Verschiedene Autoren Meisterwerke neuerer Novellistik Erster Band Inhalt Einleitung. Arthur Achleitner Der Finanzer Ludwig Anzengruber Hartingers alte Sixtin Vereinsamt Sein Spielzeug »Jaggernaut« Allerseelen Aus der Spielzeugwelt Marie Bernhard Heimatluft Victor Blüthgen Mama kommt! F. Frh. von Dincklage Anker geschlippt Einleitung. Die Novelle ist zu allen Zeiten gepflegt worden. Einer größeren Vorliebe erfreut sie sich jedoch erst seit der Zeit der Romantiker. Wenn nun die Gegenwart ihre Kultur besonders begünstigt, so dürften hier verschiedene Umstände gleichzeitig und günstig zu ihrer Entwicklung beigetragen haben. Der Naturalismus und nach ihm die Heimatkunst und in den letzten Jahren die Neuromantik haben den Sinn für das Einzelne, Subtile bis zur höchsten Vollendung ausgeprägt. Da nun die Novelle, im Gegensatz zum Roman, eine ebenmäßige Abrundung und Ausgestaltung eines Einzelvorgangs – in der Hauptsache – darstellt, so mußten sich bisher verschlossene Gebiete, namentlich der Seelenanalyse, der Novelle erschließen. Dazu kommt die Nervosität der Übergangszeit, die, wie sie auch auf andern Gebieten kurze, gedrungene Darstellungen einem zeitraubenden Studium vorzieht – man denke nur an die zahlreichen Anthologien und Breviere –, der kürzeren Novelle mit Dank und Verständnis entgegenkam. Die starke Produktion legte es den Verlegern nahe, ganze Novellenbüchereien einzurichten. Sie konnten dabei mit dem wachsenden literarischen Bedürfnis des Publikums, seiner höheren Bildung und besseren pekuniären Lage rechnen, Faktoren, die sich bei der Kalkulation als nicht trügerisch erwiesen haben. Doch fehlte bislang eine geschlossene Sammlung der Einzelheftchen in einem Werke. Dieses soll nun in der vorliegenden Ausgabe gegeben werden. Denn wenn auch ältere Ausgaben der Art – ich denke besonders an die von Gottschall und Heyse und Kurz – bestehen, so dürften sie, wenn sie ihrer Zeit auch das Beste und Vorzüglichste boten, der Gegenwart ihrer literarischen Lücken wegen nicht mehr voll dienen. Eine Sammlung dieser Art soll aber nicht nur über einige tote Stunden angenehm hinweghelfen, sie muß auch ein ziemlich vollkommenes Bild des Gebietes geben, dessen Pflege ihr obliegt. Wenn in der vorliegenden Ausgabe nun auch nicht alle Namen vertreten sind, die dieser oder jener glaubt billigerweise erwarten zu dürfen, so muß bedacht werden, daß Sammlungen dieser Art bei Überwindung aller möglichen negativen Kräfte wohl nie auf absolute Vollständigkeit rechnen können. Doch dürften in der Hauptsache wohl alle Gebiete und Arten der Erzählung zur Genüge vertreten sein, so daß das Fehlen dieses oder jenes Autors an dem Gesamtbilde nichts ändert. Auch sind einige ältere Novellisten herangezogen worden, die die Brücke in die Vergangenheit schlagen und zu den Klassikern führen, deren Werke als Grundstock jeder Familienbibliothek gefordert werden müssen und denen die vorliegende Sammlung eine belletristische zeitgemäße Ergänzung sein will. – Des weiteren konnten, da die Grenzlinien, die von der Novelle zum Roman und zur Skizze führen, nicht fest gezogen sind, und Auslösungen breiten Spielraum gestatten, eine Anzahl guter Arbeiten in den Kreis eingezogen werden, die bei strenger Festlegung des Gebietes hätten ausgeschlossen werden müssen. Jedenfalls hüte man sich, die Elle als Begriffsmaßstab anzulegen. Am nächsten bringt uns Levin Schücking an die Klassiker heran. Hat er auch keine Werke von unvergänglichem Ruhme geschaffen, so ist er doch auch in keinem von seiner achtunggebietenden künstlerischen Höhe in die Tiefen der Oberflächlichkeit gestiegen. Dazu war sein Gewissen als Künstler und als Westfale zu streng, und beides war er in glücklicher Mischung: ein echt westfälischer Künstler, der die Forderungen der Heimatkunst erfüllte, ehe dies Wort zum Schlagwort geprägt wurde. Gewiß hat er keine erschütternden und erlösenden Ideen in das Zentrum seiner Novellen und Romane gelegt, sie sind Unterhaltungsprosa alter Art, in der die Technik der Handlung mit ihrer Verwicklung, Steigerung und Lösung den Wesenskern bildete; doch sind sie eng mit der Natur seiner Heimat verbunden, atmen so unverkennbar echt westfälischen Heimatduft, daß gerade die Heimatwerke den Ruhm des Autors festhalten dürften. Zur Kenntnis westfälischer Landschaft und Charakteristik ihrer Bewohner, die er in ihrem ganzen wechselreichen Umfange und ihren verschiedenen Typen mit tiefer Beobachtung erkannt und mit seltener Treue zeichnete, dürften seine Schriften auch heute noch neben anderen modernen Erzeugnissen der Art bestehen. An die politische und Pamphletliteratur der vierziger Jahre erinnert der Name Karl Vogt , von dem ein Stück seines Humors und seiner packenden Anschaulichkeit auch in seine Novellen übergegangen ist. Da seine Bedeutung aber vorzugsweise politischer Art ist, kann hier auf eine ausführliche Würdigung seiner literarischen Arbeiten verzichtet werden. Über Schücking und Vogt hinweg brauste der Sturm und Drang des jungen Deutschland, kam die Revolution mit Brand und Blut und ihren kühlen Nachwehen. An diese Zeit gemahnen die Novellen Johannes Scherrs , der als Politiker, Gelehrter und Dichter seiner Zeit mehr gab als der gebliebene Rest seines Ruhmes der heutigen. Die unentwegte Gesinnungstreue des Achtundvierzigers und sein derber Stil, dazu auch einige romantische Einschläge in seine Romane verschafften ihm eine Anerkennung und Bedeutung, die heute nur noch durch seine vorzügliche »Allgemeine Geschichte der Weltliteratur« und den »Bildersaal« aufrecht erhalten wird, wenngleich einzelne seiner Erzählungen und Romane von den Einseitigkeiten seiner Anschauungsweise und den Auswüchsen seines Stils frei sind und auch heute noch gern gelesen werden dürften. Als sein Gegenpol könnte Otto von Roquette hingestellt werden, in dessen Dichtungen sich die zahme Gesinnung der späteren Jahre deutlich kundgibt. Wenn er auch Einspruch dagegen erhebt, als Maibowlendichter eingeschachtelt zu werden, so hat er doch trotz ernsthafter Versuche, diesem Milieu zu entrinnen (Gevatter Tod; Buchstabierbuch der Leidenschaft), in diesem sein und der Zeitstimmung Bestes geboten. Auch lassen sich in seinen Erzählungen immer wieder ein idyllischer Grundton, eine optimistische Daseinsbetrachtung feststellen, wie sie eben im stärksten Maße in »Waldmeisters Brautfahrt« vertreten sind. Von seinen besten Erzählungen gilt, was Löbner sagt, daß ein feiner Künstler, ein liebenswürdiger Mensch hinter ihnen stehe und sie deshalb so leicht nicht veralten würden. In dieser geruhigten Zeit fanden auch die Erzählungen »Aus dem Ghetto« von L. Kompert , die schon 1848 veröffentlicht waren, Anerkennung und Bewunderung, zumal er sich in ihnen und den nachfolgenden (Böhmische Juden; Neue Geschichten aus dem Ghetto; Geschichten einer Gasse) von einer tendenziösen Färbung frei hielt und nur bestrebt war, bei einer gerechten Darstellung des Volkstypischen auch Andersgläubigen die seelischen Vorzüge seines Volkes zu zeigen, von der glaubensstarken Tapferkeit und den Nöten seines Volkes zu erzählen. Mit einer gewissen realistischen Darstellung verband er eine ergreifende Innigkeit der Schilderung, und beides und der versöhnende Ton seiner Erzählungen trugen dazu bei, sie vor der Vergessenheit zu bewahren. Noch ein anderer Österreicher Stephan Milow wäre hierhin zu rechnen. Von Gottschall seinerzeit freudig begrüßt und auch noch von neuzeitlichen Literarhistorikern achtungsvoll behandelt, hat er sich, durch seine Lyrik gut eingeführt – seine Elegien und Liebeslieder dürften die wertvollsten Stücke enthalten – und nach einem mißglückten Drama (König Erich) seinen Ruhm dann durch seine Novellen (Verlorenes Glück; Wie Herzen lieben; Arnold Frank) befestigt und verstärkt. Wenn er sich auch nicht immer von Künsteleien frei gehalten hat, so zeichnet sich doch die größte Anzahl seiner Novellen durch eine bescheidene, anspruchslose Führung der Handlung, die trotzdem zu fesseln weiß, und durch seine psychologische Erfassung eigenartiger Seelenvorgänge aus. Er verschmäht allen äußerlichen Aufputz und jegliche romanhafte Ausschmückung durch Raffinement der Geschehnisse oder Konflikte. Er ist stets ruhig und still seinen Weg gegangen, ohne sich je in den Vordergrund zu stellen, so ist er in Deutschland unverdientermaßen wenig bekannt geworden. Auch Ernst Eckstein wurzelt in dieser Epoche, die die Geschichte neu belebte und den historischen Roman begünstigte. Doch trotz seines fließenden Stils und der oft glänzenden Pracht seiner Schilderungen hat er doch weniger im Roman, denn in den Novellen sein Bestes geboten, weniger in den flachen Schulhumoresken, denn in seinen italienischen Erzählungen, »die sich durch belebte Handlung und landschaftlichen Glanz« auszeichnen. Mehr noch als Eckstein hat Adolf Stern den geschichtlichen Roman gepflegt (Die letzten Humanisten, Camoëns). Ihnen schließen sich zwei mehr dem modernen Leben entnommene (Bis zum Abgrund; Ohne Ideale) an. Die Zahl seiner Novellenbändchen ist groß. Die besten Erzählungen stellte er in strenger Selbstkritik zu den »Ausgewählten Novellen« zusammen. Sowohl in den geschichtlichen wie den modernen Romanen hat Stern die Darstellung des Historischen oder Kulturellen nicht als Endzweck betrachtet, sondern durch sie stets nur das Allgemein-Menschliche in seiner besonderen Färbung gezeigt, in den »letzten Humanisten« z. B. die Widerspiegelung humanistischer oder strenggläubiger Zeitideen in den Charakteren seiner Vertreter, in »Ohne Ideale« die Rückwirkung der Moderne in ihren verschiedenen Lebensauffassungen auf die gesellschaftlichen Zustände. So gehen Geschichte und Kultur restlos in der dichterischen Behandlung auf. Doch wenn auch seine Romane, namentlich »die letzten Humanisten«, sich einer stets wachsenden Anerkennung erfreuen, dem Erzähler Stern dürfte trotzdem die erste Palme zu reichen sein. Von strenger Komposition bezeugen seine Novellen eine Lebenswahrheit, die den Verfasser dauernd in die Reihe deutscher Meistererzähler stellen wird. »Man bewundert nicht nur des Dichters Formvollendung, Gestaltungskraft und Darstellungskunst,« sagt G. Klee, »sondern man fühlt sich auch innig ergriffen durch das warme Mitempfinden, das gesunde und tief-fühlende Herz, das diesen Dichtungen das eigentliche innere Leben verleiht.« Seine Erzählungen entsprechen vollkommen der Definition Vischers, »daß sie nicht das umfassende Bild der Weltzustände, sondern nur einen Abschnitt daraus geben sollen.« Und wenn auch in einzelnen Novellen Erinnerungen an die Technik Tieks wachgerufen werden, so ist doch, wie Löbner hervorhebt, Stern psychologisch tiefer, warmblütiger und gemütvoller. Und Richard Stiller urteilt in einer Studie über die Prosakunst Sterns: »Überblickt man Adolf Sterns gesamte dichterische Tätigkeit, so wird man finden, daß der Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens auf seinen Novellen ruht, in die er, da er kein ausschließlicher Lyriker ist, den Reichtum seines lyrischen Empfindens ausgießt. Obwohl er einige seiner Stoffe, die er mit Vorliebe und besonderem Glück der Geschichte entnimmt, auch im breiten Rahmen epischer Dichtungen und Romane ausgeführt hat, liegt seine Hauptstärke doch in seiner Kunst, mit wenigen sicheren Zügen einen deutlichen stimmungsvollen Hintergrund aufzurichten, der die vergangenen Kulturzustände in bewundernswürdiger Treue spiegelt, und ihn mit den Gestalten klar aber knapp gefaßter Erzählungen zu beleben, die vor allem durch ihren rein menschlichen und poetischen Gehalt fesseln. Den meisterhaften Charakteristiken seiner Menschen stehen seine bewundernswürdigen Naturschilderungen, die oft schon mit ein Paar Linien die ganze Szenerie festhalten, würdig zur Seite.« Als moderner Vertreter des Geschichts- und Reflexionsromans darf August Niemann betrachtet werden (Die Grafen von Alten Schwert; Eulen und Krebse; Des rechten Auges Ärgernis), der dann weiter namentlich (Backchen und Thyrsusträger) die Scheinkultur und den Materialismus unserer Zeit geißelt, wie denn überhaupt sein Eigenwert darin bestehen dürfte – von den rein militärischen Werken abgesehen – seine Gestalten und Ideen auf den Boden einer Weltanschauung zu stellen, die den Buddhismus und den Platonismus mit den Ergebnissen moderner Wissenschaft verbunden zeigt. Begegnen wir demgemäß in seinen Werken Denkern aller Art und breit ausgeführten wissenschaftlichen Diskussionen, so überwuchern diese doch nicht den Entwurf der Handlung derart, daß der ganze Aufbau darunter litte. Stets weiß er durch Maß und lichtvolle Hebung der künstlerischen Auffassung seine Romane über das Niveau starrer Tendenz und des lieben Durchschnittsmaßes zu heben. Sein bekanntester Roman der letzten Jahre »Der Weltkrieg« ist in alle lebenden Kultursprachen übersetzt und in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet. Außer dem Freiherrn von Dincklage , dessen Militärerzählungen als Unterhaltungslektüre vielfach begehrt sind, gehört der Norddeutsche Wilhelm Jensen noch hierhin. Dieser erinnert in seinen weichen traumhaften Stimmungen vielfach an Th. Storm, in seinem Humor an W. Raabe. Den Lyriker hat Jensen auch in seinen Prosaschriften nicht zu verleugnen gewußt. Seine Bedeutung als Erzähler liegt in der Wiedergabe geschichtlicher Kulturzustände, in die hinein er seine Gestalten verwebt, namentlich hat er die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (Aus schwerer Vergangenheit; Über der Heide; Ein Menschenalter später; Um den Kaiserstuhl) und die Umwälzungen der französischen Revolution (Nirwana) dichterisch zu erfassen versucht, ohne jedoch seine Persönlichkeiten allein durch den Geist der Zeit zu beleben. Ihre Charakteristik erscheint zuweilen forciert, ins Superlative hineingehoben. Immer jedoch erfreuen der Glanz seiner farbenreichen Stimmung und seines eleganten Stils, seine lebendige Darstellung sowohl in den Geschichts- wie kulturellen Zeitromanen, seine versöhnende Perspektive in der Darstellung divergierender Zeitströmungen und seine vornehme Denkweise. Eine ebenso sonnenhelle Natur ist Victor Blüthgen , der seine heitere Kunst in zahlreichen Jugendschriften und Märchen niedergelegt hat; aber auch als Romancier (Aus gärender Zeit; Poirethouse; Der Preuße; Die Stiefschwester) hat er Bedeutendes geleistet. Seine Novellen sind geschickt, doch ohne übertriebenes Raffinement aufgebaut; ein Strom warmer Leidenschaft belebt sie und stellt die seelischen Eigenschaften seiner Charaktere vorteilhaft hervor. Fritz Droop sagt von dem Dichter: »Victor Blüthgen gehört zu den wenigen hervorragenden Talenten, die weder zu den Epigonen, noch zu den Modernen zu rechnen sind; die sich zwanglos bald den Normen der Alten fügen, bald dieses, bald jenes mit den Neueren gemein haben. Er partizipiert demnach an dem Ruhm dieser Übergangstalente, die insofern Bedeutung für die Entwicklung der modernen Literatur haben, als sie fortwährend die Verbindung zwischen alter und neuer Kunst herstellen und aufrecht erhalten. Was Peter Rosegger einst von sich selbst bekannt hat, das paßt auch auf Victor Blüthgen, nämlich, daß er sich nicht hat betören lassen von jener Lehre, daß der Poet neben dem Schönheitprinzipe keine Absicht haben solle, aber auch nicht von jener, die im Dichterwerke nur Zweck will, sei es nach dem Idealen oder Materiellen hin. Er hat die Menschen genommen, wie sie das Leben gab, aber er hat sie nach eignem Ermessen beleuchtet. Er hat die hellsten Lichtpunkte dorthin fallen lassen, wo er das Schöne und Gute zu finden hoffte. Er hat des Niedrigen gespottet, das Verderbliche bekämpft, das Vornehme geehrt, das Heitere und das Versöhnende gesucht. Blüthgen hat im Gegensatz zu den schnellebenden Menschen der Gegenwart meist stille, glückliche Gestalten ohne ausgeprägte Leidenschaft geschaffen; Menschen, die sich noch zu erfreuen vermögen an der Herrlichkeit der Gotteswelt, deren zartbesaitete Seelen erfüllt sind mit warmer Sehnsucht nach der Natur; die andächtig lauschen, wenn am murmelnden Quell des Vögleins Lied ertönt. Der Dichter gehört eben selbst zu den Bevorzugten, die er in der Novelle ›Die schwarze Kaschka‹ als die glücklichen Sonnenkinder bezeichnet, die ihr schöner Instinkt zwingt, den leuchtenden Strahlen des Glückes nachzugehen und sie zu finden, und zu flüchten vor düsteren Schattenarmen, die sich nach ihnen ausstrecken; die dem blühenden Leben um den Hals fallen und es küssen wie eine Geliebte.« Um zu den Dichtern überzugehen, die mit ihrem Empfinden mitten im Strome modernen Lebens stehen, wäre zunächst Wilhelm Weigand zu nennen. Er ist, namentlich wegen der 1889 erschienenen »Frankenthaler« eine Zeitlang den Heimatdichtern zugerechnet worden. Das geschah, da die Heimatkunst zu ihrer Proklamationszeit auf die Suche nach Vorbildern ging. Wenn auch diesem Roman ein lokales Kolorit nicht abzusprechen ist, so liegt das Wesentliche der Weigandschen Kunst doch nicht im Heimatlichen, sondern in der Darstellung der Schönheit, die er in ihren Erscheinungen und Betätigungen künstlerisch zu erfassen und restlos wiederzugeben versucht, sowohl in seinen Gedichten und Dramen, als auch in seinen Novellen, ja seine feierliche Art, alles, was er sinnend – und zuweilen etwas ironisch lächelnd – besieht und berührt, in Schönheit zu tauchen, birgt die große Gefahr in sich, der auch Weigand nicht entgangen ist, sich in der Charakterzeichnung zu wiederholen und, da er alles von der schönen Höhe seiner erträumten Lebensauffassung aus beschaut, der Wirklichkeit des Lebens mit ihren rauhen Kanten und Ecken und ihren gramverzerrten Zügen auszuweichen. Ich weise auf die vortreffliche Einleitung hin, die Holzamer den beiden Erzählungen des Dichters vorangesetzt hat. Er charakterisiert dessen Gesamterscheinung mit den Worten: »Ein feines Genießen, eine genußvolle Verarbeitung, eine reife und gewählte Bildhaftigkeit. Nirgends banal, immer auf einer gewissen Höhe, immer vornehm ... Sein Grundmotiv bleibt die Schönheit, die erhöht und erfüllt, zu der alles strebt, als zu einer Befriedigung geradezu und einer Ganzheit. In dem Verhältnis zu ihr tut sich das Wesen des Menschen auf, scheiden sich geradezu die Menschen voneinander. In ihnen strebt ihre Abstraktion zur Verwirklichung. Und mit einer leisen, schweigenden Geste, gemessen und distinguiert, wird man in seinen Novellen zu ihr geladen.« Viel tiefer und wahrer und echter erfaßt Detlev von Liliencron das Leben in seinen Höhen und Tiefen, energischer und lebendiger. Er ist ein echter Lebenskünstler, ein Dichter des Lebens und der Sinne. Das offenbart seine ganze Dichtung, zum Teil auch seine Novellistik, die hier allein in Betracht kommt. Was das Leben ihm an Sonnen und Güten, an Schmerzen und Enttäuschungen geboten, er hat es gekostet bis zur Neige. Er sagt: »Ich will hinein ins Leben, die Menschen will ich mit mir reißen, ein Eroberer will ich sein!« Ja, »mit blinden Händen«, mit einer prachtvoll-naiven, selbstverständlichen Sinnlichkeit hat er sich ins Leben gestürzt und seine Wonnen dem Philister mit lachender Freude erzählt. Lachend und sorglos. Diese Verachtung des Herkömmlichen hat sich auch vielfach auf die Technik seiner Erzählungen übertragen, die, wie »Die Mergelgrube« und »Die Schnecke« durch ihre Formlosigkeit aller Technik Hohn sprechen. Was aber diese Zügellosigkeit ihnen an Wert raubt, wird durch das warmblütige Leben, das in ihnen rauscht, mehr denn doppelt ersetzt. – Strenger geformt sind seine Kriegsbilder. Hier, wo er in lyrischen Augenblicksbildern Einzelzüge zu anschaulicher packender Darstellung bringt, wird er auch den strengeren Richtern der Ästhetik gerecht. Mit einer ruhigen Gelassenheit und doch jugendlichen Begeisterung zeichnet er Strich für Strich, bis ihre ganze schauerliche Schönheit in naturwahrer Beleuchtung vor uns steht. – Mit seiner brünstigen Liebe für tatkräftiges Leben verbindet sich eine tiefe Naturverehrung, ein starkes Heimatsgefühl. Ein würziger Duft von Wald, Heide und Marsch steigt aus seinen Erzählungen auf und tränkt die Stimmung. Er ist in noch stärkerem Maße Norddeutscher wie Weigand Süddeutscher, ja man darf behaupten, daß die von Jugend an in ihm lebendige Heimatkraft den Dichter erzogen und geweckt hat. Die Frische seines Stils, die Anschaulichkeit der Schilderungen und die heimatliche Grundstimmung bilden den Hauptwert seiner Novellen. In der Heimat ist auch die Kunst Wilhelm Holzamers geboren, wenngleich er sich in seinen späteren Werken von ihren beengenden Grenzen befreit hat. Beengend insofern, als zur Darstellung gewisser Menschheitsideen der kleine Horizont der Heimat eben zu eng ist. Und unsere Kultur wurzelt nicht allein in der Heimat. Ein starres Steckenbleiben in ihr mußte dann zur Winkelkunst werden, die wohl kulturhistorischen aber keinen Ewigkeitswert in sich birgt. – Heimatkünstler ist Holzamer in seinen Skizzenbändchen »Auf staubiger Straße«; »Im Dorf und draußen« und den Novellen »Peter Nockler« und »Der arme Lukas«. Liebevoll, aber durchaus nicht beschönigend charakterisiert er Land und Volk. Hauptgewicht legt er stets auf peinliche Sezierung des Charakters, den er bis in seine geheimsten Tiefen aufzudecken sucht. Ich denke dabei auch an seine späteren Novellen, mit denen er das Gebiet der Frauenbewegung betreten, »Die Sturmfrau«; »Inge«; »Ellida Solstratten.« Der Sehnsucht der modernen Frau nach einer Weiterentwicklung ihres weiblichen und menschlichen Wesens zu einer schönen Harmonie hat er in diesen Büchern die Erfüllung geben wollen. Ich glaube aber, daß er mehr Antithese zur sklavischen Frau der Vergangenheit gegeben und in seiner allzu starken Betonung des Menschlichen die Harmonie zerstört hat. Gewiß hat Holzamer in seinen Heimatbüchern abgeschlossenere einheitlichere Kunst geboten; hier brauchte er nur zu gestalten, was jahrhundertalte Kultur gereift hatte, in der Gestaltung seiner ringenden und suchenden Frauencharaktere aber war er nur auf die problematische Kultur der Jetztzeit angewiesen und die ungewissen Richtlinien, die in die Zukunft weisen. Ist er in den ersten Werken nur gestaltender, so in den letzten auch schöpferischer Künstler. Und wenn er hier das Typische des Zukunftsideals nicht immer rein getroffen hat, das Typische der Jetztzeit, wie es in einigen selbstherrlichen Einzelcharakteren sich bietet, jedenfalls. »Irrtümer,« sagt Hebbel in seinem Tagebuche, »sind der Menschheit ebenso nützlich, wie des großen Mannes Wahrheiten.« Künstler ist Holzamer in seinen dörflichen Wahrheiten, ein größerer Künstler in seinen Irrtümern. Nicht so tief schürft ein naher Landsmann Holzamers, der Thüringer Trinius , ein frohgemuter Wanderer, der, was er sieht und empfindet, in leichten, anmutigen Erzählungen niederlegt, die vollkommen dem Naturell der heiteren Thüringer entsprechen. Von neuzeitlichen Schriftstellern wäre dann noch Anton von Perfall zu nennen, der gute Jagdgeschichten geschrieben hat. In anderen sucht er gärende Probleme der Jetztzeit zu erfassen und den in ihnen gezeichneten Charakteren eine typische Bedeutsamkeit zu geben. – Und Richard Nordhausen , der mit bedeutsamen Epen begonnen Joß Fritz; Der Landstreicher; Vestigia Leonis), erst später zur Novelle (Urias Weib; Gespenst) und zum Roman (Die rote Tinktur; Was war es?) übergetreten ist. In beiden hat er Bedeutsames geleistet, ohne jedoch auf der Höhe, die er in Vestigia Leonis so kühn bestiegen, dauernd geblieben zu sein. Ich käme nun zu einer Gruppe ausgesprochener Heimatkünstler, zumal Österreicher oder doch Süddeutscher. Da ist zunächst Ludwig Anzengruber . So interessant und verlockend es auch für mich wäre, diesen Dichter als den Meister des modernen Volksstücks zu charakterisieren, ich muß mich auch bei ihm mit der Skizzierung des Prosaschriftstellers begnügen. – Wie schon in seinen Dramen eine besondere Vorliebe für die ländlichen Typen auffällt, die er mit großer Liebe zeichnet, so noch mehr in seinen »Dorfgängen« und »Geschichten«, in denen sein psychologischer Drang sich gerade der Dorfseltsamen angenommen hat, um aus der besonderen Art ihres Standes das Allgemein-Menschliche herauszuholen, wenngleich dies Vorhaben oft unter einer Fülle abenteuerlicher Erzählungen verdeckt erscheint. Größer erscheint der Dichter in seinen Romanen »Der Schandfleck« und »Der Sternsteinhof«. Ersterer zeigt zwar auch in der auf Anraten Bolins erfolgten Umarbeitung zum reinen Dorfroman noch technische Unebenheiten, der zweite dagegen ist ein Kunstwerk, der Anzengrubers Ruhm allein schon sichern würde. Die konsequent durchgeführte, psychologisch einwandfreie Charakteristik der Heldin, mit der die Idee des Künstlers steht und fällt, ist wunderbar. Anzengruber sagt, »er hätte zeigen wollen, wie es auf der Welt zuginge.« Das hat er mit harter Treue getan und ist dadurch allen Sonntagsdorfdichtern und auch Auerbach, dessen Einfluß auf seine ersten Schriften nicht wegzuleugnen ist, durch seine realistische Schilderung, die auf tiefer Kenntnis und feinster Beobachtung – bei der bekannten Aversion des Dichters gegen landläufige Naturbeobachtung muß der Ausdruck im weiteren Sinne genommen werden – und mitfühlendem Verständnis basierte, entgegengetreten. David sagt in seiner Monographie über den Dichter: »Er war durchdrungen von der Fülle des Lebens und von seiner Liebe. In die Bergschlucht sogar, in die der Held (des Schandfleck) seinen verruchten Gegner mitreißend stürzt, läßt er einen Strahl davon gleiten. Der Optimismus ist ihm in einer Weise Herzensbedürfnis, wie kaum einem zweiten. Er bekennt das Leben immer wieder; hellauf und fröhlich sein und das Rechte tun – dies allein ist notwendig. Und in diesem feinem Bekenntnis, würde es allgemein begriffen und geübt, läge sein Wert als Erzieher für unser nur zu leicht verzagtes Volk.« »Die Spuren seiner Wirksamkeit zu tilgen, ist keine Zeit mehr mächtig genug. Und immer wieder wird man zu seinen Werken greifen, denn in ihnen spricht ein Kundiger der Herzen, der mit den einfachsten Mitteln, fast mit Urelementen arbeitet und seine größten Wirkungen erzielt; hier ist Fülle und wahrhafte Erquickung.« Das Leben ist Anzengruber nicht in lauter Sonnentagen dahingerauscht, er hat schwer ringen und darben müssen. Glücklicher war sein Freund Peter Rosegger , freilich in seinen Schriften, mit Ausnahme einiger letzten, religiös gefärbten, weniger tiefgründig. Seine Erzählungen sind nie ganz absichtslos, sind tendenziös oder didaktisch angehaucht, ohne daß dieses auch nur plump oder gar nur angedeutet hervorträte. Es liegt aber in der ganzen Art seines Schaffens und läßt sich aus den Charakteristiken und Ideen seiner Gesamtwerte herausschälen; denn in dem Einzelwerk kommt nur die schlichte und anspruchslose Erzählung zu Wort. Aber in dieser scheinbaren Kunstlosigkeit liegt eben seine Kunst, die kein Wort zuviel, aber auch keins zu wenig sagt, um die volkstümliche Stimmung festzuhalten, die er zu seinen Erzählungen nötig hat. Mit dem Worte »volkstümlich« ist schon angedeutet, daß der Untergrund seiner Geschichten der Volkscharakter der deutsch-österreichischen Älpler ist. Selbst ein Kind der Berge kennt er Land und Leute aus eigenster Lebenserfahrung und scharfer Beobachtung. Dem Bauer gilt seine ganze Liebe, in ihm erblickt er den einzig gesunden Volksbestandteil seines Vaterlandes. Ich, der ich selbst von einer tiefen Verehrung für diesen, aus den Werten ganzer Jahrhunderte hervorgegangenen und diese zum Teil noch in sich bergenden Stand erfüllt bin, aber auch den Kulturwert der Stadt nicht verkenne, glaube, daß Rosegger in einseitiger, selbst bäuerlich-starrer Voreingenommenheit vielfach die städtische Kultur zu arg mitgenommen und ihre Bedeutung nicht recht eingeschätzt hat. So hat er seine aufrichtigsten Verehrer im Volke, aus derem Schoße auch seine Schriften hervorgingen. Wie Anzengruber ist er ebenfalls bewußter Optimist – in ihren Schriften kommt kaum ein Selbstmord vor – ein rechter Sohn seines lebenskräftigen Heimatlandes. Tragische Töne findet er nur dann, wenn er die allmähliche Zersetzung des Bauernstandes schildert (Jakob der Letzte; Das ewige Licht), wie sie unter der unvermeidlich vordringenden städtischen Kultur, die weder Verständnis noch Hochachtung vor dörflicher Sitte und dem Dorfgesetz kennt, eintreten muß. – Weil der Dichter eben mit allen Fasern seiner Seele im Volkstum wurzelt, kann er zu kaum anderen Anschauungen gelangen. Anton Bettelheim betont besonders, daß das Naturell des Dichters in ungewöhnlicher Reinheit den Volkscharakter des Älplers offenbare; »die derbe, sinnliche Lebenslust des Bauernburschen, dem es am wohlsten ist, wenn er bergansteigend dem Schatz auf der Alm jodelnd und jauchzend sein Kommen, seine Liebe und sein Werben ankündigt, findet in Rosegger einen so sichern Dolmetsch, wie die schweren Himmel- und Höllenfahrt prüfenden Zweifel der Bergleute, die auf ihrem Abstieg in die Unterwelt der Salz- und Eisenwerke in endlosen, einsamen Arbeitsstunden auch in die Rätsel und Widersprüche von Kirchenglauben und Weltordnung niederteufen. Über alle Not des gemeinen Lebens hebt jedoch Roseggers Eigenbrödler und Naturkinder der Arbeitsmut, der Lebensmut und der Frohmut empor: Wundergaben, die sie befähigen, mit wenigem sich zu begnügen, jede Prüfung mit christlicher Ergebung in unerforschliche Gewalten zu tragen, die kleinste Gunst des Schicksals mit überschwenglicher Laune zu verherrlichen.« Am wohltuendsten berühren die Werke, in denen der Dichter ans seiner objektiven Reserve hervortritt (Waldheimat; Als ich noch jung war; Schriften des Waldschulmeisters), da der warme Ton des Dichters unwillkürlich ihn und die bäuerlichen Zustände mit einem die dörflichen und städtischen Gegensätze versöhnenden Hauche umweht. Lulu von Strauß und Torney sagt darüber in ihrer Studie »Die Dorfgeschichte in der modernen Literatur«: »Ob wir nun in die Alphütte zu den schlichten Bauersleuten hineinschauen, denen der Sohn in seinem ›Weltleben‹ ein so wunderbar schönes Denkmal gesetzt hat, – ob wir mit dem Schneiderbuben von einer ›Ster‹ zur andern, vom ›Bachrüppel im Fischgraben‹ zum ›Bauer auf der breiten Eben‹ ziehen, – ob wir mit dem Waldschulmeister, jener echt deutschen, mystisch-grübelnden und doch so kindlichen Seele, durch die Wälder um Winkelsteg wandern, in die Hütten der Pecher und Holzer einkehren, uns an der Waldlilie freuen oder am alten Rüpel, jener Verkörperung des ›allwaltenden, allumfassenden und unfaßbaren Sängertums des Volkes‹ – überall ist es dasselbe urwüchsige Sein in und mit der Natur, derselbe schalkhafte Humor, dasselbe ›wunderliche Seelenleben, welches sich in dem Schatten der Tannenwälder, in den tauigen Wiesentälern und auf den stillen Hochmatten entwickelt‹.« Als einer der treuesten Pioniere deutscher Art verdient Adolf Pichler genannt zu werden, gleichbedeutend als Gelehrter, Dichter und Mensch, ein Kind seiner Tiroler Heimat, deren schroffe Härten und freiheitliche Gesinnung er sein Lebtag gern hervorkehrte, und die ihm als Staatsbelohnung eine mißtrauische Beaufsichtigung eintrugen. Aber vielleicht entquillt seinem leidenschaftlichen Deutschtum ein größerer Segen, denn seinen Dichtungen schlechthin; vielleicht ist es der stimmunggebende nationale Grundton seiner Erzählungen, dem der starke Einfluß zuzuschreiben ist, den er auf die Literatur seiner jüngeren Heimatgenossen ausübte und sie dadurch dem Deutschtum rettete, die Kraft seiner urwüchsigen Persönlichkeit und nicht der rein ästhetische Wert seiner Werke; wenngleich auch dieser nicht gering anzuschlagen, ist Pichler doch nach der Zeit des Minnegesangs der erste heimatliche Dichter, den Tirol aufzuweisen hat. Sein literarischer Ruhm gründet sich namentlich auf die Novellen, »schlichte, einfache Erzählungen, ohne viel Aufputz«, wie er sie selbst einmal nennt. Der strenge Ästhet fände an der oft wunderlichen Komposition vielleicht des öfteren etwas auszusetzen. Wenn Hugo Greinz über Liliencron schreibt: »Er arbeitet nicht nach Regeln, nicht ästhetisierend. Die Art und Weise, wie er schrieb, war für ihn überhaupt nur die einzig mögliche, die einzig individuell bestimmte, die von der eines jeden andern durch das tonangebende Moment des persönlichen Verkehrs streng geschieden ist«, so läßt sich dies mit ebenso starker Berechtigung von der Kunst Pichlers sagen. Sein Stil war er selbst, wie er denn auch in jede seiner charakteristischen Figuren einen Teil seines Selbst legte. Nicht um die literarische Fixierung geschichtlicher Tatsachen war es ihm zu tun, sondern um die Herausarbeitung historisch und landschaftlich bedingter Charaktere. Hierin gleicht er Adolf Stern, wie er auch gleich diesem auf die Charakterisierung größten Wert legte. Darin liegt das Geheimnis seiner naturtreuen Landschafts- und Menschenschilderungen, die seinen Büchern direkt kulturhistorischen Wert geben. Was sein Land an Kraft und Schönheit, seine Bewohner »stark in der Liebe, dem Haß«, mit der Urkraft der Burschen, der Lustigkeit der Dirnen boten, weiß er mit volkstümlicher Wärme und Behaglichkeit in seine Erzählungen zu verweben, wobei er noch einen Reichtum landläufiger Gewohnheiten und Gebräuche und Sitten, eigentümlicher Scherze und Überlieferungen als Zugabe gibt. Wer das Unterinntal kennen lernen will, greife zu den Erzählungen Pichlers. Sie sind in die Gesamtausgabe seiner Werke (Georg Müller – München) aufgenommen. Diesen dreien muß Hans Grasberger hinzugesellt werden, der Freund Roseggers, ein weitgereister und in allen Kunstsätteln gerechter Ästhet, der in mancher seiner Dichtungen über seine Heimat hinausgewachsen und uns manche schönen Gaben (Aus der ewigen Stadt; Sonette aus dem Orient) beschert hat, die der Stimmung fremder Landschaften und dem Lebensreichtum fremder Volksstämme entnommen sind. Und doch liegt sein Eigenstes, sein Wertvollstes in den Poesien, in die er die raunenden und geheimen Stimmungen seines steirischen Alpenlandes oder die kerngesunde Art seiner Naturmenschen hineinlegen konnte. Seine Gedichte in steirischer Mundart (Zan Mitnehm; Nix für ungut; Plodersam; Geistlingsschichten) sind eine Fundgrube echt volkstümlicher Lyrik; sie bergen jene schöne Mischung von Trutz und Demut und weher Innigkeit, die gerade das Volkslied auszeichnet. Viele seiner vierzeiligen Verse können den echten Schnaderhüpfeln ebenbürtig an die Seite gestellt werden. Seine Erzählungen sind zusammengestellt zu den »Novellen aus Italien und der Heimat« und den »Geschichten aus Wien und Steiermark«. Sie zeichnen sich durch formvollendete Kunst, sowohl in der Anlage als auch in der Sprache und der Charakteristik aus. Interessant ist, wie der Autor selbst über seine Dichtungen dachte: »So wollen meine Schriften aufgefaßt sein: Als Dank an das Leben, soweit es mich berührt hat, als Dank an den Boden, auf dem ich Gastfreundschaft gefunden. Die Sonette aus dem Orient, die Novellen aus der ewigen Stadt, die Geschichten Auf heimatlichem Boden sprechen dies deutlich aus. Anderes begreift sich unschwer daraus, daß meine Denkweise mehr geschichtlich als philosophisch, meine Anschauungen mehr realistisch als idealistisch, und mein Wesen mehr hingebend als selbstsüchtig, mehr beschaulich als tätig ist. Ich darf mich eines arbeitsamen Lebens rühmen, sowie auch, meinen Namen nie feilgeboten oder preisgegeben zu haben. Das übrige steht in Gottes Hand.« Als ein freier und fein gebildeter Geist, eine ringende, nach höchster Erkenntnis strebende Seele offenbart sich uns einer der jüngsten schweizerischen Dichter Adolf Vögtlin . In fast alle seine Werke hat er Bekenntnisse seines Lebens oder Glaubens niedergelegt, von der historischen Novelle »Meister Hansjakob« an, in der neben landschaftlicher oder kulturhistorischer Schilderung doch das Hauptgewicht auf die lichtvolle Charakteristik humanistischer Bestrebungen gelegt wird, über die kürzeren Erzählungen »Sein größter Freund« und »Sephora«, die beide ebenfalls einer freieren Ethik das Wort reden bis zu dem »Vaterwort« und dem Roman »Das neue Gewissen«, in denen eigene Jugenderlebnisse und Erfahrungen künstlerisch ausgestaltet und verwertet werden oder doch als unterstützende Faktoren zum Siege der Grundidee, eines weltfrohen, diesseitigen Christentums beitragen. Seine letzte Novellensammlung überrascht namentlich durch die psychologisch feine Verquickung ernster und scherzhafter Züge. Hat sich Vögtlin auch nicht immer von seinen großen Landsleuten Keller und C.F. Meyer frei gehalten, so besitzt er – abgesehen davon, daß solche Anlehnungen durchaus nicht als Merkmale künstlerischer Minderwertigkeit angesehen werden können – doch einen starken Bodensatz eigener Kunst, die eben in seiner optimistischen Weltanschauung und seinem spezifischen Schweizertum begründet ist. Die wenigen technischen Uneigenheiten wird er in seiner Entwicklung, der gerade jetzt, da er als freier Schriftsteller lebt, das günstigste Prognostikon gestellt werden darf, schon ablegen können. Auf die bayrische Hochebene führen uns die Romane und Erzählungen A. Achleitners , dessen Kunst ganz in dem starkzügigen Leben jenes harten und frohen Bauernlandes steckt. – Ebenso gibt Karl v. Heigel seine reichste Kunst in den Novellen, die dem bayrischen Volksleben entnommen sind, während er in andern durch eine etwas gewollte Steigerung der Idee die Wirkung zuweilen beeinträchtigt. Im allgemeinen gefällt er durch eine natürliche und lebenswahre Schilderung neuzeitlichen Lebens und seiner Menschen. Und um den Lesern einen kleinen Geschmack echt amerikanischen Humors zu geben, sind dieser Sammlung einige Humoresken Mark Twains angehängt. Wenn es wahr ist, daß dieser große Lebenskünstler, der nacheinander die verschiedensten Berufe erprobte und durchlebte, in Deutschland seine meisten Anhänger und aufrichtigsten Bewunderer habe, was bei der Grundverschiedenheit zwischen deutschem und amerikanischem Humor, dem eben die seelische Innerlichkeit, das weltbezwingende Lächeln fehlt, verwunderlich genug ist, so wird seinen Freunden diese fremde Zugabe sicherlich willkommen sein. Die moderne Frauenbewegung, die der Frau die Schranke öffnete, tätig am öffentlichen Leben Anteil zu nehmen, und der Naturalismus, der auf seiner Suche nach neuen Lebensverhältnissen das moderne Weib entdeckte, bewirkten, daß das in der Frau frei gewordene literarische Interesse sich mit ungewohnter Stärke und Leidenschaft der Roman- und Novellenkunst zuwandte. Gerade die feine Ziselier- und Filigranarbeit, wie sie die letzte Kunstform benötigt, und auf die das Frauenauge besser eingestellt ist, denn der weit umfassende, männliche Blick, und das fieberhafte Bestreben, zu der Aufgabe, ihr neues Menschsein mit den Forderungen ihrer Natur in Einklang zu bringen, begünstigten die Produktion eine Zeitlang so sehr, daß es schien, als seien Roman und Novelle unrettbar an die Frau verloren gegangen, bis in den letzten Jahren erst wieder einige männliche Autoren das Gleichgewicht herstellten. Es liegt ja nahe, in der Frauenliteratur viel Tendenz und, absichtlich hineingetragene Wünsche zu finden, daß es aber eine ganze Reihe Verfasserinnen gibt, »denen die Kunst nicht nur ein Sprungbrett für die Herausschleuderung ihrer Geisteswünsche ist, sondern denen die Verkörperung der in der Phantasie reproduzierten Wirklichkeitswelt und des verborgenen Innenlebens Selbstzweck ist, daß der Boden für weibliches Kunstschaffen bereits genügend vorbereitet ist,« hat Brausewetter seinerzeit schon durch die Veröffentlichung seiner ›Meisternovellen deutscher Frauen‹ bewiesen und geht heute, zehn Jahre später, aus dieser Sammlung noch offensichtlicher hervor. Zu den berufensten und gelesensten Schriftstellerinnen der Gegenwart gehört unstreitig Clara Viebig . Ihr Debüt »Kinder der Eifel« machte sie bekannt und berühmt; ist sie in den folgenden Romanen und Novellen auch nicht immer ihrem Acker treu geblieben, hat sie auch hin und wieder sich zu Experimenten auf nicht eigenem Gebiet (Weiberdorf; Einer Mutter Sohn) verführen lassen, so steht sie doch in andren (Wacht am Rhein; Schlafendes Heer; Tägliche Brot; Absolve te ) auf so hoher künstlerischer Warte, daß man wegen der einzelnen Irrgänge nicht mit ihr rechten darf. Jedenfalls darf ihr Ernst und Begabung auch dann nicht bestritten werden, wenn man ihren Ausführungen und Ideen nicht beistimmen kann und seiner Überzeugung das Urteil nicht vorenthalten darf, sie gehe hin und wieder dem Tierischen im Menschen zu sehr nach. Doch spekuliert sie, soweit ich sehe, niemals auf die niedrige Gesinnung des Lesers. Sie kann wohl mit ihrer Kunst in die Irre gehen, sie wird sie aber niemals mißbrauchen. Ihre Stärke liegt in der Schilderung ihres heimatlichen Lebens, der Eifel und der Rheingegend, weniger ihrer jetzigen Heimat, der Großstadt Berlin, sowie des natürlichen erdgeborenen Menschen. Wo sie Menschenmassen und Menschenklassen lebendig zur Gestaltung bringt, daß wir ihren geheimen Wünschen und Hoffnungen, ihren Schmerzen und Qualen lauschen können, wo sie Einzelzüge und Einzelregungen zu einer Gesamterscheinung zusammenfaßt, wo sie die Volksseele, vom Rhythmus einheitlicher Kräfte durchpulst, symbolisch, wuchtig und riesenhaft vor uns erstehen läßt, wo sie Jammer und Elend mit dem Hauche einer erhebenden Kunst und alles Trostlose und Graue mit dem Schimmer echter Poesie verklärt, wo sie das unbewußt Göttliche, das jenseits alles Guten und Bösen Liegende hervorholt und endlose, weite und beruhigende Perspektiven eröffnet, wo sie Himmel und Erde verbindet und unsichtbare Brücken baut, wo sie die Enge und Weite der Landschaft gleich glücklich und sicher umfaßt und von unsichtbaren Gewalten durchfluten läßt: da ist ihre Kunst zu Hause, da ist sie unumstrittene Meisterin. Leicht erklärlich ist auch, daß das frühstarke und scharf beobachtende Talent der Frauen sich an Stoffe und Charaktere wagte, die bislang von der Literatur etwas stiefmütterlich behandelt worden waren: der Bauer und sein Land. Die Heimatbewegung drängte ja geradezu auf dieses Studium, war man doch zu der Einsicht gekommen, daß der Bauer weder ein sentimentaler Waschlappen noch ein grober Klotz war, und daß auch die Salonbauern Auerbachs der Natur nicht entsprachen. So galt es, diesen Stand ziemlich neu zu entdecken. Da sind es namentlich einige Frauen, die mit unermüdlichem Eifer und treuer Liebe den Schlüssel zu ihrer Seele gesucht und auch glücklich gefunden haben. Zunächst Lulu von Strauß und Torney . Ihren Ruf begründete sie durch das Novellenbändchen »Bauernstolz«, Dorfgeschichten aus dem Weserlande; denn sie zeugen von einer Schärfe der Beobachtung, von einer Kenntnis des heimatlichen Bauernlebens, daß sie in allen dem Bauernstande Nahestehenden freudiges Erstaunen lösten. Die Dichterin hat dem Bauer in die tiefsten und verborgensten Winkel seines Herzens geschaut, sie hat in schwerer Stunde bei ihm gesessen und von den schmalen Lippen gelesen, was sie hartnäckig verschwiegen. Der Bauer ist ihr kein Rätsel; sie weiß, daß unter der harten äußeren Schale ein Herz steckt gar zart und weich und treu wie Gold. Die Romane »Aus Bauernstamm« und »Ihres Vaters Tochter« haben dann ihren Ruhm wohl befestigt, doch ihm keine neuen Züge verliehen. Der erste ist zuweilen etwas konventionell, der zweite als ethisches Lebensbekenntnis wertvoll. Einen tüchtigen Schritt vorwärts tat die Dichterin dann mit den Erzählungen »Der Hof am Brink« und »Das Meerminnecke«. Die Bauernerzählung ist wiederum die wertvollste. Da ist alles restlos verarbeitete Anschauung, großzügige Charakteristik und lebendiges Leben. Namentlich ist ihr die Verschmelzung der vielen divergierenden Eigenschaften des Bauern zu einem einheitlichen Charakter gut gelungen. – Ihr letztes und reifstes Buch ist »Luzifer«, in dem sich ihre Kunst namentlich wieder in der Charakterisierung und Anschaulichkeit der Schilderung bewährt, ja in einzelnen erreicht sie die Viebig, so in der Verbrennungsszene und in der nächtlichen Abrechnung zwischen Ketzer und Bischof. Ihre Sprache ist dann von wunderbarer Modulation; majestätisch und klangvoll in der Wiedergabe der Messe, hart und spitz in dem Rededuell der beiden Priester. Mit der Bückeburgerin verwandt ist die Schleswig-Holsteinerin Helene Voigt-Diederichs . Auf einem Landgut in der Nähe Eckernfördes geboren und erzogen, ist sie, wie von dem Duft ihrer Heimatscholle, so auch von dem geheimnisvollen Weben und Fühlen im Seelenleben ihrer Bewohner so stark durchdrungen, daß auch den Ausflüssen ihres eigenen Innenlebens durch die empfangenen Kräfte ganz bestimmte Linien gezogen wurden. Den leisen tief verborgenen Seelen- und Gemütsregungen geht sie mit seinem Verständnis nach, den Kräften, die unter der Oberfläche ihre geheimnisvollen Kreise ziehen, den Hauptströmungen vielfach entgegengesetzt oder sie bewußt oder unbewußt beeinflussend und lenkend, manchmal nur in stillen, perlenden Wirbeln ihr Leben verratend, manchmal aber auch wild aufbrausend und alles überflutend und vernichtend. Schon in ihrer Lyrik, mehr noch in ihren Prosadichtungen treten diese Unterströmungen mit ihren rätselhaften Gewalten auf, sowohl in ihren Skizzenbändchen (Leben ohne Lärmen, Schleswig-Holsteiner Landleute), als auch in ihren größeren Erzählungen (Abendrot, Regine Vosgerau, Karen Nebendahl). Sie alle beweisen, wie tief die Dichterin dem Empfinden des Volkes nachzuspüren weiß und wie menschlich nahe sie seinen Schmerzen und Freuden, seinen Sorgen und Sonnen, seinem drückenden Alltage und seiner stillen Sabbatruhe steht. Und gerade weil sie ihre Menschen so losgelöst von allem hemmenden und entstellenden Außenputz vor uns stellt, in ihrer ganzen Seelennacktheit und Erdenschwere, ergreifen sie uns in ihrer seelischen Unbeholfenheit, in ihrer Schwäche den starken bezwingenden Unterströmungen gegenüber so sehr. Der Kampf, den diese stillen Menschen mit ihrem Gewissen kämpfen, muß ja vielfach tragisch enden, und was ihre langsam arbeitende Seele in ihrem naiven Rechtsbewußtsein sich einmal zu eigen gemacht hat, kann für das Wohl und Wehe des Trägers ein furchtbarer Tyrann werden, so in »Nachbarskinder«, »Sonntags«, »Engelmakersch Kostkind« (Leben ohne Lärmen) oder in »Vom alten Schlage«, »Vater«, »Schutt«, »Balsaminen« (Schleswig-Holsteiner Landleute). Zuweilen geben sie auch die geängstete Seele aus den strudelnden Wirbeln wieder frei, daß sie Sonne und Tag wieder sehen, wie in den Skizzen »Balsaminen« und »Mutter«. Das Gebiet, dem Helene Voigt ihre Stoffe entnimmt, kann, weil es sich auf das jener Unterströmungen beschränkt, nicht sehr groß sein. So ist es auch erklärlich, daß manche Gestalten doppelt oder doch in ähnlicher Zerspaltung auftreten, und daß eine einmal verwandte Idee uns hier und da in ähnlicher Gewandung noch einmal begrüßt. Manche Gedichte und manche Geschehnisse im »Abendrot«, »Karen Nebendahl« und in »Regine Vosgerau« verdanken jedenfalls einer , allerdings völlig ausgekosteten Stimmung ihre Entstehung. Regine, Karen und Anna im »Abendrot« sind in ihrer keuschen, stolzen Zurückhaltung, in dem Widerstreben gegen die sie umflutenden Liebesströmungen überhaupt verwandte Naturen, und wenn wir die Gedichte der Dichterin lesen, finden wir, daß der Quell für die Empfindungswellen der Mädchen die eigene Seele der Autorin ist. Wohl wiederholt sie sich, allein sie schöpft immer tiefer und voller, bis sie reinstes, edelstes Goldwasser findet, den Roman Karen Nebendahl. Einen schleswig-holsteinischen Bauernroman »Jens Larsen« stellt auch Elisabeth Gödicke als Beitrag zu dieser Sammlung. Die Dichterin ist bislang nur mit kürzeren Novellen und Skizzen hervorgetreten, so daß die glückliche Abfassung dieses längeren Lebensabschnittes und die ziemlich getroffene Charakteristik des Bauern Jens Larsen angenehm überraschen und uns Hoffnung auf noch reifende Gaben der jungen Dichterin geben. Hof- und Heimatduft weht auch vielfach in den Skizzen und Erzählungen der Hamburgerin Charlotte Niese , obwohl sie keine reine Dorfdichtung geschrieben hat. Am anziehendsten ist vielleicht in dieser Beziehung die Titelnovelle der Sammlung »Revenstorfs Tochter und andere Erzählungen«, während in dem Roman »Auf der Heide« der Bauer etwas idealisiert erscheint. Sie besitzt ihrem ganzem Wesen nach auch nicht die Kraft, verborgenen rätselhaften Schätzen nachzuspüren, kompliziertere Seelen zu analysieren. Ihr Eigenstes gibt sie meines Erachtens dann, wenn sie im breiten, ruhigen Fluß der Erzählung, in einfacher, natürlicher, aber reiner und stilvoll-edler Sprache, besonnen und anschaulich Gestalten und Geschichten vor uns aufleben läßt, einerlei, ob sie der »Vergangenheit« angehören oder dem »Licht und Schatten« der Hamburger Cholerazeit. Damit soll dem Werte ihrer Charakterisierungskunst jedoch nichts geraubt werden, im Gegenteil, die Treffsicherheit und Treue ihrer Persönlichkeiten, die sie ihren engeren bekannteren Kreisen entnimmt, wird von allen Kennern rühmend hervorgehoben. Dazu kommt ihre eigene Art der Kleinschilderung und sonnigen Humors, den sie mit tiefer Innigkeit zu verschmelzen weiß und deren Harmonie über alle Erzählungen sein versöhnendes Licht gießt. Von ihrem Humor sagt Iven Kruse: »Ihr Humor begreift alles, und darum verzeiht er alles; deshalb ist er auch nicht zimperlich und hütet sich ganz instinktiv, an der äußeren und inneren Beschaffenheit dieser Leute irgend etwas zu ändern. Mögen sie immerhin zunächst sich recht wenig sympathisch präsentieren, Menschen sind sie auch, und ab und zu tritt ihr Menschentum unter der Kruste des angeborenen und anerzogenen Egoismus zutage. Dann lächelt die Dichterin ihr liebenswürdigstes Lächeln. Sie hat es ja gewußt. Und es macht ihr Freude, uns davon zu überzeugen. Das gelingt ihr vortrefflich; mit manchem Lächeln und manchem herzlichen Lachen erfreuen wir uns an ihren mit so freundlicher Laune vorgetragenen Geschichten, die so Prächtig dazu angetan sind, uns diese grauen Tage zu vergolden.« Es ist in dem engen Rahmen dieser Skizze natürlich unmöglich, auch nur andeutend auf die besten Romane und Erzählungen einzugehen; nur bemerkt sei, daß außer den beiden schon genannten Werken namentlich »Aus dänischer Zeit«, »Geschichten aus Holstein« und »Die braune Marenz und andere Geschichten« zu ihren reifsten Erzeugnissen gehören, und daß sie auch gern gelesene Erzählungen für jüngere Mädchen »Eine von den Jüngsten«, »Die Allerjüngste«, »Das Dreigespann« geschrieben hat, ohne auch in ihnen einer seichten Unterhaltungslektüre auch nur die geringste Konzession zu machen. Einseitiger ist die Hamburgerin Marie Hirsch (Pseudonym Ad. Meinhardt ), deren Stoffgebiet in den Patrizierkreisen Hamburgs liegt, jener Häuser, die von einem ruhigen, stillen, vornehm-gedämpften Milieu durchflossen sind. Und gerade dieser Stimmungswelt entspricht auch ihre Kunstform. So geht sie allen Leidenschaften und schroffen Gewalten sowie den persönlichen Vertretern derselben aus dem Wege und zeichnet mit größter Kunst ältere Personen, die sich durch Haß und Streit und die Nöte des Lebens hindurch in ein stilles Fahrwasser ruhiger Beschaulichkeit gerettet haben (vgl. Herrn Heilwig in der Erzählung »Auf dem Heilwigshof«). Auch ihre Technik, die des öfteren in Briefen und Tagebüchern den geeignetsten Ausdruck findet, entspricht ihrer besonnenen Denkweise. Von ihrer Kunstform sagt Irma Schneider-Schönefeld in einer Besprechung, daß sie vielleicht die glückliche Vermittlerin zwischen der nur-subjektiven, oft aphoristischen Andeutemanier der Bücher von gestern und der uns völlig fremd gewordenen nur-objektiven der Romane von vorgestern und ehedem sei – und fährt dann fort: »Wird noch oder wird schon wieder so geschrieben. So schlicht und still, ohne andere Ambition als die des Erzählens hinterläßt sie (Frau Hellfrieds-Winterpost) eine sachte beruhigte Stimmung, das Gefühl, eine Stunde in guter Gesellschaft verbracht zu haben, die er morgen vielleicht vergessen hat, die aber anziehend genug war, ihn heute zu Nachdenklichkeit und Mitleben, ja zu herzlichem Interesse zu nötigen.« Zwischen dem festen Erdreich dieser Dichterinnen, das durch das lokale Element, dem gemeinsamen Nährboden ihrer Kunst gebildet wird, und den Traumlanden und isolierten Gärten einer Ricarda Huch klafft ein weiter Riß. An Clara Viebig erinnert vielleicht der symbolische Zug, wie er in deren Romanen »Das tägliche Brot« und im »Schlafenden Heer« hervortritt, der aber erst in seiner ganzen Tiefe von Ricarda Huch in ihre Romane verwebt worden ist. Sie gemahnt auffallend stark an die schönheittrunkne Zeit der Romantiker, die in selbst geschaffenen Welten ihre Gestalten leben und träumen ließen. In fast allen ihren Werken, ausgenommen vielleicht »Mondreigen von Schlaraffis« und »Aus der Triumphgasse« überwiegt ein lebensfroher Optimismus, die Freude an der Schönheit des wirklichen Lebens. Dieses darzustellen ist ihre einzige Sehnsucht, die sie am besten wohl in ihrem Meisterwert »Erinnerungen von Ludolf Ursleu, dem jüngeren« erfüllt hat. Eine reiche Fülle glanzvoller und starker Stimmung ist über ihre Romandichtungen ausgegossen und durchströmt sie mit einheitlicher Kraft, wobei doch wiederum die Einzelabschnitte mit selbständigem Gehalte gefüllt sind. Hin und wieder sind Anlehnungen an den Stil Kellers (Episoden in »Ludolf Ursleu«, auch in der »Mondnacht von Schlaraffis«) nicht zu verkennen; im allgemeinen gelingt ihr jedoch eine realistischere Darstellung des Erschauten weniger – ihre Choleraschilderungen sind ungleich schwächer denn die der Charlotte Niese. Besonders tritt diese Darstellungsschwäche in dem Roman »Von den Königen und der Krone« hervor, dessen Einheitlichkeit unter einer ungleich abgewägten Vermengung von Wundersamkeit und phantastischem Realismus leidet. – Jedenfalls müssen wir Ricarda Huch neben der Viebig zu unseren ersten Künstlerinnen zählen. Von ihr sagt Richard Meyer in seiner deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts: »Ein reiches Talent trat Ricarda Huch unter die vielen kleinen Begabungen unserer Tage. Ihr fast allein schien eins gegeben, was den Genius charakterisiert: verschwenderischer Reichtum und lächelnde Leichtigkeit der Erfindung.« Ganz isoliert steht Bertha v. Suttner . Sie ist Künstlerin, Dichterin immer erst in zweiter Linie, Philosophin, Predigerin einer dauernd fortschreitenden Entwicklung in erster Linie. Um die Gestaltung ihrer Idee ist es ihr stets zu tun. Die Tendenz, die Polemik beherrscht ihre Romane. Das Romanhafte selbst dient ihr nur als angenehme, der Verbreitung ihrer Ideen dienende Einhüllung. Mit allen Mitteln ihres hochgebildeten Geistes geht sie mit den rückständigen Resten unserer Kultur scharf ins Gericht; am bekanntesten ist in dieser Beziehung ihr Roman: »Die Waffen nieder« geworden, in dem sie mit flammender Begeisterung die Unmoral des Krieges bekämpft. Und hier strömt die Flut ihrer Worte und Anklagen in so rauschender und mächtiger Fülle, daß sie wohl, wie Brausewetter sagt, »den Eindruck voller Lebensfülle hervorruft«. Von neueren Autoren hat vielleicht nur Robert Reinert in seinen Dialogen »Der Krieg« mit gleich packender Gewalt die Grausamkeiten des Krieges zu geißeln vermocht. – Daß sie aber auch, wo sie zwecklos nur erzählen, unterhalten will, eine angenehme, liebenswürdige Novellistin ist, beweisen die »Erzählenden Lustspiele« dieser Sammlung, die »Phantasien über den Gotha« und die Novellensammlung »Schmetterlinge«. Brausewetter charakterisiert ihren Wert treffend, wenn er sagt: »Was ihren Werken trotz allem Theoretisieren und Dozieren so überaus Frisches, Lebensvolles, Packendes verleiht, das sind die siegesfrohe Begeisterung, das freudige mutvolle Draufgehen, die innige Menschenliebe und das tiefe Herzensmitleid.« So wäre ich bei den Unterhaltungsschriftstellerinnen angelangt, die die Frauenliteratur durch ihre flache und leichte Vielschreiberei teilweise in den Verdacht des Dilettantismus und der künstlerischen Unreife gebracht haben. Gewiß soll hier nicht der ödesten Familienlektüre und ihren Verfasserinnen das Wort geredet werden – sie sind auch aus dieser Sammlung ausgeschlossen – aber bei der auch vielfach gering geachteten Marie Bernhard möchte ich doch zu bedenken geben, ob ihr Talent nicht doch den Weg in die Höhen und Tiefen des Lebens gefunden hätte, wenn das Gesellschaftsniveau, dem sie, durch die Verhältnisse gezwungen, ihre Erzeugnisse anpassen mußte, auf höherer literarischer Stufe gestanden hätte. So wurde sie eben in eine Bahn gedrängt, von der aus ihr ein eben nur beschränkter Kreis – beschränkt in der Weite und Tiefe – zur Verfügung stand. Aber man wird gestehen müssen, daß sie ihr Publikum liebenswürdig und angenehm zu unterhalten weiß. – Dasselbe ließe sich von Cl. v. Glümer und M. v. Sydow sagen die sicherlich nicht denen zugerechnet werden dürfen, die die Frauenliteratur in Mißkredit gebracht haben, wenngleich sie auch weniger über markante und hervorstechende Züge verfügen. – Frida Schanz hat sich namentlich als Lyrikerin einen geachteten Namen gemacht, sich dann aber auch mit viel Glück in der Novellendichtung und der Novelle versucht und als Herausgeberin der Jahrbücher »Junge Mädchen« und »Kinderlust« der Jugend manche Sinngedichte und Spruchstrophen geschenkt. – Vom Berner Oberland bis zu den nordischen Heidestrecken ist ein weiter Weg; wer wollte die überwältigenden Schönheiten des ersteren nicht bewundern, wer aber auch nicht den letzteren volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, sofern er seine Augen nur recht eingestellt und seinen Maßstab modifiziert hat! Damit hätte ich die Runde beendigt. Nicht alle Dichter und Dichterinnen konnten in dem Maßstäbe berücksichtigt werden, wie sie, isoliert oder in anderer Zusammenstellung, es wohl verdient hätten, bei ihnen muß, wie bei allen, das Studium der Werke nachhelfen, das hoffentlich durch die hier gegebenen Proben nicht umsonst angeregt werden soll. W. Lennemann. Arthur Achleitner Der Finanzer Erzählung vom Bodensee I. Eine drückende Schwüle lag über dem perlmutterfarbenen See und der alten Stadt Bregenz trotz der frühen Stunde des Junitages. Es mochte etwa neun Uhr vormittags sein, als von der Harder Seite her drei Finanzwachaufseher zur Stadt schritten, geführt von einem Oberaufseher. Man konnte es den Leuten ansehen, daß sie müde, übernächtig sind, ermüdet vom Nachtdienst der Überwachung zur Verhütung jeglichen Schmuggels an der vorarlbergisch-schweizerischen Grenze. Der schlankgewachsene, schwarzhaarige Oberaufseher Anton Lergetbohrer führt seine müde Mannschaft, die mit ihm wieder einmal vergeblich »gepaßt« hat. Alles war ruhig geblieben die Nacht über; außerdem bestätigte sich die Wahrheit des alten Grenzersatzes, daß am lichten Tage am Bodensee und anderswo nicht geschmuggelt wird. So kehren die vier Wachleute, die Gewehre lässig im Riemen an der rechten Achsel tragend, müde, schier schleppenden Schrittes nach Bregenz in die Finanzerkaserne zurück. Mancher Fußgänger kommt an ihnen vorbei und manch geringschätziger Blick trifft die Mannschaft. Die Zöllner sind nirgends beliebt, und in den in Österreich schlechtweg »Finanzer« genannten Grenz- und Finanzwachaufsehern glaubt jeder minderwertige Menschen erblicken zu sollen, weil ihr strenger Dienst und dessen straffe Handhabung im Interesse des Staates den Leuten mit schlimmen Absichten eben sehr unbequem ist. Knapp vor Eintritt in die Stadt Bregenz mahnt der Befehlshaber Lergetbohrer zu strammerem Auftreten; es soll die Mannschaft sich die Strapaze einer dienstlich durchwachten Nacht nicht anmerken lassen. Der Oberaufseher gibt für seine Person das beste Beispiel; stramm marschiert er an der Spitze seiner kleinen Abteilung und zwirbelt sich noch geschwind die pechschwarzen Schnurrbartspitzen schneidig auf. Die Finanzer schreiten tüchtig aus, nur der letzte zappelt etwas und gähnt zuweilen. Das ist ein junger Bursch, dem die Nachtwache noch wehtut und die Schlafsucht die Augendeckel niederdrückt. Lergetbohrer mahnt zur Strammheit, denn eben biegt die Abteilung in eine Gasse ein, die stark frequentiert ist und am nächsten zur Finanzwachkaserne führt. In dieser Gasse befindet sich eine Weinwirtschaft mit anstoßendem Garten, und in letzterem pflegen unter kühlem Baumschatten die Bregenzer gerne ihr Schöppli einzunehmen, Lergetbohrer konnte sich nun freilich selbst sagen, daß um neun Uhr vormittags kaum ein Gast schon beim Schoppen weilen wird; immerhin soll der Einzug doch so sein, als ob ihn kritische Augen mustern würden. Die Bewohner in dieser Gasse ignorierten die Finanzer und gingen ihren Geschäften nach; höchstens daß ein Ladeninhaber der grün uniformierten Mannschaft einen spöttischen Blick nachsandte. Im Schankgarten der Weinwirtschaft des Karl Wüsteler stand ein schmuckes Mädchen, die ob ihres Hochmutes in ganz Bregenz bekannte Zenzele, mit einer roten Nelke in der schmalen Rechten. Einfach gekleidet ist das Mädchen, absichtlich einfach, um die herrliche Gestalt um so besser zu heben. Braune, weiche Flechten umrahmen das Madonnagesichtchen, zu dem nur die stolzblickenden Augen nicht recht passen. So lieblich die Erscheinung des schlankgewachsenen Mädchens ist, der scharfe Blick stört die Harmonie. Nur wenn Zenzele lachend die Perlenzähne zeigt, wird auch der Blick weicher; doch können sich wenige Burschen rühmen, von Zenzele angelächelt worden zu sein. Wie die Finanzer herankommen im strammen Schritt, mustert das Mädchen die kleine Schar scharf und kalt, offensichtlich geringschätzig. Lergetbohrer warf einen leuchtenden Blick auf die Prachtgestalt am Gartenzaun und erwies dem Mädchen insofern eine militärische Ehrung, als er stramm die Rechte an den Gewehrschaft legte. Unmutig drehte Zenzele dem grüßenden Oberaufseher den Rücken. Vielleicht sollte diese Unhöflichkeit die Röte der Verlegenheit verdecken. Das Mädchen fühlte es, wie die Glut in die Wangen schoß, und schritt eilig tiefer in den Baumschatten hinein. Lergetbohrer biß sich auf die Lippen und schritt weiter. Die hinterdreinfolgenden Finanzer flüsterten sich Bemerkungen über die hochmütige Zenzele zu und wohl auch ein Wort über ihren anrüchigen Vater, der im Verdacht des Schmuggelns steht, den man aber leider bisher nicht zu fassen vermochte. Gelingt aber der Fang einmal, dann wird wohl auch die Tochter weniger hochnäsig auf die Finanzer herabblicken und vielleicht die Grünrocke um »gut Wetter« bitten. In der Kaserne angekommen, geben sich die drei Mann der verdienten Ruhe hin, nachdem sie vorher den von Lergetbohrer ausgetragenen Rapport unterschrieben hatten. Lergetbohrer erstattete nun über die ereignislose Einrückung dem vorgesetzten Respizienten, namens Eiselt, einem behäbigen Manne mit gutmütigem Gesicht, Meldung. »Also wieder einmal nichts!« meinte der Beamte. »Sie müssen schon schärfer dreingehen, Lergetbohrer! Die Schwärzerei muß ein Ende nehmen, sonst wachsen die ›Nasen‹ (Rügen) höher wie der Gebhardtsberg in die Höhe!« »Zu Befehl, Herr Respizient! Aber im streng vorgeschriebenen Dienst nach der alten Schablone kann auch ich bei allem Pflichteifer nicht hexen! Wenn ich mehr freie Hand bekäme ...!« »Wie meinen Sie das, Lergetbohrer?« »Mit Verlaub, Herr Respizient! Ich meine, wenn ich so zuweilen auf eigene Faust ...« »Das geht wohl nicht! Indessen, bei besonderen Anlässen! Halten S' halt die Augen offen! Sie haben ja so viel gute Augen! Ich will aber nichts gesagt haben! Sie wissen, die Verantwortung ist groß, und ich habe an den bisherigen Nasen gerade genug! Nur keine Blamage! Ja nichts übereilen und um Himmels willen den Leuten kein Recht zu Beschwerden geben! 'pfehl mich!« Damit war der Oberaufseher entlassen und konnte seine Stube aufsuchen. Munter sprang ihm beim Eintreten in das kleine ihm zugewiesene Gemach, das dürftig mit einem Feldbett, Waschtisch und Kleiderhaken möbliert ist, sein Rattler »Flock« entgegen und bellte freudig den Willkommengruß, indem das Hündchen immer wieder am Gebieter in die Höhe hüpfte. Lergetbohrer schmeichelte das kluge Tier und ließ es dann ins Freie. Bald ist Toilette gemacht und mit frischem Wasser die Müdigkeit der Nachtwache vertrieben. Anton Lergetbohrer könnte jetzt sofort wieder Dienst machen, gönnte sich aber doch etwas Ruhe, der Hitze wegen und mit Rücksicht auf den Umstand, daß nach dem Dienstturnus ihn heute nacht die Streifung zu Wasser trifft. Anton liegt nicht lange auf dem Feldbett, da fordert Flock durch Kratzen an der Zimmertüre wieder Einlaß. Sofort erhebt sich der Finanzer und öffnet. »Bist schon wieder da, Flock? Ist recht! Da soll denn gleich der Unterricht beginnen! Du mußt ein richtiger Zollhund werden, Flock, verstanden!« Der Rattler blickte seinen Herrn mit so klugen Augen an, als verstände er jedes Wort. Anton schärfte nun des Hundes Nase speziell auf das Riechen von Tabak und Kaffee. »Wo ist Tabak, Flock?« Augenblicklich begann der Hund die Suche im Zimmer, kroch unter das Bett, schnupperte am Kasten, rannte kreuz und quer, um schließlich zum Gebieter zurückzukehren. »Nichts gefunden, Flock? Bist ein schlechter Zöllner! Deine Pflicht ist es, Konterbande zu riechen!« Anton hielt inne und lachte dann auf, »Wie ungeschickt von mir! Wo keine Konterbande ist, kann der Hund auch keine riechen!« Nun ließ er den Hund wieder hinaus, schloß die Türe und versteckte ein Paket Kommißtabak, wie solchen das österreichische Militär und die Finanzwache faßt, im Kleiderschrank, Als Flock wieder ins Zimmer gelassen wurde, befahl Lergetbohrer: »Such Tabak! Wo ist Konterbande?« Munter begann Flock erneut die Suche, und bald stand er wie angewurzelt vor dem Kasten und winselte, zugleich durch Kratzen andeutend, daß er in den Kasten eindringen wolle. »Brav, Flock! Such Tabak!« Mit diesen Worten öffnete Anton den Kleiderkasten, und schwapp hatte Flock das Tabakpaket im Fang und brachte es dem Gebieter. Stolz nahm der Hund die Lobsprüche entgegen. »Das ABC, wie es ein Zollhund kennen muß, hätten wir! Nächstens folgt Fortsetzung mit Kaffeebohnen!« sprach Anton und rüstete sich zu einem Spaziergang mit Flock. Im letzten Augenblick entschloß sich Lergetbohrer, die Uniform mit dem schlichten, unauffälligen Zivilkleid zu vertauschen, wozu er vom Kommissär die Erlaubnis erhalten hatte. So schritt der Oberaufseher in Zivil durch den Flur der Finanzkaserne, in welcher an Haken mit kleinen Namenstafeln die Gewehre der dienstfreien Mannschaft hängen, alles nach militärischer Art geordnet. Zum erstenmal fand es Anton befremdend, daß die Armatur doch ohne jegliche Aufsicht sich befinde und jedermann von der Gasse her eintreten und zum mindesten kontrollieren kann, wieviel Gewehre und damit auch wieviel Aufseher zu Hause sind. Merkwürdig, daß ihm das früher niemals aufgefallen ist. Anton hielt sich indes nicht länger auf und eilte ins Freie, munter voraus Flock der Rattler. Wohin nun an diesem dienstfreien Tag? Pfänder oder Gebhardtsberg? Dazu ist die Zeit zu weit vorgeschritten und die Hitze zu groß. Anton schlug den Weg zur Schanz ein und kehrte dort zu einem Labetrunk in der Wirtschaft ein. Angenehm kühl ist's in der großen Stube, in welcher nur ein Gast hockt. Anton mustert den etwas angesäuselten Mann nach dienstlicher Gewohnheit und wird nicht recht klug, wohin er den einsamen Zecher hinsichtlich der Staatsangehörigkeit tun soll. »Ein Seehase« (Bewohner einer Bodenseeansiedelung) ist es sicher, das kündet das Selbstgespräch im Dialekt. Der Weinselige blickt auf und fragt: »Wend er auch e Schöppli?« Nun weiß Anton, daß er einen Schweizer vor sich hat. Der Mann interessierte ihn, noch mehr aber, daß der Zecher so einsam in der Schanz zwischen Lindau und Bregenz sitzt, untätig und vollgetrunken. Lergetbohrer sagt sich in Gedanken selbst, daß ja der Verkehr am See ein lebhafter ist, also auch Schweizer ebensogut zum Trunk turra (herüber), wie Bregenzer und Lindauer turri (hinüber) fahren können. Wer wird auch in jedem Menschen sogleich einen Schwärzer (Schmuggler) wittern wollen. Anton lächelt, trinkt dem Zecher zu und fragt im Schweizerdialekt: »Wie gaht's?« Mißtrauisch mustert der Gast den Frager, doch angesichts der Gelassenheit Antons und seines leutseligen Verhaltens beruhigt sich der Mann sogleich wieder. Er beantwortet die Frage mit »gut« und leistet sich einen kräftigen Schluck. Absichtslos erwidert Anton: »Ja, ja, nach der Arbeit ist gut ruhen!« Der Zecher lacht in sich hinein und trinkt den Schoppen völlig leer, um dann sogleich mit heiserem Baß nach frischer Füllung zu rufen. Die eintretende Kellnerin, eine dralle Tirolerin, meint schnippisch: »Nun könnt Ihr aber decht genug haben! Vierzehn Vierschtele, sell zerreißt einen andern!« Der Zecher gröhlt vergnügt: »Heut krieg' ich nünd genug. Lang noch alleweil e Schöppli, Maidi!« Damit reichte er die Flasche dem Mädchen zur frischen Füllung. Anton bewunderte die Leistungsfähigkeit des Mannes im Weinvertilgen ganz unverhohlen: »Alle Achtung, Herr! Vierzehn Schöppli, das ist eine ganz respektable Leistung! Ihr begießt wohl ein besonderes Ereignis oder einen Glücksfall, was?« Trotz der Trunkenheit warf der Zecher einen scharfen, forschenden Blick auf den Sprecher, und diesen Blick fing Anton auf. Der Verdacht, wenn auch nur ganz unbestimmt, ward wieder rege. Das Eintreten der Kellnerin überhob den Zecher einer Antwort, um so mehr, als die Hebe nun auf Zahlung der fünfzehn Viertele Wein bestand. Das brachte den Mann in Zorn, fluchend zog er einen Lederbeutel aus der Tasche und frug höhnisch, in welchem Gelde er zahlen solle, er habe Fränkli so viel wie Mark und Gulden. »Dann zahl auf österreichisch, wie's Brauch ischt bei uns!« sagte schnippisch die Kellnerin. Der Mann schob zwei Guldenstücke hin und frug, wieviel er für den Rest noch Schöppli bekommen werde. Da lachte die Kellnerin: »Raiten können sie schlecht, die Schwizer! 's Vierschtele kostet zehn Kreuzer, einen Gulden funzig Kreuzer seid Ihr schuldig, aftn langt es noch auf fünf Vierschtele! Ich mein' aber decht, Ihr habt genug! Aber freilich, die Rorschacher Fischer sind durstig wie die Felchen, die sie oft nicht erwischen!« Anton horchte hoch auf. Der Zecher lachte und spottete dann über das eigene Gewerbe. Man müßte sich eben zu helfen wissen, und da wären die Schweizer immer voran. »Warum denn gerade die Schweizer?« frug Anton. »Weil sie besser dütsch könnet!« spottete der Rorschacher. »Das möcht ich nicht so kecklich behaupten. Aber schlauer mögen sie schon sein, die Schweizer!« »Das sind sie auch!« renommierte der Trunkene. »Bei uns ist der dümmste Spekulierer alleweil noch gescheiter als alle anderen Seehasen.« Anton mußte an sich halten, um sich nicht zu verraten. Das eine Wort rechfertigte den bisher so unbestimmt gewesenen Verdacht. Der Mann spricht von »Ausspekulieren«, er gehört also einer Schmugglerbande an, daran gibt es keinen Zweifel. Es heißt nun aber schlau sein. Als sich die Kellnerin entfernt hatte, kam Anton auf das hochinteressante Thema wieder zurück, indem er möglichst harmlos bemerkte: »Na, ich meine, vom Ausspekulieren verstehen die Vorarlberger auch etwas!« Der Wein tat beim Rorschacher nun doch schon so starke Wirkung, daß die Augen gläsern wurden und den Dienst versagten. Der Mann meinte wegwerfend, daß die Bregenzer immer noch zu wenig organisiert seien und die »Grünen« zu viel fürchten. »Sind denn die ›Grünen‹ in Österreich nicht zu fürchten?« Der Rorschacher hustete und trank dann. »Pah, eine Jammerbande ist das! Hungerleider und dumm wie die Nacht!« »Warum denn dumm?« »Weil sie bei allem Aufpassen noch nicht einmal die Signalordnung kennen! Lungern Tag und Nacht herum, haben Ohren und hören nicht!« Anton log tüchtig: »Ich bin zwar keiner von den ›Grünen‹, aber ich meine doch, die Finanzer kennen die meisten Kniffe in jenem Handwerk!« Erbost schlug der Mann mit der Faust auf den Tisch, so stark, daß sein Glas umfiel und der Wein sich über die Platte ergoß. »Nünd wissent se!« Anton zitterte vor Begierde, die ihm tatsächlich bisher fremd gebliebene Signalordnung der Schmuggler kennen zu lernen; er wußte aber nicht, wie dem Trunkenen das Geheimnis herausgelockt werden könne. Ein Zufall sollte ihm wenigstens zum Teil zu Hilfe kommen. Über das Wirtshaus zur »Schanz« strich eine Rabenkrähe und ließ mehrmals ihr widerliches Gekrächze vernehmen. Schon beim ersten gedehnten Ruf »Raab« horchte der Schweizer erschrocken auf, soweit ihm dies im Dusel noch möglich war, und als die Krähe noch einige Male ihr Gekrächze hören ließ, da sprang der Mann fluchend auf und floh zur Türe hinaus, wie wenn ihn der Teufel selbst verfolgte. Lergetbohrer staunte. Dann begann er zu überlegen, was diese Flucht zu bedeuten haben könnte. Die Veranlassung zu diesem blindtollen Davonlaufen kann nichts anderes als das Rabengekrächze gewesen sein. Also bedeutet der Rabenschrei, mehrmals wiederholt, Gefahr, es wird eine Warnung sein, und da der Davongelaufene mutmaßlich ein Schwärzer ist, so ergibt sich von selbst, daß Rabengekrächze ein Warnungssignal für Schmuggler ist. Lergetbohrer bezahlte seine Zeche und beschloß nach Bregenz zurückzuwandern. Munter sprang Flock voraus. Nach einer Weile sah der Oberaufseher den Fischer auf der Straße dahintorkeln. Dies Schwanken des weinvollen Mannes reizte zum Spaß; Lergetbohrer steckte zwei Finger der Rechten in den Mund und ließ einen gellenden, gedehnten Pfiff ertönen. Den Mann vorne reißt es schier um, und wie angewurzelt bleibt er stehen, mit blöden Augen um sich blickend. Unwillkürlich pfiff Anton zweimal kurz und rasch nacheinander. Der Mann machte augenblicklich kehrt und wankte auf der Straße zurück. Der Oberaufseher erkannte nun, daß solchen Pfiffen eine besondere Bedeutung zugrunde liegen müsse, und sofort probierte er eine weitere Ausnutzung dieser unvermuteten Beobachtung. Rasch Deckung hinter einem Baum nehmend, ließ er nun drei gellende Pfiffe ertönen, welche den Mann trotz seiner Trunkenheit veranlaßten, sofort nach rechts zu gehen, querfeldein. »Eine kostbare Wahrnehmung!« flüsterte Anton und prägte sich die Bedeutung dieser Signalpfiffe scharf ins Gedächtnis; ob ein viermaliges Pfeifen jetzt noch Erfolg haben würde, schien Lergetbohrer selbst zweifelhaft zu sein. Mehr des Scherzes halber denn in Erwartung einer Beobachtung, pfiff der Finanzer wieder zweimal kurz und rasch, und siehe da, der Dusler gehorchte augenblicklich und wankte denselben Weg zurück an die Landstraße. Drei Signale wären also nebst dem warnenden Rabengekrächze nun erraten, fehlt nur noch das Signal: vier Pfiffe hintereinander, schnell und kurz. Der Mann duselte vorne gen Bregenz. Die vier Pfiffe veranlaßten ihn jedoch, sogleich nach links abzugehen. Im Straßengraben kam er zu Fall und blieb liegen. Die Beine wie der Kopf versagten nun den Dienst; der gewaltige Rausch muß ausgeschlafen werden. Frohlockend über die so unerwartet gemachte Entdeckung spazierte Lergetbohrer in die Seestadt Bregenz, wo er in der Wirtschaft des Wüsteler einkehrte. Schon beim Eintritt in den Schankgarten konnte er sich überzeugen, daß sein Kommen alles eher, nur nicht willkommen ist, denn das Geräusch seiner knirschenden Tritte im Kies des Gartens scheuchte ein Pärchen ans, das Zwiesprache in einer Laube gehalten haben mochte. Zenzele ist es, die ärgerlich von jenem Laubentisch wegtrat und geringschätzig auf den Gast blickte. Der junge Mann aber, dessen Unterhaltung so jäh gestört wurde, sandte dem in Zivilkleidung unkenntlichen Finanzer einen Wutblick zu. Ein hübscher Bursch mit blondem Bart, der Typus des Alemannen, eine gedrungene Gestalt, welcher ein eigenartiges, scheues Wesen eigen zu sein schien, wie wenn der Mann Ursache hätte, etwas vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen. Lergetbohrer gewahrte dieses scheue Wesen sofort, fand es indes begreiflich, daß der junge Mann in seinem Ärger über die Störung nun sich entfernte, wobei er den Wein auf dem Tische stehen ließ. Zenzele war an den Tisch Lergetbohrers herangetreten und frug spitz: »Was isch g'fällig?« »Ich habe wohl gestört, Fräulein?« frug Anton entgegen. »Was Sie sich nicht einbilden! Durchaus nicht! Was isch g'fällig?« »Ich bitt' um ein Viertele Wein!« »Weiß oder rot?« »Bitte rot!« Zenzele entfernte sich. Ein erquickender Anblick, wie das prächtige Mädchen so zierlich dahinschritt. Bald kam Zenzi mit dem Fläschchen Rotwein zurück, stellte es auf den Tisch und begab sich ins Haus. »Sie ist vergrämt!« murmelte Anton und schenkte sich das Glas voll. Merkwürdig, was dieser Wein für ein Bukett hat! Schon nach dem Geruch kann festgestellt werden, daß dieser Rotwein in Tirol nicht beheimatet ist. Ein Kostschluck bestätigt dies sofort. »Veltliner Rötel!« flüsterte Anton, »und ganz gewiß nicht ordnungsgemäß verzollt!« Drinnen im Hause hatte Zenzele dem Vater, einem echten, gutgenährten Vorarlberger mit klugen Augen und einer gewissen Verschmitztheit im Wesen, zugeraunt, daß im Garten ein Gast sitze, der ihr verdächtig vorkomme. Es wäre ihr, als wenn der Mann sonst eine Uniform trüge, das Zivilgewand schlottere etwas. Nur wisse sie nicht zu sagen, ob der Mann Militär oder sonst was sei. Vorsichtig trat Wüsteler, der Weinwirt, an ein nach dem Garten gerichtetes Fenster und guckte hinaus. »Ganz richtig! Das isch ein Uniformmensch in Zivil! Tod und Teufel, das isch ein Finanzer in Zivil, darauf wett' ich!« Zu Zenzele gewendet, frug der Vater: »Was hat der Kerl für'n Wein draußen?« »Rötel hat er bestellt!« »Und gegebe hast du?« »Vom Faß Nummer drei!« »Bim Blueß, sell isch' bi Gott bedurli! Der Ma' wird im volla Bisa heimkehre und Azeig' mache!« (Beim Blute Christi, das ist bei Gott bedauerlich! Der Mann wird im vollen Laufe heimkehren und Anzeige erstatten.) Gelassen blieb Zenzele, wenigstens äußerlich, und kühl sagte sie: »Eßeda goht er!« (Jetzt geht er.) Nun jammerte der Wirt, der nichts anderes glaubt, als daß der Mann heimkehren, die Uniform anziehen, wiederkehren und den gepaschten Wein konfiszieren werde. So rasch kann aber das Faß mit dem unverzollten Veltliner Wein nicht versteckt werden. Plötzlich hält Wüsteler inne und fragt, ob der Mann vielleicht auf das Zahlen vergessen habe. Rasch springt Zenzele hinaus und überzeugt sich, daß der Gast achtzehn Kreuzer für den genossenen Viertelliter Wein zurückgelassen hat. Der Wirt verwünscht sich, seine Habsucht und Dummheit. Einem Verdächtigen geschmuggelten Wein vorzusetzen, das ist schon polizeiwidrig dumm. Und Wüsteler goß die Zornschale über Zenzi aus, die er wahrhaftig für gescheiter gehalten habe. Lergetbohrer wandelte gegen Abend dem Hafen zu und betrachtete die Ankunft und Landung der Dampfer, Eben dreht der »Bodmann«, ein badisches Schiff bei, und langsam vollzieht sich die Landung. An Bord ist das übliche Hasten und Drängen der Passagiere wahrzunehmen. Am Deck erster Klasse ruht ein Herr in einem Tragsessel, anscheinend ein Gelähmter, der an Land transportiert werden muß. Richtig begeben sich zwei Mann, die der Schiffsbedienung nicht anzugehören scheinen, zu ihm und ergreifen die Stangen des Tragsessels. Lergetbohrer behält den Mann unwillkürlich scharf im Auge; ihm erscheint seltsam, daß ein Kranker gar so angestrengt nach den Finanzern blickt, die nahe der Landungsbrücke im Revisionssaale stehen. Wie der Krankentransport in den Dienstraum gelangt, drängt sich Lergetbohrer in nächste Nähe, just recht, um zu hören, wie die Frage des Wachmannes nach Gepäck, Zollbarem, Zigarren und Tabak vom kranken Herrn mit dem Hinweis, daß der Diener das Gepäck bringen werde, beantwortet wird. Höflich langt der Finanzmann ans Käppi. Der Kranke wird von den zwei Dienern aus dem Revisionssaale getragen. Lergetbohrer folgt dem Transport, weil er dazu noch Zeit hat und wissen möchte, wohin sich der ängstliche Herr und ohne auf das Gepäck zu warten, tragen läßt. Sonderbarerweise wird nicht der Weg in ein Hotel oder in das Spital genommen, sondern in die Oberstadt. In der Dämmerung verschwindet der Transport plötzlich in einem Hause. Knapp erreicht Anton dieses Haus, als die beiden Träger wieder heraustreten wollen. Seine Zivilkleidung verwertend, frug er, wer denn der Schwerkranke gewesen sei, der eben in das Haus gebracht wurde; der Mann habe ja sehr leidend ausgesehen. Ein Kichern der zwei Männer, deren Gesichtsausdruck in der Dunkelheit nicht wahrgenommen werden konnte, bestärkte den Oberaufseher in seinem Verdacht, und einer Augenblicksregung folgend, trat Lergetbohrer in den dunklen Flur des Hauses. Verdutzt standen die Träger vor der Tür auf der Straße, unentschlossen, was sie nun beginnen sollen. Das bürgerliche Kleid des Verschwundenen beruhigt sie indessen, und sie entfernen sich. Aus einem Gemach dringt Gelächter; ganz deutlich kann Anton Spottreden und das Lachen über die »dumme Finanz« hören, die heute wieder einmal gründlich hinters Licht geführt worden sei. »Also doch!« flüstert Lergetbohrer, für den die Situation arg unangenehm ist. Zu einer Hausdurchsuchung hat er kein Recht, als Zivilist schon gar nicht. Der Krankentransport war Schwindel, Mittel zum Zweck eines verschlagen ausgeführten Schmuggels. Anton horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, und was er nun vernahm, gab Hoffnung, die Konterbande doch noch zu erwischen. Deutlich sprach eine Männerstimme: »Von den zwanzig Kilo Tabak, die ich hereingebracht, will ich die Hälfte jetzt nach Feldkirch bringen. Verbergt den Rest, morgen nachts hol' ich ihn!« Lautlos schlich Anton durch den Flur hinaus auf die Straße und blieb fest an die Hauswand gedrückt stehen. Bald darauf kam die Männergestalt mit einem Pack aus dem Hause. Nun gilt es. Scharf klang Antons Befehl: »Halt! Finanzwache!« Die Gestalt warf im selben Augenblick den Pack weg und sprang in rasenden Sätzen davon. Anton merkte sich nun die Hausnummer, griff den Pack auf und schritt eilig der Kaserne zu, denn nun wird es Zeit, den Nachtdienst zu Schiff anzutreten. Wie Lergetbohrer in den Flur der Kaserne trat, wo die Gewehre an den Haken hängen, drang ein Geräusch an sein Ohr, wie wenn sich jemand zu Boden geworfen hätte. In der Finsternis ist nichts zu sehen. Rasch entzündet Anton ein Streichholz, bei dessen Aufflackern er wirklich einen Burschen längs dem Gewehrrechen am Boden liegen sieht. Sofort gebietet der Oberaufseher, nun gleich mehrere Streichhölzer anzündend, dem Burschen, aufzustehen; doch dieser stößt lallende Tone aus, ein Grunzen, und bleibt wie ein Sack liegen. Flock, der Rattler, schnuppert herum, und wie dessen kalte Schnauze dem Burschen ins Gesicht kommt, fährt dieser erschrocken auf, und flink steht er auf den Beinen. Die beabsichtigte Flucht verhindert Anton, indem er sich vor die Ausgangstür stellt. Flock bellt aus Leibeskräften, Lergetbohrers Rufe alarmieren die Mannschaft, es kommen Leute mit Licht, der Bursch ist gefangen. In einer Stube stellt Anton sofort ein Verhör mit demselben an, und bald war sich der Oberaufseher klar, daß er einen Ausspekulierer erwischt hat, die wichtigste Person für einen beabsichtigten Schmugglerzug. Zwar leugnet der Bursch hartnäckig, doch bekommt Anton so viel heraus, daß es Usus ist, im Flur der Kaserne Nachschau zu halten, wieviel Gewehre am Rechen hängen. Es ist also leicht abzuzählen, wieviel Gewehre fehlen, das ist, wieviele der Grenzaufseher im Dienste abwesend sind. Daß der abgefaßte Bursche in beschmutzter Kleidung ist und sich schwer betrunken stellte, sollte seine Anwesenheit in der Kaserne harmlos machen, gleichsam als hätte der Trunkene sich verirrt. Die Androhung einer körperlichen Züchtigung vor der Verhaftung veranlaßte den Burschen, die Maske der Trunkenheit sogleich abzuwerfen; er wimmerte um Gnade und gab zu, wegen der Auspekulierung hierher geschickt wurden zu sein. Doch verriet er weiter nichts. Mit nicht geringer Genugtuung ob dieser Entdeckung meldete Lergetbohrer den Fall dem Respizienten, der sogleich den Burschen der Gendarmerie übergeben lassen wollte. Anton bat, dies nicht zu tun. »Weshalb denn nicht?« frug überrascht der Vorgesetzte. »Weil mutmaßlich ein zweiter Spekulierer in der Nähe der Kaserne lauert, welcher die Verhaftung sofort dem Schmuggleranführer melden würde. Wir müssen im Gegenteil versuchen, des zweiten Spions ebenfalls habhaft zu werden!« »Wie wollen Sie das machen?« »Der Aufseher Lorz gleicht in Statur dem gefangenen Spion! Ich möchte bitten, daß Lorz sich der Kleider des Verhafteten bedient, bloßfüßig und sich betrunken stellend hinausgeht und sich dem anderen Spion nähert. Die Meldung über die Anzahl der vorhandenen Gewehre soll er dem Spion geben, ihn aber sofort fassen. Wir eilen hinaus und haben dann den zweiten Ausspekulierer!« Respizient Eiselt guckte gehörig, solcher Scharfsinn überrascht ihn. Wer hätte so viel Klugheit bei diesem sonst so stillen Lergetbohrer vermutet! Dennoch zeigte der Vorgesetzte sich unentschlossen und gab wider alles Erwarten den Befehl, nun sogleich den Dienst im Kahn anzutreten. Lergetbohrer biß sich auf die Lippen und schickte den erbeuteten Pack nebst kurzem Dienstbericht in das Zollamt. Bis Anton und die zwei Mann in Uniform den Dienst antraten, war der Häftling entwischt. Der Respizient hatte ihn unbeaufsichtigt gelassen, und ungehindert konnte der Spion entfliehen. Der Nachtdienst der Finanzwache auf dem See ist so ziemlich das Unangenehmste im Dienstleben der Wachleute, und zwar wegen der damit verbundenen Fopperei. Das Wachschiff hat nämlich nur bis zu einer gewissen Entfernung vom Ufer die Berechtigung, Schiffer mit Kurs auf Bregenz anzuhalten. Darüber hinaus ist das Wasser international und frei für jeglichen Verkehr. Anton befand sich an jenem Abend auf Seepatrouille in einem Zollboote, das wenige Tonnen Tragfähigkeit und nebst ihm noch zwei Mann der Wache zu Ruderern hatte. Der Windstille halber war das Segel gerafft, außer Dienst gestellt. So still als möglich fuhr das Zollboot hinaus in den nachtschwarzen See, und dem Oberaufseher als Patrouillekommandanten oblag es, möglichst sich an die vorgeschriebene Entfernung vom Ufer zu halten. Das hat nun in finsterer Nacht seine Schwierigkeiten, denn irgendwelche Anzeichen sind nicht vorhanden. Als Lergetbohrer glaubte, den Kordon erreicht zu haben, gab er leise den Befehl: »Ruder ein!« Still trieb das Boot auf dem leichtbewegten weiten See. Die Finanzer haben die Gewehre schußfertig neben sich liegen und halten die Ruder bereit, um mit jedem Augenblick eine Verfolgung aufnehmen zu können. Mit wahren Luchsaugen sucht der Kommandant in der Finsternis nach verdächtigen Booten, die Kurs zum österreichischen Ufer haben. Ein prächtiges Schauspiel bietet das Lichtmeer der Stadt Bregenz, das sich teilweise im schwarzen Wasser spiegelt. Die elektrischen Bogenlampen leuchten in blendender Weiße auf und werfen den Schein bis zu den quaderngefügten Hafendämmen heraus. An Land bis zur Oberstadt hinauf schimmern die Lichter aus den Wohnhäusern gar traulich, und selbst am Bergesabhang leuchten, winzigen Lichtchen gleich, Johanniskäfer, gelblich, oft auch rot. Drüben in der Richtung nach Lindau flammt vom Leuchtturm das große Licht für die Lindauer Hafeneinfahrt, durch die Entfernung auf die Größe einer Lampe verkleinert. Winzige Lichtpunkte zeigen sich am Schweizerufer, Und am dunklen Firmament schimmern die Sterne in mattem Licht, wenn der Wind oben eine Wolkenwand weggefegt hat. Für kurze Zeit gab sich Anton diesem prächtigen Anblick hin, dann aber verlangte der unerbittliche Dienst seine Rechte, es müssen die Augen wie die Ohren angestrengt arbeiten. Der dunkle See ist leicht bewegt; in regelmäßigen Intervallen schlagen die Wellen ans Ufer und fallen plätschernd zurück. Der Blick des Kommandanten durchbohrt die Finsternis, doch will kein Schiff in Sicht kommen. Weit drüben taucht aus dem schwarzen Chaos ein Dampfer auf mit den Lichtern rot und grün, und ans den Kajütenfenstern gleißt das elektrische Licht. Ein herrlicher Anblick, fast an ein verwunschenes Schloß mit Zauberlicht gemahnend. Das Schiff steuert ans bayerische Ufer nach Lindau und verschwindet bald spurlos in der Finsternis. Ein Geräusch von Ruderschlägen dringt heran. Gespannt horcht Anton und mit ihm die Mannschaft. Ein schwarzer Schatten taucht auf, groß und gespensterhaft. Ein Kahn ohne jedes Signallicht, also verdächtig in hohem Maße. Der Kurs muß nach Österreich gerichtet sein, denn sonst würde er jenen des Zollbootes nicht kreuzen. Leise wird der Befehl gegeben: »Ruder aus! Kurs auf das verdächtige Schiff!« Das Zollboot nimmt die Jagd auf und fährt dem Schatten entgegen. Scharf klingt die Aufforderung aus Lergetbohrers Mund:»Halt! Finanzwache!« Ein Gelächter ist die Antwort. Zornig wiederholt der Patrouillenführer den Befehl zum Halten und Beidrehen. Eine Stimme ruft höhnisch herüber: »Entfernung messen, Finanzer!« Der Kahn fällt vom Kurs ab und kehrt im Bogen zurück nach dem Schweizer Ufer. Anton beißt sich auf die Lippen und sucht sich durch einen Blick auf die Lichter von Bregenz zu orientieren, ob sein Boot wirklich die Zone überschritten habe. Durch Zurufe bestätigen seine Leute, daß man zu weit herausgekommen, also nichts zu machen sei. Den Spott mußte Lergetbohrer daher einstecken, wie er auch den verdächtigen Kahn unbehelligt lassen muß. Wird aber das Schmugglerschiff nicht in später Stunde doch versuchen, ans österreichische Ufer zu landen? Es gilt daher, in dieser Nacht wachsam zu bleiben und ständig zu kreuzen. »Kurs auf Bregenz!« Das Zollboot fährt zurück. Wie es sich wieder der hellerleuchteten Stadt nähert, fällt dem Führer auf, daß von der Oberstadt her ein seltsames Licht leuchtet: Ein Notlicht zwischen zwei Weißflammen aus dem Fenster eines freistehenden Gebäudes. Wenn das kein Signal ist, dann ist Anton blind. Und zweifellos ist das ein Signal für Schmuggler auf See, ein Zeichen für die Landung. »Habt ihr bei unserer Abfahrt irgend etwas Verdächtiges wahrgenommen?« fragt Anton seine Mannschaft. Niemand hat dergleichen beobachtet. Lergetbohrer nimmt sich vor, künftig selbst bei Abfahrten auf das Schärfste nach Ausspekulierern zu sehen. Die heutige Ausfahrt des Zollbootes muß von Spionen beobachtet und von Ausspekulierern jenes Signal ausgestellt worden sein. Also ist das Dreilicht eine Warnung für Schmuggler und besagt wahrscheinlich, daß die Finanzer Dienst auf See machen. Solange daher jenes Signal steckt, werden sich die Schwärzer hüten, die Landung zu versuchen. Anton überlegt. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß eine Landung im Hafen überhaupt versucht werden wird. Die Streifung muß sich daher auf die Flügelseiten des Sees ausdehnen. Stunde um Stunde verfloß. Der Laternenschein der Römerstadt ist erloschen bis auf wenige Laternen der Straßenbeleuchtung und in den Häusern, Die Schatten der Nacht verhüllen Bregenz. Nur das Signal aus der Oberstadt leuchtet stumm und doch beredt durch die Finsternis. Das Zollboot nähert sich der Harderbucht. Feierliche Glockenschläge aus einem Kirchturm drüben an Land verkünden Mitternacht. Öde ist es auf dem nachtschwarzen See, unheimlich die Schatten an Land. Gleich Ungeheuern ragen die Bäume auf, gespenstisch rauscht es im Schilf. Dicht verhüllt ist das Firmament, durch die Windstille dringt allmählich das eintönige Geräusch sachte fallenden Regens. Ein Wetter, wie gemacht für Schwärzer, gehaßt von den armen Wachleuten im Dienst. Der Regen fehlte noch zur finsteren Nachtpatrouille. Die Finanzer nehmen die Mäntel um und bergen unter denselben die Gewehre; es regnet in schweren Strichen, die kleine Säulchen aus dem Wasser ziehen und, mit ihnen vereint, klatschend auf den Spiegel niederfallen. Wo der Regen das Zollboot trifft, prasselt es auf dem Holze, und bald bildet sich eine Lache im Schiff. Immer schwerer fällt der Regen und aufsteigender Westwind jagt ihn schräg über den unruhig gewordenen See. Das Zollboot treibt dem Röhricht zu. Die Leute haben tüchtig zu rudern, um den Wellen entgegen aus der Bucht zu kommen. In weiter Ferne zuckt es auf wie Wetterleuchten, ein riesiger fahler Schein, blendend für einen winzigen Augenblick, und um so dunkler gähnt die Regennacht weiter. Bei diesem kurzen Licht hat sowohl Anton wie ein Wachmann in Seehöhe einen Kahn mit geschwelltem Segel erblickt, vom Winde in schneller Fahrt ostwärts getrieben. Im Zollboot wird nun gleichfalls das Segel gehißt, die Jagd durch Wind und Regen in finsterer Nacht gilt dem Konterbandisten. Rasch geht die Fahrt durch die vom Regen gepeitschte Flut. Nichts zu sehen. Gähnende Finsternis ringsum. War es Täuschung? Das Gewitter tobt; wieder ein Aufleuchten für einen Augenblick – vorne, mit Kurs nach Ost, treibt ein lichterloser Kahn, und jäh fällt er ab. Die Mannschaft muß das verfolgende Zollboot ebenfalls gesichtet haben. Die Finanzer haben im Blitzscheine das Schmugglerschiff gleichfalls gesehen und schnell Kurs auf dasselbe genommen. Nur öfter noch solche Himmelsfackel, dann wird die Jagd gelingen. Doch kein Leuchten mehr tritt ein, der Nachtsturm tobt, und unerbittlich prasselt der Regen in den Rücken der Grenzer. Das Boot thront bald auf einem Wogenkamme, um gleich darauf in eine Tiefe zu sinken, der See ist wild geworden. Es gilt, so rasch als möglich das rettende Ufer zu gewinnen, gleichgültig, wo die Landung erfolgen wird. Sind das rechts nicht die wenigen Lichter von Bregenz? Es ist so. Das Zollschiff ist zu weit nach links geraten und befindet sich nun nahe am Ufer bei der sogenannten Schanz. Der Schmuggler aber ist entwischt. Die Patrouille findet nach mühsamem Suchen endlich den Kahn, aber leer, mit gerefftem Segel, angekettet. Alles Fluchen nützt nichts, die Jagd war ergebnislos. Und im Rapport heißt es: »Patrouillen bis sechs Uhr früh.« Also wieder hinaus und kreuzen die Nacht hindurch. Unerbittlich ist der Finanzerdienst. II. Nur nichts übereilen. Das war ein Grundsatz, nach welchem Respizient Eiselt lebte, amtete und sich wohl dabei befand, so daß die Uniform anfing knapp zu werden. Witzelten doch die Aufseher unter sich, Eiselt sei jetzt schon mit Rücksicht auf seine Körperfülle reif für eine Versetzung in ein »Riesenamt«. Bei aller körperlicher Behäbigkeit verstand der Respizient aber doch, seinem Personal den Dienst sauer zu machen, insofern er auf die strengste Einhaltung der im Dienstbefehl vorgeschriebenen Streifungen und dergleichen bestand. Gelegentlich brachte er wohl auch das Opfer, seine Leute zu kontrollieren, wenn es die Witterung erlaubte. Eiselt scheute aber große Hitze ebenso wie den Regen und war der Anschauung, das man sich für ein Tagegeld von hundertfünfundsechzig Kreuzern keineswegs eine Lungenentzündung zu holen brauche. Als Lergetbohrer von der Nachtpatrouille auf See mit der ermüdeten und erschöpften Mannschaft in der Kaserne eingerückt war, gedachte er bei allem Ruhebedürfnisse doch sogleich der Notwendigkeit einer Hausdurchsuchung auf Grund der gestrigen Entdeckung, und bat diensteifrig, es möge der Respizient doch sofort die nötige oberbehördliche Erlaubnis zur Vornahme einer Durchsuchung jenes verdächtigen Hauses erwirken. Die Antwort lautete gemütvoll: »Jetzt legen S' Ihnen schlafen!« Anton starrt den Vorgesetzten ungläubig an; wenn die Durchsuchung nicht binnen wenigen Stunden erfolgt, wird die Finanzwache wieder einmal das Nachsehen haben und die von Lergetbohrer infolge seiner Achtsamkeit gemachte Entdeckung zwecklos sein und bleiben. Schon wollte der Oberaufseher sagen, wie er über das ganze dienstliche Gebaren denkt, welches eine ewige Rüge wegen erfolgloser Streifen bildet und ein Zugreifen in hochverdächtigen Fällen hinausschiebt, doch kämpft Lergetbohrer die bitteren Bemerkungen nieder und begibt sich zur wohlverdienten Ruhe. Der Respizient begann seine Amtstätigkeit in der Kanzlei mit der aufmerksamen Lektüre des Morgenblattes, die ein Stündchen verschlingt. Dann wurden Bleistifte gespitzt und wieder abgebrochen, hernach seufzend ob der Ueberlast schwerer Dienstgeschäfte der Turnus für neue Streifungen der Finanzwache entworfen. Diese Arbeit währt bis zur Marendzeit (marenda = Frühstück), an die ihn ein gewisses Leergefühl des Magens gemahnt. Wieder tönt ein Seufzen durch die Kanzlei, das von Gedanken an den kleinen Gehalt und an die Unmöglichkeit eines Frühschoppens begleitet ist. Eiselt greift zum weitverbreiteten Beamtenmittel der Magentäuschung: er raucht aus der kurzen Pfeife eine Handvoll Kommißtabak. Bald umhüllen dichte Rauchwolken den Beamten, es qualmt in der Kanzlei. Der Respizient glättet einen Aktenumschlag und überlegt, ob er heute schon sich in den Inhalt dieses Aktes versenken oder ob er dies erst morgen tun soll. In dieser Beschäftigung stört ihn ein Wachmann mit der Meldung: Der Herr Kommissär lasse sagen, daß er dienstlich verreise auf zwei Tage und daß in besonders wichtigen Fällen eine etwaige Verfügungserlaubnis telegraphisch von der Bezirksdirektion in Feldkirch zu erwirken sei. Eiselt knurrt etwas und der Wachmann verläßt die Kanzlei. Zwei Tage also wäre die Katze aus dem Hause. Der Akt wandert zu dem Berg angehäufter Restanten; drei Tage beschaulicher Ruhe sind ihm jetzt sicher, und auch noch einige andere Genossen teilen dieses Schicksal, wasmaßen nichts übereilt werden solle. Im Bewußtsein, daß der allzeit bewegliche Kommissär heute nicht mehr zu befürchten ist, will Eiselt schon um elf Uhr Mittagspause machen, doch hindert ihn Lergetbohrer am Weggehen durch das dringende Ersuchen, den Vorfall vom gestrigen Abend dienstlich zu verfolgen. »Was wollen S' denn wieder? Wer weiß, ob Sie nicht die ganze Geschichte geträumt haben? Ein Kranker schwärzt ja nicht!« Anton verwies auf den Diensteid und wurde immer dringlicher, »Sie haben die ganze Verantwortung zu tragen!« fügte er bei. »Das eben will ich nicht! Der Kommissär ist verreist, es darf daher nichts übereilt werden!« »Wird die Haussuchung nicht sofort durchgeführt, morgen wird sie zwecklos sein! Sie werden sicherlich wegen Unterlassung zur Verantwortung gezogen werden!« »Aber ich bitt' Ihnen! Unser Chef ist verreist, eine Oberbehörde haben wir nicht in Bregenz! Die Vornahme einer Hausdurchsuchung ist eine umständliche Sache! Alle verfügbare Mannschaft müßte zur Hausumstellung aufgeboten werden, und derweil wir dort herumstöbern, wird draußen geschmuggelt! Der Außendienst ist die Hauptsache!« Dabei blieb es. Lergetbohrer beschloß, bei Wüsteler sein bescheidenes Mittagsmahl einzunehmen. So stapfte er denn mit Flock dorthin. Ein Tischchen am Zaun des Wirtsgartens und hübsch schattig ist frei, und hier nimmt Lergetbohrer Platz. Flock, der Rattler, jedoch unternimmt nach der Hundegewohnheit eine Rekognoszierung nach Knochenabfällen im Wirtsgarten. Anton hat den Blick auf die rückwärtige Front des Wirtsgartens und das daranstoßende Nebengebäude, welches dem Kaffeeschänker Merkle gehört, Wein und Kaffee sind also hier enge Nachbarn. Mit der Bedienung eilt es bei Wüsteler nicht; Anton muß warten, bis er nach seinen Wünschen gefragt wird. Die bildsaubere Tochter des Weinwirtes bedient die Gäste mit sichtlicher Aufmerksamkeit, plaudert auch hier und da ein vertraulich Wort, nur für den in Uniform geduldig harrenden Finanzer hat sie keinen Blick. Anton läßt sich das Warten nicht verdrießen und studiert die Fassaden der Rückfronten beider Häuser, obwohl nichts Besonderes wahrzunehmen ist. Endlich wird Anton von der nun doch herangetretenen Wirtstochter nach seinen Wünschen gefragt, schnippisch und geringschätzig. Der Oberaufseher fühlt diese Mißachtung sogleich, ignoriert sie aber und gibt Bescheid. Zenzele entfernt sich mit spöttisch verzogenen Lippen. Das gibt dem an einem Stammtisch sitzenden Cafetier Merkle, den Anton gestern schon mit der Wirtstochter in der Laube gesehen, Veranlassung, mit den Zechgenossen sogleich ein Gespräch über die »angenehme« Finanzwache und deren Schnüffeleien zu beginnen. Der junge M. krähte, daß es ein Elend sei in jeder Beziehung, für die »Grünen« wie für die schikanierte Bevölkerung, der noch in den Magen gesehen wird, um herauszubringen, was einer gegessen habe. Die Zecher schielten nach dem Finanzer, und als sie merkten, daß Anton in keiner Weise auf den Hohn reagierte, lachten sie verständnisinnig. Der Beifall machte den Kaffeebräuer kühn, der junge Mann meckerte in Fisteltönen den ebenso alten als unwahren Volksreim: »Wer nichts taugt und wer nichts kann, geht zur Finanz oder Eisenbahn!« Lergetbohrer hörte jedes Wort, doch verhielt er sich, als wäre er taub. Absichtlich widmete er seine Aufmerksamkeit jenen Hausfassaden. Als endlich Zenzele das bestellte »Gröstel« (geröstetes Rindfleisch mit Schmorkartoffeln) und das Viertele Rotwein auf den Tisch gestellt und sich sofort wieder an den Stammtisch begeben hatte, aß Anton das frugale Mahl, zu dem sich auch Flock wieder einfand und aufmerksam seinen Herrn anguckte. Merkle krähte weiter: »Na, Zenzele, was isch Ihre Meinung?« »Wovon haben die Herren denn gesprochen?« »Nichts von Bedeutung, bloß von den Gückslern!« lachte der junge Mann und zwinkerte mit den Augen nach dem essenden Finanzer hinüber. Hochmütig äußerte Zenzi: »Ach die! Na, da muß ich schon sagen, der mindest Handwerker, und wär' er auch nur ein Vogelträger, Der Handlanger, welcher dem Maurer den Mörtel auf einem Brett mit zwei auf den Schultern getragenen Armen zuträgt, wird, weil dieses Brett in Vorarlberg »Vogel« heißt, »Vogelträger genannt. In Innsbruck nennt man dieses Werkzeug »Mörtelschwalbe« (Sander). gilt mir mehr!« Die Stammgäste gröhlten vor Vergnügen über diese, die tiefste Geringschätzung kündende Äußerung, und Merkle meckerte insbesondere: »Vogelträger isch guet! Zenzele, noch ein Vierschtele auf diesen Spaß!« Die schmucke Wirtstochter griff nach den leeren Fläschchen, und geschäftskundig munterte sie auch die anderen Zecher zu weiterer Bestellung an: »Nun, trinken die Herren auch noch ein Vierschtele?« Die Stammgäste lachten: »Wir haben's ja, und Vogelträger sind wir nicht!« Wer noch nicht leer hatte, trank rasch aus, und Zenzi nahm die Fläschchen an sich. Als sie vom Tische wegtreten wollte, trat sie den vor ihr stehenden Rattler Flock auf ein Läufchen, und schmerzgepeinigt heulte das Hündchen ganz fürchterlich. Zornig stieß das Mädchen mit einem Fuß nach dem Tier und rief: »Ach was! Die Hunde gehören nicht ins Wirtshaus!« Bislang war der dem Cafetier gehörende Leonberger Hund ruhig unter dem Stuhl seines Herrn gelegen; das Heulen des Rattlers riß den großen Hund aus der beschaulichen Ruhe, und als gar die Wirtstochter nach dem Rattler stieß, da mischte sich der Leonberger in die Sache, faßte den kleinen Flock bei einem Läufchen und biß es knirschend durch. Man konnte das Krachen des gebrochenen Knochens hören. Einige der Zecher lachten: »Eine richtige Hundskomödie!« Zornig fuhr Lergetbohrer auf, ergriff von einem der Nachbartische einen eisernen Zeitungshalter, an dem eine zerlesene alte Zeitung flatterte, und schlug damit auf den Leonberger ein, der nun von dem Rattler abließ und zu seinem Herrn flüchten wollte. Doch Anton hatte die bissige Bestie fest am Halsband ergriffen und bläute sie durch, daß nun auch der Leonberger zu heulen begann. Das ging dem Merkle über die Hutschnur, und grimmig schrie er den Oberaufseher an: »Herr, das isch mein Hund!« »Das ist mir Wurscht! Die Bestie hat dem armen Kleinen ein Läufl durchgebissen! Solche Bestien sollen Beißkörbe tragen und gehören in kein Wirtshaus!« »Ich kann meinen Hund mitnehmen, wohin ich will!« krähte fistelnd vor Erregung der Cafetier. »Lassen Sie meinen Hund los! Niemand hat ein Recht zu schlagen, niemand, hören Sie, niemand, am allerwenigsten ein Finanzer!« Noch ein wuchtiger Hieb auf den Hund, dann war der Zorn Lergetbohrers verraucht, Anton gab die Bestie frei, welche sich sofort winselnd unter den Stuhl ihres Herrn verkroch, Merkle zeterte über Unverschämtheit und schwur, selbe bei den höchsten Behörden anzuzeigen und Strafantrag stellen zu wollen. »Die Landesdirektion wird Ihnen schon den Standpunkt klar machen, Sie Finanzer, Sie!« Anton erwiderte nun gelassen ruhig: »Wie's beliebt! Vielleicht genügt es Ihnen aber schon, wenn der Herr Finanzwachkommissär zu Ihnen kommt!« Die Wandlung in Merkles Verhalten war augenfällig; wie erschreckt stotterte er: »Wie, was? Was wollen Sie damit sagen?« »Nicht mehr als ich gesagt habe. Im übrigen werde ich den Vorfall wie vorhin die Berufsbeleidigung zur amtlichen Anzeige bringen, damit Ihnen die verlangte Genugtuung wird!« Diese Worte hatten eine überraschende Wirkung. Von sämtlichen Stammgästen wartete keiner auf die Füllung der Weinflaschen, jeder hatte es eilig, zum Mittagsmahle zu kommen; der Garten war plötzlich leer. Auch Merkle pfiff seinem Hunde und entfernte sich in sein Haus. Anton warf ihm einen spöttischen Blick nach und griff nun den armen Flock auf, der vor Schmerzen winselte. »Armer Kleiner! Dir ist übel mitgespielt worden!« tröstete Anton und nahm das Hündchen in seine Arme. Zenzele schien den Vorfall durch ein Fenster beobachtet zu haben; sie kam plötzlich herausgelaufen und jammerte über das Unglück. »Ganz gewiß hab' ich's nicht absichtlich getan, Herr Oberaufseher, gewiß und heilig nicht! Es war ein Versehen! Und nur im ersten Ärger hab' ich mit dem Fuß nach dem Hundele gestoßen! O, wie mich das reut! Ein Schandvieh, der Leo! Gleich so wild zu beißen! Geben Sie mir das Hundele! Armer Kleiner! Wie heißt das liebe Hundele?« Erstaunt gab Anton zur Antwort: »Flock heißt er!« und ehe er sich dessen versah, hatte das Mädchen den Rattler in den Armen und liebkoste das Hündchen, welches sich zutraulich an Zenzi anschmiegte. »Armes Hundele! Ich tu' es gewiß nimmer! Nein, kleiner, lieber Flock! Das Füßle werden wir jetzt verbinden, und der kleine Flock bleibt beim Fraule, bis das Füßle wieder heil isch!« Lergetbohrer traute seinen Augen und Ohren nicht. »Jawohl, Herr Oberaufseher! Gel, Sie erlauben schon! Sie können in Uniform ja doch nicht das kranke Hundele heimtragen; nein, das geht nicht! Laufen kann der kleine Flock aber nicht, also bleibt er bei mir in der Pfleg', und ich werd' ihn auskurieren! Isch der Flock wieder gesund, kann er wieder zum Herrle heim! Derweil bleibt der Flock aber beim Fraule, und das Hundle darf im Fraulebettle liegen! Magst, Flock?« Das Hündchen tat, als hätte es jedes Wort verstanden, blickte das Mädchen klug an und drückte das Köpfchen an Zenzeles Busen. »Ja, wenn Fräulein Zenzi wirklich so gut sein wollen?« »Aber freilich! Das isch ja meine Pflicht! Ich bin an all dem Unheil schuld, also muß ich auch aufkommen, daß das Hundele wieder heil und gesund wird!« »Schönen Dank im voraus! Ich kann in Uniform wirklich den Hund nicht heimtragen! Doch komme ich in Zivil des Abends und hole den Flock! Seien Sie also so gut und pflegen Sie das Hundele bis zum Abend! Was bin ich für die Zeche schuldig?« »Ach, Sie kommen ja doch wieder! Ich will jetzt den kleinen Flock ins Bett legen und sein Läufle verbinden!« Und eilig trug Zenzi das Hündchen ins Haus hinein. Irre an sich und dem Mädchen geworden, entfernte sich Anton. In der Kaserne angelangt, wurde Anton mitgeteilt, daß der Respizient ihn zu sprechen wünsche. Und der Inhalt der dienstlichen Unterhaltung war nicht eben erbaulich. Vorwürfe und immer wieder Vorwürfe über die Ergebnislosigkeit der Streifungen. Der Vorgesetzte war bemüht dem Oberaufseher recht klar vor Augen zu führen, daß die »Schlamperei im Dienst« ein Ende haben müsse, nur fügte er nicht bei, wie die Änderung erzielt werden konnte. Dabei verfehlte der Respizient nicht, seine Würde wie seine unermüdliche Tätigkeit zu betonen und den Rangunterschied fühlen zu lassen, der allerdings durchaus nicht bedeutend ist, denn nach Ablauf der vorgeschriebenen Dienstjahre und bei guter Führung muß der Oberaufseher auch Respizient werden und im Tagegeld vorrücken. Ein Respizient hat 1.65 fl. tägliche Gage, ein Oberaufseher 1.35 fl., ein Aufseher 1.10 fl.ö.W. Die unerquickliche Szene endete mit der Mitteilung, daß Lergetbohrer am selben Abend Revisionsdienst im Hafen bei Ankunft der fahrplanmäßigen Dampfer zu leisten habe. Gern hätte Anton seinen Flock heimgeholt, doch die Zeit erlaubte das nicht. So stand der Oberaufseher denn am Eingang der Revisionshalle, welche die Verbindung des Landungssteges mit dem Perron des Hafenbahnhofes bildet, und harrte der Ankunft des Dampfers von Rorschach. Bleiern und dunstig lag der See, die Hitze war arg, von Abendkühle nichts zu merken. Müde und schläfrig standen die anderen zum Revisionsdienst kommandierten Finanzer in der Halle, die geliebte Pfeife vermissend, denn im Revisionsdienst darf nicht geraucht werden. Aus der Dunstschicht, die über dem See lag, löste sich endlich der fällige Dampfer ab und näherte sich, scheinbar im Schneckentempo, der Hafenstadt Bregenz. Anton blieb am Halleneingang, bis der Dampfer festgemacht war und die Reisenden das Schiff zu verlassen sich anschickten. Unwillkürlich blieb sein Blick auf einer hohen Frauengestalt haften, die in vornehmer Ruhe auf dem Verdeck erster Klasse wartete, bis das Gedränge zum Landungssteg nachlassen werde. Die Dame trug einen festgeschlossenen Staubmantel, scheint also gegen die tropische Hitze unempfindlich zu sein. Schon treten die ersten Reisenden in die Halle und legen ihre Effekten auf die Revisionsrampe. Anton winkt den beiden Aufsehern, die Amtshandlung ohne ihn vorzunehmen; ihn interessiert dienstlich jene Dame, die ohne Begleitung, auch ohne Handgepäck endlich das Schiff verläßt und langsam, mit steifen Schritten, den Steg betritt. In nächster Nähe Antons stehen einige jüngere Bregenzer Bürger, die zum Zeitvertreib und Feierabend sich die Landung des Schweizer Schiffes ansehen. Einer davon murmelte mit unverkennbarem Spott: »Nomma! (ich weiß nicht wie!) Isch das nit wieder'm Götzele sei Weible? A wech Weible! (wech = schmuck, zierlich, schön gekleidet.) Aber en Gang hat sie schützli (gar sehr, überaus) steif!« In der Tat rauschte die Dame ungemein steif heran und nahm sich gar nicht die Mühe, das Kleid aufzunehmen, sie zog die Schleppe unbekümmert durch den Staub und hielt lässig den Sonnenschirm in der Rechten. Lergetbohrer hatte jedes Wort vernommen und kombinierte blitzschnell: Gößele ist der erste Juwelier und Goldschmied in der Stadt; die Frau fährt also des öfteren zwischen Österreich und der Schweiz hin und her. Tatsächlich kommt die Dame auffallend steif heran. Anton läßt die Frau vorbeigehen, folgt ihr aber sofort. Ohne Handgepäck braucht sie sich den Revisionsorganen nicht zu stellen; sie geht an ihnen vorüber und wendet sich nun etwas hastig im Vergleich zur früheren Steifheit, dem nach der Stadt führenden Ausgang zu. Lergetbohrer hat den plötzlichen Wechsel im Verhalten wahrgenommen; der Verdacht ist wachgerufen. Kaum noch hatte die Dame den Ausgang erreicht, als der Oberaufseher auch schon an ihrer Seite stand und sie bat, gefälligst in die Kanzlei sich bemühen zu wollen. Das heftige Erschrecken, dann der Protest gegen die Anhaltung und Verdächtigung bestärkt Anton, auf der Sistierung zu beharren. Die Frau ruft um Hilfe, schwört, daß sie nichts Steuerbares an sich habe und zetert über Vergewaltigung, die sich um so mehr rächen werde, als sie die Frau eines angesehenen Bürgers von Bregenz sei. Anton bleibt kühlhöflich und frägt: »Ihr Name ist Frau Götzele?« »Woher wissen Sie das?« »Ihr Gemahl hat ein Juwelier- und Goldschmiedgeschäft?« »Das brauchen Sie nicht zu wissen!« »Das genügt! Bitte, bemühen Sie sich in das Amtslokal! Die nötige Untersuchung wird eine vereidete Frauensperson vornehmen, falls Sie nicht vorziehen, die mitgeführten Waren freiwillig herauszugeben!« »Ich schwöre Ihnen, ich habe nichts Zollpflichtiges bei mir!« »Ihre Schweizer Uhren und Schmucksachen sind zollpflichtig!« Die Dame wechselte die Farbe, starrte den Finanzer an und ergab sich dann dem Schicksal. Der Vorfall hatte natürlich Aufsehen erregt, wiewohl Sistierungen nichts Seltenes sind in Revisionshallen. Lergetbohrer geleitete die jetzt gefügig gewordene Dame in das Amtslokal und bot ihr einen Stuhl an, den die Frau aber ablehnte. »Wie Sie wünschen, gnä' Frau! Ich glaube selbst, daß durch ein Niedersetzen einige Uhren zerbrochen werden könnten!« meinte der Oberaufseher und ließ die Revisionsfrau holen. Frau Götzele war schier außer sich, sie jammerte verzweifelnd und flehte um Rücksicht und Freilassung. »Bedaure! Der Dienst ist unerbittlich! Wenn genehm, können wir Ihren Herrn Gemahl verständigen! Das wird sich um so mehr empfehlen, als gnä' Frau ja doch den Zoll- und Strafbetrag kaum bei sich haben werden!« »Großer Gott! Wieviel kann denn die Geschichte kosten?« rief die Frau aus. »Das kommt darauf an, wieviel an Uhren und Schmuckgegenständen Sie bei sich haben!« Die Dame versuchte es nun, durch Versprechungen loszukommen; sie bot die Hälfte der Konterbande an, gelobte dem Finanzer einhundert Gulden extra zu zahlen und gestand, daß sie sechzig Uhren, vier goldene Armbänder und sechs Ringe bei sich eingenäht habe. Anton schmunzelte bei diesem Eingeständnis; diesmal ist seiner scharfen Beobachtungsgabe und raschen Kombination ein guter Fang gelungen. Den Bestechungsversuch ignorierend, gab er bekannt, daß die verkürzte Zollgebühr annähernd die Summe von dreihundert Gulden betragen werde. Hierzu kommt als Strafe der Schätzungswert der Ware mit fünf multipliziert. »Entsetzlich!« schrie die Frau, welche noch nie im Leben so rasch eine Summe im Kopf ausgerechnet hat. Inzwischen war die Revisionsfrau gekommen, mit welcher sich Frau Götzele in ein anderes Gemach begab. Anton verblieb im Amtslokal und fertigte die Tatschrift aus, welcher er das Geständnis der Konterbandistin beifügte. Die Leibesdurchsuchung dauerte lange, was Lergetbohrer um so mehr auffiel, als die Dame doch schon ein Geständnis über die Anzahl der geschmuggelten Waren abgelegt hat. Endlich kamen die Frauen wieder herein. Frau Götzele war bleich bis in die Lippen, die Revisionsfrau, welche Vertrauensperson der Zollbehörde ist, legte den abgenähten Unterrock und die demselben entnommenen Wertgegenstände auf den Kanzleitisch. »Wieviel haben Sie vorgefunden?« frug Lergetbuhrer. »Achtundfünfzig Uhren, zwei Armbänder und vier Ringe!« lautete die Antwort. Anton blieb trotz seiner Überraschung ruhig und gebot: »Wiederholen Sie Ihre Angaben auf Diensteid!« Die Revisionsfrau warf einen scheuen Blick auf den Finanzer, wiederholte aber ihre erste Angabe unter Berufung auf den geleisteten Diensteid. Sofort schrieb Lergetbohrer diesen Vorfall in die Tatschrift ein und ließ die Revisionsfrau, welche nun dringliche anderweitige Beschäftigung vorschützte, warten. Den Fall übernahm nun der Zollbeamte, der als Bekannter der Frau Götzele nicht wenig betroffen war, die Dame sistiert und erfolgreich untersucht vorzufinden. Nach einigen Worten des Bedauerns mußte amtlich vorgegangen werden. Der Akt wurde fertiggestellt zur Vorlage an die Finanzbezirksdirektion, welche den Strafbetrag auszustellen haben wird. Die Konterbande bleibt selbstverständlich neben dem ad hoc adjustierten Unterrock konfisziert. Frau Götzele kann sich nach Unterschreibung der Tatschrift und ihres protokollierten Geständnisses, weil persönlich bekannt und Fluchtversuch ausgeschlossen ist, entfernen. Ihr Gatte kam gerade recht, sie abzuholen. Der Mann war verstört, außer sich und jammerte über die himmelschreiende Dummheit, sich von einem Finanzer ertappen zu lassen. Rücksichtsvoller als der Goldschmied rief Lergetbohrer ein verständliches »Habe die Ehre!« Herr Götzele verstand den Wink und entfernte sich mit seiner betrübten Frau. Der Zollassistent grinste, als das Paar draußen war, und wollte den Rest der Tatschrift überfliegen. »Bitte genau zu lesen!« sagte Lergetbohrer. »Ach was! Sie nehmen den Dienst doch gar zu genau! Was wollen S' denn noch werden bei den jammervollen Verhältnissen? Die dreißig Kreuzer Taglohnplus werden Sie auch nicht selig und glücklich machen! Und mehr als Respizient werden Sie auch nicht!« »Ich erfülle meine Pflicht, weiter nichts! Hätte jeder in unserem Berufe die gleiche Auffassung vom Dienst, wäre es um die Finanzwache anders bestellt, insbesondere nach oben hin! Ich bitte, den Nachtrag in der Tatschrift genau zu prüfen!« Der Assistent stutzte, las und hatte sofort das Manko der Angaben der Revisionsfrau im Vergleich zum Geständnis der Konterbandistin herausgefunden. »Das ischt nicht übel!« Die Revisionsfrau wurde mit dürren Worten aufgefordert, die gestohlenen zwei Uhren, zwei Ringe und zwei Armbänder herauszugeben, widrigenfalls um die Polizei geschickt würde. Das Weib leugnete beharrlich. Anton lachte vergnügt und beauftragte einen Wachmann, die Frau Respizientin zur Durchsuchung der Revisionsfrau zu holen. »Mit dieser falschen Person will ich nichts zu tun haben!« schrie das Weib und behauptete, die genannten Gegenstände von der Konterbandistin für die Bemühung geschenkt erhalten zu haben. »Geben Sie dieses ,Geschenk' nur heraus!« befahl der Assistent. Es nützte nichts. Die gestohlenen Gegenstände mußten der Konterbande beigefügt werden. Dann kündigte der Assistent die zweifellos erfolgende Entlassung und ein gerichtliches Nachspiel wegen Diebstahl während einer Amtshandlung und Meineid an. Schimpfend entfernte sich das Weib mit einem grimmen Hasse gegen die Finanzer in der welken Brust. Die Amtsgeschäfte aus diesem Anlasse waren erledigt. Lergetbohrer folgte dem Assistenten bald nach auf dem Wege zur Stadt. Anton wollte seinen Flock holen, erinnerte sich aber, daß er in Uniform sich befindet, und eilte heim zur Umkleidung. Im Flur der Kaserne stieß er auf den Respizienten, der ihn barsch anließ mit der Bemerkung, daß die Finanz auch etwas Besseres zu tun wissen sollte, als eine hochanständige Bürgersfrau zu sistieren. »Was Sie sagen!« spottete Anton. »Jawohl! Eben ist es mir brühwarm mitgeteilt worden! Frau Götzele sistiert! Natürlich nichts gefunden! O, Ihre Blamagen schreien zum Himmel!« »Schon möglich! Einstweilen wird aber Herr Götzele schreien, weil er annähernd zwölf- bis vierzehnhundert Gulden Strafe zahlen muß!« »Waas? Mein Freund Götzele und vierzehnhundert Gulden Strafe?! Sie sind wohl verrückt geworden?« »Im Gegenteil! Ein guter Fang ist mir gelungen! Der Anfang ist gemacht! Doch jetzt bitte ich mich freizulassen! Ich will mich umkleiden ...« »Das Zivilgehen ist der Finanzwache verboten!« »Ich habe vom Herrn Kommissär die Erlaubnis!« »Das gilt nur für ein- zum andernmal!« »Ich habe Erlaubnis für die laufende Woche!« »Und ich hebe diese Verfügung auf! Dieses Herumlungern in Zivil taugt nichts! Entweder gehen Sie in Uniform aus oder Sie bleiben daheim!« »Guten Abend!« sprach Anton, salutierte und ging in die Wüstelersche Weinwirtschaft. Dort hatten sich viele Gäste eingefunden, Vater und Tochter bedienten dieselben, auch der Kellerbursch Seppl mußte mithelfen, indem er den Wein in großen Steinkrügen vom Faß abzog und zur Schenke trug, wo die vielen Fläschchen gefüllt wurden. Das Stimmengewirr aus dem Garten konnte man schon von der Gasse aus hören; auch das Gastlokal im Hause war dicht gefüllt und qualmig vom vielen Rauch; die Lichtbirnen verbreiteten nur wenig Helle im Garten wie in der Stube, man konnte die Gesichter kaum genau unterscheiden. An einem der Stammtische ging es besonders laut her; dort führte der Kaffeeversilberer Merkle mit seiner krähenden Stimme das große Wort. Anton erkannte den Mann an der Stimme sogleich, obwohl der Oberaufseher noch am Garten stand. In der Empfindung, daß es nicht opportun sei, sich jetzt in Uniform unter diese Leute zu mischen, begab sich Anton ins Haus und kam an die Schenke. Eben war der Kellerbursch mit der Flaschenfüllung beschäftigt und stand im Licht einer Lampe. Anton hatte das Gefühl, diesen Menschen schon bei einer Gelegenheit gesehen zu haben. Aber wo? Und bei welchem Anlasse? Der Finanzer forderte ein Viertel Spezialwein, und der Bursch wandte sich ihm nun mit dem Gesicht zu. Beim Anblick des Mannes in Finanzeruniform erschrak der Bursche und bekundete große Betroffenheit. Jetzt erkannte ihn Anton; der Bursch war vor wenigen Tagen in der Kaserne zur Ausspekulierung und entfloh dank der Ungeschicklichkeit des Respizienten. Seltsam, daß dieser Bursch im Dienste des Weinwirtes Wüsteler steht. Sollte der Bursch auf eigene Faust Ausspekuliererdienste leisten? Oder ist es nicht viel wahrscheinlicher, daß er im Auftrage seines Brotherrn spioniert? Dann aber ist Wüsteler unzweifelhaft das Haupt einer Schmugglervereinigung. Ein Ruf des Wirtes veranlaßte Anton in eine dunkle Ecke zu treten, und gleich darauf kam Wüsteler herein mit leeren Flaschen. »Seppl, isch noch genug Spezial im Fäßle?« frug der Wirt, verstummte aber sofort auf ein Zeichen des Kellerburschen und richtete einen forschenden Blick auf den Finanzer. »Sind Sie dienstlich hier?« frug der mißtrauische Gastgeber. Anton verneinte. Beruhigt ging Wüsteler mit den gefüllten Flaschen wieder hinaus in den Garten. Bald darauf lief flinkfüßig Zenzele herein und begrüßte freundlich den Finanzer. »Sie kommen wegen Flock? Einen Augenblick Geduld! He, Seppl, fülle die Flaschen, sie gehören an Merkles Stammtisch, trag' sie hinaus. Ich bin gleich wieder da!« Zenzele flüsterte Anton, der nicht wußte, wie ihm geschah, zu, ihr zu folgen. Das Mädchen schritt elastisch die Treppe hinauf ins obere Stockwerk, und Anton folgte nach in den finsteren Gang. Eine Türe ward aufgeschlossen, und gleich darauf schimmerte ein Lichtstrahl durch die halboffene Tür. Ein leiser Ruf lud zum Eintreten ein. Anton stand nach wenigen Schritten in Zenzeles Stube und sah zu seinem Erstaunen, daß das Mädchen seinen Flock behaglich gebettet und mit einem Flaumpolster zugedeckt hatte. »Hier isch mein lieber kleiner Patient!« sagte Zenzele. Flock hatte den Herrn und Gebieter schon gewittert und arbeitete sich empor, freudig winselnd. Das durchbissene Läufchen trug das Hündchen im sorglich angelegten Verband. Gerührt blickte Lergetbohrer auf das Mädchen, das erglühend am Bette stand und Flock zärtlich streichelte. Innig dankte Anton für die dem Hündchen erwiesene Sorgfalt und Pflege, doch Zenzele wehrte jeglichen Dank ab. »Lassen Sie mir Flock, bis das Beinchen wieder heil isch! Ich will das Hundele pflegen, so gut ich nur kann! Holen Sie Flock später, ja?!« Das klang so lieb, daß Anton die Bitte nicht abzuschlagen vermochte. Zudem machte Flock keine Anstalten, das weiche Bettlager zu verlassen. »Willst du wirklich bei dem Frauele dableiben, Flock?« frug Anton und strich dem klug aufblickenden Hündchen über den Kopf. Flock wedelte mit dem Rutenstummel und blieb im Bett liegen. »Sehen Sie, Flock will bei mir bleiben!« lachte Zenzele vergnügt. »Also lassen Sie mir den Hund einstweilen!« »Gern! In bessere Hände könnte mein Liebling ja nicht kommen!« Nun drängte Zenzi aber mit dem Hinweis, daß sie die Gäste bedienen müsse. Anton verließ die Stube unter herzlichen Dankesworten und wartete im Gang. Zenzi deckte Flock wieder zu, verlöschte das Licht und schloß die Stube ab. Im finsteren Gang flüsterte das Mädchen Anton zu, er möge sich des öfteren nach Flock umsehen, und huschte dann die Treppe hinab. Verwirrt begab sich nun Anton ins Erdgeschoß, zahlte das Viertele Wein und ging in die Kaserne zurück. Hier erwartete ihn eine neue Überraschung. Eiselt hatte den Befehl erhalten, seinen Oberaufseher nach Buchs abzugeben, wo plötzlich zwei Mann des Revisionsdienstes erkrankt waren. Lergetbohrer muß also zur Aushilfe auf einige Zeit in das schweizerische Grenzstädtchen Buchs, und zwar morgen mit dem ersten Zuge. III. Die Meldung zum Dienst im Bahnhofe Buchs hatte Lergetbohrer ordnungsgemäß erstattet und darauf vom dortigen Kommissär die Weisung erhalten, in besonderem Maße die vollste Aufmerksamkeit auf den schwungvoll betriebenen Zigarrenschmuggel aus der Schweiz zu verwenden. Daß geschwärzt werde, unterliege keinem Zweifel, nur sei es bisher nicht gelungen, jemanden trotz schärfster Kontrollierung abzufassen. Von Wien sei ein Erlaß gekommen, besonders in Buchs scharf aufzupassen, denn es würden in der Reichshauptstadt auffällig viele Schweizer Zigarren vertrieben, die mutmaßlich über Buchs nach Oesterreich eingegangen sein dürften. Begreiflicherweise wirkte solcher Wink von oben in Buchs aufregend, und die Vorgesetzten schärften das strengste Vorgehen ein. Anton hatte schweigend zugehört; die Unterweisung ist wertvoll, doch glaubt der Oberaufseher nicht, daß Reisende den ob der enormen Strafhöhe gefährlichen Zigarrenschmuggel betätigen, wenngleich Anton zur Stunde nicht sagen kann, wer solchen Schmuggel, und zwar im großen betreibt. Nach der Entlassung vom Kommissär wurde Lergetbohrer in den Dienstturnus eingereiht, der infolge der Erkrankung zweier Revisionsaufseher begreiflicherweise anstrengend sein muß. Jede zweite Nacht trifft Anton der Nachtdienst im Bahnhofe, und auch tagsüber ist viel Dienst zu machen. Lergetbohrer benützte den nächsten dienstfreien Tag zu einem Orientierungsgang in das Städtchen. Viel ist ja nicht zu sehen, ein kleiner Ort wie andere auch, doch belebt durch den Grenzverkehr. Beim Anblick der Zigarren- und Tabakhandlungen, die im Gegensatze zu österreichischen Verhältnissen meist mit Spezerei- und sonstigen Handlungsgeschäften verbunden sind, gedachte Anton unwillkürlich der Weisung, im Zolldienst auf den Zigarrenschmuggel besonders zu achten; doch mußte der Oberaufseher lächeln bei dem sich aufdrängenden Gedanken. So dumm wird ja doch wohl kein Mensch sein, am hellen Tage hier Zigarren kistchenweise einzukaufen und zur Bahn zu bringen. Vollzieht sich der Schmuggel jedoch im Landwege, so hat das die Zöllner im Bahnhofe nichts zu kümmern. Behaglich des freien Tages sich freuend, schlendert Anton durch die Gasse und gönnt sich in einem Brauhause einen Trunk Schweizer Bieres. Der Zufall gibt anregende Unterhaltung mit Buchser Bürgern, aus dem einen Glase wurden mehrere, die Stunden schwinden. Ein niedergehender Platzregen vereitelte die Heimkehr; man muß warten, und so wird es Abend, als Lergetbohrer durch die Dämmerung und den feinrieselnden Regen den Weg zum Bahnhofe antrat. Wie Anton abermals an einem Tabakgeschäft vorüberkommt, verläßt ein Mann den Laden, umhüllt von einem Mantel. Vorsichtig blickt der Mann um sich und schlägt die Richtung zum Bahnhof ein. Das scheue Gebaren und die Stellung der Arme unter dem Mantel erregen die Aufmerksamkeit Lergetbohrers. So hält man die Arme nur, wenn selbe irgendwelche Last zu umfangen und zu tragen haben. Unauffällig folgt Anton jener Gestalt, die indes nicht in den Bahnhof eintritt, sondern seitlich des Gebäudes die Schienen überquert und vor einem österreichischen Bahnpostwagen anhält. Um eine Hand frei zu bekommen, legt der Mann eine Anzahl Pakete auf das Laufbrett, öffnet rasch die Türe, gibt den Ballast hinein und verschwindet dann selbst im Dienstwagen. Überrascht steht der Oberaufseher hinter einem in der Nähe befindlichen Güterwagen und luegt vorsichtig aus. Wenn da nicht ein postalischer Schmuggel inszeniert wird, dann versteht Anton vom Finanzdienst nicht das mindeste. Doch zum Einschreiten ist es zu früh. Einstweilen kann der Mann, welcher ein Ambulanzbeamter zu sein scheint, Waren im Bahnpostwagen aufstapeln, so viel er will. Wird aber der zusammengestellte Zug morgen vor Abfahrt revidiert, dann haben die Waren großes Interesse für die Zöllner. Lergetbohrer braucht nicht lange zu warten; der Mann kommt wieder aus dem Wagen und begibt sich, jetzt erheblich schlanker an Gestalt, abermals zur Stadt zurück. Eine weitere Beobachtung hält der Oberaufseher für unnötig; auch ruft ihn der in einer halben Stunde beginnende Nachtdienst zu Amt. Birgt der Bahnpostwagen Konterbande, wird sich das ja morgen vor Abgang des Zuges nach Innsbruck zeigen. An nächsten Tage hatte Anton turnusgemäß den Mittagsschnellzug nach Innsbruck-Wien zu revidieren, und dieser Dienstarbeit sah er mit großer Spannung entgegen. Der Zug von Paris-Zürich lief mit kleiner Verspätung ein, und alsbald entwickelte sich der übliche Rummel, der diesmal dadurch gesteigert wurde, daß zahlreiche Russen ankamen, die von Zollrevision ihres Gepäck nichts wissen wollten und sich nur schwer begreiflich machen ließen, daß ohne Revision das Gepäck nicht durchgelassen werde. Anton stand am Zug und wartete auf den diensttuenden Assistenten zur Kontrolle des Bahnpostwagens. Der schweizerische Bahnpostwagen war schon abgekuppelt und weggefahren worden; eben schob die Maschine den österreichischen sogenannten Ambulanzwaggon heran, aus dessen einem Fenster der Beamte heraussah. Die Eisenpuffer erklangen hell, ein kurzes Rütteln, der Bahnpostwagen wird angekoppelt, die Zugleine gezogen, worauf die Dampfpfeife gellend ertönt. Es folgt die Probe der Vakuumbremse; der Eisenbahnbeamte vom Dienst überprüft die Ausfahrtswechsel, das Zugschlußsignal und überreicht dem Zugführer den Fahrbericht. Drinnen in der Halle ist zum größten Teile die Revision beendet, die Reisenden stürmen heran und nehmen die Plätze wieder ein. Ein Hasten und Jagen, Lärmen, wie es bei Schnellzügen nun mal üblich und nicht zu vermeiden ist. Das erste Zeichen zur Abfahrt ist gegeben, der Portier mahnt die Nachzügler zum Einsteigen. Lergetbohrer hat sich vor dem österreichischen Bahnpostwagen aufgestellt, und kaum ist der Postbeamte seiner ansichtig geworden, beginnt er, der bisher gemächlich vom Fenster aus das Getriebe betrachtet hatte, mit großer Hast Briefe zu sortieren, und gebärdete sich, als sei er enorm mit dringender Arbeit überlastet. Dies ist Anton nicht entgangen; mit einer gewissen Sehnsucht erwartet er den Assistenten und den Befehl zur Durchsuchung. Schon taucht der schweizerische Bahninspektor auf, der als gewissermaßen Hausherr der Abfahrt des österreichischen Zuges beizuwohnen pflegt, und sein Erscheinen ist immer das Signal, daß zur Abfahrt nur noch wenige Minuten fehlen. Anton ist's, als stehe er auf glühendem Eisen, er brennt vor Ungeduld. Endlich springt der Zollassistent Ribler herbei und fragt Lergetbohrer, ob alles revidiert sei im Zuge. »Der Bahnpostwagen ist noch nicht revidiert!« »Also flink hinein!« Mit einem Satz schwingt sich Anton in den Wagen und richtet an den wie toll mit den Briefen herumwerfenden Postbeamten die scharfklingende Frage: »Haben Sie Zigarren mit?« Nervös antwortet der Postbeamte: »Nein! Was glauben Sie denn? Sie sehen, daß ich vollauf beschäftigt bin! Ich habe keine Zeit zum Schwärzen!« An der offenen Türe erscheint der ungeduldige Assistent und ruft herein: »Sind Sie fertig, Lergetbohrer?« »Nein, Herr Assistent! Ich will eben die Untersuchung des Wagens vornehmen!« »Dann rasch vorwärts! Wir haben nur noch eine Minute!« Flink und gewandt durchsucht Anton den Wagen, fordert die Öffnung aller Behältnisse und guckt hinein. Die Postbeutel werden in die Höhe gehoben, nichts liegt unter denselben. Alles, selbst die Toilette wird besichtigt. Nichts zu finden. Assistent Ribler drängt auf Abfertigung. Anton wird nun auch erregt, weiß er doch bestimmt, daß der Wagen Konterbande birgt. Wo aber ist diese verborgen? Draußen rufen die Kondukteure das »Fertig!« Der Abfertigungsbeamte läuft zum Zollassistenten und fragt: »Ist Zollamt fertig? Ich muß abfahren lassen!« Der Assistent schreit in den Wagen: »Zum Teufel, Lergetbohrer, machen Sie, daß Sie 'rauskommen! Der Zug fährt ab!« Jetzt schien der Posterer sich sicher zu fühlen; frech äußerte er: »Was wollen S' denn noch?« Wütend rief nun Anton: »Geben Sie die Zigarren heraus! Gutwillig!« »Ich habe keine Zigarren!« »Heraus damit! Sie haben die Zigarren gestern abend halb neun Uhr selbst in den Wagen getragen!« »Ich?« stotterte bestürzt werdend der Postbeamte. Unterdessen war auch der schweizerische Inspektor zum Postwagen gekommen und rief ungehalten: »Was hent Ihr? Ab das Zügle!« Und auch der Zollassistent forderte Schluß der Revision. Lergetbohrer schwitzte vor Aufregung, trat an die Tür und meldete: »Herr Assistent! Bitte, lassen Sie diesen Postwagen abkuppeln und den Mann da verhaften!« »Haben Sie Konterbande gefunden?« »Noch nicht! Aber der Wagen hat Konterbande, ich weiß es bestimmt!« »Sind Sie toll? Ich kann die Verspätung des Zuges und die Zurückhaltung der Post nicht verantworten!« »Dann übernehme ich alle und jede Verantwortung bei Gefahr der Dienstentlassung!« »Zum Kuckuck! Was wissen Sie, Lergetbohrer?« Mit fliegendem Atem meldete Anton seine gestrige Beobachtung, und nun wendete sich das Blatt. Kategorisch und so laut, daß es auch der Fahrpostbeamte hören mußte, forderte der Zollassistent vom Jourbeamten sofortige Abkuppelung des Postwagens. Alles schrie vor Überraschung. Scharf befahl Ribler kraft seines Amtes: »Der Bahnpostwagen bleibt hier, wird plombiert. Polizei her, der Fahrpostbeamte wird verhaftet!« »Abkuppeln!« schrien der schweizerische Inspektor sowie der österreichische Jourbeamte, und behende sprangen Arbeiter heran, diese Arbeit flink zu verrichten. Bleich bis in die Lippen stand der Ambulanzer, den Lergetbohrer zum letztenmal aufforderte, die geschmuggelten Zigarren herauszugeben. »Ausg'hängt!« schrien die Arbeiter; der Wagen ist abgekuppelt. Zitternd riß der Ambulanzer jetzt den Sortiertisch von der Wand und die gegen dieselbe gerichteten Schubladen auf, in welchen die Zigarrenkistchen lagen. »Ha!« rief triumphierend Anton und packte die nun doch erwischte Konterbande. Verzweiflungsvoll gebärdete sich der Ambulanzer und flehte händeringend um Barmherzigkeit. »Machen Sie mich im Dienst nicht unmöglich!« Lergetbohrer reichte die gesamte Konterbande heraus, vier Kistchen Prisagozigarren, die der Zollassistent sofort ins Amtszimmer tragen und wiegen ließ. Inzwischen wurde der Postwagen wieder angekuppelt. Voll der höchsten Neugierde betrachteten die Reisenden aus den Waggonfenstern den ungewöhnlichen Vorgang, der solche abnorme Verspätung verursacht. Der Ambulanzer mußte mit in die Kanzlei, wo ein Protokoll aufgenommen wurde. Das ermittelte Gewicht ergab 3,8 Kilo Zigarren. Rasch ward gerechnet: Bei einem Zoll von ö.W. fl. 52,50 pro 100 Kilo geben 3,8 Kilo aufgerundet fl. 2,–, hierzu Lizenzgebühr für Einfuhrerlaubnis mit fl.11,– pro 1 Kilo fl. 41,80, in Summa fl. 43,80. Laut Gesetz kommt dazu die fünffache Strafe für die Zollgebührhinterziehung, macht zusammen ö.W. fl. 219,–. Der Ambulanzer fiel schier in Ohnmacht bei dieser für seine Verhältnisse entsetzlichen Ankündigung. Vier Monatsgagen sind verloren. »Das Geld haben Sie wahrscheinlich nicht bei sich!« meinte der Assistent. »Wir lassen Sie nach Unterzeichnung des Protokolls abfahren. Das Weitere wird die Untersuchung ergeben.« Zitternd unterschrieb der schier gebrochene Fahrpostbeamte das Protokoll und wankte hinaus in seinen Dienstwagen. »Gute Reise!« wünschte der Assistent, der nun mit schallender Stimme am Zuge verkündete: »Zollamt fertig!« »Abfahrt!« Ein Pfiff und der Schnellzug rollte mit zweiunddreißig Minuten Verspätung aus dem Buchser Bahnhof. So ward ein Hauptzigarrenschmuggler abgefaßt. Und dieser geglückte Fang hatte zur Folge, daß tagtäglich die Tische der Postwagen untersucht wurden. Es fiel aber nur noch ein einziger Ambulanzer herein. Die anderen waren gewarnt und ließen die Finger von dem gefährlichen Schmuggel. Doch verging kaum eine Woche, kam von Wien wieder ein Wink, daß trotz alledem immer noch Zigarren und Seidenwaren eingeschmuggelt würden, daher besonders in Buchs die größte Wachsamkeit betätigt werden solle. Es war nun naheliegend, daß Lergetbohrer ersucht wurde, der verzwickten Angelegenheit in specie nachzuforschen, zu welchem Zweck er vom Bahnrevisionsdienst entbunden wurde und die Erlaubnis erhielt, in Zivil seinen Dienst ohne behördliche Kontrolle zu versehen. Das ist nun auch zweifellos ein ehrenvoller Auftrag, aber ein ebenso heikler, denn es fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, wo die Nachforschungen einzusetzen hätten. Lergetbohrer beschloß, sein Äußeres etwas zu verändern und opferte den Schnurrbart, den er sich im Städtchen abnehmen ließ. Vor dem Spiegel im Friseurladen stehend, mußte Anton lächeln über den eigenen Anblick und die Verwandlung. Nützt selbe nichts, dann ist es wirklich schade um das gebrachte Opfer. Wo nun beginnen? Die österreichischen Kondukteure wurden scharf überwacht und Stichproben insofern vorgenommen, daß ihre Ledertaschen bei Dienstantritt untersucht wurden. Das Resultat blieb null wie bei den Wagenbremsern. Einige Zeit überwachte Lergetbohrer unauffällig in Zivil auch die Wagenputzer bei ihrer Tätigkeit und untersuchte nach deren Arbeitsvollendung mit Zustimmung der Bahnverwaltung jedes Coupé auf das sorgfältigste. Von Tabak und Zigarren wurde nicht das geringste gefunden, dafür aber Kaffeebohnen, die sich in den Polstersitzen, vorwiegend in den Coupés erster Klasse, befanden. Das ist eine hübsche, überraschende Entdeckung, welcher nachzugehen Anton in der nächsten Zeit beschloß. Nachdem nun Postbeamte, Kondukteure, Bremser und Wagenputzer nicht schwärzen, wer vom Eisenbahndienst könnte des Schmuggelns verdächtig sein? Bleibt nur noch das Maschinenpersonal übrig, sofern überhaupt auf der Eisenbahn und von Eisenbahnern geschmuggelt wird. Schon am gleichen Tage, da Anton auf diesen Gedanken gekommen, umschlich er die zur Abfahrt nach Österreich bereitstehenden Lokomotiven und gewahrte, daß merkwürdigerweise die Finanzwachaufseher an den Lokomotiven völlig achtlos vorübergehen und die Zugrevision stets erst vom Dienstwagen an beginnen. Bei solch obwaltenden Verhältnissen lag es nahe, das Verhalten des Maschinenpersonals zu überwachen. Doch so oft und scharf Lergetbohrer in harmlosester Weise die Leute auf den Lokomotiven beobachtete, es fand sich nicht der leiseste Anlaß zu einem Verdacht, oder die Maschinisten und Heizer fühlen sich sicher. Daß etwaige Konterbande nur im Tender, und zwar unter den Kohlen versteckt sein könne, davon war Anton überzeugt. Er meldete sich beim Kommissär und bat um Order, speziell und mit Legitimation in Zivil Stichproben vornehmen zu dürfen. Der Kommissär schien aber eher geneigt, jeden Tender eine Zeitlang durchsuchen zu lassen. Anton gab zu bedenken, daß schon die Untersuchung der Kohlen au einem Tage genügen werde, die etwaigen Schmuggler für immer zu warnen, und dann werde eben nichts abgefaßt, soferne die ersten Untersuchungen kein Ergebnis haben sollen. »Was ist dann Ihr Plan?« frug der Kommissär. »Ich möchte mit Ihrer Erlaubnis und mit Genehmigung der Bahnverwaltung des öfteren in Zivil in Postzügen mitfahren und beobachten. Vielleicht ergibt sich in Feldkirch ein Resultat!« »Der Plan gefallt mir!« sagte der Kommissär und erwirkte für den findigen Oberaufseher einen Freifahrtschein zu Dienstreisen. Wenige Tage später vollführte Anton seinen Plan mit kecker Zuversicht. Er verlegte sich zunächst auf das Spähen während der Zugsaufenthalte und überwachte das Personal in Feldkirch, wo die Maschinisten und Maschinen wechseln, da die direkten Wagen Zürich-Buchs-Wien in Feldkirch auf den von Bregenz gekommenen Schnellzug geschoben werden. So war Lergetbohrer eines Tages mit dem Vormittagspersonenzug nach Feldkirch gefahren, und sofort nach Verlassen des Wagens schlenderte der Finanzer in Zivil dem Heizhause zu, wohin die Maschine nach erfolgter Abkuppelung fuhr. Unbemerkt schlich er näher und hielt sich versteckt. Es ist auffallend, daß trotz Außerdienststellung der Lokomotive der Führer wie der Heizer sich so viel zu schaffen machen. Die Maschine faßt ersichtlich keine Kohlen, und dennoch dringt ein Geräusch zu Anton herüber, wie wenn Kohlen geschaufelt würden. Ohne Assistenz kann der Finanzer nicht dienstlich vorgehen; zudem erschwert seine Zivilkleidung ein Anhalten der verdächtigen Personen. Wo aber schnell einen Kollegen finden? Auf die Gefahr hin, daß den Schmugglern das Werk gelingt, verläßt Lergetbohrer sein Versteck und läuft quer über die Schienen dem Bahnhofe zu. Bedienstete wollen den Zivilisten wegen verbotenen Überschreitens der Geleise anhalten; sie springen dem vermeintlich frechen Frevler nach. Der Lärm lockt Stationsbeamte aus den Kanzleien; Anton wird aufgehalten und ruft erregt: »Ich bin im Dienst! Bitte mich nicht aufzuhalten! Es ist Gefahr im Verzug!« Man holt den Stationsvorstand, der auf Legitimation besteht. Ein Finanzer in Zivil und doch im Dienst, solches Novum ist dem Eisenbahner fremd; doch die Legitimation scheint unanfechtbar zu sein. Lergetbohrer drängt, er muß Assistenz holen, es gilt höchste Eile. Unbemerkt hatte sich der Gruppe ein Herr in Zivilkleidung genähert, der sich für den Fall zu interessieren schien. Kaum hörte er, daß Lergetbohrer Finanzwachoberaufseher und im Dienst sei, Assistenz brauche und auf sofortiger Freilassung bestehe, da stellte sich der Herr dem Stationsvorstand als Finanzwache-Bezirksleiter aus Feldkirch vor und bat zugleich, den Sistierten sofort freizugeben. Dies geschah nun augenblicklich. Lergetbohrer mußte mit dem Herrn zur Seite treten und rapportieren. Wenige Minuten später näherten sich beide dem Heizhause, aus welchem der Heizer eben trat mit einem Ballen auf dem Rücken. Ahnungslos wollte er an den Zivilisten vorbeigehen. Doch der Bezirksleiter stellte den Mann und erklärte ihn für verhaftet. Nach kurzem Wortwechsel wollte der Heizer den Sack abwerfen und flüchten, doch Lergetbohrer griff rechtzeitig ein. Der Fang ist doch noch, allerdings durch den Glücksfall der Anwesenheit eines Vorgesetzten, gelungen. Der Heizer gestand auf Vorhalt, daß der Ballen Konterbande enthalte, und bat flehentlich um Schonung seiner Existenz. Um die Folgen eines Schmuggels haben sich die Finanzer aber nicht zu kümmern; der Mann mußte den Ballen wieder auf die Schulter nehmen und zur Finanzwachkaserne tragen, wo sich ergab, daß die Konterbande aus kostbaren Seidenstoffen besteht. Nun nahm der Dienst seinen vorgeschriebenen Lauf. Sowohl der Heizer wie auch der Lokomotivführer, letzterer wegen Beihilfe zum Schleichhandel, wurden der Gendarmerie übergeben und Untersuchung eingeleitet. Der Fall gab Veranlassung zur Durchsuchung der Maschinen und Kohlenvorräte sowohl bei Abfahrt in Buchs, wie bei Ankunft in Feldkirch, und es glückte noch einige Male, Schmugglerwaren aufzugreifen. Natürlich zeterte die Betriebsverwaltung über Zugverspätungen und Entziehung von Maschinenpersonal, welch letztere die Verwaltung zwang, rasche Aushilfe von größeren Stationen kommen zu lassen; doch die Finanzwache vollzog unbeirrt ihren Dienst; dem Schleichhandel ward aber nun auch beim Maschinenpersonal ein Ende gesetzt; die Leute hüteten sich, Konterbande zu übernehmen. Lergetbohrer fand die volle Anerkennung seines vorgesetzten Buchser Kommissärs und ward dann wieder dem gewöhnlichen Revisionsdienst, der in Uniform zu betätigen ist, zugeteilt. Dieser Revisionsdienst im Bahnhofe ist nun allerdings nicht so strapaziös wie der Patrouillendienst, bei welchem die Finanzer allen Witterungsunbilden ausgesetzt sind; doch heißt es, im Bahnhofe zu allen von der Schweiz kommenden Zügen anwesend sein, und just dieses »Herhängen«, dieses »Angehängtsein« durch viele Stunden ist anstrengend. Der Rummel bei Zugsankunft bleibt immer gleich, die Revisionsaufseher sind da die fest und ruhig stehenden Felsen, um welche das erregte Bahnhofsleben brandet. Höflich, doch bestimmt wird die oft beiden Teilen, sicher aber dem nervösen Publikum lästige Revision vorgenommen. Da weigert sich einer, den Koffer zu öffnen; ein zweiter will die Effekten nicht persönlich herausnehmen; ein dritter versichert auf Ehrenwort, nichts Zollbares mitzuführen, und gebärdet sich aber so auffallend, daß auf der Effektendurchsuchung erst recht bestanden werden muß. Wird Zollpflichtiges gefunden, so verweist das Revisionsorgan den Reisenden samt den pflichtigen Effekten ins Zollbureau, und die weitere Amtshandlung ist Sache des diensthabenden Zollassistenten. Gefügig macht den Widerspenstigen die kühle Mitteilung, daß bei Verweigerung der Revision die Koffer in Buchs zurückbleiben. Drängt die Zeit und bleibt ein Reisender renitent, so wird ihm die Adresse abverlangt und eröffnet, daß sein Gepäck unter Zollverschluß an den Bestimmungsort abgehen und dort zollamtlich behandelt werden wird. Lergetbohrer sollte in den nächsten Tagen Gelegenheit finden, neue Studien im Verkehr mit dem Publikum zu machen, zumal von Seite der Zollbehörde erneut eingeschärft wurde, dem Seidenschmuggel energisch zu steuern, welcher gewerbsmäßig von Wiener Firmen betrieben zu werden schien. Wie besessen wehrten sich namentlich Damen gegen die Zumutung, die Reisekoffer auf Seide durchsuchen zu lassen; allein es nützte alle Weigerung nichts, und die Reisenden hatten alle Ursache, der Kulanz der österreichischen Zöllner zu danken, welche sich mit der einfachen Versteuerung ohne Strafzusatz begnügte. An einem Tage gab die Revision zum Schnellzug so viel Arbeit, daß das Personal erleichtert aufatmete, als der Eilzug abdampfte. Einige Stunden blieben dann dienstfrei, bis die Abendzüge wieder Arbeit brachten. Den Schluß bildet der gegen elf Uhr nachts in Buchs eintreffende Personenzug mit Anschluß nach Innsbruck-Wien, ein »Kriecher« im Vergleich zu den Expreßzügen, der denn auch höchst selten, nahezu niemals von vornehmen oder pressanten Reisenden benutzt wird. Das wissen die Zöllner wie die Eisenbahner; auch Lergetbohrer erfuhr das, bevor noch der »Bummelzug« in den Bahnhof polterte. Indes, Dienst bleibt Dienst, und so trat denn Anton an, und bald darauf fand sich der Zollassistent Ribler an der Barriere ein, an welche eine verblüffend große Anzahl Reisekoffer schwersten Kalibers von den Trägern geschleppt wurde. Anton zählte nicht weniger denn dreizehn Kolli und frug den Assistenten, ob irgendwelches Aviso eingelaufen sei. »Ich weiß gar nichts!« erwiderte Ribler, ein schmächtiger, junger Mann mit klugen Augen, und begab sich zu dem älteren Herrn und einer distinguierten, gleichfalls bejahrten Dame, die beide diese Koffer überzählten. Die Rechte an das Dienstkäppi legend, grüßte der Assistent höflich und frug: »Haben die Herrschaften etwas Zollpflichtiges in diesen Koffern?« Barsch erwiderte der Herr: »Unsinn! Wir führen nur getragene Kleider mit!« »Ich bitte um Öffnung!« sagte Ribler und bezeichnete zwei Koffer, welche zur Stichprobe geöffnet werden sollten. »Lächerlich!« knurrte der Herr, schloß aber die bezeichneten Koffer auf. Sowohl Ribler wie der Oberaufseher waren überrascht, denn trotz der trüben Ölbeleuchtung in der Halle waren sorgfältig verpackte, kostbare Seidenroben zu erkennen. Dem Assistenten entfuhr der Ausruf: »Das sollen getragene Kleider sein?« Und blitzschnell erinnerte sich Ribler des von Wiener Konfektionsfirmen gewerbsmäßig betriebenen Schleichhandels in Seidenroben. »Jawohl!« lautete die Antwort. Wieder beschaute der Assistent den kostbaren Inhalt dieser Koffer, und die weitere Frage lautet: »Enthalten die übrigen Kolli gleichfalls solche Stoffe und Kleider?« »Ja!« Der Assistent war einen Moment unschlüssig. Der Fall ist nicht geheuer, zum mindesten zweifelhaft, sofern dieses enorme Reisegepäck nicht einer hohen Herrschaft gehört. Um nun sicher und doch schonend gegen die nervöse Partei vorzugehen, zugleich nach den bestehenden Vorschriften handelnd, frug Ribler höflich: »Darf ich mir erlauben, Sie um Ihren werten Namen zu bitten?« Die Erwiderung lautete erregt und abweisend. »Ich bin Reisender, und als solcher kann ich mitführen, was ich will!« »Verzeihen der Herr! Es handelt sich lediglich um die Frage, ob diese ersichtlich kostbaren Effekten auch dem Stande, der Person und den Verhältnissen des Reisenden angemessen sind! Auf Grund meiner Dienstvorschriften muß ich fragen und bitte um gefällige Angabe des Namens und Berufes!« Zornig und verletzend lautete die Erwiderung: »Ich wohne in Wien, Schottenring Nr. 12, dort können Sie sich erkundigen, wer wir sind!« Lergetbohrer war nun überzeugt, daß ein Schleichhandelsversuch vorliege; der Assistent befand sich in einer engen Klemme. Nichts deutet auf vornehme Abkunft der Reisenden, die Koffer sind keineswegs auffallend, etwa mit einer Fürstenkrone oder dergleichen signiert, es fehlt die sonst bei hohen Herrschaften übliche Dienerschaft; die Kleidung des Paares ist allerdings elegant, aber Berufsschmuggler sind ebenso gekleidet und pflegen erster Klasse zu fahren. Ein böser Fall! Ribler erklärte die Antwort ungenügend und bestand auf Legitimation, sofern das Gepäck mit dem Nachtpersonenzuge mitgehen solle. Jetzt war die Geduld des Reisenden erschöpft; erregt donnerte er über diese Schikanen an der österreichischen Grenze, die nirgends auf der Welt, selbst in Amerika, Australien und Afrika nicht vorkommen. »Tut mir sehr leid! Ich erfülle nur meine Pflicht!« »Und ich sage Ihnen, daß ich Beschwerde erheben werde. Erledigen Sie mein Gepäck nicht sofort, so werden Sie die Folgen zu tragen haben. Sehr unangenehme Folgen!« »Der Folgen bin ich mir bewußt, mein Herr! Ich ersuche zum letztenmal um Angabe Ihrer Adresse!« »Fällt mir nicht ein! Aber ich werde mich bei Seiner Majestät dem Kaiser von Österreich beschweren!« Taktfest und unerschütterlich im Dienst erwiderte der Assistent: »Halt, mein Herr! Ich verbiete Ihnen, die Person unseres gnädigsten Monarchen in den Dunstkreis einer Zollabfertigung herabzuziehen!« »Was? Sie niedriger Mensch! Sie wollen mir etwas verbieten? Jetzt befehle ich Ihnen, mein Gepäck augenblicklich zollfrei nach Wien abzufertigen!« Lergetbohrer ward irre; der Assistent fühlte, wie sein Blut anfing rebellisch zu werden. Um das Paar bildete sich eine Gruppe von Reisenden und Bahnbediensteten, die mit gespanntester Neugierde der Entwickelung dieses Konfliktes entgegensah. Ribler erklärte: »Sie haben mir gar nichts zu befehlen! Ich bin hier im Dienst und warne Sie vor jeder Berufsbeleidigung!« »Augenblicklich erledigen Sie die Sache, oder ich telegraphiere nach Wien!« »Erstes Zeichen zum Einsteigen. Personenzug in der Richtung nach Feldkirch-Landeck-Innsbruck-Salzburg-Wien!« rief der Stationsportier in die Revisionshalle. Krachend warf der rabiat gewordene Reisende die Kofferdeckel zu und schloß die zwei Kolli ab. »Das sollen Sie mir büßen, Sie Flegel!« Ribler ignorierte diese Beleidigung und proponierte dem erregten Paare als einzigen Ausweg, der noch übrig bleibt, da die Reisenden die Namensangabe verweigern: »Wenn Sie wollen, überweise ich das Gepäck im Ansageverfahren an das Hauptzollamt Wien und lasse die Kolli bahnamtlich instradieren. Dort können Sie unter entsprechender Legitimation Ihr Gepäck in Empfang nehmen, falls Sie in Wien Ihren Namen lieber nennen wollen.« »Unerhört! Empörend! Ein Skandal sondergleichen!« zeterte die Dame. »Eine Flegelei!« schrie außer sich der Herr, nahm die Dame an den Arm und schritt mit ihr auf den Perron hinaus. Der Assistent zuckte die Achseln, auch Lergetbohrer weiß nicht, wie er diesen Fall deuten soll. Auf das zweite Zeichen zum Einsteigen begab sich das Paar in ein Coupé erster Klasse; die übrigen Reisenden nahmen gleichfalls ihre Plätze im zur Abfahrt fertigen Zuge ein. Kaum war das Paar eingestiegen, verließ es wieder das Coupé und eilte in den Revisionssaal. Mit bebender Stimme, zorngerötet, rief der Herr dem Assistenten zu: »Dirigieren Sie augenblicklich mein Gepäck in den Zug! Ich bin Don Carlos, Infant von Spanien! Und die Dame hier ist meine Gemahlin, Donna Anna de Braganza!« Stramm erwiesen die Zöllner Honneur, doch im Bewußtsein streng erfüllter Pflicht erklärte der Assistent: »Ich muß Ew. Königliche Hoheit jetzt um Legitimation bitten!« »Was? Sie glauben meinem Wort nicht?« »Es ist möglich! Aber nach dem ganzen Verlauf glaube ich es jetzt nicht mehr!« »Unerhört! Das kostet Sie die Charge!« »Das wollen wir abwarten. Als Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses geben sich so viele Leute aus, um zollfreie Abfertigung zu erlangen, daß der Zollbeamte im Dienst auf Legitimation bestehen muß. Hätten Sie Namen und Stand gleich zu Beginn der Revision angegeben, wäre Ihre Angabe glaubhaft gewesen, wiewohl Allerhöchste Herrschaften uns Beamten den Dienst stets zu erleichtern und Dienerschaft mitzuführen pflegen, welch letztere bei der Gepäckrevision anwesend ist. Ich bedaure den Vorfall, er ist aber nicht meine Schuld! »Eine unerhörte Flegelei! Augenblicklich lassen Sie mein Gepäck frei!« »Nein! Die Koffer bleiben hier, werden amtlich plombiert und morgen mit dem Expreßzug nach Wien gehen!« »Infam! Wir fahren gar nicht nach Wien!« »So! Also ist Ihre vorige Angabe des Reisezieles unrichtig! Das Gepäck bleibt hier! Gehorsamster Diener!« Ribler salutierte. »Höchste Zeit! Der Zug fährt in einer Minute ab!« rief der Portier. »Das sollen Sie büßen!« Mit dieser heiser gerufenen Drohung eilte das Paar an den Zug, stieg ein, und der Train verließ den nachtverhüllten Bahnhof Buchs. Die Zöllner atmeten auf. Eine solche Revision hat noch keiner mitgemacht. Aufgeregt entfernten sich Ribler und Lergetbohrer aus der Halle, deren Lampen nun verlöscht wurden. Der Dienst ruht nun bis morgen früh. Am nächsten Morgen galt alles Gespräch im Buchser Bahnhof dem nächtlichen Ereignis. Die wenigsten Leute glaubten an den hohen Stand des Paares zufolge der verdächtigen Umstände. Allerhöchste Personen fahren nicht eine qualvolle Nacht mit dem »Bummelzug« über den Arlberg ohne jegliche Dienerschaft. Außerdem wurde das Inkognito viel zu spät und ohne den Schatten eines Beweises gelüftet. Kein Wunder denn, daß die Zöllner glaubten, es sei ein Schleichhandelversuch gewesen. Ribler verständigte in einem Bericht über den Vorfall das Wiener Hauptzollamt. Mit dem Expreßzug wurden die dreizehn Koffer unter Zollverschluß an das Hauptzollamt Wien abgesandt. Nun sollen die Wiener Zöllner den kuriosen Fall erledigen. Das Buchser Amt hat seine Pflicht mit bestem Wissen und Gewissen erledigt. Als sich die Aufregung über den Don Carlos-Vorfall gelegt hatte, erinnerte sich Lergetbohrer beim Anblick eines Schweizer Waggons erster Klasse seiner Entdeckung der vorgefundenen Kaffeebohnen, und sofort beschloß er, auf diesen Schmuggel sein besonderes Augenmerk zu legen. Es fiel dem Oberaufseher schon nach Umfluß einer Woche auf, daß an jedem dritten Tage eine sehr distinguierte Gesellschaft mit dem Feldkircher Morgenzug durch Buchs weiter in die Schweiz, am Abend aber wieder zurückfuhr, und zwar stets erster Klasse, und ohne jedes Handgepäck. Es waren zwei Damen, sehr elegant gekleidet, und ein Herr, noble Leute, denn der Herr spendierte den Stationsdienern, welche ehrerbietig den Wagenschlag öffneten, stets ein Trinkgeld, weshalb diese Reisenden mit größtem Respekt behandelt wurden. Das müssen nun Ausflügler sein. Anton fand es aber auffällig, daß derlei Ausflüge so regelmäßig und ohne jegliches Handgepäck gemacht wurden. Letzterer Umstand hatte die natürliche Folge, daß die drei Reisenden stets unbehelligt durch die Revisionshalle schreiten und den bereitstehenden österreichischen Zug nach Feldkirch besteigen konnten. Ob darin nicht eine Absicht steckt? Das Mitführen auch nur einer winzigen Handtasche würde eine Revision bedingen. Anton blieb auch an dienstfreien Tagen im Bahnhofe und hatte in der zweiten Beobachtungswoche herausgefunden, daß die drei erster Klasse-Reisenden auf der Hinfahrt in die Schweiz bedeutend agiler den österreichischen Zug in Buchs verlassen und den Schweizer Train besteigen, als umgekehrt auf der Rückfahrt von der Schweiz. Völlig steif entstiegen die Herrschaften dem Schweizer Train, gingen schwerfällig durch die Revisionshalle und kletterten auffallend steif, gespreizt in das Coupé erster Klasse des Zuges nach Feldkirch. Kaum war der österreichische Zug abgefahren, eilte Lergetbohrer hinaus zum schweizerischen Waggon und begann die Polster und namentlich die Ritzen sorgfältig zu untersuchen. Richtig befanden sich wieder vereinzelte, offenbar verlorene Kaffeebohnen in den Fugen. Nun verdichtete sich die Mutmaßung zur Überzeugung, der Verdacht ward zur Gewißheit. Anton behielt seine interessante Entdeckung für sich und wartete auf das nächste Erscheinen der distinguierten Ausflügler. Unbeanstandet konnte die Gesellschaft in die Schweiz fahren. Die Zwischenzeit benutzte Lergetbohrer zu einem Rapport an den Kommissär, und nun wurde die Buchser Revisionsfrau zum Abendzug bestellt. Der Kommissär fand sich persönlich, doch in Zivil, ein, um das Aussteigen der verdächtigen Reisenden zu beobachten. Und Lergetbohrer hatte Auftrag, die Gesellschaft anzuhalten und in das österreichische Zollbureau zu verbringen. Der Abendzug von St. Margarethen lief in Buchs ein. Schwerfällig entstieg der Herr dem Coupé erster Klasse und half den merkwürdig korpulenten Damen beim Aussteigen. Steif begaben sich die drei Reisenden, auch diesmal ohne Handgepäck, nur mit Schirmen versehen, zum Halleneingang. Der Kommissär hatte genug gesehen, drehte sich in der Richtung zum Eingang in die Revisionshalle und nickte Lergetbohrer zu, der sich dort in Uniform aufgestellt hatte und nun die Herrschaften höflich, doch bestimmt ersuchte, sich gefälligst ins Zollbureau zu begeben. Die Damen vermochten Schreckensrufe nicht zu unterdrücken, der Herr aber protestierte entrüstet gegen jegliche Beanstandung, zu welcher nicht der geringste Anlaß vorliege, und forderte Rücksicht auf Passagiere erster Klasse. Ob solchen Verlangens mußte Lergetbohrer schmunzeln, bestand aber auf der Sistierung, die natürlich großes Aufsehen erregte. Die Reisenden leugneten, auch nur die geringste Konterbande mit sich zu führen. Doch es nützte alle Weigerung und halfen alle Proteste nichts. Die Damen wurden in ein Seperatgelaß geführt und von der beeideten Revisionsfrau durchsucht. Das Ergebnis war überraschend, selbst für den Kommissär und Lergetbohrer. Die Unterröcke der Damen, von der Frau herausgebracht, hatten zahlreiche Rundfalten auf etwa zwei Zentimeter Entfernung voneinander, ringsherum sorgfältig abgenäht, und jede Falte war mit Kaffeebohnen angefüllt und durch Knöpfchen verschlossen. Der Herr trug, wie dessen Durchsuchung ergab, einen langflügeligen Rock, innen voll gesteppter Falten, gefüllt mit Kaffeebohnen im Gesamtgewicht von – achtzehn Kilogramm. Die Damen hatten jede fünfzehn Kilogramm Kaffee bei sich. Daher der steife Gang. Auf jeder Fahrt von der Schweiz nach Österreich hatten die Herrschaften bisher rund vierundzwanzig Gulden Zoll »erspart«. Diesmal freilich kam infolge der verhängten sechsfachen Steuer der Kaffee etwas teuer. Mit dieser ingeniösen Kaffeeschwärzung war es aber für immer aus und vorbei. Die ertappte Gesellschaft wurde verhaftet, doch gestattete der Kommissär, daß sie um Geld telegraphieren durfte. Sie wurde erst nach Erlag aller Gebühren und des Strafbetrages in Freiheit gesetzt. Die Untersuchung wegen frevelhaften Schleichhandels wurde nach Feststellung der Namen usw. sofort eingeleitet. Die Behörde gab die »Kaffeereisenden« sodann frei, und schlank, mit einer »angenehmen« Erinnerung reisten die Herrschaften in die nahe Heimat zurück. Der Kommissär sagte zu Lergetbohrer: »Sie sind eine Perle für unsern Dienst!« Noch einmal sollten die Zöllner in Buchs in Aufregung versetzt werden; es kam von Wien die amtliche Nachricht, daß die inhibierten dreizehn Kolli nicht reklamiert, daher als Schleichgut konfisziert worden seien. Dem Assistenten Ribler wurde amtlich eröffnet, daß er völlig korrekt im Dienst vorgegangen sei, auch für den Fall, daß bei Verweigerung der Namensnennung der Reisende wirklich eine Persönlichkeit von höchstem Rang gewesen wäre. Solche Anerkennung tat wohl und munterte zur treuesten Pflichterfüllung auf. IV. Was seit Monaten in Bregenz gerüchtweise im Umlauf gewesen, hatte Bestätigung gefunden zu Schrecken der Weinwirte und Mosthändler. Bislang war die allgemeine Verzehrungssteuer von Wein und Most aus Wein und Obst in der Weise verpachtet gewesen, daß ein Generalpächter die vom Ärar für den Stadtbezirk Bregenz angesetzte Summe zahlte und sich bezüglich der von den Steuerpflichtigen zu erlegenden Teilsummen mit den Parteien abfand. Nun kam aber der Bregenzer Finanzwachkommissär auf Grund genauer Erhebungen und Berechnungen für Einfuhr und Verbrauch von Wein und Obst seitens der Wirte und sonstigen Verkäufer zu der Überzeugung, daß die Pachtsumme in einem Mißverhältnis zum Konsum stehe, und daher wurde bei der Oberbehörde der Antrag auf Erhöhung jener Generalsumme aus der Verzehrungssteuer gestellt und angenommen. Die Folge davon war, daß der Pächter verhalten wurde, eine höhere Summe an das Finanzärar zu bezahlen. Das konnte und wollte jedoch der Pächter nicht; er trat von der Pachtung zurück, um sich mit den Steuerpflichtigen nicht zu sehr zu verfeinden, was bei schärferem Anziehen der Steuerschraube unvermeidlich erscheinen mußte. Der Rücktritt des Pächters hatte die Folge, daß die Finanzverwaltung die erhöhte Verzehrungssteuer selbst erheben mußte, und zwar durch die Finanzwache für den Innendienst. Dieser Modus der Einhebung hatte die Weinwirte in Aufregung gebracht, denn nun ist jeder Weinschenker gehalten, jedes Weinquantum, das im Umkreise einer halben Stunde von seinem Keller- und Schanklokale eingebracht wird, vor der Einkellerung anzumelden und beim Anzapfen jedes Weinfasses zu versteuern. Und über die Einkellerung, Versteuerung und Auskellerung bzw. Ausschank müssen Revisionsbogen geführt werden, deren Kontrollierung zu jeder Tages- und, wenn es nötig befunden, auch zur Nachtzeit der Finanzwache obliegt. Diese Kontrolle ist für die Betroffenen ebenso lästig wie für die Organe der Finanzwache, doch für die genaue Erhebung der Verzehrungssteuer unerläßlich; sie rückt außerdem die Gefahr einer Aufdeckung von Steuerhinterziehungen nahe, da das Ausschanksquantum immer mit der Quantumsziffer des Faßinhaltes im Revisionsbogen stimmen muß, und eine Differenz schon eine Steuerhinterziehung bedeutet. Es ist sonach die Steuereinhebung in eigener Regie der Finanzverwaltung von einschneidender Wirkung, eingreifend in die Verhältnisse der Wirte und in den Weinverkauf im kleinen. Der neue Modus trat zum bestimmten Termin in Kraft und brachte eine völlige Umwälzung im Verzehrungssteuerwesen mit sich. Die Finanzwache für diesen Innendienst bekam Arbeit in Fülle, denn kontrolliert ein Finanzwachmann am Vormittag, muß ein zweiter am Nachmittag dessen Eintrag im Revisionsbogen und den Faßinhalt abermals revidieren. Der geringste Verdacht einer Absicht zur Steuerhinterziehung genügt, um auch noch eine dritte Kontrolle an einem Tage vorzunehmen. Es läßt sich denken, wie die Steuerpflichtigen diese Umwälzung aufnahmen, aber Kontrolle muß der Ärar haben, es geht nicht anders. Bei Wüsteler wirkte die amtliche Mitteilung der Regiesteuereinhebung geradezu niederschmetternd. Just ihm hatte das nur gefehlt, daß die Finanzer in seinem Keller aus- und eingehen, und daß die Gücksler Stammgäste werden. Stundenlang saß er mit dem Nachbar Merkle in der Wohnstube oben zu Rate, und der Fall wurde nach allen Richtungen hin durchbesprochen, bis sie ein befriedigendes Resultat fanden, über welches strengstes Stillschweigen beiderseits gelobt wurde. Um die Zeit der Erhebung der Verzehrungssteuer im Regiewege kam Lergetbohrer von Buchs nach Bregenz zurück und wurde zu seiner Überraschung dem Innendienst zugeteilt. Diese Versetzung erfolgte gewissermaßen aus Gründen der Anerkennung, und der Kommissär erhofft sich von diesem tüchtigen Finanzer nun im Innendienst ähnliche Resultate, wie sie die Dienstleistung Antons in Buchs im Revisionsdienst ergeben hat. Angenehm ist dieser neue Dienst so wenig wie Streifung zu Wasser und Land, und nur das Pflichtbewußtsein vermag über die Mißhelligkeiten hinwegzuhelfen. Lergetbohrer beeilte sich, den ihm verbliebenen dienstfreien Tag zu einem Besuche im Hause Wüstelers auszunützen; es drängte Anton, die schöne Zenzi zu begrüßen und seinen Flock zu holen, der bisher in Pflege bei der stolzen Wirtstochter sich befand. Wie das Hündchen, dem das Läufel inzwischen verheilt war, jubelnd den Gebieter begrüßte! Das gab einen Freudenspektakel, daß man den Lärm häuserweit hören mußte. Dementsprechend polterte Wüsteler, der Weinwirt, und verschwor sich, den Besucher samt seinem Hunde schleunigst an die Luft zu befördern, wasmaßen ein Finanzer das überflüssigste Menschenwesen im Hause sei. Zenzele benahm sich kühl, abweisend. Fast schroff ersuchte das Mädchen, den Hund mitzunehmen, und kalt lehnte Zenzi jeden Dank ab. Anton ist sich nicht bewußt, zu solchem Verhalten des Mädchens den geringsten Anlaß gegeben zu haben; erstaunt betrachtete er das schöne, dem Sinne nach gänzlich veränderte Mädchen, und bat dann, gleichfalls im kühlen Tone, um gefällige Bekanntgabe der Futterkosten für Flock. Schrill lachte Zenzele auf, und höhnisch klangen die Worte: »Das lassen S' nur gut sein! Ein Finanzer braucht seine paar Kreuzer notwendig genug, um nicht selber zu verhungern!« Eine Falte des Unmutes erschien auf Antons Stirn, und bitter erwiderte er: »Ich glaube, Ihnen zu solchen Worten keine Veranlassung gegeben zu haben. Immerhin danke ich herzlich für Kost und Pflege meines Hündchens! Ich habe die Ehre!« Damit entfernte er sich aus dem Hause Wüstelers, und munter sprang Flock voraus. Erst nach einer Weile kam Anton der Gedanke, daß wohl die neue Steuerkontrolle durch die Finanzwache diesen Umschwung herbeigeführt haben dürfte. Aber deshalb brauchte doch Zenzi ihm nicht solche Verachtung zu zeigen. Der einzelne Mann ist doch völlig unschuldig und muß seine Pflicht erfüllen, wie es der strenge, unerbittliche Dienst fordert. Unwillkürlich mußte Anton denken, wie mißlich es für ihn sein würde, just bei Wüsteler die Kontrolle vornehmen zu müssen. Schon der nächste Tag brachte den gefürchteten Dienstbefehl: Revision bei verschiedenen Wirten der Stadt, darunter auch bei Wüsteler. Anton erschrak und sann nach, wie er von der Kontrolle dieser Weinwirtschaft loskommen könnte. Es gibt keinen Ausweg; der Befehl muß befolgt werden, um Privatgefühle eines Wachmannes kümmert sich die Behörde nicht. So mußte denn der Dienst begonnen werden. Anton revidierte zunächst bei den nähergelegenen Wirtschaften; dann traf Wüsteler die Reihenfolge, und das Unangenehme mußte getan werden. Zögernd trat Lergetbohrer in das Haus und verlangte den Wirt zu sprechen. Durch die halb offenstehende Türe drangen die Stimmen der gewaltig über Finanz und Steuer schimpfenden Gäste, und Anton konnte deutlich die krähende Stimme des Kafetiers Merkle erkennen. Lergetbohrer hat in diesem Augenblick nur den einen Wunsch, mit Zenzi jetzt nicht zusammenzutreffen, da er dienstlich bei der ihm selbst peinlichen Revision anwesend sein muß. Endlich kam der Wirt, der höhnisch und verletzend frug: »Was wollen denn Sie hier?« Streng dienstlich und gemessen forderte der Oberaufseher den Revisionsbogen sowie die Begleitung des Wirtes zur Kontrolle der Weinmengen in den angezapften Fässern. Wüsteler erkannte, daß Ausflüchte unnütz sind und seine Lage nur verschlechtern können. Er führte den unbequemen Kontrolleur in den Keller, zündete unten eine Kerze an und schritt nun von Faß zu Faß. Was bisher unversteuert und ungeöffnet ist, wurde versiegelt; die am Zapfen liegenden Fässer kontrollierte Anton auf die vorhandene Inhaltsmenge, indem er den Matievicschen Faßmesser (eine Art Meterstab) durch das obere Spundloch einführte und an demselben die Flüssigkeitsmenge ablas. Das Ergebnis wurde sogleich notiert und im Revisionsbogen eingetragen. Wüsteler verhielt sich ruhig dabei, nur seine Augen verkündeten Haß. Als sämtliche am Zapfen liegende Fässer kontrolliert waren, gestattete der Wirt sich die Frage, wie denn die »Schererei« weitergehen solle. Die dienstliche Antwort lautete kühl: »Wenn Sie Wein in Ihren Keller bringen, muß die neue Einfuhr vorher bei uns angemeldet werden. Jedes Anzapfen eines frischen Fasses muß ebenfalls angemeldet und der Faßinhalt versteuert werden.« Zornig rief Wüsteler: »Da bring' ich ja die Finanz gar nimmer aus dem Keller!« Anton zuckte die Achseln und erwiderte: »Die Kontrolle über den Weinausschank ist meine Pflicht! Ihre Wirtschaft in Bezug auf Weinabgabe zu überwachen, bin ich beauftragt! Ich warne Sie vor Steuerhinterziehung und deren schwere Folgen, wie vor jeder Berufsbeleidigung! Erschweren Sie mir mein Amt nicht, das ohnehin schwer genug ist!« Wüsteler knurrte etwas Unverständliches und schritt in der Meinung, daß die Revision nun beendet sei, durch den Keller. In der Schenke mußte der Wirt den Revisionsbogen zur Bestätigung der von Lergetbohrer eingetragenen Befundziffern unterschreiben. Der Bogen verblieb sodann im Besitze des Wirtes. Lergetbohrer entfernte sich hierauf. Der Wirt aber rief Seppl, den Schenkburschen, und hielt geheime Zwiesprache mit demselben. Anton war nun für einige Stunden dienstfrei und nahm, in seiner kleinen Behausung angekommen, Flock, den gelehrigen Rattler, vor, um ihm wieder einmal Unterricht zu erteilen. Ist Flocks Nase auf Tabakgeruch geschärft, soll sie jetzt das Kaffeearoma kennen und unterscheiden lernen. Flock beschnupperte die Bohnen wohl und blickte mit den klugen Lichtern seinen Herrn an. Die Nachsuche wollte jedoch nicht recht von statten gehen. Anton versuchte es mit gebranntem Kaffee, und solchen fand Flock rasch in den Verstecken. Doch der Gebieter ließ nicht nach, der Hund mußte immer wieder ungebrannte Bohnen suchen, und um Flock um so sicherer an den allerdings schwachen Geruch ungebrannten Kaffees zu gewöhnen, verstreute Anton solche Bohnen in des Hundes Lagerdecke. Dann trat Lergetbohrer wieder seinen nichts weniger denn angenehmen Dienst an, indem er andere, in seinem Rayon gelegene Wirtschaften auf die steuerpflichtigen Weinvorräte kontrollierte. Überall böse Gesichter, Ärger und Verdruß, spitze Redensarten. Schon ging es dem Abend zu; Anton kam in die Nähe der Wirtschaft Wüstelers, die überfüllt war von Gästen. Die Dampfschiffe und Eisenbahnzüge mochten wohl viele Reisende gebracht haben, Touristen labten sich im Garten, und auch die Bürger hatten sich zum Dämmerschoppen eingefunden. Zenzele amtierte mit zwei Aushilfskellnerinnen eifrig, das Geschäft ging flott. Die Weinwirtschaft ist eine Goldgrube, und wer Wüstelers Tochter einmal freien wird, der ist ein gemachter Mann. Lergetbohrer stand in der Nähe des Schankgartens und überblickte das rege Getriebe. Was da Wein herbeigeschleppt wird, ist erstaunlich. Der Befehl lautet, eine zweite Revision der am Zapfen liegenden Fässer bei Wüsteler vorzunehmen. Mit Zenzele zusammenzutreffen, mag unangenehm sein, der Dienst darf keine Rücksicht kennen. Kurz entschlossen begibt sich Anton, der den Faßmesser jetzt ständig bei sich führt, abermals in die Schenke, wo Wüsteler selbst die Flaschen aus den Weinkrügen füllt. Ein Kernfluch entfuhr seinen Lippen beim Erscheinen des Finanzers, und giftig schrie er, was denn der Oberaufseher schon wieder wolle. »Faßkontrolle vornehmen! Bitte, gehen Sie mit!« »Der Teufel soll mit Ihnen gehen! Ich habe keine Zeit!« »Sie oder eine von Ihnen bezeichnete Vertrauensperson muß der Kontrolle beiwohnen!« Wüsteler zeigte sich jetzt gedrückt, fast kleinlaut übergab er den Revisionsbogen, Schlüssel und Licht und rief Zenzi herbei zur Begleitung des Finanzers. Das Mädchen guckte wohl groß, ging aber bereitwillig mit und leuchtete mit der Kerze zur Kontrollarbeit, ohne vorerst zu sprechen. Anton begann die Revision gleich beim ersten, dem Kellerfenster am nächsten liegenden Faß und führte den Messer ein, welcher zu Lergertbohrers größter Überraschung jetzt einen größeren Inhalt anzeigte, als sich bei der vormittägigen Revision ergeben hatte. Waren früher achtundsechzig Liter in diesem Faß, so zeigte der Messer jetzt am Abend dreiundneunzig Liter an. Und dabei ist doch den ganzen Tag über dem Faß viel Wein entnommen worden! Erregt über diese Entdeckung kontrolliert Anton die übrigen Fässer. Was am Zapfen liegt, hat durchgängig mehr Inhalt als heute früh. Intakt sind nur die versiegelten Fässer geblieben. Zitternd steht Anton im Keller; die Erkenntnis, daß Wüsteler unlauter manipuliert, auf geheime Weise seine Fässer auffüllt, um der Versteuerung zu entgehen, wirkt erschreckend auf den Finanzer, Zeigt er diesen Vorgang pflichtgemäß an, so wird Wüsteler in die größten Unanehmlichkeiten verwickelt werden. Und was wird Zenzele sagen? Wird Anton nicht als gemeiner Denunziant erscheinen? Ist aber eine solche Anzeige des Betruges nicht beschworene Dienstpflicht? »Heiliger Gott! Was tue ich nur?« murmelte Anton und begann, die Kontrollziffern in den Bogen einzuschreiben. Seine Erregung ist der Wirtstochter nicht entgangen; Zenzi trat näher und frug teilnahmsvoll, was denn dem Herrn Oberaufseher fehle. »Nichts, nichts!« stammelte Anton und reichte ihr zitternd den Revisionsbogen zur Unterschrift. »Muß das sein?« lachte schelmisch das herrliche Geschöpf. »Wenn ich da nur nicht mein Todesurteil unterschreibe?!« Anton empfand Herzklopfen beim Anblick des schönen Mädels, und der Revisionsbogen zitterte in seiner Hand. Mit den Ziffern und der Unterschrift Zenzis wird dieses Papier eine flammende Anklage gegen Wüsteler sein; der Betrug, die Steuerhinterziehung liegen offenkundig zutage. Zenzele kritzelte ihren Namen ein. Anton steht bleich neben ihr. Hat das Mädchen eine Ahnung von dem verübten Betrug oder nicht? Zenzi erklärte, nun wieder in den Garten und die Gäste bedienen zu müssen. Zum Abschied sagte sie: »Adjes, Herr Lergetbohrer! Wie geht's dem lieben Flock? Bringen Sie ihn mir doch recht bald wieder!« Dann eilte das Mädchen die Kellertreppe hinauf und wirbelte mit den Weinflaschen hinaus in den Garten. Heiß überlief es Anton. Wie süß und lieb haben diese wenigen Worte geklungen! Oder war es Täuschung? Vor kurzem so schroff und abweisend, heute die Liebenswürdigkeit selbst und eine überaus freundliche Einladung! Wer kann aus diesem Geschöpf klug werden! Nachdem Lergetbohrer Schlüssel und Leuchter und den Revisionsbogen abgegeben, schritt er schier taumelnd durch den Flur ins Freie. Ein Glück nur, daß ihm jetzt nicht der Kommissär begegnet und Rapport verlangt. Anton möchte am liebsten stöhnen. Wie im Traum trollt er in die Kaserne, um in der Einsamkeit seines Stübchens nach Ruhe zu ringen, den rechten Entschluß für seine Amtshandlung zu erkämpfen. Und als er endlich müde die Äugen schloß und in Schlaf fiel, da führten die Ziffern achtundsechzig und dreiundneunzig einen wirbelnden Tanz im Traume auf. V. In ihrem Kämmerlein um dieselbe Zeit blickte Zenzele andächtig zum Sternenzelt des nächtlichen Himmels empor und seufzte dazu aus übervoller Brust. Weich war die Stimmung wie die Luft, die mild vom See hereinwehte in die stille Stadt. Und die Gedanken waren lind, beseligend; sie flogen von den Sternen flink zur Erde herunter, hinein in ein von der Phantasie traulich gedachtes Stübchen, wo der fesche Mann in grüner Uniform mutmaßlich weilt. Zenzele denkt an Anton, und heiß quillt es auf in der Mädchenbrust. Ja, der Mann gefällt ihr, das ist der Mann, den sie in heimlichen Stunden sich ersehnt, dem sie, die stolze, trutzige Dirn, angehören möchte. Wenn er so vor sie hintreten und mit männlicher Festigkeit ihr Jawort verlangen würde, o, wie gern würde sie ihm an die starke Brust fliegen, seinen Hals umklammern und das liebe Gesicht küssen. Wie das nur so gekommen ist? Sie war ihm doch nicht so eigentlich gut, eher frostig, abstoßend. Dann wieder recht lieb zu ihm. Warum nur? Warum so wechselnd in der Gesinnung, so launenhaft? »Bin ich so wetterwendisch?« frug sich Zenzele selbst. Sie hassen ihn alle, die Gäste, die Wirte; er ist ja nur ein Finanzer, ein Oberaufseher, der mit einem Fuße ob seines gefahrvollen Dienstes auf Patrouille in jeglicher Stunde im Grabe steht und mit dem anderen Fuße im Kriminal, so er seinen Dienst vernachlässigt oder mit den Parteien unter einer Decke steckt. Ein widerwärtiger Beruf! Eines Finanzers Frau? Früher hätte Zenzele schon bei dem leisesten Gedanken an dergleichen aufgelacht. Und heute klingt es gar nicht so übel: »Frau Oberaufseher!« Und der Anton soll gar tüchtig sein, ein gescheiter Mann mit Aussichten, bald Respizient oder gar Bezirksleiter zu werden. Davon war des öfteren unter den Gästen die Rede; der Neid, sagten manche, müsse zugeben, daß in Bregenz ein so schlauer, diensteifriger Finanzer noch niemals gewesen ist. Der Mann werde den Schlauesten noch auf die Schliche kommen und große Anerkennung finden, freilich auf Kosten der Ertappten. Zenzele seufzt abermals; ein schrecklicher Gedanke zieht durch ihr Köpfchen. Wie, wenn der fesche Mann im Dienst gegen den Vater auftreten müßte? Die Finanz ist immer Feind gewesen gegen jeden Wirt. Es wäre schrecklich, wenn es auch in ihrem Hause zu einer Katastrophe kommen würde. Doch nein, hier kann nichts geschehen. Aber der Finanz ist nun und nimmer zu trauen, sie findet immer etwas zum Einschreiten. Ach, wenn Anton, dieser schmucke, charakterfeste Mann, doch beim Militär wäre! Es steht ihm aber auch die grüne Finanzeruniform gut ... Was die Freundinnen wohl sagen würden, wenn .... Hm! Der fesche Mann, ihr Gatte, könnte ja ins Geschäft heiraten, er brauchte dann nimmer diesen Dienst zu versehen, der ihn mit schier jedermann in Konflikt bringt ... Ob Anton aber solchen Beruf aufgeben würde? Ihr zuliebe? Das müßte er tun, jawohl! Die stolze Zenzi und nur ein Finanzer! Das ginge doch nicht gut! Wenn er aber nicht will? Wenn der Mann von Charakter und fester Willenskraft auf seinem Willen besteht, ja, dann müßte die stolze Zenzi nachgeben, weil sie den feschen Mann liebt .... Ist es wirklich Liebe? Wieder flog der sehnsüchtige Blick zu den Sternen hinauf, und weich flüsterte das Mädchen das Gedicht des so früh heimgegangenen, unvergeßlichen Vorarlbergischen Dichters Vonbun, das, ein kostbares Vermächtnis des Ländchens, in aller Munde verblieben ist: »Im Himmel gewiß der Ätti wacht, So ischt decht Hüt e schöne Nacht; 's ischt müslestill uf Feld und Au, 's ischt's Firmament so hell und blau, Und niena, weder wit noch nah, Sicht ma ne Wölkli tüslet ka. Und wo ma luegt, nu Stern an Stern! No jo, sie b'schauen d' Nacht o gern, Drum stand' s' der gar so freundli da Millionenwis der Reihe nah Und funkelen, es ischt e Pracht, Ma weiß net, wer's am schönsta macht! O liebe Zit, wie g'fallst mer guet, Wie würd's mer decht so g'späßig z' Mut! Je länger i halt schau und schau De Sterna na am Himmelsblau, So möcht' mer 's Herz fast übergah, Es zücht mi nämm wie Heimweh na. Es ischt halt o so tusig schö Dort domma i der wite Höh', Es schimmeret so mild und klar, So rüebig still und wunderbar, Und 's müßt' drum o so liebli si Im sella Blau bim Sternaschi! Vielleicht ischt's o e Sternanacht, Wo mal mi letztes Stündli schlacht, Und lisli schwebt an Engeli Im goldne G'wand i d's Kämmerli Und rüeft: Wach' uf, mi liebe Bue, Mer wandlen jetzt de Sterna zue!« Eine Zähre rollte die Wange hinab. Zenzele legte die schmalen Hände vors Antlitz und ließ den Tränen freien Lauf. Vom Kirchturm kündete die Glocke feierlich-ernst die mitternächtige Stunde. Ein dumpfes Geräusch wiederholt sich in kurzen Intervallen; es ist, als stöhne ein Ungetüm zutiefst im Hause Wüstelers, ein gewaltig Atmen, unheimlich in steter Regelmäßigkeit. Dann wieder tiefste Ruhe. Zenzi verließ das Kämmerlein, von dem seltsamen Geräusch beunruhigt. Ein herzhaft mutig Mädchen, will sie nachsehen, was im Hause zu später Stunde so rumort. Dem Gestöhne nachgehend, gelangt Zenzele an die angelehnte Kellertür. Sollten Diebe unten sein? Flink huschte das Mädchen die Treppe hinauf, den Vater zu wecken und zu holen. Seine Stube ist offen und leer. Seltsam! Das Haus ist längst geschlossen; sollte der Vater ausgegangen sein? Wieder eilte Zenzi tapfer und furchtlos hinunter und schlich in den von einer Blendlaterne schwach erleuchteten Keller. Hier ist der Vater emsig beschäftigt, mit Hilfe eines Schlauches Wein in die Fässer zu füllen. Und der Schlauch geht seltsamerweise durch ein großes Loch am Kellerboden hinüber in den Keller des Nachbars, Cafetiers Merkle. Zenzele unterdrückt einen Schrei der Überraschung bei dieser Wahrnehmung, schleicht näher und verbirgt sich hinter einem Weinfaß. Ein Zweifel kann nicht bestehen; drüben muß eine Weinpumpe in Tätigkeit sein, der Nachbar pumpt den Wein aus seinem Keller herüber, und der Vater füllt hier die Fässer auf. Zenzi hat genug gesehen; bebend vor Schreck schleicht sie, während der Vater eifrig fortfährt, die Fässer aufzufüllen, aus dem Keller. Wie weggeweht ist die frühere weihevolle Stimmung. Als Wirtstochter versteht sie von der geschauten Manipulation genügend, um die Gefahr zu ahnen, welche eine Aufdeckung seitens der Versteuerungsorgane heraufbeschwören muß. Weh wird dem Mädchen im Kämmerlein bei dem Gedanken, daß der Vater sich eine unlautere Handlung zuschulden kommen läßt; ein Zittern befällt Zenzele im Gedenken, daß Anton ganz gewiß diesem Betrug auf die Spur kommen wird. Was dann?! Angst und Sorge quält das Mädchenherz durch bange Stunden hindurch, und erst gegen Morgen entrückt kurzer Schlaf Zenzele den peinigenden Gedanken. Die Nachbarn setzten ihr heimlich Werk fort, bis alle der Steuer unterliegenden Fässer aufgefüllt waren. Auf ein Klopfen des Wirtes an die Kellerwand stellte Merkle drüben das Pumpwerk außer Betrieb, zog den des Mundrohres wieder beraubten Schlauch in seinen Keller zurück, worauf hüben Wüsteler das Loch in der Mauer durch Steine sorgfältig verdeckte, Spundfetzen usw. darauf warf und das Mundrohr in einer finsteren Ecke versteckte. Befriedigt nahm er die Blendlaterne zu sich, löschte deren Licht aus und schlich aus dem Keller. Das gewinnbringende Werk ist für diese Nacht getan, dem Gesetz ein tüchtig Schnippchen geschlagen. Grinsend suchte der pfiffige Wirt sein Lager auf. VI. Lergetbohrer war am frühen Morgen nach der qualvollen Traumnacht so unschlüssig wie vorher und suchte durch einen Gang ins Freie seiner widerstrebenden Gedanken Herr zu werden. Flock sprang munter voraus. Der Weg führte an der Weinwirtschaft Wüstelers vorüber, und an der Haustür blieb der Hund wedelnd stehen zum Zeichen, daß er dieses Haus kennt und Verlangen trage, jemandem seinen Morgenbesuch abzustatten. Anton lächelte ob des Gebarens seines klugen Hündchens, und unwillkürlich sandte er einen Blick zu den Fenstern hinauf, wiewohl er nicht weiß, welches Fenster zu Zenzeles Gemach gehört. Dann pfiff er leise dem Hündchen, das nun gleichfalls emporguckte und zögernd gehorchte. Hinter dem Vorhang stehend hatte das Mädchen das Kommen des Finanzers und das Gebaren Flocks wohl beobachtet und Herzklopfen verspürt. Wie das Hündchen doch dankbar ihrer gedachte! Und Anton hat so sehnsüchtig heraufgeblickt! Großer Gott! Wenn der Mann wüßte, was in der Nacht vorgegangen ist? Kommt er heute wie gestern zur Revision, der Betrug muß entdeckt werden, es kann nicht anders sein! Und was wird und muß der Finanzer von der Tochter des Steuerdefraudanten denken?! Schimpf und Schande zum mindesten wird ihr Los sein, wenn sie nicht gar der Mitwissenschaft und Mitwirkung angeklagt wird. Wirr ward es Zenzele im Kopf, Angst und Sorge drücken ihr schier das Herz ab. Hastig kleidet sich das Mädchen völlig an und verläßt das Haus, in welchem die Mägde mählich ihr Tagewerk beginnen. Wohin? Aufs Geratewohl dem Finanzer nach. Am Ende der Oberstadt erblickt Zenzi das etwas zurückgebliebene Hündchen Antons, und ein zärtlicher Ruf lockt es heran. Flock guckt und erkennt nun seine Pflegerin. Freudig bellend springt er herbei und hüpft an der herrlichen Gestalt des Mädchens wie toll hinauf, fällt purzelnd nieder und springt wieder auf, bellend, daß es weitum gellt. Anton drehte sich um; heiße Röte färbte seine Wangen bei dem Anblick Zenzeles. Dem Mädchen just jetzt zu begegnen, das steigert die Qual seiner Gedanken ins Ungemessene. Soll er entweichen, feig sich drücken? Nein, er ist sich keiner Schuld bewußt. Von Flock umsprungen, kommt Zenzi heran, von Lergetbohrer erwartet. Befangen grüßen sich beide. Ein harmloses Gespräch will nicht in Fluß kommen; stumm schreitet das Paar des Weges; Flock lärmt für drei seiner Rasse. Anton hat sich so weit gefaßt, um sagen zu können, daß der Zufall solcher Begegnung ihn freudig überrasche. Ein forschender Blick Zenzeles bringt ihn sofort wieder zum Schweigen. Im köstlichen Sommermorgen jubilieren die Vögel, Tauperlen funkeln im Grase, eine erquickend frische Luft weht vom See herein, und harzig duftet der nahe Wald seinen Wohlgeruch aus. Zenzele bleibt plötzlich stehen, nach Atem ringend. »Was ist Ihnen?« fragt erschrocken Anton. »Nichts! Und doch! Eine furchtbare Angst erfüllt mein Denken, mein ganzes Sein!« »Was ängstigt Sie, mein Fräulein?« Zenzi schwieg, nur die Lippen zuckten in schmerzlicher Erregung. Anton starrte auf das bald erglühende, bald bleich werdende Mädchen. Sollte Zenzi von dem gestern entdeckten Betrug im Keller etwas wissen? Fast scheint es so, und unwillkürlich sprach Lergetbohrer die Zahlen »achtundsechzig und dreiundneunzig« aus. Verständnislos blickte jetzt das Mädchen den Finanzer an. Anton wußte nicht, wie beginnen; ohne es zu wollen, geriet er mit wenigen Worten in die Sache, indem er sagte: »Die Kontrollfässer werden heimlich aufgefüllt, die zwei Keller stehen vermutlich mit einem Schlauche in Verbindung!« »Großer Gott! Sie wissen?« schrie Zenzi erschreckt. »Leider! Und ich finde keinen Ausweg!« Warm fügte Anton hinzu: »Gerne hätte ich Ihnen, Fräulein Zenzi, das hereinbrechende Unheil erspart, aber meine Pflicht schreibt mir nur zu genau den Weg vor, den ich dienstlich beschreiten muß! Ich kann und darf nicht anders handeln, die Anzeige gegen Ihren Vater muß erstattet werden!« Zenzi schlug schluchzend die Hände vors Gesicht. »Es ist hart für mich, härter als Sie glauben! Es würde auch nichts nützen, wenn ich – den Dienst verlassen, aus der Finanzwache austreten würde! Die Entdeckung müßte immer noch vor dem Dienstaustritt zur Anzeige gebracht werden. Schweigen wäre da gleichbedeutend mit Teilnahme am – –« Zenzi weinte in bitterster Herzensqual. Hilflos stand Anton da, eine Beute schmerzlicher, widerstreitender Gefühle. Wie gern möchte er helfen, retten, und er kann es nicht. Unwillkürlich legte er den rechten Arm wie schützend um Zenzis Schultern; ein wonniges Erschauern durchzuckte ihn. Und das Mädchen schmiegte sich an Anton, als wollte es wirklich bei ihm, an seiner Brust Schutz suchen. »Zenzele!« rief er bewegt, »verzeih, ich kann nicht anders!« Schluchzend stammelte das Mädchen: »Ich weiß es! Und doch ist es gräßlich! Gibt es keine Hilfe, keinen Ausweg? O, Anton!« Wie wenn dieser Ausruf ernüchtert hätte, entwand sich Zenzi dem umschlingenden Arm, trat zurück, und bleich, mit bebender Stimme sprach sie: »Wir müssen uns trennen, getrennt bleiben für immer!« »Zenzi, geliebtes Mädchen!« schrie in höchster Qual Anton auf. »Es muß sein, Anton! Leb wohl!« Und Zenzi enteilte mit raschen Schritten zur Stadt zurück. Unschlüssig stand Flock eine Weile, dann sprang er dem Mädchen schmeichelnd nach und begleitete es in die Stadt. Wie vernichtet blieb Anton stehen, fassungslos. Unerbittlich rief die Pflicht zum Dienst. Lergetbohrer begann die Kontrolle mechanisch, kaum sich der Diensthandlung bewußt, bei den ihm zugewiesenen Wirten. Herzklopfen empfand er, als der Weg ihn zu Wüsteler führte. Von Zenzele war nichts zu sehen. Das Mädchen hat sich in die Stube im ersten Stockwerk zurückgezogen. Wüsteler und der Schenkbursch bedienen die Gäste. Unschlüssig stand Anton im Flur. Ob er die Revision vornimmt oder sie unterläßt, es bleibt sich gleich; die gestrige Konstatierung genügt bereits zur pflichtmäßigen Anzeige. Wie der Ertrinkende sich an den Strohhalm klammert, so hoffte der Finanzer noch, es könnte vielleicht heute der Faßinhalt mit dem Revisionsbogen stimmen. Aber das Geständnis der Tochter! Es nützt alles nichts, die Anzeige muß erstattet werden. Anton verließ die Wirtschaft, ohne revidiert zu haben; es war ihm klar geworden, daß eine Kontrolle jetzt keine Übereinstimmung mehr ergeben könne, nachdem gestern schon der Betrug zu konstatieren war. Ihm erschien der Gang zum Finanzwachkommissär wie ein Wandern zum Schafott. Dieser unglückselige, unerbittliche Dienst! Vor dem Vorgesetzten stand Anton schon eine Weile, ohne den Rapport zu erstatten. Der Kommissär guckte verwundert und ließ dem Oberaufseher, der verstört zu sein scheint, Zeit, sich zu sammeln. Endlich riß aber dem Chef doch die Geduld, und unwillig rief er: »Was wollen Sie denn bei mir?« Unsicher und zögernd meldete Lergetbohrer die gemachte Entdeckung und sprach den Verdacht aus, daß in Wüstelers Keller die Weinauffüllung vermutlich in der Nacht mit Hilfe eines Schlauches aus dem Nachbarkeller erfolge. Der Kommissär vermochte einen Ruf der Überraschung nicht zu unterdrücken. Sofort stellte er auf Grund der Katasterverzeichnisse fest, daß das an Wüstelers Eigentum anstoßende Haus dem Kaffeesieder Merkle gehöre und für dessen Keller niemals eine Weineinlagerung angemeldet worden sei. Das verdichtet den Verdacht auf Steuerhinterziehung zur Gewißheit, es ergibt sich die Notwendigkeit einer Hausdurchsuchung. Anton muß eine Depesche zum Telegraphenamt tragen, in welcher von der Feldkircher Oberbehörde die Erlaubnis zur Hausdurchsuchung erbeten wird. Sodann wurde vom Bürgermeisteramt die Delegierung eines Gemeinderatsmitgliedes zur Teilnahme an der Hausdurchsuchung erbeten. Nach wenigen Stunden lief die telegraphische Erlaubnis ein, und die Hausdurchsuchung wurde auf Nachmittag zwei Uhr festgesetzt. Unauffällig begaben sich die delegierten Mannschaften, teils in Zivil, teils in Uniform, in Wüstelers Wirtschaft. Der vom Gemeinderat entsendete Zeuge fand sich ein, gleichzeitig erschien der Kommissär, gefolgt vom Oberaufseher, der in einem Zustand der Betäubung mechanisch eintrat. Der Wirt wurde aus der Gaststube geholt, nachdem alle Ausgänge sowohl bei Wüsteler wie bei Merkle besetzt waren. Beim Anblick der Kommission erbleichte der Wirt, und zitternd überreichte er die geforderten Kellerschlüssel. Ist es einmal so weit, daß Hausdurchsuchung vorgenommen wird, nützt alles Protestieren nichts mehr. Wüstler wurde gezwungen, den Führer in den Keller zu machen; bei Kerzenlicht stieg die Kommission hinab. Anton mußte mit dem Faßmesser eine Kontrolle vornehmen, die jedoch bedeutungslos bleiben mußte, da ja in der Nacht die Fässer aufgefüllt wurden und über Vormittag Wein zum Ausschank gebracht worden ist. Die Ziffern im Revisionsbogen konnten nicht stimmen. Unterdessen durchsuchte der mit allen Kniffen wohlvertraute Kommissär die Kellerwände, und es dauerte nicht lange, hatte er auch schon das Verbindungsloch in der Kommunmauer entdeckt. Von der Mannschaft forschten einige Finanzer nach Mundrohr und Schlauch, und bald waren diese Gegenstände aus den Verstecken herbeigeschafft. Wüsteler möchte sich verkriechen, wenn es nur ginge. So schlau war der Plan ausgeheckt, und durch diesen Finanzer kam alles auf! Der Kommissär hat genug gesehen. Die Kommission begab sich aus dem Keller hinauf in die Wirtschaftsräume. Wüsteler mußte, von zwei Finanzern begleitet, sämtliche Ausweise und Rechnungen über bezogene Weine beschaffen. Schon ein flüchtiges Überprüfen ließ den Kommissär erkennen, daß Wüsteler seit geraumer Zeit von einer großen Südtiroler Weinfirma eine mehr als zehnfach größere Menge Weines bezogen hat, als angemeldet und versteuert worden ist. Alle Rechnungen lauten auf den Namen Wüsteler, ein Zweifel ist ausgeschlossen. Selbst der Kommissär erschrak über die enorme Menge des bezogenen Weines und die Höhe der Steuerhinterziehungssumme, und unwillkürlich sprach er: »Das wird eine böse Rechnung werden!« Dann kündigte der Kommissär Wüsteler die Verhaftung an und ließ ihn durch zwei Wachleute der Gendarmerie übergeben. Jetzt kam Leben in den Mann, und wütend protestierte er gegen eine solche Behandlung eines steuerzahlenden Bürgers. Auflachend erwiderte der Kommissär: »Die Steuer haben Sie eben nicht bezahlt, und der ehrenhafte Bürger scheute vor enormen Betrügereien nicht zurück.« Auf einen Wink wurde Wüsteler, wie er stand, verhaftet und abgeführt. Die Kommission begab sich nun ins Nachbarhaus, wo Merkle nach Aussage der aufgestellten Mannschaft einen Fluchtversuch gemacht, daran aber verhindert und festgehalten worden ist. Im Keller des Kaffeesieders konnte mit Leichtigkeit festgestellt werden, daß bedeutende Weinmengen sowie das korrespondierende Kellerloch vorhanden sind. Merkle mußte auf Vorhalt zugeben, daß der vorhandene Wein unversteuert sei und dem Nachbar Wüsteler gehöre. Der Kommissär forschte weiter: »Wie wurde der Wein eingeführt?« Merkle schwieg trotzig. »Gestehen Sie beizeiten! Wüsteler ist überführt und verhaftet! Ein Leugnen kann Ihre Lage nur verschlimmern!« Der Cafetier stammelte erschrocken: »Wüsteler isch' verhaftet?« »Ja! Über Ihre Mitschuld kann ein Zweifel nicht bestehen! Der Wein in Ihrem Keller ist nach Ihrem Geständnis Wüstelers Eigentum! Wie wurde der Wein hier eingeführt?« Merkle ließ nun alle Rücksicht auf den Nachbar und wohl auch seine Hoffnungen auf Zenzis Hand fallen; er gestand, daß die vorhandene Weinmenge im Einverständnis und unter Beihilfe Wüstelers von der Station Schwarzach bei Bregenz nächtlicherweile unter Heu versteckt eingeführt worden sei. Lergetbohrer, der sich an der Seite seines Vorgesetzten befand, unterdrückte die sich regende Schadenfreude, daß dieser Mann, der bei jeder Gelegenheit seiner Verachtung gegen die Finanzer Ausdruck gegeben, nun vom Schicksal ereilt worden ist. Hundegebell ertönte plötzlich, die Kellertreppe herab sprang Flock, eilte auf seinen Herrn zu und sprang freudig an demselben empor. »Was soll das heißen?« fuhr erbost der Kommissär Lergetbohrer an. »Verzeihung! Mein Hund war zu Besuch drüben und hat wohl Witterung von mir bekommen und ist jetzt nachgelaufen. Ich bitte um Entschuldigung!« Anton bemühte sich, Flock aus dem Keller zu bringen. Doch das Hündchen hatte inzwischen einen Inspektionsgang durch den Keller unternommen und hörte alle Lockrufe nicht. Eigensinnig schnupperte Flock in allen Ecken, und plötzlich begann er vor einem mit Rupfen und Kartoffelsäcken verdeckten Ballen auffällig zu winseln. Der Kommissär wurde aufmerksam; einer plötzlichen Eingebung folgend frug er halblaut den Oberaufseher: »Hat der Hund irgendwelche Schulung zum Spüren?« Lergetbohrer flüsterte: »Ja! Auf Tabak und Kaffee!« »Forschen Sie sofort dort nach!« befahl der Kommissär. Nach einigen Griffen war ein Ballen Kaffee aus dem Versteck hervorgeholt, und noch weitere Ballen gleichen Inhalts wurden vorgefunden, entdeckt durch Flocks geschulte Nase. Merkle verwünschte den klugen Hund und sich selber. Sein Schicksal ist besiegelt. Er mußte zugeben, daß die Ballen Kaffee enthalten und aus der Schweiz »zollfrei«, das heißt im Schleichwege, bezogen worden sind. Nun wurde auch dem Cafetier die Verhaftung angekündigt und seine sofortige Abführung betätigt. Die Weinfässer und Kaffeeballen ließ der Kommissär nach dem Hauptzollamt zur weiteren Amtshandlung schaffen. Damit waren beide Hausdurchsuchungen beendet. Lergetbohrer erhielt zu seinem Entsetzen den Befehl, im Wüsteler Keller die Weinmenge in den am Zapfen liegenden Fässern in einen neuen Revisionsbogen einzutragen und diesen Bogen der Wirtstochter einzuhändigen. Bis zur Bestellung eines amtlichen Aufsichts- und Verwaltungsorganes solle Zenzi die Wirtschaft weiterführen und für die Führung des Revisionsbogens haftbar erklärt sein. Somit mußte Lergetbohrer im Wüstelerhause zurückbleiben und Verkündiger des hereingebrochenen Unglücks sein, so qualvoll ihm dies auch war. Zenzi hatte die Gästebedienung zwei Mädchen übertragen und sich zurückgezogen, als sie, von Ahnungen erfüllt, den Kommissär hatte ins Haus treten sehen. Die Kommission bedurfte ihrer nicht, und dessen war die Tochter aufrichtig dankbar. Bange Stunden waren es, die Zenzi in ihrem Stübchen verlebte. Endlich aber wurde die Angst übergroß, ein jähes Entsetzen überkam das Mädchen, und verzweifelt eilte Zenzi die Treppe hinab, um sich zu erkundigen, was vorgefallen sei. Diesen Augenblick hat Lergetbohrer gefürchtet; sein Leben würde er freudig hingeben, wenn er diesen Moment dem unglücklichen Mädchen ersparen könnte. Zenzi ward des Finanzers ansichtig, wie Anton den neuen Revisionsbogen an einem Tische der Gaststube ausfüllte. Schleppend begab sich das Mädchen zu ihm und richtete einen traurigen, fragenden Blick auf den geliebten Mann. Lergetbohrer erhob sich, und mühsam nur vermochte er zu sprechen: »Fräulein Zenzi! Fassen Sie sich!« »Um Gottes Jesu willen! Was isch' geschehen? Wo isch' der Vater?« »Erschrecken Sie nicht!« »Isch' er...?« Anton nickte traurig. »Großer Gott!« rief schluchzend das Mädchen und schlug die Hände vor das Gesicht. »Nicht verzweifeln, Zenzi! Seien Sie stark! Es ist eine böse Geschichte! An Ihnen haftet kein Makel, kein Verdacht! Die Kommission ist fort. Bis ein Verwalter von Amts wegen hier aufgestellt wird, sollen Sie die Wirtschaft weiterführen!« Unter Tränen rief Zenzi: »So werden wir von Haus und Hof vertrieben?« Begütigend sprach der Oberaufseher: »Es wird hoffentlich nicht so schlimm werden! Wir müssen uns fügen ins Unvermeidliche! Mir ist es ja selber schrecklich, mein Dienst ist grausam, unerbittlich! Verzeihen Sie mir!« Zenzi faßte sich etwas und erwiderte: »Sie können ja nichts dafür!« »Haben Sie Dank, Zenzi, für die gute Meinung. Und so hart es ist, ich muß dienstlich Ihnen auftragen, diesen Revisionsbogen mit den neuen Einzeichnungen zu unterschreiben und Ihnen die gewissenhafte Führung der Kellerwirtschaft zur Pflicht machen! Nur jetzt um Gottes willen kein Versehen! Die Behörde würde mit der größten Schärfe vorgehen!« Sachgemäß instruierte Lergetbohrer das Mädchen, um jeden Verstoß gegen die Bestimmungen des Verzehrungssteuer-Gesetzes im voraus zu verhindern, und Zenzi dankte ihm hierfür. Plötzlich richtete sie die Frage an ihn, ob die Kommission auch im Nachbarhause gewesen sei. Anton schien es, als wäre eine leichte Röte über des Mädchens Wangen gehuscht. Er gab bekannt, daß Merkle verhaftet sei. Zenzi atmete wie befreit auf, sagte jedoch nichts. Nach der weiteren Mitteilung, daß fürder täglich von Finanzwachleuten Revisionen vorgenommen werden würden, empfahl sich Anton, nochmals bittend, das Unglück nicht ihm zuzuschreiben. »Ich danke Ihnen, Herr Lergetbohrer! Und wenn ich eine Bitte aussprechen darf: Bitte, kommen Sie selber und nehmen Sie die amtliche Revision vor!« Jäh drang Anton das Blut zum Herzen. Er mußte einen Augenblick verhalten, bis ihm möglich war zu sagen, daß die Entsendung der Revisionsorgane Sache des Kommissärs sei und die Mannschaft häufig gewechselt werde. Ein umflorter Blick traf Anton, dann nickte das Mädchen ihm zu und verließ die Stube. Lergetbohrer begab sich, da seine dienstlichen Obliegenheiten erfüllt waren, in die Kaserne zurück. Ziemlich rasch arbeiteten die Steuer- und Finanzbehörden. Nachdem einmal der Tatbestand festgestellt war und die Geständnisse vorlagen, konnte zunächst dem Weinwirt Wüsteler die Rechnung für seine Steuerhinterziehung gemacht werden, die denn auch »gesalzen und gepfeffert« von Rechts wegen ausfiel. Erwiesen war ein unangemeldeter und unversteuerter Bezug von rund tausend Hektoliter Wein. Hiervon sind an ärarischer Verzehrungssteuer zu entrichten 2970 fl., hierzu 50 Prozent Gemeindezuschlag mit 1485 fl., in Summa 4455 fl. Die Oberbehörde dekretierte eine vierfache Strafe für die Steuerhinterziehung im Betrage von 10000 fl. und für das sich ergebende Mehr eine Arreststrafe für Wüsteler. Der Cafetier Merkle wurde in gleicher Weise als Mitschuldiger bestraft und wegen Kaffeeschmuggels außerdem zu einer Geldstrafe von 600 fl. verurteilt. Beide Steuerdefraudanten sind ruiniert; ihre Besitzungen wurden von der Finanzprokuratur durch das Gericht zur Strafsicherstellung mit Beschlag belegt und die Wirtschaft Wüstelers wie die Kaffeeschenke Merkles durch aufgestellte Vertrauenspersonen bis zur zwangsweisen Versteigerung verwaltet. Zenzi verließ mit dem ihr verbliebenen Eigentum, von Flock begleitet, an dem Tage das elterliche Haus, an welchem der Verwalter aufzog, und quartierte sich bei Verwandten ein. Das einst stolze Mädchen ist tief gedemütigt und bettelarm geworden, und der Vater sitzt im Gefängnis, wo er hinreichend Gelegenheit hat, über den weitreichenden Arm der Finanzbehörde Betrachtungen anzustellen. VII. Wie es im Leben stets zu gehen pflegt, so ward es auch im Schicksalslaufe Lergetbohrers: Was dem einen Schaden bringt, gereicht dem anderen zum Nutzen. Die Aufdeckung der großartigen Steuerhinterziehung bei Wüsteler und Merkle wurde dem Oberaufseher zum Verdienst angerechnet, Anton avancierte zum Finanzwache-Bezirksleiter. Doch er vermochte sich dieser Beförderung nicht zu freuen; sie ist zu teuer erkauft durch den Ruin Wüstelers und die Verarmung Zenzis. Das arme Mädchen war gezwungen, sich das kärgliche Brot durch Näharbeit zu verdienen. Still und tief gedemütigt arbeitete Zenzi in einem bei Handwerksleuten gemieteten Stübchen, und erst zur Dämmerstunde verließ sie das Haus, um möglichst unbeachtet die fertige Ware den Kunden zuzutragen. Aus dem einst so stolzen, hochmütigen Mädchen ist eine arme, doch tapfer ringende Nähmamsell geworden. Monate vergingen gleichförmig unter steter stiller Arbeit. Eines Tages sollte Zenzi jäh aufgeschreckt werden durch eine erschütternde Kunde, die sie in die Krankenabteilung des Gefängnisses rief. Der Vater ist, gebrochen durch das über ihn eingestürmte Schicksal, schwer erkrankt und aus der Gefangenenzelle ins Krankenhaus verbracht worden, Wüsteler konnte den Freiheitsverlust nicht verwinden, die Kerkerstrafe beschleunigte den Krankheitslauf, Als Gefahr drohte, wurde Zenzi geholt, und das Wiedersehen galt einem Sterbenden. Wenige Tage darauf wurde der alte Wüsteler begraben. Allein stand nun das arme Mädchen und verlassen, gemieden als die Tochter eines im Kerker verstorbenen Verbrechers. In diesem Jammer konnte die Endabrechnung aus dem »Falle Wüsteler« mit der Überantwortung eines Restbetrages zugunsten Zenzis aus dem Zwangsverkauf des väterlichen Anwesens nur neuen Schmerz erzeugen, und die wenigen Geldscheine brannten in des Mädchens Hand wie Feuer. Am liebsten hätte Zenzi die Annahme verweigert, doch der alte Überbringer, ein Bote des Steueramtes, riet in väterlich guter Absicht, diesen Notpfennig aufzubewahren und den Schmerz tapfer niederzukämpfen. Von diesen Ereignissen hatte Lergetbohrer keine Ahnung, denn er war in den Außendienst und provisorisch nach einer Außenstation versetzt worden. Das war so rasch geschehen, daß Anton sich von Zenzi nicht verabschieden und auch sein Hündchen, das bei dem Mädchen verblieben, nicht abholen konnte. Erst durch eine zufällige Bemerkung eines durchreisenden Kollegen, daß Wüsteler verstorben sei, erfuhr Anton von dem neuen Schicksalsschlage, und sofort erbat er einen kurzen Urlaub zu einem Besuch Zenzis in Bregenz, der indes nach Lage der Dienstverhältnisse erst nach einigen Tagen gewährt werden konnte. Anton kam mit der Bahn nach Bregenz und stand nach dem Verlassen des Bahnhofes völlig ratlos da. Wo soll er Zenzi suchen? Das Nachfragen an sich ist schon eine mißliche Sache und wird dem Ruf des Mädchens schaden. Kann sich Lergetbohrer doch denken, was die Leute sagen werden. Erst bringt der Finanzer die Familie um Haus und Hof, den Vater in den Kerker, die Tochter ins Elend, und hintendrein versucht der Verräter gar noch eine Annäherung an die unglückliche Waise. In Uniform bei den Leuten anzufragen, ist undenkbar. Zum Respizienten zu gehen, vermag Anton nicht, und eine Anfrage beim Kommissar ist zwecklos und wenig taktvoll. Ob die Kollegen von Zenzis Aufenthalt Kenntnis haben werden? Anton verwirft auch diesen Gedanken, um üblen Nachreden auszuweichen. Unschlüssig und planlos schlenderte er durch die Gassen, und absichtslos, rein zufällig, geriet er in die Nähe der ehemaligen Wüsteler Wirtschaft. Anton merkte das erst durch die Wahrnehmung, daß die Ladeninhaber auf die Gasse traten und zu tuscheln begannen. Sie haben den Finanzer erkannt, der Wüsteler ins Unglück gebracht, und ereifern sich nun nicht wenig über die Tatsache, daß jener Mensch, gleichsam um sich zu brüsten mit seiner Heldentat, an der Stätte des Unheils vorüberstolziert. Lergetbohrer beeilte sich, diese Gasse zu verlassen, und bog in ein Seitengäßchen ein, das in die Oberstadt hinaufführte. Dort ist's kirchenstill und ruhig auch in den kleinen alten Häusern. Am Ende eines Gäßchens spielen zwei Hunde miteinander, deren einer eine seltsame Ähnlichkeit mit Flock hat. Sollte das Hündchen wirklich Flock sein? Anton pfeift, um sich zu vergewissern, und tritt näher hinzu. Der Hund stutzt, horcht auf, und nun erkennt er seinen Herrn, auf den er freudig bellend losstürmt. »Flock, Flock, mein Liebling!« begrüßt Anton sein Hündchen, das an ihm emporspringt und einen tollen Freudenlärm vollführt. Kaum kann sich Anton der Liebkosungsversuche seines Hundes erwehren, der Spektakel ist schier betäubend. Da öffnet sich an einem nahegelegenen Häuschen ein Fenster; ein gramerfüllter Frauenkopf wird sichtbar, und eine Stimme ruft Flock herbei. Anton blickt auf und erkennt zu seiner Herzensfreude die treue Pflegerin seines Lieblings. Jubelnd ruft er hinauf: »Zenzi! Liebe Zenzi!« Jäh errötend zieht sich das Mädchen zurück. Anton aber stürmt, vom bellenden Flock begleitet, in das Häuschen. Gefunden, gefunden durch Flock! Schmerzlich freilich ist dieses Wiedersehen. Anton erzählt, daß er vor wenigen Tagen erst die traurige Kunde erfahren, auf welche hin er nach Bregenz geeilt sei. Still weint Zenzi vor sich hin, umschmeichelt von Flock, der das arme Mädchen sichtlich zu trösten bestrebt ist. Und auch Anton versucht zu trösten und seiner innigsten Anteilnahme Ausdruck zu verleihen. Dankend reicht Zenzi ihm die Hand; eine letzte Zähre rollt über die Wange, müde lächeln die seelenvollen Augen. Auf Wiedersehen! Flock bleibt auf die Bitte Zenzis zurück, und gern gewährt Anton diese Bitte. Als das Trauerjahr abgelaufen war, wagte Lergetbohrer, der nach Bregenz als Bezirksleiter zurückversetzt worden, um Zenzis Hand anzuhalten. Schlicht und ehrlich gab er seinen Gefühlen warmen Ausdruck. Doch das Mädchen erklärte, den Antrag ablehnen zu müssen, weil er dem Mitleid entsprungen sei. Lange mühte sich Anton, diesen Gedanken zu verscheuchen. Die Liebe wurzelte ja schon in seinem Herzen, ehe er ahnen konnte, welches Geschick hereinbrechen werde. Daß seine Hand und sein Dienst dieses Unglück über Zenzi brachte, niemand könne es schmerzlicher sein als ihm selbst. Zenzi betonte ihre Armut und verwies auf Antons Dienststellung, mit welcher es unverträglich sei, die Tochter eines Steuerdefraudanten und Schmugglers als Frau heimzuführen. Doch alle Gründe bestritt der Werber, und schließlich siegte seine ehrliche Bitte. Zenzi willigte ein, Antons Weib zu werden. Welche Seligkeit, welches Glück! Doch der hinkende Bote humpelt immer hinterdrein. Mit Schrecken erinnert sich Anton, daß zum Heiraten in seiner Dienststellung der Konsens des Finanzministeriums notwendig ist und daß diese Erlaubnis nur auf Grund eines sehr günstigen Führungsattestes bzw. Nachweises etwaig vorhandenen Vermögens erteilt werden wird. Solche Gedanken dämpfen jegliche Begeisterung. Und völlig ernüchtert wurde Anton, als er gelegentlich eines Besuches vom Kommissär belehrt wurde, daß, die ministerielle Genehmigung vorausgesetzt, eine Heirat leichtfertig sei, solange Lergetbohrer nicht eine zehnjährige Dienstzeit bei der Finanzwache zurückgelegt habe, denn im Falle seines früheren Ablebens würde die Witwe nicht den geringsten Anspruch auf eine staatliche Sustentation haben. Der Kommissär fügte tröstend hinzu, daß er allerdings auch nicht befürchte, es werde Anton vor Erreichung des zehnten Dienstjahres mit Tod abgehen. Doch der Finanz-Wachdienst sei gefährlich, er kann jeden Tag den Tod bringen. Da erinnerte sich Lergetbohrer, eine gesetzliche Bestimmung gelesen zu haben, wonach Finanzwachleute und deren Relikten auf Pension im vollen Betrage der Löhnung ohne Rücksicht auf die Dienstzeit Anspruch haben, wenn die Leute infolge einer im Gefällsdienste entweder im Kampfe mit Schmugglern oder durch sonstige Gewalttätigkeit erlittenen schweren Verwundung für den Finanzwachedienst untauglich würden. »Stößt mir also etwas zu, so wird das Ärar gemäß dieser Bestimmung die Pension gewiß nicht verweigern!« fügte Anton bei. »Allen Respekt vor ihrer Gesetzeskenntnis, lieber Lergetbohrer! Aber die Auslegung der Paragraphen ist oft eine unberechenbare! Doch wagen Sie den Versuch! Daß Ihre Eingabe vom hiesigen Amt auf Grund Ihrer ansehnlichen Verdienste warm befürwortet wird, kann ich Ihnen heute schon zusichern!« Damit war Anton entlassen. Was soll er nun tun? Er entschließt sich, die geliebte Braut zu verständigen, daß auf Pension vorläufig nicht zu rechnen sei, solange er die verlangten zehn Dienstjahre nicht zurückgelegt habe. Die Antwort Zenzis war ein langer Kuß und die Versicherung, daß sie ihm seine treue Fürsorge niemals vergessen werde. Doch möge das Schicksal bringen, was Gott der Herr beschließe, sie werde sich fügen und dem Gatten ein treues, liebendes Weib sein bis zum Ende. Jetzt reichte Anton sein Heiratsgesuch ein, das mit der Befürwortung hübsch gemächlich die Reise nach Wien antrat und gereift an Alter, versehen mit der ministeriellen Genehmigung, nach einigen Monaten wieder in Bregenz eintraf. Eine stille Hochzeit folgte, ohne Mahl oder sonstige Festlichkeit. In einer kleinen Wohnung baute sich das junge Paar ein bescheidenes Nest, und Zenzi war nun froh, jene Restsumme aus dem Steuerprozeß zur Vergrößerung des Haushaltes verwenden zu können. Nach Jahr und Tag strampelte ein kleiner Finanzer im Nest, unbekümmert um jegliche Dienstesvorschrift. Lergetbohrer freute sich wie ein Fürst, dem ein Erbprinz geboren ist, und im stillen berechnete er, daß ihm jetzt nur noch drei Jährchen zu den vorgeschriebenen zehn Dienstjahren fehlen. Dann ist die Pension sicher, und wenn der Finanzhimmel gnädig ist, kann nach bestandener Prüfung für Verzehrungssteuer und Zollprüfung für den Grenzdienst nach Umfluß weiterer Jahre die Ernennung zum Finanzwachekommissär zur Tat werden. Herrgott, wäre das ein Glück! Dem Erbprinzen folgten noch zwei Geschwister nach auf der Reise ins Leben, so daß Lergetbohrer und Gattin drei richtige Seehasen, echte Brigantier, besaßen. Zenzi kargte im Haushalt, und dennoch schwamm sie im Meer des Mutterglückes. Anton hatte viel Kanzleidienst, dazwischen auch Kontrolldienst zu leisten, und war bestrebt, durch außerordentliche Genauigkeit und größten Eifer sich immer mehr die Zufriedenheit der Vorgesetzten zu erwerben. Je näher das Dienstdezennium rückte, desto schärfer ward Lergetbohrer im Dienst; die Pensionsfähigkeit will er unter allen Umständen erringen im Interesse seiner Familie. Es war Herbst geworden. Eines späten Abends kam Anton von einem Ausflug zu Wasser zurück, und auf dieser Bootfahrt fiel ihm die Lichtsignalisierung auf und rief ihm seine damaligen Beobachtungen wieder ins Gedächtnis zurück, denen er im Drang der Dienstgeschäfte nicht näher nachgeforscht. Das soll aber gleich morgen nachgeholt und so gut als möglich erforscht werden. Die Finanz muß wissen, was sich die Schmuggler durch farbige Lichter signalisieren; ohne genaue Kenntnis dieser Signale, ohne den Schlüssel zu diesem Geheimnis hat das Streifen zur See doch keinen rechten Zweck. Am Morgen erholte Anton die Genehmigung des Kommissärs zu einer Erforschung des Signaldienstes, die anstandslos, wenn auch etwas spöttisch, erteilt wurde. Der Kommissär meinte, daß die Lichter zur Nachtzeit eben eine Warnung seien, falls sich die Finanzer auf dem See befinden. Da dies aber fast jede Nacht der Fall ist, könne der Warnung kein besonderer Sinn zugrunde liegen. Lergetbohrer blieb bei seiner Meinung, daß mutmaßlich die Ausfahrt des Finanzerbootes beobachtet und später durch die Lichter den heimkehrenden Schmugglern signalisiert werde. Es müßte sich daher eine Ausfahrt ohne Überwachung betätigen lassen und hernach die Signalisierung auf das schärfste beobachtet werden. Hierzu legte sich Anton für den Abend einen Plan zurecht, von welchem zwei der findigsten Finanzaufseher und tüchtige Bootsleute dazu verständigt wurden. Anton will allein und in Zivil im Boot den Hafen verlassen, eine Weile kreuzen und während der Nacht zwischen Bregenz und Hard die Finanzer an Bord nehmen. Unauffällig begab sich Lergetbohrer in den Hafen, schlenderte wie zum Zeitvertreib am Kai herum und betrachtete sich die Boote und Leute. Niemand kümmerte sich um ihn. Endlich stieg Anton in das Zollboot, das unter Kettenverschluß hängt und sich im leicht bewegten Wasser schaukelt. Schon will Lergetbohrer den Schlüssel zum Schloß aus der Tasche ziehen, da taucht neben ihm ein Bursche auf, der bisher anscheinend teilnahmslos in der Nähe gestanden und nun in dummpfiffiger Weise den Herrn aufmerksam machte, daß der Herr mit diesem Schiff nicht fahren dürfe. Augenblicklich kombinierte Anton, daß er es mit einem Ausspekulierer zu tun habe, und richtete sein Verhalten danach ein. Zunächst frug er harmlos nach dem Warum. »Selles Schiff gehört der Finanzwach'!« antwortete der Spion. »Um so besser! Haben die Grünen kein Schiff, können sie auch nicht fahren!« »Herr! Wenn Sie erwischt werden, hat's was!« versicherte der Bursch und zwinkerte mit den Augen. »Mich erwischen sie nicht! Ich muß ein Schiff haben, und gerade das Finanzboot paßt mir!« »Sind sie Ihnen auf der Spur?« »Und wie! Ich habe abgeliefert und bin gesehen worden. Jetzt will ich frische Sendung holen! Paß auf, Bub, wenn ich zurückkomme! Zwei Weiß und ein Rot, verstehst!« »Falsch, Freunderl! Heut' gilt zwei Rot und ein Grün!« »Von wo?« »Vom Gallus Schalloch, wenn alles frei! Bringt Ihr?« »Ja!« »Was?« »Bohnelen!« »Zwei Gulden, gilt's?« »Ja, es gilt!« »Wann?« »Ich werde gegen elf Uhr anfahren rechts vom Hafen auf der Harder Seite!« »Gilt! Gute Fahrt!« Es war ein Glück, daß der Ausspekulierer sich hinwegtrollte, denn Antons List hätte entdeckt werden müssen, weil das Boot nur durch Schloßöffnung fahrtfrei gemacht werden kann. Wer nun den Schlüssel zum Zollboot besitzt, muß doch zur Finanzwache gehören. Den hellsten der Spione haben die Schmuggler sonach diesmal nicht in Dienst gestellt. Anton stieß ab und fuhr aus dem Hafen. Auf See hatte er Zeit, über das Gehörte reiflich nachzudenken. Was wollte der Bursche nur sagen mit den Worten: »Vom Gallus Schalloch?« Das kann sich nur auf einen Turm mit Schallöchern beziehen, und der Turm wird jener der Stadtpfarrkirche sein, die mutmaßlich wie die meisten Kirchen im Umkreis und zu St. Gallen in der Schweiz dem heiligen Gallus geweiht ist. Ein Signal auf dem Kirchturm kann aber nur im Einverständnis mit dem Küster aufgestellt werden, folglich steckt der Türmer mit einer Schmugglerbande unter einer Decke, was zu merken ist. Also zwei rote Laternen und ein grünes Licht ist Signal für freie Landung, besagt daher, daß die Finanzwache nicht patrouilliert. Vermutlich wird in dieser Nacht ein Transport von Rorschach oder Romanshorn nach Bregenz unternommen werden. Meldet jener Spion, daß das Zollboot von einem Zivilisten ohne Erlaubnis entführt wurde, so kann das die Signalisten nur in Sicherheit wiegen oder es wird das Gegenteil erzielt. Man muß es also darauf ankommen lassen. Gibt der Küster ein Warnungszeichen, so nützt ein Kreuzen so viel wie nichts, und dürfte ein Zurückfahren und Landen besser sein. Anton beschloß zunächst, hinaus in See zu fahren. Seine Mannschaft soll im Röhricht verborgen nur warten. So zog denn die Nacht ihre schwarzen Schleier über Wasser und Land; Bregenz steckte seinen Lichterschmuck auf, und drüben nicht minder die Inselstadt Lindau, das »bayerische Venedig«. Daß die »Brähme«, ein weißgrauer Nebel, aufstieg, dem eine dickschwarze Wolke als Anzeichen eines richtigen Bodenseesturmes folgte, dessen achtete Anton nicht, da sein Augenmerk in größter Spannung auf den Turm der Pfarrkirche von Bregenz gerichtet war, der dunkel aufragte und lichtlos blieb. Am Kai gleißte das elektrische Licht, aus den Häusern glotzte der gelbrötliche Schein von Öllampen oder Gas. Das schwäbische Meer begann zu murren, der Wellenschlag wurde stärker, der Föhn blies mit vollen Backen und wühlte das Wasser vom Grunde auf. Angestrengt luegte Anton aus, und endlich kam das erwartete Signal vom Turm, zwei rote Lichter zur Seite, ein grünes inmitten. Seine Ausfahrt ist den Spekulierern also nicht verdächtig erschienen. Nun gilt es, rasch gegen die Harder Bucht zu fahren und die Mannschaft zu holen. Das war jedoch leichter gedacht als getan. Der Sturm ist bereits entfesselt, der See brüllt, das Grundgewell tobt. Der Vernünftige flüchtet, so rasch er nur kann, an Land. Lergetbohrer ist aber im Dienst und muß kreuzen, wenigstens solange er sich mit dem Boot einigermaßen halten kann. Und das bereitet nun schon Schwierigkeiten; das Zollboot tanzt einer Nußschale gleich auf den erzürnten Wogen. Der Wind treibt es mit grimmer Wut nordwärts; es ist unmöglich, auf der Bregenzer Seehöhe zu bleiben, geschweige denn Kurs auf Hard zu halten. Jetzt Segel zu entfalten, hieße mit vollem Wind nach Lindau oder Langenargen fahren. Beharrlich kündigt das Gallussignal freie Einfahrt für die Schmuggler. Ein Hohn ist das, denn das Grundgewell wird jedes Landen vereiteln. Schattengleich treibt im Sturm ein lichterloser Kahn vorüber, an dessen Mast zerfetzte Segel flattern. Das wird der Transport sein, dem das Signal vom Kirchturm gilt. Herr des Himmels! Nur jetzt weniger Sturm und mehr Helle! Der Kahn ist vorüber, ehe Anton schlüssig ist, was er zur Verfolgung beginnen soll. Und plötzlich fällt ihm auch ein, daß er in Zivilkleidung und ohne Schußwaffe ist, zudem weit über die Grenzlinie hinaus, mit Kurs auf das nördliche Ufer. Verfolgung, selbst wenn sie noch möglich wäre, ist Wahnsinn. Es gilt, im rasenden Sturm das eigene Leben zu retten und anzulaufen, gleichviel, wo Land erreicht werden kann. Der Föhn tobt, haushoch steigen die brüllenden Wogen, weitum spritzt im zischenden Schaumregen der Gischt. Anton kämpft um das Leben; mit der Kraft der Todesangst hält er das schwere Ruder, das stehend gehandhabt werden muß. Eine schwarze, schaumgekrönte Woge rauscht heran mit entsetzlicher Wucht, sie zerbricht mit elementarer Kraft die Ruderstange, mit furchtbarem Ruck wird Anton hinweggerissen, das Boot kentert und treibt, einem Spielball gleich, in der brüllenden Flut. In den Städten herrscht rings um den Bodensee allgemeine Besorgnis; viele Schiffe fehlen, Dampfer sind ausgeblieben, der Sturm war zu arg und gefährlich. Auf dem Bahnkörper zwischen Bregenz und Lindau war ein Kahn gefunden worden, den das Grundgewell dorthin geworfen. In Wasserburg jammerte der Pfarrer, daß ihm die Wogen durch die Fenster des ersten Stockwerks unwillkommenes Naß ins Pfarrhaus geschleudert hätten. Zahlreiche Kähne werden vermißt. Tags darauf kursmäßig in Lindau und Bregenz angekommene Dampfer kündeten, daß verschiedene Boote gekentert treiben. Das österreichische Zollboot wurde denn auch in der Nähe von Wasserburg in Kenterlage an Land geworfen aufgefunden. Ein Telegramm meldete dem Fund nach Bregenz und brachte die Finanzwache in Aufregung. Der Kommissär forschte nach, ob Lergetbohrer zu seiner Familie zurückgekehrt sei, und nun erfaßte jähes Entsetzen die arme Zenzi. Die in Lindau exponierten österreichischen Revisionsaufseher wurden angewiesen, nach dem Verbleib des vermißten Lergetbohrer zu forschen. Der Telegraph arbeitete fieberhaft zwischen den Bodenseestationen am nördlichen Ufer und brachte am Abend die Meldung, daß bei Langenargen die Leiche eines Zivilisten gefunden wurde, dessen Papiere auf den Namen Lergetbohrer aus Bregenz lauten. Der Kommissar mit vier Mann holte zu Schiff den im Dienst gleich einem Helden gefallenen Finanzer heim an österreichisches Land. Er übernahm es auch, die arme Witwe auf das Unglück vorzubereiten, so schwer die Mission auch sein mochte. Wenn auch ohne Ehrensalven, so doch mit den Ehren, die einem im Dienst Verstorbenen gebühren, ward die Leiche Lergetbohrers der Erde übergeben, und Finanzer aus allen umliegenden Orten wohnten der Beerdigung tieferschüttert bei. Mahnt doch dieses Ende scharf und deutlich an die Gefahren des Finanzerdienstes. Ein treuer Freund in der Not ward der Kommissär, welcher zu Lebzeiten auf Lergetbohrer so große Stücke gehalten. Er übernahm die Vormundschaft über die armen Waisen, er erstattete den Bericht an die Oberbehörde, er war es, der sich bemühte, der Witwe die Pension zu erwirken, trotzdem der Verunglückte das Dienstdezennium nicht erreichen gekonnt. Das Gesuch mußte abschlägig beschieden werden aus prinzipiellen Gründen. Das Dienstdezennium ist nicht erreicht, klar lauten die diesbezüglichen Vorschriften. Vergeblich bemühte sich der Kommissär um Anerkennung des Paragraphen zehn, des sogenannten Unglücksparagraphen, wonach die Pension gewährt wird ohne Rücksicht auf die Dienstzeit, wenn ein Finanzer im Kampfe mit Schmugglern oder durch sonstige Gewalttätigkeit dienstuntauglich geworden sei. Das Ministerium vermochte aber nicht anzuerkennen, daß ein Sturm auf dem Bodensee eine Gewalttätigkeit sei, und deshalb wurde auch dieses Gesuch abgewiesen. Witwe und Waisen erhielten nicht einen Kreuzer Unterstützung. Und die wenigen, von karg besoldeten Finanzern aufgebrachten Groschen konnten nicht lange vorhalten. Stück um Stück aus dem kleinen Haushalt mußte verkauft werden; die Not zog grinsend ein bei Zenzi und den Waisen, wiewohl die Witwe fleißig sich mühte, den Lebensunterhalt zu verdienen. Einen letzten Versuch wagte der Kommissär: ein Majestätsgesuch. Lange blieb ein Bescheid aus. Und als er kam, wurde der armen Finanzerwitwe eine Gnadengabe von täglich fünfzehn Kreuzern und für jedes Kind bis zum vollendeten zwölften Jahre fünf Kreuzer täglich bewilligt. Zenzi war auch für diese kleine Gabe dankbar und kämpfte weiter als Witwe eines – Finanzers. Ludwig Anzengruber »Ein österreichischer Dichter,« sagt Grillparzer, »sollte höher gehalten werden als jeder andere. Wer unter solchen Umständen den Mut nicht verliert, ist wahrlich eine Art Held« – eine bittere Wahrheit, die all das Lob aufwiegt, mit welchem der Dichter seine Heimat an anderer Stelle bedacht hat. Wie alle seine Landsleute, welche vor und nach Grillparzer die Feder führten und freiheitlicher Regungen fähig waren, hat auch Anzengruber diesen Satz an sich bestätigt gefunden. Dem schlichten und rechtschaffenen Manne, in dessen Brust ein Herz so warm für das Wohl des Vaterlandes schlug, der so mutig für alle geistigen Interessen eintrat, der die tiefste Tragik und den unwiderstehlichsten Humor im Drama und in der Erzählung gleich meisterhaft beherrschte, war es nicht beschieden, seine große Begabung unter angenehmen Lebensbedingungen zu Nutz und Frommen seiner Zeitgenossen auszuüben. Als ein echter österreichischer Dichter hat er alle Not und allen Kummer, welcher an diesem Ehrentitel zu haften pflegt, in reichstem Maße kennen gelernt; ihm, der durch seine Werke so vielen genußreiche Stunden bereitet hat, bot ein kurzes Leben deren nur sehr wenige. Ludwig Anzengruber wurde am 29. November 1839 zu Wien geboren. Sein Vater, Johann Anzengruber, war ein oberösterreichischer Bauernsohn aus der Gegend von Ried, wo der Name eines Dörfchens Anzengrub noch heute an die Familie erinnert, die Mutter eine Wienerin. Vom Vater hat er die Lust zu fabulieren ererbt; denn Johann Anzengruber, wiewohl »Ingrossist bei der Gesällen- und Domänenbuchhaltung«, benutzte die Nächte zur Abfassung langatmiger Verstragödien, von welchen zwar keine im Druck erschien, aber eine, »Berthold Schwarz« 1840 nach dem Manuskript zu Ofen aufgeführt wurde. Als er 33 Jahre alt starb, ließ er die Mutter mit dem vierjährigen Söhnlein fast mittellos zurück. Sie mußte nun für sich und Ludwig mit der kargen Jahrespension von 166 Gulden 40 Kreuzern auskommen. Zeitweise betrieb sie ein Zwirngeschäft. Der Knabe besuchte die Volksschule, die Unterrealschule und die I. Klasse der Oberrealschule, aber, wie es scheint, zu niemandes besonderer Zufriedenheit. Er bekennt selbst, daß ihm aus den Schuljahren mehr Wissensdurst als Wissen blieb. Sein Vormund, der Dichter und Kritiker Andreas Schumacher , gab ihn daher zu einem Buchhändler in die Lehre. Hier erwies sich Anzengruber zwar als eifriger Leser, zeigte sich jedoch für das Geschäft wenig tauglich. Er las alle Bücher, deren er habhaft werden konnte, – »unendlich viel, und Dinge, die kein Knabe wohl sobald in die Hand bekommt« – aber mit der kaufmännischen Seite seines Berufes konnte er sich nicht befreunden. Er fand, es sei »nichts Ideales im Buchhändlerladen zu finden. Alle Geister hatten dort ihre Schubfächerchen, und von jedem galt es zu verdienen, die wurden genommen bar, fest oder in Rechnung.« Während Schiller, Shakespeare und die anderen Klassiker ihn zu keinen poetischen Versuchen anregten, sah er in einzelnen Volksstücken von Nestroy und Friedrich Kaiser nachahmenswerte Muster. Doch ist von diesen ersten dramatischen Versuchen nichts auf uns gekommen. Aber es hieß erwerben. Als er 1859 am Typhus erkrankte, konnte ihn die Mutter nicht daheim pflegen, so daß er die Krankheit im Wiedener Spitale unter täglich viermaligen Andachtsübungen und Beichtzwang überstehen mußte. Da ihn das Theater sehr anzog, beschloß er Schauspieler zu werden. Der zwanzigjährige Jüngling, welcher, seiner Schüchternheit wegen, als ein Weiberfeind galt, begann seine »Karriere« in der Wiener Vorstadt Meidling, wo Louis Groll eine Schmiere nach den Regeln dieser Art von Kunst leitete. Nebenbei schrieb er Witze und Anekdoten für O. F. Bergs Witzblatt »Kikeriki«, welches ihm die Zeile mit drei Kreuzern honorierte. In den Jahren 1860-1866 finden wir ihn als Mitglied wandernder Schauspielertruppen – »auf Kunstreisen, unter Verhältnissen, wo eben Reisen eine Kunst ist« – in österreichischen Provinzstädten, wie Krems, Wiener-Neustadt, Leoben, aber auch in den gottverlassensten ungarischen Dörfern, wie Apatin, Palanka, Kanisza und Czakathurn. Überallhin begleitete ihn seine treue Mutter, an welcher auch er mit der zärtlichsten Liebe hing. Er spielte zuerst Episoden-, später Charakterrollen, jedoch ohne besonderen Erfolg. Seine Monatsgage überstieg selten 30 Gulden. In Marburg wurde zu seinem Benefiz ein von ihm verfaßtes Stück » Der Versuchte « aufgeführt. Des Herumreisens müde ließ er sich 1867 am Wiener Harmonietheater mit 20 Gulden Monatsgage und 50 Kreuzern Spielhonorar pro Abend engagieren. Er war nun wenigstens wieder in der alten Kaiserstadt, wenn er auch mit seiner Mutter eine dürftige »Kammer« in einer engen Vorstadtgasse teilen mußte. Kurze Zeit später nahm er tagsüber Schreiberdienste bei der Polizei, des Abends aber saß er daheim und schrieb und schrieb – Novellen für Wiener Zeitschriften, das Paar um 15 Gulden, die wenig Beachtung fanden, und zahlreiche Theaterstücke für sein Pult. Alle Bemühungen, die Theaterdirektoren für sein dramatisches Gepäck zu interessieren, blieb erfolglos. »Man bringt eher einen Elefanten durch ein Nadelöhr, als einen Theatersekretär vom System des Wegwerfens neuer Produkte ab,« schreibt Anzengruber. Aber die bäuerische Hartnäckigkeit, die ihm im Blute saß, ließ seinen Mut nicht sinken. »Gußeisern ist mein Humor; es kommt die Zeit, wo ich's der Welt zeige, daß ohne Protektion ein Talent aufkommt – ich will mich protegieren – selbst!« Und die Zeit kam, »wo ward, was ich lange erstrebt, wo ich den Genius über mir schweben hatte, der alles Wasser aufrührt – den Erfolg, es war das erste Mal, daß ich mit einiger Rücksicht mich zu beachten anfing.« Am 5. November 1870 wurde sein » Pfarrer von Kirchfeld « am Theater an der Wien mit durchschlagendem Erfolge aufgeführt. Nun holte Anzengruber im Vollbewußtsein seines Sieges die versäumte Tagebücherei von 31 Lebensjahren nach. (»Bis zum Fertigwerden.«) Dem »Pfarrer« folgten im nächsten Jahre der » Meineidbauer «, 1872 die » Kreuzelschreiber «, denen sich in rascher Folge eine Reihe von vortrefflichen Bauernkomödien und Sittenstücken aus dem Wiener Volksleben anschlossen. 1874 brachte den » G'wissenswurm «, 1875 den » Doppelselbstmord «, 1876 den » Ledigen Hof« , 1878 das » Vierte Gebot «, um nur seine bekanntesten Schöpfungen zu erwähnen. Nebenbei entfaltete er eine fruchtbare Tätigkeit als Erzähler in Romanen (» Der Sternsteinhof « 1874, » Der Schandfleck «, 1876) und Novellen. Seine materiellen Verhältnisse besserten sich nun ein wenig, so daß er sogar ein kleines Häuschen in der Nahe von Wien ankaufen konnte. 1873 vermählte er sich mit Adeline Lipka , der Schwester eines Jugendfreundes. Wie ergreifend die Tragik, wie gesund der Humor seiner Volksstücke war, und wie treffliche Interpreten er in Wien fand – der Erfolg sollte ihm nicht treu bleiben. Die Wiener der siebziger Jahre wußten Anzengruber bald nicht mehr zu schätzen. Die Operette verdrängte das Schauspiel, die derbe Posse die feinere Komödie, das unsittliche »Sittenstück« die bessere, poetische Arbeit. Anzengruber mußte erfahren, daß in Wien kein Raum mehr für ihn sei. 1873 schreibt er anläßlich des Mißerfolges der » Tochter des Wucherers «: »Feinheit paßt nicht auf den Wiener Boden, nur in höchst seltenen Fällen, und es darf sich da der Dichter schon gar nicht auf das Publikum verlassen, er muß mit der ›Scheibtruhen‹ kommen.« Fast schien es, als ob er seinen eigenen Ruhm überlebt hätte. Mit Betrübnis sieht er, wie jede der Possen von Costa und O. F. Berg mehr trägt, als vier seiner Stücke zusammengenommen, und wie das Publikum der minderwertigen Ware zujubelt. Abermals muß er arbeiten, um sich und die Seinen zu erhalten. (Seine Ehe war mit drei Kindern gesegnet.) Er beneidet Richard Wagner und Johann Strauß. »Diese Leute,« schreibt er, »sind so situiert, daß sie nur tun müssen, was sie nicht lassen können, aber was sie lassen wollen, das müssen sie nicht tun. Bei mir ist das just nicht der Fall, ich muß manches, was ich lassen möchte.« Seine Zuflucht in der Zeit, da ihm die Bühne verschlossen blieb, war die Erzählung; da er aber auch auf diesem Gebiete nur wenig verdienen konnte, übernahm er die Leitung des Familienblattes » Die Heimat «, welches als Konkurrenz für die »Gartenlaube« gedacht war, 1884 jene des humoristischen Wochenblattes » Figaro « – Aufgaben, welche mit seinem Dichterberufe nur schlecht vereinbar waren. Noch kurz vor seinem Tode schreibt er: »Der Lessing ist auch so ein Schwindler, sagt da irgendwo, kein Mensch muß müssen, und wie viele müssen müssen, was sie nicht wollen wollen.« 1884 wurde er als Dramaturg für das Theater an der Wien engagiert. Er hatte die Verpflichtung, jährlich ein Stück zu liefern, und sollte außer einer Monatsgage von 190 Gulden eine Tantieme beziehen. Das Engagement währte zwei Jahre, und Anzengruber schrieb in dieser Zeit für dieses Theater die Weihnachtskomödie » Heimg´funden « und das Schauspiel » Stahl und Stein « (eine Dramatisierung der Novelle » Der Einsam «), aber Direktor Jauner führte keines derselben auf. Es heißt, daß er mit dem Engagement den Dichter bloß den anderen Theatern entziehen wollte. » Hand und Herz « wurde zwar 1879 mit dem Schillerpreise ausgezeichnet, und » Der Fleck auf der Ehr' «, mit welchem im September 1889 das deutsche Volkstheater in Wien eröffnet wurde, war ein ganzer Erfolg – aber die wenigen Schwalben machten keinen Sommer. Je näher der Lebensabend rückte, desto trauriger wurde es. Nachdem Anzengruber 1875 seine geliebte Mutter begraben hatte, mußte 1889 seine Ehe nach sechzehnjährigem Bestande ohne das geringste Verschulden von seiner Seite getrennt werden. Er überlebte diesen schweren Schlag nicht lange. Er begann zu kränkeln, und während er sich selbst nicht die geringste Schonung gönnte, griff eine tückische Zellgewebsvereiterung in seinem Organismus immer mehr um sich. Am 10. Dezember 1889 erlag er, 50 Jahre alt, diesem Leiden. Charakteristisch sind die Worte, mit welchen er, als er den Tod nahen fühlte, die Sorge für die nächste Nummer des »Figaro« zweien seiner Freunde übertrug: »Mir fallt nix ein – ich bin ein armes Hunderl.« So konnte er mit Fug und Recht sagen: »Wie vieler deiner Freuden Hab' ich umsonst geharrt, Wie wenig deiner Leiden Hast du mir, Welt, erspart!« Das Lebenswerk Anzengrubers sichert ihm einen der ersten Plätze in der Literatur der jüngsten Vergangenheit. Wie schon andere vor ihm, hat er die Stoffe seiner Dramen und Erzählungen fast ausschließlich aus dem Leben des Volkes, speziell der Landbevölkerung genommen. Er hat den Bauern zum Gegenstand seines eingehenden Studiums gemacht und sein Tun und Denken bis in die kleinsten Details durchforscht. Anzengrubers Bauern sind keine »Salontiroler«, wie sie z. B. in den Schriften Auerbachs auftreten, sondern Bauern von echtem Schrot und Korn, wie sie nur der wirkliche Kenner schildern kann. Niemand hat die Leidenschaften, welche fernab von der Großstadt die Herzen regieren, so zu schildern verstanden wie er, kein anderer hat die guten Seiten, aber auch die Fehler und Laster unserer lieben Landleute so drastisch dargestellt. Warum er sich als Dichter gerade in diesen Kreisen bewegte, sagt er selbst im Nachworte zum »Sternsteinhof«: »Der eingeschränkte Wirkungskreis des ländlichen Lebens beeinflußt die Charaktere weniger in ihrer Ursprünglichkeit und Natürlichkeit, und der Aufweis, wie Charaktere unter dem Einfluß der Geschicke werden oder verderben, ist klarer zu erbringen an einem Mechanismus, der gleichsam am Tage liegt, als an einem, den ein doppeltes Gehäuse umschließt, wie denn auch in den ältesten, einfachsten, wirksamsten Geschichten die Helden und Fürsten Herdenzüchter und Großgrundbesitzer waren, und Sauhirten ihre Hausminister und Kanzler.« Anzengruber ist jedoch nicht bei der bloßen Schilderung stehen geblieben, er hat stets eine bessernde, reformatorische Absicht. Er zeigt, zu welchen schlimmen Konsequenzen es führt, wenn kritiklos an dem alten Zopfe festgehalten wird, und er will dem Fortschritte die Wege ebnen. So ist er nicht nur ein bedeutender Poet, sondern auch ein Pionier geistiger Freiheit, ein Aufklärer in des Wortes vornehmster Bedeutung geworden. In einem inhaltsreichen Briefe an Dr. Julius Duboc (1876) legt Anzengruber dar, wie er zum Volksdichter wurde. Er schreibt: »Ich sah dem Volke nackten Unsinn bieten, oft mit krausester Tendenz verquickt, Handlung, Charaktere, alles unwahrscheinlich, unwahr, nicht überzeugend, so daß der guten Sache der Volksaufklärung mehr geschadet als genützt wurde. Es war kein Ankämpfen gegen die Gegner, es war nur ein Beleidigen, ein Beschimpfen derselben – und rings lagen doch so goldene, so prächtige und mächtige Gedankenschätze ausgestreut von den Geistesheroen aller Völker und Zeiten. Wie wenig all dieser großen, erhabenen, vernünftigen Gedanken, all dieser fördernden, fruchtbaren, segensreichen Ideen waren auch nur den sogenannten Halbgebildeten geläufig?! Alles das mußte sich in kleiner Münze unter das Volk bringen lassen, von der Bühne herab, aus dem Buch heraus ... Ein anderer wollte sich nicht finden, welcher der Zeit von der Bühne herab das Wort redete, und einer mußte es tun, also mußte ich es sein!« Anzengruber war nicht nur dem inhaltlichen, sondern auch dem formellen Teil seiner Aufgabe vollkommen gewachsen. Sehr wenige Dichter verfügen bei solcher Gedankentiefe auch über solche Bühnenroutine. Er war eben nicht nur bei den Klassikern, sondern auch bei den Meistern dramatischer Technik nicht umsonst in die Schule gegangen. Seine Sprache ist kräftig, wenn es die Situation erfordert höchst poetisch, und stets volkstümlich. Es ist zwar bemerkt worden, daß der Dialekt, welchen Anzengruber seine Bauern sprechen läßt, eigentlich bloß eine Konstruktion sei, und nirgends gesprochen werde. Aber gibt die schriftdeutsche Orthographie unsere Aussprache besser wieder, und wäre es überhaupt möglich, die Laute der Bauernsprache durch unsere Buchstaben wiederzugeben? Schon im »Pfarrer von Kirchfeld« zeigen sich diese Vorzüge, wenn auch noch nicht vollkommen entwickelt. Der »Pfarrer« ist die Tragödie eines »josefinischen« Priesters, eines Friedensapostels, dem echte Moral und Menschenliebe mehr gelten als orthodoxe Unduldsamkeit, der aber gegen die Feinde seines edlen Waltens machtlos bleibt. Anzengruber legte in diesem Stücke – Laube nennt es »ästhetisch und politisch merkwürdig« – den Finger auf manche Wunde in dem System der alleinseligmachenden Kirche, welches auch nach dem interkonfessionellen Gesetz noch verbesserungsfähig war. Scheinheiligkeit und Duckmäuserei geißelt er im »Meineidbauer« , der, bald auf den Pfarrer folgend, gleichwohl sein dramatisches Können schon auf der Höhe zeigt. Mit atemloser Spannung folgt der Zuschauer dem Beginnen dieses ländlichen Tartüff, welcher das Testament seines Bruders vernichtet und dessen Nichtvorhandensein beschwört, um sich die Habe des Verstorbenen zuzueignen, und den diese erste Tat von Verbrechen zu Verbrechen führt, bis er schließlich zum Sohnesmörder wird. Neben diesen beiden gewaltigen Bühnenwerken steht als drittes das Wiener Volksstück »Das vierte Gebot« , in welchem sich Anzengruber gegen die verfehlte Erziehung wendet, welche den Charakter, statt ihn zu bilden, verdirbt. »Es ist für manche Kinder das größte Unglück, von ihren eigenen Eltern erzogen zu werden,« sagt Anzengruber, und er beweist dies an den Kindern der unteren Volksklassen ebenso wie an jenen des besitzenden Bürgerstandes. Verbrechen, Laster und unverdientes Unglück sind die Früchte solcher Erziehung. Ein ideales Gegenstück finden diese Elemente in einem alten Mütterchen, dessen Name Herwig keinen Zweifel darüber läßt, daß dem Dichter bei ihm die Erinnerung an seine Mutter (geborene Herbich ) vorschwebte. Unter allen seinen Dramen weist »Das vierte Gebot« die krassesten Effekte auf, aber es ist auch das wirksamste. Dennoch fiel es 1878 bei der Aufführung im Theater in der Josefstadt ab, und erst nach des Dichters Tode verhalf ihm die Berliner »Freie Bühne« zu dem verdienten Erfolge und der ihm gebührenden Stellung in dem modernen Repertoire. Mehr Glück hatten die »Kreuzelschreiber« (1872), eine seiner witzigsten Komödien, aus welcher besonders die Figur des Steinklopferhans, eine philosophische Bauernnatur nach Art des oberösterreichischen Bauernphilosophen Konrad Deubler, populär wurde. Ein heiteres Pendant zum »Meineidbauer« bildet »Der G'wissenswurm« (1874), in dessen Mittelpunkt der Erbschleicher Dusterer steht. Das Lügengewebe, mit welchem der Heuchler seinen Schwager umgibt, wird jedoch zu schanden, ehe er einen Erfolg erzielen konnte. Im »Doppelselbstmord« (1875) geben zwei Liebende, deren Väter Erbfeinde sind, vor, gemeinsam in den Tod zu gehen. Die Freude darüber, daß sie doch leben, bewirkt, daß sich die Väter versöhnen. »'s Jungferngift« (1878) zeigt mit viel Humor, wie man einen Verlobten davon abbringt, seine Braut zu heiraten, indem man ihm einredet, daß sie eine weiße Leber habe und daher ihrem Gatten in kürzester Zeit den Tod bringen müsse. Er gibt darum gerne zu, daß sie ein anderer heimführe, und tröstet sich damit, in acht Tagen um die Witwe werben zu können. Alle diese Werke übertrifft an poetischem Gehalt »Der ledige Hof« (1876), wo eine Bäuerin, von Eifersucht hingerissen, den Großknecht, welchen sie liebt, einer Lebensgefahr preisgibt. Er entgeht dieser zwar wie durch ein Wunder, ihre Wege aber bleiben fortan getrennt. Wiederholt hat Anzengruber, dem Zuge der Zeit huldigend, den Boden des Volksstückes verlassen. Er schrieb Possen, soziale Tendenzstücke, aber es ist ihm nie gelungen, sein Talent in andere als die ihm von Natur vorgezeichneten Bahnen zu lenken. Auch der Versuch, mit seiner » Elfriede « (1873) im Burgtheater heimisch zu werden, mißlang. Er war und blieb ein Volksdichter. Begreiflich ist, daß man ihn in dem reaktionären Österreich seine Weisheit nicht ungestört »von der Bühne herab, aus dem Buche heraus« predigen ließ. Wohl keines seiner Stücke hat die Zensur unbeanstandet passiert, oft machte ihm diese recht unliebsame, unkünstlerische Korrekturen in seinem Manuskripte. »Das vierte Gebot« durfte nicht einmal unter diesem Titel aufgeführt werden, es durfte bloß »Ein Volksstück von L. A.« heißen – »so mißhandelt man,« schreibt der Dichter, »Werke besseren Genres, oder sagen wir, damit ich bescheidener spreche, besseren Wollens, in Österreich.« Als ihm die Zensur das »Jungferngift« verunstaltete, klagt er seinem Freunde Bolin (1878): »Diese Behörde erbarmt einem, die Dürftigkeit der Motive! Es ist unter Umständen für einen, der ein Österreicher sein will, sehr schwer, das zustande zu bringen. Soll er sich schämen oder nicht? Man tut hier gerade den besten Patrioten weh, das Gesindel kann sich seines Lebens freuen, nur dem Honetten macht man's sauer.« Oder (1879): »Sanfte Reaktion hier zu Lande, sanfte in dem geeinigten Deutschland, oh, es ist doch zu erbärmlich! Es herrscht kein Verständnis für die höchsten und besten Interessen der Menschheit. Wir wollen, nachdem wir zwei Schritte vorgetan, wieder drei zurücktun, aber sachte, fein sachte, und da stehen, wo unsere Großeltern gestanden. Ach, ständen wir lieber da, wo unsere Urureltern gestanden haben, die sich mit den Rollschwänzen köpflings an den Palmen aufhingen, und mit dieser ›gestürzten‹ Weltanschauung vielleicht das Richtige trafen!« Was von dem Dramatiker Anzengruber gesagt wurde, gilt auch von dem Erzähler. In seinen beiden Romanen sowie in seinen Novellen und Skizzen kommen seine stilistische Eigenart, seine feine Beobachtungsgabe, poetische Auffassung und urwüchsiger Humor ebenso zur Geltung wie in seinen Dramen. »Der Sternsteinhof« (1874) und »Der Schandfleck« (1876) zählen längst zu den klassischen Werken deutscher Erzählungskunst. Schreitet dort eine ehrsüchtige Bäuerin über Leichen hinweg ihrem hochgesteckten Ziele zu, so zeigt der letztere die Folgen eines Ehebruchs und seinen Fluch bis in die nächste Generation. Da der zweite, in der Stadt spielende Teil des »Schandfleck« gegen den ersten, ländlichen stark abfiel, entschloß sich Anzengruber sieben Jahre später (1883) zu einer Neubearbeitung desselben; aus dem städtischen Teile wurde nun ein eigener Roman »Die Kameradin«. Der Erfolg beider Romane war entschieden unter ihrem Werte. Von den 2000 Exemplaren der ersten Auflage des »Schandfleck« waren 1883 noch zirka 800 unverkauft. Die kleinen Erzählungen, unter welchen sich wahre Perlen finden, erschienen zuerst in verschiedenen Zeitschriften. Die älteste im Druck nachgewiesene betitelt sich » Tod und Teufel « und stand 1872 in der Wiener Zeitschrift »Der Gemeindebote«. Sie ist von der Vollkommenheit späterer Novellen Anzengrubers noch ziemlich weit entfernt, zeigt aber schon die Klaue des Löwen und gipfelt bezeichnenderweise in einer Verherrlichung Josefs II. Viele seiner Erzählungen gab Anzengruber später in Sammlungen heraus. (So » Dorfgänge «, 1879, 2 Bde., » Kalendergeschichten «, 1882, u. a.) Die in dem vorliegenden Bändchen vereinigten erschienen nebst einigen Gedichten 1883 unter dem Titel » Kleiner Markt «. Geschrieben sind sie in den Jahren 1877 bis 1881. Entstanden in einer für den Dichter traurigen Zeit, entbehren sie allerdings fast gänzlich des ihm früher eigenen Humors; die melancholische Stimmung, in welcher sich Anzengruber damals befand, spiegelt sich in ihnen nur allzudeutlich wider. Dennoch tragen sie den unverkennbaren Stempel seines Geistes. Wie trefflich » Allerseelen « dem Wiener Volksleben abgelauscht ist, welcher Reiz in den düsteren Gemälden » Vereinsamt « und » Sein Spielzeug « liegt, wie gelungen man das Capriccio » Aus der Spielzeugwelt « finden wird, wie geistvoll sich der Philosoph, der Denker und Sprachkünstler in » Jaggernaut « offenbart – die Palme unter allen gebührt unstreitig der Bauerngeschichte » Hartingers alte Sixtin «; da zeigt jeder Satz, wie Anzengruber in seinem ursprünglichen Element ist. Darum hat der Künstler mit Recht die trauernde Volksmuse an das Grab des Dichters gestellt. In tiefem Schmerze umfaßt das Bauerndirndel den Grabstein, welchen sein Bildnis schmückt, als wollte sie den zu früh Dahingeschiedenen zurückhalten. Ihr zu Füßen aber liegen Bündel und Wanderstab, denn auch ihres Bleibens ist nun nicht länger. Wien, im Juni 1904. Dr. Wolfgang v. Wurzbach. Ludwig Anzengruber Hartingers alte Sixtin Erzählung. An dem Zaune hinter dem Hartingerschen Gehöft lehnte breitbeinig ein hochgewachsener Bursche, den linken Arm hatte er untergestemmt und den rechten um die Hüfte seiner kleinen, drallen, braunäugigen Dirne gelegt, welche drinnen im Küchengarten stand. Manchmal, wenn er gar eifrig auf sie einsprach, strich der Flaum seines keimenden Backenbartes ihre Wange, dann lachte sie und schob ihn mit beiden Armen etwas von sich. Ihre Wangen brannten, ihre Blicke schielten seitwärts nach dem Boden, und wenn sie sich mitunter zwang, die Augen aufzuschlagen, so sah sie dem Burschen etwas stier in die seinen. Bald trat sie auf den einen Fuß, bald auf den anderen, und der freie tänzelte dann unstet herum und strich durch das Gras. Ein dichter, breiter Holunderstrauch, dessen weiße Blütenbüschel in der Abendluft einen starken Duft aushauchten, deckte dem Liebespaar den Rücken. »Ich komm', Sopherl,« flüsterte der Bursche, »kannst dich verlassen, ich komm'.« »Na, wenn d' kommst, so wirst da sein,« sagte die Dirn und zeigte die blanken Zähne, denn wenn etwas ein Spaß sein soll, so muß dazu gelacht werden. »Da werd' ich sein, kurios werd' ich da sein.« Er sagte ihr leise etwas ins Ohr und sie zerzupfte ein Holunderblatt. »Es gilt?« Er hielt die breite Hand hin. »Nein, Steffel.« »Magst mich, so magst auch; magst mich nit, so magst nit. Zum Foppen und Hinhalten acht' ich mich auch für die reichste Bauerstochter z'gut.« »Geh, was du gleich bös' sein magst. Denk nur, wie mer Gott's und Welt's wegen auch nit wenig in der Angst is.« »Beileib', 's Fensterl riegeln mer fein sauber zu und sperren Gott und d' Welt aus.« Sie legte beide runde Arme um seinen Hals und schmiegte den Kopf an seine Brust. »Ich tu' mich so viel fürchten, Steffel.« »Hat's gar nit not, Sopherl.« Er sang halblaut: »D' Lieb is voll Hoamlichkeit, So viel ich waß, D' Lieb' is kein Pöllerschuß, Fallst nit in d' Fraß !« »Hat's wirklich nit not, Sopherl, daß d' dich fürcht'st.« Er flüsterte ihr ins Ohr, bis sie sich losriß und ihm eine Maulschelle gab. – »Ui, ui,« rief der Bursch und hielt sich die Wange. »Wart' nur, kommst du mir grob, komm' ich dir auch nit fein.« Die Dirne drehte sich aus ihren Schuhabsätzen um, als wollte sie davoneilen. »Sopherl, mein!« Sie blieb stehen. »Ich komm'.« Da raffte sie beide Hände voll Holunderblätter und warf sie ihm an den Kopf, damit lief sie wirklich fort. Der Bursch reckte sich hoch auf, so lang er war, und blickte schmunzelnd nach dem Hartingerschen Gehöft hinüber. Er drückte den Hut schief auf den Scheitel, dann tat er ein paar Schritte, besann sich wieder, blieb stehen und zog aus der Brusttasche eine kurze Pfeife hervor; nachdem er selbe unter vielen Umständlichkeiten ausgeklopft, gestopft und den Tabak in Brand gesetzt hatte, schritt er qualmend mit federnden Schritten den schmalen Steig entlang, aber nicht dem Dorfe zu. Die jungen Leute, die auf so angenehme Weise die Zeit totschlugen, hatten es nicht gemerkt, daß sie schon längere Weile nicht mehr allein waren, daß jemand in den Garten getreten war und sich da zu schaffen machte. Es war eine lange, hagere Magd, sie hatte ein leichtes Tuch nach vorne und hinten » zipfet « um den Kopf gebunden, so daß es von ihrem reichen tiefschwarzen Haar nichts sehen ließ, und wenngleich aus dem mürrischen Gesichte mit den herben Zügen ein Paar dunkle Augen brennend hervorleuchteten, so drückten doch die Brauen zu tief auf selbe herab. Die Kleidung, welche sie trug, verunzierte sie geradezu; dieselbe war freilich so reinlich wie nur möglich gehalten, doch schien sie in allen Stücken zusammengesucht; der Spenser mit dem langen Leib und den schmalen Ärmeln, der Rock, der ihr sackartig um die Beine schlotterte, und die plumpen Schnürstiefel ließen das Eckige und Derbknochige ihrer Gestalt über Gebühr hervortreten. Kurz eine Person, die nichts auf sich gab und ebensowenig auf andere zu geben schien. Sie schritt an den Beeten hin, kniete an einzelnen nieder und jätete das Unkraut mit hastigen, aber sicheren Griffen aus, kein Wurzelstrunk blieb heil in der Erde zurück. Sie kam hinauf bis an das andere Ende und kniete jetzt dicht vor dem Holunderstrauch. Sie horchte auf. Einen Augenblick flog ein höhnisches Lächeln über ihr Gesicht und sie murmelte: »Wenn man das Tschapperl machen ließ!?« Dann aber nahmen ihre Züge einen tiefen Ernst an und sie schüttelte mehrmal nachdrücklich den Kopf. Die Leute im Ort sagten, über Hartingers Sixtin wäre nicht klug zu werden. Vor Jahren kam sie zu einer Zeit, wo sie auf dem Hofe überzählig war und ihr Teil Arbeit ihr von der der andern zugewiesen werden mußte. Bald merkte das Gesinde, daß sie sich noch nebenher, außer den Stunden, zu beschäftigen suchte und nahm ihr dieses »Schönmachen vor dem Dienstherrn« anfangs gewaltig übel; als man aber sah, daß sie dabei blieb, ob nun der Bauer um die Wege war oder nicht, da kannte man sich erst recht nicht mit ihr aus und zuckte die Achseln. Die erste Zeit ließ sich's der Hartinger angelegen sein, sein einziges Kind, die damals kleine Sopherl, von der Sixtin fern zu halten; er brauchte sich nicht lange darüber Sorge zu machen, denn die Magd hielt sich alsbald fremd zu dem Kinde, wie später auch zu der heranwachsenden Dirne. Jedes Jahr, wenn der Tag wiederkehrte, an welchem sie dermaleinst der Hartinger in seinen Dienst genommen, trat sie in aller Frühe zu dem Bauer in die Stube, zog die Türe hinter sich vorsorglich zu und verblieb eine kleine Weile mit dem Alten allein. Das fiel dem Gesinde auf, es verlegte sich aufs Horchen an der Türe und aufs Lugen durchs Schlüsselloch, um doch zu wissen, was die beiden miteinander hätten, und bald wußte man, daß es damit Jahr für Jahr, das eine wie das andere Mal folgenden Hergang hatte. Die Sixtin sagte: »Guten Morgen, Bauer, mit dem heutigen Tage ist wieder ein Jahr um.« »Ich weiß,« sagte er und nickte. »Hast du mir etwas zu verweisen,« sagte sie, »oder eine Vermahnung, oder ein Begehr?« »Nein,« sagte er, »hast dich brav g'halten.« »So vergelt dir's Gott, Bauer,« sagte sie. »Jetzt geh' ich für dich beten.« Darauf griff sie seine Hand, küßte sie und ging geradenweges nach der Kirche. Den Bauer konnte man immer danach eine Weile nachdenklich am Fenster stehen sehen. »Es ist nicht daraus klug zu werden,« sagten die Leute, »aber möcht' nur der Hartinger reden, der muß was wissen.« Sie hatten recht. Es hätte sich ein Roman daraus machen lassen, gewiß – und verstünde ich mich dazu, die Vorgeschichte als Hauptgeschichte zu behandeln, so sollte der Leser so viel Herzweh und Jammer in Kauf bekommen, daß er es nicht für möglich hielte, eine Menschenseele vermöchte dies alles zu ertragen; denn nimmt es uns auch gar nicht wunder, wenn einer, der unter der Last von Schuld und Elend zusammenbricht, im Leben leben bleibt, im Romane verlangen wir was von Verzweiflung und Untergang, reinweiße Sterbehemden über sündige und unschön im Kampfe des Lebens zerfetzte Körper. Ich verstehe mich aber nicht dazu, die Vorgeschichte zur Hauptgeschichte zu machen; und all das Herzleid und der Jammer war vor langem gewesen, und daß ein Anfang zu seinem Ende gemacht wurde, das geschah vor zwölf Jahren, als der Hartinger, damals schon Witwer, auf seiner Stube saß und einen Brief oft in der Hand hin und her wandte, den ihm sein hochwürdiger Herr Bruder, welcher Pfarrer in einem Provinzialkreisstädtchen war, geschrieben hatte. »Ei mein', ei mein',« sagte der Hartinger, »er hat gut von Erbarmnis reden, der Bruder, ob er aber an meiner Stell' tät', wie er von mir verlangt? Soll da die Dirn' auf mein' Hof nehmen, die Sixtin, von der er schreibt, daß sie gerade aus dem Strafhaus kommt. – Und aus was für ein' Anlaß is sie drin g'west! O du heilige Gnadenmutter, schütz' du allzeit die arm' schwachen Weiberleut', schütz' mir auch mein Kind!« Er blickte durch das Fenster hinaus auf den Hof, wo die kleine, damals vierjährige Sopherl mit glatten, bunten Kieseln spielte. »Was könnt' ihr die wohl auch mit der Zeit abgucken? Mit der soll sie sich nur auch nix zu schaffen machen. Aber kommen lassen werd' ich's wohl müssen, der Bruder schreibt so dringlich, und ich kenn' ihn, er is a eigensinniger Ding. No, in Gott's Jesus Namen, er geb' sein' Segen dazu!« Mit aller Bedächtigkeit fertigte er das Antwortschreiben aus und mit der nächsten Woche kam die Sixtin auf den Hof; sie sah damalen nicht anders aus wie heute, sie schritt auf den Bauer zu, meldete ihm einen Gruß von seinem hochwürdigen Herrn Bruder und sie wäre die, wie er wohl wisse. »Ich weiß,« sagte er rauh. »Also du bist es? No, was ich einmal versprochen hab', das halt' ich auch.« Er bot ihr zur Bekräftigung die Hand und als sie dieselbe ergriff und küßte, da fühlte er, wie ihre Lippen krampfhaft zuckten und zwei schwere Tropfen rannen ihm über den Knöchel. Er trat zurück und sagte leutseliger: »'s hat dich hart angegangen.« Da beugte sie sich noch tiefer, als wollte sie zusammensinken. In des Bauers Brust erwachte ein Gefühl, das jeden befällt, vor dem, wenn auch verschuldetes Elend in seiner ganzen ratlosen Angst und hilflosen Demut steht, rasch sagte er in begütigendem Tone: »No, sei halt g'scheit,« und wandte sich ab. So war sie ins Haus gekommen, etliche, die sich in der Nähe verhielten, hatten kein Wort verloren, aber doch nichts ausgefunden. Nein, es war nicht klug zu werden über die Sixtin, die nämliche, die jetzt dort im Garten vor dem Holunderstrauch kniete, aus dem nun in aller Hast die kleine Dirne hervorbrach. »Guten Abend, Sopherl,« rief die Magd sie an. Die Füße wurzelten dem Mädchen an dem Boden, und wie es erschrak, das bewies die Rechte, die schnell nach dem hochklopfenden Herzen fuhr, doch blickte es trotzig und finster und sagte: »Hast gelauert?« »Zufällig,« sagte die Sixtin, während sie sich erhob. »Nit mit Willen, aber nit ungern.« Sie trat näher und sagte zutraulich, indem sie Sopherl neckend in die Seite stupfte: »Suchst dir auch schon was Lieb's. Aber gelt, armer Hascher, die Zeit wird dir allmächtig lang werden, bis er fensterln kommt, der Steffel?« Hätte der Hartinger die beiden beobachtet, er würde sicher geglaubt haben, nun gingen die schlimmsten Befürchtungen, die er der Sixtin wegen hatte, in Erfüllung und – er hätte ihr damit unrecht getan. Wollte die Magd dem Mädchen gegenüber sich als Sittenrichterin aufspielen, so gönnte ihr dasselbe kein gutes Wort, wenn überaus eines, und es blieb nichts über, als den Handel dem Vater zu verraten; dann aber wäre es an ein strenges Behüten und Aufpassen gegangen und dabei groß' Frage gewesen, ob sich 's dadurch mit der Dirn gebessert und wer es schließlich dem andern abgewonnen hätte. Die Sixtin dachte ihren eigenen Weg zu gehen und wenn es für sie auch ein Leidensweg war, darum fuhr sie in der angenommenen, zweideutigen Freundlichkeit fort: »Ja, ja, 's is noch a liebe, lange Weil' hin, aber wenn's dir recht sein möcht', so ging' ich mit dir auf dein Kammerl und da täten wir reden von lauter Liebssachen.« »Weißt du auch davon?« kicherte die Sopherl. »Ei freilich. Glaubst du, ich war all' mein' Zeit nur Haut und Knochen, wie jetzt? I bewahr'. Komm nur, komm. Ich verstör' euch nit, ich verhalt' mich kein Minuten länger, als sich schickt; wie sich unterm Fensterl was meld't, gewinn' ich die Tür.« »Geh du, was du für eine bist, das säh' mer dir gar nicht an,« sagte Sopherl und legte ihren Arm um die Hüfte der Magd und zog sie mit sich vorwärts nach dem Wohngebäude; dieses stand so recht inmitten der ganzen Wirtschaft, nach rückwärts hinaus lag der große Garten und nach vorne ein geräumiger Hof mit Scheunen und Ställen, der durch ein großes Tor mit zwei Holzgatterflügeln abgeschlossen wurde; es war breit genug, um einen Heuwagen einzulassen. Unter dem Fenster von Sopherls Schlafkammer befand sich ein kleines Vorgärtel und hatte seine eigene, rings mit Latten benagelte Umfriedigung. Während die beiden Frauenzimmer die Treppe hinanstiegen, stand der alte Hartinger vorne an dem Tore des Gehöftes im Gespräch mit einem kleinen, schmächtigen, glatzköpfigen Männlein; die Glatze ließ es eben sehen, weil es den Hut abgenommen hatte und sich den Schweiß abtrocknete, und wenn man den Filz, von der breiten Faust gehalten, mit seinen Rändern beinahe den Boden streifen sah, so merkte man wohl, daß die Arme des Kleinen etwas zu lang geraten waren; auf dem Rücken trug er eine Kraxe mit Warenkästen, lag einer über dem andern und ragten über den Träger hinaus, so lang oder so kurz der selber war. »Du tust dein'm Kind Abbruch,« sagte das Männlein eifrig, »Gott will ich auf meine Seel' nehmen, daß du ihr Abbruch tust, wenn du ihr nichts kaufst. Solche Bänder, solche Tücher, solche Perlhalsschnür', wie ich diesmal ausbiet', so keine hab' ich selber noch niemal g'sehn. Aber freilich, ihr kommt mir jetzt immer mit der Red', ihr krieget alles in der Stadt wohlfeiler und ak'rat so gut. Das kriegst nit ak'rat, Bauer, so ak'rat nit, um alles Geld nit, dös hab' nur ich. Wann d' dir's nur anschaun möchst. Na, na, lass' mer's gut sein, vielleicht ein anders Mal; ich kenn' dich ja. Wann der Hartinger einmal nein sagt, so bleibt's nein. Ich glaub', wann dir der Sankt Peter 'n Himmel aufsperret und dir war's just nit g'legen, du gingest nit hinein. Na, lassen wir 's Geschäft für a anderes Mal. Aber a Wohltat tät'st mir schon, wenn d' mich heut über Nacht b'haltest, ich bin hundmüd'. Ja, ja, die Kräften lassen halt schon nach.« Wär' eh' recht,« sagte der Bauer, »brächt' dir kein' Schaden. Da möcht' doch amal der leidige Raufteufel, von dem du b'sessen bist, von dir ablassen. Aber noch hört mer nit viel Friedsam's von dir, neulich af'm Kirtag zu Traunkirchen hast ja wieder a Wesen g'habt, daß's nach Schtandari und Bader ausgerennt sein.« »Ei mein', was die Leut' reden, dös is alles übertrieben. A bissel lustig hab' ich mich g'macht, weiter nix. Dö Paar, was da af'm Platz liegen blieben sein, dö hatten auch allein heim g'funden, wenn sie sich nit verstellt hätten. Wann d' heuttags nur ein' anrührst, so fallt er schon hin, is ja eh' gar kein' Freud' mehr dabei. – No, was is 's, laßt mich da?« »Mein'tweg'n, aber mach' dich nur wieder zeitlich in der Fruh davon und stift mer nichts mit meine Leut' an, das wär' mir a schlechter Dank.« »Ah, beileib', kannst dich verlassen.« »Na, so komm und stell dein' Kraxen bei mir ein und dann such dir da in Scheun' oder Stade ein Platzel, auf Heu oder Stroh, wie d' willst. Nur geh mir in der Nacht nit in Hof heraus, von wegen dem Hund, weil der von der Kette is.« »Hab' ja nix heraust z'schaffen und dann die Hund', dö brauch' ich kein' z'fürchten, die tun mer nichts, dö gehen mer alle zu.« Mit dieser Versicherung folgte der Hausierer dem voranschreitenden Bauer. Sie kamen an der Hundehütte vorüber und das Tier fuhr, wie es in seiner Gewohnheit lag, auf den Fremden los, ließ sich aber sofort durch ein paar Schmeichelworte desselben begütigen, stand dann eine Weile und sah ihm, wie aufmerksam, nach, ehe es langsam, seine Kette nachschleifend, auf sein Strohlager zurückkehrte. Oben, in Sopherls Schlafkammer, saß die Magd auf der Gewandtruhe neben der Tür und das Mädchen auf einem Schemel zunächst dem Fenster, es strich die Schürze glatt und sagte: »Du wolltest mir ja erzählen. Sixtin.« »Freilich, wie ich es mit der Lieb' getroffen hab', sollst hören. Ich hab's nur einmal versucht, aber ich hab's bei dem ein' Mal verbleiben lassen; es war keine herztreue Geschichte, etwa wo eins, das nimmer wiederkommt, unser Lieb' mit ihm nimmt, sei es in die Fremd' oder ins Grab, nein, nein, nun, du wirst es wohl hören. Ich war in dein' Jahren so scharf nach heimlicher Freud' aus wie du. Gewachsen war ich damals schon so hoch wie heut', nur voller und kräftiger hab' ich ausgesehen und das Bewußtsein von meiner Sauberkeit und Stärk' is mir so lebensfreudig durch jede Ader gelaufen, daß ich an die härteste Arbeit, wo andere schwer zugriffen, nit anders als lachend und singend gegangen bin, und die Füß' unter mir sind mir aufgehüpft, als sollt's dabei auch getanzt sein; ich war kein klein wenig froh- und hochmütig und niemand mir gleich. Wie gering sind mir nicht die meisten Burschen vorkommen! War ich als Weibsbild baumlang, so hat's wohl einer sein müssen, so hoch wie ein Haus. Der hat sich auch gefunden, war auch sonst nichts an ihm, war er gleich nur ein armer Knecht und sagten ihm die Leut' Dummheit und Faulheit nach, die Haushöchen und die Stärken hat er gehabt, und so hat er mir getaugt, jedes hat eben sein Gusto, und du wirst ja auch wissen, weshalb dir gerade der Steffel ansteht. Z'haus war ich schon dadurch behüt' und geschützt, daß ich auf meiner Kammer mit der jüngeren Schwester in einem Bett hab' schlafen müssen. Aber einmal haben wir, ich und der Bursch, es hinterrücks aller Welt verabredet und uns heimlich tief drinnen im Wald zusammengefunden. Ei ja, da war's freilich, als hätte alle Vernunft und alles verständige Besinnen ein brünstiger Hirsch auf sein Geweih genommen und in alle Weite davongetragen. Wie der Bursch gekommen ist, hab' ich keinen Schreck empfunden und sein Gehen war mir gleich. Aber das hab' ich nit bedacht; daß von unsereiner ein Bursch weggehen kann und bleiben doch zwei zurück. Daß es mich so betroffen, das merkte ich gar bald, und wie mir da war, das läßt sich nicht aussagen. Wenn ich manchmal so weltverloren dagesessen bin und es wollte mich überkommen bis in die tiefste Herzfalte hinein, so fürchtig und so freudig wie ein ehrlich Weib, da schreckte es mich plötzlich auf: du bist kein ehrlich Weib, das in dem Fall offen vor aller Welt dahergehen kann und dem jedes das Fürchten ausreden und das Freuen einreden will, du bist kein ehrlich Weib, denn du hast dich mit keinem zusammengetan in Treu' und Züchten, und für später in Sorgen und Mühen um euer eigenes Fleisch und Blut, dir war nur um die Kurzweil, der du nit weiter gedenken wolltest als eines Schelmstückes, und darum ist der ehrlichen Mutter ihr Hoffen, ihr' Segen, ihr' Ehr', – deine Furcht, deine Straf, deine Schand'! – – Ich hab' meinen Zustand verheimlicht, solang' es angegangen, endlich aber hab' ich ihn vor der Mutter nimmer verbergen können, sie war ein rechtliches, strenges Weib, und hat noch am selben Abend dem Vater alles offenbart, der hat im ersten Zorn die Hacke an sich gerissen und wollt' mich erschlagen, wär' sie nicht gewesen und dazwischen getreten. Hätt' sie's doch zugelassen, hätt' sie's doch! Der Vater hat mich geheißen, mein Bündel schnüren, ich hab' kein Wort dagegen aufzubringen vermocht. Hätt' ich mich auf die tausend andern berufen, die gleich mir gefallen wären, – ich wußte zum voraus seine Antwort, er brauchte mir nit erst zuzuschreien: Die tausend andern machen dich nit besser, du bist nun eben eine wie sie! Hätt' ich mir sollen das unvernünftige Vieh zur Ausred' nehmen? Das wollt' mir nit von der Zunge; damit hätt' ich mir selbst die schwerste Schuld gegeben. So bin ich dahingelegen vor dem Schrein auf dem Boden und über jedem Stück, das mein war, hab' ich mich gewunden mit Händeringen und herzstoßendem Schluchzen, aber meine Elternleut' sind auf ihrem Willen verblieben und zum Abschied haben sie mir zwar nicht geflucht, aber jedes Wort, selbst'n ›B'hüt' Gott‹ versagt; am wehesten ist mir geschehen, wie ich meiner Schwester die Hand hab' geben wollen und die hat beide Arme hinter sich gezogen, als könn' sie meine Berührung verschänden. Nun wohl, recht, sie hat sich ja an meinem Beispiel verschrecken sollen. So bin ich fort, fort vom Elternhaus. Mich hat es hintrieben nach dem Hof, wo der Knecht im Dienst war; das mußt' ich ihm doch sagen, wie mir geschehen ist und was ich um seinetwillen erleid'. Den Nächstbesten, der mir über den Weg gelaufen ist, hab' ich geschickt, ihn abzurufen, denn daß mir zu der Stund' an nichts gelegen war, nit an der Welt und allen Leuten darauf, das kannst dir wohl denken. Der, den ich angeredet hab', hat mich bös angelacht und dann breit ausgespuckt, bevor er ging; nach einer Weile kam der Knecht, der hat zwar nicht gelacht, noch vor mir ausgespuckt, aber dagestanden ist er wie ein Klotz und hat mich all meinen Jammer in ihn hineinreden lassen. Darauf hat er mich bedeutet: Was ich erleiden tät', das wär' gerad' nit seinetwillen, denn willige Dirnen erlitten das um den einen oder den andern und wär' just nit die Frag', um was für einen. Und darum nähm' sich's kein Bursch besonders zu Herzen, wenn käm', was bei einem solchen Handel, wie ja beide Teile vorauswüßten, kommen könne! Ja, er war just nit so dumm, wie ihn die Leute machen wollten. Ich wandte mich ab von ihm und ging. Wohin? In die weite Welt. Da geht einem doch der Weg unter den Füßen nit aus. Zu später Nachtzeit bin ich in den Wald gekommen und fort und fort gegangen und mit frühem Morgen herausgekommen, wo ich mich nimmer ausgewußt hab'. Da bin ich neben einem Busch am Grabenbort hingesunken, unter mir haben die Wiesen von Leuten gewimmelt, sie haben rasch das Heu eintun wollen, denn am Himmel sind schwere Wolken gestanden und es hat in der Ferne gebrummelt. Dort beim Busch am Grabenbort hat mich die schwere Stund' überrascht, unter Donner und Blitz und Regenschauern hab' ich ein Kind geboren, daß es ein Knabe war, hab' ich später öfter hören müssen; als es da war, hab' ich keine Frage darnach getan. Ich dachte nur, daß ich es nicht ernähren könne. Sollte es heranwachsen in Entbehrung und Blöße, ein fortwährendes Erinnern an meine Schand', mir eine Last und der Welt zu nichts gut, als darin herumgestoßen zu werden und seine Mutter verachten zu lernen, wie es selber von den Leuten verachtet wurde?! Neben mir lag der Graben voll Regenwasser, dahinein hab' ich es fallen lassen.« »Jesus und Josef, Sixtin!« schrie Sopherl auf. Die Magd bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, obwohl es zu dunkel geworden war, um ihre Züge unterscheiden zu können. Nach einer Weile fuhr sie fort: »Ich hab's getan. Es is nit anders, nein, es is nit anders, als gäb' es wirklich ein' höllischen Erzfeind und der sitzet in unserer finstersten Herzfalten und gewinnet Macht in böser Stund', wo uns Allerärgstes durch die Gedanken schießt, zu kommandier'n: Tu's! Daß der Mensch hintnach dem Geschehenen verzweifelt aufschreit: Wie hab' ich das tun können?! So war mir's im Wald voreh' und hernach am Grabenrand. Ich hätt' vielleicht das Kind den nächsten Augenblick danach gern wieder herausgefischt, aber dazu war ich nit mehr mächtig; vor Erschöpfung, Schmerzen und Herzweh sind mir die Sinne vergangen und da – da war wieder alles gut, wär's nur auch geblieben. So aber haben's mich aufgefunden, nach'm Spital geschleppt und dann vor die Gerichte gestellt. Fünf Jahre bin ich im Strafhaus gesessen, sie sind mir schnell vergangen, denn wieder zurück in die Welt hab' ich mich gefürchtet. Meinen Eltern durfte ich nit kommen; der Strafhausverwalter hatte ihnen einen Brief geschrieben und sie haben sich meine Heimkehr verbeten. So bin ich denn, wie ich wieder außen war, dagestanden, ehrlos, scheu vor Leuten, wie die gegen mich, mutterseelenallein! O, daß ich da durch ein Wunder Gottes mein Kind hätt lebend antreffen können, ein Etwas, ein Einziges, das mir zulacht und mir die Arme entgegenstreckt – aber nein, Sopherl, nein, daß ich nit lüg', das war nicht mein letztes Wünschen; wieder hätt' ich's so haben mögen wie damal am Grabenbort und niemand hätt' mir nachsagen sollen, daß ich es, dem Kind schlechter vermeint' wie mir, ich hätt' mich mit ihm ersäuft, und das wär' wohl das beste gewesen für uns all zwei!« Sopherl war aufgestanden, sie faßte den Kopf der Magd zwischen beide Hände. »O du Hascher, du armer Hascher , du, was mußt du ausgestanden haben?!« Sixtin saß schweigend, plötzlich hob sie unter den Händen des Mädchens den Kopf empor und sagte leise: »Jetzt dürft' wohl bald dein Bub' kommen.« Sopherl sprang ans Fenster, zog die schweren Läden herein und riegelte sie zu, dann setzte sie sich wieder auf den Schemel. »Sag nur weiter, wie es dir ergangen ist.« »Wohin mich Ratlosigkeit und Verzweiflung geführt, wozu sie mich schließlich gebracht hätten, das will ich nit ausdenken. In meiner höchsten Not erfahr' ich mit einmal, der Pfarrer aus unserm Ort sei während meiner Strafzeit in die nämliche Kreisstadt, wo das Gefangenhaus war, versetzt worden. Wie ein Fingerzeig vom Himmel ist mir das gewesen, zu ihm bin ich hingegangen, er hat durch die heilige Beicht' um mein erstes Verschulden früher gewußt als meine leibliche Mutter, und vor ihm bin ich auf den Knieen gelegen und habe ihn mit aufgehobenen Händen gebeten, wenn ich mich auch seither noch viel, viel schwerer versündigt hätte, er möchte mich doch nit an Gott verzweifeln lassen, vor dem ja allein alle Sünd' und aller Jammer Gnad' und Erbarmen finden. Der hochwürdige Herr – Gott lohn' es ihm – hat an deinen Vater geschrieben und der hat mich daher auf seinen Hof kommen lassen, all mein Vergehen und Verschulden ist bei ihm wie unterm Beichtsiegel gelegen und ich hab' wieder mit Menschen umgehen dürfen. Das vergess' ich ihm nicht, solang' ich das Leben hab', und dafür bet' ich zu Gott, daß er es ihm vergelte mit guten Tagen auf Erden und dermaleinst im Himmel droben. Daß ich aber dich, sein Kind, sein einziges Kind dabei betroffen hab', den ersten Schritt auf dem Weg zu tun, den ich gegangen bin, das hat mir meine Geschichte aus der Seel' und dem Herzen herausgerissen. Zu was wär' denn all der Jammer in der Welt und zu was erlitten wir ihn denn, wenn es nicht einmal zu einer Lehr' und Mahnung für andere gut wär'?! Sopherl, laß dich bedeuten, glaub nit, ich wüßt' nit, wie das Blut dagegen rebelliert und braust, bis es im Ohr klingt, als wollt' es keine vernünftige Einred' gelten lassen, aber denk an mich, denk an die arme Sixtin, bei der es auch nur der eine, einzige Schritt war, den du heut' vorgehabt, der sie bergunter geführt. Bedenk, was eben wir bedenken müssen, daß durch uns leicht eins mehr in der Welt zählt und dann besinn dich, was du all Liebes und Gutes von Kind auf bis zum heutigen Tag im Elternhaus genossen hast, und du wirst wünschen, daß es dein Kind nicht schlechter habe; dazu braucht's aber auch ein Vaterhaus und zwei, die sich an seiner Wiege freuen.« »Sixtin! – Ich will uns nur schnell ein Licht machen. – Du bleibst heut' bei mir und auch für künftig brauchst bloß: gluck, gluck zu rufen, so renn' ich dir unter die Flüg' wie die Küchlein der alten Henn'. Du bist doch eine gute, rechtschaffene Sixtin, du! Hast du's wohl gemerkt, Sixtin, daß der Vater jetzt so viel weiße Haar kriegt? Schau, ich mein', er tät' mich nit fortjagen, aber ihn brächt's etwa gar in d'Erd.« »Sopherl, – mußt nit so närrisch tun, weil ich dir die Hand' küssen will. Du weißt nit, was du mir für eine Wohltat erwiesen hast! Mein' ich ja doch, ich hätt' dein'm Vater all sein' Wohltat und Menschlichkeit ein klein wenig vergolten, weil du dich hast abreden lassen. Dafür segn' dich Gott, bescher' dir ein' braven Mann und Kinder, an denen du Freud' erlebst.« – – Außen lag weithin stille, laue Nacht. An dem Zaune, längst dem Garten, strich ein Bursche dahin und pfiff ein Liedel, bis er zu dem Holunder kam, da stellte er das Pfeifen ein und lachte den Strauch vertraulich an; dann schlich er lautlos weiter bis zum Vorgärtel, kaum hatte er dort einen Fuß über die Umfriedung gesetzt und wollte den andern sacht nachziehen, so knarrte das kleine Gartentürchen, das meist nur angelehnt stand, und durch die Dunkelheit schoß etwas auf ihn zu. Rasch zog er das Bein zurück. »Das is das verhöllte Malefizvieh, der Phillax,« murmelte er. »Auf den hab'n wir ganz vergessen. Phillaxl, geh, geh, sei ein g'scheites Hunderl, wirst mich ja wohl kennen, mich, 'n Auhofer Steffel?« Wieder versuchte er es, mit einem Fuße über den Zaun zu setzen, diesmal aber mit aller Vorsicht und allem Bedacht. Der derbe, breitgebaute Köter hüpfte vor Aufregung fortwährend mit den Vorderbeinen fingershoch vom Boden empor und hielt den Kopf immer schiefer, je näher ihm die Wade des Burschen kam; er zeigte offenbar die Absicht, wenn sie ihm bequem läge, zuzuspringen und hineinzubeißen. Es war ihm anzumerken, daß er nicht gesonnen sei, das Lob eines guten Hunderls zu verdienen und Tagesbekanntschaften zur Nachtzeit zu respektieren. Er fuhr zu, mit einem unterdrückten Schrei sprang der Bursche zurück. »Du Himmelsherrgottsvieh,« sagte er, und so böse das auch gemeint war, so war es, im Grunde genommen, doch nicht geschimpft. »Du Himmelsherrgottsvieh, wenn ich dir mit einem Stein den Schädel einwerfen könnt', daß du umfallest und hin wärst, das geschäh dir recht; aber wenn ich dich verfehl', so heulest mir 'n ganzen Hof wach. Phillaxl! Hörst? Geh her da, schön herein!« Er warf dem Hunde Brot zu, das er zufällig in der Tasche vorfand, und während der fraß, stieg er über den Zaun. Als Phillax die Brocken versorgt hatte und den Eindringling im Gärtchen stehen fand, wie einen, der hereingehört, da ließ er sich die Tatsache gefallen, nur schnoberte er scharf an ihm herum und der Bursche zitterte unwillkürlich, so oft er die kalte Nase und den warmen Hauch an seinen Waden verspürte. Endlich wandte sich Phillax ab und trabte in wiegendem Gange stolz zum Gartentürchen hinaus. Steffel atmete auf und jetzt erst wagte er es, zu dem Kammerfenster seiner Liebsten aufzublicken. Alles dunkel, nur die herzförmigen Ausschnitte der Läden waren grell beleuchtet. Daß die Dirne das Fenster verschlossen hielt und Licht brannte, befremdete ihn nicht wenig, aber er redete sich zum Troste ein, daß sie wohl erst rechtschaffen gebeten sein wolle, und dann konnten ja auch die beiden feurigen Herzen, die da oben brannten, von guter Vorbedeutung sein. Also räusperte er sich, schöpfte Atem und legte los: »Mein herzallerliebster Schatz, Da wär' ich schon am Platz, In lodern' Janker , in lederner Hosen, Tu' mer hitzt a klein wengerl zulosen. Erst hätt' ich dich viel schön 'beten, Tu' auf deine Fensterläden, Dann tu's Licht ausmachen. Denn ich bring' lauter heimliche War' und Sachen. Ich will mich ans Weinberg'lander stemmen, Daß mer sicher zueinander kämen, Zum Fenster werd' ich einirutschen, Af mein' Knie will ich dich hutschen, Dich ans Herz drucken, Mich an dich anischmugen – – –« Da es oben beharrlich still blieb und weder Ermunterung noch Widerrede sich hören ließ, so spann Steffel seinen Gasselspruch ins Endlose fort, wobei er, was leider gesagt werden muß, in unverblümtester Weise die gewagtesten Ansinnen vorbrachte, die jemals an eine Dame gestellt werden können. Zuweilen unterbrach er sich mit einem gemurmelten »'s rührt sich noch allweil nix«, oder »Hitzt könnt's aber doch a schon bald was dergleichen tun«; dann schob er wohl eine mitleiderweckende Stelle in seinen Spruch ein: »Der Hund hat mich 'bissen, Hat mer d' Hosen zerrissen, Und der Wind, der blast kalt: Wann d' mich nit einlaßt bald, So muß ich verfriern – –« oder er drohte: »Zahl' nur gleich, was d' mer schuldig, Meine Rapperln werd'n schon ungeduldig, Springen sonst übern Zaun Und rennen davaun!« Leider wußte es Steffel nicht und konnte es auch nicht wissen, was für eine Mispel sich der Hartinger über heutige Nacht in das Stroh gelegt hatte. Plötzlich ward es in einer nahen Scheuer lebendig. »Du Sapperments Lalli!« rief eine Stimme. Der Bauer etwa? Mit einem Satz war Steffel an dem Zaun. »Wann dich d' Dirn schon nit zulassen will, so scher' dich doch einmal zu'n Teuxel!« Der Bauer war's nicht, etwa der Großknecht? Hm, ein bärenstarker Kerl, nicht gut anbinden mit dem. Also hinüber übern Zaun. Steffel glitt aber dabei über eine Stelle, wo die Nägelenden nicht verklopft waren und hervorstachen, er zuckte schmerzhaft zusammen und saß fest. Was das auch für eine liederliche Wirtschaft ist, kennen wohl gar keinen Hammer auf dem Hof. »Ös »Neuntöter, ös!« Neuntöter ist der Name eines grausamen Vogels aus der Klasse der Würger. Man glaubt von ihm, daß er täglich neun Vögel töte. rief er zornig. »Tu du noch groß dein Maul auf,« sagte der Hausierer, »mach lieber fort. Laßt mich der Bauer da um Gott's will'n in sein Stroh liegen und führt der Teuxel so ein' Marzikater daher, daß mer vor Lieb'sg'woisel nit einschlafen kann!« Was? Also weder der Bauer, noch der Knecht, sondern ein ganz fremder Herumstromer! Der Hausierer stand neben dem Gärtchen nahe genug, daß seine kleine Gestalt und seine leuchtende Glatze auffielen. Steffel löste sich mit einem Ruck vom Zaune los, Blut war einmal in der Sache geflossen – wenn auch nicht Herzblut – und es kam ihm ganz erwünscht, daß sich ein Gegenstand fand, an dem er all seinen Ingrimm über die bittere Enttäuschung und erlittene Unbill auszulassen gedachte. Keck trat er aus dem Gärtchen in den Hof. »Du,« rief er, »wenn d' dich traust, so komm her!« »Bin schon da,« war die Antwort, und zugleich fühlte sich Steffel an der Schulter von einem Faustschlage gestreift, dessen Wucht ihn etwas stutzig machte. Der anerkennenswerten Bereitwilligkeit gegenüber, mit der das Männlein der Einladung folgte, schien letztere doch ein wenig voreilig gewesen zu sein. Steffel hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken, zwei lange Arme umfaßten seine Hüften, er fühlte sich gehoben, aber nicht im Bewußtsein, denn das sagte ihm, all das geschähe nicht zu seinem Besten, sondern um ihn so nachdrücklich wie möglich an die Erde zu werfen. In dieser Not verfiel er auf einen rettenden Gedanken, er hatte die Arme frei und unter ihm in der Magengegend ruhte der Kopf des Hausierers, angeschmiegt wie der eines Arztes an den Busen einer leidenden Dame oder eines Anbeters an dem einer gesunden, auf den kahlen Schädel paukte er nun mit beiden Fäusten los. Von einer Heimzahlung mit gleicher Münze hielt er sich bei seiner Körperlänge für sicher, denn er vergaß auf die Langarmigkeit seines Gegners, der ihm denn auch plötzlich eine sogenannte »Kopfnuß« hinauflangte; sie konnte selbst in Gegenden, wo man die ausgiebigsten schlug, zu den seltenen gezählt werden. Steffel verlor sofort das Interesse an einem fremden Schädel und griff nach dem eigenen, das gab dem Hausierer Gelegenheit, seine ursprüngliche Absicht auszuführen und den Burschen zu werfen. »Na, gibst dich?« sagte er zu ihm, der Paar Schritte weiter längelang auf dem Boden lag. »Nein,« keuchte Steffel. »Ah, du meinst, 's g'wöhnt sich? Gehn mer's halt nochmal an.« Er sprach ebenfalls mit gedämpfter Stimme, aber nicht vor Erregung oder Erschöpfung, sondern weil er jeden Lärm scheute und ihm daran lag, die Sache, zwar durchaus nicht gütlich, doch in aller Stille abzumachen. Kaum war aber der Bursche wieder auf den Beinen, so fiel er wütend mit Fäusten und Füßen den Hausierer an, gedachte auch Nägel und Zähne zu gebrauchen, doch der Kleine erwehrte sich seiner beizeiten, drängte ihn ruckweise nach einem Winkel und zwängte ihn dort in eine Stellung, welche nicht erlaubte, viel Schaden zu tun, dagegen für begütigendes Zureden und was sonst mit abfiel, sehr empfänglich machte. »Ja, Bürscherl, Bürscherl, wann du mir so kommst, so muß ich dir auch anders kommen. – Siehst? – Na, halt still, zappeln hilft nix. – Besser, ich treff, wo ich hinziel', als es geht nebenaus, wo ich selber nit hindenk'. – Geh – geh – schau du, was praktisierst denn da aus der Hosentaschen? – A Messerl? – Wirft's gleich doni? – Schau, Büberl, da muß ich dir ja 's Fäusterl am Zaun aufklopfen wie a Haselnußerl, daß mer's Kernderl krieg'n. – Na, siehst, jetzt liegt's enten im Klee. – Is dir drum und hast Zeit, kannst ja morg'n 'n Acker abgehn. – Aber schau, was du nur gleich für a Unheil anstiften möchst! – Na wart', – weil d' es gar so gut mit mir meinst, du Safferment ...!« »Laß mich gehn, laß mich geh«,« schrie der Bursche. »Na siehst, Bürscherl, so g'fallst mer. – Nur g'scheit sein. Der Mensch muß a Einsehn hab'n, wann er was g'nug hat oder ihm z'viel wird. – Da nimm noch a Paar af'n Heimweg, daß d' dich warm haltst – und eine – eine noch laß dir geben, weil ich dich just so schön dahab', – wer weiß, wann mer wieder so z'sammtreffen. – Wird dir halt jetzt schwer werden, übern Zaun z'kraxeln? – Na, hup, – bist drenten!« Nachdem Steffel über den Zaun geworfen worden war, lag er längs des schmalen Fußsteiges auf beiden Ellbogen und beiden Knieen und hielt den Kopf, wie nachdenklich, zur Erde gesenkt. Es war gut für ihn, daß er nicht etwa auf- und zurückblickte, sonst würde er bemerkt haben, daß die Läden des Kammerfensters jetzt offen standen. Die Dirne hatte es mit angesehen, wie ihm da mitgespielt wurde, und hätte noch ein Restchen Vorliebe für ihn existiert, es würde sich in unfruchtbares Mitleid verwandelt haben. Er hatte auf dem Hartingerschen Gehöft nichts mehr zu suchen. Daran dachte er selbst nicht mehr. Aber darüber schien er jetzt schlüssig geworden, daß auf allen Vieren doch schwieriger nach Hause zu kommen sein dürfte, als auf seinen zwei Beinen. Er raffte sich auf und ging dem Dorfe zu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, zu öfteren Malen seufzte er schwer auf und es stieß ihn wie von verhaltenem Schluchzen. So schritt der » flehnende Bub« dahin. In seiner Brusttasche klirrten die Scherben der zertrümmerten Pfeife und in hellem Entsetzen griff er jetzt nach der Westentasche, in welcher er die Uhr trug, die er von seinem älteren Bruder entlehnt hatte, es war ein altehrwürdiges Erbstück in der Familie, eine weitbauchige Zwiebel, sie repetierte die Stunden mit feinem Klange und sollte ihn heute in seinem Glücke an die Flucht der Zeit mahnen. Der bauchige Deckel war platt geschlagen, das Uhrglas darunter zertrümmert und die Splitter hatten die Zeiger abgesprengt. Steffel drückte ängstlich an dem Knopfe – dem Unglücklichen schlug keine Uhr! Am anderen Morgen erzählte man im Ort, vergangene Nacht wär' der Auhofer Steffel im alten Steinbruch ausgeglitten und hätte sich arg zerkugelt. An demselben Morgen aber trat die Sixtin in Hartingers Stube, sie zog vorsorglich die Tür hinter sich zu, dann sagte sie: »Guten Morgen, Bauer; mit dem heutigen Tag ist wieder ein Jahr um.« »Ich weiß,« sagte er und nickte. »Hast du mir was zu verweisen,« sagte sie, »oder eine Vermahnung oder ein Begehr?« »Nein,« sagte er, »hast dich brav gehalten.« »So vergelt' dir's Gott, Bauer,« sagte sie. »Jetzt geh' ich für dich beten.« Darauf griff sie seine Hand und küßte sie, ging nach der Türe, als sie dort nach der Klinke griff, warf sie einen Blick nach dem Alten zurück, nickte zufrieden mit dem Kopfe und murmelte: »Dös meinst wohl nie, daß die alte Sixtin für dich einmal mehr hat tun können, als nur beten!« Erst Jahre danach sollte der Bauer davon erfahren. Es war eines Abends, Sopherl, die mittlerweile geheiratet hatte, saß neben ihm und er schaukelte deren Ältestes auf seinem Knie; da erzählte sie ihm mit im Eifer des Sprechens und vor Geschämigkeit erglühenden Wangen, was sich damaleinst zugetragen. Sie hatte auch Anlaß dazu, denn es war am Abende desselben Tages, an dessen Morgen sie Hartingers alte Sixtin begraben hatten. Ludwig Anzengruber Vereinsamt Eine Weihnachtsstudie. Wer lobsänge dem Süden mit ungeheuchelter Begeisterung, wenn nicht sein Widerpart der Norden wäre? Was hätte ein ewiger Frühling, über die ganze weite Erde gebreitet, noch Besonderes? Aber da kommen die Kinder des Südens zu uns und hauchen in die Hände und sagen: »O, welch trauriges Land! Ihr habt eigentlich nur eine Jahreszeit, sieben Monate weißen und fünf Monate grünen Winter. Wie ihr das nur aushalten könnt?« Und dann ziehen die Kinder des Nordens mitten im weißen Winter hinab nach dem Süden und sagen begeistert: »Ihr habt nur eine Jahreszeit, den Frühling. Wie glücklich seid ihr!« Das ist wohl ein wenig übertrieben, der Norden weiß das ganz gut. Er sagte einmal: »Pah, ich will mir eine ordentliche vierte Jahreszeit anschaffen; ich kann mir diesen Luxus erlauben, das riesige Polarmeer habe ich zur Hand, und dort bekomme ich um billiges, was ich dazu brauche.« Sprach's und ließ sich einen ordentlichen Winter kommen. Es ist das ein Patron, dem viel Übles nachgesagt wird, nicht mit Unrecht. Anfangs beginnt er die Leute mit dichten Nebeln zu necken, er verhängt ihnen die luftige Ferne, Wege und Stege, Gruben und Rinnen. »So, da findet euch zurecht!« Jeder hat seinen eigenen Schatten verloren und glaubt auf einen entlaufenen fremden zu stoßen, wenn aus dem dichten Grau ein anderer Mensch auf ihn vorsichtig zuschreitet. Dann wieder macht er glatte Wege, um alles zu Fall zu bringen, oder er sagt: »Wie wär's, wenn wir's mit einem trockenen Regen versuchten?« Und da ballt er die Regentropfen zu Sternchen, Kügelchen und Pelzchen und läßt sie herunterrieseln, und das legt sich auf die Hüte, je breiter die Krämpe, um so schwerer, auf die Ärmel, als legte der Winter selbst seine Hand auf unsern Arm, um uns recht freundschaftlich an seine Anwesenheit zu erinnern, was ihm jedoch niemand recht Dank wissen will. Nebel, Eis und Schnee breitet er über Stadt und Land; aber in der ersteren macht er sich kleine Nebenpläsierchen. Da sieht er die großen Fabriksschlote rauchen. »Ach, das ist ja prächtig,« sagt er, »wie hübsch, wenn ich diese braunen Wolken unter meine Nebelmassen steckte.« Und er steckt sie darunter, daß den Leuten die Augen brennen und sie zu ersticken vermeinen. Oder er sieht das schöne Pflaster, ob Würfel oder Platten, Granit oder Klinker, das ist ihm ganz gleich. »Herrlich! Wie nett sich das übereisen läßt!« Er tut's und die Leute rennen aus den Häusern und streuen Asche und Sand auf die Wege. Aber ganz unausstehlich will er sich doch nicht machen; oft nach einem tüchtigen Schneegestöber läßt er den Himmel hell und rein, die Luft klar und kalt und hält den Menschen die Schlittenbahn bereit. Da jagen diese über Land. Weit – weit liegt alles blendend weiß, ruhig, still, feierlich. Der tiefdunkle Tannenwald hält auf den Ästen weiße Streifen und an den Bärten schimmernde Zapfen, die Häuschen haben Hauben auf, der kleinste Pfahl im Zaune trägt eine solche, Weiher und Teiche sind mattsilberne Spiegel, an den Menschen schmiegt sich die Kälte, drängt das warme Leben mehr nach innen und schränkt es ein, als wollte sie nur die Wärme des Herzens gelten lassen, die man denn auch mit doppeltem Behagen verspürt, und da sagen alle: »Es ist doch schön!« Es ist doch schön. Der Winter hat etwas Märchenhaftes. Die Welt liegt weit und klar, die Wege sind schmal und Wanderer darauf wenige, man erwartet daher in jedem etwas Besonderes, in jedem Häuschen, das man betritt, ein Abenteuer, denn außen liegt die Welt so still, innen schlägt das Herz so froh, so erwartungsvoll. Je nun, man kann sich täuschen, und man täuscht sich auch, bis zu der Zeit, wo der leuchtende Tannenbaum in die Stube kömmt, da lebt jeder ein Märchen. Selbst wenn er den Baum mit eigenen Händen geschmückt hat, wenn er ganz gut weiß, wieviel Taler, Groschen und Pfennige auf all die Herrlichkeiten daraufgegangen; der Baum rauscht mit seinen Schleifen gar geheimnisvoll, die Herrlichkeiten wollen nicht Ware werden, sie bleiben ganz ungewöhnliche Dinge, die erst im Kinderjubel lebendig werden wollen; in diesem Jubel aber erwacht das Kind noch einmal in jedem, auch der kälteste, trockenste Geselle lebt – für einen Augenblick ein Märchen – seine Kindheit noch einmal! Sie ist ein Märchen, wie nur eines sein soll. Vor den kaum erschlossenen Sinnen geschieht täglich, stündlich ganz Unerwartetes, immer Geheimnisvolles, aber das Kind beträgt sich, wie man von dem Helden eines Märchens billig erwarten kann, es wird leidvoll oder freudvoll überrascht – sei es auch nur, weil ihm ein böser Schrank eine Beule schlägt, oder weil ein ganz gewöhnliches Stück Holz plötzlich anheimelnde, zum Spielen einladende Gestalt gewinnt – aber es ist nie erstaunt darüber, daß sich irgend etwas ereignen kann, es vermag von den Wundern der Christnacht hingerissen zu werden, aber es wird sie ganz in der Ordnung finden; doch in dem brausenden Kinderjubel klingt in dem Herzen der Erwachsenen die verwandte Saite an. Gewiß, Weihnachten ist eine frohe Zeit, und sie macht alle fröhlich. Alle? Viele, die meisten, alle wohl nicht. Ich kenne einen, der sie fürchtet. Er hat seine Wohnung neben der meinen, ist noch ein ziemlich junger, hochaufgeschossener Mensch, den man immer gleich still, ernst und bescheiden seiner Wege gehen sieht. Auf einen freundlichen Gruß oder ein Scherzwort erwidert er wohl mit einem verbindlichen Lächeln, aber er scheint jede Annäherung zu vermeiden. Was seine Stellung anbelangt, so soll er in einer der vielen Teehandlungen Buch und Korrespondenz führen. Jahrüber war er der gleich höfliche wie freundliche Nachbar, bis jenes Fest herankam, das man bezeichnend Christabend nennt, denn der Tag zählt nicht, alles bis zum Abende ist Erwartung, ungeduldige, still träumerische oder behaglich vorkostende, je nach Temperament, aber immer nur Erwartung; kam dieser Festabend heran, dann wich der Mann jeder Ansprache aus und bezeigte sich fast menschenscheu. Es ist früh am Morgen, fahles Licht fällt durch die Gangfenster, die Treppe, die in Krümmungen von Stockwerk zu Stockwerk läuft, liegt noch dunkel, der Nachbar steht vor seiner Tür und schließt sie eben hinter sich ab, neben ihm steht ein altes, ärmlich gekleidetes Weib, das Tag für Tag ihn bedienen kommt, das Frühstück kocht, die Kleider reinigt, das Essen holt; sie führt Bürste und Ausklopfstäbchen mit sich, schiebt sie von einer Hand in die andere, sie scheint etwas auf dem Herzen zu haben, aber einigermaßen verlegen zu sein, wie sie es vorbringe, endlich sagt sie leise: »Ich tät' bitten, schaffen der gnädige Herr heut' noch etwas?« Im Kreise der Enkel wollte sie den heutigen Tag zubringen, das war's. Der Gefragte schiebt den Quartierschlüssel in die Tasche, er blickt nicht auf, sondern antwortet in demselben halben Tone: »Nein, kommen Sie nur morgen früh rechtzeitig wieder.« »Ich küss' die Hand,« sagte das Weib, »ich wünsch' recht« – vergnügte Feiertage, lag ihr wohl schon auf der Zunge, aber es schien sie zu gereuen, und da es schon halb heraus war, so wiederholte sie es und ergänzte es, wie es ihr unverfänglicher schien: »Ich wünsch' recht gute Unterhaltung!« Der Mann nickte und schritt rasch der Treppe zu. Das alte Weib schüttelte den Kopf, wohl über sich selbst und sah ihm, wie bekümmert, nach. »Daß ich mir's nie ermerken kann! Immer rutscht es mir so heraus.« Der Mann eilt in das Geschäft, hastig durchschreitet er schmutzige Nebengäßchen, biegt von allen belebten Straßen ab und erreicht auf einem Umwege die Handlung, in der er bedienstet ist, dort setzt er sich an sein Pult, nimmt die Feder zur Hand, rechnet, schreibt, blättert in den Büchern und sieht nicht auf, bis gegen Abend – früher als sonst an irgend einem Tage im Jahre – der Laden geschlossen werden soll, dann legt er seufzend die Feder hin, zieht den warmen Winterrock über, nimmt den Hut vom Haken und tritt hinaus in die Dämmerung. Wieder nimmt er den Weg durch die Nebengäßchen; aber so menschenleer es dort auch ist, hie und da hüpft doch ein Kind mit munteren Äuglein über den Weg, hastet ein Erwachsener daher, der einen Pack halb versteckt trägt, oder rauscht gar ein Bäumchen vorbei, und die Goldstreifen knistern und die bunten Papierbänder flattern, unser Mann achtet nicht darauf, er drückt sich nur näher an die Mauer, um Platz zu machen. Vor seiner Wohnung angelangt, zieht er bedächtig den Schlüssel aus der Tasche, öffnet, tritt ein, sperrt hinter sich ab und geht nach dem im Halbdunkel liegenden Zimmer. Helle Streifen von der Straßenbeleuchtung fallen durch die Fenster, liegen über der Wand und zittern an der Decke. In dem dämmernden Raume geht er in kurzen und hastigen Schritten ein paarmal auf und nieder, dann, als versagten ihm die Füße, wirft er sich müde auf den Diwan. Er deckt die Augen mit den Händen und stützt den Kopf darein und seufzt tief auf. Vor vier Jahren war es gewesen, da leuchtete in seiner Stube ein Baum, ein übermütiger Knirps kutschierte mit einem Wägelchen rasselnd auf und nieder, und auf dem Arme einer kleinen niedlichen Frau guckte ein Kleinstes mit groß, gar groß aufgerissenen Augen in die Lichter, es streckte die Ärmchen danach und zog sie lächelnd wieder zurück. Und vor drei Jahren, da tollte der Knirps wieder durchs Zimmer, aber die Frau saß neben dem Manne auf dem Diwan und sie drückte seine Hand und sie sah mit feuchten Augen lächelnd nach dem Kleinen. »Unser Einziger! Der ist ja noch da!« Und wieder ein Jahr, da leuchtete kein Baum in der Stube, da war es düster wie heute; aber in seiner Hand lag eine andere, an seiner Wange lehnte eine andere Wange, er fühlte die Wimpern des nahen Auges seine Schläfe streifen und feucht rann ein Tropfen nieder. »O liebes Weib –« Und noch ein Jahr – ja, da war es ganz wie heute, – es überkommt ihn, als sollte er sich über das Kissen des Diwans werfen, die Hände vors Gesicht geschlagen ... aber er erhebt sich langsam, tritt an das Fenster, er schiebt die Riegel zurück, er öffnet einen Flügel und lehnt sich hinaus in die stille Nacht. Draußen liegt die Straße. Langsam wie durch einen zündenden Funken, der die Häuserzeile entlang läuft, glimmen die Fenster an, da, dort, nah, näher wird es Licht. Nicht alle Leute sind so neidisch gegen die Nacht und die andern Menschen außen, daß sie ihre Fenster mit Tüchern verhängen, nein, manche lassen die Lichter hell und ungedämpft hinausleuchten auf die Straße. Und der Mann am Fenster blickt hinein in das Leben und Treiben der nahen Stuben – lange, lange; dann zieht er leise das Fenster an sich, und bevor er es schließt, nickt er hinaus und sagt still und wehmütig: »Fröhliche Weihnacht!« Fröhliche Weihnacht! Das Fenster drückt sich in den Rahmen, er wendet sich zurück. Was ist das? Will es nicht in seiner eigenen Stube aufleuchten? Es ist ihm, als laste ihm etwas gar leicht auf seinem rechten Arme, als wäre etwas rasch herangekommen und schmiege sich an sein linkes Knie. Nichts! Im Auge wirken ja grelle Lichteindrücke für eine kurze Weile noch im Dunkeln nach, und als er aus dem Fenster sah, da hatte er auf dem rechten Arme gelegen und das linke Knie gegen das Sims gestemmt. Es erklärt sich das so natürlich, aber er senkte doch sachte den Arm herab, er rückte leise den Fuß vor, wie um nichts fallen zu lassen oder umzustoßen, – was es auch sei. Dann verläßt er eilig die Wohnung. Jetzt war es auf den Straßen wie ausgestorben, er durchschreitet sie hastig; wo er in einem öffentlichen Lokale eine Zechgesellschaft lärmen hört, da tritt er ein, setzt sich in eine Ecke und sieht stille dem Treiben zu, er fühlt eine Art Behagen, wie unter seinesgleichen. Vereinsamte, Ausgeschlossene und Ausgestoßene. Je lärmender die Gesellschaft, je besser; die hatten nie, was er besaß und selbst verloren nicht in der Erinnerung missen möchte, oder sie hatten's verspielt, sie waren elender wie er, dem die heilige Nacht noch heiligen Schmerz weckte. Kalt und nüchtern, bleigrau liegt der Morgen über der Stadt, wenn der Mann heimkehrt. Es ist vorbei, wieder auf ein Jahr vorbei, was ihn im dämmernden Zimmer überkommt, als sollte er sich über das Kissen des Diwans werfen, die Hände vors Gesicht geschlagen – was ihn hinaustreibt in die Nacht, gleich Vereinsamten nachzuspüren, nachdem er vorher den Glücklichen still und wehmütig zugerufen: »Fröhliche Weihnacht!« Ludwig Anzengruber Sein Spielzeug Novelle. I. Es war ein stilles Gemach, es war immer ein solches gewesen. Tagsüber war es Arbeitsstube, nachts schlief der Inwohner daselbst und, als der noch bessere Zeiten hatte, da war es luftig und licht im Räume. Jetzt aber waren die Fenster matt geworden, der Regen hatte an die Scheiben geschlagen, der Staub hatte sich daran gelegt, die Luft war lange eingeschlossen gewesen und ein fader, widerlicher Geruch von Medikamenten durchzog sie. Auf dem Bette in der Ecke lag ein bleicher, abgezehrter Mann; bald durchschauerte ihn der Gedanke an das nahe Ende, bald half er sich über alle Schauer des Todes und alles körperliche Unbehagen mit keckem Humor hinüber. Eine kleine, sorgfältig gekleidete Frau sitzt zuweilen an dem Krankenlager; das zierliche Figürchen trägt auf weißem, rundem Nacken einen Kopf, wie aus Wachs bossiert, die Wangen voll und stark gefärbt, das Näschen gerade und die Nüstern schön geschwungen, der Mund eine Kirsche und die Augen groß, mit weiten fast unbeweglichen Sternen. Hübsch, nicht schön. Hübsch und das ist auch alles. »Artur,« sagt sie, und ihre weiche Hand, an jedem Finger mit einem Grübchen, legt sich auf die knöcherne Faust des Mannes. »Artur, du mußt doch sagen, daß ich dich recht pflege.« »Gewiß, mein Kind, so gut du es eben verstehst.« »O, was du garstig bist, so gut ich es eben verstehe, das kann ebensogut heißen, daß ich es nicht verstehe. Du bist recht undankbar.« Die großen Augen wurden feucht und an den mit goldblonden Haaren reich befranzten Lidern zitterte ein schwerer Tropfen. »Hermine Goldhuhn,« sagte der Kranke, »weine nicht, du weißt, das macht mich immer lachen.« »O, ich weiß, das sieht dir gleich, Unartiger du!« Ihre Lippen kräuselten sich und ließen die kleinen, blanken Zähne sehen. »Warte nur, dafür beiße ich dich in den kleinen Finger. Soll ich?« »Wenn dir's Vergnügen macht, an einem Knochen zu knabbern.« Sie hielt den Finger zwischen den ihren und betrachtete ihn nachdenklich. »Du magerst aber auch schrecklich ab, Artur, von Tag zu Tag.« »Ja, ich bin gerade nicht stolz auf diese Leistung, aber weil ich eben dabei bin, so lieber ordentlich, als gar nicht.« »Ach, du kannst leicht scherzen, wenn du wüßtest, wie ich mich manchmal ängstige.« »Warum, mein Huhn, um was?« »Am Ende stirbst du mir gar!« »Liebes Kind, am Ende effektuieren wir das alle. Du wirst dich dann ein halbes Jahr ganz schwarz kleiden müssen, dann das andere Halbjahr in grau, schwarz geputzt. Meinst du nicht, daß dir das ganz gut lassen wird?« »O ja.« »Nun, also. Hahaha!« »Wie abscheulich, daß du dazu lachen magst. Wenn mir die Trauer noch so gut läßt, siehst du es denn?« »Du hast recht, ich glaube kaum, daß sich dazu eine Gelegenheit findet.« »O, ich weiß wohl, daß ich recht habe, und du gingest von mir, dir ist gar nicht darum, um mich zu sein, Artur« – wieder feuchteten sich ihre Augen – »hast du mich denn nicht gern?« »Ich schwur es dir. Ich schwur es dir so oft und bei allem Erdenklichen, bei dem zu schwören hergebracht ist, daß du endlich doch darauf bauen könntest. Wozu wären sonst Schwüre überhaupt gut?« »O du Schelm!« und mit etwas rücksichtsloser Liebkosung legte sie die Hand über seine Stirne und drückte ihm den Kopf tiefer in das Kissen. »Eh, Frau Gemahlin, Sie sind etwas grob.« »Hab' ich dir weh getan?« »Nicht der Rede wert, mein Herz. Ich bin nur gegenwärtig etwas zu schwach für derbe Zartheiten.« »Sei nicht böse. Ich wollte dich nur strafen, weil du mir von deinen Schwüren geredet. Was die auch hübsch waren! Einmal hast du bei dem Angedenken an deine Großeltern geschworen und hinterher versichert, du hättest die so wenig gekannt wie die Leute im Monde. Ein anderes Mal beim Sonnenlichte, als rabenschwarze Nacht war, oder bei den ewigen Sternen über uns, nachdem du mir kurz vorher auseinandergesetzt, daß auch die Milchstraße unfehlbar einmal gerinnen müsse zu Allquark. Geh mir! – Aber ernstlich gesprochen, Artur, ich mochte wissen, ob und wie du mich geliebt und – wenn du das nicht getan hast – warum du gerade mich genommen und keine andere? Ein Mann muß doch Gründe haben, die seine Entschlüsse bestimmen und gar einen solchen, von dem sein eigenes Lebensglück und dazu noch das einer anderen Person abhängt! Du sollst es mir sagen, wie du gerade auf mich verfallen bist, hörst du? Und offen und ehrlich. Ich würde ganz untröstlich sein, wenn du mir das nicht mehr zu sagen vermöchtest, darum sollst du nicht leichtsinnig scherzen oder dich aufs Lügen verlegen, denn du bist krank, armer Artur, du bist sehr krank!« »So feierlich? Ja, dann muß ich freilich. Habe nur vorher die Güte, mir die Polster ein wenig zurecht zu rücken. Ach! Wie hübsch unbeholfen du das machst! Man kann dir nicht zürnen. Danke – du hast, ganz recht, Kind, ich bin eben daran, wie jener Märchenheld ›Hans im Glück‹, die Früchte meines letzten Tauschgeschäftes in den Brunnen fallen zu lassen und mit nichts für alles zur Mutter Erde zurückzukehren. Zur Mutter, das klingt ganz ausnehmend tröstlich, ich habe aber keine erbauliche Vorstellung davon, die Alte läßt sich ihre Kinder im Futteral zurückstellen und schiebt sie in die schmutzige Tasche. Brr! – Ach ja, ich weiß, das gehört nicht zur Sache. Laß nur die Bettdecke, sie kann nicht glatter liegen, als sie liegt. Wir kommen auf alles zu sprechen. Nur Geduld, mein Kind. Als ich selbst noch ein solches war, da gab es kein ruhigeres Geschöpf unter der Sonne; ich war imstande, in einem Winkel der Stube stundenlang allein zu spielen. Sobald man dieses schätzenswerte Talent erkannte, wurde es sofort aufgemuntert und unterstützt. Eltern, Verwandte und Bekannte ließen es mir nie an Spielzeug fehlen. Anfangs war allerdings mein näherer Umgang den Spielwarm nicht zuträglich, aber später, als ich heraus hatte, was in den Quietschpuppen quietschte, in den Drehkästchen klang und die Figürchen auf denselben bewegte, was die Mühlen trieb und die Hasen trommeln machte, kurz, als ich mit dem Mechanismus meiner Spielzeugwelt hinlänglich vertraut war, da respektierte ich auch jede ihrer Erscheinungen und es konnte jedes Stück bei mir so alt werden, als dies eben bei fürsorglicher Abnützung anging. Da ich so viel Schonung gegen lebloses Spielzeug an den Tag legte, gestattete man mir auch lebendes. Ich hatte ein Kaninchen und eine Taube. So oft noch eine unserer Köchinnen hereingestürzt kam, um bei dir Klage über den ewig qualmenden Herd zu führen – und es kam noch jede gestürzt – erinnert mich das unglückliche Geschöpf mit den triefenden, roten Augen an das Kaninchen, und wenn du dann ratlos den Kopf hin und her wendest und einen Schritt nach rechts und einen nach links trippelst, denke ich an meine Taube. Von meinem Spielzeugwinkel zur Schulbank hatte ich nur einen Schritt. Bei dem Frage- und Anwortspiel des Katechismus war ich mit Vergnügen darauf aus, auf jede Frage die richtige Antwort zur Hand zu haben. Der Lehrer der Naturgeschichte stellte mir sämtliche Tiere zur Verfügung, um sie zu benennen, daß es eine Art hatte, – nur sollte ich auch auf die Gattung nicht vergessen. Er legte mir die Pflanzenwelt in die Hände, um sie zu klassifizieren, nach einem neueren System, früher geschah das nach einem andern; im grunde ist jedes dazu gut und mir hatte es das gleiche Vergnügen gewährt. Er lieferte mir auch das Mineralreich aus und ich wußte bald von Salzen, Erden und Erzen zu schwatzen wie ein – anderer Schuljunge. Zu hohem Danke aber fühlte ich mich dem Professor der Naturlehre verpflichtet, der das Nützliche mit dem Angenehmen zu vereinen wußte, indem er seinen Vortrag durch physikalische und chemische Versuche illustrierte, wodurch er es auch mir ermöglichte, in häuslichem Kreise, an der Hand des untrüglichen Experimentes, für wissenschaftliche Wahrheit einzustehen! Ich befaßte mich mit der Herstellung von Elektrophoren, schmolz zu diesem Behufe Harz in einer alten Sardinenbüchse zu Kuchen und ruinierte dabei die Herdplatte so gründlich, daß sich die Magd noch nach acht Tagen darüber beklagte; oder ich erzeugte Wasserstoffgas, was ungleich einfacher und amüsanter ist, dazu braucht's nur eine mäßige Flasche Wasser, eine Handvoll Eisenfeilspäne und eine geringe Quantität Vitriolöl; unrichtig angewendet erzeugt das letztere allerdings auf Röcken und Beinkleidern tiefrote Flecken, diese verschwinden aber schon nach einigen Tagen samt der Stelle, worauf sie saßen. Es gab aber niemand, den diese Naturerscheinung mit größerer Genugtuung erfüllte, als den Schneider, der für das Haus meiner Eltern arbeitete. Nachdem ich also in der Schule alles zur Zufriedenheit meiner Eltern wohl und manches zu ihrem lebhaften Mißvergnügen nur zu gut begriffen hatte, traten sie mit der Frage an mich heran: welche Rolle in der Welt ich spielen wolle? Nun, dachte ich, ist's vorbei mit deiner Spielzeugwelt, du sollst den Ernst des Lebens kennen lernen, aber früher möchtest du doch wissen, was dieses selber ist. Ich bat studieren zu dürfen und kam von der niederen auf die hohe Schule; es war dieselbe Wendeltreppe, nur führte sie ein Stück weiter hinan und mündete auf der hübschen Plattform aus, die wir allgemeine Bildung nennen. Ich hatte einen guten Kopf und mich machte das Hinansteigen nicht schwindeln. Die Maturitätsprüfung bestand ich glänzend, ich wußte den Professoren all das wieder zu sagen, was sie mir selbst zeitüber gesagt hatten, wußte alles, was man zu wissen glaubte und zu glauben wußte. Aber ich empfand darüber durchaus nicht jene freudige Genugtuung wie andere, ich fühlte mich »so klug als wie zuvor!« Ich sah im Leben dieselbe Willkür, die ein Spielzeug hätschelt oder zerbricht, ich sah die Menschen das Leben unter allen Voraussetzungen des Spieles leben. Es war alles zuvor hübsch abgemacht, wer Hauptmann sein sollte, was die Steine im Verkehr zu gelten hatten und wie man sich den Puppen gegenüber zu verhalten habe; nur war alles Spielwerk selbständig geworden und spielte mit, das nannte man Wirklichkeit, es war aber weiter nichts als eine Degradation der Phantasie, die einst unumschränkt alle Dinge beherrschte und nun in deren Knechtschaft geraten war. Mit dieser Erkenntnis verlor ich meine Kindlichkeit. Einst trieb ich mein Spiel mit den fragwürdigsten Gegenständen in gebührendem Ernste, aber das fragwürdige Spiel mit den sogenannten ernsten Dingen stimmte mich heiter. Unterdessen trat aber doch die Frage knapper an mich heran: willst du den andern für Rechensteine, für Heiligenbilder, für Pillen und Pulver ihre Butterbrote abtauschen? Willst du ihnen neue Märchen erzählen statt der alten? Die Welt soll nicht in sechs Tagen entstanden sein, sondern rechtschaffen Zeit dazu gebraucht haben. Eine Seehundsfamilie soll ganze Zeitalter hindurch von einer bequemen Promenade am Strande geträumt haben, so daß ihr die Sehnsucht Beine machte und das immer längere von Generation zu Generation, bis der Urenkel des Urgroßvaters als der erste Mensch an das Ufer stieg. Es verschlägt nichts, denn im Grunde wissen wir mit den Myriaden Schöpfungsjahren und dem Urahnen aus der See gerade so viel anzufangen als mit den sechs biblischen Werkeltagen und dem Adam. – Ich entschloß mich in ein Rechnungsdepartement zu treten. Da ich nun wie die andern mein Butterbrot hatte und sah, daß die meisten sich ein Püppchen zugesellten, das sie, seinem rosenroten Mäulchen und elfenbeinernen Zähnen zuliebe, davon naschen ließen, so verleitete mich der Nachahmungstrieb, es ihnen gleichzutun, das heißt, nur der Sache, nicht der Form nach. Sie nahmen das Leben und alles darum und daran für ernst und schwer, glaubten, zu zweien trüge es sich leichter, hofften auf eine Ergänzung ihres eigenen Wesens durch ein zweites, wünschten zu verstehen und verstanden zu werden. Ach, was glaubten, hofften und wünschten sie nicht alles! Sie nannten das Suchen: Sehnen, das Finden: Liebe, den Besitz: Seligkeit! Ich aber, der ich mir vom Leben nichts vormachen ließ, ich verlangte nach Zerstreuung, ich durfte also niemanden suchen, der an das Leben besondere Anforderungen stellte, der sich vom Leben eine besondere, ja überhaupt eine Vorstellung machte und mir mehr sein wollte als ein Spielzeug. Mich begünstigte das Glück, ich fand dich!« »O, du Abscheulicher,« sagte die kleine Dame. »Und das glaube mir,« fuhr der Kranke fort, »so war es gut für uns beide. Du entsprachst vollkommen meinen Wünschen und du vermöchtest auch bei dem besten Willen keinem mehr zu sein als mir. Wenn dir einer von den andern sagt, du könntest es, dem traue nicht; ich kenne das Gelichter, entweder er betrügt sich, dann läßt er es aber nachträglich dir entgelten, oder er will dich betrügen! Du hast dich ja nicht zu beklagen gehabt, mein Herz, denn, wie erwähnt, ich ging immer sehr sorgfältig mit meinem Spielzeug um, mit dem leblosen, wie mit dem lebenden, mit Kaninchen und Tauben, am sorgfältigsten mit dir, denn du machtest mir auch das meiste Vergnügen, Mine!« Er versuchte mit seiner abgezehrten Hand ihre Rechte zu fassen und zu drücken. Das kleine Frauchen aber erhob sich rasch und trat einen Schritt von seinem Lager zurück. »Das klingt ja immer garstiger. Dein Spielzeug! Weiter nichts?« Sie verließ schmollend das Zimmer. Zwei Tage später stürzte sie zu tiefst erschreckt aus der Tür desselben, der Mann da drinnen lag im Sterben und das war doch gar zu entsetzlich, um es mit anzusehen. Die Trauer aber kleidete sie sehr gut. II. »Herminchen,« sagte eine korpulente, ältere Dame, nachdem sie sich im Besuchzimmer auf das Sofa hatte niederfallen lassen, »Herminchen, das muß ich wohl sagen, so traurig auch der Anlaß ist, solche Kleider tragen zu müssen, aber du siehst darin so interessant aus, – so reizend, – rein zum Anbeten!« Jede dieser Beteuerungen wurde mit einer Umarmung bekräftigt, welche die junge Witwe etwas ängstlich, aber vergebens abzuwehren versuchte; jetzt musterte sie sich im Spiegel gegenüber und glättete das Kleid. Mit einem breiten Lächeln auf dem fleischigen Gesichte faßte die Korpulente die kleine Dame an der Rechten, welche mit ausgespreiteten Fingern über dem Knie lag und drückte auf dasselbe. »Und es hat sich schon einer gefunden, der anbetet.« Sie schrie das mehr, als sie es sagte, denn das war so ihre Art, wenn sie den Leuten zeigen wollte, sie sei besonders guter Laune. »Nun ja, wo schon unsereins ganz entzückt ist, da müßten doch die Männer geradezu blind sein, und das kann man ihnen just nicht nachsagen. Neulich, als du mir meinen Besuch zurückgabst, hat dich unser Nachbar kommen sehen und hat sich's nicht verdrießen lassen, auch dein Gehen abzupassen; während wir uns verabschiedeten, ist er unter seine Tür getreten, ich weiß nicht, ob du darauf acht gegeben hast, aber kaum warst du fort, so ist das Fragen angegangen: Verehrte Frau Nachbarin, wer ist die Dame? – Ach, denk' ich, frage du! Eine Freundin von mir, sage ich. – Sie geht in Trauer? – Ja freilich, weil ihr Mann gestorben ist. Da hättest du ihn sehen sollen, was er dazu für ein Gesicht gemacht hat, wir haben noch viel hin und her geredet von dir, hast du nicht das Schlucken gehabt? Nun, es wäre zu weitläufig, alles nachzuerzählen. Er fragte auch, ob du Vermögen hättest. Gott sei Dank, sagte ich bei mir, das hat sie, aber ich hielt es ganz für überflüssig, ihm das auf die Nase zu binden. Ich stellte dich so arm hin, Herminchen, wie eine Kirchenmaus, und denke dir, was sagte der Mensch? – So eine Frau könne man schon um ihrer selbst willen nehmen, die brächte auch einen Taugenichts zurecht, denn sie ließe gar keinen Gedanken neben ihr aufkommen.« Die junge Witwe schüttelte lächelnd den Kopf. »Ja, das sagte er,« fuhr die Besucherin fort. »Und nachdem wir so nahezu ein Stündchen verplaudert hatten, denn wir sprachen ja von dir, Goldherzchen, und du weißt, da komme ich in Zug, – nachdem wir also nach unsern Türklinken faßten, meinte er, ob es nicht möglich wäre, dich zu sprechen. Da sagte ich, Besuche empfingest du nicht, könntest auch nicht gut welche empfangen. Die Leute im Hause dächten gleich so böswillig. Aber wenn du ein nächstes Mal mich wieder besuchen würdest, so könne er in meine Wohnung herüberkommen und da würde ich ihn mit dir bekannt machen. Das kannst du dir ja gefallen lassen, Herzchen?« Die kleine Dame nickte gedankenvoll. »Er ist von Ansehen gar nicht übel, hat ein feines, artiges Benehmen und nach dem, wie er sich trägt und was er sich gönnt, muß er auch sein gutes Auskommen haben. Nun, ich bin keine, die dazu ratet, auf den ersten Blick hin einem Manne zu vertrauen, – davor bewahre mich der Himmel! – es gibt in dieser Beziehung gar zu viele warnende Beispiele, aber, wenn man gerade nicht abgeneigt ist, so kann man ja, wie der Dichter Schiller in seinen Werken sagt, prüfen, ob die Seelen zusammen passen, und dazu rate ich.« »Aber Emilie,« die Trauernde errötete und erschien, wie sie so verlegen dasaß, noch kleiner als sie war. »Nun, nun, ich meine nur, Närrchen. Darüber brauchst du weder böse noch verlegen zu werden. Du hast ja, so jung du bist, deine Schule hinter dir und uns verheirateten Frauen darf man es nicht übel nehmen, wenn wir ein bißchen aus derselben schwatzen. Deinen Anblick und ein paar Worte kannst du ihm ja gönnen. Führt es auch zu nichts weiter, so zerstreut es einen doch, und ein wenig Zerstreuung muß dir gut tun in einer solchen Gemütsverfassung, wie ich mir vorstelle, daß du bist, wo dich das Kleid schon immerwährend an deinen Seligen erinnern muß.« Herminens große Augen füllten sich mit Tränen. Die Freundin umschlang sie mit den massiven Armen und drückte sie an sich, daß beiden darüber der Atem verging. »Herminchen, Goldkind,« rief sie, »laß gut sein, laß nur gut sein, – aber da siehst du selbst, wie dir Zerstreuung not tut, und nur die wollte ich dir geboten haben und die solltest du auch nicht zurückweisen. Im übrigen bist du ganz Freifrau, kannst tun und lassen, was dir beliebt, und im Ernste wollte ich alles andere auch nicht gesprochen haben, denn der Nachbar ist, abgesehen von allen guten Eigenschaften, unter uns gesagt, doch ein kleiner Taugenichts, und so mag er denn bleiben, wo er will, außer« – hier kreischte sie wieder in der höchsten Stimmlage auf, – »außer, du tust ein christliches Werk, rechtfertigst seine gute Meinung von dir und bringst ihn wieder zurecht.« Sie drückte einen Schmatz auf die Wange ihrer jungen Freundin. Nach etlichen Tagen machte Hermine ihren Gegenbesuch und wenige Minuten nach ihrem Eintritte fand sich auch der Herr Nachbar ein. »Meine Freundin Hermine, von der wir neulich so viel gesprochen haben,« sagte die Frau des Hauses. »Unser Nachbar, der dich kennen zu lernen wünscht, Herr Fröhlich.« »Ja,« sagte der Genannte, sich einen Stuhl herbeiziehend. »Ja, fröhlich bin ich und fröhlich bleib' ich und wär' ich's nicht, so müßte ich es werden in so anziehender Gesellschaft.« Der umfangreiche Ellbogen der Freundin Herminens unterzog sich hier und auch in weiteren Fällen der undankbaren Mühe, auf derlei Galanterien aufmerksam zu machen. »Kapital schönes Wetter heute, meine Damen,« sagte nach einer kleinen Pause Herr Fröhlich. Die Damen beeilten sich, wie aus einem Munde, zu versichern, es wäre das schönste von der Welt. »Erinnert mich gerade an einen der denkwürdigsten Tage meines Lebens. Wir, ich und einige Freunde, machten einen Ausflug ins Gebirge. – Lieben Sie Gebirgspartien, meine Damen?« Hermine versicherte, nie eine solche gemacht zu haben, und Emilie beklagte lebhaft, daß sie nicht »hoch gehen« könne, um so mehr, da ja der Dichter Schiller in seinen Werken sagt, daß auf den Bergen die reinste Luft sei. »Jene Gebirgspartie,« fuhr der Sprecher fort, »mir ewig unvergeßlich, fand gerade an einem so paradiesisch schönen Tage statt, wie der heutige; aber bald nachdem wir den Gipfel des Berges erstiegen hatten, merkten wir, daß das Wetter umschlage –« »Begreiflich,« sagte Emilie, »von einem solche Berge muß man ja erschrecklich weit sehen.« »Gewiß, verehrte Frau Nachbarin. Wir sahen also ringsum dräuende Wolken aufsteigen, mit Mühe gelang uns der Abstieg, denn ein rasender Föhn durchbrauste die Luft, und als wir endlich auf ebenem Boden anlangten, schäumte der kleine See am Fuße des Berges, als ob das Wasser kochte, und inmitten der Wellen bemerkten wir einen hilflos dahintreibenden Gegenstand. Alle ergehen sich in Vermutungen, was das sein könne, da plötzlich fällt mein Auge auf eine kaum hundert Schritte entfernte Gruppe zweier Menschen, Mann und Weib, die verzweifelnd die Hände rangen. Wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke: das Kind dieser braven Leute liegt im See! Ich als guter Schwimmer, – schwimmen Sie, meine Damen?« Sie taten es nicht. »Ich als guter Schwimmer besinne mich nicht lange. Wie ich gehe und stehe, hinein. Komme mit einigen Tempis hart an meinen Gegenstand heran, aber wie ihn jetzt fassen und ans Ufer bringen? Ich trete Wasser, ich schwimme Rückenlage, schon verlassen mich meine Kräfte, da werfe ich mich auf eine Woge, die mich und das Kind an das Ufer schleudert. Die Freude der geängstigten Eltern können Sie sich vorstellen, – das läßt sich nicht beschreiben.« »Das muß man fühlen,« sagte Frau Emilie und ein Ellbogenstoß bedeutete die Freundin: Was für ein Mann! Tat aber der Rührung derselben einigen Eintrag. »Ja, das muß man fühlen –« sagte Fröhlich und schlug sich mit der Hand vor die Brust, daß der beinerne Manschettenknopf auf dem Binokle aufklatschte, welches in der Westentasche oder dem Uhrtäschchen verwahrt war, – »fühlen, beschreiben läßt sich so was nicht, auch meine Verfassung, wie ich patschnaß mit vollgesogenen Kleidern vor den beglückten Leuten stand, war einigermaßen unbeschreiblich, und als das schluchzende Weib mit Freudentränen meine Hand netzen wollte, sagte ich: Um Gottes willen, lassen Sie das, meine Gute, naß wär' ich zur Genüge!« Frau Emilie lächelte gerührt und Hermine rückte ein klein wenig von der Freundin hinweg. – – Es soll elende Spötter gegeben haben, welche behaupteten, allen romantischen Aufputzes entkleidet, reduziere sich das Abenteuer Fröhlichs einfach dahin, daß derselbe einmal in angeheitertem Zustande einen halbwüchsigen Bauernbengel in einen Dorfweiher gestoßen habe. Die Rettung sei bewerkstelligt worden, ohne daß er sich dabei einen Faden am Leibe naß machte, indem er an der Krücke seines Spazierstockes den Jungen an das Ufer lotste. Hätte er sich auf seine Beine verlassen können, sicher würde er sich durch die eiligste Flucht dem Danke der Eltern entzogen haben, aber so mußte er sich mit seiner ganzen Barschaft von demselben loskaufen. – – »Das muß Sie mit einem erhebenden Bewußtsein erfüllen, mein Herr,« sagte Hermine. »O, gewiß, gewiß, meine Gnädige. Allerdings darf man sich einer solchen Tat nicht rühmen, denn der Zufall wirft sie einem in den Schoß.« »Ach, wie viele würden sich an Ihrer Stelle besonnen haben!« »Zu gütig, gnädige Frau. Aber das ist wahr, für einen Menschen, wie ich einer bin, – ich gebe mich ganz offen, – den manche Torheit und Unbesonnenheit an sich zweifeln macht, ist eine solche Erinnerung eine wahre Wohltat; ohne sie wär' er verloren, sie hält ihn aufrecht, sie ist der Leitstern, der ihn an sein besseres Selbst mahnt. Ach ja, aber nur ein Stern, dem Piloten auf der stürmischen Meeresbahn leuchtend, aber nicht eine Sonne, vor deren Glanz alle Sterne erbleichen und welche in der Brust die im Verborgenen schlummernden Keime des Edlen und Guten weckt und reift. Wie beneidenswert ist derjenige, der ein solches Glück gefunden.« »Die Herrschaften entschuldigen,« sagte Emilie, »aber meine Pflicht als Frau des Hauses ruft mich. Ich muß in die Küche. Herr Fröhlich, nehmen doch auch eine Schale Kaffee mit uns?« Herr Fröhlich verneigte sich stumm zum Zeichen seiner Bereitwilligkeit, aber er sah der Abgehenden mit einem leichten Kopfschütteln nach, wahrscheinlich hätte er es lieber gesehen, sie wäre früher gegangen, oder sie ginge später. Wo war er denn auch nur stehen geblieben? »Ja, beneidenswert, wer ein solches Glück gefunden, selbst derjenige, der, nur träumen darf, ein solches Glück gefunden zu haben! Ich träume davon.« »Was Sie sagen!« Die junge Witwe zupfte an dem Streifen der plissierten Ärmelkrause. »Ja, ich träume davon, seit ich eine gewisse Dame das erste Mal sah.« »So?« »Ach, gnädige Frau! Wozu Wortspiele und Andeutungen? Leider kann ich meinen Traum nicht in seliges Wachen verwandeln, das kann nur die, von der ich zu träumen gezwungen bin, und wenn es mich gleich wie mit einem Wetterstrahl hinschmettern würde, wenn ich mich gleich darüber selbst als einen Verlorenen aufgeben müßte, falls sie mich ablehnte, ich würde das doch der Marter der Ungewißheit vorziehen! Und darum, offen heraus, Sie sind es, gnädige Frau, welche das Los meines Lebens in der Hand hat!« Er versuchte auch eine von Herminens Händen zu haschen, es schlug aber fehl, denn die Dame legte beide an die erglühenden Wangen. »Sie sehen mich ja heute erst zum zweiten Male, mein Herr,« stammelte sie. »Es bedurfte nur des einen, des ersten Males, um einen unauslöschlichen Eindruck auf mein Herz zu machen.« Die großen Augen Herminens sahen erstaunt und fragend auf. »So mit einem Male?« sagte sie. »Diese Frage! O, gnädige Frau,« – er machte wieder einen Versuch, sich einer der beiden kleinen Hände zu bemächtigen, doch der linke Arm hing lässig an der Stuhllehne herab, und diese Hand griff hinter sich und zupfte an einem Rohrendchen, das sich aus dem Geflechte gelöst, die andere aber flüchtete in die Tasche des Kleides, und man hörte es, wie sie dort mit dem Gummibande eines Geldtäschchens spielte. Er mußte es auf halbem Wege aufgeben und fügte jetzt die Hände, die er vorgestreckt hatte, mit unbeholfener Geste aneinander, wie ein Bär, der um ein Stück Zucker bettelt. – »Diese Frage beweist nur, daß Sie bisher die wahre Liebe ebensowenig kannten, wie ich sie kannte, dieses Gefühl, das beim ersten Anblicke in uns auflodert und uns zuruft: dieser Huldgöttin bist du mit deinem ganzen Selbst, mit all deiner Zukunft und deinem Sein anheimgegeben!« Der kleinen linken Hand war das Rohrendchen entschlüpft und sie war so unvorsichtig, ihr Versteck zu verlassen und sich auf den Schoß zu wagen, wo sie jetzt von zwei Händen eingefangen und trotz ihres Widerstrebens festgehalten wurde, in der Verwirrung kaufte sie sich mit einem Gegendrucke los, um aber das Unheil, soweit an ihr lag, wieder gut zu machen, legte sie sich als kleiner Schirm vor die Augen der Herrin, damit in denen nichts zu lesen wäre. Die Dame seufzte tief auf. »Könnte mein seliger Artur es mit anhören, wie da zu mir gesprochen wird, wie würde er lachen!« »Lachen?!« »Ganz gewiß. Denken Sie nur –,« da es eine vertrauliche Mitteilung galt, neigte sie sich lächelnd ihrem Gegenüber zu und legte beide Hände auf die seinen, – »denken Sie nur, er nahm mich für weiter nichts als für ein Spielzeug.« »Oh! Oh!« »Wahrhaftig und er warnte mich vor jedem, der mir sagen würde, er nähme mich für etwas Besseres!« »Bei allem Respekt vor Ihrem seligen Herrn Gemahl, aber das ist – das ist denn doch unqualifizierbar! Indessen, ich merke die Absicht. Der Mann war schlimmer als ein Indier.« »Als ein Indier?« »Schlimmer als ein Indier. Ein solcher Wilder verlangt in barbarischer Selbstsucht, daß ihm seine Witwe durch den Feuertod in das Grab nachfolge, während es Ihr Herr Gemahl auf nassem Wege versuchte; er wollte Sie gegen jeden Trost ablehnend, gegen jede wahre Neigung mißtrauisch machen, damit Sie sich um sein Angedenken zu Tode weinen. Doch jeden Scherz beiseite gelassen, gnädige Frau, der Mann hat Sie nie geliebt, darum konnte er Sie auch nicht verstehen, darum wußte er Sie auch nicht zu schätzen, darum vermochte er es, Ihnen auch zu sagen, daß Sie ihm nichts oder nur sehr wenig galten, Sie, der man beim ersten Anblicke zurufen möchte: Mein alles!« Die junge Witwe schüttelte ein wenig den Kopf. »Man,« sagte sie leise, sah zur Zimmerdecke empor und zog die Achseln an sich, bemühte sich überhaupt auszusehen wie der engbrüstigste Zweifel in Person. Da wurden Schritte vor der Türe laut, Tassen und Kannen klapperten. »Wir sprechen noch darüber, gnädige Frau,« flüsterte Fröhlich. Von nun ab besuchte Hermine ihre Freundin oft und öfter und eines Tages, als die gute Frau Emilie wieder mit dem klappernden Kaffeegeschirre auf der großen Blechtasse eintrat, glaubte sie alle Ursache zu der Frage zu haben: »Darf man den Herrschaften gratulieren?« Es wurde ihr gestattet, und nachdem Hermine auch »Grau mit Schwarz geputzt« abgelegt hatte, unterfertigte sie einen Heiratskontrakt mit Herrn Fröhlich, in welchem sie demselben ihr gesamtes Vermögen zur Verfügung stellte; ein Freund erlaubte sich, sie aufmerksam zu machen, daß diesem Punkte jede Gegenleistung, etwa auch die eines Wittums fehle, indem der Herr Bräutigam gar kein Vermögen auf- oder ausweise. Hermine blickte erstaunt, aber keineswegs beunruhigt auf, es befremdete sie nur, daß sie da mit einem Male etwas anders hörte, als ihr bis nun gesagt worden war. Fröhlich zog sie in eine Fensternische. »Süßes Herz,« sagte er und strich ihr über das wellige Haar, »zürne mir nicht! Es ist wahr, ich habe mir bisher nichts zurückzulegen vermocht und ich brachte es nicht über mich, dir das einzugestehen, weil ich fürchtete, die Ungleichheit des Vermögens könnte uns trennen. Wenn das ein Betrug ist, so mag ihn meine heiße Liebe zu dir entschuldigen. Geld hat uns nicht zusammengeführt, Geld soll uns auch nicht scheiden. Oder meinst du anders? Noch ist es Zeit.« Sie antwortete mit einem Kusse. – Es war am Abende des Hochzeitstages. Die Trinksprüche und Gläserklänge waren verhallt. Der letzte Gast hatte sich mit dem, bei diesem Anlasse üblichen, vieldeutigen Lächeln entfernt. Die jungen Eheleute waren allein. Der Mann hatte seinen Arm um den Nacken der Frau gelegt, er fühlte ein Schnürchen unter seinen Fingern und zog spielend daran, bis ein Medaillon zum Vorschein kam, das unter Glas das Bild des ersten Gatten zeigte. »Darinnen wirst du künftig mein Bild tragen,« sagte er. »Nimm das jetzt heraus und gib es mir.« Sie löste es heraus und es fiel zur Erde. Der Mann bückte sich darnach, hob es auf und schob es in die Westentasche. Die kleine Frau würde sich selbst alle Empfindung abgesprochen haben, wenn sie da nicht einige Rührung angewandelt hätte. An den langen Wimpern zeigten sich Tränen. »Was hast du?« sagte der Mann. »Sollte ich mit diesem Seligen noch eifern müssen? Das glaube ich nicht um dich verdient zu haben.« »Armer Artur!« seufzte leise die Wiedervermählte. »Aber freilich, du hast immer so wenig von mir gehalten, daß du wohl gegen den zurück mußt, der mir unzählige Male beteuerte, daß ich sein alles sei!« Beide Hände hatte sie auf die Schultern des Gatten gelegt und ihn an sich gezogen, er aber sagte nun emphatisch: »Und ich werde mein Versprechen auch halten!« Ob und woran er dachte, als er das sagte? Gut, wenn es dabei nur mit der Logik schlecht bestellt war. III. Es mochten etwa achtzehn Monate vergangen sein, um einige Tage mehr oder weniger soll nicht gestritten werden; ein Tag ist oft ein gar zu unbedeutendes Ding, und wenn es anginge, so striche wohl mancher gerne einen oder den anderen mit wohlgezählten vierundzwanzig Stunden aus seinem Leben, nicht weil er ihn wenig Gutes oder viel Übles, sondern weil er ihn gar nichts erleben ließ. Es war ein solcher Tag, der schon in früher Morgenstunde sich merken ließ, er wolle die Begüterten zu tödlicher Langeweile und die Armen und Hilflosen zu dumpfem Hinbrüten verurteilen. Aschfarben hing der Himmel über der Stadt. In unabsehbarer Weite wirbelten mit trostloser Einförmigkeit Schneeflocken hernieder und ein eisiger Wind fegte sie in wirrem Durcheinander vor sich her und dieses Spiel wird er treiben von der Zeit, wo die Menschen das Bett verlassen, bis zu der, wo sie es wieder aufsuchen. Wie klug tun daher diejenigen, die sich nicht auf den kommenden Tag verlassen und all das, woran er etwa ihrer Lebensfreudigkeit Abbruch tun könnte, in den Stunden der Nacht vorweg nehmen, wenn sie auch von der Welt dieser Klugheit wegen wenig gerühmt werden. Zu diesen klugen und bescheidenen Leuten zählt wohl eine Schar Männer, welche soeben ein Kaffeehaus verlassen. Ein Gemengsel von Tabaksrauch, Kaffeedämpfen und Gerüchen von Spirituosen qualmt ihnen aus der offenen Türe nach; vom eisigen Winterfroste geschüttelt, fühlt es plötzlich jeder, daß er stundenlang in diesem Qualme geatmet, das Auge brennt, er schmeckt ihn bitter auf der Zunge und wird den Geruch nicht los, der sich selbst in den Kleidern festgesetzt hat, das alles kontrastiert in unsäglicher Widerlichkeit mit der prickelnden, aber reinen Luft, dazu das fahle Zwielicht und das trostlose Wetter, es ist zum Nüchternwerden! Es behaupteten auch alle es zu sein, nur einer, der es am lärmendsten beteuerte, fand keinen Glauben, da er gerade dem übertriebenen Luxus frönte, sich von zwei Freunden führen zu lassen. Von einem nahen Kirchturme schlug es drei. Der Trunkene stieß plötzlich seinen Führer linker Hand von sich und griff nach der Westentasche. »Wo ist meine Uhr?« lärmte er. »Wo ist meine Uhr?« Der Zurückgestoßene bemächtigte sich wieder des Armes seines Schützlings. »Aber Fröhlich,« sagte er, »die hat ja der Markör als Pfand zurückbehalten.« »Ach ja, weiß schon. Geld hab' ich auch keines mehr. Ihr siedet mich immer ab beim Spielen. Alles beim Teufel!« »Vergiß nicht,« sagte sein Führer rechter Hand, »deine Spielschuld.« »Spielschuld? Was für eine Spielschuld?« »Besinn' dich doch, daß du noch weiter gespielt hast, wie du schon blank warst. Fünfundzwanzig Gulden bist du dem Kernreiter schuldig. Wenn du sie morgen nicht niederlegst, so geht er zu deiner Frau?« »Zu der – « folgte ein Kraftwort. »Soll er hingehen. Ihm hilft das nichts und stiftet nur Unfrieden. Wenn er hingeht, das sag' ich, bekommt er gar nichts.« »Oho, Spielschulden!« lachten die Begleiter. Sie waren vor einem Hause stehen geblieben, einer hatte die Glocke gezogen und als jetzt das Tor geöffnet wurde, schob man den Nachtschwärmer hinein. »Ich küss' die Hand, gnä' Herr,« sagte der Hausbesorger, indem er den Sperrgroschen in Empfang nahm, dann sah er dem Manne nach, der mit wankenden Tritten über den Flur taumelte und unter leisen Flüchen »über die ungleichen Stufen« die Treppe hinanstieg. Erst hielt der unterwürfige Zuschauer an sich, es schütterte ihm nur ein wenig, dann aber lachte er laut auf. »Wird wieder eine Freud' haben, die Gnädige!« Oben stand die Wohnungstüre offen, der Mann trat hinein, er suchte und fragte nach niemand, es war das seine Art, er sank auf das Lager und schlief ein. Bei seinem Eintritte schreckte eine kleine abgehärmte Frau zusammen, die unweit des Bettes, in einem Schlafsessel zurückgelehnt saß; dann starrte sie regungslos auf den Schläfer, zwei volle Stunden, bis er erwachte. Als er sich regte, mit den blöden, halbgeöffneten Augen um sich sah und, noch schlaftrunken, versuchte, sich das wirre Haar aus dem Gesichte zu streichen, – wie häßlich! – Das Weib beugte den Kopf und drückte die Hand vor die Stirne. »Eduard!« »Was willst du?« »Ich möchte dich um Geld bitten, auf ein Frühstück. Ich habe seit gestern mittags nichts gegessen.« »Geld willst du?« Die Sache ging ihm nahe, er richtete sich empor und kam auf den Bettrand zu sitzen. »Wie kommst du dazu? Ich entsinne mich nicht mehr, wie lange es her ist, seit du mich das letztenmal um Geld angesprochen.« »Du warst bei solchen Anlässen immer so roh gegen mich, daß ich mir zu helfen suchte, wie es anging. Ich habe meinen Schmuck verkauft.« »Was für einen Schmuck? Du hattest doch keinen mehr.« »Ich hatte noch den, den einst meine Mutter trug, er war mir ein teueres Vermächtnis und ich versuchte ihn zu retten; Gott weiß es, wie hart es mir geworden ist, mich davon zu trennen, aber um dir nicht kommen zu müssen, verkaufte ich ihn und von dem Erlös lebte ich bisher.« »Du hattest ein Geheimnis vor mir?« Er erhob sich und ging auf die Frau zu. »Ein Geheimnis hattest du vor mir?« Plötzlich besann er sich und blieb überlegend stehen. »Es hätte dir kein Geheimnis bleiben können, wenn du nachgefragt hättest, wovon ich eigentlich lebe, denn du wußtest am besten, du gabst mir nichts dazu.« »Hermine,« sagte er, sich ihr nähernd. »Wir wollen nicht zanken. Ich sehe mein Unrecht ein. Es war nicht schön, daß du ein Geheimnis vor mir haben konntest, aber du warst ein kluges Weibchen, daß du für schlechte Zeiten etwas zur Seite gehamstert, wir können es jetzt mehr als je gebrauchen.« »Jetzt,« – sie lächelte bitter, – »was willst du damit sagen?« »Du rächst dich eben wie eine Frau, – edel! Du sammelst feurige Kohlen auf mein Haupt. Es ist eine ganz unverdiente Überraschung, durch welche du mich da beschämst.« »Ich verstehe dich nicht.« »Herzchen.« Er faßte sie am Kinne und hob ihr den Kopf empor. »Laß die Larve fallen. Gestehe es nur, du warst nicht so unklug, dich ganz auszugeben.« Sie fuhr vom Sitze empor. »Eduard, es ist ganz unwürdig, wie du mit mir verfährst. Wüßte ich, wovon heute leben, so hätte ich dir kein Wort vor morgen gesagt, aber ich habe nichts, wahrhaftigen Gottes, gar nichts.« »Du hast nichts?« Er wendete sich achselzuckend von ihr ab. »Das ist ein anderes. Ich habe auch nichts mehr. Schlimme Geschichte das! Du mußt eben zusehen, ist es bis heute ohne mich gegangen, wird es auch für weiter möglich sein.« »Du kannst mich doch nicht hungern lassen?« »Schatz, wozu das Gerede? Wenn du mich auf den Kopf stellst, so fällt kein Kreuzer aus der Tasche.« »Pfui, schämst du dich nicht als Mann so zu deinem Weibe zu sprechen? Ich habe dir gegenüber mehr getan, als meine Pflicht war, ich habe dir alles geopfert, aber freilich, an jene Zeiten willst du nicht erinnert sein, wo du mir oft genug beteuert, daß uns nicht das Geld zusammenführt und ich dein alles sei!« »Phrasen, die man am Ende zu einer jeden sagt und Klügere wissen auch, was sie davon zu halten haben.« »Wenn du denkst, mich jetzt durch Gemeinheiten abzufinden, nachdem du mir alles, alles durchgebracht und ich nun auf dich angewiesen bin, da irrst du. O, ich kenne auch meine Rechte! Der Mann ist verpflichtet für das Weib zu sorgen – und das wollen wir doch sehen ...« »Oho, in der Tonart? Nun, das muß ich dir doch sagen, daß mir die gar nicht gefällt, denn sie stimmt durchaus nicht zu meiner Laune. Also kein Wort weiter, das bitte ich mir aus.« Eingeschüchtert stand die kleine Frau eine Weile über schweigend da, sie blickte hilf- und ratlos um sich, dann richtete sie ihre feuchten Augen auf den Mann, faltete die Hände und sagte: »Eduard, was hast du gegen mich?« »Nichts. Aber was mich einmal für dich eingenommen hat, das kann ich dir sagen. Du warst eine vermögliche Witwe – weiter nichts.« »Das heißt: jetzt, wo ich eine Bettlerin bin, willst du mich los sein? O, das kannst du auch noch erleben!« »Ich werde mir darüber den Kopf nicht abreißen.« »Also kann ich nun gehen? – Ich bin dir im Wege? – So sage es mir doch, damit ich weiß, woran ich bin. – Eduard! – Hörst du? – Ich will es wissen. – Sage mir nur, ob ich gehen soll? – Ich will Antwort haben,« sagte sie heftig. Da sagte der Mann: »Ei so geh denn –« Und das Weib schlug die Hände vor das Gesicht, ging aus der Wohnung und kauerte sich an der Türschwelle nieder und weinte still vor sich hin und – wartete. Er mußte ja kommen. Und er kam mit schwerfälligen Schritten, machte die Türe hinter ihr ein paar Spannen weit auf und sagte rauh: »Närrin, willst du uns bei der ganzen Nachbarschaft ins Gerede bringen? – Komme herein. – Nun, willst du wohl hereinkommen?« »Ich wüßte nicht, was ich bei dir sollte.« »Ei, so bleibe, wo du willst.« Er schlug die Türe hart zu. Das Weib schrie laut auf vor Schluchzen. Dann kroch sie ein paar Schritte weit, bis dahin, wo die Treppe begann, und stieg gebeugt und gebrochen hinab bis zu den letzten Stufen derselben. Das vergitterte Fenster einer Küche im unteren Stockwerke ging dort hinaus. Sie lehnte den Kopf an die kalten Eisenstäbe. Die Leute da unten waren früh auf, eine Lampe brannte und das helllodernde Herdfeuer erleuchtete den Raum und knapp an den Scheiben stand das Gitterbettlein eines Kindes und das lag und schlief; eine große Puppe, mit der es offenbar den Abend zuvor schlafen gegangen, hielt es mit den kleinen runden Ärmchen an sich gepreßt. Auf die Frau, die außen auf den Stufen saß, drückte ein ungeheures Weh und wie unter einer wirklichen Last taumelte sie auf, verließ das Haus und ging mit unsicheren Schritten die Straße entlang; sie wußte es wohl, wohin, wenn sie auch nicht viel auf den Weg vor ihr acht hatte. Sie ging, an den Häusern dahin, stundenlang, und als diese ein Ende hatten, hinaus auf die offene Straße. Dort auf freiem Felde trieb der Wind sein Spiel, die Pappeln zu beiden Seiten schüttelten sich, wie vom Fieber befallen, ein Steig war rein und glatt gefegt und der gegenüber lag unter einer mannshohen Schneewehe. Eine Mauer tauchte plötzlich rechter Hand auf. Kreuze und Urnen ragten darüber. Da lag auf weiter Halde das Leichenfeld der Stadt, unabsehbar ausgebreitet, trostlos, trübe; nicht traulich still, wie ein Dorfkirchhof, wo die Pflanzen, deren getreue Seinsgenossenschaft der Mensch so wenig achtet, alle Greuel des Todes und der Verwesung überwuchernd verdecken, nicht feierlich, nein, flach, übersäet von Zahlen, in alltäglicher Nüchternheit und darum so unendlich wehtuend. Wie auf der Straße, so sah es auch auf dem Friedhofe aus. Die eine Hälfte lag fast unter Schnee begraben, während die andere bloß lag und die vertrockneten Halme auf den Grabhügeln unter den Stößen des Windes erzitterten. Erst als das Weib durch das Gittertor trat, blickte es auf. Soweit das Auge reichte, war kein Mensch zu sehen. Sie drang durch den tiefen Schnee und ging dann auf glattem Boden weiter, immer näher und näher trachtete sie an ein verfallenes Grab heran und als sie endlich knapp vor dem eingesunkenen Hügel stand, da weinte sie bitterlich auf und warf sich darüber hin. Artur, dein Spielzeug! Sie hatte die Lippen nur krampfhaft bewegt, kein Wort war über dieselben gekommen. Der Wind hatte sich gelegt, der Schneefall dauerte an und die Flocken lagerten sich in gleichmäßiger Schichte über der Erde. Es war hoch am Mittage, als ein Mann das Kanzleigebäude des Friedhofes verließ; er stand einen Augenblick kopfschüttelnd stille, als er, neben dem ausgeschaufelten Wege, in tiefem Schnee die undeutliche Spur von Tritten bemerkte, verfolgte mit den Augen die Richtung, welche sie nahmen, wandte sich dann ab und ging. Es lag auch nahezu am anderen Ende des Friedhofes jenes Grab mit dem etwas vorgeneigten Gedenksteine und dem eingesunkenen Hügel, auf dem nun unter dichter, weißer Hülle eine unförmliche Masse lag, welche sich fast ansah wie eine große Puppe. Ludwig Anzengruber »Jaggernaut« Ein Märchen. Über den Märchen und Sagen aller Völker wölbt sich ein Himmel, der den Deutschen anheimelt und ihm alle Fabeleien und Sagen verständlich macht, und das erste Märchen auf diesem Festlande war gewiß ein deutsches. Laßt uns also Märchen erzählen! Das ist echt deutsch und kann wohl nicht »aufreizend«, noch »staatsgefährlich« sein; der Schlüssel zu jedem Märchen ist das Gefühl und unsere nationalen »feindlichen Brüder« verstehen ja deutsches Wissen nur halb, deutsches Fühlen aber gar nicht. Laßt uns Märchen erzählen. Der Ganges, der heilige Strom der Inder, rauschte friedlich dahin und in seinen Wellen spiegelten sich die lichten Sterne; nur in den Wäldern war die Ruhe nicht eingezogen, der Jagdschrei der verfolgenden und das Aufstöhnen der verfolgten Kreaturen belebte die Stille der Nacht, dazu rauschten die alten Stämme und fächelten die riesigen Blätter. – Nur in der Einöde atmet die Natur Frieden, da schlummert sie willenlos; wo aber das Feuer der Sonne Wesen weckt, da hat sie Tausende von Willen und greift mit tausend Armen beängstigend um sich, – wonach? Darüber haben die Weisen vieles ausgesonnen, die Wahrheit aber weiß kein Sterblicher bis zur Stunde. An dem Fuße der Stämme, den schmalen Steig entlang, den die Fußstapfen vieler Generationen in willkürlicher Krümmung durch die Wirrnis des Waldes geebnet, bewegte sich, klein und hastend wie ein Insekt, ein Menschlein vorwärts, es war ein müder Fakir. Erst als er den Saum des Waldes, dort an dem weiten Wiesenplane, erreicht, gönnte er sich ein wenig Rast und sah hinüber nach der anderen Seite, wo die Bäume wieder ihre Häupter stolz erhoben und aller Herrlichkeit von Kraut und Strauch ein Ziel setzten. Dort drüben stand die Hütte eines Brahminen und in dem klaren Sternlichte sah der Fakir den alten Mann mit den Silberhaaren vor derselben auf dem Boden kauern. Ein befriedigtes Lächeln glitt über sein Gesicht, er breitete die Arme nach dem Weisen aus und mit der letzten Kraft auf die Hütte zusteuernd, brach er dort vor dem Alten in die Knie. »Mein Vater!« Der Greis sah verwundert auf, dann schien er sich auf den vor ihm Knieenden zu besinnen, er legte ihm die zitternden Hände auf das Haupt. »So kommst du mir doch noch zurück, du Letzter von meinen Sieben?« »Wo sind die Brüder?« fragte der Fakir. »Drei in mörderischer Schlacht gefallen, drei vor den Kanonen ›weggeblasen‹.« Der alte Mann sagte das mit ruhigem Schmerz; es mußte viel Zeit darüber weggegangen sein, die Wunde war verharscht, der Schmerz war tot, aber die Freude schien mit ihm verstorben. So kommst du mir doch noch zurück, du Letzter von meinen Sieben? Dem Fakir fiel das schwer aufs Herz, er weinte leise. Er hatte gedacht, an des Vaters Brust zu liegen, ihm all das Leid zu klagen, das ihn traf, seit er in die fernen Lande gezogen; ihn stolz zu machen durch die Versicherung, wie er in all dem fremden Wesen der Alte geblieben und ... So kommst du mir doch noch zurück? Aber er faßte doch die Hand des Vaters und beteuerte, wie er zurückgekommen sei, so wie er ausgezogen, getreu den Sitten und den Göttern seines Landes. Und er flüsterte ihm leise zu, wie er auf dem Heimwege in Jaggernaut, der heiligen Stadt, gewesen sei, willens, wenn sie das gewaltige Götterbild dort auf dem Triumphwagen durch die Straßen zögen und sich die Begeisterten unter dessen Räder stürzten, seinen rechten Arm unter das Rad zu halten. Aber die verhaßten Fremdlinge haben die Heiligen mit den Bajonetten hinweggetrieben von dem Wagen der Gottheit. Der Alte schüttelte den Kopf, er sah bedächtig um sich und dann sagte er, zu dem Ohre seines Sohnes sich neigend: »Jaggernaut ist die Welt«. Der Fakir sah erstaunt auf. »Die Welt ist Jaggernaut,« wiederholte der Brahmine, »sie hat eine ernste Gottheit und mit Bajonetten und Geißeln, mit tiefen Herzenswunden und weher Sehnsucht treibt sie uns unter die Räder ihres Wagens. Die Welt ist Jaggernaut.« Er schwieg. Der Fakir kreuzte seine Arme über der hochklopfenden Brust, er sah fragend zu dem weißen Haare des Vaters empor. »Ist die heilige Stadt Jaggernaut eine Lüge und die Welt ist jaggernaut?« Der Brahmine neigte sein Haupt und sprach: »Es war am selben Tage, wo sie mir am Morgen sagten, drei meiner Söhne seien gefallen, und wo ich am Nachmittage die blutenden Glieder der andern drei mit diesen meinen eigenen Augen in die Lüfte verstreuen sah, da wankte ich nach meiner Hütte, warf mich zur Erde, hob die geballten Hände empor und verfluchte die Mörder, bis mir die Augen rollten, der Geifer vom Munde rann, ein Krampf die Nägel der geballten Fäuste tief ins eigene Fleisch trieb und ich besinnungslos mit dem Kopf an die Erde schlug. Da kam mir's: die Welt ist Jaggernaut! Über mich kam's wie Gewittersturm und ich sah im innern Lichte die Erde vor mir liegen! Lebendig ward es rings, zwischen allen Stämmen brach es hervor wie Ameisengewimmel, endlos, – Menschenwoge auf Menschenwoge! Und an was sie herankamen, das sogen sie ein, wie die Feuerzungen eines Waldbrandes, über dem Walde lohte es empor wie Feuerröte, rauchiger Brodem wehte herüber, Wehschrei und Stöhnen, Wutschrei und Jubel mischten sich in der Luft und endlos, endlos schoben sich die Massen heran und vorbei? Was sie in ihrem Drängen, Zerren und Stoßen und Stemmen bewegten, ich wußte es nicht. Ich sah Tausende wie Tiere in einem Knäuel vorüberpeitschen, andere aus tiefer Brust aufstöhnend vorwärts stürzen, still zogen andere dazwischen hin – alle einen Weg; oft kräuselte eine Woge empor in dem Strome, da, wo ein Knäuel dazwischen stürzte, um das Andringen zu hindern, wo eine Masse sich sperrte und festsetzen wollte, da gellte es jedesmal auf vom Kampfgeschrei, aber wenn ich wieder mein Auge nach der Stelle wandte, da war die Woge geglättet und endlos wieder, wie früher, endlos zog es vorüber. Der heiße Hauch der Brandluft schlug an meine Schläfen, die wild unter meinem wirren Haare pochten – und da, da tauchte ferne noch am Horizont ein steinernes Antlitz empor, keinem unserer Götterkolosse vergleichbar, das Gesicht eines Weibes, ernst, still, feierlich, mit geschlossener Lippe, die Augen sahen groß und gewaltig in die Ferne, die Brauen waren leidenschaftslos gebogen, keine Falte auf der klaren Stirne, gewaltige Haarwellen und ein eherner Helm deckten das Ohr des gewaltigen Weibes und was unter ihr aufschrie vor Weh und Jammer, das mochte wohl nur wie der schwache Laut eines Neugeborenen zu ihr empor klingen. Und immer vorüber wälzten sich die Massen und das Götterantlitz stieg höher am Horizont, der Nacken ward sichtbar, ein erhobener Arm halb weisend, halb befehlend vorgestreckt, vier Finger der Hand waren lässig gebogen, eine warnende Abwehr, als wollte sie deuten, an sie reiche nichts; dann erschien die Büste in Erz gekleidet – höher und höher tauchte das Götterbild auf, der linke Arm sank herab in die Falten des Unterkleides, in das zwei Finger kniffen, eine ruhig zuwartende Gebärde .... und jetzt wurde auch der Wagen sichtbar, auf dem das Götterweib stand, die Flammen, die rings an Dörfern und Städten, an Hütten und Tempeln leckten, färbten das steinerne Bild, Purpurn war der Saum ihres Kleides und im wirbelnden Rauche spielten sanftere Lichter hinan an die riesige Gestalt, röteten die Arme und das Antlitz und wie lebendig nahte ruckweise das Götterbild. Da war's, obwohl ich es vor mir sah, als läge es Jahrhunderte noch weg von mir, und ich sah, wie es einen Hügel niederbog, wie der Wagen von selbst ins Rollen kam, wie unter seinen Rädern die Nächsten zuckend zermalmt wurden, wie aber andere die Hände freibekamen, wie sie über ihre Peiniger, ihre Treiber, ihre Quäler herfielen und ein entsetzliches Gericht hielten, und wie in all dem Greuel still und gewaltig die Gottheit langsam den Plan herunterrollte, unaufhaltsam, gottgewollt. Näher noch kam's, wieder ging's den Hügel aufwärts, ich sah, wie sie herandrängten an die Räder, wie manche in die Speichen griffen und wie ein Ruck sie zermalmte, wie andere an dem Rade schoben und wie sie das herumriß; Blut, Schweiß und Gehirn netzten die Radnaben des furchtbaren Wagens, der in der Furche von zermalmten Leibern unhörbar und erschreckend schnell herankam. Tiefer Schauer ergriff mich, ich taumelte und hielt mich an die Nächsten, die drängend und schiebend vorüberkamen. Wie heißt die Gottheit? fragte ich wirre ... Freiheit! Fortschritt! – Das klang weich und mild. Ich taumelte an einen Dritten und frug ihn das gleiche, und er gab in germanischer Zunge Bescheid, das Wort klang ehern und es war, als wüchse eine Silbe aus der andern heraus: Entwicklung! Entwicklung! Ja, so muß die Furchtbare heißen, der Geschlecht um Geschlecht in peinvollem Müssen oder sehnsuchtskrankem Wollen der Wagen dahinrollen muß bis zu ihrem Tempel. So muß sie heißen, die Gottheit, von der wir ahnen, daß sie allüberall, wo Wesen atmen, auch da oben auf den flimmernden Sternen mit blutigem Wagen ihre Spuren zieht, fort und fort, bis der Stern erlischt und seine Wesen verwehen und ihr Bild dann einsam inmitten der Trümmer einer Welt steht, entweder weit abseit am Wege oder im verlassenen Tempel, immer noch die Linke zuwartend gesenkt, immer noch die Rechte weisend gehoben, stets bereit, wenn die tote Welt etwa zu neuem Leben aufleuchtet, den Wagen wieder ins Rollen zu bringen. Fragst du aber nach dieses Ringens Preis, ob nun der Göttin Siegeswagen gehemmt oder am Ziele verlassen auf den erloschenen Sternen steht?! Die Göttin weigert dir die Antwort und alle Götterbilder dieser Erde, sie zeigen einen ernstgeschlossenen Mund. Die schlauen Griechen ersparten den stummen Göttern die Antwort, indem sie über sie ein Letztes setzten, verschleiert, streng und kalt, unnahbar, an das keine Frage hinanreicht, das Fatum! Das Ringen aber bleibt keinem Geschlechte erspart, nicht die Drangsal an den Drängern, nicht der Kampf gegen jene, die den Strom stauen wollen. Die Welt ist Jaggernaut und sie hat eine strenge Gottheit. Die Welt ist Jaggernaut!« Laßt uns Märchen erzählen. Die Welt ist Jaggernaut und sie wird es bleiben, auch wenn eine Exzellenz Lust hatte, zu dekretieren: Jaggernaut sei... ein slawisches Dorf! – – So fertig oder unfertig, wie ich sie damals niederschrieb, als eine Exzellenz derartige Neigungen an den Tag legte, fand ich diese Zeilen in meinem Schreibpulte, Nun passen sie heute nach fünfzehn Jahren wieder. Ludwig Anzengruber Allerseelen Weit da draußen auf unfreundlicher Heide, über welche der Wind dahinfegt, haben die Toten ihre Ruhestätte , eine Fahrstraße mit dürftigen Pappeln führt daran vorüber; schier endlos geht es auf dem Schienenwege der Pferdebahn dahin, immer in gleichmäßigem Trotte und mit eintönigem Geklingel, ermüdend, einschläfernd. Für den Anfang zerstreut es, die Mitfahrenden zu mustern; die meisten führen Kränze, Blumen, Grablaternen mit sich, ja dort vorne neben dem Kutscher hat sogar jemand ein eisernes Grabkreuz hingelehnt; unter dem Namen, den die Tafel zeigt, steht das Datum des Todestages; der Gestorbene liegt nun fast schon ein Jahr in kühler Erde, ohne ein anderes Merkzeichen als das der Nummer zu seinen Häuptern, und die Angehörigen beeilen sich jetzt das Kreuz »setzen« zu lassen. Tun sie das, damit die Bekannten es finden, oder ist es wahrhaft ein Zeichen liebevollen Gedenkens, von kargem Erwerbe in so langer Frist erspart, abgedarbt? Es steht kein Mütterchen dabei, die es hütet wie einen Schatz, kein Mann in dürftigen Kleidern, der es mit wehmütigem Stolze betrachtet und manchmal wie mit streichelnder Hand über die vergoldete Christusfigur fährt, der Nebenstehende, der seine Rechte nachlässig auf dem Querbalken ruhen läßt, trägt ein Schurzfell, er macht ein Geschäft ab und wird wohl morgen den trauernden Hinterbliebenen die saldierte Rechnung präsentieren. Dort in der Ecke sitzt ein junges bleiches Weib in schwarzer Kleidung, die Augen durch die müden Lider halbgeschlossen, die Lippen herbe gegeneinander gepreßt, während beide Nasenflügel unregelmäßig und stoßweise sich heben und senken. Das ist junger, kaum wochen-, vielleicht nur wenige Tage alter Schmerz. Sie preßt einen kleinen Kranz an sich und achtet nicht darauf, daß unter ihren Fingern die Blumen knicken und die Blätter sich verwirren, so wenig sie darauf achtet, daß nahe, ganz nahe, vom Schoße der Nachbarin langstielige Astern, wie vertraulich und beruhigend, mit den bunten Köpfen ihr zunicken. Diese Nachbarin, die zu Füßen eine Laterne liegen, zur Seite einen Kranz hängen und auf dem Schoße zwei Blumentöpfe stehen hat, ist ein behäbiges Frauchen mit ergrauendem Scheitel und freundlich lächelnden, wohl auch gesprächigen Lippen; aber jetzt sitzt die gute Alte in der ersten Bank, hat kein Gegenüber und die Nebensitzende, »die, in der tiefen Trauer«, will sie nicht anreden, die hätte nicht Gehör, noch Dank für eine Ansprache. Mein Gott! Wie einem in solchem Falle um das Herz ist, das weiß die alte Frau ja selbst recht gut, wenn es auch schon lange her ist, daß sie ihr den Mann hinwegtrugen, schon Jahre her. Und Jahr für Jahr ist sie zur selben heiligen Zeit hinausgefahren und hat dafür gesorgt, daß er sein Licht, seinen Kranz und seine Blumen habe und dabei erinnert sie sich so lebhaft seiner, als stünd' er ihr wieder vor Augen und es ist ihr – ach, es ist ein kindischer Gedanke, sie weiß es – als vermöchte ihre Geschäftigkeit um ihn ihm Freude zu machen. – – – – Sie wendet ein wenig den Kopf und blickt durch die Scheibe nach der Straße. Rücken gegen Rücken mit ihr sitzt eine Dame, welche sich, was Gesprächigkeit anlangt, durchaus keinen Zwang auferlegt, unbekümmert darum, ob man ihr Gehör schenkt oder Dank weiß. Die unermüdlich Plaudernde hat eine kleine, aber keineswegs zierliche Figur, denn ein überlanger Oberleib läßt die Beine lächerlich kurz erscheinen, aus dem vollen runden Gesichte blicken, blau und wässern, ein paar nichtssagende Äugen und unter dem Stumpfnäschen zeigt sich ein Mund, der nur dadurch den Eindruck unangenehmer Breite macht, weil die Lippen sich so platt schließen, der Umstand, daß sie geöffnet diesen Eindruck unangenehmer Breite und Plattheit nur verstärken und der welke Zug um ihre Winkel weist darauf hin, daß wir hier eines jener Kinder vor uns haben, die wohl altern, aber nie groß werden, und die glauben, sie seien Weib geworden, weil sie verheiratet gewesen. Die kleine Dame sprach unaufhörlich von ihrem »Seligen«, und wenn sie fürchtete im Straßengelärme unverstanden zu bleiben, so begann sie mit ihrem kreischenden Stimmchen zu schreien, dazu nickte sie und wiegte sie, als wollte sie es den beiden Kränzen zuvor tun, die mit flatternden Schleifen außen an den Hacken schaukelten, zwischen denen sonst die Wagenlaterne hing. Neben stand ein Mann mit hohlem Auge und eingesunkener Wange, er sog an einer Strohzigarre. Wenn der Wind gar zu arg an den Kränzen zauste, dann griff der Raucher schützend nach dem einen, auf dessen schwarzer Schleife in Silberdruck die Worte »Ruhe sanft« zu lesen waren, dabei hatte sich ihm einmal die goldbefranzte Atlasschleife des anderen über den Arm geschlagen und er las die in plumpen, schreiend gelben Lettern angebrachte Devise. Er lächelte bitter und streifte verächtlich das Band von sich. Dieser Vorgang veranlaßte die kleine Witwe, eine äußerst lebhafte Schilderung des Todeskampfes ihres verewigten Gatten zu unterbrechen und sich über die Roheit der Welt zu beklagen, da eben jener Kranz der für ihren »Seligen« bestimmte ist. Mit sichtlicher Genugtuung erwähnt sie, daß sie selbst »angegeben« habe, was »ihm« auf das Band zu »setzen« sei, nämlich »das« Wort: Auf Wiedersehen! (Sie sagte allerdings: Aufs Wiedersehen!) Sofort aber – an das zuvor Unterbrochene anknüpfend – erzählte sie, daß sie nicht eine Viertelstunde mit der Leiche ihres Mannes unter einem Dache geblieben sei, aus Furcht, der Tote möchte wieder »lebendig werden oder ihr sonst etwas antun«. Über diese naive Äußerung, die mit der Sehnsucht nach dem Wiedersehen einigermaßen im Widerspruche stand, lachte ein junger Mensch an meiner Seite laut auf, das machte mehrere mitlachen und die Schwätzerin verstummen. Das Bürschchen neben mir, vermutlich ein Student, schien sein Verdienst um die Gesellschaft nicht gering anzuschlagen. Er saß da, in Miene und Gebärde jene überschwengliche Selbsteingenommenheit zur Schau tragend, welche verzogene junge Leute sich so häufig merken lassen und unvernünftige ältere wie eine Beleidigung empfinden, während vernünftige darüber lächeln. Er hielt ein Buch in der Hand, zwischen dessen Blättern er den Zeigefinger einklemmte, indes er mit dem Rücken sich den rechten Schenkel frottierte. Ich neigte mich ein wenig vor und las den Titel des Werkes: »Der Tag nach dem Tode«. Wahrscheinlich sucht er das Grab eines Jugendgenossen auf und zu diesem Gange hat er sich in seiner Art vorbereitet, mit einem – Lehrbuche; ihm mag es ja für ein solches gelten, denn sicher imponiert ihm noch eine schlankweg aufgestellte Hypothese mit waghalsig darauf gebauten Schlüssen. Fernab liegt der Jugend Tod. Eine weite Strecke, erfüllt mit Träumen von Ehre und Glanz, Genuß und Glück, legt sie zwischen ihn und sich. Sie glaubt nicht an den Tod, weil sie eine stets wachsende Kraft in sich fühlt, über deren Betätigung sie zwar im unklaren ist, deren Vernichtung aber so ganz undenkbar erscheint, daß selbst die Frage nach einem Anderswo und Irgendwie für eine müßige gilt! Wahrhaftig, die Jugend bedarf nicht jener Trostbücher, jener Streitschriften gegen die ziemlich allgemein verbreitete Meinung, daß der Tod ein Übel sei; was aber sollen wir Erwachsene mit ihnen anfangen? Es ist eines der jämmerlichsten Machwerke dieser Gattung, das mein Nachbar da mit sich führte, denn es behandelt »das zukünftige Leben nach den Forschungen der Wissenschaft«, benützt auch, größerer Anschaulichkeit halber, daß beliebte Mittel der Illustration, »mit zehn astronomischen Abbildungen«, steht auf dem Titelblatte. Also in einer Sache des Herzens wendet sich der Autor nicht an dieses? Auf einem Gebiete, wo sich zu allen Zeiten die erleuchtetsten Geister des Wissens beschieden haben, will er sich nicht bescheiden? Glauben denn diese Philosophaster, wenn sie einen Traum, mit eigenem halben Wissen und fremder mißverstandener Beobachtung herausgeputzt, zu Markte bringen, daß ihn irgendwer für ein System kauft und zu einer Überzeugung ausfüttert? Mit euren Büchern macht ihr auch nicht einen Zweifelnden um ein Bedenken ärmer, um eine Hoffnung reicher; der Ernste wird sie kopfschüttelnd aus der Hand legen, dem Launigen bieten sie Anlaß zu wohlfeilen Späßen, denn wenn ihr über Auferstehung, Wiedergeburt, Existenz auf anderen Welten oder im weiten Ätherraume so wortreich und selbstbewußt euch vernehmen laßt wie irgend ein Dozent über ein gang und gäbes Kapitel aus der Naturgeschichte, dann wird man euch auch fragen, wo denn bei eurem Wissen der Prüfstein aller Wissenschaft, das Experiment, bleibt; ob ihr schon einmal auferstanden, wiedergeboren worden, auf anderen Sternen gewesen, im Äther geschwebt seid oder ob ihr andere zu derlei Motionen veranlaßt und sie dabei und danach kontrolliert habt? Daß ihr Zweiflern gegenüber vergebene Mühe aufwendet, das wird sich eure Autoreneitelkeit nie klar machen, doch wahrlich nicht das nimmt man euch übel, daß ihr Spötter lachen macht, wohl aber, daß ihr durch eure Machwerke, die Gläubigen, die Hoffenden verletzt. Was auch den Menschen bewegt, nach der Unsterblichkeit seines Wesens zu verlangen, ob ihn grübelnder Sinn lüstern macht, den letzten Grund der Dinge zu schauen – ob das Rätsel des Daseins so schwer auf ihm lastet, daß ihn vor dem Zusammenbrechen nur der Gedanke schützt: er werde wissen warum, wofür er litt und stritt – ob er von der Unzulänglichkeit des irdischen Rechtes bedrückt, nach dem göttlichen aufschreit und ihm Lohn und Strafe anheimstellt – ob es die Liebe ist, die ihn nach seinen Heimgegangenen sehnen macht – oder ob es auch nur der Kampf ist gegen den Gedanken der Vernichtung, der ihn in einsamen Nächten durchfröstelt – all dies Bangen, Sehnen, Heischen, Hoffen und Ahnen, es ruht zu tiefst in der Brust des Menschen eingeschlossen, unausgesprochen, unaussprechbar, über allen Schrecken des Todes und Greuel der Verwesung – ein Mysterium! Ein Mysterium, das ihr entheiligt, wenn ihr es vom Herzen nach dem Kopfe versetzen wollt! Ein Mysterium, das, auf den lauten Markt gezerrt, zum Märchen wird und in euren Büchern – zu Unsinn! Ich hatte mich vergessen und die letzten Worte laut gesprochen. »Wie meinen?« fragte der Student. Ich legte den Zeigefinger auf das Buch und sagte: »Das mein' ich.« Jetzt tauchte zur rechten Hand die Rohziegelmauer mit den darüber wegragenden Kreuzen und Urnen auf, der Wagen rollte rascher dahin, die Schleifen der beiden Kränze flatterten hintennach und drehten sich im Winde ab und zu – Ruhe sanft! – Ruhe sanft! – Auf Wiedersehen! – Auf Wiedersehen! Jetzt faßt der Kutscher nach der Kurbel der Rädersperre. Eine kurze Strecke noch schleift der Wagen hin, dann halten wir am Ziele. Der hagere, hohlwangige Mann außen wirft den Zigarrenstummel von sich, hebt seinen Kranz vom Haken und steigt vom Trittbrette, die kleine Witwe schießt zur Wagentür hinaus, wobei sie dem Studenten einen mißgünstigen Blick zuwirft; dieser erhebt sich und folgt ihr, nachdem er aus überragender Körperlänge mit entsprechend überlegenem Lächeln auf mich herabgesehen, die Dame in Trauer seufzt schwer auf und verläßt zögernd ihren Sitz, und das behäbige alte Frauchen, obwohl vollauf beschäftigt, Laterne, Kranz und Blumentöpfe zu ordnen, nickt ihr teilnehmend zu. Als ich durch das große Tor eintrat, kam ein Diener in reicher Livree, der ein schwarzsamtenes Kissen unter dem Arme hielt, herzugelaufen und gab Zeichen nach dem Standplatze der Privatequipagen; dann blickte er nach einem alten Herrn zurück, der noch in einiger Entfernung bedächtig einherschritt. Es war ein rüstiger alter Herr trotz des schneeweißen Haares, das unter der breiten Krempe seines Zylinderhutes bis zum Rockkragen niederhing; das schwache Rohr mit dem goldenen Knopfe benützte er, um hie und da ein Steinchen spielend aus dem Wege zu schleudern, und den feinen Oberrock, der ihn vor der Unbill der Witterung schützen soll, trug er nicht einmal zugeknöpft, so daß man bei mancher Wendung den Brillant der Busennadel im Sonnenlichte sprühend aufleuchten sah. Der Greis kehrte Wohl aus dem vornehmen Viertel des Friedhofes zurück, wo sich Gruft an Gruft reiht, er fand dort die Ruhestätte der Seinen – einst die eigene – unter Palmenzweigen, Blumen und Kränzen, von Lichtern umflackert, und kniete davor im Betschemel auf samtenem Polster. Jetzt wandelt er achtlos an den Schachtgräbern dahin. An dem letzten derselben steht ein Mann, gleichfalls schwarz gekleidet, aber dürftig, ein fadenscheiniges Röckchen am Leibe, ein dünnes Beinkleid, das ihm der Wind an die dürren Glieder preßt. Der Mann starrt vor sich hin auf das Grab, nur wenn das kleine in seinen Lumpen frierende Mädchen, das er an seiner linken Hand hält, zusammenschauert, dann blickt er, wie scheu, nach der Kleinen, sein Auge wird unstet und er fährt schnell mit den Fingern der Rechten danach und wischt, als quälte ihn dort ein Sandkorn. Auf diese Gruppe trat der alte Herr zu, mit leutseliger Miene beugte er sich herab zu dem Kinde. »Hast du ein Schwesterchen oder ein Brüderchen da?« Der Arbeiter griff an den Schirm seiner Mütze. »Die Mutter, Herr!« Der Greis berührte flüchtig mit der Hand das Köpfchen der Kleinen. »Nun, sei nur recht brav,« sagte er, »deine Mutter sieht jetzt alles, die ist ja im Himmel dort oben.« Der Dürftige mochte wohl dem noblen Herrn nicht ins Gesicht widersprechen, er sah daher zur Seite, drückte das frostgerötete Pätschchen in seiner Linken, um das Kind aufmerksam zu machen, und sagte leise, aber bestimmt, indem er mit der Rechten nach dem Grabhügel wies: »Da, in der Erd' ist sie!« Der Alte stieß einen mißbilligenden Laut aus und zog die Brauen zusammen. »Pfui. Wenn sie jetzt auch da in der Erde ruht, so wird sie doch einst, wie wir alle, wieder auferstehen.« »Bester Herr,« sagte der Arme und diesmal hielt er den Blicken des Reichen stand, »die hat all ihr Lebtag nichts Gutes gehabt, wozu sollte sie wieder auf?!« Da kehrte sich der alte Herr ab und ging zornig murmelnd hinweg. Der Diener, der ihm in den Wagen half, erlauschte dabei, daß jetzt ein roher Unglaube unter den niederen Schichten um sich greife. Bestürzt klappte er den Schlag zu. Ich hatte wenige Schritte seitwärts gestanden, während die beiden Männer sprachen; als jetzt der Arbeiter das Grab verließ, faßte er mich ins Auge und streckte die Hand nach dem Hügel aus, mit einer Geste, als wollte er etwas sanft nach der Erde zurückdrücken. »Es ist doch besser so!« sagte er, und an mir vorüberschreitend, deutete er nach der Richtung, die der Alte eingeschlagen, und lächelte bitter: »Glaub's schon, daß der gerne ein Leben fortführen möcht', wo ihm nie etwas abgegangen ist.« Gleich diesen beiden werden viele verstimmt, verbittert, verdüstert von Grabstätten heimkehren, weil sie ihren Glauben oder Unglauben nicht außer den Friedhofsmauern gelassen haben. Wir leben einmal dieses Leben und an diese Welt sind wir mit allen Nervenfasern und Muskelsträngen geknüpft, mit den Bewohnern einer andern wüßten wir nichts anzufangen; aber auch das lebendige Angedenken derer, die mit uns gewohnt hatten, vermögen wir nicht auszutilgen, und ebensowenig wie sich der Gläubige die Verklärung, vermag sich der Ungläubige die Vernichtung vorzustellen. Verständlich sind uns die Toten nur als das, was sie waren! Als Vorkämpfer in den gleichen Streiten, als Vorläufer nach den gleichen Zielen stehen sie uns nah, und weil die Bahn, soweit sie dieselbe durchmessen, abgeschlossen vor unseren Augen liegt, weil wir wissen, welchen Weges und an welches Ende sie von Irrtum, Leidenschaft oder Tüchtigkeit Schritt für Schritt geführt worden, so wirkt auch ihre Lehre ernster, ihre Mahnung eindringlicher, ihr Beispiel mächtiger; doch Lehre, Mahnung und Vorbild sprechen nur dem Geschlechte, dem sie angehörten, von der Welt, in deren Lichte sie einst gewandelt. O glaubt nur ja nicht, daß die Toten so ganz tot seien! Ihr müßtet eben nie davon gehört haben, was sie aus einem feigen Geschlechte zu machen vermögen, wenn dieses, dem Untergange nah, der Tüchtigkeit seiner Vorahnen sich erinnert und zu ihnen aufschreit in höchster Not; ihr müßtet überhaupt nicht von dem Verkehre mit ihnen wissen. Fürchte niemand, daß ich ihn jetzt vom Friedhofe weg in die Sitzung eines spiritistischen Klubs führe, noch daß ich hier, angesichts der Gräber, für ein Medium oder für eine neue Broschüre über Kundgebungen aus dem Jenseits Reklame zu machen beabsichtige; das alles hat nichts mit dem zu schaffen, was ich meine. Ich werde jetzt hier die Gräberreihe entlang gehen, ich weiß dort einen Hügel, der eine teuere Heimgegangene deckt, ich werde ihr diesmal wenig sagen können, denn wir werden vielfach gestört sein durch Leute, die nur der eigene und fremde Putz und der der Gräber beschäftigt, aber ich werde alles, was mit mir und um mich vorgegangen, seit ich das letztemal an derselben Stelle gestanden, kurz zusammenfassen; mählich wird in Ton und Geste, in Ausdruck und Mienen das Bild der Dahingeschiedenen lebendiger – hier hasche ich einen Ton des Einwurfs – dort eine Geste der Zustimmung – und wenn ich dann in mir etwas wie Beschämung empfinde, dann mißbilligt sie – und wenn mir's frohmütig wird, dann heißt sie gut – und wenn zutiefst mir in der Seele stille, dann tröstet sie, – – Ah, ihr denkt, es rede nur dieser eine Tote und nur mir? O, fragt doch – fragt ein gutes Kind, das am Grabe seiner Eltern sich deren Segen erfleht, fragt ein arges Kind, das Verzeihung erbettelt, fragt den Vater, der am Grabe seines Lieblings sich Trost holt, fragt, fragt alle, die sich auf den Umgang mit den Verstorbenen verstehen, und sie werden euch sagen: »O, glaubt nicht, daß die Toten so ganz tot seien!« Ludwig Anzengruber Aus der Spielzeugwelt Ein Märchen. Ein imposanter Hochzeitszug bewegte sich nach der Kirche, die in der Zimmerecke auf dem Boden stand; es war das ein Bau aus einem Guß – von Gips, und es läßt sich nicht leugnen, daß er im Sonnenlichte von außen etwas verstaubt und innen berußt aussah, es war aber auch gar nicht seine Bestimmung, im Tagesglanze etwas vorzustellen, sondern im Dunkeln selbst zu leuchten. Zu dem Ende standen zwei Lichtstumpfen im Innern, und wenn die angebrannt wurden, so schlug die Helle durch die vielen farbigen Fenster, was sich sehr hübsch ausnahm. Der Dom dürfte sonach die Stätte eines der Feueranbetung verwandten Kult gewesen sein. Den erwähnten Zug eröffnete ein Wagen – sie hatten nur den einen – darin saß das Brautpaar, eigentlich saß nur die Braut, eine Puppe von junonischer Gestalt, während der Bräutigam, ein hölzerner Nußknacker, quer über dem Wagen lag, mit dem angeleimten Fußbrettchen über den Kutschsitz und mit dem Kopfe über die Lehne hinausragte. Die Braut sah mit den großen dunklen Augen erwartungsvoll vor sich hin; ihre Linke hing schlaff herab, ihre Rechte hatte sie erhoben und in der Magengegend auf ihres Bräutigams Leib gelegt, und wenn sie fuhren und der Arm schütterte, so schien sie ihren Zukünftigen sanft zu frottieren, was sich sehr zärtlich ausnahm. Hinter dem Wagen ordnete sich das Gefolge und die Schar der geladenen Gäste. Es sprach jedenfalls für die Bedeutung der gesellschaftlichen Stellung des Nußknackers, daß zur Feier seiner Vermählung mindestens drei Schachteln Soldaten ausgerückt waren, Reiterei und Fußvolk, sei es nun als Ehrengarde, oder um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Unter den geladenen Gästen fielen besonders etliche Puppen auf, die mehr oder minder durch die Zeit gelitten hatten und sich trotzdem sehr auffällig benahmen; eine einzige zog sich bescheiden zurück, eine unglückliche Person, welcher der rechte Fuß und der linke Arm fehlte, und die sich dieses Mangels bewußt schien; ferner waren da ein großer Gummiball, dem ein buntlackierter Blechkreisel nicht von der Seite ging, dann zwei Gelehrte, nämlich ein Kuckuck, der zwar einen Leib von getrocknetem Lehm, Drahtfüße und darunter einen Blasebalg hatte, aber auf dem Lehmleibe klebten natürliche Vogelfedern, und der Ruf aus dem Blasebalg war so täuschend, als er nur sein konnte, und ein hölzerner Gockelhahn, welcher behauptete, daß er in gerader Linie von dem Herausgeber der alten Kinderfibeln abstamme, dessen Bildnis auf dem Titelbilde derselben ersichtlich gewesen; auch ein Wurstel fehlte nicht, der sich Edler von Strumpf nannte, weil er vom Scheitel bis zur Sohle gestrickt war, ein fahrbares Kaninchen, das die Trommel, und ein Bajazzo, der die Tschinellen schlug. Es würde sehr zeitraubend sein, all die mehr oder minder unbedeutenden Personen namentlich aufzuführen, die sonst noch dem Brautpaar das Geleite gaben, genug, es war ein imposanter Zug, der sich nach der Kirche bewegte, die in der Zimmerecke auf dem Boden stand. »Das ist zu rund,« sagte der Gummiball, »nur einen einzigen Wagen beizustellen –« »Ach,« seufzte der Kreisel, der ihm zur Seite ging, »wär' ich nur aufgezogen, da sollten Sie mich sehen dazwischenfahren!« »Das ist zu rund, sage ich,« wiederholte der Gummiball, ärgerlich über die Unterbrechung. »Nur einen Wagen beizustellen und den selbst zu benützen, und alle andern sollen sich abmühen, hinterher kollern, rollen und schleifen!« »Und wie langsam das vorwärts geht!« seufzte der Kreisel. »Wär' ich nur aufgezogen!« Es hatte keinen Verstand, was die beiden da schwatzten. Ein kleiner Knabe hatte sich in der Ecke neben der Kirche niedergekauert und zog an einer langen Schnur den Wagen, in dem das Brautpaar saß, an sich, ließ ihn aber immer nach ein Paar Spannen breit Halt machen, damit das Schwesterchen, das neben dem Zug auf den Knien herrutschte, alles in schönster Ordnung nachschieben könne; es war daher sehr einsichtslos, sich über Langsamkeit zu beklagen und von einer Mühe, um sich hintennach zu kollern, rollen und schleifen, konnte gar keine Rede sein, denn das besorgte für jeden eine fremde Hand und den Undankbaren lag eigentlich nur ob, sich den mühelosen Weg über zu unterhalten. »Ach, die Glücklichen,« flüsterte die Puppe, die nur. einen Arm und ein Bein hatte. »Wer? Wo? Wieso?« riefen die anderen, von der Zeit mehr oder weniger Mitgenommenen, welche die rücksichtsvolle Schonung, die ihnen seit ihrem Verfall zuteil wurde, als Vernachlässigung empfanden. »Sie halten doch nicht dafür, daß sie mit ihm, oder er mit ihr –?« fragte eine derselben; sie trug einen Holzkopf mit spitzer Nase, die hatte sie sich lange schon abgestoßen, aber ihr Gemüt war spitz geblieben. »Er mit ihr!« Sie lachte. Die andern kicherten. »Ei, meine Liebe,« fuhr die Holzköpfige fort, »da gäbe es Geschichten zu erzählen aus der Zeit, wo sie noch keinen Gedanken auf den ehrlichen Nußknacker hatte. Sie werden sich ja erinnern, meine Damen, als wir das letztemal die prächtige Naturerscheinung des leuchtenden Baumes hatten, die uns den Ablauf jedes Jahres anzeigt und zugleich immer von einem starken Fremdenandrange begleitet ist, da ist auch diese Person mit einmal mitten in unsere Gesellschaft hineingeschneit. Unter den Zugereisten befand sich auch ein schmucker Militär –« »Terrom, terrom, tom, tom!« machte das trommelnde Kaninchen, denn es wurde eben vorgeschoben. »Haben Sie gehört, meine Damen?« fragte laut lachend die Holzköpfige. »Ein vortrefflicher Witz! So viel Sarkasmus hätte ich dem Ausgebälgten gar nicht zugetraut; vor dem muß man sich künftig in acht nehmen.« Das Kaninchen wußte gar nicht, um was es sich handelte, aber für witzig zu gelten, das schmeichelte ihm; es kompromittierte sich daher durch keine Frage und sah so gläsern vor sich hin, wie zuvor. »Daß ich also sage,« fuhr die mit dem Holzkopf fort, »mit diesem schmucken Militärsmann befreundete sie sich sehr bald, ersah die Gelegenheit, sich mit ihm davonzustehlen und wurde am andern Morgen mit demselben in einer Sofaecke aufgefunden.« »Das glaube ich nicht,« sagte die invalide Puppe. »Sie können es auch bleiben lassen,« sagte grob der Holzkopf. »Sie brauchen auch nicht zu glauben, was ich zu erzählen weiß, und was Ihnen die Damen hier alle werden bestätigen können,« sagte eine mit einem Porzellankopfe, der schon lange die aufgeklebte Perücke verloren hatte und glatt und glänzend wie der Wassersack einer Tabakspfeife aussah. »Sie brauchen es nicht zu glauben, nichtsdestoweniger bleibt es aber doch wahr: Eines Tages hatten wir uns alle zu einer Festlichkeit zu versammeln, ich weiß nicht mehr zu welcher, – da hätte unsereins auch viel zu tun, sich jede zu merken, wo man zu so vielen beigezogen wird und oft selbst nicht weiß, wozu eigentlich, – kurz, wir kamen alle zusammen, außer dieser Person, die sich ausschloß, um mit einem kleinen Rauchfangkehrer allein im Schrank zurückbleiben zu können.« »Ach, gehen Sie doch,« sagte die Invalide. »Ach, gehen Sie mir doch, Sie zimpferliches Ding,« sagte eine andere, die hatte eine Larve von Wachs voll Risse und Schründe. »Glauben Sie, daß wir jemandem unrecht tun? Wie lange ist's denn her, daß sich dieses hochmütige Geschöpf gänzlich von uns separiert und absentiert und in einem Schloß, einem veritablen Schloß, sage ich Ihnen, mit Garten und Springbrunnen, logiert hat? Der stolze Bau ist später verschwunden, soll aber noch existieren! Der Grauschimmel auf Rädern, der oft weite Reisen macht, will ihn auf einer seiner Wanderungen gesehen haben.« »Erlauben Sie,« sagte schüchtern die verstümmelte Puppe, »aber ich finde nichts Arges darin, in einem hübschen Schlosse zu wohnen.« »O Sie –!« schrie lachend der Wachskopf. »Woher hatte sie's denn?« »Meinen Sie, für nichts und wieder nichts?« höhnte der Porzellankahlkopf. »Sie wissen eben nicht, wer ihren Landaufenthalt teilte,« bemerkte überlegen die Holzköpfige. »Ein Herr?« flüsterte sehr verschämt die arme Puppe. »Der blieb freilich weg,« sagte die mit der Wachslarve, »aber eine Amme fand sich ein, eine veritable Amme, sag' ich Ihnen, mit einem Wickelkinde auf dem Arme.« »Oh, meine Damen,« ereiferte sich unwillig die Stummelpuppe, »es konnte ja das Kind einer Verwandten gewesen sein, und die Dame scheint mir sehr gebildet, so hat man ihr wohl das Kind zur Erziehung –« »Freilich, freilich,« lachten die drei, »eine Gouvernante für ein Wickelkind! Hahaha! Das ist kostbar!« »Ich verstehe nicht, warum Sie sich gar so warm dieser Dame annehmen,« sagte die Holzköpfige, nachdem sie wieder zu Atem gekommen. »Sie dürfen sich versichert halten, meine Beste, daß sie es Ihnen nicht Dank wissen und Sie bei jeder Gelegenheit zurücksetzen wird, denn der Verkehr mit Ihnen verheißt ihr keinen Vorteil, und daß sie sich auf den versteht, das können Sie uns glauben. Als die Herrlichkeit mit dem Schlosse Knall und Fall ein Ende nahm und sie sich zur Rückkehr in unsere verschmähte Gesellschaft entschließen mußte, da war sie wohl der Abenteuer müde und recht froh, einen Mann zu finden wie Nußknacker, der Stellung und Auskommen hat; nun, ich gönne ihr den hölzernen Patron, das muß ich sagen, und auch ihm gönne ich sie, wahrhaftig, das tue ich von ganzem Herzen. Mich dauern nur die andern Damen, denn dazu brauchte er nicht so große Augen, wie er im Kopfe hat, um eine bessere Wahl zu treffen!« »Oh, bitte, bitte,« riefen die andern. Der Zug war vor der Kirche angelangt und die Zeremonie der Trauung, ebenso kurz wie bedeutungsvoll, ging vor sich. Der Nußknacker und seine Braut mußten den Wagen verlassen, vor dem Portale Aufstellung nehmen und vor dem versammelten Volke sich küssen; hierauf setzten sie sich wieder in den Wagen und die Heimkehr sollte in gleicher Ordnung vor sich gehen, da trat plötzlich eine allen unerklärliche Verwirrung ein, der Wagen blieb wie festgebannt auf dem Flecke, die Gäste fühlten sich an- und übereinandergedrängt, wobei manche das Gleichgewicht verloren und zu Boden fielen, dann blieb alles liegen und stehen, wie es lag und stand. Man war darüber einigermaßen verschüchtert und hielt es für ein böses Omen, nur der gelehrte Kuckuck mit den natürlichen Vogelfedern tat sehr zuversichtlich. »Herr Kollega,« sagte er zu dem hölzernen Gockelhahn, »haben Sie nicht auch in dem Luftstrome, der vorhin mit einmal über uns wegstrich, einen starken Boulliongeruch wahrgenommen?« »Ja,« sagte der Gockel. »Nun, sehen Sie,« fuhr der erstere fort, »nur die Fäkalgerüche sind die bösen, die sind von übler Vorbedeutung. Guck, guck, so findet sich's, wie ich sage!« »Ich wollte,« sagte der hölzerne Gockel, »ich hätte auch so 'nen Blasebalg und könnte Wind machen wie Sie, da sollten Sie anderes zu hören bekommen.« Einige Zeit danach waren alle bei Nußknackers geladen, mit Ausnahme der Soldaten – denn eine Stube ist doch kein Exerzierplatz – des Kaninchens, das die Trommel, und des Bajazzos, der die Tschinellen schlug – denn man wollte keinen Lärm im Hause – und der Puppe, die nur einen Arm und ein Bein hatte; beim Hochzeitszuge verlor sie sich unter den vielen, sonst war sie aber doch ein gar zu angenehmer Anblick. Der gestrickte Wurstel, der sich Edler von Strumpf nannte, erhielt die erste Einladung, solche Personen geben den Häusern, welche sie besuchen, ein Ansehen, und man darf es daher ihnen gegenüber in nichts versehen, was sie etwa beleidigen könnte; er sagte zu und erschien, der Erste am Platze. Dann waren die Puppen, welche die Zeit mehr oder minder mitgenommen hatte, eingeladen, Holzkopf, Porzellankopf und Wachslarve, Damen, die sich in Gesellschaft zu bewegen und wenigstens ins Gesicht jedermann etwas Artiges zu sagen wußten; ferner der Sonderling Gummiball, dem alles zu rund war, und sein anhänglicher Gefährte, der Blechkreisel, der übrigens gebeten war, unaufgezogen zu erscheinen. Alle hatten sich pünktlich eingefunden, man wartete nur noch auf die beiden Gelehrten den Kuckuck mit den natürlichen Vogelfedern und den hölzernen Gockelhahn. Die beiden hatten sich auf dem Wege getroffen. »Wissen Sie schon?« fragte der Hahn, denn Gelehrte verabscheuen unnütze Auseinandersetzungen: wußte der Kuckuck etwa schon, was ihm der Hahn mitzuteilen gedachte, so konnte der letztere alle Worte sparen, darum fragte er: »Wissen Sie schon?« »Den Anlaß zur Einladung bei Nußknackers?« sagte der Kuckuck. »Freilich weiß ich ihn, verehrter Herr Kollega. Der Klapperstorch hat sich bei dem jungen Paare eingestellt und ein allerliebstes Wickelkind gebracht. Ohne es gesehen zu haben, getraue ich mir auf Grund der Bekanntschaft mit den beiden Eltern auf sein Aussehen und Wesen einen Schluß zu ziehen, für dessen Richtigkeit ich – ich weiß nicht was – verwetten möchte! Das Kind hat ganz sicher – achten Sie darauf, Herr Kollega – den Porzellankopf der Mutter und das Füllsel vom Vater, der von Holz ist, also Sägespäne.« »Ach, verehrter Herr Kollega,« sagte fast mitleidig der Hahn, »das ist ja doch schon längst veraltete Rockenweisheit, die Sie aus in der Vorzeit gang und gäben Sprichwörtern zusammengebraut haben, in denen sich der sogenannte klare Verstand aussprach, der sich immer nur an das Allgemeine der Vorfallenheiten hält; damit imponiert man dem großen Haufen, der es ganz gut dahin bringt, zu vergessen, was er zu wissen glaubte, und sich hinterher das Vergessene als überraschende neue Wahrheit, wie Sauerkraut, aufwärmen läßt. Ein System läßt sich aber auf derlei nicht bauen, denn einem solchen zufolge, verehrter Herr Kollega, könnte ja auch die kleine Puppe vom Vater einen Holzkopf und von der Mutter einen Porzellanleib haben! Nicht?« »Nein, wahrhaftig nein,« ereiferte sich der Kuckuck. »Wissen Sie denn nicht, Herr,« – aus Ärger nannte er den Hahn weder Kollega, noch verehrte er ihn weiter – »wissen Sie denn nicht, daß nach den neuesten Aussprüchen gewiegtester Autoritäten von der Mutter der Kopf auf die Kinder vererbt und von dem Vater das Innerliche? Porzellankopf und Sägespäne, sage ich Ihnen, anderes werden Sie nicht zu Gesicht bekommen. Guck, guck, so wird sich's weisen!« So streitend traten die beiden in den Empfangssalon bei Nußknackers, die Gäste hatten es sich längs den Wänden auf Sesseln, auch auf Schränken bequem gemacht, nur der Herr vom Hause stand aufrecht, er konnte, seiner steifen Knie wegen, überhaupt nicht sitzen, er hielt den breiten Mund zugeklappt, was seinem Gesichte einen ebenso würdevollen als feierlichen Ausdruck verlieh, seine Frau saß auf dem Ruhebette und auf dem Tische davor lag ein Wickelkind. Nach der Begrüßung traten die beiden Gelehrten hinzu, das Kleine in Augenschein zu nehmen. »Tragant!« rief der Hahn triumphierend aus. »Oh, Atavismus!« schrie der Kuckuck. »Nichts als Atavismus! Ich wette, um was Sie wollen, eines der Großeltern des Kindes war von Tragant!« »Ei, Herr Kollega,« höhnte der Hahn, »die Methode ist gut; wer die Mauern einschlägt, erspart ein Hinterpförtchen.« »Die Großeltern! Haben Sie gehört? Die Großeltern!« zischelte die Holzköpfige ihren beiden Freundinnen zu. »Allen Respekt vor der Wissenschaft, wär' ich vermählt, so müßte mir auch ein Gelehrter ins Haus, er kann zuweilen der Frau sehr nützlich sein.« Der Streit der Gelehrten hatte die Gesellschaft sichtlich verstimmt, denn Zustimmung oder Widerspruch erschien in einer so heiklen Angelegenheit gleich unartig, man brach allseitig auf und trennte sich; der Edle von Strumpf gab unter Gähnen der liebenswürdigen Hausfrau den wohlmeinenden Rat, keine Gelehrten mehr zu laden, es sei das ein rücksichtsloses Volk, das sich nur ungelegen mache. Etliche Wochen, bevor die prächtige Naturerscheinung des leuchtenden Baumes den Ablauf des Jahres anzeigte, trat jedesmal ein anderes Ereignis ein, das viel zu denken gab; stets am bestimmten Tage kam nämlich ein sehr würdig aussehender Bischof zugereist in Begleitung eines ganz abscheulichen Gesellen, der in rauhes Fell gehüllt war, Hörner trug und gegen jedermann die lange, rote Zunge bleckte; diese beiden Ankömmlinge hielten sich von aller Welt ferne und schlossen sich zwischen den Fenstern ein. Einige meinten, daß der Bischof zur Überwachung und Ordnung kirchlicher Angelegenheiten reise, andere hielten dafür, daß es sich entweder um die Versuchung des Bischofs durch den ersichtlich argen Gesellen, oder um die Belehrung des letzteren durch den ersteren handle, gewiß war nur, daß es gleichzeitig noch andere Nüsse zu knacken gab, wozu der Nußknacker bestellt war, der dann immer von Amts wegen eine kleine Reise unternehmen mußte. Während seiner diesmaligen Abwesenheit stellte sich ein Fremder ein, ein stattlicher Herr, der in weiße Seide und blauen Samt gekleidet war, über und über mit Silberbörteln und ebensolchen Flinserln bedeckt, er hatte ein reichgesticktes Barett auf, von dem bunte Federn nickten, und hing an einem Gummifaden, was ihn befähigte, die unglaublichsten Sprünge zu machen. Man hieß ihn bald allgemein den Luftspringer. Diesem Luftspringer nun fielen die junonische Gestalt und die großen, dunklen, erwartungsvollen Augen der Madame Nußknacker auf, er stellte sich derselben vor, indem er sagte, er würde es sich als unverzeihliche Sünde anrechnen, der schönsten Frau der Welt nicht seine Aufwartung gemacht zu haben. Indem er die Gesellschaft mit beleidigender Geringschätzung behandelte, brachte er es bald dahin, daß jeder, der ihn dort wußte, dem Nußknackerschen Hause ferne blieb. Der jungen Frau schmeichelte der ausschließliche Vorzug, der ihr zuteil ward, und da sie an dem Umgange Luftspringers Gefallen fand, berührte es sie gar nicht unangenehm, daß die Ungeladenen wegblieben; daß auch keine Geladenen kämen, war ganz in ihre Hand gegeben, und so kamen auch keine, kurz, je mehr sich die beiden einander näherten, je mehr zogen sich alle andern von ihnen zurück. Der Nußknacker hatte seiner anstrengenden und aufreibenden Pflicht genügt und kehrte heim. Er machte einen Augenblick auf einer Kommode Halt und sah hernieder, der Raum unter ihm lag in einer befremdenden Ruhe und Leere, kein bekanntes, befreundetes Wesen ließ sich hören oder sehen; dort am Boden, in der Fensternische gegenüber mußte die Wohnstube liegen. Der Nußknacker richtete die großen Augen nach seiner Wohnstätte. Oh, es war empörend, was er da sah! Er klapperte ein paarmal mit der Kinnlade, dann blieb er erstarrt mit offenem Maule stehen. Als er wieder zu sich kam, fand er sich in dunkler Lade von allen Bekannten und Befreundeten umgeben. »Das ist zu rund,« sagte der Gummiball. »Wär' ich nur aufgezogen gewesen,« sagte der Blechkreisel, »ich wäre gewiß dazwischen gefahren, armer Freund!« »Ach, wer das gedacht hätte!« seufzte die Puppe, die nur einen Arm und ein Bein hatte. »Ich hab's ja gedacht!« sagte die Holzköpfige. »Ich auch!« sagte der Porzellankahlkopf. »Und erst ich!« schrie aufgeregt die Wachslarve. »Guck, guck,« sagte der eine Gelehrte. »Sie sollten sich was schämen, den armen Mann noch zu höhnen!« schrien die Puppen. »Dummes Zeug,« flüsterte der gestrickte Wurstel, der sich Edler von Strumpf nannte. »Ärgert mich nur, daß sie gegen mich die Unnahbare gespielt.« Luftspringer und Madame Nußknacker jedoch nahmen weder von der Rückkehr des beleidigten Gatten, noch von der Entrüstung der verehrlichen Gesellschaft irgendwelche Notiz; ja, sie trieben die Frechheit so weit, einmal in demselben Wagen, der den Hochzeitszug eröffnete, eine Spazierfahrt zu unternehmen und dabei recht absichtlich mitten durch die Mengen jagen zu lassen. So kam der Abend heran, an dem sich die prächtige Naturerscheinung des leuchtenden Baumes zeigt. Alles ist in der dunklen Lade erwartungsvoll versammelt. Niemand wagte dieselbe zu verlassen, mit Ausnahme Nußknackers, der von Amts wegen abberufen wird. Eben bei seiner Entfernung öffnet sich weit die Lade, und man genießt das entzückende Schauspiel, das der riesige Baum, an allen Zweigen mit flammenden Lichtern und flirrendem Goldflitter, bietet, man sieht um ihn die Schar der zugeströmten Fremden versammelt, – dann schließt sich wieder die Lade und man sieht mit fiebernder Ungeduld dem kommenden Morgen entgegen, der mit den zugewachsenen neuen Erscheinungen in Verkehr zu treten gestattet. Diesmal öffnete sich aber nach Nußknackers Abgange die Lade ein zweites Mal und Madame Nußknacker stürzte in derangierter Toilette und mit aufgelösten Zöpfen herein. Aus ihren wirren Ausrufungen ließ sich entnehmen, daß sie zum Hause hinausgeworfen worden war, nachdem sich zwischen Luftspringer und einer Neuangekommenen Fremden sofort ein Verhältnis entsponnen hatte. Die Unglückliche beschwor ihre alten Bekannten, ihr bei der Versöhnung des gekränkten Gatten behilflich zu sein. Fürs erste sagte niemand ja noch nein und alle zogen sich von ihr zurück, so daß sie in ihrer Ecke allein zu liegen kam. Als sie am nächsten Morgen erwachte, waren die ersten Worte, die an ihr Ohr schlugen: »Ja, das ist schrecklich!« Madame Nußknacker, die sich ganz verlassen in der Ecke liegen fand, wo sie am Abend zuvor liegen geblieben war, sah auf; der Grauschimmel auf Rädern, der oft weite Reisen machte, hatte die Worte gesprochen, und von einer bösen Ahnung getrieben, fragte sie: »Was ist schrecklich?« »Oh, Madame,« sagte die Puppe mit dem Holzkopfe, »von etwas Schrecklichem ist allerdings die Rede, aber da es Ihren Gatten betrifft, so weiß ich nicht, ob es Ihnen so schrecklich vorkommen wird, wie uns.« »Oh, was ist es?« rief, zu Tode erbangend, Madame Nußknacker. »Belieben Sie sich nur in Geduld zu fassen,« fuhr die Holzköpfige fort, »denn da Sie sich in letzter Zeit nicht das geringste um Ihren Herrn Gemahl bekümmerten, so ist Ihnen natürlicherweise auch gänzlich unbekannt geblieben, in welche Gemüts- und Leibesverfassung der Bedauernswerte durch die gänzliche Vernachlässigung Ihrerseits geraten war, und man wird sonach Ihnen erklären müssen, was wir alle ohne jeden Kommentar nur zu gut begreiflich finden. Die allerdings etwas frappierende Überraschung, die Sie sich Ihrem Herrn Gemahl bei seiner Heimkehr zu bereiten gestatteten, wirkte so auf den guten Mann, daß er von der Stunde an das Maul verwundernd aufgesperrt hielt, und als er gestern, wie üblich, seinen amtlichen Verrichtungen nachkommen sollte, da brachte er den Mund nicht zu und keine Nuß auf, man schalt ihn ein unnützes Möbel, und diese Kränkung seiner Ehre und wohl der Gedanke an jene, welche derselben vorangegangen war und seine körperliche Herabgekommenheit verursachte, veranlaßte den Unglücklichen, sich durch eine offenstehende Ofentüre in die Flammen zu stürzen, in denen er zu Asche verbrannte.« Madame Nußknacker schlug mit dem Porzellankopfe zu Boden. »Oh, Madame,« sagte der Gummiball, »finden Sie selbst, daß das zu rund ist? Sagen Sie aber nur, wie erklären Sie das ganz Unverantwortliche Ihres Betragens?« »Kann ich es mir denn selber erklären?« schrie Madame Nußknacker. »Wer, der jemals sich die Mühe genommen, über unser armseliges Puppendasein nachzudenken, muß nicht eingestehen, daß er sich oft plötzlich, wie von fremder Hand, zu Personen hingesetzt und ihnen nahe gebracht fühlte, an die er, mochten sie ihm bekannt oder unbekannt sein, den Augenblick zuvor gar nicht gedacht hatte, ebenso wie er wieder mit einem Male wie von fremder Hand sich von ihnen weggerissen und mit anderen vereinigt fühlt, ohne einen Gedanken an Trennung von dem Bekannten und Vereinigung mit dem Fremden gehabt zu haben?! Wer ist denn unter uns allen, der behaupten könnte, er habe diese fremde, ich möchte sagen, spielerische Hand mit ihren Eingriffen in unser Leben nie empfunden?!« »Guck, guck,« sagte der eine Gelehrte, »daran ist etwas Wahres.« »Das ist zu rund,« schrie der Gummiball. »Da haben Sie vollkommen recht,« sagte der hölzerne Gockelhahn. »Bei Wesen, deren Leben sich aus tausend Zufälligkeiten, oder nach einem Plane, der bis ins kleinste vorausbestimmt ist, aufbaut, kann derlei vorkommen und können solche Erklärungen klecken, aber bei uns, wo jeder selbständigen Willen und freie Bewegung hat, in unserer Spielzeugwelt nicht!« Marie Bernhard Heimatluft Erzählung »Sie entschuldigen, mein Herr – sitzen Sie vielleicht lieber rückwärts? Darf ich Ihnen vielleicht meinen Platz anbieten?« »Danke. Nein. Ich sitze sehr gut hier.« »So so! Ich meinte nur so. Erlauben Sie, daß ich mir eine Zigarre anzünde?« »Aber bitte, dies ist ja kein Nichtraucherabteil.« »Das ist wahr. Na, denn werde ich also –. Wollen Sie nicht auch probieren? Sehr gutes Kraut! Aus Hamburg importiert! – Ich war nämlich eben in Hamburg.« »Besten Dank. Ich rauche sehr selten.« »Na, dies ist aber 'n feines Zigarrchen, auf Wort! Kennen Sie Hamburg? Forsche Stadt – was? Kann sich so bald nichts mit vergleichen. Da gewesen?« »O ja!« »Sie müssen doch zugeben – fein! Ja – ja – ja – was ich noch sagen wollte: fahren Sie weit?« »Noch sechs Stunden!« »Sechs Stunden? Ich auch so lange! Wie sich das trifft! Auch nach W. hinunter?« »Ja!« »Sind wir also Leidensgefährten! Obgleich von Leiden eigentlich nichts zu reden ist, hier in der ersten Klasse. Ich fahr' sonst nicht erster Klasse – immer in der zweiten – die ist auch ganz gut. Und Zeiten hat's gegeben, wie ich noch jung war, wo ich froh gewesen bin, wenn ich hab' können in die dritte Klasse einsteigen. Ja, ja ja! Können mir glauben! Ich schäm' mich nicht, drüber zu sprechen. Warum sollt' ich mich auch schämen? Seine Eltern beerben und sich auf'n großen Sack voll Geld setzen und dann den Vornehmen spielen und alles erster Güte haben ... i, da kann jeder kommen! Aber sich selbst was verdienen und ordentlich schanzen, so von der Pike auf – und dann hinter sich sehen und sagen können: Ist alles deins! Hast du dir alles selber erworben! Das klingt anders – können Sie mir auf Wort glauben! »Gewiß!« Es war die knappste Form der Zustimmung, die knappste Form der Höflichkeit; ein halb unterdrückter Seufzer folgte dem einzigen Worte. Da hatte der Zufall wieder mal zwei auffällige Gegensätze zusammengewürfelt: einen Reisenden, der schweigen, und einen, der reden wollte. Und rettungslos waren sie aneinander geschmiedet. Der Eilzug raste mit ihnen in die warme, dunstige Sommernacht hinaus, und außer ihnen beiden war keine Menschenseele im Wagenabteil erster Klasse. Hätte Georg Unger gewußt, was ihm bevorstand, er würde vorgegeben haben, kein Deutsch zu verstehen. Damit war's aber zu spät. Wie, wenn er sich schlafend stellte, obwohl er nicht eine Spur müde war? Er lehnte den Kopf hintenüber und schloß die Augen. »Ach, Sie werden doch nicht schlafen wollen? Nein, hören Sie, dazu würd' ich Ihnen nicht raten! Dauert nicht lang', und der Schaffner kommt und löscht die Lampen aus, und es wird hell draußen. Und wenn es erst hell ist – na, dann schläft man doch nicht mehr, – dann setzt man sich ans Fenster und guckt raus. Ganz nette Gegend hier, müssen Sie wissen. Gott, na nein, die Schweiz ist es ja nun natürlich nicht – aber schönen Wald kriegen wir zu sehen und auch ganz hübsche Höhenzüge und Seen – na, für die Seen ist's ja hier herum ganz berühmt, das werden Sie doch wissen!« Keine Rettung! Der dicke, grauhaarige Herr mit dem roten Gesicht – er sah nach einem Weinhändler aus – war nicht still zu bekommen. Höchstens hätte Georg Unger sackgrob werden müssen, und das wollte er nicht. Tatsache war: Georg Unger gefiel dem dicken, roten Herrn, seine äußere Erscheinung imponierte ihm, und er beschloß, ohne weiteres mit ihm anzuknüpfen. War jener schweigsam und zurückhaltend ... er war desto redseliger. Dabei hatte der dicke Herr ein so gutmütiges, breites Gesicht und solche kleine freundlich zwinkernde Äugelchen, daß schon ein ganz bedeutender Grad von übler Laune dazu gehörte, dies harmlos zufriedene Geschöpf Gottes hart anzulassen. Zudem sprach er Georg Ungers Heimatsdialekt – den hatte er undenklich lange nicht gehört, und wenn ihm tausend Menschen bewiesen hätten, daß dieser ostpreußische Dialekt unschön sei .. . er würde ihnen zugestanden haben: Ja, ja, Sie haben ganz recht – aber – eben – schön ist er doch!« Nicht für das Ohr schön. – Das war wirklich unmöglich! Schön fürs Herz! Und in Georg Unger war dieser bis dahin höchst verständig funktionierende Muskel plötzlich aufgewacht und machte ganz sonderbare Sprünge, und es zitterte beständig durch ihn hin eine Empfindung, die halb Rührung war und halb Mitleid, und halb Beschämung und halb Sehnsucht, und halb Neugierde ... ach, nun war es schon viel mehr als ein Ganzes, was da zusammenkam! – Gern hätte er in sich hineingelauscht und versucht, aus all den verworrenen Anklängen eine bestimmte Melodie zu bilden – aber da bilde sich mal jemand eine Melodie, wenn solch ein kompaktes, rotes Individuum einem gegenübersitzt und schwatzt, als ob es dafür bezahlt würde! »Sehen Sie,« begann der Dicke jetzt von neuem – er schnaufte vernehmlich beim Atemholen und schneuzte sich mit dem Geräusch einer kleinen Trompete – »mein Gewerbe führt mich allerwärts hin. Ich bin Weinhändler,« – also richtig! dachte Georg Unger – »hab' von ganz klein angefangen, aber jetzt hat die Geschichte schon so'n ganz ansehnlichen Schwung gekriegt, und mein Umsatz ist nicht schlecht. Kommt nämlich alles aufs Renommee an, das einer als Kaufmann hat. Taugt das nichts – na, adieu Partie, denn ist die ganze Geschichte Essig! Was ich sagen wollte – – – wenn einer da so in der Welt herumkarriolt, denn muß man sich ja sagen: 's gibt allerlei Schönes auswärts zu holen, so wie man's zu Hause nie und nimmermehr hat. Nee – und dennoch: 's ist nun 'mal zu Haus', und jedesmal, wenn ich in meine Gegend zurückkomm' ... hast du nicht gesehn – ist wieder die alte Geschichte: ich freu' mich, und ich kann mir nicht helfen!« Georg Unger nickte nur zu diesen Worten, aber in sein bis dahin kühl gelassen dreinblickendes Gesicht, das dem Weinhändler so »vornehm« erschien und darum ihm, dem Mann aus dem Volke, so imponierte – in dies Gesicht kam ein solcher Ausdruck von Wärme und freudiger Zustimmung, daß der Dicke bei sich dachte: »Jetzt endlich hab' ich die richtige Saite angeschlagen! Mit dem Heimatsgefühl, da hab' ich diesen feinen Kunden beim Wickel!« »Sie sind ja nun kein Deutscher!« fuhr er behaglich fort, nachdem er geräuschvoll an seiner Zigarre gesogen hatte. »So was hat man ja bald raus. Engländer oder Amerikaner, nicht wahr? Das letztere. Na, sehn Sie woll! Aber deswegen können Sie mich immer ganz gut verstehen. Warum soll 'n Amerikaner nicht auch sein Vaterland lieben können, frag' ich!« »Eben!« bestätigte Georg lächelnd. »Die Leute tun immer so, als hätten wir Deutschen die Heimatsliebe extra gepachtet. Unsinn, sag' ich! Das liegt im Menschen, und damit Punktum! Ich für meine Person – Gott, ich könnt' ja auch in Hamburg leben oder in Frankfurt am Main – schöne Stadt, Frankfurt am Main – oder meinetwegen in Berlin, obgleich Berlin – na, ich weiß nicht – Berlin, das ist mir beinahe zu großstädtisch, da verkrümelt sich der Mensch, er weiß nicht wie! Aber nein, ich bin nicht mal in W. geboren – auf so 'nem Dorf, wissen Sie, zehn, zwölf Meilen davon – aber ich bin da zu Geld und Ansehen gekommen und hab' da geheiratet und alles – na, der Mensch muß schließlich nicht undankbar sein! Wenn ich da nun sitzen bleib' als wohlhabender Bürgersmann und zahl' redlich meine Steuern und red' in der Stadtverordnetenversammlung und geb' meinen Anteil zu wohltätigen Zwecken, helf' da Waisenhäuser einzurichten und Hospitäler zu bauen, und die Leute kommen nachher und bedanken sich bei mir – na, sehn Sie 'mal, es liegt so was drin! Man wird ja der Narr nicht sein und sich was drauf einbilden, wenn man hilft und gibt – aber, weiß der Himmel, man greift doch 'n bißchen tiefer in die Tasche wenn es heißt: es ist für unsere Stadt, für die Stadt, in der man lebt, die einen sozusagen zum Mann gemacht hat!« »Natürlich!« stimmte Georg bei. Dann, nach einer kleinen Pause, fragte er in unbefangenem Tone: »Ist denn Ihr W. eine hübsche Stadt?« »Gott – hübsch – hübsch?« Etwas verlegen zog der Weinhändler die Achseln hoch. »Für mich schon – ob für den Fremden? Weiß ich nicht recht, glaub' ich auch nicht recht! 's hat 'ne nette, idyllische Umgebung – viel Wasser und Wald, wissen Sie – und 'n schönes, altes Schloß, wir nennen es Ruine, aber es sind noch respektable Reste von dem alten Bau da, liegt sehr malerisch, das Ganze, und ist 'n Restaurant dabei. Des Abends da Krebse, in Kümmel abgekocht, zu essen, oder geschmorte Pilze, und dann kommt so sachtchen der Vollmond herauf und steht überm See – das ist Ihnen nicht bitter! W. hat 'n gutes Gymnasium, ist auch Garnison, Ulanen, und die Stadt hat sich in den letzten – na, wollen mal sagen achtzehn bis zwanzig Jahren gewaltig aufgenommen. Wer seitdem nicht darin war, der würd' es kaum wieder erkennen.« »Wirklich?« Die Stimme des »Amerikaners« klang ein wenig bedeckt. »Können mir auf Wort glauben. Was ist nicht alles gebaut worden in der Zeit! Von den öffentlichen Gebäuden gar nicht zu reden ..., bloß die Privatleute! Keiner will hinter dem andern zurückstehen – der eine baut sich 'n Schweizerhaus und der andere 'ne feine Villa, in dem Stil und in dem. Ich hab' auch so'n Ding – hat schwer Geld gekostet, ist Barock, sagt mein Baumeister. Sehr hübsch anzusehen, aber nicht viel darin unterzubringen, ist mir nicht geräumig genug.« »Gehört auch ein Garten dazu?« »Will ich meinen! Meine Frau sagt, der ist eigentlich die Hauptsache. Wenn ich kann, nehm' ich mir nächstens den Nachbargarten noch dazu; da ist nämlich der Besitzer davon gestorben, so'n richtiges Original.« »In der Tat? Das müssen Sie mir erzählen! Ich habe immer gehört, die deutschen Originale stürben aus!« »Tun sie auch, obgleich andere Nationen ja meines Wissens auch kein Monopol auf Originale haben! Ja, aber der alte Kordeleit!« Der Weinhändler setzte sich behaglich und breit zurecht und brannte sich eine frische Zigarre an. »Den hat ganz W. gekannt, und die Leute waren ordentlich stolz auf ihn. Nicht, daß er liebenswürdig war! Ein sacksiedegrober Kerl und niederträchtig launenhaft – in manchem Punkt so knauserig, daß es schon schmutzig zu nennen war – und auf der andern Seite ganz unvermutet plötzlich wieder von einer solchen Großmut, daß es an Verschwendung grenzte. Seine Hinterlassenschaft soll denn auch gar nicht so groß sein – er war zu eigensinnig, ließ sich nichts raten mit Papieren und Hypotheken und so was. Je mehr einer ihm zuredete, um so widerborstiger wurd' er, setzte seinen Dickkopf auf und litt lieber allen Schaden, als daß er zugab: Du hast recht gehabt und ich bin im Unrecht. Mit seinem Testament tun sie sich schrecklich geheimnisvoll – Gott, mir kann es egal sein, mich könnt' ebensogut der türkische Sultan zum Erben einsetzen wie der alte Kordeleit –, aber die Juniussens werden sich nicht schlecht grämen!« »Sollen die die Erben sein?« »Sollen? Ich weiß nicht! Sie waren so'n bißchen verwandt mit dem Alten – durch den Scheffel Erbsen gejagt, wie's bei uns heißt. Der Junius war Kaufmann, ist dann runtergekommen, eigentlich ohne seine Schuld, er hat Pech gehabt, war auch nicht besonders findig – da hat er sich denn beim alten Kordeleit nützlich gemacht, soweit dessen Eigensinn das zuließ. Junius hat Reisen für ihn gemacht, ihm An- und Verkäufe vermittelt, kurz, er ging bei ihm aus und ein. Um die Familie hat sich der Alte wenig bekümmert – es sind fünf, nein, sechs Kinder da, und alle noch zu erziehen. Frau Junius ist viel krank und ihr Mann kann nichts Rechtes mehr verdienen; bei den kleinen Agenturgeschäften kommt nichts raus, und zu den großen gehört Kapital und 'n flottes Renommee – das hat der arme Teufel nicht! Nun mag er sich in aller Stille wohl Rechnung auf einen Anteil am Geld des alten Kordeleit gemacht haben – verdenk' es ihm, wer kann! Leibeserben sind keine – der Alte war Junggeselle – nahe Verwandte existieren auch nicht. Aber da muß kurz vor dem Tode des Alten zwischen den beiden was passiert sein – sie haben in Kordeleits Arbeitszimmer fürchterlich laut miteinander gesprochen, dann ist der Junius mit 'nem fuchsfeuerroten Gesicht herausgestürzt und hat mit den Türen geknallt, daß das Haus zitterte. – Und jetzt sagen ja die Leute, er und seine Familie kriegen keinen Heller von der ganzen Bescherung. Gott, und die Juniussens könnten das brauchen! Vier Jungen im Haus und zwei Mädels, die kranke Frau – und das nagt nun alles zusammen am Hungertuch!« »Wer ist denn nun Erbe?« »Ja, wenn ich das wüßte! Die sagen, die Stadt kriegt alles, und die sagen, 's geht alles nach Berlin zu irgend 'ner gemeinnützigen Stiftung – und welche wieder munkeln was von 'nem Verwandten, auf den sich der Alte mit einem Male besonnen hat. An die Stadt und die Stiftungen glaub' ich nicht recht – der alte Kordeleit hat sich oft so giftig und eklig über dergleichen ausgesprochen, daß er schon den Verstand nicht mehr beisammen gehabt haben müßt', um so was zu tun. Na, warten wir's ab. Um die Juniussens tut's mir aber leid, sie haben so nette Kinder. Ja, ja, ja, wie das so auf der lieben Gotteswelt zugeht!« Nach dieser philosophischen Schlußbemerkung stockte das Gespräch für eine Weile ganz. Der Weinhändler seufzte ein paarmal, schüttelte den Kopf, seufzte von neuem und nickte dann ein. Die glimmende Zigarre fiel ihm vom Mund weg in die Wagenpolster. Georg Unger hob sie hastig auf und zerstampfte sie im Aschenbecher. Auch der Eintritt des Schaffners, der die Lampe zu löschen kam, weckte den behaglichen Herrn nicht aus seinem Schlummer. Die Reisemütze bis auf den Hinterkopf zurückgeschoben, den Mund halb offen, ließ seine Physiognomie gerade nicht den Ausdruck hoher Intelligenz erkennen. Nachdem es ihm ein paarmal in der Kehle gegurgelt und gebrodelt hatte, als sei er am Ersticken, setzte ein regelmäßiges Schnarchen ein, das an kunstgerechtes Holzzersägen erinnerte. Georg Unger schob sachte den Vorhang vom Fenster zurück und blickte in die rasch lichter werdende Landschaft hinaus. Es war Morgendämmerung. Um die Höhenzüge, von denen der Weinhändler gesprochen, wanden sich noch dichte Nebel wie weiße, wallende Tücher, sie krochen gleichsam an den grünen Bergen hin. So rasch der Zug fuhr, man sah doch, wie der erwachende, frische Morgen den Bäumen über die Häupter strich, bis sie erschauerten und sich wie schlafestrunken schüttelten. Jetzt eine weite Wiese, auf der es wie ein zartes, graues Perlennetz ausgespannt lag; über Nacht war starker Tau gefallen. Am Waldesrand schwankte langes dünnes Gras wie grünes Haar. Dicht, dicht brauste der Bahnzug an einem großen Roggenfelde vorüber; daraus stieg es auf mit einem hellen, zarten Zwitscherlaut und hob sich auf bebenden Flügelchen empor, leicht und schön, wie von der Luft rückwärts getragen – die erste erwachende Lerche. Es sproßte etwas auf im stillen Herzen des Zuschauers, blühte gleichsam darin empor wie rasch sich entfaltende Blumen. Schwach und süß war ihr Duft; aus fernen Tagen kam er herüber – aus Tagen der Kindheit! Auf seinen Vater entsann er sich nur undeutlich – ein großer, hagerer Mann war es gewesen, der viel hustete und seine Kinder nur wenig um sich dulden konnte. Georgs älterer Bruder, Eduard, sah dem Vater ähnlich – lang und schmal in die Höhe geschossen, mit gewölbtem Rücken und vornüberhängenden Schultern. Eduard war sehr fleißig in der Schule, ein sogenannter »Musterknabe«, von früh bis spät bei den Büchern zu finden und bei dem jüngeren Bruder nicht sonderlich beliebt, da er ihm fortwährend als Beispiel vorgehalten wurde. Dann war da noch die kleine Schwester, das Trudchen, ein niedliches, munteres Ding, das im Hause manchen Schabernack machte, aber auch viel Lust und Lachen hineinbrachte mit seinem hellen Stimmchen und den funkelnden dunklen Augen. Seit des Vaters Tode wurden die drei Kinder von der Mutter regiert – einer resoluten Frau, der es gar nicht darauf ankam, ihren heranwachsenden Söhnen rechts und links ein Paar Ohrfeigen auszuteilen, wenn sie nach ihrer Ansicht »nicht gut taten«. Der älteste »büffelte« ihr zu viel, brannte bis in die halbe Nacht Petroleum und ruinierte sich die ohnehin schon schwache Brust vollends mit Stubenhocken. Numero zwei, der liebe Georg, trieb sich wieder zu viel draußen umher, fertigte seine Schulaufgaben mit genialer Flüchtigkeit ab, scheuerte Knie und Ellenbogen an seinen Anzügen vorzeitig durch, rieb sich grundsätzlich nie die Füße an der Strohmatte im Hausflur ab und besaß einen Appetit, der ans Unheimliche grenzte. Das Trudchen war allgemeiner Liebling, aber nach der Mutter Ansicht hätte es auch mehr Stetigkeit beim Strickstrumpfe und Zeichentuche entwickeln können, anstatt mit dem Georg Boot zu fahren oder auf den Apfelbaum im Garten zu klettern. Dieser Apfelbaum und dieser Garten! Ob sie wohl beide noch existierten, ebenso wie der Mann hier im rasch dahinsausenden Eisenbahnzug sie in Erinnerung hatte? Ob der kraftstrotzende, mächtige Baum mit den weitausladenden Zweigen wohl immer noch im Frühjahr wie ein gewaltiges rosig schimmerndes Bukett anzusehen war, und ob er im Herbst seine zahllosen, rot und goldig geflammten Früchte trug, die so saftig waren und nach Wein schmeckten? Auf einem sanft abfallenden grünen Rasenfleck stand der Apfelbaum hart am Zaun, und ein Paar von seinen Zweigen hingen über diesen Zaun herüber in des Nachbars Garten hinein. An diesen Ästen saßen natürlich auch Äpfel, und Georg und Trude ärgerten sich, wenn sie hörten, wie die schönen Früchte mit einem dumpfen Schall jenseit ihres Gartens zur Erde fielen. Was brauchte der alte Kordeleit, der immer so sauertöpfisch aussah und sich sicherlich gar nichts aus Obst machte, ihre Äpfel? Die Mutter freilich ermahnte die Kinder von Zeit zu Zeit, hübsch artig gegen den »Onkel« zu sein – Georg möge immer die Mütze abnehmen und freundlich »Guten Tag!« sagen und Trude solle knicksen – aber nachdem die Kinder das einige Male versucht und zum Dank nichts weiter geerntet hatten als ein dumpfes Brummen und einen nichts weniger als einladenden Blick aus zwei finster dreinschauenden, umbuschten Augen, unterließen sie jede Höflichkeitserweisung, und die Erklärung der Mutter, der alte Kordeleit sei sehr reich und »eigentlich« noch mit ihnen verwandt, da er Papas Vetter im zweiten Gliede gewesen sei, machte nicht den geringsten Eindruck. Die Sonntagmorgen, wenn man faul und zufrieden im hohen Grase lag und die Schatten der schwankenden Zweige abwechselnd mit zuckenden Sonnenblitzen einem über das Gesicht liefen! Die Hände unter dem Haupt verschränkt – rund umher der Duft von Gras und Erde – ein Jubilieren der Vögel in der Luft und fernhin das Läuten der Kirchenglocken, die grell und lärmend klangen in der Nähe – »Richtige Dorfkirchenglocken!« behauptete Georg damals verächtlich – aber aus der Entfernung förmlich harmonisch wirkten! Glückliche Zeiten auch, wenn unten im See das kleine, notdürftig ausgeflickte Boot, das noch aus Vaters »guter Zeit« stammte, losgekettet wurde und Georg mit einem oder zwei Kameraden über den von Sonnengold funkelnden Wasserspiegel hinglitt, aus dem knirschenden Schutzwall des Schiffes heraus, das sich widerwillig teilte, um den Kahn durchzulassen – und nun rauschte eine Kette wilder Enten empor, und der helle, harte Schrei des Kiebitz wurde laut, bis allgemach, wie sie weiter in den See hineinkamen, nichts mehr hörbar war als das Glucksen des Wassers, das an einer schadhaften Planke des gebrechlichen Fahrzeugs leckte. Zuweilen auch kam die kleine Schwester mit – heimlich, hinter Mamas Rücken – und saß dem »großen Bruder« gegenüber, stolz und glücklich, die beiden runden Händchen an die Seitenwände des Kahns geklammert, die großen Kinderaugen mit entzücktem Staunen auf, den sonnenüberblitzten Seespiegel geheftet. Man angelte auch im See und suchte Mama durch Überreichung von zwei, drei Schleien mit diesen Wasserfahrten zu versöhnen – aber die Mutter pflegte ärgerlich zu fragen, was sie mit den »Katzenfischen« eigentlich solle – das sei nicht genug für den einen und für den andern, und Georg solle endlich den »Unsinn« lassen. Sie war nicht weich und mitteilungsbedürftig, die Mutter, aber daß sie ihre Kinder recht aus Herzensgrunde liebte und bestrebt war, das Beste aus ihnen zu machen, das wußten diese doch, trotz der gelegentlichen Ohrfeigen und Scheltworte. Selten, sehr selten kam über die Lippen der hart arbeitenden, unermüdlich tätigen Frau ein Liebesausdruck, selten in ihre scharf umherspähenden Augen ein warmer Blick, – wenn es aber geschah, so war dies ihren Kindern wie ein Orden, und sie teilten es einander stolz mit: »Du, die Mutter hat mich gelobt!« »Du, heut' ist die Mutter mit mir zufrieden gewesen!« Sie wirtschaftete ohne Dienstboten, scheute sich vor der gröbsten Arbeit nicht und verlangte ohne weiteres von »ihren Jungens«, daß sie ihr das Holz klein machten, schwere Sachen heimtrugen und andere Dinge verrichteten, die sich mit der Würde von Gymnasiasten nur schwer vereinigen ließen. Diese Würde imponierte Frau Unger wenig, sie ging von dem Grundsätze aus, daß keine Arbeit eine Schande sei, sie schneiderte auch für die heranwachsenden Knaben die Anzüge selbst und ließ sich durch Klagen über zu kurze Westen und »komisch sitzende Hosen« wenig rühren. Taschengeld gab es nur äußerst wenig, die Schularbeiten mußten pünktlich erledigt werden. Und doch! welch feiner goldener Duft lag über diesen Kindheitstagen! Der Glanzpunkt in der Familie Unger war der »amerikanische Onkel«– nicht der traditionelle Nabob, nicht von dem herkömmlichen Nimbus eines Goldmeeres umgeben, immerhin aber eine gewichtige, oft mit Erfolg zitierte Persönlichkeit. Daß dieser einzige Bruder der Mutter in seiner Jugend ein leichtsinniger Schlingel gewesen war, der seinen Eltern schwere Sorgen gemacht hatte, so daß sie froh waren, als er jenseit des »großen Wassers« untergebracht war, wurde den Kindern wohlweislich verschwiegen. Es hieß einfach, Onkel Georg habe »drüben« sein Glück versuchen wollen und dasselbe, nach manchem Mißerfolg, auch gefunden. Er war Plantagenbesitzer – vornehmlich Zuckerrohr – in der Nähe von Pernambuco geworden, war unverheiratet geblieben, schrieb sehr seltene und lakonische Briefe, schickte aber unweigerlich und regelmäßig zu jedem Weihnachtsfeste eine Summe, die dem spärlichen Haushalt der Frau Unger tüchtig aushalf, so daß ihr der jedesmalige Zusatz des Bruders: »Kauft Euch jeder eine Kleinigkeit dafür, da ich doch nicht wissen kann, was Ihr braucht!« förmlich lächerlich erschien. Ohne diese weihnachtlichen »Kleinigkeiten« aus Südamerika hätte sie kaum, gewußt, wie sie den laufenden Ausgaben für Kinder und Hausstand gerecht werden sollte. Georg war kaum fünfzehnjährig und hatte eben das Obersekundanerzeugnis errungen, da langte zu ganz ungewöhnlicher Zeit, kurz nach Ostern, einer von den lakonischen Briefen des Onkels an. »Liebe Schwester! Ich habe bis jetzt so gut wie gar nichts für Dich tun können« (das nennt er »nichts« – all diese reichlichen Sendungen! dachte Frau Unger gerührt), »indessen es zieht sich aus weitverzweigten Unternehmungen, wie ich sie habe, schwer etwas Namhaftes heraus. Jetzt habe ich Dir einen Vorschlag zu machen: Schick mir einen von Deinen Jungen herüber! Es soll sein Schaden nicht sein, ich will ihn mir anlernen und zuziehen, Du bekommst ihn für immer von der Tasche, und bei mir ist er gut aufgehoben. Reisegeld schicke ich anbei. Bis Hamburg kann der Junge allein fahren, da soll er sich Steintorweg Nummer zwölf melden. Einer von unseren Exporteuren, F. Harder, geht in guten drei Wochen mit dem Südamerikanischen Lloyddampfer »Manila« hinüber, wird ihn unter seine Flügel nehmen und bei mir in Pernambuco abliefern, Gott befohlen! Dein Bruder Georg.« – – »Einen von Deinen Jungen!« Das klang so einfach, und im Grunde genommen war ja auch die Sache höchst einfach! Es konnte nämlich überhaupt nur von einem Jungen die Rede sein, und dieser eine war Georg! Eduard, dem älteren, schauderte die Haut, wenn er nur daran dachte, zu Schiff übers Meer zu sollen und Kaufmann zu werden. Er versicherte mit feierlichem Ernst, sterben zu müssen, wenn man ihm das zumute ... er wolle sein Abiturium machen – in einem Jahre war es für ihn Zeit dazu! – und dann Mathematik studieren ... Könne er das nicht, so müsse er sich mindestens das Leben nehmen. Die Mutter zuckte freilich die Achseln zu solchen »albernen Redensarten«, aber es war ersichtlich, daß auch sie ihren Eduard gar nicht im Ernst als Kandidaten in der »amerikanischen Frage« ansah, ihr stand es augenblicklich fest, Georg müsse zum Onkel hinüber. Er wurde nicht viel gefragt, und wäre es der Fall gewesen, er hätte jedermann aufs lebhafteste versichert, er ginge sehr gern, er freue sich auf seine neue Existenz jenseit des Meeres. Es war auch die Wahrheit – – was da unklar und unausgesprochen auf dem tiefsten Untergrund seiner Seele lag wie Wehmut, wie Scheu, wie Bangen – er hätte es nicht in Worte fassen können, und wäre selbst das gewesen, er hätte sich dieses Empfindens geschämt! Für eine kurze Zeit war Georg ganz Hauptperson im Hause, wurde schleunigst von der Schule abgemeldet, mußte Abschiedsbesuche machen, hier und dort – viele waren es nicht –, bekam neue Anzüge, beim besten Schneider von W. gefertigt, da das »Reisegeld« sehr üppig bemessen war, durfte sich Lieblingsgerichte bestellen und selbständig allerlei Dinge einhandeln, nach denen sein Sinn stand: ein schönes Messer mit Korkenzieher und Sektbrecher (so wenig Aussicht es auch für ihn gab, letzteres Instrument für eigenen Gebrauch zu verwerten), ein feines Notizbuch mit zahllosen Taschen, ein »großartiges« Portemonnaie, sogar eine Zigarrentasche – warum sollte ein angehender südamerikanischer Plantagenbesitzer nicht rauchen? Mit einem Worte, diese letzte Zeit in der alten Heimat bot dem Knaben so viel des Ungewohnten, Schmeichelhaften, Neuen, daß er sich diesem Reize willig hingab und jenes unklare Etwas, wenn es sich jemals hervorwagen wollte, halb ärgerlich, halb verlegen zurückdrängte. Bis dann der große Augenblick der Trennung, der Abfahrt nach Hamburg herankam. Schon am Abend zuvor war die Mutter spät am Abend in Georgs Stübchen gekommen – Eduard löste noch im Wohnzimmer eine mathematische Aufgabe – hatte sich zu ihm auf den Bettrand gesetzt, sein Gesicht in ihre beiden hartgearbeiteten Hände genommen und mit etwas unsicherer Stimme zu ihm gesagt: »Nicht wahr, mein Kind, du bleibst mir brav? Machst deinem guten Vater und mir Ehre? Lange Reden kann ich dir nicht halten, ich kann dich nur bitten: sei wahr, sei arbeitsam, sei verständig! Hab' Gott vor Augen und im Herzen; er ist bei dir, wo du auch bist. Wenn dir die Menschen vorreden wollen, es gebe keinen Gott, und es sei kindisch, an ihn zu glauben – ich, deine Mutter, sag' es dir: ich hab' Gottes Hauch und Gottes Hand verspürt hundertfach in meinem Leben, und ich bitte ihn, daß er dich behütet und segnet!« Dann hatte die Mutter den Sohn auf Augen und Mund geküßt und war rasch davongegangen, aber ein paar heiße Tränen waren auf Georgs Stirn gefallen. Als er nun schon im Abteil saß und seine Augen über die drei wohlbekannten Gesichter hinwandern ließ, da fiel es ihm auf, wie alt doch die Mutter schon aussah und wie müde mit ihrem grauen Haar und der gebückten Haltung. Und Eduard – wie blaß, wie eingefallen sein Gesicht, wie schmal seine Brust! Einzig die Trude war frisch und blühend! Zum ersten Male fiel es dem sorglosen Knaben, mit voller Schwere aufs Gemüt, was diese Trennung eigentlich bedeute, wie es leicht sich ereignen könne, daß er einen von diesen drei ihm am nächsten stehenden Menschen nicht mehr wiederzusehen bekäme – einen – vielleicht gar zwei! – – Und er war zur Tür hinaus, das Trittbrett hinunter – rasch, impulsiv, wie es seine Art war – hatte die Mutter in die Arme genommen, ungestüm geküßt und geflüstert: »Gott, Mütterchen, wenn du doch mit könntest!« Darauf packte er den langen Eduard an beiden Schultern und schüttelte ihn tüchtig: »Ede, bleib gesund, hörst du? Und schreib auch manchmal!« – In der nächsten Minute saß er wieder auf seinem Platz und schluckte mannhaft an seinen Tränen, während der Zug sich in Bewegung setzte. Hamburg hatte dem Knaben gewaltig imponiert, die Überfahrt ihm derartig Interesse erregt, daß es zum Heimweh bei ihm nicht kam. Seekrank wurde er nicht, er tummelte sich den ganzen Tag auf dem Schiff umher, schloß mit den meisten Passagieren gute Freundschaft, war allgemein beliebt und lernte, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, eine ganze Menge: Brocken fremder Sprachen, allerlei Hantierungen, die ihm später zugute kamen. Eingehen auf anderer Leute Eigenart, Beobachten fremder Nationalitäten. Spät abends warf er sich müde auf sein Lager und schlief den traumlosen Schlummer gesunder Jugend. Die fremdländische Welt Südamerikas versetzte ihn zunächst in ungemessenes Erstaunen; er hatte daheim versucht, sich ein Bild seines neuen Lebens zu machen, allein dasselbe entsprach der Wirklichkeit in keinem Zuge. Onkel Georg, der tatkräftigste, unermüdlichste Mann, den man sich denken konnte, ließ dem Neffen zu ausführlichem Beobachten und zu stillem Staunen wenig Zeit, – er nahm ihn überallhin mit, ließ ihn lernen, lernen, theoretisch und praktisch, mit und ohne Unterweisung, von der Pike auf, so daß der deutsche Knabe kaum zur Besinnung kam. Heute auf dem Kontorstuhl in Pernambuco sitzen und rechnen, morgen einen Negertransport meilenweit ins Land hinein überwachen helfen, übermorgen beim Ernten des Zuckerrohrs eine Rolle spielen – in dem sonnengebräunten, schneeweiß gekleideten jungen Pflanzer mit dem riesigen Schutzhut, aus leichtem Bast geflochten, hätte niemand sobald den schlanken Obersekundaner wiedererkannt, der in W. seine Bücher und Hefte zur Schule trug. Im ganzen vertrugen sich Onkel und Neffe Georg gut miteinander – vertrugen sich besser, als sie sich verstanden. Der Onkel hatte sich das Deutschreden völlig abgewöhnt – mit dem Schreiben ging's zur Not noch – er war ganz Spanier geworden, und seine Unterhaltung mit dem deutschen Neffen hatte einen ganz kuriosen Charakter; das gab sich aber bald; denn Georg der Jüngere sah ein, daß er in möglichst kurzer Zeit die Landessprache lernen müsse, und so »paukte« er spanische Grammatik und radebrechte unverdrossen mit den Leuten, bis er sich zur Not verständigen, dann sich ziemlich gut ausdrücken, endlich geläufig reden konnte. Und das Heimweh? Das schlief in einem Winkel seines Herzens, wagte sich nur zuweilen hervor und wurde rasch wieder beschwichtigt und zur Ruhe gebracht. »Es hilft zu nichts – also darf es nicht sein!« sagte sich Georg mit festem Entschluß, und in seinen Briefen an die Seinigen betonte er nur immer wieder, wie gut er es habe, wenn auch nicht ganz leicht, und wie »riesig interessant« sein jetziges Leben sei. Da kam – er mochte etwas über zwei Jahre in Südamerika sein – eine Trauerbotschaft von daheim: Bruder Eduard war gestorben. Sein vom Vater ererbtes Lungenleiden hatte plötzlich unheimliche Dimensionen angenommen, Onkel Georg hatte schleunigst Geld zu einem Aufenthalt in Meran geschickt, aber bereits in der dritten Woche seines dortigen Aufenthaltes war der blasse, junge Mensch sanft hinübergeschlummert. Unerwartet kam Georg diese Nachricht nicht. Der ältere Bruder war immer sehr schwächlich gewesen, die Mutter hatte oft sorgenvoll vor sich hingeseufzt: »Der bleibt mir nicht am Leben! Den behalte ich nicht mehr lange, der hat seines armen Vaters Krankheit!« Dennoch nahm Georg sich die Kunde sehr zu Herzen, ging für längere Zeit stiller und nachdenklicher umher als sonst, und grübelte über jeden brüderlichen Zwist, den er herbeigeführt, über jedes rauhe, unbedachte Wort, das er dem stillen Eduard gesagt hatte. Aber das Leben ging seinen Gang weiter, bewegt und abwechselungsreich, die Verantwortung mehrte sich gleich der Arbeit, und Georgs vielseitige Tätigkeit forderte den ganzen Menschen. Er war beinahe schon ganz getröstet, als eine neue Nachricht aus der alten Heimat anlangte, diesmal ganz unerwartet; das lustige Trudchen war einem typhösen Fieber zum Opfer gefallen – in wenigen Tagen gesund und tot! Diesmal bedurfte es bei Georg viel längerer Zeit, bis er sich beruhigte. Er konnte es gar nicht verstehen, nicht fassen, wie das hatte kommen können! Die kleine Schwester stand ihm so rosig, so blühend in der Erinnerung, daß er es kaum glauben konnte, sie solle tot sein! Das Kind war ihm sehr lieb gewesen, er hatte in der Stille allerlei Pläne an seine Zukunft geknüpft. Trude würde ein sehr hübsches Mädchen werden, der Onkel müsse sie »hinüberkommen« lassen, sobald sie erwachsen sei, und sie würde einen von diesen schwerreichen jungen Spaniern heiraten, die um Pernambuco herum ihre ausgedehnten Besitzungen hatten und wie die Fürsten auf ihrer Hazienda lebten. Daß die Mutter der einzigen Tochter nachfolgte, verstand sich wohl von selbst – die sollte dann endlich auch ein anderes Leben kennen lernen als die ewige Plage und Arbeit von früh bis spät! Nun lag das rosige, hübsche Kind im stillen Grabe, und die schönen Zukunftspläne waren vernichtet! Dem übers Meer gezogenen jungen Menschen blieb jetzt nur noch, die Mutter, und seltsam war es, wie er sich fortan viel in seinen Gedanken mit ihr beschäftigte, einen förmlichen stillen Kultus mit ihr trieb. Er sah die vor der Zeit gealterte Frau in ihrem schlichten Trauerkleid auf den Friedhof gehen – ach, sie hatte nur ein Kind dort schlummernd, das andere schlief fern in Meran! – sich neben den blumigen Hügel setzen und traurig all der begrabenen Hoffnungen denken, die dies Grab umschloß. Wieviel kann gerade eine heranwachsende Tochter einer verwitweten Mütter sein! Und das Trudchen war eine so kleine Schmeichelkatze gewesen, so ein herziges, frohes Kind! Wie der einsamen Frau wohl ums Herz sein mußte, wenn sie vom Friedhofe nach Hause ging und sie unterwegs Mütter traf, die ihr zwölf- bis dreizehnjähriges Töchterchen neben sich hatten! Und wie sie sich verlassen fühlen mußte in ihrer stillen Häuslichkeit! Kein buntes Kinderkleid an der Wand hängend, kein vergessenes Strickzeug, kein beiseite geworfenes Schulbuch mehr wegzuräumen, kein Schelmengesichtchen, das zum Fenster hereinsah und lachte – alles so öde – so lautlos! Da sanken denn die ehemals so unermüdet tätigen Hände wohl schlaff nieder. – Für wen denn noch arbeiten? Für wen noch schaffen? Georg Unger beschäftigte sich sehr ernstlich mit dem Gedanken, nach Deutschland zurückzugehen und bei der Mutter zu bleiben. Aber welche Stellung hätte er daheim einnehmen sollen? Der Onkel hatte, ihn »angelernt« – gewiß – aber auf seine eigene Art und Weise, in einer Methode, die sicher kein einziger deutscher Kaufherr verstanden, geschweige denn gebilligt haben würde. Es war überhaupt gar keine »Methode« gewesen. Georg war nicht Disponent, nicht Prokurist, nicht Kassierer oder Korrespondent, er war etwas von dem allen, verstand auch fließend spanisch und englisch zu reden, wußte mit den Zuckerplantagen und Magazinen Bescheid – wie aber all dies in Deutschland verwerten? Die Mutter herüberholen? Ob sie wohl kommen, sich in ihren vorgerückten Jahren von der alten Heimat, ihren wenigen Freunden, dem Grabe des Gatten und dem der Tochter trennen würde? Der amerikanische Bruder war ihr völlig fremd geworden, von dem Sohne würde sie wenig genug haben, da seine vielseitige Tätigkeit ihn stark beanspruchte. Allein auf sich angewiesen in dem fremden Lande, mußte die alte Frau das Heimweh fassen – – – und was dann? So verging in Zaudern und Überlegen wieder ein neues Jahr. Georgs Briefe wurden häufiger und wärmer – die der Mutter kamen immer spärlicher. »Kind, Du weißt doch, ich bin nie eine flinke Briefschreiberin gewesen,« hieß es, »und in letzter Zeit will die Feder gar nicht vom Fleck. Du brauchst deswegen nicht zu denken, daß ich krank bin – nein, das nicht! Du mußt Dich um mich alte Frau überhaupt nicht so »haben«, lieber Sohn, wir stehen alle in Gottes Hand! Wie er will!« – – Ja, wie Gott will! Und er wollte, daß die einsame Mutter heimgerufen wurde zu denen, die vor ihr hingegangen waren. Still und schmerzlos schlummerte sie hinüber, und die Kunde von dem dritten Trauerfall ging über den Ozean. Losgelöst von allen Heimatbanden! Allein in der weiten Welt! Es war dem jungen Menschen zumute, als er die Nachricht erhielt, wie wenn ihm die Stelle in der Brust, wo sonst ein warmes, junges Herz geschlagen hatte, plötzlich eiskalt und leer geworden war. Ohne Geschwister – es hatte ihm sehr weh getan, aber er hatte es ertragen lernen müssen. Ohne Mutter – was sollte er auf der Welt, wenn sie nicht mehr da war? Onkel Georg war es leid um die Schwester, leid auch um den Neffen, aber er verstand es nicht, seine Teilnahme in Worte zu kleiden. Der echte matter of fact man , dem Erfolg und Gelderwerb im Leben alles bedeutet, fand er sich mit bestehenden Tatsachen in seiner raschen, praktischen Weise ab. »Sterben müssen wir alle – wohl dem, der im Leben genützt hat und seine Stellung ausfüllen konnte. Das hat sie getan nach besten Kräften, das muß dich trösten, Junge!« Ach, jawohl, das war leicht gesagt! Georg verzichtete darauf, den Onkel mit seinem nagenden Schmerz, mit seiner heißen Sehnsucht vertraut zu machen. Er arbeitete von früh bis spät, er leistete so viel, daß selbst der anspruchsvolle Oheim zufrieden sein mußte, aber es war nicht die Freude an der Tätigkeit allein, die ihn dazu trieb; müde mußte er werden – todmüde, daß er fast über seine Füße fiel, wenn er schlafen sollte und im traumlosen Schlummer Vergessenheit finden. Die Mutter und die Heimat konnte er darum doch nicht verschmerzen! In den langen Jahren, die seit dem Tode seiner Mutter vergangen waren, hatte Georg Unger immer nicht dazu kommen können, einmal nach Deutschland »hinüberzugehen«, wie es doch sein heimlicher brennender Wunsch war. Die Geschäftsverbindungen erforderten keine derartige Reise, und sonst – wie hätte Georg sie vor dem Onkel motivieren sollen? Sehnsucht nach einer kleinen deutschen Stadt und nach ein paar Gräbern – – er wußte genau, daß sein Pflegevater ihn mit bedauerndem Kopfschütteln gefragt haben würde, ob er etwa den Sonnenstich bekommen oder auf sonst irgend welche Weise seinen gesunden Menschenverstand eingebüßt hätte! Zu reisen bekam er genug – nach Santos, Rio de Janeiro, auch nach Nordamerika hinein. Großartige Städtebilder, pittoreske Landschaften rollten sich vor ihm auf, er kam sich selbst zuweilen lächerlich vor mit seiner Sehnsucht nach der alten Heimat, in der es doch kein Zuhause mehr für ihn gab – für immer abtun ließ sich diese Sehnsucht darum doch nicht! Onkel Georg war ein sehr alter Mann geworden, immer aber noch rüstig. Er ließ den Neffen jetzt viel selbständig schalten und walten, behielt sich nur den Oberbefehl über ganz wichtige Dinge vor. Über seine Zukunftspläne ließ er »Georg den Zweiten« nicht im unklaren. Wollte der Neffe gelegentlich etwas waghalsig vorgehen, sich in Unternehmungen einlassen, deren Tragweite sich nicht recht übersehen ließ, so hieß es wohl: »Dummer Kerl, so nimm Vernunft an! Wenn so und soviel bei der Geschichte verloren geht, so ist das dir aus der Tasche genommen! Der Mensch muß sich doch auf seinen Vorteil verstehen, er darf sich selbst nicht zum Schaden arbeiten!« Dreiundzwanzig Jahre waren verflossen, seitdem der schmächtige, fünfzehnjährige Knabe damals von W. abgefahren war; in dem großen, breitschultrigen Mann mit dem Bronzegesicht und der stolzen Kopfhaltung hätte ihn wohl kaum die eigene Mutter, wäre sie noch am Leben, wiedererkannt. Er hatte übrigens viel von dieser Mutter, die zielbewußte Pflichttreue, die erstaunliche Arbeitskraft, die rasch zufassende Intelligenz, zum Glück auch die robuste Gesundheit. Ob wohl die Mutter auch in ihrem Gemüt so weich, so hingebend gewesen war und nur dem eisernen »Muß« zuliebe alle nutzlosen Gefühlsanwandlungen erfolgreich unterdrückt hatte? Liebesabenteuer hatte Georg Unger einige erlebt, eins davon hatte um ein Haar mit einer Heirat abgeschlossen; es war eine sehr hübsche kokette Kreolin im Spiel gewesen, die sich den wohlhabenden Deutschen einfangen wollte. Dem waren noch in zwölfter Stunde über die wohlwollende Absicht die Augen aufgegangen, – und sowohl er als auch die Kreolin, waren um eine wertvolle Erfahrung und eine etwas, peinliche Erinnerung reicher. Der Oheim ermunterte zuweilen den Neffen, zu heiraten, aber da er selbst ihm mit so schlechtem Beispiel vorangegangen war, so fielen diese gelegentlichen Ermahnungen auf unfruchtbaren Boden. Da traf plötzlich ein Brief in Pernambuco ein an Herrn Georg Unger, ein deutscher Brief mit dem lange, lange nicht gesehenen Stempel der Heimatstadt. Ein gewisser Justizrat Hein zeigte dem höchst erstaunten Plantagenbesttzer an, Herr Jakob Anton Kordeleit in W. sei vor etwa vierzehn Tagen verstorben und habe in seinem rechtskräftig abgefaßten Testament ihn, Herrn Alfred Waldemar Georg Unger, wohnhaft zu Pernambuco in Südamerika, zu seinem Universalerben ernannt. Äußerst wünschenswert wäre es nun, so sagte der Brief des Juristen weiter, wenn sich besagter Universalerbe persönlich in W. einfinden würde, es seien eine Menge Legate da, Grundbesitz, Mobiliar, verschiedene zum Teil kostbare Sammlungen, Man würde eine Masse von Weitläufigkeiten vermeiden und viel Geld sparen, wenn Herr Unger sich entschließen könnte, die Angelegenheit selbst zu ordnen. So erstaunt Georg war, sich als Erben des vergessenen und verschollenen Herrn Kordeleit zu sehen, den er selbst in seinen Knabenjahren kaum gekannt hatte – sein Entschluß, »hinüberzugehen«, stand augenblicklich fest. Selbst der Onkel fühlte sich verpflichtet, ihm noch zuzureden. Wo Geld auf dem Spiele stand, siegte sein praktischer Sinn über jede sonstige Bedenklichkeit. Er ließ sich von dem Neffen genau über alles instruieren, was dieser auf eigene Hand unternommen hatte, und in verhältnismäßig kurzer Zeit saß Georg auf dem Dampfer und fuhr nach Hamburg. Dort hielt er sich nur wenige Tage auf, gerade so lange, wie seine geschäftlichen Verbindungen dies erforderten. Es zog ihn – zog ihn wie mit Händen hinüber nach seiner Heimat. Und jetzt wehte ihn durch das herabgelassene Fenster bereits die Heimatluft an – warm und feucht, von dem leicht aufsteigenden Wasserdunst gesättigt. In hellem Grün prangten die Bäume am Wegesrand, die Birken wehten ihm den Willkommensgruß zu mit ihren lichten Schleiern – und nun, da eben der Zug dicht neben einem Wärterhäuschen still hielt – rief da nicht der Kuckuck aus dem jungen Gehölz am Wege? Wahrhaftig! Träumerisch noch und wie verschlafen, aber vollkommen deutlich kam es herüber: »Kuckuck – Kuckuck.« Georg atmete tief und drückte die Augen ein. Klang nicht von fern, fernher ein keckes Stimmchen an sein Ohr: »Kuckuck, sag' eben. Wie lang' soll ich noch leben?« Es hatte nicht viele Jahre mehr zu verzeichnen gehabt, das kleine, lachlustige Trudchen! »Hören Sie mal, ich glaub' wahrhaftig, ich habe geschlafen! Ne, aber so was!« Der dicke Weinhändler reckte und streckte sich, rieb sich die Augen und gähnte so gewaltig, daß ihm beinahe die Tränen kamen. »Nehmen Sie mir schon nicht übel, daß ich so gottesjämmerlich gähnen muß. Meine Frau schilt mich jedesmal, sie sagt, es schickt sich nicht. Na aber, wenn ich doch nicht anders kann! Der Tausend! Ist ja schon ganz bekannte Gegend! Sind ja gar nicht mehr weit von W. Sie kennen das hier herum nicht – was?« »Nein – gar nicht!« Georg sprach die Wahrheit. Es sah ihm hier alles fremd aus – alles! Dreiundzwanzig Jahre in der Fremde gewesen! Beinahe ein Menschenalter hindurch! »Was ich doch noch fragen wollte – ja, ja, ja! Wo gedenken Sie abzusteigen in W.?« »Keine Idee. Ich wollte Sie bitten, mir freundlichst ein Hotel zu nennen!« »Na, daran fehlt's nicht, wir haben ja mehrere!« Die blinzelnden Äuglein des feisten Herrn gingen über den schlichten und doch eleganten Touristenanzug seines Gegenübers hin, über die modischen braunen Lederschuhe, das nach Juchten duftende Handkofferchen, die feine Tasche mit dem großen Monogramm. »Wenn ich Ihnen raten darf, versuchen Sie's im »Goldenen Adler«! Hübsche, hohe Zimmer, flinke Bedienung, vorzügliches Essen. Auf die Preise wird es Ihnen doch wohl nicht so ganz besonders ankommen.« »Nicht so sehr!« »Na also! Dach' ich mir! Ich empfehl' den »Goldenen Adler« nicht nur darum, weil er seine Weine von mir nimmt – wissen Sie, so was fänd' ich kleinlich! Nein, aber das Hotel ist wirklich gut!« »Ich zweifle nicht daran und danke Ihnen sehr!« »Nicht Ursach'! Und wenn Sie da Lafitte trinken, dann werden Sie an mich denken! Ich sag' nichts weiter! Das Weinchen lobt sich selbst!« Georg Unger sagte auch nichts weiter, und der Zug setzte sich von neuem in Bewegung. Es war mittlerweile ganz hell geworden. Die Sonne mußte schon herauf sein, ein ansehnlicher, gegen Osten hingebreiteter Buchenwald entzog einstweilen die Tageskönigin den Blicken der Reisenden. Über den Spitzen der Bäume aber hing es wie ein feiner, rosiger Duft, der rasch in eine leuchtende Goldfarbe überging und die Buchenwipfel wie in Flammen badete. Oft, oft hatte Georg »drüben« die Sonne aufgehen sehen, und welche fremde, märchenhafte Wunderwelt hatten ihre Strahlen ihm gezeigt ... aber der deutsche Buchenwald und die Heimat waren nicht dabei gewesen! Der Bahnzug beschrieb jetzt eine ansehnliche Kurve ... Da hing der glühende Sonnenball gleich einer lodernden Fackel seltsam nahe und seltsam niedrig über einem hellgrünen, leise im Morgenwinde schwankenden Kornfeld und spiegelte sich weiterhin in der klaren Wasserfläche eines mäßig großen Sees, dessen Ufer von manneshohen Schilfstauden eingefaßt war. »Da haben wir die Wahrzeichen unserer Gegend, von denen ich Ihnen sagte!« bemerkte der Weinhändler nicht ohne einen gewissen Stolz. »Wasser und Wald! Sieht sich nicht so übel an, sollt' ich meinen!« Georg nickte nur. Rechtshin am Horizont dämmerten Türme in der Ferne auf – wie Schemen schwebten sie in der klaren, stillen Morgenluft, aber der »Amerikaner« kannte sie gut, die schlanken, spitzen Türme der Nikolaikirche, die Kuppel des alten Domes, die »Nadeln« des Rathauses ... Gott, Gott, wie weit, weltenweit lag ihm seine Kindheit, seine Jugend! »Da ist schon unser W. zu sehen!« erklärte der dicke Herr wichtig. »Paar feine, alte Kirchen – dann das Rathaus, die neuen Markthallen, das Gesellschaftshaus – müssen sich das alles ansehen. Mir kommt es immer vor, als wenn das Ganze zu mir gehört, so'n Stück von mir selbst ist – man ist da eben mit der Zeit so hineingewachsen!« Der Zug hielt noch an zwei kleinen Stationen. Georg ertappte sich auf einer zehrenden inneren Ungeduld, die ihn doch wieder wundernahm. Wer erwartete ihn denn in W.? Auf wen hätte er sich freuen können? Warum nicht kaltblütig abwarten, bis er sich am Ziele fand? Aus dem goldigen Dunst, der das ferne Stadtbild umhüllte, wuchsen mit der Zeit feste Formen heraus. Bei einer neuen leichten Krümmung des Weges wurde der See sichtbar; er rollte sich auf wie ein ungeheures Blatt Silberpapier, von der nun siegreich emporsteigenden Sonne mit einem schwachen Purpurschein übergossen. An den Ufern schwebte noch schemenhaft der Nebel hin, huschte scheu die mit saftigem Grün bestandenen Böschungen entlang. Hier und dort standen verstreute Häuschen – jetzt kamen regelmäßig hingestellte Gebäude, eine ganze Straßenflucht. Das war früher alles nicht gewesen. Die Stadt hatte sich ausgebreitet, griff mit gestreckten Armen vor sich her, rechtshin, linkshin, zog alles in ihr Bereich, was früher unberührte, urwüchsige Natur gewesen war. Stattliche Fabrikgebäude wurden sichtbar. Natürlich! wo wären die denn nicht zu finden gewesen, diese Merksteine einer im Sturmschritt vorwärtshastenden Kultur? Verschwindend klein und schlicht gegen die Kolosse, die Georg Unger täglich drüben in Amerika gesehen, ihm aber doch so fremd, so störend in dem Heimatsbilde, wie seine treue Erinnerung es festgehalten hatte, daß er mit einer einzigen wegräumenden Handbewegung alles hätte beiseite schieben mögen, was ihm da »im Wege stand«, um den ursprünglichen Charakter wieder herzustellen. – Unter Dampfen und Schnauben fuhr der Zug endlich in eine neue geräumige Bahnhofshalle ein. Der dicke Weinhändler suchte sein Gepäck zusammen. »Hotelomnibus zum ›Goldnen Adler‹ finden Sie an der Bahn. Hoffe, mit meiner Empfehlung des Gasthauses Ehre einzulegen. Adieu, mein Herr – habe die Ehre! Sehr erfreut gewesen, Ihre Bekanntschaft zu machen! Wollen W. wohl bald wieder verlassen? Würde Sie sonst bitten, mir die Freude Ihres Besuches zu schenken – Sperlingsgasse achtundzwanzig! Ja, ja, ja – man kann nie wissen, wie so alles im Leben herumkommt!« »Das weiß Gott! Man kann nie wissen!« wiederholte Georg beinahe feierlich. Mit einem jähen Ruck hielt der Zug. Eine der ersten Erscheinungen, die dem Aussteigenden in der Halle ins Auge fielen, war der Hoteldiener des »Goldenen Adlers«, der mit devot abgezogener Mütze die Weisung des Fremden entgegennahm, mit dem Gepäck vorauszufahren – der Besitzer dieses Gepäckes wollte zu Fuß in etwa einer halben Stunde nachfolgen und bitte um ein warmes Frühstück in englischem Stil: »Tee – gebackenen Schinken – flaumweiche Eier – geröstetes Weißbrot und Butter – Sie werden ja Bescheid wissen!« »Sehr wohl, mein Herr! In einer halben Stunde also!« »In einer guten halben Stunde!« Georg stand unschlüssig, sah dem davonrollenden Wagen nach, gewahrte, wie der Weinhändler in eine kleine einspännige Droschke stieg und davonfuhr. Es war ihm alles neu, alles fremd. Diesen Platz, diese Straßen hatte es vor dreiundzwanzig Jahren nicht gegeben. Welchen Weg hatte er zu nehmen? Gleichviel, das würde sich finden! Den »Goldenen Adler« kannte hier sicher jedermann! – Er kreuzte den Platz und bog aufs Geratewohl in eine der daranstoßenden Straßen ein, die mit hübschen Gebäuden im Villenstil besetzt war. Alles still und unbelebt in dieser Straße. Verstand sich von selbst, es war ja noch so früh! Heruntergelassene weiße Vorhänge an den Fenstern, hier und da gestickte Stores. Das bißchen Leben, das der eben angekommene Bahnzug mitgebracht hatte, verlief sich rasch; außer ein paar verschlafen aussehenden Bäckerjungen, einem Milchwagen, der langsam über das Pflaster stolperte, und einem verdrossen dahertrottenden Zeitungsausträger war weit und breit nichts zu erblicken. Schon wollte das weich aufwallende Gefühl der Heimatsliebe, das von Georg Besitz ergriffen hatte, einer bedenklichen Ernüchterung weichen – – da, mit einem Male blieb er wie gebannt stehen und lauschte: es fingen Kirchenglocken an zu läuten. Dieselben Glocken waren es, die er als Knabe grell und unmelodisch genannt hatte, und sie konnten es in dreiundzwanzig Jahren nicht gelernt haben, lieblich zu tönen – aber ihm gab der altvertraute Klang einen Schlag aufs Herz, daß ihm fast der Atem aussetzte. Die ersten Zeilen eines Gedichtes kamen ihm in den Sinn, das er einst vor langen Jahren gelesen hatte: »Und ich liebe sie doch! – Dumpf und trübe nannte ich einst Die Glocken der Heimat! Doch heute, da klingen sie über das Meer So wehmutselig – so wunderbarlich, Daß auch mein lachendes Herz Ihr Echo wird!« Er hatte sie klingen gehört über das Meer – wie oft – wie oft! Und wie er jetzt dastand, das Haupt gebeugt, und lauschte, sah er im Geist eine dürftig gekleidete, vor der Zeit gealterte Frau des Weges daherkommen, die führte ein kleines, niedliches Mädchen an der Hand, das immer wieder ermahnt werden mußte, man dürfe auf dem Wege zur Kirche nicht hüpfen, sondern müsse hübsch verständig und langsam gehen – und hinter den beiden schritten zwei kaum dem Knabenalter entwachsene Jünglinge, etwas unwillig, weil es wieder in die Kirche ging, etwas verlegen, weil sie ein Gesangbuch tragen mußten, sorgfältig nach rechts und links ausspähend, ob man auch keine Bekannten träfe; vor allem keine Schulkameraden, die sich über die »Frömmigkeit« von Ungers »Alten« aufhielten – – und die Kirchenglocken läuteten! Weder der Bäckerjunge noch der Zeitungsausträger beachteten den Fremden, der wie angewurzelt mitten auf der Straße stand und horchte, aber hätten sie es getan, er würde ihrer nicht geachtet haben. Die alten Kirchenglocken sangen ihm einen Gruß, daß ihm das Herz zitterte vor Sehnsucht und vor Schmerz. Wieder daheim, endlich, aber fremd geworden und allein! Der Vormittag verging für Georg Unger in Verhandlungen mit Justizrat Hein, in welchem er einen verständigen, etwas nüchternen Juristen fand. Das rasch zufassende Verständnis und die praktische Art des »Amerikaners« gefielen wiederum dem Beamten gut, und die Manier des Fremden, den Kostenpunkt rasch zu erledigen und jedem zu seinem Rechte zu verhelfen, ließ den Justizrat doppelt froh sein, diesen Mann hier herüberzitiert zu haben – die Angelegenheiten wickelten sich ab wie am Röllchen. Haus und Garten des verstorbenen Rentiers Kordeleit waren gleichfalls Eigentum Georg Ungers geworden. »Das Haus ist alt, ziemlich baufällig, entspricht in keiner Beziehung den Anforderungen der Jetztzeit!« warf der Justizrat gesprächsweise hin. »Sie müssen natürlich trachten, den alten Kasten baldmöglichst loszuschlagen – der Kaufschilling wird immerhin nicht ganz unbedeutend sein; denn es ist viel Terrain da; das Haus selbst ist weitläufig angelegt, vor allem aber gehört ein großer Garten dazu – natürlich alles drin verfallen und verwildert; der alte Herr hatte sein Geld zu lieb und ließ alle fünf gerade gehen. Vorstellungen nützten da nichts, im Gegenteil, gossen nur Öl ins Feuer!« »Waren Sie eigentlich mit dem alten Kordeleit befreundet, Herr Justizrat?« »Befreundet? I wo! Kein Gedanke dran! Der wunderliche alte Kauz hatte nur einen einzigen Freund auf der weiten Gotteswelt, auf den er sich fest verlassen konnte, wie er zu sagen pflegte – und dieser einzige Freund war er selbst! Bis vor kurzem hatte er so 'ne Art Umgang mit einer Familie Junius hier – bißchen heruntergekommene Leute, aber durchaus nett und anständig. Das ging so lange, bis der Verstorbene mal mit Junius, dem Vater, zusammenprallte – weshalb, das hat niemand erfahren! – und zwar gleich so, daß sie sich nicht mehr sehen konnten. Junius betrat das Kordeleitsche Haus nicht mehr, und der Alte ging überhaupt nicht aus; wer etwas von ihm haben wollte, der mußte zu ihm kommen.« »Weiß dieser Herr Junius, daß ich Herrn Kordeleits Universalerbe geworden bin?« »Gott bewahre – Gott bewahre! Der Alte hatte schon vor Jahren testiert, sich natürlich Kodizille, Änderungen etc. vorbehalten. Na, nach dem Krach mit Junius hat er dann von diesem Rechte Gebrauch gemacht, hat auch 'nen Brief an Sie, Herr Unger, geschrieben, der versiegelt zu den Akten gekommen und natürlich nur in Ihre Hände niederzulegen ist!« »Kann ich den Brief haben?« »Aber gewiß! Wenn Sie heute gegen Abend Ihr neues Besitztum inspizieren, schicke ich Ihnen den Brief durch den Boten hinüber.« – – – – – – – Die Stadt W. war weder so klein noch so kleinstädtisch, wie Georg sie in der Erinnerung hatte. Er hatte gefürchtet, rasch aufzufallen, die Neugier der guten Bürger zu erregen, als mutmaßlicher Erbe des alten Kordeleit angestaunt, beneidet zu werden. Nichts von alledem geschah. Seine Ankunft im »Goldenen Adler«, das wirklich ein empfehlenswertes Hotel war und eine ganz ansehnliche Fremdenliste aufwies, blieb ziemlich unbeachtet, man bediente ihn gut und aufmerksam, war aber anscheinend an überseeische, fein auftretende Gäste gewöhnt, und wenn Georg durch die Straßen schritt, so kehrten sich durchaus nicht die Menschengesichter mit der stummen Frage: »Wer bist du, und was willst du hier?« nach ihm um. Hier und da musterte ein ihm entgegenkommendes Individuum, zumal weiblichen Geschlechts, seine imponierende Erscheinung mit diskretem Wohlgefallen, aber das war ihm schon recht häufig passiert, selbst »drüben« in Amerika, und er machte hier wieder die Erfahrung, daß dreiundzwanzig Jahre eine lange Zeit sind, die die Physiognomie einer Stadt gewaltig ändern, ihre Einwohnerzahl fast verdoppeln und die Leute an den Fremdenverkehr gewöhnen können. Der alte Kordeleit war der jetzigen Generation beinahe fremd und jedenfalls ganz gleichgültig geworden. Früher hatte er samt seinen Sonderbarkeiten und seinem Gelde in W. eine Rolle gespielt, war beobachtet und bekrittelt worden. Dem heutigen Geschlecht war er nur eine Mythe, und wenn der dicke Weinhändler gegen Georg Unger behauptet hatte, ganz W. habe den alten Grobian gekannt und sei stolz auf ihn gewesen, so konnte er damit höchstens die älteren Leute meinen, oder er hatte sich überhaupt einer gehörigen Übertreibung schuldig gemacht. Nach Tisch und einem beinahe zweistündigen Schlummer auf dem bequemen Sofa des Gastzimmers ging Georg Unger zum Friedhof hinaus. Er fand sich nicht ganz so geschwind aus dem Gewirr der Gassen und Gäßchen hinaus wie er es sich gedacht hatte, aber erst einmal zum Tor hinausgekommen, erkannte er sofort den altvertrauten Weg wieder, den er so oft mit Mutter und Geschwistern gegangen war, um das Grab des Vaters aufzusuchen. Wieviel mehr weiße Steine, Gußeisenkreuze, grüne Gräber seit all den Jahren, die er in der Fremde zugebracht hatte, dazugekommen waren! Und neben dem Hügel des Vaters die beiden anderen Hügel, die die Mutter, die kleine Schwester bargen. Es wurde Georg schwer, fast unmöglich, sich vorzustellen, daß diese beiden, die er so lebensvoll verlassen, wirklich hier unten ruhten, es wollte bei ihm zu keinem rechten Gefühl der Trauer, der Andacht kommen. Unruhig und aufgeregt flatterten seine unsteten Gedanken hierhin, dorthin, so sehr er sich innerlich auch darum schalt, und wenn es ihm endlich mühsam gelungen war, sich das Bild der Mutter und der Schwester zusammenzustellen, so stob es unmittelbar darauf wieder auseinander, und dieselbe Unrast kam von neuem über ihn, diese quälende Sucht, an allerlei gleichgültige Dinge zu denken, während die Seele bestrebt ist, sich einem einzigen beherrschenden Gefühl hinzugeben. Dazu kam, daß die Gräber in, ihrem Aussehen ernüchternd wirkten. Georg hatte regelmäßig in Pausen Geld zu ihrer Erhaltung und Pflege geschickt, sie sahen auch keineswegs vernachlässigt aus, aber poesielos, und ohne jeden Reiz. Steif und gerade, wie Soldaten, waren Blumen auf die Hügel gepflanzt, die weder in ihrer Farbe noch in ihrer Anordnung zueinander stimmten, man sah so recht die gleichgültige, bezahlte Hand, die maschinenmäßig ihre Pflicht getan. Georg hatte ein paar schöne Kränze aus dem größten Blumengeschäft mitgenommen und legte sie auf die Gräber; sie paßten aber wieder nicht zu dem bereits vorhandenen Schmuck, und es gab ein stimmungsloses Durcheinander, das den Augen wie dem Herzen wehtat. Er ging schließlich zur Stadt zurück, erfragte den besten Gärtner und besprach mit diesem ausführlich eine Erneuerung des Gräberschmuckes »von Grund aus«, wobei das Geld nicht gespart zu werden brauchte. Als er sich gegen Abend im Kordeleitschen Hause einfand, traf er dort einen Boten des Justizrats Hein an, der ihm die Tür öffnete, sämtliche Schlüssel übergab, sowie auch einige Papiere, von denen der Justizrat bereits mit ihm gesprochen, unter ihnen der mit einem altmodischen viereckigen Siegel versehene Brief des alten Kordeleit an seinen Universalerben – ein großes, steifes, etwas vergilbtes Kuvert, auf dem in wunderlich verschnörkelten, ein wenig zittrigen Zügen die Aufschrift zu lesen war: »An Herrn Georg Unger. Wohlgeboren. Zur Zeit Pernambuco. Südamerika. Nach meinem Tode eigenhändig zu öffnen und allein zu lesen.« Georg lohnte den Boten ab, begleitete den Mann bis zur Haustür, schloß hinter dem Davongehenden ab und blieb in seinem neuen Eigentum allein. Es sah alt und ziemlich verwahrlost aus, dies »neue« Besitztum. Ein ungeheurer Hausflur, in dem es nach Staub und Moder roch, breite ausgetretene Treppenstufen, die ins obere Stockwerk führten und die bei jedem Schritt knackten und krachten, die Zimmer groß, unwohnlich, dürftig möbliert, die Dielen ausgetreten, ganze Säulen tanzender, wirbelnder Stäubchen in den breiten Sonnenbahnen, die durch die ungeputzten Fensterscheiben hereinfluteten. Ab und zu ein alter Schrank mit schöner, geschwärzter Schnitzerei, ein nachgedunkeltes Bild in schweren Rahmen, ein blinder Kronleuchter mit seinen Kristallbehängen, das meiste aber steifer, geschmack- und wertloser Hausrat, für den der Trödler kaum ein paar hundert Mark zahlen mochte! Georg war als Knabe ein paarmal in diesem Hause gewesen, um gelegentliche Bestellungen seiner Mutter auszurichten. Er war jedesmal ungern gegangen und unverbindlich empfangen worden. Der alte Kordeleit hatte das Kind nie zum Sitzen genötigt, ihm nie eine Frucht, ein Stück Kuchen oder ein Geldstück geschenkt, ihm nicht das mindeste Wohlwollen bewiesen – und jetzt mit einem Male stand dies längst zum Mann herangereifte Kind mitten im Hause des wunderlichen Alten und sollte dessen Erbe sein! Eine seltsame, unerklärliche, eine freudlose Erbschaft, die noch dazu etwas Bedrückendes hatte; denn Georg fielen eben die Worte des jovialen Weinhändlers ein: »Um die Juniussens tut mir's aber leid, sie haben so nette Kinder!« Wie ein Eindringling erschien sich Georg diesen Leuten gegenüber, die den Verstorbenen in dessen letzten Jahren gekannt, ihm gewissermaßen nahegestanden hatten und denen dies Geld notwendiger war als ihm, dem südamerikanischen Plantagenbesitzer! – Der Schreibtisch des Verstorbenen! Ein altes Mahagonimöbel von ungefälligen, harten Linien. Wie unwillig drehte sich der Schlüssel im Schloß, es gab einen kreischenden Ton. Innen ein paar Fächer, Schubladen, mit kleinen Ringen zum Aufziehen versehen; Georg öffnete sie nacheinander: Rechnungen, Geschäftsanzeigen, ein Bauplan – nichts Nennenswertes weiter. Hier unten ein Brief in einer runden, festen Kaufmannshand. »Sehr geehrter Herr! Wir stehen seit Jahren in einem gewissen Verkehr, das heißt, ich tue Sekretärdienste bei Ihnen und besorge die geschäftlichen Angelegenheiten, die Sie, bei Ihrem Alter und Ihrer ausgesprochenen Abneigung gegen jeden persönlichen Kontakt mit Menschen, nicht selbst erledigen wollen. Ich habe mich, das Zeugnis dürften Sie mir ausstellen müssen, niemals Ihnen aufgedrängt, Sie nie mit meinen Familienverhältnissen behelligt; Sie haben es, sehr geehrter Herr, auch freilich sorgfältig vermieden, mich jemals danach zu fragen. Wenn mich die bittere Not nicht zwänge, ich würde nie freiwillig zu Bekenntnissen schreiten, für die ich weder Interesse noch Teilnahme voraussetzen darf. Aber eben – leider – die bittere Not zwingt mich dazu! Ich bin nicht länger imstande, die Meinigen zu ernähren. Schon zwei Quartale stundet uns die nachsichtige Güte unseres Hauswirtes die Miete; das dürfte nicht lange mehr geschehen. Beim Arzt, beim Apotheker habe ich nicht bezahlen können, was mich unsäglich peinigt und demütigt. Meine Frau ist fast immer krank. Meine älteste Tochter hat, mich gestern mit Tränen gebeten, sie rasch etwas Praktisches lernen zu lassen, sei es doppelte Buchführung oder Telegraphendienst – sie wolle durchaus selbst etwas Geld verdienen. Ich habe diese Bitte, so schwer es mir fiel, abschlagen müssen. Abgesehen davon, daß meine Tochter noch sehr jung und von zarter Gesundheit ist, abgesehen davon, daß ich ihr zur Erlernung irgend eines Berufes kein Geld geben kann – sie ist im Hause absolut unentbehrlich, sie ersetzt mir die Hausfrau, den jüngeren Geschwistern die Mutter; sie arbeitet von früh bis spät, es ruht alles auf ihren Schultern. Wie sollte sie die Zeit finden, stundenlang außer dem Hause einer anderen Beschäftigung nachzugehen! – Meine Söhne gehen zur Schule; der älteste, der sehr befähigt ist, hat eine Freistelle, die beiden anderen sollen bezahlen, und ich habe das Geld nicht. – – Sehr geehrter Herr Kordeleit, ich flehe Sie an: helfen Sie mir in meiner Not! Sie werden fragen, wovon ich Ihnen ein eventuelles Darlehn wiedererstatten will – ich muß Ihnen antworten: ich weiß es nicht! Geben Sie mir mehr für Sie zu schreiben, zu arbeiten, zu tun – viel mehr noch als bisher! Es soll mir nichts zu schwer sein – – nur ich bitte, ich beschwöre Sie, lassen Sie es meine arme, kranke Frau, lassen Sie es meine unschuldigen Kinder nicht entgelten, daß ihr Gatte und Vater es nicht verstanden hat, ihnen eine sorgenlose Lebenslage zu schaffen. Ich harre in Angst und Sorge Ihrer Entscheidung. Möge Gott Ihr Herz voll Mitgefühl sein lassen! Stets Ihr hochachtungsvoll ergebener Ernst Junius.« Georg ließ den Brief auf die Tischplatte fallen und sah mit gerunzelten Brauen vor sich hin. War diese Zuschrift die Ursache gewesen, weshalb der Alte sich mit Junius entzweit hatte? Wahrscheinlich! Wie Georg den alten Mann in der Erinnerung hatte, würde er jede derartige Bitte, von wem sie immer kam und wie beweglich sie auch klang, unberücksichtigt gelassen haben. Der geängstigte Gatte und Vater war vielleicht in Person erschienen, hatte gebeten, war dringend geworden – und die Folge davon war der endgültige Bruch, dessen der Weinhändler Erwähnung getan hatte. Wer weiß – wenn Junius diesen Brief nicht geschrieben, wenn er den Alten nicht um Geld gebeten hätte – – vielleicht wäre er jetzt der Erbe dieses Vermögens geworden, das Georg Unger unerwartet in den Schoß fiel! Das Mißbehagen in der Seele des Mannes wuchs und wuchs. Nichts weiter im Schreibtisch zu finden, weder rechts noch links. Nun noch den Brief des wunderlichen Erblassers! Das Siegel knirschte, der steife Bogen faltete sich auseinander. Es waren nur wenige Zeilen: »Herrn Alfred Waldemar Georg Unger z. Z. Pernambuco in Südamerika. Ich werde mein bisheriges Testament umstoßen und Sie zu meinem Universalerben ernennen. Das wird Sie befremden. Ich habe aber meine Gründe dafür. Ich habe Sie nicht aus den Augen verloren, obwohl Sie in Amerika sind und ich in Deutschland lebe. Ich weiß, daß Sie kein Verschwender sind, daß Sie arbeiten gelernt haben und den Wert des Geldes zu schätzen wissen. Mein Geld soll keinem Hungerleider zugute kommen, sondern einem Menschen, der zu erwerben und zusammenzuhalten versteht. Jakob Anton Kordeleit.« Da war es: »Mein Geld soll keinem Hungerleider zugute kommen!« Mit dieser Bezeichnung war Junius gemeint, es war kein Zweifel. Wie oft, wie oft hat schon die Bitte um ein Darlehn das bißchen sogenannte »Freundschaft« zwischen zwei Menschen über den Haufen geworfen! Georg Unger schloß die Klappe des Schreibtisches zu und atmete schwer. Ihm war, als würde die Luft zu eng, zu bedrückend in dem dumpfigen, seit lange nicht gelüfteten Räume. Oder war es nur diese Erbschaft, die ihn so bedrückte? Er wußte den Wert des Geldes zu schätzen, jawohl! Aber dies Geld, das einem anderen, der darbte, entzogen wurde, um ihm zugewendet zu werden, von einem fremden, harten, alten Mann, dies Geld, das ihm wie zum Hohn in den Schoß geworfen wurde: »Da, nimm du es meinetwegen, obgleich du mir fremd und gleichgültig bist – nimm es, nur damit es der andere nicht bekommt!« – – Konnte das ihn freuen? Konnte darauf Segen ruhen? Er war zum Fenster getreten, riß es weit auf, den zweiten Flügel gleichfalls – die hereinströmende, weiche Sommerluft nahm den Druck auf seiner Brust nicht von ihm. Aber zugleich mit dieser Luft flutete eine breite Welle goldroten Sonnenlichtes in das unwohnliche Zimmer, solches intensive Sonnengold, wie der Abend es mit sich bringt, dem die Tageskönigin alle Gluten und alle Farbenpracht schenkt, ehe sie scheiden muß. Georgs wandernder Blick fiel auf ein junges, prangendes Laub, auf Busch und Baum – ein Stück des verwilderten Kordeleitschen Gartens lag vor ihm. Hinaus aus dem Zimmer – hinaus in den Garten! Vielleicht wurde ihm im Freien leichter ums Herz; er nahm sich nicht mehr die Zeit, seinen Hut mitzunehmen, den er in einem der anderen Zimmer achtlos auf einen Tisch geworfen hatte. Ein säuselnder Hauch, der leisen Rosenduft auf seinen Schwingen trug, hob dem Hinaustretenden leicht das Haar von der Stirn empor. Der vernachlässigte Garten lag da wie in flüssiges Gold gebadet. Der Flieder hatte abgeblüht, die Obstbäume trugen nicht mehr ihr duftiges, weißes Kleid. Dafür prangte Schneeballenstrauch und Goldregenbusch in üppigem Flor, der Jasmin entfaltete seine weißen Blüten, rosa und gelbe Akazien ließen ihre vollen Traubendolden herniederhängen, und die zarte Rose »Mädchenerröten« schloß zu Hunderten ihre lieblichen Kelche auf. Die ausgedehnten Glasflächen waren überreich mit Gänseblümchen, mit Maßliebchen und Tausendschön durchflickt, von den wenigen, hier und da eingestreuten, ungepflegten Blumenbeeten nickten schwere weiße und tiefrote Nelkenbüschel. Georg sah mit achtsamem Blick um sich. Erkannte er hier etwas wieder? Dort rechts hinüber das hohe, schmiedeeiserne Gitter, das hatte dazumal natürlich noch nicht existiert, dahinter lag sicher der Garten des reichen Weinhändlers, der sich inzwischen hier angekauft und niedergelassen hatte. Die Seite interessierte ihn nicht sonderlich. Aber die andere, die linke, wo »unser Garten« gewesen, war gar nicht groß, wahrlich nicht schön, und dennoch ein Stück Kinderparadies, in welchem selbst der traditionelle Apfelbaum nicht fehlte! Mit so hastigen Schritten, als gelte es, etwas Verlorenes einzubringen, ging Georg quer über den blumigen Rasen, am blühenden Gebüsch vorbei – vorbei auch an einem alten verfallenen Gartenhaus, dessen er sich dunkel entsann. – Hier war noch der derbgezimmerte, plumpe Lattenzaun, rissig, baufällig, mit grünlichen Moosflechten überzogen, und dort, ganz am Ende des Zaunes, die mächtig ausladenden Zweige des alten Apfelbaumes, die weit in den Kordeleitschen Garten überhingen. »Junge, wie sehen deine Hosen bloß aus! Hast du richtig schon wieder auf dem Apfelbaum gesessen? Und hast die Trude auch dazu verleitet? Da sind zwei Risse im Kleid; Kinder, Kinder, es ist nicht mit euch auszukommen, geht mal wieder ohne Abendbrot zu Bett für euren Ungehorsam!« Ganz deutlich meinte Georg die scheltende Stimme der Mutter zu hören. Dafür vernahm er jetzt jenseit des Lattenzaunes ein Huschen und Trippeln; hier fehlte ja eine Latte, das gab einen bequemen Durchblick! Drei, vier helle Mädchenkleider, ein paar schlanke Gestalten, eine kleinere, untersetzte – braune und blonde Zöpfe, eine, die einen hübsch gewundenen, dicken Knoten trug in leicht gekraustem, dunklem Haar. Keins von den Mädchen sprach, sie gingen alle vier – nein, eine fünfte tauchte eben noch auf – mit gesenkten Häuptern bedächtig einher, bückten sich zuweilen und pflückten etwas; dann und wann klang es zu dem Lauscher hinüber wie ein verhaltenes Kichern. Johannisabend! Der alte, alte Brauch der »neunerlei Kräuter«, die man am Sonnenwendabende pflücken muß, ohne zu sprechen, über die Schulter ins Haus werfen und unter das Kopfkissen legen soll; was man dann träumt, soll Bedeutung haben für das kommende Jahr! Der »Südamerikaner« entsann sich der alten Sitte mit einem Schlage, er hatte als Junge oft genug die Mädchen verspottet und auf alle Weise zum Reden verleiten wollen, entrüstet darüber, wenn es ihm nicht gelang, und die »dummen Dinger«, die sonst so entsetzlich schwatzhaft waren, standhaft schwiegen. Wurden denn diese hier gar nicht in Versuchung geführt? Blieben sie ungestört, wie sie da in ihren hellen Sommerfähnchen lautlos im purpurnen Abendsonnenschein durch den Garten huschten? Als habe sein Gedanke Gestalt gewonnen, so wurde es jetzt drüben hinter der steifen Taxushecke lebendig. Mit Hallo und Hussa setzten ein Paar halbwüchsige Jungen über die niedrige grüne Mauer weg, purzelten übereinander, verlegten den Mädchen den Weg: »Du, Grete, deine Mama fragt nach dir!« »Paula, dein Kanarienvogel ist fortgeflogen!« »Hast du nicht mein Messer gesehen, Elsbeth?« »Du, Elsbeth, der Vater läßt dich fragen, wo du seine Morgenschuhe gelassen hast.« »Hörst du nicht, Elsbeth? Vaters Morgenschuhe! Er braucht sie! Wo sind sie geblieben? Na, dummes Frauenzimmer, du mußt doch sagen, wo du sie gelassen hast!« Die Mädchen wehrten die Quälgeister ab, mit Kopfschütteln und Händewinken, keine sprach ein Wort. Offenbar nahmen sie's heilig ernst mit ihrem Gelübde des Schweigens. Die Jungen wurden dreister, suchten ihnen die schon gesammelten »Kräuter« zu entreißen, zerrten an den niederhängenden Zöpfen. Eine Blondine in Blau drehte sich kurz herum und schlug den größten zudringlichen Bengel derb auf die Finger. »Au, Grete, bist du aber grob!« »Na, Elsbeth, du wirst gute Schelte kriegen, wenn du nicht sagst, wo Vaters Morgenschuhe stecken! Er will sie doch anziehen, hörst du. Vater wird sich schon wundern, wenn wir ihm sagen, daß du hier im Garten rumkriechst und solchen Blödsinn machst!« Georg Unger zog durch die Zaunlücke einen Zweig seines alten Apfelbaumes zu sich nieder und fühlte sich dadurch auf seinem Lauscherposten noch mehr geborgen. Das junge Völkchen war übrigens ohnehin vollkommen unbefangen. Wie sollte eins unter ihnen darauf kommen, in dem seit Monaten vereinsamten Kordeleitschen Garten einen stillen Beobachter zu vermuten? War eins von den Mädchen hübsch? Georg konnte das zunächst nicht feststellen. Einige waren ihm zu weit entfernt, die anderen kehrten ihm konsequent den Rücken zu, höchstens sah er flüchtig ein Stückchen Profil. Die mit dem dunklen Haarknoten war hübsch gewachsen und anmutig in ihren Bewegungen; rasch und zierlich wie ein Schwälbchen glitt sie zwischen den Gesträuchen einher. Einer von den Jungen jagte hinter ihr her und suchte sie zu fangen; sie lief rasch um die Taxushecke, war für eine Weile gar nicht zu sehen, kam dann drüben wieder zum Vorschein, bog dem Verfolger, der ihr ganz nahe war, überaus geschickt aus dem Wege, immer ihr grünes Sträußchen in der Hand haltend, und stand dann einen, Augenblick ganz in Georgs Nähe still. Ja, sie war hübsch, sehr hübsch sogar. »Habt ihr noch nicht euer dummes Grünzeug zusammen? Gott, was Mädchen immer langsam sind!« »Paula, die Sonne ist schon hinunter, nun könnt ihr doch reden!« »Wenn du aber nicht von Vaters Morgenschuhen träumst, Elsbeth, dann heiß' ich Mops! Na, und wenn du das träumst, was hast du dann?« »Daß ihr schon was Vernünftiges träumen wollt, so grasgrün und dämlich, wie ihr noch seid!« Brüder haben das Privilegium, stets ungezogen gegen ihre Schwestern zu sein – und daß dies zwei Geschwister sein mußten, war ersichtlich! Bei dem etwa vierzehnjährigen Jungen derselbe schlanke, feste Gliederbau wie bei dem Mädchen, dasselbe feine Profil, die dunklen, langen Wimpern. »Du, sei doch nicht so gräßlich dumm, Elsbeth! Jetzt kannst du mir doch antworten!« Sie wies statt dessen stumm mit der ausgestreckten Hand nach der Sonne hinüber, die immer noch goldflammend durch die Bäume sah. »Na, meinethalben! Bleib, wo du bist, dummes Gör. Bist mir viel zu langweilig, Adieu!« Mit drei schnellen Sätzen war der Quälgeist auf und davon durch raschelndes Gebüsch. Das Mädchen war stehen geblieben und zählte ganz vertieft und aufmerksam die gesammelten Pflänzchen; Georg konnte sehen, wie sich lautlos die Lippen bewegten: »Sechs – sieben – acht« – sie bückte sich und pflückte ein Stengelchen Labkraut, das zu ihren Füßen wuchs. Da kam es den schmalen Gartenweg entlang, wie kleine trippelnde Kinderschritte. Und ein in blaugestreiften Sommerstoff gekleidetes Wichtchen, sicher noch keine drei Jahre alt, eine dicht am Kelche abgerissene rote Nelke im zusammengeballten Fäustchen haltend, bog um die Ecke, stieß einen hellen Jubelruf aus, als es die Mädchengestalt entdeckte, und setzte sich alsdann in einen solchen Sturmschritt, daß es ins Stolpern kam und von dem hastig zuspringenden Fräulein eben noch vor dem Fallen bewahrt wurde. »Sieh, die ßöne Bume! Is für dich – die ßöne Bume – für dich!« Das junge Mädchen hatte das Blondköpfchen auf den Arm gehoben und drückte es zärtlich an sich. Wieder sah sie hinüber, wo müde, rote Sonnenaugen durch das Blättergewirr blinzelten – die Tageskönigin war dicht am Untergehen, aber noch küßten ihre letzten Strahlen die Erde. Die dicken Kinderhändchen mühten sich mit ungeschicktem Eifer, die rote Nelke in das dunkle Haar des Mädchens zu stecken – es wollte eine ganze Weile nicht gelingen, aber das junge Geschöpf hielt geduldig still. Unter dem Gewicht des dicken kleinen Buben neigte sich die schlanke Gestalt leicht nach links hinüber – man sah aber, daß sie gewöhnt war, Kinder auf den Arm zu nehmen, sah es an der sicheren Art, mit der sie den Kleinen hielt, sah es auch an der heiteren Zärtlichkeit, mit der sie ihm zulächelte – einer Zärtlichkeit, die bei ganz jungen Mädchen häufig schon die künftige liebevolle Mutter verrät. Georg Unger hätte hinzutreten und dem zarten Wesen die Bürde abnehmen mögen; damit jedoch hätte er seinen bequemen Beobachterposten aufgeben müssen, und das wollte er nicht. Die Nelke saß jetzt endlich fest, dicht über dem seinen, rosigen Ohr, mitten hinein in das dunkle Haargekräusel gebettet. Es sah eigentümlich reizvoll aus. »Danke sagen– ßön danke sagen!« verlangte das Blondköpfchen ungeduldig. Ein letzter, schräge verzitternder Sonnenstrahl glitt matt an den Baumwipfeln entlang, zuckte noch einmal auf und erlosch. Die Sonne war hinunter. »Sollst du denn Blumen abreißen, du kleiner Unart – sollst du denn? Noch dazu Blumen mit einem so kurzen Stengel?« fragte eine weiche, etwas bedeckte Mädchenstimme in kosendem Ton. Dazu griff sich die Fragestellerin eins von den winzigen, dicken Händchen und klopfte leise darauf. Das Blondchen schien genau zu wissen, was es von dieser »Strafe« zu halten hatte; denn es kicherte vergnügt und versteckte sein rundes Gesicht an des Mädchens Schulter. Bei dieser unerwarteten Wendung bekam es aber den Fremden in seinem Versteck zu sehen, und des Kindes Augen erweiterten sich von neuem. Es streckte mit wichtiger Miene das Zeigefingerchen aus und rief eifrig: »Da Mann, da Mann!« Das junge Mädchen fuhr überrascht herum, und der »Mann« konnte nichts anderes tun, als den Zweig des Apfelbaumes, den er noch immer gefaßt hielt, loslassen, sich verbeugen und vortreten. »Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, ich wollte Sie gewiß nicht erschrecken. Ich bin aber zufällig Zeuge eines Brauches gewesen, der mir, da ich von jenseit des Meeres herkomme, fremd ist, und Sie würden mir einen wirklichen Dienst erweisen, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, mich über diese Sitte aufzuklären!« Dies log nun Georg Unger natürlich, da er ganz gut wußte, um welche Sitte es sich handelte, aber wer wollte es ihm verdenken, wenn er ein so liebreizendes junges Wesen ein wenig länger neben sich festhalten wollte? Sie war durchaus nicht erschreckt; denn der Anblick des fein gekleideten Herrn mit dem bronzefarbenen Gesicht hatte keineswegs etwas Zurückstoßendes an sich – seine fremdartige Aussprache mißfiel ihr ebensowenig; unwillkürlich sandte sie nur einen suchenden Blick um sich – war denn von ihren jungen Gefährten kein einziger mehr da? Nein! Kein helles Kleid, kein farbiges Band schimmerte durch die Büsche – nur ganz von fern scholl ein gedämpftes Lachen aus der Tiefe des Gartens herüber. »Meinen Sie die Johanniskräuter?« fragte das junge Mädchen etwas befangen und blickte unwillkürlich auf das grüne Sträußchen in ihrer Rechten herab. »Ja, die meine ich! Wenigstens sah ich Sie das da pflücken, und Ihre Gefährtinnen taten das gleiche. Dabei verweigerten Sie es, Antwort zu geben, wenn jemand Sie etwas fragte!« »Ja, das darf man auch nicht tun, sonst hat das Ganze keinen Sinn!« erklärte sie eifrig. »Man muß am Sonnenwendabend neun verschiedene Kräuter pflücken und darf nicht reden dabei ... überhaupt nicht reden, ehe die Sonne hinunter ist!« »Und dann?« »Und dann legt man sich die Kräuter unter das Kissen ... was man dann in der Nacht träumt, geht ganz bestimmt in Erfüllung.« »Wenn man aber gar nichts träumt?« »O – aber – ja, aber ich träume immer irgend etwas!« »Hübsches?« forschte er lächelnd. »Oft etwas Hübsches und dann auch einen schrecklichen Unsinn – wie's grade kommt! Willst du wohl, kleiner Nichtsnutz!« Dieser letzte Ausruf galt dem Bübchen, das sich langweilte und seine Zeit damit auszufüllen suchte, mit seinen runden Fäustchen das dunkle Haar, das ihm so nahe war, zu zausen. »Er muß Ihnen ja weh tun, gnädiges Fräulein!« »Ist nicht so schlimm damit. Er hat gradezu eine Passion dafür, mein Haar zu raufen!« »Auch muß er Ihnen viel zu schwer sein!« »Gott bewahre! Ich bin so daran gewöhnt, Kinder herumzuschleppen, und sie kommen auch gern zu mir!« »Das will ich Ihnen aufs Wort glauben. Man sagt, das sind gute Menschen, zu denen die Kinder Vertrauen haben ... sagt man nicht so?« »Ich denke!« »Und wollen wir einmal hier die Probe machen?« »Welche denn?« »Ob ich ein guter Mensch bin, natürlich! Der Kleine – ist's Ihr Bruder?« »Ja, – mein jüngster!« »Und wie heißt er?« »Sag schnell, wie du heißt! Wird's bald? Ganz schnell sagen!« Der Kleine warf einen schelmischen Blick auf die große Schwester und sagte fröhlich: »Dudu!« »Pfui, sollst du so sagen? Du bist ja schon ein großer Junge, du kannst deinen richtigen Namen ganz schön aussprechen. Also fix! Wie heißt du?« Der kleine Schelm warf den Kopf in den Nacken und krähte vor Vergnügen. »Dudu, Dudu!« rief er immer von neuem. »Ulrich ist er getauft!« erklärte das junge Mädchen zwischen Ärger und Lachen. »Das ist nicht leicht auszusprechen, aber er kann es sehr gut, wenn er nur will. Wart' du, Elsbeth hat dich gar nicht mehr lieb, will nichts mehr von dir wissen, wenn du so unartig bist.« »Wenn Elsbeth nichts mehr von dir wissen will – vielleicht kommst du dann zu mir?« Georg Unger trat auf eine der unteren Quersprossen des Lattenzaunes und streckte über die Staketen herüber seine Arme nach dem Kinde aus. »Komm her zu mir, Dudu! Komm!« Der Kleine zögerte ein Weilchen, – aber, sei es, daß ihm der fremde »Onkel« gefiel, sei es, daß die Aussicht, auf diesen beiden starken Armen so hoch emporgehoben zu werden, bis dicht an die grünen Baumzweige heran, ihn reizte – – er atmete tief auf, stieß dann einen zwitschernden Laut aus wie ein Vögelchen, das aufstiegen möchte, und streckte verlangend beide Händchen aus. »Das wundert mich, wundert mich wirklich!« rief Elsbeth erstaunt. »Er geht sonst nicht leicht zu Fremden.« Georg griff zu und hob das zappelnde Bübchen auf seinen Arm. »Meine Probe als ›guter‹ Mensch ist bestanden, gnädiges Fräulein!« sagte er triumphierend. Er hatte lange, lange kein Kind auf dem Arme gehabt – es war ihm ein eigentümlich wohliges Gefühl, das warme, weiche Körperchen so nahe an sich zu fühlen. »Komm, kleines Menschenkind, wir zwei wollen gut Freund miteinander sein!« »Bedank dich bei dem Onkel, Dudu!« gebot Elsbeth jenseit des Lattenzaunes; »hab' den Onkel lieb!« Daraufhin hob der Kleine sein sammetweiches Händchen auf und streichelte damit zutraulich an Georgs Wangen auf und nieder. Der hielt ganz still, ihm wurde ganz gerührt zumute. Solch einen Jungen möchtest du haben – für solch einen Jungen würdest du gern arbeiten und erwerben, ging es ihm durch den Sinn – und dann zuckte blitzschnell noch ein zweiter Gedanke hinterher, wie eine Frage: »Tut es denn aber der Junge allein? Ist nichts weiter dabei, als der Junge?« Er mußte lächeln, wie er das dachte; ihm war eigentümlich froh zu Sinn in der Gesellschaft, in welcher er sich eben jetzt befand. Und deutsch war ihm zumute und heimatlich – »Sonnwendabend daheim!« Es lief ihm bei dieser Vorstellung ein reizvoll prickelndes Gefühl, das er bisher noch gar nicht gekannt hatte, durch die Glieder. Mit seinen kraftvollen Armen hob er das Bübchen auf wie ein federleichtes Spielzeug, setzte es rittlings auf seine Schulter und sah zu, wie es mit den runden Händchen in die Baumzweige griff, daß die Blätter umherstoben. »Sie halten ihn fest, ganz fest – bitte, ja?« fragte Elsbeth besorgt. »Er ist so unruhig und lebhaft.« »Er ist sicher bei mir wie in seiner Mutter Arm, Sie können sich darauf verlassen!« Zur Bekräftigung dieser Worte griff Georg sich eins der strammen Kinderbeinchen und legte es über seine Schulter. »Er wird Sie mit seinen staubigen Schuhen schmutzig machen!« »Ach, Staub klopft sich leicht ab!« warf er hin und sah angelegentlich auf das liebliche junge Mädchengesicht, das ihm so nahe war. »Hübsch – sehr hübsch sogar!« mußte er von neuem denken; aber das war es nicht allein, was ihm gefiel. Der Blick, mit dem das junge Wesen auf das Kind sah, der behütende, zärtliche Blick tat es ihm an. »Sie fühlen sich ganz verantwortlich für Dudu, ja?« fragte er rasch, aus Angst, sie könnte das Gespräch für beendet ansehen und ihn verlassen. »Ach ja!« nickte sie, seufzte leise dazu, und über ihre beweglichen Züge lief ein Schatten. Die offen und groß emporgeschlagenen Augen umflorten sich, halb deckten sich die langen Wimpern wieder darüber. »Ich hab' ihn in Obacht genommen, solange er auf der Welt ist. Mutterchen ist beinahe immer krank und kann sich wenig um ihn kümmern, ich hab' ihn selbst aufgezogen und bin furchtbar stolz auf ihn. Den hätten Sie sehen sollen, als er ein paar Monate alt war! Ganz, ganz klein und jämmerlich, die Ärmchen und Beinchen so dünn, im Gesicht Falten wie ein alter Mann, und gewinselt und gewimmert hat er Tag und Nacht. Mutterchen hat hundertmal zu mir gesagt, ich solle mich nicht so mit ihm abquälen, wir bekommen ihn ja doch nicht groß!« – – – »Mutterchen!« Wie schön ihm das klang, altvertraut und doch wieder neu! So hatte auch er gesagt, als er ein Knabe war, und nie, nie in all den langen dreiundzwanzig Jahren hatte er einen Menschen sagen hören: »Mutterchen!« »Manchmal natürlich bin ich ärgerlich auf Dudu gewesen, wenn er mich gar nicht schlafen ließ,« fuhr Elsbeth fort, und ihr Gesichtchen hellte sich mehr und mehr auf, wie sie weiter sprach: »Aber wie ich dann noch merkte, daß es mit ihm wurde, da setzte ich auch meinen Ehrgeiz drein, ihn in die Höhe zu bekommen. Jetzt sehen Sie sich mal seine Arme und Beinchen an, und was für festes Fleisch er hat! Unser Arzt sagt, ich könnte mir eine Prämie ausbitten für unseren Jüngsten, und ich könnte in eine Kinderheilstätte eintreten als Pflegerin. Das tät' ich auch gleich, wenn sie mich zu Hause nicht so notwendig brauchten.« »Für ein junges Mädchen wie Sie, mein Fräulein, gäbe es doch wohl einen anderen Beruf!« »Ein junges Mädchen wie ich? Wie meinen sie das?« gab sie unbefangen zurück und sah ihm aufmerksam ins Gesicht. »Denken Sie, ich bin zu schwächlich dazu? Gar nicht; ich kann viel mehr leisten, als die meisten Menschen mir zutrauen.« »Nicht allein das. Aber es ist ein schwerer und verantwortlicher Beruf, kranke Kinder zu pflegen, und die Jugend hat das Anrecht darauf, sich eine sorglose, heitere Zukunft zu träumen und zu wünschen.« »Ich nicht!« erwiderte sie ernst, ohne aber dabei traurig und entmutigt auszusehen. »Dem einen wird es so im Leben bestimmt, dem anderen so, das muß man hinnehmen, und danach muß man sich einrichten, sagt mein Vater immer.« »Ihrem Herrn Vater dürfte es leichter werden als Ihnen, das zu sagen und danach zu handeln.« »Gar nicht!« unterbrach sie ihn beinahe heftig. »Mein Vater hat ein sehr schweres, hartes Leben, und man muß ihn bewundern, wenn er nicht verbittert und ungerecht wird!« Sie biß sich leicht in die Lippen, als fürchtete sie, schon zu viel gesagt zu haben, und die großen, klaren Augen, in denen sich jede Empfindung widerspiegelte, sahen förmlich vorwurfsvoll nach ihm hin: Wie kommst du dazu, dies alles aus mir herauszulocken? Und wie komme ich dazu, dir das alles zu sagen? – Er las die Frage aus dem Blick, und ihm war, als müßte er rasch eine Antwort darauf finden. »Ihr Herr Vater,« begann er ein wenig unsicher, »ist mir freilich ganz fremd; ich vermute nur in ihm den jetzigen Besitzer dieses Gartens.« »Nein, ach nein!« Elsbeth schüttelte nachdrücklich das Köpfchen. »Wir haben kein Haus und keinen Garten. Meine beste Freundin wohnt hier, und deren Eltern sind so gut und erlauben, daß wir, ich und unsere Kinder, oft hierher kommen und uns ein bißchen auslaufen dürfen. Der Garten, in dem Sie stehen, ist ja viel größer – da sind wir früher auch manchmal gewesen.« »Beim alten Kordeleit?« »Ja, beim alten Kordeleit! Oder eigentlich nicht bei ihm – – er saß in seinem Arbeitszimmer, wenn wir da waren, er konnte Kinder nicht leiden. Mein Vater hat früher allerlei für ihn geschrieben und besorgt.« »So sind sie Fräulein Junius?« »Elsbeth Junius – ja! Woher wissen –« Weiter kam das junge, Mädchen nicht. Aus der Tiefe des Gartens scholl der dringliche Ruf: »Elsbeth! Elsbeth!« Zugleich schimmerten helle Kleider durch die Büsche, im Gesträuch brach und knackte es, und eine kecke Knabenstimme wurde laut: »Dummes Ding, sitzest du vielleicht auf deinen Ohren? Elsbeth! Wenn die nicht wieder irgend eine alte Scharteke gefunden hat und schmökert –« »Sie suchen mich! Ich muß fort! Komm, Dudu!« Sie hob die Arme hoch, um den Kleinen in Empfang zu nehmen. Er hatte die Zeit während des Gesprächs dazu benutzt, ein paar kleine Zweige vom Apfelbaum abzureißen und bedächtig mit seinen dicken Fingerchen Blatt um Blatt davon abzuzupfen. – – Es wurde Georg Unger schwer, das Geschöpfchen, das es sich auf seiner Schulter so bequem gemacht hatte, Elsbeth abzugeben. Was aber konnte er unter den obwaltenden Umständen anderes tun, als die weiche, warme Last hinüberzureichen? Seine Hände und Elsbeths Hände berührten sich dabei, und wieder ging das heiße, wohlige Rieseln, das er zuvor schon empfunden, über ihn hin. »Leben Sie wohl, Fräulein Junius!« Er verneigte sich tief. »Ich hoffe zuversichtlich, unser erstes Zusammentreffen wird nicht unser einziges sein!« Sie wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte, schämte sich ihrer Ungewandtheit, wurde rot und sah von ihm fort. In ihrer Verlegenheit beschäftigte sie sich mit Dudu, nahm ihm die Blättchen aus dem Haar, las ihm die Halme vom Kittel und fugte endlich mit einer halben Verbeugung ein schüchternes »Adieu!« Georg stand und sah ihr nach, wie sie, so schnell, daß die eilfertig neben ihr hertrippelnden Kinderfüßchen kaum Schritt mit ihr zu halten vermochten, durch den von Haselnußsträuchen gebildeten Pfad hindurchging. Einmal hörte er ihre Stimme noch, wie sie dem Knaben antwortete; er konnte aber nicht mehr verstehen, was sie sagte. Busch und Baum hatten sie seinem Blicke längst entzogen, rasch sank die Dämmerung nieder, hier und da schwatzte noch ein müdes Vogelstimmchen ein paar verlorene Laute – immer noch stand der Heimgekehrte da, wie wenn er lauschte. Gleich einer lauen Flut strömten alte Erinnerungen, neue Hoffnungen, Zukunftsgedanken über ihn her. Das also waren die Juniusschen Kinder, um die es den Weinhändler so leid tat – die Kinder, denen er das Erbe nehmen sollte! Er schüttelte sich, als wehre er etwas Unwillkommenes heftig von sich ab, und dann ging er langsam, verträumt und versonnen durch den dämmerdunklen Garten zurück. Aber das Haus betrat er nicht wieder; er ging eine Lindenallee hinauf und hinab – wie lange, hätte er später nicht sagen können. Starke Rosen- und Jasmindüfte wehten über ihn hin, und am nachgedunkelten Himmel blinzelten in schwachem Goldglanze die ersten Sterne. »Daheim!« sagte er halblaut vor sich hin und atmete aus tiefster Brust. »Wie fang' ich es an? Wie fang' ich es denn nur an?« fragte sich Georg Unger am Morgen des nächstfolgenden Tages. Er hatte sich die Frage schon während der Nacht, die er nicht ganz durchschlafen konnte, vorgelegt – eine Antwort aber hatte er nicht gefunden. »Unrecht Gut gedeihet nicht!« hatte seine verstorbene Mutter hundertmal zu ihren Kindern gesagt. Nun, in gewissem Sinn war freilich das Erbe des alten Kordeleit kein unrechtes Gut. Er hatte nicht danach gestrebt, es sich zuzuwenden, hatte sozusagen keinen Finger darum gerührt; es war ihm von selbst in den Schoß gefallen! Dennoch!! Er wußte, dies Erbe oder wenigstens ein Teil desselben war einem anderen zugedacht gewesen, einem, der es notwendig brauchte, viel, viel nötiger als er selbst. In diesem Sinne war das ererbte Geld für ihn »unrechtes Gut«. Das hatte er schon empfunden, als er in des alten Kordeleit Zimmer gesessen und die beiden Briefe gelesen hatte – er empfand es mit zehnfacher Stärke, seitdem er Elsbeth Junius gesehen und gesprochen hatte! – – – Er konnte nicht zu ihrem Vater hingehen und ihm sagen: »Lieber Herr, Sie sind durch mich, ohne mein Wissen und Willen, benachteiligt worden, und ich weiß, daß Sie in Not sind – – – nehmen Sie so und so viel von meinem Erbteil und helfen Sie sich selbst und den Ihrigen damit weiter!« – – Zehn gegen eins zu wetten, der Mann mußte das übelnehmen, mußte ihn fragen, mit welchem Recht er, Georg Unger, der ihm wildfremde Mann aus Südamerika, daherkäme, um ihm etwas zu schenken – zehn gegen eins zu wetten, Junius würde das Anerbieten entrüstet zurückweisen. Das Sonderbare bei der Sache war, daß Georg das sehr deutliche Gefühl hatte, er habe sehr wohl ein Recht darauf, sich in Herrn Junius' Familienangelegenheiten einzumischen und sie zu den seinigen zu machen. Er kannte den Mann gar nicht, aber er hätte vor ihn hintreten und zu ihm sprechen mögen: »Laß mich dir helfen! Ich bin dir ja gar nicht fremd. Ich gehöre ja zu euch!« Wie er das hätte motivieren sollen, das wußte er nicht, aber er empfand es nun einmal. Seine Rechte blätterte in dem Adreßbuch, das er sich hatte vom Kellner aufs Zimmer bringen lassen, die Linke zerkrümelte mechanisch ein Frühstücksbrötchen. »E. Junius, Kommissionär, Mühlendamm Nr. 28«, hatte er gelesen und sich die Adresse mit leichter Mühe gemerkt. Am Mühlendamm, mein Gott, da hatte er mit Eduard Schleusen gebaut und für Trude Schiffchen geschnitzt, in die sie ihre Püppchen setzte, um sie dann vorsichtig auf dem kleinen Mühlenteich an einem langen Bande schwimmen zu lassen. Durch ein Wehr war der Mühlenteich mit dem See in Verbindung und den See mußte er selbstverständlich wiedersehen. Wenn er dabei an den Häusern des Mühlendammes vorüberkam, so konnte er sich ja Nummer 28 einmal ansehen. Weiter wollte er nichts, weiter konnte er leider nichts wollen. Wie er langsam dahinschlenderte – diese Langsamkeit war geboten; denn es war ein heißer Junitag und die Sonne, brannte schon um diese Vormittagsstunde mit ungewöhnlicher Glut – kam es ihm vor, als habe er während seines kurzen Aufenthalts in seiner Vaterstadt schon erstaunlich viel erlebt. Im Grunde genommen war es gar nicht der Fall, aber das Gefühl von etwas besonders Wichtigem und Merkwürdigem, das hier seit gestern in sein Leben getreten war, ließ ihn nicht los. Zugleich war er sich mit großer Deutlichkeit der Tatsache bewußt, daß er hier in Deutschland ein total anderer Mensch war als in Amerika. Der Mann, der »drüben« in seinem Kontor am Pulte saß und Briefe durchsah, Wechsel diskontierte, Warenlager inspizierte und mit Leuten aus aller Herren Ländern verkehrte, war in keinem Punkte mit dem zu vergleichen, der hier in sich gekehrt durch die Straßen wandelte. Fernab, weit, weit hinter ihm lagen all die Beschlüsse, Berechnungen und Ideen, die ihn dort so ausschließlich beschäftigt hatten – sie waren ihm gleichgültig, es war, als gingen sie ihn nichts mehr an, während er sich doch sagen mußte, daß sie zum großen Teil sein Lebensschiff zu steuern hatten. Wie wenn er mit dem weißen Tropenanzuge seinen bisherigen Menschen abgelegt und mit den Tuchkleidern einen neuen angezogen hätte, – – so ausgetauscht kam er sich vor. Die Heimatluft war um ihn hergebreitet, wie ein Zaubermantel, der ihn sein früheres Dasein vergessen, ihn wie mit einem Schlage dreiundzwanzig Jahre seines Lebens überspringen ließ. Nur daß er nicht mehr so kindisch sorglos empfand wie vor jenen dreiundzwanzig Jahren! Nur daß der ungezügelte knabenhafte Übermut, der ihn damals regiert hatte, nicht wiederkommen wollte und konnte! Dabei war ihm doch merkwürdig jung zumute – Sorgen und Grübeleien und Bedenken fielen gleichsam Stück für Stück während des Gehens von ihm ab. – Dies alles machte er sich nur halb klar, wie er einherging und immer achtsam: »Mühlendamm achtundzwanzig – – – Mühlendamm achtundzwanzig!« innerlich vor sich hin sagte, als wäre das eine Zauberformel, die er um Gottes willen nicht vergessen dürfe, sollte nicht schweres Unglück dadurch entstehen! – Nur einen flüchtigen Blick warf er auf Mühlenteich und Wehr, die doch beide so viele Erinnerungen für ihn bargen, in denen er recht zu schwelgen gedacht hatte – wie mit Händen zog es ihn weiter! Ein ziemlich niedriges, baufälliges Häuschen! Abseits von den übrigen gelegen, die mit ihren Gittern und Gärtchen teils einen ganz stattlichen, teils einen gemütlich idyllischen Eindruck machten. Nummer achtundzwanzig tat nicht das eine und nicht das andere; es lag nicht sehr weit vom Ufer des Sees, hatte keinen Garten um sich herum und mußte wohl ziemlich feucht und ungesund sein; denn der Abputz war an vielen Stellen heruntergefallen, und wo er noch vorhanden war, zeigte er kreisrunde dunkle Flecke, wie von Moder und Nässe. Das schwere Ziegeldach war an einer Seite schief herabgesunken, wie wenn das Häuschen sich seiner Armseligkeit schämte und sich die Kappe übers Gesicht ziehen wollte – – daß die Leute, die hier hausten, dies halb unfreiwillig taten, weil sie wenig zahlen konnten, war wie durch eine Inschrift von dem vernachlässigten Gebäude herunterzulesen. Die Tür fest geschlossen, kein Mensch am Fenster zu sehen. Hier waren ein Paar dunkle Rouleaus herabgelassen, dort war ein Stückchen weiße Gardine sichtbar. Welchen Vorwand nahm Georg Unger nur, hineinzukommen in dies arme, kleine Haus? Und wieder, viel stärker noch als zuvor, dies sonderbare, unabweisliche Empfinden an ihm: »So laßt mich doch zu euch ein! Fordert mich doch auf näherzutreten, und nehmt unbedenklich meine Hilfe an! Ich gehöre ja zu euch!« Wie ein Dieb, der seine günstige Gelegenheit verpaßt hat, schlich er sich endlich davon, immer wieder blickte er zurück auf das kleine alte Haus, das ihm zuzurufen schien: »Komm doch und hilf! Du kannst es ja. Warum also tust du es nicht?« Unten am Rande des Sees, der still wie ein bleierner Spiegel in der Sonnenglut träumte, war ein Fährhaus errichtet worden, und fünf, sechs buntgemalte Kähne schaukelten auf dem Wasser. Sie wären zu vermieten, sagte ein graubärtiger Alter, der bei Georgs Annäherung aus dem Fährhause zum Vorschein kam – auf eine Stunde – zwei, drei Stunden, je nachdem es gewünscht würde, und die Nachfrage sei oft, namentlich an Sonntagen, so stark, daß zwei Dutzend Gondeln nicht ausreichen würden. Georg nickte zerstreut dazu und stieg in eins der Fahrzeuge ein, während der Alte, heftig aus einem Pfeifchen qualmend, die Ruder einhakte und die Kette losmachte. »Soll ich denn mitkommen oder fahren der Herr selbst?« »Ich rudere allein!« Georg lächelte ein wenig, während er mit hastigen Ruderschlägen das Boot bewegte, daß es wie ein Pfeil über den glatten Wasserspiegel schoß. Er hatte rudern können, als er noch keine sieben Jahre alt war, und alt und morsch genug war der Kahn gewesen, den er damals zur Verfügung gehabt hatte. So alt und morsch wie das Fahrzeug da drüben, das sich eben aus knirschendem Schilf hervorarbeitete. Ein schlankgewachsener Junge in Hemdärmeln stand im Vorderteile des Bootes und stieß mit dem Ruder ab, während ein anderer, etwas größerer Knabe bemüht war, mit dem zweiten Ruder ein paar von den weißen Wasserrosen mit goldigem Kelch, die zwischen breiten Mummelblättern schwammen, an ihren langen, schleimigen Stengeln heranzuziehen. Ein dritter Junge, kleiner als jene beiden, lag lang hingestreckt über die beiden plumpen Ruderbänke, hatte seine Jacke als Kopfkissen genommen, die Hände im Genick verschränkt und schlief augenscheinlich. Außer diesen drei Insassen des Kahns bewegte sich noch etwas unruhiges Blaues darin herum, das Georg von seinem Standpunkte aus nicht genau unterscheiden konnte. Er mußte eine Weile rudern, bis er nahe genug herangekommen war, um deutlich zu sehen, und nun gewahrte er, daß, dies unruhige Etwas ein kleiner blonder, in blaugestreiften Sommerstoff gekleideter Knirps war, der am Boden des Nachens jetzt auf allen vieren umherkroch, jetzt sich aufrichtete, um wieder zusammenzusinken – und Georg Unger kannte den blonden Knirps! – Merkwürdig, daß der unvermutete Anblick eines kleinen Kindes ihn so erregte! Ihm schlug wahrhaftig das Herz rascher vor Freude über das Wiedersehen mit Dudu; er fühlte wieder das warme Körperchen in seinen Armen, fühlte die weichen Blondhärchen, die seine Wange streiften – Plötzlich hielt er mit dem Rudern inne und blickte angestrengt hinüber, was ihm einigermaßen durch den grellen Sonnenschein erschwert wurde, der die weite Wasserfläche wie einen spiegelnden Metallschild flimmern ließ. Die beiden Knaben drüben hatten nicht acht auf das Kind, das eben über den schlafenden dritten weggeklettert war, sich jetzt weit über den Rand des alten, flachgebauten Kahns neigte und bemüht war, mit beiden Händchen eine der schwimmenden weißen Wasserrosen zu haschen. Die begehrlichen Fingerchen griffen nach der Blume, aber diese saß fest an ihrem langen elastischen Stengel und ließ sich nicht abreißen; der leichte Nachen geriet bedenklich ins Schwanken ... Georg setzte die beiden hohlen Hände an den Mund. »Das Kind!« rief er mit voller Kraft seiner Lungen hinüber. »Gebt auf das Kind acht!« Es war zu spät. Ehe nur die beiden Knaben die Köpfe wenden konnten, hatte das Bürschchen das Gleichgewicht verloren und war kopfüber ins Wasser gefallen. Im ersten Schrecken stürzten beide Jungen an den Rand des Bootes, drängten einander beiseite, um beizuspringen – das kleine Fahrzeug kippte – kippte – schlug um, ein gellender Angstschrei – dann alles still! Während der Dauer einiger Herzschläge saß Georg Unger wie gelähmt da, mit den Händen mechanisch die Ruder festhaltend, und seine weitgeöffneten Augen starrten nach der Unglücksstelle hinüber, wo der umgekehrte Nachen auf dem Wasser schwamm. Dann aber kam Leben in ihn, er warf den Rock ab, zog die Ruder ein, sprang mit einem Satze in den See und schwamm so rasch er konnte, in langen, weitausholenden Stößen hinüber. »Vier Menschenleben! Vier!« sagte es in ihm, während seine Arme die stille, warme Flut teilten. »Und junge – hoffnungsvolle! Wirst du imstande sein, sie alle vier zu retten – oder – –« Er hob während des Schwimmens den Kopf hoch und spähte hinüber. Einer der Knaben hielt sich mit beiden Händen an einer Planke des umgestülpten Kahnes fest und rief mit halberstickter Stimme um Hilfe. Von den anderen war nichts zu sehen. Aber dort – dort – tauchte nicht etwas Blaues unter den Mummelblättern und Seerosen auf? Da wieder! Er packte zu, ehe es von neuem zu sinken vermochte, und hielt mit eisernem Griff das Bübchen fest, das gestern so lebensvoll und lachend auf seinem Arme gesessen hatte. »Hier, nimm ihn! Halt ihn mit einer Hand oben auf dem Boot fest und dich halte mit der andern!« Atemlos rief er es dem Knaben zu und hob das Kind auf den umgestürzten Nachen. Dann tauchte er in die Tiefe hinab, um weiter zu suchen. Ihm war am meisten bange um den schlafenden Knaben, der, ohne Ahnung irgend welcher Gefahr, mitten aus dem festen, gesunden Kinderschlafe plötzlich ins Wasser geschleudert worden war und sich voraussichtlich nicht im geringsten selbst helfen konnte. Nach Luft ringend, Ohren und Augen voll strömenden Wassers, kam Georg nach einer Weile wieder zur Oberfläche empor, er hatte sich nicht die Zeit genommen, seine Schuhe abzuziehen, die ihn beim Schwimmen hinderten – die Kleider hatten sich rasch voll Wasser gesogen und hemmten seine Bewegungen. – Nichts gefunden!! – »Zwei Menschenleben! Zwei! klang es in ihm, ehe er sich anschickte, abermals zu tauchen. Einen verlorenen Blick noch warf er nach dem Kahn hinüber. Waren das nicht zwei Köpfe dort am Rande des Fahrzeuges, statt des einen bisher? Nein – er täuschte sich wohl. Mit einer hastigen Bewegung strich er sich das Wasser aus den Augen – ja doch! Da hing neben dem ersten Knaben der zweite, leichenblaß und erschöpft, die Augen angstvoll aufgerissen. »Ich komme! Ich helfe dir! Halt dich noch!« Und während er das rief, schwamm er heran – drei Stöße – vier – sechs – noch einer – und er hob den Jungen bei den Knien empor und half ihm auf das Boot zu klettern. Den kleinen Dudu, dessen Köpfchen schlaff vornüber hing, reichte er gleichfalls hinauf, während der älteste Knabe allein emporklimmte. Zum dritten Male tauchte Georg unter, um zu suchen. »Einer noch! Der letzte!« – Er biß die Zähne zusammen – die Gedanken begannen ihm schon durcheinander zu wirbeln, in den Ohren verspürte er ein starkes Brausen, die Arme waren ihm wie voll Blei. »Ein einziger noch! Du mußt ihn finden! Du mußt!« Einen Augenblick kam er empor, um nach Luft zu ringen, – – ihm war es, als höre er Stimmen, Zurufe vom Ufer her, aber das Sausen in seinen Ohren übertäubte jedes andere Geräusch, – es war ihm ja auch so gleichgültig, wenn er jetzt hier unterging – hier starb – hier, in der alten Heimat. Und mit einem Schlage durchzuckte es ihn wie neue Kraft, wie neuer Lebensmut! Nein, er wollte nicht untersinken – nicht sterben – wollte dem Wasser seine Beute nicht lassen ... er nicht! Er hatte noch viel zu erwarten vom Leben – es war ihm ja das Beste, das Höchste noch schuldig geblieben! Er wußte mit einem Mal, was dies Beste und Schönste für ihn war; das junge, liebe Mädchengesicht, das sich mit zärtlichem Lächeln über das Kind geneigt hatte ... Wenn dies sein letzter, klarer, bewußter Gedanke sein sollte, so war er ihm süß. Aber nein – aber nein! Leben – leben wollen und glücklich sein! Nicht nur immer arbeiten und. erwerben und sich mühen ... glücklich wollte er werden! Wie er das dachte, fühlte er bei einer neuen Schwimmbewegung einen Stoß gegen seinen Körper. Blindlings griff er zu – stieß die Last mit beiden Händen gewaltsam über sich empor, half mit Kopf und Schultern nach, versuchte Wasser zu treten – die Brust keuchte ihm, daß er zu ersticken meinte ... da war er endlich oben und in unmittelbarer Nähe seines eigenen Nachens, der sacht auf dem Wasser hin und her schaukelte. Er warf den bewußtlosen Knaben hinein wie einen toten Ballen, klammerte sich mit den beiden Händen an den Rand des Kahnes und hing so für einige Augenblicke in völliger Erschöpfung; endlich versuchte er sich emporzuziehen, aber die Glieder versagten ihm den Dienst. Von neuem glaubte er Stimmen zu hören, von neuem kam das Gefühl stumpfer Apathie, völliger Gleichgültigkeit gegen das Leben über ihn, und dann wieder, wie eine Vision, das lächelnde Mädchengesicht. »Sterben hier in der Heimat? Nein – leben – leben für sie – mit ihr!« Da war er im Boot – da hörte er das Brausen wieder – gewaltig und stark, wie aus einer ungeheuren Muschel – da tönte es wie Glockenläuten – »die Glocken der Heimat« – nahe – ganz nahe – und dann wurde es mit einem Male ganz dunkel und ganz still um ihn her ... Lastende Schwere in Haupt und Gliedern – feuchte Wärme um den ganzen Körper herum – tanzende Funkenschwärme hinter den geschlossenen Augenlidern – halblaute Stimmen um ihn her ... Das waren Georg Ungers erste verworrene Wahrnehmungen, als er wieder zu sich kam. Er wußte sofort, was mit ihm geschehen war, machte aber fürs erste gar keine Anstrengung, die Augen zu öffnen, seine Umgebung zu prüfen. Eine Anstrengung wäre das jedenfalls für ihn gewesen, so zum Tode erschöpft, wie er sich fühlte ... warum also sich quälen? Das Bewußtsein, die vier jungen Menschenleben gerettet zu haben, hielt ihn wie eine weiche, wohlige Hülle umfangen, deckte ihn gleichsam zu. »Du kannst schlafen und ruhen,« sagte es in ihm, »du hast es dir verdient!« Mehr konnte er vorderhand nicht denken. »Wie lange es dauert, bis der Arzt kommt!« rief eine ängstlich klagende Frauenstimme. »Er kann ja noch gar nicht hier sein!« beschwichtigte ein tiefes Organ. »Setz dich hierher – so! Du kannst dich ja kaum noch auf den Füßen halten. Um die Jungens sei ganz außer Sorge: sie sind alle vier ins Bett gesteckt, Elsbeth brüht heißen Tee für sie auf, und höchstens Dudu wird 'nen leichten Schnupfen davontragen.« »Du meinst bestimmt, es hat ihnen nichts geschadet?« »Nicht die Spur! Aber die Wasserfahrten in dem infamen Boot sollen sie sich wohl vergehen lassen! Heute noch kriegen unsere beiden ihren Denkzettel!« »Ach, Väterchen! Du wirst sie doch nicht schlagen?« »Aber feste! Das muß sein – hab' du nur ein Einsehen dafür! Ein vierzehnjähriger Schlingel, wie unser Kurt, muß erstens wissen, daß der Kahn absolut nichts taugt, muß zweitens schon wissen, daß mit Menschenleben nicht zu spielen ist, und drittens, daß er seinem Vater zu gehorchen hat. Und den kleinen Kerl, den Dudu, mitzunehmen! Um den wär's rettungslos geschehen gewesen ohne den fremden Herrn – denn in solcher Todesangst denkt kaum ein Erwachsener an etwas anderes, als an sein eigenes Leben, geschweige denn tun es diese Jungen!« Ein leises Aufschluchzen klang dazwischen! »Gott, Gott, unser süßer Junge! Ich kann's nicht ausdenken!« »Ruhig, Mamachen, du hast ihn ja wieder!« »Wenn nur der arme Herr erst wieder zum Bewußtsein käme! Unsere Elsbeth hat laut aufgeschrien, wie sie ihn brachten, sie war ganz außer sich!« »Kein Wunder – sie hat – da ist sie ja! Wie geht's den Jungens, Elsbeth?« »Ach, gut. Sie trinken ihren Tee!« sagte die junge Stimme hastig. »Der Arzt kommt, ich sah ihn durchs Fenster – wollt ihr ihm nicht entgegengehen, ihn vorbereiten – ihm sagen –« Georg horte das Rascheln von Frauenkleidern, er hörte Schritte sich entfernen und eine Tür klappen. War er nun mit Elsbeth allein? Ehe er noch, um dies festzustellen, die schweren Lider heben konnte, fühlte er einen warmen Hauch auf seiner rechten Hand, die auf der über ihn gebreiteten Decke lag – und jetzt den leisen Druck zweier weichen, frischen Lippen; da ging, wie gestern im Garten, nur viel intensiver, das wohlige, wonnige Rieseln über ihn hin und machte ihn warm bis ins innerste Herz hinein. Seine Augen blieben aber geschlossen – warum das junge Geschöpf beschämen, das seiner heißen Dankbarkeit einen so impulsiven Ausdruck lieh. Wieder klappte die Tür, Schritte kamen näher. »Herr Doktor, ach, bitte, bitte!« – das war wieder Elsbeths bange Stimme – »helfen Sie, um Gottes willen! Er liegt noch immer ohne Bewußtsein! Er hat meine drei Brüder gerettet – alle drei – aber er selbst –« Ein leises Aufweinen unterbrach die gestammelten Worte. »Nur ruhig Blut, kalt Blut, Elschen! Sind ja sonst solch tapferes Frauenzimmerchen! Bringen Sie erst mal Mama heraus, und dann bitt' ich mir 'n paar scharfe Bürsten und gewärmte Decken aus. Den Papa behalt' ich als Assistent hier. Hoho! Unser Lebensretter ist gar nicht mehr bewußtlos! Der bewegt sich schon! Ergebenster Diener, mein werter Herr! Brauchen Sie denn überhaupt noch den Arzt?« Georg lächelte ein wenig, antworten konnte er noch nicht. Langsam taten seine müden Augen sich auf, und das erste, was sie sahen, war Elsbeths reizendes Gesicht, welches mit dem schönen, zärtlichen Lächeln, das es ihm sofort angetan hatte, über ihn neigte. – – – Sie ließen ihn nicht fort, er mußte bis gegen Abend bei ihnen bleiben. Trockene Kleider waren für ihn aus seinem Hotel geholt worden, und in der Mutter Lehnsessel, den er durchaus als Patient und Ehrengast einnehmen mußte, seine weiche, dunkelrote Reisedecke über die Knie gebreitet, etwas blaß, etwas müde, aber im übrigen vollkommen wohl – so saß Herr Georg Unger aus Pernambuco in Südamerika jetzt mitten in der Familie Junius, gehätschelt, gepflegt und bewundert, und durfte sich gar nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, wie er es anfangen sollte, die Bekanntschaft dieser guten Leute zu machen. Ja, selbst der Frage, wie es anzustellen sei, das Vermächtnis des alten Kordeleit jenen zuzuwenden, die es weit mehr verdienten und brauchten, als er selber, war er im Laufe dieses Tages um ein gutes Stück näher gerückt, – sein Weg lag ganz einfach vorgezeichnet da! Dudu saß auf seinen Knien, zupfte an seiner Uhrkette, streichelte sein Gesicht, die Knaben hatten Geographiebuch und Karte zur Hand, lauschten atemlos seinen Erzählungen und fragten tausend Dinge, die er wußte, und tausend andere, die er nicht wußte. Herr Junius ließ seine Hand kaum los, die Mutter wurde nicht müde, ihm gerührt zu danken – der blassen Frau kamen immer wieder die Tränen, wenn sie bedachte, welch entsetzlicher Verlust ihr gedroht hatte. Und Elsbeth? Elsbeth ging ab und zu, sorgte für alles, mußte für alles aufkommen; sie brachte den dampfenden Grog auf des Arztes Verordnung, sie deckte den Tisch im besten Zimmer und brannte den Kaffee – sie kümmerte sich um die kleinen Geschwister und teilte ihnen zu – anzusehen wie Werthers Lotte, wie sie dastand und jedem sein Vesperbrot gab, sie reichte der Mutter die Medizin und dem Vater sein Pfeifchen – der Gast hatte herzlich wenig von ihr, aber er folgte ihr mit den Blicken, wo sie ging und stand, und es gab etwas, wie ein geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Weißt du noch – gestern im Garten – die Johanniskräuter?« »Gewiß, ich weiß nur zu gut! Aber schweig darüber, die andern brauchen es nicht zu erfahren!« »Keinesfalls dürfen sie das! Wen geht es etwas an, als dich und mich!« – Ein Wagen war herbeigeholt worden, der Gast mußte endlich fort. Er wurde so dringend, so stürmisch von allen Seiten gebeten, bald wiederzukommen, als kostete ihm dies das denkbar größte Opfer. Um so anerkennenswerter war seine liebenswürdige Bereitwilligkeit, mit der er es immer wieder versprach! Herr Junius, ein hagerer, gebeugter Mann mit einnehmenden Zügen, geleitete ihn hinaus und drückte ihm in tiefer Bewegung die Hand. »Was Sie mir und uns allen heute getan haben, verehrter, lieber Herr Unger, wäre mit allen Schätzen der Welt für uns nicht aufzuwiegen. Ich bin leider ein armer Mann, ohne Einfluß, ohne Stellung, – ich kann darum nur das eine sagen: verfügen Sie über mich und die Meinigen. Unser Dank bleibt Ihnen lebenslänglich! Was ich bin, was ich habe, es gehört Ihnen, und Gott wolle geben, daß ich jemals imstande wäre, Ihnen nur einen kleinen Teil meiner großen Dankesschuld abzutragen!« Da drückte Georg Unger dem Mann fest die Hand und sagte, indem er ihm bedeutungsvoll in die Augen sah: »Ich nehme Sie beim Wort, verehrter Herr, verlassen Sie sich darauf!« Sie hat ihm ein schönes, ein köstliches Geschenk gemacht und auf den Lebensweg mitgegeben, die alte Heimat: ein liebendes und geliebtes Weib! Georg Unger nahm seine Elsbeth mit hinüber über den Ozean, und Ernst Junius bezahlte seine Dankesschuld mit seinem liebsten Kinde. Aber sein und seiner Familie Dasein war fortan leicht und sorgenfrei. Das alte Kordeleitsche Haus ist in seinen Besitz übergegangen, es hallt wider von Lust und Lachen, und der freundliche, sonnige Garten wird von spielenden Kindern belebt. Kaum drei Jahre nach dem Tode des alten Kordeleit schrieb Georg Unger an die Angehörigen seiner Frau, daß seine definitive Übersiedelung nach Deutschland nur noch eine Frage der Zeit wäre, da sein Onkel vor wenigen Tagen gestorben und nur noch der Termin abzuwarten sei, bis das weitverzweigte Geschäft ohne beträchtlichen Verlust aufgelöst und der Landbesitz in andere Hände übergegangen wäre. Seit er in der alten Heimat geweilt und dort sein Lebensglück gefunden hätte, wäre er nie mehr in Pernambuco heimisch gewesen, trotzdem er Elsbeth an seiner Seite hatte – rasch wolle er drüben alles abzuschließen suchen; er könne es kaum mehr erwarten, und seine Frau mit ihm, wieder Heimatluft zu atmen. Victor Blüthgen Mama kommt! Humoreske »Morgen Schatz!« sagt er und legt ein Paket Schülerschreibhefte auf den Tisch. »Vor allen Dingen...« Sie sitzt am Nähtische beim Fenster und stickt an einer Decke, altdeutsch auf Kaffeesack, im bequemen, zierlichen, bordeauxfarbenen Morgenschlafrock, und sie richtet lächelnd den Kopf hoch, auf dem noch das Morgenhäubchen mit roten Bändern sitzt, läßt die Stickerei in den Schoß fallen und wartet, bis er ihr Köpfchen zwischen beide Hände nimmt und sie herzhaft auf den Mund küßt. »Weißt du was Neues, Ernst?« »Nein; aber du vielleicht?« »Ja. Rate einmal.« »Ich bin doch kein Geheimrat.« »Au! – Ich will dir auf die Sprünge helfen: Ein Telegramm.« »Potztausend – etwas Schlimmes kann's nicht sein, dazu siehst du mir zu vergnügt aus. In Nordhausen was Kleines angekommen etwa?« »Nein – Besuch!« »Besuch? Zu uns?« »Ja, zu uns. Ich habe die Fremdenstube schon in Ordnung. Da hast du's!« Sie reicht ihm das Telegramm, und er liest: Oberlehrer Walter, Eberswalde. Zwölf Uhr Bahnhof abholen. Gruß. Eure Mutter. »Ist das nicht reizend? Ich habe mich schon gefreut wie ein Schneesieder. Gerade daß Mutter die Erste ist, die zu uns zu Gast kommt!« »Das ist ja eine Überraschung,« sagt er, legt das Papier hin und reibt sich die Hände. »Ich dachte mir schon, daß sie sich einmal aufmachen würde, so ungern sie auch reist. In den letzten Briefen wurde die Sehnsucht nach mir immer größer, wenn du dich erinnerst.« Der junge Ehemann lacht laut auf. »Na, mehr kann man doch nicht verlangen, als daß sie es für eine Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Natur hält, daß ein wildfremder Mann kommt und ihr mir nichts dir nichts ihre Tochter wegnimmt! Darin ist deine gute Mama mehr als drollig.« »Sei nicht ungerecht, Ernst,« sagt die junge Frau mitleidigen Tons. »Ich bin ihre Einzige, bin ihr achtzehn Jahre beinahe nicht von der Schürze gekommen, das Pensionsjahr abgerechnet ...« »Ich halte es immer für ein Wunder, daß sie dich so lange von sich gelassen hat.« »Sie hat auch genug gejammert damals. Wir sind ja einig darüber, daß es eine Schwäche von ihr ist, meine Heirat als einen schweren Schicksalsschlag für sie anzusehen. Aber du mußt dich auch ein bißchen in ihre Lage versetzen: Papa so wenig zu Hause ...« »Meinethalb mag sie klagen wie sie will – dich bekommt sie damit doch nicht wieder – du bist mein ...« Das klingt wie Jubel und Triumph, und er faßt die junge Frau um den Leib und hebt sie aus dem Stuhl, daß die Stickerei unter den Tisch gleitet, preßt sie ans Herz, sieht ihr stolz wie ein Sieger dicht Aug' in Auge und küßt sie wieder stürmisch. »Du bist schrecklich,« schmollt sie. »Morgen habe ich wieder blaue Flecke.« Er läßt sie lachend los. »Sei froh, daß ich dich nicht aufesse. Aber kehren wir zur Vernunft zurück! Sag mal: hast du denn etwas Ordentliches zu Mittag? Du weißt, daß sie arg verwöhnt mit dem Essen ist.« »Hammelfleisch mit Teltower Rübchen,« sagt sie etwas gedrückt. »Das ist ja ein großartiges Essen,« ruft er. »Ja, weil's dein Leibessen ist. Zu Hause haben wir's eigentlich nie gegessen.« »Das muß sie kennen lernen!« sagt er enthusiastisch. »Paß mal auf, wie sie Geschmack dran findet.« »Ja – ändern kann ich's nicht mehr.« Er sieht plötzlich nach der Uhr. »Da haben wir aber nicht viel Zeit mehr, Schatz. Kommst du denn mit?« »Freilich. Ist's schon so spät?« »Beinah halb, Kind; du hast höchstens zehn Minuten noch für dich ...« Sie sind erst ein Vierteljahr verheiratet und lieben einander, wie nur irgend ein junges Paar dies imstande ist. Er Oberlehrer am Gymnasium, sie die einzige Tochter eines Geheimen expedierenden Sekretärs in einem deutschen Duodezstaate, die er in Berlin bei einer befreundeten Familie kennen gelernt hat. Kämpfe genug hat's gekostet, ehe Mama die Einwilligung gegeben. Erstlich war sie der Ansicht, daß diese Perle von Tochter zu etwas Besserem geboren sei, als um einen simplen Gymnasiallehrer zu heiraten; zweitens war es ihr schrecklich, sie aus ihrer Nähe fortzulassen. Dieser Oberlehrer war nicht einmal Doktor! Das war doch eigentlich das Wenigste, was sie verlangen konnte. Als sie ihm bei einem Besuche nahegelegt, mindestens doch diese Auszeichnung noch zu erringen, hatte er sogar gelacht: er wolle nicht, daß man ihn aus Versehen nachts aus dem Bette klingle. Außer für Ärzte hätte dieser Titel höchstens für Barbiere und Schriftsteller Sinn, und die bekämen ihn vom Publikum so wie so. Sie hatte das »frivol« gefunden und war empört gewesen. Aber Fräulein Lottchen hatte am Ende ihren Willen mit Hilfe von Papa und ein paar Szenen durchgesetzt, in denen sie Mama überzeugte, daß diese andernfalls ihr Kind gänzlich von ihrem Herzen verlieren würde. Und da Mama im Grunde eine gutartige Frau war, die ihr Kind wirklich ungemein liebte, so war noch alles gut geworden, und sie hatte sogar dem Schwiegersohn bei der Hochzeit versichert, daß er ihr Herz gewonnen habe. Es war klares, windiges Wetter, als das Paar sich zu Fuß auf dem gräßlichen, endlosen Weg vom Innern des Städtchens bis zum Bahnhofe befand, und sie schritten so eilfertig aus, als es möglich war, ohne befürchten zu müssen, daß ihnen ein Straßenjunge: ›Wo brennt's denn?‹ zurief. Denn die Wahrheit zu sagen: die junge Frau hatte zu ihrer Toilette fast zehn Minuten mehr gebraucht, als der Gatte ihr zugestanden. »Ach Gott, wir kommen zu spät – Mama wird uns das sehr übelnehmen ...« »Laß sie,« sagt er. »Ich will gern den Sündenbock machen ...« »Auf keinen Fall – erstlich bin ich wirklich schuld, zweitens verzeiht sie mir eher als dir.« »Nun, vielleicht schaffen wir's noch.« Sie schafften's aber nicht, denn sie hörten den Zug heranschnaufen, als sie noch einige Minuten vom Bahnhofe entfernt waren, und bald darauf fuhren bereits die ersten Droschken an ihnen vorüber. Eben wollten sie auf den freien Platz beim Bahnhofe einbiegen, da rollte eine Droschke auf sie zu, in der saß Mama. »Da ist sie!« – die junge Frau winkte mit erheuchelter Arglosigkeit hoch erfreut: »Mama! Mama!« Auf der Droschke vorn befand sich ein gewaltiger brauner Koffer, neben dem sich der Kutscher möglichst papierdünn machte, im Fond mit etwas Handgepäck eine kleine würdevolle Frau, die sehr verdrießlich vor sich hin sah, bis sie das Winken der Tochter bemerkte, worauf sie mit der Spitze ihres Sonnenschirms dem Kutscher im Rücken stocherte und sich abwechselnd hob und wieder setzte, bis der Wagen hielt. »Verzeihung, Mama!« flehte die Tochter zerknirscht. »Ich bin schuld, daß wir so spät kommen, habe nicht zu rechter Zeit angefangen, Toilette zu machen ...« »Sei uns herzlich willkommen, Mama; du bereitest uns eine große Freude,« sagte der Schwiegersohn und hielt ihr die Hand hin ... »Wird denn noch Platz für uns im Wagen sein? Ach ja, wir nehmen die Sachen auf den Schoß, wenn's nötig ist. Nein, welche Überraschung« – dabei öffnete Frau Lottchen den Wagenschlag und stieg ein – »ich war vor Freude ganz außer mir, als ich vorhin das Telegramm erhielt ... komm doch, Ernst ... hier, nimm das; so geht's ganz gut. Fahren Sie zu, Kutscher. Meine gute Mama« – die Schlange faßte ihre beiden Hände und sah ihr so liebevoll in die Augen – »wie geht's denn Papa? Ist er wohl? Du siehst ja ausgezeichnet aus ...« Die würdige Dame hatte mehrmals Anlauf genommen, jetzt endlich kam sie zu Worte. »Nun, das muß ich wirklich sagen, Kinder: ihr seid nett! Laßt eure alte Mutter auf dem wildfremden Bahnhofe so allein nach einer Droschke suchen. Gott sei Dank, daß ich mir wenigstens eure Adresse gemerkt hatte; ich dachte schon, das Telegramm hätte sich verspätet.« »Sei gut, Mamachen, ich vergesse immer wieder, wie weit dieser dumme Bahnhof von unserer Wohnung entfernt ist.« »Warst du denn nicht zu Hause, Ernst?« »Ich kam erst nach elf aus der Schule. Also: wie geht's euch denn?« half er ablenken. Mamas kleines, fettes Gesichtchen unter dem Modehut mit Taubenflügeln und Schleier begann milder zu blicken. »Ich danke dir, lieber Ernst. Papa ist wohl, nur im März und April hat ihn sein altes Rheuma wieder arg geplagt. Und ich – nun, ich lebe ja. Ich vermisse freilich mein Lottchen je länger, je mehr. Aber das ist nun für mich vorbei ... Papa läßt natürlich schön grüßen. Ich hatte zu große Sehnsucht nach dir, mein Kind. Denke dir, ich träumte vorgestern nacht, ich sah dich mit einem großen Schiffe auf dem Meere untergehen – so hieltest du die Hände und riefst nach mir« – hier hob sie die kurzen, rundlichen Arme in die Luft – »ich war ja am Morgen wie in Tränen gebadet. Nichts in der Welt hätte mich zurückhalten können, mich zu überzeugen, daß du dich wohlbefindest.« »Wie ein Fisch im Wasser.« »Nun, wir reden noch darüber. Das sagen junge Frauen immer, wenn man sie fragt. Aber dies Pflaster ist gräßlich, man hört sein eigen Wort nicht ... und welch ein schmutziges Nest ist dies ...« »Nur hier, Mamachen. Wir haben ganz reizende Partien nach dem Walde zu.« Der Wagen rasselte furchtbar. »Wohnt ihr dort?« schrie die alte Dame. »Dort ist's für einen armen Gymnasiallehrer zu teuer!« schrie der Schwiegersohn. »Nein, nein, Mamachen, glaub ihm nicht; wir wollten bloß näher dem Gymnasium wohnen,« rief die Tochter, sich zum Ohr der Mutter beugend. Jetzt schwiegen alle drei. Die Mama nickte bloß ein bißchen tiefsinnig vor sich hin, dann saßen alle drei steif wie Bildsäulen, bis der Wagen hielt. »Also hier,« sagte Mama und musterte das etwas altmodische zweistöckige Haus, wahrend der Kutscher hinuntersprang, um den Koffer zu befördern, nachdem der Schwiegersohn bereits den Schlag geöffnet. »Das scheint eine recht alte Stadt zu sein.« »Ja, sie hat ihre Jahre,« meinte der Oberlehrer trocken – »darf ich bitten, Mamachen – so; und ... ah, da ist ja Sophie. Hier, schaffen Sie erst mal die Sachen hinauf, nachher kommen Sie und helfen den Koffer tragen.« Sophie ist das Dienstmädchen. »Hast du denn noch die gute Meinung von deinem Mädchen?« fragte Mama hinter diesem her. »O ja, Mamachen. Sie kocht ganz gut; seine Fehler hat ja jeder.« »O ja? – nun, das ist schon nicht das Richtige, wenn man so spricht. Wir werden ja sehen. Es ist ganz gut, wenn eine erfahrene Mutter einmal solch einen jungen Haushalt einer Musterung unterwirft. Mit ein paar praktischen Griffen ist da manchem abgeholfen. Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, wie du dich in einem eigenen Hause machst.« Sie waren oben, der Schwiegersohn winkte einladend nach der geöffneten Zimmertür und ging darauf mit dem Mädchen nach dem Koffer. »Frau Oberlehrer, es wird doch nicht anbrennen?« rief Sophie von der Treppe. »Entschuldige, Mama – oder willst du gleich die Küche in Betrieb sehen? Wir müssen nämlich sofort essen, Ernst muß um ein Uhr wieder zur Schule.« »So?« sagte Mama etwas kühl. »Du führst, wie mir scheint, ein etwas pressiertes Leben, liebes Kind. Ich dachte eigentlich, heute, wo ich ankomme, hätte er sich wohl frei machen können.« »Das geht schwer, Mamachen; außerdem war keine Zeit mehr, das zu ermöglichen. Nachher um vier haben wir ihn für den Rest des Tages. Ist die Küche nicht nett?« »Sehr nett – sehr nett ... ein bißchen sauberer könnte deine Sophie noch sein. Du darfst da nichts durchlassen, blitzen muß alles – du wirst dich erinnern, wie ich zu Haus darauf halte. Nun, ich bin jetzt hier und werde gelegentlich mit dem Mädchen reden. Das riecht ja so eigen – was kochst du denn heute – ah, sind das Teltower Rübchen?« »Jawohl, Hammelfleisch mit Teltower Rübchen,« sagte die tiefe Stimme des Schwiegersohnes vergnügt, der eben mit dem Koffer ankam. »Mein Leibgericht, Mamachen.« Er polterte vorüber. »Da habe ich's ja gut getroffen,« meinte Mama sauersüß mit etwas verlängertem Gesicht. »Kinder, ihr lebt wohl recht einfach hier?« »O nein, Mamachen ...« »Darf ich bitten, Mama?« Der Oberlehrer stand händereibend in der Tür. »Jetzt sollst du unser kleines Paradies sehen. Sophie, Sie decken gleich, aber geben Sie Dampf! Ich muß fort.« Die Wohnung sah noch etwas kahl aus, wie junge Wohnungen aussehen; aber die Einrichtungsmöbel präsentierten sich ganz stattlich. »Hm,« nickte Mama, und in jeder Stube: »Hm! – Ich hätte vielleicht einiges anders gestellt. Wir werden einmal probieren und dann vergleichen. Warum habt ihr bloß so niedrige Stuben genommen? In etwas höheren kommt doch alles weit besser zur Geltung.« »Ganz recht, Mamachen,« nickte der Schwiegersohn. »Vielleicht ziehen wir später einmal um. Wenn ich wieder Zulage bekomme – in einigen Jahren – können wir sie ja auf die Wohnung verwenden. Aber ich versichere dich: man gewöhnt sich an alles. Wir befinden uns hier ganz ausgezeichnet wohl.« »Nun, ich zweifle nicht daran. Mein Lottchen sieht ja recht munter und blühend aus, soweit dies von einer jungen Frau zu verlangen ist.« »Frau Oberlehrer, die Suppe steht auf dem Tische,« ruft Sophie durch die Tür. Mama zeigt ein etwas kühles Gesicht. »Mich entschuldigt, liebe Kinder, ich möchte vielleicht erst meinen Hut absetzen und mir die Hände waschen.« »Aber bitte, Mamachen – Ernst, fang immer an – hier ist dein Zimmer, gleich am Korridorende.« Der Oberlehrer blickt den Damen nach, kraut sich ein wenig hinter den Ohren und geht dann in die Wohnstube, wo gedeckt ist. Sophie will eben hinausgehen. »Sophie,« sagt der Oberlehrer, »meine Schwiegermutter titulieren Sie Frau Geheimsekretär, hören Sie? Sprechen Sie sich das Wort in der Küche zehnmal vor, damit Sie's behalten.« »Schon, Herr Oberlehrer.« »Und bringen Sie nur gleich das übrige, ich habe keine Zeit zu verlieren. Herrgott ...« Er sah nach der Uhr und fing mit Teufelsgewalt an, die Suppe zu vertilgen. Gleich darauf kamen die Damen, zusammen mit Sophie, dem Hammelfleisch und den Teltowern. »Entschuldigung, Mama!« Der Oberlehrer ging mit Sophie zum Büfett, schnitt und löffelte sich einen Teller voll zusammen und aß in Fieberhast, wischte sich dann den Mund, fuhr auf: »Adieu, Mama; adieu, Schatz« – die Gattin bekam einen Kuß, und fort sauste er in seine Arbeitsstube und mit Gepolter weiter, die Treppe hinab. »Gott sei Dank,« sagte Mama. »Mir ist ganz übel geworden. Welch eine entsetzliche Art zu essen ist das! Wenn du das aushältst, Lottchen, und dich obendrein so während des Essens küssen lassen kannst, so bist du eine ganz andere geworden. Freilich ist das schließlich deine Sache.« »Bewahre, Mamachen; das ist ja nicht immer so. Wir essen sonst etwas zeitiger.« »Das will ich hoffen, mein Kind: Du nimmst mir's nicht übel, wenn ich heute wenig genieße. Dieser Rübengeruch ist mir entsetzlich, er hat so etwas Plebejisches an sich, wie Viehfutter. Ihr wollt mir's sicher hier angenehm machen, so bist du wohl einverstanden, wenn wir den Küchenzettel gemeinsam feststellen, solange ich hier bin.« »Mit Freuden!« »Nun, ich denke, wir werden schöne Tage zusammen verleben, mein geliebtes Töchterchen, ganz wie in alter Zeit. Wenn du wüßtest, wie grausam ich unter der Entfernung leide ...« »Ja, das hilft doch nun nicht, Mamachen – aber was machen wir nur – du kannst doch nicht satt sein ... Sophie! ... wir haben ja kein Obst in dieser Jahreszeit ...« »Laß gut sein, ich habe unterwegs etwas gegessen.« »Frau Oberlehrer?« »Räumen Sie ab!« Sophie, ein älteres, auf ihre Kochkunst einigermaßen stolzes Mädchen, zieht ein langes Gesicht. »Die Frau Geheimsekretär hat ja gar nichts gegessen.« »Mein liebes Kind,« sagt Mama scharf, »das kann Ihnen wohl gleichgültig sein. Außerdem bin ich gewohnt, daß man mich »gnädige Frau« nennt.« »So? Der Herr Oberlehrer sagte doch, ich sollte ›Frau Geheimsekretär‹ sagen,« protestiert Sophie. Sie hatte gewissenhaft zehnmal das schwierige Wort in der Küche vor sich hergesagt, und nun sollte dies umsonst geschehen sein! »Ich denke, da bin ich wohl maßgebend. Sie können sich das übrigens auch meiner Tochter gegenüber angewöhnen, es spricht sich besser als Frau Oberlehrer.« Sophie räumte verdrossen schweigend ab; die junge Frau war verlegen. »Aber, Mama« – Sophie war draußen – »ich weiß nicht, ob das Ernst recht ist; er mag die Bezeichnung nicht.« »Liebes Lottchen, wenn ich schon meine Tochter entbehre und einem fremden Menschen gebe, so wünsche ich wenigstens, daß sie gebührend honoriert wird. Du scheinst überhaupt deinem Manne ganz zu Willen zu leben. Da müßte er sich erst doch noch in mancher Beziehung ändern.« »Offen gesagt, Mamachen – ich habe da noch keinen Wunsch gehabt. Er gefällt mir so, wie er ist.« »Genau das, was ich gefürchtet. Ihr jungen Frauen seid in eurer Verliebtheit die törichtsten Geschöpfe. Zuerst richten sich ja die Männer noch leidlich auf euch ein, das macht nachsichtig. Allmählich gehen sie ihre eigenen Wege, und ihr habt keinen Einfluß. Aber ich möchte jetzt etwas ruhen, mein Kind, du kennst ja meine Schwäche.« Der Oberlehrer Walter kam heute schon nach drei Uhr aus der Schule zurück. Mama schlief noch. »Na,« sagte er, als die junge Frau den üblichen Kuß bekommen, »hat sich denn Mama getröstet? Es paßte ihr ja verschiedenes nicht.« Frau Lottchen lachte. Sie saß im Schaukelstuhl und hatte gelesen. »Sehr festlich war ihr Empfang wirklich nicht, und du weißt ja, sie ist furchtbar für Rücksichten. Ach – Ernst – mir ist eins recht unangenehm.« »Was denn?« »Denke dir: sie hat Sophie instruiert, daß sie zu ihr und zu mir ›gnädige Frau‹ sagen soll.« »Diese Albernheit,« brummte er ärgerlich. »Du weißt doch, wie greulich mir das ist. Sie mag sich meinethalben nennen lassen wie sie will, aber sie soll uns nicht in unsere Hausordnung pfuschen.« »Ich habe auch Sophie gesagt: sobald Mama fort ist, hört das wieder auf.« »Na, so muß es denn ausgehalten werden. Hoffentlich hat sie nicht mehr dergleichen Reformtaten auf Lager. Sie deutete so etwas an von Möbelumstellen – darauf lassen wir uns auf keinen Fall ein, hörst du, Schatz?« »Ich will es ihr schon ausreden.« »Mit dem Kaffee müssen wir doch wohl auf sie warten. Ich will indes ein paar Korrekturen besorgen.« Er ging arbeiten. Als er nach einiger Zeit Tassengeklirr vernahm, kehrte er in das Wohnzimmer zurück: »Ah, da bist du, Mamachen. Wohl geruht?« »Danke, lieber Ernst. Ich war doch recht abgespannt von der Reise, schlief bald ein, obwohl der Wind hier schrecklich an den Fenstern heult und klappert.« »Zum Glück tut er das nicht immer,« beruhigt er und setzt sich. »Das hat nur eine bestimmte, verhältnismäßig seltene Art Wind an sich.« Ein ganz gemütlicher Kaffeetisch. Mama »thront«, die Würde ist nun einmal unabtrennbar von ihr. »Habt ihr denn netten Verkehr hier?« »Fast nur mit Kollegen,« sagt Lottchen. »Das reicht aber gerade hin. Es sind besonders zwei allerliebste junge Frauen darunter, ungefähr in meinem Alter. Mit der einen, einer Frau Doktor Harsdörffer, bin ich sehr intim geworden.« »Frau Doktor Harsdörffer? Die meisten Lehrer sind wohl Doktor hier?« »Ja,« sagt der Hausherr trocken, »und manche Professor.« »Hm! Siehst du, das hättest du dir und Lottchen doch wirklich leisten können, Ernst. Sie sind doch nun alle mehr als du. Ich hätte darauf bestehen sollen; es sieht wahrhaftig so aus, als besäßest du die Kenntnisse nicht dazu, wenn ich auch glaube, daß dem nicht so ist.« »Lassen wir den Punkt außerm Spiel, Mama. Du weißt, wie ich über diesen Titel denke. Der Doktor ist ein großer Schwindel.« »Wie du das sagen kannst, begreife ich nicht. Dann würden sich doch nicht so viele verständige Leute drum bemühen.« »Leider ist die Titelsucht so verbreitet, und die Gewohnheit noch dazu – die bekanntlich der Mensch seine Amme nennt.« »Nimm mir's nicht übel, das sind Redensarten. Ich habe unter der Hand bei unsern Lehrern fragen lassen, die haben erklärt, deine Abneigung wäre eine Schrulle.« »Liebe Mama,« sagte er etwas nachdrücklich, »du änderst mich nicht.« Und er trinkt die halbe Tasse leer. »Das ist eben mein Kummer. Aus welcher Familie stammt denn deine Freundin, liebes Lottchen?« »Denke dir, sie ist eine Bäckertochter ...« »Bäck – ja gibt es denn gebildete Bäckertöchter?« »Ja, wirklich! Sie hat die höhere Töchterschule besucht; sie stammt aus Berlin.« »Das ist doch sehr merkwürdig. Da sind die Lehrersfrauen wohl aus sehr verschiedenen Ständen entsprungen? Nun, ich bin neugierig; ihr werdet mir hoffentlich euren Verkehrskreis vorstellen.« »Gewiß, sobald du wünschest, machen wir Besuche, Mama.« »Hm! – Weißt du, Lottchen, ich möchte da doch ein wenig aussuchen. Vielleicht arrangierst du dieser Tage eine Gesellschaft. Zu weit möchte ich mich mit Besuchen nicht ausdehnen.« Der Schwiegersohn schnitt ein Gesicht, als ob er einen Schluck Essig im Munde hätte; darauf hustete er. »Die Saison für Gesellschaften ist hier schon vorbei. Vielleicht würde sich ein Kaffee eignen ...« »Nun gut, wiewohl ich die Herren auch gern kennen lernen würde.« »Ja, Mamachen – man ißt hier, sagt sich gesegnete Mahlzeit, dann gehen die Herren in ein Zimmer und die Damen in ein anderes. Du würdest sie da doch kaum kennen lernen. Wie wär's jetzt mit einem Spaziergange? Wir gehn nämlich gewöhnlich nach dem Kaffee.« Er stand auf. »Aber doch heute nicht? Bei dem Winde? Man kann sich ja den Tod holen!« sagt Mama entsetzt. »Nun – Lottchen bekommt's, wie du siehst, nicht schlecht. Übrigens, wie ihr denkt, ihr habt wohl auch Lust, euch noch ein bißchen untereinander auszusprechen. Mir ist das Gehen zu sehr Bedürfnis – also sagen wir: Auf Wiedersehen, Mama!« Er geht gemächlich hinaus, man hört ihn pfeifen. »Gut, laß ihn. Aber daß er dich zwingt, bei solchem Wetter mit ihm zu laufen, beunruhigt mich denn doch. Du kannst das deiner Mutter nicht verdenken, die dich nicht achtzehn Jahre lang ängstlich vor Wind und Wetter behütet hat, damit dir ein Mann rücksichtslos nachher deine Gesundheit in Frage stellt.« »Aber, Mama – es bekommt mir wirklich ganz gut.« »So lange wie es dauert, mein Kind. Das werde ich vermutlich besser verstehen. Überhaupt – ich begreife dich nicht. Etwas mußt du deinen Mann auf alle Fälle noch erziehen. Ich habe ihn beispielsweise doch nie früher im Hause pfeifen hören; das hat er als Bräutigam nicht gewagt bei uns. Auch könnte er wohl etwas rücksichtsvoller auftreten, er geht, als ob er Wasserstiefel an den Füßen hätte; und das hastige Essen würde ich ihm gleichfalls abgewöhnen. Er läßt sich ja furchtbar gehn! Mich würde das alles ganz nervös machen auf die Dauer.« »Du magst ja recht haben – aber mich hat das wirklich noch nie gestört. Es gehört so zu seinem Wesen; er hat doch so etwas Kräftiges, Männliches ...« »Ich danke! Wenn du ihn freilich noch verteidigst und das schön findest ... Du bist doch aus guter Familie und mußt darauf halten, daß man das merkt. Solchen Mangel an Erziehung beim Manne muß eine gut erzogene Frau ausgleichen. Ein wahres Glück, daß ich gekommen bin. Noch ist's Zeit, manches gut zu machen, was du versehen hast. Du hast ein wenig zu jung geheiratet, liebes Lottchen. Ich werde die Sache schon in die Hand nehmen. Jetzt hilfst du mir wohl, daß ich mich mit meinen Sachen einrichte.« Die junge Frau schwieg. Was Mama alles bemerkte, auszusetzen hatte, wünschte! Es ist wahr: nachher, als der Gatte gegen Abend wiederkehrte, fiel ihr's auf, daß er pfiff, fein war das gewiß nicht; und wie hart er auftrat, und wie seine Stiefel knarrten – sie horchte drauf, bis ihr jeder Tritt weh tat. Und beim Abendessen – er schlang ordentlich, so schnell aß er, er schmatzte sogar dabei. Sonderbar, daß ihr das früher alles ganz in der Ordnung erschienen war! Jetzt auf einmal ... Sie mußte immer auf seinen Mund sehn, wie er große Stücke so hastig hinein beförderte, zwischendurch redend – das leiseste Geräusch beim Kauen verstärkte sich mikrophonisch für ihr Ohr. Sie konnte gar nicht denken dabei. »Um Gottes willen, Ernst, iß nicht so fürchterlich schnell,« sagt sie plötzlich. »Mama ist das auch schon aufgefallen. Das kann unmöglich gesund sein.« Er sah sie höchst verdutzt an; dann aß er weiter. »Du bist komisch. Sehe ich danach aus? Ich befinde mich vortrefflich dabei. Das hat dich doch früher nicht gestört?« »Ich muß Lottchen recht geben,« sagt Mama würdevoll, »Nun, so etwas kann man sich ja abgewöhnen; man findet das immer, daß die Männer aus ihrer Junggesellenzeit allerlei kleine Untugenden mit in die Ehe bringen, aber man braucht verständige Männer nur darauf aufmerksam zu machen, so bezwingen sie sich.« »So, so. Ich habe wohl noch eine Menge solcher Untugenden? Die Frauen warfen sich Blicke zu. »Verzeih, lieber Sohn,« hier sieht ihn Mama liebevoll an, »ist es dir ein sehr dringendes Bedürfnis, manchmal zu pfeifen? Man hat das eigentlich in feineren Familien selten.« »Hm. Darauf habe ich in der Tat nie geachtet.« »Ja, das hängt euch so von der Studentenzeit her an. Man sagt ja auch: burschikos. Ganz begreiflich – solch ein junger Mensch, der auf niemand Rücksicht zu nehmen braucht und dem man viel zugute hält! Aber ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie das einer zarten, fein erzogenen Frau auf die Nerven fällt.« »Wirklich, Lottchen?« Er sieht die junge Frau, die etwas verängstigt dasitzt, ironisch an, den letzten Bissen auf der Gabel. »Ja,« nickt Mama. » Sie ist ganz meiner Meinung. Nun, es braucht ja wohl bloß ausgesprochen zu werden, so ist dem abgeholfen.« »Natürlich werde ich mich bemühen!« sagt er. »Nur gewöhnt man sich nicht von heute auf morgen um.« »Das kann man gewiß nicht verlangen. Ich werde dich schon erinnern, lieber Ernst.« »Schön. Gesegnete Mahlzeit! Ihr verzeiht, ich habe heute viel zu arbeiten.« Er geht in sein Zimmer. Sie hören eine Lampe klirren. Dann wandert er mit großen Schritten auf und ab. »Nun, er ist ja ganz verständig. Siehst du, Lottchen, man muß nur den Mut haben, sich ruhig auszusprechen.« »Das ist doch um die Wände hinaufzugehen!« murmelt er drüben. »Sie verdirbt mir in acht Tagen meine ganze kleine Frau.« Es gibt in der Nacht noch eine kurze Erörterung zwischen den Gatten, vor dem Zubettgehen. »Der Schimmel geht einen guten Trab. Ich meine damit deine Mutter.« Dabei zieht der Oberlehrer die Stiefel aus und wirft sie dann polternd aus der Tür. »Sie scheint ja mit bedeutenden Reformabsichten hergekommen zu sein, und du scheinst auch verschiedenes auf dem Herzen zu haben, was du in ihren Topf wirfst, mein Kind!« »Bist du mir böse, Ernst?« »Noch nicht. Ich warte noch darauf, bis ihr mir bei Tische ein Säuberlätzchen umbindet.« »Aber Ernst ...!« »Na, ich werde ja sehen. Reden wir jetzt nicht weiter darüber.« Sein Gutenachtkuß ist etwas flüchtig. Das kränkt sie, und sie schweigt, liegt lange und kann nicht einschlafen. Immer horcht sie wieder – ob er noch nicht schläft – ob er wirklich schläft ... Mama hat die Nachtmütze auf und schläft längst wie ein Murmeltier. Heute geht Walter erst um neun zur Schule, halb neun ist Kaffeetisch. Mama erscheint auch gleich, Sophie hat gemeldet, daß sie schon zeitig munter gewesen sein müsse. Mama klappt mit den Augen und sieht wehleidig aus. »Guten Morgen, Kinder! Ich bin wie zerschlagen, seit sechs Uhr liege ich wach.« »O – hast du schlecht geschlafen?« fragt bedauernd der Oberlehrer. »Nein, ich schlief gut. Aber auf dem Hofe nebenan fing man gegen sechs Uhr an, Teppiche auszuklopfen. Ich bin fast verzweifelt! Das ist ja ganz polizeiwidrig. – Du hast wohl die Güte, dich zu beschweren, lieber Ernst, um zu verhindern, daß dies zum zweitenmal geschieht.« Sie läßt sich matt in den Korbstuhl fallen, und die Tochter schenkt ihr mit teilnahmsvollem Kopfschütteln ein. »Na, laß gut sein, Mama. Es werden ja nicht alle Tage Teppiche geklopft. Man ärgert seinen Nachbar nicht gern mit der Polizei, und mit dem meinigen ist nicht gut Kirschen essen.« »Wie du denkst,« sagt sie kühl. »Ich weiß nur, daß, wenn dergleichen drei Tage hintereinander geschähe, meine Nerven hin wären. Du gehst schon?« »Ja, leider habe ich heute den ganzen Vormittag Schule.« »Nun, dann können wir ungestört anfangen, deine Wirtschaft etwas durchzusehen, mein Kind. Ich finde, offen gesagt, dein Mädchen recht unsauber. Du mußt ihr mehr auf die Finger sehen – adieu, lieber Ernst!« »Wieso, Mama?« »Ich werde dir's zeigen.« Sie frühstückt erst gemächlich. Endlich steht sie gewichtig auf. »Nun komm einmal mit ... Sophie, kommen Sie gefälligst einmal mit. So: jetzt sehen Sie doch unter mein Bett – sehen Sie den Staub? die Fusseln da? Wie wär´s, wenn Sie einen feuchten Lappen nähmen und aufwischten!« Sophie holt verdrossen einen Lappen. Währenddes streicht Mama mit den Fingern über einen Schrank. »Siehst du hier, Lottchen? Ganz schwarz. Das Mädchen wischt offenbar niemals Staub.« »Das ist nicht wahr,« sagt Sophie hinter ihr. Mama dreht sich in ihrer ganzen Rundlichkeit um und mustert sie sehr erstaunt von oben bis unten. »Meine Liebe, man nennt das, gelinde gesagt, vorlaut. Sie wischen vielleicht, aber wie? das sehe ich ganz genau. Ich muß mir eigens die Hände noch einmal Ihrethalben waschen. Das wird wohl genügen.« Sophie geht brummend ab. »Das ist ja eine recht unangenehme, dreiste Person. Hoffentlich läßt du dir dergleichen nicht bieten, mein Kind.« »Sie ist aber sonst gutartig und ganz brauchbar, Mama.« »Was hilft das? Dienstboten muß man immer kurz halten. Wir werden uns in diesen Tagen drüber machen und gründlich durch alle Zimmer Staub wischen, dann wird dir das klar werden. Du nimmst es noch nicht genau genug. Wie sieht denn deine Wäsche aus?« Sie gehen in das andere Schlafzimmer, zum Wäscheschrank. Die junge Frau muß herausgeben, und Mama prüft, schüttelt den Kopf. »Mein Kind, das muß noch besser durchgewaschen werden. Das viele Stärken tut's nicht. Sieh mal hier – und hier ... Weißt du, während ich hier bin, werden wir einmal waschen. Was ist dies?« »Ernsts Oberhemden. Die sind noch gar nicht getragen.« Sie will sie wieder in den Schrank tun. »Wie kommt das?« »Er trägt für gewöhnlich nur Lahmannsche Baumwollhemden.« »Aber das ist ja eine schrecklich unsaubere Mode. Jetzt fällt mir erst auf, daß er so zugeknöpft aussieht. Das leide nicht; das muß er sich auch abgewöhnen. Ein Mann mit weißer Wäsche ist noch einmal so appetitlich. Das paßt so ganz zu seiner Junggesellenart, an der Wäsche zu sparen.« »Ich fürchte, davon läßt er nicht, Mama.« »Ah, das sagst du. Wiederhole ihm nur alle Tage, wie greulich dir's ist, daß er keine saubere Wäsche trägt; am Ende läßt er sich doch herbei. Du glaubst nicht, wie einfach es im Grunde ist, einen Mann zu etwas zu bestimmen. Nur Beharrlichkeit gehört dazu. Ich werde es dir beweisen.« Die junge Frau war immer betretener geworden neben Mama, bei der Kritik über die Wäsche ganz rot. Jetzt, da sie wieder einpackte, fing sie plötzlich zu schluchzen an. Mama sah überrascht auf sie und schloß sie in die Arme. »Was ist dir denn, Kind? Du wirst doch nicht empfindlich sein? Ich meine es doch nur gut mit dir.« »Ich bin so unglücklich,« schluchzte die Tochter. »Bis jetzt hast du noch nichts Gutes an mir gefunden, und ich dachte immer, ich hätte ganz gut gewirtschaftet.« »Aber Lottchen – so mußt du das nicht auffassen. Beruhige dich nur, mein Kind ...« »Was für eine schlechte Frau muß ich meinem Manne sein ...« »Gott bewahre! du bist nicht schlechter als so viele andere, aber du wirst und sollst das Ideal einer Hausfrau werden, auf die dein Mann stolz sein kann. Willst du, daß die Leute sagen: was für eine Mutter muß diese junge Frau gehabt haben, daß sie so wenig gut wirtschaftet? So sprechen sie, verlaß dich drauf; immer kommt die Schuld auf die Mutter. Wenn ich euch jetzt verlassen werde, so wirst du dich neben jeder sehen lassen können.« Die junge Frau beruhigt sich äußerlich, und Mama hält es für gut, die Revision vorläufig einzustellen. »Sophie kann die Schlafzimmer in Ordnung bringen. Wir werden sie nachher darauf ein wenig kontrollieren.« Sie gingen in das Wohnzimmer. Durch Blumen am Fenster schien die Frühlingssonne herein. »Ach, da sind ja die Rouleaux noch nicht heruntergelassen!« ruft Mama und eilt an das Fenster. »Ernst wünscht ausdrücklich, Mama, daß jeder Sonnenstrahl herein soll; er hält das für so gesund!« »Siehst du, das ist wieder solch eine Schrulle von ihm. Hast du ihm denn nicht begreiflich gemacht, wie sehr die Möbel darunter leiden?« »Er sagt, das wäre ihm egal.« »Du mußt dir doch sagen, daß dies sehr kurzsichtig von ihm gedacht ist. Später sollst du ihn klagen hören, wenn die Bezüge erneuert werden müssen! Ich kenne das. Er wird sich schon meiner Erfahrung fügen. Du hast doch auch so nette Schutzdeckchen für die Möbel mitbekommen – gerade die von mir gearbeiteten sind so niedlich, aber ich sehe, daß ihr gar keinen Gebrauch davon macht.« Dabei betrachtet sie das Sofa, als bedauere sie es aufrichtig. »Ernst haßt sie,« stößt die junge Frau nervös heraus. »So? da hatte ich mir also die mühevolle Arbeit sparen können. Ich will ihn doch fragen, was er dagegen einzuwenden hat. Wie ich sage: er ist der reine Junggesell' noch, dem seine Bequemlichkeit und seine Laune über alles geht.« »Mama, mach ihn bloß nicht ungeduldig; ich glaube, er kann sehr heftig werden!« Mama hebt das rundliche Haupt mit der Haube drüber und zieht den Mund ein. »Ich hoffe, er wird sich mir gegenüber zu bezwingen wissen. Ich habe nicht die mindeste Angst vor ihm. Mir überlaß das nur ganz ruhig, ihn zu erziehen.« Mama erzählt einige lehrreiche Beispiele, den Geheimen expedierenden Gatten betreffend; die Tochter hört mit halbem Ohre zu, im ahnenden Vorgefühl drohender Konflikte zwischen Mama und dem Gatten. Endlich scheint Sophie nebenan fertig zu sein, und Mama »will sehen«. Sophie muß noch einmal kommen: das Waschbecken ist noch nicht sauber genug, die Betten können glatter gestrichen sein, die Handtücher ordentlicher über dem Ständer hängen, unter den Betten muß besser aufgewischt werden, auch ist der Spiegel etwas verstaubt. »So viel Zeit habe ich nicht alle Tage,« brummt Sophie verstockt. »Sie brauchen auch nicht so viel Zeit, meine Liebe, wenn Sie das gründlich machen,« sagt Mama sehr kühl. Es ist zwölf Uhr geworden. Der Oberlehrer erscheint wieder und, wie es aussieht, ganz guter Laune. Er pfeift, als er eintritt – »Ach, Pardon,« sagt er, »mein altes Laster. Nun, habt ihr einen vergnügten Vormittag gefeiert? Was tausend – weshalb hast du die Rouleaux heruntergelassen, Lottchen?« »Ich nicht! Mama tat es.« »So?« fragt er und mustert sie. Mama lächelt harmlos. »Ich bin nun einmal eine sparsame Hausfrau, lieber Ernst. Ihr jungen Leute habt eben nicht die Erfahrung, wie arg die Sonne die Möbelbezüge mitnimmt.« »Ah so,« sagt der Oberlehrer, nickt und geht in sein Zimmer. Er hat sich den Willkommenkuß geschenkt. Mama blinzelt auf Frau Lottchen und geht ihr dicht ans Ohr. »Siehst du? Er fügt sich ganz friedlich. Bemerktest du, wie gut er sich beim Pfeifen besann? Er wird, sage ich dir. Übrigens ist ja die Sonne fort ...« Und sie zog die Rouleaux wieder hoch. Sophie deckte mit einem muffligen Gesicht. »Nun, lieber Ernst, wollen wir einmal ganz ruhig und gemächlich essen,« betonte Mama gegen den Schwiegersohn, als sie alle drei saßen. »Wir haben schon viel geleistet am Vormittag.« »Ei ei!« »Jawohl! Ich habe mit Lottchen angefangen, die Wirtschaft zu revidieren. Sie sieht jetzt bereits ein, wie wünschenswert das war. Wenn ich euch verlassen werde, wird sie dir eine musterhafte Hausfrau sein.« »Wie?« fragt er erstaunt. »Ich habe eigentlich noch nichts bei ihr vermißt, die bekannten fehlenden Knöpfe abgerechnet.« »Ah, ihr Männer ... so eine erfahrene Mama sieht schärfer, wie du dir denken kannst. Ihr Männer fühlt euch nur wohler, sobald alles in Ordnung ist; warum? das wißt ihr nicht. Aber pst! lieber Ernst, du ißt schon wieder so hastig ...« »Ja ja – nun, es wird mit der Zeit schon gehen.« »Wir werden die ganze Wohnung Stube für Stube gründlich sauber machen – du glaubst gar nicht, was das heißt ...« »Meine Arbeitsstube da auch?« »Ohne Gnade; die wird vermutlich die meiste Arbeit machen. Auch eine große Wäsche werden wir abhalten.« Er legt Messer und Gabel nieder, sieht sie an, schnalzt mit der Zunge und sagt endlich: »Hm!« worauf er wieder zu essen beginnt. »Wir sind bei der Wäscherevision auf etwas zu sprechen gekommen ... langsamer, langsamer, lieber Sohn ...« »Pardon!« »Es handelt sich nämlich um deine guten Oberhemden. Du bist in Wahrheit, ohne dir zu schmeicheln, ein hübscher Mann, Ernst – wie kannst du dich nur so häßlich tragen, dunkel bis an den Hals hinauf, wie Arbeiter! Fein sieht das gewiß nicht aus ...« »Ja, Mama,« unterbricht er kurz, »das geht leider für jetzt nicht zu ändern. Meine Westen sind alle drauf zugeschnitten.« »Ich spendiere dir einen ganzen neuen Anzug, wenn du mir den Gefallen erzeigst, es mit den Oberhemden zu probieren,« ruft sie. »Das keinesfalls, Mama – pardon, das würde mich genieren! Meine Kleidung will ich mir selber leisten. Übrigens muß ich mich da auch auf meinen Arzt berufen, er meint, für meine Hautbeschaffenheit sei das Leinentragen ungesund.« »Ah – mit Unterzeug drunter doch nicht? Ich weiß nicht, früher trugen alle Leute nichts als Leinen und waren auch gesund. Ich werde doch, solange ich hier bin, Gelegenheit suchen, mit dem Herrn zu reden.« »Bitte schön« ... (Er wird ihn jedenfalls früher sprechen.) »Du selbst wärest also im Prinzip nicht gegen meinen Wunsch?« »Durchaus nicht, Mama.« Sie wendet sich triumphierend zu Frau Lottchen: »Siehst du wohl? Sie ist ganz meiner Meinung, lieber Sohn, aber ob sie wohl den Mut hat, es auszusprechen? Was haben solche jungen Dinger für Angst vor ihren Männern!« »Lottchen Angst? Bin ich denn solch ein Tyrann?« Die junge Frau sitzt wie auf Kohlen. »Ich weiß nicht ... Mama stellt das so hin ...« »Wir haben noch etwas besprochen,« sagt Mama rasch. »Ich habe mich nächtelang gequält, um euch zur Aussteuer so hübsche Möbelschoner zu fertigen. Jetzt liegen sie auch im Schranke, mir war es ein rechter Schmerz, das wahrzunehmen ...« »Ei so leg sie doch auf, Mama!« Mama reicht ihm plötzlich die Hand, ihr Gesicht strahlt: »Du bist ein ganzer Mann, Ernst. Ich hatte dich früher schon in mein Herz geschlossen, jetzt sehe ich erst, wie sehr du es verdientest. Du wirst auch, wenn ich fort sein werde, sorgen, daß Lottchen wirtschaftlich auf der Höhe bleibt. Ich werde dir vorher auseinandersetzen, woran es bei ihr noch fehlt.« »Natürlich, gern Mama. Es wird mich riesig interessieren, in die Geheimnisse der Hausfrauentugenden einzudringen. Sie können abräumen, Sophie!« Mama geht schlafen. Die junge Frau, die einen ganz roten Kopf bekommen hat, sitzt im Schaukelstuhl, wiegt heftig auf und nieder und preßt die Lippen zusammen. Der Oberlehrer geht mit starken Schritten auf und ab, bis Sophie abgedeckt hat. Dann öffnet er einen Fensterflügel, holt tief Atem: »Ah, nun aber Luft herein!« »Ich begreife dich nicht, Ernst,« sagt es im Schaukelstuhl. »Inwiefern?« »Mama kann ja mit dir machen, was sie will. Mir gegenüber bist du immer aufgetreten, als wäre, was dir zu tun beliebt, unumstößliches Gesetz im Hause. Mama braucht nur zu winken, so ändert sich alles.« Er sieht sie ironisch an, indem er stehen bleibt. »Jetzt seid ihr auch zwei gegen einen! Deine Mutter genießt hier Gastrecht; ich werde mit ihr keinen Streit anfangen. Wenn du dich hinter sie verschanzest, so bist du sicher, alles, was du willst, durchzusetzen. Vorläufig wenigstens – so lange wie's dauert.« »Bitte, sprich nicht in diesem Tone zu mir, sonst fange ich an zu weinen. Ich bin aufgeregt genug dazu,« ruft sie heftig. »Ich lehne jede Verantwortung für das, was Mama tut, entschieden ab. Meinethalb kontrolliere mich doch – du kannst ja in deinen Mußestunden mit am Waschfaß stehen und unter den Möbeln auf Staub und Fusseln visitieren, um mich wirtschaftlich auf der Höhe zu halten; ich habe nichts dagegen, wenn es dir Spaß macht.« »Ich werde den Teufel tun.« »Du hast es ja Mama eben versprochen. Du wirfst mir vor, daß ich mich mit ihr gegen dich verschwöre – nein, du nimmst ihre Partei gegen mich.« »Nun, was einem recht ist, das ist dem andern billig. Wurst wider Wurst, Zipfel zu!« »Du hast gar keine Revanche nötig; ich sage dir: ich kann nichts dafür, wenn Mama dich ärgert.« »So? Deine Mutter behauptet's doch! Wer hat denn den Anfang gemacht, ist mit der Sprache herausgegangen, daß ich schlinge, statt anständig zu essen? Du!« Er geht wieder mit starken Schritten auf und ab, endlich wirft er einen Seitenblick nach dem Schaukelstuhl und sieht, daß sie mit trostloser Miene dasitzt und Tränen abwischt. Seine anmutige, blühende, blonde Frau, die sonst so heiter ist und die er so liebt. Da faßt ihn Mitleid; er geht zu ihr, nimmt ihren Kopf zwischen die Hände, wie der sich auch zuerst sträubt, und küßt sie. »Armer Schatz,« sagt er. »Sie macht uns richtig ganz verdreht. Was hat sie denn an dir auszusetzen?« »Ich bin ein Schmutzfink,« sagt sie zwischen Lachen und Weinen. Er lacht laut auf. »Ich weiß nicht,« schüttelt Mama, als sie nachher zum Kaffee kommt, »es stampfte jemand im Hause die ganze Zeit hin und her wie in Holzschuhen. Ich hörte es bis in den Schlaf hinein, nachdem ich erst lange kein Auge zu schließen vermochte.« Sie hatte eine eigene Art, leidend und mitleiderregend auszusehen. Frau Lottchen, die sich etwas getröstet, blickte mit einem flüchtigen Lächeln, während sie eingoß, auf den Gatten. Der sagte: »Wir haben doch nichts davon bemerkt; es wird im Nebenhause gewesen sein.« »Es ist merkwürdig unruhig bei euch. Es könnte doch sein, daß es von deinem Gehen war, lieber Ernst; das Haus ist offenbar leicht gebaut, so daß es arg schallt, wenn man stark auftritt.« »Dann werde ich mich bemühen, zu schweben, Mama.« »Reich mir den Zucker, Lottchen ... Nun, nun, nur etwas mäßigen. Heut' könnten wir wohl ein wenig spazieren gehn, das Wetter scheint ja erträglich zu sein.« Eine Stunde drauf gehn die drei spazieren, nach dem Walde zu. Die Nachmittagssonne scheint so warm, die Spatzen kreischen; Natur und Menschen tragen Frühlingstoilette. Die Frauen gehen zusammen, wobei Mama das Tempo angibt; der Oberlehrer, der vorausgeht, ist alle Augenblick um zwanzig Schritt weiter als sie und zappelt innerlich vor Ungeduld. Mama sieht recht befriedigt aus; sie besteht zwar darauf, daß der Ort schmutzig sei und die Gegend, wiewohl nicht übel, einen feuchten Eindruck mache, aber es grüßen so viele Menschen achtungsvoll, daß dies ihr Mutterherz mit Genugtuung erfüllt. Sie fragt genau nach allen – wenn ein Doktor oder Professor kommt, wird sie still. Der Oberlehrer fängt eben vor ihnen ein junges Paar auf, und Frau Lottchen sagt erfreut: »Da ist meine Spezialfreundin, von der ich dir gesagt; du kannst sie gleich kennen lernen.« »Die Bäckertochter? Wie heißt sie gleich?« »Harsdörffer,« raunt Frau Lottchen, denn ihr Mann kommt mit den zweien auf die Frauen zu. »Herr und Frau Doktor Harsdörffer – unsere liebe Mama.« »Kommt doch noch ein paar Schritt mit,« sagt Lottchen. »Bitte schön ...« Die Männer gingen voraus, die jungen Frauen nahmen Mama in die Mitte. Sie sah fürstlich aus, aber wohlwollend. »Ich höre, Ihr Herr Vater ist Bäckermeister?« Die Frau Doktor macht ein betroffenes Gesicht. »Allerdings, gnädige Frau.« »Ich finde es sehr achtungswert, daß er Ihnen eine so gute Erziehung hat geben lassen. Das macht die Großstadt. Lottchen sagte, Sie wären Berlinerin. Bei uns würde schwerlich ein Handwerker seine Tochter für eine höhere Sphäre erziehen lassen.« »Möglich,« meinte die junge Frau gemessen. »Bei uns wundert sich niemand drüber.« »Es würde bei uns auch kaum ein Glück für ein solches Mädchen sein; die gebildeten Kreise sind von den Handwerkerkreisen scharf geschieden, wie Öl und Wasser. Übrigens interessiert es mich sehr, das hiesige Gebäck mit dem unsrigen zu vergleichen.« »Papa hat speziell eine Wiener Bäckerei ...« »Ah – das Wiener Gebäck ist ja weltberühmt; da begreife ich ...« »Verzeihung, ich glaube, wir müssen umkehren – Alfred! wir haben noch einen Besuch vor ...« »War mir sehr angenehm,« versicherte Doktor Harsdörffer; die Frau Doktor verneigt sich zeremoniös. »Sie hat sehr gute Manieren,« nickt Mama befriedigt. Frau Lottchen muß sich Luft machen. »Nimm mir's nicht übel, Mama – warum sprachst du immerzu von Bäckerei? Helene muß das ja für Absicht halten.« »Liebes Kind,« wehrt Mama empfindlich, »du wirst hoffentlich deiner Mutter überlassen, zu bestimmen, was sie für passend hält. Einer geborenen Bäckertochter liegt sicherlich dies Thema am nächsten, und sie hat gar keinen Grund, sich ihrer Abkunft zu schämen. Meinst du nicht auch, Ernst?« »Jawohl,« bestätigte er mit großem Kraftaufwande. »Durchaus meine Meinung.« Die Gattin ist erbittert. Er bestärkt Mama in ihrer Unglaublichkeit. Sie weiß besser, was dieser Zwischenfall für Folgen haben kann! Schweigend geht sie den ganzen Weg, läßt Mama und den Gatten reden, die ganz d´accord zu sein scheinen. Auf dem Rückwege hat Mama einen Einfall. Sie schickt Ernst voraus, will eine Besorgung machen. »Lottchen, du weißt jedenfalls, wo Ernsts Schneider wohnt. Ich werde doch einen Anzug für die Oberhemden bestellen.« »Mama, ich bitte dich, tu's nicht.« Mama ist fest entschlossen. »Ich werde dir beweisen, daß er ihn trägt.« Frau Lottchen verzweifelt – ihr Mann wird wieder sagen, sie hat mit Mama komplottiert, wenn sie jetzt mit ihr zu seinem Schneider geht ... ah! er hat ja eben erst wieder die Partie von Mama gegen sie genommen. Wurst wider Wurst, Zipfel zu! sagt er. Sie wird in Gedanken Buch führen – Zug gegen Zug. Und sie geht mit Mama zum Schneider ... Nach dem Abendessen erhebt sich der Oberlehrer ohne viel Umstände. »Du entschuldigst mich, Mama, heut' ist Kegeltag. Auf Wiedersehn morgen!« Er ging auffallend eilig. Mama sah kopfschüttelnd hinter ihm drein, schüttelte immer wieder, immer wieder. Endlich platzte sie mit der Sprache heraus. »Da wundre ich mich nicht, daß er in seinem Wesen so wenig fein ist, wenn er so rohe Vergnügungen aufsucht! Das muß ich sagen: das – das habe ich von Papa nie gelitten! Auf den Kegelbahnen nämlich herrscht ein schrecklicher Ton, mein Kind. Das wäre eine würdige Aufgabe, ihn von dort loszulösen!« Die junge Frau sieht Mama zweifelnd an. »Es ist aber lauter gute Gesellschaft dort ... er freut sich die ganze Woche drauf ...« »Die Frauen dieser Männer beneide ich nicht. Du hast offenbar keine Ahnung, wie sie da in die Nacht hinein toben, in Hemdärmeln, wie die Hausknechte, die rohesten Witze machen ... wann kommt er denn da nach Hause?« Sie ist ernstlich empört. »Gegen zwölf, glaube ich. Ich schlafe immer schon, werde höchstens halbwach.« »So bist du noch glücklich dran, denn er wird furchtbar nach Bier riechen und nichts weniger als nüchtern sein. Ich meinerseits habe nie einschlafen können, solange Papa nicht zu Hause war; es machte mich entsetzlich nervös, auf ihn warten zu müssen; darauf nahm er natürlich Rücksicht. Versuche es ein einziges Mal, wach zu bleiben, und du wirst mir recht geben. Die ganze Atmosphäre von Roheit wirst du an ihm spüren. Nun – das erklärt freilich viel ...« Heute konnte Frau Lottchen noch weniger einschlafen als gestern. Sie vermochte den Gedanken nicht loszuwerden, daß an der Schilderung von Mama doch etwas Richtiges sein müsse. Mama hatte ja bis zum Zubettgehen noch allerlei »Erfahrungen« aus dritter Hand zum Besten gegeben, und diese waren allerdings durchgehends sehr abstoßender Natur. Sie machte immer wieder Licht, sah nach der Uhr, horchte im Verdämmern plötzlich wieder auf ein Geräusch, das sie zu hören meinte, bis sie vor Aufregung fieberte. Als ihr Mann endlich kam, brach sie in Tränen aus. Er polterte so mit den Stiefeln, pfiff sogar, und nachher roch er wirklich nach Bier und kam ihr so wüst vor, als er sich zu ihr niederbeugte: »Was ist dir denn, Schatz? Wieder die Mama ...« »Ach Gott, ich habe auf dich gewartet, und das war schrecklich. Mußt du denn kegeln?« »Nachtigall, ich hör' dir trapsen,« lachte er und, wie ihr schien, sehr roh. »Jawohl, ich muß, Schatz. Andermal schlaf du nur, wie früher.« Und es ward aus Abend und Morgen der dritte Tag. Der Oberlehrer frühstückte allein, er mußte zeitig zur Schule. Doch die Türen zum Salon und weiter zum Schlafzimmer standen offen, und er ging mit dem geschmierten Brötchen in den Salon, als er merkte, daß Frau Lottchen munter war. »Du, die Harsdörffer ist ja außer sich über Mama und über dich auch. Sie zerbricht sich den Kopf, was der Grund sein könnte, daß du gegen Mama die Bäckertochter geradezu aus dem Fenster gehängt hast, und warum Mama ihr diese mit so deutlicher Absicht unter die Nase gerieben.« »Siehst du, wie sehr ich recht hatte,« scholl es vom Schlafzimmer her ganz erbittert. »Und du hast Mama noch bestärkt.« »Eh, es muß noch toller kommen,« lachte er, in das Brötchen beißend, »Ich habe natürlich möglichst Wasser in den Wein gegossen, Harsdörffer ist ja ganz vernünftig ... Was war dir denn übrigens die Nacht wegen des Kegelns in den Kopf gekommen?« »Wenn es da so zugeht, wie Mama mir's geschildert, dann wär's wirklich besser, du bliebest zu Hause.« »Aha, meine Ahnung! Davon mußt du mir näheres berichten – aber nicht jetzt, ich muß fort. Auf Wiedersehen, Schatz.« Mama war heute behaglich aufgewacht, hingegen die Tochter verstimmt: »sie habe schlecht geschlafen«. »Hast du deinen Mann erwartet?« »Ja ...« »Nun?« »Ich glaube, du hast nicht so unrecht, Mama.« »Ich habe vielmehr bestimmt recht, Lottchen.« Sie saß da wie eine kleine dicke Göttin der Weisheit im grauen Morgenschlafrock, die Nektar und Ambrosia frühstückt. »Wir wollen mit Vorsicht verfahren, immer wieder an seinen besseren Menschen appellieren. Auf jeden Fall zähle ich auf deine Unterstützung.« Mama zählt bereits wieder auf ihre Unterstützung! »Ich habe ihm schon davon gesprochen ...« »Nun, und was sagte er?« »Ich glaube, er lachte mich aus.« »Das tun die Männer gewöhnlich, wenn sie ein böses Gewissen haben und von uns in die Enge getrieben werden. Damit darf man sich nicht abspeisen lassen.« Sie taucht befriedigt die Nase in die Kaffeetasse. »Er wird sich fügen, daran zweifle ich nicht. Bis jetzt kann ich nur sagen: du hast einen sehr guten und verständigen Mann bekommen, liebes Lottchen. Halte ihn nur möglichst in deiner Nähe fest, denn die Männer verderben einer den andern.« Frau Lottchen kann hier doch nicht ganz schweigen. »Mama, wenn du dich nur nicht in Ernst täuschest. Ich traue ihm nicht so wie du.« Mama lächelt bloß überlegen. »Wir werden morgen sein Zimmer vornehmen. Du sagtest ja wohl, das würde ihm furchtbar sein? Nun – wir wollen die Probe darauf machen! Heute werden wir zuerst deiner Sophie noch eine Lektion geben. Apropos – hol doch die Schutzdeckchen, liebes Kind!« Frau Lottchen holte sie; Mama hatte inzwischen wieder die Rouleaux herabgelassen. Sie war entzückt, als die »nächtlichen« Handarbeiten das Sofa verzierten. »Das muß doch jedem gefallen.« Sie legte den Kopf bald nach rechts, bald nach links, ging abwechselnd näher und ferner. »Sehr, sehr hübsch!« Dann wischten die Frauen Staub, und dann gingen sie Sophie »kontrollieren«, die inzwischen in den Schlafzimmern rumort hatte. Da gab es wieder genug nachzubessern. Sophie fügte sich mit innerlichem Gewittergrollen. »Fehlt vielleicht noch was?« fragte sie spitzig, ehe sie abging. »Sie brauchen nicht empfindlich zu tun, meine Liebe. Es kann Ihnen nicht schaden, wenn Sie sich noch ein wenig vervollkommnen; ich werde Ihnen das gleich in der Küche noch deutlicher beweisen.« Das war zuviel; Sophie erstarrte. In der Küche? In ihr herumschnüffeln, die ihr angestammtes Reich und ihr Stolz! Sie warf die Tür hinter sich zu, daß es krachte. »Nun, das fehlt noch,« sagt Mama und geht ihr nach. »Bitte, kehren Sie doch gefälligst noch einmal um und versuchen Sie, ob Sie die Tür nicht mit weniger Kraftaufwand schließen können.« Sophie geht in die Küche, als ob sie taub wäre. Nicht um die Welt wäre sie umgekehrt. »Ich bitte dich, Mama, treib es doch nicht auf die Spitze!« Mama kehrt sich um: »Mein Kind, du wirst zugeben, daß wir uns das nicht gefallen lassen können von einem Dienstboten. Sie ist eine ganz freche Person.« Und sie geht hinaus und kommt nach einiger Zeit ganz echauffiert wieder, tiefste Empörung in den Augen. »Wir werden also die Küche heute nicht revidieren. Ich will nicht wiederholen, was dieses Geschöpf mir zu sagen wagte. Ich hoffe, Ernst wird ihr nachher den Standpunkt klar machen ...« Frau Lottchen macht Miene, in die Küche zu gehen ... »Nein, ich ersuche dich, jetzt hier zu bleiben; wir werden mit dieser Person kein Wort wechseln, bis sie abgebeten hat! Komm, bitte, mit in das Wohnzimmer.« Dort sitzen sie. Frau Lottchen stickt, Mama strickt. Erinnerungen an verflossene bösartige Dienstmädchen unterbrechen das schwüle Schweigen. Und nun – da ist der Oberlehrer. »Gott sei Dank, daß du kommst,« ruft Frau Lottchen. »Guten Morgen, Mama – ja, was ist denn los?« Eine kurze Pause. »Lieber Ernst,« sagt Mama endlich, kalt von ihrem Strumpfe aufblickend, »ich muß dich leider bitten, ein ernstes Wort mit eurem Mädchen zu reden. Diese Person ist mir heute morgen in einer Weise frech begegnet, die ich nur verzeihen kann, wenn sie mir ernstlich Abbitte leistet.« »Was? Sie ist doch sonst nicht so?« »Nun, sie glaubt wahrscheinlich, sich das gegen mich herausnehmen zu dürfen, weil ich sie nicht gemietet habe. Jedenfalls kann ich nur mit ihr zusammen hier bleiben, wenn sie mir eine eklatante Genugtuung gibt.« »Ja, da will ich doch gleich ...« In der Küche sagte er: »Sophie, was ist das? Meine Schwiegermutter beschwert sich, Sie hätten sie frech behandelt. Machen Sie keine Geschichten, Mädchen, und bitten Sie ihr ab. Solange sie hier ist, müssen Sie ihre Eigenheiten respektieren.« Sophie stemmt die Arme in die Seiten: »Das paßt mir nicht, Herr Oberlehrer; so ein Gewirtschafte, wo man immer wie eine Dumme dasteht und als Schmutzlotte heruntergeputzt wird. Ich mache meine Arbeit, und zerreißen kann sich der Mensch nicht. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mit dem Kochen fertig werden soll ...« »Seien Sie nicht obstinat, Sophie, geben Sie ihr ein gut Wort ...« »Nein, das tue ich nicht. Lieber will ich gehen.« »Himmeld – überlegen Sie sich's!« Damit macht er kurz kehrt. »Sie wird sich's überlegen, Mama,« sagt er drüben. »Was hat's denn eigentlich gegeben?« »Lassen wir das; ich will ihre ordinären Reden nicht wiederholen. Ihr habt das Mädchen eben grenzenlos verwöhnt. Gut also, ich werde abwarten.« Frau Lottchen deckt, Sophie kommt finster helfen, die Augen bald rechts, bald links rollend. Die junge Frau fiebert in dieser Gewitterschwüle; sie kann kaum einen Bissen genießen, während ihr Gatte wie ein kampfwütender Soldat in der Schlacht einhaut. Es wird wenig gesprochen. Mama, die tief verwundet aussteht, vergißt vollkommen alles, was sie Ernst während der Mahlzeit zu seiner Erziehung zu sagen die Absicht gehabt. Als Sophie endlich abräumt – sie und Mama vermeiden, einander anzusehen – sagt letztere plötzlich: »Nun, Sophie, sehen Sie Ihr Unrecht endlich ein?« Sophie schweigt niederträchtig und geht hinaus. »Das ist doch unerhört!« ruft Mama in gerechter Erbitterung, »Wenn sich diese Person das gegen eure Mutter erlauben darf ...« »Ja, was soll denn geschehen!« ruft der Oberlehrer aufspringend; »ich kann doch das Mädchen nicht Knall und Fall fortschicken ...« »Dann ist's besser, ich verlasse euch.« »Aber Ernst, das können wir Mama wirklich nicht bieten lassen,« ruft Frau Lottchen hochrot. Der Oberlehrer stürzt aus dem Zimmer in die Küche: »Sophie, entweder Sie bitten ab, oder Sie gehen.« »Jawohl, ich gehe gleich, wenn Sie wollen.« »Gut, gehen Sie; ich zahle Ihnen Kostgeld, wenn Sie dieser Tage kommen und wieder nachfragen.« Und drüben meldet er: »Sie zieht noch heute,« wobei er grimmig wie ein Löwe aussieht, dem man einen Knochen fortnehmen will. »Mein Gott – ich kann doch jetzt nicht ohne Mädchen sein,« jammert Frau Lottchen verzweifelt. »Du weißt gar nicht, wie schwer es hier hält, auf der Stelle ein gutes Mädchen zu bekommen ...« Sie steht auf. »Bleib – nimm ein schlechtes oder eine Aufwartung. Dieses Geschöpf geht noch heute, ich leide nicht, daß Mama sich auch nur einen Tag über sie aufregt.« Mama sieht selber jetzt etwas betreten aus. »Das ist wohl etwas übereilt, lieber Ernst ...« »Gebt euch keine Mühe. Ich weiß, was ich dir schuldig bin. Es bleibt dabei.« So wie er auftritt, wagen die Frauen nicht mehr zu widersprechen. Mama wendet sich zu Frau Lottchen: »Es ist noch nicht Abend, vielleicht besinnt sich das Mädchen. Wir besprechen die Sache am Nachmittag noch eingehend, rege dich jetzt nicht so auf, Lottchen ...« »Mein Gott,« sagt die junge Frau todunglücklich, als sie mit dem Gatten allein ist, »was soll nur werden! Mama meint's ja in ihrer Art gut, aber sie macht uns alle verrückt.« »Jawohl,« ruft der Oberlehrer ingrimmig, »verrückt – verrückt – verrückt –« wobei er dreimal die Arme in die Luft wirft. Frau Lottchen weint wieder. »Ich weiß nicht, was in Mama gefahren ist,« schluchzt sie, mit dem Taschentuch über die Augen fahrend; »so kenne ich sie doch zu Hause nicht.« »Wahrscheinlich kann sie die Luft hier nicht vertragen. So eine Art Tropenkoller.« »Diese Wut, alles zu tadeln und zu ändern und bis auf jedes Stäubchen rein zu machen – jetzt sollst du nicht Kegel schieben – sie wird dir's schon noch sagen– und morgen soll deine Stube aufgeräumt werden ...« »Was?« rief der Oberlehrer, wie von der Tarantel gestochen, »ich soll wirklich nicht kegeln? – und deine Mutter – meine Stube? ... Adieu, mein Kind!« Er ist draußen, in der Küche. »Sophie, Sie gehn bestimmt heut' vor Abend ... mir zu Gefallen. Wo gehn Sie hin?« »Zu meiner Mutter.« »Ah, richtig, schon gut.« Als er seinen Hut nimmt, erscheint Frau Lottchen blaß in der Tür. »Am Abend bin ich zurück; sag Mama, ich hätte wichtige Konferenzen.« Und er stürmt die Treppe hinunter. »Verrückt!« wiederholt er wütend für sich. »Wozu brauchen wir uns verrückt machen zu lassen? Nicht mehr kegeln – und sie – meine Stube durcheinander wirtschaften ... das könnte mir passen.« Am Nebenhause blickt er durch einen Torweg und sieht einen Menschen in Hemdärmeln auf dem Hofe stehen; rasch biegt er ein. »Guten Tag, Müller.« »Guten Tag, Herr Oberlehrer.« »Müller, wollen Sie sich die nächsten Tage für jeden eine Mark verdienen?« »Warum das nicht? Was soll ich denn dafür machen?« »Können Sie nicht jeden Morgen, so früh wie gestern, eine halbe Stunde lang etwas ausklopfen im Hofe? Kleider, Teppiche – was, das ist mir egal. Aber ich habe nichts gesagt.« »Ich will sehen – solange wie ich keinen Skandal kriege – unser Herr ist immer schon auf den Beinen um die Zeit, der wird wohl nichts dagegen haben.« Müller sieht äußerst verschmitzt aus. »Abgemacht. Hier haben Sie die Mark für morgen als Aufgeld.« Der Oberlehrer ist ein starker Fußgänger. Er rennt fünf Stunden im Walde herum, von dem einen Gedanken beherrscht: Sie muß fort. Am liebsten nähme er sie unter den Arm, trüge sie in eine Droschke, aus der Droschke ins Coupé, hielte die Coupétür zu, bis sie abgefahren wäre. Aber nein: sie muß freiwillig fahren. Seine angeärgerte Phantasie wütet in grausamen Bildern, wie dies herbeizuführen. Sein chemischer Kollege wird ihm eine Flasche Schwefelwasserstoffwasser fabrizieren, und er infiziert seine Wohnung auf vierzehn Tage immer kräftiger mit diesem teuflischen Gestank. Oder: der Besitzer des Lokalblättchens, der mit ihm kegelt, muß ihm zu Gefallen eine Notiz bringen, daß eine schreckliche Feuersbrunst den Ort verwüstet hat, wo sie wohnt – oder daß ein Geheimer expedierender Sekretär dort unter irgend welchen ungewöhnlichen Umständen vom Schlag getroffen worden ... leider, fällt ihm ein, wird sie telegraphisch sofort erfahren, daß dies Schwindel ist. Vielleicht nimmt er ein Weinglas und stößt mit ihr so an, daß es zerbricht, und ängstigt sie mit Ahnungen ... oder noch einfacher: er schreibt an Papa, zieht ihn ins Vertrauen und bittet um telegraphische Rückberufung von Mama unter irgend welchem dringlichen Vorwande ... Zu einem rechten Entschlusse kommt er in all den fünf Stunden nicht. Auf dem Rückwege geht er über Feld und überholt fünf halbwüchsige Jungen – Gymnasiasten, wie er erkennt. Sie grüßen so gewaltsam, wie Gymnasiasten ihre Lehrer zu grüßen pflegen, lachen etwas verlegen, und einer trägt eine mäßige Zigarrenkiste. »Was habt ihr denn da?« »Mäuse, Herr Oberlehrer.« »Wo habt ihr die her?« »Siebert hat sie gefangen, der kann Mäuse mit der Hand fangen.« »Wie machst du das?« »Ich bücke mich rasch und fasse sie im Genick,« sagt Siebert nicht ohne Stolz. »Mäuse,« geht's im Kopf des Oberlehrers herum – »Mäuse – wieviel sind's denn?« »Sechs.« »Die könnt ihr mir schenken; ich brauch' gerade welche. So – ich danke euch; den Kasten bring' ich mal in die Schule mit.« Er hat den Kasten, in dessen Deckel eine Klappe eingeschnitten ist, unter den Arm geklemmt und geht eilfertig weiter, mit einem blutdürstigen Lächeln. Sie sollen ihm nur in seine Stube kommen! Er wird den Kasten auf die Dielen setzen und sehen, was da geschieht. Gegen sechs Mäuse kommen alle Weiber der Welt nicht an. Mit heimlicher Wollust hört er, wie sie in der Kiste krabbeln. In der Nähe seiner Wohnung stößt er auf Sophie und geht auf sie zu. Sie ist in Sonntagstoilette und trägt ein Bündel. »Ziehen Sie, Sophie?« »Ja, Herr Oberlehrer; sie wollten mich halten, aber bei der Geheimen Gnädigen bleibe ich nicht.« »Sollen Sie auch nicht. Ich lasse es Ihnen sagen, wenn sie abgereist ist.« Oben ging er zuerst in seine Stube, setzte die Kiste mit den sechs Mäusen nieder. Nebenan hörte er Frau Lottchen unverständliche Worte reden – jetzt öffnete sie, und er trat ihr händereibend entgegen. »Nun: Sophie seid ihr glücklich los, ich bin ihr eben begegnet.« »Ja, und Mama ist ganz elegisch gestimmt deshalb. Komm nur und hilf sie trösten.« »Wieso – warum? Ihr müßt euch eben behelfen.« »Es ist auch nicht deshalb, lieber Ernst,« erklingt Mamas melancholische Stimme von einem Lehnstuhl am Fenster her. »Ihr könnt am Ende froh sein, daß ihr diese Person los seid; ich rechne es mir sogar zum Verdienst an, euch von ihr befreit zuhaben; und Lottchen hat schon eine Aufwartung für morgen. Nur hat es ohne ein brauchbares Mädchen, das länger im Hause bleibt, keinen Sinn, sich eingehend mit der Haushaltung zu beschäftigen, und das war ein Hauptzweck meines Kommens. Bloß zum Vergnügen hier sitzen – während Papa zu Hause mich schwer entbehrt ... ich habe den ganzen Nachmittag an ihn denken müssen.« Lottchen fällt ein: »Aber Mama – du sagst doch selbst, er sei gut versorgt!« »Äußerlich wohl; indes, wie ich dir schon bemerkte: eine Frau ist durch nichts zu ersetzen.« »Der Meinung bin ich ganz entschieden,« beteuert der Oberlehrer mit Überzeugung und faßt Frau Lottchen mit einem Arme um. »Merkwürdig übrigens – ich will es nur erzählen – ich habe zwei Nächte hintereinander jetzt Papa im Traum gesehen, der mich inbrünstig bat, ich möchte dich ihm wiedergeben, Mama, damit er nicht allein zu sterben genötigt sei. Er sah sehr schlecht aus; ordentlich leichenhaft.« Er sagt das wie beiläufig. Mama ist plötzlich ganz verstört. »Warum erzählst du das jetzt erst?« »Ich wollte dich nicht ängstigen. Mir ist's schon leid, daß ich davon angefangen habe.« »Nun, ich bin ja nicht eigentlich abergläubisch, aber unwillkürlich wird man doch von so etwas beeinflußt. Zweimal, sagst du, hast du das schon geträumt?« »Zweimal,« bestätigt er. (Es scheint wahrhaftig zu wirken!) »Das ist immerhin schon sehr auffällig. Etwas Ernstliches kann mit Papa noch nicht passiert sein, sonst hätte ich ein Telegramm.« »Natürlich. Aber wollen wir nicht essen? Ich habe Hunger.« Es ist noch ziemlich hell; die beiden Frauen decken. Der Oberlehrer promeniert in der Stube, wiegt sich in ausschweifenden Hoffnungen, aber er hütet sich, die graue Stimmung, welche herrscht, zu stören. »Weißt du, Ernst – wenn du das zum drittenmal träumtest, könnte mich nichts in der Welt abhalten, morgen abzureisen.« »Aber Mama, du wirst doch nicht ...?« »Ja; ihr könntet mir das nicht übelnehmen. Ich komme lieber in einiger Zeit wieder. Mancherlei Gutes habe ich ja schon in diesen Tagen gestiftet – alles auf einmal könnt ihr nicht gut verlangen, ohne unbescheiden zu sein.« »Gewiß, wir sind dir schon dankbar genug,« versicherte die Bruststimme des Oberlehrers. »Ah, seid nicht so melancholisch; ich werde eine Flasche Wein holen.« Und er schießt plötzlich gegen alle Proteste hinaus, stülpt den Hut auf und geht zum nächsten Händler, während Lottchen kopfschüttelnd Gläser aufstellt. »Alle Mittel helfen,« sagt der Oberlehrer mit der Flasche auf der Treppe zu sich und zieht das Messer mit dem Korkzieher aus der Tasche. »So, Mamachen – und zum Kuckuck mit allen Träumen und Ahnungen ...« Der Pfropf ist heraus, er setzt sich und klingt an: »Dein Wohl!« Knack! Aus seinem Glas fällt ein Scherben, der dritte Teil des Inhalts fließt auf das Tischtuch. Er sieht Lottchen an, Lottchen sieht Mama an, Mama den Schwiegersohn. »Ein sonderbarer Zufall,« brummt dieser. »Das ist ja wahrhaft unheimlich.« »Allerdings,« sagt Mama mit Grabesstimme. »Kinder, mir wird himmelangst. Es ist sicher besser, ich fahre morgen zu meiner eigenen Beruhigung. Redet mir nicht ab.« »Ich gestehe, unter diesen Umständen führe ich selber,« meint nachdenklich der Oberlehrer und schüttelt langsam den Kopf. Das Essen will nicht schmecken, den Wein trinkt der Hausherr allein, trinkt die Flasche nachher den Abend über leer, während er alle Geschichten von Ahnungen und Wahrträumen erzählt, die er irgend weiß. Mama fügt ihre Vorräte dazwischen. Das genügt. Gegen Mitternacht hat Ernst den Auftrag, für Mittag die Droschke und außerdem ein Telegramm an Papa zu besorgen, und Frau Lottchen muß mit Mama in ihr Schlafzimmer kommen, bis sie geborgen im Bett liegt. Der Oberlehrer revidiert rasch inzwischen noch einmal den Mäusekasten: der Deckel ist mit zwei verschleiften Bändchen gesichert. Er hält den Kasten ans Ohr und horcht auf das Krabbeln drin: »Ihr Spitzbuben – wenn alles gut geht, setze ich euch morgen wieder ins Feld,« sagt er vergnügt. »Und diese Nacht muß Papa wieder erscheinen.« Richtig – am Morgen, ehe er in die Schule wandert, kann er Mama versichern, er glaube bestimmt, daß sein Traum sich ähnlich, nur minder klar, zum drittenmal wiederholt habe. Es hätte dessen nicht bedurft, Mama ist ohnedies fest willens zu fahren. Daß Müller in aller Herrgottsfrühe wieder wie besessen geklopft hat, ist gleichfalls eine ganz überflüssige Grausamkeit gewesen! Nun, sie wird dem jetzt entgehen. Am Vormittag, nach dem Einpacken, sitzt sie noch mit Frau Lottchen und »bespricht einiges«. »Vielleicht notierst du dir, mein Kind, worauf ich alles aufmerksam gemacht habe. Nimm einmal dein Notizbuch, wir wollen uns beide erinnern ... Erstlich, was Ernst betrifft: Nicht so schnell essen – nicht pfeifen – nicht Kegel schieben – nicht so bäurisch auftreten ... was war's doch noch? Ah, richtig: die Oberhemden! Die Rechnung über den Anzug schickst du mir ... Ferner, was die Wirtschaft angeht: Rouleaux – Schoner – Sauberkeit (ich muß dir das auf das dringendste einschärfen, Lottchen; gewöhne gleich das neue Mädchen von vornherein dran!) – Wäsche (du mußt selber in der Waschküche nachsehen; die Waschfrauen sind sündhaft oberflächlich, sage ich dir!) ... was doch weiter ... weißt du, wenn dein Mann dich in Wind und Wetter hinausschleppen will, so sprichst du mit; auf alle Fälle nimm ordentlich etwas um ...« Frau Lottchen schreibt gewissenhaft nach. »Du wirst schon noch manches finden, jetzt, wo ich dir die Augen geöffnet habe.« Zu Mittag fährt wieder die Droschke zur Bahn, wie sie gekommen. »Hoffentlich sind deine Sorgen unnütz gewesen, Mama,« sagt der Oberlehrer mit warmem Händedruck. Aber Mama sieht wieder so wehleidig wie möglich aus, und als der Zug abfährt, wischt sie Tränen ab – sie ist eine ganz gute Frau! Die Strafe für dies Krokodil von Schwiegersohn blieb nicht gänzlich aus. Erstlich: als er am Nachmittag sein Arbeitszimmer betrat, um den Kasten fortzutragen, fuhr ihm eine Maus zwischen den Beinen durch ... der Kasten war leer, und fünf weitere Mäuse segelten geräuschlos im Zimmer umher, von Ecke zu Ecke. Er prallte beiseite, öffnete das Wohnzimmer, und zwei dieser Geschöpfe benutzten die Gelegenheit mit ihm, zu Frau Lottchen zu gelangen. Die kreischte auf ... Erst nach Verlauf von drei Tagen war mit Hilfe einiger Fallen die Menagerie wieder beisammen, nachdem Lottchen und Sophie Unbeschreibliches an Angst und Schrecken ausgestanden. Nach acht Tagen aber meldete sich Müller! Er hatte jeden Morgen geklopft und beanspruchte sieben Mark. Der Oberlehrer, der vom Klopfen nichts gehört, hatte vergessen, ihm den Kontrakt zu kündigen. Nach längeren Verhandlungen erst war Müller zu bewegen, mit drei Mark abzuziehen. Von dieser Zeit an aber versicherte er jedem, der es hören wollte, der Oberlehrer Walter wäre »auch so einer!« F. Frh. von Dincklage Anker geschlippt Geschichte eines Marineoffiziers Aus den Schloten der »Vierlanderin«, eines jener prächtigen Dampfer der Hamburg-Amerikanischen-Paketfahrt Aktiengesellschaft, stiegen die dicken Rauchwolken zum klaren Morgenhimmel hinauf. Die Vierlanderin gehörte zu jener Klasse von Schiffen, die den Elbstrom hinaufdampfen und am Kai festmachen konnten, während die mächtigen Kolosse der neuesten Zeit bei Brunshausen zu Anker gehen müssen. Schon war das zweite Signal zur Abfahrt gegeben, und alle diejenigen, welche die Fahrt über den Ozean nicht mitzumachen beabsichtigten, beeilten sich, von Bord zu kommen – nach einem letzten Scheidekusse unter Tränen, nach kräftigem Händedrucke mit dem Wunsche »gute Fahrt« oder auch ohne irgend welche Gefühlsäußerung mit ernster Geschäftsmiene. Die Abschiedsszenen waren beendet. Das Deck blieb dicht gefüllt mit Reisenden beider Geschlechter und jeglichen Alters. Lud doch der sonnige Märzmorgen ein, im Freien zu bleiben, während der herrlichen Elbfahrt. Schon standen die Matrosen bereit, auf ein Zeichen des ersten Offiziers die mächtigen Trossen, mit denen die Vierlanderin am Kai festgemacht war, loszuwerfen, schon war die deutsche Flagge vorgeheißt, und eben wollte Kapitän von Delden die Treppe zur Kommandobrücke betreten, um durch ein kurzes Befehlswort in das Sprachrohr zum Maschinenraum das mächtige Fahrzeug in Bewegung zu bringen, als noch zwei Männer das Deck betraten. Des Seemanns geübter Blick erkannte sogleich, daß er nicht etwa verspätet eintreffende Passagiere vor sich habe. »Sie wünschen, meine Herren?« fragte er kurz. Nach höflichem Gruße, aber ohne ein Wort zu erwidern, griff der ältere der beiden Ankömmlinge in die Brusttasche seines Paletots und überreichte dem Kapitän eine Legitimationskarte. »Ich stehe zu Diensten, Herr Kommissar,« antwortete dieser nach Einsicht des Papiers, »wen suchen sie an Bord der Vierlanderin?« »Ich suche einen Mann,« antwortete der Beamte leise, »einen Verbrecher, dessen Signalement soeben von Berlin telegraphisch mitgeteilt wurde. Man vermutet, er habe sich nach Hamburg gewandt, um nach Amerika zu entkommen. Auf seine Verhaftung wird besonderer Wert gelegt, und noch heute soll ein Berliner Geheimpolizist hier eintreffen, dem der Mann persönlich bekannt ist. Der Verbrecher nennt sich Hausmann.« »Ich finde den Namen Hausmann nicht in meiner Passagierliste,« antwortete der Kapitän, seine Brieftasche durchblätternd. »Es sind allerdings im letzten Augenblicke noch einige Änderungen eingetragen, aber soviel ich weiß, nur den Familienstand, Frauen und Kinder betreffend.« »Das Signalement bezeichnet einen Mann von dreiundvierzig Jahren mit blondem Vollbarte, etwas hoher Stirn, blauen Augen, gewöhnlicher Nase und von mittlerer Statur.« »Das paßt auf viele meiner Passagiere,« sagte Herr von Delden lächelnd. »Ich werde daher genötigt sein, eine Revision der Pässe vorzunehmen,« erklärte der Polizeibeamte. »Mein Begleiter, ein Kriminalschutzmann, wird das Zwischendeck aufsuchen, wo der Vogel wohl schwerlich zu finden sein wird, während ich selbst Sie bitte, mir die Liste der Kajütspassagiere zu überlassen.« »Gern, Herr Kommissar, ich werde Sie auf Ihrem Gange begleiten.« Das lange Verzeichnis war rasch durchgegangen. Bei der Mehrzahl der Passagiere konnte auf Grund des Signalements von einer Einsicht der Pässe abgesehen werden. Eben stiegen die beiden Herren die Treppe zu den Gesellschaftsräumen hinab, es standen noch ein paar Namen der Liste aus, und man hoffte, dem Betreffenden dort zu begegnen. Im Salon der ersten Kajüte befand sich um diese Zeit, neben einigen älteren Damen, die wohl die Morgenluft fürchteten, ein einzelner Herr. Er hatte sich in die Ecke des Diwans gedrückt. Eine fahle Blässe lag auf den tiefernsten traurigen Zügen. Er hielt die Hand eines kaum dem Kindesalter entwachsenen jungen Mädchens umschlossen. »Ich höre sie kommen,« flüsterte sie jetzt dem Manne zu, »ich flehe dich an, bleibe ruhig sitzen und laß mich für dich antworten! Habe Vertrauen, Vater ...Gott wird mir helfen.« In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür, und der Kapitän mit seinem Begleiter trat ein. Beim Erblicken des Mannes in der Sofaecke stutzte der Polizeibeamte – der Kranke trug einen Vollbart, wenn auch ausrasiert. Mit höflicher Verbeugung trat er dann heran. »Ich muß Sie leider mit der Bitte um Ihre Legitimation belästigen, mein Herr, ich bin –« »Mein Vater ist leidend, mein Herr, aber wenn Sie die Güte haben wollen, mich in unsere Kabine zu begleiten, so werde ich Ihrem Wunsche nachkommen. Bleib ruhig sitzen, Vater, ich werde das mit den Herren erledigen.« Das Kind hatte mit voller Ruhe und Sicherheit gesprochen und schritt jetzt den Herren voraus der Kabine zu. Bald hatte sie dem Handkoffer ein zusammengefaltetes Papier entnommen und überreichte es dem Beamten. »Vierzig Jahre, blonder Vollbart, am Kinn ausrasiert, Größe 1,7 Meter.« »Vierzig Jahre?« fragte er dann halblaut für sich, mit einem Seitenblick auf den Kapitän. »Nicht wahr?« fiel das Mädchen ein, »man sollte kaum glauben, wie solch eine Krankheit die Züge verändert, aber ich hoffe, daß bei sorgsamer Pflege –« »Und Sie, mein Fräulein?« wurde sie unterbrochen. »Es ist nichts von Ihnen gesagt in dem Passe!« »Ich habe mich erst im letzten Augenblicke entschlossen, meinen Vater zu begleiten, erst als sein Leiden meine Gesellschaft während der Reise dringend forderte.« »Ich danke Ihnen,« entgegnete der Herr, das Papier zurückgebend, nachdem er noch einen prüfenden Blick auf das Mädchen geworfen. »Der, ist's jedenfalls nicht,« meinte der Kommissar, als er mit dem Kapitän die Kajütentreppe hinaufstieg, »ich sah ihm den Edelmann schon an, ehe ich seinen Paß gelesen, und –« »Wie könnte auch ein verfolgter Verbrecher eine so reizende Tochter haben?« vervollständigte der Kapitän lachend mit einem verständnisvollen Seitenblick. »Helfen Sie ihr nur den kranken Vater pflegen, Kapitän,« ging der andere auf den Scherz ein. »Es tut mir übrigens leid, Herr von Delden, daß ich Sie vergebens aufgehalten habe, so – erfolglos!« »Bitte, ganz im Gegenteile,« antwortete dieser – »behalte meine Passagiere lieber!« Der Beamte rief, seinen Gehilfen heran und war eben im Begriffe, das Schiff zu verlassen, als noch ein Mann an Bord kam, dessen ganzes Wesen eine lebhafte Erregung zeigte. Mit einer nervösen Hast befahl er das Heraufbringen seiner eleganten Reisekoffer, und während er mit dem Seidentuche den Schweiß von der hohen Stirn wischte, trat er an den Kapitän heran. »Sie müssen mich unter allen Umständen noch mitnehmen,« sagte er, nach Atem ringend, »durch einen Unglücksfall bin ich aufgehalten und –« »Unmöglich, mein Herr,« antwortete der Kapitän, »alle Räume des Schiffes sind besetzt und –« »Es muß sein, Kapitän, man erwartet mich. Der von mir belegte Platz wird doch vorhanden sein, wenn auch mein Fahrschein –« »Darf ich Sie bitten, mir einen Einblick in Ihre Legitimation zu gestatten, mein Herr? Ich bin Polizeikommissar und mit speziellem Auftrage an Bord dieses Schiffes gekommen!« Ein jäher Schrecken malte sich auf dem Gesichte des Fremden, als er die übrigens leise gesprochenen Worte des herantretenden Beamten vernahm. »Mein Gott, das ist es ja gerade,« stieß er hervor, »nicht einmal eine Visitenkarte habe ich –« »Ist auch überflüssig,« antwortete der Kriminalist, während er den Blick durchbohrend auf sein Gegenüber lichtete. »Sie heißen Hausmann und sind in dieser Nacht von Berlin gekommen.« »Allerdings, von Berlin kam ich, aber mein Name ist nicht Haus –« »Natürlich nicht,« unterbrach der Beamte streng. »Das wird sich aber später schon herausstellen; ich ersuche Sie vorläufig, dem Herrn hier unweigerlich auf das Polizeibureau zu folgen!« Er deutete auf den neben ihm stehenden Geheimpolizisten. »Er hat den Bart frisch ausrasiert und eine gewöhnliche Nase,« flüsterte dieser dem Vorgesetzten zu, worauf ein verständnisvolles Nicken erfolgte. »Auf das Polizeibureau? Daher komme ich ja eben! Dort habe ich ja die ganze Angelegenheit zu Protokoll gegeben, und das war in Ihrem Hamburg mit so vielen Weitläufigkeiten verbunden, daß ich förmlich habe entwischen müssen, um noch' rechtzeitig hierher zu kommen, und nun –« »Nun sind Sie doch nicht entwischt, Herr Hausmann! Ich ersuche Sie, Ihre Ansichten über die Hamburger Polizei für sich zu behalten und Weiterungen zu vermeiden. Sie sind verhaftet. Ihre Koffer werden ebenfalls zum Polizeibureau geschafft werden!« Der Beamte hatte, für die Umstehenden unhörbar und mit den Formen verbindlicher Höflichkeit gesprochen. Nur das sprachlose Staunen, das sich in des Fremden offenem Gesichte, in den fast wasserblauen, klaren Augen ausprägte, ließ erkennen, daß die leisen Worte doch wohl recht bedeutungsvollen Inhaltes waren. »Aber, mein Herr, ich bin doch kein Verbrecher! Ich verstehe nicht, wie man einen anständigen Menschen, einen Edelmann, einen preußischen Reserveoffizier, hier in Hamburg –« »Bitte, keine Umstände, – werden schon begreifen lernen,« schnitt jetzt der Kommissar die Rede des Verhafteten in strengem Tone ab. »Unerhört,« stieß dieser noch hervor, als der Polizist seinen Arm berührte, und fand sich dann in das Unvermeidliche. »Herr Kommissar,« flüsterte der Kapitän in dessen Ohr, »der Mann sieht doch nicht aus wie ein Verbrecher?« »Kapitän, darauf verstehen wir uns,« antwortete jener überlegen. »Auf das Aussehen legen wir Kriminalisten gar keinen Wert. Gerade die geübtesten Verbrecher verbergen sich hinter der Maske der Unbefangenheit, und die Frechheit, mit der er über unsere Behörde – doch adieu und gute Fahrt!« Kaum hatten die drei das Schiff verlassen, als auf einen kurzen Befehl die haltenden Trossen fielen. Der Propeller begann mit Brausen seine raschen Umdrehungen, das Wasser mächtig aufwühlend, am Vortopp stiegen drei kleine bunte Wimpel empor, – ein Signal für die Reederei – und majestätisch glitt die Vierlanderin die Elbe hinab. Unter den Passagieren aber herrschten noch lange die lebhaftesten Diskussionen über die Verhaftung. »Unzweifelhaft galt allein dem Manne die ungewöhnliche Paßrevision! Ein wahres Glück, daß wir den nicht an Bord behielten,« meinte eine junge Dame, »der hätte gewiß unterwegs noch gemordet!« »Oder noch Schlimmeres,« fügte eine ältliche Schöne hinzu, die mageren Hände wie zur Abwehr ausstreckend. »Er sah aber doch vornehm aus und hatte ein so gutes, ehrliches Gesicht,« äußerte eine dritte. »Das ist es ja gerade! Solche Gesichter machen sie immer! Ich habe aber gleich gesehen, daß so etwas – so hyänenhaftes in seinen Augen lag.« Es stand bald fest, daß man einem der gefährlichsten Verbrecher des Kontinents nur durch einen glücklichen Zufall entgangen war, und diese furchtbare Tatsache fand, bei empfindsamen Seelen so lebhaften Ausdruck in Worten und Gesten, daß darüber all die herrlichen, sonnenbeleuchteten Landschaftsbilder der Unterelbe fast ungesehen vorüber glitten. Eine wahrhaft rauschende Konversation herrschte auf dem Achterdeck. Im unteren Salon war um diese Zeit nur ein Paar zurückgeblieben: der Mann mit dem schwermütig leidenden Ausdrucke und seine Tochter. Auch diese war oben gewesen während der Verhaftungsszene, niemand hatte sie beachtet, niemand bemerkt, wie ihr flehender Blick vergebens die Augen des Fremden suchte, niemand gewahrt, wie sie die Hände krampfhaft, verzweiflungsvoll auf ihr Herz drückte, als die Rechte des Polizisten sich auf dessen Arm legte – auf den Arm des Verhafteten. Sie war dann geflohen, hinab geflohen vor den eigenen Gefühlen, vor einer unsagbar schrecklichen, inneren Unsicherheit, und dasselbe Mädchen, das noch vor kurzem so energisch, so bestimmt aufgetreten war – als Vertreterin des leidenden Vaters – es hatte jetzt den Kopf an dessen Brust geschmiegt in stillem Weinen. »Die Schrecken und Sorgen der letzten Tage haben dich mitgenommen, mein liebes, tapferes Kind,« sagte der Mann mit weicher tiefer Stimme, während seine Hand zärtlich über das dichte dunkle Haar der Tochter glitt. »Wie soll ich dir danken für deinen Mut, deine Entschlossenheit? Ohne dich würden die schweren Eisenriegel mich jetzt absperren von der Freiheit, ohne die ich sterben muß – und von dir, du mein einziges Glück! Hättest du nicht gehandelt, ich wäre vor die hingetreten, die mich verfolgen wie einen Verworfenen, und hätte ihnen gesagt: Kerkert mich ein, wenn ihr mir beweist, daß auch nur ein Schatten von Selbstsucht meine Handlungen leitete! Die Menschenliebe ist's, für die ich leiden muß – nehmt mich als Opfer!« Das Mädchen hob den Kopf jetzt von des Vaters Brust. Sie sah hinauf aus den tiefblauen glänzenden Augen in dessen Antlitz, sah die Begeisterung aus seinem eben noch so starren, trüben Blicke strahlen, und mit einem Lächeln durch Tränen sagte sie: »Du lieber edelherziger Mann, du! Wer würde dich verstehen? Nicht einmal jene, für die du deine ganze Kraft, deine Arbeit einsetzest! Hast du anderes geerntet von ihnen wie Undank? Nein, deine Freiheit sollst du nicht auch noch opfern, – nur im besten Glauben und in der reinsten Absicht hast du das Gesetz verletzt. Der Weg ging fehl!« »Ja – der Weg!« wiederholte er leise, und seine Augen nahmen wieder den starren Ausdruck an. Seine Gedanken schweiften wohl zurück in die Vergangenheit. »Du magst recht haben, mein Kind, ich habe den Weg verfehlt, habe am Gesetze gerüttelt, das Fundament untergraben, auf dem ich selbst bauen wollte, den großen Neubau sozialer Ordnung!« Er drückte die Tochter zärtlich an sich. »Du, Mally, hast die strafende Hand von mir abgelenkt, die Hand, die sich eben noch drohend nach mir ausstreckte. Aber wie hast du's gemacht, mein Kind, wie gelang es dir, den Mann zu täuschen?« »Laß mir mein Geheimnis, Vater. Der Zufall – oder war's Gottes Wille? hat mir geholfen!« »Du sagst das zögernd, unsicher, Mally! Ich hoffe nicht, daß du ein Unrecht auf deine Seele ludest.« Fast angstvoll klang die Frage des Mannes. »Was ich tat, ich tat's für dich – für meinen Vater, tat es in der Erinnerung an meine Mutter. Kann's da ein Unrecht sein? Weißt du noch, was der sterbenden Mutter Mund mir zuflüsterte? ›Sei deines Vaters Stütze, wenn ich nicht mehr bin, er bedarf deiner!‹ Sie ahnte wohl schon ihr frühes Ende, als sie mich lehrte, selbständig zu denken und entschlossen zu handeln – schon als Kind.« »Des Kindes Entschlossenheit und Mut retteten die Freiheit, die Ehre des Vaters – des überspannten Toren, wie ihn gerade die nannten, denen er seine Stellung geopfert.« »Nicht traurig, mein Väterchen!« sagte sie, als sie seine Augen feucht werden sah, »wenn wir erst drüben sind, dann ist das Vergangene abgetan. Was du begingst, es reicht nicht über die Grenzpfähle hinaus. Aber ich höre kommen! Du solltest etwas ruhen, du bist doch recht angegriffen!« »Ja, ja, du hast recht, ich werde ruhen, zum ersten Male im Gefühle der Sicherheit, seit ich mich hinreißen ließ –« Er sah sich scheu um, ob auch niemand der eben Eintretenden seine Worte gehört habe. Mally geleitete den Vater zu dessen Kabine, bereitete ihm mit kindlicher Sorgfalt das Lager und beobachtete dann mit innig glücklichem Ausdrucke, wie er die müden Augen schloß zu ruhigem Schlummer. »Armer, lieber Vater,« hauchte sie leise. »Nein, es war keine Sünde, was ich für dich tat! Du, im dunklen Kerker, – Vater, ich mag's nicht denken!« Eine Viertelstunde später – Kuxhafen war bereits passiert und Neuwerk – stand Mally, an die Reling gelehnt, am Stern des Dampfers. Ihr Blick war nach rückwärts gerichtet auf die Küste, deren Umrisse nach und nach in einem blauen Streifen verschwammen, auf die endlos gerade Linie des im Sonnenscheine glitzernden Kielwassers. Ihre Augen gewahrten den dunklen, kleinen Punkt, der sich aus den leicht bewegten Fluten emporhob. »Helgoland«, hörte sie rufen, aber ihre Gedanken waren weit, weit entfernt von dem, was die Sinne vernahmen. Die flogen zurück nach Hamburg, eilten voraus nach dem neuen Weltteile, dem sie zufuhr. Was mochte nur dem lieben Mädchenantlitze den angstvoll traurigen Ausdruck verleihen? Das sagte sich wohl auch Kapitän von Delden, als er jetzt herantrat. »So ernst, mein Fräulein?« fragte der schon ältere Mann freundlich, »woran dachten Sie denn so eifrig?« Sie erschrak bei der Anrede. »Ich dachte – ach – Herr Kapitän, wenn der Mann, den die Polizei in Hamburg verhaftete, auf dem Schiffe entkommen wäre, hätte ihn dann bei der Landung in Neuyork nicht schon die Polizei arretieren können?« »Das hängt vom Vergehen ab. War es politischer Art, dann würden die Staatsverträge keine Verfolgung zulassen, lag aber zum Beispiel ein gemeines Verbrechen vor, Mord oder auch nur ein schwerer Diebstahl, dann konnte immerhin die Verhaftung telegraphisch veranlaßt werden. Aber Sie können sich beruhigen, mein kleines Fräulein,« fügte er lächelnd hinzu, »der Mann war weder ein Mörder noch ein Dieb, ich verstehe mich darauf.« Er nickte dem Mädchen im Fortgehen freundlich zu. »Martert so ein halbwüchsiges Ding ihre Phantasie mit Kombinationen!« sagte er dann leise. Das Kind aber rang die Hände, Schrecken malte sich in ihren Zügen. »Gemeines Verbrechen – Verhaftung,« kam es über ihre Lippen. »Wenn er verriete – telegraphierte! O mein Gott – und was wird dann aus ihm – meinem Vater?« Die Vierlanderin hatte, vom herrlichsten klaren Wetter begünstigt, die Nordsee und den Kanal durchlaufen. Unter den Passagieren hatte sich bereits jener zwanglose Verkehr herangebildet, der die Eintönigkeit einer längeren Seereise überwinden hilft. Auf dem Achter- und Promenadendeck herrschte eine heitere Stimmung. Noch hatte ja die Seekrankheit die Zahl der Stimmungsfähigen nicht gelichtet. Es war gegen Abend, die Sonne stand schon tief. Vor einer halben Stunde waren im Nordosten die bläulichen Streifen am Horizonte verschwunden, die von den Seeleuten für die Küste von Cornwalls und Landsend erklärt wurden, und noch richteten sich die Gläser vieler Reisenden dahin, wo die Scillyinseln in Sicht sein sollten. Andere, die nicht nach dem Lande spähten, hatten sich in bequemen Bordstühlen unter dem Windschutze der Reling ausgestreckt, oder sie marschierten mit raschen Schritten und meist zu zweien die kurze Deckpromenade unermüdlich auf und ab, Steuerbord hin, Backbord zurück. Weit abgesondert von allen übrigen, ganz nahe am Großmast, hatte Mally mit ihrem Vater sich niedergelassen. Sie wußte nicht, wie man sie beobachtete, bewunderte in ihrer kindlichen Sorge. Mit heiterem Lächeln begegnete sie stets dem trüben Blicke des kranken Mannes. Und doch trug ihr Kindergesicht einen fast scheuen Ausdruck, wenn sie nicht um ihn war. »Es wird kühl, Vater,« sagte sie eben und legte das Plaid, welches sie bislang selbst benützt hatte, über dessen Füße, »die meisten Passagiere verlassen das Deck, willst du nicht auch hinab gehen in den Salon?« »Noch nicht, mein Kind! Mir graut vor der Gesellschaft, es ist, als ob ein Fluch auf mir laste! Und doch kann ich auch nicht allem sein – in meiner Kabine.« »Vater, ich bin doch bei dir, werde dich niemals verlassen!« »Gebunden an ein verfehltes Leben, – um deine Jugend gebracht, – der Sorge preisgegeben, – heimatlos!« »Nicht so, Vater! Wir werden zusammen glücklich sein! Du wirst das Geschehene, das Vergangene vergessen. Schnell wirft du durch deine Kenntnisse eine neue Berufsstellung finden. O, ich sehe dich wieder wie einst hinter deinen großen Bauplänen mit Zirkel und Lineal, und zuerst – nicht wahr? zuerst baust du ein schönes, großes Haus für uns, eine neue Heimat!« Mit vertrauensvollem Lächeln wartete sie auf seine Antwort. Des Mannes Ausdruck verfinsterte sich aber noch mehr, und fast tonlos antwortete er: »Um eine neue Heimat zu gründen, genügen nicht der gute Wille und mein bißchen Kenntnisse. Du weißt, ich habe mein Haus nicht mehr betreten, seit es von Schutzleuten bewacht war. Mein gesamtes Vermögen blieb dort zurück im feuerfesten Schranke, wird konfisziert werden. Ich bin ja ein Verfolgter, ein Verbrecher – vogelfrei!« Sie beugte sich rasch nieder und küßte ihn auf den Mund. »Der beste Mann von der Welt bist du! Und nun will ich dir auch schon heute gestehen, daß – aber nicht böse sein?!« »Nun was denn?« »Daß ich etwas für dich rettete! Rate, was?« »Du?« »Ja, Vater! Sieh, wie gut es war, daß du mich selbst gelehrt hattest, wie die Scheibchen deines Tresors auf T. W. gestellt werden müßten, um ihn aufschließen zu können. Auch kannte ich ja den Mechanismus des Schlüsselschrankes. Als nun dein Bote mir die Nachricht brachte, daß du verfolgt würdest und wo du verborgen seiest, – als ich unser Haus von Polizei besetzt sah, da dachte ich mir schon, daß wir wohl Berlin verlassen müßten, packte sofort die nötigsten Sachen für dich und mich und nahm aus dem Schranke die Wertpapiere. Hier liegen sie, auf meiner Brust, der Rest im Koffer. Ich wollte dich erst in Neuyork damit überraschen, aber so ist's auch gut, denn ich sehe wieder einmal ein freundliches Lächeln auf deinem lieben Gesichte!« »Mein guter Stern, meine kluge, kleine Tochter!« rief er aus und schloß sie in die Arme. » Sieh, nun ist mir die größte Sorge genommen, die Sorge um dich!« »Um mich? Ich soll ja für dich sorgen! Hat's nicht die liebe Mutter so gewollt?« Es war fast dunkel geworden. Ein schneidender Wind machte sich auf und mahnte zum Aufbruche. »Mein guter Stern!« wiederholte der Vater und strich über der Tochter Haar, »ja wenn ich dich nicht hätte!« Als er ihr dann voranschritt, so viel aufgerichteter und kräftiger wie seit langen Tagen, da murmelte sie leise: »Nein, es war doch keine Sünde, was ich beging, auch vor Gott nicht!« Nacht lag über dem Ozean, dunkle Nacht. Schon seit geraumer Zeit herrschte tiefe Ruhe unter dem Deck der Vierlanderin. Nur noch das Weinen eines Kindes drang hie und da aus einer Kabine oder das Ächzen der Unglücklichen, die von der Seekrankheit ergriffen waren. Rücksichtslos forderte dieser böse Feind seine Opfer an Bord des Dampfers, seit eine frische Nordwestbrise das Meer aufwühlte und die spritzenden Schaumköpfe der Seen über den scharfen Bug jagte. Den ruhigen, geordneten Gang des Seedienstes auf dem Deck störte das freilich nicht. Regelmäßig meldeten die Posten die Zeiten, und sorgsam richtete sich der Blick der Leute am Steuerruder auf die hellbeleuchtete Scheibe des Kompasses, den befohlenen Kurs durch kurze Drehung des Rades einhaltend und regelnd. Die Positionslaternen warfen ihren roten und grünen Schein hinaus über das krause Salzwasser, und drunten im taghellen Räume arbeiteten die mächtigen Kurbeln der Compoundmaschine in fast geräuschlosen Bewegungen. Auf der Kommandobrücke, an das Kartenhäuschen gelehnt, stand der erste Offizier, das Auge vorwärts gerichtet über den Bug des mächtigen Schiffes hinaus. Ab und an hob er das scharfe Nachtglas an die Augen, wenn er fern über dem schwarzen Meere ein Licht zu erkennen glaubte. Zum ersten Male seit der Abreise von Hamburg gönnte Kapitän von Delden sich ein paar Stunden der Nachtruhe, lief doch das Schiff unter sicherer Leitung des erfahrenen Offiziers. Noch vor dem Eintritte der Nacht hatte dieser seine Runde durch alle Räume der Vierlanderin gemacht und dann, als der Wind immer mehr auffrischte, Stag- und Besansegel besetzen lassen, um die schlingernde Bewegung des Dampfers zu mildern. In langen, regelmäßigen Zwischenräumen wurde das Schiff von den Seen gehoben, glitt dann wieder hinab in ein Wellental, und ein Zittern ging durch den eisernen Koloß, wenn einmal die Schraube hohl lief oder der Bug hinab schlug in das salzige Element. Von Zeit zu Zeit entstieg den mächtigen Schloten ein Funkenregen, weit fortgetragen, und in immer neuen Dissonanzen tönte das Pfeifen des Windes im Takelwerke, einmal leise, als ob er müde geworden, dann mit neuer Kraft einsetzend. Mit acht Schlägen verkündete die Schiffsglocke, daß acht Glas – Mitternacht, – und die Posten sangen durch die Nacht in langgezogenen Tönen ihr »Alles wohl«. »Sechzehn Knoten,« meldete eben der Bootsmann, der die Fahrgeschwindigkeit des Schiffes »geloggt« hatte, und der Offizier trat in das Kartenhäuschen, um mit Zirkel und Lineal den Punkt einzutragen, auf welchem die Vierlanderin augenblicklich nach Kurs und Fahrt sich befinden mußte. Er hatte diese Arbeit noch nicht beendet, als seine Aufmerksamkeit plötzlich von anderer Seite in Anspruch genommen wurde. »Was war das?« fragte er den Bootsmann, auf ein dumpfes Geschrei hindeutend, welches aus dem Zwischendeck herauftönte. Sie waren auf die Kommandobrücke zurückgetreten. Wieder ertönte das Rufen. »Wird ein Zwischendeckspassagier sein, Herr Leutnant, der das Delirium hat und sich unnütz macht, werde ihm die Zwangsjacke anlegen,« meinte der alte Seemann. Aber noch hatte er nicht die Treppe erreicht, als ein wildes Geschrei vieler Stimmen aus den Niedergängen und Luken des Schiffes hervordrang. »Feuer im Schiff,« hallte der Ruf des Postens auf der Back über das Deck, und »Feuer« – »Feuer im Zwischendeck,« pflanzte sich die Schreckenskunde mit Windeseile fort. »Alle Mann auf!« kommandierte der Offizier und stürzte dann hinab zum Herde des Feuers. »Zum Kapitän,« rief er dem Bootsmann zu, doch schon trat dieser auf die Brücke. »Halb Dampf, klar bei den Dampfspritzen,« kommandierte er hinab in den Maschinenraum. Mit ungeheurer Geschwindigkeit waren die Matrosen auf den Plätzen, die ihnen die Feuerlöschrollen vorschrieben. Die langen Schläuche waren angeschraubt, und allen voran eilte der Kapitän hinab zu dem gefährdeten Räume. Aber mit wahnsinniger Gewalt stemmte die kopflose Masse der Passagiere sich ihm entgegen. »Die Treppe frei, zum nächsten Ausgange,« donnerte er den Drängenden zu. Doch schon war der Zugang fest verstopft durch die Niedergetretenen, das Jammergeschrei der Verwundeten erfüllte den Raum, und von Sekunde zu Sekunde wurde der empordringende Dampf dichter. »Wasser, bald Wasser!« tönte jetzt die mächtige Stimme des ersten Offiziers von unten herauf, »noch ist das Feuer auf die vorderste Abteilung des Zwischendecks beschränkt! Aber Eile!« »Richtet die Mundstücke auf die Treppe, es muß sein!« befahl jetzt der Kapitän, und im Nu ergoß sich der Wasserstrom über die gedrängte Horde. Ein infernales Gebrüll erfolgte, dann lockerte sich der Knäuel, ein Teil flutete vorwärts, andere stürzten zurück zum nächsten Aufgange, und eine Minute später drangen die braven Matrosen vorwärts über die Leichen, – durch den erstickenden Dampf. Aber eine Unendlichkeit bedeutet eine verlorene Minute, wo des Feuers Gewalt gedämpft werden soll. Mit Heldenmut arbeiteten die Mannschaften, von ihrem tapfern Kapitän kommandiert. Vergebens suchten sie den eigentlichen Herd zu erreichen. Immer furchtbarer wurde der erstickende Dampf, immer weiter verbreiteten sich die Flammen, drängten die Löschmannschaften zurück. »Schotten und Luken schließen,« kommandierte jetzt der Kapitän, und in wenigen Sekunden war der vom Feuer ergriffene Raum abgeschlossen, unaufhörlich ergoß sich der Wasserstrom in die vernichtende Glut. Furchtbarer Qualm drang aus allen Öffnungen. Dennoch hoffte man, des Feuers Herr zu werden, nachdem die Luft entzogen. Da brachen prasselnd die Flammen durch das Oberdeck. Vom Winde gepeitscht, mit entsetzlicher Schnelligkeit breitete sich das verheerende Element aus, emporklimmend an geteertem Gute, an Wanten und Pardunen. Ein ungeheurer Funkenregen übersäte das Meer, als das Stagsegel hinweggefegt wurde, und schon ergriffen die Gluten die festgemachten Obersegel und Stengen. Dennoch wurde der Versuch, das Feuer auf den vorderen Schottabschnitt zu beschränken, nicht aufgegeben. Der Kapitän hatte das Schiff vor den Wind gelegt, um die Ausbreitung nach achtern zu verhindern, und schon war es gelungen, durch ununterbrochene Arbeit der Spritzen auf dem Oberdeck eine Grenze zu legen, als mit einem Schlage alle Hoffnung auf Erhaltung des Schiffes ein Ende nahm. Atemlos, rauchgeschwärzt stürzte der erste Maschinist herbei. »Feuer in den Kohlenbunkern! Die Schotten sind durchbrochen! Proviant und Segellast sind bereits in Flammen, die Kessel sind in Gefahr.« So lautete die Schreckensmeldung. »Vorbei!« kam es von des Kapitäns Lippen. Doch nur einen Augenblick war er unschlüssig, ließ sich von der furchtbaren Gewißheit übermannen. »Es muß sein,« sagte er dann, warf einen kurzen Blick über das vom Feuerschein beleuchtete, brausende Meer, und laut und sicher tönte sein Kommando: »Alle Boote klar zum Fieren!« Mit gewohnter seemännischer Disziplin wurden die kurzen Befehle ausgeführt. Schon standen die Matrosen an den Taljen bereit, und noch wäre genügende Zeit gewesen, alle, bis auf die wenigen, die im Feuer und Gedränge umkamen, in den Booten zu retten. In dem Augenblicke aber, als von der Menge diese Absicht erkannt wurde, entstand ein sinn- und gedankenloses Gedränge. Unter fanatischem Gebrüll stürzte sich die Horde auf die Boote, unbekümmert um die Faustschläge, mit denen die Matrosen sie zurückzuhalten suchte. Rücksichtslos wurde der Schwächere beiseite gestoßen, wo der Stärkere einen Vorteil erblickte. Es war ein Ringen aller gegen alle – um die Selbsterhaltung. Jeder wußte jetzt, daß nur eine Wahl blieb – Tod in den Flammen oder Kampf mit den Wellen. Durch den unerhörten Zudrang war bereits ein völlig beladenes Fahrzeug zum Kentern gebracht, vierzig Personen waren in den dunklen Fluten versunken, ihr Todesschrei verhallte im Brausen des Meeres, niemand konnte ihnen helfen. Es waren noch viele zu retten, und unheimlich griffen die Flammen um sich. Der Energie des Kapitäns, seiner Offiziere und Matrosen gelang es endlich, eine oberflächliche Ordnung herzustellen und Gehorsam zu erzwingen. Boot auf Boot wurde beladen und mit den erforderlichen Seeleuten bemannt. Jetzt waren auch die beiden größeren Kutter zu Wasser und rangen mit der hochgehenden See um das Leben von nahe an hundert Menschen. »Nur ,Jolle' und ,Gig' sind noch zur Verfügung!« rief eben der brave erste Offizier dem Kapitän zu, als er bemerkte, wie dieser Rundschau hielt. »Gottlob! alle kommen unter!« lautete die Antwort. »Zuerst die Jolle und zuletzt die Gig.« Unter den wenigen Passagieren, die übrig geblieben, befanden sich auch Mally und ihr Vater. Arm in Arm hatten sie gewartet, bis auch an sie die Reihe kommen würde, und jetzt klang es wie ein Erlösungsruf aus der Tochter Munde: »Sieh mein Vater, Gott ist uns gnädig, wir wollten zusammen sterben, und nun dürfen wir vielleicht zusammen leben.« »Vorwärts,« mahnte jetzt der Ruf Deldens. Er selbst hielt des Mädchens Hand, als sie das Fallreep hinabstieg, ihrem Vater folgend. Kaum hatte sie den Fuß in das von Wellen unaufhörlich hin und her geworfene Fahrzeug gesetzt, als der Ruf »Achtung, die See!« die Matrosen auf eine eben heranrollende Welle aufmerksam machte. Sofort versuchten die erfahrenen Seeleute, vom Schiffe frei zu kommen und sich mit dem Bug dem Winde entgegen zu legen. Aber schon war es zu spät. Meterhoch wurde die Jolle emporgehoben, und in demselben Augenblicke, wo ihre Spanten und Planken unter dem furchtbaren Drucke an der Bordwand des Schiffes krachend zusammenbrachen, überstürzte sich der schäumende Kopf der Welle und zog das winzige Fahrzeug hinab in den schäumenden Gischt. Nur Sekunden waren vergangen über das Entsetzliche. Nur ein angstvoller Ruf wurde gehört aus der dunklen Tiefe, – der Ruf um Hilfe, – dann nur noch das Knattern und Prasseln des Feuers da oben und das Brausen des Meeres. Das letzte Boot – die winzige Gig, setzte eben ab vom brennenden Schiffe. Die letzten Lebenden haben Zuflucht gesucht in dem engen, schmalen Fahrzeuge – dem Tode zu entfliehen, dem Tode, der reiche Ernte hielt – oben in den Gluten, unten im schäumenden Meere. Verloren alle, die mit der zerschellten Jolle hinabsanken – alle! Alle? Tauchte es nicht empor – dicht am Fallreep? Ein Funkenschwarm weht eben über Bord und beleuchtet matt einen Mann, einen Matrosen. Er hat die Stufen mühsam erreicht, eine schwere Last muß ihn hemmen. Ein neuer Lichtschein ergießt sich über die Szene. Deutlich sieht man den Mann. Er hat sich aufgerichtet, sein starker Arm umspannt eine Gestalt, ein lebloses Mädchen. »Boot ahoi,« tönte es jetzt mächtig durch das Rauschen und Klatschen der Flut. Des Mannes scharfes Auge hat die Gig erkannt. »Boot ahoi,« ruft er wieder. Man hört ihn, die Gig wendet. »Hier am Fallreep!« ruft er nun. Wieder steigt eine Feuergarbe auf, lichtbringend. Dicht an der Treppe schießt das Boot vorüber. »Gebt Achtung, eine Gerettete!« ruft der Matrose entgegen, und schon haben die kräftigen Hände das zarte Mädchen ergriffen, hineingehoben. Der brave Matrose ist nachgesprungen auf die rettenden Planken. Die Riemen werden angezogen, und leicht hebt sich das schmale Fahrzeug über die Seen, gleitet durch die Täler, vom Feuerschein beleuchtet. Zitternd beleuchten die Strahlen auch ein totenblasses Mädchenantlitz. Immer weiter ist drüben an Bord die zerstörende Kraft fortgeschritten. Schon beginnt auch der Kreuzmast zu brennen. »Mein Gott, ein Mensch! Auf dem Schiffe!« – »Wer ist's?« so geht es jetzt von Mund zu Mund in der Gig. Deutlich erkennt man die Gestalt eines Mannes. Und dann – ein Schreckensruf aus den Kehlen der Seeleute! Riesige weiße Dampfwolken, grausig von den Flammen erhellt, steigen hoch zum Himmel empor, brennende Trümmer mit sich reißend, ein dumpfer Donnerhall rollt über das Meer, wie bei fernem Gewitter! »Delden,« murmelt der Offizier am Ruder, »er hat Wort gehalten, als er uns einst sagte: ,Der Kapitän geht unter mit seinem Schiffe'. Gott nehme die Seele unseres Kapitäns gnädig auf!« Es war wie ein stilles Gebet, was der Offizier sagte.– – – Langsam erloschen die Flammen an Bord der Vierlanderin, tiefer und tiefer sank der Rumpf. »Die explodierenden Kessel müssen die Eisenhaut gesprengt haben,« meinten die Matrosen. Dann wurde es ganz dunkel, Nacht ringsum. Noch arbeitete das Meer in mächtiger Dünung, noch hatten zwei Matrosen ununterbrochen mit Ausschöpfen des Spritzwassers aus der zierlichen Gig zu schaffen. Aber der Wind hatte nachgelassen. Im Osten zeigte sich ein heller Streifen über dem Meere. Langsam trat die Sonne golden hervor hinter der Kimmung und sandte ihre Strahlen über den Ozean. Nichts kennzeichnete den Ort, wo gestern ein stolzes Schiff gesunken, wo so viele nach verzweiflungsvollem Todesringen ihr feuchtes Grab gefunden. Nirgends eine Spur von den Booten und auch nirgends ein Segel, – der Rauch eines Schlotes, Rettung verheißend! Auf weitem Meere – verlassen – schwamm das winzige Fahrzeug mit den neun Männern. Zwischen ihnen das Mädchen – die Waise. »Vater, wo ist mein Vater?« fragte sie, aus langer Ohnmacht erwachend, und das stumme Schweigen rings war ihr eine schreckliche Antwort. »Allmächtiger Gott, laß mich, zu ihm!« schrie sie auf im ersten heftigen Paroxismus des Schmerzes; »ich war's, die unrecht tat, nicht er!« Sie versuchte dann hinauszuspringen, aber starke Hände hielten sie. Seit jenem Augenblicke kam keine Klage über ihre Lippen, keine Träne gab ihr Linderung, und doch hatte sie alles verloren. Zwölf lange, bange Stunden waren seitdem verflossen. Schon stand die Sonne bedenklich tief, und ohne Kompaß mußte bald jede Orientierung aufhören. In dumpfem Schweigen verharrte die Gesellschaft, ja, einzelne der Männer hatten Schlaf gefunden nach den übermenschlichen Anstrengungen. Schon frühmorgens hatte der Offizier die Bootsegel setzen lassen, um der französischen Küste näher und in den Kurs der großen Seestraßen zu kommen. Einmal nur im Laufe des Tages erwachte die Hoffnung auf Rettung lebhafter, als auf wenige Seemeilen eine Bark vorübersegelte. So nahe kam das mächtige Schiff, daß die Matrosen in den Wanten gesehen wurden, und dennoch hatte wohl niemand das winzige Segel zwischen den Wellen der Dünung erkannt. Sie segelte weiter unter vollem Zeuge, war bald verschwunden hinter dem Horizonte. Oft sah man dann den Rauch von Dampfern, aber viele Meilen lagen zwischen ihnen und der Gig. Dazu begann der Hunger sich fühlbar zu machen. Außer einigen Büchsen konservierten Fleisches waren keine Lebensmittel vorhanden, vor allem kein Wasser. Eben waren die schmalen Portionen verteilt. Noch einmal ließ der Offizier sein scharfes Auge am Horizont entlang gleiten. Plötzlich richtete er den Blick auf eine Dampfwolke. »Holt das Segel nieder und ,auf Riemen'!« befahl er den Matrosen dann in offenbarer Erregung, »gerade in den Kurs können wir ihm kommen, wenn wir ausholen.« Und pfeilschnell zog das, Boot wenige Minuten später durch das Wasser. Eine Viertelstunde war vergangen. »Auf Riemen!« kommandierte der Offizier. »So, nun decken sich die Toppen des Schiffes, wir liegen im Kurse.« Es war plötzlich Leben in die Gesellschaft gekommen. Das Vergangene schien vergessen, und die Hoffnung allein stand im Vordergrunde, denn immer deutlicher traten die Umrisse des Schiffes aus dem Horizonte hervor. Mally allein blieb teilnahmlos. Sie sah das alles, was vorging, und doch schien ihr Geist nicht berührt von dem, was die Sinne vernahmen. »Freuen Sie sich doch, Fräulein,« sagte ein alter Seemann, »Sie wissen nicht, wie es ist, wenn der Hunger einkehrt, oder wenn man Minute für Minute um sein Leben kämpft mit dem Salzwasser oder den Haifischen!« Der Matrose wußte wohl kaum, welche Saite er berührt hatte, als Mally jetzt in Schluchzen ausbrach. »Vater, warum ließ man uns nicht zusammen?« klang es leise über ihre Lippen. Aber niemand hörte das, denn näher und näher kam der Dampfer. Dann schlug die Schraube rückwärts, die Fahrt hörte auf, und wenige Minuten später lag die Gig längsseit. Die Geretteten kamen an Bord, vom »Hurra« der Mannschaft begrüßt, und »onder vollen stoom!« kommandierte der Kapitän des holländischen Regierungsdampfers »Koning der Nederlanden« auf der Fahrt nach den westindischen Inseln begriffen. Das Geschwader der ostasiatischen Station lag aus der Rhede von Makassar. Zum ersten Male zeigte das Deutsche Reich seine stolze Kriegsflagge in den niederländischen Gewässern Zehn Tage waren vergangen, seit die schweren Anker unter mächtigem Rauschen hinabsanken in die Tiefe, seit der Donner der Geschütze am bergigen Gestade in tausendfachem Echo widerhallend – der holländischen Trikolore da oben auf dem winzigen Fort Vlaardingen den Gruß zurief vom Bruderstamme. Voll Bewunderung haftete damals der Blick der deutschen Seeleute auf der herrlichen Küste von Celebes, auf der amphitheatralisch emporsteigenden Stadt, mit ihren hellen Hausern sich malerisch abhebend von dem dunklen Hintergrunde der schön profilierten, bewaldeten Hohen und Berge. Die freundlichen Häuser, die gartenumgebenen Villen der Kalverstraat, des europäischen Viertels, hatten seitdem den deutschen Offizieren ihre Türen geöffnet – in einer Weise, als gälte es ein Ringen um die Palme der Gastfreundschaft. In majestätischer Ruhe wiegten sich jetzt die deutschen Schiffe – es waren die Kreuzerfregatte »Stosch«, das Flaggschiff, und die Korvette »Sophie« – auf der blauen Flut, von den letzten Strahlen der sinkenden Tropensonne beleuchtet. Der Dienst an Bord Seiner Majestät Schiff »Sophie« war beendet, und eben kam die Pinnaß steuerbord längsseit, um die wachfreien Offiziere und Kadetten an Land zu bringen. Bald waren die mit blauen, rotberänderten Tuchdecken belegten Sitze im Achterteile eingenommen, das Boot wurde vom Fallreep abgesetzt, »überall« ertönte das Kommando des Bootführers, und rasch flog das leichte Fahrzeug dem Strande zu. Der »Landgang« fand heute sehr rege Beteiligung, denn es war ein unbestimmtes Gerücht von baldigem »Ankeraufgehen« herüber gekommen vom Flaggschiffe, und da mußte die Zeit ausgenützt werden. In lebhafter Konversation behandelte man »vor der Bootflagge« das Ereignis des gestrigen Abends– den wohlgelungenen und glänzenden Ball an Bord der »Stosch« – vom Kommodore gegeben, als bescheidene Erwiderung niederländischer Gastfreundschaft. »Item, das muß ich gestehen,« sagte eben der Kapitänleutnant Brentmann, ein rotbärtiger, rotbackiger Hannoveraner, »ich hätte unseren biederen Nachbarn im Nordwesten wirklich nicht so hübsche und vor allem so muntere Frauen und Töchter zugetraut, und wie kleidsam ist diese Tracht, die ›Sarany‹! Warum führt man nur diese Mode nicht auch in Europa ein?« »Denken Sie sich die Admiralin von Wulf im nur von einem Gürtel gehaltenen wallenden weißen Tropengewande, in seidenen Sandalen, ohne Strümpfe, auf dem Kasinoballe in Kiel!« warf mit trockenem Witze ein älterer Leutnant ein. Alles lachte, denn jeder wußte um die ungeheure Körperfülle der armen Admiralin. »Übrigens,« fuhr der Sprecher fort, »ist die schönste Erscheinung des gestrigen Festes weder Holländerin noch Celebeserin.« »Wer?« klang es von verschiedenen Seiten. »Natürlich meine ich die Jufvrouw van der Pütt, die ältere, die ja eigentlich gar keine van der Pütt ist, sondern –« »Wer ist sie denn?« fragte man jetzt mit Spannung. »Undine, Wassernixe, Sirene – wer weiß das? Der holländische Kamerad Mynheer Storm van der Gracht erzählte mir gestern – aber darüber wird uns doch gewiß Serlo, als näherer Bekannter, Auskunft geben können,« wandte er sich plötzlich mit einem Anfluge von Sarkasmus an einen Offizier, der bisher scheinbar an der Unterhaltung nicht teilgenommen hatte. Eine tiefe Glut breitete sich über die schönen, ernsten Züge des Angeredeten, dann legten sich ein Paar drohende Falten auf dessen Stirn, und seine großen dunklen Augen richteten sich fragend und doch fast drohend auf den Kameraden. »Ich wüßte nicht, Herr von Gallwich, daß ich mich Ihnen gegenüber als näheren Bekannten des Fräulein van der Pütt –« »Nur keine Bö in das Wollzeug unserer guten Laune!« schnitt ein auffallend großer und noch bartloser Leutnant die gereizte Antwort Serlos ab. »Außerdem habe ich hier auch noch ein Wort zu reden. Wenn von einer ,Schönsten' auf dem gestrigen Feste die Rede sein kann, dann – nun, dann ist das allerdings ein Fräulein van der Pütt, da stimme ich bei, aber nicht die ältere, die dunkle, die ernste, sondern –« »Das Kind! Bravo, Schaum! – Das ist recht, tritt du für deine kleine Tänzerin ein!« – »Farbe bekannt!« so klang es durcheinander. »Laßt nur gut sein, die Jugend ist kein Fehler, so was wächst heran und – na, die vierzehnjährige kleine Schönheit mit dem munteren, kindlichen Wesen gefällt mir nun einmal besser wie die meisten Frauen, die, vierfach so alt sind.« Er lachte herzlich über den eigenen Scherz, und alle lachten mit. »Bug!« kommandierte eben der Bootssteurer. Das Boot wurde an der Landungsbrücke festgemacht, und während die Offiziere von Bord gingen, reichte Serlo dem Leutnant Gallwich die Hand. »Wollen Kette stecken,« sagte er leise, »es war gut, daß Schaum mich nicht zu Worte kommen ließ, Sie wissen, jeder hat einmal seine schwachen Augenblicke.« »Ich wußte wirklich nicht, Serlo, daß – ich habe geglaubt – und es war auch keineswegs Nachteiliges –« »Ist auch nichts zu wissen oder zu glauben,« antwortete jener, und das klang plötzlich wieder so ernst, daß man die Stirnfalten zu sehen glaubte, obwohl es zu dunkeln begonnen. Man war an der Hauptstraße angekommen. Die Gruppen teilten sich. Während Serlo und Schaum sich der Kalverstraat zuwandten, schlugen die übrigen den Weg zum Gartenetablissement des Hotels ein, in welchem sich allabendlich die Deutschen mit den einheimischen Offizieren, Kaufleuten und Angestellten zu vereinigen pflegten. »Ich lasse mich kielholen, wenn der Serlo nicht vor Topp und Takel im Fahrwasser der schönen van der Pütt läuft,« äußerte, sobald die beiden Kameraden außer Hörweite waren, ein blutjunger Unterleutnant, der seine Offiziersepauletten auf die erste große Reise führte, »ich habe Ausguck gehalten gestern abend. Müßte mich irren, wenn der deutsche Panzer nicht versuchte, die schlanke holländische ›Galeasse‹ zu ›rammen‹. Bin übrigens neugierig, zu erfahren, auf welcher Helling das nette Fahrzeug gezimmert wurde, wenn nicht auf einer holländischen! Wissen Sie Näheres darüber, Herr von Gallwich?« »Tun Sie mir den einzigen Gefallen, lieber Agena,« antwortete dieser, »und gewöhnen Sie sich vor allem Ihr abscheuliches Bootsmannslatein ab! Ihre Neugier können Sie übrigens bald befriedigen, denn dort ist schon Mynheer van Storm.« Man war eben am Hotelgarten eingetroffen, wo ein junger, schlanker Herr in der einfach dunklen Uniform der holländischen Infanterieoffiziere der Ankommenden bereits harrte. »Mynheer van Storm Sie müssen uns etwas über die Jufvrouw Martha erzählen!« drang Agena auf diesen ein. Seine Neugier schien übrigens von vielen Kameraden geteilt zu werden, denn bald hatte sich um den jungen holländischen Offizier eine Gruppe gebildet, und dieser mußte sich nolens volens bequemen, seine Kenntnisse preiszugeben. »Interessant ist meine Wissenschaft über Fräulein van der Pütt die Ältere im Grunde nur deshalb,« begann er scherzend und in gutem Deutsch, »weil ich eben möglichst wenig von ihr weiß, also der Phantasie reicher Spielraum bleibt. Als Mynheer van der Pütt – übrigens ein schwerwiegender Kaufherr – vor drei Jahren nach Makassar übersiedelte, brachte er neben seiner Frau zwei Kinder mit von beiläufig fünfzehn und elf Jahren. Mynheer und Mefvrouw nannten beide ihre Töchter, obwohl durch die Mitreisenden auf dem »Koning der Niederlanden«, dem Überfahrtsdampfer, bekannt wurde, daß das ältere der beiden Mädchen irgendwo aus einem Schiffbruche gerettet und von dem Kaufherrn, wohl zur Gesellschaft seiner Kleinen, aufgenommen sei. Fest steht, daß in der Familie van der Pütt keinerlei Unterschied zwischen der wirklichen und der angenommenen Tochter gemacht wird, und daß niemals auch nur mit einer Silbe angedeutet wurde, Martha sei nicht die älteste Tochter des Hauses. An der eben erzählten Tatsache, die wohl authentisch ist, ändert das freilich nichts.« »Also doch ein Stück von einer Wassernixe!« warf der Kapitänleutnant Brentmann ein, »emporgestiegen aus einsamer Stille des Flutenpalasts!« »Nixenhaftes klebt der jungen Dame in keiner Weise an,« verbesserte ihn Mynheer van Storm. »Sie zeigte schon als halbes Kind einen Ernst, der ihr mit Unrecht den Namen ›de Droevig‹ – die Betrübte – einbrachte, denn im Grunde hat sie ein heiteres Temperament. Dennoch ist ihr Wesen nicht frei von einer – wie soll ich sagen – Schwermut, die mit ihrem so klaren, festen Charakter fast im Widerspruche zu stehen scheint. Sie ist eben anders wie andere Mädchen von achtzehn Jahren, und dennoch werden Sie kaum in der europäischen Kolonie ein ungünstiges Urteil über das junge Mädchen hören, selbst bei den Damen nicht. Und das ist um so durchschlagender, als doch Martha van der Pütt nicht nur geistig über die meisten ihres Geschlechtes und Alters hervorragt, sondern doch immerhin –« »Die schönste unter den hiesigen jungen Damen ist,« fiel der Hannoveraner ein, »und das scheint Mynheer van Storm van der Gracht auch nicht entgangen zu sein!« »Mynheer van Storms Empfindungen,« antwortete dieser scherzend, »würden Mejufvrouw Martha van der Pütt ebenso wenig berühren wie die irgend eines andern hier auf Celebes. Gegen jeden freundlich, verbietet sie dennoch in ihrem ganzen Wesen jede Annäherung. Sie ist eben ein wunderbares Mädchen – ein Stück Mysterium, welches auch die beiden Herren nicht durchschauen werden, die täglich im Hause ihrer Eltern verkehrten, freilich könnte da nur Mynheer Serlo in Frage kommen, denn Leutnant Schaum scheint sich mit derartigen Problemen nicht befaßt zu haben.« Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein. Jeder dachte wohl noch an das Mysterium, als plötzlich der Leutnant Agena, wohl als Resultat seiner Reflektionen über die Ergründung desselben mit Nachdruck ausrief: »Morgen gehe ich hin!« Ein schallendes Gelächter belohnte den Ausspruch, man hatte seinen Gedankengang erkannt. Arm in Arm wanderten die beiden Freunde, Serlo und Schaum, zu derselben Zeit in der breiten Villenstraße auf und ab. »Xaver, was ist mit dir?« begann Schaum nach längerem Schweigen. »Du bist gereizt und dennoch träumerisch, heftig, und in demselben Augenblicke wieder kommt dein gutes treues Herz zum Durchbruche – ja, laß nur,« wehrte er in einer ablehnenden Geste, »es ist mir nicht entgangen, daß du dem Gallwich die Hand gabst, nachdem ich noch wenige Minuten vorher in die Parade springen mußte. Aber was frage ich dich? Ich weiß es ja, wer dir mitspielt, und, glaube mir –« Er schwieg und sah den Freund fragend an, als scheue er sich, das auszusprechen, was ihm auf den Lippen schwebte. »Was weißt du?« fragte Serlo ernst. »Nun denn, ich weiß, daß du nicht der Mann bist, der es verdient, von einem Mädchen so behandelt zu werden, wie diese kühle, so herzlose –« »Franz!« »Ja, laß mich weiter reden, einmal muß es herunter von der Leber, was ich seit drei Tagen mit mir herumtrug. Ein Blinder müßte ich sein, wenn ich nicht sähe, und nicht dein Freund, wenn ich nicht fühlte, was mit dir vorgeht. Du liebst Martha – nicht nach unserer flüchtig raschen Seemannsart, – die paßt nicht zu dir, das weiß ich – du liebst sie mit der ganzen Kraft deines viel zu guten Herzens, und sie – nun, sie ist eben eine Undinennatur – Weib und doch ohne Seele.« Serlo blieb stehen. Er legte die Hand auf des Freundes Schulter. Die Strahlen der Straßenlaterne beleuchteten sein blasses Antlitz. »Franz,« sagte er dann leise, und seine Stimme vibrierte, »Franz, so wahr du erkannt hast, was in mir vorgeht, schon seit dem ersten Tage unseres Hierseins sich in mir regte, so falsch beurteilst du sie, die du nicht kennst, die –« »Die mit ihren großen, schönen Augen einmal das Feuer der Leidenschaft in deinem edlen Herzen entfacht und dann wieder mit eisiger Kälte dich abwehrt.« »Aber Franz?« »Bitte, nicht unterbrechen, nun ich einmal den Mut faßte, dir Freund zu sein – auch wenn's weh tut! Ich habe euch beobachtet, täglich, auch gestern abend. Ich habe gesehen, wie sie den Blick nicht von dir wandte, wie sie an den Worten zu hängen schien, die du so beredt ihr zuflüstertest während des Blumenwalzers. Dann sah ich aber auch, wie sich plötzlich alle die Wärme zu verlieren schien, die eben noch aus ihren Augen strahlte, wie sie sich zu ihrem andern Nachbarn wandte, während du mit fast schmerzlichem Ausdrucke ihr nachblicktest – ach, Freund, du kannst dich ja nicht verstellen, wenn du auch willst! Xaver, glaube mir, sie spielt mit dir, und hinter dem umschleierten Blicke da lauert –« »Ich bitte dich, sprich nicht weiter. Vielleicht entscheidet noch der heutige Abend über mein Schicksal und bringt dir den Beweis, daß Martha die Beste unter allen ist, daß sie die Verehrung verdient, die man ihr zollt, und – daß dein Freundesherz dich Schatten suchen ließ, wo helles Licht ist.« »Soll mir das Liebste sein – immerhin weißt du meine Meinung nun! Übrigens ist es acht Uhr, da tönt auch eben der ›Erlösungsschuß‹, und wir können gehen.« Es war fast dunkel geworden in jenem plötzlichen Übergange, welcher in den Tropen Tag und Nacht trennt. Nach unerträglicher Hitze begannen die Stunden labender Kühle. Alle die zierlichen Gärtchen, von denen die Villen an der Europäerstraße umgeben sind, belebten sich; überall bemerkte man jetzt frohe, lachende Menschen in den laubumrankten Verandas oder in hell erleuchteten Räumen bei geöffneten Fenstern. Der Tropenbewohner verschmäht auch im Innern seiner Wohnung jenes Halbdunkel der Dämmerstunde, das in der Natur auf eine verschwindend kurze Zeit beschränkt ist. Man liebt das Licht, Kronleuchter und Lampen bilden das Haupterfordernis zum Wohlleben. Auch aus der Villa, vor deren Eingangspforte die beiden Freunde jetzt ankamen, strahlte ihnen helles Kerzenlicht entgegen. »Weise Einrichtung, daß der Kommandant von Makassar das Ende der Visitenstunde durch den Kanonenschuß andeutet, denn sonst wäre der da am Ende noch lange nicht gegangen,« äußerte Schaum. »Hätte mir heute gar nicht gepaßt, das Vorrecht des Abendbesuches bei van der Pütt mit dem Komodore zu teilen.« Er zog den Kameraden rasch in den Schatten und deutete mit einer Handbewegung auf die Veranda, deren Stufen eben ein Herr in der Marineuniform betrat, durch den Hausherrn freundlich bis an das Gitter geleitet. Noch sah dieser dem Fortgehenden nach, als die Offiziere herankamen. »Ah, da sind Sie ja! Meine Frau hat Sie längst erwartet, und wir alle hoffen auf eine musikalische Unterhaltung, wenigstens was Sie betrifft, Herr Serlo. Und auch Ihrer harrt man mit Ungeduld, Herr Leutnant Schaum; das Kind, die Eva, brennt schon auf die Scherze, die heute –« »Sie kommen, da sind sie schon, Mama!« rief eine fröhliche Stimme jetzt in das Haus hinein, und unmittelbar darauf erschien in dem Lichtkreis der Verandalampe ein Mädchen, dessen schlanke Gestalt freilich zu der Bezeichnung »das Kind« kaum noch zu berechtigen schien. Kindlich und völlig natürlich war aber die Unbefangenheit, mit welcher sie den Herren entgegentrat. »Nein, das war zu nett gestern auf Ihrem Schiffe, – zu nett,« sagte sie überzeugungsvoll, »und nun müssen Sie erzählen, Mynheer Schaum, was nachher noch alles war, und was Sie geredet haben, was man über uns sagte – alles, alles!« »Aber, Eva, so laß doch die Herren wenigstens erst zu Ruhe kommen,« mahnte die Dame, welche jetzt herzu trat. »Willkommen, meine Herren, wir fürchteten schon, Sie würden heute ausbleiben.« »Wer kennt das ›Morgen‹, Mefvrouw van der Pütt! Drum nützt des Glückes Gunst geschwind, denn das ist Seemanns Regel!« deklamierte Schaum und legte zur Beglaubigung seines Wahlspruchs die ungeheuer große Hand auf das Herz. »Ach, wenn Ihr Herz so groß wie Ihre Hand ist, dann –« neckte Eva. »Groß ist das Meer und der Himmel, doch größer, größer mein Herz!« zitierte Schaum eben mit Pathos, als eine dritte Dame der Gruppe sich zugesellte, in allem das Gegenteil der munteren Eva. Wohl zeigte auch sie ein freundliches Lächeln, als sie den Gästen die Hand reichte, aber über dem Lächeln lag es wie ein trüber Schleier. Jetzt begegneten ihre dunklen Augen voll Serlos Blicken, ohne auszuweichen, und die Frage, die sie darin las, das tiefe Gefühl, welches daraus sprach, mußten sie Wohl noch trauriger stimmen. Es wurde plötzlich feucht unter den langen Wimpern, sie wandte sich ab und suchte einen Sessel abseits. »Ich hatte Kopfschmerzen den ganzen Tag und möchte dem Lichte nicht zu nahe sein,« sagte sie, gleichsam erklärend. Aber nur Serlo hörte das, denn – »Jetzt erzählen,« drängte schon Eva in komischer Ungeduld. Man gruppierte sich um die Lampe, und mit ungeheurem Ernste und lebhaftem Mienenspiel begann Schaum: »Sie wollen wissen, veledele jufvrouw Eva van der Pütt, womit sich Ihr aufrichtiger Freund und gehorsamer Verehrer Franz Schaum, kaiserlicher Unterleutnant zur See, gestern abend nach beendetem Balle beschäftigte? Gut, Sie sollen es erfahren: die ganze Nacht habe ich im Studium des Holländischen verbracht!« Das Mädchen sah ihn mißtrauisch an, als erwarte sie wieder eine kleine Neckerei hinter der Behauptung. » Onmogelik ,« sagte sie dann mit der eigentümlich gedehnten Betonung der Mittelsilbe. » Seeker! « antwortete der Leutnant mit gleichem Nachdrucke und einer höchst überzeugenden Miene, »es war sogar nur ein einziges Wort, das mein ganzes Denken in Anspruch nahm!« »Ein Wort?« »Ja, das Wort › gelukkig !‹ – glücklich!« – Ein heiteres Lachen belohnte den Offizier, denn alle kannten die Bezeichnung, die man Eva im Kreise der Gesellschaft gegeben, wohl im Gegensatze zu der » droevigen « Schwester. »Ich weiß auch ein Wort, über das Sie in der kommenden Nacht nachdenken können,« antwortete das Mädchen dann keck, » vermetel (verwegen) heißt es.« Während des kindlichen Wortkampfes hatte Serlo den Blick nicht eine Sekunde lang abgewandt von Marthas weichen, schönen Zügen. Hatte er das Mädchen schon einmal gesehen, vor langer Zeit? Ihr Bild vielleicht? Die Frage war beim ersten Begegnen vor ihm aufgetaucht. Auch jetzt wieder suchte er vergebens in seiner Erinnerung. Warum war sie erschrocken, als er gestern abend im Blumenwalzer leise gefragt hatte, ob sie sich jemals entschließen würde, nach Deutschland zu kommen? Warum hatte sie sich so Plötzlich abgewandt? Als jetzt der Freund von neuem die Schleusen seiner frischen Laune öffnete, zog Serlo einen Sessel an Marthas Seite. »Man nennt Ihre Schwester die Glückliche,« begann er, »und das ist erklärlich. Wissen Sie aber auch, mit welchem Beinamen man Sie bezeichnet, mein Fräulein?« Sie richtete die großen Augen voll auf den Nachbar, als wollte sie sich überzeugen, ob seine ernst klingende Frage auch ernst gemeint sei. »Man nennt mich ›de Droevig‹ , die Traurige, oder auch ,de Gewond' , die Verwundete, ich weiß das,« sagte sie dann fast ausdruckslos. »Fräulein van der Pütt,« fuhr er jetzt flüsternd fort, während Schaum eben wieder die Heiterkeit zum Ausbruche brachte, »Fräulein van der Pütt, darf ich Ihnen sagen, daß auch ich die ganze Nacht über ein Wort nachdachte, aber vielleicht mit größerem Ernste, wie mein froher Freund? Sie nannten es eben selbst, das Wort, und Ihre Augen sprechen es von neuem! Fräulein Martha, Sie werden nicht nur ,gewond' genannt, Sie –« Er brach ab, und leise antwortete sie: »Ich bin es auch! Aber wer sagte Ihnen, was ich noch niemand gestand?« »Wenn das Schicksal zwei Menschenseelen die gleichen Schriftzeichen gab, dann können sie gegenseitig lesen, was in ihren Herzen geschrieben steht. Begegnen, finden sich solche Seelen, dann verschmelzen sie im Erkennen – Verstehen zu namenlosem Glücke!« Sie sah ihn fragend an, als ob der Sinn seiner Worte ihr noch dunkel sei. »Ja, ich kann mir das denken,« sagte sie dann, den Blick in das Unbestimmte gerichtet, fast träumerisch, »das Verstehen – das ist – Glück! Und wo das Wort 'Glück' dann mit leuchtender Schrift erscheint, da verlischt jenes andere trübe Droevig ,« ergänzte, sie fast tonlos. »Martha!« klang es flüsternd und doch wie ein Jubelruf, »Martha, habe ich recht gelesen, darf ich helfen, das böse Wort auszulöschen? O, ich weiß, es ist vermessen, jetzt schon – nein, Martha, lassen Sie mich nicht ohne ein Wort der Entscheidung, sagen Sie mir, daß Sie mir gut sind. Vielleicht trennt uns in wenigen Tagen, in Stunden schon das Meer, lassen Sie mich nicht von dannen ziehen ohne Hoffnung!« Vergebens hatte Martha versucht, Serlo zu unterbrechen. Dann hörte sie ihn zu Ende, in seinen erregten Zügen forschend. Einen Moment leuchtete es wie Glück, wie ein großes Glück in ihren Augen, aber auch nur eines Gedankens Kürze dauerte die Selbsttäuschung. Der Ausdruck des Leides kehrte wieder, als sie dem Nachbar die Hand reichte – er fühlte, es sei zum Abschiede. »Nun ist es doch geschehen, was ich Ihnen ersparen wollte, Sie haben das ausgesprochen, was auch ich gelesen in Ihrer Seele – in meinen Schriftzeichen. Haben Sie nun auch den Mut, die Antwort zu hören. Das Schicksal hat das 'Glück' auf alle Zeit aus meinem Lebensbuche gestrichen. Niemals darf ich meine Hand in die eines edlen Mannes legen, am wenigsten in die eines deutschen Offiziers –« »Martha–, ich bin unabhängig, reich, kann in wenigen Monaten –« »Xaver, die Kluft, die mich vom Glücke trennt,« unterbrach sie ihn mit weicher Stimme, »die können keine Schätze der Welt, die kann keine Liebe, kein Opfer ausfüllen. Was ich selbst trage, das würde mir unerträglich werden, wenn es ein anderer mit mir trüge.« »Was es auch sei, wie schwer die Last, ich würde sie freudig tragen helfen; Martha nimm mir nicht alles, nicht die Hoffnung!« »Ich bin ein heimatloses Mädchen, ohne Namen, ohne Stand. Man hat mich in diesem Hause an Kindesstatt aufgenommen, obwohl ich jede Auskunft über meine Vergangenheit verweigerte. Meine Zukunft gehört einzig dem Glücke meiner Schwester, die ich über alles liebe. Ein Glück für mich – darf es nicht geben.« Sie hatte mehr und mehr ihren Worten einen Anklang von Härte zu geben gesucht, sie hatte das immer getan, sobald Serlo durchblicken ließ, wie er für sie empfand. Und nun ging's doch zu Ende mit der Kraft, und – »Xaver, sei glücklich ohne mich – ich – ich bin deiner unwürdig!« klang es von ihren Lippen. »Aber, Martha, so höre doch!« rief jetzt deren jüngere Schwester lachend. Martha sprang auf und legte die Hand auf Evas Schulter. »Nun?« »Denke dir, Leutnant Schaum will wirklich zum Radjah von Goa, Krokodile jagen. Aber wozu? Rate!« »Meine Damen,« sagte jetzt Schaum, indem sein Gesicht wieder die ernste, vertrauenswürdige Miene annahm, »meine Damen, es ist ganz gewiß nicht übertrieben, wenn ich eben erklärte, daß ich eine ganze Reihe von Aufträgen europäischer Damen auf Krokodilstränen bekam. Das ist dort ein viel gebrauchtes Mittel zum Erweichen von Gattenherzen. Der Artikel ist so kostbar, daß mancher Mann ein paar rechtzeitig applizierten Tränen schon sein Vermögen opferte und noch Ehre und Energie in den Kauf gab. Aber ich setze meine Hoffnung auf den Radjah. Der Mann hat ja viele Frauen, und die werden von dem Artikel auf Lager haben in dieser krokodilreichen Gegend.« »Tränen muß man lachen, wenn Sie so furchtbar lügen,« meinte Eva, und es rannen ihr die Tränen wirklich von den frischen roten Backen. »Aber Kind, welche Ausdrücke!« lautete der Mutter Ermahnung. »O, das schadet nichts, Mynheer Schaum kennt mich schon!« »Unzweifelhaft, nach der Probe!« »Sie haben immer das letzte Wort! Aber nun kommt Ihr ernster Freund an die Reihe! Nicht wahr, Herr Leutnant Serlo, Sie singen uns etwas und auch du, Martha – o,« wandte sie sich an Schaum zurück, »ernste Menschen können auch sehr, sehr lieb sein!« Sie schloß bei den Worten die Schwester in die Arme. »Aber nun kommen Sie, kommen Sie!« Sie eilte voran in den Musiksalon. »Die kleine, wilde Hummel!« rief Martha zärtlich aus. »Fast möchte man sie um ihre Lebensfreude beneiden, wenn man ihr das Beste nicht so ganz gönnte! Sie nehmen ihr die kindliche Art doch nicht übel, Herr Leutnant, bei ihren fünfzehn Jahren?« »Aber denken Sie denn, daß mir solch frisches, natürliches Wesen nicht sympathischer wäre, wie die Unnatur, die man unsern jungen Damen zum Beispiel in Berlin anerzieht?« »Wie ist dies zu verstehen?« »Daß den armen, Kindern die schönste Zeit des Lebens geraubt wird, indem man sie vorzeitig zu Damen macht, ihnen nicht einmal Zeit läßt zu einer naturgemäßen geistigen Entwicklung. Frühreife, saure Treibhausfrüchte!« »Und so sind sie alle, dort bei Ihnen?« fragte Martha. »Aber wo bleibt ihr denn!« rief jetzt Eva durch die offene Tür, »ich habe schon alle deine Lieder herbeigeholt, Martha!« »Auch Sie singen, Fräulein Martha?« fragte Serlo. »Und da fragen Sie noch?« fiel Eva ein; »können Sie ihr das nicht anmerken, sieht sie nicht aus, meine Martha, wie – ein Lied?« »Nun, wie welches denn?« fragte dieser scheinbar heiter. »So helfen Sie doch, Sie ernster Deutscher, oder fragen Sie Ihren Freund, der weiß immer alles!« »Ich schlage Schumann vor,« fiel Schaum rasch ein, »Zuleika!« »Gut, sehr gut! ›Sie alle gleichen Zuleika nicht,‹ das paßt,« rief sie aus und drückte die Schwester an sich, »und nun sollst du uns das gleich singen, Martha, bitte, bitte!« Martha sann einen Moment. »Nein, das nicht,« sagte sie dann, »ich will ein Lied singen, das besser zu mir paßt.« Sie setzte sich an den Flügel und begann Mendelssohns so tief ergreifendes »Da lieg' ich unter den Bäumen«. Sie sang auswendig. Serlo stand ihr gegenüber. Sie sah zu ihm hinauf, als spräche, sänge sie nur zu ihm. Im Klange der weichen, schönen Stimme kam mehr und mehr ein reiches, mächtiges Weh, eine bewältigende Tiefe des Empfindens zur Geltung, sie fühlte, wie sie verstanden wurde. Und er? Sein Herz schlug fieberhaft, sein Atem flog, und seine Augen schienen das Mädchen umspannen zu wollen, dessen Mund ihm so rückhaltlos verriet, wie ihre Seele litt, heimlich litt. Wie ein Schmerzensruf verhallte die letzte Strophe: »Mein Hoffen schwand und ersteht nicht! Das mag meine Trauer wohl sein!« Die tiefen blauen Augen waren noch immer hinaufgerichtet zu dem Manne, als wollten sie sagen: »Kannst du die Schriftzeichen lesen? Liebe? Entsagung?« Und er fand keine Worte, keine gesprochenen wenigstens. »Martha, liebe Martha, wie schön das war!« brach jetzt Eva das kurze Schweigen. Sie wischte sich mit den Seidenhandschuhen, die sie noch in der Hand trug, die Tränen aus den Augen. »Aber pfui, wie traurig! Bitte, nun Sie, Herr Serlo, aber Lustiges!« Der Bann war gebrochen durch den Kindermund, und – »Gut denn,« sagte der Deutsche lächelnd, »also anderes, Heiteres.« Rasch griff er in die Tasten, als müsse es bald überstanden sein, und sang dann mit ansprechender und geschulter Baritonstimme: »Nicht mit Engeln im blauen Himmelszelt!« Froh klang das eigentlich nun auch nicht, aber es klang wahr: »Sie alle gleichen Zuleika nicht!« Wieder begegnete er dem verschleierten Blicke. Hatte sie in dem Jubelrufe den Schmerzensschrei durchklingen gehört? »Das ist herrlich,« sagte Eva begeistert »das ist schön; Herr Serlo! Wissen Sie, daß ich das fast noch lieber höre wie Ihres Freundes Scherze? Ganz gewiß!« fügte sie ernsthaft hinzu, als er wie zweifelnd mit dem Finger drohte. »Und ich habe dabei immer an dich denken müssen, Martha! Weißt du, du kannst auch nicht mit den anderen verglichen werden.« »Kleine Schmeichlerin,« antwortete Martha, doch diese war rasch an die Tür getreten. Sie horchte. »Es ist Besuch da, ich höre Mr. van Storms Stimme! Da muß ich wissen, was er von den Deutschen erzählt, nachher teile ich es mit, – ›für Damen gelten keine Siegel der Verschwiegenheit‹, hat der Vermetel uns gelehrt.« Bald hörte man ihr frohes Kinderlachen im Nebenzimmer. Und die beiden! Eva hatte wohl momentan den Eindruck verwischen können, den Serlo empfunden, jetzt machte sich die mühsam verborgene Erregung wieder Raum. »Fräulein van der Pütt, – Martha, – wie danke ich Ihnen!« sagte er mit vibrierender Stimme. »Sie selbst haben mir den Schlüssel gegeben zu der Geheimschrift, von der wir sprachen. Ergreifende Wahrheit war es, was Sie sangen. Sie ließen mich ein reiches Gemüt, eine klare Seele erkennen. Martha, was auch Ihr Herz beschwert, Böses, Unrechtes kann es nicht sein. Mein Lebensziel soll es werden, Ihnen das Sonnenlicht des Glückes zu bringen, den bösen Schatten zu vernichten, der uns trennt. Niemals will ich fragen, woher er kam, niemals –« »Schonen Sie mich, ich flehe Sie an; es ist unmöglich, ich kann, ich darf Sie nicht länger hören, ich – ich bin eine Gestorbene für diese Welt – leben Sie wohl, werden Sie glücklich!« Sie richtete den Kopf in die Höhe, fast stolz, und reichte ihm die Hand mit festem Drucke. Einen Augenblick sah Serlo sie an; wie erschrocken über den plötzlichen Wechsel im Ausdrucke, dann sagte er: »Wollen Sie mir noch eine Frage beantworten, eine Frage, die Ihr volles Vertrauen zu einem Freunde herausfordert?« »Fragen Sie! Wenn es möglich ist, sollen Sie mein Vertrauen aus der Antwort kennen lernen!« »Martha, ist es Ihr Herz, aus dem Ihr Kummer stammt? Wollen Sie Ihr Schicksal allein tragen, weil –« »Nein, Leutnant Serlo, mein Herz ist frei und muß frei bleiben, und wenn es darüber vergehen sollte.« »Dann, Martha, soll kein Hindernis mehr mir unüberwindlich erscheinen, dann –« Evas Rückkehr unterbrach seine Worte. »Natürlich ungeheuer ernst«, sagte sie neckend, »na, dafür haben wir um so mehr gelacht! Denke dir, einer der Deutschen ist eifersüchtig auf Mr. van Storm gewesen; über mich, Eva van der Pütt! Storm hat mir's eben selbst gesagt. Ist das nicht furchtbar komisch? Er wollte nur nicht sagen, wer es war, der Deutsche, das wäre doch zu amüsant gewesen, aber alle sahen auf Schaum. Doch, darüber vergesse ich, daß die Mama mich schickt, euch zum Tee zu rufen. Erstens ist der Tee fertig, und dann sollen die Herren noch einen Vers in das Fremdenbuch schreiben, weil man nicht wissen könne, wie lange sie noch bleiben – ach, das wird recht einsam werden!« Sie begleitete ihre Worte mit einem recht vernehmlichen Seufzer und eilte dann voran, während Martha und Serlo folgten. »Sei glücklich!« klang es noch einmal ganz leise in des Offiziers Ohr, als sie den Salon betraten. Man setzte sich zum Tee, und fast schien es, als wollte der Kamerad die Aufmerksamkeit von Serlos ernsten Mienen ablenken durch seinen sprudelnden Humor. Nach dem Tee wurde das Fremdenbuch vorgelegt. »Etwas Scherzhaftes, Leutnant Schaum,« mahnte Eva. »Ich werde suchen, im Schatze meiner Schulkenntnisse ein geeignetes Zitat zu finden,« antwortete dieser und schrieb dann in großen, geraden Buchstaben: »An die Gelukkig ! Wer recht zart ist und verlegen, Wer hat Glück im Liebessport ›De Vermetel‹ dahingegen, Na, den jagt man auch nicht fort!« »Ach, das ist doch zu vermetel !« rief die Kleine empört. »Ist nicht von mir, gewiß nicht, soll von Schiller sein oder Shakespeare,« antwortete Schaum überzeugt. Die Offiziere gingen, und »auf Wiedersehen morgen!« lautete der Abschiedsgruß. Traurig schüttelte Martha den Kopf, als Serlos fragender Blick ihr noch einmal begegnete. Auf morgen! Welcher Seemann kann aber über dieses »Morgen« verfügen, und vor allem welcher junge Marineoffizier? »Morgen Anker auf, eben Segelorder gekommen!« Das war der Ruf, mit welchem die beiden Freunde bei ihrer Rückkehr an Bord der »Sophie« empfangen wurden. »Das wird dich wieder gesund machen,« wandte sich Schaum an den Freund, nachdem sie dessen Kabine betreten, und während dieser sich anschickte, von Mitternacht an die Wache zu übernehmen. »Wären wir hier noch länger geblieben, hättest du am Ende ernstlich Havarie gelitten! Alter Freund, wer wird sich die Bohrmuscheln an die Planken kommen lassen? Na, nun hast du ja Zeit, aufzudocken und deine Bekupferung wieder aufzubessern!« Er faßte sich zur Erklärung seines Gleichnisses mit der Hand auf das Herz. »Und nun gute Wache!« Es hatte acht Glas – Mitternacht – angeschlagen. Serlo stand an der Kommandobrücke. Rings war Ruhe. Nur der eintönige Schritt der Posten war hörbar und das leise Plätschern der im Nachtwinde leicht bewegten See. Deutlich war das Ufer zu erkennen, die Stadt mit ihren hellen durch die Nacht schimmernden Häusern, – ab und an ein Licht. Lange stand der Offizier bewegungslos da, auf das Eisengeländer gelehnt. Er hatte den Blick auf das Ufer gerichtet. Sah er dort mehr, wie das menschliche Auge gewahren konnte, – durch das Halbdunkel der Tropennacht? »Ja, Franz hat recht, der Seewind, die Stürme werden mich heilen,« sagte er. Aber aus seinen Worten klang nichts von der Zuversicht, die sie aussprachen. »Mein Herz muß frei bleiben, und wenn es darüber vergehen sollte!« wiederholte er dann Marthas letzte Worte. Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen über die zackigen Profile des Lumpabatang und beleuchteten die weißen Segel, die sich wie auf Zauberwort über die Masten und Rahen der deutschen Kriegsschiffe gebreitet hatten. Eine frische Brise aus Südost füllte die mächtigen Flächen, und langsam zuerst, dann immer rascher, teilte der scharfe Bug die glitzernde See. Die weißen, runden Wolken, abwechselnd von Steuerbord und Backbord über die Flut fortgleitend, verkündeten unter lautem Donner dem Bruderstamme auf Makassar den Scheidegruß. Und dort am befreundeten gastlichen Strand zögerte man nicht, diesen Gruß zu erwidern. Ein langer Zug von bepackten Maultieren, durch Soldaten geleitet, eilte eben die Hauptstraße hinab, marschierte am Strande auf, in wenigen Minuten war die Last vom Rücken der Tiere genommen und zu einer stattlichen Gebirgsbatterie zusammengesetzt. Schuß für Schuß verkündeten die Geschütze dann der deutschen Kriegsflagge die Achtung der niederländischen Nation. Was von dieser Nation in Makassai lebte, war heute am Strande oder war hinausgefahren bis auf den Ankerplatz, den Scheidenden noch ein »Auf Wiedersehen!« zuzurufen. Weitab von der Menge standen zwei Mädchen, Arm in Arm. Sie trugen das einfache, faltenlose, weiße Gewand der Europäerinnen in Makassar. Beide hatten den Blick auf die Schiffe gerichtet, welche langsam dem Horizonte zuzogen, nach Westen. »Martha, hast du ihn denn lieb?« fragte plötzlich die Jüngere, als sie Tränen in deren Augen glänzen sah, »sag, warum –« Sie schwieg plötzlich fast erschrocken vor dem schmerzvollen Ausdrucke, den ihre Worte in der Schwester Antlitz hervorriefen. »Schwester, Martha, sag, liebst du ihn?« fragte sie dann in ihrer kindlich natürlichen Weise. »O, gewiß, er liebt dich auch, ich habe es wohl erkannt, und er wird wiederkommen, sei nicht traurig, Martha, er ist gewiß ein guter Mensch und wird dich glücklich machen!« Sie hatte das immer rascher gesprochen und sah jetzt Martha innig fragend an. Ein unbewußtes Empfinden lehrte sie wohl in diesem Augenblicke, jenes alles überwältigende Gefühl in der Schwester Brust zu durchschauen, dessen Wunder das eigene Kindesherz noch nicht berührt hatten. Wie früh versteht solch ein Mädchenherz! Als dann die weichen Linien aus Marthas Antlitz verschwanden, als die Tränen plötzlich versiegt schienen und die Augen einen ernsten, entschlossenen Ausdruck annahmen, dann glaubte Eva dennoch die Schwester nicht verstanden zu haben. »Du hast ihn nicht lieb?« fragte sie fast verwundert. Martha schien zu sinnen, dann antwortete sie mit festem Tone: »Ich darf und werde niemand lieben auf dieser Welt außer dir, meine Eva, nur dein Glück soll künftig und für immer das meine ausmachen.« »Aber, Martha, wenn –« »Frage mich nicht, Eva, du glaubst doch an meine Liebe zu dir?« Eine stürmische Umarmung war die Antwort. – – – Die Sonne war schon hoch über den Bergen emporgestiegen, in weiter Ferne verschwanden die deutschen Kreuzer. Fast menschenleer war schon der Strand. »Komm, laß uns gehen, Eva,« mahnte jetzt Martha, »die Eltern werden uns längst erwarten.« »Weißt du,« meinte Eva während des Rückweges, »eigentlich war doch Schaum ein zu netter Mensch, und ich bin ihm gar nicht böse über seine Neckereien, – schade, daß er fort ist.« In den schattenreichen Gängen des Parkes der Villa Gropallo zu Nervi sah man an einem Maimorgen ein Paar auf und ab gehen. Der noch jugendliche Mann stützte sich auf den Arm seiner schlanken Begleiterin, und der Ausdruck seines schönen Gesichtes erklärte es, daß er offenbar dieser Stütze bedurfte. Schweigend hatten sie eine Weile in langsamem, gleichmäßigem Tempo ihren Spaziergang fortgesetzt. Jetzt traten sie auf eine vorgebaute, halbrunde Terrasse, Vor ihren Blicken breitete sich die lachende, sonnighelle Landschaft aus, das lieblichste Stück der Riviera-Levante. »Ist es nicht herrlich, Xaver,« rief die junge Dame, »kann es etwas Schöneres geben? Wohin man blickt, Wunder der Natur. Wie das blüht und grünt überall, jetzt, wo in unserer Heimat kaum der Schnee geschmolzen! Sieh, die herrlichen Berge über uns mit ihren Pinien, den dunklen Steineichen dazwischen, und wie gut das Matt der Oliven all die üppige Farbenpracht abtönt! Heute erkennt man auch deutlich die Forts auf den Höhen über dem stolzen Genua! Wie klar die Luft ist und wie still! Kein Hauch bewegt die Blätter der Palmen! Und dennoch – sieh, wie das Meer sich an dem Felsen da unten bricht, eine Welle nach der andern, als ob Sturm wäre! Dort, das Fischerboot, es scheint zwischen den Seen zu verschwinden – doch nein – jetzt schwebt es wieder hoch oben auf einer Woge! Und dazu Sonnenschein, Sonnenschein!« Fast jauchzend rief sie die letzten Worte hinaus in die herrliche Landschaft. Als sie, dann den Blick des jungen Mannes in die Ferne gerichtet sah, so trübe und ernst, schloß sie ihn in die Arme und küßte ihn auf die krankhaft weiße Stirn. »Xaver, Brüderle, so freue dich doch mit mir, daß du das alles mit anschauen kannst nach so langem, langem Winter! Wer hätte vor vier Monaten geglaubt, daß du jemals wieder auf eigenen Füßen hier herum wandern würdest, damals, als das Boot der ›Luise‹ dich – da unten war's – an Land brachte, als die Matrosen dich hinauf trugen zur Pension anglaise in einem so häßlichen Tragkorbe, – als der Schiffsarzt mir sagte: ,Nur die größte Ruhe hier in dieser herrlichen Luft kann ihn retten – nur die Natur! Der Unfall war schwer, aber die Hoffnung ist nicht aufgegeben. Ach, Xaver, wie schön war's, die Hoffnung wachsen zu sehen, von Tag zu Tag. Denke dir, wenn ich auch dich verloren hätte, du lieber, lieber Bruder! Drei Tage war's nach dem Begräbnisse unserer treuen Mutter, als das Telegramm ankam aus Port Said! Ich weiß es auswendig: ›Leutnant Serlo schwerer Unfall – Quetschung der Brust – Arzt rät Ausschiffung Genua, Winteraufenthalt Nervi.‹ Die arme Mutter, sie konnte dem einzigen Sohne nicht mehr entgegeneilen –« »Aber die treue Schwester kam, die liebe Samariterin,« unterbrach Serlo, »und wenn ich noch lebe, Elwine, dann verdanke ich das –« »Still, still, nicht weiter!« fiel diese ein und legte ihm die schmale Hand auf den Mund, »aber freuen sollst du dich nun mit mir über – über den Sonnenschein!« Sie rief das abermals laut hinaus und nahm den großen Gartenhut von den krausen Haaren und streckte die Arme hinaus, als wolle sie die ganze Natur hineinschließen im Danke für das Wunderwerk, das sie vollbracht an dem einzigen Bruder. »Elwine, ist es denn der Sonnenschein, der dich so froh stimmt?« fragte Xaver, ihr zärtlich über das Haar streichend, »nur die Wärme, von dem Planeten dort oben ausgehend? Sollte nicht –« »Schweig, du Böser! Doch nein, schweig nicht! Es tut mir ja so wohl, dich wieder lächeln zu sehen und scherzen zu hören, und, nicht wahr, nun du gesundest, nun wirft du auch wieder sein wie einst! O, wie du so froh, so heiter warst, weißt du? Als du als Seekadett in Berlin warst, als –« »Mein Schwesterlein,« antwortete Serlo, und seine Züge nahmen wieder den schmerzvollen Ausdruck an, den sie während der ganzen langen Krankheit getragen, »mein Schwesterlein, sieh hinab auf das Meer da unten. Längst ist der Sturm vorüber, der es aufwühlte, und dennoch rollen die Seen unaufhaltsam, keine Gewalt kann sie zur Ruhe bringen, keine, es sei denn die Zeit. Und je tiefer das Meer, je mächtiger der Sturm, um so länger währt die Dünung! Aber laß mir meine Wogen, und dir gebe Gott den Sonnenschein, Schwester,« unterbrach er seine Meervergleiche, »und dort, na, da kommt ja auch ein Stück ewigen Sonnenscheines unumstößlich guter Laune, unser treuer Freund, der seit sechs Wochen alle Wochen, alle Tage seine Koffer packt und dennoch – na, Schwester, warum denn plötzlich das Rot auf den Wangen? Guten Morgen, Sohrau!« rief er dann einem Herrn entgegen, der soeben von der Pension anglaise herabgestiegen kam; »nun, was sagen Sie, mich hier im Freien zu finden?« »Gratuliere, gratuliere herzlich! Nun, das nenne ich einen Fortschritt! Sie sehen vortrefflich aus und, lassen Sie einmal sehen, wahrhaftig, die Frühlingssonne fängt an, auch das Seemannskolorit wieder in Ihr Gesicht zu malen! Freilich, in dem Klima und bei der Pflege!« Er verbeugte sich artig gegen Fräulein Serlo und reichte ihr in natürlicher Ungezwungenheit die große, gut behandschuhte Hand. »Das Klima scheint auch Ihnen besser zu behagen, wie die Luft auf Ihrem pommerschen Schlosse,« meinte Serlo. »Nun, des Klimas wegen, wissen Sie, könnte ich auch im Winter auf meiner ›Burg‹ sitzen, aber es läßt mich nicht dort, seit ich allein bin, seit meine Frau starb; solche Einsamkeit ist schrecklich und –« »Und da widmen Sie sich seit zwei Monaten der Krankenpflege,« sagte Serlo und reichte ihm lächelnd die Hand; »aber ich danke Ihnen, das wissen Sie, Sie sind mir und meiner Schwester ein treuer Berater und Freund gewesen!« »Bitte, bitte! Ich freue mich, wenn ich mitunter mit meiner fünfundvierzigjährigen Erfahrung so jungen Leuten zu Hilfe kommen durfte.« Er verbeugte sich wiederum gegen Elwine. »Nun, was die Jugend anlangt,« erwiderte diese, »so nehmen wir uns nicht viel, Herr von Sohrau; ich als Dame stehe Ihnen mit achtundzwanzig Jahren doch wohl gleich – aber nicht etwa beanspruche ich denselben Platz in bezug auf Erfahrung und Praxis, und auch ich möchte mich dem Danke meines Bruders anschließen, – Sie haben wirklich für uns gesorgt wie – wie –« »Wie ein Vater, sagen Sie es nur! Na, da sehen Sie gleich selbst, wie Ihre Alterstheorie doch in der Tat nicht einschlägt.« »Nein, nein, das wollte ich nicht sagen –« »Ihr Erröten gibt zu, daß ich recht riet,« sagte der Baron lachend. »Aber der Wahrheit die Ehre. Sie überschätzen mich, und ich muß daher erklären, daß es für mich keine größere Freude gibt, als für irgend jemand sorgen zu dürfen, ja, wirklich, das heißt, wenn ich ihn gern habe. Ach, es ist mir mitunter furchtbar in Kartzow, wenn ich bedenke, daß ich da mitten in meinem großen Besitze lebe und pflanze und ernte nur – nur für mich. Allein kann man doch eigentlich daran gar keine Freude haben.« »Nun, gegen das Alleinsein, da gibt es doch Mittel,« meinte Serlo. »O, gewiß,« erwiderte der Baron, »aber die Wahl der Mittel wird schwieriger mit den Jahren. Man wählt schon vorsorglich das Beste, aber ob das Beste uns wählt, na, und ehe man, wissen Sie –« »Freilich, wenn man das ›Beste‹ fand, dann muß man das ›Beste‹ fragen, und dann – dann –« Serlos Mienen verloren plötzlich wieder alle die Freudigkeit, die sie soeben noch zeigten. »Nun, Ihnen, mein junger Freund, kann gar kein solches ›Dann‹ von so düsterem Ausdrucke begleitet, begegnen!« Serlo antwortete nicht. Ein leiser Seufzer rang sich von seinen Lippen. Sie hatten die Pension erreicht, und vom ersten längeren Spaziergange war nun doch der Rekonvaleszente ermüdet. »Ich bitte, mir eine halbe Stunde Ruhe zu gönnen,« hatte Serlo gesagt. Baron Sohrau hatte ihn die Treppe hinauf geführt und kehrte nun auf die geräumige Veranda zurück. Er stand jetzt, auf eine Stuhllehne gestützt, Elwine gegenüber und schien nur mit Aufmerksamkeit der Handarbeit zuzuschauen, ohne welche die Dame selten gefunden wurde. Sohrau war ein stattlicher, eleganter Mann von fast jugendlich schlanker Figur. Freilich, durch den blonden Vollbart zogen sich hier und da schon die weißen Fäden. – Wenn Elwine nicht gar so eifrig mit ihren Nadeln beschäftigt gewesen wäre, würde sie bemerkt haben, daß ihr Visavis dennoch seine großen, treuen, grauen Augen nicht auf ihre Hände gerichtet hatte, sondern offenbar wartete, bis sie den Blick zu ihm erheben würde. Das geschah denn auch endlich, und dann war's wieder nicht ein Augenblick, sondern ein volles, vertrauensvolles Ansehen – eine stumme Frage. »Fräulein Serlo,« brach der Baron endlich das Schweigen, »glauben Sie, daß Ihr Bruder recht hat, daß man das Beste zu erwerben suchen soll, wenn man gewiß ist, es gefunden zu haben?« »Ich hab's, ich hab's gefunden ohne das ›Dann‹!« Mit den Worten trat eine halbe Stunde später der Baron in Serlos Zimmer. Freudig schloß ihn dieser in die Arme. »Und Sie fragen nicht, was ich fand?« »Gewiß das Beste! Die treueste, beste Schwester kann auch nur die beste Frau werden, und Sie, lieber Sohrau, werden sie glücklich machen, wie sie es verdient.« »Aber, Serlo, Sie ahnten, daß – sind gar nicht erstaunt?« »Daß Sie heute einmal nicht die Koffer packen? Nein, das sah ich kommen und sah's mit Freuden kommen.« »Erstaunlich,« meinte Sohrau nachdenkend, »ich selbst bin doch erst heute zum Entschlusse gekommen, habe doch noch vor ein Paar Stunden nicht gewußt, was ich mir fast hätte entgehen lassen, wenn ich vorgestern abgereist wäre, und Sie –« »So 'was kommt vor,« antwortete Xaver, »aber nun lassen Sie uns hinabgehen zur Veranda, ich will doch auch einmal eine glückliche Braut sehen.« »Xaver, Bruder, nicht wahr, es ist unrecht von mir, dich allein zu lassen?« Nichts von dem Gefühle der Selbstvorwürfe, die in dieser Frage lagen, machte sich aber in dem Jubeltone erkennbar, mit welchem Elwine sie ausrief, als sie den Bruder jetzt an sich schloß, »und dann,« fuhr sie fort, »das habe ich sogleich mit Kurt ausgemacht, so lange bleibe ich bei dir, bis du völlig hergestellt bist, nicht wahr, Kurt, so lange bleiben wir?« Dem einen Sonnentage folgten noch viele, und Serlos Natur überwand nach und nach die schwere Verletzung der Lunge, die er durch eine Quetschung während eines Sturmes im Roten Meere sich zugezogen. Die Spaziergänge und Ausfahrten konnten in immer größeren Umkreisen unternommen werden, und Sohraus kräftiger Arm diente dem Rekonvaleszenten als sichere Stütze. Es hatte sich eine innige Freundschaft zwischen den künftigen Schwägern herangebildet, und Elwinens Glück wurde gerade durch diese Beziehung erhöht. Des Barons Lebensalter und Temperament, Elwinens natürlicher Takt schlossen jenen Drang nach Einsamkeit aus, der jugendliche Brautpaare auszuzeichnen pflegt, und selten sah man den Dreibund gesprengt. »Wir dürfen deinen Bruder nicht allein lassen, es liegt ein Druck auf ihm, der unabhängig von seinem Körperleiden ist,« hatte einst der Baron seiner Braut zugeflüstert, als Xaver von einem Spaziergange zurückbleiben wollte. Auch der Schwester war es nicht entgangen, daß des Bruders Seelenstimmung sich verdunkelte mit dem Zunehmen seiner Kräfte. Beide glaubten den Grund dafür in der bevorstehenden Trennung der Geschwister erblicken zu müssen und litten mit unter Serlos Stimmung. An einem der ersten Maitage waren die drei mit dem Frühzuge nach La Spezia gefahren, hatten dort ein Boot genommen und waren hinübergesegelt nach Portovenere, jenem Vorgebirge, auf dessen äußerster Spitze das alte Städtchen gleichen Namens terrassenartig aus dem Meere zu den grünen Höhen aufsteigt, rings umschlossen von mächtigen zinnengekrönten Mauern aus den Sarazenenzeiten, und fern im blauen Hintergrunde, überragt von den grotesken Zackenprofilen der appuanischen Alpen, der Marmorberge von Carrara. Schon einmal war der Ausflug nach dieser äußersten Schutzwehr des größten italienischen Kriegshafens unternommen und heute auf Serlos besonderen Wunsch gern wiederholt. Denn mit Freuden hatten Elwine und der Baron empfunden, wie sich beim Anblicke des im Hafen ankernden mächtigen Panzergeschwaders die Seemannspassion in des Genesenden Brust wieder zu regen begann, und beide hofften von dieser Regung auch eine Rückkehr zur Lebensfrische und Heiterkeit, die sie unter dem Drucke der Körperkrankheit und der voraussichtlichen Berufsentsagung verloren wähnten. Dort, wo auf weit vorgestreckter Land- oder richtiger Felszunge einst der heidnische Tempel gestanden, der dem Orte den Namen gab, wo später die schon wieder in Trümmer zerfallende Christenkirche St. Pietro aus köstlichen schwarzen und weißen Marmorquadern erbaut wurde, auf den Mauerresten eines alten krenelierten Rundturmes hatten sich die drei »Geschwister« – so nannten sie sich selbst – niedergelassen. Jenes tiefe Blau, wie es nur das Mittelmeer aufweist, lag heute auf den fast glatten Fluten. Die Luft war hoch, man sah deutlich die schroffen Felsen von Korsika aus dem Horizonte hervortreten, und im Nordwesten stiegen die herrlichen Gestade der Riviera Levante aus blauem Meere empor, sich aneinander reihend in immer anderen und immer malerischen Bildern. Zur Rechten aber der Golf – bergumschlossen. »Ist das nicht wunderbar? Wie Edelsteine in köstlichem Geschmeide erscheinen die sonnenbeleuchteten hellen Dörfer und Wohnstätten zwischen den grünen Bergen! Ein ungeheurer Saphir, von Smaragden und Diamanten gefaßt! Hatte ich nicht recht, wenn ich noch einmal diesen Rundblick voll in meine Erinnerung aufnehmen wollte? Ist das nicht unvergleichlich schön?« Sie hatten sich erhoben um den vollen Rundblick zu genießen. »Kinder, ihr Lieben, bleibt hier an der sonnenhellen Riviera, solange es euch gefällt, laßt mich allein ziehen nach dem flachen Nordseeufer, wenn denn nun einmal die Nachkur in Scheveningen für unentbehrlich gehalten wird, ich werde mir schon allein durchhelfen – ach, Elwine, Kurt, wie namenlos glücklich seid ihr, solche Herrlichkeit, solche Wunder der Natur zusammen betrachten zu dürfen, zu zweien, wie ihr dasteht!« Serlo hatte die letzten Worte mit erhöhter Empfindung gesprochen. Und nun lag sein Blick auf den »zweien, wie sie dastanden«, Arm in Arm, Schulter an Schulter gelehnt, eines des andern Stütze und doch jedes in sich so sicher, so zielbewußt, so ernstfroh. Warum jauchzte es nicht auf in seiner Brust, als er die Schwester so vor sich sah? Warum schimmerte es traurig durch seine Blicke bei all dem Glücke, der Helle ringsum? So mochte sich Elwine gefragt haben, als sie jetzt vom Verlobten ließ und sich an seinen Hals hing und ausrief: »Nein, du Lieber, ich bleibe bei dir, bis du ganz wieder der alte Xaver bist, gehe mit dir nach Scheveningen! So will's auch Kurt, nicht wahr, Kurt?« »Gewiß, und ich werde euch sogar für einige Zeit allein lassen, um drüben in Kartzow alles würdig herzurichten zum Empfange der Herrin. Und wenn Xaver hergestellt ist, wenn er deiner nicht mehr bedarf, dann ziehen wir ein, wir haben ja niemand zu fragen. Und unser Haus bleibt auch dir Heimat, mein lieber Freund, das versteht sich, so lange, bis auch du die Wunder der Natur zu zweien betrachtest, wie wir eben –« »Xaver, Bruder, warum zu lange warten? Es steht dir nichts im Wege, du bist vermögend, bist bald wieder ganz gesund und – bei deinem reichen Gemüte, wie glücklich könntest du eine Frau machen! Aber sag, was ist, Xaver, ich sehe Tränen in deinen Augen!« »Laß gut sein, Schwester, für mich gibt es solch ein Glück nicht!« »Das klingt so – so schmerzvoll, wie du das sagst! Was ist geschehen? Habe Vertrauen zu uns! Dein Herz ist nicht mehr frei? Du liebst?« »Zürne mir nicht, Schwester, die Antwort wäre zu lang und zu traurig, und – mit der Zeit wird's da drinnen in der Brust ja auch wohl wieder ruhig werden, wenn ich erst wieder im Berufe bin.« »Lieber Bruder, jetzt erst begreife ich, wenn du mitunter – ach, hätte ich das gewußt, da hätte vielleicht mein Rat dir helfen können! O, sag, ist's denn nicht» noch möglich? Oder – ist – ist sie gestorben?« »Gestorben!« wiederholte Serlo, und seine Blicke waren in das Unbestimmte gerichtet, als spräche er geistesabwesend. »Gestorben! So schrieb auch sie – gestorben für mich! Und daß auch mein Glück gestorben, das haben mich die zwei langen Jahre gelehrt! Aber lassen wir das! Fast war's ja schon mit mir am Ende gewesen, damals, als sie mich aufhoben und mir das Blut aus Mund und Nase floß – vielleicht wär's besser gewesen –« »Xaver, sei nicht gottlos! Vergissest du, daß du noch eine Schwester hast, die dich sehr, sehr lieb hat? Laß mich teilnehmen an deinem Schmerze, mich und Kurt, glaube mir, das wird die eigene Brust erleichtern. Sieh, wir beide werden dich verstehen. Was immer auch dich kümmern mag, teile es mit uns!« Serlo schien in Nachdenken versunken. Mechanisch scharrte er mit dem Stocke in den Fugen des alten Gemäuers. »Nein, es geht nicht,« brach er dann das Schweigen, »Worte würden doch nicht erklären können, wie hoch der Preis war, um den ich rang und den ich – verloren. Und daß ich ihn verlor – auf immer, das magst du selbst erkennen.« Er hatte aus seinem Portefeuille einen Brief hervor genommen, dessen gebrochene Knicke erkennen ließen, daß er oft entfaltet wurde. »Lies, das ist das letzte, was mich mit ihr in Berührung brachte; nennt mich töricht, wenn ich nach dem allen meine Seele noch abmartere, aber die tiefen Wurzeln wachsen immer wieder aus, so oft ich auch glaubte, sie seien verdorrt. Lies laut, damit auch Kurt höre.« Mit flüchtigem Blicke übersah Elwine die festen, charaktervollen Schriftzüge auf dem zerknitterten Papier und begann dann zu lesen: »Ich habe Ihren Brief aus Schanghai erhalten. Was Sie mir schreiben, es ist mir ein neuer Beweis für Ihre edle Gesinnung. Sie wissen, daß mein Herz Ihnen mit voller Wärme entgegenschlägt. Meine Liebe würde aber zum Unrecht, zum Verbrechen an Ihnen selbst werden, wenn ich nicht heute wiederholte, was ich Ihnen damals gesagt habe – es liegen unübersteigbare Hindernisse zwischen uns. Ich würde an der Seite eines deutschen Offiziers nicht einen Augenblick vergessen können, daß meine Vergangenheit einen Flecken auf den Ehrenschild seiner Stellung werfen würde, könnte mir dessen Achtung nur durch Verschweigen, durch eine Lüge erkaufen. Und dennoch fühle ich mein Gewissen vor mir selbst frei und rein, solange ich allein stehe. Vergessen Sie mich, – ich kann, ich darf niemals die Ihre werden, niemals aber wird auch meine Hand einem andern gehören. Neue harte Schicksalsschläge veranlassen mich, in wenigen Wochen Makassar zu verlassen, einen andern Weltteil aufzusuchen. Bewahren Sie ein stilles Erinnern einer Gestorbenen.« »Eigentümlich!« sagte Elwine nach kurzem Schweigen; »man kann sich so gar nicht recht vorstellen, was den Anlaß zu Ihrer Selbstanklage gab. Immerhin liegt in dem Briefe eine gewisse Charakterfestigkeit, eine Entschlossenheit ausgesprochen, die mir wohlgefällt!« »Laß mich das einmal sehen, Elwine!« Mit den Worten ergriff Sohrau das Schriftstück und betrachtete es aufmerksam. Dann legte sich plötzlich eine dunkle Röte auf seine Züge, er sah forschend auf Xaver und dann wieder auf den Brief und fragte: »Von wo kam der Brief?« »Aus Makassar nach Tokio, genau vor zwei Jahren.« »Und wie hieß die Schreiberin«?« »Martha van der Pütt.« »Also Irrtum,« murmelte Kurt leise, »war ja auch nicht möglich, nach den Zeitungsberichten von damals. Na, nichts für ungut, aber wer weiß, ob das Mädchen ...« fügte er laut hinzu, verstummte aber sofort, als er in des Schwagers Blicken schon den Vorwurf für ein Mißtrauen las, das er noch gar nicht einmal ausgesprochen hatte. Während der Rückfahrt über den Golf lief das Boot dicht an den Panzern vorüber. »Wenn du auch einmal Kommandant eines solchen Kolosses sein wirst, Xaver,« meinte Kurt, »na das muß doch ein stolzes Gefühl sein!« »Dann lade ich dich ein zu einer Seefahrt!« »Danke, müßte aber ablehnen.« »Warum denn, Kurt?« fragte Elwine. »Ich habe so eine Art von Kismetglauben, daß ich nicht lebendig von einem Schiffe kommen würde, Notabene, wenn es nicht im Hafen bliebe. Bin nämlich schon einmal elend verbrannt, fern da irgendwo auf dem Ozean, in allen Zeitungen hat's gestanden: ›Unter den Verunglückten befand sich auch der Rittergutsbesitzer Baron Kurt von Sohrau-Kartzow, der im Begriffe stand, sich mit einer reichen Verwandten in Cincinnati zu verloben!‹ Wahrhaftig, so war's zu lesen. Bin aber zufrieden, daß ich weder verbrannte noch die Cousine kennen lernte; soll doch nicht für einen biederen Pommern gepaßt haben, wie ich später hörte!« »Und was wäre dann auch aus mir geworden?« scherzte Elwine. »Vielleicht eine alte, doch gewiß sehr liebe Jungfer,« antwortete der Bruder; »aber sag, Kurt, wie war das mit dem Verbrennen?« »Ein andermal, wir landen eben, und es ist eine lange Geschichte.« Erquickende Kühlung trug die leichte Seebrise über den Strand von Scheveningen. Die Uferwege und Promenaden waren belebt von Spaziergängern, denn es war der erste helle Tag nach mehrtägigem Regen. Vor dem großen Kurhause wanderte schon seit geraumer Zeit ein Paar auf und ab, unbekümmert um das Getriebe ringsum. Die schlanke, große Dame in auffallend einfacher Toilette stützte den Arm des leidend aussehenden Kavaliers, dessen blasse Züge nicht selten die Teilnahme der Vorübergehenden herausforderten. Doch das bemerkten weder der Herr noch die Dame, so eifrig waren sie in ein Gespräch vertieft. »Ich bitte dich, Schwester, kein neues Hinausschieben! Fast zwei Monate hast du mir nun hier geopfert und fordere nicht nochmals Kurts Geduld heraus.« »Du weißt doch, Xaver, wie lieb dich Kurt hat, und wie gern er dir ein Opfer bringt! Und dann versprach ich dir doch, bis zu völliger Genesung –« »Schwesterle, darauf kannst du schwerlich warten, du weißt ja, die Lunge vernarbt, wenn's auch langsam geht, aber das Herz blutet weiter.« »Ich möchte dir fast böse sein, Xaver! Kannst du denn das noch immer nicht überwinden? Sei doch einmal stark, suche zu vergessen! Sie selbst wollte ja für dich gestorben sein. O Bruder, wenn du doch Kurts Rat befolgen wolltest und das herrliche Nachbargut kaufen, das Ribbekart, mit dem reizenden Schlosse und dem See, auf dem du dir eine Hausmarine halten könntest. Da würdest du vergessen und vielleicht – denke dir nur, du unser Nachbar und – deine Frau meine Freundin! O, wehre nicht ab, eine Frau für solch einen lieben Bruder würde sich schon finden und, ich bitte dich, gib den Gedanken auf, wieder einzutreten, du wirst dich –« »Sprich's nur aus, zu Tode arbeiten,« vollendete er, »aber was macht's. Ich kann den Ereignissen ruhig entgegensehen, nun ich dich, Schwester, so treu, so sicher geborgen weiß.« »Ja, der gute Kurt! Weißt du, daß er das Schloß voll von Handwerkern, Tapezierern, Malern und Gott weiß was gehabt hat und daß er alles hat neu herrichten lassen für meinen Empfang, obwohl das Schloß vollkommen eingerichtet war?« »Laß ihm die Freude! Ach, Schwester, wenn man auch solch ein Schloß herrichten könnte zum Empfange –« Er brach plötzlich ab. Elwine fühlte seine Hand auf ihrem Arme zittern, alles Blut verschwand aus seinen Wangen, und dann wieder trat tiefe Röte auf seine Züge. Er war stehen geblieben und hatte den Blick auf eine Gruppe von drei Damen gerichtet, welche eben vom Strande hinaufstiegen. Alle drei waren in Trauer gekleidet. »Mein Gott, ist's denn möglich? Schwester, sieh dort die Damen! Es ist Frau van der Pütt, es ist Martha!« Und schon hatte er sich von der Schwester Arm losgemacht und eilte den Herankommenden entgegen. »Mefvrouw! Sie hier? Eva! Martha!« Das war ein Wiedersehen in unverstellter Freude, an der auch Elwine dann teilnahm. Mit voller Unbefangenheit hatte auch Martha dem Freunde die Hand gereicht, und bald saßen alle fünf in lebhaftem Gespräche unter der Veranda des Kurhauses. Die Erklärung war einfach. Seit zwei Jahren wohnte Frau van der Pütt wieder im Haag, seit Mynheer van der Pütt von einem Schlaganfalle gelähmt wurde, dessen Folgen er vor kaum Jahresfrist erlag. Martha wurde, nach wie vor, als Tochter angesehen. Allgemeines Interesse und Bedauern erregte Xavers Unfall, und als dessen Schwester davon Mitteilung machte, hatte Martha mit dem Ausdrucke tiefsten Mitgefühls den kranken Freund beobachtet. Jetzt stand sie auf, ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. »Gottlob! Xaver, daß Sie gerettet sind,« sagte sie leise, und er fühlte, wie innig die Worte gemeint waren. Selbstverständlich blieb das Geschwisterpaar in Gesellschaft der Holländer. Für den Spätnachmittag hatte Mefvrouw van der Pütt zum Tee in ihre elegante Villa eingeladen, und erst dort fand Xaver Gelegenheit, das ältere Fräulein van der Pütt allein zu sehen. »Martha,« begann er fast schüchtern, »ist nichts anders geworden in zwei Jahren? Würden Sie mir heute dieselbe Antwort geben, die Ihr Brief mir aussprach? Freilich, der kranke Mann darf kaum auf eine günstigere Entscheidung hoffen, wie sie der lebensfrische Jüngling erhielt!« »Xaver, das sind nicht Sie, der so sprechen kann! Warum wollen Sie mir weh tun? Wie ich Ihnen schrieb, so ist's auch heute noch, Gott weiß, daß es noch so ist.« Sie hatte ihm die Hand gereicht, und was der Mund nicht aussprach, das sagte ihm der tiefe Ausdruck ihrer Augen. Er hatte eine Hoffnung aufflackern sehen seit dem Begegnen am Nachmittage, nun wußte er, daß sie erloschen war. Martha mochte die Gedanken erraten, die sein Herz durchwühlten, als sie sagte: »Xaver, o könnte, dürfte ich meinem Herzen folgen, jetzt, gerade jetzt, wo ich dich krank, leidend sehe! O, mein Gott, ich kann ja nicht!« Eben trat Elwine herzu. Sie nahm Marthas Arm und führte sie in den Nebensalon. »Fräulein van der Pütt,« sagte sie mit Innigkeit, »darf Xavers Schwester ganz offen zu Ihnen sprechen? Ich weiß, wie Sie über die Hoffnungen meines Bruders entschieden, ich las Ihren Brief. Ich weiß aber auch, daß Xaver mit seinem tiefen Gemüte, seinem treuen Charakter in seinem Herzen nicht von Ihnen lassen wird. Sie lieben Xaver, und er verdient Ihre Liebe! Muß es sein? Müssen Sie ein Glück versagen, das Sie geben und auch wieder finden würden?« Sie hatte das so herzvoll, so ergreifend gesagt, daß Martha sie bewundernd ansah. Dann traten plötzlich Tränen in ihre Augen, »O mein Gott, würde ich denn das höchste Glück von mir weisen, wenn es nicht sein müßte? Mein Gewissen ist rein, und dennoch kann mich ein Wort zur Verbrecherin stempeln, wer fragt nach den Motiven? Schonen Sie mich, ich kann, ich darf nicht sagen, was meine Seele quält in langen Nächten, was mich erniedrigen würde vor der Welt, und was dennoch Liebe war, lauter Liebe zu – zu dem edelsten, besten und unglücklichsten Manne der Welt, zu dem Vater, der mich frühzeitig zu selbständigem Handeln und Denken erzog, und dem ich es danke, daß ich die Kraft und den Mut fand, zu handeln, wie ich es für Recht hielt. Wir Frauen sind nun einmal besonders dazu berufen, die Folgen unserer Handlungen bis an unser Lebensende selbst zu verantworten – mehr wie die Männer. Man mißt uns nicht mit gleichem Maßstäbe wie diese, und man hat recht, denn was die Natur uns an äußerer Kraft versagte, das ersetzte sie uns an größerer Feinfühligkeit der Seele – und auch des Verstandes – an der Fähigkeit, das Rechte rasch zu fassen. Unsere Energie muß in moralischem Gebiete wurzeln und uns vor allem die Gewalt über uns selbst geben, wenn wir hoffen wollen, unsere Frauenstellung unserer selbst und unserer Geistesbegabung würdig zu gestalten. Daß solche Verantwortung uns fast erdrücken kann, das weiß Gott, das habe ich erfahren! Aber dennoch, was ich tat, ich würde es auch heute tun, nun ich die Folgen kenne, wo ich weiß, es zerstört mein Glück, mein Hoffen, meine Liebe.« »Armes, liebes Kind! Wie leid Sie mir tun, wie lieb ich Sie habe!« Sie drückte die Lippen auf des Mädchens blasse Stirn. »Xaver, ich verstehe dich jetzt, seit ich das Mädchen kenne,« sagte Elwine, als sie abends mit dem Bruder allein war; »es ist doch etwas Großes um einen solchen Entsagungsmut.« »Einen Mut, Schwester, der mich um mein Lebensglück bringt,« entgegnete Serlo dumpf. Der folgende Tag führte die fünf schon früh wieder zusammen. Wenn die Stimmung einmal gar zu ernst wurde, dann war gewiß Eva mit irgend einem Scherze da, um einen Umschwung zu schaffen. Obwohl zur vollen, stattlichen Jungfrau herangewachsen, hatte sie doch ihr kindlich frisches Wesen bewahrt, und aus ihren hellen, blauen Augen strahlte es noch ebenso »gelukkig« wie damals, als sie Leutnant Schaums Aufschneidereien lauschte. »Was macht der ›Vermetel‹ ?« war natürlich eine ihrer ersten Fragen gewesen. Beim Nachmittagsspaziergange bat Martha selbst, Elwine vertreten und Serlo ihren Arm als Stütze bieten zu dürfen. Mit keinem Worte berührte dieser eine Frage, von der er wußte, sie würde nur verwunden und dennoch zwecklos sein, und Martha dankte ihm innerlich für sein Zartgefühl. »Was wird Ihnen die Zukunft bringen?« hatte Serlo gefragt, und Martha hatte geantwortet: »Ich werde Eva eine Schwester bleiben, bis sie sich den eigenen Herd gründet, dann aber meinen eigenen Weg vielleicht in fernen Weltteilen gehen. Ich werde meinen Beruf in einer gemeinnützigen Tätigkeit suchen und hoffe dadurch eine Befriedigung, meinen inneren Frieden zu finden!« »Martha, wenn –« »Aber vorläufig hat das noch Zeit,« unterbrach sie, »denn Eva gehört nicht zu den Mädchen, die sich rasch entscheiden werden, wo es sich um die Ehe, den bedeutungsvollsten Schritt im Frauenleben, handelt, um einen Schritt, den so viele tun, ohne vorher die Augen zu öffnen, und der sie dann in einen Abgrund des Elends oder in ein Gewebe von Lüge und Trug führt, das die Gesetze der Gesellschaft unzerreißbar um die legt, die sich leichtsinnig in dies Gewebe hinein begaben.« »Mein Gott, Martha, welche trübe Anschauungen! Ist es nicht der Gipfel alles Glückes, eben das Glück nicht mehr suchen zu brauchen, es bei sich zu haben, daheim, überall, wo man will?« »Glauben Sie, daß unsere Erziehung – ich meine die der europäischen jungen Damen – uns Urteilskraft genug gibt, um unser Glück zu erkennen? Welche junge Deutsche tat überhaupt einen Blick in das Leben, bis sie unrettbar da festgekettet ist, wohin der Zufall sie brachte? Denn eine eigene Wahl ist doch fast immer ausgeschlossen, eine eigene Urteilskraft selten entwickelt. Was dann folgt, ist Gewohnheit oder Lüge! Gleich verwerflich.« »Martha, wer lehrte Sie so Schreckliches?« »Mein Vater! Er war eben ein zu treuer Vater, um mir nicht rechtzeitig die Augen zu öffnen, und gerade ich –« »Bitte, weiter!« Sie legte die Hand auf seinen Arm und sah ihn innig an: »Ich durfte daher mit offenen Augen erkennen, wo mein Glück zu finden sei, und durfte es nicht ergreifen! – Xaver, Sie sind angegriffen, wir gingen zu lange,« brach sie plötzlich ab, »wir werden zurückkehren zur Veranda.« »Gut, daß ihr kommt!« rief ihnen Elwine entgegen. »Eben schreibt mir Sohrau, daß er schon morgen eintreffen wird. Die Arbeiten in Kartzow haben sich schneller erledigt, wie erwartet wurde, und – ach, ich freue mich so sehr, daß er nun auch Sie, alle drei, kennen lernt, besonders Sie, liebe Martha,« flüsterte sie dieser zu, »denn auch er las Ihren Brief, damals auf Portovenere.« Eine tiefe Blässe trat auf der Angeredeten Gesicht, und fast erschrocken fragte sie: »Wie nannten Sie den Herrn, den Sie erwarten?«. »Baron Kurt von Sohrau,« antwortete Elwine lächelnd, »mein Bräutigam! Ach, ich habe bislang wohl nur von Kurt gesprochen? Hier stelle ich ihn in aller Form vor, er ist wirklich nicht zum Erschrecken, nicht wahr, Xaver?« »Der beste, vornehmste Mensch der Welt,« antwortete er seiner Schwester, unter tiefer Verbeugung eine Kußhand zuwerfend, während diese ein elegantes Maroquinetui aus der Kleidertasche nahm, es öffnete und Martha überreichte. Der Eindruck des Bildes mußte kein glücklicher sein, denn die Farben kehrten nicht zurück, so lange Martha auch die kräftig männlichen, freundlichen Züge durchforschte. Sie reichte das Etui weiter, blieb aber nachdenklich und ernst, was um so auffälliger, als man gewohnt war, sie stets als Herrin ihrer Stimmungen zu kennen, sogar wenn ganz plötzliche Veranlassungen den Umschwung hervorriefen. Nachmittags ließ sie sich wegen heftiger Kopfschmerzen entschuldigen. Während Elwine in freudigem Eifer die Vorbereitungen für des Bräutigams Empfang anordnete, saß Serlo in Nachdenken versunken in seinem Liegestuhle. Eine unbestimmte Ahnung beschäftigte seine Gedanken: Sollte es nicht Kurt, dem praktischen, feinfühligen, weltklugen Kurt gelingen, Martha in ihrem Entschlusse wankend zu machen? Nie, nie wollte er ja forschen nach den Gründen, die sie bestimmten, niemals Erklärungen verlangen oder erbitten! Er war ja der Reinheit ihrer Seele so sicher! Mußte nicht sein unerschütterliches Vertrauen endlich auch auf Martha zurückwirken? Es gibt kein Gefühl, so zähe im Festhalten an der Hoffnung, so erfinderisch im Erdenken neuer Mittel zur Beseitigung von Hindernissen und so bereit, aus den geringfügigsten Zufällen neue Erwartungen zusammenzubauen, wie eine Liebe, deren Erfüllung nicht ganz hoffnungslos ist, die ihre Nichterfolge nur in äußeren Schwierigkeiten zu erblicken glaubt. Mit krankhafter Phantasie baute denn auch Xaver einen Stein auf den andern, und als abends Martha – auf eine Stunde nur – wieder in der Gesellschaft erschien, da ruhte sein Auge mit ganz anderem Glanze auf ihrem noch immer blassen Gesichte, wie vor wenigen Stunden. Fast freudig klang sein »Bis morgen abend«, als die Damen den Wagen bestiegen, um nach dem Haag zu fahren. Nur für einen Tag, bis »morgen abend«. »Elwine, wenn ich abginge, nun doch nach Ribbekart zöge?« flüsterte er der erstaunten Schwester zu, als zur Ruhe gegangen wurde, »vielleicht ändert sich ihr Entschluß, wenn ich nicht mehr Offizier bin!« »Ist das nicht die Equipage der Frau van der Pütt, die dort die Allee herabkommt? Ich kenne die Füchse mit den weißen Strümpfen!« Xaver zeigte auf einen Wagen, der eben die breite Allee vom Haag nach Scheveningen hinabgefahren kam. »Siehst du, Schwester, ich hatte gewiß wieder so eine Ahnung, als ich zu der weiten Promenade drängte, richtig, es sind die Füchse! Aber so früh!« Er sah auf die schwere goldene Remontoiruhr, von einer ebensolchen Kette in Form einer Ankerkette gehalten. »Erst halb zehn! Was mag das bedeuten, Schwester?« Noch ehe diese ihren Vermutungen Worte geben konnte, kam die elegante Viktoria heran. Nur Frau van der Pütt saß im Fond. Als sie die Bekannten gewahrte, ließ sie parieren, und während noch die mächtige Staubwolke, die bislang dem Wagen folgte, sich über die Pferde weiterwälzte, war sie schon ausgestiegen und ging raschen Schrittes in unverkennbarer Erregung auf die Geschwister zu. Beiden war die vollkommene Veränderung in dem so freundlich wohlwollenden Gesichte der Holländerin nicht entgangen. »Mein Gott, was gibt es, Mefvrouw van der Pütt?« rief Elwine, ihr die Hand bietend, fast ängstlich. »Ein guter Stern läßt mich Sie schon hier finden,« antwortete die Dame, mit vor Erregung zitternder Stimme. »Ich war auf dem Wege zu Ihnen. Denken Sie, ich bin ratlos, Sie müssen mir helfen, Herr Serlo, denken Sie, die Martha ist fort – unsere Martha, die ich lieb habe wie mein eigenes Kind.« »Mein Gott, erklären Sie! Wohin? Ist ihr ein Unglück begegnet?« Xaver stieß es in jähem Schrecken hastig hervor, mit rauher, fast klangloser Stimme, und streckte die Hände zusammengelegt wie stehend der Dame entgegen. »Ich weiß das alles selbst nicht,« antwortete sie, und Tränen traten ihr in die Augen, »ich weiß es nicht! Gott mag wissen, was dem armen Mädchen auf der Seele liegt, aber meine Hand lege ich dafür auf den Klotz, daß keine Schuld sie trifft! Lesen Sie selbst, diesen Brief fand ich heute morgen auf ihrem Tische, gestern hat sie ihre Sachen gepackt, und kein Mensch hat mir davon gesagt, daß sie abends den Koffer hinabtragen ließ; wer ahnte auch so etwas! Heute in aller Frühe ist sie fortgegangen, und dann wurde der Brief gefunden.« Längst hatte Xaver das Papier entfaltet und durchflog nun in fiebernder Hast die Zeilen. Der weite Spaziergang, die warme, trockene Luft mochten den Rekonvaleszenten angegriffen haben. Er faßte unwillkürlich fast krampfhaft nach der Schwester Arm. »Xaver,« flüsterte diese zärtlich. »Lies, lies selbst! Sie ist fort! Wohin?« kam es stöhnend durch die geschlossenen Lippen. Als Elwine den Brief gelesen, fragte auch sie: »Was sollen wir machen?« Da raffte sich Serlo empor, wie zu plötzlichem Entschluß. »Ich werde ihr nachreisen, jetzt gleich, werde die Welt durchsuchen nach ihr. O, ich weiß, ich werde, ich muß sie finden, und wenn ich sie gefunden habe, lasse ich sie nicht mehr entfliehen, es sei denn, ich sei tot.« Er hatte in Fieberekstase gesprochen und machte Miene, sogleich aufzubrechen, dann aber klang es wie ein Röcheln, die wunde Brust versagte, die Erregung war zu groß. Von der Schwester gestützt, trat er in den Wagen der Holländerin, welche bat, die Geschwister zurückbringen zu dürfen. Eine Weile verbrachten sie stumm, alle drei – Frau van der Pütt in stillem Weinen, Xaver in krankhaft fiebernder Erregung, Elwine in ernstem Nachdenken. »Ich hab's,« sagte diese endlich. »Mein Bruder würde zugrunde gehen, wenn er in der Stimmung abreiste.« »Was schadet's?« warf er rauh dazwischen. »Es würde doch auch nicht nützen, und wenn man eine Handlung als unnütz und zwecklos erkennt, dann unterläßt man sie. Aber in vier Stunden kommt Sohrau, mein Verlobter. Er ist unendlich praktisch, ruhig, umsichtig und vor allem gesund. Mein Rat ist: warten wir auf seinen Rat. Ich werde zum Bahnhofe fahren, gnädige Frau, und wenn Sie mir inzwischen den Brief überlassen wollten –« »Gewiß, liebes Fräulein, ach, ich bin förmlich beruhigt, nun Sie doch einen vernünftigen Ausweg fanden! Gewiß wird Herr von Sohrau das Rechte und Zweckmäßige finden.« Frau van der Pütt gehörte zu jener Kategorie glücklicher Menschen, die ein felsenfestes Vertrauen zu den Entschließungen anderer haben, wenn sie der eigenen Initiative dadurch enthoben werden. So fuhr sie denn vorläufig einigermaßen beruhigt zurück nach dem Haag, Weiteres erwartend. Wenige Stunden später brauste der Zug von Utrecht in die Halle der Kopfstation zu Scheveningen. Herzlich schloß Kurt seine Braut in die starken Arme. Die Freude über das Wiedersehen strahlte aus seinen offenen Zügen. »Wo ist Xaver?« war dann seine erste Frage, »doch nicht ein Rückfall?« »Nun, wie man's nehmen will, ich selbst bat ihn, zurückzubleiben, denn es tut mir so leid, dir den Empfang verbittern zu müssen, aber ich muß sogleich eine wichtige Angelegenheit mit dir besprechen! Nein, erschrick nicht, es betrifft nicht mich, aber Xaver. Laß uns in das Damenzimmer treten, Kurt, es kommen jetzt keine Züge, und wir sind ungestört. Willst du?« »Natürlich, mein Herz! Nur kein Säumen, wo Handeln am Platze ist, und es scheint pericmium in mora nach deinen Mienen! Siehst aber prächtig aus, mein Schatz, wirst dich vortrefflich ausnehmen in den neu dekorierten Sälen von Kartzow. Haben auch überall Parkett legen lassen. Das sollte eigentlich eine Überraschung sein, aber ich freue mich schon jetzt über den dankbaren Ausdruck deiner lieben Augen, so höre denn weiter. Eine Palme habe ich kommen lassen, gerade wie die in Nervi, nur kleiner. Habe expreß einen Aufbau am Gewächshause dafür machen lassen. Denke dir, wir beide unter Palmen in Pommern! Nicht wahr, nun machst du dich bald frei; wir nehmen Xaver mit nach Pommern!« Das klang alles so herzlich, so freudevoll, und in die Freude hinein sollte nun Elwine den bitteren Tropfen der Sorge um den Bruder fallen lassen. Sie hatten den Wartesaal erreicht und ließen sich nieder. »Du weißt, Kurt, was uns Xaver auf Portovenere anvertraute,« begann sie; »Gewiß, der Brief –« »Denke dir, das Mädchen war hier und ist nun plötzlich entflohen.« Sie erzählte in kurzen Worten, was vorgefallen, und übergab dann den Brief Marthas. Baron Sohrau sah einige Augenblicke in das Blatt. »Sonderbar, schon wieder chokiert mich die Handschrift,« sagte er dann und begann halblaut zu lesen: »Meine teure Mutter! »Zum letzten Male darf ich Sie heute so nennen, denn ich stehe vor einer Entscheidung, der ich nur ausweichen kann, wenn ich mich losreiße von denen, die ich namenlos lieb gewonnen, von Ihnen, meine Mutter, von meiner lieben Schwester Eva – ich will nicht mit einer Unwahrheit scheiden – von Xaver Serlo. Das Schicksal ist unerbittlich, und unsere Werke folgen uns. Ganz unerwartet, wenn auch nicht unvorbereitet, traf mich dieses Schicksal. Ersparen Sie mir die Erklärung. Sie haben mich ja niemals gefragt, schenken Sie mir auch diesmal noch Ihr Vertrauen, Ihren Glauben. Worte könnten auch heute noch kaum einen Konflikt erklären, der über ein Kind hereinbrach, und aus welchem dies Kind hervorging, dem Gesetze verfallen, an seiner Seele aber fleckenlos. Ich muß, ich will der weltlichen Strafe entgehen, die, wenn ich bleibe, unvermeidlich wird, die ich vor Gott und meinem Gewissen aber nicht verdiene. Ich werde nicht der Sorge preisgegeben sein, das wissen Sie. In der Ferne, im Auslande will ich im Schaffen zum Guten Ruhe und Befriedigung suchen. Gott gab mir ja ein starkes Herz, das niemals aufhören wird, in treuer Dankbarkeit für Sie zu schlagen, wenn ich auch zum letzten Male schreibe Ihre Tochter Martha.« Sohrau hatte schon eine geraume Zeit die Schlußworte gelesen, und noch immer sah er nachdenklich in die Zeilen. Dann entnahm er seiner Brieftasche ein vergilbtes Billett und hielt es neben den Brief. »Keine Frage, dieselben Schriftzüge, nur kindlicher!« sagte er, ohne aufzublicken. »Die Sache fängt an zu dämmern, ja, so wird es sein! Also gerettet, nicht ertrunken! Wohin mag sie gefahren sein?« fragte er dann. »Davon hat eben auch Frau van der Pütt keine Ahnung, das ist's ja! Und wiedergefunden werden muß sie doch, das arme Mädchen kann doch nicht so allein in die Welt ziehen!« »Na, Energie genug scheint sie zu haben. Aber warte, wir werden einmal sehen! Kellner!« rief er dann aus der Tür, »bringen Sie mir den Indikateur für abgehende Dampfer!« Und sich gegen Elwine wendend, meinte er: »Nach dem Wortlaute des Briefes hat es den Anschein, als würde sie nicht auf dem Kontinente bleiben, suchen wir also, von wo demnächst Verbindung mit England, Amerika und so weiter.« Der Jan erschien inzwischen mit den Kuranten, und nach kurzem Suchen schien Kurt seinen Entschluß gefaßt zu haben. »Morgen um acht Uhr dreißig Minuten Abfahrt des Dampfers ›Schelde‹ von Rotterdam nach Harwich. Das ist der erste Fall, dann – doch das findet sich später. Freilich, mein Herz, säumen darf ich dann nicht. In einer halben Stunde fährt der nächste Zug, und ich werde mein Glück versuchen!« »Kurt, du kennst sie ja nicht, soll ich nicht mitfahren?« »Werde sie schon herausfinden, wenn sie da ist!« sagte er lächelnd, »beruhige du inzwischen deinen Bruder und die Pütts! War ein kurzes Wiedersehen, mein Liebling, aber was sein muß, muß sein.« Schon seit geraumer Zeit wanderte ein Herr in grauem Reiseanzuge, den Paletot über den Arm gehängt, in langen Schritten den Boompieskai auf und ab. Mitunter unterbrach er seine Wanderung, ließ den Blick über den Hafen schweifen, über die mächtigen Spannungen der Scheldebrücke, beobachtete das rastlose Treiben am Kai, die fremdartigen Gestalten der Matrosen und Hafenarbeiter aller Nationen und Rassen. Dann wieder schaute er auf das Getreibe da unten im Strome. Ein unaufhörliches Kommen und Gehen von Dampfern und Booten. Dazwischen majestätisch dahingleitende Seeschiffe, himmelemporstrebend mit ihren schlanken Masten und Rahen, von winzigen Remorkeuren geschleppt. Doch nur für Augenblicke ließ sich der Fremde anziehen durch die reizvollen Bilder im Morgenglanze ringsum. Seine Aufmerksamkeit blieb auf die Landungsbrücke eines Dampfers gerichtet, welcher am Kai festgemacht hatte, und dessen Schloten ab und an mächtige Wolken schwarzen Rauches entquollen. Im Vortopp trug der Steamer den Wimpel der Rotterdam-Harwich-Linie, und an seinem Heck hatte der Wanderer nun wohl schon zwanzigmal den in goldenen Lettern schimmernden Namen » De Schelde « gelesen. In einer halben Stunde sollte das Schiff von Rotterdam abwärts gehen, und schon war das Deck mit einer Anzahl von Passagieren besetzt, denen sich immer neue anreihten. Der Wanderer war jetzt dicht an die Brücke getreten, jeden Ankommenden musternd, wenigstens jede Dame, und immer wieder zeigten seine Züge eine Enttäuschung, wenn er fremde, gleichgültige Gesichter hinter Schleiern und großrandigen Rembrandthüten entdeckte. Plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit gefesselt. Aus der Hochstraat war soeben ein Wagen auf den Kai eingebogen und parierte unfern der Dampferbrücke. Mit elastisch schnellen Bewegungen entstieg dem Fuhrwerke eine verschleierte Dame, ergriff die leichte Handtasche und das Plaid und eilte auf den Steg zu. Doch wie gebannt blieb sie stehen, als ihre Augen dem forschenden Blicke des Fremden jetzt begegneten. Mit artiger Verbeugung trat dieser auf sie zu und zog den Hut von dem ergrauenden Kopfe. »Mein Fräulein, ich habe mich wohl nicht getäuscht, Sie sind Fräulein van der Pütt?« »Mein Herr, Herr von Sohrau, schonen Sie mich, um der Meinigen, um meines toten Vaters willen!« sagte sie leise, nach Fassung ringend. »Ich kann auch heute nichts zu meiner Rechtfertigung sagen, als das –« »Was Sie mir schrieben und was mich schon damals auf das tiefste gerührt hat, Fräulein van der Pütt, ich muß es als einen Wink des Schicksals betrachten, daß es mir gelang, Sie so rasch wiederzufinden. Wie das gekommen, erfahren Sie später, lassen Sie mich Ihnen jetzt nur sagen, daß Sie meine Lebensretterin wurden, ganz unabweisbar, wenn auch unbewußt, und daß ich damals nach der Katastrophe bei den Scilly-Inseln den Tod eines Kindes auf das tiefste bedauert habe, einer jungen Dame, deren Kindesliebe sich in einem Schritte der Verzweiflung so deutlich kund gab. Jetzt, wo sie lebend vor mir steht, frage ich: Können, wollen Sie mir Vertrauen schenken? Halten Sie mich für einen Ehrenmann?« »Nun gut,« sagte er auf das leise Nicken Marthas, »dann bleiben Sie hier und hören mich an, um nachher, – später zu handeln, wie es Ihnen Ihr Gefühl vorschreiben wird. Vorläufig hole ich Ihre Koffer vom Schiffe, und Sie nehmen inzwischen Ihren Wagenplatz wieder ein. Darf ich um den Gepäckschein bitten?« Sie waren der Zentralbahnstation zugefahren. Willenlos sah Martha, wie Baron Sohrau dort die Koffer abladen ließ, und ebenso willenlos vertrauend war sie dem großen, freundlichen Manne gefolgt, als er den Vorschlag machte, die Unterredung mit einer Promenade durch den nahen Tiergarten zu verbinden. Jetzt hatten sie sich auf einer Bank unter einer Gruppe mächtiger Eichen niedergelassen, und mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte Martha den beredten Worten ihres Nachbarn. »Konnten Sie denn anders handeln?« fragte er eben. »Wäre das Unrecht nicht zehnmal größer gewesen, wenn Sie den Vater preisgegeben hätten, den Sie in seinem Herzen für unschuldig hielten? Wollen Sie es dem Hungernden verdenken, wenn er ein Stück Brot, das er zufällig findet, aufnimmt, statt Hungers zu sterben?« »Die bürgerlichen Gesetze bestrafen meine Handlung mit einer entehrenden Strafe,« antwortete Martha fast tonlos. »Der Richter, der irdische Richter kann nicht ermessen, was das Herz einer Tochter bewegt, wenn es sich um Freiheit und Ehre des Vaters handelt. Als habe Gott mein Gebet erhört: »Zeige mir den Weg aus der Not«, so erschien mir die gebotene Gelegenheit zur Rettung. Ich bot meine Ehre, um den Vater zu retten, ich sündigte gegen das siebente Gebot. Gott hat mein Opfer nicht angenommen, er rief meinen armen Vater zu sich. Als einen Ausfluß göttlicher Barmherzigkeit und Verzeihung betrachtete ich dann die Aufnahme in der Familie van der Pütt und suchte durch treue Pflichterfüllung eine Läuterung vor mir selbst, vor Gott zu gewinnen. Das Gesetz aber, es kann mich nicht freisprechen. Auch wenn die Motive zu meiner That sonnenklar dastehen, die Tat bleibt.« »Was kümmern denn das Gesetz, den Richter meine privatesten Angelegenheiten, die ich niemand mitteilte, über die ich niemand ein Urteil gestatte? Seien Sie einmal vernünftig und wägen ab! Erstens: Sie schenkten mir das Leben, ich Ihnen einen Paß. Wär's anders geworden, so wäre ich entweder verbrannt oder ertrunken. Na, ich denke, da ist der Vorteil doch auf meiner Seite! Zweitens: Wäre ich ertrunken, dann wäre Elwine jetzt nicht meine glückliche Braut. Drittens – aber wozu die vielen Worte: Antworten Sie mir lieber offen auf eine Frage: Wollen Sie meinem Rate folgen, um Ihr vermeintliches Unrecht gutzumachen? »Wenn ich kann, gewiß!« »Nun, da habe ich schon gewonnen, denn Sie können. Also: Sie kehren mit mir zurück zur Frau van der Pütt, und von Ihrem Ausfluge wird mit keinem Worte gesprochen! Selbstverständlich bleibt auch das, was uns betrifft, ferner mein Geheimnis. Einverstanden?« »Sie sind mein Anwalt, statt mein Richter zu sein, ich danke Ihnen!« sagte sie gerührt und reichte ihm die Hand. »O, wir sind noch nicht fertig. Ich weiß, Sie lieben Xaver, Ihr eigener Brief bezeugt es. Also weiter: Sie machen Xaver zum glücklichsten Menschen!« »Hören Sie auf, Herr von Sohrau – es ist unmöglich! Ich liebe Xaver, und Gott weiß, wie tief meine Liebe! Ich weiß aber auch, daß seine Anschauungen zu ernst, daß sein Charakter zu edel und seine Liebs zu tief sind, um ihn an eine Frau fesseln zu dürfen, deren Handlungsweise – vor der Welt wenigstens – das Licht scheuen muß.« »Und wenn ich ihm nichts sage und er nicht fragt?« »Wollen Sie, daß ich mit einem Geheimnisse an der Seite eines Mannes, den ich liebe, vor den Altar treten soll?« fragte sie fast vorwurfsvoll. »Ja, ja, da mögen Sie recht haben,« antwortete er mit einem bezeichnenden Kopfnicken; »aber gut, sagen wir ihm alles, hören wir seine eigene Ansicht, vielleicht spricht er überzeugender wie ich.« »Und wenn er ebenso vorurteilsfrei dächte wie Sie, mein gütiger Freund, er könnte, er dürfte nicht vergessen, daß seine Stellung als Offizier –« »Was den Offizier betrifft, na, den wird er doch aufgeben müssen nach allem, was ich über seine Gesundheit höre, und Sie werden sich mit meinem Nachbar und Schwager, dem pommerschen Gutsbesitzer Serlo, begnügen müssen! Daß er aber ebenso denkt wie ich, gerade weil sein Charakter edel und seine Liebe tief ist, das werden Sie bald aus seinem eigenen Munde hören!« »O mein Gott, darf ich denn? Kann ich's vor meinem Gewissen verantworten? »Laden Sie etwa weniger Verantwortung auf sich, wenn Sie ihn ferner hinsiechen lassen, den Mann, den Sie vom vorzeitigen Tode erretten, dem Sie eine glückliche Zukunft bieten könnten? Aber kommen Sie, es ist die höchste Zeit, kommen Sie, in fünf Minuten fahren wir ab.« Er legte ihre Hand über seinen Arm, und als sie ihn durch Tränen fragend ansah, da lachte er und meinte: »Die Sache ist erledigt!« Willenlos folgte sie dem starken, geraden Manne, der ihr so wohlwollend den Weg ebnete, vor dessen Sicherheit und Urteilskraft ihr eigenes Urteil zerstoben schien. Wenige Stunden später lag Martha in den Armen der Mutter, der Schwester. Niemand fragte, nur Liebe und Freude umfingen sie. Kurt von Sohrau aber fuhr weiter nach Scheveningen, und ehe er sich noch die Zeit nahm zur förmlichen Begrüßung seiner Braut, trat er mit Elwine in Xavers Zimmer. »Kurt,« rief ihm dieser in fieberhafter Aufregung entgegen, »Kurt, hast du sie gefunden?« »Kinder,« antwortete Sohrau, »Kinder, ich habe vor allem und auch, ehe ich euch das Resultat meiner Reise mitteile, ein Frage an euch zu richten. Ihr beide sollt mir aufrichtig eure Meinung sagen. Hört zu: Ein junges Mädchen will ihren Vater schwerer Strafe entreißen, wegen eines nicht ehrenrührigen Vergehens. Ein vielleicht zu ideal angelegter Mann, der, obwohl Beamter, geglaubt hatte, zum Volksbeglücker geschaffen zu sein, hatte allerhand politische Unglaublichkeiten eingefädelt, ohne die Folgen mit nüchternem Verstande zu prüfen. Die Tochter, ein Kind von so vierzehn bis fünfzehn Jahren, bringt ihn unerkannt bis Hamburg. Es fehlt aber die Legitimation, die zur weiteren Flucht erforderlich. Sie haben die Reise gemeinsam mit einem Herrn gemacht. Dieser vermißte im Hotel seine Brieftasche, die er unterwegs noch in Händen hatte, um den Mitreisenden seinen Auslandspaß zu zeigen. Er glaubt sich bestohlen, muß seine Reise aufgeben. Am folgenden Nachmittage bringt ihm die Polizei die dieser zugesandte Brieftasche, in welcher nur der Paß fehlt, welche dafür aber diesen Zettel enthielt.« Er öffnete wiederum das zerknitterte Papier und las: »Mein Herr! Üben Sie Barmherzigkeit – ich konnte nicht anders. Es geschah, um meinen alten Vater zu retten. Der Kerker wäre sein sicherer Tod. Sie vergaßen Ihr Portefeuille im Coupe – ich glaubte an eine Fügung des Himmels. Werden Sie, wird Gott mir vergeben, wenn ich unrecht tat? War's unrecht? O mein Gott, ich weiß nicht! Verfolgen Sie uns nicht, schonen Sie meinen Vater! Ich werde Ihnen ewig danken.« »Nun, eure Ansicht!« Aber statt aller Antwort sprang Xaver auf. »Kurt,« rief er, »war das Martha, war das die Last, die ihre Seele beschwerte?« Wie ein Frohlocken klangen seine Worte. »Ja, mein Junge, und der Reisende, das war ich – war in einer netten Stimmung damals, bis die Tasche mit dem Briefe kam, kannst's glauben! Na, nachher war's vorüber, hatte Mitleid und wäre ja auch versoffen, wenn's anders kam.« »Kurt, wo ist sie, daß ich ihr sage –« »Dazu sollst du heute nachmittag Gelegenheit haben,« unterbrach er, »Mefvrouw van der Pütt wird mit den Töchtern herüberkommen, und ich sorge für Zeit zur Aussprache – wird sich schon machen. Aber damit ist diese ganze Chose erledigt, ausgeschwiegen für immer!« »Und wie heißt Martha, woher ist sie?« fragte Elwine, »das darf man doch wissen?« »Für die Welt bleibt sie Mejufrouw van der Pütt, einst hieß sie Wally Hausmann und war aus Berlin W. « »Aus der Schillstraße? Mein Gott, jetzt weiß ich, woher mir das Mädchen – Xaver, erinnere dich doch an das Kind mit dem Matrosenhut, das dir so sehr gefiel – ich sollte damals auch partout einen Matrosenhut tragen, als du in die Marine tratest!« Xaver aber ging auf und ab und hatte nicht Auge und Ohr mehr für die Schwester. »Wird schon so sein,« antwortete statt seiner Kurt, »aber nun komm, meine Elwine, nun gehöre ich wieder dir und –« »Bald für immer.« Am 10. November fand in der Schloßkapelle von Kartzow eine Doppelhochzeit statt. Die ganze Umgegend war vertreten. Unter den Gästen war aber auch der muntere Leutnant Schaum, und man munkelte, es würde wohl bald eine dritte Hochzeit folgen. Als der neue Schloßherr von Ribbekart – der sich jetzt übrigens wieder zu voller Kraft erholt hatte – an Mejufvrouw Eva van der Pütt dieserhalb eine neckende Frage richtete, antwortete sie kurz: »› Vermetel ‹ genug wäre er, dein Schwager zu werden.« »Mir soll's recht sein, wenn er dich › gelukkig ‹ macht.«