Verschiedene Autoren Reisebilder von Goethe bis Chamisso – 2 Inhalt Ludwig Kalisch – Paris und London Bogumil Goltz – Ein Kleinstädter in Ägypten Moritz Hartmann – Briefe aus Irland Friedrich Gerstäcker – Reisen Ernst Willkomm – Aus deutschen Gauen in Süd und Nord Hermann Hettner – Griechische Reiseskizzen Ferdinand Gregorovius – Siciliana Friedrich Wilhelm Hackländer – Ein Winter in Spanien Balduin Möllhausen – Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika Ida Pfeiffer – Meine zweite Weltreise Ernst Kossak – Bade-Bilder Adolf Stahr – Herbstmonate in Oberitalien Theodor Fontane – In den Spreewald Ludwig Kalisch Paris und London Paris Erste Eindrücke Auf der ganzen Strecke von Köln nach Paris wünschte ich mir nichts so sehr als Harthörigkeit. Es hatte sich nämlich ein Narr eigener Art, ein Gagern-Enthusiast, an meine Seite gepflanzt und wollte nicht von mir weichen, trotz aller Mühe, die ich mir gab, ihm den Aufenthalt an meiner Seite so unangenehm als möglich zu machen. Er sprach von nichts anderm als von dem großen Heinrich, von dem Atlas, der auf den breiten Schultern die Gothaer Seifenblase trägt. Anfangs widersprach ich ihm sehr heftig, in der Hoffnung, daß er sich mit mir verfeinde; als ich aber fand, daß ich mit meinem Widerspruch nur Öl in das Feuer seiner Begeisterung goß, erheuchelte ich die vollste Bekehrung. Aber nun wollte er, daß ich mit ihm gemeinschaftlich das Weihrauchfaß schwänge, daß ich von nichts anderm spräche als von dem alleinseligmachenden Heinrich. Da schwur ich wieder meinen Glauben ab. Was half aber dies gegen seine Manie? Sein Mund hörte nicht auf, Psalmen auf den Edeln zu sprudeln, und meine Ohren machten meiner Geduld die gerechtesten Vorwürfe. Ich zog daher die Mütze über die Nase, tauchte meinen Kopf in die Wellen meines Mantelkragens, und als ich auf diese Weise meine künstliche Taubheit vollständig fertig glaubte, gab ich mich der Hoffnung auf Erlösung hin. Trügerische Hoffnung! Mein fanatischer Nachbar ließ sich durch die wollene Verschanzung meines Gehörs nicht im mindesten abschrecken; im Gegenteil, meine Verteidigung diente nur, seine Angriffe zu verstärken. Er fing jetzt an, die Biographie des großen Landmanns von Monsheim ausführlich zu erzählen, und da er solche gesunde Lungen hatte, daß er das Wutgeschrei der Lokomotive übertäubte, so hatte ich das Unglück, keines seiner Worte zu überhören. Der Mensch schrie mir fast Löcher in den Mantel und versicherte mir dabei, daß er mich sehr achte, sonst würde er sich gar nicht die Mühe geben, von dem Edelsten der Deutschen so viel mit mir zu sprechen. Ich wußte nicht, was ich verschuldet, um die Achtung dieses Fanatikers zu verdienen; ich suchte indessen jedes Mittel der Grobheit auf, um sie zu verscherzen. Nichts aber half. Seine Zunge lief beständig Sturm auf meine wohlverschanzte Ungeduld. In Brüssel angelangt, suchte ich ihm zu entfliehen und fühlte mich schon glücklich, als ich wieder in den Wagen einstieg, ohne eine Spur von ihm zu entdecken. Aber in dem Augenblicke, als der Zug abgehen sollte, kam er, ein Esel zwischen zwei Nachtsäcken, an den Wagen gekeucht und beteuerte mir, indem er einstieg und mir die Nachtsäcke vor die Füße warf, daß er einen viel bessern Platz hätte haben können, daß er aber, sogar mit Gefahr, zurückbleiben zu müssen, jeden Wagen untersucht, um mich ausfindig zu machen. Ich verfluchte im stillen dieses für mich so schmeichelhafte Unglück, und kaum war der Zug in Bewegung, so fing er, nämlich der Enthusiast, im Schweiße seines Angesichts wieder an, die alten Loblieder zu singen. So wenig kannte dieser Mensch den Zorn meiner Ohren, daß er mir vorschlug, in Paris, wo er schon häufig gewesen, mit ihm in einem und demselben Hotel zu wohnen. Er nannte mir das Hotel. Mehr wollte ich nicht wissen. Als wir daher in Paris anlangten, suchte ich, nachdem im Bahnhof die Zöllner Herz und Nieren meiner Koffer geprüft, dem Enthusiasten zu entwischen, nahm eine Droschke und fuhr einem Hotel zu, das wenigstens eine Viertelmeile von dem entfernt ist, das mir der furchtbare Gagern-Enthusiast genannt hatte. Ich feierte meine Erlösung; ich war in Paris. Die meisten Menschen sehen und hören sich einen Rausch, wenn sie zum ersten Male diese Weltstadt besuchen; und ich muß gestehen, daß auch ich, trotz meiner Anstrengungen, nicht ganz nüchtern blieb. Der Eindruck, den Paris auf mich hervorbrachte, war ein überaus gewaltiger, ein unbeschreiblicher. Es sind nicht jene herrlichen Bauten, in denen die großartigen Szenen der Weltgeschichte gespielt wurden; es sind nicht die kolossalen Monumente von Erz und Stein, die diesen gewaltigen Eindruck auf mich hervorbrachten: es ist das bewegte Leben und Treiben, es sind tausend Einzelnheiten, die mich bewältigten. Man glaubt in Deutschland Paris zu kennen; allein man kennt es nur aus tausend verzerrten Schilderungen, aus den Zeitungen, in welchen so mancher politische Pinsel mit dick aufgetragener Parteifarbe uns verkleckste Bilder gibt, die mit dem Original nicht die mindeste Ähnlichkeit haben. Freilich ist es auch unendlich schwer, Paris richtig zu schildern, da es schon außerordentlich schwer ist, es richtig zu sehen. Wer nicht mit gesundem, frischem, klarem Auge diese Stadt betrachtet, wer mit Vorurteilen oder, was dasselbe ist, mit einem vorgefaßten Urteile dahin kommt, der wird Paris in Paris ebenso falsch sehen, wie er es außer Paris gesehen. Er wird dann die mitgebrachte Schablone über die Pariser Zustände schieben und nur die allgemeinen Phrasen wiederholen, die schon Hunderte vor ihm hundertmal wiederholt. Als ich am ersten Morgen nach meiner Ankunft in Paris mein Hotel verließ, fiel ich gleich einem Landsmanne in die Arme, der nach einem kaum zweimonatlichen Aufenthalte in dieser Riesenstadt mir versicherte, daß niemand Paris so gut kenne wie er, was er in seinen nächst erscheinenden »Pariser Briefen« auch sage. Ihm war Paris ein Babel, eine Hölle, ein Vulkan, ein Sumpf, ein Ninive, ein Abgrund; und kaum hatten wir zwei Straßen zurückgelegt, als er mir dies alles auch schon logisch bewiesen hatte. Zugleich versicherte er mir, daß er dies alles bereits gewußt, eh er nach Paris gekommen; er sei aber nur nach Paris gekommen, um sich in seiner Überzeugung zu stärken. Dabei geriet er so sehr in Eifer, daß ihm durch die Lebhaftigkeit seiner Bewegungen die Brille von der Nase aufs Pflaster fiel. Wir waren auf dem Place de la Concorde, und gewiß hätte er mir auch logisch bewiesen, daß der Obelisk von Luxor eigentlich nur ein ägyptischer Zahnstocher sei, wenn ich ihm nicht, während er die zerbrochenen Waffen seiner Augen zusammenlas, glücklich entschlüpft wäre. Man muß, wenn man nach Paris kommt, lernen wollen, aber nicht gelehrt zu sein glauben; vor allem muß man sich hüten, nach einzelnen Erscheinungen Urteile zu bilden. Paris ist eine Welt im kleinen, wo man mit jedem Schritte auf die merkwürdigsten Widersprüche stößt. Man sieht hier das Größte neben dem Kleinsten, das Schönste neben dem Häßlichsten, das Erhabenste neben dem Niedrigsten; und es gehört nicht nur ein Talent der Beobachtung, sondern auch Zeit dazu, wenn man durch diese Widersprüche nicht verwirrt werden, wenn man das Allgemeine mit dem Besondern, die Ausnahme mit der Regel nicht verwechseln soll. Ich hatte mir Paris ganz anders vorgestellt. Ich hatte geglaubt, im Äußern der Stadt die Spuren der jüngsten Kämpfe zu finden. Ich bildete mir ein halbzerstörtes, trauriges, niedergeschlagenes Paris ein, dem die Republik den weltberühmten Glanz, den Luxus, die Lebensfreude geraubt. Ich dachte mir jeden Pariser mit gebeugtem Haupte durch die düstern Gassen wandelnd. Aber wie hatte ich mich getäuscht! Ich fand Paris lachend und scherzend, die Theater überfüllt, die Spaziergänge dicht gedrängt und überall rauschende Lebenslust. Selbst in den Stadtteilen, wo der entsetzliche Junikampf gewütet, jener rätselhafte Kampf, in dessen Blut sich die europäische Reaktion berauscht: selbst da war kaum eine Spur der Verwüstung mehr zu entdecken. Paris duldet keine Ruinen, und die Wunden, die hier den Häusern geschlagen werden, heilen so schnell, daß kaum eine Narbe übrigbleibt. Paris läßt sich mit keiner andern Stadt der Welt vergleichen. Man kann von Paris nicht sagen, daß es eine schöne Stadt sei, obgleich es die schönsten Plätze, die herrlichsten Gebäude der Welt besitzt; man kann aber auch nicht sagen, daß Paris nicht schön sei, obgleich es zum Teil aus den schmutzigsten, engsten und winkligsten Gassen besteht, die sich durch die schönsten Stadtteile winden. Paris hat neben den Boulevards, wo der Türke dem Portugiesen, der Ägyptier dem Brasilianer, der Perser dem Hindu begegnet, zugleich Straßen, in die nur selten der Fuß eines Fremden sich verirrt und deren Bewohner kaum zwei Male des Jahres das Quartier verlassen. Aber in Paris sieht man die Häuser vor lauter Straßen, die Straßen vor lauter Stadt nicht. Das rege Leben nimmt so sehr die Aufmerksamkeit in Anspruch, daß man gar nicht an die Gebäude denkt. so wie man bei einem interessanten Drama die Kulissen nicht beobachtet. In anderen Städten ist es gewöhnlich umgekehrt. Man streiche Paris aus der Reihe der europäischen Städte, und Europa gewinnt eine andere Gestalt. Dies ist nicht schwer zu beweisen. Der russische Absolutismus und sein gekrönter Anhang beweisen dies hinlänglich durch die Furcht, die sie vor Paris haben, durch den Haß, mit dem sie diese Furcht zu verdecken glauben. Paris läßt sie nicht ruhig schlafen. Der Hauch der Freiheit, der von hier aus die Welt durchweht, droht beständig, ihnen die Kronen von den Häuptern zu wehen. Der Verjüngungsprozeß der europäischen Gesellschaft, der hier im Jahre 1789 begonnen, er ist 1815 verloren worden, und die Völker haben die Kosten bezahlen müssen. Aber nicht die Vernunft, sondern die Gewalt saß zu Gericht. Im Juli 1830 wurde in Paris wieder appelliert, und der Prozeß wurde in zweiter Instanz verloren, weil die Nationen die Solidarität ihrer Interessen nicht einsahen. Die Februarrevolution aber war die dritte Instanz dieses Prozesses. Er ist nicht verloren; die Entscheidung wird nur durch Schikane und Intrigen hingehalten. Paris aber ist der Oberste Gerichtshof; hier und nirgendwo sonst wird in dieser letzten Instanz entschieden werden. Diese Behauptung ist so wahr, daß Fürsten und Völker instinktmäßig auf Paris horchen und je nach dem dortigen Stande der Dinge Furcht oder Hoffnung für die Zukunft schöpfen. Man braucht nicht lange in Paris zu sein, um zu sehen, daß hier der große Kampfplatz der Ideen ist, die jetzt die zivilisierte Welt bewegen. Man sieht es an tausend Dingen; man hört es an tausend Gesprächen. Die Politik beschäftigt hier jeden, in den Palästen und in den Arbeiterwerkstätten; und nichts ist so irrig, als wenn man glaubt, das Volk in Paris habe kein Interesse mehr für die großen Tagesfragen. Der Kommissionär liest an der Straßenecke und der Fiakerkutscher auf dem Bocke seine Zeitung so eifrig, daß ihn das Straßengetümmel nicht im mindesten daran stört. Ich habe dies gleich bei meiner Ankunft in Paris gesehen, und es hat mich nicht wenig in Erstaunen gesetzt. Später hatte ich Gelegenheit genug, mich zu überzeugen, daß der ärmste Ouvrier sich nicht nur täglich seine Zeitung kauft, sondern seinen letzten Sou für Broschüren hingibt, in denen seine Angelegenheiten besprochen werden. Ich habe oben gesagt, daß Paris sich mit keiner andern Stadt vergleichen lasse. Als ich in der ersten Zeit meiner Anwesenheit in Paris mich eines Abends in einer zahlreichen Gesellschaft befand und das Gespräch auf diese Weltstadt gelenkt wurde, hatte jeder einen Vergleich bei der Hand. Der eine sagte: »Paris ist das Herz Europas, ein Herz voll jugendlicher Leidenschaft, feurig im Hasse wie in der Liebe, und es gibt keine Stadt auf dem europäischen Festlande, deren Lebenspuls nicht von den Gefühlen dieses Herzens bestimmt würde.« Ein anderer meinte, Paris sei ein Weltmeer, herrlich, wenn es ruhig, furchtbar, wenn es bewegt ist, und reich an Perlen und Ungeheuern. Ein dritter äußerte: »Paris ist die große Weltbörse, wo die Ideen der Menschheit umgesetzt werden.« Ein vierter behauptete, Paris sei die Riesenuhr, nach welcher Europa sich richtet. Ein fünfter, der Sohn eines Geldwechslers, versicherte, Paris sei die Universalmünzstätte, wo die Gold- und Silbergedankenbarren der Kunst, der Wissenschaft und der Politik zu barem Gelde geprägt werden. Und so erschöpfte man sich in Vergleichen, bis ein alter pensionierter Marineoffizier, der sich in allen Weltteilen umgetan und den die Vergleiche langweilten, mit der Behauptung herausfuhr: »Paris ist Paris. Punktum!« Man hat mir, bevor ich nach Paris ging, von vielen Seiten versichert, ich würde mich dort wenigstens in der ersten Zeit sehr isoliert fühlen. Ich habe nichts davon empfunden. Man darf, wenn man nach Paris kommt, nichts sein wollen; man muß ein Vergnügen daran finden, sich unter der Menge zu verlieren. Man muß sich nur als ein Tropfen in diesem Ozean denken, nicht als ein buntbewimpeltes Frachtschiff, das auf diesem Ozean schwimmt. Es kommen viele deutsche Schriftsteller und Gelehrte nach Paris, die, ihre vaterländischen Lorbeerkränzchen in der Hand, sich sehr enttäuscht fühlen, wenn man den Glanz ihres Ruhmes nicht gleich bemerkt. Du lieber Gott! In Paris laufen die Unsterblichkeiten zu Dutzenden auf der Straße herum, und niemand kennt sie. Das digito monstrari ist in Paris ein Ding der Unmöglichkeit, in diesem Paris, wo die Steine berühmter als die Menschen sind. Die persönliche Eitelkeit muß hier bald Hungers sterben, da ihr hier keine blinde Bewunderung Nahrung gibt. Wer nach Paris mit seiner kleinstädtischen Glorie kommt und seine winzige Persönlichkeit nicht gleich vergißt, der wird hier bittere Täuschungen erleben. So hat mir ein bekannter deutscher Lyriker mit fast tränendem Auge gesagt, daß, als er Lamartine besucht, dieser ihn nicht einmal dem Namen nach gekannt habe, ihn, dessen Werke doch in so vielen Blättern ausführlich besprochen wurden. In diesen Kritiken glaubte der lyrische Kauz unabweisbare Wechsel auf den Universalruhm zu besitzen! Viele Leute wollen Paris während einer kurzen Ferienzeit kennenlernen. Sie speisen Paris, wie man auf einer Poststation speist, eine halbe Portion Pantheon, einen Blick voll Gobelins, einen Bissen Louvre-Galerie, und eilen dann wieder nach Hause. Diese Hast, Paris gleichsam als Gabelfrühstück mit den Augen zu verschlucken, ist höchst komisch. Ich habe in Paris einen deutschen Gelehrten gesehen, der sich dort nicht länger als zwölf Tage aufgehalten, und dieser Herkules verrichtete in diesen zwölf Tagen ein Dutzend Herkulesarbeiten. Jeden Morgen fing er sein laufendes Geschäft an und schwamm abends im Schweiße nach seinem Hotel; und als er abreiste, fiel ihm zu seinem unsäglichen Schrecken ein, daß er das Allerwichtigste, die große Bibliothek, zu sehen vergessen. Solche Leute behaupten dann, Paris kennengelernt zu haben! Paris ist eine Stadt, die nicht ausstudiert werden kann. Jeder Spaziergang ist hier für den Beobachter eine Entdeckungsreise. Man kann in Paris keinen Schritt tun, ohne neue Eindrücke zu empfangen, so produktiv ist hier das öffentliche Leben. Aber man kann, wie gesagt, von Paris kein allgemeines Bild geben. Welcher Rahmen wäre auch groß genug für ein solches Bild? Ich habe es daher versucht, einzelne Bilder von dem Pariser Leben zu entwerfen, kleine Genrebilder, die kein anderes Verdienst haben als die Anspruchslosigkeit, mit der sie sich darbieten. Findet das Publikum aber noch andere Verdienste daran, desto besser! Der Karneval in Paris Der Fastenochse hat in der diesjährigen Karnevalszeit eine bedeutendere Rolle gespielt als je zuvor; er ist nämlich zum Gegenstande eines Prinzipienstreites geworden. Bereits mehrere Wochen vor dem Karneval wurde die Fastenochsenfrage in allen Blättern lebhaft besprochen. Die monarchische Partei sprach sich gegen das Erscheinen des Fastenochsen aus, um dem Volke, dessen Vorliebe für denselben sie kennt, zu zeigen, was es durch die Februarrevolution verloren. Deshalb aber forderte die demokratische Partei nur um so heftiger das Auftreten des Ochsen. Was halfen aber alle Vernunftgründe? Herr Carlier wollte nicht, und Cäsar, so hieß der Fastenochse, glänzte in Paris durch seine Abwesenheit. Die Bewohner von Batignolles und ich waren indessen glücklicher als die Pariser. Diesen Vorstädtern und meiner Wenigkeit war der Anblick des großen Cäsar gegönnt. Als ich mich am Faschingsdienstag in aller Frühe nach Batignolles begab, bemerkte ich an der Barrière de Clichy einen großen Zettel, auf welchem der Zug des vierfüßigen Wundertiers angegeben war. Er sollte vorn Montmartre herunter sich nach dem Stadthause in Batignolles begeben. Es hatten sich bereits viele neugierige Gruppen gebildet, die den Herrn Carlier, die Regierung und den Präsidenten der Republik garstig durch die Lauge zogen. Ich hörte einen sagen, daß Ludwig Napoleon, der gern Cäsar werden wolle, aus Neid gegen den Ochsen, der schon Cäsar sei, ihm nicht den Eintritt in die Stadt erlauben wolle. Ein anderer bemerkte, daß eine Regierung, die sich vor einem Ochsen fürchtet, doch keine sonderliche Courage haben könne; worauf ein dritter äußerte, daß Präsidenten sich von jeher vor Rivalen gefürchtet. Nun flogen gute und schlechte Witze wie Fangbälle hin und her, und man schwang, trotz der Anwesenheit der Sergeants de ville, die Geißel der Satire schonungslos über den Rücken der Regierung. Nachdem man mehrere Stunden die Suppe der Unterhaltung mit attischem Salze gewürzt, vernahm man mehrere Trompetenstöße, und drei phantastisch gekleidete Reiter verkündeten die Ankunft des großen Cäsar. Man muß gestehen, daß es ein Ochse war, der dem Rindvieh alle Ehre machte. Als Ochse von Charakter hatte er seine Schuldigkeit getan und war so groß und dick, als man sein kann, ohne im eigenen Fett zu ersticken. Er mußte seine vier Füße anstrengen, um seine eigene Last mit Würde zu tragen; aber das Volk empfing ihn mit eisiger Kälte. Dieser kalte Empfang war eine Manifestation gegen die Regierung, und der vierfüßige Cäsar ging spurlos und unbegrüßt vorüber. Der arme Ochse war das Opfer einer unpopulären Politik geworden und mußte ruhmlos zur Schlachtbank gehen. Das Schicksal des armen Cäsar ging aber niemanden so sehr zu Herzen wie dem Himmel, der plötzlich so heftige Tränen zu vergießen anfing, daß sich die Menge halb durchnäßt verlief und Schutz suchend in die Restaurationen und Cabarets eilte. Der Faschingsdienstag sah aus wie ein Aschermittwoch, und was sich von Masken trotz des heftigen Regens auf den Boulevards sehen ließ, war nicht der Mühe wert, gesehen zu werden. Nur abends wurde es lebhafter. Ich besuchte gegen Mitternacht mehrere Tanzböden in Belleville, einer der Pariser Vorstädte, und ich muß gestehen, daß ich auch hier keinen sonderlichen Begriff von dem Pariser Karnevalsleben bekam. Der Pariser Karneval ist durchaus nicht mit unseren rheinischen Karnevalsfesten zu vergleichen. Am Rhein ist der Karneval ein poetischer Rausch, eine rauschende Poesie, die sich des ganzen Volkes bemächtigt; in Paris hingegen unterscheidet sich der Karneval von der Prosa der gewöhnlichen Tage nur durch eine größere Ausgelassenheit. Es ist keine Poesie, sondern nur ungebundene Prosa; es sind Bacchanalien, keine Saturnalien. Der rheinische Karneval beschäftigt alle Künste. Poeten, Musiker und Maler widmen ihm die heitersten Stunden, und die Musen setzen sich die Schellenkappe auf und jubeln mit dem Volke. In Paris aber ist der Karneval ein Fest, an welchem das Laster sich noch eine gute Strecke weiter und mit größerm Geräusch von der Tugend entfernt als gewöhnlich. Am Rhein bildet der Karneval einen Gegensatz zum gewöhnlichen Leben; hier ist er nur eine höhere Potenz desselben. Er entbehrt daher auch alles Überraschenden, wenn man nicht etwa die großen Opernbälle ausnimmt. Diese Opernbälle gehören freilich zu dem Merkwürdigsten, was man nicht nur während der Pariser Karnevalszeit, sondern was man in Paris überhaupt sehen kann. Man denke sich einen der größten und prachtvollsten Säle von fünfzig Lustren und tausend einzelnen Gasflammen beleuchtet; man denke sich alle Logenreihen dieses prächtigen Saales von den buntesten Zuschauern besetzt und das Parterre überfüllt von Debardeurs, Pierrots, Harlequins, Dominos und Phantasiemasken, die zu den betäubenden, wütenden Tönen eines riesigen Orchesters toll durcheinanderspringen, und – man hat immer noch keinen genügenden Begriff von diesen Bällen. Ist es doch überhaupt schwer, dem tugendhaften Deutschen die Art und Weise, wie die Franzosen tanzen, zu beschreiben. Der fromme Deutsche verliert selbst in seinen ausgelassensten Augenblicken seine Besonnenheit nicht ganz. Seine Tänze sind tugendhaft und bedächtig, und wenn er sich ja einmal vergißt, so büßt er einen tollen Augenblick wenigstens durch einen dreitägigen Katzenjammer und mit einer Woche voll Reue und Zerknirschung und nimmt sich vor, nie wieder einen solchen Streich zu begehen, und bittet die Tugend wegen der Sünden seiner Beine um Verzeihung. Ach, die deutsche Tugend kann nicht viel vertragen! Das Pariser Volk aber tanzt nie, ohne zu rasen. Seine Füße verlieren sozusagen den Verstand, und sein Verstand verliert sich in die Füße. Die Pariser kümmern sich dann weder um die Tugend noch um die Gesundheit. Die tollste und wildeste Musik ist ihnen noch nicht toll und wild genug. Man muß diese Opernbälle gesehen haben, um die Lungen der Pariser bewundern zu können, dieser Pariser, die zwei lange Winternächte hindurch rasen und doch nicht müde genug sind, um nicht noch eine dritte durchrasen zu wollen. Die Pariser Opernbälle waren früher, als die Könige von Gottes Gnaden über Frankreich herrschten, der Vereinigungspunkt des Adels, wo man der Ehe unter der verhüllenden Maske mit größerer Bequemlichkeit Schnippchen schlagen konnte. Später gerieten diese Bälle immer mehr in Verfall, bis ein großer Mann erstand, der ihnen nicht nur den früheren Glanz wiedergab, sondern sie zu den merkwürdigsten der Welt machte. Dieser große Mann heißt Musard. Nur die Lumpe sind bescheiden! Da aber Musard, wie eben erwähnt, ein großer Mann ist, so kann er unmöglich bescheiden sein. Musard ist sich seiner Größe vollkommen bewußt. Er weiß recht gut, daß er der populärste Sterbliche in ganz Paris ist, in jener Stadt, wo die Unsterblichkeiten so sterblich sind und wo die Lorbeern oft schon welken, ehe sie recht grünen. Wie ein zufriedener Jupiter lächelt er, wenn er an der Spitze seines Orchesters steht und mit dem kleinen Taktstock das blecherne Donnerwetter in die Beine seines Publikums fahren läßt. Musard ist der Napoleon der Tanzmusik. Sobald er sich sehen läßt, rufen tausend Kehlen: »Vive Musard!«, und er weiß, daß dieses Vive Musard aufrichtiger ist als das Vive Napoléon, welches der Präsident der Republik zuweilen hört. Musard hat stets ein weltbeherrschendes Lächeln um die Mundwinkel, und auf seiner Stirne ruht die Überzeugung, daß keine Macht der Erde die seinige zu stürzen vermag. Denn solange Paris steht, wird Paris tanzen, und solange Musard lebt, werden die Pariser Füße jubelnd der Leitung seines Taktstockes folgen. Die Tänze auf den Opernbällen haben zwar verschiedene Namen, aber es ist sehr schwer, auf diesen Bällen die Walzer vom Galopp, die Polka vom Schottischen zu unterscheiden. Es ist alles eben nur der Cancan, der sich unter verschiedenen Namen ankündigt. Wenn mich aber ein wißbegieriger Leser fragt, was der Cancan für ein Tanz sei, so kann ich ihm nur antworten, daß ein Deutscher, als er voriges Jahr diesen Tanz in einer der Pariser Vorstädte zum ersten Male gesehen, sogleich in Ohnmacht gefallen ist. Was mich betrifft, so will ich nicht heucheln. Meine Tugend kann sich leider keiner Ohnmacht rühmen; ich gestehe sogar, daß ich im Saal Valentine, wo ich den Pariser Cancan zuerst gesehen, es eine ganze Stunde aushalten konnte, ohne daß mir's übel geworden wäre; so viel aber ist gewiß, daß der lüderlichste deutsche Fuß doch immer noch zu moralisch ist, um sich mit diesem Tanze zu beschäftigen. Doch was spreche ich von Füßen? Der Cancan wird nicht bloß mit den Füßen, er wird auch mit den Händen getanzt. Ja, das eigentliche Tanzen macht den Cancan noch nicht zum Tanze, sondern die ihn begleitende Mimik, die heftige frivole Sprache, die dabei mit allen Gliedern gesprochen wird. Wahrlich, wenn diese Sprache hörbare Worte wären, müßte man sich die Ohren zuhalten. So viel ist ebenfalls gewiß, daß von dem Cancan sich nicht nur die Tugend, sondern auch die Grazie errötend abwendet, und was mich betrifft, so hat er noch mehr mein ästhetisches als mein sittliches Gefühl verletzt. Der Cancan ist der Tanz des toll gewordenen Fleisches. Diese Tollheit ist zwar von der Polizei verboten, und die Priester der Sittsamkeit stehen in Gestalt von bärtigen Sergeants de ville auf jedem öffentlichen Volksball, um die Tollheit, wenn sie allzu toll wird, zu einiger Vernunft zu bringen. Aber die Sergeants de ville sind selbst Pariser, und es muß schon sehr arg zugehen, bis ihre, in dieser Beziehung diskretionäre, Gewalt einschreiten zu müssen glaubt. Die Pariser cancanisieren jeden Tanz, und man kann leicht sehen, wie sie die Grenze des von dem sittlichen Anstand Erlaubten zu dem von der Polizei Verbotenen überspringen; wie weit sie sich aber in ihrer Tanzwut von dieser Grenze entfernen, das hängt nur von der Toleranz, von der Tugend und dem Keuschheitsgefühl der anwesenden wachthabenden Polizeidiener ab. Wo das Sittlichkeitsgefühl aufhört, fängt der Cancan an; wo aber der Cancan aufhört, das wissen nur diejenigen, die viel mehr wissen, als meine Leser je zu wissen brauchen. Die einzige Tugend, die der Cancan besitzt, ist seine Aufrichtigkeit. Der Cancan ist kein Hypokrit, und es sind nicht die Jesuiten, die ihn erfunden haben. Auf den großen Opernbällen, wo man in Frack und gelben Glacehandschuhen erscheinen muß, kann der Cancan, wenigstens vor vier Uhr morgens, sich nicht allzu weit von der Grenze des Erträglichen entfernen. Nach vier Uhr aber, wo sich bereits alles Weibliche entfernt hat, was nicht aus dem Krieg mit der Sittlichkeit ein Gewerbe macht, benutzt der Cancan noch die einzige Stunde vor dem Ende des Balles, und in dieser Stunde wird die röchelnde Moral vollends zu Tode getanzt. Ich habe oben unter den Masken der Debardeurs erwähnt. Diese Debardeurs, die man durch die graziösen Zeichnungen Beaumonts im »Charivari« auch in Deutschland kennt, sind die vorherrschenden Masken auf den Musardschen Bällen. Es sind Grisetten und andere noch ein Dutzend Stufen unter den Grisetten stehende Mädchen, die als Debardeurs die großen Opernbälle besuchen. Man kann sich nichts Reizenderes, nichts Anmutigeres denken als diese Debardeurs. Sie tragen weite Samt- oder Atlashöschen, die kurz genug sind, um das Füßchen in seiner ganzen Pariser Niedlichkeit sehen zu lassen. Diese Füßchen sind in der Tat oft so klein, daß die seidenen Schuhe, in denen sie stecken, einem wahrhaft deutschen Kinderfuße nicht allzu weit sein würden. Diese Füßchen und deren Bekleidung sind der Stolz der Debardeurs, so wie überhaupt der Fuß der Stolz und der Gegenstand der sorgfältigsten Pflege jeder Pariserin ist. Um den Leib tragen sie gewöhnlich einen Gürtel, sonst aber tragen sie nichts; denn das faltige, weite Hemd dient mehr dazu, die weißen Geheimnisse der Schultern und deren weiteste Umgebung zu offenbaren als zu verbergen. Die Debardeurs sind von den Hüften aufwärts so gekleidet, daß man sehr deutlich die Stelle sehen kann, unter welcher ihr Herz schlägt, jenes Herz, das für so viele schlägt. Auf den Köpfchen tragen sie kleine weiße kokette Filzhütchen, die auf Krakeel sitzen. Sie fangen aber nie Krakeel an, es sei denn mit der Tugend, wenn diese sich vorlaut in die Mysterien des Cancans einmischen will, oder mit der gesunden Vernunft, sobald diese sich herausnimmt, ihnen größere Aufmerksamkeit auf die Gesundheit zu empfehlen. Ein Tantalus Es gibt keine größeren Qualen als die Tantalusqualen; es gibt keinen grausamem Schmerz, als einen Zollbreit vom Genusse entfernt zu sein und doch in der Entbehrung verschmachten zu müssen. Wieviel Menschen zählt unser moderner Staat, deren Leben von der Wiege bis zur Bahre eine ewige Tantalusqual ist! Wie viele solcher Tantalusse zählt besonders Paris, das so reich an Genüssen und so überreich an Armut ist! Es war an einem abscheulichen Dezembertage. Der Himmel wußte in seiner bösen Laune nicht recht, ob er sie im Regen oder im Schnee auslassen sollte. Es wehte ein kalter, feuchter, schneidender Wind, der mich zwang, mich enger in meinen Mantel zu hüllen, als ich eine Restauration auf dem Boulevard Poissonniere verließ. Ich wollte nach Hause eilen, als mir an der Ecke der Faubourg Montmartre ein Mensch auffiel, der mit peripatetischen Schritten dem Boulevard des Italiens zuging. Solche Schritte bei solchem Wetter und in solchem Anzuge! Der Mann hatte fast gar nichts auf dem Leibe; denn seine Blouse war sozusagen nur eine baumwollene Löchersammlung, mit welcher sich der mitleidslose Nordostwind die dümmsten Späße erlaubte; und was seine Beinkleider betrifft, so konnte man nicht sagen, ob diese aus weniger Zeug oder aus mehr Löchern bestanden als seine Blouse. Seine zerbrochenen Schuhe – sie waren von Holz – schienen gegenüber den geschickten Operationsversuchen, von denen sie merkwürdige Spuren trugen, sich als unheilbar erwiesen zu haben. Auf dem Kopfe trug er ein bonnet de police, das vielleicht schon sein fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert oder vielleicht gar die viertausendjährigen Pyramiden gesehen hatte; wenigstens sah man es dieser Mütze an, daß sie ihre Jugendjahre nicht auf diesem Kopfe zugebracht. Sein struppiger, schwarzer Bart, in welchen manches graue Haar sich einmischte, umgrenzte ein narbenreiches Gesicht, das von Mut, Ausdauer und Entschlossenheit zeugte. Aber es lag auch etwas Elegisches in diesem Gesicht, das unwiderstehlich anzog. Wie fast jeder Franzose hatte mein Peripatetiker die Hände in den Hosentaschen. Ich folgte ihm wie sein Schatten. Vor dem Schaufenster eines der größten Marchand de Comestibles der Boulevards machte er halt und richtete sein schwarzes Auge auf die kostbaren Schätze, die hier in den malerischsten Gruppierungen lagen. Nur in Paris sieht man dergleichen Herrlichkeiten; ich will es daher versuchen, ein solches Schaufenster zu schildern. Unmittelbar um einen kleinen Springbrunnen, der aus der Mitte eines von zierlichem Moose umkränzten Beckens sprudelt, in welchem allerliebste Goldfischchen sorgenfrei spazierenschwimmen, liegen höchst anmutige Leichen von wilden Enten, Feldhühnern und Fasanen; zwischen ihnen, in romantischer Abwechselung, mehrere interessante Schnepfen, die langen Stecher zwischen Moos versteckt. Hinter diesen Seglern der Lüfte sieht der Neugierige mehrere Seebewohner, gigantische Hummern, teils noch lebend, teils abgekocht, teils ganz, teils malerisch in zwei Hälften gespalten, damit das Auge des Feinschmeckers sich an dem innern, schneeweißen Fleische ergötze, das so herrlich in der purpurroten Schale prangt. Hinter diesen Hummern viele der groteskesten Seefische, unter welchen man auch wohl einen Salm oder einen riesigen Hecht gewahrt, der im Leben mehrere tausend Meilen von denen getrennt war, mit welchen er jetzt in nachbarlichem Frieden liegt, um vielleicht nach Sonnenuntergang von einem aristokratischen Magen gemeinschaftlich verdaut zu werden. Hinter den Fischen, in amphitheatralischer Erhöhung, einige Hasen, die gebrochenen Auges auf einen gekrönten Wildschweinkopf blicken. Man kann sich kein wohlschmeckenderes Naturalienkabinett denken. Aber das ist bei weitem noch nicht alles. Auf dieser Seite ist nur der Hautgout vertreten, und es gehört schon ein wissenschaftlich gebildeter Magen dazu, um diese Dinge mit Bewußtsein verdauen zu können. Auf dieser Seite ist die Würde, auf der ändern aber ist die Anmut. Da sieht man gebratene Kapaune von unbeschreiblicher Grazie; farcierte Welsche, die menschenfreundlich jeden Vorübergehenden anblicken; Straßburger Gänseleberpasteten, die zwar sehr schwer zu verdauen, aber sehr leicht zu essen sind; geräucherte Zungen, so schön gebräunt, als ob sie ein Maler lackiert hätte; Hamburger Rindfleisch, das jedem deutschen Patrioten Tränen der Rührung aus dem Auge lockt, und Würste von allen Enden der Welt. Hier und dort ragt aus diesen bunten Fleischmassen eine unschuldsreine Schüssel, gefüllt mit Perigordtrüffeln, die in Champagnersauce ertrinken. An der Decke brünette Schinken und Hammelskeulen und im Hintergrunde eine Reihe von Ananas, Orangenpyramiden, Maronen, Konfitüren und alles, womit eine lebhafte Dichterphantasie das Land der Schlaraffen auszuschmücken pflegt. Der Peripatetiker betrachtete diese Herrlichkeiten mit einem Auge, mit welchem vielleicht einst Moses von den Höhen des Berges Nebo ins Gelobte Land geblickt. Er sah aus, als ob er sagen wollte: »Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist teuer.« Nachdem er ungefähr fünf Minuten vor diesem Schaufenster gestanden, ging er gedankenvoll weiter und blieb dann plötzlich vor einer der größten Restaurationen stehen. Ich wußte nicht, was ihn veranlaßte, so schnell haltzumachen, bis ich näher trat und mir aus der unterirdischen Küche dieser Restauration die würzigsten Düfte entgegenströmten. Die Nasenflügel meines Peripatetikers hatten sich weit geöffnet, und er sog diese Düfte mit heißer Begier ein. Aber in seinen Gesichtszügen lag ein heftiger Verdruß. Der arme Mann schien die Ordnung zu lieben und ärgerte sich nun, daß er diese verschiedenen Düfte so durcheinander einatmen sollte. Wie man nach der Karte speist, wollte er gerne nach der Karte riechen. Das sah man ihm deutlich an. Man sah ihm aber auch an, wie sein armer Magen sich empörte über die Schwelgerei seiner reaktionären Nase, die sich so selbstsüchtig den üppigsten Genüssen ergab. Nach einer Weile genossenen Duftes schob mein Tantalus die Mütze mehr nach dem linken Ohre und kratzte sich hinter dem rechten, was anzudeuten schien, daß er von der Zwecklosigkeit seines Weilens überzeugt sei und daß er seiner unbeschäftigten Verdauung keine gerechte Ursache zur Empörung geben wollte. In dem Augenblicke aber, als er sich entfernen wollte, ging die Türe des Restaurationssaales weit auf, und heraus trat ein Mensch, so dick, als hätte er eine Kesselpauke verschluckt, und so zufrieden, als dächte er noch gar nicht daran, im eigenen Fette zu ersticken. Er stocherte sich die Zähne, schob meinen Peripatetiker, der ihm im Wege stand, beiseite, schlug den Kragen seines Marderpelzes in die Höhe und schritt einem benachbarten Kaffeehause zu. Mein Peripatetiker sah ihm eine Weile nach und ging dann langsamer weiter. Aber schon nach einigen Schritten machte er wieder halt. Er befand sich vor den Fenstern eines Geldwechselbureaus. Hinter diesen Fenstern lagen im eigentlichen Sinne des Wortes Schätze aufgehäuft. Goldene Berge von Napoleondors, darunter Hochebenen von englischen Sovereigns und Kremnitzer Dukaten, dann einige anmutige Höhenzüge von alten Münzen und Medaillen und hinter diesen ein hohes Schneegebirge von Fünffrankenstücken bildeten eine höchst romantische Gegend, die mein Peripatetiker nicht nur wie ein Natur freund , sondern wie ein Natur forscher zu betrachten schien. Die Papierschätze, wie z.B. die englischen und französischen Banknoten, die hier nachlässig wie alte Waschzettel herumlagen, schienen seine Aufmerksamkeit weniger in Anspruch zu nehmen. Aber ich sah es ihm an, daß er nach und nach in große Verlegenheit geriet. Diese Verlegenheit bestand nicht darin, wie er zu diesem Gelde kommen sollte, sondern wie er es am besten verwenden könnte, wenn er im Besitze desselben wäre. Ich sah, wie er in seiner Phantasie die Materialien zu seinen Luftschlössern zusammentrug, wie er sie baute, wie er sie aufs prachtvollste möblierte, wie er über die Stellung der Möbel nicht mit sich einig werden konnte. Vielleicht ärgerte ihn die zahlreiche Bedienung; vielleicht grollte er dem Mohren, weil er ihm ein kostbares Porzellangeschirr zerbrochen: vielleicht zürnte er seinem Kutscher, daß er das Handpferd nicht gut eingeschirrt. Wer kann das wissen? Die reichen Leute haben ja so viel Ärger! So stand er denn eine geraume Zeit vor diesen Fenstern und weidete sein hungeriges Auge an diesem gemünzten Kalifornien, bis ihn ein heftiger Windstoß daran erinnerte, daß seine Blouse keinen Schutz vor den Mißhandlungen des schneidenden Windes gewähre. Er steckte, nachdem er sich wieder bedeutungsvoll gekratzt, die Hände in die Hosentaschen, warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf die schöne Natur hinter den Fenstern und ging weiter. Aber ein Pelzladen, der in der Nähe des Wechselbureaus war, fesselte wieder seine ganze Aufmerksamkeit. Welcher Pelz wärmt am meisten? Welcher steht am schönsten? Diese Fragen schienen den Blousenmann, der leider sonst keine Beschäftigung hatte, sehr zu beschäftigen. Er forschte unter den Zobel- und Astrachanpelzen; er prüfte die Bären- und Fuchspelze mit scharfen Blicken, und man sah, welche Qual ihm die Wahl machte. So ging es von einem Laden zum andern, bis er an die Ecke kam, wo die Rue de la Chaussée d'Antin in die Straße St-Lazare mündet. Hier ist ein Cabaret, eine kleine Kneipe, wo man für einige Sous Vergessenheit aller Leiden trinken kann. Mein Peripatetiker machte vor der Türe dieses Cabarets halt und fing an, seine Taschen zu examinieren. Sie bestanden aber leider die Prüfung nicht. Er fand in denselben nichts als eine Täuschung. O es lag eine stille Verzweiflung in dem Antlitze dieses Menschen, ein gewisser Trotz, wie man ihn nur auf den Gesichtern der Franzosen sieht, die, wenn selbst vom bittersten Hunger gequält, sich doch nie zu Bettlern erniedrigen. Wie aus Versehen ließ ich einige Frankenstücke zu Boden fallen. Mit jener den Franzosen angeborenen Artigkeit beeilte er sich, die rollenden Münzen aufzuraffen, und als er sie mir wieder zuzustellen sich anschickte, schlüpfte ich um die Ecke. Erst als ich eine lange Strecke auf der Straße St-Lazare, dem Place du Havre zu, zurückgelegt, wendete ich mich um. Ich sah den Blousenmann eiligst den Weg nach der Rue de Clichy einschlagen. Er war also nicht in das Cabaret gegangen. Vielleicht eilte er nach Hause, um einer darbenden Familie einen frohen Tag zu bereiten. Für ihn, der so große Reichtümer in einer so kurzen Zeit gesehen, für ihn waren zwei Franken ein Reichtum. Wieviel tausend Menschen leben in Paris, die bei Sonnenaufgang nicht wissen, wie sie bis Sonnenuntergang ihren Hunger stillen! Wie viele Menschen gibt es in Paris, deren ganze Lebenszeit eine Fastenzeit ist! Aber wohin sie das Auge wenden, sehen sie Reichtum und Üppigkeit. Jeder dieser armen Menschen ist ein Tantalus, dem die goldenen Früchte des Lebens die durstigen Lippen berühren. Nirgendwo in der Welt lebt der Glückliche so glücklich wie in Paris; nirgendwo aber lebt der Unglückliche so unglücklich wie in dieser Riesenstadt, wo dem Reichen sich alle irdischen Genüsse darbieten und seine dreistesten Wünsche auf die Erfüllung nicht zu warten brauchen. Für die Armen ist Paris eine Hölle, für die Reichen ein Paradies; aber die Paradiesbewohner kümmern sich wenig um die Höllenqualen der Armen. Und dennoch gibt es eine Qual, die ebenso furchtbar ist als die Qual der Armut. Es ist das ohnmächtige Mitgefühl. Es gibt tausend arme Teufel, und ich gehöre darunter, die keine Not sehen können, ohne aufs tiefste erschüttert und ergriffen zu werden, und die zornig die Faust ballen, weil ihr guter Wille so sehr selten der Vater einer guten, einer rettenden Tat werden kann. Ein solch armer Teufel leidet mehr, als die Philosophie der reichen Teufel sich je träumen läßt. Die Freiheitsbäume und die Julisäule Eine reaktionäre Regierung kann keine größern Dummheiten begehen, als kleinlich zu werden. Jedes Volk verträgt eher eine großartige Tyrannei, die, ihrer Macht sich bewußt, wie das unerbittliche Schicksal furcht- und schonungslos drückt, als jene Duodez-Tyrannei, die aus Angst vor ihrer eigenen Schwäche die Freiheit meuchlings mit Nadelstichen überfällt. Eine solche Regierung wird überall verachtet, am meisten aber von dem französischen Volke, dem man nur durch große Taten, durch kühne Wagnisse imponieren kann. Die Regierung Louis Napoleons ist kleinlich, ohnmächtig, albern. Seit ihrem Bestehen begeht sie eine Dummheit nach der andern, um das Volk zu einer vorschnellen Tat zu bewegen; aber das Volk wird immer klüger, je dummer seine Regierung wird. Es ist unglaublich, wie ungeschickt die Menschen, denen jetzt das Staatsschiff Frankreichs anvertraut ist, das Steuer lenken. Es ist unglaublich, wie wenig diese Leute das französische Volk kennen! Seit anderthalb Jahren gehen sie, wie die Katze um den heißen Brei, um den Coup d'état herum und können ihn doch nicht zustande bringen. Sie meinen, das Volk müßte am Ende die Geduld und die Besinnung verlieren und dann könnte man der Republik gefahrlos den Garaus machen. Aber das Volk hat diese Absicht längst entdeckt. Es verhält sich ruhig und lernt durch die Verblendung seiner Regierung die eigene Stärke kennen. Da haben diese Menschen geglaubt, das französische Volk würde gleich auf die Barrikaden steigen, wenn man die in den glorreichen Februartagen gepflanzten Freiheitsbäume umhackte. Sie haben geglaubt, die heißblutigen Pariser würden wieder Barrikaden bauen, und dann könnte man leicht die Republik über die Klinge springen lassen, damit der Absolutismus, das Pfaffentum und die Hautefinance wieder sorglos schlafen und Zar Nikolaus in Petersburg, dem seit dem 24. Februar 1848 die Falten nicht von der Stirne weggekommen, wieder ruhig lächle. Aber das Volk hat der Mißhandlung der unschuldigen Bäume ruhig zugesehen und sich nur geschämt, daß Frankreichs Regierung so maßlos albern ist. Die armen Freiheitsbäume! Als ich sie zum ersten Male sah, es war im Oktober, machten sie auf mich den trübseligsten Eindruck. Der Herbst hatte sie bereits entlaubt, und mit den an den kahlen Ästen hängenden, durch häufige Regen verwaschenen und zerrissenen Trikoloren trieb der Wind seinen kalten Spott. Viele dieser Bäume waren durch frevelnde Hand beschädigt; an manchen sah man sogar tiefe Spuren von Äxten und Messern. Dies war besonders an jenen Bäumen wahrzunehmen, die in reaktionären Quartiers standen. In der Tat, sie sahen sehr gramvoll aus, diese Bäume. Ahnten sie vielleicht den ihnen bevorstehenden Meuchelmord?–Nun rückte die Zeit der Ergänzungswahlen heran. Man fürchtete die Eroberung der Februarrevolution, das Suffrage universel. Die Majorität fürchtete, die Minorität könnte wachsen. Man mußte also das Volk ärgern, necken, reizen und zu einer Emeute bewegen, um dann einen plausiblen Grund zum Belagerungsstande zu haben. Der Polizeipräfekt Carlier, der fanatische Sachwalter der roten Reaktion, schickte also Ende Januar seine Leute aus, um den Freiheitsbäumen den Garaus zu machen. Einige Dutzend Bäume fielen; aber das Volk machte leider keine Emeute. Da kamen die klugen Leute auf den Einfall, dieses großartige Werk der Ferdinand Barrotschen Politik nicht auf einmal zu vollziehen, sondern dem Volke Zeit zum blutigen Aufstande zu lassen. Eine ganze Woche dauerte dieses Umhacken der Bäume; aber das Volk war nicht zum Aufstande zu bewegen. Man hatte die Äxte umsonst geschliffen. Am 4. Februar wurde es etwas bedenklich auf der Rue St-Martin; allein gründliche Sachkenner, die sich auf Revolutionen gut verstehen und in den Physiognomien der Pariser deutlich zu lesen wissen, sagten gleich, daß die ganze Komödie mit einer Blamage für die Regierung enden würde. Als ich am 4. Februar meine Wohnung verließ, sah ich auf dem Place du Havre etwa hundert Menschen stehen. Dort war soeben der Freiheitsbaum umgehackt worden. Er war einer der schönsten gewesen. Auf dem umgehauenen Stamme saß der Arbeiter, der das Werk vollbracht hatte. Ich werde ihn nie vergessen, diesen Menschen mit den aufgeschürzten Ärmeln und mit dem schwarzen, krauslockigen Kopfe. Die gewaltigen Ellenbogen auf die Knie, den Kopf auf die riesigen Hände gestützt, saß er schweigend und bewegungslos da und starrte finster vor sich hin. Er sah aus, als ob er einen Mord begangen hätte. Es hatten sich mehrere Gruppen von Männern, Weibern, Greisen und Kindern gebildet. Einer war besonders heftig und schrie, indem er auf den umgehauenen Stamm zeigte: »Quelle barbarie! C'est une provocation. On enlève ce symbole de liberté pour irriter le peuple, pour le forcer à la révolte; cela est clair.« Ein schmächtiges Männchen aber, mit einem feingeschlitzten Munde und mit halb zugekniffenen Augen, sagte: »Il y a parmi nous des agents provocateurs, c'est clair aussi«, warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Redner, zuckte die Achseln und ging. Die Gruppen hatten sich dichter aneinander geschlossen, als ein etwa vierzehnjähriger Knabe, ein echter Gamin, mit einem von dem Freiheitsbaum abgerissenen Span in der Hand, die Menge mit den Worten teilte: »Laissez passer, messieurs et mesdames. Voilà un morceau de liberté!« Man lachte und ging auseinander. Als ich den Place du Havre verließ, begegnete mir einer meiner Freunde, der mir sagte, daß auf der Rue St-Martin das Volk dem Umhacken des dort stehenden Freiheitsbaumes sich widersetzte. Ich schlug den Weg dahin ein. Die Boulevards, die durch das schönste Frühlingswetter sehr belebt waren, zeigten die freundlichste Physiognomie. Auf der Rue St-Martin sah man wohl hier und dort eine kleine Gruppe; aber keine einzige dieser Gruppen hatte ein revolutionäres Ansehen. Gegen Abend zogen mehrere Bataillone nach den aufgeregten oder vielmehr nach den aufzuregenden Quartiers. Als ich gegen neun Uhr mich dorthin begeben wollte, konnte ich nur bis zur Porte St-Martin kommen. Eine außerordentliche Menschenmenge drängte sich auf dem Boulevard St-Denis und St-Martin. Vor einem der dortigen Kaffeehäuser stand ein großer Freiheitsbaum. Auf diesen Freiheitsbaum wurde unter dem Absingen der Marseillaise und des Girondistenliedes die Trikolore gepflanzt, nicht die rote Fahne, wie am ändern Tage die reaktionären Blätter behaupteten. Das Volk dachte gar nicht daran, diesen Baum vor den Schergen Carliers zu verteidigen; es schmückte ihn nur, um zu zeigen, daß es die Februartage nicht so leicht vergessen wie die Regierung, die nichts lernen wollte. Das Volk war an jenem Tage durchaus nicht bestürzt. Es fühlte sich erstarkt durch die Schwäche der Reaktion, die durch Vernichtung unschuldiger Pappelbäume die Republik zu vernichten glaubte. Was aber Ludwig Napoleon betrifft, so hat er mit diesen Bäumen die letzte Wurzel ausgerissen, mit der er in Frankreichs Boden haftete. Er hat dem Pariser Volk die Freiheitsbäume vor die Füße geworfen, und er wird einst darüber stolpern und das Genick brechen. – Nun hätte man denken sollen, daß die Regierung, durch diese mißlungene Provokation gewitzigt, künftig wenigstens etwas behutsamer, etwas vorsichtiger, wenigstens etwas geistreicher in ihren Reaktionsgelüsten sein würde. Aber es geschah das Gegenteil. Der nächste dumme Streich, den sie in ihrem Provokationseifer machte, war noch viel dummer als der vorhergehende. Wahrhaft verzweifelnd, daß das Volk zu keiner Emeute zu bewegen war, entschloß sie sich, dasselbe in seinem Teuersten anzugreifen, das Allerheiligste seines Herzens durch Schergenhand entweihen zu lassen. Das Volk, welches sich am 24. Februar aller Manifestationen enthielt, konnte doch nicht umhin, die Juliussäule, unter der seine Edelsten und Besten schlafen, mit Kränzen zu schmücken. Während der Nacht aber schickte Herr Carlier einen seiner Agenten, der die Kränze wegnahm. Das Volk war über diese Schandtat, deren kein Vandale fähig gewesen wäre, mehr als empört; es war von einem unbeschreiblichen Ekel gegen eine Regierung erfüllt, die sich selbst der allerschmutzigsten Handlung nicht mehr schämte. Als Charles Lagrange am andern Tage in der Assemblée nationale den Minister des Innern wegen dieser Greueltat interpellierte, antwortete Herr Ferdinand Barrot, daß jener Agent, der sich der Entweihung der Gräber schuldig gemacht, bereits entlassen worden. Wie hieß aber dieser Agent? Und welche Behörde war es, die ihm diesen Befehl gegeben? Auf diese einfachen Fragen, die sämtliche demokratische Blätter an die Regierung richteten, erfolgte als Antwort der Austritt Ferdinand Barrots aus dem Ministerium. "Weil er den Mut gehabt, den Herrn Carlier zu desavouieren, wurde er diesem geopfert. Wie rächte aber das Volk den Schimpf, den die verblendete Regierung seinen teueren Toten angetan? Wie ein feinfühlendes Volk sich rächen soll. Kaum war nämlich die Kunde von der nächtlichen Heldentat des Herrn Carlier bekannt geworden, als Tausende aus dem Volke sich an die Juliussäule begaben und das Gitter derselben mit frischen Kränzen schmückten. Ich werde niemals den Eindruck vergessen, den der Anblick dieser Säule auf mich machte. Das Gitter, welches dieses schöne Monument umgibt und mehrere hundert Fuß im Umfange hat, war von vielen tausend Kränzen verhüllt und mit unzähligen Lorbeerzweigen, Blumensträußen und wallenden Bändern geschmückt. Aber noch immer strömten neue Massen mit frischen Blumengewinden herbei. Zwischen diesen Kränzen, Blumengewinden und wallenden Bändern hingen Gedenktafeln und Gedichte an so manchen Helden, der Weib und Kind, Eltern und Geschwister verlassen, um im Kampfe für die Freiheit sein Blut zu verspritzen. Diese Gedichte waren zwar nicht immer orthographisch, aber sie waren innig, schön und rührend. Hier und dort waren große Zettel angeheftet, auf welchen unter der Überschrift: Respect à la loi! jener Artikel des Code penal stand, der von der Entweihung der Gräber handelt. Ich sah die ärmsten Kinder das Soustück, das ihr ganzes Vermögen ausmachte und vielleicht für ein Stück Brot bestimmt war, für ein Veilchenbouquet hingeben, das sie an das Gitter befestigten. Ich sah arme Ouvriers mit rußgeschwärzten Gesichtern und schwieligen Händen mehrere Franken für Lorbeerzweige und Immortellenkränze ausgeben. So wußte das Volk den Schimpf zu rächen, den man an seinen Toten begangen. Diese Blumensprache aber, in der das Volk mit seiner Regierung nach dem 24. Februar redete, ist die revolutionärste Sprache, die es hätte sprechen können. Die Regierung hat in ihrem blinden Wahne die Gräber der Helden entweiht, und das Volk hat mit Immortellenkränzen auf diese Schmach geantwortet. Die Reaktion hat bei dieser Gelegenheit wieder gezeigt, daß sie nichts gelernt; aber das Volk wird ihr einst zeigen, daß es nichts vergißt. Das Volk schweigt; aber wehe der Reaktion, wenn es einst zu sprechen anfängt! Bogumil Goltz Ein Kleinstädter in Ägypten Alexandria Wer nie auf dem Meere eine längere Reise gemacht, wer nicht die große, gewaltige Abgeschlossenheit von der lebendigen Welt gefühlt und noch nicht, tagelang schwankend auf dem trüglichsten Elemente, nur den Himmel über sich und des Himmels Trugbild–das Meer mit seinen leichenbegierigen Ungeheuern–unter sich gesehen, wem die furchtbaren hungrigen Zungen der Sturmwoge noch nicht den Leib geleckt und wem die düstre Wolkensturmglut noch nicht ins Auge geleuchtet hat, der kann die Wonne des Seefahrers nicht ermessen, wenn es vom Mastkorbe herunterschallt: Land! Land!    Julius Mosen Das Vergnügen sprang wie ein Gassenbube über sein Gesicht.    Laubes »Reisenovellen« Um Mitternacht erschien das Fanal–das Feuer des Leuchtturms von Alexandrien–wie ein Abendstern ganz niedrig am Horizonte. Die Maschinen wurden angehalten, und ich legte mich mit der Gewißheit in meine Koje, am andern Tage den neuen Weltteil zu schauen. Mit Sonnenaufgang kam der arabische Pilot auf das Schiff. Als ich das Verdeck betrat, fiel zuerst mein Auge auf ihn. Er stand auf dem Radkasten und gab im Vollgefühl seiner Würde, obgleich mit nackten Beinen und lichtblöde »zwinkernden« Augen , Zeichen, indem er von Zeit zu Zeit den linken Arm erhob–denn in der rechten Hand hielt er eine Tasse Kaffee. Es ist einem wunderlich zumute, wenn man zum erstenmal so ein Exemplar aus einem ändern Weltteil und Glauben vor sich sieht: man begreift kaum, wie so einer mit Anstand Kaffee trinken kann, aber ich hatte bald mehr zu tun: Die Welt der Palmen, der Ruinen, der Kamele, der halbnackten Araber, der Wüsten, der Kalksteinfelsen, die ich bis dahin nur aus Büchern, Maskeraden und Dekorationen kennengelernt hatte, lag jetzt vor meinen poetisch verdutzten Sinnen, und ich wunderte mich gewissermaßen, daß ich das so aushielt und nicht ganz und gar außer mir geriet. Ich dachte mir bis dahin, man könnte gar nicht mehr derselbe bleiben in dem Augenblicke, wo man eine funkel-hagel-nagelneue Welt zu sehen bekäme ; aber ich habe von Anfang bis zu Ende erfahren, daß und wie man unter keinen Umständen aus seiner Haut zu fahren vermag, wiewohl ich zugleich bemerken muß, daß allerdings diejenigen Augenblicke die genugtuendsten sind, in denen unseren Sinnen das als handgreifliche Wirklichkeit entgegentritt, was soviel Jahre und ein halbes Leben hindurch nur Gedankending und Einbildung war . Diese auf der Überfahrt wenig vorbereitete Übersetzung von Europa in Afrika, diese plötzlich meinen innern und äußern Sinnen vorgezauberte neue Welt, mit ihren ganz neuen Lebensarten und Erscheinungen, für die ich gleichwohl die alten fünf Sinne behielt: das war es eben, was mich die ersten Stunden in den Straßen von Alexandrien wie ein Wachträumen umfangen hat. Wir fuhren bald in den gewaltigen Hafen ein. Das waren imposante Szenen um uns her. Uns umgaben ägyptische Kriegsschiffe, Fregatten und Dreidecker, englische Dampfer, Schiffe aller Nationen und ein Gewimmel von Böten, deren eine Masse wie im Angriff auf unser Schiff losfuhr. – Auf ganz niederer Küste lag lang und schmal, wie ein versteinertes Meerungeheuer, Alexandrien mit seinen weißen würfelförmigen Häusern, mit seinen weitläufigen, auf Felszungen weit ins Meer vorgeschobenen Festungswerken, seinen hundert achtflügeligen Windmühlen und seinen schlanken Minaretts. In dem Augenblicke, als so die letzten Passagiere, in einer Hast, wie wenn Tod und Leben vom raschen Ans-Land-Kommen abhinge, sich in die Böte warfen, überfiel mich doch eine Art von Besorgnis und Verzagtheit, wo ich denn in der wildfremden Stadt bleiben und wie ich da mit den Leuten konversieren würde; denn ich mißhandle, zeichenrede und drille nur französisch aus den barbarischen Schulzeiten her und habe erst später auf der Reise etwas Arabisch und Italienisch in puren Todesnöten gelernt. Wie ich nun so ratlos dastand, offerierte mir ein ganz manierlicher und fein ausschauender Garçon oder Kommissionär irgendeines großen Hotels, der mit den Barken-Arabern an Bord gekommen war, in französischer Sprache seine Dienste, Ich begab mich aber nur mit der Bedingung unter seine Leitung, daß er mir eine möglichst billige Privatwohnung zuweise, indem ich kein Engländer, sondern nur ein armer deutscher Bücherschreiber sei. – Ich muß dem Manne nachrühmen, daß er nach dieser ziemlich altfränkischen Offenheit von meiner Seite nichts an Artigkeit und Dienstfertigkeit von der seinigen verlor und auch so nobel und zugleich billig bis zu meinem Abschiede von Alexandrien verblieben ist. – Die Ausschiffung kostet für die Person, mit gewöhnlichem Gepäck, nur ein paar Piaster, also vier Silbergroschen oder höchstens deren sechs. Am Ufer empfängt oder zerreißt den Reisenden vielmehr eine durch Gewinnsucht wie rasend erscheinende Judenschule von halbnackten Eseltreibern (Kinder und Erwachsene), die wie besessen durcheinanderschreien, sich und ihre Esel anpreisen, sich durcheinanderstoßen, zanken und schlechtmachen und dem betäubten Fremden dermaßen tätlich zu Leibe gehen, daß er sich alles Ernstes seiner Haut wehren muß, wenn er nicht nolens volens auf einen Esel gesetzt und mit seinen Kisten und Kasten zu einem Hotel entführt sein will.–Wenn es geschähe, war auch nichts Übles dabei: denn diese armen nackten Eselbuben sind selbst mit ihren unverschämtesten Forderungen noch spottwohlfeil und im allgemeinen so verlässig und gutartig, als es kaum von einem Naturmenschen und Halbwilden erwartet werden kann. Was mich aber nun betraf, so konnte ich mich schon in Rücksicht auf meine knappen Diäten nicht so den Zufälligkeiten und den nackten Humoren dieser arabischen Jugend überlassen. – Ich hatte einmal meinen Führer vom Schiffe her und stieß also die aufdringlichsten Naturmenschen mit so gutem Erfolg zurück, daß ich sofort Luft bekam. – Energische, das heißt handgreifliche Manöver bei wenig Worten und anscheinender Gelassenheit werden bekanntlich im unpolizierten Afrika wie im überpolizierten Europa und in der ganzen wilden wie gebildeten Welt am schnellsten und nachhaltigsten respektiert. Die Eseljungen unterhandelten nun mit weniger Schreiwut und Gewalttätigkeit, und einige waren sogar über die Art und Weise, mit der unter ihnen aufgeräumt worden, sichtlich amüsiert. Mein Führer verhielt sich bei dem kleinen Intermezzo so unbefangen und passiv, wie wenn er bei Wellenschlag gebadet oder ihm ein Wirbelwind den Hut vom Kopf gerissen hätte. – Er beschränkte sich in Worten und Werken auf die Notwendigkeit und drängte sich mit mir zur Dogana hindurch, die mit ihren Magazinen unweit des Landungsplatzes der Böte fast unmittelbar am Wasser liegt. Es war Freitag (der muhammedanische Sonntag); mein Lederkoffer blieb also im Magazin, die Ledertasche aber, die ich um den Leib hängen hatte, und mein Nachtsack, den ich in der Hand trug, wurden mir nach einem flüchtigen Betasten auf Verwendung meines Mentors, der ein Bekannter der Beamten zu sein schien, frei zurückgestellt, und zwar ohne Biergeld, hier » Bakschiesch « genannt, mit dem Akzent auf dem gedehnten » schiesch «. Und wenn einer stocktaub wäre, dies Bakschiesch hört er in Ägyptenland durch, und wenn er kein arabisches Wort weiter aussprechen und behalten lernte, diese Parole der ägyptischen Proletarier und der Eselbuben, dies » Bakschiesch « bekommt er vom ersten Augenblick fort. Es tönt ihm von einem Ende Ägyptens bis zum andern und über das Meer bis nach Haus – von Alexandrien bis zu den Katarakten und wahrscheinlich bis zu dem Orte, wo noch irgendein Reisender hingekommen ist und die Geldgier dieser armseligen nackten Menschen gereizt hat. – Dieser Bakschiesch also zeigt demjenigen, welcher die Nilquellen verfolgt, wie weit seine Vorgänger vorgedrungen sind. Von diesem Trinkgelde, Gastgeschenk oder Ehrensold, von diesem Fremdentribut und Reisezoll – diesem metallischen Andenken –, diesem silbernen Hammerschlag , den man insbesondere den lebendigen Bildsäulen der reisenden Engländer abzuschlagen und abzudividieren versteht, träumt und spricht der arme Araber, der orientalische Eckensteher, der Fellah, der Eseljunge oder Kameltreiber, der Bettler, Proletarier und Taugenichts, wo er geht und steht; und wo er nun den Geber dieses höchsten Gutes erblickt, da stürzt er ihm mit dem verhexten und wahnwitzig-leidenschaftlichen Geschrei: » Bakschiesch , Howaje«, »Bakschiesch, Effendi« (»Jassihdi« oder »Kawadje«), »Herr, ein Trinkgeld«, auf den Leib! Ein ältlicher halbnackter Lumpenkerl von Araber trug meinen Handsack für 1 1/2 Piaster, das ist für 3 preußische Silbergroschen, zur Locanda »Bella Venezia«. Diese Speisewirtschaft zweiten Ranges hatte mir auf dem Schiffe einer der beiden Gesundheitswächter rekommandiert, die von Triest aus zu unseren bessern Beglaubigung und Kontrolle mitfahren mußten, weil am letztern Orte die Cholera ausgebrochen war – und nur dieser Vorsichtsmaßregel verdankten wir eben die Prattica, das heißt die Erlaubnis, in Alexandrien ans Land zu gehen. Mit Zittern und Zagen sahen wir also der Prattica entgegen, und siehe da, die Praktiken waren diesmal nicht so mächtig wie Liberalismus und Vernunft. – Das sind so einige »Abschnitzel« von den Ängsten, Widerwärtigkeiten und Besorgnissen, von dem Ungeheuer »Reiseunbequemlichkeit«, »Reisezufälligkeit« und »Reiseabenteuer« , mit dem man nach Afrika und dem Oriente zu Schiffe gehen muß!–Weiterhin mehr davon, nämlich auf dem Nil. – Gleich beim Ans-Land-Steigen hatte ich ein Phantasieabenteuer , das gar leicht und spaßig durch ein bißchen Besinnens und kalt Blut in die gemeine Ordnung der Dinge ausgedeutet wurde; aber nicht alle Reiseabenteuer werden so wohlfeil und erbaulich applaniert. – Ich sah nämlich unter dem Getümmel von Eseltreibern auch Esel und Kamele, mit eben gefangenen Seetieren von unerhörter Gestalt beladen. Sie sahen ungefähr wie eine fabelhafte Robbenart, wie ungeheure, ziegengroße Maulwürfe oder neuholländische Schnabeltiere aus, denen der Kopf bereits abgeschnitten war–und wie Gott den Schaden meines überrumpelten Verstandes besah, da waren jene unbekannten triefenden pechschwarzen Seetiere Wasserschläuche von behaarter schwarzer ganz gelassener Ziegenhaut .–Selbst der Hals und die halben, abgeschnittenen Beine werden zugebunden und an dem Felle gelassen, welches, vom Wasser aufgetrieben und robbenglatt geworden, der exaltierten Einbildungskraft eines Ankömmlings im Wunderlande Afrika in einem kuriosen Augenblick wie ein Wundertier erscheinen kann. Ich wanderte nach dieser Enttäuschung, nichts weniger in unerhörter Stimmung und Spannung, durch ein Wirrsal von engen und weiteren ungepflasterten Gassen, auf kalkigem, unebenem, überall mit allen möglichen Abgängseln verunsäubertem Boden, zwischen Häuserwürfeln, die ohne eine Spur von Dach, aber mit unregelmäßig angebrachten Speicherluken, vergitterten Fensterlöchern und elenden Jalousien, gleichwie mit Magazinen und Arbeitsräumen im Erdgeschoß versehen waren, und drängte mich zuletzt weiter fort, durch einen von Menschen wimmelnden Basar, unter lauter halbnacktem, beturbantem oder bemütztem Gesindel (fast wie die polnischen Juden in kleinen Städten anzuschauen). – Nicht lange, so waren wir in der Speiseanstalt zur »Bella Venezia« angelangt, allwo eine Dame, von der intimsten Bekanntschaft meines gefälligen Führers, mir auf dessen Empfehlung ein erträgliches Zimmer im zweiten Stock gegen eine tägliche Entschädigung von sieben Piastern (14 Silbergroschen) abtrat. Das Mittag an der Table d'hôte im Erdgeschoß, wo man italienische Küche nach der Karte verspeisete, kam für einen mäßigen Gast mit Rotwein und einem Nachtisch, der aus frischen Datteln und schönen Weintrauben bestand, zehn bis zwölf Silbergroschen zu stehen.–Die halbe Quartflasche Rotwein wird dabei ungefähr mit drei Silbergroschen berechnet, da derselbe von 100 Taler Wert nur 5 Taler Eingangssteuer zahlt, und die Sorte trinkt sich, zumal mit dem Wasser des MahmudiKanals, ganz so gut wie der rote Gerbewein , welcher, bei einem Preise von 15 bis 20 Silbergroschen die 3/4 Quartflasche, in den kleinen, unschuldigen westpreußischen Landstädten ungefähr so wunderschön wie rote Dinte zu schmecken pflegt, zu welcher noch ein bißchen schwarze als Likör gegossen ist; probatum est, geliebter Leser – probiere es, reise nach Westpreußen, in die Immediatstädtchen , versteht sich, bleibe da über Nacht bei dem zutulichen Gewürzkrämer oder dem Apotheker, dem Vielgewandten, nimm deinen Nachttrunk in rotem oder weißem Wein, und sieh dann zu, ob, dem biblischen Versprechen zufolge, dein Herz erfreut und deine Gestalt (das heißt zunächst dein Gesicht) schön oder verzerrt werden wird. Aber darauf verlaß dich, schlafen wirst du, falls dir die Gurtenbettstelle nicht durchreißt und der sogenannte Zapfen im Halse vom Niedrigliegen mit dem Kopfe nicht herabfällt und falls die am Bettende bloßliegenden Füße dich nicht von unten auf erwecken und falls dir nicht allerlei von demjenigen Malheur passiert, welches zum Beispiel in Schweinelieben-Mummelburg oder in Hühnerhorst, in Grün-Grasingen, in Flachsenfingen, in Kuhschnappel und Dusel-Zwieseln zu Hause zu sein pflegt. Ich habe mir diese Abschweifung im Interesse der westpreußischen Krähwinkelei und polizeilich taxierten Gastfreundschaft erlaubt, um von vornherein ersichtlich zu machen, daß ich keinesweges ein in jedem Betracht ungeprüfter, unvorbereiteter oder ein gar zu unbilliger und schikanöser Reisender bin. – Im Gegenteil: wer es in unsern paradiesartigen, noch im Kindesalter der Welt befindlichen » Immediatstädtchen « riskiert, wer allda Essen und Trinken, Wachen und Schlafen verassekuriert gehabt hat, der beklagt sich nirgend und niemals mehr auf dieser Welt. Wenn ich davon abstrahiere, daß die Fenster meines Zimmers unmittelbar auf den neuen Hafen hinausgingen, dessen Wellen bis an die Fundamente des Hauses brandeten und dort Bruchstücke von liegenden Granitsäulen glattschliffen, so konnte ich mich in heimatliche Träume wiegen: eine so echt jüdischpolnisch-westpreußische, kleinstädtisch-dörfliche, unverwüstliche, unverbesserliche, unergründliche, eine so weltenuntergangsmäßige , alle Versuchsreinlichkeiten sofort absorbierende chronisch historische Unreinlichkeit befand sich rund um mich her. Aber es war etwas Originelles und Pikantes dabei im Spiel, nämlich eine Kreuzung von italienischer und arabisch-ismaelitischer Schmutzerei. Meine Frau Wirtin Witwe, deren Porträt als Gasthausschild ausgehängt werden konnte, so frappant glich sie einer schönen Venezianerin. – Diese feine Dame hatte unter andern Luxusmöbeln und Lebensarten einen Nippestisch mit Jaspiskugeln, Muscheln, Mineralien, Straußeneiern und andern Raritäten des Landes, zum Beispiel mit Briefpapier, Dinte, geschnittenen Federn, Petschaft und Lack, und unter diesem Tische lag sogar bei der Nacht eine Hundemenagerie sans gene . Bei der ersten Begrüßung fand ich die edle Venezianerin in ihrer Rumpel- und Trödelkammer, mitten unter einem Haufen Schwarzzeuges, das, wie zur großen Wäsche, aus den Winkeln hervorgeholt schien; wie sich aber hinterdrein ergab, war das die Weißwasche , die Wohnstube und die ungestörte Lebensordnung des Tages – und ich närrischer Reisender hatte mich im stillen bereits über die Unordnung und Unreinlichkeit dieser vermeintlichen alexandrinisch-venezianisch-ismaelitischen Rumpelkammer mokiert. – Warum diese patent reinliche Witwe sich nicht bereits mit dem Herrn Gast- oder Hauswirt verheiratet hatte, begriff ich weiterhin keineswegs; denn draußen unter meinem Fenster, im Angesichte des brüllenden und weißschäumenden Meeres, befand und befindet sich noch auf einer Art von Balkon oder herausgebauten Estrade des ersten Stockes ebenfalls ein Schurr-Murr oder Museum von alten Kamel- und Eselsätteln, von Hühnerbauern und Schilfstühlen, von auseinandergegangenen Kisten, die von Palmblattstielen zusammengefügt werden, und von so verfertigten aufrecht gestellten Diwangestellen (ankareb), die wie die Rachegespenster der faulen arabischen Ruhe aussehen. – Und zwischen diesen garstigen verwesenden Scheiterhaufen der unverbrennlichen Schatten und Gespenster verbrauchter Lebensarten, Moden, Luxusartikel und Kommoditäten, da schiefstehen, balancieren, kippen und wippen, da wirrsalen, spuken, rosten und konversieren fort und fort hartnäckige ausgediente Eisenpfannen und Tiegel mit eingebrochenem Boden (die trotzigen Beine ratlos nach oben gekehrt), da greifen eingeplatzte kolossale Wasserkrüge Platz, die wie Totenurnen aussehen! – Diese Krüge, die nicht länger zu Wasser gehen, desgleichen die Hühnerbauer von Palmenzweigen, dazu die abgedankten Pack- und Reitsättel von Eseln und Kamelen, deren Knochen gleichfalls in der Wüste oder auf den Gassen der Städte bleichen, bilden den Grundstock, die bleibenden Elemente jedes ägyptischen Gerümpels auf innern Höfen und vereinsamten Balkonen, in finstern Speichern, Magazinen und am Sonnenlichte auf dem platten Dach. – Dieser unbegrabene Menschentrödel, den die Gespenster des Werkeltaglebens, der verreckten Moden und Komforts umspuken, hat für mich in allen Weltteilen und unter allen Bedingungen die abscheulichste Hades-Physiognomie . Der elendeste Friedhof ist eine bare Poesie, wenn man ihn mit solchen unbegrabenen, unvertilgbaren Fetzen und Abgängsein der Biographien, solchen auf den Markt und ans Tageslicht hinausgestellten nirgend und nie zur Ruhe kommenden profanierten Symbolen und Wahrzeichen unserer verendenden Historien und Wandelleichen vergleicht! Und dabei habe ich die Narrheit, daß ich mich darüber nicht zufriedengeben kann, was wohl der Schurr-Murr alles gewesen ist, wo er herstammt, wozu er gebraucht worden, ob er nicht noch zurechtgeflickt und ins Leben zurückgebracht werden könnte oder was andernfalls und zuallerletzt aus ihm geworden sein, zu welcher Zeit und bei welcher Gelegenheit zum Exempel so ein alter Filzhut , so eine alte, zähe Schuhsohle oder so ein gußeiserner Grapenfuß gänzlich verweset, zerrostet, zerstiebt und in die Atome aufgelöset sein wird. – Man begreift, es ist dies ein Thema, das in allen Haus- und Straßenwinkeln, in allen Kisten und Kasten und – was das Unvertilgbarste ist – in allen Winkeln der Seele immer wieder ersteht und auf jedem Düngerhaufen frische Nahrung erhält. Es sind diese Trödelmysterien ein Appendix zum Antiquitätenstudium und eine Contrebalance zur ästhetischen Archäologie, aber wer das auszubalancieren hat, kommt beinahe vom Verstand. Dabei sag ich mir indes zum Tröste: Wer die Hades- und Werkeltags-Geschichten der deutschen Kleinstädtereien und -staatereien, wer die symbolisch-allegorische Rummelei der irdischen Künste und Wissenschaften, der Konvenienzen und Politiken nicht in den wirklichen Polter- und Trödelkammern, in Bibliotheken, Museen, Archiven, Pergamenten, auf Auktionen, in Papiermühlen und hinter den Kulissen, wer die bei lebendigem Leibe krepierende Misere des irdischen Seins und Scheins nicht an ausgejubelten Jubelgreisen, an ausgesungenen und ausgeklungenen Lieblingssängerinnen, an den Aspasien im Spitale oder an ausgetrunkenen Champagnerflaschen, an »ausgeballerten« Schießmörsern, an durchlöcherten Transparenten, an abgebrannten Feuerwerken und ihren übriggebliebenen Drahtgerüsten, wer sie nicht an verblichenen Blumen, Bändern und Locken, an alten Chapeau-bas-Hüten und hackenlosen seidenen Strümpfen, an großmütterlichen Brautschuhen und Kothurn-Absätzen auf dem Miste, wer die Natur- und Menschengeschichten nicht bereits zu Hause an modernden Familienakten im Keller oder unter dem Dache, an der klassischen Literatur in Pfefferdüten, an metaphysischen Manuskripten auf einem Papierdrachen, an lyrischen auf geräucherten Gänsebrüsten, an vergilbten Liebesbriefen und Stammbuchblättern unter Lebens- und Todeswehen studiert hat, der begreift auch die ägyptischen Pyramiden und Obelisken, ihre Tempel, ihre Grotten, Gräber und Labyrinthe, ihre großen und kleinen Überbleibsel nimmermehr! Es ist in diesem Leben eines wie alles und eines in allem – überall ein Wechselspiel von Geist und Materie, von Trieb und Sättigung, von Steigen und Fallen, von Ebbe und Flut, von Entstehen und Vergehen, von Ruhe und Bewegung, von Sinn und Unsinn, von Schönheit und Häßlichkeit, von Licht und Dunkelheit, von Leben und Tod. – Es sind überall, im großen wie im kleinen, dieselben Historien, Prozesse, Lebensarten, Schicksale und Wirrsale, derselbe Sinn und Geist, dieselbe Gewissensmahnung, dieselbe Zeichensprache des Todes zum Leben, dieselbe himmlische Allegorie und Ökonomie, die den Tod ins Leben flechten darf – Wer Vaterlands- oder europamüde ist, wem die Zivilisations-, die Sozietätsmiseren und seine eigenen Bildungs- Vernünftigkeiten allzuviel Langeweile machen, wer mal ganz was Neues sehen und sich so recht nach Herzenslust auswundem will, der gehe, falls er noch nicht ganz und gar blasiert ist, direkt nach Kairo oder Alexandrien, am besten von Triest. Er tritt dann, fast ohne Vorbereitung, in eine unerhörte Welt. – Einem guten Alt-Preußen und Kleinstädter wenigstens kann es nicht kurioser im Monde vorkommen wie die ersten Stunden in diesem »Skenderih«. – Es ist ein sinnverwirrendes Durcheinander von Trachten, Sprachen, Nationen, Lebensarten, Zeitaltern, Anmahnungen, Ruinen, eine Kulturmosaik, die gleichwohl nur den Eindruck einer augenblicklichen Weltmaskerade oder Operndekoration macht. Hohe Dattelpalmen mit goldgelben und karmoisinroten Fruchtbündeln überragen die weißschimmernden Steinwürfel der Häuser, und die ganze Babel ist mit donnernden Meereswogen, die zu allen Hauptstraßen hineinschauen, in Naturszene gesetzt! Ich studierte das alles in einem kompletten Sinnentaumel, mit wollüstiger Neubegier. – Diese arabischen Proletarier mit nackten gelb- oder schwarzbraunen Armen und Beinen, in schmutzig-weißen und blauen ärmellosen Hemden, mit schmutzigen Turbanen oder roten Troddelmützen auf den Köpfen, diese Mahagonigesichter und Gliedmaßen in allen Farbenabstufungen bis zum blitzenden Kohlschwarz des Nubiers, diese hastige massenhafte und allgemeine Eselreiterei von Halbnackten und dann wieder von Honoratioren mit Prachtgewändern in Gold und Seide, von deutschen Handwerksleuten in deutscher Blouse, von italienischen oder englischen Lions, jene mit modernen Fracks und den feinsten Pariser Hüten, diese mit breitrandigen weißen Filzbedeckungen und mit allerlei Phantasiekledaschen kostümiert, dieses fragmentarische, grelle, kunterbunte, hastende Menschenwirrsal, durchschnitten von langen Zügen melancholisch brüllender, Speichel schleudernder, mit Palmenseilen gekoppelter hintereinander drauflos tapsender Wüstenkamele – diese erste Schmeckprobe von einem in alte und neue Wunder gehüllten Heiden-Weltteile benahm mir Adepten dergestalt den Kopf, daß ich instinktmäßig nach der Taschenuhr griff, ob sie nicht zugleich mit meiner armen eingeäscherten Christen- und Kleinstädterseele vor Verwunderung stehengeblieben wäre. Ein paar muntere, echt deutsche graulich bescheidene Sperlinge, die mir die vaterländische Parole zuzwitscherten, brachten mich jedoch » binnen Bälde «, wie die moderne gespreizte Stilistik sagt, zu Räson, vulgo, zu ordinärem Menschenverstande. Der Weg von der Dogana zur »Bella Venezia« hatte mich so lüstern gemacht, daß ich ohne Cicerone, vielmehr ganz auf eigne Faust und Gefahr, mich kopfüber in die dicksten Abenteuer zu stürzen beschloß. Ich fing in dieser nagelneuen Welt mein Leben offenbar wieder von frischem an. – Ich warf mich also mit den Empfindungen des Schul- und Gassenjungen, der in einer großen Stadt frei umhervagabondieren darf, zum Flanieren in das modern ägyptische Labyrinth. Um mich an einem solchen Tage durch nichts, und am wenigsten durch Rücksichten der Konvenienz, behindert zu sehen, gab ich keine meiner Empfehlungen ab, ging nicht mal aufs Konsulat und nur zu einem Mecklenburger Konditor am Frankenplatze, an den ich durch den Maschinisten vom Schiffe adressiert worden war, und dies tat ich wahrscheinlich, um jemand zu haben, der, falls mir ein Unglück passierte, dasselbe dem Konsulat anzeigen, eventualiter meine unglückliche Leiche rekognoszieren und meine Habseligkeiten zur Post, nach Thorn geben ließ. Vor dem Konditorladen standen eine Masse von Eseljungen mit ihren gesattelten Humars (Eseln). Ich durfte also dem Mecklenburger nur ein Wort sagen, so machte er den Handel für mich ab; aber ich hatte bereits in einer Kneipe zu A. mit einem Drechsler, der in Ägypten und Jerusalem gewesen war, noch um Mitternacht Bekanntschaft gemacht, und dieser interessante Spießbürger, nunmehr ein Schnapswirt, hatte mir einen kürzesten Auszug aus seinem sehr unglücklich prononcierten und buchstabierten arabischen Taschenvokabularium eingepaukt. – Das »anne aus humar« (ick will einen Esel) und »bekam di görsch« oder »gruhsch« (wieviel Piaster), das hatte ich gleichwohl richtig fortbekommen; denn der gute Bayer hatte zum Beispiel die Leseart »jürsch« und »hummer« adoptiert. Jedenfalls genoß ich jetzt den Kitzel, mich für eigene Rechnung und Gefahr in arabische Handlungen, Redensarten und Reitgeschäfte verwickelt zu sehen. Ich gab also meine Redehieroglyphen mit der Satisfaktion eines Kindes von mir, das zum erstenmal artikulierte Lautzeichen ausstößt. Als ich vollends von zehn und zwanzig Eselbuben augenblicklich so wunderschön verstanden wurde, daß sie mir alle auf einmal ihre Esel offerierten, welches sie wahrscheinlich auch getan hätten, wenn ich nichts gesprochen, da fühlte ich mich wie einen Zauberer, der die Beschwörungsformel richtig getroffen hat. – Aber etwas Sonderbares mußte gleichwohl den verzwickten Eseln an mir oder meinem Arabisch aufgefallen sein, denn sie verscheuten sich unzweifelhaft vor meiner Person. Selbst ein solid und schwermütig in der Nähe weilendes Kamel schien unruhig zu werden, und ich kann nicht sagen, weshalb das geschah, wenn nicht aus Alteration über meine arabische Pronuntiation. Diese zweideutigen oder unzweideutigen Wahrnehmungen hätten mich ebenfalls kopfscheu oder zweifelhaft in meinem Sprachtalent machen können – aber es geschah gleichwohl nicht. Ich hatte mich zwar nur an der Küste, aber vermöge meiner Einbildungskraft mitten im wüsten Arabien, auf eigene Hand arabisch sprechen gehört, und mich durchdrang ein wollüstiges Gefühl, wie schön ich mir in diesem abenteuerlichen Weltteil zu helfen wüßte – das war's! Ich schwang mich also nach dieser »Aktnahme« meines Reisegenies mit einer Sicherheit und Leichtigkeit in den Sattel, als wenn ich in Alexandrien zu Hause gewesen wäre. Der Eseljunge fragte mich wahrscheinlich: »Wohin?«, ich fühlte mich aber für den Augenblick mit meinen arabischen Formulierungen und Zauberparolen am Rande und sagte in einem abbreviierten Stil: »Kullo, kullo«, soviel wie »alles, alles« (nämlich: will ich sehen). Der Eseljunge nickte dann sein »taïb anne aref« – gut, ich verstehe. Ich selbst war jetzo meiner Sprachfähigkeit absolut sicher; der Esel wurde auf die ewig wund erhaltenen Hinterstellen (die stehenden Fontanellen seines Eigensinns und seiner Faulheit) gekitzelt und geprickelt, bis er sich in Galopp mit mir setzte, und ich flog in den ersten besten Knäuel von Fußgängern, Reutern und Gassen hinein, daß es nur so eine Art oder daß es eben keine hatte; denn ich wußte weder, wohin, warum, wie weit oder wieso – aber das war eben der Witz und die Lust; denn ich war wieder ein Jüngling, ein Junge, ein Halbwilder, die bekanntlich alle wider jede Grammatik, Zwecklichkeit, Lebens- und Vernunftordnung verschworen sind. Ich war also mit Alexandrien und Arabien auf denselben zerstreuten, konfusen Ton und Rhythmus gestimmt, und das war eben der richtige Takt, wie mir heute noch scheint. O wie köstlich und süß sind selbst noch diese nachgeborenen Dummheiten, Unwissenheiten, Geniestreiche und Abenteuer, diese Lebensstile aufs Geratewohl ins Blaue hinein, ohne eigentliche Berechtigung und Zweck und mit halbem Gelde, so daß man den Witz mit auswechseln und zusetzen muß. Ich war so hitzig losgeritten, oder vielmehr der Eseljunge, der seinem » Humar « in allen Allüren als vollkommner Mensen Ernst nachzufolgen verpflichtet ist, hatte im maliziösen Humor nicht sobald fortbekommen, daß ich ein ganz frischer Ankömmling sei, als er mich recht in den dicksten Haufen wie einen Keil hineintrieb; und da die arabischen Esel keineswegs so unempfindlich und ehrlos wie die deutschen Langohre, sondern häufig so feurig und ambitiös wie die besten Pferde sind, so geriet ich in die Gefahr, meine Kniescheiben zerbrochen oder mich von den Übergerittenen garstig zu Räson gebracht zu sehen, wenn ich nicht aus dem Gedränge kam. Ich ersah also die Gelegenheit und lenkte in einen großen, halbwüsten Marktplatz hinein, woselbst aus einem Haufen von Kindern und Gesindel ein furchtbares Kamelgebrüll erscholl. Ich befand mich nun, außer der schon angedeuteten allgemeinen Stimmung, noch in ganz absonderlichen Spiel- und Tonarten der Seele, die man sich etwa so zur Grundstimmung denken kann wie allerlei musikalische Instrumente oder Flötenregister zum Pedal und fortklingelnden Stern. Zu diesen Spezialstimmen gehörte denn auch die romantisch-grausliche Furcht vor Mord- und Totschlagsszenen in den abgelegensten Winkeln und Gassen, womöglich unter meinen Augen und auf öffentlichem Markte. Ich war beinahe in der Stimmung wie Frau Angelika Kauffmann in Venedig, die, am frühen Morgen durch einen Eselschrei geweckt, im Hemde zum Fenster stürzt, indem sie, zu ihrer Reisegefährtin gewendet, händeringend ausruft: »Ach Gott, da ermorden sie schon wieder einen Unglücklichen, und es ist noch so früh am Tag!« Ich dachte nun wohl im Ernste nicht an Menschenmord auf jenen Schrei des Kamels, aber wie bei uns in den kleinen Städten das Schweineschlachten nicht selten auf der Gasse unter der Zuschauerschaft eines Rudels von Schulkindern und unter ohrzerreißendem (ein Kindesgewissen zwickendem) Schreien der zu Wurst und Sülze bestimmten Kreatur vor sich zu gehen pflegt, so fuhr mir etwas von Kamelwürsten und Kamelschlachten, von dahin bezüglichen Opfern und Operationen durch den Sinn. – Ich hatte mich aber diesmal ganz umsonst in Phantasiestücke hineinbrüllen lassen, denn dem allerdings mit Baststricken gebundenen, auf der Erde mit Jubel von Esel- und Kameljungen festgehaltenen Beeste fehlte weniger als nichts. – Es wurde vielmehr sehr sorgfältig am ganzen Leibe geschoren, und statt seinen Wohltätern dankbar die Hände zu lecken, geiferte, brüllte und stöhnte es wie ein bei lebendigem Leibe gespießter arabischer Delinquent. Ich hatte mich noch nicht von diesem Abenteuer erholt, so nahm mich bereits ein anderes mit nicht weniger lauten und rätselhaften Naturtönen und ebenfalls in Gestalt eines vorwärts bewegten Menschenknäuels in Beschlag. Es kam eine Prozession, eine Art von feierlichem oder von närrischem Aufzuge – was hierzulande ziemlich synonym zu gelten scheint –, auf uns los, und meiner kuriosen Neugierde war die Vermischung solcher Lebensstile, die bei uns Vernunftgebildeten, falls nicht zufällig ein bißchen Rebellion angesagt ist, separiert ausgespielt werden, vollkommen apropos. Diesmal hatte ich ein Volksvergnügen aus der Bourgeoisie vor Augen, und das machte sich, nach seinen pittoresken Umrissen skizziert, ungefähr so: Dem Jubel und Trubel vorauf geputzte Kavaliere auf schön geschirrten Pferden, dann zwei Kinder von etwa drei und vier Jahren, mit seidenen Kaftans (alias Warschauer Schlafröcken) angetan, Blumen und Nürnberger Knistergold in den Haaren oder vielmehr um die geschorenen kleinen Bonzenköpfe festgemacht. – Beide närrische Prinzen auf einem und demselben vernünftigen Esel sitzend, von Verwandten gehalten und bewahrt, dann mehrere Kamele mit Gestellen, die wie quer über den Rücken gelegte breite und kurze Leitern aussahen, so daß der Höcker durch die sprossenfreie Mitte dringen und die Balance feststellen konnte, und auf jeder dieser naiven Kunstreitertragbahren oder ambulanten Estraden vier pro forma verschleierte lebensüppige und neugierige Weiblein, auf den Fersen hockend, in einer Reihe (zu jeder Seite des Kamelbuckels je zwei). Vorauf ging ein Kerl, wie eine Art lustiger Person, in einem Kostüm von freier Erfindung, der einen Weiberrock oder seidenes Hemde mit horizontal gereckten Ärmeln (wie zum Ausklopfen) und über denselben eine Maske auf einer Stange, also nach unserm Geschmack eine Vogelscheuche, einhertrug, wiewohl mit einer Miene, als wenn er mit einer Prozessionsfahne chargiert gewesen wäre. Die Kamele gingen bei dieser ehrenvollen Beteiligung in stiller Billigung und ohne Schmerzensseufzer ihre Stelzenschritte fort. Die Weiber dagegen brachten mit Zungenschlag und Kehlkünsten ein frappant absonderliches, »blubbernd« tremulierendes, durchdringendes und unartikuliertes Tonunwesen, etwa wie wilder Waldvogelgesang in Urwäldern (vor der Sündflut und der Einführung eines geläuterten Naturgeschmacks) hervor. – Volksgeschrei bildete den Chorus, und das menschlich-bestialische Volksganze war, wie ich später erfuhr, Hochzeit und Beschneidung auf einen Hieb. Bei dieser arabisch feierlich-närrischen Gelegenheit stellte oder ritt es sich vielmehr durch mich heraus, daß mein Eseltreiber und ich selbst ganz entgegengesetzte Gelüste, Intentionen und Direktionen im Sinne hatten. Er kitzelte seinen Esel (welcher doch vorläufig der meinige sein sollte) in den Augenblicken, wo ich anhalten – und hielt ihn wiederum an, wo ich weiterreiten wollte: das schien ein offenbares Mißverhältnis und Mißverständnis zu sein. – Meine ägrierten Gebärden und plastisch- mimischen Telegraphengesten mit Händen und Füßen sowie meine preußisch-arabischen Zungenverrenkungen, Gurgelungen, Röchelungen und respektiven Wörterverschluckungen oder Überschlagungen von kehlwärts gekehrten Manifestationen, bei denen nach der arabischen Grammatik die Zunge hinuntergeschluckt und im höchsten Ingrimm wieder herausgegeben und dem mißverstehenden Gegner ins Angesicht gespien werden muß, falls es echt ägyptische Pöbelvollblutkonversation sein soll – ich sage: meine dilettantischen Protestationen wie Andeutungen wurden von jenem an ganz plastischere und handgreiflichere Buckelhieroglyphen gewöhnten Natursohn in allen Momenten verkehrt gedeutet oder ignoriert. – Er tat mit der harmlosesten Naivetät das Seine und ließ meine Deklamierflossen und Spazierzinken vom Esel herab das Ihrige tun. Ich sah es wohl: der von der Feierlichkeit mit fortgerissene Eseljüngling gehörte seiner verjüngt herumwuchernden Freundschaft und einer sich aus ihr mit Überschuß entbindenden Konversationsempfindung zu sehr an, um für die momentanen Bedürfnisse eines Fremdlings inspiriert und auf dem Punkte reell interessiert zu sein. – Es ging uns beiden, wie der witzigste Naturforscher aller Deutschen, der ergötzliche Lichtenberg, erzählt, daß es ihm mit einem » Bullkalbe « gegangen ist. – Er verfiel nämlich eines Tages auf die naturneugierige Idee, einem solchen Kalbe das Apportieren beizubringen wie einem Hund! – »Am Anfang«, berichtet er nun, »schienen wir uns nicht gänzlich mißzuverstehen, aber gegen das Ende hin wurde das Schisma immer größer, und zuletzt verstanden wir uns auf keinem Punkt.« – Derselbe Lichtenberg schrieb mal an seinen Sohn, einen, wie es scheint, sehr lebenslustigen Studenten, etwa dies: »Mein lieber Sohn, wenn sich Prügel schreiben ließen (über Post, meine ich, mag das freilich schwerhalten, aber tête à tête geht es ganz gut), so solltest Du diese Zeilen mit dem Rücken lesen «, etc. – Auch diese Kardinalkorrespondenz zwischen einem guten Vater und seinem Sohne, »der ihm Freude macht«, fiel mir in meinem Mißverständnis mit dem Sohn der Wüste bei, und ich meine, ich meine, falls ich dem Eseljungen mein mangelhaftes Arabisch und meine Redehieroglyphen nur auf den Rücken geschrieben hätte statt in die Luft: er hätte mich augenblicks kapiert. – Das beste Abkühlungsmittel im Ärger bleibt aber der gute Humor, und da mir in jenen afrikanischen Augenblicken ungemein gutlaunig zumute war, so nahm ich das in Rede stehende Exemplar afrikanischer Eseljugend, wie ich es fand, und bemerke nur noch für diejenigen, welchen selbst: die ideelle Nutzanwendung des Lichtenbergischen Schreibens schon anstößig sein möchte, daß die arabischen Eseljungen, so arm und schnelläuferisch sie auch leben und so gutartig sie auch im allgemeinen erscheinen, gleichwohl witzig, dreist und boshaft genug sind, einen Fremden und Neuling, der sich nicht energischen Rat weiß, vielmehr zu billig und nachsichtig operiert, dergestalt zu hänseln, zu ärgern, zu prellen und in Desperation zu bringen, wie wenn er ein Affe wäre oder sonst ein kurioses Tier. Dies ist der Eseljungenhumor mit solchen, die in ihrem harmlosen und gutmütigen Wesen verraten, daß sie hier noch nicht zünftig geworden sind; dabei versteht sich von selbst: der größte Teil der hier angesiedelten Europäer und der Ankömmlinge benimmt sich so brutal, gewalttätig und gefühllos gegen diese armseligen, halbnackten afrikanischen Proletarier und Parias, daß der Charakter und die Repressalien der letztern als ein naturnotwendiges Produkt der zivilisierten Barbarei anzusehen sind. Was meinen mißverständlichen Kasus betraf, so löste er sich ganz leicht zu meinem Profit. Mich hatten bereits bei dem kurzen Durchfluge durch die Gassen des Basars eine solche Unmasse von fabelhaften Sehenswürdigkeiten, Lebensarten und Märchen angeblitzt, um Entree angebettelt und verstrickt, daß ich vollkommen das Unpraktische einer aller ersten Sinne betäubenden Bekanntschaft von Alexandriens Mysterien einsah, falls es ferner »zu Esel« geschah. – Mysterien absolviert und zahlt man schicklichermaßen ohne Zeugenschaft und mit seiner Person allein. – Mit dem Esel und seinem wie meinem Dränger und Tyrannen waren wir aber zu dreien. Ich konnte doch nicht in die Butiken, die Gewölbe, die Warenlager, in die Häuser und Türen der Kaufleute, Handwerker und Wechsler, in alle Winkel und Höfe hinein – oder gar zu den geheimnisvoll und enge zwischen Mauerwänden fortführenden Kalksteintreppen hinaufreiten. Zu meiner unsäglichen deutsch-gründlichen Neugierde, zu meinem absonderlichen Sinn und Verstande für die Allegorie und Poesie des afrikanischen Werkeltagslebens und seine Metaphysik schickten sich nur meine beiden Beine allein. Vier Eselfüße waren für meine statarische Methode der Beaugenscheinigung von Weltwundern das überflüssigste Ding von der Welt. Ich gab also meinem Schnelläufer den Lohn für eine ganze Stunde, das ist 2 Piaster, die er nicht ohne wütende Protestationen annahm, obgleich ihm ein Einheimischer nur den vierten Teil gegeben hätte – und ich besah nunmehr alles solo zu Fuß. Von diesem ersten abenteuerlüsternen, tumultuarischen und arabisch berauschten Umherirren im buntgewürfelten und so gekütteten Alexandrien kann ich sowenig Positives, Förmliches und Gescheutes berichten, wie dies von einem Traum oder verliebten Rendezvous möglich ist. Ich drehte, das weiß ich, meinen Kopf, wie einer, der durch Wunderkuren von einem steifen Genick geheilt worden ist, in allen Probewendungen rechts und links, nach allen zweiunddreißig Richtungen der Windrose, im Zirkelschlag nach oben und unten zugleich.–Ich guckte um alle Ecken, in alle Winkel und pränumerando in die fernsten Perspektiven der auf den Hafen hinauslaufenden Gassen oder durch die arabischen Labyrinthe und Zickzackwege hindurch bis in die offene See. Ich rannte mit halb scheuen Gelüsten in alle offenen Höfe und auf jeden kuriosen Mist; ich visitierte die Tiefe der Brunnen, taxierte die Höhe der Minaretts, schnellschnüffelte mit in den Wind gehobener Nase und skizzierte mit ungeduldig zwinkernden Augen in allen Kaufmanns- und Handwerkergewölben umher, naschte allerlei Früchte und Konfitüren ohne Handeln und Appetit; verkehrte so mit dem afrikanischen Weltteil auf der Zunge, sog die fremdländischen Gerüche in mich, die hier nicht alle Augenblicke arabische Weihrauchsdüfte sind, und buhlte mit den fremden Formen, Stoffen, Kunst- und Naturprodukten, mit den gurkenähnlichen blauschwarzen Pittinjans , mit Wassermelonen, Weintrauben, Dattelkompott, Bananen, Orangen, fetten Tabaksbündeln, Menschen-, Esel- und Kamelsphysiognomien wie ein allerweltsbegieriger Narr. Ich starrte die Nackten und die Verhüllten, die In- und Ausländischen an, bohrte mich durch die gröbsten und schmutzigsten Schleier und spähte in deren offengelassenen Seiten wie nach einer Odaliskenschönheit aus Tausendundeiner Nacht, musterte in heißhungriger Hast und ohne Ekel die garstigsten Lumpen, die geschorenen Köpfe (auch diejenigen, die eben im Schoße des Gassenbarbiers wollustseufzeten), die nackten Gliedmaßen und die Gebreste des Bettelvolkes gleichwie die mit Schnüren benähten Kaftans, Westen und Gamaschen der Effendis und Jassihdis, ihre arabischen Turbane, ihr orientalisches Air und Aplomb. Ich schaute verwundert den Pfeifenrohrbohrern und den Kunstdrechslern zu, welche mit Händen und Füßen zugleich arbeiteten und mit der linken Hand kunstfertiger wie mit der rechten zu sein schienen. Ich sah den Büchsenschäftern und Schwertfegern auf die Finger bei ihren improvisierten Diminutivfeldschmieden mit Handblasebälgen, mit einem Dutzend Kohlen und halbwilden Handwerkszeugen, die kein deutscher Meister und Techniker zu handhaben versteht–von dem Mittagsessen all dieser arabischen Künstler, einem Tellerchen voll Saubohnen, mit Öl und Zitronensaft abgemacht, und einem Weizen- oder Durrahfladen dazu, wird auch nur ein Warschauer Gassenjude, aber auf keiner Seite ein deutscher Bettler und vollends ein ost- oder westpreußischer Arbeitsmensch satt. Ich geriet auch in eine offene Elementarschule hinein, die selbst ein Jude mit einer Judenschule verwechseln muß. Der junge Schulmeistergehülfe ging meiner auf der Schwelle stehengebliebenen Gassenneugierde mit einem »hansir fransai« (Schwein, Franke) dicht auf den Leib, welche Aufrichtigkeit ich aus bloßem Sprechkitzel mit einem »bedawi hansir« (Schwein, Araber) retourkutschierte und mit einem abwehrenden Stoße, von welchem der Fanatiker die Balance verlor, worauf der alte Schulmeister, vernünftiger wie wir beide, schiedsrichterlich zwischen uns trat. – Ganz erschöpft, erhitzt, bestäubt und über mich selbst verdutzt, wie wenn ich ein anderer und mein Doppelgänger gewesen war, hospitierte ich dann in Schnapsbutiken auf französischen Anis oder inländischen Dattelbranntwein, zu welchen Likören ein Glas frisches Wasser gereicht wird; und hierdurch zu größerer Courage verführt, trat ich, ohne zu wissen, ob man mich leiden oder hinauswerfen würde, in ein Volkskaffeehaus ein, hörte daselbst auf zwei näselnden Kniegeigen–Rubaba genannt–à la Paganini auf einer einzigen Saite gewinselte Judenlamentationen, wie in den Judenschulen exekutiert, und trank, zum erstenmal in meinem Leben, auf einer Matte und terrassenartigen Gestellen hockend, in Gesellschaft eines übereinander situierten nacktbeinigen Publikums aus einem arabischen Duodeztäßchen, wie auf einem Kinderkaffee und wie wenn ich es selbst nicht gewesen wäre, den schönsten Mokka ohne Zichorien, Zucker und Rahm. Für den Augenblick überfüllt, absorbiert und betäubt, machte ich mich jetzt zu den engen Gassen und auf die luftigen Vorstädte hinaus. Von zwei entgegengesetzten Richtungen schimmerte mir bald der Hafen entgegen; ich wollte aber aus dem Getümmel in die Dattelplantagen, da wo die letzten Häuser stehen, und womöglich mitten in die Wüste hinein. Endlich schien ich die Längenausdehnung von Alexandrien und die Richtung getroffen zu haben, welche direkt nach dem »Innern von Afrika«, führt. Es dauerte nicht lange, als ich auf einen großen, halbwüsten Marktplatz geriet, wo Ziegen und Schafe von den Fellahs feilgeboten und von Städtern erhandelt wurden, und zwar mit dem Getümmel, den Leidenschaften, den Manieten, den Kniffen, Pfiffen, Praktiken, Gebärdungen und Nichtswürdigkeiten wie bei uns. Brot-, Dattel-und Schnapsverkäufer, singende blinde und sehende Bettler und allerlei müßigen Pöbel, zum Knäuel geballt, gab es hier, wie auf einem polnischen Jahrmarkt in einem Judenstädtchen daheim. Dann aber wieder eine afrikanische Szene, so normal und original, wie sich's gehört. An einem furchtbar knarrenden und winselnden tiefen Brunnen, der wie alle ändern aus dem Mahmudi-Kanal bespeiset wird, standen Kamele mit Wasserschläuchen, die wie ungeheure viereckige Ledertaschen aussahen; an jeder derselben war eine Ecke offengelassen und schlechtweg mit einem Riemen oder Baststrick zugebunden – das machte im kürzesten Prozeß den Kran. Das Wasser wurde mit einem sogenannten Paternosterwerk von tönernen Krügen an einem von Ochsen getriebenen Rade (sakih) heraufgewunden und war trübe und warm. Ich selbst, nicht durstig, trank dieses garstige Wasser aus Neugierde und Einbildungskraft wie wenn ich bereits ein verschmachtender Wüstenwanderer gewesen wäre! Als ich den Platz durchschritten hatte, geriet ich in ein Stadtviertel von langen, einsamen, kalkstaubigen Gassen, die durch weißgetünchte hohe, bucklichte und wie in Eile aufgeführte Gartenmauern gebildet werden, über welche dickbestäubte Feigenbäume, gnomenhafte Kaktusungetüme, Bananen mit kolossalen, wundersam ein gerissenen, wie ungeheuere Schwungfedern gestalteten Blättern hinwegschauten, und von den hohen Dattelpalmen hingen die goldgelben und karmoisinlackierten Fruchtbündel herab, je viere, sechse oder ihrer achte um die kuriosen Stämme; es war ein komplettes Paradies! So ungefähr hatte es sich meine Phantasie geträumt, daß es in, Bagdads Vorstädten aussehen müßte, und so war es nun in Skenderih. – Wahrlich, darauf kann sich das Menschenkind verlassen, wie in der Phantasie, so sieht es irgendwo und irgendwann auch in der Wirklichkeit aus , und der Poet antizipiert vollends die ganze Welt! Hier und da fand sich ein Eingang, eine offene Türe zu diesen halbwüsten und halbbebauten Gärten und Dattelplantagen, deren Halbdunkel, Szenerie, Physiognomie, Melancholie und Symbolik keine Stilisation anschaulich machen kann! – Ich spähte, erst zaghaft und furchtsam wie ein Obstdieb, bald aber von alles bezwingender Neugierde angespornt, im Trabe in allen Gängen und Bosketten umher. Ich sah keine lebende Seele, aber mit Verwunderung und seltsamen Empfindungen unter alle den fremdländischen kolossalen Gewächsen, die man in Deutschland nur als zwerghafte Topf- und Treibhauspflanzen kennt, auch die heimische Pflanzenwelt kultiviert: die blaue Winde, den Fuchsschwanz, die deutsche Studentennelke, auch Totenblume genannt, und dergleichen mehr. – Dann hörte ich Menschenstimmen, visierte einen Augenblick hinter einem Palmenstamm nach den Kommenden, fürchtete mich schon in Haremsabenteuer verwickelt, im kürzesten Prozeß mit Bastonaden regaliert, rannte zum Garten hinaus, in andere fabelhafte Mauergassen hinein und kam zu einem einsamen tiefen Brunnen, an dem ein Bettler oder Heiliger mit einem schrecklich geschwollenen Beine, einem sogenannten Elefanten- oder Straubfuße, dasaß. – Dieser Unglückliche zog mit einem an langen Seilen befestigten Topf Wasser aus dem in den Kalkfels gehauenen Brunnen herauf und bot es dann in einem seltsamen Zinngefäß, das wie ein Barbierbecken aussah, vielleicht auch ein solches war, den Vorübergehenden dar. Es kamen zwei Kamelführer und tranken und empfingen eine Art von Segen und zahlten nichts. Dann trank ich aus demselben Barbierbecken, schon um mir den wunderlichen Brunnenheiligen und seinen entsetzlichen, von der Elephantiasis entstellten Straubfuß anzusehen, gab ihm zwei Fünfparastücke, hörte seine zwischen den Zähnen gemurmelten und geseufzeten Gebetformulare und besann mich erst weiterhin, daß ich unreiner Nemse (Deutscher) mit den reinen Arabern aus demselben Gefäße getrunken hatte, ohne zu Ungelegenheiten gekommen zu sein, und verfiel aus Anlaß meiner kuriosen Wanderung und Situation in eine Träumerei, aus der mich wieder ein vaterländischer Hahnkräh aufstörte, rannte weiter und kam zu Mahlmühlen , mit Eseln getrieben, so einfach konstruiert wie zu Abrahams Zeiten – und geriet, weiterwandernd, in Barackenbezirke zu einer Art von Lumpenbeduinen , wo alte Weiber hinter mir her schimpften, welche türkischen Weizen zwischen Steinen zerquetschten und Grütze davon siebten; und als ich mir diese Hexen betrachtete, wurde ich von nackten, am Kopf geschorenen Kindern mit kleinen Steinen geworfen und von einer garstigen Race gelbbrauner und struppiger fuchsähnlicher Hunde (alle wie aus demselben Neste) mit eingekniffenem Schwanze und Zähnefletschen heiser angebellt, wie ein deutscher Hund nur dann zu tun pflegt, wenn er toll geworden ist. Mehemed Ali hat mehrere Wochen lang eine Unmasse von Hunden, die sich früher in Meuten umhertrieben, auffangen und im Meere ersäufen lassen; es sollen mit diesem Manöver an die 50000 Exemplare, weniger oder mehr (ich vertrete die Anzahl nicht), über Seite geschafft worden sein, sind aber immer noch hier zu viel. Nach diesen wetterleuchtendcn Vorspielen zu handgreiflichem Abenteuern wurde meinem unschuldigen Novizentum in alexandrinischen Mysterien doch zu bange. Ich hatte ihren Champagnerschaum geschlürft, ich hatte den alexandrinischen Staub und Schmutz, die Hitze, die Brunnen, die Bettelheiligen, die Wasserkamele, die Mühlen, die todstillen Gärten, die traumwüsten Mauergassen und Plätze, die Palmen und die Bananen, die Kaktusfeigen, die Baracken mit der nackten arabischen Gymnasten- und Schnelläuferjugend, ich hatte die bettelhaften Gymnosophisten und die entsetzlich verschrumpften, bei lebendigem Leibe von Gift und Galle gar gegerbten alten Weiber poetisch überträumt : ich machte mich also im wörtlichen Verstande aus dem Staube und fand so ziemlich den Weg, welchen ich gekommen war, zurück. Was die Altertümer von Alexandrien betrifft, so sind sie vielleicht schon zu oft beschrieben, jedoch mit Ausnahme eines erst im Jahre 1849 am alten Hafen an einer Grubenstätte entdeckten kolossalen wunderschönen Sarkophags , welcher aus einem einzigen Stück milchweißen Quarzes ausgehauen und mit von Genien gehaltenen Blumengirlanden in Basrelief geschmückt ist. Ich entdeckte dies Prachtstück, als ich, zum Tor von Rosette hinausgeritten, zur linken Seite, einem Kirchhofe vorüber, eine gepflasterte Römerstraße verfolgte, die etwa eine Viertelstunde weit zum Meeresufer führt. Der Sarkophag stand da, aus seiner Gruft gehoben, unter freiem Himmel, der Beschädigung von Hirtenjungen ausgesetzt, die sich leicht den Zeitvertreib machen konnten, den Genien die Nasen abzuschlagen, dergleichen bekanntlich auch von zivilisiertem Pöbel ausgeübt wird. Wie es hieß, sollte der kostbare Fund auf fernere Anordnung des Said Pascha von der Stelle geschafft werden, was indes nicht ohne Schwierigkeiten geschehen konnte, da die schwere Steinmasse einen Bergabsturz hinaufgeschafft werden müßte, während es an Mechanikern und dem gewöhnlichsten Hebezeug gebricht. Merkwürdiger und ergreifender wie alle Antiken sind dem Poeten die lebendigen modernen Bilder, welche sich alle Augenblicke in Alexandrien darbieten und eben nur hier so poetisch in Szene gesetzt sind. Kahira liegt zu fern vom Meere; es ist ein zu ungeheuerlicher, fabelhafter, verhexter Steinklump, als daß man sonderlich auf einzelne Personen achtete, die sich dort ins Freie hinausmachen; sie stehen auch mit einem so altgläubigen, überall abgesperrten, halb gespenstigen, durch tausendundein Tor verschlossenen Stadtungeheuer in keiner Harmonie. Kahira verschlingt jede Staffage von Figuren, und wenn es lebendige Antiken unter ihnen gäbe oder einen zweiten Napoleon und Saladin. Aber Alexandrien mit seinen nach dem alten und neuen Hafen geöffneten Straßen, mit seinen breiten, lichten, luftigen Vorstädten zur Winter- und Frühlingszeit, da wo die zerstreuten Paläste stehen, zwischen welchen der Blick frei über Felder und Gärten hinausschweifen darf, dies halb aufgelöste, halb modernisierte, zerstreute, von Italienern, Schiffsleuten und allen möglichen Fremden wimmelnde, einer Operndekoration und improvisierten Weltmaskerade gleichende Alexandrien ist der Ort, wo man die Spazierritte reicher englischer, französischer und russischer Familien ins Auge fassen muß . – Als ich zu den Nadeln der Kleopatra, die an dem Festungswalle liegen und stehen, hinausritt, hatte ich die Schicksalsgunst, so eine Seraphsgestalt von sechzehn oder siebenzehn Lenzen auf einem herrlichen weißen Araberroß, begleitet von Kavalieren, die ihre Brüder zu sein schienen, dahingaloppieren zu sehen. – Ihr langes Reithabit und ihr Halsshawl blähten sich in der Morgenluft. Die Straußfedern des Baretts wogten und schwankten mit den üppigsten, halb aufgelösten Locken über der rosa angehauchten Wange; die Szenerie von Meer und Wüste, von Palästen und Obelisken schien nur die Staffage für diese wiedergeborene Kleopatra ; Alexandrien war kaum gut genug, der Fußschemel ihrer kleinen Füßchen zu sein! Moritz Hartmann Briefe aus Irland Famine is in thy cheeks, Need and oppression starveth in thy eyes, Upon thy back hangs ragged misery, The world is not thy friend, nor the world's law. Shakespeare Erster Brief Dublin, im Juli 1850 Liebe Freundin! Ich lasse mich nicht gern nach zwei Tagen vergessen und suche kurzem Freundesgedächtnis wenigstens anfangs durch Briefe nachzuhelfen. Ein anderer Zweck dieser Zeilen ist, Sie aufzufordern, ja dieselbe Reise zu machen, die ich jetzt teilweise hinter mir habe. Drei Tage sind es erst, seit ich London verlassen, und wieviel des Interessanten habe ich schon erlebt und gesehen. Bis gegen Birmingham gleicht das ganze Land einem einzigen ungeheuren Parke, wo alles Wohlstand ist und Behagen; die Städte und Flecken mit den graziösen englischen Türmen und Landhäusern tun, als ob sie nur so zum Spaße gemacht worden, um die Illusion des Parkes zu vervollständigen. – Aber Birmingham raucht einem schwarz entgegen wie eine Hölle. Ich habe es nur eine Stunde lang vom Bahnhofaus gesehen, doch mußte ich mich fragen, ob ich den Mut hätte, unter dieses »sulphurous canopy«, wie Campbell sagt, zu tauchen. – Von da bis Liverpool nichts als Essen, Dampf, Kohlen; nur Strafford liegt wie eine Oase dazwischen. Liverpool ließ mich bald die englischen Parks vergessen. Bis spät in die Nacht und den andern Tag bis Mittag stieg ich durch Gassen und Gäßchen, aber ich kam darunter an solche, in die ich nicht zu treten wagte. Diese Armut, dieses Elend, dieses Verkommensein der menschlichen Race – man glaubt nicht, daß es übertroffen werden kann, nämlich wohl zu merken, bevor man Dublin gesehen hat. Und neben dieser Armut dieser ungeheure Reichtum! Liverpool ist als Seestadt fast noch bedeutender als London; der Hafen ist größer und schöner und unendlich malerisch. Einem unschuldigen Reisenden, zum Beispiel einem Schaureisenden an der Seite seiner jungen, eben aufgeblühten Frau, der nicht mit unglückseligen sozialen Bedürfnissen im Leibe in der Welt herumzieht und den es nicht treibt, in Seitengäßchen zu kriechen, aus denen ihm Pest und Verwesung entgegenatmen – einem solchen Reisenden kann Liverpool, vom Wasser aus gesehen, als eine der malerischsten und schönsten Städte der Welt erscheinen. Aber eine traurige Enttäuschung harrt dessen, der sich näher an dies Dunstgebilde heranwagt. Unsere Fahrt war außerordentlich schön. Liverpool ist lange sichtbar mit seinen Leuchttürmen und seinem Kastell. Wie es verschwindet, treten die Hügel von Wales hervor als freundliche Begleiter. Schiff an Schiff fliegt vorüber. Endlich waren wir auf hoher See. Die Gesellschaft war gleichgiltig, einige schöne Kinder ausgenommen, die auf dem Verdeck spielten, und einen Irländer, der sich seinen Rock flickte, wahrscheinlich um seine Heimatinsel mit einigen neuen Flicken zu ehren. Aber die Arbeit war umsonst. Wo er seine Nadel einsenkte, riß das morsche Zeug, und es entstand ein neues Loch. So arbeitete der arme Kerl mit bewunderungswürdiger Ruhe den ganzen Nachmittag. – Einmal wurde die gesamte Gesellschaft in Alarm gebracht; es erscholl der Ruf: »Porpoises«, und alles eilte, um hinabzusehen. Eine ganze Schar der genannten ungeheuren Fische schwamm um das Schiff, tauchte auf und unter und spielte, ziemlich graziös, aus der leuchtenden Flut. Ich aber suchte vergebens in meinem Wörterbuch nach »porpoises« und weiß so noch jetzt nicht, ob ich Haifische, Walfische oder Delphine gesehen; ich glaube, es werden die letztern gewesen sein. – Der Sonnenuntergang war, wie Ihre Landsleute sagen würden, sehr niedlich. – Bis spät in die Nacht lag ich, in meinen Mantel gehüllt, auf dem Verdeck. Was kümmert es Sie, liebe Freundin, daß ich da folgende Verse gedacht habe? Auf weitem Meer allein! Allein auf weitem Meer! Nur Himmel, Mondenschein, Seevögel um mich her. Doch zieht ins Herz mir ein Etwas, das tut wie du, O Glück: 's ist mehr als Ruh, 's ist das Vergessensein! Aber Sie merken diesem Briefe wohl an, wie fürchterlich müde ich bin; morgen schreibe ich weiter – gute Nacht. Zweiter Brief Dublin, im Juli Als ich Samstag nachts die Feder hinlegte, um mein müdes Haupt zur Ruhe zu bringen, wußte ich nicht, daß sich mein Stoff so ungeheuer anhäufen würde, daß ich heute nicht weiß, wo anfangen. Brieflich bin ich noch auf offener See, träumend, Meerluft atmend, Verse machend – und in der Tat ist mein ganzer Kopf, mein ganzes Herz mit Dubliner trauriger und schöner Wirklichkeit angefüllt. – Wie unendlich Schönes habe ich gesehen! Doch ich will Ihnen keinen enthusiastischen Brief, sondern nur einen Guide schreiben für den Fall, daß Sie noch hierherkommen sollten. Als ich Sonnabend morgens erwachte, befand ich mich im Hafen von Dublin; die schöne Nacht hatte mich so lange auf dem Verdeck zurückgehalten, daß ich dafür den Sonnenaufgang auf dem Meere verschlafen hatte. Wie ruht es sich so süß In traulicher Kabine Beim gleichgemeßnen Schlag Der treibenden Maschine, Wenn an das Fensterlein Die nächt'ge Welle schlägt, Gleichwie an unser Herz Das Leben, das uns trägt. Auf merkwürdige Weise kam ich in ein very cheap hotel. Der Mann, der mir das Gepäck trug, sollte mich ins Hamilton-Hotel bringen, das man mir auf dem Schiffe empfohlen hatte. Da aber das Hotel noch geschlossen war, ging mein Mann ohne Phrase weiter und pochte an das nächste, indem er mich einfach versicherte, es sei ganz gleichgiltig, in welchem Hotel man wohne, wenn man überhaupt nur wohne. – Das war denn das erste Beispiel irischer Naivetät. Das zweite gab mir der Kellner, der mir, indem er sich die Augen rieb, Vorwürfe machte, warum ich auch so früh käme. – Ich begab mich sogleich auf die Wanderung; mit welchem Erfolg, mögen Sie daraus beurteilen, daß, als ich um zehn Uhr Herrn J.B. besuchte, an den ich eine Empfehlung hatte, derselbe nicht wenig erstaunt war über meine Dubliner Kenntnisse und mir gar nicht glauben wollte, daß ich erst vor vier Stunden angekommen. – Die Stadt ist außerordentlich schön, malerisch, interessant, eigentümlich und wäre gewiß auch eine der angenehmsten, wenn einem nicht auf Schritt und Tritt das fürchterlichste, jammervollste Elend entgegenträte. Man kann sich keinen Begriff machen von dieser Armut, von ihrer Ausdehnung und den entsetzlichen Schlupfwinkeln, in denen sie haust; sogar jene von Irländern bewohnte Gasse, die ich Ihnen in London zeigte, gibt noch nicht die entfernteste Ahnung von dem, was man hier auf Schritt und Tritt antrifft. Denken Sie sich eine ganze große Stadt, aus solchen Gassen bestehend wie jene in London und nur von den Ärmsten aus jener Gasse bewohnt–und Sie haben immer erst einen sehr schwachen Begriff von den meisten Stadtteilen Dublins. Höchstens der zehnte Mann, dem man begegnet, ist anständig gekleidet. Von den andern haben gewiß sieben kein Hemde an; wenn sie auch die Röcke bis hinauf zugeknöpft haben, so verraten es doch unzählige Stellen, die den nackten Leib zeigen. Ja, ich habe unendlich viele gesehen, die mehr nackt waren als bekleidet. Das schöne Märchen von dem persischen Könige, der das Hemd des Glücklichsten brauchte, überall nachsuchen ließ und endlich den Glücklichsten ohne Hemd fand, ist hier ein doppeltes Märchen, ja ein Hohn. Diese ausgehungerten, vertierten Gestalten sind soweit gekommen, daß sie überhaupt keines Glückes mehr fähig sind; rachitisch geboren, wachsen sie hungernd auf und sterben an der Auszehrung. Alle Weiber gehören der Prostitution an, und es sind darunter oft so holde, liebe Wesen, daß man nicht nur sie selbst beklagen muß, sondern mit ihnen auch die Menschen, denen sie hätten Glück geben können. Die meisten Irländerinnen sind schön oder haben wenigstens sanfte Züge; aber desto schrecklicher ist die Schrift, welche das Laster auf diese feinen Gesichter gezeichnet hat. Fast alle tragen das so hübsch kleidende Mäntelchen, das wir auch in Deutschland, zum Beispiel in der Gegend von Eisenach, haben, und gewiß alle ohne Ausnahme den Strohhut, an dem man auch in London die irische Bettlerin erkennt; mag er noch so zerrissen und zerschlitzt sein, der Hut darf nicht fehlen. – Ein Deutscher, den ich hier traf und der Irland seit Jahren kennt, konsumierte seine ganze Kenntnis und sein ganzes Urteil in folgenden Worten: »Ein gewiß sehr originelles Volk, wo jede Bettlerin einen Hut und jeder Mann ein luxuriöses O' vor seinem Namen trägt.« Und ein sonderbares Volk ist es allerdings, in jeder Beziehung verschieden von allen kontinentalen Völkern. Die meiste Ähnlichkeit hat es vielleicht noch mit den Lazzaronen Neapels, doch ist es gutmütiger, naiver und trotz der Verderbnis, die ihm das Elend notwendig eingeimpft hat, auch reiner. Der Irländer ist kein Lazzarone von Natur, er arbeitet willig, um sich sein tägliches Brot zu verdienen. Aber er tut es gern mit Heiterkeit und sträubt sich gegen die vertierende Anstrengung, die der Engländer verlangt. Hat er nicht recht darin ? Sind wir wirklich nur da, um zu arbeiten, oder sind wir vielmehr da, um zu leben? Wäre die Arbeit gerecht verteilt, ich meine, jedem müßte noch Raum und Zeit genug zum Lebensgenüsse bleiben. So aber, wie sich England und die moderne Welt die Sache eingerichtet haben, müssen allerdings Millionen am Pfluge, an den Maschinen, in den Minen verdumpfen und zugrunde gehen, damit einige wenige in gänzlicher Untätigkeit dahinschwelgen können. Die Natur, welche die Wahrheit ist und welcher der Irländer nahesteht, sträubt sich in ihm gegen diese Ausbeutung und Verdumpfung. Und gerade das ist's, was die Engländer an ihm verurteilen; wenn er verhungert bei seinem Sträuben gegen vierzehnstündige Arbeit, so hat er recht und ist ein Märtyrer der Wahrheit und Freiheit im Menschen. Aber traurig ist es freilich, diese Märtyrer in der Nähe zu sehen; der Hunger, nichts anderes, gibt den Weibern dieses zarte Aussehen, der Müßiggang diese feinen, unverdorbnen Glieder, die man bedauern muß. Die Männer liegen vor ihren Wohnungen, an den Straßenecken, auf den Brücken und lungern hinaus, ob sich kein Verdienst will sehen lassen. Wenn ein Fremder vorübergeht, strecken sie stumm die Hand aus; viele haben auch das aufgegeben und liegen nur noch regungslos da und betrachten den bessern Rock des Vorübergehenden oder sehen das Droschkenroß, vielleicht neidisch, an, wie es seinen Futtersack vorgebunden hat. – In den Gassen, wohin man sieht, Mütter mit Kindern auf den Armen, mit Kindern vor und hinter sich, wie eine traurige Gluckhenne, die kein Korn findet. Die Wohnungen dieser Unglücklichen, welche wenigstens drei Vierteile von Dublins Gassen einnehmen (wenn auch nicht der Ausdehnung, doch der Zahl nach, da sie in den engern Gassen wohnen, während natürlich die Wohlhabenden sich in breiten Straßen und Squares ausdehnen) – diese Wohnungen, zum Beispiel in der Nähe von St. Patrick's Street, zu beschreiben, das erlassen Sie mir. Ich habe viel gesehen in böhmischen Dörfern und Judengassen, ich bin auch in Schlesien gereist und in jenem Teile Westfalens, wo die Reichen so fromm sind; auch hatte ich immer Phantasie genug, mir das Gesehene verzehnfacht zu denken, wenn ich in Reisebeschreibungen von irischem Elend las. Aber wenn meine Phantasie auch alles früher Gesehene verhundertfacht aufeinandergehäuft hätte zu einem Alpengebirge von Elend, sie hätte das nicht erreicht. Robert Emmet hatte recht, das Hauptquartier seiner Revolution nach Patrick's Street zu verlegen; da ist ein ewiger Stoff zu Revolutionen aufgeschichtet, ein unsterbliches Heer wohnt da für die Revolution. – Mögen sie jetzt im englischen Parlament Bill auf Bill einbringen, mögen sie Workhouses auf Workhouses errichten, mögen die Unitarier noch so wohltätig sein und sogar den hundertsten Teil anstatt des tausendsten von ihren Renten für die Armen verwenden: diesem Leiden, das England seit Jahrhunderten gesät hat, helfen sie nicht mehr ab, dieser Krebs ist nicht mehr auszuschneiden, er wird weiter fressen und zerstören – ob England mit, ob Irland, das arme, isolierte Irland in seinem Siechhause allein? – Das ist die Frage. Macaulay spricht in der Einleitung zu seiner »Geschichte« mit Stolz von den englischen Abenteurern, die im fernen Indien Reiche gründeten, größer und dauerhafter als das Reich Alexanders. Aber ist es ein Ruhm, im fernen Indien Reiche zu gründen, wenn das schwarze Elend zu Hause vor der eigenen Türe lagert? Zeiten werden kommen, da man auf solchen Ruhm mit Verachtung zurückblicken wird. Wirklich edle Völker waren nie erobernde; sie blieben daheim und schmückten sich, »wie die Rose sich schmückt«. Assyrier, Babylonier und Perser durchzogen die Welt als Eroberer; die Griechen zogen nur aus, um als Argonauten geahnte Ideale zu suchen oder als Trojafahrer, um geraubte Weiber heimzubringen, oder endlich um mit friedlichen Kolonien die öde Welt zu bevölkern und neue Herde der Gesittung zu errichten. Aber ich vergesse, daß die Engländer in Irland selbst Eroberer sind, und zwar noch heutzutage. Überall gewährt Dublin den Anblick einer eroberten Stadt; Soldaten, in London eine Seltenheit, gibt es hier in unzähliger Menge, auf Schritt und Tritt begegnet man rotgeröckten Scharen. Überall stehen Kasernen von ungeheurer Größe, und das Kastell in der Mitte der Stadt ist ein wahres Zwing-Dublin. Die Policemen, die Sie in London so sehr als Diener des Publikums bewunderten, sind hier ebenso vollkommene Polizisten wie auf dem Kontinent; die meisten tragen dicke Stöcke und sind rauh und unfreundlich. Das Volk jagen sie vor sich her, wie man Vieh treibt; bei Arrestationen werfen sie den Arrestanten nieder und stoßen und schlagen ihn. – Schon in London, als ich einst einem Policeman Vorwürfe machte über sein rohes Betragen gegen ein Bettelkind, welches er schlug und kneipte, antwortete er mir kurz: »Bah, it is an Irish girl.« – Wenn man einen Irländer fragt, was die runden Türme bedeuten, die sich auf den Anhöhen der Bai hinziehen, antwortet er: »Sie sind gegen die Franzosen oder Amerikaner, wenn sie uns einmal zu Hülfe kommen sollten.« Daß die Türme ihnen zum Nutzen und zum Schutz des Hafens dasein könnten, fällt den Irländern nicht ein. Auf Frankreich blicken sie noch immer mit Vertrauen und Freundschaft, wie die Polen, obwohl sie wie diese schon hundertmal von Frankreich betrogen worden sind. Ein Irländer, zu dem ich bemerkte, daß man mich meines Bartes wegen hier weniger auslache als in England, antwortete mir: »Das kommt daher, weil man Sie für einen Franzosen hält, und wir lieben die Franzosen.« – In neuerer Zeit indessen hat sich der hoffende Blick Irlands auch auf Amerika gerichtet. In der Tat ist dies das einzige Land, woher ihm wirklich Hülfe kommen kann; aber wie lange wird dies noch dauern? Auch Straßen, Monumente und Häuser zeigen, wie man der eroberten Stadt mit Gewalt ein englisches Gepräge geben und ihr einreden will, als ob die Geschichte Englands, der Ruhm Englands auch ihr Ruhm und ihre Geschichte sei. Die meisten Straßen, nur die ältesten ausgenommen, tragen berühmte englische Namen. Die Moore Street ist die einzige, die einen irischen Namen neueren Datums trägt. Sonst sieht man Grafton Street, Cumberland Street etc. Letztere nach jenem Edlen genannt, der an der Spitze der blutigen Orangemen Hetzjagden auf Irländer anstellte. Vor Trinity College sitzt der Mann zu Pferde, der das Kollegium den Irländern verschlossen, und wie zum Hohn steht auf dem Sockel, daß es »ob restitutam fidem« errichtet worden. Ich meine das Monument Wilhelms III. Kann es da wundern, daß ein Verschwörer beim Eintritt in die Verschwörung es sich ausbedungen, sobald die Revolution ausbricht, den Wilhelm in die Luft sprengen zu dürfen? Das ist nun freilich nicht geschehen, aber eine Genugtuung können die Irländer in der Häßlichkeit des Monumentes finden. Braun angestrichen, mit goldenen Litzen um Schulter und Gürtel, sitzt Wilhelm III. da auf seinem dicken Pferde, wie ein Häuptling der Rothäute in seinem schönsten Staate. Nur seine Haltung, der nach vorn gebeugte Oberleib und der nach hinten herausgestreckte untere Teil, sind echt englisch. In der schönen Sackville Street steht Nelson auf seiner Säule, und vom Phönixparke aus beherrscht eine Pyramide mit den Namen der Wellingtonschen Schlachtfelder die Stadt. Beide Helden hätte Irland lieber geschlagen als siegreich gesehen. Aber was hilft‘s? England behandelt Irland, wie schlechte Erzieher ein Kind behandeln: es muß die Speisen verschlucken, die es nicht mag. Eines der traurigsten Monumente in Dublin ist das ehemalige House of Commons, wo einst doch wenigstens ein Schatten von Freiheit wohnte und wo jetzt England mit seinem Gelde herrscht. Denn das House of Commons ist in die Bank umgewandelt. Das große weitläufige säulengetragene Gebäude aus dunklen Quadern hat ein wirklich historisches Gesicht. Auf den ersten Blick erzählt es einem lange, rührende Geschichten. Ich mußte bei seinem Anblick immer an den herrlichen, rührenden Moment denken, da der kleine Grattan mit den feurigen Augen hier vom Portale aus zum Volke sprach, als der letzte Rest irischer Unabhängigkeit durch die sogenannte Union begraben war. Das Volk trug ihn jauchzend auf seinen Schultern durch die Gassen – was hat das genützt? Vielleicht doch etwas. Im Volksgewühle versteckt, stand damals ein kleiner, breitschultriger Junge, Daniel O‘Connell; wer kann berechnen, welche großen Entschlüsse er schon damals gefaßt? – Noch heute nennt das Volk das säulengetragene Gebäude nur sein House of Commons. Es hängt überhaupt mit unabänderlicher Treue an seinen alten Erinnerungen wie an seinen toten und lebenden Märtyrern; Lord Eduard Fitzgerald, Wolf Tone, Russell, Robert Emmet sind ihm heilige Namen. Doch werden sie alle von O‘Connell überragt, den man nur den Befreier nennt oder den großen Agitator. Vor jedem großen wie kleinen Bilderladen hängt sein Porträt, ringsumher die Porträts von Mitchell, Smith O‘Brien, J. Duffey usw. Unter dem Bilde O‘Briens fand ich folgenden Vers: Whether on the scaffold high, Whether in the battle's van, The fittest place, where man can die, Is where he dies for man. Was in der Übersetzung etwa so heißen mag: Ob hier auf dem Schafotte hoch, Ob, wo der Tod der Schlachten wirbt – Es stirbt der Mensch am schönsten, wo Er für die Menschen stirbt. Ich war dabei, wie ein zerrissener Irländer einem Haufen Gleichzerrissener diese Verse vorlas; sie wurden mit einem Hurra auf alle guten Patrioten und auf die Deportierten beantwortet. Trotzdem jedoch geht die Repeal-Agitation nicht vorwärts; sogar sie schläft seit dem Tode O'Connells immer tiefer und tiefer ein. So wahr ist es, daß auch die größte und gerechteste Sache von Persönlichkeiten abhängt; eine traurige Wahrheit für alle Autoritätsbekämpfer! – Der Meeting, dem ich heute beiwohnte, scheint mir der letzte gewesen zu sein. Seit dem Tode des großen Agitators versammelten sich die Repealer jede Woche einmal in der Reconciliations Hall; aber die Zahl wurde immer geringer, und heute belief sie sich nicht auf hundert. Den Präsidentenstuhl nahm ein Herr Samuel Law ein; die Bänke der Patrioten und Repealer waren besetzt, aber die Bänke des Komitees blieben leer. John O'Connell war das einzige von den Komiteemitgliedern, das erschien. Er wurde von der kleinen Versammlung mit geschwenkten Hüten und lauten Cheers empfangen. Aber sein melancholisches Gesicht konnte dieser enthusiastische Empfang nicht aufheitern. Im Gegenteil begann er, sobald der Präsident seinen Sitz eingenommen hatte, sich bitter zu beklagen über die Teilnahmlosigkeit des Landes und über das Ersterben des Eifers für die große Sache. Der Präsident sprach im selben Tone und zog betrübte Parallelen zwischen einst und jetzt, zwischen der Zeit, da die Reconciliations Hall vollgepfropft und die Repeal-Steuer wöchentlich Tausende von Pfunden einbrachte, und zwischen der Gegenwart, da sich ebensowenig Schillinge als Repealer sehen lassen. Bei diesen Worten warfen einige aus dem Publikum kleine Summen auf den Sekretärstisch; die meisten indes seufzten bloß und hielten ihre Hände regungslos in den leeren Taschen. Auf der Galerie weinten einige Weiber. Zuletzt kündigte John O'Connell den Beschluß des Komitees an, die Meetings auszusetzen und eine bessere Zeit abzuwarten. Die Association, bemerkte er ausdrücklich, sei damit noch nicht aufgelöst, das Komitee bestehe fort und werde mit allen Kräften weiterarbeiten, aber die nutzlosen Meetings seien aufgeschoben, vertagt. Man sah ihm an, daß er selbst nicht an seine Worte glaubte, ebensowenig taten es die Zuhörer. Aber als er von seinem guten Willen sprach, von seiner Bereitwilligkeit, für die »große Sache« alles zu tun, wurde er wieder mit lärmender Begeisterung begrüßt. Auch von seinen kleinen Fähigkeiten, vom Bewußtsein seiner Unbedeutendheit sprach er einige Worte, die jedoch vom Widerspruch seiner Zuhörer erstickt wurden. – Hierauf zerstreute sich die Gesellschaft schweigend. Ich hatte die Überzeugung, der Sterbestunde der Repeal-Meetings beigewohnt zu haben. Die so groß begonnen, die die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gezogen und einst das eiserne England in seinem Innern hatte beben machen, endete hier schweigend, geräuschlos, wie ein Strom im Sande, wie ein einst Berühmter, nun Vergessener im dunklen Winkel eines Hospitals seinen letzten Atem verhaucht. Die Reconciliations Hall ist ein einfaches, solides Gebäude am Hafenkai, fast ohne allen andern äußern Schmuck als das Basrelief der Harfe von Erin. Der innere Saal ist ebenso einfach. Rings um die Wand läuft eine geräumige Galerie für die Frauen, die O'Connells eifrigste Anhängerinnen waren; er hatte auch fast in jeder seiner Meetingsreden ein Kompliment für sie bereit. Zu Füßen des hocherhöhten Präsidentenstuhls steht der Tisch der Sekretäre; rechts und links laufen die Bänke für das Komitee und für »ausgezeichnete Fremde«. Doch kann man für einen Sixpence einen solchen ausgezeichneten Platz erhalten. – So wenigstens tat ich und hatte den Vorteil, die ganze Versammlung en face und John O'Connell dicht neben mir zu sehen. Letzterer macht nicht den Eindruck eines bedeutenden Menschen, auch nicht, wenn er spricht. Von seinem Vater scheint er wenige Eigenschaften geerbt zu haben. In der Rede ist er befangen, oft fehlt ihm der Ausdruck für das, was er sagen will, dann entsteht eine Pause, während welcher er zur Erde sieht oder mit den Papieren in seiner Hand spielt; endlich findet er das Wort, aber es ist viel schwächer, als man es nach dem Anfange des Satzes erwartet hatte. – Auch wird John O'Connell schwerlich noch an Bedeutung wachsen. Er ist nicht mehr in dem Alter, in dem man lernt. Sein Haupt ist kahl und die Frische der Jugend von seinem Gesicht, das zu den gewöhnlichsten gehört, längst gewichen. Mit seinem Vater hat er, nach den Bildern zu schließen, auch äußerlich nicht die geringste Ähnlichkeit. Er scheint ein einfacher, anständiger Mensch zu sein, nichts mehr und nichts weniger. Sein Vater war, wie alle Menschen, die geschaffen sind, große Massen in Bewegung zu setzen, ein höchst zusammengesetzter Charakter. Dieses ersah ich auch aus einem Gespräche, das ich in einer kleinen Kneipe mit Männern aus dem Volke führte, die ihn alle ganz genau gekannt hatten. »Das war ein Löwe«, sagte der eine, »stärker als der Löwe Britanniens.« – »O nein«, sagte ein zweiter, »er war nur stark wie ein Löwe und edel, sonst war er ein Fuchs.« – »Ein[e] Bulldogge war er«, rief ein dritter. »Nein! Ein Kampfhahn!« schrie ein vierter darein, und ein fünfter, der halb betrunken auf der Bank lag, erhob sich gravitätisch und stammelte: »Er war ein großer Advokat und ein großer Feldherr, aber er liebte zu sehr den Frieden.« Der Mann, der den letzten Zusatz machte, sah mir gerade so aus, als dächte er weniger an die friedliche Agitation als an die Worte O'Connells, die, wie ein Vermächtnis an seine Nation, in goldenen Lettern, auf Samt gestickt, in der Halle über dem Präsidentenstuhle prangen und die da lauten: »The man who commits a crime gives strength to the enemy . O'Connell«; während auf der ändern Seite des Stuhles golden auf schwarzem Samt zu lesen ist: »O‘Connell is dead! Irishmen, as you revere his Memory owing to his Principles.« Letzteres ist nun weniger der Fall und hat seine Gründe. Die Schüler und Nachfolger O‘Connells sind keine friedlichen Agitatoren, sondern offene Revolutionäre. Es scheint mehr als Zufall, es scheint geschichtliche Vorsehung zu sein, daß O‘Connell gerade vor Anbruch des Jahres 1848 die Augen geschlossen hat. Gewisse Punkte gibt es, an denen angelangt die Geschichte sich mit Reformen und friedlichen Agitationen nicht begnügen kann; die Mitchells und Smith O‘Brien sind in ihrer Zeit ebenso berechtigt, wie es der alte Dan in der seinen war. Dritter Brief Eine Stunde später Ich bin gestört worden durch einen Mann, der mir von einem Antiquar ein Paket alter Bücher und Broschüren über die Revolution der United Irishmen und über die Insurrektion von 1803 brachte. Als ich ihn für seine Mühe bezahlte, bemerkte ich, daß er mit zu der großen Schar derjenigen gehörte, von denen man nicht sagen kann, daß ihnen das Hemde näher ist als der Rock. Ich legte ihm eines an, ohne von ihm dafür den Stoff zu einer Dichtung zu verlangen. Überrascht wog er es lange in seiner Hand, sah bald mich, bald das Geschenk an und fragte endlich, was er damit sollte. Ich setzte ihm in schöner Rede den Vorteil eines solchen Besitztums auseinander, machte aber offenbar nur geringen Eindruck damit. – »Ich bin‘s nicht gewöhnt«, sagte er endlich mit Achselzucken. Und auf die Frage, ob er denn nie ein Hemde getragen, antwortete er: »O ja, einigemal, aber das ist schon lange her.« – Nach einigen Minuten fragte er wieder: »Also das Hemd gehört jetzt mir?« – »Jawohl!« – »Nun, da es mein ist, kann ich damit machen, was ich will; ich verkaufe es Ihnen.« Und so sprechend, bot er mir es an mit dem liebenswürdigsten Lächeln und der graziösesten Bewegung von der Welt. »Nehmen Sie es«, fügte er hinzu, »ich lasse es Ihnen sehr billig; für drei Pence gehört es Ihnen.« Ich gab ihm die drei Pence und ließ ihn mit dem Hemde gehen. Da haben Sie ein kleines echt irisches Geschichtchen. Mir ist es als Unterbrechung lieb; es hat mich aus dem Politisieren herausgerissen, und ich verlasse das Thema, das seit zehn Jahren alle Zeitungen besser behandelt haben, um Ihnen den herrlichen Tag zu beschreiben, welchen ich gestern verlebt habe. Es war Sonntag. Die Sonne schien herrlich; kein Wölkchen bedeckte den Himmel, und ich machte mich früh auf, um nach Kingstown zu fahren. Es ist eine der schönsten Fahrten, die man machen kann. Die Eisenbahn geht längs des südlichen Ufers der Dubliner Bai hin und teilweise durch die Bai selbst; die Wagen sind klugerweise ganz offen, so daß einem von dem herrlichen Anblicke nichts verlorengeht. – Nach und nach verschwindet Dublin, nur Masten und Türme blicken über die Gärten und durch den blauen Morgendampf dem Reisenden nach. Die Bai tut sich weit auf und immer weiter und weiter und zeigt einem am jenseitigen Ufer das einsame Vorgebirge von Houth Head, welches die Felseninsel Ireland's Eye, das melancholische Auge Irlands, mit seinen Zacken versteckt. Fern im Osten treiben einzelne Segler, die die Flut erwarten, um in den gastlichen Golf einzulaufen. Ganz nahe der Eisenbahn liegen da und dort ganz traurig aussehende Schiffe, die die Ebbe auf dem Trockenen zurückgelassen – wie Menschen mit einem verfehlten Leben. Die Anker, die tief im Schlamme stecken, scheinen eine Ironie; umsonst zaust der Morgenwind an den eingerefften Segeln. – Wir kommen nach Black Rock. Es sind das schöne und bescheidene Landhäuser, die sich terrassenartig den Hügel hinauf- und die Eisenbahn entlangziehen bis gegen Kingstown. Aber englische Villas sind es nicht; in den Gärten, die der Engländer mit Kaktussen bepflanzt hätte, treibt die Kartoffel ihre bescheidene, meist krankende Blüte. Doch ist es schön hier. Die Nähe des Meeres wirft seinen Glanz zurück auf die Hügel, die Bäume und Büsche neigen und beugen sich im Morgenwinde, kreisende Möwen streichen uns über den Weg, der noch zu ihrem Gebiete gehört – über den Wassern begegnen sich die Klänge der Sonntagsglocken aus Kingstown und Dublin – in den Gärten zwischen Büschen und Lauben sitzen Väter, Mütter und Kinder beim Frühstück und schwingen uns zum Gruße Hüte und Tücher – auf den Spitzen der Hügel stehen überall einzelne Masten, die dem Sonntag zu Ehren Flaggen wallen lassen. Der Lokomotivführer scheint zu schlafen oder zu beten, denn wir gleiten sacht und langsam durch all die Schönheit hin. – In Kingstown steigen wir an dem kleinen, lieblichen Hafen aus, in dessen Busen gewaltige Dampfer ruhig träumen, die des Abends nach Liverpool und Belfast treiben sollen, und andre, die sich zu Sonntagsspazierfahrten bereitmachen. Der Leuchtturm glänzt im Sonnenlichte, und auf den Felsblöcken, die am Ufer umherliegen wie die zerstreuten Trümmer eines gewaltigen Palastes, lagern die Gruppen harrender Kirchengänger und lassen sich die Sonne auf die Gesichter brennen. Kingstown ist ein schöner Flecken, der sich vom Hafen aus eine sanfte Höhe hinanzieht, während ihn im Hintergrunde die halbkahlen Felsmassen von Dalkey überragen. Im Vordergrunde zeigt eine Reihe von prächtigen Landhäusern, die auf den Meerbusen hinaussehen, ihre glänzende Stirne. Terrassen und Gärten ziehen sich bis zum Hafen hinab. Ich habe hier einen Brief an einen Jungirländer abzugeben, dessen Adresse ich nicht weiß. Ich frage, und bald bin ich von einer ganzen Schar guter Leute umgeben, die mir alle helfen wollen und die sich wieder nach allen Winden zerstreuen, um sich zu erkundigen. – Nach einer Stunde vergeblichen Suchens trete ich in einen Fruchtladen, um zu frühstücken. Die Mädchen daselbst erzählen mir, daß Kingstown von Katholiken, Protestanten, Quäkern und Methodisten bewohnt ist, die alle in größter Friedlichkeit zusammenleben. Von Kingstown fuhr ich auf der atmosphärischen Eisenbahn nach Dalkey. Man sieht vom Lande nicht viel, da die Bahn größtenteils unter der Erde hinläuft. Wie ich wieder ans Tageslicht emporstieg, glaubte ich in einem italienischen Dorfe zu sein. Aus verbranntem oder aufgeschwemmtem Boden wachsen grüne Gärten, freundliche und prachtvolle Landhäuser heraus. Zwischen Häusern und Gärten blickt an allen Seiten das unendliche Meer durch, das schäumend an die Felskolosse des Ufers schlägt. Überragt ist das ganze Dorf von einem gewaltigen Bergkegel, dessen Spitze mit einer Pyramide gekrönt, dessen Abhänge von großen Felsblöcken bedeckt sind, zwischen welchen das Grün nur sparsam durchleuchtet. Hier und da trägt er ein einsames Haus auf seinem Rücken. Von dieser Seite ahnt man es nicht, daß der rohe Geselle in ein Bruchstück des Paradieses blickt, in die Bai von Killeeny. Ich weiß nicht, wohin mich zuerst wenden, und folge der Menge, die aus dem Bahnhofe strömt. Ein freundlicher Gentleman schloß sich mir an. »A fine day, Sir!« – »A very fine day, Sir!« Dann spricht er französisch, ich antworte ihm und bemerke, daß ich ein Deutscher sei. »Ein Deutscher!« ruft er. »Sehen Sie, welches Buch ich in der Tasche mit mir trage!« Und er zieht Schillers »Dreißigjährigen Krieg« hervor. »Ich lerne Deutsch«, sagte er, »ich liebe diese Sprache, es ist die sanfteste, süßeste, wohlklingendste aller Sprachen.« Ich bin zu höflich und zu patriotisch, um zu widersprechen. Er hielt mir das Buch vor (es sah aus wie das griechische Lesebuch eines schlechten Schülers, der sich mit mancher pia fraus fürs Examen vorbereitet) und erkundigte sich nach der Bedeutung verschiedener Worte, die er mit aller Mühe und mit allen Wörterbüchern nicht enträtseln konnte. Es waren meist unregelmäßige Imperfecta und Participia. – Der Satz: »Unter Maximilian II. genossen die Protestanten eine vollkommene Toleranz« – hatte ihm schweres Kopfbrechen verursacht. – Die Ahnung, daß » genossen « von » genießen « herkommen könne, half ihm nicht, denn dann begriff er erst nicht, was es heißen solle: » Toleranz essen «. Man wird mit einem Irländer so schnell bekannt, und hier half noch die Dankbarkeit, mir einen guten Freund und für den ganzen Tag einen liebenswürdigen und sehr unterrichteten Cicerone zu geben. Er führte mich durch die langen Gartenstraßen von Dalkey, vorbei an den Häusern, die sich unter dem Namen Sorrent auf dem Vorgebirge aneinanderreihen, der Anhöhe zu auf einen Punkt, wo sich der Meerbusen von Killeeny plötzlich vor mir öffnete. Welch ein Anblick! Gewiß einer der schönsten, erhabensten der Welt. – Das Meer schneidet hier tief ins Land, welches sich plötzlich und fast steil aus der Tiefe erhebt und in amphitheatralisch gereihten Hügeln und Bergen die Bucht umarmt. Tiefblau und ruhig träumt unten das Meer und wirft dunkle Schatten auf die Abhänge der Berge, die sich mit Behagen in ihm zu baden scheinen. Aber immer heller und heller werden die Tinten nach oben zu. Die kleineren Hügel sind in ein sanftes Rosenlicht getaucht, welches sich nach und nach in schimmerndes Goldgelb verwandelt, bis die höchsten Spitzen der einzelnen kahlen Berge im hellsten, brennendsten Sonnenlichte glühen. Diese werden fern im Süden wieder von dem hohen Wicklow-Gebirge dunkelblau und schwarz überragt als von einem ernsten Hintergrunde. Es ist das das berühmte Gebirge, die Heimat des kühnen irischen Jungen, die Heimat der Revolution, das Asyl der Patrioten. Links von uns, an dem nördlichen Ausläufer des Amphitheaters, auf sanfter Anhöhe, stehen die wenigen halb eleganten, unausgebauten Häuser, die die ganze Bai beherrschen und sich wie ein junges Mädchen in dem kleinen See bespiegeln. Sie nennen sich, und nicht mit Unrecht: Sorrent. Sorrent! scheinen sie stolz zu rufen – Sorrent! trotz unserer Armut – Sorrent! trotz unserer Unberühmtheit – Sorrent! nach vorn, Sorrent! nach rückwärts. Genügt dir, o Wanderer, nicht die Idylle der Killeeny Bay, so sieh dich um nach der Pracht der Dubliner Bucht mit ihren Klippen und Felsen, mit ihren sanften Abhängen und Gärten von Kingstown, mit ihren Schiffen und Kähnen, mit ihren Häuserkronen von Dublin, mit ihrem schroffen und steinigen Houth Head, mit ihrem melancholischen Eiland von Ireland's Eye, das sehnsüchtig in die Weite hinausblickt und vorwurfsvoll hinüber nach der Küste von Albion! – Und die bescheidenen Häuser von Sorrent haben recht, so zu sprechen. Wohin du von ihren Altanen siehst, überall Schönheit, idyllische und melancholische Schönheit. – Ihnen gegenüber im Süden glänzen die weißen Hütten von Bray, das aus dem dunkeln Grunde der Wicklow-Berge frisch und keck hervorspringt, als wollte es in die Tiefen der lockenden blauen See sich stürzen, und hinter ihm, wie eine geballte Faust, streckt sich das Vorgebirge von Bray Head drohend gegen Osten. Mit Ausnahme der beiden einander so fernen Endpunkte von Sorrent und Bray ist die ganze weite Bai nur wenig bebaut. In der Tiefe einige Fischerhütten, auf den Abhängen hie und da eine einsame, mit ärmlicher, angestrengter Eleganz erbaute Villa – auf der Spitze eines kahlen Kegels eine einsame Pyramide. Die Berge an ihrem Fuße in der Nähe des Meeres ohne Vegetation, auf ihrem Gipfel verbrannt, in der Mitte voll von Rissen und klaffenden Spalten, die kaum verhüllt sind. Trotzdem macht alles den Eindruck tiefen Friedens, möglichen Glückes. – Die Bai ist wie alles in Irland, wie die Menschenangesichter, denen man die Fähigkeit zum Glücke, zur Heiterkeit, wie die Felder, denen man unbenutzte Fruchtbarkeit ansieht. – Alles könnte hier schön sein, wenn das nur der »liebe Nächste« wollte. – In der Bai von Killeeny baut die Phantasie leicht säulengetragene Villen auf, zaubert ohne Anstrengung Rebengelände auf die Abhänge, ja sogar Oliven und Mandelbäume und Pinien – denn alles atmet hier südliche Belebungsfähigkeit –, und mitten in das Paradies heitere und glückliche Menschen, die so schöne Bilder geben würden wie die von Leopold Robert und so poesievolle wie die von Rudolf Lehmann. Um mich den entzückenden Anblick aus dem künstlerisch umgrenzenden Rahmen eines Fensters genießen zu lassen, führte mich mein gefälliger Cicerone in das Landhaus eines Freundes, das sich einige hundert Fuß über dem Meere aus einem freundlichen Garten erhob. Die Türen des Gartens wie der Stuben standen offen, obwohl alle Bewohner ausgeflogen waren, die weiblichen, um in der Kirche von Dalkey zu beten, die männlichen, um unten im Meere zu baden. In einer der Stuben saß schon ein Besucher, der den Hausherrn erwartete, ein berühmter Advokat aus Dublin, eine große, gewaltige Gestalt, berühmt bei den Irländern wegen seines unübertroffenen Nachahmungstalentes, das er oft bei Meetings benutzt, um seine Landsleute an O'Connell zu erinnern. Es soll ganz außerordentlich sein, wie genau er Gebärde, Ton und Bewegung des großen Agitators nachzuahmen versteht. Er bringt die Irländer dadurch oft in Entzücken und Tränen. Mein Führer stellte mich ihm als einen Freund Irlands vor, und ich wurde sogleich mit der größten Herzlichkeit aufgenommen, ebenso vom Hausherrn, der bald mit noch triefenden Haaren ankam. Mit diesem, Herrn Seevens, ehemaligem Redakteur eines Repealer-Blattes, war die Freundschaft noch leichter geschlossen. Denn als er mich nach seinem Freunde, Mister Jacob Venedey, fragte und ich mich ihm ebenfalls als einen alten Freund desselben (trotz Erfurt, dachte ich bei mir) zu erkennen gab, wurde ich von den drei Männern als zur großen irischen Familie gehörig betrachtet. Unser Wirt überfloß vom Lobe Jacob Venedeys, den er einen »noble, accomplished and clean gentleman« nannte. Er hatte ihn oft bei O'Connell und dessen Meetings gesehen und konnte seine Teilnahme, seine Einsicht in die irischen Angelegenheiten und endlich sein Buch über Irland nicht genug preisen. – Überhaupt fand ich, daß Venedey in Irland sehr bekannt, fast populär sei. In vielen Privatbibliotheken sah ich sein Buch in englischer Übersetzung, ebenso in allen Buchhandlungen und bei vielen Antiquaren. Gleich bei meinem ersten Ausgang in Dublin sah ich vier Exemplare davon bei dem Gassenantiquar in Great Brunswick Street nebeneinander, alle mit offenen Büchertiteln aufgestellt und darüber einen breiten Zettel befestigt mit der Inschrift: »A celebrated German's opinions about Ireland«. – Ich nahm es als ein gutes Omen, daß mir in dieser fremden Welt gleich anfangs der Name dessen entgegentrat, der mir schon einmal in der Fremde in mancherlei Nöten treu beigestanden. Während wir so dasaßen und gemütlich plauderten, belebte sich die Bucht tief unter uns immer mehr und mehr. Heitere Sonntagsvergnüglinge fuhren auf kleinen Kähnen hinüber nach Bray, um sich am Fuße der Berge am Bergtaue, gemeinhin Whisky genannt, zu laben und des Abend als wonneberauschte Bienen in ihre Zellen zurückzukehren. –- Die milde feuchte Luft, die trotz der brennenden Sonnenhitze über den Wellen bebte, brachte die fernsten Gegenstände nahe und ließ die entferntesten Töne laut und deutlich an unser Ohr klingen. Es war, als ob die weißen Segel der fliegenden Barken hart an unserem Fenster vorbeistrichen, als wären sie mit der Hand zu erreichen–die Täuschung wurde noch durch die Gartenmauer vor dem Fenster vollendet, die den ganzen Bergabhang verdeckte und nur das blaue Meer sehen ließ, und durch die Lieder, welche voll und klar von unten heraufhallten. Deutlich erkannte ich aus einer mit Frauen und Mädchen gefüllten Barke die Melodie des »Last Rose of Summer« und aus einer anderen den melancholischen Refrain »Robert A Roon«. Welcher Irländer würde nicht durch den Anblick der Wicklow-Berge an den Helden erinnert, dessen Tod dieses Lied beklagt! Kennen Sie es? Man hört es in Dublin oft, sehr oft durch die Nacht erzittern mit seiner monotonen Grabmelodie, die noch schauerlicher und trauriger klingt als seine Worte–verzweifelt, hoffnungslos, aufgegeben. Der Refrain fast zwischen jeder Zeile klingt dumpf und gebrochen wie das Echo zwischen Ruinen, wie die Schollen, die auf einen Sargdeckel fallen. Hier haben Sie es in ungefährer Übersetzung. Die Worte sind der unglücklichen Sarah Curran, der Geliebten Robert Emmets, in den Mund gelegt, aber es singt sie das ganze Volk, das sie nicht vergessen hat, trotzdem das Lied lange Zeit bei schwerer Strafe verboten war. Es hatte dasselbe Schicksal und wirkte auf seine Landsleute ebenso wie das berühmte Lied der Mauren von Granada: »Wehe mir, Alhama«. Des Lebens Freude liegt in diesem Grabe,     Robert A Roon. Hier alles, was ich lieb und teuer habe,     Robert A Roon. Gemahl du meiner Seele – in dem Schreine Ist »letzte, bange Heimat« – ach, die deine, Der Hoffnung, Freiheit, Liebe – und die meine,     Robert A Roon. Doch Tränen müssen fallen ungesehen,     Robert A Roon, Noch aus den Schollen will kein Grün erstehen,     Robert A Roon, Kein Leichenstein darf deinen Namen tragen, Es darf kein Mund von deiner Treue sagen, Es darf kein Herz zu deinem Ruhme schlagen,     Robert A Roon. Des Heldendichters Wehlaut, dir zu Preise,     Robert A Roon, Muß schweigen, schweigen muß der Harfe Weise,     Robert A Roon, Kein einz'ger Seufzerhauch darf ihr entgleiten, Zu klagen all die toten Herrlichkeiten – Den Ton verloren haben ihre Saiten,     Robert A Roon. Die Nacht ist rauh und kalt, die Winde jagen,     Robert A Roon, Viel kälter mag mein Herz im Busen schlagen,     Robert A Roon. Nie wird mir heitre Sonne wieder scheinen, Nie kann mein Herz mehr zu erwarmen meinen, O es ist kalt, erstorben – gleich dem deinen,     Robert A Roon. Ich möchte nie von diesem Ort mich trennen,     Robert A Roon. Ach, welchen andern soll ich Heimat nennen?     Robert A Roon. O hätten sie mich fort mit dir getragen, Viel heißen Dank würd ich dem Tode sagen, Mein Brautbett wäre mir der Totenschragen,     Robert A Roon. Ein einzig Hoffen füllet mein Gemüte,     Robert A Roon. Daß ich, um zu verwelken, nur erblühte,     Robert A Roon. Nie wieder kann mein Herz in Blüte prangen, Von Mehltau ist sein tiefster Keim umhangen, Und alle Lebensfreude ist vergangen,     Robert A Roon. Die trauervolle Melodie dieses Gesanges gehört ursprünglich einer alten irischen Ballade, »Eileen A Room«, deren gefeierter Held, ein Ahnherr des Lord Molesworth, in Holby Park, Grafschaft Wicklow, lebte. Händel erklärte, er wäre viel lieber der Kompositeur dieser Melodie als irgendeiner andern modernen Komposition. Nach Hardiman bedeutet der Refrain »A Roon«: »Meines Herzens geheimer Schatz«–My heart's secret treasure. Im Innersten bewegt durch den Anblick all des Schönen und die Töne des Liedes, die klagevoll heraufzitterten, stand ich auf und ging hinaus in den Garten. Wem wurde es beim Anschauen großartiger Natur nicht zu enge in der Stube, wen hat es dann nicht hinausgetrieben ins Freie mit dem unbestimmten Drange, diesem Schönen näher zu sein, darin zu tauchen und darin unterzugehen? Aber da steht man, »der große Hans, ach, wie so klein«, man steht auf einem Flecke, und alles ringsumher bleibt einem so ferne wie vorher. An die Gartenmauer gelehnt, sah ich hinaus ins unendliche Meer, und mein Innerstes fühlte und rief, was es schon einmal fühlte und rief: Allgottheit, nimm mich auf, lös mich in Tropfen Taus, Wie er am Blatte hängt, laß ungemeßne Fernen Mich ewiglich durchziehn, hin zwischen Blum' und Sternen, Laß mit dem Ozean mich unerkannt verschwimmen, Laß mit dem Strom von Licht, der mich unirauscht, verglimmen, Daß ich mich nicht als Eins und Einsames empfinde, Gleich dem verstoßenen und mutterlosen Kinde! Die Freunde kamen mir nach, und während sich die beiden Gäste zu mir gesellten und ebenfalls bewegt hinaussahen in das unendlich Schöne, ging unser Wirt durch den Garten und suchte die schönsten Blumen aus. Die band er dann zum Strauß und bot mir sie als freundliches Gastgeschenk. Sein kleiner Sohn tat dasselbe. Das ist so echt irisch-sinnig, so ganz des Volkes würdig, das die sanften Melodien und die vielen Elfensagen besitzt. Endlich nahm ich Abschied. Mein freundlicher Führer verließ mich nicht und begleitete mich nach Dalkey zurück, wo sich zwischen den Klippen die männliche Jugend versammelte, um zu baden. Auch wir warfen unsere Kleider auf einen Felsblock und stürzten uns in die heranbrausende Flut. Es war eine schöne Szene. Der breite alte Turm auf dem Hügel des Ufers warf seine dicken Schatten auf die Badestelle; immer wilder stürmten die Wellen heran und warfen ihre weißen Raketen über die Häupter der höchsten Klippen, die hier wie kleine Türme weit in das Meer hinauslaufen. Aus der Ferne scholl der jubelnde Ruf der kühnsten Schwimmer, die der heranstürmenden Flut entgegenarbeiteten oder sich an die vorbeisegelnden Kähne hefteten und mit den drin sitzenden Frauen und Mädchen scherzten. Da plötzlich tönt ein Angst- und Hülferuf hinter mir. Ich sah mich um – ein junger, ungefähr eilf Jahre alter Irländer kämpfte mit der Flut, die sich unaufhörlich über seinen Kopf wälzte und ihn endlich auf den Grund warf. – Mit leichter Mühe und ohne alle Gefahr erreichte ich ihn und trug ihn watend auf die nächste Klippe. Während ich ihn hinstellte, benutzte die tückische Flut meine vorgebeugte Stellung, stürzte sich mit Gewalt auf meinen Rücken und warf mich an den Felsen. Meine Brust war verwundet, und es gab Blut. Dieser Zufall machte aus dem Nichts eine Tat und aus den Mitbadenden und den Zuschauern am Ufer meine Freunde. Beim Anblick meiner blutenden Brust stürzten sie alle laut schreiend herbei – die Badewärter kamen schwimmend, die Zuschauer sprangen angekleidet ins Wasser, um mir zu helfen. Es war nicht nötig. Aber der ganze Schwarm wollte mich nicht mehr verlassen, und von ihm begleitet, zog ich in Dalkey ein. – Da mir mein Führer noch verschiedene schöne Punkte zeigen wollte, gab mir die Majorität meiner Begleiter ein Rendezvous in einem Gasthausgarten. – Mein Cicerone führte mich durch unterirdische Gänge an eine Quelle, die hart am Meere das labendste Süßwasser sprudelt. Die unterirdischen Gänge, die sich in verschiedenen Windungen einige hundert Schritte hinziehen, haben an der Decke einzelne Öffnungen, die ihnen ein magisches Clair-obscur geben. Mädchen mit Krügen auf dem Kopfe gingen hin und wider – da und dort saßen auf den Steinen einzelne Gesellschaften, die sich vor der Hitze des Tages hierhergeflüchtet hatten, auch einzelne Liebespaare oder einsame Träumer. Die Quelle selbst, die bescheiden und schmucklos aus dem grauen Gestein hervorsprudelt, ist durch mannigfache Sagen poetisiert und durch viele Lieder gefeiert. Als wir wieder ans Tageslicht kamen, standen wir vor dem Garten des Lord-Lieutenants von Irland. Es ist das eine ganz einfache grüne Fläche, hart am Ufer des Meeres. Der grünliche Rasen ist überall von gewaltigen, ungeheuren Felskolossen durchbrochen, die gelbe Kryptogamen bedecken. Nur hier und da steht ein ärmlicher Baum. Mit einem Wort, eine kleine Wüste. Im ersten Augenblicke ist man über diese Einfachheit erstaunt – aber sie macht dem Geschmack des Besitzers alle Ehre. Diese Felskolosse wären leicht zu sprengen und wegzuräumen gewesen – eine künstliche Vegetation von krankenden Bäumen und Blumen hätte sich leicht hervorrufen lassen – geduldige Statuen kann man überall hinstellen und sentimentale Lauben überall zusammenkleben. Aber der Besitzer hat es verstanden, welchen harmonischen Kontrast dieser wilde Fleck Erde bildet neben der lieblichen, schönen Bai von Dublin. Die Felsblöcke liegen kalt und starr da, aber das kommende und fliehende Meer umbraust und umlispelt sie mit ewigem Leben – ihre Kryptogamen und Flechten treiben keine Blüten, aber das schimmernde Meer wirft seinen verklärenden Schimmer auf sie und das stürmende seine weißen Schaumflocken. Dem Ganzen entsprechend ist die einfache Villa, die sich am Eingange des Gartens erhebt und mit glänzenden Augen über die kahle Fläche und ihr Gestein hinaussieht auf die blauen Wellen und die weißen Segel. – Ähnlich ist der Garten der Nonnen in der Nähe, der nur von einer niederen Mauer eingeschlossen ist. Die Öde entspricht besser, als es dunkle, heimliche Laubgänge könnten, dem einsamen Leben dieser Frauen. Auch machten sie einen schauerlichen Eindruck auf mich, wie ich sie mit gekreuzten Armen in ihren dunklen Gewändern auf dem kahlen Boden umherwandeln, zwischen den Steinblöcken wie zwischen Gräbern bald verschwinden, bald wieder auftauchen sah. Nur das prächtige, neu erbaute, mit aller Pracht und Eleganz ausgestattete Klostergebäude erregt eine unangenehme Empfindung, wenn man an das Elend denkt, welches neunundneunzig Hundertel der irischen Laien erdrückt. – Die das Gelübde der Armut ablegen, wissen sich überall, auch in Irland, behaglich einzurichten. Auf dem Wege zum Gasthause sah ich noch das Landhaus O'Connells, das jetzt seines Sohnes Sohn bewohnt. Es ist ein nettes einstöckiges Haus, von Gärten umgeben, die mit Statuen geschmückt sind. Das Tor ist mit hiberno-keltischen Inschriften versehen. Im Gasthausgarten fand ich schon die ganze Gesellschaft versammelt, die ich vor einer halben Stunde verlassen hatte. Laute Cheers auf den »Retter« empfingen mich. Das machte mich anfangs etwas verlegen, doch wurde ich bald heimisch und gemütlich in der Gesellschaft. An einem langen Tisch am äußersten Rande des Meeres, von dem wir nur durch eine niedrige Mauer getrennt waren, so daß uns ohne sie die Flut die Füße bespült hätte, wurde ein frugales Mittagsmahl eingenommen. Unter Bewunderung des herrlichen Abends und mit heiteren Gesprächen verstrich die Zeit. Ein Advokat, der eben von den wandernden Assisen (circuit) aus dem Lande zurückgekehrt war, erzählte von den merkwürdigsten Prozessen und freute sich, daß nicht ein Dieb, nicht ein Räuber, ja nicht einmal irgendein Mörder verurteilt worden. Die ganze Gesellschaft freute sich mit ihm. Der Irländer betrachtet jedes Verbrechen, das von einem seiner Landsleute begangen wird, als einen Teil des großen Krieges, den seine Nation gegen England führt. England gibt ja die Gesetze – wie sollten sie ehrwürdig sein? – Ihm ist jeder Verbrecher, den der Advokat durchbringt, ein aus den Klauen englischer Justiz gerettetes irisches Kind. Vielleicht haben sie recht; sie mögen durch Erfahrung dahin gekommen sein, wohin unsere avanciertesten Philosophen durch Schlüsse kommen, daß der Verbrecher nur ein Unglücklicher, ein vernachlässigtes Kind der Gesellschaft, ein Opfer veralteter Gesetzgebung sei. – Wie soll der nicht stehlen, dem historisches Recht den Acker stahl, auf dem er gerne im Schweiße des Angesichts sein Weib, seine Kinder ernähren möchte – wie leicht kommt er vom Diebstahl zum Raub, vom Raub zum Morde, wie leicht sind diese Schritte getan, während starvation daheim den Säugling verzehrt und das Weib zu Hause wacht und wartet auf die gestohlene Beute, die ihr Kind erretten soll! Die Sonne sank schon tief, als ich auf der Eisenbahn von Kingstown nach Dublin zurückfuhr. Die Flut hatte die Schiffe erlöst, und sie tanzten lustig auf den bewegten Wellen, der Abendwind pfiff in den eingerefften Segeln, auf der hohen Bai flogen die Dampfer hinaus ins offene Meer, am linken Ufer überall lustige Spaziergänger, die singend in ihre Häuser zurückkehrten – der Mond stieg endlich voll und leuchtend auf –, am Bahnhofe drängte sich eine fröhliche Menge, und wie der Irländer am Sonntage alle Mühen der Woche vergißt, so vergaß ich, daß ich mich in der Hauptstadt der Not befand, und wie jene, vom Bergtaue berauscht, taumelte ich berauscht von all dem erlebten Schönen zurück in meine Wohnung, um mir kalte Umschläge auf meine verwundete Brust zu machen, was ich noch heute fortsetze und welchem Umstande Sie diesen langen, langen Brief verdanken. Leben Sie wohl. Vierter Brief Herr B., ein Engländer und einer der ersten Beamten Irlands, an den ich von einem großen Gelehrten aus London, seinem Freunde, ein Empfehlungsschreiben mitbrachte, besucht mich nicht, weil ich in einem Hafenhotel zweiter Klasse wohne und nicht, wie ich es ihm versprochen, eine teure Wohnung auf Stephens Green bezogen habe. Vielleicht auch, weil er meine Empfehlungen an mehrere Jungirländer gesehen. Es ist mir ganz recht – denn sonst hätte ich den ganzen schönen vorgestrigen Tag verloren und mit ihm und einer fashionablen Gesellschaft im Frack und zu Pferde eine Landpartie machen müssen. Wahrscheinlich hätte er mir auch die Schrecken und Gefahren solcher Exkursionen, wie ich sie gestern nacht noch machte, so ausgemalt, daß ich sie unterlassen hätte. Ich brachte nämlich fast die ganze Nacht in den fürchterlichsten Notquartieren zu. Um fünf Uhr ungefähr verließ ich mein Hotel am Eden Quay und wanderte dem Anna Liffey entgegen, der Dublin in zwei Hälften teilt und innerhalb der Stadt von acht schönen und geschmackvollen Brücken überwölbt ist. Dieser Fluß ist es vorzugsweise, der Dublin das Malerische gibt, das es hat. Rechts und links laufen bequeme breite Kais hin, die vom Flusse durch eine niedere Mauer, auf der anderen Seite durch ununterbrochene Häuserreihen begrenzt sind. Auf den Kais hat Dublin Ähnlichkeit mit Paris. Sind die Gebäude auch meist unbedeutend, so bilden sie doch eine schöne Perspektive, die im Osten durch den Hafen und seine Maste, im Westen durch den Park mit seinen Hügeln und seiner gewaltigen Wellington-Pyramide künstlerisch abgeschlossen ist. Einzelne Gebäude stechen durch ihre Massenhaftigkeit oder ihre besondere Bauart hervor und gewähren dem Auge die in einer tiefen Perspektive notwendige Abwechselung; so zum Beispiel die großen Magazine am Hafen, das Custom House, ferner der ganz eigentümliche Bau des Four Courts. Es wäre dieses ein ganz geschmackvoller italienischer Palast, wenn er nicht durch einen ganz barocken Überbau entstellt wäre, der mit unzähligen Säulen und einer ungeheuren greulichen Metallkuppel sich plötzlich aus ihm erhebt wie ein zweites Haus, von dem man nicht begreift, wie es da hinaufgekommen; so unabhängig, so vollkommen als ein Ganzes stellt es sich dar. Am Ellis Quay vorbei bog ich rechts in die Gasse und um die ungeheuren königlichen Kasernen und stand auf heiligem Boden. Dort liegt Arbour Hill, der Exekutionsplatz, auf welchem die meisten Braven der United Irishmen Revolution hingerichtet wurden. Jetzt stehen einzelne Häuser da; doch ist es hier öde und schaurig. In nächster Nähe liegen ein großes Hospital und ein Gefängnis; von der Stadt ist die ganze Gegend durch die Kasernen getrennt. Robert Emmet, auf den ich immer wieder zurückkomme als auf meinen Liebling unter den irischen Rebellen, als auf einen der liebenswertesten aller Revolutionäre aller Zeiten, hat ihn nur kurze Zeit vor seiner eigenen Hinrichtung besungen. Hier ist das »Arbour Hill« überschriebene Gedicht in flüchtiger, aber getreuer Übersetzung: Nicht stolze Säulen prangen hier, Wo Opfer ruhn der heil'gen Sache, Doch, ach, das Blut, das hier vergossen, Zum Himmel schreit es auf um Rache. Um Rach' auf des Despoten Haupt, Dem Menschenelend Freude macht, Der Tränen trinkt, von Not geweint, Und, wenn sie fließen, ihrer lacht. Um Rache auf den harten Richter, Der seine Hand in Blut getaucht, Der Unrecht mit dem Schwert bewaffnet Und nie des Rechtes Waage braucht. Um Rache für das Land, das Grab Dem eignen, elenden Geschlecht, Drauf welke Freiheit neigt das Haupt, Und wo der Mensch nur lebt als Knecht. O heilig Recht, befrei dies Land Von Tyrannei, die uns erdrückt, Nimm deinen Stuhl, nimm deine Waage, Doch sei nicht mehr dein Schwert gezückt. Nicht nach Vergeltung streben wir, Zu lang schon währt des Schreckens Zeit, Die Freiheit komme gnadenreich Und unbefleckt von Grausamkeit. Nicht soll des Unterdrückers Asche Sein mit des Dulders Staub gemengt – Dies ist der Ort, den Erins Söhne Für Erins Glück mit Blut getränkt. All die, so hier gebettet sind, Jedweder sei gebenedeit, Gesegnet sei ihr Angedenken, Ihr Ruhm durchdringe alle Zeit. Sie ruhn in ungeweihtem Boden, Den Priesterhand gesegnet nicht – Kein Glockenschall ruft hier zur Andacht, Kein Denkmal, das zur Zukunft spricht. Doch segnet hier das Herz des Armen, Doch weinet hier der Patriot – Die tragen ihren Ruhm zum Himmel, Die heiligen den schönen Tod. So friedlich und fern von allen Rachegedanken sang in aufbrausender Jugendzeit derselbe Robert Emmet, der einige Jahre später, im reifern Alter, als einer der gefährlichsten Rebellen auf demselben Platze durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht wurde. Wie vielen unserer humanistischen, versöhnungssehnsüchtigen Jünglinge ist vielleicht ein ähnliches Schicksal beschieden! Nicht wir machen die Revolution. In Irland hat sie der » fromme « George gemacht, dem sein Gewissen es nicht erlaubte, die Irländer zu emanzipieren, und der » große « Pitt, der deswegen zweimal sein Portefeuille niederlegte, aber es zum dritten Male doch wieder annahm und aus zarter Rücksicht für das zarte Gewissen des Königs die Frage ruhen und Millionen Irländer ihrem Elende preisgegeben ließ. Freilich bestand ein Denunziationsgesetz, nach welchem jeder, der seinen Freund verriet, wenn dieser katholisch war, mit den Gütern des Freundes belohnt wurde; freilich bestand ein andres Gesetz, welches dem katholischen Vater das Recht benahm, der Hüter und Erzieher seiner Kinder zu sein, und es bestand ein drittes, welches erlaubte, den Katholiken auf offener Landstraße seines Pferdes zu berauben, wenn er, befragt, seinen Glauben eingestand; freilich befahl noch ein viertes Gesetz, das ungehorsame und von seinem Glauben abgefallene Kind mit dem Vermögen seines katholischen Vaters zu belohnen, und ein fünftes, welches die katholische Erziehung zu verhindern wußte und den katholischen Lehrer als Verführer strafte, und ein sechstes, nach welchem katholische Priester verbannt und bei der Rückkehr gehängt wurden, und ein siebentes, welches Katholiken vom Grundbesitz ausschloß, ob nun Erbschaft oder Kauf ein Recht darauf gab – ferner bestanden noch Gesetze, welche den Besitz von Waffen und das Studium der Jurisprudenz verboten und von jedem bezahlten oder Ehrenamte ausschlössen und den Katholiken nicht gestatteten, bei welcher Wahl auch immer zu votieren oder im Parlamente zu sitzen – aber was liegt an alledem? Der große Pitt schonte das zarte Gewissen des frommen Königs. – Arbour Hill ist ein guter Flecken der Erde, um über den eigentlichsten Wert großer Minister und frommer Könige nachzudenken. So in der Tat nachdenkend, kam ich auf Kingsbridge an; da zerstreute mich ein schöner Anblick und ließ mich alle Minister und Könige der Welt vergessen. An das Brückengeländer gelehnt, stand das reizendste Menschenpaar – ein Junge von höchstens neunzehn, ein Mädchen von höchstens sechzehn Jahren. Sie hatten ihre Arme ineinandergeschlungen und sahen hinab in die Tiefe des Flusses. Der Junge, groß und schlank, mit blassem Gesicht, kecker Adlernase, freier Stirn, unter der blaue Augen hervorleuchteten, mit dickem schwarzem Haar, das wirr und breit auf die Schulter herabfiel, ließ durch das höchst einfache, aber sehr zerrissene Leinengewand einen feinen, doch muskulösen Körper sehen, der in der schlanken Mitte von einem engen breiten Gürtel umschlossen war. Das Mädchen trug das unausweichliche Mäntelchen und den noch unausweichlichern Hut. Alles an ihr war zerpflückt und zerrissen; das Mäntelchen, unten ganz ausgefranst, starrte von Schmutz, der Hut war voll Löcher, die mit Blumen und Blättern verstopft waren. Das aschblonde Haar lag halb zerzaust auf der ungewaschenen Stirn. Aber mitten durch all den Schmutz drang der Strahl unendlich rührender Schönheit. Das Rehauge blickte sanft und mild, die kleine, doch etwas gebogene Nase sprach von Geist und Verstand, der etwas breite Mund mit vollen Lippen ließ eine Reihe glänzender Perlzähne sehen, und Kinn und Wangen waren trotz Not und Elend noch sanft gerundet. Die Jugend erträgt so viel, ehe sie sich entschließt, aus einem schönen Antlitz zu scheiden. Das Mäntelchen, das sie über die Schultern geworfen hatte, um sich bequemer an das Geländer zu lehnen, ließ eine schöne zarte Brust sehen, die sich durch die zerfaserte Hülle eines schwarzseidenen Tuches weiß und glänzend hervordrängte. Die Hand, die das Kinn stützte, obwohl gebräunt, war lieblich anzusehen, und um den schmalen und kleinen Fuß, der nackt in abgetretenen Schuhen stak, hätte sie manche deutsche Herzogin beneidet. – Endlich gab sie ihre nachdenkliche Stellung auf, nahm dem Jungen seine rote kecke Mütze ab und strich ihm die schwarzen Locken von der glänzenden Stirn. Ich sah Amor und Psyche als irische Bettelkinder verkleidet. Bald bemerkten sie mich, der, auf dem Kai stehend, sie beobachtete. Sie sprachen einige Worte, die ich nichthören konnte dann verließ sie ihn und kam mit dem sanftesten Lächeln auf mich zu. Ich glaubte, sie wolle mich anbetteln, und steckte schon die Hand in die Tasche. Aber nein! – Sie fragte mich – ich will die Frage nicht wiederholen. Ob es der Bruder oder Geliebte war, den sie verließ, um an mich diese Frage zu stellen, ob es der Bruder oder Geliebte war, der ihr ruhig nachsah und ruhig das Resultat abwartete – es ist gleich schrecklich. Ich schüttelte traurig und erschüttert das Haupt; sie wollte wieder gehen. Aber ich hielt sie zurück, um sie nach ihrem Verhältnis zu jenem schönen Jungen zu fragen; es war ihr Geliebter! Ich fragte sie nach ihrem Namen; sie hieß Juddy. Einen Schilling, den ich ihr gab, ließ ich ihr in die Hand fallen, denn ich wagte nicht, sie zu berühren, so arg starrte das ganze Geschöpf von Schmutz. Sie grüßte dankend und wollte wieder gehen, als mir einfiel, daß Juddy für meine Nachtexkursion der beste Cicerone sein könnte, weshalb ich sie bat, mich gegen neun Uhr in St. Thomas Street zu erwarten. Sie versprach es und eilte mit ihrer Beute zum Geliebten zurück. Ich wanderte am Bahnhofe und an des Dekan Swifts Gasse vorbei nach dem Royal Hospital, wo die englischen Soldaten, mitten unter irischen Elenden, ein behagliches Alter verleben. Ihre Wohnung besteht aus einem großen, weitläufigen Gebäude und einem endlosen, großartigen Garten, in den man mir den Eingang gestattete. Auf dem Rückwege, gegen Little James Street, kam ich in Gegenden, die man in der Nähe einer großen Stadt für unmöglich halten sollte. Hütten, aus vier lehmigen Wänden zusammengeklebt, die kaum das verfaulte Dach zu tragen imstande sind, bilden ganze Gassen. Fenster gibt es hier fast gar keine – die Türen, die unmittelbar aus der einzigen Stube, aus welcher das ganze Haus besteht, auf die Gasse führen, stehen ewig offen, um Licht und Luft einzulassen, und zeigen die ganze ungeheuere Ärmlichkeit des Innern. Von Betten fast nirgends eine Spur – an den Wänden hier und da ein Brett als Bank befestigt, zwischen zwei Planken nahe an der Decke einiges Geschirr, im Winkel der kupferne Teekessel – das ist der ganze Hausrat einer oft zahlreichen Familie. Diese lebt meist auf der Gasse, da sie sich, in der Stube versammelt, kaum bewegen könnte. Vor den Türen spielten schmutzige, halbnackte Kinder, bei ihnen oft die Mutter, die, das Kinn in beide Hände gestützt, gedankenlos in die Welt sah. Erwachsene Jungen standen müßig an die Hütten gelehnt – nur selten bettelte mich ein oder das andere Kind an. Die Gassen sind in dieser Gegend natürlich ungeebnet und ungepflastert. Es geht bergauf und bergab. – Eben als ich mich fragte, ob es ratsam wäre, im guten Rocke hier eine Mitternachtspromenade zu machen, las ich rechts von mir an der Ecke einer sehr engen Straße, die in die Tiefe führte, die Inschrift: Murderer Street. – Um einen Begriff von der Architektur dieses Stadtteiles zu geben, will ich Ihnen die Ruinen von ungefähr sechs oder sieben Häusern beschreiben. Sie lagen mir rechts, an einen kleinen Hügel gelehnt, der einen Garten trug. Der Besitzer dieses Gartens hatte ihn mit einer schlechten, lehmigen, kaum manneshohen Mauer umzogen, die am Fuße des Hügels hinlief. So entstand zwischen der Mauer und dem allmählich sich erhebenden Hügel eine Vertiefung. Was tut der geniale, spekulative Propriétaire ? Er deckt diese Vertiefung zwischen Hügel und Mauer mit Brettern zu, durchbricht die Mauer selbst an sechs oder sieben Stellen, scheidet die sechs oder sieben Stellen, zu denen diese Türen führen, durch lehmige Wände und hat so eine Anzahl Wohnungen gewonnen, die er an sechs oder sieben Familien vermietet. Die hinterste Wand war durch den nackten Hügelabhang gebildet. Wir würden unser Vieh nicht in einen solchen Stall stellen. – Daß diese Löcher bewohnt gewesen, konnte man noch deutlich erkennen, aber die elenden Wände hatten dem Regen nicht widerstehen können und waren als aufgeweichter Lehm auseinandergegangen; so wurden die armen Troglodyten obdachlos, und der Besitzer kam um die jährliche Rente von einigen Pfunden. Indessen zweifle ich nicht, daß dieser unternehmende Kopf die Wohnungen wieder restaurieren wird, sobald nur bessere Jahre kommen. Dieses Jahr ist zu schlecht für das Volk von Irland, und die Bewohner besserer Häuser konnten ihren Mietzins nicht bezahlen – warum soll er sich vergebliche Kosten machen ? Rule, Britannia! Punkt neun Uhr fand ich mich in St. Thomas Street. Juddy saß auf einer Vorhaustreppe, umgeben von Kindern, denen sie allerlei Possen vormachte. Als sie mich erblickte, kam sie mir freundlich lächelnd entgegen und machte jenen obsoleten Knicks aus dem vorigen Jahrhundert, der auf dem Kontinente schon ausgestorben ist, aber in Irland von den Weibern aus dem Volke noch sehr häufig angewendet wird. Sie wollte sich zutraulich an meinen Arm hängen, ich erklärte ihr aber kurz und deutlich, daß ich nichts von ihr verlange als Führerdienste und daß ich durch sie ihre Freunde und Leute aus dem Volke kennenzulernen wünsche. »Am liebsten«, fügte ich hinzu, »würde ich mit Ihnen, Miß Juddy, in irgendeiner Kneipe zu Nacht essen, wo Sie sonst, wenn Sie einen Schilling zuviel haben, zu soupieren pflegen.« Juddy verstand mich sogleich und hielt sich in ehrwürdiger Entfernung. Nach einem langen prüfenden Blick sagte sie: »Ach, Sir, ich errate! Sie wollen die armen Leute von Irland malen!?« – »Wie kommen Sie darauf, Miß Juddy?« – »Im vorigen Herbste«, antwortete sie, »war auch ein Gintleman aus London hier, der ein ganzes Wirtshaus und mich dazu abmalte.« – Jetzt erst wußte ich, warum mir Juddy so bekannt erschienen war. Ich sah sie an – sie war offenbar das Original des » Irish Girl «, das auf der Londoner Kunstausstellung des letzten Frühlings so sehr gefallen hat. Ich konnte nicht umhin, ihr zu erzählen, welche Eroberungen sie in London gemacht. – Sie hörte mir aufmerksam zu und war sichtlich erfreut. Doch schien sie sich nicht aus Eitelkeit zu freuen, im Gegenteil, es hatte den Anschein, als wäre sie mit ernsten Gedanken beschäftigt. Sie versank in minutenlanges Stillschweigen, währenddessen sich ihre schöne Stirn in Falten legte und ihre rosigen Lippen unverständliche Worte vor sich hin murmelten. Mehreremal wollte sie sprechen, hielt aber immer wieder inne. – Endlich blieb sie stehen, sah mir keck ins Gesicht und schien um einige Zoll zu wachsen – dann wieder schlug sie die Augen nieder und fragte mit monotoner Stimme: »Was glauben Sie, Gintleman, würde ich den Londoner Gintlemen gefallen?« Ich schwieg verblüfft und hatte nicht das Gewissen, meine bejahende Überzeugung auszusprechen. Juddy ließ sich durch mein Schweigen nicht stören, und ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Peggy aus Galway, wo ich auch her bin, war ein armes Mädchen wie ich, und nicht einmal so schön wie ich – das kann ich Ihnen sagen, dear Sir, denn alle Leute behaupten es. Sie ging nach London – und jetzt fährt sie im Hyde Park mit zwei schönen Pferden in einem schönen Wagen und hat einen Bedienten hinter sich sitzen, wie die Lady des Lord-Lieutenants von Irland. So wenigstens erzählt Barry und alle, die aus London kommen. Vor kurzem soll ihr ein indischer Prinz ein Kleid aus lauter Diamanten geschenkt haben; vielleicht nimmt er sie auch mit in sein Land und macht sie zu einer Prinzessin.« Obwohl ich ihr den größten Teil ihrer Erzählung hätte bestätigen können, schwieg ich doch hartnäckig. Das schien sie zu genieren, und sie nahm schnell wieder das Wort auf: »Freilich könnte ich auch nach Liverpool gehen oder Glasgow und dort in der Fabrik arbeiten, um nicht zu verhungern. Aber wer schwört mir, daß ich nicht verhungere, bevor ich Arbeit gefunden habe? Und wenn ich sie gefunden habe–ich habe es an so vielen Mädchen gesehen, die aus England zurückgekommen sind, die lange Arbeit macht einen in zwei Jahren so krank und häßlich, und ich kann noch wenigstens zwölf bis fünfzehn Jahre schön bleiben, wenn ich nur zu essen habe und nicht vierzehn Stunden des Tages arbeiten muß. Was meinen Sie?« Um nur etwas zu sagen, fragte ich: »Und wenn Sie nach London gehen, Miß Juddy, was soll aus Ihrem Geliebten werden?« »Aus wem?–Aus Bill?«lachte sie laut auf. »Den nehme ich mit, und er wird mein Kutscher.« Ich schwieg wieder; im Angesicht des drohenden Hungers, von dem sie so ruhig sprach und wie von einer ausgemachten Sache, hielt ich mich zu einer Moralpredigt ganz und gar nicht berufen. Unter solchen Gesprächen wurde es Nacht, und wir kamen in die Nähe von Golden Lane in ein Labyrinth von dunklen und engen Gassen. Vor den Häusern saßen Weiber und Mädchen in zerlumpten Kleidern, welche Juddy freundlich und mit Witzen grüßten. Auf den Schwellen spielten oder schliefen die Kinder. Nicht ein Fenster war erleuchtet; nur selten brannte eine öffentliche Laterne und warf ihr rotes zitterndes Licht auf die malerischen Gruppen, unter denen sich wenige Männer, aber viele Weiber mit Pfeifen im Munde befanden. Manche Gruppen, die wieder auf den Schwellen gegenüber saßen, sangen mit dumpfer Stimme melancholische Lieder oder hörten den Worten eines Erzählers zu. Die Irländer lieben das Märchen und die schaurigen, blutigen Geschichten. – Auf einem etwas freiem Platze, der durch mehrere Laternen beleuchtet war, bildete die Menge einen großen Kreis und sah einem Tänzer zu, der unter Jauchzen und Singen seine Sprünge machte. Es war Juddys Bill, dem ein alter Mann im grauen Flausrocke mit einer Klarinette aufspielte. Tänzer und Musikant waren auf diesen etwas elegantern Platz gekommen, um Geld zu verdienen, aber im Feuer ihrer Kunst vergaßen sie diese gemeine Absicht, und die Kunst wurde ihnen Selbstzweck. Sie tanzten und spielten für das Volk, das ihnen aufmerksam und dankbar für das Fest zusah und zuhörte. Das ist so echt irisch. – Bill führte eine Art spanischen Tanzes auf und hielt vier Blechstückchen anstatt der Kastagnetten in der Hand. Er schwang und wiegte sich auf seiner schlanken Taille mit großer Grazie, und während er im Kreise herumsprang, hatte er jedem der Mädchen, die ihn umstanden und ihn mit ihren »Very well« aufmunterten, etwas Schönes zu sagen, ohne einen Augenblick außer Atem zu kommen. Als er Juddy erblickte, warf er ihr einen Kuß zu, grüßte mich selbst sehr höflich und tanzte fort. Ebenso ruhig ging Juddy mit mir weiter, bis wir in der Nähe von Combe Puddle vor einem alten schwarzen Hause haltmachten. Juddy nahm mich an der Hand, und nachdem sie gebeten hatte, des Schmutzes wegen auf den Fußspitzen zu gehen, führte sie mich durch einen endlos langen, hohen und dunklen Gang in einen Hof, auf den aus einem halb mit Papier verklebten Fenster ein schwaches Licht fiel. Vor der Schwelle der Türe auf der ändern Seite des Hofes auf die wir losgingen, lag ein betrunkener Irländer, der mir, als ich über ihn hinwegstieg, ein »Bloody ruffian« zurief und mit lallender Stimme den Hund, der neben ihm lag, auf uns zu hetzen suchte. Sein Wächter mag ihn nicht verstanden haben oder mochte gewohnt gewesen sein, seinen Herrn als Schwelle vor Kneipen liegen zu sehen, und ließ uns ruhig passieren. Wir traten in eine Stube, die so schlecht beleuchtet war, daß ich weder Menschen noch Gegenstände unterscheiden konnte; nur das laute Geschrei, das aus einem Winkel, und das dumpfe Schnarchen, das aus dem andern heraustönte, verriet mir, daß ich mich in Gesellschaft befand. Ohne sich um diese zu kümmern, nahm Juddy die Talglampe, die einzige Leuchte der Stube, vom Kamin und beleuchtete mir eine Zeichnung, die, von der Feuchtigkeit des Raumes schon bedeutend schadhaft und fleckig, an der Wand befestigt war; offenbar das Werk einer sehr fertigen Künstlerhand. Es rührte von dem Maler her, von dem mir Juddy gesprochen, den sie ebenfalls in diese Kneipe geführt, um ihn mit armen Leuten bekannt zu machen, und der es hier als Andenken zurückgelassen hatte. Juddy nannte die Zeichnung »Eine heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten«, und doch stellte sie nichts anderes vor als einen armen Irländer, der mit seinem Weibe und dem Säugling vom unbarmherzigen Landlord aus seiner Hütte ins Elend gejagt wurde. So sehr ist es wahr, daß der Mensch sich seine Götter nach seinem Ebenbilde schafft. Nach Besichtigung der Zeichnung stellte mich Juddy der Gesellschaft vor, die ich jetzt erst, da die Lampe auf dem Tische stand, genau erkennen konnte. Sie bestand aus fünf bis sechs Männern, die um einen Tisch in der Ecke herumsaßen, wenn wir nicht auch die acht bis zehn Personen, Männer und Weiber, die einzeln oder gepaart auf dem Boden herumlagen und schliefen, zur Gesellschaft zählen wollten. Am Kamine kniete ein altes Weib, welches eine abgeschälte Feldrübe an den spärlichen Kohlen dünstete und, sobald eine Stelle dran etwas geweicht war, sie mit ihrem zahnlosen Munde benagte. – Die Männer am Tische empfingen mich freundlich und riefen sogleich bei meiner Annäherung: »Platz dem Gintleman und seiner Lady!«, und rückten zusammen, um uns die besten Plätze auf den Stühlen einzuräumen. Das ganze Mobiliar der Stube, die, groß und weit und hochgewölbt, es verriet, daß sie einst bessere Tage gesehen hatte, bestand aus dem Tische, an dem wir saßen, einem andern in der entgegengesetzten Ecke, einem erblindeten Spiegel über dem Kamine mit abgeschabtem Goldrahmen und einigen Brettern, die, an die Wand befestigt und von rohen Holzklötzen oder Steinen getragen, als Bänke die Stube umgaben. An einer der Wände hing die Ruine eines alten eichenen Schrankes, an dem noch feine Schnitzereien zu erkennen waren. In seinem Schoße trug er einige Teetassen, einen Krug und fünf oder sechs mehr oder weniger beschädigte Gläser. – Die Männer an unserm Tische, alle zerlumpt und zerrissen, saßen unbeschäftigt da – einen ausgenommen, der eine Tasse Tee vor sich stehen hatte, aus der er von Zeit zu Zeit zur Pfeife einen Schluck tat. Dieser spielte den verschlossenen Charakter, der dem Irländer so unnatürlich und komisch steht, verhielt sich kalt und machte den prüfenden Menschenkenner, indem er die Augen zudrückte und mich von der Seite anblinzelte. Ich fragte, ob hier für mich und meine Lady ein Nachtessen zu haben wäre. – Der Wirt, einer der Männer, die am Tische saßen, zuckte die Achsel und bot mir eine einfache Tasse Tee an. Ich bewunderte Juddys Uneigennützigkeit, die ich doch zu einem Souper eingeladen hatte und die mich trotzdem in diese Kneipe führte, von der sie wußte, daß sie keine lukullische Mahle bieten konnte. Aber Juddy hatte mich zuerst bedacht, da ich arme Leute hatte sehen wollen, und vergaß sich selbst, die an diesem Tage nicht mehr als eine Wasserrübe gegessen hatte. Ich half mir, indem ich den Wirt fragte, ob es ihn nicht beleidigen würde, wenn ich aus einem Speisehause von Corn Market ebenso viele Beefsteaks und entsprechende Porter-Krüge kommen ließe, als sich Personen am Tische befanden. Der Wirt ging mit tausend Freuden auf meinen Vorschlag ein, und die Männer dankten mir sehr höflich, doch nicht abweisend für meine Einladung. Ein Mädchen, das am Boden schlief, wurde geweckt, ich gab ihr Geld, und sie lief, um das Bestellte zu holen. Meine Gäste wurden zutraulicher, und selbst Barry, so hieß der Verschlossene, der prüfende Menschenkenner, gab seine beobachtende Position auf. Er rückte etwas näher und fragte mich nach meinem Vaterlande. – »Ach, Deutschland!« rief er. »Das kenne ich ganz genau, das liegt gleich hinter Holland!« – »Richtig! Sie waren schon dort, Mr. Barry?« – »Das eben nicht, aber ich war in Amsterdam, als ich noch Heizer auf dem Dampfschiffe war.« – »Sie waren Heizer auf einem Dampfschiffe?« Auf diese meine Frage lächelte die ganze Gesellschaft. »Was war der Barry nicht schon alles!« sagte einer. Das machte mich neugierig, und ich sah Barry fragend an. Er wollte nicht heraus mit der Sprache, rückte hin und her, stopfte die Pfeife und nahm wieder seine Miene des Menschenkenners an. Aber welcher Irländer widersteht einer zweimal mit Interesse wiederholten Frage?! So fing auch Barry mit einem Male sehr beredt an: »Thaddy hat recht! Was war ich nicht schon alles! Daß ich nicht auch schon auf dem Throne von Irland saß, ist nur zu verwundern. Ich war, wie ich Ihnen sagte, Heizer auf einem Dampfschiffe; das Schiff ging zugrunde mit Mann und Maus, ich allein rettete mich. Dann arbeitete ich in einer Waliser Grube, um den Engländern ihre schwarzen Diamanten ans Tageslicht zu fördern; das ganze Kohlenbergwerk geriet in Brand; darauf wanderte ich nach Manchester, arbeitete vier Wochen in einer Fabrik, der Besitzer fallierte, wir wurden alle brotlos, vierhundert meist irische Kinder – dann ging ich nach Liverpool und wurde wieder Maschinenheizer einer großen Fabrik; der Kessel sprang, tötete vier Menschen und riß mir die zwei Finger weg, die Sie hier sehen!« Bei diesen Worten streckte mir Barry die Hand hin, an der allerdings zwei Finger fehlten. Da hatte ich einen echten » Irish bull «. Barry fuhr fort: »Bei dieser Gelegenheit kam ich mit meinem Herrn in Streit, und er jagte mich fort, mich mit meinen zwei abgerissenen Fingern. Wo sollte ich nun Arbeit hernehmen mit zwei abgerissenen Fingern? Wochenlang irrte ich in Lancaster Shire und in Wales herum und bettelte und hungerte, und fürchterlich hungrig kam ich so eines Abends in Holyhead an. So stand ich da und sah hungrig hinüber übers Meer, Irland entgegen, dem schönen grünen Eiland. – Wenn ich schon verhungern soll, warum nicht lieber in Irland, dachte ich, das ist einem Irländer viel angemessener und natürlicher. Ein ungeheures Heimweh ergriff mich, und in der Nacht band ich einen Kahn los – es war ein schöner grün und rot gestrichener Segelkahn – und steuerte hinaus ins Irische Meer. Ich hatte eine gute Fahrt, der Wind war günstig, und nach kaum zwei Tagen lief ich glücklich, aber außerordentlich hungernd im Hafen von Dublin ein. – Natürlich hatte ich während meiner ganzen Überfahrt keinen Bissen gegessen, der Kahn war mit Provision nicht versehen, und ich hatte kein Geld, mir welche anzuschaffen. So kam ich in Dublin an, ausgemergelt wie eine Leiche. Die Wasserluft zehrt so fürchterlich. Mein erstes Geschäft in Dublin war zu betteln. Aber, Sir, ich bettelte den ganzen Tag, und mit größtem Fleiße, und ich bekam keinen Penny. – Da wollte ich meine ganze Habseligkeit, den Kahn, verkaufen, sehr billig verkaufen – Gott! ich hätte ihn für einen Sixpence hergegeben, und er war doch unter Brüdern sechs Pfund wert. – Bei der Gelegenheit sperrten sie mich ein, denn sie verdächtigten mich, den Kahn gestohlen zu haben. Ich versuchte keine Widerlegung, denn im Gefängnis bekam ich zu essen. Dort saß ich drei Jahre. Vor sechs Wochen kam ich heraus und hungerte wieder, bis mir der Herr einen französischen Gentleman schickte, der mich nach Wicklow mitnahm, weil ich die schönen Geschichten der schönsten Grafschaft der Welt auf die schönste Manier zu erzählen weiß. Da habe ich doch so viel verdient, daß ich heute, nachdem mich der französische Gentleman schon acht Tage verlassen, noch eine Tasse Tee zu bezahlen imstande bin.« Das bestellte Essen war indes angekommen, und die ganze Gesellschaft versank in andächtiges und doch tätiges Stillschweigen. Bald waren sämtliche Beefsteaks verschwunden, nur die Porter-Krüge standen noch halbvoll da. Barry wischte sich den Mund ab und streckte mir die Hand über den Tisch entgegen. »Sir«, sagte er, »Sie haben mir mit diesem Beefsteak einen reellen Dienst erwiesen. Ich wünsche herzlich, Ihnen dafür irgendeinen Gegendienst erweisen zu können.« »Das wird nicht so schwer sein«, antwortete ich. »Sie sagten vorhin, daß Sie die schönen Geschichten der schönsten Grafschaft der Welt auf die schönste Weise zu erzählen wissen – wohlan, ich liebe sehr die irischen Geschichten, erzählen Sie mir eine solche.« Barry lächelte, räusperte sich, tat noch einen Schluck, lehnte sich zurück, rieb die Hände und sagte: »Ich bin bereit! – Sir, Sie werden nach Vollendung der Geschichte sagen: Ich habe mich an den rechten Mann gewendet. Sie werden sagen: Irland hat die schönsten Geschichten der Welt. Sie werden sich dann gestehen müssen: Ich habe die schönste der schönsten Geschichten der Welt gehört, und diese ist Die Geschichte des Königs Lavra Lange, lange Zeit bevor der Herr seine Apostel mit dem Heile ins ferne Irland schickte und St. Patrick die Drachen und Schlangen ins Meer jagte, lebte und regierte auf dieser Insel der König Lavra. König Lavra war ein Irländer und hatte ein gutes Herz. Aber ein Leibesfehler, der ihn entstellte, machte ihn manchmal grausam, und dieser Leibesfehler bestand in Eselsohren, die ihm viele Zoll hoch am Kopfe wuchsen. Um sie zu verbergen, trug König Lavra sehr lange Haare und tat so, als ob er diesen Schmuck sehr liebte. Ja, er trieb es so weit, daß er allen seinen Untertanen bei Todesstrafe befahl, sich ebenfalls die Haare wachsen zu lassen. So kam es bald, daß damals jedem Irländer Kopf, Hals, Nacken und Rücken von dicken Haarwellen bedeckt waren, und man gewöhnte sich so sehr an diese Tracht, daß einem am Ende die Vorliebe des Königs gar nicht mehr als etwas Besonderes erschien. Nur einmal im Jahre ließ sich der König den Bart scheren, da man doch den Bart nicht so lang kann wachsen lassen wie die Haare; aber kaum war das geschehen, als der König jedesmal dem Barbier den Kopf abschlagen ließ. Man zerbrach sich den Kopf darüber, warum der sonst so gute König sich gegen die unschuldigen Barbiere so grausam zeige. Am Ende nahm man allgemein an, des Königs Barthaare seien von so eigentümlicher Beschaffenheit, daß ihm das Rasieren jedesmal die größten Schmerzen verursache, daß er diese Schmerzen der Ungeschicklichkeit des Barbiers zuschreibe und daß er dann in einem Anfall von Wut, der vielleicht auch in der eigentümlichen Beschaffenheit des Barthaares seinen Grund habe, den armen Barbier köpfen lasse. So gab man sich zuletzt auch über diese Grausamkeit zufrieden. Nicht so bald ruhig war die edle Zunft der Barbiere, welche nichts so sehr fürchteten als die Ehre, ihren König barbieren zu dürfen. Im Laufe der Zeit bildete sich der Brauch, daß, wenn der verhängnisvolle Rasiertag des Königs herannahte, alle Barbiere des Reichs zusammentraten und ihre Namen in einen Hut warfen. Dessen Namen dann herausgezogen wurde, der beichtete, rasierte und starb. Einmal fiel das Los auf den jungen und einzigen Sohn einer Witwe, dessen Vater einst das Glück gehabt hatte, in einer Schlacht dem Könige das Leben zu retten. Der junge Barbier tat seine Pflicht und wurde zum Tode geführt. Aber da drang die unglückliche Mutter mitten durch alle Wachen des Palastes bis an den Thron, um den die gefallenen Barthaare noch herumlagen, warf sich dem Könige Lavra zu Füßen, erinnerte ihn an den Dienst, den ihm ihr toter Mann erwiesen, sprach von ihrem Witwenjammer, weinte und klagte und hielt eine so rührende Rede, daß der König, sich seiner Undankbarkeit gegen den Vater seines Opfers schämend und von dem Unglück der Witwe gerührt, dem jungen Barbier das Leben schenkte. Aber bevor er ihn entließ, nahm er ihn noch einmal beiseite und ließ ihn schwören, nie und nimmer einer menschlichen Seele nur eine Silbe von dem zu vertrauen, was er gesehen hatte, und ernannte ihn noch zu seinem beständigen, lebenslänglichen Leibbarbier. Der Sohn der Witwe versprach alles, was der König von ihm verlangte. Das ganze Land freute sich darüber, daß der König auch diese einzige Grausamkeit, die ihn verunzierte, aufgegeben, und war voll Jubel und pries die Großmut und den Edelsinn Lavras. Mehr als das ganze Land zusammen freute sich natürlich der junge Barbier, der so sicherem Tode entronnen war. – Seine Freude dauerte lange – aber nach und nach fing an sein Geheimnis ihn zu drücken. Es lastete wie ein Alp auf seiner Brust – es schnürte ihm die Kehle zu – es versetzte ihm den Atem – es erstickte ihn förmlich. Er wurde düster, melancholisch, schweigsam und unendlich traurig. – Seine gute Mutter beobachtete ihn lange; am Ende wußte sie nicht, was sie über den Zustand ihres Sohnes denken sollte, und sie entschloß sich, sich bei einem weisen Manne Rates zu erholen. Der weise Mann sagte ihr: »Deinen Sohn drückt und würgt ein Geheimnis. Er wird so lange daran kranken, bis er es irgend jemand anvertraut hat. Und so rate ich ihm folgendes: In der Grafschaft Wicklow auf einem Kreuzwege steht eine einsame Weide, deren Zweige, von Blättern schwer, auf allen Seiten bis zur Erde herabhängen. Im Innern dieser Weide wohnt ein Elfe. Dahin gehe dein Sohn diese Nacht, und wenn der Vollmond just auf die Weide scheint, krieche er unter ihr Laub und vertraue sein Geheimnis dem Geiste, der sie bewohnt.« Die Witwe hinterbrachte den Rat des weisen Mannes ihrem Sohn, und dieser tat, wie die Mutter sagte. – Gleich in der ersten Nacht suchte er die Weide auf dem Kreuzwege in der Grafschaft Wicklow auf und wartete nur, bis der Mond aufging und seine Strahlen auf das Laub voll und glänzend fallen ließ. Dann kroch er unter die Zweige und flüsterte leise, leise dem Stamme zu: »Der König Lavra hat Eselsohren!« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als es ihm schon wie ein Stein vom Herzen fiel; er wurde wieder lustig und froh wie ehemals, und die Witwe war dem weisen Manne sehr dankbar. Kurze Zeit darauf begab es sich, daß einer der Sänger des Königs just über den Kreuzweg in der Grafschaft Wicklow ging. Wie er so hinging, in Gedanken vertieft, ließ er die Harfe fallen, die zerbrach. Er sah sich um, wie er den Schaden wieder gutmachen könnte, und erblickte die Weide, die ihm gutes Holz zu bieten schien. Er zog sein goldenes Messer aus der Tasche, schnitt sich einen Zweig ab und besserte die Harfe wieder aus. Am Abende desselben Tages gab der König Lavra in seinem Palaste ein großes Fest, zu dem an fünfzigtausend Gäste versammelt waren. Nachdem man sich an der reichbesetzten Tafel gehörig erfreut hatte, sollte auch gesungen werden. Der König gab dem Sänger, der auf den Stufen des Thrones saß, ein Zeichen, und er griff in die Saiten. Kaum aber hatte er die Saiten der Harfe berührt, als sich anstatt der gewohnten süßen Töne ein übernatürlicher Schrei hören ließ, und dieser Schrei rief ganz deutlich: »Der König Lavra hat Eselsohren!« Wie überrascht und erschrocken waren da die fünfzigtausend Gäste! König Lavra selbst war wütend und wollte alle fünfzigtausend Gäste hinrichten lassen, denn – dachte er sich – was fünfzigtausend Gäste wissen, wissen in einer Stunde fünf mal hunderttausend, und was in einer Stunde fünf mal hunderttausend wissen, das weiß morgen das ganze Land. – Aber er könnt es doch nicht übers Herz bringen, der gute irische König, fünfzigtausend unschuldige Menschen hinrichten zu lassen, und da das Geheimnis einmal verraten war, ergab er sich darein, ließ seine Haare kurz schneiden und zeigte künftig aller Welt seine Eselsohren. Man kümmerte sich nicht darum, denn ein gutes irisches Herz ist selbst unter Eselsohren etwas wert. Von jenem Abende an konnte auch jedermann das Haar tragen, wie es ihm beliebte. Die wunderbare Weide, durch die das Geheimnis des Königs Lavra herauskam, steht noch heute. Jeder Wanderer, der die schöne Grafschaft Wicklow, die »schönste Grafschaft der Welt«, durchstreift, kann sie sehen. Sie steht da, umgeben von einer Umzäunung einfacher aufeinandergeschichteter Steine, auf daß sie die Hirten nicht verletzen und sie noch lange sich erhalte als ein liebes Andenken an alte Zeiten, an den guten König Lavra und an diese wunderbare Geschichte.« Ich war sehr erfreut über diese schöne Midasgeschichte und dankte Barry herzlich, indem ich ihm versicherte, daß ich mich nun als seinen Schuldner fühle, da eine einzige solcher Geschichten, so erzählt, mehr wert sei als alle Beefsteaks der Vereinigten Königreiche. Barry rieb sich vergnügt die Hände, aber ein beständiges »Hm, hm« seines Nachbarn Thaddy störte ihn. »Was hast du gegen die Geschichte einzuwenden?« fragte er diesen ärgerlich. Thaddy sagte: »Ich habe diese Geschichte schon oft gehört, aber sooft ich sie hörte, immer mußte ich mich fragen, warum hat der erste beste Barbier dem guten König Lavra, sobald er dessen Kopf in Händen hatte, nicht den Hals abgeschnitten?« »Du sprichst«, antwortete Barry, »als wärst du keine getaufte Christenseele. Der jedesmalige Barbier des Königs hat vor seinem verhängnisvollen Geschäfte sich gehörig durch Beichte und Kommunion vorbereitet – er konnte also mit Ruhe vor unsern Herrn und Heiland treten –, dem König aber fiel es nicht ein zu beichten, und er hätte mit seinen Sünden müssen hinfahren; wie unchristlich wäre es also von dem Barbier gewesen, den König in die Hölle zu jagen, während er mit Ruhe den Weg in den Himmel antreten konnte.« – Thaddy gestand, daß er die Sache nie von dieser Seite betrachtet, und erklärte sich nun für vollkommen beruhigt. Barry, mit seinem Sukzeß zufrieden, schien sich bereitzumachen, eine neue Geschichte zu erzählen, mir aber schien eine solche aus dem schönen Munde Juddys viel interessanter, und ich forderte sie auf, noch bevor jener seine Bereitwilligkeit ausgesprochen hatte. – Barry ergab sich darein und rief nur: »Sie kommt aus dem Westen, sie soll Ihnen eine Elfengeschichte erzählen.« »Gut«, sagte Juddy, »ich will erzählen, so gut ich kann, aber erlauben Sie mir, eine kurze Weile nachzudenken und eine unserer schönsten Geschichten auszuwählen.« Während Juddy nachdachte, gab mir Barry folgende Erklärung der Elfengeisterwelt. »Die Elfen«, sagte er, »sind ehemalige Engel. Als Gott der Herr von dem abgefallenen Satanas in seinem Himmelreiche bekriegt wurde, teilten sich die Engel in drei Parteien. Die einen liefen zu Satanas über und wollten ihn zum Könige des Himmels ausrufen; die anderen blieben dem Herrn treu und kämpften an seiner Seite gegen Satan und die ruchlosen Engel; die dritten wollten abwarten, welche von den Parteien den Sieg erringen würde, um sich dann zu der siegreichen zu schlagen. Als dann Satanas von Gott dem Herrn und seinem Sohne geschlagen war, wurde er mit allen seinen abgefallenen Engeln in die Hölle gejagt, die treu gebliebenen wurden die himmlischen Heerscharen, blieben im Himmel und lobsingen Gott unter Anführung der Erzengel; die dritten, welche abwarten wollten, wurden zur Strafe für ihre Gleichgültigkeit zwischen Himmel und Hölle, auf die Erde, gebannt, wo sie unsichtbar leben in Bäumen und Felsen, in Quellen, Seen und Flüssen. Sie sind gut und lieben die Menschen, denen sie auch manchmal erscheinen, ihnen in Leiden und Nöten beizustehen. – Besonders gute und schöne Leute werden auch manchmal von ihnen in ihrem unterirdischen Reiche freundlich aufgenommen und, wenn sie manche Proben bestanden haben, selbst zu Elfen gemacht. Wie dieses meine Geschichte beweisen wird«, fügte Juddy hinzu, die begann: »Die Geschichte vom Elfenkönig O'Donoghue Vor langer Zeit beherrschte das ganze Land der Grafschaft Kerry ein wunderschöner junger und guter König. Sein Name war O'Donoghue. Die größten Baumeister und Zauberer der Welt hatten ihm auf hohen Bergen ein Schloß erbaut, das nicht seinesgleichen hatte. Die Wände waren aus purem Golde, die Türen und Tore aus Kristall, das Dach aus festem Morgenrot. In seinem Garten wurde es niemals Winter, und Bäume aus Indien und Arabien blühten da und Blumen, die niemals verwelkten. So lebte König O'Donoghue sehr glücklich. Aber eines Tages kam ihm die Laune, den großen Stein, welcher den See in seinem Garten schloß, wegzuheben, um seinen Rittern und Edelfrauen seine große Kraft zu zeigen. Aber kaum hatte er den Stein weggehoben, als sich der See auf das Land stürzte und den größten Teil der Grafschaft Kerry überschwemmte und viele hunderttausend Menschen vergrub und die schönen Fluren, die sich sonst dort ausbreiteten, bedeckte; denn der See im Garten des Königs war ein verzauberter See und grundlos. So entstanden die Seen von Killarney, das Wunder der Welt, der ›Stolz Irlands‹ . Die Insel der Hirsche, die Insel der Eichen, die sich aus ihrem Schoße erheben und aussehen wie volle Blumenkörbe, zeigen noch heute, wie schön das Land gewesen sein muß, das von den Wellen des verzauberten Sees bedeckt wurde. König O'Donoghue, der Gute, konnte sich über seinen Leichtsinn nicht beruhigen, verzweifelte und warf sich in die Fluten. Aber die Elfen, die im See von Killarney wohnen, fingen ihn in ihren Armen auf und suchten ihn zu trösten. Der junge gute wunderschöne König gefiel ihnen so sehr, daß sie ihn gerne zum Elfenkönig gemacht hätten. Aber das durften sie nicht, solange er ihnen nicht beweisen konnte, daß ihm die Menschen vergeben hatten, und dieses konnte er nur durch die Liebe eines schönen unschuldigen Mädchens beweisen. – Jeden Maimorgen stieg nun König O'Donoghue herauf und umritt die schönen Ufer des Killarneysees und suchte ein Mädchen, das schön und unschuldig wäre und ihn liebte. Er fand keines und kehrte auf seinem weißen Rosse traurig in den See zurück, um am nächsten Maimorgen wieder aufzutauchen. Einmal, vor langer, langer Zeit, lebte am Ufer des Killarneysees in einer kleinen Hütte eine Jungfrau namens Melcha. Sie war so unschuldig wie eine Heilige und so schön wie ein Elfe, Kein Jüngling der ganzen Grafschaft Kerry wagte sich, ihr in Liebe zu nahen, so unschuldig war sie und so schön. Das machte die arme Melcha sehr traurig, und einsam schlich sie an den Ufern umher. Sie gewann die Einsamkeit und den schönen See so lieb, daß sie am Ende die Menschen vergaß, ihre ganze Zeit am Ufer zubrachte, mit den Wellen sprach, mit den Vögeln sang und mit den Blumen sich unterhielt. Wenn es Nacht war, konnte sie kaum den Morgen erwarten, um wieder hinauszugehen an den See, so sehr war ihr ganzes Herz erfüllt von einer Sehnsucht, einer Liebe, die sie an die murmelnde und lispelnde Welle band. Besonders im Monat Mai war ihr oft so zumute, als müßte sie sich auf einmal mitten in die Wellen werfen. Einst – es war an einem schönen Maiabend – saß Melcha wieder draußen am Ufer und horchte dem Lispeln der Wellen und dem Rauschen des Laubes über ihrem Haupte. Es wurde spät, sie wollte zurück in die Hütte, aber sie konnte nicht; eine geheimnisvolle Macht hielt sie zurück: es war ihr, als ob sie jemand am Rocke hielte. Aber als es immer später wurde, raffte sie sich auf und eilte, was sie konnte, vom Ufer fort. Da lispelte es mit wundersüßer Stimme aus den Wellen heraus: Du schöne Jungfrau, bleibe, bleibe, Verweile, bis der Morgen taut: Ich mache dich zur Elfenbraut, Ich mache dich zum Königsweibe. Diesen süßen Tönen konnte sie nicht widerstehen; sie sank ins Moos und entschlief. Nach einigen Stunden weckte sie noch süßere Musik. Sie sah nach dem See, und im Morgengrauen tauchte aus der Mitte der Wellen ein schönes Haupt hervor, das einen goldenen Helm mit weißem Federbusche trug. Dicke schwarze Locken fielen auf die Schultern herab; das Angesicht war weiß wie Lilien und fast durchsichtig, die Augen waren blau, die Zähne wie eine Perlenschnur. Bald stand ein ganzer Reiter auf den Wellen. Er trug einen grünen Panzer von Smaragd und ein langes glänzendes Schwert. Sein Pferd war weiß wie Morgennebel, und die Bügel und Zügel glänzten wie Tau. So ritt der Reiter über den See auf Melcha zu, die sich nicht regen konnte. Er stieg vom Rosse, das er an einen Baum band, und legte sich neben Melcha ins Moos. So schöne Worte sprach er zu ihr, daß ihr wohl ums Herz wurde und sie zu lachen und zu weinen begann wie ein Kind. Bald sagte sie ihm, daß sie ihn liebte, und er sagte es ihr wieder. Dann gab er sich ihr zu erkennen als König O'Donoghue, und als sie sagte, daß sie seine Braut sein wollte, steckte er ihr einen goldenen Ring an den Finger, und sie gab ihm ihre Schärpe. Dann küßte er sie und versprach, sie am Maimorgen des nächsten Jahres abzuholen, um sie zu heiraten. Dann stieg er wieder auf sein weißes Pferd, ritt bis in die Mitte des Sees, winkte noch einmal mit der Hand und versank. Die ganze Luft klang von Musik, alle Bäume begannen mit einem Male zu blühen, und Blätter und Blumen riefen: \>König O'Donoghue ist Bräutigam.\< Melcha glaubte, daß sie geträumt hatte, aber der Ring an ihrem Finger sagte es ihr deutlich, daß sie König O'Donoghues Braut war. Am liebsten hätte Melcha die ganze Zeit bis zum Maimorgen des nächsten Jahres verschlafen, so sehr sehnte sie sich, des Königs O'Donoghue Weib zu werden. Endlich kam der Abend vor jenem Morgen. Sie zog ihr weißes Brautkleid an und steckte Blumen ins blonde Haar, das sie lang auf beiden Seiten herabfallen ließ. So stellte sie sich auf den Felsen hin, der heute der Fels der Adler heißt, um den ganzen See zu überschauen. Aber sie wartete lange; kein König O'Donoghue kam, und sie fürchtete schon, er hätte seine Braut vergessen. Aber als der Morgen zu grauen begann, erkannte sie, wie im Zwielicht der See sich öffnete. Aus seinem Schoße stieg zuerst eine Schar von schönen kleinen Knaben, welche Kränze, Sträuße und Blumenkörbe in den Händen trugen. Gekleidet waren sie in kurze luftige hellgrüne Wämschen, die die zarten Glieder kaum bedeckten; ihnen folgte eine Reihe von Jungfrauen, welche goldene Gewänder, Schleier und Geschmeide aller Art auf roten Kissen trugen; gekleidet waren sie in langwallende faltige weiße Gewände, und ihre blonden Locken spielten im Wind. Gleich nach ihnen kamen zwölf Harfner, teils Jünglinge in kurzen Gewändern, teils Greise mit breit herabfließenden Bärten, langen weißen Kaftanen. Sie spielten auf Harfen süße Melodien, und die Knaben, die neben ihnen gingen, sangen dazu. So unter Harfenklang und Gesang tauchte König O'Donoghue auf seinem weißen Rosse empor. Er war anders gekleidet als im vorigen Jahre. Seine ganze Rüstung war weiß, ein weißer breiter Mantel deckte ihm die Schultern-aber auf der Brust war die grüne Schärpe zu sehen, die ihm Melcha geschenkt hatte. Auf den schwarzen Locken trug er eine goldene Königskrone und in der Rechten einen Zepter von Elfenbein, auf dessen Spitze ein Kleeblatt von Gold erglänzte. Ihm folgte noch eine Reihe von Pagen und Rittern und Frauen. Aber der ganze Zug stellte sich auf dem entgegengesetzten Ufer auf, und Melcha war von ihm durch die Breite des Sees getrennt.–Doch erkannte sie, wie ihr der Bräutigam liebend zulächelte. Eine ungeheure Sehnsucht ergriff sie, zu ihm zu gelangen, und sie wollte vom Felsen hinabspringen. Aber sie fürchtete zu ertrinken, ohne daß sie vielleicht ihr Bräutigam erretten konnte, und sie zauderte und fing an zu weinen. Da ertönte es hinter ihr: Nur zu, nur zu, du schöne Fee! Killarneysee Tut seiner Königin nicht weh! Da faßte sie sich ein Herz und sprang hinab – da stand der ganze Zug unten, und König O'Donoghue drückte sie in seine Arme. Die Harfner begannen zu spielen, die Jünglinge, Knaben und Mädchen zu singen, und unter dem Rufe ›Hoch, O'Donoghue, König der Elfen, hoch, Melcha, seine Königin!‹ versank der ganze Elfenkönigshof in die Tiefe des Sees. Seit jener Zeit blüht und gedeiht das schöne Ufer des Killarneysees, denn der Elfenkönig liebt das Land, in dem seine Königin geboren worden. Jeden Maimorgen taucht er noch aus dem See, und glücklich derjenige, der ihn da erblickt, denn ihm wird es wohl ergehen, und er wird lange leben.«   Unter diesen Erzählungen war es nach Mitternacht geworden. Ich empfahl mich der Gesellschaft, welche mich mit den freundschaftlichsten Händedrücken entließ, und zog in Begleitung Juddys weiter. Der Stadtteil, in welchem wir uns befanden, »die Liberties«, war ehemals der Sitz der reichen und aristokratischen Bevölkerung Dublins und hatte seine besonderen Privilegien, daher auch der Name. Später zog sich die Gentry auf die luftigere andere Seite des Flusses, und ihre alten, teils palastartigen Gebäude wurden von der Armut Dublins besetzt, die sich durch beständigen Zuzug aus den ausgehungerten Grafschaften rekrutiert. Ein solches Haus faßt oft mehrere Hunderte von Bewohnern, die in ihren Lumpen mit den hohen, geräumigen pompösen Stuben und Sälen, mit den Überresten von Pracht und Wandmalereien und Möbeln sonderbar und traurig genug kontrastieren. – Wir gingen durch die hohen und dunklen Gassen hin, über die Totenstille gebreitet war, welche nur dann und wann von einem unter freiem Himmel Schnarchenden unterbrochen wurde. Nach einigen Schritten schon erkannten wir, daß wir uns am besten in der Mitte der Gasse hielten, da wir an den Seiten oft über die Schläfer, die auf Türschwellen und Treppen gelagert waren, stolperten und die Armen um ihren vielleicht einzigen Trost brachten, um den Schlaf. In einer der Gassen kam uns aus einem breiten Fenster ein heller Lichtglanz entgegen. Wir traten heran und sahen durch die zerbrochenen Scheiben. Auf dem Tische lag die schöne Leiche eines Mädchens, das in der Blüte der Jahre heimgegangen war. – Sie war weiß gekleidet und trug einen grünen Kranz im Haare. An jeder Seite ihres Totenbettes brannten drei Kerzen, und über ihrem Haupte, das sanft gelehnt auf einem Kissen lag, leuchtete eine Talglampe. Rings um die Leiche saßen auf Schemeln oder auf dem Boden selbst mehrere Weiber; die den Dampf ihrer Pfeifen wie Weihrauch aufsteigen ließen und die Leiche und die ganze Stube in dichte Schleier hüllten. Die Männer, die ebenfalls in großer Anzahl zugegen waren, hielten sich entfernter von der Leiche und saßen oder lagen plaudernd oder schlafend in den Stubenecken umher. Im ganzen herrschte die Stille nicht , welche sonst Leichen zu umgeben pflegt. Im Gegenteil unterhielten sich die Weiber sehr laut und vernehmlich. – »Es ist die Leiche der armen schönen Honor«, sagte mir Juddy. »Sie kam mit mir aus dem Westen und starb an der Auszehrung oder am Hunger. Es war die beste und lieblichste Person von der Welt. Es war ihr ausdrücklicher Wille, daß nach ihrem Tode eine ›Wake‹ (Totennachtwache) gehalten werde, obwohl dieser heilige Brauch hier in Dublin längst abgekommen ist. Aber wir armen Leute aus dem Westen halten noch viel darauf und sparen dafür unser ganzes Leben lang. Denn es ist eine große Ehre, eine schöne Wake zu haben. Das Haus ist offen«, fügte sie hinzu, »und jeder kann eintreten, um einige Paternoster für die Seele des Verstorbenen zu beten.« Juddy trat auch hinein, kniete vor der Leiche nieder und versank in inbrünstiges Gebet, welches aber den Rest der Gesellschaft in ihrer lauten und lärmenden Unterhaltung nicht im geringsten störte. – Ich selbst stand indessen in der Stubentüre und betrachtete das eigentümliche Bild; wenn ich die bizarren Gesichter der Weiber abrechne, war es im ganzen tragisch und unendlich traurig. Auf der Bahre ein schönes junges Kind, das, vom Elend aus seiner schönen Heimat getrieben, in der Fremde sein Grab findet, und vor ihr eine noch schönere Blume auf den Knien, die vielleicht, ja gewiß noch größerem Jammer entgegengeht. Juddy küßte noch die Leiche ihrer ehemaligen Freundin, dann den Fuß des Kruzifixes in ihren Händen und ging wieder, fast so ruhig und kalt, wie sie gekommen war. Nur war sie in den ersten Momenten etwas schweigsamer. Auf den Kais sahen wir einen Konstabler, der mit seinem Stocke die Schläfer weckte, die dort auf den Trottoirs herumlagen, und sie in die engen Gassen, die zu den Liberties führen, zurückjagte; nur dort scheint es ihnen erlaubt zu sein, unter freiem Himmel zu schlafen. Auf Carlisle Bridge trafen wir unseren alten Freund Barry, der mit Thaddy, wie es schien, in großer Eile, das andere Ufer zu gewinnen strebte. Juddy wollte ihn aufhalten, aber er warf ihr nur einige Worte in gälischem Dialekte zu und eilte weiter. Juddy erklärte mir, daß Barrys Freund Thaddy in diesem Augenblicke mit der Polizei schlecht stehe, daß diese ihn in jener Kneipe ausgespäht und daß nun Barry für ihn einen neuen Schlupfwinkel auf der andern Seite des Flusses oder vielleicht auch außerhalb der Stadt suche. Über der Bai von Dublin bebte schon das Zwielicht des anbrechenden Morgens, in den Segeln und Tauen des Hafens regte sich der Morgenwind, auf den Schiffen selbst wurde es schon lebendig. Ich nahm von Juddy zärtlichen Abschied und konnte nicht umhin, sie zu bitten, ja die Reise nach London zu unterlassen. Aber sie antwortete mit Achselzucken: »Was wollen Sie, lieber Herr ? – Es findet sich nicht immer ein Mr. Ohr, der sich eines armen, verlorenen Geschöpfes annimmt und es zur reichen Frau macht.« Sie meinte den Kaufmann, der in Dublin dadurch berühmt geworden, daß er, gerührt durch die Schönheit eines verlorenen Mädchens, diesem ein Putzwarengeschäft einrichtete und es von endlicher Verderbnis errettete. – Ich drückte Juddy etwas Geld in die Hand, und indem ich ihr noch für ihre Dienste herzlich dankte, fügte ich hinzu: »Hier, liebe Juddy, hast du Geld genug, um einige Zeit zu leben und dich nach Arbeit umzusehen.« Juddy drückte mir die Hand und ging. Nach zehn Schritten wandte sie sich noch einmal um, lachte und rief: »Ich hab es gezählt; es reicht hin, um damit nach London zu kommen.« Und sie verschwand im Dunkel der Westmoreland Street. So ist das Nachtleben in Dublin. Als ich auf meiner Stube ankam, brannte mir der Kopf. Ich öffnete das Fenster; groß und prächtig ging über der Bai von Dublin die Sonne auf. Friedrich Gerstäcker Reisen Australien Postfahrt von Sydney nach Albury Die Beförderung von Passagieren und Briefen ist hier in Australien ganz in den Händen von Privatpersonen, die sich kontraktlich verpflichten, die »Mail«, das heißt die Briefsäcke, zu gewissen Stunden an Ort und Stelle zu liefern, und die Passagiere, die ihnen auf Gnade und Ungnade übergeben sind, als eine zwar lästige, aber doch des Gewinnes wegen nötige Zugabe betrachten. In diesem Sinn von diesem Prinzip ausgehend, ist auch die ganze Posteinrichtung getroffen, und ein Passagier, der sich auf der »Royal Mail«, wie die Karren prunkvoll genug heißen, einschifft, mag nur seine Seele einstweilen Gott empfehlen und sich ganz und gar mit seinem Körper beschäftigen, denn dessen Mißhandlung wird sicherlich seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Doch zur Sache. Dienstag, den 22. April [1851], nachmittags 4 Uhr ging die Post ab. Am Tage vorher hatte ich meinen Passagierschein genommen – das heißt mein Geld bezahlt, denn ein Schein wurde dafür nicht ausgegeben –, und auf meine Frage, ob viele Passagiere mitführen, erhielt ich die trockene und etwas eigentümliche Antwort: »Nur eine Dame, für die Sie werden Sorge tragen müssen.« Das war short and sweet, und ich wußte im Anfang nicht, was ich daraus machen sollte; der Mann sah aber so ernst aus und hatte so entsetzlich viel zu tun – nicht mit Postbeförderung, sondern er war auch nebenbei Ausschenker in einem Schnapsladen und bediente seine Kunden fortwährend, indes er mich zu gleicher Zeit thurn und taxierte –, daß ich ihm meine drei Pfund Sterling bis Yass – eine Zwischenstation – geduldig auszahlte und mir nun auch nicht weiter den Kopf über die geheimnisvolle Dame zerbrach, sondern meine Vorbereitungen zur morgenden Abreise traf und dem Schicksal dann ruhig seinen Lauf ließ. Der Nachmittag 4 Uhr kam und mit ihm die Postkutsche, ein sehr bequemes und elegantes Fuhrwerk und unseren Postwägen nicht unähnlich, aber ohne Vorder- und Hintercoupés, eine einfache, vortrefflich gepolsterte Kutsche. Vorsichtigerweise war ich zeitig genug an Ort und Stelle, stieg ein und drückte mich nun behaglich in die eine Ecke auf den hinteren Sitz. So, den hatt ich sicher. Ich saß kaum ordentlich, als die Türe wieder aufging und eine Dame durch den galanten Kutscher einbefördert wurde – ah, meine Schutzbefohlene, dachte ich bei mir selber und rückte etwas mehr in die Ecke –, es war ein allerliebstes kleines Frauchen von etwa 20 bis 21 Jahren mit einem kleinen rotbäckigen Säugling auf dem Arm. Der Sitz war breit genug, daß wir ganz bequem nebeneinander sitzen konnten, und die Dame nahm nach kurzem Gruß den andern Rücksitz ein. So, nun kann's fortgehen, dachte ich, hatte mich aber geirrt. Da öffnet sich behend ein zweites Tor, und daraus rannte nicht etwa etwas hervor, sondern dahinein wurde jetzt, wie es schien, durch die »Rückwirkung« zweier zinnoberroter Männergesichter eine Dame geschoben, welche die Muschel eines gewöhnlichen Schlittens vollkommen ausgefüllt hätte und uns beide erstaunten Passagiere jetzt gerade so ansah, als ob sie fragen wollte: Nun, welchen von beiden soll ich zuerst totdrücken? Mein armer Rücksitz – die Höflichkeit gegen Damen erforderte, daß ich ihn aufgab, und dieser Koloß hätte die Höflichkeit gegen zwei Damen fordern können; ich glitt auf einen Vordersitz, Kürbis drückte sich neben meiner Schutzbefohlenen ein und entwickelte hier zu meinem unbegrenzten Erstaunen, als sie den breiten rotbunten Shawl auseinanderschlug, ebenfalls einen kleinen und jetzt aus voller Kehle beginnenden Staatsbürger, den sie bis dahin unter den weiten Falten ihres Tuches verborgen gehalten hatte. Aber noch waren wir nicht zur Ruhe gekommen, als die Tür zum drittenmal aufging, um jetzt nicht eine, nein, lieber Leser, sondern drei »Ladys« auf einmal einzulassen. Eine davon trug ebenfalls ein Kind, und die andern beiden sahen sich, als sie herein waren, gleichfalls um, als ob sie nur erwarteten, ein paar kleine Schreier nachgereicht zu bekommen. Damen schienen hier Kinder wie bei uns Regen- oder Sonnenschirme bei sich zu führen. »Aber um Gottes willen, wieviel sollen denn, eigentlich hier noch herein?« frug ich jetzt in Verzweiflung den Kutscher. »Sechs«, war die lakonische Antwort, und die Tür flog wieder zu. Sechs waren wir schon, »ohne die Weiber und Kinder«, wie es in Schlachtberichten lauten würde – hier jedenfalls ohne die letzteren –, und ich mußte trauernd zusehen, wie sich die Letztgekommene – irgendein rücksichtsloses rotbackiges Kind des Landes – mühsam, aber entschlossen zwischen meine arme kleine Schutzbefohlene – ja, wer um Gottes willen von allen diesen war es denn eigentlich? – hineinarbeitete. »Ist Ihr Gewehr geladen?« schrie auf einmal die dicke Dame, die erst jetzt meine zwischen Tür und Knie geklemmte Büchsflinte gewahr wurde, mit einem förmlichen Aufkreisch. »Nein, Madame«, war meine, wenn auch artige, doch sehr lakonische Antwort. »Aber wenn es doch etwa ...« »Es ist kein Korn Pulver darin ...« »Aber wenn es nun platzt ...« »Platzen?« frug ich erstaunt und sah die korpulente Frau an, die wirklich ein Gesicht machte, als ob sie jeden Augenblick das Explodieren der entsetzlichen Waffe erwartete. Die wieder aufgerissene Tür unterbrach in diesem Augenblick unser Gespräch. »Only one more!« rief der Kutscher und wollte eben noch in Wirklichkeit eine Dame mit einem Kind einbefördern – das aber war zuviel. – Ich bin sehr gern in Damengesellschaft, aber man kann eine Sache auch übertreiben. – Glücklicherweise saß ich dicht neben der Tür, nichtsdestoweniger hatte ich mein rechtes Knie so zwischen denen meiner schönen und unschönen Nachbarinnen eingeklemmt, die auch nicht einen Zollbreit zur Seite weichen konnten, daß es einer wirklichen Anstrengung bedurfte, freizukommen. Kürbis, die mir gerade gegenübersaß, richtete sich soweit als möglich auf, schrie aber (ihr Kind, um Raum zum Bewegen zu geben, mit beiden Händen oben unter die Decke pressend) »Mord!«, als der Kutscher, dem ich vor allen Dingen erst einmal mein Gewehr hinausgereicht hatte, ihr die Mündung gerade unter die Nase hielt. – Ich hielt mich nicht länger auf – dem Kutscher meine Hand gebend, der mich am Arm ergriff und mit Hülfe eines mitleidigen Beistehenden ins Freie zog, erreichte ich glücklich und tief aufatmend frische Luft, und meine kalifornische Serape wie noch einige andere Kleinigkeiten im Stich lassend, arbeitete ich mich »an Deck«, das heißt oben auf die Kutsche, wo ich schon eine Gesellschaft von sechs Personen versammelt fand. Als der Kutscher endlich aufstieg und die vier starken und wohlgenährten Pferde mit der Peitsche zum Mitfahren einlud, waren wir fast anderthalb Dutzend Seelen auf der einen Achse. Es war das erste Mal, daß ich oben auf einem Wagen fuhr, und der tolle Galopp, mit dem unser Kutscher jetzt wahrscheinlich die verlorene Zeit einzuholen suchte, diente gerade nicht dazu, das etwas unbehagliche Gefühl, das mich da oben bei der Idee eines Umwerfens ergriff, zu beruhigen; die Straßen dort sind aber ausgezeichnet, die Kutscher sehr sicher und mit ihren Tieren vertraut, und wir fuhren etwa 7 englische Meilen in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit. Glücklicherweise erfuhr ich erst später, daß noch gar nicht so lange eben eine solche Kutsche auf dem nämlichen Weg, zwischen Parramatta und Sydney, bei einem tollen Wettfahren umgeschlagen sei und sieben Personen augenblicklich tot und andere schwer verletzt worden wären. In vollem Galopp rasselten wir die Straße hinab, unserer nächsten Station entgegen, die wir aber erst nach Dunkelwerden erreichen sollten. Von den »oberen« Passagieren waren indessen schon hie und da mehrere heruntergeglitten; sie gehörten meistens in die kleinen Ortschaften oder auf die einzelnen Farmen, die am Wege lagen, und ließen sich bei ihrer Heimat oder wenigstens so nah als möglich bei derselben »ausladen«. Auch aus dem Innern des Wagens sah ich mehrere Male helle Gewande in der jetzt einbrechenden Dämmerung verschwinden, und sogar der Kürbis blieb in einem kleinen, einzeln stehenden Farmhaus, an dessen Türe ihn ein kleines mageres Männchen, vielleicht zärtlich harrend, jedenfalls eine große Stallaterne hoch emporhaltend, um darunter weg zu sehen, erwartete. Das Wetter sah wie Regen aus, und ich gedachte schon einen Operationsplan auszuführen, der mich wieder in das Innere des Wagens, wo ich jetzt auf Platz hoffen konnte, bringen sollte, als die Kutsche plötzlich vor einem niedern langen Gebäude hielt und uns angekündigt wurde, daß hier »Pferde und Wagen« gewechselt werden sollten. Die Wirklichkeit sollte bald unsere traurigsten Erwartungen oder vielmehr Befürchtungen übertreffen: statt der geschlossenen Kalesche bekamen wir einen offenen Jagdwagen, gut auf Federn allerdings, aber mit harten Sitzen und dem Wind und Wetter erbarmungslos preisgegeben, und nach nur kurz gegönnter Frist, um etwas Abendbrot zu uns zu nehmen, ging die Reise wieder weiter, in die stockdunkle, regendrohende Nacht hinein. So machten wir vielleicht, gerade nicht in der besten Laune und überdicht geladen, 20 bis 25 Meilen, und hatten wir bis jetzt wenigstens noch erträglich gesessen, so sollten wir nun erfahren, was es eigentlich heiße, in Australien auf einer Royal Mail zu fahren. Hier wurden Wagen und Pferde wieder gewechselt, und wir bekamen jetzt eine ganz eigene, ja sogar eigentümliche Art von Beförderung – der jetzige Postwagen, ebenfalls offen wie der vorige, glich einem gewöhnlichen Leichenwagen; die Sitze waren an den Seiten angebracht und bestanden aus zwei sehr schmalen und nur notdürftig gepolsterten Bänken, so schmal, daß sie in der Tat eher einer höchst unnützen Verzierung glichen, als zum wirklichen Gebrauch bestimmt schienen, und in diesem Kasten, der sich nur darin von einem Leichenwagen unterschied, daß auf diesem eine Person bequem liegt, während auf der Royal Mail eine unbestimmte Anzahl von Passagieren förmlich hineingekeilt hing, beförderte man nun sämtliche Reisende, Männer, Frauen und Kinder, ohne sich auch nur im mindesten darum zu bekümmern, ob sie Platz hätten. Der Begriff »Platz« umgreift überhaupt auf einer australischen Postkutsche den des Existierens oder selbst der Möglichkeit des Existierens, und wir fanden bald darauf zu unserm Erstaunen zehn Personen in einem Raum untergebracht, den ich früher nicht für imstande gehalten hatte, sechs ordentlich zu fassen und zu halten. An Sitzen war aber auch gar nicht zu denken, unsere Beine – und fünf von den zehn waren Frauen – staken wild durcheinander, die meinigen so fest eingeklemmt, daß ich sie auch nicht einen Zoll hätte bewegen können, wäre mein Leben damit zu retten gewesen. Es schien auch schon, als ob wir da oben nicht vor einer Stunde mit Durcheinanderschreien und Raumsuchen, wo keiner zu finden war, fertig geworden wären, als plötzlich der Kutscher unseren Bedenklichkeiten ein gewaltsames zwar, aber auch vollkommenes Ende machte. Ein Schlag seiner Peitsche trieb die Pferde an, die Kutsche – wenn ich mich einer so groben Schmeichelei schuldig machen darf, ein solches Fuhrwerk Kutsche zu nennen – schoß vorwärts, und mit dem plötzlichen Ruck oder, ich möchte sagen: der nachfolgenden »Quantität von Rucken« wurden wir so ohne weiteres Erbarmen durcheinandergeschüttelt, daß sich ein Teil der Passagiere setzte , das heißt nicht etwa in unserm zivilisierten und gesellschaftlichen Sinn, sondern wie durch irgendeinen chemischen Prozeß als Boden satz formiert wurde, während die andere, leichtere Hälfte obenauf zu liegen kam. Ich saß – oder sitzen sollte hier eigentlich ein passives Verbum sein: ich wurde also gesessen. Die Sache noch vollkommen zu machen, fing es etwa um zehn Uhr abends an zu regnen, und um zwölf Uhr goß es, so daß wir in der Tat jede gegründete Ursache hatten, uns elend zu befinden, und vollkommen entschuldigt gewesen wären, hätten wir unserm Unmut in Flüchen und andern Zeichen grimmigen Zornes Luft gemacht, aber gottbewahre! Die Extreme berührten sich auch hier. Ich weiß mich der Zeit nicht zu erinnern, daß ich eine ganze Nacht hindurch, selbst in der angenehmsten Gesellschaft und unter den erfreulichsten Verhältnissen, mehr gelacht und mich besser amüsiert hätte als auf diesem fliegenden Marterkasten. Obgleich fast keiner noch das Gesicht des andern gesehen hatte, ausgenommen beim ersten Einsteigen, wo man doch wenig aufeinander achtet, noch dazu da so viele unterwegs ausstiegen und man nicht einmal wissen konnte, wer eigentlich sitzen geblieben war, und später vielleicht die wenigen Sekunden beim Abendessen, lachten und schwatzten wir doch alle so gemütlich miteinander, als ob wir schon die längsten Reisen mitsammen gemacht hätten, und Anekdoten und Geschichten wurden erzählt und Lieder gesungen die ganze Nacht hindurch. Wir mußten dabei einen steilen Berg übersteigen, den sogenannten Razorback (Rasiermesserrücken). Es regnete zugleich wie aus kleinen Eimern, die Pferde konnten den Wagen kaum leer hinaufschleppen, die armen Frauen kaum ihr eigenes Selbst hinaufbringen, und ich trug außer meiner Büchsflinte, die ich nicht aus den Händen ließ, noch kleine Kinder den Razorback hinauf und wieder hinunter – auch eine sehr schöne Beschäftigung für einen reisenden Literaten –, aber nichts vermochte unsere gute Laune zu stören, und der Kutscher schüttelte nur immer verwundert den Kopf und meinte, solch wunderliches Volk sei ihm doch in seiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen und er hätte doch noch stärkere Ladungen bei noch scheußlicherem Wetter hier herauf- und hinuntergefahren. Naß wie die Katzen und über und über voll Schlamm stiegen wir wieder ein, unsere gute Laune blieb aber immer dieselbe, und nur gegen Morgen, als es zu regnen aufhörte und der kalte, fröstelnde Morgenwind über die Bergkuppen strich, wurden die Gespräche zuerst einsilbiger, das Lachen kürzer und einzelner. Hie und da fing einer oder der andere an zu nicken und knöpfte sich fester in seinen Rock ein, wenn er durch das Schaukeln des Wagens, der ihm nicht die geringste Rücklehne bot, emporgeschnellt wurde und nun, vor Kälte zitternd, fand, daß er nicht etwa in seinem Bette, was er vielleicht eben in flüchtigen Umrissen geträumt, sondern an Bord einer australischen königlichen Postkutsche sei. Als der Morgen endlich dämmernd anbrach, wünschte ich mir, zeichnen zu können, denn eine solche Gruppe betrübter Gestalten habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen; wir mußten in der Tat alle laut auflachen, als wir einander ansichtig wurden. Das komischste Bild war ein mir gegenübersitzender Kollege, ein Herr Johnson, der Herausgeber des »Goulburn Herald«, der nach Sydney eine kleine Vergnügungstour im schönsten Wetter gemacht hatte und jetzt im kalten Regen, nur mit einem dünnen Sommerröckchen bekleidet, fröstelnd, die zusammengefalteten Hände zwischen die Knie geklemmt, den fadennassen Seidenhut rief in die Stirn gedrückt, dasaß und, ein Bild des Leidens und der Resignation, seinen Rockkragen zu einer doppelten Wasserrinne dienen ließ, indem er rechts das jetzt wieder niederträufelnde Regenwasser von einem hellblauen baumwollenen Regenschirm und links von einem grünen Sonnenschirm geduldig auffing und auf sein Vorhemdchen nicht allein weiterbeförderte, sondern diesem auch die entsprechende hellblaue und grüne Farbe getreu und unparteiisch mitgeteilt hatte. Auf einer der Zwischenstationen, deren Namen ich vergessen habe, ließen wir einen Teil der Passagiere und bekamen nun hinreichenden Raum; in Goulburn setzten wir auch den Editor des »Goulburn Herald«, der sich heilig verschwor, unsere Reise auf das genaueste zu beschreiben, an seiner eignen Türe ab, wo der gute, etwas feuchte Mann von Frau, Kindern und Hunden auf das herzlichste empfangen wurde, und dort bekamen wir auch zum erstenmal, seit wir Sydney verlassen hatten, drei Stunden Rast, wurden aber um 2 Uhr schon wieder herausgeholt und galoppierten nun in stockfinsterer Nacht bei wahrhaft schauderhaften Wegen unserem leider noch so fernen Ziel entgegen. Etwas interessant wurde die Fahrt übrigens noch durch das Gerücht von »Buschrähndschern«, die sich in neuerer Zeit wieder auf der Straße gezeigt und die Post schon mehreremal angefallen hatten. Ich hielt meine Büchse auch deshalb fortwährend geladen; gerade hier hinter Goulburn sollte die gefährlichste Stelle sein. An Passagieren waren wir noch ein Mann in einer blauen Blouse – einem sogenannten Buschhemd – und eine der Damen, die »letzte Rose« und sehr wahrscheinlich meine Schutzbefohlene, eine Frau, vielleicht 28 bis 30 Jahr alt, ebenfalls mit einem kleinen Kind, ohne welches ich bis jetzt hier sehr wenig Frauen gesehen habe. Die arme Frau wollte übrigens noch bis Gundagai und mußte von Wind und Wetter nicht wenig aushalten, ja ich weiß in der Tat nicht, wie es das Kind wenigstens in dem Unwetter, Tag und Nacht auf dem offenen Kasten, ausgehalten haben konnte, hätte ich nicht glücklicherweise meine wollenen Decken für die Landreise mitgeführt, die das Schlimmste wenigstens von Mutter und Kind abhielten. Vier bis fünf Meilen mochten wir so etwa im Dunkeln gemacht haben, und unser Weg lag durch einen dichten Gummibaumwald – der Leser darf sich auch nicht etwa denken, daß wir eine ordentlich gebahnte Poststraße unter uns gehabt hätten; nein, wie es der bergige Boden und die ziemlich dicht stehenden Bäume gestatteten, hatten sich die Wägen mit der Zeit ihre Bahn gesucht, denen waren andere gefolgt, und so bildeten sich nach und nach Poststraßen, auf denen man allerdings vollkommen sicher und nur der Gefahr ausgesetzt war, entweder von Buschrähndschern angefallen und totgeschossen zu werden oder – das Wahrscheinlichere – bei dem tollen Fahren der Kutscher den Hals oder sonst einige notwendige Gliedmaßen zu brechen. Ich hatte dabei schon mehreremal vergeblich versucht, dem unsichern Sitz mit einer kaum vier Zoll hohen Rücklehne ein paar Minuten Schlaf abzustehlen, die Gefahr war zu groß, herunter und zwischen die Räder zu stürzen, und ich suchte mich zuletzt mit Gewalt munter zu erhalten, als plötzlich die Frau, die sich schon die ganze Zeit ängstlich umgesehen hatte, meinen Arm faßte und mir zuflüsterte, sie hätte eine Gestalt eine kurze Strecke hinter uns über die Straße gleiten sehen. Kurzes Aufpassen überzeugte mich bald, daß ein Reiter, jetzt links von uns, nicht mehr auf der Straße, sondern durch den Wald galoppierte und allem Anschein uns vorzukommen schien; er hielt sich jedoch mehr links, und ein kleines Gebüsch verbarg ihn bald unsern Augen. Der Kutscher, dem ich das Gesehene mitteilte, stieß einen leisen Fluch aus und meinte, die verwünschten Kerle hätten schon neulich seinen Kameraden angefallen und, als ihnen dieser mit den Postpferden zu schnell gewesen sei, ein Pistol aufs Geratewohl dem Wagen nachgefeuert, ohne jedoch irgend jemand zu verletzen. Natürlich hatte ich indessen meinen Poncho vom rechten Arm zurückgeworfen und die Büchse, zum Gebrauch fertig, aufs Knie genommen; glücklicherweise sollt ich aber keinen Gebrauch davon machen; hatten die Burschen vielleicht in Goulburn erfahren, daß wir bewaffnet waren, oder hatten wir dem nächtlichen, vielleicht höchst moralischen Reiter überhaupt unrecht getan, ihn für einen Räuber zu halten – genug, wir bekamen nichts weiter von ihm zu sehen, und nur einmal glaubten wir rasche Hufschläge vor uns auf der Straße zu hören. Lange hatte ich mich schon darauf gefreut, einmal eine ordentliche australische Landschaft und den Urwald in seiner ganzen Eigentümlichkeit zu schauen, denn oben, an Hunters River, war es mir vorgekommen, als ob die Natur dort schon zu sehr von Menschenhänden im Zaum gehalten sei, ich konnte wenigstens keinen großartigen Baumwuchs, wie das schon so oft geschildert worden, finden, und statt eines Wechsels in den Gruppen lösten sich nur immer und immer wieder Gum-Bäume einander ab. Die Leute dort vertrösteten mich auf den Murray, und ich fing jetzt selber an, mich darauf zu vertrösten, denn hier im Innern wurde die Szenerie nur immer trostloser. Bis Goulburn schienen in den letzten Wochen ziemlich starke Regen gefallen zu sein, und das Gras wuchs voll und üppig, das Vieh sah gut aus, und grüne Büsche in einem ziemlich starken Unterholz gaben der ganzen Landschaft etwas Freundliches, wenn auch Monotones in der zu großen Ähnlichkeit des Laubes. Je weiter wir aber nach Westen zogen, desto dürrer wurde der Boden, desto dünner die Vegetation, desto magerer das Vieh, das wir an der Straße trafen, und als wir das kleine Städtchen Yass erreichten, schien alles aufzuhören. In Yass sollte uns aber noch etwas anderes bevorstehen. So schlecht die Wägen nämlich bis jetzt gewesen waren, so hatte man doch wenigstens darauf sitzen können, ohne der steten Gefahr ausgesetzt zu sein herauszufallen; hier in Yass sollte aber auch dies aufhören. Von Yass aus bekamen wir einen zweirädrigen Karren, auf dem zwei nach vorn und zwei nach hinten (die auf dem Rücksitz mit dem Rücken den Pferden zugewandt) sitzen konnten , drei nach vorn und drei nach hinten aber aufgenommen werden, wenn sich Schlachtopfer genug dazu finden. Die vorn saßen, hatten sich dabei nicht zu beklagen; der Karren hing auf ziemlich guten Federn, und der Vordersitz war, wenn auch nicht bequem, doch leidlich, es war, als ob man bei einer gewöhnlichen Kutsche mit auf dem Bock saß. Die Hintersitze erwiesen sich aber in der Tat lebensgefährlich, und wie ich später gehört habe, soll auch schon mehrfaches Unglück, besonders mit Damen, vorgefallen sein, die nicht imstande waren, sich gegen das furchtbare Rütteln des Kastens an dem niedern eisernen Geländer und mit fast keinem Fußbord festzuhalten, und dann rettungslos abgeschleudert wurden, wobei sie noch ihrem Gott danken konnten, wenn sie nicht auf das herumwirbelnde Rad stürzten. Die Wege sind dabei – Hügel auf und nieder und durch trockene Lagunen und Schluchten – wahrhaft lebensgefährlich, was etwa die zwei Räder entschuldigt; denn ein vierrädriger Wagen würde noch mehr dem Umwerfen ausgesetzt sein. So, steilen Abhang hinauf oder hinunter, geht es fortwährend im Galopp, so daß beim Wiederauffahren die hinten Sitzenden die ganze Wucht ihres Körpers einzig und allein ihren Händen oder ihren um die schmale eiserne Stange geschlungenen Armen anvertrauen müssen. Die Szenerie wurde hier, wenn das seit den letzten Meilen überhaupt möglich gewesen wäre, noch trauriger; kein Grashalm, so weit das Auge reichte, kein Busch außer niedern Gum- Büschen, und alle, alle ein und dasselbe Laub; ja so verzweifelt gleichförmig sind selbst die Blätter untereinander, daß man, wenn man sie nicht selber vom Zweig bricht, gar nicht bestimmen kann, was die obere oder untere Seite an ihnen ist. Die Annehmlichkeit haben die mit dem Rücken nach vorn Sitzenden dabei, daß ihnen niederhängende Zweige gar nicht selten nicht allein den Hut vom Kopf reißen, sondern den Kopf manchmal fast auch mitnehmen möchten – der Karren rasselt in der Zeit an, bis ihr Kutscher oder Pferde bewegen könnt zu halten, und von dem Schlag noch halb betäubt, kann der Passagier oft hundert und zweihundert Schritt zurücklaufen, seine verlorene Kopfbedeckung wieder zu holen. »Verliert Ihr manchmal Passagiere von dem Kasten herunter?« frug ich den Kutscher, als uns das Marterwerkzeug zum erstenmal vorgestellt wurde. »Selten!« lautete seine lakonische Antwort. Freitagabend, den 25. April, kamen wir glücklich nach Gundagai, einem kleinen Städtchen am Murrumbidgee. Hier ließen wir unsere letzte Dame, und die arme Frau war durch die anstrengende Tour wirklich mehr tot als lebendig. In Gundagai, das wir in der Nacht erreichten, blieben wir etwa eine Stunde und fanden den kleinen Ort noch in voller Aufregung eines Angriffs wegen, den ein benachbarter Murrumbidgee-Stamm auf die friedlichen Indianer oder Blacks gemacht hatte, die sich gewöhnlich in Gundagai selber aufhielten. Mitten in der Stadt hatten sie diese plötzlich überfallen, mehrere verwundet und einen getötet, ohne jedoch einen Weißen, von denen ihnen gerade mehrere in den Weg kamen, zu verletzen. Die Leute waren hier wieder einmal voll von schrecklichen Geschichten über die »treacherous devils« (verräterischen Teufel), wie sie überall genannt wurden. Wir mußten hier über den Murrumbidgee, den ich, obgleich er ein ganz ansehnliches Bett hat, kaum einen Fluß nennen darf, denn er bestand, in dieser allerdings sehr trockenen Jahreszeit, nur aus einer Kette von Wasserlöchern ohne irgendeine Strömung, ja ohne Verbindung derselben untereinander, und in jedem Sommer tat er dasselbe. Gerade hier war jedoch Wasser genug, und wir setzten in einem großen, breitschlächtigen Fährboot über. Am nächsten Tag bekamen wir für die Abgegangene wieder einen anderen Passagier als Leidensgefährten–einen jungen Mann und seiner weißen Halsbinde und etwas breitkrempigem Hut nach unter jeder Bedingung Geistlicher, der, wie ich auch bald genug erfuhr, seine Glieder allmonatlich dem australischen Marterfuhrwerk, Royal Mail genannt, preisgab, in Albury seine geistlichen Funktionen zu versehen–ich betrachtete ihn mir als eine Art Märtyrer mit einer gewissen Ehrfurcht. In Albury glücklich und ohne Knochenbrüche angekommen, hält er dann sonntags seine regelmäßigen Predigten und tauft und traut, was ihm gebracht wird und sich während seiner Abwesenheit angehäuft hat. Interessant war sein Entree–natürlich kam er zu mir auf den Hintersitz, und mit einem sanften, verbindlichen Gruß aufsteigend, nahm er seinen Sitz ein und zog ein kleines Gebetbuch aus der Tasche, in dem er an zu lesen fing. Er war allerdings schon öfter auf dieser Post gefahren und hatte volle Ursache, seinen Leichnam dem Herrn der Heerscharen im besonderen und sämtlichen Posten im allgemeinen zu empfehlen, aber er gab auch ein treffendes Beispiel, daß man in Zeit der Not, wenn man beten will, nicht die Hände dabei falten darf, sondern zugreifen muß; denn kaum konnte er zehn Worte gelesen haben, als der Kutscher in die Pferde hieb, und mit dem ersten Ruck war auch Buch und Hut des geistlichen Mannes, der nur rasch mit beiden Händen ausgriff, sich vor dem eigenen Fall zu bewahren, über Bord. Wir mußten wieder halten, um beides aufzulesen, und der reisende Prediger steckte von da ab sehr vernünftigerweise sein Buch in die Tasche. Am nächsten Abend bekamen wir etwa dritthalb Stunden Zeit zum Schlafen, wie wir aber am ändern Morgen wieder abfahren wollten, erwies es sich, daß der geistliche Herr kein »kleines« Geld bei sich hatte, seine Zeche zu zahlen; seiner Bitte, das Geld bis Albury für ihn auszulegen, willfahrte ich gern, wunderte mich nur, dort angekommen, über sein schlechtes Gedächtnis. Er erwähnte kein Wort weiter von den drei Schillingen, und ich muß vermuten, daß er mich als ein »Werkzeug" betrachtet habe. Diesen Morgen traf ich auch einige deutsche Familien, die hier bei Engländern ausgemietet waren und ihre Heimat mitten in dem graslosen dürren Gummiwald gegründet hatten; sie fühlten sich aber trotzdem vollkommen wohl, denn sie hatten doch hier, was sie in Deutschland nicht gehabt, ihr gutes Auskommen und, mit andern Bedürfnissen total unbekannt, mit ihrer Familie um sich her, auch weiter keine Entschädigung nötig für das, was sie etwa sonst noch im alten Vaterlande zurückgelassen. Die Gegend war hier übrigens so wasserarm, daß mich die Leute versicherten, nicht weit von dort sei im Walde ein Wasserloch, zu dem der glückliche Besitzer desselben einen Mann mit einem geladenen Gewehr gestellt habe, um fremdes Vieh und fremde Viehtreiber davon abzuhalten. Butter und Milch gelten gegenwärtig in dieser Gegend als Naturmerkwürdigkeiten. Sonnabend um 12 Uhr erreichten wir endlich bei besserem Weg und über die Ebene hin, welche die Wasser des Murrumbidgee und Murray voneinander trennt, das kleine Städtchen Albury, am Ufer des letztern, und an allen Gliedern steif, kaum fähig, von dem steten Anhalten meine Arme noch zu regen, kletterte ich vor einem der Wirtshäuser in Albury von dem Marterkasten herunter und war wirklich selber erstaunt, mich noch ganz und unzerbrochen, nur mit einigen im Verhältnis zu den erhaltenen Stößen wirklich unbedeutenden Quetschungen wieder vorzufinden. Hier verließ ich die sogenannte Melbourne-Post, um mich auf dem Murray oder Hume, wie der Murray hier oben größtenteils genannt wird, einzuschiffen. Albury ist ein kleines, wachsendes Städtchen, so recht im Innern des Landes, und steht bis jetzt auch nur durch diese Personenpost und sonst durch Güterkarren mit dem fast vierhundert Meilen entfernten Sydney und dem nur etwa zweihundert Meilen abliegenden Melbourne in Verbindung. In gegenwärtiger Zeit beschränkt sich die Verbindung aber fast einzig auf die Post, denn der totale Grasmangel der Umgegend und die enormen Preise für jedes Viehfutter machten es den sonst gehenden Güterkarren fast unmöglich, ihr Vieh durchzubringen, und diese Preise, besonders des Proviants, waren deshalb auch sehr gestiegen. Handel und Verkehr stockte aus dieser Ursache auch etwas in Albury, denn seit 16 Monaten war kein ordentlicher Regen gefallen und der Murray in diesem Augenblick so niedrig, daß sich der ewige älteste Mann mit dem schlechten Gedächtnis selbst nicht darauf besinnen konnte, ihn je so niedrig gesehen zu haben. Albury erfreut sich übrigens – schon ein Fortschritt in der Kultur des innern Australiens – einer Dampfmühle, durch einen unternehmenden Engländer, einen Mr. R. Heaver, gegründet, besitzt auch drei Kaufläden, einen Schmied, Blechschmied und das Versprechen einer Kirche und leidet durch drei Wirtshäuser, licensed to sell spirituous and fermented liquors, Genuß. Die Kirche beschränkt sich für den Augenblick nur auf jenen ambulierenden Prediger, doch sprachen die Einwohner sehr stark davon, eine regelmäßige und feste Kirche dort zu haben und nicht jeden Monat dem ausgesetzt zu sein, daß ihr monatlicher geistlicher Zuspruch einmal unterwegs den Hals bräche – was sollte da erst der geistliche Zuspruch sagen – und ihre Kinder vier Wochen länger ungetauft, ihre jungen Leute ungetraut blieben. Von Mr. und Mrs. Heaver in Albury, an die ich Briefe von Sydney aus gebracht hatte, wurde ich auf das herzlichste aufgenommen; sie behandelten mich während der kurzen Zeit meines Aufenthalts dort in der Tat nicht wie einen Fremden, sondern wie ganz zu ihrer Familie gehörig, und hier war es, wo ich die fast unbegrenzte Gastfreundschaft des Murray zum erstenmal, und zwar gleich in ihrer ganzen Ausdehnung, kennenlernte. Ich werde nie die wirklich angenehme Woche vergessen, die ich in ihrem Hause verlebte. Meine erste Sorge in Albury war nun natürlich, mich nach einem Canoe oder Fahrzeug umzusehen, auf dem ich meine Reise antreten konnte, oder, da kein solches zu bekommen war, nach passendem Holz zu einem auszuhauenden Canoe; aber leider sollte ich hier alles das bestätigt finden, was mir schon mehrere der in Albury Bekannten vorher darüber gesagt hatten. Gum-Bäume, so weit das Auge reichte, Gum-Bäume, so weit ich am Ufer hinauf- oder hinunterging – ewige, unverwüstliche, unvermeidliche, unausstehliche Gum-Bäume, mit einem Holz, so schwer, daß der kleinste Span wie Blei untersank, und daraus sollte ich ein Canoe hauen? Eine Hoffnung blieb aber noch: In den Hügeln dicht bei Albury sollten noch Stringy-Bark-Bäume mit etwas leichterem und besser zu bearbeitendem Holze stehen, und diese aufzufinden, nahm ich mir einen der dort herumstreifenden Indianer oder »Schwarze« mit. Bei Albury lagerte gerade ein kleiner Stamm, und ich bekam hier diese Söhne der australischen Wildnis zum erstenmal in ihrem vollen, noch wenig zivilisierten Zustand zu sehen. O mein schönes Imeo mit deinen Palmen und Guiavenschatten, mit deinen Orangen und Brotfrüchten und deinen lieben, freundlichen schlanken und reinlichen Bewohnern – die Männer mit den offenen Gesichtern und kräftigen Gestalten, die Frauen mit den klaren schwimmenden Augen, den üppigen glatt gekämmten und geölten Haaren und dem freundlichen Lächeln –, und von dort wie mit einem Zauberschlag hieher verpflanzt zwischen die ewigen trostlosen Gummibäume und zwischen das schwarze schmutzige, heimtückische, mordlustige Volk dieser Wälder – der Abstand war zu entsetzlich. Und das zu erreichen, hatte ich mich selbst der Gefahr ausgesetzt, auf einer australischen Royal Mail zu fahren! Es geschah mir aber ganz recht; ich habe mich überhaupt schon von frühester Kindheit an mit größter Mühe und oft mit nicht geringer Aufopferung in alle möglichen Arten von Verlegenheiten hineingearbeitet und war dann gar häufig selber erstaunt, ihnen wieder, wenn auch oft mit Hinterlassung sämtlicher Federn, entgangen zu sein; gegenwärtig schien ich mich in einer Urpatsche zu befinden, und ich fing an, wirklich neugierig zu werden, wie ich aus dieser wieder gerettet würde. Die Erzählungen, die ich hier über die Indianer oder Blacks, wie sie die Engländer nennen, hörte, waren gar nicht tröstlicher Art; in letzter Zeit besonders sollten wieder mehrere Mordtaten vorgefallen sein, und wie auch darüber einige noch in Zweifel waren, ob ich mein Canoe glücklich den Fluß herunterführen könne, so waren sie doch darüber alle einig, daß ich wahrscheinlich unterwegs von den Blacks »gespeert« werden würde. Eine angenehme Sache, wenn man bedenkt, daß die Speere von sehr hartem Holz und sehr spitz sind, welche Spitze von den unvorsichtigen Wilden jedesmal vorneweg geworfen wird. Man gab sich dabei jede nur erdenkliche Mühe, mir die für mich doch jedenfalls interessant sein müssenden genauesten Daten anzugeben, mit welcher Sicherheit sie ihr Ziel zu treffen wüßten, und zwar von 80 bis 100 Schritte, und die Mittes des Stromes, die ich nicht einmal immer halten konnte, betrug an keiner Stelle mehr als 40 bis 50. Auf das umständlichste erfuhr ich ebenfalls, was sie mit denen machen, die sie entweder überfallen oder auf sonstige Art in ihre Gewalt bekommen. Sie haben gerade kein besonderes Interesse dabei, sie zu töten (falls sie nicht zu einer besonders feierlichen Gelegenheit, wie zum Beispiel zur Einweihung eines Zauberers, Menschenfleisch gerade gebrauchen sollten), sondern sie nehmen sich nur das Nierenfett – weiter nichts – und überlassen den Überwundenen dann höchst freundlich seinem Schicksal. Mit diesem Fett bestreichen sie sich alsdann und glauben törichterweise, damit die Stärke des Überwundenen zu erhalten. Und solch eines albernen Vorurteils willen soll man sich den Leib aufschneiden lassen? Es ist himmelschreiend. Das, was ich von den Blacks in meiner nächsten Umgebung sah, war nicht geeignet, mir größeres Vertrauen zu ihnen einzuflößen. In Gundagai hatte an dem nämlichen Tag, wo ich abends die kleine Stadt passierte, ein Stamm den andern überfallen und einen der Schwarzen mitten in der Stadt mit einem Speerwurf getötet, und in Albury lief ein mit weißem Ton (ein Zeichen der Trauer) und roter Erde bemalter Schuft herum, der zwei Tage vorher, ohne die mindeste Veranlassung, seiner eigenen Frau den Schädel eingeschlagen und von dem jeder wußte, daß er schon sieben Weiße teils selber ermordet, teils bei ihrer Ermordung hülfreiche Hand geleistet hatte. Dennoch ließen ihn die Gerichte ruhig und frei herumgehen, ja verhinderten sogar, daß sein eigener Stamm ihn des Frauenmordes wegen bestrafte. Das hochweise Gericht steckte ihn nur – und welchen moralischen Eindruck das auf den Schuft gemacht haben muß – eine Nacht auf die Wache. Während ich noch dort war, trat ihm ein Pferd den mittlern Zehen des einen Fußes ab, er lief aber an dem ordentlich frostigen Morgen mit dem blutenden Stumpf so ungeniert herum, als ob seinem Fuße nicht das mindeste fehle. Sonntags, den 27., marschierte ich mit einer dieser schwarzen Seelen in die Hügel hinein; wir fanden aber nur sehr wenig Stringy-Bark-Bäume, die groß genug waren, ein Canoe auszuhauen. Nur etwa eine halbe Meile vom Fluß ab standen mehrere, und ich beschloß, einen Versuch mit dem besten von diesen zu machen. Am Montag nahm ich mir einen Arbeiter, einen jungen Australier, zu Hülfe, einen Baum umzusägen und mir beim Aushauen zu helfen. Der beste Stringy Bark aber, den wir fällten, war hohl und brach beim Sturze morsch entzwei, und mein Gehülfe versicherte mich, wir würden nicht einen einzigen gesunden Stringy Bark in der Nähe des Flusses finden. Um nun nicht noch mehr Zeit unnütz zu verlieren, blieb also nichts weiter übrig, als einen der schweren und hart zu arbeitenden Gum-Bäume zu fällen und mit diesem zu versuchen, wie weit er sich eben aushöhlen und dünn machen lasse. Gesagt, getan; rüstig gingen wir daran, zwei Stunden später hatten wir einen passenden Baum gefunden und gefällt, schlugen an dem Abend noch die Rinde herunter und begannen nun am nächsten Morgen die ordentliche Arbeit des Aushöhlens. In der Zwischenzeit machte ich in Albury einige sehr interessante Bekanntschaften, so unter anderen die eines Mr. Roper, der Dr. Leichhardts erste Entdeckungstour nach Port Essington mitgemacht und dort durch einen Speerwurf der Blacks ein Auge verloren hatte. Die Bewohner Alburys interessierten sich aber ebenfalls für meine zu unternehmende Fahrt, denn dadurch wurde ein schon lang liebgewonnenes Projekt wieder in Anregung gebracht: die mögliche Befahrung des Murray und Hume, die für ihr kleines Städtchen von unberechenbarem Nutzen sein mußte. Man beschloß denn auch, mein Canoe bei seiner Abfahrt feierlich zu taufen, und einzelne meinten, es wäre nur schade, daß sie nie das Ende des Unternehmens zu hören bekämen, denn die Schwarzen würden mich jedenfalls irgendwo »anspießen«. Sonnabend, den 3. Mai, bekam ich mein Canoe fertig und ins Wasser und nahm es den Fluß, der hier entsetzliche Biegungen machte, etwa 7 Meilen hinunter, bis unter den Landungsplatz von Albury, von wo aus ich am Montag, mit Provisionen und sonstig Nötigem vollkommen gut ausgerüstet, aufbrechen wollte. Viele wollten mir selbst jetzt noch abreden, die lange beschwerliche Reise so ganz allein anzutreten; mein Entschluß war aber einmal gefaßt, zurück konnt ich ja auch gar nicht mehr, denn von Sydney aus waren meine Sachen schon sämtlich nach Adelaide gesandt, und mein Geld, lieber Gott, das war schon gar bös zusammengeschmolzen, und eine lange, lange Strecke lag vor mir. – Doch ich hatte Pulver und Blei genug und fürchtete nichts als die vielleicht zu großen Beschwerden, wenn ich in von Indianern gefährdete Gegenden kommen sollte und dann niemanden hatte, mit dem ich nachts abwechselnd Wacht halten konnte. Doch mit Gott; ich war schon aus so verschiedenen Klemmen herausgekommen und würde also in dieser auch nicht steckenbleiben; überdies hatte ich schon so mehrfache Erfahrungen, daß Gefahren gewöhnlich in der Entfernung bedeutend übertrieben werden und viel von ihren Schrecknissen verlieren, wenn man ihnen gerade auf den Leib rückt. Es war ja ebenfalls so in Südamerika gewesen, wo nur ein einziger alter Spanier mir die Möglichkeit einräumte, durch die empörten Stämme der Pampas und über die schneegefüllten Kordilleren zu kommen, und ich doch frisch und gesund Chile erreichte. Sonntags suchte mich da plötzlich ein junger Deutscher auf, der eben nach Albury gekommen, von meiner etwas abenteuerlichen Fahrt gehört hatte und nun, selber von allen Mitteln entblößt und eigentlich ungewiß, wohin sich zu wenden, sich erbot, mich zu begleiten. Es war ein junger Seemann, und er versicherte mich, mit einem Canoe ebenfalls ganz gut umgehen zu können. Allerdings wurde dadurch mein Canoe, das eigentlich nur auf eine einzige Person mit ihren Bedürfnissen eingerichtet war, so viel schwerer, und meine Provisionen mußten natürlich auch so viel knapper werden, während ich nicht imstande war, noch größere Quantitäten anzukaufen; nichtdestoweniger ging ich gern darauf ein, den jungen Burschen, der ein offenes und ehrliches Gesicht hatte und überhaupt aus guter Familie zu sein schien, zum Begleiter anzunehmen, erleichterte es ja mir selber, wenn er sich nur ein klein wenig brauchbar anstellte, die Reise und machte sie für zwei, die an bedrohten Stellen abwechselnd wachen konnten, weit weniger gefährlich. Unsere Abreise wurde deshalb auf den nächsten Tag festgestellt, und ich sah jetzt dem Augenblick ordentlich mit Ungeduld entgegen. Den Sonntag streiften wir noch ein wenig in der Nachbarschaft Alburys herum, aber, lieber Gott, an der Szenerie war auch nichts Tröstliches zu sehen, und überall mußte ich die traurigsten Nachrichten über den entsetzlichen Futtermangel und die daraus entstehenden Seuchen hören. Die Gegend sah aber auch wahrhaft trostlos genug aus: nicht ein Grashalm war in Berg und Tal zu sehen, das Vieh ging herum, als ob ihm die scharfen Knochen jeden Augenblick durch die Haut stoßen müßten, und an den Lagunen im Innern lagen überall halb versunkene und dann verhungerte Rinder. Sie waren dort in den Schlamm geraten und so schwach und matt gewesen, daß sie sich nicht wieder hatten herausarbeiten können. Dabei war auch bei mehreren Schafzüchtern die so bösartige Rotzseuche, der sogenannte Katarrh, ausgebrochen, so daß einer allein, um nur den Rest seiner Schafe zu retten, hatte neunhundert Stück in einem Strich müssen totschlagen und verbrennen lassen. Andere hatten zwei-, vier- und mehr tausend verloren und wußten nicht, wieviel sie von den ihnen übriggebliebenen noch würden erhalten können. Weiter zurück im Lande sollte etwas Gras sein; so kam alles Vieh, das in Albury geschlachtet wurde, vom Billabong herunter und mußte hier teuer bezahlt werden. Es war übrigens auch kein Wunder. Seit sechzehn Monaten kein anständiger Schauer gefallen, wo sollte die Vegetation da herkommen? Die Gum-Bäume – an und für sich und in den besten Verhältnissen traurige Gewächse – standen trübselig in dieser Dürre und rasselten mit den langen trockenen lanzettförmigen Blättern. Diese Blätter selber enthalten dabei auch nicht die geringste Feuchtigkeit und brechen wie Glas, wenn man sie in die Hand nimmt. Wegen eines stark kajeputöligen Geschmacks, den sie haben, frißt sie aber auch nicht einmal das Vieh, und die kleinen Gum-Büsche standen deshalb, trotz dem gänzlichen Mangel an jedem grünen Futter, unberührt. Und das war das australische Paradies, von dem ich so unendlich viel gehört und gelesen? Das jene üppigen Weiden, jene parkähnlichen Rasenflächen? O heilige Phantasie, komm mir zu Hülfe, diese graue Staubfläche mit saftigem Grün und das saftige Grün dann wieder mit wohlgenährtem wiederkäuendem Vieh zu bedecken; gib diesen Flächen – doch nein, diese Flächen sollen wirklich in nur einigermaßen günstiger Jahreszeit das schönste Gras tragen und bedeutende Viehherden ernähren; nur jetzt, jetzt lagen sie in trostloser, trauriger Dürre da, und die Kühe standen verzweifelnd zwischen den trockenen Gum-Bäumen und kauten in Gedanken lang verdaute Speise wieder. Armes Vieh, so weit das Auge reichte, kein Grashalm und selbst den Durst zu löschen mit Todesgefahr verbunden. Der Murray selbst ist ein ziemlich bedeutender Fluß, der bedeutendste wenigstens oder vielmehr der einzige, den Australien hat, da er allein in diesem trockenen Jahr noch wirklich ein Fluß mit laufendem Wasser blieb und die andern nur durch eine Kette stehender Lachen ihr sonstiges Bett bezeichneten. Der Murray ist etwa sechzig bis hundert Schritt breit und von sehr unbestimmter Tiefe: hier Kies und Sandbänke mit nur zehn bis zwölf Zoll Wasser, dort Stellen, auf denen ein dreimastiges Schiff flott bleiben würde. Das Wasser selbst ist von reinem schönen Geschmack und soll auch sehr gesund sein. Was mir aber für meine Canoe-Fahrt besonders bedrohlich schien, war die nur zu bedeutende Anzahl der in den Strom gestürzten Gum-Bäume, die ihres riesigen Gewichtes wegen auch natürlich nicht wegschwimmen konnten, sondern da, wo sie einmal hingefallen, auch liegenblieben. Nur die angeschwollene, stürmende Flut konnte sie vielleicht manchmal eine kurze Strecke in den Strom selber hineinreißen, dort sanken sie aber bald durch ihr eigenes Gewicht zu Boden und lagen nun für Jahrhunderte – denn ich glaube, ein Gum-Baum fault nie – und streckten ihre schwarzen schleimigen starren Arme zackig und scharf durch die klare, über sie hinquillende Flut. Und durch diese Bäume sollte ich meine Bahn suchen. Am Montagmorgen hatte ich denn endlich alles in Ordnung, das Boot auswendig geteert und alle Ritzen und Wurmlöcher, womit diese vortrefflichste aller Holzarten nebst andern Tugenden ebenfalls reich gesegnet ist, verstopft; unsere Sachen lagen unten an der Landung, und unter einem herbeigeeilten Menschenschwarm – ein ordentlicher Volksauflauf für ein so kleines Städtchen – schoben wir das Canoe ins Wasser. Mrs. Heaver zerbrach eine Flasche Brandy über dem Bug und taufte es Bunyip Bunyip ist jenes bis jetzt noch fabelhafte australische Ungetüm, das nur die Blacks hie und da, besonders im Murrumbidgee und Murray und den benachbarten Seen, gesehen haben wollen und von dem sie entsetzliche Geschichten erzählen. , wir stiegen ein, stießen vom Lande ab und ruderten, unter drei donnernden »Cheers« der Zurückbleibenden, in den stillen Wald hinein. Mein Canoe war das erste Boot, das den Versuch machte, den Hume River, wie der Murray bis zu seiner etwa dreihundert Meilen entfernten Vereinigung mit dem Murrumbidgee genannt wird, hinabzugehen. Canoe-Fahrt auf dem Hume Als ich zum letztenmal ein Canoe steuerte, war es in Arkansas, den Fourche la Fave hinab, das Canoe aus einem leichten Fichtenstamm gehauen, daß es wie ein Pfeil kaum durch, sondern fast über das Wasser hinschoß. Welcher Unterschied dagegen hier! Mein Canoe war allerdings in den rechten Verhältnissen gebaut, etwa 15 Fuß lang und etwas über zwei breit im Spiegel und so dünn gearbeitet, wie es das spröde Holz nur immer erlaubte; dennoch ging es tief, sehr tief, der eigenen Schwere wegen, im Wasser, und unser beiderseitiges Gewicht mit Provision und sonstigem Gepäck half außerdem nicht wenig nach. Die Biegungen des Flusses waren dabei so kurz und die dadurch angeschwemmten Kiesbänke so hoch und ausgedehnt, daß sie das Fahrwasser gewöhnlich dicht unter den weitesten Bogen des Ufers hinüberdrängten. Dieser war dann natürlich mit überstürzten und halb oder ganz gesunkenen Stämmen und Ästen gefüllt oder wenigstens bedroht, und die Fahrt blieb an solchen Stellen nicht allein ungemein beschwerlich, sondern auch gefährlich. Unsere Vorräte bestanden hauptsächlich in hartem Brot oder Schiffszwieback, Tee, Zucker und Salz; mit frischem Fleisch waren wir nur auf meine Büchsflinte angewiesen. Gar bald sollte ich aber ausfinden, daß die Jagd am Murray oder Hume nicht so leicht und bequem werden würde, wie ich sie mir im Anfang gedacht hatte. Durch seinen gekrümmten und stets von Hindernissen unterbrochenen Lauf hat er nämlich fast gar keine Ähnlichkeit mit den so schönen amerikanischen Flüssen, und an ein leises, geräuschloses Hinabgleiten auf seiner Fläche, etwa zu Wasser kommendes Wild zu beschleichen, war gar nicht zu denken. Fortwährend mußte ich, oft mit Aufwendung aller Kraft, den im Wege liegenden Snags oder Baumästen auszuweichen suchen, und das dadurch verursachte Geräusch wie auch schon die notwendige Bewegung im Boote selbst hätten jedes etwa herabgekommene Wild verscheuchen müssen. Wie mir jetzt schon schien, waren wir möglicherweise nur auf Enten angewiesen, von denen es allerdings eine sehr große Anzahl und der verschiedensten Arten gab, und ich schoß denn auch, mit sorgsamer Berücksichtigung schwer wiederzuerlangender Munition, zwei auf einen Schuß, zu unserem Abendbrot und Frühstück. Die Nacht lagerten wir am linken Ufer, trugen unsere Sachen an Land und schliefen trotz einem leichten Regen, der zwischen 12 und 2 Uhr fiel, wahrscheinlich durch die ungewohnte Anstrengung erschöpft, sanft und süß. Der Fluß machte übrigens entsetzliche Krümmungen, und wir waren fest überzeugt, daß wir uns noch nicht sehr weit von Albury entfernt haben könnten. Am zweiten Tag hatten wir sehr flaches Wasser, und der ewigen Biegungen wegen, in denen das Fahrwasser manchmal ordentlich voller Spieße stak, sahen wir uns sehr oft genötigt, auszusteigen und das schwere Canoe durch sechs bis sieben Zoll Wasser hindurchzuziehen. Es war dabei ziemlich frisch, und der Leser kann sich wohl denken, daß solche Fahrt mit stets nackten und nassen Füßen auch ihre Schattenseiten und nicht bloß das Romantische eines Streifzugs durch die Wildnis zeigte. Eine etwas phantastische Hoffnung hatte ich übrigens bei dieser Fahrt, nämlich den Bunyip oder das australische Ungetüm des Murray, von dem in dieser Gegend besonders viel gesprochen wurde, zu sehen zu bekommen oder in diesem so außerordentlich niedrigen Wasserstand wenigstens seine Spur und dadurch überhaupt seine Existenz bestätigt zu finden. Bis jetzt lebt er nämlich nur in den etwas abenteuerlichen Sagen und Erzählungen der Blacks, die ihn als ein Ungetüm von der Größe eines kleinen Ochsen mit Pferdemähne und entsetzlichem Gebiß wie haarscharfen Krallen schildern. Weiße haben das Tier noch nie gesehen, und die Indianer nennen es »Devil Devil« in ihrer englisch-indianischen Aussprache. Existierte es überhaupt, so mußte es an dem Ufer des Murray oder in den verschiedenen Seen wenigstens seine Spur eingedrückt haben, oder ich konnte vielleicht einmal gar nachts sein Schnauben und Brausen hören, womit es die furchtsamen Stämme des Murray nicht selten in Angst und Schrecken setzen soll. Vielleicht entdeckte ich gar noch am Ende sein Gerippe, und dann ging es mir wohl auch wie dem armen Herrn Koch, dem Mammutfinder, dem entgegen nachher ein gewisser Galway auftritt und eine große, weitläufige Geschichte vom Fang des Hydrarchos erzählte. Doch so konnte es mir noch nicht gehen, denn ich hatte den Bunyip noch nicht. Fest entschlossen war ich übrigens, fand ich nur erst einmal die Spur, und wenn es sein mußte, Wochen daranzusetzen, ein solches Ungeheuer zu erlegen oder doch wenigstens zu sehen zu bekommen. Den Nachmittag fing es nun an, auf höchst zweckwidrige Art zu regnen, und die Wolken standen so tief und drohend, daß sich eine sehr böse nasse Nacht nur zu gegründet befürchten ließ. In dieser Jahreszeit auslaufend, mußten wir freilich auch gleich von Haus aus auf so etwas gefaßt sein und schwammen ruhig weiter, freuten uns aber doch, als wir gerade vor Dunkelwerden eine Hütte am linken Ufer entdeckten. Wir ruderten natürlich rasch darauf los und fanden dort wenigstens ein Obdach gegen den, wie wir es vermutet, fast die ganze Nacht wütenden Sturm. Am nächsten Tag hatte sich das Wetter etwas gelegt, wenn auch noch dann und wann einzelne Schauer fielen; die Sonne vertrieb gegen Mittag die träufende Wolkenschar und erwärmte unsere von Nässe und Kälte halberstarrten Glieder. Der Fluß blieb sich gleich – Biegungen zum Verzweifeln; oft mußten wir stundenlang rudern und das Canoe über Kies und Sand und im Strom liegende Stämme schleppen, um nur wieder fast zu demselben oder doch wenigstens keine Viertelmeile entfernten Ort zurückzukehren, von dem wir ausgelaufen. Das einzige, was mich dabei interessierte, war, das Flußbett zu beobachten und die Schwierigkeiten zu berechnen, die sich einer später doch jedenfalls darauf Bahn brechenden Dampfschiffahrt entgegenstellen könnten. Seit Jahrhunderten waren diese unverwüstlichen Gummibäume schon hier eingeworfen und – liegengeblieben, und ich zweifelte nicht im mindesten, daß die meisten der Kiesbarren, die wir mitten im Strom fanden, weiter nichts als dort eingestürzte Stämme waren, an welche sich mit der Zeit Sand und Kies genug angeschwemmt hatte, eine ordentliche Barre zu bilden. An den meisten Stellen besteht das Flußbett auch bloß einzig und allein aus diesem Chaos von Stämmen und angeschwemmtem Sand, und daraus starren dann die nackten, zähen und schleimigen Äste jener riesigen Baumskelette hervor. Durch diese Stämme nun, die, wie ich schon gesagt habe, am häufigsten im Fahrwasser selber, das heißt in den Biegungen, dem weitesten Bogen derselben, vorkommen, geht die stärkste oder vielmehr die Hauptströmung des Flusses – und hier ist auch stets das tiefste Wasser – selten flacher, selbst in diesem außerordentlich seichten Wasserstand, als zwei bis drei Fuß. Ein anderer Kanal hat sich aber auch gewöhnlich noch auf der entgegengesetzten Seite des Bettes gebildet, aber natürlich mit weit schwächerer Strömung und seichterm Wasser, manchmal nicht über 4 bis 5 Zoll, und läßt dadurch an sehr vielen Stellen eine kleine Kiesbarre als Insel in der Mitte. Diese Baumstämme, die jetzt mit ihren Ästen und Zweigen die Hauptpassage hemmen, müssen nun freilich aus dem Weg geschafft werden, soll der Fluß jemals selbst für die kleinsten Dampffahrzeuge schiffbar gemacht werden; sie würden und müßten sonst jedem verderblich werden, der versuchen sollte, sich durch ihre starren, heimtückischen und oft so sicher und doch so gefahrbringend versteckten Reihen die Bahn zu erzwingen. Der Murray, unterhalb seiner Verbindung mit dem Murrumbidgee, hat im Verhältnis weit weniger Baumstämme in seinem Bett, als das oben der Fall ist; die Biegungen sind dort auch nicht mehr so kurz, und der Fluß ist schon etwas breiter und tiefer. Unterhalb dem Einfluß des Darling ist er fast ganz frei von Stämmen, hie und da zacken aber doch einige Äste hinein, und er wäre selbst hier wenigstens zu revidieren. Jenes Holz muß aber sämtlich, wenigstens im obern Teil des Flusses, durch Menschen- oder Pferdekraft mit Sägen und Tauen entfernt werden, denn dort sind die Biegungen viel zu kurz, und das Fahrwasser ist zu schmal, den Gebrauch von Dampfschiffen, sogenannten Eradikatoren, zu erlauben, die jedoch weiter unten vielleicht anwendbar wären. Das Entfernen jener Stämme ist auch möglich, und die Amerikaner haben in manchen ihrer Flüsse, zum Beispiel dem Red River oder Rio Roro, schon bedeutend mehr Schwierigkeiten besiegt. Werden aber die Ufer des Murray je imstande sein, nicht allein solch bedeutende Auslagen wieder zu ersetzen, sondern auch eine Dampfbootlinie, teils durch heraufzuschaffende Bedürfnisse, teils durch hinunterzusendende Produkte, zu unterhalten? Das ist eine Frage, die ich allerdings jetzt nicht beantworten könnte, ebensowenig wie irgendein Ansiedler am Murray die Garantie deshalb übernehmen würde. Für jetzt sieht es sogar eher aus, als ob das Land in seiner entsetzlichen Dürre wenig einen solchen Kostenaufwand rechtfertigen und pekuniäre Aufopferungen lohnen möchte. Nichtsdestoweniger ist es aber auch fähig, noch manches zu erzeugen, woran bis jetzt der hohen Transportkosten wegen noch niemand hat denken können. Für jetzt beschäftigen sich die dortigen Settler oder Stationshalter ausschließlich mit der Viehzucht, und diese wird auch in späteren Zeiten, wenn nicht überhaupt der einzige, doch der Haupterwerbszweig bleiben müssen, aber größerer, ja sogar sehr bedeutender Nutzen ließe sich mehr daraus ziehen, würde die Fracht billiger und bedeutende Versendung möglich. Von den Schafen wird jetzt fast nichts benutzt als die Wolle, von den Rindern, die sich hier eigentlich zu stark vermehren, fast nur das Fleisch zum eigenen Bedarf der Stationen. Hie und da werden sie auch zu Talg eingekocht; das aber könnte weit eher als ein Miß brauch wie Ver brauch angesehen werden, und jedenfalls ließe sich das Fleisch dieser zahlreichen Herden, sobald der Murray wirklich einmal befahren würde, trefflich benutzen. An den Ufern des Murray gibt es nämlich Massen von kleinen Salzseen, die das vortrefflichste Salz, welches jetzt sogar noch in die Kolonie eingeführt wird, enthalten. Der Murray könnte deshalb eine ungeheure Masse des schönsten Pökelfleisches liefern, sähen sich die Settler an den Ufern desselben nur erst einmal veranlaßt, solchen Erwerbszweig zu eröffnen. Das Salz selber könnte dann ausgeführt, Hammelskeulen geräuchert, Häute eingesalzen und überhaupt Artikel verwertet werden, die jetzt ungenutzt verderben. Aus den Gummibäumen, die zum Räuchern der Hammelskeulen vortrefflich dienen könnten, ließen sich ebenfalls Holzkohlen brennen, und wer weiß, ob nicht selbst aus den zahlreichen Lagunen und Seen das Einsalzen vortrefflicher Fische des Murray einen Handelsartikel liefern würde. Hiergegen hörte ich allerdings einen erheblichen Einwand – wenn er nämlich vollkommen ergründet und durchaus erprobt wäre –, und zwar von Seiten einzelner Ansiedler selber, daß nämlich das Salz jener Seen sich nicht zum Versalzen von Fleisch und Häuten auf die Länge der Zeit – also bei weiten Verschiffungen – eigne und daß damit angestellte Proben unglücklich ausgefallen und die damit eingepökelten Fleischmassen verdorben wären. Einzelne Versuche – und ich glaube, erst ein einziger für eine wirklich lange Strecke – mögen damit gemacht sein; der Murray durchfließt aber einen sehr weiten Landstrich, und diese Salzseen finden sich an sehr verschiedenen Stellen, sind also deshalb auch sehr wahrscheinlich verschieden gehaltig und jetzt nur noch nicht so genau untersucht worden, weil eben bis jetzt gar keine Aussicht war, das Salz von da, wo es in Masse gefunden wird, fortschaffen und verwerten zu können.– Dieser Erwerbszweig müßte also deshalb auch noch jedenfalls erst einer genaueren Prüfung unterworfen werden. Ackerbau wird der Murray wohl kaum zu treiben gestatten; nicht daß das niedere und überschwemmte Flußland nicht imstande wäre, ziemlich gute Ernten zu tragen, aber das allherbstliche Austreten des Stroms zerstört jedesmal die Ernten, und dazu ist das Talland nicht breit und fruchtbar genug, Levées oder Dämme, wie sie zum Beispiel die Wasser des Mississippi aus den Ufern zurückhalten, zu gestatten. Übrigens läßt sich im voraus auch eigentlich gar nicht bestimmen, was der Murray noch alles fähig wäre zu leisten, da eine Schiffbarmachung desselben auch jedenfalls einen neuen Eifer in seinen Uferbewohnern schaffen und viele dort hinziehen würde, die jetzt gar nicht daran denken, sich in einem Distrikt niederzulassen, der mit der zivilisierten Welt nur durch Ochsenkarren in Verbindung steht. Doch ich schwatze hier über die vielleicht später mögliche Schiffahrt des Murray und vergesse dabei ganz und gar meine eigene. Ich will den Leser nicht mit den Daten der allerdings nicht langen, aber desto monotoneren Fahrt langweilen und gleich zum Schluß derselben, zu der traurigen Katastrophe, springen. Wie ein Gummibaum dem andern, so sah eine Biegung der andern sprechend ähnlich, fortwährend dabei dieselbe Arbeit mit aus dem Boot springen und das schwere Holz über die Steine schleppen oder in Mühe und Gefahr den drohenden Stämmen auszuweichen, die an jeder andern Stelle fast unsern Fortgang zu hemmen drohten. Der Weg wurde, eben durch die ungeheuern Biegungen und Hindernisse, so entsetzlich lang und mühsam, daß ich mir schon eine ziemlich sichere Berechnung machen konnte, wie wir solcherart – von den Wilden wirklich nicht gefressen – kaum in drei bis vier Monaten imstande sein würden, Adelaide zu erreichen, als unsere Wasserfahrt auf eine schon lange befürchtete und trotz aller Fatalität noch immer glückliche Art ihr Ende erreichte und uns zwang, unsern Weg zu Fuß fortzusetzen. Von Indianern waren wir allerdings noch nicht belästigt worden, hatten auch nur erst sehr wenige gesehen, und so ganz in der Nähe weißer Ansiedlungen mochten sich die schwarzen Bursche doch wohl auch ein wenig genieren; wir hielten wenigstens die Nacht nicht einmal Wache, doch ein schlimmerer Feind als die Wilden sollte uns der Strom bald selber werden. An einem heitern Morgen, wo wir die Nacht besonders gut geschlafen und uns an einer reichlichen Mahlzeit Enten delektiert hatten, von denen wir sogar noch ein paar auf den nächsten Tag überbehielten, schifften wir uns wieder ein und ruderten wohlgemut den hier gerade eine Strecke lang ungewöhnlich offenen Strom hinunter. Unsere Freude sollte aber nicht lange dauern. Plötzlich schien es, als ob vor uns der ganze Strom mit einer soliden Masse umgestürzter Baumstämme und Wurzeln völlig blockiert und abgeschnitten wäre, und selbst beim Näherkommen zeigte sich noch keine Durchfahrt, so daß wir vor allen Dingen landen mußten und ich mich nur, auf den Stämmen hinlaufend, nach einer Öffnung umsah, durch die wir unser schmales Fahrzeug hindurchlavieren konnten. Ich fand auch eine solche Stelle, die Ein- und Durchfahrt war aber hier so schmal und gefährlich, daß wir mehr als zwei Stunden brauchten, durch diesen fatalen Platz zu schlüpfen, und unser Canoe dabei sich noch obendrein zweimal halb mit Wasser füllte, wobei ich es das eine Mal besonders mit einer Hand ausschöpfen mußte, während ich das ganze Gewicht desselben, gegen das noch eine starke Strömung drückte, an der andern Hand hängen hatte. Endlich und nach schweren Mühen erzwangen wir uns die Durchfahrt zwischen gärenden Wirbeln und riesigen dunklen schleimigen Stämmen und Stumpfen durch, die hier der gegen sie ankochenden Flut ingrimmig Trotz boten. Es war ein unheimliches Gefühl, ein paarmal so dicht gewissermaßen am Abgrund zu stehen, wo unser Sinken oder Schwimmen immer nur von einer leisen Bewegung des Körpers abhing, und wäre unser Canoe hier gesunken, untergegangen – wobei das Ja oder Nein in einem Eimer voll mehr oder weniger einströmenden Wassers lag –, so glaub ich kaum, daß einer von uns das Ufer wieder erreicht hätte. Das tolle Gewirr von spitzen drohenden Ästen war zu arg, und die Strömung hätte uns unrettbar da hineingeworfen. Soweit sollte es aber doch nicht kommen. Unter dieser fatalen Stelle bekamen wir wieder, etwa eine Meile Weges, ziemlich freies Wasser und glaubten schon aller Gefahr entgangen zu sein, als wir plötzlich eine Biegung des Flusses erreichten, wo die Strömung rasch und beengt an der rechten Seite durchschoß, während mehrere Bäume dort hinüberhingen und an dem linken Ufer eine hochangeschwemmte Kiesbank hartnäckig jede Durchfahrt verwehrte. Ich rannte das Canoe vor allen Dingen auf eine inmitten des Stromes liegende Sandbank, um vorher einmal zu rekognoszieren, wie das Fahrwasser eigentlich aussehe, und schickte zu diesem Zweck meinen Begleiter auf die Bank hinaus. Dieser kam auch bald zurück und versicherte, es sehe hinter dem Baum alles gut aus. Unser Canoe also den Geistern des Murray empfehlend, wurden wir flott, und ich steuerte nun mitten in das hier ziemlich reißende Fahrwasser hinein, das gerade unter dem darüberhin hängenden Baum durchschoß. Unter dem Baum durch ging es auch ziemlich gut, die Bahn war dort, wenn auch kaum drei Fuß breit, doch frei; gleich dahinter lag aber, etwa 6 Zoll unter Wasser, ein anderer Stamm, und ungefähr dreißig Schritte weiter hing ein anderer Baum, den ich von obenan gar nicht hatte sehen können, ebenfalls so tief über das Fahrwasser hinüber, daß er dem Canoe nicht mehr gestattete, darunter durchzugehen. Über den unter der Oberfläche liegenden Stamm kamen wir noch glücklich hinweg, dadurch war aber auch der Fortgang des Canoe, dem zweiten, weit gefährlicheren Baum auszuweichen, total gehemmt worden; dort trieben wir jetzt mit voller Breitseite an, und die ganze Strömung, hier in wenige Fuß zusammengedrängt, preßte gegen unser Canoe und drückte es trotz allem, was wir aufbieten mochten, es frei zu halten, halb unter den Stamm. Ein paar Minuten stemmten wir auf solche Art die Strömung und suchten es nach vorn zu ziehen; dort frei zu werden und wieder in gefahrloses Fahrwasser zu kommen, das sollte uns aber nicht gelingen; plötzlich preßte der Druck des Wassers die ihm nächste Seite etwas nieder, daß ein schmaler Wasserstrahl hineinschießen konnte; ich suchte auf der andern Seite das Gegengewicht zu halten und die bedrohte Seite wieder in die Höh zu bringen, doch vergebens. Das Wasser hatte einmal Eintritt gewonnen und ließ sich nicht mehr zurückweisen; stärker und stärker quoll es herein, in wenigen Sekunden war unsere kleine Barke gefüllt, und ich weiß mir von dem Augenblick nur noch zu erinnern, daß ich nach dem neben mir liegenden Gewehr griff, das wenigstens zu retten. Das Boot war in etwa sechs Fuß Wasser gesunken und alles daraus fortgeschwemmt; da die Kiesbank aber dicht daneben war, gelang es uns, das vorn befestigte Seil zu fassen, und mit nicht geringer Anstrengung zogen wir wenigstens das leere Boot, in dessen Boden die langstielige eiserne Bratpfanne und eine Harpune, die sich im Holze festgehakt, allein liegengeblieben waren, aufs Trockene. Die Bratpfanne war übrigens unser Glück; mit dieser schöpfte ich nun das Canoe rasch aus, um wenigstens noch etwas von unseren Sachen zu retten, und sie als Ruder gebrauchend, wurde ich wieder flott. Freilich war aber indessen wenigstens eine halbe Stunde vergangen, und ich konnte nur noch das auffischen, was an den vorstehenden Ästen in nächster Nähe hängengeblieben war. Zu diesem gehörten zwei unserer leichtesten wollenen Decken, meine kleine Zinnbüchse mit meinen Briefen und Papieren, mein Rock und die Teebüchse. Mein Begleiter brachte indessen durch Waten, Schwimmen und Tauchen noch einige andere Kleinigkeiten, unter diesen den allerdings fast aufgelösten Brotsack, herauf, und nach etwa zwei Stunden fischten wir nach zehn mißglückten Versuchen, und nachdem wir uns endlich aus dem mit Kies gefüllten Brotsack einen Anker gemacht, mit der Harpune meine Jagdtasche auf, in der unser ganzes Pulver, Tabak, Fischhaken, einige Medizinen und sonstige Kleinigkeiten steckten. Damit schifften wir uns nun aufs neue ein, gingen noch etwa zwei Meilen den Strom hinunter, bis wir an einen guten Lagerplatz kamen, und zündeten dort vor allen Dingen einmal ein gutes Feuer an, uns erst wieder zu trocknen und auszuruhen und den erlittenen Schaden übersehen zu können. Leider Gottes war er bedeutend genug und, was das schlimmste – jetzt unersetzbar. – Unser Pulver war total durchnäßt und unbrauchbar geworden und sogar unsere Schuhe – eine wirklich interessante Lage, in der wir uns befanden – zum Teufel. Überdies sahen wir liebenswürdig aus: kalt und naß wie ein paar gebadete Ratten und barfuß, kaum imstande, unsere wenigen Habseligkeiten ans Land zu tragen, um sie dort an der lodernden Flamme zu trocknen. Vor allen Dingen brachte ich jetzt erst meine Büchsflinte wieder instand, schraubte die Pistons los, schüttete frisches Pulver ein – denn das, was ich noch im Pulverhorn hatte, war wenigstens trocken geblieben –, schoß sie ab, ließ sie am Feuer ordentlich austrocknen und lud sie von neuem. Das getan, spannten wir die Decken zum Trocknen auf und breiteten ebenfalls unseren geretteten Tee vor dem Feuer aus. Das Pulver in den Kanistern war aber rettunglos verloren, ebenso das meiste unserer übrigen Sachen, und ohne Schuhe konnten wir nicht einmal unsere Reise zu Fuß fortsetzen – was nun tun? Geld hatte ich nicht genug bei mir, alles von neuem zu kaufen, und ohne Provisionen und Pulver, ohne hinreichende Decken durften wir ja gar nicht daran denken, noch mehrere Monate lang in der schlimmsten Jahreszeit auf dem Wasser zu bleiben. Selbst unsere Ruder waren weggeschwemmt, und unsere Situation wäre zum Verzweifeln gewesen, hätte sie nicht auch wieder so unendlich viel Komisches gehabt. Mein guter Mut verließ mich auch nicht einen Augenblick – ich war nun wieder einmal in einem extra »scrape«, wie es die Amerikaner ziemlich passend nennen, und hatte für den Augenblick gar nichts weiter zu tun als zu sehen, wie ich wieder herauskäme. Waren wir den Tag in Wassergefahr gewesen, so kamen wir die Nacht über fast, zur Abwechslung einmal, in Feuersgefahr. Kalt, wie wir waren, hatten wir uns den größten Haufen Holz angesteckt, den wir nur in der Nähe finden konnten, und das erwies sich zufällig als die Stelle, wo neben einem hohlen, etwa 16 bis 18 Fuß hohen Baumstamme die Wipfel von drei oder vier trockenen Bäumen niedergebrochen waren. Das Feuer loderte, gegen Abend besonders, lustig empor, und wir mußten sogar das dürre Gras rings darumher abbrennen, damit wir nicht auch noch die Ursache eines Waldbrandes, der auf der Melbourne-Seite schon so entsetzlichen Schaden angerichtet, würden. So hatten wir uns in unsere Decken gewickelt und schliefen vortrefflich, und mir träumte, ich hätte einen feuerspeienden Berg bestiegen und sähe den Krater Lava und Flammen ausstoßen, ja ich konnte deutlich sogar das dumpfe Brausen in seinem Innern hören. Gegen Mitternacht mochte es sein, als ich endlich durch das ganz eigentümliche, aber fortgesetzte Geräusch geweckt wurde, und als ich die Augen aufschlug, lag ich erst eine ganze Weile und hätte drauf schwören wollen, ich träume fort, denn dicht vor mir sah ich klar und deutlich – wie ein Mensch nur mit offenen Augen und anscheinend vollem Bewußtsein etwas sehen kann – Flammen und Funken in die dunkle Nacht hineinstieben. – Ich war doch nicht etwa aus Versehen nach Hawaii geraten. Als ich etwas bestürzt emporsprang und nun auch vollkommen munter wurde, sah ich die helle, glühende Lohe aus dem alten Stamm wie aus einem Schlot züngelnd herausschlagen und die blitzenden Funken hoch auf und über uns hin senden. Damit aber nicht zufrieden, fielen sie auch, von einer leichten Brise getragen, gerade über uns hin und hatten schon mehr Löcher in unsere Decken gebrannt. An Schlafen war nun gar nicht mehr zu denken; einer mußte wenigstens fortwährend Wacht halten, daß uns die paar Kleinigkeiten, die wir aus dem Wasser gerettet hatten, nicht auch noch verbrannten, und es blieb nur noch ein Glück, daß diese Nacht wenigstens kein Regen fiel, wir hätten sonst alle Strafen des Wald- und Flußlebens mit einem Male durchgemacht. Am nächsten Morgen hielten wir einen kurzen Kriegsrat; aber es blieb uns dabei eben nicht viel zu beraten. Wir konnten nur einen Weg einschlagen, und zwar den zu Wasser, bis wir entweder ein Haus erreichten und uns dort Schuhe verschafften oder irgendein Tier schossen, aus dessen Fell ich uns dann Mokassins gemacht hätte. So schifften wir uns denn um 9 Uhr etwa aufs neue ein, und ich ruderte den ganzen Tag, ohne daß wir wieder an irgendeine so gefährliche Stelle als gestern gekommen wären, mit der entsetzlichen Bratpfanne weiter. Lieber Leser, hast du überhaupt schon einmal mit einer Bratpfanne gerudert? – Noch nicht? Nun, du hast nichts dabei verloren; es ist das Unbequemste, was man sich denken kann, und das schwere Stück Eisen sowohl wie der unverhältnismäßig dünne Stiel lähmt die Hände und ermüdet die Arme. Es war übrigens dies einer der traurigsten Tage meiner ganzen Reise; denn nicht allein daß ich fast meine ganze Ausrüstung mit einem Teil meiner kleinen Barschaft verloren hatte, nein, das Bewußtsein war es besonders, was mich niederdrückte, die Wasserfahrt dadurch unmöglich gemacht zu sehen, und wenn ich auch fest entschlossen war, meinen Marsch unter jeder Bedingung zu Fuß fortzusetzen, mußte ich doch nun meinen lang gehegten und liebgewonnenen Plan aufgeben, die stillen Wasser des Murray länger zu befahren. Wer weiß, wozu's gut ist, sagte ich mir wohl oft, aber ich wußte es wahrhaftig nicht und mußte es der alles lindernden Zeit überlassen, das Ganze zum guten Ende zu führen. Den Tag über schoß ich wieder ein paar Enten; diese aber zu beschleichen, mußte ich aussteigen und am Ufer mehreremal hinlaufen. Das Gras war dabei hier niedergebrannt, und die kurzen scharfen Stümpfe desselben, dem Auge nicht sichtbar, aber den weichen Füßen nur zu fühlbar, stachen überall empor und verwundeten mir die Sohlen auf das empfindlichste. Die Nacht lagerten wir am linken Ufer, und morgens war der Fluß über zwei Fuß hoch gestiegen. Glücklicherweise hatten wir unser Canoe den Abend vorher gut befestigt gehabt; der Ast, an dem es angebunden lag, stand aber schon unter Wasser. Mit der Bratpfanne ruhig weiterrudernd, trafen wir endlich gegen Mittag einen Fenz, und bald darauf sahen wir das helle Dach einer der niederen Buschhütten aus dem trostlosen Grün des Waldes vorschauen, die wir mit nicht geringer Freude begrüßten. Wer aber wohnte hier? – Leser, glaubst du an Wunder? – Nur ruhig, ich habe auch nicht daran geglaubt, bis ich nicht förmlich mit der Nase darauf gestoßen wurde – und ein Wunder war hier geschehen, und um es dir mehr einleuchtend zu machen, will ich dir erst eine kleine, jedem Deutschen bekannte Anekdote ins Gedächtnis zurückrufen. Als Mozart eines Tages still und allein in seinem Studierstüblein saß, kam ein Fremder und bestellte auf einen bestimmten Tag ein Requiem bei ihm – es war Mozarts letzte Arbeit –, er vollendete das Requiem, starb, und es wurde bei seinem eigenen Begräbnis zum erstenmal ausgeführt. – Der Fremde kam nie wieder – es war ein Engel gewesen. Leser, der Mann, der hier wohnte, war ein Schuster , und kurze Zeit vorher war ein Fremder zu ihm gekommen und hatte zwei Paar Schuh ( er nannte sie Stiefel ) bei ihm bestellt, die er gerade beendigt hatte und die uns paßten, als ob sie für uns gemacht wären – der Fremde war bis jetzt noch nicht gekommen, sie abzuholen. Leser, wir akkordierten mit dem Mann für die Schuhe – der biedere Mann ließ sich darauf ein, uns dieselben für das Canoe mit Ruder (Bratpfanne) und Teebüchse, mit etwas aufgeweichtem Tabak zu überlassen, und beabsichtigte, »für den Fremden« zwei Paar andere anzufertigen. – Ich mochte ihn nicht entmutigen – die beiden andern sind aber sicher nie abgeholt, denn wer hat je gelesen, daß Engel Schuhe brauchten. Wir blieben dort die Nacht, ordneten dann unser Gepäck und marschierten am nächsten Tag, trotz meinen aufgestochenen und wunden Füßen, trotz allen Schreckensgeschichten von den Blacks und erst kürzlich wieder verübter Mordtaten, stromab, dem noch, wie die Leute sagten, 700 englische Meilen entfernten Adelaide zu. Der Marsch selber wäre mir nun freilich ganz angenehm gewesen, hätte ich eben – einen andern Reisegefährten gehabt; dieser war ein blutjunger Bursche, der sich aber gar nichts wollte sagen lassen und mir, im Fall ich wirklich einmal in Gefahr kommen sollte, auch nicht die geringste Hülfe gewähren konnte. Meine Meinungen konnt ich dabei nicht mit ihm austauschen, ihn nichts lehren und nichts von ihm lernen; was also nützte es mir jetzt, die Mühseligkeiten und Gefahren und später auch die Ehre eines solchen Marsches durch die Wildnis mit ihm zu teilen? Nichtsdestoweniger mochte ich ihn nicht gern allein ziehen lassen, und erst an der sogenannten Woolshed, zu Land etwa 120, zu Wasser vielleicht 400 Meilen von Albury, an einer vollkommen sicheren und bewohnten Straße, die nach dem zirka 180 Meilen entfernten Melbourne niederführte, kamen wir zu einem Verständnis, nach dem jeder seine eigene Bahn verfolgen sollte. Hier übernachteten wir noch einmal zusammen und schieden am nächsten Morgen in Fried und Freundschaft. Nun aber leichten Herzens schulterte ich meine Büchse und wanderte getrosten Mutes allein in die graugrüne Wildnis trostloser Gum-Bäume, den wildesten, abenteuerlichsten Marsch zu beginnen, den ich noch in meinem ganzen Leben unternommen. Ernst Willkomm Aus deutschen Gauen in Süd und Nord Lübische Schildereien Ein Städtebild bei Tag und Nacht In einer warmen, nordisch hellen Augustnacht betrat ich zum ersten Male die alte Hansestadt. Mitternacht war schon vor- über, die Straßen totenstill und düster, nur die dämmernde Sommerhelle der nordischen Nacht wob um die zackigen Häusergiebel einen flimmernden Schein. Wenn ich in früheren Jahren von dem Sitze der gewaltigen Hansa las, von den Bündnissen, welche die mächtige Bürgerstadt mit fremden Nationen schloß, von den Heldentaten ihrer Söhne, von den Kriegs- und Handelsflotten, die sie hinausschickte auf die brausende Meereswoge, da meinte ich immer, eine Stadt, die ehedem so Großes vollbracht habe, müsse sich von außen imponierend darstellen. Ihre hohen Türme abgerechnet, die man meilenweit sieht, macht jedoch Lübeck am Tage keinen besondern Eindruck. Die Straßen sind weder breit noch schön, die Häuser selten hochstockig, oft aber von malerischer und frappanter Architektur. Die Stadt gehört ihrem Umfange nach zu den großen, wenn auch nicht zu den größten Städten Deutschlands. Berechnet auf eine Einwohnerzahl von über 100000 Seelen, die sie zur Zeit ihrer größten Blüte gehabt haben soll, kann es nicht auffallen, daß sie jedem Fremden gegenwärtig, wo die Zahl ihrer Bewohner auf etwa 28000 zusammengeschmolzen ist, fast menschenleer erscheint. Indes gibt es doch lebhafte Straßen in Lübeck, wie die Breite Straße, welche die Stadt in fast zwei gleiche Hälften scheidet, die Holsten- und Mühlenstraße, die Burgstraße und den Kai an der Trave. Dieser letzterer ist durch die neuerdings angelegte Eisenbahn völlig umgestaltet worden und kann nicht mehr für eine eigentliche Straße gelten. Die Trave, hier noch mehr Fluß als Strom, wenn man deren Breite allein in Anschlag bringt, umströmt die Westseite der Stadt in weitem Halbkreise, nachdem sie sich im Süden mit der wasserreichen Wakenitz, dem Ausflusse des schönen Ratzeburger Sees, vereinigt hat. Diese tiefe und sichere Wasserstraße gewährt Lübeck große Vorteile und würde unter veränderten Handelsverhältnissen seinen Bürgern noch jetzt wie früher reiche Schätze zuführen. Da sie nämlich in einem niedrigen Hügellande entspringt und nach kurzem Laufe sich in die Ostsee ergießt, kann sie, selbst im ungünstigsten Falle, durch Überschwemmungen kein Unglück anrichten. Ihre Wogen treiben rasch zwischen grünen Wiesen fort, die sie in zahllosen Krümmungen durchschneidet. Nur bei anhaltenden Ost- und Nordostwinden steigt der Strom, indem die Meerflut der Ostsee seine Wasser staut. Dann tritt er wohl aus seinem Bett, ohne jedoch zu schaden. Eine Überflutung der ihn begrenzenden Wiesen, die alsdann eintritt, kann eher Nutzen bringen, da sie wohl meistenteils deren Fruchtbarkeit erhöht. Lübeck selbst leidet nun vollends nie von einem Austritt seines nährenden Stromes. Auf oblongem, etwa 70 Fuß über den Meeresspiegel der Ostsee sich erhebendem Hügelrücken erbaut, würde diese Stadt nur dann durch Wasserfluten vernichtet werden, wenn vorher die ganze kimbrische Halbinsel in den Wogen versänke. Einer der interessantesten Punkte in Lübeck ist noch immer der Hafen. Er beginnt da, wo die Hauptstraße aus der Stadt über die Holstenbrücke durch das merkwürdige Holstentor führt. Dies Holstentor, das leider eines Tages das Los jeglichen Menschenwerkes teilen wird, ist auch ein Bau, den man zu betrachten nicht leicht müde wird. Das alte Mauerwerk will freilich nicht mehr recht zusammenhalten, und so dürften diejenigen, welche der Zerstörung dieses interessanten und höchst pittoresken Denkmals althanseatischer Baukunst das Wort reden, doch zuletzt den Sieg über die Freunde architektonischer Raritäten, welche dessen Erhaltung wünschen, davontragen. Man kann nicht sagen, daß Lübecks Hafen von Schiffen wimmele. Ebensowenig würde die Metapher »Mastenwald« hier anwendbar sein. Das Schiffsleben auf der Trave hat sich vermindert, seit jenseits des Walles, der teilweise zur Anlegung des Bahnhofes abgetragen werden mußte, der frühere Stadtgraben in einen zweiten Hafen verwandelt wurde, wo gegenwärtig alle Holzschiffe anlegen. Trotz dieser Umgestaltung legt aber doch noch immer mancher Schiffskoloß am Travenkai an, und die wehenden Flaggen der verschiedensten Nationen sagen uns, daß die still dahinrollenden Wellen des braunen Gewässers als Brandungsschaum die Küsten auch ferner Weltteile benetzen. Mehr Regsamkeit als der Handel und der eigentliche Handelsverkehr am Hafen verleiht diesem der sehr lebhafte Schiffsbau. Jenseits des Travenkais am steilen Abhange des hohen Walldammes liegen die Schiffswerften, auf denen jahraus, jahrein mehrere große Seeschiffe, gewöhnlich für Rechnung fremder Reeder, gezimmert werden. Die lübischen Schiffsbaumeister stehen in dem Rufe, treffliche Segler zu bauen, weshalb es ihnen nie an zahlreichen Bestellungen fehlt. Es ist eine rechte Lust, den grünen Wall, soweit er noch erhalten blieb, entlangzupilgern und hinzusehen auf die Ameisentätigkeit der hämmernden Zimmerer. Da klopfen und meißeln zahllose Hände unter Gesang und Gejauchz; da schwirren die großen Sägen, welche das zähe Gefaser kerniger Eichenleiber zerschneiden, hier zu Planken, dort zu Rippen. Zwischen Hunderten mächtiger Holzstämme, zwischen gebrochenen und neu zugehauenen Masten prasseln überall hochlohende Feuer, um welche rußige Gestalten schaffen, um in großen Kesseln den unentbehrlichen Kitt der Schiffer, den schwarzen Teer, zu bereiten. Im ganzen macht Lübeck durchgehends den Eindruck einer Stadt, die mit der Gegenwart nicht recht zufrieden ist und deshalb mehr in der Vergangenheit lebt, mehr von Erinnerungen als von dem Ertrag des Tages zehrt. Die Stadt lebt nicht in dem Sinne wie andere Handelsstädte, sie macht nur Geräusch. Dies Geräuschmachen hat etwas Rührendes. Es ist melancholisch und sagenhaft poetisch, und oft kam es mir vor, als sei ganz Lübeck solch eine großartige Sage der Vorzeit, die mit nie erlöschendem Glanze in unsere nüchterne Zeit herüberschimmere, jedem Vorüberwandelnden von ferne winke und ihn nötige, einige Zeit in dem wunderbar fesselnden Häuserlabyrinth zu leben, zu genießen, zu träumen. Weil Lübeck in gewissem Sinne ein waches Traumleben führt, erschien es mir am anziehendsten des Nachts, vor allem wenn der Mond die Zauber seines magischen Lichtes darüber ausgoß. Schon mit Sonnenuntergang erstirbt das Leben großenteils. Nur wenige Straßen und Plätze sind bis nach zehn Uhr besucht. Gerade in solcher Stille ist es interessant, Lübeck sich von allen Seiten zu betrachten. Wählt man dazu eine klare Vollmondsnacht, so kann man sich glückliche Stunden bereiten; denn nicht bloß das aus dem mondbeglänzten Spiegel der Nacht träumerisch uns anblickende Bild der alten Stadt gewinnt dann von neuem Reiz und Farbe, es steigt in solcher Nachteinsamkeit auch die ganze Vergangenheit aus ihrer Gruft, und die Helden Lübecks, die Herrlichkeit der Hansa bevölkert Markt und Straße, Fluß und Kai, Haus und Speicher. Ich sehe sie dann aus den wunderlichen pittoresken Giebelhäusern treten, die großen Männer längst vergangener Tage, die Bräms, Soltwedel, Wullenweber und ihre Genossen; ich sehe sie Arm in Arm die schmalen steilen Straßen hinanschreiten nach dem finstern und doch so anziehenden Bau des alten Rathauses, das seine dreizehn schlanken minarettartigen Ziegeltürmchen in die Silberflut des Mondes taucht. Später erglänzen von blutrotem Licht die Fenster des Hansasaales, und die Väter Lübecks, jene Männer, deren Wort und Beschlüsse ihrer Zeit gehört und beachtet wurden bis hinauf in die Eisregionen der öden Lappmark und südwärts bis in die sonnigen Buchten des Mittelmeeres, sie setzen sich um die alten Tische wie damals, als sie noch lebten und Lübecks Ruhm und Größe in aller Munde war. Es gibt andere Städte genug, die viel prächtiger aussehen in einer stillen hellen Mondnacht als Lübeck; außer etwa Venedig und Rom kenne ich aber gar keine, die zugleich malerischer in diesem magisch weichen Lichtdämmer erschien. Den Glanzpunkt in solchem Nachtgemälde bilden unstreitig der Marktplatz mit dem Rathause und der kolossale gotische Ziegelbau der Marienkirche mit ihren beiden Turmpyramiden. Faßt man am alten Schrangenplatze Posto, wo der ungeheure Bau seiner ganzen Länge nach vor uns liegt, so bringt das Mondlicht eine ganz zauberhafte Wirkung hervor. Es schießen nämlich dann die geschwungenen durchbrochenen Pfeiler und Bogen des nach Osten gekehrten hohen Chores so eigentümlich zusammen, daß sie mit dem Glockenspielturme auf dem Dache genau die Form einer riesigen Krone annehmen. Man sagte, der Baumeister habe dies im Plane beabsichtigt, um in diesem großartigen Kronenbilde die Reichsfreiheit darzustellen, welche die deutschen Kaiser der aufblühenden Handelsstadt verliehen. Das » nordische Venedig " nennen alte Chronisten die Königin der Hansa, im Munde des Volkes aber hieß sie jahrhundertelang »Freude aller Leute«, während Dichter sie mit dem Beiwort »heilig« ehrten. Lübeck hat weder einen Gran Canale noch einen Ponte Rialto, noch schwimmt es mitten in farbenglänzender Meerflut, überwölbt von sonnig warmer südlicher Himmelspracht. Dennoch ist der Vergleich mit Venedig nicht ganz aus der Luft gegriffen, was man am deutlichsten in heitern Mondnächten bemerken kann. Lübecks Rathaus ist ohne Frage eines der seltsamsten und dabei malerischsten Bauwerke, die es gibt. Wer jemals in Venedig war und, in schwarzer Gondel ruhend, über die Lagunen sich rudern ließ, um an der Piazzetta auszusteigen, der wird beim Anblick dieses Rathauses sogleich an den Dogenpalast erinnert. Beide merkwürdige Gebäude gleichen einander nicht im entferntesten, und doch haben sie im Baustil etwas so Eigentümliches und Verwandtes, daß man sie miteinander vergleichen muß. Am auffallendsten wieder tritt diese Charakterähnlichkeit bei Mondschein hervor. Gehen wir dann über den viereckten Marktplatz, die Holstenstraße hinunter, über die Holstenbrücke, die früher durch ihre merkwürdige Steilheit auffiel und jenseits welcher das schon erwähnte alte Holstentor in weichem Dämmer ruht wie eine versteinerte Mär der Vorzeit, und wenden uns hier rechts den Überbleibseln des Walles zu, so können wir beim Anblick der alten Stadt abermals der Königin der Adria gedenken. Die vom Monde zur Hälfte hell beschienenen Straßen und sogenannten »Gruben«, die man von diesen Höhen herab vollkommen übersehen kann, die hohen Türme, die zahllosen malerisch ausgezackten Giebel der uralten Häuser und unten, dicht vor uns, der glänzende Strom mit seinen Schiffen, deren Spieren und Taue in der silbernen Nachtluft zu leben scheinen – dies alles gibt ein so eigentümliches Ganzes, daß man nicht müde wird, es zu betrachten, und die Bezeichnung »Venedig des Nordens« wenigstens nicht ganz unpassend findet. Schwerer möchte es gegenwärtig werden, Lübeck als »Freude aller Leute« hinzustellen. Die alte Stadt mag diesen Namen verdient haben, als sie noch reich, bevölkert, mächtig, in Politik und Handel tonangebend und gebietend war im ganzen Norden. Damals muß es eine Lust gewesen sein, in Lübeck zu leben und zu wirken. Leider sind diese glücklichen und großen Tage längst vorüber und von dem jetzt lebenden Geschlecht auch größtenteils vergessen. Lübeck ist nicht mehr die »Freude aller Leute«, es ist eine Stätte geworden, wo es einem viel eher wehe zumute wird. Nur die Denkmäler aus der großen Vorzeit sind geblieben, und man erfreut sich an diesen besonders des Nachts, wenn die Kleinheit der neueren schwächlichen Generation den großen Schatten der Vergangenheit uns nicht verscheucht, der alsdann wie ein Schutzgeist die still gewordene Stadt umschreitet und behütet. Ist es doch, als sei Lübecks Glück untergegangen mit dem Untergange eines seiner größten Söhne, des gewaltigen Jürgen Wullenweber . Seit dem Tode dieses Mannes begann es zu sinken, an Macht, Einfluß, Kraft zu verlieren. Seltsam! Dieser Wullenweber war ein Mann von eminenter Tatkraft, nur das, was den strebenden Mann groß macht und groß erhält, nur das fehlte ihm – Glück! Wullenweber hatte immer Unglück. Selbst nach seinem gewaltsamen Tode, behauptet die Sage, haftete der Fluch des Unglücks an dem, was ihm bei Lebzeiten gehörte. Ein altes Giebelhaus, nicht eben besonders ausgezeichnet, aber so recht hanseatisch verschnörkelt, bezeichnete die Tradition als das Wohnhaus Jürgen Wullenwebers. Es lag in der Königsstraße und bildete die Ecke der Hüxterstraße. Das Volk behauptet, nie sei ein Bewohner dieses gewissermaßen vom Schicksal verfemten Hauses auf einen grünen Zweig gekommen, jeder habe mit Fatalitäten zu kämpfen gehabt. Im Oktober 1849 wollte es nun der Zufall, daß mitten in der Nacht just dieses Gebäude ein Raub der Flammen wurde, und zwar so gründlich, daß buchstäblich nichts als ein Trümmerhaufe davon übrigblieb. Vielleicht haben die zusammenstürzenden Wände auch das Unglück Wullenwebers begraben und den Fluch gesühnt, den der grimmig verfolgte Mann wahrscheinlich über seine Geburtsstätte ausgestoßen hat. Unter der Erde Deutsche aller Stämme liebten von jeher nach vollbrachter Arbeit einen guten Trunk in ungezwungener, heiterer Gesellschaft. Dieser national deutschen Sitte haben wir, scheint es, die vielen vortrefflichen Kellerräume zu danken, an denen besonders die größeren Städte Deutschlands reicher sind als irgendein anderes Land. Die berühmtesten, am öftersten genannten Keller deutscher Städte sind wohl der Auerbachsche in Leipzig, seit Jahrhunderten verwebt mit der Volkssage vom Faust, und der Bremer Ratskeller, der in Wilhelm Hauffs »Phantasien« ebenfalls seine poetische Verherrlichung gefunden hat. Dem Ratskeller zu Lübeck ist meines Wissens solche Ehre noch nicht zuteil geworden, obwohl er sie nicht weniger verdient; denn in diesen kühlen, gewaltigen Gewölben tief unter der Erde saßen ihrer Zeit die Beherrscher der Ostsee, die königlichen Kaufleute von Lübeck, die sich nicht viel kümmerten um das Stirnrunzeln von Königen und Fürsten, sondern ebenso rasch mit dem Schwert bei der Hand waren, wenn es galt, dem Namen der Hansa zu Ehre und Ruhm zu verhelfen, als im stillen Comptoir des warengefüllten Hauses die friedliche Feder zuführen verstanden, um ihren Wohlstand zu mehren und durch weitverzweigte Handelsverbindungen Kultur und Sitte in ferne Länder zu tragen. In der Voraussetzung, daß der Leser geneigt ist, mir zu folgen, führe ich ihn vom Marienkirchhof nach der belebten Breiten Straße, vorüber an dem schwarzgetünchten Ziegelbau des malerischen Rathauses, in dessen Wände sich die Goldschmiede eingenistet haben. Eng zusammengedrängt, in unglaublich beschränkten Räumen sitzen sie hier tagaus, tagein, rüstig arbeitend wie Bienen und die Erzeugnisse ihrer kunstfertigen Hände am Schaufenster ausstellend, dessen strahlende Schätze durch den sie einfassenden schwarzen Steinrahmen erst recht in die Augen fallen. Durch den mittleren Schwibbogen betreten wir den Marktplatz, ein ziemlich regelmäßiges Viereck. Große schöne Häuser würden ihm ein gefälliges Ansehen geben und mit dem gewaltigen Rathausbau harmonieren, während derselbe in seiner gegenwärtigen Gestalt, von kleinen, unscheinbaren Häusern eingefaßt, nicht wie der Markt einer großen Handelsstadt, sondern wie der Hauptplatz einer mittelgroßen Provinzialstadt erscheint. Dennoch weilt jeder gern auf diesem Marktplatze, denn niemand kann sich so leicht satt sehen an dem originellen Rathausbau, der, obwohl allen reinen Stils entbehrend, doch jedermann befriedigt und immer von neuem wieder anzieht. Ebenso sonderbar als malerisch nimmt sich die rote Ziegelmauer aus, die eigentlich ohne allen ersichtlichen Zweck hoch über das Dach emporragt, auf dem äußersten Sims drei Türmchen trägt, die man weithin sieht, zwei kreisrunde große Öffnungen hat und mit dem Reichsadler im goldenen Felde wie mit dem rot-weißen lübeckischen Farbenschild gar stolz verziert ist. Diesen schwarzen Doppeladler und die lübeckischen Farben haben die alten Hanseaten an öffentlichen, der Stadt gehörigen Bauwerken so oft wie möglich angebracht. Auf der Marktseite des Rathauses finden wir sie einmal in dem Gemäuer, am Burgtorturme sind sie in ganz gleicher Weise dem glänzenden Ziegelwerke eingefügt, und so noch anderwärts. Vom Bogengänge des nördlich gelegenen Flügels führt in den Ratskeller eine breit[e] vielstufige Treppe hinab, die recht reichsstädtisch aussieht. Gegenüber dieser Treppe, dicht unter der hochgeschwungenen Wölbung, sind auf breiter Tafel die Wappen aller deutschen Staaten abgemalt, das unerquickliche Bild deutscher Vielherrschaft und Vielköpfigkeit, weshalb wir uns auch rasch davon abwenden, um uns nicht Laune und Appetit zu verderben. Breit, tief und lang, könnte der bloße Vorraum des Lübecker Ratskellers recht gut als Ballsaal benutzt werden; auf dieser Kellerdiele ist Platz für einige hundert tanzende Paare. In den Zeiten hanseatischer Blüte mag hier wohl ein sehr reges Leben geherrscht haben, gegenwärtig ist es, mit Ausnahme der Markttage und des Sonntags, ziemlich still. Nur Fremde und einzelne Gesellschaften finden sich bisweilen daselbst ein, um ungestört und unbelauscht bei traulichem Gespräch einen Labetrunk zu tun. Vor den Eroberungskriegen der französischen Heere unter Napoleon soll der Lübecker Ratskeller überaus wohlversorgt gewesen sein mit kostbaren alten Rhein- und Moselweinen. Die Franzosen fanden diese unterirdischen Schätze ganz nach ihrem Geschmack und verleibten sie mit derselben Gemütsruhe dem französischen Kaiserreiche ein wie die Hansestadt selbst. Bei der Wiederherausgabe letzterer war von den entführten Weinen keine Spur mehr zu entdecken. Im Keller zu Lübeck findet man keine so abgeschlossene kleine Zellen, wie es deren im Bremer Ratskeller gibt, dafür aber hat man die Wahl unter gemütlichen, ziemlich großen Räumen, die alle eigene Namen führen und im Winter gewöhnlich mehr oder weniger von bestimmten Gesellschaften besucht werden. Unter diesen abgesonderten Gewölben ist die Rose besonders interessant. Man zeigt hier noch die Plätze, wo die berühmten Lübecker Bürger Jürgen Wullenweber , Markus Maier und Alexander von Soltwedel zu zechen pflegten, wo sie ihre politischen Pläne besprachen und jene gewaltige Bewegung hervorriefen, die leider eine sehr traurige Wendung nahm und viel Blut kostete, ohne dem Staate irgendwelchen Segen zu bringen. Auch die Lilie und der Magistrat sind schöne Räume, die viele Menschen fassen. Jener führt seinen Namen von einer an der Wölbung befindlichen Lilie, dieser von den Gästen, die gewöhnlich hier zechten. Die Magistratsmitglieder hatten es sich recht bequem eingerichtet. Eine Treppe führt in den »Magistrat« genannten Kellerraum aus dem Rathause herab und verbindet die Sitzungszimmer der lichten Oberwelt direkt mit den dunklen Höhlen der Unterwelt. Jetzt ist dieser Eingang von oben nach unten verschlossen. Man sagt, es sei dies geschehen, um den tagenden Vätern der Stadt nicht gar zuviel Gelegenheit zu geben, die Weisheit mit Torheit zu verbrämen. Ein sehr geräumiges Gemach bildet die sogenannte Zelle . Hier pflegten in alter Zeit die reichen Patriziersöhne ihre Hochzeitschmäuse zu halten. Das Zimmer scheint von Anfang an dazu bestimmt gewesen zu sein, wenn dem plattdeutschen schalkhaften Reime zu trauen ist, den man noch heut an dem Sims des altertümlichen Kammes liest. Er lautet: Mannich Mann lüde synget, Wen man em de Brudt bringet; Wiste he, wat man em brachte, Det he veel lewer weenen mochte! Dem breiten, mit kolossalen Stückfässern auf beiden Seiten eingefaßten Gewölbegange gegenüber, welcher zu dieser Junkerzelle führt, befindet sich auf der Marktseite auf niedriger Erhöhung eine ziemlich lange Tafel, um die als Sitze zwei schmucklose Holzbänke laufen. Dieser Zechtisch, in die tiefe Fensternische hineingeschoben, ist eine der größten Merkwürdigkeiten Lübecks, wenn die Sage, welche daran haftet, wahr ist. Man nennt ihn den Admiralstisch und erzählt, daß er aus einer Planke des letzten lübischen, mithin auch deutschen Admiralschiffes gezimmert worden sei. Mich überschlich allemal ein wehmütiges Gefühl, sooft ich die wurmstichige, vielfach ausgebesserte schwarzbraune alte Schiffsplanke zu Gesicht bekam; denn es wollte mich bedünken, als träte in diesem Bilde das trübe Geschick Deutschlands in seiner ganzen Trostlosigkeit vor mich hin. Wurmstichig, zerspalten und zernagt wie dieser alte lübische Zechtisch ist auch der vielgliedrige Staatskörper unsers Vaterlandes. Was etwa in ihm noch übriggeblieben ist von der Vergangenheit Größe und Ruhm, das ist eben auch nur Trümmer eines ehedem herrlichen Baues, ist mühsam zusammengeflickt wie diese letzte Planke des längst vermoderten Admiralschiffes. Man fragt sich unwillkürlich, wenn der goldene Saft der Reben im grünen Römer blinkt und die Gläser über dem morschen Eichenholz zusammenklingen auf des Vaterlandes zukünftige Größe – wann wird wohl die Zeit kommen, wo diese Wünsche in Erfüllung gehen? Die Antwort auf solche Frage lautet nicht tröstlich, solange Einheitsbestrebungen nur zu noch größerer Zersplitterung der einzelnen deutschen Stämme führen. Es wird aus Deutschland ebensowenig ein gebietender Staat als aus einzelnen Stücken Holz ein Schiff, solange die leitende Hand eines geschickten Baumeisters sie nicht kunstgerecht zusammenfügt. Vielleicht aber ist diese Zeit doch näher, als man glaubt. Vielleicht zimmert man bereits, sei's vorderhand auch nur in verborgener Stille, an dem Kiele, auf welchem das Staatsschiff Deutschland ruhen soll. Kommt es dereinst dazu, dann mögen die Glücklichen, welche dann noch leben, froheren Mutes am Admiralstisch im lübischen Ratskeller zechen, als wir es können; denn dann werden bald genug deutsche Wimpel an den Mastspitzen deutscher Schiffe auf allen Meeren flattern. Auf das Herannahen dieser hoffnungsvollen Lage leeren wir noch ein Glas über der alten Planke, vergessen nicht, einige Tropfen vom edlen Naß den untern Göttern zu weihen, und steigen wieder empor in die sonnige Oberwelt. Das Haus der Schiffergesellschaft In Seestädten werden diejenigen Männer, welche ihr ganzes Leben der Beschäftigung, die Meere zu befahren, widmen, immer eine sehr bedeutende Rolle spielen. Mögen sie wenig oder nichts zu sagen haben in Sachen, welche sich auf das Staats- und Gemeindewohl beziehen, mögen sie vielleicht großenteils höchst unbewandert sein in derartigen Angelegenheiten, sie bleiben unter allen Umständen ein unendlich wichtiges Glied in der großen Kette der bürgerlichen Gesellschaft, vorzüglich in Städten, deren Existenz auf rastlosen Handel und möglichst weit ausgedehnten Verkehr gegründet ist. Lübeck ist freilich längst von der Höhe seines Glückes herabgestiegen und wird nie wieder zum alten Glanz und Ruhme sich erheben, weder in politischer noch in merkantiler Beziehung. Selbst wenn die politischen Konjunkturen günstiger würden, als sie es sind, wenn das Gesamtvaterland sich enger zusammenschlösse zu geistiger und materieller Einheit, selbst dann würde Lübeck doch mit andern Städten gleicher Größe, ähnlicher Lage und gleich reichen Mitteln nicht mehr wetteifern können. Der Stamm seiner Söhne ist zu bequem geworden, weil es ihm an dem zum Leben Nötigen nicht mangelt. Mit dieser Bequemlichkeit stumpfte sich der große und weite Blick ab, der den alten Lübeckern aus der großen Zeit der Hansa eigen war und ihnen so große Macht verlieh. Denn weiter kaufmännischer Blick, weltumfassende Spekulationen führen als reichsten Gewinn immer auch politischen Einfluß, politische Macht heim. Diese Zeiten des Glücks, Ruhms und Stolzes sind, wie gesagt, für Lübeck vorüber. Die Wellen der braunen Trave, wenn sie abends murmelnd an den früh verwaisten Kai schlagen, flüstern dem einsamen Wanderer nur ganz heimlich allerhand Wunderdinge ins Ohr von den Taten der Vergangenheit; von den Taten der Gegenwart wissen sie nichts zu erzählen als höchstens Kleinliches und Trauriges, worauf das gebeugte Haupt der Hansa stolz zu sein keine Ursache hat. Übriggeblieben von der großen Vergangenheit sind in Lübeck nur mancherlei Einrichtungen, die in der damaligen Welt Sinn hatten, ja für die damaligen Handels- und Verkehrsverhältnisse ganz unerläßlich waren, die aber in unsern Tagen wohl besser eine Umgestaltung, wo nicht gänzliche Abschaffung erlitten. Ich rechne dazu das hiesige Zunftwesen in weitester Bedeutung, das man wirklich zweckmäßiger mit dem Namen Zunftunwesen bezeichnete. Gewinn davon haben nur die betreffenden Mitglieder dieser Zünfte, jeder andere leidet darunter, am meisten diejenigen, die nicht, wie der geborene Lübecker, von Jugend auf an diesen Unfug gewöhnt sind. Zünfte, Ämter, Korporationen mit ihren mittelalterlichen Einrichtungen, wie sie bis auf den heutigen Tag in Lübeck noch bestehen, sind die Hemmschuhe aller freieren Bewegung. Das behagliche Wohlsein, das angeblich aus diesen Einrichtungen der Gesamtheit zugute kommen soll, kann den Mangel an geistigem Leben, an zeitgemäßem Fortschritt durchaus nicht ersetzen. In diesem uralten und längst veralteten Korporations- und Ämterwesen stagniert alles. An ihm zerschellt der beste Wille, und kann man sich nicht von Senats und Bürgerschafts wegen entschließen, hier nach und nach zeitgemäße Reformen einzuführen, um dadurch unmerklich, aber sicher auch Lübeck auf die Stufe moderner Städtebildung zu heben, so wird Stadt und Volk an der Trave immer ein neues Abdera bleiben. Geleugnet soll damit nicht werden, daß jene aus vergangenen Jahrhunderten sich herschreibenden Einrichtungen auch heute noch manches Gute haben. Dieses Gute, glaub ich, läßt sich beibehalten, auch dann, wenn die Einrichtung selbst als Privilegium fällt. Wenigstens sollte meiner Ansicht nach alle Reform nur darauf gerichtet sein, altes vorhandenes Gute auf das Neue zu übertragen, es im Neuen zweckmäßig und befruchtend zu verjüngen. Man rühmt in Lübeck unter anderm ungemein die Einrichtung der Träger- und Wagenladerkorporationen, deren es verschiedene gibt. Diese Leute müssen nämlich als Korporationen für alles, was durch ihre Hände geht, mit ihrem Vermögen haften, was dem Verkehr in einer Handelsstadt ohne Frage große Sicherheit gewährt. Gleichviel, ob man Gegenstände von wenigen Talern oder von vielen Tausenden an Wert von Ort zu Ort zu schaffen hat, die beeidigten Träger und Wagenlader kommen dafür auf, stehen unbedingt dafür ein. Es gibt daher auch keine zuverlässigeren Leute als diese Männer, und es hat unbedingt etwas für sich, sagen zu können: In den Händen dieser Leute sind die größten Schätze sicher geborgen. Noch heutigen Tages kann in Lübeck niemand ein kaufmännisches Geschäft betreiben, ohne in ein kaufmännisches Kollegium zu treten. Solcher Kollegien oder Gesellschaften gibt es so viele, als es vormals wichtige Handelsemporien im Norden gab. Die Seefahrer, gemeinhin »Schiffer« genannt, bilden ebenfalls ein Kollegium für sich, und wer als Kapitän ein Schiff, sei es groß oder klein, über See führen will, muß zuvor als Schiffer Bürger werden und Mitglied der »Schiffergesellschaft«. Das Versammlungshaus dieser lübischen Seefahrer bildet gegenüber der hochgelegenen Jakobikirche die Ecke der Breiten Straße und Engelsgrube und ist leicht kenntlich durch sein auffallendes Äußeres. Auch wer nicht weiß, wem diese altertümliche Baulichkeit gehört, muß sie unwillkürlich betrachten und von selbst auf den Gedanken kommen, daß dieselbe eine Merkwürdigkeit der alten Hansestadt sei. Der breite der Straße zugekehrte Giebel ist mit Reimen geschmückt, und auf dem obersten Kragstein desselben segelt ein vergoldetes Schiff bei Wind und Regen am Steuer seiner eisernen Spille. Auch zur Seite des Eingangs an der von der Straße zur Diele geleitenden Treppe ist ein mit Schiffern bemannter Kahn an den Vorbau gemalt und der auf alle Zeiten und Menschen passende Spruch: »Allen zu gefallen ist unmöglich«, dazugeschrieben. Die Gesellschaftshalle dieses Hauses verdient schon ihrer wunderlichen Ausschmückung wegen einen Besuch. Bänke und Stühle, schwarz und altertümlich, zeigen eine Menge großenteils buntgemalter Holzschnitzereien von ziemlicher Derbheit. Man sieht, die Kunst ist dabei weniger tätig gewesen als ein roher Seemannshumor. An den Wänden hängen mancherlei ebenfalls nicht sehr wertvolle Gemälde, an der Decke schweben Schiffe von allen Formen, wohl aus der Zeit, wo Lübeck und die Hansa eine stattliche Seemacht besaßen. Die meisten dieser seltsam geformten Schiffsmodelle führen die rot und weiß lübeckische Flagge und tragen eine große Menge Kanonen. Der fischartig geformte Nachen eines Grönländers – wenigstens halte ich ihn dafür – und so manche andere Kuriosität, mitsamt den Schutzheiligen der Schiffer, versetzen uns in dieser Trinkhalle zurück in das sechzehnte Jahrhundert. Noch heutigen Tages halten hier die Schifferälterleute sowie die Kompaniebrüder ihre Sitzungen und Schmäuse; denn ohne Speis und Trank in reichem Maße zu geben, kann niemand Aufnahme finden in diesem Kollegium. Der Kastellan desselben war ein alter, ausgewetterter Seemann, der in früherer Zeit gar seltsame Abenteuer erlebt und durch Klugheit und Entschlossenheit sogar einmal ein türkisches Seeräuberschiff als gute Prise fortgeführt hatte, das ihn und seine Gefährten in die Sklaverei nach Afrika schleppen wollte. Häufig sieht man von dem Giebel dieses Hauses eine große lübische Flagge wehen. Dies ist immer ein Zeichen, daß auch die Schiffe im Hafen flaggen, was dann gewöhnlich entweder die Verlobung oder die Verheiratung eines jungen Paares anzeigt. Bei den Hochzeiten hiesiger Reeder-, Kaufmanns- und Schifferkinder versteht sich das Flaggen von selbst; es kommt aber auch bei solchen Paaren vor, die mit Schiffahrt und Handel nichts zu tun haben. Da es Sitte ist, daß zu Ehren Neuvermählter Flaggen in der Stadt und auf den Schiffen gehißt werden, so ist diese Ehre immer mit einigen Kosten verbunden, welche dann der Schiffergesellschaft oder der Witwenkasse derselben zugute kommen. Das Schonenfahrer-Kollegium Gerade gegenüber der schlecht gepflasterten Straße, welche den wunderlich klingenden Namen »Schlüsselbuden« führt, bildet die Ecke der Mengstraße und der Quergasse Fünfhausen das jetzige Stadtpostamt. An dem Hause ist nichts zu bewundern. Es ist eben ein Haus wie andere mehr in Lübeck, das heißt nicht sehr breit, dafür aber desto tiefer, mit unermeßlich großer Flur oder Diele, im übrigen aber, was die innere Einrichtung betrifft, unzweckmäßig gebaut und nichts weniger als komfortabel. Eines nur am Äußern dieses Gebäudes muß jedem beim ersten Anblick in die Augen fallen. Dies ist das am Giebel befindliche Wappen, worauf man drei goldene Fische sieht. Diese Fische stellen Heringe vor und bezeichnen uns genanntes Haus als das ehemalige Kollegium derjenigen kaufmännischen Kompanie, welche sich den Namen der Schonenfahrer beilegte. Es ist durchaus nicht uninteressant, die Entstehung, das Emporwachsen und die Machtgewinnung zu verfolgen, welche den alten Hansen durch die Handelskollegien zufiel, in welche sie sich aus eigenem Antriebe teilten. Die Geschichte dieser verschiedenen Kollegien, die noch eines Darstellers wartet, ist eigentlich auch die Geschichte der politischen Bedeutung, die der Hansabund, und in diesem sein Haupt Lübeck, sich im Norden eroberte, zu einer Zeit, von der man wahrhaftig nicht behaupten kann, daß im übrigen Deutschland irgendwo vielversprechende Keime einer dereinstigen Einheit aufsproßten. Das Deutschland von damals war ganz so zerfetzt und sah ganz so lumpig aus als Reich wie das Deutschland von heute. Um so mehr Achtung müssen uns die unternehmenden Kaufherrn jener längst vergessenen Jahrhunderte einflößen, daß ihrem festen Zusammenhalten, ihrer Energie, ihrer Konsequenz es gelang, mitten im Jammer deutscher Uneinigkeit den Namen der Deutschen im Auslande zu hohen Ehren zu bringen. Schonen, dieser südlichste Teil Schwedens, stand damals unter dänischer Herrschaft, wie denn überhaupt die Macht Dänemarks in jenen Jahrhunderten, ungeachtet der ursprünglichen Kleinheit des Reiches, die aller andern nordischen Staaten weit überflügelte. Die lübischen Handelsherren knüpften nun mit allen nordischen Machthabern, ursprünglich bloß wegen der ihnen daraus erwachsenden merkantilen Vorteile, Verbindungen an, schlossen Verträge ab, gründeten Comptoirs etc., aus denen sich im Laufe der Zeit Anhaltspunkte auch für größere handelspolitische Zwecke entwickelten. Das Land Schonen fesselte die Lübecker ganz besonders des ergiebigen Heringsfanges wegen, der an den schwedischen Küsten getrieben ward. So gab der Hering, dieser an sich so unscheinbare Fisch, die erste Veranlassung zur Entstehung des Lübecker Schonenfahrer-Kollegiums, das später, weil es durch den ungeheuern Betrieb des Heringshandels, welchen die Lübecker völlig beherrschten, enorme Summen verdiente, zu Reichtum und Macht gelangte und lange Zeit hindurch in die Geschicke des Nordens mit gewaltiger Hand eingriff. Zum Zeichen, wie und wodurch das Kollegium entstand, nahm es den Hering in sein Wappen und heftete ihn an den Giebel des Hauses, wo seine Mitglieder sich zu kommerziellen und politischen Beratungen versammelten. Der Hering hat demnach, wie man sieht, unter den Bewohnern des Meeres eine sehr bedeutende Rolle gespielt, und man kann nicht bestreiten, daß er gerechte Anwartschaft darauf besitzt, in gewissem Sinne sowohl ein kulturhistorischer wie ein politischer Fisch genannt zu werden. Bekanntlich gehört der Hering zu jenen merkwürdigen Bewohnern des Salzwassers, die zu bestimmten Jahreszeiten in zahlloser Menge weite Wanderungen durch die Meere antreten. Werden sie nicht gestört, so halten diese Züge stets einen und denselben Weg ein; nur sehr auffallende Beunruhigungen, vielleicht auch eigentümlich veränderte Strömungen des Meeres haben denselben bisweilen eine andere Richtung zu geben vermocht. – Nach den Berichten aller Chronisten, zum Beispiel Helmolds, pflegte im eilften und zwölften Jahrhundert der Hering am zahlreichsten an den Küsten der Insel Rügen und den flachen Gestaden Pommerns zu erscheinen. Später änderte er sein Wanderziel, höchstwahrscheinlich infolge zu unausgesetzter Nachstellungen seitens der Heringsfischer, die von allen Gestaden des baltischen Meeresbeckens mit ihren Barken in den Gewässern vor Rügen erschienen. Er wendete sich nun mehr der schonenschen Landzunge zu und blieb dieser neuen Heimat treu bis gegen die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, von wo an er andauernd die Küsten Hollands besuchte. Seitdem gelten bis auf den heutigen Tag die holländischen Vollheringe für die delikatesten, während die schwedischen (von Schonen) an Ruf bedeutend verloren haben. Es läßt sich leicht einsehen, daß der Handel mit einer Sorte Fische, die in so unglaublichen Massen gefangen, verkauft und fast durch alle Länder Europas gekauft ward, dem Volke oder der Handelsgesellschaft, welche denselben am schwunghaftesten zu betreiben verstand, große Reichtümer eintragen, mithin auch großen Einfluß sichern mußte. – Die alten hansischen Kaufleute, jene Schonenfahrer, die dem Namen nach auch heute noch in Lübeck existieren, auf irgendwelche merkantile Bedeutung jedoch durchaus keinen Anspruch mehr machen können, waren klug genug, bei Errichtung ihrer Comptoirs, wie schon, früher in Nowgorod, Bergen und anderen Städten, jetzt auch auf der Südspitze Schwedens, mit Dänemark Verträge ganz eigentümlicher Art abzuschließen. Diese Verträge hatten keinen andern Zweck, als ihrem Geschäftsbetriebe möglichst unbegrenzte Freiheit zu sichern, etwa entstehende Streitigkeiten selbst schlichten zu dürfen und, was jedenfalls die Hauptsache war, andere abzuhalten, ebenfalls teil an dem reichen Gewinn des in Gang gebrachten Geschäftes zu nehmen. Die Hansen, Lübeck an der Spitze, nahmen infolge solcher Verträge ganze Städte Schonens in Besitz und erwarben sich außerdem das Recht, gewisse ziemlich ausgedehnte Plätze am Meeresstrande zum Behufe der Heringsfischerei abzugrenzen und in denselben ihre eigene, völlig unabhängige Gerichtsbarkeit auszuüben. Man nannte solche Plätze »Vitten« und den Teil des schonenschen Landes, auf welchem sie sich befanden, das »Vittengebiet«. In diesen Vitten trieben nun die Schonenfahrer den Heringsfang und Handel ins große und hielten alle Nichtberechtigte mit eifersüchtigen Blicken davon ab. – Das Dänenvolk mochte wohl fühlen, daß es den unternehmenden deutschen Kaufleuten etwas gestattet habe, was später ihm selbst zu großem Nachteil gereichen könne. Allein es war einmal geschehen und um so weniger eine Änderung darin zu treffen, als die Schonenfahrer ungemein streng auf Befolgung des Wortlautes ihrer Verträge hielten und bei einem eintretenden Regierungswechsel in Dänemark nie unterließen, sich dieselben sogleich wieder bestätigen und erneuern zu lassen. Dennoch versuchten die Dänen, sooft sie konnten, die den Hansen auf Schonen verliehenen Privilegien zu umgehen, wenn sich nur irgendeine Gelegenheit dazu finden wollte. Besonders war es König Waldemar IV., der 1367 diese von ihm selbst anerkannten Verträge dadurch brach, daß er die Vitten der deutschen Kaufleute mit neuen Abgaben belegte, ja sogar hansesche Schiffe im Sunde und in den Belten plündern ließ. Diese Gewalttat, an einfachen Heringsfischern verübt, führte zu so ernsten Mißhelligkeiten, daß endlich nach vergeblichen Verhandlungen zwischen den Hansestädten und dem Reiche Dänemark ein wilder, blutiger Krieg ausbrach. Das Ende dieses Krieges der verbundenen Städte gegen Dänemark war des letzteren vollständige Demütigung. Der übermütige Waldemar irrte während des Krieges im Innern Deutschlands umher, ohne zu wissen, ob er je wieder an die Rückkehr in sein Reich werde denken können. Kopenhagen ward von den Hansen, diesen so geringgeachteten Heringsfischern, erobert, das Schloß des Königs der Erde gleichgemacht, der Hafen mit Vorbedacht künstlich verstopft. Ebenso erging es den dänischen Städten auf der Küste Schonens. Sie wurden samt und sonders mit der Schärfe des Schwertes von den Hansen erobert, geplündert und, nachdem sie sich zu Herren des Landes gemacht, die Vitten in vergrößertem Maßstabe aufs neue daselbst angelegt. Das vollständig besiegte Dänemark mußte endlich um Frieden bitten und alle Bedingungen unterzeichnen, die ihm von dem Städtebunde der Hansa diktiert wurden. Heutigen Tages wissen nur einzelne noch etwas von den Taten jener längst verschollenen Jahrhunderte; diejenigen aber, welche sich um die Vergangenheit bekümmern, lassen mit eigentümlichen Gefühlen ihre Blicke auf dem Wappenschilde des Schonenfahrer-Kollegiums haften, das jetzt wahrscheinlich ein völlig bedeutungsloses Haus sein würde, hätte nicht die Post der Freien Stadt ihr Regiment darin aufgeschlagen. Hermann Hettner Griechische Reiseskizzen Athen Die Ankunft Athen, 2. April 1852 Unser erstes Ziel haben wir erreicht; wir befinden uns seit gestern früh in Athen. Das Schiff war abends von der Insel Syra abgegangen, und wir näherten uns bereits der Attischen Ebene, als uns des Morgens unser Reisediener Dimitri weckte. Wir stiegen auf das Verdeck; es war auf der Höhe der Phalerischen Bucht. Welch ein Blick! – Ich werde ihn nie vergessen. Zur Seite liegen die weltberühmten Inseln Ägina und Salamis; und drüben auf dem Festlande steigt der mächtige Pentelikon auf, seine Arme über das Tal weit ausbreitend, gleich als wolle er es unter seinen Schutz nehmen, und an diesen schließt sich der langhin gestreckte Hymettus und der einsame, feingezeichnete Bergkegel des Lykabettus; und endlich, für den ungeduldigen Reisenden fast allzuspät, tritt immer deutlicher und deutlicher auch der Hügel der Akropolis hervor, mit den weithin schimmernden Säulen des Parthenon, der Propyläen und des kleinen Niketempels. Wir landeten im Piräus, dem Seehafen von Athen. Es gibt wohl nirgends ein so günstiges, von allen Seiten geschlossenes Hafenbassin als dieses; der alte Themistokles, der die Seemacht der Athener begründete, wußte sehr wohl, was er wollte, als er den Athenern anriet, ihre hauptsächlichste Stärke im Piräus zu suchen. Während unser Diener beschäftigt war, unsere Sachen ans Land zu bringen, ergötzte ich mich an den malerischen Gruppen von Griechen und Griechinnen, die rings um mich herum auf dem Verdeck lagerten. Wunderbar schön sind die Männer. Das schwarzgelockte Haupt ist mit einem knapp anschließenden roten Fes bedeckt. Stechende Augen, schwarzbrauner Teint, die Nase lang, aber leise gebogen, das Kinn spitz, aber kräftig vortretend. Der Nacken ist frei. Nur ein schmaler weißer Kragen legt sich über das rote oder blaue Kamisol, dessen freischwebende Ärmel die zierliche Bewegung der Arme begleiten. Auf der Brust liegt das weiße, fein geglättete Hemd. Und von den Hüften schwebt durch einen farbigen Gürtel zusammengehalten bis zum Knie die weiße, faltenreiche Fustanella, ein hemdartiger Überrock, der der ganzen Gestalt eine feine, wenn auch zuweilen fast weibische Zierlichkeit gibt. Unter den Knien sind die Beine in knappe, scharlachrote oder blaue, mit blauen Quasten und Stickereien gezierte Gamaschen geknöpft, und die Füße sind mit zierlichen Schnabelschuhen oder Sandalen bekleidet. Ein Mantel von zottigem Ziegenfell mit frei schwebenden Ärmeln oder, bei Vornehmen, ein blauer Paletot mit rotem Kragen dient in der strengeren Jahreszeit als Überwurf. Es macht einen eigenen Eindruck, wenn man die Laute, die uns bisher nur aus Homer und Thukydides bekannt waren, hier als lebende Sprache von den gewöhnlichsten Leuten sprechen hört; und als ich gestern in Syra den Speisezettel zur Hand nahm und auch dieser in griechischen Worten und Lettern geschrieben war, da, muß ich gestehen, war mir einen Augenblick ganz verzaubert zumute. Es war mir, als sei das alte Wundervolk, das uns wie ein halbverklungenes Märchen in der Phantasie lebt, wieder auferstanden, und es hätte mich gar nicht gewundert, wenn Sokrates gekommen wäre, das Haupt bekränzt, und hätte uns zu einem platonischen Gastmahl geladen. Denn in Wahrheit, mögen nun diese Neugriechen die wahren Abkömmlinge der Altgriechen sein oder mag noch so viel slawisches Blut in ihren Adern fließen, diese Menschen – die Männer vornehmlich – wissen sich mit einem Adel und mit einem Schwunge zu tragen und zu bewegen, daß uns die ganze Plastik der alten Kunst aus diesen Gestalten lebendig zur Seele spricht. Ich sah gestern auf der Straße in Syra einen griechischen Palikarenhäuptling und einen vornehmen Mann aus Sparta miteinander Arm in Arm auf- und abspazieren; diese gingen so stolz und ihrer Schönheit so selbstbewußt, daß ich mich gar nicht satt an ihnen sehen konnte; sie gemahnten mich wie verkommene Nachkömmlinge alter Königsgeschlechter, die selbst im Bettlermantel noch immer die alte Würde zu wahren wissen. Merkwürdig ist es, daß die Frauen, wenigstens die städtischen, in ihrer Kleidung fast ganz modernisiert sind. Das gibt ihnen bei ihrem braunschwarzen Teint und ihrem üppigen Haarwuchs ein entsetzlich saloppes Ansehen. Schöne Griechinnen konnte ich bis jetzt nur wenig entdecken. Sie verblühen alle sehr schnell, und das mag wohl daher kommen, daß sie meist, ebenso wie die Frauen in Sizilien, ihre Kinder bis in das dritte und vierte Jahr hinein stillen. Das kleine Städtchen des Piräus, flach in der Ebene gelegen, ist ganz modern gebaut mit modernen Kaffeehäusern und Kaufmannsspeichern. Obgleich es in den letzten Jahren sehr an Ausdehnung zugenommen hat, hat es doch noch lange nicht den Umfang der alten Hafenstadt. Das obere Ende der Bucht, wo die Sage die Gebeine des Themistokles ruhen läßt, ist sumpfig und fieberhaft. Aber für diesmal halten wir uns nicht lange im Piräus auf, es drängt uns nach Athen. Wir fahren vorüber an den Überresten der »langen Mauer«, wir fahren über den Kephissos durch die letzten Ausläufer des heiligen Olivenhains. Die Straße ist so angelegt, daß man fortwährend die Akropolis von Athen im Angesicht hat. Diese Fahrt dauert etwa eine Stunde. Endlich sind wir in der Nähe der Stadt. Zur Rechten zwischen dem Hügel der Akropolis und der Straße, auf der wir uns befinden, liegt der alte Theseustempel, mit seinen goldbraunen Säulen und Wänden uns in der leuchtenden Morgensonne wie zum freundlichen Gruße entgegenstrahlend. Die neue Stadt hat keine Ringmauern, keine Tore. Man fährt durch die Hauptstraße, die Straße des Hermes. Der erste Eindruck der Stadt war verstimmend und wohl geeignet, alle träumerischen Illusionen von einem raschen Aufblühen des neuen Griechenlands zu zerstören. Die Häuser sind sehr eng und niedrig, meist einstöckig, zum größten Teil ohne Fenster; hölzerne Laden schließen bei schlechtem Wetter und in der Nacht die Öffnungen, die als Fenster dienen. Die Straßen, selbst die Hauptstraßen, sind ganz entsetzlich schmutzig, denn sie sind alle ungepflastert. Es überfiel mich eine namenlose Trauer. Ich dachte an Rom. Rom ist auch nicht mehr so groß wie seine große Vergangenheit; aber es hat ein glanzvolles Mittelalter, und auch jetzt steht es im wesentlichen mit der ganzen europäischen Bildung auf gleicher Höhe. Wie ganz anders hier! Griechenland nahm einen Aufschwung zur Zeit seines ruhmreichen Befreiungskrieges; aber dieser Aufschwung ist verpufft. Das ganze Land ist zu arm, als daß es sich durch sich selbst erhalten, geschweige denn aufblühen könnte. Der Grieche ist betriebsam, ja er ist so fleißig, daß ich nie einen ähnlichen Fleiß in Italien gesehen habe. Aber alle diese Anstrengungen sind vergeblich, wenn Griechenland sich nicht reicher bevölkert und durch die zunehmende Bevölkerung die reichen Schätze des Landes und die schönen Hafenplätze der Küsten besser benutzen kann. Es ist unsäglich niederdrückend, wenn man überall die ärgste Barbarei sieht, und darauf das ganze moderne Bayernturn aufgepfropft. Wilde Gesichter in bayrischer Uniform; und eine Wachparadenmusik, die mit ihren neuesten Opernmelodien ihr Schönes in Berlin und Potsdam hat, in Athen aber geradezu empörend ist. Wir wohnen hier im Hotel d'Orient, einem ganz rheinisch-fashionable eingerichteten Gasthof. Und damit du siehst, in welchem Sinne die athenischen Gastwirte die europäischen Sitten auffassen, will ich dir sagen, daß wir in diesem in Pension sind und täglich acht Francs zahlen. Dafür haben wir ein jeder ein ganz elegantes Zimmer mit vortrefflichen Betten und morgens um zehn Uhr nach englischer Weise ein Frühstück mit Tee, Eiern und Koteletts; nachmittags um sechs Uhr ein Mittagsmahl von sechs Gängen. Wir hätten uns billiger und einfacher eingerichtet, aber das geht hier nicht an. Ein bayrischer Gastwirt, der sonst hier Wohnungen an Deutsche vermietet, ist zufällig nicht anwesend. Und so gibt es jetzt hier nur zwei wohnliche Gasthöfe, und von diesen ist der unsrige der billigste. In Chambres garnies zu wohnen hat man uns allgemein abgeraten. Dazu sind wir der Sprache nicht mächtig genug, und der Grieche ist zu betrügerisch, als daß wir uns ihm auf Diskretion überlassen möchten. In unserm Gasthof wird vorwiegend italienisch gesprochen. Sogleich nach der Ankunft gingen wir auf die Akropolis. Wie die Alten Athen Hellas in Hellas nannten, so ist die Akropolis Athen in Athen. Sie ist der Inbegriff alles Höchsten, was der menschliche Geist an Bau- und Bildwerken geschaffen hat, und sie ist dies heut um so mehr, da außer dem Theseustempel und dem zierlichen Mal des Lysikrates in der Stadt selbst keine echt griechischen Bauwerke mehr erhalten sind. Ich war seit Jahren vertraut mit allen Wunderwerken, die hier meiner warteten. Und dennoch! dennoch war mein Gefühl bei dem ersten Anschauen ein sehr geteiltes. Wir haben uns so sehr gewöhnt, bei dem erhabenen Namen der athenischen Akropolis immer nur an die großen Bauten und Bildwerke des Perikles und Phidias zu denken, daß wir darüber die Festungsmauern, die diese Bauten umgeben, in unserem Phantasiebilde fast gänzlich vergessen. Die meisten Abbildungen, die von der Akropolis im Umlauf sind, sind der landschaftlichen Wirkung halber immer nur von der Westseite aufgenommen. Dort freilich treten jene Festungswerke fast gänzlich zurück, und Tempel und Bildsäulen werden uns wie auf einem Präsentierteller entgegengetragen. Jedoch diesen freien Blick haben wir eben nur auf der Westseite, in der Nähe der Pnyx, die die Stätte der alten Volksversammlungen war, auf dem Nymphenhügel und auf der Piräischen Straße. Und nun erzeugt sich für den, der die Örtlichkeiten Athens nicht ganz genau kennt, gewöhnlich die Vorstellung, als thronten diese Tempel majestätisch über der Stadt, allen sichtbar und allen eine eindringliche Mahnung an die Macht der Götter und an den Glanz der Stadt, die diesen Göttern solche prachtvolle Tempel geschaffen. Aber diese Vorstellung ist durchaus falsch. Von der Stadt aus erscheint die Akropolis nur als ein vorwiegend militärischer Bau; die Propyläen und der Niketempel sind ganz von den Festungsmauern verdeckt, und vom Parthenon und vom Erechtheion, das der Stadtseite zugekehrt ist, ragen nur der Dachstuhl und die oberen Enden ihrer Säulen kärglich herüber. So aber ist es nicht etwa bloß heute; so war es auch im Altertum. Freilich sind diese Mauern, wie sie jetzt dastehen, besonders in ihren oberen Teilen, erst aus dem Mittelalter und aus der Zeit der türkischen Herrschaft; aber einzelne Stücke, die unzweifelhaft alt sind, zeigen mit Sicherheit, daß diese Mauern auch im Altertum mindestens ebensohoch waren. Das neue Athen steht genau auf der Stelle des alten. Es ist gewiß, auch der Athener des Perikleischen Zeitalters sah nur von der Gegend der Pnyx und von den entfernteren Stadtteilen des äußeren Keramikos die strahlende Herrlichkeit seiner Tempel; in den belebtesten Gegenden des städtischen Verkehrs sah auch er nichts als diese äußeren Festungswerke. Ich gestehe, daß mich dieser Eindruck zuerst überraschte; und es mag wohl nur wenige Reisende gegeben haben, die nicht in ähnlicher Weise hierin eine Art von Enttäuschung gefühlt hätten. Der Hügel der Akropolis erhebt sich etwa 350 Fuß hoch am südlichen Ende der Stadt. In der ältesten Zeit war er die Stadt selbst; erst unter Theseus breiteten sich die Wohnungen am Fuße des Hügels aus, weshalb das spätere Athen auch die Stadt des Theseus genannt wurde. Auf der Nord-, Süd- und Ostseite steigt er mit steilen und unerklimmbaren Felswänden jäh empor. Nur gegen Westen ist er von dieser natürlichen Befestigung entblößt. Diese Westseite ist daher, wie heutzutage, so auch im ganzen Altertume, immer der gewöhnliche Aufgang zur Akropolis gewesen. Jetzt ist der Eingang mit mittelalterlichen und türkischen Mauerwerken verbaut, und nur durch eine enge Seitenpforte gelangt man in das Innerste des Allerheiligsten. Wir gehen durch diese Pforte, und wir stehen vor der großen und breiten Treppe, auf deren Höhe uns oben als ihr natürlicher Abschluß die Propyläen entgegentreten, das festliche Eingangstor, das die Griechen des Perikleischen Zeitalters zur Betretung der Akropolis ladete. Diese Propyläen, in der Mitte das große Tor, von dem das Brandenburgische Tor in Berlin nur ein sehr schwaches Abbild gibt, und zur Seite die gewaltigen Seitenflügel, von denen, der künstlerischen und militärischen Doppelbestimmung der Akropolis entsprechend, der eine ein Waffenmagazin, der andere eine Pinakothek, das heißt eine Gemäldegalerie, war, gehören zu den vollendetsten Bauten der vollendetsten Kunstblüte. Aber die Säulen sind verstümmelt, das Dach zertrümmert; ein häßlicher mittelalterlicher Festungsturm stört den einheitsvollen Eindruck; die Treppen sind in vereinzelte Bruchstücke auseinandergeschleudert. Und der durch die Bemühungen von Roß und Schaubert aus den alten Trümmern wieder aufgebaute zierliche Niketempel, der vor den Propyläen steht, dient nur dazu, uns das Gefühl recht lebhaft zu machen, was für eine unendliche Welt der Schönheit uns hier für immer verloren ist. Durch die Propyläen hindurch geht es nun an regellos aufeinandergeschichteten Bautrümmern vorüber zu dem Parthenon, dem schönsten und größten Tempel des Altertums. Wohl erfüllen uns diese hochaufstrebenden Säulen und die Gesimse des Daches und der Decke durch ihre schönen Formen und Verhältnisse mit Bewunderung und Entzücken; aber auf den ersten Anblick vermag die Phantasie nicht, aus dieser gräßlichen Verstümmelung, der auch dieser Bau unterlegen ist, sich lebendig das Ganze wieder in seiner vollen Herrlichkeit herzustellen. Die Säulen, jetzt des Daches, der Deckenbalken und zum Teil der Kapitelle beraubt, ragen klagend in die blaue Luft hinein, und ringsherum liegen auf dem Boden des inneren Tempelraumes die schönsten Baustücke wüst durcheinander; ein schaudererregendes Schlachtfeld, auf dem die verstümmelten Leichen und Glieder nur Klage und Entsetzen erregen. Man mag diese Zertrümmerung noch so oft in Bildern und Büchern gesehen und gelesen haben; hier an Ort und Stelle wirkt sie in einer Weise ergreifend, wie ich es nimmer gedacht hätte. Die Phantasie arbeitet und arbeitet, diesen ersten niederschlagenden Eindruck zu überwinden; es gelingt ihr nicht. Sie erwartete Erhebung, sie findet nur Druck; sie erwartete Lösung von Rätseln, die sie bis dahin beschäftigt hatten, sie findet statt der Lösung nur neue Rätsel und verzweifelt fast daran, hier jemals zur Klarheit und zum Genuß zu kommen. Kaum fand ich Stimmung, noch hinüber zu dem wunderbar zierlichen Erechtheion zu gehen. Die ionischen Säulen dieses Erechtheions sind so leicht und anmutig, das Ganze so schlank und zierlich, in allen Einzelnheiten so durchgebildet und fein gegliedert; und fragt man nun, wie die einzelnen Teile dieser zwei Zellen mit ihren doppelten Seitenflügeln unter sich zusammenhangen, so haben wir auch hier wieder nur Fragen, und niemand weiß uns eine bestimmte Antwort zu geben. Kurz, der erste Tag in Athen war für mich ein Tag der Qual. Nicht Aufklärung fand ich, sondern nur Verwirrung; nicht Genuß, nur Verstimmung. Und dazu lag ein trüber Schirokko am Himmel, so daß ich das schöne Blau des Meeres und die wunderschönen Formen der Berge und den ganzen Reiz der herrlichen Attischen Ebene, die mich frühmorgens so unendlich entzückt hatte, mehr nur ahnen als wirklich in mich aufnehmen konnte. Ich legte mich abends tief verstimmt zu Bett, und es war ein Glück für mich, daß ich sehr ermüdet war, sonst hätte mich Verdruß und Mißmut um allen Schlaf gebracht. Glücklicherweise änderte sich heute früh dies alles gänzlich. Ich machte zuerst einen Rundgang um die hauptsächlichsten Baudenkmale der Stadt. Darauf zog ich wieder hinauf nach der Akropolis. Wieviel klarer und genußreicher war mir schon heute der Anblick. Die Aufgaben, die ich mir für meine hiesigen Studien zu stellen habe, traten mir bereits bestimmter ins Bewußtsein, und ich beschloß die heutige Wanderung mit dem Gefühl, daß ich für die kurze Zeit, die ich hier verweile, zwar ganz unendlich viel zu tun und zu lernen habe, aber daß, wenn man erst über den ersten Eindruck der uns hier entgegentretenden entsetzlichen Zerstörung hinüber ist, die Phantasie mit leichter Mühe schließlich ein lebendiges Bild von der ganzen Herrlichkeit dieser höchsten Kunstschöpfungen des menschlichen Geistes sich gewinnen kann. Kolonos Athen, 3. April Ich habe heut einen sehr genußreichen Tag verlebt. Der Sommer ist jetzt hier eingezogen, der wärmste Sonnenschein liegt über Attika, die Gegend erscheint in ihrer ganzen zauberhaften Schönheit. Wir konnten der Versuchung nicht widerstehen, ohne Zweck und Ziel harmlos im Tale umherzustreifen. Oben der heitere blaue Himmel, auf der einen Seite die schönen Formen des Hymettus und auf der anderen die vielverschlungenen Bergzüge des Parnes, dazwischen die unzähligen kleinen Hügel, die in der Nähe des Lykabettus und der Akropolis aus der Ebene wellenartig auftauchen, und dann am Ende des Tales das weite Meer – wer könnte sich satt schauen an diesen Formen und Farben? – Es war nicht zufällig, daß wir den Weg nach dem Olivenhain einschlugen, obgleich wir vorgestern schon bei unserer Fahrt vom Piräus an diesem vorübergestreift waren. Er bot uns bei der zunehmenden Hitze in der baumlosen Gegend kühlenden Schatten. Wie still und friedlich war es hier! Nur hie und da ein einzelner Arbeiter, der seine Gemüsepflanzungen baute; dafür aber viel Nachtigallenschlag, denn die Nachtigallen scheinen diesen Hain heut noch geradeso zu lieben wie im Altertum. Wir gingen den mannigfachen Grabenwindungen nach, in denen die schweifenden Wässer des Kephissos, die νομάδες χρήναι Κηφισσού, wie sie bei Sophokles heißen, nach einer Art von kunstreichem Systeme die ganze Trift berieseln. Und der Gau von Kolonos, der schon im Altertum durch seine Fruchtbarkeit und durch den üppigen Wuchs seiner Ölbäume und Platanen berühmt war, ist auch heute noch der fruchtbarste Teil der Attischen Ebene. Sein saftiges Grün sticht wunderbar lieblich ab gegen die Kahlheit der übrigen Gegend. Wir hatten uns in diesem Gewirre der Graben und Hecken verirrt, falls sich jemand verirren kann, der sich keinen bestimmten Zielpunkt gesetzt hat. Es war uns daher eben recht, als wir dann unerwartet drei oder vier Häuser entdeckten, von denen wir sehr bald das eine als ein Ergastirion, das heißt als eine Schenke, erkannten. Die Bauart war, wie bei allen griechischen Hütten, möglichst ursprünglich. Vier Mauern, darüber ein leichtes Ziegeldach; eine Tür und einige mit Laden verschließbare Fenster – das ist alles, was der ärmere Grieche von seiner Wohnung fordert. Keine Glasscheiben und kein Schornstein; keine Decke und keine Dielen; der Fußboden ist einfach abgeplättet; in der Mitte aber oder an einer Seitenecke ist er mit zwei oder drei Steinen gepflastert, die einem fast ewig brennenden Feuer als Herd dienen. Hier in unserem Ergastirion war sogar noch eine Art Luxusbau. Im Hintergrunde erhob sich ein hölzerner Söller, zu dem eine Leiter hinaufführte. Dort war die Schlafstätte. Unter dem Söller lagen vier stattliche Fässer. Einige Männer saßen in landesüblich orientalischer Weise mit untergeschlagenen Beinen auf einem bunten Teppich, der über einen Teil des Fußbodens gebreitet war. Sie rauchten ihre Papierzigarren und schwatzten und waren froh, als der Wirt, der schon öfters mit Fremden verkehrt hatte, mit uns einige Worte italienisch und französisch radebrechte. Er lieferte ihnen durch das, was wir ihm von unserem Namen, Vaterland und Reisezweck sagten, willkommenen Stoff zu neuer Unterhaltung. Der Wein lockte mich. Aber es erging mir auch hier, wie es mir bisher noch immer mit dem griechischen Wein ergangen ist. Er ist für mich fast ungenießbar; denn er ist stark mit Harz vermischt. Es ist sicher, daß die Alten gleichfalls diese Gewohnheit hatten; das lehrt uns schon der mit einem Pinienapfel gekrönte Thyrsus des Dionysos. Aber mein Gaumen ist nicht Altertumsenthusiast genug, um sich dieserhalb zu bekehren. Ich setzte mich in die Nähe der Tür. Draußen plätscherten kühlend die Wellen des Kephissos; vier schattige Silberpappeln standen am Ufer, und durch das sanfte Grün der Blätter hindurch blickte eine kleine Kapelle der Heiligen Jungfrau, die von der griechischen Religion unter dem Namen der Panagia verehrt wird; und aus weiterer Ferne ragen die blauen Formen des Hymettus herüber. Nachdem wir uns ausgeruht hatten und unsere Wanderung fortsetzten, kamen wir in wenig Minuten in einen schönen Zypressengarten. Durch alle Jahrhunderte hindurch hat sich die Überlieferung erhalten, daß dies der Platz der alten Akademie ist, und alle Nachrichten, die wir von der örtlichen Lage dieses berühmtesten Gymnasiums der Athener besitzen, bestätigen diese Kunde. Wo einst prächtige Heiligtümer standen, wo die schönste Blüte der athenischen Jugend die angeborene Körperschönheit lustig durch gymnastische Übungen stählte und wo von den Lippen des Platon die höchste Weisheit der Griechen in lieblicher Rede ertönte, da ist jetzt nur ein einsames Landhaus, dessen Mauerwerke mit wertlosen Skulpturfragmenten geschmückt sind. Aber das dunkle Grün der melancholischen Zypressen und die lautlose Stille, die hier waltet, stimmt zu dem wehmütigen Ernste, der uns überkommt, wenn wir hier unwillkürlich an den erschütternden Gegensatz des glänzenden Einst und des traurigen Jetzt denken müssen. Wenn man aus dem Garten wieder in das offene Tal tritt, da erblickt man zwei Anhöhen, die, nicht weit voneinander entfernt, eine jede sich etwa hundert Fuß über die Ebene erheben. Die nördliche ist mit einer kleinen Kapelle geschmückt, die, wie mir ein vorübergehender Grieche sagte, dem heiligen Ämilian geweiht ist; die südliche, mehr der Stadt zugekehrte, trägt eine einfache Grabstele, die uns schon von weitem mit dem blendenden Weiß ihres Marmors entgegenschimmert. Ich wußte, wer dort den ewigen Schlaf schläft. Ich bestieg den Hügel. Auf einer Basis von hymettischem Stein erheben sich drei Stufen aus pentelischem Marmor, und auf diese ist die Stele gestellt, die in griechischer Sprache die kurze Inschrift trägt: »Karl Otfried Müller. Er wurde geboren zu Brieg in Schlesien im Jahre 1797 und starb zu Athen den 20. Juli (1. August) 1840.« Rings um die Stele herum, auf allen Seiten des Hügels, wachsen die rotblauen Blüten des Asphodelos, jener altgriechischen Totenblume, die Homer sogar in der Unterwelt blühen läßt. Das ist wohl die schönste Grabstätte, die die Phantasie sich nur immer für diesen sinnigsten Altertumskenner wünschen konnte. Dieser Hügel beherrscht die ganze Attische Ebene. Gerade gegenüber liegt Athen und die Akropolis mit den emporragenden Säulen des Parthenon und des Erechtheion; zur Rechten der Parnes und Ägaleos, zur Linken der Pentelikon, Hymettus und Lykabettus; und über die Akropolis hinüber schweift der Blick auf das blaue Meer mit Ägina und Salamis. Dicht unter uns das schöne Grün der Akademie und des Olivenhaines, durch das die Silberwellen des Kephissos hindurchblitzen. Es ist der alte Hippies Kolonos, der Schauplatz der schönsten Tragödie des Sophokles, des »Ödipus auf Kolonos«. Und als ich wohl länger als eine Stunde hier saß, auf den Marmorstufen von Otfried Müllers Grabmal, und meine Augen nicht müde wurden, immer und immer wieder in der herrlichen Landschaft umherzuschauen, da erklang fortwährend in meinem Innern jener unnachahmlich schöne Chorgesang, mit dem Sophokles seinen Geburtsort Kolonos verherrlichte. Jener Gesang hatte sich schon früh meinem Gedächtnis eingeprägt; aber noch nie fühlte ich ihn, so wie heute, in seiner ganzen tief ergreifenden Innigkeit. Zur rosseprangenden Flur, o Freund, Kamst du, hier zu des Landes bestem Wohnsitz, Dem glanzvollen Kolonos, wo Häufig flatternd die Nachtigall In helltönenden Lauten klagt Aus den grünenden Schluchten, Wo weinfarbiger Efeu rankt, Tief im heiligen Laube des Gottes, dem schattigen, früchtebeladenen, Dem stillen, das kein Sturmwind Bewegt, wo der begeisterte Freudengott Dionysos stets hereinzieht, Im Chor göttlicher Ammen schwärmend. Hier im schönen Geringel blüht Ewig unter des Himmels Tau Narkissos, Der altheilige Kranz der zwei Großen Göttinnen; golden glänzt Krokos: nimmer versiegen die Schlummerlosen Gewässer, Die vom Strome Kephissos her Irren; ewig von Tag zu Tag Wallt er mit lauterem Regenergusse durch Der breiten Erde Fluren, Das Land schnell zu befruchten, das Auch die Chöre der Musen nie verschmähten, Noch Kythere mit goldenen Zügeln. Hier auch blüht ein Gewächs, wie im Gefild Asias keines, Noch auf dorischer Flur, dort in dem weit Prangenden Eilande des Pelops Erwuchs; von selbst ohne Pflege keimt es, Der Feindespeere Schrecken, das Gewaltig aufblüht in dieser Landschaft: Mein sproßnährender, blauschimmernder Ölbaum, Den kein bejahrter, kein junger Heerfürst Je mit feindlicher Hand tilgend verheert, Denn mit dem ewigen wachen Blick Sehn Zeus Morias Augen ihn, Und helläugig Athene. Noch ein anderes Lob meiner Geburtserde, das beste, Des großwaltenden Meergottes Geschenk, Nenn ich, des Landes edelste Gabe – Des Meeres Herrschaft, der Ross' und Füllen. O Kronos' Sohn, du holst es ja Zu diesem Preis, hehrer Gott Poseidon, Der dem Rosse den wutstillenden Zügel Am ersten umwarf auf diesen Wegen. Sieh, schnell rudernd, mit Macht nieder zum Meer Hüpft in den Händen geschwungen das Ruder, das Nereiden rings Hundertfüßig umtanzen. Das Anschauen dieser sagen- und liederberühmten Orte ist durchaus nicht bloß der einfache Genuß landschaftlicher Schönheit; der Reiz liegt auch nicht allein in der sentimentalen Erinnerung, daß man hier auf einer Stelle steht, auf der einst die größten Männer des Altertums, ein Sophokles und Platon, gestanden; nein! man gewinnt in der Tat von der griechischen Sitte und Denkweise eine so lebendige Vorstellung, wie man diese daheim niemals durch das tote Bücherstudium gewinnen kann, Da sprechen unsere Ästhetiker immer davon, daß der Dichter sich vor der zeitlichen und örtlichen Nähe hüten müsse, daß diese der Idealisierung schwer zugänglich sei, daß der Dichter gut tue, wenn er den Leser oder Zuschauer in ferne Zeiten und Gegenden führe, denn dieser folge dann williger den Lockungen der dichterischen Erfindung. Aber wie unwahr! Gerade aus der Verherrlichung der nächsten Nähe zog hier die Sophokleische Tragödie ihre gewaltigste Wirkung. Dieser Hain von Kolonos, den Sophokles so schön besingt, ist nicht eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Und wer ein noch schlagenderes Beispiel haben will, der braucht nur an die Eumeniden des Äschylus zu denken. Auf der Akropolis war der Tempel der Athene, dicht darunter das Heiligtum der Eumeniden und daneben der Areopag. Und Äschylus setzt die Szene seiner Tragödie unmittelbar vor diesen Athenetempel, und am Schlusse des Stückes steigen die Athener herab und begleiten die Eumeniden in nächtlichem Fackelzuge singend in ihr Heiligtum, ja sogar der Grundgedanke der ganzen Dichtung ist wesentlich gar nichts anderes als die religiöse und dichterische Verherrlichung des altehrwürdigen Gerichtshofes, des Areopag, den der Dichter vor demokratischen Neuerungen wahren will und den er daher als von den Göttern selbst eingesetzt und beschützt darstellt. Das moderne Drama erlaubt sich höchstens in der Komödie diese örtliche und zeitliche Nähe des Inhalts. Die Athener aber fühlten auch im Ernst der Tragödie durch diese Nachbildung der nächsten Umgebung ihre Illusion nicht beeinträchtigt; im Gegenteil! – sie fühlten sich nur gehoben und gleichsam über sich selbst hinausgetragen, wenn von dem, was sie alle Tage vor Augen hatten, der Dichter ihnen die ganze Tiefe der religiösen und poetischen Bedeutung offenbarte. Die Stadt, die alte und die neue Athen, 4. April Athens landschaftliche Lage ist in der Tat wunderbar schön. Du weißt, wie lieb mir die nächste Umgebung von Rom ist; drei glückliche Jahre meines Lebens wanderte ich fast täglich mit immer neuem Entzücken in der Campagna umher. Aber dennoch muß ich's sagen, die Umgebung von Athen ist viel schöner als die Umgebung von Rom. Einer der günstigsten Punkte, die ganze zauberhafte Landschaft zu überschauen, ist der Berg von Munychia. Er erhebt sich nicht weit vom Meere; zu seinen Füßen liegt der kleine Hafen, der mit ihm den gleichen Namen trägt. Dieser Berg beherrscht alle Häfen der Piräischen Halbinsel. Thrasybul stürzte die dreißig Tyrannen, indem es ihm gelang, sich zum Herrn von Munychia zu machen. Und alle Belagerungen Athens von der Zeit Alexanders bis auf die neuesten Freiheitskriege herab beweisen hinlänglich, mit welchem Rechte schon unser alter Jugendfreund Cornelius Nepos behauptet, daß der Meister der Munychia auch immer der Meister von Athen sei. Auf diesem Berge war ich heut. Ich fragte wenig nach den Überresten des Athenetempels und nach den Festungsmauern und nach den alten Zufluchtshöhlen, die sich hier noch finden. Diese Dinge sind nichtssagend und unbedeutend gegen die Fernsicht, die hier unserer wartet. Unter uns das sonnenwarme tiefblaue Meer mit den nahen Inseln Salamis und Ägina und den duftig violetten Felsen von Poros und Thermia. Weiter hinüber in wunderbarer Klarheit die unzähligen Buchten und Berge und Felsriffe des langhingezogenen Küstensaumes des Peloponnes. Und wenden wir uns dann nach der Landseite, da liegt die Attische Ebene vor uns in einer Pracht und Schönheit, die würdig zu schildern nicht einmal die Form und die Farbe des Malers, geschweige denn das arme farb- und gestaltlose Wort der Sprache die Kraft hat. Diese weite Ebene erscheint fast wie ein regelmäßiger Halbkreis. Das zeigt sich besonders, wenn man nach der nördlichen Seite hinblickt, nach den Grenzgebirgen Böotiens. Der Kreis beginnt im Osten mit den hohen, ruhig und schwungvoll gezogenen Linien des Hymettus, er geht dann über in den mächtig aufsteigenden Pentelikon, biegt nördlich in die Rundung der attisch-böotischen Grenzberge des Parnes und läuft westlich in den Bergzug des Ägaleos aus, von dessen äußerster Spitze der übermütige Xerxes der Schlacht von Salamis zuschaute. In der Ebene selbst aber erheben sich dann, wieder kleinere Berge und Hügel. Der bedeutendste unter ihnen ist der kegelförmige, schlanke, oben mit einer kleinen Kapelle des heiligen Georg gekrönte Lykabettus, an dessen linke Seite sich eine sanfte Hügelreihe ansetzt, die sich dann bald in das Tal senkt, um nach kurzer Unterbrechung aufs neue in den beiden Hügeln von Kolonos aufzutauchen. Und rechts vom Lykabettus, von diesem geschieden durch die breite Niederung, in der die Stadt liegt, steigen dann fünf andere vereinzelte Höhen auf; keine über vierhundert Fuß hoch; aber alle schön geformt und – was ihnen den eigensten Reiz gibt – umweht von dem Zauberhauche der alten Geschichte und Sage. Es sind die Höhen des Museion, der Pnyx, des Areopag und der Akropolis und als letzter Endpunkt der Nymphenhügel. Die Säulen der Akropolis strahlen im goldigsten Glänze herüber, die blitzenden Dächer der Stadt und die weißen Marmormassen des hohen Königspalastes bringen Leben und Bewegung in die stille Ruhe der Landschaft, und selbst da unten die silbergrauen Blätter des frischen Olivenhains, durch den die Wellen des Kephissos zuweilen hindurchblinken, bilden mit dem wechselvollen Spiel ihrer Farben einen wirksamen Mittelgrund, der sanft hinüberführt von der Bläue des Meeres zum Farbenglanze der Stadt und der Berge. Die Landschaft von Athen ist eine plastische Landschaft. Plastisch auch in dem Sinne, daß sie notwendig in den Bewohnern eine fest umrissene, plastische Anschauungsweise hervorrufen mußte. Auch das zweifelsüchtigste Gemüt muß es wohl endlich einsehen, wie innig der griechische Tempel und der romanische Baustil und die Formengroßheit der italienischen Maler den breiten und ruhigen Formen der griechischen und italienischen Berge entsprechen; der gotische Dom aber und die eigensinnige, fast porträthafte Naturwirklichkeit der altdeutschen Maler den eigensinnigen Zacken und Spitzen der deutschen Landschaft. Die Höhen, die das Tal von Athen begrenzen, sind nicht so nahe, um den Blick zu erdrücken, und nicht so fern, um unbestimmt zu verschwimmen. Ja wer es wüßte, wie dieses alte Athen aussah! Es hat doch einen eigenen Reiz, die Stätte genau zu kennen, auf der das bedeutendste Volk gelebt, sich gebildet, gedacht, gekämpft und geduldet hat. Und doch wissen wir von der Gestalt der alten Stadt so gut wie gar nichts. Nicht einmal über den berühmtesten alten Stadtteil, über Lage und Umfang der Agora, konnte man sich bisher gehörig vereinigen. Es ist im Grunde genommen auch unnütz, diesen Dingen weiter nachzugehen. Hier können nur ausgedehnte Ausgrabungen endgültig entscheiden, und diese sind durch die Gründung des neuen Athen auf lange Zeit hin unmöglich geworden. Die Alten bezeichnen Athen als die volkreichste Stadt von ganz Griechenland. Xenophon sagt in den Denkwürdigkeiten des Sokrates (III, 5), Athen allein habe soviel freie Bürger wie ganz Böotien. Dennoch ist nach Böckhs und Leakes ausführlichen Untersuchungen die Einwohnerzahl Athens, die Sklaven mit eingeschlossen, schwerlich jemals über zweimalhunderttausend Seelen hinausgegangen. Über den Umfang der Stadt haben wir nur sehr verworrene Nachrichten. Jedenfalls aber nahm sie, soweit man die Spuren der alten Mauern verfolgen kann, einen bedeutenden Raum ein. Thukydides sagt einmal, daß, würde einst die Stadt der Lakedämonier verödet und es blieben nur die Tempel und die Grundmauern der Häuser übrig, so würden bei den Nachkommen sich große Zweifel erheben, ob ihre Macht dem Rufe entsprochen habe; denn Sparta sei nicht zusammengebaut und habe keine kostbare Tempel und Anlagen, sondern sei nach althellenischer Weise dorfartig eingerichtet. Sollte aber, setzt er hinzu, die Athener das nämliche Schicksal treffen, so würde man aus dem äußeren Ansehen der Stadt schließen, sie sei doppelt so mächtig gewesen, als sie in der Tat ist. Prachtvoll oder gar palastreich im Sinne der mittelalterlichen und modernen Städte war das alte Athen ganz gewiß nicht. Allerdings standen auf allen Straßen und Plätzen gewaltige Tempel, Heiligtümer, Säulenhallen, Statuen und Altäre; in der Nähe der Stadt waren schattige Haine und Spaziergänge, ja wir hören sogar von grünen Weiden und Platanen, mit denen der Markt bepflanzt war. Aber wie der Bürger nur dem Staate gehörte und das Privatleben fast ganz und gar im Staatsleben aufging, so verbot auch die alte Sitte Glanz und Behaglichkeit der Privatwohnungen; der künstlerische Bau gehörte nur dem Tempel und den Staatsbauten. Die Häuser waren meist unansehnlich aus ungebrannten, an der Luft getrockneten Lehmziegeln gebaut und, wie die Häuser von Pompeji und Herkulanum, von geringem Umfang; im oberen Stockwerke hingen häufig auf die Straße Erker und Balkone herüber; und vorspringende Treppen und Geländer und Türen, die nach außen geöffnet wurden, beengten die Straßen. »Die Häuser des Themistokles, Aristides, Miltiades und Cimon«, sagt Demosthenes, »sehen nicht schöner aus als die eines Mannes vom großen Haufen; aber des Staates Gebäude und Anstalten sind so groß, daß sie von keinem späteren übertroffen werden können.« Erst in der Zeit des Perikles erhoben sich prächtigere Privathäuser, und später scheint allerdings der Häuserluxus immer mehr überhandgenommen zu haben. Die Preise der Häuser, welche in den alten Schriftstellern vorkommen, gehen, nach Böckhs Angabe, von drei Minen (75 Tlr.) bis zu 120 Minen (3000 Tlr.), je nach der Größe, Lage und Beschaffenheit; Preise freilich, die wir erst dann richtig schätzen, wenn wir wissen; daß zur Zeit des Perikles eine Familie von vier Personen bei knappem Haushalt mit 120 Tlr. jährlich auskommen konnte. Das »Leben Griechenlands«, das man früherhin dem Dikäarch zuschrieb, enthält eine Schilderung Athens. Die Straßen Athens, meint es, seien so krumm und eng und die Häuser so klein und unbequem, daß ein Fremder, der plötzlich in die Stadt versetzt würde, mit Recht zweifeln müßte, ob er in dem berühmten Athen sei. Aber es setzt hinzu: dieser Zweifel verschwinde, wenn er das Odeion sehe, »das prächtige, große und bewunderungswürdige Theater, und den kostbaren, hochragenden, staunenswerten Parthenon, der sich gerade über dem Theater erhebt und den Beschauer in großes Entzücken versetzt«. Was für entsetzliche Verwüstungen ergingen doch gerade über Athen! Man kann nicht ohne tiefste Erschütterung lesen, was Fallmerayer, dieser gründlichste Kenner des griechischen Mittelalters, in einer besonderen Abhandlung (Stuttgart 1835) über die Geschichte Athens zusammengestellt hat. Die römischen Kaiser haben Athen aus Achtung vor seiner großen Vergangenheit immer mit der größten Auszeichnung behandelt. Athen behielt Glanz und Wohlstand, ja es erlebte unter Hadrian eine nicht zu verachtende Nachblüte seiner alten Herrlichkeit. Aber Athen versank, als die Barbaren des Nordens, denen auch das römische Reich zum Opfer fiel, unaufhaltsam nach Griechenland vordrangen. Zuerst kamen die Skythen, in der Mitte des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Wie ein wilder Wettersturm rauschten sie rasch vorüber. Der Geschichtschreiber Dexippus oder, wie andere wollen, ein sonst unbekannter Feldherr namens Kleodemus, schlug sie zurück. Eine alte, von Fallmerayer mitgeteilte Chronik will wissen, daß damals in Attika die Bäume verbrannt, die Häuser der Götter niedergerissen und namentlich vom Tempel des olympischen Zeus sechs Säulen umgestürzt wurden. Sodann kommt am Schlusse des vierten Jahrhunderts der Gotenkönig Alarich, der große Zerstörer des griechischen Altertums. Aber Alarich verfährt ziemlich glimpflich; er rückte schnell gegen den Peloponnes vor. Athen, obgleich nach dem Ausdruck des christlichen Bischofs Synesius der Haut eines verbrannten Opfertieres ähnlich, war am Anfang des fünften Jahrhunderts nichtsdestoweniger noch immer der Sitz und der Mittelpunkt aller damaligen Wissenschaft und Weisheit. Athens letzte Stunde schlug in der Mitte des sechsten Jahrhunderts, unter der Regierungszeit Justinians I. Es war die Zeit jener großen Völkerwanderung, in der die Völker zwischen der Donau und dem Baltischen Meere wie eine gewitterschwere Wolke sich über ganz Griechenland ergossen und im ganzen byzantinischen Reich, wie ein Zeitgenosse jener greuelhaften Ereignisse sagt, keinen Landstrich, keinen Berg und keine Felsschlucht unverwüstet ließen. Damals wurde Athen von seinen Bewohnern verlassen, und Attika blieb beinah vier Jahrhunderte eine menschenleere Wüste. Die Athener flohen, wie einst ihre großen Vorfahren zur Zeit der Perserkriege, hinüber auf die Insel Salamis, wo sie sich Häuser und auch Kirchen bauten. Nur wenige waren in der Akropolis und einige andere in mehreren Türmen der Stadt zurückgeblieben. Jeden Augenblick fielen Räuber aus dem Peloponnes ein, griffen die wenigen Zurückgebliebenen an, raubten, was sie fanden, und zogen sich dann wieder in die Gebirge zurück. Auf den menschenleeren Straßen wuchsen Bäume, und die ganze einst so herrliche Stadt wurde zuletzt ein Wald, ein Dickicht von Ölbäumen, in welches einmal, wahrscheinlich im Jahre 746, die Räuber Feuer anlegten. Dieser Brand verzehrte alles, Bäume, Häuser und Altertümer. Und zu guter Letzt kam sogar noch ein Erdbrand hinzu, der die Weinberge am Piräus, die bis dahin die Athener von Salamis aus bebaut hatten, und den großen Olivenwald am Kephissos und alles Gehölz zwischen dem Hymettus und dem Meere vernichtete. Nur die Wellen, sagt klagend die alte Chronik, konnten der Wut des Feuers Grenzen setzen. In diesem Zustande wurde Athen das byzantinische Sibirien. Wer am Hofe in Kostantinopel in Ungnade fiel, wurde auf die athenische Akropolis verbannt. Erst im ersten Drittel des zehnten Jahrhunderts tauchen wieder Nachrichten von einem neuen Athen auf. Aber die Bevölkerung war nur gering, obgleich sich die Bewohner von ganz Attika in die neue Ansiedelung zusammengedrängt hatten. So war die Lage Athens, als durch die Zertrümmerung des byzantinischen Reiches im Jahre 1204 Attika und Böotien einem burgundischen Baron, Otto von La Roche, als Beute anheimfielen. Drittehalbhundert Jahre blieb es unter der Herrschaft dieser Herzoge von Athen, die bald aus burgundischem, bald aus spanischem, bald aus florentinischem Geschlecht waren. Athen erblühte rasch; als Residenz wurde es mit schönen Gebäuden geschmückt und bevölkerte sich mit einer großen Anzahl vornehmer französischer Familien aus Burgund, aus der Champagne und der Provence, mit spanischen aus Katalonien und den Balearischen Inseln, mit italienischen aus Genua, Florenz, Neapel und Sizilien. Auf dem Lande erhoben sich Ritterburgen; die Feudalherrschaft mit allen ihren guten und bösen Eigenschaften wurde in Attika heimisch. Im Jahre 1456 kam Athen in den Besitz der Türken. Zweimal, im Jahre 1464 und im Jahre 1687, versuchten die Venezianer, es zu erobern. Vergeblich. In dieser letzten Belagerung war es, wo eine venezianische Bombe den Parthenon zerschmetterte und Athen wiederum völlig zerstört wurde. Drei Jahre lang blieb es verödet; die Bürger hatten sich auf Morea und die venezianischen Inseln zerstreut. Nach und nach kamen etwa siebzig griechische Haushaltungen und einige Türken in die verlassene Stadt zurück; zu diesen gesellten sich allmählich neue Ankömmlinge. Und dies ist dieselbe Bevölkerung, die im wesentlichen unverändert blieb, bis im Jahre 1821 der griechische Befreiungskrieg ausbrach. Überdenken wir diese entsetzlichen Wendungen im Schicksal des athenischen Bodens, wahrlich! da wundern wir uns nicht länger, daß nur so spärliche Denkmale der alten athenischen Herrlichkeit auf uns gekommen sind, sondern es dünkt uns fast unbegreiflich, wie überhaupt noch so viele dem allgemeinen Verderben entrinnen konnten. Oben auf der Akropolis können wir uns aus den Trümmern der Perikleischen Bauten die verlorene Schönheit wie aus einem Palimpsest zwar mühsam, aber doch ziemlich verständlich herauslesen, hier unten aber in der Stadt selbst, von deren Bauten und Denkmalen doch sogar noch der alte Reisebeschreiber Pausanias zur Zeit der römischen Kaiser so Staunenswertes zu berichten wußte, ist fast alles von der alten Herrlichkeit spurlos verschwunden. Der schöne Theseustempel und das choragische Denkmal des Lysikrates – das ist alles, was aus der alten griechischen Zeit übrig ist. Ein kleiner ionischer Tempel, in Form und Anlage dem Niketempel sehr ähnlich, gewöhnlich der Tempel am Ilissus genannt, stand noch am Ende des vorigen Jahrhunderts aufrecht. Auch dieser ist jetzt völlig vernichtet. In den letzten Tagen sind Mauerreste aufgegraben worden, die vermutlich dem Buleuterion, dem alten Rathause der Fünfhundert, angehören. Aber diese Mauern sind ärmlich und unschön und stammen unzweifelhaft erst aus einer späteren Zeit. Wahrscheinlich wurde das alte Buleuterion ein Raub von Sullas Verwüstungen. Ungleich mehr Überreste sind aus der Zeit der Römer erhalten; besonders aus der Zeit Hadrians, der in seiner Verehrung des griechischen Altertums der größte Wohltäter des späteren Athens ward. Ich fühle keine Neigung in mir, dir jetzt ausführlich den sogenannten Turm der Winde oder die Stoa und das Tor des Hadrian und das Theater des Herodes Atticus zu schildern. Es sind zum Teil gewaltige Werke. Aber angesichts der hohen Vollendung der Perikleischen Bauten wird man ungerecht gegen sie. Wer mag es mir verargen, wenn ich die kurze Zeit, die mir hier in Athen gegönnt ist, lieber Homer und Sophokles lese als Virgil und Seneca? Da drüben dicht unter dem östlichen Abhange der Akropolis steht der riesige Tempel des olympischen Zeus. Es war der größte Tempel des Altertums; bereits Pisistratus hatte ihn begonnen, Hadrian aber erst vollendet. Noch sind sechzehn gewaltige Säulen erhalten, eine jede sechzig Fuß hoch und von einem Umfang, dessen Durchmesser mehr als sechs Fuß beträgt; oben sind sie gekrönt mit wunderbar reichen, fein profilierten korinthischen Kapitellen. Ich fühle es, fänden wir diese Säulen einsam für sich, durch keine anderen großen Eindrücke beeinträchtigt, wir würden weither zu ihnen wallfahrten und ihnen aus vollster Seele unsere gerechte Bewunderung zollen. Hier in Athen aber, durchdrungen von der einfachen Erhabenheit der höchsten Kunstblüte, erwecken diese Säulen in uns nur das Gefühl der Leere. Wir sehen es, wie vergeblich sie sich abmühen, durch äußere Kolossalität und Pracht zu ersetzen, was ihnen an innerer Gediegenheit abgeht; und dieses Gefühl der Leere wird nur um so unabweislicher, je unverkennbarer dieser Bau in tolldreister Selbstüberschätzung die Herrlichkeit des benachbarten Parthenon zu überbieten trachtet. Das neue Athen liegt durchaus auf dem Grunde des alten. Es ist wohl hauptsächlich vom König Ludwig ausgegangen, daß gerade Athen wieder die Hauptstadt des neuen Königreichs wurde. Diese sentimentale Romantik war aber entschieden ein politischer Mißgriff. Das alte Athen siedelte sich hier an, weil alle ältesten griechischen Städte aus Furcht vor den Einfällen der Seeräuber sich in einiger Entfernung vom Meere, landeinwärts, auf steile Anhöhen ansiedelten. Heute fällt diese Ursache weg. Griechenland ist wesentlich auf die See angewiesen. Die natürliche, das heißt die durch die Zeitverhältnisse und durch die billige Rücksicht auf Griechenlands Handel und Weltverkehr geforderte Lage der neuen Hauptstadt war nur der Piräus, wie ja schon Themistokles den Athenern anriet, diesen als ihre eigentliche Stadt zu betrachten. Vielleicht war aber Attika überhaupt für eine Städtegründung, die der natürliche Mittel- und Schwerpunkt eines einheitlichen Königreichs sein soll, in einer zu entfernten Landecke gelegen. Es zeugt von der hohen Weisheit Kapodistrias' und der Venezianer, daß sie zunächst Nauplia, das schöne, mit einem herrlichen Hafen versehene, zu ihrem Regierungssitz wählten. Und bekanntlich ging man einmal sogar mit dem Plan um, die Hauptstadt auf den korinthischen Isthmus zu legen, auf die schmalste Stelle desselben; sie beherrschte dann beide Meere. Nichtsdestoweniger ist das neue Athen bis jetzt rasch aufgeblüht. Es hat einige zwanzigtausend Einwohner und nimmt einen stattlichen Flächenraum ein. Zwei Hauptstraßen, die sich in ihrer Mitte rechtwinklig durchschneiden, durchlaufen die ganze Länge und Breite der Stadt. An diese setzt sich dann das übrige wirr durcheinandergeschlungene Straßengeäder. Die eine dieser Hauptstraßen, die Hermesstraße, geht von Westen nach Osten; sie ist die unmittelbare Fortsetzung der vom Piräus kommenden Landstraße und mündet in den großen freien Platz, der eine hübsche Gartenanlage vor der königlichen Residenz bildet. Sie wäre in moderner Weise ganz geradlinig, wenn nicht an der einen Stelle eine kleine malerische altbyzantinische Kirche vorspränge und durch diesen Vorsprung eine leise Biegung der Straße veranlaßte. Die andere Hauptstraße führt vom Süden zum Norden. Sie heißt die Äolusstraße, weil ihr südlicher Ausgangspunkt der unter der Akropolis liegende, aus der Römerzeit stammende Turm der Winde, der Turm des Äolus, ist. Diese Straße ist uneben, aber durchaus geradlinig; von jedem Punkte aus sieht man die Mauern der Akropolis. Hier ist das eigentlich moderne Athen. Es gibt zwar auch hier noch genug schmutzige Hütten, aber dennoch ist die große Mehrzahl der an diesen beiden Straßen liegenden Häuser zweistöckig, sogar zuweilen elegant und sauber. Hier gibt es Glasfenster und zweiflüglige Haustüren, oft auch Altane, über die dann gewöhnlich ein stumpfwinkliger Seitengiebel vorspringt. Dies sind die Straßen der Kaffeehäuser und Kaufläden. Und siehst du dann unten zu ebener Erde die vielbesuchten Barbierstuben, die auch den heutigen Griechen ganz wie den alten als öffentliche Unterhaltungsorte dienen, und siehst du durch die geöffneten Türen und Fenster in die Werkstätten der Hutmacher, Schuster und Schneider, die auch hier halb auf offener Straße arbeiten, so hast du hier dasselbe heitere und geräuschvolle Straßenleben, das einst in Italien unsere tägliche Freude war. Nur ist hier alles noch bunter und farbenblitzender. Es ist mir unbegreiflich, wie die Genre- und Landschaftsmaler nicht häufiger griechische Motive aufsuchen mögen. Die Häuser der fremden Gesandten und die öffentlichen Staatsgebäude, die Ministerien, die Bank, die Universität liegen vom städtischen Verkehr entfernter, auf freien, zum Teil noch nicht ganz ausgebauten Plätzen, die sich vom nördlichen Ende der Äolusstraße bis zum königlichen Schlosse hinziehen. Dies ist das fashionable Westend des neuen Athen. Nun aber mußt du dich auch einmal in das innere Stadtgetreibe hineinwagen. Das ist freilich ein wüster Knäuel von kurzen, krummen und engen Gassen. Es ist schwer, sich hier hindurchzuwinden. Da ist nichts mehr von Sauberkeit, von zweistöckigen Häusern mit Fenstern und Altanen; überall sind nur elende Hütten und Baracken, dürftig zusammengesetzt aus vier übertünchten, mit einem leichten Ziegeldach überdeckten Mauern; einige Öffnungen mit hölzernen Läden dienen als Tür, Fenster und Schornstein. Straßenpflaster sind natürlich hier ebensowenig vorhanden als in den beiden Hauptstraßen; hat es also geregnet oder wirbelt während des Sommers in Athen, das ohnehin sehr von scharfen Windzügen heimgesucht wird, der Staub recht hoch, so ist für diese armen Troglodyten ein ganz entsetzliches Dasein. In diesem Jammer machen die hochtrabenden Straßennamen, die an allen Ecken und Enden angeschlagen sind, einen fast burlesken Eindruck. Wo sich etwa die Lage der Straße auf bekannte Ortlichkeiten des alten Athen zurückführen läßt, da wandelst du auf einer Straße des Buleuterion, der Poikile, der Eponymen, der Tripoden, des Areopag; oder, wo dies nicht der Fall ist, auf einer Straße des Perikles, des Phidias, Praxiteles, Äschylus, Sophokles oder Euripides. Das ist ganz derselbe lächerliche Bettelstolz, der auch die Taufnamen der neugeborenen Kinder größtenteils einem Achilles, Perikles oder Epaminondas entlehnt. Wie ich die Straßenphysiognomien in europäisch zivilisierte und in eingeborne griechische einteilen möchte, so ist es auch mit der Tracht und dem Behaben der Bewohner. Besonders sieht man dies an den Frauen. Die Männer nämlich, wenn sie nicht gerade Minister oder Professoren oder sonst Leute sind, die längere Zeit im Auslande lebten oder viel mit Fremden verkehrten, tragen ohne Unterschied von vornehm und niedrig fast überall noch die sogenannte griechische Nationaltracht, die den eingewanderten Albanesen entlehnt ist; ja sie tragen sie seit der Septemberrevolution von 1843 um so selbstbewußter, da diese Tracht jetzt als spezifisch national gilt. Bei den Frauen aber scheidet sich die Tracht sehr bestimmt. Die Frauen und Mädchen der höheren Stände oder, fast möchte ich lieber sagen, die der kultivierteren Stadtteile tragen sich durchaus europäisch; nur ein kleiner roter Fes, um den sich in üppiger Fülle die dichten Haarflechten winden, gilt mit bewußter Koketterie als nationales Abzeichen. In den entlegeneren Straßen und Winkeln dagegen herrscht noch ganz und gar dieselbe albanesische Frauentracht, die mit mehr oder weniger auffälligen Verschiedenheiten im ganzen übrigen Griechenland herrscht. Ein langer wollener Rock, vom Hals bis zu den Füßen wallend, dicht genug, daß das Fleisch nicht hindurchschimmert, tief unten an der Hüfte mit einem roten Gürtel zusammengehalten. Über dieses legt sich ein kürzeres wollenes Oberkleid von demselben Schnitte; ebenfalls von weißem Grund, die Breite des Rückens mit zwei langen schwarzen Streifen hervorhebend und, wenn es ein Festgewand ist, bei Mädchen mit roten, bei Frauen mit schwarzen Stickereien umsäumt. Der Kopf ist in durchaus antiker Drapierung mit einem weißen Tuch umhüllt. Diese Frauentracht steht jedenfalls der altgriechischen weit näher als die Tracht der Männer. Noch heute ist dieser Gürtel, der das Gewand festhält, der Stolz der griechischen Frauen ganz wie in der Zeit des Homer, der ihnen gern den Namen der »schön gegürteten« beilegt. Und wie sich noch heute dieser Gürtel nicht sowohl um die Hüfte als vielmehr unten um den Schoß schlingt, so nennt auch Pindar die Frauen βαθύζωνοι, das heißt die tiefgegürteten. Als ich diesen tiefliegenden Gürtel erblickte, da wurde es mir deutlich, auf welche Weise die altgriechische Redensart vom Lösen des Gürtels entstanden sei. Es ist reizend, an Ort und Stelle zu erkennen, wie viele Bezeichnungen, die die spätere Sprache zu bloß bildlicher Bedeutung abstumpfte, ursprünglich rein wörtlich aus sinnlich plastischer Anschauung hervorgingen. Und Beobachtungen dieser Art, die im Neuen das Alte entdecken, stoßen uns hier fast auf jedem Tritt und Schritt auf. Die Jahresfeier der griechischen Freiheitskriege Athen, 6. April Heute war großer Feiertag, Mariä Verkündigung; denn du erinnerst dich, daß der griechische Kalender hinter dem unsrigen um zwölf Tage zurück ist. Es war zugleich das Jahresfest der ersten Erhebung Griechenlands; im Jahre 1821 brach an diesem Tage in Patras und den umliegenden Ortschaften zuerst der offene Aufstand gegen die Türken aus. Nach den Erkundigungen, die wir über die Festlichkeiten eingezogen hatten, stellten wir uns daher gegen zehn Uhr vor den Eingang der auf der Äolusstraße gelegenen Hauptkirche, einer leichtgebauten Basilika, der heiligen Irene geweiht. Die höchsten Militär- und Staatsbeamten Griechenlands, teils in fränkischer Amtsuniform, teil in der farbenblitzenden Nationaltracht, standen bereits vor der Tür, den König festlich zu empfangen; ebenso die Gesandten der fremden Mächte. Die ganze Straße entlang war das Militär aufgestellt, durchaus in bayrischer Weise uniformiert, Infanterie und Kavallerie. Bald sprengte die königliche Leibgarde heran. Darauf folgte, von sechs sehr schönen Pferden gezogen, der königliche Wagen. König und Königin betraten die Kirche, hinterdrein die Minister und Gesandten, dann die drängende Menge. Wir schlossen uns an. Es begann der Gottesdienst. An dem Altar die höchsten Würdenträger der griechischen Geistlichkeit; hohe, ehrwürdige Männergestalten mit edlen, durchaus an das altgriechische Profil erinnernden Gesichtern, mit vollen, bereits vom Alter gebleichten Bärten, in lang wallenden, roten, reich mit Gold gestickten Talaren. Rechts vom Altar war ein Thron aufgerichtet, ausgeschlagen mit rotem Sammet, der reich mit goldenen Quasten und Stickereien umsäumt war; dem Thron gegenüber Generäle, Minister und Gesandte. Es wurde eine lange Liturgie gesungen, so eintönig und näselnd, daß sie völlig unerträglich wäre, wenn der Reisende sich nicht schon unterwegs allmählich an das Ohrzerreißende dieser griechischen Musik gewöhnt hätte. Ich hatte also volle Muße, die »Majestäten« ins Auge zu fassen. Ich stand ganz in ihrer Nähe. Der König war in griechischer Tracht. Er trägt sie seit der Septemberrevolution immer. Die ganze Kleidung war durchaus in den griechischen Landesfarben, weiß und blau; blaue Fustanella mit weißer silberner Schärpe; blaues Kamisol, aber über und über bedeckt von strahlender Silberstickerei; ebenso silbergestickte Gamaschen und Schuhe; krummer Säbel in goldener Scheide; das Haupt entblößt. Er hat schwarzes Haar und schwarzen Schnurrbart und eine freundliche, einnehmende Gesichtsbildung. Dabei sah er keck und munter in die Welt; wer es nicht wüßte, daß er ein Deutscher sei, der könnte ihn leicht für einen geborenen Griechen halten. An seiner Seite stand die Königin, sehr reich gekleidet. Auf dem Haupte saß der rote, fast ganz mit Gold überdeckte Fes, und auch Mieder und Kleid blitzten von feinen Goldstickereien, durch die der schwere rote Sammetgrund mit seinen blauen Arabeskenblumen nur verstohlen durchschimmerte. Die Feier währte etwa eine halbe Stunde. Sie endete mit einem Hoch auf den König. Das Ganze machte den Eindruck einer leeren Zeremonie. Kein lauter Jubel, keine volle Begeisterung. Das Volk als Volk nahm wenig oder gar keinen Anteil an dem Feste. Es fühlt, daß die politische Selbständigkeit ihm den Segen nicht gebracht hat, den es einst von ihr erwartete. Die Stimmung ist überhaupt in Griechenland jetzt eine sehr gereizte. Es liegt offenbar eine politische Krise in der Luft. Das fühlt ein jeder. Daher eine allgemeine Unsicherheit; niemand traut dem kommenden Tage. Vor einigen Wochen fiel hier eine Geschichte vor, die viel Aufsehen erregte und die wesentlich dazu beigetragen hat, das Mißtrauen nur immer tiefere Wurzel schlagen zu lassen. Es wurden anonyme Briefe an den König eingesendet, in denen ein vollständiger Revolutionsplan zur Aufhebung der Verfassung aufgestellt war. Dieser Plan war mit der genauesten Kenntnis der hiesigen Truppenteile und der militärisch wichtigsten Positionen ausgearbeitet. Der König, der zur stillschweigenden Gutheißung dieses beabsichtigten Unternehmens aufgefordert war, übergab diese Briefe den Behörden. Als der Urheber wurde ein früherer Artilleriekadett, namens Bulgari, erkannt. Der Schuldige wurde in Syra ergriffen, als er eben im Begriff war, aus Griechenland zu entfliehen. Er sitzt jetzt hier im Gefängnis; die Untersuchung ist im vollen Gange. Seitdem ist der Glaube an das Vorhandensein einer weitverzweigten Verschwörung das Schreckensgespenst, das auf aller Gemüter lastet. Bald spricht man nur von Aufhebung der Verfassung, bald sogar von beabsichtigten Attentaten auf das Leben des übrigens hier im ganzen Lande beliebten Königs. Die Revolution von 1843 war durchaus nicht aus dem Drange nach einer Konstitution hervorgegangen. Sie war nur ein nationaler Rückschlag gegen das aufgedrängte Bayerntum. Die Konstitution fand sich erst nachträglich, sozusagen über Nacht, wie die Franzosen durch die Februarrevolution über Nacht wider Wissen und Willen zu einer Republik kamen. Die Griechen sind daher der unendlichen Mehrzahl nach ihrer Konstitution herzlich überdrüssig. Und zwar um so mehr, da Griechenland bei einer Bevölkerung von höchstens 900000 Einwohnern über hundert Deputierte hat und der Diätensatz für diese Deputierten ganz unverhältnismäßig hoch gesetzt ist. Über die Aufhebung der Konstitution würde man sich also nicht grämen. Man fürchtet aber die Revolution, die dieser Aufhebung vorangehen müßte. Denn bei griechischen Krisen haben auch immer nichtgriechische Elemente ihre Hände im Spiele. Jede gewaltsame Störung des Staatslebens ist daher in Griechenland von unberechenbarer Tragweite, zumal da die Thronfolge noch nicht legitim geordnet ist und Griechenland also ganz und gar wieder allen jenen greuelhaften Wirrnissen anheimfallen würde, aus denen es sich eben erst mühsam herausgerungen hat. Wahrlich, Griechenland ist bemitleidenswert! Griechenland ist und bleibt ein Spielball der diplomatischen Intrigen, bis es nach der einen oder der anderen Seite hin seine Selbständigkeit, die eben erst so teuer erkämpfte, verloren hat. Ich sagte dir schon früher: Griechenland kann sich nicht aus sich selbst erholen; Griechenland ist zu arm dazu. Jedermann kennt die Staatsschuld Griechenlands, jedermann weiß, daß sich diese nicht vermindert, sondern von Jahr zu Jahr steigert. Und wie soll sich dies jemals ändern? Nach dem amtlichen Budget von diesem Jahre liegt der Handel Griechenlands so arg darnieder, daß, nach der mildesten Berechnung, die Einfuhr um sieben Millionen Drachmen die Ausfuhr übersteigt. Und diese entsetzliche Tatsache verschlimmert sich mit jedem Jahre. Der hauptsächlichste Handelszweig Griechenlands sind die Korinthen; sie bilden, nach dem amtlichen Berichte, die Hälfte der Ausfuhrartikel überhaupt. Und diese Korinthenkultur droht ganz zu verfallen; die armen Bauern, die auf den Korinthenbau angewiesen sind, sind durch die ungeheuren Auflagen, die auf ihnen lasten, so tief verschuldet, daß ihnen nicht mehr die nötigen Betriebsgelder zu Gebote stehen. Nur der Wucher findet hier seine Rechnung. Der amtliche Bericht gibt als den niedrigsten Zinsfuß, für den diese Leute Geld erhalten, 15 bis 20 Prozent an. Ebenso ist es mit den übrigen Zweigen des Ackerbaues. Der amtliche Bericht sagt wörtlich: »Der größte Teil der Einwohner ist genötigt, den Ertrag der jährlichen Ernten schon im voraus zu verkaufen oder zu verpfänden, um Betriebskapital zu erhalten, das ihnen nur zu den höchsten Zinsen vorgeschossen wird.« Manufakturen und Fabriken besitzt Griechenland nicht; auch die alltäglichsten und notwendigsten Lebensbedürfnisse werden aus dem Ausland eingeführt. Wie ist es also möglich, daß Griechenland jemals zu einer sicheren materiellen Grundlage komme? Griechenland, wie es jetzt ist, ist eine erkünstelte Schöpfung. Vielleicht daß es sich noch eine Zeitlang erhält, weil Rußland und England sich hier in eigensüchtigem Wettstreite die Spitze bieten. Aber es ist auch nur diese gegenseitige Überwachung jener beiden Mächte, die dem Lande einstweilen noch seine Selbständigkeit sichert. Die Griechen wissen dies. Daher ihre Angst und Unruhe bei dem leisesten Luftzuge, der sich in der politischen Welt erhebt. Die vorwiegende Stimmung ist in ihrem tiefsten Grunde nichts als die trostloseste Verzweiflung an der Zukunft. Betrachtungen dieser Art drängen sich hier dem Beobachter Tag für Tag auf. Aber heute regten sie sich besonders lebhaft in mir, weil mich diese Kälte und Teilnahmlosigkeit gegen die herrschenden Zustände wahrhaft erschreckte. Es machte daher einen eigentümlichen Eindruck auf mich, als mich gerade heute mein Weg bei dem Universitätsgebäude vorbeiführte, das durch die Unterstützung reicher griechischer Kaufleute, die im Auslande leben, gegründet und von einem alten Philhellenen, dem dänischen Architekt Hansen, wie es die Umstände geboten, in bescheidenen Verhältnissen, aber in rein griechischem Stile aufgeführt wurde. Die Gebildeten unter den Griechen hängen mit einer wahrhaft rührenden Liebe an dieser neuen Schöpfung der athenischen Universität. Sie ist durchaus nach deutschem Vorbild eingerichtet. Die Professoren sind größtenteils Griechen, die auf deutschen und französischen Universitäten studiert haben; seit der Revolution von 1843 sind der Chemiker Landerer und der Botaniker Fraas die einzigen Fremden an der Universität; sie lehren aber natürlich ebenfalls neugriechisch. Die Lehrer, mit Ausnahme der Privatdozenten, werden vom Staate besoldet; sie haben nach unserem Gelde durchschnittlich etwa 700 Taler Gehalt, aber kein Honorar für die Vorlesungen. Der Zudrang zum Studieren ist sehr groß. Die Universität zählt über vierhundert Studenten. Dies wäre bei der geringen Bevölkerung Griechenlands kaum zu begreifen, käme nicht ein großer Teil der Studierenden aus Thessalien und Epirus und Kleinasien, also aus dem türkischen Griechenland, ja sogar – so groß ist der Zug der Nationalität – von den Ionischen Inseln, obgleich Korfu ebenfalls eine griechische Universität hat. Die athenischen Professoren pflegen mit Stolz darauf hinzuweisen, wie die Universität in diesem Sinne recht eigentlich der ideelle Mittelpunkt des unter vieler Herren Länder zerstreuten Griechentums ist und als solcher vielleicht die Pflanzschule der künftigen politischen Einheit. Wohl in der ganzen Welt hat kein Universitätsgebäude eine bedeutendere Lage. Wenn der Student aus seinem Hörsaal heraustritt und in der offenen Säulenhalle, die den Eingang bildet, auf- und abwandelt, da hat er den farbenstrahlenden Hymettus vor sich, dessen Bienen sprüchwörtlich mit dem Ruhme der attischen Weisheit und Kunst verwebt sind. Und die alte ehrwürdige Akropolis mit den ragenden Säulen des Parthenon mahnt ihn an die alte Herrlichkeit seines Vaterlandes. Welches Jünglings Herz fühlte sich nicht gehoben durch so ernste Mahnung? Und dennoch! diese Schwingen sind nur die Schwingen des Ikarus; sie können nicht das Unmögliche leisten. Wirkliche Bildung und eine eigene Kunst und Literatur, die die naturnotwendige Blüte dieser Bildung ist, kann nur dort sein, wo materieller Wohlstand ist und ein durch alle Schichten gleichmäßig hindurchgehender Volksunterricht. Was aber will hier der Volksunterricht bedeuten, wenn es an den meisten Orten noch immer an den nötigsten Elementarschulen fehlt und kaum noch die dürftigsten Anfänge zu diesen vorhanden sind? Wie überhaupt die Regentschaft und auch noch die jetzige Regierung den Fehler begangen hat, daß sie statt von unten nach oben lieber von oben nach unten baute und auf die herrschende Barbarei gewaltsam sogleich die höchsten Spitzen, ja sogar die Auswüchse der europäischen Sitte und Bildung pfropfte und also statt Gemeindebeamten lieber Hofmarschälle kreierte, so hat die Regierung zwar vier Gymnasien in Athen, Syra, Patras und Nauplia geschaffen, aber die Volksschulen sind noch genau in demselben Zustande, in dem sie der Präsident Kapodistrias hinterlassen hat, ja der böse Leumund spricht nicht von einer Verbesserung derselben, sondern nur von einer Verschlimmerung. Wie will man ernten, ohne zu säen? Wie soll das Gebäude fest stehen, wenn ihm der Grund mangelt? Deshalb ist es ein zwar wohlgemeintes, aber völlig fruchtloses Bemühen, wenn seit dem ruhmreichen Ausgange der Freiheitskriege einige edelgesinnte Griechen den verfrühten Versuch gemacht haben, eine eigene neugriechische Literatur zu begründen. Diese Versuche haben das Verdienst, die Sprache zu reinigen und sie der altgriechischen immer näherzubringen; aber solange die griechische Bildung nicht fester in sich selbst wurzelt, werden sie immer nur sehr unselbständige Nachahmungen fremder Muster bleiben. Und ich fürchte sehr, daß ein häßlicher Mehltau die Blüte schon im Keime ertötet. Von all den niederschlagenden Eindrücken, die die jetzigen Zustände Griechenlands bieten, war mir der niederschlagendste, daß ich in den hiesigen Buchhandlungen fast ausschließlich nur die allerelendesten Machwerke der neuesten französischen Romanfabrikanten fand. Ist es doch beinah wie mit den armen Völkerschaften der Südseeinseln! Diese haben von der europäischen Bildung nichts gewonnen als das Gift des Branntweins. Von der Universität ging ich nach der Residenz hinüber. Sie ist groß und massenhaft. Die Marmor- und Farbenpracht der inneren Räume ist fast verschwenderisch; das Äußere aber ist nüchtern, kasernenartig. Der Zufall wollte es, daß der König und die Königin eben ausritten. Die Königin voran, modern gekleidet in englischem Reitkleid; stolz und kühn zu Pferde sitzend; zur Seite ein Kammerherr in griechischer Nationaltracht. Hinterdrein mit zahlreichem Gefolge der König; in griechischer Tracht, wenn auch einfacher als heute früh. Es gefiel mir, daß auf der Straße ein Mann aus dem Volke ihm ohne alle Umstände einen Bittbrief überreichte und der König diesen Brief sogleich aufnahm. Ferdinand Gregorovius Siciliana Wanderungen in Neapel und Sizilien Neapel Seit der Revolution von 1848 ist Rom noch stiller geworden, als es schon seinem Charakter nach immer sein mußte; Freude und Lebenslust ist aus dem Volke geschwunden, der Vermögende hält sich ruhig daheim, die arbeitende Klasse ist gedrückt. Immer seltener sind die Volksfeste, der Karneval verfällt, selbst die sonst so heitere Oktoberfeier, welche die Menge vor die Tore ins Freie trieb und beim Becher und Saltarello fröhlich sein ließ, ist fast geschwunden. Rom ist wie eine große Ruine, durch welche nur Prozessionen von Mönchen und Geistlichen ziehen und die nur vom dumpfen Klang der Glocken und geistlicher Musik belebt wird. Alles Lebendige scheint dort von der Geistlichkeit, von den Kardinalen, von den Priestern und Mönchen, allein auszugehen. Das Volk verhält sich nur anschauend. Es handelt nicht, es betrachtet. Und Betrachtung ist hier alles; gleichviel ob ihr Gegenstand die römische Ruine sei oder die Statuen des Vatikan oder eine Funktion in Sankt Peter und in der Sixtinischen Kapelle, wo der Papst und die Kardinale in ruhender Stellung, sich immer gleich, zu einem fertigen Bilde gruppieren, welches man so betrachtet, als wäre es bereits auf die Leinwand getragen. Selbst auf dem Korso, wo der Römer mittags und abends gravitätisch einhergeht, bewegt er sich nicht, um sich zu bewegen, er findet sich dort ein, um die schönen Frauen zu bewundern, welche in den Karossen auf und ab rollen. Man sieht an einzelnen Stellen des Korso Gruppen versammelt, welche sich dort aufgestellt haben, um die vorüberfahrenden Damen ruhig zu betrachten. Der Korso ist wie eine in das Leben übertragene Statuengalerie aus dem Vatikan und gibt volle Ruhe des Anschauens, des langsamen Hin- und Herwandelns. Nun Neapel. Diese fieberhafte Erregung der Lebenstätigkeit und dieses allgemeine Mit- und Ineinanderhandeln des gesamten Volkes ist ganz erstaunlich. Die Stadt scheint in einer fortdauernden Revolution; nichts bleibt, alles fließt, strömt hier von Lebensflut. Gleich groß ist das Gewühl am Hafen, gleich groß auf den Kais, auf den Märkten, auf dem Toledo, und glaubt man sich aus ihm auf Capo di Monte, auf den Vomero, auf den Posilipo gerettet zu haben, so gerät man in ein neues Chaos der Menschenverwirrung. Man hat hier keine Zeit und keinen Raum. Man kann nicht betrachten; wo man auch sei, überall sind die Sinne in einem beständigen Verteidigungskrieg. Selbst die strahlenden Lichter des Meeres und der Küsten machen unruhig, blenden das Auge, regen die Phantasie auf, und nicht einmal in tiefster Nacht hat das Ohr vor dem Lärm der Stimmen und vor dem Rollen der Wagen Ruhe. Ich war auf das Castell San Elmo nach dem Kloster San Martino hinaufgegangen. Dieser fürstliche Bau der Benediktiner, der wohl nimmer seinesgleichen weder an luxuriöser Pracht noch, an Lage haben wird, steht hoch über Neapel auf dem Vomero und bietet eine überwältigende Aussicht auf den ungeheuren Golf und seine Inseln und auf die vom Posilipo bis unter den Vesuv hin sich ausbreitende Stadt. Hier dachte ich das schweigende Neapel ruhig zu betrachten. Aber selbst bis auf diese Höhe hinaufstieg das Brausen der Stadt vernehmlich wie eine nimmer ruhende Brandung, und es schien, als kämpfte das Volk unten mit wildem Geschrei eine Revolution durch. Fragt man sich nun, weshalb und was denn eigentlich diese Tausende von Stimmen unablässig auszurufen haben, so muß man sich endlich sagen: nichts weiter als Genuß, sie bieten alle nichts als Genüsse aus. Der neben mir stehende Benediktiner versicherte mich, daß er aus diesem brausenden Elemente von Volksstimmen mit Entschiedenheit einzelne Worte fruchtausgellender Weiber heraushöre. Und was bieten sie nicht aus, was schaffte diese gesegnete Erde oder industrieller Menschenwitz, was dort nicht seine Stimme fände, vom Thunfisch im Wasser, vom Pfirsich auf dem Baum bis zum Pulcinella auf der Straße und dem Heiligen aus Holz, der eben aus der Werkstätte kam. Nur das schöne Mädchen allein wird nicht ausgeschrien; der Ruffiano schleicht den Toledo entlang und zischelt, vorüberschleichend wie die Schlange: »Una ragazza, fresca, bellissima, di tredici anni.« Ich stand lange auf der Balustrade oben in San Martino und horchte nach Neapel hinab. Wenn dieses Volk, dachte ich, schon in der alltäglichen Regung seiner Tätigkeit, in der ganz gewöhnlichen Stimmung seiner Lebensempfindungen die Lüfte mit solchem Schall erfüllt, wie erst muß es tosen, wenn es im Schmerz und in der Wut aufschreit, wenn diese hunderttausend Lazzaroni im Straßenkampf lärmen oder nach Beute schreien – wie sie es nach dem 15. Mai 1848 getan haben, da sie scharenweise hinter dem Wagen des Königs Ferdinand herliefen und Plünderungsfreiheit begehrten. Mir erzählten Leute, welche in der Märznacht Berlin aufschreien hörten – es soll gar grausig sich angehört haben, selbst in Berlin, wo es im Verhältnis mehr Geheime Räte gibt als Lazzaroni in Neapel. Doch alles bewegt sich hier fröhlich, friedlich und selbst in der buntesten Unordnung dennoch geordnet. Einzelne wie ganze Klassen, ob sie sich tausendfach durchkreuzen, gehen wie die Ameisen in ihrem Staat in gewohnten Richtungen, auf bekannten Geleisen. Das ungeheure Leben zirkuliert hier wie das Blut; uns scheint dieser Pulsschlag bis zur wahnsinnigen Aufregung fieberhaft, und doch ist er normal und geregelt. Die Revolution und die moralische Niederlage der jüngsten Jahre ist ganz spurlos an Neapel vorübergegangen. Das Leben hat ihre Erscheinung hinweggeflutet, und kaum wüßte man von ihr, wenn man nicht von Wohlmeinenden gewarnt würde, in Reden vorsichtig zu sein und die Spione zu scheuen, die allerorten umherwandern, und wenn man nicht zufällig einige verwüstete Häuser und Paläste bemerkte, namentlich auf Medina und Monte Oliveto, wo die Kanonen des Castello Nuovo schonungslos gefeuert haben. Nun ist dem Fremden auch unverwehrt, spitzen Hut und spitzen Bart zu tragen, seitdem die französische Gesandtschaft für einen Schimpf Genugtuung verlangt hat, der einem französischen Untertan in Neapel widerfuhr. Die Polizei hatte ihn auf der Straße aufgegriffen und ohne weitere Umstände in eine Barbierstube gebracht, wo ihm von Staats wegen der Spitzbart abrasiert wurde. Neapolitanischen jungen Leuten begegnet es, daß sie das Verbrechen eines revolutionären Hutes und Bartes auf irgendeinem Verbannungsort, einer Insel oder einem Castell, abbüßen, wie ein Staatsgefangener selbst in Puzzuoli mir erzählte. Man merkt keine Verstimmung, denn diese elysische Natur ist ja niemals verstimmt; man sieht nirgend ein düsteres, nachdenkliches Antlitz, denn dieser lachende Himmel ist eitel Seligkeit. Tausend Barken tummeln sich nach wie vor im Hafen, tausend Karossen jagen über die Chiaja, Santa Lucia wimmelt von Austern- und Makkaroni-Essern, auf dem Molo geigt und harft es nach Herzenslust, alle Theater spielen, das Blut des heiligen Gennaro fließt noch wie sonst, keine Bombe hat den kleinen Pulcinell in die Luft gesprengt, und die Villa Reale ist voll von Fremden, welche Geld ausstreuen. Dies Volk lebt nur für den Augenblick. Es ist im innersten Wesen unpolitisch, untragisch und ohne jenes Pathos, ohne welches geschichtliche Leiden und Taten nicht denkbar sind. So lange Neapel steht, waren seine Herrscher Fremde: Byzantiner, Normannen, Schwaben, Anjous, Spanier, Bourbonen, Joachim Murat. Ein unnationales, charakterloses Volk nimmt jeden Herrscher hin, und noch heute ist es in Neapel höchst ergötzlich, die Münzen mit dem Kopfe Murats friedlich neben denen mit dem Kopfe Ferdinands kursieren zu sehen. Aufgeklärte und denkende Männer, welche aus diesem Volkscharakter kein Hehl machen, sind ratlos. Ich fuhr in einer Nacht von Portici nach Neapel zurück. Unterwegs gesellte sich in meinen Wagen ein Arzt zu mir, ein kräftig blühender Mann, lebhaften Geistes, wohlgebildet. Er sondierte meine Gesinnung, dann sprach er rückhaltlos seine Ansichten über die gegenwärtige Lage Neapels aus. Sie waren so scharf, wie ich nicht erwartet hatte, daß sie vor einem Ungekannten würden ausgesprochen werden. Die Italiener politisieren leidenschaftlich gern mit Fremden und sind dann grenzenlos offen. Der Mann hatte einige Verfolgungen erlitten, weil er mit Poerio obenhin bekannt gewesen. Ich unterbrach das Gespräch, indem ich auf die zahllosen Ampeln deutete, welche man eines Festes wegen auf der Marinella angezündet hatte. »Wie märchenhaft schön«, rief ich aus, »ist dieser Anblick, vereint mit jenem Lichterkranz um den Hafen!« – »Ja«, sagte mein Begleiter, »es ist leider zu schön. Seht, das ist unser Volk. Sie tanzen um jeden Despoten, wenn er ihnen nur ein Kinderspielzeug, ein Lichtchen, eine bunte Ampel vor die Augen hält. Kann diese geblendete Masse einen ernsten Gedanken haben?« Sie sind erbittert, aber sie lachen. Und nirgend auf der Welt läßt sich wohl Despotismus leichter ertragen als in Neapel, denn diese unerschöpflichen Schätze der Natur sind nicht zu zerrütten, dieser Boden ist nicht auszusaugen, dieser Himmel macht alle Lebenstätigkeit öffentlich und läßt der Sitte eine fast schrankenlose Freiheit. Die Natur gleicht hier alles aus, sie ist nirgend demokratischer als in Neapel. Wer kann diese Magna Charta der Freiheit je vernichten? Es war mir für das Wesen Neapels folgende Erscheinung immer charakteristisch: Um die Mittagszeit liegen im Porticus der glänzendsten Kirche Neapels, des Doms San Francesco di Paola, im Angesicht des königlichen Schlosses, stets hundert und aber hundert Lazzaroni ausgestreckt und schlafen, in unschönen Gruppen, mit zerrissenen Wämsern diese Säulenhalle keineswegs verzierend. Ich dachte, sie betrachtend, an jene Lazzaroni des alten Roms, die wohl auch so in den Säulenhallen des Pompejus und des Augustus Siesta hielten, nur hatten sie Getreidemarken in der Tasche, und diese haben keine. In jeder anderen Residenz Europas würde die Polizei solche Schläfer sicher von den Stufen des Doms und aus dem Angesichte des Schlosses hinweggefegt haben. Hier schlafen sie den ruhigsten Schlaf, und vor ihnen schreiten, wie vor einer selbstverständlichen und ganz natürlichen Erscheinung, die Schildwachen achtlos auf und ab, welche an den beiden Reiterstatuen Karls III. und Ferdinands I. schildern. Diese Piazza Reale, so nahe am Meer und doch nicht frei genug gelegen, da vorgebaute Paläste den Blick in die See sehr beschränken, köstlich gepflastert, daß sie einem Tanzsaale gleicht, von eleganten Gebäuden eingefaßt, ist für den neapolitanischen Staat sehr bezeichnend. Hat doch der König, der Hof, die Staatsgewalt hier den Sitz aufgeschlagen, und scheint es doch, als blicke man hier nicht in das Herz Neapels (das ist der Hafen), aber wohl in das Zentralorgan seiner denkenden und leitenden Tätigkeit. Hier fällt denn der Charakter völliger Ungeschichtlichkeit, modernster Nüchternheit und Wesenlosigkeit auf, so in dem schönen königlichen Schlosse mit seiner glatten Fassade, deren rötliche und graue Wandfläche, deren ermüdende Symmetrie eine matte und nüchterne Wirkung hervorbringt, so in den beiden ganz gleichen Seitenpalästen, so endlich in jenem Dom des heiligen Francesco di Paola, einem Abbilde des Pantheons zu Rom, welches durch die innere Unselbständigkeit nur in der Art einer geistlosen und nüchternen Kopie zu wirken imstande ist. Selbst die beiden bronzenen Reiterstatuen Karls III., des Gründers der gegenwärtigen Dynastie, und Ferdinands I., Werke des Canova und des Antonio Cali, munter hellgrün in ihrer Farbe, glatt und leicht in ihren Formen, haben gar nicht den Charakter des geschichtlich Monumentalen, sondern nur den des zufällig Verzierenden. Und so ist überall hier der Geist des Gegenwärtigen, Modernen und einer ziemlich leblosen Heiterkeit verbreitet. Das königliche Schloß würde, ohne daß sein Charakter sich dagegen sträubte, als großes Gartenschloß und Villa in einen grünen Park sich verpflanzen lassen und das sein können, was Caserta oder das Schloß von Capo di Monte ist, dem es ziemlich ähnlich sieht. Auch dies ist für dasselbe ganz wesentlich, daß San Carlo, das berühmte Theater, ja das größte aller Theater, mit ihm verbunden, einen seiner Flügel vorstellt. Die Musen der Oper und des Balletts wohnen unter einem Dach mit dem Oberhaupte des Staats, und in einem Seitenhofe, in welchen man von der Straße aus hinunterblickt, exerzieren jeden Morgen die Schweizer, von Kopf bis zu Fuß in nüchtern blaugraue Leinwand gekleidet, die ich niemals anblicken konnte, ohne zu finden, wie vortrefflich diese grauen Reihen mit der kalten Heiterkeit der Architektur des Schlosses zusammenstimmten. Der König Ferdinand zürnt noch auf Neapel. Das Schloß war wie ausgestorben; der Hof befand sich in dem reizenden Ischia. Aber eines Tages kehrte er nach der Hauptstadt zurück, um dem Feste der Madonna auf dem Mercato beizuwohnen, welche eines fast gleichen Ansehens genießt wie ihre Schwester von Piedigrotta. Ich hatte also das Vergnügen, die königliche Familie und den gesamten Hof sowohl nach dem Mercato als zurück nach dem Residenzschlosse fahren zu sehen. Es war ein überaus prächtiger Zug von ungezählten in Gold strotzenden Kutschen, welcher sich über den Largo di Castello nach dem Schlosse bewegte, und plötzlich erhielt dies stumme und leblose Gebäude den Ausdruck höchster, strahlender Lebendigkeit. Aus keinem Munde hörte ich den Ruf: »Viva il re!« Man entblößte die Häupter, wie man es tut, wenn die Glocken die Ave-Maria-Zeit ankündigen. Prächtig nahm sich das Militär aus, zumal die Husaren auf schönen Pferden und in bunter, malerischer Tracht. In Rom nur an die Züge marschierender Franzosen gewöhnt, war es mir interessant genug, wieder national italienisches Militär zu sehen. Die Neapolitaner sind stattliche Soldaten, trefflich gekleidet, militärisch gehalten, aber man merkt ihnen an, daß sie nur Soldaten scheinen, daß sie gleichsam ein theatralisches Militär sind. Es gibt in Rom charakteristische öffentliche Straßenerscheinungen: die stets paarweise einherwandelnden Korporationen, welche in langen Zügen feierlich sich hinbewegen und in der Totenstille und Leerheit der Straßen malerisch auffallen; sie sind höchst wesentlich für den Begriff der Stadt, weil sie dem Betrachter das aufschließen, was sich darin im innern Leben geistig geordnet und gegliedert hat. Ich will der Hauptsache nach zusammenstellen, was so paarweise durch Rom wandelt: Züge der Mönche, der Nonnen, der Jungfrauen aus den verschiedensten Instituten, der armen Waisenkinder, Züge der Kollegienschüler, der roten, schwarzen, blauen, weißen; Züge der Totenbrüderschaften in ihren Kapuzen, der schwarzen, grünen, weißen, violetten, endlich das Militär. Auch Neapel hat die meisten dieser stereotypen wandelnden Erscheinungen, aber in der ungeheuren Menschenflut fallen sie nicht auf, und das Weltliche drängt das Geistliche zurück. Das Militär ragt hervor, und noch auffallender als dieses treten aus dem Straßengewühle heraus jene unseligen Galeerensklaven, welche paarweise und kettenklirrend, von Soldaten geleitet, je nach ihren Klassen bald in die Farbe des Mordes, blutrot, bald in die des Betrugs und der Schande, hochgelb, uniformiert, durch die Gassen und über die Plätze ziehen und selbst in meilenweiter Entfernung bei Portici und Torre del Greco noch den Blick entsetzen. Schrecklich ist dies Schauspiel und entwürdigend, zumal im Angesicht dieser Natur, welche Herz und Seele erweitert und allein mit seligen Empfindungen des Lebensgenusses erfüllen will. Wie ich schon sagte, tritt in Neapel keine jener ständischen Gliederungen so stark und für sich auffällig in die Erscheinung wie in Rom. Und selbst Geistlichkeit und Mönchschaft – wie allgemein bekannt ist, in unverhältnismäßiger Anzahl vorhanden und das parasitische Gewächs, welches die Lebensentwicklung Neapels hindert – verlieren sich in der Menge, zu deren greller Buntheit allein sie beitragen. Ich habe an jenem Feste der Madonna del Mercato wie später an vielen andern Gelegenheit gehabt zu bemerken, wie auch hier alles ins Weltliche, Heitere, ins Volk selbst hineingezogen wird. Man geht nicht zum Feste, um den Anblick eines geistlichen Pompes oder kirchlicher Schaustellungen zu haben, man geht, um im Freien an der Dekoration der Natur sich zu ergötzen, in welche diese ungeheure Menschenmenge einen nicht zu sagenden Farbenreichtum hineinträgt. Ich sah das neapolitanische Volk in ungezählten Tausenden bei dem Feste Centesimo, dem hundertjährigen Besuch der Madonna des Posilip beim Könige, und nimmer sah ich ein ähnliches Festtheater. Die herrliche Chiaja und die Villa Reale bis an die Grotte des Posilip hin mit buntem Menschengewühl übergossen, Fahnen, Teppiche, Blumen überall; der Golf lichtstrahlend, im Bogen von der Chiaja bis zum Hafen hin sechs ausgeflaggte Kriegsschiffe aufgestellt, welche unablässig feuerten. Gewühl und Getöne sinnverwirrend. Die Prozession aber war unbedeutend, weder voll feierlicher Würde noch von wirklichem Glanz, ja wunderlich für den, welcher eben aus Rom kam. In Rom haben auch die kleinsten Prozessionen immer einen Anstrich von künstlerischer Schönheit, und man merkt wohl, daß die Kunst wohltätige Wirkungen ausübt selbst noch bis auf die geringsten kirchlichen Darstellungen, Embleme, Sinnbilder und Figuren der Heiligen. Nichts ist dort ganz des Sinnes für das Schöne bar; die Götter Griechenlands im Vatikan und auf dem Kapitol wehren selbst noch von den christlichen Heiligen das allzu Christliche, das allzu Barocke oder Häßliche schützend ab. Solche Wirkung auf den Schönheitssinn im Volk übt in Neapel das bourbonische Museum gar nicht aus. Die Plastik, welche das römische Wesen durchaus zu bestimmen scheint, hat auf das Volk in Neapel keinen Einfluß; eher und fast allein nur die Malerei und ganz unbezweifelt das heitere Freskowerk von Pompeji, welches, überall nachgebildet, in die Augen fällt. Je phantastischer, desto beliebter. Welche Bildwerke nun in kirchlichen Prozessionen Neapels zur Schau getragen werden, ist mir zu schildern nicht möglich. Ich sah die geschmacklosesten und abenteuerlichsten Ausgeburten bizarrer Phantasie einhertragen in einer an den indischen Sinn grenzenden Übertreibung. Was hier das Volk anzuschauen verträgt, lernt man schon aus den barocken Skulpturen von Heiligen kennen, welche an den Straßen stehen, auch aus jenen hölzernen Christusbildern, nicht etwa plastischen Figuren, sondern flach aus dem Brett geschnittenen Bildern, welche auf den Plätzen hie und da zu finden sind und mit einer Laterne erleuchtet werden, die aus dem Leibe des Christus selbst heraushängt. Endlich muß man einen Blick in irgendeine Werkstätte der Heiligen Neapels tun, um sich gründlichst darüber zu belehren, wie in diesem Süden Religion und Kunst zugleich dem Volk vor die Sinne gebracht und vom Volke empfangen wird. Ich war eines Tages in eine jener engen und unheimlichen Straßen gekommen, welche vom Hafen sich quer gegen die Berghöhen emporziehen; der Anblick von emsig beschäftigten Künstlern, welche in einem offenen Zimmer saßen, fesselte mich. Ich blickte in ein langes, tiefes, nach innen sich verdunkelndes Gemach hinein; dort standen an den Wänden übereinander Reihen von schon fertigen Heiligenbildern, in der Mitte aber eine Agnes mit dem Lamm, im fliegenden weißen Röckchen, mit kirschrot gefärbten Wangen. Am Eingange arbeiteten die Künstler, von denen einer eben beschäftigt war, eine hölzerne Puppe mit Flittern auszuputzen. Ganz seltsam war diese Erscheinung; es gab da wohl Hunderte von Heiligen in jeder beliebigen Größe, von der Puppengestalt bis zu menschlicher Höhe, mit Gold und Silber auf das sonderbarste überfüttert, in den ungeheuerlichsten Stellungen, geräderte, gespießte, mit dem Beil zerhackte, geschundene, an den Gliedern verstümmelte Figuren. Wie soll ich sie nennen? Wie ferner die entsetzliche Grellheit dieser Farben oder die Ungeheuerlichkeit der Körpergestalten, wie endlich die bunte Menge von Amuletten und Symbolen des Aberglaubens bezeichnen, welche dort verfertigt umherlagen? Ich schaute diesen geheimnisvollen Künstlern zu. Wahrhaftig, man möchte sagen, sie machen Götter für das Volk, wie einst Homer und Hesiod die Götter gemacht haben. Mit diesem Blick in eine Fabrik neapolitanischer Heiligen, in dies lange, tiefe, schauerliche Zimmer, glaubte ich einen Blick in die Religion des Volks selbst getan zu haben, und ich gestehe, ganz verwirrt, ganz ekel ging ich hinweg und schöpfte wieder auf dem Molo Atem, als mein Auge auf die ewig reine, ewig klare, heilig große Natur fiel. Nein, der Mensch ist nicht wie sie, ist nicht wie die Natur, die ihn umgibt; würde er denn sonst im Anblick dieses Meeres, dieses Himmels und dieser Berge so abscheuliche kleine beflitterte Puppen anbeten können? Es sind Pulcinellen, die Neapolitaner; das wahre Symbol ihres Wesens ist der Pulcinella, nichts andres; ihr Leben ist ein komisches Theater, und selbst die Natur ist für sie nur als eine große Operndekoration anzusehen. Man merkt es bald an seinem eigenen innern Drange, daß alles Leben in Neapel nicht in die Stadt, senden aus ihr hinaus in die Umgebung strebt. Neapel selbst hat geradezu etwas Abstoßendes; dies wüste Chaos himmelhoch getürmter Häuser mit barocken Architekturen, die Schwüle und der Staub der Straßen, das sinnbetäubende Gewühl – das fesselt wahrlich nicht für lange; wer in Neapel verweilt, bleibt wohl nur, weil die Natur ringsumher das zauberhafteste Paradies der Erde aufgebaut hat und weil man von der Stadt wie aus dem Mittelpunkt desselben überallhin in kurzer Zeit gelangen kann, nach Pompeji wie nach Ischia, nach Sorrento wie nach Bajä, auf den Vesuv wie nach Capri. Es gibt daher eine immerwährende Bewegung der Massen von der Stadt weg ins Freie, in drei Hauptrichtungen, welche zugleich die topographische Beschaffenheit Neapels bestimmen. Die eine Richtung geht zu den schönen Hügeln Capo di Montes hinauf durch die Pulsader Neapels, den Toledo, bis auf die obersten mit Villen bedeckten Anhöhen und die reizenden Eremitagen der Camaldoli; die zweite und dritte führen rechts und links vom Ende des Toledo längs des Meeres, hier über den Hafen und die Marinella nach Portici und Pompeji und dem Vesuv, dort über die Chiaja die Straße des Posilipo hinauf oder durch die große Grotte von Puzzuoli und Bajä. Dies sind die drei großen Lebensströme Neapels, und wahrlich, es gewährt ein einziges Schauspiel, sie, namentlich des Nachmittags und Abends, in unablässiger Bewegung zu sehen. Hier rollen die Karossen sowohl als die Curriculi, die vom bebänderten Maultier gezogenen zweirädrigen Wagen, in unabsehbaren Linien auf und nieder, und in diesen Richtungen drängt sich auch alle Industrie, aller Luxus, aller Lebensbedarf zusammen: das Glänzende in den Magazinen des Toledo, dessen Untergeschosse Warenlager jeder Art sind; das Notwendige zu den beiden andern Seiten am Meer. Doch auch hier mit einer besondern Eigentümlichkeit. Denn das elegante Neapel, dessen Gebiet eigentlich der Toledo ist, setzt sich noch über die Chiaja bis an die Grotte des Posilipo fort. Die Chiaja ist einer der herrlichsten Kais der Welt; ihre modernen Paläste sind Wohnungen der Reichen, der Gesandten und die ersten Hotels der Stadt. Vor ihnen liegt die Villa Reale, deren Garten nur den sogenannten anständigen Klassen geöffnet ist. Das Volksleben ist also hier ausgeschlossen; die vornehme Welt hat dies Gebiet für sich in Beschlag genommen. Selbst am Strande sieht man kaum einige Fischer, und die Bäder, die dort angelegt worden, sind elegant und kosten teures Geld, wenn man sie benutzen will. Erst wo die Chiaja sich nach der Grotte des Posilip und nach der Mergellina teilt, beginnt wieder das Revier der Volksbedürfhisse, des Volkslebens, der Fisch- und Gemüsemärkte in kleinerer Dimension und der Schenken. Es hat daher diese Richtung ein stilles und vornehmes Ansehen. Dies ändert sich wie mit einem Zauberschlage, wenn man, über das Castell hinaus, den Kai Santa Lucia betritt. Von hier ab ergießt sich das Volksleben, noch einmal auf kurzer Strecke durch das königliche Schloß unterbrochen und durch das Castell Nuovo gleichsam gezügelt, in steigender Progression über den Molo und den Hafen hinaus längs des Kais der Marinella bis zum Mercato, dem großen Markt, hin und setzt sich, schwächer werdend, in den Vorstädten Neapels, man kann sagen, bis nach Portici fort. Den Übergang von dem aristokratischen Neapel zu dem demokratischen macht also Santa Lucia, welches einen gemischten Charakter hat und wo die Gasthäuser zweiten Ranges stehen. Vom Hafen an, um den sich nun aller Verkehr zusammenhäuft, welcher die unteren Klassen in Bewegung setzt und der wie ein Zentralpunkt nach allen Seiten eine unglaubliche Tätigkeit, Arbeit, Industrie ausstrahlt, wächst die Bewegung des Gewerbes, des Volksbedürfnisses, des Volksgenusses. Diese ganze Seite sieht verwohnt, verlebt, verarbeitet aus; der Kai ist schmutzig vom Kohlenstaub der Kohlenschiffe und von unzähligem Material bedeckt, dichtgedrängt voll Lazzaroni, voll Barkenführer, Fischer, Hausierer. Hier findet sich alles zusammen, was die Lebensbedürfnisse erheischen und was die kleinen Händler für Spottpreise feilbieten. Hier kauft der gemeine Mann seine Kleider und Schuhe, und diese Waren häufen sich in einer ganzen Straße von Untergeschoß zu Untergeschoß. Jeglicher Artikel häuslichen Bedarfs ist hier vorrätig. Hier sind die Volksbutiken, Kaffee-, Zigarren-, Likörschenken; hier stehen die Obsttische, bedeckt mit schon in Scheiben zerlegten Orangen und Wassermelonen, die man für einen Tornese kauft und stehend verzehrt. Hier ist die Speise des gemeinen Mannes, die indische Feige, bereits geschält. Und hier sammeln sich auch die feineren Volksbedürfnisse, die Straßensalons der Volksunterhaltung. Jeden Nachmittag sieht man in einer Winkelgasse am Hafen einen Vorleser aus einem abgegriffenen Buch Romanzen, Rittergeschichten, Räubertragödien nachdrücklich vor einem Zuhörerkreise vorlesen. Auch der Schreiber sitzt hier, welcher die Liebesbriefe schreibt. Zerstreut auf der ganzen Marinella stehen die Pulcinellentheater, das Pulcinellhäuschen am Eingange, woraus die schnalzenden Töne des kleinen Männchens lockend hervorschallen. Auch das höhere Volkstheater, San Carlino, befindet sich nahe am Hafen. Selbst für Bäder ist hier gesorgt; denn der ganze Kai wimmelt von schwimmenden Badehäusern, worin der Unbemittelte ein Bad erschwingen kann. Aber all dies ans Meer und um das Schiffsgewühl des Hafens gedrängte Leben scheint noch Ebbe zu sein, vergleicht man es mit jener ungeheuren Flut, die sich über die beiden großen Speisemärkte Neapels ergießt. Ich meine den Porto Nuovo und den Mercato, welche parallel neben der Marinella hinlaufen. Es ist nicht in Worte zu fassen, welche Volksmenge namentlich, im Porto Nuovo durcheinanderwogt. Ganz Kampanien scheint seine Früchte und der ganze Golf alle seine Fische auf diesen Platz geworfen zu haben. Das Volk scheint nur da, um zu kaufen, zu essen. Und hier sieht man recht in den Magen Neapels. Es ist ergötzlich, dieses Gewühl dort in der Stille zu betrachten. Man flüchte sich in eine jener wunderlichen Garküchen, wo hinter Bretterverschlägen die Pizzi, große flache und runde Kuchen, gegessen werden, welche mit Käse oder mit Schinkenstückchen belegt sind, je nach dem Geschmacke des Bestellers. Man bestellt sie, und in fünf Minuten sind sie gebacken. Es gehört der Magen eines Lazzarone dazu, sie zu verdauen. Auf dem Mercato werden die Wochenmärkte gehalten. Der ungeheure Platz, dem Deutschen eine Stätte der Trauer, weil hier der letzte Hohenstaufe enthauptet ward, ist zugleich dadurch charakteristisch, daß auf ihm die Geschichte Masaniellos gespielt hat. Die Lazzaroni haben hier ihren König gekrönt und erschlagen. Er ist darum das historische Lokal des neapolitanischen Volks, der Bastilleplatz von Neapel, blutig durch schreckliche Szenen der Volksjustiz, welche hier die Köpfe des Adels abschlug und zur Schau stellte, und schrecklich durch die Erinnerungen an die Pest, worauf ich wohl noch später zu sprechen komme. Diese ungeheure Menschenwelt nun zu entwirren und in die Gruppen ihrer besonderen Art zu ordnen möchte eine ebenso interessante als unendlich schwierige Aufgabe sein. Man hat so viele Darstellungen neapolitanischen Lebens, so viele fleißige und geistreiche Bücher, aber ihrer tausend könnte man zuvor gelesen haben und stünde doch vor diesem Wechsel der Erscheinungen ganz unberaten da. Am ehesten läßt sich noch das Leben in Santa Lucia in einen Rahmen fassen. Ich habe schon gesagt, daß dieser Kai, einer der merkwürdigsten Punkte Neapels, die neutrale Mitte ist, wo sich die obern und die untern Schichten der Bevölkerung begegnen und die mittlere Bürgerklasse den Sieg davongetragen hat. Der schöne Kai von geringer Länge wird links von den Gebäuden des Schlosses, rechts von dem malerischen Castell dell' Ovo abgeschlossen. Fast in der Mitte des großen Bogens gelegen, welcher den Golf umfaßt, sieht er offen gegen das Meer, und frei kann der Blick hier über die Wasserfläche streifen, weil kein Schiffsgewühl wie im Hafen ihn behindert. Die überaus köstliche Ansicht zieht daher sowohl die Fremden in die Gasthäuser mittleren Ranges, welche sich in Santa Lucia aufgetan haben, als den Mittelstand auf den Kai, um abends sich des unvergleichlichen Schauspiels und sonstiger Genüsse zu erfreuen. Ich habe sechs Wochen auf Santa Lucia zugebracht. Wenn ich auf den Balkon meines Fensters trat, lagen vor meinem Blick der strahlende Golf, der zweigegipfelte Vesuv, die weißen Städte an seinem Fuße, die malerischen Küsten von Castellamare und Sorrento bis zum Kap der Minerva und die Felseninsel Capri. Jeden Morgen weckte mich der Golf selber, sobald er die Rosenhelle seines stillen Spiegels in mein Zimmer strahlte, und jeden Morgen betrachtete ich das Wunder des Sonnenaufgangs und die unsagbare Farbenpracht der Berge und des Meers, welche auch die ungeheure Stadt zu entzünden, zu erwecken scheint. Diese Lage hat Santa Lucia; aber ein noch feenhafteres Schauspiel gewährt sie zur Vollmondzeit, weil dann der Mond mit beginnender Nacht über dem Vesuv steht und sein magisches Licht über Berge, Meer und Stadt ergießt, während den ganzen Golf bis zum Kai ein breiter goldener Lichtstrom wundersam durchflutet. Der schwarze Mastenwald im Hafen schwebt dann geisterhaft in einem weißen Silberdunst, der schlanke Leuchtturm funkelt matter, tausend Barken gleiten traumhaft wie schwarze Schatten über die Lichtfläche, tauchen auf und verschwinden, am Horizont steigt der schöne Fels von Capri aus der Nacht, wie ein Märchen anzusehen, und ganz überwältigend still, magisch, wie phantasmagorische Schattenbilder glitzern drüben die Somma und der Vesuv und die silberhellen Berge von Castellamare und Sorrento. Wer kann in solcher Nacht schlafen? Man steigt in Santa Lucia in eine Barke und rudert hinaus durch die phosphoreszierenden Wellen, oder man setzt sich zu dem Volk auf den Kai selber und ißt Frutti di mare. Denn hier lärmt nun, unmittelbar am Wasser, die Nacht durch das fröhlichste Leben. In zwei Reihen stehen hier die kleinen Buden der Austernhändler. Santa Lucia ist der Sammelpunkt aller Meerfrüchte. Muscheln und Austern jeder Art liegen hier zierlich geordnet auf schrägen Laden. Jede Bude ist numeriert und mit dem Namen des Besitzers versehen. Unaufhörlich wird zum Genuß eingeladen; die Lichtchen flimmern, in ihrem Schein blitzen die wunderlichen schönen bizarren Muscheln reizend genug, und Seeigel, Seesterne, Meerkorallen, Krebse locken mit ihren seltsamen Formen und bunten Schalen weniger zum Genüsse als zur Betrachtung. Das geheimnisvolle Reich der Tiefe ist hier aufgeschlossen; so märchenhaft sieht dieser kleine Muschelmarkt aus, wie ein Meeresweihnachten, und alle Abend hat man die Freude des Anblicks. Geht man nun die steinernen Treppen an das Wasser hinunter, so befindet man sich plötzlich in einem großen, nächtlich erleuchteten Saal unter freiem Himmel. Hier schmaust das Volk an Tischen Austern und Makkaroni, und hier kann man auch die Makkaroniverschlinger anstaunen. Man macht sich wohl das Vergnügen, einem Lazzarone oder einem Fischerjungen ein paar Gran zu schenken, damit er sich Makkaroni kaufe und sich im Verschlingen derselben produziere. Wo dieses Gewühl der zu Nacht Schmausenden endigt, beginnt eine andere bunte Szene. In einem Gewölbe sprudelt dort am Kai die Schwefelquelle von Santa Lucia. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht schöpfen dies Heilwasser Weiber und Mädchen mit unsäglichem Geschrei in Gläser und bieten den Trunk aus. Man sitzt auf Stühlen umher, man trinkt ein Glas des mineralischen Wassers und ißt dazu kleine Kringel. Hier hat also der Mittelstand sein Vergnügen um wenig Geld. Der einzelne wie die Familie findet sich hier ein, und wer nicht Makkaroni verzehrt, ergötzt sich wenigstens an der Schwefelquelle und an den Kringeln. Von allen Seiten strömen die Besucher, von der Stadt her wie aus den Barken, welche kommen und gehen. Und hier wirft auch die nächtliche Nymphe ihre Netze nach den Fremden aus. Die losen Mädchen kommen mit der Mutter oder gewöhnlich mit einer grauhaarigen Kupplerin, welche scheinbar die Ehrenwächterin spielt, nach Santa Lucia und knüpfen sehr ominös bei einem Glase Schwefelwasser ihre Liebesabenteuer an. So ist der Abend auf Santa Lucia. Auch der Tag ist nicht minder geräuschvoll. Man badet hier öffentlich, vor den Augen der Welt. Von dem Kai am Castell dell' Ovo sieht man zu jeder Stunde Scharen von Buben und Jünglingen in das Wasser springen und köpflings ihre Schwimmkünste produzieren. Die Neapolitaner schwimmen gleich Delphinen. Das Element erhält den Menschen im ursprünglichen Naturzustande. Der warme Himmel bringt die Nacktheit wieder zu Ehren, und die herrlichsten Studien des Nackten lassen sich hier auf der Straße machen. Dieser Gegensatz ist wunderbar grell; es rollen am Kai hin die luxuriösen Equipagen mit den elegantesten Menschen der höchsten Gesellschaft, und vor den Augen des besternten Prinzen, der feinsten Dame aus dem Salon von Paris oder London springen Scharen nackter Menschen in paradiesischer Unschuld in die Wellen. Die Fischerbuben laufen nackt selbst auf die Straße und begrüßen mit vielen graziösen Verbeugungen und lebhafter Gestikulation den Fremden, der ihnen dann und wann einen Gran zu schenken pflegt. Ich machte mir oft das Vergnügen, vom vierten Stock meiner Wohnung herab diese nackten Buben mit einem Gran auf die Straße zu locken. Auf einen Wink sprangen sie ins Wasser, produzierten ihre Künste und kehrten wassertriefend wieder zurück, um den Lohn zu empfangen. Den Anblick des Nackten wird man im ganzen Golf nicht los. Selbst auf die eisernen Gitter des Hafens klettern nackte Knaben, um sich dann von oben kopfüber in das Meer zu stürzen. Seit dem 18. Mai 1853 ist landwärts noch eine Straße öffentlicher Bewegung des Volks eröffnet worden. Es ist die neue Strada Teresa, von dem jetzigen Könige angelegt und zu Ehren seiner Gemahlin so genannt. Sie führt in einer Parabole von der Stadt um das Castell San Elmo durch Hügel und Täler über den Vomero und mündet dann auf die Chiaja. Sie ist noch nicht vollendet, noch nicht gepflastert, über manche Austiefungen sind erst Bretter gelegt, aber schon jetzt wälzt sich der Volksstrom über sie hin, und zahllose Reiter zu Pferde, auf Eseln und Maultieren sprengen daraufhin, und Scharen von Fußgängern durchziehen diese Anlage, zumal an den Sonn- und Festtagen. Es scheint, als genügten der Volksströmung Neapels jene drei angegebenen Richtungen nicht mehr und als hätte so das Leben dieser ungeheuren Stadt sich durch die Berge ein neues Bette gewühlt, um sich dann vom Vomero wieder auf die Chiaja zu ergießen. Diese neue Straße wird mit der Zeit mit Häusern überall sich besetzen, aber immer den Charakter des Ländlichen behalten und dem Bedürfnis der Meeranwohner nach Landluft und Gartenluft vollkommen genügen. Schon jetzt ist sie die herrlichste Straße der Welt, und schwerlich kann man sich eine Promenade selbst im Paradiese paradiesischer denken, als jene ist. Es wechseln hier die Ansichten der Stadt, des Golfs, der Berge und Inseln mit jeder Windung des Weges, mit jedem Hügel, mit jedem Tal, und man weiß nicht, wohin schauen, in diese himmlischen Seligkeiten des Meers und der Fernen, auf dieses lichtumflossene Amphitheater der Stadt oder in jene üppigen Gärten voll der goldenen Orangen, der blühenden Granaten, der lustigsten Villen und auf jene malerischen Gruppen der schönsten Pinien, Palmen und Zypressen. Wer hier von der Natur nicht ergriffen und zu Tränen gerührt wird, muß wahrlich fühlloser sein als eine ausgebrannte Lavaschlacke. Man steigt zu der Straße von den Studien herauf, wo stets Reihen von Eseln zum Vermieten stehen. Besser wandelt es sich zu Fuß. Wir wollen hier hinaufgehen und vorwärtsschreitend nur die wechselnden Szenen still aneinanderreihen. Das ungefähr würde unser Auge nacheinander festhalten: Castell San Elmo mit seinen weißen Mauern auf gelbbraunen Felsen, von Kaktus, von der Aloe umwuchert, von grünen Ranken umschlungen; Gärten in der Tiefe; nun an einer Schenke vorüber, welche ganz in Weingewinden begraben liegt; wieder braune wüste Tuffeisen; ein Tal voll Zitronen, Tulpenbäumen, Granaten, ein narkotisch süßer Duft überall; wieder eine Vorstadt mit städtischem Gewerbe; wieder freie, lachende Hügel, Blicke auf Landhäuser; eine Schlucht voll Kaktus und Palmen; ein plötzlicher Blick auf die Stadt zur Linken, auf den Golf, auf Capri; ein Hain von Pinien, übet welchen der Vesuv in dem zartesten Violett schwebt. Wieder eine wüste Felsenpartie; darauf Gärten und bizarre Landhäuser mit offenen Hallen. Eine ländliche Szene, Hirten, welche Ziegen treiben. Ein Kloster mit Staffage von Mönchen. Höhere Hügel voll Pinien – ach, wer kann alle jene wonnesamen Bilder nennen! Meer, Himmel, Erde tanzt ja hier im Lichte, und die Seele wird von dem balsamischen Duft der Pflanzen berauscht. Ich warf mich auf die Erde hin an eine Zypresse, ich blickte in die Gärten unter mir und sah den Weinreben zu, wie sie in bacchantischer Lust sich um die Bäume wanden, leicht bewegt vom Hauch eines Lüftchens. Sie kamen mir vor wie die schwebenden Bacchantinnen von Pompeji. In einem Buch hatte ich gelesen, wie sich ein Gelehrter den Kopf zerbricht, warum die Bacchantinnen jener Fresken gleichsam in der Luft tanzen; weil dies unnatürlich sei und die Füße doch auf dem Boden stehen müßten, so meinte der Mann, könnten diese Figuren eigentlich doch nur als Arabesken gelten. Es ist ein schreckliches Ding, die Gelehrsamkeit und die Archäologie! Wie die Alten empfunden haben, fühlt man auch in diesem paradiesischen Grün auf dem Rücken liegend. Es ist eitel Bacchusdienst umher, die Seele wogt vor Lust in den Lüften wie eine Bacchantin mit dem Thyrsusstabe, von der Erde weg schwingt sie sich, hebt sich über sich, wird ganz eine losgelöste Existenz, ein Jauchzen schwebender Lust. Das sind Momente, bacchantische Augenblicke, wo man die ganze Seligkeit des alten Heidentums ahnt. Ich begreife hier, warum die meisten Vasen Kampaniens bacchische Vorstellungen enthalten. Aber liegt es in der Schönheit der Natur oder nur in dem christlich gewöhnten Gemüt, daß die höchsten Wunder der Erde endlich doch immer zur Wehmut stimmen? Ich war auf eine Höhe hinaufgegangen, Schweizersoldaten saßen und zechten vor einer Strohschenke. Zu Füßen lag in abendlicher Klarheit das Meer mit den Eilanden Nisida, Procida und Ischia. Ich blieb, von diesem Schauspiel hingerissen, stehen. Ein gemeiner Schweizersoldat hatte sich zu mir gesellt und sagte plötzlich, auf dieses Paradies weisend, in wehmütigem Ton: »Ach, es ischt zu schön, es macht ganz traurig!« Man wird schwerlich Neapel verlassen, ohne den Vesuv bestiegen zu haben; aber nicht viele mag es geben, die auch seinen Zwillingsbruder; den schönen Berg Somma, besuchten. Alles Interesse nimmt der rauchende Vulkan in Beschlag, und es bleibt seine zweite, ausgebrannte Spitze unbeachtet; und doch so gar schön gipfelt sich die Somma mit ihren steilen schwarzen Lavawänden neben dem Vesuv empor und senkt ihre grünbewaldete Seite in die Ebenen Kampaniens allmählich nieder. Ich beschloß eine Fahrt auf den Berg, denn schon ein Blick von dem Gipfel auf den Aschenkegel des Vesuvs selber mußte belohnend sein, da er sich, so von oben und in unmittelbarer Nähe angeschaut, in einer neuen Gestalt darstellen mußte. Wir waren eine heitere Gesellschaft von sieben Männern, darunter auch zwei Naturforscher, ein französischer Zoologe und ein Arzt aus Tambow in Rußland. Um 6 Uhr des Morgens fuhren wir von der Stadt aus, und nachdem wir San Giovanni passiert hatten, wendeten wir uns links durch blühendes Gartenland nach Santa Anastasia zu Füßen der Somma. Wir nahmen, uns hier Führer, die des Weges durch die Bergwaldung kundig waren. Ein kräftiges Weib trug unsern Speisekorb, und zwei malerisch aussehende Männer, von denen der eine im Gürtel einen langen Dolch und auf der Schulter eine Flinte mit sich führte, schritten uns vorauf. So setzte sich die kleine Karawane in der fröhlichsten Laune in Bewegung, entzückt durch den strahlenden Himmel des Julimorgens und durch die schon jetzt wundersame Fernsicht in das Paradies Kampaniens, welches der Somma zu Füßen ausgebreitet liegt. Wir stiegen zuerst durch Weinberge aufwärts, in denen der edle Wein von Somma wächst; dann kamen wir in schattige Kastanienwälder, bis das Aufsteigen immer beschwerlicher und die Bergsenkungen immer steiler wurden. Durchweg und bis gegen die Kanten des Gipfels ist die Somma mit Kastanienwuchs bedeckt und mit einer üppigen Flora geziert. Die herrlichsten Blumen, Feuerlilien zumal, Nelken, Lychnis, Trifolium, purpurnes Antirrhinum, die köstliche Valeriana lockten den Botaniker, während der Zoolog auf die bunten Schmetterlinge eifrig Jagd machte. Je weiter wir hinaufstiegen, desto pfadloser wurde der Berg; nicht einmal Hirten haben ihre Straße hier ausgetreten; oft verschwinden die schmalen Pfade und verlieren sich in Gebüschen oder in wildzerrissenen Abgründen und Schluchten. Wir fanden tiefe, steile Rinnen, nun trockengelegte Betten der Regenflut, deren Wände in vulkanischer Aufschichtung bald Asche, bald Lapilli, bald feste Lava bildeten. Drei von unserer Gesellschaft stiegen in eine solche vulkanische Schlucht nieder, mit Hammer und Schaufel ausgerüstet, um den Kristallisationen nachzuspüren. Wir fanden ihrer genug in den Grotten, welche hier von der basaltischen Lava und den verhärteten Aschenschichten gebildet sind. Vielfache Eisenkristalle und das herrlichste vulkanische Gestein liegt teils auf dem Boden, teils läßt es sich hervorschlagen; die mineralogische Ausbeute könnte hier groß sein, wenn man sich die Mühe nicht verdrießen läßt und die Gefahr nicht scheut, von den ziemlich lockern Wänden der Schluchten verschüttet zu werden. Mit Gestein beschwert, gesellten wir uns wieder zu den andern, die unterdes im Schatten des Baumwuchses auf uns gewartet hatten. Wir stiegen lustig weiter, bis wir, von der Anstrengung des pfadlosen Kletterns und der Sonnenglut erschöpft, ungefähr auf dem zweiten Drittel des Bergs an einer Quelle niedersanken. Die Quellen sind auf der Somma sparsam; unsere Führer nannten diese, deren Wasser nicht reichlich, aber erquickend frisch war, Fontana di Menone. Wir beschlossen, sie Quelle des Memnon zu taufen, den Kastanienhügel aber, auf dem sie fließt, den Berg des Memnon zu nennen. Auch ist ja alles Gestein ringsum tönend, weil es gebrannt ist; schlägt man mit einem Eisen oder nur mit einem Stock an diese graublauen Tuffe, so klingen sie mit fast metallischem Ton, nicht anders als auch die Säulen auf dem Forum von Pompeji klingen, wenn man an sie schlägt. Höher hinauf wurde der Berg immer wüster, mehr und mehr häufte sich die Asche und das Lapilligebröckel; das Aufsteigen ward darum beschwerlicher, aber auch immer lohnender die Aussicht. Vom Vesuv sahen wir noch nichts, weil der steile Kamm der Somma ihn verdeckte; dagegen erweiterte sich landhinein der Horizont fast mit jedem Schritt und umfaßte eine der erhabensten Ansichten von der Bai von Bajä und den Bergen Ischias über Neapel und den Golf hinweg, über die Ebene von Caserta und das ganze große Gartenland Mittelkampaniens bis gegen die Berge von Sarno hin. Vom Golf, an dem sich das unermeßliche Neapel die Hügel hinaufzieht, bis so weit das Auge zu den Apenninen, zu den Bergen von Mattese und Santa Vergine reicht, dehnt sich diese selige Ebene aus; sie gleicht einem ungeheuren Park, von weißen Wegen durchschnitten und bedeckt mit Schlössern, Villen, Kirchen und Klöstern und mit Städten, die im Grünen inselgleich hervorschimmern. Auf dem letzten Vorhügel unter dem Kamme der Somma standen wir hingerissen von Entzücken, denn wir konnten Neapel und das Meer auf der einen, die Ebene Kampaniens auf der andern Seite wie mit einem Blick übersehen. Wir zählten folgende Städte: Santa Anastasia und Somma, weiterhin Pomigliano d'Arco, Acerra, Afragola, Santa Maria unterhalb Capua, rechts von hier Caserta und sein Schloß, Maddaloni zu Füßen blauer Berge; gerade vor uns, über Somma hinaus, Marigliano und weiterhin Nola, dann Ottajano, Palma und Sarno, wo die Berge zur äußersten Rechten bei Nocera die Ebene schließen. Es war heute das Fest der Mutter der Gnaden. Aus den Städten unten drang wie ein dumpfes Pelotonfeuer der Schall von Kanonenschlägen aufwärts, und wie wir hoch auf dem nun ausgebrannten Krater der Somma standen, glichen die rollenden Schüsse vulkanischen Feuern, die im Innern des Berges knatterten. Wenn man dies herrliche Stück Meer und Land zu Füßen überblickt, so kann man begreifen, daß, wer einst hier Herrscher war, eher sterben als den Verlust verschmerzen mochte; so die Schwaben, so das Haus Aragon, so Joachim Murat. Auf einem solchen Standpunkt mochte einst der große Kaiser Friedrich II. ausgerufen haben: »Jehova hätte dem Moses das Gelobte Land weniger angepriesen, hätte er Neapel gesehen.« Und noch wartete ein neues, größeres Schauspiel auf uns. Noch sahen wir den Vesuv nicht; wir näherten uns dem Gipfel der Somma, welchen ein hölzernes Kreuz als den höchsten Punkt bezeichnet, und noch ein paar Schritte auf dem scharfen Grat vorwärts, so wuchs plötzlich aus dem Boden empor, so stand vor uns die unbeschreibliche Gestalt des Aschenkegels, nah und nächst uns gegenüber. In grellstem Kontrast wurde der Blick von den entzückenden Gefilden Kampaniens nun hineingerissen in die graue, leichenstarre Todeswüste, wo die freudenlose Natur in Asche trauert. Die Gewalt dieses Gegensatzes kann ich nicht mit Worten schildern, noch den Eindruck bezeichnen, den der plötzliche Anblick des dampfenden Aschenberges machte, schien er doch mit einemmal in dämonischer Furchtbarkeit aus dem Höllenschlund schwefelflammend emporzusteigen. Von keinem Punkt aus kann der Vesuv ein gleiches Bild gewähren wie von der Spitze der Somma, die ihn an Höhe beinahe erreicht. Wenn man auf dem Wege von Ursina zum Aschenkegel klimmt, sieht man ihn nur von unten auf; hier sieht man ihn von oben nach unten, schaut fast in seinen Rachen hinein, sieht ihn in seiner vollen Gestalt auf dem herrlichsten Hintergrund von Landschaft und Meer, und außerdem hat man das wüste Theater des Sommakraters vor sich mit allen seinen abgestürzten Lavawänden, die sich schwindeltief herabsenken. Wer nun endlich vom Fuß des Vesuvs sich zum Aschenkegel emporwindet, sieht überhaupt nicht mehr die Gestalt desselben, sondern nur seine Asche und seine Lavafelder. Drei von uns wagten sich auf dem schmalen Grat der Somma bis an die äußerste Spitze vorwärts; und hier war die Szene diese: Dreifach zerschmettert und zerrissen, gipfelt sich die Somma dreimal, nach dem Vesuv senkrecht hingestürzt. Zur Rechten und zur Linken starrt der alte zerschellte Krater, ein schwarzer zerbrochener Rachen; rötliche und graue Felsenzinken, massige scharfe Lavasplitter werden von wüst zusammengeballtem vulkanischem Geschiebe unterbrochen. Wenn der Beschauer auf dem mittelsten Auslauf des Sommarandes steht, sieht er diesen Rand in pyramidischen Bildungen halbkreisförmig um den Vesuv gebogen, von dem er durch den schwarzen Abgrund getrennt wird. Nah vor den Augen steht der Aschenkegel, überwältigend erhaben, vom Scheitel bis zum Fuß in Asche gehüllt, graugelb von Farbe, nur an den Seiten, wo ihn die Lava überfloß, tiefschwarz gestreift, der Kraterrand hochgelb und weiß umfaßt, einen leichten Dampf ausatmend. Allmählich verschwindet der Schauer des ersten Eindrucks, und mit der Bewunderung des Erhabenen verbindet sich das Entzücken über die sanften Formen und Linien dieses schönen Kegels wie über die nicht zu beschreibende Zartheit seiner Farben. Ich kenne keine Ansicht der Natur, in welcher sich eine so vollkommene Verbindung des Furchtbaren mit dem Reizenden zeigte wie in dem Aschenkegel des Vesuvs; und nun, da ich auch den Krater des Ätna bestiegen habe, darf ich sagen, jene Verbindung ist das Charakteristische, welches dem Vesuv eigen ist. Es ist wahrlich stille, ruhende Majestät; die zarte Farbe der Asche, mit deren Anblick sich zugleich die Vorstellung des Sanften und Weichen verbindet, ihr bräunlicher oder bläulich milder Ton, endlich die schönen Linien des Kegels kommen hinzu, um eine wunderbare harmonische Erscheinung hervorzubringen. Wenn nun die glänzende blaue Meeresfläche, das blaue Gebirge und die duftige Landschaft den grauen Aschenkegel als Hintergrund von den Seiten umgeben und so diese lebhafteren und strahlenden Farben gleichsam hervorquellen, wird hier eine bezaubernde Farbenzusammenstimmung hervorgebracht. Der Blick mag sich von dieser Gestalt nicht losreißen, und doch lockt ihn wieder die unsäglich heitere Meeresbläue, der segelbedeckte Golf und am Horizont das herrlich geschnittene Eiland Capri. Auf der Linken taucht der Blick nicht minder froh in den Ufersaum von Castellamare und in die rebenumgrünten Landschaften von Bosce Trecase, Bosce Reali, Scafati und Lettera hinab. Wir lagerten uns auf der steilen Wand der Somma, alle Seligkeit der Welt im Himmel, Erde, Meer über, um und unter uns ausgebreitet.Ruhig ließ uns der Vesuv gewähren; nur aus dem hochgelben Schwefelrande dampfte er, um uns zu sagen, daß mitten in das Paradies aller Wonnen der Dämon der Zerstörung hingestellt sei. Jene beiden Lavastreifen, welche den Aschenkegel schwarz einfassen, sind die erstarrten Ströme der beiden jüngeren Eruptionen. Der auf der linken Seite schreibt sich vom Jahr 1850 her. Damals hatten sich an der Seite des Vesuvs, ziemlich gegen den Fuß des Aschenkegels hin, fünf kleine Krater gebildet; wir sahen und zählten diese sonderbaren schwarzen Kegelchen. Herr B. zeigte mir auch die Stellen, wo beim Ausbruch von 1847 ein Amerikaner und ein Deutscher ums Leben kamen. Tollkühn sich vorwagend, wurden beide von glühenden Steinen niedergeschlagen. Der Deutsche, dem ein Stein beide Beine zerschmettert hatte, starb am Fuße des Vesuvs selber, der Amerikaner, nachdem der Brand seinen zerschmetterten Arm ergriffen, im Spital zu Neapel. Ein wunderbares Schicksal traf im Jahr 1822 einen Schuster aus Sorrent. Er war auf den Krater gegangen, ohne einen Führer mitzunehmen. Der Krater, ausgeleert durch den Ausbruch vom Jahr 1820, lag frei; der verwegene Schuster stieg hinein, und es wandelte ihn die Lust an, dem Höllengeist nicht allein in den glühenden Rachen zu schauen, sondern ihm als ein obszöner Titane noch ein Schimpflicheres anzutun. In dieser vulkanischen Verunglimpfung begriffen, überfiel ihn ein Schwindel; der Mann stürzte in den Krater hinab. Erstarrte Lava hielt ihn auf. Mit einem zerschmetterten Bein und Arm blieb er in dieser Lage zwei Tage lang am innern Kraterrande schweben, bis einige Vesuvfahrer am dritten Tage sein Wimmern hörten. An Seilen zog man den Unglücklichen in die Höhe; der Schuster aber schien die unzerstörliche Natur Ahasvers zu haben, denn er kam aus dem Spital von Neapel lebend und gesund in seine Heimat zurück. Diese schrecklich-heitere Geschichte erzählte uns Don Michele, Pfarrer der Einsiedelei auf dem Vesuv, zu dem wir hinabgestiegen waren. Denn nach einer Stunde Aufenthalts hatten wir den Gipfel der Somma verlassen, um rechts fort zu der Einsiedelei hinabzugehen. Die Szene wechselte hier. Ein Nebel kam über den Vesuv gezogen; ein heftiger Luftzug jagte sein Gewölke durch Schluchten und Felswände über den Aschenkegel – ein schöner Luftkampf, der dem wüsten Schauplatz ein neues Leben und einen neuen Reiz gewährte, wenn durch die flatternden Nebelgespinste Felszacken, Lavablöcke und Krater hervorgrauten. Der Nebel teilte sich bald, und vor unsern Füßen lag wieder das ganze Paradies: Neapel, der strahlende Golf, Capri, Ischia, Misen und rechtshin die kampanische Ebene. »Voilà la Cléopâtre!« Dieser seltsame Ruf weckte mich aus allen Betrachtungen. Es war der 67jährige französische Naturforscher, der ihn zu wiederholten Malen ausstieß und fortsprang, die Kleopatra zu fangen, der neue und doch so alte Antonius. Die Neigungen der Menschen sind seltsam. Der liebenswürdige Greis, von dem heitersten Temperament und von unermüdlicher Kraft, würdigte weder den Vesuv noch die Landschaft eines Blicks: er hatte nur Augen für die kleinen Schmetterlinge. Wir waren auf dem steilen Rande der Somma nicht ohne Gefahr hinuntergestiegen, und nach einem mühsamen Weg über Asche und über Lavageschiebe aus dem Jahr 1850, die nun in ihrer Erstarrung einem wüsten schwarzen Sturzacker gleichsehen, gelangten wir ganz ermüdet zu dem Einsiedler. Die kleine Einsiedelei liegt nahe an dem Observatorium, einem zierlichen Gebäude von entzückender, weithin herrschender Lage. Zweihundertjährige Linden umgeben sie in deutscher Traulichkeit, und ihre vom Vulkan unversehrte Kraft belehrte uns, daß dieser Punkt besonders geschützt sei. Es fällt nämlich der Aschen- und Steinregen in einer Parabole über die Einsiedelei hinweg, und der Hügel, auf welchem das Kirchlein steht, wird von dem Vesuv durch eine tiefe Austalung geschieden, also vor jedem Lavastrom geschützt. Außerdem zeigte uns das schwarze Schildchen mit den gelben Messingbuchstaben, daß das Ganze in die Magdeburger Feuerversicherungsgesellschaft gekauft sei. Am Feuerherd des Vulkans und in unmittelbarer Nähe seiner furchtbaren Verheerungen ein Magdeburger Feuerversicherungspatent – das ist gewiß in höchstem Maß ergötzlich. In frühern Jahren wohnte ein wirklicher Eremit an dem Kirchlein von San Salvadore; der Pfarrer von Resina hat ihn aus der einträglichen Stelle verjagt und kommt nun selber von Zeit zu Zeit hinauf, dort Messe zu lesen und die Gäste mit Lacrimae Christi zu bewirten. Die kleine Gemeinde besteht aus einigen Kolonen, welche am Fuß des Vesuvs zerstreut sich angesiedelt haben, ferner aus der Bewohnerschaft des Observatoriums und der Gendarmenwache. Zur Pfingstzeit wird hier ein Fest gefeiert; dann kommen von den umliegenden Städten wohl 12000 Menschen herauf und ziehen in Prozession von San Salvadore bis zum Kreuz am Fuß des Vesuvs, um mit Gebeten den fürchterlichen Feuerdämon zu beschwichtigen. Nun ruht der Berg seit dem Jahr 1850, und auch damals war seine Verheerung nicht groß; der Lavastrom floß gegen Ottajano in ziemlicher Breite, verwüstete die Gärten des Fürsten dieses Namens und zerstörte das Kloster der heiligen Teresa wie einige Wohnungen. Nach einem herrlichen Mahl bei dem Pfarrer Don Michele, der uns obenein die liberalste Rechnung machte, weil er unsern Freund B. persönlich kannte, stiegen wir nun über die Lavaströme nach Resina hinunter. Dieses schwarze endlose Lavafeld gewährt einen trostlosen Anblick. Aber auch hier ist der Mensch in seiner alles bewältigenden Industrie bewundernswert; denn kaum ist der Lavastrom erkaltet, so macht er sich daran, ihn zu benutzen. Selbst im Observatorium fand ich die bizarrsten künstlichen Grotten und Gartenumzäunungen von Lava, und in der Einsiedelei hatten wir unsern Kaffee auf einem zierlich gearbeiteten Tisch von Lava getrunken. Man meißelt selbst Büsten aus diesem Material, und wie herrlich es nach der Politur sich ausnimmt, sollte ich erst in Catania erfahren, wo die Mannigfaltigkeit der Ätnalaven und ihre schöne Färbung mich in Erstaunen setzte. Wir stiegen nun nach Resina nieder. Scharf grenzt hier die Lavawüste an die üppigste Rebenvegetation, und unmittelbar an der Lava und in der Asche selbst entwickelt der Granatbaum seine köstlichen Blüten, welche so brennend rot sind, als wären sie Blumen gediegenen Feuers. Die Fahrt war so heiter und so lohnend gewesen, daß wir beschlossen, bald eine ähnliche zu unternehmen, und so rollte mit uns wenige Tage darauf der Wagen von neuem über die Magdalenenbrücke nach dem Vesuv hinaus. Diesmal wollten wir seine Ansicht von der entgegengesetzten Seite genießen. Wir fuhren also nach den Lavaströmen von 1850, die sich über Bosce Trecase und Bosce Reali hinaus erstrecken. Zum erstenmal sah ich hier diese merkwürdigen Dörfer, welche auf der gefährlichsten Stelle am Vesuv selber sich angesiedelt haben. Ihre verlassene Lage mitten unter dem schönsten Grün, welches die vulkanischen Mächte nähren, ist so reizend idyllisch wie die der Ätnadörfer; aber noch mehr als diese haben sie ein ganz orientalisches Ansehen. Klein und gewölbt wie die Häuser auf Capri, sind ihre Wohnungen aus der schwarzen Lava gebaut, und selbst die Türme der Kirchen bestehen aus diesem düstern Material. Das Volk sieht wild, scheu und ärmlich aus – nirgends ein schönes Antlitz. Wir waren in einer Schenke in Bosce Reali abgestiegen, um von dort aus unsere Wanderung nach dem Lavafelde fortzusetzen. Vergebens fragten wir nach Früchten; unsere Begierde nach ihnen wurde durch die Unmöglichkeit, sie aufzutreiben, gesteigert. Da bemerkten wir plötzlich ein Pferd neben unserm Tisch, wie es aus einem Eimer mit größter Seelenruhe Johannisbrotfrüchte fraß. Es gab nun eine wunderliche Szene, denn wir alle fielen über den Eimer her und halfen das schmackhafte Pferdefutter mit verzehren. Hier erfuhr ich denn handgreiflich, daß man in Neapel die Pferde mit Johannisbrot füttert. Wir besuchten die Lavaströme. Scharf haben sie in die Weingärten hineingeschnitten, so daß unmittelbar an der Lava vieljährige Ulmenbäume stehen, um welche die Rebe ihre dreifachen Girlanden schlingt. Um so grauenhafter erscheint durch den Kontrast des heitersten Lebens der Natur die schreckliche Verwüstung. Ich sah nun auch die Trümmer vom Palast des Duca di Miranda in der Lava und Spuren anderer verheerter Wohnungen. Immer gleich prächtig zeigte sich auch von dieser Seite der Aschenkegel. So war ich denn genugsam in die Mysterien des Vulkans eingeweiht, um nun endlich auch seinen Krater zu ersteigen. Ich hatte mir oft sagen lassen, daß dieses Anklimmen auf den Aschenkegel des Vesuvs ermüdender sei als die Besteigung des Ätnakegels. Nachdem ich beide Mühsale genossen habe, darf ich sagen, daß mir das Erklettern des Vesuvs wie ein Spaziergang vorkommt gegen die ungeheure Anstrengung, welche der Ätnakegel kostet, zumal in so verdünnter Luft und bei so starken Gasausströmungen des heißen und schwankenden Bodens. Ja, wenn man durch jene phlegräischen schwarzen Wüsten des Ätna, die nimmer zu enden scheinen, und über jene gigantischen Lavafelder stundenlang geritten ist, will dieser städte- und volkverschlingende Vesuv sich zu einem artigen Feuerspielzeug für die Neapolitaner verkleinern. Indes gewährt sein Krater in seiner Kleinheit doch ein gedrängteres und lebhafteres, farbenglühenderes Gemälde der Hölle, als ich auf dem Ätnakrater sah. Es war eine köstliche Nacht, als ich vom Vesuv herunterstieg. Die Sonne war im Meer von Ponza verglommen; bei wachsender Dunkelheit leuchteten die Städte der kampanischen Ebene und leuchtete Neapel in funkelnden Lichtern, und am tief blauen Himmel stand, durch die Unendlichkeiten des Raums hingezogen, das feurige kriegverkündende Bild des Kometen – ein großer Anblick und die Seele ergreifend, weil auf einem Vulkan angestaunt. Friedrich Wilhelm Hackländer Ein Winter in Spanien Nach Gibraltar Wenn ich tagelang und ganze Nächte auf spanischen Landstraßen auf die erbärmlichste Art zusammengestoßen wurde, mich freuend auf die elendeste Station, wo man doch eine halbe Stunde lang, während umgespannt wird, als freier Mensch auf seinen eigenen Füßen herumlaufen darf, dabei wehmütig den Lichtschimmer irgendeines Hauses betrachtete und die wahrscheinlich ruhig und behaglich Schlafenden dort oben beneidete, so dachte ich mit wahrer Lust an das Ende dieser Mühen und Leiden im spanischen Eilwagen, an Sevilla nämlich, wo nicht nur »die letzten Häuser stehen«, sondern bis wohin auch für uns die letzten Eilwagen gehen, da von hier aus der Guadalquivir so freundlich ist, die Reisenden, die nach Cádiz wollen, auf seinem breiten Rücken zu befördern. Obgleich ich in Spanien bei so vielem, das ich verließ, traurig dachte: das ist auf Nimmerwiedersehen, so hatte mich doch, endlich in Sevilla angekommen, ein ganz anderes Gefühl beherrscht, und als ich die Türe des für mich letzten spanischen Eilwagens zuwarf, dachte ich: Gott sei Dank, denen sind wir entronnen! Jetzt freilich, nachdem schon eine Zeit zwischen jenem Tage und heute liegt, kann ich selber die Zeichnung eines spanischen Eilwagens, wie er, im tollen Galopp von acht Maultieren gezogen, eine Anhöhe hinabrast, mit einer Art wehmütiger Freude betrachten. So ist nun einmal der Mensch; während die Erinnerung an Mühen und Leiden verblaßt, tritt das Andenken an heitere und glückliche Stunden immer leuchtender hervor. Um sechs Uhr fuhr das Dampfboot ab, das uns nach Cádiz bringen sollte. Das Boot war ebenso groß und auch fast so elegant wie die Rheindampfer. Ja, wenn man den Guadalquivir abwärts schaute, so konnte man sich lebhaft an die Heimat erinnert fühlen. War es doch gerade, als blicke man unterhalb Wesel gegen Holland hinab; wie auch dort der deutsche Strom seine klare grüne Farbe verloren hat, mit der er oben zwischen den Felsen des Rheingaues so freundlich prangt, so war auch sein spanischer Kollege nicht mehr derselbe klare Guadalquivir, über den wir bei Córdova in elender Fähre gesetzt und wo wir nicht versäumt, unsere Hand durch die kühle, klare Flut rauschen zu lassen. Die Abfahrt des Dampfbootes ging mit denselben Geschichten vor sich, wie wir das bei uns tausendmal gesehen haben, und das hatte wieder soviel an die Heimat Erinnerndes: das mit Koffern und Hutschachteln, Herren und Damen, Soldaten und Guardias civiles besetzte Verdeck, der stämmige Kapitän in blauer Jacke mit dem gewichsten Hute auf dem Hinterkopf, der Schiffsjunge, der vorne die Glocke anschlug, sich vorher aber schneuzte, wie ich dies in Köln am Rhein so oft gesehen. Nachdem mehrere rührende Abschiede genommen waren, wobei einige Damen sehr laut schallende Küsse austeilten, wurde der Dampfer vom Ufer gelöst, die Maschine fing an zu arbeiten, und nachdem wir in die Mitte des Stroms gelenkt, schwammen wir rüstig abwärts. Lebe wohl, Sevilla! Die spanischen Eilwagen blieben freilich hinter uns, aber damit schien auch das ganze liebe herrliche Land hier in Sevilla sein Ende erreicht zu haben. Schlammgelb und trübe fließt der Guadalquivir dem Meere entgegen. Die Hügel, welche Sevilla umgeben, lassen wir bald hinter uns; zu gleicher Zeit verschwinden die hellen, freundlichen Dörfer, und als wir an einer Biegung bei den Orangenwäldern vorbeigefahren sind, die uns noch vor einigen Tagen mit saftiger Frucht und süßem Duft gelabt, wird die Gegend vor uns immer flacher und langweiliger. Rechts und links sieht man fast nichts wie Sand, Stoppelfelder und Heiden, nur zuweilen angenehm unterbrochen von grünen Wiesen mit zahlreichen Pferde- und Rinderherden. Eigentümlich war es, daß wir auf dem Schiffe nur Spanier trafen, weder einen Franzosen noch einen Deutschen, selbst nicht einmal einen Engländer; unsere Reisegesellschaft dagegen hatte sich um ein viertes Glied vermehrt, den Baron W., einen liebenswürdigen, angenehmen Livländer, der vollkommen deutsch sprach, die halbe Welt kannte und viel zur Unterhaltung beitrug. Die spanischen Dampfer haben die bequeme Einrichtung, daß man zu jeder Stunde nach der Karte speisen kann, und braucht man sich nicht wie auf dem Rheine zur Mittagszeit, oft wenn wir bei den schönsten Gegenden vorüberfahren, zur Abfütterung in die Kajüte zusammentreiben zu lassen. Gegen zwei Uhr nachmittags erhoben sich am fernen Horizont wieder einige Hügel sowie am rechten Ufer Buschwerk, namentlich Fichtenwaldungen; gleich darauf sahen wir auch Bonanza und San Lucar, die beiden Grenzstädtchen zwischen der Meerflut und dem Guadalquivir. Letzterer breitete sich hier mit jeder Radumdrehung immer mehr und mehr aus: aus einem nicht zu breiten, bescheidenen Flusse war er in kurzer Zeit zu einem gewaltigen Strome angewachsen, dessen Ufer mit wahrer Hast auseinanderzufliehen schienen. San Lucar ist ein hübsches Städtchen mit gutem Hafen und schönen Mautgebäuden. Die Salzflut hat hier schon die Oberhand, obgleich man das Flußwasser noch längere Zeit in einem dunkleren, gelberen Streifen erkennt. Unterdessen haben sich die Ufer ganz zurückgezogen, und daß wir im Meere angekommen sind, bemerken wir an der plötzlich veränderten Bewegung des Schiffes sowie an einem frischen Seewinde, der uns wohltuend entgegenweht und die dunkelblauen Wellen auf und ab tanzen macht. Da sich aber in gleicher Zeit unser Dampfer ebenfalls zu freuen scheint an der unermeßlichen Wasserfläche, die sich vor uns ausdehnt, und dabei etwas heftiger tanzt und stößt, so wird manche rote Wange blaß, manche Nase spitzig, und viele Augenpaare, die noch vor einer halben Stunde glänzten und schelmisch blitzten, nehmen jene unruhigen starren Blicke an, die in diesem Falle immer die Vorboten der leidigen Seekrankheit sind. Daß ich bei meinen vielen Meerfahrten nie darunter gelitten, kam mir heute wieder einmal trefflich zustatten, denn während die meisten Passagiere in ängstlicher Hast Sofas und Stühle suchten, stellte ich mich an das Bugspriet des Schiffes, entzückt auf die große Bai von Cádiz blickend, die sich mit einem Male von Rota aus majestätisch vor uns aufrollt, sowie auf die Stadt selbst, eine Königin der Meere im Witwenschleier, die nun plötzlich glanzvoll vor uns erschien. Schon öfters las ich und ließ mir erzählen, Cádiz gleiche, vom Meere aus gesehen, Venedig. Etwas ist schon daran; denn sie, sowie die sogenannte Insel Leon, welche durch den Fluß Arillo von Cádiz getrennt ist, hängt mit dem Festlande nur durch eine lange Erdzunge zusammen und stellt sich so als eine große Insel oder wie Venedig, mitten ins Wasser hineingebaut, dar; aber die Ansicht der Stadt mit ihrer Färbung ist hier ganz anders wie dort die der Lagunenstadt. Venedig liegt im trüben Wasser, aus welchem sich graue Häusermassen und ernste Türme und Kuppeln erheben, ein gewaltiger, aber etwas düsterer Anblick. Cádiz dagegen taucht glänzend und strahlend wie ein Brillant aus der blauen Flut hervor. Es ist das ein Anblick von so eigentümlichem Charakter, der sich unauslöschlich der Erinnerung einprägt; wir haben ein Bild vor uns ohne allen Schatten, ohne alle mildernden Zwischentöne, mit einer Fülle von Licht übergössen, welche das Auge blendet. Auf einem wunderbaren Hintergrunde, von dem dunkel strahlenden Himmel und dem tiefblauen Meere gebildet, welches die Sonnenstrahlen in tausendfachem Glänze zurückwirft, erheben sich schneeweiße blendende Mauern, ebensolche Wälle und Häuser mit flachen Dächern, alles in graden scharfen Linien, die sich aufs bestimmteste von dem Himmel abheben; dazu entdeckt man bei der Stadt noch auf den kahlen schneeweißen Dünen rings um die Bai weder Baum noch Strauch und bemerkt nur wie leuchtende Punkte die Gebäude von Puerto de Santa Maria, Puerto Real, La Carraca und San Fernando, die am Ufer hin zerstreut liegen. Der Hafen von Cádiz war einst der größte und bedeutendste Seehafen Spaniens, und hier drängten sich die goldbeladenen amerikanischen Galionen. Hier wurden im Jahr 1790, als schon die spanische Seemacht anfing zu verfallen, noch dreißig Linienschiffe ausgerüstet. Ja, Cádiz ist eine Königin der Meere im Witwenschleier! Aber obgleich von den kostbaren, ihr zinsbaren Gütern fast nichts mehr vorhanden ist, blieb sie dennoch eine sehr reiche Witwe. Freilich hört man viel reden von dem Verfalle von Cádiz, von der Abnahme ihres Handels, und daran ist viel Wahres; doch kann eine Stadt, die mehrere hundert Jahre lang den reichsten Verkehr der Welt für sich ausbeuten konnte, wo Generationen auf Generationen Schätze häuften, wohl durch Abnahme des Handels einigermaßen leiden, aber gewiß nicht verarmen. Und so sieht auch Cádiz durchaus nicht aus. Der ganze Anblick der Stadt, der Straßen und Gebäude zeugt von Wohlstand und Reichtum, und wenn man die schneeweißen, frisch angestrichenen Häuser sieht mit ihren zierlichen Balkons und auf ihnen schöne lachende Damen und Mädchen, so könnte man glauben, Cádiz feiere täglich irgendeinen Festtag. Was aber hier verfallen ist, geschah durch Schuld der Regierung. Die Festungswerke, rings empor aus dem Meere aufgemauert, die reichen Artillerieetablissements, Kasernen und Kasematten sind heute freilich ganz vernachlässigt und in schlechtem Zustande. Als wir am Hafen anlegten, stellte sich uns der Wirt einer sogenannten englischen Pension vor, und da wir in Sevilla von diesem Hause Gutes gehört, so folgten wir seiner Einladung. Sehr ergötzlich war am Landungsplatze ein Kerl in vollkommener, glänzender Majotracht, der eine Art Hafenkommissär zu sein schien; er bestimmte, was jeder Lastträger von den Effekten des Dampfers aufladen sollte, gab sich ein ungeheures Ansehen und stocherte dabei beständig die Zähne mit einem silbernen Zahnstocher. Unser Gasthof lag an der Alameda, die sich vor unsern Fenstern dicht am Meere hinzieht. Auf die liebe blaue Flut hatten wir eine unvergleichliche Aussicht. Cádiz hat keine besonderen Merkwürdigkeiten aufzuweisen, selbst nicht einmal mehr einen echt spanischen Charakter; von Überbleibseln aus der Maurenzeit sieht man so gut wie gar nichts, doch ist es eine behagliche, freundliche Stadt, wozu wohl die hohen reinlichen Häuser, alle schneeweiß angestrichen, und die mit zierlichen Blumen besetzten Balkons das meiste beitragen. Fast sämtliche Wohnhäuser haben Terrassen, auf denen sich häufig noch ein mit einem Kuppeldach gewölbtes Türmchen erhebt. Die Flaggenstange fehlt selten auf diesen Terrassen, und oft ist sie zu einem vollkommenen Schiffsmast mit Rahen, Korb und allem Takelwerk ausgebildet, was der Silhouette des Ganzen etwas Eigentümliches und Malerisches gibt. An öffentlichen Plätzen ist Cádiz reich; fast alle sind mit doppelten Alleen von Akazien und Ulmen besetzt, und man könnte sagen, sie bilden große Gesellschaftssäle, denn hier spazieren in den Nachmittags- und Abendstunden eine Menge Menschen umher, man findet hier seine Freunde und Freundinnen, raucht mit den Männern eine Papierzigarre und plaudert mit den Damen oft von scheinbar gleichgültigen, häufig aber sehr ernsten und interessanten Dingen. In der Nähe dieser Plätze befinden sich auch Kaffeehäuser mit Tischen und Bänken auf der Straße, wo man seine Schokolade trinkt oder ein Gefrorenes nimmt, doch ist dies schon nicht mehr recht spanisch, und man findet dergleichen weder in Madrid noch in Granada oder Sevilla; beim Flanieren durch die geraden und engen Straßen bemerkt man bald, daß man sich in einer Handelsstadt befindet. Die leichten Gitter vor den Höfen haben sich hier in schwere, mit Eisen beschlagene Tore verwandelt, und wo man in Sevilla zierliche Marmorfontänen, Orangen und Granaten bemerkt, sieht man hier die Embleme des Kaufmannsstandes, Wagen und Warenballen. Die Kathedrale von Cádiz ist eine großartige Steinmasse, für uns aber, die wir auch in dieser Richtung soviel Schönes gesehen, nur durch den Haupteingang, der eine die ganze Giebelseite einnehmende gewaltige Halbkreisnische bildet, und die, man könnte sagen: elegante und raffinierte Disposition des Innern von einiger Bedeutung. Interessant war dagegen der Besuch des großen Theaters, weniger der aufgeführten Stücke halber als des strahlenden Kranzes schöner Damen, welche zahlreich alle Logen füllten. Obgleich man den hiesigen Damen die vollendete Gracia andaluz abspricht, so sind doch ihre Körperformen, namentlich aber ihre wunderbaren Köpfe, vorzüglich wegen des reichen Haares und der großen glänzenden Augen, in ganz Spanien berühmt, und wie wissen sie diese Augen zu benützen! Für uns gab es in den Zwischenakten die interessantesten Schauspiele; nie sah ich eine solch unnachahmliche Haltung des Kopfes, ein solches Kokettieren mit den wunderschönen Augen; dabei sind die »Gaditanas« unübertrefflich in Handhabung des Fächers, und sie machen von dieser gefährlichen Waffe einen umfassenden Gebrauch. Das Zusammenklappen und Aufwerfen desselben mit einer Hand betrieben die jungen Damen mit einer Meisterschaft, die ans Komische grenzte, und oftmals entstand im ganzen Hause dadurch ein solches Knattern und Rauschen, daß es zwischen der lärmenden Musik deutlich hörbar wurde, und man hätte glauben können, man befände sich in einem Walde unter Tausenden von riesenhaften Nachtschmetterlingen; in der Tat gab es auch hier Nachtfalter genug, und den Schönen von Cádiz wird nachgerühmt, daß es manche unter ihnen gebe, denen das warme Herz empfänglich im schönen Busen schlägt. Den zweiten Tag unseres Aufenthaltes bestiegen wir eines der kleinen Dampfboote, welche die Verbindung zwischen Cádiz und Puerto de Santa Maria vermitteln. Wir hatten einen Ausflug dorthin beschlossen, um das berühmte Schlachtfeld von Xeres de la Frontera zu sehen sowie Xeres selbst mit seinen großen Weinlagern. Die Bai glänzte wie ein Spiegel unter dem klaren Morgenhimmel, als der kleine Dampfer über die dunkeln Fluten förmlich dahinglitt. Ehe eine Stunde verging, waren wir auf der andern Seite und legten vor einem großen stattlichen Gasthofe an, wo wir ein vortreffliches Frühstück fanden sowie zwei kleine einspännige Fuhrwerke, um damit nach Xeres zu fahren. Diese hatten fast ganz die Gestalt des neapolitanischen Corricolo und wurden von einem Kerl gelenkt, der wie bei der Tartane auf dem rechten Gabelbaume saß. Puerto de Santa Maria ist ein kleiner, aber freundlicher Ort, der sich am Ufer der weiten Bai hinzieht; die Straßen fern vom Hafen sind still und öde, und vielen jetzt verfallenden massiven Häusern, wo Balkon und Hofgitter aus reicher Eisenarbeit bestehen, sieht man es wohl an, daß sie einst bessere Zeiten erlebt. Am nördlichen Teile des Städtchens befinden sich schöne Anlagen: der Paseo de la Victoria, durch welchen wir gegen 10 Uhr in die kahle Gegend hinausrollten, die sich gegen Xeres hin erstreckt. Anfänglich fuhren wir durch eine Niederung, dann erreichten wir, aufwärts steigend, ein ziemlich dichtes Fichtengehölz, von wo man zur Rechten eine Aussicht auf die weite Ebene hat, die sich über Chiclana und Puerto Real bis ans Meer hinabsenkt. Obgleich die Gegend ringsumher einförmig und öde ist, so zeigt sie sich doch durch das hellglänzende Sonnenlicht mannigfaltig gefärbt; der Boden schien meistens felsig zu sein, und nur zuweilen wechseln die langen grauen Flächen mit gelben Sandstreifen oder rötlichem Heideland ab; nur hie und da sieht man mageres Ackerland sowie einige Olivenpflanzungen, die aber in dem unfruchtbaren Boden schlecht gedeihen; dabei ist das ganze Terrain sanft wellenförmig, und der Weg läuft, ein rötlichgelber Streifen, auf und ab durch das langweilige Land. Nachdem wir ungefähr eine Stunde gefahren, erreichten wir zu unserer Linken abermals dünne Fichtenwaldungen; dann ging es etwas steil hinab, und unten angekommen, hielt unser Kutscher sein Maultier an, auf einen felsigen Hügel zu unserer Rechten zeigend, der, mit einer so dünnen Erdschichte bedeckt, daß die Steine überall zutage traten, nur streifenweise mit Gestrüpp und magerem Grase überzogen war. Auf der Höhe dieses Hügels lagen die malerischen Trümmer einer zerfallenen Kapelle. Hier sprangen wir von unseren Sitzen herab, der eine unserer Führer stieg uns voraus den Hügel hinan. Da aber kein Weg dort hinaufführte, so mußten wir über Steingeröll zwischen Buchsbaumsträuchern, Disteln und Dornen klettern, um die Spitze des Hügels zu erreichen. Dort traten wir jenseits der verfallenen Kapelle an den äußersten Rand der Anhöhe und sahen vor uns eine weite, weite, öde und stille Fläche, wo der leichte Morgenwind kaum einige dürre Grashalme spielend aufhob, die aber gleich darauf wieder schläfrig einnickten – das Schlachtfeld von Xeres de la Frontera. Rechts von uns breitet sich die Ebene von Puerto de Santa Maria aus, die weite Bai von Cádiz einrahmend, die im Sonnenschein glänzt wie ein Schild von dunklem Stahle; nördlich blicken wir in ein viele Stunden langes und breites hügeliges Land, in dessen Mitte Xeres liegt, hinter welcher Stadt, die wir jedoch nicht sehen können, sich in großer Entfernung eine graue Bergkette erhebt, vielleicht die malerische Sierra de Ronda. Vor uns haben wir den Guadalete, nach dem die blutige Schlacht ebenfalls benannt ist und der nicht weit von Puerto Real ins Meer fließt. Seinen Lauf erkennen wir an einem grünen Streifen, der sich in Schlangenlinien durch die rötlichgelbe Ebene zieht, welche sich nach Südwesten in leichten Schwingungen ausdehnt und mit dem Horizont zusammenzufließen scheint. Es war im Jahr 711, als der christliche Feldherr Tadmir dem Könige Roderich schrieb: »Herr, es sind feindliche Völker auf der Seite gegen Afrika angekommen, von denen ich nicht weiß, sind sie vom Himmel gefallen oder aus der Erde geschossen. Sie haben schon ein Lager auf unserem Grund und Boden bezogen. Ich bitte Euch, Herr, eilt schnell herbei und mit so vielem Volk, als Euch möglich ist.« Darauf zog der König seine Truppen zusammen, schickte seine gotische Reiterei in aller Eile voraus und folgte selbst mit dem Hauptheer und dem ganzen Adel seines Reiches. Am fünften Tage des Mondes Xawal, erzählt der arabische Geschichtschreiber, lagerte das Heer der Christen in einer Stärke von neunzigtausend Mann, und ihm gegenüber stand der Maure Tarik mit nur zwölftausend Sarazenen, wovon aber die Hälfte aus wilden afrikanischen Reitern bestand. Die Bewegungen des christlichen Heeres »glichen denen des Ozeans, wenn seine Wogen von der Flut gereizt sind«. Ihre ersten und hintersten Reihen waren mit undurchdringlichen Panzern bedeckt, die andern führten Lanzen, Schilder und Schwerter, und das leichte Volk war mit Bogen, Pfeilen, Schleudern oder auch nach der Sitte ihres Landes mit Beilen, Keulen und Streitäxten versehen. Aber Tarik ließ sich von der zahllosen Menge nicht schrecken und vertraute auf die Überlegenheit der Seinen an Mut und Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffen. Die Schlacht begann an einem Sonntage mit dem ersten Sonnenstrahl und hörte beim Einbruch der Nacht ohne Entscheidung auf, wobei die Heere auf dem Schlachtfelde übernachteten. Das ging mehrere Tage so fort, und als endlich Tarik sah, daß die Araber anfangen mochten zu weichen, sagte er ihnen: »Wozu kann es euch nützen, daß ihr fliehet? Das Meer liegt unbesiegbar hinter eurem Rücken, vor euch der Feind, dort der Tod, hier Aussicht auf glänzenden Sieg. Auf, mir nach, Ritter!« Damit stürzte er sich auf die Christen, hieb rechts und links nieder, was ihm entgegenstand, und erreichte die christlichen Fahnen. Hierbei erzählt nun die arabische Geschichte, Tarik habe den König Roderich nach kurzem Gefechte mit einem Lanzenstiche getötet, im Gegensatz zu den altspanischen Romanzen, die das Ende des unglücklichen Königs anders, poetischer, aber schrecklicher, berichten. Genug, das Unbegreifliche geschah, das christliche Heer floh nach allen Richtungen, und hier am Guadalate wurde Spanien in einer einzigen Nacht für den Islam erobert. Zwei Jahre nach der Schlacht bei Xeres de la Frontera gehörte außer den Gebirgen von Asturien nichts mehr den Goten, und hundert Jahre später hatte das spanische Volk außer der Religion alles, was ihm sonst heilig war, Tracht, Sitte, selbst seine Sprache, an die Eroberer verloren. Die altspanischen Romanzen lassen den König Roderich nicht in der Schlacht umkommen, sondern nachdem sein Heer geschlagen war und ihn alle seine Freunde verlassen hatten, floh er auf verwundetem, wankendem Pferde, selbst todmüde und von Blut triefend, mit abgehauener Helmzierde und zerbrochenem Schwert und Schild, dem Guadalate zu. Wahrscheinlich ritt er quer über das Feld, welches wir vor uns sehen, den Hügel hinauf, auf dem wir uns gerade befinden; denn auf einer Anhöhe am Rande des Schlachtfeldes hielt der König auf seiner Flucht an, um sich noch einmal nach der blutgetränkten Ebene umzuschauen, wohl dieselbe, wo jetzt die kleine Kapelle steht, und blickte dort hinab in Jammer und Verzweiflung. Als er hierauf seine Flucht gegen Norden fortsetzte, traf der unglückliche König einen Einsiedler, dem er beichtete und der ihn, zur Buße für seine Sünden, in eine tiefe Grube steigen ließ und ihm zur Gesellschaft eine giftige Natter gab. Aber drei Tage mußte der Büßer vergeblich auf den tötenden Biß der Schlange warten, der ihm ein Zeichen der himmlischen Gnade, der Vergebung seiner Sünden sein sollte. Am meisten drückte ihn wohl seine schwere Schuld gegen die Tochter des Grafen Julian, die ihn ja auch in ihren Folgen um Thron, Reich und Leben brachte, und um das Wort der Schrift zu erfüllen: »Womit du sündigst, sollst du bestraft werden«, entgegnete endlich am vierten Tage der König auf die Frage des Einsiedlers: Dios es en la ayuda mia, La culebra me comia; Comeme ya por la parte Que todo lo merecia. Und damit endete Roderich. Für uns war es höchst interessant, diese Gegend zu sehen. Hatten wir doch noch vor wenig Wochen in Toledo die Trümmer des stolzen Palastes gesehen, den sich der Gotenkönig erbaut, wo er in Pracht und Herrlichkeit lebte und wo sich in den Bädern tief am Ufer des Tajo der schwarze Faden anknüpfte, der ihn hier bei der Ebene von Xeres de la Frontera so elend zugrunde gehen ließ. Nachdem wir längere Zeit das Schlachtfeld betrachtet, auch kleine Andenken mitgenommen, als Bergkräuter und Blumen, so wie ich auch nicht vergaß, vom Fuße des Hügels ein paar Steinchen aufzulesen, die ich mir später in den Griff einer Toledaner Dolchklinge fassen ließ, bestiegen wir unsere Fuhrwerke wieder, worauf unsere Maultiere, des langen Stehens überdrüssig, im lustigen Trabe gegen Xeres eilten. Die Gegend, durch welche wir fuhren, blieb sich auch von hier aus ziemlich gleich: leichte wellenförmige Hügel, hie und da mit Nadelholz bewachsen; nur in der Gegend der Stadt wurde des Heidelandes und Sandbodens weniger, und die Fruchtfelder und Olivenpflanzungen mehrten sich; wonach wir aber vergebens ausschauten, das waren die Weinberge, welche den berühmten Wein von Xeres, den von den Engländern so sehr geliebten Sherry, liefern sollten. Wenn wir auch auf den südlichen Abhängen einiger Hügel hie und da Rebenanpflanzungen sahen, so waren diese doch ganz unbedeutend und nicht der Rede wert gegenüber dem ungeheuren Weinquantum, welches die halbe Welt mit Sherry versorgt und hier erzeugt wird. Ich glaube, daß es eigentlich heißen sollte: fabriziert wird; so meinte wenigstens unser Begleiter, Baron W., welcher die Behauptung aufstellte, der meiste Wein von Xeres sei ein Absud von Rosinen, mit vortrefflichem Alkohol und Honig versetzt und so mundgerecht gemacht, auf welche Art ja auch schon seit längerer Zeit ein vervollkommneter Sherry in Marseille fabriziert wird. Xeres liegt auf einer kleinen Anhöhe, und die weißen und hübschen Häuser sind überragt von der hochaufsteigenden Kathedrale. Bevor wir langsam zur Stadt hinauffuhren, sahen wir unten im Tale ein Stück Eisenbahn in der Arbeit begriffen, welche dazu bestimmt ist, Xeres mit Santa Maria, also mit dem Meere zu verbinden. Da wir von Cádiz Empfehlungsbriefe an eines der größten Weinhäuser in Xeres erhalten hatten, so wurden wir hier von den Herren Domeque und Sohn aufs zuvorkommendste empfangen. Nachdem wir in dem prachtvollen Hause ein paar schöne Bilder gesehen, worunter ein Murillo und ein Zurbarán, begleitete uns einer der Herren nach den berühmten Weinlagern. Sehr überrascht waren wir, anstatt ausgedehnter Keller vielmehr große Hallen über der Erde, kirchenartige Schuppen zu finden, in welchen die vollen Fässer in wahrhaft unabsehbaren Reihen aufeinandergeschichtet lagerten. Es gibt zwei Hauptsorten Xereswein, der Moscatello, der sehr süß ist, sowie der etwas herbere Pedro Ximenes, die bessere Sorte. Daß der Sherry eigentlich fabriziert wird, gestehen die Weinhändler natürlicherweise nicht ein; wenn man aber sieht, wie er gepflegt wird, mit Alkohol und Zucker vermischt und dann wieder aus den Mutterfässern, welche einen Stoff enthalten, der oft hundertzwanzig Jahre alt ist, verbessert, so kann man, wenn auch der Grundstoff wirklich gekelterte Trauben sind, das Ganze eine Fabrikation nennen. Man ließ uns von einer Menge von Fässern versuchen, und ich muß gestehen, daß allerdings köstlich schmeckende Tröpfchen darunter waren, für meinen Geschmack aber zu ölig und erhitzend. Das älteste Lagerfaß hieß Napoleon, und der Wein in demselben sollte zweihundertundfünfzig Jahre alt sein. Es war ein dunkelbraunes feuriges Getränk, das in dem kleinen Gläschen hinabrann wie flüssig gewordenes Harz. Die Straßen von Xeres de la Frontera sind reinlich und hübsch, die meisten mit stattlichen Häusern besetzt. Üppig ist die aus weißem Marmor erbaute Front der Kathedrale. Auf dem Marktplatze hatten wir noch ein eigentümliches Schauspiel. Hier war eine zahllose Menschenmenge versammelt, welche zusah, wie alte kolossale Palmbäume, die man mit Wurzel und Krone aus der Umgegend herbeigebracht und welche reihenweise in den Straßen lagen, hier im Kreise eingepflanzt wurden. Ich hätte nie gedacht, daß man so alte Bäume noch versetzen könne. Für die Wurzeln hatte man sehr tiefe Löcher gemacht, und die majestätischen Bäume wurden mit großen Hebewerken und zahlreichen Tauen unter dem Zujauchzen der versammelten Menge langsam emporgewunden. Gegen fünf Uhr verließen wir die Stadt wieder und erreichten um sieben Santa Maria, wo wir aber fanden, daß der letzte Dampfer nach Cádiz bereits abgegangen war. Betrübt waren wir darüber gar nicht, denn der Gasthof, wo wir heute morgen gefrühstückt, hatte in allen Teilen eine solch einladende Miene, auch so freundliche Zimmer, daß wir uns gern entschlossen, die Nacht dazubleiben. Man bereitete uns ein vortreffliches Diner, zu Ehren des Landes tranken wir einige Flaschen Sherry und später einen vortrefflichen Punsch, der aus dem ebenso feurigen Wein von Puerto de Santa Maria zubereitet war, also eine doppelte Fabrikation. Auf den sehr warmen Februartag hatten wir bei dem klarsten Himmel einen ziemlich kühlen Abend, so daß uns die Wärme eines hellodernden Kaminfeuers recht wohltat, als wir behaglich im Kreise davorsaßen, unsern Punsch tranken, eine vortreffliche Zigarre rauchten und jeder von seiner Heimat erzählte. Die Fenster unseres Speisesaales gingen auf das Ufer der weiten Bai von Cádiz. Einen wunderbaren Glanz warf der Mond auf den glatten Wasserspiegel, doch war sein Licht nicht hell genug, um uns Cádiz zu zeigen, dessen weiße Mauern mit leichtem Nebel, Dunst und dem zitternden Schimmer des Mondes zusammenschmolzen; aber trotzdem war die große glänzende Wasserfläche in stiller Nacht unbeschreiblich schön. Am ändern Morgen fuhren zwei unserer Reisebegleiter mit dem ersten Dampfer nach Cádiz zurück; Horschelt und ich blieben bis zur zweiten Fahrt zurück, unser Maler, um einige interessante Gegenstände zu zeichnen, ich aber, um dem preußischen Generalkonsul für Spanien und Portugal, Freiherrn von Minutoli, der die Zeit des Frühjahrs mit seiner Familie in Puerto de Santa Maria zubringt, meinen Besuch zu machen. Leider fand ich diesen hochverehrten Herrn, den Verfasser der vortrefflichen statistischen Werke über Spanien und Portugal sowie eines sehr interessanten Buches, welches er erst später erscheinen ließ, »Altes und Neues aus Spanien«, nicht zu Hause, da er in Geschäften nach Cádiz gegangen war. Doch hatte ich am folgenden Tage das große Vergnügen, Herrn von Minutoli bei uns zu sehen und mich mit diesem geistreichen und hochgebildeten Manne eine kleine Stunde zu unterhalten. Da demnach mein verlängerter Aufenthalt in Puerto verfehlt war und ich nicht wußte, wo Horschelt sein Atelier aufgeschlagen hatte, so setzte ich mich nicht weit vom Ufer der Bai in ein reizendes Lorbeerrondell, in dessen Mitte ein großer Springbrunnen stand, und genoß des so angenehmen, frischen und klaren Morgens. Das Wasser der Bai vor mir war leicht gekräuselt und glänzte wie goldgeschuppt. Wenn es auch am Gestade heller erschien, so hatte es doch weiter hinaus wieder dieselbe tiefblaue Farbe, die uns bei der Ankunft vor Cadiz schon so entzückte. Dabei war das Wasser heute so belebt von zahllosen Fahrzeugen, welche die Bai nach allen Richtungen durchschnitten und deren weiße Segel der frische Morgenwind blähte. Auf diesem prachtvollen Hintergründe bot nun das Lorbeergebüsch mit seinem Brunnen, an dem ich saß, ein ganz eigentümliches und interessantes Bild. Die Sonne glitzerte und strahlte durch die dunkelgrünen Blätter und glänzte so prächtig auf die herabfallenden Wassertropfen. Anfänglich war ich mit meinen Gedanken allein, dann aber setzte sich auf dem andern Ende der Bank, auf der ich mich befand, ein sehr ärmlich gekleideter Neger, der nach einer höflichen Frage, ob er mir nicht lästig sei, anfing, ein halbes Dutzend Stiefel zu putzen. Von da an wurde der Brunnen auf eine höchst eigentümliche Art belebt; er schien nämlich eine Tränke für sämtliche lebende Wesen von Santa Maria zu sein; den Anfang machte der Neger, der mit der hohlen Hand aus der Schale schöpfte und trank; ihm folgten ein paar kleine Buben, die des Weges daherschlenderten und die einander, nachdem sie satt getrunken waren, mit Wasser bespritzten, wie das nun nicht anders sein konnte. Ein paar Hunde, die nun von verschiedenen Seiten erschienen, drückten zuerst durch Schwanzwedeln die Freude des Wiedersehens aus, beschnüffelten sich auf herkömmliche Weise und labten sich dann ebenfalls an einem frischen Trunk. Darnach erschienen Arbeiter aus einer benachbarten Werkstätte, von denen sich einige ihrer Faust bedienten wie der Neger und die Buben, einer aber einen hölzernen Becher hervorzog, was dem Schwarzen so gefiel, daß er auch daraus zu trinken wünschte. Zwischenhinein flogen auch Vögel zutraulich durch die Lorbeerwand, setzten sich auf die Brunnenschale und steckten ihre Schnäbel in das kühle Naß; alles aber entfernte sich sogleich, nachdem der Durst gelöscht war, die Hunde scharrend und wedelnd, die Männer, nachdem sie einige Worte mit dem Neger gesprochen, die Buben, nachdem sie sich gehörig gepufft, und die Vögel strichen erst ihre Federn mit dem Schnabel glatt, ehe sie davonflogen. Endlich hatte der Schwarze seine Stiefel blank geputzt, hing sie an einen Stock und entfernte sich, nicht ohne mich vorher freundlich zu grüßen. Dann war ich wieder allein mit meinen Phantasien, mit dem Lorbeergebüsch, dem murmelnden Springbrunnen und den glitzernden Sonnenstrahlen, bis mein großer Maler erschien, seine Mappe unter dem Arm, und mir sagte, daß das Dampfboot sogleich abfahren werde. Eine kleine Stunde darauf waren wir wieder zurück in Cádiz. Obgleich wir die ersten beiden Tage schönes Wetter hatten, so erlebten wir den dritten Tag einen Sturm, der in der Nacht so arg um unser am Meer gelegenes Haus raste, daß die Lichter fast auslöschen wollten, trotz Glasfenstern und Läden, und diese klapperten und seufzten so wie Mastenspieren und Tauwerk eines vom Sturm gepeitschten Schiffes. Dafür war aber auch der Anblick der See, dicht vor unsern Fenstern, wahrhaft prachtvoll; in langen festgeschlossenen Gliedern mit flatternden Schaummähnen rasten die Wogen unter wildem Geheul und Tosen heran und spritzten Wasser und Schaum häufig über die Brüstung auf den Spaziergang, Die größten Schiffe im Hafen und auf der Reede tanzten an ihren Ankerketten wie Nußschalen, und wo sich irgendein Boot hinauswagte, da sah man es jetzt eine Sekunde lang auf der weißen schaumigen Spitze eines der blauen Wogenberge, und gleich darauf verschwand es so vollkommen hinter demselben, als habe es urplötzlich der Abgrund verschlungen. Dabei hatte aber der heftige Wind während der Nacht den Himmel vollkommen rein gefegt, und es war ein eigentümlicher Anblick, ihn so glänzend klar und blau, so bestrahlt von lachendem Sonnenschein über der wild empörten See zu sehen. Es dauerte auch bis am Abende, ehe sich die Wogen etwas beruhigten, und als wir später am Abend vom Theater zurückkehrten, hörten wir die See noch dumpf murmelnd und grollend an die Hafenmauern klatschen. Unser Gasthof war nicht übel, die Zimmer geräumig und reinlich, das Frühstück und Mittagessen gut, und kann ich denselben jedem Reisenden empfehlen. Eigentümlich, aber zweckmäßig und wohl der Mühe wert, es nachzuahmen, fanden wir die marmornen Badwannen des Hauses; statt aus einem Block gehauen zu sein, was sie sehr schwer und teuer macht, waren sie aus Marmorplatten zusammengesetzt, die, an den Ecken gut gefügt, vollkommen die gleichen Dienste leisteten. Baumeister Leins, der sie entdeckt hatte, beschloß, zu Hause den Versuch zu machen, eine ähnliche herzustellen. Unsere Absicht war, von Cádiz nach Gibraltar zu fahren. Freilich war der Entschluß, die berühmte Inselfestung zu sehen, etwas wankend geworden, als wir schon in Madrid erfuhren, Engländer und Spanier machten sich gegenseitig das kindliche Vergnügen, die Reisenden, welche von Gibraltar nach Algeciras wollten oder welche von irgendeinem Punkt der spanischen Küste nach Gibraltar gingen, wegen der in England herrschenden Cholera eine vierzehntägige Quarantäne halten zu lassen. Die Spanier, welche doch über die Pyrenäen oder durch die Mittelmeerhäfen jedermann, er mochte kommen, woher er wollte, ungehindert einließen, hatten diese Lächerlichkeit angefangen, und man konnte es Sir Gardiner, dem englischen Gouverneur von Gibraltar, nicht übelnehmen, daß er sich durch eine ähnliche Maßregel revanchierte. Wer aber hierdurch zwischen die Schneide der Scheren kam, das war das arme reisende Publikum, zu dem ja auch wir zu gehören die Ehre hatten. Glücklicherweise hörten wir aber schon den dritten Tag unseres Aufenthaltes in Cádiz, daß diese Quarantänespielerei aufgehört habe. Ein alter Engländer, der mit seinem hochaufgeschossenen Sohne im Hause wohnte, brachte diese angenehme Nachricht mit zu Tische und setzte hinzu, morgen gehe ein kleiner Dampfer von Cádiz nach Algeciras und Gibraltar, den sie hätten benützen wollen und zu dem Zwecke heute morgen zum Schiffe hinausgefahren seien. »Oue«, sagte er in seinem komischen Französisch, »nos avoar viu cette petite bateau, mais elle être trop petite, et le mer être trop grande, et nos avoar dit moa et moon fils: Cette petite bateau être trop dangeraeuss por aller avec loe à Algeciras et Gibraltar.« Wir dagegen, die erfreut waren, eine so gute Gelegenheit zu finden, denn der Dampfer von hier nach Gibraltar sind wenige, fuhren sogleich hinaus, um das trop petit bateau in der Nähe anzusehen. Nun war es in der Tat sehr klein und schmal, nicht ganz so groß als die Boote auf dem Bodensee, ein Schraubendampfer, aber im vorigen Jahre erbaut und, wie ein Matrose, der sich an Bord befand, versicherte, mit einer sehr kräftigen Maschine versehen. Auf das hin nahmen wir denn auch zur morgenden Fahrt unsere Plätze und erzählten dies bei der Zurückkunft dem alten Engländer, welcher erstaunt ausrief: »Vos voloar donc aller avec cette trop petite bateau? Oh! Oh!« Dabei schüttelte er seinen Kopf, und sein Sohn machte es geradeso. Abends packten wir unsere Koffer, erhoben die notwendigen Gelder und nahmen nach dem Theater Abschied von unserem freundlichen Reisegesellschafter, dem Baron W., der von Cádiz nach Lissabon wollte. Da unser Schraubendampfer, er hieß »Don Manuel«, Punkt sechs Uhr abfahren wollte, so verließen wir schon um fünf Uhr unsern Gasthof bei einem so wunderschönen und klaren Himmel, daß Horschelt entzückt ausrief: »Heute werden wir eine prachtvolle Fahrt haben!« Ich ersuchte ihn freundlich, den Tag nicht vor dem Abend zu loben; denn ich bin in solchen Dingen ein bißchen abergläubisch, wurde aber von meinem lieben Freunde tüchtig ausgelacht, da allerdings am Himmel kein Wölkchen zu sehen war und die See sich sichtbar beruhigt hatte, obgleich das Hafenwasser die kleinen Boote noch ziemlich tanzen machte und obgleich sich draußen vor der Bai in offener See zuweilen verdächtige Schaumspritzer sehen ließen. Wir waren sechs Tage in Cádiz gewesen, und es betrübte uns nicht, diese Stadt wieder verlassen zu können, obgleich es wohl keine andere in Spanien gibt, die fortwährend einen so eigentümlich festlichen, lustigen Eindruck macht. Dieser kommt wohl von der unendlichen Fülle von Licht, welches die Sonne vom klaren blauen Himmel auf Cádiz herabsendet, das von dem glänzenden Meer widerprallt und sich auf den blendend weißen Mauern wie in einem Brennpunkte sammelt. Aber dieser Eindruck, zuerst freundlich, betäubt nach kurzer Zeit die Sinne und wird zuletzt für den unbeschäftigt Umherwandelnden peinlich. Ergeht es uns doch wie einem Verzauberten im prachtvollsten Märchenpalast, aus Edelsteinen und Brillanten gebaut: man ist wie trunken vom Licht und Glanz und sehnt sich nach einer sanfteren Umgebung, nach einer frischen Landschaft, nach dem Grün der Bäume. Zur bestimmten Zeit waren wir an Bord des »Don Manuel«, und als ich, wie ich das auf Schiffen gleich zu tun pflege, nach der Kajüte hinabstieg, um für den Fall der Not ein Plätzchen zu reservieren, fand ich diese so klein, daß sie mit vier Betten und einem schmalen Tisch in der Mitte vollkommen ausgefüllt war. Da zwei dieser Betten noch leer waren, ergriff ich feierlich Besitz davon, indem ich Nachtsäcke und Mäntel darauf ausbreitete. Obgleich es bei unserer Ankunft auf dem Verdeck noch ziemlich leer gewesen war, so brachten jetzt zahlreiche Boote eine Menge von Passagieren, und als um sechs Uhr der Kapitän den Anker heben ließ, war oben alles so voll, daß wir nur mühsam unsere Stühle behaupten konnten, die wir an das Treppenhäuschen gelehnt hatten. »Don Manuel« hatte vorne an der Spitze ebenfalls einen Platz für Passagiere, doch waren dort eine große Menge von Gütern aufgestapelt, weshalb sich alles auf dem Hinterdeck zusammendrängte, und darunter manche Reisende, welche für den andern Platz bezahlt hatten. Doch war der Kapitän augenscheinlich zu galant, um die schönen Mantillas wegzuweisen, und zu sehr Spanier, um einem halben Dutzend beurlaubter Soldaten, welche Brotsäcke und Gitarren umhängen hatten, einen andern Platz anzuweisen. Übrigens war er ein hübscher und interessanter Mann, noch sehr jung, trug auch andalusisches Kostüm, hatte eine gewaltige Navaja im Gürtel, ein so ausdrucksvolles, fast wildes Gesicht, dabei so energische Bewegungen und eine kräftige Stimme, daß er eine Zierde jedes Schmuggler- oder Piratenschiffes gewesen wäre. Ein großer weißer Pudel folgte ihm auf jedem Schritte, bellte, wenn er kommandierte, und machte sich auf alle Arten nützlich, indem er bald des Kapitäns Hut zwischen den Zähnen hielt, bald an einem Taue zerrte, an welchem die Matrosen gerade zogen. Jetzt hatten wir den Anker an Bord, und nachdem der weiße Dampf einigemal zischend ausgefahren war, begann sich die Schraube unter dem Steuerruder rauschend herumzudrehen, und der »Don Manuel« schnitt durch die Wellen dahin. Von der Mitte der Bai aus rückwärts betrachtet, liegt Cádiz unbeschreiblich schön. Aus der tiefblauen Flut auftauchend, erhebt es sich scharf abgeschnitten am äußersten Rande des weiten Bogens, den die Gestade beschreiben. Bis nach Puerto de Santa Maria hin liegen die vielen Dörfer und einzelnen Höfe wie weiße Punkte oder glänzende Scherben am Ufer zerstreut, und hoch über sie hinaus erheben sich am Horizont die malerischen Berge hinter Xeres und Ronda. Da uns der Wind ziemlich günstig war, so ließ der emsige Kapitän die Segel aufziehen, und bald hüllte sich der Mast des kleinen Schiffes in weiße Leinwand und rauschte mit ausgespannten Seitensegeln frisch ins offene Meer hinaus. Die Schaumkronen aber, die ich heute morgen entdeckt, hatten mich nicht getäuscht, und kaum hatten wir die Bai verlassen, so begannen die Wellen ein so artiges Spiel mit dem »Don Manuel«, daß er sich nach allen Seiten hob und senkte und dabei, von der Segelmasse gedrückt, stark leewärts überhing. Aber es war ein prächtiges Schiffchen, und ich begriff wohl den Stolz des Kapitäns, der, seinen großen Pudel hinter sich, hoch auf Fässern und Kisten am Mastbaum stand und mit wahrer Befriedigung dem Tanzen seines Dampfers zuschaute. Nicht so angenehm war dies indessen für den größten Teil unserer Mitreisenden; unter den Mantillen seufzte es schwer und mühsam, und mancher Spanier trocknete sich den Schweiß von der Stirn, obgleich die Luft ziemlich kühl über uns dahinstrich. Das unruhige Meer sowie rings am Horizont aufsteigende Wolken zeigte ich meinem großen Freunde Horschelt mit einiger Schadenfreude, doch war auch er fest gegen die Seekrankheit, und unser Baumeister allein mußte bald nach eingenommenem Frühstücke dem Meer seinen Tribut bezahlen. Die Ausbrüche der fatalen Krankheit zeigten sich indes auf dem Verdeck so häufig und heftig und manchmal so nahe bei unsern Schüsseln und Gläsern, daß ein minder guter Appetit als der unserige sich wahrscheinlich in mehr noch als das Gegenteil verkehrt hätte, daß der Kapitän es endlich für nötig hielt, die Passagiere des zweiten Platzes fort, und zwar unter Deck, bringen zu lassen. Da aber der »Don Manuel« mit Gütern so vollgeladen war, daß an beiden Seiten so gut wie gar kein Gang frei blieb, so waren die Matrosen gezwungen, die Weiber und manche der Männer dorthin zu tragen und zu schleppen. Unten mußte aber der Aufenthalt fürchterlich sein, denn der Kapitän sah sich genötigt, sämtliche Luken schließen zu lassen, da der »Don Manuel« so tief durch die Wellen schnitt, daß die anprallenden Wogen über seinen Vorderteil stürzten und nicht selten bis zu uns herüberspritzten. Dabei hatte sich der Wind vermehrt und zu gleicher Zeit auch zu unserem Nachteile gewendet, so daß die Segel eingezogen werden mußten, auch war von dem klaren Himmel, der uns heute morgen gelächelt, nichts mehr zu schauen; die Küste zu unserer Linken war in graue Wolkenmassen und Nebel gehüllt, und als ich noch einmal zurück nach Cádiz blickte, erschien mir die Stadt am fernsten Horizonte wie eine weiße Möwe, die mit ausgebreiteten Flügeln auf der fast schwarzen Flut vor dem Sturme flieht. Leider war aber durch das Unwetter unsere Seefahrt sehr unangenehm geworden. Auf dem Verdecke konnte man sich kaum vor den Seekranken retten, und in der Kajüte war es entsetzlich dunstig. Der Kellner hatte freilich den größten Teil der Leidenden untergebracht, aber die armen Spanierinnen stöhnten, daß es zum Erbarmen war, und die Dünste, die sich durchs Treppenhaus entwickelten, konnten einem alle Lust verleiden, dort hinabzusteigen. Wir hätten Gibraltar gegen acht Uhr abends erreichen sollen, doch blies uns der Wind schon um Mittag fast gerade entgegen, und obgleich »Don Manuel« wacker durch die hohen Wogen dampfte, so kamen wir doch so langsam vorwärts, daß es vier Uhr nachmittags wurde, ehe wir das jetzt wild bewegte Schlachtfeld von Trafalgar erreichten. Ein Schlachtfeld auf dem Lande hat immer irgend etwas, sei es eine Anhöhe, ein Wald, ein Dorf, ein einzelnes Haus, woran die Phantasie anknüpfen und sich leicht die vergangene Zeit zurückzaubern kann. Hier aber schlugen die schmutziggrauen Wogen geradeso ans Ufer wie an jedem andern Punkte, und ob unter ihnen nun Muscheln und Steine ruhen oder, wie hier, die Trümmer der spanischen und französischen Seemacht – wer kann das den so gleich bewegten und teilnahmlosen Wellen ansehen? Freilich schimmert dort durch Nebel und Regen ein altersgrauer Maurenturm auf der Höhe des Gestades, und am Ufer blinkt heller und deutlicher ein neuer weißer Fanal. Der erstere war gewiß Zeuge der gewaltigen Seeschlacht, welche acht Stunden westlich von hier mit unsäglicher Wut entflammte; er hörte gewiß das wilde »Rule, Britannia!« der englischen Matrosen, er vernahm vielleicht Kampfgeschrei, gewiß aber das Donnern der Geschütze und das krachende Auffliegen des spanischen Admiralschiffes.– »England expects every man to do his duty!« Mit diesen einfachen Worten ging der große Nelson auf die feindlichen Flotten los, und es murmeln gewiß heute noch die Wogen in nächtlicher Stunde, wenn sie sich erzählen von dem berühmten Manne mit dem einen Arm. Lange blickte ich zu dem grauen Maurenturme empor, der sich, wie wir langsam dahinschwammen, immer dichter in seinen grauen Nebelschleier hüllte, der alles das und noch soviel anderes gesehen; aber was konnte ihn die Seeschlacht mit ihrem Kanonendonner kümmern: er dachte gewiß an Schwerterklirren und Lanzensausen und blickte sehnsüchtig nach der Küste von Afrika hinüber, die sich vor ihm aufzutürmen beginnt, seufzend nach einem neuen Tarik und seinen tapferen Arabern. Der Regen und die dichten Wolkenmassen zugleich mit dem sinkenden Tage umgaben uns aber so bald schon mit Dämmerung und Nacht, daß an eine Ankunft in Gibraltar heute nicht mehr zu denken war. Auch schien der Kapitän um sein Schiffchen besorgt zu werden; denn trotzdem ihn jede Welle aufs neue durchnäßte, verließ er seinen erhöhten Standpunkt am Maste keinen Augenblick, bald seine Befehle dem Steuermanne zurufend, bald in den Maschinenraum hinabsprechend, wo immerfort die Ofentüren klirrten und, wenn diese geöffnet wurden, um neue Kohlen nachzuschieben, eine rote Glut hinauf leuchtete, den Kapitän und seinen weißen Pudel scharf bestrahlend. Wir wurden aber auch auf höchst merkwürdige Art herumgeworfen, und es konnte einem Seekundigen wohl die Befürchtung kommen, ob die kleine Nußschale dem gewaltigen Anprallen der Wogen auf längere Zeit widerstehen würde. Vor uns hatten wir Cap Spartel, doch sahen wir nichts von den gewaltigen Bergen dieser äußersten Spitze Afrikas, und alles, was der Kapitän durch die dichte Finsternis zu entdecken glaubte, war das unmerkliche Zittern eines Lichtstrahls dorthinaus, vielleicht der Leuchtturm von Tanger. Obgleich sich das Unwetter mit jeder Viertelstunde steigerte und der »Don Manuel«, sich bald hoch auf bäumend, jetzt die Spitzen der Welle erstieg, um gleich darauf wieder tief hinabzusinken, so schien der Kapitän doch Lust zu haben, seine Fahrt nach Gibraltar nicht zu unterbrechen. Doch kaum hatten wir Cap Plata umschifft, als wir von einem so furchtbaren Wind gefaßt wurden, der uns durch die Meerenge von Gibraltar entgegenkam, daß der kleine brave Dampfer nur mühsam dagegen ankommen konnte. Der Kapitän, der dem Steuermann einige leise Befehle gab, sagte uns im Vorübergehen: »Wenn ich's auch erzwingen will, in dieser schauderhaften Nacht durchzufahren, so riskiere ich mein Schiff, und wenn uns wirklich kein Unfall begegnete, so hätten wir doch gar nichts an der Zeit gewonnen, da ich bei dieser Finsternis doch nicht wage, mit der ganzen Kraft der Maschine vorwärts zu gehen. Ich werde suchen, den Hafen von Tarifa zu erreichen, um dort bis zu Tagesanbruch liegenzubleiben.« Er gab hiezu die nötigen Befehle und tat wohl daran, nicht die Fahrt durch die Meerenge zu versuchen. Wie ein Nachen tanzte das Schiffchen zwischen den daherstürmenden Wogen, sich bald rechts, bald links neigend; dabei war es so finster, daß man buchstäblich nicht die Hand vor den Augen sehen konnte, und wenn wir vom Hinterdeck aus etwas von Mast und Tauwerk bemerkten, so war das nur in solchen Augenblicken, wo unten die Ofentüren aufflogen und die rote Glut hinausdrang. Dabei traf es sich ein paarmal, daß zu gleicher Zeit der Röhre neben dem Schornsteine weißer überflüssiger Dampf entfuhr, der dann, rötlich angestrahlt, wie ein Blitz auf Augenblicke in der dunklen Nacht sichtbar ward. Endlich sahen wir die Leuchttürme von Tarifa vor uns, und »Don Manuel« machte mühsam eine Wendung, um richtig in die Einfahrt zu kommen. Ziemlich unheimlich war es hier, durch das dumpfe Rollen der Wogen das Donnern der Brandung zu hören, als wir uns dem felsigen Ufer näherten. Wie leicht konnte ein heftigerer Windstoß uns aus dem richtigen Kurse drängen, und dann – hatte der alte Engländer vollkommen recht mit seinem: Cette bateau est trop petite. Glücklicherweise taten Kapitän und Schiff ihre Schuldigkeit, und eine halbe Stunde später fühlten wir, wie die Bewegung des Schiffes angenehmer und langsamer wurde, es war gegen das frühere Auf-und-ab-Tanzen nur noch ein gelindes Schaukeln. Gleich darauf rasselte der Anker in die Tiefe. Mehrere der Passagiere waren allerdings der Meinung, wir seien bereits vor Gibraltar angelangt, und vernahmen nun seufzend, daß wir ein Unterkommen im Hafen von Tarifa gefunden. Den meisten der unglücklichen Seeleidenden war die eingetretene Ruhe indessen erwünscht, und viele stiegen aufs Verdeck herauf, um sich umzuschauen und ein bißchen frische Luft zu schöpfen. Von einer Aussicht war freilich so gut wie gar keine Rede, nur einige Lichtpunkte zeigten an, wo Tarifa mit seinen alten Mauern und Türmen lag. Gerne hätte ich die berühmte Feste deutlicher gesehen; denn es ist einer von den Punkten, welche so beredt von altspanischer Tapferkeit erzählen. Hier war es, wo Don Alonzo Perez Guzman Stadt und Burg gegen die Mauren hielt, welche eines Tages den Sohn des Helden bei einem Ausfalle gefangennahmen, ihn vor die Wälle führten und dem Vater die Wahl ließen, entweder Tarifa zu übergeben oder den Sohn vor seinen Augen enthaupten zu sehen. Der alte spanische Held warf ihnen statt aller Antwort sein eigenes Schwert herab und sagte, man solle damit seines Sohnes Haupt abschlagen, worauf die Mauren die Belagerung aufhoben und Don Alonzo Guzman von seinem König, Ferdinand III., den Beinamen »el bueno« erhielt. Für die Araber ist diese Stelle Spaniens überhaupt eine unheilvolle gewesen, denn zwischen Tarifa und Algeciras am Rio Salado war es, wo Alonzo XI. die Mauren in einer ungeheuren Schlacht schlug. Unter den christlichen Schwertern fielen hier Hunderttausende, die es vorzogen, auf dem Boden zu sterben, der, von ihren Vätern erobert, ihnen nun für immer entrissen wurde. Leider war die finstere und regnerische Nacht nicht zur Beobachtung geschaffen, und so ungern wir es taten, mußten wir uns doch endlich entschließen, in die Kajüte hinabzukriechen, obendrein da unser Appetit sich stark meldete. Die beiden Betten, welche wir am vorigen Tage belegt, waren freilich leer geblieben, doch hatte sich gegenüber eine spanische Familie einquartiert, der Vater mit zwei kleinen Söhnen und eine sehr dicke Mutter, die sich bei unserem Eintritt entrüstet erhob und für einen Augenblick einen Anblick gewährte wie die Sphinx der alten Griechen. Anfänglich wollte sie uns nicht in ihrer Nachbarschaft dulden und hielt uns eine lange Rede mit solch spanischer Zungenfertigkeit und Geschwindigkeit, daß wir wenig mehr verstanden als am Schluß jeden Satzes, bevor sie heftig Atem holte, das wohlbekannte »Caramba!«. Endlich schlug sich der Kellner ins Mittel, und da auch seine Vorstellungen nichts fruchten wollten, so zog er entrüstet den Vorhang vor ihrem Bette zusammen, worauf wir sie noch längere Zeit hinter der Gardine dumpf grollen und murmeln hörten wie ein verziehendes Gewitter. Da sich der Restaurateur nicht darauf vorgesehen hatte, im Hafen von Tarifa ein Nachtessen besorgen zu müssen, so fiel dieses sehr frugal aus und erinnerte mich an die Klage des Einsiedlers: »Immer Früchte und gar kein Fleisch!« Nicht einmal eine Schokolade war zu bekommen, und nachdem wir noch auf dem Verdeck im sanft herabrieselnden Regen eine Zigarre geraucht, krochen wir in unsere Bettkasten. Vorher aber hatte mich der Steuermann versichert, wir würden in der Frühe zur Fahrt durch die Meerenge einen klaren Morgen haben – eine Aussicht, die mich alles nächtliche Ungemach in der heißen, dunstigen Kajüte gern ertragen ließ. Schon vor Tagesanbruch befand ich mich auf dem Verdeck und bemerkte mit großer Freude, nicht nur daß der Regen aufgehört hatte, sondern daß auch das dichte Gewölk am Himmel zerrissen war und hie und da ein bleicher Stern hervorblinkte. Freilich waren ringsumher Meer und Felsen noch in Nebel und Dunkelheit eingehüllt, doch konnte man jetzt schon die Wasserfläche des Hafens von Tarifa sowie die malerischen Umrisse der Mauern und Türme erkennen. Der Kapitän befand sich ebenfalls auf dem Verdeck und blickte ungeduldig an dem Schornstein hinauf, aus welchem der Rauch anfing emporzuqualmen. Ich muß gestehen, daß ich in unsäglicher Erwartung um mich her schaute; sollte ich doch ein Schauspiel erleben wie nie zuvor: die Fahrt durch zwei Weltteile, die, obgleich einander in Wirklichkeit so nahe gerückt, doch wieder so gar keine Vergleichungs- und Berührungspunkte haben, die beiden Extreme der Zivilisation, Europa und Afrika. Welche gewaltige Flut von Gedanken, Empfindungen, Erinnerungen bestürmte uns hier beim Anblick dieses kolossalen Felsentores, das mit seinen geschichtlichen Erinnerungen und schon mit seinem Namen, »Säulen des Herkules«, bis zur Fabelzeit hinaufreicht! Jetzt hob sich der Anker des »Don Manuel«, und während der wirklich klar aufsteigende Tag siegreich die Dämmerung verdrängte, glitten wir langsam aus dem Hafen von Tarifa und befanden uns in kurzer Zeit in der Straße, welche beide Weltteile und zwei gewaltige Meere trennt. Ich glaube nicht, daß es irgendwo auf der Erde eine Stelle gibt von so großartiger landschaftlicher Schönheit wie hier; während wir links die Berge von Tarifa hatten, rückwärts die zerklüfteten, sonderbar geformten Felsenspitzen des Cap Spartel, sah jetzt Tanger aus nebelhafter Ferne zu uns herüber; vor uns im Osten erhob sich die Sonne in einem Dunstkreise glühend rot, und ihren Strahlen entgegen, welche nun mit einem Male das tiefblaue Mittelmeer vor uns mit einem purpurnen Lichtstrom übergossen, schwammen wir durch das gewaltige Riesentor von Gibraltar. Mit einem goldenen Glanze überströmten die herausdringenden Strahlen den bis jetzt im trüben Morgendunste hinter uns liegenden Atlantischen Ozean, und wunderbar herrlich war es dabei anzusehen, wie die Spitzen der hohen Gebirge von Ronda auf der einen und die Felsenkronen von Tetuan auf der andern Seite, die soeben noch, in dunkles Violett gehüllt, dalagen, jetzt plötzlich von der Sonne glühend angestrahlt wurden und wie zu gleicher Zeit die prachtvollen Felsen von Ceuta lange Schlagschatten auf die bewegte spiegelnde Flut warfen. Man hätte laut aufjauchzen können bei all der Pracht, und obgleich sich, sowie wir weiterfuhren, die Gestade von Europa und Afrika langsam verschoben, so zeigten sie doch immer neue reizende Einzelheiten. Was war aber in dieser gewaltigen Natur unser elendes Schifflein? Noch immer war der enge Kanal zwischen beiden Weltteilen im Aufruhr, und die Fluten, welche, vom heftigen Winde bewegt, das Mittelmeer hinaustreibt, kämpften erbittert mit der Strömung, die, ein eigentümliches Spiel der Natur, der Atlantische Ozean in unerforschlicher Tiefe immer und immerfort ins Mittelmeer hineinsendet. Trotzdem aber arbeitete »Don Manuel« wacker vorwärts, und in kurzer Zeit trat der eigentümlich geformte Felsen von Gibraltar vor unsere Augen. Ringsumher erhoben sich im weiten Kreise schöne hohe Berge, den Meerstrom so einschließend, daß man in einem weiten See zu fahren glaubte. Noch eine halbe Stunde, und unser kleiner Dampfer ließ seinen Anker in dem weiten Hafen von Gibraltar, nahe bei Algeciras, fallen. Da es noch ziemlich früh am Tage war, so mußten wir längere Zeit auf Boote warten, die uns ans Land bringen sollten; doch hatten wir hier soviel Prachtvolles zu sehen, daß uns dieser Aufenthalt nicht lang deuchte. Auf der großen Bai schaukelte eine Menge Schiffe: kleine Küstenfahrer und Kauffahrteischiffe mit den Wimpeln aller Nationen, dazwischen aber lagen schwarz und finster große englische Kriegsdampfer, gewaltige Fahrzeuge, meistens mit zwei Schornsteinen, welche mit Soldaten, Pferden und Kriegsbedürfnissen aller Art nach dem Orient gingen, wo das blutige Kriegsspiel schon begonnen hatte. Zahlreiche Boote vermittelten die Verbindung der Schiffe mit dem Lande. Hinter dem Mastenwalde erhob sich die Stadt Gibraltar, amphitheatralisch an den Felsen hinangebaut; die Häuser sind meistens mit dunklen Farben angestrichen, scheinen auch schlecht gebaut und bieten so, wenn man an das glänzende Cádiz denkt, einen düstern und traurigen Anblick. Hinter der Stadt erhebt sich nun in den bekannten riesenhaften, so malerischen Verhältnissen, in einer einzigen Masse aufsteigend, der Felsen von Gibraltar, das alte Calpe; nach Osten zu stürzt er fast senkrecht ins Meer, ein zwölf hundert Fuß hohes Vorgebirge bildend; seine Abdachungen nach Süden und Westen sind sanfter, aber immer noch nach militärischen Begriffen unersteiglich; gegen Norden, wo die Felswände gleich riesenhaften Mauern aufsteigen, hängt er mit Spanien durch eine schmale Landzunge zusammen, ein neutraler Grund, der ganz flach und eben nur wenige Fuß über dem Meere erhaben liegt. Sehr leicht wäre es, diesen Isthmus vermittelst eines Kanals zu durchschneiden und so Gibraltar zu einer Insel zu machen, wodurch der wirklich unverschämte Schmuggelhandel hier erschwert würde und hauptsächlich die von Malagakommenden Schiffe das Vorgebirge nicht zu umschiffen brauchten, was bei stürmischem Wetter häufig nicht ohne Gefahr geschehen kann. Ein eigentümliches Spiel der Natur ist es, daß der Felsen von Gibraltar, von der Bai, mehr aber noch von der Landzunge aus gesehen, die Gestalt eines riesenhaften ruhenden Löwen hat. Auf der äußersten Spitze seines Rückens steht der alte, von Tarik erbaute Sarazenenturm, daneben das weiße englische Wachthaus mit seinem Signalmaste, an dem große schwarze Kugeln verkünden, daß am fernen Horizonte im Osten oder Westen Schiffe erscheinen. Hoch oben aber flattert die Fahne Englands, weithin sichtbar, und so anzeigend, daß sie es ist, welche hier am Eingange des Mittelmeers drohend Wache hält. Gegen Norden, nach dem Lande zu, erhoben sich schon zur Zeit der Mauren vier befestigte Linien übereinander; von den heutigen Festungswerken, den berühmten in Felsen gehauenen Batterien, entdeckt man von unten keine Spur, nur sieht man auf dem Kopfe des Löwen feste, trotzige Mauern; in seiner Brust, die er kühn dem Festland entgegenwendet, befinden sich jene furchtbaren Kanonenhöhlen, und wenn wir auch vielleicht von dort oben zwischen wehenden Gebüschen undeutlich eine kleine schmale Felsspalte entdecken, so können wir unmöglich glauben, daß es eine jener Schießscharten sei, aus denen dem Angreifer Kugeln des schwersten Kalibers entgegenfliegen. Von den Festungswerken auf der westlichen, uns und dem spanischen Algeciras zugewendeten Seite, unten am Hafen, sehen wir zwei aus Granit schief in das Meer hineingebaute Hafendämme, die beiden Molos, welche mit Geschützen des schwersten Kalibers besetzt sind. Über den Namen Gibraltar, das alte Heraklia, gibt es verschiedene Lesarten; nach einigen soll es Giebeltor heißen, Bergturm, nach andern Dschebel el Tarik, Berg des Tarik, weil der tapfere arabische Feldherr hier 714 mit seinen Mauren landete. Es schien mir, als habe der Kapitän des »Don Manuel« in die Aufhebung der Quarantäne hier noch keinen rechten Glauben gesetzt; denn statt dicht bei Gibraltar hatte er sich so nahe an Algeciras gelegt, daß uns die dortigen Bootführer als ihre Beute beanspruchten, mit einer ziemlich großen Fähre vor unsern Dampfer kamen und uns abholten. An der spanischen Küste befand sich ein altes Pfahlwerk, in die Bucht hineingebaut, wo Boot und Nachen bei ganz ruhiger See anzulegen schienen; heute aber, wo die Fahrzeuge immer etwas auf dem Wasser tanzten, steuerte unser Nachen nördlicher dem Ufer zu, um vielleicht fünfzig Schritte von demselben zu halten. Zugleich erschien denn auch eine Menge Lastträger, die bis an den Gürtel ins Wasser gingen, um unser Boot auszuladen. Sie nahmen Koffer und uns selbst auf ihre Schultern, und es war komisch anzusehen, wie wir rittlings den Strand erreichten. Nach einigen Paßschwierigkeiten, die wir mittelst ein paar Peseten ins reine brachten, durften wir über das eben bezeichnete alte Pfahlwerk einen kleinen Dampfer besteigen, welcher die Verbindung zwischen Algeciras und Gibraltar vermittelt. Damit hatten wir eigentlich das schöne Spanien verlassen und wandten ihm lange schmerzliche Blicke zu, sandten noch viele Abschiedsgrüße hinüber, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. – Ein gebrechlicheres und elenderes Fahrzeug, wie der Dampfer war, der uns hinüberführte, hatte ich lange nicht gesehen; ... ein kleines Ding, Das leck schon war und Wasser fing Als wie ein alter Stiefel, heißt es irgendwo von Charons Nachen, und geradeso war unser Fahrzeug, dabei von erschreckend englischem Ansehen; auf dem Verdeck die bekannten schweren Reiserequisiten, blonde Herren mit schottischem Plaid und blonde Damen mit grünen Schleiern und wasserblauen Augen. Statt unseres prächtigen Piratenkapitäns vom »Don Manuel« stand hier ein fetter Kerl auf dem Radkasten, in langer Ärmelweste, den Hut auf dem Hinterkopfe, mit dickem, aufgedunsenem Gesichte und rötlichem Backenbarte. Ja, es war wirklich Charons Nachen, der uns hinweg vom glühenden wunderbaren Lichte der Sonne in die kalte, nüchterne Unterwelt führte. – Lebe wohl, du schönes Spanien! Bald legten wir am neuen Molo von Gibraltar an und hätten glauben können, während der kurzen Überfahrt von Algeciras viele, viele hundert Meilen nördlich gekommen zu sein. Hier waren englische Matrosen und englische Lastträger, englische Soldaten und englische Kaufleute; ein englischer Lohnbedienter pries uns das englische Klubhaus an; englisch geschnittene Backenbärte befanden sich hier an englischen, sonst glatt rasierten Köpfen, und über dem Tor, durch das wir gebückt fast kriechen mußten, da des Sonntags halber nur der untere Teil geöffnet wurde, wehte die englische Flagge. Daß eine Stadt wie Gibraltar, im Mittelpunkt des spanisch-andalusischen Lebens gelegen, zwischen Cádiz, Sevilla, Córdova, Granada und Malaga, gegenüber dem poetischen Maurenlande, durch ein paar tausend Engländer ein so trostlos nüchternes Ansehen gewinnen kann, ist völlig unerklärlich. Wenn man durch die lange Hauptstraße Gibraltars geht, nicht rechts blickend, wo durch irgendeine Seitengasse ein Stück des Mastenwaldes hervorsieht, aber nach links, wo der gewaltige Fels hereinragt, so hätte man glauben können, in der stillsten Krämerstadt mitten im Lande zu sein, die fern, abgeschlossen von der Welt daliegt und wohin sich höchstens zweimal in der Woche ein alter, gebrechlicher Postomnibus verirrt. Und diese drückende Leere auf den Straßen! Nur hin und wieder wandelt ein einsamer Paletot oder ein paar rotröckige Soldaten. Gott sei Dank, daß wir an einem Kaffeehaus vorbeikamen, vor dem ein paar Mauren saßen, den langen weißen Burnus über den seidenen malerischen Gewändern, mit schönen gelben, arabisch ernsten Gesichtern. Dazu die Stille der Häuser, kein Gelächter, kein Geplauder an den halboffenen Festern, kein Gitarrenklang, kein lustiges Lied. Wo waren die lieben spanischen Augen geblieben, die frischen lachenden Lippen mit den schönen Zähnen! Hie und da sah man wohl eine Jungfrau am Fenster sitzen, aber aufrecht und steif, strenge und wohlerzogen die Blicke abwendend, wenn die vorüberwandelnden Fremdlinge allzukühn aufschauten, oder das Fenster schließend, wie es ja auch wohl im ähnlichen Falle bei uns daheim geschieht von der wohlgekämmten Tochter einer achtbaren Familie. Im Hotel »Gibraltar«, einem guten, englisch eingerichteten Gasthofe, bekamen wir ordentliche Zimmer und kleideten uns sogleich um, um einen Empfehlungsbrief abzugeben, den wir in Madrid erhalten, und zwar an den preußischen Konsul, Herrn Schott, dessen liebenswürdige Persönlichkeit uns schon manche Reisende gerühmt hatten. Wir fanden auch alles Gute und Liebe, was man von diesem gastfreundlichen Hause gesagt, aufs vollkommenste bestätigt, und wenn auch keine Vergeltung, so übe ich doch eine Gerechtigkeit, wenn ich sage, daß Herr Konsul Schott in der Tat der Hort seiner deutschen Landsleute ist. Seit längeren Jahren in Gibraltar, verheiratet mit der liebenswürdigsten Tochter eines reichen spanischen Hauses, findet man bei ihm und ebenso im Hause seiner Schwiegereltern, der Familie L., die vollste spanische Gastfreundschaft, wie sie, fern von Zwang und beengender Etikette, nur eben diese noble, prächtige Nation zu bieten vermag. Mitten in dem nüchternen Gibraltar ist das Haus des Herrn L. wie eine Oase in der Wüste, ein Stück andalusisches Leben. Hier findet man auch wieder den kleinen reizenden Patio mit frischem Wasser und blühenden Blumen und in den gastlich geöffneten Sälen einen Kreis blühender Töchter, die so freundlich waren, uns, die wir so schmerzlich an das für uns verlorene spanische Paradies dachten, durch vortrefflich vorgetragene andalusische Lieder das schöne Land wieder herbeizuzaubern. Herr Schott war so freundlich, uns zur Alameda von Gibraltar zu begleiten, indem er uns lächelnd versicherte, die Schönheit derselben würde uns gewiß mit dem kalten Anblick der Stadt versöhnen, und darin hatte er vollkommen recht. An den Festungstoren, durch welche wir die Stadt auf der südlichen Seite erstiegen, sieht man noch deutlich den kaiserlichen Adler Karls des Fünften. In kurzer Zeit befanden wir uns außerhalb der eigentlichen Gräben und Wälle, an welche sich die Hafendämme mit ihren furchtbaren Batterien zu unserer Rechten anschließen, so eine drohende Kette Geschütze des schwersten Kalibers bis zur Ostspitze bildend. Zwischen diesem Hafendamme und der rechts aufsteigenden Felsenwand befindet sich nun die Fläche, welche der Paseo von Gibraltar einnimmt. Der eigentliche Garten ist klein, aber von wunderbarer Schönheit; ein sehr geschickter Gärtner hat das unten sanft gegen den Felsen ansteigende Terrain meisterhaft zu benützen verstanden, überall verschlungene Wege angebracht, die jetzt durch Lorbeergebüsch, dann durch ungeheure Rosenlauben, deren eine sich seltsamerweise über die weißen Rippen eines Walfisches wölbt, über zierliche Brücken hinweg von Terrasse zu Terrasse steigen, überall eine neue herrliche Aussicht gewährend. Der untere Teil ist muldenförmig und eine wahre Schale voll prachtvoller Pflanzen; Geranien, die wir bei uns ja nur in kleinen Exemplaren haben, bildeten hier mannshohe Gruppen und lange Hecken, bedeckt mit blendenden purpurroten Blumen; wie wild aus dem Grase wachsend, treiben Gladiolus ihre großen schönen Blütenkolben in die Hohe, einen glühenden Kranz um riesenhafte Aloen bildend, die mit dem Blaugrün ihrer Stachelblätter so angenehm zwischen der saftigen Farbe der Geranien und Lorbeeren hervorbrechen. Gegen die Ostspitze zu setzt sich die Alameda in einem breiten Fahrwege fort, und das Eigentümliche der ganzen Anlage hier am Ufer des Meeres wird noch erhöht durch die unzähligen Batterien, welche man an allen Orten zwischen dem blendenden Grün hervorblicken sieht. Der Gärtner hat die Kriegswerkzeuge auf die lieblichste und zierlichste Art mit in den Bereich der Anlagen gezogen. Wir betreten einen sanft geschlängelten Pfad, der uns vielleicht zu einer Rosenlaube führen kann, und treten plötzlich auf eine Plateforme, mit blankgeputzten Achtundvierzigpfündern bedeckt. Dort durchs Gebüsch schimmert auf weißem Kiesgrunde etwas, das wir für Ruhesitze halten; wir kommen näher und finden eine Mörserbatterie, deren weite Mündungen uns drohend anschauen, vielleicht erschrecken könnten, wenn nicht Schlingpflanzen und Geranien, die am Fuße der Lafetten wachsen, zierliche Ranken hinaufsendeten und mit ihren roten und blauen Blüten das kalte Eisen zu liebkosen schienen, ja es durch ihren Anblick freundlich stimmten. Die Alameda von Gibraltar ist ein völliger Geschützgarten, und mir kam häufig die Idee, als habe sie irgendein alter General, ein eifriger Blumenliebhaber, so angelegt und die Batterien damit verwoben, weil er nun einmal ohne den Anblick derselben nicht leben kann. Auf einer kleinen Anhöhe im Garten steht das von Matrosen grotesk aus Holz geschnitzte lebensgroße Bildnis des Lord Eliott, des tapfern Verteidigers von Gibraltar. Der Fahrweg durch den Paseo, dem starren Felsen abgerungen, zieht sich zwischen reizenden Landhäusern, meistens Wohnungen der englischen Offiziere, bald hie und da von grünen Gärten begrenzt, bis zur östlichen äußersten Spitze des Felsens, wo man eine prachtvolle Aussicht genießt, links und rechts die gewaltige Meeresflut, vor sich die malerischen Berge der afrikanischen Küste in dunkelvioletter Färbung. Auf dem Rückwege stieg Herr Konsul Schott mit uns ein paar hundert Schritte den Felsen hinan und brachte uns zu einem kleinen, höchst eigentümlichen Garten, ganz verdeckt in einer Felsspalte liegend, dessen Entstehung er uns erzählte. Sowenig man hier in Gibraltar verhindert wird, zwischen den unteren Batterien spazierenzugehen, so streng ist es verboten, irgendwo zu zeichnen oder etwas am Erdreich zu verändern. Nun meldete eines Tages eine Patrouille, die den Felsen umkreiste, sie habe dort oben auf der Höhe einen höchst sonderbaren Garten entdeckt. Ein Schuhmacher von Gibraltar nämlich hatte den verbotenen Platz da oben geebnet und nach seinem Geschmacke angelegt. Der Gouverneur mit einigen Offizieren sah sich bewogen hinaufzuklettern und fand nun da eine Anlage der komischsten Art, wie wir sie heute noch sahen. Am Eingang stand das alte verstümmelte Holzbild eines Schiffsschnabels, irgendein englischer Admiral, dem eine Tonpfeife im Munde steckte; daneben aus dem Gestein traten ein paar Pferdsköpfe hervor, weiter oben einzelne hölzerne Arme und Beine, die der Schuster Gott weiß wo aufgefunden; dann kam man auf eine kleine Terrasse, wo die Felswand auf der einen Seite mit allen möglichen Porzellan- und Glasscherben geschmückt war; unten in einer Höhlung lag ein ausgestopftes Reh und in verschiedenen natürlichen Nischen wahrhaft schreckliche Ungetüme, menschliche Statuen vorstellend, die der Eigentümer selbst aus Kalk und Gips gemacht; auch Eva war da, am Feigenbaume stehend, und neben ihr stellte ein alter Kaktusstengel die Schlange vor. Die Terrasse führt in eine Höhle des Felsens, welche der Schuster »das Museum« nannte, und hier stand beieinander, was er seit langen Jahren in Trödelbuden gefunden: zerstückelte Gipsfiguren, zum Beispiel der Oberkörper der Venus mit einem Matrosenhut auf dem Kopfe, Fetzen von Fahnen und Wimpeln aller möglichen Schiffe und ausgestopfte Hunde und Katzen neben Flaschen, Gläsern, neben Gewehrkolben ohne Läufe oder rostigen Säbeln mit zerbrochenen Klingen. Ich glaube nicht, daß damals der Gouverneur von Gibraltar, Sir Gardiner, bei diesem Anblicke mehr gelacht als wir. Der Schuster erhielt denn auch die Erlaubnis, seinen Garten behalten zu dürfen, und zeigte ihn nun mit großem Selbstgefühl den besuchenden Fremden, nicht ohne von vielen Stücken höchst anmutige Historien zu erzählen. Als wir herabsteigend die Alameda wieder erreichten, dämmerte es bereits zwischen den Felsen. Von der Höhe des Felsens herab donnerte ein Kanonenschuß, zum Zeichen daß das Tor auf der Nordseite gesperrt werde. Auch auf den Kriegsschiffen krachte es, die Flaggen begrüßend, die bei einbrechender Nacht vom Mast niedergelassen wurden. Dieser Augenblick war wunderbar schön auf der Alameda. Hinter der Meerenge im Westen war die Sonne strahlend niedergegangen, und während unten schon ein feiner Dunst die Bäume und Sträucher umzog, glänzte oben auf der Spitze des Felsens noch die stolze Flagge Englands über dem Wachthaus und dem alten Sarazenenturm. Während wir langsam dem Tore zuschritten, entzündeten sich hie und da an den Bergen Lichter in den Landhäusern, welche freundlich durch die dunkeln Gebüsche glitzerten. Auf einem der Kriegsschiffe brausten die Klänge eines Musikkorps durch den stillen Abend, und als wir die Straßen Gibraltars wieder betraten, begegneten wir einer Patrouille Bergschotten, die mit den schnarrenden Tönen des heimatlichen Dudelsackes ihren Zapfenstreich aufspielten. Am andern Morgen erhielten wir durch die Freundlichkeit des Herrn Konsuls Schott die Erlaubnis, die Felsengalerien mit ihren Batterien sehen zu dürfen, und zwar wurde es uns gestattet, hinauf zu reiten, was insofern seine Annehmlichkeiten hat, da der Weg, den man machen muß, sehr weit ist. Wir nahmen im Gasthof einen Lohnbedienten, der uns für Pferde sorgte, und ritten um neun Uhr von Hause weg. Der Weg führte, an der rechten Abdachung des Felsens hinauf, anfänglich durch die Stadt, die terrassenförmig aufgebaut ist, zuweilen nur durch steile Steintreppen verbunden, und wo die oben hinführenden Straßen öfter auf gleicher Linie mit den Dächern der unten liegenden Häuser laufen. Außerhalb der Stadt zieht sich der schmale Reitpfad im Zickzack durch zerrissene Felspartien und führt noch längere Zeit an einzeln stehenden Häuschen vorbei, dann haben wir offene Batterien wie auf der Alameda, mit allerlei zierlichen Gesträuchen untermischt, Orangen, Zitronen und Lorbeer, neben alten maurischen Türmen und neueren Festungswerken. Und wie grandios entwickelt sich die Aussicht, während man immer höher und höher aufwärtssteigt! Die Stadt zu unsern Füßen mit ihrem Mastenwalde scheint sich ängstlich zusammenzuducken, wobei die majestätischen Berge von Europa und Afrika immer riesenhafter aufsteigen, und die Bai von Gibraltar, drunten für uns so weit und groß, schrumpft zu einem kleinen See zusammen, während sich die sonnbeglänzten Weltmeere nach Osten und Westen in ihrer Unendlichkeit ausdehnen. Vierhundert Fuß über der Stadt erreichten wir die erste Galerie, wo uns ein Sergeant, der Artillerie erwartete, um durch sämtliche Werke unser Führer zu sein. Ein schweres, festes Tor öffnet sich vor uns, und aus dem blendenden Sonnenlichte treten unsere Pferde in einen schattigen, vielleicht zwanzig Fuß hohen Felsengang, der sich endlos vor uns auszudehnen scheint und wo das Echo die Hufschläge dröhnend wiedergibt. Es ist ein eigentümliches Gefühl, durch diese Batterien zu reiten, und man erstaunt über die Willenskraft der Menschen, welche durch den harten Fels diese Gänge gehöhlt. Vermittelst der Schießscharten fällt das Licht herein, und wenn diese auch weit und hoch sind, so braucht man doch nur in die schwindelnde Tiefe hinabzuschauen, um zu begreifen, daß man von drunten diese Öffnung nicht entdeckt, selbst nicht die Mündung der Vierundzwanzigpfünder, die hinausragen. Obgleich die Gänge weit und der Fels über den Batterien hoch ausgewölbt ist, so soll doch der Pulverdampf, namentlich bei Nord- und Ostwinden, hier leicht unerträglich werden und ein anhaltendes schnelles Schießen sehr erschweren. Die zweite Galerie, die man, an der Bergwand auf schmalen Zickzackwegen hinaufreitend, erreicht, liegt siebenhundert Fuß über dem Meere und ist die längste. In der Mitte derselben befindet sich die Batterie Sankt Georg, ein großer, in den Felsen ausgehauener runder Salon, wenn ich nicht irre, mit Vierundsechzigpfündern besetzt, welche nach beiden Meeren hinausfeuern können; etwas tiefer liegt die Batterie Lord Granvilles mit sechzigpfündigen Karronaden. Von dieser Galerie zur dritten und höchsten, die sich tausend Fuß erhebt, geht es außerhalb des Felsens lange und ziemlich steil aufwärts, weshalb sich der begleitende Sergeant auf die Croupe des Pferdes unseres Lohnbedienten schwang, um mit dem schnell gehenden Tiere gleichen Schritt halten zu können. Dieser Lohnbediente, der mich protegierte, hatte mir das beste Pferd gegeben, einen festen maurischen Schimmelhengst mit langem Schweif, prachtvoller Mähne und etwas heftigem Temperament. Dabei hatte er die Gewohnheit, jeden Augenblick den Kopf in die Höhe zu werfen, und zeigte schon in der untersten Galerie, daß es ihm durchaus kein Vergnügen mache, durch die halbdunklen hallenden Gänge zu gehen, strebte auch, da er an der Spitze ritt, so hastig vorwärts, daß ich ihn nur mit Mühe halten konnte. Die oberste Galerie hatten wir kaum zur Hälfte durchritten und waren an einen Punkt gekommen, wo der Gang ziemlich stark aufwärts stieg, als mein Hengst mit einem Male seinen Kopf nachdrücklicher wie bisher in die Höhe warf und gleich darauf in den tollsten Sätzen mit mir durchging; umsonst nahm ich die Zügel fest an; ich fühlte wohl, daß die Stange in seinem Maul nicht mehr wirkte. Alles, was ich tun konnte, war, ihn in der Mitte des Ganges zu halten, um nicht an den vorspringenden Felsen der Wände gestreift zu werden. Bald hatte er übrigens das Ende des Ganges erreicht, wo eine Schildwache, die uns kommen hörte, den Torflügel halb öffnete; dort raste das Pferd hinaus, nicht ohne mich an dem vorstehenden Riegel tüchtig zu streifen. Ein verschlossenes Lattentor vor dem Eingange ließ ihn nicht weiter; und als ich draußen am hellen Tageslicht nachsah, hatte sich bei dem Aufwerfen des Kopfes die Kinnkette aus dem Haken gelöst, und da war freilich an ein Halten des feurigen Pferdes nicht mehr zu denken. Sämtliche Galerien haben hundertundzwanzig Geschütze und diese ganze Seite des Felsens mit den zahlreichen Außenbatterien über sechshundert, die meisten von schwerem Kaliber. Man sagt: Gibraltar ist unbezwinglich, und es mag wohl der Fall sein, solange eine unbesiegte britische Flotte den Felsen schützend umgibt; würde aber Frankreich und Spanien die Oberhand zur See bekommen – was letzteres anbelangt, so ist freilich wenig Aussicht vorhanden–, so gibt es auch wieder keine Festung, die leichter und nachdrücklicher zu blockieren wäre als Gibraltar. Was die Kanonen gegen die Landenge Spaniens zu anbetrifft, so haben sie wohl mehr den Zweck, Angriffsbatterien auf dem Isthmus zu zerstören, als einen schnell andringenden Feind zurückzutreiben. Beim Austritt aus der obersten Galerie ritten wir noch einen mühsamen Pfad bis auf die höchste Spitze des Felsens, zum englischen Signal- und Wachthause, wo sich das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigt findet; denn hier oben ist eine kleine Restauration, welche die Frau eines englischen Sergeanten hält, wo man guten Porter, herrliches weißes Brot und besten Chesterkäse erhält. Eine solche Labung ist nirgendwo zu verachten, hier aber ein derartiges Frühstück angesichts zweier Weltteile und zweier großer Meere wahrhaft köstlich und ewig unvergeßlich. In der Restauration des Wachthauses kauft man zum Andenken an den Felsen von Gibraltar allerlei hübsche Sachen, welche gemacht sind aus den agatähnlichen Steinen der Michaelshöhle, die im südlichen Teile des Felsens liegt und zu welcher wir jetzt hinabritten. Vor einem hohen Felsentor stiegen wir von den Pferden; unser Führer zündete Fackeln an, und dann ging es ziemlich steil abwärts. Unten angekommen, sieht man die natürlichen Felsenmassen sich wie die Kuppeln eines ungeheuren Domes wölben, von schlanken Säulen unterstützt, die, durch Tropfsteingebilde verziert, bald gotischen Pfeilern ähnlich sehen, bald seltsamen, phantastischen Gestalten, bald riesenhaften Baumstämmen mit weitverzweigten Ästen. Prachtvoll ist, von hier aus gesehen, die bläuliche Färbung des Tageslichtes vor dem hier unten nicht sichtbaren Eingange; an den wild zerrissenen Felswänden beleuchtet es oben grell die vorspringenden Zacken und zeigt Schlagschatten von wahrhaft abenteuerlichen Formen. Im Hintergrund der Höhle bildet die Fortsetzung derselben ein steil abfallender Felsengang, dessen Ende und Tiefe noch nie ergründet worden ist. Schon häufig sind englische Offiziere hier auf Entdeckungsreisen ausgegangen, indem sie an Stricken hinabglitten, ohne ein Ende der Höhle zu finden; am weitesten soll der englische General O'Hara gekommen sein, der an der Stelle, wo er endlich ohne Erfolg umkehren mußte, einen kostbaren Degen hinterlegte für einen spätern Entdecker, der sich aber bis jetzt noch nicht gefunden. Der Sage nach soll dieser Gang unter dem Meere nach Afrika führen und dort mit einer Höhle auf dem Affenberge bei Ceuta in Verbindung sein. Hierdurch will man es auch erklären, daß zahlreiche Affenherden, die man heute an der Ostseite des Felsens von Gibraltar häufig sieht, morgen spurlos verschwunden sind, um nach einigen Tagen ebenso plötzlich wieder zu erscheinen. Als wir später zur Stadt zurückkehrten, hielt unser Führer plötzlich sein Pferd an und zeigte nach einer buschigen Stelle des Felsens. Dort bewegte sich freilich an verschiedenen Stellen etwas und huschte unter dem Laube hin und her; ob es aber afrikanische Affen oder europäische Hasen waren, darf ich als wahrheitsliebender Reisender mich nicht unterstehen zu entscheiden. Gibraltar hat ein kleines Theater, welches aber meistens unbenutzt ist. Zufällig aber traf es sich in den Tagen unseres Dortseins, daß die englischen Offiziere der Garnison zu irgendeinem wohltätigen Zweck eine Vorstellung veranstalteten. Sie gaben ein Schauspiel: »Richelieu«, ich glaube, eine englische Übersetzung aus dem Französischen. Wir erhielten Eintrittskarten, von denen wir begreiflicherweise Gebrauch machten. Das Schauspielhaus ist klein, aber freundlich, und war mit einer gewählten Gesellschaft besetzt. Zwischen blonden englischen Damen in großer Toilette sahen wir wieder einmal auch schöne schwarzäugige Spanierinnen und neben den unmalerischen europäischen Fräcken malerische Trachten aus der Berberei, Mauren im weißen Burnus, die das seltene Schauspiel und die unverständliche, für sie so harte Sprache ernsthaft anstaunten. Sehr reich waren die Kostüme der Acteurs; an echten Frauen agierten nur zwei wirkliche Schauspielerinnen, ein paar blutjunge hübsche Offiziere stellten die übrigen Damenrollen dar. Gespielt wurde im allgemeinen ziemlich gut, auch waren Künstler und Publikum außerordentlich heiter; für mich ist aber die Erinnerung an jenen Abend eine schmerzliche, denn wie wenige jener frischen, lebenslustigen jungen Leute mag auf den blutgetränkten Schlachtfeldern der Krim der unerbittliche Tod verschont haben! Balduin Möllhausen Wanderungen durch die Prärien und Wüsten des westlichen Nordamerika Wir fanden am Colorado zahlreiche Spuren der Eingeborenen, die mit unbedeckten Füßen nach allen Richtungen die Niederung durchkreuzt, aber auch an manchen Stellen längere Zeit mit ihren Familien verweilt hatten, und wir alle waren darauf gespannt, die ersten dieser noch so wenig bekannten Nationen kennenzulernen. Da an ein Überschreiten des Stromes hier noch nicht gedacht werden konnte, weil das westliche Ufer, so weit das Auge gegen Norden reichte, eine fortlaufende steile Felsenkette bildete, wir ferner aber auch beabsichtigten, das Tal des Mohave River, der, aus der Nähe des San-Bernardino-Gebirges in Kalifornien kommend, sich in den Colorado ergießt, soviel wie nur möglich zu benutzen, so mußten wir so weit nördlich ziehen, bis sich uns, vielleicht bei den Dörfern der Mohave-Indianer, eine passende Stelle zeigte, wo wir das westliche Ufer des reißenden Stromes würden gewinnen können. Wir brachen deshalb nach kurzer Rast an der Mündung der Bill Williams Fork wieder auf, reisten in dem schmalen, aber ziemlich ebenen Tale des Colorado nordwärts und schlugen nach einem Marsche von 6 Meilen in ganz geringer Entfernung von dem Strome unser Lager auf. Bis hierher hatten wir noch zwei unserer großen Reisewagen gebracht; es war also dadurch erwiesen, daß überhaupt mit Wagen bis an den Colorado durchgedrungen werden kann. Dieselben aber über den Fluß zu schaffen wäre für unsere Mittel eine zu zeitraubende Arbeit gewesen, ganz abgesehen davon, daß weiter nördlich vor uns steile, zackige Gebirgsmassen ein Durchbringen der Wagen unmöglich zu machen schienen. Diese mußten also auch zurückgelassen und die auf denselben befindliche Bagage auf die Packsättel und Rücken der Maultiere verteilt werden. Als unsere Leute am Nachmittage mit dieser Arbeit beschäftigt waren, bemerkten wir die ersten Eingeborenen, die sich vertrauensvoll unserem Lager näherten. Es waren vier junge, sehr große, schön gewachsene Leute; den kräftigen Bau und das vollkommenste Ebenmaß der Glieder konnten wir um so mehr bewundern, als sie außer einem schmalen weißen Schurz nicht das geringste zur Bekleidung an ihrem Körper, selbst nicht an ihren Füßen, trugen. Sie waren vollständig unbewaffnet, und da sie auf diese Weise ihre friedfertigen Gesinnungen zu erkennen gaben, so verstand es sich von selbst, daß sie mit größter Freundlichkeit von uns empfangen wurden. Die Hautfarbe dieser Menschen war dunkel kupferfarbig; das Gesicht hatten sich alle vier auf gleiche Weise bemalt, nämlich kohlschwarz mit einem roten Striche, der sich von der Stirne über Nase, Mund und Kinn zog. Dies schien überhaupt eine fast allgemein verbreitete und beliebte Dekoration der dortigen Eingebornen zu sein, denn vielfach bemerkte ich an den folgenden Tagen noch diese wahrhaft erschreckende Art von Bemalung. Ihre starken schwarzen Haare trugen sie lang auf den Rücken hinunterhängend, wo sie stumpf abgeschnitten und mittels aufgeweichter Lehmerde in Strähnen oder Stricke gedreht und dann steif zusammengetrocknet waren, ein Gebrauch, den ich später bei allen männlichen Eingeborenen im Tale des Colorado bemerkte. Eine dünne Schnur von Bast trugen sie um die Hüften, und durch diese war der Zeugstreifen gezogen, der vorn bis beinahe an die Knie reichte, hinten aber fast bis zur Erde flatterte. Es muß dies eine Art von Abzeichen der dortigen Stämme sein; denn alle, die ich zu bemerken Gelegenheit hatte, legten viel Wert darauf, daß zu jeder Zeit dieser Schweif gesehen würde, was deutlich daraus hervorging, daß einer der jungen Leute, der mit Beinkleidern beschenkt wurde und dieselben mit Hülfe einiger unserer Leute anzog, augenscheinlich in die größte Verlegenheit darüber geriet, daß dieses Abzeichen infolgedessen nicht mehr sichtbar war; nach einigem Nachdenken riß er daher ein Loch gerade in die Mitte des Kleidungsstückes und zog mit über seinen Scharfsinn triumphierendem Gesicht den Zeugstreifen durch dasselbe, so daß er durch diese eigentümliche Verbindung der indianischen mit der europäischen Tracht ein unbeschreiblich komisches Aussehen erhielt. An dem dünnen Gurt hatten unsere Besucher noch Ratten, große Eidechsen und Frösche befestigt, die sie sich an unseren Feuern rösten wollten, um sie dann zu verzehren; doch wir tauschten ihnen für Hammelfleisch diese für uns neuen Exemplare ab und gesellten sie unserer Sammlung bei. An den Spuren der Indianer, die wir hin und wieder auf dem Lehmboden des Tales fanden, hatten wir uns schon über das weite Auseinanderstehen der Zehen gewundert; noch mehr fiel es uns auf, als wir die uns besuchenden Eingebornen beobachteten und sogleich gewahrten, wie eigentümlich weit auseinandergereckt die fast nagellosen Zehen waren. Wir erklärten uns diese Erscheinung durch die Vermutung, daß vielleicht das viele Waten im morastigen Erdreich des häufig überschwemmten Tales bei den Kindern schon die Ursache davon sein möchte. Die vier Indianer hatten sich zur Nacht entfernt, stellten sich am folgenden Morgen aber wieder ein und schienen nicht wenig erstaunt, als sie bemerkten, daß wir unsere Wagen zurückließen und nur mit einem ganz leichten Wägelchen, an welchem der Viameter befestigt war, unsere Reise fortsetzten. Da die Maultiere ohne Schwierigkeiten den indianischen Pfaden, die an Abgründen vorbei über Felsen und durch Schluchten führten, zu folgen vermochten, der leichte Wagen aber an den unbequemsten Stellen von unseren Leuten getragen werden konnte, so kamen wir auf dem felsigen, zerrissenen Ufer des Colorado, welches die ebenen Talgründe häufig unterbrach, verhältnismäßig schnell vorwärts. Ganze Horden von Eingebornen, die teils durch den Fluß zu uns herüberschwammen, teils aus den mit Mezquit-Waldung bedeckten kleinen Ebenen zu uns stießen, begleiteten uns fortwährend, und immer größer wurde die Zahl derer, die nun nicht mehr unbewaffnet wie am ersten Tage, sondern, mit Bogen und Pfeilen versehen, uns umschwärmten. Jetzt, da wir die Eingebornen in drei Stämmen, Chimehwhuebes, Cutchanas und Pah-Utahs , die aber in ihrem Äußeren keine Verschiedenheit zeigten, in so großer Anzahl beobachteten, konnten wir uns nicht genug über den kräftigen Menschenschlag wundern, wo eine männliche Gestalt unter 6 Fuß Höhe zu den Seltenheiten zu gehören schien. Besonders fiel uns der Unterschied zwischen den im Gebirge ähnlich den Wölfen lebenden Yampays und Tontos, von denen wir freilich nur wenige Exemplare kennengelernt hatten, und den von vegetabilischen Stoffen sich nährenden Bewohnern des Colorado-Tales auf, indem erstere nur kleine häßliche Gestalten mit widrigem, tückischem Ausdruck der Physiognomie waren, die anderen dagegen wie lauter Meisterwerke der schöpferischen Natur erschienen. Es war eine Freude, diese riesenhaften Gestalten zu beobachten, wenn sie, ähnlich dem schwarzschwänzigen Hirsch, in mächtigen Sprüngen über hinderndes Gestein oder Gestrüpp hinwegsetzten und an uns vorbeistürmten. Hierzu kam noch der freundliche, fast offene Ausdruck ihrer Augen, den selbst die gräßliche Bemalung nicht zu verdrängen vermochte, und die ewig glückliche Stimmung, in der sich diese Wilden zu befinden schienen; denn ihre Scherze und Neckereien unter sich, denen immer wildes, ausgelassenes Lachen folgte, nahmen während des ganzen Tages kein Ende, bis sie gegen Abend alle verschwanden, wahrscheinlich um vor der sich einstellenden Kälte den unbedeckten Körper unter ein schützendes Obdach zu bringen. Ganz im Gegensatze zu den Männern sind die Weiber der Indianer am Colorado durchgängig klein, untersetzt und so dick, daß ihr Aussehen mitunter ans Komische grenzt. Um die Hüften tragen sie einen Schurz oder vielmehr einen Rock, der von Baststreifen angefertigt ist, und zwar so, daß ganze Bündel dieser Streifen mit dem einen Ende am Gürtel dicht und fest miteinander verbunden sind, während das andere Ende derselben bis fast auf die Knie herunterhängt und dort ähnlich langen Fransen gerade abgeschnitten ist. Jede einzelne dieser Frauen gleicht in diesem Anzüge aus der Ferne einer Balletttänzerin, sogar die schaukelnde Schwingung des Rockes beim Gehen fehlt nicht und erinnert an die gezierten Bewegungen auf den Bühnen. Auf der Stirne tragen beide Geschlechter das Haar über den Augenbrauen stumpf abgeschnitten, doch, verschieden von den Männern, sieht man bei den Weibern das Haar niemals sehr lang und auch nicht in jene obenerwähnten Streifen gedreht. Die etwas breiten Gesichter der letzteren mit ihren schönen schwarzen Augen zeigen ebenfalls den Ausdruck des Frohsinns, und wenn sie auch nicht schön genannt werden können, so entbehren manche Physiognomien wiederum nicht eines gewissen Reizes. Bei ihrer Bemalung gehen sie sorgfältiger zu Werke als die Männer und tätowieren sich auch mehr als diese, namentlich findet man, daß die meisten ihre Lippen ganz blau gefärbt und das Kinn von einem Mundwinkel bis zum anderen mit blauen Punkten und Linien geschmückt haben. Ihre Säuglinge halten sie bis zu einem gewissen Alter in Baststreifen eingewickelt und tragen dieselben überall mit sich herum. Am dritten Tage unserer Reise am Colorado hatten wir die erste Gelegenheit, uns von den Cutchanas, die haufenweise in unser Lager strömten, dies und jenes einzutauschen. Sie brachten uns Bohnen, Mais, Weizen, feingeriebenes Mehl, Kürbisse und Melonen, für welche wir unsere schlechten Kleidungsstücke oder Streifen von unseren Decken hingaben; auch verschafften wir uns einige von ihren Bogen von 5 Fuß und Pfeile von 3 Fuß Länge. Erstere bestanden aus einfachen gebogenen Stücken zähen Holzes und die Sehne auf demselben aus sorgfältig gedrehtem Tiernerv; die Pfeile dagegen waren aus zwei Stücken zusammengesetzt: aus einem Rohrschaft mit den daran befestigten Federn und einem harten Holzstäbchen, welches, im Rohrschaft steckend, an der Spitze mit sauber und künstlich geschlagenen Steinen versehen war. Auf welche Weise die Indianer die härtesten aller Steine in zierliche Pfeilspitzen mit Widerhaken schlagen, ist mir unerklärlich geblieben, um so mehr, als noch keine eisernen Gerätschaften ihren Weg bis zu diesen Leuten gefunden haben. Die Steinspitzen sind mit einer Mischung von Baumharz am Schaft befestigt, und zwar so, daß, wenn man den Pfeil aus einer Wunde zieht, der Stein sich vom Schaft trennen und im Körper zurückbleiben muß. Außer dieser Angriffswaffe führen die dortigen Eingebornen noch eine kurze Keule oder vielmehr den aus einem einzigen Stück Holz geschnitzten Hammer oder Schlegel, woher sie in Amerika auch wohl Club- oder Keulen-Indianer genannt werden. Dieser Schlegel ist 1 ¼ Fuß lang und aus leichtem, aber sehr festem Holz mühsam ausgearbeitet; der obere dicke Teil ist, wie der Stiel oder Griff, rund und am äußersten Ende mit einer scharfen Kante versehen; der Griff ist am Ende durchbohrt, und von diesem Loch aus schlingt sich ein starker Riemen um die Hand, so daß im Moment des Schlagens die Keule der Hand entgleiten kann, ohne deswegen ganz zu entfliegen. Die Gewalt des Hiebes wird auf diese Weise mehr als verdoppelt, und so unansehnlich diese Waffe an und für sich auch sein mag, so ist sie doch in den Händen der riesenhaften, mutigen Eingebornen gewiß nicht zu verachten. Daß diese aber den Mut eines gereizten Bären besitzen, kann Kapitän Sitgreaves, der einige Jahre früher am Colorado eine Strecke hinunterreiste, bezeugen, indem die ihn angreifenden Indianer 20 Minuten lang, ohne zurückzuweichen, seinem Musketenfeuer sich aussetzten und 4 Tote außer denen verloren, welche sie mit fortschleppten. Das Benehmen der Indianer gegen uns konnte nur ein durchaus freundliches genannt werden, ja sie schienen sogar etwas von den Zwecken unserer Expedition zu verstehen und viel auf eine nähere Verbindung mit den Weißen zu geben. Bei feindlicher Gesinnung hätten sie uns gewiß sehr viel zu schaffen machen, ja vielleicht die ganze Expedition auflösen können, indem sie uns stets zu vielen Hunderten umschwärmten. Häufig kamen wir auf unserer Wanderung an wohlbestellten Weizenfeldern vorbei, wo wir dann jedesmal eine Anzahl von Indianern fanden, die uns durch Zeichen baten, nicht über ihre Saaten zu ziehen. Natürlich wurde es vermieden, den freundlichen Eingebornen den geringsten Schaden zu verursachen, denn bei den geringen Mitteln, die den armen Leuten zu Gebote stehen, konnten wir uns leicht vorstellen, welche Mühe ihnen die Bestellung eines kleinen Feldes kosten mußte. Am 25.Februar erhielten wir zum ersten Male einen geregelten Besuch von Cutchanas, Put-Utahs und Chimehwhuebes, die uns in zierlich geflochtenen Körben und Schüsseln Mais und Bohnen brachten. Alles wurde ihnen abgetauscht, und auf diese Weise konnten nicht allein wir selbst endlich wieder einmal unseren Hunger vollkommen stillen, sondern auch unsere Maultiere erhielten kleine Maisrationen, um ihre so sehr geschwundenen Kräfte wieder etwas emporzubringen. Roten Flanell, noch so abgetragen und dünn, nahmen diese Indianer am liebsten, wogegen sie mit Verachtung auf die schöne rote Vermillonfarbe blickten, welche bei den Nationen östlich der Rocky Mountains der gangbarste Handelsartikel ist. Überhaupt fanden wir die Eingebornen am Colorado nicht nur in ihren Sitten und Gebräuchen, sondern auch in ihren Neigungen gänzlich verschieden von allen denen, die wir bisher kennengelernt hatten, und es ist wirklich zu verwundern, daß, wenn in frühern Zeiten spanische Missionäre dort gewesen sind, dennoch die Zivilisation bei diesen so sehr zu derselben hinneigenden Menschen nicht Wurzel gefaßt hat. In ihrem ganzen Benehmen gegen uns, in ihrem Auftreten, und darin, daß sie unsere Absichten zu verstehen und darauf einzugehen schienen, glaubten wir einen Funken zu erkennen, der nur angefacht zu werden brauchte, um die Bevölkerung des Colorado-Tales mindestens auf die Zivilisationsstufe der Pueblo-Indianer von Neu-Mexiko zu bringen, ganz abgesehen davon, daß bei jedem ackerbautreibenden Volke die Zivilisation leichter Eingang findet als bei Nomadenstämmen. Doch leichter wird durch die Gewissenlosigkeit und den Übermut der Weißen, wenn dieselben erst in näheren und häufigeren Verkehr mit diesen noch unverdorbenen Wilden gelangen, das aufkeimende Vertrauen erstickt und in bittere Feindschaft verwandelt werden, wie dies schon seit Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag unzählige Male geschehen ist. Und der Eingeborne, der sich und seine Rechte mit Füßen getreten sieht, wird, wenn er sich gegen die weiße Race auflehnt, wie ein schädliches Tier verfolgt, und der blutige Hader erreicht erst sein Ende, wenn der letzte freie Bewohner der Wildnis hingeopfert ist. Ich führe als Beispiel für diese Behauptung den mörderischen Krieg der Kalifornier gegen den kriegerischen Stamm der Cauchiles-Indianer an, der im Jahre 1851 geführt wurde und einzig und allein durch die Brutalität eines Viehhändlers hervorgerufen war. Tief in den Mariposa-Gebirgen liegt nämlich ein Landstrich, Four Creeks genannt, der allgemein als das Paradies der Eingebornen bezeichnet wurde. Zahlreiche Quellen entspringen dort am Fuße schneebedeckter Gebirge und bilden Bäche und Flüßchen, die sich bald durch kleereiche, duftende Ebenen schlängeln, bald von riesenhaften weitverzweigten Eichen und himmelanstrebenden Tannen beschattet werden. Dort befand sich ein den Indianern heiliger Baum, eine mächtige Eiche, die mit Recht als die Königin der ganzen Landschaft bezeichnet wurde. Im Schatten dieses Baumes hielten die Eingebornen ihre Ratsversammlungen, verehrten ihren Manitu und begruben daselbst auch ihre großen Häuptlinge und weisen Männer. Die dort vorbeiziehenden Karawanen der Emigranten hatten lange Zeit die Heiligtümer der Indianer geschont, bis endlich ein Viehhändler mit einer großen Herde Rinder dort erschien. Die Indianer kamen diesem Menschen freundlich entgegen und erboten sich sogar, ihm bei der Herstellung einer Einfriedigung für seine Herde behülflich zu sein. Dem Händler gefiel indessen die geheiligte Eiche so ausnehmend, daß er beschloß, seinen Viehstall um dieselbe herum anzulegen. Den Vorstellungen der Indianer gab er kein Gehör, sondern antwortete ihnen, er habe sich vorgenommen, seine Rinder in der indianischen Kirche schlafen zu lassen, und bekräftigte mit einem Schwur, daß ihn nichts an seinem Vorhaben hindern solle. Die Indianer, erbittert über die Entweihung der Gräber ihrer hervorragendsten Krieger, überfielen den Viehhändler, ermordeten ihn und seine Leute und setzten sich in Besitz der Herde. Der Krieg zwischen den Eingebornen und den Weißen war auf diese Weise erklärt; zahlreiche Opfer sind seitdem auf beiden Seiten schon gefallen, und manches Leben wird noch geopfert werden, ehe die durch fluchwürdiges Benehmen einzelner Menschen veranlaßten Streitigkeiten vollständig geschlichtet sind. Und wie lange wird es noch dauern, bis ein Grund gefunden oder erfunden wird, um einen Ausrottungskrieg gegen die bis jetzt noch friedlichen Eingebornen im Tale des Colorado beginnen zu können? Die weiße Race allein trifft ein gerechter Vorwurf, wenn ganze Völkerstämme von dem Erdball verschwinden, denn alle Unbilden, ja Verbrechen der kupferfarbigen Race an ihren Unterdrückern entspringen aus Fehlern, die den wilden, unzivilisierten Menschen eigentümlich sind, und wer die Fehler der Wilden nach den Gesetzen der Zivilisation bestraft, der zeigt, daß er selbst an der Zivilisation keinen Teil hat. Wir setzten am 22. Februar unsere Reise in einiger Entfernung vom Colorado gegen Norden fort und gelangten gegen Mittag an den Fluß selbst, an welchem wir so lange hinaufzogen, bis steile Felsmassen, die weit ins Land hineinreichten, uns den Weg zu versperren schienen. Wir schlugen daselbst unser Lager auf, um über den nunmehr einzuschlagenden Weg zu beraten; denn noch waren wir nicht bis an das eigentliche Dorf der Mohave-Indianer gelangt, obgleich uns schon zahlreiche Gesellschaften derselben besuchten. Soweit wir bis hierher den Colorado gesehen, hatten fruchtbare Niederungen, freilich von nur geringem Umfange, mit kahlen Felsmassen und dürrem, steinigem Boden abgewechselt. Die Niederungen nun, auf welchen, in Mezquit-Waldungen versteckt, die Eingebornen ihren Unterhalt der Fruchtbarkeit des Bodens entnehmen, scheinen den Indianern alles zu bieten, was in dem Bereiche ihrer Wünsche liegt, denn außer den Feldfrüchten, die sie ihrem eigenen Fleiße verdanken, ist es ja auch der Mezquit-Baum Bartletts »Personal Narrative«, Vol.I, p.75. Der Mezquit-Baum (Algarobia glandulosa) gehört zur Familie der Akazien; die Blätter sind zart, das Holz sehr hart und würde, wenn die Bäume nur größeren Umfang erreichten, sich gewiß ausgezeichnet zu Drechslerarbeiten verwenden lassen. Die langen schmalen Schoten sind ein Lieblingsfutter der Pferde und Maulesel, und die Bohnen werden von den Eingebornen zu Mehl gerieben, mit Mais- und Weizenmehl vermischt oder auch allein zu Kuchen verbacken. Der Name Algarobia, von De Candolle für eine Sektion der Gattung Prosopis benutzt, ist von George Bentham zu einer Gattung erhoben worden, die zur Tribus Parkieae der natürlichen Ordnung Mimoseae gehört. Algarobia glandulosa wurde von Torrey aufgestellt und in den »Annales of the Lyceum of New York«, Vol.II, p. 192, beschrieben und abgebildet. selbst, der ihnen in Jahren des Mißwachses reichliche Aushülfe bietet. Viele Indianer hatten uns an diesem Tage bis zu unserem neuen Lager begleitet, indem sie fortwährend unser Tun und Treiben neugierig beobachteten und zu allem für sie Ungewöhnlichen laut jubelten und lachten und, da wir auf friedlichem Fuße mit ihnen standen, die harmlosesten Menschen zu sein schienen. Als wir uns mit unseren alten Begleitern unterhielten, wurden wir einer ganzen Schar Indianer mit Weibern und Kindern ansichtig, die sich von der Felskette her in feierlichem Zuge auf unser Lager zu bewegte. Es war dieses eine Gesellschaft oder Gemeinde der Mohave-Indianer, die sich mit ihren Tauschartikeln bei uns einstellte, um Geschäfte zu treiben. So wenig oder gar nicht bekleidet die einzelnen Mitglieder auch waren, so läßt sich kaum eine buntere Schar denken als die, welche, geführt von einem Häuptlinge, in langer Reihe unserem Lager zuschritt. Die herkulischen Gestalten der Männer prangten von den langen Haaren bis hinab zu den stumpfen Zehen in weißer, gelber, blauer und roter Farbe, je nachdem sie sich mit Kalk oder farbiger Tonerde beschmiert hatten. Die diamantklaren Augen blitzten aus den bemalten Zügen wie feurige Kohlen, und auf dem Scheitel der meisten standen einige Geier-, Specht- oder Schwanenfedern aufrecht, wodurch die riesenhaften Gestalten nur noch größer erschienen. Einzelne hatten als einzige Bekleidung einen Pelzmantel, der aus Streifen von Hasen- und Rattenfellen geflochten war, um die Schultern geworfen; doch einer überstrahlte die ganze Gesellschaft durch seinen einfachen Putz, auf den er sich nicht wenig einzubilden schien. Es hatte nämlich eine Weste, die von unseren Leuten als unbrauchbar weggeworfen oder vertauscht worden war, ihren Weg bis zu diesem Wilden gefunden und half nun den Anzug vervollständigen, der bis dahin nur aus gräßlicher Bemalung bestanden hatte. Die Weiber waren alle mit dem eigentümlichen Rock bekleidet, dessen vordere Hälfte bei den wohlhabenden aus gedrehten Wollschnüren statt der Baststreifen bestand. Auf den Köpfen trugen sie tönerne Gefäße, aus Bast geflochtene Säcke und wasserdichte Körbe, die mit den Erzeugnissen ihres Fleißes und dem Ertrag ihrer Felder angefüllt waren. Im Lager angekommen, knieten die Weiber reihenweise auf dem Boden nieder. Ihre vollen Körbe stellten sie vor sich hin, worauf die sie begleitenden Männer sich in unserem Lager zerstreuten, unsere Leute zum Handel aufforderten und auch den Abschluß eines Handels, wenn ein solcher zustande gekommen war, überwachten. Bis spät in die Nacht hinein dauerte dieses Treiben, worauf die Eingebornen unserer Sicherheit wegen aufgefordert wurden, unser Lager und Wachtfeuer zu verlassen. Eine große Anzahl derselben hatte sich übrigens schon beizeiten, als die Kühle des Abends sich einzustellen begann, nach ihren Höhlen und Hütten begeben. Nur einzelne Wilde erschienen am Morgen des 23. Februars in dem Lager, um unseren Aufbruch zu beobachten, und unter diesen einer unserer ersten Bekannten, der alles Zeug, welches ihm von unserer Gesellschaft geschenkt worden war, auf seinen Körper gezogen hatte und eine gesprungene, unbrauchbare Büchse, die ihm ebenfalls überlassen wurde, triumphierend auf seinen Schultern trug. Dieser Wilde, dessen Stolz auf seinen Schmuck grenzenlos war, vertrat gewissermaßen die Stelle eines Führers bei unserer Expedition. Wir gelangten unter seiner Leitung schon in aller Frühe an die Felsenkette, vor welcher unser Pfad sich teilte, indem der eine dicht am Flusse die hohen Felswände hinaufführte, während der andere sich in östlicher Richtung um das Gebirge herumzog. Durch einen Zufall wurde an dieser Stelle unsere Expedition geteilt; denn als Lieutenant Whipple, den kleinen Wagen mit dem Viameter berücksichtigend, die ebnere Straße gegen Osten einschlug, war Lieutenant Tittball mit seinen 25 Mann und den dazugehörigen Maultieren, in der Meinung, daß ihm der ganze Zug folge, hinter den Felsen dicht am Flusse verschwunden. Der Geologe, Mr. Marcou, und ich, in der Hoffnung, am Abend oder vielleicht noch früher wieder mit dem Zuge, zu welchem wir eigentlich gehörten, zusammenzustoßen, wendeten unsere Tiere und holten Lieutenant Tittball sehr bald ein, der sich langsam mit den vorsichtigen Maultieren auf dem Pfade fortbewegte, auf welchem nur diese oder Indianer mit sicherem Fuße hinzuschreiten vermochten. Wir bestiegen deshalb an den schwierigsten Stellen und am Rande der Abgründe, wo wir uns vor dem Schwindligwerden nicht ganz sicher fühlten und uns vor dem Ausgleiten fürchteten, unsere Tiere und führten dieselben hinter uns am Zügel, wenn bessere Stellen unseren gefährlichen Weg unterbrachen. Oftmals wenn wir, die wir an der Spitze des Zuges ritten, wieder festen Fuß in einer Schlucht gefaßt hatten und dann zu den Felsen hinaufblickten, von welchen wir heruntergekommen waren, oder die lange Reihe der schwerbepackten Tiere, die sich, immer eins hinter dem anderen, an den Abhängen hinunterwanden, beobachteten, wie Felsblöcke und Gestein sich unter den Hufen lösten und in die Tiefe hinabrollten, dann kam es uns fast wunderbar vor, daß wir, ohne einen Unfall zu erleiden, wirklich denselben Weg zurückgelegt hatten, und rüstig ging es aufs neue hinauf, wo uns der geringste Fehltritt der Tiere in schauerliche Abgründe oder in den schäumenden Fluß stürzen mußte. Den Colorado hatten wir immer zu unserer linken Seite und konnten ihn stets bis zu seinem westlichen Ufer übersehen, welches ebenfalls aus schwarzen verworrenen Felsen bestand. Auch erreichten wir eine Stelle, wo der Fluß, ohne einen wirklichen Fall zu bilden, wild tobend über Felsmassen stürzte. Es war ein großartiger Anblick, doch der gänzliche Mangel an Vegetation auf den Höhen sowohl wie auf den kleinen hin und wieder hervorragenden Lehmufern gab dem ganzen Bilde den Charakter einer großartigen Einöde, einer grauenerregenden Wildnis; selbst die Eingebornen waren aus unserer Nähe verschwunden, gleichsam als scheuten sie sich, diese Wüste zu betreten. Unser beschwerlicher Weg schien gar kein Ende nehmen zu wollen, denn glaubten wir endlich ebenen Boden gewonnen zu haben, so führte nach kurzer Strecke der gewundene Pfad uns wieder an steilen Abhängen hinauf, wo der Schall der auf hartes Gestein fallenden eisenbekleideten Hufe unserer matt schleichenden Maultiere in der lautlosen Einsamkeit verklang. Die scharfen Bergzacken, die am Morgen vor uns gelegen hatten, ließen wir allmählich hinter uns; wie Türme und Obelisken ragten in unregelmäßigem Durcheinander die Kuppen der Felsen in der klaren Atmosphäre empor, in welcher die kleinsten Linien der bläulichen Gebirgsmassen deutlich erkennbar waren. Spät am Nachmittage gelangten wir endlich in eine Ebene, welche durch die Niederungen des Colorado gebildet wurde. Wie ein niedriger Wald dehnte sich dieses Tal mit seinen verkrüppelten Bäumen, seinem Strauchwerk und Schilf vor uns aus. Zahlreiche Rauchsäulen erstiegen in allen Richtungen dem Gehölz und bezeichneten die Stellen, wo, von Waldung versteckt, die einfachen Hütten der Mohave-Indianer lagen. Das Tal des Flusses mußte sehr stark bevölkert sein, denn auf beiden Ufern bis in die weiteste Ferne nahmen wir solche Zeichen von der Anwesenheit menschlicher Wesen wahr. Noch waren wir nicht weit in der Ebene fortgeschritten, als auf zwei prächtigen Hengsten ein Paar Indianer zu uns herangesprengt kamen. Mehr noch als über die beiden jungen wilden Reiter, die ihre Pferde mit einer härenen Leine lenkten, freuten wir uns über die schönen Tiere selbst, die nicht nur wohlgenährt und gepflegt, sondern auch Muster von schönen Pferden waren. Außer diesen beiden sahen wir während unseres Aufenthaltes am Colorado nur noch ein einziges Pferd, und diese schienen mehr Heiligtum der ganzen Nation als zu irgendeinem besonderen Gebrauche bestimmt zu sein; von jedem wurden sie gefüttert und gepflegt, woher sich auch ihr wohlgenährtes Aussehen schrieb. Ich gab mir die größte Mühe, ihnen eins derselben abzukaufen, doch sie lachten meiner nur und überhäuften ihre Pfleglinge mit Liebkosungen. Übrigens waren die Pferde jung und schienen von klein auf dieser Nation angehört zu haben. Unsere Frage nach einem geeigneten Weideplatze für unsere Tiere verstanden die beiden Burschen sehr wohl und gaben uns ebenfalls durch Zeichen zu verstehen, daß wir ihnen nur folgen sollten. Sie führten uns auch in der Tat nach einer grasreichen Wiese, die an die kleine Waldung grenzte, wo wir sogleich Anstalten zu unserem wegen Mangels an Zelten sehr einfachen Nachtlager trafen. Der Freundlichkeit des Lieutenant Tittball verdankten Mr. Marcou und ich einige Decken; denn da wir an diesem Tage nicht mehr darauf rechnen durften, mit Lieutenant Whipple und unserem Gepäck zusammenzukommen, so teilte Lieutenant Tittball sein Lager mit uns, und was uns an wärmenden Decken abging, das mußten tüchtige Feuer ersetzen. Während der Vorbereitungen strömten von allen Seiten die Eingebornen auf uns zu, umringten uns zu Hunderten und mischten sich auch teilweise unter unsere Leute. Unser zu blindes Vertrauen wurde glücklicherweise nicht von den Indianern getäuscht; denn da wir nur aus 27 Köpfen bestanden, von denen kaum die Hälfte immer im Lager beisammen war, während die übrigen die Herde hüteten oder Holz und Wasser heranschafften, so hätten wir, obgleich wir bis an die Zähne mit Revolvern und langen Messern bewaffnet waren, zuletzt doch unterliegen müssen. Die Eingebornen schienen aber den festen Willen zu haben, in freundlichem Verkehr mit uns zu bleiben, oder, was wahrscheinlicher ist, sie mußten ihren Häuptlingen blinden Gehorsam schuldig sein und von diesen in ihrer Handlungsweise geleitet werden, da es kaum denkbar ist, daß Tausende von Menschen in Übereinstimmung gehandelt haben würden, ohne daß sich eine Partei gebildet hätte, die, angelockt von unseren Habseligkeitcn oder auch von Rachedurst getrieben, da in früheren Zeiten einige der Ihrigen von den Weißen erschossen worden waren, uns hinterlistig angegriffen hätten. So zeigt es sich bei den wildesten Elementen, bei den Menschen im Urzustände, daß die Masse des Volkes gelenkt sein will und sich willig dem Einflüsse einzelner, durch Geist und Talent hervorragender Persönlichkeiten fügt, deren Kraft und Überlegenheit sie jeden Augenblick anzuerkennen durch eigene Überzeugung gezwungen ist. Nur einen Augenblick drohte unser freundlicher Verkehr mit den Wilden einen Stoß zu erleiden, doch stellte sich zur rechten Zeit die Nacht mit ihrer schneidenden Kälte ein, vor der die braunen nackten Gestalten zu ihren Hütten flohen, worauf sie am folgenden Morgen mit abgekühltem Blute wieder bei uns erschienen. Als nämlich Lieutenant Tittball, Mr. Marcou und ich, uns miteinander unterhaltend, neben einer Gruppe dieser schönen Gestalten standen und die prächtig geformten Glieder bewunderten, betrug sich einer der uns zunächst stehenden jungen Leute auf eine etwas unverschämte Weise, was übrigens mehr aus Übermut als aus einem anderen Beweggrunde geschah. Lieutenant Tittball, der gerade eine kleine Rute in der Hand hielt, gab dem jungen Manne in der Entrüstung einen Hieb über die nackten Schultern; der Indianer lachte dazu und schien den Schlag als einen Scherz hinnehmen zu wollen. Unglücklicherweise aber hatte ein altes runzliges Weib den ganzen Vorgang beobachtet und geriet in die fürchterlichste Wut; mit kreischender Stimme überschüttete sie uns mit einem ganzen Schwall für uns natürlich unverständlicher Worte, die aber nichts anderes als Schmähungen und Verwünschungen sein konnten; andere Weiber gesellten sich zu der alten Hexe und stimmten mit ein, und deutlich konnten wir aus ihren Gebärden die Drohung entnehmen, daß ganze Haufen ihrer Krieger kommen würden, um uns von der Erde verschwinden zu lassen. Aufmerksam beobachteten wir indessen die indianischen Krieger, die sich in unserer Nähe befanden, doch nahmen wir an diesen kein Zeichen von bösen Gesinnungen wahr, nur daß sie ernster und zurückhaltender wurden. Allmählich sammelten sich aber auch Männer um die schmähenden Weiber, und um nicht bei einem Ausbruche von Feindseligkeiten zu sehr im Nachteile zu sein, erhielten unsere Soldaten den Befehl, jeden Eingebornen aus unserem Lager und dessen Nähe zu weisen, zugleich auch die Bajonette auf die Musketen zu stecken. Wir befanden uns in der Mitte der Wiese, so daß sich uns kein Indianer auf Pfeilschußweite feindlich nähern konnte, ohne das sichere Ziel für eine Büchse oder Muskete zu werden, welche letztere noch zu den Kugeln mit Rehposten geladen wurden. Das Fortweisen aus unserer Nähe machte einen noch übleren Eindruck auf die gärenden Haufen der Wilden; doch sei es, daß sie sich vor unseren Feuerwaffen scheuten oder daß die Kälte des Abends ihnen zu empfindlich auf die nackten Glieder fiel, genug, sie entfernten sich bis auf den letzten und waren bald auf den verschiedenen Pfaden im nahen Gebüsche verschwunden. Unsere Vorsicht wurde in der Nacht verdoppelt, Schildwachen mußten fortwährend unser Lager und die Herde umkreisen und durch halbstündiges lautes Rufen ihre Wachsamkeit und die Sicherheit der Umgebung bekunden. So ging die Nacht ohne weitere Störung hin; wir schliefen mit den Waffen in den Händen, und um so beruhigter, als uns ein leiser Schlaf schon durch die lange Übung zur Gewohnheit geworden war und wir selbst schlafend jedes ungewöhnliche Geräusch deutlich vernahmen. Mit dem Aufgange der Sonne stellten sich die Eingebornen wieder in großer Zahl bei uns im Lager ein, doch war von dem unangenehmen Vorfall des vorigen Abends gar nichts zu merken. Alles schien vergessen zu sein, und mit dem ihnen eigentümlichen Frohsinn balgten und neckten sie sich um uns her, sogar die Männer liebkosten sich untereinander, hielten sich in dem einen Augenblicke zärtlich umfaßt und spielten sich im nächsten wieder gegenseitig auf die derbste Weise Possen; doch nahm jeder solche Neckereien stets mit derselben Gutmütigkeit hin, mit der sie ausgeteilt wurden. Wenn man dieses Volk in seinem Urzustände so glücklich und zufrieden sah, dann hätte man ihm wohl wünschen mögen, daß die Zivilisation mit ihren vielen Gebrechen und Leiden im Gefolge nie ihren Weg in das Tal des Colorado finde, wenn nicht auch zugleich Mitleiden darüber erwacht wäre, daß eine Nation, wohlausgerüstet mit körperlichen und geistigen Kräften, in deren Brust gute und edle Gefühle schlummerten, zugleich auch den Segnungen der Zivilisation fremd sei. Wie verdient könnten Missionäre sich um diese rohen Indianerstämme machen, wenn sie von ihren alten Lehrweisen einmal abgingen und, anstatt mit Strenge das Christentum aufzudringen und dadurch gehässig zu machen, dem Beispiele der Inkas von Peru folgten, die bei ihren weiten Eroberungen nie den Sonnendienst mit Zwang einführten. Würden heidnische Gebräuche und Abbildungen anfangs in der Nähe des Kreuzes geduldet, so würden allmählich bei milder, liebevoller Behandlung die neue Religion und ihre Verkündiger Vertrauen einflößen, der Aberglaube würde gemindert werden, und mit frömmeln, hingebendem Gemüte würde selbst der rohe Mensch emporblicken zu dem Sitz der alles umfassenden Kraft, welche Millionen von Welten auf ihre Bahnen lenkt und zugleich über das Leben jener kleinsten, fast unsichtbaren Geschöpfe wacht, die, in der Atmosphäre spielend, der Raub des leisesten Atems werden. Unsere Kameraden mußten sich an diesem Morgen schon in aller Frühe auf den Weg begeben oder auch in unserer Nähe gelagert haben, denn als wir eben darüber sprachen, die Ankunft des Haupttrains an dieser Stelle zu erwarten, bogen die vordersten Reiter von Lieutenant Whipples Abteilung in das Tal ein. Nach kurzer Zeit waren wir wieder mit unseren Gefährten vereinigt, die nach Lieutenant Whipples Anordnung bei uns ihr Lager aufschlugen, um bis zum folgenden Tage, dem 24. Februar, daselbst zu bleiben. Nicht ohne Grund sollte der Aufenthalt bei den Mohaves etwas verlängert werden, denn einesteils konnte es nur von dem größten Interesse für uns und die Zwecke unserer Expedition sein, soviel wie nur immer möglich von den bis dahin noch sehr unbekannten Indianerstämmen am Colorado kennenzulernen, dann aber erhielten auch die Eingebornen dadurch mehr Zeit, von entfernteren Dörfern mit Mais und Lebensmitteln bei uns einzutreffen. Denn da die Indianer keinen Grund haben, an Feldfrüchten mehr, als gerade zu ihrem Bedarf notwendig ist, zu bauen, so konnten die von allen Seiten zuströmenden Wilden jedesmal nur in ganz kleinen Quantitäten von ihren Erzeugnissen entbehren und zum Tausch anbieten, und manches Körbchen voll Mais mußte auf die ausgebreiteten Decken ausgeleert werden, ehe es so viel wurde, daß unsere ganze Maultierherde, obgleich sie schon etwas zusammengeschmolzen war, ein kleines Futter erhielt. Ein buntes Treiben entstand alsbald um unser Lager, denn in dasselbe hinein wurden nur einige der angesehensten Krieger und Häuptlinge gelassen, indem wir besonders darauf zu achten hatten, daß bei einem etwaigen Ausbruch von Feindseligkeiten unser ganzes Personal beisammen war und wir durchaus freien Spielraum behielten. Zu vielen Hunderten umschwärmten uns also die Mohaves, und zwar alle in ihren Festkleidern, denn nur bei festlichen Gelegenheiten konnten sie so verschwenderisch mit ihrer Farbe umgehen und auf so umständliche Weise ihre nackten Glieder anstreichen. Es wäre zuviel, die verschiedenen Kostüme beschreiben zu wollen; doch wenn man die Gruppen beobachtete, wie sich in denselben ganz weiße, rote, blaue und schwarze Gestalten untereinander bewegten, andere wieder, von oben bis unten mit bunten Ringen, Linien und Figuren gräßlich bemalt, umherschritten und mit selbstzufriedener Miene um sich schauten, so glaubte man ein Heer von Dämonen zu erblicken, die, auf ihre langen Bogen gestützt, jeden Augenblick bereit seien, einen wilden, höllischen Reigen zu beginnen. Doch munteres Lachen schallte von allen Seiten zu uns herüber und zeugte von dem Wohlgefallen, mit welchem die Wilden unser Treiben beobachteten. Ich war hauptsächlich damit beschäftigt, die hervorragendsten Gestalten zu skizzieren, und wunderte mich nicht wenig darüber, daß diese Leute nicht nur ruhig zusahen, sondern sich sogar über meine Arbeit freuten, mir sogar Weiber mit ihren kleinen Kindern brachten und aufmerksam zuschauten, wenn ich deren Gestalten und Züge allmählich aufs Papier brachte. Die Mütter achteten dann besonders darauf, daß ich auch alle Linien, die sie mit bunter Farbe auf ihrem eigenen Körper wie auf dem ihrer Kleinen gezogen hatten, in der Zeichnung genau wiedergab. Unter den Männern erblickten wir mehrere, welche 16 Fuß lange leichte Stangen bei sich führten, über deren Verwendung wir erst ins klare kamen, als sich die braunen Gestalten immer zu zweien von den Haufen trennten, um ein Spiel zu beginnen, das mir unverständlich blieb, obgleich ich dasselbe lange beobachtete. Die beiden Spieler stellten sich nämlich, die Stangen hochhaltend, nebeneinander hin; in der Hand des einen befand sich ein aus dünnen Baststricken verfertigter Ring von ungefähr 4 Zoll Durchmesser. Die Stangen senkend, stürzten dann beide zugleich nach vorn, und laufend ließ der den Ring Tragende diesen seiner Hand entgleiten, so daß derselbe vor beiden hinrollte, worauf sie zugleich die Stangen schleuderten, und zwar so, daß eine links und die andere rechts von dem rollenden Ringe niederfiel und derselbe dadurch in seinem Laufe gehemmt wurde. Ohne die Schnelligkeit ihrer Bewegungen zu mäßigen, ergriffen sie dann wieder Stangen und Ring und liefen, dasselbe Verfahren beobachtend, genau auf dem Wege, den sie gekommen, zurück, und immer wieder wurde diese Strecke, die 40 Fuß lang sein mochte, durchlaufen, aufs neue der Ring gerollt und die Stangen geworfen, bis die unermüdlichen Spieler einen festen Pfad auf dem losen Wiesenboden gestampft hatten. Stundenlang setzten sie mit Eifer, ohne nur eine Minute anzuhalten oder ein Wort zu wechseln, dieses seltsame Spiel fort; einige indianische Zuschauer gesellten sich wohl zu ihnen, doch waren diese dann ebenso wie die Spieler selbst in den Wettstreit vertieft, und gerade sie wollten mir nicht gestatten, näher heranzutreten, um durch aufmerksames Beobachten vielleicht den Sinn des Spieles zu erraten. Durch Zeichen gaben sie mir zu verstehen, daß es sich um äußerst wichtige Angelegenheiten handele, denen meine Gegenwart schaden würde, ja sie droheten sogar, als ich, ihrer Weigerung ungeachtet, näher trat, mir mit ihren Keulen den Schädel einzuschlagen. Ob nun die Stangen durch den Ring treffen oder genau neben demselben niederfallen müssen, ist mir nicht klargeworden; ich überzeugte mich nur, daß vielfach auf abgesonderten Lichtungen oder am Ufer des Flusses Indianer sich so sehr in dieses Spiel vertieften, wie dies nur immer bei den leidenschaftlichsten Schachspielern möglich ist. Die Hauptnahrung dieser Eingebornen besteht in gerösteten Kuchen von Mais- und Weizenmehl, welches sie durch Zerreiben der Früchte zwischen zwei Steinen gewinnen; viele der uns Besuchenden führten solche Kuchen bei sich, die sie im Laufe des Tages mit großem Appetit verzehrten, doch könnte ich nicht sagen, daß der unserige bei dem Anblicke des schmutzigen Gebäcks, welches sie gewöhnlich an irgendeiner passenden Stelle auf ihrem Körper befestigt hatten, gereizt worden wäre. Hingegen von unseren Köchen zubereitet, lieferte das Mehl der Indianer ein gutes Brot, ebenso wie die Bohnen und getrockneten Kürbisscheiben äußerst schmackhafte Gerichte bildeten. Am Nachmittage wurde ein allgemeines Scheibenschießen mit Revolvern von unserer Gesellschaft angestellt, an welchem sich auch die Indianer mit ihren langen Bogen beteiligten. So wie die Wilden sich über die Wirkung unserer Geschosse wunderten, die jedesmal die Kugel durch ein starkes Brett trieben, so erstaunten wir über die Gewandtheit und Sicherheit, mit der sie ihre Pfeile dem ausgesteckten Ziele zusendeten und uns mit unseren Revolverpistolen sogar übertrafen; wir griffen darauf zu unseren Büchsen, um ihnen zu zeigen, auf welche weite Entfernung wir immer das Leben unserer Feinde in Händen hielten. Die Revolver blieben ihnen aber doch das Wunderbarste von allem, indem sie durch dieselben veranlaßt wurden zu glauben, daß wir es verständen, ohne zu laden, fortwährend zu schießen; wir ließen sie bei dem Glauben; was um so leichter war, als diese Wilden noch durchaus die Feuerwaffe nicht kannten und nur wußten, daß bei einer früheren Gelegenheit mittels derselben einige aus ihrer Mitte von den Weißen getötet worden waren. Der Abend rückte unterdessen heran, und wie früher entfernten sich unsere Gäste oder, richtiger gesagt, unsere Wirte mit dem Untergänge der Sonne. Als am 25.Februar die ersten Indianer wieder bei uns im Lager erschienen, waren wir schon zum Aufbruch gerüstet, um durch die niedrige Waldung an den Colorado zu ziehen und nach einem sich eignenden Übergangspunkte zu spähen. An dem Gehölz hinaufreitend, gelangten wir bald an einen Pfad, der in dasselbe hinein und in nordwestlicher Richtung weiterführte. Immer einer hinter dem anderen in langer Reihe auf dem schmalen Pfade reitend, kamen wir bald an kleinen Lichtungen, kultivierten Feldern und den Wohnungen der Indianer vorbei, die nicht in einem Dorfe zusammenhängend, sondern in kleinen Zwischenräumen zerstreut lagen. Die Hütten waren größtenteils an den Abhängen kleiner Hügel angelegt, indem diese, teilweise ausgehöhlt, die eigentliche Wohnung bildeten. Vor der Türöffnung befand sich in gleicher Höhe mit dem Hügel oder Erdwalle ein breites Dach, welches auf starken Pfählen ruhte, wodurch eine Art von Korridor hergestellt wurde. Große tönerne Gefäße standen unter demselben, die zum Aufbewahren der Mehl- und Kornvorräte dienten, außerdem lagen daselbst die noch zum täglichen Gebrauch bestimmten Hausgeräte umher, die aus zierlich geflochtenen wasserdichten Körben und Schüsseln sowie ausgehöhlten Kürbisschalen bestanden. In der Nähe jeder Wohnung erblickten wir kleine Baulichkeiten, die ein zu eigentümliches Aussehen hatten, als daß wir die Bestimmung derselben sogleich hätten erraten können. In einem Kreise von 3 bis 5 Fuß Durchmesser waren nämlich 4 bis 5 Fuß lange Stäbe dicht nebeneinander aufrecht in den Boden gesteckt und diese mit Weiden durchflochten, wodurch das Ganze einem großen, frei stehenden Korbe glich, der oben mit einem dachähnlichen, rundherum überragenden Deckel versehen war. Von weitem hatten diese Geflechte Ähnlichkeit mit chinesischen Häuschen, es waren aber Magazine, welche die betreffenden Eigentümer bis oben heran mit Mezquit-Schoten und kleinen spiralförmigen Bohnen angefüllt hatten. Diese Samen gehören indessen nicht zu den gewöhnlichen Nahrungsmitteln der Mohaves, sondern werden nur von Jahr zu Jahr in den Magazinen aufbewahrt, damit, wenn die Feldfrüchte nicht gedeihen oder gänzlicher Mißwachs eintreten sollte, die Bewohner nicht der Not preisgegeben sind und dann ihre Zuflucht zu diesen Vorräten nehmen können. Die materielle Beschaffenheit sowie die vorsichtige Verpackung dieser Früchte ist Ursache, daß dieselben viele Jahre hindurch, ohne zu verderben, in den Körben bleiben können, denn es vergehen manchmal Jahre, in welchen keine reiche Ernte dieser Art gemacht wird und die Leute beim besten Willen nicht imstande sind, ihre Magazine zu füllen und die angebrochenen Vorräte wieder zu vervollständigen. Diese Sorge für die Zukunft, dieses Vorbereiten auf unvorhergesehene Fälle, auf Mißwachs und gänzliches Fehlschlagen der Ernten hatte ich bei keinem der westlich von den Rocky Mountains wohnenden Indianerstämme wahrgenommen; es mag einzig in der Verschiedenheit der Lebensweise dieser Völker liegen und darin, daß die wildreichen Territorien der Steppen und angrenzenden Gebirge und Waldungen dergleichen Vorsicht unnütz machen; jedenfalls ist aber bei den am Colorado und Gila lebenden Eingebornen diese Vorsorge mehr als der bloße Instinkt, mit welchem Hamster und Bienen sich Vorräte anlegen. Unser Erscheinen in den Ansiedlungen und Dörfern der Wilden rief keine geringe Aufregung hervor, doch war diese fröhlicher, gutmütiger Art. Die Hügel und Dächer der Hütten waren mit Eingebornen jeglichen Alters und Geschlechts bedeckt, von wo herab sie eine volle Aussicht auf den langen Zug der Fremden genießen konnten. Unsere langen Bärte, die schon seit einem Jahre ungestört hatten wachsen dürfen und bei den meisten bis auf die Brust herabreichten, erregten besonders bei den Weibern die größte Spottlust. Schon im Lager hatte eine oder die andere es schüchtern gewagt, diesen unseren wilden, verworrenen Schmuck zu betasten, um sich von der Echtheit desselben zu überzeugen, doch nun aus der Entfernung gaben sie uns die unzweideutigsten Beweise, daß sie das, worauf wir stolz waren, da wir gewissermaßen dadurch die Dauer unserer Reise berechneten, nicht besonders einnehmend fanden. Sobald ein recht bärtiger Geselle an ihnen vorbeiritt, brachen sämtliche Weiber in lautes Gelächter aus und hielten sich die Hände vor den Mund, als wenn sie unser Aussehen anekle. Das Eigentümliche bei der ganzen Sache war übrigens, daß ihre eigenen Männer einen starken Haarwuchs im Gesichte hatten, ebenfalls etwas Unerhörtes bei der kupferfarbigen Race; doch verstanden sie es, die Haare geschickt auf der Haut mit Steinen abzuschaben, zu sengen oder auszurupfen, denn wenn auch überall der starke Bart bemerklich war, so war er doch möglichst glatt geschoren. Wir zogen mehrere Meilen durch das vielfach belebte Gehölz, und Scharen neugieriger Indianer begleiteten uns zu beiden Seiten, indem sie leicht und gewandt wie der Panther in vollem Lauf durch dichtes Gebüsch oder darüber hinwegsetzten. Als wir so, uns allmählich dem Flusse nähernd, durch dichtes Weidengesträuch hinzogen und gar nicht um uns zu schauen vermochten, ereignete sich ein Unfall, der uns glücklicherweise nur ein Maultier kostete, aber auch ebenso leicht das Ende eines Menschen hätte herbeiführen können. Ein Mexikaner, der auf gewöhnliche Weise seine Büchse am Sattel befestigt hatte und nachlässig die Packtiere antrieb, geriet in das dichte Gesträuch; ein Zweig mußte wohl den Hahn der Büchse gefaßt und aufgezogen haben, denn dieselbe entlud sich, und die Kugel fuhr dem nächsten Packtiere schräg durch den Leib. Mit einem zweiten Schusse wurde den Leiden des armen Tieres ein Ende gemacht, der Sattel mit dem Gepäck schleunigst auf ein unbeladenes geworfen, und weiter ging es nach gewohnter Weise. Nur wenige Minuten vergingen, und wir sahen Indianer an uns vorübereilen, die im vollen Sinne des Wortes das erschossene Maultier in Stücke zerrissen hatten und mit der blutigen Beute ihren Wohnungen zueilten. Es war ein häßlicher Anblick, diese nackten Gestalten mit den noch blutenden Gliedern des Tieres auf den Schultern, wodurch sie selbst von oben bis unten mit Blut besudelt und echten Kannibalen ähnlich wurden. Diese Gier nach Fleisch, die sich so deutlich bei den Eingebornen zeigte, hielten wir für verderblich für unsere Expedition, denn leicht hätten uns viele unserer Tiere sowie die ganze Schafherde in dem Dickicht entführt werden können. Ein Komantsche- oder Sioux-Indianer würde die schöne Gelegenheit gewiß nicht unbenutzt haben vorübergehen lassen, doch kein Mohave machte auch nur Miene, die Hand nach unserem Eigentume auszustrecken, im Gegenteil, wo ein Maultier oder Schaf vom Wege und von der Herde abstreifte, da war immer eine Rotte Indianer zur Hand, um dieselben heulend und jauchzend wieder heranzutreiben. Auf Sandbänken unmittelbar am Flusse hielten wir in den Mittagsstunden an, um daselbst zum letzten Male auf der Ostseite des Colorado unser Lager aufzuschlagen.Wir befanden uns gegenüber einer Insel oder Sandbank, die mitten im Flusse hervorragte und uns den Übergang zu erleichtern versprach. Zu beiden Seiten derselben trieb der reißende Strom in einer Breite von ungefähr 200 Schritten dahin, und wie tief das Wasser in diesen Kanälen war, das bewiesen die vielen Wirbel, in welchen es kreiste. Wir trafen an diesem Abende noch die nötigen Vorbereitungen, um am folgenden Morgen in aller Frühe mit dem Überschreiten des Flusses beginnen zu können. Lieutenant Ives hatte von Texas herauf ein Leinwandboot mitgebracht; dasselbe war stets mit der größten Sorgfalt verpackt worden und auch glücklich, ohne einen Schaden zu erleiden, bis an seinen Bestimmungsort, den großen Colorado des Westens, gelangt. Es bestand dieses Fahrzeug aus drei langen zusammenhängenden Leinwandsäcken, die inwendig mit Guttapercha überzogen waren, so daß sie dadurch vollständig luftdicht wurden. Mittels eines dazugehörigen Blasebalgs, der durch sinnreich angebrachtes Schraubenwerk mit den Säcken in Verbindung stand, wurden diese nun voll Luft gepumpt, das obere Gestell des kleinen Wagens, welches genau zu den Säcken paßte, auf denselben befestigt, so daß die vorderen und hinteren Enden an dem Wagenkasten hinaufgezogen wurden, wodurch das Fahrzeug ganz das Ansehen einer venezianischen Gondel erhielt, zu welcher sogar das Dach nicht fehlte, indem das Gestell des Wagens mit einem solchen versehen war. Das Boot wurde sogleich aufs Wasser gebracht und schwamm nicht nur gerade und regelrecht auf demselben, sondern zeigte auch zu unserer nicht geringen Freude eine überraschend große Tragkraft. Auch eine aus demselben Material verfertigte Matratze wurde mit Luft angefüllt, um mittels derselben zuerst einige Leute sowie die zusammengeknüpften Leinen und Stricke nach der Insel hinüberzuschaffen. Lieutenant Tittball war mit seiner Mannschaft etwas weiter stromaufwärts gegangen und ließ daselbst von Treibholz ein Floß zusammenfügen, auf welchem er mit seinem Kommando nach der Insel hinüberzusteuern gedachte. Noch vor Eintritt der Dämmerung waren diese Vorarbeiten alle beendigt, und wir wendeten daher unsere ganze Aufmerksamkeit den Indianern zu, von denen wieder eine ganze Dorfschaft unter der Führung eines alten Häuptlings herbeigekommen war. Der Häuptling, Me-sik-eh-ho-ta, ein alter, ehrwürdig aussehender Mann, mit einem mächtigen Federschmuck auf seinem Haupte und einem dicken Speer in der Hand, schritt seinen Leuten voran, die ihm in gewisser Ordnung, Körbe mit Waren auf den Köpfen tragend, folgten. Ohne vieles Zeremoniell wurde der Handel gleich eingeleitet, die zu solchen Zwecken mitgenommenen Decken und Kattunstücken zerschnitten und streifenweise, zusammen mit Perlen und Messern, für Lebensmittel hingegeben; auch von den Zieraten der Wilden und von ihren Waffen erstanden wir wieder einige, sogar die mühsam gearbeiteten Röckchen der Frauen fanden unter uns, die wir auch ethnologische Sammlungen zu machen hatten, ihre Liebhaber und wurden von den Indianern willig für eine halbe Decke das Stück hingegeben. Natürlich gab dieser Tausch zu den komischsten Auftritten Anlaß, doch machten wir vielfach die Beobachtung, daß diese Urwilden sich züchtiger und sittsamer betrugen, nicht nur als die meisten uns schon bekannten Indianer, sondern auch als manche Weiße, die auf den höchsten Grad von Zivilisation Anspruch machen. Die Mohaves , die schon seit einigen Tagen mit uns bekannt waren und alles, was sie nur irgend erübrigen konnten, an uns vertauscht hatten, sannen immer auf neue Gegenstände, mit welchen sie Geschäfte bei uns würden treiben können, und verfielen endlich auf Fische. Die ersten, die sie uns brachten, ein ebenso seltenes wie beliebtes Gericht bei unserer ganzen Gesellschaft, wurden natürlich gut bezahlt; kaum war es aber ruchbar geworden, daß wir Fische nicht verschmähten, als auch unser ganzes Lager mit solchen überschwemmt wurde und deshalb diese Ware plötzlich bedeutend im Preise sank. Die guten Leute schienen sich diesen Umstand gar nicht erklären zu können, da sie vielmehr vermutet hatten, daß in dem Maße, wie die Zahl der Fische zunehme, auch unser Geschmack an denselben sowie die zu zahlenden Preise steigen würden. Unter den eingebrachten Fischen zeichnete sich besonders eine Art aus, die hinter dem Kopfe auf dem Rücken einen großen Höcker trug; von ihr wie von allen anderen Arten fügten wir unserer Sammlung einige Exemplare bei. Als es Abend geworden, blickten wir auf die reißenden Fluten, die wir zu überschreiten hatten, und nach dem jenseitigen Ufer hinüber, wo wir am Abend des folgenden Tages unser Lager aufschlagen sollten; hin und wieder bemerkten wir aus dem Wasser Gruppen schwarzer Köpfe von Indianern hervorragen, die, zu ihren Wohnungen auf dem anderen Ufer heimkehrend, mit Weib und Kind anscheinend mit Leichtigkeit den Strom durchschwammen. Ein rührendes Schauspiel ergötzte mich an diesem Abend besonders: Es war eine junge Frau, die sich in unserer Nähe ihres Rockes entledigte, diesen zusammen mit ihrem kleinen Säuglinge in einen flachen, aber festen Korb legte und, mit diesem unter dem Arme und einem kleinen Kinde von etwa vier Jahren an der Hand, in die Fluten stieg, während ihr noch zwei Kinder von 6 bis 8 Jahren folgten. Es war eine reizende Gruppe, diese braune Mutter, die den Säugling in dem Korbe vor sich her schob, das ihr zunächst plätschernde Kleine zugleich unterstützte und sich bisweilen nach ihren beiden Ältesten umschaute, die lärmend und spielend in der ihnen durch kleine Wellen bezeichneten Bahn schwammen. Ich blickte ihr nach, wie sie mit den Ihrigen auf der Insel landete, schnell über dieselbe hinwegschritt und auf dem anderen Ende sich wieder ins Wasser begab; ich sah noch, wie sie schwimmend dem dichtbewachsenen Ufer zueilte, daselbst landete und bald hinter bergendem Gebüsch mit ihrer Familie verschwand. Wer nur ein klares, ungetrübtes Auge hat für Heiliges und Edles in der Natur, wer es nur sehen will, der wird selbst in dem Wesen der Urwilden der Heiden Göttliches entdecken und verehren lernen. Der schönste Sonnenschein, der klarste Himmel begünstigte am 26. Februar unsere mühevolle Arbeit. Auf der Luftmatratze lang ausgestreckt liegend, war ein Arbeiter, das Ende einer am Ufer von einigen Leuten gehaltenen Leine mit sich nehmend, nach der Insel hinübergerudert; das einfache Fahrzeug, welches sich nun ebenfalls in der Gewalt des auf der Insel befindlichen Menschen befand, wurde darauf zurückgezogen und ein zweiter und dritter von dem zuerst Angekommenen hinübergeschafft. Die vereinten Kräfte dieser drei waren hinreichend, eine größere Last nach sich zu ziehen, und es wurde daher der Strick, welcher sich in den Händen der Leute auf der Insel befand, an dem großen Boote befestigt und dieses von dreien zugleich bestiegen. Die zweite Leine, die ebenfalls über die ganze Breite dieses Flußarmes reichte, wurde an dem anderen Ende des Bootes befestigt und von den Zurückbleibenden gehalten, um dasselbe jedesmal wieder zurückzuschaffen, dann aber auch, um das Fortreißen durch die starke Strömung verhindern zu können. Der erste Versuch glückte vollkommen, er wurde wiederholt, und bald befand sich eine hinreichende Anzahl von Leuten auf der Insel, um die ankommenden Sachen auszuladen und nach dem anderen Ende der Insel hinüberzutragen. Das regelmäßige Hinüberschiffen der Sachen, die aus ungefähr 80 bis 100 Maultierladungen bestanden, nahm nunmehr seinen Anfang. Lieutenant Tittball war unterdessen ebenfalls mit seinem Fahrzeuge flott geworden und trieb mit seinen Leuten langsam der Insel zu, doch war das Wasser nahe derselben so seicht, daß das schwere tiefgehende Floß nicht dicht genug herangebracht werden konnte und die Leute mit ihren Sachen eine Strecke durch das Wasser zu waten gezwungen waren, wogegen das flach gehende Guttapercha-Boot immer nach dem Sande hinaufgezogen werden konnte. Sicherheitsmaßregeln waren also getroffen; ein Teil unserer Bedeckung befand sich dort, wo die Sachen eingeschifft wurden, ein anderer Teil mit Gepäck und Waffen auf der Insel, so daß wir auf keiner Seite von den Wilden mit Erfolg hätten angegriffen werden können. Rüstig legten nun alle unsere Leute Hand ans Werk, das Boot flog hinüber und herüber; immer weniger wurden der Sachen am Ufer und immer mehr auf der Insel. Sowie nun die Sonne höher stieg und die Atmosphäre erwärmte, strömten die Indianer zu Hunderten von allen Seiten bei uns zusammen; der Fluß wimmelte von Eingebornen, die alle durch denselben schwammen, um die wunderbare Einrichtung der Weißen genauer in Augenschein zu nehmen; auf Flößen, die von Binsenbündeln zusammengefügt waren (die einzige Art von Fahrzeug, welche ich bei den Bewohnern des Colorado-Tales bemerkte), kamen sie den Fluß heruntergetrieben, um auf der Insel oder am östlichen Ufer zu landen. Es war ein immerwährend wechselndes Bild, so bunt und dabei so interessant, daß man sich gar nicht satt an diesem fremdartigen Schauspiel sehen konnte. Mit lautem Jubel und ausgelassenem Heulen begrüßte die wilde Rotte jedesmal das ankommende oder abfahrende Boot; allmählich lernten sie den einfachen Mechanismus der Einrichtung kennen und stellten sich in langer Reihe mit an den Strick, um das leere Boot mit Windeseile über das Wasser gleiten zu machen, wobei es übrigens mehrere Male vorkam, daß dasselbe umschlug, und, auf dem Kopfe stehend, das Ufer erreichte. Nur einmal, und zwar in der Nähe des Ufers, schlug das Boot mit der vollen Ladung um, doch ging nur wenig verloren, weil dieselbe durch das Verdeck des Wagens vom Versinken in die Tiefe abgehalten wurde. Als die letzten Sachen nach der Insel geschafft waren und nur noch zum Hinüberbringen der Leute der Dienst des Bootes erheischt wurde, mußte sich die ganze Mannschaft vereinigen, um die Maultiere und Schafherde in den Fluß zu treiben und sie zum Hinüberschwimmen nach der Insel zu zwingen. Es war keine leichte Arbeit, denn alles schauderte vor dem breiten Strom und dem kalten Wasser zurück. Nachdem die ganze Maultierherde bis dicht ans Wasser getrieben worden, bestiegen Mr. Leroux und einige Mexikaner ihre Tiere und ritten voran in den Strom; mit Gewalt stießen unsere Leute die vordersten der Herde ins Wasser, denen dann die anderen, erschreckt durch das gellende Geheul der Indianer, nachfolgten. Der Fluß war tief an dieser Stelle, und bald befanden sich die Tiere in der Strömung, von welcher sie fortgerissen und der Insel zugetrieben wurden, wo sie alle, sogar die schwächsten, glücklich ankamen. Schwerer noch als die Maultiere waren die Schafe ins Wasser zu bringen, denn kaum waren sie so weit, daß sie sich die Füße netzten, als die ganze Herde, wie von panischem Schrecken ergriffen, sich zwischen den Füßen der Leute hindurchdrängte und im dichten Gebüsch verschwand. Der Jubel der Wilden schien dadurch aufs höchste gesteigert zu werden; leichtfüßiger noch als die Schafe stürzte die heulende Bande den Entflohenen nach, und das Dickicht schloß sich auch hinter ihnen. Daß wir auf der Strecke der Reise, die uns bis zum Stillen Ozean zurückzulegen blieb, noch einmal Hammelfleisch essen würden, glaubte in dem Augenblicke wohl kein einziger unserer Expedition, und mancher tröstete sich wohl schon mit dem Gedanken, er würde sich dafür am Fleische unserer Maultiere schadlos halten. Wie hätten wir auch denken können, daß wir je eins von unseren Schafen, die sich sämtlich in den Händen der Wilden befanden, wiedersehen würden? Doch wir täuschten uns; denn nach kurzer Zeit erschienen die riesigen braunen Gesellen, jeder ein Schaf vor sich tragend, wieder auf dem Ufer und stürzten sich mit ihrer Bürde kopfüber in die Fluten; diejenigen, für die kein Schaf übriggeblieben war, sprangen ebenfalls in den Strom und gesellten sich zu dem lärmenden Zuge, der schwimmend unserer Insel zueilte. Ein solches Fest hatten die Eingebornen gewiß noch nie erlebt; jubelnd umkreisten sie die Herde, unterstützten die schwächeren Tiere, die der Strom fortzureißen drohte, und lenkten diejenigen wieder zu ihr zurück, die von der angegebenen Richtung auszubiegen versuchten, und alles dieses geschah mit den Zeichen der ausgelassensten Freude, wie wenn harmlose Kinder sich mutwillig untereinander tummeln. Triefend kamen sie glücklich, ohne ein Stück verloren zu haben, mit der Herde auf der Insel an; ihre Augen leuchteten vor Freude über den unendlichen Spaß, den sie mit den ihnen wohl teilweise unbekannten Tieren der Weißen im Wasser gehabt hatten, und schon im voraus freuten sich die munteren Burschen darauf, die Herde von der Insel nach dem anderen Ufer hinüberführen zu können. Auch die auf ihren Binsenflößen vorbeitreibenden Indianer gaben uns manch komisches Schauspiel, indem sie sich mutwilligerweise gegenseitig ins Wasser stießen oder sich balgend zusammen hineinstürzten; es war ein prächtiger Anblick, diese schönen Gestalten, die im Wasser so gut wie auf dem Lande zu Hause zu sein schienen und mit Leichtigkeit die reißenden Fluten teilten. Die letzten unserer Leute befanden sich endlich auf der Insel, und ein Teil der Sachen war schon nach dem westlichen Ende derselben hinübergeschafft worden; das Boot wurde daher um die Südseite der Insel herumgefahren und befand sich bald an der Stelle, von welcher auf dieselbe Weise wie am Morgen ein Strick nach dem jenseitigen Ufer hinübergebracht worden war und wo dann nach kurzer Zeit die aufs neue hergestellte Fähre wieder nach alter Weise arbeitete. Gegen Abend befand sich unsere ganze Expedition auf dem westlichen Ufer des Colorado; nur geringe Verluste hatten wir zu beklagen, die auf dem letzten Teile der Überfahrt durch kleine Unglücksfälle herbeigeführt worden waren. Im westlichen Kanal war aber auch die Strömung viel reißender als östlich von der Insel, und wir konnten uns überhaupt glücklich schätzen, daß wir noch so hinübergekommen und mehrmals drohende Lebensgefahren abgewendet hatten. So schlug unter anderem einmal das Boot, in welchem ich mich mit einem jungen Amerikaner, Mr. White, und zwei Dienern befand, mitten in der Strömung um; ich war der einzige, der schwimmen konnte, weshalb es mir auch nur mit den größten Anstrengungen gelang, den Mr. White, den die Strömung fortriß, wieder an die Zugleine zu bringen. Die beiden Diener, ein kleiner Mexikaner und ein Deutscher, hatten sich am umgeschlagenen Boote festgehalten, waren auf dasselbe hinaufgeklettert, und so wurden wir denn alle glücklich ans Land geschleppt. Ehe ich das Boot bestieg, hatte ich meine Büchse an eine der Stützen des Wagengestells festgeschnallt, um bei unvorhergesehenen Fällen die treue Begleiterin auf allen meinen Reisen nicht in den Wellen einzubüßen; und wohl war es ein Glück, daß ich dies getan, denn schwer bekleidet und bewaffnet, wie ich war, hätte ich sie während des Schwimmens jedenfalls müssen fahrenlassen. Außer daß wir zusammen mit der ganzen Ladung naß geworden, hatten wir weiter kein Unglück zu beklagen, und das Naßwerden an sich war schon etwas zu Gewöhnliches bei uns, als daß wir uns daraus viel gemacht hätten. Auch unseren guten Doktor Bigelow hätte fast ein schweres Unglück betroffen; er saß nämlich schon im Boote, als noch Soldaten einstiegen und einige Musketen auf den Boden des Fahrzeugs legten; hierbei mußten sie ungeschickt mit den Waffen umgegangen sein, denn eine derselben entlud sich, so daß der Schuß unter dem sitzenden Doktor hindurchfuhr, Kleidung und Strumpf von seinem Schienbein fortriß und noch einen roten Fleck auf der Haut zurückließ. Wir alle freuten uns über die Kaltblütigkeit des Doktors, der, ohne eine Miene zu verziehen, nach seinem Fuße griff und, als er sich unverwundet fühlte, einfach bemerkte: »Es ist ebensogut, als wenn die Kugel in die Luft geflogen wäre, vorbei ist vorbei, gleichviel ob dicht oder weit.« – Außerdem daß der Doktor unverletzt geblieben, war es noch ein besonderes Glück, daß die Kugel die Luftsäcke nicht berührt hatte, in welchem Falle unsere Fähre vielleicht ganz unbrauchbar geworden wäre oder doch gewiß die Wiederherstellung derselben viel Zeit geraubt haben würde. Von den Maultieren hatten wir keins in den Fluten verloren, wenn auch einige infolge der Anstrengungen starben; zwei oder drei Schafe, welche auf der letzten Hälfte der Wasserreise ertranken, waren also die einzigen Opfer, die der wilde Strom von uns gefordert hatte. Drei Schafe und einen Bock schenkte Lieutenant Whipple den Wilden für ihre freundlichen Dienstleistungen, ihnen den Rat erteilend, dieselben nicht zu verzehren, sondern eine kleine Schafzucht anzulegen. Es ist indessen kaum denkbar, daß die Schafe noch lange nach unserem Abzüge gelebt haben, denn Fleisch ist bei diesen Eingebornen ein zu seltener und zu hochgeschätzter Leckerbissen. Ida Pfeiffer Meine zweite Weltreise Ich war mit der Absicht nach Lima gekommen, von hier aus die Kordilleren zu überschreiten, nach Loreto an den Amazonenstrom und von dort mit den brasilianischen Dampfern nach Para (an der Ostküste Amerikas) zu reisen. Allein die Revolution hinderte die Ausführung dieses Planes. Sie hatte sich gerade nach den Gegenden gezogen, durch die ich sollte. Ich hätte weder Führer noch Maultiere bekommen, denn bei Revolutionen oder Kriegen nimmt hier Freund wie Feind Leute und Tiere in Beschlag; erstere werden den Soldaten eingereiht, letztere für die Kavallerie oder Artillerie benützt. Vergebens wartete ich bis gegen Ende Februar, die Lage der Dinge änderte sich nicht; man riet mir daher, mein Glück über Quito zu versuchen. Ich war dazu um so mehr geneigt, als mir Herr Muncajo, Chargé d'affaires der Republik Ekuador, sehr viel von Seite seines Gouvernements versprach. Er sagte mir, daß der Präsident sein besonderer Freund sei, daß er mir Briefe an ihn wie auch an andere hochgestellte, wichtige Personen geben, daß sich der Präsident sicher selbst sehr für meine Reise interessieren und sie auf alle Art unterstützen werde. Im Vertrauen auf diese Versicherungen und wohlausgerüstet mit einem Dutzend, wie ich meinte, sehr gewichtiger Briefe, begab ich mich fröhlichen Mutes auf die Reise und ging auf dem Dampfer »Santiago«, Kapitänjoy, wieder zurück nach Guayaquil. Auf dem Dampfer »Santiago« fand ich die Kabinen besetzt und bekam einen Platz in der bereits beschriebenen Kajüte auf dem Vorderdecke angewiesen. Ich kam abends an Bord und mußte den Weg dahin im Finstern suchen – der Zugang war nicht einmal mit einem Lämpchen erleuchtet. Ich tappte über die Achsen der Wasserräder durch Kohlenschmutz und Nässe, geriet zu weit links und stieß – an die Hörner von Ochsen, die, wie ich am folgenden Morgen sah, kaum zwei Schritte von dem Eingange der Kajüte standen. Mich rechts wendend, fiel ich über einen Kohlenhaufen, der noch nicht eingeräumt war und gerade vor unserer Türe lag – eine höchst komfortable Einrichtung, die der Reisende aber auch mit schwerem Gelde bezahlen muß. Am 1. März erreichten wir Guayaquil. In dieser der wichtigsten Hafenstadt der Reiches Ekuador gibt es keinen Gasthof. Jeder Reisende muß sich mit Briefen an Familien versehen, um irgendwo aufgenommen zu werden. Ich wagte es, ohne Brief zu dem Hamburger Konsul, Herrn Garbe, zu gehen, der mir sein Haus auch gastfreundlich öffnete. Ekuador hat sich im Jahre 1830 von dem spanischen Mutterlande losgesagt und als Republik erklärt. Die Bevölkerung des Landes besteht aus 400000 Seelen, die Staatseinkünfte betragen 900000 Dollars, die Ausgaben bedeutend mehr; dessenungeachtet hat der Staat keine Schulden. Die Regierung macht einen kurzen Prozeß und zahlt die Gehalte meistens nur zur Hälfte. Die Regierungsform ist dieselbe wie in Peru. Die Hauptausfuhr des Landes besteht in Kakao (jährlich fünfzehn, sogar bis fünfundzwanzig Millionen Pfund), Kaffee noch wenig, aber von vorzüglicher Güte, vielen heilsamen Kräutern und Pflanzen, schön geflochtenen und sehr dauerhaften Strohhüten (dreißig- bis vierzigtausend Stück per Jahr), die in ganz Südamerika von Männern und Frauen getragen werden. Ich kam unglücklicherweise nach Guayaquil zur Regenzeit, die im Monat Dezember beginnt, bis halben April währt und natürlich zur Reise in das Innere die ungünstigste ist. Man sagte mir, die Wege seien so schlecht, daß jeder Verkehr mit der Hauptstadt des Landes (Quito), die Post ausgenommen, für diese Zeit unterbrochen werde. Der Postbote selbst habe die größte Mühe durchzukommen und müsse oft auf Bäume klettern und sich von einem zum ändern an den Ästen fortschwingen, um derart über die grundlosen Sümpfe zu gelangen. Ich dachte aber, daß manches von der Beschreibung übertrieben sein möge; auch traute ich mir noch soviel Kraft und Ausdauer zu, ebensogut fortkommen zu können wie der Postbote, und traf meine Anstalten zur Reise. Wider meinen Willen war ich gezwungen, meine Reise drei Wochen zu verzögern, da ich abermals einige Anfälle des abscheulichen Sumatra-Fiebers hatte. Während meines Aufenthalts zu Guayaquil wurde der Unabhängigkeitstag (6. März) gefeiert. Vormittags fand in der Kirche ein Hochamt statt, abends eine Beleuchtung. Letztere war über alle Maßen erbärmlich, kaum daß hie und da ein paar Kerzen an einem Fenster prangten. Am folgenden Abend ward dasselbe Kinderspiel wiederholt. Zugleich mit diesem Feste wurde die Sklaverei gänzlich aufgehoben, welche vermöge eines Vertrages bei der Unabhängigkeitserklärung noch zehn Jahre länger, nämlich bis 1864, hätte dauern sollen. Am 22. März ging ich abends 5 Uhr mit dem Postboten in einem kleinen Boote nach dem Städtchen Bodegas ab. Man hatte mich zu überreden gesucht, einen Diener mitzunehmen, besonders weil ich der spanischen Sprache nicht mächtig sei und weil in den Gebirgen während der Regenzeit, wo jeder Verkehr unterbrochen ist, die Tambos (Schenken) unbewohnt wären; die Leute gingen für diese Zeit in die Niederungen, ich könnte daher weder einen Trunk Wasser noch Feuer oder sonst etwas bekommen. Trotz meinem Abscheu gegen solche Diener ließ ich mich leider dazu bewegen – die Folge zeigte, daß ich auch diesmal unrecht hatte nachzugeben. Bodegas liegt 15 Leguas stromaufwärts an dem Flusse Guaya. Wir hatten eine häßliche Nacht; es war stockfinster; und der Regen strömte unausgesetzt auf uns herab. 23. März. Nachmittags landeten wir an der Treppe des Ersten Beamten von Bodegas. Das ganze Städtchen steht während der Regenzeit so tief unter Wasser, daß man in Booten von einem Hause zum ändern fährt. Die Häuser sind auf Pfähle gebaut. Als ich die wenigen Stufen hinanstieg, hob ein Neger mein kleines Gepäck aus dem Boote und trug es mir nach; ich hielt ihn für den Diener des Hauses. Kaum hatte er es jedoch abgelegt, so verlangte er zwei Realen Ein Taler hat hier acht Realen, auf eine Unze gehen zwanzig bis einundzwanzig Taler, je nach dem Kurse. Ein hiesiger Taler ist um ein Fünftel weniger wert als ein spanischer Taler. für diese unbedeutende Mühe. Der Beamte sowie mein Diener hörten dies unverschämte Begehren; allein weder der eine noch der andere machten die geringste Einwendung; weil das Zahlen nur mich und nicht sie anging, waren sie zu träge, den Mund zu öffnen. Ich erzähle absichtlich dergleichen Prellereien und Betrügereien, um meinen Lesern einen Begriff von diesem abscheulichen Volke zu geben und zugleich zu beweisen, daß ich recht habe, wenn ich behaupte, mich als einzelne schutzlose Frau unter den Wilden überall besser befunden zu haben als unter Christen. Überall, wo ich hinkam, hieß es zwar in diesem Lande: »Pobrecita Señorita«, dabei war man aber schon bedacht, wie man dieser »armen Frau« ihr bißchen Geld abnehmen könnte. So hatte ich zum Beispiel einen Brief an einen Kaufmann in Bodegas, Herrn Verdesotto. Dieser Mann kam zu mir, und seine erste Frage war, ob ich einen Sattel habe. Als ich es verneinte, sagte er, ich müsse durchaus einen solchen haben, da man mir keinen mit den Maultieren vermieten werde; er besitze einen sehr guten, beinahe ganz neuen, den er mit einer Unze bezahlt habe; aus Rücksicht der Empfehlung wolle er ihn mir um die Hälfte überlassen. Als er sah, daß ich zu dem Handel nicht geneigt war, erklärte er, mich ohne Sattel nicht fortlassen zu können, und wollte mir denselben um acht Taler geben. Ich bezahlte das Geld, und er sandte mir einen Sattel, der so schlecht, zerrissen und erbärmlich war, daß man ihn kaum mehr gebrauchen konnte. In Quito gab man mir, im Umtausche gegen einen ändern, einen halben Taler dafür. Derselbe ehrliche Mann wollte mich auch noch um einen halben Taler mehr betrügen. Er hatte für mich für den kommenden Tag ein Boot von hier nach Savanetta bestellt, sagte, der Preis sei 2 1/2 Taler, und verlangte im voraus das Geld. Zufällig erfuhr ich von dem Beamten, bei welchem ich wohnte, daß man nur zwei Taler zu bezahlen habe; der Betrüger mußte mir daher einen halben Taler wiedergeben. In dem Hause des Beamten aß ich zum ersten Male nach der Landessitte. Das Mahl fing mit der Sopa an, einer Art Wassersuppe mit Fett, Kartoffeln und vielem roten Pfeffer, dann kamen kleine Stückchen geröstetes Fleisch, Reis, geröstete Pisangs und zum Schlusse Locro, ein Mittelding zwischen Soße und Suppe, aus kleinen Fleischstückchen, Brot und Käse, ein paar hartgekochten Eiern und rotem Pfeffer bestehend. Als Nachtisch fungierte eine Süßigkeit unter dem allgemeinen Namen Dulce (Früchte, zu einer Sulze in Zucker gekocht), ohne welche der Reichste wie der Ärmste (den Indianer ausgenommen) keine Mahlzeit schließen kann; der Arme begnügt sich mit Sirup (Molasses), aber süß muß die Mahlzeit enden. Zum Schlafen wurde mir eine Hängematte angewiesen; glücklicherweise gab es keine Moskitos, weshalb ich auch ohne Netz schlafen konnte. Die Hängematten sind hier wie in Peru so beliebt und so im Gebrauche, daß eher jedes Möbel, nur dieses nicht, fehlen darf. Den ganzen Tag über wiegt sich alles in Hängematten, jeder Besucher trachtet einer solchen habhaft zu werden. Mädchen und Frauen verrichten sogar die Handarbeiten in schaukelnder Bewegung. 24. März. Savanetta , 5 Leguas. Von dem Postboten hatten wir uns schon gestern getrennt; dieser setzte seine Reise ohne Unterlaß fort. Savanetta ist ein kleines, schmutziges Örtchen mit elend gebauten strohgedeckten Bambushütten. Aus seinem Äußeren würde man auf größte Armut schließen; dessenungeachtet soll sein Handel ziemlich bedeutend sein. Es ist der Hauptstapelplatz der Lebensmittel und Waren, welche von und nach den Kordilleren gebracht werden. Die höher gelegenen Gegenden liefern hauptsächlich Kartoffeln, Butter, Käse, Schweinefett, Eier, Geflügel; auch die meisten Säcke zur Verpackung der Kakaobohnen werden in den Gebirgen verfertigt. Alles wird hier in kleine Boote oder auf Tiere geladen; erstere gehen auf dem Savanetta-Flusse nach dem Guaya, auf diesem nach Guayaquil, letztere mit Salz, Zucker, Kaffee und anderen Waren nach Quito und anderen Gegenden. Mädchen und Frauen sahen durch die Nachlässigkeit in der Kleidung ekelhaft aus. Sie tragen Kleider nach französischem Schnitt, sind aber zu bequem, sich in die engen Leiber derselben zu pressen. Sie lassen sie lose herabfallen; ebenso luftig hängt das Hemd über die Achseln. Die Leute kamen mir wie Megären vor. Die Negerinnen bedienen sich derselben Tracht, nie aber sah ich sie an einer Indianerin. Letztere tragen gefärbte wollene Röcke und ein drei Ellen langes, eine Elle breites Stück Wollenstoff, das sie gleich einem Shawl über den Oberteil des Körpers schlagen. In der trockenen Jahreszeit macht man die Reise schon von Bodegas aus zu Lande; in der jetzigen aber ging es noch eine Legua über Savanetta hinaus zu Boot. Doch mußte ich hier Maultiere mieten. Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich, daß mich mein Diener betrogen hatte. Ich nahm ihn nach Quito, wohin er ohnedies zu gehen hatte, unter der Bedingung mit, daß ich nur ein Maultier für ihn, aber keins für sein Gepäck zu bezahlen habe. Als ich bei der Abreise von Guayaquil in dem Boote vieles Gepäck sah, sagte er, es gehöre nicht ihm, der Bootführer habe es da- oder dorthin zu bringen. Hier erwies es sich, daß es dem Schurken, meinem Diener, gehörte, der nach Quito ging, um zu handeln. Er mußte für sein Gepäck ein Tier mieten, dessen Zahlung natürlich bei der meinigen eingerechnet wurde. Zum Glück kam die Reise doch nicht so hoch zu stehen, als ich dachte; der Preis per Maultier bis Quito (62 Leguas) betrug nur zehn Taler. Die Nacht in Savanetta gehörte zu den schlechtesten, obwohl ich nicht ohne Empfehlungsbrief gekommen war. Ich fing schon früh an, einen geringen Begriff von der Gastfreundschaft dieses Landes zu bekommen. Sie steht bei weitem nicht auf dem Höhepunkt, auf welchem ich sie unter den Arabern, Beduinen oder den wilden Völkern Borneos und anderer Länder gefunden, habe. In Bodegas betrog mich der eine, an den ich einen Brief hatte, mit dem Sattel, der andere, bei dem ich wohnte, wies mir eine Hängematte zum Schlafen an, während die übrigen vom Hause in Betten unter Moskitonetzen schliefen, und ließ mich morgens, obwohl es schon gegen 9 Uhr war, ohne Imbiß aus seinem Hause ziehen. Hier mußte ich in eine Garküche gehen, um meinen Hunger zu stillen, und nachts auf dem Boden schlafen, in einem Gemache mit vielen Leuten, die rund um mich ihre Moskitonetze aufzogen. Mir gab man keins, obwohl es hier ganze Schwärme dieser abscheulichen Tiere gab. 25. März. Playas , 4 Leguas. Erst um 9 Uhr kamen wir fort. Die erste Legua machten wir in einem kleinen Kahne, der von den Leuten mehr fortgestoßen und gezogen als gerudert wurde. Dann ward meine Geduld noch eine ganze Stunde auf die Probe gestellt, bis die Tiere erschienen. Die Umgebung glich einem Sumpfe; wir setzten uns auf abgehauene Baumstämme und erwarteten so die Maulesel. Die ferneren drei Leguas waren zwar sehr schlecht; es ging beständig durch Morast und Wasser, allein der Beschreibung nach hatte ich es mir noch ärger vorgestellt. Eine große Entschädigung für den schlechten Weg bot mir der Anblick der schönen Waldungen, durch die wir ritten. Obgleich die Bäume weder sehr hoch noch sehr umfangreich waren, fand ich hier doch eine so reiche, herrliche Vegetation, eine solche Fülle der schönsten, mannigfaltigsten Flora, wie sie mir auf allen meinen Reisen nur in Brasilien vorgekommen ist. Wenn die Sonne nur einigermaßen durch das Gewölk drang, schwärmte sogleich eine große Anzahl der verschiedenartigsten, buntgefärbtesten Schmetterlinge und Libellen umher, sich scherzend verfolgend oder auf den Blumen wiegend. Einige dieser holden Schwärmer fielen mir zur Beute; wie ein tüchtiger Jäger nie ohne Gewehr, war ich nie ohne Schmetterlingsnetz, und da das Reiten sehr langsam ging, konnte ich, auf dem Maultiere sitzend, gar manchen Gefangenen machen. In Playas betrat ich zum ersten Male einen Tambo, das heißt eine Art Schenke, meistens eine erbärmliche Hütte, gerade groß genug, den Eigentümer samt Familie nebst einigen Gästen gegen das Unwetter zu schützen. In derlei Schenken findet der Arriero (Eseltreiber) ein Glas Branntwein, die Tiere Klee, der Reisende, wenn es gut geht, eine Portion Sopa. Wir waren nicht so glücklich. Die Bewohner hatten keine Reisenden erwartet und so wenig gekocht, daß sie uns nichts überlassen konnten. Ein zweites Mal ihre Kochkunst zu entfalten, dazu waren sie viel zu faul. Ich hatte Käse und Brot bei mir, an Wasser fehlte es nicht, und ich gab mich daher zufrieden. Für die Nacht mußte ich mit der offenen Veranda vorliebnehmen, die das Wohngemach umgab. 26. März. Jorje , 6 Leguas. Heute erhielt ich schon einen richtigeren Begriff von den hiesigen Wegen in der Regenzeit und fand es sehr natürlich, daß niemand reist, wenn nicht das wichtigste Geschäft ruft. Wir hatten viel bergauf zu steigen, das Erdreich war weich und lehmig, die Tiere glitten vor- und rückwärts aus, sanken von einem Loch ins andere, von Pfütze in Pfütze; es galt noch als ein Glück, wenn Löcher und Pfützen nicht grundlos waren und die Tiere sich herausarbeiten konnten, aber oft versanken sie so tief, daß man absteigen und ihnen die Lasten abnehmen mußte. Gerade an den schlechtesten Stellen hieß es zu Fuße gehen. Ich kam kaum vorwärts, glitt und fiel fast bei jedem Schritte. Zwar rief ich meinen Diener, aber weil ich nur eine Frau war und seine Maultiere leider schon bezahlt hatte, ging er ruhig seines Weges und überließ mich meinem Schicksale. Einer der Arrieros, ein Indianer, nahm sich meiner an, zog mich aus den Pfützen und half mir fort. Wir hatten zu einer Legua durchschnittlich zwei starke Stunden nötig. Auch mehrere Gießbäche warfen sich über den Weg; sie waren jetzt tief und reißend, mitunter höchst gefährlich; im Sommer soll von den meisten das Flußbett kaum benetzt sein. Die Gegend war schön; man hatte herrliche Überblicke üppiger Gebirgstäler, von Hügeln durchzogen und von den ersten Ketten der Kordilleren umschlossen. In dem Tambo zu Jorje fand ich ausnahmsweise ein gedieltes Zimmer zum Schlafen und eine Sopa. Alles war zwar ekelhaft und schmutzig, aber das muß man in diesen Ländern nicht so genau nehmen und dem Himmel danken, wenn man ein Obdach und ein dampfendes Gericht findet, besonders in solcher Jahreszeit, wo die Tambos häufig geschlossen oder die Leute auf den Besuch der Reisenden nicht vorbereitet sind. Wir waren diesen Tag so unvorsichtig gewesen, unserem Arriero vorauszureiten; zur Strafe hatte ich für die Nacht nichts von meinem Gepäcke, nicht einmal meine wollene Decke; ich vermochte kaum zu schlafen vor Kälte, die hier nachts schon sehr empfindlich ist. Die beladenen Tiere konnten der gräßlichen Wege halber nicht bis Jorje gelangen. 27. März. Bogia , 2 Leguas. Diesen Morgen kamen wir erst nach 9 Uhr fort, da wir unsere Tiere erwarten mußten. Die Wege waren heute noch schrecklicher als gestern; wir hatten den sehr bedeutenden Berg Angos zu ersteigen. Glücklicherweise trafen wir zu Jorje einen Zug leer gehender Tiere, die demselben Eigentümer gehörten, von welchem wir die unseren gemietet hatten. Das Gepäck wurde abgeteilt und den leeren Tieren aufgebürdet. Trotz dieser Abhilfe verzweifelten die Leute beinahe, an einigen Stellen durchzukommen. Nachdem wir die Hälfte des Berges erstiegen hatten, wozu wir sieben Stunden benötigten, wurde beschlossen, in dem ersten besten Tambo einzukehren, weil weder wir noch die Tiere weiterkonnten. Ich kam so durchaus beschmutzt an, daß ich aussah, als hätte ich ein Schlammbad genommen. Die Schuhe nebst dem Regenmantel gab ich meinem Diener, sie zu reinigen; allein er ließ sie liegen und tat mir durchaus keine Dienste. Es war gerade, als hätte ich ihn nur mitgenommen, um das Vergnügen zu haben, seine Maultiere und seine Kost zu bezahlen. Ich mußte Schuhe und Mantel selbst waschen und konnte mir sogar das hierzu nötige Wasser nur mit Mühe verschaffen; denn obwohl in diesen Gegenden überall der größte Überfluß an Holz und Wasser ist, findet man davon in den Hütten doch keine Vorräte. Die Trägheit der Leute geht so weit, daß sie nicht einmal hineinschaffen, was vor der Türe liegt. Das Wasser holen sie in Töpfen, die kaum zwei Flaschen enthalten; ein größeres Gefäß zu tragen wäre schon eine viel zu beschwerliche Arbeit. Zum Waschen der Hände und des Gesichts erhält man höchstens eine kleine Tasse voll. Ich sah nicht selten die Kartoffeln in dem Wasser waschen, in welchem die Leute erst sich selbst, dann das Kochgeschirr gereinigt hatten. Ebenso sparsam wird mit dem Holze umgegangen. An ein Trocknen der durchnäßten Kleidung ist nicht zu denken, da kaum soviel Feuer vorhanden ist, um die Sopa zu kochen. Der Tambo Bogia war einer der schlechtesten. Die Hütte hatte kaum Raum für die Familie und die Feuerstelle. Ich mußte mein Quartier vor der Hütte auf einer hölzernen Bank aufschlagen. Gewöhnlich springt das Dach so weit vor, daß man gegen den Regen geschützt ist, was wir wahrhaftig sehr nötig hatten, denn Regen war auf dieser Reise unser steter Begleiter. Selten zerstoben die schweren Wolken auf Augenblicke und ließen uns die wundervollen Naturschönheiten gewahren. Welch entzückende Gebirgswelt! Welche Massen von Bergen und Bergketten! Die niedlichsten, üppigsten Täler lagerten dazwischen, oft tief, tief unter uns. Das Geräusch der tosenden Wildbäche schlug nicht einmal an unser Ohr, wir sahen nur den Lichtstreifen in der Tiefe, gleich einem Silberfaden. Was für einen hinreißenden Zauber muß diese Reise in schöner Jahreszeit entfalten! Entschädigten mich doch jetzt die seltenen Momente der Anschauung überreich für die unzähligen Mühen und Leiden. Diese Nacht um 11 Uhr fühlte ich vier gleichmäßige Erdstöße von Süden nach Norden; sie folgten ziemlich rasch aufeinander; kaum hatte ich Zeit, zur Überzeugung zu gelangen, daß es ein Erdbeben sei. Ich sprang von meinem Lager auf – in demselben Augenblicke stürzten die Einwohner unter dem Rufe »Misericordia!« aus der Hütte und warfen sich auf die Knie. Nach überstandener Gefahr sagten sie mir, daß dieses Erdbeben wie zwei andere, die sie kürzlich verspürten, von dem Vulkane Cotopaxi herrühre, welcher gegenwärtig so tätig sei, wie er es seit 57 Jahren nicht gewesen. 28. März. Tamboco , 6 Leguas. Lange ging es noch den Angos hinauf – wir hatten heute wie gestern zu steigen. Einen Teil des Weges nannte man »Camino real« . Ein ähnlich schlechter, unausgesetzt halsbrecherischer Weg wie dieser ist mir nirgends vorgekommen. Ich stieg oft von meinem Tiere ab und mußte, um nicht fortwährend zu gleiten, gleich den Indianern mit bloßen Füßen gehen – eine unangenehme Aufgabe, da es beständig regnete und kalt war. Besonders eisig waren die Gebirgswässer, die sich respektlos über den »königlichen Weg« ergossen. Statt schöner Aussichten umhüllten uns Nebel und Wolken. Bald senkten sie sich in dichten Massen auf uns nieder, daß wir kaum dreißig Schritt weit sehen konnten, bald ließen sie die Höhen etwas freier, verdeckten dagegen die Tiefe unter uns. Zuweilen zerriß wohl auch das graue Leichentuch, und wie durch Fensterchen sahen wir dann auf die blühenden, in der Sonne erglänzenden Landschaften. Besonders reizend war dieses Bild durch den auffallend bezeichneten Übergang der Vegetation von der tropischen Zone in die gemäßigte; hier wucherten die Palme, der Kaffee- und Kakaobaum, die Banane, das saftige Zuckerrohr, etwas höher hinauf erinnerten mich die mit Getreide, Kartoffeln, Feldbohnen, Klee Der Klee erreicht hier eine Höhe von 2 ½ Fuß. bepflanzten Felder an meine Heimat. Wenn man so schöne, reiche Gegenden sieht, sollte man meinen, die Bewohner müßten damit übereinstimmen – leider ist dies hier weniger der Fall als irgendwo. Die erbärmlichen Hütten des Volkes sind von Strauchwerk geflochten, mit Erde überworfen; keine Öffnung außer dem Eingange verbreitet Licht über die grenzenlose innere Dürftigkeit. Da gibt es weder Betten noch Hausgerät, noch Kisten und Körbe, da die Leute nichts zu bewahren haben. Sie schlafen entweder auf dem nackten Erdboden oder höchstens auf einem Bambusgestelle, mit einer Strohmatte überlegt, in den einzigen Kleidungsstücken, die sie besitzen und die sie so lange tragen, bis sie als Lumpen vom Körper fallen. So dürftig wie ihre Wohnung und Kleidung ist ihre Nahrung. Sie leben durchgehends schlecht, die Indianer beinahe ausschließend nur von Gerste, die sie ein wenig rösten und zu Pulver stoßen. Dieses Mehl essen sie für gewöhnlich ohne alle Beimischung in trockenem Zustande, oder sie rühren es mit Wasser ab und trinken es. Wenn sie auf einige Zeit vom Hause gehen, nehmen sie nichts mit als solches Mehl in einem ledernen Sacke. Auch der wohlhabende Alt-Spanier genießt es zuweilen, mischt dann aber gewöhnlich etwas Zucker bei, wodurch es einen ziemlich guten Geschmack erhält. Auf langen Reisen nimmt er es gleichfalls mit und mischt dann nebst Zucker zerriebenen Kakao und Zimmet bei. Auf diese Art bereitet, ist es nicht nur ein sehr schmackhaftes, sondern auch ein sehr gesundes und nahrhaftes Gericht. Man braucht wenig Raum, um es mitzuführen, und weder Feuer noch Topf zum Kochen. Der Soldat auf Märschen hat selten eine andere Nahrung als Gerstenmehl. Daß die Indianer die Parias dieses Landes sind, ist leicht begreiflich; aber selbst bei den altspanischen Bauern, ja sogar bei den Hazienda-Besitzern sieht man selten äußerlich anscheinende Wohlhabenheit. Und doch stehen sich viele, zum Beispiel die Eigentümer von Tambos, gewiß nicht so schlecht, um in einem so elenden Zustande zu leben. Sie lassen sich ihre Sopa, ihren Klee verhältnismäßig sehr gut bezahlen. Sie begehren für ein paar Löffel dieser erbärmlichen Wassersuppe, die nichts als einige Kartoffeln und etwas roten Pfeffer enthält, einen Medio Auf einen Taler gehen sechzehn Medios. , ebensoviel für die Fütterung eines Maultieres. Im Sommer nehmen sie des Tages oft mehrere Taler ein, ohne Ausgaben zu haben, denn jeder Wirt ist zugleich der Erzeuger der Produkte, die er verkauft. Diesen Nachmittag stieß ein kleiner Trupp von acht Lamas zu uns. Ich fühlte mich ganz glücklich, diese lieben Tiere mit ihren schlanken Hälsen, ihrer stolzen Haltung, ihren sanften Augen um mich zu sehen. Ich schreibe meine Vorliebe für die Lamas der Geschichte Robinson Crusoes zu, die ich als Kind gelesen. In Verbindung mit dieser Geschichte kehrten bei dem Anblicke dieser Tiere die Erinnerungen meiner frühen Jugend in mein Gedächtnis zurück. Der Tambo zu Tamboco war im Vergleich zu dem vorigen ein Palast. Er war aus ungebrannten Ziegeln erbaut und bestand aus einem großen Gemache mit einem halben Dutzend hölzerner Schragen zum Schlafen. Ein Teil des Gemaches diente zwar zur Bewahrung der Feldgerätschaften, und das Ganze war voll Schmutz und Unrat; doch war man vor Wind und Wetter wohlgeschützt und nicht gezwungen, mit den Tambo-Besitzern in Gemeinschaft zu leben. Eine sonderbare Sitte herrscht in diesem Lande. In den Tambos, wo man übernachtet und abends etwas genießt, muß man sogleich bezahlen, da der Wirt dem Gaste nicht bis zur Abreise traut, obgleich er dessen Tier nebst der Ladung unter seinen Händen hat, ein Beweis, welche hohe Meinung die Leute selbst voneinander haben. 29. März. Guaranda , 5 Leguas. Heute gab es nur hie und da schlechte Stellen; der größte Teil des Weges war ziemlich gut. Wir waren nun der schönen Gebirgskette, deren Haupt der Chimborazo ist, schon ganz nahe; allein Nebel und Wolken hielten uns den edlen Ahnherrn samt seiner riesigen Verwandtschaft gänzlich verborgen. Wir mußten uns mit dem Anblicke der nahen Täler begnügen, deren Hügelreihen mit den üppigsten Pflanzungen prangten. Der Pueblo (Markt, Dorf) Guaranda liegt in einem schönen, beinahe zirkelrunden Tale am Fuße des Chimborazo. Ich stieg hier bei einem ziemlich wohlhabenden Hazienda-Besitzer ab und wurde freundlich aufgenommen. Ich kam gerade zu einer kleinen Feierlichkeit zurecht; es wurde ein acht Monate altes Kind reicher Leute begraben. Da in kleinen Orten alles Aufsehen erregt und das Volk erscheinen macht, besonders in einem Lande wie dieses, wo die Leute an Arbeiten nicht gewöhnt sind und daher Zeit genug haben, so sah ich bei dieser Gelegenheit die schöne und unschöne Welt vereint. Das Kindchen saß in einer Art kleiner Loge, die mit weißem Musselin drapiert, mit Gold- und Silberfransen und Blumen verziert war und mittelst Stangen getragen wurde. Der Kopf des Kindes war durch eine Schlinge um den Hals an den oberen Teil der Loge befestigt, aber so lose, daß er hin und her schwankte. Dies machte einen abscheulichen Eindruck, denn es sah aus, als wäre das Kindchen aufgehangen. Dem Zuge folgte Musik, aus zwei Violinen und einer Harfe bestehend, welch letztere auf den Rücken zweier Jungen ruhte. Der Spieler riß von Zeit zu Zeit einen jämmerlich klingenden Akkord herunter. Auf dem Friedhofe wurde das Kind in einen kleinen Sarg gelegt. Die Leute sahen hier schon viel blühender aus als in der heißen Gegend von Guayaquil. Die Kinder besonders waren mit ihren roten Backen, den großen, feurigen Augen gar hübsch anzusehen. Auch an schönen Frauen und Mädchen gab es keinen Mangel, besonders unter der wohlhabendern Klasse. Die reinen Indianer sind gerade nicht hübsch, doch auch nicht unangenehm. Der Kopf ist ein klein wenig zusammengeschoben, der Körper gedrungen, die Augen bei vielen etwas schmal geschlitzt (doch haben sie mitunter auch schöne Augen), die Nase etwas breit, aber bei weitem nicht so gequetscht wie bei den Malaien. Auch der Mund ist nicht gar so groß und häßlich wie der malaiische, die Zahnkiefer sind gut geformt, die Zähne glänzend weiß. Ihre Hautfarbe ist schmutzig bräunlichgelb. Am meisten entstellt sie das Haar, welches in größter Unordnung um das Gesicht flattert; hätten sie es besser geordnet, so würden sie sich im ganzen nicht übel ausnehmen. Die Kleidung der Alt-Spanier, desgleichen der Indianer, ist wie in Peru. Die Frauen und Mädchen tragen hier Umschlagetücher, die zugleich den Kopf und das halbe Gesicht verbergen. Sogar zu Hause lieben sie es, ihren höchst nachlässigen Anzug mit solch einem Tuche zu bedecken. Sie sind beständig so eingewickelt, daß sie kaum die Hände gebrauchen können. Freilich haben sie dies auch nicht nötig, denn arbeiten ist nicht ihre Leidenschaft. Ich sah bei Familien, in welchen es drei bis vier erwachsene Töchter gab, Kleider und Wäsche in dem elendesten Zustande, die Kinder in Lumpen herumlaufen, mit nackten Füßen oder ganz zerrissenen Schuhen; man hätte sie für Bettelkinder halten können. Dergleichen beleidigt das Auge der Leute nicht, weder Mütter noch Töchter gewahrte ich je beschäftigt, zerrissene Wäsche oder Kleidungsstücke auszubessern; dagegen ist das Hemd oft oben und unten mühsam ausgenäht und gestickt, welche nutzlose Arbeit sich bis auf die Polsterüberzüge, ja bis auf die Handtücher erstreckt. In Guaranda war ich genötigt, die Tiere zu wechseln. Man muß sich nie bereden lassen, dieselben Tiere von Savanetta bis Quito zu behalten, außer man ruht hie und da einen Tag aus; denn mit abgematteten Tieren ist es nicht möglich, den Übergang über den Chimborazo zu machen. 30. März. Der heutige Tag gehörte unter die besonders merkwürdigen meines Lebens; ich überstieg die Riesenkette der Kordilleren oder Anden an einem der interessantesten Punkte, dem Chimborazo. Zur Zeit, als ich jung war, galt dieser Berg für den höchsten der Welt (21000 Fuß); seit man aber die Spitzen des Himalajagebirges in Asien gemessen, ist er in die zweite Klasse getreten. Wir brachen sehr zeitlich auf, da wir elf Leguas auf teilweise schrecklichen Wegen, beinahe unausgesetzt bergan, zu machen hatten. Vor diesen elf Leguas gab es kein Obdach für die Nacht. Zu Anfang war der Weg wirklich fürchterlich; ich sah mich abermals genötigt, auf den schlechtesten Partien vom Maultier zu steigen und zu Fuß zu gehen, was mir um so beschwerlicher fiel, als die kalte Gebirgsluft sehr auf meine Brust wirkte. Ich fühlte große Beängstigungen, Atemlosigkeit und Zittern am Körper – ich fürchtete jeden Augenblick hinzusinken; allein es hieß vorwärts, und nur mit der größten Mühe schleppte ich mich fort durch Kot und Schlamm, durch Gießbäche, Löcher, Sümpfe und über Gestein. Wenn ich mich schon auf der Höhe befunden hätte, würde ich mein Übelbefinden der zu feinen Luft zugeschrieben haben, die bei vielen dieselbe Erscheinung bewirkt. Man nennt dieses Übel »Veta«. Es währt bei manchen nur einige Tage, bei anderen, wenn sie auf den Höhen verbleiben, wohl auch einige Wochen. Nach den ersten zwei Leguas fing der Weg an, mehr felsig und steinig zu werden; ich konnte dann wenigstens auf meinem Tiere sitzen bleiben. Wir hatten fortwährend Regengüsse, Schauer, sogar einen kurzen Schneefall. Der Schnee löste sich sogleich auf, als er die Erde berührte, nur an sehr wenig Stellen blieb er liegen; ich kann daher doch sagen, daß ich über Schnee ging. Die Wolken und Nebel lüfteten sich leider kein einziges Mal; ich bekam die Kuppe des Chimborazo nicht zu sehen, ein Unglück, das mir noch ungleich empfindlicher war als mein körperliches Leiden. Bis auf den höchsten Punkt des Überganges rechnet man von Guaranda sechs Leguas. Der Rücken des Berges bildet da eine kleine Ebene von ein paar hundert Schritten, die von allen Seiten abfällt, die Nordseite ausgenommen, auf welcher die Kuppe des Chimborazo beinahe senkrecht emporsteigt. Auf dieser kleinen Hochebene ist ein Haufen Steine zusammengeworfen, nach einigen als Zeichen, daß man hier den Höhenpunkt des Überganges erreicht habe, nach andern als Denkmal eines Mordes, der hier im vorigen Jahre an einem Engländer verübt wurde. Dieser Mann ging, von einem Arriero allein begleitet, über die Kordilleren. Wahrscheinlich wäre ihm nichts widerfahren, hätte er nicht die Unvorsichtigkeit gehabt, bei jeder Gelegenheit, wo es etwas zu zahlen gab, seine mit Gold wohlgefüllte Börse sehen zu lassen. Diesem Schimmer konnte der Führer nicht widerstehen, und als er sich mit dem Krösus in dieser verlassenen Gegend allein sah, schlug er ihn von rückwärts mit einem großen, in ein Tuch gewickelten Stein (gewöhnliche Art des Totschlages hierzulande) aufs Haupt. Die Leiche verbarg er im Schnee. Tat und Täter wurden jedoch bald entdeckt, letzterer durch das Gold, von welchem er einige Stücke wechseln ließ. Ich stieg, obwohl im höchsten Grade ermüdet, von meinem Tiere ab, trug einen Stein herbei und fügte ihn dem Denkmale hinzu; ich dachte: der Stein wird noch da ruhen, wenn meine Gebeine schon längst in Staub verwandelt sind. Dann kletterte ich an der Westseite des Berges hinab, bis ich Wasser fand, füllte damit meinen Becher, trank einige Mundvoll, eilte mit dem Rest auf die Ostseite und goß ihn in das erste Bächlein. Dasselbe tat ich mit einem Becher Wasser von der Ostseite des Berges. Ich hatte in den »Reisen« des Herrn von Tschudi gelesen, daß er dies auf der Wasserscheide bei Passeo de serro auf den Kordilleren getan habe. Der Gedanke, daß ein Becher Wasser, der nach dem Stillen Meere fließen sollte, auf diese Art nach dem Atlantischen Ozean floß und so umgekehrt, machte ihm Vergnügen und gefiel auch mir so gut, daß ich ihn gleichfalls in Ausführung brachte. Gut war es, daß ich es diesmal tat, wo der Regen sehr stark und ich um Wasser nicht verlegen war; auf der Rückreise hätte ich ungleich größere Mühe gehabt; denn die Quellen, die hier die Wasserscheide bilden, liegen weit auseinander. Die Höhe des Überganges konnte ich nicht mit Bestimmtheit erfahren; die einen gaben 14000, die andern 16000 Fuß an. Ich möchte sie auf nicht ganz 15000 schätzen. Die Schneelinie wird unter dem Äquator auf 15000 Fuß gerechnet. Wir kamen über kein eigentliches Schneefeld, hätten jedoch, um zur ewigen Schneelinie zu gelangen, höchstens noch zwei- bis dreihundert Fuß zu steigen gehabt; sie lag ganz nahe an unserer Seite. Der Thermometer stand auf Null (Reaumur). Die Vegetation hört nur auf dieser kleinen Hochebene gänzlich auf. Bis drei Leguas von Guaranda findet man Feldbau, dann folgen magere Waldungen mit vielen schönen Blumen. Farrenbäume wie auf den Höhen von Sumatra oder Java fand ich nirgends; das höchste Farrenkraut maß hier nur drei Fuß. Dagegen rankten sich noch sehr verkrüppelte dünne Bäumchen bis zu einer Höhe von 14000 Fuß, aber nur auf der Westseite; auf der Ostseite zeigte sich lange kein Baum. Die Bäumchen hatten ein merkwürdiges Aussehen; sie waren beinahe von Rinde ganz entblößt und trugen gar kein Moos. Auf der kleinen Hochebene des Chimborazo herrschen häufig rauhe, sehr heftige Winde, die dem Reisenden Sand und Steinchen in großer Menge in das Gesicht werfen. Man bindet deshalb gewöhnlich eine seidene Maske vor, die an den Augenstellen mit Gläsern versehen ist. In den Monaten August und September ist der Übergang mitunter sogar lebensgefährlich: plötzliche Winde kommen nicht selten mit solcher Kraft, daß sie die Maultiere samt der Last in die Luft führen und weit vom Platze erst wieder zur Erde setzen. Von dieser Hochebene bis zur Nachtstation Chacquiporgo , einem einzelnen elenden Hause, rechnet man noch fünf Leguas. Die Wege waren nun gut, es ging zeitweise sachte nach abwärts oder über Hügelland; allein der beständige Regen, die kalten Winde machten diesen Ritt im höchsten Grade unangenehm. In meinem Leben kam ich nie so gänzlich erschöpft an wie diesen Abend. Ich litt sehr von Brustbeschwerden, dabei klapperten mir die Zähne vor Kälte; ich war so steif und starr, daß ich mich nur mit Mühe von meinem Maultiere bis zur Schlafstelle schleppen konnte. Obgleich von Kot und Schmutz ganz bedeckt, Gesicht und Hände nicht ausgenommen, fühlte ich mich unfähig, mir selbst Wasser zu holen, mein Diener brachte mir keins; ich sank hin auf die hölzerne Lagerstätte und hüllte mich in meinen Mantel. Doch fand ich wenig Erholung; die Brustbeschwerden zwangen mich oft aufzusitzen. Erst nach einigen Stunden war ich imstande, einige Bissen Brot und Käse zu mir zu nehmen. Ich erhielt nichts Warmes, weder zu essen noch zu trinken; auch morgens mußte ich ohne warmen Imbiß weiterziehen. In der Winterszeit hält sich kein Wirt hier auf, denn es reist niemand. Das Haus Chacquiporgo auf dem Chimborazo ist das einzige Gebäude, welches zwischen Guayaquil und Quito von der Regierung für Reisende errichtet ist. Es besteht aus zwei Gemächern mit einigen hölzernen Schlafstellen und Bänken und einem großen Raume für die Arrieros. In keinem Lande der Welt, von allen, die ich bisher bereiste, sah ich so wenig oder, besser gesagt, nichts für Reisende getan wie in diesem. Die Tambos sind so über alle Maßen klein und unsauber, daß man sie für Schweineställe und nicht für menschliche Wohnungen halten möchte. Der Reisende findet darin nichts weiter als ein Obdach gegen Regen und Sturm und, wenn es gut geht, zum Imbiß die elende Sopa. Dem armen Arriero ist in den Tambos nicht einmal ein Plätzchen gegönnt; er kann von Glück sagen, wenn er neben dem Tambo ein Dach findet, das auf vier Pfählen ohne Seitenwände ruht. Sein Los ist wirklich bedauernswert. Den ganzen Tag muß er auf den schrecklichsten Wegen neben seinen Tieren herlaufen; kommt er abends an und hat er die Tiere abgeladen, so muß er fort, das Futter für sie zu schneiden (der Wirt tut dies nicht; nur in Ortschaften, wo die Kleefelder entfernter sind, findet man den Klee in gebundenen Büscheln). Hat er sein Tagwerk vollbracht, so kann er sich auf die nasse Erde hinstrecken, mit seinem zerrissenen Poncho bedecken und seinen Hunger mit Gerstenmehl stillen. Nicht minder bemitleidete ich die armen Lasttiere. Man nennt Lima die »Hölle der Esel«; man kann diesen Namen auf ganz Peru und Ekuador ausdehnen und nicht nur auf die Esel allein, sondern auch in bezug auf Maultiere, Pferde und Arrieros anwenden. Man beladet hier zum Beispiel ein Maultier, ein Pferd mit acht bis zehn Arobas (eine Aroba = 25 Pfund), einen Esel mit vier bis sechs. Die Ladung muß hinauf, die Tiere mögen auf Rücken und Seiten ganz wund sein, das kümmert nicht. Eines Tages empfand ich während des Reitens einen beständigen starken, unangenehmen Geruch; als ich abends abgestiegen war, fand ich mein Kleid voll Blut, das von einer Wunde meines armen Tieres herrührte. Ich sah mehrmals auf schlechten Wegen zwei Personen auf einem Pferde oder Maultiere, auch wohl auf einem Esel sitzen. Wie ganz anders sorgt der Türke, der Perser, der Hindu, ja sogar der Kannibale auf Sumatra (der Bataker) für Reisende und Tiere. In den Karawansereien der Türken und Perser, in den Serails der Hindu findet der Reisende ein Kämmerchen für sich, der Treiber ein gleiches mit seinem Gefährten, die Tiere einen gedeckten Stall; der Bataker hat in jedem Dorfe Hütten (Soppo) für die Reisenden errichtet. Und diese Hütten sind ohne Unterschied dem Eingebornen wie dem Fremdlinge geöffnet, ohne daß er dafür etwas zu bezahlen hat. Wie höchst nötig wären nicht dergleichen menschenfreundliche Anstalten zwischen Guayaquil und Quito, einer Straße, die von vielen Reisenden begangen wird, auf welcher im Sommer täglich große Züge von Lasttieren verkehren! Und mit wie geringen Kosten könnten mehrere hölzerne Häuser aufgeführt werden, in einem Lande wie dieses, wo es nirgends an Baumaterial fehlt! 31. März. Ambato , 8 Leguas. Schon gestern fiel mir der merkwürdig grelle Unterschied zwischen der Ost- und Westseite der Kordilleren auf. Auf der Westseite ist das gebirgige Element vorherrschend, mit Klüften und Pässen und meistens schmalen Tälern, die wie zwischen die Berge eingeschoben erscheinen; dabei die üppigste Vegetation, Ebenen und Höhen mit den schönsten Waldungen und die Berge selbst in bedeutender Höhe mit üppigsten Feldern bedeckt. – Ganz anders ist es auf der Ostseite; Berge und Hügel werden von großen Hochebenen zurückgedrängt, die wegen ihrer geringen Vegetation das Auge durch ihre Einförmigkeit ermüden. Die schönen Wälder verschwinden, die Blumen sind seltener, und Heidegras, das jedes Tier verschmäht, bedeckt große Strecken. Drei Leguas von dem Übergangspunkte entfernt sah ich wohl schon wieder in den Tiefen hie und da kleine Viehherden weiden; den ersten Anbau fand ich aber erst sieben Leguas hinter dem Übergangspunkte. Eine Strecke von neun bis zehn Leguas ist daher unangebautes Land, von welchem jedoch gewiß ein großer Teil urbar gemacht werden könnte, wäre die Bevölkerung nicht so geringe. Wir ritten heute viel zwischen Alleen von Kaktus und Aloe. Die Kaktus wachsen hier zu einer Höhe von acht bis zehn Fuß; die Aloes glichen jenen, die ich um Neapel gesehen habe; der Blütenstamm schoß aus der Mitte der Blätter zu einer Höhe von einigen zwanzig Fuß. Die Hochebene von Ambato gehört zu den schönen; sie ist von dem Chimborazo, dem Tungaragua und ändern majestätischen Bergen eingefaßt. Die Temperatur ist hier schon wieder so mild, daß die Banane und andere südliche Früchte fortkommen. Das Städtchen Ambato liegt in einem Kessel dieser Hochebene und gewährt, von der Höhe gesehen, mit seinen Gärten und Fruchtbäumen, die es von allen Seiten umsäumen und durchschneiden, einen wahrhaft überraschenden Anblick. Ich hielt mein Tier mehrmals an und betrachtete mit Vergnügen das liebliche Bild. Das Städtchen ist ungemein ausgedehnt, die Häuser sind jedoch über alle Beschreibung erbärmlich und klein, da die meisten gar keine Fenster und nur eine Tür haben; erst gegen den Platz zu gestaltet sich das Ganze ein wenig besser. Ich stieg hier ebenfalls bei einem Hazienda-Besitzer ab. Die guten Leute verstehen noch nicht, daß man einem Reisenden, besonders wenn er, von Regen triefend, ankommt, wie es mit mir der Fall war, ein Fleckchen anweist, wo er sich waschen und umkleiden kann. Hier bietet man ihm nicht einmal eine Erfrischung an, wenn man auch weiß, daß er vielleicht ein Dutzend Leguas mit leerem Magen gemacht hat. Er muß unter der Familie in seinen nassen, beschmutzten Kleidern oft zwei bis drei Stunden sitzen bleiben und mit Geduld die Mahlzeitstunde erwarten. Die Familie, die sich den ganzen Tag in den Hängematten schaukelt und die Zeit mit Schwatzen verbringt, ist froh, wenigstens ein neues Gesicht angaffen zu können. Bei mir, die ich der spanischen Sprache nicht mächtig war, hatten sie wahrhaftig kein anderes Vergnügen. 1. April. Latacunga , 8 Leguas. Aus der Tiefe des Kessels steigend, gelangten wir an einen schönen Gebirgsfluß, der sich in eine natürliche Grotte verlor und nach einigen hundert Schritten wieder zum Vorschein kam. Einige tiefe Schluchten oder Erdspalten hatten wir auf lebensgefährlichen Brückchen zu überschreiten, andere zu durchziehen. In solchen Schluchten ist ein Zusammentreffen, selbst mit einzelnen Reitern, sehr unangenehm, da die Wege so schmal sind, daß gerade nur ein Tier Platz hat. Der Arriero schreit, pfeift und lärmt auch beständig, wenn er an einen solchen natürlichen Hohlweg gelangt, um sein Dasein so weit als möglich zu verkünden. Diese Stellen abgerechnet, war der Weg gut, und zum ersten Male trübte kein Regen unsere Tagereise. Ein großer Teil der Hochebene von Ambato war kultiviert; Dörfer oder Hütten gab es jedoch nur sehr wenige. Der Tungaragua, der sich aus den Wolken immer mehr und mehr herausarbeitete, stieg ohne Verbindung mit den andern Bergen als kolossaler Kegel majestätisch vor uns auf. Von der Hochebene Ambato kamen wir in die noch weit bedeutendere und schönere von Latacunga , an deren Eingange das Städtchen gleichen Namens liegt. Den Chimborazo verliert man nun schon aus dem Gesichte; dagegen tauchen andere hohe Berge auf, unter welchen besonders der Cotopaxi und der Iliniza . In Latacunga, einem gleich Ambato sehr ausgedehnten Neste, stieg ich ebenfalls wieder bei einem Hazienda-Besitzer ab. Ich wurde zwar überall freundlich aufgenommen, allein morgens ließ man mich stets fortziehen, ohne mir auch nur eine Tasse Tee oder Schokolade zu reichen, obgleich die Morgen kalt, nebelig oder gar regnerisch waren und man wohl wußte, daß ich oft bis Abend keinen Ort finden würde, wo ich einige Erfrischungen erhalten konnte. Ich war nun schon viel mit Hazienda-Besitzern in Berührung gekommen, brachte ganze Tage unter ihnen zu und hatte daher Gelegenheit, ihre Lebensweise zu beobachten. Die Mehrzahl lebt in einer Unordnung, in einer Dürftigkeit und Unsauberkeit, die jede Beschreibung übertrifft. Ich ziehe das Haus eines nur einigermaßen bemittelten deutschen Bauers den meisten dieser Haziendas vor. In ersterem findet man doch soviel Reinlichkeit, daß man sich mit Lust an den Tisch setzt, um das einfache, aber gut gekochte Mahl zu verzehren. Nicht so in den letzteren. Da wird der Tisch mit einem zerrissenen Tuche gedeckt, das vor Schmutzflecken kaum eine weiße Stelle mehr aufzuweisen hat. Auch an den anderen Tischgerätschaften ist selten das Nötigste vorhanden. So fand ich zum Beispiel in einer Hazienda elf Personen an der Tafel, und ich glaube nicht, daß es drei ganze Bestecke der gemeinsten Art gab. Eine Person besaß einen Löffel, die andere eine Gabel, die dritte ein Messer. Hatte der Löffelbesitzer seine Suppe gegessen, so gab er den Löffel seinem Nachbar, ebenso ging es mit Messer und Gabel; die Kinder aßen zum Teil mit den Fingern. Eine zerbrochene Waschkanne enthielt das Trinkwasser, ein Glas diente der ganzen Gesellschaft. Die Kinder kamen in zerlumpten Kleidern zu Tische, mit bloßen Füßen oder mit abgenützten Schuhen, mit beschmutzten Händen und Gesichtern; dabei hatten sie aber ein so hübsches, blühendes Aussehen, so feurige, schöne Augen, daß ich mit wahrem Vergnügen diesen pausbackigen Engelsköpfen zusah, wie sie einen Bissen nach dem andern mit wahrer Herzenslust verschlangen. Eine in Lumpen gehüllte Negerin oder ein paar kleine halbnackte Negerkinder besorgten die Aufwartung bei Tische. In demselben Hause wurde mir ein Zimmer zum Schlafen angewiesen, das Gott weiß wie lange nicht gereinigt worden war und außer dem Bett nichts als zwei zerbrochene Stühle nebst dem Fragmente eines Tischchens enthielt. Alles, was ich benötigte, mußte ich begehren; ich fand nicht einmal Wasser, und als man es mir brachte, mußte ich vor die Tür gehen, mich zu waschen, denn ein Waschbecken war nicht vorhanden. In einem andern Hause lag ich kaum ein halbes Stündchen im Bette, so sprang ich wieder heraus – ich war im vollsten Sinne des Wortes von Ungeziefer bedeckt. Die ganze Nacht brachte ich auf einem Stuhle zu, und morgens war ich so voll roter Flecke, als hätte ich einen Ausschlag bekommen. Und beinahe in jedem Hause traf ich eine, auch mehrere erwachsene Töchter, die ohne große Mühe das Hauswesen in guter Ordnung hätten halten können. Allein das ist nicht ihre Sache. Das große Tuch um Kopf, Schultern und Arm geworfen, sitzen sie den ganzen Tag umher und stehlen, wie wir Deutsche sagen, unserem lieben Gott die Zeit. Bei der grenzenlosen Bettelhaftigkeit einerseits findet man andererseits mitunter einigen Luxus zur Schau gestellt. In einem Hause war der Empfangssaal mit Teppichen, Spiegeln usw. geschmückt, in einem andern fand ich ein ziemlich gutes Klavier, eine sehr schöne englische Reiseschatulle – alles Gegenstände, die hier sehr hoch kommen, da man sie mühsam über die Gebirge schleppen muß. Die Frauen, die Töchter zeigten mir kostbare Kleider, chinesische Shawls usw. Mich wunderte dies um so mehr, als die Hazienda-Besitzer hierzulande durchschnittlich nicht sehr wohlhabend sind. Sie besitzen wohl viel Grund, aber es fehlt an Märkten und an Straßen. Große Städte gibt es nicht, und die Wege sind so schlecht, daß es kaum die Mühe lohnt, Lebensmittel drei bis vier Tagereisen weit zu senden. 2. April. Machacha , 11 Leguas. Heute ging es fortgesetzt auf der Hochebene von Latacunga. Die Wege waren sehr gut und führten größtenteils zwischen Hecken von Kaktus und Aloe, reich untermischt mit schönen Blumen, hindurch. Umfaßt von dem Kranze der herrlichsten Gebirge, von welchen, wie bemerkt, der Cotopaxi und Iliniza die hervorragendsten, würde diese Hochebene entzückend schön sein, hätte die eigensinnige Natur nicht zwei Hauptsachen vergessen: Waldpartien und Wasser. Kultiviert ist wenig; es mag wohl an Händen fehlen. Der Boden scheint auch nicht aus so fetter Erde zu bestehen wie auf der Westseite der Kordilleren. Der größere Teil des Tales zeigt wohl ein frisches, saftiges Grün, doch gibt es auch viel Staub und Sand und genug Strecken voll großer Steine und Felsstücke, die gewiß einst der Cotopaxi in seiner Wut ringsumher geschleudert hat. Dieser Riesenvulkan hielt den ganzen Tag meine Aufmerksamkeit gefesselt. Die mächtigsten Rauchsäulen entwirbelten seinem Krater, umfangreichen Baumstämmen mit reichen Kronen oder Ähren vergleichbar oder in wild sich aufeinanderfolgenden Wolken aufsteigend. Leider zerstoben die pittoresken Gebilde ebenso schnell, als sie entstanden. Der Cotopaxi war bis an den Krater mit einer leichten Schneedecke bekleidet; der ihm gegenüberstehende Iliniza aber prangte in einer so dichten weißen Hülle, daß man sah, wie die Strahlen der Sonne keine Macht über ihn ausübten. Die Nacht brachte ich sehr schlecht in einem Tambo zu. 3. April. Quito , 8 Leguas. Morgens, bevor ich das Maultier bestieg, blickte ich noch einmal nach dem Vulkan zurück, um ihm Lebewohl zu sagen, denn der Weg leitete uns nun in die Hochebene von Quito. Der Feuerspeier schien meine Aufmerksamkeit dankbar anzuerkennen und lohnte mir mit einem prachtvollen Ausbruche. Dichte Rauchwolken wirbelten auf, das Feuer schlängelte sich gleich blitzenden Flammen hindurch, überstieg die Rauchwolken und senkte sich in einem dichten Regen zur Erde. Wie herrlich müßte dieses Schauspiel bei Nacht gewesen sein! Doch auch so war ich reichlich befriedigt und dankte Gott, daß er mir gestattete, von vielen Wundern der Natur auch dieses zu erblicken. Wenn man anstatt über Ambato über Riobamba nach Quito geht, kommt man dem Cotopaxi um vieles näher und sieht bei dieser Gelegenheit die Ruinen dreier kleiner Gebäude, die noch aus den Zeiten der Inkas stammen. Der Zeichnung nach, die ich später zu Gesicht bekam, würde sich jedoch der Umweg nicht lohnen, am wenigsten in der Regenzeit. Das Wetter war heute herrlich, die Wege trefflich, drei Leguas ausgenommen, welche wieder zu den sehr schlechten gehörten. Es gab Schluchten, steile Hügel, große Steine mitten auf dem Wege. Nicht einmal so nahe der Stadt sorgt die Regierung für einige Abhilfe. Für Wege und Brücken wird in diesem Lande gar nichts getan. Findet man hie und da eine feste, gemauerte Brücke, einen etwas besseren Weg, so kann man versichert sein, daß sie noch aus den Zeiten der spanischen Regierung rühren. Ernst Kossak Bade-Bilder Erinnerungen an Wildbad Sind wir vorurteilsfrei und strenge genug gegen geliebte Selbsttäuschungen, so müssen wir gestehen, daß unsere heutige Art zu reisen, der alten seligen Wanderpoesie gar nicht zu gedenken, eines empfindenden, denkenden und auf die unveräußerlichen Menschenrechte haltenden Individuums ganz unwürdig ist. An irgendeinem Abende schleppt eine lebenssatte Droschke drei Pakete nach einem Bahnhofe, das lebendige Paket von den dreien steckt fünfzehn, zwanzig oder dreißig Taler durch ein Loch, in dem zwei Hände mit Billetten, Stempeln und Geldscheinen eifrig wirtschaften, und erhält einen nach Umständen langen Leporellozettel, bestehend aus lauter Städtekupons, gültig auf fünf oder mehr Tage. Ein Mensch mit einer messingbeschlagenen numerierten Stirn trägt die beiden ändern wohlverschlossenen und belederten Reisenden fort, und das zurechnungsfähige Subjekt unter den drei Touristen setzt sich gelassen nieder, wohl wissend, daß es sich für eine geraume Zeit aller freien Willensäußerungen freiwillig entschlagen habe und nichts sei als ein Mitglied des wandernden pennsylvanischen Zellengefängnisses; das draußen auf ihn lauert. Die wachthabenden Polizeibeamten scheinen diese Ansichten zu teilen und prüfen die Reisesträflinge mit durchbohrenden Blicken, als ob jeder einzelne Raubmords überwiesen, aber nicht geständig sei, bis sich der ganzen Versammlung eine grenzenlose Niedergeschlagenheit bemächtigt und sich alle bange nach der Tür drängen, um dem furchtbaren Magnetismus der amtlichen Blicke zu entgehen. Endlich öffnen lieblose Schließerhände die Glastüren, und die Pakete stürzen sich mit absoluter Rücksichtslosigkeit gegeneinander in die Zellen, besetzen die Ecken, schieben die Fenster auf und nieder, als gäbe es hier ein Entkommen, und suchen ihre Beine unterzubringen. Wiederholtes Klingeln mahnt die saumseligen Sträflinge zur Eile, und zuletzt naht der Reisegefängnisinspektor und prüft, zu wieviel Meilen und Städten Strafe jeglicher verurteilt sei. Jetzt pfeift die Lokomotive einige Male auf ihrer widerwärtigen Dampfflöte; die Wagen, unwillig, die Heimat zu verlassen, versetzen sich heftige Rippenstöße, und der Kurierzug entfernt sich in dem bekannten scharfen Eisentrabe. Die Kriminalgesetzgebung und ein Kurierzug kennen keine Gemütlichkeit, kein Erbarmen, keine Galgenfrist. Anmutige Stationen mit belegten Butterbröten, noblen Biergläsern und verzweifelt neugierigen Kleinstädtern durchfliegt er wie ein höllischer Geist, mittelmäßig bewohnte Ortschaften läßt er rechts und links liegen – er hat sich nie mit Kleinigkeiten abgegeben. Die Sonne geht unter, was kümmert es ihn? Die Passagiere blickten gern noch einmal in die purpurgoldne Scheibe, aber der Zug macht plötzlich eine Schwenkung und stürzt sich in eine sandige Kiefernschonung. Es wird Nacht, er jagt weiter und spuckt wütend glühende Kohlen umher. »Zwei Minuten Aufenthalt!« – Für wen? Doch nicht für die unglücklichen Sträflinge? Nein, nur für die Dame Lokomotive. Sie beliebt zu soupieren, schlürft einige Fässer Wasser, steckt als Dessert zwanzig Tonnen Koks zu sich und läuft vom Tisch weg, ohne sich den Mund gewischt und gesegnete Mahlzeit gesagt zu haben. Während dieser Kunstpause sind im Innern der Wagen die Lampen an der Decke angezündet worden. Es ist bis jetzt noch unbekannt, welchem Zwecke diese Instrumente eigentlich dienen. Da sie mit ungemeiner Geschicklichkeit so angebracht sind, daß sie den unglücklichen Reisenden in das Gesicht scheinen und sie am Schlafen verhindern, möchte die Vermutung viel für sich haben, daß sie die gegenseitige Beobachtung der Reisenden befördern sollen, wenn nicht jene Lesart die richtige ist, daß sie nur für die Eisenbahnbeamten angebracht seien, um ihnen die Überwachung zu erleichtern. Zwischen Mitternacht und Morgen erreicht der Zug das Gebiet einer anderen Eisenbahngesellschaft. Die ganze Truppe der Reisegefangenen wird aus den warmen Ecken gescheucht und stolpert über Holzstücke und Steine auf eine schwarze, mit Lichtpunkten besäete Schlange los, die Feuer geifert und ausgestreckt an einem anderen Perron lagert. Greise seufzen, Männer fluchen, und Mütter fragen im Namen ihrer unschuldigen Kleinen, ob man die neuen Wagen behalte – keine Antwort, nur mörderisches Rasseln der Gepäckkarren, wilde Rufe nach frischem Wasser, freche Anerbietungen von wahnsinnigen Restaurateurjungen von nächtlichem Kirschkuchen und Madeira! Diese letztere Zumutung kann auch einen festen Geist in seinen Fundamenten erschüttern. Bahnhofs-Madeira – um ein Uhr nachts – wer lacht da? – sprach da nicht einer noch von Portwein? Dazwischen schleicht still ein Dämon um die Wagen, beleuchtet mit trüben Laternen die Räder und Achsen und tränkt die Durstigen aus schmutziger Ölkanne. Oben auf dem Wagenverdeck gehen Leute spazieren – Pelotonfeuer von Wagentüren – »Herrgott, ich muß noch mit!« – »Hier ist noch ein Platz zweiter Klasse, Madame!« – Vorn ruft es: »Alles fertig«, hinten: »Donnerwetter, vorwärts!« – Sturmgeklingel – eine näselnde Stimme: »Kirschkuchen, Madeira, Portwein!« – Zu spät, mein Sohn, geuß deinen Nachttrunk zum hundertsten Male in die Flasche zurück; der gute sanfte Eisengaul hat sich bereits wieder auf die Beine gemacht! Wenn ich nachts in einem Waggon schlafen soll, so müssen nicht neben mir drei Hofdamen aus einer ganz kleinen deutschen Residenz nebst einer Kammerzofe sitzen und sich mit Anprobieren von neuen, in Berlin gekauften Handschuhen beschäftigen. Besagte drei Frauenzimmer gehörten unbedingt unter die Kategorie des nächtlichen Lebens in der Natur. Wahrscheinlich durch langen Tagschlaf gestärkt, entfalteten sie von II Uhr an die Munterkeit von Eulen und Hyänen, zogen die Toten aus dem Grabe der Erinnerung und zerfleischten sie durch ihr Geklätsch. Am meisten jammerte mich die Zofe. Als Gans war sie eine geborne Nachtschläferin und kaum imstande, ihrer Müdigkeit zu widerstehen. Aber ihre drei Herrinnen kannten kein Erbarmen mit der Unglücklichen – ein Romanschreiber hätte sofort den Plan zu einer »Tante Tom« entworfen. Bald mußte sie beim Abnehmen, bald beim Anlegen eines Mantels behülflich sein, bald die Flasche mit Eau de Cologne, bald meine auf dem Berliner Bahnhofe gekaufte »Kreuzzeitung« halten, die sie mir, in der Meinung, ich schliefe, heimlich weggenommen hatten. Endlich schielte der Morgen mißtrauisch unter grauen Wolkenwimpern hervor, und jetzt war es Zeit für sie, zu Bette zu gehen, die Schleier zuzuziehen und sich tief in die Ecken zu kauern. Die Gespenster mußten verschwinden, und der Tag erlangte wieder sein gutes Recht. Nur einmal noch machten sie sich bemerkbar, als ich ein Fenster zu öffnen wagte und sie im Chor über die eindringende Kälte Jammer und Zeter schrien. Wer ist nicht mit einem nächtlichen Kurierzuge gefahren und hätte sich nicht beim aufflammenden Morgenrot, im wehenden Tannendufte und Heugeruch der Wiesen für einen freien Reisenden gehalten? Wer ist nicht auf der Station des Frühkaffees beim Eintreten in den Saal sich seiner ganzen elenden Sklaverei bewußt geworden und hätte nicht den modernen Reiseteufel und das ganze Eisenbahnfegefeuer von ganzem Herzen verwünscht? Das edle Getränk der ruhigen Orientalen, der beschaulichen Philosophen, der nach beendeter Mahlzeit heiter Rastenden muß verschlungen werden wie das Maulvoll Wasser, das der zum Tode gehetzte Hirsch aus dem nahen Sumpfe aufschlürft. Gleich dem dürftigen Frühstück der Zuchthäusler sind auf langen Tischen Näpfchen und Kännchen aufgestellt, und alle Welt fällt mit wütender Eisenbahnbegier darüber her. Eine weise Berechnung hat bei der Zubereitung dieses Kaffees geherrscht, und an seiner Wiege hat die milde Fee der Zichorien gelauscht. Da frisches, warmes Backwerk für sehr ungesund gilt, sind die in Massen aufgetürmten Semmeln und Kuchenportionen hochbejahrt und nur nach tagelanger Aufweichung verzehrbar. Wahrscheinlich werden sie an jedem Morgen neu aufgetischt und gehören zum eisernen Bestände des Etablissements. Fast jeder Mensch auf Erden ist für seine Taten verantwortlich, nur die Wirte auf den Eisenbahnstationen lachen über das Schwert der Gerechtigkeit und das Walten der Nemesis, ihre Kellner aber sind wie die Lancasterkanonen auf dreifache Ladung von Unverschämtheit geprüft. Welche Beleidigungen der Menschheit sind unter dem Schütze der Stationsklingel und der zur Abfahrt pfeifenden Lokomotive verübt worden! Sonst gab es wohl noch Beschwerdebücher hienieden! Die Untaten der Eisenbahnwirte zeichnet nur der unsichtbare Richter in sein Hauptbuch und wird mit ihnen abrechnen, wenn die berühmten Bilder von Michelangelo, Rubens, van Eyck und Cornelius schreckliche Wahrheiten geworden sind. Dennoch werden sie zuweilen schon bei ihren Lebzeiten gestraft, und manche wissen von Stationen voll verödeter Tische, verschmähter Gläser und Teller zu erzählen, wo die eiligen Reisenden nur Augen für die Inschriften »Für Herren«, »Für Damen« haben. Ich habe mehr Zeit gebraucht, diese Bemerkungen voll sittlicher Entrüstung niederzuschreiben, als der Kurierzug, um eine Anhaltestelle zu erreichen, sich eines Dutzends abgematteter Elender zu entledigen und ebenso viele Verurteilte abermals aufzunehmen. Wie dankbar eilen jene zu den harrenden ehrlichen und sanften Postkutschen, wie fröhlich erheben sie die mit Asche und Staub bedeckten Hände zum Himmel, wie glücklich blicken sie aus ihren müden Augen in die ihnen frisch geschenkte Welt! – Es dürfte schwer sein, die Behauptung zu widerlegen, daß der Mensch durch hartnäckiges, anhaltendes Fahren auf Eisenbahnen in eine tiefere Rangordnung der Wesen hinabgedrückt werde oder wenigstens in seinem moralischen Teile sehr erheblich leide. Jede Zeit hat ihr bestimmtes Feld für den Heroismus, und diejenigen mögen die Herkules und Theseus unserer Epoche sein, welche, mit irgendeiner enormen kaufmännischen Bestellung in der Tasche, von Warschau bis Lyon oder von Edinburgh bis Triest in einem Kurse fahren können, ohne blödsinnig geworden zu sein. Gewissermaßen hat es das unbeseelte Paket dabei noch besser als der vernünftige Mensch; es wird mit außerordentlicher Pünktlichkeit und Sorgfalt von einer Bahn zur andern expediert und zärtlich in acht genommen. Mit dem lebendigen Wesen macht man nicht so viele Umstände; es muß sich, wie aus dem Leben in den unbekannten Tod, aus eigenen Kräften in die oft verborgenen und plötzlichen Übergänge zurechtfinden. Sind wir endlich, nach einem Aufwande von großer Aufmerksamkeit, mit zermalmten Nerven am Orte unserer Bestimmung angekommen, haben wir unser Gepäck zurückerobert, die geschäftigen Lastträger-Harpyien befriedigt, und werfen wir einen Blick auf unsere neue Heimat, so möchten wir in die tiefste Schwermut versinken. Das moderne Wirtshaus ist kein Haus und besitzt keinen Wirt. Meistens von einer Gesellschaft Aktionäre angelegt, wird es von einem Vertrauensmanne verwaltet, der keinem Reisenden Vertrauen einflößt. Es ist kein Haus, sondern ein Dampfboot, auf dem es erste, zweite und Deckplätze gibt. Nur bleibt dem Reisenden nicht die Wahl überlassen, sondern der Serviettenkapitän weist ihm nach der Zahl und Schwere der Effekten seinen Platz an, erhebt aber von allen einen gleichen Tribut für Logis, Table d'hôte, Bedienung und Bougies. Als ob das Institut der Raubritter nie aus der Welt verschwinden sollte, haben sich die heutigen Hotelbesitzer in ihren Beruf geteilt. Der Maschinengeist unserer Zeit hat ihnen jedoch eine ganz bestimmte Physiognomie aufgedrückt. Sonst gab es so viele Wirtshäuser wie verschiedene Persönlichkeiten von Wirten; jetzt sind zwei Dritteile von ihnen nur noch Eisenbahnanhängsel. Ihre eigenen Omnibus lauern auf den Bahnhöfen, holen den Reisenden und liefern ihn wieder ab, kein Mensch bekümmert sich um seinen Namen, wenn er nicht ein Fürst oder ein Krösus ist, nur für die Lokalpolizei schreibt er seinen Namen in das Fremdenbuch; in den Augen des Hotels ist er nur eine Zimmernummer, wie ein im Zellengefängnisse für immer aus den Augen der Menschen verschwundener Bösewicht. »Dejeuner für Nr. 27«, »Ein Platz mehr beim Diner für Nr. 83«, »Bougies für Nr. 44«, »Nr. 13 reist ab« – das ist die zärtliche Umgangssprache der Gasthöfe. Seit langer Zeit habe ich jährlich den Fortschritten der Wirtshaus-Entmenschung eine sorgfältige Prüfung gewidmet; in diesem Jahre sind meine kühnsten Erwartungen übertroffen worden. Das so oft gemütlos gescholtene Berlin besitzt den süddeutschen Gasthöfen gegenüber in Wirten, Ober-und Unterkellnern einen Schatz von Patriarchalismus, Bonhommie und Billigkeit, der mir eine warme Träne aus den Augen preßt. Was soll ich noch zum Lobe unseres geschmäheten Nordens sagen? In einem großen Hotel zu Heidelberg, wo ich noch vor einem Jahre leidlich gut und billig behandelt worden war, fand ich inzwischen den modernen Satan in diese Säue von Oberkellner und Kellner gefahren. Mein vierundzwanzigstündiger Aufenthalt in dieser dreistöckigen Gastzelle war ein erbitterter Kampf mit ungesalzener Wassersuppe, essigsaurem badischem Weine, zähem Kuhfleisch, abgestandenem Hecht, Zichorienwasser. Den Besuch im Schlosse mußte ich abkürzen, um als Fleckenvertilger in eigenen Angelegenheiten einen Rock von der Roastbeeftunke zu säubern, die mir ein in die Ferne starrender Kellner hatte angedeihen lassen. Dem neuen Rock zum Heile hinterließ die Tunke keine Spuren, sie war gleich destilliertem Wasser darüber hingegangen. Bei meiner Abreise hatte ich neun Gulden und sechsunddreißig Kreuzer für Licht zu bezahlen, das man mir gar nicht einmal in das Zimmer gestellt; das ist der gewissenhafte Kalkül der Gasthöfe. Die moralischen Erschütterungen der letzten Jahre haben in den Menschen das Bedürfnis nach Ruhe an den Heilquellen ganz besonders stark angeregt. Die Rekonvaleszenten der Lazarette, die von unaufhörlichen Spannungen fast aufgeriebenen Diplomaten, Finanz- und Börsenmänner, die abgehetzten Aktenmenschen, die gelehrten glatzköpfigen Friedenssoldaten, die sorgenvollen Groß- und Kleinhändler, selbst das unscheinbare, aber zahlreiche Geschlecht der von ansehnlichen und unansehnlichen Renten lebenden Particuliers – sie alle erblicken im Sommer eine endlich erreichte Ferienzeit. Landkarten, Pläne, Protokolle, Aktien, Kupons, Faszikel und Handelsberichte sind beiseite geworfen worden, und alle Hände strecken sich nach den kristallenen Brunnenbechern aus. Die geheimnisvollen Gaben der Erd- und Quellengeister sollen das Gleichgewicht der erschütterten Nervensysteme wiederherstellen und die aus wirklichen oder nur eingebildeten Sorgen entstandenen Furchen in der festgesetzten Zeit von vier Wochen abwaschen. Wildbad in Württemberg, eine Tagereise von Baden entfernt, tief im Schwarzwalde versteckt, gilt bei den Ärzten für eine Filiale von Gastein, obgleich ein strenger Brunnenhistoriker anderer Meinung sein dürfte. Wir wagen uns nicht auf das schlüpfrige Gebiet chronologischer Untersuchungen, sondern berichten nur soviel als feststehend, daß Wildbad wie Gastein die Folgen des Gut- oder Schlechtlebens, die Extravaganzen in leiblichen und geistigen Dingen, die Reste, Niederschläge und Ablagerungen der Zivilisation aufheben und auflösen soll. Das Wasser dieser beiden Thermen besitzt nach dem Glauben der Menschen oder nach den Versicherungen der Ärzte ein wenig von der wunderbaren Kraft jenes Brunnens, den ein alter Niederländer in einem auf dem Berliner Museum befindlichen Bilde so genial illustriert hat. Wir sehen hier auf der rechten Seite alte, mit allerlei Gebrechen behaftete Weiber in das Wasser wandeln, zur linken aber, in schmucke junge Mädchen verwandelt, heraushüpfen, auf dem Grase mit den ihrer schon harrenden Kavalieren tanzen, minnigliche Kurzweil treiben und sich endlich paarweise in den Wald verlieren. In Gastein und Wildbad fehlt es nicht an humpelnden, runzeligen Greisen und Matronen, nicht an der sprudelnden Quelle, nicht an schattigen Wäldern, aber die Wunderwirkung ist nur sehr bedingt bei einigen wenigen wahrzunehmen, und die Regeneration des Hiob, der, obgleich bis aufs äußerste heruntergekommen, sich dennoch wieder erholte und die erfreulichsten nachkommenschaftlichen Beweise seiner Wiederherstellung gab, wird selten einem Sterblichen zuteil, er sei denn ein solcher Bonvivant wie der durch Gastein einst fabelhaft verjüngte Friedrich von Gentz. Das hiesige 27 bis 30 Grad Reaumur warme Wasser gehört zu denjenigen Quellen, welche die Chemie »indifferente« benennt. Diese hochweise Wissenschaft, die in letzter Zeit das Wesen des Denkprozesses so genau anzugeben gewußt hat wie ein Pariser Koch die Ingredienzien zu einem Kalbskopfe en tortue, befindet sich diesen unschuldigen Quellen gegenüber in einiger Verlegenheit. Die empfindliche Waage und die Reagenziengläschen lassen sie im Stich, und da in ihrem Parolebefehle nichts von Geistern der Tiefe steht, sondern alles weislich auf der Oberfläche definiert und abgehandelt werden muß, wird es nach den Antezedenzien der Chemie niemanden in Erstaunen versetzen, wenn sie dergleichen an niederzuschlagenden Bestandteilen bettelarme Quellen »gleichgültige« genannt hat. Die Ärzte, denen in der letzten Zeit bei ihrer Gottähnlichkeit etwas mehr bange geworden ist, verhalten sich weniger gleichgültig gegen die bezeichneten Bäder. Sie haben sich überzeugt, daß in der Pharmakopöe der Natur oft in den allerunscheinbarsten Büchsen die köstlichsten Arzneimittel verborgen liegen und daß die gute Mutter Isis in einem und demselben Individuum zwar nicht, wie wohl ein geduldiger Schulmeister mit einem hartnäckigen faulen Buben, noch einmal ganz von vorne anfängt, daß sie aber in gnädiger Stimmung nicht selten eine oder mehrere Seiten in dem Sündenregister der wider sie begangenen Vergehen tilgt und hinten im Lebensbuche einige unbeschriebene Blätter anheftet. Eine höchst unscheinbare Büchse in der Apotheke der Natur ist dieses Wildbad nun allerdings, insofern nämlich die Verpflichtung der Menschen, alle guten Gaben auch äußerlich zu ehren und sich und anderen mundrecht zu machen, in Anschlag kommt. Obwohl schon das Mittelalter seine Patienten hersandte und der Überfall des Grafen Eberhard im Wildbade im vierzehnten Jahrhundert hier an Ort und Stelle spielte, sieht man dem Orte doch nicht an, von welchen schönen altertümlichen Erinnerungen er unsichtbar umwoben wird, ja daß selbst ein edler deutscher Dichter jene Begebenheit durch ein romantisches Gedicht verherrlicht hat. Ich bezweifle, daß ein Eingeborener Wildbads den Namen Uhlands je nennen gehört hat. Was der Poesie und dem nationalen Ehrgefühle nicht gelungen ist, das hat die Ehrfurcht vor den Großen dieser Welt einigermaßen durchgesetzt, und die Anwesenheit der Kaiserin von Rußland hat dem Badeorte einen Impuls gegeben, der hoffentlich zum Heile der norddeutschen Brunnengäste, denen Wildbad leichter erreichbar liegt als das in Felsen versteckte Gastein, für die Zukunft fortwirken wird. Für einen Badetouristen von bescheidenen Mitteln ist die Nachricht, daß ein gekröntes Haupt ihn beehrt, mit ihm in einer Quelle zu baden, selbstverständlich ein Donnerschlag, und die kurzen geistreichen Korrespondenzen aus Wildbad, daß es hier halbe und ganze goldene Imperiale regne, vermehrten meine Nervenaffektionen in einem solchen Grade, daß ich vor Schmerz einen Teil meines Geldes in russische Goldstücke umwechselte, um in einem so reichen, übermütigen Badeorte als Preuße des verwandtschaftlichen russischen Glanzes nicht ganz unwürdig aufzutreten. Als ich aber um Sonnenuntergang von der sehr stillen Stadt Kalmbach, wo ich mich nur mit Mühe vor den heimkehrenden Ferkeln hinter ein Faß gerettet hatte, in Wildbad einfuhr und nun einen Ort sah, der in der Rangordnung der Städte etwa eine ähnliche Stelle einnimmt wie die Jungen, denen die Hemdzipfel aus den Höschen knospen, in der eleganten Welt, wich die bange Furcht von mir, und ich faßte wieder Vertrauen zu meinem Kassenbestande. Seitdem habe ich mich mit meiner gewöhnlichen Fügsamkeit eingebürgert, die Einwohner beobachtet, ihre Sitten und Gebräuche kennengelernt und ihre speziellen Neigungen für bestimmte Geldsorten auf die Probe gestellt. Sie zeichnen sich im ganzen durch eine stille Anhänglichkeit an Dreikreuzerstücke aus, in denen sich alle flüchtigen Gedanken und Wünsche des Badegastes leicht formulieren lassen. Ein höheres Ziel der Sehnsucht sind Sechskreuzer, eine etwas abgeschliffene Münzsorte, welche die Valuta einer Tasse Kaffee repräsentiert. Die großen Ausgaben des Lebens werden in ganzen und halben Gulden oder in österreichischen Zwanzigern bestritten, die noch immer dem geschlossenen Geldfrieden in ihrer Heimat nicht trauen und die Heimkehr nebst dem Fraternisieren mit den papierenen Gulden vorläufig aufschieben. Meine Imperiale wurden mit Protest, selbst an der offiziellen Kasse des Badebüros, zurückgewiesen, und ich muß demnach den Jupiter der »Neuen Preußischen Zeitung«, der einen goldenen Regen in den Schoß der Danae Wildbad fallen ließ, für eine durchaus mythische Person halten. Die Frau Kaiserin lebt hier verhältnismäßig höchst still und einfach. Als ich am Abende meiner Ankunft, von der Hauswirtin, die mir ein Glas Wasser aus einer nahen Quelle schöpfte, begleitet, vor die Tür trat, kam eine dunkelverhüllte Dame, im ernsten Gespräch mit einem jungen bleichen Geistlichen, links den abschüssigen Bergpfad herunter. Meine gute Hausschwäbin stieß mich freundschaftlich, aber recht empfindlich in die Rippen und rief ganz laut: »Dos ihsch Kaiserin!« Die hohe Dame bewohnt das Hotel Bellevue, das größte und bestgelegenste des Ortes, und läßt weniger von sich sehen und hören als die aus dem nahen Stuttgart zu ihrer Erheiterung hieher kommandierte Trompetertruppe, die, in permanentem Paradeanzug, von morgens bis abends unter ihren Fenstern bläst und mir oft Tränen wehmütiger Erinnerungen aus der ersten Kinderzeit entpreßt, wenn sie die ältesten Walzer und Märsche der vorstraußischen und vorlannerischen Zeit Deutschlands blecht. Nur die sanft rauschende Enz trennt mich und meine Wohnung von den Bläsern, und es geht wieder an mir jene alte Prophezeiung, die, wie an dem Hause des Lajos, an mir haftet, in Erfüllung, daß mein Leben von Trompetenmusik erfüllt sein und der Tod mir unter den Tönen dieser dauerhaften Instrumente nahen werde. Ob auf dem Schlachtfelde oder beim Hofjäger oder im Odeum, das näher anzugeben, hat die Sibylle, eine alte Kinderfrau, die ich, auf einem Trichter mächtig blasend, als Bube verfolgte, nicht näher angegeben. Mittags um zwölf Uhr sieht man die Kaiserin in einer verschlossenen Portechaise von vier Bedienten in blauer, mit Gold gestickter Livree aus dem Bade tragen, und nach Tisch liebt sie es, etwa um halb fünf Uhr, kleine Partien zu Wagen in das Gebirge zu machen. Dann wird ihre von feuerroten Kutschern und Lakaien geführte Equipage wohl von einem halben Dutzend eleganter Wagen begleitet, deren einige mit jungen schönen Damen, den einzigen in diesem Paradiese der Gelähmten und Krüppel, besetzt sind. Die Gegenwart der hohen Frau zieht außerdem allerlei Passanten herbei, die aber außerhalb der Berührung mit dem eigentlichen Badeleben bleiben und das linke Ufer der Enz, die Nähe der kaiserlichen Residenz und das vornehme Hotel »De l'ours noir« (vom Schwaben »bei Luhrs« genannt) nicht verlassen. Zuweilen sprengt hier eine stolze Amazone auf einem unglücklichen, haferschmachtenden Mietsgaul vorüber, Bediente mit gekräuselten Backenbärten und dicken Bäuchen blähen sich in der Sonne, und Maler oder Virtuosen umschleichen scheu den Hofstaat, weil sie von ihrer Art nicht lassen können. Weiter macht sich der kaiserliche Einfluß nicht geltend, und können wir mit diesen Bemerkungen das offizielle Badekapitel Wildbads für geschlossen betrachten. Wollte man im Laufe des heutigen Tages alle Güter und Kapitalien der Erde zu gleichen Teilen unter die Menschen austun und sämtliche Standesunterschiede aufheben, wir würden morgen noch vor Tisch neue besitzende und arbeitende Klassen, einen jungen, frischgebackenen Adel und ein unzufriedenes, zurückgesetztes Bürgertum entdecken. Es gehört zu den Steckenpferden der Menschheit, Kasten zu bilden, Rangunterschiede festzustellen, und es ist dieselbe Leidenschaft, welche den Usurpator antreibt, aus republikanischem Brei allerlei altfränkische Marionetten der mittelalterlichen Monarchie zu formen, und den nackten Indianer, sich vermöge eines gestohlenen und verkehrt angezogenen roten Fracks königliche und halbgöttliche Ehren beizulegen. Nirgends fühlen die Menschen sich unbehaglicher als angesichts einer Gleichheit, die sie nicht stören und beseitigen können, sei es, daß sie dieselbe im Spiegel der nachdenklichen Philosophie oder in der Dunkelkammer des Grabes erblicken. Für die zauberischen Genüsse der Einsamkeit unfähig, bestehen die Freuden ihrer Geselligkeit in dem fortwährenden Anlegen von Maßen und der Handhabung der Gewichte, mit denen sie ihre Umgebung abschätzen und einteilen. Man würde einen komischen Irrtum begehen, wollte man glauben, daß der Zustand von anscheinender Gleichheit, in welche eine Anzahl von Menschen durch den Aufenthalt an einer Heilquelle versetzt wird, für dieselben etwas Wohltuendes und Beruhigendes enthielte und ihnen gleichsam eine moralische Arzenei für die Leiden der verkünstelten Gesellschaft darböte. Im Gegenteil wird man sehr bald bei einiger Beobachtungsgabe wahrnehmen, daß auf allen Punkten Anstrengungen gemacht werden, das Gleichgewicht aufzuheben und irgendeine Klassifikation einzuführen. Ja diese angeborene Schwäche geht so weit, daß da, wo alle Elemente fehlen, um Auszeichnungen zu erlangen, wo sämtliche Individuen zu einer sehr wenig nuancierten spartanischen oder doch bukolischen Lebensart verurteilt sind, wo alle von Übeln heimgesucht werden, die sich nur durch den Grad ihrer Entwickelung unterscheiden, diese Krankheitsgrade selbst in Anspruch genommen werden, um eine neue Ständeordnung zu begründen. Der Badeort, an dessen heilkräftigen warmen Quellen wir diese Zeilen schreiben, deutet durch seinen Namen »Wildbad« zwar auf höchst primitive Zustände, allein in Wirklichkeit finden wir hier die originellsten Ausdrücke der Rangsucht, und es ist kein Spiel unserer Laune und kein Auswuchs des Humors der hiesigen Gesellschaft, welche überhaupt alle anderen Eigenschaften des Geistes eher als diese besitzt, sondern ein historisch entstandenes soziales Produkt, welches wir schriftlich niederzulegen im Begriff stehen. Die Aristokratie in Wildbad, eine zahlreiche und sehr angesehene Klasse, besteht aus denjenigen Personen, die nicht mehr imstande sind, ihr Fortkommen in der Welt auf ihren eigenen Beinen zu finden. Die Prinzen, Herzöge und Fürsten werden nur sehr selten sichtbar und leben verborgen in der Mitte ihrer Leibwachen und Getreuen. Sie können auf die genannten hohen Würden Anspruch machen, weil sie aus dem Bette in die Badezelle getragen werden müssen und überhaupt zu schwach sind, um anders als auf Händen durch den Rest ihres Lebens getragen zu werden. Bei den eingebornen Wildbadensern genießen sie die höchste Verehrung und erfreuen sich der ausgesuchtesten Schmeicheleien. Obwohl sie häufig blind und taub sind und schon Beinhäusern gleichen, zeichnen sie sich durch eine rasende Lebenslust aus und strafen das Wort Lord Byrons Lügen, daß der Reiche leichter stirbt als der Arme, weil jener alle Freuden des Lebens genossen hat und dieser stets noch eine Welt von unerfüllten Hoffnungen vor sich sieht. In der Tat ist das Leben eine Art Laster; man sagt sich von ihm um so schwerer los, je länger man ihm gefrönt. Der höhere Adel bedient sich ausschließlich der Rollstühle . Seine Beine sind fast immer gelähmt oder so schwach, daß sie sein Gewicht nicht zu befördern vermögen. Nur bei Tisch und im Moment des Badens oder Zu-Bette-Gehens verläßt er seine kleinen dreirädrigen Fahrzeuge, und die hohe württembergische Obrigkeit hat fast alle Pfade um Wildbad so ebnen lassen, daß sie von Rollstühlen befahren werden können. Diese stolzen Patienten lassen sich Anhöhen hinaufschieben, genießen mit feiner Kennerschaft anmutige Aussichten, erquicken sich an Lektüre und bilden oft den Mittelpunkt lebhafter Gesprächsgruppen. An manchen sonnigen und durch den Duft des frischen Heus verschönerten Stellen erblickt man häufig ganze und halbe Batterien von zusammengefahrenen Rollstühlen, deren Inhaber sich in den lebhaftesten Debatten ergehen. Die geachtete gesellschaftliche Stellung dieser großen Klasse pflegt viele verachtete, weniger schwere Patienten mit einem solchen Neide zu erfüllen, daß sie sich, ganz wie manche eitle reiche Narren im gewöhnlichen Leben, unter den Adel drängen. Zu diesem Behufe bedienen sie sich der Rollstühle und enthalten sich unter allen Umständen des entehrenden Gehens. Mir ist eine junge gesunde Engländerin bekannt, die in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes einer anstrengenden Bergpartie fähig war, jetzt aber trotz ihrer unbescholtenen Gesundheit im Rollstuhl gefahren wird, während ihr alter kranker Vater, der wirkliche Patient, nebenhertrabt. Da es keine Equipagen ohne Pferde, Maultiere und Esel gibt, so wird man gewiß nach der Bespannung der hiesigen adligen Rollstühle fragen. Sie besteht aus den ärmeren Einwohnern des Ortes und setzt bei ihrer Billigkeit unseren verehrten hohen Adel nur mäßig in Kontribution. Ein zweibeiniges Schubpferd kostet täglich nur 36 Kreuzer oder nach unserem Gelde 10 Silbergroschen! Für diese Summe muß ein solcher armer Teufel häufig sehr schwere Personen auf zwar gut gebahnten, aber mitunter bergigen Pfaden den Tag über schieben und sich oft bei drohendem Regen hinter dem Rollstuhl in einen scharfen Trab versetzen, wie ich denn aus dem Munde eines alten, natürlich englischen Herrn das menschenfreundliche Kommando dieser lebhaften Gangart mehrmals selbst gehört habe. Meine Betrübnis darüber wurde noch weit lebhafter, und ich empfand die schmerzliche Ungleichheit der Menschen tiefer, als ich bemerkte, daß die Bespannung des alten Herrn auf den Rollstuhl ebenso gerechte, wenn nicht noch weit dringlichere Ansprüche als sein gegenwärtiger Besitzer erheben konnte. Nicht nur der Trab, sondern sogar der Schritt wurde ihm ungemein schwer, und wenn der Equipagenbesitzer endlich Halt gebot, sah man dem armen Zug- und Schubtiere die Freude an, sich ins Gras lagern und den Schweiß abtrocknen zu können. Betrachten wir die tägliche Nahrung dieses Rollstuhl-Vorspannes, so entspricht sie wirklich der unserer übrigen Zugtiere. Der arme Einwohner von Wildbad lebt meistens von Mohrrüben, die er mit dem Kraut zugleich kocht, eine Kost, von der es problematisch ist, ob sie einem Menschen hinlängliche Kräfte verleiht, um sechs bis acht Stunden im Joche zu gehen und zuweilen anderthalb Zentner steile Hügel bergan zu karren. Die des Stoffwechsels kundige Wissenschaft, die so genaue und zärtliche Berechnungen über die zum Gedeihen unserer Verbrecher in Kost, Kleidung und Wohnung erforderlichen Bedingungen angestellt hat, wird, falls sie es nicht unter ihrer Würde hält, sich mit »freien Sklaven« zu beschäftigen, darüber bessere Auskunft geben als unsere unwissende und machtlose Entrüstung. Gewiß ist, daß die hiesigen Zugpferde und Reitesel sich weit besser stehen als ihre Kollegen, die Zug- und Schiebemenschen, und daß wir die großen Vereine gegen Tierquälerei, namentlich den höchst einflußreichen in München, auf diesen wunden Fleck in der Behandlung der deutschen Zugtiere, insonders durch Engländer, dringend aufmerksam gemacht haben wollen. Vielleicht verschlüge eine Aushülfe à la Las Casas, insofern man eine stärkere und besser gefütterte Race aus England nach Deutschland einführte? Zum niederen Adel gehört, wer sich an zwei Krücken fortbewegt, und eine unbedeutende Bürgerklasse wird aus den Lahmen gebildet, die sich auf ihren Stock stützen; ein Subjekt, das an einfacher Migräne leidet und nur sonst noch Nervenschmerzen hat, rechnet man ohne weiteres zum Proletariat. »Wos wollen denn Sie doa mitreden? Sie können ja gehen!« Diesen Satz, mit der gehörigen schwäbischen Weihe ausgestoßen, hört man unter den Einheimischen und Patienten der angrenzenden kleinen deutschen Staaten täglich oft genug. Ganz besonders unglücklich müssen sich die wenigen Gesunden, deren es, die pflichtgetreuen kaiserlichen Hofstaaten abgerechnet, etwa doch ein Dutzend gibt, bei dieser Etikette fühlen. Sie gehören zu den allgemein gemiedenen und ihrer Leichtfüßigkeit wegen gehaßten Parias. Für sie ist, und wenn sie die schönsten jungen Mädchen sind, in diesem Ständewesen keine Stelle. In diesem Bade gibt es keinen Altar der Venus mehr, hier erblickt man nur die Kinder des Saturn, alt genug, um von ihrem Vater verschlungen zu werden. Nach der eben gemachten Beschreibung könnte es vielleicht scheinen, als ob dieses Bad eine Art urbar gemachter und bebauter Waldschlucht für Asketen und Fakirs wäre, als ob man nur mürrischen und verzagten Gesichtern begegnete und jeder seine Bartneige von Leben schonte wie Schiffbrüchige auf unsicherem Floß und weitem Ozean den letzten Trunk Wasser im Fasse. Es gibt vielleicht keinen Badeort, an dem mehr ungekünstelte Fröhlichkeit und gute Laune herrschte. Das mag zu den Gerechtigkeitsakten der Natur gehören, daß sie der voll- kräftigen Jugend den Schmerz und die Sehnsucht der Ideale nebst der dunklen poetischen Melancholie verleiht, dem Leiden und Alter aber den rettenden Frohsinn, so daß keiner hienieden zu glücklich und keiner zu unglücklich werden kann. Nicht an der Tafel eines eleganten und geistreichen Lebemannes, bei den edelsten und feurigsten Weinen, entwickelt sich eine Munterkeit wie hier bei einem Rebensafte, den zu trinken man stark in der Liebe zum heimatlichen Boden und seinen Produkten sein muß. Es stört diese glücklichen Menschen in ihrer guten Laune nicht, daß ihr Wein sauer ist wie der Schweiß der armen Bauern im Schwarzwalde, fast so sauer wie das Gesicht der Regierung über die Auswanderung nach Amerika, für die es selbst in solch einem Neste ein stehendes Meldungs- und Vermittlungsbureau gibt, und die Gelähmten und Blinden führen den Vorsitz. Das äußere Ansehen unseres eigentümlichen Krüppelstaates entspricht unserer Verfassung. Mit Ausnahme des eleganten Marktplatzes, um den die Aristokratie wohnt, besteht Wildbad aus zwei Straßen von baufälligen Häuschen und Hütten, welche, mit gutem Steinpflaster versehen, abends vom heimkehrenden Vieh mit einem weichen grünen Düngerteppich geschmückt werden. Das Schulgebäude, ein stolzes Palais aus schönem rotem Sandstein, deklamiert Bildung und Volksaufklärung unter diesen ärmlichen Wohnungen von Rollstuhlpferden, allein ich habe bemerkt, daß es dem Schulbesuch nur spärlich gewidmet ist. Ob auch die hiesige Regierung fürchtet, daß ihre Untertanen zu klug werden, wage ich weder zu bejahen noch zu verneinen. Allein wenn Bildung Brot ist, kommen mir die guten Schwarzwaldbewohner sehr übel beköstigt und äußerst mager vor. Wenn bei uns, trotz der läuternden Einflüsse der Regulative, der Schulbesuch der Kinder die meiste Zeit im Jahre einnimmt und die Ferien nur Ausnahmen bilden, gehören die Ferien hier zu den Regeln, und die Stunden des Schulbesuches zählen zu den Erholungen im Dasein dieser Kleinen, die man schon frühe mit der Wartung der Säuglinge und dem Einsammeln von Dünger und Baumrinde sich um das Vaterland und die Gemeinde verdient machen sieht. Eine solche nichtsitzende Lebensweise bekommt ihnen so gut, daß sie wirklich die Mehrzahl der Einwohner ausmachen und die Lücken füllen, welche Auswanderung, schlechte Kartoffeln und schwere Arbeit unter den Alten bilden. Jede Behörde geht in ihrer Stellung der Menschheit gegenüber von einer bestimmten, sehr genau präzisierten Voraussetzung aus. Die soldatische hält jeden für gut gewachsen, die polizeiliche für bescholten, das Zollamt für schmuggellustig, das Finanzfach für besteuerungsfähig – so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist. Die Behörde des warmen Wassers zu Wildbad hält ihrerseits jeden Menschen männlichen und weiblichen, ja, wie sie hier zuweilen vorkommen, sämtlichen Geschlechts für ein Ferkel und läßt sich von diesem Vorurteil auch dann nicht abbringen, wenn durch Stand, äußeren Anschein und dringendste Beteuerung das Gegenteil schlagend bewiesen worden ist. Jeder Badegast, der sich an den hiesigen Quellen niederzulassen gedenkt, wird nämlich von der Behörde weniger als ein mehr oder minder kranker, sondern als ein unsauberer, der Reinigung bedürftiger Mensch aufgefaßt, der sich einem sogenannten Abwaschbade unterziehen muß, das man ihm am Abende vor dem Beginn des eigentlichen Badekursus in einer Halle unentgeltlich anweist. Ohne dieses Abwaschbad wird niemandem der Quellengebrauch gestattet, aber man kann immerhin, nachdem man es genommen, die Kur aussetzen und eine Reise nach dem gesegneten Lande des fünften Elementes, wie Napoleon den Schmutz Polens nannte, antreten, ohne seine Kurfähigkeit zu verlieren. Dieses sind die glänzenden Konsequenzen der edlen deutschen Bürokratie. Einer schönen Lady, der man dieses berüchtigte Abwaschbad zumutete und die darüber in eine sehr gerechtfertigte aristokratische Empörung ausbrach, setzte ihr geistreicher Gemahl, Lord Swineagle, den Sachverhalt folgendermaßen sehr treffend auseinander: »Und wenn du hier, wie jene griechische Schöne, auf offenem Markte, vor allem Volke, allen Badegästen, allen Ärzten, allen Bademeistern, ja vor der hohen Badebehörde selber, weiß wie ein Schwan aus dem Wasser gestiegen wärest, du würdest dennoch unmittelbar darauf in das offizielle Abwaschbad geführt werden, denn was du auch vor aller Augen getan, du hast dich nicht offiziell gewaschen.« Damit wir nun aber auch die gerechte Seite an der Sache betrachten, müssen wir bemerken, daß die hiesigen Bäder der Mehrzahl nach, wie zu Leuk im Tale der Rhone, Gesellschaftsbäder sind und der angeführte unvermeidliche Waschprolog nicht wenigen Individuen wirklich ausnehmend zugute kommt. Die hiesigen lauwarmen Quellen fließen vom Fuße eines leidlich hohen bewaldeten Berges aus vielgespaltenen Granitblöcken und spenden ihr Wasser nicht so reichlich wie die indifferenten Thermen von Gastein, Pfäffers und Leuk. Es ist bei weitem nicht möglich, jedem Badenden eine volle, stets erneuerte Wanne zu verabreichen, und das Wasser kann sowohl in den Bassins wie in den Einzelzellen nach Ablauf jeder Badestunde nur zur Hälfte abgelassen werden, da die zwar zahlreichen, aber spärlich rieselnden Quellen nicht imstande sind, die Bassins in der Zwischenstunde bis zur erforderlichen Knietiefe zu füllen. Jeder Nachfolgende erhält deshalb den halben Nachlaß seines Vorgängers, und nach den Frühbädern ist aus diesem Grunde die Nachfrage und der Andrang stets am stärksten. Wir müssen aber, um eine deutliche Vorstellung von diesen merkwürdigen und nach jahrhundertelanger Vergessenheit wieder stark in Aufnahme kommenden Bädern hervorzurufen, einladen, uns Schritt vor Schritt von der Straße in das Allerheiligste zu folgen. Von vier Uhr an bis mittags zwölf Uhr beginnt alle zwei Stunden in sämtlichen Bassins und Zellen ein Kursus von sechzig Minuten. Die jedesmalige Zwischenstunde wird zur Reinigung und teilweisen Erneuerung des Wassers angewendet. Für die Bäder um sechs und acht Uhr finden sich die meisten Kandidaten, obgleich die eigentlichen Fanatiker der Quellen des reinen Wassers wegen nicht die Mühen scheuen, vor vier Uhr aufzustehen. Etwa zehn Minuten vorher, ehe die Glocke schlägt, bemerkt man an den verschiedenen Eingängen des Badehauses ein Gerassel von Rollstühlen, ein lebhaftes Geklapper von Krücken und eisenbeschlagenen Stöcken, und die rüstigen Proletarier in der hiesigen Ständeordnung besetzen die Türen, um die vorzüglichsten Plätze in den Bassins zu erhalten. Sowie der fungierende Bademeister seine Abteilung geöffnet hat, eilt jeder in seine mit gelben sauberen Vorhängen verschließbare Zelle, entkleidet sich und legt den Bademantel an, ohne den der Eintritt nicht gestattet ist. Die Bassins sind je nach der Wärme der Quellen voneinander verschieden, doch beträgt die Abweichung nur einen Grad, so daß die stärksten Bäder 29, die schwächsten der vorhandenen drei Abteilungen nur 27 Grad Reaumur zählen. Das Badegebäude ist in byzantinischem Stile aus dem trefflichen roten Sandstein der Gegend überaus reich und solide aufgeführt, eine Sehenswürdigkeit an sich. Der Baumeister hat die verschiedenen Schwierigkeiten, welche ihm aus der zufälligen Verteilung der Quellen, der notwendigen Berücksichtigung der beiden zu trennenden Geschlechter und der gebotenen architektonischen Form bei spärlichem Räume erwachsen waren, höchst scharfsinnig erkannt und fast vollständig überwunden. Man kann das Institut in dieser Hinsicht als mustergültig bezeichnen. Neben den gesellschaftlichen Bassins ziehen sich die Einzelzellen hin, deren jede ihre kleine eigene Quelle hat, die freilich nicht hinzureichen scheint, binnen einer Stunde den Raum auszufüllen. Neben diesen Räumen aber ist für einen geheizten und, wie gemeldet, in Zellen geteilten und mit weichen wollenen Decken belegten Toilettensaal gesorgt, dessen komfortable Einrichtung bei der präzisen Bedienung durch Wärter und Wärterinnen die Möglichkeit jeder Erkältung ausschließt. Der Preis für jedes Bad im Bassin beträgt nur 24 Kreuzer, wozu einige Kreuzer als Trinkgeld für die Hülfeleistungen im Bade und Lieferung von Wäsche kommen. Für die Einzelzellen erhöht sich der Preis um 12 Kreuzer, immer noch ein ganz unverhältnismäßig niedriger Satz, da der Kurgast sonst nicht das mindeste am Brunnentage zur Unterhaltung der weitläufigen, höchst sorgfältig unterhaltenen Promenaden beisteuert. Außerdem existiert das sogenannte Fürstenbad, ein kleiner kapellenartiger Raum für höchstens fünf Gäste. Wegen der darin zahlreich sprudelnden Quellen und der angeblich stärkeren Heilkraft des Wassers kostet ein Bad in diesem Räume einen Gulden und zwölf Kreuzer, also ebensoviel wie die Moorbäder zu Franzensbad. Obgleich der Name anzeigt, daß man die höhere Macht der Natur für die aufspart, welche dieselbe unter den Menschen beanspruchen, wird das Bad, wenn es nicht ganz und gar (wie diesmal von der Kaiserin von Rußland) in Beschlag genommen ist, an diejenigen vergeben, welche sich durch die Zahlung der angegebenen Summe zu »fürsten« vermögen. Die gemeinschaftlichen Bäder sind hohe gewölbte, von dicken Sandsteinpfeilern getragene Säle, deren größter durch einen kleinen Steindamm in zwei gleiche Bassins geteilt wird. Drei Stufen führen in das Wasser hinab, und ein schönes, aus weißen und bunten Glasscheiben zusammengesetztes Kuppelfenster erhöht den orientalischen Anstrich des Ensembles. Man steigt nun in die stille gelind-warme Flut und streckt sich der Länge nach aus, denn die geringe Tiefe und die Menge der Badenden gestatten weder eine andere Stellung noch lebhafte Bewegungen. Die zuerst Gekommenen suchen eilig die Plätze in der Nähe der aus grobem Quarzsande, mit dem man künstlich den unebenen Granitfels bedeckt, aufsprudelnden Quellen. Diese Gegenden in den Bassins besitzen eine höhere, angenehmere Temperatur und erfreuen sich eines rascheren Wasserwechsels. Nach und nach füllen sich alle Plätze, und jeder lagert sich unter einem roten Steinplättchen, das ein wenig aus der Mauer hervorsteht und immer einen Baderaum bedeutet, während es zugleich als ein Tischchen für Brille und Perücke benutzt werden kann. In dem ungemein klaren, zart bläulichen Wasser erblickt man nun zwei Reihen weißgekleideter Menschen ausgestreckt liegen, die man zuerst für Leichen in einer Morgue halten möchte, da das Wasser ihnen eine offenbare Totenfarbe andichtet, wenn nicht der sehr vernehmliche Lärm anzeigte, daß diese Flut nicht der Styx ist. Hier unterhält ein lustiger Blinder, der sich in dem Bassin unter zwanzig Badenden wie in seinem Bette zurechtzufinden weiß, eine süddeutsche Patientengruppe mit mäßig zugespitzten Witzen, dort liegt schweigend ein alter preußischer Major von 3 Zentnern netto, das heißt ohne Uniform. Sein Eintritt in das Bassin macht jedesmal das Wasser um einen Zoll steigen. Hier haben sich zwei Inséparables von Glatzköpfen zusammengefunden und schwatzen in einem durchaus unverständlichen Schwabenjargon von ihren gestrigen Zechgeschichten, dort erzählt ein Franzose mit zerschmettertem Arm, wie er seine Wintersaison zuzubringen gedenkt, im nächsten Bassin endlich belustigt ein Greis, dem alles bis aufsein Mundwerk gelähmt ist, ein heitrer Reichsbaron, die ganze Gesellschaft, indem er die Stimmen sämtlicher Singvögel, trotz dem Magier Hermann, täuschend nachahmt. Die Patienten aber, welche ihre Zeit abgebadet haben, machen den übrigen durch unverhohlene Freudenbezeugungen über ihre nahe Abreise das Herz schwer und trösten sich selber, da sie bis dahin noch keine Linderung ihrer Schmerzen gespürt haben, mit den Hoffnungen auf die mysteriösen Wirkungen der Nachkur, diesen alten Zauberstab der Brunnenärzte und das Evangelium der armen Badelazari. Der Landschaftstiger Die Spezies der Journaltiger und -bären stirbt niemals aus; es kennt sie jeder, der regelmäßig eine mit zahlreichen Zeitungen gesegnete Konditorei zu besuchen pflegt. Wie der echte bengalische Tiger aus reiner kindlicher Freude am Blutvergießen würgt, ohne seine Opfer zu verzehren, rafft der Journaltiger alle in sein Bereich gelangenden Blätter zusammen, schleppt sie in eine seinen Rücken deckende Ecke und setzt sich darauf, ohne weiter auf die literarischen Bedürfnisse seiner Nebenmenschen Rücksicht zu nehmen. Da aber selbst die höchsten Grade des tierischen Magnetismus nur befähigen, Geschriebenes oder Gedrucktes höchstens mit dem Magen oder der Herzgrube zu lesen, läßt sich nicht annehmen, daß der Journaltiger so ein mehreres in seinen Geist aufnimmt, als was er eben vor Augen hat. Diese kurze naturhistorische Erläuterung vorauszuschicken war notwendig, ehe wir auf die in den letzten Jahren sich hie und da zeigende Spezies der bis jetzt noch selteneren Landschaftstiger kommen können. Wir hoffen daher, bei dem auf naturwissenschaftliche Studien gerichteten Geschmacke der Zeitgenossen, den Dank der Bessergesinnten zu erwerben, wenn wir hiermit einige auf persönliche Beobachtungen gegründete Beiträge zur Naturgeschichte des Landschaftstigers veröffentlichen. Die Eroberung Thüringens durch die goldene Horde der Berliner Sommertouristen datiert kaum ein Jahrzehnt rückwärts. Bis zur Legung des Schienenweges durch jene bis dahin unbescholtenen Gegenden erfreuten sich dieselben eines holden mittelalterlichen Dunkels und waren den Berlinern nur insoweit bekannt, als Geographiebücher überhaupt im Bereiche ihrer Lektüre lagen. Die Schöpfung der Eisenbahn sollte das unglückliche Land aus seiner stillen Verborgenheit reißen und über seine Einwohner alle Laster eines durch die Auswüchse der Zivilisation verdorbenen Volksstammes bringen. Einige durch habituelle Saumseligkeit auf intimen Stationen zurückgebliebene Waggonauswürflinge entdeckten, während sie auf den nächsten Zug warteten, Thüringen. Sie fanden ein anmutig bewaldetes, von malerischen Höhen und lieblichen Tälern durchzogenes Land, billige Fleischpreise und Quartiere, Eingeborene, die noch nicht durch Trinkgelder entmenscht waren, große Semmeln und nahmen unter der Flagge Berlins Besitz von dem neuen Erdstriche. Sehr richtig erkannten sie die Bedeutung Thüringens für die künftige Sommerkolonisation. Man lauschte ihren Erzählungen an den langen Winterabenden bei dünn belegten Butterbröden und schwur einander zu, im nächsten Jahre eine sommerliche Ersparungsreise nach Thüringen zu unternehmen. Jetzt zogen auch einzelne todesmutige Flibustier auf nähere Durchforschung des Landes aus; sie stürzten sich in undurchdringliche Dickichte, wagten in Wirtshäusern zu speisen, die noch nie der Fuß eines Berliners betreten, und entdeckten kleine Städte voll paradiesischer Zufriedenheit, wo Rührei und Schinken fast umsonst zu haben waren. So vielen landschaftlichen Reizen zu widerstehen wäre schwer, wenn nicht unmöglich gewesen. Die unternehmenden Flibustier, fast sämtlich Räte aus Berlin, wurden Spezialisten solcher Inseln der Seligen, schrieben Broschüren darüber, druckten mehrmals jährlich Reklamen für ihre Lieblingsaufenthalte in den Zeitungen ab, mit einem Worte, sie entbürokratisierten sich immer mehr und wurden, um es kurz und rundheraus zu sagen Landschaftstiger . Man höre: Die rotglühende Sonne eines warmen diesjährigen Augustabends hatte ihr Gesicht soeben hinter Buschwerk und Felsen versteckt, als wir in Ruhla anlangten. Der europäische Ruf dieses Ortes als des größten norddeutschen Depots für sommerwohnende Berliner hatte uns zu diesem Abstecher von unserer weiter gesteckten Reiseroute veranlaßt. Der Klang der Ziehharmonikas, zwischen Tannenzweige flatternde Windeln, zahllose in Felsschluchten umherliegende Papiere, nämlich die Enveloppen von Butterbröden, hatten uns schon eine halbe Meile vor Ruhla angekündigt, daß wir uns einer Berliner Kolonie von historischer Bedeutung näherten. Im Wirtshause angekommen, gab man uns, sobald wir den ersten Pflichten der Selbsterhaltung durch Absorption einer Kalbsbraten-Auflösung in lauwarmem Wasser genügt hatten, einen Wink, uns ja noch heute in dem neuen Gcsellschaftshause einzufinden. Dieser Wink, geheimnisvoll gegeben, reizte unsere Neugierde. Mein Freund, ein scharfer Beobachter, trieb zum Aufbruche, obwohl es schon stark dunkelte; warum sollten wir lange zögern, da wir hierhergekommen waren, um die Sitten der Menschen, nicht aber die Reize der Natur zu studieren. Wir befeuchteten unsere Finger, löschten das Talglicht aus und eilten nach dem Gesellschaftshause. Wir langten eben an, als das Lokal erleuchtet wurde; dies geschah durch ein Talglicht von sprechender Ähnlichkeit mit dem im Gasthause hinterlassenen, wobei zu bemerken ist, daß bei diesen kunstlos gesitteten Stämmen die Stearinidee noch durchaus unbekannt und nur der Urväter Unschlittkerze im Gebrauche ist. Etwa fünfzehn Menschen, größtenteils gleich uns Ankömmlinge, erwarteten den Chef von Ruhla, den Entdecker des Ortes, seinen Schriftsteller, Kornak und Gesellschaftskaziken, einen Geheimen Rat aus Berlin. Nach den rechts und links fallenden Redensarten zu urteilen, schienen einige ihn sogar für den Berggeist der Gegend zu halten. Der Geheime Rat ließ nicht lange auf sich warten; er erschien mit hastigen Schritten, warf bei dem trüben Schimmer des rötlich qualmenden Lichtes begeisterte Blicke auf die neuen Zuzügler und sagte: »Es ist schön, daß Sie da sind, morgen um zehn Uhr machen wir eine Partie!« Als wir bescheidentlich bemerkten, daß wir noch einige Korrespondenzen zu besorgen hätten und vielleicht nicht pünktlich auf dem Alarmplatze eintreffen möchten, hieß es: »Tut nichts, wir holen Sie ab.« Wir saßen am nächsten Morgen noch eifrig über unserer Schreiberei, als ein gellender Pfiff vor der Tür des Gasthauses erschallte. Er klang so diebsmäßig und mörderisch, daß wir erschreckt an das Fenster sprangen. Unten stand an der Spitze einer paarweise geordneten Schar der Geheime Rat und wollte eben auf dem Mundstücke seines Bergstockes noch einmal uns pfeifen. Wir entschuldigten uns nach Kräften und bedauerten lebhaft, auf die Partie verzichten zu müssen, allein auch diesmal hieß es: »Tut nichts, mein Sohn bleibt bei Ihnen und führt Sie nach.« Da der Sohn, ein verbrannter randsohliger Knabe, dessen Gesichtsbildung vor Mückenstichen und Beulen kaum zu erkennen war, sofort zu uns hinaufsprang und als Exekutionskommando Platz nahm, galt keine weitere Einsprache, und wir kleideten uns seufzend an. »Wir holen sie in zehn Minuten ein«, sagte mit pfiffiger Miene der junge Sohn der Wildnis, als wir vergeblich bemüht waren, seinen beflügelten Schritten zu folgen. »Nur hier hinauf, ich halte mich an den Haselnußzweigen fest.« So kletterte das gute Kind eine fast senkrechte Bergwand hinan, von deren Gipfel aus der Geheime Rat und seine Untertanen uns mit Taschentüchern Mut zuwinkten. Ich weiß nicht, ob es nur zehn Minuten dauerte, bis wir oben anlangten, aber ich weiß bestimmt, daß mein Freund zweimal ausglitt und seinen Rock zerriß, außerdem aber gleich mir in Schweiß gebadet auf der Höhe erschien. »Tut nichts«, hieß es, »hier erkältet man sich nicht.« Nun ging es mit Macht vorwärts. An der Spitze stürmte der Geheime Rat mit dem pfeifenden Bergstock voraus; wir folgten paarweise und in bunter Reihe, so daß jeder Herr, je nach seinen Kräften, ein mageres oder fettes Frauenzimmer führen, nach Umständen auch schleppen, schieben und zerren mußte. Nur selten bewegten wir uns auf gebahnten Pfaden, aber immer kamen wir an einer Stelle heraus, wo sich eine neue, noch nicht dagewesene Aussicht auf Ruhla ergab. Zuweilen sprang der Geheime Rat in ein Dickicht und rief: »Hier muß das Holz niedergehauen werden, und wir erhalten einen köstlichen Blick auf Ruhla.« Dann schlug er eine Viertelmeile weiter die Gebüsche mit beiden Armen auseinander und sagte: »Blicken Sie hinab, meine Herren und Damen, dort liegt Ruhla; hierher muß eine Bank kommen.« Er führte uns weiter über Stock und Stein, durch Gestrüpp und Gras, Feldmäuse und Eidechsen flohen vor uns; wir sahen auf Ruhla zum siebenzigsten Male hinab. Wir sahen auf Ruhla zum einundsiebenzigsten Male hinab. »Meine Herren und Damen«, schrie jetzt der Geheime Rat. nachdem er einmal leidenschaftlich gepfiffen, um die Versprengten und den Nachtrab an sich zu ziehen, »hier ruhen wir aus – wir sind auf der Frühstücksstation angelangt; dort wachsen Preiselbeeren .« Erschöpft auf Moos und Baumwurzeln hingestreckt, vermochten wir nicht zu unterscheiden, ob die Gesellschaft von dieser uneigennützig gespendeten Erfrischung Gebrauch machte. Mein Freund steckte mit Nadeln das Loch in seinem Rocke zu. An den Spitzen meiner Stiefeln eröffnete sich für meine Zehen eine Aussicht auf Ruhla. Die Sonne sandte jetzt ihre glühendsten Pfeile nieder, aber der Geheime Rat ließ nicht von uns und Ruhla ab. »Noch eine Stunde Mut und Anstrengung, meine Herren und Damen, und wir kommen zu dem schönsten Prospekt von Ruhla!« Abermals ging es vorwärts durch eine Wildnis, wie sie Mazeppa bei seinem furchtbaren Ritt beschreibt. Mitleidig schleppte mich das kleine kugelrunde Frauenzimmer, dessen Führung mir anvertraut war, vorwärts; sie schien an die Freuden Ruhlas gewöhnt zu sein. Ich machte mir wenigstens durch die anzüglichsten Redensarten und Spöttereien auf den Geheimen Rat Luft. Als ich mit meiner Thersitiade bis zum dreiundzwanzigsten Gesange gekommen war, sagte die Kleine mit liebevoller Gelassenheit: »Machen Sie es aber auch nicht gar zu arg mit Papa !« Wir waren eben auf einem Bergvorsprunge angelangt. Der Geheime Rat, ein ehern Bild, ohne Schweißtropfen auf seiner grausamen Stirn, pfiff; die Schar versammelte sich. »Hier rasten wir zu Mittag, meine Herren und Damen – dort wachsen Blaubeeren.« Es war rührend anzuschauen, wie sich die armen Pilger resigniert den Launen des Geheimen Rates unterwarfen und schweigend auf Grasung ausgingen. Uns beide empörte dieser Landschaftsservilismus. »Eine kalte Schale und ein guter Braten würde uns allen besser munden als Blaubeeren«, brummte mein Freund, der sich seit dem Ruin seines Rockes in einer höchst gereizten Stimmung befand. Die Richtigkeit dieser Anmerkung gab das Signal zum Aufstande. »Ja, kalte Schale, ja, Braten –ja, kehren wir um – zu Tisch!« so klang es zwischen dem Blaubeergestrüpp hervor. Der Geheime Rat zuckte die Achseln. »Sie berauben sich eines großen Genusses – von jenem Fels aus haben wir einen Blick auf Ruhla, der ...« Die Vordersten hörten nicht mehr, sie hatten sich schon auf den Rückweg gemacht. »Halt!« rief ihnen der Geheime Rat nach. »Halt, wir können auf einem viel kürzeren Wege nach Ruhla kommen, folgen Sie mir nur getrost.« Jetzt schlug der Tyrann einen Weg über einen buschigen Bergabhang ein, der immer steiler wurde und endlich in eine wahre Rutschbahn überging. Von Gehen, von Klettern war keine Rede mehr, wir stolperten, wir kollerten, einige überschlugen sich, aber wir gelangten nach Ruhla; wir rollten wörtlich in die Straßen hinunter. Verdutzt und verdonnert zupften wir alle unsere Garderobe zurecht, und ich machte leider die Entdeckung, daß der Boden eines höchst wichtigen Kleidungsstückes unheilbar beschädigt sei. Der Geheime Rat pfiff. »Jetzt essen wir, und gleich nach Tisch machen wir eine größere Partie.« »Nein«, schrie mein Freund, »ich gehe nicht mit, wir sind hier zum Vergnügen, aber nicht ...« »Tut nichts«, meinte der Geheime Rat, »Sie erholen sich bis dahin alle beide.« Ich nahm den grausamen Landschaftstiger beiseite und sagte: »Wir haben unser Gepäck nach Frankfurt geschickt – da sehen Sie Ihr Werk.« Damit schlug ich die Schöße des Rockes zurück. »Tut nichts«, schwebte schon auf seinen Lippen, aber er schwieg, als ich entrüstet ausrief: »Sie verdienen eine Satire, und Sie sollen sie haben! Ich werde Sie als Landschaftstiger sehen lassen.« Adolf Stahr Herbstmonate in Oberitalien Venedig Venedig, 21. Oktober 1858 Das Regenwetter, welches uns zuletzt von Verona forttrieb, war so anhaltend, daß wir den Gedanken, in Padua Station zu machen, aufgaben und graden Weges mit der Eisenbahn hierherfuhren. Nur auf einen Moment genossen wir noch von dem Eisenbahnhofe vor Porta Vescovo durch die Gunst eines vereinzelten kurzen Sonnenblicks, der auf wenige Minuten das finstere Regengewölk durchbrach, einen letzten Blick auf das herrliche Verona im Schmucke seiner mittelalterlichen Zinnen und Türme, umgeben von seinen prachtvollen, mit Gärten und Villen gekrönten Höhen. Dann aber umschleierten die rastlos niederrauschenden Regengüsse während der vierstündigen Fahrt jede Aussicht, und ich weiß von den Ortschaften und Gegenden, die wir passierten, von Vicenza und Padua und von dem Anblick der Berischen, Friauler und Kärntner Alpen soviel zu berichten wie jemand von den Gemälden einer Galerie, in welche er bei geschlossenen Fensterläden geführt wird. Wir erfuhren jetzt zum ersten Male seit nahezu zwei Monaten, was es mit den berufenen lombardischen Herbstregen auf sich hat, und der Bescheid unseres Wirts vom Hotel due Torre in Verona, der auf meine Frage nach der Dauer solchen Regenwetters versicherte, daß es allerdings zuweilen ganze Wochen ohne Unterbrechung anhalte, hatte keinen sehr tröstlichen Klang in unsern Ohren, als wir nach einer Fahrt von fünfundzwanzig deutschen Meilen, nachdem wir die Riesenbrücke über die Lagunen bei Mestre passiert hatten, auf dem elenden Bahnhofe der Insel Santa Lucia unter demselben strömenden Himmel ausstiegen, den wir in Verona verlassen hatten. Ich schreibe diese Zeilen in den neuen, aber noch teilweise sehr wüsten und unwohnlichen Räumen des Albergo Vittoria, wohin uns gegen Abend unsere Gondel von der Eisenbahnstation führte, bei einem lodernden Kaminfeuer, das wir sofort nach unserer Ankunft anzünden ließen. Denn es ist plötzlich kalt, sehr kalt geworden, und die Kälte ist eben des plötzlichen Umschwungs der Temperatur wegen nur um so empfindlicher für unsere verwöhnten Nerven, während die in der Kunst des Frierens sehr geübten Venezianer meist von der Kälte weit weniger als die Nordländer leiden. Gesehen haben wir von Venedig bis jetzt buchstäblich nichts als das strudelnde gelbliche Wasser des Canal Grande. Denn wir waren froh, uns in dem schwarzen Sargkästchen unserer Gondel, welche zwei kräftige Gondoliere mit schnellem Ruderschwunge durch die hochgeschwollenen Wasser dahintrieben, vor den unaufhörlich herunterrauschenden Wassern des Himmels in Sicherheit zu bringen, unter deren alles in graue Finsternis hüllenden Güssen wir an den überschwemmten Marmortreppen unseres Albergo landeten. – Das ist nun freilich kein Eintritt, wie man sich ihn wünscht in die märchenhafte Romantik der Lagunenstadt. Aber es wird doch nicht vierzehn Tage – denn wenigstens so lange denken wir diesmal hier zu verweilen – immer so fort regnen, und wir sind fest entschlossen, uns den Anblick Venedigs und des Markusplatzes erst bei hellem Wetter und freundlicherem Himmel zu gewähren. In dem Albergo selbst aber wird unseres Bleibens schwerlich lange sein. Es ist ganz auf Engländer berechnet, mit denen wir denn auch das große gemeinsame Unterhaltungs- und Lesezimmer abends ganz erfüllt fanden, und die Preise weit höher, als wir sie bis jetzt irgendwo gezahlt haben, obschon wir uns das warnende Wort unseres Murray: »Make your bargain before you sit down!«, zunutze gemacht haben. Da ich einmal von diesen Dingen rede, so bemerke ich, daß wir auf unserer ganzen Tour durch Oberitalien auch diesmal gefunden haben, daß man in Italien ungleich wohlfeiler reist und weit weniger in den Gasthöfen geschnitten wird als in den meisten Gegenden unseres lieben deutschen Vaterlandes. Nur muß man freilich die Sache verstehen, sich von einem als gut erprobten Gasthofe, wo man längere Zeit verweilte, Empfehlungen an andere geben lassen und vor allen Dingen sich in Landessitte und Verhältnisse mit Freundlichkeit fügen, der Landessprache kundig sein und nicht, wie so manche Reisende, des Glaubens leben, daß man in einem Lande sei, wo man eigentlich erwarten könne, alles halb umsonst zu erhalten. Venedig, 22. Oktober 1858 Unsere Hoffnung ist nicht getäuscht worden. Als wir am Morgen erwachten, strahlte der lachendste blaue Himmel mit seinem leuchtenden Sonnengolde in unsre Zimmer hinein, und nun erst – waren wir wirklich in Venedig! Mit welchem Herzklopfen ich zuerst wieder den Markusplatz betrat, mögt Ihr Euch denken. Das fröhliche Sonnenlicht des frischen klaren Herbstmorgens flammte auf den goldenen Kuppeln und Spitzen der uralten Basilika des heiligen Markus und erhöhte die Glut ihrer farbigen Bilderpracht. Dogenpalast und Prokurazien, Zecca und Markusturm, die hohen Granitsäulen und die vergoldeten Erzrosse des Lysippos, einst in den glorreichen Tagen Venedigs aus der Hauptstadt des alten Byzantinerreichs als Siegeszeichen »dahergeschleppt durch salz'ge Schäume«, die drei schlanken Masten der drei Königreiche, auf ihren bronzenen Fußgestellen in den Himmel ragend – alles, was der erste Blick des langersehnten Wiedersehens umfaßte, alles war noch wie einst! Selbst die weißen Taubenscharen, die mit schwirrendem Klingen auf- und niederflogen oder zu unseren Füßen auf den Marmorplatten des Pflasters ihr Futter aufpickten, hatten ihre altgeheiligte Freistätte nicht verlassen in all den Kriegsgreueln, welche, seit ich Venedig zuletzt gesehen, über der unglücklichen Stadt ihre donnernden Schrecken entladen hatten. Wie mächtig rollt der Strom des Lebens seine unversiegbaren Fluten auch durch die leidenvollsten Tage der Menschen, und wie schnell vertilgt die allheilende Hand der Zeit ihre äußeren Spuren! Wie erinnerte in dieser stillen sonnenheiteren Morgenfrische so gar nichts auf diesem schönsten aller Plätze daran, daß hier vor so wenig Jahren alle Leidenschaften der Menschenbrust, aller Jubel, alle Siegesfreude und alle Verzweiflung eines aufgestandenen Volkes so viele Monden lang abwechselnd getobt, daß hier die tönende Stimme seines Diktators das Volk zum Freiheitskampfe auf Leben und Tod, und nicht vergeblich, aufgerufen und daß der Ruf »Resisterà Venezia ad ogni costo!« von tausend und aber tausend Lippen wiederholt Venedig mit soviel Blut und Leichen, mit soviel Jammer und Verwüstung erfüllt hatte! Nur die Marmorsäulen der Halle des Dogenpalastes, deren feingeglättete Bildung die Barbarei verstümmelt hatte, um mit eingefügten Eisengittern die österreichischen Soldaten zu schützen, welche hinter ihnen neben den aufgefahrenen Kanonen Wache halten, deuteten an, was seit der Zeit vorgegangen, seit ich vor zwölf Jahren von den Treppen der Piazzetta den letzten Abschiedsblick auf den Herrschersitz der alten Meeresfürstin wendete. Wird ihnen wenig helfen! Die Herrschaft, die hinter Eisengittern Schutz suchen muß vor den Beherrschten, ist gerichtet. Unser erster Gang galt dem Palazzo Pisani auf dem Campo San Stefano, um unsern Landsmann Friedrich Nerly, einen der deutschesten Deutschen, aufzusuchen, den sein eigentümlicher Lebensweg schon lange zu einem dauernden Bewohner der herrlichen Lagunenstadt und zu einem derjenigen Künstler gemacht hat, durch deren Pinsel das jetzige Venedig am häufigsten und glücklichsten dargestellt worden ist. Es gehört zu den falschen Traditionen und Vorstellungen von und über Venedig, denen man bei uns daheim noch vielfach begegnet, daß in Venedig das Wasser die Straßen ersetze, daß man der Gondel nicht entraten könne und daß man des Gehens förmlich ungewohnt werde. Es ist das aber nichts als reine Fabel. Denn es gibt kaum ein Haus in Venedig, das man nicht zu Fuße erreichen könnte, und da die Stadt sehr ausgedehnt ist, so hat man, ganz abgesehen von dem langen Wege, welcher am Kai der Riva de' Schiavoni entlang nach den von Napoleon angelegten Giardini publici führt, hinlänglich und mehr, als einem lieb ist, Gelegenheit, sich tüchtig müde zu laufen. Dabei sind die Wege und Wanderungen durch die vielverschlungenen Straßen, Gassen und Gäßchen mit den oft kaum ellenbreiten Durchgängen, mit den zahllosen getreppten Brücken und Brückchen, mit den stillen Plätzen, hier Campi genannt, unter welchen letzteren es sehr ansehnliche gibt, beinahe noch wunderbarer und eigenartiger als die Fahrt durch die engen einsamen Kanäle. Nachdem wir von der westlichen Seite des Markusplatzes aus eine ziemliche Strecke auf solch wechselndem Fußwege bis zum Campo San Stefano zurückgelegt hatten, fanden wir in einer Ecke desselben das großartige Tor, welches den Hof des Palazzo Pisani gegen den Campo hin abschließt. Der Palast selbst, wohl zu unterscheiden von dem gleichnamigen am Canal Grande liegenden Bau, ist das wahre Muster eines venezianischen Palastes an ursprünglicher Pracht und jetzigem Verfalle. In den beiden fürstlich großen inneren Höfen die Fliesenquadern zerbrochen und mit grünem Schlamm und Moder überzogen, die Brunnen in Verfall, die schönen Steinzieraten, die zierlichen Marmorornamente zerbröckelnd und verwittert, die Scheiben der hohen Bogenfenster erblindet oder mit Spinngeweben schwarz überzogen, hier und da ihr Mangel mit Brettern verdeckt. Marmortreppen, breit und prächtig, als solle nur der Fuß eines Herrschergeschlechts sie beschreiten, ausgetreten und mit eingesunkenen Stufen. Ein riesiger Bankettsaal, wie wir sie aus Paolo Veroneses Bildern kennen, der durch zwei Stockwerke sich mit einer Galerie für Zuschauer stolz erhebt, leer, einsam, kalt, hallend und spukhaft wie die Ruine eines alten Schlosses. An einer und der andern Türe der oberen Stockwerke stand ein Name angeheftet. Es haben sich einige fremde Familien dort als Mieter angesiedelt und einzelne Teile wohnlich hergerichtet, die durch Gänge, fast wie Gassen lang, voneinander getrennt sind; aber niemand war zu sehen als der alte Wächter des Hauses, der uns voranschritt, damit wir uns in dem weitläuftigen öden Baue nicht verirren möchten, und der ganz so verwittert, grau und spukhaft aussah wie der verödete Palast selbst. Die kolossalen, mit kunstreichem Schnitzwerk verzierten Laternen, welche einst die Prachtgalerien des Hauses geschmückt haben und die nun altersgeschwächt unten über dem innern Eingange aufgestellt sind, nahmen sich in all der Verödung erst recht unglaublich aus. Oben, bald hinter der Galerie des Bankettsaales, die, wie es mir vorkam, unter unsern Füßen bedenklich zitterte und schwankte, verließ uns der alte Kustode, und wir standen an Nerlys Türe. Der Künstler war nicht zu Hause. Sein Sohn, ein feines, intelligentes Gesicht, halb Knabe, halb Jüngling, der uns mit echt italienischer freier Zuvorkommenheit empfing, meldete uns, daß der Vater schon seit längerer Zeit nach einem Briefe aus W. unserer Ankunft entgegengesehen habe, aber eben jetzt mit einem Gaste, einem Professor Beck aus Amerika, nach der nahen Akademie delle belle arti gegangen sei. Dorthin also machten wir uns auf den Weg. Von der Piazza di San Stefano aus erreichten wir in zwei Minuten die neue Brücke, welche ihr Eisengeflecht über den Canal Grande nach dem prächtigen Kai hin spannt, auf welchem die heutige Akademie, einst ein Kloster, die Carità genannt, Palladios Meisterwerk, hingebreitet liegt, über dessen Bau ihr Goethes bewundernde Schilderung, der ihn mit den Plänen und Erklärungen des Meisters in der Hand studierte, in seiner »Italienischen Reise« nachlesen mögt. Die neue Eisenbrücke, von deren Mitte aus ich den ersten Blick auf die unvergleichliche Palaststraße des Canal Grande warf, war uns freilich sehr bequem; aber für Venedig und seinen stolzen Kanal, zu deren Physiognomie sie so gar nicht paßt, erschien sie mir als eine schreiende Entstellung, und die armen lungernden Barkenführer, die an diesem Traghetto ihren Hauptverdienst hatten, werden schwerlich anderer Meinung sein. Was soll ich Euch aber sagen von dem Entzücken, mit dem ich zuerst wieder – und diesmal nicht allein! –, die von göttlicher Kunst erfüllten Räume betretend, vor Tizians »Assunta« stand! Was soll ich Euch sagen, als daß ich noch zu voll, zu überwältigt bin von der Macht dieses Eindrucks und von dem Gefühle der eignen Lebenswendung, die das Heute von dem Damals trennt, um etwas anderes zu empfinden als das reine Glück dieses Wiedersehens! Wenn Ihr meine Schilderung dieses größten aller Werke christlicher Malerkunst, dieses wahrhaften Schlußsteins transzendenter Darstellung, wie ich sie damals versuchte Ein Jahr in Italien«, T. III, S. 408-409. , mit sinnigem Verständnisse wieder leset, so werdet Ihr meinen heutigen Zustand verstehen und natürlich finden. Das ganze Bild ist wie in goldnes Flammenlicht der Abendsonnenglut getaucht, und offenbar ist es auch so von dem Meister gedacht. Das Licht steigt aufwärts von der umschatteten Erde immer heller auf, bis es sich oben zu reinem, überirdischem Goldlichte verklärt. Es war mir ganz recht, daß uns in diesem Augenblicke Freund Nerly begegnete, der mit seinem Gaste die Besichtigung der Galerie beendet hatte und, uns auf das herzlichste willkommen heißend, die Einladung aussprach, ihn nach seiner Wohnung zurück zu begleiten, da er mit uns die Galerie an einem andern Tage zu besehen hoffe. Wir warfen daher nur noch einige flüchtige Blicke auf all die altbekannten Meisterwerke der Bonifazio und Tintoretto, der Gian Bellin, Giorgione und Paul Veronese, welche als würdige Genossen Tizians die Wände des Saals der »Assunta« bedecken, und folgten dann unserm Freunde zurück in seinen Palazzo Pisani, wo wir die noch immer schöne Signora Nerly begrüßten, deren Schönheit, einst die erste Venedigs, den deutschen Künstler seit Jahren für immer an ihre Vaterstadt gefesselt hatte. Der Lebensgang Friedrich Nerlys, wie ihn die Italiener aus dem ihnen unaussprechbaren deutschen Namen Nehrlich umgetauft haben, kann wohl ein romantisch wunderbarer heißen. Denn gewiß ist es ein weiter Weg von dem armen verwaisten thüringischen Bauernknaben, der als Achtzehnjähriger noch die Kühe seines Dorfes hütete, bis zu dem Künstler, dessen Bilder die Prachtgemächer der Fürsten und Großen Europas schmücken. Es ist das Verdienst des berühmten Kunstkenners und Kunstforschers Rumohr, dessen Blick bei einem zufälligen Begegnen den göttlichen Funken entdeckte, der in dem armen vernachlässigten und verwilderten Kinde des Volks verborgen wie das Licht des Diamants unter der unscheinbaren Hülle schlummerte. Noch immer gedenkt der jetzt berühmte Künstler mit dankbarer Rührung seines Wohltäters, der sich in seiner sorgfältigen und großmütigen Erziehung und Ausbildung zur Kunst ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. In Nerlys Atelier sahen wir schöne Sachen, darunter eine eben vollendete große Landschaft, den Tempel der Juno Lucina zu Agrigent im Abendlichte, ein Bild von außerordentlicher Farbenwirkung. Besonders reich waren aber venezianische Ansichten vertreten, deren der Künstler, der jeden Stein Venedigs kennt, immer neue aufzufinden und mit gewohnter Virtuosität darzustellen weiß. Unter denselben gefielen mir vorzugsweise ein Bild, das kleine Haus Contarini Zaffo darstellend, für den Großherzog von Weimar bestimmt, und das Innere eines Hofes neben der Kirche San Aponale, Corte Tamozzi genannt, der in der Fluchtgeschichte der berühmten Venezianerin Bianca Capello eine Rolle spielt. Eine Zeichnung zu einem größeren Werke: Paul Veronese, sein berühmtes Bild »Alexander und die Familie des Darius« der Familie Pisani vorstellend, brachte uns auf die Geschichte dieses Bildes, das Fanny Lewald in ihrem »Italienischen Bilderbuche« ausführlich beschrieben hat und das seitdem für immer aus Venedig verschwunden ist. Der große Veronese malte es als ein Gastgeschenk für die Familie Pisani von San Polo, in deren Schutz er sich begeben hatte, als er eines unglücklichen Ehrenhandels wegen aus Venedig flüchten mußte. Es war bis auf die neueste Zeit die Zierde des Palazzo Pisani am Canal Grande. Aber den Nachkommen fehlte der edelstolze Sinn ihrer Vorfahren, und während sonst der italienische Adel kaum durch die äußerste Not dazu gebracht werden kann, sich von seinem altererbten Kunstbesitze zu trennen, der ihm die Erinnerung an bessere Zeiten vor Augen stellt, ließen sich die heutigen Träger des stolzen Namens der Pisani durch die Höhe des gebotenen Preises verlocken, das Bild durch einen deutschen Unterhändler für viermal hunderttausend Franken und eine lebenslängliche an den Kustoden zu zahlende Pension dem Britischen Museum zu verkaufen! Man verdenkt ihnen dies in Venedig um so mehr, da die Familie Pisani a San Polo eine der reichsten venezianischen Adelsfamilien ist, deren Jahreseinkünfte gegen eine halbe Million Lire betragen. Dagegen sind die Pisani-Moretta, deren Palast Nerly bewohnt, dem Anscheine nach arm zu nennen; denn ihr Palast, aus dessen Räumen aller Schmuck der Kunstwerke längst verschwunden ist, gleicht völlig einem von plündernden Feindesscharen ausgeraubten Schlosse. Nerly zeigte uns den Gipsabguß eines prachtvollen Türklopfers, der einst die Pforte des Palastes schmückte und der nun auch, Gott weiß wie, verschwunden und zu Gelde gemacht ist. Es ist ein meisterwürdiges Kunstwerk, der Griff ein Neptun, zwischen zwei Seerossen stehend. Solcher Türklopfer, Werke der ersten Künstler der großen Zeit italischer Bildkunst, kennt Nerly jetzt nur noch sechs in ganz Venedig, von denen sich einer im Palazzo Capello befindet. Nachdem wir Verabredungen über gemeinsame Ausflüge in und um Venedig mit dem liebenswürdigen Künstler getroffen, verließen wir ihn, um die Rialtobrücke, deren Bild wir in einer seiner Zeichnungen bewundert, in der nahen Wirklichkeit aufzusuchen. Es ist in der Tat ein unvergleichliches Werk, dieser in gelblicher Weiße schimmernde Marmorbogen, der sich in einem einzigen kühnen Schwunge, die beiden Städte der einander gegenüberliegenden Inseln San Marco und Rivoalto, letzteres die uralte Gründungsstätte Venedigs, miteinander verbindend, über den großen Kanal wölbt. Vier Baumeister, wie sie seitdem, in einer Stadt vereint, die Welt nicht wieder gesehen hat, Vignola, Scamozzi, Palladio und Antonio da Ponte, wetteiferten miteinander um die Ehre, diesen Bau auszuführen, und es gereicht der Signorie Venedigs zum Ruhme, daß sie den einfacheren, aber kühneren Plan des zuletzt Genannten, der auf einen einzigen Bogen berechnet war, den prächtigeren, aber minder einfachen Entwürfen der übrigen vorzog. Was die Spannung des Bogens betrifft, so muß die Rialtobrücke allerdings dem Mittelbogen des Ponte vecchio in Verona nachstehen, der nach Maffei eine Spannweite von 142 Veron. Fuß (213 röm. Palm) zeigt, während die des Rialtobogens nur 86 Veron. Fuß beträgt. Aber an Kühnheit der Verhältnisse Nach Martens: Bei 70 Fuß Länge und 43 Fuß Breite nur 22 Fuß Höhe. Nach Murray dagegen beträgt die Spannweite 91 Fuß bei 72 Fuß Breite und 24 ½ Fuß Höhe über dem Wasserspiegel. und Solidität des Baues gehört sie zu den ersten der Welt. Drei Passagen, eine breitere in der Mitte und zwei schmälere an den Seiten, führen über den von zwei bleibedeckten Budenreihen eingefaßten Bogen, von dem herab wir den heiteren Anblick wimmelnden Lebens auf dem mit Marktschiffen und Gondeln bedeckten Kanalstrom genossen. Daß man grade hier die Stelle wählte, um denselben zu überbrücken, lag in der Wichtigkeit der Rialtoinsel, der größten unter allen Inseln, auf welchen das heutige Venedig steht. Denn auf dieser Insel war es, wo sich die ersten Bewohner ansiedelten, und »Rivoalto«, der älteste Regierungssitz der Lagunenrepublik, galt bis ins sechzehnte Jahrhundert hinein als die eigentliche »Stadt« und blieb der Hauptsitz des großartigen venezianischen Handelsverkehrs und seiner Niederlagen und Kaufhäuser. Hier stand die älteste Kirche Venedigs, die jetzt verlassene Kirche San Jacopo, und auf dem Platze ihr gegenüber, wo sich die alte Brücke befand, umschweben uns die Geister Shylocks und Antonios, des »königlichen Kaufmanns«. Nach Tische noch eine Abendgondelfahrt nach San Giorgio Maggiore und hin und her auf dem großen Wasserbecken, an welchem Venedig von der Einfahrt in den Canal Grande bis zu den Giardini publici sich im Halbmondbogen hinstreckt. Auf dem Turme von San Markus und an den Spitzen des Dogenpalastes glänzten noch die letzten Strahlen der Sonne, die sich hinter San Giorgio und der Giudecca dem Untergange zusenkte. Dann brach die Nacht ein, und groß und glühend hob sich der Mond aus dem Meere. In gigantischen düstern Massen erhoben sich Palladios Tempel und Paläste, gegen den Nachthimmel ihre grandiosen Linien abzeichnend, und der flammenzitternde Widerschein der angezündeten Gaslichter auf der dunkeln Spiegelfläche der Meeresflut vollendete das Magische des Eindrucks, dem wir uns, von den Marmortreppen der Piazzetta herab und die breiten Kieswege des Giardino reale auf und ab wandelnd, lange überließen, ehe wir uns dazu entschließen konnten, den großen Konversationssaal Venedigs, den Markusplatz, aufzusuchen, mit dem hier jeder Fremde seinen Tag anfängt und beschließt. Der Platz, in Feuchte schimmernd, glich in dem Lichte der Gasflammen dem Spiegel eines riesigen Bassins, aus dessen Tiefe sich die hohen Prachtgebäude geisterhaft zu erheben schienen. Abends las ich noch einmal Eure lieben Briefe, die ich mir heute morgen selbst aus dem Comptoir des Herrn R. auf dem Fondaco del Diavolo abgeholt hatte und die mir richtig zu dem heutigen Tage Eure Glückwünsche in die geliebte Lagunenstadt gebracht haben, wie sie denn auch trotz der ominösen Benennung des Orts, wo man sie mir aushändigte, glücklicherweise nichts enthielten, was an den Vater allen Unheils in der Welt erinnern könnte. Und das ist unschätzbar für den Reisenden in der Fremde, dessen Genuß der ihn in nächster Nähe umgebenden Gegenwart so sehr von der Beruhigung über die Ferne abhängig ist. Noch eine gute Nachricht kann ich Euch geben. Unser Berliner Landsmann, der Maler Gustav Richter, ist hier, um sich an den alten venezianischen Meistern die Augen zu erfrischen, und ich gedenke mir den Vorteil, mit einem so trefflichen Künstler gemeinsam Venedigs Bilderschätze zu betrachten, bestens zunutze zu machen. Venedig, 23.Oktober 1858 Heute früh mit Nerly und Richter im Dogenpalast und in der Markuskirche. Das äußere plastische Schmuckwerk an der letzteren ist zum Teil wunderlich zusammengeschleppt aus Griechenland und Byzanz und wohin sonst die alte Republik ihre Kriegs- und Handelsgaleeren gesendet. Manches davon ist kaum noch von den Antiquaren seinem Ursprunge und seiner Bedeutung nach zu erklären, und die beiden byzantinisch ausschauenden Kriegergruppen von rotem Porphyr an der Ecke des Schatzhauses der Basilika sehen mich noch ebenso rätselhaft an wie vor zwölf Jahren, wo ich mich auch vergeblich bemühte, ihre Herkunft und Bedeutung zu erkunden. So wie er heute dasteht, ist der Dogenpalast noch nicht volle dreihundert Jahre alt. Zwei große Feuersbrünste (1514 und 1577), die den früheren Bau Calendarios und Buonos zu einem großen Teil in Asche legten und die Meisterwerke Gian Bellins, Pordenones, Carpaccios und Tizians zerstörten, mit denen seine Räume geschmückt waren, gaben dem großen Palladio Gelegenheit, seine Kunst in der Wiederaufrichtung und teilweisen Restauration der alten Herrscherburg der Seekönigin zu bewähren. Durch die Porta della Carta, Bartolomeo Buonos Meisterwerk, tritt man von der Piazzetta aus in den innern Hof, von dem die Gigantentreppe, so benannt nach Sansovinos kolossalen Marmorstatuen des Mars und Neptun an ihrem Aufgange, zu den oberen Räumen führt. In der Mitte des Hofes sahen wir an dem einen der beiden schönen, mit bronzener Einfassung versehenen Brunnen, welche das beste Trinkwasser Venedigs liefern, die schlanken Gestalten von drei friauleserinnen mit Wasserschöpfen und Brunnenkonversation beschäftigt, von denen die eine in ihrer kleidsamen Tracht gradezu für ein Musterbild von Schönheit, Anmut und frischer Lebenskraft gelten konnte. Vorzüglich hatte R. seine Künstlerfreude an der Zierlichkeit und Grazie ihrer Bewegungen und dem schwungvollen, an die Werke griechischer Plastik gemahnenden Gange, wie sie, die gefüllten Kupferbecken an dem schwanken Tragholze auf der rechten Schulter hängend, über die Marmorquadern des Hofes dem Tore zuschritt. An und in diesem Palaste ist alles gediegene, kunstbeseelte Pracht, die sich selbst bis auf die mit eingelegter Metallarbeit kunstvoll gezierten Stirnseiten der Stufen der Riesentreppe erstreckt. Die Scala d'Oro aber, welche in das Obergestock zu den Zimmern der Avovgadori führt, in denen zur Zeit der Republik das Goldne Buch des venezianischen Adels bewahrt ward, bildet mit ihren Vergoldungen, Stuckverzierungen und Freskomalereien ein Ganzes, dem ich an Harmonie des Eindrucks nichts Ähnliches an die Seite zu stellen weiß. Auf der ringsum laufenden Kolonnade hat der venezianische Patriotismus begonnen, die Büsten venezianischer Berühmtheiten zu einer Art von historischer Porträtgalerie zu versammeln. Aber diese Anfänge erschienen mir kleinlich im Vergleich mit den ähnlichen Unternehmungen in Mailand und Florenz und der Würde des Orts weit nicht entsprechend, der eigentlich solcher modernen Zutat sehr wohl entraten kann. Denn er selbst ist das würdigste Monument von Venedigs großer Vergangenheit, und der hundertfünfundsiebzig Fuß lange, gegen fünfundachtzig Fuß breite und zweiundfünfzig Fuß hohe Ratssaal, die Sala del Maggiore Consiglio geheißen, ist mit seinem historischen Bilderschmucke sicherlich einzig in der Welt wie Venedig selbst. Tintorettos Riesenbild, das Paradies darstellend, bedeckt die ganze Längenwand am Eingange. Es ist das räumlich größte Werk der Malerei, das jemals auf Leinwand gemalt worden ist. Doch war es mir nicht möglich, aus diesem von der Zeit geschwärzten unabsehbaren Figurengewimmel, das in mehr als dem Doppelten der Größe von Paul Veroneses berühmtem »Gastmahle« im Louvre sich einige siebzig Fuß lang bei vierunddreißig Fuß Höhe hinstreckt, irgendeinen Totaleindruck zu gewinnen, und ich sah hier nur die alte aristotelische Lehre von der Notwendigkeit eines bestimmten Größeumfangs für jedes Kunstwerk an einem schlagenden Beispiele bestätigt. Unter den einundzwanzig andern großen Wandbildern, deren historische Darstellungen den ungeheuren Raum schmücken, erwähne ich nur F. Zuccaros »Erniedrigung des Kaisers Friedrich I. vor dem Papste«, wo der letztere wirklich dem zu seinen Füßen niedergesunkenen Kaiser den Fuß auf den Nacken setzt. Unvergleichlich ist dagegen unter den Deckengemälden Paul Veroneses allegorische Darstellung der vom Ruhme gekrönten Venezia, zu deren Füßen knieend die Göttin des Überflusses, ein herrliches Weib mit schönstem nackten Rücken, huldigend ihr Füllhorn leert. Das ist wirklich ein Bild, das den Beschauer »wie eine heroische Musik« ergreift, zu der das Motiv uns anklingt in Platens einfach schönen Zeilen: Wie hast du sonst, Venezia, geprahlet Als stolzes Weib mit goldenen Gewändern, \< So wie dich Paolo Veronese malet! Den obern Fries der Wände füllt, die lange Reihe der zweiundsiebzig Dogenporträts mit der schwarzverhangenen Stelle, wo die Inschrift »Hic est locus Marini Falieri decapitati pro criminibus« an das tragische Geschick des letzten Empörers gegen die eigne Aristokratie so beredt gemahnt, das noch immer, nach Byrons mißlungenem Versuche, seiner poetischen Verklärung durch die Tragödie harrt. Die Fortsetzung der Dogenreihe befindet sich in der mit diesem Saal durch einen Korridor verbundenen sogenannten Sala del Scrutinio. Es muß ein stolzes Gefühl gewesen sein, das dem in diesem Raume versammelten Herrscheradel Venedigs die Seele füllte, wenn er sich rings umgeben sah von aller Herrlichkeit glorreicher Erinnerungen seiner uralten Republik, und wohl mag der Hinblick auf den Aristokraten, der als letzter in der Dogenreihe den jammervollen Fall Venedigs hier unter weibischen Tränen besiegelte, den kühnen Plebejer Daniele Manin, den Erwecker Venedigs in unseren Tagen, der durch ein wunderbares Spiel des Zufalls den schmachbedeckten Namen dieses letzten Dogen trug, angefeuert haben, diesen Namen als erster Tribun des neuen Venedigs wieder zu Ehren zu bringen. In den alten Wohngemächern der Dogen befindet sich jetzt das Archäologische Museum. Bemerkenswert waren mir in demselben drei Figuren, etwa in der Größe der Ägineten: ein tödlich verwundeter Kelte, an Haar und Gesichtsbildung durchaus dem sterbenden Fechter des Kapitols ähnlich, ein tot auf seinem Schilde hingestreckter griechischer Krieger und ein ganz nackter rücklings niederstürzender unbewaffneter Grieche, welche mir sämtlich Nachbildungen jener großen Keltenschlachtgruppen der pergamenischen Künstler S. Torso, T.II, S. 72 und 93-97. zu sein schienen. Ferner ein Sarkophagrelief mit der bei solchen Veranlassungen beliebten Darstellung der Kinder der Niobe. Es sind der letzteren auf demselben vierzehn von allen Größen und Altern, dabei zwei ältere Männer, Pädagogen, und zwei weibliche Gestalten. Die Söhne, teils zu Rosse, teils zu Fuß, in höchster Bewegung des Fliehens, Stürzens und Zusammensinkens. Über den berühmten marmornen Löwenrachen im Vorzimmer des Rats der Zehn, Sala della Bussola genannt, erwartet von mir keine sentimentalen Weherufe, mit denen romantische Unwissenheit die Schilderungen der Reisenden so vielfach angefüllt hat. Seit ich weiß, daß Daniel Manin in dem für den letzten im September 1847 zu Venedig gehaltenen Gelehrtenkongresse abgefaßten Guide von Venedig es wagen durfte, angesichts der österreichischen Regierung den Nachweis zu führen, daß das österreichische Kriminalverfahren in Venedig viel härter sei als das vielverschriene Verfahren des gefürchteten Rats der Zehn zur Zeit der alten Republik, ohne daß das Gouvernement es versucht hätte, ihn zu widerlegen oder zur Verantworung zu ziehen, seitdem ist es mit jedem Schauder vor dem »Löwenrachen«, der in alter Zeit die Denunziationen aufnahm, ein für allemal vorbei. Zugleich erinnere ich mich, wie derselbe Manin mich vor drei Jahren in Paris, wo ich das Glück hatte, diesen größten Bürger Venedigs und Italiens persönlich kennenzulernen, als das Gespräch auf Venedigs Vergangenheit kam, sehr nachdrücklich warnte, all dem vielen Bösen Glauben beizumessen, was Tradition und Dichtung im Bunde mit unzuverlässigen und feindlich gesinnten Schriftstellern dem Regimente der alten venezianischen Aristokratie Schlimmes nachgesagt habe. »Die hohe Republik von Venedig«, äußerte er, »würde nimmer sich einer so langen und glorreichen Dauer erfreut haben, wäre ihr Regiment nicht au fond ein gegen das regierte Volk gütiges und eben darum populäres gewesen. Die wahrhafte Geschichte dieser Republik und ihrer Verfassung«, setzte er hinzu, »ist noch zu schreiben, und sie wird viele über beide verbreitete Fabeln als solche ans Licht bringen und beweisen, daß die regierende Aristokratie Venedigs nur gegen sich selbst, nicht aber gegen das regierte Volk ihre Strenge unbarmherzig walten ließ!«–Doch davon ein andermal. Der Ratssaal der Zehn ist von Paolo Veronese und andern Künstlern mit trefflichen Deckengemälden geschmückt, welche in einem Zyklus allegorischer Rundbilder die Seeherrschaft und den Handelsreichtum, die Religiosität, Kunstliebe und Weisheit der Republik verherrlichen. Die Räume der Audienzzimmer, wo der Doge sonst die fremden Gesandten empfing, hat der Erzherzog teilweise zu ähnlichem Gebrauche mit sehr wenig historischem Sinne neu herrichten lassen, und wir fanden die alten Polster mit ganz neuen ersetzt, die der historischen Stimmung des Ganzen ebensosehr Eintrag taten wie die Aufstellung eines modernen Lavoirs und anderer Toilettegerätschaften in einem zweiten daranstoßenden Zimmer, das sich der Fürst zu seinem Privatgebrauche reserviert hat. Nachdem wir noch in dem Saale des Anticollegio einen Blick auf Veroneses berühmten »Raub der Europa« geworfen, in welchem Bilde besonders die naive Auffassung merkwürdig ist, mit welcher der Künstler den Gegenstand durch dreimaliges Wiederholen in verschiedener Situation gleichsam episch behandelt hat, verließen wir für heute den goldnen Käfig, den die venezianische Aristokratie ihrem Oberhaupte erbaut hat, und traten einen Augenblick in den Markusdom ein, nur um den Totaleindruck dieses wundersamen Baus auf uns wirken zu lassen. Dieser Eindruck ist trotz all des Reichtums an Schmuck und Pracht doch für mich vorwiegend ein düsterer bis zur Beängstigung der Seele. Es liegt etwas Heidnisch-Mystisches, Orientalisch-Barbarisches in diesem Bau mit seinem bunten gold- und farbeglühenden Mosaikschmucke, seinen Weihwasserbecken auf Altären griechischen Ursprungs, seinen aus dem Oriente zusammengeraubten Schmucksäulen, seinen dichtgedrängten düstern Kapellen, mit der symbolischen Schmuckfülle seines reichen Fußbodens – ein Etwas, wobei einem die Träume von Daumers rotem Urchristentum einfallen können. Hier kann man übrigens sehen, wie trügerisch der Grund ist, auf dem Venedig steht, denn der mit künstlich eingelegtem Marmor, dem Opus vermiculatum der Alten, bedeckte Fußboden hat nach und nach durch das Einsinken an verschiedenen Stellen ordentlich Wellen geschlagen und gleicht fast der Eisfläche auf einer überschwemmten Wiese, unter der hier und da das Wasser gewichen ist. Die Sakristei dagegen ist ein verhältnismäßig heiter zu nennender stattlicher Raum, in dessen Mosaikbilder – ohne Frage die schönsten und harmonischsten Werke dieser Art in der ganzen Kirche – und in dessen Wandverkleidungen mit den herrlichsten Holzarbeiten man sich stundenlang versenken kann. Das Innere wie das Äußere des Doms ist ein charakteristisches Denkmal, ja man möchte sagen: ein historisches Abbild Venedigs selbst, seiner Eroberungs- und Raubzüge, seines Reichtums und seiner Pracht, seines ganzen eigenartigen historischen Daseins. Das Wort des Historikers, daß Venedig auch in der Kunst nur immer sich selbst dargestellt habe, bestätigt sich auch hier an dem Tempel seines für Venedigs Geschichte so bedeutenden Schutzheiligen. Die Einführung des Evangelisten, dessen Gebeine vor mehr als tausend Jahren venezianische Handelsschiffe aus Alexandrien hierherbrachten und dessen Name später das Palladium Venedigs wurde, fiel in eine Zeit, wo die Verehrung solcher Reliquien, ja ihre politische Bedeutung eine alle unsere Vorstellungen überragende Wichtigkeit gewonnen hatte. Sie waren der Schutz der Stadt- und Staatsgemeinden, ja gleichsam die mystische Personifikation derselben. Wie einst im grauen hellenischen Altertum Ulysses und Diomedes das heilige Wunderbild der Göttin heimlich raubten, um das von seinem Schütze verlassene Troja desto sicherer in die Gewalt der Griechen zu bringen, und wie man in altrömischer Zeit die schützenden Götter aus den belagerten feindlichen Städten zu locken sich bemühte, so suchte man im neunten christlichen Jahrhundert ebenfalls durch Wegbringen von Reliquien einer feindlichen Stadt gleichsam die schützende und bewachende Seele zu entziehen, und mit der Versetzung der Heiligen Drei Könige von Mailand nach Köln glaubte man Mailand für immer entkräftet zu haben. Denn alle Blüte und Macht eines Ortes und Gemeinwesens schrieb man dem Schutzheiligen zu, dessen Reste sie in ihren Mauern zu besitzen das Glück hatte. Alle Erfolge und alle Erwerbnisse einer Stadt kamen auf Rechnung des Patrons derselben, und seit Venedig die Gebeine des Apostels besaß, wurden San Marco und die Republik Venedig gewissermaßen eine mystisch-identische Person, fühlte sich das Volk der Lagunenstadt ebenso als das auserwählte Volk des heiligen Markus wie einst die Juden sich als Jehovas Volk empfanden. Seine ersten Beamten zunächst dem Dogen hießen Prokuratoren des heiligen Markus, und der gesamte Staatsdienst ward eine Art von Heiligenpflege, vor welcher selbst die kirchliche Hoheit des Patriarchen zurücktrat. Leo, »Geschichte Italiens«, I, S. 381-383. Daher war der Ruf: »Viva San Marco!«, den im März des Jahres 1848 der kühne Manin nach einem halben Jahrhundert zuerst wieder auf dem Markusplatze erschallen ließ, der einzige, der dem Volke verständlich war, weil ihm dieser geheiligte Ruf wie mit einem Zauberschlage die ganze glorreiche Vergangenheit seiner heiligen Republik, seiner »teuren Mutter« (la nostra cara Madre), wie es dieselbe, noch immer ihrer gedenkend, bezeichnet, vor die Seele führte! Es ist eben immer das alte Goethesche Wort: »O wie beseligt uns doch, Menschen, ein falscher Begriff.« Ich weiß nicht, ob ich mich irre, aber mir kommt es vor, als habe der Verfall von Venedig, seit ich es vor zwölf Jahren zuletzt gesehn, in auffälliger Weise zugenommen, und wenn ich an Genua und sein bewegtes Leben, an die Regsamkeit seines Hafentreibens und Handelsverkehrs, an das Bienengewühl seiner Kais und Plätze, an das frische, wohlhäbige Aussehn der dortigen arbeitenden Klassen und an den Festtagsputz der Frauen und Mädchen des Volks zurückdenke und das alles mit dem vergleiche, was ich von den hiesigen Volkszuständen sehe, so springt der Abstich grell in die Augen. Heut war es nun Sonntag, aber in all den Gassen und Gäßchen, die wir bei unsern Kirchenbesuchen durchstrichen, war es immer dasselbe Schauspiel. Die Menschen, zumal die Frauen des Volks, schmutzig und ungewaschen, zerrissen und zerlumpt in Kleidung, verwelkt und verkommen von Aussehn, mit ungeordnetem Haar, ohne reine Wäsche, selbst am Sonntage die schmutzigen bunten, hier und da durchlöcherten Umschlagtücher über Kopf und Schultern gehängt. Solche Vernachlässigung an dem weiblichen Geschlechte einer Bevölkerung ist immer ein sprechendes Zeichen traurigen Verfalls. Außer den wassertragenden Friauleserinnen des Markusplatzes hab ich kaum eine einzige schöne, kräftige und wohlgekleidete Frauengestalt unter dem Volke gesehen. Und Bettler! – fast der dritte Mensch bettelte uns an. Bettler und österreichische Soldaten sind die Insignien des heutigen Venedig. Selbst die große Anzahl gebildet und elegant aussehender Geistlichen, die wir in Genua und Mailand überall sahen, fehlt hier fast gänzlich. Nur an Bettelmönchen scheint kein Mangel zu sein. Es ist offenbar, daß es dem Volke in Venedig an Arbeit und Verdienst fehlt. Das Platensche Öd ist der Hafen, wen'ge Schiffe legen Sich an die schöne Riva der Sclavonen! ist heute noch mehr wie damals eine traurige Wahrheit. Auch in der Giudecca war alles tot und still. »Woher soll uns Verdienst kommen?« sagte unser alter Gondolier Vincenzo Seolin, der uns nach dem Lido geführt hatte und jetzt durch den Kanal von San Marco an der Giudecca vorbei nach dem Canal Grande ruderte. »Ihr seht es selbst, wie leer unser Hafen ist. Kommt doch außer den paar Kohlenschiffen und Ladungen von anderem Eisenbahnbedarf fast nichts mehr hierher, und das wird von Tage zu Tage schlimmer«, schloß er seufzend. Auch abends auf dem Markusplatze, so wunderbar herrlich noch immer sein Anblick ist, fehlt doch eigentlich das rechte Leben, und wenn man ein paar Abende dort zugebracht hat, so sieht man recht, wie sich die Szenen und Gestalten des ersten in wahrhaft kläglicher Monotonie immer wiederholen. Es sind immer dieselben an den Kaffee- und Sorbettischen in- und außerhalb der marmornen Prachthallen des Platzes umherstreifenden Händler mit Perlstickereien und bunten Glaswaren, Alabasterschnitzereien, Puppen in Nationalkostüm und Karnevalsmasken, Zahnstochern und Schwefelhölzern, eingemachten Früchten und allen möglichen andern Unnützlichkeiten und Schnurrpfeifereien, die nur auf die müßig dasitzenden Fremden berechnet sind; immer dieselben Bettler und Bettlerinnen aller Alter und Klassen, die regelmäßig um dieselbe Zeit die Tische absuchen und mit scharfem Auge jeden neu angekommenen Gast aufs Korn nehmen. Wir kennen bereits die ganze Personalchronik derselben durch unsern Schützling, den etwa neunjährigen Giovanni Bevilacqua, der als »mercante di fulminante«, wie er sich mit Selbstgefühl nennt, alle seine Kollegen und vollends die Bettler gründlich verachtet. Da ist der alte Musikant im schäbigen Fracke mit der schmutzigen Bratsche unter dem Arme, der sich, ohne zu spielen, zitternden Ganges an allen Tischen bettelnd herumschiebt. Er ist, wie fast alle Markusgänger seines Gewerbes, Künstler des Bettels. Morgens trägt er die Armenjacke, da er vom Armenhause Unterhalt bezieht, und erst abends wirft er sich in das künstlerische Geschäftskostüm des »alten Geigers«, in welchem er seine immer noch einträgliche Runde auf dem Markusplatze macht. Auf Bevilacquas Rat haben wir ihn für die nächsten acht Tage mit einem mäßigen Tribute abgefunden und sind nun nicht mehr genötigt, seine Leidensgeschichte von der nicht existierenden kranken Frau und den zahlreichen Kindern zu hören. Aber die sechzehnjährige Margitta mit dem wundervollen dunklen Haar und den sanften Augen des bleichen Gesichts erhält allabendlich ihre Gabe, schon um das lieblich klingende »Son' tanto povera« wieder zu hören, mit dem sie unsere erste Frage, warum sie bettle, beantwortete. Die Blumensträuße darbietenden Nymphen des Markusplatzes entprechen aber allem eher als der reizenden Schilderung, welche Goethe in seinen »Venezianischen Epigrammen« von den zierlichen »Lacerten« jener Zeit entwirft. – Von der vornehmen Gesellschaft Venedigs ist noch wenig zu bemerken, da sie meist noch auf dem Lande weilt. Wenn aber gewissen Mitteilungen kundiger Beobachter zu trauen ist, so bietet sie gleichfalls ein wenig erfreuliches Bild geistiger Verkommenheit und Frivolität. Theater haben wir keins besucht. Dagegen bot sich mir neulich, als ich wieder einmal in den Räumen des Dogenpalastes umherstieg, ein ebenso unerwartetes als originelles Schauspiel dar. Aus einem der großen Bogenfenster blickend, sah ich auf dem flachen Dache eines etwa hundert Schritte entfernten Hauses ein junges Mädchen in einem den Ballettänzerinnen unserer Theater ähnlichen, nur noch bedeutend freieren Anzuge alle möglichen Stellungen, Sprünge und Schwingungen des Leibes in freier Luft einüben. Die Elastizität ihrer Bewegungen, die bei aller Wildheit doch einer gewissen Grazie nicht entbehrten, das Gewagte der Stellungen und Wendungen des halbnackten Leibes, der dabei das schönste Ebenmaß kräftiger Formen zeigte, erinnerten mich lebhaft an die antiken Reliefdarstellungen der Festlust dionysosberauschter Mänaden. Im ersten Augenblicke glaubte ich eine Ballettschülerin zu sehen, die hier auf der Höhe ihres Hauses ihre Übungen anstelle. Aber die Bewegungen hatten etwas viel Stürmischeres und Wilderes, als wir auf unsern modernen Theatern von den dressierten Menschengruppen zu sehen gewohnt sind; es fehlte die monotone Regelrechtheit in diesem Neigen und Beugen des Leibes, in diesem oft bacchantisch wilden Zurückwerfen des von schwarzem Gelock mänadisch umflatterten Hauptes, und Arme und Hände waren in einer Weise ausdrucksvoll tätig bei ihrem Tanze, wie sie bei unsern Ballettänzerinnen vollends nicht gefunden wird. Dazu drang von Zeit zu Zeit ein schriller Laut wie das Aufjauchzen rasender Lustverzückung an mein Ohr. Aber in dem Tanze selbst und in der begleitenden Pantomimik war nichts Laszives und Gemeines, obschon beide augenscheinlich Liebesleidenschaft ausdrückten und einem als anwesend vorgestellten Gegenstande zu gelten schienen. Ein Kustode des Palastes, den ich herbeirief und nach der seltsamen Erscheinung befragte, löste mir das Rätsel durch die Antwort: »È pazza la poveretta! pazza d'amore!« Sie sei guter Leute Kind, und man lasse sie gewähren, da ihr das Tanzen in ihren Anfällen Erleichterung schaffe. Venedig, 1. November 1858 Diesen Tag haben wir fast ganz auf dem Wasser zugebracht, indem wir Murano und die Lidoinsel besuchten und zum Beschlusse eine Fahrt durch den Canal Grande machten. Muranos einst weltberühmte Glasfabriken wollen jetzt wenig mehr besagen; dafür kommt die auf dem Lido errichtete Seebadeanstalt mehr und mehr in Aufnahme. Auf der Rückfahrt genossen wir die herrlichsten Lichteffekte. Alles Mauerwerk an den Gebäuden von St. Elena und am Giardino publico schwimmend in jenem sanften blaßgelben Canalettoschen Lichte der besten Bilder dieses Meisters, das mit der rötlichen Bläue des Himmels und den grünlichen Tinten des Wassers einen überaus reizenden Kontrast bildete. Es war eben noch Zeit, die Fahrt durch die Palaststraße des großen Kanals zu machen. Aber je weiter hinauf, desto trostloser und herzbedrückender erschien ihr Verfall, und der einst so prächtige Fondaco dei Turchi, jetzt das Lagerhaus der Tabaksregie, bot einen gradezu ruinenhaften Anblick. Dazu war alles öde und menschenverlassen in diesen entfernten Stadtteilen, und das Schweigen des Grabes schien über den düstern Seitenkanälen und auf dem einsamen Hafen zu ruhen, in welchem wenige einzelne große Schiffe gespensterhaft unter dem Halbdunkel der heraufziehenden Gewitterwolken zu schlafen schienen. Allmählich entzündete sich die Lichterreihe auf der Giudecca, und beim Umbiegen um die Ecke strahlte uns plötzlich der Glanz der im Gaslicht funkelnden Piazzetta und der Riva um so tröstlicher entgegen, als das dräuende Gewitter mit majestätischen Blitz- und Donnerschlägen in demselben Momente losbrach und uns zwang, Schutz unter den Arkaden des Markusplatzes zu suchen. Auf unsern gestrigen Ausgängen gerieten wir in der Nähe der Santa Maria Formosa in eine enge Gasse, die Ruga Giuffa genannt, und befanden uns plötzlich vor dem Palaste Grimani, dessen Besitzer das unverdiente Glück haben, die herrliche antike Kolossalstatue des Agrippa, welche einst das Vestibül des Pantheons zu Rom zierte, zu besitzen. Unverdient nenne ich das Glück, denn dies kostbare Altertum, das jede Antikensammlung zieren würde, steht noch immer, allen Unbilden der Witterung und sonstiger Beschädigung preisgegeben, aufsichtlos auf dem öden Palasthofe, wo der Tropfenfall von den überhangenden Galeriesimsen den Marmor zerstört und Unkraut aus den Fugen und Spalten des Piedestals hervorwachsen läßt! Einzelne Zehen der Füße sind so locker, daß man sie ohne weiteres abnehmen kann. Und doch ist es nächst dem Pompejus des Palast Spada zu Rom eins der schönsten Porträtdenkmäler des römischen Altertums. Der Sieger der Weltschlacht von Aktium ist als Heros nach griechischer Sitte in fast ganz unbekleideter Nacktheit dargestellt. Er steht wie im Moment des herannahenden Feindes, das kurze Schwert in der Rechten, im Begriff, das Zeichen zum Angriff zu geben, auf dem rechten Fuße; der linke, zurückstehende Fuß und die linke Schulter sind leise gehoben. Der Kopf hat den Ausdruck höchster Rüstigkeit, der Blick der tiefliegenden Augen ist aufmerkend und spähend von konzentriertem, fast finsterm Ernste, der das Wesen der ganzen Erscheinung bildet und mit der Schilderung der Alten von dem Äußern des großen Feldherrn und Staatsmannes (S. Torso, I, 531) übereinstimmt. Die Nackenbildung und die Art, wie der Kopf ansetzt, ist äußerst kräftig, die kurzgegürtete Schwertscheide hängt an der Seite, und die über der linken Schulter hängende Chlamys läßt Brust, Leib und Schultern in ihrer ganzen Mächtigkeit erscheinen. Mit dem schönen Wetter scheint es seit dem Gewitter völlig vorbei zu sein. Die Kälte, welche sich schon seit mehreren Tagen sehr fühlbar macht, ist seitdem für uns fast unerträglich geworden, da unsere neue Wohnung in dem allerdings überaus billigen kleinen Gasthause des Herrn Gibmayr unweit des Markusplatzes den Nachteil hat, noch keine Heizapparate zu besitzen. So werden wir uns wohl trotz des Zuredens unserer lieben Freunde im Palazzo Pisani, in deren gastlichen Räumen wir die angenehmsten Abende in heiterer Geselligkeit zubringen, früher, als es sonst geschehen sein würde, auf den Rückweg nach Deutschland machen, und zwar zu Lande über Carrara und Udine, um der stürmischen Meerfahrt nach Triest zu entgehen, dessen Dampfer schon des Unwetters wegen einmal ausgeblieben sind. Auch ist es verdrießlich, ganz Venedig von Arger und Klagen erfüllt zu sehen über die mit dem letzten Oktober eingetretene Veränderung des Werts der üblichen Münzen, wodurch alle Geschäfte und Verhältnisse des täglichen Verkehrs vom kleinsten bis zum größten in eine unbeschreibliche Verwirrung gebracht worden sind, deren Ende bei dem gänzlichen Mangel an neuen Münzen gar nicht abzusehen ist. Daß diese Finanzmaßregel die allgemeine Unzufriedenheit und Erbitterung gegen die fremdländische Regierung aufs höchste zu steigern geeignet ist, davon konnten wir uns bereits bei zahlreichen Gelegenheiten überzeugen. Und auch dem Fremden ist es verdrießlich, bei jedem kleinsten Einkaufe lange Berechnungen anzustellen und heute für dieselbe Sache fast das Doppelte des gestrigen Preises in der herabgesetzten Münze zahlen zu müssen. Theodor Fontane In den Spreewald Vier Reisekapitel I Von Berlin bis Lübben. Lübbenau. Die Wenden. Wendischer Gottesdienst und wendische Kostüme Der Ruf einer alten Firma hat etwas Langlebiges und Unverwüstliches, er sei nun gut oder schlecht. Die österreichische Landwehr könnte noch so rasch marschieren, sie hieße doch »langsam voran«. Diese Unverwüstlichkeit eines Renomees hat auch unsere arme Spree zur Genüge an sich erfahren müssen. Vergeblich fließt sie in blauer Stattlichkeit am Stralauer Kirchturm vorüber, vergeblich reiht sie – ähnlich wie ihre Schwester, die Havel – See um See an ihrem Bande auf, sie bleibt, was sie war, ein Gegenstand des Spottes, und wenig deutsche Dichter, vor und nach Rückert, hat es gegeben, die nicht schwach genug gewesen wären, an der ohnehin gedrückten Existenz der Armen ihr Mütchen zu kühlen. Sie hat oft die Streiche auffangen müssen, die dem Berlinertum galten, und Berlin, wie sich von selbst versteht, hat ihr's nicht gedankt. Unter ihren Spöttern und Verächtern steht der Spree-Athener obenan. Vielleicht, daß er in sich ginge, wenn er sich entschließen könnte, öfter zu »den Quellen und der Jugend seines Stromes« emporzusteigen. Eine Reise in den Spreewald , das ist's, was wir meinen. Ein einziger Sommertag genügt, um alte Vorurteile zu beseitigen. Eine Tag- und eine Nachtpost fährt zwischen hier und Lübbenau , der Haupt- und Residenzstadt des Spreewaldes. Es liegt auf der Hand, daß es geraten ist, sich der Nachtpost zu bedienen. Denn aller Lokalpatriotismus darf nicht verschweigen, daß der Weg über Lichtenrade und Zossen, über Baruth und Golßen führt, Namen, die auf einen Schlag jene »Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches« vor uns hinrufen, die bis diese Stunde nicht bloß als Witzwort, sondern in aller sandigster Wirklichkeit fortexistiert. Wir verlassen also Berlin am Abend. Mit der Sonne sind wir in Lübben, und der Postwechsel gibt uns Gelegenheit, uns in dem freundlichen Städtchen, einem Vorläufer des Spreewalds, umzusehen. Alles hier ist grün und rot , nicht bloß die Lübbener Jäger, die eben zu einem Appell zusammentreten, sondern die Stadt selber. Jedes Haus nämlich versteckt sich hinter blühenden Oleanderbäumen, die hier in einer Pracht und Fülle sich durch die Straßen ziehen, daß die Berliner Kugelakazie in der Rückerinnerung fast noch steifer und häßlicher wird, als sie ohnehin schon ist. Unsere Bauherren und Baumeister, unsere städtischen Behörden und Straßenverschönerer par excellence (und wie wir es hatten – par force dazu) könnten sich an solcher Lübbener Straße ein Muster nehmen; sie könnten erkennen lernen, worauf es ankommt und daß mit Säulen, die nichts zu tragen, und Karyatiden, die nichts zu stützen haben, die höhere Baukunst auch noch nicht landesüblich wird. Es fehlt bei all unseren Anlagen der Sinn für das Malerische, und wenn ein geschätzter Mitarbeiter dieser Zeitung an ebendieser Stelle hervorhob, daß man in Berlin einfach und selbst nüchtern zu bauen habe, weil die Bodenanlage so nüchtern sei, so ließe sich die Sache vielleicht umkehren und der Kunst die Aufgabe zuweisen, eben da zu helfen und zu lindern, wo die Natur allerdings einen Notstand etabliert hat. Von Lübben bis Lübbenau ist noch eine gute Meile. Der Weg führt am Rande des Spreewalds hin, der zur Linken wie eine weite üppige Wiese sich dehnt, dicht mit Heuschobern und hier und da mit Erlengebüsch bestanden. Den Lübbenauer Kirchturm glauben wir dicht vor uns zu haben, aber er spielt Verstecken mit uns, und immer, wenn wir ihm am nächsten sind, verbirgt er sich wieder, um scheinbar eine halbe Meile seitwärts wieder zum Vorschein zu kommen. Aber nun haben wir ihn wirklich und fahren durch den hochgewölbten Torweg eines Hauses, das nebenbei die Dienste eines Stadttors verrichtet, in Lübbenau hinein. Es ist Sonntag und die Stadt noch stiller als gewöhnlich. Trotzdem ist sie eine Hauptstadt, die unbestrittene Spreewaldresidenz, am Südrande desselben gelegen. An Erscheinung bleibt sie hinter Lübben zurück; die Jäger fehlen ganz, und der Oleander tritt nur sporadisch auf. Es ist eine Garten- und Gärtnerstadt, ähnlich wie Erfurt oder Bamberg , bei deren Nennung nur dem Politiker sich Kongresse und Konferenzen aufdrängen, während das stille Bild der Backpflaume vor die Phantasie des gewöhnlichen Sterblichen tritt. Bei Lübbenau findet keine itio in partes statt, und die Gedanken von hoch und niedrig nehmen dieselbe Richtung. Die Produkte des Spreewaldes haben hier ihren ersten Markt und Stapelplatz und gehen von hier aus in die Welt. In einer Zeit, die diesem dankenswerten Produkt ihren Namen verdankt, ist es vielleicht angebracht, daran zu erinnern, daß Lübbenau das Vaterland der sauren Gurken ist. Die Gurkenzucht blüht im Spreewald, und mehrere Händler und Kaufleute leben von dem An- und Verkauf eines Artikels, den man ohne Frage mit zu den Attributen Berlins oder der Spreegöttin zählen kann. Im vorigen Jahre verkaufte ein einziger Händler 800 Schock pro Woche. Das würde nichts sagen in Hamburg oder Liverpool, wo man gewohnt ist, nach Schiffsladungen zu rechnen, aber »jeder fahrt nach seiner Art«, und »jede Stelle hat ihre Elle«. Dies erwogen, sind die 800 Schock aller Ehren wert. Aber Lübbenau verweilt nicht einseitig bei dem Verkauf eines Artikels, der am Ende den Spott herausfordern könnte; Kürbis kommt hinzu, über dessen allgemeine Verdienstlichkeit die Meinungen freilich geteilt sind, dann aber Meerrettich und vor allem Sellerie , über dessen Reiz und Vorzüge nicht leicht zwei Ansichten auseinandergehen. Die Gelegenheit erscheint mir günstig, überhaupt die Bemerkung zu machen, daß unsere verschrieene Mark ein wahres Eldorado für Feinschmecker ist. Ich verweile nicht bei der mehligen, geplatzten Kartoffel, die in der ganzen Welt nur einmal in ihrer Vollendung vorkommt – das ist auf den Sandbergen der Mark; ich will nicht ein überhebliches Lächeln durch die bloße Nennung eines so trivialen Namens hervorgerufen haben; aber da gibt es viel andere Dinge noch: die Morchel, die Teltower Rübe, die Sellerie. Goethe, der so wenig von den Musen und Grazien in der Mark hielt, war über den Wert der Teltower Rübe mit Pastor Schmidt in Werneuchen durchaus einverstanden. Wir halten nun vor dem Gasthof Zum braunen Hirsch und erhalten unsre Zimmer angewiesen. Das Amt eines großstädtischen Kellners mit kurzer Jacke und langer Serviette war durch eine Spreewald-Schönheit vertreten. Nachdem wir Toilette gemacht, wie sie den Anforderungen Lübbenaus entspricht, und einen Imbiß genommen haben, brechen wir auf, um keine der spärlich zugemessenen Stunden zu verlieren. Ein Leichenzug kommt über den Platz; acht Träger tragen den Sarg, die schwarze Sammetdecke mit dem Kreuz darauf hängt zu beiden Seiten tief herunter, und dem stillen schwarzen Zuge nachblickend, sehen wir ihn durch den Rundbogen jenes Hauses, das halb Haus, halb Tor ist, verschwinden. Solch Anblick ist gerade Dämpfer genug, um den Reiseübermut zu einer Kirchgangsstimmung herabzudrücken. Wir treten (es ist etwa halb neun Uhr) in die Lübbenauer Kirche, um eine wendische Predigt zu hören und eine wendische Gemeinde versammelt zu sehen, lauter Bauern und Kätner aus dem Spreewalde. Allsonntäglich zwischen 7 und 9 findet in der Lübbenauer Pfarrkirche ein solcher wendischer Gottesdienst statt; die städtische Gemeinde versammelt sich zu einer späteren Stunde. Es war ein Reisemalheur, daß wir von dieser Zeiteinteilung nichts gewußt hatten und deshalb eine Stunde später in Lübbenau eintrafen, als es mit Rücksicht auf unsere Reisezwecke wünschenswert gewesen wäre. Der reizendste Anblick nämlich, den man haben kann (ein Anblick, der allein schon eine Reise in den Spreewald lohnen würde) ist der , wenn in aller Sonntagsfrühe die Kirchgänger und Kirchgängerinnen des Spreewalds auf 50 und 100 Böten die verschiedenen Spreearme herunterkommen und, im vollen Sonntagsschmucke vor- und nebeneinander herfahrend, endlich am Parkufer anlegen und unter den Laubengängen des Lynarschen Schlosses hin still und bedächtig der Stadt und Kirche zuschreiten. Diesen prächtigen Korso, bunter, charakteristischer, reizvoller vielleicht als irgendeiner, den man sehen kann, hatten wir versäumt, und wir mußten uns mit dem begnügen, was noch die Kirche und der Ausgang aus derselben bot. Ich nahm meinen Platz neben der Orgel. Männer und Frauen waren getrennt; die Frauen, etwa 70 an der Zahl, saßen unten im Schiff der Kirche; die Männer, kaum 40 oder 50, auf den Bänken des Chors. Die Tracht der Männer unterschied sich in nichts von dem, was im allgemeinen die Tracht des märkischen Bauern ausmacht. Mütze oder Hut und langer, blauer Rock mit besponnenen Knöpfen. Die Ottermützen, die mal eine Rolle gespielt haben mögen, existieren nicht mehr oder sind Staats- und Extrakleid geworden. Für die tägliche häusliche Verrichtung, namentlich zur Winterzeit, existiert allerdings noch eine Art nationales Arbeitskostüm. Die Frauen, überall konservativer als die Männer (nur die kranken machen eine Ausnahme), sind auch hier sich selber treu geblieben und haben der Nivellierkunst unserer Zeit und großen Städte siegreich widerstanden. Sie haben noch ihr altes Spreewaldkostüm und halten es in Ehren. Genau anzugeben, worin die Eigentümlichkeiten dieses Kostüms bestehen, bin ich weder Schneider noch Professor Weiß genug. Der kurze, aber faltenreiche Friesrock, das knappe Mieder, das Busentuch, die Schnallenschuhe, selbst die bunten seidenen Bänder, die über die Brust fallen und mit denen ein großer Luxus getrieben wird, sind Dinge, denen man von gleichem Stoff und Schnitt auch an anderen Orten begegnet, und nur die Haube und Halskrause sind mir als abweichend von dem gewöhnlichen erschienen. Die Halskrause wird nicht allgemein getragen, wo sie aber vorkommt, erinnert sie lebhaft an den Maria-Stuart-Kragen; steife Chabots, die stolz und aufgeblasen wie ein Puterhahn ihr Rad schlagen. Das eigentlich Charakteri[sti]sche aber bleibt die Haube. Es ist eine Mischung von Haube, Hut und Kopftuch und erinnert ebensosehr an die holländischen Tüllkappen wie an die Kopftücher Schlesiens oder des Oderbruchs. Den letzteren stehen sie an Geschmack bei weitem nach; so wie denn selbst der moderne breitkrempige Strohhut (hübsch wie er ist) an Kleidsamkeit mit jenem schwarzen Seidentuch nicht wetteifern kann, das die Oderbrücherin mit Hülfe eines wunderbaren Faltenknotens zu Hut und Haube graziös zusammenschürzt. Es bleibt das Ideal aller Kopfbekleidungen. Ich mag mich für die Richtigkeit meiner Angabe nicht völlig verbürgen, wenn ich folgende Beschreibung der Spreewaldshaube versuche. Eine Art Papier- oder Papphülse von etwas konischer Form bildet das Gestell; über dies Gestell legen sich Tüll und Gaze, Kanten und Bänder und stellen eine Art Spitzhaube her. Ist die Trägerin eine Jungfrau, so hat die Kopfbekleidung hiermit ein Ende; ist sie aber verheiratet, so schlingt sich um diese Haube noch ein Tuch, das je nach Neigung und Vermögen die Haube halb oder völlig verdeckt. Diese Kopftücher sind von der verschiedensten Farbe wie von verschiedenstem Werte. Junge und reiche Frauen schienen schwarze Seide zu tragen; die alten aber schlossen mit rotem Fernambuk-Kattun und selbst mit Ockerfarbe ab. Um nichts zu vergessen, sei noch bemerkt, daß der traditionelle Friesrock nur noch mit Mühe das Feld behauptet; der weltbeherrschende Kattun dringt siegreich vor. Ein alter Spreewäldler, den wir kennenlernten, knüpfte daran die üblichen Betrachtungen über Sittenverderbnis und unausbleiblichen Verfall. »Kleider machen Leute« auch noch in anderem Sinn als dem gewöhnlichen, so sei Ihrem Berichterstatter das lange Verweilen bei diesem Gegenstande verziehen. Die wendische Predigt (wie mancher kirchenvisitatorisch geängstigte Geistliche mag auf den Spreewald wie auf eine Insel ungestörten Friedens blicken) entzieht sich natürlich unserer Kontrolle, und wir glauben ehrlich an die Vollberechtigung jener vereinzelten Schluchze, die im Kirchenschiff laut werden. Die Gemeinde liebt und verehrt ihren Geistlichen, und wo dies Band der Liebe waltet, da ist leicht das Wort gesprochen, das eine Mutter, die gestern ihren Sohn begrub, oder eine arme Witwe zu ehrlichen Tränen hinreißt. Die Predigt ist aus, und der Geistliche spricht das wendische Vaterunser; wir erkennen es an dem abwechselnden Rhythmus der kurzen und langen Sätze. Die Gemeinde folgt halb kniend, mit vorgebeugtem Kopf. Das Amen ist gesprochen, und eine kurze Pause tritt ein. Der Geistliche blättert in seinen Papieren, dann beginnt er die Aufgebote , die Geburts - und Todesanzeigen in deutscher Sprache zu lesen . Das ist sehr charakteristisch. Man sieht deutlich, daß das Wendische nur noch wie was Überkommenes gepflegt und geschont wird. Warum sollte man's ihnen nehmen? Sie lieben es (und mit Recht) und halten fest daran wie an ihren Hauben und Halskrausen. Aber sowie es sich um praktische Dinge handelt, die aufhören, speziell spreewäldisch zu sein, sowie festgestellt werden muß, was im Spreewald lebt und stirbt, was drin heiratet und was getauft wird, so geht es mit dem Wendischen nicht länger. Der Staat, der bloß mit deutschen Ohren hört und nicht Zeit hat, in aller Eile noch wendisch zu lernen, tritt mit der nüchternsten Polizeimiene dazwischen und verlangt deutsche Aufgebote und deutsche Entbindungsanzeigen. Und er hat auch recht. Bei diesen Begegnungen respektive Konflikten zwischen Staat und Spreewald spielt der »Herr Oberpfarrer«, der eben mit milden, freundlichen Worten von dem Tode eines jüngst Dahingeschiedenen spricht, die allerwichtigste Rolle. Er ist nicht bloß der Seelsorger der Spreewäldler, sondern ihr »Sorger« überhaupt. Er ist ihr Dolmetsch, ihr Vermittler mit der draußenliegenden deutschen Welt. Bei Gerichtsverhandlungen ist er so unerläßlich wie bei einer Taufe oder Trauung, und wo sich's um die Entzifferung alter Dokumente, wendischer Freibriefe und Privilegien handelt, muß er zugegen sein, wenn die Verhandlung nicht Schiffbruch leiden soll. Der Oberpfarrer ist ein hoher Sechziger. Wenn Gott ihn abruft, früher oder später, wird Not und Sorge sein, den Mann, den alle kennen und dem alle vertrauen, zu ersetzen. In der Oberlausitz (namentlich in dem sächsischen Teil) wird das Wendische zwar noch gepflegt und Lehrstühle existieren, um diejenigen, die später zum Volke sprechen sollen, auch mit der Sprache des Volks vertraut zu machen; aber der Kreis, aus dem eine Wahl sich nur ermöglicht, ist notwendig ein kleiner und beschränkter, und die Befürchtung mag gerechtfertigt sein, die nicht leicht an einen Ersatzmann für den Oberpfarrer glaubt. Der Gottesdienst ist aus. Steif und stattlich gehen Männer und Frauen an uns vorüber. Das beste Teil ihrer Erscheinung ist eine feste und würdevolle Haltung. Die Köpfe sind charaktervoll, aber nicht hübsch; einzelne fielen mir auf durch eine vornehme Herbigkeit ihrer Züge. Ein männlicher Ausdruck ist vorherrschend, auch bei den Frauen. Mager, streng, lederfarben, in Ausdruck und Haltung voll Würde, erinnerten sie mich an die Unkas und Chingachgooks, womit die Cooperschen Romane vor fast 30 Jahren unsere Phantasie bevölkerten. Wir kehrten nun in unseren Gasthof zurück, wo uns Kantor C., der mit dem Oberpfarrcr die Liebe und Achtung der Gemeinde teilt, empfing. Wer den Spreewald bereisen will (und es ist Zweck dieser Darstellung, dazu aufzufordern), der suche sich zuerst eine Empfehlung an den Herrn Kantor zu verschaffen. Scheitert er damit, so wird ein Besuch ex abrupto auch zum Ziele führen, wenn nur der Reisende ein aufrichtiges Herz für den Spreewald mitbringt und nicht zufällig Hochzeit oder Begräbnis im Städtchen ist. Ist das der Fall, so kann ihn der Kantor nicht retten, und alle Gastlichkeit und Humanität desselben scheitert an seinem Amt und der unerbittlichen Gesangslust der Wenden. Gesungen muß werden . Sterben und geboren werden sind nur Erscheinungen innerhalb des Zeitlichen, Musik aber ist das Ewige und umfängt wie ein Zirkel jenen Wechsel der Dinge, den wir Leben nennen. Wo die Musik eine solche Rolle spielt, muß es mit einem Kantor natürlich etwas auf sich haben; er ist das Salz der Speise, die Würze jedes Festes, und sein Name und seine Lieder sind Haushaltworte in jedem Wendendorf. Im Spreewald mußt du springen können, Von Boot zu Boot dich schwingen können Und singen können, singen können Mußt du vor allen Dingen können. Und soll ein Glück gelingen können, Muß deine Seele klingen können, Ja singen können, singen können Mußt du vor allen Dingen können. Wir wurden dem Herrn Kantor (durch den Mentor und Alterspräsidenten unseres Kreises) vorgestellt, gaben ihm sofort unser Vertrauensvotum, ernannten ihn zum Diktator des Tages und folgten von nun ab seiner Führung. »Spreewald« Losung und Feldgeschrei. II Die Spreewaldsfahrt. Lehde, ein Dorf-Venedig. Der Kanal. Der Ur-Spreewald. Frau Schenker und das Wirtshaus Zur Eiche. Zunächst durch die Stadt, dann durch den Lynarschen Park hindurch, gelangten wir in fünf Minuten an den Hauptspreearm, wo unsre Gondel im Schatten eines Buchenganges, der seine Zweige weit über das Ufer hinaus erstreckte, bereitlag. Es war schwer zu sagen, was mehr einlud, die Landschaft oder die Gondel. Drei Bänke mit Polster und Rückenlehne versprachen möglichste Bequemlichkeit, und ein Tragekorb von bemerkenswertem Umfang, aus dem rotgesiegelte Flaschen hervorlugten, wenn der Wind die Serviette ein wenig zur Seite wehte, deutete unverkennbar an, daß sich allerhand Luxusanfänge mit im Gefolge des Komfort befanden. Am Stern des Boots, das lange Ruder in der Hand, stand Bootführer Birkig, seines Zeichens ein Nachtwächter, heut aber engagiert, über Wohl und Weh dieses Tages zu wachen. Wir stiegen ein, und die Fahrt begann. Gleich die erste halbe Meile, einschließlich des Dorfes Lehde, das wir bald erreichen werden, ist ein landschaftliches Kabinettsstück und übertrifft insofern alle andern Bilder, die der Tag uns bringen wird, als es die Eigentümlichkeiten der Spreewaldlandschaft am klarsten und übersichtlichsten zeigt. Der Spreewald ist nämlich ein Wassernetz, das aus unzähligen Spreearmen und Spreekanälen geflochten wird, und diejenigen Stellen desselben, die diesen Netz- und Inselcharakter am deutlichsten zeigen, müssen, wenigstens landschaftlich, das Hauptinteresse in Anspruch nehmen. Denn man würde sich irren, wenn man glauben wollte, daß dieser Inselcharakter einem überall unverkennbar entgegenträte; nur derjenige, der in einem Luftballon über dieses vieldurchschnittene Terrain hinwegflöge, würde die blauen Fäden des Netzes und die unzähligen Inselmaschen in aller Deutlichkeit zu Füßen haben. Wer aber im Kahn diese Wasserlinien hinauf- und hinunterfährt, wird nur an wenigen Stellen dieser Vieldurchschnittenheit gewahr und findet die Eigentümlichkeiten des Spreewalds nicht überall so musterkartenartig vor sich ausgebreitet wie auf dem Wege, den wir jetzt passieren. Das Inselland zu beiden Seiten verrät ebensosehr die Fruchtbarkeit des Bodens wie die Hand der Kultur. Zwischen den Heuschobern und Wiesenflächen, die sich wie zwei einander drängende Generationen den Rang streitig zu machen scheinen, dehnen sich weite Gurkenfelder, auch in einem Drängen von Blüte und Frucht. Der Boden dieser Felder ist kultiviert wie Gartenerde. Der reiche Viehstand der Dörfer schafft eine Düngererde, die über Meilen hin das Fundament, den goldenen Unterbau dieses Bodens bildet. Nun folgen die Mischungen und Verdünnungen, aus denen sich dann die verschiedenen Erdreiche ergeben, wie dieses oder jenes Produkt des Spreewalds sie erheischt. Die Wassergewächse, die uns stromauf begleiten, bleiben dieselben; Butomus und Sagittaria lösen sich untereinander ab, nur hier und da gesellt sich ein Vergißmeinnicht hinzu. Es ist Sonntag, die Arbeit ruht, und die große Fahrstraße ist verhältnismäßig leer; nur selten treibt ein Kahn an uns vorüber, mit frischem Heu beladen oder mit Fischnetzen umstellt. Bursche und Mädchen handhaben das Ruder mit gleichem Geschick. Sie sitzen nicht auf der Ruderbank oder schlagen taktmäßig ins Wasser, sondern nach Art der Gondoliere stehen sie aufrecht am Hinterteil des Boots und treiben es vorwärts, nicht durch Schlag, sondern durch Stoß . Dies Aufrechtstehen, gepaart mit einer beständigen Anstrengung aller Kräfte, hat dem ganzen Volksstamm eine Haltung und Straffheit gegeben, die man bei unseren Dorfbewohnern nur allzuoft vermißt. Der Knecht, der vornüber im Sattel hängt oder, den Schwamm seiner Pfeife anpinkend, mit einem schläfrigen Hoi die Pferde antreibt, kommt nicht in die Lage, seine Schulterblätter zusammenzuziehen und sein halb krummgebogenes Rückgrat wie eine Weidenrute wieder geradezubiegen; der Spreewäldler aber, dem nicht Pferd, nicht Wagen die Arbeit seiner Füße abnimmt, steht immer auf dem Quivive, tätig, angespannt und hat nur die Wahl zwischen Anstrengung oder zu Hause bleiben. Die halbwache Halbarbeit kennt er nicht. Wenn es schon ein reizender Anblick ist, diese schlanken und stattlichen Leute in ihren Booten vorüberfahren zu sehen, so steigert sich dieser Reiz im Winter, wo jeder Bootfahrer ein Schlittschuhläufer wird. Das ist dann die eigentliche Schaustellung ihrer Kraft und Geschicklichkeit. Dann sind Fluß und Inseln eine gemeinschaftliche Eisfläche, und ein paar Bretter unter den Füßen, die halb Schlitten, halb Schlittschuh sind, dazu eine sieben Fuß lange Eisstange in der Hand, schleudert sich jetzt der Spreewäldler mit mächtigen Stößen weit über die blinkende Fläche hin. Dann tragen sie auch ihr nationales Kostüm: kurzen Leinwandrock und leinene Hosen, beide mit dickem Fries gefüttert, und Spreewaldstiefel, die fast bis an die Hüfte reichen. Noch einmal, es ist Sonntag, und die Arbeit ruht. Aber an Wochentagen ist diese Straße, die wir jetzt still hinauffahren, von früh bis spät belebt, und alles nur Denkbare, was sonst auf Landstraßen geht und läuft und fährt und kreucht, das gleitet dann auf dieser Wasserstraße hinab und hinauf. Selbst die reichen Herden dieser Gegenden wirbeln keinen Staub auf, sondern werden ins Boot getrieben und machen die Wasserreise. So ist der tägliche Verkehr auf diesem Wasserstraßennetz; nur unterbrochen, wenn auf blumengeschmücktem Kahn, Musik vorauf, die Braut zur Kirche fährt oder wenn still und einsam, von Leidtragenden gefolgt, ein schwarzverhangenes Boot stromabwärts gleitet. Der Glanz- und Ehrentag dieser Gegenden aber war, als König Friedrich Wilhelm IV. (1842) auch diesen Landesteil besuchte und die Spreewaldboote, bunt und zahlreich wie die Fische, hinter der königlichen Gondel her schwammen. Einzelne Häuser werden sichtbar; wir haben Lehde, das erste Spreewalddorf, erreicht. Es ist ein bäuerliches Venedig, die Lagunenstadt in Taschenformat; ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag, als die ersten Fischerfamilien auf seinen Inseln Schutz suchten. Man kann nichts Lieblicheres sehen als dieses Inseldorf, das aus ebenso vielen Eilanden besteht, als es Häuser hat. Die Spree bildet die große Dorfstraße, allerhand Arme und Kanäle die Gassen. Wo sonst ein Heckenzaun sich zieht, um die Stelle zu markieren, wo ein Grundstück aufhört und das andere anfängt, ziehen sich hier Kanäle und Kanälchen, und jedes Bauernhaus ist ein abgeschlossenes Ganzes, das in der Umzäunung seiner Gräben daliegt wie eine Friedensburg. Die einzelnen Höfe, untereinander in kleinen Zügen verschieden, sind in der Grundanlage alle gleich. Dicht an der Spreestraße steht das Wohnhaus, ziemlich nah daran die Stallgebäude, und klafterweis aufgeschichtetes Erlenholz umzirkelt mehr oder weniger den Kreis des Inselchens. Obstbäume und Düngerhaufen, Blumenbeete und Fischkasten teilen im übrigen das Terrain und geben in ihrer Gedrängtheit die reizendsten Bilder. Jedes wie fertig, um gemalt zu werden. Das Wohnhaus selbst ist ein Blockhaus. Spreewaldeichen, horizontal übereinandergelegt, werden zusammengefugt und geben das alte, traditionelle Haus. Die Fugen werden mit Lehm verschmiert, dazu kleine Fenster und dem ganzen ein tüchtiges Schilfdach aufgesetzt, so ist das Haus fertig. Seine Schönheit besteht in seiner Ornamentik. Fischnetze und Gurkenblüte legen den Grund, und Geißblatt und Convolvulus schlingen sich mit allen Farben hindurch. Zwischen Haus und Fluß liegt ein Grasplatz, dessen letzter Ausläufer ein Holzsteg ist. Um ihn herum gruppieren sich die Kähne, klein und groß, immer dienstbereit, sei es nun, um einen Heuschober in den Stall zu schaffen oder einem Liebespaar bei seinem Stelldichein behülflich zu sein. Die letzten Häuser von Lehde liegen hinter uns, und wieder dehnen sich Wiesen zu beiden Seiten, nur hier und da durch Erlengruppen oder eine einzelne alte Eiche unterbrochen. In südöstlicher Richtung geht es stroman, jetzt eine Biegung, eine zweite noch, und unser Kahn gleitet in einen geradlinigen Kanal hinein, der die Hauptverbindungsstraße zwischen den zwei Hauptarmen der Spree bildet. Dieser Kanal, mindestens eine halbe Meile lang, zählt mit zu den Schönheiten und Sehenswürdigkeiten des Spreewaldes. Im allgemeinen darf man wohl mit einigem Recht behaupten, daß es nichts Langweiligeres gibt als einen langen, geradlinigen Kanal. Zieht er sich durch Wiesen und Niederungen, so wird die Sache noch schlimmer; nur ein norddeutscher Schienenweg, der daliegt, als sollte man direkt von Berlin bis Hamburg sehen, geht noch darüber. Jede Regel aber hat ihre Ausnahme, und der Kanal, in den wir eben einbiegen, ist eine solche. Ein Vergleich mag ihn beschreiben. Jeder kennt die geradlinigen, langgestreckten Laubengänge, die sich unter dem Namen der Poeten- und Philosophensteige in allen Le Nôtreschen Parkanlagen vorfinden. Auch unser Tiergarten hat dergleichen. Ein solcher Poetensteig ist der Kanal, der jetzt in seiner ganzen Länge vor uns liegt. Statt des Fußpfades ein Wasserstreifen, das gewölbte Laubdach über uns, so gleiten wir die Straße hinauf, die, wie eine Düte sich zuspitzend, an ihrem äußersten Ende ein phantastisch verkleinertes, halb erkennbares, halb verschwommenes Pflanzenleben zeigt, als begänne dort unten das Reich der Feen und Geister. Wir erreichen endlich diese äußerste Spitze, statt aber ins Reich der Geister einzufahren, biegen wir nur in einen breiten, zu beiden Seiten mit Erlenwald umstandenen Spreearm ein, der uns in etwa einer Stunde nach »Der Eiche«, einem mitten im Spreewald gelegenen Wirtshaus, führt. Diese Partie des Spreewaldes, die wir nun teils durchfahren, teils durchwandern, ist der eigentliche Spreewald, der Spreewald, wie er war, der Ur-Spreewald. Die Forst zur linken Seite des Wassers ist königlich, die zur rechten gräflich Lynarsches Eigentum, beide Besitzer aber sind übereingekommen, hier im Herzen des Spreewaldes eine Strecke von etwa einer halben Quadratmeile intakt zu erhalten, um Kind und Kindeskindern wenigstens eine Probe davon zu geben, was der Spreewald in seinen guten, alten Tagen war. Daß diese Musterstelle, hinsichtlich ihres Alters und ihrer Echtheit, ein gut gewähltes Spezimen ist, habe ich kein Recht zu bezweifeln; daß es aber mit der Schönheit und selbst der Apartheit dieser Stelle etwas Besonderes auf sich habe, darf ich entschieden in Abrede stellen. Es ist ein voll- und dichtbestandener Erlenwald, wie es ihrer in sumpfigen Niederungen allerorten gibt. Auch der Flußarm, der sich in ziemlicher Breite hindurchwindet, bietet nichts Besonderes. Überhaupt stehe hier die Bemerkung, daß der Spreewald nur dort reizend und eigentümlich ist, wo Leben und Kultur sich ihm zugesellt. Die Dörfer und ihre Felder, die Menschen und ihre Trachten sind sein Reiz, nicht jene Wiesen und Waldflächen, die, so wohl sie den Augen des Städters tun mögen, doch nichts bieten, was über das Gewöhnliche weit hinausginge. Eines sei freilich nicht vergessen. Wir machten unsere Reise um zwei Monate zu spät. Der Herbst weht früh über den Spreewald hin und nimmt ihm die Attribute des Frühlings: die Blumen und die Vögel. Das Grün der Wiesen und des Laubholzes hält sich bis tief in den Oktober hinein, aber alle anderen Farben verblassen früh. Fast noch früher stirbt der Klang. Ende Juni singt kein Vogel mehr. Es mag zugegeben sein, daß es im Ur-Spreewald anders aussieht, wenn die Pfingstsonne im Wasser tanzt und Klang und Farbe diese grünen Büsche beleben und durchziehen. Eine Stunde sind wir gefahren (dann und wann ans Ufer springend und uns durchschlagend durch allerhand Schlangen kraut, das hier seinen Namen mit doppeltem Rechte führt), und »Die Eiche« ist endlich erreicht. Das Gasthaus, das uns aufnimmt, ist ein Haus in echtem Spreewaldstil und unterscheidet sich in nichts von den Blockhäusern des Dorfes Lehde. Deutsche indes und nicht Wenden scheinen von alten Zeiten her hier heimisch gewesen zu sein, denn nicht nur daß die »Schenkers« (ein unverkennbar deutscher Name) schon in der dritten Generation hier haushalten, auch ein alter, mühsam zu entziffernder Spruch über der Haustür läßt über die deutsche Abstammung keinen Zweifel. Dieser Spruch lautet: Wir bauen oftmals feste Und sind nur fremde Gäste; Wo wir sollten ewig sein, Da bauen wir ja wenig ein. Das sind nicht nur deutsche Worte , es ist deutsch im Innersten. Frau Schenker ist eine freundliche Frau und eine stattliche Großmutter. Ob deutsch oder wendisch, gleichviel, sie hängt am Spreewald und liebt alles, was zu ihm gehört. Besonders die Spree und ihr Wasser. Wenn man im Geiste gegenwärtig hat, was unsre Spree auf ihrem kurzen Laufe zwischen Ober- und Unterbaum an Unbilden ertragen muß, so errötet man unwillkürlich, wenn man Frau Schenker über ihre Freundin, die Spree, und ihren Freund, das Spreewasser, sprechen hört. Ich kam in Scham und Verlegenheit, wie wenn man einen unscheinbaren Menschen unwürdig oder rücksichtslos behandelt hat und hinterher erfährt, daß er brav und gut und der Liebling seines Kreises sei. Zum Glück bemerkte Frau Schenker nicht, was in mir vorging, und ich hatte Zeit, den Kampf mit meinem Gewissen durchzukämpfen, während sie ruhig fortfuhr und mir erzählte, daß alle Spreewaldrekruten, die nach Berlin kämen, monatelang krank würden von unserem Brunnenwasser. Es widerstände ihrem Magen, und ihre Haut würde rauh und brüchig, als herrsche die bitterste Kälte. Inzwischen ist die Tafel gedeckt worden, und unser Spreewaldsmahl beginnt. Kann man reizender dinieren! Der Tisch mit dem weißen Linnen steht unter einer mächtigen Linde, vor uns haben wir das Haus, hinter uns die Spree und den Wald. Neben uns zwischen dem Haus und den Stallgebäuden wölbt sich eine hohe Laube von Pfeifenkraut, und in dem Eingang zur Laube, wie Puck auf einem Pilz, sitzt Frau Schenkers jüngste Enkelin auf einem Erlenstumpf und sieht, das lachende Gesicht unter dem roten Kopftuch halb verborgen, neugierig-verschämt zu uns herüber. Und nun das Mahl selber! Das wäre kein Spreewaldsmahl, wenn kein Hecht auf dem Tische stände, und das wäre kein Hecht, wenn ihn nicht die berühmte Spreewaldssauce begleitete, die mir wichtig genug erscheint, um hier das Rezept in seinen äußersten Umrissen folgen zu lassen. Das Geheimnis dieser Sauce (die im übrigen dem landesüblichen Kochbuch folgt) ruht in der kurzen Formel: wenig Butter, aber viel Sahne. Probatum est. Der Spreewaldshecht hat eine Leber wie andere ehrliche Hechte, und alsbald beginnen wir mit einem: Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Schleie, Der Fisch will trinken, gebt ihm was, daß er vor Durst nicht schreie. Mit diesem zeitgemäßen Leberreim ging es an die Entpuppung des Korbes, der bereits während der Fahrt mehr als einen interessierten Blick auf sich gezogen hatte. Das erste Glas galt, wie billig, der Wirtin: Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Lachse, Frau Schenker und ihr ganzes Haus, es lebe und es wachse. So ging es weiter und schloß endlich mit dem Jubelhymnus ab: Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Störe, Herr Kantor C. von Lübbenau ist König der Kantöre. III Die Irrfahrt. Nixen im Sonnenschein. Kätner Post. Das Terzett. Dorf Leipe. Rückfahrt nach Lübbenau Es war inzwischen Nachmittag geworden, und wir schickten uns zur Weiterreise an. Noch viel war zu sehen; die Dörfer Burg und Leipe und in der Nähe des ersteren ein Stück Hügelland, darauf das Schloß des letzten Wendenkönigs gestanden haben soll . Dies »soll« stimmte unseren Eifer ein wenig herab, und als uns der Bootführer vertraulich versicherte, daß eigentlich nichts zu sehen sei als ein Grasplatz, waren wir ziemlich entschlossen, die Geister der alten Wendenburg in ihrem Nachmittagsschlaf nicht zu stören. In diesem Entschluß lag eine Mißachtung; vielleicht daß sie uns deshalb einen Streich spielten. Die Kanäle vor und neben uns wurden immer flacher und seichter; endlich saßen wir fest wie die Preußen auf dem Marsche nach Waterloo. »Es geht nicht«, murmelte der Bootführer. »Es muß gehen«, erwiderte der Kantor, wie Marschall Vorwärts, und sprang ans Ufer. Und siehe da, es ging. Auf zehn Minuten war nun Rat geschafft, aber andere Nöte kamen. Die seichten Stellen waren glücklich passiert, wir hatten wieder Wasser unterm Kiel, aber die Richtung war uns verlorengegangen. Das ganze Terrain eine Terra incognita. Der Kantor, der eben noch Marschall Vorwärts war, war jetzt Kolumbus, Bootsführer Birkig die meuterische Mannschaft und wir – geteilt in unseren Ansichten, wie ein Neutraler, der zwei Zeitungen liest. Der Kantor wies unerschütterlich gen Westen und sah sich in seiner Festigkeit belohnt. Wir kamen an einen Punkt, den ich am besten als einen Kreuzweg bezeichne. Nach vier verschiedenen Seiten hin dehnten sich Flußarme und Kanäle. Dieser Moment äußerster Not und Verwirrung war zugleich der Moment unserer Rettung. Just an der Stelle, wo zwei Arme in spitzem Winkel sich kreuzten, stand ein Bauernhaus, dessen weiße Wände aus Blumen und Fischernetzen freundlich hervorsahen. Und welch Leben um dieses Haus her. In der Tür saß eine ältliche Frau mit einem Säugling auf dem Arm, dicht am Ufer aber, den einen Fuß bereits im Kahn, stand ein hoch aufgeschossener Mann von mittleren Jahren und dirigierte seine Kinder, die eben jubelnd und plätschernd ihr Nachmittagsbad im Flusse nahmen. Es waren ihrer sieben, das älteste elf, das jüngste kaum vier Jahr alt. Wäre man allein des Weges gekommen und hätte eine Wolke das Haus hinweggenommen, dessen Lehmwände zu sehr an die Schwere irdischer Dinge erinnerten, so hätte man glauben können, ein Märchen an hellem, lichtem Tage zu erleben. Aus blondem Haar und Sonnenschein, aus Lachen und Kinderunschuld wob sich hier ein Bild, das auf uns alle den tiefsten Eindruck machte und uns auf Minuten sprachlos dastehen ließ, als starrten wir wirklich in eine feenhafte Welt. Und wir störten diese Welt nicht, das war ihr höchster Zauber. Ungeängstigt und von keiner Scham überkommen, die das Bekenntnis unsrer Sünde ist, spielten die Kinder weiter und tauchten unter und prusteten das Wasser in die Höh, wie junge Delphine, die am Ufer spielen. Das älteste Mädchen war wie eine Nixe, die Augen lachten, und das lange aufgelöste Haar schwamm wie Sonnenschein neben ihr her. Bootführer Birkig rekolliierte sich zuerst. Wer ein Amt hat, ist immer am schußfestesten gegen die Geister. Uns berührte es fast wie Profanation, als er plötzlich in einem Patois von deutsch und wendisch zu dem Mann am Ufer hinüberrief: »ob es noch weit sei bis zur Wendenburg«. Der Mann am Ufer, der in unserer Seele gelesen haben mußte, antwortete mit einem Ausdruck, als ob es sich um die Antipoden handelte, »sehr weit«. Wie ein Stein fiel es von uns; auch die letzte Chance des historischen Grasplatzes erlag diesem Schlage. Nachdem der Kantor und der Bootführer ein kurzes Gespräch geführt hatten, dessen Inhalt uns nicht lange ein Geheimnis bleiben sollte, klang jetzt eine zweite Frage über das Wasser hin. Sie hatte, wie wir gleich sehen werden, keinen historischen Hintergrund und lautete, da die Wahrheit nicht länger verschwiegen werden kann, »ob er uns Kaffee koche wolle«. Das bereitwilligste »Ja« schallte zurück, und nach fünf Minuten schon sprangen wir ans Ufer, hinter dessen Büschen die Kinder noch in allen Stadien der Toilette standen und lagen. Der jüngste Blondkopf war noch immer ein bloßer Delphin, aber ans Land geworfen. Kätner Post , so hieß der Besitzer, machte die Honneurs des Hauses und forderte uns auf, einzutreten. Wir zogen begreiflicherweise einen Platz im Freien vor und machten's uns auf einem Rasenplatze, der schattig zwischen Haus und Garten lag, nach Möglichkeit bequem. Was an Tisch und Bänken im Hause war, stand bald draußen, und auf dem Tische klapperten alsbald die Tassen, die an bessere Zeiten mahnten. Kätner Post war nämlich aus einer alten Spreewälder Kantorenfamilie, selbst Geistliche waren sporadisch in ihr aufgetaucht, und ein unverkennbarer Unmut lag auf dem Gesicht des Mannes über sein Zurückgebliebensein hinter den historischen Rangverhältnissen seiner Familie. Er sprach es auch unumwunden aus und zuckte dabei mit den Lippen. Überhaupt verriet sein ganzes Wesen eine intelligente Nervosität, wie man ihr bei Leuten seines Standes nur selten begegnet. Es war ein kostbarer Nachmittag, und wir sprachen von Krieg und Frieden. An einer Stelle, wo nur das Dzien dobry zu Haus war, flogen jetzt Magenta und Solferino wie Haushaltworte umher, und der Name Villafranca wurde in fünf Minuten häufiger genannt, als dieses Spreewaldinselchen von Anbeginn der Tage her ihn je gehört hat und vielleicht je wieder hören wird. Wer weiß, welche Zusatzparagraphen zu den Präliminarien wir in aller Eile noch redigiert hätten, wenn nicht plötzlich unsere Sinne von dem Kampf und Streit dieser Welt abgelenkt und in schlichter, aber rührender Weise an den Quell alles Friedens gemahnt worden wären. Neben Kätner Post standen zwei seiner Jungen, und mit jener unwiderstehlichen Innigkeit, die Kinderstimmen eigen ist, klang es jetzt durch die stille Luft: Jesu, geh voran, auf der Lebensbahn, Und wir wollen nicht verweilen, Dir getreulich nachzueilen, Führ uns an der Hand, bis ins Vaterland. Hier machte der Alte eine Pause, wie um abzuwarten, ob er uns nicht lästig fiele, dann intonierte er wieder, und die Kinderstimmen fielen ein: Soll's uns hart ergehn, laß uns feste stehn Und auch in den schwersten Tagen Niemals über Lasten klagen, Denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir. Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, Kümmert uns ein fremdes Leiden, O so gib Geduld zu beiden, Richte unsern Sinn auf das Ende hin. Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch rauhe Wege, Gib uns auch die nötige Pflege, Tu uns nach dem Lauf deine Türe auf. Das Lied hätte zwanzig Strophen haben können, wir wären willig gefolgt. Text und Musik klangen noch in unserer Seele nach, und niemand hatte recht den Mut, mit einem »Sehr hübsch« den Zauber zu unterbrechen oder gar unvermittelt bei Solferino wieder anzuknüpfen. Endlich räusperte sich der Mentor unseres Kreises (dem als dem Anreger und Urheber unserer Spreewaldsfahrt der pflichtschuldigste Dank nicht länger vorenthalten sei) und sprach etwa wie folgt: »Sie sind alle ergriffen, ich bin es doppelt. Daß Ihnen dieses Lied hier begegnet, ist – in aller Demut sei es gesagt – zum guten Teile mein Verdienst. Es sind jetzt gerade fünf Jahre, daß ich auf einer ähnlichen Reise, wie die ist, die wir heute machen, in eine Dorfschule trat und das schöne Lied ›Der Seelenbräutigam‹ in jener rhythmischen Form singen hörte, in der Sie es eben vernommen haben. In dieser Form, der niemand eine besondere Schönheit absprechen wird, wirkte das längst bekannte Lied wie etwas völlig Neues auf mich und riß mich fort durch Kraft, Innigkeit und Frische. Unmittelbar nach meiner Rückkehr nahm ich Veranlassung, dies Lied in seiner neuen rhythmischen Form zu veröffentlichen, und wählte dazu das Schulblatt für die Provinz Brandenburg . Ich weiß, daß es seitdem vielfach Eingang gefunden hat; hier zum ersten Male trat es lebendig an mich heran. Sie sehen, man streue nur gute Körner aus und sorge nicht, was aus ihnen wird; irgendwo gehen sie auf, und wenn es im stillsten Winkel des Spreewalds wäre.« Die Sonne neigte sich und mahnte zum Aufbruch. Noch reizende Partien kamen, weite Wiesenflächen rundum mit Erlen und Eichen bestanden, aber der Höhenpunkt des Festes lag hinter uns. Bei guter Zeit noch erreichten wir Leipe, ein zweites Dorf-Venedig, das uns den Wunsch auf die Lippen legte, »wenn man nicht Lehde wäre, möchte man Leipe sein«. Die größte Sehenswürdigkeit Leipes ist seine schöne Wirtsfrau, die vor vier oder fünf Jahren auch in Berlin war und, in ihrem wendischen Kostüm den Krollschen Garten besuchend, ein halbes Hundert junge Berliner aus dem Häuschen gebracht haben soll. Wir fanden sie nett und nicht anmaßlich, wie sonst wohl solche Triumphe zu machen pflegen. Auch Gesellschaft fanden wir in Leipe – Landsleute und Maler, die, wie uns, der wachsende Ruf des Spreewalds ins Grüne gelockt hatte. Mit ihnen fuhren wir heim, Boot an Boot. Wort und Lachen klang herüber und hinüber. Ein kalter Grog, der aus Rum und Spreewasser gebraut wurde, hielt die Abendkühle von uns fern. Aber nicht auf lange; die Nebel wurden dichter, und Kleid und Paletot forderten endlich ihr Recht. Die Unterhaltung schwieg, und lautlos glitten die beiden Boote nebeneinanderher. Nichts unterbrach die Stille als der taktmäßige Ruck der Ruderstöße und das leise Plätschern des Wassers. Der Lübbenauer Kirchturm, der schwarz wie eine Feueresse dastand, schlug zehn, als wir im Schatten der Parkbäume wieder anlegten. Der Braune Hirsch nahm uns in seinen gastlichen Betten auf, Bootführer Birkig aber (Gott segne es ihm) ging seinem Dienste nach, um mit Horn und Spieß für Lübbenau und seine Spreewaldgäste zu wachen. IV Der Lynarsche Park. Warwick-Castle und Schloß Lübbenau. Die Prophezeiung. Das Wappen der Lynars und das Märchen vom Schlangenkönig. Schluß Wir wachten auf, so frisch und gekräftigt, als hätten wir noch im Traume den Kätner Post und seine Blondköpfe singen hören. Keiner von uns konnte sagen, wie oft Bootführer Birkig die Stunde gerufen und die Lübbenauer aufgefordert hatte, »das Feuer und das Licht zu bewahren«. Vielleicht wußt er's selber nicht. Der nächste Morgen brachte uns noch ein Reisedessert: den Besuch des Lynarschen Parks . Er liegt, wenn ich mich recht orientiert habe, auf einer Halbinsel, die durch zwei Spreearme gebildet wird. Schöne Baumpartien ziehen sich an beiden Längsseiten hin und gewähren an einzelnen Stellen, durch das Laub der Bäume hindurch, reizende Blicke in die Wiesenlandschaft hinein. Man übersieht, je nach der Aufstellung, die man nimmt, zwei ganz verschiedene Teile des Spreewalds: nach Norden hin die reichen Felder, die zwischen Lehde und Leipe liegen, nach Westen hin das Wiesenterrain zwischen Lübben und Lübbenau. An dieser seiner nördlichen Lisière ist der Park von ganz besonderer Schönheit, und die Edeltannen und moosbewachsenen Steinbänke, vor allem die Spree selbst, die wie ein tiefer Wallgraben mit Schilf und Schlingkraut und Erlengebüsch uns unmittelbar zu Füßen lag, erinnerten mich an den Park von Warwick-Castle, wo sich, wie hier die Spree, so dort der Avon an moosigen Steinbänken vorüberzieht und durch die Erlenbüsche hindurch einen Einblick in die Wiesengründe »des Herzens von England« gestattet. Freilich, im selben Augenblick, wo wir uns zur Linken wenden und statt der grauen Wände von Warwick-Castle die gelbgetünchten Wände eines modernen Schloßbaues erscheinen sehen, schwindet die Möglichkeit eines ferneren Vergleichs, und wir sind wieder in der Lausitz, an der Grenze unserer heimatlichen Mark. Damit aber sei kein Tadel ausgesprochen. Es ist ein mäßiger Vorwurf, nicht so schön zu sein wie die Venus von Milo. Der moderne Bau vor uns ist kaum 30 Jahre alt. Bis dahin stand hier ein altes Schloß, an dessen Niederreißung sich folgende liebliche Sage knüpft: Die Lynars, so heißt es, waren von alten Zeiten her nicht glücklich in ihrer Ehe. Friede wurde Unfriede, Segen wurde Unsegen, man trug es von Geschlecht zu Geschlecht wie einen Fluch. Als der jetzt lebende Graf dem Tage seiner Vermählung nahe war und voll innigster Liebe zu seiner Braut des harten Geschicks gedachte, das auch ihrer warten möchte, trat eine Zigeunermutter an ihn heran und sagte: »Begrab das Schloß, so begräbst du euren Fluch.« Der Graf, ein frommer Mann, übersetzte sich das Zigeunerwort in seine Sprache. Das Opfer ist Quell alles Segens, so dachte er. Der alte Bau fiel, und das junge Paar zog ein in neue Räume. Da steht das Schloß jetzt, eine Mahnung, daß die Liebe das höchste Gebot sei. »Und hat es geholfen?« Ja, es hat . Die Freudigkeit des Opfers ist mächtiger gewesen als die Ungunst des Geschickes. Friede zog ein und Glück und Segen. Die Gräfin ist tot jetzt. »Sie war ein Engel«, sagte mein Erzähler. Das neue Schloß ist ein stattlicher Bau, der gewinnen wird, wenn er erst seinerseits ein paar hundert Jahre auf dem Rücken trägt. Zwei lange Flügel stoßen beinahe rechtwinklig aufeinander; die Linie, wo sie sich berühren, ist abgestumpft und bildet nun ein schmales Mittelstück (Corps de Logis). Der ganze Bau wird von zwei abgestumpften Türmen überragt, die sich an die Rückenfront des Corps de Logis anlehnen und mit ihren Fundamenten die Einfassung einer Freitreppe bilden. Die Vorderfront, der es an Ornamentik fehlt, zeigt als einzigen Punkt, worauf das Auge ausruhen kann, das Lynarsche Wappen , zwei Felder mit blühendem Lein, zwei andere mit einer gewundenen Schlange. Die Schlangen und das Haus Lynar leben seit alter Zeit auf einem guten Fuß. Ob man aus Liebe zu den Schlangen die Schlange ins Wappen aufgenommen oder, umgekehrt, aus Liebe zum Wappen sich mit den Schlangen befreundet hat, laß ich dahingestellt sein; nur das Faktum bleibt, daß die beiden Schlangen im Wappenschilde der Lynars kaum fester und treuer an ihnen hängen als die leibhaftigen Schlangen, die unten im Park herumspazieren. Ich fürchte, daß manche meiner Leserinnen schon beim bloßen Hören dieser Mitteilung von einem ähnlichen Gefühl beschlichen wird wie die Königstochter im Märchen, als der Frosch tapp tapp die Treppe heraufkam und sich neben ihr auf den Stuhl setzte. Bei dieser kleinen Überrieselung muß es nun freilich sein Bewenden haben, aber ein wirkliches Angstgefühl, das sich etwa mit hineinmischen möchte, bin ich in der glücklichen Lage beseitigen zu können. War doch auch der Frosch ein verwunschener Prinz. Wenn nämlich die Klapperschlange den einen äußersten Flügel bildet, so bildet die Spreewaldsschlange den andern. Alles Gift und alle Schrecken dort, alle Unschuld und Harmlosigkeit hier. Welche bangen Vorstellungen knüpfen wir nicht an den Namen »Alligator«, diesen jüngeren Bruder des Krokodils, und doch ist er Haustier in allen Staaten, die dem Mississippi zunächst gelegen sind. So die Schlange im Spreewald. Bunt und schillernd und – harmlos wie die Lazerten in den Felsschluchten von Sorrent, hat sie noch das eine vor ihnen voraus, daß sie die Nähe des Menschen liebt und ihn aufsucht, statt vor ihm zu fliehen. Der Lynarsche Park ist noch immer reich an Schlangen, aber er war es einst viel, viel mehr. Das ist die Geschichte vom Schlangenkönig , ein Beitrag zur Sagenbildung und Märchenentstehung unserer Zeit. Vor 70 Jahren (die Lübbenauer wissen es noch von ihren Großeltern her) lebte ein Kaufmann in Lübbenau, den es Tag und Nacht quälte, wie er recht reich werden könnte. – Aber es wollte nicht vorwärts mit ihm. Da hörte er von dem Schlangenkönig sprechen, der täglich im Parkgarten erschiene und auf dem schönen Rasen desselben sich zu sonnen liebe. Wer dessen Krone habe, der werde unermeßlich reich. Das ging dem Kaufmann zu Herzen. Er beschloß, die Krone zu rauben, es koste, was es wolle. Oft schlich er sich in den Garten und sah das schöne Tier im Grase liegen; aber der Schlangenkönig, als ahne er die Gefahr, duckte sich in das Grün des Rasens nieder, sooft er des Kaufmanns ansichtig wurde. Da bat dieser um die Erlaubnis, auf dem Schloßrasen ein Stück Leinwand bleichen zu dürfen, und breitete nun das weiße Gespinst auf dem sonnigen Platze aus. Als der Schlangenkönig mit seinem Gefolge wieder erschien, um an alter Stelle seinen Hof zu halten, war auch der Kaufmann da. Er saß auf einem kleinen schwarzen Pferde, verborgen hinter dem Busch- und Baumwerk des Parks. Die Sonne schien hell auf das weiße Linnen, und der König glitzerte darauf in seiner ganzen Pracht. In diesem Augenblick brach der Kaufmann aus seinem Versteck hervor, und den Hals des Pferdes mit seinem linken Arm umklammernd, während seine rechte Hand dicht über den Erdboden hinfuhr, riß er jetzt, wie ein plötzlicher Windstoß, dem Schlangenkönig die Krone ab. Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Der Kaufmann wurde reich, aber Lübbenau – wurde arm. Der Schlangenkönig und sein Gefolge kamen nicht mehr in den Park. Sie rächten sich nicht, aber sie blieben aus. Im Schloß fragte man ängstlich hin und her: »Wo sind unsere Schlangen?« Endlich erfuhr man, was geschehen. Seitdem mühen sich die Lynars, wiedergutzumachen, was die Habsucht jenes Kaufmanns verbrochen hat. Man schont den Rasen und pflegt mit Vorliebe jene sonnige Stelle. Und siehe da, die dauernd ausgestreckte Hand scheint endlich zur Versöhnung geführt zu haben. Die Schlangen sind wieder da. Sie sonnen sich auf dem Rasen; besonders aber – als wollten sie zeigen, sie kämen um der Lynars und nicht um der Stadt willen – lagern sie auf den Steintreppen des Schlosses und ringeln sich um seine Türklinken und Klingelgriffe. Eine erste Begegnung der Art mag ihr Mißliches haben; im übrigen aber liegt ein besonderer Zauber darin, mit jenen Tieren auf einem Freundschaftsfuß zu leben, vor deren Berührung von alters her die Menschenhand erschrickt. Man erscheint sich wie gefeit, daß man es wagen darf. So plauderten wir auf der großen Steinbank, vor uns die Spree und ihre Wiesen, hinter uns die Edeltannen des Parks, die dann und wann, wie eine Mahnung, auch bei der Wahrheit zu bleiben, ein paar große Tannenäpfel auf unsere Köpfe niederschüttelten. Unser Erzähler hob eben mit einem neuen Märchen an, als ein Posthorn, das von der Stadt her zu uns herüberklang, seinem Vortrag ein rasches Ende machte. In Staub und Mittagshitze, wenig verbessert durch den bekannten Lederduft eines preußischen Postwagens, ging es durch die Wüstenei von Golßen und Baruth wieder zurück, um heimgekehrt den Berlinern zu verkünden, daß die Dorf-Venedigs keine Mythe seien. In diesem Sommer freilich ist es zu spät, unserem Beispiel zu folgen. Im nächsten Juni aber, wenn das Wasser wieder hoch ist und die Vögel wieder singen, dann – auf, in den Spreewald!