es Euch vielleicht nicht gefiele, auf diese Weise mit mir zusammenzusein, so laßt mich für jetzt! Es wird schon eine Zeit kommen, wo wir mit größerer Sicherheit unsere Vereinigung schließen können, als es jetzt geschähe, wenn ich mich maskiert mit Euch verbände.« Pantheone glühte so von Sehnsucht nach der Frau, daß er nicht nur in diesem Aufzuge, sondern selbst, wenn sie ganz mit Waffen bedeckt gewesen wäre, nicht unterlassen hätte, sich ihr zu nahen. Er umarmte sie daher und sagte tadelnd: »Wie, ich soll Euch lassen? Nimmermehr wird Pantheone das tun!« Er legte sie nun auf ein sehr bequemes im Zimmer stehendes Bett und verband sich mit ihr in leidenschaftlicher Hingebung zu unendlicher Wonne von beiden; denn Pantheone glaubte, bei Lipera zu sein, Nonna aber sah ihre Liebe an einem ehrenvollen Ziele angelangt. Nachdem sie sich lange Zeit miteinander vergnügt hatten, trat die gute Frau, die das Spiel geleitet hatte, vor und sagte zu dem jungen Manne: »Pantheone, bei dieser Sache muß man klüglich verfahren, damit nicht Eure Freude sich in das greulichste Ärgernis auflöse. Da Ihr also sicher seid, daß diese junge Frau niemand als Euch angehören kann und Ihr den Besitz Eurer Liebe angetreten habt, so bleibt uns nur noch übrig, ihren Vater zu der Einwilligung zu bestimmen, daß Ihr sicher sein Schwiegersohn seid und bleibt. Da jedoch hierzu Zeit erforderlich ist, müßt ihr euch begnügen, euch in dem Verhältnis zu begegnen wie früher, ehe ihr euch einander ergeben habt; denn wenn der Vater etwas merkte, so wären wir, die junge Frau und ich, übel angeführt. Ihr wißt, wie Euch Lipera schon zuvor gesagt hat, wie heftig er ist: darum bitte ich Euch, geht auf das ein, was ich Euch sage, damit wir allmählich und ohne Gefahr für einen von uns seine Einwilligung erlangen können, und ich werde Euch zur Mittelsperson dienen, um auch dies, wie ich das Bisherige geleitet habe, einem guten Ziele zuzuführen.« Dem jungen Manne fiel das schwer; doch da sich mit Mesas Worten die Bitten Nonnas vereinigten, sagte er: »Nachdem mir Gott die Gnade erzeigt hat, mit Euch zusammenzukommen, Lipera, will ich nicht, daß dieses unser Beisammensein eine andere Frucht trage als Freude. Damit wir also in gutem Einvernehmen mit Eurem Vater uns froh und ruhig genießen können, will ich, da ich gerade in Rom einen Rechtsstreit von nicht geringer Wichtigkeit habe, mich indessen dorthin verfügen; denn hier könnte ich es nicht aushalten, ohne zu Euch zu kommen oder ohne daß Ihr zu mir kämet. In der Zwischenzeit mag diese unsere gemeinschaftliche Freundin, die uns bereits so viel Glück bereitet hat, das übrige zu dem Ende führen, das wir erwarten. »Das will ich tun«, sprach Mesa, und die beiden Gatten überließen sich neuen Umarmungen, wobei Pantheone stets eifrigst Rücksicht nahm, den Kopfputz seiner jungen Frau zu schonen, aus dem bereits angeführten Grunde. Mesa aber drängte Nonna durch die Bemerkung, der Vater habe sie ihr auf zwei Stunden anvertraut, jetzt aber seien mehr als drei vorüber. »Ach«, sagte sie zu Pantheone, »lieber Herr, die Trennung von Euch fällt mir äußerst schwer; doch da mich die festgesetzte Zeit zu meinem Vater zurückruft, bitte ich Euch, zu gestatten, daß ich mich entferne.« »Dieser Abschied fällt mir nicht minder schwer«, fügte Pantheone hinzu, »als Euch; doch da es denn so sein muß, so geht hin, mein Leben! Morgen reise ich nach Rom. Zum Abschied lasse ich Euch mein Herz zum Pfande zurück. Und was gebt Ihr mir mit auf den Weg?« »Die Seele«, sagte Nonna, »und wo Ihr weilet, wird sie Euch beständige treue Gesellschaft leisten.« Nach diesen Worten küßte Pantheone die Maske rechts und links, die Liebenden trennten sich, und Nonna kehrte nach Hause zurück. Pantheone machte sich am folgenden Tag auf den Weg und ging nach Rom. Nonna blieb voll von unbeschreiblicher großer Wonne zurück. Nur das machte sie einigermaßen besorgt, daß sie nicht wußte, wie es werden würde, wenn Pantheone die Täuschung einsehe, was doch früher oder später geschehen müsse, ob sie nicht ganz in Ungunst bei ihm falle, teils weil er sich nun alle Hoffnung geraubt sehe, nachdem er sie zum Weibe genommen, sich je mit seiner Geliebten verbinden zu können, teils weil sie arm und dies bisher die Hauptursache gewesen sei, daß er sich nie hatte bestimmen lassen, sie zu lieben, denn Mesa hatte ihr oftmals gesagt: »Nonna, Eure Schönheit und Eure Anmut ist schuld, daß Pantheone sich nicht dazu versteht, Euch zu lieben; denn da Ihr so außerordentlich schön seid, fürchtet er, die Liebe für Euch könnte ihn drängen, Euch arm, wie Ihr seid, zur Frau zu nehmen.« Da es aber, wie ich glaube, vom Schicksal bestimmt war, daß diese Ehe zustande kommen sollte, so traf auch der Himmel Vorsorge gegen jede Unordnung, die sie irgendwie hätte stören können. Denn ein Bruder von Nonnas Vater, welcher sehr reich war und das Mädchen sehr lieb hatte, starb, und da er keine näheren Verwandten hatte als sie, hinterließ er ihr sein ganzes Vermögen, das über zehntausend Goldgulden betrug. Liperas Vater aber gab noch im Laufe des angeführten Karnevals seine Tochter einem ferrarischen Edelmann zur Frau, und dieser brachte sie nach Beendigung des Karnevals nach Ferrara. Als dies Pantheone hörte, nachdem er kaum einen Monat in Rom gewesen war, fühlte er sich tief betrübt; er ließ plötzlich alle Geschäfte im Stich und kam nach Mantua. Er suchte die Frau auf, die seine Heirat eingeleitet hatte, und beklagte sich bitter über das Vorgefallene. Sie fand aber gleich Ausflüchte und sagte, sie habe es an nichts fehlen lassen und alle möglichen Mittel bei Vater und Tochter angewandt, um die neue Vermählung zu verhindern; aber er habe durchaus sich nicht dazu verstehen wollen, zu erlauben, daß sie einem andern angehöre als dem, dem er sie schon seit geraumer Zeit zugesagt hatte; der jungen Frau habe sie gesagt, sie habe sich ihm zur Gattin gegeben und könne sich daher nicht mit einem andern vermählen; sie habe ihr aber geantwortet, nur mit großem Schmerze werde sie die Frau eines andern als Pantheones, und sie sei auf dem Punkte gestanden, ihrem Vater das dem Pantheone gegebene Wort anzuführen; sie habe sich aber mit ihrem Beichtiger darüber beraten, und dieser habe ihr gesagt, da keine kirchlichen Feierlichkeiten dabei stattgefunden haben, gelte die Ehe nicht, und aus diesem Grunde habe sie den Zorn ihres Vaters nicht ohne Nutzen gegen sie aufregen wollen, sich also damit einverstanden erklärt, dessen Gattin zu werden, dem ihr Vater sie übergeben habe. Pantheone war sehr betrübt über diese Mitteilungen und wollte kein Mittel unversucht lassen, diejenige zurückzubekommen, mit der er die Ehe vollzogen zu haben glaubte. Aber Mesa sagte zu ihm: »Ich will nicht unterlassen, Euch meine Meinung zu sagen; tut hernach, was Euch lieb ist und was Euch angemessen scheint! Ihr habt das Mädchen genossen, und nachdem Ihr ihre Blume gepflückt, ist sie in eines andern Hand übergegangen. Das muß Euch, wie mich dünkt, eher Freude machen, als daß Ihr nun sie dem wieder nehmen wollt, der sie seither genossen hat. Dies könnte Euch nur zur Schande gereichen; denn jedermann würde Euch, um es geradeheraus zu sagen, für einen Hörnerträger halten, und es könnte leicht kommen, daß der, der jetzt das junge Weib besitzt, sie Euch ohne Widerrede zurückgäbe, um mit einer andern in die Ehe zu treten. Darum, wenn ich Ihr wäre, ließe ich dem Wasser seinen Lauf und würde mich nach einer neuen Frau umsehen, da ja bei der ersten die Kirche ihren Segen noch nicht erteilt hat, sie somit auch nicht wirklich Eure Frau war. Tut Ihr das, so könnt Ihr immer über jenen lachen, der Eure erste zur Frau genommen, nachdem Ihr zuerst ihr beigewohnt, gerade wie er über Euch lachen würde, wenn Ihr sie ihm zu entreißen und als Eure Frau zu behalten suchtet. Es fehlt hierzulande nicht an Frauen, die für Euch passen. Da ist unter andern die Nonna, die Euch bekanntlich liebt, und die Euch eine würdige Gattin wäre. Jetzt hat sie auch durch den Tod ihres Oheims ein so großes Vermögen geerbt, daß sie eine ganz andere Mitgift Euch zubrächte, als Ihr von der andern bekommen hättet, und wenn Euch etwa mehr die Schönheit bestimmen soll, eine Frau zu nehmen, als der Reichtum, so ist Nonna nicht minder schön als irgendeine im Lande. Ich glaube daher, Ihr tut wohl, die andere jenem, der sie einmal hat, zu lassen und Nonna zu heiraten, mit der Ihr vielleicht viel zufriedener und bequemer leben werdet, als mit der andern der Fall gewesen wäre.« Die Worte der Alten blieben nicht ohne Wirkung bei Pantheone. Er zog namentlich in Betracht, daß Lipera, bei der er geschlafen zu haben glaubte, ihm doch nicht mehr ohne Schande für ihn angehören könne, und entschloß sich, Nonna zu nehmen, sobald er sich überzeugt hätte, daß wegen Mangels der kirchlichen Feier bei seiner Vermählung mit Lipera sie nicht wirklich seine Frau geworden sei. Als er nun fand, daß die besten Gewährsmänner der Ansicht waren, daß solche heimlich geschlossenen Eheverträge keine Gültigkeit haben, nahm er Nonna zum Weibe. Es dauerte aber nicht lange, so hielt er sich für den unglücklichsten und betrogensten Mann, der je sich mit einem Weibe eingelassen hätte. Nonna war nämlich von ihren ersten Berührungen, die sie unter fremdem Namen mit Pantheone gehabt hatte, schwanger geworden, was Pantheone zwei Monate nach seiner wirklichen Verheiratung bemerkte. Der Kummer über diese Wahrnehmung ließ ihn nicht Ruhe noch Rast finden, und oft sprach er bei sich: »Seht doch, wie ich Schafskopf mir selber Hörner angesetzt habe, indem ich diese zum Weibe nahm, die schon schwanger in mein Bett gekommen ist!« Ganz schwermütig sann er fortwährend auf Mittel, sich von dem Weibe loszumachen, und oft hatte er geradezu im Sinne, sie ohne weiteres zu verlassen. Freilich sah er wohl ein, daß dies nicht das rechte Mittel war, um zu machen, daß sie nicht mehr seine Frau wäre; er kam daher auf einen viel grausameren Plan und bedachte, wie er ihr das Leben nehmen wollte, da er wußte, daß nichts als der Tod den Knoten lösen könne, mit dem er zu seinem Unheil an Nonna gefesselt zu sein wähnte. Von so lästigen Gedanken gepeinigt, verwünschte er sein Geschick und Mesa, die ihn an eine solche Klippe geführt, um daran zu scheitern. Als Nonna dies merkte und wußte, mit welch großer Mitgift sie ihren Gatten erkauft hatte, beschloß sie, ihm zu entdecken, was zwischen ihr und ihm durch Vermittelung der guten Alten vorgefallen war. Sie erzählte ihm daher in einer Stunde, die ihr geeignet schien, wie sie von ihm schwanger sei, enthüllte ihm vollständig das Verfahren, wodurch sie auf Mesas Rat seine Frau zu werden gesucht habe, und zeigte ihm die Ringe, die er ihr zur Verlobung gegeben. Als Pantheone die Wahrheit ihrer Erzählung einsah, erkannte er, wie groß die Liebe Nonnas zu ihm gewesen, und wie sehr sie verdiene, von ihm geliebt zu werden. Er verwandelte den Argwohn, den er gefaßt hatte, in die anhänglichste Liebe und freute sich, daß sie durch solche Täuschung seine Gattin geworden sei. Auch Mesa erntete Lob dafür, daß sie, um die Sache zu Ende zuführen, ihm eine solche Falle gelegt habe. Er lebte glücklich mit Nonna und hielt Mesa beständig wert dafür, daß sie ihn mit Nonna zusammengebracht hatte. Pietro Fortini 1500 – 1562 Die Flamänderin Es war vor nicht langer Zeit in Siena ein Handwerker, der zu seinem Auskommen eine Spezereibude hielt und dadurch sehr gut sich seinen Unterhalt erwarb. Der junge Mann war sehr hübsch gewachsen, nahm sich schmuck aus und kleidete sich fein. Und weil es ihm in seinem Geschäft so gut ging, erwarb er sich einiges Vermögen. Nun hatte ein ihm ähnlicher Gewerbsmann einige heiratsfähige Töchter, und da er glaubte, dies fehle jenem noch, gedachte er ihm eine Tochter zur Frau geben zu wollen. Seine ausgesuchte Kleidung gefiel ihm sehr: denn er trug immer einen Rock von Atlas, Hosen mit Taffet gefüttert, ganz klein geschlitzt und gespalten, und anderes, wie es die jungen Leute heutzutage der Mode nachmachen. Da nun der andere ihn so reichgekleidet und so nach der Art einhergehen sah, meinte er, er stehe weit besser, als er in der Tat stand, und faßte bei sich den festen Entschluß, ihm diese seine Tochter zur Frau zu geben. Er ließ daher durch einen seiner Freunde mit ihm reden und sie ihm anbieten. Der junge Mann durfte weniger daran denken, sie zu nehmen, als der Vater, sie ihm zu geben. Da er also das Mädchen, um das es sich handelte, mehrmals gesehen hatte und sie ihm außerordentlich gefiel, denn sie war ein sehr schönes Kind, fing Antonio nach kurzer Unterredung an, weit mehr an das Mädchen zu denken als an seine Bude; und da er sich schon die Liebesflammen an das Herz schlagen fühlte, dachte er bald an nichts anderes mehr als an sie. Der Vermittler war vom Vater des zarten schönen Kindes angetrieben; er brachte Tag für Tag diese Verbindung wieder in Anregung. So hatte Antonio bald mehr Lust dazu als ihr Vater, und in wenigen Tagen war die Sache unter ihnen abgemacht: beide Teile waren zufrieden und trafen Anstalten zur Hochzeit. Man kann sich denken, daß ein eitler junger Mann, der überdies äußerst zufrieden über die Sache war, seinerseits die prachtvollsten Zurüstungen machen ließ, weit mehr als es für seine Verhältnisse sich eignete. Als nun die Hochzeitszeremonien vorüber, sie als Frau gekleidet und die Messen gehört waren, führte er sie nach wenigen Tagen üblicherweise in sein Haus. Viele, viele Tage lang dachte er nun wenig oder nie an seine Bude oder etwas der Art, bis er zuletzt, wie alle Bräutigame zu tun pflegen, nach einigen Wochen bei einer Zusammenkunft mit seinem Schwiegervater und seinen Schwägern nach dem Heiratsgut zu fragen begann, das sie ihm versprochen hatten. Der Schwiegervater, welcher wohl wußte, daß er hierzu verpflichtet war, hatte dafür vorgesorgt; er setzte einen Vertrag auf und zahlte ihm die ganze Summe aus. Als der junge Gewürzkrämer die Mitgift in Empfang genommen hatte, gedachte er seiner Bude wieder aufzuhelfen und sie instand zu setzen. Nach einigen Monaten entschloß er sich daher, eine Reise nach Venedig zu unternehmen und daselbst Gewürze einzukaufen, wie es die meisten Gewürzkrämer machen, die haushälterisch zu Werke gehen. Er rüstete sich, nahm langen und wortreichen Abschied von seiner Frau und trat dann die Reise an nach jener hochberühmten großen Stadt Venedig. Über Florenz, Bologna, Ferrara und Padua kam er in Venedig an, und da er noch nie dort gewesen war, wußte er als Fremder nicht, wo er am besten absteigen müsse; und indem er sich erkundigte, sagte er, wo er her sei. Indem er nun so fragend umherlief, traf er zufällig auf einen Landsmann von uns, der beständig in Venedig wohnte, namens Giovanni Manetti. Diesem teilte er mit, in welcher Absicht er herkomme, und bat ihn, ihm Nachweis zu geben, wo er gute Ware und wo er eine passende Herberge finden könne. Manetti, der sich von den Sienesen ziemlich losgesagt hatte und ebensogut allen andern Nationen sich gefällig erzeigen mochte, wie es überhaupt die Art ist von uns Sienesen, mehr die Fremden als unsere Landsleute zu schätzen, verwies ihn in ein Zimmer oder eine Wohnung eines ihm befreundeten Stiavonen, welcher Kostgänger aufnahm, wenn ihm ein rechtschaffener Mann dazu begegnete, wie das in Venedig Sitte ist, daß, wie ich erzählen höre, fast alle Edelleute, wie die Bürgerlichen, Herberge gewähren. Er wies ihn also an den Stiavonen, ließ ihm von einem Diener das Haus zeigen und ihn als einen ihm Angehörigen ihm empfehlen. Der junge Mann war von Manetti ganz gut unterwiesen worden und fand sich denn bei dem Stiavonen ein, wohin man ihm den Weg gezeigt hatte. Schon war er etwa fünf Tage in Venedig und saß eines Sonntagmorgens mit seinem Stiavonen zu Tische; nach dem Frühstück führten sie allerlei Gespräche, und unter anderem sagte Antonio Angelini, denn so hieß der junge Mann, zu dem Stiavonen: »Höret, Misser Zanobi... (denn so hieß dieser.) Ich möchte, daß Ihr mir heute einen Gefallen tätet.« Der Stiavone war ein gefälliger und dienstfertiger Mann und sagte: »Was wünschet Ihr? Seid überzeugt, daß Ihr mir nur befehlen dürft, mein lieber Herr!« Darauf sagte Antonio: »Wenn es Euch nicht unangenehm wäre, wünschte ich, daß Ihr an dem heutigen Festtage mit mir ein wenig in Venedig spazierenginget, und daß wir den ganzen Tag dazu anwendeten, daß Ihr mir Venedig zeigt und ich es betrachte; denn da ich nicht bekannt bin, finde ich mich in allen Euren Gassen und Kanälen nicht zurecht.« Der Stiavone war, wie gesagt, ein Mann, der nichts anderes wünschte, als ihm zu dienen; nach vielen Gesprächen verließen sie daher das Haus und gingen zu Fuß eine gute Weile in Venedig umher. Vom Hause des Stiavonen an, das bei der Madonna della Fava a Cavarvaro stand, gingen sie viel hin und her und gaben einem Barkenführer drei Marchetti, daß er sie in und außer dem Kanal, nach ihrem Belieben, spazierenfahre. Während sie in der Gondel etwas auf dem Kanal umhergefahren, sagte Antonio zu dem Stiavonen: »Misser Zanobi, wollen wir nicht in eine von Euren Schulen gehen, wo jene schönen Kinder wohnen, die um Stück Geld einem ein Vergnügen machen, und die man bei den Römern Kurtisanen nennt?« »Warum nicht?« sagte der Stiavone; »aber jetzt ist es noch zu früh, denn sie sind jetzt alle in der Vesper. Wenn die Vesper vorüber ist, wollen wir hingehen, und wir werden viele und schöne Frauen finden. Unterdessen fahren wir ein wenig auf dem großen Kanal und kehren dann über die Rialtobrücke um. Alsdann wird es gerade rechte Zeit.« Während sie noch auf dem Kanal waren, erinnerte sich der Stiavone einer gewissen Flamänderin und sprach: »Lieber Herr, wir wollen bis zum Ballhaus gehen und sehen, ob wir eine gewisse Madonna Giachena aus Flandern treffen. Ich versichere Euch, es ist eines der schönsten Kinder, die ich in meinem Leben gesehen habe, und ich bin überzeugt, daß sie Euch gefallen wird. Nachdem wir sie besucht haben, gehen wir, wohin es Euch beliebt.« Nach diesem schlugen sie den Weg gegen das Ballhaus ein, und als sie die Wohnung der Flamänderin erreicht hatten, pochte der Stiavone an die Türe. Sie hörte das Pochen, kam ans Fenster, und als sie den Stiavonen, den sie wohl kannte, erblickte, zog sie am Seil und öffnete die Tür. Der Stiavone wußte die Sitte, entließ die Gondel, trat in das Haus und nahm Antonio mit sich. Sie stiegen die Treppen empor und kamen in einen kleinen, mit den feinsten Teppichen ausgehängten Saal. Die Flamänderin ging ihnen entgegen und empfing sie mit heiterer Stirne. Sie war ein äußerst schönes Geschöpf und besaß den feinsten Anstand einer Venezianerin. Sie hieß sie freundlichst willkommen. Unter ihren Reizen, außer, daß sie schön gewachsen war, zeichnete sich der sehr schöne Schnitt ihres Gesichts aus: sie war blendend weiß wie der Schnee, mit einer leichten Färbung von Karmin, so daß sie aussah wie Milch und Blut. Ihr Leib war mit nichts anderem zu vergleichen als mit morgenländischen Perlen. Wenn man sie sah, so war es wie ein Strauß von Rosen und Veilchen, im Schatten aufgesproßt und um die Zeit der Morgenröte gepflückt. Wie gesagt empfing sie sie mit holder Stimme und bat sie niederzusitzen auf Stühle von grünem Samt und Gold. Das waren echte Herrensessel. Sie setzte sich zwischen sie, und so sprachen sie eine gute Weile von allerlei verschiedenen Gegenständen. Wiewohl die Frau aus Flandern war, sprach sie doch vortrefflich Italienisch. Zu der Schönheit ihres Körpers gesellte sich der Glanz ihrer Seele, denn sie war sehr edel und groß. Als sie lange genug gesprochen hatten, wandte sie sich zu einer Dienerin, die ebenfalls eine Flamänderin war, und sagte ihr etwas in ihrer Sprache. Es dauerte nicht lange, so rüstete die Magd eine kleine Tafel auf fürstliche Weise zu. Darauf stand ein reicher Vorrat zu einem guten Male nebst verschiedenen Arten von eingemachten Früchten und den köstlichsten Weinen. Indem sie ihre Gespräche fortsetzten, machten sie sich heiter über die Speisen her. Und nachdem sie genug gegessen und getrunken hatten, wollte der Stiavone dem jungen Manne nicht mehr länger im Wege stehen und rief daher aus: »Ei, meiner Treu, mein liebster Herr, über unserem Ausgang habe ich nun ein Geschäft vergessen, das ich in Chioggia ins reine zu bringen hatte. Seid so gut, Missere Antonio, wartet hier auf mich wenigstens eine Stunde, wenn es Euch nicht unangenehm ist! Ihr könnt Euch ja unterweilen mit Madonna Giachena unterhalten. Ich will keine Zeit verlieren.« Sodann fügte er noch hinzu: »Seht, Missere Antonio, wartet hier, bis ich zurückkomme, denn Ihr würdet den Weg nach Hause nicht finden.« Dann ging er hinweg und ließ Antonio allein mit Madonna Giachena. Der junge Mann wünschte nichts anderes, denn es war ihm, als sei er an der Seite einer Königin. Er fing an, ihr tausend süße Wörtchen zu geben, nahm sie bei der Hand, und nach vielen Worten erdreistete sich Antonio endlich, ihr die Hände an jene blendenden festen Brüstchen zu legen, sie auf den Mund zu küssen und hold mit ihr zu scherzen. Die wackere Frau wich ihm nicht aus; vielmehr da sie seiner sicher zu sein glaubte, erwiderte sie seine feurigen Küsse. Durch diese fortgesetzten Scherze kamen beide allmählich in wollüstiges Verlangen, sie umarmten sich und traten einträchtig in ein schön geschmücktes Schlafgemach, wo sie sich auf ein reiches Bett warfen und in kurzer Zeit unter großem Vergnügen vier rüstige Umarmungen vollbrachten. Als sie damit fertig waren, kehrten sie in den Saal zurück, wo sie unter allerlei Scherzen gar vertraulich beisammenblieben. Auch trafen sie beide die Übereinkunft und Verabredung, heute nacht beieinander schlafen zu wollen. Um nicht als ein Schelm dazustehen, nachdem er mit einer so schönen Frau seine Lust gehabt, schenkte ihr Antonio für dieses Mal einen Goldtaler, eine für sie sehr anständige Belohnung. Nachdem sie eine gute Weile beisammen gewesen waren und der Stiavone dachte, er habe sich lange genug entfernt gehalten, kehrte er in das Haus der Flamänderin zurück und fragte Antonio, ob er nun mit ihm gehen wolle. Antonio hatte über der genossenen Lust seinen Stiavonen bereits völlig vergessen, ja die Schulen und die Geschäfte, die Heimat und seine Gattin, und wußte im Augenblick in der Tat nicht, was er antworten sollte. Die Flamänderin merkte seine Verlegenheit und sagte zu dem Stiavonen: »Misser Zanobi, ich wünsche, daß Missere Antonio heute mit mir zu Nacht speise.« Der Stiavone aber war in der Tat auf das Wohl und den Nutzen des jungen Mannes bedacht und sagte: »Wißt, Madonna, wir haben diesen Abend einige Geschäfte für diesen Edelmann zu Mellone zu erledigen wegen wichtiger Waren. Sobald dies abgemacht ist, bringe ich ihn zu Euch zurück.« Als die Flamänderin dies hörte, glaubte sie es wirklich und meinte, der Stiavone rede die Wahrheit. Sie sagte daher zu dem Jüngling: »Vergeßt nicht, Missere Antonio, daß ich Euch zum Abendessen erwarte! Kommt gewiß!« Antonio wußte nicht, was der Stiavone mit jener Ausrede sagen wollte, nahm daher Abschied von der Flamänderin und versprach, sicher wiederzukommen. Hiermit ging er hinweg; die Flamänderin aber war sehr zufrieden mit ihm, denn sie glaubte heute die Kundschaft eines vornehmen Herrn erworben zu haben, weshalb sie ihn denn auch mit großer Aufmerksamkeit erwartete. Antonio war also mit dem Stiavonen weggegangen; sie schlugen unter Gesprächen den Weg am Ballspiel vorbei ein, und Misser Zanobi sprach: »Wißt, mein lieber Herr, ich habe Euch zu Eurem besten aus diesem Hause weggeführt: denn diese Flamänderin wird von einem venezianischen Edelmann unterhalten, und darum will ich nicht, daß Ihr zum Abendessen oder bei Nacht hingehet, ohne daß Ihr vorher das Geld, das Ihr bei Euch habt, ablegt; denn wenn unglücklicherweise jener Edelmann Euch im Hause träfe und merkte, daß Ihr ein Kaufmann seid, ließe er Euch keinen Bezzo im Beutel. Wenn Ihr doch hingehen wollt, so laßt Euer Geld anderswo, etwa bei Manetti! Dort ist es viel sicherer. Dann könnt Ihr getrost Eurem Vergnügen nachgehen und ohne Besorgnis; denn wenn er Euch etwas genommen oder angetan hätte, so hättet Ihr gegen ihn durchaus kein Recht gefunden.« Als Antonio dies hörte, gefiel ihm der Rat, so sehr er auch von der Liebe zu der Flamänderin eingenommen war. Er dankte seinem Stiavonen und machte sich die Warnung zu Nutzen, und da es ein zuverlässiger Mann schien, ließ er ihm in dem Zimmer, das er hatte, in einer ganz sichern Kiste alles, was er von Wert besaß. Ohne sich lange bei Misser Zanobi aufzuhalten, kehrte er um, ließ sich an das Haus der ersehnten Flamänderin führen, trat ein und speiste mit Giachena zu Nacht, wie es der allgemeinen Behauptung zufolge venezianischer Brauch sein soll. Indem er sodann die Nacht bei ihr lag, gefiel die Flamänderin dem Jüngling immer mehr und andererseits der Jüngling ihr; so daß durch Fügung des Geschicks sie sich unmäßig ineinander verliebten. Ja, sie brachten es dahin, daß sie beide keine Stunde eines ohne das andere sein konnten. So hingen sie beide an der Leimrute. Antonio ging dieser Liebschaft nach; viele Tage genoß er mit Unterhaltungen der Liebe die süßen ersehnten Früchte der Minne. Der arme, unvorsichtige Antonio war durch die Reize und die große Zartheit der Flamänderin (eine Seltenheit bei diesem Volk!) und durch den freundlichen und heitern Empfang, den sie ihm immer zuteil werden ließ, so an sie gebannt, daß er gar nicht mehr an Siena und an seine Gattin dachte und seine ganze Hoffnung auf seine teure Flamänderin setzte. Als törichter, blinder Verliebter lebte er so festgeklebt in diesem Netze und war unaufhörlich um Giachena. In dieser närrischen Liebe war schon der zweite Monat ganz hingegangen; er hatte alle seine Zeit mit der Flamänderin zugebracht. Da sie nun sehr scherzhaft war, lehrte sie ihn manchmal einige Worte in ihrer Sprache, so unter anderem, wie ein Mann zu einer Frau sagt, wenn er sie um eine gewisse Sache angeht, und wie sie dann antwortet, wenn sie will. So sagte sie denn, sooft sie sich miteinander erlustigen wollten: » Ansi visminere ?« Antonio hatte es schon gelernt, und wenn er Lust hatte, es zu tun, antwortete er: »Io.« Wollte er aber nicht, aus Mattigkeit oder aus sonst einem Grunde, so sagte er: »Mitti sminere.« Ebenso, wenn Antonio in das Haus der Flamänderin kam, sagte er immer statt des Grußes: »Ansi visminere?«. Dabei nahm er sie unter dem Kinn und küßte sie auf den Mund, und sie, voll Bereitwilligkeit, ihm Vergnügen zu verschaffen, sagte: »Io.« So daß der arme Jüngling durch allzu vieles Kämpfen halb ohnmächtig wurde und sich nicht mehr auf den Füßen halten konnte; und wären nicht die guten und kräftigen Mahlzeiten gewesen, welche die Flamänderin ihm immer bereitete, so wäre er durch die übergroße Liebe, die er für sie hegte, ganz abgezehrt. Der arme Schelm nahm aber auf sich selbst gar keine Rücksicht. Er hatte, wie gesagt, seine eigene Heimat und sein Weib vergessen und wußte nicht mehr, daß sein Eigentum noch anderswo sei. Es war ihm, als sei er hier geboren, als liegen hier alle seine Güter. Während er so lange die gebührliche Zeit zur Rückkehr versäumte, erhielt er Briefe über Briefe von seiner Frau, von den Brüdern und Freunden und verschiedenen andern Personen, die man antrieb, ihm zu schreiben, und die sich aus Mitleid um eine so schöne junge Verlassene dazu bewegen ließen. Antonio mochte aber an gar nichts denken und antwortete niemand, und wenn er von Siena reden hörte, war es dem Jüngling, als stieße man ihm den Dolch ins Herz. Endlich aber, nach vielem Zuspruch durch Briefe und Botschaften, ging ihm eines Tages sein Unrecht zu Herzen. Er entschloß sich nun doch zur Abreise und zur Rückkehr in seine schon vergessene Vaterstadt. In wenigen Tagen kaufte er Waren zusammen von der geringen Summe, die ihm noch übriggeblieben war, nahm das wenige, was er erreichen konnte, mit einigen Kisten Gläser, packte alles zusammen und schiffte es ein mit der Adresse nach Pesaro. Er setzte sich mit der Flamänderin auseinander, führte die wahrsten und triftigsten Gründe zu seiner Entschuldigung an, verabschiedete sich, und unter beiderseitigen heißen Tränen, festen Umarmungen, Versprechungen und Schwüren baldiger Rückkehr schied er von ihr. Diese Trennung wurde beiden sehr schwer. Doch da er durchaus entschlossen war zu gehen, ertrug er es leichter als sie. So trat er in die Gondel und fuhr hinüber, seiner alten Heimat zu. In wenigen Tagen kam er an und wurde von seiner Frau mit großer Freude empfangen; denn seine Rückkehr gab um so mehr zum Jubel Anlaß, je länger er von ihr entfernt gewesen war. Nach wenigen Tagen kamen die Waren an, eine hübsche Ausstellung von Gläsern, etwas Gewürz und einige Spezereien; er machte sich an die Arbeit und besorgte seine Bude. Er war schon wieder geraume Zeit in Siena, aber er konnte die geliebte Flamänderin nicht vergessen; und obgleich seine Frau von der schätzenswürdigsten Schönheit war, konnte der Tor doch nicht umhin, an seine Flamänderin zurückzudenken. Er tat oft mit der Frau, was er mit der Flamänderin getan hatte, um die Sehnsucht zu zerstreuen, die er nach dieser hatte. Es war ihm, als weile er bei ihr, wenn er mit seiner Frau scherzte, wenn er sie in den Arm nahm, sie unter dem Kinn faßte und sagte: » Ansi visminere? « Dabei küßte er sie auf den Mund, faßte ihre festen, alabasterähnlichen Brüste und genoß wollüstiges Vergnügen. Das junge Weib wußte nicht, was das heißen solle; da sie es ihn aber öfters wiederholen hörte, sagte sie schalkhaft zu ihrem Gatten: »Was heißt denn sminere ?« Dem unvorsichtigen Manne fiel es schwer aufs Herz, er stieß einen tiefen Seufzer aus über diese Frage, denn er erinnerte sich seiner Giachena, und sagte zu ihr: »Es heißt: ›Willst du essen?‹« Die einfältige Frau lachte und sagte: »Ich meinte, es heiße irgend etwas Böses, obgleich ich dich es schon öfters sagen hörte.« Bei diesen Worten kam es Antonio in den Sinn, sich anstatt der Flamänderin mit ihr ein wollüstiges Vergnügen zu verschaffen und sich dabei vorzustellen, es sei jene. Sie schäkerten und genossen sich mit größter Lust. Die Frau glaubte, er habe ihr die Wahrheit gesagt, da sie ihren Mann wirklich die Worte oft äußern hörte, wenn sie beim Frühstück, Abendessen oder im Bette waren. Daher gewöhnte sie sich die Redensart ebenfalls an und sagte manchmal scherzend zu ihrem Mann: » Ansi insminere? « Antonio sagte darauf immer im Gedächtnis an frühere Zeiten: » Io. « Dabei gab er ihr, sooft er es aussprach, auf den holden süßen Mund einen Kuß. Der Frau gefiel dieses Spiel, und so ging kein Tag vorüber, daß sie nicht ihrem Mann die alte Wunde neu aufriß, ohne ihren Fehler zu wissen. So ging eine geraume Zeit hin mit solchen Unterhaltungen. Eines Tages im höchsten Sommer saß die schöne Frau des unvorsichtigen Gewürzhändlers bei offener Türe im Hausflur und nähte. Bekanntlich gehen in jener Zeit, weil die Tage lang sind, viele Leute auf der Straße; auch eine große Zahl Fremder kam des Weges, teils weil es gutes Wetter, teils weil das heilige Jubeljahr war. Das reizende Weibchen saß nun ganz behaglich da, um die unmäßige Hitze besser zu tragen, leicht in ein weißes, kurzes Unterröckchen gekleidet; sie sah aus wie ein wahrer Engel, mitten im Paradies geboren; ihre Füße waren mit weißseidenen genähten Strümpfen bekleidet, wie sie ihr Gatte von Venedig mitgebracht hatte, welche festanliegend und durchbrochen waren; man sah sodann ihren wunderschönen, äußerst niedlichen Fuß, der so vollkommen war, wie ihn nur irgendeine Frau haben konnte, nebst einem Paar aufgeschlitzten Schuhen aus schwarzem Samt; auf dem Kopf hatte sie ein gar schmuckes Häubchen, ganz aus Gold und Seide gearbeitet; um den Hals hing ihr ein Bändchen von feinster Seide, ganz gestickt. So saß das Engelchen neben der Haustür auf einem nicht sehr hohen Stuhl und nähte, und da sie den Kopf niederbeugte, zeigte sie den schönsten, reinsten Busen, den man je zu ihrer Zeit an einer Frau sehen konnte, ein Paar Brüste, nicht sehr groß, aber weiß wie blendender frischer Schnee und fest wie Marmor, so daß sie in der Tat aus Perlen und Rubinen gefertigt schienen. Während die schöne, junge Frau so dasaß, kamen ein paar reisende Flamänder vorüber auf dem Wege zum heiligen Peter zu Rom, wohin sie um Ablaß wallfahrteten. Unter diesen Pilgern war zufällig auch ein Adliger, der die Reise infolge eines Gelübdes machte und in der Blüte der Jugend stand, denn er war noch nicht fünfundzwanzig Jahre vorüber und schien auch nicht jünger als vierundzwanzig zu sein. Als der Jüngling die Pilgerfahrt antrat, steckte er seine Börse zu sich und lebte immer von eigenen Mitteln. Während er nun mit seiner Gesellschaft vorüberkam, fiel sein Blick in die Haustür und auf die schöne holdselige Frau, welche, wie gesagt, hier nähte. Als der junge Pilger das schöne Kind sah, meinte er, sie stamme vom himmlischen Paradiese: denn eine solche Schönheit kam ihm nicht als etwas Menschliches vor. Um sie besser zu betrachten, hielt er stille und sprach sie um etwas an, was er auf der ganzen Reise von niemand begehrt hatte. Getrieben von dem Feuer seiner Jahre betrachtete er sie mit glühendem Blick, bat sie um Gottes Barmherzigkeit willen um ein Almosen und trat willig wartend vor sie hin. Die junge Frau, die den Flamänder um ein Almosen bitten sah, hielt ihn für einen edeln und artigen Mann, was er auch war; sie erinnerte sich der Redeweise ihres Gatten und sagte zu ihm: »Ansi visminere?« Über diese Worte war der junge Fremdling höchlich erstaunt: denn sie sah nicht wie eine Frau aus, die eine solche Einladung ergehen lassen könne, und er wußte nicht, was hier zu tun sei. Im Zweifel hierüber blieb er ganz betreten und niedergeschlagen stehen und hielt es wie für ein Wunder, daß sie ihm eine solche Aufforderung zukommen lasse. Da er aber gar nichts von unserer Sprache verstand, blickte er sie mit funkelnden Augen fest an; es war ihm, als sähe er etwas Göttliches, kein menschliches Wesen. Er schwieg und blieb betroffen von solcher Schönheit. Als die Frau ihn so schweigend dastehen sah, lud sie ihn zum zweitenmal auf dieselbe Weise ein. Da nun der Jüngling sich zum zweitenmal auffordern hörte, dachte er und überzeugte sich, es sei eine Frau, die ihn verhöhnen und zum besten haben wolle; indes konnte es darum doch nicht fehlen, daß der jugendliche Busen nicht das Brennen der Liebesflammen fühlen sollte. Von Liebe gequält, irrten seine Gedanken allmählich hin und her, so daß er am Ende mit frechem Mute auf die Meinung kam, es sei eine Buhldirne, teils wegen der ihm gewordenen Aufforderung, teils wegen ihrer lüsternen Tracht. Desungeachtet hörte er nicht auf, sie fest zu betrachten und seine feurigen Blicke auf sie zu heften; so daß nach kurzem Warten die Frau, in mitleidvollem Wunsche, ihm ein Almosen zu geben, ihn zum drittenmal einlud. Da verlor denn der junge Pilger alle Furcht und Scheu, dachte nicht mehr an Sankt Peter noch an Sankt Paul, sondern hatte seinen ganzen Sinn auf das schöne Weib gerichtet, so daß ihm durch das beständige Betrachten die Auferstehung des Fleisches angekommen war. Ohne mehr zureden, legte er also die Hand ans Nestel, das seine Hosen festhielt, löste dasselbe, ließ sie hinabfallen, trat in die Tür, nahm das junge Weib in den Arm und legte sie zitternd nebenan auf eine Gläserkiste, die ihr Mann hierherzustellen pflegte, um nicht die Bude zu verstellen, die im Hause gegenüber war. Dann bemühte er sich, mit würzigen und feurigen Küssen sie zu seinen Wünschen zu bequemen, war mit der Hand geschäftig, so gut er konnte, und versuchte, zum letzten Ziele zu gelangen. Die junge Frau, als sie sich so mitspielen sah, wußte gar nicht, was sie tun solle, um nicht hier über einer solchen Sache überrascht zu werden. Sie faßte daher den festen Vorsatz, so sehr sie konnte, zu schreien. Sie erhob die Stimme und rief: »Hilfe, Antonio, Antonio, komm!« Der arme Pilger, der schon das Kleid aufgehoben und die nötigen Vorkehrungen getroffen hatte, erkannte, als er sie so schreien hörte, ungeachtet er die Sprache nicht verstand, die Angst der jungen Frau und merkte, daß ihre Handlungen mit ihren Worten nicht übereinstimmten. Da er ein Fremder war, fürchtete er daher, es möchte ihm etwas Unangenehmes begegnen, und ganz mißmutig floh er wie ein Gespenst, so schnell er konnte, ohne Hindernis zu finden. Antonio, der über der Straße in der Bude stand, hörte das Schreien und erkannte gleich die Stimme seiner Frau. Er lief daher hinüber, damit nicht, wie das so oft geschieht, ein unanständiger Scherz mit ihr getrieben werde, und trat wütend und zornglühend in die Tür, jedoch nicht so schnell, daß er noch den Pilger sehen konnte, der bereits entwischt war. Drinnen angelangt, fand er die Frau auf der Kiste liegend, noch gerade so, wie sie der Flamänder verlassen hatte, die Kleider bis zum Gürtel ganz aufgestülpt und halb ohnmächtig vor Angst oder meinetwegen vor Zorn, so daß sie kaum sprechen konnte. Als ihr Gatte sie so zugerichtet sah, rührte ihn fast der Schlag; er meinte, er habe seine Ehre ganz verloren, und fragte, was es gebe. Die Frau, ganz glühend von etwas anderem als von Angst, sagte: »Ei, den Henker gibt es! Gott sende Euch die schwere Not!« Antonio wußte nicht, was das heißen sollte, und fragte sie von neuem. Darauf sagte sie: »Hu, daß Euch die Pest! Ich komme kaum zu Atem, so habe ich Angst ausgestanden.« Der Mann, voll Begierde, zu erfahren, was es sei, sagte: »Nun wie? Schnell! Sag' es, was es war! Fürchte dich nicht!« Die Frau setzte sich die Haube zurecht, schob ihre Kleider hinunter und sprach: »Nie in meinem Leben bin ich in größere Bedrängnis geraten als eben. Aber beim Kreuz Gottes, es wäre Euch ganz recht geschehen, wenn ich getan hätte, was Ihr verdient habt.« Höchst neugierig, sagte der Mann: »Was ist es denn gewesen, weshalb du dich so beschwerst?« Darauf sagte sie: »Was habt Ihr mich gelehrt? Warum sagt Ihr es nicht? Meint Ihr, es freue mich, daß Ihr mich tausend Spitzbübereien lehrt und mir weismacht, es seien gute Sachen? Gott's Frucht, ich hätte nicht rufen sollen.« Antonio wußte noch immer nicht, was das sollte, fragte wieder, was es denn gegeben habe, und sagte: »Nun sag es doch! Halte mich nicht länger in Ungewißheit!« Da erzählte sie ihm denn die ganze Geschichte mit dem Pilger. Als Antonio dies hörte, erbleichte er und sah, daß er allein dieses Ärgernis veranlaßt habe. Da sprach er zu seiner Frau: »Du mußt das nie wieder sagen, daß es sonst jemand hört als ich; denn es heißt: ›Willst du mir das tun, was er dir eben tun wollte?‹« Mit zornglühendem Gesicht sagte sie darauf zu ihrem Mann: »Nun, das muß ich sagen, Ihr seid ein anständiger Mann, daß Ihr mich derlei Nichtswürdigkeiten lehrt!« Darauf schmälte sie ihn mit drohenden Worten voll Entrüstung so heftig aus, wie nur eine Frau ihrem Mann sagen kann. Er sah sein Unrecht ein und antwortete nichts; nur am Ende, nachdem sie viel und manches gesprochen hatte, sagte er: »Sei klug für ein anderes Mal und danke Gott, daß es diesmal gut vorbeigegangen ist!« Mit diesen Worten ging er wieder hinüber in die Bude. Sie aber sagte, während er sich umwandte, laut genug, daß er es hören konnte: »Dankt nur Ihr ihm, und Ihr sollt nie wieder mich etwas nachsagen hören, ohne daß ich erst genau weiß, was es heißt, auch keine fremden Worte. Merkt Euch, wenn Ihr etwas von mir verlangt, so sprechet auf unsere Weise!« Antonio voll Ärger sagte im Hinausgehen: »Da wirst du wohl daran tun.« Damit ging er weg; sie aber blieb ganz verstört zurück. Es wurde ihr den ganzen Tag nicht recht wohl, sie mochte auch nicht mehr an der Tür sitzen und nähen. Sie ging ins Haus und nahm ihren Ärger mit sich, und so waren zu gleicher Zeit dreie geärgert, aufgeregt und voll Grimm. Pietro Fortini Der ungeschickte Schwiegersohn In Siena lebte vor nicht langer Zeit eine Witwe, die noch jung war und ziemlich schön aussah; sie war auch nicht von zu niedriger Herkunft. Als ihr Mann gestorben war, war sie mit einem kleinen Töchterchen zurückgeblieben. Nun war dies Mädchen in das Alter gekommen, wo sie sich andere Gesellschaft wünschte als die Mutter; da diese aber in dieser Welt kein größeres Gut kannte als ihre Tochter, wollte sie sie so gut wie möglich durchs Leben begleiten. Sie teilte daher einigen ihrer nächsten Verwandten mit, sie sollten in der Stadt herumhorchen und sich umschauen, ob sie einen jungen Mann fänden, der geeignet sei, der Ehegatte dieser ihrer Tochter zu werden. Es traf sich nun, daß unter verschiedenen, die ihr vorgestellt wurden, einer ihr gefiel, der Biagio hieß, weil er alleinstand, in guten Verhältnissen war und aus ziemlich guter Familie stammte. Und nachdem sie alle ihre Verwandten nach ihrer Meinung gefragt hatte, war sie fest bei sich entschlossen, ihre Tochter keinem anderen als diesem zu geben, um so mehr, als Biagio wünschte, eine Schwiegermutter zu finden, die ihn in ihr Haus aufnahm, und sie ihrerseits sich nicht von ihrer Tochter trennen wollte. Nachdem sie sich so entschieden hatte, wollte sie Biagios Meinung kennenlernen. Sie schickte nach ihm und ließ ihn in ihr Haus kommen; und als er bei ihr war, begann sie: »Biagio, ich habe nach dir geschickt nur, um deine Meinung über diese unsere Angelegenheit zu hören. Du siehst, du stehst allein da, wie wir auch; du hast keinen Berater, der dir sagt, was für dich gut ist, und uns geht es ähnlich. Obwohl wir Vermögen haben, haben wir doch niemanden, der es verwaltet und unsere Geschäfte führt. Wenn du zu mir in ein näheres Verwandtschaftsverhältnis treten und meine Tochter zur Frau haben willst, dann würde es auch uns recht sein, zu dir in ein näheres Verwandtschaftsverhältnis zu treten, indem ich dir zur Mitgift gebe alles, was wir besitzen und was wir noch erwerben werden, unter der Bedingung jedoch, daß du hier in unser Haus ziehst; sonst würde ich es nicht tun, denn ich liebe meine Tochter zu sehr.« Während die Witwe so sprach, dachte Biagio, daß sie vielleicht seine Frau werden sollte und nicht die Tochter, weil er sie nicht dort sah, und er sprach zu sich selbst: »Wenn die Tochter so ist wie die Mutter, liegt sicher kein Grund vor, sie sich entgehen zu lassen«; und wegen ihrer liebenswürdigen Versprechungen und wegen des guten Empfanges und weil er sein Herz schon von den Worten der Witwe klopfen fühlte, begann er: »Frau Lukrezia (– denn so hieß sie –), mir gefällt alles, was Euch und Eurer Tochter gefällt, und ich danke Gott, daß er mir dies Glück beschert hat. Ich will keine andere Mitgift suchen, denn ich weiß, Ihr werdet mir halten, was Ihr mir versprochen habt; so daß ich weiß, was mein ist, wird Euch gehören, und was Euer ist, wird mir gehören, und Ihr werdet, das glaube ich, für meine Angelegenheiten sorgen wie für Eure eigenen.« So gaben sie sich das Wort und verabredeten den Tag, an dem sie die Hochzeit feiern sollten. Nachdem Biagio weggegangen war, dachte er mehr an seine Schwiegermutter als an seine Frau, und er konnte gar nicht die Zeit abwarten, da es ihm tausend Jahre zu dauern schien, bis er das Eigentum seiner Schwiegermutter und das seiner Frau besaß und alles verwaltete. Nachdem er seine Angelegenheiten geordnet hatte, konnte er, wie es die meisten jungen Leute tun, nicht abwarten, bis der Tag gekommen sei, den sie verabredet hatten; sondern er ging ins Haus seiner Schwiegermutter und ließ sogleich einen Notar kommen, um den Ehevertrag aufzusetzen. Während er diesen erwartete, hatte er keinen andern Gedanken, als den Besitz des Vermögens seiner Schwiegermutter zu erlangen. Wie sie sich so über dies und jenes unterhielten, kam der Notar. Die Zeugen wurden gerufen, sie schlossen den Ehevertrag, und nachdem Ginevra – denn so hieß das Mädchen – gerufen worden war, gab ihr Biagio den Ring, wie es Brauch ist, und verlobte sich mit ihr; dann verabschiedeten sie den Notar und die Zeugen. Biagio blieb bei seiner Frau, und sie begannen die ersten Liebeskämpfe. Als aber die Stunde des Abendessens gekommen war, verließ Biagio sie, um zum Abendessen in sein Haus zu gehen, weil diesen Abend die Witwe nicht, wie sie gern gewollt hätte, eine Mahlzeit vorbereitet hatte. Sie verabredeten, am kommenden Morgen die Messe zusammen zu hören, und am folgenden Morgen sollte er sie heimführen, oder vielmehr sie ihn heimführen; aber viel lieber hätte Biagio die Schwiegermutter heimführen wollen, oder vielmehr von ihr heimgeführt werden wollen, so daß sie gleichmäßig an einem Joche pflügten. Biagio dachte darüber nach, ob er auf gute Weise seine Schwiegermutter bekommen könnte. Als er am Abend zum Schlafen mit Ginevra ins Bett gegangen war, legte sich jeder von ihnen, weil es Sommer war oder weil einer von ihnen übel aus dem Munde roch oder weil sie in dieser Sache wenig erfahren waren, in sein eigenes Bett, wobei sie nicht das mindeste machten und fast kein Wörtchen redeten, und so lagen sie bis zum Morgen. Als der Tag gekommen war, ließ die Schwiegermutter, wie es üblich ist, einige Eier kochen, die ihr nötig zu sein schienen, und schickte oder vielmehr brachte sie ihnen selbst ans Bett. Obwohl sie sie eigentlich nicht nötig hatten, weil sie ja nichts gemacht hatten, nahmen sie sie doch zu sich, und nachdem sie noch einige Zeit im Bett lagen, stand Biagio auf und ging irgendwohin zu seinen Geschäften. Die Witwe (wie es ja nach Aussage der Frauen ihr gewöhnlicher Brauch ist, sie zu fragen, wie, auf welche Weise, wie oft und ähnliche Dinge) stellte diese Fragen an ihre Tochter. Die Einfältige, die nicht verstand, was die Mutter meinte, lachte. Da war die Mutter sehr vergnügt und sagte mit größter Sehnsucht: »Mein Herz, es ist also gut gegangen?« »Allerdings«, erwiderte die Tochter, »ich dachte zwar, er würde mich nicht schlafen lassen, aber ich habe besser geschlafen als jemals, und er ebenfalls. Wir sind erst heute früh aufgewacht, als Ihr die Eier brachtet.« »Ihr habt also nichts anderes gemacht als schlafen?« fragte die Mutter. »Nein«, erwiderte die Tochter kichernd. »Was sollen wir denn gemacht haben?« Wie die Mutter sie von neuem fragte: »Umarmte er dich nicht? Küßte er dich nicht? Sagte er nichts zu dir?« antwortete die Tochter: »Nein, nichts.« Da legte Lukrezia, die es nicht glauben konnte, ihr die Hand auf den Mund und fand, daß sie die Wahrheit sagte; denn er war ganz trocken. Da weinte Lukrezia und sprach: »O weh, mein Töchterchen, an wen habe ich dich verheiratet! Weh mir, die ich nie im Leben mehr glücklich sein werde! Das ganze Gegenteil von dem, was ich suchte, ist mir begegnet«, und so jammerte sie und beabsichtigte, Biagio ihre Meinung zu sagen. Als sie abends gespeist hatten, rief Lukrezia Biagio beiseite und sagte zu ihm: »Was soll das heißen, Biagio, daß du heute nacht nicht die Ehe mit deiner Ginevra vollzogen hast?« Biagio stellte sich, als ob er nicht verstünde, was sie meinte, und sagte: »Wie macht man denn das?« Lukrezia erwiderte: »Wie man das macht? Man umarmt sich, man springt auf sie hinauf, man beißt manchmal, und dann fragt man sie mit süßen Worten: ›Ist das schön?‹« Biagio wurde nicht müde, seine Schwiegermutter zu betrachten, und sprach: »Ja, ich habe verstanden, laßt mich nur tun!«, zog sich aus und legte sich ins Bett. Als Ginevra gekommen war, sagte er zu ihr: »Zieh dich aus, denn ich möchte nicht, daß deine Mutter sich über mich beklagt.« Als sie sich zu ihm gelegt hatte, begann er sie so fest zu umarmen, daß die Arme kaum atmen konnte; dann sprang er auf sie hinauf, stieß sie mit den Knien, biß sie mit solchen Küssen, daß sie Spuren zurückließen, wenn er den Mund von ihr fortnahm, und sagte zuweilen zu ihr: »Honig, Zucker, Marzipan, ist das schön, meine Seele ?« Das Mädchen hätte gern »Nein« geantwortet, wenn ihr nicht die Mutter vorher gesagt hätte: »Halte still und laß ihn alles tun, was er will! Wenn er dich fragt: ›Ist das schön?‹ so antworte ihm: ›Ja!‹« So vertrieb Biagio ihr mit solchem Spiel die Zeit bis zum Morgen, so daß das arme Mädchen nicht wußte, ob sie mehr ein Tier als ein Fisch war. Als Biagio aufgestanden und aus dem Hause gegangen war, fragte die Mutter wie vorher die Tochter: »Nun, wie hat er dich heute nacht behandelt?« »Schlecht hat er mich behandelt, Mama.« Die Mutter dachte, weil sie noch sehr jung war, er hätte irgend etwas Häßliches gemacht, und fragte sie: »Inwiefern hat er dich schlecht behandelt?« Worauf das Mädchen antwortete: »Er hat mich gestoßen, gebissen, gekniffen, so daß Ihr Mitleid mit mir haben werdet, wenn Ihr Euch meinen geschundenen Körper anseht. Heute nacht hat er mich überhaupt nicht schlafen lassen.« »O ich Unglückliche«, rief da Lukrezia, »sicher brauchte er keine Unterweisung.« Darauf fragte die Tochter: »Mama, was sagt Ihr, brauchte er nicht?« Die Mutter erwiderte: »Die Männer haben ein gewisses Etwas zwischen den Beinen. Hast du es an ihm gesehen?« »0 ja, Mama, ja, das hat er: etwas sehr Langes, Dickes, wie ein Bein sieht es aus. Stellt Euch aber vor, er machte nicht den mindesten Gebrauch davon.« Man kann sich vorstellen, als die Mutter sie so reden hörte, daß ihr das Wasser im Munde zusammenlief, und bis Biagio zum Essen nach Hause kam, schien es ihr tausend Jahre zu dauern, um sich diese Phantasievorstellung aus dem Kopfe treiben und sich darüber Gewißheit verschaffen zu können. Als Biagio nun zum Essen heimgekehrt war, hatte er kaum seinen Mantel ausgezogen, als seine Schwiegermutter nicht die Geduld hatte, ihn ablegen zu lassen, sondern ihn ins Zimmer rief und, nachdem sie ihrer Tochter gesagt hatte, sie sollte das Essen zurechtmachen, folgendermaßen zu ihm zu reden begann: »Was soll das heißen, Biagio, daß du mit deiner Ginevra nicht die Freuden genießt, die die Männer gewöhnlich mit den Frauen genießen? Ich möchte gern wissen, ob die Schuld an dir oder an ihr liegt; denn wenn es etwas sein sollte, das man gutmachen kann, sollten wir doch so schnell wie möglich das beste Heilmittel anwenden.« Darauf gab Biagio zur Antwort: »Schwiegermutter, ich wüßte nicht, wie ich es anders machen sollte; ich habe alles getan, was Ihr mir gesagt habt, und kann sie noch immer nicht zufriedenstellen. Wenn Ihr mich andere Arten lehren könnt, lehrt sie mich, denn ich will alles gern tun.« »Nun wohlan«, sagte die Schwiegermutter, »da ich es dich lehren soll, je früher, um so besser!«, und sie näherte sich der Bettstelle, zog die Hausschuhe aus und rief Biagio. Er, der nichts anderes wünschte, sprach zu ihr: »Hier bin ich – was soll ich tun?« Die Witwe antwortete: »Zieh dir Schuh und Strümpfe aus und nimm deinen Bruder in die Hand!« Er, der ihn sehr gut in Ordnung hielt, nahm ihn in die Hand und sagte: »Was soll ich damit tun?« Die Frau erwiderte: »Warte!«, und nachdem sie die Kleider hochgehoben und, soweit sie konnte, heraufgezogen hatte, zeigte sich der höllische Schild, und sie sagte zu Biagio: »Herein mit ihm!« Biagio dachte sich, sie hätte gesagt: »Herein in den Hosenlatz!«, und er steckte ihn wieder dahinein. Die Frau hatte sich mittlerweile mit den Schultern und dem Kopf auf das Bett fallen lassen, um das Spiel besser fühlen als sehen zu können, und sie wartete nun darauf, daß Biagio seine Lanze an ihrem Schilde brach: »Biagio, was machst du?« Biagio antwortete: »Ich warte.« Da hob die Frau den Kopf, und da sie sah, daß er die Waffe wieder eingesteckt hatte, forderte sie ihn von neuem zum Kampfe auf; und um nicht länger in ihrer mißlichen Lage zu bleiben, holte sie seine Waffe selbst heraus, richtete sie direkt auf das Ziel und sagte: »Jetzt warte und rühre dich nicht, bis ich dir sage, was du zu tun hast!« – und sie legte ihren Kopf zurück, um sich besser auf die Steigbügel setzen zu können. Jetzt sagte Biagio, der wohlgerüstet dastand, da es ihm so vorkam, als ob sie zögere und nunmehr er in Bedrängnis wäre, während er doch Lust hatte, loszustürmen: »Was soll ich jetzt tun?« Darauf sagte die Schwiegermutter: »Nun stoße so zu, daß die Lanze gut trifft, und daß dein Sattel sich mit meinem berührt!« Kaum hatte sie das gesagt, als Biagio so stark vorzustürmen begann, daß sie beide in einem und demselben Augenblick das Gleichgewicht verloren. Die Witwe fragte ihn: »Hast du nun gelernt, wie man's tut?« Er antwortete: »Ich glaube wohl.« Man kann sich vorstellen, daß es nicht das letztemal war, daß Lukrezia den Biagio lehrte, die Ehe zu vollziehen. Pietro Fortini Der verliebte Hauslehrer Tugendhafte Jünglinge und ihr keuschen Frauen, ich weiß nicht, ob ihr vielleicht gehört habt, wie vor einiger Zeit in Siena ein junger Mensch lebte, der auf die Hochschule gekommen war, um die Wissenschaften zu studieren, statt dessen aber gelernt hatte zu lieben und den Verliebten zu spielen; sein Name, um ihn nicht zu vergessen, war Messer Giovambatista von San Casciano. Als er ankam, wußte er schon zu sagen »poeta quae pars est« , trat daher flugs als Hofmeister in das Haus eines unserer Edelleute, um zwei seiner Kinder von etwa sechs bis acht Jahren die Lesekunst beizubringen. Der Pädagog war nun schon mehrere Monate in Siena gewesen, hatte Bekanntschaft gemacht mit vielen jungen Leuten und sich Zutritt in verschiedene Häuser bald mit diesem, bald mit jenem eröffnet. Auch war er vertraut geworden mit vielen Gelehrten seines Fachs, bei welchen Messer Giovambatista gar sehr den Edelmann und den Feingebildeten, vor allem aber den Gelehrten spielte; namentlich glaubte er das feinste Toskanisch zu reden, das je über italienische Lippen gekommen sei. Wenn man sich daher in großer Gesellschaft unterhielt, wie das unter Studierenden den ganzen Tag geschieht, geschah es, daß Misser Giovambatista meistenteils schwieg, weil er nicht so viele Kenntnisse besaß, als ihm hinreichten, denn der Tor verstand kaum ein bißchen Latein; auch schwieg er, weil er nicht übermäßig schlau war. Sobald man ihn nun kannte, ward er von jedermann verspottet, und wer ihm näherstand, hielt ihn zum besten und machte sich lustig über ihn. Ein paar junge Leute machten ihm weis, er sei der schönste junge Mann in ganz Siena und der größte Gelehrte in seiner Wissenschaft, der je auf der Welt gewesen, und ließen ihn auf diese Weise die größten Torheiten begehen, die je ein Mensch begangen hat. In der Tat, Martino von Amelia war gegen ihn nichts, denn er übertraf noch Calandro an Narrheit. Durch dieses Lob meinte er schon selbst der gelehrteste Mann zu sein, der in dieser Fakultät studierte; und überdies hatte man ihm in den Kopf gesetzt, er sei der reizendste, schönste und anmutigste junge Mann in ganz Siena. Jeder Student zog vor ihm die Mütze, gab sogleich nach, wenn er Behauptungen aufstellte oder Schlüsse vorbrachte, und so wurde der unvorsichtige Magister bald selbst der Meinung, er sei schon ein Aristoteles, Plato, Galen, Avicenna und Hippokrates, hielt sich für den Gott der Heilkunst und den obersten Weltweisen. Auf diese Art verharrte er in Täuschung und Selbstruhm. Als er nun sah, daß er so sehr in Geltung stand als Gelehrter, fing er an, um universeller zu werden, auch den Apoll zu spielen und sich in alle Edelfrauen, die er sah, zu verlieben. Nach seiner Überzeugung liebten ihn alle und sehnten sich nach ihm. Unter viele andere, die er liebte, reihte ihm sein Glücksstern auch eine Frau vom besten Adel und großem Reichtum, die nicht minder mit Schönheit und Sitten geschmückt als sie an Verwandten und Vermögen reich war. In diese hatte sich unser armer Pedant aus der Maßen vergafft, so daß er nicht oder doch kaum bleiben konnte, ohne die Geliebte zu sehen oder doch den festen neidischen Mauern nahe zu kommen, die sein geliebtes Leben verbargen. Er machte es dabei, wie oft törichte, einfältige Liebhaber zu tun pflegen, die, wenn sie einen geliebten Gegenstand nicht sehen können, den Ort anschauen, wo sie meinen, daß er sich befinde, und mit ihm sprechen, gerade als hätte er Verstand; und wenn diese seine Geliebte ausging, folgte er ihr immer auf jedem Tritt und Schritt unter den überschwenglichsten Torheiten, den tölpischsten Reden und unbeholfensten Höflichkeiten, wie sie nur je ein törichter und ungebildeter Bauer vorbrachte, und mit den Augen konnte er mit ihr anfangen und von ihr erhalten, was er wollte: denn der Tor hielt sich an und für sich ihrer durchaus würdig. Diese seine Liebe dauerte lange Zeit; der Tor sah seinen Irrtum nicht ein, sondern vermehrte ihn noch angelegentlich. Nun begab es sich, daß zufällig oder, wie wir besser sagen, wegen eines gelegenen Bedürfnisses im Hause dieser seiner Geliebten ein Priester sich befand, gleichfalls aus unserer und des verliebten Hauslehrers Vaterstadt, der einen kleinen Knaben, den Sohn dieser seiner Geliebten, im Lesen unterrichtete. Der törichte Liebhaber brachte es dahin, daß er mit ihm aufs engste vertraut wurde und in wenigen Tagen ihm seine ganze Liebe entdeckte; denn er wähnte, der Geistliche müsse ihm noch sehr dankbar dafür sein, daß er ihn gewürdigt habe, ihn zu seinem Freunde zu wählen. Er enthüllte ihm seine ganze Leidenschaft und bat ihn übrigens in ganz gebieterischer Weise folgendermaßen: »Priester, ich wünsche, daß Ihr mich Eurer Gebieterin empfehlet.« Als der scharfsinnige Priester das törichte Geschwätz hörte, war er klug genug, ihm zu versprechen, er wolle es tun, und um ihn in seinem Glauben, daß dies geschehen werde, noch mehr zu bestärken, sagte er: »Ha, was sagt Ihr, Misser Giovambatista? Seid überzeugt, daß ich um Eurer trefflichen Eigenschaften willen nicht umhin kann, es zu tun, und daß Ihr mir nur befehlen dürft; eben darum bin ich immer zu Eurem Dienste bereit. Ich bin allerwegen verpflichtet, Euch zu gehorchen als einem, der größer ist als ich, da Ihr eine so seltene Erscheinung seid auf dieser Welt.« Als der Herr Pädagog sich so große Lobsprüche erteilen hörte, richtete er sich straff auf, strich sich den Bart, spreizte sich in seinem veilchenfarbenen Überrock, den er als Auszeichnung trug, klopfte ein paar Stäubchen davon und sagte zu dem Geistlichen: »Ihr tut das nur aus lauter Freundlichkeit.« Der Priester sagte, um ihn noch mehr zu schrauben: »Was sagt Ihr, Misser Giovambatista? Eure Tugenden sind so groß, daß ich Euch niemals so viel dienen könnte, wie diese verdienen.« Nun stellt euch vor, ob der törichte Pedant vor Wonne zitterte, da er sich so heiß loben hörte! Er wurde dadurch gegenüber dem Priester noch viel sicherer und brach in die Worte aus: »Mit Gunst, Priester, macht mir ein ganz besonderes Vergnügen!« Auf diese Worte zeigte sich der Priester noch viel bereitwilliger, ihm zu dienen, und sagte: »Mit Gunst, Misser Giovambatista, bittet mich doch nicht, sonst macht Ihr mich böse. Ich verlange, daß Ihr mir befehlt! Sagt, was Ihr wollt, daß ich tue! Habe ich Euch nicht gesagt, daß Ihr mir nur zu befehlen habt? Wenn es etwas ist, was in meinen Kräften steht, so werdet Ihr selbst sehen, daß ich nicht ermangeln werde zu folgen; eher würde ich mir selber ungehorsam sein, als Euch. Habe ich Euch nicht gesagt, daß ich mein eigenes Leben daransetzen würde?« Darauf sagte der Herr Hofmeister mit pedantischem Tone: »Ha, das Leben? Domine, non istum privare nobis ; aber sehr angenehm wird es mir sein, wenn Ihr mich manchmal ins Haus nehmt, um Euer Arbeitszimmer zu sehen.« Er hatte nicht so bald diese Worte gesprochen, als der listige Priester erkannte, was er wollte. Er merkte, daß er es mit einem Schafe zu tun hatte, und daß jener von Liebe durchsüßt war wie Honigseim, sprach also zu ihm: »Was zahlt Ihr mir, Misser Giovambatista, wenn ich Euch wenigstens auf zwei Stunden hinbringe zu Eurer Geliebten, meiner Gebieterin?« Misser Giovambatista stieß, da er dieses Anerbieten hörte, einen tiefen Seufzer aus, gerade als wenn ein Esel anfinge zu iahen; und nach dem Seufzer sagte er: »Gewiß Priester, wenn Ihr mir das tätet, so schenkte ich Euch ein schönes Paar Schuhe, wenn Ihr wollt von Tuch; oder wollt Ihr ein Paar Handschuhe von Bocksleder nach der spanischen Mode, oder einen schönen gestrickten seidenen Gürtel?« Er meinte ihm hiermit große Anerbietungen zu machen. Der Priester dachte, ihn nun bereits auf dem Punkte zu haben, wo er ihn wünschte, und um den Roman zu einem erfreulichen Ende zu führen, nahm er sich vor, ihm einen Streich zu spielen, und sagte zu ihm: »Misser Giovambatista, die Liebe und Zuneigung, die ich zu Euch fühle, ist so groß, daß ich Euch umsonst aus bloßer freundlicher Gesinnung dahin führen will; denn Eure Tugenden, wie gesagt, übertreffen alles andere.« Nachdem er dies zu ihm gesagt hatte, nahm er ihn bei der Hand und machte sich auf den Weg mit ihm nach seiner Wohnung. Der Priester stand ganz vertraut mit seiner Herrschaft; denn außer seiner Lehrerstelle war er auch im Hause erzogen. Unter verschiedenen Gesprächen kamen sie an, stiegen die Treppe hinauf und fanden im Saale die Hausfrau, die in der beschwerlichen Zeit der unerträglichen Hitze hier im Kühlen Ölzweige in ein Tuch stickte. Als sie eintraten, empfing sie die Frau mit heiterer Stirn und hieß den Fremden freundlich willkommen, wußte aber nicht, daß es ihr Liebhaber sei. Wie wenn ein edler und vornehmer Gast eintritt, legte sie bei seiner Ankunft ihre Arbeit weg, ließ den gelehrten Herren Sitze bieten und unterhielt sich einige Zeit ziemlich lebhaft mit ihnen. Der Priester versuchte mehrmals auf eine schickliche Weise ihr zu verstehen zu geben, daß der Magister in sie verliebt sei. »Fürwahr, Madonna«, sagte er, »sehr glücklich ist der Tag, wo zwei Liebende sich zusammenfinden und sich miteinander unterhalten können, wie jetzt diese beiden Herrschaften.« Der Herr Hofmeister verstand die Worte des Geistlichen nicht; sie aber merkte daraus, daß es ein Einfallspinsel sei. Der gute Priester, der alles wußte, stachelte noch mit verschiedenen Reden seinen Herrn Verliebten, bis die wackere Dame vollständig zur Einsicht gelangte, daß der Hauslehrer ein Narr sei; sie faßte ihn näher ins Auge und betrachtete ihn genau. Der verliebte Pedant fühlte sich von seiner Liebe mehrmals aufgefordert, mit seiner Geliebten zu reden, wagte es aber in seiner großen Torheit nicht und wußte auf die verständigen Worte der Frau nichts zu erwidern. Der Unselige schien sich das Ansehen geben zu wollen, als gehöre er zu der gelehrten Schule der Hochtoren, und da er in dem Nähkörbchen der Frau ein kleines Büchlein bemerkte, sprach er zu ihr: »Madonna, was für ein Buch ist dies? Ist es ein Petrarca?« Die wackere Frau las gerne in den erhabenen Gedichten Petrarcas und sagte mutwillig: »Allerdings, mein Herr, der ist es.« Sie nahm es in die Hand und fuhr fort: »Ganz gewiß seid Ihr auch ein Verehrer dieses Dichters und kennt ihn genau, da Ihr es so gut erraten habt.« Sie schlug das Buch auf, las ein Sonett, und als sie fertig war, wandte sie sich an den Hauslehrer Giovanni mit den Worten: »Seid so gut und setzt uns klar auseinander, was Misser Francesco Petrarca hiermit hat sagen wollen: denn mir scheint das Gedicht so dunkel, daß mein Geist nicht hinreicht, um es zu verstehen.« Sie dachte nicht, daß er so gar dumm wäre, wie sich nun zeigte. Der arme Pedant, in der großen Liebe, die er für sie fühlte, und wegen der Lobeserhebungen, die er den ganzen Tag über sich ausgießen hörte, meinte schon, ein Dante, ein Petrarca, ein Claudio Tolomeo, ein Pietro Bembo, ein Sannazaro und dergleichen zu sein; darum übernahm er die Aufgabe; der Unglückliche sah nicht ein, daß er nicht würdig war, die Werke des Olympiers zu lesen, die selbst die Kinder verstehen. Er nahm das Buch in die Hand, fing so reizend, als er vermochte, an zu lesen in der unpassendsten Betonung und den lächerlichsten Worten, die je einfältige Leser gebrauchten, wie jener Jüngling liest in Camollia, dessen Beruf es ist, alle, die er reden hört, zu schätzen. Als er alles bis zu Ende gelesen hatte, fing er an und sprach: »Meiner Treu, dies ist das schönste Sonett, das ich je gelesen habe. O Gott! Petrarca hat es doch recht gut verstanden.« »Seid so gut, Misser Giovambatista«, sagte die Frau, »und erklärt es uns ein wenig besser: denn aus Euren Worten habe ich großes Vergnügen geschöpft, indem ich Euch das Sonett so schön erklären hörte.« Der arme Pädagog, der anders nichts verstand als ein wenig lesen, und der dies den Kindern beibrachte, meinte dennoch, es sei ihr Ernst mit ihrer Rede, und las also, ganz wie zuvor, das Sonett nochmals und fügte das gewöhnliche Lob bei, woraus die Frau noch deutlicher erkannte, daß er ein Tropf und ein Stock sei, und mit dem Weltpriester ganz offen ihn zu verhöhnen anfing. Beide neckten ihn nun mit anmutigen Reden, ohne daß der Tor die Sache merkte; vielmehr war er verrückt genug, zu meinen, alle Worte werden ganz ernstlich als Gunstbezeigungen gesprochen; er warf sich in die Brust, streichelte den Bart, streifte dann wieder seine tuchenen Schuhe ab und machte sich Ähnliches zu schaffen. Er nahm es als ausgemacht an, daß die schöne Frau in ihn verliebt sei, wie er in sie. Nach vielen andern Worten sagte die wackere Dame, um sich noch mehr über ihn lustig zu machen, zu ihm in so bezaubernder Weise, daß sie einen, der nie eine Frau gesehen, hätte hinreißen und jedes steinerne Herz erweichen müssen, mit einem zierlichen Seufzer: »Ihr könnt nicht leugnen, Misser Giovambatista, daß Ihr verliebt seid, da Ihr den Petrarca so gut versteht. Wie viele würden hiervon gar nichts verstanden haben! Ihr aber nehmt ihn wahrhaftig kaum in die Hand und versteht ihn, ohne auch nur daran zu denken!« Mit diesen und vielen andern Worten lobte ihn die Frau. Und nun könnt ihr euch denken, wie der einfältige Pedant in Wonne schwamm und sich gleich für den ersten Mann in der Welt hielt in dieser Wissenschaft, nicht nur in der italienischen Literatur, sondern selbst in der lateinischen. Er glaubte diesen Lobsprüchen und hielt sich für einen Poeten, dem nichts mehr fehlte als der Lorbeer. Aber nicht nur in diesem Punkte täuschte sich der Tor, sondern auch darin, daß er wähnte, sie sage es aus lauter Liebe, die sie für ihn fühle. Der einfältige Gesell hüllte sich in diese eiteln Gedanken, und schon meinte er die Frau zu eigen zu haben. Sie unterhielten sich lange zum großen Vergnügen der Frau und des Weltpriesters; auch des Herrn Hofmeisters Freude war nicht klein, als nach langen Gesprächen die Frau der Magd befahl, zu trinken zu bringen. Die Dienerin gehorchte und holte nach der ihr wohlbekannten Sitte ihres Hauses sogleich mit Wasser aufgefrischten Wein; sie setzte den Wein und die Gläser auf einen Tisch, brachte auch verschiedenes Obst nebst Artischocken und vielem anderen, was zu einem Imbiß gehörte, wie es im Hause gebräuchlich war. Die witzige Frau sagte mit heiterer Miene zu ihrem Herrn Liebhaber: »Trinket, Misser Giovambatista, denn Ihr müßt unfehlbar Durst haben, teils wegen des Wetters, teils wegen der Anstrengung, die Ihr gehabt habt mit Eurer langen Erklärung über das vorgetragene Sonett.« Darauf sagte der Herr Pädagog: »Recht gerne, Madonna, trinke ich Euch zuliebe.« Sprach's, nahm ein mit Wein gefülltes Glas in die Hand, trank es aus bis auf den Grund, setzte es leer nieder und dankte ihr mit den törichtsten und unpassendsten Höflichkeitsbezeigungen, und ganz wie ein roher, ungeschliffener Bauer, der er auch wirklich war, setzte er sich nieder. Nachdem er gesagt hatte: »Ich danke tausendmal« – wußte er nichts weiter und schwieg. Die gute Frau war sehr verschlagen; sie dachte, nun sei er lange genug bei ihr gewesen; sie hatte den Spaß satt und war ganz müde von langem Lachen. »Hört,« sagte sie, »es muß jetzt Zeit sein, die Kinder abzuhören. Wir müssen abbrechen, damit die Stunde nicht versäumt wird.« Der Priester merkte, daß seine Gebieterin an dieser Unterhaltung genug habe; er nahm Abschied und ging mit Giovambatista hinweg. Beide verließen das Haus und gingen eine gute Weile miteinander spazieren, über verschiedene Gegenstände sich unterhaltend. Misser Giovambatista ging in das Haus, wo er wohnte, und nahm den Priester mit. Als sie dort angelangt waren, überhörte er die Kleinen, war aber so zerstreut, daß er nicht darauf achtete, ob sie gut oder schlecht sprachen. Nach Beendigung des Unterrichts verließen sie das Haus und wanderten so lange umher, bis die Stunde des Abendessens herankam. Während sie so unter vielen Gesprächen umhergingen, sprach der Pädagog zu dem Geistlichen: »Kurz, Priester, Ihr müßt mir helfen, da Ihr mir das Feuer in der Brust geschürt habt; Ihr müßt mich manchmal ihr empfehlen und ihr sagen, daß ich ihr ergebener Diener sei.« Der Priester antwortete: »Laßt mich nur machen! Sagt mir, habe ich Euch nicht gesagt, wenn ich Euch keine Freude mache, so habe ich selbst keine Freude?« Nach vielen ähnlichen Reden verließ ihn der Priester und ging nach Hause. Dort angelangt hörte er auch seine Schüler ab, die ihn schon erwarteten; denn er war lange ausgeblieben. Er fand im Hause, daß sie bei Tische waren; er setzte sich auch nieder und speiste zu Nacht. Sodann nach der Mahlzeit ist es bekanntlich Sitte bei unseresgleichen und zumal bei solchen, die mehr Vermögen als wir haben, noch einige Zeit bei Tische zu bleiben, um über verschiedene Gegenstände sich zu unterhalten. Nach einigen Gesprächen wandte sich der Priester halb lachend zu seiner Gebieterin und sagte: »Fürwahr, Madonna, Ihr könnt Euch doch eines solchen Liebhabers rühmen, wie Ihr ihn besitzt.« Dann kehrte er sich zu seinem Gebieter, ihrem Gemahl, mit den Worten: »Und Ihr müßt die Augen offenhalten, denn Eure Frau hat heute einen sehr gefährlichen Anbeter bekommen.« Die Frau lachte über diese Worte und sprach: »Ei, er ist schön und galant, was wollt Ihr mehr? Laßt mir ihn nur in Ruhe, daß er nicht unwillig wird!« Ihr Gemahl wollte wissen, wer dieser neue Liebhaber sei; denn er dachte, wie er auch wirklich war, werde es irgendein alberner oder leichtsinniger Mensch sein, sonst spräche jener nicht so, um ihn zu verhöhnen; und als ein scherzhafter Mann wollte er alles wissen. Der Priester erzählte nun zuerst von dem Sonette, dann von den törichten Aufträgen, die er ihm gegeben, und fügte hinzu: »Dies ist einer, der, wenn man will, alle möglichen Hänseleien mit sich anfangen ließe.« Dabei schilderte er sein ganzes Wesen und zeichnete ihn so gut, daß man ihn erkannte, ohne daß er ihn zu nennen brauchte. Ja, er war noch nicht ganz fertig mit seiner Darstellung, als jener ihn in der Tat erkannte. Und da er von aller seiner Torheit wußte, kam ihm plötzlich die Lust, ihn wieder zum besten zu haben, wie ihm das schon öfter begegnet war. Denn noch war kein ganzes halbes Jahr vorbei, seit einige junge Leute ihm im Scherze eines Abends weismachten, gewisse Frauen seien in ihn verliebt; einer derselben sagte zu ihm im Auftrage von einer der Frauen, sie möchte ihn auf den Abend gerne zu Tisch und im Hause haben; er meinte damit einige Frauen, die im Tuchmagazin von Sankt Anton hinter der Universität wohnten. Der sich von selbst für schön haltende Pedant glaubte dies nur zu sicher, da er von vielen Seiten das Lob seiner Schönheit vernommen hatte; überdies hatte er von den ersten und besten Frauen noch nie gekostet und nur bisweilen in San Martino seine anderthalb Bajocke aufgewendet. Er nahm also die Einladung an und sagte, er wolle ihnen ein anderes Vergnügen dafür machen; und als die Stunde verabredet war, verließen sie ihn. Die Zeit kam; unglücklicherweise regnete es an jenem Abend sehr heftig; aber den lustigen Gesellen kam das zu ihrer Fopperei eben recht. Misser Giovambatista, in der Meinung, zu einer stillen Hochzeit zu gehen, begab sich zuerst nach Hause, setzte ein bürgerliches Barett auf, warf einen höfischen Mantel um, zog Tuchschuhe an, kämmte und bürstete sich von oben bis unten und hüllte sich in einen Rock von blauem kurzgeschorenen Tuche, den er als Ehrenkleid von Hause mitgebracht hatte. Als er ganz ausgestattet war zu seinem Gange, um mit jenen Frauen zu schlafen und zu speisen, verließ er in großer Wonne sein Haus und merkte gar nicht, daß eine neue Sintflut hereinzubrechen drohte. Die jungen Leute hatten untereinander verabredet, ihn trotz des Regens hinzutreiben, machten sich auf und stellten sich an den Eingang des Tuchmagazins, wo sie ihn unter den Dächern geschützt erwarteten. Als das gute Tierchen kam, das auf den Zehen einherschritt, um die Sohlen nicht naßzumachen, traten vier von ihnen aus einem Winkel mit Stoßdegen hervor und fingen an, sich viele Stiche zu versetzen. Zwei von ihnen, die bei dem Hofmeister waren, flohen wirklich mitten durch den Kot hinweg, da sie gute Stiefel anhatten, und ließen Misser Giovambatista ganz allein, nur in Gesellschaft jener Freunde, die mit ihren Degen wacker auf ihn losschlugen. Die vier jungen Leute setzten ihm wegen des heftigen Regens um so stärker mit Stößen zu und konnten unterdessen das Lachen nicht halten, da sie ihn so in den Mantel eingemummt sahen. Als er sich so schlagen fühlte, fürchtete der arme Schulmeister, man möchte ihn umbringen, da er merkte, daß es Degen waren; er wollte also fliehen und fing an zu schreien: »Hilfe, Hilfe! Kommt herbei!« Und da er in Schuhen war, konnte er nicht laufen, schon da er in seinem Mantel stak und im Kot stand bis fast an die Kniee. Bei den Schlägen, die er erhielt, verlor er seine Schuhe vom Fuße; er fiel mitten in den Kot und wälzte sich darin unwillkürlich wie ein Schwein. Als die jungen Leute dachten, ihn nun gehörig zugerichtet zu haben, verließen sie ihn, da die Motten ausgeschüttelt waren und er in den Schmutz geworfen lag wie ein Büffel im Schlamm. Als der wackere Hauslehrer sich von den traurigen Geistern, die ihn angestachelt hatten, verlassen sah und merkte, daß sein Rücken nicht mehr zerbleut wurde, richtete er sich, so gut er konnte, auf, um fortzugehen, merkte nun aber, daß er seine Schuhe verloren hatte. In der Dunkelheit der Nacht konnte er sie nicht sehen und fing daher an, mit den Augen der Blinden im Kot umherzusuchen, scharrte auch so lange darin umher, bis er zufällig einen fand, und mit diesem ging er hinweg. Noch war er nicht fünfzig Schritte weit gekommen, als er merkte, er habe sein Barett verloren; gedrängt von dem verwünschten Kinderlehrerselend benebst der Not der neidischen Armut, kehrte er um, es zu suchen, und tappte von neuem auf der Erde herum, suchte mit den Händen im Licht der Blitzstrahlen und unter dem Platzen eines heftigen Regens, ja er suchte fort, bis er zufällig darauf trat und es im Wasser fand, das es eben von hinnen tragen wollte. Der Pedant packte es und ging sehr mißgestimmt mit einem Schuh nach Hause zurück. Der Gebieter des Geistlichen hatte nun von dergleichen ihm früher gespielten Possen gehört und bekam den Einfäll, ihm noch einen solchen Streich zu spielen. »Ihr müßt ihn«, sagte er zu dem Priester, »mit Worten hinhalten und ihm Hoffnung machen, damit wir ein wenig Spaß mit haben!« »Laßt mich nur«, sagte der Priester; »ich werde das Erforderliche tun; denn diesem könnte man weismachen, was man wollte. Ich werde die Sache sogleich anordnen.« Nach diesen Worten verließ der Priester das Haus und besuchte den Herrn Lehrer. »Wißt Ihr noch nicht?« sagte er zu ihm, »ich habe Eure Botschaft an meine Gebieterin ausgerichtet.« Und mit einem Seufzer fügte er hinzu: »O Ihr Glückskind! Ja, Glückskind darf man Euch nennen. Ich glaube, Ihr seid Cupido, daß Ihr so die Frauen mit Euern Augen trefft und alle dadurch in Eure Liebe verstrickt, verhext und verkettet.« Darauf antwortete der Herr Hofmeister: »Was bringt Ihr mir denn für gute Nachrichten, daß Ihr so heiter seid?« Dabei stieß er einen Seufzer aus nicht anders als wie ein altes Kalb, wenn es brüllt, so daß man es eine Meile weit hören konnte. Ebenso tat der Priester und antwortete ihm seufzend also: »Ach Gott, wär' ich doch so bei ihr in Gunst, wie Ihr! Ich glaube, es gäbe dann auf der Welt keinen glücklicheren Hauslehrer als mich. Sie sagte mir, sie wünschte höchlich, Euch morgen nacht unter vier Augen wenigstens auf ein paar Stündchen zu sprechen. Ich denke, Ihr versteht mich und wißt, was sie will; ich sage es aber verhüllterweise, damit Ihr mich nicht für einen Kuppler nehmt.« »Das tut nichts«, erwiderte der Hauslehrer, »sprecht nur, wie Ihr wollt! Gebe Gott, daß es wahr ist!« »Seid gutes Muts«, versetzte der Priester, »so ist die Wahrheit, und ich schwöre Euch bei der Liebe, die ich für Euch fühle, es ist in Wahrheit so!« Dabei machte er aber für sich eine Gebärde nach hinten. Hierauf antwortete der einfältige Pedant mit den übertriebensten Worten, die je ein Einfaltspinsel sprach: »Um Euch die Wahrheit zu gestehen«, sprach er, »ich hatte wohl bemerkt, daß sie um meinetwillen litt; aber ich hatte nicht Gelegenheit, mit ihr zu reden. Sagt mir, um welche Stunde soll ich zu ihr gehen?« »Um Mitternacht«, sagte der Priester, tischte ihm tausenderlei Märchen auf und sagte ihm die unglaublichsten Dinge, die je einem Kinde von den Eltern über seine Entstehung vorgemacht wurden. Der Priester sagte zu ihm, er sei der größte Hexenmeister, der je unter dem Himmel gelebt habe, er mache durch seine Kunst, daß die Frauen durch ihn liebeskrank werden, und tausend andere ähnliche Albernheiten, so daß jener wirklich auch im Besitze der Schwarzkunst zu sein glaubte. Als sich der Meister Schafskopf solches Lob erteilen hörte, wähnte er schon hochgelehrt und weise zu sein. Der listige Priester hielt ihn den ganzen Abend über bald so, bald anders beschäftigt und begleitete ihn endlich spät in der Nacht nach Hause. Dort verließ er ihn gelehrter als Salomo, schöner als Narziß; nachdem er ihn so aufgebläht und ganz mit Torheit erfüllt hatte, ging er gleichfalls nach Hause. Der Priester war ein sehr verständiger und gelehrter Mann, und man sollte einen solchen nie Pedant nennen, wenn er auch das Pedantenamt übte. Er versah dieses Geschäft einzig wegen der großen Verbindlichkeit, die er gegen seinen Gebieter hatte, der ihn lange Zeit von klein auf erzogen, ihn in der Tugend hatte unterweisen lassen und ihm endlich die Pfründe, die er genoß, erteilt hatte. Der Priester legte sich zu Bette und brachte die ganze Nacht in mannigfaltigen Gedanken hin. Denn als der Morgen kam, putzte sich der Pädagog, so gut er konnte, fing an, um das Haus seiner Geliebten herumzustreichen und brachte den ganzen Morgen mit Spazierengehen zu. Als dann die Stunde des Mittagessens kam, tat der Priester, als komme er von seiner Gebieterin, und sprach ganz bewegt: »Misser Giovambatista, diesen Abend müßt Ihr unfehlbar sie besuchen. Ich kann Euch versichern, seit Ihr von ihr weggingt, ist sie wie halbtot: sie will ihren Gatten nicht mehr sehen und tut nichts, als über Eure Angelegenheiten sprechen. Ach Gott, ich glaube Francesco von Ascoli hat nicht so viel von der Zauberei verstanden, als Ihr wißt. Ich sag' Euch, Ihr seid doch grausam mit ihr umgegangen. Schaut zu, ob sie nicht durch Euch zugrunde geht! Sie hat mir Geld gegeben, daß ich heute abend außer dem Hause speise, um desto besser die Sache mit Euch verabreden zu können.« Nach diesen Worten machten sie miteinander aus, sich am Abend zusammenfinden zu wollen. Sie nahmen Abschied voneinander und gingen jeder zum Mittagessen nach Hause. Der Priester besprach nun in großer Heiterkeit mit seinem Gebieter, am Abend dem übelberatenen Pedanten den Streich zu spielen. Nachdem das Essen vorüber war, ging der Priester ganz vergnügt aus und suchte den verliebten Hauslehrer in seinem Studierzimmer auf. »In der Tat, Misser Giovambatista«, fing er an, »ich habe Angst, Ihr habt mich auch bezaubert: ich kann keine Stunde ohne Euch sein und nicht von Euch loskommen; ich wundere mich nicht mehr über meine Herrin. Kommt, wir wollen ein Kitzlein kaufen für das Geld, das mir die Frau gegeben hat, und dann miteinander bei ein paar Freunden von mir zu Nacht essen. Nach dem Essen wollen wir dann, sobald es uns Zeit scheint, zu dieser glücklichen Hochzeit gehen, oder vielmehr, Ihr sollt hingehen. Sie hat mir angedeutet, was wir tun sollen, und alles gerüstet.« Meister Schafskopf deuchte die Zeit eine Ewigkeit, bis er zu seiner Dame kommen durfte; ohne viele Umstände sagte er daher zu dem Priester: »Mit Vergunst, gehen wir und besorgen wir schnell, was noch zu tun ist; denn mir kommt es unendlich lang vor.« Nach diesen Worten gingen sie aus, begaben sich zu einem Fleischer und kauften ein fettes Ziegenböckchen. Nachdem es bezahlt war, schickte es der Priester in das Haus gewisser Freunde von ihm, mit welchen er bereits den Spuk verabredet hatte. Dann gingen sie spazieren, bis die Stunde des Abendessens herankam, und der verliebte Herr Pädagog sprach zu dem Geistlichen: »Kommt, wir müssen nun nach Hause gehen, um zu sagen, daß sie mich heute abend weder zu Tisch noch zum Schlafen erwarten; denn ich werde ja bei ihr schlafen, nicht wahr?« »Freilich«, sagte der Priester. »Geht Ihr, Misser Giovambatista, nur nach Hause, um dort anzusagen, daß sie Euch nicht erwarten sollen; ich werde mich unterweilen dahin verfügen, wo wir speisen werden, um nach dem Essen zu sehen, ob nichts mehr fehlt; dann lasse ich die Mahlzeit auftragen, denn es ist schon spät. Sobald Ihr dann Euer Geschäft besorgt habt, macht, daß ich Euch an der Brüstung der Brücke sitzend finde unter der Säule, nicht am Brunnen. Kennt Ihr den Brunnen nicht? Es ist die Tränke der Pferde und dort, wo man die Kleider wäscht.« »Freilich, freilich kenne ich jenen Brunnen«, antwortete der Hauslehrer. »Wenn Ihr ihn kennt«, fuhr der Priester fort, »so wißt Ihr auch, was Ihr zu tun habt; denn dorthin gehen wir zum Nachtessen.« »Gut, ich will es nicht vergessen und meine Geschäfte besorgen.« Nachdem der Hauslehrer dies gesagt hatte, verließ er den Priester, flog nach Hause und zeigte daselbst an, sie sollten ihn heute nacht nicht erwarten weder zum Essen noch zum Schlafen. Der gute Priester suchte einige seiner Freunde an der Brücke auf, denen er schon das Böckchen ins Haus geschickt hatte, erzählte ihnen alles und meldete ihnen von der Narrheit des Pedanten. Er ließ in ihrer Wohnung ein sehr gutes Abendessen bereiten und ging eilig nach Hause, um seinen Herrn aufzusuchen. Es wurde mit ihm verabredet, er solle ihn an einem Seile zum Fenster hineinziehen. Nachdem sie alles miteinander ausgemacht hatten, kehrte der Priester an die Brücke zurück, wo sie speisen sollten, und wohin er Misser Giovambatista den Pedanten beschieden hatte. Er fand ihn auch, denn er hatte schon eine gute Weile gewartet. Es war schon fast Nacht, als er ihn in das Haus seiner Gesellschaft einführte. Als sie daselbst ankamen, wurden sie unter vielen erheuchelten Liebkosungen aufgenommen, und mit mannigfaltigen und verschiedenen Gesprächen unterhielten sie sich eine gute Weile, so daß die Stunde der Mahlzeit schon lange vorbei war. Als es ihnen Zeit schien, setzten sie sich zur Tafel und speisten mit den feinsten Weinen und guten Gerichten zu Nacht. Dem armen Hauslehrer gaben sie listig lauter stark gesalzene und gewürzte Speisen, und jeder sagte zu dem Pädagogen: »Eßt, Misser Giovambatista, und trinkt!« Dabei legten sie ihm immer vor und schenkten ihm unaufhörlich ein, mit den Worten: »Wer auf ein solches Unternehmen ausgeht wie Ihr, muß sich gehörig stärken, um sich vollständig kampfrüstig zu machen.« Am Ende des Essens stießen sie fortwährend mit ihm an, grade wie die Deutschen zu tun pflegen. Am meisten von allen reizte ihn der Priester und sagte: »Esset, trinket, stärkt Euch, damit Ihr Euern Ritt auf so holder Unterlage um so rüstiger ausführen könnt!« So erhitzten sie ihn bald mit diesem, bald mit jenem dermaßen, daß er gar nicht mehr wußte, wo er war. Sie brachten ihn dahin, daß er übermäßig aß und trank, und hielten ihn lange bei Tische; und damit ihn nicht der Schlaf überwältige, ließen sie ihn das tollste Zeug von der Welt plaudern und hatten ihren Scherz bis Mitternacht. Als nun endlich die heißersehnte Stunde kam, hatte der Hausherr des Geistlichen schon einige vertraute Freunde aufgesucht und ihnen den Spuk erzählt, der veranstaltet werden sollte. Sie gingen in das Haus, brachten das Seil in Ordnung und warteten sehnsüchtig: denn es schien ihnen tausend Jahre, bis sie ihn mit dem Seile emporziehen konnten. Sobald es nun dem Priester Zeit schien hinwegzugehen, sagte er zu dem Pedanten: »Wohlan, Missere, gehen wir: ich will heute nacht Euer Gnaden und meiner Gebieterin mit einem Schlage einen Dienst erweisen.« Dann fuhr er fort, zu den Begleitern sich wendend: »Mit Vergunst, leiht mir die Waffen, die ich in der letzten Nacht anwandte, als ich zu einer ähnlichen Unternehmung ausging!« Misser Giovambatista war von Wein erhitzt und rief: »Ich will mich bewaffnen, denn ich gehe ja zum Kampfe.« Er erinnerte sich, wie er jüngst die Schuhe verloren hatte, und begehrte sich zu bewaffnen. Die jungen Leute, die von dem Priester gut unterwiesen waren, brachten einen von jenen alten Harnischen herbei, schnallten ihm ihn an und sprachen zu ihm: »Was sagt Ihr, Missere? Wollt Ihr Euch besser bewaffnen? Wenn Ihr Euch rüsten wollt wie neulich der Priester, so könnt Ihr auch. Wißt Ihr nicht, wie heutzutage in Siena sich die Leute mit Schwertern und Stangen anfallen, einander auf die Beine, den Kopf und das Gesicht losgehen? Nun bedenkt Eure Lage! Wir sagen es nur zu Euerm Besten.« »Ja, ja«, sagte der Herr, »bringt mir nur eine sichere Rüstung, damit ich, wenn Not an Mann geht, nicht umgebracht werde!« Die wackern Jünglinge, die alles vorbereitet hatten, zogen ihm über den Küraß noch ein wohlausgepolstertes Wams an und darüber noch einen Rock, so daß kein Stoß verfangen konnte. Als er bekleidet war, gürteten sie ihm ein Schwert und einen sehr großen Dolch um. Nachdem er auf diese Weise gewaffnet und gekleidet war, zogen sie ihm den höfischen Mantel an und versteckten die Ärmel in Armschienen, als hätte er bei Tag einer Dame den Hof zu machen gehabt. Nachdem sie ihn nun nach ihrem Geschmacke aufgestutzt hatten, sagten sie: »Nun geht nach Euerm Belieben hin, wohin Ihr wollt!« Misser Giovan der Pedant fühlte sich durch den Wein ganz gehoben und spürte gar nicht, welche Last er auf sich trug. Voll Begierde, mit der Frau handgemein zu werden, ging er wahrhaftig geradesweges auf das Pförtchen zu, hinter welchem seine Geliebte weilte. Der Priester aber begleitete ihn und sagte ihm unterwegs: »Seht, Misser Giovambatista, zur Tür könnt Ihr nicht hereinkommen, denn der Hausherr verwahrt die Schlüssel. Sie muß Euch an einem Seile zum Fenster hereinziehen, damit man es nicht merkt, wenn Ihr anderswo hineinginget.« Diese Art des Eintritts in das Haus gefiel dem Schulmeister ganz wohl, und indem sie sich darüber unterhielten, erreichten sie das so sehr ersehnte Haus. Kaum sahen sie es von ferne, als Meister Schafshirn zu dem Priester sagte: »Pfeifet, daß wir nicht lange warten müssen!« Der Geistliche hatte dazu noch weniger Lust als er, und sobald sie dort waren, gab er das verabredete Zeichen, und beim ersten Laute schon erschien das treffliche Seil. Der wackere Priester band, um dem Pädagogen keine Zeit zur Reue zu lassen, ihn sogleich mitten fest und gab, sobald es geschehen war, ein Zeichen an dem Seil, sie sollten ihn emporziehen. Als der Gemahl der Geliebten des Pedanten merkte, daß der Liebhaber angebunden war, zog er mit all seinen Genossen ihn auf einmal, so stark sie konnten, um den Spaß vollzumachen, empor, ziemlich hoch über den Boden. Als sie glaubten, ihn hoch genug zu haben und er schon nicht mehr weit zu den Fenstern hatte, befestigten sie das Seil an einer Säule des Fensters; dann trat er mit einem Tuche über dem Kopf ins Fenster und sprach mit verstellter Stimme zu dem Hofmeister: »Mit Vergunst, Missere, wartet ein Weilchen so! Geht nicht weg! Ich höre Leute im Hause.« Nach diesen Worten zog er sich zurück, schloß das Fenster und begab sich in das Zimmer zu den andern, um über die Torheit zu lachen; und das taten sie auch in so reichlichem Maße, daß man ihnen hätte ohne Schmerz die Zähne ausnehmen können. Der arme unglückliche Pedant, der so warten mußte, sagte: »Gerne!« In der Luft schwebend, erwartete er mit Verlangen den Augenblick, wo er seine Geliebte umarmen und mit ihr die süßen Früchte der Liebe genießen dürfte. Die jungen Leute hatten sich nach langem Gelächter aus Müdigkeit teils auf das Bett, teils auf Kästen niedergestreckt; keiner konnte mehr sprechen. Sodann ging der Gatte der wackern Frau mit allen seinen Gefährten durch die Hintertür aus dem Hause, und sie kamen miteinander an die vordere Tür. Sobald sie das Tor erreicht hatten, öffnete der Hausherr die Tür mit einem Schlüssel, um der Sache mehr Anstrich zu geben. Nachdem er aufgemacht hatte, trat er noch mit jenen eine Weile hin, um zu plaudern, tat, als wisse er gar nichts von der Sache, und sie sprachen untereinander von verschiedenen Gegenständen. Der arme Missere, der über ihnen aufgehängt war, erkannte in der Tat den Gatten seiner Geliebten und befürchtete sehr, es möchte ihm etwas Mißliebiges widerfahren; und um nicht gehört zu werden, zwang er sich, so sehr er konnte, den Atem anzuhalten. Der Hausherr des Geistlichen, als ein sehr spaßhafter Mann, kam auf den Einfall, ihm noch einen andern, schöneren Possen zu spielen, und sagte, da er wußte, wie gut gewaffnet er war, leise zu seinen Begleitern: »Wir wollen ihn zum Laufen bringen.« Nach diesen Worten rief er einen Knecht zu sich und sagte ihm mit gedämpfter Stimme, er solle ihnen fünfundzwanzig Packstöcke bringen; das sind gewisse nicht sehr dicke und zwei Spannen lange Hölzchen zum Schleudern. Der Diener gehorchte und ging in der Tat dahin, wohin sein Herr ihn gesandt hatte. Während der Diener nun die Stöcke brachte, gingen die jungen Leute und der Hausherr nicht von der Tür unten hinweg und machten daselbst tausend Späße; dem Herrn Hauslehrer aber, der am Abend zuvor über Gewohnheit gegessen und sehr gut getrunken hatte und ganz besonders angefüllt war, kehrte sich in seiner unbequemen Lage der Magen um und begann wie ein Strom die Brühe zu entleeren, so daß er die jungen Männer samt dem Hausherrn mit dem Schmutze übergoß, der in seinen Magen eingepfropft gewesen war. Während sie diesen Regen nebst dem schauerlichen Gedonner des Magens hörten, flohen sie, teils wegen des hierdurch verbreiteten Gestankes, teils weil alle mit solcher Hefe überzogen waren, in das Haus, als wüßten sie gar nicht, woher ihnen diese Bescherung komme. Misser Giovambatista, als er von sich gegeben, was er nicht bei sich zu behalten vermochte und was ihm das Gehirn beschwert hatte, kam nach dieser Entlastung wieder mehr zum Bewußtsein. Von den jungen Leuten, die er gebrüht hatte, ging ein Teil hinauf, um sich zu reinigen, ein anderer blieb unten, und als diese sich unten gesäubert hatten, gingen sie wieder hinaus. Der, der schon zuvor in Frauenweise mit dem Pedanten gesprochen hatte, trat an das Fenster und sagte mit weiblicher Stimme: »Herr Giovan Schafskopf, geduldet Euch für heute nacht! Ich kann nicht tun, was ich wünschte, wegen meines Mannes und einiger Fremden, die hergekommen sind.« Nach diesen Worten ließ er ihn hinab. Nachdem der Pedant vielleicht zwei Stunden oder noch länger aufgeknüpft gewesen, war er fast in Ohnmacht gesunken und konnte kaum ein Wort hervorbringen. Am Boden angelangt, bemühte er sich, so gut er konnte, sich loszumachen, damit sie ihn nur nicht von neuem emporzögen. Als er aber auch los war, konnte er sich nicht aufrecht halten und ging tappend mit seiner Eisenlast weiter. Er erblickte einen von denen, die er überschüttet hatte, meinte, es sei der Geistliche, trat zu ihm und sagte: »Priester, o Priester!« Der junge Mann tat, als wisse er nicht, wer das sei, und sprach mit zorniger Stimme: »Was Priester oder nicht Priester! Gespenstergesicht!« Der andere junge Mann trat herzu und sagte: »Wer ist das? Was spüre ich für Waffen?« Der arme Pädagog wußte nicht, was er antworten sollte, und im selben Augenblick fuhr plötzlich der Hausherr des Priesters nebst den andern über ihn her, und sie fingen an, ohne ein Wort zu sprechen, in größter Wut ihn mit den Stöcken zu begrüßen, die sie hatten machen lassen. Als Misser Schafspelz sich die Stöcke um die Beine fuchteln fühlte, fürchtete er, es gehe ihm ans Leben. Da er aber mit Schienen gerüstet war, hatten sie ihn nicht beschädigt. Indem er sich nun so durchrütteln fühlte, kehrte ihm, damit er nicht erkannt würde, die schwindende Kraft zurück, und ohne ein Wort zu verlieren, fing er an heftig zu fliehen. Als die jungen Leute sein schnödes Betragen sahen, machten sie sich daraus großen Spaß, liefen ihm nach und gaben ihm noch manchen Abschiedsgruß mit den Stäben. Der Pädagog floh mit aller Kraft seiner zitternden Beine, und die jungen Leute verfolgten ihn und liefen hinter ihm drein bis zur Halle des Papstes. Auch der Priester war bis zur Halle des Papstes seinem Herrn getreulich zur Seite und gab ihm mehr Stöße als irgendeiner. So war denn der Pedant mehr als einmal zum Ritter geschlagen worden ohne Taxe und hatte so genug daran, daß, obschon sie ihm nicht mehr folgten, er doch immer noch weiter floh, so schnell er konnte, da er immer noch sie hinter sich zuhaben wähnte. So lief er bis zu San Giorgio, immer in der Meinung, sie seien ihm auf den Fersen. Und am Ende, als er sich von ihnen verlassen sah, ging er ganz ermattet und halbtot teils von der Trunkenheit, teils von dem Gewicht seiner Waffenrüstung und von der Furcht weiter, und die Zunge hing ihm eine ganze Spanne lang aus dem Munde. Ganz erschöpft schleppte er sich nach der Brücke. Dort angelangt, wollte er den Weg nach dem Hause einschlagen, wo er zu Nacht gegessen hatte und mit Waffen bedeckt worden war, und fand den Priester neben der Säule sitzend. Als der Herr Hauslehrer ihn erblickte, wagte er vor Furcht nicht zu reden. Der Priester, der ihn kaum verlassen hatte, aber auf einem andern Wege vor ihm dort angelangt war, hörte das Geräusch der Waffen und das Röcheln seines Atems und sah trotz der Dunkelheit die Statur der Person; sonach erkannte er ihn, rief ihn zu sich und sagte zu ihm: »Misser Giovambatista, nun, wie sind die Sachen abgelaufen?« Bei diesen Worten faßte der arme Pedant wieder etwas Mut; er hielt sich versichert, nun wirklich den Priester gefunden zu haben, und antwortete ihm: »Schlecht sind sie abgelaufen, denn ich war nahe daran, um Euretwillen ums Leben zu kommen; aber Gott hat mir beigestanden.« »Um meinetwillen?« sagte der Priester; »wie das?« Der törichte, einfältige Pedant erwiderte: »Ja, um Euretwillen; denn ich glaubte, Ihr seid einer, da war es aber ein anderer, und dem rief ich zu und nannte ihn Priester. Kaum aber hatte ich dies ausgesprochen, so fielen mehr als dreißig über mich her, alle mit Stangen, und ich kann Euch sagen, wenn ich nicht entflohen wäre, so hätten sie mich umgebracht. Sie schleuderten über zwanzig Lanzen auf mich ab, und nur weil sie mich nicht einholten, haben sie mich nicht umgebracht. Außer den Lanzen warfen sie auch noch Bleikugeln und Steine nach mir, ja mir schien sogar, sie schossen eine Art Dolch auf mich, – aber das Glück hat mir geholfen.« In seinem Schmerz und seiner Bedrängnis, nach der Angst und Not, die er eben nach ausgestanden, vermochte er nicht solches zu erzählen, und bei dem übermäßigen Schnaufen vom Laufen her konnte er nicht zusammenhängend sprechen. Der Priester, um ihn noch mehr zu schrauben und um ihm alle Gedanken zu nehmen, als sei er selbst bei dem Spuke beteiligt gewesen, sagte: »Wißt, Misser Giovambatista, wären nicht diese Beine hier, ich wäre nicht von selbst hierhergekommen. Aber Gott sei Dank, sie haben mich mit wütender Geschwindigkeit hierhergebracht. Ach Gott, ich bin angefallen worden. Habt Ihr nicht den Lärm gehört von der Rotte da droben? Es hätte recht schlimm mit mir gehen können. Aber Gott hat es wohl mit mir gemacht, daß er mich furchtsam schuf; wäre ich wie Ihr bewaffnet gewesen, ich hätte mich nicht rühren und nicht fliehen können. Der Henker, meint Ihr etwa, es seien nur ein Paar, drei oder viere gewesen? Potz Sapperment, Orlando hätte nicht so viele auf der Haube haben mögen, und ich mochte sie auch nicht erwarten; und wißt, sie waren alle mit Stangen bewaffnet! Es wäre eine Narrheit, ja eine wahre Verrücktheit von mir gewesen, gegen so viele standhalten zu wollen.« Darauf erwiderte der Pedant: »Wißt, ich hätte mich gegen vier bis sechs um keinen Schritt vorwärts bewegt; aber da ihrer so viele waren, wollte ich sie nicht erwarten; ich tat es auch, um nicht die ganze Stadt in Aufruhr zu bringen; ich bin versichert, es wären nicht über ein Paar übriggeblieben.« Wer diesen Kielhasen hätte so großprahlen hören, hätte ihn für einen Roland nehmen müssen, – und doch war er nur ein Schafskopf. Darauf sagte der Priester: »Sagt mir, habt Ihr niemand von allen gekannt?« »Nein«, antwortete der Missere; »ich hatte nicht Zeit, viel umzuschauen; auch ist an diesem Orte hier nicht gut weilen; vielleicht möchte es uns noch übel gehen und wir unser Ende finden. Warum gehen wir nicht in das Haus, wo wir zu Nacht speisten? Dort können wir sicherer uns aufhalten, als wir sind. Es wäre ein Fehler, wenn man uns zum zweiten Male fände.« Der Priester war von Lachen und von Hinterdreinlaufen ganz müde; er führte ihn daher in das Haus seiner Freunde, entwaffnete ihn daselbst, und sie blieben dort und schliefen; und als naher und getreuer Freund des Hauses legte er den Missere zu Bett, der sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, teils wegen der Angst, teils vor Müdigkeit von dem Gewicht der Waffen; so ruhten sie dort die Nacht über. Als der Morgen kam, ließ der Priester den Pädagogen trostlos und verstimmt zurück und ging nach Hause, erzählte seinem Herrn und seiner Frau den ganzen Vorfall und lachte mit ihnen über die Torheit des Menschen. Ja, ich glaube, sie lachen noch jetzt oft darüber und verhöhnen ihn, sooft sie ihn sehen, mit tausend Possen. Pietro Fortini Geistesgegenwart einer Paduanerin In Padua lebte vor nicht langer Zeit eine sehr schöne, vornehme und reiche junge Frau, die wie viele andere Frauen sich nicht mit ihrem Lebensgefährten begnügte, obwohl er jung, schön und kräftig war, sondern, von einer unehrbaren Lust gelockt, wie viele dumme Frauen tun, sich in einen fremden Jüngling verliebte, der sich zum Studium dort aufhielt. Weil sie maßlos in ihn verliebt war, begann er, wie es Brauch der Studenten ist, da er merkte, daß sie ihn mehr als üblich anblickte, ihr nachzusteigen. Sie kam ihm mit ihren Liebkosungen so sehr entgegen, daß sie in wenig Tagen die ersehnten Früchte der Liebe pflückten. Nachdem so die beiden Liebenden miteinander vertraut geworden waren, verging kein Tag, wo sie sich nicht zärtlich umarmt hätten, und so gingen sie in großer Sicherheit ihrer Liebe nach. Aber zum Unglück war an einem sehr heißen Tage, wie sie beide zusammen in der Stube waren, besiegt und matt von den Liebeskämpfen und infolgedessen wenig vorsichtig, die Tür nach draußen offen geblieben. Und während sie im Bette lagen, kam ihr Mann und sprang die Treppe hinauf. Da die Stubentür ebenfalls offen war, hörte sie, wie er die Treppe hinaufeilte, und merkte, daß es ihr Mann war, worauf sie ganz erschreckt ausrief: »O weh, ich muß sterben!«, aufstand und zu dem Liebhaber sagte: »Versteckt Euch hinter der Tür, und sowie Ihr Gelegenheit habt, geht hinaus, damit unsere Liebe nicht heute zu Ende ist!« Nach diesen Worten ging sie ganz heiter und fröhlich ihrem Mann entgegen und sagte: »Mein teurer Lebensgefährte, Ihr kennt gewiß noch nicht den schönen Streich, den eine Frau ihrem Mann gespielt hat!« »Na«, erwiderte er, »was ist denn losgewesen?« Und um die Geschichte zu hören, blieb er auf der Türschwelle stehen und erwartete von hier aus ihren Schwank zu hören. Die Frau fuhr fort: »Ihr sollt den schönsten Spaß hören, den Ihr je gehört habt!« Er war neugierig, ihn zu hören, und sagte: »Erzähle mir doch, wo und wem er begegnet ist?« »Hier in der Nachbarschaft«, war ihre Antwort; »merkt auf, ob er schön war! Es war eine vornehme, junge und reiche Dame in Padua, die nicht viel weniger schön ist, als ich bin; sie gab sich in ihrem Zimmer mit ihrem Liebhaber, einem Studenten, der Lust hin, und zufällig kam ihr Mann gerade nach Hause, während sie sich die Zeit vertrieben. Sie hörte ihren Mann kommen, bevor er ins Zimmer trat, und ging ihm mit folgenden Worten entgegen: ›Dort neben der Bretterbrücke war eine Frau, die von ihrem Mann überrascht wurde; und sie ging ihm entgegen, band ihre Schürze los ...‹ und nachdem sie das gesagt hatte, wickelte sie sie ihm um den Kopf.« Die Frau, die ihre Schürze bereits aufgebunden hatte, tat so, als ob sie mit ihrer eigenen Schürze das nachmachen wollte, und wickelte ihren Mann fest darin ein. Während er so eingehüllt war, daß er nichts sehen konnte, flüchtete der tüchtige Jüngling leise. Als er fort war, befreite sie ihren Mann, wobei er zu ihr sagte: »Du scheinst sehr dumm zu sein: kannst du es mir nicht erzählen, ohne es mit deiner Schürze nachzumachen?« »Nein«, erwiderte sie, »denn wenn ich deutlich machen will, wie der Liebhaber entkam, mußte ich es so machen.« Dem jungen Manne machte diese Geschichte solches Vergnügen, daß er den Ärger über die Störung seines Tête-à-tête überwand und, um alles mitanzuhören, an einem ziemlich sicheren Platze stehenblieb. Als der Mann von seiner Verhüllung befreit war, sagte er zu der Frau: »Wenn das wahr war, ist das wirklich eine schöne Geschichte; dieser Dummkopf ist ein Idiot gewesen, daß er diese List nicht gemerkt hat!« »Aber«, meinte die Frau, »sie hatte ihn mit dieser Schürze so gut eingehüllt und eingewickelt, daß er wirklich nicht sehen und hören konnte.« Nachdem sie sich genügend über die Sache unterhalten hatten, ging der Mann ins Zimmer, das ja nun frei war, und sie blieben hier eine Weile. Der verliebte Jüngling, der sich vor Lachen über den Vorfall nicht halten konnte, ging sehr zufrieden seiner Wege. Und als der einfältige Ehemann nicht viel später sein Haus verließ, erzählte er diese Geschichte in ganz Padua und merkte nicht, daß er selbst ihr Held war. Die Frau traf, wie sie es gewohnt war, nur mit größerer Vorsicht, mit ihrem geliebten Studenten zusammen, und jedesmal, wenn sie und ihr Liebhaber zusammen waren, lachten sie über den Vorfall; sich glücklich ihrer Liebe erfreuend, ergaben sie sich lange Zeit gemeinsam der Lust und Kurzweil. Antonio Francesco Doni 1513 – 1574 Der Ehemann als Beichtvater In einem gewissen Königreich von dieser Welt, den Ort will ich nicht nennen, begab es sich vor einigen Jahren, daß ein sehr vornehmer Ritter, wohl einer der ersten Edelleute der Krone, eine junge, schöne Frau zur Ehe nahm, die ebenso von edelm Blute wie für seinen Rang passend war. Sie waren sehr glücklich miteinander, und ihre gegenseitige Neigung war so groß und gewaltig, daß, sooft der Baron in Geschäften des Königs außer Landes ging, er immer bei seiner Rückkehr seine schöne Ehegenossin entweder mißmutig, wie von Sehnsucht angegriffen, oder krank antraf. Unter andern wurde denn auch einmal der Baron vom König als Botschafter an den Kaiser geschickt, und da er gegen seine Gewohnheit mehrere Monate ausblieb, sei es aus zufälligen Gründen oder um wichtige Geschäfte zu besorgen, oder wie es nun kam, fügte es das Schicksal, daß seine Frau nach vielen schmerzlichen Seufzern und Klagen, indem sie die Männer ihres Hofes wieder anschaute, mit ihren Blicken an eine Stelle fiel, die sie vielleicht nicht gewünscht hatte, und der Blick war so gewaltig, daß sie sich heftig in einen sehr vornehmen und wohlgesitteten Edelknaben, der sie bediente, verliebte, ohne sich der Sache erwehren zu können. Sie spähte oft nach einer gelegenen Zeit, ohne von dieser ihrer Liebe mit irgend jemand zu sprechen, bis eines Abends ihr Gedanke zur Reife gedieh. Sie schloß daher auf eine geschickte Weise das Zimmer und tat, als ließe sie sich einige Briefe reichen, um sie zu lesen. Bei dieser Gelegenheit ermutigte sie den Jüngling, weiterzugehen, als recht war, durch ein gewisses halb nach Sittsamkeit, halb nach Lüsternheit schmeckendes Betragen, durch Blicke, die den Jupiter hätten in Glut setzen müssen, indem sie manchmal den weißen, zarten Busen plötzlich öffnete und schnell wieder schloß, oft den kleinen Fuß mit einem Teil des blendenden schneeweißen Beines aufdeckte, als ob sie über einem beengenden Gedanken sich Luft machen wollte; diese Gebärden begleitete sie hin und wieder mit einem Seufzer und griff die Sache so keck und listig an, daß der Jüngling endlich schüchtern sagte: »Ach, Madonna, habt Erbarmen mit meiner Jugend! So hier in Zange und Folter leben, zersprengt mir das Herz.« Bei diesen Worten warfen die glühenden Liebesflammen, die in der Brust von feinstem Alabaster verschlossen waren, einen Feuerfunken in ihr Gesicht, das sich ganz entzündete und wie eine glühende Sonne brannte. Sie nahm ihn bei der Hand, die so heiß war, daß sie einen Diamant zum Schmelzen gebracht hätte, und nach manchen Gesprächen und einem enggeschlossenen Bunde, ach, pflückte er die Frucht jener Lust, deren Verlangen jeden Liebenden verzehrt. Nachdem sie viele, viele Tage mit großer Wonne ihr Liebesglück genossen, begegnete ihnen ein unerwarteter Unfall. Ein Baron nämlich, der mit ihrem Gatten im vertraulichsten Verhältnisse stand und fast einem Bruder gleich gehalten wurde, pflegte, da ihm die Tür des Palastes nicht verschlossen war, er vielmehr mit Achtung und Ehre empfangen wurde, der Edelfrau oft seine Höflichkeit und Verehrung zu bezeugen. So kam er eines Morgens, da es schon spät war, ohne bis zu dem Zimmer selbst auf ein Hindernis zu stoßen, fand unglücklicherweise die Tür offen und meinte wie sonst eintreten zu können, ohne zu stören. Die junge Frau und der wunderschöne Edelknabe waren aber nach den anmutigsten Unterhaltungen in einen tiefen, wohltuenden Schlaf gesunken, wie das meist in ähnlichen Fällen zu begegnen pflegt. Da der Baron die Frau nicht sah, hob er mit unerhörter Keckheit einen Zipfel des Bettvorhanges auf, erkannte das Verbrechen der Frau und die Vermessenheit des Jünglings und konnte sich in der Überraschung und bei seiner Neigung zu ihrem Gatten nicht enthalten, auszurufen: »Ha, verbrecherisches Weib, benimmt sich so eine treue Gattin? Ha, zügellose Jugend, was sehe ich hier?« In diesem Tone fuhr er noch lange fort. Bei dem Schreien erwachten die beiden Liebenden, und in starrem Staunen über den unerwarteten Vorfall wußten sie sich nicht anders zu helfen, als demütig unter heißen Tränen und dringenden Bitten um Gottes Barmherzigkeit willen um Gnade zu flehen, was sie denn auch unter so viel Schluchzen taten, daß jedes harte Herz erweicht werden mußte. Der Baron, der nicht von Stahl und Eisen war, fühlte von einem einzigen Drucke des Bogens sich zwiefach verwundet, von Mitleid und Erbarmen und dann von Liebe und Wollust, und nach mancherlei Hinundwiderreden beruhigte er sich unter der Bedingung, daß er einmal einen Teil der Güter genießen dürfe, in deren glücklichem Besitz der Edelknabe sich befinde. Damit war die Frau zufrieden, der Baron beruhigt, der Edelknabe heiter, und sie genossen diese Wonne, die jedes andere menschliche Vergnügen übersteigt, von einem Tag zum andern. Das Schicksal aber ist den Zufriedenen feindlich gesinnt und weiß die Glückseligkeit nicht lange auf derselben Stufe zu erhalten; so genügte es ihm auch nicht an dem ersten und zweiten Unrecht, die beide schon häßlich waren; es fügte vielmehr noch ein drittes, über die Maßen garstiges dazu. Ein Mönch nämlich, der Kaplan der Dame, ein gesunder, rüstiger Mann, war gewohnt, in das Vorzimmer zu kommen, um seine Geheimnisse in Ordnung zu bringen, fand aber den gewohnten Weg verschlossen. Da es ihm nun zu spät wurde, sein Amt zu versehen, gelangte er mit gewohnter Anmaßung durch eine geheime Treppe in das Vorzimmer, lauschte mehrmals an der Tür und fand, da er immer wieder hinzutrat, daß sie offen, aber eng angelehnt war. Er öffnete sie daher ganz sacht ein wenig mit der Hand und merkte, daß der vertraute Baron in großen Ehren bei der Frau lag und alle seine Wünsche in Wonne befriedigte. Da ihm hierbei der Wunsch rege wurde, denselben Weg zu gehen, dachte er hin und her, wie er es angreifen solle, um zu diesem Ziele zu gelangen. Als der Baron demnach aus dem Bett gestiegen war und das Zimmer verlassen hatte, trat der Mönch unverzüglich an das Bett der Dame und sprach zu ihr: »Es sind schon mehrere Jahre her, meine gnädige Frau, daß ich dem ehrenwerten Baron, Euerm Gemahl, diene; der Dienst aber, den ich ihm geleistet, geschah aus keinem andern Grund als wegen der Schönheit, die in diesem engelhaften Angesicht und in den glänzenden und blitzenden Lichtern Eurer schönen Augen ruht. Die Liebe, die ich zu Euch trage, hat nicht Ende noch Ziel, sie achtet nicht auf mein Gelübde noch meinen Stand und hat mich mit der Glut Eurer schönen lebhaften Strahlen so gewaltig angefallen, daß ich oftmals, über die Bahn alles Bestehenden mich hinwegsetzend, nahe daran war, mich ums Leben zu bringen. Ich war dazu fest entschlossen, und es fehlte nicht mehr viel, so hätte ich die Grausamkeit an mir ausgeführt; Amor aber, der mein wahnsinniges, verrücktes Vorhaben bemerkte, hat mir, Dank sei ihm dafür, ein bißchen Licht geworfen in diese dunkeln Schatten meiner Leiden, indem ich nämlich mit eigenen Augen sehen durfte, was zu meiner Rettung erforderlich war.« Hier erzählte er sodann der Frau, welche voll Staunens war, viele Einzelheiten und zeigte ihr in ausführlicher Rede den Schaden, der daraus entspringen mußte, und die Vorwürfe, die sie sich damit zuziehe, wenn sie ihm ihre Zustimmung versage. Auf der andern Seite stellte er ihr das treuste Schweigen, einen ewigen Frieden, eine ungestörte Ruhe in Aussicht. Endlich setzte er ihr auseinander, daß sie ihm das Leben schenke und sich und ihrem Gemahl gleicherweise es erhalte; so daß die mitleidige Frau, von Furcht und Angst und dem Versprechen, das Geheimnis zu bewahren, in der Schwebe gehalten, für ein einziges Mal mit großem Widerwillen und Arger seinen sittenlosen Wünschen sich fügte, und er wich nicht aus dem Zimmer, ehe alles in Ausführung gebracht war. Als die Zeit der Botschaft vorüber war, kehrte nun der Edelmann zum König und in seine Heimat zurück und fand seine Gemahlin gegen ihre Gewohnheit nicht nur gesund, sondern heiter und viel schöner und glücklicher. Darüber war er sehr verwundert, bedachte sich vielfach, woher denn das kommen möge, erkannte und verstand aber diesen Zufall durchaus nicht, soviel er sich auch bemühte, ihn aufzuhellen. Da ihm aber alles nichts half, beschloß er, durch ein nicht sehr empfehlenswertes Mittel sich über die Angelegenheit Aufklärung zu verschaffen und sich zu vergewissern, ob seine Vermutung wahr sei. Als nun die Zeit gekommen war, wo die Menschen den größten Teil ihrer Geheimnisse in die Brust der Beichtväter niederlegen, suchte der Baron einen braven Priester auf, bei dem die Frau zu beichten gewohnt war, und versuchte zuerst mit Bitten, dann mit Anwendung seines Ansehens und seiner Gewalt, ihn dahin zu bringen, daß er ihm sein Gewand und seine Stelle abtrat. Die Frau kam nun mit ihren Jungfrauen eines Morgens beizeiten dahin, fiel andächtig auf die Knie und fing an für ihre Sünden um Vergebung zu bitten. Als sie nun auf das Kapitel der Ehe kam, brach sie in heftiges Weinen aus, und auf die Frage des Beichtigers und die Versicherung der Vergebung ihrer Sünde sagte sie ihm, wie sie in einen ehrenwerten und ihr sehr teuern Edelknaben sich verliebt, was dann unerhörte, unerwartete und schwere Fälle zur Folge gehabt habe. Nach diesen Worten brach sie von neuem und noch heftiger in Tränen aus, und der Baron, der diesen ersten Schlag für seinen Vorwitz erhalten hatte, mit dem er suchte, was er nicht hätte suchen sollen und was er nicht hatte finden wollen, wurde vom Unwillen fast so übermannt, daß er sich entdeckt hätte. Aber aus Begierde, weiterzuhören, beruhigte er sie mit freundlichen Worten und machte ihr die Vergebung für diese Sünde leicht. Die Frau fuhr daher fort: »Nach dem Edelknaben, mein Vater, und mit seiner Beistimmung sah ich mich genötigt, da ich nicht anders konnte und dazu gezwungen ward, Gott verzeih' mir's, auch einem edeln Baron, sooft er wollte, mich fleischlich hinzugeben, und nach diesem Fehltritt ward ich zuletzt, was mir am meisten leid ist, mit Zwang und gegen meinen Willen die Beute eines verwünschten Mönchs, den Gott verdamme, denn ich sehe ihn nie mit den heiligen Gewändern am Leib, daß ich ihm nicht alles Übel der Welt auf den Hals wünschte!« In ihrem Unwillen über die Sünde und dem Schmerz über die erlittene Unbill brach sie in so heftiges Schluchzen aus, daß sie durchaus nicht imstande war, weiterzusprechen. Der Gatte, der sich vor Ärger gar nicht zu raten wußte, geriet durch das neue Ereignis in eine wahnsinnige Wut; vor Erstaunen außer sich, zog er die Kapuze vom Kopf, öffnete zugleich das Gitter, hinter dem sich die Beichtiger verbargen, und sprach: »So hast du also, verruchtes Weib, nicht umsonst gelebt und deine Tage nicht vergeudet, da du sie so sittenlos und unkeusch hingebracht hast!« Jede Frau, die in ähnlichen Verhältnissen gewesen, mag sich hier vorstellen, wie betrübt die schuldbeladene Frau war, als sie sich so entdeckt und entlarvt und alle Möglichkeit einer Ausflucht abgeschnitten sah. Es fehlte nicht viel, so wäre sie in Ohnmacht gesunken, nicht sowohl wegen der frühern als wegen des jetzigen Unglücksfalls. Gott aber wollte den an der Frau geübten Betrug und die Täuschung bestrafen und verlieh ihr ebensoviel Kraft wie Festigkeit. Sie erhob daher die Augen zu dem wütenden Gatten, listig, als wäre sie aus einem seltsamen Traum erwacht, und sagte mit unwilligem Aussehen: »Oh, welch edler Ritter, welch adeliges Fürstenblut, welcher königliche Baron bist du geworden! Weh meinem Schicksal! Ich weiß nicht, was an dir mehr zu tadeln ist, die niedrige Denkungsart, die in deiner Brust eingekehrt ist, oder deine Meinung, deine brave Frau tue dir Unrecht, oder das, daß du dich so gemein verkleidet hast, verleitet ebensowohl von der Unfähigkeit deines Witzes als von der Neugier deines Unverstandes! Nun bin ich zufrieden, daß du endlich den Lohn, den du suchtest, gefunden hast. Übrigens will ich nicht mit dir verfahren, wie du mit mir, und dir deine Torheit verborgen halten und meine Güte dir nicht offenbaren. Sag mir, bist du von Sinnen? Bist du nicht Edelknabe des Königs? Bist du nicht Baron? Bist du nicht zuletzt ein verwünschter Mönch geworden? Welche andere Edelknaben, welche andere Barone, welcher andere Mönch hat mit mir zu tun gehabt, als du? Bist du so hirnlos, daß du das nicht weißt? Ich bin nahe daran, über diesem schändlichen Vorfall und wegen des geringen Vertrauens, das du in meine Person setzest, mir selbst die Augen auszukratzen, um ein so häßliches Schauspiel nicht zu sehen. Wenn du klug bist, so lege diesen gräßlichen Verdacht ab und tue das törichte und tadelnswürdige Benehmen, daß du dich als Mönch verkleidet hast, ab: denn ich schwöre dir bei Gott, daß ich nicht länger vor dir knien kann, so sehr tut mir dieser Vorfall leid und weh!« Damit stand sie mit zornglühendem Gesicht auf und kehrte ohne ein Wort weiter zu ihren Frauen zurück. Der Baron aber, der seinen törichten Schritt enthüllt sah und fest an die Worte der wackern Frau glaubte, suchte ebenso den Fehltritt zu verhüllen, wie seinen Irrtum wiedergutzumachen. Celio Malespini 1531 – 1609 Wagen gewinnt Drei heitere Burschen aus der Stadt Arezzo in Toskana, von denen der eine Giannozzo di Pippo, der zweite Cechini Leali und der dritte Simeone Miniati hieß, wollten gern die stolze Stadt Venedig sehen und machten sich in der Absicht und dem Gedanken dahin auf den Weg, daselbst durch Arbeit oder Dienst bei einem Edelmann ihr Glück zu versuchen. Bei ihrem geringen Geldvorrat wanderten sie also zu Fuße dahin, kamen nach wenigen Tagen daselbst an und nahmen, so gut sie wußten und konnten, eine Herberge in dem Hofe Barozza, im Hause einer ehrlichen armen Frau, wo sie sich denn sehr knapp hielten, da sie nur noch wenige Bajocke übrighatten. Es war gerade zur Fastenzeit, und wie sie da nun eines Abends über die Brücke bei Santa Maria Formosa gingen, welche auf die Straße Gaglioffa führt, erblickten sie in einem Kramladen eine Frau, die allerlei Fettbackwerk machte, und heiß, wie es aus dem Kessel kam, legte sie es in einem großen irdenen Napf auf ihrem Schautisch aus, um es an den Liebhaber zu verkaufen. Bei dem Anblick, dem Dampf und Geruch desselben kamen die wackern Burschen fast außer sich vor gewaltigem Gelüsten, und das Wasser lief ihnen im Munde zusammen. Sie hatten kein Geld, um es sich zu kaufen, und waren doch nicht mit dem Anblick zufrieden; vielmehr ließ ihnen die Begier keine Ruhe, und ihr Herz schmolz vor Verlangen, alle die Kuchen unter die Zähne zu bekommen und zu verschlingen. Da sagte Cechino, der jüngste unter ihnen und verschlagener als die andern, zu diesen: »Soviel ich sehe, würdet ihr, so gut wie ich, ganz gewiß, wenn es anginge, euch einen rechten Bauch voll von diesen Dingern nehmen, die, wie ihr seht, noch immer dampfen. Darum will ich euch die Art und Weise zeigen, wie sie unser werden.« »Wie willst du denn das anstellen«, antwortete Giannozzo, »da wir kein Geld haben, um uns davon zu kaufen?« Ja, er fügte bei: »Wie bist du ein Narr, da du doch weißt, daß wir alle zusammen nicht mehr haben als sechs Kreuzer? Wenn wir diese hingeben, was bleibt uns dann für unsere Gastwirtin zum Abendessen? Und wenn wir morgen auch noch essen wollen, so ist das die Hauptsache.« »Wahrlich«, sprach Simeone, »ich will sagen, du seist ein ganzer Kerl, wenn du das, was du sagst, ins Werk zu setzen wüßtest.« »Nur gemach, Bruder! Sachte!« sagte Cechino. »Ist's euch nicht recht, wenn wir sie zu essen kriegen?« »Nun, wie willst du es denn anfangen?« antwortete Simeone; »sonst scheinst du mir ein rechter Ochs mit deinen Reden.« »Laß es ihn sagen«, sprach Giannozzo. »So rede doch, zum Henker!« »Ei, so hört mich an!« erwiderte Cechino. »Du, Giannozzo, gehst in die Bude hinein und kaufst für deine sechs Kreuzer Zibeben, von denen, wie du siehst, dort auf dem Vorsprung ein ganzer Korb voll steht. Nimm dabei, so sehr du kannst, ihre Aufmerksamkeit in Anspruch! Während er nun einkauft, packst du, Simeone, die Schüssel mit den Kuchen, läufst damit davon und erwartest uns auf dem freien Platz, und sehe ich, wider Erwarten, dir jemand nachlaufen, so halte ich ihn in dem engen, dunkeln Gäßchen auf. Ehe sich das Weib losmacht und aus ihrem Laden wegkommt, bist du mit deinem Raube schon auf dem freien Platz, wo wir dich aufsuchen und mit dir teilen. Meint ihr jetzt, ihr Tölpel, ich sei imstande, den Faden zu finden, an dem sich dieser Knäuel abwickeln läßt, und auszuführen, was ich sagte, daß die Kuchen unser werden sollen?« »In der Tat«, antworteten die andern, »du bist ein listiger Kuchenbäcker. Aber gehen wir frisch ans Werk, ehe die Kuchen kalt werden!« »Ich will zusehen«, sagte Giannozzo, »meine Rolle zu spielen; bereitet ihr andern euch auf die eurige!« Er trat in die kleine Bude und sagte: »He, Frau, gebt mir doch für zwei Soldi von diesen Zibeben! Wie viel verlangt Ihr denn für das Pfund?« »Fünf Marchetti«, antwortete sie; »aber weil Ihr es seid, will ich ein halb Pfund für zwei Soldi geben.« »Wägt es«, sagte er, »aber seht zu, daß Ihr mir es nicht zu knapp macht!« »Seid ruhig«, antwortete sie; »ich werde Euch geben, was Euch gehört.« Als nun Simeone sie mit dem Abwägen der Zibeben beschäftigt sah, bemächtigte er sich rasch der Schüssel mit den Kuchen und lief damit fort an den verabredeten Platz, wo er seine Genossen erwartete und unterdessen ein wenig davon aß, um sich zu überzeugen, ob sie gut seien. Als die arme Frau sah, daß man ihr ihr Backwerk stahl, erhob sie ein Geschrei und sprach: »Packt ihn! Packt ihn! Kuchen gestohlen!« Sie lief eiligst aus dem Laden und wollte nachjagen, aber der schlaue Cechino vertrat ihr den Weg und sagte: »Was ist Euch widerfahren, gute Frau?« »Der Schelm«, antwortete sie, »der dort läuft, hat mir eine ganze Schüssel voll Kuchen gestohlen, die ich eben in dem Augenblick aus der Pfanne genommen habe. Wer sie mir wiederbrächte, und wenn auch nur teilweise, dem würde ich gut lohnen.« »Gute Frau«, sagte er, »bleibt nur zurück! Der Kerl läuft schneller als der Wind und hat in seiner wahnsinnigen Hast mich fast über und über gerannt.« Während nun das arme Weib über den Verlust ihrer Pfannkuchen jammerte, trat auch Giannozzo zu ihr, dem sie Zeit und Weile gelassen hatte, sich die Taschen voll Zibeben zu stopfen, und sagte: »Da, Mutter, nehmt Euer Geld! Da ich Euch so in Anspruch genommen sah, hätte ich davonlaufen können, ohne Euch zu bezahlen; aber ich halte es nicht für recht, andern ihre Sache abzunehmen, ohne dafür zu zahlen.« »Gott segne Euch, mein Sohn«, antwortete sie. »Ihr seid doch keiner wie der Spitzbube. Ich bitte Gott, daß er am ersten Kuchen, den er in den Mund steckt, ersticken möge und krepieren!« Nach diesen Worten ging sie wieder in ihren Kramladen hinein und fing aufs neue an, Pfannkuchen zu backen. Am folgenden Tag aber ließ sie, um der Gefahr, wieder so bestohlen zu werden, zu entgehen, um ihre Schauspinde herum ein Gitter machen. Die drei windigen Gesellen konnten kaum die Zeit erwarten, ihren Raub unter sich zu teilen, und trafen hinter der Kirche bei den drei Brücken zusammen, wo ihre hungrigen Mägen die Pfannkuchen alle in einem Augenblick verschlangen, und da sie darauf fast vor Durst umkamen, machten sie sich über die Zibeben her, deren Giannozzo für seine zwei Soldi, da er sich gut gewogen, mehr als sechs Pfund eingesteckt hatte. Während sie so speisten, hörten sie sanft über ihnen ein Fenster öffnen und eine leise Stimme sprechen: »Liebes Herz, ich komme jetzt gleich und lasse Euch ein! Wartet nur noch ein bißchen, liebe Seele!« Die Nacht war stockfinster und voll von einem dichten Nebel, der vom Himmel sank, überdies heftig kalt, und man konnte durchaus niemand unterscheiden. Der verwegene Cechino sprach also: »Das ist gewiß irgendein gutes Abenteuer. Ratet ihr mir, daß ich hineingehe, wenn sie aufmacht? Wer weiß, es könnte mir vielleicht zu meinem Glücke ausschlagen! Auf jeden Fall«, fügte er hinzu, »sind wir jetzt in eine verzweifelte Lage geraten, und wenn wir leben wollen, so müssen wir etwas wagen. Was sagt ihr dazu? Soll ich gehen?« »Meinetwegen geh du«, antwortete Simeone; »das ist deine eigene Sache.« »Du wärest ein rechter Narr«, sagte Giannozzo, »wenn du da hineingingst; du weißt ja gar nicht wohin, und da du nicht der bist, den sie ruft, so könnte sie, sobald sie dich sieht, anfangen zu schreien: 'Zu Hilfe! Ein Dieb! Ein Dieb!' Denn dafür müßte sie dich doch halten. Dann flieh, wenn du kannst und weißt wohin! Nein, mach es wie ich und menge dich nicht darein!« »Herr Gott, was können sie mir denn tun?« antwortete er; »ich bin kein Dieb; und wenn sie mich nun auch auf ihr Schreien erwischten, könnte ich dann nicht immer sagen, ich sei ein Fremder und sei, weil sie mich gerufen habe, hereingekommen, um zu hören, was sie von mir wolle? Und dann würde Jacopo Salviati jedenfalls für mich bürgen, daß ich ein ehrlicher Mann bin, da ich über drei volle Jahre bei ihm in Florenz gewesen bin und noch bei ihm sein würde, wäre er nicht hierhergezogen und hätte nicht mein Vater, der damals noch lebte, durchaus nicht einwilligen wollen, daß ich mit ihm wegziehe, weshalb ich also seinen Dienst verließ.« »Tu, was du willst! Deine Gründe sind nicht übel«, sagten die andern. »Wenn aber wir dir raten sollen, so gehst du nicht hinein. Willst du es dessenungeachtet, so tu nach deinem Gelüsten! Geht es dir schlimm dabei, so wird es uns zwar sehr leid um dich tun; allein du kannst dich über niemand beklagen, als über dich selbst.« »Nun, kurz und gut«, sagte er, »ich bin entschlossen, hineinzugehen. Beim heiligen Leibe Judä, was wird es denn auch geben? Ich weiß mein Verslein schon, und wer mir etwas anhaben will, der muß sehr schlau zu Werk gehen, wenn ich es nicht merken soll. Geht ihr immerhin in unsere Herberge! Ich bleibe hier allein und werde der Dinge, die da kommen, gewärtig sein. Ihr mögt inzwischen für mein gutes Glück beten, daß es mir günstig sei; denn wenn ich irgend etwas Hübsches daraus fische, wie mir schwant, so sollt auch ihr euer Teil davon abkriegen. Nur wartet auf mich, denn ich höre sie schon die Treppen herunterkommen, um mich einzulassen.« Sobald die zwei Gesellen erkannten, daß sein Entschluß gefaßt und er nicht mehr davon abzubringen war, kehrten sie in die Herberge zurück und ließen den verwegenen Cechino an der Tür warten, bis ihm aufgemacht würde. Es wohnte in diesem Hause ein reicher portugiesischer Kaufmann, der nur eine einzige, unglaublich schöne und reizende Tochter hatte, die, da er Witwer und schon sehr alt war, seine einzige Freude und Trost wurde. Ein Edelmann aus der Stadt hatte sich heftig in sie verliebt, und das Glück war ihm auch so günstig und geneigt, daß er bald bei ihr die ersehnte Frucht der Liebe pflückte. Er war nun gewohnt, fast jeden Montag abends um die erste Stunde der Nacht sich an ihrer Tür einzufinden; sie räusperte sich dann, und er gab ihr das Zeichen zurück, worauf sie ihn alsbald einließ, mit der größten Gefahr durch den Saal, an den das Schlafzimmer des Vaters stieß, und von da in eine Vorratskammer führte, die voller Baumwolle in Ballen lag. Mitten unter diesen hatte sie sich künstlich einen gewissen Raum wie ein kleines Zimmer zurechtgemacht; über diese Wollsäcke hatte sie weiße Leintücher mit trefflichen seidenen Decken gebreitet, in welchen sie sich dann niederlegten und miteinander die ganze Nacht, ja zuweilen den ganzen Tag in den Freuden der Liebe hinbrachten. Niemand im Hause außer ihr hatte den Schlüssel zu diesem Orte, und sie ließ auch nie jemand hinein. Sie hatte daselbst zur Erfrischung ihres Liebhabers immer die köstlichsten Weine, die schmackhaftesten Speisen und verschiedenes Zuckerwerk, womit sie ihn so lange unterhielt, bis sie ihn auf dieselbe Weise, wie sie ihn hereingeführt hatte, am folgenden Abend wieder hinwegbringen konnte. Nun hatte das schöne Mädchen das Geräusch und Geflüster der drei lustigen Gesellen, welche die Pfannkuchen aßen, vernommen und – es war gerade der Abend, der den Freuden und Ergötzlichkeiten ihrer Liebe gewidmet war: deshalb bildete sie sich ein, es sei ihr Liebhaber. Sobald sie daher konnte, ließ sie ihn ein, nahm ihn dann bei der Hand und führte ihn, wie sie zu tun pflegte, ohne ein Wort zu sprechen, mit großen Schritten im Finstern weiter nach dem Boden, und als sie in ihrem Zimmerchen ankamen, schlang sie ihm die Arme um den Hals, küßte ihn zärtlich und sprach: »Während ich nun, meine süße Seele, meinem Vater noch Gesellschaft leiste, wie ich gewohnt bin, könnt Ihr Euch erfrischen. Sobald er zur Ruhe gegangen ist, komme ich im Fluge wieder zu Euch.« Nach diesen Worten ging sie hinaus. Der unternehmende Cechino, der nicht wußte, wo er war, und ebensowenig, wer das Mädchen sein mochte, die ihn hergeführt hatte, wurde doch etwas bedenklich und bereute fast, sich auf das Abenteuer eingelassen zu haben. Aber in dem Bewußtsein, daß dem nun nicht mehr abzuhelfen sei, nahm er sich vor, mutig und beherzt zu bleiben und sich auf keine Weise einschüchtern zu lassen; und da er aus dem empfangenen Kuß schließen zu dürfen glaubte, daß sie ein äußerst feiner Bissen sei, und daß er sich bemüßigt sehen könnte, rüstiger zu turnieren, als seine Lenden gewohnt waren, und nun der Duft der Speisen ihm in die Nase drang, die in einem Korbe samt allem Zubehör bereit lagen, fing er an sich's wacker schmecken zu lassen; er fand zwei Flaschen trefflichen Malvasier, deren eine er in ein paar Zügen fast ganz leerte, so daß es seine Lebensgeister stärkte und seine Kräfte erhöhte. Im Korbe suchend, fand er endlich daselbst viele Stücke Marzipan, eingemachte Pinienkerne und Pistazien. Da er wußte, daß diese Dinge gut schmecken, versorgte er ein gut Teil davon und bereitete sich auf diese Art vortrefflich zum Liebeskampf, so daß er kaum den Augenblick erwarten konnte, wo er anpacken durfte und das schöne Mädchen zu ihm zurückkehrte. Nach einer guten Weile kam sie endlich, trat in das Zimmerchen ein und sprach: »Mein teures köstliches Leben, ich bitte Euch, mir zu verzeihen, daß ich gegen meine Gewohnheit so lange gezögert habe zurückzukehren. Mein Vater wurde länger als sonst von einigen Kaufleuten in Anspruch genommen, die um diese Baumwollballen mit ihm feilschten. Sie konnten sich über den Preis des ganzen Vorrats nicht einigen; doch wurden sie darüber eins, morgen früh wenigstens zwei Ballen davon zu nehmen und sie einem Kaufmann zu schicken, der sie braucht; wenn sie dann nach seinen Wünschen ausfallen, so werden sie auch die übrigen übernehmen. Ich fürchte daher, sie könnten uns gar bald dieses schöne Zimmerchen verderben; aber wir werden darum nicht unterlassen, uns auf andere Weise zu versorgen. Deswegen also konnte ich nicht anders, als Euch warten lassen, bis sie weggegangen und mein Vater zu Bette war. Gott weiß, liebe Seele, wie unwillig ich eine so lange Zögerung erduldet habe. Aber fürchtet nicht! Wir wollen den Verlust schon einbringen, denn mein Vater kommt morgen nicht zum Frühstück nach Hause. Daher können wir die ganze Zeit uns zunutze machen, solange wir uns miteinander vergnügen wollen, ohne daß uns jemand stört.« Sowie Cechino dies vernommen hatte, entkleidete er sich hastig, stieg zuerst in das Bett, und sie folgte ihm. Er umarmte sie, küßte sie tausendmal und fand sie äußerst weich und zart. Endlich konnte er sich nicht länger halten, setzte sich aufs Pferd und ritt fast die ganze Nacht Stafette; und wenn er auch manchmal stillehielt, um in der Ermüdung wieder aufzuatmen, so schöpfte er doch um so früher wieder neuen Mut, seinen Weg fortzusetzen. Als ein starker und kräftiger Jüngling konnte er die Kämpfe der Liebe vortrefflich bestehen. Als das Mädchen ihn so über Pflicht und Schuldigkeit in ihrer Mühle mahlen sah, war sie im stillen ganz überrascht; denn ihr Liebhaber war sonst nicht gewohnt, solche erstaunenswerte Proben abzulegen. Sie war daher mehrmals auf dem Punkte, ihm zu sagen, er solle sie für heute ruhen lassen; sie enthielt sich aber dessen, um ihm nicht zuwider zu sein. Der rüstige Cechino, obgleich er an sich stark war und mutig im Liebesturnier, wollte sich doch in dieser Sache mehr, als seine Pflicht war, anstrengen, zumal da er wußte, daß man jungen schönen Kindern nichts Angenehmeres als das antun kann, damit nachher, wenn der Tag ihn entdecke, wie das sicher kommen mußte, sie wegen seiner gewaltigen Rüstigkeit und Mannhaftigkeit ihn nicht etwa gering schätzen und Lärm machen könnte, was er sehr befürchtete. »Ach«, sagte er zu sich selbst, »durch welches widrige Geschick bin ich nicht schöner und anmutiger geworden, daß sie es nicht bereuen müßte, daß ich sie genossen habe, und daß sie mir auch ferner immer so süße, würzige Nächte zugestände!« Er wollte sie darauf von neuem in seine Arme schließen; da er aber bemerkte, daß sie schlief, gönnte er ihr ihren Schlummer, ja er legte ihren Kopf auf seine Brust. Nach einer kleinen Weile sah er zwischen den Ballen von Baumwolle die Morgenröte hindurchschimmern und ihre hellleuchtenden Strahlen hervorkeimen. Nun sah er auch die außerordentliche Schönheit des holden Mädchens, das noch immer schlief, und war darüber ganz erstaunt; denn es war ihm, als schaue er eher ein göttliches als ein sterbliches Wesen. Er begann deswegen am ganzen Leibe zu zittern. An diesem Zittern erwachte sie, und da sie sich in den Armen eines so gemeinen Menschen sah, fing sie an zu schreien. Er aber schloß ihr alsbald den Mund mit den Händen und sprach: »Schreit nicht, Fräulein, denn Ihr zöget Euch dadurch für den ganzen Rest Eures Lebens Schmach zu. Ich kann nichts für das, was geschehen ist; Ihr habt mich selbst zu Euch hereingeführt. Ich dachte, Ihr seid eine meinesgleichen, und ließ es mir gefallen. Hätte ich vorher gewußt, was meine Augen jetzt sehen, so hätte ich wahrlich nie gewagt hierherzukommen. Aber für Euch wäre es jetzt geratener, still zu schweigen, mich von hier hinwegzuschaffen und gehen zu lassen, als Euch durch Schreien und Lärmen für immer in Verruf zu bringen.« Das arme Mädchen erkannte recht wohl, daß seine Worte nur allzu richtig waren. Nichtsdestoweniger aber brach sie doch in einen großen Zorn aus, indem sie zu ihm sagte: »Wenn du derjenige nicht warst, ruchloser Verräter, den ich rief, was mußtest du denn mit mir kommen? Sag es, Unseliger!« »Was wußte ich«, antwortete er, »wer Ihr wart? Wie ich Euch sagte, ich meinte, Ihr seid irgendeine Magd, die mich früher schon gesehen und sich in mich verliebt habe und mich nun rufe. Darum wagte ich es hierherzukommen. Hätte ich aber gedacht, eine Euresgleichen zu liebkosen, so wäre ich gewiß nicht ohne ihren Willen hierhergekommen. Worin besteht also meine Schuld? Da Ihr mich rieft, hättet Ihr mir ins Gesicht sehen sollen, ehe Ihr mich hereinführtet, und mich wieder fortschicken, wenn ich Euch nicht gefiel.« »Ich habe nicht dich gerufen«, sagte sie; »ich hätte mich nie zu deinesgleichen herabgelassen, schmutziger, garstiger Mensch! Dessen aber sei versichert, wenn die Sache je sonst jemand erfährt, so kostet es dich das Leben.« Als der arme Cechino sie nun so zürnen und drohen sah, sprach er bei sich: »Jetzt muß ich ihr zeigen, daß ich mich im geringsten nicht vor ihr fürchte, sondern ihr zu antworten Herz habe und mich auf keine Weise von ihr hinunterbringen lasse.« »Was einmal geschehen ist«, antwortete er, »könnt weder Ihr noch sonst jemand jemals rückgängig machen; und wenn Ihr Euch nicht zufrieden geben wollt, so sollt Ihr erfahren, daß ich mir am Ende nichts draus mache. Verfahrt also so schlimm, wie Ihr wollt: aber bedenkt, daß, wenn es mir schlecht geht, es Euch nicht gut gehen wird; und wenn Ihr mir noch länger in den Ohren liegt, so mache ich mir nicht viel daraus, aufzustehen, an ein Fenster zu treten und der ganzen Nachbarschaft Euern Irrtum kundzutun, wenn ich mir auch dadurch den Tod zuziehe: denn bis dahin, wenn es je so weit käme, hätte es noch eine gute Weile, und auf jeden Fall muß ich ja einmal auch durch dieses Loch hinaus.« Als sie ihn in solchem Tone sprechen hörte und ihn für einen gemeinen Menschen hielt, versuchte sie, ihm zu schmeicheln und ihn zu beruhigen, indem sie sagte: »Da mein schlimmes Geschick dies über mich verhängt hat, und da ich das Geschehene nicht zu ändern vermag, so bin ich zufrieden; ich will jetzt nur dafür sorgen, wie ich dich und meine Ehre erhalte, und mich nicht weiter über dich beklagen; aber ich bitte dich, daß du dich dazu verstehst, die Art und Weise anzunehmen, die ich dir vorschlage, von hier wegzukommen.« Der erfreute Cechino sah nicht so bald, daß sich der Sturm gelegt hatte und sie mild und freundlich gegen ihn geworden war, so antwortete er ihr: »Wenn ich, Fräulein, mit meinem Blute das Geschehene wiedergutmachen könnte, so dürft Ihr Euch vollkommen versichert halten, daß ich es mir aus den Adern entströmen lassen würde. Aber wie gesagt, die Sache kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Darum befehlt mir nur alles, was Euch beliebt mir anzuweisen: denn Ihr werdet mich stets bereit finden, jedes Wagnis und jede Gefahr Euch zu Gefallen zu übernehmen; und wenn Ihr verlangt, daß ich mich Euch zuliebe aus einem dieser Fenster stürze, so verspreche und schwöre ich Euch, es ganz sicher zu tun; aber ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihr mir je so übelwollet: denn da Ihr so schön und edel seid, kann es nicht fehlen, daß Ihr nicht auch freundlich und menschlich seid und meiner Keckheit und dem jugendlichen Irrtum verzeiht, den ich unvorsichtigerweise begangen habe.« Er fügte noch die Versicherung bei: »Wenn ich Sie auch niemals wiedersehen werde, so wird mir Ihr Andenken im Herzen doch stets lebendig bleiben, und ich werde in jeder Stunde Ihrer seltenen, engelgleichen Schönheit mich erinnern sowie dieser heitern, süßen, letzten Nacht, in der ich so unvergleichliche Liebesfreude und Wollust genossen habe, ich Unwürdiger mit Ihnen, wofür ich zum größten Danke verpflichtet bin. Darum, mein Fräulein, beruhigt Euch für jetzt darüber und fügt Euch darein, mir das zu lassen, was weder Ihr noch sonst jemand mir wieder nehmen kann, und was mir mein günstiger Stern vergönnt und in den Weg gelegt hat.« Diese sanften, liebevollen Worte des abenteurerischen Cechino rührten vollends die noch soeben erzürnte Brust der Jungfrau, die ihn nun mit etwas milderem Blicke wieder betrachtete; und da sie in ihm, wiewohl er in Lumpen gehüllt war, einen anmutigen Jüngling sah, erbarmte sie sich seiner und fragte ihn, wo er her sei und welche Absicht ihn hierhergeführt habe. Er setzte ihr nun anmutig und freundlich seine ganze Lage auseinander. Sie hatte Mitleid mit ihm und sprach: »Seid nur fröhlich und guter Dinge: denn da der Himmel nun einmal zugelassen hat, was sich zwischen uns ereignet hat, so kann ich denn auch nicht umhin, mich Euch am Ende freundlich und liebevoll zu erweisen, indem ich Euern Bedürfnissen entgegenkomme.« Indem er sie also reden hörte, dankte er ihr demütig und wagte in seinem freudigen Entzücken darüber sogar, ihr einen Kuß zu geben, und da sie ihn nicht verschmähte, sondern genehmigte, fühlte er sich ermutigt, in der Sache noch weiter zu gehen, so daß er am Ende von ihr eine neue Liebesfrucht errang, die nicht weniger würzig und gut schmeckte als so viele andere, die er verstohlenerweise in der letzten Nacht genossen hatte. Wenn sie ihm willfahrte, so lag der Grund zum Teil darin, sich der gräßlichen Furcht um ihre Ehre zu entschlagen; vielleicht auch war zum Teil ihr Zorn schon erloschen, da sie einen in Liebesturnieren so biderben Ritter in ihm gefunden hatte. Bei alledem übersah sie nicht die Stunde, in der es an der Zeit war, ihn aus dem Hause zu schaffen: »Cechino«, sagte sie, »denn so sagt Ihr ja, daß Ihr heißet, jetzt ist es Zeit, daß Ihr fortgeht! Und um mich zu überzeugen, daß Ihr mir vertraut, bitte ich Euch, bei Euerm Weggehen von hier die Anordnung zu befolgen, die ich Euch gebe. Aber ehe ich darüber mit Euch rede, vergönnt mir Zeit, draußen etwas Geld zu holen, das ich Euch geben möchte. Ich werde im Augenblick wieder bei Euch sein.« Als der erfreute Cechino von Geld sprechen hörte, da war nie ein besserer Laut in seine Ohren gedrungen. Das Mädchen kam zurück mit einem Beutel, der in Gold gestickt war und fünfzig Zechinen enthielt, in der einen Hand und mit Hammer und Zange in der andern. »Nehmt«, sprach sie, »dieses wenige, denn für den Augenblick habe ich nicht mehr; aber wenn Ihr von hier weg seid und, um mich zu sehen, in die benachbarte Kirche kommt, in die ich jeden Sonntag gehe, so werde ich Euch nicht nur immer gern wiedersehen, sondern ich werde Euch auch, noch ehe Ihr dieses Geld ausgegeben habt, wieder mit anderem versehen.« Der überglückliche Cechino nahm das Geld und machte ihr grenzenlose Danksagungen. Da er sie aber in der andern Hand Hammer und Zange halten sah, so fragte er sie: »Fräulein, wozu sollen denn nun aber diese Dinge dienen?« »Das sollt Ihr sogleich erfahren«, antwortete sie. »Es wird in einer kleinen Weile ein Kaufmann kommen, dem ich, wie ich Euch schon gestern abend sagte, zwei Ballen von dieser Baumwolle übergeben soll. Da will ich Euch nun bitten, daß Ihr mir zuliebe und zur Erhaltung meiner Ehre und nicht minder Eures Lebens in einem derselben Euch verbergt. Ich will Euch darin eine ganz bequeme Lage bereiten.« Sie unterrichtete ihn hierauf über die Art und Weise, wie er sich zu gelegener Zeit wieder herausmachen könne, und obwohl es dem armen Cechino gar seltsam vorkam, sich so in einen Ballen Baumwolle zu verkriechen und ihren Befehl zu befolgen, so zog er dennoch die Gründe in reifliche Erwägung, die ihm die Jungfrau anführte, ihr Vater habe ihr, als sie nach dem Gelde weg war, zu wissen getan, man werde die beiden Ballen in ein Magazin zu ebener Erde bringen und man habe deshalb bereits nach den Lastträgern geschickt; wenn man ihn nun hier versteckt fände, so müßte für ihn daraus die größte Ungelegenheit entstehen; deswegen entschloß er sich endlich, hineinzuschlüpfen. Sie ließ ihn nun sich vollständig mit Speise erfrischen, damit er nicht Hunger bekäme, wenn er auch bis in die Nacht darin bleiben müsse, küßte ihn darauf vielmals und erhielt ihre Küsse zweifach von ihm zurück, bat ihn auch, sich wieder sehen zu lassen, ließ ihn endlich in den Sack schlüpfen und verbarg ihn so geschickt, daß er sehr gut Atem schöpfen und alles, was vorging, sehen, aber auch auf jeden Fall, sobald er wollte, herausgehen konnte. Nicht lange darauf kam der Kaufmann mit den Trägern. Das Mädchen trat mit ihnen herein und bezeichnete ihnen die beiden Ballen Baumwolle, in deren einem der arme Cechino verborgen war. Sie wurden sofort hinuntergebracht, in eine Gondel geladen und nach dem Magazin des Kaufmanns weggeführt, in das er sie zu andern Waren niederlegen ließ. Das Schicksal wollte dabei dem waghalsigen Cechino auch sowohl, daß er beim Ausladen auf die Füße gestellt wurde; denn darüber hatten sie gar nicht nachgedacht, als er hineinkroch, und auch ihr war es nicht mehr eingefallen, da der Kaufmann mit den Lastträgern so schnell daherkam: sonst hätte sie ihn gewiß nicht dieser ihnen beiden gemeinsamen Gefahr ausgesetzt, sondern ihn auf irgendeine andere Art und Weise wieder in Freiheit zu bringen gesucht. Nachdem nun der Kaufmann seine Niederlage verschlossen hatte, ging er hinweg und ließ den Cechino in dem Baumwollballen allein, welcher beschlossen hatte, etwa in der ersten Stunde der Nacht dieselbe zu verlassen. Nun kehrte aber bald darauf der Besitzer des Magazins zurück, weil er gute Gelegenheit gefunden hatte, die Baumwolle an einen andern Kaufmann, der sie benötigte, auf ein Schiff zu senden, das in kurzem in See stechen sollte. Nachdem er mit dem Schiffsschreiber die Fracht bedungen hatte, führte er diesen mit sich, um zu sehen, wie schwer die Ballen seien. Als er sie gesehen und das Gewicht ungefähr geschätzt hatte, sagte der Schreiber: »Ich werde sie gegen das Avemaria abholen, wo mich mein Weg ohnedem vorüberführt, um ein anderes Geschäft zu besorgen. Ich lasse sie dann unten im Schiff an einem passenden Platz unterbringen. Bestellt demnach, daß um diese Zeit einer Eurer Diener mit den Schlüsseln des Magazins sich hier befinde und mir die Stücke übergebe!« Nach diesen Worten wurde das Magazin wieder verschlossen, und sie entfernten sich. Da der arme Cechino ihre Unterredung mit angehört und vernommen hatte, daß man ihn in kurzem aufladen und unten in ein Schiff packen wolle, braucht man nicht zu fragen, wie es ihm zumute sein mochte; denn er war mehr als überzeugt, daß er hier das Leben verlieren werde. Er konnte zwar wohl nach Belieben aus dem Ballen heraus; aber da es Tag war, hätte man ihn gehört, wenn er das Magazin erbrochen hätte, was er zur Nachtzeit hatte tun wollen; und da er sich auf keine Weise entschuldigen noch rechtfertigen konnte, so hätte ihn ohne allen Zweifel das Gericht aufhängen lassen. Andererseits, wenn man ihn auf das Schiff brachte und unten hineinpackte, so mußte man notwendigerweise andere Waren auf ihn legen, durch die er verhindert worden wäre herauszugehen, so daß er also in dem Ballen hätte ersticken oder Hungers sterben müssen. Wie es also auch hätte kommen mögen, es konnte ihm nichts anderes zuteil werden als der Tod, und da er dagegen gar keine Rettung sah, fing er an, Zeit und Stunde zu verwünschen, wo er in das Haus des Mädchens eingetreten war, und sprach bei sich: »Ach, ich Unglücklicher, wie war doch die vergangene Nacht mir so süß und hold, und jetzt wird mir darum die folgende um so bitterer und schmerzvoller, denn ich muß elendiglich sterben.« Nach diesen Worten begann er heftig zu weinen und zu seufzen. Nachdem er aber einige Zeit geweint hatte, fiel es ihm doch ein, daß er ja wohl hervorkriechen und sich hinter den Warenkisten verbergen könne, um wenigstens der augenblicklich drohenden Gefahr zu entgehen oder doch sie auf eine Weile in die Ferne zu rücken; aber sein neidisches Geschick raubte ihm auch diese Hoffnung, indem es in demselben Augenblicke einige Kaufleute kommen ließ, um von jenen Waren aufzuladen, und diese blieben auch bis zur Nacht. Deswegen war der arme Schelm nahe daran, vor gewaltiger Betrübnis zu sterben. Während der bekümmerte Cechino in solcher Furcht und Todesangst schwebte, war es finstere Nacht geworden; die Kaufleute waren mit dem Aufladen ihrer Waren fertig, und eben kam der Schreiber heran, um die Baumwollballen abzuholen. Er hatte den Diener mit einer Laterne bei sich, zündete damit die Lampe an, die mitten in der Niederlage hing, und sagte zu dem Diener: »Geh und besorge, daß das Boot gleich vom Schiffe abstößt, um die beiden Ballen einzunehmen! Ich erwarte dich unterdessen hier.« Dann zog er seinen Kaftan aus, legte ihn auf eine Kiste mit Gewürznelken, die neben dem Baumwollballen stand, in dem der arme Cechino versteckt war und wie Espenlaub zitterte, schlug sodann die Hände auf dem Rücken übereinander und ging in der Niederlage auf und nieder. Da er nun bemerkte, daß die beiden Baumwollballen gar nicht bezeichnet waren, so ergriff er das Tintenfaß, um mit dem Pinsel ein Zeichen darauf zu malen. Cechino sah ihn auf sich zukommen, und sein gutes Glück gab ihm den Gedanken ein, dem Schreiber Furcht einzujagen und sich vielleicht solchergestalt das Leben zu retten. Sobald also der Schreiber, der von Geburt ein Grieche war, seinen Pinsel an den Ballen brachte, erblickte ihn Cechino, der die Augen unter einigen kleinen Rissen in der Leinwand des Ballens verborgen hatte, um hier durchzusehen und Atem zu holen. Der Schreiber hob mit dem Pinsel einen der Lappen auf; sobald er aber das Auge erblickte, fuhr er plötzlich zurück. Sowie Cechino dies bemerkte, fing er an seltsam zu stöhnen und die furchtbarsten Gebärden und Gesichter von der Welt zu schneiden, bei deren Anblick dem armen Schreiber die Haare auf dem Kopf zu Berg standen. Da derselbe in vollem Ernst glaubte, es sei ein Teufel darin, so fing er an zu fliehen, läufst nicht, so gilt's nicht, zum Magazin hinaus, ließ auf der Kiste den Kaftan mit einigen Säcken Geld, die er unter dem Arm gehabt und dort niedergelegt hatte, und verschloß das Magazin behutsam, und das war keine geringe Geistesgegenwart. Er stieß zufällig auf den Diener, der zurückkam, um ihm zu sagen, daß das Boot für diesen Abend beschäftigt sei und deswegen heute nicht kommen könne. Wie er nun den Schreiber ohne den Kaftan und ganz in Schrecken sah, fragte er ihn: »Was habt Ihr, gestrenger Herr, daß Ihr so zittert und so bestürzt ausseht? Wo ist Euer Kleid hin? Hat es Euch vielleicht ein Dieb entwendet?« » Istimbistim matateotocon «, antwortete er; »der Teufel ist im Magazin, ich habe ihn eingeschlossen: gehen wir, gehen wir nach Hause!« Er wandte sich auch kein einziges Mal um, bis er daselbst angelangt war. Sobald der glückliche Cechino dies sah, sprach er bei sich selbst: »Jetzt ist keine Zeit mehr zu verlieren.« Er hatte ein Messerchen bei sich, das ihm das Mädchen zu diesem Zweck mitgegeben, zerschnitt damit im Nu alle Nähte und Stricke des Ballens, sprang ganz mit Baumwolle bedeckt heraus, eilte der Tür der Niederlage zu und löste mit Hilfe der Zange und des Hammers leicht das Schloß davon ab. Dann bemerkte er den Kaftan des erschrockenen Schreibers, und da er ganz voll von Baumwolle war, nahm er ihn über sich, damit er nicht auf der Straße jemand begegne, der aus seinem weißen Aussehen einen ungünstigen Verdacht gegen ihn schöpfe, und die Geldsäcke, die er darauf fand, hob er gleichfalls freudig auf. Dann legte er ohne alles Geräusch den eisernen Querbalken wieder in die Tür des Magazins und ging, ohne von jemand bemerkt zu werden, fort und auf das Haus eines Schneiders zu, der ihm befreundet war. Er klopfte an die Tür, wurde eingelassen und blieb die ganze Nacht über bei ihm. Der Schneider war über seine Ankunft sehr erfreut, denn er bedurfte seiner sehr, da er in diesem Handwerk ein sehr geschickter Arbeiter war. Als ein schlauer und vorsichtiger Mensch warf er den Kaftan des Schreibers noch in derselben Nacht aus einem Fenster in den Kanal und säuberte sich bestmöglich von der Baumwolle, die ihm anhing. Er brachte hierauf zwei volle Tage in der Schneiderwerkstatt arbeitend zu, nahm sich aber wohl in acht, daß er nicht von seinen Genossen, wenn sie zufällig vorübergingen, bemerkt würde, unbekümmert um das, was aus seinem Abenteuer sonst entstanden sein mochte. Da er nun in beiden Taschen einen Geldsack hatte, den einen voll Zechinen, den andern mit kleiner Münze, kleidete er sich ehrbar, staffierte sich aus und enthielt sich viele Tage lang, seine Gefährten wiederzusehen, die, als sie ihn nicht wieder erscheinen sahen und keine Kunde von ihm erhielten, für gewiß annahmen, daß er ermordet worden sei, da er darauf beharrt hatte, so unberufenerweise in ein fremdes Haus einzudringen und seine Ehre zu beflecken. Da sie nun kein Unterkommen mehr fanden und kein Geld mehr hatten, verkauften sie ihre Mäntel und kehrten in ihre Heimat zurück. Sowie der abenteuerliche Cechino die Abreise seiner Gefährten vermutete, fiel es ihm ein, das schöne Kind wiederzusehen, und er erinnerte sich seines ihr gegebenen Versprechens. Nichtsdestoweniger wollte er keinen Schritt desfalls tun, bis sechs volle Monate vorüber wären, obwohl er sie beständig in Herz und Sinn trug. Es war nun einmal ein Sonntag, an welchem Tage sie ihm gesagt hatte, daß sie in die Kirche von Santa Maria Formosa zu kommen pflege. Er war eben recht gekommen: denn sie trat in dem Augenblicke ein, ganz in Trauer gekleidet, mit einem Gefolge vieler Frauen. Er stellte sich ihr gegenüber, fing an, mit ihr zu liebäugeln, und suchte sich, so gut es gehen konnte, mit den anständigsten Winken, die er vorzubringen wußte, ihr zu erkennen zu geben, bis sie endlich bemerkte, daß er kein Auge von ihr abwandte, ihn dann auch aufmerksamer betrachtete und schließlich merkte, daß es ihr Cechino war, der sie immerfort mit Gebärden und überlegten Winken begrüßte. Sie erwiderte ihm daher den Gruß und war sehr verwundert, ihn in so stattlichem Aufzug zu sehen. Sie versank in verschiedene Gedanken über seiner Wiederkunft, zog seine Handlungsweise in reifliche Überlegung, und da ihr Vater vier bis sechs Tage nach jenem Vorfall gestorben war, ferner der Edelmann, der ihre Gunst genossen, sich verheiratet und sie ganz und gar im Stich gelassen hatte, da sie sich endlich als einzige Erbin der vielen Reichtümer des Vaters zurückgeblieben und nun ihren Cechino vor sich sah, erinnerte sie sich auch, welch ein rüstiger Ringer er sei im Liebeskampfe, und tat ihm daher durch eine ihrer Dienerinnen zu wissen, wasmaßen sie ihn zu sprechen wünsche, und er möge nach Beendigung der Messe sie geradezu in ihrem Hause besuchen. Er erfüllte ihren Wunsch; sie ging ihm bis auf die Hälfte der Treppe entgegen und empfing ihn liebevoll. Sie traten hierauf in ein sehr schönes Gemach, wo sie sich ihm gegenübersetzte und ihn sodann fragte, welcher günstige Wind und was für ein gutes Geschick ihn angetrieben habe, sie nach so langer Zeit einmal wieder aufzusuchen, wo er sich bis jetzt befunden habe, und anderes dergleichen. Sie schloß endlich mit der Frage, ob er sich noch jener Nacht erinnere. »Ich bin darum, mein Fräulein«, antwortete er, »nicht früher als jetzt gekommen, um Sie wiederzusehen, weil ich genötigt war, unterdessen, nicht lange nach jenem glücklichen holden Ereignis, nach Hause zu gehen, um daselbst meine Angelegenheiten zu ordnen, die durch den Tod meines Vaters in Verfall geraten waren. Ich brachte es so schnell als möglich ins reine und kehrte, sobald als es anging, zurück, immer eingedenk der mir so süßen, teuern Erinnerungen, die mehr als je in mir lebendig sind, mich mit wachsender Glut erfüllen und sich stündlich in mir erneuern. Vermöchte ich zur Erkenntlichkeit für eine so große und ausgezeichnete Gunst Euch nur einen geringen Teil des Lohnes abzutragen, den sie verdient, so wäre ein ganzes Leben, ja tausend Leben, wenn ich so viele hätte, nicht hinreichend, um Euch dadurch, daß ich Euch diente, meinen Dank zu bezeugen.« Mit diesen wahrscheinlich aussehenden Ausreden wollte er sich wegen seines langen Ausbleibens entschuldigen, wiewohl es in der Tat nur durch seine Flucht aus dem Magazin und das daselbst gefundene Geld veranlaßt war; denn er hielt es in jeder Hinsicht für geraten, eine gute Zeit darüber hinstreichen zu lassen. Das Mädchen hatte aufmerksam seine Vorschläge angehört, und da es ihr einfiel, daß sie lange Zeit mit den Liebesfreuden gefastet hatte, fing das schon lange beschwichtigte und gedämpfte Liebesgelüst allmählich in ihr zu erwachen und sie zu durchglühen an; auch vergaß sie ihre häufigen und schmackhaften Liebesbegegnungen nicht und sagte daher zu ihm: »Seid Ihr verheiratet, Cechino?« »Ich war es nie, mein Fräulein«, antwortete er. »Wenn ich Euch nun eine Gattin gäbe«, fuhr sie fort, »würdet Ihr sie annehmen? Ich würde Euch eine wählen, von der ich versichert bin, daß Ihr mit ihr zufrieden sein könntet; überdies würdet Ihr auch mir durch Eure Annahme eine ausgezeichnete Gunst erzeigen.« »Es gibt nichts auf der Welt«, antwortete er, »das ich auf Euer Gebot nicht mit Freuden tun würde; ich würde mich für überglücklich halten, wenn Sie sich herabließen, mir zu befehlen.« »Ist es aber auch wahr«, sagte sie, »was Ihr da sagt?« »Macht denn eine Probe, welche Ihr immer wollt, und Ihr werdet Euch darüber ins klare setzen.« Da sprach sie denn, von Liebe glühend: »So will ich mich denn jetzt vergewissern: Wollt Ihr mich zur Gemahlin?« »Wenn Ihr im Ernst sprecht, mein Fräulein«, antwortete er, »so antworte ich Euch, und wenn auch nicht, so werde ich doch nie unterlassen, Euch mehr als je ein getreuer Diener zu bleiben.« »Wie sollte ich mich gegen Euch verstellen, liebe Seele?« Mit diesen Worten fiel sie ihm um den Hals, küßte ihn zärtlich und sagte: »Verstelle ich mich jetzt, mein Cechino, oder ist es Ernst?« Als er sich denn unerwartet ein so großes Geschenk in den Schoß fallen sah und solche Gunst und solche Liebkosungen, hätte er ein so großes Gut und Vergnügen nicht mit allen Reichtümern der Welt vertauscht; denn er meinte schon vor übermäßiger Wonne mit den Fingern an den Himmel reichen zu können. »Mein süßestes Fräulein«, versetzte er, »und meine holdeste Seele, denn dafür will ich Euch stets halten, glücklich, ja wahrhaft selig darf ich die erste Stunde nennen, in der Eure honigsüße Stimme, ohne zu wissen, wer ich war, sich herabließ mich zu rufen und zu Euch hereinzuführen; denn jetzt erweist sie sich mir als glückliches Vorzeichen für die Zukunft, daß ich Euch ganz besitzen solle. Und da weder Worte noch Gedanken mir hinreichen, um Euch vollkommen danken zu können, bleibe ich dabei und sage bloß, daß ich Euch zu gehorchen bereit bin und stets bereit sein werde.« Die sehr prächtige Hochzeit wurde am folgenden Tage gehalten zum höchlichen Erstaunen und zur Verwunderung fast der ganzen Stadt darüber, daß ein so reiches und schönes Mädchen sich zu einem so niedrigen armen Menschen herabgelassen habe; aber freilich wußten sie nicht, was zwischen ihnen im Dunkeln vorgegangen war. Nach der Hochzeit befleißigten sie sich eines glücklichen Lebens; und der gesegnete Cechino vergaß nicht das seinen Gefährten gegebene Versprechen, sie an seinem Erwerb teilnehmen zu lassen, den er etwa machen würde, wenn er in das Haus hineinginge; er ließ sie daher kommen, nahm sie freundlich auf, bewirtete sie einige Tage bei sich und schickte sie dann getröstet und reich beschenkt in ihre Heimat zurück mit der Mahnung, nie das wahre Wort zu vergessen: Wagen gewinnt. Ascanio de Mori 1533 – 1591 Ercole Torelli Das Geschlecht der Torelli ist eines der ältesten und edelsten Mantuas und hat während eines langen Zeitraumes von Jahren eine Reihe außerordentlicher Männer jeder Art erzeugt. Es ging einst auch ein Jüngling namens Ercole daraus hervor, der durch Tapferkeit und Tüchtigkeit bereits in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre viele Stufen des Waffenhandwerks erstiegen hatte und zu großen Hoffnungen berechtigte, dessen Tugend und Freundlichkeit ihm zwar in der Stadt so große Achtung und Liebe erworben hatte, daß ihn die kampffähige Jugend bei allen Gelegenheiten zu ihrem Haupt und Führer erkor; dem es aber nichtsdestoweniger geschah, als er eines Tages mit einem vertrauten Freunde über Land ging, wo dieser mit andern Edelleuten verfeindet war und in einem zufalligen, ihrer ganzen Schar das Leben kostenden Zusammentreffen und Handgemenge mit ihnen die meisten eigenhändig tötete, daß er ob dieser Verschuldung aus seinem Vaterlande vertrieben und seines ansehnlichen väterlichen Vermögens verlustig erklärt ward. Also flüchtig und gezwungen, sein Leben mit dem Verdienste seines Schwertes zu fristen, hatte Ercole indessen kaum das Gebiet von Mantua hinter sich, so bewarben sich viel vornehme Herren um den Vorteil und die Ehre, einen so guten und tapfern Ritter in ihrem Dienste zu haben, und auf das wärmste vor allen andern suchte ihn Giacomo Malatesta von Rimini nach, der so große Stücke auf ihn hielt, nachdem er sich ihm ergeben hatte, daß er ihn stets wie seinesgleichen behandelte. Es gefiel Malatesta nach Verlauf einiger Zeit, um gewisser Absichten willen einen Sommer in Lugo, einem Schloß im Ferraresischen, zu sein, und er nahm Ercole, den er keinen Tag mehr von sich ließ, mit sich dahin. Wie es nun die Gewohnheit der Edelleute ist, in der schönsten Jahreszeit die Städte zu verlassen und auf ihre Güter zu ziehen, so kam auch ein Ferrarese aus der Familie der Turchi, Poro genannt, mit seiner sehr schönen und sittsamen Gemahlin nach Lugo, wo er gleichfalls angesessen war. Weil Poro mit einem in der Nähe wohnenden Edlen, Renato mit Namen, der in Lugo Verwandte hatte, in Feindschaft lebte, so schloß er sich eng an Giacomo um dessen Gunst willen an. Aus demselben Grunde pflegte er auch vertrauten Umgang mit Ercole, der ihm noch über den Ruf von seinem großen Werte angenehm erschien, und lud ihn häufig, bald zu Spiel, bald zu Tafel, zu sich ein, gewissermaßen gegen des Jünglings Wunsch, der da bescheidener war, als es sich für einen Krieger und Hofmann vielleicht geziemen will. Eben diese letztere große Freundschaft mißfiel über die Maßen einem seiner Schlechtigkeit wegen Magagna zubenannten Söldner Poros, dem es vorkam, er selbst stehe nicht mehr in solchem Ansehen und in solcher Gunst bei seinem Herrn, als ehe von Ercole die Rede war. Bösewichter hassen von Natur alle rechtschaffenen wackeren Männer und dulden keinen leicht neben sich. Magagna begann also, aus bloßer Tücke, Ercoles nichtsdestoweniger immer löbliches Tun und Lassen scharf zu beobachten, um womöglich einmal imstande zu sein, ihn auf diese oder auf jene Weise aus dem Wege zu räumen, und ersann einen ihm von der eifersüchtigen und leichtgläubigen Gemütsart seines Herrn an die Hand gegebenen Betrug, der zwar gegen Ercole gerichtet war, doch zu seinem eigenen und zu des unklugen Poro Verderben endete. Magagna hatte wahrgenommen, daß Ercole, wenn er in Poros Hause war, und wenn Poro sich mit seinen Freunden beim Spiel beschäftigte, oft abseits in einem grünen Laubengange allein zu lustwandeln pflegte, um über seine Angelegenheiten nachzudenken, wie eben kluge und verständige Menschen tun. Ercole unbewußt, befand sich ein Fenster in dem Laubengange, das nach dem Zimmer der Gemahlin Poros ging. Magagna hatte ferner ausgeforscht, daß Ercole die Gewohnheit angenommen hatte, in seinen einsamen Selbstgesprächen gewisse Bewegungen mit den Händen zu machen, die dem, der sie übel auslegen wollte, scheinen konnten, andern erteilte Winke zu sein. Auf diesen Umstand gründete er den schmählichen Verrat, den er in Gedanken trug. Er ging drum eines Tages, während der gute Jüngling nach seiner gewohnten Weise sorglos auf und nieder schritt, zu seinem Herrn, der eben wie fast alle Eifersüchtigen kein großer Prophet zu nennen war, und ließ ihn mit vieler Hinterlist geheimnisvoll von weitem schauen, wie Ercole zufälligerweise eben in seinen tiefen Gedanken einige Handbewegungen machte, die auf ein Haar nach jenem Fenster gerichteten Winken glichen. Der törichte Poro verlangte keine gültigeren Beweise und keine größere Augenscheinlichkeit. Er hielt sich für überzeugt, daß Ercole mit seiner Gattin in heimlichem Einverständnisse begriffen sei, und daß sie den schönen Jüngling nicht weniger liebe als er sie. Er versetzte sich darob in solche Wut, daß er sich gern auf Ercole losgestürzt und ihm das Schwert durch den Leib gerannt hätte. Abgesehen aber auch davon, daß er es bei der weit berühmten Tapferkeit desselben nicht für so leicht halten mochte, eine offenbare Rache zu bewerkstelligen, hielt ihn Magagna mit guten Gründen, nicht sowohl aus Menschlichkeit, als um sicherer zu gehen, zurück, machte ihn auf die Gefahren aufmerksam, die seine Ehre und sein Recht bei einem solchen Mord bedrohten, ließ ihn ferner die notwendige Achtung vor Giacomo bedenken, der also liebreich gegen Ercole gesinnt und also für ihn eingenommen sei, und forderte ihn schließlich auf, ihm allein die Sorge zu überlassen, seinen Feind in kurzem und geräuschlos zu beseitigen. Blutdürstig und entschlossen, es nicht lange dabei bewenden zu lassen, fügte sich der verblendete Ferrarese in diese Anordnung und übertrug dem boshaften und treulosen Magagna, wie er sich dazu erboten hatte, die Sorge, Mittel und Wege auszufinden, um den vermeintlichen Ehebruch und die Unkeuschheit seines Weibes ungeschehen zu machen, unterließ aber bei seiner Rückkehr zum Spiele auf den Rat des falschen Anklägers nicht, dem wieder eintretenden Ercole ebenso freundlich wie zuvor zu begegnen und ihn wie andere Male bei sich zu behalten. Ähnlicher Verrätereien gewohnt und erfreut über den glücklichen Anfang seines Verbrechens, überlegte Magagna, wie es auch zu einem erwünschten Ausgange zu bringen sei. Sein in der Kürze geschmiedeter Plan ward folgender: Er verabredete mit seinem unbedachten, von ihm wie ein Büffel bei der Nase herumgeführten Herrn, das Gerücht verlauten und zu Giacomos, Ercoles und einiger seiner Anhänger Ohren gelangen zu lassen, man habe sichere Kunde erspäht, jener genannte Feind Renato gedenke in der nächstfolgenden Nacht auf Poros Haus einen Angriff zu tun, riet Poro sodann, sich mit wohl in den Waffen geübten Männern, lauter Genossen Magagnas, zu versehen, die dieser vorher aus Friaul, wo er selbst zu Hause war, heimlicherweise hatte kommen lassen, und zwei arme ihm verhaßte Bergamasker Jünglinge, ebenfalls in der Stille, zu bewaffnen, die man, um zwei Fliegen mit einem Schlage zu treffen, in der anzustellenden Verwirrung niederstoßen und deren Leichen man nachher als angeblich feindliche öffentlich aufweisen möge, und er veranlaßte ihn endhch, sowohl an Giacomo die Bitte zu richten, ihm Ercole, der gewiß gern kommen werde, auf eine Nacht zum Beistande zu leihen, als auch selbst mit ungewöhnlicher Fürsorge und Obhut allerwärts im Hause beschäftigt zu tun: was der Ferrarese alles mit blinder Hingebung in Magagnas Willen verwirklichte. Die ganze bewaffnete Schar, mit Ausnahme Ercoles und einiger andern vom Lande unter demselben Vorwande herbeigerufener Männer, die man nach dem Abendessen zu verabschieden gedachte, wurde außer dem Hause in einige unbewohnte verfallene Gebäude abseits der Straße in den Hinterhalt gelegt und Magagnas Leitung anvertraut, der da die Veranstaltung getroffen hatte, wenige Stunden vor Tagesanbruch in das Schlafgemach seines Herrn zu dringen, wohin der von ihm zu tötende Ercole unter dem Vorwande, ihn zu ehren, zur Ruhe geführt werden sollte, um nach vollzogener Schandtat unter dem allergrößten Aufruhre zu den Waffen zu rufen und die beiden Bergamasker gleichsam im Kampfe mit den vermeintlichen Feinden zu töten, die den Anschein haben sollten, nach gewähnter glücklicher Beendigung ihrer Absicht, Poro in seinem Bette zu ermorden, geflohen zu sein. Wie nun, nach allen diesen Vorbereitungen, der gottvergessene Poro wenige Stunden vor dem verhängnisvollen Augenblicke der Ausführung mit Ercole zu Abend gegessen hatte, der als ein wahrer und getreuer Freund bereitwillig zu seiner Hilfe gekommen war und lieber sein Leben daransetzen als ihn beleidigen lassen wollte, so blieben beide noch eine lange Weile beisammen wach, indem der Ferrarese angeblich in Erwartung des Feindes stand. Tief in der Nacht kam dann endlich verabredetermaßen eine Botschaft Magagnas an, daß nichts mehr von dem Feinde zu befürchten scheine, weil er von den gegen ihn getroffenen Empfangsanstalten unterrichtet worden sei. Hierauf entließ der Eifersüchtige, scheinbar beruhigt, die Bewaffneten des Landes, welche er im Hause hatte, und sagte, zu Ercole gewendet, es möge nun wohl geraten sein, schlafen zu gehen, da Renato es bereut habe, diese Nacht ein Ruhestörer zu werden, nahm den Freund bei der Hand und führte ihn, als ob es um ihn zu ehren geschehe, in sein eigenes Schlafgemach, wo er ihn sich auskleiden ließ und sich von ihm verabschiedete. Poro war jedoch so tief in der Sehnsucht nach Rache befangen, daß er nicht nur seiner Gemahlin zu sagen vergaß, er werde diese Nacht in einem andern Zimmer ruhen, sondern daß er auch manche andre Dinge und Geschäfte, die er zu besorgen pflegte, ehe er zu Bette ging, unterließ und auf der Stelle sich zu Magagna und zu dessen Bande begab, der nicht eher losbrechen wollte, als bis er glaubte, sicher sein zu können, daß alles in festem Schlaf begraben liege, und der deswegen noch eine geraume Weile vergehen ließ. In der Zwischenzeit hatte das schöne Weib des Ferraresers, unbekannt mit allem, was sich ereignete, lange vergeblich geharrt, daß ihr anderwärts beschäftigter und ihrer uneingedenk bleibender Mann seiner Gewohnheit gemäß ihr es sagen lassen werde, wenn er zu Bett gegangen sei. Da sie niemand deshalb zu sich kommen sah und doch auch niemand mehr im ganzen Hause sich regen hörte, so bildete sie sich ein, er möge auch schon schlafen gegangen sein und nur vergessen haben, sie davon zu benachrichtigen. Sie entkleidete sich also mit Hilfe ihrer Frauen, die sie dann entließ, und ging ohne Licht behutsam nach ihres Mannes Schlafgemache, worin der zu ermordende Ercole, nachdem er lange Zeit wach gewesen, fest eingeschlafen war. Die schöne Frau legte sich an dessen Seite, den sie für ihren Mann hielt, in das Bett nieder und gab sich, da sie ihn schlafend fand, so viele Mühe, ihn zu erwecken, um ihn zur Rede zu stellen, weshalb er sie nicht habe rufen lassen, daß ihre Absicht ihr zuletzt gelang. Wie sie nun dem Erwachenden freundliche und bescheidene Vorwürfe über seine Vergeßlichkeit machte, und wie Ercole ihren Irrtum erkannte, wagte er ihr aus Ehrerbietung nichts zu antworten und geriet, als sie gar nicht aufhören wollte, sich gegen ihn zu beklagen, in die größte Verlegenheit. Er war zwar in den Waffen und in deren Gebrauche genugsam unerschrocken und erfahren; bei dem weiblichen Geschlechte aber schon von Natur verzagt, um wieviel mehr also nicht in einer solchen Lage wie seiner gegenwärtigen, die diese Schüchternheit auf den höchsten Grad steigen ließ und überdies die Pflicht der Beobachtung seiner Freundschaft hinzugesellte, die er um nichts in der Welt hätte beflecken mögen. Er wußte so wenig, was er zu tun oder was er zu lassen habe, daß er weder zu bleiben noch zu gehen verstand. Seine gänzliche Unkenntnis der Liebe und ihrer Freuden steigerte seine Verwirrung und Ratlosigkeit mit jedem Augenblicke. Ärgerlich über sein beharrliches Schweigen, verfolgte ihn Poros Gattin mit ihren Vorwürfen einerseits immer eifriger. Andrerseits drang sich ihm nun auch die Besorgnis, Poro selbst, den er im Hause und in seiner Nähe wähnte, möge sie hören, so drohend auf, daß er lieber mitten im Gewühl des gräßlichsten Kampfes als in dieser Not hätte sein mögen. Entschlossen, das Bett zu verlassen, erhob er sich, um fortzugehen; seine Absicht wahrnehmend, umfaßte sie aber mit beiden Armen seinen Körper und hielt ihn fest an sich gedrückt, indem sie sprach: »Du hast gewiß wieder einmal einer anderen dein Verlangen zugewendet, weil du mich verschmähst und nicht bei mir bleiben willst. Ich weiß nicht, woher dir wieder die Grillen gekommen sind.« Der brave Mantuaner war am Ende weder leblos geschaffen noch aus Gips oder Marmor zusammengefügt. Wie er sich also mit so liebender Gewalt zurückgehalten fühlte und, bei einem dennoch wiederholten Versuche, sich der Umarmung des Weibes zu entwinden, wie es nicht anders sein konnte, mit ihrem Busen und mit andern Teilen ihres glühenden zarten Körpers in die nächste Berührung kam, so entschwand ihm zu gleicher Zeit der Wille wie die Kraft des Widerstandes, und er ergab sich, unwiderstehlich zu jeder Kühnheit hingerissen, ohne ein Wort zu sprechen oder gesprochen zu haben, dem Genusse, zu dem sie ihn in aller Keuschheit und Ehrbarkeit selbst zu veranlassen schien. Kaum hatte sich Ercole auf diese Weise einer so gewaltigen Verlegenheit enthoben, als ihm eine weit ernstere andrer Art bereitet ward. Es hatte nämlich dem eifersüchtigen Ehemann und seinem Magagna geschienen, daß die rechte Stunde nunmehr gekommen sei. Sie drangen in das Haus hinein, dessen Tür ihre Fahrlässigkeit nicht wieder hinter sich schloß, und geradesweges auf die Kammer zu, wo sie der Meinung waren, Ercole arglos und wehrlos schlafend anzutreffen. Da sie aber in dieser allzu gewissen Voraussetzung sogar der anfänglich unter sich verabredeten Vorsicht ermangelten, bis zu vollbrachter Tat sich still und geräuschlos zu verhalten, so vernahm der keineswegs dem Schlaf ergebene Ercole den heranbrechenden Lärm, sprang, in der allerdings richtigen Voraussetzung, die Feinde auf dem Halse zu haben, mit gleichen Füßen aus dem Bette, ergriff mit der rechten Hand sein gutes Schwert, mit der linken einen runden Schild, den er vorher zufälligerweise an das Bett gelehnt hatte stehen sehen, und stellte sich, ohne weitere Zeit zu haben, sich den übrigen Körper zu wappnen, an den von Magagnas Leuten schon aufgerissenen Eingang des Zimmers zur Verteidigung. Während er also, ein wahrer Herkules, den wütenden Angriffen der Bösewichter begegnete, die wie Drachen auf ihn losstürmten, geschah es, daß Renato von ungefähr diesen Abend, wie er häufig zu tun pflegte, in dem Hause seiner Verwandten war, um das Tun und Lassen des Ferraresers in der Nähe zu beobachten, nach dessen Blute er dürstete, weil Poro den Anlaß zu ihrem gegenseitigen Hasse dadurch gegeben hatte, daß er seinen Sohn hatte töten lassen. Es geschah ferner, daß Renato von einem seiner Aufpasser, deren er mit großen Kosten viele gegen ihn besoldete, gemeldet ward: er sei eben um Poros Haus geschlichen und habe den Eingang offen und unbewacht gesehen. Hatte nun Renato gerade eine ansehnliche Menge Leute in der Nähe seiner Person, so überlegte er zuvörderst wohl, wie es mit diesem Umstände beschaffen sein möge, glaubte aber doch annehmen zu dürfen, daß eher der Wille des Himmels und eine Fahrlässigkeit als eine List seines Gegners dabei im Spiele sei, den er immerdar, wie er es in der Tat auch war, für mächtiger und reicher als für verschlagen und vorsichtig gehalten hatte. Er faßte sich also das Herz, sein gutes Glück auf die Probe zu stellen und zu versuchen, ob und wie weit es ihm diesmal gestatten werde, seinen Feind in die Enge zu treiben, wofern die Aussage des Kundschafters auf sicherem Grund ruhte, versammelte die Seinigen wohlbewaffnet um sich herum, begab sich an ihrer Spitze ungesäumt in Poros Haus und gelangte ohne das geringste Hindernis bis dahin, wo er den Kampf anfänglich nur vernahm und alsdann bei dem Scheine der brennenden Fackeln, die er selbst mitgebracht hatte, und einiger anderen, die Magagna hatte anzünden lassen, sah. Ohne dann an etwas andres zu denken, ließ er sein Auge über das Getümmel hinrollen und suchte seinen Todfeind, den Ferraresen, auf, über den er sich, als er ihn unterschieden und erkannt hatte, mit so wild entlodertem Grolle stürzte, daß er ihn mit zwei Streichen tötete. Zu gleicher Zeit machten sich seine Begleiter mit den Genossen des Gefallenen handgemein, die sich nicht so bald mit solchem Ungestüme und so ungelegen im Rücken angegriffen sahen, als sie von Ercole abließen, um sich selbst zu verteidigen. Ercole wußte zwar in der Tat nicht, wie ihm geschehen war, und was er von dem überseltsamen Ereignis halten sollte, wonach er sich von Freunden angegriffen sah; er stürzte sich aber nichtsdestoweniger von neuem in den Kampf, griff Renato, den Mörder seines falschen Freundes, an, rächte dessen Tod, indem er ihn mit wenigen Schwerthieben zu Boden streckte, und machte sich sodann, wie ein grimmiger Löwe, mit der ganzen Länge seines Schwertes durch das Getümmel Raum. Das Lärmen und Toben hatte eine solche Höhe erreicht, daß es auch zu Giacomos Ohren drang, der, wie schon gesagt, durch des Ferraresers erheuchelten Argwohn darauf vorbereitet, sofort mit allen seinen Leuten auf den Kampfplatz eilte und Ercole zu gelegener Zeit zu Hilfe kam. Denn eine wie große Niederlage der mutvolle, gewaltige Jüngling auch unter den Haufen seiner Feinde angerichtet hatte, so würde es ihm am Ende doch eine Unmöglichkeit geworden sein, der allzu großen Überlegenheit ihrer Menge mit dem Leben zu entgehen, weil er ohnedies schon mit Wunden bedeckt, unbewappnet, allein unter so vielen stahlbekleideten Männern stand, die da alle, Freund wie Feind, in dem alleinigen Kampfe gegen ihn sich vereinigten. Der erlittene bedeutende Blutverlust hatte ihn bei Giacomos Ankunft überdies schon dergestalt ermattet und geschwächt, daß er kaum imstande war, sich aufrecht zu erhalten. Bei diesem seinem jammervollen Anblicke – denn die Liebe, die er zu ihm trug, ließ ihn seine Gestalt vor allen andern sehen – tobte nun Giacomo, in seinem Innersten von Schmerz und Wut empört, an der Spitze der Seinigen sturmwindschnell, wie ein gereizter Eber, unter die ihm zunächst erreichbaren und wenn auch meistenteils von dem tapfern Ercole schon schwer verwundeten, doch immer noch zahlreich genug vorhandnen Söldlinge und richtete unter ihnen ein so furchtbares Gemetzel an, daß in kurzem alles zusammen in Stücke gehauen war. Nur der boshafte Magagna, der, sobald er gesehen hatte, daß sein Anschlag eine schlimme Wendung nahm, sich nach seinesgleichen Art feige verkroch, war als einziger seiner ganzen Schar dem entsetzlichen Blutbad mit heiler Haut entschlüpft. Nächst ihm hatten zwei von Renatos Leuten und auch die beiden Bergamasker ihr Leben auf gleiche Weise gerettet und unter ihren Betten Schutz gesucht. Alle fünf wurden nach gestilltem Aufruhr in ihren Verstecken aufgesucht und gefunden und von den Bewohnern des Ortes, die auf das Sturmläuten der nach Landesgebrauch angeschlagnen Glocken nach geschlichteter Sache herbeigeeilt waren, auf mannigfache Weisen ausgeforscht. In das Gefängnis geworfen und in das Verhör genommen, sagten alle der Wahrheit getreu aus, was sie mit angehört und mit angesehen hatten. Der einzige Magagna versuchte zwar auf seine gewohnten Sprünge zu kommen und hätte gar zu gern seine Niederträchtigkeit bemäntelt oder verheimlicht. Er verwickelte sich aber so tief in seine eignen Reden und lud so großen Verdacht auf sich, daß er sich auf der Folter gezwungen sah, nicht nur das Böse, was er bei dieser Gelegenheit begangen hatte, sondern auch das volle Maß seiner frühern Schuld zu bekennen. Er erhielt dafür an dem Galgen den verdienten Lohn; die beiden Begleiter Renatos wurden auf die Galeeren geschickt und die Bergamasker Jünglinge verbannt. Giacomo Malatesta ließ, nachdem er am Ende des furchtbaren Kampfes mit seinen Leuten allein in dem Hause lebendig geblieben war, den in seinem eignen wie in der Feinde Blut gebadeten Ercole zurück nach seiner Wohnung bringen, und weit und breit die geschicktesten Ärzte zu seiner Heilung entbieten, die der gnadenvolle Wille des die Unschuldigen immerdar beschützenden Gottes durch die angewendeten wirksamen Arzneien, vor allem jedoch durch die seltene Geschicklichkeit eines Wundarztes mit der Rettung seines Lebens und mit der völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit vollendete. Hiergegen wütete zwar die in ihrem Gemüt immerdar ehrbare und keusche Witwe Poros, Ersliia genannt, nach dem schmählichen Ende ihres Gatten und nach der Kenntnis dessen, was ihr unverschuldeter Irrtum in jener Nacht zwischen ihr und Ercole herbeigeführt hatte, nicht mit ihren eigenen Händen gegen sich, um nach einer vollbrachten eitlen und grausamen Tat eine Lucrezia gewesen zu sein; sie empfand aber wohl so großes Leidwesen darüber, als sich nur irgend sagen läßt. War auch ihr eigenes Gewissen rein und unbefleckt, so fand sie doch um des Geschehenen willen, das sie nimmermehr hatte vorausahnen können, keine Ruhe in ihrer Brust, weil sie sich gegen die stets über alles heilig gehaltene Reinheit ihrer Ehre allzu schwer versündigt zu haben und sich nicht zugestehen zu dürfen meinte, daß doch alle Schuld nur auf dem Ungeschicke und auf der Verblendung ihres sinnlosen Gatten lag. Nachdem sie zuletzt in vielen Unterredungen und Zusammenkünften mit Ercole seinen großen Wert anzuerkennen sich gedrungen fühlte, und nachdem sie reifliche und klügliebe Überlegung deshalb mit sich gepflogen hatte, ergab sie sich in die unabweisliche Notwendigkeit und willigte darein, durch die besondere Vermittlung Giacomos, der seinem Freunde und dessen Wohlfahrt mit ganzer Seele ergeben und förderlich war, Ercoles Gattin zu werden. Ercole hatte Ersilias große Schönheit und große Ehrbarkeit vordem erkannt und fühlte sich in ihrem Besitze hochbeglückt. Sie selber brachte ihm eine Mitgift von vielen tausend Scudi ein und lebte ungleich zufriedener in ihrer zweiten Ehe mit Ercole, als in der mit ihrem ersten, rohen und eifersüchtigen Mann. Nach nicht allzulanger Zeit bewirkte Giacomos Einfluß in Mantua die Begnadigung seines Freundes, und Ercole kehrte mit seiner geliebten Gattin in sein Vaterland und in den völligen Genuß seines väterlichen Erbes zurück, und er lebte bis an seinen Tod in ungestörtem Glück und in dauernder Zufriedenheit. Giambattista Basile 1575 – 1632 Der lästige Gevatter Es lebte einmal zu Pomegliano ein gewisser Cola Jacovo, der Mann der Masella Cernecchia von Resina, ein von Krankheit geplagter, aber steinreicher Mann, der selbst nicht wußte, was er besaß, so daß er die Schweine frei herumlaufen ließ und es ihm niemals an Stroh mangelte. Obwohl er nun aber weder Kind noch Kegel hatte und das Geld mit Scheffeln maß, war er doch so knickerig, daß, man mochte ihn drehen, wie man wollte, man ihm dennoch nie auch nur einen roten Heller aus der Tasche lockte; dabei führte er nicht minder für seine eigene Person ein so kärgliches Leben, daß er aussah wie ein abgemagerter Hund, und alles dies, um nur ja recht viel beiseite zu legen und zu sparen. Es kam jedoch jedesmal, wenn er sich zu Tisch setzte, zu seinem großen Ärger und Verdruß, ein vertrackter Gevatter zu ihm ins Haus, der ihm keinen Schritt vom Leibe ging und der, als wenn er die Glocke im Leibe und die Uhr in den Zähnen hätte, sich immer gerade zur Eßzeit einstellte, zu schwatzen begann und mit grenzenloser Unverschämtheit sich wie eine Klette an ihn hing, dergestalt, daß er ihn auf keine Weise loswerden konnte; und so lange zählte er ihnen die Bissen in den Mund, tischte so lange Spaße und Schnurren auf, bis man zu ihm sagte: »Wenn's gefällig ist«; worauf er, ohne sich lange nötigen zu lassen, sich zwischen Cola Jacovo und seine Frau drängte und dann, als wenn er vor Hunger und Gier dem Tode nah, seine Eßlust wie ein Rasiermesser scharf geschliffen und er angehetzt wie ein Jagdhund wäre, ja, als hätte er einen Wolf im Leibe, und mit der geflügelten Schnelligkeit eines vom Gehöft fortgejagten Fuchses sogleich begann, die Hände zu rühren wie ein Pfeifer, die Augen umherzuwerfen wie eine wilde Katze und die Zähne in Tätigkeit zu setzen wie einen Mühlstein, wobei er Kaltes und Warmes hinunterschlang und ein Bissen nicht den andern erwartete. Wenn er sich nun die Backen gehörig gefüllt, den Wanst angestopft, seinen Bauch einer Trommel ähnlich gemacht, die Schüsseln bis auf den Boden geleert und alles reingefegt hatte, ergriff er einen Krug, saugte, trank, leerte, zechte und soff ihn in einem Zug bis auf den Grund aus und ging dann, ohne auch nur »Adje« zu sagen, seiner Wege, indem er Cola Jacovo und Masella mit einem langen Gesichte sitzen ließ. Da diese nun die Unverschämtheit des Gevatters sahen, der, wie wenn es in einen aufgetrennten Sack ginge, aß und fraß, schluckte und schlang, ausleerte, abräumte, einhieb, einlud, einwamste, einpackte, fortbrachte, verschwinden machte, vernichtete, zerstörte und verheerte dermaßen, daß nichts auf dem Tische blieb, so wußten sie nicht, wie sie sich diesen Blutigel, dieses Zugpflaster, dieses Hosenverunreinigungsmittel, diese Purganz, diese unverschämte Fliege, diese Filzlaus, diesen Folterstrick, dieses Überbein, diesen schweren Mietzins, diese immerwährende Abgabe, diesen Polyp, diesen Igel, diese Bürde, diesen Kopfschmerz vom Halse schaffen sollten, und nimmer wurde es ihnen so gut, daß sie einmal unbelästigt und ohne diese beschwerliche Zugabe, ohne diese endlose Beschwerde essen konnten, bis eines Tages Cola Jacovo erfuhr, daß der Gevatter sich an einen Beamten, der die Stadt verließ, gehängt hatte, und daher ausrief: »Gelobt sei der Himmel, daß wir endlich einmal nach hundert Jahren das Glück haben, ohne diesen Henkerknecht die Zähne rühren, die Backen in Trab bringen und einen Bissen unter die Nase stecken zu können; darum will ich mich einmal lustig machen und etwas draufgehen lassen, da man in dieser elenden Welt ja doch nur das genießt, was man durch die Gurgel jagt. Drum zünde rasch ein Feuer an, liebe Frau; denn da wir jetzt gerade freies Spiel haben und nach Herzenslust essen können, so will ich mir irgend etwas Leckeres, irgendeinen delikaten Bissen zugut tun.« Indem er dies sagte, lief er fort, um einen schönen Aal, ein Maß feines Weizenmehl und eine Flasche vom besten Wein einzukaufen, worauf er, nach Hause zurückgekehrt, während seine Frau voll geschäftiger Eile einen schönen Kuchen backte, den Aal selbst briet und sich dann, als alles fertig war, mit Masella zu Tisch setzte. Kaum aber hatten sie sich niedergelassen, so klopfte jemand an die Tür, und als Masella ans Fenster trat und den verwünschten Gevatter, den Störenfried ihrer behaglichen Ruhe, erblickte, sagte sie zu ihrem Manne: »Niemals, mein lieber Jacovo, kauft man doch ein Pfund Fleisch in der Fleischbank der menschlichen Freuden ohne die Knochenbeilage des Verdrusses; man schläft nie auf dem reinen Laken der Zufriedenheit ohne irgendeine Wanze des Ärgers; man trocknet niemals die Wäsche des Genusses ohne den Regen der Unannehmlichkeiten; so ist auch jetzt dieser bittere Bissen uns in die Schüssel gefallen, dieses Dreckessen uns in der Kehle steckengeblieben«; worauf Cola Jacovo alsbald erwiderte: »Verstecke rasch die Sachen, die auf dem Tisch stehen, hebe sie auf, nimm sie fort, schaffe sie weg, damit er sie nicht sieht, und dann öffne die Tür: denn wenn er das Nest leer findet, so wird er vielleicht klug genug sein, bald wieder fortzugehen und uns die paar Bissen Elend aufessen zu lassen.« Während nun der Gevatter die Sturmglocke läutete und Alarm schlug, schob sie den Aal in einen Schrank, die Flasche unter das Bett und den Kuchen zwischen die Kissen; Cola Jacovo aber kroch unter den Tisch und guckte durch ein Loch der Decke, welche bis auf die Erde hinabhing, unter demselben hervor. Der Gevatter hatte jedoch durch das Schlüsselloch alles, was in der Stube vorging, gesehen; er trat daher, sobald geöffnet wurde, mit angenommener Furcht und Bestürzung hinein und sprach, als Masella ihn fragte, was ihm wäre, folgendermaßen: »Während du mich durch dein langes Zaudern und Trödeln fast um alle Geduld brachtest und ich wie auf glühenden Kohlen stand, indem ich dich erwartete wie eine warme Semmel, damit du mir aufmachen solltest, kroch mir zwischen die Füße eine Schlange, die so furchtbar groß und häßlich war, daß mir noch die Haut schaudert; stelle dir vor, sie war so groß wie der Aal, den du in den Schrank gesetzt hast. Da ich mich nun so in einer so bösen und gefährlichen Lage sah und vor Furcht zitterte, vor Angst bebte und vor Schreck klapperte, hob ich einen Stein auf, der ungefähr so groß war wie die Flasche unter dem Bette, warf ihn der Schlange an den Kopf und machte so einen Kuchen wie der dort zwischen den Kissen; wobei das Untier im Sterben mich anstierte wie der Gevatter da unter dem Tische, so daß mir vor Schreck und Entsetzen alles Blut erstarrt ist.« Bei diesen Worten konnte Cola Jacovo sich nicht länger halten, denn diese Dosis dünkte ihm doch zu stark; er steckte daher den Kopf unter der Decke hervor, wie ein Hanswurst, der sich auf der Bühne zeigt, und sprach also zu dem Gevatter: »Wenn die Sachen so stehen, dann hört alles auf! Jetzt habe ich es dick, jetzt komm mir nicht wieder so, jetzt bleibe mir ja vom Leibe! Wenn du etwas zu fordern hast, so verklage mich; wenn ich dir ein Unrecht getan habe, so mache einen Prozeß anhängig; wenn du dich beleidigt glaubst, so vergelte mir Gleiches mit Gleichem; wenn ich dir zu nahe getreten bin, so mache es ebenso, und wenn du dich revanchieren willst, so blase mir den Hobel aus oder tue sonst noch was! – Was für ein Benehmen, welch eine Art und Weise ist denn das von dir? Es scheint wahrhaftig, du hast alle Scham vergessen und willst dir das Unsrige mit Gewalt aneignen; du hättest mit dem Finger zufrieden sein und nicht die ganze Hand nehmen sollen; denn jetzt sieht es wirklich schon aus, als ob du uns durch dein unausstehliches Betragen aus dem Hause jagen wolltest! Freilich sagt man: ›Schamlos tut, was er will,‹ aber auch: ›Wer selbst nicht klug ist, wird klug gemacht, und wenn es dir anMitteln dazu fehlt, so haben wir Knittel und Knüppel genug; kurzum, du weißt ja, daß man sagt: ›Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil‹, und ›Jeder Hahn bleibe auf seinem Mist‹; darum lasse uns ungeschoren! Denn wenn du etwa glaubst, von heute ab das alte Lied fortsetzen zu können, so läufst du dir deine Füße vergeblich ab; du bringst nichts zuwege, verlierst nur Hopfen und Malz und bist am Ende, wo du am Anfang gewesen bist; wenn du dir einbildest, immer so bei mir im Warmen zu sitzen wie bisher, so irrst du dich gar sehr: du hast deinen Teil dahin, mit dir ist es vorbei, und du mußt dir diese Gedanken schon vergehen lassen; wenn du denkst, mein Haus ist ein offenes Wirtshaus für deinen unersättlichen Hals, damit er so viel zechen und schlucken kann, als er will, so entschlage dich dieser Hoffnung, laß fahren diesen Irrtum: deine ganze Mühe ist verloren, es ist alles anders und keine Hoffnung mehr vorhanden; doch ist es deine eigene Schuld; du hattest einen Tölpel gefunden, den du wie eine Taube rupftest, hattest einen Esel angetroffen, dem du die Augen auswischtest, und lebtest mit einem Wort wie im Schlaraffenlande; jetzt aber geh deiner Wege: wir sind geschiedene Leute, dieses Haus ist für dich nicht mehr vorhanden, wir haben nichts mehr miteinander zu schaffen; denn du bist ein Schmarotzer, ein Brotvernichter, ein Tafeldieb, ein Küchenleerer, ein Topfausräumer, ein Tellerlecker, ein Nimmersatt, ein Kloak, der du eine wahre Freßsucht, einen wahren Heißhunger, einen Wolf und einen bodenlosen Abgrund im Leibe hast, der du einen Esel verschlucken, ein Schiff verschlingen und einen Bären verputzen könntest, den heiligen Gral nicht verschonen würdest, dem weder Tiber noch Po genügen und der sich selbst auffressen möchte; gehe nur dem nach, was dir zukommt, gehe Kloaken ausräumen, Lumpen auf den Kehrichthaufen aufklauben, Nägel in den Rinnsteinen suchen, Wachs bei Begräbnissen aufsammeln und Abtritte ausfegen; meinem Hause aber komme ja nicht wieder nahe: denn jeder hat seine eigenen Leiden, jeder hat mit sich selbst zu schaffen, und jeder weiß am besten, wo ihn sein Schuh drückt. Auch brauchen wir deine lahmen Witze, deine hinkenden Geschichtchen, deine abgedroschenen Späße gar nicht länger und wollen durchaus nichts mehr von dir wissen; darum mußt du nun schon einmal diesen Bissen fahren lassen. Du lockerer Vogel, du Tagedieb, du Bärenhäuter, du Faulpelz, arbeite lieber, lerne ein Handwerk und suche dir einen Meister!« Als der arme Gevatter diesen unaufhaltsamen Wortstrom, dieses Aufplatzen des Geschwüres, diese Krämpelei ohne Krämpel empfand, so zitterte und bebte er wie ein auf der Tat ertappter Dieb, wie ein verirrter Wanderer, wie ein verunglückter Schiffer, wie eine Hure, die ihren Kunden verloren, und wie ein Kind, das sich verunreinigt hat, und ohne daß er wagte, den Mund aufzutun, schlich er sich davon mit gesenktem Kopf, mit dem Kinn auf der Brust, mit Tränen in den Augen, mit tropfender Nase, mit klappernden Zähnen, mit leeren Händen, mit beklommenem Herzen, wie ein abgebrühter Pudel still und stumm, ohne auch nur zu mucksen oder sich umzudrehen, indem ihm das bewährte Sprichwort einfiel: »Ungeladene Gäste setzt man unter den Tisch.« Giambattista Basile Der Knoblauchgarten Es lebte einmal in dem Dorfe La Varra ein Bauer namens Ambrosio, welcher sieben Töchter und nichts anderes besaß, um sie anständig in der Welt zu erhalten, als einen Knoblauchgarten. Dieser wackere Mann war eng befreundet mit Biasillo Guallecchia, einem in Resina sehr reich begüterten Manne, welcher Vater von sieben Söhnen war, von denen Narduccio, der Erstgeborene und des Vaters Herzblatt, plötzlich einmal krank wurde und auf keine Weise geheilt werden konnte, obwohl der Beutel des Vaters in einem fort offen stand. Als ihn nun Ambrosio eines Tages besuchte, fragte ihn Biasillo, wie viele Kinder er hätte, worauf jener, der sich schämte, daß er nur vermöchte Töchter zu erzeugen, erwiderte: »Ich habe vier Söhne und drei Mädchen.« »Wenn das so ist«, versetzte Biasillo, »so schicke mir einen von deinen Söhnen her, damit er meinem Sohne Gesellschaft leiste: du wirst mir dadurch einen sehr großen Gefallen erweisen.« Ambrosio, der sich auf diese Weise selbst gefangen hatte, wußte nicht, was er antworten sollte, sondern nickte nur mit dem Kopf; und nach La Varra zurückgekehrt, geriet er vor Ärger fast außer sich, indem er gar nicht wußte, wie er wieder dem Freunde vor die Augen treten sollte. Endlich jedoch rief er alle seine Töchter von der kleinsten bis zur größten herbei und fragte sie, welche von ihnen es wohl zufrieden wäre, sich die Haare abschneiden zu lassen, Mannskleider anzuziehen und sich für eine Mannsperson auszugeben, um dem kranken Sohne des Biasillo Gesellschaft zu leisten; worauf die älteste Tochter, namens Annuccia, entgegnete: »Ist mir etwa der Vater gestorben, daß ich mir das Haar abschneiden sollte?« Die zweite Tochter, namens Nora, antwortete: »Noch bin ich nicht verheiratet, und schon willst du mich mit abgeschornen Haaren sehen?« Die dritte, namens Sapatina, versetzte: »Ich habe immer sagen hören, daß Frauenzimmer keine Hosen anziehen sollen.« Die vierte, namens Rosa, erwiderte: »Was Kuckuck noch einmal, komm mir nicht damit, daß ich mir zur Unterhaltung eines Kranken das anschaffen soll, was selbst in keiner Apotheke zu finden ist.« Die fünfte, namens Cianna, sprach: »Sage dem Kranken, daß er abzuführen einnehme und sich zur Ader lasse, denn ich würde auch nicht eins von meinen Haaren für hundert Lebensfäden von Männern hingeben.« Die sechste, namens Lella, sagte: »Als Frauenzimmer bin ich geboren, als Frauenzimmer lebe ich, als Frauenzimmer will ich auch sterben und mag nicht, um mich in einen vorgeblichen Mann zu verwandeln, meinen ehrlichen Namen verlieren.« Das jüngste Nestvögelchen jedoch, namens Belluccia, welche sah, daß der Vater bei jeder einzelnen Antwort seiner Töchter einen Seufzer ausstieß, antwortete: »Nicht nur wollte ich mich dir zuliebe in einen Mann, sondern sogar in ein Tier verwandeln und selbst noch Ärgeres erdulden, wenn ich dir damit dienen kann.« »Segne dich der Himmel«, erwiderte Ambrosio, »denn für das Leben, das ich dir gegeben, gibst du mir ein neues Leben wieder. Darum keine Zeit verloren, sondern frisch ans Werk!« – und nachdem er ihr die Haare, welche den Häschern Amors als vergoldete Schlingen dienten, abgeschnitten und ihr einen zerrissenen Männeranzug ausgeflickt hatte, brachte er sie nach Resina, wo sie von Biasillo und seinem kranken Sohne, der zu Bette lag, mit den größten Freundschaftsbezeugungen der Welt empfangen wurden. Ambrosio kehrte hierauf nach Hause und ließ Belluccia zurück, damit sie den kranken Narduccio bedienen sollte. Als dieser nun die ungewöhnliche Schönheit Belluccias unter jenen Lumpen hervorleuchten sah, sprach er bei sich selbst, indem er sie immer wieder von neuem anschaute und sie mit den Augen fast verschlang: »Wenn ich nicht ganz blind bin, so ist das ein Frauenzimmer; die Zartheit ihres Angesichts zeigt es, ihre Sprache bestätigt es, ihr Gang bekräftigt es, mein Herz sagt es, und Amor verrät es: es ist ein Frauenzimmer ohne Zweifel; und sie wird wohl hierher gekommen sein, um durch diese List in ihrer Männertracht meinem Herzen einen Hinterhalt zu legen.« Indem er sich nun ganz diesem Gedanken ergab, versank er in eine solche Traurigkeit, daß das Fieber noch viel mehr zunahm und die Ärzte ihn in einem sehr gefährlichen Zustande fanden, so daß die Mutter, welche ihn von ganzer Seele liebte, zu ihm sprach: »Mein lieber Sohn, du Licht meiner Augen, Stab und Krücke meines Alters, was soll das bedeuten, daß du, statt an Kraft zuzunehmen, an Gesundheit abnimmst und, statt vorwärts zu kommen, immer rückwärts gehst? Ist es möglich, daß du deine Mutter so betrüben willst, ihr nicht die Ursache deiner Krankheit zu sagen, damit sie sie entfernen könne? Sprich doch, mein Juwel, verheimliche mir nichts, öffne mir dein Herz, wirf ab deine Bürde und sage mir frei heraus, was du willst und wünschest: für das übrige laß mich sorgen; denn ich werde alles tun, was du verlangst.« Durch diese Worte ermutigt, fing Narduccio an, ihr seine Leidenschaft zu entdecken und ihr zu sagen, wie er sich davon überzeugt hielte, daß der Sohn Ambrosios ein Mädchen sei, und daß, wenn er sie nicht zur Frau bekäme, er beschlossen hätte, dem Lauf seines Lebens ein Ende zu machen. »Nur sachte«, erwiderte die Mutter, »um deinem Wunsche willfahren zu können, wollen wir erst untersuchen, ob sie ein Frauenzimmer oder eine Mannsperson, ob das Feld flach oder hügelig ist. Ich will mit ihr in den Stall gehen und sie eines der wildesten Pferde von denen, die wir haben, besteigen lassen; denn wenn sie ein Frauenzimmer ist, so fehlt ihr, wie allen Frauen, der Mut, und sie wird nicht daran wollen, so daß wir dann gleich wissen, woran wir sind.« Dieser Einfall gefiel dem Sohne; die Mutter stieg mit Belluccia in den Stall hinunter und ließ ihr ein unbändiges junges Roß geben, welches jedoch Belluccia sogleich sattelte, mit einem wahren Löwenmut bestieg und anfing, einen Paß zu reiten zum Verwundern, einen Galopp zum Erstaunen, Volten zu machen zum Entzücken, Pirouetten, um außer sich zu geraten, Courbetten, um Maul und Ohren aufzusperren, und Kapriolen, die mehr jener als dieser Welt angehörten; weswegen die Mutter zu Narduccio sagte: »Laß deine närrische Grille fahren, mein Sohn: denn du siehst, daß dieser Bursche fester ist im Sattel als der älteste Kavallerist von der Welt.« Trotzdem beharrte Narduccio bei seinem Sinn und sagte aufs neue, daß es durchaus ein Frauenzimmer wäre und selbst Skanderbeg ihm nicht diesen Glauben rauben würde. Um ihm nun diesen Wahn zu benehmen, begann die Mutter wieder: »Nur nicht so hitzig, mein Sohn: wir wollen noch eine Probe machen und sehen, woran wir sind.« Darauf ließ sie eine Muskete holen, hieß Bellucia herbeirufen und sagte zu ihr, sie solle sie laden und abfeuern. Diese ergriff sogleich das Gewehr, schüttete Schießpulver in den Lauf und damit Brechpulver dem Narduccio in den Leib, legte die Lunte an das Schloß und Feuer an das Herz des Kranken, und indem jene sich entlud, beschwerte sich das Herz des Ärmsten mit Liebessehnsucht. Als die Mutter die Fertigkeit, Gewandheit und Geschicklichkeit sah, mit welcher der Bursche die Muskete abfeuerte, sprach sie zu Narduccio: »Was du denkst, ist eitel Torheit; denn ein Frauenzimmer kann das nicht alles tun, was der tut.« Narduccio aber beruhigte sich jedoch nicht dabei, sondern stritt immerfort und würde sein Leben gewettet haben, daß diese schöne Rose keinen Stachel hatte; daher er wiederum zur Mutter sprach: »Glaub« mir nur, liebe Mutter, wenn dieser schöne Baum der Liebesanmut mir Krankem nur eine einzige Feige geben wollte, so würde ich Kranker dem Arzte die Feige weisen; darum müssen wir in jedem Falle suchen, Gewißheit zu erlangen; wenn nicht, so ist es mit mir vorbei; denn ich ruhe entweder in ihrem Schoße oder in dem der Erde.« Da die arme Mutter sah, daß er hartnäckiger war als je, durchaus auf seinem Sinn beharrte und immer wieder auf den besagten Hammel zurückkam, so sprach sie zu ihm: »Um dir noch genauere Überzeugung zu verschaffen, so gehe mit ihm baden, und dann wirst du sehen, ob Berg oder Tal, ob ein freier Platz oder eine Sackgasse, ob ein Circus Maximus oder eine Trajanssäule vorhanden ist.« »Richtig«, rief Narduccio aus, »das ist das rechte, und jetzt hast du den Nagel auf den Kopf getroffen: heut muß es sich endlich zeigen, ob es Bratspieß oder Pfanne, Wirkholz oder Sieb, Spritze oder Trichter ist.« Belluccia jedoch, welche den Anschlag witterte, ließ rasch einen Knecht ihres Vaters zu sich kommen, der gar schlau und pfiffig war, und wies ihn an, daß, wenn er sie am Meeresufer im Begriff sähe, sich auszukleiden, er ihr die Nachricht bringen solle, daß ihr Vater nahe daran wäre zu himmeln und sie noch einmal sehen wolle, ehe der Kreisel des Lebens Stillstand mache. Als dieser nun, genau aufpassend, wahrnahm, daß Narduccio und Belluccia sich bereits am Meere befanden und schon anfingen, sich auszukleiden, tat er, wie ihm geheißen war, und führte seinen Auftrag aufs beste aus, so daß Belluccia nach Anhörung der ihr gebrachten Nachricht sich von Narduccio verabschiedete und den Weg nach Resina einschlug. Narduccio aber kehrte mit gesenktem Kopf, verdrehten Augen, erblaßtem Angesicht und bleichen Lippen zur Mutter zurück und erzählte ihr, wie schief die Sache gegangen wäre, und daß er wegen des Querstrichs, der ihm gemacht wurde, nicht hätte den letzten Versuch machen können. »Nur nicht verzweifelt«, versetzte die Mutter, »Geduld überwindet alles. Drum geh also ohne weiteres in das Haus Ambrosios und rufe seinen Sohn, und an dem schnellen oder langsamen Herunterkommen wirst du dann sehen können, woran du bist, und ob man dir eine Nase drehen will oder nicht.« Bei diesen Worten färbten sich die erbleichten Backen Narduccios wieder, und als am folgenden Morgen die Sonne ihre Strahlen ergriff und die Sterne verjagte, begab er sich geraden Wegs nach dem Hause Ambrosios, ließ diesen herausrufen und ersuchte ihn, ihm doch seinen Sohn herunterzuschicken, da dieser ihm unter den Händen entwischt sei, er gleichwohl etwas Wichtiges mit ihm zu sprechen habe. Ambrosio nun bat ihn ein wenig zu warten, er würde ihm bald seinen Sohn senden, worauf Belluccia, um nicht in flagranti ertappt zu werden, sich schnell Rock und Mieder aus- und die Hosen anzog; indem sie dann aber über Hals und Kopf hinuntereilte, vergaß sie, daß sie noch die Ohrringe in den Ohren hatte, so daß Narduccio, wie man an den Ohren des Esels das schlechte Wetter erkennt, an denen Belluccias ein Zeichen desjenigen heitern Wetters erkannte, wonach er sich so sehr sehnte, und sie packend wie ein Bullenbeißer, zu ihr sprach: »Du sollst mein Weib sein, zum Trotz des Neides, zum Tort des Schicksals und sogar zum Hohn des Todes.« Als Ambrosio die redlichen Absichten Narduccios sah, sagte er zu ihm: »Wenn nur dein Vater zufrieden damit ist und mit einer Hand zufaßt, so greife ich mit hundert zu«; worauf alle miteinander sich nach dem Hause Biasillos begaben, der ebenso wie seine Frau, voll Freude darüber, ihren Sohn frisch und gesund wiederzusehen, die Schwiegertochter mit unsäglicher Herzlichkeit empfing, und da sie nun von Ambrosio wissen wollten, wie er denn auf den Einfall gekommen wäre, seine Tochter in Mannskleider zu stecken, und hörten, er hätte es getan, um nicht zu entdecken, daß er so ein Pinsel gewesen wäre, sieben Mädchen zu zeugen, sprach Biasillo: »Da der Himmel mir so viel Söhne und dir so viel Töchter geschenkt hat, so wollen wir auch sieben Fliegen mit einem Schlage totmachen; drum bringe sie nur sämtlich her zu mir: ich will sie alle meinen Söhnen zu Weibern geben; denn ich habe, Gott sei Dank, so viel Gräten, als diese Fische brauchen.« Kaum hatte Ambrosio diese Rede vernommen, so holte er wie im Fluge alle seine andern Töchter herbei, worauf in dem Hause Biasillos die siebenfache Hochzeit mit großen Festlichkeiten gefeiert wurde, so daß die Musik und das Jauchzen bis zum siebenten Himmel emporscholl, und indem sie nun alle auf diese Weise froh und fröhlich waren, sah man ganz deutlich die Wahrheit des Sprichworts: »Gottes Treu' ist alle Tage neu.« Giovanni Crocebianca Ottavio und Florida Partenope, eine der Hauptstädte Italiens, erfreut sich eines Himmels, der, weil er sich immerdar gnädig zeigt, die Stadt nie durch Übermaß quält, weder in Kälte des Winters, noch in Hitze des Sommers. Freundlich öffnet sie ihren Busen dem Tyrrhenischen Meere, welches nicht undankbar ihr Vorteile bietet und sie mit Freuden bereichert. Auf den Fluren ihres Gebietes feiert zu jeder Zeit die Milde und hält das Entzücken seinen Triumph, in der Art, daß Himmel, Meer und Erde untereinander zu wetteifern scheinen, diese unvergleichliche Stadt für jeden zum Gegenstand der Verwunderung zu machen. Sie ist bewohnt von sehr umgänglichen Leuten, die aber schlau und abgefeimt in listigen Erfindungen sind. Sie ernährt eine zahlreiche Klasse von Rittern, wobei unter den ersten der edle Ottavio Franchi genannt ward, ausgezeichnet durch Reichtum und glänzend durch Tapferkeit und Schönheit. Er ward, als der einzige Sohn, in all der Zärtlichkeit aufgezogen, welche die Gemüter für die Lüste geneigt macht. Er hatte daher kaum das fünfzehnte Jahr vollendet, als er sich der Tyrannei Amors unterwarf. In der Nähe seines Hauses wohnte Florida Albinelli, eine Dame von hoher Abkunft, aber unbedeutendem Vermögen; denn ihr Vater war mehr ein Freund des Scheines als des Wesens und hatte in Eitelkeit die Reichtümer vergeudet, welche die Stütze der Titel und Würden sind. Florida, ebenso von der Natur bevorzugt wie vom Glücke benachteiligt, entwickelte solche Schönheiten, daß für sie die Beinamen »die Himmlische«, »die Göttliche« keine Übertreibungen, sondern recht eigentlich gemeinte Bezeichnungen schienen. Mit diesen Ansprüchen erwarb sie sich täglich eine so große Zahl von Verehrern, daß Penelope niemals so viele Anbeter und keine der ägyptischen Frauen so viele Liebhaber zu besitzen sich rühmte. Aber unter der ganzen Schar ihrer Diener war keiner glühender und eindringlicher als unser Ottavio. Er liebäugelte lange mit ihr als seiner Nachbarin, dann betrachtete er sie als das Paradies seiner Augen, und zuletzt erkannte er sie für eine Hölle seiner Seele, indem er sich ebenso beseligt fühlte durch ihren Anblick wie gemartert durch die Sehnsucht nach ihr. Er gab bei sich selbst seiner Liebe eine gewisse Rechtmäßigkeit durch den Anspruch der Ehe; da sich also die Sinnlichkeit nicht durch das Gewissen die Zügel kurz gehalten sah, erreichte seine Leidenschaft in kurzem einen sehr hohen Grad. Ottavio besuchte häufiger als gewöhnlich ein Gemach, das die Aussicht über Floridas Zimmer hatte, und wo er seinen Gedanken und seinem Kummer nachhing. Nie versäumte er die Gelegenheit, wenn er sie auf dem Balkon erscheinen sah, ihr stille Zeichen seiner Neigung zu geben, und sie bemerkte es bald zu ihrer Freude, war aber listig genug, sich zu stellen, als merke sie es nicht, damit die Sittsamkeit sie nicht nötige, sich ihm abgeneigt zu zeigen. Tausendmal war er auf dem Punkte, mit ihr zu sprechen, wagte es aber nie, da ihn die jugendliche Schüchternheit zurückhielt. Endlich, nach langem inneren Kampfe, schleuderte er ihr einen Brief zu, weil unter dem Schatten der Tinte die Scham nicht errötete. Der Brief hatte einen günstigen Erfolg, da Florida ihn mit Freundlichkeit aufnahm, mit Geschmack las und mit freundlichem Lächeln, an dem Fenster sich zeigend, darauf antwortete. Das war ein Lichtstrahl, der, wie das Sankt-Elmsfeuer, Ottavios im Meere der Leidenschaft wogendes Herz tröstete; er nahm es für ein gutes Vorzeichen und fing an, in kurzem die Beruhigung seines Strebens zu hoffen. Ganz erfreut also dankte er mit frommem Sinne seiner Göttin, die ihn so liebreich tröstete, wobei ihnen die Nachbarschaft ihrer Häuser die besten Dienste leistete, um sich verständlich zu machen. Sie war schon in Ottavios Vorzüge verliebt und fühlte eine Neigung in sich, noch ehe sie sich so herzlich geliebt wußte. Sie versäumte daher den günstigen Augenblick nicht, wo sie ihm ihre Leidenschaft enthüllen konnte, weshalb bei ihrem gegenseitigen Verkehr die Neigung beider übermäßig zunahm. Die Dame gestattete Ottavios Worten freien Lauf, welche bald alle Rücksicht ablegten und ihr um so willkommener waren, je zärtlicher sie wurden. Sie gaben sich das Versprechen der Ehe zu beiderseitiger Genugtuung: Ottavio war zufrieden, weil er eine ruhmreiche Verwandtschaft erhielt, Florida, weil sie große Vorteile an Vermögen zu erhalten hoffte. Sie baten daher gleichmäßig den Himmel um einen glücklichen Ausgang dieses Eheverlöbnisses, als Odoardo (so hieß Ottavios Vater) die Liebschaft seines Sohnes bemerkte, der, wie junge Leute meistens, mehr glühend als vorsichtig in seiner Liebe war. Er war darüber höchlich erzürnt, nicht weil ihm die Schwiegertochter mißfiel, sondern weil er die Verwandten fürchtete, die das Mädchen schon in der Wiege einem andern bestimmt hatten. Er tat übrigens nicht, als merke er den Umgang seines Sohnes, um nicht eine strenge Miene gegen ihn annehmen zu müssen, und befahl ihm, nur alles Nötige vorzubereiten, um sich zu Beendigung seiner bereits begonnenen Studien nach Bologna zu verfügen, wobei der Vater hoffte, Pallas mit ihren Künsten werde dort den Knoten lösen, den Venus in Partenope geschürzt hatte. Dieser Beschluß seines Vaters war für Ottavio ein tödlicher Schlag; der Abschied war ihm wie ein Übergang vom Leben zum Tode. Er grämte sich, seufzte, klagte, verwünschte das Geschick, die Wissenschaften und den Willen des Vaters. Er fand tausend Entschuldigungen, um den Abschied zu verzögern; aber es half ihm nichts: denn er mußte gehorchen. Florida war bei der Nachricht von der bittern Trennung bestürzt; dann über überließ sie sich den Gefühlen des Schmerzes, wie sie die leichte Erregbarkeit eines Weibes und die Torheit einer Verliebten nur immer haben kann. Gar zu gern wäre sie ihm gefolgt, hätte sie nicht gefürchtet, ihn zugrunde zu richten, indem sie sich selbst in ihrem Ruf und ihrer Ehre gefährde. Sie blieb also zurück, ganz abgestorben gleich der Sonnenblume, wenn sie am Abend sich von den Strahlen der Sonne trennen muß. Ottavio nahm Abschied und zog kummervoll weiter, oftmals mit Tränen den Boden badend, den sein Fuß betrat. Als er in Bologna angelangt war, hatte er in dem süßen Frieden der Wissenschaften den grausamsten Krieg mit seiner Neigung zu führen; er schwur also, der Satz sei falsch, daß die Ferne die Liebesleiden heile. Seine eigenen Gedanken wurden seine Henker und marterten ihn beständig mit der Erinnerung an das so sehr ersehnte teure Glück. Die Vorlesungen und die gelehrten Zusammenkünfte, die den Wackeren so erwünscht sind, schienen ihm, der vom Schmerz bedrückt mit seinem Gemüt in Todesnöten lag, Leichengesänge, und die Universität kam ihm in der Tat vor wie das Grab des Lebens. Der Nektar der Weisheit sättigte ihn nicht, da an Zügellosigkeit leidende Seelen bei der Aneignung von allem Guten zu leiden pflegen. Er blieb also in Bologna, besuchte den Unterricht nur zum Schein, hörte aber in der Tat die Lehrer so wenig wie eine Schlange und zog Nutzen von ihnen wie ein Klotz. Er war Student nur dem Namen nach, unter den Fleißigen ohne Eifer, bei den Übungen müßig und so verzweifelt, daß er gerade da das Leben verlor, wo sich andere die Unsterblichkeit erwerben, bei dem Ruhm der Wissenschaften. Bei all diesem Kummer ward Ottavio endlich durch das Glück getröstet, das die in einen Goldregen verwandelte Freigebigkeit seines Vaters ihm mittels einiger Kaufleute in den Schoß fallen ließ. Reich mit Geld versehen, flog er nun nach Partenope, um Florida zu besuchen, die süße Ursache seiner bittern Qualen. Er kam unbekannt an, und ohne beim Vater abzusteigen, veranstaltete er, daß sie seine Ankunft gewahr wurde, und im freundlichen Dunkel der Nacht begab er sich an ein Fensterchen ihres Hauses, um ihr dort seine Verehrung darzubringen. Es ist überflüssig zu erzählen, welche Worte der Höflichkeit sie wechselten und wie viele Tränen sie aus Rührung vergossen, da jeder weiß, welche Regungen ein unvorhergesehener Zufall in zwei einander zärtlich liebenden Herzen weckt, die lange vom Verlangen, sich wiederzusehen, geplagt worden sind. Aber diese Freuden dauerten nur wenige Nächte; denn Ottavio wollte das Glück nicht allzusehr auf die Probe stellen, da er schon erfahren hatte, daß Fortunas Rad sich schnell umdreht im Glücke, langsam im Unglück. Er entfernte sich also und nahm wegen der neuen Trennung neue Schmerzen mit. Kaum war er in Bologna angelangt und hatte für das Notwendige gesorgt, daß der Handel nicht entdeckt würde, so begab er sich von neuem auf den Weg nach Partenope. So lebte er ein ganzes Jahr lang immer abwechselnd unter Reisen und Ausruhen, Freude und Qual. Kaum war das Jahr zu Ende, so verfiel Ottavio, während er in Bologna war, in ein Fieber, das zwar nicht gefährlich, aber von langer Dauer war und ihm großen Kummer im Herzen bereitete, da es ihn in seinen Reisen störte. Unterdessen brachte Horatio, Floridas Vater, ihre Vermählung in Richtigkeit mit Don Fernando, Markgrafen von Tuedos, der ihr schon zugedacht war, als sie noch in den Windeln lag. Es war ein Aragoner, er stammte von herzoglichem Geblüte, besaß wenig Vermögen, aber um so mehr Verwandte und Ansprüche die Fülle. Man vermutete bei ihm größere Reichtümer als er besaß, hielt ihn für wackerer als er war, und für liebenswürdiger als er schien. Er hatte eine untersetzte Statur, stolze Haltung, dunkle Hautfarbe und war so hinkend, daß die schöne Florida dem Fernando geben so viel war, als von neuem eine Venus einem Vulkan überlassen. Dies war der Bräutigam, den Horatio ausfand, nicht um seine Tochter zu versorgen, sondern um sich Vorschub zu verschaffen am kastilischen Hofe. Verwünschter Eigennutz, du verkehrter, grausamer Dämon, der die Menschen zwingt, dir selbst die eigenen Kinder zu opfern! Als Florida den Abschluß der Ehe erfuhr, betrübte sie sich; dennoch zeigte sie sich gegen den Vater zufrieden, und wenn sie Schmerzenstränen vergoß, so konnte man sie für Tränen der Freude nehmen. Den Tag darauf meldete sie sich krank und bat, jede öffentliche oder häusliche Feier wegen ihrer Vermählung bis zu ihrer Wiederherstellung zu verschieben. Unterdessen fertigte sie an Ottavio einen Brief ab, der folgende Gedanken enthielt: »Mein Herr, der Wille meines Vaters nötigt mich, Euch mein Wort zu brechen, meinem Genius Gewalt zu tun, nicht mehr Euch anzugehören. Er hat mich dem Markgrafen Don Fernando versprochen, einem Ritter, dem ich einen Königsthron wünsche, um mich Euch getreuer zu erweisen, indem ich Euch zuliebe eine königliche Partie ausschlage. Ich fürchte, der Zorn des Vaters wird an mir zum Mörder, sobald er unsere Liebeshändel entdeckt. Darum kommt, Herr Ottavio, aber kommt schnell, um Eure Florida zu besuchen, welche geneigt ist, mit Euch zu leben oder für Euch zu sterben. Kommt und hört meine kläglichen Nänien statt der Epithalamien und seht, wie ich froh in das Grab steige, wenn das Schicksal mir nicht erlaubt, in Euer Bett zu gelangen! Erinnert Euch zuweilen, mein Gebieter, wenn ich Euch nicht mehr sehen sollte, Eurer Schwüre und unserer wechselseitigen Neigung und seid versichert, daß bis zum Tode, wenn es dahin kommt, Euch treu bleibt Eure Florida.« Dieser Brief war ein Zauber, der Ottavio aus der Unterwelt, geschweige aus dem Federbette, aufgejagt hätte. Er fühlte sich plötzlich von seiner Krankheit befreit, und sobald er den Brief gelesen hatte, stand er auf, Heß sich ein Pferd satteln und machte sich auf den Weg nach Partenope, geführt von der Wut und begleitet von der Verzweiflung. Manchmal wünschte er in seinem wütenden Herzen sich lebendig, nur um sich an seinem Nebenbuhler zu rächen; dann wieder bat er mit verzweifelter Stimme den Himmel, ihn mit dem Blitze zu treffen, um nicht Florida als Opfer des Todes oder als Gemahlin Fernandos zu sehen. Aber das Geschick, das ebenso die Toren und die Verzweifelten zu bewachen pflegt, führte auch den Unglücklichen glücklich nach Partenope. Er kam in das Haus seines Vaters Odoardo, und ehe er vom Pferde stieg, sah er die schöne Florida am Fenster und grüßte sie mit einer mit Zorn vermischten Freude, da er nicht wußte, ob er seiner eigenen oder einer fremden Braut seine Achtung bezeige. Das Geschick wollte, daß er das Haus leer fand: sein Vater war kaum zuvor in häuslichen Geschäften ausgegangen; er konnte daher leicht von dem gewohnten Zimmer aus mit seiner Teuern sprechen, die ihm sogleich Zeichen unaussprechlicher Freude gab. Nachdem die ersten Begrüßungen vorüber waren, bestätigte sie ihm die große Gefahr ihres Lebens, ihre noch größere Treue und ihre allergrößte Neigung zu ihm. »Wenn Ihr wüßtet, Herr Ottavio«, fügte sie hinzu, »wie gern ich für Euch in den Tod gehe, so würdet Ihr mir vielleicht, ohne daß ich Euch schwöre, glauben, daß ich kein Verdienst bei Euch anspreche. Wenn aber Eure Höflichkeit mit Rücksicht auf sich selbst mir über Euch einige Gewalt einräumt, so will ich diese doch nur zu der Bitte an Euch ausdehnen, daß Ihr niemals, wenn mir ein trauriger Zufall begegnen sollte, dem Schmerz Raum gebet, Euch zu bedrücken; denn wofern überhaupt den Toten Kunde vergönnt ist von den Schicksalen der Lebenden, so glaubt mir, daß Eure Qualen immer meine Hölle sein werden.« Ottavio schmolz vor Wonne über so tiefempfundene Zuneigung; an der Beantwortung dieser Reden wurde er aber durch die Ankunft seines Vaters verhindert, weshalb er Abschied nahm, um ihm entgegenzueilen. Odoardo umarmte seinen Sohn mit einer Zärtlichkeit, die man nur eine väterliche zu nennen braucht, um ihr hohes Maß zu bezeichnen. Er freute sich doppelt, weil er seinen Sohn vom Fieber hergestellt sah und weil er ihn völlig geheilt glaubte von der Krankheit der Liebe, so daß er sich für den Glücklichsten unter den Lebenden hielt. Als er endlich müde, wenn auch nicht satt war, ihn zu küssen und ihn nach seiner Gesundheit und seiner Reise zu fragen, erzählte er ihm verschiedene Neuigkeiten aus der Stadt und sagte ihm auch unter anderem, er komme gerade recht, um die Festlichkeiten mitzumachen, die für Floridas Vermählung vorbereitet werden. »Fürwahr, mein Herr«, antwortete Ottavio, »in Horatios Hause wird man vielleicht eine Leiche statt einer Hochzeit sehen können.« Hiernach entdeckte er ihm die ganze Geschichte seiner Liebe, den Entschluß Floridas und seinen eigenen festen Willen, sie zu gewinnen, koste es auch Leben und Ehre. Der Vater war ganz betroffen über diese unerwartete Erzählung und den tollkühnen Vorsatz; dann aber brach er in heftigen Zorn aus, ging heftig, mit den Füßen stampfend, durch das Zimmer und rang die Hände. »Geduld«, sagte er, »o Schicksal! Ich selbst habe, indem ich einen Sohn zeugte, dir das Werkzeug in die Hand gegeben, mich zu töten und zu bekümmern.« Nach diesen Worten zog er sich in ein anderes Gemach zurück und Heß Ottavio in großer Verwirrung allein. War Odoardos Bestürzung groß, so war an jenem Abend noch viel größer Horazios Wut: denn Florida hatte durch Ottavios Nähe sich ein Herz gefaßt, während sie in seiner Abwesenheit ganz mutlos gewesen war, und ihrem Vater keck ihr zartes Vergehen gestanden. Was aber das väterliche Gemüt am meisten in Raserei brachte, das war Floridas fester Vorsatz, Fernando nicht zum Gemahl anzunehmen. Horatio hätte sie im Augenblicke durchstochen, hätte er nicht geglaubt, ihr damit noch einen Gefallen zu tun, während sie ihn mit künstlichen Tränen bat, sie lieber dem Tode als dem Spanier in die Hände zu liefern. Nach vielen Schelt- und Drohworten fiel es ihm ein, sie wie ein Kind zu schlagen; doch kam ihm wieder das Mittel zu gemein vor für einen so verzweifelten Fall, so daß er um so mehr vor Grimm zitterte, je weniger er Mittel fand, ihn zu besänftigen. Er brachte die ganze Nacht damit hin, auf Rache zu sinnen, denn Rache ist die echte Tochter der Wut und die unrechte Genugtuung einer edeln Seele. An dem Tage, der dieser stürmischen Nacht folgte, sperrte er Florida in ein Nonnenkloster, wo auch Bellasia, ihre Schwester, lebte, um seinerzeit den Schleier zu nehmen und dem Berufe sich zu widmen, zu dem sie der Geiz und die Grausamkeit des Vaters bestimmt hatte. Sobald Ottavio die Nachricht von dieser Gefangenschaft vernahm, konnte er die Tränen nicht zurückhalten noch dem Schmerze widerstehen. Es half weder der Rat der Freunde noch die Bitten der Verwandten etwas, um ihn zu trösten, so daß sein unglücklicher Vater die feste Überzeugung gewann, er werde das Heil seines Sohnes an der Klippe der Verzweiflung Schiffbruch leiden sehen. Er verfehlte aber auch nicht ihm zuzusprechen, daß er von dieser Leidenschaft ablasse, mit Warnungen, welche lauter Salz für die Klugheit waren; aber er bemerkte bald, daß er Salz gesät hatte, denn er erntete keine Frucht. Fernando dagegen erglühte bei diesem Vorfall von Zorn, schwur Rache an Ottavio, drohte Verheerungen, prahlte mit Keckheit und begehrte Zweikämpfe. Auf diese Weise aber verpuffte die Wut, die sich in Taten hätte äußern sollen, in Worten, dem Himmel gleich, der manchmal um so heftiger donnert, je weniger er zu blitzen beabsichtigt. Horazio hatte sich in der Tat die Hoffnungen seiner Vorteile mit dem Bande dieser Ehe befestigt, und als er mit Auflösung desselben jene entweichen sah, gedachte er sich zu rächen, indem er sich einen Meuchelmörder suchte, der Ottavio ermordete. Eine besonnenere Überlegung hielt ihn jedoch zurück und brachte ihn darauf, Verstellung anzuwenden, das gewöhnliche Netz, womit Feinde ohne Geräusch beseitigt werden. Er schützte also das Bedürfnis einer Luftveränderung vor wegen einer ihn häufig befallenden Unpäßlichkeit und verließ Partenope, jede Verhandlung vorläufig abbrechend. Unterdessen beschloß Odoardo, um nicht seinen Sohn zu verlieren, der schon in die tiefste Schwermut versunken war, mit ihm zugrunde zu gehen, indem er ihm versprach, alles anzuwenden, um ihm die Erreichung seiner Wünsche zu sichern. Bei diesen Versprechungen atmete Ottavio wieder auf von seinem Kummer; er hatte sich bald mit Bewaffneten versehen zu seinem Gefolge und begann durch die Stadt zu streifen. Der Zufall führte ihm Fernando in den Weg, der sich aber gar nicht rührte, sei es, weil der brave Ritter die Schwüre vergessen, sich zu rächen, oder weil er sich besann, daß Schwüre, Böses zu tun, nichts gelten. Da also Ottavio sich ohne Kampf als Sieger sah, setzte er jede Besorgnis beiseite und fing an, Floridas Kloster zu besuchen, angeblich von Frömmigkeit getrieben: es war aber ein Götzendienst, nicht Gottesfurcht die Ursache. Er hielt sich täglich daselbst auf, um die schöne Gefangene zu sehen; aber bewacht von ihren Obern, erschien sie nie, so daß der Arme gerne seine Menschheit mit der Natur des Luchses vertauscht hätte, um sich die Augen zu verschaffen, deren Blick die Mauern durchdränge, die sein liebstes Gut verschlossen hielten. Endlich, nachdem er viel versucht und noch mehr gewünscht hatte, fand er Zutritt zum Gespräche mit Bellasia, die, da sie in kurzem Nonne werden sollte, die Freiheit genoß, an die Fenster zu kommen, um sich von der Welt zu verabschieden. Ottavio erzählte ihr von Anfang an seine Liebesgeschichte und übertrieb seine Leiden so gewaltig, daß das Mädchen nicht umhin konnte, sich etwas gerührt zu zeigen, um nicht unmenschlich zu erscheinen. Sie hatte so aufrichtig allem Weltlichen entsagt, daß sie lieber den Tod sich hätte gefallen lassen, ehe sie zu einer der Sittsamkeit zuwiderlaufenden Tat mitgeholfen hätte. Dennoch meinte sie, wenn sie Ottavio bei seiner Liebe helfe, so sei das eben, als wenn sie der Gerechtigkeit diente, da Florida ihm zu gebühren scheine, nachdem er sie um den Preis so vieler Tränen- und Schweißperlen erkauft habe. Sie bot ihm daher ganz bescheiden ihre Dienste an und schwur ihm, daß sie Fernando ebenso als Schwager, wie Florida ihn als Mann verabscheue. Ottavio dankte ihr und stammelte in übergroßer Freude innige, aber verwirrte Worte dankbarer Verbindlichkeit und bat sie sodann, Florida einen Handkuß zu bringen; sie übernahm es sogleich und überredete ihren Geliebten, ihr künftig Briefe, Botschaften und Geschenke für ihre Schwester anzuvertrauen. Schon war unter den Neugierigen Partenopes die Ursache der Gefangenschaft Floridas bekannt zum allgemeinen Staunen und zum Vergnügen derjenigen, welche fremde Handlungen immer schlimm auslegen und sich jedes kleinen Anlasses bedienen, um Stoff für Verleumdungen zu haben und Satiren zu verbreiten. Als aber die gemeinschaftlichen Freunde Horazios und Odoardos sahen, daß sich zwischen den beiden Häusern ein Feuer des Hasses erzeuge, das nicht ohne Blut gelöscht werden könne, dachten sie nach, wie es in der Geburt erstickt werden könne. Sie schrieben daher an Horazio, um ihn zur früheren Rückkehr in die Stadt, als er anfänglich beabsichtigte, zu bestimmen. Als er nun kam, unterhandelten sie eifrigst die Versöhnung, und Horazio war, wiewohl mit großem Widerstreben, endlich einverstanden, wenn nur Ottavio Florida dem Fernando abtreten und anstatt ihrer Bellasia zur Frau nehmen wolle. Diese Vorschläge wurden Ottavio mitgeteilt, der zwar keineswegs damit zufrieden war, aber dennoch sich einverstanden erklärte, weil er nur auf diesem Wege seine Dame aus dem Kloster befreien zu können meinte. Es wurde also der Friede geschlossen und die Hochzeit verabredet mit den falschen Versprechungen des Liebhabers, der kurz darauf nach seiner Gewohnheit im Kloster anlangte und, um Florida einen Beweis seiner nie unterbrochenen Treue zu geben, Bellasia einen Brief überreichte. Diese war schon mit seinen Zusagen in dem Friedensvertrag bekannt und hielt ihn nun für ihren Bräutigam, verweigerte also die Überlieferung und bat ihn, sie zu entschuldigen, da sie fortan ihm unter keinem andern Titel als dem seiner Gattin zu dienen beabsichtige. Ottavio seufzte und fühlte sich sehr unglücklich über diese Äußerung; aber als noch weit unglücklicher bejammerte sich Florida, als sie sich verraten glaubte und für verschmäht von ihrem angebeteten Geliebten hielt. Sie verzweifelte daher ohne Rettung; denn die Unterredung mit ihrem Grausamen war ihr fortan unmöglich, und an ihn zu schreiben war ihr von Bellasia verboten, die nunmehr ihre mißtrauische und eifersüchtige Nebenbuhlerin geworden war. Voll Niedergeschlagenheit schlich sie daher in den Klostergängen umher, über ihre verzweifelten Hoffnungen weinend und das Geschick verwünschend, das um eines Undankbaren willen sie dahin gebracht habe, ihr Leben zu begraben und so lange Zeit ihre Freiheit zu verlieren. Mehr als alles aber quälte sie fortwährend das Andenken an ihren Ottavio, den sie noch liebte, wiewohl sie ihn für einen Verräter hielt. Fernando befand sich in Rom, als die Versöhnung zum Abschluß kam, die übrigens ganz mit seiner Beistimmung unterhandelt wurde. Während er nun also die Vollziehung der Doppelheirat abwartete, stattete Ottavio ungehindert Bellasia seine Besuche ab und bestürmte sie fortwährend mit Bitten, um sie zu bewegen, ihn wie gewöhnlich bei Florida einzuführen. Bellasia widerstand jedoch allen Versuchungen, denn der Eigennutz machte sie standhaft, so sehr sie ein Weib war. Am Ende aber, als sie sah, daß sie mit ihrer eigenen Ausdauer die des andern nicht besiegen könne, änderte sie ihren Entschluß, sie ward gefällig und brachte von neuem ihrer Schwester Grüße, Botschaften und Briefe. Die beiden Liebenden atmeten nun auf bei diesem heitern Himmel des Schicksals, der so lange dauerte, als Fernando zögerte, nach Partenope zu kommen. Sobald er aber kam, ließ Bellasia in größter Eile Ottavio rufen und sagte zu ihm, Florida sei entschlossen, ihn dem Geschicke zum Trotz zum Gatten zu nehmen, und bitte ihn, sie in derselben Nacht nicht weit vom Klostertore zu erwarten, denn sie beabsichtige heute nacht mit ihm zu entfliehen. Der Liebende war erfreut, wie sich jeder denken kann, da er nunmehr auf dem Punkte war, glücklich die Früchte langer Mühen zu ernten. Er ging hinweg und vertraute das Geheimnis einem seiner Diener, mit dem er sich in der Nacht auf den bestimmten Posten begab. Es fügte sich, daß Fernando an dem Tage, wo er in Partenope ankam, an demselben, wo Bellasia jene Weisung hatte ergehen lassen, seine Braut nicht mehr besuchen konnte, da ihn erst häusliche Geschäfte verhinderten und am Ende noch ein Vetter abhielt, der mit aller Gewalt ihn zum Essen mitnahm und bei der Mahlzeit behielt. Spät erst verabschiedete er sich von dem Verwandten, und um sich wider die unheimlichen Begegnisse der Nacht zu verwahren, dachte er an seine eigene Sicherheit durch eine zahlreiche Schar von Bewaffneten. Sein Weg führte ihn notwendigerweise am Kloster vorüber, so daß er Ottavio unbeweglich an der Tür stehen sah und ihn erkannte, ohne von ihm erkannt zu werden. Er dachte sich gleich, das Dastehen gelte einem Liebesdiebstahl, wollte die Wahrheit erforschen und stellte sich daher an die nächste Ecke auf die Lauer. Kaum hatte er dort eine Weile stillgehalten, als er die Tür öffnen hörte. Er trat einen Schritt vor und sah Ottavio, der mit der Dame daherkam. In größter Wut riß er den Degen heraus, fiel ihn an und setzte ihm so heftig zu, daß der Unglückliche sich genötigt sah, seine Beute preiszugeben, um nicht das Leben zu verlieren. Ganz zufrieden also über den Sieg, setzte Fernando seinen Weg fort, dem Schicksal höchst dankbar, das ihn so geschickt dahin brachte, sich an seinem Nebenbuhler zu rächen, indem er ihm die ihm zugesprochene Braut noch aus den Armen raubte. Als er aber in seine Wohnung kam, die Dame an der Hand haltend, die still und traurig ihm gefolgt war, so sah er beim Licht einer Fackel, daß er einem Trugbilde die Hand drückte: denn er hatte Bellasia, nicht Florida entführt. Er staunte, war bestürzt, zürnte, fragte das Kind um die Ursache, die sie bestimmt habe zu fliehen, und erhielt zur Antwort, da sie sich von Ottavio verschmäht gesehen habe gegen den Wortlaut seiner Zusagen, habe sie durch Täuschung von ihm zu erhalten gesucht, was seine starre Hartnäckigkeit ihr verweigert; daher habe sie sich für seine Geliebte Florida ausgegeben und sei mit ihm entflohen. »Mein Fräulein«, antwortete darauf Fernando, »rächt Euch auch Ihr an Euerm Verächter dadurch, daß Ihr ihn verachtet! Und da das Schicksal Euch mir als Beute in die Hände geführt hat, so werdet zur Räuberin an mir und fesselt mich mit dem Bande der Ehe und Gattentreue!« Bellasia dankte ihm, und ungewiß, ob Ottavio nur noch lebe, fürchtete sie ganz ohne Bräutigam zu bleiben, nahm daher das Anerbieten an und brachte noch in selbiger Nacht die Ehe zum Abschluß, wiewohl ohne die Beistimmung ihres Vaters. Ottavio andererseits verließ den Kampf voll Schmerz, hatte aber am ganzen Leibe keine Wunde erhalten, weshalb seine Seele doppelt durchbohrt war von Eifersucht und Scham. Welche Furien ihn diese Nacht umtrieben, zeigte sein Entschluß, aus Partenope zu fliehen; um nicht mehr den Himmel ansehen zu müssen, der ihm so grausam in seiner Liebe gewesen war. Florida hörte auch von der Entweichung ihrer Schwester und wollte närrisch werden, denn sie hielt es für unzweifelhaft, daß sie mit ihrem treubrüchigen Ottavio entflohen sei. Aus Abscheu also vor solchen Betrügereien und Verrätereien dieser Welt beschloß sie bei sich, diese zu verlassen und Nonne zu werden, und hätte sich gern in der nämlichen Nacht noch das Haar abscheren lassen, wenn dieser Akt nicht eine öffentliche Feierlichkeit erfordert hätte. Aber der neue Tag, welcher folgte, verscheuchte heiter den schwarzen Verdacht der beiden Liebenden, hemmte ihre Schmerzen und zügelte ihre Entschließungen, da sich in der Stadt das Gerücht von der Täuschung und von der Verheiratung Fernandos verbreitete. Horatio aber, dem ebensowohl damit gedient war, Fernando durch Bellasia zum Eidam zu erhalten, wie durch Florida, ließ sich durch das nächtliche Ereignis nicht irremachen, sondern fügte sich in die Notwendigkeit und bewilligte Ottavio die heißersehnte geliebte Florida. So wurden denn froh beide Ehebündnisse gefeiert, und an Ottavio zeigte das Schicksal, daß es durch unbekannte Pfade den Menschen zum Besitze des Glücks führt, das er nicht durch irdische Klugheit erreichen kann. Giovanni Francesco Loredano 1607 – 1661 Dercella Eudosia, die Tochter des Grafen von Vancastro, war so reich an Gütern der Seele, des Leibes und des Glücks, daß sie kaum das dreizehnte Jahr ihres Alters erreicht hatte, als sie schon die Bewerbungen vieler Männer rege machte, die nach ihrem Besitze trachteten. Und wenn schon der Reichtum ihres Vaters die Habsucht von manchen bewog, sie zur Frau zu begehren, so überwältigte doch die Schönheit ihres Gesichts die Neigungen aller, da sie, von allen Grazien begünstigt, nicht für geringer als diese geachtet ward und nur in der Zahl ihnen nachstand. Das Geschick bescherte diesen Himmel der Liebe dem Evandro, dem edelsten, aber auch dem ältesten von allen Freiern; ein häufiger Unstern dieser Auroren, nur in den Besitz von Tithonen zu kommen. In den Augen der Welt erschien diese Vereinigung ganz unnatürlich, da man glaubte, Evandro stehe dem Grabe weit näher als dem Hochzeitsbette. Er stand schon im dreiundfünfzigsten Lebensjahre, und bei dem Winter, den er in den Runzeln seines Gesichts und in dem Schnee seiner Haare trug, wollte man nicht an eine Vereinigung mit diesem Frühling von Schönheit glauben, der nur erst herbe Früchte und Blüten trug. Eudosia fügte sich leicht in die kalten Umarmungen eines Greises, da ihr Alter höhere Begierden nicht gestattete und alle Vorteile der Ehe in den Reichtum der Kleider, die Mannigfaltigkeit der Kleinode, den Überfluß des Goldes, die Zahl der Dienerschaft und die beständige Aufmerksamkeit ihres Gatten setzte, welcher sehr eifersüchtig üher sie wachte und schon glaubte, er hahe sie verloren, sobald sie ihm einen Augenblick aus dem Gesichte war. Dieses beständige Zusammensein verleitete Evandro zu Anstrengungen, welche seine Kräfte, sein Alter überstiegen, und die Hochzeit war daher kaum vorüber, als man schon die Leiche sah. Evandros Tod ward von seiner Gattin mit so lebhaftem Ausdruck verfolgt, daß Tränen, Seufzer und Wehklagen nur die geringsten Beweise für ihren Schmerz waren. Gerne wäre sie mit ihm in das Grab gestiegen, wenn nicht der Gedanke an ihre nahe Entbindung ihr mit der Hoffnung geschmeichelt hätte, ihn wieder ins Leben zu rufen, indem sie einen Knaben zur Welt bringe. Aber dieser Wunsch wurde vereitelt durch die Geburt eines Mägdleins, das noch in den Windeln diejenigen, welche es sahen, zu ausgezeichneten Urteilen über seine Schönheit bewogen. Eudosia wollte von einer andern Verbindung nichts hören, geschweige daran denken; sie glaubte, mit Evandro seien alle gestorben, die sie glücklich machen könnten. Sie begrub sich selbst aus freiem Antrieb in ihrem Hause und beschäftigte sich mit der Erziehung ihrer Tochter, aber nach so strengen Grundsätzen, daß sie nahezu dreizehn Jahre alt war und sich nicht rühmen konnte, andere Männer als die Diener ihrer Mutter gesehen zu haben oder von andern gesehen worden zu sein. Sie kam nur zwei- oder dreimal des Jahres aus dem Hause, und zwar so bedeckt und unter so vielen Vorsichtsmaßregeln, als könnte die Luft sie entführen. Ihr Zimmer verstattete kaum der Sonne Zutritt, geschweige den Augen der Sterblichen. Sodann erlaubte ihr auch die beständige Anwesenheit ihrer Mutter keine andere Zerstreuung als die Beschäftigung mit kindischen Spielen. Das Geschick, die gewöhnliche Vermittlerin der Liebe, fügte es, daß Eudosia und Dercella, denn so hieß die Tochter, unwillkürlich an das Fenster gezogen wurden durch ein Geschrei, das um so mehr ihre Neugierde reizte, je heftiger es war. Sie sahen das Leben Assirdos, ihres Nachbarn, von vielen Schwertern bedroht, während er sich mit einer für seine Jahre ungewöhnlichen Kühnheit verteidigte. Die Jugend und Schönheit Assirdos flößte Eudosias Gemüt ein plötzliches Mitleid ein. Daher befahl sie ihren Dienern, ihn in das Haus zu bringen, und befreite ihn dadurch aus den Händen jener Meuchelmörder, die ihn an einer Hand und besonders schwer an der Seite verwundet hatten und nahe daran waren, ihn umzubringen. Assirdo nahm nach kurzer Begrüßung die Aufforderung an, sich in ein Bett zu legen. Man rief seine Mutter herbei, welche seine Heilung mit ihrer Pflege unterstützte; die Ärzte erlaubten ihm aber nicht, dieses Haus zu verlassen, um nicht durch die Bewegung und die Luft seine Wunden gefährlicher zu machen. Wiewohl Dercella die Liebe nicht einmal dem Namen nach kannte, ließ sie sich doch so sehr ihr Herz beim ersten Anblick von Assirdo gefangennehmen, daß sie verliebt war, ehe sie noch merkte, daß sie liebe. Und da sie sich dieses ersten Dranges nicht erwehren konnte, lauschte sie bald mit begierigem Ohr den Reden der Ärzte, bald befragte sie die Mägde, bald wußte sie sich, obgleich mehrmals von der Mutter getadelt, Eintritt in das Zimmer zu verschaffen, indem sie dem Wunsche, ihn zu sehen, die Maske ganz verschiedener Vorwände lieh. Die Nacht steigerte ihre Bewegungen noch mehr; denn da der Schlaf nicht mächtig genug war, ihre Unruhe in Schlummer zu lullen, ließ sich ihr Herz von einer wirren Masse von Gedanken beherrschen. Und wenn einmal die Augen von Müdigkeit, wo nicht vom Schlafe überwältigt nachgaben, so mußte sie sie doch gleich wieder öffnen, um den Schreckbildern zu entfliehen, die sie noch mehr im Schlaf als im Wachen peinigten. Dercella schwebte mehrere Tage in diesem Liebeswahnsinn, bis Assirdo, dessen Heilung fortschritt, in sein eigenes Haus hinübergebracht wurde. Er hatte oftmals in den Augen des Kindes Zeugnisse mehr von Liebe als von Mitleid gelesen; aber selbst noch unerfahren, verbannte er alle diese Gedanken, die ihn überzeugen konnten, daß er geliebt sei, als sündhaft. Angelockt jedoch von den Reizen jener Schönheit, die jede Kühnheit entschuldbar machen kann, und noch immer zu Hause gehalten, um seine Gesundheit sich erst wieder befestigen zu lassen, wich er nicht von einem Fenster, das nach der Wohnung der Dercella hinüberging. Hier wurde er leicht von ihr entdeckt, welche, von tausendfacher Liebesungeduld getrieben, nichts anderes wünschte als ihn zu sehen. Sie fand ein Mittel, ein Fenster dem ihres Geliebten gegenüber zu öffnen, das von der Eifersucht der Mutter mit gutem Vorbedacht verschlossen gehalten worden war, und hatte nun Gelegenheit, ihn nach Herzenslust anzuschauen, nicht aber noch, ihn zu sprechen: denn daran verhinderte sie entweder ihre eigene Sittsamkeit oder die Furcht vor der Mutter. Auch er war vor lauter Liebe stumm geworden und trug alle Verrichtungen der Zunge auf die Augen über. Endlich aber gewann er es über sich, einem Blatte seine Leidenschaft einzuhauchen, und schrieb also: Mein Fräulein! Die Liebe, welche mir gewaltsam die Zunge fesselt, bewegt mir jetzt mit derselben Tyrannei die Hand. Sie zwingt mich, mit diesen Zeilen Euch die längst eingegangene und mit den Augen beschworene Lehenspflicht meines Herzens zu beurkunden. Es brauchte wohl große Gewalt dazu, um mich zu einer Erklärung zu bewegen, die in Anbetracht der Vortrefflichkeit Eures Verdienstes nicht anders als verwegen genannt werden kann. Die Schönheit, welche ein Abglanz ist des göttlichen Lichtes, verschmäht es, mit gemeinen Worten der Menschheit verehrt und angebetet zu werden. Ich weiß das ganz gut, aber es ist nicht in meiner Gewalt, anders zu handeln. Genehmigt denn, o Schöne, diesen Ausdruck eines Herzens, das sich mehr Eurer Herrschaft rühmt als seines eigenen Wesens. Bekräftigt mit Eurer Antwort die Hoffnungen, die, wie ich weiß, imstande sind, das Leben zu erhalten Eures innigst ergebenen und verbundenen Assirdo. Ohne Schwierigkeit förderte er diesen Brief in die Hände Dercellas, denn er paßte die Gelegenheit ab, wo sie unter dem Fenster stand, um ihr ihn zierlich in den Busen zu schleudern. Das Mädchen, nicht weniger neugierig als verhebt, verabschiedete sich mit den Augen und lief hinweg, um ihn zu lesen. Während aber ihre ganze Seele auf jenen Schriftzügen haftete, merkte sie nicht, daß sie von ihrer Mutter beobachtet war, die in jedem Augenblick die ganze Tätigkeit ihrer Tochter ihrer Beobachtung und Genehmigung unterworfen wissen wollte. Die erste Regung des Unwillens Eudosias ging dahin, ihr den Brief aus der Hand zu reißen, und sie fügte dazu so viele Scheltworte und Drohungen, daß die Tränen und Seufzer nur die geringsten Zeugnisse für die Marter Dercellas waren. Der Verlust dieses Blattes aber, der ihr für ihre Liebe und ihre Hoffnungen Schiffbruch prophezeite, war das größte ihrer Leiden. Eudosia verließ sie in einer Flut von Tränen und zog sich in ein anderes Zimmer zurück, um den Brief zu lesen und auf die Spur zu kommen, wie er in ihre Hände gelangt sei. Kaum bemerkte sie, daß er von Assirdo war, als in ihrem Herzen tausend Gedanken sich zu kreuzen begannen. Jugend und Schönheit bahnten dem Verlangen den Weg, um Besitz zu ergreifen. Es befiel sie Reue, so viele Jahre ihr Leben hingeschleppt zu haben, ohne es zu genießen. Nur ein eitler Schein seien alle Freuden außer denen, welche die eheliche Liebe bereite. Auf der andern Seite ward sie unschlüssig durch die freien Urteile der Welt über einen dreizehn Jahre lang verzögerten Entschluß. Sie hegte Besorgnisse wegen der Verwegenheit ihrer Tochter und des zarten Alters des Assirdo, und überlegte, wenn sie zu einer zweiten Verbindung schreite, nachdem sie so lange die erste beweint, so heiße das nichts anderes, als sich den freien Äußerungen der Öffentlichkeit bloßstellen und vorsätzlich ihre Freiheit aufgeben. Da jedoch in unsern Neigungen diejenige Seite die Oberhand gewinnt, die vorzugsweise von den Sinnen beherrscht wird, entschloß sie sich, lieber jeden andern Verlust zu wagen, als die Liebe Assirdos zu verlieren. Sie ergriff daher die Feder und schrieb im Namen ihrer Tochter also: Assirdo! Wer dem ersten Angriff weicht, zeigt um so deutlicher die eigene Schwäche und kann dem Verdacht der Feigheit und Nichtswürdigkeit nicht ausweichen, die viel eher Haß als Liebe verdient. Dennoch aber kann, wer wahrhaft liebt, sich nicht verstellen. Die Liebe ist ein Feuer, das, je mehr es unterdrückt wird, mit desto größerer Gewalt wirkt. Ich erkläre Euch daher durch diesen Brief, daß ich Euch von ganzem Herzen liebe, und daß, wäre mir nicht der Zweifel hemmend entgegengetreten, Eure Geringschätzung auf mich zu ziehen, Euer Schreiben mir nicht hätte zuvorkommen sollen. Wenn Ihr also beabsichtigt, unsere Liebe durch die Ehe zur rechtmäßigen zu machen, so erwarte ich Euch diese Nacht an der Gartentür, die Ihr angelehnt finden werdet. Wo nicht, so verbannt Eure Gedanken als tollkühn, und vertreibt ihnen die Hoffnung, mich je zu besitzen! Dercella. Dieser Brief wurde vorsichtig dem Assirdo in die Hände gespielt, erregte aber, statt ihn zu erfreuen, in seiner Seele eine Verwirrung von Gedanken, die ihm ganz alle Ruhe raubten. Sei es Unerfahrenheit in Angelegenheiten der Liebe, oder daß er sich so ohne Hindernis den Besitz dieses Schatzes von Schönheit angeboten sah, den er um so höher achtete, je größer ihm die Schwierigkeit schien, ihn zu erreichen, – kurz, er gestand sich selbst seine Reue darüber, so weit gegangen zu sein. Während er ohne festen Entschluß sich von tausend Zweifeln bekämpfen ließ, kam zu ihm auf Besuch der Graf von Bellombra, ein Jüngling von hoher Geburt, aber von geringem Vermögen. Gleich beim Eintreten bemerkte er, daß Assirdo irgend etwas Unangenehmes begegnet sei, und er erkundigte sich daher mit außerordentlicher Ängstlichkeit nach der Ursache seines Unmutes. Assirdo, der ebenso leicht zum Unwillen zu bewegen war als dazu, seinen Unwillen zu offenbaren, teilte dem Grafen alle Gründe mit, die sein Gemüt in Unruhe versetzten, und bat ihn, als Freund ihn mit seinem Rat auf den besten Entschluß zu leiten. Der Graf, der sich alsbald überzeugte, daß dies eine Gelegenheit wäre, seine Verhältnisse emporzubringen, und für sich selbst nach dem begehrte, was das Geschick andern anbot, ermahnte Assirdo, den Einladungen eines Mädchens kein Gehör zu schenken, das eher Verachtung als Liebe verdiene, da sie so bereitwillig sich dem Verlangen eines Liebhabers preisgebe. »Wenn sie bei Nacht einen Mann einläßt«, sagte er, »von dem sie nur voraussetzt, er werde ihr Gemahl werden wollen, so zeigt dies klar, daß sie auch andern Zutritt gewährt hat.« Auch sei er noch nicht ganz von seinem Unfall wiederhergestellt und würde somit Gefahr laufen, sich zugrunde zu richten, wenn er, den sinnlichen Gelüsten folgend, die Einladung hätte annehmen wollen. Diesen Gründen fügte er noch so viel andere bei, daß sie, vereint mit der geringen Lust Assirdos selbst, ihn zu dem Entschluß brachten, das Unternehmen ganz aufzugeben, um so mehr, da nur ungern und schwer seine Mutter ihm erlaubt hätte auszugehen. Der Graf verabschiedete sich kurz darauf unter dem Vorwand von Geschäften, und als die Nacht kam, stand er schon an der Gartentür Eudosias, die ihn mit offenen Armen empfing, in der Meinung, es sei Assirdo, während er seinerseits nicht minder in der Annahme getäuscht war, es sei Dercella. Nach einigen kurzen Begrüßungen mit gedämpfter Stimme, da beide erkannt zu werden fürchteten, zogen sie sich, ohne Licht zu sehen, in ein Gemach im Erdgeschosse zurück, wo sie auf einem kostbaren Pfühl den Sinnen freien Spielraum gewährten, die Früchte der Liebe zu genießen. Unterdessen glaubte Dercella ihre Mutter nicht in Wollust, sondern in Schlaf versenkt; sie verließ daher ihr Bett, das ihr verhaßt geworden war, weil es ihr die Ruhe verweigerte, und trat an das Fenster in demselben Augenblicke, wo auch Assirdo, von nicht geringerer Unruhe getrieben, dahin kam. Dercella stieß hin und wieder einen Seufzer aus, teils wegen der von der Mutter erduldeten Schmähung, teils weil sie das Ende ihrer Liebe herbeiwünschte, da sie einen so unglücklichen Anfang genommen hatte. Assirdo, in der Überzeugung, diese Seufzer kommen daher, daß er ihrem Anliegen nicht entsprochen habe, tat sich Gewalt an und sagte zu ihr: »Mein Fräulein, ich weiß nicht, muß ich mich über das Geschick beklagen oder über meine Unwürdigkeit, daß ich die Gunst der Liebe nicht empfangen kann?« Dercella glaubte, er wolle ihr darüber Vorwürfe machen, daß sie ihm nicht geantwortet habe, und versetzte: »Die Liebe ist größer als alle Dinge, und wenn sie in meinen Erwiderungen sich selbst unähnlich ist, so kann ich darüber nur das Geschick anklagen, welches will, daß ich ohne Hoffnung liebe.« Er antwortete: »Es gibt keine Liebe ohne Hoffnung, denn an ihr allein erkennt sie den wahren Bestand ihres Wesens.« »Und was wollt Ihr«, fuhr sie fort, »daß ich hoffe, wenn alle Unfälle sich zu meinem Schaden vereinigen, um mich in Verzweiflung zu stürzen?« Er versetzte: »Wenn Euch volle Gegenliebe zuteil wird, reicht Euch das also nicht hin, in Euerm Herzen eine vollkommene Ruhe zu befestigen?« »Aber wer versichert mich dessen«, fügte sie bei, »da die Versprechungen der Liebenden gemeiniglich das Spiel der Winde sind?« »Ich«, fiel Assirdo ein, »indem ich mich ganz Euch weihe.« »Das sind Worte«, sagte Dercella, »die in der Luft zerfließen, wie sie daraus gebildet sind.« »Ich würde sie gern mit der Tat bekräftigen«, antwortete er, »wenn ich glaubte, nicht wegen meiner Kühnheit bestraft zu werden.« »Und wie würdet Ihr das anstellen?« fragte sie. »Ich möchte«, erwiderte er, »auf einem Brette in Euer Zimmer hinüberkommen, um unsere Liebe zu Ende zu führen und mein Herz zu retten von dem Schiffbruche der Hoffnung und der Furcht.« Dercella hielt ein wenig inne, als wäre sie im Zweifel, ob sie dieses Anerbieten abweisen oder annehmen solle. Sodann sagte sie zu ihm: »Auf einen so wichtigen Vorschlag habe ich nicht den Mut, so plötzlich zu antworten.« Er, der durch die Kraft der Liebe alle Furcht in einem Augenblicke von sich geworfen und sich in einem kecken Aufraffen angekleidet hatte, das noch größer ward, da er sich so übermäßig geliebt sah, versetzte ihr: »Wer so vorsichtig sein will, liebt nicht. Liebe läßt keine langen Überlegungen zu, und in Liebesangelegenheiten geht alles verloren, was verschoben wird. Hier ist kein Mittelweg: entweder müßt Ihr meinen Vorschlägen beistimmen, oder bekennen, daß Ihr nicht liebt.« Dercella antwortete: »Wiewohl mein Verlangen, die Eurige zu werden, bei weitem größer ist, als ich auszudrücken vermag, so werde ich doch niemals sagen, daß Ihr Euch entschließen sollt, durch dieses Fenster herüberzukommen, um nicht ebenso meinen guten Ruf wie Euer Leben in Gefahr zu setzen.« Assirdo überlegte, daß diese Worte eine Einladung enthielten, wenngleich sie als Weigerung erschienen, legte ein Brett hinüber an Dercellas Fenster und kam in ihr Zimmer. Nach einigem verstellten Unwillen mit Abweisungen, welche in der Tat einluden, befriedigte sich Dercella und ließ ihn die Früchte pflücken, nach welchen die Liebenden sich so sehr sehnen. Unterdessen hatte Eudosia einigermaßen dem Kitzel Genüge getan, der keinen höheren Ursprung kennt als die Sinnlichkeit. In Besorgnis, ihr Tun möchte belauscht werden, überließ sie den Grafen der Ruhe und durchspähte mit leisen Tritten das ganze Haus. Zuletzt kam sie in das Zimmer der Tochter gerade in dem Augenblicke, wo unter lautem Geräusche neckischer Küsse die Liebenden sich zu neuen Unternehmungen der Lust vorbereiteten. Es erschien ihr auffallend, daß ihre Tochter in so zartem Alter die Keckheit gehabt habe, sich den Umarmungen eines Liebhabers preiszugeben. Doch war sie der Meinung, daß Verirrungen der Liebe alles Mitleid verdienen, und da sie sich auch desselben Vergehens schuldig fühlte, beschloß sie bei sich selbst, die fremden Fehltritte zu übersehen, um ihre eigenen nicht zu entdecken. Dessenungeachtet hätte sie gern in Erfahrung gebracht, wer der Buhle der Tochter sei, um zu sehen, ob sie durch eine würdige Wahl ihren unbesonnenen Entschluß einigermaßen zu Ehren bringe. Kaum aber hatten ihre Augen den Assirdo erblickt, als sie, getäuscht von dem Wahne, es sei ihr Liebhaber, sich ganz den Furien hingab und aussah, als wäre sie von einer Legion böser Geister gepeinigt. Sie zerschlug sich das Gesicht, raufte sich das Haar aus, klopfte sich an die Brust und unterließ keine Äußerung, um ihren Unwillen kundzutun und ihren Schmerz auszudrücken. Endlich erklärte sie unter Schmähungen und Vorwürfen ihre Leidenschaft und sprach: »Treuloser, nachdem du die Mutter genossen hast, kommst du, um die Unschuld der Tochter zu beflecken? Warum hat doch Natur und Glück diesen Verruchten, diesen Betrüger so liebenswürdig gebildet? Sind das die Versprechungen, die du kurz zuvor mir gemacht hast? Sollen diese Verrätereien dein Gelübde bekräftigen? 0 Himmel, deine Bewegung ist unnütz, dein Einfluß ist blind, wenn du nicht deine Blitze schleuderst auf diesen Gottlosen, diesen Verräter, diesen Tempelschänder!« Als Dercella diese Worte der Mutter hörte und sich von Assirdo hintergangen glaubte, erhob sie ein so lautes Geschrei, um ihren Schmerz auszudrücken, daß sie auch Geschöpfen ohne Bewußtsein hätte Mitleid einflößen sollen. Sie sagte: »Warum, du Grausamer, die Einfalt, die Unschuld eines Mädchens verraten? Warum mich mit einem Verrat betrügen, der um so fluchwürdiger ist, je mehr er die Maske der Liebe trug? Wo, wo, du Verruchter, hast du ein so unmenschliches Verfahren gelernt, ein Verfahren, das nicht einmal die Tiere befolgen, denen von dem Himmel keine Vernunft zuteil geworden ist? Mutter, verzeih dieser Leidenschaft, die nicht daran dachte, mit ihrem Sinnentaumel das Recht der Natur zu kränken, noch die Freuden derjenigen zu beeinträchtigen, die mir das Dasein gegeben hat!« Sie hätte noch mehr gesprochen, wenn Assirdo, der bis dahin unbeweglich wie ein Stein geblieben war, sie nicht unterbrochen hätte mit den Worten: »Dercella, wer an meiner Treue zweifelt, der kann auch zweifeln, daß er lebe. Ich erkläre mich für den Eurigen und erbiete mich, das Zeugnis meiner Rede mit der Ehe zu bekräftigen, gegen welche von meiner Seite keine Verzögerung stattfinden wird als diejenige, die aus Euerm Willen entspringen kann.« Eudosias Unwille wuchs bei diesen Worten noch mehr, Sie verdoppelte ihr Schreien und lief hinzu, um mit ihren Händen dem Verlangen ihrer eigenen Leidenschaft zu genügen. Der Tochter aber ließ die Liebe nicht so viel Geduld, daß sie Assirdo beschimpft sehen konnte, ohne ihn zu verteidigen. Sie schlug sich ins Mittel, um die Mutter zu beruhigen; da diese aber mit jedem Augenblicke sich mehr ärgerte, war sie nahe daran, einem unsinnigen Entschlüsse Raum zu geben, hätte nicht die unvermutete Ankunft des Grafen sie zurückgehalten und verstummen gemacht. Der Graf hatte einige Zeit ungeduldig auf die Rückkehr der Geliebten geharrt, da er sie aber nicht wiedererscheinen sah, das Zimmer verlassen, um sie zu suchen, nicht ohne Ahnung, diese Verzögerung möchte das Zeichen irgendwelches Unfalls sein. Kaum hatte er das Geschrei gehört, das seinen Verdacht und seine Besorgnis gar sehr bekräftigte, als er plötzlich in das Zimmer eintrat, wo Eudosia mit Kratzen und Beißen ihre Wut und ihren Unwillen kühlte. Alle waren erstaunt über diese Erscheinung; dem Grafen aber standen die Haare zu Berg bei dem Anblick Assirdos. Da gewann Eudosia Zeit, ihn zu fragen, wie er in diesem Hause Zutritt gefunden habe. Er antwortete: »Auf die Einladung Dercellas.« »Das lügst du«, antwortete das Mädchen. »Kein Mann lebt außer Assirdo, der sich meiner Ehre oder meiner Liebe rühmen könnte.« »Diese Lügen«, versetzte er, »sind aus dem Munde eines Mädchens keine Beleidigung, zumal da diese Schriftzüge Euch schuldig erklären.« Bei diesen Worten zog er den Brief hervor und wollte ihn lesen, wurde aber von Assirdo unterbrochen, welcher sprach: »Treuloser Freund, mir gehört dieser Brief.« »Allerdings«, fügte der Graf hinzu; »aber da Ihr Euch geweigert habt, hierherzukommen, habe ich Eure Stelle eingenommen und sie genossen unter dem Versprechen der Ehe.« »Sonach«, antwortete Asirdo, »wird Dercella zwei Männer bekommen, da auch ich sie genossen habe unter demselben Vorwand.« Eudosia merkte, daß sie getäuscht war, während sie täuschte, und da sie nicht wünschte, daß die Veröffentlichung dieser Vorfälle müßigen Kreisen zur Unterhaltung diene, sagte sie zum Grafen und zu Assirdo: »Meine Herren, wenn ihr mit ritterlichem Handeln euer gegebenes Eheversprechen aufrechterhalten wollt, so bin ich bereit zu veranstalten, daß jeder diejenige zur Frau bekomme, die er genossen hat.« »Ich«, versetzte der Graf, »bestätige, was ich versprochen habe, und halte mich dadurch für geehrt.« Dasselbe sagte Assirdo, wiewohl beide mit großem Ärger, da sie wußten, daß Dercella doch nur einem angehören könne. Das Wunder hörte aber auf, als Eudosia entdeckte, sie habe den Brief geschrieben und habe sich dem Grafen hingegeben unter der Voraussetzung, es sei Assirdo. Da der Graf ja seinen Zweck reich zu werden erreichte, machte er keinen Unterschied zwischen Mutter und Tochter und bezeugte sich zufrieden, und so beschlossen sie die Hochzeiten, indem sie mit allgemeiner Heiterkeit zu erkennen gaben, daß sinnliche Liebe, wofern sie nur nicht das rechte Maß überschreitet, stets ein gutes Ziel erreichen wird. Liberale Motense Störung zu rechter Zeit Es lebte unlängst in Florenz eine Dame, Celidea genannt, deren große Schönheit männiglich in Feuer und Flammen setzte. Floriandro, ein junger, ihr ebenbürtiger Edelmann, liebte sie, erhielt sie, als er sich um sie bewarb, in Ansehung seines bedeutenden Vermögens zur Frau und hatte die Freude, ehe noch ein Jahr abgelaufen war, ein Pfand ihrer Zärtlichkeit in einem Töchterchen zu besitzen, das in seiner kindlichen Gesichtsbildung ein Wunder von Schönheit zu werden versprach und bei Celideas fernerer Unfruchtbarkeit der einzige Trost ihrer Eltern über getäuschte Hoffnungen auf mehrere Nachkommenschaft ward. Da nun nach einem Zeiträume von fünf Jahren Floriandro zu der Erkenntnis gelangte, er sehne sich vergebens danach, wiederholt mit Kindern gesegnet zu werden, so beschloß er, der Tatkraft seiner Jugend nachzugeben und eine Reise übers Meer zu machen, sowohl um sich mit Kränzen des Ruhmes zu schmücken, als auch um sich auf den Rat der Ärzte von seiner Gattin und von ihr selbst damit die Ursache ihrer Unfruchtbarkeit zu entfernen. Denn die Ärzte behaupteten eben, diese Unfruchtbarkeit entspränge aus einer allzu heißen, von dem beiderseitigen sehnsüchtigen Verlangen nach Kindern genährten Liebesinbrunst, und hofften, wenn diese übermäßige Glut von der Zeit abgekühlt und gedämpft werden würde, sie dereinst noch des Segens, den ihnen keine Heilmittel und Rezepte hatten verschaffen können, sich erfreuen zu sehen. Floriandro ließ also öffentlich verlauten, daß er sein Vaterland verlasse, um einem abgelegten Gelübde zufolge eine Wallfahrt nach Galizien anzutreten, war innerlich jedoch ganz anderer Sinnesart und nahm Abschied von seiner Frau, die ihm, angesichts des frommen Beweggrundes seiner Reise, nicht daran hinderlich zu sein wagte, als ein Pfand ihrer Liebe aber einen reichlichen Strom von Tränen an seiner Brust vergoß, deren Angedenken seinem Herzen Trost und Stärke verleihen möchte, wenn es ihrer wechselseitigen Zärtlichkeit jemals uneingedenk würde. Er reiste nach Livorno ab, ließ daselbst in möglichster Geschwindigkeit ein tüchtiges Schiff ausrüsten, lichtete die Anker, zog die Segel auf und fuhr mit günstigem Winde wie der Blitz zum Hafen hinaus. Die Trennung von ihrem Gatten zerriß Celideas Herz, sie verlor ihre gewohnte Heiterkeit und versank in grenzenlose Schwermut. Fürchtend und in Besorgnis, wie alle Liebende, wußte sie sich mit gar nichts zu trösten, denn alle ihre Gedanken drehten sich um den einzigen, daß der Aufenthalt zur See tausendfältigen Gefahren unterworfen sei, und ihr Herz sagte ihr irgendein großes Unglück voraus. Ihre Ahnung trog sie auch insofern nicht, als sie das erste, zweite und dritte Jahr vergebens ihren Gatten zurückerwartete und auf keine Weise Nachricht von ihm erhielt. Sie ließ ohne den mindesten Erfolg durch ganz Galizien die genauesten Nachforschungen nach ihm anstellen und ward endlich der festen Überzeugung, daß das Meer, seiner alten übeln Gewohnheit nach die Schätze der Erde verschlingend, auch dieses ihr höchstes Besitztum in seinen Abgrund gezogen habe. Da sie also annahm, daß Floriandro nicht mehr unter den Lebenden wandle, und sah, daß allen ihren Leiden zum Trotz ihre Schönheit sich keineswegs verminderte, sondern vielmehr die Blüte ihrer Wangen sich nur um so schöner erschloß, je mehr sie diese mit ihren Tränen, die sie vertilgen sollten, befeuchtete, so legte sie zum Zeichen ihrer erstorbenen Hoffnungen Trauerkleider an, in denen ihr Liebreiz freilich, gleichwie ein Stern auf dem dunkeln Grunde der Nacht, noch heller als vorher leuchtete. Um ihres Unglücks willen beklagt, um ihrer Jugend willen bemitleidet und um ihrer Schönheit willen bewundert, übte sie allmählich eine so vollkommene Herrschaft über alle Herzen aus, daß der allgemeine Neid der Männer sich schon im voraus demjenigen zuwandte, dem das Glück sie zur Lebensgefährtin zuführen würde. Nichtsdestoweniger ließ sie sich von keinem bewegen, ihn eines liebreichern Blickes zu würdigen, sondern widmete sich ganz dem Dienste Gottes und der Ausbildung ihrer Seele, vermied, soviel sie vermochte, alle Geselligkeit und lag mit der größten Sorgfalt der Erziehung ihrer Tochter ob, die durch die Anmut ihres Wesens vorauszuverkünden schien, daß sie wohl noch eines Tages unter den scharfen Dornen ihrer Gedanken hervor die Rose ihres Herzens entwickeln werde. Celidea beharrte in ihrem löblichen Lebenswandel so lange, bis sie eines Abends auf der Hochzeit eines ihrer Brüder, dessen Einladung dazu sie nicht füglich hatte ablehnen können, mitten in den Freuden eines die Blüte der toskanischen Jugend vereinigenden Balles einen jungen Kavalier namens Beliarco erblickte, der eben von der Universität zurückgekehrt war, seiner Geburt nach zu den vornehmsten Jünglingen der Stadt gehörte, an Reichtum keinem andern nachstand, an innerem Werte der erste von allen genannt werden mußte und übrigens noch als schön, klug und bescheiden so viele treffliche Eigenschaften in sich verband, daß nur eine abgestumpfte oder verderbte Natur sich erwehren konnte, ihn zu lieben. Eine seinen Verdiensten entsprechende Aufnahme findend, ward er mit einem Male das Ziel der süßesten Blicke der schönen Damen, die sein Lob um die Wette erschallen ließen, und so war es nicht zum Erstaunen, daß auch Celidea, die die Strenge ihrer Gedanken noch durch keinerlei Trost gemildert hatte, jetzt, durch eine unbekannte Wonne verlockt, sein Bild in den Rahmen ihrer Seele einschaltete und der Neigung ihres Herzens zu ihm durchaus keinen Einhalt tat. Sie betrachtete ihn, bewunderte ihn und fand an ihm Gefallen, wiewohl dies mehr mit der Seele als mit den Augen geschah, die sie, um ihrem Rufe nicht zu schaden, in dem Geschäfte, mit ihm zu liebäugeln, so wohl zu beaufsichtigen wußte, daß niemand anders als er sich dessen versah, was sie ihm sagten, als sie bei einem flüchtigen Begegnen mit den seinigen in einem einzigen tiefen Blicke das lieblichste gegenseitige Verständnis eröffneten. Es ist schwer zu beschreiben, in welcher Aufregung die beiden verwundeten Herzen sich befanden, als der Ball beendigt war und ein jedes sich in seine Behausung zurückgezogen hatte. Beliarco, den bisher jede Schönheit gleichgültig gelassen hatte, wußte nicht, wie ihm geschehen war, daß eine Dame, die man allgemein als eine beseelte Eisscholle schilderte, sein Herz so wider Willen in Feuer und Flamme hatte setzen können. Hoffnungen, Zweifel, Begierden hatten ihn abwechselnd in ihrer Gewalt. Er erinnerte sich des Begegnens mit diesen schönen Augen und konnte nicht umhin, versichert zu sein, daß er darin eine verliebte Übereinstimmung gesehen habe. Sein Widerwille gegen die Liebe überhaupt zog ihn mit angstvoller Besorgnis von ihr zurück, und die Vorstellung von Celideas Reizen flößte ihm wieder das glühendste Verlangen ein, sie zu besitzen. Celidea andererseits, die bei Beliarcos Entfernung zu ihrer höchsten Verwirrung ihr Herz von den Pfeilen seiner Blicke durchschossen und sich von dem Abglanze seiner Schönheit, die ihre verliebte Einbildungskraft ihrem Herzen um so näher vorhielt, je entfernter sie ihren Augen war, ganz entzündet fühlte, machte ihn nach und nach zu dem einzigen Gegenstande ihres Verlangens. Ihres Gatten völlig vergessen, hielt sie nun endlich dafür, daß die Zeit gekommen sei, wo sie mit vollem Rechte das Angedenken der Asche vernichten dürfe, die als erkaltet sich eben nicht mehr eigne, ein Herz zu erwärmen. Unschlüssig und zweifelhaft in ihrem Innersten, sprach sie zu sich selbst: »Wenn die Liebe nicht ohne Erwiderung Bestand hat, so kann mein vom Tod überwundener Gemahl nicht länger der Gegenstand meiner lebendigen Liebe sein. Ein beerdigter Leichnam erweckt keine Liebe und Leidenschaft mehr, sondern Schrecken und Abscheu. Beliarcos Schönheit ist geeignet, marmorne Bildsäulen für sich zu entflammen, geschweige denn eine junge, liebeerfüllte weibliche Brust. Ich habe mein dreißigstes Jahr noch nicht erreicht und stehe also in der kräftigsten Blüte meines Alters, wo dann der Mensch am geeignetsten ist, die Freuden der Liebe zu genießen. Ich vermag es mir also nicht zu versagen, wieder zu lieben und eine neue Ehe einzugehen.« Mit solcherlei trügerischen Vorspiegelungen und besonders mit dem Scheingrunde, daß ihr Mann ihr untreu geworden sei, verführte sie sich zu der Ansicht, sich der Verpflichtung gegen ihn, in der Ungewißheit seines Todes ihm ihre Keuschheit und Treue zu bewahren, für erledigt zu halten. Ihr Entschluß zu einer neuen Liebe war gefaßt. Das einzige, was ihr in der heitern Reihe solcher Gedanken lästig und störend ward, war der Anblick ihrer Tochter, die eben ihr vierzehntes Jahr erreicht hatte und schon so groß, schön und verständig geworden war, daß sie durch ihr einfaches, ungeschmücktes Wesen ihre verliebten Rasereien ihr stillschweigend vorzuwerfen schien. Ja, die verirrte Mutter ging so weit, eifersüchtig auf die erblühenden Reize der Tochter, diese mehr als ehedem eingezogen zu halten und selten oder niemals auf Bälle, öffentliche Versammlungsorte, Besuche oder Kirchenfeste mit sich aus dem Hause zu nehmen, weil sie besonders von diesen letztern sagte, daß die verderbte Jugend dabei immer weniger auf die Anbetung des Ewigen als auf den Mißbrauch des Heiligen im Götzendienste irdischer Liebe bedacht zu sein pflege, und sich also von der Mehrzahl der Mütter unterschied, die es kaum erwarten können, ihre halberwachsenen Töchter den Gefahren der Welt auszusetzen, und wohl sogar in tadelnswerter Schwäche und Eitelkeit, um mit ihnen zu prunken, ihnen selbst Anleitung geben, sich durch gefallsüchtiges Verziehen des Mundes, Verdrehen der Augen und Verrenken des Körpers Anbeter in Menge zu erwerben. Diese Gründe ließ sie sich zu Vorwänden dienen, ihrer Liebe ungestörter allein nachzuhangen, und nachdem sie sich nicht nur wiedergeliebt wußte, sondern sich sogar mit der unbeschränktesten Ergebenheit, die billigerweise von einem Liebhaber zu erwarten steht, bedient und umworben sah, auch ein ganzes Jahr lang fast mit Aufopferung ihres Lebens ihre Leidenschaft bekämpft hatte, konnte sie doch zuletzt nicht umhin, deren durch den langen Druck um so ungestümer und unaufhaltsamer gewordenem Andrange die Zügel schießen zu lassen. Celidea besaß einen hinter ihrem Hause belegenen, sorgfältig bestellten Garten, unter dessen von ihrer Hand gepflegten seltenen Gewächsen auch einige aus dem Morgenlande stammende, einer besonders großen Pflege bedürfende Blumen blühten. Um diese Blumen zu warten und zu begießen und in der anmutigen Einsamkeit ungestört nach Beliarcos Gesellschaft seufzen zu können, begab sich das junge Weib alle Abende an diesen Ort. Daselbst erspähte sie Beliarco dereinst fast bei einbrechender Nacht durch die Spalte einer nach einem schmalen Wege führenden, andern mehr als dem Scharfblicke der Liebe verborgen gebliebenen Tür und verriet ihr durch ein leises Klopfen seine Gegenwart. Unwissend, wer es sei, öffnete sie. Das Erstaunen über sein unvermutetes Erscheinen in der Dunkelheit der Nacht benahm ihr die Kraft und Fähigkeit, sich aufrechtzuerhalten; ihr Blut strömte in eben dem Augenblicke von ihrem Herzen zurück, und sie fühlte das Bedürfnis eines Stützpunktes, den ihr Beliarco in seinen Armen lieh. Da rief sie, über die Lage erschreckend, worein sie durch die Innigkeit ihrer Gefühle, wie unbewußt, versetzt worden war, mit plötzlichem Unwillen aus: »Oh, weh mir, laßt mich! Was hat Euch hierhergeführt ? Wie durftet Ihr Euch erkühnen, diese Pforte durch Euer verwegenes Klopfen zu verdächtigen? Würde meine Ehre nicht vernichtet werden, sähe man Euch zu dieser Stunde bei mir? Entfernt Euch, Beliarco, und es genüge Euch anstatt der Strafe, die ich Euch geflissentlich auferlegen könnte, die Gunst, die ich Euch unwissentlich erzeigt habe, indem ich Euch in die Arme sank. Entfernt Euch schnell, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch meine Achtung entziehen soll!« »Ich werde mich entfernen, Herrin, um Euch gehorsam zu sein«, erwiderte der Liebhaber, »und ich werde gern auch aus diesem Leben scheiden, um Euch nicht zu kränken, wenn Euch meine Liebe ein Dorn im Auge ist. Vergebt mir meinen Fehler, den ich nur deswegen, weil ich Euch mißfallen habe, strafbar nennen kann, und bedenkt, daß Euer Haß doch nur die Flammen in mir trifft, die sich an der Sonne Eurer Augen entzündeten, und die nicht eher als mit meinem Leben erlöschen werden!« Ohne weiter etwas zusagen, entfernte er sich. Der Schmerz, der Celideas Seele in dem Augenblicke durchdrang, als sie ihren Geliebten so betrübt scheiden sah, bewies, daß sie ihre Strenge gegen ihn aufrichtig bereute und ihn mehr als sich selbst liebte, da sie die Gewalt ihres Zornes auf sich zurückfallen ließ. Auch sie ging alsbald aus dem Garten, warf sich, ohne Ruhe finden zu können, auf ein Bett und brachte die ganze Nacht mit der Vorstellung zu, denjenigen mißhandelt zu haben, der durch seine gänzliche Ergebenheit schon seit so lange des Besitztumes ihres Herzens würdig sei. Sie, die vorher keinen sehnsüchtigem Wunsch gekannt hatte als den, ihm die Heftigkeit ihrer Leidenschaft kundzugeben und eine so günstige Gelegenheit, als ihr jetzt erschienen war, zu finden, hatte ihn nicht nur entfliehen lassen, sondern ihn sogar, fernerhin unwert, ihn zu sehen, zur Flucht selbst angetrieben! Nachdem sie sich die ganze Nacht hindurch schmerzlichst beklagt und gepeinigt hatte, vermochte sie am andern Morgen, als der erste Lichtstrahl kaum den jungen Tag verkündigte, sich selbst nicht länger Widerstand zu leisten. Genugsam verblendet von ihren verliebten Wünschen, um ihre eigene Schande unbedacht zu lassen, ergriff sie die Feder und ersuchte Beliarco in einem Briefchen, sich abends zehn Uhr an der Tür ihres Gartens einzustellen. Beliarco seinerseits hatte mittlerweile ebensowenig Schlaf und Ruhe gefunden und sich in seinen Federn hin und her geworfen, bis er, aufgestanden, der in sein Herz stechenden Dornen sich durch die Entfernung von der schönen Rose seiner Liebe zu entledigen beschloß. Er wollte bereits an die Ausführung dieses Entschlusses gehen, als er mit einem Male durch den ihm von einem kleinen Pagen überbrachten Brief Celideas anderen Sinnes gemacht ward. Er gab dem Pagen die Antwort, daß er pünktlich gehorchen werde, und erwartete die anberaumte Stunde der Nacht mit so heißer Ungeduld, daß sie sich in seiner Einbildung viel mehr von ihm zu entfernen als ihm zu nahen schien. Als sie dennoch endlich geschlagen hatte, verfügte er sich, ohne zu zögern, an den genannten Ort und brauchte seine Ankunft nicht erst durch Zeichen anzudeuten, denn seine glühende Geliebte war im voraus schon seiner gewärtig da. In der höchsten Aufregung ihrer beiderseitigen Gefühle bewillkommnete sie ihn, und nach einer kleinen Weile sprach Beliarco zu ihr: »Signora, die Gunst, die mir gegenwärtig Eure Zuneigung ohne mein Verdienst und Würden widerfahren läßt, wiegt die Kränkung, die mir meine allzu große Verwegenheit gestern abend von Eurer Strenge zuzog, so vollständig auf, daß ich nicht umhin kann, ein Vergehen zu segnen, das mir diesen glücklichsten Moment meines Lebens erworben hat.« »Haltet ein, Beliarco«, erwiderte sie, »denn ich fühle recht wohl, daß ich, wenn ich jemals Eure Liebe verdiente, mich doch gegenwärtig ihrer unwert gemacht habe, weil ich meinem Verlangen nach Euch keinen Einhalt zu tun verstand und Euch zu dieser Stunde, allein, unter dem Schleier der Nacht, zu mir kommen ließ, der doch, anstatt meine Schande zu verhüllen, sie mir vorwurfsvoller vor Augen stellt. Das einzige, was ich zu meiner Verteidigung gegen Euch vorbringen kann, ist das Geständnis meiner Schuld, die, als eine von der Liebe an meinem guten Rufe begangene, mich hoffen läßt, bei einem Richter, der sich zu meinem Liebhaber bekennt, ein mildes Urteil zu finden. Bemitleidet mich daher, wenn Ihr seht, wie meiner Liebe heute die Keuschheit unterliegt, die gestern noch kräftig genug war, meine Neigung zu besiegen, und wofern es wahr ist, daß derjenige, welcher gar zu vernünftig handelt, schwerlich liebt, so rechtfertigt mich, wenn Ihr in meinem Betragen die Vernunft nicht allzusehr vorherrschend findet, damit, daß meine Liebe zu Euch desto größer ist.« Sowie nun Beliarco den Ausdruck so zärtlicher Gesinnungen an sein Ohr treffen hörte, wollte er, zu noch feurigerer Bezeigung der seinigen, seine Arme um ihren Nacken schlingen, um ihr seine Dankbarkeit, zu der keine Worte mehr ausreichten, auf eine wirksamere Art zu betätigen; sie hielt ihn aber mit sanfter Gewalt von sich ab, indem sie hinzufügte: »Ich bitte Euch, Signor, wollet keine so üble Meinung von mir haben, etwa zu glauben, ich könnte meinen guten Ruf gegen unreine Freuden der Liebe irgend hintansetzen! Entschlossen, meiner überschwenglichen Liebe zu Euch doch keinen andern als einen ehrbaren, rechtmäßigen Ausgang zu gewähren, bin ich gegen Euer heiliges Versprechen, den Bund der Ehe mit mir zu schließen, die Eurige, wogegen ich mich sonst lieber dem Tode als Euren unkeuschen Umarmungen preisgeben mag.« Der verliebte Jüngling, der sich durch Celideas Einladung, sie zur Nachtzeit zu besuchen, und durch ihren zärtlichen Empfang gewiß eingeredet hatte, alles, was er von ihr wünschte, erfüllt zu sehen, ohne nötig zu haben, sie zu seiner gesetzlichen Gemahlin zu machen, war, als er diese Hoffnung schwinden sah, nicht stark genug, seinen glühenden Begierden Widerstand zu leisten, und willigte auf der Stelle in die Forderungen der Geliebten ein, die sich sodann, wie sie seinen Handschlag als Pfand der Treue empfangen und mit einem Kusse besiegelt hatte, nicht eben lange von ihm bitten ließ, ihn dieselbe Nacht über bei sich zu behalten. Sie führte ihn mit möglichster Vorsicht in ihr Schlafgemach, das sie mit Licht erhellt fanden, und der feurige Liebhaber wollte ihr nicht einmal so viel Zeit, sich zu entkleiden, gestatten, sondern nahte schon, gleich als wenn ihm sein Glück unter den Händen entfliehen möchte, dem innigsten Besitze ihrer geliebten Reize mit stürmender Eilfertigkeit, als auf einmal stark an die Tür geklopft und Celidea von ihrem Bruder gebeten ward, auf das schleunigste zu seinem in Kindesnöten liegenden Weibe zu kommen und ihr hilfreich beizustehen. Von einem so unvermuteten zufälligen Hindernisse zu ihrem äußersten Schrecken überrascht, und überzeugt, es nicht umgehen zu können, entwand Celidea ihre runden, glänzenden Schultern den bebenden Armen Beliarcos, die allmählich alle Gewänder von ihnen abgerissen hatten, und glitt von dem Trunkenen hinweg zu der Tür, wo sie ihrem Bruder zur Antwort gab, sie werde ihm auf dem Fuße folgen, sobald sie nur erst wieder ihre Kleider umgeworfen habe. Von Wollust noch durchschauert, nahm das liebliche Weib sodann, ehe ihre Furcht etwa zuließ, daß die Begierde sie zu einem verwegeneren Entschlüsse antriebe, den erstaunten und überraschten Beliarco bei der Hand und führte ihn in ein anstoßendes Zimmer, das vermittelst einer Reihe anderer Gemächer mit einem großen Saale zusammenhing, durch den er nach Gefallen, ohne der Gefahr der Entdeckung ausgesetzt zu sein, zur Gartenpforte hinaus entfliehen konnte. Sie beschwor ihn, indem sie von ihm schied, da doch kaum das erste Viertel der Nacht vorüber sei, wenigstens bis zum Nahen der Morgenröte gegenwärtig zu bleiben, damit sie ihm, wenn sie so glücklich wäre, derweil zu ihm zurückzukehren, mit einem Übermaße von Liebe und Zärtlichkeit den Kummer vergelten könne, den sie ihm jetzt durch die Flucht von seiner Seite bereite, und sie versicherte ihm, daß ihm von ihren Dienerinnen, die sie mit sich nehme, nichts zu befürchten stehe. Der Arme fügte sich wohl oder übel in die verzweifelte Notwendigkeit, die sich unsern Willen mit gesetzloser, tyrannischer Gewalt unterwirft. Sobald er sich aber in der Dunkelheit allein zurückgelassen und sich noch trüberen Gedanken preisgegeben sah, fing er sein unseliges Gestirn über die Maßen zu bejammern an, das ihn, nachdem es ihn bis zu der Pforte seiner Seligkeit habe gelangen lassen, in den Abgrund der schmerzlichsten Todespein stürze. Er versuchte vergebens, mit der Vorstellung der erhofften Liebesfreuden und wollüstigsten Genüsse der Sinne seine über die Ungewißheit der Wiederkehr Celideas verdüsterte Einbildungskraft zu erheitern. Zwei volle Stunden brachte er in dieser unbehaglichen Aufregung in dem Zimmer, worein ihn Celidea verwiesen hatte, zu, ohne sich zu rühren. Endlich schritt er weiter durch ein Gemach mit einem Balkon, wohinein zu einem geöffneten Fenster der Schimmer des bleichen Mondes leuchtete, bis in ein an den Saal grenzendes Kabinett, dessen von ihm zufälligerweise berührte Tür von selbst aufging. Hier verbreitete eine an einem seidenen Bande von der Decke herabhängende brennende Lampe ein üppiges Dämmerlicht und zeigte ihm dabei eine auf einem Bette schlafend hingegossene nackte Venus, der sich die Finsternis, vielleicht mehr aus Ehrfurcht vor dem sanften Glanze der schönen Glieder als von dem Lampenscheine zurückgehalten, nicht zu nahen wagte. Beliarco trat, neugierig, dieses Wunder zu betrachten, näher hinzu und sah oder glaubte Celidea zu sehen, obwohl er, seine Blicke schärfend, erkannte, daß seine Einbildungskraft gleichsehr von seinen Begierden wie von der Ähnlichkeit getäuscht worden war. Celidea war es nicht; es war ihr Ebenbild, ebensoviel schöner als sie, wie die Rose des Morgens schöner als des Mittags ist. Er erkannte sie für Zafira, Celideas Tochter, und würde um des reinen Schnees ihres Körpers willen dafür gehalten haben, daß sie in eine alabasterne Bildsäule verwandelt worden sei, hätte das ihren Busen in sanfter Wallung erhaltende Klopfen ihres Herzens nicht verraten, daß Leben in ihr sei. Jeder Teil dieses wunderreizenden Körpers atmete Liebe. Sie ruhte auf ihrer rechten Seite. Von der Hüfte bis zu dem blendenden Knie verschleierte zwar faltiges Linnen dem Blick die geheimsten Schönheiten; den Gedanken hielt es aber nicht ab, sie sich vorzustellen. Ihr Haupt stützte sich in die weiche Fläche der ausgestreckten Hand; ihre aufgelösten Haare waren teils in einen Knoten von Licht zusammengesteckt, teils flossen sie in verführerischer Unordnung über ihre Brust, den Lustgarten ihrer Schönheit, nieder, aus dem unter den frischesten Knospen und Blüten zwei kleine niedliche Äpfel emporragten, die eben in ihrer Herbe von der höchsten Süßigkeit durchdrungen waren. Von der heitern Morgendämmerung ihrer Stirn tropfte, um die Rosen ihrer Wangen zu tränken, durch die Hitze der Jahreszeit hervorgelockt, süßer Tau herab und würde sich in Perlen gewandelt haben, wäre er so glücklich gewesen, von dem Blick der Sonne getroffen zu werden, die sich hinter der Wolke ihrer schönen Augenwimpern barg. Regungslos vor Erstaunen starrte Beliarco diese Reize ohnegleichen an; seine ganze Seele war in dem geringen Umlaufe seines liebeglühenden Augapfels zusammengedrängt, der gleichsam wie eine verwegene Biene sich mit den Flügeln der Blicke bald auf diese, bald auf jene Blüte der Schönheit schwang und ihren, zwar für die Augen süßen, für das Herz aber um so giftigeren Honig daraus sog. Der arme Sterbliche entbrannte am Ende zu so verzehrender Flamme, daß er, ganz außer sich selbst versetzt, und ohne die Gefahr zu bedenken, der er sich bei dem etwaigen Erwachen der schönen Schläferin preisgab, sich ihr zur Seite niederlegte, sie leise in seine Arme schloß und, von der Liebe gelehrt, ihr bald von der lieblichen Härte des Busens, bald von den weichen Korallen des Mundes die süßesten Küsse raubte. Zafira ihrerseits war dagegen zwar von den Banden des Schlafes umfangen, ward sich aber dennoch seiner Liebkosungen wohl bewußt und schmiegte sich, des Glaubens, in den Armen ihrer Mutter zu ruhen, die oftmals bei ihr schlief, immer inniger an Beliarcos Brust, der eine solche Beseligung darob empfand, daß er sich größerer Vertraulichkeiten enthielt und die schöne Nackte in dieser Lage einige Sicherheit finden ließ, weil er sie, wenn er das Unglück hatte, sie zu erwecken, aus seinen Umarmungen zu verscheuchen fürchten mußte. Während er nun, auf diese Weise in unsäglicher Wollust schwelgend, das reizende Wesen bald mit den Augen verschlingt, bald mit leisen, glühenden Küssen bedeckt, bald mit seinen zitternden Armen umtastet und sich somit der Neigung und Leidenschaft zu Celidea allmählich durchaus entledigt, macht sie selbst sich glücklich von ihrer Schwägerin los, die, noch ehe sie dazugekommen war, zur Freude des ganzen Hauses einem schönen Kindlein das Leben gegeben hatte, beseitigt die Einwendungen ihres Bruders, der sie bei so nächtlicher Weile nicht wieder fortlassen will, und zögert nicht, von der höchsten Inbrunst beseelt, nach ihrer Wohnung zurückzukehren. Als sie Beliarco nicht mehr in ihrem Zimmer vorfindet und sich also die Hoffnungen entzogen sieht, deren Befriedigung hienieden einen Vorgeschmack der himmlischen Seligkeit gewährt, der Anbruch des Tages aber noch in weiter Entfernung liegt, so bricht ihr wilder Schmerz in die leidenschaftlichsten Klagen aus. Sie zeiht ihren Geliebten des Kleinmuts, der Lieblosigkeit, des Unbestandes, der Kälte und Zaghaftigkeit, und da sie dem sie verzehrenden Feuer ihrer Begierden in ihrer Einsamkeit nicht Einhalt zu tun vermag, so begibt sie sich zu ihrer Tochter, um den übrigen Teil der Nacht mit einiger Erleichterung zuzubringen und das liebliche Mädchen durch die Kunde von der Geburt des kleinen Kindes zu erfreuen. Das Kabinett offen findend, gewahrt sie ihre Tochter nackt in Beliarcos Umarmungen. Die Verwirrung, die ihr dieser unerwartete plötzliche Anblick erregte, war so grenzenlos, daß sie ihre Lebensgeister dem Ersticken nahebrachte, ihre Augen mit Dunkel umschieierte und sie selbst unter der Last ihres Schmerzes bewußtlos zu Boden warf. Das Geräusch ihres Falles erweckte Beliarco aus seiner verliebten Trunkenheit und Zafira aus ihrem Schlummer, die, als sie sich in ihrem schamhaften Zustande so nah bei einem Manne sah, aufschrie, verraten zu sein, ihre Blößen bedeckte und bitterlich zu weinen anhub. Ohne darauf zu achten, sprang Beliarco aus dem Bette, um der auf dem Boden liegenden Celidea beizustehen. Als er aber alle Zeichen des Todes in ihrem Antlitz erkannte und es bleich, starr und kalt fand, vermochte auch er, obwohl er seine ganze Kraft zusammennahm, sich nicht aufrechtzuerhalten, sondern erlag der Angst, die ihm das Herz gewaltsam zuschnürte, und sank besinnungslos neben Celidea hin. Die mit einem Nachtgewande notdürftig bekleidete, auf diese kläglichen Ereignisse herzugeeilte Zafira wollte um Hilfe rufen; da aber in diesem Augenblicke ihrem Gefühl kein anderer Ausdruck zu Gebote stand als Tränen, so äußerte sie ihr Leidwesen nur darin, daß sie sich so lange die Brust zerschlug und die Haare zerraufte, bis ihre Mutter, deren Angesicht sie mit ihren Tränen badete, und deren Namen sie mit der innigsten Betrübnis zu immer wiederholten Malen auf das zärtlichste anrief, mit einem tiefen Seufzer sich das Herz erweiternd, wieder ins Leben kam. Als nun Celidea ihre weinende Tochter über sich hingebeugt sah und das unwidersprechlichste Zeugnis ihrer Unschuld eben in den Tränen erkannte, mit denen sie die Spuren der ihr von einem so unreinen Mund aufgedrückten Küsse vertilgen zu wollen schien, war es ihr erster, von dem Mitleiden mit ihr erweckter Gedanke, ihre wiedergekehrten schwachen Kräfte in Vorwürfen gegen den undankbarsten aller Männer zu erschöpfen. Ihre Augen suchten Beliarco und erblickten ihn regungslos neben ihr ausgestreckt. Da erwachte schnell die alte Liebe wieder, die der unglückliche Moment jenes Anblicks doch nicht mit einem Male hatte auslöschen können. Ihre großmütige Seele verwarf allen Zorn über seine Verräterei, und sie fühlte sich gedrungen, ihm auf das liebevollste beizustehen. Sie befeuchtete ihn mit ihren Tränen, erwärmte ihn mit dem Hauche ihrer Seufzer, rieb ihn mit ihren Händen, und so mochte es wohl leicht geschehen, daß die Lebenskräfte dieser Augen, dieses Mundes und dieser Hände auch Beliarco von dem Scheine des Todes entfesselten. Wie ihn Celidea nun offenbar der Gefahr entronnen, obwohl dem Ansehen nach eher tot als lebendig vor sich sah, weil ihm das Bewußtsein seines gegen sie verschuldeten Betruges keinen Blutstropfen in das Gesicht kommen ließ, stürmten die verschiedenartigsten Gefühle, Liebe, Zorn und Mitleiden, auf sie ein, von denen ein jedes den Sieg für sich, entweder mit Liebe oder Rache oder Vergebung, in Anspruch nahm. Zuletzt machte sich der gute Genius geltend, der von dem Menschen selten vor seinem letzten Atemzuge abläßt, und sie brach nach kurzem Nachsinnen in die folgenden Worte aus: »Ich weiß nicht, Beliarco, ob ich mich mehr über mich oder über Euch betrüben soll? Über Euch, weil Ihr Euch mir, die ich mich Euch gänzlich zu eigen gegeben habe, mit solchem Unbestande so schnell entziehen und einer anderen widmen konntet. Über mich, weil ich unkeusche Lüste und Neigungen mit Verleugnung jedes bessern Gefühls in mein Herz aufnahm, anstatt, meiner heiligen Verpflichtungen eingedenk, mich in dem Angedenken meines vielbeweinten Gatten Floriandro rein und schuldlos zu erhalten. Über Euch, der Ihr, des Vertrauens spottend, das ich in Eure Tugend setzte, mit einer so ruchlosen Tat die Treue brachet, die mir Euer Handschlag verpfändete. Über mich, die ich mich von der Sinnlichkeit verlocken ließ, meinen guten Ruf in der Meinung der Welt, wenn auch nicht in der Tat, vielleicht für immerdar zu vernichten. Über Euch, der Ihr mehr aus Unzüchtigkeit als mit Besinnung und mehr wie ein Dieb als wie ein Liebhaber unverdienterweise die unschuldigen Gunstbezeigungen eines Kindes geraubt habt. Mehr habe ich indessen über mich als über Euch zu klagen, daß ich so fahrlässig gewesen bin, die Sorgfalt für meine Tochter aus der Acht zu lassen und anstatt auf ihre Vermählung, wie es die Vernunft von mir forderte, ernstlich bedacht zu sein, meinen eignen unzüchtigen Wünschen zu frönen. Da ich nun für meinen Aberwitz zur Genüge bestraft bin, und da das Schicksal viel mehr als meine Vorsicht für sie gesorgt hat, so bin ich es zufrieden, daß sie die Eurige sei, da ja ihre Jugend Eurem Alter auch weit angemessener ist als das meinige. So soll mir der Zufall, der meine Enttäuschung förderte, gesegnet sein, und ich beteure mir, daß ich Euch in Zukunft mit geregelterer Zuneigung wie meinen Sohn lieben will. Entschlossen, ferner so zu leben, daß ich Euch sowohl wie andern jedweden Zweifel an der Aufrichtigkeit meiner Tugend benehme, will ich mich in ein Kloster zurückziehen, um dem Allmächtigen zu dienen, und in solcher Einsamkeit und Betrachtung der Schönheiten des Himmels mir das Bildnis meines Floriandro vor die Augen des Geistes führen, auf daß ich mich rühmen könne, durch die Sympathie der Liebe schon hier auf Erden die Freuden und Tröstungen des Paradieses genossen zu haben.« Wer war froher als Beliarco, sich so wohl aus dem Labyrinthe errettet zu sehen, in das er mit Recht der Meinung war, sich durch das Celidea angetane Unrecht verirrt zu haben, und sogar anstatt der verdienten Strafe von der Großmut seiner verlassenen Geliebten die eigne Tochter zur Gattin zu empfangen! Er wollte danken, sich rechtfertigen, um Vergebung flehen; aber sie gestattete ihm nicht, darüber noch mehr Worte zu verlieren, um nicht durch abermalige Erregung ihrer Leidenschaft ihre frommen Entschlüsse wankend machen zu lassen, empfahl ihm ihre Tochter an, küßte sie und ging hinweg, indem sie das Mädchen ermahnte, dies verhängnisvolle Begegnis als den Willen des allgütigen Himmels anzusehen, der sich den Menschen jederzeit in Wundern offenbare. Zafiras Herz war nicht wenig von den aufrichtigen Beweisen der heißen Liebe und Zuneigung ihrer Mutter gerührt, und sie gab ihr ihre Erkenntlichkeit durch häufige Tränen kund. Da sie aber im Grunde wohl einsah, wie reichlich der Gewinn eines so würdigen und liebreichen Gatten sie für die erlittene Unbill entschädige, so lehrte die Menschlichkeit selbst sie, in seinen Armen Trost suchen und finden. Der Stern der Liebe, der seit einer Stunde am Horizonte aufgegangen war, diente mit seinem funkelnden Schimmer der wiederholten Süßigkeit ihrer innigsten Vereinigung als Hochzeitsfackel und ward vielleicht von der Beseligung dieser Liebenden gerührt, auch Celidea wieder zu lächeln, nachdem er sie sein finsteres Grollen so lange Zeit hatte erfahren lassen. Sowie die betrübte Witwe nämlich mit dem schon vorgerückteren Tage von ihrem Schmerzenslager aufgestanden war, um sich in ihren guten Vorsätzen zu stärken und zu befestigen, die vergänglichen Freuden der Welt aufzugeben und dagegen den Weg zu den ewigen, unvergänglichen Freuden des Himmels zu betreten, ward sie plötzlich durch ein helles Trompetengeschmetter aus ihren demütigen Gedanken gerissen und nahm, rasch an das Fenster schreitend, unter vielen andern Menschen vorerst ihren geliebten Floriandro auf der Straße wahr. Der seit langer Zeit von ihr gehegte Glaube an seinen Tod jagte ihr einen solchen Schreck über ihn ein, daß sie kalte Tropfen schwitzend, starr vor Entsetzen zu Boden gestürzt sein würde, hätte sie in demselben Augenblick nicht auch ihren eigenen, Floriandro begleitenden Bruder gesehen, der ihm, indem er hatte zur Stadt hinausgehen wollen, glücklicherweise begegnet war und, als er jetzt ihr Erbleichen gewahrte und begriff, sie mit einem abermaligen Zujauchzen fröhlicher Stimmen ermutigte. Bald überzeugten ihres Floriandros enge Umarmungen und heiße Küsse Celidea besser als alles andere, daß er keine von ihr erträumte gespenstische Erscheinung, sondern wahrhaft Fleisch und Blut und ihr lebender Gatte sei, und wenn sie an der überschwenglichen Freude seines Wiedersehens nicht augenblicklich starb, so verdankte sie ihr Leben eigentlich nur den ihr Entzücken mäßigenden gesegneten Zweifeln an der Wahrheit ihres Glücks. Sie warf sich ihm laut schluchzend an die Brust, preßte ihn mit unversiegbaren Tränen in ihre Arme und konnte sich nicht ersättigen, ihm die Freude ihres Herzens auszudrücken. Sobald diese gegenseitigen Zärtlichkeiten endlich durch die Ankunft vieler Edelleute und unzähligen Volkes unterbrochen wurden, die Floriandro zu seiner Rückkehr beglückwünschten, fand Celidea Zeit und Gelegenheit, Beliarco von dem Geschehenen zu unterrichten und zu Vermeidung alles Ärgernisses durch die hintere Gartenpforte unbemerkt zu entfernen. Sie versprach ihm nicht allein, ihren Gatten zur Einwilligung in seine Vermählung dermaßen zu bereden, daß die Hochzeit noch vor Ablauf dieses Tages stattfinden solle, sondern hielt ihm auch, zur unsäglichen Zufriedenheit beider Beteiligten, Wort. Das höchste Glück war jedoch vielleicht ihr eignes, da sie, die alte Asche ihrer Leidenschaft neu entzündend, in dem unbeschränkten Genusse ihrer Liebesfreuden eine erneute Ehe mit ihrem Floriandro begonnen zu haben meinte und in seinen Armen ihre Tochter nicht um deren Seligkeit beneidete. Es geht aus den wunderbaren Begebenheiten dieser Geschichte auf das deutlichste hervor: daß das Schicksal zuweilen durch Mittel, die sich uns als Widerwärtigkeiten darstellen, die Verirrungen unserer Leidenschaften wieder ausgleicht und uns einer unerwarteten Glückseligkeit in die Arme führt. Pietro Pomo Abenteuer eines deutschen Poeten Agisulf, ein deutscher Dichter von edler, aber armer Abkunft, verliebt ebenso in das reizende und anziehende Studium der Poesie wie in das schwere und erhabene der Astrologie, widmete keinem andern Wesen seine Kräfte als der Urania und vermengte nicht, wie andere Dichter zu tun pflegen, mit der Kastalia und mit dem Kephisos seinen tugendhaften Schweiß, sondern er vergnügte sich an den Ufern des himmlischen Euridanus und löschte die Glut seines poetischen Durstes in der einfachen Quelle der Kristallinse. Daher konnten mit allem Recht seine Verse als erhaben gefeiert werden, da er sie nicht nur an den Fingern abzählte, sondern mit Anstrengung seines Rückgrates fortwährend auf dem schwierigen Pfade der steilsten Steigungen des Himmels sich abmühte. Er sang von dem Beben und den langsamen Bewegungen des Firmamentes, den mannigfaltigen Bahnen und dem verschiedenen Einflusse der Planeten, von dem Wechsel der Jahreszeiten und überhaupt von allem, was auf uns von dort oben in diese sublunarische Welt herniederströmt. Aber bei der Erkenntnis des Allgemeinen wurde er auch neugierig auf seine besondern Umstände: er erspähte in der Berechnung seiner eigenen Geburtsstunde irgend etwas Königliches im mittleren Himmel, was, auf die Folter der Überlegung gespannt, geradezu zu dem Bekenntnis kam, daß der Glückspunkt aufs genaueste mit seinem einunddreißigsten Lebensjahre zusammenfalle. Nun wußte er zwar wohl, daß die Konstellation der Poeten sich diametral derjenigen der Glücklichen entgegensetze; nichtsdestoweniger aber, weil ihm auch nicht unbekannt war, daß der Himmel sich manchmal auch den Spaß mache, mit uns durch ungewohnte Ausnahmefälle zu scherzen, entschloß er sich, nicht, wie viele zu tun pflegen, in den Grenzen seines Vaterlandes die Stürme seines Geschicks zu erwarten, sondern ernst und eifrig dem Glücke entgegenzugehen, das ihm in den Jahrbüchern des Himmels günstige Sterne weissagten. Er setzte also über das Meer und siedelte mit größtem Behagen von Deutschland nach Hibernien über, wo er nach den Vorschriften seiner Kunst meinte, das Ziel seines verheißenen Glückes sei dort sicherer und leichter zu treffen. Es herrschte dazumal über dieses Land Crudarte, der sich mit Gewalt über Berge von Verbrechen in die Regierung eingedrängt hatte und mit solchen sich nicht nur Verschanzungen aufführte, um sich seine so schlecht erworbene Macht zu erhalten, sondern sich auch Bresche machte, um in der ersehnten Hochzeit die Willfährigkeit der rechtmäßigen Königin Rosmonde zu erobern, die, nachdem wenige Jahre zuvor ihr Vater, der König Guiscarlo, gestorben war, nach dem unvermuteten Tode ihres einzigen noch unmündigen Bruders, der, wie man glaubte, als erstes Opfer sein unschuldiges Blut zu den Füßen des stolzen Tyrannen vergießen mußte, nun als einzige, aber unzweifelhafte Thronerbin übrigblieb. Sie hatte aber von der königlichen Würde nichts als den Titel Königin und war nebst ihrer Mutter von dem grausamen, wenngleich glühend in sie verliebten Manne unter dem äußern Vorwande der Bewachung und des Anstandes in der Felsenburg der Stadt eingeschlossen, wohin außer einigen wenigen Hofdamen selten oder nie jemand gelangte. Außer den andern über sie ergangenen Leiden war auch darüber die Stadt in großem Jammer und Mitleid, da man so vor den Augen sich den einzigen übrigen Tropfen des königlichen Blutes in der Gefangenschaft verzehren sah, und neben dieser Crudarte beleidigenden Traurigkeit hatte sie fortwährend die schmerzlichen Folgen ihres unnützen Mitleids zu tragen. Der Tyrann las auf der Stirne der Bewohner der Stadt den Unwillen über sein Regiment, der sie beseelte; er hielt sich dadurch schwer beleidigt und schritt deshalb bald unter diesem, bald unter einem andern Vorwande schamlos mit Verbannungen, Gefängnis- und Todesstrafe ein, um sich zu rächen; so daß die Guten kein besseres Mittel zu ihrer Rettung wußten, als sich schlecht zu stellen, und die Schlechten, sich zu Werkzeugen seiner Roheiten herzugeben. Auf diese Weise war in kurzem die Stadt verödet und die Insel von allen Männern von einigem Geiste entvölkert, und jener genoß fast nur unter rohem Pöbel die Ruhe des Reiches in einem Meere von Verruchtheiten. Bei diesem Stande der Dinge landete Agisulf an der Schwelle der Insel, verfügte sich von dort nach der Hauptstadt und hielt dort sorgfältig Wache, ob er irgendwo den königlichen Vorläufer des verheißenen Glückes aufgehen sehe. Er versäumte unterdessen nicht die Aufgabe seiner obengenannten poetischen Bestrebungen, sondern streute vielmehr selbige gar häufig mittels vieler nicht unedler Proben aus und bemerkte mit unendlichem Vergnügen, wie in dem allgemeinen Beifall glänzende Keime des Ruhmes emporsproßten. So war er in kurzem nicht nur von dem rohen Pöbel geliebt und geehrt, sondern er sah sich auch bewundert von solchen, die auf einer höheren Stufe des Ansehens standen. Er machte endlich in Form von Orakelsprüchen einige Prophezeiungen eines der ganzen Insel bevorstehenden Glückes bekannt und fand dafür auch, wie es im Unglück zu geschehen pflegt, leicht Glauben; ja, er setzte sich bei den Einfältigen bald in das Ansehen eines himmlischen Boten, eines Gottmenschen. Crudarte blieb der Beifall, den Agisulf erntete, keineswegs verborgen, und bei der Gewissensangst, der strengsten Henkerin der Verbrecher, fürchtete er von der Stimmung des Volkes irgendeinen Umschwung und hätte gerne den Entschluß gefaßt, ihn umzubringen oder zu verbannen: aber aus Angst, das Volk möchte, erbittert durch die täglichen Aufwiegelungen, die Lockspeise bereits im Busen fertig tragen, um bei dem nächsten Anlaß einer neuen Beleidigung das Feuer des Aufruhrs in sich aufzunehmen, enthielt er sich dessen und ging vorsichtiger zu Werk. Er rief ihn an den Hof; er sah, daß er ein Mensch von sehr schönem Äußeren war; er erkannte in seinen Gesprächen auch seinen schönen Verstand und merkte unter andern guten Eigenschaften an ihm auch die, daß er vollkommen die schwere Kunst des Regierens verstand. Er bewunderte seine Anmut, seine Würde, seinen Geist und ernannte ihn zu seinem Rat, in der Absicht, nicht sowohl die Tugend zu belohnen, der er diametral widerstrebte, sondern um sich derselben zu bedienen, um desto leichter die Tyrannei seiner angemaßten Herrschaft aufrechtzuerhalten. Er wußte, wie sehr er dazu helfen könnte, ihm die Neigung des Volkes zu gewinnen, durch seine Anmut und seine Beredsamkeit. Er bemäntelte mit schönen Worten den wirklichen Sinn seiner Entschließungen und hätte so leichter als jeder andere seiner Untertanen bereitwillig sich das können aneignen machen, was mit Drohungen und Gewalt nicht möglich gewesen wäre. Aber mehr als alles andere lag ihm am Herzen, daß er allein durch das Ansprechende seines Betragens und den Honig seiner Überredungskunst es dahin brächte, ihm seine ersehnte Königin Rosmonda ohne Zwang zur Gattin zu erwerben. Ich weiß nicht, soll ich sagen, daß Crudarte mehr vom Ehrgeiz oder von der Liebe tyrannisiert war? Mir scheint es fast, die beiden Leidenschaften beherrschten ihn gleichmäßig im äußersten Grade; doch kann ich dabei mich leicht überzeugen, daß weniger als die Liebe ihn der Ehrgeiz quälte; denn für den letztern fand er wenigstens Linderung, indem er fortwährend Befehle erteilen konnte; nach der Liebe aber dürstete er immer, er schmachtete in Verzweiflung über einen glücklichen Ausgang, weil Rosmonda, gegen den verliebten Tyrannen immer unwillig oder immer spröde, ihn nie auch nur eines Blickes gewürdigt hatte. So war der Unglückliche des geliebten Lichtes beraubt und lebte trostlos in ewigen Finsternissen. Doch verlor er sich darum nicht in die schüchterne Scheu der Liebenden mit dem ersten Flaum am Kinn; vielmehr erhitzt vom Blute einer kräftigen, männlichen Verfassung, trug er kein Bedenken, sich sehr häufig zum Besuche bei seiner Teuren zu verfügen, und bestrebte sich daselbst durch alle Künste, sich in ihre Liebe einzuschmeicheln, so daß er ihr manchmal, wenn auch mit bleicher Stirn und bebender Stimme, seine Flamme offenbarte. Sie aber blieb unerschüttert von seinen Schmeicheleien, starr und schweigend, und so mußte er immer mehr beschämt und bekümmert scheiden. Er zitterte, als er wegging, indem er sich verachtet glaubte, und von Zorn glühend hätte er die Liebe ausgelöscht, wenn nicht beide Flammen einander begegnend sich vereinigt und unvermerkt, statt auszulöschen, nur einen um so stärkeren Brand in ihm verursacht hätten. Agisulf war indessen (dank den eigennützigen Gunstbezeigungen Crudartes) zu den höchsten Ehren am Hofe emporgestiegen. Keine Gnaden wurden gespendet, keine Eingaben gefördert, als durch ihn; auch Abweisungen gingen durch seine Hände und verloren dadurch die Eigenschaft des Bittern, versüßt durch das Anmutige seiner Leutseligkeit, so daß er bei einer so angesehenen Stellung, verbunden mit der Voraussetzung eines durchaus unbescholtenen Wandels, sich mehr als je in der Verehrung der Untertanen befestigte. Zu ihm also nahm Crudarte seine Zuflucht, nachdem er ihn zuvor so höchlich verpflichtet hatte durch die größte Abhilfe seines Unglücks. Er hielt es aber für angemessen, ehe er ihm das Innerste seines Herzens aufschlösse, ihn durch eine anständige Zusammenkunft bei der geliebten Königin einzuführen, und schickte ihn in die Burg zu ihr als Boten wegen gewisser wichtiger Regierungsangelegenheiten. Rosmonda war sehr schön; die Blüte ihrer Jahre färbte mit holdem Purpur das schneeweiße Gesicht und belebte es mit zwei schwarzen, höchst lebendigen Augen; in der Majestät einer anmutig gekrümmten Nase, in der von dunkelm, starkem Haarwuchse gekrönten Stirn zeigte sie sich in einer doppelten Herrschaft als Tyrannin der Herzen und Königin der Menschen. Als nun Agisulf vor sie trat, war er überwältigt von Staunen über diesen ihm göttlich scheinenden Anblick und nahe daran, in Ohnmacht zu sinken oder doch von plötzlicher Liebesraserei befallen zu werden und in Wut auszubrechen. Nichtsdestoweniger setzte er mit vieler Anmut vor der Königinmutter den Auftrag auseinander und bekam darauf eine kluge und freundliche Antwort. Er entfernte sich, aber in sehr schlimmer Verfassung, denn er hatte mehr als die Hälfte seiner selbst zu Rosmondas Füßen zurückgelassen. Der Unglückliche merkte zwar sogleich die Verwundung, aber wozu half es? Er erkannte sie im Augenblicke für tödlich. Verzweifelnd an jeder Hilfe, hätte er gerne sterben mögen, wenn nicht Crudarte unter andern Vorwänden ihn von neuem an seine teure Königin geschickt und ihm Gelegenheit gegeben hätte, neue Lebensgeister zu sammeln aus dem Anblicke jener Schönheiten, die als göttliche nicht bei andern tödliche Wirkungen hervorbringen konnten. Aber wie die Liebenden gewöhnlich, so war auch Crudarte ungeduldig über längere Zögerung; er rief Agisulf in das entfernteste Gemach, erinnerte ihn geschickt an den hohen Posten, auf den er ihn mit Hintansetzung so vieler andern erhoben hatte, und eröffnete ihm unbedenklich die unheilbaren Wunden, die er um Rosmonda in seinem Busen trug. Dann trug er ihm auf, aus Erkenntlichkeit für die empfangene Gunst und für die noch größere, die ihm bevorstehe, um ihn noch mehr zu erheben, jedes Mittel ins Werk zu setzen, um ohne Zwang die Königin Rosmonda zur Gemahlin zu bekommen, und versicherte ihn, er würde, wenn er es verlangte, zum Lohn bis zur Hälfte des Königreiches erhalten. Nun möge, wer von meinen Zuhörern je verliebt gewesen ist, bedenken, in welchem Zustande nunmehr Agisulf gewesen. Er verstummte, erstarrte, ward versteinert bei den ganz entgegenstehenden Regungen seines Herzens. Doch nachdem er sich etwas über das in dem gegebenen Falle einzuschlagende passendste Verfahren bedacht hatte, faßte er Mut und antwortete: »Euer Exzellenz verpflichtet mich weit über die Beschaffenheit meines Verdienstes, indem Ihr mich zu der Ehre des höchsten Geschäfts im Königreiche beruft, und da Euch nichts Größeres übrigbleibt, mir mitzuteilen, bekenne ich mich unfähig, Euch nach Gebühr zu danken; und diese meine Unfähigkeit ist ein Beweis des Vorzugs, den der Himmel den Großen verleiht: denn wenn es für die Gunstbezeigungen der Fürsten Danksagungen gäbe, welche ihren Gunstbezeigungen gleichkämen, so würde man die Fürsten nicht mehr für höher erkennen als ihre Begünstigten. Ich werde hingehen, und indem ich das Geschäft übernehme, das Ihr mir anvertraut, wird es mir gering scheinen im Verhältnis zu dem Wunsche, der mich im Arbeiten für Euern Dienst so sehr entflammt; indem ich daher dem Mangel meiner Zureichendheit die kräftigsten Wünsche beifüge, werde ich es dahin bringen, daß, was mir abgeht, die gütigen Sterne durch ihre Hilfe ersetzen.« Wie groß die Bedrängnis war, die Agisulfs Seele fühlte, indem er zur Ausführung des Unternehmens schreiten sollte, wüßte ich euch nicht auszudrücken. Von einer Seite stürmte auf ihn ein die Pflicht des Günstlings, die Macht und die reizbare Natur Crudartes, von der andern das unerklärliche Widerstreben, das er in seinem Herzen fühlte, einem andern das Leben zu verschaffen, das, wenn der Zweck erreicht war, in notwendiger Folge ihm das seinige nehmen müßte; und wiewohl er ohne Hoffnung liebte, so liebte er darum doch nicht ohne Eifersucht, und es gibt in der Welt keine grausamere Marter, als sich andern in der Liebe hintangesetzt zu sehen, und noch viel schwerer müßte es, dünkt mich, fallen, sich durch seine eigene Mitwirkung nachgesetzt zu sehen. Weil nun aber, wen das Schicksal von Geburt an zum Dichter bestimmt hat, nicht treulos sein kann, so setzte er seinen eigenen Vorteil hintan und beschloß, wenn er auch sterben müßte, Crudarte treulich die gewünschte Vermählung zu vermitteln, und da er, um die Tochter günstig zu stimmen, für das geeignetste Mittel hielt, zuerst die Mutter zu gewinnen, fing er das Unternehmen mit dieser an. Er erinnerte sie vor allem an das heiratsfähige Alter Rosmondas, die Notwendigkeit der Regierung, den allgemeinen Wunsch der Untertanen, und es fiel ihm nicht schwer, sie von diesem ersten Punkte zu überzeugen, über den gemeiniglich zum voraus alle Mütter einig sind. Sobald er aber auf die Person Crudartes kam, da war plötzlich die ganze Unterhandlung gestört; jede bisherige Übereinstimmung hatte sich in den heftigsten Unwillen geendet. Agisulf unterließ aber darum nicht, seine Besuche unter verschiedenen Vorwänden zu wiederholen und sein Anliegen von neuem in Anregung zu bringen; manchmal war dabei auch Rosmonda selbst anwesend. Agisulfs Reden waren erfüllt von einem gewissen Reize, und wenn sie auch von gehässigem Stoffe waren, so machten sie doch auf den Hörer einen eigentümlich süßen und holden Eindruck. So waren die beiden Königinnen wider Erwarten mit ihm zufrieden und fanden sich mehrmals veranlaßt, dem Crudarte die Eigenschaften Agisulfs anzuwünschen, wo denn ein Heiratsantrag auf keine großen Schwierigkeiten gestoßen wäre. Da nun aber Crudarte allmählich den ungünstigen Fortgang der Bemühungen Agisulfs bemerkte, fing er an, wie die Großen ihr Mißgeschick in der Person des unglücklichen Ministers zu verabscheuen pflegen, ihn tödlich zu hassen; doch wollte er ihn nicht vom Hofe wegweisen, ohne wenigstens einen scheinbaren Anlaß zu haben; unter allen Umständen aber sollte er von der Stufe herabsinken, zu der er ihn erhöht hatte, und deshalb ließ er ausstreuen, es habe sich endlich der Grundsatz einiger neueren Politiker bewährt, daß Dichter zur Regierung des Staates nicht passen. Er verbreitete also, er sei ungeeignet für jede Dienstleistung von Belang, und gab einigen der unzartesten Höflinge, mit denen die Höfe in alten Zeiten immer sehr reichlich ausgestattet waren, die Weisung, sich über ihn lustig zu machen, ihn in der öffentlichen Meinung in Mißachtung zu bringen und dadurch zu bestimmen, beschämt und von selbst den Hof zu verlassen. Mit welchem Eifer diese sich der Quälerei des armen Agisulf annahmen, mag ermessen, wer die Feindschaft kennt, in der die Unwissenheit mit der Trefflichkeit steht. Mehr als einmal befestigten sie ihm in großem Volksgedränge Werg auf dem Rücken und steckten es, ohne daß er es merkte, in Brand, ließen dann die Menge beiseite treten und schrieen, sie sollten sich schnell vor dem Vater des Vaterlandes verbeugen, da sie ihn mit eigenen Leibesaugen so für dasselbe glühen sähen. Ein andermal ließen sie ihn eilends rufen unter dem Vorwand, ihn zum Rate einzuladen, und warfen runde Bohnen auf die Treppe. Wenn er nun hastig herankam, glitschte er auf den Stufen aus und fiel zu Boden, daß er fast den Hals brach. Wenn er nun hinkend und lendenlahm weiterkroch und ihnen begegnete, so fragten sie ihn, ob er vielleicht darum nicht gen Himmel schaue, weil er ihm darüber zürne, daß er ihm in seinen Jahrbüchern nicht die Gefahr dieses Falles vorausgesagt habe. Über diese Beschimpfungen beschwerte sich zwar der Arme bei Crudarte; aber obwohl sich dieser sehr erzürnt zeigte und schwur, ihn zu rächen, rief er doch im Augenblicke nachher die Beleidiger und gab ihnen, statt sie zu bestrafen, in seiner Gegenwart zu seiner größten Qual noch ein freundliches Geschenk. Über diese Katastrophe entstand unter seinen Nebenbuhlern ein spöttisches Gelächter, im Volke aber beklagte man sein Mißgeschick; Agisulf war somit der Hohn des Hofes und gleichzeitig das Mitleid der Massen geworden. Über jene Ausschreitungen aber wurde nun offen unter den Guten gemurrt. Gerne wäre er weggegangen, da er den ungerechten Unwillen Crudartes wohl merkte; aber er fühlte sein Herz gefesselt an Rosmonda und erkannte es somit für unmöglich, daß er wegging. Er beklagte sich gegen den Himmel, der ihn mit seinen trüglichen Zeichen hintergangen habe. Er beklagte sich über sich selbst, daß er nicht vollständig die Sprache des Himmels verstanden. In sich selbst hielt er nun mit den geschwundenen Ehren das vom Schicksal bestimmte Steigen des ihm verheißenen Glückes für beendigt und fürchtete von Tag zu Tag, da das Sinken sich ihm immer näher legte, es werde vermöge der Notwendigkeit des Widerspruchs sich noch weit größeres Unglück bei ihm einstellen. Er lebte indessen in seinem Zimmer zurückgezogen, um dem Begegnen neuer Ungebührlichkeiten auszuweichen und wenigstens teilweise mit einer leichten Sühne die Bitterkeit seines gegenwärtigen Schicksals zu dämpfen. Aber siehe da, auch hier kann er der Belästigung nicht ausweichen: Sie bohren ihm über dem Haupt ein Loch in die Decke und übergießen ihn, während er schreibt, mit einem reichlichen Regen der stinkendsten Flüssigkeit, eilen sodann in sein Zimmer und bezeugen ihre Freude, daß endlich Urania an seine Seite vom Himmel herniedergestiegen sei, um seinen Durst so reichlich in den Wassern der Hippokrene zu löschen, wie sie aus dem Dufte deutlich abnehmen. Unter all den Qualen aber, die er duldete, war ihm keine unerträglicher, als wenn er sich dachte, er müsse bald beim Abschied des Anblicks Rosmondas gänzlich beraubt werden. Doch wollte er, als er zum Scheiden entschlossen war, es wagen, sie nochmals zu sehen; er ging hin und wurde wie sonst frei von den Wachen eingelassen. Als er eingeführt war, setzte er den zwei Königinnen, der Mutter und der Tochter, mit solcher Rührung die Notwendigkeit auseinander, die ihn dränge, wegzugehen, daß er ihren Augen Tränen entlockte; sie waren ganz bewegt und trösteten ihn so eindringlich, daß er wieder ein wenig Mut faßte und am Ende die Kraft hatte, obwohl sehr bekümmert, von ihrem Anblick zu scheiden. Aber siehe da, als er aus der Burg treten will, wird er von einer Schar seiner Verhöhner angefallen, die ihn auf einmal mit einem pappenen Diadem krönten, mit einem Mantel aus den schlechtesten Lumpen umhüllten, auf einen Sessel hoben und als König begrüßten. So trugen sie ihn mit Gewalt auf den großen Platz vor den königlichen Palast, um Crudarte ein heiteres Schauspiel zu gewähren. Mit Hilfe von acht starken Männern, die sie zu diesem Zwecke ausgewählt hatten, prellten sie ihn wiederholt auf einer Decke und sagten ihm, so erhöben sie ihn viel besser als auf dem königlichen Thron und zeigten damit dem Volke Könige seinesgleichen. Am Ende ließen sie ihn zerbrochen und atemlos liegen, daß er kaum auf den Füßen in seine Gemächer gelangen konnte. Diese über die Maßen grausame Barbarei, die gegen einen Unschuldigen vor den Augen des Volkes zum Vergnügen Crudartes ausgeführt wurde, gab dem Volke gegen die, welche sich bei der Ausführung beteiligten, Steine in die Hand; die einen setzten die andern durch ihr Beispiel in Wut, andere nahmen Bogen, andere Spieße, andere Sensen, liefen damit an den Palast, bedrohten Crudarte selbst in aufrührerischem Geschrei und riefen: »Tod dem Tyrannen, Tod dem Tyrannen!« Er verrammelte sich indessen in seinen innersten Gemächern mit seinen Getreuesten; aber der Lärm wuchs von einem Moment zum andern, und sie ließen nicht nach, sondern machten mit lauter Stimme, um den Haß gegen ihn noch zu erhöhen, seine früheren Schändlichkeiten bekannt. In dieser äußersten Not beriet er sich mit den Seinigen über den Ursprung dieser drohenden Gefahr und entschloß sich Sogleich einige Trabanten hinzuschicken, um Agisulf, den ersten Anlaß dieses Aufruhrs, zu töten und seine Leiche dem Volke zu zeigen. Wenn dann die Hoffnung geschwunden wäre, ihn wiederzubekommen und sich ihn geneigt zu machen, würde sich die Masse entsetzt von diesem Schauspiel zurückziehen. Während man nun diese grausame Maßregel ins Werk setzte, wurde Crudarte von den Empörern dahin gedrängt, über sein eigenes Los sogleich zu beschließen. Er sah sich nun im letzten Gemache belagert, und es war für ihn keine Hoffnung auf Errettung mehr vorhanden. Bald wollte er nun sich selbst ums Leben bringen, bald aus dem Fenster springen, bald sich unter die Feinde stürzen und, nachdem er Rache genommen, sterben. Aber mitten in der Unentschlossenheit über die Todesart verschob er das Sterben, zu milderen Gesinnungen sich wendend, und entschloß sich zu dem Versuche, die Zornglühenden womöglich dadurch zu versöhnen, daß er das Reich verlasse. Er machte den Vorschlag, erhielt die Genehmigung und führte ihn aus ohne Verzug; er begab sich an die geweihte Klippe, um sein Leben unter Druiden der Göttin Tomiris zu beschließen. Der unglückliche Agisulf aber war, von den Meuchelmördern überfallen, eben auf dem Punkte erstochen zu werden, wäre nicht das Volk wütend eingedrungen und hätte ihn, ehe er noch verletzt wurde, aus ihrer Hand befreit. Als sie ihn so gerettet sahen, erfüllten sie die Luft mit rauschendem Jubel und führten ihn in die von Crudarte verlassenen Gemächer, wo sie ihm als ihrem Herrscher Treue gelobten. Alle diese Vorfälle wurden den beiden Königinnen gemeldet, und sie waren sehr getröstet, sich und das Reich von der Tyrannei Crudartes befreit zu sehen. Ganz frohen Sinnes begaben sie sich in den Königspalast und bewunderten unter dem allgemeinen Beifall die Freundlichkeit, Bescheidenheit und den Ernst Agisulfs. Das zuvor mit ihm gehabte Mitleid verwandelte sich auf eine rätselhafte Weise durch eine unsichtbare Macht in Liebe, und diese wünschte ihn zum Eidam, jene zum Gemahl zu bekommen. Hier bändigte also der Himmel das Grausame der Konstellation, um Agisulf zu beglücken, und damit auf ihn die Freude gedoppelt ströme, rief er zur Verschwörung mit sich die zwei leuchtenden Fixsterne, die in dem Gesichte Rosmondas leuchteten und die freundlich darin kreisend ihn das höchste Glück der Liebe und der Herrschaft genießen ließen. In dieser vortrefflichen Stimmung des Volkes, Agisulfs und Rosmondas zögerten sie nicht, mit königlicher Pracht die Feier ihrer Hochzeit zu begehen, infolge deren sie hernach lange als glückliche Gatten lebten und eine edle, liebenswürdige Nachkommenschaft erzielten. Bei seiner Vermählung mit Rosmonda war er vom Volk zum König ausgerufen worden. Dieses heitere Ende nahm die Geschichte des Dichterkönigs. Leider nur, meine Herren, daß es eine Fabel ist, denn wie könnte man etwas Fabelhafteres ersinnen als einen Volksauflauf, der an sich immer so ärger lieh ist, und der zum Frommen der Tugend ausschlägt, und einen Dichter, den das Geschick immer zum Unglück bestimmt hat, und der hier dazu gelangt, das Glück eines Königs zu schmecken? Carlo Vassalli Die eifersüchtigen Nachbarinnen Der Graf Paolo Colonna, ein durch Abkunft und Verdienst angesehener Ritter, beschloß, die Heimat zu verlassen, um den Feindschaften zu entgehen, die ihn zu fortwährender Aufregung an Leib und Seele veranlaßten. Er verfügte sich daher mit seiner Gemahlin Donna Anna nach Padua; er war eingenommen für die Schönheit der Stadt, die gesunde Luft, die Artigkeit der Bürger und die Pracht der Hochschule und bezog ein Haus, das seinem nicht gewöhnlichen Reichtum entsprach. Er konnte aber nicht lange den Beschlüssen des Himmels entgehen: der Unglückliche ward von seinen Feinden auch dahin verfolgt, und zwei Pistolenschüsse streckten ihn kläglich zu Boden an seiner eigenen Tür. Donna Anna bezeigte so heftige Trauer über den Tod ihres Gatten, daß ich nicht begreife, wie ihr nicht das Herz in Tränen zerschmolzen durch die Augen abging. Doch die Tränenquelle trocknet leicht; bald gab sie sich ganz den Freuden der Sinne hin und verpfändete, ohne weiter an sich noch an ihren Gatten zu denken, ihr Herz dem Grafen Foresto, einem jungen Manne, der, alle Bevorzugungen des Glückes genießend, sich der Neigung aller Damen würdig zu machen wußte. Donna Anna genoß einige Monate lang vollständig die Liebe des Grafen Foresto. Da es aber der Jugend oder der Menschennatur überhaupt eigen ist, eines langen Besitzes überdrüssig zu werden, wandte er seine Neigung der Gattin eines berühmten Arztes zu, der einer der vornehmsten Doktoren der Universität war. Mit Leichtigkeit gelangte er in den Besitz von Donna Candida (so hieß die Frau des Arztes), denn sie war von Natur sanftmütig und weichherzig und konnte nicht lange ertragen, daß Männer wie Graf Foresto nach ihren Reizen schmachteten. Er fand keine Schwierigkeit, sich in dem Hause seiner Geliebten einzuführen, da unter dem Vorwand der Studien auch viele Studenten sogar mit Zustimmung des Gemahls dahin kamen, der, auf hohem Fuße lebend, verlangte, daß seine Frau mit allen ohne Unterschied sich gut stelle. Sie benutzten diese Freiheit und stellten sich auch in den Stunden ein, wo der Gemahl mit Vorlesungen oder Sitzungen auswärts in Anspruch genommen war. Donna Candida aber war mit ausgezeichneter Klugheit begabt und gab es nicht zu, daß jemand sich über ihre Gefälligkeit beschweren durfte, und jeder mußte meinen, er sei allein im Genuß. Donna Anna dagegen merkte endlich, daß bei dem Grafen Foresto die erste Sprudelhitze vorüber war, und geriet in ihrer Verlassenheit in verzweifelte Eifersucht. Sie stellte sich auf die Lauer und bemerkte, daß der Graf das Haus des gegenüberwohnenden Arztes mehr als sonst besuchte, und daß er mit vielem Hinundherspazieren sich bemühte, die Stunde aufzufinden, wo der Gemahl sich entfernte. Mit diesen Beweisen überfiel sie eines Tages den Grafen und bat ihn mit Tränen in den Augen, wenn er je von seinen Sinnen verführt worden sei, sie geringzuschätzen, sich doch wenigstens nicht mit Donna Candida einzulassen. Der Graf leugnete standhaft jeden verliebten Umgang mit dieser Dame. Er sagte, er sei ins Haus gekommen, um den Arzt und seine Freunde aufzusuchen, mit keinem andern Zwecke als zur einfachen Unterhaltung. Daß sie ihm die ungeeignete Stunde vorwerfe, sei Folge der blinden Eifersucht: denn er sei nie in das Haus gekommen, wo nicht entweder Freunde oder der Gemahl anwesend gewesen sei. Er könne diesen Umgang nicht ganz aufgeben, aber er werde so selten hingehen, daß sie selbst damit zufrieden sein werde. Diesen Gründen fügte er nach Art der Liebenden so viele Beteuerungen bei, daß sie, mehr überwältigt als überzeugt, sich für befriedigt erklärte. Der Graf fuhr einige Tage fort, seine Besuche bei Donna Candida ganz vorsichtig einzurichten; aber sei es, daß die Leidenschaft ihn hinriß, oder daß er allzu eifrig beobachtet wurde, – er kam nie hinein, ohne gesehen und geschmält zu werden. Dies erbitterte dergestalt den sonst so sanften Grafen, daß er mehrmals auf dem Punkte stand, sich offen zu erklären und Donna Anna zu enttäuschen, um so mehr, als auch Donna Candida ihn mit folternden Klagen überhäufte und ungern in ihrer Liebe eine Nebenbuhlerin duldete. Der Zufall wollte, daß der Graf eines Morgens in das Haus Donna Candidas eintrat in der Voraussetzung, man habe ihn nicht beobachtet, während ein regnerisches Wetter jedermann zum Zuhausebleiben anhielt. Amor aber, der ein Argus ist, wenn er sich auch blind stellt, fügte es, daß Donna Anna, die mit sorgfältigem Augenmerk alle Handlungen des Grafen überwachte und zu diesem Zwecke auf der Lauer stand, ihn mit eigenen Augen in das Haus ihrer Nebenbuhlerin eintreten sah. Nun ward sie ungeduldig: sie weinte, schrie, stieß Verwünschungen aus und gebärdete sich völlig wie eine verratene Liebende. Endlich, als sie das Gift nicht mehr aushielt, das sie im Busen nährte, öffnete sie ein Fenster, das nach Donna Candidas Hause hinüberging, und erwartete dort eine Gelegenheit, ihrem Rachegelüste zu genügen oder wenigstens den Grafen wieder herausgehen zu sehen. Während sie nun in ihrem Gemüte die eigenen Wirkungen ihres Grolls überlegte, erblickte sie eine Dienerin von Donna Candida, und es war gerade die, der die Herrin ihre Geheimnisse anvertraute, und die vielleicht auf den Balkon geschickt war, um irgendwelche Kundschaft einzuziehen. Mit einem ganz grimmigen Lächeln sagte sie: »Andriana! (–So hieß nämlich die Magd.–) Sagt mir doch, wie viele Herren habt Ihr, und wie viele Männer hat Eure Frau Candida?« Die Magd sagte ebenfalls lachend, wiewohl mit hochrotem Gesichte: »Ich habe einen einzigen Herrn, das ist der Herr Doktor, der einzige Mann meiner Frau, bis es einmal Mode wird, daß eine Frau mehr als einen Mann nimmt.« »Ihr täuscht Euch, Schwester«, versetzte Donna Anna. »Eure Gebieterin führt diese Mode ein, ehe es ihr gezeigt wird, denn sie hat einen Mann auswärts und einen in ihrem Zimmer, vielleicht im Bette.« Andriana versetzte: »Ich weiß, daß Euer Gnaden solches zum Scherze redet, denn in anderem Falle würde ich das Leben einsetzen für die Ehre meiner Herrin. Nichtsdestoweniger sind diese Dinge so zarter Natur, daß, wer klug ist, auch im Scherze sich dergleichen Äußerungen enthalten sollte. Aber ich will mich entfernen, denn ich möchte nicht die Rücksichten vergessen, die ich Euer Gnaden schuldig bin. Ergebenste Dienerin!« »Schämt Euch, liebe Andriana«, entgegnete Donna Anna, »von Ehre zu sprechen vor jemand, der alle Schande Eures Hauses kennt! Geht in das Schlafzimmer! Der Graf Foresto ruft Euch. Es ist in der Tat ein schönes Bürschchen, er verdient Eure Liebe; allein Ihr solltet mit etwas mehr Schamhaftigkeit zu Werke gehen.« Während Donna Anna dieses sagte, stand der Graf hinter einem andern Fenster neben Donna Candida, die mit Tränen in den Augen zu ihm sagte: »Seht, lieber Schatz, wie es mir um Euretwillen ergeht!« Der Graf antwortete nichts, sondern öffnete das Fenster und sprach mit gedämpfter Stimme: »Frau Anna, mäßigt gefälligst Eure Leidenschaft und sprecht keine Dinge aus, die eine so edle Frau wie Eure Freundin entehren! Meint Ihr nicht, die andern können auch tun, was Ihr getan habt?« Donna Anna konnte sich nun nicht mehr halten und ließ allen Schmähworten freien Lauf, wie sie einem zornigen, rachsüchtigen Munde entströmen können. In dieser Not, da dem Grafen die Geduld ausging über solcher Schmach und er merkte, daß seine Worte zu ihrer Beschwichtigung nicht viel halfen, nahm er einige Quitten, die zufällig in der Nähe lagen, und nötigte mit diesen Donna Anna, sich zurückzuziehen, ohne jedoch darum aufzuhören, ihr die Scheiben zu zerbrechen und sie mit Schmähungen und Drohworten zu überhäufen. Da er sich übrigens doch nicht vom Doktor antreffen lassen wollte, verabschiedete er sich und hinterließ in Übereinstimmung mit Donna Candida für alle möglichen Fälle zweckmäßige Anordnungen. Donna Anna dagegen wartete voll Wut, bis der Doktor nach Hause käme; denn da es ihr freundlicher Gevatter war, wollte sie sich seiner bedienen, um sich doppelt zu rächen. Als die Mägde ihn von ferne bemerkten, ließ sie ihn zu sich in ihr Zimmer einladen und sagte zu ihm: »Herr Gevatter, die Gunst, die Ihr immer diesem Hause erwiesen habt, verpflichtet mich zu allen Beweisen der Dankbarkeit, die einem edelgeborenen Herzen geziemen. Da ich sah, wie man Eurer Ehre nachstellte, wollte ich Euch warnen, damit Ihr die Mittel ergreifen möget, die Euch am geeignetsten scheinen. Diesen ganzen Morgen ist der Graf Foresto bei Eurer Frau gewesen; und da ich Euch zuliebe mich darüber etwas ausließ, überhäuften sie mich beiderseits mit tausendfacher Schmach.« Der Doktor ließ Donna Anna gar nicht weiterreden, sondern ging voll Grimms in größter Eile nach Hause, so daß in ihrem Herzen die feste Überzeugung sich bildete, er werde irgendwie zu einer äußersten Maßregel schreiten. Der Doktor kam nach Hause und fragte, ehe er sich vor seiner Frau sehen ließ, alle Diener, ob der Graf Foresto ihn diesen Morgen habe besuchen wollen. Alle antworteten gemäß der gleichförmigen Anweisung einmütig, sie hätten ihn diesen Morgen nicht gesehen. Dieselbe Antwort gab ihm Andriana. Er war daher bei sich beruhigt und ging zu seiner Frau, zu der er sagte, wenn ihn nicht seine gewohnte Vorsicht geleitet hätte, würde er in Gefahr gekommen sein, einen sehr großen Fehltritt zu begehen. Darauf erzählte er ihr alles ausführlich. Donna Candida geriet darob in Wut und bat und weinte so heftig, daß der Doktor sicher glaubte, es sei eine Verleumdung von Donna Anna, und es kam ihm der Gedanke, dies mit ihrem Tode zu bestrafen. Er nahm einen bloßen Dolch, steckte ihn in sein Gewand und trat in das Haus Donna Annas. Sie und die Mägde, die freilich alles andere erwarteten, hatten ihn beobachtet; sie ließen ihn mit dem Dolche in der Hand bis halb die Treppe heraufkommen; dort aber kamen sie ihm mit einem so heftigen Prügelregen entgegen, daß er, von Natur ein furchtsamer Hase, ganz den Dolch, den er in der Hand hielt, vergaß und sich genötigt sah, sein Heil in der Flucht zu suchen. In seinem Hause kamen ihm seine Frau und die Diener entgegen, und er sagte in stolzem Tone, er habe gezeigt, wie man die Verleumdung züchtigen müsse; an Donna Anna werden schlechte Personen fortan ein Exempel haben und sich erst wohl bedenken, ehe sie Lügen ersinnen zum Nachteile des guten Namens von Ehrenmännern. So betrog sich der Doktor selbst und veranlaßte seine Frau, in Zukunft mit aller Ungezwungenheit ihre Liebeshändel zu betreiben, die ja ihr Gemahl nimmermehr geglaubt hätte. Lorenzo Graf Magalotti 1637 – 1712 Verwechslungen Die Novelle der Neifile war jetzt zu Ende, und die Königin gab Fiammetta Befehl anzufangen. Diese biß sich etwas auf die hochroten Lippen und begann mit weiblicher Bescheidenheit und Anmut also: Liebste Frauen, oftmals wird die List von der List verspottet, und darum ist es unverständig, wenn man Freude daran hat, andere zu verspotten. Wie es nun allen Leuten geziemt, sich hiervor zu hüten, so ist es vornehmlich Pflicht derjenigen, welche den Fuß auf den Vogelleim der Liebe gebracht haben, sintemal es ihnen viel leichter wird, da gefangen zu werden, wo die Fittiche des freien Verstandes nicht mehr spielen können. Zur Unterweisung unserer jungen Männer hier (wenn nämlich alle, wie ich glaube, verliebt sind) habe ich daher die Absicht, euch eine Posse zu erzählen, welche in Florenz einem jungen Ritter gespielt wurde, dessen Namen ich jedoch so wenig als die andern, die in meiner Novelle vorkommen, obschon ich sie weiß, zu nennen beabsichtige, weil einige von den Leuten noch leben, denn man würde sie sonst mit Geringschätzung überhäufen, während man mit Lachen darüber hinweggehen sollte. Ich werde daher gewissermaßen das Gegenteil von dem tun, was die Maler tun, indem sie die alte Geschichte darstellen, die oft den Leibern Verstorbener die Köpfe von Lebenden aufsetzen; ich werde das Treiben lebender und rüstiger Personen euch vorführen, aber ihnen erdichtete Namen beilegen. In Florenz also lebte vor nicht eben langer Zeit eine junge Frau von gar schönem Äußern und liebenswürdig, doch von stolzer Gesinnung, obwohl die Tochter eines armen Vaters. Sie hieß Rosana und war an einen Wollkrempler verheiratet. Obgleich sie mit eigenen Armen das Brot erwerben mußte, das sie essen wollte, und mit Wollspinnen ihr Leben erhielt, so weckte doch ihr hochfahrendes Wesen in ihrem stolzen Sinne einen Gedanken, durch einen edeln Liebhaber sich zu den bessern Ständen emporzuschwingen und so zu ersetzen, was ihr das Schicksal neidisch versagt habe. Sie nahm sich daher vor, den Umarmungen ihres Gatten, soweit es möglich wäre, sich zu entziehen und statt dessen zu ihrer Befriedigung sich selbst einen zu wählen, der ihr mehr als der Wollkrempler ihrer höchsten Gunst würdig schien. So warf sie ein Auge auf einen jungen Mann von den Amerighi, namens Antenor, der lange in Bologna studiert hatte und dann nach Florenz zurückgekehrt war, nicht um nachher sein Wissen im einzelnen zu verkaufen, wie viele tun, sondern um den Grund der Dinge zu erkennen und ihre Ursache, was einem wahrhaft Edeln so wohl ansteht. Diesen also, weil es ein sehr liebenswürdiger, einnehmender und lebenslustiger Mensch war, war sie fest entschlossen zu ihrem Liebhaber zu erwählen. Sie machte sich daher mit einer alten Nachbarin bekannt, die zwar von allen für eine Heilige gehalten wurde, in Wirklichkeit aber sich vortrefflich und auf nichts besser als auf die Kupplerkunst verstand, vertraute ihr ihre Absicht an und bat sie, all ihre Kunst anzuwenden, um Antenor zu ködern und für ihre Liebe zu gewinnen. Die gute Frau versprach alles Gute, und sie wolle tun und sagen, was sie könne, fügte auch bei, Rosana hätte sich gegen niemand in der Welt entdecken können, der ihr nützlicher zu sein vermöchte als sie; denn nichts sei so glatt und schlüpfrig, an das sie sich nicht anzuklammern wagte, nichts so rauh und ungeschliffen, das sie nicht mürbe machte und ihrem Willen fügte. Am Ende erinnerte sie sie, daß sie ein armes Weib und höchst bedürftig sei, worauf ihr Rosana ein Stück gesalzenes Fleisch schenkte und sie ihrer Wege gehen hieß. Der Alten wurde ihre Arbeit nicht schwer, da Antenor aus demselben Grunde, aus dem Rosana ihn oft gesehen hatte, nämlich weil er durch ihre Straße ging, sie gleichfalls gesehen und, da sie ihm außerordentlich wohlgefiel, sich, nicht weniger als sie in ihn, glühend in sie verliebt hatte. Er verabredete daher mit dem Weiblein die Art und Weise, wie sie zusammenkommen könnten, und als eines Tages der Ehemann aus der Stadt gegangen war, machten sie den heitern Anfang mit ihren Freuden; auch trafen sie die gehörige Veranstaltung, daß sie, ohne sich weiter an die Alte wenden zu müssen, oftmals mit gleicher Heiterkeit sich zusammenfinden konnten. Nun geschah es aber, als Antenor eines Abends kam, um sich mit Rosana zu vergnügen, und das verabredete Zeichen machte, ihr Mann noch zu Hause war. Sie schickte daher sogleich eine Magd hinunter, die leise an die Tür trat und, ohne sie aufzumachen, ihm durch ein kleines Loch in derselben zurief und sagte: »Meiner Dame tut es über die Maßen leid, der Wollkrempler ist heute abend heimgekommen, um ein meliertes Tuch anzulegen und das Gewebe anzuzetteln. Wißt Ihr was? Tragt es geduldig: denn was heut nacht nicht sein kann, geschieht morgen nacht, und darum kommt um zwei Uhr in der Nacht: denn ohne allen Zweifel wird dieser Gottverdammte, wenn ihn nicht der Teufel herbeiführt, bei seinem Geschäft in der Bude sein müssen.« Zufällig stand in der Straße, die Stunde einer Zusammenkunft erwartend, ganz nahe an Rosanas Haus ein anderer gleichfalls adliger Jüngling mit Namen Giovannello de'Fighineldi, der unter dem Schirm des nächtlichen Dunkels unbemerkt die Liebschaft Antenors beobachten und zugleich die Botschaft der Magd hören konnte. Es kam ihm daher das Verlangen, womöglich sich bei Rosana einzustellen, und in der folgenden Nacht ging er noch vor zwei Uhr an die Tür und machte Antenors Zeichen. Sogleich wurde ihm aufgetan, die Tür hinter ihm verschlossen, und er stieg die Treppe hinan, auf deren Spitze ihn Rosana erwartete. Als sie Giovannello erblickte, stieß sie einen heftigen Schrei aus und rief: »Weh mir, ich bin des Todes!« Giovannello aber fiel ihr um den Hals und sagte: »Fürchtet nicht, meine süße Liebe! Ich bin nicht hergekommen, um dir etwas zuleide zu tun, sondern um dich um deine Liebe zu bitten, wofern du sie mir freiwillig gewähren willst. Wenn dir das nicht gefällt, so verspreche ich dir, sogleich meiner Wege zu gehen. Wisse, daß ich gestern abend zufällig durch die Straße ging, als du durch die Magd Antenor sagen ließest, er solle heute abend um zwei Uhr zu dir kommen! Getrieben von der heftigen Liebe, die ich beständig zu dir getragen, obgleich du es nie bemerken wolltest oder wohl dich wenigstens so gestellt hast, faßte ich das Herz, heut als Antenor in dein Haus zu kommen, wohl wissend, daß du mich als Giovannello nie aufgenommen hättest. Nur das will ich dir sagen, daß das heftige Feuer, das du mir in der Seele entzündet hast mit diesem deinem Gesichtchen wie Milch und Blut, nur auf eine von diesen zwei Arten gelöscht werden kann: entweder, daß du mich deiner Liebe teilhaftig machst, um was ich dich demütig ersuche, oder durch den Tod, dem ich mich, wie du versichert sein darfst, auf der Stelle dahingebe, wenn du mir nicht das gewährst, was ich von dir verlange. Ach, meine süße Hoffnung, begehe doch nicht eine so große Sünde und erinnere dich, daß der Anstifter so straffällig ist wie der Verbrecher, und wenn ich mich daher selber umbringe und meine arme Seele in die Hölle kommt, so bedenke, daß die deinige, die die Veranlassung dazu gewesen ist, viele tausend Meilen tiefer in diese Feuerqual versenkt wird! Überdies bedenke, meine liebe Seele, wenn es nicht erlaubt ist, dem Feind Übles zu tun, wieviel größer die Verruchtheit ist und wieviel herbere Strafe es verdient, wenn man den Mord, dieses größte aller Verbrechen, an dem begeht, der dich liebt und dir mehr wohlwill als sich selbst! Darum bitte ich dich, du Herz meines Leibes, mich nicht aus deinen Armen zu werfen, ohne mir wenigstens einen einzigen Kuß zu gewähren.« 0 du unvergleichliche Sanftheit des weiblichen Blutes, wie sehr mußt du in solchen Fällen immer gerühmt werden! Nie sehntest du dich nach Tränen oder Seufzern und warst beständig fügsam den Bitten und nachgiebig für die Wünsche der Liebe. Die Frau, die sich nicht auf Logik verstand und überhaupt das Pulver nicht erfunden hatte, war oder stellte sich wenigstens von Giovannellos Gründen überwunden und antwortete: »Wer könnte Euern gelehrten Worten etwas entgegensetzen? Ich will die Treue gegen andere nicht so weit treiben, daß ich gegen meine Seele mich versündigte. Antenor mag mir vergeben, wenn mich das Hemd näher angeht als der Rock. Wohlan, es ist mir so recht!« Damit ging sie an das Bett und machte sich zurecht, um dem Giovannello seine Wünsche zu erfüllen. Während sie so in Erwartung waren und er sich auszog, um ins Bett zu steigen, siehe, da machte Antenor auf der Straße das Zeichen, das darin bestand, mit einem Schlüssel auf das Degengefäß zu klopfen. Als Giovannello das hörte, stand er schnell auf, warf Rosanas Kopfputz, den sie schon abgelegt hatte, über sich her, trat an ein Fensterchen, das auf die Straße ging, und rief ihn leise mit weiblicher Stimme, worauf jener herzukam und antwortete: »Mein Herz, ich bin da.« »Warte noch ein Weilchen«, sagte Giovannello. »Der Henker hol' es, daß heut abend mein Mann, den Gott verdamme, wiedergekommen ist, und noch ist der widerwärtige Hund nicht fort; aber ich glaube, er wird bald gehen. Ich kann dir daher noch nicht aufmachen, werde aber nun bald kommen.« Antenor, welcher meinte, das sei wahr, antwortete: »Mache dir keine Sorge um mich, bis du ganz nach Bequemlichkeit zu mir kommen kannst! Nur darum bitte ich dich, daß du mir, sobald dein Gatte fort ist, gleich aufmachst; denn der Wind kommt über die Berge so scharf wie noch nie, und ich bin des Todes vor Kälte.« »Sei nur getrost«, antwortete Giovannello, »und fürchte dich nicht!« Damit wandte er sich um und ging ins Bett zu Rosana, mit der er sich eine gute Weile ergötzte zu seinem großen Vergnügen und zu dem ihrigen, denn sie fand Giovannello sehr rüstig und stark von Person, und er wußte vielleicht so gut Pfirsiche zu schütteln wie Antenor. Ihr langes Vergnügen ließ sie leicht den vergessen, den sie auf der Gasse warten ließen. Dieser tat, als käme er zufällig durch die Straße und rief laut: »Zu Hilfe! Ich erfriere!« Antenor sprach diese Worte gerade in dem Augenblick, da Giovannello seinen Weberbaum in Rosanas Webstuhl gesteckt hatte, um ein Gewebe auszuführen. Er befürchtete daher, irgendeine mitleidige Regung gegen ihn möchte sie abkühlen in ihrer Geschäftigkeit, an der Arbeit, die sie in Händen hatte, weiterzuweben, und sagte schnell: »Ja, ja, ich weiß wohl, daß er eiskalt ist, und freilich ist die Kälte sehr groß; doch ist es noch ganz anders in Bologna.« »Allerdings«, sagte Rosana, und wir sind doch in einer so engen Gasse, die vorm Winde geschützt ist. So kann ich mir nicht vorstellen, wie er so sehr frieren kann, wie er sagt.« Nach diesen Worten zog sie die Kämme so gewaltig an sich, daß man ihre Hände nicht mehr sah, und in kürzester Zeit ward eine so dichte Arbeit fertig, daß man sein Lebtag nichts Schöneres sah. Als aber Giovannellos Faden ganz abgewickelt und das Gewebe fertig war und er ihr auch die Weberschlichte gegeben hatte, zog er sich wieder an und nahm von Rosana Abschied. Im Hinausgehen trat er zu Antenor hin, der mit den Zähnen klapperte wie ein Storch, und sagte: »Antenor, du kannst dich nunmehr um eine andere Liebschaft umsehen, denn Rosana ist mein und hat mich lieber als ihren Augapfel. Und damit du nicht glaubst, ich lüge, so wisse, daß sie mir versprochen hat, morgen abend zum Essen in mein Haus zu kommen, und ferner hat sie mir zugesagt, daß du in ihr Haus keinen Fuß mehr setzen sollst.« Damit ging er hinweg. Antenor hielt die Worte Giovannellos für nur allzu wahr, wiewohl dieser nur so gesprochen hatte, um sich über ihn lustig zu machen, da er wohl wußte, daß er sehr heftig in Rosana verliebt war. Sein Plan glückte ihm auch in der Tat; denn Antenor, ganz trunken von Ärger und Eifersucht, beschloß in seinem Sinne, ihm aufzupassen und, sobald er am kommenden Abend mit seiner Geliebten ins Haus treten wollte, sie ihm mit Gewalt zu entreißen, so daß jener seine törichte Prahlerei bereuen sollte. Diesen seinen Entschluß teilte er sogleich seinen Freunden mit, unter welchen einer mit Namen Betto war, der, ebenso mit Giovannello befreundet, plötzlich zu diesem ging und ihn warnte, Rosana nur sehr heimlich nach seinem Hause zu bringen, damit er nicht auf die Schar des Antenor stoße, die ihm böses Spiel machen könnte. Giovannello brach auf die Nachricht von diesem Hinterhalt, den ihm Antenor bereite, in das größte Gelächter aus und sagte: »Da sieht man's, er hat den Verstand, den er von Bologna gebracht, schon wieder verloren. Wohlan denn, so wollen wir ihm auch geben, was er sucht. Ich danke dir für deine Nachricht, aber mach dir keine Sorge um mich! Laß ihn nur kommen!« Als der Abend gekommen war, nahm Giovannello in Rosanas Haus einen seiner Bauern, zog ihm ihre Kleider an, setzte ihm ihre Haube auf und machte sich mit ihm auf den Weg nach seinem Hause bei Santa Maria Novella; er hatte ihn immer am Arm und führte unterwegs mit ihm verliebte Zwiesprache. Giovannello tat dies, weil er, als er Rosanas Haus verließ, einen von den Freunden Antenors schnauben hörte mit ihren Rüstungen und Bretterschildern, daß man meinte, es seien fürstliche Diener. Um sie daher in ihrer Meinung zu bestärken, Rosana sei bei ihm, führte er diese Gespräche so, daß er von ihnen verstanden werden konnte. Als sie an die Säule von Santa Trinita kamen, sprang Antenor, der mit seinen Gefährten hinter dem Fußgestell derselben verborgen war, hervor und rief: »Wehe dir, daß du gesagt hast, Rosana sei dein, Giovannello! Nun mußt du sie auf diese Art behaupten.« Damit zog er den Degen, und die übrigen taten das gleiche. Giovannello, der mehr als das nicht wünschte, ließ den Bauern stehen und lief nach Portarossa zu. Antenor glaubte daher nicht ihn verfolgen zu müssen, wandte sich vielmehr zu der vermeintlichen Rosana, um sie zu trösten, und fing also an: »Nun kannst du sehen, meine allerliebste Frau, wie groß meine Liebe zu dir ist, und was für einen wackern Liebhaber du gegen mich dir eingetauscht hast.« Der Bauer, der nichts von diesen Dingen wußte, da Giovannello ihm nur gesagt hatte, er wolle ihn in eine Abendgesellschaft führen, um einige von seinen Freunden zum besten zu haben, – als er sah, daß Antenor ihm zu Leibe rückte, um ihn zu umarmen, fürchtete, es möchte ihn dies zu einer Handlung verleiten, die ihm Schande bringen könnte, machte sich daher mit aller Gewalt aus seinen Armen los und sagte: »Lieber vornehmer Herr, ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt. Ich will in meines Herrn Haus; laßt mich!« Wie dem Antenor bei diesen Worten zumut wurde, das überlasse ich euch zu bedenken, meine liebsten Frauen, zumal als die Leute seines Gefolges bei dieser seltsamen Stimme in das allergrößte Gelächter ausbrachen. Sie traten vor, stürmten alle auf ihn ein und riefen: »Es geschieht dir ganz recht, da du dich dem Betto anvertraut hast, von dem du doch wußtest, daß er mit Giovannello ebenso wie mit dir befreundet ist. Gewiß hat er alles ausgeplaudert. Du siehst auch, daß er nicht bei uns ist. Ein anderes Mal also schau zu, wem du vertraust!« Antenor schämte sich über die Maßen, teils wegen dessen, was ihm mit dem Bauern begegnet war, den er seine allerliebste Frau genannt hatte, als wegen der Vorwürfe der Freunde. Er begab sich nach Hause und blieb daselbst drei Tage, ohne einmal aus der Stadt zu kommen, ja, ohne sich nur vor jemand blicken zu lassen, wobei er große Rachepläne gegen Giovannello schmiedete. Seine Freunde redeten ihm aber zu, die ganze Sache als einen Scherz zu betrachten, und als verständiger und wackerer Mann tat er das auch; er kam wieder mit Giovannello zusammen, sie blieben fortan gute Freunde und genossen in freundlichem Einverständnis noch lange Zeit die Freundschaft der Rosana. Eustachio Manfredi Die Witwe von Ephesus (Lessing, Die Matrone von Ephesus) In Ephesus, einer sehr alten Stadt Kleinasiens, lebte eine vornehme Frau, die ebenso wegen ihrer körperlichen Schönheit als wegen ihrer Geistesgaben von allen geschätzt, wegen ihrer ehelichen Liebe aber vollends für ganz ohne ihresgleichen geachtet wurde, so daß man nicht allein in Ephesus, sondern auch in der Nachbarschaft von ihr als von einer ganz ausgezeichneten Frau sprach. Sie hatte nämlich einen Edelmann jener Stadt geheiratet und liebte ihn mit solcher Treue, daß, obgleich viele der reichsten und edelsten jungen Leute mit Geschenken und Versprechungen und mit jedem andern Lockungsmittel ihre Liebe zu gewinnen trachteten, es ihnen nicht allein gar nichts half, sondern nicht einmal nur einer von ihnen es dahin brachte, in ihrem Sinne einen Gedanken rege zu machen, der nur im mindesten ihre Ehre befleckt hätte. So standen die Sachen; von vielen Seiten wurde sie angegangen, keiner aber erhört, da begab es sich, daß ihr Mann erkrankte, und alle sorgsame Pflege, die sie ihm zuwandte, vermochte es nicht zu verhindern, daß er nicht in wenigen Tagen starb. Wie sehr sie darüber betrübt war, bedarf keiner Auseinandersetzung; und sie hätte in der Tat nicht vermocht, diesen Verlust auch nur einen Tag zu überleben, wenn sie sich nicht durch einen eigentümlichen Vorsatz aufrecht erhalten hätte, der ihr in den Sinn kam. Sie beschloß nämlich, nicht dem Tode auszuweichen, sondern ihn vielmehr auf eine Weise aufzusuchen, daß sie dadurch für alle Zeiten ein großes und ehrenvolles Denkmal ihrer Treue stifte. Es war in jenem Lande, wie noch in sonst vielen andern, gebräuchlich, daß die Leichname vornehmer Personen nicht mit Erde bedeckt, sondern in einen Sarg von wohlriechendem Holze gelegt wurden, und dieser wurde in ein unterirdisches Gewölbe gestellt, das zu diesem Gebrauche eigens erbaut war und in das man von oben auf einer kleinen Treppe herniedergelangte. Den Schlüssel dazu verwahrten nur nahe Anverwandte des Gestorbenen. Auf diese Weise also wurde der hingeschiedene Gatte der besagten Frau an einer von der Stadt nicht weit entfernten Stelle beigesetzt; sie hatte den Schlüssel der Gruft, und in der folgenden Nacht, um die Stunde, wo sie glaubte, von niemand bemerkt zu werden, begab sie sich ganz stille dahin, trat ein und schloß die Tür mit dem Vorsatz, nie mehr von hier zu scheiden und an dieser Stelle ihre Tage zu beschließen, deren Zahl, ebensowohl weil es ihr an Speise zur Erhaltung der Lebenskraft mangelte, als wegen ihres herben Schmerzes, nur klein gemessen sein konnte. Wiewohl es in ihrer Absicht lag, sich nicht sehen zu lassen, vermochte sie doch nicht zu verhindern, daß ein ehrliches Weib, das in ihren Diensten stand, es bemerkte. Diese teilte es denn sogleich ihren Verwandten mit, und so war die Nachricht in kurzem in der ganzen Stadt verbreitet. Die Verwandten der Frau verfügten sich zu ihr und gaben sich viele Mühe, sie von einem solchen Vorsatze abzubringen. Aber alles war umsonst. Nicht besser ging es ihren edeln Freundinnen, die gleichfalls sich vergeblich bei ihr abmühten. Zuletzt wandten auch obrigkeitliche Personen von Ephesus ihr amtliches Ansehen an, um sie umzustimmen, – aber es half nichts. Als die gute Frau, die ihren Plan entdeckt hatte, dies sah, blieb ihr freilich keine große Hoffnung, noch ihre Starrheit zu besiegen; doch wollte sie sie nicht ganz verlassen, sondern verschloß sich mit ihr in der Gruft und brachte ein kleines Licht mit, das sie, sobald es auf die Neige ging, von Zeit zu Zeit durch ein neues ersetzte. Schon war der dritte Tag vorüber, seit sie dort lebte, da begab es sich, daß der Statthalter einige Missetäter hinrichten ließ, und diese wurden nach damaliger Sitte an der Richtstätte ausgestellt, und zur Wache standen die Soldaten daneben, damit nicht Freunde oder Verwandte die Leichname wegtragen. Die Stelle, wo sie die letzte Pein erduldeten, war nicht weit entfernt von dem Grabe, in das die Frau sich mit ihrem toten Gemahl eingeschlossen hatte. Als es nun spät in der Nacht und sehr dunkel war, da begab es sich, daß der Soldat, der Wache stand, durch ein ganz kleines Loch in der Tür der Gruft ein Licht durchschimmern sah. Er ging auf dasselbe zu und bemerkte, daß es aus einem Grabe kam. Er wollte erfahren, was es sei, und stieg leise auf der unterirdischen Treppe hinab, lehnte das Ohr an die Tür und hörte nun deutlich das Jammern des Weibes. Daraus schloß er, es sei dies der Ort, wo die berühmte Frau sich lebendig begraben wolle. Sowohl das Mitleid als die Neugier, sie zu sehen, bewog ihn, stark an die Tür zu pochen, und das Pochen schreckte die traurigen, jammernden Weiber aus ihren Klagen auf. Die Magd öffnete ihm, und er trat in das Gemach. Die Frau war teils aus Betrübnis, teils durch den erduldeten Hunger ganz von Kräften gekommen, die Haare jämmerlich zerrauft, das Gesicht mit ihren eigenen Händen grausam zerrissen; aber sie war doch nicht in dem Maße zerfallen, daß ihre ursprungliche Schönheit gänzlich verschwunden wäre. Als der Soldat vor sie trat, erkannte er sogleich ihre große Schönheit und daß sie fürwahr einen so jämmerlichen Zustand nicht verdiene. Er rief daher sogleich ganz keck aus: »Ei, wie schade!« Dies sagen, ihr einen heitern und freien Blick zuwerfen und sich ihr zur Seite setzen war eins. Als die Frau so unvermutet einen solchen Mann vor sich sah, geriet sie in Erstaunen, und da sie nicht wußte, wer es sei, noch zu welchem Zwecke er gekommen, betrachtete sie ihn aufmerksam. Der Soldat war der schönste und reizendste junge Mann des Landes und mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein. Seine Rede floß in solcher Anmut, daß die Frau es sich gefallen ließ, ihn anzuhören, und ihn, ohne ihm zu antworten, von Kopf bis zu Fuß betrachtete. Der Soldat faßte sich daher ein Herz; er merkte, daß es vor allem not tue, ihre verlorenen Kräfte zu heben, holte daher sein Nachtessen, das nicht weit von dort unter seinem Zelte bereitstand, brachte es in die Gruft und trieb sie mit der Magd ernstlich an, etwas Speise zu sich zu nehmen. Die Frau war zwar um keinen Preis zu bewegen, es zu tun; die Dienerin aber, die keinen Gatten zu beweinen hatte, ließ sich nach so langer Enthaltsamkeit von dem köstlichen Gerüche des Weines locken und kostete davon. Hiernach bemühte sie sich von neuem, ihre Gebieterin zu ermuntern, bis auch sie einen Schluck nahm und bald noch einen. Darauf fühlte sie sich weit besser; auf die Einladungen des Soldaten wurde sie noch fügsamer, sie entschloß sich, etwas Speise zu sich zu nehmen, ja, in kurzem saß sie neben ihm bei Tische. Als er sie so von ihrer starren Hartnäckigkeit etwas weichen sah, fing er an, ihr mit vernünftigen Gründen und vielen Beispielen zu zeigen, daß sie jeder Pflicht der Liebe und Anhänglichkeit auf das vollständigste genügt habe; alles, was sie weiter tun wollte, sei nicht nur eitel, sondern würde auch ihrer Ehre höchlich nachteilig sein, da es mehr der weibischen Schwäche als einer vernünftigen Liebe zugeschrieben werden müßte; größeren Ruhm könne sie sich bei der Welt erwerben, wenn sie, statt sich wie andere Weiber in Tränen und Klagen zu verzehren, mutig ihren Verlust ertrage und dadurch ihre Seelengröße beweise. Während der Soldat auf diese Weise sprach, gab ihm die Frau keine Antwort, sondern ihre Aufmerksamkeit war ganz auf ihre Mahlzeit gerichtet. Nach und nach kehrte ihre verlorene Gesichtsfarbe wieder, in den Augen und andern Teilen des Gesichtes erneuerte sich die verschwundene Lebhaftigkeit, und in gleichem Maße wuchs bei dem Soldaten die Lust, ihr schönzutun, und entzündete sich die Liebesbegierde. Als nun das Essen vorüber war, hatte der Soldat durch diese und jene Reden die Erinnerung an den Verstorbenen gänzlich beiseitegeschoben, denn bei Tisch wollte man dessen nicht gedenken, und hatte angefangen, ihre Schönheit zu rühmen. Sie hörte ihm erst mit Widerwillen, dann mit Schweigen und endlich mit Vergnügen zu, und da er sie sehr geschickt zu locken verstand, schritt er endlich bis zu dem vor, was kein anderer an solcher Stelle, mit einer solchen Frau und bei solcher Gelegenheit gewagt hätte, nämlich sie um ihre Liebe anzugehen. Doch kostete es ihn vielleicht mehr Überwindung, die Bitte vorzubringen, als sie, dieselbe zu gewähren. Die gute Witwe, die sich so schwer entschlossen hatte, am Leben zu bleiben, war nun sehr leicht dazu zu bewegen, die Gattin des Kriegsmannes zu werden. Die Hochzeit wurde in derselben Nacht noch gefeiert; es war dazu keine andere Festlichkeit erforderlich als die beiderseitige Einwilligung, und in der Gruft des Gatten gab sie sich seinem Nachfolger preis. Ja, nicht allein diese Nacht, sondern noch viele andere nachher dauerte ihr vertraulicher Verkehr daselbst in aller Stille fort. Während die Sache so ihren Gang ging, merkten die Verwandten eines der in der Nähe Hingerichteten, daß die Wache in ihrer Sorgfalt nachließ; sie erwarteten daher den passenden Augenblick, machten eines Nachts den Leichnam los und beerdigten ihn. Sobald dies der Soldat am andern Morgen gewahr wurde, hielt er sich für verloren; denn er wußte, daß der Beamte ihn zur Strafe für seine Nachlässigkeit zum Tode verurteilen würde. Er kehrte daher in die Gruft zurück und erzählte das Vorgefallene seiner neuen Gemahlin mit dem Beifügen, er werde fürwahr diese Schmach nicht über sich ergehen lassen, sondern ihr mit freiwilligem Tode zuvorkommen. Als sie dies hörte, sagte sie zu ihm: »Das verhüte Gott, daß ich in so kurzer Zeit zweimal Witwe werde und zwei so teure Gatten auf einmal beweine! Da es einmal so weit gekommen, ist es besser, einen Toten aufzuhängen, als einen Lebenden zu verlieren.« Nach diesen Worten zog sie selbst mit Hilfe des Soldaten und des Dienstmädchens den Leichnam des Gatten aus dem Sarge. Er war durch die Länge der Zeit schon so entstellt, daß er nicht mehr zu erkennen war. Sie hüllten ihn in Lumpen, legten ihm einen Strick um den Hals und hängten ihn an den leeren Galgen, wo sie ihn ließen. Darüber verwunderte man sich dann des andern Morgens sehr, daß der Tote an den Galgen zurückgekommen war. Die Frau aber blieb einige Tage mit dem Soldaten verborgen, traf dann durch die Magd die nötigen Vorkehrungen, floh mit ihm und setzte ihn in Besitz ihrer nicht geringen Reichtümer. Giovanni Bottari 1689 – 1775 Der Mönch von Maronia Zur Zeit des heiligen Hieronymus, des größten Lehrers der heiligen Kirche, lebte, wie dieser selbst erzählt, in Maronia, einem Dorfe nicht weit von Antiochia, ein braver Mann von dem Ertrage eines kleinen Landgütchens, das er selbst bestellte, und dieser hatte von seinem Weibe nur einen einzigen wohlgearteten Sohn namens Malco, weshalb denn seine Eltern ihn übermäßig lieb hatten. Da sie nun erkannten, daß er in dem passenden Alter stand, gedachten sie ihm ein Weib zu geben. Sie nahmen den Jüngling zu sich, und der Vater begann liebevoll also zu ihm zu reden: »Mein Sohn, du bist nunmehr, wie du siehst, ziemlich groß geworden und hast keine Brüder und Schwestern; wir aber stehen unserem Alter nahe, und ich selbst trete gar schon in mein siebzigstes Lebensjahr, während du im Gegenteil nun im Alter bist, wo man ein Weib nehmen darf. Wir möchten daher, daß du durchaus zum Trost unseres schwachwerdenden Alters und zur Freude für das deinige dich dazu entschlössest; darüber wirst du, und wir mit dir, glücklich sein: du kannst frei in der Gnade Gottes leben und hoffentlich Kinder bekommen, als Unterpfänder und Trost dieses elenden Lebens, und sofort dein Hauswesen ordentlich im Stande erhalten. Wenn du aber deine Heirat erst auf vorgerücktere Jahre verschöbest, so könnte es dir schon schwerer werden, wie du selbst aus vielen Gründen und Beispielen leicht erkennen kannst.« Malco hatte mit Aufmerksamkeit angehört, was der Vater zu ihm so freundlich gesprochen, und nach einigen Worten der Achtung und Ehrerbietung erwiderte er kurz und bündig, er möge solche Wünsche nicht befriedigen, denn er habe ganz und gar angelobt, der Welt zu entsagen und dem Dienste Gottes sich zu widmen. Die Eltern wurden über diese Worte schwer betrübt und stellten zu wiederholten Malen ihrem Sohne vor, wie er durch seine Beharrlichkeit in diesem Entschlüsse seinen Stamm aussterben lasse, dessen Erhaltung jedem Menschen erfreulich bleibe, er sei, wer er wolle, und wie er ihrem Besitztum einen rechtmäßigen Erben entziehe. Sie mochten ihn aber mit diesen und ähnlichen Gründen so liebreich bitten und bestürmen, wie sie wollten, – er widerstand unerschütterlich, und sie konnten keine andere Antwort aus ihm herausbringen, als, er habe sich entschlossen, nur auf das Heil seiner Seele fernerhin bedacht zu sein und sich nicht um das Irdische zu kümmern. Dabei hatte es aber noch nicht sein Bewenden; vielmehr erneuerten sich ähnliche Gespräche fast jeden Tag, und die Eltern wurden nicht müde, ihn mit Bitten zu bestürmen. Und da sie am Ende sahen, daß die Bitten nichts halfen, schritten sie zu Drohungen, so daß Malco, des fortwährenden Andringens überdrüssig, um sich dieser Pein zu entziehen und sein frommes Vorhaben um so leichter vollständig ausführen zu können, entfloh. Nach Osten konnte er nicht gehen wegen der Nähe Persiens, wo die römischen Heere wegen der großen Feindschaft und des fortwährenden hartnäckigen Krieges zwischen den beiden Völkern immer auf ihrer Hut waren; er schlich daher heimlich ganz allein nach der Wüste von Chalcis zu, erreichte nach einigen Tagen nicht ohne große Beschwerden jene Einöden und fand daselbst ein von Frömmigkeit und Mönchen erfülltes Kloster, dessen Regel er sich mit Herzensfreudigkeit unterwarf. Als er nun Mönch geworden war, kasteite er mit Fasten und Wachen die Kraft und Frische seiner Jugend und die fleischlichen Lüste angelegentlich und verdiente sich Tag für Tag durch seiner Hände Arbeit die spärlichen Bedürfnisse seines Lebens. Als er aber nach einigen Jahren, ich weiß nicht woher, von ungefähr den Tod seines Vaters erfuhr, ergriff ihn die Sehnsucht, selbst zu seiner verlassenen Mutter zu gehen, um sie in ihrem Witwenstande zu trösten. Er hatte nebenbei die Absicht, das ihm zugefallene Landgütchen und sein übriges Erbe an sich zu ziehen, alle seine Habe zu Geld zu machen und teils den Armen des Herrn, teils dem Kloster zu schenken, teils, dachte er im stillen, in Gewahrsam zu behalten, um damit nach seinem anderweitigen Gutdünken zu tun. Er ging zu seinem Abte, um nach Pflicht und Gewissen von ihm die Erlaubnis zu seiner Reise zu erbitten und sich bei ihm zu verabschieden. Der fromme Abt, durch Alter, Verstand und Erfahrung ergraut, machte aber einen großen Aufstand, indem er zu ihm sagte, das sei eine Versuchung des Teufels, und unter der Hülle einer anständigen Sache des frommen Erbarmens seien die Listen und Tücke unseres alten bösen Feindes verstellt; auf solche Weise seien viele kluge, rechtschaffene Menschen und gar manche Mönche hintergangen worden. Er suchte ihm dies durch viele Geschichten und Beispiele zu veranschaulichen und gab sich eine vergebliche Mühe, ihn von dem beharrlich festgehaltenen Gedanken abzuziehen; denn weder diese noch ähnliche abredende Worte, die vielleicht der Heilige Geist selbst dem braven Manne auf die Zunge legte, erschütterten Malco. Da nun der Abt am Ende sah, daß Vernunftgründe und Vorstellungen nichts über den Jüngling vermochten, warf er sich vor ihm nieder und beschwor ihn, seine Kniee fest umklammernd, bei dem einzigen Gott, ihn und das Kloster nicht zu verlassen, das ihn so liebreich aufgenommen und so sorgsam erzogen habe, und nicht Leib und Seele der Gefahr eines fast sicheren Verderbens auszusetzen; denn der Weg von Boria nach Edessa, den er fast notwendig einschlagen müsse, sei noch unlängst durch einige Scharen von Sarazenen unsicher gemacht worden, die durch ihre beständigen Räubereien jene Gegenden verwüstet haben. Er führte ihm auch das heilige Wort des Evangeliums an: »Wer seine Hand an den Pflug leget und siehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes.« Er bedeutete ihm, wie sein Tun am Ende weiter nichts sei, als daß er sich dem Hunde gleichstelle, der immer zurückkehrt, um seinen eigenen Auswurf zu besehen, oder auch dem verirrten, verlassenen Schafe, das freiwillig in den Rachen des Wolfes läuft. Trotz alledem beharrte Malco in seinem übel beratenen Entschlüsse fester und heftiger als je und wollte fort, wiewohl der fromme Abt ihn vor das Kloster hinaus begleitete, wie die menschliche Gerechtigkeit den zum Tode Verurteilten zu tun pflegt, und ihn noch immer durch diese und jene Vorstellungen zurückzuhalten versuchte. Der Mönch ging also fort und schloß sich aus Furcht vor den Räubern vielen andern an, die denselben Weg machen wollten, um sich gegenseitig Schutz zu gewähren, wenn sie zu ihrem Unheil von der drohenden Gefahr überfallen würden. Die Karawane bestand aus etwa siebzig Männern und Frauen jedes Standes und Alters, hatte aber kaum eine Tagereise zurückgelegt, als wirklich eine Schar solcher Ismaeliten, die in großer Zahl im Hinterhalt lag, sie plötzlich und unerwartet überfiel und unter wildem Todesgeschrei und mit gezückten Schwertern überfiel und zerstreute; umsonst suchten sie sich da- und dorthin durch die Flucht zu retten, doch entging keines der Gefangenschaft. Man versammelte sich zur Teilung der Beute; Malco und ein junges Weib fielen durchs Los einem und demselben Herrn zu, der beide auf Kamele steigen ließ und nach einem langen und beschwerlichen Wege über einen großen Fluß hinüber mit Anstrengung und Unbequemlichkeit in eine tiefe Einöde führte, wo dem Mönche die Obhut einer Herde anvertraut wurde. Er mußte darum fern von aller menschlichen Gemeinschaft allein und auf dem Lande leben und war vollkommen zufrieden, da er auf diese Weise die Bestimmung des Mönchslebens besser als im Kloster zu erfüllen glaubte, da ja Mönch eigentlich dem Wortlaute nach ein Einsiedler sein müsse. Er erwog überdies in seinen Gedanken, daß die heiligen Patriarchen des Alten Testaments, wie er oftmals in seinem Kloster erzählen gehört und selbst gelesen hatte, an ein solches Leben lange Zeit gewöhnt gewesen waren. Er dachte gerne daran, und in Rücksicht auf seine vorher ausgestandenen Gefahren söhnte er sich mit seinem dermaligen Zustande aus. Ganz getröstet und beruhigten Gemütes dankte er Gott, indem er die Psalmen, die er auswendig wußte, zu seiner Erbauung absang. Während er dieses ruhige Leben führte, war aber das Schicksal gleichsam noch nicht befriedigt mit der über ihn ergangenen Trübsal und bereitete ihm neue zu. Einsam und in der Verborgenheit floß ihm sein stilles Leben hin, fast kein Mensch auf der weiten Welt kümmerte sich um ihn, und dennoch konnte er sich den Blicken dieser Feindin der menschlichen Glückseligkeit nicht entziehen. Denn da sein Herr den treuen, redlichen Dienst sah, den ihm dieser sein Sklave widmete, als er wahrnahm, wie seine Herde und der Gewinn, den er daraus löste, täglich zunahm, ließ er ihn zugleich mit der Magd vor sich kommen und sagte zu ihm: »Malco, ich bin mit deinem Dienste so wohl zufrieden, daß es mein Herz gerührt hat und ich beschlossen habe, dir einen sichtbaren Beweis meines Wohlwollens zu geben, der, wenn du bisher schon eifrig für meinen Nutzen gesorgt haben magst, groß genug sein soll, dich in der Folge zu bestimmen, mir noch mehr ergeben zu sein. Es ist mir nämlich eingefallen, dir diese Christin zum Weibe zu geben, die mit dir zugleich gefangen wurde und durch das Los mir als Sklavin zufiel. Lebe mit ihr in Frieden und Wohlsein und genieße mit ihr die Freuden, die dir in deinem Unglück ein Trost werden können!« Als der Mönch dies hörte, war er äußerst bestürzt und traurig; er antwortete aber entschlossen, er wolle nichts hören von Heirat, denn sein Gesetz verbiete ihm ein Weib zu nehmen, das gleich wie dieses bereits eines andern Mannes sei, der an demselben Tage mit ihr gefangen genommen, aber von einem andern Räuber anderswohin geschleppt worden sei. Vor Zorn und Wut knirschend, riß der rohe, unbändige Herr sein Messer aus dem Gürtel und wollte ihn töten; und er hätte es auch unfehlbar durchgeführt, wenn ihm nicht dasselbe Weib Schutz verliehen hätte, das er sich weigerte zur Ehe zu nehmen. Aber durch den plötzlichen Schrecken war er stumm geworden; und von den demütigen Tränen gerührt, nahm sein Herr durch Gottes Fügung dieses sein Schweigen und seine Furcht für eine stillschweigende Einwilligung in sein Begehren und stand ab. Malco wurde also mit seiner neuen Verlobten in seine Grotte zurückgeschickt, wo er mit seiner Herde unterkam; die Nacht brach herein, und er legte sich in einem Winkel der Grotte so weit als möglich entfernt von der früher keineswegs gehaßten Frau nieder, die er nun aber mit nicht geringerem Unwillen betrachtete als sie ihn. Wie er nun in Gedanken seine vergangene, daheim in seinem Kloster verlebte Glückseligkeit mit der Härte seiner ihm nun erst recht fühlbar werdenden Knechtschaft verglich, durch die er sich gar gezwungen sehen sollte, seine bisher bewahrte Keuschheit zu verlieren, so überkam ihn plötzlich der verzweifelte Entschluß, ohne Barmherzigkeit sein Leben zu endigen. Er zog ein Messer hervor und sagte, indem er es auf sich gezückt hielt, zu dem Weibe: »Bleib du hier in Gottes Namen, unglückliches Weib! Ich scheide aus dieser Welt; denn ich will mich eher meines Lebens entledigen, als, um es zu erhalten, meine bisher bewahrte Keuschheit aufgeben.« Die Frau hörte diese Worte und sah zugleich den Dolch durch die Dunkelheit der Höhle leuchten. Sie stürzte auf ihren Leidensgenossen zu, faßte ihm den Arm, hielt ihn fortwährend fest, warf sich ihm weinend zu Füßen und beschwor ihn liebreich bei allem, was ihr in den Sinn kommen wollte, sich zu beruhigen. »O Malco«, sprach sie, »werde doch nicht an dir selbst zum Mörder und stürze nicht deine Seele auf demselben Wege ins Verderben, auf dem du sie törichterweise zu erretten meinst! Bringt dich der Wunsch, das Gelübde deiner Keuschheit zu halten, zu einem so grausamen Vorsatze, so wisse, daß auch ich mich lieber will in Stücke hauen lassen, als mich gegen das unbefleckte Gesetz Gottes vergehen; und wiewohl ich bis jetzt vollständig entschlossen war, meinem Gatten die eheliche Treue zu bewahren, so würde ich mich doch den ehelichen Umarmungen ferner ganz entziehen, wenn mein Mann zufällig zu mir zurückkäme. Ich werde daher deine und meine Sache in solches Geleise bringen, daß es gut geht und du dich vollständig beruhigen kannst; denn alle Unbill und alle Mißhelligkeiten von Seiten unseres Herrn werden verschwinden, sobald wir ihm gegenüber so tun, als seien wir ehelich verbunden, während wir weiter mit geschwisterlicher Liebe wie bisher miteinander leben.« Und so geschah es auch ganz, wie die Frau geraten hatte. Das Paar wurde von Tag zu Tag seinem Herrn werter, der ihnen täglich größere Freiheit gewährte, ohne den leisesten Verdacht, daß sie nur daran denken zu entfliehen, da er sie ehelich verbunden glaubte. Nach einigen Jahren jedoch, als Malco in einem sehr ärmlichen Leben vieles erduldet hatte, stand er eines Tages ganz allein schwermütig in der Wüste, die weit und breit seine Augen nichts als den Himmel und die nackte Erde sehen ließ. In tiefem Nachdenken auf seinen Hirtenstab gelehnt, stand er bei seiner Herde, durchlief still bei sich alle die vielen und großen Unfälle, die ihm sein vergangenes Leben schon geboten hatte, und sein gegenwärtiges Elend und erinnerte sich der Gesellschaft der frommen Mönche, unter welchen er erzogen und großgeworden war. Überdies stellte sich seinen Augen das ehrwürdige Bild des Abtes vor, der ihn mit so erbarmender Liebe immer den Weg des Heils geleitet hatte und bei seinem Scheiden so herzinnig über ihn betrübt gewesen war. Indem er sich solcherlei Gedanken tiefer als je ergab, nahm er von ungefähr einen Haufen von Ameisen wahr, die auf und ab auf einem engen Pfade nach ihrer Gewohnheit in langer Reihe hin- und her liefen, eifrigst bemüht, ihre kleinen Geschäfte zu besorgen. Die eine faßte ein Stück fest im Munde und schleppte eines um das andere für ihre Nahrung Erforderliche hin; die andere trug die Erde aus ihren Höhlen und häufte es dann artig zum Schutze gegen eindringendes Wasser an; eine dritte benagte mit ihren Zähnchen die Spitzen der Samenkörner, damit sie, unter der Erde verwahrt, nicht im kommenden Winter keimten; eine vierte schaffte mit großer Mühe die Leichen ihrer Gefährten hinweg, ohne daß sie trotz der großen Menge einander bei diesen Beschäftigungen beschwerlich fielen; vielmehr wenn sie einige von der übermäßigen Last niedergedrückt sahen, stemmten sie die Schultern hilfreich unter und leisteten ihnen zweckmäßige Hilfe; und damit nicht alle diese Dinge einer Art und festen Regel zu entbehren schienen, wenn die Herausgehenden den Hereinkommenden begegneten, hielten sie etwas stille und beschnüffelten sich, als wollten sie gegenseitig ihre Absichten erforschen. Die Betrachtung solcher Emsigkeit regte Malcos untätiges Gemüt mit einem Male auf; er fing an, seine Knechtschaft unleidlicher zu empfinden und sich nach dem alten Treiben des Klosters zurückzusehnen, dessen getreues Abbild er in diesem Ameisenhaufen zu finden meinte. Wie er nun in seine ländlichrohe Behausung zurückkehrte, trat ihm die Frau entgegen; sie bemerkte, daß er gegen seine Gewohnheit niedergeschlagen aussah, fragte ihn nach der Ursache, und er eröffnete ihr sogleich seine ganze Gesinnung. Als sie dies hörte, erbarmte sie sich über Malco; auch ihr wurde nun das harte, einsame Leben verleidet; sie tröstete ihn, so geschickt sie es zu machen wußte, ermunterte ihn dann mit vielen und eindringlichen Gründen und bat ihn, sobald ihm der Zeitpunkt geeignet scheine, mit ihr zu fliehen und sie beide dieser Erniedrigung und Gefahr zu entreißen. Nach langen Bitten ließ er sich bewegen, auf ihre Vorschläge und heißen Wünsche einzugehen. Er besann sich, und nach langem Nachdenken glaubte er den rechten Weg gefunden zu haben. Er wandte sich daher mit folgenden Worten an das Weib: »Beachte wohl, gute Frau, daß du geduldig Zeit und Gelegenheit erwarten mußt zur Ausführung unseres Vorhabens; und unterdessen, so lieb dir dein und mein Leben ist, hast du mir in dieser ganzen Sache und in allem, was ich dir jetzt sagen werde, zu vertrauen, und daß es sonst niemand hört! Ebenso mußt du unbedingt alle Furcht von dir werfen, damit du durch keine Unsicherheit oder Zweifel unsere Flucht hinderst oder zu unserem Verderben gar vereitelst.« Er vertraute ihr dann das Geheimnis seines Planes an und traf die nötigen Vorkehrungen. Zuerst schlachtete er in seiner Herde zwei Böcke von ungewöhnlicher Größe, zog ihnen das Fell ab, machte daraus zwei Schläuche und bereitete das Fleisch dergestalt zu, daß es ihnen auf dem langen, öden Wege zur ausreichenden Nahrung sei. Er nahm dann den günstigen Augenblick wahr, und als die Nacht einbrach, flohen sie an das Ufer des nächsten Flusses. Nach langem und beschwerlichem Wege, als sie vielleicht zehn Meilen gewandert waren, erreichten sie dasselbe. Malco blies die beiden Schläuche auf, die er mitgebracht hatte, warf sie in den Fluß, setzte sich rittlings auf einen derselben und veranlaßte die Frau, sich auf dem andern ebenso einzurichten; dann überließ er sich mit ihr der Willkür der Wellen, die sie die Strömung entlang mit fortrissen. Sie strebten mit den Füßen, so gut sie konnten, das entgegengesetzte Ufer zu erreichen, aber an einer entfernten, tiefer gelegenen Stelle, damit, wenn sie ja von ihrem Herrn, wie sie sehr befürchten mußten, verfolgt würden, er nicht auch jenseits des Flusses ihren frisch getretenen Spuren nacheilen könne. Während dieser unbequemen und gefahrvollen Schiffahrt büßten sie einen Teil ihrer Mundvorräte ein, und es blieb ihnen kaum so viel übrig, als im äußersten Falle bis zum dritten Tag ausreichend war. An dem ersehnten Ufer endlich angetrieben, verwendeten sie zwar die größte Eile auf ihre Flucht, sahen sich aber bei jedem Schritte um, aus Besorgnis, verfolgt zu werden, und setzten sowohl aus diesem Grunde als wegen der glühenden Sonne, die auf ihre Häupter brannte, und aus Furcht vor andern Räubern ihre fernere Reise nur bei Nachtzeit fort. Nach dem dritten Tage eines so beschwerlichen Weges, wo sie in großer Angst bei jedem Schritte sich rückwärts kehrten und die Augen forschend in die öde Ebene richteten, ersahen sie in der Ferne zwei Menschen, denen ihr eilender Schritt das Ansehen von Verfolgenden gab. Eine Unglück verkündende Ahnung zeigte ihnen sogleich das Bild ihres ihnen auf die Spur gekommenen Herrn und erhöhte die Beklemmung und den Schrecken ihrer Gemüter ins Unendliche. Der Gedanke der sie bedrohenden unvermeidlichen Todesgefahr nahm ihnen alle Besinnung und allen Mut, und sie wußten nicht mehr, wo sie waren, noch wo sie hinsollten. Erst als sie die mit einem Male verlorene Fassung allmählich wiedergewannen, suchten sie, wenn irgend möglich, noch Rettung für ihr Leben zu erringen. Sie sahen rechter Hand eine tiefe, finstere Höhle vor sich liegen und drangen in Hast und Eile hinein. Noch waren sie aber nicht weit darin vorgedrungen, als die erste Furcht von einer noch weit größeren überwunden und übertroffen wurde; sie bedachten nämlich, daß wildes Raubgetier und giftiges Gewürm vor der ungeheuren übermäßigen Hitze an solchen schattigen Plätzen Zuflucht zu suchen pflegt; sie ersahen daher links eine Grube und kauerten sich in derselben zusammen, auf weiteres Vordringen verzichtend. Der Herr und ein Knecht (diese beiden waren die Verfolger, die sie von ferne sahen) eilten den in den Sand geprägten Fußstapfen nach, kamen zu dem Eingang der Höhle und stiegen von den Kamelen ab, auf welchen sie ritten. Der Herr schickte zuerst den Knecht hinein, um die Flüchtigen herauszutreiben, und blieb, das entblößte Schwert in der Hand, voll Ingrimms an der Öffnung der Höhle harrend stehen. Der Knecht ging hinein, und bei der Dunkelheit des Ortes und da er gerade aus dem vollen Sonnenlichte kam, wurde er, wie es zu gehen pflegt, halb geblendet, schritt tiefer und tiefer über die Verfolgten hinaus, ohne sie zu sehen, und schrie mit starker Stimme, so laut er konnte: »Kommt heraus, ihr niederträchtigen, verruchten Knechte, die ihr aufgeknüpft zu werden verdient! Euer Herr erwartet euch, um euch verdientermaßen für eure Flucht zu züchtigen.« Die unterirdische Höhle widerhallte von diesem ungeheuren übermäßigen Gebrüll. Ehe sich aber der elende Knecht dessen versah, siehe, da kam eine entsetzliche, grausame Löwin auf ihn zu, warf ihn in einem Augenblicke zu Boden, faßte ihn so fest an der Kehle, daß er umsonst versuchte, schwach um Hilfe zu rufen, packte ihn fest mit Zähnen und Krallen und zog ihn ganz besudelt in seinem Blute mit ihrer großen Kraft in den tiefsten, hintersten Grund der Höhle. Der Herr erwartete seinen Diener geraume Zeit und wußte sich nicht zu sagen, was ein so langes Ausbleiben bedeute. Er vermutete, die zwei möchten vielleicht dem Wehrlosen widerstanden sein; er drang wütend in der Dunkelheit in die Höhle, schrie gleichfalls heftig, schmähte auf das überlange Zögern des Knechtes und rief den zwei Flüchtigen die größten Scheltworte zu, die man nur einem Schelmen sagen könnte. Er war aber noch nicht weit über die Grube hinausgedrungen, die Malco und das Weib barg, als dieselbe Löwin, die soeben den Diener zerfleischt hatte, wütender als je ihm entgegensprang, ihn an der Gurgel packte und ihn plötzlich erwürgte. Aus Furcht jedoch, in ihrem Lager entdeckt und gefährdet zu sein, faßte sie mit den Enden ihrer Klauen ihre Löwenbrut und trug sie, unbekümmert um die zerrissenen und zerschmetterten Leichname, aus der Höhle weg. Malco und seine Gefährtin hatten, selbst unbemerkt, alles mit angesehen, und mannigfaltige, sich widersprechende Gefühle bestürmten zu einer und derselben Zeit ihre Herzen. Erst erschreckte sie nicht wenig das drohende Geschrei des Knechtes und der Anblick des bewaffneten, zu harter und grausamer Rache gerüsteten Gebieters, dann noch weit mehr das furchtbare, gräßliche Aussehen des reißenden Tieres. Jeden Augenblick glaubten sie, jetzt auch von der Löwin gefressen zu werden, so daß sich ihnen jedes Haar auf dem Kopfe emporsträubte, und das Weib, furchtsamer und unvorsichtiger als Malco, war drauf und dran, einen lauten Schrei zu tun. Doch bedachte sie noch die Gefahr, in der sie schwebte; sie faßte sich plötzlich, ohne sich zu rühren, und stand ruhig und fest, als wäre sie ein Marmorbild. Auf der andern Seite wollte es wieder beiden scheinen, Gott habe sich jetzt ihrer in der höchsten Not erbarmt und ihnen solche Hilfe verliehen, wie sie selbst hätten weder erflehen noch wünschen können. Doch glaubten sie noch immer nicht vollkommen sicher zu sein, und erst als es Abend zu werden begann, wagten sie sich hervor. Sowie sie die Höhle in ihrem Rücken hatten, bestiegen sie die beiden Kamele der Getöteten, auf welchen sie einen reichlichen Vorrat von Lebensmitteln fanden, stärkten ihre erschöpften Lebensgeister und die durch Schrecken und Ermüdung nicht minder als durch lange Entbehrung geschwächten Kräfte durch Speise und einen Strahl besserer Hoffnung, wofür sie in ihrem Herzen Gott dankten, und setzten aufs schleunigste ihre Reise in der Einöde fort, so daß sie am Abend des zehnten Tages in das römische Lager gelangten. Sie setzten dem Tribun ihre mannigfaltigen Schicksale auseinander, erzählten ihr beiderseitiges langes Mißgeschick, und nachdem sie viel davon gesprochen hatten, sandte sie der Tribun mit sicherem Geleite an Sabinus, Prokonsul von Mesopotamien, wo Malco die Nachricht erhielt, daß sein frommer Abt aus diesem Leben geschieden sei, worauf er sich mit der guten Frau, die ihm so lange Gesellschaft geleistet hatte, nach Maronia zurückzog, fortwährend die Kirchen besuchte, die Angelegenheiten dieser Welt floh und ganz dem Dienste Gottes lebte. Mit geschwisterlicher Liebe waren sich beide bis zum gebrechlichen Alter zugetan und führten ein frommes, stilles Leben. Alle diese Dinge erzählten sie den Leuten dieses Landes und dem heiligen Hieronymus, der sie aufschrieb, oftmals, nicht ohne ihren Zuhörern Tränen zu entlocken. Francesco Argelati 1712 – 1754 Das Luftschloß Man glaubt, daß die von dem letzten Zar Peter, dem Kaiser der Moskowiten, erbaute Stadt St. Petersburg als Hauptstadt auch die vergnüglichste und gelehrigste Stadt der weiten russischen Reiche sei. Indem des großen Mannes Geist vorzeiten mit Gründung dieser Stadt umging, beruhten seine Gedanken nicht bloß auf den eigentlichen Dingen des Baues, sondern schweiften auch in die Gebiete der Wissenschaften, der Künste und des Handels hinüber, weil sein Bestreben war, einem barbarischen, halsstarrigen Volke zum Trotz, einen Wohnsitz der Kultur zu stiften, der würdig sei, neben den anderen das schöne Europa zierenden zu bestehen. Der Ruhm dieses hochsinnigen Fürsten drang im Verlaufe der Zeit auch nach Italien. Es wurde allmählich da bekannt, wie aus vielen Städten nach St. Petersburg gewanderte Künstler mit offenen Armen empfangen und mit großen Vorrechten begünstigt worden waren, sobald sie sich entschlossen, diese Stadt als eine neue Heimat anzusehen. Und es erweckten solcherlei Nachrichten in vielen Menschen und unter andern auch in dem Gemüte eines jungen Mailänders das Verlangen, nach dem weitentfernten Lande in Verfolgung guten Glückes zu ziehen. Berlaceci, eben dieser junge Mann, hatte einen Oheim, einen zwar sehr gelehrten, aber schon gar zu lange Zeit in den Grenzen einer von der Stadt unfernen, ihm anvertrauten Pfarrei außer Gemeinschaft mit anderen Menschen gebliebenen Herrn oftmals sagen hören, daß er aus eigenen Verstandesmitteln die schöne Erfindung einer neuen, vielfach zusammengesetzten Maschine gemacht habe, womit er zufolge einer seither noch unerhörten Mechanik imstande sei, Häuser, Türme und steinerne Gebäude aller Art, unbeschadet ihrer Festigkeit und Dauerbarkeit, leicht von einem Orte nach dem andern zu versetzen. Er ging also eines Tages zu dem weisen Seelenhirten und trug ihm seine Bitte vor, die Liebe und Freundlichkeit für ihn zu haben, ihm das Geheimnis der Zusammenfügung einer solchen Maschine anzuvertrauen. Er hege die Absicht, in entfernte Länder zu gehen, wo schon anderen die Sonne des Glücks freundlich geschienen habe, und meine, mit einer so wichtigen Entdeckung könne auch er dort eines günstigen Schicksals gewärtig sein. Der gute Oheim lobte einen so verständigen Wunsch seines jungen Neffen und gab ihm zu verstehen, daß er gar nicht abgeneigt sei, darauf einzugehen. Indessen fand er doch in der allzu großen Jugend des Bittenden und vielleicht auch darin eine Bedenklichkeit, daß er wußte, dessen größte seither unternommene Reise sei keine weitere gewesen, als die zu den Toren Mailands in sein Kirchspiel hinaus, wonach am Ende zu fürchten stehe, er werde, sobald er einige Meilen gewandert sei, die Straße schon zu lang finden, seinen Entschluß bereuen und wiederum nach Hause gehen. Es schien ihm deshalb geraten, ein so bedeutendes Geheimnis wie das seinige nicht eher in des Jünglings Hände zu legen, als bis derselbe am Orte seiner Bestimmung angekommen sei, und er sagte zu ihm mit freundlichem Angesichte: »So wie du überzeugt sein kannst, mein lieber Sohn, daß du mich durch einen tugendhaften Wandel gewiß immer bewegst, für deine Zufriedenheit alles, was ich für mich selbst tun würde, gern zu tun, so magst du dich auch für versichert halten, daß ich dir mein Geheimnis jetzt aus keinem andern Grunde vorenthalte, als weil ich dir damit wirklich nützen will. Wofern es dein ernster Wille ist, unter jenem andern fernen Himmel dein Glück zu versuchen, so laß mich zuvörderst von dir hören, daß du an Ort und Stelle gekommen bist! Gibst du mir dann die sichere Kunde, daß mein Geheimnis zur schnellen Bewerkstelligung und mit der Aussicht auf einen reichen Gewinn von dir nachgesucht wird, so werde ich meinerseits gewiß nicht unterlassen, es dir aufs vollständigste mitzuteilen, ich verspreche es dir.« Der Jüngling, der vor Verlangen brannte, in der Welt herumzuschweifen, und nicht länger leben zu können glaubte, wenn er nicht seinen Wunsch erreichte, erwiderte: »Ich bin entschlossen, mein lieber Herr Oheim, diesen meinen Entschluß auszuführen, du magst ihn benennen, wie du willst. Aber weil ich mir vorgenommen habe, nach der so weit entlegenen Stadt Petersburg zu ziehen, so glaube ich nicht, daß es dir leicht fallen werde, mir ebendahin die nötige Belehrung und Auskunft zu erteilen, die du mich gegenwärtig durch deine Worte hoffen läßt.« Er ersuchte ihn darauf mit einem großen Umschweife von Worten, ihn doch wenigstens insoweit zu unterrichten, daß er dem Kaiser eine nach seiner Idee beschaffene Maschine anzubieten und deren Vorteile anschaulich genug zu machen imstande sei, um in diesem das Verlangen zu erwecken, sie in seiner Hauptstadt in Anwendung gebracht zu sehen. Ob nun wohl der ehrliche Pfarrherr im allgemeinen sehr geheimnisvoll tat und insbesondere der Beharrlichkeit des jungen Mannes in seinem Entschlüsse, in Anbetracht der Länge und des Ungemachs einer solchen Reise wie auch der Hindernisse, die dessen Unkenntnis der fremden Landessprache mit sich brachte, keinen rechten Glauben beimaß, so hielt er doch dafür, daß es oftmals als eine Pflicht anzusehen sei, die Neigungen junger Leute zu begünstigen, und beschloß, sich gewissermaßen seinem Neffen anzuvertrauen. Er erteilte ihm denn zuvörderst mancherlei Ratschläge in bezug auf seine persönliche Sicherheit, empfahl ihm insofern die gänzliche Vermeidung vertrauten Umganges mit den Frauen und kam alsdann zu näheren Angaben über das große Maschinenwerk. Nichtsdestoweniger behielt er, aus Besorgnis, es möge einem andern Menschen verraten werden, die Hauptsache des Geheimnisses noch für sich selbst zurück und faßte nur mit bedeutender Selbstverleugnung den Entschluß, dem Jüngling etwas Geld zu schenken, das ihm die Beschwerden der langen Reise erleichtere. Er zählte ihm unter vielen Soldi zwei Filippi auf, umarmte ihn auf das zärtlichste und wünschte ihm vom Himmel alles Reiseglück herab. Der Neffe, der seinen Oheim vorher noch nie so freigebig gesehen hatte, erheiterte sich darüber ungemein und wagte im geringsten nicht mehr zu bezweifeln, er werde ihm, sobald er erst in Petersburg angelangt sei, den Schleier vollständig von dem Geheimnisse des Maschinenbaues ziehen. Er ging ohne weiteren Verzug nach Mailand zurück, wo er sich schon seit einiger Zeit eine Summe Geld aufgespart hatte, verwendete einen Teil desselben zu einem Pferdekaufe, füllte mit dem übrigen seinen Beutel an, sattelte sein Roß ohne Aufenthalt und trabte in die weite Welt hinein. Sparsam und rüstig, von einer Stadt zur andern, kam er vor Ablauf von vierzig Tagen vor Petersburgs Toren an, in die er noch nicht eingeritten war, als ihm ein junger Kaufmann aus Piacenza begegnete, der vor langer Zeit in Mailand mit ihm in inniger Freundschaft gelebt hatte und ihm auf der Stelle, indem er ihn wiedererkannte, den Weg vertrat. Der von den Beschwerlichkeiten der Reise ermüdete Berlaceci hatte sich mit großen Augen, wie einer, der zum erstenmal in eine fremde Stadt kommt, überallhin umgesehen, wendete seinen Blick jetzt dahin, wo er sich bei Namen rufen hörte, und konnte bei dem so unerwarteten Anblick des Piacentiners vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. Am Ende stieg er jedoch von seinem Gaul, umarmte seinen alten Freund, der da, sobald über das gegenseitige Fragen und Antworten die Nacht eingebrochen war, verlangte, daß Berlaceci sein Gast in seinem Hause sei, und nahm gern diese Einladung an, weil er nach so vielen schlaflosen Reisenächten wohl eben Sehnsucht nach einem guten Bette trug. Wie sie nun zusammen zur Stadt hereingekommen waren, der Piacentiner seinen Freund in der Dämmerung nach seiner Wohnung geführt hatte und Berlaceci wahrnahm, daß diese ein kleines hölzernes, aus schlecht zusammengefügten Brettern und dem bloßen Erdgeschosse bestehendes Häuschen ohne Treppe war, das keinen andern Hausrat als vier ringsum an den Wänden festgenagelte Bänke hatte, erstarb ihm gar vor Erstaunen und Schreck das Wort im Munde über das aus einem paar gesalzenen Fischen und schwarzem Roggenbrote bestehende, auf dem nackten Fußboden aufgetragene Abendmahl. Er sagte zu seinem guten Freunde: »Es scheint mir, mein Bruder, als sei deine hiesige Lebensart und Weise, ohne daß es anderer guten Werke bedürfe, der geradeste Weg zur Seligkeit; aber ich, der ich müd und matt von meiner langen Reise bin, gedenke doch von so strengem Fasten und von solcher Buße befreit zu sein.« Der Piacentiner verwunderte sich, wie es schien, seinerseits über Berlacecis Worte und sprach: »Kennst du denn die Sitte dieses Landes nicht? Hier in St. Petersburg sind alle Häuser, wie du morgen sehen kannst, von Holz. Das meine ist vielleicht noch eine der bequemsten Wohnungen in der ganzen Stadt. Der Zar baut jetzt für sich das erste steinerne Haus, und alle Welt bestaunt es wie ein Wunderding.« Was bei solchen Nachrichten aus dem armen Berlaceci wurde, denkt man sich nicht leicht. Es fiel ihm erst in diesem Augenblicke wie ein Stein aufs Herz, sich auf eine solche Reise so unbedacht eingelassen zu haben. Er sah mit stummem Entsetzen, daß ihm der Weg, durch seinen unerhörten Mechanismus zu dem gewaltigen Glück zu gelangen, das er in Gedanken schon beim Schopfe hielt, ganz abgeschnitten war, und ließ willig zu, daß sein Freund, ihn weiter belehrend, sprach: »Das ist bei weitem noch nicht die schlimmste Unbequemlichkeit. Sogar eine Matratze und was außerdem zu einem Bette gehört, worauf bei uns jeder arme Wicht in seiner Schlafstätte liegen kann, sucht man umsonst in diesem Lande des Mißbehagens. Wir anderen ehrlichen Leute müssen wohl oder übel von Fischen und Ungetier unser kümmerliches Leben fristen und erlangen nicht einmal, wenn wir krank sind, einen Bissen Fleisch, weil das frostige Volk hier fast jahraus, jahrein seine strengen Fasten hält.« Berlaceci, der als ein denkender Mann sein Unternehmen fast schon zu bereuen anfing, antwortete: »Ach, Freund, aus dem, was du mir da gesagt hast, erkenne ich, daß wir Toren sind, um der Hoffnung willen, dereinst die lästigen Tage unseres Alters mit minderer Not zu verbringen, uns die schönen Jahre unserer Jugend durch tausenderlei Sorgen zu verkümmern. Droht uns überdies nicht stete Ungewißheit, ob wir des Genusses, für den wir sammelten, auch ergraut noch fähig sind? Denn das Ungemach, was die Jugend nicht achtet, schneidet uns das Leben entweder in seiner schönsten Hälfte ab oder bringt uns in die zweite Tränen und Traurigkeit.« Also bald schlecht gestimmt, sich der Sitte und den Gewohnheiten der Moskowiter zu fügen, dachte Berlaceci schon auf den Heimweg nach Italien, indem er seinem Freunde den Grund seiner Reise nach St. Petersburg und die Geschichte der schönen Maschine vortrug, womit er steinerne Häuser über Stock und Stein hinweg zu schaffen sich schmeichele. Es gefiel aber dem aufmerksam seiner Rede und deren phantastischen Ausschmückungen zuhörenden Piacentiner der Grundgedanke seines großen Baus so ungemein, in der Annahme, wie viele Leute ihre in der alten Stadt Moskau gelegenen Wohnungen gewiß um jeden Preis nach der neuen, noch unbehaglichen Kaiserstadt gebracht zu sehen wünschten, daß er den verzagten Baumeister ermunterte, von seinem Wagestücke ja nicht abzustehen, und ihm von seinen vielfältigen Erfahrungen goldene Berge versprach, wofern er sich mit verständigem Willen in die Umstände schicke und getrosten Mutes sei. Berlaceci hatte vorher in seinem Freunde nicht den Philosophen gekannt, der aus dessen an ihn gerichteten weisen Lehren jetzt zum Vorschein kam. Jemehr dieselben ihn überraschten, desto größeren Eindruck machten sie auf ihn. Und um dem Piacentiner seinen guten Willen darzutun, sich mit den fremden Sitten zu verständigen, bat er ihn, ihm eine Decke zu reichen, und streckte sich damit auf eine der Bänke hin, um auszuschlafen. Wie sehr ihm des anderen Morgens auch jedes seiner Glieder schmerzte und zerschlagen schien, so sprang er doch rüstig und beizeiten auf, um sich in der Begleitung seines gefälligen Landsmannes und Wirtes die Merkwürdigkeiten der Stadt anzusehen. Vor allen Dingen führte ihn der Piacentiner zu dem Bau des prächtigen Kaiserpalastes, wo der selbst gegenwärtige Zar die ungeheuern Mauern immer höher emporsteigen sah und die Arbeiter zu regerer Tätigkeit antrieb. Der Piacentiner war der Meinung, hier sei die günstige Gelegenheit, dem Kaiser seinen Freund vorzustellen. Er führte ihn in die Nähe und hatte noch nicht lange Zeit verweilt, als Peter den jungen Mann wahrnahm, dessen angenehme Körpergestalt und gute Sitte er wohlgefällig zu betrachten schien. Er erkundigte sich bei dem Piacentiner, wer der Fremde sei, ließ ihn vor sich kommen und besprach sich auf italienisch freundlich mit ihm über seine Verhältnisse und Absichten. Berlaceci stellte dem Kaiser seine Lage freimütig vor und ließ sich auf die Beschreibung seiner großen Transportmaschine ein, die er sich willfährig zeigte, zum Nutzen und Frommen der neuen Stadt aufzuerbauen. Der Kaiser ließ ihn ruhig zu Ende reden, erwog inzwischen die Nutzlosigkeit einer solchen Erfindung wohl bei sich und riet dem Jünglinge, das edle Waffenhandwerk so schwierigen Unternehmungen vorzuziehen, worauf er ihm in seinem Heere eine angemessene Stelle übertragen und ihn zu den höchsten Würden befördern werde, wenn er sich immer tapfer und lobenswürdig aufführe. Berlaceci hatte sich aber leider einmal in den Kopf gesetzt, sein Glück mit der großen Maschine machen zu wollen, und wies die Huld und Gnade des Monarchen von sich ab, der ihn um seiner Unklugheit willen bald verabschiedete. Der weltweise Piacentiner mißbilligte es, daß sein Freund dies unverhoffte günstige Geschick so beharrlich verleugnete, und riet ihm, wofern es ihm jemals wieder so freundlich lächele, dem Glücke ja mit keinem so traurigen Empfange entgegenzustehen. Er führte ihn sodann zu den weiteren Sehenswürdigkeiten der neuen Stadt und unter anderen in eine Leineweberei, deren Aufseherin, eine alte Holländerin, sie sehr gefällig aufnahm und, wie sie von dem Piacentiner hörte, der fremde wohlgestaltete Jüngling sei ein Italiener aus Mailand, ein heimliches Auge auf ihn warf. Der Piacentiner übersah nicht ihre günstigen Gesinnungen, und da er wußte, daß die reiche Frau vom Kaiser sehr geachtet wurde, weil sie nicht nur achtzig gelehrige Kinder des Landes mit der Schärfe ihrer Rute im Spinnen und Weben unterrichtete, sondern auch ihre Linnen in großer Vollkommenheit verfertigte, so fing er an, seinen Freund verstohlen zu trösten und aufzumuntern, die Alte ja mit glatten Worten zu erfreuen. Er selbst erzählte ihr auf ihre Frage nach den Beweggründen Berlacecis, warum er in die Hauptstadt des entlegenen Rußlands gekommen sei, auf das umständlichste, wie sehr derselbe in der Kunst erfahren sei, Gebäude jeder Art von einem Orte zum andern zu versetzen, und schilderte ihr die großen Vorteile, die dem Kaiser daraus entspringen würden, wenn er diesen Mann durch ehrenvolle und anständige Belohnungen in St. Petersburg fessele; so daß die gute Dame ungemein begierig in der Tat zu erfahren ward, was ihr der Piacentiner durch seine Rede zu verstehen gab, indem sie ihn ersuchte, ihr eine ungestörte Unterredung mit dem jungen Manne zu veranstalten. Gleichwie sich nun in dieser Zusammenkunft die Alte, die da ihr Toskanisch so gut wie eine geborene Italienerin sprach, bemühte, dem jungen Maschinenbauer zu offenbaren, was sie für ihn empfand, so verstand Berlaceci, nachdem er ihr ein langes und breites von seinem Plane vorgetragen hatte, sehr gut, in Verfolgung seiner Absichten weiterzugehen und, zur großen Freude des ihn beobachtenden Piacentiners, die Holländerin mit süßen Worten zu girren, bis er allmählich alle seine Gedanken über sein Unternehmen bei ihr geltend gemacht hatte und sie durch seine Bitten zu dem Versprechen bewog, den Kaiser womöglich dahin zu veranlassen, ihn in der von ihm gewünschten Eigenschaft in seine Dienste aufzunehmen. Nach so guten Erfolgen schied er mit seinem Freunde hocherfreut von seiner Gönnerin und setzte sich vor, ihr in allen Dingen zu Gefallen zu leben, damit sie ihn in seiner Laufbahn fördere. Er schrak zwar von diesen Vorsätzen bei dem Gedanken an seines Oheims Warnung vor dem vertrauten Umgange mit Frauen reuig einen Augenblick zurück. Sein guter Piacentiner Freund bewies ihm aber, daß jene Warnung auf dies Verhältnis wohl nicht anzuwenden sei, und gab ihm im Gegenteil eine ganz andere Richtung seines Benehmens an. Dieser Unterweisung zufolge besuchte er von Stund an die Alte, bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande, und schmeichelte ihr, die noch eitel genug war, seine Aufmerksamkeiten auf sich selbst zu beziehen, so ungemein, daß sie ihm nicht nur jederzeit äußerte, wie gern sie ihn bei sich sähe, sondern ihm auch zu wiederholten Malen Gelder gab, mit denen er sich reich und stattlich wie ein moskowitischer Edelmann kleidete. Der guten Frau genügte es überdies nicht, nur so viel für ihn zu tun. Eines Tages, da der Kaiser zu ihr kam und mit ihr über ihre Webstühle sprach, nahm sie die Gelegenheit zu klagen wahr, daß das Haus gar zu eng und klein für ihre Arbeit sei, und erwähnte mit guter Art der außerordentlichen Erfindung Berlacecis von Mailand, der da in Polen oder Preußen aufzukaufende große Gebäude mit leichter Mühe zu der Zier und Bequemlichkeit der neuaufblühenden Hauptstadt in sie herüber zu verpflanzen erbötig sei. Sie hatte diese Worte kaum gesprochen, als ihr der Kaiser, ein sehr einsichtiger Herr, erwiderte: »Laß ihn auf den Hauptplatz dieser Stadt den alten baufälligen Turm von Kronschlott schaffen, Frau, so will ich dies für einen Beweis seines Wissens und Geschicks ansehen und bereit sein, ihn mit ansehnlichem Gehalte als meinen Architekten anzustellen. Inzwischen soll der Befehl gegeben werden, daß man dem Berlaceci zu seinen Versuchen allen nötigen Vorschub tut und auf der Newa Tannen herunterfährt, weil in der Stadt schwerlich Hebebäume genug für ihn aufzubringen sind. Die alte Holländerin war über den Beschluß des Zaren so erfreut, daß sie Berlaceci auf der Stelle wissen ließ, wie ihm nun mehr, als er selbst verlange, zugestanden sei. Des Italieners Scharfsinn erkannte die schriftliche Mitteilung solch eingetretenen Glücksfalles nach Mailand für das Nötigste, damit ihm der Oheim vollständiger und genügend die Beschaffenheit der großen Maschine erläutere. Er befürchtete nur, sein Brief könne entweder unterwegs verlorengehen oder, im Fall er glücklich anlange, seines mißtrauischen Oheims Zweifel nicht beseitigen, und entschloß sich, sich seinem Freunde gänzlich anzuvertrauen; er rief ihn also beiseite und erläuterte ihm seine Wünsche folgendermaßen: »Wenn meine Bitten irgend etwas über dich vermögen, mein lieber Freund, so ersuche ich dich, mir zu Gefallen nach Mailand zu gehen und meinen Onkel dahin zu vermögen, sich seines mir gegebenen Versprechens durch völliges Vertrauen zu entledigen.« Der Piacentiner erwog diesen Vorschlag eine Weile unschlüssig hin und her. Wie schwer ihm aber auch der Entschluß zu einer solchen Reise ward, so nötigte ihn doch einerseits das Unternehmen gewissermaßen selbst dazu, weil es schon zu weit gediehen war, als daß ein vor dem Kaiser anzustellender Versuch hätte füglich unterbleiben können. Andererseits vollbrachte seine Liebe und Freundschaft zu Berlaceci gern alles irgend zu Verlangende. Er riß sich also von seinen eigenen Geschäften los, Heß sich das nötige Geld geben und trat die Reise nach Italien an. Inzwischen fuhr die gute Alte fort, ihren Berlaceci mit allem zu versehen, was er bedurfte, um die nötigen Anstalten zu einem Versuche seiner Kunst zu treffen. Es kamen in Petersburg viele Tannenstämme zu dem großen Baue an, und der Bauherr selbst hielt in Erwartung des inhaltschweren Briefes aus Mailand seine Gönnerin und den Kaiser mit verschiedenen Kleinigkeiten auf. Wie es nun aber wohl je zuweilen geschieht, daß allzugroßes Wohlergehen die Menschen der nötigen Vorsicht vergessen macht, und daß Überfluß an Gütern in ihnen Überdruß erzeugt, so hub zuletzt der von dem immerwährenden Umgange mit der Holländerin gelangweilte Berlaceci also mit sich selbst zu reden an: »Berlaceci, was hast du eigentlich noch länger mit der alten Frau zu tun? Sie hat dich reich gemacht und dir den Weg zu allen Dingen, die du wünschen mochtest, gebahnt. Warum siehst du dich nun nicht nach einem jungen Mädchen zu deinem Weibe um, das dir ein hübsches Vermögen zu der Mitgift bringt und dich zu dem zufriedensten Menschen von der Welt machen kann?« Als er diesem Selbstgespräche gemäß auf einem Feste bald nachher eine schöne und reiche Jungfrau des Landes wahrnahm, schickte er sich an, sich mit Eifer und Aufmerksamkeiten jeder Art um ihre Gunst zu bemühen, und entflammte seine Holländerin, die sich dieser Veränderung seines Sinnes wohl versah, zu solcher Eifersucht, daß sie jeden seiner ferneren Schritte bewachte und ihn so lange mit Klagen und Vorwürfen umsonst bestürmte, bis sie die Überzeugung gewann, daß ihr dies alles bei ihm von keinem Nutzen sei. Dann aber verwandelte sich auch ihre frühere Liebe zu ihm in bitteren Haß, und obwohl sie noch viele Tränen um seiner Untreue willen vergoß und in tiefste Betrübnis darob versunken blieb, so nahm sie sich doch recht geflissentlich vor, aus Rache für die ihr angetane Schmach ihre Hand und Hilfe von ihm abzuziehen. Berlacecis Unbedachtsamkeit kehrte sich allerdings nicht daran, daß die Quelle seines Wohlstandes allmählich zu versiechen schien; denn er verschwendete sein geringes Besitztum schneller, als er es erworben hatte, und kam so weit herunter, daß er bei keinem Menschen mehr Hilfe und Vertrauen fand. Vier Monate strichen darüber hin. Er hoffte zwar immer noch durch seine Maschine mit einem Male alles wiederzugewinnen, was ihm durch den verlorenen Beistand und den guten Willen seiner beleidigten Gönnerin zerronnen war. Aber als der längst erwartete und ersehnte Brief des Piacentiners aus Mailand kam und von dem freudig ungeduldigen Berlaceci erbrochen ward, las er daraus, zu seiner schweren Demütigung und Beschämung, ja zu seiner gänzlichen Vernichtung: daß sein Oheim, ohne irgend etwas an ihn zu hinterlassen, gestorben sei. Furcht vor dem Zorne der Alten und vor der Gerechtigkeit des Kaisers bemächtigte sich nach dieser Katastrophe des Unglücklichen dergestalt, daß er, ohne sich von einem Menschen zu verabschieden, die wenigen Gelder, die sich in seinem Bereiche vorfanden, nahm, sein kleines Bündel schnürte und an das Gestade des Meeres lief, über das er sich in einer Barke, man hat niemals erfahren wohin, flüchtete. Was die arme Holländerin anbelangt, so kann man leicht erachten, daß sie in der Folge gewiß weniger über die zu Wasser gewordene Häuserfahrmaschine gelacht, als über ihre schlecht vergoltene Liebe und Anhänglichkeit geweint haben wird. Gasparo Graf Gozzi 1713 – 1786 Kunstkennerschaft Es lebte unlängst in Florenz ein edler Maler, der in seiner Kunst so vortrefflich war, daß seine Mitlebenden wohl hätten darauf schwören mögen, die Natur selbst sei in ihn übergegangen und lasse sich von seiner Hand neu hervorbringen. Was ihm irgend in die Augen fiel, das ahmte er mit seinem Pinsel so anmutreich nach, daß fast ein jeder, der die Nachbildung sah, in Versuchung kommen konnte, sie für das Vorbild zu nehmen. Es hatte aber auch nicht etwa bloß der Zufall für eine so seltene Ausbildung seines Talents Sorge getragen: denn nächstdem, daß er einen ihm angeborenen Kunstsinn und Kunsttrieb besaß, war es von seiner zartesten Jugend an sein einziges Sinnen und Trachten gewesen, demselben durch Fleiß und Nachdenken immerwährenden Vorschub zu leisten, indem er kein einziges Mal lustwandelte, ohne in die Natur und seine Kunst ganz versunken zu sein. Bald verweilte er hier und betrachtete ein ausdrucksvolles oder liebliches Angesicht, bald fesselte dort eine eigentümliche Stellung seine Aufmerksamkeit, oder er beobachtete auch menschliche Schmerzen, Zorn und Aufregung. Im Freien zeichnete er bald etwa eine schöne Felspartie, die durch einen kühnen Vorsprung seinen Blick an sich zog, oder ein stilles klares Bächlein, das sich durch grünende Auen sanft hinschlängelte. Oft bildete er desgleichen mit seinem Griffel die Tiere nach, wenn sie schliefen oder spielten oder weideten, und sein Skizzenbuch war eine wahre Vorratskammer belebter sowie lebloser Natur. Mehr aber als in jeder anderen Art der Malerei tat er sich in derjenigen hervor, die das Angesicht des Menschen, diesen fürnehmlichsten Vorwurf der Kunst, nachbildet, welcher Zweig der Malerei in jenen früheren Zeiten sonderlich gefördert und geachtet wurde, weil verliebte Männer und Frauen sich eben damals noch nicht so häufig und ungehindert sehen und sprechen konnten wie heutzutage und jenes unnütze Blendwerk eines Bildnisses als einen Trost ansahen, der ihren Herzen nachgerade unentbehrlich geworden war. Da trug es sich nun eines Tages zu, daß ein in eine schöne Jungfrau seines Standes verliebter Edelmann dieser Dame seines Herzens sein wohlgetroffenes Bildnis ehestmöglich zusenden wollte und deswegen zu dem wackeren Meister kam, ihm sein Bedürfnis zu verstehen gab und über die Befriedigung desselben in wenigen Worten mit ihm einig wurde. Der Maler legte unverzüglich Hand ans Werk und widmete sich seiner Ausführung mit aller Einsicht und Kunstfertigkeit, die ihm zu Gebote standen. Er trug Sorge, daß der Edelmann eine edle, gefällige Haltung annahm und in seinem Anzuge bei der Sitzung alles Auffallende, Ungewöhnliche vermied, das auf einem Bilde immer störend einwirkt, es mag noch so malerisch ausgesonnen sein, bemühte sich durch die Wendungen, die er dem Gespräche zu geben wußte, das er mit seinem Vorbilde während der Arbeit führte, auf sein Antlitz den natürlichen Ausdruck seines Innern hervorzulocken, wie er ihm nötig war, und brachte dieses Mal, mit überaus glücklicher Hand, bald in dem Werke seiner Kunst ein Bild zustande, das nicht allein dem Edelmanne zum Sprechen ähnelte, sondern auch, wie der Künstler glaubte sich selbst eingestehen zu dürfen, durch seine tiefe Auffassung gleichwie durch seine geschmackvolle Komposition und technisch vollendete Ausführung bei weitem das gelungenste geworden war, das er jemals in seinem Leben gemalt hatte. Als das Bild seiner Vollendung nahe war und der Meister fast nur noch die letzte Hand daran zu legen hatte, fiel es dem Edelmanne ein, es von einigen seiner Freunde in Augenschein nehmen zu lassen, um zu hören, was sie dazu sagen würden. Nachdem er ihnen also nachrichtlich mitgeteilt hatte, daß der berühmte Künstler damit beschäftigt sei, für ihn sein Bild zu malen, führte er eines Tages ihrer fünf bis sechs in die Werkstätte desselben, vor die Staffelei. Wollten nun die jungen Männer zu erkennen geben, daß sie den Weg dahin nicht aus Langerweile gemacht hätten, oder wußten sie in der Tat vielleicht gerade so viel von der Malerei wie die Malerei von ihnen, – kurz, der Meister hatte ihnen das Gemälde nicht so bald zurechtgestellt, so schickte sich ein jeder von ihnen an, den Kunstrichter zu spielen und sprach seine superkluge, mehr oder minder mißfällige Meinung darüber aus. Dem einen schien der Mund ein wenig zu groß; ein anderer meinte, die Augen hätten nicht die natürliche Lebhaftigkeit des Originals, und die Nase möchte wohl etwas allzulang geraten sein. Dieser fand eine kleine Unrichtigkeit in den Augenbrauen; jener sah die notwendigen Schlagschatten für Schmutzflecken an und wünschte, daß sie hinweggetilgt würden. Und so war denn, mit einem Worte, das Ende vom Liede, daß das Bild seinem Originale auch nicht im mindesten ähnlich sei und von der jungen Dame, für die es bestimmt gewesen, ganz gewiß nicht erkannt werden würde. Dieser letztere Punkt ihrer desfallsigen Äußerungen war dem bedenklichen Edelmanne der empfindlichste und vermochte so viel über ihn, daß er, sein eignes widersprechendes Dafürhalten verleugnend, die Erklärung von sich gab, er nehme unter so bewandten Umständen das Gemälde gar nicht an. Wie sehr nun auch dagegen eine so vorschnelle Weigerung den Künstler kränken und erzürnen mußte, so behielt er dennoch seine ganze Fassung bei und ersuchte nur den Kavalier, ihm diese Beleidigung nicht anzutun, indem er ihm noch ein zweites Bild von ihm zu malen versprach, das alle seine und seiner Freunde Ansprüche vollkommen befriedigen solle. Der Kavalier war mit diesem Versprechen zufrieden, und der Maler ging also von neuem an seine Arbeit, die er, von der ihm vermeintlicherweise angetanen Schmach und von der Sehnsucht befeuert, die jungen altklugen Kenner, die ihn so ungerecht beurteilt hatten, durch die äußerste Entwickelung seiner Kunst zum Schweigen zu bringen, mit solcher Anstrengung und solchem Glück beendigte, daß auch die allerschärfste und eigensinnigste Kritik nicht einen Pinselstrich daran hätte tadeln dürfen. Der Edelmann war in seinem Herzen selbst hocherfreut über dieses schöne Werk der Kunst und wagte beinahe zu glauben, daß auch die vorlauteste Zunge daran keinen Stoff zum Tadel finden würde; weshalb er wieder wie das erste Mal seine Freunde abholte und mit ihnen in die Werkstätte des Künstlers ging. Das zweite Bild hatte indessen kein besseres und vielleicht sogar ein noch schlechteres Schicksal als das erstere: denn abgesehen davon, daß die Kenner viele Mängel des ersten auch in dem zweiten wieder antrafen und in diesem sogar die geringe oberflächliche Ähnlichkeit vermissen wollten, die, wie sie sagten, jenem doch im allgemeinen angehaucht gewesen sei, so fingen sie nunmehr an, mit einem gewissen Bedauern Betrachtungen darüber anzustellen, wie so etwas eben leider nicht erstrebt werden könne, wenn es sich nicht von selber mache, und wie alle dergleichen Verbesserungen der unmittelbaren ersten Auffassung, wenn sie einmal eine verfehlte sei, zu nichts als Verschlechterungen derselben ausarteten, weil die gestörte oder erkaltete Phantasie und Begeisterung des Künstlers kein Wiederaufwärmen vertrüge. Überdies nahmen sie die Gelegenheit wahr, so viel nichtiges, auf bloßen Gemeinsprüchen und erlernten Redensarten beruhendes Kunstgewäsch, das auch dem einfältigsten Menschen zu Gebote stehen kann, wenn er es sich erlaubt, von dem Hundertsten aufs Tausendste ohne Zusammenhang überzuspringen, an diese ihre Aussprüche anzuknüpfen, daß das Resultat dieser gelehrten Zusammenkunft kein anderes als die vollkommenste Verzweiflung des armen Edelmanns war, auf diese Weise nimmermehr ein Bildnis erlangen zu können, das ihm wirklich ähnlich sehe. Der Maler war zwar lauter Gift und Galle in seinem Innern und sprühte Zornflammen aus seinen Augen; nichtsdestoweniger benahm er sich aber nicht wie diejenigen, die eine Wette durch Zank und Streit zu gewinnen meinen, sondern drängte seine Entrüstung in sich zurück und zuckte nur ein wenig mit den Achseln, indem er bereits die Art und Weise bei sich überlegte, wie er die jungen Ignoranten am ehesten zum Selbsteingeständnisse ihrer an den Tag gelegten Unwissenheit bringen und sie beschämen könne, über einen ihnen wildfremden Gegenstand, wie den der Kunst, also abgesprochen zu haben. Als die sechs Kenner hierauf fortgegangen waren und ihn mit dem betretenen Kavaliere allein zurückgelassen hatten, hub der Maler folgendermaßen zu ihm zu reden an: »Wiewohl ich, mein edler Herr, gar wohl einsehe, daß die beschränkten Kräfte und Fähigkeiten eines Menschen bei weitem nicht ausreichen, ihm in irgendeiner Kunst das an sich Vollkommene und Tadellose gelingen zu lassen, so kann ich doch nicht umhin, wenn ich die Art und Weise meines täglichen Lebens und seiner Mühen und Erfahrungen mit derjenigen der jugendlichen Kunstrichter vergleichend zusammenstelle, die das Werk meines ernsten Fleißes und meiner besten Einsicht so wegwerfend beurteilt haben, mich selbst für einen gültigeren Kenner eines Gemäldes anzusehen, als sie sind. Ich habe von meiner frühesten Jugend an jeden anderen Gedanken, alle Freuden und Güter der Welt, ja mich und mein irdisches Lebensglück selbst aufgegeben, um einzig und allein dieser heiligen Kunst zu leben, der meine ungeteilte Liebe und mein ganzes Dasein gewidmet ist. Ich habe alle menschliche Gemeinschaft und alles, was den Menschen an das Leben bindet, um dieser meiner Pinsel und dieser meiner Palette willen aufgegeben; ich habe Speise und Trank vergessen und mir den süßen Schlaf geraubt, um nur den bescheidenen Ruhm zu verfolgen, den uns die Kunst gewährt. Ihre Freunde dagegen, denen es jetzt gefallen hat, so gestrenge Richter über dieses Werk meiner Kunst zu sein, haben sich niemals auch nur mit dem leisesten Gedanken auf das Studium der Kunst gelegt, haben weder Pinsel noch Palette jemals angerührt, ja haben nicht einmal den mindesten Begriff von Zeichnung und von den Elementen der Malerei, indem sie, aller ernsten Beschäftigung und alles Berufes hienieden ermangelnd, es jederzeit nur ihre alleinige Sorge sein ließen, ihren Vergnügungen nachzurennen und ihr höchstes Gut in der Ertötung ihrer edlen Zeit zu vergeuden, deren Wert sie nicht zu schätzen wissen. Haben sie jemals ihre Nächte schlaflos durchgewacht, wie es mit ihnen allerdings der Fall gewesen sein mag, so geschah dies gewiß aus einem anderen Grunde, als um da menschliche Gestalten und Ähnlichkeiten künstlich nachzubilden. Trotz alledem verlange ich von Ihnen dennoch nicht, daß Sie zwischen diesen Herren und mir einen Unterschied machen in dem, was unseren beiderseitigen Beruf zur Kunstkennerschaft angeht; sondern Sie sollen durch ihren eignen unmittelbaren Augenschein sich überzeugen, daß Ihre Freunde von der Kunst so viel wie nichts verstehen, und mir selber zugeben, daß das Recht auf meiner Seite war. Ich ersuche Sie also, Ihren Freunden zu wissen zu tun, ich hätte das Gemälde retouchiert, und sie in meinem Namen einzuladen, es sich diesen Abend noch ein einziges Mal bei mir anzusehen. Sie selbst erweisen mir wohl die Gunst, sich einige Zeit vor ihnen hier wieder einzufinden. Zu welchem Zweck ich diese Bitte an Sie richte, werden sie aus dem, was vorgeht, zeitig genug erfahren.« Als ein billig denkender und verständiger Mann willigte der Kavalier in diese Forderung ein. Der Maler aber, von seiner Geistesgegenwart und seinem Scharfsinn unterwiesen, nahm sofort ein Stück Leinwand zur Hand und schnitt dasselbe solchermaßen aus, daß der Edelmann gerade in den dadurch entstandenen leeren Mittelraum sein Antlitz halten konnte. Um die also hervorzubringende Täuschung, als ob es in der Tat auf die Leinewand gemalt sei, destomehr zu erhöhen, nahm der Künstler noch rasch den Pinsel zur Hand und malte die letztere mit Licht und Schatten als Hintergrund zurecht, worauf er sie so hoch als möglich auf der Staffelei anbrachte und eben getrost erwartete, seine komische List teils mit Hilfe der in dem Zimmer herrschenden Finsternis, teils mit der einer vorteilhaften Beleuchtung und einiger anderen kleinen Kunstgriffe vollkommen gelingen zu sehen. Derweil er selber diese Vorbereitungen traf, hatte der Edelmann seine Freunde zum anderen Male an diesem nämlichen Tage nach der Wohnung des Künstlers bescheiden lassen, um ihr unmaßgebliches Urteil über das angeblich retouchierte Bild zu fällen. Die Freunde versprachen nun zwar auch sich einzufinden; indessen fingen sie, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise eine Sache beurteilend, die ihnen unbekannt war, bereits unterwegs an, von der veränderten Arbeit des Malers übel zu reden und es unter sich im voraus abzumachen, daß sie, in Beachtung der daran verwendeten, so ungemein kurzen Zeit, im wesentlichen hätte schwerlich verbessert werden können. Sobald sie durch Klopfen an der Tür Einlaß in die Wohnung des Künstlers begehrten, begab sich der Edelmann augenblicklich an seinen ihm bestimmten Platz, schob sein Gesicht verabredermaßen in das Loch der Leinwand ein, deren Stellung der Maler so gut als möglich anordnete, und erwartete in Geduld den Ausspruch seiner guten Freunde über die wichtige Frage: ob er sich selbst ähnlich sehe oder nicht? Der Maler nahm nach der Ankunft der Kenner das Licht in die Hand und beleuchtete damit nach seinem Gutbefinden das Werk der Natur, derweil die auf daran gestellten Sesseln nach seinem Wunsche Platz nehmenden gelehrten Herren allmählich einer nach dem anderen anfingen, ihre Ausstellungen zu machen. Der eine sagte: »Ich will Sie gern mit der Kürze der Zeit einigermaßen bei mir entschuldigen; aber ich muß Ihnen allerdings gestehen, daß, nach meinem Dafürhalten, die Ähnlichkeit Ihres Bildes mit dem Originale nunmehr geringer geworden ist, als sie irgend vorher war.« Ein anderer versicherte, sein Freund habe in der Wirklichkeit kein so langes Gesicht wie auf der Leinwand. Ein dritter aber sprach: »Was konnten Sie ihm nur da für eine Nase anmalen, mit solcher Erhöhung mitten drauf? Überdies sind eigentlich seine Augen von Natur himmelblau, hier sind sie schwarz.« Da nun der Maler sein Werk dies dritte Mal gegen ihre Anfechtungen verteidigte, so gerieten sie immer mehr in Feuer und erhitzten sich durch ihren eigenen Tadel und durch seine beharrliche Verteidigung zu guter Letzt so sehr, daß sie, damit noch weit über ihre eigene Überzeugung hinausgehend, mit lauter Stimme einhellig die Erklärung abgaben: das Bild sei eine wahre Schülerarbeit und verdiene durchaus keine Billigung. Hier vermochte der Edelmann aber nicht länger an sich zu halten, sondern tat in der Leinwand mit einem Male den Mund auf, indem er ihnen für ihre aufrichtige Kritik seines Angesichtes seinen Dank abstattete und ihnen erklärte, wie er sich nun endlich allerdings dessen versehen habe, daß, wer da auch ganz und gar nichts davon verstehe, dennoch oft ein ebenso guter Beurteiler der Kunst wie der Natur sei. Die erzürnten Freunde entfernten sich, und der Kavalier bezahlte dem Künstler mit Freuden seine beiden Bilder, deren eines er als ein ihr sehr wertes Geschenk seiner Geliebten verehrte. Vincenzo Rota Der Gastwirt von Maderno (Zacharias Werner, Der vierundzwanzigste Februar) In Maderno, einem Dorfe auf Brescianer Gebiet, lebte vor nicht langer Zeit ein Gastwirt, der Niccolà heißen mag. Er besaß dicht an der Dechanei, wo die Straße am besuchtesten ist, ein Haus, in dem er den Landleuten zu essen und zu trinken gab und Reisende, die in ihren Geschäften durch die Gegend kamen, beherbergte. Niccolà war überaus geizig und so begierig nach Geld, daß er, um eines kleinen Gewinnstes willen, wohl die verruchteste Handlung beging. Er betrog deshalb die Einkehrenden entweder mit Maß und Gewicht oder nahm ihnen unbillig viel für ihre Zehrung ab. Das Schicksal hatte ihm eine Ehegefährtin von gleichen Gesinnungen und Gewohnheiten zuerteilt, die nicht nur die Betrügereien ihres Mannes billigte, sondern ihn gar oft zu neuen ermunterte. Wo sie irgend Mittel und Wege zu einer ihm entgangenen Schurkerei offen sah, trieb sie ihn entschlossen dazu an, indem sie zu sagen pflegte: »Wer hat, will mehr haben; wer aber nichts hat, der suche sich etwas.« Bei alledem bereicherten sie sich nicht und behalfen sich im Gegenteil immer kümmerlicher, wie denn die göttliche Gerechtigkeit keinem Menschen auf der Welt unrechtes Gut gedeihen läßt. Diese Leute hatten einen einzigen, Vico getauften Sohn, den sie sehr spärlich und streng ernährten und behandelten, obgleich er ihnen stets alle Liebe und allen kindlichen Gehorsam zu erkennen gab. Sie hielten ihn zwar auch ihrerseits teuer und wert, nur nicht gerade als ihren einzigen Sohn, vielmehr weil seine Aufmerksamkeit und Anstelligkeit ihnen einen Knecht ersparen half. Geschah es nun, daß Vico der harten Zucht seiner Eltern am Ende müde ward oder daß jugendliche Lüsternheit ihn verleitete, kurz, er hatte ziemlich sein fünfzehntes Jahr erreicht, als er eines Nachts plötzlich seine Lumpen zusammenraffte und, mit einigen an Trinkgeldern ersparten Paoli in der Tasche, heimlich aus dem Hause floh, um sein Glück in der Welt zu versuchen. Wie der Knabe, der seiner häuslichen Verrichtungen wegen immer zuerst aufstand, am anderen Morgen nicht gleich zum Vorschein kam, sprang der Vater zornig der leeren Kammer zu, um ihn auszuschelten, und rief die Frau: »Du wirst mir den Jungen ganz und gar verderben, Ceca!« zankte er auf sie los. »Wo ist Vico? Ich sehe ihn wieder einmal nicht. Du schickst ihn zwecklos immer hin und her, und was zu tun ist, bleibt liegen. Sieh selber zu: die Küche nicht gekehrt, die Betten nicht gemacht, kein Feuer auf dem Herde, alles bunt übereck! Wir behalten das liebe tägliche Brot nicht, treibt Ihr es länger so!« »Gottes Kreuz!« erwiderte Frau Ceca etwas aufgebracht, »du bist nicht bei Verstande, Mann! Was fällt dir heute morgen ein? Ich soll den Jungen verderben? Hätte er immer acht auf das, was ich ihm sage und stündlich vorpredige, so stünde es gut mit ihm. Ich sage dir, er steckt voller Tücken und Schelmerei und nimmt noch ein schlechtes Ende, wenn ihm Gott nicht hilft. Ich habe ihn weder gesehen noch weggeschickt, und ich schwieg nur, weil ich meinte, du hättest es selber getan. Der Herr mag wissen, wo er ist. Er liegt doch nicht etwa noch im Bette?« »Im Bett ist er nicht«, brummte Niccola. Derweil sie so schwatzten, suchten sie den Knaben in Haus und Hof und jedem Winkel eine Weile lang, riefen ihn vergebens laut und wiederholt und bildeten sich endlich ein, er möge in die Messe gegangen sein. Wie deshalb Niccolà der Dechanei zuwanderte, begegnete er unterwegs dem aus der Kirche kommenden Dechanten, der den Vico aus der Taufe gehoben hatte und bei dessen Firmung Zeuge gewesen war. »Willst du in die Messe gehen, Gevatter, so kehre nur wieder um,« sprach der Dechant. »Da heute Markt ist, wie du weißt, hielt ich den Morgengottesdienst gleich miteinander ab und schloß die Kirche, weil ich auch meine Geschäfte habe. Ich muß zusehen, ob ich mein wenig Wicken, Getreide und Gemüse verkaufen und etwa mein Saumroß vorteilhaft vertauschen kann, das gar nicht mehr auf die Beine zu bringen ist. Die Messe bleibt heute einmal weg, und es reicht hin, wenn du dein Dies illa oder nach Gefallen deinen Rosenkranz abbetest.« »Ach, Gevatter Puccio, ich habe andere Dinge als Messe und Gebet im Kopf. Ich suche meinen Vico, den ich nirgend finden kann. Ich ging eben nach der Kirche, um zuzusehen, ob er in der Messe sei.« »Ich sage dir«, antwortete Don Puccio, »ich habe die Kirche mit meinen eignen Händen geschlossen, und es blieb niemand darin. Mein Pate ist ja übrigens kein Kind mehr und weiß, wohin er geht und was er tut, wird also nicht zu Schaden gekommen sein. Ich will dir sagen, wie es sich verhält: Du weißt, er ist neugierig und beherzt. Die Stricke schrecken solche Jungen nicht, wenn einmal die Lust sie anwandelt. Ich wollte wetten, er treibt sich auf dem Markte herum. Laß mich nur schaffen, ich schicke ihn dir wohl oder übel nach Hause und mache ihm die Hölle vorher auf meine Weise heiß. Geh an deine Geschäfte; und gib dich indes zufrieden!« »Wollte Gott«, meinte Niccolà, »daß es so ist,wie du sagst!« Er empfahl sich seinem Gevatter und ging nach Hause, wo er die Ankunft seines Sohnes erwartete. Es ward Mittag, die Vesper, auch das Avemaria war vorbei. Und wie der Dechant kam und berichtete, er habe auf dem ganzen Markte herumgesucht und geschaut, aber von Vico keine Spur entdeckt, konnte Niccolà nicht wohl anders glauben, als daß der Knabe ihm entlaufen sei. Schwermütig und betrübt blieb er, in der Hoffnung, Vico kehre dennoch wieder, einige Stunden länger als gewöhnlich wach und legte sich erst spät zu seiner Frau ins Bette, die so wenig wie er die Nacht über ein Auge schloß. Folgenden Tages fragte Don Puccio beizeiten im Gasthause wegen seines Paten zu und erschrak nicht wenig, wie er hörte, er werde noch immer vermißt. Der gute, derbe Mann vertröstete die Eltern nach seinem besten Wissen mit vielen schönen Beispielen aus dem Legendenbuche zur Geduld, führte ihnen aus der Geschichte auch andre fromme, von Gott geprüfte und in Leiden starke, beständige Seelen an, die sich das ewige Heil verdient hätten, und brachte seine Worte und Tröstungen zwar tölpisch genug vor, erleichterte aber doch seines Gevatters Kummer insoweit, als derselbe sich gut genug faßte und in den göttlichen Willen ergab, mehr als jemals vorher, uneingedenk des verlornen Sohnes, sich seines Vorteils befleißigend. Vico trieb sich lange Zeit weit und breit als Landstreicher umher, führte, auf Kosten der Einfältigen, das vergnügteste Leben von der Welt und gelangte zuletzt bis Neapel, wo er sich einfallen ließ, nachdem er also als eigener Herr gelebt habe, auch einmal anderer Willen zu befolgen und in irgendein Haus als Diener zu gehen. Das Glück wollte ihm wohl. Von gutem Aussehen, munter und lebhaft, wie er war, erregte er die Aufmerksamkeit eines vornehmen Herrn, der ihn zu sich nahm und allmählich, seines Fleißes und ordentlichen Betragens halb, so liebgewann, daß er ihm die Aufsicht über sein ganzes Hauswesen anvertraute und ihm, außer einem ansehnlichen Lohne, Kleider und häufige Geschenke gab, wovon Vico, sparsam und Wucher treibend, sich mit der Zeit ein kleines Kapital sammelte. Fünfundzwanzig und noch mehr Jahre mochten verflossen sein, seitdem er aus dem Hause seiner Eltern floh. Weil dem Gastwirte und seiner Frau niemals Nachricht von ihrem Sohne zugekommen war, hegten sie auch nicht die geringste Hoffnung, ihn wiederzusehen, und glaubten fest und bestimmt, er müsse durch einen Unfall das Leben eingebüßt haben. Da ging Vico eines Tages in sich und gedachte der Heimat und der Seinigen ernster und herzlicher, wobei er das folgende Selbstgespräch hielt: »Wie wunderbar nicht die Wege des Schicksals sind! Ich laufe vordem, fünf oder sechs Paoli in der Tasche, ein paar Lumpen auf dem Leibe, von Hause weg und nenne jetzt so viel Geld, so viele Kleider und Habe, mehr als ich brauche, mein, derweil mein Vater und meine Mütter gewiß noch immer, wie vordem, Hunger und Kummer leiden. Der Himmel mag wissen, wieviel Tränen und Sorgen ihnen meine Flucht verursacht hat! Was habe ich nun aber sonst zu tun, als zurückzukehren, sie zu trösten und ihrer Not abzuhelfen, so gut ich kann? Wem als ihnen verdanke ich denn mein Leben und meinen jetzigen Wohlstand? Vielleicht gab ihn mir der Himmel nur, damit ich die Pflichten eines Sohnes erfülle.« Ohne weiteres Bedenken verlangte er also mit guter Art den Abschied von seinem Herrn, der ihm diesen, im Hinblick auf seine gute und gerechte Absicht, wiewohl ungern, bewilligte, zog allerwärts sein Besitztum zusammen, das er in Gold und Wechsel verwandelte, stieg zu Pferde und ritt geradesweges seiner Heimat zu. In Maderno angelangt, erkundigte er sich auf der Stelle, ob Niccolà, der Gastwirt bei der Dechanei, und Ceca, sein Weib, noch lebten? Es fiel ihm wie ein Stein vom Herzen, als ihm die Dorfleute mit Ja antworteten, und er dankte dem Himmel, das Dasein seiner Eltern so lange gefristet zu haben, daß er sie vor ihrem Tode noch sähe und tröstete. Mit sich uneinig, was er nun vor allen Dingen tun solle, lenkte er sein Pferd nach der Dechanei, stieg vor dem Pfarrhause ab und klopfte an die Tür, die ihm der Dechant selbst, das Brevier in der Hand, öffnete, aus dem er eben bei Sonnenuntergang das Complet betete. Vico hatte sich, seit er als junger Mensch von dannen ging, so sehr an Gestalt, Antlitz und Kleidung verändert, daß ihn unmöglich jemand, der ihn früher gesehen, gleich wiedererkennen konnte. Der gute Priester setzte sich also die Brille auf die Nase und musterte den Fremden von Kopf zu Füßen, indem er sprach: »Nach wem verlangt Ihr, junger Mann?« »Nach Euch«, erwiderte Vico, »der Ihr mich, Euren alten Bekannten, wohl nicht so leicht wieder erkennt, wie ich Euch. Um Euch nicht unnützerweise aufzuhalten, wisset, daß ich Vico, der Sohn des Niccolà da drüben, bin, Euer Pate, der vor vielen Jahren, wie Ihr Euch besinnen werdet, von Hause weggelaufen ist. Seht mich recht darauf an: Vielleicht trage ich noch eine Spur von damals an mir.« Der staunende Priester schenkte den Worten des Fremden, der dem Vico, wie er ihn gekannt hatte, gar nicht glich, nicht alsbaldigen Glauben und fing zu seiner Überzeugung an, ihn um viele Einzelheiten zu befragen. Vico antwortete auf alles genau und versetzte dann: »Ihr könntet, mein lieber Don Puccio, von den Beweisen, die ich Euch für meine Aussage gegeben habe, schon überzeugt sein. Desungeachtet füge ich noch einen – mir dünkt, den größten – hinzu, wofern das Kirchenbuch das unzweifelhafteste Zeugnis ablegen kann.« Er sagte ihm Jahr und Tag seiner Geburt. Der Dechant holte das besagte Buch herzu, und wie er sah, daß es Vicos Angabe bestätigte, ließ er seiner Freude freien Lauf. Er warf dem Wiedergefundenen die Arme um den Hals, küßte ihn zärtlich auf die Stirn und sprach: »Oh, sei du mir gesegnet, mein lieber Pate, daß ich dich vor meinem Tode wiedersehe! Wir haben dich bis auf diese Stunde nicht mehr in der Welt geglaubt. Wisse, dein Vater und deine Mutter leben noch, wenn sie gleich so alt, wie du mich da siehst, und hinfälliger durch Kummer und Not als durch der Jahre Last geworden sind. Sie werden vor Freuden umkommen, dich zu sehen. Komm, laß uns geschwind hingehen, sie zu trösten, damit ich ihnen der Überbringer so unverhofften Trostes bin!« Der geschäftige Alte zog Vico bis zur Türe mit sich fort. Da drängte ihn dieser mit den nachdenklichen Worten von sich: »Nein, laß es noch so für diesen Abend! Ich gedenke, wie ein Reisender allein in ihr Haus zu gehen und über Nacht bei ihnen zu ruhen. Erkennen sie mich wieder, so ist es gut. Sonst sage ich ihnen erst morgen früh, wer ich bin, wenn Ihr kommt und ihnen jeden Zweifel benehmen könnt. Die gemeinschaftliche Freude wird so vollständiger.« »Ach, gutes Kind,« entgegnete der alte Dechant, »enthalten wir ihnen die Freude nicht länger vor! Wie sollen sie dich so verändert wiedererkennen? Staun' ich dich doch selbst noch wie träumend als den Vico an! Warum willst du ihnen ihre Zufriedenheit schmälern und verschiebst sie auf den kommenden Tag? Das Gute, das wir heute zu tun imstande sind, sollen wir nicht erst morgen tun, denn es kann vieles in der Zwischenzeit geschehen.« »Was willst du, das geschehen soll?« versetzte Vico. »Kurz, ich bin entschlossen, so und nicht anders zu tun.« »Wenn du durchaus nicht anders willst«, sagte Don Puccio, »so sei es also und geschehe dir danach!« Er küßte ihn liebevoll, indem die Zärtlichkeit seiner Gesinnung einige Tränen seine runzlichten Wangen entlangrollen ließ, empfahl ihn unter wiederholtem Schluchzen Gott und verabschiedete ihn. Vico führte sein Pferd am Zügel nach dem elterlichen Hause, vor dessen Tür auf der Bank sein Vater saß. Wie er den von Alter und Elend gebeugten Mann erblickte, fühlte er sein Herz dermaßen bewegt und ergriffen, daß er beinahe vor ihm auf die Knie niederstürzte und sich ihm zu erkennen gab. Nichtsdestoweniger nahm er sich mit Gewalt zusammen und fragte den Greis: »Kann ich bei Euch ein Nachtlager haben, alter Vater?« Der Alte horchte ein wenig bei der Anrede auf, denn vielleicht schwebte ihm das Bild seines Sohnes vor Augen. Aber der Gedanke an ihn entschwand ihm blitzesschnell wieder. Wie hätte er auch die Wahrheit im entferntesten ahnen mögen! Er erhob sich gemächlich von seinem Sitz und erwiderte: »Du sollst es haben, mein Sohn. Ja ja, dem Alter nach könnte ich dein Vater sein. Ceca, heh, Ceca! Wo bist du? Hier ist ein Gast. Führ' ihn in das Stübchen nach dem Garten hinaus und mach alles für ihn zurecht: ich bringe das Pferd in den Stall.« »Gelobt sei Gott!« sagte die Alte. »Kommt, Herr, ich trage Euren Mantelsack. Ein gutes Nachtmahl soll bald fertig werden.« »Das hätte ich eben gern, Mütterchen«, rief ihr Vico zu. »Gut zu essen und ein guter Schlaf ist das beste, was man sich nach der Reise wünscht.« »Laßt mich nur sorgen, Ihr sollt schon zufrieden sein«, meinte sie. Sie ließ ihn in derselben Kammer zurück, wo er ehedem schlief, und bereitete eilig von dem, was ihr in Haus und Hof zu Gebote stand, ein Abendmahl, das alle drei, nach Vicos Verlangen, miteinander aßen. Obgleich Vico aber die Alten nicht anders als »Vater« und »Mutter« anredete, und obgleich er manches tat, was er als Kind so gewohnt gewesen war, kam doch keine Ahnung von ihm in der Eltern Herz, und er freute sich schon im stillen, sie staunen zu sehen, wenn sie anderes Tages erführen, wer in ihrem Hause sei. Nach beendigtem Abendessen nahm Niccolà ein Licht in die Hand und führte den Fremden in seine Kammer, wo er ein Papier mit den Worten hervorzog: »Hier ist deine Rechnung, mein Sohn.« »Gut«, antwortete Vico, »ich bezahle sie morgen früh; auf keinen Fall reise ich bald von Euch.« »Was, morgen früh?« entgegnete der Alte barsch. »Ich sage dir, daß ich auf der Stelle bezahlt sein will. Ich stehe des Morgens beizeiten auf und kaufe von Lebensmitteln ein, was ich für den Tag bedarf, denn ich bin ein armer Mann, der kein Geld hat und sich behelfen muß.« »Recht gern«, sagte Vico freundlich, »ich möchte Euch nicht erzürnen, guter Vater, hier ist das Geld.« Bei diesen Worten zog er aus dem Felleisen einen großen Beutel, der mit Gold und Silber und Wechselbriefen angefüllt war, schüttete ihn, vielleicht von Eitelkeit verleitet, auf dem Tische aus und bezahlte den Alten freigebig, ohne einen Heller abzuziehen. »Seid Ihr nun mit mir zufrieden, Väterchen?« fragte er. Der Alte bedankte sich, eines solchen Zahlers froh, und bot ihm beim Weggehen eine gute Nacht. Wie er die Treppe hinabstieg, kamen ihm die blanken Goldstücke in den Sinn, erregten sein Wohlgefallen und am Ende den Wunsch, sie zu besitzen, der in einem Augenblicke der Verderbtheit die um sein Herz höher als je auflodernden Flammen der Begierde und der Habsucht entzündete. In sich versunken und verstört setzte er sich neben seiner Frau nieder und begann dies Gespräch : »Weißt du wohl, Ceca, daß wir heut einen reichen Gast beherbergen? Wie vieles Gold habe ich bei ihm gesehen! Guter Gott, wie viel Silber und Wechselbriefe! Wir sind so bettelarm! Oh, Welt! Der eine schwelgt, der andre darbt. Und über alle, sagen sie, wacht doch die Vorsehung.« »Was grämst du dich darum?« sagte die Frau. »Wir sind fürs Elend geboren, nicht weil es gerade unser Schicksal ist, sondern weil wir es in unserer Dummheit nicht anders wollen. In Gottes Namen! Er hat also recht viel Geld bei sich?« »Die Hülle und Fülle, sage ich dir«, murrte der Alte. »Hättest du nur wenigstens die Rechnung mit doppelter Kreide angesetzt«, fügte Ceca hinzu: »aber geschehen ist geschehen. Laß dir es ferner zur Regel dienen, wenn er ein paar Tage bei uns bleibt!« »Ich dachte eben an etwas anderes«, hub der Mann nach einer Pause an: »Frau, weißt du wohl, daß uns mit einemmal geholfen wäre, wenn wir ihm sein Geld stählen? Daß wir alsdann nicht mehr an der Straße zu lauern brauchten, bis uns das Glück einmal in den Schoß fallen will?« »Du sprichst schon recht so«, schmunzelte die Frau und kratzte sich den Kopf; »schliefe er nun aber gerade nicht, wenn wir ihn beraubten, oder wachte plötzlich auf? Ginge des anderen Morgens zum Richter und schlüge Lärm? Hülfe uns dann am Ende unser Leugnen etwas? Ich weiß nicht, wie wir es anfangen könnten: Was meinst du denn?« Der Alte erwiderte, von schmutziger Habgier immer mehr verblendet und umgarnt: »Mir steckt noch ein anderer Gedanke im Kopf, der alle Schwierigkeiten und Gefahr beseitigte. Da er gar nicht von mir wankt und weicht, so glaube ich fast, der Himmel gab ihn mir zu unserm Heile ein.« »Was ist es ?« sprach sie vor sich hin. »Nun«, brummte er kaum hörbar, »du weißt es ja.« »So sprich es doch nur aus«, sagte die Frau zögernd. Er flüsterte: »Der Bursche ist so allein angekommen, zu einer Stunde, da ihn kein Mensch kommen sah. Kein Mensch kann wissen, daß er bei uns ist. Er ist doch gleichsam da, als ob er nicht da wäre. Wenn wir ihn ersticken oder erschlagen oder auf andere Art töten und dann hinten im Garten still und heimlich begraben, wer soll etwas davon wissen, außer Gott ? Es ist gar nicht übel, wenn man so auf einmal reich und von allen Sorgen frei wird. Ich wäre gern das Schelmenhandwerk los und genösse mein Alter behaglich und in Frieden. Du würdest dich auch freuen, deine Lumpen abwerfen zu können, in seidnen Kleidern, mit schönen Halsschnüren und Armspangen und glänzenden Ohrgehängen unter die Bürgerfrauen zu gehen, statt daß du jetzt wahrhaftig nicht ohne Scham unter die Dorfleute treten kannst.« Kurz, er sagte ihr so vieles vor, daß die von Geiz und weiblicher Eitelkeit verblendete Ceca vermessen in den Vorschlag willigte. »Ich weiß nicht, was ich dir antworten soll«, sagte sie, »du hast den Gedanken gehabt. Gottlob! Es hört nun endlich alle Not und Sorge auf, und ich werde eine angesehene Frau im Dorfe. Laß du mich machen, Mann! Deine Eingebung soll nicht vergeblich gewesen sein.« Nachdem sie hierauf noch mancherlei über den Unglücklichen gesprochen und tausend Pläne geschmiedet hatten, was mit seiner Habe anzufangen sei, schlichen sie, zur Stunde, da sie ihn in festem Schlafe vermuteten, leise und auf den Zehen in seine Kammer und, wie sie ihn laut schnarchen hörten, an sein Bett. Der Alte hielt einen Lichtstumpf, sein Weib ein abgezogenes Schermesser in der Hand. Sie entblößte behutsam des Fremden Hals – ihre Hand zitterte – ein Zug – die Gurgel war durchschnitten. Ein heißer Blutstrahl spritzte empor und besudelte den Mördern Gesicht und Brust, zum ersten Vorwurfe ihrer Tat. Beim letzten Röcheln schlug der unglückliche Sohn das gebrochene Auge matt noch einmal auf. »Ach! Vater! Ach! Mutter«, stöhnte er und starb. Die zärtlichen Namen hätten die ruchlosen Eltern auf den Tod betroffen machen sollen, machten aber keinen größern Eindruck auf ihr Herz als am vergangenen Abende, da der Jüngling sie so oft vergebens aussprach. Nach vollzogener Greueltat begruben sie den Leichnam in dem Obstgarten und rannten, wie hungrige Wölfe, nach dem Raube, legten sich aber nicht eher nieder, als bis das schauderhafte Bett, als wäre nichts vorgefallen, wieder in Ordnung gebracht und alles, was das Verbrechen hätte verraten können, sorgsam entfernt worden war. Dann suchten sie Ruhe und Schlaf, wofern sie ihr Bewußtsein des Entsetzlichen ein Auge schließen ließ. Dem Dechanten schien es eine Ewigkeit, bevor der Tag anbrach und er nach seinem Paten fragen konnte. Kaum hatte er also das erste Gold der Morgenröte am Himmel erschaut, so stand er auf, las eilig seine Messe ab und verfügte sich ungesäumt zu seinem Gevatter, den er bereits im Gastzimmer beschäftigt traf und nach freundlichem Gruße wie spottend fragte: »Was gutes Neues heute morgen, Gevattersmann? Du bist ja schon recht früh auf dem Zeuge? Hast alle Hände voll zu tun! Wohl bekomme dir's!« Bei dieser Rede stand Niccolà wie vom Donner gerührt, da er sich nicht hatte träumen lassen, jemand wisse um die Ankunft seines Gastes. Kein Wort zu erwidern fähig, blieb er stumm. »Warum keine Antwort, Gevatter? Scheinst ja wie verhext zu sein? Ich weiß es schon, daß jemand bei dir eingekehrt ist, der dir willkommen war. Warum willst du mir's verheimlichen?« Die sein Herz zerreißenden Gewissensbisse mit aller Kraft bändigend, erwiderte Niccolà dreist: »Was für ein Gast soll bei mir sein? Was sprichst du da? Es gemahnt mich fast, ais hänseltest du mich oder sprächst im Traume. Ich habe weder einen Reisenden im Hause noch seit vielen Wochen einen gesehen. Das verdammte Gewerbe bringt an den Bettelstab. Ich gelobe aber zu Gott, daß ich es zuletzt noch von mir werfen und die paar Lebenstage, die er mir fristet, zum Heil meiner Seele anwenden will.« »Ich hoffe«, fügte der Dechant hinzu, »du vermagst dies künftighin, Dank sei es dem, den du diese Nacht beherbergtest, in deiner Gemächlichkeit zu tun.« »Ich sage dir aber«, rief der Wirt aufgebracht und bestürzt, »ich beherbergte kein Menschenkind. Verstehst du mich? Jetzt geh mit Gott!« Mittlerweile war Frau Ceca dazugekommen und schwur und beteuerte auch ihrerseits, wie sie den Grund des Wortwechsels vernahm, sie habe keinen fremden Menschen gesehen. Am Ende schien dem Priester die Sache zu weit zu gehen. Er sagte: »Ich weiß nicht, meine Brüder, was ihr mit solchen Beteuerungen und überflüssigen Schwüren beabsichtigt? Wollt ihr mich etwa mit der frohen Nachricht überraschen, so wisset, es ist zu spät! Denn der Gast in eurem Hause war gestern bei mir, eh' er zu euch kam, und gab sich mir zu erkennen. Ich habe ihn, wie ihr wohl denken könnt, schon tausend Male umhalst und geküßt. Ich nehme von Herzen an eurer Freude teil, und der Herr Gott segne ihn eurem und meinem Alter zum Troste und Heile!« Kalt und regungslos wie Stein vor Entsetzen stand das Ehepaar da. Die Wahrheit ahnend, rief die Alte zuerst: »Ach, gerechter Gott! Wer war der Fremde, den Ihr meint ?« »War es nicht«, entgegnete Don Puccio, »mein Pate, euer Vico, der seit so vielen Jahren vermißte Sohn? Was kommt denn für ein Schrecken über euch? Wehe! Was muß ich sehen?« Er hatte dies noch nicht ausgesprochen, als er nach der einen Seite Niccolà ohnmächtig niederfallen, auf der anderen die rasende Ceca sich ein Messer in die Kehle stoßen und unter gräßlichem Geheul mit einem Blutstrom ihre Seele aufgeben sah. Es läßt sich nicht beschreiben, was bei diesem Schauspiel aus dem armen Dechanten ward, der die Veranlassung weder ahnte noch erriet. Erstaunt, entsetzt, bewußtlos wandte er sich bald dem Greise zu, um ihm beizustehen, bald richtete er den Blick auf die entseelte Frau. Sein verzweifeltes Geschrei zog endlich viele Leute des Dorfes herbei. Der wieder zu sich gekommene Niccolà erhob seine jammernde Stimme: »Oh, wehe mir Unglückseligem! Was habe ich getan! Wozu verleitete mich meine ungezügelte Begier nach Geld! Den Gast, von dem du sagst, er war mein Sohn, haben wir mit unseren eigenen Händen getötet, um ihn seines Geldes zu berauben. Ich reizte mein Weib an, ihm die Kehle abzuschneiden, ich bin der Urheber des Kindesmordes und verdiene kein augenblickliches Leben mehr.« Von den Furien des bösen Gewissens gepeitscht, hatte er mit der Faust schon jenes Messer angepackt und würde es sich in den Leib gestoßen haben, hätten sich nicht der Priester und andere Anwesende auf ihn geworfen und ihm die Waffe entwunden. Er ward von allen heftig gescholten, mit herben Reden beschämt und zum Erdulden wohlverdienter Strafe der öffentlichen Gewalt überliefert. Sein gottloses, von der christlichen Kirche ausgestoßenes Weib scharrten sie auf dem Felde ein. Den Mann aber erwürgte der Henker auf dem Richtplatze der Stadt Venedig und stellte seinen Leib, nachdem er ihn in Stücke gehauen hatte, nach hergebrachter Weise über dem besuchtesten Kanal der Lagune auf. Eine Warnung und ein Spiegel allen bösen Menschen; besonders den verwünschten Habsüchtigen, deren verabscheuungswürdiges Gezücht Gott vertilgen möge. Carlo Graf Gozzi 1720 – 1806 Wie Battista Moscione sich rächte Es scheint, manche Leute halten für den größten Rächer aller Unbill den Teil, durch den die Speise abgeht. So, als einst ein Apotheker namens Purganz einen Rechtsstreit hatte mit der Gemeinde wegen gewisser Ansprüche, die zu erzählen überflüssig wäre, entlasteten sich vor der Türe seines Ladens eines Nachts alle Gedärme der Gemeinde, so daß Berge von Kot, nicht viel kleiner als die Alpen, entstanden, und auf den Gipfeln dieser Berge staken Stängchen mit Papierwipfeln, worauf geschrieben stand: Deine Arzneien Bringen Gedeihen. In großem Grimm brachte der Apotheker darüber vor dem Bürgermeister eine heftige Klage an, beschwerte sich auf den Straßen und ruhte nicht, bis er zum Gespräche der Knaben wurde. Dies habe ich erzählt ein für allemal als ein Probestück für hundert dergleichen schmutzige Geschichten, die unter diesem Volke vorfielen, das zum großen Teil voll von ungesittetem Wesen ist; und um nicht den Leser auf die Länge mit ähnlichen Erzählungen zu belästigen, schreite ich nun zum Berichte von einer schlauen Rache, die meines Bedünkens vom feinsten Verstande ausging. Ihr mögt daraus ersehen, wieviel gescheite Köpfe hier wären, wenn sie ihren Geist sichten würden wie Getreide, um das Tollkorn vom reinen Weizen auszuscheiden. Battista Moscione war ziemlich klein, bucklig, gelblich, fahl, schwach und kränklich aussehend, aber ganz gesund am Geiste und hatte immer neue seltsame Gedanken. Diesem war nun, ich weiß nicht wegen welches Streites, von Tonio Tiglioccio unverdienterweise eine große Beleidigung widerfahren mit Ohrfeigen und Faustschlägen, und dieweil besagter Tonio ein langer, dicker, nerviger Lümmel war, Moscione dagegen wie gesagt unscheinbar und hinfällig, wußte er nicht, wie er sich an ihm rächen und wie er ihn anfallen sollte, denn er befürchtete, er möchte zerquetscht werden im Kampfe. Er sann daher auf Mittel, daß ein anderer an seiner Statt ihn gebührend durchprügele und bändige, auf folgende Weise. Er war genau bekannt mit Cecco de' Rocchi, einem Edelmann dieses Ortes von kräftigem und gewandtem Körper und stolzer, hitziger, unmenschlicher und unversöhnlicher Gemütsart, die ihresgleichen nicht hatte. Dieser Cecco aber hatte zwei unglückliche Eigenschaften: einmal hatte er ein kurzes Gesicht, sodann war er so taub wie ein Mühlstein. Wegen dieser zwei Fehler bekam er vielfältige Händel und Raufereien, denn er sah und hörte falsch, war immerfort argwöhnisch, fürchtete Spöttereien, hatte ein bitteres Lächeln und eine mürrische Miene. Moscione kam also zu diesem Cecco, der ganz allein an einem guten Feuer saß, ein Bein über das andere Knie geschlagen und baumelnd, neben sich eine gute Flasche. Moscione schrie ihm seinen Gruß zu mit der ganzen Kraft seiner Lunge, und Cecco wendete sich um. »Willkommen, Moscione«, sagte er, »du Mostfliege, Saufaus, mach deinem Namen Ehre! Da ist die Flasche, die allerliebste Flasche.« Moscione sprach, und zwar immer mit gehobener Stimme: »Großen Dank! Zur Gesundheit!« – tat einen langen Zug, setzte die Flasche beiseite und ließ sich zu ihm nieder. Da er aber sah, daß er fortwährend mit dem Fuße wackelte und einzuschlafen drohte, rief er ihm ins Ohr: »Heute nacht ist ein schönes Fest.« Cecco fuhr auf und fragte: »Wo?« Denn Feste sind seine Herzensfreude, und wo eines los war, wollte er dabei sein; trotz seiner Taubheit nahm er am Tanze teil, machte ungeheure Sätze und kümmerte sich wenig darum, ob es auch immer recht im Takte ging, wenn er nur in Gesellschaft von Weibern war; denn wenn er auch ein kurzes Gesicht und schlechtes Gehör hatte, so war doch sein Tastsinn vollkommen gut. Moscione gab ihm also zur Antwort: »Da draußen in der Vorstadt in dem Miethause.« Cecco sagte: »Wollen wir hin? Wer stellt es an?« Moscione antwortete: »Ei, versteht sich, eben deshalb komme ich, um Euch aufzufordern. Die Veranstaltung kommt von Tonio Tiglioccio.« Er freute sich im innersten Herzen, denn sein Plan war auf dem besten Wege, zu gelingen. »Aber wird er uns auch einlassen?« fragte Cecco. »Zum Teufel« schrie Moscione, »wenn er auch mir nicht die Türe öffnet, so wird er doch Respekt haben vor Euch und die Tore weit aufmachen. Kommt, kommt!« Sie machen sich bereit und steuern der Vorstadt zu. Es war aber im Winter um die Mitternachtsstunde, wo selbst die Mäuse schliefen, und ist zu wissen, daß Moscione gelogen hatte, denn es war kein Fest: jenes Haus war leer und keine lebendige Seele drinnen. Als sie dem Orte nahe kamen, rief Moscione: »Ich höre eine große, schöne Musik von Instrumenten, lauten Jubel und schallendes Gelächter.« Cecco, der sich nicht verwunderte, nichts zu hören, rief: »Wir wollen auch lachen! Klopfe an und versuche, ob sie dir aufmachen! Tun sie es nicht, so will ich anklopfen und meinen Namen angeben und schöne rednerische Formen anwenden; laß mich nur machen!« Moscione verbiß das Lachen, denn er hatte dabei seine böse Absicht, eilte an die Tür, klopfte heftig an, trat dann ein wenig beiseite und schaute empor. Als hätte ihn jemand gefragt, wer da sei, antwortete er mit lautester Stimme: »Seid So gut und macht auf!« Er wartete wieder ein Weilchen, wie wenn man ihn fragte: »Wer seid Ihr und was wollt Ihr?« Dann fuhr er laut fort: »Ich bin Battista Moscione und bitte Euch, mich ein Augenblickchen aufzunehmen.« Dann stand er wieder, als ob er hinhörte. Cecco mußte damals doppelt taub und blind sein gegen sonst; er wartete verlangend, bis sie aufmachten, schaute ebenfalls verlangend empor, den Mund aufsperrend wie ein Scheuertor, und sah dann wieder Moscione an, welcher sagte: »Sie haben mir gesagt, sie haben Auftrag, niemand mehr aufzunehmen, und sie dürfen nicht. Auch haben sie das Fenster wieder zugemacht.« Cecco fragte: »Kanntest du den, der dir diese Antwort gab?« Moscione antwortete: »Es war Tonio selbst, und der Tropf ist doch der Festgeber.« Cecco sprach: »Laß mich nur machen und sage mir, wenn sie das Fenster aufmachen und was sie auf meine Reden antworten! Denn du weißt, mein Gesicht und Gehör ist schlecht beschaffen.« Schon halb in Wut klopfte er heftig an die Tür des öden Hauses, welches hohl erdröhnte wie ein Faß, trat zurück, schaute hinauf und dann zu Moscione hin, den er fragte, ob das Fenster aufgehe. Moscione sagte: »Nein.« So klopfte er denn dreimal immer zorniger an. Am Ende, als es Moscione Zeit schien, sagte er, es zeige sich ein Kopf an einem Fenster, und hernach, sie haben gefragt, wer poche. »Liebe Brüder«, rief Cecco, »macht ein bißchen auf, daß wir eure angenehme Gesellschaft sehen!« Dann lauschte er und fragte Moscione, was sie antworten. Moscione rief ihm zu, sie sagten, sie wollten wissen, wer er sei. Cecco schlug sogleich seine Blicke in die Höhe und rief den Ziegeln zu: »Macht ihr uns auf, wenn ich euch sage, wer ich bin?« Und zu Moscione gewandt fragte er: »Was haben sie gesagt?« »Sie sagen«, antwortete Moscione, »ja, vielleicht.« Cecco fragte Moscione weiter: »Kennst du den, der mit uns spricht?« Moscione antwortete: »Es ist niemand anders als Tonio, ich kenne ihn an der Stimme.« Cecco hob wieder den Kopf empor und rief wieder den Traufen zu: »Mach auf, mach auf, Tonio, ich bin Cecco de' Rocchi, weißt du?« Er näherte sich der Haustür und war versichert, sie werde nun aufgehen, und er könne wohl warten. Moscione aber rief nun: »Er sagt, er mache nicht auf. Hätt' er doch einen Dolch im Leibe! Das ist wahrhaftig die größte Beschimpfung, nachdem er Euch um Euern Namen gefragt hat.« Cecco brach in ein bitteres Lachen aus, kehrte sich gegen das Haus und rief: »Wie, du willst nicht aufmachen? Ich weiß, du wirst mir aufmachen, Sapperment, du wirst mir aufmachen! Du mußt spaßen!« Dann sagte er leise zu Moscione: »Was gibt er zur Antwort?« Moscione rief: »›Verfluchter, garstiger Hund‹», sagt er, ›der überall zu finden ist, wo man Melonen riecht‹!« Ceccos Zorn flammte auf wie Schwefel. »Ha, du galgensüchtiger Dieb«, rief er, »hätte ich nur meine Büchse bei mir, – bei der heiligen Maria, ich wollte dir das Hirn an die Sterne verspritzen!« Moscione, der seine Angelegenheit vortrefflich im Gange sah, war boshaft genug, noch Öl ins Feuer zu gießen, und rief: »Er sagt: ›Ha, Verräter!‹ Er hält Euch nicht einmal eines rechten Winds wert und läßt welche durch die Lippen gegen Euch streichen wie ein gespießter Esel.« Cecco rief: »Du sollst mir bald den letzten fahren lassen, du Hurensohn!« Moscione schrie: »Gebt acht, er droht einen Kübel über Euch auszuleeren.« Zugleich sprang er rückwärts. Cecco machte auch ein paar Sätze nach hinten und rief beständig: »Nur zu, nur zu, du Hörnergraf! Du bleibst auch nicht immer eingeschlossen. Du hast es mit Cecco de' Rocchi zu tun; morgen werden wir schon einander näher kommen.« Nach diesen Worten ging er ganz grün, gallespeiend und wutschnaubend von dannen, und Fuchs Moscione mit seinem buckligen Rücken ging ihm nach und schrie: »Wenn er nicht aufmachen wollte, gut! Aber dann mußte er auch nicht nach dem Namen fragen und hinterher sagen: ›Ich mache nicht auf.‹ Verruchter Bankert! Das ist eine Schmach, die Euresgleichen nicht auf sich sitzen lassen darf. Ich glühe vor Zorn. Welche häßliche Worte, welche garstige Drohungen! Zum Teufel, ich weiß nicht, ob ich sehe oder träume.« Und so ging er immer hinter ihm drein, die Viper stachelnd. Cecco hüpfte voran, stieß sich an Mauern und stieß sich an Pfeiler, denn die Dunkelheit war groß, und er sah ohnedies nicht viel. Dabei brach er in die heftigsten Flüche aus, biß sich in die Hände, verwünschte die Elemente und sagte darauf zu Moscione: »Ich möchte nur dir den Hirnschädel zersplittern; ich war so in guter Ruhe zu Hause, und du bist schuld an dem, was vorgefallen ist. Daß dir doch ein Galgenstrick die Gurgel zuschnürte! Ich weiß nicht, was mich abhält, dir das Gehirn zu verschütten wie einem Huhn.« Hieran reihte er noch ein paar Flüche und fuhr vorwärts. Moscione, immer hinter ihm drein, rief: »Ich bitte Euch um Erbarmen, Ihr habt recht, aber ich tat alles in guter Absicht. Wie hätte ich ahnen können, daß Tonio einem Manne wie Euch eine so schnöde Behandlung angedeihen lasse! Man sollt' ihn lebendig braten! Aber der morgende Tag soll nicht vorübergehen, so will ich ihn behandeln, wie er es verdient, Euch zuliebe.« »Ja, dazu habe ich deine Hilfe sehr nötig, Meister Schafskopf«, erwiderte Cecco. »Laßt mir den Bauch aufschlitzen wie einer Schleie, wenn ich ihm nicht genug gebe, daß er das Zeichen zum Grabe trägt! Ich habe schon so ein Rädelschnittchen, das zu dergleichen Umständen paßt. Was brauch' ich deinen Beistand, Meister Grasaff?« Darauf gab er noch etliche Flüche von sich und schritt weiter. Der schlimme Moscione aber folgte ihm in der heitersten Stimmung und tat und sprach, was er konnte, bis er ihn voll Gift wie einen Basilisken in sein Haus gebracht hatte. Da sagte er denn: »Gute Nacht!« Cecco antwortete ihm nichts, denn seine Augen rollten, er erstickte fast vor Wut. Jener aber ging seiner Wege, zufrieden über die neuen Anzettelungen. Es schien ihm, als sehe er seine Rache in der Luft schweben und Tonio unter einer Stockschleuder auf der Erde in den letzten Zügen schnappen wie eine betäubte Barbe im Rinnstein. Cecco stieg lärmend die Treppen empor, der Diener brachte Licht, er trat in sein Schlafzimmer, warf den Mantel dahin, den Hut dorthin, die Perrücke auf den Boden, setzte sich nieder, zog einen Schuh aus, hielt ihn lange fest in der Hand, in Gedanken versunken, schüttelte den Kopf, sah die Wand an, lachte und murmelte vor sich hin wie ein Verrückter, bis endlich der Diener fragte: »Was habt Ihr? Was hat es gegeben?« Da sprang er auf, gab ihm eine Maulschelle und ein paar Fußtritte, jagte ihn hinaus und rief: »Was willst du denn?« Da wachte die Frau auf und fragte: »Was für ein Teufelslärm ist denn das?« Cecco gab ihr eine Ohrfeige und rief: »Da hast du's.« Dann legte er sich samt den Kleidern zu Bette, und die Frau schwieg, denn sie kannte seine Launen. Er aber tat die ganze Nacht kein Auge zu, blies bald seine heiße Suppe kalt, bald setzte er sich hin, bald streckte, drehte, wendete er sich und seufzte. Kurz, kaum zeigte sich einige Dämmerung an den Fenstern, so sprang er aus dem Bette, als hätte er Feuer im Hintern; noch in Pantoffeln, setzte er den Hut auf die Nachtmütze; in diesem meuchelmörderischen Aufzuge nahm er sechs Spannen eines knorrigen, jungen Eichbaums, den er immer für solche Zwecke in einem Winkel stehen hatte, unter den Arm, warf den Mantel um, steckte das Gesicht halb darunter, und so stand er auf der Straße und eilte gegen die Bude Tonios, der ein Leinwandhändler war. Dort ging er hin und her, lehnte sich manchmal an einen Pfeiler und spähte dahin und dorthin mit seinen langen rotbraunen Augen wie ein Maimonaffe. Der Tag kam, die Mauern wurden rot, die Leute kamen allmählich vorüber; jedermann guckte ihn an und verwunderte sich, ihn in solchem Aufzuge zu sehen. Endlich kam auch Tonio, nichts ahnend, ganz leise und noch halb schlaftrunken mit einem Bündel Schlüssel in der Hand auf die Bude zu, um sie zu öffnen und an seine Geschäfte zu gehen. Sobald Cecco seiner ansichtig ward, verdrehte er die Augen, schnaubte vor Wut, ging ihm entgegen und rief: »Verruchte Schnauze, ich will dir deine Tanzlust eintränken, ich will dich lehren, wie man sich anständig aufführt.« Dann fing er an sich aus dem Mantel loszumachen. Tonio meinte, er habe mit einem andern zu tun, und drehte sich um, um zu sehen, wer hinter ihm komme; Cecco aber versetzte ihm einen so hübschen Schlag an die Beine, daß er umfiel. Im Niederstürzen rief Tonio: »Weh mir, Ihr täuscht Euch; ich bin ja Tonio Tiglioccio.« Cecco aber hämmerte ihm immerfort auf Arme und Schultern los, schlug ihn grün und gelb und drauf und drauf, wie einen dürren Fisch in der Fasten. Dazu rief er: »Wirst du aufmachen? Wirst du mehr nach meinem Namen fragen? Jetzt trompete, wie du willst, und leere mir Kessel über den Kopf aus!« Und er prügelte immerfort. Tonio versuchte sich aufzurichten, aber umsonst, der Sturm war zu heftig und rasch. Er fing an zu schreien, so laut er konnte: »Kommt herbei, kommt zu Hilfe! Ich bin des Todes! Zu Hilfe!« Die Leute riefen: »Halt ein, halt ein um Gottes willen! Im Namen unseres Bürgermeisters!« Aber sie hatten gut schreien, denn ehe Tonio zerschlagen und Cecco müde war, half alles nichts. Cecco rief: »So lehre ich einen, wie er sich anständig aufführen muß!« Dann ging er weg mit hoher Stirn und strahlend über seine schöne und große Tat. Viele der Hinzugelaufenen gingen hinter ihm her und riefen: »Cecco, was Teufels habt Ihr gemacht?« Er wandte sich um mit seinem herben Gelächter, schwang seine Keule und sprach: »Willst du, daß ich dir zeige, was ich tat?« Ein anderer sagte: »Ihr habt nicht wohlgetan.« Er aber schwang wieder seinen Prügel und rief: »Willst du davon statt seiner, und noch besser?« Ein dritter rief: »Ihr habt ihn totgeschlagen.« Er erwiderte: »Wenn ich ihn fortgetragen habe, so hole du ihn wieder!« So antwortete er, bald wegen seiner Taubheit mißverstehend, bald aus Dummheit, ging nach Hause und dünkte sich Cäsar zu sein auf dem Kapitol. Manche waren bei Tonio geblieben, welcher voll Schmerzen, ganz blau geschlagen, zerrissen, zerzaust und beschmiert sich aufrichtete. Man fragte ihn: »Was ist es? Was fehlte denn? Was sollte das? Was hast du ihm getan?« Er krümmte sich zusammen wie ein Tölpel, sah diesen und jenen an und sagte: »Möchtet ihr es wissen?« Einer sagte: »Du wirst ihm einen Spuk gespielt oder eine Schmach angetan haben.« Tonio antwortete: »Nein, beim heiligen Gott! Zwickt mich mit glühenden Zangen, wenn ich etwas mit ihm zu tun gehabt habe! Er sagte, weiß Gott was, von Tänzen, von Namen, anständigem Betragen, man sollte mich schinden; dann fing er an Äpfel zu schütteln, wie ihr gesehen habt. Er hat es aber ganz listig darauf angelegt, den ersten Schlag nach den Beinen zu führen, so daß ich umpurzeln mußte; denn wäre ich aufrecht geblieben, so hätte er nicht so lange mit seiner Kelle hantiert, er hätte schon seinen Mann gefunden; zuerst hätte ich mich geschützt durch eine Parade in der Quinte, hätte ihn dann unter mich gebracht, an der Brust gezerrt und an der Gurgel, so daß er, weiß der Himmel!, schwarzblau geworden wäre wie eine Tollkirsche. Aber was konnte ich anfangen? Ich stürzte bewußtlos zu Boden, und damit gute Nacht! Wer kann sich hüten vor Verrat? Aber ich will ihn zur Rechenschaft ziehen, und stünde er auch höher als der Montecavallo! Unser Bürgermeister ist gerecht, und er soll die Sache richten!« So beschimpft ging er hinkend, ohne weiter die Bude zu öffnen, nach dem Gerichtshause und rief immer: »Zum Bürgermeister! Zum Bürgermeister!« Einige, welche mit Tonio befreundet waren, versuchten mit Worten und Taten alles, um ihn zu beschwichtigen; sie redeten ihm eindringlich zu, er müsse sich vorerst salben und Speck zu sich nehmen, auch in Erfahrung bringen, wie und warum er auf diese Weise zugerichtet worden sei. Der eine nahm ihn bei den Armen, der andere am Kleide, so daß er nach Hause kam und wußte nicht wie. Andere liefen zu Cecco und sagten ihm, daß Tonio willens sei, sich an den Bürgermeister zu wenden. Cecco lachte laut auf und rief: »Er soll hingehen, er soll hingehen; ich werde kommen und mich verteidigen. Ich hätte ihn sollen prügeln, bis er ausgeschnauft hätte! Wißt ihr denn, welche Schmach er mir angetan hat?« Hier erzählte er denn die ganze Geschichte mit dem Balle und daß jener ihm nicht aufmachen wollte und von der ganzen Mißhandlung durch Worte, Taten und Drohungen. »Und das alles«, setzte er hinzu, »nachdem er gefragt, wer ich sei, und ich es ihm gesagt hatte, so daß er also mir geradezu diese Schmach antun wollte; und er kann sich nicht ausreden, ich habe Moscione zum Zeugen.« Darauf sagten sie: »Wenn es so ist, so habt Ihr tausend Gründe.« Sie kehrten um, gingen zu Tonio und sprachen: »Du hast unrecht, da du dich so aufgeführt hast; darum trag dein Leid in Frieden!« Tonio wollte vergehen vor Zorn, schwur, es sei alles nicht wahr, der Ball und der Streit, rief seine Diener herzu und fragte: »Wo habe ich heute nacht geschlafen?« Alle sagten: »Zu Hause, das läßt sich beweisen.« Die Verwunderung ist groß. Man läuft zu Cecco und sagt ihm, wie die Sache stehe. Cecco wollte sich den Kopf an die Wand schlagen und schreit: »Kommt zu Moscione, da werdet ihr den Hergang hören!« Sie gehen zu Moscione, man sucht da, stöbert dort, Moscione aber findet sich nicht. Sie gehen an jenes Haus in der Vorstadt und fragen in der Nachbarschaft, ob eine Festlichkeit in der letzten Nacht hier stattgefunden habe. Die Antwort lautet: keineswegs, übrigens haben sie sehr wohl pochen und die Leute auf der Straße rufen gehört, und weiter wissen sie nicht. Nun beginnt ein Argwohn aufzutauchen gegen den trefflichen Moscione: man sucht und sucht wieder nach ihm, und so erfuhr man, daß er hinweggeritten sei, und das war er in der Tat; denn sobald er vernommen, daß Tonio sein Teil erhalten hatte, war er ganz heiter davongereist in Rücksicht auf den ersten Grimm, der aufwallen möchte. Nun leiteten es die Freunde ein, daß Cecco sich zu Tonio verfügte, um sich auszusöhnen; nachdem alles erzählt war, merkte Tonio, der sich seiner Mißhandlung Mosciones wohl bewußt war, wie die Sache stand, und sprach: »Mir scheint die Sache so und so zusammenzuhängen.« Alles stimmt bei und wundert sich. Cecco wollte hinlaufen, um Moscione entzweizuschlagen, aber man hielt ihn auf, und nach alter, rühmlicher Sitte erschienen Flaschen, Gläser und Schinken gleichsam als Taube mit dem Ölzweig im Schnabel, und der Friede ward geschlossen. Und während man zecht und bechert, gibt jeder seine Ansicht preis über den Vorfall, und die tiefsten und gründlichsten Gelehrten des Landes sprachen, Moscione wäre würdig aus einer Schüssel zu essen mit Bertoldo. Ja, er gewann sich so großes Ansehen durch die feine List, durch die er sich Rache verschafft hatte, daß viele sich Mühe gaben, auch mit ihm eine Versöhnung zustande zu bringen, was auch in wenigen Tagen gelang. Ich meinesteils hätte diesem den Strang zum Lohne gegeben, denn er war in jedem Falle ein Schurke, und sein Fehler war es nicht, wenn Tonio nicht einen Hieb auf den Nacken bekam, von dem er tot blieb, und wenn Cecco nicht an einem Örtchen moderte, in das die Sonne nur gewürfelt scheint. Man hätte gewiß recht gehabt, diesen Menschen zu strafen; denn eine solche Züchtigung hätte ihn vielleicht dahin gebracht, seinen großen Verstand zu vernünftigeren und christlicheren Zwecken zu gebrauchen, als der Schelm tat und viele andere seinesgleichen, die aus Eigennutz oder Laune alltäglich an Freund und Feind den schlausten Verrat üben; Gott vertilg' ihren Samen! Michele Colombo 1747 – 1830 Der Mönch als Esel In vielen Gegenden Italiens sah man in früheren Zeiten auf dem Gipfel eines entlegenen Hügels eine einsame Hütte errichtet, die man Einsiedelei nannte. Man sieht solche zuweilen noch heutzutage, doch sind sie sehr selten geworden. Diese Hütten waren bewohnt entweder von einem einzigen oder von zwei oder höchstens drei Männern, die dort ein einsames Leben führten und ihren Unterhalt durch Almosen erwarben, die sie von Woche zu Woche in den umliegenden Dörfern und in den benachbarten Städten einsammelten. Sie bekannten sich zu keiner Ordensregel, wiewohl sie Mönchskleider trugen, sondern hielten sich, wie Sankt Benedikt sich ausdrückt, nach ihrer Phantasie, indem sie für gut und heilig erklärten, was mit ihren Wünschen übereinstimmte, und für unerlaubt erachteten, was ihnen nicht behagte. Manche von ihnen lebten allerdings untadelhaft in ihren Einsiedeleien; deren Zahl aber war nicht bedeutend. In der Treviser Mark lebte vor nicht gar langer Zeit in einer solchen Einsiedelei ein ehrwürdiger Greis, der sich zurückgezogen hatte, um Buße zu tun für seine jugendlichen Übertretungen, und hatte ganz allein daselbst wohl fünfzig Jahre hingebracht in langen Entsagungen und fortwährender Selbstpeinigung. Weil er aber in seinen gebrechlichen Tagen fremden Schutzes bedurfte, entschloß er sich, in seine ärmliche Wohnung zwei andere Eremiten aufzunehmen, von denen einer Teodelindo, der andere Arsenio hieß. Teodelindo war ein allerliebstes Eremitchen und gewann sich durch die Holdseligkeit seines Wesens alle Herzen und erhielt von jedem, was er wollte. Der andere Eremit war ein lebenslustiger, heiterer Spaßvogel, dessen Kopf voll Schnurren und wunderlichen Einfällen steckte; er überlistete die Leute und brachte sie dahin, ihm seine Wünsche zu erfüllen, ohne daß sie es nur merkten. Die beiden lustigen Brüder durchzogen die Umgegend an bestimmten Tagen, um Brot, Wein und alles, was ihnen sonst vonnöten war, zu erbetteln, und ich kann versichern, daß sie mit guter Ernte in ihre Einsiedelei zurückkamen. Eines Tages begab es sich unter anderem, daß die zwei Einsiedler, die nach ihrer Gewohnheit Almosen suchend durch das Land gezogen waren, gegen Abend ihre Schritte nach ihrer Behausung zurücklenkten; da erblickten sie einen an einen Baum gebundenen Esel, der von niemand bewacht war. Er gehörte einem armen Landmann jener Gegend, namens Gianni, der, um sich und seine kleine Familie zu erhalten, ein kleines Gütchen bewirtschaftete. Alle Zeit, die er erübrigte, brachte er in einem nahe gelegenen Wäldchen zu, woselbst er sich mit Holzvorräten versah. Er belud damit seinen Esel und führte das Holz nach Haus; von dort aber brachte er es von Zeit zu Zeit nach der Stadt und kaufte mit dem daraus erlösten Geld seine sonstigen Bedürfnisse. Dieser Gianni war ein plumper und so einfältiger Mensch, daß man ihm hätte weismachen können, in gewissen Ländern hätten die Esel Flügel und flögen wie die Adler. Dieser Mensch nun hatte sein Lasttier vor dem Walde stehen lassen und war bereits hineingegangen, als die Eremiten dort ankamen. Sie waren heute schon lange zu Fuß gewandert und zwar auf schlüpfrigen und schmutzigen Pfaden. Da sie nun volle Quersäcke trugen, wurden sie von Müdigkeit geplagt und konnten kaum noch ihre Schritte weiter führen. Als daher Arsenio den Esel sah, fiel ihm ein völlig neues Auskunftsmittel ein. Er wandte sich zu seinem Gesellschafter und sagte lachend: »Was würdest du zahlen, Teodelindo, wenn du das Tier bekämest, um dir diesen Quersack zu tragen?« »Wahrhaftig«, antwortete dieser, »das käme mir jetzt gerade gelegen; ich kann fast nicht mehr weiter.« »Nun sage mir, Bruder«, fügte der andere hinzu, »scheint es dir angemessen, daß ein rüstiges Lasttier in Ruhe und müßig dasteht, während wir, ermüdet, wie wir sind, zu Fuß diese Last nach unserer Einsiedelei schleppen sollen? Siehst du nicht, daß die göttliche Vorsehung selber uns auf diesen Esel hat stoßen lassen? Und wir wollen auch das Gute, das sie uns vorsetzt, nicht ausschlagen.« Er trat zu dem Eselein hin, legte seinen Quersack auf seinen Rücken und forderte den andern Eremiten auf, das gleiche zu tun. Dann band er das Tier vom Baume los und zog ihm den Halfter ab, legte diesen dann um seinen eigenen Hals und band sich selbst hin in der Weise, wie früher das Lasttier angebunden gewesen war. Darauf wandte er sich zu Teodelindo und sprach: »Geh, Bruder, und bringe die Last in die Einsiedelei! Bist du dort, so sagst du dem ehrwürdigen Alten, ich sei vor Müdigkeit nicht mehr vorwärts gekommen und habe mich bei einem braven Manne einquartiert, der mich menschenfreundlich aufgenommen hat; dir habe er, damit du alles Brot mitnehmen könnest, freundlich diesen seinen Esel geliehen, den wir ihm künftige Woche, wenn wir wieder des Weges kehren, zurückbringen können. Was mich betrifft, so sagst du ihm, daß ich im Laufe des morgenden Tages mit Gottes Hilfe nachzukommen hoffe.« Teodelindo kam die Sache so seltsam vor, daß er zu träumen glaubte; und wiewohl er von dem andern schon allerhand tolle Streiche gesehen hatte, so schien ihm doch dieser so ganz eigentümlich, daß er fürchtete, der arme Arsenio habe den Verstand verloren. Er sah ihm fest mit weit aufgerissenen Augen ins Gesicht und konnte nichts sagen und tun. »Nun vorwärts«, fuhr jener halb erzürnt fort, »mache, daß du weiterkommst! Jede kleine Zögerung könnte unsere Sache verderben. Für mich laß du nur mich selber sorgen! Vielleicht steht mir dieser Halfter nicht so übel zu Gesichte, wie du glaubst. Ich habe dir mehr als einmal bewiesen, was ich durchzuführen imstande bin. Verlaß dich vollständig auf mich und tue, was ich dir aufgegeben habe!« Er sprach dies mit solcher Entschlossenheit und Zuversicht, daß der andere sich sogleich fügte und sprach: »Nun gut, da du es willst, will ich es tun. Denke du an das übrige!« Er trieb das Eselein vor sich hin und ging weiter; und als er bei dem Einsiedel war, richtete er genau aus, was ihm sein Genosse aufgetragen hatte. Dem alten Eremiten tat es erst leid um Arsenio; doch kam er am Ende zu dem Schlüsse, da Gott die Dinge immer aufs beste lenke, müsse man sich in allen Stücken seiner Fürsorge fügen und müsse ihm danken, daß er dem mitleidigen Bauern ins Herz gegeben habe, einen so erschöpften Einsiedel aufzunehmen und dem andern seinen Esel zu leihen, damit schnell der Mundvorrat herbeigeschafft werden konnte, dessen er so sehr benötigt war. Gianni hatte unterdessen sein Holz gesammelt und in kleine Bündel gebunden und verließ den Wald, um den Esel zu beladen. Als er nun einen Eremiten an seiner Stelle sah, rief er: »Herr Gott, steh mir bei!« Er war ganz außer sich, die Haare standen ihm zu Berge, er schlug ein Kreuz und fürchtete alles Ernstes, es möchte eine Posse sein, die ihm der Teufel spiele. Aber er dachte wieder, des Teufels Großmutter hätte doch nicht die Gestalt eines frommen Einsiedlers angenommen, und so beruhigte er sich einigermaßen: doch ließ sein Erstaunen noch nicht nach, und er glaubte, er sei verrückt geworden. Als der Einsiedel die Verwunderung und das Entsetzen Giannis wahrnahm, hielt er mit Mühe das Lachen zurück; doch zügelte er sich und sprach zu dem braven Landmann: »Du wunderst dich höchlich, mein Sohn, über das, was du jetzt siehst, und du hast wohl Ursache dazu. Wie sehr wirst du dich aber nun erst wundern, wenn du hörst, was ich dir jetzt sagen will. Tritt zu mir ohne Furcht, mein Sohn! Hier ist nichts für dich zu fürchten, wiewohl wir unsern Herrn Gott sehr preisen und seine geheimen Gerichte bewundern dürfen. Du glaubtest einen Esel in deinem Stalle zu haben und besaßest in seiner Gestalt ein armes Eremitchen, wie ich bin.« »Was sagt Ihr?« rief nun der mehr als je erstaunte Gianni den Einsiedler unterbrechend, »was sagt Ihr, mein Vater?« »Ich sage dir nichts als die Wahrheit«, versetzte Axsenio. »Aber wenn du willst, daß ich dir erzähle, wie dies zugegangen ist, so mache mich zuerst von dem schimpflichen Bande los, das mir noch um den Hals geschlungen ist! – Denke nicht«, fuhr er fort, als ihm der Halfter abgenommen war, »daß der Mensch, welch ein heiliges Leben er hienieden führe, sündenfrei werden kann! Die menschliche Hinfälligkeit ist so groß, die Gelegenheiten zum Sündigen sind so zahlreich, die Versuchungen so stark und anhaltend, daß er nur schwer widerstehen kann. Und wenn er auch aus der Welt flieht und in der Einsamkeit lebt, so geht doch das Fleisch mit ihm und stachelt ihn mit seinen Verführungen überall. Daher ist es kein Wunder, wenn er manchmal der Versuchung erliegt und in Sünden verfällt selbst in den der Frömmigkeit bestimmten Freistätten. Auch ich hatte das Unglück zu sündigen, und meine Sünden waren der Art, daß die Gerechtigkeit Gottes, um mich zu strafen, mich in ein gemeines Lasttier verwandelte. In diesem Zustand leistete ich so schwere Buße, wie du weißt, bis es der himmlischen Barmherzigkeit am Ende gefiel, mich aus einem so verworfenen Zustande zu erheben und mich zur Würde der menschlichen Natur herzustellen.« Gianni schenkte Arsenios Worten vollständig Glauben; er erinnerte sich an alles das, was das unglückliche Tier von ihm zu leiden gehabt hatte, und spürte darüber bittere Reue. Er warf sich vor ihm auf die Knie und sprach fast weinend: »Mein Vater, wollt Ihr mir die Schläge verzeihen, die Ihr von mir bekommen habt und deren Zahl unendlich war, und ebenso all die Flüche, die aus meinem Munde über Euch ausgestoßen wurden? Dies tut mir nun um so mehr leid, als ich gegen die frommen Eremiten die tiefste Verehrung hege.« Arsenio hob ihn freundlich auf und antwortete lächelnd: »Betrübe dich nicht, lieber Sohn: denn indem du auf meinem Rücken trommeltest und mir mit dem Stecken die Rippen zähltest, wie du oft tatest, peinigtest du eben nur mein Fleisch, wie es Gottes Wille war. Dieses war aufrührerisch wider ihn geworden, und das Recht verlangte, daß es gezüchtigt würde, um es zu seiner Pflicht zurückzuführen. Und ich sage dir, daß du mir hierin einen vortrefflichen Dienst geleistet hast; denn je rauher und rüstiger du die Stockschleuder führtest, um so mehr beschleunigtest du den Zeitpunkt meiner Befreiung, indem sich meine Buße um so schneller vollendete. Weit entfernt daher, dir darüber böse zu sein, muß ich dir dafür ja vielmehr Dank wissen. Und ich verspreche dir, wenn ich in meine Zelle zurückkomme, will ich deiner gedenken; ich werde nie unterlassen, Gott so heiße Gebete für dein Bestes darzubringen, daß, wenn du auch jetzt den Schaden hast, ohne Esel sein zu müssen, der himmlische Segen dir das reichlich einbringen soll, der sich auf deine kleine Hütte herablassen wird, um deine Tage zu erfreuen und zu erheitern. Darum, mein Sohn, nimm frohen Mutes dein Holz auf den Rücken und zieh hinweg! Gott sei mit dir!« Gianni versetzte: »Ei, wollt Ihr nicht heute nacht bei mir herbergen? Der Himmel wird schon dunkel, und Ihr tut nicht wohl daran, Euch um diese Stunde auf den Weg zu machen.« »Du hast recht«, antwortete der Einsiedler; »aber wie sehr muß mir der Anblick der Herberge zur Beschämung gereichen, wo ich so schmählich lange Zeit verlebt habe? In jedem Falle aber, da die Erduldung einer solchen Schande mir ein Anlaß sein wird zum Verdienste vor Gott, bin ich gerne damit einverstanden. Gehen wir!« Nach diesen Worten machte er sich mit Gianni auf den Weg nach seiner Behausung. Während sie nun in heiteren Gesprächen des Weges gingen, lenkte Arsenio listig das Gespräch auf Giannis Familie und erlangte, ohne daß dieser es merkte, allmählich Kunde von seinem Weibe, seinen Kindern und seinem Vater. Als sie daher in das Haus traten, tat er, als kenne er alle Anwesenden, und fing an, bald mit diesem, bald mit jenem zu sprechen, als bestünde zwischen ihnen eine lange Bekanntschaft. Darüber waren alle erstaunt, und um seine Freude noch zu erhöhen, sagte der Einsiedler, er wundere sich höchlich, daß er ihnen ungewohnt vorkomme, da er doch lange Zeit in diesem Hause gelebt habe. Gianni bekräftigte diese Aussage des Eremiten, und nachdem er sie alle eine Weile ihrem Staunen überlassen hatte, erzählte er ihnen, wer das gute Eremitchen sei, und unter welcher Gestalt er bei ihnen geweilt habe. Ein hochbetagter Mann, der Vater Giannis, ein junges Weib, seine Frau, und zwei Knäbchen, ihre Kinder, bildeten die ganze einfältige Familie. Alle standen da mit offenem Munde, hochgeschwungenen Brauen und ohne mit einem Augenlid zu zucken, als sie diese Erzählung vernahmen. Man hätte in diesen bäurischen Gesichtern eine Mischung von Verwunderung, Andacht und Heiterkeit und gleichzeitig von Reue und Mitleid lesen können. Sie bedachten die langen Mühsale, die der arme Esel erduldet hatte, die spärliche Nahrung von schlechtem Stroh oder noch schlechterem Heu oder den geringsten Kräutern, wie man sie als Unkraut aus dem Garten ausgerissen hatte, die man ihm in die Krippe zu werfen pflegte, und die Prügel, womit jeder von ihnen ihn zerschlagen und zerschunden hatte. Zum Ersatz dieser schlechten Behandlung bemühten sie sich nun, ihm den möglichst freundlichen Empfang zu bereiten. Sogleich wurden zwei Hühner geschlachtet, die einzigen, die sie im Stall hatten; mit ihnen und anderem, was im Hause war oder was von anderwärts besorgt wurde, wurde ein leckeres kleines Abendessen veranstaltet und erheitert durch einen würzigen Wein, den Gianni eifersüchtig in einem Fäßchen verwahrte, den er aber seinem Gaste zu Ehren heute nacht springen lassen wollte. Inmitten der Speisen und vollen Becher gab sich der von Natur heitere Eremit der Freude dermaßen hin, daß er alle auf das höchste ergötzte durch seine artigen Witze und Erzählungen von den seltsamsten und wunderlichsten Dingen von der Welt. Und obgleich er die Klugheit hatte, von Zeit zu Zeit durch erbauliche Worte die heitere Gesellschaft zum Ernste zurückzurufen, um sich als ebenso fromm und gottesfürchtig wie lustig und spaßhaft zu erweisen, konnte er doch sich nicht so weit bewachen, daß nicht mit der Zeit in Giannis Innerem ein gewisser Verdacht gegen seinen Gast auflebte, und dies geschah, weil Arsenio mit seiner Frau Cecca, die in ihrer Art etwas in die Augen Fallendes hatte, sich lieber zu unterhalten schien als mit den andern. Andererseits war auch Cecca neben ihrer Verehrung für die Mönche überhaupt auch noch von den lustigen Späßen Arsenios aufgeregt und schoß ihm feurige Blicke zu, was ihr Mann, Gott weiß wie, mehr als einmal bemerkt hatte. Deshalb konnte er sich am Ende nicht mehr halten und sprach zu dem Einsiedler: »Mein Vater, man sieht wohl, wie sehr Ihr nötig habt, Euer Fleisch zu kreuzigen. Heute abend ist es, da Ihr ihm ein wenig nachgegeben habt, wieder störrisch geworden und bringt Euch in Gefahr, wieder in Sünde zu verfallen. Wenn das frische Gedächtnis Eurer überstandenen Erniedrigung Euch so schlecht bewahrt vor den Reizen des Fleisches, so prophezeie ich Euch mit großen Bedauern, daß Ihr große Gefahr lauft, wieder Eselsgestalt anzunehmen und vielleicht in ganz kurzem. Daher rate ich Euch, morgen früh in Eure heilige Einsiedelei zurückzukehren und diese nie mehr zu verlassen, vielmehr ohne Unterbrechung Euer Fleisch selbst zu peinigen, wenn Ihr nicht wollt, daß es von andern wieder gepeinigt werde.« Es ist in der Tat zu verwundern, wie die Lebendigkeit mancher Leidenschaften oft imstande ist, den Verstand auch bei solchen zu schärfen, bei denen er sonst ganz trübe und stumpf ist. Gianni, über dessen Lippen nie andere Worte gekommen waren, als wie man sie von einem rohen und derben Manne erwarten konnte, stachelte das spitze Schwert der ruchlosen Eifersucht dermaßen seinen schläfrigen Sinn auf, daß er sich auf kurze Zeit aus seiner natürlichen Schlafsucht aufrütteln ließ. So kam es, daß er durch eine Art von Wunder wie ein listiger und höchst umsichtiger Mann sprach. Der Eremit merkte aus Giannis unerwarteten Worten, daß er auf seiner Hut sein und mit zuchtvollen Reden und wohlbewachten Handlungen der Abtötung des Fleisches ausweichen müsse, wie er denn fortan den ganzen Rest des Abends tat. Am folgenden Morgen nahm er nach einem kleinen Frühstück Abschied, kehrte in die Einsiedelei zurück und sagte zu dem ehrwürdigen Alten, daß dem braven Manne, der ihn heute nacht aufgenommen habe, hernach noch die Eingebung geworden sei, ihnen das Eselchen zu schenken, das er gestern Teodelindo geliehen habe. Der ehrliche Einsiedel pries die Handlung der Christenliebe von Seiten des frommen Landmanns; weil es den Leuten aber hätte scheinen können, es passe nicht wohl zu dem frommen Bettelstande und zu dem harten Leben, das sie führen mußten, wenn sie sich einen Esel zur Erleichterung ihrer Mühen hielten, woraus eine Erkühlung in der Liebe der Gläubigen gegen sie entstehen konnte, erklärte er klüglich, es wäre besser, den Esel zu verkaufen, da sie ja auch bisher ohne einen solchen ausgekommen seien. Er übergab ihn daher einem ehrlichen Manne, der oft in die Einsiedelei kam, damit er ihn auf den Markt führe. Zufällig war an demselben Tage auch Gianni daselbst. Er sah seinen Esel und erkannte ihn alsbald an einem der Ohren, das ein wenig verstümmelt war. Er war sehr betrübt, trat zu ihm hin, näherte sich seinem Ohre, um insgeheim mit ihm zu sprechen, und sagte ganz leise: »Ach, lieber Vater, hat das aufrührerische Fleisch Euch schon wieder einen schlimmen Streich gespielt? Ich hab' es Euch doch vorhergesagt, daß es so kommen werde.« Der Esel, als er das Geflüster in seinem Ohre vernahm, schüttelte mit dem Kopfe, als wollte er Nein sagen. »Leugnet es nicht«, antwortete Gianni wieder ihm ins Ohr. »Ich erkenne Euch nur zu gut: Ihr seid derselbe.« Der Esel schüttelte den Kopf. »Ei, so lüget doch nicht«, versetzte der ehrliche Kerl mit etwas gehobener Stimme, »lügt nicht, Vater! Das Lügen ist eine Sünde. Ihr seid es. Ich erkenne Euch wider Euern Willen. Es ist viel besser, Ihr gesteht es. Ihr wißt ja, eine Sünde, die man gebeichtet hat, ist schon halb vergeben.« Die Leute, die einen Menschen mit einem Esel ein Zwiegespräch führen sahen, hielten jenen für verrückt und stellten sich um ihn her; um ihn zu foppen, fragte ihn einer dies, der andere das. Gianni gab nun Antworten zum Totlachen und behauptete steif und fest, es sei kein Esel, sondern ein unglücklicher Einsiedel, der durch die Gebrechlichkeit des Fleisches schon wenigstens zweimal in einen Esel verwandelt worden sei. Er fing dann von vorne an und erzählte die ganze Geschichte von dem Eremiten, der wegen seiner Sünden zum Esel geworden sei. Bei dieser Erzählung entstand denn ein schallendes Gelächter, und Gianni war den ganzen Tag das Gespötte aller Marktleute. Wer es schon gesehen hat, wie der Eule ein ganzer Schwärm von Vögeln nachzieht, die sie mit tausend Tönen und Gezwitscher umschwirren, mag sich das Schauspiel vorstellen, wie man diesem Tölpel auf Schritt und Tritt nachlief, und wie die Menge ihn umschwärmte, die mit Spaßen und schallendem Gelächter sich wunderbar an ihm ergötzte. Am Ende redete ihm einer im Scherze zu, das unglückliche Tier wieder anzukaufen, es mit Korn und dem besten Heu, das er habe, zu füttern, und ihm eine möglichst gute Behandlung angedeihen zu lassen zum Ersatze der Unbill, die er ihm vorher angetan. Der Rat gefiel Gianni; er kaufte den Esel und nahm ihn mit nach Hause. Wie staunten der Alte, Cecca und die beiden Knaben, als sie ihren alten Esel wiedersahen! Wer vermöchte den freundlichen Empfang zu schildern, den sie ihm widmeten, und die Pflege, die sie ihm angedeihen ließen! Nie ward ein Esel auf der Welt besser genährt und mehr gehätschelt. Auch ward in kurzem sein Fleisch fett, seine Haut glatt und glänzend, wie die eines Hermelins. Allein das schändliche Tier war nun so unverschämt und nahm so üble Gewohnheiten an, daß es nicht allein dem Alten, sondern auch dem Weibe, den beiden Söhnlein, ja Gianni selbst sehr zur Last zu werden begann. Es biß heftig, stieß mit den Füßen und schrie so laut Tag und Nacht ohne Aufhören, daß es allen wirklich unausstehlich geworden war. Gianni hatte sich unterdessen eine Eselin zu seinen Geschäften gekauft; der gemästete Esel aber zerriß mehr als einmal den Strick, womit er an die Krippe gebunden war, und belästigte die gute Eselin. Wie sehr die ehrlichen Leute hieran ein Ärgernis nahmen, ist unschwer einzusehen, und alle ihre sonstige Bekümmernis schien gar nichts in Vergleich mit dieser. Am Ende sah Gianni ein, daß das schlimme Tier alle Tage böser wurde und, wenn das gottlose und garstige Leben fortdauerte, nie wieder in seinen früheren Zustand zurückkäme, woran er sich selbst die Schuld beimessen zu müssen fürchtete, da weder Eremiten- noch Eselsfleisch das Verzärteln leiden kann; er erkannte die Notwendigkeit, dieses Fleisch recht tüchtig zu peinigen, wie er sonst mit so großem Vorteil und mit Billigung Arsenios selber getan hatte; er nahm daher von neuem seine Zuflucht zum Prügel und zu Hieben. Aber sei es, daß der Herr Esel, allzu weichlich gewöhnt, eine übermäßig zarte und feine Körperbeschaffenheit bekommen hatte, oder daß Gianni im Eifer mit seiner Strenge etwas über die Pflicht hinausging, – der unglückliche Esel konnte eine so harte Zucht nicht ertragen und war in kurzem Todes verblichen. Die ehrlichen Leute beweinten die ewige Verdammnis des unglücklichen Einsiedels, der zweimal, wie sie glaubten, zum Esel geworden und ohne Reue gestorben war über ein verwünschtes Laster, gegen das die armen Einsiedler nie zu sehr auf der Hut sein können, die ja, wie Gianni bemerkte, auch aus Fleisch und Bein gebaut sind, wie andere Menschenkinder.