Felix Dahn Kaiser Karl und seine Paladine Sagen aus dem Kerlingischen Kreise Der deutschen Jugend erzählt von Therese Dahn geborenen Freiin von Droste-Hülshoff Mit einer Einleitung: Karl der Große in der Geschichte von Felix Dahn Seiner Majestät dem deutschen Kaiser und König von Preußen Wilhelm dem Ersten in alleruntertänigster Ehrfurcht zugeeignet. Inhalt Erstes Buch Karl der Große in der Geschichte von Felix Dahn Vorbemerkung 1. Kapitel: Karls Abstammung. Die Vorgeschichte seines Hauses. Die bei seiner Thronbesteigung vorgefundenen Verhältnisse. 2. Kapitel: Karls Anfänge bis zur Erwerbung der Langobarden-Krone (768–774). 3. Kapitel: Karl und der Islam. 4. Kapitel: Karl und die Sachsen. 5. Kapitel: Karl und der Norden, Nordosten und Nordwesten: Nordslaven, Dänen und Angelsachsen. 6. Kapitel: Karl und der Südosten: Bayern, Avaren, Südslaven. 7. Kapitel: Karl und der Pabst; Karl und Italien; Karl und Byzanz von 774–800; die Kaiserkrönung (800). 8. Kapitel: Kaiser Karl 800–814. 9. Kapitel: Karls Regierung im Innern. 10. Kapitel: Karls Tod und Bestattung, seine Persönlichkeit, seine Lebensweise, seine Akademie, seine Familie. Zweites Buch Karl der Große und seine Paladine in der Sage von Therese Dahn I. Karls Jugend. 1. Bertha mit dem Gänsefuß . 2. Karl Mainet . 3. Karl und Elbegast . II. Der große Karl. 1. Karls Hoflager . 2. Karls Recht . III. Von Karls Paladinen. 1. Von Ogier dem Dänen . 2. Von Roland . 3. Die Schlacht am rauhen Berge . 4. Oliver . 5. Kaiser Karls Fahrt nach dem Morgenland . 6. Die Haimonskinder . 7. Ogier und Desiderius im Kampf gegen Karl . 8. Ferabras . 9. Der Hund des Alberich . 10. Kaiser Karls Kriegsfahrt nach Spanien . 11. Der Sachsenkrieg . 12. Das Rolandslied . 13. Ogiers Entrückung . 14. Kaiser Karls Heimritt aus Ungarland . 15. Wilhelms von Orange Tod . 16. Herrn Karls Ende . 17. Ogiers Ende . Erstes Buch Karl der Große in der Geschichte von Felix Dahn 9 Vorbemerkung Die germanische Heldensage hat schon acht und mehr Jahrhunderte vor Karl dem Großen begonnen. Nicht nur halbgöttliche, der Göttersage angehörige, auch geschichtliche Helden und Könige hat sie gefeiert seit grauester Vorzeit. Als Tacitus um das Jahr 100 nach Christi Geburt sein Büchlein über Land und Volk der Germanen schrieb, da sang und sagte man noch in den Wäldern der Cherusker von Armin , den der Römer selbst: »zweifellos Germaniens Befreier« nennt: wohl waren es damals schon achtzig Jahre, seit diesen Befreier von dem Römerjoch der Neid der eignen Gesippen ermordet hatte: doch unvergessen lebte sein Bild, sein Name in dem Herzen seines Volkes. Gewiß war aber Armin nicht der erste, den das Heldenlied besang. – Und ebenso gewiß ward auch in den folgenden Jahrhunderten gar mancher tapfre Führer, gar mancher weise König gepriesen in den Hallen der Fürsten, bei dem Opferfeuer im heiligen Hain. Der Freiheitskampf der Batăver um das Jahr 70, der große Markomannenkrieg um 170, die Züge der Goten zu Land und zu Meer von der Donau bis in das Herz von Asien seit Anfang des dritten Jahrhunderts, die von der gleichen Zeit an viele Menschenalter hindurch 10 wiederholten Versuche der Alamannen am Oberrhein, der Burgunden am Mittelrhein, der Franken am Niederrhein, die römische Grenzwehr, den limes , zu durchbrechen, die Fahrten und Ritte der Friesen und der Sachsen zu Wasser und zu Land in das römische Gallien hinein, aber auch die Kämpfe germanischer Völker untereinander: der Langobarden und der Gepiden , der Langobarden und der Héruler , der Vandalen und der Ostgoten , endlich die Kriege dieser Germanen mit Slaven, Finnen, Avaren, Hunnen vom 3.–6. Jahrhundert sind nicht verlaufen, ohne die tödliche Bedrängnis, die Freuden des Sieges, in Heldenlied und Heldensage auszudrücken. Das sind nicht bloße Vermutungen: es steht solche Heldensage zweifellos fest. Zwar die Dichtungen selbst sind fast spurlos verloren, aber die Angaben geschichtlicher Quellen bezeugen eine Wander sage, Königs sage, Helden sage beinah all der genannten Völker wie auch der Nordgermanen in Skandinavien, der Angelsachsen in England. Der machtvolle Ostgotenkönig Ermanrich c. 350, die Vorfahren Theoderichs des Großen, die Amalungen , und er selbst, Herr Dieterich von Bern, der Burgundenkönig Gunthachar , der 438 mit seinem Heer von hunnischen Scharen bei Worms vernichtet ward, die Gottesgeißel Etzel , der Langobardenkönig Alboin , aber auch die Ahnen der fränkischen Merowinge , – all diese sind in Sagen gefeiert worden, welche sich zum Teil, wie die gotische (Dietrich), burgundische (Gunther), fränkische (Siegfried), hunnische (Etzel), bayerische (Rüdiger) mannigfaltig durchdringen und verwirren. Neben diesen allbekannten Gestalten hat aber die Sage, wie wir vielen Andeutungen mit Bestimmtheit entnehmen können, noch eine gar reiche Zahl von andern 11 geschichtlichen Männern und Frauen, dann die Bilder von Wanderungen, von großen Völkergeschicken jeder Art, mit ihrem dunkelgrünen Efeugerank, schmückend zugleich und verhüllend, umwoben. Fast alles ist verloren: – ließ doch Ludwig der Fromme die von seinem großen Vater – der, selbst ein Held, an Heldentum sich freute, – gesammelten Sagen von den alten Königen und Helden wegen des heidnischen Ruches ins Feuer werfen! Das Wenige, was gerettet, läßt uns in seiner stolzen Herrlichkeit das Viele, was verloren, auf das Schmerzlichste beklagen. Es war also nichts Neues, nur Fortsetzung uralten Waltens und Webens, ja die Befriedigung eines nicht zu erstickenden Triebes in der Seele des Volkes, in seiner Einbildungskraft, seinem Gemüt, seiner Dankbarkeit, seiner Bewunderung und Liebe, oder auch seines Hasses und Entsetzens, seiner Furcht, endlich auch seines köstlichen Humors und seiner dichterischen Lust am Fabulieren, wenn auch Karl der Große und zwar sehr bald nach seinem Tode schon zum Gegenstand der Heldensage ward. Wahrlich, dieser Mann von überwältigender Größe, von Größe auf so verschiedenen Gebieten, von alles überstrahlenden Erfolgen und – nicht am leichtesten wiegend! – auch rein menschlich so reich an herzgewinnenden Zügen, dieser als Siegesheld und Friedenskönig, als Vater seiner Völker, als Rechtsbeschirmer und Retter zumal der von den Vornehmen verunrechteten geringen Leute, der freien, aber vielgedrückten Bauern: – dieser Mann mußte der Mittelpunkt eines weiten, farbenbunten Sagenkreises werden, wie kaum ein andrer, wie auch Dietrich von Bern und der keltische König Artus mit seiner Tafelrunde nicht. Ein kleiner Ausschnitt aus jenem großen Sagenkreise wird in diesem Buche dargestellt. 12 Meine Einleitung will dem Reiz der Sage durch Erzählung des Inhalts nicht vorgreifen, will auch nicht eine wissenschaftliche Auflösung der Karlssagen in ihre verschiedenen Bestandteile versuchen: nur das geschichtliche Bild des Mannes will ich hier voranstellen, ohne jede gelehrte Zurüstung Eine ausführliche Darstellung von Karls Regierung gibt meine Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker. III. Band, Berlin 1886. 1887. S. 952 f.; eine kürzere meine Deutsche Geschichte I. 2. Gotha 1887. . Ich meine, es muß die jungen Leser – und vielleicht auch ein paar alte – anziehen, zuerst in aller Kürze zu erfahren, was und wie und wer dieser Karl wirklich war und dann zu sehen, wie diese Gestalt sich in der Sage gespiegelt hat. Dabei würde eine lehrhafte und zopfige Hinweisung in jedem Einzelnen auf die entsprechende Gestaltung in der Sage, ein steter Vergleich von Geschichte und Sage, nur stören: der sinnige Leser wird in der Sage mit Wohlgefallen selbst herausfühlen, wie diese sich nach ihren Bedürfnissen die Geschichte zurechtgeschnitten und übermalt hat. Im ganzen und großen aber ist die Sage wahrhaftig: sie drückt, wenn auch in ihrer phantastischen Sprache, treffend die Eigenart des Mannes und seiner Taten aus. Sie hat das unerschütterliche Gottvertrauen, die tiefe, tatbereite, unermüdlich im Dienste Gottes und der Kirche eifernde Frömmigkeit, die unablässige Bekämpfung der Heiden in Ost und West, in Nord und Süd, das Feldherrngenie, die Heldentapferkeit, die geistige Überlegenheit des Königs über alle Großen seines Palastes, »die Paladine« (richtiger: Palatine), trefflich zur Anschauung gebracht; aber auch seine Weisheit und Herzensgüte im Frieden, zumal die stete Sorge für strengste Rechtspflege, ohne Ansehen der Person, zum Schutz der armen kleinen 13 Unterdrückten, welche gegen den Druck der Großen nur Gott und Herrn Karl zum Helfer haben. Gewisse Schwächen seines Wesens: Jähzorn und andres, – dann das lockere Leben an seinem Hof und die Kleinheit seines Sohnes und Nachfolgers Ludwig , – Karl und Pippin , die beiden sehr tüchtigen Söhne, starben vor dem Vater, – im Vergleich mit dem großen Vater sind auch nicht vergessen, vielmehr mit Humor, aber doch stets mit liebevoller Schonung des gefeierten Helden angedeutet. Viel willkürlicher als die echte Volkssage springt freilich die Kunstpoesie mit ihren Gegenständen um: und diese hat ja auch Karl, sein Haus und seine Helden in außerordentlich zahlreichen Dichtungen von Deutschen, Franzosen, Italienern, Spaniern, Engländern, Nordgermanen behandelt. Die Ausscheidung der beiden Bestandteile ist Aufgabe mühereichster Untersuchungen, die nicht hierher gehören, ebensowenig die Sonderung der deutschen von den romanischen Gestaltungen der Sage wie der Kunstdichtung über Karl. Es genügt die Bemerkung, daß im ganzen die Volkssage von Karl bei den Deutschen, die Kunstdichtung über Karl bei den Romanen überwiegt: deutsche Dichter haben oft das von romanischen Gestaltete übertragen, umgearbeitet, aber eben doch im wesentlichen entlehnt. Mit jenem Unterschied hängt es auf das innigste zusammen, daß die romanische Kunstdichtung vor allem das Phantastische, Buntglänzende, auch räumlich in das Ungemessene Trachtende – Jerusalem, Byzanz, Rom, Spanien –, das Romantische, Ritterliche an diesen Stoffen behandelt, während die deutsche Überlieferung das Gemütvolle, Herzergreifende, dann den strengen Schutz des Rechts, die Schirmung der Unterdrückten hervorhebt: der Grundgedanke von »Karls Recht« lebt noch heute in dem Haberfeldtreiben der Bauern meiner lieben 14 oberbayerischen Heimat. Und lebte noch vor kurzem in der Heimat meiner lieben Frau, in Westfalen , wo bis vor wenigen Jahrzehnten noch die Freischöffen der Feme auf der roten Erde zum Ding zusammentraten nach Kaiser Karls Recht und Bann. Die herrliche Schilderung dieser uralten Volkssitte, in welcher auch des Kaisers Schwert noch erglänzt, in Immermanns Münchhausen ist ja bekannt. So lebte und lebt Kaiser Karl noch ein Jahrtausend nach seinem Tod im Dank des deutschen Volkes 15 Erstes Kapitel. Karls Abstammung. Die Vorgeschichte seines Hauses. Die bei seiner Thronbesteigung vorgefundenen Verhältnisse. Karl ist geboren (höchst wahrscheinlich) am 2. April 742. Der Ort seiner Geburt ist nicht zu bestimmen: vielmehr hat die Sage gleich seinen Eintritt in das Leben mit mannigfaltigem Schlinggewächs umrankt (s. unten: » Bertha mit dem Gänsefuß «). Sein Vater war Pippin , bis November 751 Hausmeier ( major domus ), seit November 751 (bis 768) König der Franken, seine Mutter Bertha (oder Bertrada ) war eine Tochter des Grafen Charibert von Laon . Die Ahnen Karls lassen sich zurückverfolgen bis auf den ältesten, ersten Pippin, den man aber ohne jeden Grund Pippin » von Landen «, wie ebenso willkürlich einen andern, den mittleren Pippin » von Heristall « genannt hat: erst spät entstandene Fabeln bringen das Haus mit diesen Namen in Verbindung. Das Geschlecht der alten merowingischen Könige der Franken war im Laufe des siebenten Jahrhunderts ganz verrottet, vermorscht und verfault: nicht mehr die Könige vermochten das Schwert zu führen und das Scepter zu schwingen: das taten an ihrer Statt schon lange die einflußreichsten Beamten am königlichen Hof, die 16 Hausmeier , majores domus. Um das Jahr 622 nun war der Hausmeier des östlichen (daher Austrasien , d. i. Ostland) Teilreichs der Franken der älteste Pippin (gest. 639), ein in Krieg und Frieden hervorragender Mann. Er vermählte (ungefähr 630) seine Tochter mit Ansigisel oder Adalgisel , dem Sohne seines Freundes, des durch Weisheit und Frömmigkeit ausgezeichneten Bischofs Arnulf von Metz (gest. 641. Bischöfe durften damals noch heiraten oder doch verheiratete Männer Bischöfe werden). Man müßte also dieses Geschlecht das der » Arnulfinge « nennen: denn schon die Vorfahren Karl Martells und Karls des Großen nach diesen beiden Karlen als » Karolinger « bezeichnen, ist gerade so verkehrt, wie wenn man die Vorfahren unsers Kaisers Wilhelm die »Wilhelminger« nennen wollte. Einige Zeit trat das Haus der Arnulfinge wieder völlig in den Hintergrund: Grimoald , Pippins Sohn, hatte den Versuch gemacht, den merowingischen Königsknaben auf dem Thron durch seinen eignen Sohn zu ersetzen, aber der Anschlag scheiterte und endete mit Grimoalds Hinrichtung (656). Erst etwa zwanzig Jahre später, ungefähr 678, erhebt sich das Geschlecht aufs neue: Pippin der Mittlere , der Sohn von Ansigisel und von Pippins des Ältern Tochter, gewann in den alten Stammlanden seines Hauses, zwischen Rhein , Mosel und Maas , eine mächtige Stellung. In den wilden innern Kämpfen, in welchen manchmal die Hausmeier der drei fränkischen Teilreiche: Austrasien , Neustrien (Neu-Westland) und Burgund gegeneinander um die Herrschaft rangen, suchte Pippin, obwohl noch nicht Hausmeier in Austrasien, den Übergriffen der neustrischen Hausmeier zu wehren. Seine erste Schlacht (bei Laon 678) verlor er zwar – ganz ähnlich wie später sein Sohn Karl der Hammer – aber die zweite bei Tertri , nahe St. Quentin (687), gewann 17 er und im Jahre 688 ward er als alleiniger Hausmeier der drei fränkischen Teilreiche, also des ganzen Frankenstaates, anerkannt. Sogleich trachtete er die Friesen (689) und die Alamannen (709–712) in Elsaß, Schweiz, Schwaben , welche sich während der Zerrüttungen im Frankenreich von dessen Verband gelöst hatten, wieder zum Gehorsam heranzuzwingen. Aber bei seinem Tod (714) drohten die alten Gefahren von allen Seiten über dem Frankenreich wieder zusammenzuschlagen und erst nach schweren Kämpfen gelang es seinem Sohne Karl , der vielen Feinde Herr zu werden. Seine Stiefmutter Plektrud hatte, um einem Enkel die Folge in die Machtstellung Pippins zu sichern, gleich bei dessen Tode Karl in den Kerker werfen lassen. Nun erhoben die Neustro-Burgunder wieder einen eignen Hausmeier, verbündeten sich mit den heidnischen Friesen , schlugen der Regentin Plektrudis Heer im Walde von Cuise und zogen gegen Köln, wo sie mit den Friesen zusammentreffen und Plektrudis belagern wollten. Karl war inzwischen aus dem Kerker entsprungen; er raffte ein Häuflein von treuen Anhängern zusammen und wollte die Friesen aus dem Lande treiben, bevor die Neustrier zu ihnen gestoßen, ward aber von dem Friesenherzog Ratbod bei Köln geschlagen (716). Jedoch der Unverzagte war ebenso zäh als kühn: ein echtes Kennmal seines Geschlechts. Sofort sammelte er neue Scharen um sich, überfiel die Neustrier auf ihrem Rückweg von Köln, wo sie Plektrudis zur Anerkennung eines neustrischen Merowingerkönigs gezwungen hatten, bei Amblève und schlug sie aufs Haupt (716). Aber erst nach zwei weiteren Siegen über die Neustro-Burgunder bei Vincy (717) und bei Soissons (719) und nachdem er seine Stiefmutter zur Übergabe von Köln genötigt (717), gelang es ihm, wie sein Vater als alleiniger Hausmeier 18 das ganze Frankenreich zu beherrschen Er wehrte nun den Übergriffen der Sachsen (718), brachte Westfriesland zum Reich (719) und die abgefallenen Herzöge der Alamannen (730) und der Bayern (725–728) zum Gehorsam zurück. Einstweilen aber, während der unermüdliche Karl auf dem rechten Rheinufer im Nordosten des Reichs beschäftigt war, drohte vom Südwesten her eine furchtbare Gefahr nicht nur der christlichen Kirche und dem Staate der Franken, nein, aller germanischen Eigenart und aller Bildung, welche von Griechen und Römern auf die Romanen in Frankreich und Italien überkommen war. Im Jahre 711 hatte der Islam , hatten die Araber das Reich der Westgoten in Spanien zerstört: gar bald fluteten ihre ungezählten Scharen über die Pyrenäen nach Südfrankreich: im Jahre 721 von dem Herzog Eudo von Aquitanien bei Toulouse abgewehrt, kamen sie doch gar bald wieder und drangen 725 bis tief in das Herz Frankreichs und Burgunds. Im Jahre 732 stieg der arabische Statthalter in Spanien, Abderrachmán , ein gewaltiger Kriegsheld, mit ungeheuren Heeresmassen über die Pyrenäen, schlug Herzog Eudo an der Dronne auf das Haupt und zog nach Nordosten weiter auf der alten Römerstraße, die von Bordeaux über Poitiers und Tours nach Orleans , Paris und Metz führte: er bedrohte so alle Hauptstädte des Reichs und die Kirchen des heiligen Hilarius zu Poitiers und des heiligen Martinus zu Tours , die gefeiertsten und zugleich schätzereichsten Weihtümer des Frankenreichs, deren Zerstörung und Plünderung Glaubenshaß und Beutegier der Saracenen gleich stark reizen mußte. Der flüchtige Herzog von Aquitanien rief die Hilfe des Einzigen an, der helfen konnte: Karls. Und Karl gewährte sie sofort, obwohl er noch im Vorjahr Eudo wegen Vertragsverletzung hatte 19 bekämpfen müssen. Allein nun stand nicht weniger auf dem Spiel als alles: es fragte sich, ob Europa künftig dem Christentum oder dem Islam, den Germanen und Romanen oder den Semiten Afrikas gehören solle. Karl muß schon vorher Rüstungen betrieben haben: sonst hätte er nicht auch die » Nordvölker «, d. h. die späteren Deutschen , den Saracenen so rasch entgegenwerfen können, daß diese auf ihrem Vordringen Tours noch nicht erreicht hatten; Karl verlegte ihnen die Römerstraße und den Übergang über die Flüsse Vienne und Clain bei 20 Cenon , nordöstlich von Alt-Poitiers , dessen Hilariuskirche von ihnen bereits verbrannt war. Hier nahm der kluge Feldherr eine feste Verteidigungsstellung, in welcher er nicht umgangen werden konnte und den Angriff der furchtbaren arabischen Übermacht abzuwehren beschloß. Die Schlacht bei Cenon (oder Poitiers) (an einem Oktobersonnabend, 4., 11., 18. oder 25. 732), an weltgeschichtlicher Bedeutung den Tagen von Marathon und von Salamis , von Zama und Châlons an der Marne, von Leipzig , Waterloo und Sedan gleichstehend, ward nach dem Zeugnis eines Zeitgenossen, aber nicht etwa eines Deutschen, nein, eines spanischen Bischofs, Isidor von Beja , entschieden durch das Heldentum der Deutschen in Karls Heer: »Diese Nordvölker«, sagt er, »hochgewachsen, von überwältigender Wucht der Glieder, standen eng aneinandergeschlossen, Schild an Schild, wie eine Mauer von Eis, unbeweglich, uuerschütterlich, weder umzurennen noch zu zersprengen durch den wütenden, immer wiederholten Anprall der ungeheuren Reitermassen: mit eiserner Faust, hoch von oben herab und so recht von ganzem Herzen führten sie ihre Streiche.« Da standen und stritten sie nebeneinander: der kühne Franke , der schnelle Thüring , der zähe Sachse , der trotzige Friese , der feurige Alamanne , der kampfgrimme Bayer: gar mancher, der noch im Herzen Wotan und Donar trug, schwang hier den Eschenschaft, der an der Weser oder Isar gewachsen war, wider Mohammed. Von einem solchen deutschen Streich fiel auch der tapfere Abderrachmán, da er, selbst mitkämpfend, hier den stärksten Widerstand bezwingen wollte. Entmutigt durch den Fall ihres gefeierten Führers, durch die blutigen Verluste und den Eindruck germanischen Heldentums räumten die Saracenen in der folgenden Nacht heimlich ihr Lager und flohen in zerstreuten 21 Haufen gen Südwesten nach Hause. Wahrscheinlich sind Heldenlieder, von den Germanen im Heer zuerst auf Karl und diese Schlacht gedichtet, in vulgärlateinischer (romanischer) Übersetzung zu der Kenntnis jenes Bischofs im fernen Spanien gedrungen: einzelne Wendungen in seinem Bericht klingen ganz liedhaft. Und ohne Zweifel hat die spätere Heldensage, welche auch sonst die beiden Karle, den »Hammer« und den »Großen«, häufig miteinander verwechselt, Züge aus des Großvaters Saracenen-Kämpfen und Siegen auf den Enkel übertragen, welcher in Person nur einmal (778) mit denselben gestritten hat. Ebenso hat vermutlich die Sage jene Verfolgungen durch seine Stiefmutter und die harten, mannigfaltigen Kämpfe mit einem Stiefneffen, sowie mit andern Feinden, welche Karl Martell in seinen Anfängen zu bestehen hatte – auch später mußte er noch zwei Stiefneffen und einen entfernteren Verwandten wegen Hochverrats verhaften – übertragen auf den großen Karl, von welchem die Geschichte nichts Derartiges zu erzählen hat, abgesehen von der Feindschaft mit seinem Bruder Karlmann , welcher allerdings nur dessen Tod den Ausbruch in offenen Krieg ersparte. Auch der Umstand, daß Karl Martells Mutter Albheid mit Pippin in einer von der Kirche nicht anerkannten Ehe gelebt hat, ist vielleicht in Verwechslung mit Karl dem Großen Anlaß zu den Sagen über dessen Mutter Bertha geworden, zumal es nicht gerade ganz unmöglich wäre – doch ist es sehr zweifelig –, daß erst nachdem Karl (742 oder nach andern 747) geboren war, die Verbindung seines Vaters mit Bertha (749) kirchlich eingesegnet worden, wie ja die Sage berichtet. In den nächsten Jahren unterwarf Karl Friesland (733, 734) und (736) die Söhne des (735) verstorbenen Eudo, vertrieb die Araber aus dem verräterisch ihnen 22 übergebenen Avignon , schlug sie nochmal in einer großen Schlacht am Flusse Berre südlich von Narbonne und warf die Fliehenden auf der Verfolgung in die Salzsümpfe und die See, daß ihrer viele Tausende ertranken. Als er 739, durch einen Feldzug gegen die Sachsen fern im Nordosten festgehalten, erfuhr, daß abermals die Saracenen in Südfrankreich eingebrochen waren, forderte er seinen Freund Liutprand , den tapfern und weisen König der Langobarden zu Pavia , auf, die gemeinsamen Feinde zu vertreiben: plünderten die Araber doch auch bereits auf langobardischem Gebiet. Sofort zog Liutprand mit seinem Heerbann zu Hilfe: seine Annäherung genügte, die Räuber zu verscheuchen. Die Freundschaft der beiden Könige war dadurch besiegelt worden, daß Liutprand Karls jungem Sohne Pippin in feierlicher symbolischer Handlung in der langobardischen Königsburg zu Pavia den ersten Bartflaum abgeschnitten hatte, wodurch ein der Wahlkindschaft ähnliches Treuepflichtverhältnis begründet ward. Daher wäre es Undank und Treuebruch gewesen, hätte Karl dem unmittelbar nach jener Waffenhilfe von 739 an ihn von Papst Gregor III. gerichteten Ansinnen Willfährde geleistet, für ihn das Schwert zu ziehen gegen Liutprand, der Rom belagerte, weil der Papst sich mit dem eidbrüchigen und rebellischen Herzog von Spoleto verbündet und demselben Zuflucht gewährt hatte. Karl lehnte ab, obwohl ihm der Papst die Schlüssel der Peterskirche übersandte und sich bereit erklärte, von seinem Staatsoberhaupte, dem Kaiser zu Byzanz abzufallen und Karl zum »Konsul« oder »Patrizius« von Rom zu machen, wozu der Papst freilich keinerlei Recht besaß: denn er war zweifellos Untertan des Kaisers, Rom eine byzantinische Stadt, der »Patrizius der Römer« ein von dem Kaiser zu ernennender Beamter, der die Rechte des Kaisers als 23 dessen Vertreter dem Senat, Volk und gerade auch dem Bischof von Rom gegenüber wahrzunehmen hatte. Auch mußte das der Papst selbst anerkennen: Gregor III. selbst und seine Nachfolger bis gegen Ende des Jahrhunderts rechneten in ihren Urkunden nach Regierungsjahren der Kaiser; im Jahre 754 noch weigerte sich ein Papst durchaus nicht, einen Befehl des Kaisers zu erfüllen und von dem Langobardenkönig die Rückgabe eroberter Gebiete an den Kaiser zu verlangen. Um diese italischen Dinge, an welche König Pippin und Karl der Große so vielfach rühren mußten, richtig zu würdigen, müssen wir auf die damals auf der Apenninischen Halbinsel miteinander ringenden Mächte und ihre Parteistellungen einen raschen Blick werfen. Seitdem das germanische Volk der Langobarden (568) aus Ungarn in den Nordosten Italiens eingewandert war, hatte es allmählich den Byzantinern , die, nach Vernichtung der Ostgoten (555), hier herrschten, den größten Teil des Landes entrissen. Nur die durch Gewaltangriff nicht zu brechende See-Feste Ravenna , der Sitz des kaiserlichen Statthalters oder Exarchen , und der dazu gehörige Exarchat , ferner die Südspitze der Halbinsel: Apulien , Kalabrien , das Gebiet von Neapel , endlich Rom und der »ducatus Romanus« waren den Kaiserlichen geblieben. Ravenna und auch Rom, letzteres geschützt durch seine starken, von Kaiser Aurelian angelegten, von Belisar verstärkten Mauern, waren nur durch Aushungerung zu bezwingen. Allein die Langobarden begingen den schwer begreiflichen Unterlassungsfehler, in den zwei Jahrhunderten des Bestandes ihres Reiches keine Kriegsflotte zu schaffen, welche den Hafen von Ravenna und die Tiber mündung hätte sperren mögen. Gleichwohl würden ihre Könige, welche selbstverständlich 24 trachten mußten, Rom in ihre Gewalt zu bringen, die Unterbrechung der langobardischen Besitzungen durch den »ducatus Romanus« zu beseitigen, jene Stadt doch wohl erobert haben, hätte nicht eine Reihe von hervorragenden Männern auf dem römischen Stuhl – vor allen Gregor der Große – den Widerstand der Römer durch geistliche und geistige Mittel meisterhaft geleitet. Von dem Exarchen in Ravenna war nur seltene, unzureichende Waffenhilfe zu hoffen. Erleichtert ward dem Papst die Leitung des Widerstandes freilich durch die fromme Ehrfurcht, mit welcher auch die ihn mit Krieg bedrängenden Könige zu ihm emporsahen, seitdem die Langobarden aus dem ketzerischen Arianismus zum katholischen Bekenntnis übergetreten waren. Durch diese erfolgreiche Verteidigung hatten die römischen Bischöfe in der Stadt ihre schon früher höchst angesehene, machtvolle Stellung dermaßen erhöht, daß ihnen vielmehr die Regierung zukam als dem kaiserlichen dux oder patricius Romanus, der nie über ausreichende byzantinische Krieger verfügte. So hatte der Papst wenigstens die leisen Anfänge einer weltlichen Herrschaft in der Stadt Rom gewonnen, selbstverständlich in Unterordnung unter den Kaiser. Aber der Kaiser war fern und unfähig, zu helfen: kein Wunder, daß die Römer mehr und mehr den Papst als ihren Schützer und Leiter ansahen. Dazu kam, daß in den zahlreichen über ganz Italien verstreuten Landgütern ( pastrimonia ) der römischen Kirche, oder » Sankt Peters «, wie man sagte, der Papst über Unfreie, Halbfreie, Freigelassene, Hintersassen mannigfaltiger Rechtsformen ohnehin eine Gewalt hatte, welche zwar privatrechtlichen Ursprungs war, aber ihn doch Gerichtsverwaltungs- und Finanzrechte üben ließ. Diese Anfänge des »Kirchenstaats« zu einer wirklichen weltlichen Herrschaft auszubilden 25 war fortab das eifrige Streben der Päpste: und man muß anerkennen, daß in jenen Zeiten eine gewisse weltliche Unabhängigkeit auch für die geistlichen Zwecke der Päpste höchst wünschenswert war. Die langobardischen Könige zu Pavia nun aber verfügten keineswegs über die ganze Kraft ihres Volks: die mächtigen Grenzherzöge von Trient im Norden , Friaul im Nordosten, Spoleto in der Mitte und zumal Benevent im Süden waren tatsächlich fast unabhängig von Pavia – hat doch das Herzogtum Benevent, wie wir sehen werden, die Übertragung der langobardischen Königskrone auf Karl noch um viele Jahre als selbständiges Fürstentum überdauert – und gar oft in offenem Kriege mit ihrem König, wobei sie von dem Exarchen zu Ravenna und dem Papst oder dem Dux zu Rom meist unterstützt wurden. Während aber bisher die Parteigruppierung in der Regel den Langobardenkönig auf der einen, den Exarchen, den Papst und die Herzöge auf der andern Seite gezeigt hatte, war seit etwa zwanzig Jahren eine Verschiebung eingetreten. In dem Streit über das Maß der den Bildern der Heiligen zuzuwendenden Verehrung hatten die Päpste mit Recht dem » bilderstürmenden Kaiser« Leo dem Isaurier (717–741) Widerstand geleistet und dabei die begeisterte Zustimmung der Bevölkerung Italiens gefunden. Es kam über diese Frage zum offenen Bruch zwischen Rom und Byzanz, ja gelegentlich zu blutigen Gefechten zwischen den Truppen des Kaisers und der italienischen Bevölkerung auf Seite des Papstes, wobei dann auch wohl der Langobardenkönig, etwa im Bunde mit dem Exarchen gegen den Papst und die Herzöge, das Schwert zog. Dies war die verworrene, schwankende Lage der Dinge in Italien, in welche einzugreifen Karl der Hammer sich 26 klug enthielt: hatte er doch viel dringendere Aufgaben im eignen Reiche noch zu erfüllen. Er erwiderte also reichlich die Geschenke des Papstes, lehnte aber die geforderte Waffenhilfe ab, zumal ihm Liutprand die Augen darüber öffnete, wie der Papst sich die Kriegsbedrängnisse lediglich selbst zugezogen habe. Karl hat übrigens seinen Beinamen der »Hammer« (lateinisch »tundites«, »tudites«, »Martellus« ) nicht von seinen Siegen über die Saracenen erhalten, sondern weil er überall die zahlreichen kleinen Gewaltherren ( »tyranni« ) zerschmetterte, welche sich im Frankenreich während der Wirren von 711–719 erhoben hatten, geistliche und weltliche Große, die der Staatsgewalt trotzten und die kleinen Gemeinfreien unterdrückten, zur Knechtschaft oder Schutzhörigkeit herabzwangen. Bevor er zu sterben kam, teilte er unter Zustimmung des Reichstags unter seine beiden Söhne Karlmann und Pippin , ganz wie weiland die Merowingischen Könige das Königtum, den Majordomat: die letzten vier Jahre (nach dem Tode Theuderich IV. , 737) hatte er gar ohne König geherrscht, ohne doch schon den Schritt auf den Thron zu wagen. Vielleicht fand er damals keinen geeigneten Merowingen, oder vielleicht wollte er dadurch den Franken recht augenfällig zeigen, wie so ganz nichtig und schattenhaft das Königtum geworden war. Karlmann erhielt als Erbe den Majordomat über Ostfranken, Alamannien, Thüringen , Pippin über Neustrien, Burgund, Provence: Aquitanien und Bayern blieben ungeteilt, weil sie, von eignen Herzögen beherrscht, nicht unmittelbar, nur mittelbar unter dem Reiche standen. Nach des Vaters Tod (21. Okt. 741) hatten die beiden Brüder, welche rühmlichste Eintracht hielten, Aquitanier, Alamannen, Bayern, mit den Waffen zur Anerkennung 27 ihrer Herrschaft zu zwingen, Sachsen abzuwehren (741–746). Zugleich unterstützten sie das großartige Wirken des heiligen Bonifatius (des Angelsachsen Wynfrith ), der als Legat des Papstes die tief gesunkene Kirchenzucht im Frankenreiche hob, den heidnischen Friesen, Hessen, Thüringen das Kreuz predigte und die Anfänge einer germanischen Kirche, unter strenger Unterordnung unter Rom gründete. (Die Bistümer Wirzburg, Eichstädt, Buraburg bei Fritzlar 741, Stiftung des Klosters Fulda 744.) Im Jahre 747 legte Karlmann die Herrschaft nieder und trat als Mönch in das Kloster Monte Casino in Italien: solche Weltentsagung mächtiger Fürsten war damals nicht selten. Vielleicht belastete Karlmanns Gewissen eine tückische, blutige Tat, bei Bestrafung empörter Alamannen im Vorjahr (746) verübt. Pippin, nun Alleinherrscher, dämpfte neue Unruhen in Bayern, indem er Tassilo , den sechsjährigen Sohn (er war im gleichen Jahre mit Karl dem Großen [742] geboren) des eben verstorbenen Herzogs, aus dem Geschlecht der Agilolfingen , zum Herzog einsetzte, aber als Vasallen des Frankenreichs (748). Bald darauf (November 751) ward Pippin durch Beschluß des fränkischen Reichstags zu Soissons und unter Gutheißung des Papstes Zacharias zum König des Frankenreichs erhoben: der letzte Morowing, Childerich III. , den die Brüder, wohl um den Vorwurf zu entkräften, sie übten als Königsbeamte ohne König eine widerrechtliche und widersinnige Gewalt, 743 auf den Thron erhoben hatten, ward als Mönch in ein Kloster gesteckt. Ohne Zweifel war die Tat eine Verletzung des formalen Rechts, allein sie war eine vollbegründete geschichtliche Notwendigkeit. Man hatte dem Papst Zacharias die Frage vorgelegt, was Gott wohlgefälliger sei, daß der 28 eine die Last, der andre die Ehre der Herrschaft trage und er hatte geantwortet, es sei besser, daß, wer die Bürde, auch die Würde des Königtums besitze. Bonifatius, seit 748 Erzbischof von Mainz , salbte den neuen König, nachdem derselbe von den Großen war gekrönt worden. Ein juristisches Recht hatte der Papst freilich nicht hierzu, aber seine Gutheißung war sittlich und religiös von höchstem Wert: den Zeitgenossen bedeutete sie die Zustimmung des Himmels. Sehr bald darauf ward der neue König aufgefordert, dem römischen Stuhl einen wichtigen Gegendienst zu leisten. Stephan II. , der Nachfolger des Zacharias, ward von dem Langobardenkönig Aistulf schwer bedrängt. Er unternahm, Pippins Hilfe mündlich anzurufen, in winterlicher Zeit die gefährliche und beschwerliche Reise über die Alpen: über den großen Bernhard gelangte er nach St. Maurice . Von dort geleiteten ihn königliche Gesandte nach Ponthion (bei Bar-le-duc) zu Pippin, der ihm seinen elfjährigen Sohn entgegenschickte und ihn selbst in der ehrenvollsten Weise einholte: dreitausend Schritt ritt er mit seiner Gemahlin, mit dem jüngern Knäblein Karlmann und vielen Großen den Gästen entgegen, sprang vom Roß, wie er seiner ansichtig ward, kniete nieder und führte das Maultier des Papstes eine lange Strecke wie »ein Stallmeister« am Zügel. Pippin versprach dann zu Ponthion und nochmal feierlich zu Kiersy urkundlich, » Sankt Peter « (dem römischen Bischofsstuhl) zu allen seinen Rechten zu verhelfen und ihm die von Aistulf eroberten römischen und byzantinischen Städte und Gebiete, nachdem sie den Langobarden entrissen, zu schenken. Dieses Schenkungsversprechen ward die Grundlage der weltlichen Herrschaft des Papstes, des sogenannten » Kirchenstaates «. Als Gegenleistung salbte nun der Papst, zu Saint Denis , die Handlung des 29 Bonifatius wiederholend, Pippin und Bertha als König und Königin, dann den König und seine beiden Söhne zu » Patriziern der Römer «. Darauf ward Aistulf (754) angegriffen, zum Nachgeben genötigt und, da er die in dem Frieden von 754 übernommenen Verpflichtungen gegen den Papst nicht erfüllte, durch einen zweiten Feldzug (756) gezwungen, Sankt Peter all' sein Recht zukommen zu lassen. Es ist fast befremdend, daß Pippin zweimal die kurze Reise von Pavia nach Rom nicht unternahm, während fromme Pilger aus dem fernsten England oder Spanien damals gar oft an das Grab der Apostelfürsten wallfahrteten: allein Pippin, eine maßvolle, nüchterne Natur, wollte nicht tiefer in die italischen Dinge sich verwickeln lassen als seine Versprechungen erheischten. Solche Verwicklungen hätten zum Kampfe mit Byzanz, zur Vernichtung des Langobardenreichs führen müssen. Pippin ging dem aus dem Weg: er beschäftigte sich die letzten Jahre seines Lebens fast ausschließend mit einer dem Frankenkönig viel näher anliegenden Aufgabe: der Wiederunterwerfung von Aquitanien und Vaskonien , d. h. der schönen, reichen Lande von dem Westufer der Loire bis an die Pyrenäen , Gebiete, welche großenteils schon Chlodovech c. 507 erworben, aber die Schwäche der Merowingen im 7. Jahrhundert wieder eingebüßt hatte. Der langjährige Kampf ward deshalb ein so schwieriger, weil die durchaus romanische Bevölkerung hier gegen die germanisch-fränkische Herrschaft sich sträubte. So war es ein echter Volkskrieg, den Herzog Waifar gegen die Franken führte. Erst mit dem Untergang dieses Volksführers in dem achten dieser Feldzüge (768) erlosch der Widerstand. Wie einen Hirsch hatten die Franken den Herzog, den zuletzt nur wenige Getreue noch begleiteten, 30 gehetzt »im Wald von Edobol «. Gar mancher Zug aus diesen Kämpfen Pippins in Aquitanien ist von der Sage auf Karl übertragen worden. Die Wiederheranziehung dieser Lande war aber die wesentliche Voraussetzung, daß aus Kelten, Römern, Basken, Goten, Burgunden und Franken das so glänzend begabte Mischvolk der » Franzosen « entstehen konnte, welches zwar uns Deutschen ein sehr schlimmer Nachbar ward, dessen hohe Verdienste um die Geistesbildung in ganz Europa wir aber doch nie vergessen wollen. Auf einem dieser Feldzüge gegen Waifar (763) verließ plötzlich der junge Bayernherzog Tassilo , welcher vor und nach seiner (wiederholten) Huldigung als Vasall (757) die Heerzüge des Königs bisher willig mitgemacht hatte, das Lager und eilte nach Bayern zurück, weiteren Gehorsam weigernd. Wir kennen die Gründe nicht: vielleicht, weil er sich vergeblich bemüht hatte, für Waifar günstigere Bedingungen zu erwirken. Er mochte erkennen, die völlige Einverleibung Aquitaniens als bloße Provinz in das Frankenreich sei beschlossene Sache und er mochte erraten, daß dann alsbald Bayern ein ähnliches Schicksal bevorstehe: Bayern und Aquitanien hatten ja bisher dem Frankenkönig gegenüber eine gleiche staatsrechtliche Stellung eingenommen. Pippin, bis kurz vor seinem Tod mit Aquitanien beschäftigt, kam nicht mehr dazu, Bayern wieder zu unterwerfen. Es war die einzige Aufgabe, welche der wackere, tüchtige König seinen Erben ungelöst überließ, – denn auch Narbonne , das Hauptbollwerk des Islams in Südfrankreich, hatte er 759 den Arabern entrissen, – als er am 24. September 768 zu St. Denis starb, erst 54 Jahre alt. Sein Verdienst darf nicht dadurch geschmälert werden, daß sein Sohn Karl, eine viel großartigere, aber nicht so maßvolle Natur, ihn mit seinem weltgeschichtlichen 31 Ruhm, mit seinem blendenden, fast phantastischen Glanz überstrahlt hat. Zweites Kapitel. Karls Anfänge bis zur Erwerbung der Langobarden-Krone (768–777) . Wie Karl der Hammer den Majordomat zwischen Pippin und Karlmann, so hatte Pippin vor seinem Tod unter Zustimmung des Reichstags das Königtum über das gesamte Frankenreich zwischen seinen Söhnen Karl (geb. 742) und Karlmann (geb. 751 oder 752) geteilt. Und zwar erhielt Karl der Ältere Austrasien (im engeren Sinn), Ostfranken (aber ohne Elsaß und Alamannien), Neustrien und Westaquitanien , Karlmann Elsaß, Alamannien, Burgund, Provence, Gotien und Ostaquitanien . Bayern , das erst wieder unterworfen werden mußte, blieb unerwähnt. Während aber Pippin und sein Bruder einträchtig gewaltet hatten, bestand zwischen Karl und Karlmann von Jugend auf bittere Feindschaft: wir kennen die Gründe nicht: böse Ratgeber Karlmanns sollen an diesem geschürt haben. So verweigerte dieser gleich im ersten Jahre (769) die Mitwirkung, als in Aquitanien eine Bewegung wider Karl entstand: eine Zusammenkunft der Brüder besserte daran nichts. Karl warf, allein handelnd, den Aufstand ohne Mühe nieder. Im folgenden Jahr (770) vermittelte zwar die Königin Bertha (Bertrada) ein besseres Einvernehmen unter ihren Söhnen. Aber nicht lange sollte es währen. Auf Andringen der Mutter, welche er 32 in hohen Ehren hielt solange sie lebte, vermählte sich Karl (770) mit der Tochter des Langobardenkönigs Desiderius (ihr Name ist ungewiß: vielleicht Bertrada , schwerlich Desiderata ). Aber schon 771 verstieß er sie und sandte sie dem Vater zurück, aus unbekannten Ursachen, doch jedenfalls ohne ihr Verschulden, wahrscheinlich aus politischen Gründen. Gleichzeitig war das Verhältnis zu Karlmann in so bittere Verfeindung zurückgeschlagen, daß man den Ausbruch offenen Kriegs unter den beiden befürchtete, als Karlmann erkrankte und starb (4. Dezember 771). Sofort erschien Karl in dem erledigten Reich und nahm davon Besitz unter Zustimmung von vielen geistlichen und weltlichen Großen dieses Teilreichs: zumal Abt Fulrad von St. Denis , der schon Pippins vertrauter Rat gewesen, wirkte dabei mit. Karlmanns Witwe Gerberga floh mit ihren beiden unmündigen Knaben aus dem Frankenreich nach Pavia zu dem Langobardenkönig Desiderius, jetzt selbstverständlich Karls erbittertstem Feind. Gefahr hatte ihr und den Knaben nicht gedroht: aber Gerberga wollte die Ausschließung ihrer Söhne von dem Throne des Vaters nicht ruhig hinnehmen. Es ist schwer zu sagen, ob diese Ausschließung nach dem damaligen Recht begründet war oder nicht: Karl selbst hat später in einer von ihm verfügten Reichsteilung die Frage so entschieden, daß die Söhne vorverstorbener Brüder keineswegs ohne weiteres ein Folgerecht haben und den Oheim ausschließen sollten, sondern nur dann, wenn das Volk, d. h. die geistlichen und weltlichen Großen, des fraglichen Teilreiches sich für die Erbfolge eines solchen Sohnes aussprechen würden. Dies war nun 771 nicht geschehen, vielmehr hatten einflußreiche Vornehme Karlmanns sich für den Ausschluß der Knaben, für die Thronbesteigung Karls ausgesprochen. Darauf gründete wohl Karl sein Recht: allerdings hatte 33 aber ein förmlicher Reichstag aller Großen von Karlmanns Reich keineswegs jenen Beschluß gefaßt. Und keineswegs alle Vornehmen in dessen Staaten teilten Fulrads Willen: vielmehr begleitete ein sehr angesehener Herzog, Auchar , die flüchtende Witwe und die Waisen – zwei kleine Knaben – seines Herrn in das Langobardenreich, wo er auch stets als Vorkämpfer und Vertreter der Sache der Knaben bei Desiderius und bei dem Papst erscheint: wahrscheinlich hat dieser Auchar, Autchar , den Namen und einzelne andre Züge zu der Gestalt des sagenhaften Ogier hergegeben, der dann freilich ein Däne sein soll. Auch die Verstoßung der langobardischen Königstochter war nicht ohne Widerspruch der nächsten Angehörigen Karls geschehen: es war der einzige Anlaß, aus welchem vorübergehend das Verhältnis zur Mutter getrübt ward: doch auch ein Vetter Karls, Adalhard , zog sich damals grollend vom Hof in ein Kloster zurück: er klagte, daß nun »Karl so viele edle Franken eidbrüchig gemacht habe«: d. h. es hatten wohl, nach germanischer Sitte, vor der Verlobung zahlreiche Vornehme Karls eidlich die Bürgschaft übernehmen müssen, der Tochter des Langobardenkönigs werde im Frankenreich Leid, Unrecht, Verunehrung nicht widerfahren. Er weigerte sich daher auch, der neuen Königin zu dienen, welche Karl sehr bald nach Verstoßung der Langobardin sich vermählte: das war Hildigard , aus edelstem alamannischem Herzogsgeschlecht, ein erst zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen. Diese ist offenbar die Lieblingsgemahlin Karls gewesen; die Sage hat seine Liebe zu ihr, die ihren Tod überdauerte, ihr in die Gruft nachfolgte und nicht von der schönen Toten lassen wollte, in anmutigen und rührenden Bildern verherrlicht: sie gebar ihm in zwölf Jahren zehn Kinder und sank, kaum vierundzwanzig Jahre alt, in das Grab in der Blüte ihrer 34 Jugend und strahlenden Schönheit: ihr Goldhaar, ihre schneeweiße Stirn werden gepriesen (s. unten: »Karl und sein Haus« ). Einstweilen hatte in Italien König Desiderius, nicht ohne Grund gegen Karl auf das äußerste erbittert, von Papst Hadrian   I . verlangt, er solle Karlmanns beide Knaben zu Königen der Franken salben; die Macht Karls sollte durch das Auftreten der Neffen als Gegenkönige in Karlmanns ehemaligem Reich, durch innere Kämpfe der Franken geschwächt werden. Da sich der Papst beharrlich weigerte, bedrängte ihn der Langobarde mit Krieg. Nun rief Hadrian Karl zu Hilfe. Dieser – er hatte soeben den ersten Zug gegen die heidnischen Sachsen unternommen – schlug doch nicht gleich los. Er unterhandelte mit Desiderius, bot diesem sogar eine große Summe Goldes – 14 000 Goldsolidi (168 000 Mark), – falls er Sankt Peter das Entrissene zurückerstatte. Erst nach Abweisung aller Vorschläge ließ Karl auf dem Reichstag zu Genf den Krieg gegen die Langobarden beschließen und brach gleich von dort nach Italien auf. Hier zum erstenmal entfaltete der Held jene großartige Feldherrnschaft, durch welche er so viele germanische Könige überstrahlt. Denn Karl ist der erste Germane, den die Quellen als einen großen Feldherrn – nicht nur Taktiker, sondern Strategen – klar zu erkennen uns verstatten Vergl. Dahn , Karl der Große als Feldherr, Festrede zur Feier des 90. Geburtstags Kaiser Wilhelms am 22. März 1887, gehalten an der Albertusuniversität zu Königsberg, Münchener Allgemeine Zeitung vom 22. März 1887, Nr. 81. . Wohl dürfen wir vermuten, daß der Meister des Waldgefechts, Armin , daß gar manche germanische Führer in der Zeit des Vormittelalters, daß auch germanische Männer auf römischer Seite [wie Arbogast und Stilicho ], Totila, Leovigild, 35 Chlodovech, Alboin , daß Karls Ahnen: die Pippine und Karl der Hammer , nicht ohne hohe Begabung für Feldherrnschaft ihre Erfolge hatten erringen mögen. Aber der erste germanische Heerführer, dessen Feldherrn-Begabung, ja dessen Eigenart als Feldherr uns die Quellen genau zu beweisen verstatten, ist Karl. Diese Eigenart besteht in folgendem: 1) den Feind umfassen, nötigenfalls durch Umgehung, und von allen verfügbaren Seiten zugleich angreifen; 2) was damit zusammenhängt: getrennt marschieren, vereint schlagen; 3) hierfür möglichste Verwertung aller Straßen, zumal aber der Wasserstraßen: der Flüsse. In einer großen Zahl von Feldzügen, welche Karl selbst geleitet hat, lassen sich diese Merkmale nachweisen: so ständig, daß wir sogar bei Feldzügen, welche seine Söhne oder seine Königsboten ausführen, falls wir auf die gleichen Feldherrn-Gedanken stoßen, vermuten dürfen, der große Held in seinem Palast zu Aachen , den man wahrlich auch schon einen »Denker von Schlachten« nennen darf, habe sie geplant. Derselbe Mann, der Muße fand, während seine Gedanken zwischen Aachen und Rom , zwischen Byzanz, Jerusalem und Bagdad , zwischen Cordoba und Ostungarn , zwischen dem Danewirke und Capua hin- und herflogen, den Gärtnern auf seinen Gehöften vorzuschreiben, welche Blumen, Gemüse und Obstarten sie pflegen sollten, – dieser Herrscher, mit Leidenschaft ein Kriegsmann, nahm sich gewiß Zeit, auch für solche Feldzüge, die er nicht in Person führte, die Pläne zu entwerfen. Der Angriff von möglichst vielen Seiten legt, der Natur der Sache nach, oft die Notwendigkeit auf, den Feind zu umgehen, bevor der Angriff von wenigstens zwei Seiten erfolgen kann. Gleich dieser Feldzug (von 773) 36 gegen die Langobarden wird mit einer Umgehung –, mit darauffolgender Bedrohung des Feindes in Stirn und Flanke eröffnet und, da die Bewegung gelingt, dadurch auch entschieden. Die Langobarden hatten wie in den Kriegen gegen Karls Vater die sogenannten » Clusen «, d. h. die Engpässe, welche zwischen dem Mont Cenis und dem offenen Tal von Susa liegen, besetzt und stark befestigt. Karls Vater hatte (754) dieselbe Stellung der Langobarden durch einfachen Angriff auf die Stirnseite durchbrochen. Karl aber legt schon seinen Aufmarsch auf eine Umgehung an: – nicht ein Heer, wie bisher die Franken immer getan – er richtet wider den Feind zwei Heersäulen, welche getrennt marschieren, aber in Feindesland zusammenstoßen und vereint schlagen sollen. Karl wählt zwei Angriffslinien gegen Italien: von West nach Ost und von Nord nach Süd. Er selbst führt das eine Heer über den Mont Cenis von West nach Ost, während er das zweite unter seinem Oheim Bernhard über den großen St. Bernhard schickt von Nord nach Süd. Während Karl den Feind in der Stirnseite festhielt, sollte offenbar Bernhard ihn umgehen, ihn in seiner rechten Flanke, vielleicht auch im Rücken fassen, ihm den Rückzug nach Pavia , seinem Hauptstützpunkt, abschneiden. Allein es ward dieser Doppelangriff gar nicht mehr erforderlich: die Langobarden räumten ihre Stellung vor Susa lange bevor das Umgehungsheer auf ihre Flanke stieß. Und weshalb? Weil Karl vor den Clusen abermals eine Umgehung ausführte: war jene eine strategische, im großen geplante, so befahl er jetzt eine taktische im kleinen. Während er mit seiner Hauptmacht den Feind in seinen Befestigungen beschäftigte, sandte er wahrscheinlich zwei kleine erlesene Scharen links und rechts, jedenfalls aber eine , – und diese dann vermutlich auf der linken, südlichen Stellung 37 der Langobarden – auf schmalen Jägersteigen dem Feind in die Flanke, dessen Rücken bedrohend. Die wohl im Schutze der Nacht ausgeführte Umgehung wirkte so überwältigend auf die Überraschten, daß sie ohne Schwertstreich ihre Stellung in den Clusen räumten und in wilder Flucht nach Pavia zurückströmten, offenbar stets besorgt, im Rücken gefaßt und von dieser Hauptfestung abgeschnitten zu werden. Jenseit der Pässe vereinte sich nun Karl mit Bernhard, und beide zogen vor Pavia, das ausgehungert ward: das war das Ende des Langobarden-Reiches: eine geschickte Umgehung hat es fast ohne Blutvergießen bezwungen. Der ans Wunderhafte streifende Erfolg dieser Umfassung machte bereits den Zeitgenossen solchen Eindruck, daß gar bald die Sage einen Engel Gottes die frommen Franken über das Felsjoch führen ließ oder einen geheimnisvollen Spielmann (s. unten V. 8); von jenem kühnen Kletterwagnis an hieß der schmale Steig fortab »der Pfad der Franken«. Adelchis , des Desiderius tapferer und feuereifriger Sohn, hatte sich nicht auch nach Pavia geworfen – eingedenk, daß in dieser Stadt schon zweimal (754 und 756) die ganze langobardische Streitmacht wie in einer Mausefalle gefangen worden war. Denn es war eine herzlich schlechte, gedankenarme Kriegführung, welche die Langobarden dreimal befolgten. Jedesmal sperren sie jene »Clusen«, jedesmal wird diese Stellung durchbrochen oder umgangen und jedesmal läuft nun das ganze Heer, ohne den Übergang über den Po, dann über den Tessin in offener Feldschlacht zu bestreiten, in die eine Hauptstadt zurück. Waren sie zu schwach, gegen die fränkische Übermacht das Feld zu halten, so empfahl sich dringend dieselbe Verteidigungsweise, in welcher nicht nur weiland die Ostgoten zwanzig Jahre (535–555) den Byzantinern 38 Belisars ruhmvollen Widerstand geleistet, welche die Ahnen der Langobarden selbst im 6. Jahrhundert gegen die nämlichen fränkischen Feinde mit Erfolg verwertet hatten. Freilich hatten die Langobarden törichterweise unterlassen, sich eine Kriegsflotte zu bauen, durch welche sie das Meer beherrschen und in ihre zahlreichen Seefestungen Nahrungsmittel schaffen konnten, sich, auch wenn auf der Landseite belagert, vor Aushungerung zu schützen: aber auch die Franken hatten damals noch keine Kriegsflotte, erst Karl hat in späteren Jahren gegen arabische Seeräuber und normannische Wikinge eine solche gebaut. Immerhin hätten die Langobarden, falls sie das Feld nicht halten konnten, ihre Streitmacht in die sehr zahlreichen und zum Teil sehr festen, durch Sturm nicht zu erobernden Festungen auf der ganzen Halbinsel von Susa bis Benevent , ja bis Consentia verteilen und dadurch die Feinde zu einer großen Zahl von Belagerungen zwingen können, welche im Süden Italiens, im Sommer, bei ungesundem, ungewohntem Klima, den Franken, fern von dem Nachschub aus der Heimat, sehr beschwerlich, ja verderblich werden konnten und im 6. Jahrhundert wiederholt geworden waren. Statt dessen drängte sich alles in die eine Hauptstadt zusammen, welche, mitten im Binnenlande gelegen, trotz ihrer starken Deckung durch die Wasser des Tessin , unfehlbar ausgehungert werden mußte. Adelchis nun warf sich in das feste Verona , welches schon so mancher Belagerung getrotzt hatte, auch Gerberga mit ihren beiden Knaben (und Auchar) suchte Schutz hinter jenen ragenden Mauern. Allein Karl selbst führte aus dem Lager, welches Pavia umschlossen hielt, eine kleine erlesene Schar vor jene Etsch -Burg und sehr bald ergab sie sich, die Flüchtlinge ausliefernd. Nur Adelchis war entkommen, er segelte aus dem Hafen von Pisa nach Byzanz , wo er jahrelang 39 unermüdlich strebte, den Kaiser zu bewegen, ihn mit Schiffen und Scharen nach Italien zu schicken, Karl und den Papst zu bekämpfen. Gerberga und die Knaben verschwinden aus der Geschichte, wahrscheinlich wurden sie in fränkische Klöster gebracht. Während die Einschließung von Pavia fortgesetzt ward, begab sich Karl aus dem dortigen Lager nach Rom , daselbst an heiliger Stätte das Osterfest (3. April 774) zu feiern. Neben der tiefen Frömmigkeit, welche unzweifelhaft, ledig jeder Spur von Heuchelei, der eine Grundzug, vielleicht der Hauptzug in Karls ganzem Wesen war, bewog ihn aber auch gar manche Sorge um den Staat, den Papst aufzusuchen und sich eng mit ihm zu verbünden. Auf das ehrenvollste ward er empfangen: Hadrian schickte ihm die Behörden Roms mit dem Banner der Stadt ( bandora ) dreißig römische Meilen (1 = 1000 Schritt) weit bis Novae entgegen. An dem ersten Meilensteine vor der Stadt aber traf Karl alle Scharen der römischen Bürgerwehr, ferner die Schuljugend mit Palmen- und Olivenzweigen: sie sangen lateinische Loblieder zu seinem Preise und begrüßten ihn mit schallendem Zuruf: auch Kreuze ließ der Papst ihm entgegentragen, was nur geschah bei der Einholung des Exarchen von Ravenna oder eines Patrizius – welche Würde ja Karl besaß. – Als Karl dieser Kreuze ansichtig ward, sprang er vom Roß, begrüßte dieselben und legte die letzte Meile zu Fuß zurück. Auf der obersten der vielen Stufen der Sankt Peterskirche stand der Papst, von allen seinen Geistlichen, in weiterem Ring vom Volk von Rom umgeben. Karl warf sich auf jeder Stufe nieder und küßte die Steinplatte! – bei seinem spätern Besuch hat er diese überschwängliche Demut doch nicht wiederholt. – Endlich erreichte er den Papst, beide Männer umarmten und küßten 40 sich, schritten Hand in Hand in das Innere der Kirche und stiegen hinab an das Grab Sankt Peters: es war das erste Mal, daß ein Frankenkönig den Ort betrat. Nach Beendigung des Gottesdienstes bat Karl den Papst um Erlaubnis, in die Stadt selbst gehen zu dürfen: die Peterskirche lag und liegt ja außerhalb der Umwallung auf dem rechten Tiberufer. Selbstverständlich war das nur eine höfliche, den Papst ehrende Form: der römische Patrizius wollte die weltliche Gewalt des römischen Bischofs über die Stadt dadurch anerkennen: der ehemalige byzantinische Patrizius hatte umgekehrt die Oberhoheit des Kaisers über den Papst geübt. Bald sollten übrigens die Päpste erkennen, daß Karl, bei aller Frömmigkeit und aller Ehrfurcht vor dem Nachfolger Sankt Peters, seine Schutzherrschaft über Rom nicht nur als eine Pflicht auffaßte [wie die Päpste bei Übertragung des Patriziats es wohl gemeint hatten], welche er nur auf Anrufen des Papstes zu erfüllen hatte, sondern ebenso als ein Recht, welches er als Oberherr des Papstes – auch als Richter desselben! – auszuüben befugt war. Damals aber kam es zur Geltendmachung solcher Rechte nicht: König und Papst errichteten urkundlich einen Bündnis- und Freundschaftsvertrag und Karl erneuerte feierlich das Schenkungsversprechen Pippins von Ponthion und Kiersy (oben S. 28 ): das sollte ihm noch viel Verdruß bereiten! Denn wie sein Vater hatte auch er nicht hinreichend klare Kenntnis von dem Umfang und der Bedeutung all' dessen, was der Papst sich hatte versprechen lassen. Es stellte sich bald heraus, – die Beamten Karls erkannten es und überzeugten ihn davon – daß jene Schenkungen sich nicht durchführen ließen ohne schwerste Schädigung der Macht, zumal der Einnahmen, doch auch der Verwaltung des langobardischen Reiches. Die Krone dieses Reiches aber 41 trug nun sehr bald Karl selbst. Ende April traf er wieder in dem Lager vor Pavia ein und im Juni ergab sich die Stadt, durch Hunger und Seuchen bezwungen: gar schön hat die Sage (unten V. 8) berichtet, welch furchtbaren Eindruck der Anblick des »eisernen Karl« auf König Desiderius macht, wie dieser vom Wall herniederschaut und sich von Ogier (Auchar) den Frankenkönig zeigen läßt. Sage ist auch, daß ein Geistlicher Petrus die Stadt verraten und zur Belohnung ein Bistum erhalten habe, Sage, daß eine Tochter des Desiderius, als sie Karl von der Zinne herab erblickt, von Liebe entzündet wird und ihm heimlich ein Tor der Stadt erschließt. Sage endlich, daß der gefangene Langobardenkönig geblendet und in Fesseln nach Paris geschleppt worden sei. Vielmehr hat der Sieger den Besiegten mit großer Milde behandelt, wie ein wackrer Langobarde, der Geschichtschreiber Paulus Diakonus , des Warnefrid Sohn (s. unten: »Karls Akademie« ) rühmt. Desiderius, seine Gattin, Königin Ansa , und eine Tochter (ungewiß, ob Karls ehemalige Gattin) wurden in fränkische Klöster gebracht, zuerst nach Lüttich , dann nach Corbie , wo Desiderius in frommem Frieden bis an seinen Tod lebte. Karl aber ward nun König der Langobarden: dies Reich ward nicht etwa wie Aquitanien von Pippin oder später Bayern von Karl dem Frankenstaat als Provinz einverleibt, sondern blieb als selbständiges Reich neben dem fränkischen bestehen, nur daß der König dieses Reiches fortab Karl (oder dessen Sohn) ward: im übrigen blieb die langobardische Verfassung mit wenigen Ausnahmen zunächst unverändert: auch die langobardischen Herzöge blieben meist in ihren Ämtern, nur ward fränkische Besatzung in die Hauptstadt Pavia gelegt. Freilich galten Beschlüsse des fränkischen Reichstags, an dem 42 Langobarden nur sehr ausnahmsweise teilnahmen, auch für das langobardische oder, wie man auch sagte, das italische Königreich: doch gab es auch besondere Reichstage für dieses Reich, welche, nur von Langobarden besucht, Gesetze für Italien erließen. An all' dem ward auch nichts geändert als Karl einige Jahre später seinen dreijährigen Knaben Pippin zum König dieses Reiches bestellte: die Räte desselben zu Pavia handelten nur nach Karls Befehlen, der nach wie vor sich nannte »König der Franken und der Langobarden«. Unberührt blieb noch volle zwölf Jahre durch den Untergang des Hauptreiches das zu demselben gehörige Herzogtum Benevent , dessen Herzog Arichis , ein begabter Mann, des Desiderius Eidam war: er und seine Gemahlin Adelperga hatten regen Sinn für Kunst und Wissenschaft, sie standen in geistigem Verkehr mit dem oben erwähnten gelehrten Diakon Paulus , der Mönch zu Monte Casino war. Die Schenkungsversprechung an den Papst sollte umfassen alles Land von Luna mit der Insel Korsika , dann von Sarzana bis zum Apenninenpaß Bardone ( La Cisa zwischen Pontremoli und Parma ), dann bis Bercetum, Parma, Regio, Mantua, Monselice , ferner den ganzen Exarchat von Ravenna , die Provinzen Venetien und Istrien sowie die beiden Herzogtümer Spoleto und Benevent! Aber trotz der unablässigen Mahnungen der Päpste hat Karl sich nicht entschließen können, diese weiten, dem Langobardenstaat unentbehrlichen Gebiete wirklich dem Papst zu überlassen: Spoleto , das (773) eigenmächtig mit dem Kirchenstaat war vereint worden, ward (776) wieder davon gelöst, Benevent blieb noch lange unabhängig, Venetien und Istrien nahm Karl den Byzantinern für sich ab, nur den 43 Exarchat und einzelne Städte in Tuscien und der Sabina erhielt der Papst. Im Juli (774) war Karl bereits wieder am Rhein. Drittes Kapitel. Karl und der Islam. Schon Karls Vater, König Pippin, hatte nicht nur feindliche, auch freundschaftliche Beziehungen zu arabischen Fürsten gepflegt. Zwar den Ungläubigen in Spanien , diesen bösen Nachbarn, konnte der Frankenkönig nur mit Schild und Schwert entgegentreten: Pippin hatte durch eine Erhebung der christlichen, westgotischen Bevölkerung in dem von den Arabern noch immer beherrschten ehemaligen» Gotien « im Jahre 752 die Städte Nîmes, Maguelonne, Agde, Beziers und ebenso im Jahre 759 Narbonne , die letzte Trutzfeste der Mohammedaner nördlich der Pyrenäen, gewonnen: den (west)gotischen Einwohnern war im voraus versprochen worden, daß sie auch unter fränkischer Herrschaft nach ihrem gotischen Recht sollten leben dürfen. Wenige Jahre vorher war die Herrschaft des Hauses der Omaijaden in Asien durch die Abbassiden gestürzt worden (750): doch ein Sprößling jenes Geschlechtes, Abderrachmán , war nach Spanien gekommen, hatte dort zu Cordoba ein unabhängiges Omaijadenreich gegründet (756) und gegen einen Angriff des abbassidischen Kalifen von Bagdad erfolgreich verteidigt. So hatten denn dieser Kalif, Almanßur , und 44 König Pippin einen gemeinsamen Feind in dem Omaijaden zu Cordoba. Dies führte zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden: im Jahre 765 ging eine fränkische Gesandtschaft, wahrscheinlich in Erwiderung einer abbassidischen, nach Asien in das ferne Bagdad. Aber auch in Spanien standen häufig die Fürsten einzelner Städte in Waffen wider den Omaijaden zu Cordoba: solche riefen dann wohl fränkische Hilfe an. So tat denn auch im Jahre 777 der Statthalter (» Wali «) von Barcelona und Gerona: als Karl tief im Sachsenlande lagerte, erschienen Gesandte dieses Häuptlings und riefen seinen Schutz an. Gegen einen Feldzug jenseit der Pyrenäen , in völlig unbekanntem Lande, gegen unbekannte Feinde sprach gar mancherlei, zumal solange noch viel wichtigere Aufgaben in der Nähe der Lösung harrten. Allein unwiderstehlich drängten zu diesem Unternehmen die beiden mächtigsten Gewalten in Karls großer Seele: einmal die tiefe, tateifrige Frömmigkeit und dann die leidenschaftliche Lust an Kampf, Eroberung, Machterweiterung. Schon damals, lange bevor die Kaiserkrone ihn schmückte, war Karl von der Überzeugung durchdrungen, er sei von Gott berufen, »allüberall« die Kirche zu schützen und den rechten Glauben zu verbreiten: daher sein Kampf für den Papst gegen die Langobarden, daher seine großartigen Bemühungen, die heidnischen Nachbarn ringsum: Sachsen, Avaren, Slaven zu bekehren. So aufrichtig, so frei von jeder Heuchelei dieser Glaube war, so höchst angenehm empfand es doch der kampffreudige Held, der machtgierige König, daß ihm jene von Gott auferlegte Pflicht für den Glauben zugleich den Krieg gegen jene Heiden und die Unterwerfung ihrer Länder auferlegte: die Befriedigung seiner 45 heißesten Leidenschaften schien so als gottwohlgefällige Erfüllung frommer Pflicht. In angenehmster Mischung von christlichem Glaubenseifer und von heldenhafter Lust an Heerfahrt und Eroberung ließ sich Karl auf das weitaussehende Unternehmen ein: gerade auch solche Fahrt in unbekannte Länder und Gefahren reizte ihn. Er hat, im Unterschied von seinem maßvollen, vorsichtig nüchternen Vater, einen großartigen, aber ein wenig phantastischen Zug ins Weite, in die Ferne, in das Ungemessene. Im folgenden Jahre (778) begann er nach sorgfältigen, großen Vorbereitungen den Feldzug über die Pyrenäen: aus seinem eignen Munde wissen wir, daß ihm wirklich die Eroberung von ganz Spanien, die Zerstörung der arabischen Herrschaft daselbst, die Befreiung der spanischen Christen von dem Joche der Ungläubigen als Ziel vorgeschwebt hat. Aber dieser spanische Krieg sollte der einzige von dem großen Feldherrn in Person geleitete Waffengang werden, der völlig scheiterte. Den Plan dieses seines zweiten großen Feldzugs entwirft er in völlig gleicher Weise wie den des ersten, des Langobardenkrieges von 773. Auch hier zwei Heere, welche auf zwei verschiedenen Straßen vordringen, erst in Feindesland sich vereinen. Von Nordwest nach Südost hinziehend, bilden die Pyrenäen die natürliche Grenze zwischen der iberischen Halbinsel und Frankreich. Dementsprechend wählte Karl seine zwei Straßen von Nordosten und von Nordwesten: das eine Heer, bestehend aus dem Aufgebot der östlichen Gebiete Karls: also der Bayern, Alamannen, Ostfranken, Burgunden , wie der vor kurzem erst unterworfenen, aber schon zur Heeresfolge herangezogenen Langobarden , dem aus der Provence und dem ehemals gotischen Septimanien , zog über die Ostseite der Pyrenäen: also über Narbonne 46 und Urgel . Ein Blick auf die Karte zeigt, daß für diese Scharen jeder andre Weg ein sinnloser Umweg gewesen wäre. Der Befehlshaber dieses Heeres wird uns nicht genannt. Das zweite Heer führte Karl selbst; es bestand aus den Völkern des Nordwestens (also Aquitaniern, Neustriern, Bretonen, salischen Franken und Friesen ). Es zog auf dem westlichen Wege durch das Land der Basken , wohl über St. Jean-Pied de Port, Burguet und den Paß von Ronceval auf Pampelona: erst vor Saragossa vereinten sich beide Heere. Wenn das Unternehmen fehlschlug, so lag der Grund nicht in den kriegerischen, sondern in den politischen Verhältnissen. Karls arabische Verbündete, welche ihn gegen Abderrachmán, den Omaijaden zu Cordoba, zu Hilfe gerufen hatten, waren vor seinem Eintreffen in Krieg untereinander geraten und zum Teil durch diese Kämpfe, zum Teil von dem Omaijaden vernichtet worden. Schwerer noch wog, daß die christlichen Goten und die christlichen Basken in Spanien, zu deren Beschützung und Befreiung dieser »Kreuzzug« hatte dienen sollen, feindlich gegen Karl auftraten: sie wollten lieber als die fränkische Herrschaft anerkennen sich der Araber allein erwehren, ja sogar Verträge mit diesen schließen. War doch auch die Lage der Christen unter der Herrschaft des Islam, falls sie nur die Schatzung zahlten, eine keineswegs gedrückte: jedenfalls eine höchst beneidenswerte, verglichen mit der der heidnischen Sachsen unter der Herrschaft Karls: die Sachsen wurden vor die Wahl gestellt: Taufe oder Tod: die Christen in Spanien durften unter der Herrschaft der Araber ungestört ihren Gottesdienst halten. In den Bergen von Asturien aber hatte das kleine Häuflein von Goten, welche sich aus der Schlacht bei Xeres de la Frontera am Guadalete (711) gerettet, 47 Freiheit, Volkesart und Glaube unter Führung des sagenhaften Helden Don Pelayo bewahrt und allmählich wieder mehr Land gewonnen, begünstigt durch die unaufhörlichen Kämpfe der Araber und Berber untereinander. So war nach und nach ein kleines christliches Königreich Asturien erwachsen: die Hauptstadt, Pampelona , lag in der Landschaft Navarra , auch viele christliche Basken der Pyrenäen , von den Arabern nie unterworfen, gehörten zu diesem Staat. So feindlich verhielten sich aber jetzt diese Goten und Basken, – unbestimmbar, ob mit den Arabern verbündet oder für sich allein – zu den Franken, daß Karl mit dem Westheer Pampelona, das auf seinem Wege lag, erstürmen mußte. Er überschritt nun in einer Furt den Ebro und zog gegen Saragossa , vor dessen Mauern er sich mit dem Ostheer vereinigte. Die Stadt konnte doch nicht bezwungen werden: offenbar, weil die vorausgesetzte Mitwirkung der arabischen Verbündeten versagte: einer hatte vor Karls Erscheinen in Spanien den Untergang gefunden, den andern führte Karl jetzt bei dem Rückzug in Ketten mit nach »Francien«. Ob der Rückzug wieder auf zwei Straßen erfolgte, wissen wir nicht; fest steht nur, daß Karl sein Heer wieder auf dem westlichen Wege zurückführte: er zerstörte jetzt Pampelona oder doch die Mauern der Stadt, die er nicht behaupten konnte und in feindlichen Händen nicht lassen wollte. Als nun das Heer nördlich von Pampelona die Pyrenäen überschritt, da geschah in der Schlucht von » Ronceval « (am 15. August 778) jener Überfall der fränkischen Nachhut, von dem jahrhundertelang Lied und Sage erzählt haben: denn hier fiel » Roland der Held «. Derselbe gehört nicht nur der Sage an: die gleichzeitigen Geschichtsquellen wissen von einem Hruotlandus , Markgraf der bretonischen Mark (Bretagne), der hier den 48 Tod fand mit dem Pfalzgrafen Anshelm und dem Tafelwart Eggihard ( seniskalkus, der für die königliche Tafel zu sorgen hat; es ist das Amt, das im Nibelungenlied Herr Rumold der Küchenmeister bekleidet). Wahrscheinlich begegnet Rolands Name und Unterschrift (»Rotlan, comes «) auch in einer Urkunde des Abtes Fulrad von St. Denis (oben S. 32 ) vom 25. Dezember 776: hier steht er als Zeuge neben und mit demselben Pfalzgrafen Anshelm, neben und mit dem er bei Ronceval fallen sollte. Er war wohl hervorragend unter Karls Paladinen: denn die bretonische Mark wurde stets nur ausgezeichneten Männern anvertraut, die keltischen Clane jener Landschaft mußten gar oft mit dem Schwert in Gehorsam gehalten werden. Das ist alles, was die Geschichte von dem viel gefeierten Helden der Sage zu berichten weiß. Es ist vielleicht bezeichnend für »Rolands« gefürchtete Tapferkeit, daß nicht solang er waltete, erst nach seinem Fall die Bretonen wiederholt (786, 789, 811) zu den Waffen greifen, obwohl auch Rolands Nachfolger im Markgrafentum (oder doch in den Kämpfen) daselbst, Andulf und Wido , ausgezeichnete Paladine Karls waren, die stets rasch mit ihnen fertig wurden. Dem Seniskalk Eggihard hat ein Zeitgenosse eine rührende Grabschrift verfaßt, aus welcher wir auch den Tag des Gefechts erfahren: Grabschrift des Aggiardus Mit einigen Kürzungen. Am Ende steht in Prosa: er starb am 15. August; im Frieden glücklich (ruhe er). .         Unter dem schmalen Gestein sind hier die Gebeine gebettet,     Aber die Seele flog hoch zu den Sternen empor. Edlem Geschlecht entstammt, aus dem tapfern Volke der Franken,     Milde war er und sanft, freundlich von Sitten und Art. 49 Ach kaum war ihm der Flaum auf den rosigen Wangen entsprossen,     Ach daß früh, vor der Zeit, blühende Jugend auch stirbt. Aggiard war er benannt, wie sein Vater vor ihm genannt war     Und in des Königs Palast pflog er erhabenen Amts. Ihn hat der Tod uns entrafft durch das Schwert, unersättlich im Raube,     Aber das ewige Licht zog ihn zum Himmel hinauf. Als der gewaltige Karl aus dem sandigen Spanien heimzog,     Starb er: nur für die Welt, aber er lebt nun für Gott. Ihn betrauern zugleich in betrübtem Herzen die Franken,     Ihn Aquitanien, ihm weinet Italien nach. Liegt er auch hier in der Gruft, ist er doch in dem Fleisch nur begraben.     Aufwärts schwang er zu Gott hoch sich auf schimmerndem Pfad. Die Angreifer waren nicht Araber, sondern christliche Basken, Untertanen des Königs von Asturien, welche, von Anfang feindlich, jetzt wohl den Brand von Pampelona rächen, vielleicht aber auch bloß Beute machen wollten und deshalb gerade lediglich den Troß, das Gepäck überfielen. Den Vorgang selbst schildert sehr anschaulich Karls Lebensbeschreiber, Einhard . »Während das Heer in lang auseinandergedehntem Zug, wie dies der enge, schmale Paß nötig machte, sich fortbewegte, brachen plötzlich die Vaskonen aus einem auf dem höchsten Gipfel des Berges gelegenen Hinterhalt – die dichten Wälder, deren es dort noch viele gibt, sind für Hinterhalt sehr geeignet – auf den letzten Teil des Trosses und die zur Deckung der Nachhut bestimmte, dieser unmittelbar voranschreitende Schar (– diese Deckungsmannschaft offenbar, nicht den Troß, befehligten jene vornehmen und auserlesen tapfern »Paladine«) – von oben her ein, warfen sie (man sieht es: von dem Saumpfad längs der »Bergleite«) 50 in die darunter liegende Schlucht hinab, erschlugen dort im Handgemeng alle, plünderten das Gepäck und stoben unter dem Schutz der bereits einbrechenden Nacht mit größter Schnelligkeit nach allen Richtungen auseinander.« Er schließt: »hier fielen gar viele der Höflinge ( aulici  = palacini  = Paladine), welchen der König den Befehl über diese Scharen anvertraut hatte, eine Wunde, deren Schmerz die Freude über alle Erfolge in Spanien (diese waren aber recht gering!) in des Königs Seele trübte«. » Ronca-vallis « ist wohl nicht »Dorn-Tal«, von ronca , Gedörn, sondern »Reute-Tal«, von roncare, runcare, , schneiden, von Unkraut und Gestrüpp säubern oder vielleicht »Runzeltal«, von Runca, Falte, Krümmung, Einschnitt; letzteres ist aber weniger anzunehmen; übrigens liest man auch Roscida-vallis . Roland aber ward in Lied und Sage das edle Heldenbild ritterlichen Ehrenstolzes und der Treue gegen den König bis in den Tod. Nach Chasseneuil , wo er Frau Hildigard zurückgelassen, heimgekehrt, fand Karl, daß sie ihm Zwillinge, zwei Knaben, geboren hatte, von denen der eine, Lothar , bald starb, der andre aber, Ludwig , von allen Söhnen allein den Vater überleben und das Reich erben sollte. Ludwig der Fromme war durchaus kein Held und keine königliche Natur: die Sage hat mehrere Söhne Karls in ungünstigem Lichte dargestellt. Seine andern Söhne von Hildigard, Karl und Pippin , waren aber sehr tüchtige tapfere Männer (s. unten Karl und sein Haus ). Drei Jahre darauf schon erhob Karl das Kind Ludwig zum »König von Aquitanien « d. h. dem Lande zwischen Loire und Pyrenäen . Der Regierung dieses Knaben, die meist zu Toulouse ihren Sitz hatte, lag es nun ob, die Grenzen gegen die Araber zu sichern und gelegentlich in den Pyrenäen, auch wohl jenseit derselben weiter vorzuschieben; 51 denn damals (778) war die geplante Anlegung einer »spanischen Mark« nicht gelungen. Eine solche »Mark« war ein Vorland, oft bestrittenen Besitzes, zwischen dem Reich und unabhängigen Nachbarn, durch Burgen und Grenzwehren zur Verteidigung, auch wohl zum Ausfall bedachtsam eingerichtet: so konnte man z. B. die spanische Mark, als zum Schutze des eigentlichen fränkischen Hinterlandes, in Spanien und gegen Spanien angelegt, bezeichnen. Nicht immer hatte Karl Ursache mit dieser aquitanischen Regierung zufrieden zu sein. Zwar übergaben 785 die Bewohner von Gerona ihre Stadt den Franken und von diesem ersten Stützpunkt aus wurden dann auch Urgel im Norden, Ausona ( Vich ) im Westen gewonnen: allein Graf Chorso von Toulouse ließ sich von Basken in einem Hinterhalt fangen und seine Freigebung geschah bei einer Zusammenkunft in »Mors Gotorum« ( Mourgoudon ), »Goten-Tod«, – wohl benannt nach einer verschollenen Schlacht von Westgoten (mit Arabern?) – unter Bedingungen, die für das Reich so unrühmlich waren, – man stellte den baskischen Räubern und Rebellen Geiseln! – daß König Karl ergrimmte und jenen Grafen absetzte. Sein Nachfolger zu Toulouse ward (790) der tapfere Graf Wilhelm , der unter dem Namen » Wilhelm von Orange « in Lied und Sage viel gefeiert ward: er zählte ohne Zweifel zu Karls tapfersten Paladinen. Neben seinen Heldentaten empfahl ihn der Dichtung und Sage seine große Frömmigkeit, welche ihn auch bewog, am Abend eines Lebens voll Kriegsruhms, voll Reichtums und Glanzes der Welt zu entsagen und, wie in jenen Jahrhunderten gar manche Könige, Fürsten und Helden [wie Karlmann (747), Ratchis der Langobardenkönig (749), Hunold der Herzog von Aquitanien 52 (744)] in ein Kloster zu treten: er wählte das von ihm selbst gestiftete Gellone oder St. Guillaume du Desert: und gar oft sah man nun den einst so waffengewaltigen Paladin auf einem Eselein zu den Mönchen hinausreiten, welche in der heißen Erntezeit auf dem Feld arbeiteten, und den Brüdern in der Kapuze seiner Kutte zur Erfrischung ein Gefäß voll Weines zutragen. Zunächst aber hatte sich Graf Wilhelm noch viele Jahre mit den Arabern herumzuschlagen. Im Jahre 793 drangen diese mit ungeheurer Übermacht in Südfrankreich ein und verwüsteten das Land bis Narbonne . Wilhelm wollte ihnen den Weg nach Carcassonne verlegen, den Übergang über den Fluß Orbien streitig machen: aber vergeblich verrichtete er Wunder der Tapferkeit den ganzen langen Sommertag, vergeblich erschlug er – nach der Sage – mit eigner Hand mehr als einen »König« der Heiden: seine Gefährten, – so viele noch übrig – flohen zuletzt erschöpft vor der erdrückenden Überzahl und ließen ihn im Stich: da mußte auch er weichen. Um solchem Einbruch der Saracenen in Aquitanien künftig vorzubeugen, ward aber nun (795) jenseit der Pyrenäen eine »spanische Mark« wirklich eingerichtet. Ausona (Vich), Cardona , Casseres am Ter , die zum Teil verlassen lagen, wurden wieder besiedelt und neue befestigt: da ward (796) Barcelona gewonnen, Huesca jedoch (797) vergeblich angegriffen. Jetzt trat auch das christliche Königreich Asturien aus der widernatürlichen Feindschaft gegen das Frankenreich in Freundschaft über: König Alfons (gotisch: »Hadu-Funs«), der 791 den Thron zu Oviedo bestiegen hatte, – er sollte Karl und Ludwig überleben: erst 843 starb er – schickte (798) als Zeichen der Verehrung Karl kostbare Stücke aus der Beute, die er in sieghafter Schlacht den Saracenen 53 abgenommen: sieben maurische Brünnen, sieben Maultiere, die also wohl selten waren im Frankenreich, und sieben gefangene Araber. Ein inniges Freundschaftsbündnis ward geschlossen zwischen Karl und Alfons: letzterer nannte sich in seinen Briefen und mündlichen Botschaften Karls »eigenen Mann« (Eigentum). Die Sage hat auch dies verwertet: Alfons »der Keusche« soll aus der Ferne mit einer Schwester Karls verlobt worden und dieser, obwohl sie infolge eines Gelübdes den Schleier nahm und er sie nie mit Augen sah, bis an sein spätes Lebensende in heiliger Liebe treu geblieben sein. Gefährlicher oder doch schädlicher als auf dem Festlande wurden aber nun die Araber dem Frankenreich zur See. Sowohl aus den Häfen Spaniens als von den Küsten Nordafrikas liefen Jahr für Jahr arabische Raubschiffe aus, welche die Handelsschiffe der Christen ausraubten, auf den Inseln und an den Gestaden des Mittelmeeres landeten, die Städte plünderten und verbrannten, die Einwohner, zumal auch Priester und Mönche, töteten oder als Sklaven fortschleppten und verkauften. Das wollte Herr Karl, der sich auch jetzt schon, bevor er die Kaiserkrone trug, als Beschirmer des Glaubens, der Christenheit » allüberall « (oben S. 44 ), – also nicht bloß innerhalb seines Reiches, – ansah, nicht dulden. Er schuf sich eine Kriegsflotte – bis dahin hatten die Franken nur ein Landheer besessen, abgesehen von grauester Vorzeit, da sie auch als sehr kühne Seefahrer die Römer bekämpft hatten – und erfüllte die Bitten der Bewohner der Balearischen Inseln, Majorca und Minorca , sie gegen die arabischen Seeräuber zu schützen: diese Eilande hatten bis 711 zum Westgotenreich gehört, seit dessen Untergang waren sie sich selbst überlassen, herren-, aber auch schutzlos gewesen: jetzt landeten fränkische Krieger auf Majorca, 54 schlugen die Araber, entrissen ihnen im Gefecht mehrere Feldzeichen, welche Herrn Karl in seine Pfalz zu Aachen geschickt wurden, und nahmen die Ergebung der Inselbewohner unter das Frankenreich entgegen: auf die Dauer konnte dieser entlegene Besitz doch nicht behauptet werden, sowenig wie das östlichere Korsika , das Karl durch langobardische Schiffe (806) von den Saracenen säubern ließ: 807 schlug sein Stallgraf ( comes stabuli, daher französisch connétable ) Burchard die arabischen Raubschiffe in einem Seegefecht bei dieser Insel: sie verloren 13 Segel und viele Leute; aber bald (809) kamen die Peiniger wieder, plünderten gerade am Ostersamstag (7. April) eine Bischofs-Stadt ( Aleria? ) daselbst und als sie (810) abermals landeten, fanden sie das Eiland von den Franken verlassen und konnten es so mit leichter Mühe fast völlig unterwerfen. Die Kriegsschiffe, welche Karl seit 799 auf der Seine , der Loire , der Schelde und »allen Strömen Galliens und Germaniens« bauen ließ, die Küstenwehren und Wachttürme, welche er anlegte, sollten übrigens mehr noch als die Araber, welche doch fast anschließend die Südmeere heimsuchten, die nordischen Raubfahrer abwehren, die Vikinge (nicht Seekönig: denn »Vik« heißt nicht Meer, sondern von »Vik«, Gehege, weil diese Nordleute, sowie sie gelandet, ihre Schiffe mit Pfahlwerk umhegten), die, meist Dänen , aber auch Schweden oder Norweger , die Küsten der Nordsee , des Kanals , aber auch des occidentalis oceanus heimsuchten (s. unten » Dänen «). Gerade die Mündungen der Ströme galt es zu sperren: denn diese kühnen Räuber liebten es, den Rhein , die Seine , die Loire zu Berg zu fahren, so in das Binnenland zu dringen und alle an den Ufern gelegenen Städte und Dörfer zu plündern. 55 Gleichzeitig gelang es, auf dem Festland von Spanien die Mark zu erweitern: 801 wurde Barcelona (s. unten), 806 Navarra und Pampelona genommen, welche, wie Huesca (s. oben S. 52 ) wieder in die Hände der Araber gefallen waren, im Jahre 809 Tarragona: aber Tortosa ward zweimal (809, 810) vergeblich angegriffen, erst 811 erobert, wahrscheinlich jetzt deshalb, weil inzwischen der »König von Spanien«, d. h. der Beherrscher von Cordoba , Friede (auf drei Jahre) mit Karl geschlossen und daher der Stadt keinen Entsatz geschickt hatte; bei der Unabhängigkeit, ja Feindschaft andrer arabischer Fürsten in Spanien und Nordafrika gegenüber Cordoba dauerten nämlich, wie die Seeräubereien der Muselmänner, so auch die Gefechte auf der Pyrenäischen Halbinsel auch in diesen Jahren (811–814) fort. Die Pläne für die größeren dieser Feldzüge (801 und 810) hatte Karl gewiß selbst entworfen: sie sind von den ihm eignenden Feldherrngedanken (s. oben S. 35 ) durchdrungen. Freilich dürfen wir annehmen, daß er »Schule gemacht«, daß seine beiden trefflichen Söhne Karl und Pippin, daß so hervorragende Helden wie Wilhelm von Orange, Gerold von Bayern, Erich von Friaul ihm manches abgelernt, die Kunst seiner Kriegsführung sich angeeignet hatten. Wiederholt hat sich Wilhelm von Orange in diesen Feldzügen mit Ruhm bedeckt. Dem Namen nach befehligte zwar König Ludwig. Aber dieser war durchaus kein Held und kein Feldherr. Bei der ersten dieser Unternehmungen, gegen Barcelona (801), wurden, nach Karls vielbewährter Weise, drei Heere gebildet: es waren Aquitanier, Basken, Burgunden, Provençalen und Westgoten: mit dem einen Heere – der Nachhut – blieb König Ludwig ganz ruhig auf der Ostseite der Pyrenäen in Roussillon – in 56 Sicherheit, er fand stets »Vorsicht den sichersten Teil der Tapferkeit«, während seine Unterfeldherren die Arbeit taten. Ein zweites Heer schloß Barcelona ein, während das dritte – geführt von Wilhelm – den schwierigsten, gefährlichsten Teil der Aufgabe übernahm. Es galt, das Belagerungsheer in seinem Rücken zu decken gegen einen Versuch des »Königs« der Araber zu Cordoba, der Stadt die dringend geforderte Hilfe zu bringen. Wirklich zog ein Entsatzheer der Saracenen heran, fand aber Wilhelms Scharen westlich von Barcelona, wahrscheinlich auf dem linken Ufer des Ebro , etwa zwischen Tortosa und Saragossa , so vortrefflich aufgestellt, – wohl um den Arabern den Übergang über diesen Fluß zu wehren – daß dieselben den Plan des Entsatzes aufgaben und abzogen. Nun vereinte Wilhelm seine Kräfte mit dem Belagerungsheer: Barcelona ward ausgehungert und als die Übergabe bevorstand, der große Held Ludwig aus seinem Ruheposten herbeigeholt, sich die reife Frucht in den Schoß fallen zu lassen. Ein Westgote , Graf Bera , und gotische Scharen erhielten den Befehl und die Besatzung in der Stadt, so daß etwa 90 Jahre nach der Schlacht am Guadalete die Sprache König Roderichs wieder in Barcelona scholl. Und als im Jahre 810 von Barcelona aus ein Angriff auf Tortosa unternommen ward, ahmte man den Plan von 801 nach. Ein Heer zog geradeaus auf jene Stadt und schloß sie ein, während ein zweites unter Graf Bera insgeheim in drei Nachtmärschen auf den Ebro zueilte und so überraschend am vierten Tag den Fluß auf mitgeführten Fahrzeugen überschritt, daß die auf dem rechten Ufer aufgestellten Araber, welche den Übergang hatten verhindern sollen, in voller Bestürzung aus ihren Stellungen flohen und den Franken das reichgefüllte Lager zur Plünderung überließen. Darauf zog auch Bera vor Tortosa; doch 57 ward die Stadt erst im folgenden Jahr (811) zur Übergabe gebracht. Aber nicht nur in Europa trat Karl in teils feindliche, teils vertragsmäßige Beziehungen zu dem Islam: der Ruhm seines Namens drang bis in das fernste Asien und nicht minder seine fromme Fürsorge »für die Kirche allüberall«. Das Los der Christen im Morgenland, zumal in Palästina, sowohl der dort unter der Herrschaft der Mohammedaner Seßhaften als der zahlreichen Pilger, welche die heiligen Stätten besuchten, lag ihm warm am Herzen. Im Jahre 799 erschienen bei ihm Gesandte des Patriarchen von Jerusalem , welche ihm dessen Segen, Weihgeschenke, Reliquien aus dem Gelobten Land überbrachten und gewiß seinen Schutz anriefen, den freilich der Kaiser zu Byzanz zu gewähren zunächst berufen gewesen wäre: so erfüllte auch hier, wie so oft, Karl bereits als König kaiserliche Aufgaben. Er schickte nun mit jenen Boten einen Gesandten, auch seinerseits mit reichen Geschenken, nach Jerusalem. Als er im folgenden Jahre (800) zu Rom weilte, traf ihn daselbst eine neue Gesandtschaft des Patriarchen, welche ihm nichts Geringeres als die Schlüssel des heiligen Grabes, des Kalvarienberges, der Stadt und das Banner der Stadt Jerusalem überbrachte. Dies bedeutete, nach der Auffassung der Zeit, geradezu die symbolische Übertragung nicht nur der Schutzpflicht, auch des Besitzes und der Herrschaft! Freilich hatte der Patriarch, Untertan des Kalifen, ebensowenig das Recht zu dieser Übertragung, wie der Papst, Untertan des byzantinischen Kaisers, zur Übertragung der Kaiserwürde. Karl aber, stets bereit, Pflichten für Christus und die Kirche auf sich zu laden, – mochte auch der damit verbundene Ruhmesglanz ihn mächtig dabei locken und gerade das Phantastische an der in so weite Ferne 58 greifenden Aufgabe ihn reizen, – nahm all das an und gewährte die Zusage wirksamen Schutzes. Ja, nach einem freilich bereits sagenhaft gefärbten Bericht soll er diesen Gesandten, welche ihn im Namen des Patriarchen um Hilfe wider die von allen Seiten andringenden Heidenvölker anriefen, erwidert haben, er sei bereit, den Feind nicht nur auf dem Festland, sondern im Fall der Not auch auf dem Meere zu bekämpfen! Der Sage haben diese Beziehungen zu Jerusalem, diese übernommene Schutzpflicht genügt, später in der Zeit der Kreuzzüge Karl zum allerersten Kreuzfahrer zu machen, der mit seinen Paladinen den Kaiser zu Byzanz und dann die heiligen Stätten aufsucht. Übrigens hat Karl wirklich den Christen im Gelobten Land Schutz und Hilfe gebracht: nicht durch die Waffen, wohl aber durch den Ruhm seines Namens, der bis in das fernste Asien drang und den Beherrscher des Morgenlandes bewog, des großen Frankenkönigs Freundschaft zu suchen. Gerade in jenem Jahre 800, welches Karl die Kaiserkrone brachte (s. unten), drängen sich von allen Seiten die Ehren auf sein Haupt. Bald nachdem der neue Kaiser die Gesandtschaft des Patriarchen entlassen, erhielt er die Nachricht, daß kein Kleinerer als der Kalif von Bagdad selbst eine Gesandtschaft mit den reichsten Gaben des Morgenlandes an ihn abgeschickt habe, die soeben im Hafen von Pisa gelandet sei. Karl erhielt diese Nachricht in Pavia : er ließ sofort die Gesandten zu sich nach Ivrea entbieten. Dieser Kalif aber war – Harún Ar-Raschid (786–809), der gefeierte Held so vieler orientalischer Überlieferungen. Die Weltgeschichte scheint hier in phantastischem Spiele sich zu gefallen, indem sie den Helden der germanisch-romanischen Sage und den der morgenländischen Märchenwelt Freundschaft schließen 59 läßt. Wir sahen, daß schon Pippin mit Al-Manßur , dem abbassidischen Kalifen zu Bagdad, Gesandtschaften getauscht hatte, welche den Omaijaden zu Cordoba bedrohten. So hatte auch Karl im Jahre 797 eine Gesandtschaft, zwei fränkische Grafen, Lantfrid und Sigmund , und, wahrscheinlich als Dolmetsch, einen Juden Isaak nach Bagdad geschickt, gewiß um vor allem den Christen im Morgenland günstige Behandlung zu erwirken, vielleicht auch im Zusammenhang mit der gerade damals lebhaft geführten Bekämpfung des gemeinsamen Feindes in Spanien. Nun kam die Kunde, jene beide Franken zwar seien auf der Reise gestorben, Isaak aber kehre zurück mit Gesandten des Kalifen von Bagdad, sowie des Statthalters Ibrahim von Afrika , welche die prachtvollsten Geschenke überbrächten. Diese Geschenke wurden dann Karl nach Aachen nachgeschickt. Denn erst im Oktober landete Isaak in Italien in Porto Venere und überwinterte hier: die schneebedeckten Alpen im Winter zu überschreiten, wagte er nicht, wohl mit Rücksicht auf das kostbarste Stück unter jenen Geschenken – einen Elefanten! Daß sich Karl ausdrücklich einen solchen bei Harún erbeten, ist wohl ebenso Fabel, wie daß der Kalif den einzigen geschenkt habe, den er damals besessen. Das Tier – » Abul Abbaß « hieß es (angeblich) nach dem Begründer des Abbassiden-Hauses – machte gewaltiges Aufsehen in Gallien, wo seit den Tagen Hannibals wohl keines seiner Art war gesehen worden. Nicht ohne Staunen erfahren wir, daß der Kaiser dies Spielzeug – denn schwerlich sollte es doch Lasten tragen – mit in den Dänenkrieg von 810 führte: und als es hierbei verendete, ward sein Tod von den Chronisten gleich dem einer Prinzessin oder eines Erzbischofs verzeichnet! Bei dem Mönche von St. Gallen finden sich allerlei Sagen über diese 60 Gesandtschaft; unter den Geschenken werden noch Affen, dann, von dem afrikanischen Statthalter, ein Löwe und Bären aufgeführt; noch im gleichen Jahr (801) erwiderte Karl die Gesandtschaft mit Geschenken, die für das Abendland bezeichnend waren. Diese Gesandten kehrten erst 807 in Begleitung von Boten des Kalifen und des Patriarchen von Jerusalem zurück, welche abermals prachtreiche, kunstvolle Geschenke überbrachten: ein wunderbar großes und schönes Zelt ( papilio, daher pavillon ) und buntfarbige Vorhänge für die Vorhalle des Palastes: – alles daran, sogar die Zeltstricke waren von Byssos (Baumwolle?), – viele kostbare seidene Mäntel, Räucherwerk, Salben, Balsam, eine Wasseruhr von Messing, ein wahres Wunder der Mechanik: sie enthielt zwölf offenstehende Pförtlein, zwölf Erzkugeln, zwölf Reiter: bei Ablauf jeder Stunde fiel je die entsprechende Zahl von Kugeln klingend auf ein Becken und trat die entsprechende Zahl von Reitern aus den Pförtlein, welche sich von selbst hinter ihnen schlossen, »und noch viele andre Wunderdinge waren an der Uhr!« Weiter zwei hochragende, schlanke Leuchtersäulen ( candelabra ). Das Zelt soll angeblich so hoch gewesen sein, daß man mit dem Bogen über seine Spitze nicht schießen konnte (!) und so viele Abteilungen enthalten haben, wie ein weitläufig gebauter Palast. Das Ergebnis der Verhandlungen dieser Gesandtschaften war nun zwar nicht, wie die Sage, ins Maßlose vergrößernd, zu erzählen weiß, die Abtretung von Jerusalem oder gar von ganz Palästina durch den Kalifen, der fortab nur mehr als Karls »Vogt« und Statthalter hier habe gebieten wollen: – daran ist gar nicht zu denken: waren doch der Tempel, das Grab Christi auch den Mohammedanern hochheilige Stätten! – wohl aber die Einräumung einer gewissen Schutzgewalt, eines 61 gemeinsamen Schutzrechts, vielleicht auch privatrechtlichen Eigentums an einzelnen Gebäuden und die Zusicherung wirksamen Schutzes der im Gelobten Land ansässigen oder pilgernden Christen durch den Kalifen. Denn Karl pflegte der Beziehungen zu den orientalischen Herrschern ganz besonders wegen des dadurch den Christen im Morgenland gesicherten Schutzes; er erließ 810 ein besonderes Kapitular betreffs der nach Jerusalem zu sendenden Almosen für Herstellung der Kirchen daselbst und noch 865 bestand dort ein von Karl gestiftetes Pilgerhaus, in welchem alle Wallfahrer romanischer Zunge (d. h. des Vulgärlatein, aus welchem später das Altfranzösische entstand) Aufnahme fanden: zu diesem Hause gehörte eine ebenfalls von Karl geschenkte umfangreiche Bücherei, zwölf Hufen Acker und Reblandes und ein Garten im Tale Josafat . Kaufleute, welche auf dem Marktplatz vor dem Pilgerhause Handel trieben, hatten demselben jährlich zwei Goldgulden (24 Mark) zu entrichten, ein Recht, welches selbstverständlich nicht Karl, nur der Landesherr, der Kalif, etwa auf Karls Bitte, der Stiftung hatte einräumen können. So hatte Karl ohne Waffengewalt schon im 9. Jahrhundert zu Gunsten der heiligen Stätten und der christlichen Pilger im Gelobten Land mehr erreicht, als später die Kreuzzüge auf die Dauer zu erzielen vermochten. Viertes Kapitel. Karl und die Sachsen. 62 Muß man die Abwehr der Araber von Südfrankreich und den Schutz der Christen im Morgenland als hohe Verdienste des großen Herrschers mit ungetrübter Bewunderung anerkennen, so kann man ihn nicht mit ungemischter Empfindung bei der blutigen Arbeit sehen an einem andern großen Werk, welches ihm in seinem tatenreichen Leben die meiste Mühe gekostet hat: wir meinen die Unterwerfung und Zwangsbekehrung der Sachsen . Irgend ein juristisches, sittliches, auch nur politisches Recht hierzu hatte Karl durchaus nicht: die Sicherung der fränkisch-thüringisch-hessischen Gebiete gegen sächsische Raubfahrten setzte die Einverleibung des ganzen Sachsenstammes keineswegs voraus, hätte z. B. durch eine Reihe von »Marken« (oben S. 51 ) ebensogut erreicht werden können: von einer weiter reichenden Bedrohung des fränkischen Weltreichs durch diese Nachbarn konnte ohnehin keine Rede sein. Die Sachsen, gegliedert in die vier Gruppen der Westfalen (d. h. Westmänner, falah  = Mann) zunächst dem Rhein , der Engern (die alten Angrivaren , so benannt von den »Angern«, d. i. Wiesen der Weser ) in der Mitte die Ostfalen (Ostmänner) im Osten von beiden und der Nordalbinger , d. h. der Sachsen nördlich der Elbe, lebten noch ganz in den gleichen Verfassungszuständen, wie acht Jahrhunderte früher ihre Vorfahren: die Cherusker Armins . Der Stamm (benannt nach dem kurzen Schwert oder langen Messer, ursprünglich von Stein: sahs  = 63 lateinisch saxum, Fels, Stein) hatte keine gemeinschaftliche Obrigkeit: ja auch jene vier Gruppen bildeten durchaus nicht einen Staat: sondern jede dieser Gruppen zerfiel in eine Zahl von Gauen und jeder dieser Gaue war ein selbständiger Staat für sich, der sich seine Gaurichter, Gauvorsteher, d. h. Häuptlinge – »Könige«, aus bestimmtem Geschlecht, mit erblichem Anspruch auf die »Krone« (d. h. den Königstab) hatten die Sachsen nicht – wählte, im Frieden das Gericht zu leiten, im Kriege den Befehl über das Aufgebot des Gaues zu führen; verbanden sich mehrere Gaue, sei es derselben Mittelgruppe, sei es verschiedener Mittelgruppen zu gemeinsamer Kriegführung, so mußte in jedem Einzelfall ein Oberfeldherr – oder etwa auch zwei – gekoren werden, dessen Macht mit dem Feldzug wieder erlosch, – ganz wie zur Zeit Armins. Daß alle vier Mittelgruppen vereint gegen Karl gekämpft hätten, kam gar nie vor: nur einmal ist vom »allgemeinen« Abfall der Sachsen die Rede, aber das bedeutet nur die Gleichzeitigkeit der Erhebung in den vier Mittelgruppen, nicht die Vereinung ihrer vier Heere. Ja sogar die Verbindung aller Gaue einer Mittelgruppe begegnet nur höchst ausnahmsweise: meist sind es nur ein paar benachbarte Gaue, welche ihre Streitkräfte verbinden je für einen Feldzug. Daß unter solchen Umständen diese lockeren Verbände dem Frankenreich zuletzt unterliegen mußten, leuchtet ein: war es doch an Menschenzahl, an Waffen, an Reichtum, an Bildung ganz unvergleichlich überlegen, abgesehen davon, daß diese gewaltige Macht in der Faust eines großen Feldherrn, eines großen Staatsmannes, eines großen unermüdlich beharrlichen Willens zusammengefaßt war. Richtig ist allerdings: die Zersplitterung der Sachsen, welche deren Erliegen notwendig machte, hat andrerseits die Kämpfe länger hinausgezogen, als wenn sich ihre ganze Macht auf einmal in ein paar 64 Schlachten Karl entgegengestellt hätte, der sie dann unzweifelhaft auf einmal würde zerschmettert haben. Es ist ein vergeblich Bemühen, das sächsische Lamm zu beschuldigen, dem fränkischen Wolf das Wasser getrübt zu haben. Vielmehr folgte Karl auch hier seiner allerdings großartigen und idealen, aber auch fanatischen und machtgierigen Natur: er hat auch hier, ein genialer Vollender, was seine Vorfahren in kleinem Maß begonnen, im großartigsten Stil vollendet und so doch, obwohl er nur altüberkommene Aufgaben löste, etwas Neues gestaltet: wir kommen am Schluß hierauf zurück. Schon seit dem 6. Jahrhundert hatte es an Reibungen zwischen Franken und Sachsen nicht gefehlt: nachdem zuerst Franken und Sachsen nebeneinander die Thüringe bekämpft hatten, wurden einzelne den Franken nächstgelegene sächsische Gaue wenigstens zur Schatzung genötigt. Gefechte an den Grenzen waren nicht selten: die Sachsen, arm, rauh, kriegerisch, machten wohl gelegentlich Raubfahrten in die reicheren thüringischen, hessischen, fränkischen Gebiete. Dazu kam, daß die Grenze nicht feststand, nicht durch Gebirgskämme oder breite Wasserläufe außer Zweifel gestellt war: auch bei gutem Willen auf beiden Seiten hätte es oft Irrungen geben müssen, da die Grenze in der Ebene schwer erkennbar hinlief. Vergiftet aber wurden diese unerheblichen Grenzstreitigkeiten erst seit das Frankenreich die Bekehrung der heidnischen Sachsen zum Christentum mit seinen Zwangsmitteln betrieb, in der richtigen Erkenntnis, daß die alte Freiheit und die alten Götter zusammenstehen und fallen mußten, daß die Unterwerfung unter den Frankenkönig und die unter die Kirche nur zugleich erfolgen konnten. Päpste, Bischöfe, Bekehrer und Könige haben das ausgesprochen. Sankt Bonifatius selbst hat es gesagt: »Ohne die Hilfe der Frankenfürsten 65 kann ich die Heiden in Germanien nicht bekehren.« Das Christentum ward von diesen Heiden angenommen, weil es Staatsreligion des fränkischen Reichs, ein Stück der überlegenen fränkischen Bildung war, wie schon im 4. und 5. Jahrhundert Goten und andre Germanen in die Kirche eingetreten waren, weil diese die Staatskirche des römischen Reichs war. so auch die Franken: sie hatten (496) den Katholizismus als ein Stück des gallischen Bildungslebens angenommen. Die höchst verwickelten Streitlehren der Theologen über die hl. Dreieinigkeit, die gottgleiche oder gottähnliche Natur Christi, den Ausgang des hl. Geistes von Gott Vater allein oder von dem Vater und dem Sohne zugleich, zu verstehen, dazu waren diese Germanen – d. h. die großen Massen – gar nicht fähig. Die Heiden ließen übrigens im Anfang die Bekehrer ruhig gewähren: der Glaube an viele Götter kann duldsam sein, kann neben den hergebrachten Volksgöttern auch einen neuen Gott annehmen: er galt eben als der Gott der Franken und keinem Heiden ward verwehrt, auch an ihn zu glauben. Erst als die Bekehrer, gastlich aufgenommen, anfingen, die den Heiden teuersten Heiligtümer zu zerschlagen, zu schänden, die heiligen Opferfeste der Heiden zu stören, als sie das Landrecht brachen, rief man das Landrecht wider sie an. Die Geistlichen jener Tage erwogen nicht, daß nicht bloß Christen Heiligtümer haben, daß es auch andern Leuten als Christen bitter wehe tut, wenn man ihr Heiligstes schmäht und schändet, wenn man den ehrwürdigen Glauben der Väter, wenn man die hilfreichen Götter beschimpft. Die Schüler und Begleiter der Bekehrer erzählen voller Freude, wie Sankt Columba ein Opferfest des Wotan stört, ein dem Gott geweihtes Gefäß zertrümmert, wie Sankt Bonifatius die Donarseiche bei Geismar 66 fällt, wie in ungezählten andern Fällen die Priester die Götterbilder zerschlagen, die Altäre umstürzen, die heiligen Haine anzünden, die heiligen Quellen besudeln, die Götter Teufel, Lügengötter, Götzen und Dämonen schelten – und wundern sich dann, daß die Heiden sich das nicht immer ruhig gefallen lassen. Dazu kam, daß nach dem Glauben der Germanen die Götter jeden Frevel, der unbestraft bleibt, rächten an dem Lande, das ihn duldete: wie sollten die Sachsen, welche, wie alle Germanen, sich von ihren Göttern entsprossen glaubten, jene Schändungen, Besudelungen, Zerstörungen der Weihtümer der Götter nicht abwehren oder, wenn verübt, zumal durch Wiedervergeltung an den christlichen Heiligtümern rächen? Sehr begreiflich ist daher, daß die Sachsen bei ihren Aufständen vor allem die Priester erschlagen oder vertreiben, die auf Sachsenerde gebauten Kirchen zerstören, bei ihren Rachezügen ins Frankenland hinein besonders Klöster und Kirchen heimsuchen. Ferner ist wohl erklärlich, daß die den Göttern treu verbliebenen Sachsen noch bitterer als die fränkischen Feinde die abtrünnigen Genossen des eignen Stammes verfolgten, welche als Späher, Angeber, Wegweiser, Beamte dem fremden Zwingherrn dienten: wiederholt erfahren wir, daß solche Sachsen in ihrer Heimat trotz des fränkischen Waffenschutzes sich nicht halten können, ja daß sie auch in Hessen nicht sicher sind, wenn ausgewurzelte Sachsen in ihrer Nähe angesiedelt wurden. So ward dieser Kampf zugleich ein Glaubens- und ein Freiheitskrieg, ein Kampf für die alten Götter und für die Eigenart des Stammes: in 32 Jahren hat Karl 20 Feldzüge in das unglückliche Land geführt! Das ist um so mehr zu beklagen, als, wie bemerkt, der Übertritt der Sachsen zum Christentum im Laufe der Zeiten ganz von selbst, unvermeidlich eingetreten wäre, nachdem all ihre Nachbarn 67 Christen geworden. Karl hätte sich also die Schlächterei, den Unterworfenen die aufgenötigte Heuchelei sparen können. Ihn entschuldigt nur der fromme Wahn, von Gott zur Ausrottung des Heidentums, zur »Beschützung der Kirche allüberall« berufen zu sein, eine ideale Begeisterung, welche seine sehr weltlichen Triebfedern: Eroberungsfreude und Machtgier, ihm gar angenehm verdeckte und weihte: er glaubte, Gott zu dienen, während er den Dämonen seiner Leidenschaften diente. Am wenigsten darf man Karl damit rechtfertigen, daß er durch die Unterwerfung der Sachsen, ein Vorgänger der Ottonen und Heinriche, der Hohenstaufen und etwa gar der Hohenzollern, das »Deutsche Reich« habe aufbauen helfen. Karl kannte nur fränkische und christlich-theokratische Staatszwecke. Hätte er ahnen können, daß sich ein Menschenalter nach seinem Tode das Ostland Austrasien von dem fränkischen Gesamtreich für immer losreißen sollte, – er hätte dies Trachten auf das äußerste bekämpft. Freilich: die Nemesis der Weltgeschichte hat ihn für seine Greuel in Sachsen gestraft an seinem Lebenswerk: sehr gegen seinen Willen wahrlich hat er durch die Unterwerfung der Sachsen die Lösung eines »Deutschen Reiches« von dem Gesamtfränkischen befördert: nur durch Hinzutritt der Sachsen, welche die »Deutschen« auf dem rechten Rheinufer wohl um ein volles Drittel vermehrten, ist Austrasien so stark geworden, daß es sich von Neustrien, von Burgund und Aquitanien und Langobardien losbrechen konnte. Wie weit Karl davon entfernt war, »deutsche« oder auch nur »germanische« Ziele zu verfolgen, erhellt daraus, daß er uralten Germanenboden: das ganze Land nördlich der Elbe den Nordsachsen entriß, diese dort auswurzelte und es den slavischen Abodriten preisgab: – das war der Teil der Beute, welchen der fränkische Jäger der slavischen Meute 68 hinwarf, mit der er den sächsischen Edelhirsch zu Tode gehetzt. Diese leitenden Gedanken über Bedeutung und Verlauf der Sachsenkriege sind wichtiger als die Schilderung der 20 Feldzüge in ihren Einzelheiten: der Verlauf derselben ist meist so ziemlich der gleiche, und die Wiederholung der Greuel ist ermüdend oder abstoßend. Wir fassen uns daher hier kurz Die Stimmung unter den Sachsen sucht zu schildern ein: »Lied der Sachsen«: Herr Kaiser Karl, du meinst es gut Mit uns verstockten Heiden: In deines großen Reiches Hut Willst sorglich du uns weiden, Willst uns aus Wald und Heide fort An deinen Hof verpflanzen: – Herr Kaiser Karl, glaub' unserm Wort: Wir taugen nicht zu Schranzen! Nie wirst du uns vertreiben Die stolze Lust an Wald und Au; Wir wollen wild und frei und rauh, Wir wollen Sachsen bleiben! Herr Kaiser, du bist fromm und weis'! In deiner Pfalz zu Aachen, Da summen tausend Pfaffen leis' In fremden, süßen Sprachen. Du willst uns zu dem weißen Christ In seinen Himmel bringen, Wo's wieder wie zu Aachen ist: Gold, Weihrauchduft und Singen! Herr Karl, das macht uns Grausen: Wir wollen lieber allesamt Nach Walhall, wo die Schildburg flammt, Zu Wotan geh'n und schmausen. Herr Kaiser, wir woll'n steuern nicht Zu Zehnten, Dom und Brücken, Woll'n nicht das Haupt im Sendgericht Vor deinen Grafen bücken! Auf, schlaget alle Pfaffen tot! Die Burgen brennet nieder, Dem Donar und dem Sassenot Türmt Stein und Altar wieder! Herr Karl kann uns verderben, – Nicht zwingen, daß wir Knechte sind: Auf, führ' uns, Herzog Widukind, Wir wollen lieber sterben! . Zuerst war nur ein Sachsenkrieg der bisher üblichen 69 Weise beschlossen: freilich trat Karl gleich bei diesem ersten Feldzug mit der ihm eignenden ehernen Wucht auf: ein gewaltiges Heer ward aufgeboten und daß der Kampf zumal dem Heidentum der Sachsen galt, ward sofort auf das schärfste ausgedrückt. Im Sommer 773 zog Karl von der Reichsversammlung zu Worms aus über den Rhein gegen die Engern und eroberte zunächst die Eresburg ( Stadtberge an der Diemel ). Die wiederholt erwähnten Burgen der Sachsen dürfen wir uns nicht als Festungen im Sinne der Gegenwart oder auch etwa der Römer vorstellen: Steinbau war dabei nicht viel verwendet, nur etwa rohe Felssteine wurden ineinander gefügt, ohne Mörtel und ohne künstlich gebrannte Ziegel; das meiste daran waren Rasen- und Erdwälle, durch Verhacke und Verhaue gefestigt und durch starkes Pfahlwerk gekrönt. Von dort zog er nach Norden und erreichte nach etwa sechs Stunden des Marsches eines der höchsten Heiligtümer der Sachsen: die Irmensäule . Diese war ein riesiger Baumstamm, wahrscheinlich eine Esche, ein Bild 70 des großen Weltenbaumes, der Welt-Esche Yggdrasil Dahn, Walhall . Germanische Götter- und Heldensagen. Sämtl. poetische Werke. Erste Serie Bd. VIII. S. 24. , in deren Gestalt sich die heidnischen Germanen das Weltall dachten. Daher war die Esche überhaupt Wotan geweiht: vielleicht hängt auch die » Eresburg « mit einem Gott, dem Schwertgott Eru , zusammen. Ausdrücklich sagt eine Quelle: »Irminsul, das heißt allgemeine Säule, die alles trägt ( universalis columna quasi sustinens omnia )«. Irmin ist dasselbe Wort, das in Hermun -duri steckt, die Gesamtduren, die Allduren, ähnlich wie Ala -mannen. Nicht nur der einzelne Baumstamm war ein Weihtum, heilig der ganze Hain, in welchem er stand, heilig wahrscheinlich auch ein Quell, der in der Nähe des Baumes sprudelte. Auch befanden sich in der Umgebung der Esche Gebäude, wahrscheinlich Schatzhäuser, in welchen der Tempelschatz, wohl zumeist durch Gelübdegaben und Opfergeschenke zusammengebracht, aufbewahrt wurde: Kessel, Becher, Hörner, allerlei Opfergerät, vielleicht auch heilige Wagen, auf welchen Götterbilder zu Festzeiten durch die Gaue gefahren wurden, Ställe für die heiligen Rosse usw. Denn nachdem der Baum niedergestürzt und zerstört war, beschäftigte das Heer noch zwei, ja drei Tage das Verbrennen des Heiligtums, die Aufspürung, Erbeutung und Verteilung des hier gefundenen Goldes und Silbers, wobei an gemünztes Geld gewiß viel weniger als an Geräte zu denken ist. Der Ort läßt sich bestimmen durch ein Quellenmirakel, welches die frommen Plünderer belohnte. Das Heer litt bei der großen Sommerhitze und Dürre nach zwei Tagen sehr an Durst, an Wassermangel: da sprudelte plötzlich gerade zu Mittag, da das ganze Heer der Ruhe pflag, in dem Rinnsal eines bisher 71 ausgetrockneten Quelles so reichlich Wasser in die Höhe, daß das Heer übergenug davon schöpfen mochte. Offenbar ist das der Bullerborn bei Altenbeken nahe Lippspringe gewesen, welcher noch im 17. Jahrhundert jeden Tag gegen Mittag versiegte und dann plötzlich sprudelnd (»bullernd«) wieder emporsprang. Von da drang Karl noch bis an und über die Weser , kehrte dann aber ohne weiteres Gefecht um, begnügt mit vertragsmäßiger Geiselstellung der Engern. Erst als die Sachsen Karls Abwesenheit in Italien 773/4 dazu benützten, Rache zu nehmen für die Schändung und Zerstörung ihres höchsten Weihtums – sie eroberten und brachen die von Karl besetzte Eresburg, verbrannten Fritzlar und die Kirche zu Deventer und sprachen es offen aus: nicht Raub und Plünderung, – Rache für ihre Götter sei ihr Zweck! – beschloß Karl die Unterwerfung der Sachsen, welche nun mit den grausamsten und grauenvollsten Mitteln durchgezwungen ward, aber freilich auch mit jener großartigen Ausdauer und Willenszähigkeit, welche Karl und seinen Ahnen eignet: in den Jahren 772, 773/4, 775, 776, 778, 779, 782, 783, 784, 785, 792, 793, 794, 795, 796, 797, 798, 799, 802, 804! Im Jahre 774 ließ er nach seiner Rückkehr aus Italien die Sachsen auf ihrem Rückzug von vier verschiedenen Scharen verfolgen. Im Anfang war gegen diese Feinde, der geographischen Lage nach, Karls oben ( S. 35 ) erörterte Lieblingskunst als Feldherr nur in sehr beschränktem Maße zur Anwendung zu bringen: von Norden und von Osten her waren sie lange Zeit nicht angreifbar, da die Sachsen nördlich der Elbe durch die den Franken feindlichen und gut heidnischen Dänen gedeckt waren, – wiederholt fand der Sachsenführer Widukind Zuflucht bei dem dänischen König 72 Sigfrid – während die slavischen Horden im Osten der Sachsen im Anfang dieser Kämpfe noch von Karl nicht gewonnen waren. So boten sich für die ersten Kriege nur die Angriffslinien von Westen, vom Rhein und etwa vom Süden, vom Main und von Thüringen her, dar. Da jedoch Thüringen den Sachsen und feindlichen Slaven allzunah und offen lag, Karl seine mächtigsten Hilfsmittel aber am Rhein und von da aus die nächste Straße gegen Westfalen und Engern vor sich liegen hatte, geschahen die Angriffe anfangs fast ausschließlich vom Rhein aus, von West nach Ost, Südwest nach Nordost. Es waren einfache Stöße auf die Stirnseite des Feindes. Aber sobald es irgend möglich geworden, hat Karl seine »art-zeichnende« (wie wir wohl »charakteristisch« auf deutsch wiedergeben mögen) Kriegsweise auch hier angewandt, und zwar zuerst taktisch, dann strategisch, zuletzt im großartigsten Maße politisch: durch künstliche Besiedelungen, durch eine Umfassung der Sachsen im Norden und im Osten nicht bloß vorübergehend, sondern dauernd, im Krieg nicht nur: auch im Frieden. Karl zog (775) zuerst mit dem ganzen Heer von Düren nordöstlich gegen die Westfalen auf Sigiburg ( Hohensyburg am Einfluß der Lenne in die Ruhr ), dann südöstlich auf Eresburg, ferner gegen die Engern; bei Brunsberg (nahe Höxter) erzwang er den Übergang auf das rechte Weser -Ufer durch Gefecht. Hier teilte er sein Heer; das eine führte er selbst über die Weser, dann über die Leine , den Grenzfluß zwischen Engern und Ostfalen, und drang durch der letzteren Gebiet nordöstlich bis an die Ocker . Einstweilen war das andre Heer, bestimmt, Karl den Rücken zu decken gegen die Westfalen, von Brunsberg die Weser auf dem linken Ufer abwärts nach Nordnordwest gezogen bis Lubbecke , westlich von Minden . 73 Hier sollte es auf Karl warten, der durch den Bückegau zurückkehrte und gerade noch zu rechter Zeit eintraf, die Westfalen, welche nicht ganz ohne Erfolg jene Westabteilung in ihrem Lager überfallen hatten, zu vertreiben. Schon bei diesem Feldzug gelang es Karl, zwei Edelinge und wahrscheinlich Gaugrafen der Ostfalen und der Engern, Hessi , und im Bückegau (um Bückeburg ) Bruno auf seine Seite herüberzuziehen. Es war von höchster Wichtigkeit, diesen alten sächsischen Volksadel zu gewinnen, aus welchem zwar nicht mit Rechtsnotwendigkeit, wohl aber tatsächlich so gut wie ausschließend die Gaurichter im Frieden und die Herzöge im Kriege gekoren wurden. Diese »Edelinge«, d. h. Geschlechtlinge (Adal heißt Geschlecht) hatten zwar nicht der Verfassung nach und nicht durch Vorrechte im Staat, wohl aber tatsächlich den entscheidenden Einfluß bei den Sachsen. Die Adelsgeschlechter galten als die ältesten, von den Göttern entstammten Geschlechter, sie waren mit der Vorzeit, mit der Ruhmesgeschichte ihrer Gaue auf das innigste verbunden. Schon deshalb wog ihr Wort in der Volksversammlung bei der Entscheidung über Krieg und Frieden viel schwerer als das des Gemeinfreien. Dazu kam aber, daß sie durch ihren Reichtum, d. h. vor allem durch weitgestreckten Grundbesitz, welchen sie – abgesehen von den Unfreien, welche kein Stimmrecht hatten – an zahlreiche kleine Freie als ihre Schützlinge und Grundholden, wie auch an Freigelassene verliehen, über eine große Zahl von Stimmen außer ihrer eignen und denen ihrer Gesippen und Verschwägerten verfügten. Wo und solange diese Edelinge Karl und dem Christentum widerstrebten, da war nichts zu erreichen: auf sie allein kam es an, sie waren die Führer des Widerstandes oder der Ergebung der kleinen Gemeinfreien. Karl hat es an keinem Mittel fehlen lassen, sie zu gewinnen, ja zu bestechen: 74 so häufig verlieh er an solche Edelinge Königsland in Francien, daß ein besonderes Gesetz über diese »Sachsenlehen« erging. Eine gleichzeitige Schilderung sagt, die Sachsen, bisher arm, lernten durch die reichen Geschenke des Königs nunmehr die Gaben des Weingottes, die kostbaren Geräte, den Lebensschmuck, die Freuden des reichen Galliens kennen. Daher auch erließ Karl Gesetze, welche diesen sächsischen Adel, natürlich nur diejenigen Edelinge, welche sich der Taufe und Karls Herrschaft gefügt hatten, in jeder Weise begünstigten: z. B. die Tötung eines solchen mit einer viel höheren Ersatzbuße (Wergeld, d. h. Manngeld, von vair  = lateinisch vir ) bedrohten. Durch solche Mittel gelang nun vielfach die Gewinnung der Edelinge: selbstverständlich mochten auch manche den Widerstand gegen die furchtbare fränkische Übermacht als aussichtslos erkennen, ja gerade in den Siegen der Franken den Beweis finden, daß ihr Gott und ihre Heiligen stärker seien als Wotan, Donar, Sassenot und die übrigen Asen. Auf jenen Bruno führt Sage oder Legende die späteren Herzöge von Sachsen zurück, aus welchen die deutschen Könige dieses Stammes, Heinrich I. bis Otto III. , hervorgingen. Während Karls Abwesenheit in Italien 776 brachen die Sachsen abermals die Eresburg, wurden aber von der Sigiburg zuückgeschlagen; heimgekehrt drang Karl so überraschend bis an die Lippe , daß die Erschrockenen sich sofort unterwarfen, viele die Taufe nahmen. Die Eresburg ward wieder hergestellt, eine neue Zwingfeste, Karlsstadt , an der Lippe gebaut, das Heidenland in Bekehrungssprengel geteilt und tüchtige Priester, wie Abt Sturm , ein Bayer, zur Bekehrungsarbeit berufen. Im folgenden Jahre 777 wagte es Karl bereits, den fränkischen Reichstag mitten im Sachsenland, zu Paderborn , abzuhalten: das sollte zeigen, 75 wie sicher er schon der Unterwerfung, wie so ganz bereits Sachsen ein Stück des Frankenlandes geworden sei. Allein unter den zahlreichen Großen, welche hier erschienen, Unterwerfung und Taufe nahmen, fehlte Widukind , ein westfälischer Edeling, der zwar hier zuerst genannt, aber mit Grund als Führer schon früherer Sachsenzüge vermutet wird; er floh zu dem heidnischen Dänenkönig Sigfrid , dessen Tochter oder Schwester Gefa ihm aber nur die Sage vermählt hat. Als im folgenden Jahre (778) Karl im fernen Spanien weilte (oben S. 45 ), tauchte Widukind sofort in der Heimat wieder auf: sofort auch erhoben sich wieder sächsische Gaue: ihre Scharen, von ihm geleitet, drangen bis an den Rhein (bis Deutz ) unter Verheerungen, welche sie, wie sie ausdrücklich erklärten, nicht um des Raubes, um der Rache willen, der Rache für Götter und Menschen im Sachsenlande, verübten; auf die Nachricht von Karls Rückkunft kehrten sie heim, nicht ohne auf dem Rückweg bei dem Überschreiten der Eder ( Adrana ) von ihnen nachgesandten Ostfranken und Alamannen hart mitgenommen zu werden; im folgenden Jahre (779) schlug Karl selbst die Westfalen bei Bocholt , im Jahre 780 hielt er die Reichsversammlung wieder kühnlich mitten unter den Sachsen an den Quellen der Lippe und teilte zuversichtsvoll ihr Land in bestimmte Sprengel für die Bekehrungsarbeit. Und da sie – wider frühere Gepflogenheit, s. oben S. 74 – auch Karls längere Abwesenheit in Italien (780–781) nicht zu neuer Erhebung benützten, wähnte der König sich des Erfolges so sicher, daß er bereits die fränkische Grafschaftsverfassung in Sachsen einführte, welche, für das Frankenreich Art-bezeichnend, das wichtigste Regierungsmittel des Königs und selbstverständlich nur in einer voll eingegliederten fränkischen Provinz möglich war; zu Grafen ernannte er zwar auch Franken, 76 besonders aber solche sächsische Edelinge, welche sich ihm angeschlossen und oft vorher schon den Richterstab in ihrem Gaue geführt hatten. Ja, als im Jahre 782 slavische Sorben plündernd, wie in Thüringen , so auch in Ostsachsen einbrachen, glaubte er es bereits wagen zu können, Sachsen zum Heerbann aufzubieten: er unterschätzte aber doch, wie Napoleon I., die zähe Widerstandskraft der Volksseele im Kampfe für des Stammes Eigenart und Freiheit und zugleich für den Glauben der Väter: durch überlegene Feldherrnkunst und Kriegsmacht mag ihr Ringen wohl für den Augenblick gebändigt werden, aber immer wieder lodert die heilige Flamme empor, bis der letzte Funke ausgetreten ist. Übrigens war es ja klug ausgesonnen, Sachsen zum Schutz des eignen Landes gegen stammfremde Räuber auszusenden, an der Seite und unter Führung von Franken und zu unzweifelhaftem Erfolg: es mußte das die sächsischen Krieger ehren und der Sieg an der Seite der Franken sie ihre bisherigen Bekämpfer nunmehr als treue, hilfreiche Waffenbrüder betrachten lassen. Karl wußte nicht, als er jene Anordnung traf, daß gleichzeitig Widukind, aus dem Dänenland zurückgekehrt, eine neue Erhebung entflammt hatte. Jenes fränkische Heer, Ostfranken und wahrscheinlich Thüringe , welche ein sächsisches Aufgebot – zu dem es nun selbstverständlich gar nicht kam – gegen die Sorben hatte führen sollen, wandte sich, ohne vorher bei dem König anzufragen, sofort gegen jenen neuen und nächsten Feind, die Sachsen Widukinds; vergeblich mahnte der tüchtige Graf Theuderich , der, ein Verwandter oder vielleicht Verschwägerter Karls, auf die Nachricht von dieser Erhebung mit einer rasch aufgerafften Schar von Uferfranken herbeigeeilt war, die Führer zur Vorsicht; sie unterschätzten übermütig die Sachsen, wollten den Ruhm des Sieges nicht mit 77 Theuderich teilen, griffen allein an und wurden von den Sachsen am Süntelberg fast alle erschlagen. Da fielen die beiden Feldherren, Adalgis und Geilo , außerdem noch vier Grafen und zwanzig andre Vornehme. Furchtbar ergrimmte Herr Karl: die »Treulosigkeit« des immer wieder eidbrüchigen Volkes, der Verlust vieler hervorragender Helden seines Heeres, die Schmach einer Niederlage der fränkischen Waffen durch die viel verachteten Heiden – seit Ronceval der erste Unfall und der letzte, den die Franken unter Karl erlitten – all das zusammen reizte auf das äußerste seine Rache: sie war rasch und schrecklich. Urplötzlich stand der zornige König mit einem Heer mitten im Sachsenland an der Aller: die Erschrockenen schoben alle Schuld auf den »Verführer« Widukind, der sich gerettet hatte. Aber der König bestand auf der Auslieferung auch der Verführten: da brachten ihm die sächsischen Grafen viertausendfünfhundert Männer, welche am Süntel gekämpft: Karl ließ sie alle an einem Tag enthaupten! Das geschah 782 bei Verden an der Aller. Es ist richtig, daß in den den Besiegten aufgezwungenen Gesetzen für erneuten Abfall die Todesstrafe angedroht war: Karl war also formell im Recht: allein die Tat wilden Jähzorns ist und bleibt scheußlich und wirft einen häßlichen Blutflecken auf den Königsmantel Herrn Karls: übrigens den einzigen: er war nicht grausam, nicht blutdürstig: er hat Desiderius, Tassilo , seinen ihm nach dem Leben trachtenden Sohn Pippin den Älteren, gar viele Empörer und Verräter begnadigt. Am wenigsten aber hätte man sich zur Entschuldigung darauf berufen sollen, daß die Sachsen christliche Kirchen zerstört hatten: – das ist von den Siegern am Süntel gar nicht bezeugt – und auch nach altem Sachsenrecht die Zerstörung heidnischer Heiligtümer mit dem Tod bedroht ward: woran sollten 78 denn die Heiden den Unterschied der »Religion der Liebe« erkennen? Die gräßliche Tat war wohl im Wildzorn geschehen: das ist auch ihre einzige Entschuldigung. Sofern etwa daneben die Absicht der Einschüchterung geleitet hatte, erreichte sie das Gegenteil: stärker als der Schreck vor dem Metzger war die Wut über die Metzgerei. Das erste und einzige Mal erhoben sich alle Gaue der Sachsen gegen den Würger! Und während sie sonst sich in offener Feldschlacht Karl selbst nicht stellten, lieferten sie ihm jetzt (783) zwei heiße Schlachten hintereinander, nicht hinter ihren Waldverhacken, sondern im offenen Felde: der erste Sieg Karls bei Detmold war so blutig erkauft, daß er nach Paderborn zurückging, Verstärkungen heranzuziehen während die Geschlagenen ihm alsbald unentmutigt noch einmal entgegentraten an der Hase : auch hier erlagen sie, unter furchtbaren Verlusten, der überlegenen Kriegskunst und Waffengewalt Karls. Aber obwohl das ganze Land bis zur Elbe wieder grauenhaft durch Mord, Brand, Plünderung, Fortschleppung auch der Unwehrhaften, der Weiber, Kinder, Greise und der Herden verwüstet ward, standen – es ist fast unbegreiflich, wie den unablässig Gepeinigten nicht Mut und Mannschaft versagten – im folgenden Jahr (784) die Sachsen wieder im Felde! Karl zog mit seinem Sohne gleichen Namens, dem er von da ab, ganz ähnlich wie Pippin Italien und Ludwig Aquitanien , die Lande östlich des Rheins, das spätere Deutschland, zur Verteidigung und Erweiterung überwies, über den Rhein und an die Weser unterhalb Minden: hier teilte er wieder – wie so oft – sein Heer: er selbst zog durch Nordthüringen gen Osten wider die Ostfalen bis an die Elbe nahe der Saale -Mündung; den Rückweg nahm er nördlicher. Einstweilen hatte 79 sein Sohn in einem Reitergefecht im Draingau nördlich der Lippe die Westfalen zerstreut, die sich hier gesammelt hatten, dem Vater in den Rücken zu fallen. Vater und Sohn überwinterten in Sachsen und durchzogen (785) das ganze Land fast ohne Widerstand zu finden. Das Wichtigste war, daß Widukind und ein andrer sächsischer Edeling ähnlicher Stellung, Abbio , jetzt sich unterwarfen: Karl hatte erfahren, daß sie zu den Nordalbingern geflüchtet seien: er knüpfte durch bereits getaufte Sachsen Unterhandlungen mit ihnen an: so großen Wert legte er darauf, diese bisherigen Führer des Widerstandes zu gewinnen, daß er auf ihr Verlangen sogar Geiseln stellte für sicheres Geleit, was übrigens damals nicht selten war und nicht für schimpflich galt; so gesichert erschienen beide zu Attigny an der Aisne in der Champagne und nahmen mit ihren Begleitern die Taufe. Karl selbst ward Widukinds Pate, der seine Güter zurückerhielt. Sein Name verschwindet fortab aus der Geschichte. Er war kein Hannibal , kein Vercingetorix , kein Armin , kein Andreas Hofer . Ob er sich aus Überzeugung dem Kreuz gebeugt, oder aus Furcht vor dem Frankenschwert, ob die Furcht den Glauben an die stärkere Macht des Christengottes erzeugt, ob er in weiser Voraussicht die Hoffnungslosigkeit des Widerstandes erkannt, – der aber noch zwanzig Jahre den Abfall des bisherigen Führers überlebt hat! – die Wissenschaft weiß es nicht: und der Phantasie wird es hier außergewöhnlich schwer, das Richtige zu ahnen. Wenn nun auch damals und dadurch keineswegs »ganz Sachsen« unterjocht war, so sind doch allgemeine Erhebungen seither selten (aber doch noch z. B. 793) vorgekommen und Karl schätzte diesen Erfolg so hoch, daß er den Papst durch einen besonderen Gesandten davon 80 benachrichtigte und aufforderte, diesen Sieg durch kirchliche Lobgesänge zu feiern, welche Hadrian für den 23., 26., 28. Juni 786 anordnete. Sehr früh hat die Sage sich der Gestalt Widukinds bemächtigt: sowohl seine Kämpfe gegen Karl, seine Flucht zu den Dänen, als die Wunder, welche seine Bekehrung herbeiführen, und sein frommes Leben als Christ werden ausführlich geschildert: er sollte die Kirche zu Enger in Westfalen gegründet haben, dort als ein Heiliger bestattet, später nach Paderborn übergeführt, der Stammvater der deutschen Könige des sächsischen Hauses (Heinrich I.) geworden sein usw. Zweifellos ist nur, daß sein Enkel Waldbert in Wildeshausen an der Hunte ein Kloster gestiftet hat: also hatte das Geschlecht Güter in Westfalen, die wahrscheinlich vom fränkischen Staat zwischen 773 und 785 eingezogen gewesen waren, aber nun dem Unterworfenen zurückgegeben wurden. Erst jetzt wagte sich der Bekehrer Willehad wieder in den Gau Wigmodia zurück. Wirklich trat jetzt auf sieben Jahre Ruhe ein in Sachsen. Erst im Jahre 792 ward eine Schar von Franken, welche auf der Elbe sächsisches und friesisches Gebiet durchzog, niedergehauen (am 6. Juli), was sich im folgenden Jahre (793) im Rüstringergau am linken Ufer der Weser mündung in ähnlicher Weise wiederholte; hier fiel wahrscheinlich jener tapfere Graf Theuderich (s. oben S. 76 ): der Aufstand verbreitete sich so weit, daß Karl einen geplanten Avaren feldzug (s. unten) verschob und 794 wieder in Sachsen erschien. Der von Karl so oft angewandte (s. oben S. 35 ) Doppelangriff erfährt bei diesen Sachsenkriegen der Natur der Sache nach eine besondere Gestaltung: hier kam es darauf an, durch solche Bewegungen mit doppelten Fronten die vier Gruppen der Sachsen: Westfalen, Engern, Ostfalen, 81 nordelbische Sachsen, auseinanderzuhalten, vor allem der gen Osten und Norden vordringenden Hauptmacht den Rücken zu decken. Während bisher der Einmarsch in Sachsen meist auf einer Straße und erst in Feindesland die Gliederung in zwei Heere erfolgt war, ließ Karl im Jahre 794 seinen Plan, wie er einstweilen gegen Bayern (787) und Avaren (791) sich erprobt hatte, gleich von Anfang in Wirkung treten: während er von Frankfurt am Main aus, also von Süden, die unaufhörlich gepeinigten Westfalen angriff, mußte sein Sohn Karl bei Köln den Rhein überschreiten und sie von Westen fassen: die Wirkung des Doppel-Angriffs war wieder die alte, überwältigende: die Sachsen hatten sich auf dem Sendfeld bei Wunnenberg zwischen Paderborn und Eresburg zur Schlacht geschart: »da sie aber merkten, daß sie von zwei Seiten umstellt seien, zerstreute Gott ihre Pläne«: sie unterwarfen sich ohne Schwertstreich. Allein in vollem Maße konnte jener Doppelangriff nicht durchgeführt werden, solange die Ostsachsen und Nordsachsen sich einfach durch Ausweichen nach Ost und Nord solchen Umfassungen entziehen konnten. Deshalb hatte der Staatsmann Karl, dem Feldherrn vorarbeitend, mehr noch durch Verträge und Bestechung als durch die Waffen die beiden slavischen Nachbarn der Ost- und Nordsachsen: die Abodriten und die Sorben , zu Verbündeten gewonnen, die Wilzen 789 wenigstens zum Ruhehalten gezwungen. Weitaus die wichtigsten dieser Horden waren, der Lage ihres Gebietes halber, die Abodriten (in Mecklenburg ) mit ihren kleineren Nachbarn hart an dem rechten Ufer der Elbe: den Smeldingern und Linonen (zwischen der Mündung der Havel und Hamburg ). Schon lange lagen diese Slaven im Kampfe mit den Sachsen um das Land nördlich der Elbe, nördlich von 82 Hamburg , bis an die Schlei , wo der Dänen Gebiet begann. Alle diese Elbe-Slaven zog Karl auf seine Seite. Die Verfügung über Land und Leute der Abodriten machte es Karl nunmehr möglich, die Nordsachsen nicht wie früher nur von Süden, auch von Südosten, die Ostfalen nicht nur von Westen und Süden, auch von Osten zu fassen. Und in erfolgreicher Weise hat der große Feldherr sich dieser Doppelangriffe bedient. Schon im Jahre 795 erwartete er einen Häuptling der Abodriten, Witzin , der zu ihm stoßen sollte, zu Bardowik bei Lüneburg: der Slave ward aber auf der Elbe von den Sachsen erschlagen. Mit dessen Nachfolger Thrasuch ( Drosuk ), verbündete sich Karl auf das engste, und bei dem großen Feldzug von 798 griff dieser Häuptling, während Karl ihm die Sachsen von Südwest nach Nordost entgegentrieb, alles Land zwischen Weser und Elbe verwüstend, die Verzweifelnden von Südost nach Nordwest an: von einem fränkischen Feldherrn geleitet – er befehligte den linken Flügel – und von fränkischen Hilfsscharen unterstützt, erdrückte die slavische Übermacht die Sachsen in der blutigen Schlacht bei Bornhövede an der Schwentine . Der Häuptling eilte zu Karl, sich seinen Lohn zu erbitten. Und einen schönen Anteil an der Beute – das curée nennt es die Weidmannssprache, – warf der Jäger seiner Meute hin. Das ganze Land der Sachsen nördlich der Elbe gab er den Slaven preis. Zu vielen Zehntausenden wurden die Sachsen aus der alten Heimat ausgewurzelt und über alle Provinzen des weiten Frankenreichs verstreut. Gierig drangen die Abodriten in das entvölkerte Land: der Slave tränkte bald die zottigen Gäule, von der nun gewonnenen Elbe aus immer weiter südwestlich vordringend, in der Saale , ja in dem Main (»Main-Wenden«), und trieb seine Schafherden über 83 altgermanisches Ackerland, das nun wieder zu Strauchgebüsch und Weide verwilderte. All dieser Boden, uraltes Germanenland seit einem Jahrtausend – schon Pytheas 330 v. Chr. nennt die » Skythen « an dem rechten Elbufer – war an die Slaven verloren; und schwere Arbeit mit Pflug und mit Schwert, mit Schwert und mit Pflug, hat es die deutschen Könige, Ritter, Bürger und Bauern gekostet, das verlorene Gebiet wieder zu gewinnen. Freilich waren jene Slaven Heiden wie die Sachsen; jedoch der Teufel Czernebog hatte Karl viel weniger geärgert als der Teufel Wotan und er hoffte auch, – »seine« wie sie im Gegensatz zu den nicht unterworfenen heißen – Slaven zu bekehren. Das ermüdende Einerlei dieser Feldzüge übergehen wir; 795 gelang die Unterwerfung des Bardengaus , aber Wigmodien und Nordalbingien blieben damals uubezwungen, 796 zog Karl in den Draingau und bis in das Oldenburgische , 797 bis Hadeln zwischen den Mündungen von Weser und Elbe , 797 überwinterte er in Sachsen in » Herstelle «, in Holzhütten, 798 verwüstete er das ganze Land zwischen Weser und Elbe ( Schlacht an der Schwentine ), 799 empfing er im Heerlager zu Paderborn den Papst, 802 wagte Karl wieder, was 782 noch allzufrüh gewesen (s. oben S. 76 ): er bot Sachsen zum Heerbann in Sachsen selbst auf und zwar diesmal sogar gegen Sachsen: – christliche Reichssachsen gegen noch heidnische freie Sachsen nördlich der Elbe – und diesmal gelang das Wagnis; endlich 804 ward der letzte Widerstand der Sachsen gebrochen: im Lager zu Hollenstedt südlich von Harburg nahm er die Unterwerfung der letzten, auch der nordelbischen, Gaue entgegen: alsbald wurden nun die Bistümer Bremen , Münster und Paderborn begründet. Erst jetzt vermochte das Christentum, 84 Wurzeln zu schlagen, nachdem in grauenvollster Gewaltsamkeit die alte Bevölkerung in ungezählten Massen ausgerottet oder hinweggeschleppt und durch fränkische Ansiedler ersetzt worden war. Seit den Tagen der Römer war es nicht mehr geschehen, daß in solchem Umfang nahezu ein ganzes Volk mit Weib und Kind aus dem Heimatboden ausgewurzelt und über ferne Lande hin verstreut worden. So tat jetzt Karl ganz planmäßig: nicht nur die nordelbischen Sachsen wurden – um den Abodriten Platz zu schaffen – sämtlich aus den Sitzen der Väter, aus den stillen Gehöften mit den zwei Pferdeköpfen am First, ausgehoben, auch in zahlreichen andern sächsischen Gauen geschah dasselbe in kleinerem Maß: überall wurden Männer, Weiber und Kinder mit den Freigelassenen und Unfreien zu vielen Zehntausenden fortgeführt, die Kinder aber oft von den Eltern getrennt und als Geiseln in fränkischen Klöstern erzogen, um dann später als Priester, Mönche, Nonnen für die Verbreitung des Christentums in der alten Heimat zu wirken. Man hat wohl gemeint, es sei diesen Ausgewurzelten so übel ja nicht gegangen. Allein welch höhere Güter auf Erden gibt es, als den alten Glauben der Väter, die Eigenart des Stammes, die Heimat und die Freiheit? All das ward den Sachsen mit Gewalt genommen. Es gibt daher keine Rechtfertigung, nur die Entschuldigung, daß der große Karl unzweifelhaft im besten Glauben, in dem frommen Wahne Diese Selbstrechtfertigung Karls durch den Glauben an Christi Gebot sucht zu schildern beifolgende Ballade: Die rote Erde.                 Herrn Kaiser Karl zu Aachen     Kam's über die Augen schwer: »Ich fühl's, nicht wird mich wärmen     Die Frühlingssonne mehr. Noch einmal muß ich umschau'n,     Wie's steht in meinem Reich: O wär' ich bei Avaren     Und Arabern zugleich! Zugleich am gelben Tiber,     Zugleich am grünen Rhein: Zu groß ist ach! das Erbe,     Der Erbe ist zu klein. – – Die Nächsten sind die Sachsen:     Bis dorthin reicht's wohl noch: Sie kämpften dreißig Jahre     Und ich bezwang sie doch!« – Er zieht mit Graf und Bischof     Nochmal durch Sachsenland: Der Männer sieht man wenig:     Tot sind sie, landverbannt. Auf öder, brauner Heide,     Vom Eichbaum überragt, Liegt ein Gehöft, den Dachfirst     Vom Roßkopf überschragt. Welk übern tiefen Ziehbrunn     Nickt der Holunder schwer: Und frische Hügelgräber, –     Sehr viele! – rings umher. – Ein Weib tritt auf die Schwelle:     Es zerren an ihrem Rock Die Knaben mit dem Trutzblick,     Die Mädchen im Flachsgelock. Sie gaffen auf die Fremden,     Auf die bunte Reiterschar: Es beugt sich aus der Sänfte     Ein Mann in weißem Haar. Er streicht den Kopf dem Jüngsten:     Der greift nach der Spange licht: »Wer ist's?« forscht scheu die Mutter.     »Herr Karl! – Kennst du ihn nicht?« Laut auf kreischt die Entsetzte     Und reißt die Kinder fort: » Herr Karl! Der Tod! « – Sie verschwinden     Im nahen Buschwald dort. – Der Kaiser nächtet im Kloster.     Leer ist's um den Altar: Kein Laie, – nur die Mönche. –     »Was scheint dort fern so klar? Was leuchtet durch das Fenster?«     »O Herr – 's ist nicht geheuer: Die Sachsen sind's im Walde     Bei Wotans Opferfeuer.« – – Am andern Morgen rheinwärts     Der Kaiser kehrt die Fahrt; Er schweigt.– Er betet manchmal,     Er streicht den weißen Bart. Das Roß führt ihm ein Sachse,     Der alle Steige kennt. Das Erdreich steht zu Tage,     Wo der Pfad die Hügel trennt. Warm dampft es aus den Schollen, –     Karl beugt vom Sattel sich: »Rot ist hier rings die Erde,     Seit wann? Woher das? – Sprich!« Da hob der graue Führer     Zu ihm den Blick empor: »Grün war der Wiesenanger,     Die Heide braun zuvor; Zweihunderttausend Sachsen,     Die starben blut'gen Tod – Davon ist in Westfalen     Die Erde worden rot.« Da schüttelt Frost den Kaiser:     »So tief – die Erde rot? Herr Christus, lösche die Farbe:     Ich tat's auf dein Gebot.« Starr hat er in die Wolken,–     Auf den Boden starr gesehn: Der Boden blieb derselbe: –     Kein Wunder ist geschehn. – Schwer krank kam er nach Aachen     In seinen goldnen Saal: Er raunte mit sich selber,     Hauptschüttelnd, manchesmal. Er fragte: »Ist's noch rot dort?«     Als er im Sterben lag. Rot blieb Westfalens Erde     Bis auf den heut'gen Tag. – ( Felix Dahn. ) handelte, von Gott zur Ausrottung 85 des Heidentums auserkoren und berufen zu sein. Daher hat ihn auch gewiß Reue über diese Taten nicht erfaßt, obwohl er später – Alkuin hatte wiederholt zur Milde 86 gemahnt – einzelne der mit Blut geschriebenen Satzungen für Sachsen, welche mit furchtbarer Eintönigkeit ihr: »der soll des Todes sterben« auch für geringfügige Verstöße gegen die Kirchenzucht, z. B. für Fleischgenuß während der 87 Fasten, wiederholt hatten, einigermaßen gemildert hat: immerhin blieb der Satz in Kraft, der jeden ungetauften Sachsen mit der Enthauptung bedrohte Das sächsische Taufgelöbnis lautete: forsachistû diobole?     ec forsacho diobole. end allum diobolgelde?     end ec forsacho allum diobolgelde. end allum dioboles unercum?     end ec forsacho allum diobolus unercum (and uordum) Thuner ende Uôden ende Saxnôte ende allum     thêm unholdum thê hira genôtas sint. gelobistû in got alamehtîgan fader?     ec gelôbo in got alamehtîgan fader, gelobistû in Christ godes suno?     ec gelôbo in Christ godes suno. gelobistû in hâlogem gast?     ec gelôbo in hâlogem gast. . Fünftes Kapitel. Karl und der Norden, Nordosten und Nordwesten: Nordslaven, Dänen und Angelsachsen. Die freundlichen und feindlichen Beziehungen Karls zu diesen Völkern stehen zu gutem Teil in engstem Zusammenhang mit seinen Sachsenkriegen. Seitdem die Germanen, welche dereinst alles Land auch östlich der Elbe und der Weichsel bis an den Pregel im Nordosten, und die Donau entlang bis an das Schwarze Meer im Südosten beherrscht hatten, in der sogenannten Völkerwanderung, richtiger aber schon seit 88 ca. 150 n. Chr., sich weiter nach Westen gezogen hatten, waren ihnen die ungezählten slavischen Horden, welche von jeher östlich hinter den Germanen gewohnt oder gewandert, auf dem Fuße gefolgt und hatten allmählich ganz Osteuropa überflutet bis gegen die Elbe hin: abgesehen von den Finnen und Esthen im Norden, den mongolischen Avaren im Südosten. Die merowingischen Könige hatten nur vorübergehend friedliche oder auch feindliche Berührungen mit den Slaven in Böhmen gehabt. Erst Karl hat die Überlegenheit germanischer Begabung an Geist und Charakter sowie die Überlegenheit germanischer Bildung und Gesittung den Slaven gegenüber dadurch zum Ausdruck gebracht, daß er diese Horden schafweidender Wanderhirten, – » Wenden « nannten sie deshalb die Germanen, d. h. »die Weidenden« – soweit irgend seines Reiches Sicherung dies erheischte, unterwarf oder zu friedlicher Nachbarschaft zwang. Für Karl kommen – im Norden – folgende slavische Völkerschaften in Betracht: die Abodriten im heutigen Mecklenburg , südöstlich von diesen die Wilzen (Welatabi), auch Liutizen genannt, von der Küste bis gegen die Oder hin zwischen Rostock und Stettin , zumal auf beiden Ufern der Peene , südwestlich von diesen die Sorben auch auf dem Nordufer der Elbe, dann in Böhmen die Tschechen . Wir sahen bereits ( S. 81 ), daß unter diesen Völkerschaften die Abodriten früh zu abhängiger Bundesgenossenschaft von Karl gewonnen wurden, desgleichen die Sorben , gegen welche jedoch einmal (806) zu Felde gezogen werden mußte: die Abodriten waren der Lage ihres Landes nach gegen die Sachsen, Abodriten und Sorben gegen die Wilzen vortrefflich zu verwenden. Diese letzteren waren die ersten von Karl bekämpften Slaven: sie 89 beunruhigten durch Räubereien Karl befreundete andre Slaven und dem Reich bereits einverleibte Sachsengaue. Karl sendet auch gegen sie seine altbewährte Feldherrnkunst des Angriffs von allen verfügbaren Seiten zugleich an. Auch diesmal mußte man zwar auf einen Angriff von Osten her verzichten: die Ostnachbarn der Wilzen waren Karl völlig unerreichbare, fast gänzlich unbekannte Horden, deren weite Gebiete man unter dem Gesamtnamen »Wendenland« ( Winidonia ) zusammenfaßte. Aber die verfügbaren drei Seiten wurden auch diesmal zu dreifachem Angriff verwertet: die Abodriten erhielten Befehl, vom Norden her, die Sorben (zwischen Saale und Elbe ) erhielten Befehl, vom Süden her in das Land der Wilzen einzudringen, diese also in die Mitte zu nehmen, während Karl vom Westen her – er überschritt den Rhein bei Köln – vom Sachsenland aus mit einem Heere von Franken und von Sachsen den Hauptstoß führte. Hier hat er auch zum ersten Male – was er in der Folge bei gebotener Möglichkeit nie unterließ – außer den Landwegen sich der Wasserstraßen zum Eindringen in das Land des Feindes bedient, nämlich der Elbe und der Havel (Havola) Daß dies die Yssel sein solle, ist sprachlich, wie geographisch und strategisch gleich unmöglich. . Die wasservertrauten Friesen sollten nun ihre Segelkundigkeit im Heerdienste des Reiches bewähren: sie wurden aufgeboten, auf ihren Schiffen die Elbe zu Berg zu fahren, dann in die Havel einzubiegen und auf dieser ebenfalls, soweit diensam, zu Berg zu segeln. Einige fränkische Scharen teilte Karl auch diesmal den Friesen (wie meistens nichtfränkischen Aufgeboten) zu. Vielleicht darf man aus der Verwendung von Wasserstraßen in späteren Fällen schließen, daß auch damals auf 90 diesem Wege besonders Lebensmittel und andre Vorräte dem Heere zugeführt werden sollten. Nach der Vereinigung mit dieser Abteilung an der Elbe (?) schlug Karl zwei Brücken über diesen Strom – die eine sicherte er auf beiden Ufern durch je einen Brückenkopf aus Erdwerk und Pfahlwerk – und drang nun in das Land der Wilzen. Vielleicht – doch ist das ungewiß – wiederholte er auch hier, wie 773 gegen die Langobarden , taktisch im kleinen das strategische Prinzip des Doppelangriffs, indem er auf zwei Wegen – deshalb die zwei, doch wohl nicht am selben Ort errichteten Brücken – von West nach Ost vordrang bis an die Peene ( Pana ). Auch hier wirkte die großartige Machtentfaltung und die Umklammerung von drei Seiten so überwältigend, daß die Wilzen, obwohl sehr kriegstüchtig und volkreich, jeden Widerstand aufgaben und sich unterwarfen. Schon oft hat nun Karl vor unsern Augen vollen Erfolg erzielt, fast ohne oder ganz ohne eigne Verluste: das ist eines großen Feldherrn Kennmal und Lob. Auch als 812 nochmal ein Feldzug gegen die Wilzen nötig wird, sendet der Kaiser – er also hat den Plan gemacht – drei Heere zugleich auf wenigstens zwei, vielleicht drei verschiedenen Straßen. Das eine Heer geht durch das Land der befreundeten Abodriten – also von Norden her – wahrscheinlich deren Hilfsscharen an sich ziehend, in das Gebiet der Wilzen; ausdrücklich heißt es dann weiter: »die zwei andern Heere rückten jenem (Nord)Heer gerade entgegen in jene Mark«, also von Süden nach Norden, wohl durch das Land der jetzt ebenfalls wieder befreundeten Sorben. Abermals wirkt das altbewährte Mittel den oft wiederholten Erfolg: von zwei Seiten, wie mit der Zange, gepackt, unterwerfen sich die Bedrohten sofort, jeden Widerstand aufgebend. Aber auch 91 als einmal früher (800) die Sorben zwischen Saale und Elbe sich empört hatten, brachte sie der jüngere Karl durch einen Doppelangriff rasch zur Unterwerfung, indem er sie zugleich von Norden und von Süden faßte: im Norden sandte er kleinere Scharen ihnen in den Rücken über die Elbe, während er selbst von Thüringen aus die Hauptmacht über die Saale führte und sie vom Süden her angriff. Bei dem Avarenfeldzug von 793 (s. unten S. 107 ) wollte Karl auch durch Böhmen ein Heer von Nordwest nach Südost senden. Zu diesem Behufe hatte der weit vorschauende Staatsmann und Feldherr schon lange vorher die Verstattung freien Durchzugs erzwungen oder erhandelt von den damaligen Einwohnern. Es waren slavische Horden, welche sich nach dem Abzug der Markomannen (späteren Bayern ) in dem schönen bergwaldumgürteten Viereck (das nach den keltischen » Boiern « damals wie heute noch hieß und heißt) eingenistet hatten. Sie hießen und heißen Tschechen . Wegen ihrer Diebereien an der Grenze mußte Karl sie später (805) züchtigen. Die »eigenartige slavische Kultur«, welche diese Völkerschaft soll entfaltet haben, bestand so wenig, daß, als die deutschen Könige seit dem 10. Jahrhundert das Land kultivierten, sie die Tschechen, welche ein halbes Jahrtausend hier gehaust hatten, noch in rohester Barbarei antrafen. Der Kaiser (also der Vater Karl) befahl (805), drei Heere sollten auf drei Straßen in das Land der Feinde dringen: das eine, vom Frankenkönig Karl selbst geführt, zog von Westen her durch Ostfranken (etwa über Bamberg ) und den Böhmerwald gegen Osten (auf Eger ): das zweite – der Heerbann der Bayern – zog von Süden nach Norden (etwa von Passau aus) gegen Pilsen : das dritte (wahrscheinlich ebenfalls Franken , dann 92 Hessen und Thüringe ) erhielt den Befehl, die Sachsen und die Karl unterworfenen slavischen Hilfsvölker (Abodriten und besonders Sorben) an sich zu ziehen und dann von Norden her nach Süden durch das Erzgebirg (etwa in der Richtung von Annaberg auf Pilsen) in Böhmen einzudringen. Man sieht: es kehrt ganz genau stets der alte Gedanke Karls wieder: der Feind wird von allen verfügbaren Seiten zugleich gefaßt; nur der Osten entzieht sich auch diesmal und aus dem alten Grunde der fränkischen Bedrohung. Ganz besonders anschaulich schildern in diesem Falle die Quellen die strategische Wirkung: nachdem die drei Heere den Bergkranz, der Böhmen umgibt, getrennt überschritten, vereinigen sich alle drei, von allen Seiten zusammentreffend, in dem böhmischen Talgrund; »in dem böhmischen Flachland«, heißt es wörtlich ( in planitie Behemi ) an der Eger (Agara). Hier schlugen sie drei große Lager, nahe nebeneinander, überschritten darauf die Moldau , ja sogar die Elbe und kehrten, da die Tschechen, jedem Kampf ausweichend, in die Waldberge des Ostens geflüchtet, erst als ihnen die Vorräte ausgingen, zurück. Der umsichtige Kaiser aber, stets bemüht, durch alle Mittel den Erfolg zu sichern, jede Störung zuvorkommend zu beseitigen, hatte gleichzeitig noch ein viertes Heer ausgesandt. Die Gefahr lag nahe, daß die den Franken feindlichen Wilzen (s. o. S. 88 ) ihren slavischen Brüdern, den Tschechen, zu Hilfe kamen und namentlich dem fränkischen Nord heer bei seinem Einmarsch in Böhmen in gefährlichster Weise in den Rücken fielen, seine Rückzugslinie völlig abschnitten. Dies zu verhüten und die Wilzen im Zaum zu halten, hieß Karl ein viertes Heer (wohl wieder Friesen , wie oben S. 89 ) die Elbe zu Berg fahren bis Magdeburg . 93 Diese Ortsangabe ist sehr lehrreich: ein Blick auf die Karte zeigt, daß gerade hier ein Vorstoß der Wilzen in den Rücken des fränkischen Nordheeres am sichersten aufgefangen werden konnte, bevor die Wilzen Elbe und Saale überschritten. Daher landeten die Friesen hier und nahmen unter Verwüstung des Wilzenlandes Stellung, wahrscheinlich bis das Nordheer sicher nach Hause gezogen war. Daß wieder einmal eine Wasserstraße verwertet werden konnte, gereichte dem alten Helden gewiß zu besonderem Behagen: es war das sein Lieblingsmittel. Auch bei dem mit viel geringeren Kräften im folgenden Jahre (806) unternommenen zweiten Feldzug Karls des Jüngeren wider die »Beheimi«, d. h. Tschechen, werden drei Scharen aufgeboten: aus Bayern , ans Alamannien , aus Burgund . Doch erfahren wir diesmal nichts über die Straßen, die Bewegungen und die Vereinigung der drei Abteilungen. Der Zweck ward erreicht; die tschechischen Horden unterwarfen sich; bei der Reichsteilung von 817 werden sie wie Bayern, Kärnten, Avarenland als zum Reiche gehörig aufgezählt und Ludwig dem Deutschen zugeteilt. Daß den Abodriten zur Belohnung für ihre Waffenhilfe wider die Sachsen alles Land der Nordsachsen nördlich der Elbe eingeräumt wurde, haben wir schon gesehen ( S. 82 ). Neuangelegte Burgen bei Magdeburg an der Elbe , bei Halle an der Saale 806, zwei 808 (nördlich der Elbe) darunter wohl Hohbuki , unbestimmbarer Lage, 810 von den Wilzen zerstört, 811 wiederhergestellt, sollten die Slaven der Nachbarschaft bändigen. Die großartige Herrscher- und Heldengestalt Karls, dieses echten Germanen, hat den staunend und geblendet zu ihm emporschauenden Slaven so gewaltigen, so ehrfurchtaufzwingenden Eindruck 94 gemacht, daß ihre Sprache bis heute den Begriff des Königs nur mit Karls Namen ausdrückt (»Kral«). Durch Unterwerfung dieser Gebiete waren die Franken nun unmittelbare Nachbarn der heidnischen Dänen geworden: es ging aber damals unter den Völkern ein Wahrwort im Schwang, »den Franken habe zum Freund, nicht zum Nachbar«. Die Dänen waren die natürlichen Verbündeten der Sachsen in dem Kampfe für die alten Götter und die alte Freiheit gewesen. Wiederholt hatte Widukind Zuflucht bei ihnen, bei dem König Sigfrid , gefunden (s. oben S. 75 , 76). Jetzt, nach Unterwerfung der Sachsen und Abodriten, erschien 804 ein andrer Dänenkönig, Göttrik , – Fürst der jütischen Gaue – mit seiner ganzen Flotte und Reiterei bei Schleswig , Sliesthorp ( S. 82 ), seiner Grenzburg wider die Franken; er wollte wohl dem zu Hollenstedt (s. oben S. 83 ) lagernden Kaiser zeigen, über welche Macht er gebiete. Den Plan eines Besuches zu Hollenstedt gab er auf Warnung der Seinigen auf, die von Karl verlangte Auslieferung sächsischer Flüchtlinge scheint der Däne geweigert zu haben. Bald darauf verband sich Göttrik mit den Karl feindlichen ( S. 89 ) Wilzen gegen die dem Frankenreich untergebenen Abodriten und errang entschiedene Vorteile: er fing den einen Häuptling, Godelaib (germanischen Namens), und hing ihn an den Galgen, vertrieb den andern, den Karl treu ergebenen Thrasuch ( S. 82 ), der der Gesinnung seiner Horden nicht mehr trauen durfte: wirklich brachte Göttrik zwei Gruppen der Abodriten zur Schatzungspflicht, – auch die benachbarten slavischen Linonen und Smeldinger ( S. 81 ) vom Elb ufer unterhalb der Mündung der Havel östlich gegen den Münig-See hin. Doch hatte er bei Bezwingung einiger 95 Burgen seine tapfersten Heerleute, darunter seinen Bruderssohn Reginald , verloren und zog sich vor dem jüngeren Karl, der zur Abwehr herbeigeeilt war, in sein Gebiet nach Schleswig zurück: ja er zerstörte selbst eine seiner eignen Hafenstädte Rerik ( Rerich bei Wismar? oder zwischen Lübeck und Schleswig? ), die ihm reiche Zolleinnahmen gewährt hatte, und verpflanzte die dortigen Kaufleute in das Innere seines Landes, vermutlich, weil er verhindern wollte, daß sich Abodriten und Franken darin festsetzten, die Vorteile der Lage nun für sich ausnutzten und ihn von da aus bedrohten: wahrscheinlich ward der Ort nur entfestigt und seiner reichen Bewohner entvölkert: denn er wird auch im nächsten Jahre (809) noch genannt. So ängstlich besorgte der Jüte damals den fränkischen Angriff, – er versuchte durch Gesandte bei Karl sein Vorgehen zu entschuldigen, sonder Erfolg – daß er zur Deckung seines Gebietes jene berühmte Befestigung anlegen ließ, die unter dem Namen » Danewirke « bis auf unsre Tage (1849, 1864) eine Rolle gespielt hat in den Kämpfen zwischen Dänen und Deutschen. Durch sein Heer unter Leitung der Feldherren ließ er eine ununterbrochene Reihe von Schanzen bauen, welche von der Ostsee ( Ostarsalt ) bis zur Nordsee ( Westersalt ) das ganze Nordufer der Eider ( Ägidora ) gegen Süden absperrte: nur eine Lücke ward gelassen, ein Tor, gerade weit genug, Reiter und Kriegswagen aus- und einzulassen. Gemeint ist unter der Eider entweder die Treene , jetzt ein Zufluß von Norden her in die Eider, damals ein Arm der Eider selbst, oder vielleicht ein von den jetzigen Verhältnissen verschiedener noch mehr nördlicher Wasserlauf; von da zog sich das Danewirk nach Osten gegen die Schlei . Im nächsten Jahre (809) griff nun aber der vertriebene 96 Thrasuch im Bunde mit den Sachsen Wilzen und Smeldinger an, eroberte eine Stadt der letzteren, zwang die von ihm abgefallenen Horden zum Rücktritt und gelangte bis Rerik, wo ihn Göttrik ermorden ließ; der Kaiser aber ließ zum Schutz wider die Dänen an dem Flusse Stör eine Burg erbauen und von Sachsen besetzen, welche damals Esesfelth genannt wurde: es ist das jetzige Itzehoe . Während noch zwei Jahre vorher der Däne sich zu entschuldigen und nur fränkischen Angriff abzuwehren getrachtet hatte, war ihm nun, wir wissen nicht warum, der Kamm gewaltig geschwollen: er erinnerte sich jetzt seiner unbestrittenen Überlegenheit zur See: – die Franken hatten erst angefangen, sich eine Kriegsflotte zu bauen, die wenigen hergestellten Schiffe fanden reichlich Beschäftigung gegen die Araber im Mittelmeer (s. oben S. 53 ): – mit 200 Segeln suchte der Normann verheerend alle Friesland vorgelagerten Inseln heim, landete auf der Küste des Festlandes, schlug in drei Treffen die friesischen Aufgebote, legte Friesland wie einer dänischen Provinz Schatzung auf und erhob hiervon wirklich bereits 100 Pfund Silber. Ja der kecke Däne berühmte sich prahlredig, er werde demnächst den Kaiser in offener Feldschlacht aufs Haupt schlagen, ganz »Germanien« (das Land östlich vom Rhein) sich unterwerfen: Friesland und Sachsen wie die Abodriten seien ihm ja schon untertan; bald werde er mit starker Heeresmacht Einzug halten in des Kaisers Pfalz zu Aachen. Und die Zeitgenossen meinten, es sei ihm bittrer Ernst damit. Das war dem alten Heldenkaiser doch zu frech: zornig über solche Keckheit in Wort und Tat eilte er selbst – trotz seiner achtundsechzig Jahre – noch einmal aus seinem Palast in Aachen zum Kampfe gegen den Nordmann – seit 804 zum ersten Male wieder, und es sollte seine letzte Heerfahrt werden. Zugleich erneuerte 97 er die Befehle, auf allen Strömen Deutschlands und Frankreichs Schiffe zu rüsten zu diesem »Nordmannen-Krieg« und überall Seewehren gegen die Raubschiffe der Vikinge anzulegen, zumal an den Mündungen der Flüsse ( S. 54 ): auch Wachttürme ließ er bauen und auf denselben Strandwächter Nacht und Tag ausspähen nach den feindlichen. Segeln. Ist es auch nur Sage, so ist es doch höchst bezeichnende Sage, daß Karl geweint habe, da er die ersten Nachrichten von diesen Normannenzügen erhielt: ahnungsvoll habe er gerufen: »Solang ich lebe, hat es keine Not, aber wehe den kommenden Geschlechtern!« Selbstverständlich ist ihm das erst in den Mund gelegt, eben von jenem »kommenden Geschlecht«, welches unter der Geißel der normannischen Raubfahrten so unsagbar zu leiden hatte. Diesmal sollte es aber gar nicht zum Kampfe kommen: im Lager zu Verden an der Aller , bis wohin Karl dem Nordmann entgegengeeilt war, erhielt er die Nachricht, der hochfährtige König sei von einem seiner Gefolgen ermordet worden: sein Neffe und Nachfolger, Hemming , suchte alsbald den Waffenstillstand – derselbe ward auf die Waffen beschworen – und Frieden bei dem Kaiser, der die von den Wilzen (810) zerstörte Burg Hohbuki an der Elbe (811) wieder herstellen ließ und (812) diese Slaven aufs neue unterwarf. Auch zu den christlichen Königreichen der Angelsachsen in England hatte Karl mannigfaltige Beziehungen: König Offas von Mercia Tochter sollte einmal einem Sohn Karls vermählt werden: als aber der Klein-König zur Bedingung machte, daß auch eine Tochter Karls einem Sohn Offas verlobt werde, erzürnte das Karl – der keine seiner schönen Töchter von seiner Seite ließ – so heftig, daß er nicht nur jene Verlobung aufhob, sondern ein Handelsverbot gegen die Kaufleute aus Mercien erließ 98 (789). Später ward aber wieder gutes Vernehmen hergestellt: Karl beschenkte (795) Offa wie vielleicht auch Äthilbert von Northumberland aus der den Avaren abgenommenen Beute. Ein aus seinem Reiche vertriebener späterer König von Northumberland, Eardulf , fand Zuflucht bei Karl in Nimwegen und Aachen und wurde ohne Waffengewalt lediglich durch vermittelnde Gesandtschaften vom Kaiser (und vom Papst) wieder auf seinen Thron zurückgeführt (809). Weltliche Oberherrschaft über diese angelsächsischen Reiche nahm Karl auch als Kaiser nicht in Anspruch: nur in geistlichen Dingen griff er auch hier ein, um die Satzungen der Kirche zu wahren, als deren »von Gott berufenen Verteidiger allüberall« er sich betrachtete. Sechstes Kapitel. Karl und der Südosten: Bayern, Avaren, Südslaven. Die einzige Königsaufgabe, welche Pippin bei seinem Tode (768) den Söhnen ungelöst hinterlassen, war die Wiederheranzwingung Bayerns unter das Reich gewesen (s. oben S. 30 , 31). Die Bayern, Bajuvari, sind und heißen die Männer aus Baju-hemum , Boier-heim, Böhmen, so benannt nach den keltischen Boiern, an deren Stelle die alten Suebenvölker, Markomannen und Quaden , bald nach Christi Geburt vom oberen Main her einwandernd, in dem berg- und waldumkränzten Lande der Eger , Moldau und Elbe sich angesiedelt hatten. Um das Jahr 500 waren 99 sie von dort nach Südwesten in das alte Noricum und Rätien gezogen, das nun nach ihnen den Namen Bajuvaria , Bayern, erhielt. Gegen die Mitte des sechsten Jahrhunderts erscheinen sie in diesen ihren neuen Sitzen unter diesem Namen und in Abhängigkeit von dem Frankenreich. Nachdem die Franken durch Unterwerfung der Alamannen (496) und der Thüringe (531), sowie der bis dahin von den Ostgoten geschützten Alamannen in Graubünden (536) sich den Weg zu den Bayern gebahnt hatten, konnten diese dem Drucke der fränkischen Übermacht nicht mehr widerstehen. Doch scheint die Begründung der fränkischen Oberhoheit weit weniger durch die Waffen als durch Vertrag erfolgt zu sein: es verblieb den Bayern ein besonderes Herrschergeschlecht, die Agilolfingen , – übrigens wahrscheinlich ein langobardisch-fränkisches, nicht ein ursprünglich bayrisches, vielleicht ward es damals erst von den Franken eingesetzt, – das mit beinahe königlicher Gewalt über den volkreichen Stamm herrschte, der von Bozen bis Eichstädt , vom Lech bis an die Enns wohnte. Lange haben die Agilolfingen, mit einer kurzen Unterbrechung durch Bruderkriege, Bayern gut und gedeihlich regiert, für das Recht und die Kirche mit Erfolg gesorgt. Die immer nur lockere Abhängigkeit dieser Herzöge, welche, manchmal mehrere nebeneinander, zu Regensburg, Freising, Salzburg ihre Sitze hatten, war in den Zeiten der Schwäche der merowingischen Könige seit ca. 650 und der innern Kämpfe der Hausmeier bis 690 und 720 ( S. 15 –17) völlig abgeworfen worden: ganz wie bei den benachbarten und oft mit den Bayern gegen die Franken verbündeten Alamannen. Erst Karl der Hammer und Pippin hatten die Unterordnung wiederherstellt (s. oben S. 16 , 27 ): der junge im gleichen Jahre mit Karl 100 (742) geborene Herzog Tassilo hatte, wie wir sahen (s. oben S. 27 ), Pippin, seinem Oheim, – die Agilolfingen waren mit den Arnulfingen mehrfach verschwägert – als Vasall gehuldigt und wiederholt Heerfolge geleistet – so gegen die Langobarden, gegen die Aquitanier – bis er plötzlich bei dem Aquitanierfeldzug von 764 in trotziger Auflehnung aus dem Lager nach Bayern geeilt war ( S. 30 ), wir können nur Vermutungen aufstellen über die Gründe. Pippin war bis zu seinem Tod zu stark durch die Aquitanier beschäftigt, um Bayern wieder heranzwingen zu können. Übrigens hatte Tassilo, der recht wankelmütig erscheint, sehr bald nachher durch Vermittlung des Papstes Versöhnung gesucht und jetzt, nach Karls Thronbesteigung, brachte der wackere Abt Sturm von Fulda , ein Bayer, sogar »Freundschaft« zwischen Tassilo und Karl zu stande (769); diese schien dadurch gefestigt, daß beide verschwägert wurden, indem beide Töchter des Langobardenkönigs Desiderius zur Ehe nahmen (s. oben S. 32 ). Als aber freilich Karl diese Gemahlin verstieß, mochte wieder Spannung entstehen. Doch sah Tassilo untätig zu, als Desiderius gestürzt ward, während doch damals der rechte Augenblick gewesen wäre, mit den Langobarden im Bunde für die Befreiung Bayerns zu kämpfen, falls eine solche als Ziel vorschwebte. Der Sage nach schürte eben seine Gemahlin Liutberga unablässig an ihm, Rache für ihren Vater und ihre Schwester zu nehmen an Karl. Allein Tassilo verstand es weder, Treue zu halten, noch, Schwert in Faust, als Held für seine und seines Stammes Freiheit zu sterben: folgerichtig endete er im Kloster. Es mag hier eingeschaltet werden, daß unter den Karl bekämpfenden Persönlichkeiten nicht ein großer Charakter war: wie Tassilo endete der Langobardenkönig 101 Desiderius im Kloster, und auch der Sachsenführer Widukind nahm nicht nur die Taufe – er nahm auch seine angezogenen Güter aus der Hand des Siegers zurück und starb als königlich fränkischer Staatspensionär. Auch Arichis von Benevent hat sich unterworfen; des Desiderius Sohn Adelchis starb zwar ununterworfen als Flüchtling zu Byzanz , aber tragisches Heldentum hat von Karls Gegnern nicht ein einzelner Mann bewährt, nur der Geist eines Volkes: der herrliche Trotz der unglücklichen, mit Blut getauften Sachsen . Aber zurück zu Tassilo. Seine Verwaltung Bayerns war nicht ohne Verdienste: er sorgte für Ausbreitung des Christentums und zugleich des bayrischen Stammes über den Südosten gegen die slavischen» Karantanen « in dem nach ihnen benannten Kärnten (Stiftung des Klosters Kremsmünster 777). Das Verhältnis zu Karl war aber inzwischen wieder so feindlich geworden – der treue Vermittler Sturm war (779) gestorben, – daß (781) Papst und König durch gemeinschaftliche Gesandte den Herzog zur Erfüllung seiner eidlichen Verpflichtungen mahnten: er erneute hierauf zu Worms (782) auf dem Reichstag den Vasalleneid. Doch kam es im Jahre 785 zu bewaffnetem Zusammenstoß zwischen bayrischen und fränkischen Grafen an der Grenze Bayerns und des jetzt Karl gehörigen Langobardenreiches bei Bozen (785), wir erfahren nicht, weshalb. Tassilo rief die Vermittlung des Papstes an, ward aber von diesem unter Androhung des Kirchenbannes zur Erfüllung seiner Eidespflichten aufgefordert und, da er sich weigerte auf dem Reichstag zu Worms (787) zu erscheinen und Gehorsam zu leisten, beschloß der Reichstag seine Unterwerfung. Karl hatte den Kriegsplan bereits entworfen; er konnte sofort ans Werk gehen. Er faßte Bayern von allen drei verfügbaren 102 Seiten zugleich: die Ostseite war damals noch nicht verfügbar, das Avarenreich noch nicht unterworfen. Von Westen führte Karl selbst ein Heer (wohl von Westfranken ), die Lechlinie bedrohend, die uralte Scheidemark zwischen Bayern und Schwaben – heute noch die Sprachgrenze – auf das » Lechfeld «, das damals zuerst genannt wird. Zugleich rückte ein andres Heer von Norden her gegen die Donau linie bis Pföring , unterhalb Ingolstadt , Regensburg , die alte Hauptstadt, bedrohend; dieses Heer bestand aus Ostfranken , Thüringen und auch bereits aus Sachsen , welche, kaum unterworfen ( S. 79 ), gegen die Bayern aufgeboten wurden, wie die Langobarden alsbald über die Pyrenäen waren geführt worden ( S. 45 ). Karl wußte, es mußte die Neugewonnenen ehren und ihre Angliederung beschleunigen, ließ man sie alsbald neben den Franken fechten und siegen. Ein drittes Heer aber führte Karls Sohn Pippin, der König von Italien ( S. 42 ), von Süden her, die Etsch linie bedrohend, von Trient bis Bozen . Bayern sollte es nun verspüren, was es bedeute, daß die Langobarden aus Verbündeten wider die Franken nunmehr Helfer der Franken geworden waren. An den drei Flüssen, welche die Grenzen Bayerns im Westen, Norden und Süden bildeten: Lech , Donau und Etsch , standen also gleichzeitig drei Heere. Dieser auf das säuberlichste ausgeführte Plan dreifacher Bedrohung wirkte so überwältigend, daß Tassilo sonder Schwertstreich sich unterwarf. Da jedoch der Wankelmütige den 787 abermals geleisteten Vasalleneid schon 788 abermals brach – er hatte sich mit den Avaren verbünden wollen, aber seine Bayern selbst fielen von ihm ab und deckten diesen Plan auf – ward ihm (788) auf dem Reichstag zu Ingelheim , auf dem er sich hatte stellen müssen, das Herzogtum und sogar 103 das Leben abgesprochen: daß man, um letzteres zu begründen, bis auf die 764, also vor 24 Jahren, begangene » Heereslitz «, d. h. das Verlassen des Heeres Pippins, zurückgriff, ein allerdings mit dem Tode bedrohtes Verbrechen, das aber unleugbar durch die Verhandlungen mit Karl in allen diesen Jahren als verziehen gelten mußte, zeigt, daß es an einer andern todeswürdigen Verfehlung gebrach: überhaupt war Tassilo vielleicht auch 785 gar nicht im Unrecht gewesen, aber seine schwankende, treulose Haltung mußte ihn verderben, auch wenn er im Recht gewesen wäre. Karl wollte nur das Urteil, nicht die Vollstreckung: er schenkte dem Verwandten (s. oben S. 100 ) das Leben, das er, wie seine Gattin und seine Kinder, in fränkischen Klöstern beendete. Noch einmal ward er, man begreift nicht recht weshalb, 794 aus der Ruhe des Klosters vor einen fränkischen Reichstag zu Frankfurt am Main gestellt, wo er nochmal zum Verzicht auf alle seine und seiner Kinder Rechte an Bayern angehalten ward: vielleicht war der Übergang des Privateigentums der Agilolfingen an die fränkische Krone angezweifelt worden. Karl machte nun der bisherigen halb selbständigen Stellung Bayerns ein Ende: das Land ward als Provinz wie Aquitanien, Sachsen, Alamannien dem Frankenreich einverleibt, kein Herzog mehr geduldet: vielmehr übertrug der König die Verwaltung Bayerns im Frieden und die Verteidigung im Krieg, sowie die Ausbreitung bayrischer Ansiedler über den avarischen und slavischen Südosten einem im Krieg und Frieden gleich ausgezeichneten Helden und Berater, dem Bruder seiner Lieblingsgemahlin Hildigard, dem wackern Gerold , als »Präfekt« von Bayern. Dieser weise und tapfere Alamanne erwarb sich, bis er im Kampfe gegen die Avaren den Heldentod fand (799) – einer der schwersten Verluste, die Karl trafen! – die 104 größten Verdienste um den König und das ihm anvertraute Land: er ist offenbar von der Sage gemeint in »Herrn Naims von Bayerland«, der unter den Paladinen Karls hervorragt, wie nur noch etwa Roland, Ogier und Oliver. Zusammenwirkend mit dem ebenfalls ganz ausgezeichneten Bischof Arn von Salzburg, der im Jahre 797 von Papst Leo III. das »Pallium«, das Ehrenkleid des Bischofs, und die Würde eines Erzbischofs erhielt, arbeitete er wie für Abwehr äußerer Feinde, so für den Schutz des Rechts im Lande und für die Verbreitung des Christentums über den Osten und Südosten: unter Leitung dieser Männer erwarb sich der krafttüchtige bayrische Volksstamm, der Schwert und Pflug von jeher gleich trefflich zu führen verstanden hat, damals das Verdienst, durch starke Besiedelung germanische Gesittung und Eigenart in jene Ostmark – die Grundlage des späteren » Österreich « – zu tragen, deren alte von den Römern eingeführte Bildung und Blüte längst unter den Hufen der Gäule mongolischer Avaren oder der Schafzucht slavischer Wanderhirten zerstampft oder verwildert war. Die südslavischen Karantanen , schon von den Agilolfingen in Abhängigkeit von Bayern gezogen ( S. 101 ), wurden nun planmäßig der Kirche und dem Reiche der Franken unterworfen. Dieselbe Aufgabe hatte nun aber Karl auch gegenüber einem viel mächtigeren und schwerer zu erreichenden feindlichen Nachbar übernommen: gegenüber den Avaren . Dieses mongolische Reitervolk – der ( persische ) Name bedeutet die »Schweifenden«, d. h. Nomaden – war zuerst nach Zerfall des großen Hunnenreiches Attilas ca. 460 östlich vom Kaspischen Meer erschienen und hatte sich allmählich immer mehr nach Westen vorgeschoben in die früher von den Hunnen beherrschten Gebiete, daher sie 105 (irrig) für die alten Hunnen, die ja ebenfalls ein mongolisches Reitervolk gewesen, gehalten wurden. Nach Vernichtung der germanischen (gotischen) Gepiden (567) und Abzug der Langobarden nach Italien hatten sie sich in den weiten Pußten Ungarns ausgebreitet und von da aus alle ihre Nachbarn durch unablässige Raubfahrten heimgesucht: die Frankenkönige hatten sie wiederholt von Thüringen abzuwehren, die Bulgaren und zahlreiche Südslaven hatten sie unterworfen: ganz besonders aber erpreßten sie ungeheure Summen von dem reichen und meist schwachen Byzantinischen Kaiserreich, das sich dadurch von ihnen – immer nur auf kurze Zeit – Ruhe erkaufte: 90, ja 100 000 Goldsolidi (= 1 200 000 Mark) jährlich zahlten die Kaiser geraume Zeit! Sie waren also äußerst üble Nachbarn auch des Frankenreichs. Zuletzt hatten sie, wie wir sahen, Tassilo ihre Hilfe angeboten ( S. 102 ): und wirklich waren sie nach dessen Sturz in Bayern eingedrungen, wohl weniger, um Wort zu halten, als weil sie hofften, in den nun noch ungeordneten neuen Verhältnissen wenig Widerstand zu finden. Aber sie irrten: die Bayern schlugen, das erstemal von fränkischen Grafen geführt und von fränkischen Scharen unterstützt, die Räuber an der Ips , bei einem zweiten Einfall allein an der Donau aus dem Lande hinaus, wie sie auch von der fränkischen Besatzung Istriens aus dieser Mark vertrieben wurden. Verhandlungen zwischen Karl und den Avaren, wohl zumeist über die Grenzen zwischen diesen und den Bayern in Kärnten , sowie den Schutz des Christentums in jenen Marken, scheiterten (790) und im folgenden Jahre (791) unternahm Karl den ersten seiner Avarenkriege. Das Unternehmen ward auf das Umsichtigste vorbereitet und mit Aufbietung aller Mittel des großen Reichs in das Werk gesetzt. 106 Genau dieselbe Angriffsweise, wie nun schon oft und mit dem gleichen Erfolge, verwendet Karl in diesen mehrfachen Feldzügen. Auch dieser Feind konnte von Osten nicht gefaßt werden: aber von Nord, West und Süd, wo er gefaßt werden konnte, ward er auch gefaßt. Im Südosten der Avaren saßen die Bulgaren , im Nordosten die Madgyaren , beide für Karl unerreichbar; aber auch in rein nordsüdlicher Richtung war den Avaren nicht beizukommen, im Norden waren sie durch unabhängige slavische Völker gedeckt. Die Hauptrichtung für den fränkischen Angriff mußte die von West nach Ost sein: hier bildete Bayern die Grundlage der Bewegungen; waren doch jene mongolischen Unholde Nachbarn der Bayern geworden: bis an die Enns waren sie vorgedrungen, dieser Fluß bildete die Grenze. Dementsprechend verwendete Karl in den Avaren-Kriegen ganz besonders den bayerischen Heerbann, und wie im Kriege hat auch nach dem Frieden der bayerische Stamm sich auch hier wieder die größten Verdienste erworben, indem er nicht nur das Christentum, auch edlere germanische Gesittung in höchst erfolgreicher Besiedelung nach Osten trug. Als natürliche Straße in das Innere des Avaren-Landes bot sich die Donau, welche zuerst (bis Waitzen ) westöstlich, dann nordsüdlich, endlich wieder westöstlich ihr weites Gebiet durchzog. Und in ausgedehntestem Maße hat Karl diese Wasserstraße verwertet. Die Hauptschwierigkeit in den Avaren-Kriegen bildete die Entlegenheit des Kriegsschauplatzes von den Hilfsquellen der fränkischen Macht: es war damals – d. h. bei den damaligen Straßen und Verkehrsmitteln – sehr weit von Toulouse bis Paris , von Paris bis Aachen , von Aachen bis Regensburg , von Regensburg bis Belgrad . Karl verwendete nun die Donau dazu, von Regensburg – seinem 107 Ausgangspunkt für die Avaren-Kriege – Mannschaften, ganz besonders aber Lebensmittel, Vorräte, Kriegsgerät jeder Art den vordringenden Heeren nachzuschieben; in dem unwirtlichen Lande war es schwer, Mann und Roß zu verpflegen. Aber er begnügte sich nicht mit ihrem natürlichen Lauf; er hat es ja bekanntlich versucht, die Donau mittels des Mains mit dem Rhein in Verbindung zu setzen, indem er (793) im Suala -Feld, d. h. an der Schwale , einem Nebenfluß der Wernitz , die schwäbische Rezat , einen Nebenfluß der Rednitz , zwischen Pleinfeld und Treuchtlingen (noch heute heißt dort ein Ort » Graben «) durch einen 23 Meilen langen Kanal mit der Altmühl verband, so daß man also vom Rhein in den Main, vom Main durch Rednitz und Rezat in den Kanal, durch diesen in die Altmühl und in die Donau gelangen konnte. (Der heutige Donau-Main -Kanal hat bekanntlich andre Lage und viel geringere Länge.) Es läßt sich beweisen, daß dieser Kanal keineswegs Handelszwecken dienen sollte, wie man behauptet hat. Alle Quellen – und das außerordentliche Werk machte den Zeitgenossen solchen Eindruck, daß auch die dürftigsten Annalen, auch die fernstliegenden Klöster sein erwähnen – bringen den Plan in unmittelbarsten Zusammenhang mit den Vorbereitungen zu einem zweiten Avaren-Krieg, welche Karl im Jahre 793 monatelang zu Regensburg betrieb, nachdem man in dem ersten Feldzug (von 791) die Schwierigkeiten des Nachschubs erfahren und zumal sehr viele Pferde verloren hatte. Man hat auch wohl gemeint, der Kanal habe zwar kriegerischen Zwecken, aber umgekehrt dazu dienen sollen, aus der Donau in den Rhein zu gelangen. Natürlich war dies ja nicht ausgeschlossen. Allein am Rhein – oder vielmehr vom Rhein aus – hatte Karl nur gegen die Sachsen Kriege zu führen, wobei die Angriffslinien und der Nachschub 108 vom Rhein her stets vollauf genügt hatten. Richtig ist: einzelne Quellen sagen, »um von der Donau in den Rhein zu fahren«: jedoch erklärt sich dies einfach und vollständig dadurch, daß sie von dem Ort ausgehen, wo sich der Kaiser befand, als der Plan gefaßt wurde. Dieser Ort aber war – Regensburg! Von großem Vorteil für die Bekämpfung der Avaren (wie früher für die Bedrohung von Bayern) (s. oben S. 102 ) war es, daß man, seit Karl die Langobardenkrone trug (774), auch vom Süden her jene Feinde fassen konnte. In ausgiebigstem Maße ward dieser Vorteil ausgenutzt, so zwar, daß neben dem bayerischen der langobardische Heerbann am häufigsten und am erfolgreichsten gegen die Avaren verwendet ward, unter Führung teils von König Pippin , teils von dem tapferen Markgrafen Erich von Friaul . Ganz außerordentliche Mengen von Lebensmitteln und Kriegsbedarf jeder Art hatte Karl vom Rheine her nach Regensburg schaffen lassen; er sah voraus, die Reiterhorden der Avaren würden in den unerreichbaren Osten ausweichen und den Angreifer immer weiter von seinen Hilfsquellen fort in ihre unwegsamen und unwirtlichen Steppen nach sich ziehen, wo Mangel und Ermüdung seiner harrten. Zwar hatte sich nach fränkischem Heerbannrecht der Wehrmann im Felde selbst zu verpflegen: allein dieser Grundsatz, entstanden in den Jahrhunderten der Gaustaaten und der Feldzüge von höchstens ein paar Tagemärschen, war ganz unanwendbar bei Kriegszügen von mondenlanger Dauer und in öde, fast unbewohnte Wüstlande. Abermals ward der Angriff von drei Seiten, von Westen, von Nordwesten und von Südwesten her, beschlossen. Und zwar sollten nicht weniger als vier Heere auf vier verschiedenen Straßen vordringen und drei von diesen sich erst in Feindesland zu entscheidendem Schlage vereinen. Vom Südwesten 109 her hatte König Pippin den langobardischen Heerbann heranzuführen. Karl selbst zog von Regensburg aus mit einem Heer ( Franken und wahrscheinlich Alamannen ) auf dem Südufer der Donau – also von Südwest – über Passau und Linz auf Wien ; ein zweites Heer ( Uferfranken , Thüringe , Sachsen und Friesen ) schickte er auf dem Nordufer der Donau von Nordwest vor. Diese Abteilung mußte durch Böhmen und das Land der Tschechen (oben S. 91 ). Ein viertes Heer ward zu Regensburg auf der Donau eingeschifft: es waren die Bayern , welche auf zahlreichen Schiffen und Flößen ihren Landesstrom zu Tal fuhren; auch Lebensmittel und Vorräte für diese drei Heere wurden auf der Donau nachgeführt. Den ersten Erfolg erfocht das Südheer: König Pippin erstürmte am 23. August 793 einen der »Ringe« der Avaren, jener kreisförmigen, oft sehr ausgedehnten Befestigungen von Rasenwällen, deren diese Horden seit zwei Jahrhunderten eine große Zahl aufgeworfen hatten, sich und ihren Raub darin zu bergen. Karls Heer und die Bayern vereinten sich an der Mündung der Enns in die Donau bei Lorch . Die Avaren hatten sowohl auf der Nordstraße von Böhmen her an der Mündung des Kamp unterhalb Krems als auf der Straße Karls auf dem Kumeoberg ( Wienerwald ) nahe der Stadt Comagenae ( Tuln , nordwestlich von Kloster Neuburg ) sehr starke Schanzen aufgeworfen. Allein, wie schon wiederholt, wirkte auch hier der gleichzeitige Angriff überwältigend: als die Avaren zugleich auf beiden Ufern und auf dem Rinnsal des Stromes selbst die drei Heere der Germanen auf sie eindringen sahen, gaben sie den Widerstand und ihre Schanzen auf und flohen. So geschah es auch ferner bei dem Vordringen der drei Heere: wo immer auf Bergen, an Flüssen, in Wäldern die Feinde Graben 110 oder Verhacke angelegt hatten, – sobald die Heere sich näherten, flohen die Avaren oder ergaben sich. So drangen die Germanen bis an, ja bis über die Raab vor und kehrten ohne irgendwelchen Verlust an Mannschaft wieder nach Hause zurück: doch 9 / 10 der Pferde fielen infolge einer Seuche; das Nordheer zog wieder durch Böhmen, Karl und die Bayern auf dem Südufer der Donau nach Hause. Auch in den nächsten Jahren beschäftigte sich Karl mit Vorbereitungen eines Feldzugs gegen die Avaren: 792 baute er zu Regensburg eine kunstvolle Brücke von leicht zu verbindenden und leicht wieder zu lösenden Schiffen, 793 den oben erwähnten Kanal – Regengüsse, welche die bei Tag ausgehobene Erde jede Nacht wieder in die Grabensohle hinabspülten vereitelten das Werk: erst 795 aber ward der Krieg wieder aufgenommen. Innere Zerrüttung des Avarenreichs erleichterte den großen Erfolg, welchen der heldenhafte Markgraf Erich von Friaul , wie Gerold ( S. 103 ) ein Alamanne (aus Straßburg) über diese Horden erfocht: er eroberte ihren »Ring« oder richtiger ihr System von Ringen und schickte dem König als Siegesbeute die gewaltigen, hier in vielen Jahrzehnten gehäuften Raubschätze der früheren Chane, welche Karl, nachdem er Papst Hadrian Geschenke daraus geschickt, unter seine Getreuen verteilte. Er ehrte durch Geschenke daraus Kirchen, seine Bischöfe, Äbte, Grafen und Getreuen insgesamt: auch den angelsächsischen Königen Offa von Mercia , und Äthilbert von Northumberland , schickte er aus dieser Beute ein Wehrgehäng ( unum baltheum ), ein hunnisches ( hunniscum d. h. avarisches) Schwert und zwei seidene Pallien. Die ganze abendländische Christenheit sollte sich gleichsam mit erfreuen an dem durch Christi Gnade erhaltenen Schatze 111 und dieselbe dafür lobpreisen. Wie ungeheuerlich die von den Avaren seit Ende des 6. Jahrhunderts aus allen Nachbarreichen, zumal aus byzantinischem, gepidischem, langobardisch-italisch-römischem Gebiet zusammengeplünderten Schätze waren – 15 Lastwagen größten Umfangs ( plaustra ), von je vier Rindern gezogen, füllten (angeblich, sagenhaft) allein das Gold, das Silber und die Seide –, erhellt daraus, daß man überzeugend das gleich folgende Sinken des Wertes von Gold und Silber im Frankenreich auf dieses plötzliche massenhafte Einströmen der Edelmetalle zurückgeführt hat. Einhard sagt, die Franken, bis dahin beinah arm zu nennen, seien damals plötzlich reiche geworden. Hier hat das fränkische Schwert und das Kreuz wirklich Kulturarbeit verrichtet: indem an Stelle der mongolischen Räuber und Wanderhirten der bayerische Stamm nun seine musterhaften Ackerbauer in die Donaulande entsenden konnte. Was die oft, aber stets unklar erwähnten »Ringe« der Avaren anlangt, so ist wohl das folgende das Wahrscheinlichste. Diese Ringe waren die Form, in welcher das Raubreitervolk überhaupt seine Sicherung von Land und Beute bewerkstelligte und insofern auch seine »Ansiedelungen«. Es gab daher nicht bloß einen Ring der Avaren, sondern so viele als es Stützpunkte von avarischen Niederlassungen gab: daher sagen die Langobarden statt »Ring« »Feld« der Avaren. Die früher (791) vor Karls Andringen geräumten munitiones et hringae lagen offenbar viel weiter nordwestlich, als der jetzt von Istrien aus eroberte »Hauptring« der größten Horde oder des Chagans selbst. Mag in den Schilderungen des Mönches von Sankt Gallen manches phantastisch sein – zumal die Maße, die Raumverhältnisse sind unklar, d. h. im Kopfe des Schilderers – es steht doch wohl fest, daß diese »Königsburg«, dies große 112 ständige Heerlager ( campus ) gebildet war aus einem System von neun ineinander geschachtelten Ringen ( circuli, »hegni«, d. h. Gehege): der äußerste, also weiteste Ring hatte einen Durchmesser gleich der Entfernung von » Zürich bis Konstanz «, sagt der Alamanne: also etwa 9½ deutsche Meilen. Der zweite Ring stand vom dritten ab »20 (deutsche) Meilen = 40 italische«: diese Verkehrtheit erklärt sich wohl daraus, daß der Mönch die Entfernung zwischen Konstanz und Zürich irrig auf mehr als 20 deutsche Meilen anschlug. Jeder Ring hatte einen Außenwall von Eichen-, Buchen- oder Tannenpfählen, 20 Fuß hoch und 20 Fuß breit: die Zwischenfläche war mit härtesten Steinen oder mit zähester Kreide ( creta, Lehm?) ausgefüllt, die Oberfläche der Wälle mit Rasen völlig bedeckt und mit Gebüschen bepflanzt (zur Deckung für die Verteidiger?). Zwischen den Wällen in der Grabensohle lagen nun die Höfe und Dörfer einander auf Rufesweite nahe, so daß Trompetenzeichen alles, was geschah, von einer Siedelung zur andern melden konnten. Nur schmale, enge Pförtlein waren in diesen sturmfreien ( inexpugnabiles ) Wällen angebracht, durch welche die Räuber zum Raub ausritten. Angebliche Spuren dieses Ringes sollen auf der Pußta von Carto-Czar bei Tatarrh noch heute sich finden. Im folgenden Jahre (796) erschien ein avarischer » Tudun « (Unterfürst) zu Aachen und nahm die Taufe: doch mußten andre ihrer Horden 796 von König Pippin, der abermals einen »Ring« eroberte, und 797 von Markgraf Erich bekämpft werden. Auch für solche Kriege, welche Karl nicht in Person leitete, entwarf er meistens den Plan nach seinem bewährten System; in einzelnen Fällen sagen uns die Quellen dies ausdrücklich (»Karl befahl, so und so zu 113 verfahren«); in andern Fällen, in welchen wir ganz genau Karls Feldherrn-Gedanken wiederfinden, dürfen wir daher wohl das Gleiche vermuten. Aber freilich ist auch anzunehmen, daß dieser große Feldherr nicht minder »Schule gemacht« hat, wie etwa Friedrich der Große und Napoleon. Es ist also ganz wahrscheinlich, daß seine beiden tüchtigen Söhne Karl und Pippin auch wo sie – zumal im kleinen Maßstab und im Taktischen – ohne ausdrückliche väterliche Weisung zu handeln hatten, das so erfolgreiche väterliche Beispiel zum Muster nahmen; ähnliches wird auch von andern ausgezeichneten Heerführern Karls: wie Wilhelm von Orange, Gerold von Bayern, Erich von Friaul zu vermuten sein: sie haben alle seiner Schule Ehre gemacht. So erfahren wir, daß bei dem Avarenkrieg Pippins von 796 dieser nach Befehl seines Vaters »im Land der Feinde erst« seine Langobarden mit den Bayern und den Alamannen vereinte. Es waren also auch diesmal jedes Falles zwei (wenn nicht drei) Heere von Süden, von Westen (und von Südwesten) gegen den Feind geschickt worden, die getrennt vorrückten, vereint schlugen. Sehr schwer traf es den Kaiser, daß er im Jahre 799 in übrigens ganz unerheblichen Gefechten mit Avaren zwei seiner ausgezeichneten Paladine verlor: der kühne Erich von Friaul war nach abermaligem Abfall jenes Volkes (und etwa auf avarisch Anstiften?) durch Arglist der kroatischen Bewohner der byzantinischen Stadt Tersatto bei Fiume erschlagen worden, und Graf Gerold , der praefectus von Bayern, der Bannerwart, signifer und Rat ( consiliarius ) Karls, da er gerade seine Schar zum Kampfe wider die Avaren ordnete: er ward bestattet in dem reich von ihm beschenkten Kloster Reichenau im 114 Bodensee . Bald darauf wurden diese avarischen Wirren endgültig beigelegt: während bis dahin nur Unterfürsten (Tudune) sich den Franken gefügt hatten, erklärte nun (805) der Oberkönig ( Chagan ) aller Avaren seine Unterwerfung und ließ sich (in der Fischa , 21. September) taufen, wogegen Karl ihn als alleinigen Beherrscher der Avaren anerkannte; fortab ward kein Feldzug gegen die Avaren mehr erforderlich: die im Jahre 811 bei ihnen einrückenden Scharen kommen nur, ihre Grenzstreite mit den Karantanen zu untersuchen und auf Gebot der Feldherrn erschienen Gesandte beider Völker zu Aachen vor Karl, der als Oberherr richtend entscheidet. Übrigens haben die Avaren ihre politische Unterwerfung auch in ihrer Volkseigenart nicht lang überdauert: sie verschmolzen alsbald mit den Bulgaren und andern Nachbarn und sind so spurlos untergegangen, daß ein slavisch Sprichwort sagt: »Er ist verschwunden wie der Avar: nicht Sohn nicht Neffe nicht Erbe ist von ihm übrig geblieben.« Siebentes Kapitel. Karl und der Papst; Karl und Italien; Karl und Byzanz von 774–800; die Kaiserkrönung (800). Wir sahen ( S. 41 ), wie Karl (im Jahre 774) sich zum König des Langobardenreichs gemacht hatte: nur Benevent , wo des Desiderius Eidam, Herzog Arichis , herrschte, blieb damals noch ein unabhängiges Fürstentum. 115 Der Aufstand des Herzogs Hrodgaud von Friaul (776) ward rasch erstickt: windschnell erschien Karl mitten im Winter in Italien und schlug die Erhebung nieder, der Herzog fiel im Gefecht, der Herzog von Spoleto erschien selbst vor Karl in Frankreich und huldigte (779). Da im folgenden Jahre (780) ein Angriff des Beneventaners im Bunde mit Byzanz – sein Schwäher Adelchis schürte daselbst unablässig zum Kriege – zu drohen schien, zog Karl wieder nach Italien: er ließ (781) in Rom vom Papst Hadrian seinen vierjährigen Sohn Pippin zum König von Italien (des Langobardenreichs), den dreijährigen Ludwig zum König von Aquitanien salben (oben S. 41 ). Die von Byzanz her drohende Gefahr war schon vorher durch den Tod des Kaisers Leo IV. (September 780) beseitigt, dessen Witwe Irene nun die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn Constantin VI. übernahm und, vielfach von Feinden bedrängt, vielmehr eine Stütze an dem mächtigen Frankenkönig suchte: damals ward wohl auf ihr Betreiben ihr Sohn mit Karls Tochter Hrothrud verlobt. Jedoch aus unbekannten Gründen verschlechterte sich das Verhältnis zu Byzanz wieder und als Karl 785 abermals nach Italien zog und Arichis von Benevent ohne Schwertstreich zur Unterwerfung brachte, ward jene Verlobung wieder aufgelöst, vermutlich, weil man sich über die Bedingungen, zumal über die Verteilung der Besitzverhältnisse in Süditalien nicht einigen konnte. Als nun Arichis 788 starb, setzte Karl dessen Sohn Grimoald zum Herzog von Benevent ein, der auch zunächst die versprochene Treue so wacker hielt, daß, als nun der lang gedrohte byzantinische Angriff unter Führung des Adelchis wirklich erfolgte, Grimoald gegen diesen seinen Mutterbruder selbst mit fränkischen Scharen zu Felde zog und 116 die Feinde aufs Haupt schlug. Adelchis floh nach Byzanz zurück, er brachte keinen weiteren Angriff mehr zu stande und starb daselbst in hohen Würden. Karl aber zog damals das bisher byzantinische Istrien , das seine italischen Besitzungen abrundete und für Bedrohung der Avaren von Süden her recht günstig gelegen war, in den Verband seines Reiches (788). In den nächsten Jahren konnte Karl selbst an die italischen Dinge nicht rühren. Die Regierung Pippins allein führte Feldzüge (792) gegen Grimoald von Benevent, welcher nun die übernommenen Verpflichtungen doch nicht nach Wunsch erfüllte. Erst im Jahre 800 erschien Karl wieder in Italien aus wichtigstem Anlaß. Im Jahre 795 war Papst Hadrian gestorben, aufrichtig betrauert von seinem Freunde Karl. Sein Nachfolger Leo (795–816) ward im Jahre 799 von erbitterten Feinden bei einem Aufzug in den Straßen der Stadt schwer mißhandelt – nach der Legende sogar geblendet, worauf ein Wunder ihm die Augen und die ebenfalls ausgerissene Zunge sollte wiedergegeben haben – und gefangen. Mit Mühe entkam er, von treuen Männern geflüchtet, an einem Seil über die Stadtmauer nach Spoleto und rief nun Karls Hilfe an; ja er machte sich selbst auf den Weg, zog über die Alpen und suchte Karl mitten im Winter im Feldlager im Sachsenlande auf bei Paderborn . Karl empfing ihn auf das ehrenreichste und befahl nach längerem Aufenthalt im Lager, ihn durch auserlesene geistliche und weltliche Große vor allem nach Rom zurückzuführen und in seinen Stuhl wieder einzusetzen, indem er sich vorbehielt, die wider Leo erhobenen Anklagen, – Meineid, unordentlicher Lebenswandel – an Ort und Stelle selbst zu prüfen. Das geschah gegen Ende des Jahres 800, da der König mit großem Gefolge in Rom 117 erschien. Die Ankläger des Papstes konnten ihre Beschuldigungen nicht erweisen: sie wurden wegen Majestätsverbrechen gegen ihren weltlichen Fürsten, den Papst, zum Tode verurteilt, aber auf Fürbitte Leos von Karl zur Einbannung außerhalb Italiens verurteilt. Wenige Tage darauf – am Weihnachtsabend des Jahres 800 – setzte der Papst, während Karl im Gebet versunken, am Grabe St. Peters kniete, ihm plötzlich überraschend eine goldene Kaiserkrone aus und warf sich ihm zu Füßen – wie es gegenüber römischen Imperatoren Sitte war, – indes alle im St. Peter anwesenden Römer in lateinischer Sprache in den Zuruf ausbrachen: » Heil dem großen von Gott gekrönten, Friede bringenden Kaiser der Römer. « Die Vorgeschichte und die Bedeutung des großen weltgeschichtlichen Ereignisses ist anderwärts dargestellt worden In meinen beiden Werken: Urgeschichte der germanisch-romanischen Völker III. Berlin 1887 und Deutsche Geschichte Ib. Gotha 1887, auf welche ich ein für allemal diejenigen Leser verweise, die mehr Einzelheiten kennen lernen wollen. . Die Idee, daß Karl tatsächlich eine mehr als königliche Machtstellung einnahm, eine über dem Rahmen des bloß fränkischen Volks-Königtums hinausreichende, lag nahe genug. Aber nicht Karl hat dies zuerst erfaßt, sondern jene gelehrten, ganz in den Überlieferungen des römischen Altertums (und natürlich der christlichen Kirche) lebenden Geistlichen, welche Karl allmählich, zumal seit 786, an seinem Hof um sich versammelt hatte, und die man nicht unfüglich seine » Akademie « genannt hat: zumal der hochgelehrte Angelsachse Alkuin . In dessen Briefen habe ich bereits in den Jahren 118 797 und 798 Andeutungen gefunden, welche Karl »viel mehr als königliche Würde, welche kaiserliche Majestät« ihm zusprechen. Eine gleichzeitige Quelle sagt schlicht und richtig: »weil Karl Rom selbst, Italien und alle Lande und Städte besaß, welche dereinst die Kaiser beherrscht hatten, schien es gerecht, ihm auch den Namen des Kaisers zu geben«. Fehlten nun auch an dem ehemaligen 476 erloschenen weströmischen Kaiserreiche Spanien, das römische England und einzelne Stücke im Süden und Südosten Europas, so beherrschte Karl dafür östlich und nördlich vom Rheine weite Gebiete, in welche der goldene Adler der Legionen niemals den Flug gewagt: – weit über die Elbe nach Osten und Norden. Was aber den frommen Sinn Karls gewiß am feurigsten für den Kaisergedanken begeisterte, das waren – und das ist das Großartige dieser echt germanischen Heldengestalt – nicht die damit verbundenen Ehren und Rechte, sondern die Pflichten . Schon als König hat Karl wiederholt sich den »Beschirmer des rechten Glaubens allüberall« genannt, also nicht nur in den Marken des vorgefundenen Frankenreichs, sondern »allüberall«, soweit sein Arm und Schwert reichte. Er glaubte sich von Gott berufen, soweit er greifen konnte, das Heidentum auszurotten – das war für sein Gewissen die sehr angenehme Rechtfertigung seiner blutigen Taten wider Sachsen, Friesen, Avaren, Slaven: er wähnte in aufrichtig frommer Überzeugung, seinem Gott zu dienen, während er seinen Lieblingsleidenschaften: der Machtgier, Kampfesfreude und auch dem klug erwogenen Vorteil seines Frankenstaates diente. Zugleich aber auch für die reine Lehre, für die Einhaltung der Kirchengebote im Innern seines Reiches unablässig zu sorgen, hielt er sich für verpflichtet: deshalb leitete er in Person mehrere 119 Kirchenversammlungen, zu Regensburg 792, zu Frankfurt am Main 794, welche die Irrlehren spanischer Bischöfe verwarfen, die zum Teil gar nicht seine, sondern der Araber Untertanen waren. Ja sogar mit dem Papst setzt er sich einmal in Widerstreit und verwirft mit einem fränkischen Reichskonzil Sätze über die Bilderverehrung, welche der Papst gebilligt hatte, wie er auch über den Ausgang des heiligen Geistes nicht nur von Gott dem Vater, auch von Gott dem Sohne seine und seiner Hauskapelle Lehrmeinung gegen fremden Widerspruch aufrecht hält. Diese Ausgaben waren nun nicht mehr bloß fränkische, königliche, sie waren allgemein – christliche, kaiserliche und lange bevor Karl den Namen eines Kaisers annahm, hatte er die Pflichten eines solchen erfüllt. Ja, er beschränkte sich dabei nicht einmal auf das Abendland, auf Europa: schon als König hatte er, wie wir sahen ( S. 57 –61) mit mohammedanischen Beherrschern des Morgenlandes Verbindungen angeknüpft, welche vor allem bezweckten, die christlichen Kirchen und Gemeinden im Gelobten Lande, zumal aber auch die zahlreichen christlichen Pilger aus allen Staaten des Abendlandes, welche die heiligen Stätten aufsuchten, zu schützen. Seit 798 etwa war die Annahme der Kaiserwürde beschlossene Sache; der Papst erfuhr den feststehenden Plan wohl bei seinem Besuch in Paderborn. Er hat gewiß keine Freude daran gehabt. Ein römischer Kaiser von der Machtherrlichkeit Karls, der etwa zu Rom seinen Herrschersitz aufschlug, konnte der kaum mit soviel Mühe erkämpften weltlichen Herrschaft des römischen Bischofs in Rom und dem werdenden Kirchenstaat für immer ein Ende machen: hatten doch die Päpste schon bisher bei weitem nicht alle Gebiete und nicht alle Hoheitsrechte 120 erlangt, welche sie anstrebten, und welche Pippin und Karl ihnen zuzuwenden allerdings versprochen hatten ( S. 28 , 40 ). Der Papst beschloß nun mit jener echt römischen Staatskunst, die selten in aller Geschichte übertroffen worden ist, der nicht mehr abzuwendenden Tatsache wenigstens eine Form zu geben, welche für den römischen Stuhl so günstig wie möglich war. Karl hatte die Kaiserkrone Kraft des guten Rechts der Eroberung sich nehmen wollen, etwa nach vorgängigem Beschluß des römischen Volkes: nachträglich hätte er dann gewiß auch vom Papste sich salben lassen, wie Pippin 751 und 754, wie Karl bei seinen Knaben 781 das veranlaßte. Der Papst aber kam ihm überraschend zuvor: er setzte ihm die Krone als ein von ihm verliehenes Geschenk auf, nachdem er vorher mit vertrauten Römern den gleichzeitigen Zuruf verabredet hatte. Deshalb war Karl über diese Art der Krönung so entrüstet, daß er nach Zeugnis seines vollglaubhaften Lebensbeschreibers Einhard äußerte, mit keinem Fuß würde er, trotz des hohen Feiertages, an jenem Abend die Peterskirche betreten haben, hätte er das Vorhaben des Papstes voraus wissen können. Und geradezu geflissentlich haben in den nächsten Fällen Karl selbst, dessen Sohn Ludwig , dessen Sohn Lothar es vermieden, bei Verleihung der Kaiserkrone irgendwie den Papst mitwirken zu lassen: lediglich der Kaiser Karl und der fränkische Reichstag bestellen 813 Ludwig den Frommen , 847 Ludwig der Fromme Lothar , 850 Lothar Ludwig den Deutschen zum Kaiser: dem Papste wird nur die vollendete Tatsache mitgeteilt und später – gelegentlich – die Salbung von ihm verlangt. Dem gewaltigen Karl gegenüber konnte keine Folgerung aus dieser Verleihung der Krone von dem Papst gezogen 121 werden, der zu dieser Verleihung keinerlei Recht hatte, da er nach dem Recht noch immer Untertan des byzantinischen Kaisers war, welcher einen nicht von ihm selbst eingesetzten weströmischen Kaiser auch keineswegs anerkannte: erst zwölf Jahre später hat Karl nach langen Verhandlungen, nach schroffer Hoffart, ja offener Kriegführung der Byzantiner, und nur gegen erhebliche Gegenleistungen es durchgesetzt, daß sein bis dahin rechtsbrecherisches Kaisertum von den Byzantinern anerkannt wurde. Später aber, in den Kämpfen der römisch-deutschen Kaiser mit den Päpsten, ward der Vorgang dieser Weihnachtsnacht von 800 eine furchtbare Waffe in den Händen eines Gregor VII., Innocenz III., Alexander III.: konnten sie sich doch scheinbar mit Recht darauf berufen, daß damals vom Bischof von Rom dem König der Franken, dem Vorgänger des deutschen Königs Otto I. (962), die Kaiserkrone als ein Geschenk war verliehen worden, als ein beneficium, wie das doppelsinnige Wort lautete, d. h. zugleich »Wohltat« und » Lehen «, so daß also, während der Papst nur Gottes Vasall, der Kaiser seine Krone nicht unmittelbar von Gott, sondern vom Papst als dessen Vasall empfangen habe, der sie ihm daher auch wegen Ungehorsams wieder entziehen könne wie jeder Lehnsherr jedem Vasallen jedes Lehen. Daß der Papst gar kein Recht gehabt hatte, diese Krone zu verleihen, daß er dadurch selbst das Recht seines Souveräns, des Kaisers zu Byzanz brach: – das einzuwenden hatte jene Zeit nicht die erforderlichen geschichtlichen und staatsrechtlichen Kenntnisse. Um jener Überlistung oder doch unerfreulichen Überraschung willen mit dem Papste brechen – das konnte Karl nicht. Das würde seinem frommen Sinn das ihm vorschwebende ideale Bild des Kaisertums zerstört haben: 122 die innigste Eintracht zwischen dem weltlichen Schirmvogt mit dem geistlichen Oberhaupt der Kirche. Hat er um der Versöhnung aller Oberhäupter der Christenheit willen doch sogar auch mit starker Selbstverleugnung jahrelang um die Anerkennung des byzantinischen Kaisers sich bemüht: ja, sogar den fast phantastischen Plan hat er eine Zeitlang (802) erwogen, durch Vermählung mit der Kaiserin Irene zu Byzanz sich zum Kaiser auch des oströmischen Reichs, also der ganzen Christenheit zu machen. (Die Hofschranzen zu Byzanz, die den Plan vereitelten, hatten freilich allen Grund, sich zu wehren, um Karl nicht zum Herrn zu erhalten!) – Irgendwelche Gefahr konnte ja auch ihm aus der unerwünschten Form der Krönung nicht erwachsen: der Papst war ja völlig abhängig von den fränkischen Speeren, die ihn gegen seine eignen Römer hatten schützen müssen. So ordnete er denn, die vorübergehende Entrüstung niederkämpfend, den Winter über mit dem Papst die Verhältnisse von Staat und Kirche, ohne doch damals oder auch später dem Papst, der ihn 804 in »Francien« besuchte, alle Wünsche bezüglich des Kirchenstaates zu erfüllen, in welchem der römische Bischof zwar der Untersouverän, Karl aber zweifellos der Obersouverän war, der z. B. in Berufungen gegen die Urteile der päpstlichen Gerichte entschied, aber auch, wie wir sahen, über den Papst selbst richtete usw. Damals häuften sich in zufälligem Zusammentreffen alle Ehren auf dem Haupte Karls: er übernahm in jenen Tagen die Schutzpflicht, wie über Rom, so auch über Jerusalem (s. oben S. 57 ). Achtes Kapitel Kaiser Karl 800–814. 123 Erst im Sommer des Jahres 801 kehrte Karl aus Italien zurück, wo König Pippin die Kämpfe gegen Grimoald fortführte, zwar mehrere Städte (Chieti 801, Ortona und Luceria 802) gewann, aber die Unterwerfung des Herzogs nicht zu erzwingen vermochte: das den Franken verderbliche, fieberbrütende Klima Süditaliens erschwerte die Fortschritte. Karl, ganz durchdrungen von den neuen schweren Pflichten, die er nun als Kaiser übernommen, wollte auch seinen Untertanen klar machen, daß sie fortab ganz andre, höhere Pflichten zu erfüllen hätten: wie der Kaiser sollten auch sie das Kaiserreich nicht bloß als eine weltliche Gemeinschaft auffassen, wie einen gewöhnlichen Staat: dieser Staat sollte auch eine christlich-religiös-sittliche Gemeinschaft sein, also zugleich eine Kirche: ein Gottesreich auf Erden – wobei Karl ganz von den Gedanken seines Lieblingsbuches, der Schrift Sankt Augustins über den Staat Gottes ( de civitate dei ) sich leiten ließ. Daher mußten alle, die ihm früher den Königseid geleistet (d. h. den Eid ihm als König) nun doch auch noch den Kaisereid leisten (d. h. ihm als Kaiser), worin sie z. B. dem Kaiser versprachen, die zehn Gebote Gottes zu halten, so daß eine Verletzung derselben, auch wenn sie nicht zugleich ein Verbrechen enthielt, z. B. die einfache Lüge, nun als Treubruch gegen den Kaiser angesehen ward. Dieser an sich aus den edelsten Beweggründen, aus begeistert-frommem Pflichtgefühl entsprungene Irrtum – denn Staat und Kirche, Recht und Religion haben ganz 124 verschiedene Aufgaben – ist die Grundlage des sogenannten heiligen römischen Reichs deutscher Nation geworden: heilig, weil es nur Christen als rechtsfähig anerkannte, den Irrglauben verfolgte und den härtesten Glaubens- und Gewissenszwang übte. Mit dem Nachfolger der (803) entthronten Kaiserin Irene, Nikephoros , betrieb Karl gar eifrig Verhandlungen über Anerkennung seiner Kaiserwürde: aber der hochmütige Byzantiner würdigte seine Vorschläge gar keiner Antwort! Das hat Karl bitter gekränkt! Und als 803 die Dogen der Lagunenstadt Venedig , und die von ihnen abhängigen Städte an der dalmatischen Küste ( Zara ), welche bis dahin zu dem oströmischen Reich gehört hatten, ihm ihre Unterwerfung antrugen, nahm er sie an, ohne Rücksicht auf das hochfährtige Byzanz. Diese venetianisch-dalmatischen Dinge sollten aber noch viele Wirrnisse herbeiführen. Die mächtig aufstrebende Stadt zeigte schon damals den Geist sehr feiner, aber auch ränkekundiger Staatskunst, der sie später auf hohe, aber auch schwindelnde Bahnen geführt hat. Die Dogen (d. h. duces, d. h. Herzöge) von Venedig hatten sich Karl unterworfen vor allem, weil sie von Byzanz loskommen und eine selbständige Stellung einnehmen wollten. Schwerlich gefiel es ihnen, daß Karl, anstatt Venetien als besondere Provinz vom fernen Aachen aus zu regieren, sie dem Langobardenreich zuteilte, so daß König Pippin vom nahen Pavia aus die Herrschaft übte. Dieser tapfere und kraftvolle Fürst, der auch gegen die Araber Küsten und Inseln des Mittelmeeres sieghaft verteidigte (s. oben S. 54 ), nahm den ungleichen Kampf mit der überlegenen byzantinischen Seemacht mutig und erfolgreich auf. Denn nun (806) gerieten die beiden christlichen Kaiserreiche um Venetien und Dalmatien in 125 offenen Krieg, gewiß zu Karls aufrichtigem Schmerz, der nach seiner ganzen idealen Auffassung seines Kaisertums mit dem Beherrscher der östlichen Christenheit in Eintracht die Aufgaben des »Christenstaates« zu lösen für Pflicht hielt. In diesem Jahre (806) nahm Karl, unter Zustimmung des fränkischen Reichstags, also durch Reichsgesetz, um Erbstreitigkeiten vorzubeugen, schon bei Lebzeiten eine Teilung all seiner Lande unter seinen drei Söhnen von Hildigard: Karl , Pippin und Ludwig , vor, wonach im wesentlichen Pippin Italien, Ludwig Aquitanien, Karl Neustrien und Austrasien erhalten sollte. Die Verfügung ward vereitelt, da der alte Kaiser das herbe Geschick erleben sollte, seine beiden älteren Söhne, die weitaus tüchtigeren, durch den Tod zu verlieren, nur der ungleich unbedeutendere Ludwig überlebte und beerbte ihn. Uns befremdet, daß Karl die Reichseinheit wieder auflösen, wieder drei selbständige Reiche nebeneinanderstellen wollte, die nur locker durch die eingeschärfte Verpflichtung, sich gegenseitig zu unterstützen und vor allem »Sankt Peter«, d. h. die römische Kirche, zu schützen, untereinander verbunden waren. Allein damals faßte man ganz wie in der Zeit der Merowingen Reichsgebiet und Staatsgewalt als ein reines Vermögensrecht auf, in das die Söhne wie in einen privatrechtlichen Nachlaß als gleichberechtigte Erben zu gleichen Teilen folgten. Besonders merkwürdig ist, daß die Kaiserwürde mit Karl erlöschen, auf keinen der Söhne übergehen sollte: sie war damals noch höchst persönlich gedacht, als eine von Gott Karl allein übertragene Pflicht und Ehre; erst nachdem nur mehr ein Erbe vorhanden war, hat Karl den Gedanken gefaßt, diesen zum Mitkaiser und zum Nachfolger auch in der Kaiserwürde zu machen. Während eines Waffenstillstandes zwischen Pippin und 126 dem Befehlshaber der byzantinischen Flotte traten die Dogen von Venedig wieder auf die Seite und unter die Herrschaft der Oströmer zurück und lieferten ihre bisherigen Freunde, welche von Karl nicht abfallen wollten, gefangen nach Byzanz aus (807). Im Jahre 809 schlug die langobardisch-fränkische Besatzung der Insel Commachio den Angriff byzantinischer Trieren (Schiffe mit drei Stockwerken von Ruderbänken übereinander) zurück, der Befehlshaber derselben wollte mit König Pippin Frieden machen, aber die Ränke der Venetianer, welche jenem sogar nach dem Leben trachteten, vereitelten dies (809). In gerechtem Zorn über dieses Treiben griff König Pippin (810) Venetien und Dalmatien zu Wasser und zu Land mit aller Kraft an und zuletzt mit bestem Erfolg: denn obgleich die Venetianer eine Zeitlang die Angriffe auf ihre Lagunenstadt dadurch abgewehrt hatten, daß sie Segelstangen in großer Zahl in den Meeresgrund einrammten, und hinter diesem Gatterwerk hervor die in der Fahrt gehemmten Schiffe mit Geschossen überschütteten: – endlich mußte sich die stolze Stadt doch ergeben und unterwerfen: schon bedrohte Pippin von dort aus auch die dalmatischen Küsten, als der erst dreiunddreißigjährige tüchtige, tapfere König plötzlich starb (8. Juli 810), zu großem Schaden des Reichs. Schwer traf dieser Schlag den greisen Vater, der kurz vorher (6. Juni 810) auch seine älteste Tochter Hrothrud verloren hatte: bittere Tränen hat er beiden nachgeweint, ihnen und seinem gleich trefflichen Sohne Karl , der schon am 4. Dezember 811 ebenfalls in der Blüte der Jahre dahinsank. Welch unersetzliche Männer hatte Karl in den letzten Jahren verloren! Außer den beiden Söhnen Erich von Friaul , Gerold von Bayern (799, S. 113 ), wie früher schon Graf Theuderich (793, oben S. 76 , 80 ), Roland (778, S. 47 ). 127 Jetzt ward aber der Friede mit Byzanz angebahnt. Gewiß nicht Furcht vor den oströmischen Waffen, sondern der idealste Zug in Karl war es, was ihm die Anerkennung seines sozusagen revolutionären Kaisertums durch das altbefestigte, gesetzliche zu Byzanz so hoch wünschenswert machte: die Eintracht mit dem kaiserlichen Amts- und Pflichtgenossen zum »Schutz des rechten Glaubens allüberall«: hatte doch Kaiser Nikephoros dem Patriarchen zu Byzanz den Verkehr mit dem Papste verboten, wohl wegen jener Vergabung der Kaiserkrone im Jahre 800. Karl schreibt dem Kaiser (810), seit 803 habe er sehnlichst wie von einem Wartturm aus ( velut in specula positi ) nach seiner Antwort ausgespäht. Ein byzantinischer Gesandter, der spatharius Arsafius , war nur beauftragt gewesen, mit König Pippin über die Dinge in Venetien und Dalmatien zu verhandeln. Nachdem der König von Italien gestorben, entbot Karl den Gesandten zu sich, um nicht über Einzelfragen, sondern, in Wiederanknüpfung des Vorschlags von 803, über Herstellung dauernden Friedens zwischen beiden Kaiserreichen zu beraten. Für die bloße Anerkennung der Kaiserwürde bot Karl nichts Geringeres als die Wiederabtretung des soeben von Pippin eroberten Venetien und Dalmatien und der schon früher erworbenen Häfen von Istrien und Liburnien . Dabei ward wahrscheinlich ein alter Vertrag König Liutprands (s. oben S. 22 ) mit dem Dogen Paululius über die Grenzen, den Verkehr, die Auslieferung von flüchtigen Unfreien usw. wieder in Kraft gesetzt, der wenigstens noch im 10. Jahrhundert in Kraft stand. Auf Grund dieser Vorschläge kam denn wirklich der Friede mit Byzanz und für Karl das Wertvollste hierbei: die Anerkennung des neuen Kaisertums durch das alte, zu stande. Karl hatte gleich nach Ankunft jenes Gesandten nach 128 Byzanz geschrieben, eine fränkische Gesandtschaft in Byzanz anmeldend. Zugleich aber ward Obellierius , der Doge von Venedig , der wie sein Amtsgenosse Beatus durch Arsafius wegen Treulosigkeit seiner Würde entsetzt war, als Gefangener von Karl nach Byzanz ausgeliefert. Der ränkegewandte Venetianer hatte nacheinander beide Kaiser verraten: nun traf ihn die Folge solches Doppelspiels. Der dritte Doge und Bruder, Valentinus , blieb »wegen seiner Jugend«, obzwar ebenfalls abgesetzt, in Venedig. Doge ward nun Agnellus Partecipatius aus der von Obellierius zweimal zerstörten Stadt Heracliana , der Sitz des Dogen ward fortab auf den Rialto verlegt, wo Agnellus den Dogenpalast erbaute. Die Gesandtschaft Karls fand bei ihrem Eintreffen in Byzanz Nikephoros nicht mehr am Leben: er war am 25. Juli 811 in Mösien gegen den Bulgaren-Chan Krum gefallen. Sein Eidam und Nachfolger Michael I. (seit 2. Oktober 811–813) schloß nun den von Nikephoros begonnenen Friedensvertrag ab. Seine Gesandten übernahmen in der Kirche zu Aachen in feierlicher Handlung die von Karl errichtete Vertragsurkunde und hielten in griechischer Sprache ihm ein Loblied ( laudes »Litanei«), wobei sie ihn »Imperator« (statt wie bisher »rex« ) und »Basileus« nannten . Das war die erste amtliche Anerkennung der vor zwölf Jahren schon vollendeten Tatsache. Von Aachen gingen die Gesandten nach Rom , wo sie in der Peterskirche ein andres Exemplar der Vertragsurkunde von Leo entgegennahmen. Auch dieses Verfahren der beiden Kaiser zeigt, wenn nicht geflissentlich, so doch sehr deutlich, daß sie diese rein weltliche Frage als durch Staatshandlungen, nicht als durch päpstliche Verleihung der Krone oder Anerkennung dieser päpstlichen Verleihung, lösbar ansahen. Wäre von beiden Kaisern, von Karl 800 129 oder 811 von Michael, jene Tat des Papstes als der Erwerbsgrund der Krone aufgefaßt worden, so hätte jetzt Michael erklären müssen, – vor allem dem Papst gegenüber – daß Byzanz nachträglich solches anerkenne. Der Papst als Verleiher hätte in erster Reihe müssen beigezogen werden. Aber es ward ihm nur die vollendete Tatsache mitgeteilt und er wirkte gewissermaßen als Zeuge oder Urkundsmann der bloßen Verbriefung mit. So hohen Wert legte Karl auf den feierlichen Akt, daß er sich mit der Handlung von Vertretern nicht begnügte, sondern sobald die Schiffahrt im Frühjahr 813 begann, weitere Gesandte nach Byzanz schickte, um vom Kaiser »seinem geliebten und verehrungswerten Bruder«, selbst die Bestätigung – die entsprechende Gegenurkunde – entgegenzunehmen, ebenfalls in der Form der Übergabe einer Urkunde. In seinem uns erhaltenen Brief nennt er Michael wiederholt »seinen geliebten Bruder« ( tua dilecta fraternitas ). Karl dankt Christus, »der uns so reich gemacht, daß wir in unsern Tagen den gesuchten und immer ersehnten Frieden zwischen dem östlichen und westlichen Kaisertum gesehen haben«. Hier zuerst nennt Karl nicht nur sich persönlich Kaiser, sondern sein Reich Kaisertum . Nun war er auch wohl entschlossen, die Kaiserwürde nicht mit seinem Tod erlöschen, sondern in seinem Haus und Reich fortdauern zu lassen. Dies allein erklärt doch auch, daß er so wiederholt und feierlich die byzantinische Anerkennung ins Werk setzt und nicht unerhebliche Opfer dafür bringt (Venetien, Istrien usw.). Auch zwischen den beiden Kirchen war für den Augenblick Einvernehmen in den früher bestrittenen Fragen hergestellt, so daß Karl fortfahren kann: »Und daß Christus seine allgemeine ( catholicam ) Kirche zu unsrer Zeit einen und befrieden wollte«. 130 Der Patriarch schrieb in diesem Sinn an den Papst: »Das sei nur möglich geworden, weil beide Herrscher den guten Willen gehabt, das hierzu Erforderliche zu tun.« Treffend rühmt daher Einhard: »Die neidvolle Gehässigkeit der römischen über den angenommenen (Kaiser)Namen entrüsteten Kaiser trug er mit großer Langmut; er hat ihren Eigensinn durch Großherzigkeit besiegt: indem er oft Gesandte an sie schickte und in Briefen sie ›Bruder‹ nannte.« Dann: »Den Kaisern Nikephoros, Michael und Leo war er zwar lange verdächtig; einmal wegen Annahme des Kaisernamens, und dann weil sie argwöhnten, er wolle ihnen die Herrschaft entreißen«, d. h. also auch das Ostreich sich aneignen: eine Befürchtung, von der wir nur hier erfahren. Karl dachte, abgesehen von jenem Heiratsplan (802 oben S. 123 ), gewiß nie hieran: schwerlich besorgten auch die Byzantiner, Karl werde ihnen auch den Orient entreißen wollen: nur für ihre europäischen Besitzungen fürchteten sie, und nicht ganz ohne Grund; »trotzdem brachte er das festeste Bündnis mit ihnen zu stande, so daß kein Anlaß zu Streit ( scandalum ) mehr unter ihnen übrig blieb«. – Das gute Einvernehmen bestand unter den Reichen fort, obwohl, während diese letzten Gesandtschaften hin und her reisten, ihre Herrscher gewechselt hatten: Michael, von dem Bulgarenchan Krum (22. Juni 813) bei Bersinikia schwer geschlagen, ward entsetzt, ins Kloster gesteckt; der Armenier Leo V. folgte ihm (11. Juli 813–820). Karls Gesandte an Michael fanden Leo bereits auf dem Thron: Leo erfüllte, was Karl von Michael verlangt hatte, und schickte mit den fränkischen zwei byzantinische Gesandte mit der gewünschten Friedens-Bestätigungsurkunde: als aber diese in Aachen eintrafen, fanden sie nicht mehr Karl, sondern Ludwig auf dem Thron. 131 Im übrigen ist aus Karls Kaiserjahren nur weniges noch dem bereits Erzählten beizufügen. Neben der, durch das Vorversterben Pippins und Karls vereitelten Reichsteilung von 806 verfügte der Kaiser (811) durch Testament über die ihm persönlich gehörige Fahrhabe. Das Ganze ward in drei Drittel gegliedert: die ersten beiden Drittel in 21 Unterabteilungen für die 21 Mutterkirchen des Reichs, von denen jede aus dem ihr Zufallenden ⅓ für sich behalten, ⅔ an die untergebenen Bistümer ablassen sollte, nämlich: Rom, Ravenna, Mailand, Aquileja (= Forum Julii ), Grado, Köln, Mainz, Salzburg, Trier, Sens, Besançon, Lyon, Rouen, Reims, Arles, Vienne, Tarentoise, Embrun, Bordeaux, Tours, Bourges. Das dritte Drittel sollte zunächst dem Gebrauche Karls noch dienen – nach seinem Tod oder »freiwilligen Ausscheiden aus der Welt« – (damals dachte also dieser Gewaltige wenigstens als eine Möglichkeit , daß er seines Oheims Karlmann (oben S. 27 ) Beispiel folgen könnte: es war nach dem Tode Hrothrudens und Pippins, vor dem Tode König Karls) – sollte es in vier Teile gegliedert werden: ¼ den beiden ersten Dritteln zugezählt, ¼ seinen Kindern und Enkeln, ¼ den Armen, ¼ den Dienern und Dienerinnen des Palastes zufallen. Nach dem Tode Pippins und Karls blieb nichts andres übrig, als den letzten Sohn Ludwig, wie sich ohnehin von selbst verstand, zum alleinigen Nachfolger im Frankenstaat und auch in der jetzt als erblich gedachten Kaiserwürde zu bestellen. Der alte Kaiser übertrug ihm aber auch schon – ohne den Papst irgend dabei mitwirken zu lassen – bei seinen Lebzeiten die Mit-Kaiserschaft, indem er (11. September 813), unter Zustimmung des fränkischen Reichstags, dem Sohn entweder selbst eine Kaiserkrone aufsetzte oder, nach anderm Bericht, ihm befahl, von dem Altar der 132 Marienkirche zu Aachen eine solche Kaiserkrone in Gegenwart aller geistlichen und weltlichen Großen zu nehmen und sich aufzusetzen, nachdem er vorher feierlich versprochen hatte, alle Pflichten der Kaiserschaft ganz in dem frommen Sinne Karls aufzufassen und zu erfüllen: das heilige, das Gottesreich auf Erden sollte unter dem Sohne fortbestehen wie unter dem Vater. Übrigens war die Mit-Kaiserschaft nur ein Titel: wirklich geteilt hat Karl die Herrschgewalt mit Ludwig nicht, vielmehr dieselbe allein ausgeübt bis an sein Ende; er entließ den König von Aquitanien wieder in dies Land, hier wie bisher unter Oberhoheit des Vaters zu herrschen. Nicht andern Sinn hatte es, wenn der etwa 15jährige Sohn Pippins, Bernhard , schon vorher (812) nach Italien entsendet, nun (813) in Nachfolgschaft seines Vaters zum König von Italien bestellt ward unter Leitung (zumal behufs Abwehr arabischer Seeräuber) seiner Oheime Adalhard von Corbie und Wala: Karl blieb nicht nur als Kaiser dessen Oberherr, er nannte sich auch wie bei Lebzeiten Pippins noch »König der Langobarden«. Schon 15 Monate später (28. Januar 814) starb Karl und hinterließ das allzugroße Reich dem allzukleinen Erben. Neuntes Kapitel. Karls Regierung im Innern. Ein umfangreiches mehrbändiges Werk würde es erheischen, Karls Tätigkeit darzustellen in Leitung, Verwaltung, Umgestaltung, Besserung der inneren Zustände 133 seines weiten Reiches oder vielmehr seiner weiten Reiche: Germanien, Francien, Burgund, Aquitanien, Italien mit ihren Nebenlanden und Marken. Denn das ist das Wunderbarste an diesem wunderbaren Mann, daß er neben den Feldzügen, die er in den 46 Jahren seiner Herrschaft teils selbst leitete, teils anordnete, Zeit, Kraft und nie ermattenden Eifer fand, als Gesetzgeber, Schirmer der Kirche, Richter, Verwalter, Finanzmann, Volkswirt, als Förderer von Wissenschaft und Kunst mit ehrfurchtwürdigem Pflichtgefühl unablässig zu arbeiten: mit kaum geringerer Freude, als ihm seine Heldenarbeit im Kriege gewährte. Groß ist die Zahl der von ihm unter Zustimmung des Reichstags erlassenen Gesetze und der von ihm allein ausgehenden Verordnungen: beide hießen » Capitularien «, weil sie in »capitula« gegliedert waren. Bei der unscheidbaren Verquickung von Religion, Moral und Recht in diesem »heiligen« Reich, das zugleich die Aufgaben der Kirche und des Staates lösen sollte, erklärt es sich, daß diese Capitularien in buntester Mischung sittliche, religiöse Rechtsvorschriften nebeneinander einschärften. Als seine höchste Aufgabe auch als Gesetzgeber und Verwalter betrachtete Karl Schutz und Förderung der Kirche , wie er für sie kämpfte gegen Heiden jedes Glaubens. Daher leitete er in Person wiederholt Kirchenversammlungen, in welchen bald die Irrlehren spanischer Ketzer, wonach Christus (sofern er Sohn Marias) nur angenommener Sohn Gottes sein sollte, verdammt wurden, bald der Ausgang des heiligen Geistes auch vom Sohne, nicht bloß vom Vater, verteidigt, bald das Übermaß der Verehrung der heiligen Bilder verworfen ward: – hierbei setzte Karl sich und seine Reichsbischöfe eine zeitlang sogar 134 in Widerstreit nicht nur mit einem Konzil zu Nicaea-Konstantinopel , sogar zum Papst. Ebenso eiferte er für Ausrottung der Reste des germanischen Heidentums. Unermüdlich arbeitete er für Hebung der tiefgesunkenen Kirchenzucht, für sittliche Besserung der Geistlichen, Nonnen und Mönche und für deren Bildung. Noch in seinem letzten Regierungsjahr ließ er nicht weniger als fünf Kirchenversammlungen in fünf Städten seines Reiches abhalten, deren Beschlüsse zusammengefaßt ihm zur Prüfung und Bestätigung vorgelegt wurden. Diese Sorge für das Christentum betrachtete er als seine oberste Herrscherpflicht: rührend ist, wie der Greis seinen Bischöfen gegenüber klagt, daß ihm die Gebrechen des Alters verwehren, so viel als er wünschte, mit ihnen zu verkehren. Als halb religiöse Pflicht faßte er auch die Sorge für die kleinen Freien , zumal die kleinen Bauern in seinem Volk (– für die Unfreien und Freigelassenen hatte deren Herr und Freilasser zu sorgen). Jene waren im Frankenreich in erschreckender Weise in Abnahme begriffen, aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen, welche zum Teil bis in die Römerzeit zurückreichen: zum Teil aber war es die erdrückende Wehr- und Gerichtspflicht, welche diese kleinen Freien nicht mehr zu tragen vermochten. Nach altgermanischem Recht mußte jeder wehrfähige Freie, so oft der König oder dessen Graf ihn mit dem Heerbann einrief, Folge leisten und, sich selbst bewaffnend und verpflegend, den Wehrdienst leisten, ebenso an der Gerichtsstätte sich einfinden, nicht nur zu den von Zeit zu Zeit ohne besondere Ansage zusammentretenden (ungebotenen), auch zu den vom Grafen außerordentlich anberaumten (gebotenen) Dingen: wer ausblieb, hatte das den geldarmen Bauern unerschwingliche Strafgeld, den Königsbann von 135 60 Solidi = 720 Mark zu entrichten, bei Zahlungsunfähigkeit geriet er in die Schuldknechtschaft des Königs und zu einem Drittel seines Wertes in die des Grafen, der ein Drittel aller Banngelder und »Wetten« für sich innebehalten durfte. Diese Wehrpflicht war leicht zu tragen gewesen in den Zeiten des altgermanischen Gaustaates, in welchem Volkskriege nicht häufig und die Grenzen des Gaues in ein paar Märschen zu erreichen waren. Jetzt brachte fast jedes Jahr einen Feldzug, so daß die Annalen es als seltenste Ausnahme staunend hervorheben, wenn einmal »in diesem Jahr die Franken ruhten«, »dieses Jahr ohne Heereszug war«. Und im Reiche Karls, das sich von Hamburg bis Benevent , vom Ebro bis an die Theiß erstreckte, währten die Märsche und Belagerungen mondelang: ständige Besatzungen in den entlegensten Marken waren unentbehrlich. Der Acker des Kleinbauern verwahrloste, die Ernte ging zu Grunde während der langen Abwesenheit des Eigners. Dazu kam nun aber, daß die Grafen und andern Beamten ihr Bannrecht planmäßig dazu mißbrauchten, durch unaufhörliche Einberufung zu Wehr- und Gerichtspflicht diese kleinen Grundeigner wirtschaftlich zu verderben, bis dieselben, müd und mürbe geworden, unfähig, eine bereits verfallene Bannsumme zu bezahlen, die unerträglich gewordene Freiheit aufgaben, sich in die Knechtschaft des Grafen begaben oder doch in seine Schutzgewalt, indem sie zugleich das von den Vätern ererbte vollfreie Gut (Allod) dem Bedrücker in das Eigentum übertrugen, um es von demselben, mit Zinszahlung und Fronarbeit beschwert, als Leihgut zum Nießbrauch zurückzuerhalten Von da ab verwandelte sich der gesetzwidrige Peiniger in einen ebenso gesetzwidrigen Begünstiger der so gewonnenen Schützlinge, indem er nun diese von Wehr- und Dingpflicht willkürlich entband, die ganze Last 136 desto häufiger und schwerer auf die Schultern der noch ungebeugten Nachbarn wälzend. So rundeten diese mächtigen Geschlechter ganz planmäßig ihr Grundeigen und ihren beherrschenden Einfluß auf die Bauern des Gaues ab, so daß diese Gebiete, der Gewalt des Königs entrückt, kleine Staaten im Staat wurden, die in Wohl und Wehe nur von ihrem nahen Gewaltherrn, nicht von dem fernen König abhingen. Diese verderbliche Bewegung hatte z. B. schon früher im Reiche der Westgoten dazu gezwungen, gegen alle germanischen Grundsätze, Unfreie in das Heer einzustellen, weil die Zahl der Freien nicht mehr ausreichte, die erforderlichen Tausendschaften zu füllen. Und im Frankenreich war diese Entwicklung besonders deshalb bedrohlich, weil das Königtum, welches allein Bestand und Wohlfahrt der Gesamtheit vertrat, sich nur auf die Gemeinfreien stützen konnte gegenüber jenem unbändigen, pflicht- und meisterlosen Adel, welcher, lediglich seinen selbstischen Leidenschaften fröhnend, in reichsverderberischem Übermute stets dem König über die Krone zu wachsen drohte, das merowingische Königtum bereits überwältigt hatte und ebenso des großen Karl kleine Nachfolger überwältigen sollte. Die von daher drohende Gefahr erkannt und sie mit allen Mitteln der Religion, der Sittlichkeit, des Rechts, mit dem Gesetz und mit dem Richterschwert unablässig bekämpft zu haben, das ist der stärkste Beweis für die Weisheit Karls als Staatsmann. Daß – nach seinem Tod – all diese von ihm ersonnenen, höchst wohltätigen Maßregeln und Einrichtungen dem Verderben nicht zu steuern vermochten, kann seinem Verdienst nicht Eintrag tun. Karl sorgte vor allem für gerechte strenge Rechtspflege sonder Ansehen der Person, ja mit väterlicher Beschirmung der Armen, Schwachen, Bedrückten – ein Zug, den der 137 Dank des deutschen Volkes noch heute in der schönen Sage von »Karls Recht« feiert. Er erleichterte sodann die Wehrlast für die kleinen Freien, indem nicht mehr jeder Wehrmann in jedem Feldzug selbst ausrücken mußte, sondern nur die größeren, reicheren Grundbesitzer, welche zahlreiche Unfreie und andre Hintersassen behufs Bestellung des Ackers usw. zu Hause lassen konnten: von den kleineren wurden stets mehrere – 3 bis 6 – zusammengelegt, welche nur je einen aus ihrer Mitte ausrüsten und verpflegen mußten, der für sie alle zu Felde zog, während die andern, welche zu Hause bleiben durften, Beiträge in Geld oder Naturalien ( adjutorium, conjectus ) zu entrichten hatten sei es an den Ausrückenden, sei es an den Staat. Ferner verfügte er, daß nicht mehr bei jedem Krieg die Angehörigen aller Provinzen aufgeboten werden sollten, sondern nur die der nächstgelegenen: und auch für diese wurden die Zeiten und die Strecken festgestellt, für welche und auf welchen sie sich selbst zu verpflegen hatten. Es ist ein sehr lehrsames, aber auch sehr trauriges Zeichen der noch unter Karls Regierung selbst rasch zunehmenden Verarmung dieser kleinen Grundeigner, daß Karl sich genötigt sieht, das Mindestmaß, das zu persönlichem Wehrdienst verpflichten sollte, wiederholt zu erhöhen: d. h. während er anfangs meinte, der Eigner von drei Hufen ( mansi ) sei bereits dieser Leistung fähig, konnte er sie später nur noch von dem verlangen, der vier, noch später, der fünf Hufen eignete. Die kaum minder schwer lastende Gerichtspflicht der Kleinfreien erleichterte er in folgender Weise. Hatte es auch schon vor Karl unter mancherlei Namen, z. B. Schöffen, Rachinburgen, Urteilsfinder gegeben, welche, 12 oder 7 an der Zahl, im Einzelfall die gesamte 138 Volksgemeinde vertraten, so war doch die Regel, daß alle Freien sich einfinden und das Urteil finden sollten: der Schöffendienst war nicht näher geregelt. Jetzt bestimmte Karl, daß höchstens dreimal im Jahr alle Freien zu den großen Gerichtstagen kommen mußten ( tria magna placita ), zu den übrigen von den Grafen anberaumten Dingen aber nur die allerreichsten Grundeigner, aus welchen von der Gesamtheit die Schöffen gekoren wurden. Mit tiefem Schmerz erfüllte es nun aber des Königs Herz, daß er erleben mußte, wie seine weisesten, gütevollsten Anordnungen nichts fruchteten, ja in schädliche Wirkung verkehrt werden konnten, wenn die Beamten draußen in den Provinzen diese Anordnungen unausgeführt ließen oder gar mißbrauchten zu neuen Bedrückungen der Untertanen. Allgegenwärtig hätte Karl sein müssen in seinem weiten Reich, um die Beamten zu überwachen: er hat denn auch gar oft – das ist art-zeichnend für ihn – in Person sich um die Ausführung seiner Gebote bis in die geringsten Einzelheiten bekümmert. Um nun sozusagen jene Allgegenwärtigkeit zu ersetzen, schuf Karl die Einrichtung der königlichen Sendboten, Kaiserboten, Königsboten ( missi dominici, missi regii, missi regis, imperatoris ) oder vielmehr er übertrug diese in dem Recht der Kirche von ihm vorgefundene Einrichtung auf das Gebiet des Staates, aber mit wahrhaft genial gedachten, großartig durchführten Anpassungen und Besserungen. Wie schon seit Jahrhunderten die Bischöfe Untersuchungsreisen ( visitationes ) in alle Teile ihrer Sprengel selbst vornahmen, oder durch außerordentliche, von ihrer Seite entsendete Bevollmächtigte vornehmen ließen, welche sich durch Augenschein von den kirchlichen, religiösen, sittlichen Zuständen der einzelnen Pfarreien überzeugen, neue Kirchengesetze verkünden, ganz besonders aber Klagen, 139 Rügen, Beschwerden der Gemeindeglieder gegen die ordentlichen, an Ort und Stelle seßhaften Geistlichen entgegennehmen, selbst entscheiden oder zur Entscheidung ihres Vollmächtigers bringen sollten, – so tat jetzt Karl auf dem weltlichen, staatlichen Gebiet. Diese Übertragung lag um so näher, als ja, wie wir sahen, in diesem aus Kirchlich-Religiös-Sittlichem und Staatlich-Rechtlichem gemischten Gemeinwesen, als dessen Haupt sich Karl fühlte, nicht nur weltliche, auch kirchlich-religiös-sittliche Gebote und Verbote von König und Reichstag als weltliche Gesetze und Verordnungen ergingen: waren doch die Bischöfe nach geistlichem wie weltlichem Recht zur Überwachung gar vieler dieser »gemischten« Vorschriften berufen. Karl gliederte nun sein ganzes Reich nach Provinzen räumlich in »Sendbotengebiete« ( missatica ), deren jedes mehrere benachbarte Grafschaften einer Provinz oder auch eine ganze Provinz umfaßte: in jedes solche missaticum entsandte er meist jährlich zwei miteinander reisende Königsboten, gewöhnlich je einen Bischof (Abt) und einen Herzog (Grafen), schon deshalb, damit sich die beiden auch gegenseitig überwachten, ferner damit beide Gesichtspunkte, der kirchliche und der weltliche, nebeneinander gewahrt wurden. Die Sendboten beriefen nun sofort eine Versammlung, bei der alle Freien des Gaues usw. erscheinen durften, ja sollten und mußten, besonders aber alle Beamten. Sie verkündeten die neuen, noch nicht hierher gedrungenen Gesetze oder Verordnungen des Reichstags oder des Königs, nahmen dann die Stelle des ordentlichen Richters in außerordentlicher Weise, in Vertretung des Kaisers, selbst ein, entschieden Streitfälle, welche vor sie gebracht wurden, oder berichteten darüber behufs der Entscheidung an Karl: insbesondere aber prüften sie nicht nur selbst die Archive, Urkunden, die ganze 140 Geschäftsführung der Grafen und andrer ordentlichen Beamten: – sie forderten zumal alle Erschienenen sowie die Abwesenden in Person ihrer Vertreter auf, Klage zu führen über die Amtstätigkeit aller ordentlichen Lokalbehörden, also über ihre Untätigkeit oder über den Mißbrauch ihrer Amtsgewalt, Parteilichkeit, Erpressung, Bestechlichkeit, Nichtausführung königlicher Gebote, etwa gar geplanten Hochverrat, Einverständnis mit feindlichen Nachbarn usw.: ja, es wurden unter den Schöffen durch Volk und König besondere Rügeschöffen gewählt, welche von amtswegen den Sendboten Bericht zu erstatten hatten über alle Zustände in der Grafschaft und Rüge, Anklage zu erheben wider die ordentlichen Beamten, falls etwa die von diesen Verunrechteten aus Furcht ihre Stimme nicht zu erheben wagten. Solang Karls Geist die von ihm großartig gedachte Einrichtung beseelte, hat sie höchst ersprießlich gewirkt: nach Karls Tod verlor sie Leben und Bedeutung, obzwar sie äußerlich noch lange fortbestand. Von Karls Eifer und Tätigkeit für Wissenschaft und Kunst sprechen wir im nächsten Abschnitt: hier mag nur noch bemerkt werden, daß der große Schlachtendenker und Kriegsheld zugleich ein musterhafter Wirtschafter war. Ein sehr großer Teil der Einnahmen des Staates bestand in den Naturalerträgnissen der königlichen »villae«, d. h. Landgüter jeder Art, aus welchen alle der Zeit bekannten Betriebe der Landwirtschaft, Viehzucht und andrer Urerzeugung sowie Gewerke gepflegt wurden. Karl wandte diesen Dingen bis in das einzelnste die liebreichste, verständigste Sorgfalt zu; ein großes von ihm erlassenes Capitular (812?) über diese Königshöfe und ihren Wirtschaftsbetrieb ist daher eine wahre Fundgrube für unsre Kenntnis der Wirtschaft, der Kultur, des täglichen Lebens jener Zeit in allen möglichen praktischen Dingen: in 70 Abschnitten 141 werden darin fast alle Gegenstände der damaligen Wirtschaft berührt: Getreide, bester Same, Bierbrauereien, Weinwirtschaft, Weinpressen, Rosse, Schweine, Schweineschmalz, Eichelmast, Geflügel, Gänse, Hühner, Eier, Fische, Bienen, Rinder, Mastochsen, Schafe (Hammelfett), Wolle, Ziegen, Waldwirtschaft, Tierparke, Gartenbau: Aufzählung der zu pflegenden Arten von Blumen, Kräutern, Obst, Gemüse: Jagd, Habichte, Sperber, Aufzucht der jungen, dem Kaiser gesandten Hunde; Leinen, Wachs, Seife, Gerät und Werkzeuge jeder Art für die Kriegsfahrt, auch Lederschläuche, Fässer, Sorge für die Gebäude, gute Handwerker, Frauenhäuser, genaueste Buchführung und jährliche Rechnungsstellung zu Weihnachten an den Kaiser, Vertilgung der Wölfe, Einsendung der Felle, Ausrottung der jungen Welpe im Mai. Zehntes Kapitel. Karls Tod und Bestattung, seine Persönlichkeit, seine Lebensweise, seine Akademie, seine Familie. Nachdem Karl sein Reich und Haus auf dem Septemberreichstag von 813 bestellt, mochte er ruhig sterben gehen. Er jagte, nachdem er Ludwig entlassen (oben S. 133 ), noch bis Ende des Herbstes in der Nähe von Aachen und kehrte zu Anfang November nach Aachen zurück. Er hat die Zeit nach dem Abschied von Ludwig viel mit Beten und Almosen und mit der Richtigstellung von Handschriften verbracht, noch an dem Tage vor seinem Tode 142 mit Griechen und Syrern an Richtigstellung der vier Evangelien gearbeitet. Im Januar ward er zu Aachen von heftigem Fieber ergriffen nach einem Bad. Wie er pflag bei Fieberanfällen, legte er sich sofort strenges Fasten auf, in der Meinung, durch solche Enthaltung die Krankheit, wie schon oft, vertreiben oder doch lindern zu können: nur ein wenig Wasser nahm er zur Erfrischung: aber die Schwäche nahm zu, Seitenschmerz, welchen die Griechen » Pleuresis « nennen (Rippenfellentzündung), trat hinzu. Am 27. Januar, dem siebenten Tag, nachdem er sich gelegt (das war also am 21. Januar gewesen), ließ er seinen Erzkapellan Hildibald von Köln kommen und empfing von ihm das Abendmahl in beiden Gestalten. Dann litt er in Schwäche den Tag und die Nacht: am folgenden Morgen, den 28. Januar, bei Tagesanbruch streckte er die rechte Hand aus und machte mit der letzten ihm verbliebenen Kraft das Zeichen des Kreuzes über Stirn, Brust und den ganzen Leib. Nun legte er die Beine zusammen, streckte Arme und Hände über den Leib vor sich hin, schloß die Augen und sang mit leiser Stimme den Bibelvers: »In deine Hände, Herr, empfehle ich meinen Geist«. Gleich darauf starb er, im 72. Jahre des Lebens, im 46. der Herrschaft. So starb er denn wie ein echter »christlicher Held«, demjenigen Herrn sich empfehlend und durch sein Zeichen – das Kreuz – noch einmal zu eigen gebend, dem er so getreu gedient hatte mit blutigem Schwert und starkem Königsstab. »Der Leib ward gewaschen und gepflegt und mit größter Trauer des ganzen Volkes in die Kirche gebracht und bestattet, in der Marienkirche zu Aachen , welche er selbst aus Liebe zu Christus und zu Ehren seiner heiligen und ewig jungfräulichen Mutter erbaut hatte. Hier ward ein vergoldeter Bogen errichtet mit 143 seinem Bild und der Inschrift: »Unter dieser Bergestätte ( conditorium ) liegt der Leib Karls, des großen und rechtgläubigen Kaisers, der das Reich der Franken ruhmvoll ( nobiliter ) erweitert und 46 Jahre glücklich beherrscht hat.« Der Marmorsarkophag mit einer Reliefdarstellung des Raubes der Proserpina , in welchem man den Leichnam bei der feierlichen Erhebung durch Friedrich I. 1165 fand, wird noch jetzt in Aachen aufbewahrt. Die Angabe, daß Otto III. im Jahre 1000 Karls Leichnam gefunden habe: »Sitzend auf dem Thron, im vollen Kaiserornat, mit Krone und Reichsapfel, das Schwert in der Hand«, ist mit Recht als Sage erkannt. Eine abermalige feierliche Beisetzung seiner Gebeine erfolgte unter Friedrich I. , dem Nacheiferer seiner Taten, der auch im Jahre 1165 die Heiligsprechung Karls durch den Gegenpapst Paschalis bewirkte; es erkannte nachmals die gesamte Kirche dieselbe an. »Ein Schrein der Marienkirche bewahrt daselbst noch jetzt seine Gebeine und der Stuhl Karls des Großen erinnert an alle die deutschen Könige, die auf ihm thronend dem größten ihrer Vorgänger keineswegs gleichkommen konnten.« Seinen Tod sahen – nachträglich! – die Zeitgenossen durch gar manche Vorzeichen angemeldet: Mercurs Schatte warf lang einen Flecken auf die Sonne, häufig verfinsterten sich Sonne und Mond, der Säulengang zwischen der Pfalz und der Marienkirche zu Aachen stürzte ein, die Pfalz bebte wiederholt, die Decken der von Karl bewohnten Zimmer krachten, die Rheinbrücke bei Mainz brannte ab, die Marienkirche ward vom Blitz getroffen, der goldene Reichsapfel (?) auf ihrem Dach herabgeschleudert; in einer Inschrift der Kirche: »Karolus princeps« verschwand das mit roter Erdfarbe ( sinopis ) geschriebene Wort: »princeps«, Ja sogar ein Viehsterben von 810 und des Kaisers Sturz 144 mit dem Pferde (810) sollte – vier Jahre vorher – Karls Tod bedeutet haben. Wir verdanken Einhard ein liebevoll ausgemaltes Lebensbild Karls des Großen. »Er war von mächtigem, starkem Wuchs, von hochragender, aber nicht allzulanger Gestalt: er maß siebenmal seines eignen Fußes Länge. Der Schädel war rundlich, die Augen sehr groß und lebhaften Blickes, die Nase überschritt ein wenig das Mittelmaß, der Ausdruck des Antlitzes freudig und heiter.« (Daß er Humor besaß, zeigen allerlei von ihm ausgehende Späße in den lateinischen Gedichten: sogar die unsäglich frostige, uns widerlich, weil gekünstelt und affektiert anmutende Form dieser »theologischen« Heiterkeit kann das Naturwüchsige in Karls Einfällen nicht stets verderben.) »Daher seine Erscheinung im Sitzen wie im Stehen höchst bedeutend und würdig war. Zwar der Nacken war breit und etwas kurz, der Unterleib ragte hervor: doch ward dies durch das Ebenmaß der andern Glieder verhüllt. Fest war sein Schritt und die ganze Haltung des Körpers männlich, die Stimme zwar hell, doch nicht so stark, wie man nach seiner Größe erwartet hätte. Seine Gesundheit war trefflich, nur in seinen letzten vier Lebensjahren ward er häufig von Fieber befallen, auch hinkte er zuletzt auf einem Fuß. Aber auch dann noch lebte er mehr nach seinem eignen Gutdünken als nach dem Rate der Ärzte, die ihm beinahe zuwider waren, weil sie ihm empfahlen, in den Speisen das Gebratene, an das er gewöhnt war, aufzugeben und sich an Gesottenes zu gewöhnen. Ständig übte er sich im Reiten, Jagen und Schwimmen, nach seines Stammes Art ( quod illi gentilitium erat ), denn kaum findet man ein Volk auf Erden, das sich hierin mit den Franken messen mag. Darin übertraf ihn niemand. Er liebte die 145 Warmquellen: deshalb baute er sich zu Aachen die Pfalz und wohnte dort in seinen letzten Jahren ständig. Er trug heimische (d. h. fränkische, nicht römische) Tracht: am Leib ein Linnenhemd und Linnen(hüften)hosen, darüber einen Rock mit seidenem Besatz und Schienbeinstrümpfe ( tibialia, ›Wadenstrümpfe‹, unterhalb des Knies bis an die Knöchel), um die Beine Binden ( fasciolis ), Schuhe ( calciamenta ) an den Füßen. Im Winter wahrte er Schultern und Brust mit einer Brustweste ( thorax, Brustwams) von Otter und Zobel ( murinae pelles ), darüber schlug er einen blauen Kriegsmantel. Immer trug er das Schwert umgürtet, Heft und Wehrgehäng von Silber oder Gold. Nur bei Festen oder dem Empfange fremder Gesandten legte er ein Schwert mit edelsteinbesetzter Scheide an. Fremde Tracht verschmähte er, war sie auch noch so kostbar. Nur an Festen trug er ein goldgewobenes Gewand, mit Edelsteinen besetzte Schuhe; eine goldene Spange hielt dann den Mantel zusammen, auch unter goldenem, mit Edelgestein geschmücktem Diadem schritt er dann einher. An andern Tagen unterschied sich seine Kleidung wenig von der gewöhnlichen des einfachen Volkes. In Speise und Trank war er mäßig, mäßiger noch im Trinken: denn Trunkenheit verabscheute er am meisten an allen, zumeist an seinen Familiengliedern. Nicht ebenso enthaltsam konnte er im Essen sein, so daß er oft klagte, das (kirchlich gebotene) Fasten schade seinem Leibe. Bei der täglichen Hauptmahlzeit wurden ihm nur vier Gerichte vorgesetzt, außer Bratfleisch, welches die Jäger an den Jagdspießen ( veribus ) steckend hereinzutragen hatten, das aß er lieber als alles andre. Während der Mahlzeit lauschte er einem Vorleser: er ließ sich Geschichte vorlesen und Taten der alten Könige. Auch ergötzte er sich an den Büchern des heiligen Augustinus, besonders an dessen 146 civitas dei .« Diese kurze Angabe ist von allerhöchstem Wert: sie enthält den Schlüssel zu Karls ganzem theokratischen System und die stärkste Befestigung unsrer Grundauffassung seines Deutens. Die religiös-sittliche Gemeinschaft der Heiligen schon auf Erden, die Gottes Gebot erfüllende (oben S. 123 ) Christenheit, sie ist das »Kaiserreich«, das ihm vorschwebt. Und auf eine durchaus großartig und ideal angelegte Natur wie Karl – wie mächtig mußte dieser edle, obzwar sehr schädliche Mystizismus wirken! Wie auf den Helden mehr noch als die Eroberungsr echte , die dadurch auferlegte Helden pflicht! Gerade das Heldenhafte , d. h. das ursprünglich Germanisch-Heidnische, in Karl ward durch diesen Idealismus ergriffen: er ward der heldenhafte Vorkämpfer – dieses begeisternden und bluttriefenden Wahnes. »So wenig genoß er von Wein und anderm Getränk, daß er bei Tisch selten mehr denn dreimal trank. Im Sommer nach dem Mittagessen nahm er etwas Obst, trank einmal, legte Oberkleid und Schuhe ab und ruhte zwei oder drei Stunden. Nachts dagegen unterbrach er den Schlaf vier- oder fünfmal, indem er sogar aufstand. Während er sich Kleider und Schuhe anlegte, verstattete er nicht nur Freunden den Zutritt, – auch wenn der Pfalzgraf sagte, da sei ein Rechtsstreit, der nur nach des Königs Urteil entschieden werden könne, – sofort ließ er während des Ankleidens die Parteien vor sich führen, hörte sie an und sprach das Urteil, wie wenn er auf dem Richterstuhl säße. Er gebot über Fülle und Überfluß der Sprache; was er dachte, konnte er auf das klarste ausdrücken; nicht begnügt mit der Muttersprache, verwandte er viele Mühe auf Erlernung der fremden: Latein sprach er so gut wie fränkisch, das Griechische verstand er besser als er es sprach. Für das Germanische hatte er so viel Sinn, daß er die 147 volkstümlichen und uralten Lieder, in welchen die (Helden-) Taten und Kriege der alten Könige gefeiert wurden, aufschreiben und so der dauernden Erinnerung überliefern ließ.« – (Ludwig ließ bekanntlich die Sammlung wegen des heidnischen Schmacks verbrennen.) – »Ja, er begann eine Grammatik der fränkischen Sprache! Den Monaten legte er« – er war also der erste Reiniger germanischer Sprache von entbehrlichen Fremdwörtern! – »Namen fränkischer Sprache bei; ebenso bezeichnete er zwölf Winde mit fränkischen Namen.« Rein erfunden hat Karl nicht all diese Namen, vielmehr meist vorgefundene verwendet: doch beseitigte er (fast) alle die ziemlich häufigen mit heidnischen Vorstellungen zusammenhängenden. »Der Wissenschaften und Künste ( artes liberales ) pflegte er auf das eifrigste« – das ist keine Höflingsrede, sondern im großartigsten Sinne geschichtliche Wahrheit: an Karls Hof knüpft sich ein Aufschwung der Literatur im Abendlande, der Jahrhunderte vorher und nachher nicht seinesgleichen hat. Wahrhaft erstaunlich ist die vielseitige Begabung oder doch Empfänglichkeit des wunderbaren Mannes und auch seine Arbeitskraft und Zeitverwendungskunst. »Er schätzte der Wissenschaften und Kunst Lehrer sehr hoch und bedachte sie mit großen Ehren. Zum Lehrer in der Grammatik hatte er Petrus , den greisen Diakon von Pisa, in den andern Fächern den Diakon Alkuin , vom sächsischen Britannien , einen ganz allgemein hochgelehrten Mann, bei dem er auf Rhetorik, Dialektik, besonders aber auf Astronomie sehr viel Zeit und Mühe verwandte.« (Seit 786 weilte auch der fromme, wackere Langobarde Paulus Diakonus , des Warnefrid Sohn, an Karls Hof, bis er sich wieder in das Kloster Monte Casino zurückzog.) »Er lernte die (höhere) Rechenkunst und erforschte mit höchstem Eifer den Gang der Gestirne. Auch 148 zu schreiben versuchte er und pflegte zu diesem Behuf Tafeln und Blättchen unter dem Kopfkissen mit sich zu führen, in müßigen Augenblicken die Hand an das Malen der Buchstaben zu gewöhnen,« – welche Wirtschaftlichkeit mit der Zeit , wie mit den Eiern der Königshöfe! – »Aber wenig fruchtete die allzuspät begonnene Bemühung.« Karl zuerst hat nicht nur für Geistliche, auch für Laien ein Mindestmaß von Wissen vorgeschrieben, eine Art staatlichen Schulzwangs eingeführt. Auch ein eifriger Bauherr war er: »Sehr viele Bauwerke begann er zur Zierde seines Reiches und zur Behaglichkeit an verschiedenen Orten, manche brachte er zur Vollendung: so die Marienkirche zu Aachen (oben S. 142 ), die 500 Schritt lange hölzerne Rheinbrücke bei Mainz: nachdem sie abgebrannt war, wollte er eine neue aus Stein herstellen, starb aber bald darüber weg. Pfalzen von ausgezeichneter Schöne begann er zu bauen bei dem Gehöft Ingelheim , zu Nimwegen an der Waal . Besonders aber gebot er, wo er irgend in seinem ganzen Reich erfuhr von Kirchen, die vor Alter zerfallen, Bischöfen und Äbten, deren Sorge dies anging, die Herstellung und – wie immer – überzeugte er sich durch Gesandte, daß auch geschah , was er geboten.« Als frommer Christ und als »milder«, d. h. freigebiger König, »sorgte er sehr eifrig für Unterhalt der Armen, nicht nur in der Heimat, auch über die Meere nach Syrien, Ägypten, Afrika, Jerusalem , pflegte er Geld zu schicken und suchte besonders zu diesem Zwecke (d. h. Unterstützung der christlichen Pilger im Morgenlande) die Freundschaft überseeischer Könige (oben S. 58 ). Viele, unzählige Geschenke sandte er den Päpsten, und vor andern Weihtümern ehrte er die Peterskirche zu Rom , gewaltige Summen Geldes verwandte er auf Geschenke für diese (oben S. 131 ). Er liebte die Fremden und nahm Gäste 149 zu sorgfältiger Pflege auf – wieder zugleich germanisch-heidnische Königssitte und Königsehrenpflicht und christliches Gebot – so zwar, daß deren Zudrang nicht nur dem Hofe, sogar dem Reiche manchmal lästig ward. Für Freundschaft war er trefflich geartet: leicht schloß er sie und höchst beständig bewahrte er sie, und wen er sich so verbunden, des pflegte er in gewissensernster Treugesinnung:« Einhard sprach hier aus dankerfüllter Erfahrung! Seit jener Zeit (786) besonders sammelte Karl eine Schar von Gelehrten an seinem Hof um sich, welche man nicht unfüglich seine Akademie genannt hat: er errichtete an dem Hof eine Schule, in welcher seine Kinder und die in großer Zahl am Hofe lebenden Kinder vornehmer Franken unterrichtet wurden; hier empfingen Jünglinge wie Eginhard (Einhard), Karls Lebensbeschreiber, und Angilbert , sein vertrauter Rat, ihre Ausbildung, von hier aus wurden Bischöfe und Äbte in alle Kirchen und Klöster des Reiches ausgesandt. Hier verkehrte der große Herrscher, der Majestät sich entkleidend, zwang- und formlos mit den Gelehrten und Dichtern: Sitzungen wurden regelmäßig abgehalten in welchen Vorträge über wissenschaftliche Aufgaben gehalten, Gedichte vorgelesen, Rätsel aufgegeben wurden; auch an Scherzen fehlte es nicht, die uns oft freilich meist sehr gesucht anmuten: Karl selbst scheint mehr echten Witz und Humor besessen zu haben denn seine Hofdichter, aus denen, zumal was die Form betrifft, Theodulf , ein Westgote , später Bischof von Orleans , auch sonst ein das Mittelmaß überragender Geist, hervorragte. Der König selbst und die »Akademiker« führten in diesem Verkehr biblische oder antike Namen: so hieß Karl David, Angilbert Homer, Alkuin Flaccus. Geradezu wohltuend berührt es, wenn hier und da 150 durch das (sogenannte) »Christliche« und zumal das durch und durch angekünstelte Antike, das »Rhetorische«, womit die Kirche, die Zeitbildung, besonders Alkuin und Genossen diese große, kraftfrische Seele überkrustet haben, das Menschliche, das Germanische, das Heidnische, das Natürliche hervorbricht: in Vorzügen – so in dem unter solchen theologischen und antikisierenden Umgebungen geradezu bewundernswerten Sinn für das altgermanische Heldenlied, für die Muttersprache – wie auch etwa in Fehlern: so in dem fast drolligen Ingrimm gegen die Ärzte, welche ihm das geliebte Bratfleisch verwehren wollen! Auch etwa, was freilich sehr ernsten Schaden anrichtete, aber doch im Gemüte wurzelte, in einer Schwäche gegenüber seinen Töchtern. Wohl hatte er treffliche Erziehungsgrundsätze: er ließ Söhne wie Töchter vor allem in Wissenschaften und Künsten unterrichten: dann die Söhne, sobald nur die Jahre es verstatteten, nach Germanen- (Franken-) Sitte im Reiten, im Jagen und in allen Waffen üben. Die Töchter wurden, auf daß sie nicht durch Müßiggang stumpf würden, im Spinnen, was übrigens auch ein altgermanischer Zug war, mit Spindel und Rocken unterrichtet und zu aller Ehrbarkeit erzogen. Er liebte die Kinder so zärtlich und pflegte ihre Erziehung so eifrig, daß er nie, wann er daheim war, ohne sie speiste, niemals ohne sie eine Reise unternahm. Die Söhne ritten dann an seiner Seite, die Töchter folgten von ferne, hinter ihnen ritten zu ihrem Schutz hierzu besonders ausgelesene Krieger. Allein mit diesen »wunderschönen« ( pulcherrimae ) Mädchen erlebte er doch trotz dieser »Erziehung zur Ehrbarkeit« viel Verdruß, nicht ohne eigne schwere Schuld. Obgleich sie »wunderschön« waren und er sie so zärtlich liebte, hat er sonderbarerweise niemals auch nur eine von ihnen einem seiner Franken oder einem Ausländer zu vermählen den Willen 151 gefaßt: sondern sie alle behielt er bei sich im Hause bis zu seinem Tode. Er sagte: »Er könne ihrer Gesellschaft nicht entraten!« Und deshalb (d. h. weil er ihnen die Ehe versagte) erfuhr er, in andern Dingen so sehr vom Glücke begünstigt, an ihnen »die Bosheit üblen Geschicks«. Jene auserlesenen Krieger, die ferne nachritten, mochten den schönen Begleiteten unter solchen Umständen gefährlicher werden, als die abzuwehrenden Wegelagerer. In diesem Sinne hat die Sage munter fortgearbeitet und die schöne Liebe von Emma und Einhard erfunden. Die Zustände im Palast waren so schlimm, daß Karl selbst noch durch ein Capitular ungute Weiber aus seiner Pfalz wies. Aber es blieb doch so arg, daß Ludwig der Fromme sofort nach des Vaters Tod eine grimmige Säuberung des Palastes vornahm; man sieht, Sage, Dichtung und Klatsch fanden hier reichen Stoff. Es ist recht zopfig und ganz im Stil eben jenes »Angekünstelten«, dessen Durchbrechung bei Karl erfreut, wenn Einhard tadelnd bemerkt: »Den Verlust seiner Söhne Pippin und Karl und seiner Tochter Hrothrud ertrug er nicht ganz so geduldig, wie seiner sonstigen Seelengröße entsprochen hätte: denn er weinte über ihren Tod.« Diese Tränen Karls sind menschlich viel mehr wert als Einhards, den lateinischen Klassikern nachgeahmte »Seelengröße«. Aber Ende wie Anfang muß bei einem Bilde Karls stets bleiben das fromme Christentum seiner Zeit. »Auf das ehrfurchtsvollste diente er dem Christentum«, nicht nur – wie Einhard hervorhebt – in seinem Kirchenbau zu Aachen tritt dies hervor, in dem fleißigen Besuch der Kirche, »sofern es irgend seine Gesundheit verstattete«, und in der Fürsorge, daß alles in der Kirche mit höchster Würde vor sich gehe, nicht nur in der Besserung der 152 kirchlichen Vorträge (Vorlesungen, legere ) und des Kirchengesanges, »in denen beiden er sehr unterrichtet war«, – sein ganzes Regiment beweist es: die Kaiserkrönung, das Blutgericht an der Aller , die Frankfurter und die Regensburger Synode, unzählige Verordnungen und Gesetze, die Ansprache an seinen Erben; er war und fühlte sich vor allem als Vorkämpfer der Kirche, des Glaubens. Er ist in diesem Sinne das Vorbild eines » christlichen « Königs und Kaisers: »magnus et orthodoxus« : diese seine kurze Grabschrift könnte nicht richtiger verfaßt sein. »Magnus rex et imperator« heißt er schon in gleichzeitigen Quellen; aber als geschichtlicher Beiname tritt das Wort zuerst auf bei seinem Enkel Nithard († 858): »Karl, guten Andenkens und mit Recht von allen Völkern ›der große Kaiser‹ ( magnus imperator ) genannt.« Karls einflußreichste Räte waren: Abt Fulrad von St. Denis († 784) und Angilramn († 791), Bischof von Metz , Nachfolger Chrodegangs († 6. März 766) seit 25. Sept. 768, später Erzbischof und Archicapellanus, beide ursprünglich Karlmanns Untertanen: Fulrad wirkte hervorragend mit bei Ausschließung der Söhne Karlmanns ( S. 32 ). Angilramns Nachfolger als Archikapellan ward Erzbischof Hildibald von Köln (791 bis über Karls Leben hinaus); auch Arn von Salzburg (oben S. 104 ) stand bei ihm (seit 787) in hohem Ansehen. Karl war durchaus nicht frei von der Sinnlichkeit, welche seinem Geschlecht, wenn auch nicht in merowingischem Unmaß, erblich war. Er hatte 4 Ehefrauen, von diesen 12 Kinder: außerdem mehrere von der Kirche nicht anerkannte Verbindungen: so schon vor seiner Vermählung 153 mit der Tochter des Desiderius einen Sohn von Himiltrud , aus edlem fränkischen Geschlecht, Pippin , schön von Antlitz, aber höckerig, der sich (792) gegen des Vaters Leben verschwor, zum Tode verurteilt, aber von Karl begnadigt ward und als Mönch im Kloster (811) starb. Nach Verstoßung der Langobardin heiratete er die erst 12jährige Hildigard , aus edelstem alamannischen Geschlecht, die Urenkelin des Herzogs Gottfried , Schwester Gerolds , des »Präfekten« von Bayern (oben S. 103 ). Sie gebar ihm in 12 Jahren 9 Kinder: Karl (geb. 772? † 4. Dez. 811), Pippin (geb. 777 † 8. Juli 810), die Zwillinge Ludwig (778–840) und Lothar (geb. 778 † 778), letzterer starb bald nach der Geburt, die Töchter Hrothtrud (geb. 773 † 6. Juni 810), Adelheid (geb. und † 774), Bertha (geb. 775–76), Gisela (geb. 781), Hildigard (geb. und † 783). Die Sage hat nicht vergessen, daß die sanfte blonde Hildigard, die schon mit 24 Jahren starb (783), seine Lieblingsgemahlin war. Ihre Grabschrift von Paulus Diakonus ist schön und warm empfunden: er lobt außer ihrer Schöne, Güte, Sanftmut, Heiterkeit, Einfachheit ihre Frömmigkeit und Barmherzigkeit, sie war eine Gönnerin von St. Gallen . Darauf heiratete er sogleich (783) Fastrada , die Tochter des ostfränkischen Grafen Radolf . Sie gebar ihm zwei Töchter und starb 794: ihre Härte soll ungünstig auf Karl gewirkt und zwei Verschwörungen hervorgerufen haben: auch sie starb in der Blüte der Jugend. Darauf heiratete er die edle Alamannin Liudgard (795 oder 797–800), deren Schönheit, Frömmigkeit, Freigebigkeit, Güte und Bildungsstreben – sie lernte eifrig und begünstigte die »Akademiker« – nicht nur von den Hofpoeten gepriesen, auch Dritten gegenüber von Alkuin bezeugt werden. 154 Von ihr, die er nach Fastradens Tod heiratete, hatte Karl keine Kinder. Nach ihrem Tode vermählte er sich nicht wieder. Karl hat nicht völlig neue Bahnen eingeschlagen, nicht unerhörte Ausgaben in Angriff genommen: vielmehr nur die vorgefundenen, schon von Vater, Großvater, Urgroßvater behandelten, allein er hat sie in viel gründlicherer umfassenderer Art behandelt: er hat sie endgültig, er hat sie großartig gelöst: er hat genial vollendet, was Vorgänger talentvoll begonnen. Pippin hat die Langobarden , dem Papst zu helfen, wiederholt bekämpft: – Karl hat sich selbst zum Langobardenkönig gemacht; die Vorfahren haben Raubfahrten der Sachsen abgewehrt, Karl hat die Sachsen unterworfen; die Vorfahren haben die Mauren in Frankreich geschlagen, Karl errichtet in Spanien selbst eine Mark zur Abwehr; die Vorfahren haben den Herzog von Bayern als halb selbständigen Landesherrn dulden müssen, Karl macht Bayern zur fränkischen Provinz und erobert dem Land als Ostmark das Avarenreich hinzu; die Vorfahren schlagen mit den Slaven wechselvolle Schlachten: Karl unterwirft Abodriten, Sorben, Tschechen, Wilzen, Linonen, Smeldingen; die Vorfahren werden von nordischen Raubfahrern heimgesucht, Karl herrscht bis an das Danevirke hin; die Vorfahren verfügen nur über Landmacht, Karls Kriegsflotte besetzt Korsika und Majorca ; Pippin wechselt Gesandte mit dem Kalifen , Karl erwirbt von dem Kalifen die Schutzherrschaft über Jerusalem : endlich Karl Martell lehnt jedes Einschreiten in Italien, in Rom ab, Pippin erfüllt Pflichten eines Schützers in Rom, übt keine Rechte, Karl erwirbt 1505 die römische Kaiserkrone , die Krone des ganzen weströmischen Reiches. Er ist von überwältigender Größe: man muß ihn – trotz seiner Sachsengreuel und der an künftigem Unheil so reich trächtigen Verwechslung und Verquickung von Staat und Kirche, – beide Verirrungen wurzeln doch in einem edeln, obzwar begriffsverworrenen Idealismus – verehren und wegen seines gütevollen Herzens, wegen seiner köstlich gesunden Menschlichkeit lieb gewinnen: er war ein Vater seiner Völker. Zweites Buch: Karl der Große und seine Paladine in der Sage von Therese Dahn 159 I. Karls Jugend. 1. Bertha mit dem Gänsefuß. König Pippin herrschte mit starker Hand über das Reich der Franken. Klein war seine Gestalt, groß sein Mut. In seines Vaters Palast war einst ein Löwe ausgebrochen: brüllend lief er durch Hallen und Höfe, erwürgte zwei Kinder, die spielend im Grase saßen, und von Schrecken gejagt flohen alle Bewohner des Schlosses, ihr Leben zu retten. Pippin aber faßte sein Schwert, schritt dem Löwen entgegen und stach ihm das Eisen ins Herz. Damals war er zwanzig Jahre alt. Nun trug er die Krone. Es war um Pfingsten. König Pippin hielt einen Hoftag auf seinem Schloß in Bayern. Dahin war auch eine Botschaft des Königs von Kärlingen gekommen, der Pippin die Hand seiner Tochter Bertha anbot. Seine Vasallen drängten ihn, die weitberühmte Jungfrau zu ehelichen. »Hold ist ihr Angesicht, golden ihr Haar, alle Tugenden zieren sie« – rühmte laut ein fahrender Spielmann: – »nur ein Fehler haftet an ihr: der rechte Fuß ist größer als der linke. Das aber kommt von ihrem 160 Fleiße: denn kunstvoll weiß sie zu spinnen und zu wirken.« Pippin ließ den Boten Geschenke reichen und bat sie, an seinem Hofe zu verweilen. Zum vornehmsten seiner Hofherren, – den roten Ritter nannte man ihn, – sprach er: »Zieh' hin und wenn die Jungfrau so schön ist, wie der Spielmann sagt, führe mir die Braut heim; denn ich will keine, sie gefalle mir denn.« Der rote Ritter hatte eine Tochter fern in Lamparten, wo sie aufgezogen war, und er gedachte, sie an Berthas Stelle zur Königin der Franken zu machen, die echte Braut aber sollte sterben. Nachdem er nun mit seinem Weib und einem Vertrauten verabredet hatte, wann und wo sie ihm die Tochter zuführen sollten, zog er mit den heimkehrenden Boten, mit seinen Söhnen und wenigen ihm ergebenen Rittern stattlich ausgerüstet nach Kärlingen. Dort wurden sie wohl aufgenommen: mit Tanzen, Schenken und Turnieren. So trieben sie's acht Tage, dann bereiteten sie sich zur Heimreise. Die Kärlinger wollten Bertha in großen Ehren ihrem Gemahl zuführen; da sprach der rote Ritter: »Auf halben Weg, Herr König, mögt Ihr Eure Tochter geleiten mit so vielen als Euch beliebt, aber nicht weiter, so ist mir geboten; denn mein Herr hat Fürsten und Edelinge genug, die die zweite Wegeshälfte mit ihrer Königin reiten und ihr dienen.« Unter Klagen und Weinen schied Bertha aus ihrer Heimat; eine Tagereise begleitete sie ihr Vater, dann empfahl er die junge Königin dem roten Ritter auf seine Treue und wandte das Roß. Mehrere kärlingische Fürsten aber sollten ihr noch folgen, bis der rote Ritter sie entlassen würde, und als es diesem genug dünkte ihrer Begleitung, bat er sie mit höflichen Worten, umzukehren. Um der 161 Könige Gebot willen taten sie's ohne Widerrede, nachdem sie die Jungfrau dem Gewaltigen noch einmal auf seine Treue anbefohlen hatten. Der zog mit Bertha und seinen Gesellen ins Bayerland und wich auf der letzten Tagereise zu Mühltal nahe dem Wirmsee von der rechten Straße ab in eine Waldeswildnis, wo sie nächteten. Als Bertha schlief, nahm er ihr fürstliches Obergewand fort und legte ein geringes an dessen Stelle. Dann befahl er zwei Knechten, vor Tagesanbruch Bertha tief in die Öde zu führen und zu ermorden, und sollten sie ihm des ein Wahrzeichen bringen. Und jeder mußte sich ihm mit drei Eiden verschwören: dafür versprach er ihnen viel Gold und großes Gut. Da nun Bertha geweckt wurde, sie aufstehn, das Gewand anlegen und den Knechten folgen sollte, kam ihr ein Grausen; doch sie wußten die Jungfrau mit guten Worten zu überreden und es kam ihr in den Sinn, ihr Werkzeug: Spindel, goldene und seidene Borten, mitzunehmen: auch folgte ihr kleines Hündlein nach und wollte nicht von ihr weichen. Und als sie nun immer tiefer in die Wildnis schritten, fragte sie zagend die Knechte, warum? »Edle Jungfrau,« antworteten sie, »wir müssen Euch töten, das haben wir mit starken Eiden geschworen.« Bertha erschrak gar sehr: – aber sie faßte sich und bat die Mörder flehentlich um Erbarmen für ihr Leben. Der Tag brach an: von Berthas keuscher Schöne ging ein Glänzen durch den Wald und ward das Mitleid der Henker erweckt. Reiner Frauen nasse Augen haben beredten Mund! Sie versprachen ihr das Leben, wenn sie ihnen mit einem Schwure Schweigen geloben und auch nicht wieder heimziehen wollte. Das eidete Bertha den Knechten. »So wendet Euch nun ins Dickicht, Herrin, und gebt 162 uns Euer linnen Hemd: wir müssen's durchstechen, Euer Hündlein töten und das Gewand in sein Blut tauchen und es unserm Herrn als Wahrzeichen Eures Todes bringen, damit er uns glaube.« Also geschah's. Dann mahnten die Knechte nochmal die Königin, ihnen die gelobte Treue zu halten und nahmen Urlaub. Ihrem Herrn brachten sie das falsche Wahrzeichen: er glaubte ihnen und gab den verheißenen Lohn. Nun traf er mit Weib und Tochter an dem verabredeten Ort zusammen. Um die Untat wußte außer ihm sein Weib, seine Kinder und die Knechte. Die Grafentochter war in Berthas Gewand gekleidet worden und als sie in die Nähe der königlichen Burg kamen, ritt Pippin der falschen Braut entgegen: ihr wurden königliche Ehren geboten und eine reiche Hochzeit gehalten. Die echte Braut aber irrte im Wald umher, bis sie an ein armes Mühlenhaus kam. Sie fand den Müller bei seiner Arbeit und bat ihn um Herberge. Er führte sie freundlich in die Hütte seinem Weibe zu und, erstaunend über ihre Gestalt und Gebärden, die so ungleich ihrem elenden Gewande schienen, fragte er, von wannen sie so allein komme? »Verirrt in der Wildnis,« antwortete sie, »und ich bitte dich und dein Weib, laßt mich Waise bei euch bleiben. Was ich euch auch schaffen soll, ihr werdet mich zu keinem Dienst unwillig finden. Die zwei waren's zufrieden. Der Müller baute ihr ein eignes Kämmerlein; und nun nahm Bertha Gold- und Seidenzeug und wirkte kunstvolle Borten, die mußte 163 der Müller in der nächsten Stadt zu Markte tragen und er wurde reich von Berthas Fleiß. So hatte die Königin mehr denn sieben Jahre in der Reißmühle als Magd gedient; da fügte es sich, daß König Pippin in jenen Wald zu jagen ritt und gegen Abend seine Jäger verlor. Nur sein Arzt und ein Knecht waren ihm gefolgt. Sie wollten zu Hofe kehren, konnten aber nicht aus dem Walde finden: sie ritten hin und her bis sie in finsterer Nacht an die Mühle kamen. Der König bat um Herberge, und als er zur Türe einging, erkannte ihn der Müller und erwies ihm Ehren so gut er konnte. Er spreitete buntes Gewirk, das Bertha gesponnen hatte, über den Tisch, auf welchem er seinem Gast das einfache Mahl bot. Der König hatte darüber großes Verwundern: »Woher kommt dir so schöne Arbeit in deine arme Hütte?« »Herr, eine verirrte Jungfrau nahm einst bei uns Herberge: sie blieb bei uns seitdem; sie spinnt und wirkt, über ihr Herkommen aber schwieg sie stets.« »Führ' mir die Jungfrau her,« befahl Pippin. Der Müller ging und sagte ihr's; Bertha erschrak, doch folgte sie dem Gebot und schritt mit holder Sitte aus ihrer Kammer vor den König. Der ließ sie neben sich sitzen und befragte sie um ihre Arbeit und ihre Herkunft. Er hörte an ihrer Sprache und sah an ihrer Gebärde und Gestalt, daß sie anders war als eine Magd. »Ich bitt' Euch, vertraut mir Eure Abkunft und Euer Geschick, das mag Euch zum Heile gedeihen.« Da sah er ihre lichten Augen voll Tränen stehen, und um so mehr drang er in sie mit Bitten und Fragen. »Herr,« sprach sie, »wenn ich Euch meine Abkunft sagte, so würd' ich meineidig: denn ich habe geeidet, von 164 dem Geschick, das mich hierher geführt hat, nichts zu verraten.« Nun dachte Pippin, daß sie großes Geschehnis verhehle, und forschte um so eifriger danach: »Liebe Jungfrau, sagt mir Euer Geheimnis, was es auch sei: ich will's bewahren und Euch Rat schaffen, kann es sein. Und ist der Eid erzwungen, habt Ihr ihn in der Not geschworen, so dürft Ihr ihn brechen.« Da trat der Arzt, der ein Sternseher war, in die Hütte und sprach heimlich zu Pippin: »Herr, ich les' ein wunderlich Ding in den Sternen: Ihr sollt noch heute Euer ehelich Weib umarmen und ist es doch nicht möglich, daß Ihr heute noch in Eure Burg reitet.« Damit ging er wieder hinaus. Dem König aber kam's zu Sinnen, was ihm einst der Spielmann gesungen hatte von Bertha aus Kärlingen: wie sie schön sei, und wie sie kunstvoll zu spinnen und zu wirken wisse und durch ihren Fleiß der rechte Fuß größer geworden sei als der linke, und er hub sein Fragen von neuem an. Da sprach sie endlich: »So wisset Herr, ich bin Bertha von Kärlingen, Euch zur Gemahlin gesandt; Ihr seid mein Eheherr und um Euretwillen bin ich in dieses Elend geraten.« Und sie erzählte ihm wie alles geschehen war, und bat ihn, er möge nicht in jähem Zorn Rache nehmen, sondern nach weisem Rat richten und strafen; auch bat sie um Gnade für die Knechte. Das gelobte er ihr. So ward des Sternsehers Wort wahr und in armer Hütte hielt König Pippin Hochzeit mit seinem echten Weibe. Am nächsten Morgen schied er von Bertha. Er befahl sie dem Müller auf seine Treue: »Behüte mir wohl mein Weib und diese heimlichen Dinge, daß niemand davon erfahre. Wird mir von ihr ein Degenkind geboren, so bringe mir als Zeichen in mein Schloß einen Pfeil, 165 ist es aber ein Mägdlein, eine Spindel.« Dann gab er ihm königliches Zehrgeld, befahl auch seinen Begleitern Schweigen und ritt zurück in seine Burg. Nun suchte er so lange in seinen Landen bis er die beiden Knechte des roten Ritters gefunden hatte und sprach zu ihnen: »Gedenkt ihr's noch, wie ihr mit meinem Hofmeister nach Kärlingen geritten seid, mir die Königin zu holen? Sagt mir ohne Furcht alles, was damals geschehen ist.« Die Knechte erbleichten und standen zitternd vor dem König, als wären sie verstummt. Der hub abermals an: »Sprecht und seid ohne Sorgen; muß ich euch aber zum Reden zwingen, so sollt ihr keine Gnade vor mir finden.« Da fielen sie ihm zu Füßen und gestanden alles: des roten Ritters Betrug und Mordplan und ihre Beihilfe dazu, und daß bittre Reue sie quäle. Pippin hieß sie aufstehen: »Weil ihr barmherzig gegen Bertha wart und sie selbst bei mir für euch gebeten hat, erlaß' ich euch die Strafe: doch schweiget von diesem Handel und seid mir fürderhin getreu, so wahr euch meine Huld lieb ist.« Als die Knechte hörten, daß Bertha noch lebte, freuten sie sich aus der Maßen. Der König berief darauf einen Hoftag: die Fürsten und Herren seines weiten Reiches und die weisesten Männer besandte er dazu: mit ihm einen Rat zu halten. Unterdessen hatte Bertha einen Knaben geboren; da nahm der Müller einen Pfeil und machte sich auf zum König. Er fand ihn inmitten seiner Hofherren in einer seiner Pfalzen und schritt vor ihn und überreichte das verabredete Zeichen. Freudig empfing Pippin den Pfeil, sprach heimlich mit dem Müller, befahl, seinen Sohn 166 » Karl « zu nennen und entließ ihn mit reichem Botenlohn. Und als nun der Hof versammelt war, sprachen die Räte: »Herr und König, eröffne uns deinen Willen.« »Höret: man verlobet eines Königs Kind einem Fürsten. Der Fürst schickt seinen ersten Diener, sie zu holen. Auf der Fahrt befiehlt der Diener zweien Knechten, die Braut zu töten, und gibt ihr Gewand seiner Tochter. Dem Fürsten aber bringt er seine Tochter an Stelle des Königskindes. Was gebührt solchem Manne?« Und Pippin wies auf den älteren Sohn des roten Ritters: »rede du«. »Gnädiger Herr, hebt das Urteil bei einem Weiseren an, denn ich bin.« »Dich frag' ich, du antworte mir.« Da sprach der Degen: »Ein solcher Mann ist nicht wert, daß ihn die Sonne überscheine, nicht, daß ihn die Erde berge noch daß sie ihn trage. Man soll ihn binden an Rosses Schweif, ihn schleifen und verbrennen.« Und Pippin fragte den jüngeren Sohn: der antwortete: »Ich halte zu meines Bruders Urteil.« Er fragte weiter und jeder urteilte dasselbe Urteil und er fragte auch den roten Ritter; der sprach: »Gnädiger Herr, ich will kein Urteil fällen über mich selbst: denn ich habe die Tat an dir begangen.« »Da du sie bekennst, so bedarf ich keines Zeugen: ungetreuer Mann, du bist gerichtet.« Viele baten für ihn um Gnade, denn er war ein gewaltiger Herr, aber umsonst; ihm geschah nach seines Sohnes Spruch: er ward an Rosses Schweif gebunden, geschleift, und verbrannt. Sein Weib wurde vermauert, die falsche Königin in ein Kloster verwiesen, wo sie bald 167 starb, ihre und Pippins Kinder aber – drei Knaben und ein Mägdlein – blieben beim König. Und nun ritt Pippin mit seinen Fürsten und Herren in den Wald zur Mühle und holte Bertha in seine Burg. Dann ließ er sie feierlich zur Königin der Franken krönen. Dem Müller ist reicher Lohn geworden für seine treue Pflege und noch weiset man die Reißmühle in jenem Wald in Bayern. König Pippin aber zog bald darauf mit seinem Hof wieder ins Frankenland und dort hat die Königin all' ihres Elends vergessen. Karl wurde in königlichen Höfen erzogen in Gesellschaft seiner Halbbrüder Holderich und Rainfried: aber sie haßten den echten Erben, der schon als Knabe aller Herzen gewann und in ritterlichen Spielen vor andern der beste war. Doch wußten sie es zu verbergen und Pippins Gunst sich zu erhalten. Als Holderich, der ältere, sich einst in einem Dorfe bei Paris aufhielt, erschien ihm im Schlafe ein Zwerg und sprach: »Steh' auf ehe der Tag kommt und gehe nach Paris und auf die Brücke: dort wird dir etwas Unangenehmes und etwas Angenehmes widerfahren.« Holderich kehrte sich nicht daran; in der andern Nacht geschah das ebenso; als aber der Zwerg zum dritten Male kam, stand Holderich auf und tat nach seinen Worten. Auf der Brücke begegnete er einem Geldwechsler, welcher seinen Geschäften nachging; Holderich fragte ihn, was er da so frühe suche und erzählte ihm seine nächtliche Erscheinung. »Auch zu mir ist der Zwerg in jenen drei Nächten gekommen,« entgegnete der Wechsler, »und erzählte mir, daß ich in Balduche an der grünen Weide, nahe dem Fluß, einen Schatz finden würde, aber ich bin nicht so dumm 168 wie du, auf eines Zwerges Geschwätz zu hören«; und gab ihm eine Ohrfeige und ging. Das war Holderich sehr unangenehm; er kehrte heim, suchte und fand den Schatz – und das war ihm sehr angenehm. So wurden die Söhne der falschen Königin reich und mächtig. Und grimmer wurde ihr Haß gegen Karl und Bertha. Sie reichten Karl beim Mahl einen Becher vergifteten Weines. Er ließ ihn vorübergehn, aber Bertha nahm die Schale und trank sie leer. Bald darauf starb sie. Die falschen Söhne stellten sich so traurig, daß niemand sie des Mordes verdächtig hielt. Der König aber wollte den Schuldigen strenge bestrafen; und es wird gesagt, daß sie aus Furcht auch Pippin vergiftet haben. Er bestellte sie, bevor er starb, noch zu Hütern des zwölfjährigen Karl in Gemeinschaft mit dem Herzog von Berri und dem Grafen von Auvergne. 2. Karl Mainet. David hieß ein alter Jäger, der war einst von Pippin zu Dienst und Pflege des jungen Karl bestellt; und nun der König nicht mehr lebte, wachte David doppelt sorgsam über seinen Herrn. Den Bastarden war ihr königlicher Bruder im Wege: sie versprachen David ein großes Lehen, wenn er Karl vergiften wolle. Der Treue erschrak, doch verstellte er sich und antwortete listig: »Ich habe eine Wallfahrt gelobt an St. Jakobs Grab in Spanien, das Gelübde laßt mich zuvor erfüllen: komme ich lebend zurück, dann mag's geschehn.« Bevor er aus Paris schied, zog er Dederich, den 169 Schänken, ins Vertrauen und trug ihm auf, Karls Leben zu behüten, dann ritt er davon: aber nicht an St. Jakobs Grab, sondern zu den Mundwalten des jungen Karl. »Euer König ist verloren, ihr Herren,« sprach er, »wenn ihr nicht gleich einen Hoftag beruft und Karl krönt.« Der Bastarde Mordplan verschwieg er. Als er nach Paris zurückgekommen war – das war um die Osterzeit – drängten ihn die Bastarde zu dem Mord. »Geduldet euch nur,« antwortete David, »mir fehlt noch das rechte Kraut, bald muß es nun aufsprießen im Wald an der Seine: wird der Mond voll, will ich es dort suchen.« Da kamen aber der Herzog von Berri und der Graf von Auvergne nach Paris geritten und verlangten, daß ein Hoftag gehalten und der junge Karl zum König gekrönt werde. Die Bastarde mußten nachgeben: Eilboten flogen durch die Lande mit der Ladung zu Pfingsten nach Reims. Dahin kamen die Vornehmen des ganzen Frankenreichs, viele gefolgt von ihren jungen Söhnen, die dort mit Karl das Schwert empfangen sollten. Die Bastarde zogen mit großer Streitmacht in die Stadt; denn ihr Reichtum – mit offenen Händen spendeten sie an Ergebene – hatte ihnen Anhänger in Scharen zugeführt. Der Erzbischof von Reims, der Karl krönen sollte, hielt ein üppiges Festmahl bereit allen Geladenen. Der Hoftag war beisammen: der junge Karl stand da: schön, hochgewachsen, von lichter Hautfarbe, kraus hing ihm das hellbraune Haar auf die beiden Schultern; ober den Hüften war er schmal, aber breit um die Brust. Die Bastarde riefen: »Einen vierzehnjährigen Knaben kann man nicht krönen, Karl ist zu jung: Heinrich von Berri und Ihr, Hugo von Auvergne, wollt in seinem Namen über uns herrschen.« 170 Man stritt hin und her, bis die versammelten Barone entschieden, die Krönung noch ein Jahr aufzuschieben. Der Rat ging auseinander und alle eilten zu dem Festmahl in des Bischofs Haus. Voran drängten die Bastarde und nahmen unaufgefordert die Ehrenplätze ein. Zornig blickte Karl aus seinen blauen Augen und zögerte, sich zu setzen; da rief Rainfried, indem er auf den eben hereingetragenen Pfau wies: »Ich will dich ehren, Brüderlein, zerlege mir den Braten dort, das wirst du schon können, und diene mir.« Zornige Glut flammte über Karls Antlitz, schweigend ging er, faßte den dampfenden Pfau und schleuderte ihn dem Hochmütigen ins Gesicht, daß das Blut niederrann. Der Bastarde Freunde sprangen auf von den Bänken; hui! flogen da die Schwerte heraus, hüben und drüben. Dederich, der treue Schänke, sprang auf Karl zu, umschlang ihn mit den Armen und legte ihn Heinrich von Berri in den Schoß. Der rief laut: »Wer Karl schlägt, schlägt mich« und deckte seinen blauen Herzogsmantel über den Knaben, dann befahl er seinen Gefolgen: »Waffnet euch alle, die ihr zu mir gehört.« Rasch drängten sich die Gerufenen mit Schwert und Speer in den Saal: sie waren in der Minderzahl und Hugo von Auvergne suchte den Frieden wieder herzustellen, da rief Rainfried mitten in das Getümmel: »Nieder die Waffen! Was ein zorniger Knabe getan hat, das soll von mir vergessen sein.« »Das sind leere Worte, glaub' ihnen nicht, Herzog,« flüsterte Dederich Heinrich von Berri zu. Grollend sprach Heinrich zu Eberhard und Morand, zwei seiner Edelgefolgen: »Wir sind allzu wenig. Hinaus vor die Stadt! Dort wollen wir Rainfrieds Worte beraten.« Sie nahmen Karl mit und bezogen ein festes Schloß vor Reims. David und Dederich rieten zur Flucht. Noch in derselben 171 Nacht flog der junge König auf raschem Roß davon: Morand und Eberhard mit zweihundert ritterlichen Schwertmännern geleiteten den jungen Karl nach Toledo zu dem Saracenen-König Galafer. Sie gaben sich für vertriebene Edelinge aus und boten dem Saracenen ihre Waffendienste an. »Seid mir willkommen,« sprach Galafer, »wer ist euer Führer?« »Herr, zuvor schwör' uns Sicherheit zu,« antwortete Morand. »Bei Mohammed, ich schwöre.« Da wies der Franke auf Karl und sprach: »Dieser unmündige Knabe ist unser Lehnsherr, wir nennen ihn Mainet.« König Galafer hatte eine junge Tochter, Galiane geheißen: licht waren ihre Augen, fahl ihr Haar, sie war schön zu schauen, wie ein Maientag. Sie kam in den Saal geschritten, die Fremdlinge zu sehen. Die Franken neigten sich tief vor ihr, nur Karl nicht. Da sprach sie leise zu Morand: »Sagt an, Graf, wer ist dieser Jüngling, daß er mich seines Grußes nicht würdigt?« »Der Knabe ist aus großem Geschlecht: seit seiner Kindheit schon verneigt er sich vor keinem Weibe, nur vor St. Marien, wann er sein Gebet verrichtet. Und doch, so Euch irgend wer gekränkt hat, dieser Knabe ist Mannes genug, Euch zu rächen.« So verheimlichten sie Karls Herkommen und Geschick, ihn vor aller Verfolgung zu schützen. Und wann sie Galafer Heerdienst leisteten, ließen sie Karl in Toledo, sein Leben nicht zu gefährden. 172 König Bramante, ein Maure aus Afrika, begehrte die lichte Galiane zum Weibe, dazu die Unterwerfung ihres Vaters. Ein köstlich Roß und Schwert sandte er mit seiner Werbung Galianen als Geschenke. Aber Galafer wies ihn zürnend ab. Da zog Bramante mit Heeresmacht bis vor die Tore von Toledo, Galiane zu erkämpfen. Im Tal Sonorial standen seine Zelte. König Galafer sprach zu Graf Morand: »Nun helfet mir gegen diesen Afrikaner, reich werd' ich's Euch lohnen.« Die Franken legten die Waffen an und ritten hinaus, Karl aber ließen sie wieder im Palast zu Toledo zurück. Morand stahl sich von ihm fort, während er schlief. Und als die vereinten Franken und Toledaner mit dem Afrikaner zusammenstießen, fochten sie eine wilde Schlacht: die Franken zwangen einen Teil der Mauren zum Weichen. Aber alsobald rief Bramante mit stolzen Worten ihnen neuen Mut wach, sie gingen wieder vor, besiegten die Franken und warfen sie zurück. Graf Morand sammelte die aufgelösten Reihen und rief in fränkischer Sprache: »Gott sei mit uns, wir fürchten die Heiden nicht.« Tapfer stritten da die Franken. Hin und her wogte der Kampf, schwankte der Sieg. Als Mainet im Palaste zu Toledo erwachte und keinen seiner Freunde sah, hub er laut zu klagen an: »Weh deinem Sohne, König Pippin! Fern der Heimat muß er ruhmlos und tatenleer sein Leben verbringen.« Die schöne Galiane stand oberhalb seiner Kammer auf dem Söller ihres Saales und hörte ihn klagen. Sie schlang bunte Schleier um Haupt und Hüften und trat so geschmückt in Mainets Gemach: denn sie liebte ihn. Der Königssohn stand nicht einmal auf, so schwer lag's auf seinen Gedanken. 173 »Ich habe deine Klagen gehört,« hub sie an, »und wahrlich, wüßt' ich, wo man Sold zahlt für Schlafen, so solltest du dorthin gehen: denn du denkst wohl nicht daran, deinen Franken zu helfen, die im Tal Sonorial stehen und streiten gegen Bramante, der mich wider meinen Willen sich zum Weib erzwingen will!« Mainet schaute Galiane an und sah ihre Schönheit: er sprang empor und rief: »Holde Jungfrau, schaff' mir ein Roß und ein Schwert, daß ich in die Schlacht reiten kann!« »Ich habe dein Geheimnis erlauscht und will es hüten,« antwortete Galiane. »Roß und Waffen will ich dir geben,, König Karl, damit sollst du, um mich und meine Liebe zu gewinnen, Bramante besiegen. Und wenn du heimkehrst nach Francien, sollst du mich mit dir nehmen und zu deiner Königin machen. Willst du das?« »Vielschöne Galiane« – rief Karl – »das will ich alles gerne tun.« Da ward Galianens Herz froh: denn sie wußte, was Karl sprach, würde geschehen: das hatte sie in den Sternen gelesen. Sie eilte hinaus und brachte ihm Wehrkleider, sie half ihm die Waffen anlegen, dann gab sie ihm das Schwert Joyeuse, und ließ das Streitroß Tencendur in den Hof führen. Mainet schwang sich in den Sattel und sprengte kampfbegierig ins Tal Sonorial. Roß und Schwert aber waren die Geschenke Bramantes. Da versuchte Karls Heldenarm die ersten Hiebe: einer um den andern fiel vor seinem Schwert. Eilig meldeten die Mauren Bramante von dem neuen Kämpen. Der Afrikaner lenkte seinen Hengst Karl entgegen: er erkannte das Roß, das er Galiane als Liebesgabe gesandt hatte, legte den Speer ein und rannte in wildem Grimme mit Karl zusammen. Die Speere zerbrachen beim ersten Stoß, sie 174 rissen die Schwerter heraus und schlugen sich herrlich. Bramante erstaunte über des Jünglings große Kraft und fragte: »Wer bist du?« »Ich bin Karl, König von Francien und König Pippins Sohn; du aber wahre dein Leben.« »Weh um dich, ritterlicher Held!« klagte Bramante, »denn ich werde dich erschlagen.« »Das steht in Gottes Hand,« sprach Karl. Bramante trug sein Schwert in der Hand und schwang es empor: mit gewaltigem Schlag fuhr es auf Karls Helm nieder. Einen Teil seiner Locken schnitt es ab und noch dazu Ringe von seiner Rüstung. Karl aber tat einen scharfen Hieb entgegen mit Joyeuse auf seines Gegners Schwertarm und schnitt ihn ab: Bramante riß den Hengst herum und floh. Rasch sprang Karl ab, riß des Mauren Schwert aus der abgeschlagenen Hand und jagte dem Fliehenden nach. Bald hatte er ihn eingeholt und spaltete mit einem Schlag seines Schwertes Joyeuse Bramantes Leib in zwei Teile. Karl stieg ab, nahm die Waffen des Besiegten, schlug ihm das Haupt ab und ritt damit zurück. Die führerlosen Afrikaner räumten das Feld in wilder Flucht. Der Sieg fiel Galafer zu: Karl hatte ihn so von seinen Feinden befreit. Mit stolzem Staunen erkannten die Franken in dem Sieger, der Bramantes Haupt am Sattel trug, ihren Herrn: sie führten ihn vor Galafer und offenbarten nun seine Schicksale. Der König umgürtete ihn mit dem Schwerte, ließ ihm Ehren und Feste bereiten und Karls Ruhm war in aller Munde. Karl aber brachte Bramantes Haupt und Waffen Galianen und empfing heimlich von ihr Gürtel und Ring als Gegengabe. 175 Nun Galafers Feinde bezwungen waren, beriet Karl mit seinen Freunden, wie sie in ihre Heimat zurückkehren und Karls Reich und Krone erstreiten wollten. Da trat ein Franke vor und sprach: »Herr, ich hörte Galafer sagen, daß er weder Euch noch uns wieder aus seinen Diensten entlassen würde, – müßt' er auch Gewalt gebrauchen.« Graf Morand antwortete: »Königlicher Herr, so ziehet Galiane ins Geheimnis, daß sie unverzagt ausharre, bis wir sie holen werden. König Galafer meld' ich, daß Ihr morgen auf die Jagd reiten wollt, so's ihm gefällt. Unsern Pferden nageln wir die Hufeisen verkehrt auf, damit niemand errate, wohin wir reiten.« So geschah's. Als aber die Franken über die Gebühr lang ausblieben, schöpfte Galafer Verdacht und ließ im Jagdforst nach ihnen suchen, doch man fand sie nicht. Graf Morand hatte sie sicher übers Gebiet von Toledo hinausgeleitet. Da sandte Karl ihn mit wenigen Kriegern zurück, Galiane zu entführen, während er selber nordwärts über die Pyrenäen zog. Galiane stand harrend auf ihrem Söller und spähte ins Land, ob sie Morand kommen sehe. Und als sie ihn endlich erblickte, stieg sie hinab und schlich heimlich durch ein Hinterpförtchen aus dem Palast: da harrte der Graf schon ihrer: er hielt ein Roß bereit, hob sie hinauf und ritt mit ihr davon, die ganze Nacht durch und rastlos weiter. Am nächsten Morgen entdeckte Galafer Galianens Flucht und erriet, daß sie ihm von den Franken geraubt worden war. Er sandte ihnen eine Kriegsschar nach. Sie holten Morand und seine Genossen ein, griffen sie an und nur mit verzweifelter Gegenwehr schlugen die Franken ihre Verfolger in die Flucht. Tag und Nacht ritt Graf Morand 176 mit Galiane immer nordwärts, bis er in Sicherheit war vor den Saracenen. Kaum hatte Karl das Gebirg im Rücken, da flog die Kunde seines Kommens durchs fränkische Reich. Und alle von den Bastarden um seinetwillen Verfolgten verließen nun Versteck und Verbannung und eilten mit Waffen Karl zu: so wuchs sein Heer von Tag zu Tag: Städte und Burgen taten sich dem rechtmäßigen Herrn auf. Endlich trat ihm Rainfried mit einem Heer entgegen: es ging aber, da es den jungen König erschaute, zu ihm über, Rainfried entfloh und barg sich mit Holderich hinter den festen Mauern der Stadt Paris. Karl kam, erbrach die Tore und zog als Sieger ein, während die Bastarde flüchtig entwichen. Sie wurden eingeholt, gefangen, an den Galgen gehängt, ihre Gebeine verbrannt und ihre Asche ward in alle Winde zerstreut. Da ritt ein Bote ins Palatium und rief: »Heil König Karl, bereite dich, Galiane zu empfangen.« Sogleich saß Karl auf: gefolgt von einer Schar der Edelsten zog er über die Seinebrücke vor die Stadt, Galianen entgegen. »Sei willkommen, Königin, in meinem Land!« begrüßte er sie und führte sie in seinen Palast. Sie empfing die Taufe, ward Karl vermählt und mit ihm gekrönt. Doch schon nach Jahresfrist verlor er die Jugendgeliebte durch den Tod. 3. Karl und Elbegast. Karl weilte in seiner Pfalz zu Ingelheim; einmal zur Nacht, als er im Schlafe lag, erschien ihm ein Engel und sprach: »Stehe auf, dein Leben ist bedroht, und suche 177 Elbegast, den Dieb: zieh' mit ihm aus und teile sein Gewerbe, dann wirst du ein Mittel finden, dein Leben zu retten.« Der Auftrag gefiel Karl nicht, aber frommen Glaubens voll gehorchte er. Elbegast war ein Edeling, den König Pippin wegen geringer Schuld mit Einziehung seiner Güter gestraft hatte. Seitdem lebte er von dem, was er großen Herren mit Gewalt abnehmen konnte. Ohne Begleiter ritt Karl aus und begegnete bald einem verdächtigen Reiter in schwarzen Wehrkleidern. »Waffenâ!« rief Karl, »verteidige dich!« Der Fremde setzte sich mutig zur Wehr, doch Karl schlug ihm das Schwert aus der Faust. »Ich bin Elbegast, ein rechtloser Mann,« rief da der Wehrlose, »gib mir Frieden und ich will dir dienen. Wer bist du, Herr?« Da nannte sich Karl mit falschem Namen und sprach: »Willkommen, Elbegast; ich heiße Magnus und weiß, daß du ein kluger Dieb bist, laß mich dein Gewerbe teilen. In König Karls Pfalz können wir reiche Beute machen.« »Nein, Herr,« erwiderte Elbegast, »nahm mir auch Pippin um geringer Schuld willen mein Lehen, – Karl tat mir nichts zu Leide, ihn bestehl' ich nicht. Unweit von hier liegt im Ardennerwald das Schloß des Grafen Eckerich; er ist ein übermütiger, gewalttätiger Mann, dahin will ich dich führen. Ich kenne dort alle Schlupfwinkel.« Karl war damit einverstanden. Zu Mitternacht kamen sie an das Schloß, sie banden ihre Rosse in einem Versteck an. Während Karl vor den Mauern wartete, schlüpfte Elbegast durch ein ihm vertrautes Pförtlein hinein. Er trug ein zauberkräftig Kraut bei sich, das legte er nun unter seine Zunge und horchte auf das Krähen der Hähne: da hörte er, wie sie sagten: »König Karl steht draußen vor der Hofmauer.« 178 Erschrocken eilte Elbegast zurück und sprach: »Herr, du bist König Karl: ich hörte es die Hähne im Stall krähen.« »Tor, wer Zauberei treibt, wird oft betrogen: ich bin, der ich dir sagte, Magnus, dein Herr, dem du Treue gelobt hast.« »Laß uns fortreiten, Herr,« bat der Dieb. »Nein,« antwortete Karl, »ich will selbst in das Schloß: führe mich.« In der Burg schlief alles. Elbegast führte seinen Herrn in des Grafen Gemach, wo derselbe neben seiner Gemahlin auf dem Lager ruhte: beide schlummerten. Elbegast wies Karl ein sicheres Versteck zwischen der Mauern und dem schweren, dichten Vorhang des Bettes. Darauf ging er hinaus in des Grafen Stall und wollte dessen Hengst fortführen. Das Tier wieherte hell auf, davon erwachte Eckerich in seinem Gemach; er rief den Stallknecht und befahl ihm, nach der Ursache des Lärms zu schauen. Als Elbegast den Knecht über den Hof schreiten hörte, kletterte er auf den breiten Dachbalken, der über dem Rücken des Rosses her ragte und legte sich darauf hin. Der Knecht fand den Hengst wie stets in seinem Stande stehen und ging zurück. Nicht lange und der Graf erwachte abermals von dem Gewiehere seines Rosses. Er stand auf, ging selbst in den Stall, fand aber alles in Ordnung. Als er sich wieder auf sein Lager streckte, sprach sein Weib: »Du trägst ein Geheimnis mit dir herum, deshalb erschreckt dich eines Hengstes Wiehern.« »Du hast recht,« antwortete Eckerich, »und es ist wohl besser, du erfährst nun alles. Wir sind zwölf Verschworene gegen Karl: am nächsten Hoftag wird er fallen, hier im Land aber werde ich König.« »Wie sollte das geschehen? Schon deine Vorfahren 179 waren Karls Ahnen untertänig. Laß davon, Eckerich, es wird dein Verderben. Und welche sind denn deine Freunde, die ihren Herrn verraten wollen?« Da nannte er ihr die Namen der Verschworenen und wie sie Karls Reich unter sich zu teilen gedachten. Traurig antwortete die Gräfin: »Das ist abscheulicher Verrat und Torheit dazu: wie könntet ihr an einem Festtag eurem König mit Waffen nahen!« »Meinst du?« lachte Eckerich. »Wir tragen, verborgen im Gewand, zweischneidige Messer und wann wir huldigend vor Karl hintreten, stoßen wir alle zugleich auf ihn.« »Tu's nicht, Eckerich,« flehte die Gräfin, »ihr alle waret Mannen seines Vaters, der euch Macht und Ehren gegeben hat, und Karl, seinem Sohne, wollt ihr das lohnen mit Mord! Wehe, daß Karl nicht weiß um eure Falschheit.« »Schweig, Weib,« rief der Graf ärgerlich und schlug ihr mit geballter Faust ins Gesicht. Blut floß aus Nase und Mund: sie beugte sich über den Rand ihres Lagers und ließ es auf den Estrich träufen. Da hielt Karl leise seinen Handschuh hin und fing die Tropfen auf. Mählich schliefen der Graf und die Gräfin wieder ein. Elbegast kam geschlichen, nahm auf Karls Geheiß Eckerichs Schwert und schritt voraus dem Stall zu. »Herr,« sprach er dabei, »ich wollte den Hengst stehlen, umsonst; er beißt und schlägt und macht Lärm, sobald ich ihn berühre.« Karl trat schweigend in den Stall und an das Roß, legte ihm den Sattel auf, den Zügel an und führte ihn hinaus. Willig, ohne zu wiehern, folgte der Hengst vor das Schloß. Karl stieg auf und von Elbegast gefolgt ritt er seinem Hofe wieder zu. Vor dem Tore hielt er an und sprach: »Elbegast, ich mache dich wieder zu einem friedrechtigen 180 Mann in Karls Reich: – aber stehlen darfst du fürder nicht; die Hähne haben dir richtig gekräht: ich bin König Karl.« In der Halle aber rief er seinen Kanzler: »Höre, Freund, zwölf meiner Großen haben sich verschworen gegen mein Leben; ich weiß ihre Namen, und Eckerich ist ihr Anführer.« »Dann hat es keine Gefahr: wir fangen sie sogleich; aber wie willst du sie des Verrats überführen?« »Das laß meine Sorge sein. Du lade alle meine Getreuen zum Hoftag.« »Wann willst du ihn ansetzen, Herr König und wo?« »Um Pfingsten, hier in meiner Pfalz,« schloß Karl. Am Vorabend des Festes versammelte Karl seine getreuen Vasallen um sich, deckte ihnen den ganzen Verrat auf und ermahnte sie, wachsam zu sein. Am Pfingstmorgen wurde Königsfriede geboten und das Tragen aller Waffen untersagt. Eine feierliche Messe und Festfreuden füllten den Vormittag aus ohne Störung; da, als der König ermüdet sich in seinem Saal in der Pfalz auf das Ruhebett streckte, kamen die Verschwörer geschritten mit demütigen Mienen, ihm ihre Huldigung darbietend. Der König erhob sich und winkte den Wachen, sofort waren die Zwölf ergriffen und die Messer unter ihren Gürteln gefunden. Mit zorniger Stimme ließ Karl sie an: »Verräter und Lügner! Mich, euren Herr, wolltet ihr ermorden! Sieh' her, Eckerich, kennst du dieses Blut?« und er hielt dem Erstaunten den blutgetränkten Handschuh vor die Augen. »Das ist eine wunderliche Frage,« stotterte der Graf. »Denke der Nacht, in welcher dein Hengst aus deinem Stalle, dein Schwert aus deinem Gemache verschwunden sind, denke des Faustschlags, den du deinem treuen Weibe 181 gegeben. Ich stand hinter deinem Lager, und hörte eure Reden und fing das Blut auf; ich führte deinen Hengst fort, dort im Hof steht er, und ich nahm dein Schwert, schau es hier«: und Karl wies auf einen herzutretenden Knaben, der das Schwert in Händen trug. Da erschraken die Verschworenen, sie konnten sich des Verbrechens nicht entlasten und büßten es am Galgen. Die getreue Gräfin gab der König Elbegast zum Weib und setzte ihn als Grafen ein, an Eckerichs Stelle. 182 II. Der große Karl. 1. Karls Hoflager. Nun herrschte König Karl mit starker Hand über alles Reich, das der fränkischen Krone unterstand; den großen Karl hieß ihn das Volk. Er war von mächtigem und ebenmäßigem Körperbau, maß sieben seiner eignen Füße, sein Gürtel maß acht Faustlängen ohne das, was außer der Schnalle hing. Er spaltete mit einem Schwerthieb einen geharnischten Reiter mitsamt dem Rosse in zwei Teile. Drei Hufeisen bog er mit einem Griff und hob einen eisengekleideten Mann auf seinen Händen bis zur Kopfeshöhe empor. Sein schönes Angesicht mit der geraden Nase umwallte braunes Haar, das Kinn ein langer Bart, sein großes lebendiges Auge schien dem Freunde mild und heiter, dem Feinde schrecklich. Einst lobte er einem Bischof den Halleluja-Gesang eines jungen Geistlichen. Der Bischof, nichts vom Singen verstehend, hielt Karls Worte für Scherz und antwortete: »Ja, so etwas kann jeder Bauer seinen Ochsen am Pflug vordröhnen.« Zornig blickte Karl ihn an, und der Bischof stürzte wie vom Blitz getroffen zu Boden. Mit seinen hohen Schultern überragte der König alle seine Paladine: man brauchte ihn nicht erst zu 183 zeigen, wollte ihn ein Unwissender sehen. Er kleidete sich nach fränkischer Weise: in ein Leinenhemd und in ein Wams, mit Seide geziert, die Füße staken in Schuhen, bunte Bänder umschnürten die Beine, welche scharlachfarbene Hosen umhüllten, und im Winter schützte die Brust ein Rock aus Zobelpelz und Fischotter, von den Schultern aber wallte ein blauer Mantel, und nie fehlte an seiner Seite das Schwert, dessen Helze aus Gold oder Elfenbein gefertigt war. Nur zu Festzeiten schritt er einher in golddurchwirkten Gewanden, mit köstlichen Steinen besetzt und auf dem Haupte die Goldkrone, darein leuchtende Edelsteine saßen. Er richtete das Recht auf, befahl Äbten und Bischöfen verfallene Klöster und Kirchen wieder herzustellen und ging ihnen mit gutem Beispiel voran: denn er war tapfer, gerecht, weise und fromm, und Gott tat Wunder für ihn. Leicht floß ihm vom Mund die Rede, hell ertönte dabei seine Stimme. Er war gütig, doch auch streng und zornig: mit offenen Händen gab er Vornehmen und Geringen. Seine Sendboten zogen durch alles Land und sahen, daß des Königs Befehle auch vollzogen wurden. Gotteshäuser und Paläste ließ er erbauen, so zu Aachen die Muttergotteskapelle. Er schmückte sie mit Gold und Silber, mit ehernen Gittern, mit Marbelsäulen, aus Rom und Ravenna herbeigeschafft. Aber als sie halb fertig war, erwies sich's, daß der Baumeister des Königs sie zu klein bemessen hatte. Karl betete zu Gott um Abhilfe, und siehe, die Säulen wuchsen und trugen das Gewölb empor, und die Mauern dehnten sich aus, so daß nun alle Gläubigen seines Hofes darin Platz fanden. Aus Gold und Silber ließ er die heiligen Gefäße fertigen und priesterliche Gewänder für alle – auch den geringsten – Kirchendiener. Dann setzte er Priester ein und ließ mit großer Sorgfalt den 184 Chorgesang pflegen. In der Pfalz, welche er sich zu Aachen erbauen ließ, umstanden zwölf Schlösser für Paladine und Gefolgen, Diener und Leute allerlei Art seines Hoflagers die Königsburg, auf deren Giebel ein Adler saß, die goldenen Flügel ausgebreitet: daran erkannte man weithin Karls Anwesenheit. Denn im Kriege thronte der Adler auf seinem Zeltknauf. Der Bau dieser Pfalz war aber so kunstvoll eingerichtet, daß Karl durch das Gitter seines Söllers das Ganze überschauen konnte und auch die anscheinend verborgene Tat seinen Blicken klar lag. Vierzehn Grafen waren zu Hütern der Pfalz gesetzt. Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte oblagen in ihr dem heiligen Dienst, ja oft war der Papst dort ein Gast und sang die Messe. Von allen seinen Pfalzen weilte Karl am liebsten in der zu Aachen. Den Erzengel Gabriel hatte Gott zu Karls Schutz befohlen: er stand unsichtbar am Fußende seines Bettes, behütete seinen Schlaf und segnete ihn beim Erwachen. Einhundertundzwanzig Gläubige wachten jede Nacht an ihres Herrn Lager: vierzig von ihnen das erste Drittel der Nacht, die andern je vierzig das zweite und letzte: zehn zu seinen Häupten, zehn zu seinen Füßen, zehn zu seiner Rechten, zehn zu seiner Linken, in der Rechten das nackte Schwert haltend, in der Linken eine brennende Fackel. Frühmorgens hörte er die Messe und schenkte zur Opferung stets der Kirche etwas. Auch Armen und Bettlern reichte er da Gaben. Von dort schritt er in das Palatium und saß im Rat mit seinen Paladinen und Baronen, sei's nun in dem hohen Saal, sei's im Garten unter einem Baum. Vor allen ward Herzog Naimes von Bayern, im gleichen Jahr wie Karl geboren, sein Vertrauter und sein Freund. Naimes hatte Karls Hilfe angerufen gegen seinen Oheim und Mundwalt Tassilo von Bayern, der dem schwertreifen Jüngling das 185 Vatererbe vorenthielt. Karl bekriegte Tassilo und gab Naimes das Erbe zurück und machte ihn zum Herzog von Bayern. Seitdem mochte Naimes nimmer von Karl scheiden. Er war voll kriegerischen Mutes, doch weise bedacht und milde: nie riß ihn wilder Jähzorn hin, wie Herrn Karl. Stolz trug er sein Haupt, von braunem Haar und Bart umwogt, auf breiten Schultern. Zutrauen weckend blickten seine blauen Augen. Er hielt Herrn Karl den Steigbügel, wann dieser Tencendur, den graufarbenen Hengst, bestieg: er hemmte seines Herrn rasche Faust und heißes Zornwort durch weisen Spruch. Zu Pfingsten hielt Karl Hoftag in einem seiner Paläste zu Montloon (Laon), Paris, Aachen oder Ingelheim. Dann saß er auf seinem Faltestuhl aus Gold und Elfenbein, in königlichem Schmuck, stolzen Blickes mit hochragendem Leib. Einst, zu Paris: da speisten an seinem Tische siebzehn Könige, dreißig Bischöfe, ein Patriarch und tausend Priester, der Herzöge und Grafen zu geschweigen. Junge Edelinge, an hundert, in Hermelin und bunten Pfellel gekleidet, dienten den Gästen beim Mahle. Hinter Karls Stuhl standen drei Fürstensöhne, ihm aufzuwarten. Siebenhundert Gold- und Silberbecher glänzten auf seiner Tafel. Er war maßvoll: nur dreimal trank er während eines Mahles, aß stets gebratenes Fleisch, aber, seinem Wuchs angemessen, auf einmal einen Hasen oder eine Gans oder einen Pfauen oder einen Kranich oder ein Viertel eines Hammels, dazu ein wenig Brot und Obst. Dann ließ er arme Ritter herzugehen und teilte Kleider, Waffen, Falken, Rosse und goldene Heller unter sie aus mit freigebiger Hand. Nach dem Essen spielten die Vornehmen Schach und Brettspiel, die Jungen fochten und Karl schaute ihnen zu von seinem Faltestuhl herab. Und die kraftstolzen Recken 186 riefen jubelnd: »Heil dir, Karl, gebiete, Herr, und wir gewinnen dir alle Reiche der Welt!« Vor allen Freuden liebte er die Jagd, allein oder in großem Gefolge durchstreifte er die Wälder, vornehmlich die um Aachen. Auf solch einsamem Ritt mag es geschehen sein, daß er eine Elbin fand in verschwiegenem Waldesdicht. Er liebte sie zärtlich und hielt sie in Verborgenheit. So oft er zu ihr kam, empfing sie ihn glückstrahlend, ging er aber von ihr, erstarrte sie und harrte wie leblos seiner Wiederkehr. Einst, als er mit ihr scherzte, fiel ein Sonnenstrahl ihr in den lachend geöffneten Mund, und Karl sah ein Goldkörnlein unter ihrer Zunge kleben; er streifte es mit seinem Finger heraus: alsofort starb die Elbin, und wie ein Traumbild zerrinnt, wandelte sich Karls Liebe in Vergessen. Dem König durfte die Gemahlin nicht fehlen. Bald nach Galianens Tod vermählte er sich wieder, und er hat nacheinander mehrere Frauen heimgeführt. Die seinem Herzen am nächsten gestanden, war Hildigard, die Schwester Gerolds von Schwaben. Söhne und Töchter wuchsen ihm bald heran. 2. Karls Recht. Karl richtet die Römer und rächet den Papst. 187 Leo, Karls Halbbruder, war zu Rom auferzogen worden und saß nun auf St. Peters Stuhl. In einer Nacht zu Ingelheim weckte Karl eine Stimme, die rief: »Wach' auf, Karl, lieber! Zieh' nach Rom: Leo, dein Bruder, fordert dich.« Sogleich machte Karl sich auf die Reise: und er wurde in Rom von allen freudig empfangen. Der Papst sang eine Messe, das Volk sprach: »Karl soll unser Vogt und Richter sein.« Er aber achtete solcher Rufe nicht; demütig und barfuß pilgerte er in die Kirchen und flehte zu Gott. Da warfen Papst und Volk sich vor ihm nieder, Karl willfahrte ihren Bitten und alle sangen Amen. Als er aber wieder geschieden war aus der Stadt, erhoben sich die Unzufriedenen gegen ihn: sie drangen in Sankt Peter ein, fingen den Papst und stachen ihm beide Augen aus: so geblendet schickten sie ihn ins Frankenland, Karl zum Hohn. Der Papst ritt auf einem Maultier, zwei Kapellane und zwei Knechte geleiteten ihn nach Ingelheim, wo Karl weilte. Als der Papst daselbst in den Burghof eingeritten war, hielt er sein Maultier an und sandte den einen Kapellan zum König in den Saal: »Sage dem König, ein armer Pilger wolle ihn gern sprechen.« Weinend, daß ihm blutige Zähren über den Bart rannen, ging der Kapellan vor den König, kniete nieder und konnte kaum sprechen: »Auf, großer Karl! Komm 188 hinaus und rede mit deinem Kapellan, dem großes Leid angetan ist.« Karl folgte dem Mann eilend hinaus und sprach: »Weilet bei mir, ihr frommen Leute, und klaget mir eure Not, damit ich euch Sühne und Recht schaffe.« Da wollte sich der Papst zu dem König kehren, aber sein Haupt stand zwerch, er sprach: »Wolle Gott, daß mir deine Hilfe geschehe! Es ist noch nicht lang her, da sang ich dir – sehend mit beiden Augen – eine Messe!« Nun erst erkannte Karl seinen Bruder, den Mißhandlung, Verstümmelung und Not also entstellt hatten; er raufte sich die Haare und brach in Tränen aus. »Um deinetwillen,« fuhr der Papst fort, »hab' ich die Augen verloren. Doch weine nicht mehr, Karl: laß uns Gott danken, seine Barmherzigkeit ließ mir das Leben.« Wehklagen und Weinen geschah durch die weite Pfalz. Karl aber ließ sich genau die Missetat der Römer berichten und schwur: »Ich räche deine Augen, oder führe nie wieder Joyeuse, mein Schwert!« Er sammelte ein Heer und zog über die Alpen. Als sie vom Mendelberg mons gaudii, monsjoie: daher Karls Heerruf: »mons joie«. aus Rom liegen sahen, ließ Karl die Scharen halten. Er betete drei Tage und Nächte, daß seine Herzoge darüber ungeduldig wurden; doch Karl sprach: »Ich erflehe Gottes Urlaub zu diesem Streit und harre noch eines Dienstmannes, den Gott mir senden möge.« Am vierten Tag scholl eine Stimme vom Himmel: »Zögere nicht länger, Karl, die Rache soll ergehen.« Da schwangen die Herzoge Karls Banner empor: die Oriflamme, das ist eine goldene Flamme, und als die Reihen den Berg hinabzogen, ritt ein Kämpe auf den König zu: 189 der Schwabe Gerold, und ihm folgten drei Scharen. Freudig grüßte ihn Karl: »Ich habe lange dein gewartet, du liebster unter meinen Mannen.« Er rückte den Helm auf und küßte ihn und verlieh den Schwaben den Vorkampf im Streit. Sieben Tage und Nächte belagerte Karl Rom, und kein Römer wagte, mit ihm zu streiten; am achten Tage schlossen sie die Tore auf und ließen den König ein. Nun saß König Karl zu Gericht über die Römer: die Schuldigen wurden vorgefordert, aber sie leugneten alle. Da wollte Karl durch Kampf die Wahrheit erwiesen haben. »Das ist kein Recht in Rom,« riefen sie, »dazu kann uns niemand zwingen, wir reinigen uns durch Eid.« »Euer Recht will ich nicht kränken,« antwortete Karl funkelnden Blickes, »so sollt ihr schwören, aber auf die Gebeine von Pankratius, dem heiligen Knaben, der den Meineid straft! Auf, ins Pankratiusstift!« Da zogen sie hinein in die Krypta, aufgetan ward der Sarg, und die Angeschuldigten mußten die Finger auf die heiligen Gebeine des Toten legen: der erste, welcher den Schwur sprach, sank tot zu Boden. Die andern wichen verzweifelnd zurück und suchten zu entfliehen. Zürnend ritt Karl ihnen nach. Drei Tage hindurch ließ er sie in ihren Verstecken fangen und erschlagen, dann wurde St. Peters Dom gesäubert: Karl führte den Papst wieder hinein an den Altar, kniete nieder und rief laut zu St. Peter: »Du Torwart des Himmels, schau an deinen Papst: heil und gesund ließ ich ihn in deinem Haus, blind hab' ich ihn wiedergefunden. Machst du ihn nicht wieder sehend, so reiße ich deinen Dom nieder, breche deine Stiftung und fahre in mein Heimatland.« Darauf sprach der Papst seine Beichte und sah ein 190 himmlisches Licht, er wandte sich zum Volke und hatte beide Augen wieder. König Karl und alles Volk sanken in die Knie, breiteten die Arme aus und lobsagten Gott. Der Papst salbte Karls Haupt und das Volk rief: »Heil Karl unserm Kaiser!« Da war große Freude in Rom. Kaiser Karl setzte nun sein Recht und sein Gesetz ein und alle Römer eideten, das zu halten. Einhard und Imma. Kaiser Karl hatte einen Geheimschreiber Einhard, der ihm löbliche Dienste tat. Er war klein von Gestalt, jung, rechtschaffen, voll Gelehrsamkeit und hatte regen Sinn für die Künste und alles Schöne. Er wurde darum von Karl und allen Leuten geliebt und gar hoch geehrt, und mehr als alle liebte ihn Imma, des Kaisers schöne Tochter. Sie war dem griechischen König als Braut versprochen. Aber zwischen ihr und Einhard wuchs heimlich heiße Liebe. Nur die Furcht, daß Karl ihr Geheimnis entdecken möchte, hielt die beiden davon ab, eine Zusammenkunft zu wagen. Endlich, – es war in der Pfalz zu Aachen, – in Winterszeit, da obsiegte die unheilbare Liebe: der Jüngling, der keinem Boten vertrauen wollte, was in seinem Herzen brannte, schlich selber in stiller Nacht an des Mägdleins Gemach. Leise klopfte er an die Kammertür, als käme er mit einer Botschaft des Kaisers, und fand Einlaß. Da haben sie einander ihre große Liebe gezeigt. Als er dann vor Tagesanbruch von ihr scheiden und zurückeilen wollte, da war über Nacht ein dicker Schnee 191 gefallen; er wagte nicht, durch den Hof zu schreiten, um nicht durch die Spuren von Mannestritten das Geheimnis zu verraten. Sie berieten, was zu tun sei, und Imma fand kühnen Rat: »Ich trage dich auf meinem Rücken über den Hof und vorsichtig in meine eignen Fußspuren tretend kehr' ich wieder zurück.« Nun wollte es die Schickung, daß Karl in dieser Nacht keinen Schlaf fand. In der ersten Morgendämmerung stand er auf und schaute von seinem Söller aus hinab in den Hof. Da sah er seine junge Tochter, wie sie hochgegürtet unter ihrer Last hinschritt, den Mann absetzte und hurtig zurückkam. Wohl hatte er Einhard erkannt: Bewunderung und Scham zugleich ergriffen ihn, doch bezwang er sich und schwieg. Einhard aber, dem das Gewissen schlug, ging am nächsten Tag zu seinem Herrn, kniete nieder und bat um seine Entlassung, weil sein treuer Dienst ihm nicht gelohnt werde, wie er's ersehne. Kaiser Karl strich seinen langen Bart, schweigend betrachtete er lange den Jüngling, dann antwortete er: »Steh' auf, Einhard, bald sollst du Bescheid erhalten auf deine Bitte.« Unterdessen setzte er ein Gericht an und berief dazu seine Räte und des Reiches Vornehmste und als sie versammelt waren, hub er an, daß seine kaiserliche Ehre beschimpft sei durch einen Liebeshandel seiner Tochter Imma mit seinem Schreiber. Und als seine Räte erstaunt und voll Zweifel da saßen, erzählte der Kaiser ihnen, was er mit eignen Augen gesehen, und forderte ihr Urteil. Die einen rieten zur Strenge, die andern zur Milde und Herzog Naimes sprach: »Herr, in Liebessachen ist Verzeihen das Beste: da es sich nun um deine Tochter handelt, so richte du allein über sie als der Weiseste unter uns.« Lang erwog der Kaiser den Spruch, den er also fällte: »So mag Gnade für Recht ergehen und ich will sie durch rechtmäßige Ehe miteinander verbinden.« Alle lobten des Kaisers Milde: Einhard ward gerufen, freundlich grüßte ihn Karl und sprach: »Hättest du mich deine Unzufriedenheit früher wissen lassen, wäre dir dein Dienst längst besser vergolten worden; nun will ich dir meine Tochter Imma, die dich neulich, hochgegürtet, willig getragen hat, zur Frau geben.« Sogleich ließ er seine Tochter Imma hereinführen; mit errötenden Wangen trat sie vor ihn hin und wurde aus des Vaters Hand in die Einhards gegeben. Auch schenkte er ihr eine reiche Aussteuer und Mitgift an Land, Gold und allerlei Gerätschaften. Dem fügte später, nach Karls Tod, sein Sohn noch zwei Besitzungen im Maingau hinzu, wo es jetzt Seligenstadt heißt. Dort in der Kirche liegen Einhard und Imma auch begraben. Karl und die Schlange. Überall, wohin Kaiser Karl kam, ließ er vor seiner Herberge eine Glocke aufrichten. Da sollte herzugehen und die Glocke läuten, wer ein Urteil heischte, ob er reich oder arm, vornehm oder gering sei. Nun saß Kaiser Karl einst beim Mittagsmahl in Zürich, – in dem Hause »Zum Loch« genannt, – als er die Glocke erklingen hörte. Er sandte vier Hüter hinaus, sie fanden niemand bei der Glocke und meldeten es ihrem Herrn. Es läutete aber zum andern Male. »Bei meinem 193 Zorn!« gebot der Kaiser, »ihr lässigen Boten, gehet und habet besser acht.« Die gingen und schauten nach allen vier Winden aus, sahen niemand und kehrten zurück in den Saal: »Herr, wir taten nach deinem Befehl, es steht aber niemand draußen, weder nah noch fern.« Indem erklang die Glocke zum dritten Male, zornig sprach Karl: »Hört ihr den Klang nicht? Und führt ihr mir nicht herein, wer draußen sein Recht begehrt, so straf' ich euch mit dem Tode.« Erschrocken liefen die vier Hüter hinaus, fanden aber wieder kein lebendes Wesen, und klang doch die Glocke. Da beugte sich einer nieder und schaute hinein: da sah er, wie eine harmlose Schlange sich um den Klöppel geringelt hatte und ihn hin und her schwang. Sie meldeten es dem Kaiser. Der sprach: »Das ist Gotteswunder! Der Schlange mag ein Unrecht widerfahren sein, das sie mir klagen will. Tut auf die Tür.« Da schlüpfte der Wurm alsbald durch das offene Tor. »Herr, der Wurm geht gegen Euch,« riefen ängstlich die Diener vorspringend, aber Karl befahl: »Zurück! Wehret ihm nicht.« Die Schlange neigte sich ehrerbietig vor dem Kaiser und legte sich vor seine Füße: daran erkannte er, daß sie Gericht von ihm heische, und er sprach: »Ich gebiete dir bei Gott dem Allwissenden, tue mir kund dein Leid, damit ich dir helfen mag.« Da kroch die Schlange wieder hinaus, ihr folgten auf des Kaisers Wink die vier Hüter der Glocke. Der Wurm führte sie in ein Dickicht, nah einem Wasser, da hockte eine häßliche Kröte breit auf der Schlange Nest und auf ihren Eiern. Mit Stockschlägen trieben sie die Kröte in den Saal vor Kaiser Karl. Der richtete sie sogleich und ließ sie durchstechen mit einem Jagdspeer. Auf der Stelle, wo der 194 Schlange Nest gestanden hat, erbaute der Kaiser eine Kirche; man nennt sie Wasserkilch Auch wird gesagt: »Die Schlange kam nach einigen Tagen wieder zu Hof, kroch auf des Kaisers Tisch, hob den Deckel von Karls goldnem Pokal und ließ aus ihrem Munde einen kostbaren Edelstein hineinfallen, verneigte sich und schlüpfte hinaus. Diesen Stein schenkte Karl seiner Gemahlin Hildigard: er hatte die Kraft, daß Karl ständig ihr anhing. Als sie starb, steckte sie den Stein unter ihre Zunge, damit er ihrer nicht vergessen sollte. Karl mochte sich nicht von dem unverwesenden Leichnam trennen und führte ihn viele Jahre mit sich herum, vergessend seiner Geschäfte. Da hörte Turpin, der Bischof, von dem Stein, durchsuchte die Leiche und fand ihn unter der Zunge und nahm ihn fort. Alsbald verfiel die blühende Tote der Verwesung. – Karl befahl nun sie zu begraben. Turpin aber warf den Stein in einen See zu Aachen und darum soll der Kaiser Karl dort am liebsten geweilt haben. . 195 III. Von Karls Paladinen. 1. Von Ogier dem Dänen. Göttrik, König von Dänemark, bekriegte den König von Holmgard und führte dessen Tochter gefangen mit fort. Er ließ sie Danemunda taufen und nahm sie zum Weibe; sie gebar ihm einen Sohn und starb. In der Nacht traten an des Kindes Wiege sechs Wunschfrauen Dahn , Walhall. Sämtl. poetische Werke. Erste Serie Bd. VIII. S. 159. , schön von Angesicht und köstlich gekleidet: sie hoben den Knaben wechselweise aus ihre Arme und begabten ihn. »Er werde der tapferste Kämpe,« hub die erste an. »Mut und Stärke genügen nicht: ich weise ihm die Wege des Ruhmes und der Ehre.« »Und unbesiegbar im Kampf soll er sein und nie Todeswunde empfangen.« »Ihr denkt nur an Heldentum: ich schenke ihm allsiegende Schönheit.« »Und die er begehrt, die soll er gewinnen.« Da schloß die jüngste, Morgane, König Artus Schwester, ihn in die Arme und sprach: »Eure Gaben seien mir 196 Gewinn: hat er sie alle ausgekostet auf Erden, dann soll er teilen mit mir ewige Jugend und Freuden in Avalon, dem Feenreich.« Am nächsten Morgen ward das Knäblein Holger getauft und zweien Ammen zum Aufziehen überwiesen; denn eine genügte nicht. Er wuchs auf, ward stark, groß und schön, klug und liebenswert, rote Locken fielen ihm auf die Schultern, scharf blickten seine grauen Augen. Er erhielt den besten Unterricht bis ins zehnte Jahr: da führte ihn das Geschick an Karls Hof. König Göttrik hatte nach neun einsamen Jahren ein ander Weib geehelicht und von ihr einen zweiten Sohn gewonnen. Er vertraute Gott und seinem starken Schwert und weigerte dem Kaiser die Huldigung. Doch bald stand er, im eignen Lande besiegt, vor Karl; der verzieh ihm gnädig: in Jahresfrist sollte er in Paris huldigen. Göttrik versprach's und vergeiselte ihm Holger als Pfand seiner Treue. Karl nahm den Knaben mit und gab ihn in Herzog Naimes milde Hut und Zucht. Die Franken nannten den Knaben nach ihrer Sprache Ogier, und haben es auch nicht mehr anders gelernt. Göttrik hielt den Schwur nicht. »Der Däne ist hart, er löst weder Wort noch Sohn aus,« sprach Karl, da Naimes den Knaben zur vertragenen Frist an den Hof brachte. Er übergab Ogier einem Herzog in Flandern, daß er ihn gefangen halte bis zur Auslösung. Der Flandrer gewann den Knaben lieb und ließ ihn in Schloß und Burgbann frei verkehren mit seinen Gesippen und Gästen. Ihm vertraute Ogier seine Sorge: »Ich fürchte, daß meine Stiefmutter meinen Vater seines Wortes vergessen mache, damit ich in Gefangenschaft sterbe und ihr Sohn König von Dänemark werde.« »Das soll nicht geschehen,« rief der Herzog und eilte 197 zu Karl. Da baten alle Grafen für Ogier, ein alter Normanne riet, noch einmal einen Boten an Göttrik zu schicken. »Denn vielleicht ist der erste auf der Fahrt verschlagen oder umgekommen.« Bald darauf standen des Kaisers Boten in Dänemark und pochten ungestüm an des Königs Tor: ein Erzbischof, ein Herzog und ein Graf. Alsogleich verlangten sie den König zu sprechen, doch mußten sie warten bis nach der Mahlzeit. Da sprach der Erzbischof: »Uns sendet Herr Karl und fragt: König Göttrik, warum kamst du nicht nach Paris zur Huldigung, wie du gelobt hast auf Treu' und Ehre? Nun folge uns sogleich und weigerst du's, dann wird Kaiser Karl selbst kommen und dein Reich brechen. Aber dich, dein Weib und dein Kind hier läßt er töten und auch an Ogier wird erwiesen werden das Recht des Eidbrechers.« »Freche Franken,« brauste Göttrik auf, »so schmäht ihr meine Ehre? Ich lasse euch zeichnen, ihr Herren, damit Herr Karl sehe, ihr waret bei mir.« Er ließ ihnen die Nasen abschneiden und ein Mal auf die Stirn brennen. »Nun fahret heim und meldet eurem Herrn: Wie er uns getan, so wird der Däne jedem tun, der mit Karl nach Dänemark zieht.« Als die Verstümmelten zu Aachen ins Palatium und vor Karl traten, wurde er sehr betrübt; lang saß er sinnend, bevor er Worte fand: »Schande und Schmach. Wer wagte das zu tun?« »Erkenne daran, daß wir bei deinem Feinde gewesen sind, der dir an all deinen Getreuen denselben Hohn bietet,« antworteten die Boten. »Barone!« rief Karl, »sehet diese Unglücklichen! Bei 198 meinem Barte, grimmig will ich sie rächen. Bringt mir Ogier, er sterbe zuerst.« Ogier kam, beugte das Knie und bat: »Großer Karl, schone meiner! Ich will dir dienen in Krieg und Frieden und einst dieser Unglücklichen Leid wett machen.« »Er ist stark und tapfer,« riefen seine Freunde, »schenke ihm das Leben.« Aber die Verstümmelten schrien dagegen »Rache!« und so oft der Kaiser sie ansah, stach's ihm ins Herz und er blickte finster nach Ogier, ihm das Urteil suchend. Da stürmte ein Bote des Papstes in den Kreis mit einem Brief: darin stand geschrieben, wie Saracenen und Heiden, geführt von Corsubel, Rom erstürmt, den Papst verjagt, Männer und Weiber gemordet, in den Kirchen die Altäre umgestürzt und ihrer Götzen Bilder darin aufgerichtet hatten. »Herzoge, Grafen und Barone,« rief Karl, »ihr Herren auf: in die Waffen! Nach Rom.« Er erhob sich von seinem Faltestuhl und wiederum fiel sein Blick auf die Verstümmelten und Ogier; da befahl er: »Richtet ihn: – er sterbe.« »Nein!« rief Naimes, seine Hand auf Ogiers Schulter legend, »er ist schuldlos und mein Freund.« Zornig hörte Karl die stolzen Worte, bald aber sprach er milde: »Wohlan, Naimes, er lebe! Doch bleibt er mein Gefangener; du hütest ihn, bis ich ihn zurückfordere.« Die Franken rüsteten den Heereszug. Zwei Vettern des Herzogs Naimes geleiteten Ogier auf das Schloß Sankt Omer. Dort lebte Elisene, Naimes schöne Tochter; Ogier ward von Liebe zu ihr entzündet und umwarb sie heimlich. Einst lustwandelten sie miteinander; Elisenens Zicklein, das sie stets begleitete, hüpfte vor ihnen hin in 199 den Wald: da sprang ein Wolf aus dem Dickicht auf das Zicklein zu. Mutig griff die Herzogin mit ihren zarten Händen dem Untier an den Hals und drängte es von dem Zicklein fort. Der Wolf riß sich los und wütete vor Gier, aber schon hatte Ogier einen Stein ergriffen und warf sich ihm entgegen. Der Wolf sprang ihm an die Brust und kratzte mit seinen Klauen: das Wams zerriß, Blut spritzte auf: – dann lag das Tier, vom Stein erschlagen, am Boden. Elisene hatte alles gesehen, erbleichend untersuchte sie Ogiers Wunde. »'s ist nur eine Schramme,« lachte er. Da warf sie sich ihm jubelnd in die Arme. »Nun wisse, daß ich dich liebe.« Sie vermählten sich einander, hielten aber Liebe und Ehe geheim, weil sie des Kaisers Zorn fürchteten. Bald mußten sie sich trennen: Ogier durfte in Naimes Gefolge reiten. »Weh' mir,« klagte Elisene beim Abschied, »wenn du mich verläßt, wird Schmach und Jammer mein Teil.« »Sorge nicht, Geliebte; zum erstenmal ziehe ich aus in den Kampf und will solche Ehren gewinnen, die all deinen Gram stillen: Niemand wird uns dann noch trennen.« In Paris sammelten sich die Scharen: Franken, Picarden, Bretagner, Aquitanier, Friesen, Alamannen und Bayern. Da lachte Ogiers Herz. Den Helm auf dem Haupte, den Panzer auf der Brust, das Schwert Joyeuse in der Faust, zog Kaiser Karl an seines Heeres Spitze über die Alpen. Sie gerieten in unwegsame Wildnis: ein reißender Fluß, den sie weder umgehen noch überschreiten konnten, hielt sie auf. Die Haufen verzweifelten und gerieten in Unordnung. Karl aber kniete nieder und bat den Himmelsherrn um Hilfe: 200 da sprang ein weißer Hirsch im Gebüsch neben Karl auf und schritt dem Heere voran durch eine sichere Furt: – dann verschwand er. In Susa, nahe Rom, traf Karl den Papst mit seiner Klerisei. Der klagte laut der Saracenen Gotteslästerung und furchtbare Frevel und Gewalt an Christi geheiligten Dienern. »Gott räche sich selbst,« rief Karl. »Ich räche dich, wie ich's kann.« Herzog Naimes sprach zu Karl: »Herr, mein Schildknappe ist erkrankt, gib mir an seine Stelle den gefangenen Ogier.« »Es mag sein, doch gib wohl acht, daß er nicht entrinne.« »Dafür setz' ich Herzogtum und Leben dir zu Pfand.« Ogier jauchzte: »Habe Dank, Herzog! Gott sei Zeuge: ich laufe dir nicht davon: keiner soll kühner das Schwert führen, als ich.« Corsubel, der Admiral (Sultan), lagerte in Rom; Danemont, sein Sohn, hörte von Karls Ankunft und wollte ihn gleich überfallen. Ohne seines Vaters Wissen, in der Nacht, ritt er aus mit seiner Schar. Die Franken hatten starke Wachen ausgestellt, Herzog Naimes selbst befehligte sie: – gegen Morgen sahen sie auf den Bergen die Feinde nahen und griffen sie rasch entschlossen an; so trafen die Kampflustigen aufeinander mit frischem Mut. Die Heiden schossen Pfeile und kleine Wurfspeere aus Rohr, dicht wie Hagel, die Christen stürmten mit gesenkten Langspeeren an: ein fränkischer Edeling durchstach Danemonts Vetter. Mit wilden Worten feuerte Danemont seine Reiter zur Rache an: ungestüm drängten sie: Naimes Häuflein konnte nicht standhalten und wandte zur Flucht. 201 Herrn Karl ward die Schlappe kund; sogleich machte er sich streitfertig. Er bestieg Tencendur, seinen graufarbigen Hengst aus Spanien, Herzog Naimes hielt ihm den Steigbügel. Sein Banner mit der Oriflamme vertraute er Alori dem Lombarden an; der schwang's empor: »Montjoie Karl!« riefen Paladine und Heerscharen, fortstürmend in den Kampf. Denn schon war Corsubel mit einem Heere seinem Sohne zu Hilfe geeilt und stand vor Sutri, die Franken erwartend. »Schlagt zu, Barone,« rief Karl, »trefft gut den Feind!« Und eine gewaltige Schlacht hob an. »Das ist ein hartes Volk,« sprach Alori, »mich dünkt, jeder Schlag ist umsonst. Wer lieber lebendig als tot sein mag, der folge mir.« Er wandte dem Feind den Rücken, ob aus Feigheit, oder Verrat? Wer weiß das? Und viele folgten ihm. »Ich sehe die Franken fliehen,« rief Danemont, »dränge nach, rasch vorwärts!« Da wurden viele in die Flucht gejagt, viele niedergeschossen, die aber tapfer standhielten und nicht wichen, sahen sich bald von Saracenen umzingelt. Unter ihnen war Naimes. Karl hielt auf einem Hügel. »Herr,« sprach einer seiner Gefolgen: »Alori ist ein feiger Mann: sieh', er flieht; nun glauben die Heiden, wir räumen das Feld.« »Die Scharen weichen und wanken, und Naimes seh' ich umringt,« grollte Karl. Da schallte Kriegsschrei dicht an seinem Ohr: »Schießt, schießt,« und rechts und links neben Karl fiel ein Schildknecht. Karl sah Heiden ringsum: doch schrecklich leuchtete Joyeuse in seiner gewaltigen Faust, er wehrte sich tapfer, bis seine Paladine ihn befreien konnten. 202 Währenddessen hatte Ogier mit tausend Schildgenossen in einem Gehölz gestanden: dorthin kam Alori mit dem Banner. Ogier griffe ihm in die Zügel: »Was fliehst du, Alori, und wirfst das Banner nieder, dem wir alle folgen sollen?« »Karl ist gefangen und all sein Volk.« »Du lügst, feiger Verräter! Du wagst nicht, geschwungen Schwert noch fließend Blut zu schauen.« Und er hieb Alori einen Todeshieb und riß ihn aus dem Sattel. Rasch waffnete er sich mit Aloris Helm und Schild, sprang auf dessen Hengst, in der Rechten ein Schwert, in der Linken das Banner schwingend und sprengte zurück aufs Schlachtfeld: »Montjoie, ihr Herren, haut tapfer zu!« »Montjoie,« hallte es wieder, weithin durch alle Reihen. Hoch flog die Oriflamme: hier fielen die Saracenen zu Haufen vor des Dänen Schwert, dort flohen sie mit Schanden; keiner wagte sich bald noch in seine Nähe. Ein Scheich bewachte den Haufen der Gefangenen und suchte sie nun rechtzeitig in Sicherheit fortzubringen. Ogier hatte es aber gesehen; stracks ritt er hinterdrein mit seiner Schar und geradewegs auf ihn zu. Bald waren alle Gefangenen befreit, der Scheich floh. Ogier trieb und hetzte ihn, das flatternde Banner hochhaltend. Da kamen einige Franken nachgerannt und riefen von fern: »Kehr' um, Bannerträger, hilf deinem Herrn.« Ogier riß sein Roß herum. Vier Heidenkönige, Danemont unter ihnen, hatten Karl zugleich angegriffen. Er fiel aus dem Sattel: mit Streithämmern schlugen sie ihm auf Helm und Brünne, daß er schier betäubt wurde. »Hilf Saint Denis!« rief Karl. »Montjoie« klang's zurück; schon war Ogier zur Stelle. Den ersten durchhieb er mit seinem Breitschwert, rasch half er Karl wieder aufs Roß und wandte sich gegen die andern drei: die flohen 203 wie Schafe vor einem Berghirsch und alle Heiden sprengten mit davon. Einer ihrer Vornehmen fragte, sich im Sattel wendend: »Wer bist du, Franke, daß du uns so arg drängst? Heut Morgen sah ich dich doch fliehen mit deinem Banner.« »Ich bin der Däne Ogier: mich sahst du nicht fliehen!« Zornig schlug er ihm das Schwert aus der Hand und umschloß mit der Faust des Saracenen Schwertarm. »Bist du so streitlustig, Däne, dann laß mich los und ich stelle dir unsern kühnsten Mann zum Einzelkampf: König Caraheu, er zieht heran gegen euch.« »Schaffe mir den Kämpen: – dann magst du frei sein.« Ogier ließ den Arm fahren, der Heide jagte davon. – Karl sah sein Banner fliegen, den Feind fliehen: »Ist's Alori?« sprach er, »so tat ich ihm Unrecht; bei meinem Bart, komme ich heil aus dieser Heerfahrt zurück, mach' ich ihn zum mächtigsten Mann im Frankenreich.« Da kam Ogier vom Schlachtfelde geritten und ging vor des Königs Zelt mit dem Banner. »Alori,« rief Karl, »treuer Diener und Freund! Du hast mir das Leben gerettet, mein Banner wieder aufgerichtet, meine wankenden Scharen zurück zum Kampf und Sieg geführt, – begehre, was du willst, ich gewähr' es dir.« »Herr Karl,« sprach da Naimes, »dieser ist nicht Alori; der floh. Ogier hat den Verräter erschlagen und in Aloris Wehr dein Banner in den Sieg getragen. Sieh her.« Er nahm dem Dänen den Helm vom Haupt. Ogier beugte sein Knie und sprach: »Herr König, steht mir die Bitte frei, so bitt' ich um Gnade für meinen Vater, und mich nimm an als deinen Wehrmann.« 204 Karl zog ihn empor an seine Brust, aller Zorn war verflogen: »Edler Held, deine Bitte sei gewährt; empfange dein Schwert aus meiner Hand, schwinge es für mich und trage mein Banner im Vorstreit. Kommen wir aber wieder ins Frankenreich, dann schenk' ich dir Land und Lehen.« Karl kehrte zurück in die Stadt: Papst und Volk lobten Gott für den Sieg. Im Saracenenlager zürnte Danemont: »Schmach und Schande! Wie ein glühender Teufel fuhr uns der Bannerträger nach.« »Sieg und Unsieg wechseln im Leben, Sohn,« antwortete der Admiral; »fasse dich, schon naht Caraheu mit seinem Hilfsheer.« Der von Ogier gefangene Heide ging Caraheu entgegen und erzählte, wie's ihm ergangen mit dem Dänen: »Unsre Leute halten ihn für einen Dämon: willst du nun mich und mein Wort auslösen?« »Das will ich, Freund,« antwortete Caraheu. Am Tage des Sieges war Carlot, des Kaisers Sohn, mit einer zahlreichen Schar in Sutri eingetroffen. Aus aller Munde vernahm er Ogiers Lob: das ließ den fünfzehnjährigen Knaben nicht ruhen. »Freunde,« sprach er zu seinen Genossen, »ich will heut Nacht gegen die Heiden reiten; rüstet eure Häuflein: vielleicht erjagen wir reiche Beute und gewinnen große Ehren.« Sie waren willig: »aber laß uns Ogier mitnehmen,« mahnten sie: »er ist klug und die Heiden fürchten seine starke Faust schon.« »Wir haben eben so hurtige Hände als der Däne: ich will weder seinen Rat noch seine Tat: er bleibe, wo er 205 ist; – ich reite, ob ihr mir folgt oder nicht.« Da zogen sie mit ihm aus. In derselben Nacht träumte Karl, wie ein großer, grimmer Vogel mit Klauen und Schnabel nach Carlot hackte und ihm Herz und Eingeweide herausriß. Da er aufwachte, erloschen die Fackeln im Saal. Er sprach: »Mir träumte Wunderbares. Ruft mir Carlot, meinen Sohn.« Statt seiner kam ein Bote und rief: »Herr König, hilf! Wir folgten Carlot zum Kampf gegen die Heiden: nur noch wenige von uns sind am Leben und in arger Not.« »Ogier,« befahl Karl, »rasch, waffne dich, und befreie meinen Sohn.« – Carlot stand im Feld und stritt wacker, doch der Feinde waren so viele. König Caraheu rief mit wilder Stimme: »Wo ist Ogier? Mit ihm muß ich kämpfen!« »Der ist nicht hier, aber genug andre voll Mutes, dir zu stehen,« antwortete man ihm. Der Heide ritt Carlot an, stach sein Roß nieder, und wehrlos stand der Franke vor ihm. »Ogier, wärest du nun hier!« rief Carlot traurig, da sah er einen Heidenfürsten tot niederstürzen, Caraheu gab ihn frei: denn der Däne war da und ging mit breiten Schwerthieben in den Kampf: grauend wichen alle vor ihm. »Merke dir den, Caraheu,« sprach der Freund, »das ist Ogier.« Der Admiral ließ zum Rückzug blasen: aber der Däne verfolgte und rief: »so stehet doch und wehrt euch.« Caraheu wandte sein Roß und antwortete: »Kehr' um, Ogier, ich bin König Caraheu, Gloriandens Verlobter und Frankreich bring' ich ihr zur Morgengabe; laß uns diesen Krieg im raschen Zweikampf entscheiden vor den Toren Roms. Besiegst du mich, so gewinnst du Gloriande, 206 die herrliche Jungfrau, des Admirals Tochter, und wir räumen dies Land.« Ogier nickte. Sie ritten auseinander. Zu Corsubel sprach Caraheu: »Admiral, solange der Däne ins Feld reitet, siegen wir nicht, deshalb will ich's allein mit Ogier entscheiden. Sende Karl die Botschaft.« Zornig empfing Karl seinen Sohn: »Schmach und Schande hast du mir bereitet; die Heiden werden sich des Sieges rühmen über König Karls Sohn.« »Vater,« antwortete der Knabe beschämt, »Ogier gewann den Sieg den Franken zurück, die Heiden flohen vor ihm.« Kein Heide wagte sich als Bote ins fränkische Lager. Da legte Caraheu köstliche Kleider an: – Niemand wußte, woher sie stammten: auf einer Insel, am Ende der Welt waren sie gefunden worden, gefertigt aus Drachenhaut – schwang sich aufs Roß, ritt selber zu Karl und sprach: »Der Gott, dem du vertraust, segne dich und dein Reich: Also spricht zu dir der Admiral: Laß dir genug sein des Sieges: steck' ein dein Schwert und laß mir Rom, die Stadt: willst du das aber nicht, dann soll ein kurzer Kampf zwischen uns entscheiden. Darum fordre ich, König Caraheu, in meines Herrn Namen Ogier heraus. Siegt der Däne, so wenden unsre Heere, besieg' ich ihn, dann beugen sich die Franken vor dem Admiral.« »Ich bin bereit,« rief Ogier. Schweigend hatte Karl die Botschaft gehört, leuchtenden Auges die Recken betrachtet, dann antwortete er drohend: »Heide, dir soll geschehen, wie du begehrst.« Als Caraheu mit dem Bescheid zurückkam, erhoben sich zwanzig Fürsten von ihren Sitzen und wählten die besten Waffen für Caraheu aus. Auf einer Insel im Tiber trafen die Recken einander, ohne Begleiter. Danemont war aber zuvor heimlich mit einer bewaffneten Schar 207 dorthin geeilt und hielt sich geborgen in einem Gebüsch, von wo aus er den Kampfplatz überschaute. Einige vornehme Franken hatten Ogier geleitet und blieben am Ufer zurück, des Ausgangs harrend. Gloriande kam gegangen, das Wettspiel anzusehen; sie setzte sich unter einen Ölbaum. »Ogier,« begann Caraheu, »glaube an Allah, komm zu uns und dort die schöne Jungfrau soll wählen zwischen dir und mir.« »Das sind leichtfertige Reden; Herr Karl hat mich hergesandt, gegen falsches Recht und Irrlehren zu streiten, nicht um schönen Weibes Gunst. Wahre dich, du sollst den Dänen spüren.« Ogier wollte seinem Feinde gleich das Haupt spalten: doch sein Schwert glitt ab und streifte des Rosses Nacken: es scheute auf und rannte davon; Caraheu trieb es zurück, schoß seinen Wurfspeer und verwundete Ogier in der Seite. Zornig hieb Ogier auf Caraheus harten Helm. Steine brachen heraus, der Riemen barst, der Helm fiel, aber der Heide hatte schon des Dänen Schild zerhauen und saß noch immer heil; nun faßte Ogier den Speer und rannte ihn an, daß er wie tot rücklings auf seinem Hengste lag. Da brach Danemont mit den Bewaffneten hervor und alle hieben auf Ogier ein, nur Danemont wagte sich nicht in seine Nähe. Caraheu erwachte aus seiner Betäubung, sah den Verrat und warf sein Schwert weit weg. Ogier verteidigte sich, erschlug manchen Mann: aber das Blut tropfte ihm aus breiten Wunden, ermattet, wurde er von der Überzahl gebunden. Er rief den Franken ans Ufer hinüber: »Lauft und meldet Karl, daß ich nicht besiegt bin.« Schon stand Ogier vor dem Admiral, der sprach: »Ich 208 will Rache an dir nehmen. Glied für Glied mußt du sterben.« Da trat Caraheu hinzu. »Ich habe den Dänen nicht besiegt; dein Sohn überfiel ihn mit Verräterei und nahm ihn gefangen. Gib ihn frei!« »Niemals,« antwortete Corsubel. »Mir folgt eine Heerschar: keiner von uns allen zieht dann noch das Schwert für dich.« »Tut was ihr wollt, ich sage nein.« »Vater, sage ja, um Caraheus willen,« bat Gloriande; Danemont spottete: »du sprichst wie ein verliebtes Mädchen.« Und Ogier wurde fortgeführt. Caraheu hub am nächsten Morgen wieder an zu bitten: »Herr, gib ihn frei, mir zuliebe.« »Nicht eher bis ich Paris gewonnen habe.« »Das gewinnst du nie, nimmst du nicht andre Leute dazu als dich und deinen Sohn.« Zornig fuhr der Admiral auf: »Morgen laß ich den Dänen hängen.« Caraheu ging hinaus, sprang auf sein Roß und ritt zu Kaiser Karl: »Hier bin ich, dein Gefangener. Laß mich desselben Todes sterben, den Ogier sterben wird; ich will nicht leben, mit Schmach bedeckt.« Aber Karl sprach: »Sei mir willkommen, Caraheu, du bist ein treuer Mann.« So blieb er bei den Franken. Im Heidenlager hob keiner von seinen Kriegern nur die Hand für den Admiral. Zornesvoll über Danemonts Verrat erneute Karl den Kampf. Wacker hatte Carlot den ganzen Tag mitgefochten bis abends die Heiden flohen: er verfolgte sie bis an die Mauern Roms. Da stand Gloriande auf einem Turm und rief ihn an: »Kehr' um, Königssohn, hier innen 209 waffnen sich tausend Krieger gegen dich. Sage Caraheu gute Nacht von Gloriande und Ogier lebe wohlbehalten in meiner Obhut.« Die Franken hörten die freudige Nachricht und jagten zurück. In Rom waren zwei Boten aus dem Orient eingetroffen: »Freue dich, Admiral,« riefen sie, »dir kommt Hilfe: zwei Könige mit Heeresgefolge ziehen heran auf vielen Schiffen: sie sorgen sehr, daß der Franke vor ihrer Ankunft ihnen entweicht.« Danemont sprach: »Traun, Karl flieht noch lange nicht! Ich habe drei Schlachten gegen ihn verloren und verlange nach keiner vierten. Kehr' um, Vater, nach Babylon; niemand wird Karl besiegen.« »Der ist mein Sohn nicht, der also spricht! Daß nicht die Erde dich verschlingt!« »Wir liegen ein Jahr hier,« fuhr Danemont fort, »die tapfersten unsrer Leute sind erschlagen oder wund, die andern fliehen, sehen sie nur Karls Banner fliegen und hören sie sein ›Montjoie‹ gellen.« Die Heidenkönige langten an: Brunamont, der eine, wollte nicht früher mit dem Admiral reden, bis er die Franken besiegt hätte. Stets lag er im Feld, unter seine Speisen wurde Blut gemischt, er hatte Katzenaugen, sah besser in der Nacht als bei Tage, und zog er durchs Land, war er einem Dämon ähnlicher als einem Menschen. Nun fuhr er in seine achtfarbige Brünne, band sein zweiarmslanges Schwert an die Hüfte, das hatte einst Nabuchodonasar getragen, stieg auf seinen Hengst Braiefort und ritt an den Tiber: Braiefort schwamm so leicht, wie er lief. Er begegnete am andern Ufer Naimes mit zwei Paladinen; sie kamen von der Jagd mit Habicht und Hunden. Der eine stach mit seinem Jagdspeer dem 210 Unbekannten gegen die Hüfte: der Speer brach an den Heidenknochen, Brunamont wankte nicht einmal im Sattel, aber er warf seinen Rohrspeer dem Angreifer an den Kopf; der flog vom Roß und alle Gebeine zerbrachen ihm. Darauf griff Brunamont einen Jäger an, der sein Roß tränkte, zerschlug ihm das Schlüsselbein, nahm das Tier und ritt stracks nach Rom zum Admiral, der sich so sehr bei Brunamonts Anblick erfreute, daß er schier vom Verstand gekommen wäre. »Ich gebe dir Gloriande zum Weibe, dazu Karls ganzes Reich, wenn du es eroberst,« sprach er. Eilig lief ein Getreuer zu Gloriande: »Wehe! dein Vater hat dich soeben dem Unhold Brunamont versprochen.« Ogier war zugegen und sprach: »Das mißbehagt mir. Geh', schöne Gloriande, bitte deinen Vater, daß er mir Gehör gewähre.« Der Admiral empfing sie mit den Worten: »Tochter, ich gebe dich dem besten Kämpen, den ich kenne.« »Dank für deine Güte, wüßt' es Caraheu, müßte mich der Mann teuer erkaufen. Laß mich ihn schauen.« »Hier steht er,« antwortete Brunamont, »ich schenke dir Francien zur Morgengabe und König Karl gebunden zu deinen Füßen.« »Mein Vater hält einen Franken gefangen, der wiche nicht Fußesbreite von dir zurück.« »Das wollen wir einmal erproben,« rief der Riese. »Vater,« wandte die Jungfrau sich an Corsubel, »Ogier hat mit dir zu reden, hör' ihn an.« Der Admiral winkte Gewährung; Ogier kam und sprach: »Du hast übel getan, Gloriande in eines Unholds Macht zu geben; du hast Caraheu betrogen: ich bin sein Freund und will kämpfen gegen Brunamont und Caraheus Rechte verteidigen, da er es selbst nicht kann.« Brunamont lachte: »Bist du so schnell mit den Hieben 211 wie mit den Worten? Ich nehme deine Forderung an: fällst du, ist Gloriande mein, fall' ich, bist du frei.« Sie legten die Hände ineinander, daß es gelten sollte. »Und nun,« schloß der Heide, »waffne dich bald.« Ogier sandte Caraheu Botschaft, der nahm Urlaub von Karl und ritt nach Rom. Erstaunt fragte ihn der Admiral, wie es ihm ergangen sei? »Gut, König Karl ist ein edler Herr. Hast aber du wirklich meine Braut Brunamont gegeben, dann soll er sie teuer erkaufen.« »Mit dir hab ich nichts zu schaffen,« antwortete der Unhold, »Ogier ficht statt deiner.« Caraheu ging zu dem Dänen und dankte ihm für die Treue. Er beschaffte die festeste Brünne und schnallte sie dem Freund um, band ihm einen Helm auf, darin ein Adamas stak, den kein Schwert zerhacken konnte, und wunderkräftige Steine wie brennendes Feuer zierten ihn rings. Dann gürtete er ihm das Schwert Curtaine um die Lenden: »Das sei dein eigen, Freund, bei Machmed! nicht Vater noch Bruder gäb' ich's um hundert Pfund Goldes. In Natternblut ist es gehärtet, vier Jahre lag es auf einem Schatz unter geflügeltem Drachen, darum leuchtet es wie schieres Gold.« Nun half er ihm auf den Hengst Bursant, der schneller lief als ein Windspiel und reichte ihm einen Speer, daran Gloriandens Zeichen flatterten. Glänzend wie der Morgenstern ritt Ogier auf die Insel im Tiber, in früher Morgenstunde des Gegners wartend. Brunamont stand gewaffnet: vier Könige hielten ihm den Steigbügel, der Admiral gab ihm den Wurfspeer mit feuerfarbenem Wimpel geschmückt. Gloriande sprach arglistig: »Brunamont, du bist ein schöner Mann! schone Ogier!« 212 »Um deinetwillen sei's: – ich bring' ihn dir lebend.« »Tu's, dann soll bald unsre Hochzeit sein.« Sie sah hinter ihm her und betete leise: »Gott, der du die Welt werden ließest, nun hilf dem Recht: dein Haß komme über Brunamont, daß er nicht zurückkehre.« Auf Pfeilschußweite durfte niemand den Kämpen nahen: doch Karl stand mit seinem Heer bereit, eingedenk des ersten Verrats. Brunamont sprach zu Ogier: »Ergib dich mir, ich versprach Gloriande, dich nicht zu töten.« »Du magst ihretwegen tun, was dir beliebt; jetzt wollen wir die Waffen gebrauchen,« antwortete der Däne. Sie rannten zusammen, ihre Speere brachen krachend: aber keiner wankte im Sattel. Sie stiegen ab und zückten ihre Schwerter, und weithin hörte man den Schall des Eisens auf Helm und Schild. Ein furchtbarer Schlag traf den Adamas und warf Ogier ins Knie: aber gleich war er wieder auf und führte blitzesschnelle Hiebe. Brunamont konnte sich nur mit dem Schild decken, er kam zu keinem Schlag. Ogier schlug ihm den Helm entzwei, den Schädel blutig, die Brünne auf der Achsel auseinander und mitten durch spaltete Curtaine den Schild. »Verwünscht dein Schwert!« rief Brunamont, »noch keines hat mich zuvor verwundet. Der dir das gab, liebte dich mehr als sich selbst.« Und gar wild zerhackte er nun des Dänen Schild, ohne ihn zu verwunden. »Warte nur, es kommt noch besser,« rief Ogier. Dann ruhten sie eine Weile. »Von welchem Geschlecht entstammst du?« fragte der Heide. »Wo ich geboren bin, kennt man deinesgleichen nicht: man ißt dort weder rohes Fleisch, noch trinkt man Blut, 213 wie du tust. Da streitet man Ehrenkämpfe mit Männern, nicht mit Unholden; und wenn du zur Hölle fährst und man fragt dich, wer dich hingeschickt habe, so sage: das hat ein dänisch Königskind getan.« »Nun verdirb, Christenhund,« rief Brunamont grimmig aufspringend: er schlug ihm den Schild in Stücken und eine Wunde in den Kopf: »nimm dies zur Antwort und lerne Blut schlucken, wie ich.« »Das zahl' ich heim, oder trage nie mehr Karls Banner,« schwur Ogier, schlug zu mit Curtaine und traf ihn auf die Achsel, Brust und Seite spaltend: tot stürzte der Riese nieder. Ogier schnitt ihm das Haupt ab und band es an den Sattelriemen, stieg auf des Toten Hengst Braiefort und ritt seines Weges. Caraheu ging ihm entgegen; er führte ihn zum Admiral und sprach: »Herr, nun entlaß ihn königlich, – und du, kehr' um nach Babylon.« Drei Maultiere mit Kostbarkeiten beladen schenkte Corsubel Ogier, Caraheu geleitete ihn zu Karl. Dort erreichte den Saracenen ein Bote Gloriandens: der zweite Heidenkönig war eingetroffen, er hatte sich mit Brunamonts Schar gegen den Admiral empört; Gloriande war in seiner Gewalt, durch die Straßen Roms tobte der Kampf. Caraheu eilte sofort zu ihrer Befreiung zurück. »Bei Saint Denis, nach Rom, ihr Herren!« befahl Kaiser Karl und zog mit seinen Scharen gegen die Stadt. Sie erstiegen die Mauern, erzwangen die Tore, Corsubel und Danemont warfen sich ihm entgegen, doch vergebens. Ogier drang aufs Kapitol, dort traf er Danemont: er rannte ihn an mit gesenktem Speer, durchstach ihn und schleuderte ihn tot aufs Pflaster. »Montjoie, Karl!« rief er, das Banner schwingend. Corsubel tat noch einen Streich nach Karl, der ihn mit dem Schild auffing: 214 lichten Schein gab Joyeusens Schwertknauf, und weithin flog des Admirals Haupt. Da erschraken die Saracenen: die einen liefen zu Caraheu, die andern entwichen durch die Tore, die ihnen noch offen standen, so schnell sie konnten und ihnen folgten alle Heidenvölker miteinander. Währenddessen hatte Caraheu seine Braut befreit und in einem Palast geborgen. Dort fand Karl sie beide. »Edler Caraheu, werde Christ,« sprach er mild, »ich gebe dir Lehen und Ehren, ebenso reiche und hohe, als du sie in deiner Heimat hast.« »Nein, Herr,« antwortete Caraheu, »ich bleibe meinen Göttern getreu, wie mächtig auch der deine sei, und ich lasse nicht von meinem Volk und meiner Heimat: lieber sterbe ich.« Karl wandte sich zu Gloriande: »Schöne Jungfrau, entsage Mohammed und diesem Heiden: wähle Ogier, der dich von dem Unhold befreit hat; ich mache euch reich und mächtig dazu!« »Herr Karl, ich kann keinen andern lieben, als Caraheu, ihm allein will ich folgen und müßt' ich darum sterben.« Zürnend blickte Karl auf die Verlobten, aber bald glänzte sein Auge feucht und er entschied mit weicher Stimme: »Seid beide frei! Zieh' in deine Heimat mit all deinem Volk, Caraheu, nur gelobe mir, nie mehr die Christenheit zu bekriegen.« Caraheu gelobte das und zog nach Babylon. Er wurde Admiral und hielt Hochzeit mit Gloriande. Karl stellte die alte Ordnung wieder her und der Papst ritt an seiner Seite in Rom ein und segnete die Franken. 2. Von Roland. 215 Karls Lieblingsschwester Gisela liebte den schlichten Grafen Milon von Anglant. Sie suchten einander ungestört zu sehen: in Frauenkleidern schlich Milon unter den Mägden zu ihr. Bald entdeckte Karl ihrer Liebe Geheimnis: zornflammend warf er beide in den Kerker zu Paris und bedrohte sie mit schwerer Strafe. Herzog Naimes aber öffnete heimlich den Liebenden den Kerker und verhalf ihnen zu rascher Flucht. Karl ächtete den Grafen und zog seine Güter ein. Da flohen sie nach Italien. In einer Höhle bei Sutri gebar Gisela einen Sohn, den sie Roland nannten. Der Knabe gedieh und wuchs, aber ihre Barschaft war bald aufgezehrt, Milon mußte ausziehen, um Hilfe zu schaffen. Gisela saß einsam in der Felsenhöhle, Roland lief umher: Hunger und Not hatten ihn bald gelehrt, Speise zu gewinnen für die Mutter und sich. In der Stadt bezwang er im Kampfspiel vier Knaben, die brachten ihm rotes und weißes Tuch und ließen ihm's vierfältig zusammennähen zum Rock. – Kaiser Karl war auf der Heimfahrt von Rom und rastete in Sutri. An herrlicher Tafel saß er in der Halle und alles arme Volk der Stadt speiste im Vorhof. Edelknaben gingen dienend umher mit gefüllten Goldbechern, Sang und Saitenspiel tönte. Karl schaute durch das Bogentor in das Gedränge der Bettler; da sah er einen Knaben kommen, ärmlich in buntes Tuch gekleidet, aber trotzig blickte er aus blauen Augen, goldbraune Locken umrahmten sein edles Gesicht. Er schritt mitten durch die Bettler und geradezu in den Saal an des Kaisers Tisch 216 und nahm mit fester Hand eine Schüssel voll Hirschgebrät und trug sie hinaus. Staunend hatte Karl ihn gewähren lassen. So taten's die andern auch. Nicht lange, da kehrte der Knabe schon wieder zurück und nahm des Kaisers gefüllten Goldbecher fort. Karl hustete stark, den Knaben zu erschrecken: aber der zupfte ihn am Bart und fragte: »Was fehlt dir?« und schaute ihn mit einem Blick an, stolzer als der Kaiser blickte, und schritt weg mit dem Becher. »Halt, Knabe,« rief Karl, »das ist sonderbarer Brauch! Für wen nimmst du mir Speise und Trank fort?« Roland wandte sich auf der Schwelle des Saales und antwortete: »Für meine Mutter, Herr, der's geziemt wie Euch.« Dann eilte er hinaus. Der Kaiser erhob sich, winkte seinen Paladinen und folgte mit ihnen dem voranschreitenden Knaben an die Höhle. Da stand Gisela im grauen Bettlerkleid, bleich und elend; sie sank Karl zu Füßen, aber der alte Zorn erwachte: sein Auge sprühte, drohend reckte er die Hand empor: doch Klein-Roland umklammerte sie mit gewaltigem Griff und zog sie herunter. Blut quoll unter des Kaisers Nägeln vor. Da sprach Karl mit weicher Stimme: »Steh' auf, Schwester, um deines Knaben willen verzeih ich dir. Er soll ein wackrer Degen werden, folgt mir an meinen Hof.« So kehrte Gisela nach acht Jahren aus dem Elend zurück in Glanz und Glück. Und in Paris löste Karl sein Wort: er gab Ogier ein Herzogtum in der Picardie, eine Grafschaft in Burgund, dazu vier feste Schlösser mit allen Einkünften zum ewigen Lehen. So sehr er ihm einst gezürnt hatte, so gern sah er ihn nun der Schar seiner Vasallen eingereiht. 217 Da erhielt Ogier Nachricht von Elisene, daß sie ihm einen Sohn geboren und Balduin getauft habe. Er sandte ihr köstliche Geschenke und die Botschaft, bald komme er selbst. Nun hielt er seine Liebe nicht länger geheim, Herzog Naimes sagte ja und Ogier eilte mit des Kaisers Urlaub nach Sankt Omer und führte sein Weib heim. Auch an Milon von Anglant erwies sich Herrn Karls Milde: er hob die Acht auf, gab ihm sein Lehen zurück und berief ihn wieder an seinen Hof und zu Weib und Kind. Roland ging im Edelkleid unter den vornehmsten Knaben, stolzen Mutes und geraden Sinnes. Karl liebte ihn, wie einen eignen Sohn. Einmal saß Karl beim Mahle zu Aachen in seiner Pfalz, um ihn seine Paladine. Herzog Naimes, Graf Richard von Normannenland mit dem grauen Auge, dem braunen Haar; der war so kühn und stark, daß er Furcht nicht kannte. Da saß Turpin, mit der Adlernase, den dunklen Augen und dem glatten, schwarzen Haar. Als bescheidener Priester war er einst aus Rom an Karls Hof gekommen und dort geblieben; und Karl erhob ihn zu seinem Kanzler und bald zum Erzbischof von Reims. Er war ein streitbarer Herr: er fehlte nie freiwillig, wann Herr Karl zu Felde zog, und tapfer schwang er Almace, sein Schwert. Neben ihm saß Graf Garin, dem hatte der Kaiser Land und Schloß am Rhone geschenkt. Die hohe kräftige Gestalt, das helle Haar, das lichtblaue Auge und rosige Antlitz verrieten sein austrasisch Geschlecht, ihm war kein Dienst zu schwer für seinen Herrn. Da war Graf Haimon aus dem Ardennerwald, der niemals floh, wann er im Streite stand. Er war nicht groß, aber unter breiten Schultern wölbte sich weit die Brust, man sah's den sehnigen Armen an, daß sie den Wurfspeer sicher und kräftig schleuderten, und den starken 218 Schenkeln, daß sie wilden Hengst leicht bezwangen. Breit war ihm Stirn und Kinn gewachsen, rotbraun Haar wie Bart, und fast trotzig blickte sein dunkelblaues Auge. Leicht riß ihn der Zorn hin, seine Rede war oft rauh, aber treu sein Herz. Er war der jüngste von vier Brüdern; die hatten viel Streit mit ihrem Kaiser und vermieden es, huldigend zu Hofe zu gehn. Ihr Ahnherr hatte bei Mainz gesessen. Schäumender Wein funkelte in Gold- und Silberbechern, auf gleißenden Schüsseln trugen Edelknaben duftende Speisen herein, da hub der Kaiser an: »Ihr Herren, das beste Kleinod dieser Welt fehlt uns noch: das trägt ein Riese in seinem Schild, im Ardennerwald.« Hei, sprangen sie da auf: Graf Richard, Turpin, Erzbischof von Reims, Naimes von Bayerland, Graf Garin, Milon von Anglant und Graf Haimon aus dem Ardennerwald und wer ihrer noch zugegen war; da wollte keiner säumen: sie legten das Eisenkleid an und zogen aus. Roland sprach zu Milon: »Vater, hältst du mich auch noch zu klein, mit dem Riesen zu streiten, so will ich doch Schild und Speer dir nachtragen.« Es war heiße Sommerszeit: zu sechst ritten sie aus, Roland hinter seinem Vater mit Schild und Speer. Im Ardennerwald trennten sie sich. Drei Tage lang zog Milon hin und her, den Riesen zu finden, am vierten mittags legte er sich unter eine Eiche, zu ruhen. Roland bewachte seinen Schlaf. Da sah er ein Leuchten durch den Wald dringen, das alles Getier im Walde aufscheuchte, und sah, daß es von einem großen Schilde kam, welchen ein Riese trug, der den Berg niederstapfte. »Was soll ich den Vater im Schlafe stören?« dachte er bei sich, band sich des Vaters Schwert um, nahm Speer und Schild, stieg auf des Vaters Roß und ritt den Riesen an. Der lachte ihn aus: »Was willst du, kleiner 219 Fant? Dein Schwert ist zweimal so lang als du selbst, dein Speer zieht dich vom Roß herunter und dein Schild erdrückt dich ja.« »Nur auf zum Streit, du lachst nicht lange mehr,« antwortete Roland. Der Riese schlug mit seiner Stange nach dem Knaben: geschwind wich der kleine Held zur Seite und warf seinen Speer, aber er sprang von dem Schild auf Roland zurück. Nun faßte der das Schwert mit beiden Händen, der Riese langte nach dem seinen, – ein wenig unbehende – Roland kam ihm zuvor und schlug ihm unter dem Schild die Linke ab. Hand und Schild rollten auf den Boden. Des Riesen Mut schwand: er lief dem Schilde nach: da stach ihn Roland ins Knie, daß er stürzte. Hurtig sprang Roland aus dem Sattel, griff den dicken Kopf bei den Haaren und hieb ihn ab. Das Kleinod brach er aus dem Schild und barg es in seinem Gewand. Dann wusch er sich an einem Quell Gesicht und Hände vom Blut rein und ritt zurück an die Eiche, wo er den Vater noch schlafend fand. Ermüdet schlief auch er bald ein, bis ihn Milon spät am Tage weckte: »Wach' auf, Sohn, daß wir den Riesen suchen.« Sie brachen auf und kamen bald an die Stelle, wo Roland den Riesen erschlagen hatte: staunend sah Roland, daß nur noch der Rumpf dalag, Haupt, Hand, Stange und Schild fehlten; er schwieg, aber Milon klagte: »Was ist das für ein langer Kerl gewesen? Sohn, das ist der Riese, und ich hab' Ehr' und Ruhm verschlafen.« Trübselig ritt er nach Aachen zurück. Kaiser Karl saß harrend in der Pfalz: »Meine Helden säumen lange: doch traun, dort kommt einer geritten mit des Riesen Haupt.« Haimon war's, unlustig legte er das Haupt vor Karls Füße: »Ich fand's im Wald, den Rumpf daneben.« Bald langte Turpin an mit des Riesen Faust im 220 Erzhandschuh, lachend hielt er sie Karl hin: »Ich fand sie, schon so zugehauen!« Dicht hinter ihm schritt Herzog Naimes in die Halle mit der Stange: »Schaut, Herr Karl, was ich für einen Fund getan: die wiegt ein Stück!« Graf Richard schritt neben seinem Roß daher: er brachte auf seines Tieres Rücken Brünne und Schwert des Riesen: »Mir waren sie zu schwer zum Tragen: wer Lust hat, laufe in den Wald, er mag noch allerlei finden.« »Dort kommt Garin mit dem Schild,« rief Karl, »tröstet euch, der bringt uns das Kleinod.« »Nein, Herr Kaiser, ich bringe nur den Schild, der Stein ist herausgebrochen,« antwortete der Eintretende. Milon kam, der letzte, langsam geritten, hinter ihm Roland. Als sie der Pfalz nahten, brach Roland aus seines Vaters Schild den Zierat in der Mitte, zog das Kleinod aus seinem Wams und setzte es an die Stelle. Das gab einen Schein weithin, wie die lichte Sonne. »Heil Milon von Anglant!« riefen da alle – »er bringt das Kleinod, er hat den Riesen erschlagen.« Milon schaute um und sah staunend das Leuchten seines Schildes. »Sohn Roland, wer hat dir das gegeben?« »Niemand, Vater, ich hab's genommen. Zürne nicht, daß ich den Riesen erschlug, während du gerade schliefst,« antwortete der Knabe. Freudig zog Karl den jungen Schildträger an seine Brust: »Warte nur, bald gebe ich dir ein Schwert.« 3. Die Schlacht am rauhen Berge. 221 Karl hielt, um Pfingsten war's, Hoftag in Paris, die Großen seines Reichs waren gekommen, mit vielen Gefolgen. Ogier, König Salomon, Garin, Sansun, Herzog von Burgund, Ganelon von Mainz, Graf Grifon von Hautefeuille, Galdebod der Friese, und viele andre: Grafen, Barone, Edelinge aus sechs Königreichen, wohl tausend Männer in allem. Der Kaiser saß auf seinem Hochsitz, Herzog Naimes stand an seiner Seite und mahnte: »Gib ihnen Gaben, Herr Karl, gib immer wieder deinem treuen Volk.« Und Waffen, Kleider, Gold und Silber spendete Kaiser Karl mit offenen Händen. Da drängte sich ein Fremder durch die dankende, jubelnde Menge bis vor des Kaisers Thron: er war ein Saracene: »Baland heiß' ich,« hub er an mit hochfahrender Gebärde, »bin ein Bote meines Herrn, Agoland von Afrika, des Admirals, und also spricht er zu dir: »Kalabrien hab' ich bezwungen, eure Kirchen niedergerissen und strecke meine Hand aus, der Franken Reich zu nehmen. Kaiser Karl, unterwirf dich mir: doch eile dich! Bekenne Mohammed, dann magst du dein Reich behalten!« Zornflammend fuhr Karl vom Sitze auf, schon hatte seine Faust das Schwert zur Hälfte aus der Scheide gerissen, da legte sich Naimes Hand auf seinen Arm und er flüsterte: »Halt' an dich, Karl! Heilig sind Gesandte.« Langsam ließ der Kaiser das Schwert zurückgleiten, er strich seinen langen, schon mit weißen Haaren durchzogenen Bart und sprach funkelnden Blickes: »Bote, säume hier nicht länger, kehr' um, raste nirgends, eile, deinem Herrn zu melden: Karl kommt.« 222 Fort flog Baland, der Krieg war beschlossen. Der Hoftag ward aufgelöst, die Orte wurden verabredet, wo die verschiedenen Scharen zu des Kaisers Hauptheer stoßen sollten, und die Vasallen eilten in ihre Lande, sofort die Kriegsfahrt zu rüsten. Roland war noch zu jung, an einer Schlacht teilzunehmen: der Kaiser befahl dem Erzbischof Turpin, ihn und seine Bankgenossen nach Laon, in das feste Schloß, zu führen. Allein kaum war Turpin wieder fortgeritten, da stachelte jung Roland seine Genossen auf: sie überwältigten den Burgwart und erzwangen das Tor, Rosse und Waffen waren schnell beschafft, sie ritten dem Heere nach und erreichten bald des Kaisers Nachhut. Lachend verzieh Karl den Ungehorsam, aber sie hatten in der Nachhut zu bleiben. Kaiser Karl zog in Eilmärschen durch Francien nach Rom, von Woche zu Woche wuchsen seine Heeresmassen an von eintreffenden Vasallen. Auf der Fahrt – so wird erzählt – erkrankte ein Edler: sterbend übergab er seinen Hengst einem Freunde, der ihn verkaufen und den Erlös unter die Armen verteilen sollte zum Seelenheile des Verstorbenen. Der Freund löste hundert Gulden für das Tier, behielt das Gold und vertat es. Dreißig Tage danach stand der Tote vor ihm und sprach: »Du hast übel getan an mir, doch Gott war mir gnädig, dreißig Tage habe ich gebüßt, morgen fahr' ich in den Himmel, du aber an meine Stelle.« Da kam der Teufel und holte den unredlichen Freund mit Leib und Seele. Nach vier Tagen fand Karl den verschwundenen Mann mit umgedrehtem Halse. In Rom stieß Gerhard von Fratte, Herzog der Langobarden, mit seiner Schar zum Heere. Lang hatte er sich geweigert, dem kaiserlichen Heerruf Folge zu leisten, und 223 trotzig Karls Boten, Erzbischof Turpin, geantwortet: dazu verpflichte ihn sein Lehnseid nicht. Erst als sein Weib ihn mit sanften Worten darum gebeten hatte, war er aufgebrochen. Als dem Kaiser seine Ankunft gemeldet wurde, erhob er sich und ging dem trotzigen Vasallen entgegen zur Begrüßung: da glitt ihm der Mantel von den Schultern, Herzog Gerhard beugte das Knie und hob ihn wieder auf, Turpin stand dabei, lächelte fein und sprach: »Seht, Herzog, nun habt Ihr, wie Vasallen tun, dienend vor Eurem Herr gekniet.« Von Rom zog Karl mit seinem ganzen Heere nach Kalabrien. Erzbischof Turpin segnete es: das Lager war zwei Tagesmeilen lang und breit, zwölf Meilen weit hörte man den Waffenlärm und das Getöse. Almont, Agolands Sohn, war jung und feurig: er hatte ganz Kalabrien und Apulien in seine Gewalt gebracht. Als er hörte, daß Karl nahte, nahm er Durendal, sein gutes Schwert, das nicht zerbrechen konnte; denn Weland hatte es geschmiedet und die Helze war aus dem Holze des Baumes Ajol gefertigt, und der Held blies in sein Horn Olifant: – fünfzehn Meilen weit drang sein Schall: – sammelte seine Schar und zog gegen Karl. In den Tälern am rauhen Berge (Aspremonte) stießen die Heere aufeinander. Die Saracenen hatten einen Wagen mit drei Rindern bespannt: darauf stand ihr Banner aus feuerrotem Zindal, von hoher Stange herabflatternd: und sie hatten geschworen, nicht zu fliehen, solange noch das Banner flattere. Als der Kaiser in die Schlacht ritt, scheute sein Grauhengst vor diesem Banner: er wollte nicht vor- noch rückwärts. Die Christen wurden verwirrt, mußten auf einen 224 Berg fliehen und konnten nichts als sich verteidigen. Der Kaiser aber ließ dem Hengst die Augen verbinden und sprengte geradewegs auf den Bannerwagen ein. Mit sicherem Hieb schlug er das Banner nieder, und Entsetzen faßte die Saracenen: sie flohen, doch viele tapfere Franken wurden erschlagen. Die Franken verfolgten nicht, sondern trugen die erbeuteten Schätze in ihr Lager. Almont rief zürnend: »Wo sind nun die Tapfern, die so stolze Worte redeten, als sie in meines Vaters Palast saßen, zwischen Frauen und Mädchen, und meines Vaters Wein tranken? Pfui über sie alle! Niemals werde ich mich der heutigen Schmach trösten.« Es war noch früh am Tage: des Kampfes begierig kam Agolands Schwestersohn mit einer Bannerschar, ihm folgten noch vier Geschwader, von Emiren und Scheichs geführt. Sie ritten auf starken Hengsten, in blanken Waffen: der Schein von ihren Helmen und Schilden ging über Berg und Tal. Der Jüngling begrüßte sie und klagte seinen Unsieg: »Und das grämt mich doch zumeist, daß Karl mein Banner gewonnen hat: könntet ihr es zurückgewinnen, ich wollt' es euch reichlich lohnen.« »Herr,« riefen sie übermütig, »gewinnen wir's nicht zurück, noch bevor die Sonne sinkt, dann laß uns Fürsten alle hängen.« Ein kleiner Haufe Langobarden war zur Spähe ausgeritten. Sie sahen Staub aufwirbeln, Wimpel flattern, goldene Helme und Schilde blinken: rasch meldeten sie's ihrem Herzog Gerhard von Fratte, der sandte die Botschaft weiter an den Kaiser, sammelte seine Mannen in einem Tal und sprach: »Seit Jahren zieh' ich nun in die Schlacht: seht mein Banner, von den Vätern mir vererbt, noch nie ist es in die Flucht geschlagen: folget ihm! Wer 225 fällt, kommt ins Himmelreich, wer am Leben bleibt, gewinnt soviel Goldes, daß er nie mehr daran Mangel leiden wird. Betet zu Gott und reitet: drauf! Zu Gottes Ehre!« »Du sprichst gut, Herzog. Keiner wird fliehen, wenn du es nicht selbst gebietest,« antworteten sie. Erzbischof Turpin brachte dem Kaiser die Kunde von den wieder heranrückenden Heiden. Da ließ Karl seine Heerhörner blasen; er brach gleich auf mit seiner Schar, Herzog Naimes, herrlich gewaffnet, Graf Garin und Ogier folgten ihm zunächst. Jetzt trug der Däne Karls Banner nicht, heute wollte er nur fechten. Fern auf einem Berge sahen sie gewaffnete Reiter halten und glaubten die Saracenen schon da: Herzog Gerhard war's mit seinen Langobarden; sie schlossen sich dem Kaiser an. Beim rauhen Berge stießen die Christen mit den Ungläubigen zusammen und die Schlacht begann. Graf Garin rief hell: »Montjoie, haut wacker zu! Heut' gewinnen wir Preis und Ehren.« Er schoß, der ersten einer, seinen Speer auf einen goldgeschmückten Heiden: tot fiel der Mann zur Erde. Almont hieb mit beiden Händen drein: wer ihn nicht an seinem schönen Antlitz merken konnte, der merkte ihn sich an seinen Hieben, und wer einen Schlag mit Durendal empfing, kam nicht mit dem Leben davon. »Mächtiger Gott,« grollte Ogier, »wie dieser junge Heide uns niedermäht!« Er spornte nun sein Roß und rannte den Tapfern mit gesenktem Speer an. »Hier kommt einer , der gern sterben will,« rief der Saracene lachend. Sie prallten zusammen und fielen beide aus dem Sattel; sie sprangen auf und schwangen die Schwerter. Durendal spaltete Ogiers Schild. Das sah einer von des Dänen Gefolgen, ein Franke: wütend holte er aus mit der Francisca gegen den nächsten Feind vor 226 ihm, einen Wesir auf reichgeschirrtem Hengst, und spaltete ihm krachend Helm und Haupt bis auf die Zähne, tot fiel der zurück in den Sattel; der Franke zog das Roß ihm unter dem Leibe fort und brachte es Ogier, der sich nur mühsam Almont vom Leibe hielt. Während er aufsaß, wurde Ogier von Feinden umringt: sie wollten ihn lebend fangen. Mit knapper Not und grimmigen Schlägen entrann er ihnen. Der Saracene aber stürmte mit seinen Genossen wild jauchzend hinterdrein; rechts und links fielen vor ihm die Christen. Da traf Almont auf Gerhard und sein Häuflein. Zehn Heiden flogen tot aus den Sätteln bei dem ersten Zusammenprall, der Herzog zwang die Heiden zum Stehen: er schlug mit jedem Schlag einen Feind zu Boden. Erst als die Nacht sank, ließen Heiden wie Christen vom Streit und noch war der Sieg nicht entschieden. Herzog Gerhard zog unter den rauhen Berg in eine schutzgewährende Felsenkluft. Er zählte seine Krieger, viele fehlten ihm, und laut beklagte er ihren Tod. Sie verbrachten die Nacht im Sattel mit gezogenen Schwertern, eines Überfalls gewärtig. Auf dem Schlachtfelde blieb eine starke fränkische Schar: sie bestatteten die Toten und hielten Wache. Der Kaiser lagerte mit seinem Volk in einem nahen Tale. Grafen, Edle, Freie und Knechte, Reiter und Fußgänger waren in großer Zahl gefallen. Almont verbrachte die Nacht unfrohen Herzens in seinem Zelt. Sein halbes Heervolk lag tot oder wund. Und heimlich verließen ihn mit ihren Haufen zwei Emire: »Die feigen Verräter!« zürnte er, »sie drängten mich zumeist zum Kampf.« »Herr,« antwortete der stolze Baland, »hier gibt's 227 nur zweierlei zu tun: sterben, oder heldenmütig dreinhauen.« Baland glich dem Raubvogel mit den starken Fängen: wenn man ihn zu kleinen Vögeln sperrt, so schweigen alle. Keiner wagte Widerrede, Almont freute sich der stolzen Worte. Als die Sonne aufging, sprach Herzog Gerhard: »Gebet Gott und dem Kaiser, was wir ihnen schuldig sind. Reitet rasch in den Streit.« Almont zog in aller Frühe wieder auf den Kampfplatz. Die fränkischen Wachen erfaßte gewaltiges Grausen bei seinem Anblick; laut riefen sie zu Gott um Rettung; von fern sahen sie Gerhard mit seiner Schar nahen. Almont schoß den ersten Wurfspeer. Er drang dem Wachtführer durch Schild und Herz. Baland tat den ersten Hieb und schlug einen edlen Mann nieder. Da war Gerhard zur Stelle: aber der Saracenen waren zweimal so viele als der Franken. Die Kaiserlichen ordneten sich im Tal. Karl legte die Waffen an, da ritt Ogier vor sein Zelt: er kam vom Schlachtfelde, den Schild zerspellt, Helm und Brünne zerhackt, Blut rann an ihm nieder: »Herr Kaiser, rasch auf, der Sieg wartet deiner! Ich griff einen Dolmetsch der Ungläubigen: der Mann sagte aus: ›Almont ist stolz, er will seinen Vater nicht zu Hilfe rufen, er will's mit seinem Volk allein entscheiden; sie sind entschlossen, zu siegen oder zu sterben.‹ Sende an alle deine Herzoge Botschaft: ›Herbei!‹« Da jagten Boten davon mit gellendem Hornruf. Karl ritt so gottvertrauend in die Schlacht, daß die Heiden einer nach dem andern vor seinem Schwerte fielen. »Sehet den großen Karl!« rief Almont, »bei Mohammed, er darf nicht lebend von diesem Felde kommen!« 228 König Salomon hieb Bordand nieder, der Almonts Olifant trug, schon nahm er das Horn von des Toten Halse, da fuhr Durendal sausend auf seinen Helm: Haupt, Brünne, Brust, den Sattel und den guten Hengst dazu in zwei Hälften spaltend; Almont griff das Horn mit der Rechten und hing's sich selber um. Aukaris, ein edler Franke, wollte Salomon rächen und stach mit dem Speer gegen Almonts Schild, aber der Speer zerschellte, Almont faßte Durendal mit der Linken und hieb den allzu Kecken nieder. Wäre der schöne Almont ein Christ gewesen, – deuchte den Franken – so gäb' es seinesgleichen nicht auf der Welt. Herzog Gerhard wollte der Heiden Banner niederwerfen. »Mir nach, alle, mit scharfen Hieben!« rief er und ritt den Seinen voraus: keiner blieb zurück. Schon war der Herzog so nahe dem Banner, daß er mit seinem Handschuh danach werfen konnte, da hieb er sich ungestüm einen Weg hin, die Bannerschirmer fielen, das Banner stand verlassen und war gewonnen. Erschöpft stieg der Herzog ab, die Seinen zogen ihm die Waffen aus und setzten ihn unter das Banner, das Blut rann von ihm: der Herzog war müde und durstig. Almont mit seinen Freunden stritt dicht am Fuße des Berges, er wußte nichts von dem Fall seines Banners. Da ritten die Grafen Richard und Morand gegen sie. Morand durchspeerte den einen, König von Jerusalem: der gute Harnisch hatte ihm nichts genützt, tot sank er zur Erde. Graf Richard schoß seinen wuchtigen Speer dem Heiden Gorfant durch Schild und Herz. Als der Jüngling seine Freunde fallen sah, klagte er laut: »Was soll aus mir werden, nun auch sie tot liegen?« »Das ist Kampfgeschick,« sagte Baland, »verzage noch nicht!« 229 Da blies Almont in sein Horn, daß die Erde zu erzittern schien, und es sammelten sich um ihn alle Heiden, die noch in Waffen gingen, zu Roß wie zu Fuß, und grimmig begann er wieder das Schädelspalten mit Durendal. Herzog Gerhard unter dem Banner sprach bei Olifants Schall zu seinem Grafen: »Ordne deine Reiter und fort mit euch in den Kampf; ich folge, sobald ich kann, mit meinem Zuge.« Da brachte ein Bote Almont die Nachricht von dem Verlust seines Banners. »Weh!« rief der Königssohn, »dreimal Weh!« Aber Baland antwortete: »Nun müssen bis Abend alle Franken erschlagen liegen, vorwärts!« Und er fuhr unter die Christen, wie der Falk auf seine Beute stößt. Karls Fußschar schmolz immer mehr zusammen, da kamen zur guten Stunde Gerhards langobardische Speerreiter; ihrer einer sprengte allen voran in zerfetzten Wehrkleidern, Beine, Arme und Sattel mit Blut beschmutzt: »Gott helfe dir, Mann,« rief Karl ihn an, als er ihn sah, »wie ist dein Name?« »Ich heiße Walter und bin aus Gerhards Zug, der Herzog hat der Heiden Banner genommen.« »Lebt der Brave?« »Ja, Herr Kaiser, und keiner tut solche Hiebe, wie er tat.« Damit ritt er weiter, und Karl wandte sich einem Boten zu, der eintraf: »Nun, kommen sie bald, die Herren all aus ihren Zelten, die ich zur Schlacht entbot?« »Sie alle sind schon gekommen, auch jung Roland.« Roland war, als er den Klang des Heerhorns vernahm, mit seinen Bankgenossen aufgebrochen. Zwei Pfeilschüsse weit ritt er, einen Speer schwingend, ihnen voran und vorwärts, bis er unter des Kaisers Banner kam; seine Genossen 230 folgten, so gut sie konnten. Die Saracenen schossen einen Hagel von Pfeilen auf sie. »Zu unserm Unheil sind wir in dieses Land gekommen,« sprach Almont, als er die neuen Scharen anrücken sah. »Hättest du rechtzeitig Hilfe von deinem Vater begehrt, wäre Karl längst bezwungen,« antwortete Baland finster. Nun kam auch Herzog Gerhard wieder geritten: er drängte mit seinen Speerträgern so ungestüm in die Heiden, daß Almont Baland das Zeichen zum Rückzug gab. Almonts Hengst lief so schnell, daß ihn keiner überholte. Zwei von seinen Freunden, Ebraim und Baland, ritten hinter ihm; er sah um und merkte, wie Kaiser Karl, Herzog Naimes, Ogier, Roland und andre ihnen folgten. Ebraims Roß erlahmte. »Müßte ich auch dich missen,« rief der Jüngling, »das wäre mir leid;« er wandte und hielt – da kamen die Franken heran – und er stieß Naimes vor die Brust, daß er ins Gras rollte: das ledige Roß sollte Ebraim besteigen, aber Ogier schlug ihn, als er in den Steigbügel trat, nieder. Zornig hieb Almont auf des Dänen Haupt: das Schwert glitt ab und fuhr in des Rosses Nacken und trennte den Kopf vom Rumpf. Zum Glück war's nicht Braiefort. Der Saracene entfloh, so rasch er konnte. Baland suchte den Kaiser aufzuhalten und griff ihn an; Karl warf ihn ins Gras und sprengte dem Fliehenden nach. Heil stand Baland auf und wollte wieder auf seinen Hengst, allein das gute Roß begehrte Herzog Naimes und sie schlugen sich um den Besitz des Tieres, daß das Feuer von ihnen flog. 231 Mehrere Paladine halfen dem Herzog, Ogier schwang sein Schwert zum Todeshieb über den Saracenen, da rief der Bedrohte: »Laß mir mein Leben, Franke, rette mich, Herzog Naimes, ich bin Baland und will ein Christ werden.« »Halt,« antwortete Naimes, »dann soll dir kein Leid geschehen; Freunde, nehmt seine Waffen.« Da gaben sie ihm Frieden. Kaiser Karl aber jagte auf Tencendur hinter Almont her. Der war so weit voran, daß er den Verfolger gar nicht sah. An einem Bache stieg er ab, band Helm und Schwert los und legte sie auf einen hohen Steinblock; dann kniete er nieder, um zu trinken. Seit drei Tagen hatte er nicht recht getrunken. Wie er so lag, überraschte ihn Karl und nahm die Waffen von dem Stein. Almont sah's und erschrak; aber er erkannte den Kaiser nicht. Der sprach: »Glaubst du, Heide, ich wolle einen wehrlosen Mann erschlagen? Nimm Helm und Schwert, steig' auf und wehre dich; den Trunk, den du da getan, mußt du teuer bezahlen.« Rasch hatte der Jüngling die Waffen ergriffen und sprang in den Sattel und rief: »Du gabst mir mein Schwert zurück; deine Tat komme über dich! Du reitest ein rasches Roß, da du mir folgen konntest, und bist, deucht mir, von vornehmem Geschlecht, und weil du mich ehrtest, will ich dich wieder ehren: laß Hengst und Waffen hier und laufe zurück zu den Deinen, ich schenke dir dein Leben.« Karl antwortete mit zornigem Blick: »Heide, du bist nicht würdig meiner Waffen.« »Ei, wer bist du denn?« fragte der Jüngling. »Kaiser Karl, König der Franken.« »Der große Karl!« jauchzte Almont. »Nun schmerzt 232 mich nicht mehr die verlorene Schlacht. An deinem Haupte will ich mich rächen und mir dein Reich gewinnen.« »Du bist nicht würdig des Reiches, das du so leicht zu erobern gedenkst! Verteidige dich!« Drohend scholl des Kaisers Stimme. Der Heide war jung, feurig und stark, Karl hatte ein stolzes Herz und war ein gewaltiger Kämpe; sie rannten zusammen und stachen einer den andern von den Hengsten. Da zogen sie die Schwerter, und solcher Kampf war nie zuvor gesehen. Schild und Harnisch zerhackten sie, Karl schlug dem Feind auf die rechte Schulter, die Brünne barst, und eine tiefe Wunde klaffte. »Ich sehe vier seltene Steine in deinem Helm glänzen; solange du den Helm trägst, bezwing' ich dich nicht, der Helm muß mein werden,« rief der Saracene. »So Gott will, gewinnst du ihn nie,« antwortete Karl. Aber der Heide griff dem Kaiser an den Hals und drückte ihn unter sich, er zerrte an den Helmketten und Riemen, rückte und riß den Helm ihm vom Haupt, Karl hielt ihn noch mit beiden Händen gefaßt und sie zogen so beide an dem Helm hin und her. Da kam Roland angeritten, er war dem Kaiser unablässig gefolgt; er trug den Stumpf eines zerbrochenen Speeres in der Hand. Almont achtete seiner nicht viel, weil er noch klein war. Roland sah des Ohms Not und schlug mit seinem Speerstumpf auf des Heiden Helm. Den bekümmerte das wenig, er lachte laut: »Ihr müßtet einen gewaltigen Gott haben, wenn ihr lebend von hier entkämet.« Dabei hielt er mit der Linken den Helm fest und riß noch heftiger. Roland holte zum zweiten Schlage aus, Almont schwang mit der Rechten Durendal zum Schutz entgegen. Roland hieb zu, traf die Faust, und Durendal flog weit weg aus des Saracenen Griff. Da erbleichte Almont wie der Tod. Schon hatte Roland Durendal aufgerafft, schwang das scharfe Schwert und spaltete des Heiden schönes Haupt; tot stürzte der Tapfere nieder. Ermattet setzte sich der Kaiser auf einen Feldstein. Sorgend beugte Roland sich zu ihm nieder: »Teurer Ohm, ist Euch ein Leid geschehen?« »Nein, Knabe,« antwortete der Kaiser ernst, »aber wärst du nicht gekommen, so läg' ich nun tot.« Nun kamen auch Naimes, Ogier und viele Barone in großer Sorge um ihren Herrn. Sie trugen den Toten unter einen Ölbaum und deckten ihn mit seinem Schilde. Roland nahm Durendal und Olifant, darauf kehrten sie zurück. Da konnte man kaum übers Schlachtfeld reiten vor toten Menschen und Rossen, vor Brünnen und Waffengerät. Der Kaiser ließ die gefallenen Christen forttragen, die Toten begraben, die Wunden verbinden. Er verbrachte die Nacht in Almonts Zelt, das war aus bunter Seide gewirkt, mit Gold und Silber geziert, und köstliche Steine überall angebracht, die gaben hellen Schein wie Fackeln. Waffen lagen ringsum; oben auf der Zeltstange stak eine goldene Kugel, darin konnte man sehen, was fünfzehn Meilen weit geschah: und der Kaiser schaute bei Neapel große Heeresmassen stehen, auf dem Meer aber Kriegsschiffe heranschwimmen. Er zeigte seinen Räten, was in der Kugel zu sehen war, und befahl, alle Scharen sollten schlagfertig sein bei Tagesanbruch. Am Morgen berief er mit Hörnerschall die noch unbewehrten Jünglinge vor sich. Da kam auch Roland geschritten und sprach zu Naimes und Ogier: 234 »Weshalb haltet ihr mich wie ein Kind? Auf einem elenden Gaul bin ich gestern in die Schlacht geritten! Schafft Hengst und Harnisch, mir und meinen Genossen.« Ogier umarmte und küßte ihn: »Das sollst du alles haben.« Und Naimes führte ihn vor den Kaiser. Der sprach: »Er ist noch zu jung für Brünne und Kampf, Freund Naimes.« Aber Roland antwortete: »Bin ich auch noch jung, habe ich doch starke Hände und ein festes Herz. Gott kann den Jüngsten wie den Ältesten schirmen.« Da sprach der Kaiser: »Ich schulde dir noch den Lohn für deine Tat: wohl, was du begehrst, gewähr' ich dir.« Roland beugte das Knie, Karl neigte sich zu ihm, küßte ihn zärtlich und sprach: »Ich will dir Vater sein; steh' auf, Roland von Anglant, Markgraf der Bretagne.« Er zog ihn empor, nahm Durendal, umgürtete ihn damit und sprach: »Nimm Durendal, trag' und schwing' die gute Waffe tapfer für deinen Herrn,« und hing ihm das Horn Olifant um die Schulter. »Dem Klange deines Horns sollen folgen deine edlen Bankgenossen, und wer immer in die Gefolgschaft treten will.« Naimes und Ogier banden ihm die Sporen an. Da wurde Rolands Gesellen und vielen tauglichen Jünglingen das Schwert verliehen aus des Kaisers eigner Hand, und alle traten in Rolands Gefolgschaft. Baland ward Priestern zur Unterweisung und Taufe überwiesen. Dann ließ Karl vom Erzbischof Turpin eine Messe singen, und Roland mit seinen Freunden opferte dabei viel Goldes für die Armen. 235 Agoland von Afrika saß in der Burg zu Rise beim Brettspiel, als der erste Flüchtling vom Schlachtfelde am rauhen Berg hereinstürzte: »Herr,« rief er, »die Franken haben gesiegt, unser Banner ist genommen, wer nicht entrann, liegt tot: von deinem Sohne weiß ich nichts zu sagen.« »Verräter und Ausreißer!« zürnte der Admiral, »du flohst von deinem Banner, statt mit ihm zu fallen, fort mit dir:« er winkte einem Kerkermeister, – »er sterbe.« Da kam ein zweiter, er schleppte sich an des Admirals Tisch, das Blut troff ihm über den Lederpanzer aus mancher Wunde: »O Herr, dein Sohn hat den Sieg verloren: vor unsern Augen zerschlugen die Christen unsre Götterbilder auf dem Wagen und sie taten kein Wunder! – Ich sah einen gewaltigen Kämpen deinen fliehenden Sohn verfolgen und weiß nicht, wie sie schieden.« Besorgt und zornig zugleich erhob sich Agoland und sprach: »Auf, meine Feldherren, rüstet alle Scharen.« Vergebens wartete er dann auf Almont oder dessen Boten: unmöglich deuchte ihm seines Sohnes Flucht oder Unsieg. Er wählte zwei seiner Emire aus: »Reitet zu Karl und sprecht in meinem Namen: »Gib heraus unsre Banner und Götterbilder, bekenne Mohammed und zahle Zins: fünfzig Maultiere beladen mit Gold, vierhundert Jungfrauen, und komme du selbst barfuß und bitte um Gnade, dann will ich deiner schonen.« Als die Boten bei den Franken ankamen, fanden sie den Heerbann kampfbereit, Schar neben Schar geordnet, Ogier trug des Kaisers Banner in der Hand, Roland hielt an der Spitze eines Reiterzuges. Kaum ein Mann war 236 ohne Brünne, Ketten, Leder oder Leinenpanzer, so viele hatten sie erbeutet. »Wo ist der große Karl?« begann der erste Emir, »wir sind Boten Agolands.« »Hier bin ich,« antwortete Karl vor das Zelt tretend, »redet.« Er hörte sie zu Ende, dann sprach er zornig: »Bei meinem Bart, ihr verlangt harte Dinge! Ich ging noch niemals barfuß, Gold und Silber erbeutete ich genug und teilte es aus an Herren und Knechte, Jungfrauen aber behüten wir wie einen Schatz in sichern Festen und Städten; eure Götzenbilder sind zerschlagen, ihren Goldschmuck schenkten wir unsern Troßdirnen.« »Agoland wird dich vernichten und Almont, seinen Sohn, zum König von Francien krönen,« rief drohend der zweite. »Das, Bote, wird nie geschehen. Bringt den Toten her,« befahl der Kaiser. Des Jünglings Leichnam ward auf seinem Schilde herbeigetragen und vor die Füße der Saracenen niedergelegt. »Nehmt dieses tapfern Toten Haupt,« sprach Karl, »andern Zins zahl' ich Agoland nicht.« Die Emire schrien auf vor Schmerz: »Mohammed, wo ist deine Macht? Lässest du so deine Diener verderben?« rief der erste; der zweite, Julian, reichte seinen Handschuh Karl hin und sprach: »Ich biete dir einen Kampf mit unserm stärksten Kämpen. Sende wider ihn, wen du willst: siegen wir, dann sollst du Allah bekennen, siegest du, dann wollen wir . . . .« Zornig schnitt ihm der Kaiser das Wort ab: »Zügle deine sündige Rede: aus meinem Angesicht! Nehmt diesen Toten: sein Schwert und Horn habe ich Roland geschenkt, der ihn erschlagen hat.« Er wandte ihnen den Rücken. Die Saracenen kehrten mit dem Leichnam zurück zu Agoland. 237 »Bringt ihr des Kaisers Zins?« empfing sie der. Sie antworteten: »Hier nimm, was Karl dir sendet.« Und behutsam setzten sie den Schild mit dem Toten vor seine Füße nieder. Agoland fiel besinnungslos zu Boden, dann raffte er sich auf, beugte sich über das blutige Haupt und küßte es mehr als zwölfmal. »Geliebter Sohn, wo war Allah, als du erschlagen wurdest? Sprich, Bote, was für ein Mann ist Karl?« »Gewaltig ist er wie keiner: er schaute so grimm, daß mir das Herz erzitterte,« antwortete der Gefragte. Agoland hielt das Haupt immer noch mit den Armen umschlungen. Wehklagen und Racheschwur schallten weit durch die Gänge der Burg bis in die Stadt. Alle Ungläubigen rüsteten sich, zum Rachezug gegen Karl. Am nächsten Tage rückten die Saracenen an. Die Christen zogen entgegen, in Scharen geordnet. Turpin trug dem Heer ein Kreuz voran: darin war ein Stück vom Holze des Kreuzes Christi gefaßt, an der Hüfte hing ihm sein Schwert Almace. Roland sprach zu Ogier: »Sollen wir Freunde bleiben, dann laß mich heute den ersten Streich tun.« Da gesellten sich ihnen drei Reiter in weißen Brünnen und ritten ihnen voran. Ogier fragte den einen, was sie da wollten und wer sie denn wären? »Rede höflich,« antwortete der Gefragte, »ich bin Sankt Georg, und stets tu' ich den ersten Streich, aber heute soll ihn Roland schlagen.« Und zugleich kam ein gewaltiger König der Ungläubigen ihnen entgegen, Sankt Georg griff in Rolands Zügel und rief: »Schlag' ihn, rasch.« Da traf schon des Königs Speerstoß Rolands Schild, die Brünne schützte die Brust, der Speer zerbrach; Roland schwang Durendal auf des Heiden Haupt, und hieb ihm 238 beim linken Ohr hinein und durch die Brust bis in das Roß: der König lag tot. »Schlag' immer so,« rief Sankt Georg und sprengte mit seinen zwei Gefährten mitten in die Schlacht, den Speer schwingend gegen die Saracenen. Sie fielen vor ihm zu Hunderten, ohne Wunden und Blutvergießen. Von des Erzbischofs Kreuz ging so heller Schein, daß die Heiden entsetzt zurückwichen. Wo die Hiebe am dichtesten fielen, da war Roland und fürchtete sich vor nichts. Wo die Gefahr zur Tollkühnheit reizte, dahin strebte Herzog Gerhard mit seinen Langobarden. »Heut' müssen wir Agolands Banner gewinnen,« rief der Herzog und hielt auf den Wagen. »Admiral,« riefen einige Bannerschirmer, als sie ihn kommen sahen, »das sind üble Feinde.« »Julian, du bist ein ganzer Mann,« sprach Agoland zu jenem Wali, »nimm eine Abteilung und greife sie an.« Er blieb bei seinem Banner. Aber nicht lange widerstanden die Abgesandten den fränkischen Reitern. Jene trugen meist nur Lederkoller, sie wichen zurück vor den Langspeeren. »So stehet doch,« schalt Julian. Umsonst: sie antworteten: »Was zögerst du noch hier, Feldherr? Unsre Leiber werden ja zerspalten wie Holz,« und die letzten rissen ihn fliehend mit fort. Herr Walther jagte ihm nach, da riß Julian seinen Rotfuchs herum und schoß seinen Rohrspeer Herrn Walther durch Schild und Brünne bis ins Herz. Tot sank der Mutige hin. Julian aber wehrte sich tapfer nach allen Seiten, zuletzt floh er vor Herrn Clares, aus Herzog Gerhards Zug, auf einen Berg, sein Rotroß fiel unter ihm. »Du hieltest mich wohl für einen Feigling, nun lerne mich kennen,« rief er und focht stehend weiter, bis er von einem Zug parthischer 239 Bogenschützen entsetzt wurde und Herrn Clares zu weichen zwang. Die Ungläubigen flohen zumeist, wo Roland stritt. »Ich floh noch nie und flieh' auch jetzt nicht,« rief König Cleades, ein Heide aus Afrika, mit heller Stimme. Seine Leute standen wieder; da kam Turpin mit dem Kreuze geritten und mit den drei weißen Reitern. Voll Entsetzen starrte der Afrikaner auf das Kreuz: »Verderben über dich, Bischof!« rief er. »Dein Kreuz wächst und wächst: schon ragt es in die Wolken und es leuchtet heller, als die Sonne;« er wandte sich und floh, seinen Göttern fluchend, und sein ganzes Häuflein hinter ihm. Julian kam zu Agoland gelaufen: »Gnade, Herr, all meine Mannschaft liegt tot oder lief davon: dies Reich gewinnen wir nie.« »Dein Helm sitzt auf einem Lehmkopf: ich hielt dich für einen ganzen Mann, nun seh ich wohl, wie ich mich trog,« antwortete Agoland. »Willst du Karl bezwingen, so tun's deine großen Worte nicht, reite selbst in die Schlacht und erweise deinen Mut,« grollte der Geschmähte. Da traf, speerdurchschossen, der vor dem Kreuz fliehende Cleades ein: »Hier bring' ich die letzten der mir Anvertrauten: die andern liegen tot. Niemals gewinnst du dies Reich! Ich sah das fürchterliche Kreuz in die Wolken wachsen, ich sah drei Kämpen, vor denen fielen machtlos unsre Besten. Kehr' um, Agoland!« Tot glitt er aus dem Sattel. Emir Amustad aus Afrika stand dabei: er sprach leise zu seinen Söhnen: »Agoland vermag nichts gegen Karl, er wird hier fallen; mich dünkt, wir fahren heim, und ich werde Admiral an seiner Stelle.« Er ritt heimlich an die Schiffe, ließ sie alle bis auf das seine verbrennen und segelte nach Afrika. 240 Agoland aber stand unter seinem Banner, entschlossen mit ihm zu fallen. Und da begann ein letztes heißes Streiten. Helme krachten, Brünnen barsten, zerspellte Speere flogen durch die Luft. Die Fliehenden wurden gehetzt, eingeholt und erschlagen. Kaiser Karl ritt mitten unter seinem Volk, er tat so kräftige Hiebe, daß keiner sie auffangen wollte. Das Roß fiel unter ihm: er stritt zu Fuß weiter, bis er ermattet innehalten mußte; die vornehmsten seiner Paladine geleiteten ihn in sein Zelt. Gerhard rief seinen Mannen zu: »Haltet euch dicht zusammen und stechet mit den Speeren.« Julian ließ sie mit Pfeilen beschießen, aber die Reiter wichen nicht. Gerhard saß ab mit hundert von ihnen: sie schlangen die Arme einer um den andern, streckten die Speere vor und drangen auf die Bannerschirmer ein. Die Vordersten fielen, die andern flohen. »Stehet, ihr Hunde,« rief Julian, »soll denn ein Christ mutiger sein als hundert von euch?« Aber keiner hörte auf ihn, sie liefen so schnell, daß der Sohn nicht auf den Vater wartete und der Vater nicht auf den Sohn. Da stach Julian einen edlen Franken mitten durchs Herz: doch dessen Schildträger schlug dem Saracenen Helm und Schädel entzwei: tot stürzte er nieder, nun flohen auch die letzten Bannerführer. Agoland kam fast von Sinnen, als er das Banner fallen sah. Er wartete nicht, bis ihm einer den Steigbügel hielt, er sprang auf sein Roß und floh ihnen nach. Aber Herzog Gerhard erstach sein Roß, damit er nicht entrinnen sollte: kein Heide, noch Saracene blieb bei ihm. »Ich Unseliger, alle haben mich verlassen!« rief er, »so will ich lieber mit Ehren sterben, als mit Schande fliehen.« Er verteidigte sich mutig und als sein Schwert zersprungen war, griff er zum Streithammer, als auch 241 der zerbrach, schwang er die Gürtelaxt und krachend spaltete hier ein Helm, barst dort eine Brünne. Da deuchte es Gerhard schade um solche Tapferkeit. Er fragte ihn, ob er Christ werden wolle. »Bei Mohammed, niemals,« antwortete Agoland. Herr Clares rannte ihn an und durchstach ihn mit dem Speere. Agoland hieb das Speerholz mit dem Beil vor seiner Brust ab, da schlug ihm Clares auf den Helm und tief hinein ins Haupt. Tot fiel Agoland aufs Antlitz. Rise wurde erstürmt. Herzog Gerhard und Roland drangen zuerst in die Stadt. Die Saracenen aber flohen aus Italien und Kaiser Karl setzte seine Grafen ein in diesem Land. 4. Oliver. Graf Garin saß in seinem Schloß Montglane an dem Rhone: seine Söhne, einst von ihm an Karls Hof gesandt, hatten Ehren und Burgen gewonnen. Rainer, einer von ihnen, war gegen Räuber und Diebe zu Feld gezogen und ein Mehrer von Karls Recht geworden: dafür hatte ihn Karl mit Genua belehnt und ihm eine schöne Fürstentochter vermählt. Die gebar ihm zwei Kinder: Oliver, den Sohn und Alda, die Tochter. Gerhard, ein andrer Sohn Garins, sollte die Herzogin von Burgund heiraten und ihr Herzogtum verwalten. Er ließ die Herzogin aber so lange einer Antwort warten, bis sie ihn nicht mehr wollte. Da mußte Gerhard sich mit dem Lehen von Viane genug sein lassen. Doch die verschmähte Frau sann Rache: sie entzweite durch übermütige Spottreden Gerhard mit dem Kaiser. 242 Der stolze Graf ritt nach Montglane zu seinem Vater und fragte um Rat. Garin wollte den Hader friedlich beilegen. Auf einem Hoftag in Reims erschien er mit Gerhard, dessen trotzige Worte Karl noch mehr beleidigten. Einer der Hofherren erhitzte sich allzusehr im Gespräch: er zupfte Garin gar unsanft am ergrauenden Barte, daß die Haare davonflogen. Flugs riß Gerhard sein Schwert heraus und durchbohrte den frechen Höfling: seine Genossen folgten seinem Beispiel: im Nu war die Pfalz erfüllt vom Lärm der Kämpfenden. Die vom Rhoneland mußten weichen und flohen vor den Kaiserlichen in Gerhards festes Schloß Viane. Die ganze Sippe stand nun zueinander. Vettern und Freunde eilten herbei, Gerhards Feste zu verteidigen: denn Kaiser Karl selbst kam herangezogen, Viane zu brechen und den Trotz seiner Vasallen. Die Vianer ritten und zogen zum Kampfe hinaus: stolz und freudig rannten da die Herren einander an und wenn der Abend dem Spiel ein Ende gemacht hatte, begann es am nächsten Morgen von neuem. Einmal gingen die Frauen und Mädchen von Viane vor die Tore, den Kämpfenden zuzuschauen. Sie hatten sich zu weit vorgewagt: unter ihnen war schön Alda: Roland erschaute sie: ihr wallend Blondhaar, die blauen Augen, die blütenweiße Stirn und die rosigen Wangen; rasch sprang er an ihre Seite, griff nach ihr mit der gepanzerten Faust, die unbekannte Schöne als Beute zu entführen. »Oliver hilf! rette mich,« rief Alda laut. Oliver lief eilig herzu und schlug einen gewaltigen Hieb auf Roland: während der den Schlag auffangen mußte, entschlüpfte ihm Alda und eilte mit ihren Frauen und Mägdlein zurück, hinter die sichern Mauern von Viane, indes Oliver ihren Verfolgern wehrte. 243 Wie oft die stolzen Kämpfe sich erneuten, wie lange Karl im Felde lag, – die Entscheidung erzwang keiner der Gegner. Graf Gerhard begehrte endlich nach Versöhnung und schickte Oliver in Karls Lager. Oliver stand im Zelt vor Kaiser Karl: des Grafen Friedensvorschläge wies der erzürnte Kaiser zurück. »Dann,« rief Oliver, »stelle mir Roland entgegen, großer Kaiser, und laß uns zwei im Einzelkampf den Streit entscheiden.« Das wurde ihm gern bewilligt und der Ort der Zusammenkunft, eine Insel im Rhone, verabredet. Auf dem Heimweg geriet Oliver mit den fränkischen Herren in Streit, er wurde von einigen angegriffen und befreite sich. Aber die Vianer, welche auf dem Felde, seiner wartend, hielten, schwangen die Waffen und ritten die Kaiserlichen an. Karl sprengte selbst in den Kampf: Graf Gerhard prallte auf ihn mit eingelegtem Speer und warf ihn ins Gras: jetzt sah er, daß es Karl selbst war: rasch sprang er ab, knieete nieder und sprach: »Verzeiht mir, Herr, ich hab Euch wahrlich nicht erkannt!« Nachdem er sich überzeugt, daß dem Kaiser kein Leid geschehen war, saß er wieder auf und mischte sich in das dichteste Handgemenge. Die Aquitanier mußten den Franken weichen: Gerhard riß Olivers Roß herum und jagte zurück in die Stadt. Als der letzte Vianer eingeritten war, zogen sie die Brücke auf und schoben den Riegel vor das Tor. »Nun auf zum Sturm!« rief Kaiser Karl erzürnt, »und bei meinem Bart, ihr Herren, heut fehle keiner von euch, dem daheim sein Lehen lieb ist!« Da kamen alle heran: das Troßvolk schleppte Strauchwerk, Erde, Steine, altes Gerät herbei und warf es über und in die Gräben. Gedeckt unter Schilden gingen dann die Krieger über ausgefüllte Stellen und griffen die 244 Mauern der festen Stadt mit Hammer und Eisenstangen an; hinter ihnen schossen die Schützen gutgezielte Pfeile gegen die Besatzung auf den Zinnen. Die Vianer standen oben, warfen Steine und Holzblöcke hinab: viele Jünglinge wurden zermalmt oder zerquetscht. »Herr,« sprach Naimes, »wenn du die feste Stadt mit Sturm nehmen willst, mußt du's anders angehn! Sende nach Frankenland und laß die Antwerkmeister kommen, die müssen uns die Antwerke bauen: den Tribok und den Schwenkel, die Blide und den Parderel: dann schleudern wir Feldsteine, Blei und Feuer auf die Mauern und berennen sie mit dem Widder. Hammer und Stangen brechen solche Mauern nicht.« Der weise Rat schuf dem Kaiser Grimm: er sah wie die Krieger von den nutzlosen Versuchen abstehen wollten: mit schallender Stimme rief er: »Montjoie, ihr Herren! Was zögert ihr? Land und Lehen geb' ich zum Lohn! Vorwärts.« »Montjoie,« riefen die Barone und von neuem begann der Sturm. Alda stand auf einer der Mauerzinnen, goldgesäumter Mantel deckte ihre Schultern, ihre leuchtenden Augen schauten hinab in das Tosen und Lärmen der Feinde. Sie bückte sich, ergriff einen Stein und schleuderte ihn einem Gascogner auf den Helm, der krachend barst; schier wäre der Mann tot geblieben. Roland hatte sie erspäht und ihr Tun beobachtet, da rief er heftig: »Beim Sohne Sankt Mariens, zurück hier von der Feste, ihr Leute: gegen Frauen stürm' ich nicht.« Und näher an die Mauer tretend rief er hinauf: »Wer seid Ihr, schöne Jungfrau?« »Man nennt mich Alda! ich bin die Tochter Rainers von Genua, Olivers Schwester.« Da dachte Roland: »Wie leid, daß sie nicht neulich meine Gefangene geworden!« 245 Doch Alda fuhr fort: »Verhehlt mir nun auch nicht länger, wer Ihr seid? Eure Waffen stehen Euch wohl an: der Schild, der Speer, das Schwert und das apfelgraue Roß, das ich wie einen Pfeil unter Euch rennen sah als Ihr, allen voran, unsre Schar so hart bedrängtet. Ich acht' Euch einen Helden: Eure Herzensherrin mag wohl von großer Schönheit sein?« Roland lachte hell: »Ja, Dame Alda, das ist sie: ihr gleicht wahrlich keine. Ich geb' Euch ehrlichen Bescheid: ich bin Roland.« Schnell fragte Alda: »Der Roland, den sie zum Zweikampf mit meinem Bruder bestimmt haben?« Er nickte, sie fuhr fort: »O Ihr wißt noch nicht wie kühn Oliver ist.« Sie zögerte ein wenig: »Es kränkt mich, daß Ihr gegen ihn kämpfen wollt. – – Wär' ich Euch nicht entwischt, Ihr hättet mich wohl nicht der Haft entledigt.« »Spottet meiner nicht, schön Alda,« bat Roland. Kaiser Karl hatte die zwei bemerkt und fragte: »Wer ist dort auf der Zinne das Mägdlein, mit welchem Roland so vertraulich Zwiesprache hält?« »Das ist Alda,« hieß es, »Olivers Schwester, ein Langobarde soll sie freien.« »Bei meinem Bart, das wird er nicht,« lachte Karl, »denn mich dünkt, Roland will sie gewinnen.« Alda trat von der Zinne zurück und verabschiedete Roland, der sich dem Kaiser nahte. »Ei schöner Neffe,« sprach der neckend, »was hattest du mit der Jungfrau? Hat sie etwa deinen Zorn erregt? Du verweiltest gar lang mit ihr: inzwischen brach Oliver aus der Stadt: zwanzig der Unsern liegen mit gespalteten Schädeln. Das war wohl eine Kriegslist, um welche schön Alda wußte. Traun, sie hat dich nur geneckt mit süßen Worten.« 246 Jähe Glut bedeckte Rolands Antlitz, grimmig fuhr er auf: doch Karl legte die Hand auf seinen Arm: »Gemach, gemach, trauter Neffe, ist sie dir so lieb, jene Maid? Wohlan, um ihretwillen hat der Sturm ein Ende: zurück in die Zelte.« Da blies Roland sein Horn Olifant, alles Heervolk hörte den Schall und wandte zurück ins Lager. In selbiger Nacht träumte dem Kaiser, sein Habicht kämpfe gegen einen Falken, der aus Viane geflogen kommen: die Schwingen schlagend hackten sie einander mit Fängen und Schnabel, keiner bezwang den andern, da machten sie Frieden und schnäbelten sich. Am andern Morgen ritt Roland zum Zweikampf: er ließ sein Roß durch den Rhone schwimmen und traf Oliver seiner wartend. Höfisch begrüßte er Herrn Oliver und sprach: »Um die feste Stadt Viane zu erstreiten Kaiser Karl, meinem Herr, halt' ich hier! Bist du tapfer, Oliver: – jetzt bedarfst du dessen.« Oliver entgegnete: »Versöhne uns mit dem Kaiser: dann werde Viane dein Lehen, ich folge deinem Banner zu jedem Kampfe, solang ich lebe, und Alda werb' ich dir zum Weibe.« »Nein, sieg' ich, wird ja doch alles mein!« »So bin ich's nicht gewillt,« entgegnete Oliver: »schaff' uns Frieden, Roland. Nicht um aller Ehren willen möcht' ich dich niederwerfen. Sieh, dann nimmt das Streiten gar kein End'.« »Daraus wird nichts!« rief Roland. »Töten will ich dich oder fangen: dann führ' ich dich neben meinem Hengste nach Paris, – und schön Alda nehm' ich mir.« »Das sollst du nie, solang ich lebe,« schwur Oliver. 247 »Versagt mir nicht Durendal,« lachte da Roland, »rollt, noch ehe die Sonne sinkt, dein blutend Haupt ins Gras.« »Ich bin ein Tor, mit dir zu schwätzen: willst du nicht Frieden, dann wehre dich jetzt.« Roland war stolz, Oliver war weise. Sie senkten die Speere und rannten aufeinander los mit gewaltigen Stößen. Die Speere brachen, die Schilde zerspellten, die Rosse beugten sich in den Gelenken. Hui, flogen die Schwerter heraus: mit dem ersten Hieb Durendals schlug Roland auf Olivers Helm, daß Steine und Zimier davonflogen, und nieder sauste der Streich hinter den Sattel auf Olivers Roß, zerschnitt das Tier und hieb Herr Oliver noch dazu den Sporn weg. »Montjoie Karl!« rief Roland, »heute noch baumelt am Galgen Gerhard der Verräter.« »Noch steh' ich hier, heil und bewehrt!« antwortete drohend Oliver, der nun zu Fuße weiter kämpfen mußte. Aber sorgenvoll schaute Graf Gerhard von den Zinnen Vianes herab und rief laut: »Gott im Himmel, rette Oliver!« Schön Alda, an seiner Seite stehend, hatte den Streich gesehen und erzitterte gleich sehr für den Bruder wie für den heimlich Geliebten. Sie eilte in eine nahe Kapelle und betete weinend zu Gott um solche Hilfe, die zugleich ihrem Ohm, wie Herrn Karl genehm sei. Nun tat Oliver einen wuchtigen Gegenhieb, zerhackte Rolands Helmzier, traf des Apfelschimmels Nacken und schnitt ihn ab. Roland fiel zur Erde, rasch sprang er wieder empor und sie schlugen grimmig aufeinander: wie ein Hagel flogen Funken, sprangen die Ziersteine aus Rüstung und Waffen. An den Ufern des Rhone hielt Kaiser Karl mit seinen 248 Großen; er betete: »Hilf, heilige Marie, rette Roland! Ich mache ihn zum Könige der Franken.« Drüben auf den Mauern der Stadt rief Herzog Rainer: »Hilf, heilige Marie! Nimm meinen tapfern Sohn in deinen Schirm.« Brünnenringe und Schilde waren zerhackt, Oliver tat mit seinem Schwert noch einen schweren Schlag in Rolands Schild: die Klinge brach darin ab, weit weg in den Fluß schleuderte er das Gehelze. Da war just Alda aus der Kapelle zurückgekommen. »Weh,« schrie sie auf, »dort unten fechten nun mein Bruder und mein Freund: wer auch fällt, – mir ist's ewig leid. Scheide du sie, heilige Himmelskönigin!« Oliver wollte lieber waffenlos sterben, als fliehen; mit nackten Fäusten packte er Roland an. »Halt,« rief der, »du bist wirklich tapfer; einen Waffenlosen bekämpf' ich nicht; fordre dir ein andres Schwert: und höre, laß' Wein bringen: ich habe heißen Durst.« »Dank, Roland,« sprach Oliver, »ruhe hier im Klee, dieweil ich das besorge.« Dann rief er dem Fergen, der ihn auf die Insel gefahren hatte: »Geh' ins Schloß und sage meinem Ohm, er solle mir ein gutes Schwert schicken und einen vollen Krug Weines; denn Roland habe Durst.« Der Ferge kehrte zurück mit einem Knappen, der brachte zwei Schwerter zur Wahl. Alteclär, das eine, war ein altes Schwert, geschmiedet von Weland Walhall. Sämtl. poetische Werke. Erste Serie Bd. VIII. S. 451. , in dessen Schmiede auch Joyeuse und manches andre Heldenschwert war geschweißt worden. König Pippin hatte einst Alteclär aus einem Schatz 249 in Rom genommen und es einem Herzog geschenkt, der's einem Juden für viel Gold verkaufte. Der Jude aber hatte es sorglich aufgehoben, bis er's dem Grafen Gerhard verhandelte. Oliver wählte Alteclär; dann schenkte er einen Goldbecher voll Wein und reichte ihn Roland. Während der trank, dachte der Knappe seinem Herrn nützlich zu werden, faßte das zweite Schwert und wollte Roland treffen. Oliver schlug ihn mit der Faust nieder und rief zornig: »Packe dich fort, sonst wirst du gehangen für den Bubenstreich!« Der Jüngling entfloh. Roland setzte den leeren Becher hin und lachte: »Laß ihn zum Teufel laufen, von dem er gekommen ist, und nun auf, Herr Oliver, zum Streit!« Da gab Roland Herrn Oliver einen wuchtigen Hieb auf den Helm, der barst: links am Helmring sprang das Schwert ab, zerschnitt Olivers Schild, schnitt ein Stück von der Bauchbrünne weg und fuhr nieder bis auf den Boden. »Hilf, Gott im Himmel,« sprach Oliver, »ich bin des Todes, geb' ich's ihm nicht zurück.« Und er gab's ihm zurück mit Alteclär. »Traun, du sparst nicht mit den Hieben,« rief Roland. Sie wurden so grimmig, daß kein Stück ihrer Wehrkleider noch stand hielt. Hoch auf der Zinne rief Alda mit Schrecken: »Bleibt einer von ihnen tot, bleib' ich nicht am Leben.« Oliver schlug Roland einen Teil des Nasenbandes fort, die Ringe sprangen rasselnd ab; das machte Roland nur noch grimmiger, Schritt um Schritt drang er auf Oliver ein und zwang ihn ins Knie; stark blutete Olivers linker Arm, aber rasch sprang er auf und hieb kühn zurück. 250 »Wie mich das traf!« rief Roland. »Du liebst mich wenig.« Und Oliver entgegnete: »Nur ungern ging ich in diesen Kampf: doch soll's mich freun, wenn ich dir den Stolz ein wenig beugen kann.« Sie standen in ganz zerfetzten und zerstückten Rüstkleidern da; es schien ein Wunder, daß sie noch lebten. Die Vianer wie die Kaiserlichen sorgten um das Ende. Einige fränkische Herren hatten sich heimlich gewaffnet und wollten über Oliver herfallen, wenn Roland unterläge. Als der Kaiser das gewahrte, rief er zornig: »Bei meinem Bart, wer unter euch, und wär's mein erster Held, Oliver zu Schaden bringt, der hängt am nächsten Baum.« Roland sagte: »Ich möchte ausruhen, ich bin müde.« »Das tut mir leid, ich föcht's lieber gleich aus: doch geh' und ruhe,« antwortete Oliver. Hell lachte der Markgraf. »Ha, ha, das war nur Scherz, Freund; vier Tage hielt' ich aus, auch ohne Speis' und Trank.« Und abermals schwangen sie die Schwerter, daß ihnen der Schweiß von den Schenkeln rann. Keiner wußte mehr, wie sich zu helfen vor dem andern, und Roland rief: »Wahrlich, einen Mann, der mich solange ausgedauert hat, sah ich noch nie!« »Und ich weiß keinen, der mich zu Schaden brächte,« entgegnete Oliver fest. Schon sank der Abend. Es wäre kein Ende geworden, bevor einer fiel, hätte nicht Gott einen Engel gesendet. Als sie wieder mit gezückten Schwertern dastanden, schwebte eine Wolke zwischen beide, und eine Stimme sprach daraus: »Allzulang schon dauert euer Stürmen; macht Frieden! Gott will es.« Sie erschraken und hielten ein. Da erscholl wieder die Stimme: »Roland und Oliver: 251 lasset euer trotziges Zürnen! Zeigt eure Kühnheit gegen die Heiden.« Dann verflog die Wolke. Da streckten die jungen Helden einander die Hände entgegen und schlossen Brüderschaft, setzten sich unter einen Baum, banden die Helme ab und schauten einander an. Oliver war schön. Hoch trug er sein schmales, wohlgebildetes Haupt: um die kühne Stirn drängte sich dunkelbraunes Kraushaar, goldbraune Augen blickten, wie Falken blicken, unter dunklen Brauen hervor, unter der etwas kurzen Nase sproßte üppig ein Flaumbart um den kleinen Mund und das breite Kinn. Sein Wuchs war nicht so kräftig, als der Rolands, doch von schönerem Ebenmaß. Roland begann: »Auf meine Treu, Oliver, ich liebe dich, wie keinen. Weder Burg noch Land will ich je besitzen, das du nicht zur Hälfte mit mir teilen sollst. Und Alda will ich heimführen. Ich söhne euch aus mit meinem Ohm, und sagt er nein, dann komme ich zu euch.« »Wisse, Roland, ich liebe dich ebensosehr: gern geb' ich dir die Schwester zum Weib,« antwortete Oliver. Und nun küßten sie sich auf den Mund und schieden. Roland ritt zurück ins Lager, erzählte alles und bat beim Kaiser um Gnade für die Vianer. Aber der Kaiser willfahrte ihm nicht so rasch. »Helfe mir Gott,« sprach Roland, »dann umgürte ich mich nie mehr mit dem Schwerte!« Und er ging aus dem Zelt. Am nächsten Tag auf einer Eberjagd im Wald verlor der Kaiser sein Gefolge. Da wurde er überrascht und überfallen von Graf Gerhard und seinen Freunden, die aus einem unterirdischen Gang hervorstiegen. Der Kaiser war in der Gewalt seiner Feinde, aber Graf Gerhard kniete nieder und bat demütig: »Herr und Kaiser, seid gütig und gewährt mir Verzeihung und Frieden.« 252 Karl blickte milde. Unerschrocken, ehrfurchtgebietend stand er in ihrer Mitte, der weiße Bart wehte im Abendwind. »Stehet auf, edler Graf, und habet meine Huld wieder.« Darauf folgte der Kaiser ihnen in die Feste, wo er herrlich bewirtet wurde von den jubelnden Aquitaniern. Am andern Morgen ritten die Vianer ungewaffnet, den Kaiser in ihrer Mitte, zu den Toren hinaus, dem Lager zu. Dort hatten die Paladine mit Sorge der Rückkehr ihres Herrn geharrt. Als sie nun die Feinde kommen sahen, griffen sie nach den Waffen und den Rossen und glaubten, in eine Schlacht zu reiten. Da lachte der Kaiser, gab Tencendur den Sporn, ritt an die Spitze seiner Geleiter und rief: »Steckt ein die Schwerter, ihr Herren: wir haben Frieden gemacht.« Feierlich wurde da Alda Roland vermählt. Kaiser Karl gelobte, Roland zum König von Spanien zu machen. Aber mitten in die Freude kam die Botschaft von erneutem Einfall der Saracenen in Aquitanien. Die Hochzeitsfeier mußte hinausgeschoben werden. Beim Scheiden knüpfte Alda ihrem Vermählten ein weißes Wimpel an seinen Speer und er steckte ihr einen goldenen Reif an den Finger. 5. Kaiser Karls Fahrt nach dem Morgenland. Zu einer Zeit saß Kaiser Karl in seinem Saale zu Paris und rief herbei die stolzen Herren: Roland und Oliver, Naimes, Ogier, Erzbischof Turpin, Graf Wilhelm von Orange, Ernald von Girunde und dessen Neffen, den starken Bertram, Beranger, Bernhard von Brabant, 253 Haimerich und Garin. Und Karl sprach: »Ihr Herren, hört: einst, als mir mein Sohn Lothar geboren wurde, habe ich das Gelübde getan, am heiligen Grab in Jerusalem zu beten. Dreimal hat mich ein Traum daran gemahnt. Darum rüstet Waffen und Hengste und laßt die Knechte Maultiere und Säumer schirren und beladet sie mit Gold und köstlichen Geschenken: denn ich fahre nach Jerusalem und ihr sollt mich begleiten.« Im Dom von Saint Denis segnete Erzbischof Turpin der frommen Franken Schwerter. Dann umgürtete sich Karl mit Joyeuse und Turpin band sich Almace zur Seite und nach ihm nahmen die elf andern Paladine ihre Schwerter. Dann stiegen sie auf die stampfenden Rosse und ritten hinweg. Von Francien durch Burgund, Alamannien und Bayerland, über die Donau und durch Avaren und Bulgarensteppen ins Griechenreich; und fuhren von da über See ins Morgenland Siehe das schöne Gedicht von Uhland: »König Karls Meerfahrt«. und nach Jerusalem. Sie ließen Rosse und Troßknechte in den Herbergen, eilten gleich ins Gotteshaus und legten ihre Gaben auf dem Altar nieder. Da sah der Kaiser zwölf Stühle stehen, von geschnitzten Schranken wohl verwahrt, und einen dreizehnten in ihrer Mitte. Karl trat hin, tat die Schranken auf und ließ sich in dem Mittelstuhle nieder, und seine zwölf Barone saßen um ihn her. Und nie zuvor noch nachher saß ein Mensch darin: denn das waren die Stühle des Herrn Christus und seiner zwölf Apostel, in denen sie dereinst beim Abendmahl gesessen. Da kam ein Jude in das Gotteshaus, erblickte Karls stolzes Angesicht mit dem wallenden Bart und erschrak: er 254 lief eilends hinaus, flog die Marmelstaffeln vor des Patriarchen Haus hinauf und rief: »Auf, Patriarch, eile ins Gotteshaus und bereite das heiligende Wasser: ich will mich taufen lassen! Zwölf Degen sah ich sitzen in den Stühlen: und noch einen, der ist schön und gewaltig, er ist Gott selbst und gekommen mit seinen zwölf Aposteln: dich zu besuchen.« Der Patriarch beschied seine Priester und schritt mit ihnen in feierlichem Zuge dahin, wo Karl saß. Der stand auf, verneigte sich und küßte den Gottesdiener. »Wer seid Ihr? und von wannen kommt Ihr?« fragte der Patriarch. »Ich bin Herr Karl, König der Franken und Kaiser von Rom, und hergezogen, um am heiligen Grabe zu beten,« antwortete der Kaiser. »Großer Karl,« sprach der Patriarch, »du bist auf dem Stuhle gesessen, auf welchem Christus, der Herr, einst saß: sei gesegnet und sei auf Erden ein König über alle Könige.« Karl antwortete: »Ehrwürdiger Patriarch, habe Dank für das Wort! Aber gib mir von deinen Heiligtümern, daß ich sie meinen frommen Franken mitbringen mag.« »Gott selbst hat dich hergeführt, darum will ich dir geben, was du begehrst,« antwortete der Patriarch und schenkte ihm heilige Reliquien: ein Stück vom Schweißtuch Jesu, einen Nagel, der Christi Fuß am Kreuz durchbohrt hatte, und die heilige Dornenkrone. Karl nahm die Heiligtümer, und sein starker Leib bebte dabei vor frommer Wonne. Er ließ einen Schrein bauen, wohl tausend Mark vom feinsten arabischen Gold wurden darin verschmolzen: in diesen Schrein barg er die Weihtümer, dann ließ er ihn fest verschließen, mit dicken Silberbändern 255 umschmieden und verriegeln und übergab den Schrein Erzbischof Turpin, der sollte ihn hüten. Vier Monde verweilte Karl in Jerusalem, tat seinen Schatz auf und ließ eine Marienkirche erbauen. Kaufleute brachten ihm arabische Seide, persische Tücher und Leinwand, Narden, Balsam, Pfeffer und allerlei Gewürz, und Karl kaufte ihnen alles ab. Dann sprach er: »Nun will ich heimfahren nach Francien.« Der Patriarch antwortete: »Dir und deinen Baronen stehen meine Schätze offen, nehmt davon soviel ihr wollt. Hüte dich auf deiner Reise vor den heidnischen Saracenen! Vertilge sie, die uns Christen stets verfolgen!« »Das ist meines Amtes zu Lande und zu Wasser,« sprach Karl und ließ in den Herbergen zum Aufbruch rufen. Da wurden den Baronen die Herzen froh: früh am Morgen standen Rosse, Saumtiere und Maulesel geschirrt; die Franken stiegen auf und zogen hinweg. Der Patriarch geleitete sie einen Tag lang, dann empfahl er sie Gottes Schutz und schied von ihnen. Kaiser Karl ritt weiter und lenkte nach Byzanz. Als sie die glänzenden Türme und Kirchen der Stadt ragen sahen, kamen sie in weite Haine voll von Lorbeer- und Pinienbäumen; Rosen, Lilien und persische Syringen blühten da in unabsehbarer Menge. Männer in pelzverbrämten Seidenmänteln trieben allerlei Kurzweil darin: die einen lustwandelten, Falken und Habichte auf der Hand, die andern saßen beim Brettspiel unter Rosenhecken; und viele schöne Jungfrauen, geschmückt mit golddurchwirkten Gewändern, schritten mit ihren Freunden dazwischen hin. Kaiser Karl rief einem Falkner: »Wo ist euer König 256 Hugo?« Höfisch antwortete der Grieche: »Reitet nur fürbaß, dann werdet Ihr ihn finden.« Karl fand König Hugo mit einem Pflug ackernd. Der Pflug leuchtete von Gold: die Räder, die Pflugschar, die Stangen und das Joch, darin die Ochsen zogen. Der König saß auf einem goldnen Stuhl, den trug rechts und links an goldgeschmückten Stangen je ein weißer Zelter. Und der König saß auf einem bunten Kissen, gefüllt mit den Federn der Goldammer, unter seinen Füßen im Stuhl stand ein Schemel, mit silbernen Nägeln gefestigt. Ein Mantel wallte um seine Schultern, sein grauer Bart floß ihm auf die Brust, auf dem Haupte trug er einen breiten Hut, in der Hand hielt er eine goldene Gerte und so führte er seinen Pflug und zog die Furche gerade hin wie am Richtseil. Und von vier Pfählen getragen war ein grauer Teppich gebreitet über das Feld hin. Kaiser Karl staunte ob all der goldnen Pracht, lenkte sein Reiseroß unter das Zelt und grüßte den König höflich. Als der Karls stolzes Wesen und dessen starke Arme sah, entbot er ihm Gegengruß und fragte, wer er sei? »Ich bin Herr Karl und dieser ist Roland, mein Neffe. Ich bin vom heiligen Grabe gekommen und hierher, um dich einmal zu sehen.« »So sei mir willkommen; und ich will dir zu lieb meine Rinder ausspannen,« sagte Hugo. Er nahm den Tieren das Joch vom Nacken und ließ sie auf die Weide laufen, dann stieg er auf seinen Zelter und ritt mit den Franken in die Stadt, und da sie darüber staunten, als er so kostbaren Pflug unbewacht zurückließ, sprach er: »Der könnte sieben Jahre auf dem Acker stehen, und niemand würde ihn von der Stelle rücken.« Wilhelm von Orange rief: »Hätten wir ihn in Francien, und ich und der starke Bertram kämen drüber, 257 wir zerschlügen ihn, Streitäxte und andre Waffen damit zu beschaffen.« Sie kamen an den Palast des Königs: über die marmornen Stufen und den Estrich des offenen Saales waren bunte, weiche Decken gebreitet. In Byssos gekleidete Edelknaben und Herren in schimmernden Gewanden gingen und standen dienend da. Die einen halfen den Franken von ihren Rossen und führten sie in den Palast, wo ihnen gute Herberge bereitet wurde, die andern zogen die Zelter und Saumtiere in Ställe und pflegten sie. Kaiser Karl betrachtete all die große Pracht: Tische, Bänke und Stühle aus lauterm Gold; Vögel, Schlangen, Fische, Leoparden und andres Gebild war auf blauem Grund an den Wänden gemalt, und über den Palast wölbte sich eine hohe Kuppel. Hundert Marmorsäulen, mit Gold eingelegt, ragten im Saal; die in der Mitte umwand Silberzier, und an den Füßen der Säulen waren je zwei Kinderbilder geschmiedet aus Kupfer und Erz: die hielten ein Elfenbeinhorn im Munde, und wann vom Meere her der Wind in den Saal blies, bewegten sich die Kinder und ihre Hörner schallten bald wie liebliche Musik, bald wie Glockengeläut oder rollender Donner. Und die Kinder lachten einander an bei ihrem Spiel, als wären sie lebend. Während Karl alle die Herrlichkeiten betrachtete, erhob sich ein Wind vom Meere her und zog brausend auf der offenen Vorderseite in den Palast: der drehte sich um die Mittelsäule auf die andre Seite, die Kinderbilder lächelten und bliesen ihre Elfenbeinhörner. Den Franken deuchte, sie wären im Paradies und die Englein sängen ihre heiligen Wonnegesänge. Aber der Wind schwoll an zum heulenden Sturm, mit Schnee und Hagel umtoste er den Palast. Die Griechen schlossen ihn mit Fenstern aus 258 buntem, schön geschliffenem Glas. Kaiser Karl aber, als er den Palast hin und her beben sah, wußte nicht, was es bedeute, er schwankte und mußte sich auf eine Marmorbank setzen. Seine Paladine fielen zu Boden und bedeckten ihr Angesicht und sprachen: »Wir kamen in ein übles Haus: die Tore stehen offen und wir können doch nicht hinaus.« Da trat König Hugo zu ihnen und sprach: »Verlieret nicht den Mut, ihr Herren.« »Das wird nie geschehen,« antwortete Karl. Gegen Abend ließ der Sturm nach. Die Franken sprangen auf, der Palast stand wieder fest und das Abendmahl war bereitet. Da saßen alle nieder, auch die Königin und ihre junge Tochter mit den blauen Augen und blondem Haar und ihr Antlitz war weiß wie die Lilie, und sie gefiel Herrn Oliver gar sehr. Da gab es in Fülle Braten vom Hirsch und wilden Eber, Kraniche, Wildgänse, Pfauen mit Pfeffer gewürzt. Edelknaben gossen aus schweren Henkelkrügen in goldene Pokale starken Wein und süßen Met. Dazu sangen, fiedelten und harften allerlei Spielleute, und schlanke Mägdlein schwangen sich im Reigen zum Schalle weicher Flöten. Die Franken saßen da mit stolzen Sitten. Und als die Nacht kam, geleitete Hugo sie in ein gewölbtes Marmorgemach, das durchleuchtete, hell wie der Tag, ein Karfunkel, der an goldener Kette von dem vorspringenden Haken einer Säule niederhing. Dort waren ihnen die Betten bereitet. Das des Kaisers ruhte auf goldenen Füßen, und die Decke war gewirkt von Maseuz, einer kunstreichen Fee. König Hugo mißtraute seinen Gästen: er sandte ihnen starken Wein und ließ sie von seinem Späher überwachen. 259 Der saß in einem geheimen Versteck, von wo aus er das Gemach übersah und alles hörte, was die Franken sprachen. Die tranken den firnen Wein und redeten untereinander. Roland sprach: »Schauet um, auch hier welche Pracht! Wollte Gott, Karl, unser Herr, gewänne alles in offener Feldschlacht.« Da lachte der Kaiser, hob den goldenen Becher, trank und sprach: »Jetzt laßt uns Scherz treiben, ihr Herren! Sage du einen, schöner Neffe Roland.« »Gern, Oheim: Will mir König Hugo sein Hiefhorn einmal leihen, dann zieh' ich damit hinaus auf die Heide und werde blasen, daß Tore und Pfosten, Stein und Eisen umfallen; und Hugo mag mir aus dem Weg bleiben, sonst blas ich ihm die Haare aus seinem Bart und den Marderpelz von den Schultern weg.« »Das ist ein dummer Spaß!« dachte der Späher. »Was mußte mein Herr solche Leute aufnehmen?« »Erzbischof Turpin, wollt Ihr nicht teilhaben an unsrer Kurzweil?« fragte Karl. »Gern, wenn es mein Kaiser befiehlt: schafft mir aus des Griechenkönigs Stall drei der besten Rosse, jagt sie auf der Heide umher: dann komme ich geritten, trage vier Äpfel in Händen und springe über zwei Rosse hinweg und setze mich auf das dritte und spiele dazu Fangball mit meinen Äpfeln und verpfände Herrn Hugo mein Augenlicht, daß ich keinen fallen lasse.« »Das ist ein hübscher Scherz,« dachte der Horcher, »und meinem Herrn keine Unehre.« Wilhelm von Orange hob den Becher und rief: »Seht dort die Goldkugel! Meines Lebens sah ich keine größere, dreißig Mann rücken sie nicht vom Platz; nun wohl: mit 260 einer Hand werd' ich sie morgen durch den Palast rollen, daß das Gemäuer zertrümmert wird.« »Bei Gott, das wird dir nicht gelingen,« sprach der Horcher. »Und ich,« rief Ogier, »werde die Silbersäule, die den Palast trägt, mit meinen Armen zerbrechen, alles wird niederstürzen und wenn König Hugo kein Narr ist, macht er sich rechtzeitig aus dem Saal.« »Der Mann ist ein Tor: aber mein König war ein größerer, da er euch einließ,« dachte der Horcher. Graf Bernhard vermaß sich, ein starkes Wasser aus seinem Bette zu leiten, Türen und Stadt damit zu überschwemmen, »ihr könnt es alle mit ansehen,« sprach er, »und König Hugo soll auf seinen höchsten Turm flüchten und nicht eher herunterkommen, bis ich es will.« »Und was weißt du, Freund Haimerich?« fragte Karl. Der Graf antwortete: »Ich setze morgen meinen Hehlhut aus Fischhaut auf, und wann Hugo tafelnd sitzt, nehm' ich ihm Speise und Met vor dem Munde weg, und gebt acht, wie ich ihm den Bart zause.« »Mir aber,« rief Garin, »schafft einen Wurfspeer, das Eisen daran einen Fuß lang und legt auf dem Turm zwei Heller aufeinander; dann schieß' ich, eine Meile weit davon stehend, den obersten herunter, ohne daß sich der untere rührt, und ehe noch der Heller auf den Boden kommt, steh' ich schon wieder auf der Schwelle des Palastes.« »Der Scherz ist drei der andern wert,« sprach leise der Späher. Und so überboten sich die Paladine in Prahlereien einer nach dem andern, bis sie einschliefen; dann schlich der Späher hinaus und meldete alles seinem Herrn. »Meiner 261 Treu,« sprach Hugo, »weshalb spotten die Franken also über mich? Nahm ich sie doch gastlich in mein Haus!« Und am andern Morgen ließ er eine starke Wachtschar mit gezogenen Schwertern vor dem Palast aufstellen. Die Franken kamen aus dem Münster, Kaiser Karl schritt ihnen voran, den Ölzweig in der Hand; aber König Hugo rief ihm unwirsch zu: »Weshalb habt ihr mich heute Nacht verspottet? Wahrlich, nun führt eure Prahlereien aus, oder ich schlage euch allen das Haupt ab.« Herr Karl stutzte, blickte um nach seinen Baronen und sprach: »Mich deucht, Hugo hat einen Lauscher in unserm Gemach gehabt« und zu dem Griechen gewendet fuhr er fort: »Du hast uns heut' Nacht allzuviel süßen Mets schenken lassen: daheim in Francien ist's Brauch, daß Männer Abends beim Wein lachen und scherzen und allerlei törichte Reden vorbringen. Willst du andre Antwort, dann will ich meine Barone darum befragen.« »Bei meiner goldenen Krone, ja, ich heische bessere, und ehe ihr von mir scheidet, will ich euch das Scherzen verleiden,« zürnte Hugo. Da sprach Karl zu seinen Baronen: »Der starke Wein hat uns trunken gemacht, wir schwatzten frevelhafte Dinge.« Und er schritt ihnen voran in die Halle, zu beraten. Bald traten sie wieder vor Hugo hin und Karl hub an: »Du hast uns gestern gut bewirtet und wir sannen keinen Spott gegen dich, danach aber hast du uns trunken gemacht und Schmach angetan: denn du schicktest einen Lauscher in unser Gemach. Im Reiche der Franken straft man solche Tat als einen Treubruch des Gastrechts. Laß dir genügen mit dieser Antwort, König! Nun aber wollen wir Abschied nehmen: nie zuvor sah ich solche Herrlichkeiten als hier; doch ich sehne mich zurück nach Aachen in meine Pfalz, wo der See blaut, und aus grünem Buchwald würziger Brodem 262 mein Haupt umweht.« Da wagte König Hugo nicht, den stolzblickenden Kaiser aufzuhalten: huldigend verneigte er sich vor ihm. Friedlich schieden die Franken und ritten frohen Herzens ihrer Heimat zu. In Saint Denis legte Karl die Heiligtümer nieder. 6. Die Haimonskinder. Wiederum einmal hielt Kaiser Karl Hoflager zu Paris. Der Papst, gekrönte Könige, zwölf Herzöge, viele Grafen und Edelleute, Bischöfe und Äbte, Frauen und Jungfrauen waren da versammelt um den Kaiser und die Kaiserin. An zahlreichen Tischen, in Hallen und Sälen aufgestellt, saßen sie nieder zum Mahl. Da war auch gekommen Graf Haimon aus den Ardennen; er hatte für Karl manchen Schlag gegen die Heiden geschlagen, war ein gewaltiger, strenger Mann, gefürchtet von Freund wie Feind; an Gold und Burgen war er reich. In des Kaisers Saal saß er tafelnd an einem Tisch mit Haimerich, einem Enkel Garins, und mit Hugo, dem Schwestersohn Haimerichs, und mit vielen Edelleuten ihrer Gefolgschaften. Hugo war ein schöner Jüngling, mit goldfarbenen Locken, gewandt in der Rede und in höfischen Dingen. Er stand nun auf, ging zum Kaiser, grüßte ihn ehrerbietig und sprach: »Gnädiger Herr Karl und Kaiser, wisset, daß meine Vettern Haimon und Haimerich gekommen sind. Sie haben Euch gar wackere Dienste gegen die Heiden getan und oft ihr Leben eingesetzt. Lohn aber habt Ihr ihnen dafür noch nicht gegeben; heute nun begehren wir solchen.« 263 Mit verhaltenem Unmut antwortete Karl: »Spar' deine Worte, Hugo, sie haben ihre Pflicht getan, damit sei's gut. Burgen und Länder geb' ich ihnen weiter nicht. Ist's nicht genug, daß ich Haimons trotzigen Bruder, Doon von Mainz, aus der Verbannung zurückberufen und wieder in sein Lehen gewiesen habe?« »Doch ungerächt ließt Ihr den Mord, den Euer Wehrmann beging an Bovo, Haimons anderm Bruder.« »Niemand kennt den Mörder,« antwortete Karl mit drohender Stimme, »ich und Haimon, wir haben uns darum vertragen.« Doch Hugo entgegnete keck: »Treue Dienste unbelohnt lassen, Herr Kaiser, wahrlich, das bringt Euch keine Ehre.« Zornig faßte Karl sein eingescheidetes Schwert und tat einen Schlag nach Hugo, ihn zu züchtigen: der Jüngling wollte ausweichen, er fiel ungeschickt zu Boden, schlug mit der Schläfe auf einen Stein und verschied. Blut strömte über den Estrich. Graf Haimon und Haimerich sprangen auf, reckten die Finger empor und schwuren mit lauter Stimme: »Hör's, großer Karl! So helfe uns Gott: wir rächen Hugos Tod, und ginge das Frankenreich darüber zu Grunde.« Alle Gäste ließen die Sitze, – die Tische wurden umgestoßen – und unter großem Lärm drängten sie zu den Türen hinaus. Graf Haimon rüstete sogleich; so tat auch Kaiser Karl, ließ sein Banner fliegen und zog mit starkem Heer in Haimons Gebiet im Ardennerwald. Der Graf hatte nur eine kleine Schar; sie zogen aus seiner Burg Pierrelepont, ließen alle Heerhörner zugleich ergellen, daß es wie Donner hallte, und griffen Karls 264 Lager an. Das Kämpfen dauerte bis in die Nacht. Auf beiden Seiten waren viel Vornehme und Knechte gefallen. Da sprach Kaiser Karl: »Schied uns auch heute die Finsternis, ich will die Empörer nicht länger dulden in meinem Reiche.« Er berief in selbiger Nacht seine Räte, die mußten das Urteil finden Haimon und seinen Anhängern. Da sprachen sie über die Empörer die Acht: Landesverwiesen, recht- und schutzlos sollten sie sein. Als Haimon diese Botschaft erhielt, wählte er achthundert seiner besten berittenen Krieger und Gold und Gerät soviel sie führen konnten und räumte mit ihnen das Land. Kaiser Karl aber verteilte der Geächteten Güter unter seine Getreuen. Graf Haimon und seine Anhänger hausten in Wäldern; bald wurden sie aber dessen überdrüssig und sie brachen hervor in Gehöfte, Burgen und Klöster, alles davonschleppend, wie Räuber, was sie erbeuten konnten. Die Paladine mußten nun so oft zu Felde ziehen, als es Graf Haimon gefiel, Recht und Ordnung zu brechen. Endlich gingen sie zu Karl und baten bescheiden: »Gnädiger Herr und Kaiser, der lange Krieg mit Haimon verdirbt das Land: darum bitten wir Euch, erbarmt Euch Eures Volkes und gebt dem Grafen Frieden.« Der Kaiser saß sinnend; Unwillen und gütige Sorge beschwerten ihn lange, bis er der Bitte nachgab. »Wohlan, meine tapferen Herren, gehet denn hin und sehet zu, wie ihr das Land zur Ruhe und den Grafen zum Gehorsam bringt.« Graf Haimon lag wieder zu Pierrelepont, dort trafen ihn Karls Boten mit dem Anerbieten: der Kaiser wolle ihm des erschlagenen Hugo Gewicht neunmal mit Gold aufwägen, um des Friedens willen. 265 »Das Anerbieten acht' ich für Spott,« brauste der Graf auf, »geht heim, sagt eurem Herrn: Graf Haimon will keinen Frieden mit Karl, sondern Krieg, so lang' es nur angeht; Hugos Tod kann er nicht vergessen.« Der große Kaiser hörte schweigend die Antwort und sandte ein zweites Schreiben ab: darin bot er dem Zürnenden seine Schwester Agia zur Frau, auch sollten die Geächteten all ihr Land und Lehen zurückbekommen und künftig als freies Erbgut behalten. Da erkannte Haimon des Kaisers friedlichen Sinn, er berief Haimerich und andre seiner Freunde und teilte ihnen den Brief mit. »Damit sind wir gern zufrieden,« sprach Haimerich, »wenn uns noch dazu Hugos Gewicht sechzigmal in Gold aufgewogen wird.« Zwei Neffen Haimons trugen das Antwortschreiben nach Paris. Sie gingen gleich zu Hof, verbeugten sich vor dem Kaiser und überreichten den Brief, welchen Karl von zwei Räten laut lesen ließ. Dann wandte er sich den Gesandten zu und sprach: »So entbietet nun Graf Haimon samt seinen Freunden nach Senlis, dort will ich Frieden mit ihm schließen und ihm meine Huld wieder geben.« In Senlis ging der Kaiser dem Grafen entgegen, umarmte ihn und sprach: »Haimon, vergiß nun, daß ich deinen Vetter Hugo im Zorn erschlagen habe, und laß Frieden zwischen uns sein. Was ich dir darum geboten habe, will ich alles erfüllen.« Graf Haimon beugte das Knie vor seinem Herrn und gelobte aufs neue Treu' und Gehorsam. In der Kirche zu Senlis wurde die Braut mit dem Grafen eingesegnet, Roland schritt an ihrer einen Seite, der Erzbischof Turpin an der andern, der Graf ging im Geleite des Kaisers und seiner Paladine. Als dann das 266 hochzeitliche Mahl bereitet stand, wünschte Haimon, daß Karl mit den Hofherren dem Fest bis zum Ende beiwohnen sollte. Der Kaiser schlug die Bitte ab und ritt mit seinem Hofgefolge sogleich nach Paris zurück. Darüber geriet Haimon in heißen Zorn, nahm sein Weib, zog nach Pierrelepont und feierte dort seine Hochzeit vierzig Tage lang. Und als das Trinken und Feiern zu Ende ging, nahm der Graf sein Schwert und schwur darauf: »Und dennoch will ich Hugos Tod rächen und alles töten, was von des Kaisers Geschlecht und Herkommen ist.« Darüber erschrak Frau Agia, der Graf aber blieb nicht lange daheim, sondern zog gegen die Saracenen in den Krieg. Da machte die Gräfin eine Wallfahrt in ein Frauenkloster und gebar dort einen Knaben, den sie Richard taufen ließ. Erzbischof Turpin und Graf Wilhelm von Orange wurden seine Paten. Sie nahmen das Knäblein in ihre Obhut und hielten es vor allen Leuten geheim, denn die Mutter fürchtete, Haimon werde es töten nach seinem Eid. Darauf eilte sie zurück auf ihre Burg und da war niemand, der dem heimkehrenden Haimon die Geburt seines Sohnes hätte verraten können. So gebar Agia bald nacheinander noch zwei Knaben, Wichard und Adelhard, und ließ sie mit dem ersten heimlich ausziehen. Da blieb der Graf einmal sieben Jahre aus: Agia hielt ihn für tot und beklagte ihn laut; darüber kam der Graf in den Burghof geritten. Er blutete ans sieben Wunden, und saß doch aufrecht im Sattel, in Wehr und Waffen, siegesstolz, denn er hatte Land und Leute gewonnen. Frau Agia eilte ihm entgegen, küßte ihn und hieß ihn willkommen. Haimons Herz wurde froh bei ihrem Anblick trotz der sieben Wunden. 267 Noch im selben Jahr gebar die Gräfin heimlich einen vierten Sohn; sie nannte ihn Reinald und schickte ihn dahin, wo die andern waren. Er wuchs heran, größer, schöner und stärker als seine Brüder, die er mit fünfzehn Jahren weit überragte, wie der Falke den Sperber. Zu dieser Zeit war Ludwig, des Kaisers Sohn, wehrfähig geworden und Karl wollte ihn mit dem Schwert umgürten und zum König von Aquitanien krönen. Deshalb berief er Roland und dessen Genossen, Bischöfe, Herzöge und alle Vasallen seines Reichs nach Paris und tat ihnen seinen Willen kund. »Gnädiger Herr,« sprach Turpin, »das kann nicht sein, es fehlt einer Eurer Vasallen: ein kühner, stolzer Held, der sein Land nur von Gott zu Lehen will.« »Haimon,« rief Karl, »der sich wider mich empört und meinem Geschlecht den Tod geschworen hat!« »Ja, Herr Kaiser; aber er bekriegt unablässig die Heiden und er hat der Erfüllung seines sündhaften Schwures gar nicht obgelegen,« sprach der Erzbischof. »Ein Trotzkopf ist er! – Aber ein tapferer Degen. wohlan, Bischof, wir wollen ihn herbescheiden: Sicherheit und frei Geleit sag' ich ihm zu.« Graf Roland, Wilhelm von Orange, Bertram und Bernhard wählte der Erzbischof von den Paladinen aus und der Kaiser entsandte sie nach Pierrelepont, das der Graf gegen Karl siegreich behauptet hatte. Er schenkte jedem ein schöngeschirrtes Roß, eine Hutschnur mit Edelsteinen und einen Mantel als Botenlohn und gab ihnen einen Ölzweig in die Hand. Sie sprangen in den Sattel und ritten ohne Waffen nach Pierrelepont. Frau Agia sah vom Fenster aus sie kommen, erkannte 268 sie und sah auch, daß sie Friedensboten waren. Eilends schickte sie einen Diener entgegen mit Geschenken, »das beste für Roland«. Haimon war daheim, er hatte wie stets eine große Zahl Gewappneter bei sich. Als die Boten in die Burghalle geführt wurden, saß der Graf da mit seinen Edelherren, und jeder hatte ein nacktes Schwert auf den Knien. Stolz blickte Haimon, als hätte er die ganze Heidenschaft schon bezwungen. Niemand bot einen Willkommgruß. Roland begann mit freundlichem Sinn: »Graf Haimon, wir sind Boten Kaiser Karls: er entbietet Euch nach Paris, wo er seinen Sohn Ludwig zum König krönen will. Um Euretwillen ist die Feier vierzig Tage verschoben: erkennet daran des Kaisers Milde.« Haimon erblaßte vor Zorn, er sprach kein Wort, am liebsten hätte er alle vier erschlagen. Roland redete ihn zum andernmal an: »Graf Haimon, bescheidet uns, wollt Ihr Ludwig krönen helfen?« Aber Haimon schwieg. Traurig sahen die Boten einander an. Frau Agia füllte einen Becher voll Wein und reichte ihn Roland: »Nimm, lieber Neffe, und trinke, ich heiße dich willkommen.« Da nahm Roland den Becher, trank und reichte ihn auch seinen Gefährten. Die Gräfin trat an ihren Eheherrn heran und sprach: »Haimon, ich bitte dich sehr, gib den Boten eine Antwort.« Da riß der verhaltene Zorn den Grafen hin, er schlug mit der Faust gegen sie und traf ihr Antlitz. Blut floß über ihren Schleier; – keiner der Burgleute wagte, ihr beizuspringen, nur mit Gewalt hielten die Boten an sich und waren um die Gekränkte bemüht. Die Gräfin wies sie fort, neigte sich wieder zu Haimon, küßte seinen Mund und sprach: »Lieber Herr, ich bitte dich nochmals, gib meinen Vettern eine Antwort.« 269 Des Grafen Zorn war verraucht: »Du gutes Weib, herzliebe Frau, verzeih' meine Untat!« sprach er. »Was soll ich antworten? Ich bin der unseligste Mann, wie du das unseligste Weib unter der Sonne.« »Das mein' ich nicht, Haimon, weshalb klagst du so?« »Weil wir in all den Jahren unsrer Ehe nicht Sohn noch Tochter gewonnen haben, die einst unsre Erben würden.« »Und wenn wir Kinder hätten, wolltest du sie nicht umbringen, nach jenem fürchterlichen Schwur, den du in unsrer Hochzeitsnacht geeidet hast?« »Bei meiner Treu, nein; ich wollte sie lieben.« »Aber dein Eid?« forschte Agia. »Ein böser Eid ist kein Eid; hätt' ich Kinder, wie wollt' ich fröhlich sein.« »Schwör' mir's, daß du unsern Kindern kein Leid tun wirst, dann will ich dir deine vier Söhne zeigen.« Erstaunt blickte Haimon auf: »Das eid' ich dir: aber ich kann's nicht glauben, was du da sprichst.« Sie faßte ihn an der Hand: »Komm nur mit und siehe sie erst.« Haimon stand auf und ihr folgend sprach er zu Roland: »Seid willkommen und wartet ein wenig; ich muß erst meine vier Söhne sehen, dann geb' ich euch gute Antwort.« Die vier Haimonskinder waren heimlich zu ihrer Mutter in die Burg gekommen und in einem großen Gemach beisammen. Vor der Tür blieb der Graf mit seiner Frau stehen und hörte innen sprechen: das war Reinald, der sagte: »Dem Küchenmeister weiß ich keinen Dank, schlecht ist seine Speise; hätte ich ihn hier, wollte ich ihn Zucht lehren mit meinen Fäusten.« Adelhard entgegnete: »Bruder, lärme nicht: Bat uns nicht die Mutter, stille zu sein? Denn, ach, kennen wir 270 auch unsre Mutter, wissen wir doch nicht, wer unser Vater ist. Graf Haimon brächt' uns um, schlügen wir seinen Küchenwart.« »Ich fürchte den grauen Haimon mit all seinen Gewappneten nicht: mit nackter Faust schlüg' ich drauf ein.« »Der ist gewiß mein Sohn,« flüsterte Haimon seiner Frau zu, »aber die andern will ich einmal versuchen.« Und er stieß mit dem Fuß die Tür ein; Reinald fuhr auf ihn los, packte ihn und warf ihn über eine Bank auf den Boden: »Ist das eine Art, alter Graubart? Was hast du hier zu suchen? Wir haben hier eine recht schlechte Mahlzeit gehalten.« Die andern drei nahmen gleich Reinald drohende Gebärden an: der Graf fürchtete sich sehr. »Haltet nur ein, ihr jungen Recken,« rief er, »ich bin euer Vater und will euch noch heute mit Schwertern umgürten.« Da halfen sie ihm aufstehen, Reinald bat um Verzeihung, daß er ihn geschlagen hatte. Der Graf schaute seine Söhne an: die drei ältesten glichen der Mutter mit ihren lichten Augen und braunem Schlichthaar; Reinald aber hatte das rote Gelock seines Vaters geerbt und die dunkelblauen Augen blickten trotzig wie die Haimons. Der Vater küßte einen nach dem andern, dabei drückte er Reinald so heftig an sich, daß dem Jüngling die Nase blutete, was ihn wieder sehr ergrimmte. Schöne Kleider und Waffen hielt die Mutter schon bereit, die Halle wurde festlich geschmückt und die Jünglinge traten vor den Vater hin. Richard war der erste, dem der Graf das Schwert verlieh: »Geh' hin, Sohn Richard,« sprach er, »dieses Schwert sollst du gegen die Heiden führen, Land und Erbe erstreite dir von ihnen!« Der zweite hatte den Sporn schon am Fuß und trug 271 das Schwert in der Hand: »Sohn Adelhard, ererbtes Geld und Gut machen den Edelmann nicht: drum geb' ich dir nichts andres, als was du dir mit deinem Schwerte von den Heiden gewinnst.« Wichard geschah wie den andern, aber der stolze Reinald kam zuletzt vor den Vater. Der umgürtete ihn mit dem Schwert Flamberg, das hatte Weland einst geschmiedet, und sprach: »Sei immer mutig und tapfer, lieber Reinald: dir schenk' ich Schloß Pierrelepont, Montagut und Falkenstein; wo du sie antriffst, sollst du die Heiden schlagen.« Als man im Hof den Jünglingen Rosse vorführte, war keines stark genug für Reinald. »Sei nicht traurig,« lachte Haimon, »ich weiß eins in meinem Stall, das hat von neun Rossen Stärke, es läuft wie der Pfeil von der Sehne schießt, ist groß und rabenschwarz, hat funkelnde Augen, heißt Bayard und niemand darf ihm nahen, so zornig ist es.« »Ei, Vater, das wäre ein Roß für mich! Wo ist der Gaul?« »Lege deine Wehrkleider an und versuche, ob du es bezwingst. Aber hüte dich wohl: es zerbeißt Steine wie andre Rosse Heu.« »Gegen einen Hengst mich wappnen, das wäre mir Schande,« rief Reinald, aber er tat doch nach seines Vaters Rat, dann nahm er eine Keule und folgte in den Stall. Frauen und Edelherren, Knechte und Mägde drängten nach. Bayard schlug ihn gleich vor den Kopf, daß er auf den Boden fiel. »Wehe,« rief Agia, »mein Sohn ist tot.« »Beruhige dich, Frau,« sprach der Graf, »Reinald wird sich schon erholen, er ist von meiner Art: steh' auf, Sohn, bezwinge das Roß.« 272 Als Reinald seine Sinne wieder fand, sprang er beschämt auf, faßte seine Keule und wollte das Roß damit angehen. Das packte ihn mit den Zähnen an der Schulter und warf ihn vor sich in die Krippe, daß Brünne und Halsberg barsten: aber Reinald hatte es schon beim Nacken gefaßt, ließ nicht los und schwang seinen Knüttel. Bayard blies aus den Nüstern, biß, schlug und wehrte sich greulich: bald lag Reinald oben, bald unten, zuletzt zwang er ihm das Gebiß ins Maul, zäumte es, schwang sich ihm auf den Rücken und ritt zum Stall hinaus. Die Umstehenden stoben schreiend auseinander. Auf der Weide gab Reinald Bayard den Sporn und ließ den Zügel schießen: er saß darauf, wie angewachsen. Er ließ ihn über breite Gräben springen und tummelte das gespenstige Roß so lange, bis sie beide müde geworden; dann ritt er's zurück in den Stall, putzte und striegelte es. Bayard stand zitternd vor ihm und war ganz gezähmt: wollte Reinald aufsteigen, legte er die Vorderfüße zusammen und neigte sich vor seinem Herrn. Der Graf war nun bereit, an den Hof zu reiten mit seinen Söhnen und Edelherren. Gerüstet als ging's in den Krieg folgten sie den Gesandten nach Paris. Ehe sie einritten, erhielt Karl davon Kunde: er schickte sofort einen Boten: der Graf und seine Freunde sollten die Waffen ablegen und in friedlichen Gewanden zu Hofe kommen. Dazu waren alle bereit. Kaiser Karl ging mit seinen Hofherren dem Grafen entgegen. Dem jungen Ludwig schien das zuviel Ehre, er stand abseits. Als Roland ihn aufforderte, Haimon und seine Söhne zu grüßen, sprach er: »Was gehen sie mich an?« Und als alle sagten, Reinald sei der größte und schönste Jüngling 273 am Hof, entgegnete Ludwig: »Wo hat man je gehört, daß Haimon Kinder habe? Die Vetterschaft will ich zuerst prüfen.« Und er trat zu Reinald hin: »Willkommen Vetter; was für ein herrliches Roß du hast, schenk' es mir.« »Mit Leib und Leben will ich dir gern dienen, Vetter, aber Bayard kann ich dir nicht geben, er gehört meinem Vater, und kein andres Roß trägt mich.« »Dann will ich dir auch nichts geben, bin ich erst Herr,« sprach Ludwig und wandte sich seinen Freunden zu: »Da seht ihr's, daß er von niedriger Herkunft ist.« Als man zu Tische ging, hatte Ludwig anbefohlen, den Haimonskindern nichts zu bieten. Man reichte Handwasser umher, wies die Plätze an, Speisen wurden aufgetragen, aber der Haimonskinder achtete niemand. Ei, dachte Reinald, essen wollen wir, ob's Ludwig gefällt oder nicht. Er stand auf, stieß die Küchentür ein und nahm eine große Schüssel. »Laß sie stehn,« zankte der Koch, »sonst« – er hob drohend seinen Bratspieß. Erzürnt schlug ihn Reinald mit seiner starken Faust und trug die Speise seinen Brüdern zu. Der Koch blieb tot liegen, das kam vor den Kaiser und: »Reinald hat ihn niedergeschlagen,« riefen die Ankläger. »Dem Tropf ist recht geschehen,« sprach Karl, »wie wagt er's, meinem Neffen Speise zu verweigern?« Da bekamen die Brüder genug und übergenug. Der Marschalk ging aber zu Reinald und sprach: »Hör, Reinald, deine Tat mißfällt mir, wäre der Koch von meiner Sippe, ging dir's schlecht.« Reinald antwortete: »Rühmt Euch nicht eines Dinges, wozu Euch der Mut fehlt.« Der Marschalk fuhr auf und schlug Reinald, der gab 274 ihm den Schlag zurück, nur daß der arme Marschalk davon tot niederfiel und bis vor des Kaisers Tisch rollte. Großer Lärm entstand: »Vater,« schrie Ludwig heftig, »willst du solchen Übermut noch länger dulden?« Zornig schallte des Kaisers Stimme: »Schaffet den Toten hinaus, niemand kränke Reinalds Recht! Ruhe und Frieden gebiete ich, bei meinem Zorn.« Geiger und Flötierer mußten ihr Spiel wieder beginnen, und die Kurzweil nahm ihren Fortgang bis zum Abend. Da waren, als alles zur Ruhe ging, keine Lagerstätten für die Haimonskinder bereitet. Das hatte Ludwig anbefohlen. »Wir wollen die besten Polster haben,« sagte Reinald, machte argen Lärm, jagte die Kämmerer aus den Betten und in die besten legten sich die vier Brüder. Die Aufgescheuchten klagten am andern Morgen beim Kaiser. Der schalt sie: »Was laßt ihr alle euch von dem einen davonjagen? Dafür kann ich Reinald nicht strafen, er hat recht getan.« Und zu Haimon sprach er: »Ich will deinen Söhnen höchste Ämter verleihen. Du, Reinald, sei mein Truchseß, Adelhard mein Mundschenk, Richard mein Kämmerer und Wichard mein Marschalk.« Inmitten der vier Haimonskinder schritt Ludwig zur Kirche vor Sankt Mariens Altar. Erzbischof Turpin sang die Messe, der Patriarch von Jerusalem diente dabei und wie es zur Opferung ging, legte Ludwig einen Goldgulden auf die Schale, Reinald aber zwei. Da fügte Ludwig seinem einen noch zwei hinzu: als Reinald das sah, warf er noch zwei auf den Teller. »Du bist zu guter Stunde geboren,« sprach der alte Haimon, »ich wollt', ich hätt' all mein Gut in Goldgulden hier, du solltest sie alle opfern.« 275 Zur Salbung fehlte das heilige Öl: Karl betete zu Gott, und eine Taube kam geflogen und brachte es vom Himmel; da wurde Ludwig feierlich gekrönt, und der Kaiser gürtete ihm ein nacktes Schwert um und sprach: »Ein Schirmherr des Rechts sollst du sein.« In der kaiserlichen Pfalz stand die Mahlzeit schon bereitet: die vier Haimonskinder walteten ihrer Ämter, daß jedermann zufrieden war. Dann folgte Reigen und Saitenspiel, und der junge König teilte Gaben aus und verlieh Lehen. Den Haimonskindern gab er nichts. Das verdroß Graf Haimon, er ging und klagte seinen Unmut dem Kaiser. »Deine Söhne sollen nicht leer ausgehen,« antwortete Karl, »führe sie mir einmal her.« Und der Kaiser belehnte die vier mit stolzen Burgen und reichen Landen. Ludwig aber sagte Haimon ins Gesicht: »Die Lehenträger mißbehagen mir, ich muß zu gelegener Zeit die Lehen zurückgewinnen. Und nun laßt uns einmal sehen, wie meine jungen Edelherren das Waffenwerk verstehen: folgt mir in den Baumgarten. Wir wollen's an einem Steinwurf versuchen: ich vermesse mich, der Stärkste zu sein von allen.« Darauf antwortete niemand, und Ludwig tat die Ruhmrede noch einmal. Haimon hielt nicht länger an sich: »Danke Gott für deine Stärke, König Ludwig, und rühme dich nicht so sehr: ich weiß einen Jüngling, der mehr Kraft hat als du!« »Bring' ihn nur her, deinen Reinald, dann will ich dich Lügen strafen an ihm.« Ludwig warf einen schweren Stein zwölf Fuß weit, die Edelleute warfen einer nach dem andern und blieben alle dahinter zurück. »Wo ist nun Reinald,« rief Ludwig hoffärtig, »von dem Ihr so prahltet, Graf Haimon? Wie ein Lügner steht Ihr da.« 276 Haimon liefen die Tränen in den weißen Bart vor Zorn, er ging hinweg zu Reinald, dem er den Grund seiner Kümmernis sagen mußte. »Vater,« sprach Reinald, »Ludwigs eitle Rede kann dich nicht kränken, er ist noch ein Kind, aber ich will nichts mit ihm zu schaffen haben.« »Und willst du mich als prahlenden Lügner gegen Ludwig dastehen lassen? Geh und zeige was du kannst, dann will ich dir Bayard zu eigen geben.« Reinald schritt neben seinem Vater in den Garten, nahm den Stein und warf ihn einen Fuß weiter, als Ludwig es getan. Ergrimmt riß der König seinen Mantel ab, ließ sich den Stein bringen und warf ihn noch weiter als Reinald. Da raffte Reinald den Stein wieder auf und schleuderte ihn so weit, als er für genügend hielt. Und noch einmal schwang Ludwig den Stein mit all seiner Kraft, Blut lief ihm aus Nase und Mund, aber Reinalds Stein lag weit voraus. – Männer wie Frauen gaben ihm Preis und Lob. Graf Haimon lachte: »Nun gehört dir Bayard zu eigen, Sohn: aber ich meine, du hättest den Stein leicht noch viel weiter werfen können.« Ludwig ging beschämt von dannen und grollte dem ganzen Haimonsgeschlecht. In solch finsterm Unmut begegneten ihm Ganelon, Harderich und Macarius aus dem Mainzer Geschlecht, die alle, obwohl Karl sie in hohen Ehren hielt, gar oft verräterische Gedanken ausheckten. »Wie ist das Wettspiel ausgefallen, gnädiger Herr?« fragte Ganelon und da Ludwig schwieg, fuhr er fort: »Ich merke schon, Reinald hat Euch besiegt. Ich will Euch einen guten Rat geben. Gehet zurück, umarmt Haimon und sagt: Graf, Ihr seid ein glücklicher Mann, daß Ihr einen Sohn habt wie Reinald. 277 Dann ruft den Adelhard in Eure Kammer zum Schachspiel, weigert er sich, dann wisset, er hat sich gerühmt, Euch im Schachspiel zu besiegen und ruft nur uns zu Zeugen dafür auf. Wer aber siegt, der soll des andern Haupt gewinnen.« Leichtgläubig folgte Ludwig Ganelons Rat und ließ Adelhard rufen; denn er hielt sich für den besten Brettspieler im ganzen Reich. Adelhard eilte, seinem Amte nach, mit Wein herbei, aber Ludwig ließ ihn zornig an: »Ich bin nicht durstig: du sollst mit mir Brett spielen, da du dich vermessen hast, es besser zu verstehen als ich.« Adelhard half kein Wehren und Weigern, Ganelon und seine Genossen standen da und sagten gegen ihn aus: »Er hat sich dessen gerühmt.« »Wenn's denn nicht anders sein kann,« sprach er, »mag's geschehen.« »Es gilt den Kopf!« sprach Ludwig, »merk' auf: wer fünf Spiele nacheinander gewinnt, mag dem andern das Haupt abschlagen.« »Nein, Herr Ludwig, um solchen Gewinn spiel' ich nicht: – wählt andern Preis.« »Bei meiner Ehre nein! Wir spielen um unser Haupt: – ich will's.« »In Gottes Namen, so muß ich's wohl zufrieden sein.« Ludwig gewann drei Spiele und lachte grimm: »Hab' ich auch gegen Reinald verloren, hier gewinn' ich und schlage dir den Kopf ab.« »Wenn ich das Spiel verliere,« fragte Adelhard, »wollt Ihr dann nicht gestatten, daß ich mein Haupt mit Gold oder anderm Gut auslöse?« »Nein, und bötest du mir einen Berg von Gold, ich nehme nur dein Haupt.« »Gnade mir Gott,« dachte da Adelhard und spielte 278 weiter und gewann ein Spiel und bald das andre, dann das dritte, das vierte und das fünfte dazu. Da war er froh und sprach: »Lieber Vetter und König, Euer Haupt gehört nun mir, aber ich will es nicht und bitte Euch nur: setzet es nie wieder beim Spiel zu Pfand. Wer Euch das riet, den hat Euer Leben verdrossen.« »Behalte deine Weisheit für dich,« rief Ludwig zornig, ergriff das goldene Schachbrett und schlug Adelhard damit ins Gesicht, daß das Blut herausquoll. Der Jüngling sprang auf und lief in den Stall, wo Bayard stand, Schmach und Ärger zu verbergen. So fand ihn Reinald und fragte: »Wer hat dich geschlagen?« »Niemand.« »Das lügst du, dein Gesicht ist voller Blut.« »Ich habe mich gestoßen.« Reinald merkte, daß es nicht so war, hielt sein Schwert in der Hand und sprach zornig: »Ich durchsteche dich, Bruder, wenn du mir nicht die Wahrheit sagst.« Da gestand Adelhard alles und Reinald sagte finster: »Ein so teuer gewonnenes Haupt geb' ich nicht her.« Graf Haimon aber, als er von alledem erfuhr, wollte fort aus Paris. »Rüstet in aller Stille Rosse und Waffen, wir reiten sonder Abschied,« befahl er; denn er fürchtete Reinalds Zorn. Sie waren vor der Stadt versammelt, da sprach Reinald zu Adelhard: »Ludwigs Haupt gehört uns, ich will es holen, koste es, was es wolle.« Er ging mit Adelhard zurück in die Pfalz, das Schwert unter dem Mantel. Da standen Ludwig und Kaiser Karl in einem Saal und teilten Gaben aus. Die Haimonskinder grüßten den Kaiser und Reinald ergriff Ludwig bei den Locken, hieb ihm mit raschem Schlag das Haupt ab und reichte 279 es Adelhard: »Da nimm, mein Bruder, was du gewonnen hast!« und beide schritten hinaus. Kaiser Karl schwanden die Sinne; als er wieder zu sich kam, rief er laut: »Auf, Barone und Vasallen, rächt meines Sohnes Blut!« Sofort bewehrten sich zweihundert Söldlinge und suchten Reinald. Als dieser die Verfolger spürte, eilten er und Adelhard aus der Stadt zu ihrem Vater: »Wo ist Bayard?« rief Reinald, »wir müssen fliehen; denn ich habe Ludwig das Haupt abgeschlagen; Kaiser Karl ist nun unser Feind.« Aber Haimon antwortete: »Sohn Reinald, das war eine frevle Zornestat! Doch ich fliehe nicht, sondern erwarte den Kaiser: will aber einer von meinem Geschlecht davonlaufen, so laß ich ihn zuvor hängen.« Das gefiel Reinald; und als der Kaiser mit seinen Baronen geritten kam, gab es ein wildes Fechten. Die Haimonskinder fuhren unter ihre Feinde wie junge Falken. Haimon mit seinem Haufen wurde umzingelt: die Rosse fielen, da wehrten sie sich zu Fuß, bis der letzte Mann lag. Reinald mußte seine drei Brüder hinter sich auf Bayard nehmen und davonrennen, während Haimon zu Fuß tapfer weiter focht. Turpin rief ihn an: »Graf, gib dich auf Sicherung mir gefangen.« »Ja, Erzbischof, in deine Hand will ich mich geben,« antwortete er. Da nahm ihn Turpin in seine Hut gefangen. Der Kaiser bannte die vier Haimonskinder aus dem Reich: »dem Grafen baut sogleich den Galgen,« rief er, »und seiner Frau, die solche Mörder und Übeltäter zur Welt gebracht hat, den Holzstoß.« »Gerechter Kaiser,« antwortete Turpin, »ich habe Haimon meinen Schutz gelobt, als er sich mir ergab, und 280 ehe ich eine solche Schande an ihm geschehen ließe, eher helfe ich ihm!« »Das tue auch ich,« sprach der stolze Roland. »Und dennoch müssen beide sterben,« grollte der Kaiser. »Das lassen wir niemals zu,« rief Roland; und Naimes sprach: »Herr, was können denn die Eltern für des Kindes Schuld?« Da wurde der Kaiser milder: »Wohlan, Haimon; gelobe mir, deine Söhne auszuliefern, wann du sie in deine Gewalt bekommst: dann magst du frei und jeder Strafe los sein.« Turpin überredete Haimon. So tat Graf Haimon den schweren Schwur und sagte sich los von seinen Söhnen. Die Haimonskinder ritten nach Pierrelepont und erzählten ihrer Mutter alles Geschehene. »Weh, ihr armen Kinder! und weh mir: Haimon werde ich nie wiedersehen. Fliehet, so schnell Bayard rennen kann, vor Karls Zorn.« Sie gab ihnen einen kleinen Schatz mit an Gold und Edelsteinen und schaute weinend vom Söller herab dem gespenstigen Rosse nach, wie es ihre Söhne davontrug durch den Ardennerwald. Die Brüder ratschlagten, daß sie nach Aquitanien zum Saracenenkönig Saforet ziehen wollten, der mit Gewalt in Karls Reich Land und Volk unter sich brachte. Die Haimonskinder trafen ihn in Toulouse. Als sie über die Schloßbrücke geritten waren, gaben sie sich zu erkennen. »Und was ist euer Begehr?« fragte Saforet. »Wir wollen in deine Dienste treten.« »Wollet ihr auch Mohammed bekennen und sein Gesetz halten?« fragte Saforet weiter. 281 Aber Reinald antwortete sogleich: »Nein, König, das tun wir nicht.« »Auch gut,« antwortete der Ungläubige, »wenn ihr so tapfer seid, als ihr ausseht, will ich euch reichen Lohn zahlen und ihr mögt bei eurem Glauben bleiben. Doch welches Pfand eurer Treue bietet ihr?« Da gaben sie ihm ihren Schatz: »Dies ist alles was wir haben.« Saforet nahm den Schatz und wies ihnen einen Turm zur Wohnung an. »Ich will den Schatz verwahren,« sprach er, »und ziehet ihr einmal weiter, so geb' ich ihn euch zurück; das schwör' ich euch zu bei Mohammed.« Die Haimonskinder dienten dem König drei Jahre treu und tapfer, aber von dem Heidenvolk wurden sie wenig geachtet. Saforet gab ihnen nichts, ihre Mittel gingen zu Rande. Reinald bat um Herausgabe des Schatzes. Saforet sagte ja, tat es aber nicht. Als nun Reinald sah, daß der König seinem Wort die Tat nicht folgen ließ, wurde er sehr zornig und sprach: »Nun auf, Brüder, waffnet euch, und führt Bayard vor die Stadt. Du, Adelhard, begleite mich zum König, ich will selber unsern Schatz fordern, oder Saforets Haupt dafür nehmen.« »Ich nehme etwas Besseres,« meinte Adelhard und Reinald antwortete: »Es ist freilich nicht viel wert, aber ich kühle mir den Mut.« Reinald trat in den Saal, wo der Saracene beim Mahle saß, und forderte sein Recht. Saforet blickte ihn nicht einmal an; er antwortete: »Macht nicht so viele Worte, ich gebe euch nicht einen Heller und stündet ihr eine Ewigkeit da.« »Packt euch,« fiel ein hochmütiger Wali dem König 282 ins Wort, »ihr habt Kaiser Karls Sohn, euren Vetter erschlagen: Mördern geben wir nichts wieder heraus.« »Dann hol' ich mir's,« rief Reinald, zog sein Schwert unter dem Mantel hervor, schlug dem argen König das Haupt ab und gab's Adelhard: »Bind's an unsern Sattel, Bruder, wir müssen's für unsern Schatz annehmen.« In der Burg entstand ein Auflauf, Saforet zu rächen. Reinald und Adelhard liefen; was sie laufen konnten vor ihren Verfolgern zur Stadt hinaus und sprangen auf Bayard. »Nun renne,« sprach ihm Reinald zu, »jetzt gilt's das Leben.« Und das Roß tat, als hätte es seinen Herrn verstanden; es griff aus, schlug um sich und biß nach jedem, der ihm den Weg sperren wollte: die Brüder wehrten sich tüchtig mit ihren Waffen und so entkamen sie ihren Verfolgern mit mancher Wunde in eine verbergende Felsschlucht. »Wohin nun?« fragte Adelhard, während sie einer den andern verbanden, »die Feinde werden uns hier bald finden.« »Ist denn die Welt so klein,« sprach Wichard, »daß wir darin nicht einen Platz finden könnten?« Und Richard antwortete: »Wenn ihr's nicht findet, ich weiß es: wir ziehen nach Tarascon zu König Ivo, dem Saforet Vater und Bruder erschlagen hat.« »Ja,« sprach Reinald »und wir bringen ihm Saforets Haupt, das mag ihn freuen.« So ritten sie nach Tarascon. König Ivo stand auf seines Schlosses Söller und sah sie nahen und rief: »Ei sehet, dort kommen vier Recken auf einem Hengst; das ist das größte Roß, das ich je gesehen habe; was mögen die bringen?« Er ging hinab, den Ankommenden entgegen. Die Haimonskinder sprangen von Bayards Rücken und 283 beugten ihre Knie. Reinald nahm das tote Haupt und bot es dem König dar: »Sei gegrüßt, König Ivo, dies ist Saforets Haupt, nimm es gnädig an als ein Geschenk: wir begehren, dir zu dienen.« König Ivo freute sich sehr über seines bösen Feindes Tod, er ließ sogleich ein Mahl zurichten und sprach: »Seid mir willkommen, Fremdlinge, setzt euch gastlich an meinen Tisch und nennt mir euer Geschlecht und Namen.« Da gaben sie ihm Auskunft. König Ivo war Christ: er behandelte die Haimonskinder, als wären es seine eignen. Bald ließ er rüsten, sich an Saforets Land zu entschädigen für dessen einstige Gewalttaten. Reinald sattelte Bayard, die vier Brüder setzten sich darauf und warfen jeden Feind nieder, der vor sie kam. So stritten sie wacker für Ivo drei Jahre lang. Da war er Herr seiner Feinde geworden, baute feste Burgen und die Ungläubigen fürchteten ihn gewaltig. Die Haimonskinder blieben bei ihm in hohen Ehren. Endlich aber erfuhr Kaiser Karl, wo sie waren. Er sandte einen höflichen Boten nach Tarascon mit der Bitte, Ivo sollte die Haimonskinder dem Kaiser ausliefern, denn sie hätten seinen Sohn erschlagen. Der König erschrak, er mochte sich aber nicht trennen von den Haimonskindern. Er ließ Reinald gleich vor sich kommen, zeigte ihm den Brief und sprach: »Ich will dir den grauen Felsen an der Garonne schenken und Gold und Gut, eine Burg darauf zu bauen. Und meine liebe Tochter Clarissa sollst du zur Frau haben, wenn ihr Haimonskinder mir treu sein wollt.« Da dankte Reinald für des Königs Gnade und Huld. Er wurde gleich mit Clarissa eingesegnet, und als die Hochzeit vorüber war, ließ Reinald Baumeister, 284 Zimmerleute und Steinmetzen berufen. Die bauten ihm auf der steilen Klippe an der Garonne ein starkes schönes Schloß aus Marmelstein, mit hohen Mauern ringsum. Und er nannte es Montalban. Danach verkündeten Ausrufer: »Wer kommen will nach Montalban, und daselbst wohnen, den wird Graf Reinald beschützen und frei lassen von allen Abgaben und Zinspflichten.« Da kamen ungefähr fünfzehnhundert Mann dahin und siedelten sich an. Und Reinald lud König Ivo auf sein Schloß und als der alles gesehen hatte, sprach er: »Lieber Sohn, du hast dir eine stolze Burg gebaut, Gott gebe dir Frieden und Glück darin.« Zu dieser Zeit zog Kaiser Karl mit kleinem Geleit auf Pilgerfahrt nach Sankt Jakob in Spanien; als er an die Ufer der Garonne kam, erblickte er auf hohem Felsen ein Schloß, das ihm uneinnehmbar deuchte. Er fuhr mit seinen Paladinen über den Strom in Reinalds Gebiet und sprach: »Wem mag das stolze Schloß gehören?« Roland fing einen Bauersmann und fragte ihn, wer der Schloßherr wäre? »Ein Graf, Herr; er hat es erbaut, um sich gegen seine Feinde zu wehren,« antwortete der Mann. »Wie heißt der Graf?« fragte Roland wieder. »Reinald, Herr, er hat noch drei Brüder; Schloß und Stadt ringsum heißen Montalban.« Als Roland Herrn Karl dies berichtet hatte, ward er zornig und schickte den Neffen sogleich nach Montalban zu Reinald: er solle dem Kaiser Schloß und Stadt und seine Brüder ausliefern, sich selbst ergeben in des Kaisers Gnade oder Ungnade: – dann wolle Karl verzeihen. Sonst aber ihn mit Krieg überziehen, die Stadt zerstören, Schloß 285 Montalban niederbrechen und die Haimonskinder an den Galgen hängen. Roland wurde höflich empfangen und richtete seine Botschaft aus. Reinald aber antwortete: »Ich gebe nicht eine Kirsche um Kaiser Karl, und läg' er sieben Jahre im Land.« »Dann fürchte Karls Zorn, der rostet nicht,« antwortete Roland und schied von seinen Vettern. Nun waren es sieben Jahre, seit die Haimonskinder Mutter und Heimat hatten verlassen müssen. Reinald konnte die Sehnsucht nicht länger ertragen, er sprach zu Adelhard: »Bruder, mein Herz ist traurig; wenn ich unsre Mutter nicht bald wiedersehe, muß ich sterben.« »Wie soll das enden?« antwortete Adelhard, »du weißt doch, was unsre Eltern Karl eiden mußten.« »Den Eid fürcht' ich nicht, Mutterliebe ist stärker. Aber was auch komme, ich muß die Mutter wiedersehen, oder sterben.« »Dann wollen wir es klug anfangen,« sagte Adelhard, »wir wollen im Wald an der Heerstraße Pilgern auflauern und mit ihnen heimlich unsre Kleider tauschen, und wir ziehen als Pilger nach Pierrelepont.« So lagen die vier Haimonskinder denn im Wald, bis sie einiger Pilger ansichtig wurden. Der erste wehrte sich und drohte, in Paris beim Kaiser zu klagen, aber die andern beruhigten ihn. Und die Pilger zogen in den schönen, ritterlichen Kleidern davon, die Haimonskinder aber bargen ihre Schwerter unter den grauen Kutten und pilgerten zu Fuß mit Muschelhut und Stab ihrer Heimat zu. Als sie ans Tor von Pierrelepont klopften, schaute der graue Torwart zum Turm heraus und fragte nach ihrem Begehr. Reinald antwortete: 286 »Laß uns arme Pilger ein, um Gotteswillen, wir leiden Hunger und Durst.« »Das darf ich nicht,« sprach der Wärter, »um unsrer jungen Herren willen; wir hörten, sie seien in den Ardennen gesehen worden; wir wollen sie nicht fangen. Und Ihr seht dem Reinald gar ähnlich; hättet Ihr nicht den langen Bart, ich sagte: Ihr wäret der stolze Reinald.« »Laß uns nur ein, Torwart, möge Gott deine vier Herren erretten aus des Kaisers Hand, oder – wo sie auch weilen – vor Karl schützen.« Die Worte erweichten des Alten Herz; er schob den Riegel zurück und ließ die Pilger in die Burghalle vor die Gräfin treten. Die stand auf und dankte höflich für der Pilger Gruß. »Wir kommen von Rom und Sankt Jakob,« sprach Reinald, »wir sind ganz erschöpft von Hunger und Durst; deshalb bitten wir Euch, edle Frau, gebt uns Speise und Trank, um Gottes willen.« »Davon sollt ihr genug haben, kommt und setzt euch hier an den Tisch.« Da aßen die Haimonskinder nach Herzenslust in ihrem Elternhaus. Frau Agia nahm eine Silberschale, goß sie voll Wein und reichte sie Reinald. Nachdem er getrunken, sprach er: »Edle Frau, wer noch mehr hätte des guten Weins!« »Wenn euch der Wein schmeckt, trinkt frei davon alle vier, ich will euch genug davon geben.« Reinald trank in seiner Freude soviel, bis er trunken war. Die Gräfin wunderte sich; ihr deuchte, der Pilger tränke für zehn Mann. Aber Reinald sprach: »Frau, gib mir noch einen Trunk, dann fürcht' ich Karl, meinen Ohm, nicht!« Adelhard erschrak, stieß Reinald mit der Hand an, daß der Weinmüde aufs Polster zurücksank. Da 287 erkannte die Mutter ihre Söhne; sie kniete nieder, umhalste Reinald und ließ nicht ab, ihn zu küssen. Das sah ein Mann, der dem Kaiser allzu eifrig dienen wollte: er trat hinzu und sprach: »Frau Gräfin, das sind Reinald und seine Brüder: gedenket nun Eures Eides und überliefert sie Herrn Karl, oder ich reite hin und zeig' es ihm an.« Zornig rief die Gräfin: »Pfui über dich, Zeit deines Lebens issest du mein Brot. Und müßt' ich Karl noch einen solchen Eid schwören, ich schickte ihm meine Kinder doch nicht, daß er sie töte.« Der Gescholtene lief hinaus vor das Burgtor und suchte Graf Haimon: »Herr, Eure Söhne sitzen in Eurem Saal und tafeln und trinken mit ihrer Mutter; sie ist eine eidbrüchige Frau, darum mahn' ich Euch: fangt Eure Söhne und überliefert sie dem Kaiser, wie Ihr's geeidet, sonst zeig' ich's ihm an; dann kann Herr Karl gleich die Alten mit den Jungen richten.« Graf Haimon faßte einen Baumast, der am Wege lag, und schlug den Frechen auf den Kopf, daß er tot umfiel: »Du wirst es dem Kaiser nicht melden,« sprach er, ging in den Burghof und befahl seinen Kriegsmannen: »Nehmt die Waffen und fangt mir meine Söhne oben in der Halle: nun kam's dahin, daß ich den greulichen Eid ausführen muß.« Adelhard hatte Haimon und die Bewaffneten nahen sehen: »Helf uns Gott und Sankt Marie,« rief er, »hier kommen unser Vater und seine Dienstmannen; Mutter, weißt du keinen Rat? Reinald ist trunken.« »Tragt ihn dort in das Gemach, und verteidigt den Eingang, es ist das festeste im ganzen Schloß.« Rasch taten die drei Brüder nach ihrer Weisung. Dann zogen sie ihre Schwerter, standen vor der Tür und 288 Adelhard rief, als die Gewaffneten in den Saal traten: »Keiner von euch, ihr Herren, komme uns zu nahe: wir schlagen jeden nieder.« Sie stritten tapfer, bis Reinald aus seinem Rausch erwachte: er sah seine Brüder gegen Vater und Dienstmannen kämpfen: flugs sprang er auf, faßte sein Schwert und drängte seine Brüder zurück: »Ruhet euch ein wenig aus: – ich schone niemand und wär' es mein Vater, darum bleib' er mir fern,« rief er laut. Und er sprang mitten in das Kriegsvolk und schlug so gewaltig zu, daß alle fliehen mußten. »Reinald ist tapferer als all mein Volk,« lachte Haimon, »diesmal fangen wir ihn nicht, laßt uns abziehen.« Reinald und seine Brüder verfolgten sie und als Reinald an seinen Vater kam, wollte er ihn in seiner Wildheit erschlagen. Adelhard fiel ihm in den Arm: »Halt ein, Bruder, werde nicht zum Mörder am eignen Vater: das wär' uns ewige Schande und Sünde: weder Gott noch Menschen würden uns das verzeihen.« »Ich will ihn lehren, seine eignen Kinder fangen,« rief Reinald. Und er packte Haimon, der wehrte sich nicht viel, band ihn, setzte ihn auf ein gutes Roß und befahl einem Troßbuben: »Führe Roß und Mann zu Kaiser Karl.« »Graf Haimon ist mein Herr, Ihr habt mir nichts zu befehlen, das tu' ich nicht,« antwortete der Knabe fest. Da bekam er Schläge von Reinald, daß er gern gehorchte: »Und zu Kaiser Karl sollst du sprechen: diesen Mann schickt dir Graf Reinald und sagt: solche Greuel geschehen, weil du den Vater wider seine Söhne gehetzt hast.« Der Knabe führte seinen Herrn nach Paris. Der Torwart fragte: »Wer ist der Gefangene?« »Graf Haimon,« antwortete der Knabe finster; der Graf sagte: »Tue das 289 Tor auf und laß mich zum Kaiser, daß ich ihm klage, was mir geschehen ist.« Als Karl ihn in die Pfalz reiten sah, erkannte er den Grafen, stieg in den Hof hinab, löste ihm selbst die Bande und fragte: »Haimon, wer hat dir das angetan?« »Meine Söhne, Herr Kaiser, weil ich sie dir fangen wollte in Pierrelepont: sie wehrten sich tapfer, viel Volks ist mir dabei erschlagen worden.« »Haimon, du bist ein treuer Mann,« sprach Karl, »bleibe jetzt hier in meiner Pfalz.« Dann ließ er sofort eine Schar rüsten und zog nach Pierrelepont, die Haimonskinder selbst zu fangen. Reinald sah von der Burgzinne aus den Kaiser nahen und Lagerzelte aufschlagen Er sprach zu seiner Mutter: »Jetzt steht's schlimm, liebe Mutter, der Kaiser wird uns belagern; bezwingt er die Burg, müssen wir alle darin sterben. Weißt du einen Rat?« Sie sann eine Weile, dann antwortete sie: »Reinald, dich haßt der Kaiser, darum ziehe dein Pilgerkleid wieder an und ich will dich zu einem Pförtlein hinauslassen. Allein wirst du dich leicht durchschleichen und retten.« Traurig nahm er Abschied von Mutter und Brüdern; er schlüpfte in der Nacht zu dem Pförtlein hinaus, schlich sich durch Zelte und Wachen und eilte nach Montalban, wo er Bayard gelassen hatte. Zu den drei andern sprach die Mutter: »Euch weiß ich nichts weiter zu raten, als daß ihr barfüßig vor dem Kaiser niederfallt und um Gnade bittet. Euch wird er wohl auf Fürbitte Rolands, Turpins und Naimes verzeihen.« Adelhard, Wichard und Richard machten sich gleich auf den schweren Gang. 290 »Und wo ist Reinald?« fragte sie der Kaiser, als sie vor ihm knieten. »Wir wissen es nicht,« antworteten sie. »So bleibt ihr gefangen, bis ich ihn dazu habe: – dann werdet ihr vier zusammen gerichtet.« – Und der Kaiser nahm sie gefangen mit nach Paris. Als Reinald in Montalban angekommen war und seiner Brüder Schicksal erzählt hatte, war große Trauer in der Stadt. Er ließ sogleich Bayard satteln und ritt nach Paris; denn Leib und Leben wollte er für seiner Brüder Rettung einsetzen. Eine Tagesreise vor Paris kam hinter ihm ein Jüngling gelaufen mit eisenbeschlagener Keule. »He Bursch,« rief Reinald ihn an, »läufst du etwa so, um mich dem Kaiser zu verraten?« »Nein, Graf, ich heiße Regant und ziehe in Geschäften nach Paris.« »Magst du mir eine Botschaft an den Kaiser ausrichten? Ich zahle dir guten Lohn dafür.« »Ich bin Euch gern zu Diensten, Herr,« antwortete Regant. Nun unterrichtete ihn Reinald, was und wie er es zu sagen habe, und wo er ihn erwarten wolle. »Doch laß dir zuerst vom Kaiser frei Geleit zusagen, bevor du meine Botschaft meldest,« mahnte er, und entließ ihn des Weges nach Paris. Am andern Tage traf Regant dort ein, wanderte gleich ins Palatium und wartete, bis der Kaiser aus seinem Gemach schritt, gefolgt von einigen Paladinen. Regant legte seine Keule hin und sank ins Knie: »Gnädiger Herr Kaiser, ich bring' Euch gute Botschaft.« 291 »Gute Botschaft ist mir lieb, steh' auf und sage, was du bringst.« Regant erhob sich: »Ehe ich's Euch melde, Herr Kaiser, wollet mir sicher Geleit zusagen.« »Sprich nur,« sagte Karl, »dir soll kein Leid widerfahren, ich setze dir Roland zum Bürgen.« »Verzeiht, Graf Roland, ich möchte lieber einen andern Bürgen,« sprach Regant. »Nimm Oliver noch dazu, dann bist du ganz sicher,« lächelte der Kaiser. Aber Regant sprach: »Die Grafen sind sicher genug, aber ich hätte doch lieber andern Bürgen.« »Du bist schwer zufrieden; so geb' ich dir dort den Erzbischof Turpin als dritten.« »Ach, gnädiger Herr Kaiser, die Herren sind alle gut und ehrenreich, aber ich möchte ganz andern Bürgen.« Und so sagte er bei jedem Namen: »Ei, Bote,« sprach da der Kaiser, »so will ich selbst dir Bürge sein, kein Leids soll dir widerfahren, bei meinem Haupt.« »Einen besseren wünsch' ich nicht, habt Dank, Herr Kaiser.« »Und deine Botschaft?« fragte Karl. »Mein Herr läßt Euch in Demut grüßen, er ist der traurigste und beste Mann, den die Sonne je beschien.« »Wer ist der Mann?« »Graf Reinald von Montalban: was er wider Euch gefehlt, will er sühnen: einen goldenen Mann will er Euch schmieden lassen, so groß als König Ludwig war, eine Kirche erbauen und fromme Stiftung dabei errichten, Schloß Montalban und sein Roß Bayard will er Euch schenken und jederzeit zu Eurem Dienst bereit sein; und wenn Ihr ihn nicht vor Augen sehen möget, so will er über See fahren in ein fremdes Land. Dafür, Herr Karl, 292 sollt Ihr ihm und seinen Brüdern Frieden geben.« Regant hielt zögernd inne. »Was mehr?« fragte der Kaiser streng. »Sagt Ihr nein, so wird er in Euer Land brechen, Höfe, Kirchen und Klöster berauben.« Wieder schwieg Regant. »Sonst nichts hieß dich dein Herr sagen?« forschte finstern Blicks der Kaiser. »Ja, noch eins: wollt Ihr denn gar nicht von Eurem Zorn lassen, so will Graf Reinald Euch nachstellen allenthalben: – mit Euch zu tun, wie mit Ludwig.« »Wahrlich, solche Botschaft kann mir nicht gefallen,« sprach der Kaiser drohend. »Bote, du warst klug, als du dir sicheres Geleit erbeten hast, sonst müßtest du jetzt sterben. Hast du weiter nichts zu melden?« »Dem Kaiser nichts,« antwortete Regant, »doch euch, ihr Herren: Roland, Oliver, Naimes, Turpin, Ogier, Richard und allen, die Graf Reinald Freund oder verwandt sind: euch bittet er um Schutz für seiner Brüder Leben. Und will der Kaiser sie mit Gewalt hinrichten lassen, wird Reinald Leib und Leben dran wagen, sie zu befreien.« »Neffe Reinald führt eine kecke Sprache,« rief Karl zürnend, »laßt sehen, ihr Herren, wer von euch sich mir widersetzen will?« »Ich helfe meinem Vetter Reinald,« sprach der stolze Roland. »Und ich will sein Freund immer bleiben,« sagte Turpin. »Für so tapfere Recken baut man keine Galgen, solang ich's hindern kann,« grollte Ogier. »Ich möchte Reinald mit Herrn Karl versöhnen,« sprach der alte Naimes. Und jeder der anwesenden Paladine hatte einen andern Grund, für Reinald einzustehen, und 293 keiner verleugnete ihn. Kaiser Karl sprach zu Regant: »Du bist verständig und mutig und hast deine Botschaft ausgerichtet, wie sich's gebührt; wann hast du Reinald zuletzt gesehen?« »Gestern auf seinem Roß Bayard,« antwortete Regant. »Willst du mir sagen, wo der Graf ist, so schenk' ich dir fünf Saumtiere, beladen mit Gold und schütze dich vor allen Verfolgern.« »Nein,« rief der Jüngling, »das tu' ich nicht, und bötet Ihr mir tausendmal soviel. Mit Leib und Leben steh' ich zu meinem Herrn.« Schweigend winkte ihm da der Kaiser hinweg. Graf Reinald harrte im Wald auf Regants Rückkehr; der blieb länger aus als Reinald erwartet hatte: Sorge, Trauer und Müdigkeit bedrückten ihn, bis ihn Schlaf überfiel. Er band Bayard an einen Baum, legte sich ins Graf und schlief ein. Bayard bekam Hunger, er roch das frische Waldgras, machte sich frei und lief auf die Waldwiese zum Grafen. Nun hatten gerade an dem Tage zwanzig Königsknechte ihr Vieh auf die Waldweide getrieben. Sie sahen das Roß und sprachen untereinander: »Das ist Bayard, das große Roß, auf dem Reinald damals ritt, als er unsern jungen König erschlagen hatte. Laßt's uns fangen und dem Kaiser bringen, der gibt uns wohl reichen Lohn dafür.« Mit Weidenschlingen und Baumzweigen umringten die Knechte das Roß, fingen es glücklich und führten es nach Paris in des Kaisers Burghof. Der Kaiser nahm es gern an und ließ den Knechten einen Lohn geben, der für ihr Leben ausreichte. Bayard aber schenkte er gleich Roland. »Ich wollte,« sprach der bei sich, »daß mein Vetter 294 das Roß wieder hätte, die Diebe, die es ihm gestohlen haben, aber am Galgen hingen.« Als am Hofe kund ward, daß Roland Bayard habe geschenkt erhalten, liefen Frauen und Jungfrauen herbei und baten: Graf Roland möge das Roß einmal reiten, von dem sie soviel Wunderbares vernommen hätten. »Da muß ich zuvor den Kaiser um Erlaubnis fragen,« gab er stolz zur Antwort. »Bayard ist dein freies Eigentum, und man muß den Frauen was zu Gefallen tun,« lachte der Kaiser. »Dann will ich das Roß am nächsten Sonntag reiten vor der Stadt, auf dem Roßanger: euch zulieb, schöne Damen,« sprach der Graf und verneigte sich vor den Frauen. Als Reinald erwachte und Bayard nicht mehr fand, ward er schier sinnlos vor Gram. »Ein Unglück kommt nie allein,« klagte er, »erst meine Brüder verloren, nun mein Roß! Ich wollt', ich läge tot. Gott im Himmel, du liebst Karl allzusehr: darum kann niemand ihn zwingen, weder mit Tat noch Rat.« Er legte die Sporen ab, »was sollen mir die nützen, da ich Bayard nicht mehr habe!« Da trat ein steinalter Mann aus dem Hagedicht, er hatte einen langen, weißen Bart bis auf den Gürtel, die buschigen Augenbrauen hingen ihm tief über die grauen Augen, auf dem Rücken trug er einen Sack; er ging gebückt an einem Stabe und wünschte Reinald einen guten Tag. »Ich habe zeitlebens noch keinen guten Tag gehabt, so wird mir dein Wunsch auch nicht frommen,« antwortete Reinald. »Gott kann alles wenden und aus jeder Not helfen.« »Ach, mir ist nicht zu helfen; ich bin Reinald von 295 Montalban, meine Brüder hält der Kaiser in Paris gefangen, und während ich hier schlief, ist mir mein Roß Bayard gestohlen.« »Betet nur zu Gott, er kann helfen. Ich bin ein armer Mann, schenkt mir etwas, dann will ich in meinem Gebet Euer gedenken.« »Ich habe nichts, Alter; doch wart', da nimm die goldenen Sporen, meine Mutter hat sie mir geschenkt, als mich der Vater mit dem Schwert umgürtete; sie sind wohl zehn Gulden wert.« Der Alte dankte, nahm die Sporen und schob sie in seinen Sack. »Herr,« fing er wieder an, »habt Ihr der Gaben nicht noch mehr? Ich will dann noch fleißiger für Euch beten.« »Treibst du Spott mit mir?« fragte Reinald; »ich sagte dir schon: ich habe nichts. Wärst du nicht so alt, wollt' ich dich mit Schlägen vertreiben.« »Ach Herr, wenn mich alle schlügen, die ich anbettle, wär' ich vor hundert Jahren schon gestorben.« »Das ist wahr,« sagte Reinald, »wer Not leidet, muß bitten.« »So schenkt mir noch etwas und ich will zu Gott beten, daß er alles Leid von Euch nehme.« Reinald reichte ihm seinen Mantel: »Davon kannst du lange zehren, nimm ihn um Gottes willen.« Der Alte faltete den Mantel zusammen und schob ihn in seinen Sack. »Habt Ihr vielleicht noch etwas, so gebt es mir, ich ersetze Euch alles mit Beten.« Nun wurde Reinald aber zornig. »Hast du noch nicht genug, du Gauch!« rief er und schlug mit dem Schwert nach ihm. Geschickt wich der Bettler zur Seite und hielt Reinald mit dem Eschenstabe zurück. »Schlagt nicht, 296 Reinald, es gereut Euch: ich wehre mich.« Reinald lachte verächtlich, aber der Alte fuhr fort: »Gewiß, gewiß, Herr! Ihr wißt wenig, was ich alles kann.« Reinald schlug zum zweiten Male, aber der Alte stand plötzlich da als ein zwanzigjähriger Jüngling und gab den Streich zurück. Reinald erschrak: »Hat mich das Glück denn ganz verlassen? Meine Brüder gefangen, mein Roß gestohlen, mich will Karl hängen und jetzt kommt der Teufel selber daher!« Er schwang sein Schwert nach dem Unheimlichen, um ihn zu töten, der sprang auf die Seite und rief: »Vetter Reinald, kennst du mich denn nicht? Ich bin's ja: Malegis.« »Meiner Treu, Malegis! Wie kommst du daher? Ich kannte dich wahrlich nicht. Zürne darum nicht, Vetter; hilf mir vielmehr mit deiner Kunst: du bist meine letzte Hoffnung.« Malegis, kaum älter als Reinald, war Haimons Brudersohn. Und er war zauberkundig: bei seiner Pflegemutter Gloriande im Feenreich hatte er die ungeheure Kunst erlernt und in Toledo unter den Saracenen und Heiden. Er sprach nun: »Vetter, ich komme aus Spanien und suchte dich in Montalban, wo ich dein Schicksal erfuhr; ich schaffe dir mit meiner Zauberkunst dein Roß wieder, aber du mußt alles tun, was ich dir sage.« »Das will ich, sei's mir noch so sauer.« Malegis nahm aus seinem Sack einen weiten Frauenmantel, den mußte Reinald über seine Rüstung umlegen, zerlumpte Hosen über seine Beinschienen ziehen, und einen alten, durchlöcherten Hut stülpte er ihm auf den Kopf. Dann gebrauchte er seine Kunst und verzauberte Reinald in einen alten, kranken, ungestalten Mann. Er selber nahm seine Bettlergestalt wieder an, so daß sie jeder für elende Pilger halten mußte. Sie schritten an den 297 Waldessaum hinaus und ruhten unter einem Baum. Da sahen sie vier Mönche auf Maultieren die Straße von Paris herabreiten. »Warte hier ein wenig,« sprach Malegis, »ich will den Mönchen beichten.« »Tu' das, Vetter, es möchte gut sein,« antwortete Reinald. Malegis schritt auf die Straße und grüßte die Mönche. »Wie seid Ihr so bergesalt, Mann!« sprachen sie. »Möcht' ich nur solange leben, bis ich meine Sünden gebeichtet habe; ich bitte euch, ehrwürdige Herren, wollet meine Beichte hören, um Gottes willen.« »Wir haben keine Zeit,« antworteten sie, »gehe zu einem Pfarrherrn.« »Ihr seht, ich bin ein alter Mann, schickt mich nicht in den Tod mit meinen Sünden. Ich habe noch vier Goldgulden, – da, nehmt die, und hört meine Beichte.« Das schien den Mönchen gut; sie nahmen das Gold, hörten seine Beichte und sprachen ihn seiner Sünden los. Dann fragte Malegis: »Gibt's nichts neues in Paris? Ist kein Hoftag angesetzt?« Da erzählten die Mönche, daß Roland am nächsten Sonntag Bayard reiten werde, und danach sollten die Haimonskinder gerichtet werden. Reinald sei in Acht und Bann getan. »Sind sie noch nicht gehangen, können sie auch noch mit dem Leben davonkommen,« sagte Malegis und ging zurück zu Reinald. »Vetter,« rief er, »nun auf, nach Paris!« Gerade als die Messe ausgesungen war und Graf Roland Bayard reiten sollte, langten sie an der 298 Seinebrücke vor Paris an. Malegis nahm aus einer offenstehenden Scheune Stroh und richtete auf der Brücke ein Lager her für Reinald. Einen Mann, der des Weges gegangen kam, rief er an: »Helft mir, meinen kranken Gesellen auf das Stroh bringen, er kann das Stehen nicht vertragen.« Dem Mann schien Reinald der elendeste Bettler zu sein, er half ihm freundlich auf das Stroh, schenkte ihm einen Heller und bot Malegis noch sein Haus zur Nachtherberge an. Malegis setzte sich nun zu Reinald, nahm aus seinem Sack eine Silberschale, geziert mit bunten Steinen, so groß, daß man einen Säugling darin baden konnte, und stellte sie zwischen sich und Reinald. Er nahm aus einem Krug Wein, allerlei Kräuter und braute einen Zaubertrank; wer davon genoß, der mußte Malegis Willen untertan sein. Dann gab er Reinald die goldenen Sporen zurück: »Binde sie an, Vetter und ziehe die Hosen darüber, ich schaffe dir jetzt Bayard wieder; merk: wenn man dich auf seinen Rücken hebt, läßt du dich zweimal auf der andern Seite herunterfallen, das dritte Mal aber bleibe sitzen.« Nun kamen aus der Pfalz die schön geschmückten Frauen und Jungfrauen geschritten, und während die Höflinge und Paladine über die Brücke reiten mußten, stritten sie darüber, wer der Schönste sei; ein Mägdlein sprach: »Ach, ich weiß einen, der ist schöner als alle, ihr kennt ihn nicht: es ist Graf Reinald; er darf nicht ins Frankenreich kommen.« Die Vettern auf dem Stroh hörten die Worte und Reinald lachte hell auf; Malegis stieß ihn ärgerlich mit dem Ellbogen und flüsterte: »Reinald, du mußt hier nicht lachen, wenn dir dein Leben lieb ist.« Nun kam der Kaiser auf die Brücke geritten, sah die alten Bettler und die kostbare Schale zwischen beiden 299 stehen. »Sieh einmal dorthin, Neffe Roland,« sprach er, »in meinem ganzen Schatz ist kein solch schönes Gerät.« »Fürwahr, Oheim,« antwortete Roland, der auf Bayard ritt, »wir wollen die einmal darum befragen.« Er lenkte das Roß hin; Bayard beschnupperte den einen Bettler, erkannte seinen Herrn und tat gar zutraulich. »He, Alter,« rief Roland, »woher hast du die schöne Schale?« »Nicht geraubt, gnädiger Herr, weither aus fremdem Lande mitgebracht, und ich hoffe, sie auch hier nicht zu verlieren; denn, Dank sei Herrn Karl, in seinem Reiche findet armer Mann sein Recht, so gut als reicher.« Da sprach der Kaiser: »Darum sorge dich nicht, Pilger, ich möchte nur wissen, woher die Schale stammt.« »Ach, Herr,« antwortete Malegis und stellte sich, als kenne er den Kaiser nicht, »das Geld dazu habe ich vor vielen Jahren in Kirchen und Klöstern erbettelt: das ist die Schüssel, aus welcher Christus mit seinen Jüngern das Nachtmahl aß. Der Papst hat sie gesegnet, wer daraus trinkt, der trinkt sich Heil an Leib und Seele.« Kaiser Karl dachte: sie sind zwei Engel Gottes, denn Bayard, das Tier, erweist ihnen Ehrfurcht. Malegis schlug nach dem Roß mit seinem Stabe: »Herr, laßt das große Roß hinwegführen, ich fürchte mich davor.« Der Kaiser winkte Roland fort, warf Malegis einen Goldgulden zu und sprach: »Das duftet süß aus deiner Schale, reiche sie mir, und laß mich einen Trunk daraus tun, – daß ich meiner Sünden entledigt werde.« »Das steht nicht in meiner Macht, – doch mögt Ihr trinken, wenn Ihr mir den Kaiser zeigt.« »Der bin ich.« »Herr Kaiser, so zürnt nicht, daß ich zu frei mit Euch redete.« 300 »Das deut' ich dir nicht so schlimm; gib nur her die Schale.« »Ihr müßt aber zuvor Euren Feinden verzeihen.« »Das tu' ich allen, nur nicht Reinald und Malegis, dem Schelm, der mit seiner bösen Kunst im Reiche herumfährt; die möcht ich beide hängen lassen. Wer ist denn der Bergesalte, der auf dem Stroh liegt?« »Ach, der ist blind und taub und stumm; das Unglück kam über ihn in einer Nacht und eine weise Frau, die mit Kranken umzugehen weiß, sagte mir gestern, sie wisse einen Rat: wenn wir hinzögen, wo Graf Roland Bayard reiten wolle, da sollten wir bitten, daß der Arme auch einmal auf dem wunderbaren Roß reiten dürfe: – das könne ihm helfen.« »Ei, da seid ihr zur rechten Stunde hergekommen. Graf Roland soll deinen Gesellen auf das Roß heben. Nun laß mich aber trinken,« sprach Karl drängend, und sog begierig den starken Duft ein, der aus der Schale aufstieg. »Gar gern,« antwortete Malegis und reichte die schwere Schale dem Kaiser hinauf; der trank einen langen Zug, in dem Wahn, einen Segenstrunk zu tun. Die Bettler hinkten nun dahin, wo Roland mit Bayard stand. »Teurer Neffe,« bat der Kaiser, »setze diesen kranken Pilger einmal auf dein Roß, ob es ihm Heilung bringe.« Roland stieg ab, rief die Knechte herbei, welche den Hengst zu hüten hatten, und hob den Mann auf Bayards Rücken, aber der Kranke fiel zur andern Seite herunter; der Graf half ihm noch einmal hinauf, da fiel er von der andern Seite wieder hinab. »Ach, Herr,« schrie Malegis, »treibt kein loses Spiel mit dem Armen, das Roß ist greulich hoch, fällt er oft herunter, bleibt er tot.« 301 »Ei, Neffe,« schalt der Kaiser, »so halte den Mann fest, bis er sitzt.« Roland setzte den Alten zum dritten Mal hinauf, da blieb er sitzen, schob seine Fußspitzen in die Steigbügel und sprach zu den Knechten, welche Bayards Zügel hielten: »Laßt mich einmal allein reiten.« Gnädig winkte der Kaiser, die Knechte gaben Reinald die Zügel in die Hand und langsam ritt der vorwärts. »Geselle,« rief Malegis, »du hast die Sprache wieder? Kannst du auch sehen und hören?« »Ja,« antwortete Reinald mit verstellter Stimme, »ich bin mein Übel losgeworden.« Und wie er sah, daß man auf ihn nicht besonders achtete, gab er Bayard den Sporn. Das Roß merkte seinen Herrn, wieherte hell und sprang in gewaltigen Sätzen davon. Die Roßknechte erschraken, weil sie, bei Lebensstrafe, das Roß zu hüten hatten. Malegis schrie aus: »Weh, Herr Kaiser, weh, mein armer Geselle wird herunterfallen und sterben; seht, das Roß gebärdet sich wie toll mit ihm.« Da befahl der Kaiser Roland und seinen Freunden: »Nach, ihr Herren! Fangt mir das Roß mit dem Alten wieder ein.« Aber Malegis gebrauchte seine Kunst und gab Reinald seine eigne Gestalt und Kraft zurück. Die Befohlenen ritten hinterdrein. Als Reinald sie folgen sah, zog er sein Schwert, wandte Bayard, hielt, bis sie ihm nahekamen, und rief: »Sagt, ihr Herren, habt ihr mir den Tod geschworen, weil ihr mir so nachjagt!« Anfangs erkannten sie ihn nicht, bis Roland sprach: »Wie, Vetter Reinald, du bist's?« Turpin rief verwundert: »Willkommen, Freund, wie kommst du hierher?« 302 Oliver sagte: »Nun dank' ich Gott, weil ich dich am Leben sehe.« Und Ogier fragte: »Wer ist denn der andre dort bei dem Kaiser?« »Malegis, mein Vetter, er treibt ein wenig Scherz mit dem Kaiser, aber ich bitte euch, verratet ihn nicht, und schützet – dich, Erzbischof Turpin, bitt' ich vor allen – schützet meiner Brüder Leben. Ich kann nun hier nicht länger verweilen. Lebt wohl!« »Reite zu, Vetter, unsrer Treue bist du sicher,« lachte Roland und kehrte langsam mit seinen Freunden zurück, während sie beratschlagte, was für Bescheid sie geben wollten. »Bringt ihr Bayard?« fragte der Kaiser sie gleich. »Nein, lieber Oheim, das Roß war zu flink,« sprach Roland, »die Knechte, welche das Roß führten, hätten besser darauf achten sollen. Sie verdienen die Weidenschlinge.« Nun waren diese Knechte jene, welche Bayard im Walde gestohlen hatten, und als sie gleich zum Galgen geführt wurden, sprach Roland: »Solches gebührt Roßdieben.« Malegis aber sagte ganz traurig zum Kaiser: »Ich fürchte, mein Geselle ist heruntergefallen und hat den Hals gebrochen; ich will eine Wallfahrt über See tun und für seine Seele beten.« Und er nahm Urlaub von dem Kaiser; der winkte seinen Kämmerer heran und ließ Malegis hundert Goldgulden geben. Malegis dankte sehr und wanderte weg von Paris. Nun wurden die Haimonskinder gebunden, mit verdeckten Augen auf den Anger geführt, denn Kaiser Karl wollte sie richten. Bei ihrem Anblick erbarmte sich Turpin ihrer und sprach: 303 »Gnädiger Herr Kaiser, stelle die Gefangenen erst vor ein Gericht; sie sind ja von deinem Fleisch und Blut.« »Sie sind Empörer und der Galgen ist schon für sie erbaut,« antwortete Karl. »Willst du dich auch wider mich auflehnen, Erzbischof?« »Nein, aber keiner von den Herren hier wird dulden, daß die Haimonskinder gehängt werden.« »Wie?« fragte Karl zürnend, »Folkwin, Graf von Paris, sprich du einmal.« »Ihr wißt selbst am besten Recht zu sprechen,« antwortete der, »ist Turpin andrer Meinung als Ihr, und Ihr laßt die Empörer nicht hängen, wird man sagen: Herr Karl wurde dazu gezwungen.« Aber der Erzbischof rief heftig dagegen: »Ich sag' Euch, Herr Kaiser, Ihr sollt ihnen das Leben lassen, ob Ihr wollt oder nicht.« Darüber zürnten der Kaiser und Turpin gewaltig gegeneinander; Karl zog das Schwert, der Bischof wollte ihm an die Gurgel, die Paladine drängten Turpin zurück. »Laßt sehn,« sprach der Kaiser ruhig, »wer Hand an seinen König legen will?« Alle schwiegen. »Und nun will ich wissen, wer des Bischofs Meinung ist?« Da traten die Paladine einer nach dem andern an Turpins Seite: Graf Wilhelm, Herr Dietrich, Graf Richard, Oliver, Ogier und Roland, Bertram, Herzog Naimes, Graf Walter und wer ihrer da war. Folkwin aber rief: »Habt acht, Herr Karl, in allen Landen wird man sagen: Kaiser Karl wurde gezwungen.« »Schweig', falscher Ratgeber,« fuhr Ogier empor, ging hin und band die Gefangenen los; er wollte sie nicht länger in Fesseln sehn. »Wer will nun die drei Grafen hängen?« fragte herausfordernd Turpin, »ich denke, so kühn wird keiner sein.« 304 »Bischof, du bist gar trotzig,« mahnte der Kaiser. Da rief Turpin in kriegerischem Übermut: »Ich sag' dir's frei, Kaiser Karl, wenn ich's wollte, könnte ich Land und Leute dir abgewinnen.« Schweigend blickte Karl ihn lange an: da schritt der Bischof hin, band die drei wieder, führte sie vor Karl und sprach: »Herr, nimm deine Gefangenen, sprich ihnen gerechtes Urteil; ich aber, dein Diener, mahne und bitte dich: gewähre Verzeihung!« »Was tust du mir an, Bischof? Hab ich nicht ihren Tod geschworen, Ludwig zu rächen?« »Die Rache sei Gott des Herrn!« antwortete demütig Turpin, »und von solchem Eid entbindet dich der Papst.« Graf Roland sprach: »Hör' mich, lieber Ohm, ich rate, halte die Grafen noch in Gewahrsam, überleg' dein Urteil: – vielleicht wendet sich's zum besten.« Da strich der Kaiser den weißen Bart, nickte schweigend und lenkte Tencendur zurück in die Stadt. Die Empörer wurden zurückgeführt in den Turm. Malegis, der Schelm, war bald wieder zurückgekehrt nach Paris; mit Hilfe seiner Zauberkünste gelang es ihm, zur Nacht in den Kerker der Gefangenen zu kommen, er schob den Riegel weg, trat hinein und rief die Haimonskinder an: »Folgt mir sogleich und haltet euch still, ich bin kein Henker, sondern Malegis.« Er führte sie auf die Brücke vor der Stadt, dann sprach er: »Liebe Vettern, wartet hier auf mich, ich habe euch auf eigne Faust hierher geholt, nun will ich zurück ins Palatium und den Kaiser um seine Erlaubnis dafür bitten.« »Was fällt dir ein, Malegis?« sagte Richard, »laß uns doch gehen, wie sollte Karl dazu ja sagen?« Aber Malegis hörte nicht, eilte zurück und kam durch seine Künste vor Karls Lager: »Gott grüß Euch, großer 305 Kaiser!« sprach er, »ich habe meine Vettern aus dem Kerker weg auf die große Brücke vor Paris geführt. Geh's wohl oder übel, ich bitte, bewilligt, daß ich sie nach Montalban geleite.« Der Kaiser schlief und antwortete im Schlaf: »Nimm deine Vettern und tue was du willst.« Aber er wußte nicht, was er redete: denn Malegis zwang ihn mit Zauber dazu. Malegis wollte ein Pfand mitnehmen, sah sich um und nahm eine Armspange und Wehrgehäng, und der Kaiser schaute zu, als müßte es so sein. Malegis eilte hinaus, wo die Haimonskinder warteten, und geleitete sie nach Montalban zu Reinald. Als der Kaiser am Morgen erwachte, wußte er nicht, ob er alles geträumt oder erlebt hatte. Aber der Kerker war leer, Bauge und Schwertfessel waren weg und als er's Roland erzählte, lachte der herzlich: »Lieber Oheim, wenn du's Malegis erlaubt hast, mußt du dich nicht wundern, daß er's getan hat.« »Graf Roland ist der tapferste Held, gewinnt er ein Roß, groß und rasch wie Bayard, schirmt er allein Euer Land vor den Haimonskindern.« So sprach Herr Dunamel aus Rolands Gefolge zum Kaiser, als sie aus einem Krieg gegen die heidnischen Sachsen, die wieder einmal aufgestanden waren, heimkehrten. »Und ich wüßte wohl Rat, das beste Roß zu bekommen,« fuhr er fort. »Setzt Eure Krone als Preis aus und laßt verkünden: wer darum rennen will, soll Ostern nach Paris kommen. Dem Gewinner wiegt Ihr die 306 Krone viermal mit Gold auf als Lösegeld, und für sein Roß zahlt Ihr den höchsten Kaufpreis.« Der Vorschlag gefiel dem Kaiser und seine Boten zogen rufend durchs Reich. Auch Reinald hörte die Kunde in Montalban. »Wo gäb's ein Roß wie Bayard?« sprach da Malegis. »Vetter, ich hab's: wir wollen nach Paris reiten, und du sollst den Preis gewinnen.« Er ging gleich mit Reinald in den Krautgarten und pflückte allerhand Kräuter, die preßte er aus und rieb mit dem Saft Reinald ein: der gewann davon das Aussehen eines schmucken, bartlosen Knaben, daß seine Brüder über ihn lachten. Darauf salbte Malegis Bayard mit einer Salbe und veränderte seine schwarze Farbe in schneeweiße. »So,« sprach er, »jetzt erkennt niemand weder Roß noch Reiter, nun laßt uns nach Paris reiten.« Sie rüsteten eine Kriegsschar und zogen aus. Nun ward aber durch einen Späher dem Kaiser verraten, Reinald komme nach Paris. Alle Stadttore wurden gesperrt und von Bewaffneten gehütet, um Reinald, wenn er wirklich geritten käme, zu fangen. Kurz vor Paris trennten sich Reinald und Malegis von den Ihren, Adelhard blieb als Führer bei den Wehrleuten zurück, und sie verabredeten ein Hornzeichen, auf welches er mit den Brüdern und dem Kriegsvolk in die Stadt zu Hilfe eilen sollte. Als nun Reinald und Malegis vor Paris ankamen, fanden sie schon viele Herren und Knechte auf Einlaß wartend davor. Sie pochten ans Tor, Malegis steckte den Kopf durchs Guckloch und sah einen Bewaffneten dahinter stehen. »He, Freund,« rief er, »warum sind die Tore gesperrt? Glaubt denn der Kaiser schon alle guten Rosse 307 darin zu haben? Hier außen ist eines, das ist das beste, das er je zu sehen bekommt.« Der Tormeister antwortete: »Es ist uns nur um Reinald zu tun: wir müssen ihn fangen.« »Weiter nichts?« sagte Malegis, »der ist, so hört' ich, in Montalban und trachtet gewaltig nach des Kaisers Schaden an Land und Leuten.« Indem sie so sprachen, drängte sich ein Knecht durch Menschen und Rosse und sprach: »Wenn ich Graf Reinald je gekannt habe, so sehe ich ihn jetzt; der hier ist's, auf dem großen Roß.« Da schlug Bayard mit dem Hinterfuße aus und traf ihn vor die Brust; er fiel rücklings zu Boden und war tot. »Das Roß hat den Knecht erschlagen,« sprach Malegis zu den Herren. »Das hat es recht getan,« antwortete einer, »warum hat er's verlogen. Bayard ist schwarz, dies hier schneeweiß und Reinald muß nun fünfundzwanzig Jahr' alt sein; dieser Jüngling scheint kaum fünfzehn alt.« Endlich schoben die Wachen die Riegel zurück und ließen alle die Herren ein. Malegis lenkte nach der besten Herberge; ihre Rosse wurden in den Stall geführt und sie selber gut bewirtet. Um Mitternacht stand Malegis auf, ging in den Stall und verzauberte Bayard derart und verband ihm den Fuß, daß er elend, müde und mager aussah. Am frühen Morgen sattelten die Vettern und ritten auf den zum Rennen bestimmten Anger, wo schon viele auf den Kaiser warteten. Als sie Reinald erblickten, verhöhnten sie ihn wegen seines elenden Rosses. Um Mittag ritt der Kaiser mit seinen Baronen auf den Platz: die Krone wurde am Ziel aufgesteckt, und das 308 Rennen begann. Rasch stieg Malegis ab, band Bayard den Fuß los und das Roß gewann seine Kraft wieder. »Vetter, nun tu' dein Bestes, daß du die Krone gewinnst,« sprach er, »ich reite zurück durch die Stadt und warte auf dich am andern Ufer der Seine.« Damit schied er. Die Renner waren schon weit voraus, Reinald aber flüsterte dem Hengst ins Ohr: »Jetzt greif' aus, Bayard, wir müssen siegen.« Da rannte der Hengst pfeilgeschwind über den grünen Plan. »Seht das Roß,« rief der Kaiser, »wie es läuft, als wär's Bayard. Das will ich dir kaufen, Roland.« »Es ist ebensogut als Bayard,« sprach Roland: da war Reinald schon der erste bei der Krone, er nahm sie von der Stange, legte sie dem Roß auf den Hals, ließ es durch die Seine schwimmen und kam so ans andere Ufer. »He, Freund, hierher mit der Krone,« schalt der Kaiser, »ich löse sie aus und kaufe dein Roß, was du auch verlangst.« Reinald rief über den Strom zurück: »Dies Roß ist mein, und ich will es behalten. Ein gleiches Roß aber findet Ihr nicht, denn es ist Bayard und ich bin Reinald. Die Krone geb' ich nicht wieder her, Kaufleuten ziemt keine Krone, und Ihr, Herr Kaiser, dünkt mich, wollt ein Roßtäuscher werden.« Da kam Malegis geritten: »Hast du die Kronen« »Ich habe sie, Dank deiner Kunst,« lachte Reinald. »Traun,« sprach der Kaiser, »bist du's, Malegis? Sag' deinem Vetter, daß er die Krone herausgibt.« »Kommt nur über den Strom, Herr Karl, dann wollen wir sie Euch gern geben,« antwortete der Schalk, »aber es folge Euch ja keiner der Herren Barone, wenn ihnen das Leben lieb ist.« 309 »Nein, du arger Schelm, ich komme nicht,« antwortete Karl, »du möchtest mich wohl wieder betrügen, wie damals in der Nacht?« »Das wäre wohl möglich,« rief Malegis über die Seine zurück und ritt mit Reinald davon, so schnell die Rosse laufen konnten zu ihrem Kriegsvolk. Unangefochten kamen sie nach Montalban zurück. Kaiser Karl aber hob drohend die Faust und berief einen Hoftag zu Pfingsten nach Paris. Dahin mußte auch Ivo kommen, Karl zu huldigen. Und Ivo verkaufte um vier Saumtiere Goldes seinen Eidam an den Kaiser: »Ich liefere Euch die vier Haimonskinder auf Maultieren ohne Waffen nach Falcalone,« sprach er, »doch dürft Ihr sie nicht wieder nach Montalban entlassen, daß ich meines Lebens sicher bin.« »Geh' und sorge nicht darum,« sprach der Kaiser und schaute unmutig dem falschen Manne nach. Die Haimonskinder kehrten wieder einmal heim von der Jagd, auf vier Rossen führten sie das erlegte Wild daher. Als sie am Fuße von Montalban anlangten, sahen sie auf den Burgzinnen fremdes Volk stehen: »Was mag das bedeuten?« sagte Reinald, »mich überfällt böse Ahnung.« In der Burg fanden sie Ivo, der von dem Hoftag kam; er ging Reinald entgegen und sprach: »Eidam, jetzt brauch' ich dich. Der Kaiser hatte mich nach Paris beschieden, euretwegen: ich hab' es dahin gebracht, daß er euch verzeihen will; barfuß, im Wollenkleid sollt ihr nach Falcalone ziehen und vor ihm knieen.« Reinald wollte Ivo vor Freuden umarmen. »Küsse mich nicht,« sprach der, »mich schmerzt der Kopf.« 310 »Ich ziehe hin,« sprach Reinald, »aber ich nehme eine Kriegsschar mit, dann bin ich sicher vor Verrätern.« »Das geht nicht, Sohn: auf aragonischen Maultieren, ohne Wehr und Waffen, ohne Bayard, in Demut müßt ihr kommen.« »Dann will ich zuvor Clarissa, mein Gemahl, fragen,« antwortete Reinald und ging zu ihr. »Lieber Reinald,« sprach Clarissa, »trau' nicht zu viel: ich sah heut' Nacht im Traum Schloß Montalban zerstört, Bayard verwundet. Sende zuvor einen Späher nach Falcalone, oder bitte unsern Vater, daß er dich mit Heeresmacht begleite.« Aber Ivo antwortete auf dies Ansinnen: »Eidam, das kann nicht sein; wie ich's mit Karl bedungen, so muß es ausgeführt werden. Ich werde hier dein Schloß hüten.« Als Clarissa dies erfuhr, bat sie Reinald: »Geh' nicht, – mein Vater hat euch verraten.« »Wie magst du das vom eignen Vater sagen! Ich vertraue ihm, denn ich war ihm allezeit getreu; – wir ziehen nach Falcalone.« Und als sie zur Reise gerüstet standen, brachte Clarissa Richard heimlich vier Schwerter: »Birg sie unter deinem Mantel, daß Reinald sie nicht gewahre; ich fürchte, ihr werdet sie brauchen zu Falcalone.« Unterwegs fing Reinald an zu singen, Adelhard verwies es ihm: »In trüben Zeiten singt man nicht.« »Mir ist aber das Herz so schwer, laßt mich singen,« antwortete Reinald. Und als sie nach Falcalone kamen, sah er ein Banner wehen und sprach: »Wir reiten in den Tod: denn ich sehe Karls Banner fliegen.« »Laß uns fliehen, Clarissa sagte wahr: Ivo hat uns verraten,« rief Adelhard. 311 »Ich kann's nicht glauben,« antwortete Reinald; aber da sprengte schon ein Reiter daher, in Eisen gekleidet, ein Zug Berittener folgte ihm langsam. Er schrie: »Jetzt hilft kein Widerstand, Reinald, gebt euch gefangen, ich führ' euch zu Karl, der läßt euch hängen.« »Graf Folkwin?« rief Reinald als er den Sprecher erkannte. »Das wirst du nicht tun: versöhne mich lieber dem Kaiser. Laß mich frei zu Karl gehen, ich will ihm zu Füßen fallen.« »Dein Flehen ist umsonst, ich darf nicht anders: ergib dich, Ivo hat dich verkauft.« Da erzürnte Reinald. »Das, hoff' ich, lügst du, Graf; lieber fall' ich hier, als daß ich mich gefangen gebe.« Folkwin warf seinen Speer auf Reinald, der ließ sich schnell von seinem Maultier gleiten, der Speer streifte seine Seite. Adelhard erschrak, aber Richard sprang vor, schwang sein Schwert und drückte dem am Boden liegenden Reinald eines in die Hand: »Das schickt dir Clarissa.« »Dank der Treuen,« rief Reinald aufspringend, »nun fürcht' ich nichts.« Während Richard auch Adelhard und Wichard ihre Schwerter reichte, hatte Reinald mit einem Hieb Folkwins Speerholz zerhauen, und ehe noch der Graf das Schwert gezogen, schlug er mit dem zweiten Hieb auf Folkwins Helm, daß der Graf mit gespaltenem Kopfe vom Rosse fiel. Reinald sprang eilig in den leeren Sattel. »Laß uns fliehen,« sprachen seine Brüder, »es sind zu viele.« »Ich fürchte sie nicht,« rief Reinald. Da waren des Grafen Reiter zur Stelle und griffen die Haimonskinder an; die wehrten sich, wie umstellte Bären tun. Bald lagen ein paar fränkische Herren am Boden. »Nehmt ihre Waffen und Rosse, dieweil ich euch die 312 andern vom Leib halte,« sprach Reinald, und so kamen die drei in Brünnen und auf Rosses Rücken: Helme und Schilde fanden sich auch, waren sie gleich zerhackt. Dann lösten sie Reinald ab und er rüstete sich ebenso. Da langte Werin, Folkwins Bruder an und stürmte mit aller Kraft. Adelhards Schwert zersprang, Wichard wurde schwer verwundet und gefangen. Vierundzwanzig Berittene mußten ihn nach Falcalone führen. »Hilf Reinald, Wichard ist gefangen,« schrie Adelhard, »wir müssen fliehen: mein Schwert ist dahin, Wichard totwund, er wird sterben, es ist doch besser, Wichard verloren, als wir alle.« »Wie? Wollen wir so Treue halten?« antwortete Reinald vorwurfsvoll; er stieß sein feuriges Roß mit dem Sporn, sprengte hinter den Vierundzwanzig drein, fuhr unter sie wie ein Teufel: den ersten hieb er in zwei Teile, zwei andre auf den zweiten Schlag zu Tode: die übrigen verlangten seine Hiebe nicht und rannten davon. »Wichard, bist du so wund, daß du dich nicht besser wehren konntest?« fragte er. »Mein Roß stürzte mir, und ehe ich auf ein andres kam, verwundeten und fingen sie mich.« Indem kam Werin gerannt mit gesenktem Speer und rief: »Reinald, du hast meinen Bruder erschlagen, du sollst an den Galgen.« Aber Reinald hieb ihm sogleich über den Kopf, tot fiel er aus dem Sattel. Die Franken griffen noch einmal an. Der Graf von Châlons erstach Reinalds Roß, Reinald schlug ihn aus dem Sattel, der Graf rollte unverletzt ins Graf, Reinald schwang sich auf das leere Roß, stürmte in die Feinde und trennte ihre Reihen. Das Streiten dauerte lang. Wichard war ermüdet und lag erschöpft am Boden. Der Graf von Châlons war wieder auf ein Roß 313 gekommen, sammelte seine Reiter und griff von neuem an: da mußten die Haimonskinder weichen. Reinald nahm Wichard auf den Rücken und floh auf einen hohen Berg, während seine Brüder ihm den Rücken deckten. Der Berg war steil und von Marmelstein, ein schmaler Pfad führte hinauf und nur immer einer konnte durch den Paß. Châlons folgte nach und hoffte sie dort zu fangen. Die Haimonskinder warfen mit Steinen herab, und jeder, der in den Paß kam, blieb tot. – Ogier war auch unter den Franken, er hielt aber fern auf seinem Roß und hob keine Hand gegen die Haimonskinder. »Ogier,« sprach Châlons, »Ihr habt dem Kaiser doch stets treu gedient, was rührt Ihr Euch nicht? Ihr seid ein Verräter!« »Das lügst du, glattzüngiger Hund! Wär's nicht um Herrn Karls willen, ich haute dich nun in Stücke. Ein Verräter wär' ich an Reinald, wollt' ich ihn fangen helfen. Eins will ich tun: hinausreiten und fragen, ob er sich ergeben will oder weiter fechten.« Châlons zog sein Volk von dem Engpaß zurück, Ogier ritt hinauf: »Haltet ein mit dem Steinwerfen,« rief er, »ich habe mit Reinald zu reden: der Graf von Châlons fragt an, ob ihr euch ergeben wollt?« Reinald trat an den Felsen, einen Stein in der Hand, und rief: »Ogier, willst du mich auch dem Kaiser verraten? Weiche, oder ich werfe dich mit dem Roß zu Tode.« »Ich habe heute den Arm nicht gerührt, Freund: dein Unglück ist mir leid.« »Das lohn' dir Gott! Hilf uns, und verschaff' uns freien Abzug.« »Das kann ich nicht, Herrn Karls und meiner Dienstpflicht wegen; aber eins rat' ich euch: weichet nicht von dem Berge, dort seid ihr sicher.« 314 Dann ritt er zurück und rief: »Châlons, hüte du den Engpaß, ich zieh' dort auf die Höhe, daß den Grafen kein Entsatz komme.« – Nun lebte in Montalban ein Reinald ergebener Jüngling, der war erfahren in der Sternkunde und betrachtete den Nachthimmel: da sah er Reinalds Bedrängnis. Er suchte am frühen Morgen Malegis und fand ihn, da er gerade dem Küchenwart befahl, ein Mahl für den Abend zu bereiten für die heimkehrenden Grafen. »Ach, Malegis,« sprach der Sternkundige, »von den Speisen wird Reinald nichts genießen: ich habe in den Sternen gelesen, daß er in Gefahr ist.« »Schweige davon vor Ivo,« antwortete Malegis, »ich will mit Bewaffneten nach Falcalone ziehen und ihm Bayard bringen.« Das Roß biß und schlug nach Malegis. »Verflucht mußt du sein!« rief der. »Was sperrst du dich? Und sollst doch deinen Herr retten.« Da wurde das Roß willig und nahm Malegis auf den Rücken. Mit fünfhundert Bewaffneten ritt er heimlich aus der Burg. Bayard lief einige Pfeilschüsse weit allen voraus. Reinald erspähte den Hengst zuerst vom Berge herab. »Nun wird alles gut: ich sehe Bayard mit Malegis daherrennen: mich wundert, daß er allein kommt,« sprach er. »Richtet mich auf, daß ich Bayard noch einmal schaue,« sprach Wichard, und als er's sah: »Mich dünkt, ich bin von meinen Wunden genesen.« Malegis mußte zuerst an Ogier vorüber, er rannte ihn so gewaltig an, daß sein Speer zerbrach. Dann schlug er ihm mit dem Schwert auf den Helm, daß Ogier Hören und Sehen verging, und als der Däne den Streich zurückgab, entwich Bayard und rannte gerade auf den Berg 315 Falcalone zu. Da sahen die Haimonskinder auch ihr Kriegsvolk heranziehen. »Nun laßt uns hinab, als wollten wir uns ergeben,« sagte Reinald, »Châlons kann die Unsrigen noch nicht sehen.« Als sie den Engpaß herabstiegen, dachte Châlons: »Nun hab' ich sie.« Da kam Bayard gerannt, erblickte seinen Herrn, warf Malegis ab und sprang mit gewaltigen Sätzen vor Reinald hin. Malegis besann sich nicht lange, stieß einen Franken aus dem Sattel, schwang sich auf dessen Roß und suchte mitten durch Châlons Heer in den Engpaß zu kommen. Reinald ritt ihm entgegen und sie schlugen sich durch den Feind zu ihrem Volk, das wacker stritt. Malegis ersah sich Châlons selber und stach ihn mitten durchs Herz. Die übrigen waren bald in die Flucht getrieben. Ogier stand mit seinen Reitern untätig an seinem Hügel; als er Reinald siegen sah, zog er ab über ein Wasser. Richard rief ihm noch nach: »Dank für deinen guten Rat! Sage dem Kaiser: er habe sein Gold übel vergeudet an Verräter und Häscher.« Ogier zog nach Paris, die Haimonskinder nach Montalban. »Ivo muß an den Galgen,« sprach Reinald unterwegs. Da sandte Malegis heimlich einen Boten voraus mit der Meldung an Ivo: »Mache dich davon, wenn Reinald dich in Montalban findet, läßt er dich hängen.« Ivo erschrak und floh augenblicks in das Kloster Beaurepos. So entging er Reinalds Rache, wurde Mönch und büßte seinen Verrat in strenger Regel. Als Ogier in Paris dem Kaiser berichtete, wie es zu Falcalone ergangen war, schalt ihn Roland: »Du hast Malegis herbeigerufen, du bist ein Verräter.« 316 Ogier zog sein Schwert. »Das sollst du widerrufen, oder gleich mit mir fechten.« Aber der Kaiser trennte sie, zornig sprach er: »Laß die eitlen Scheltworte, Neffe Roland. Versöhnt euch. Malegis ist ein schlauer Wicht.« »Dann will ich hinziehen,« rief Roland, »und Ivo an den Galgen hängen; denn er hat dem Kaiser das Gold mit Betrug abgelistet.« Seine Genossen wollten alle mit ihm fahren. Als sie in die Gascogne kamen und hörten, daß Ivo Mönch geworden zu Beaurepos, sagte Roland: »Laßt uns gleich hinreiten und ihn aus dem Kloster holen.« Ivo erschrak, als sie das Kloster belagerten, und schrieb einen Brief an Reinald: »Lieber Eidam, ich hab' den Tod verdient, als ich dich verkaufte, darum geb' ich mich in deine Gewalt: komm, rette mich vor Roland, der mir den Galgen geschworen hat.« Reinald las und sprach: »Mag man den Dieb hängen, er hat's zwiefach verdient.« Clarissa stand neben ihm, ihr jüngstes Knäblein auf dem Arm: sie herzte und küßte es, weinte und klagte: »Ach armes Kind, wie sollst du die Schande überleben, wenn man deinen Großvater hängt.« Da sprach Reinald gerührt: »Liebes Weib, hör' auf zu jammern: ich will versuchen, ob ich den argen Mann vor Roland erretten kann.« Sofort ließ er Bayard satteln und ritt nach Beaurepos. Als er hinkam, hatte Roland Ivo schon gefangen und führte ihn gerade gebunden hinter sich auf dem Roß davon. Reinald rief ihn an: »Freund Roland, überlaß mir den Verräter: er wird niemand mehr verraten.« »Nichts da, Vetter: Ivo muß hängen,« antwortete Roland. 317 »Nein, meiner Kinder Großvater soll nicht an den Galgen: gib ihn mir gutwillig, oder ich hole ihn mit Gewalt.« Roland befahl seinen Leuten: »Nun hängt ihn mir gleich an den nächsten Baum!« Da wurde Reinald sehr zornig: »Ich kenne niemand, der mir das wagt.« »Das wollen wir sehen,« gab Roland zurück und warf selbst den Strick über den Ast. Aber Reinald zog sein Schwert Flamberg und durchhieb den Strick, dann faßte er Ivo, hob ihn auf sein Roß und entfloh. Roland stieß seinem Roß Veillantif den Sporn ein und wollte Reinald nach. Als er aber Bayard nicht einholen konnte, rief er mit heller Stimme: »Steh' und kämpfe mit mir, oder du bist ein Verräter.« »Eurer sind zu viele,« erwiderte Reinald, »ihr könntet mich leicht fangen, willst du aber allein meiner warten, so will ich den Streit mit dir ausfechten.« »Ich komme,« antwortete Roland. Als Roland seinen Genossen das Geschehene mitgeteilt hatte, schalt ihn Turpin: »Weshalb fingst du solchen Streit an? Erschlägst du mir deinen Vetter, sollst du ihn nicht drei Tage überleben.« »Ja wahrlich,« sprach Graf Richard, »lasse dich nicht mehr im Frankenreich blicken: es geht dir ans Leben.« Ogier hob drohend die Hand und schwur: »Aus eurem Zweikampf wird nichts.« Aber Roland antwortete: »Euer Schelten wird mir zuviel: ich habe mein Wort gegeben, das muß ich halten. Und mich gelüstet's, mich einmal mit diesem Recken zu messen.« 318 Und in Montalban antwortete Reinald auf die Vorwürfe seiner Brüder: »Ich habe mein Wort verpfändet, mag es gehen wie es will, – das muß ich auslösen.« Als Reinald nach Beaurepos kam, wartete Roland schon seiner. Reinald stieß seinen Speer in die Erde, band Bayard daran fest, legte seinen Schild auf des Rosses Rücken, gürtete sein Schwert ab und warf es in den Schild, band den Helm ab, schnallte die Sporen los, zog die Brünne und den Waffenrock aus und kniete nieder und mit zusammengelegten Händen rutschte er auf den Knien Roland entgegen und sprach: »Roland, du bist von meinem Blut: ich bitte dich, versöhne mich mit dem Kaiser: Bayard will ich dir zu eigen geben.« Roland wandte sein Haupt, weinte und sprach: »Steh auf, Reinald, ich bin hier, mit dir zu kämpfen, weil du mir Ivo entführt hast.« »Vetter, ich fürchte dich nicht,« antwortete nun zornig Reinald. »Das erweise, geh' hin und waffne dich.« Reinald ging hin und legte seine Waffen an, saß auf und schüttelte grimmig seinen Speer; Roland betete leise: »Herr Gott im Himmel, hilf, daß ich ihn nicht umbringe.« Sie stießen zusammen, daß Roland mit seinem Roß zur Erde fiel. »Gott Dank,« sprach er, »daß ich dir das nicht getan habe. Solchen Stoß hab' ich noch nie bekommen.« Als er wieder im Sattel saß, zog er Durendal; Reinald hielt Flamberg in der Hand, so ritten sie gegeneinander, aber Reinald wich aus und wandte Bayard zur Flucht, denn er sah Rolands Genossen heranreiten. »Vetter,« rief er noch, »du hast mich betrogen.« 319 Zornig wandte sich Roland: »Was stört ihr den Zweikampf?« Da rief Turpin mit gebietender Stimme: »Ihr sollt nicht das Schwert zucken wider einander: gemeinsam sollt ihr es schwingen gegen die Heiden.« Da zog Roland nach Sankt Jakob, dort zu beten, die andern kehrten zurück zum Kaiser nach Paris. Auf dem Heimweg von seiner frommen Fahrt überraschte Roland im Bordelaiser Wald seinen Vetter Richard auf der Jagd. Er griff dem Roß in die Zügel, Richard zückte sein Jagdmesser, aber Roland sprach: »Sperr' dich nicht, ich habe dich schon: wir Vettern sollen das Blutverspritzen meiden, sagt Turpin;« und er schlug ihm das Jagdmesser aus der Faust: »Gib dich gefangen und zwinge mich nicht zu Hieben.« Der waffenlose Richard ergab sich getrost in sein Geschick. Nun war auch Malegis im Wald und suchte Kräuter, er hörte den Lärm, lief hin und sah noch die beiden davonreiten. In aller Eile rief er Reinald von Montalban zu Hilfe. Bayard wurde gesattelt, »Malegis, du mußt mir den Weg weisen, sitz hinter mir auf,« sprach Reinald, und bald hatten sie Roland eingeholt. Reinald rief, den Speer erhebend: »Gib meinen Bruder heraus.« »Geht nicht, Vetter,« antwortete Roland, »er begleitet mich zum Kaiser,« und Richard sprach: »Fort mit deinem Speer, Bruder! Fange um mich keinen neuen Bluthandel an, ich will einmal nach Paris und den Kaiser um Frieden bitten.« »So laß ihn ziehen,« flüsterte Malegis Reinald ins Ohr, »ich werde vor ihnen in Paris sein und Richard 320 helfen.« So schieden die Vettern. Malegis kehrte in den Wald, Reinald nach Montalban zurück. Am Abend trat ein alter Pilger im rauhen Mantel in seine Halle und bat um Gaben. Reinald reichte ihm zehn Goldgulden. »Was nützt mir Gold? Das wär' jüngerem Mann nützer, gebt mir Besseres,« antwortete der Alte. Die Rede verdroß Reinald gewaltig, er sah dem Pilgrim scharf ins Gesicht, dann rief er: »Malegis, bist du's oder nicht? Ich kann's wahrlich nicht sehen.« »Ich bin's, lieber Vetter.« »Ei,« schalt Reinald, »und ich glaubte dich längst auf dem Weg nach Paris, Richard zu helfen; – ich sehe wohl, ich selbst muß hin.« »So ist es, lieber Vetter, und deine Brüder nimm hübsch mit und am Falkenberg, wo man zu hängen pflegt, erwartet mich.« Und schon war der Schalk zur Halle hinaus. In solcher Gestalt trat er zu Paris in Herrn Karls Saal zur Stunde, da reich und arm ihr Recht forderten. »Gott segne Euch, Herr Karl,« sprach er. Der schlug nach ihm mit einem Stabe: »Weg mit dir! Seit Malegis unter die Pilger ging, trau' ich keinem mehr.« »Ach gnädiger Kaiser,« flehte Malegis, »ich bin wahrhaftig hergepilgert, Euch mein Unglück zu klagen: mich haben fünf Herren ausgeraubt auf der Heerstraße; Malegis hört' ich den einen nennen, das war der ärgste.« Karl reichte ihm zehn Goldstücke zum Trost, aber Malegis wies sie zurück: »Gebt mir lieber zehn Schillinge, die sind armem Manne sicherer und laßt mir Speisen reichen: mich hungert.« »Du magst dort an meinem Tisch essen,« antwortete 321 der fromme Kaiser, saß nieder neben dem Waller und schob ihm selber einen Brocken gebratenen Pfaus in den Mund. Malegis dachte: »Deinen Schlag sollst du wieder fühlen« und biß dem Kaiser in den Daumen. »Gott straf' dich, Pilger,« sprach der, »nun suche dir deine Speise selber.« Da trat Roland herein und führte Richard vor Karl. Der fragte: »Bringst du ihn gefangen, oder kommt er nur auf sicher Geleit?« »Er ist dein Gefangener,« antwortete Roland. »Dann fort mit ihm, auf den Falkenberg, an den Galgen!« befahl der Kaiser. Herzog Naimes sprach: »Das wäre zuviel der Strafe.« Der Kaiser erwiderte: »Ich habe das Urteil gesprochen: wer von euch, ihr Herren, wird es vollziehen?« Er blickte die Paladine der Reihe nach an: sie erbleichten und standen schweigend vor ihm, keiner wollte Hand legen an Richard, und Karl sprach mit fester Stimme: »Herr Raspe, Ihr sollt es tun!« Da lief Malegis nach dem Falkenberg, wo er seine Vettern fand. »Wie ist's ergangen?« fragte Reinald. »Trefflich, der Kaiser schenkte mir zehn Schillinge.« »Danach frag' ich nicht; was ist mit Richard?« »Der Kaiser ließ mir auch Speise reichen: er schob mir selber einen guten Brocken in den Mund.« »Danach frag' ich noch weniger, Malegis: laß deine Späße! Wo ist Richard?« »Er wird gleich hier sein.« Und Malegis erzählte, was in der Pfalz geschehen war. Sie legten sich in Hinterhalt hinter Waldesdicht, um Richard mit Gewalt wieder zu befreien: aber Müdigkeit überwältigte sie, und alle schliefen ein. Da kam Herr Raspe mit ein paar Berittenen daher 322 und führte Richard unter den Galgen. »Nun bete noch einmal, ich lasse dir Zeit,« sprach er. Richard tat ein langes Gebet und hoffte auf Malegis, und als er zu Ende gebetet und keine Hilfe sah, sprach er: »In Gottes Namen, Raspe, tue, was du mußt.« Der legte ihm mit eigner Hand die Schlinge um den Hals und Richard stieg die Leiter hinauf. Da gewahrte ihn aus dem Hagedicht Bayard: hellauf wieherte der Hengst und scharrte mit dem Fuß, daß Reinald erwachte: er sah seinen Bruder auf der Leiter stehen. »Wacht auf, Genossen!« rief er, sprang auf Bayards Rücken und ritt dem Galgen zu. »Richard, dir kommt Hilfe, schau um!« rief Herr Raspe, »ich will dich nicht hängen.« »Nun wärest du besser zu Haus geblieben,« lachte Richard und sprang von der Leiter. Malegis, Adelhard und Wichard waren rasch Reinald gefolgt: sie fuhren mit Schwert und Speer unter die Berittenen und trieben sie davon. Reinald hieb mit Flamberg Herrn Raspe einen zornigen Schlag auf den Kopf: tot fiel der unter den Galgen. Richard zog Raspes Wehrkleider an, schloß den Helm, sprang auf des Toten Roß und sprach: »Nun reit' ich zum Kaiser und fordere Herrn Raspes Lohn.« Am Fuße eines Hügels traf er Ogier, der hielt Courtaine in der Hand und wollte Raspe erschlagen. »Steck' ein dein Schwert, Raspe liegt tot am Falkenberg, ich bin Richard,« rief das Haimonskind, band den Helm auf und zeigte sein Antlitz. »So flieh', dort kommt Karl geritten, fürchte seinen Zorn,« antwortete Ogier und wandte Braiefort, aber Richard floh nicht. Der Kaiser mit seinen Kriegern ritt den Berg hinunter und er sprach: »Raspe, du stehst unter meinem Schutz, ich will deinen Gehorsam belohnen.« 323 »Herr Kaiser, spart Eure Müh',« antwortete Richard, »Raspe liegt unterm Galgen.« Und mit eingelegtem Speer rannte der Graf seinen Herrn an. Karl fing den Stoß ab mit Joyeuse und zerhieb den Speer in zwei Stücke. Das sah Reinald, kam auf Bayard geritten und warf den Kaiser mit einem Speerstoße aus dem Sattel. Aber rasch half er ihm wieder auf und sprach: »Verzeiht den Fall, gnädiger Herr, reitet zurück, ich bin's, der Raspe erschlagen hat.« »Montjoie, ihr Herren, heran! Fangt mir die Empörer!« gebot der Kaiser mit lauter Stimme. Die Haimonskinder wehrten sich grimmig: Kämmerer und Hofdiener wurden niedergeschlagen, aber Reinald fürchtete, zu unterliegen: er rief seine Brüder heran, nahm sie auf Bayards Rücken und jagte davon. Malegis war im Hagedicht verschwunden. Am Tage danach ritt Oliver jagend im Wald von Paris und kam auf einen Berg; da sah er unter sich in einer Schlucht am Wildwasser einen Mann in rauhem Mantel und breitem Hut, Kräuter sammelnd. Scharf spähte der Graf hinab und erkannte Malegis. Sofort ritt er hinunter und ergriff ihn beim Mantel und rief: »Steh', du böser Zauberer, gib dich gefangen.« Malegis sprang zurück, riß sein Schwert von der Seite und stellte sich zur Wehr, aber Oliver schlug ihm so hart mit dem Jagdspeer auf die Faust, daß ihm das Schwert entfiel. Als Malegis sich wehrlos sah, rief er: »Ich gebe mich gefangen, führ' mich zum Kaiser.« Der saß beim Mahle, als die beiden in den Saal traten. Zornig sprach er: »Du falscher Pilger, arger Zauberer: deiner bösen Kunst ward zuviel, fort mit dir an den Galgen.« 324 »Ach,« flehte Malegis, »laßt mich nur noch bis morgen leben.« Der Kaiser schenkte ihm die Frist und Roland spracht »Setz' dich zu mir, Malegis, und iß.« Als die erste Schüssel aufgetragen wurde, fing Malegis an, ein schönes Lied zu singen. »Magst du heut' noch singen und mußt morgen sterben?« fragte Karl. »Ach Herr, ich bin so lustig, weil ich noch bis morgen leben kann,« antwortete Malegis. »Du loser Vogel! Denkst dich mit einem Lied vom Tode zu lösen: die Hoffnung laß fahren,« sprach der Kaiser und ließ ihm Ketten anlegen und befahl, ihn in den Kerker zu führen. Als Malegis sah, daß es Ernst war, drohte er: »Herr Kaiser, laßt mich frei, oder ich entlaufe Euch mit Gewalt.« »Wenn du's kannst, magst du's tun.« »Herr, dann bin ich noch vor Mitternacht frei.« »Das möcht' ich wohl erleben,« lachte Karl und stand vom Mahl auf. Im Kerker gebrauchte Malegis seine Kunst: er zog die Hände aus den Eisenringen, und mit Wort und Haselrute und Eschenstäbchen tat er das Tor auf, schritt in den Vorsaal, schläferte Diener und Paladine ein, erschloß Schreine und Kisten, nahm goldenes Gerät und Edelgestein, schob in seinen Sack, soviel er tragen konnte, und eilte davon gen Montalban. Schon am frühen Morgen schritt der Kaiser dem Kerker zu; er fand das Tor offen, die Paladine schlafend. »Wacht auf, Barone!« rief er laut, »Malegis ist davon! Ich mach' ein Ende: wir zieh'n nach Montalban.« 325 Der Kaiser sammelte sein Heervolk und zog nach Montalban. Noch einmal versuchten die Paladine Gnade für die Haimonskinder zu erbitten, Turpin sollte ihr Sprecher sein: er trat vor den Kaiser, hielt Almace in der Hand und begann: »Herr Karl, Ihr wißt, Kastell Montalban ist uneinnehmbar. Was hilft's, daß Land und Stadt verderben. Es wäre besser, Ihr machtet Frieden mit den Haimonskindern und sie stritten mit uns gegen die Saracenen.« »Nimmermehr,« antwortete Karl, »reite hinaus, Roland, frage: ob sie, ihr Volk zu schonen, sich meinem Gericht unterwerfen wollen.« »Nimmermehr,« antwortete Graf Reinald. »Entscheide zwischen uns die Schlacht.« Da ließ Karl seine Heerhörner gellen. Und Reinald zog auf Bayard seinem Wehrvolk voran und hinab in das Tal zum Kampf. Hinter ihm auf andalusischen Streitrossen ritten seine Brüder. Karl rief: »Montjoie, Barone folgt mir alle gegen Reinald, bei meinem Zorn!« Der Kaiser ritt dem Grafen von Montalban mit gefälltem Speer entgegen, da lenkte Reinald zur Seite, seinen Kaiser zu meiden, aber Karl rief: »Hierher, Reinald! Wehre dich gegen mich.« »Wie Ihr befehlt,« antwortete der, und sprengte so gewaltig auf ihn an, daß Karl schier zur Erde fiel. Aber Roland kam dem Kaiser zu Hilfe. »Vorwärts, Gascogner, der Sieg ist unser!« rief Reinald. Da ward der Kaiser Malegis gewahr und erstach ihm das Roß unter dem Leibe. Malegis wehrte sich tapfer und kam bald wieder in einen andern Sattel. Die von Montalban erschlugen dem Kaiser viel Volks und zogen, damit zufrieden, wieder in ihre Burg hinauf. Der Kaiser ließ zum Sturm rüsten: Stein- und 326 Feuerschleudern, Mauernbrecher und Sturmleitern wurden herbeigeschafft. Reinald machte Ausfälle, die Vorbereitungen zu stören: dann ritten die Herren ungestüm zusammen, daß Speere brachen, Schilde barsten, die Rosse unter ihren Schenkeln niederfielen. Einmal ritt Malegis auf Karl zu und wollte ihn erschlagen; Oliver und Ogier fingen den Todesstreich ab, Roland aber schlug dem Zauberer aufs Haupt, daß er besinnungslos aus dem Sattel taumelte. Hurtig sprang Roland ab, band ihm Hände wie Füße und führte ihn mit fort. Herr Forcier gedachte, Raspes, seines Vetters Tod zu rächen und stieß auf Richard: unverletzt fielen beide ins Gras. Ein Graf aus der Bretagne und Adelhard rannten zusammen: die Speere brachen, Adelhard schlug den Bretagner vom Roß. Forcier hatte sein Roß wiedergefunden und griff Wichard an, der stach ihm den Speer mitten ins Herz. Karl sah ihn fallen: »Montjoie! mir nach!« rief er laut und lenkte auf Wichard; der rannte ihm ungestüm entgegen. Des Kaisers Roß stürzte in die Knie: er trieb's empor und fuhr unter Reinalds Volk: auf jeden Hieb, den er mit Joyeuse tat, fiel ein Mann. »Hie Montalban,« schrie Reinald, »zurück! Herr Karl ist übergewaltig!« Und er floh mit seinem Volk den Berg hinauf nach Montalban. – Als der Kaiser im Lager Malegis gefangen sah, befahl er Herrn Griffon: »Laß einen hohen Galgen erbauen und noch ehe die Sonne sinkt, hänge Malegis daran.« »Gnädigster Herr,« bat der Gefesselte, »laßt mir Zeit bis morgen, damit ich meine Sünden bereuen kann.« »Nein, Malegis,« antwortete Karl, »dann erging' es wieder wie damals in Paris.« »Ich schwör's Euch zu, ich will Euch nicht davonlaufen, 327 es sei denn,« – setzte Malegis zögernd bei – »Ihr ginget selber mit mir nach Montalban.« Darüber mußte Karl gewaltig lachen und sprach: »Bis morgen will ich dir Frist gewähren.« Malegis gebrauchte seine arge Kunst: um Mitternacht trat er in Karls Zelt, wo der schlafend lag und sprach: »Herr Karl, Ihr sollt mich nach Montalban begleiten.« Der Kaiser erwachte, sah den Zauberer an seinem Bette stehen und wußte nicht, was ihm geschah: denn Malegis hatte ihn bezaubert, er sprach: »Ich wollte, wir wären schon auf dem Weg.« »So steht auf, wir wollen gleich gehen.« »Laßt mich noch ein wenig schlafen,« antwortete Karl und schlummerte ein. Da hob Malegis mit starken Händen den Kaiser auf seine breiten Schultern und trug den Schlafenden hinauf nach Montalban. Er legte ihn in der Halle auf ein Ruhebett und rief die Haimonskinder herbei: »Reinald,« sprach er leise, »Karl ist dein Gefangener.« Die Haimonskinder standen da und sprachen kein Wort, des Kaisers Schlaf nicht zu stören. Als der erwachte und sie stehen sah, sprach er: »Das hat mir Malegis getan, seine Kunst ist ungeheuer. Gott wird ihn darum strafen.« Reinald sank ins Knie und bat um Frieden. »Nimmermehr,« antwortete Karl. Da ergrimmte Richard jäh und rief: »Dann sollst du jetzt sterben,« und er zog sein Schwert. Ruhig blickte Karl ihn an und sprach: »Willst du Hand an deinen Kaiser legen?« Aber Reinald fiel dem Bruder in den Arm und sprach: »Karl ist unser Herr, heilig sein Leben!« »Tu' auf dein Burgtor,« gebot Karl, »ich will zurück in mein Lager.« 328 Noch einmal baten die Haimonskinder um Gnade, aber der Kaiser sprach »nein«. »Es ist alles vergebens,« klagte Malegis, »ich will fürder keine Hand mehr heben gegen Herrn Karl. Behüt' euch Gott, Vettern, ich zieh' in öde Wildnis und büße meine Sünden.« Und er eilte gleich fort von Montalban. Reinald sprach aber: »Herr Kaiser, geht wohin es Euch gefällt, wir haben Euch nicht gefangen, wir halten Euch nicht.« Er geleitete ihn noch bis vor das Tor der Burg. Im Lager angekommen befahl Kaiser Karl, den Sturm zu erneuern. »Die Haimonskinder sehen bleich und abgemagert aus,« sprach er zu Roland, »der Hunger wird sie bald zur Übergabe zwingen.« Und in Montalban waren alle Lebensmittel verbraucht. Die Rosse im Schloß waren schon verzehrt. Reinalds Gemahlin und Kinder lagen elend in der Marmorhalle und weinten vor Hunger. »Nun mußt du sterben, Bayard,« sprach Reinald und schritt in den Stall, aber Richard schob ihm die Hand weg von Bayards Hals. »Nein,« sprach er, »den Hengst sollst du nicht töten.« Das Roß hatte die Rede verstanden, legte die Vorderfüße zusammen und neigte sich vor seinem Herrn: da konnte Reinald ihm kein Leids antun. Nach Adelhards Rat zapften sie dem Roß täglich etwas Blut ab und zehrten davon. So lebten sie vierzehn Tage. Bayard wurde dabei elend und mager. Die Hungersnot wuchs: in den Straßen der Stadt riefen die Kinder Reinald an, wann er vorüberschritt: »Brot, Herr, gib uns Brot.« Erzbischof Turpin und Roland erbarmten sich des Jammers. Sie erbaten es sich vom Kaiser, den Vorkampf zu tun während des Sturmes, und als die von Montalban mit Roland zusammentrafen, erhielten sie statt 329 Wunden und Hiebe Wein, Brot und Korn vom Erzbischof zugeführt. Da ward Bayard das Korn ungemessen vorgeschüttet. Die Haimonskinder aber berieten untereinander: »Dem Kaiser ist's allein um uns,« sprach Reinald, »wir wollen die Vorräte dem Volk und Weibern und Kindern überlassen und auf Bayard in den Ardennerwald nach Pierrelepont entfliehen.« Weinend nahm er Abschied von Clarissa und seinen Kindern, dann sattelte er das Roß und ließ seine Brüder hinter sich sitzen. Um Mitternacht ritten sie aus: durch ein Wassertor in einen unterirdischen Graben; lang ritten sie unter der Erde fort, am Fuße des Steinfelsens kamen sie wieder auf die Oberfläche: hell schien der Mond. Da sahen fränkische Wachen das schwarze, gewaltige Roß aus der Erde aufsteigen: sie machten Lärm, ein Zug Bewaffneter, voran ein Führer, ein Markgraf, jagte wie toll darauf zu. Reinald stieß dem Anprallenden mit einem Falkenstoß seinen Speer durch Schild und Brünne bis ins Herz. Dann gab er Bayard den Sporn und ließ ihn rennen: so entkamen sie nach Pierrelepont. Mit dem Schwertknauf schlugen sie ans Tor. »Wer pocht?« fragte der Burgwart, und als er sie erkannt hatte, schob er den Riegel zurück: »Willkommen, meine Jungherren, das Schloß ist leer. Eure Mutter zog nach Paris; wo Graf Haimon im Felde steht, wissen wir nicht.« »Je länger je mehr erzürnen mich die Haimonskinder,« sprach Kaiser Karl und er selbst mit einer Heeresschar folgte den Entfliehenden bis in den Ardennerwald. In Pierrelepont fanden die Haimonskinder nur geringe Lebensmittel und wenige waffenkundige Knechte: da 330 erkannten sie Karls Gewalt. Der ritt, sobald er angelangt war, dicht an die Burg, rief Reinald auf die Mauer und fragte: »Willst du dich mir jetzt ergeben?« »Ja, Herr Karl, ich ergebe mich in deine Gewalt und in dein Gericht,« antwortete der Graf und stieg von der Zinne herunter. In dem Augenblick lief ein Diener Karls herzu und meldete: »Herr Kaiser, Euer Gemahl und Eure Schwester sind im Lager angekommen.« Karl lenkte sein Roß zurück und fragte nach der Frauen Begehr: da ging seine Schwester Agia ihm entgegen, geführt von Hildigard der Kaiserin, fiel ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie und bat um Gnade für ihre Söhne. »Liebe Schwester,« antwortete er und hob sie auf, »wahrlich, du tust, wie eine Mutter tun soll: und ich gewähre deine Bitte. Bayard aber muß in meine Gewalt kommen, geh' und melde das deinen Söhnen.« Reinalds Brüder sprachen gleich: »Lieber sterben im Kampf gegen Karl, als ihm das Roß ausliefern.« Aber Reinald entgegnete traurig: »Kaiser Karl ist übergewaltig: allzulang haben wir ihm getrotzt, allzuviel Blutes ist darum geflossen! Bayard, du bist zu guter Stunde geboren, da du uns Karls Huld wiedergewinnen kannst.« Dann ließ er das Roß vor sich herführen, er schritt mit seinen Brüdern dahinter zum Burgtor hinaus über die Maasbrücke ins Lager vor den Kaiser und fiel ihm zu Füßen. »Steht auf, edle Grafen,« sprach Karl, »ich habe euch verziehen.« Reinald faßte Bayard am Halse und übergab ihn Karl: »Hier ist mein Hengst, tut mit ihm, was Euch beliebt.« Da wurden dem Roß zwei Mühlsteine an den Hals gebunden und es mußte von der Brücke in den Strom 331 springen. Bayard sank unter, kam aber wieder empor, fing an zu schwimmen, schlug die Steine ab, kam ans Land und lief seinem Herr zu, laut wiehernd, als wollt' er sagen: »Warum tust du mir das?« »Es muß doch sterben,« sprach Karl, ließ ihm zwei Mühlsteine an den Hals und an jeden Fuß einen binden und wieder ins Wasser stoßen. Bayard kam wieder empor, zerschlug die Steine, sprang ans Ufer und lief auf seinen Herrn zu. Doch Karl sprach zum dritten Male: »Reinald, gib mir das Roß: ich will, daß es sterbe.« Adelhard rief grimm: »Verflucht, Bruder, wenn du das tust. Bayard, so lohnt man dir treuen Dienst!« Aber Reinald führte das Roß dem Kaiser zu und traurig sprach er: »Herr, kommt es noch einmal heraus, so fange ich es nicht wieder: es tut meinem Herzen weh.« Da wurden dem Roß zwei Steine an den Hals und zwei an jeden Fuß gebunden und als es im Wasser lag, sprach der Kaiser: »Reinald, verhülle dein Haupt, es kann nicht sinken, solang es dein Auge sieht.« Reinald deckte mit dem Mantel sein Haupt und weinte. Bayard sank und hielt den Kopf über Wasser, spähte nach seinem Herrn, als solle der ihm helfen, und da das treue Roß sein Auge nicht mehr sah, ging es unter und verschwand in den Wellen der Maas. In den Ardennen aber geht die Sage, Bayard sei wieder aus dem Strom und in den Wald gekommen. Und wem die Geister hold, der mag dort noch heut' zur rechten Stunde Bayards Wiehern schallen hören, und seinen Huf schlagen aus Fels und Gestein. 332 Als Bayard versunken war, tat Reinald einen Schwur: daß er nie mehr auf Rosses Rücken reiten, noch Schwert schwingen werde. Er ließ seine Brüder bei dem Kaiser und zog nach Montalban. Er setzte seinen ältesten Knaben Emmerich zum Herrn ein über Schloß und Land, den andern teilte er, was sein Vater ihm einst geschenkt hatte. Er küßte Clarissa wieder und wieder: und um Mitternacht, als alle schliefen, schritt er traurigen Herzens von Montalban hinweg und pilgerte in die Wildnis zu einem Einsiedler. Der legte ihm auf: er solle nach Jerusalem fahren und dem Patriarchen seine Beichte tun, auf dem Wege dahin aber arme Pilger gegen die Heiden beschirmen. »Statt des Schwertes führe einen Baumast,« schloß der fromme Mann. Da fuhr Reinald über See und als er nach Acre kam, stieß sein Vetter Malegis zu ihm; der hatte, seit er von Montalban entwichen war, im Walde gehaust, von Kräutern und Wurzeln lebend, und tat nun gleiche Buß-Reise wie Reinald. Die Vettern umarmten und küßten sich und zogen vereint mit vielen Christen nach Jerusalem, Reinald im Wallerkleid, die Brust von einem Harnisch geschützt, in der Hand schwang er einen wilden Pflaumenbaum. Bald wurden sie von Saracenen angegriffen. Sie teilten sich in drei Häuflein: die Vettern stritten im Vorderkampf: da sank viel Heidenvolk. Malegis sah den Scheich reiten und tat einen Fehlhieb nach ihm und der Scheich warf ihn mit dem Rohrspeer vom Roß, aber Malegis sprang auf und spaltete mit einem guten Hieb des Saracenen Schädel. Die Angreifer stoben davon auf ihren raschen Rossen und die Christen zogen weiter, täglich um ihr Leben streitend mit dem Wüstenvolk. Dicht vor Jerusalem fiel Malegis: ein Schleuderstein zerdrückte ihm das Herz. 333 Als Reinald heimlich davongegangen war und niemand wußte, wohin, betrübte sich Kaiser Karl. Er ließ Emmerich zu sich rufen, umgürtete ihn mit dem Schwert und belehnte ihn mit Schloß Montalban. Er behielt ihn, da er noch ein Knabe war, an seinem Hof, liebte ihn sehr und zog ihn andern vor. Deshalb haßten ihn Folkwins Söhne und alle, welche Reinald einst verfolgt hatten; und sie verleumdeten ihn bei Karl: in gerichtlichem Kampf tötete der junge Emmerich seinen Ankläger und Karl hatte ihn lieber als zuvor. Als dies geschah, war Reinald von Jerusalem zurückgekommen und trat im Pilgerkleid ins Palatium zu Paris. Emmerich jubelte, Kaiser Karl umarmte ihn, bot ihm Amt und Lehen, aber Reinald wies alles zurück: »Noch einmal will ich Weib und Kinder, Eltern und Brüder umarmen,« sprach er, »und dann in Armut mein Leben beschließen.« Clarissa war gestorben: seine Söhnlein standen in Karls Schutz: seine Eltern und Brüder waren ausgezogen, ihn zu suchen, und hatten geschworen, nicht zurückzukommen, bis sie ihn gefunden hätten. Da schied Reinald heimlich aus der Kaiserpfalz, ging unter Ackervolk, das ihn nicht kannte, teilte ihre Arbeit und kam nach Köln, zur Zeit, als Bischof Hildibald ausrufen ließ: Zimmerleute und Steinmetzen sollten zu ihm kommen und ihm helfen, eine Kirche erbauen zu Ehren St. Peters. Da meldete sich auch Reinald. Der Bischof setzte ihn den Werkleuten als Vorarbeiter; Reinald tat mehr, als fünf Arbeiter zusammen. Während die andern ruhten und speisten, trug er Steine und Mörtel herbei; er aß nur Brot, trank nur Wasser, Nachts schlief er auf den Steinen und nahm nur einen Heller Taglohn. Er sagte nicht, wer er sei und woher er gekommen; da nannten 334 sie ihn Sankt Peters Werkmann. Der Baumeister lobte seinen Fleiß und schalt der andern Trägheit. Darum wurden ihm die Arbeitsleute feind und beschlossen seinen Tod. Sie warteten auf ihn an einer Stelle nahe dem Rhein, wo er vorüberzugehen pflegte, überfielen ihn mit Steinwürfen und zerschlugen ihm das Haupt. Den Toten beschwerten sie mit Steinen und versenkten ihn in den Strom. Aber der Ermordete stieg wieder empor: man hörte auf dem Wasser süßen Gesang schallen wie von Engelsstimmen, und zur Nacht ging ein Licht aus von der Stelle. Der Erzbischof eilte hin, gefolgt von großer Menschenmenge: man zog den Körper ans Land, erkannte den frommen Werkmann Sankt Peters und die Steinmetzen als seine Mörder. Man wollte den Toten beisetzen: aber als er auf der Bahre lag, Bischof und Volk sich zum Zuge geordnet hatten, fing der Wagen zu laufen an, ohne Roß und Führer davor, und stand nicht früher still, bis zu Pierrelepont. Alle folgten, und wo der Zug an einer Kirche vorbeikam, fingen die Glocken von selbst zu läuten an. Der Abt von Pierrelepont schlug das Bahrtuch zurück von des Toten Haupt und erkannte den Grafen Reinald von Montalban. Als Herrn Karl der Tod seines Neffen angezeigt wurde, weinte er und sprach den Steinmetzen das Urteil: sie starben den Wassertod im Rhein. 7. Ogier und Desiderius im Kampf gegen Karl. 335 Slaven und ander wildes Volk kamen nach Dänemark gezogen: der Christen Kirchen und Altäre wurden niedergerissen, Göttricks Grafen erschlagen oder verjagt; da riet sein Weib: »Rufe Karl zu Hilfe,« aber Göttrick antwortete: »Besser fangen mich Wenden, als Herr Karl, den ich hasse.« Die Königin schrieb heimlich einen Brief an Karl: »Komm und hilf! Nicht Göttrick, aber deinen Priestern, welche von den Heiden hingeschlachtet werden. Gott der Herr segne dich!« Und sie schloß den Brief mit Göttricks Insiegel, während er schlief. Ihr Bote fand den Kaiser zu Aachen, aber Karl erzürnte, als er Göttricks Insiegel erblickte; er sprach zu Ogier: »Es stünde dir wohl an, deinem Vater zu helfen.« Ogier antwortete: »Mit Eurer Erlaubnis will ich's tun.« Der Kaiser hatte sein Wort nicht ernst gemeint, doch nun ließ er's gelten: »Zieh' hin, doch allein mit deiner Schar.« Ogier fand seinen Vater ermordet von eignen Knechten. Sein Kriegsvolk aber vermehrte sich von Stunde zu Stunde, um des reichen Soldes willen, den der Herzog bot. Da wagte er den Angriff und trieb die Landschädiger siegreich aus seinem Reiche. Zwölf Tage durchzog er Dänemark und warf alles hinaus, was nicht hinein gehörte. Er setzte Grafen und Richter, und seinen Stiefbruder zum Unterkönig ein, ließ sich den Treueid schwören, und als alles gefestet stand, zog er zurück nach Francien, gefolgt von vielen Dänen. Er traf gerade in Paris ein, als Karl dort zu 336 Pfingsten einen Hoftag hielt. Und gerade als Karl sprach: »Wie mag's Ogier ergangen sein, er zögert lang,« trat er in den Saal und rief: »Gut ging's! Herr Kaiser, aber die Zeit verlief rasch, während ich Ordnung schaffte in meinem Reiche; nun huldige ich dir als König der Dänenmark. Laß mich aber bei dir bleiben wie zuvor.« Der Kaiser umarmte und küßte Ogier; dann wies er auf einen schönen Jüngling und sprach: »Sieh dort Balduin, deinen Sohn! Ich habe ihn an meinen Hof berufen: er ist voll Witz und Lustigkeit, dazu bescheiden und ehrlich. Er zeigt Geschick in höfischen Künsten und hat aller Gunst gewonnen. Geht, freut euch miteinander.« – Carlot, des Kaisers Sohn, wollte Balduin stets um sich haben. Einmal, sie saßen beim Schachspiel, rief Balduin lustig: »Matt!« Carlot verdroß der heitere Übermut, er deuchte sich ebenso geschickt und antwortete: »Schweige doch, wir beginnen ein neues Spiel.« Balduin ordnete die Steine und sprach dabei: »Laß dich's nicht verdrießen, Carlot: die Freude am Spiel ist mehr wert als das Gewinnen.« Sie begannen: Carlot tat einen Zug, Balduin sprach freundlich, ihn belehrend: »den Zug solltest du nicht tun, er ist falsch.« Zornig rief der Kaisersohn: »So schweige doch, du hergelaufener Bastard, willst du mich unterweisen?« Balduin sprang empor: »Herr, da lügt Ihr! Meine Mutter hat nie andern Mann geküßt, als Ogier, meinen Vater. Ihr seid des Kaisers Sohn, sonst schlüg' ich Euch jetzt tot.« Carlot fuhr auf, in blindem Jähzorn ergriff er das Schachbrett von schwerem Gold und schlug damit Balduin vor die Stirn; rücklings stürzte der Jüngling auf den 337 Marmor-Estrich: er war tot. Carlot starrte auf das schöne Antlitz und in die gebrochenen Augen, er erblaßte und floh aus dem Saal. Sobald dem Kaiser die Untat kund geworden, wies er seinem Sohn ein Versteck an und betrübte sich sehr: – er gewärtigte Ogiers Rache. Der kehrte von der Jagd heim, auf der Hand einen köstlichen, gezähmten Falken; er wollte ihn Herrn Karl schenken. Auf den Stufen vor dem Palast trat ihm ein Edelknabe entgegen und fragte: »Wohin mit dem Falken?« »Zum Kaiser.« »Dort hinein, Ogier,« sprach der Knabe, »Balduin liegt tot im goldnen Saal aus kaltem Estrich.« Hastig warf Ogier den Falken von der Hand und sprang in die Halle, wo der Tote lag; er knieete nieder und küßte ihn und hielt ihn in Armen. Dann fragte er rauh: »Wer hat's getan?« Zögernd gaben die Höflinge Bescheid. »Wehe!« schrie da Ogier, daß es weit durch die Pfalz hallte, »ich armer Mann! Carlot, hab' ich darum so oft dein Leben beschirmt und gerettet! Franken, lohnt ihr so der Treue? Blut heischt wieder Blut, ich schwör's: Carlot muß sterben.« Herzog Naimes stand dabei und sprach: »Nimm das Wort zurück, Eidam, vertraue Herrn Karls Recht.« Da trat der Kaiser, gefolgt von den ersten Paladinen, in den Saal; er sprach: »Die Untat schafft mir tiefen Gram: Ich bitte dich, Ogier, laß dich versöhnen, und nimm Buße.« »Ja, Herr Kaiser,« antwortete Ogier und sprang drohend auf, »aber keine andre, als Carlots Leben.« Zornig blickte Karl ihn an: »Blutrache ist Gott ein Greuel! Geh' aus meinem Angesicht, räume Land und Reich, ich will dich nie mehr sehen.« 338 »Soll ich landflüchtig werden? Dazu, Herr Kaiser, gehört andres, als ich getan habe. Euer Urteil schelt' ich ungerecht,« rief Ogier heißzornig, riß Courtaine von der Seite und tat einen Hieb nach Karl: ein Edelknabe, Lothar, der Kaiserin Neffe, sprang dazwischen und fing den Schlag mit seinem Leib auf: tot sank er um vor des Kaisers Füßen. Paladine und Waffenträger umringten Karl, schützten ihn vor dem wütigen Dänen und drängten den zur Pfalz hinaus. Rasch waren Ogiers Gefolgen herbeigelaufen, sie legten ihrem Herrn Waffen an, hielten Braiefort bereit und halfen ihm hinauf. Roland und seine Genossen standen dabei, Naimes drückte dem Eidam die Hand und sprach: »Auf und davon, bis des Kaisers Zorn verraucht ist.« Indessen der Däne mit seinen Mannen zum Stadttor hinausjagte, dem nächsten Walde zu, saß Kaiser Karls Hofvolk auf, den Empörer zu fangen, tot oder lebend. Karl selbst ritt ihnen voran, an seiner goldenen Brünne erkannte ihn Ogier von fern; er rannte entgegen und warf mit einem Speerstoß Roß und Reiter zu Boden; und er hätte in seinem Zorn den Kaiser erschlagen, wären nicht die Paladine dazugekommen. Während sie alle sich um ihren Herrn bemühten, ließen sie dem Freunde Zeit, zu entrinnen. Ogier floh in sein Schloß Garlandon in Burgund. Des Kaisers Heermänner folgten langsam seiner Spur; wo sie einen lehnspflichtigen Mann oder Waffenknecht des Herzogs fanden und er sagte sich nicht los von dem Geächteten, so mußten sie ihn töten, fiel er nicht schon zuvor im offenen Kampf. Da half es nichts, Ogier mußte Francien räumen: mit seinen getrennten Anhängern floh er ins Langobardenland. Als er am Fuße der Alpen 339 durch einen breiten Wald zog, traf er Graf Bero, der auf dem Wege nach Pavia war zu König Desiderius, sie schlossen Blutsbrüderschaft und ritten vereint, dem Langobarden Ogiers Dienste anzubieten. Desiderius war Karls Feind, er nahm Ogier mit Freuden auf und schickte ihn gleich in den Krieg. Ogier überwältigte Mailand, unterwarf es Desiderius und führte die Vornehmsten der Stadt gefangen nach Pavia. Dafür schenkte ihm der Langobarde zwei Schlösser, Montchevreuil und Castelfort am Rhone. Da schrieb Karl einen Brief an Desiderius: »Liefre Ogier mir aus, oder ich komme mit Heeresmacht, ihn zu holen.« Bertram, Herzog Naimes Sohn, überbrachte das Schreiben. »Wie? Freund Bertram, mochtest du Botenritt tun, mich zu verfolgen?« fragte Ogier. Bertram antwortete: »Mein Freund bist du nicht mehr: denn du dienst dem Feinde meines Herrn, des Kaisers!« Graf Bero rief: »Hätte dich nicht Ogier Freund genannt, müßtest du mir dein Leben lassen.« Und Desiderius sprach: »Zieh' heim und melde deinem Kaiser: ›so lang er Krone trägt, wird König Desiderius Ogier schirmen‹.« Und er entließ Ogier in seine Schlösser, starke Scharen zu rüsten. Bertram kehrte mit der Antwort zurück. Da beschloß der gewaltige Karl den Krieg gegen Desiderius und Ogier. Ostern war's, als von Genf aus das fränkische Heer aufbrach. Über den Mont Cenis zog Karl in das Alpental von Susa. Die Langobarden hatten hier die Klausen durch Verhau und Verhack gesperrt und besetzt. Adelchis, des Königs tapferer Sohn, schwang mit starken Armen 340 eine Eisenstange gegen die fränkischen Krieger und so oft er zuschlug, fiel einer zu Boden. Wann die Franken ausruhten, brach er hervor mit einer Schar und richtete ein arges Blutbad an unter des Kaisers Volk. So hielt er Karl schon tagelang auf: vergebens suchten die Franken, den Durchgang zu erzwingen. Da zeigte sich ein langobardischer Spielmann im fränkischen Lager und sang vor Karls Zelt: »Welcher Lohn wird dem, der Karl ins Land Italien führt, auf Wegen wo kein Speer entgegenstarrt, kein Schild zurückgestoßen wird, und kein Heermann Wunden empfängt?« Karl rief den Spielmann zu sich und sprach: »Führe mich, und was du verlangst soll dein sein, – nach dem Siege.« – Das Heer brach auf als ging's zurück. Der Spielmann aber schritt voran: er ließ die bekannten Wege und führte den Kaiser um einen Felsenvorsprung über einen schmalen Bergsteig – »Weg der Franken« heißt er seitdem im Volke – und nieder in die Ebene von Giaveno. Hier sammelten sich die Massen zum Kampfe gegen Desiderius. Die Langobarden wähnten, Karl noch vor sich zu haben hinter den Klausen; Karl aber griff sie im Rücken an. Sobald Desiderius das hörte, riß er sein Roß herum und floh, seinem Heer voran, nach Pavia. Die Franken ergossen sich weithin in das Land und brachten es unter Karls Gewalt. Da trat der Spielmann vor ihn und heischte den Lohn. »Fordere, was willst du?« antwortete Karl. »Auf den Berg dort will ich steigen und mein Horn blasen, und soweit man seinen Schall hört, sollst du mir Land und Leute zu eigen geben.« »Es sei,« sprach Karl. Der Spielmann neigte sich höflich, stieg auf den Berg und blies und stieg sogleich 341 wieder herab, schritt durch Dörfer und Felder und fragte jeden, den er begegnete: »Hast du mein Horn gehört?« Und sagte der ja, so gab ihm der Spielmann einen Backenstreich und sprach: »Du bist mein eigen.« So verlieh Karl ihm alles Land, darin des Hornes Schall war gehört worden, und nach dem Spielmann besaßen es dessen Söhne. Die Einwohner des Landes nannte man »Transcornati«, d. h. die »Zusammengeblasenen«. Seit Ogier den Kaiser auf der Heerfahrt wußte, wachte er Tag und Nacht vor Verrat; denn Bero, ein Alamanne, hatte ihn gewarnt vor der Langobarden Falschheit. Ogier traf mit seiner Schar in Pavia ein, als Desiderius dorthin geflohen kam. Kaiser Karl zog heran: Desiderius und der Däne stiegen auf einen Turm, von wo aus sie weithin die Ebene überschauen konnten. Als die Vorhut sich zeigte, fragte der König: »Reitet Karl in diesem Troß?« »Noch nicht,« antwortete Ogier. Darauf kam das Volksheer in breiten Massen, und Desiderius sprach: »Hier wird er siegesstolz unter seinem Volke reiten?« »Noch nicht,« antwortete Ogier. Nun kam des Königs Hofgesinde gezogen, das nimmermüde. »Hier ist Karl,« rief Desiderius erschrocken. »Noch nicht und auch hier noch nicht,« antwortete Ogier, und er zeigte auf einen Zug von Bischöfen, Äbten, Kaplänen und ihren Dienern. Da sprach Desiderius voll Grausen: »Laß uns hinab, es ist besser, wir verbergen uns vor dem Zorn eines so furchtbaren Mannes.« Aber Ogier erwiderte: »Wann du im Gefild ein Saatfeld von Speeren starren siehst, und auf dem Tessin eisenschwarze Wellen gegen die Stadt anschwellen, – dann 342 erwarte Karl.« Bei den letzten Worten sahen sie's im Westen und Norden wie eine Wetterwolke, aber bald ging ein Glanz von ihr aus, heller wie der Tag: und sie erkannten Schilde, Speere und Helme unzähliger Vasallen, die mit ihren Scharen daherritten. Da sah man auch den eisernen Karl: auf dem gewaltigen Haupt den Eisenhelm, die Brust und breiten Schultern umspannt von der Eisenbrünne, Arme und Beine mit gleichen Schienen bedeckt, in der Linken den ragenden Eschenspeer, in der Rechten Joyeuse. Tencendur, sein graufarbener Hengst, schritt willig unter dem Druck seiner Schenkel. »Das ist Herr Karl,« sprach Ogier. Und des Kaisers Paladine, die vor und hinter ihm ritten, waren gleich ihm in Eisen gekleidet: so schien das Gefilde von Eisen überflutet. »Wehe, das Eisen!« rief das Landvolk und floh. Pavia aber tat dem Kaiser seine Tore noch nicht auf. Desiderius zog hinaus zur Schlacht. Wo er einen Mann stellte, da konnte Karl dreißig ins Feld stellen. Die Schlacht hub an: drei Tage lang stritten die Langobarden mannhaft, und Kaiser Karl sprengte zornig in den Feind geradewegs auf Desiderius; sein Speer stieß in des Langobarden Sattel: schon schwang er Joyeuse und wollte ihm das Haupt abschlagen. Ogier fing den Streich mit Curtaine auf und errettete den König. Aber bald wurde Desiderius von Franken umringt, Ogier befreite ihn zum zweiten Male und schlug so gewaltig drein, daß die Franken von dem König weichen mußten. Der sah, wie seine Langobarden fielen vor Karls Übergewalt: er floh mit seinem Volk nach Pavia und ließ den Dänen im Feld. Da traf ihn Bero, der eine frische Schar ins Treffen führte. »Wend' um, König,« rief er, »denk' an Mailand, 343 denk' an dein Wort, hilf dem Dänen.« Aber Desiderius jagte davon, Herzog Bero zog aufs Schlachtfeld. Ogier begrüßte ihn freudig und rief: »Nun sollen erst die Franken den Dänen spüren.« Er schlug Richard von Normandie eine schwere Wunde und traf den Erzbischof von Reims, daß er's nicht vergaß. Da rief Karl grimm: »Montjoie, ihr Herren, schlagt zu, nun gewinnt mir den Sieg oder fallet im Kampf.« »Montjoie Karl!« schallte es übers Schlachtfeld und sie schlugen zu mit den Schwertern, schossen Speere wie Hagel so dicht, daß Herzog Beros Volk fliehen mußte, nur Ogier hielt noch stand. Beros Bruder lag von einem flandrischen Grafen durchspeert am Boden, Ogier spaltete dem Flanderer Haupt und Rumpf mit einem Hieb. Gerhard von Viane rannte mit dem Dänen zusammen und warf ihn von Braieforts Rücken aufs Feld, aber sofort sprang der Däne empor und auf ein andres Roß. Die Franken jagten hinter dem edlen Hengst her, ihn zu fangen. Braiefort wehrte sich mit seinen Hufen, schlug manchen Mann nieder und manchen wund und lief geradewegs seinem Herr nach. Herzog Bero stand klagend über seines Bruders Leiche: Naimes starker Sohn, Bertram, schoß seinen Speer und durchbohrte ihm das Herz: neben seinen Bruder sank er hin. Braiefort hatte seinen Herrn gefunden und als Ogier sich in den Sattel schwang, kam ein Schildknecht Beros gelaufen und brachte dem Dänen die Todesmeldung. Der schwur blutige Rache: und da fielen vor seinem Schwerte Balduin von Anjou, Herzog Rainer und Graf Lambert. In der Ferne sah er Bertram: sogleich ritt er ihn an und spaltete ihm das Haupt mit einem Hieb. 344 Herzog Naimes sprach, als er ihn fallen sah: »Sohn Bertram, ich räche dich, koste es mein Lebens Kaiser Karl sandte seine tapfersten Vasallen aus, Ogier zu bezwingen: der schlug sie alle ab; seine Mannen lagen auf dem Feld oder waren geflohen, sein Schild war ganz zerhackt, seine Brünne geborsten, aus sieben Stichen floß das Blut an ihm nieder; da jagte er vor seinen Verfolgern nach Pavia und heischte Einlaß. Aber Desiderius hielt die Tore geschlossen. »Nun lasset Desiderius, wo er ist, Paladine,« rief Karl, »und fangt mir Ogier.« Der sah, daß er fliehen mußte, und jagte in den nächsten Wald, um sich und seinem Hengst ein wenig Ruhe zu schaffen. Bald wurde er von den Verfolgern entdeckt und umringt: den einen, Harinwald, erschlug er mit dem ersten Hieb, und rasch sprang er auf Braiefort und stieß ihn mit dem Sporn, daß er wie ein Hirsch davonflog dem Gebirge zu. Zwei friedliche Pilger, Amis und Amile, Freunde Karls, kamen ihm in den Weg: er erschlug sie in bösem Zorn und hinter ihm her jagten die fränkischen Herren. Zuweilen schaute Ogier um, und war einer ihm nahe gekommen, so wandte er Braiefort und schlug den Verfolger wund oder tot. Und Braiefort rannte bis nach Castelfort. Beros junger Sohn lag mit einigen Getreuen Ogiers in Castelfort. Als er seinen Freund vor dem Tor erkannte, tat er es auf und ließ den Bluttriefenden ein. Bald langten vor der Burg fränkische Scharen an und umstellten sie von allen Seiten. Im letzten Zug ritt Kaiser Karl: »Bei meinem Zorn,« sprach er, und sein 345 weißer Bart wallte im Wind: »hier lieg' ich, bis ich Ogier habe, lebend oder tot.« Er ließ einen Sturmwagen bauen, in welchem eine Schar Gewaffneter stehen konnte, und die schossen Feuerkugeln in die Burg: die hölzernen Häuser darin fingen Feuer und brannten nieder: Ogier und die Besatzung gingen stets in Eisenkleidern und gruben sich Erdhöhlen gegen das Feuer. Während die Franken vergebens den steinernen Bergfried mit Schleudern und Sturmböcken berannten, brach Ogier auf der andern Burgseite hinaus und griff die Belagerer an, zerstörte mit Feuer und Axt den großen Sturmwagen und kehrte ins Schloß zurück. Von seinen Tapfern fiel einer nach dem andern in Verteidigung oder Angriff, auch Beros junger Sohn ritt, auf einem Ausfall verwundet, blutend ins Schloß zurück und starb in Ogiers Armen. Die Speisen waren zusammengeschmolzen, der Hunger schlich in Hof und Halle. Einmal, sorgenschwer, Curtaine im Arm, legte sich Ogier nieder und entschlief. Archimbald, sein erster Schildknecht, sprach: »Wir wollen den Dänen Karl ausliefern.« Er ritt zum Kaiser, der seinen Vorschlag annahm. Und Graf Hadurich mit handfesten Männern folgte Archimbald zurück nach Castelfort. Ogier erwachte aus schwerem Traum und sah seine Knechte unfroh und schweigend sitzen; er sprach: »wer von euch fort will, der nehme Roß und Habe und reite wohin's ihm gefällt.« Sie wollten bleiben, antworteten sie. Es dunkelte, er ließ eine Fackel entzünden und schlief wieder ein. Er träumte, sein Leben sei in Gefahr, er fuhr vom Schlummer 346 auf, sah keinen seiner Knechte, schwang die Fackel umher: da gewahrte er einen. »Wo sind die andern und was ist los? Antworte, oder ich durchsteche dich mit Curtaine.« »Teurer Herr,« flüsterte der Knecht, »Archimbald hat dich dem Kaiser verraten: die Franken sollen dich hier fangen, deine andern Knechte satteln die Hengste und packen ihre Habe zusammen.« Da ging Ogier hin, erschlug die Meineidigen bei ihren Rossen und schob den Riegel vor das Burgtor, gerade als Archimbald und Hadurich davor anlangten. Sie pochten, wie sie verabredet. Ogier fragte mit verstellter Stimme: »Wer pocht?« »Ich, Archimbald, was ist's mit Ogier?« »Er schläft, wir stahlen ihm Curtaine, kommt nur herein.« Ogier schob den Riegel zurück: als Archimbald eintrat und die Mauertreppe herunterstieg, schlug ihm Ogier das treulose Haupt ab. Hadurich lief mit den Häschern davon; aber rasch stieg Ogier auf sein Roß, jagte nach und nicht einer von ihnen blieb am Leben. Den treuen Knecht entließ er: »Habe Dank für deine Treue,« sprach er, »reite hinweg und rette dich.« Nun stopfte er die Rüstungen der meineidigen Knechte aus, setzte sie auf die Mauern, gab ihnen Waffen in die Hände und band Seile daran, daß sie die Glieder bewegten, so oft er daran zog, und Lebenden glichen. Die Franken wähnten, er habe heimlich Zuzug bekommen. Carlot sprengte gegen die Burg, schoß Speere auf die Wehrmannen und staunte, daß kein Schuß sie niederwarf. Karl hielt darum Rat: vor seinem Zelt saßen die Berater. Da kam Ogier plötzlich unter sie gesprengt mit 347 eingelegtem Speer und zielte auf Carlot; rasch warf sich der auf eine Bank, der Stoß ging über ihn weg und durchspeerte des Kaisers Mundschenk. Der Tisch, an dem sie gesessen, mit Brot und Wein darauf, stürzte um. Wie er gekommen, stob Ogier davon. Die von den Franken zuerst sich faßten, sprangen auf ihre Rosse und jagten ihm nach: doch ehe sie dem Dänen nur nahe kamen, flog Braiefort über die Schloßbrücke und das Burgtor fiel den Herren vor der Nase zu. Ogier saß nun ganz allein in der Halle von Castelfort: aus goldner Schüssel aß er das letzte Stück trocknen Brotes, dazu etwas Pferdefleisch. Seinem Hengst schüttete er den letzten Hafer vor. Er stieg, als es dunkelte, auf die Mauern, schob an seinen Strohmännern in Eisenkleidern herum und überdachte, was er beginnen sollte. Zwei Späher hatten ihn dabei beobachtet und merkten die List, sie hinterbrachten alles Carlot. »Barone, bringt mir meine Waffen, ich will mit dem Herzog aus Dänenland reden,« sprach der und ritt frühmorgens vor Castelfort, die Eisenspitze des Speeres nach unten gekehrt, und rief hinauf: »Ogier, laß' dich versöhnen! Jeden Morgen und jeden Abend hab' ich meine Untat beweint: ich will dir den Mord Balduins sühnen: komm' zurück an meines Vaters Hof.« Ogier antwortete von der Zinne herab: »Ich hasse dich und hab's geschworen, Carlot: mit deinem Haupt mußt du den Mord sühnen.« »Ist denn dein Sinn gar nicht zu wenden, dann fahr' wohl,« sprach Carlot und wandte sein Roß. »Reite unbesorgt zurück,« antwortete Ogier, »jetzt nehm' ich nicht Rache an dir.« In der Nacht aber ritt Ogier ans fränkische Lager und schlich in Carlots Zelt: bei dem unruhigen Schein 348 einer Fackel sah er das königliche Lager und stieß mit dem Speer hinein, in dem Wahn, Carlot durchbohrt zu haben. Der hatte sich aber am Boden auf Stroh gebettet, jedem Überfall zu entgehen. Krachend war das Speerholz gebrochen, die Wachen griffen nach Schwert und Speer, aber der Däne entkam im Dunkel der Nacht. Am nächsten Morgen ritt Kaiser Karl seinen Scharmannen weit voraus gegen Castelfort. Ogier erkannte ihn, er schob den Torriegel zurück, rannte auf Braiefort den Kaiser mit eingelegtem Speer an und warf ihn ins Feld; schon schwang er Curtaine über Karls Haupt, da war Naimes mit seiner Mannschaft zur Stelle und fing den Hieb mit seinem Schild auf. Ogier wandte zur Flucht: weg von Castelfort. Die Franken jagten hinter ihm drein. Braiefort lief an den reißenden Rhone hin, sprang hinein, schwamm durch und rannte auf der andern Seite am Ufer entlang. Keines der fränkischen Rosse wollte in die schäumende Flut. Eine Strecke abwärts mit dem Stromlauf fanden die Barone eine Brücke, ritten hinüber und verfolgten wieder Ogier. Da lenkte der Braiefort quer übers Feld, stieß ihn mit dem Sporn, und der Hengst schoß dahin, Funken schlagend, mit schnaubenden Nüstern. Bald waren Roß und Reiter verschwunden, und die Franken ritten zurück! Ogier kam nach langem Ritt an einen Seehafen und fuhr über See gen Rom. Kaiser Karl aber versammelte seine Barone und sprach: »Ogier hat manchen Freund unter euch, ihr Herren: wer ihn heimlich unterstützt, dem tu' ich, was einem Verräter gebührt. Der Däne sei friedlos unter der Sonne, wer ihm begegnet soll ihn erschlagen oder fangen.« 349 Er ritt hinein durchs Tor von Castelfort, das niemand mehr bewachte. Er bewunderte des Dänen Kriegslist und Ausdauer und klagte laut: »Weh' um solchen Helden, daß er ins Elend oder in den Tod muß.« – Darauf sammelte er sein Kriegsvolk und kehrte nach Pavia zurück, Desiderius zu bezwingen. Der Langobardenkönig hielt sich mit Sohn und Tochter in Pavia eingeschlossen. Karl lag davor und bestürmte die festen Mauern vergeblich. Da schoß des Desiderius Tochter einst einen Pfeil mit einem darangebundenen Brief über den Tessin. Der Brief war an Karl gerichtet: darin stand geschrieben: »Großer Karl, nimm mich zum Ehegemahl, dann überliefere ich dir die Stadt und meines Vaters Schatz.« Karl sandte ihr eine Antwort, welche die Königstochter nach ihrem Wunsche deutete. Da nahm sie, als Desiderius schlief, die Schlüssel der Tore und gab den Franken Nachricht: »Haltet euch bereit, heute Nacht.« Und wie Karl einritt in die Stadt, sprang ihm die Jungfrau entgegen: aber im Gedräng geriet sie unter die Hufe der fränkischen Rosse und wurde zerstampft. Adelchis erwachte von dem Wiehern der Hengste, sprang auf, schwang sein Schwert und erschlug viele Franken. Doch Desiderius befahl ihm, abzulassen, er wolle sich Karl ergeben. Da floh Adelchis aus Pavia hinweg. Kaiser Karl nahm die Stadt ein und ließ sich von den Langobarden den Eid der Treue leisten. Desiderius schickte er gefangen ins Frankenreich. Adelchis kehrte aber heimlich nach Pavia und in den königlichen Palast zurück, um zu spähen. Zu Schiff kam er, in geringem Gewand, und wurde von niemand erkannt, außer von einem alten, ihm getreuen Knecht, der 350 nun im Palast Speisen auf des Kaisers Tisch tragen mußte. »Ich werde dich verleugnen, so lang ich's kann,« sprach der. Adelchis war jung, kühn und mutig; er sprach zu dem Vertrauten: »Ich vermag nichts gegen den übermächtigen Karl; doch will ich einmal an seiner Tafel gasten. Laß mich am untersten Ende des Tisches sitzen und sorge, daß alle Knochen vor mich gelegt werden.« Als es zum Essen ging, tat der Knecht wie ihm Adelchis geboten hatte. Der zerbrach die Knochen, aß das Mark heraus und warf sie dann unter den Tisch: da gab's einen tüchtigen Haufen. Vor allen andern stand er auf und ging hinaus. Karl hob die Tafel auf, sah die Knochen und fragte: »Wer hat soviel Knochen zerbrochen?« Niemand wußte es. Einer antwortete: »Hier saß ein mächtiger Recke, der zerbrach sie wie Hanfstengel.« Karl rief den alten Knecht herbei und fragte: »Wer war der Mann, der hier an meinem Tische saß?« »Herr, ich weiß es nicht,« antwortete der Getreue; als aber der Kaiser rief: »Bei meinem Zorn, du weißt es,« erschrak er und schwieg, und Karl fuhr fort: »Adelchis war's: wo ist er hinausgegangen?« Da rief ein andrer: »Er kam zu Schiff, so wird er wohl auch zu Schiff wieder gehen.« Und ein dritter fragte: »Soll ich ihm nacheilen und ihn erschlagen?« »Wie wolltest du das können?« antwortete Karl. »Gib mir deine goldenen Armspangen, Herr, damit will ich ihn berücken.« Der Kaiser gab sie ihm, und der Franke eilte davon. Adelchis fuhr schon im Schiff auf dem Tessin dahin, als der Franke vom Ufer aus rief: »Komm' ans Land, 351 Karl schickt dir als Friedenszeichen seine goldenen Armspangen.« Adelchis steuerte dem Ufer zu, der Franke bot ihm die Ringe auf der Speeresspitze dar. Da hielt Adelchis seinen Nachen an, bevor er ans Land stieß, streckte seinen Speer hin und rief: »Was du mir mit dem Speer reichst, will ich mit dem Speer empfangen. Sendet mir Herr Karl eine Gabe, will ich ihm auch nicht nachstehen, bring' ihm dafür meine Armspangen.« Er nahm die goldenen des Kaisers und reichte mit dem Speer seine eignen zurück und fuhr den Strom hinab. Der Franke brachte sie Herrn Karl. Wie der sie anlegte, fielen sie ihm bis auf die Schultern. Adelchis wollte sich dem Kaiser nicht unterwerfen und entfloh über See. Karl kehrte zurück nach Francien. Ogier war in Welschland Tage und Nächte hindurch geritten, da fingen seine Waffen an, ihn zu drücken, und als er auf eine stille Waldwiese kam, die ein klarer Bach durchrieselte, stieg er ab, legte Brünne und Waffen von sich, schnallte Braiefort den Sattel ab und ließ ihn weiden, während er sich am Ufer hinstreckte und schlief. Nun war Erzbischof Turpin gerade auf der Heimreise von Rom, wohin ihn Karl entsendet hatte mit Briefen für den Papst. Der Bischof ritt in kleinem Geleit von Mönchen und Wehrmännern des Weges. Einer der Knechte wollte sein Roß tränken und fand den schlafenden Herzog; eilig meldete er's Turpin: »Brünne und Helm hangen am Strauch, Schwert und Schild liegen im Grase.« Turpin betrübte sich: er wäre dem Herzog gern aus dem Wege gegangen, aber er fürchtete Karls Zorn. Während die 352 einen Knechte Ogiers Waffen fortnahmen, suchten und fingen die andern Braiefort. Der Hengst wieherte hell: Ogier erwachte, griff nach Curtaine und fand das Schwert nicht an seiner Seite. Ein Mönch wollte Hand an ihn legen, der Däne sprang auf und erschlug ihn mit der geballten Faust. Dann riß er von des Gefallenen Gaul den Sattel herunter und verteidigte sich damit. Die ersten Angreifer fielen wund ins Gras, die andern wichen zurück. Er schwang sich auf des Mönches Roß und wollte davon. Aber die Knechte warfen dem Gaul Speere zwischen die Beine, daß er stolperte und stürzte, und Ogier mit ihm. Rasch fielen alle Knechte und Mönche über den Wehrlosen her und banden ihn. Sie setzten ihn auf ein Roß; unfreudig hatte Turpin zugeschaut, nun ritt er an Ogiers Seite und führte ihn nach Reims in sein bischöfliches Haus. Bald erfuhr Kaiser Karl des Erzbischofs Gastlichkeit; er befahl ihm, den Dänen nach Paris zu bringen, »daß er den Schwerttod sterbe, sein Leib aber am Galgen hänge auf dem Falkenberge, wilden Vögeln zum Fraß«. Der Bischof band Almace an seine Hüfte, stieg auf seinen Hengst, ritt nach Paris und trat vor Karl, der unter seinen Paladinen saß: »Gott segne dich, großer Karl,« begann er, »ich bitte dich um Gnade für Ogier; blick' um dich,« – er deutete auf die Paladine – »diese alle, und Carlot selber bitten mit mir: bedenke, wie oft er dein Leben schirmte und wie er Brunamont, das heidnische Ungeheuer, erschlug. Stirbt Ogier, dann werden Saracenen und Heiden in dein Land einbrechen und Gottes Altäre umstürzen! Ogier stammt von Nordleuten, die kaum absagten der Blutrache: wer mag sich da wundern, daß der Vater den Sohn rächen wollte? Ich sage 353 dir, Kaiser Karl: laß von deinem Zorn und gewähre Gnade.« Schweigend blickte Karl auf den Bischof; der begann aufs neue: »Willst du ihn nicht freigeben, so laß ihn mir: in meinem festen Haus mag er dann seine Sünden bereuen. Willst du aber auch das nicht, dann lebe wohl, Herr Karl, entlaß mich aus deinem Dienst.« Als der Bischof zu Ende war, riefen die Paladine: »Turpin hat recht, du sollst ihn nicht töten.« Herzog Naimes sprach: »Ogier erschlug mir Bertram, meinen Sohn: ich will's vergessen; einen Helden wie Ogier straft man nicht mit dem Tode: du sollst ihm Gnade gewähren.« Milde sprach da der Kaiser zu Turpin: »Erzbischof, behalte deinen Gefangenen zu Buße und Besserung, bei schmaler Kost, hörst du! Und hüte ihn mir gut hinter Eisenstäben und Stein,« und mit der Rechten winkte er ihm, zu gehen. Freudig eilte Turpin nach Reims zurück: er ließ einen geräumigen, festen Turm neben seinem Hause bauen, mit Söller und behaglichem Schmuck und führte Ogier hinein: »Lieber Freund,« sprach er, »du mußt nun mein Gefangener bleiben, bei schmaler Kost: ein viertel Brot, eine Schale Wein, ein Stücklein Fleisch im Tag, und also gefangen fürs ganze Leben.« Ogier erbleichte, seine Augen verloren den Glanz: »Ein rascher Tod wäre besseres Los als der Hungertod,« sprach er. Turpin erwiderte: »Dabei müßtest du freilich verhungern: ich lasse aber Brot und Schale so groß sein, daß du mehr als genug daran haben wirst.« Seitdem lag Ogier im Turm. Der kluge Bischof verpflegte ihn gut, er holte ihn auch oft in sein Haus zum Schachspiel oder sonstiger Kurzweil mit Spielleuten und 354 zarten Frauen; doch wachte er darüber, daß unberufener Mund Herrn Karl davon nichts verraten konnte. Nach ein paar Jahren verlangten die fränkischen Barone des Dänen Freilassung: »Er hat genug gebüßt, gefastet und gedürstet,« sprachen sie; aber Karl antwortete: »Nein.« Seitdem vergaß man seiner und fing an, ihn tot zu sagen im Reich und bis zu den Heiden hin. Da sprachen die Heiden: »Ogier starb, nun kam die Zeit uns an Karl zu rächen.« Auf vielen Schiffen schwammen sie daher und drangen durch Flandria und Hennegau bis unter die Mauer von Laon vor. Dort fanden ihre Boten Kaiser Karl in seinem Palast und sprachen: »Auf, großer Karl, sende zehn deiner Kämpen vor die Stadt; denn Bruher, unser Herr, wartet ihrer. Bezwingen sie ihn, so ziehen wir ab, bezwingt aber Bruher deine Recken, dann mußt du sterben.« »Hinaus mit euch aus meiner Pfalz und aus meinem Land!« rief Karl und ballte drohend die Faust. In Laon waren nur einzelne der Paladine und ohne ihre Kriegsscharen versammelt, die andern saßen auf ihren Lehen oder verteidigten eine Grenzmark. So ritt Kaiser Karl mit einem kleinen Zug Bewaffneter hinaus, die Heiden zu vertreiben. Die griffen das Häuflein der Franken sogleich an. Kaiser Karl stürmte den Seinen voran in den Streit und zwang die heidnischen Landbrenner, als die Nacht einbrach, von den Mauern der Stadt zurückzuweichen. Aber Bruher ritt auf seinem fahlen Roß vor die Franken, schüttelte seinen Speer und rief: »Ich fürchte euch alle nicht: nur Ogier könnte mich bezwingen, und den hat Karl in den Tod geschickt. Morgen beginnen wir das Spiel von neuem.« 355 Schweigend saßen in der Pfalz des Kaisers Räte, als Naimes begann: »Ihr Herren, heut' dünkt mir's gut, Karl erfahre, daß Ogier lebt.« »Er lebt?« fragten die, welche das Geheimnis nicht kannten. Da trat Karl selber ein und Herzog Naimes sprach: »Herr Karl, ich will von dem reden, dessen Namen vor dir zu nennen du uns Paladinen bei Lebensstrafe verboten hast: er würde jetzt, da Roland fern ist, Bruher im Zweikampf besiegen und das Land bliebe verschont.« Der Kaiser blickte finster und schritt hinaus. Nun hatte aber Naimes, bevor er in den Rat ging, allen Knechten befohlen, wann sie des Kaisers ansichtig würden, laut zu rufen: »Weh', daß Ogier im Turm zu Reims liegt.« Als Karl durch die Pfalz schritt, blieb er horchend stehen und seufzte: »Ja, wenn er noch lebte!« Und wie er so klagte, trat Naimes zu ihm und sprach: »Teurer Herr, er lebt: willst du ihm verzeihen?« »Ich will's, aber wie könnte der starke Held noch leben! Im dunklen Turm, bei karger Kost, die langen Jahre und Monde hindurch?« antwortete Karl. »Der Erzbischof hat ihn gut gepflegt: bange nicht, geliebter Herr, Ogier lebt.« Da sandte der Kaiser sogleich Herzog Naimes mit zweihundert Speerreitern nach Reims: »Will Ogier Carlot verzeihen und gegen Bruher streiten, so ist er frei und mein Herzog wie zuvor; das melde ihm.« In Reims antwortete Ogier: »Gegen Bruher will ich gerne streiten, aber Carlot kann ich nicht vergeben.« Dennoch befreite ihn Naimes. »Erzbischof,« sprach Ogier, »bring' mir meine Waffen her.« »Deine Waffen sind bereit: doch wo Braiefort hinkam, weiß ich nicht, ich gebe dir einen andern Hengst,« 356 antwortete Turpin. Aber keiner war stark genug für den gewaltigen Dänen. »Ohne ein Roß kann ich nicht kämpfen,« rief er unmutig. Da sprach zaghaft ein dabei stehender Mönch: »Wir haben Braiefort in unserm Kloster: erzieht Steine zum Kirchenbau.« »Ihr unvernünftigen Pfaffen!« schalt Ogier zornig, »solchen Hengst gibt man nicht Kirchenknechten: wartet, ich reiße euch noch ebensoviel Steine aus eurem Bau als Braiefort hingeschleppt hat. Fort mit dir und schaff' den Hengst her.« Braiefort kam, er war mager und schlecht gepflegt, Ogier erkannte ihn nicht, aber das Roß erkannte seinen Herrn und sprang hell wiehernd auf ihn zu. Ogier striegelte ihn und schüttete ihm Hafer vor, daß er sich rasch erholte. Bald ritt er auf seinem Rücken in Laon ein und vor Karls Palast und rief: »Herr Karl, erst will ich meine Rache an Carlot vollziehen, dann deinen Feind erschlagen.« Der Kaiser bot ihm zur Sühne alles, was er wolle, nur nicht Carlots Leben. Aber Ogier blieb in seinem Haß und bei seiner Rache. Da faßte Karl seines Sohnes Hand und führte ihn zu dem Dänen: »Hier nimm meinen Sohn, tu' mit ihm, was Gott zulassen wird, und errette mein Volk vor den Heiden.« Carlot beugte sein Knie und sprach: »Verzeihe! Und schenke mir mein Leben.« Aber Ogier zog Curtaine. Karl sah's: er verhüllte sein Haupt und schritt zur Kapelle; auf der Schwelle sank er besinnungslos nieder. Naimes und die umstehenden Barone hielten Ogiers Schwertarm fest, mit Bitten ihn drängend. Karl hatte sich erhoben, er wandte sich um und rief betränten Auges: »Ogier, schone meines Kindes!« Der Däne hielt Carlots Locken mit der Linken gefaßt, stieß 357 die Barone zurück und holte aus zum Todesschlag: da erschien ein Engel in der Luft schwebend über der Schwertspitze und rief: »Schlage nicht! Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! Steig' auf deinen Hengst und erschlage den Heiden.« Und glänzend und leuchtend fuhr der Engel gen Himmel auf: alle sahen Gottes Wunder. Ogier ließ die Locken fahren, sank ins Knie und sprach: »Geh' in Frieden hin, Carlot: ich diene Herrn Karl, wie ich zuvor getan.« Kaiser Karl schritt auf den Herzog zu, dankte und umarmte ihn und sprach: »Bis an meinen Tod bleib' ich dein treuer Freund.« Er half selber dem Dänen die Brünne umschnallen, den Helm aufbinden und Braiefort besteigen. Ogier ritt freudig hinaus zum Zweikampf mit Bruher. Das Getöse ihrer Waffen schallte weithin: Bruher durchhieb mit wuchtigem Schlag Braieforts stolzen Bug. Tot stürzte der gute Hengst zu Boden. Ogier sprang vom Boden auf, Bruher sprang vom Sattel ab: er griff dem Dänen an den Hals und sie rangen miteinander, bis es Ogier gelang, die Rechte freizumachen: da schlug er dem Heiden das Haupt ab. Er schwang sich auf des Erschlagenen starkes Roß und stürmte, gefolgt von den Baronen und Bewaffneten, gegen die überraschten Heiden, die eilends davon und auf ihren Schiffen über See flohen. 358 8. Ferabras. Einst, als Balan, Admiral von Babylon, Hof hielt zu Agremore in Spanien, ritt er, – zwischen März und Mai war's, – jagend im Walde, nahe der See und sah ein Schiff der Küste zuschwimmen. Er sandte einen Diener seines reichen Gefolges an den Strand, zu forschen nach dem Woher und Wohin der Segler. Der Schiffsmeister kam und gab dem Sultan Antwort: »Wir segelten von Babylon ab mit reicher Fracht an Perlen, Edelsteinen, Seide, Öl und Spezereien für dich zum Geschenk. Widriger Wind warf uns bei Rom ans Land: da haben die Römer unser Schiff ausgeraubt und viel Segelvolk erschlagen. Darum Herr! räche uns an den Römern!« »Bei Mohammed, die Schmach will ich rächen,« sprach Balan: »Auf, Ferabras, mein Sohn, Floripas, meine Tochter, auf: rufet Fortinbras und Oliborn, meine Räte. Du, Epiard, sei mein Bote: fliege durch Afrika und Asia, rufe auf alle meine Emire und Scheichs, daß sie mit ihren Scharen hierher eilen nach Agremore.« Als dann auf vielen Schiffen der Saracenen und Heiden Kriegsvolk versammelt war, bestiegen der Admiral und seine Kinder die königliche Dromone. Zwei Götterbilder mit Keulen in den Händen standen vorn am Bug, die Christen zu schrecken. Die Segel waren von rotem Zindal und bunte Tier und Dämonenbilder darein gewirkt. Da schwur der Admiral vor allem Volk: »Rom werd' ich zerstören und Karl vernichten.« Über die Wellen flossen rauschend die Kiele und liefen ungehindert in den Hafen bei Rom ein. Dort versammelte der Papst seine Räte: »Rufe Karl zu Hilfe,« sprach der erste. 359 Aber Herzog Savarich antwortete: »Ehe wir selbst unsre Waffen erprobten? Das wäre Feigheit. Gebt mir den Heerbefehl: ich breche der Heiden Speere und Schilde.« Sein stolzer Mut gefiel den andern. Am nächsten Morgen führte Savarich das Römerheer vor die Stadt gegen des Admirals Lager. Ferabras nahm seinen glänzenden Schild auf und rückte mit einer Schar entgegen; der Kampf war wild: die Römer hielten das Feld, aber vorsichtig zogen sie am Abend zurück hinter die schützenden Mauern ihrer Stadt. Lukafer, König von Baldas, hatte an diesem Tag einen Streifzug ins Land unternommen und brachte Balan viele schönwangige Mägdlein gefangen mit. Der Heide ließ sie in seinem Zorn alle töten. Da sprach Lukafer: »Herr, gib mir Floripas zum Weibe, dann bring' ich dir gebunden Karl und seine zwölf vornehmsten Vasallen.« Balan antwortete: »Nimm sie, die du so teuer gewinnen willst.« Aber Floripas rief: »Nicht so eilig, Vater, erst bringe Lukafer Karl und die Paladine daher, – dann will ich mich ihm verloben.« Am nächsten Tag zog der gegen die Stadt: Mavon, sein Werkmeister, ließ die tiefen Gräben mit Reisern ausfüllen, und nun stürmte sein Heer an allen Enden zugleich. Die Römerinnen trugen fleißig den auf den Wällen stehenden Kriegern Steine zu: gut gezielt warfen die sie auf das Heidenvolk: all sein Stürmen half nichts: es mußte abziehen. Balan wurde schwarz, grün und bleich vor Zorn. Lukafer ersann eine List: er ließ sich ein Banner fertigen, das dem des Savarich ganz gleich war, und am nächsten Tage, während der Römer wacker im Felde stritt, zog Lukafer mit seinem Banner an den 360 Hauptturm der Stadt. Die Römer hielten ihn für Savarich und öffneten, Lukafer erschlug die Besatzung und nahm den Turm. Savarich hatte den Betrug gemerkt und eilte nach, den Wachen im Turm zu helfen: doch er kam zu spät: er fand das Tor geschlossen und schon von Saracenen besetzt. Der Riese Estragot, ein dunkelhäutiger Äthiope, schwang seine Keule auf des Römers Haupt: tot fiel Savarich nieder. Da zögerten Papst und Räte nicht länger: sie schrieben in Eile an Karl und übergaben den Brief drei Boten. Um Mitternacht schlichen die zu einem heimlichen Pförtlein hinaus und durch der Feinde Zelte. Nahe der Stadt stand ein gewaltiges Bollwerk, die Hauptburg der Römer. Die Saracenen schafften ihre Antwerke herbei, schleuderten gewaltige Steine dagegen und zerstörten es. Siegesstolz ritt Balan nun an die Stadtmauer und forderte zur Übergabe auf. Als Antwort schoß ein Römer seinen Wurfspeer mitten auf des Admirals Brust: doch dessen Brünne war zauberfest. Balan geriet in wilde Wut: »Auf, Sohn Ferabras,« schrie er, »zu Mohammeds Ehre verbrenne Rom und alles, was darin lebt.« Mavon beschoß die Stadt mit Stein- und Feuerschleudern. Estragot, der Ungeheure, zertrümmerte mit seiner Eisenkeule die Tore und erbrach sie: keck trat er in eines hinein, aber rasch ließen die Torwachen das eiserne Fallgitter niederfahren: das schlug den Riesen zu Boden. Da lag er sterbend und schrie wie ein übler Dämon. Die Stadt widerstand allem Stürmen, die Saracenen zogen zurück in ihre Zelte. Estragots Leichnam ließen sie liegen, seine Seele flog zu Mohammed. Inzwischen hatten des Papstes Boten Karl erreicht: er entsandte sofort Guy von Burgund mit einer Schar, 361 er selbst folgte mit dem Hauptheer in langsameren Tagesmärschen. In Rom aber öffnete ein Verräter den Ungläubigen das Tibertor: doch als er neben Ferabras und dessen Kriegern einritt, ließ ihm Ferabras den Kopf abschlagen und diesen, auf einen Speer gesteckt, durch die Straßen tragen. »Verrat,« schrie das Volk und floh in Verstecke. Die römischen Krieger kämpften verzweifelt: die Straßen lagen voller Toten. Ferabras ging in Sankt Peter, nahm die Heiligtümer und raubte Gold und Schätze; und als er genug hatte, zündete er die Stadt an. Dann eilten die Saracenen auf ihre Schiffe und segelten nach Agremore. Drei Monate und drei Tage feierten sie ihren Göttern Feste: sie tranken Opferblut, Milch und Honig und aßen Schlangen, in Öl geröstet. Guy fand Rom in Flammen stehend und sah die Feinde noch abziehen. Er wartete auf Karl. Der zog ohne Rast heran. Als ihm die Untaten berichtet waren, beschloß er Balan sofort zu züchtigen. Er ging mit seinem Heer über See, und dreißig Meilen von Agremore stiegen sie ans Land. Roland und Oliver hatten die Vorhut. Balan zog mit seinem Volk entgegen, griff die beiden Grafen an, die der Übergewalt zu erliegen drohten. Da traf Kaiser Karl mit den alten Paladinen ein. Ferabras bedrängte Oliver mit Wurfspeer und Keulenschlag: aber Karl hatte es gesehen, er stieß seinen Hengst mit dem Sporn, sprengte an des Grafen Seite, schlug einen gewaltigen Hieb auf des Saracenen Helm und entsetzte seinen blutenden Grafen. Dreißig Saracenen fielen da von Karls Schwert Joyeuse: Roland zerspaltete so vieler Heiden Helme und Schilde, als ihm begegneten. So taten alle Paladine und als der Abend sank, flohen die Heiden vom Schlachtfeld: grimmig schwur 362 Ferabras, nicht eher zu ruh'n bis er Roland und Oliver besiegt und Karls Krone gewonnen hätte. Die Christen zogen in ihr Lager, Karl dankte Gott für den Sieg und lobte die alten Paladine, deren Tapferkeit die Schlacht gewonnen hatte. »Ihr jungen Kämpen,« sprach er, »nehmt euch ein Beispiel an den Alten: wie sie sollt ihr im Kampfe stehen, Ehren und Sieg gewinnen.« Balan wählte die beste Schar und entsandte seinen Sohn von neuem gegen Karl. Als Ferabras das Frankenlager erblickte, schied er zehn von seinem Heer aus, ritt mit ihnen vor des Kaisers Zelt und hub an: »Ich grüße dich, großer Karl: bist du so stolz, als ich dich rühmen hörte, dann gewähre meine Bitte: sende Roland, Oliver, Naimes, Ogier, Guy und Richard, alle sechs gegen mich einen zum Kampf: wer unterliegt, folgt dem Sieger als Untertan.« Der Kaiser strich seinen weißen Bart und antwortete: »Gedulde dich ein wenig, Geselle, ich schicke dir einen Kämpen, an dem du genug haben wirst.« Dann fragte er Richard von Normannenland: »Herzog, kennst du diesen großen Schreier?« »Ja, Herr, es ist Ferabras, König von Alexandrien.« Karl ließ Roland rufen und sprach: »Trauter Neffe, nimm deine Waffen und bezwinge mir diesen Ungläubigen.« Trotzig entgegnete Roland: »Mit Verlaub, Herr Kaiser, wählt einen andern: die Alten, die Ihr so sehr gerühmt, die mögen heut' ihre Kraft erweisen.« Oliver lag inzwischen auf seinem Lager, seine Wunden heilend, da hörte er von dem Zank, er waffnete sich, eilte vor den Kaiser und sprach: »Herr Karl, lang habe ich dir 363 treuen Dienst getan, zum Lohn dafür fordere ich heut', daß du mich diesen Ungläubigen bezwingen lässest.« Karl antwortete: »Du bist siech, geh', pflege deine Wunden.« »Nein, Herr, ich bin schon heil und du sollst meine Bitte erfüllen.«. »Sie ist eines Toren,« rief der Kaiser, »doch reite und Gott möge dich schützen.« Und er reichte ihm seinen Handschuh als Wahrzeichen, daß dieser Held des Kaisers Kämpe sei. Oliver ritt durch die Lagergassen hinaus in ein nahes Gehölz, wo er Ferabras fand, ruhend unter einem Baum; neben ihm stand der Hengst, mit dem Zügel an einen Ast gebunden. Oliver sprach: »Herr Karl hat mich gesendet, mit dir zu kämpfen: Roland und alle Paladine schau'n auf mich; steh' auf: denn ich werde dich mit diesem Schwert erschlagen.« Ferabras saß ruhig, wo er saß, lachte und fragte: »Wer bist du denn, Gesell?« »Das wirst du erfahren, noch bevor die Nacht sinkt,« antwortete Oliver. Ferabras sprach drohend: »Weh' dir, wenn ich aufstehe. Der große Karl war ein Tor, als er dich hersandte; geh' und sage ihm, daß er mir Roland, Oliver und ihre Freunde schicke. Erzähle mir von ihnen.« Oliver antwortete: »Kein Mann auf Erden ist gleich Karl! Roland ist stolz und tapfer vor allen; Oliver weiß sich zu wehren: doch Roland gilt mehr!« »Wie sind die beiden von Gestalt?« fragte Ferabras. »Sieh' mich an, Oliver ist nicht größer, Roland ein wenig kleiner. Steh' nun auf, Saracene, ich stoße dir rasch mein Eisen durch die Rippen.« 364 Ferabras hob den Kopf vom weichen Rasen, stützte sich auf seinen Schildrand und fragte nochmals: »Gesell, wer bist du?« Oliver sprach: »Ich heiße Garin und bin eines geringen Dienstmanns Sohn.« »Ei,« zürnte Ferabras, »warum kam nicht Roland, Oliver oder Ogier?« Der Graf lachte: »Meiner Treu, du bist ihnen wohl zu gering. Deinen Mut kannst du auch an mir erweisen.« Aber Ferabras rief: »Nein, ich fordere nur Grafen und Könige zum Einzelkampf: du bist mir zu schlecht. Ich will dergleichen tun und mich vom Roß fallen lassen, dann reite du ungekränkt zurück und schicke mir einen der Paladine.« Ruhig sprach Oliver: »Tor, ich fürchte dich nicht; wir schwätzten schon allzuviel. Spar' deine Worte und nimm deine Waffen.« Da sprang Ferabras auf, wie ein wilder Eber, er überragte Oliver um Kopfeshöhe, grimmig drückte er den Helm von Bagdad aufs Haupt, Oliver band ihm die Finteile (den Kettenringstreifen, der Kinn und Mund schützte) fest, und höflich dankte der Saracene. Um seine Hüfte gürtete er sich das gute Schwert Florensa, zwei andre, Bapteme und Graban, hingen am Sattelbogen: Ages, aus Welands Sippe, hatte sie geschmiedet; er nahm den Schild von Biterne, faßte den Stoßspeer aus dem harten Rohr der Sykomore, schwang sich auf sein weißes Streitroß, und die Kämpen rannten zusammen wie Donnergewölk: krachend brachen ihre Speere. Sie zogen die Schwerter. Ferabras hieb mit Florensa auf Olivers Helm, daß Funken sprühten; aber Oliver schlug ihm die Helmspangen fort und abgleitend schnitt Alteclair hinten am Sattel zwei Fläschlein ab, gefüllt mit Balsam. Sie flogen 365 weit ins Gras. »Wehe,« rief Ferabras, ihnen nachblickend; da sprang Oliver hurtig ab, ergriff die Fläschlein und schleuderte sie in den nahen Fluß. »Was hast du getan!« schalt Ferabras, »es gibt nichts Köstlicheres auf Erden als dieser Balsam war, mit welchem Christus war einbalsamiert worden, und den ich in Rom erbeutet hatte: er heilte jede Wunde: mit deinem Leben sollst du mir den Verlust bezahlen.« Schon saß Oliver wieder auf seinem Hengst, schwang den Schild empor und fing des Saracenen Hieb auf: der glitt daran nieder und schnitt tief in des Rosses Nacken zwischen den Ohren, daß es tot ins Gras stürzte. Oliver aber stand fest auf seinen Füßen und führte einen zornigen Streich nach des Feindes andalusischem Hengst. Ferabras lenkte zur Seite, saß ab, band das Tier an einen Haselstrauch und kehrte rasch zu Fuß zurück. »Du Prahler,« rief Oliver, »wolltest sechs Franken zugleich bezwingen und nun hast du – ein Roß getötet. Steh' und ficht.« »Ergib dich mir, Franke,« rief Ferabras, »glaube an Mohammed, und ich mache dich reich und mächtig und gebe dir meine Schwester zum Weibe.« »Ehe ich mich ergebe, sollst du meine Hiebe schmecken,« antwortete Oliver. Da schwang Ferabras Florensa und schnitt dem Franken das Nasal, die Nasenstange am Helmdach, von der Stirn her über die Nase laufend, von seinem bayrischen Helm. Oliver rief, den Streich zurückgebend: »Nun entspringe mir nicht wieder wie ein Hase, sonst schelt ich deine Tapferkeit nicht mehr wert, als die eines alten Kammerweibes.« Ferabras deckte sich und tat zwei grimme Schläge auf Olivers Helm, die Zimier flog weg, die Helmspangen 366 barsten und erst der Eisenhut unter dem Helm hielt das Schwert auf. Da entflammte Olivers heißer Zorn. Sie schlugen einander die weißen Schilde entzwei und von den schönen Halsbergen und Harsenieren rasselten die zerschnittenen Ringe nieder. Das Blut sickerte aus mancher Wunde: sie ruhten eine Weile, und Ferabras sprach: »Garin, sage mir die Wahrheit: ich merk's an deinen Hieben, du bist einer von Karls Paladinen?« »Ja, ich bin Oliver, Rolands Freund.« Da jauchzte Ferabras: »Willkommen meinem Schwert! Karl liebte dich wenig, als er dich hersandte.« Die Eisen sausten klirrend wieder auf Harnisch und Schild. Oliver wußte sich zu wehren. Ungeduldig rief der Saracene: »Schläfst du, Mohammed, daß mir der Franke nicht erliegen will?« Da sprang Oliver, den Schild über den geborstenen Helm haltend, gegen Ferabras mit überstarkem Schlag, daß Alteclair aus seiner Faust ins Gras flog, weit hinter den Saracenen. Oliver erschrak, Ferabras sprach: »Nun bist du besiegt, wage nicht, dich nach deinem Schwert zu bücken! Ergib dich.« »Niemals,« antwortete Oliver. »Dann mußt du sterben, Franke,« rief Ferabras, Florensa auf ihn zückend; aber Oliver deckte sich mit seinem zerhackten Schild, rannte seitwärts hin, wo der Hengst an dem Haselstrauch angebunden stand und riß eines der Schwerter, die am Sattelknauf hingen, aus der Scheide: Bapteme war's; aber als er sich umwandte, traf ihn ein Schlag von Ferabras, der ihn ins Knie warf. Wütend vor Scham sprang der Graf auf und rief: »Verfluchter Saracene, das war ein hinterlistiger Streich, bei Gott und Sankt Quintin, nun hüte dich!« Und er 367 hieb auf Ferabras ein, daß er nichts mehr vor Augen sah als Funken sprühen. Als Kaiser Karl, der mit seinen Baronen den Zweikampf von fern überwachte, Oliver ins Knie sinken sah, betete er laut: »Allmächtiger Christ, für deine Ehre ficht mein Graf: gib ihm den Sieg.« Und ein Engel erschien an seiner Seite und sprach: »Gott hat dich erhört, Oliver wird siegen« und verschwand. Karl hob die Arme und rief: »Sei gesegnet, sei gelobt, allwaltender Gott. Du stehest deinen Dienern bei in allen Nöten.« Da schlug Oliver mit einem Schlag Ferabras den halben Schild weg, schnitt ihm ein Stück des Halsberges und den goldenen Sporn ab. »Die Klinge schneidet gut,« rief er, und während Ferabras noch schier betäubt von dem wuchtigen Hieb stand, raffte Oliver Alteclair wieder an sich und sprach: »König von Alexandrien, nun kannst du dein Schwert wieder haben.« Der antwortete: »Bapteme, wie hab' ich dich so manchen Tag gehütet: kein besser Schwert hing je an Manneshüfte! Aber ich will keine Freundschaft von dir, Franke, und mein Schwert nicht früher zurücknehmen, bis ich dir das Haupt abgeschlagen habe.« »Den stolzen Sinn muß ich dir beugen, verteidige dich!« rief der Graf und sie gingen wieder zusammen: Florense sauste auf Olivers zerhackten Helm nieder: ein Stück des Stahlhutes brach ab, aus dem Harsenier fielen rasselnd die Ringe, und von Olivers Haupt flogen ein paar braune Locken ins Gras. Hoch hinauf schwang Ferabras den Schild, den Gegenhieb aufzufangen: da traf ihn Oliver mit Alteclair auf die Brust, durchhieb ihm die Brünne und schnitt ihm an der Seite tief ins Fleisch: ein Strom Blutes ergoß sich aus der Wunde. 368 »Halt, Oliver,« rief Ferabras, »ich ergebe mich dir. Verflucht sei Mohammed, der mich nicht schützen konnte, falsch ist sein Gesetz. Nimm meine Brünne, zieh sie über die deine zum bessern Schutze: denn dort im Wald versteckt liegen all meine Krieger, sie werden dich verfolgen. Hebe mich vor dich auf den Sattel und führe mich in dein Zelt.« Ferabras sank ins Gras, Oliver verband ihm die Wunde so gut er konnte, hob den Hilflosen auf den Hengst, schwang sich hinter ihm in den Sattel und ritt davon. Aber die Saracenen hatten ihren Herrn fallen sehen, sie brachen hervor und jagten den Davonreitenden nach. Als Ferabras sie nahen sah, sprach er: »Setze mich dort unter jene Fichte und rette dich.« Da legte Oliver ihn sanft ins Gras und wollte wieder aufsteigen, doch die Feinde umringten ihn schon. Er stellte sich zur Wehr: mit Alteclair streckte er den vordersten zu Boden, daß er das Aufstehn vergaß, er entriß ihm Schild und Speer und schoß diesen dem Nächsten mitten durch den Leib. Dann sprang er zurück und wehrte sich mit seinem Schwert. »Er darf uns nicht entwischen,« riefen die Saracenen: vier warfen zugleich ihre Speere und durchbohrten seinen Schild. Doch: »Oliver wußte sich zu wehren!« Mehr als dreißigmal war der Schild durchspeert, die Brünnen hingen zerschlitzt an seinem Leibe: »Großer Karl, wo bleibst du?« rief der Bedrängte, »und Roland, lieber Genosse, was zögerst du?« Da klang hell an sein Ohr der Racheruf: »Montjoie!« Und Rolands Stimme: »Bei Saint Denis! ihr Teufelssöhne, nieder mit euch.« Roland, allen voran, brach mit zornigen Hieben in den dichtesten Haufen der Feinde; nun umschlossen sie ihn, von allen Seiten mit 369 Pfeilen und Wurfspeeren schießend. Sein Hengst stürzte tot nieder unter ihm, Roland sprang auf und erschlug einen Saracenen nach dem andern. Aber von rückwärts überwältigten sie ihn doch, banden ihn und führten ihn fort. Oliver sah's, schwang Alteclair und wollte seinen Freund entsetzen: fünfzehn Feinde schlug er zu Boden, das Blut troff an ihm nieder, da griffen auch ihn die Feinde, legten ihm Fesseln an, und ein Häuflein Berittener schleppte beide Gefangene hurtig davon, während die Hauptschar der Saracenen die anströmenden Paladine zurückwarf. Kaiser Karl saß auf seinem Streitroß und sah seine jungen Helden davonschleppen; sein Herz krampfte sich zusammen, er rief laut: »Nach, ihr Herren, rettet meine Grafen!« Er spornte den Hengst, schwang Joyeuse und hieb zu beiden Händen nieder, was vor ihn kam. Die Paladine ritten hinter ihm und suchten der Saracenen übermächtige Schar zu durchbrechen. Die hielten Stand, bis sie ihre Gefangenen in Sicherheit wußten, dann warfen sie ihre raschen Rosse herum und jagten davon. Die Franken verfolgten bis an einen reißenden Strom, welchen die Saracenen bei Montrible mit einer befestigten Brücke gesperrt hielten, aber die Fliehenden waren mit den Gefangenen entkommen. Traurig kehrte Karl mit seinem kleinen Häuflein um. Er kam bei der Fichte vorüber, unter der Ferabras lag. Der Kaiser erkannte ihn und sprach zornig. »Verflucht sei dein langer Leib! Um deinetwillen sind meine Grafen gefangen: haut ihm das Haupt ab, Barone.« »O milder Karl,« bat Ferabras, »fluche mir nicht! Um deines Gottes willen, der nun auch der meine ist. Oliver hat mich besiegt, laß mich taufen: ich will dein Vasall werden.« Da erbarmte der Kaiser sich seiner: er wurde auf 370 einen Schild gehoben und in des Kaisers Zelt getragen. Ein Arzt verband seine Wunden. Naimes und Ogier halfen ihn entwaffnen, da staunten sie sehr über seine breiten Schultern und sein schönes Antlitz mit den lichten Falkenaugen. Ferabras erholte sich bald so weit, daß der Kaiser Turpin befahl, ihm die Taufe zu geben. Er wurde Florian getauft: doch nannte man ihn sein Leben lang nur Ferabras: erst als er nach frommem Leben tot lag, hieß er Florian von Rom und ein Heiliger im Himmel. Inzwischen brachten die Saracenen ihre Gefangenen vor Balan und meldeten, wie es mit Ferabras ergangen war. Der Admiral tobte vor Zorn, warf sich auf die Erde, dann sprang er wieder auf und jammerte: »Mohammed, Mohammed! Um welcher Sünde willen ließest du das geschehen? Sagt an, wer hat Ferabras bezwungen?« Da wiesen sie auf Oliver: »Dieser da.« »Wer bist du?« schrie Balan den Gebundenen an. Der gab Bescheid: »Graf Oliver, und dieser ist Roland, des Kaisers Neffe.« Finster befahl Balan seinem Kämmerer: »Laß Pfeile glühen, binde die Franken dort an die Säule und rufe meine Bogenschützen, die sollen sie gleich erschießen.« Aber Floripas stand im Saal und sprach: »Vater, die Sonne ging schon unter: es wäre nicht wohlgetan, um diese Stunde Gericht zu halten. Laß sie in deinen Kerker führen: vielleicht liefert Karl dir morgen gegen sie Ferabras aus.« »Dein Rat ist gut, Tochter,« antwortete er; »he, Brudamont, steck' sie in meinen Turm am Meer.« 371 Man löste ihnen die Fesseln, und sie wurden in ein tiefes Verlies gebracht, da leuchtete nicht Mond noch Sonne hinein. Von der See drangen die Wellen ein und stiegen zur Flut den Gefangenen bis ans Knie. Das Salzwasser tat ihren Wunden weh: sie kletterten auf einen Stein, der inmitten des Gewölbes übers Wasser ragte. Tag und Nacht vergingen, niemand brachte ihnen Speise oder Trank: denn Balan hatte es verboten. Laut klagten sie ihr Elend. Das hörte Floripas, als sie sich erging in ihrem Garten, der neben dem Turm am Meere lag. Von Mitleid bewegt eilte sie zum Kerkerwart und sprach: »Schnell, Brudamont, schließ mir den Turm auf und schaffe Speise für die Franken.« Er weigerte sich: »Was sinnt Ihr mir an? der Admiral hat's streng verboten.« Zornig faßte Floripas ihn am Arm: »Gehorche, Sklave, wenn deine Herrin befiehlt.« »Nein, Ihr seid eine Verräterin, ich laufe zu Balan, ihm's zu melden.« Er wollte davon, Floripas entriß ihm die schweren Schlüssel und schleuderte sie ihm an die Schläfe und rief: »Hartherziger Teufel, das sei dein Lohn.« Der Mann fiel um, er war tot. Floripas erschrak, sie fürchtete ihres Vaters Zorn; aber rasch entschlossen lief sie zu ihm und hub an: »Vater, verzeih mir, Brudamont wollte den Franken Speise bringen und sie entwischen lassen: ich kam dazu und habe ihn erschlagen, ohne es zu wollen.« »Du hast einen klugen Kopf und eine rasche Hand, schöne Tochter,« antwortete Balan, »bewache du die Gefangenen, ich vertraue sie dir an.« Floripas dankte und eilte zurück. Fünfzehn ihrer dienenden Mägdlein mußten sie begleiten. Sie schloß den 372 Turm auf und rief hinab: »Ihr fränkischen Herren, was klagt ihr?« Die Grafen blickten auf. Floripas stand auf der Türschwelle, Tageshelle umspielte sie: weiß wie Schneeblüte war ihr Antlitz, rosenfarben die Wangen, hinter kirschenroten Lippen glänzten Perlenzähne weißer wie Elfenbein; dichte Wimpern beschatteten lichte, lachende Augen, braunes Haar flutete über ihre Schultern. Ihren schlanken Leib umhüllte ein galazisch Seidenkleid, darin waren Goldsterne gewebt. Um ihre Hüften lag ein Gürtel von Feenhand gewirkt aus bunten Tierhaaren, eine breite mit Gold eingelegte Schnalle schloß ihn. Der Gürtel war gefeit, er schützte gegen Hunger und Gift. Ihre Füßlein staken in goldgestickten Sandalen. Erst nachdem die Gefangenen ihr Auge an das langentbehrte Tageslicht gewöhnt hatten, erkannten sie das schöne Weib. Oliver sprach: »Die Ihr so schön seid, rettet uns: hier müssen wir verhungern und verderben.« Roland sprach: »Wenn wir in diesem Loch verhungern, ist es für Balan die allergrößte Schande.« »Das soll nicht geschehen,« antwortete Floripas, »ich will euch speisen und ein besseres Gefängnis bereiten, aber ihr müßt euch still verhalten und meinen Befehlen folgen.« Sie versprachen's und Floripas warf ein seidenes Seil hinab: alle Mägdlein faßten mit an, und so zog Floripas einen nach dem andern aus dem Kerker und geleitete sie durch einen unbenutzten Gang, der den Turm mit den Frauengemächern verband, in ihren Saal. Den trugen Marbelpfeiler, auf denen maurisch Bildwerk einschnitten war. An der gewölbten Decke war der Himmel gemalt mit Sonne, Mond und Sternen, rings an den Wänden aber Wälder und Wiesen, gießende Brunnen, Fische, 373 Schlangen, Vögel und springend Getier; keines fehlte. An einer Ecke des Saales aber wuchs in frischem Erdreich Mandragorenkraut, das alle Krankheit heilte, nur nicht den Tod. Eilig pflückte Floripas das Kraut und reichte es den Verwundeten. Ihre Mägdlein bereiteten den Grafen im Nebengemach ein warmes Bad und trugen reiche Kleider herzu. Und nachdem die Gefangenen, also erquickt, wieder in den Saal traten, stand das Mahl für sie auf dem Tisch. Darüber war der Abend gekommen und Floripas sprach zu ihnen: »Wohl weiß ich, Graf Oliver, daß Ihr meinen Bruder totwund geschlagen habt, aber ich sinne Euch darum keine Rache, verhaltet Euch still und schlafet ohne Sorgen.« Sie ging hinaus mit ihren Dienerinnen und die Freunde streckten sich auf weiche Polster. Balan wußte nichts von alledem. Im Lager der Franken saß Kaiser Karl mit seinen Räten; vor ihm stand Guy von Burgund, Karl sprach: »Nun reite du zu Balan und fordere, daß er mir meine Grafen und die aus Rom geraubten Weihtümer zurücksende, oder ich werde ihm nicht Turm noch Stadt lassen in Spanien. Bedächtig sprach Naimes: »Herr Kaiser, wir wissen doch alle, wie die Saracenen oft Gesandte mißhandeln.« »Herzog, bist du so weise, sollst du ihn führen,« zürnte Karl. Ogier entgegnete: »Herr, erzürnt Euch nicht, Naimes spricht wahr.« »Däne, du bist doch sonst nicht feige: du gehst mit,« befahl Karl. Herr Dietrich im grauen Haar rief warnend: »Kaiser, Ihr werdet sie nicht wiedersehen.« 374 Doch zornig antwortete Karl: »Herr Dietrich, du gehst denselben Weg.« »Der ist allzugefährlich,« mahnte Richard von Normandie. Aber Karl entgegnete: »Beim heiligen Hilarius, tapferer Graf, so begleite du sie.« Der treue Alberich sprach: »Herr, dein Wille ist Befehl: du schickst sie in den Tod.« »Auch du reitest: rüste dich und sorge nicht um dein Leben,« antwortete Karl. Da rief Bernhard von Montdidier, Dietrichs Sohn: »Willst du denn mit Gewalt deine Paladine in den Tod schicken?« »Du bist der siebente,« sprach der Kaiser, »du weißt Frauen zu gefallen und gar höfisch deine Worte zu fügen: zeige nun, ob deine Kunst von Nutzen ist. Ihr alle geleitet Guy: es gilt Graf Roland! Laßt sehen, wer von euch da zögert?« Flugs sprang Ogier auf: »Laßt uns reiten!« Naimes rief: »Kaiser, du hast recht, Roland und Oliver müssen befreit werden.« Die Paladine rüsteten sich und ritten davon. Auf Karls Befehl schlossen sich ihnen noch drei Grafen an. Zu derselben Zeit hatte auch Balan in Agremore seine Räte berufen. Fortinbrace und Olibron sprachen: »Herr, entsende zwölf deiner Vornehmsten zu Karl und fordere, daß er dir Ferabras ausliefere und weiche aus deinem Land, oder du werdest kommen und den großen Karl an einen Baum aufknüpfen.« »Der Rat gefällt mir,« antwortete der Admiral, und die Boten ritten sogleich davon und über die feste Brücke bei Montrible. Bald trafen sie auf einem grünen Plan mit Karls Boten zusammen, Herzog Naimes fragte: was ihr Reiten bedeute? Sie 375 antworteten: »Wir bringen Balans Befehl an Kaiser Karl, der hat ihn zu erfüllen bei Todesstrafe.« Sie wollten weiter reiten, aber Herr Guy rief: »Wartet noch, wir sind Herrn Karls Boten und werden euch Antwort geben. Montjoie Karl!« Und er riß sein Schwert heraus. Seine Genossen taten wie er: sie griffen die Saracenen an und hieben allen die Köpfe ab. Naimes riet, nun umzukehren und Karl zu berichten, aber Richard, der Furcht nicht kannte, rief: »Nein, vorwärts und die Köpfe bringen wir Balan.« Und so geschah's. Als sie an die Steinbrücke kamen, war sie gesperrt mit starken Ketten; Agolafer, der Brückenwart, stand dahinter und fragte: »Wohin wollt ihr?« Naimes antwortete: »Zu Balan mit einer Botschaft.« »Zahlt den Zoll,« forderte Agolafer. Aber Richard rief drohend: »Weg mit den Ketten! Herrn Karls Boten hält man nicht auf.« Agolafer erschrak und ließ sie durch. Sie kamen nach Agremore und gingen gleich in Balans Saal. Er saß beim Mahl mit Floripas und vielen Vornehmen. Herzog Naimes hub an: »Gott segne Karl, meinen Herrn und verwerfe Balan, den Ungläubigen! Gib uns heraus Herrn Karls Grafen und die römischen Weihtümer. Zwölf Diebe sind uns bei deiner Brücke begegnet: sie sagten, sie kämen geradewegs von dir, üble Worte sprachen sie gegen Herrn Karl. Wir haben sie dafür erschlagen, hier hast du ihre Köpfe.« Die Franken warfen sie dem Admiral vor die Füße. Er erkannte sie und schrie: »Welche Schmach wagst du, Alter, mir zu bieten! Mohammed verfluche mich, wenn ich esse, solang du lebst.« »Wie dir's gefällt,« antwortete Naimes, »da kannst du genug fasten,« und er setzte sich auf ein Polster. 376 Richard sprach: »Wir sind des großen Karls Boten, du hast seinen Willen vernommen: gehorche, oder bei Saint Denis, du mußt sterben.« Balan antwortete: »Du gleichst Richard dem Normannen, setze dich zu dem alten Narren,« er deutete auf Naimes. Herr Dietrich zog die buschigen Augenbrauen hoch über die funkelnden, grauen Augen, drehte den Lippenbart und sah so grimm aus, daß die Saracenen riefen: »das ist der Teufel.« Balan sprach zu ihm: »He, Alter, was ist denn euer Karl für ein Mann?« »Wie ein Frankenkönig sein soll!« antwortete Dietrich, »stünde er hier, hätte er dir schon längst eine Maulschelle gegeben.« Balan mußte lachen: »Höre, du Teufel, wenn ich nun vor dir stünde wie du vor mir, was tätest du mit mir?« »Ich ließe dich hängen, noch ehe diese Stunde voll würde.« »Bei Mohammed, so werd' ich mit dir tun,« sprach darauf Balan. Er befragte nun noch die andern Franken um Karls Botschaft und wenig zufrieden mit ihren Antworten schwur er, sie sollten alle noch vor Abend sterben. Aber Floripas entgegnete: »Lieber Vater, warte damit bis deine versammelten Räte ein Mittel gefunden haben, Ferabras zu befreien.« »Du hast recht, Tochter,« antwortete er, »laß die Zehn hinter Stein und Eisen gefangen halten.« Floripas führte sie nun in ihren Turm zu Roland und Oliver. Sie küßten einander vor Freude und erzählten sich ihre Erlebnisse. – Am nächsten Tag trat Floripas in den Saal und 377 fragte den alten Naimes: »Sage mir eure Namen, aber vor allem sage, ist unter euch Herr Guy von Burgund?« »Dort der junge Degen mit dem dunklen Kraushaar und den dunklen Augen ist der, nach dem du fragst.« »Ach,« sprach sie, »ich kenn' ihn noch nicht und lieb' ihn doch schon lange nach allem, was man mir von ihm sagte. Seinetwillen will ich tun, was in meiner Macht steht, euch zu retten. Für seine Liebe will ich mich taufen lassen: geh', sag's ihm und wirb ihn mir zum Gatten.« Die Jungfrau ging hinaus, der Herzog sagte Guy, was Floripas von ihm verlangt hatte, »und deshalb,« schloß er: »nimm sie zum Weib.« Aber Guy weigerte sich: »Ich nehme kein Weib, das nicht Herr Karl selber mir gibt. Ich habe die Jungfrau nicht einmal recht angeschaut.« Rasch riefen Roland und Oliver: »Sie ist aus der Maßen schön und war gütig gegen uns; du kannst uns allen helfen, verlobe dich ihr, Karl soll sie dir vermählen.« Da willigte er ein; Floripas wurde gerufen. Sie brachte ihrem Erkorenen einen Becher Weins und sprach: »Mein Herz, mein Leib, mein Leben sind nun dein für immer.« Dann küßte sie ihn, und er mußte nach Saracenenbrauch von dem Wein trinken, nach ihm trank auch sie. Der junge Graf schaute staunend ihre Schönheit, wie im Traum ließ er alles geschehen. Die Paladine wurden froh, saßen nieder und tranken Wein, den ihnen dienende Mägdlein brachten. Guy aber schloß Floripas in seine Arme und küßte sie in jäh erwachter Liebe. Dann beriet Floripas die Barone: Abends, wann Balan mit den Fürsten beim Mahle säße, sollten die Franken wohlgewaffnet über sie herfallen, alle 378 hinausjagen und so die feste Burg in ihre Gewalt bringen. Das gefiel ihnen sehr gut, sie legten ihre Waffen bereit. Da geschah's, daß Lukafer von Baldas zu Balan sprach: »Admiral, du machtest Floripas zum Kerkerwart der Franken, das war eine Torheit. Ich will hingehen und sehen, wie sie gehütet werden, gib mir Urlaub.« »Geh',« antwortete Balan. Lukafer ging in Floripas' Turm und fand die Tür zu ihrem Saal verschlossen, er schlug mit der Faust dagegen, daß der Riegel barst. »Wer ist der Grobian, der solchen Lärm macht?« fragte zornig Floripas. »Ich, König Lukafer, mich sendet dein Vater; die Gefangenen will ich sehen und mit ihnen reden nach meinem Belieben,« antwortete der Saracene, trat ein und blickte die Franken zornig an. Der weise Naimes sprach: »So sei uns willkommen und frage, was du wissen willst.« »Wissen möcht ich,« sprach da lauernd Lukafer, »was Karl in seinem Reiche gilt?« »Ein Kaiser und König ist er, über weite Länder, Städte, Burgen und Festen; Herzoge, Grafen, Barone und viele Völker sind ihm untertan,« antwortete Naimes. »Und wie lebt ihr an seinem Hofe? wie vergnügt ihr Franken euch?« fragte Lukafer wieder und Naimes antwortete: »Die einen werfen Speere, schwingen Schwerter, schießen mit Pfeilen, andre singen und einige spielen Schach.« »Ihr wißt euch zu unterhalten; ich will euch aber ein neues Spiel lehren, lustigeres saht ihr gewiß nie,« sprach Lukafer und lachte listig dazu. Er befestigte mit einem Faden eine Nadel an einer Stange, dann ging er an den großen Kamin, spießte eine glimmende Kohle auf die Nadel und sprach: »Nun gilt's zu blasen, bis sie 379 lustig brennt, seht so, ihr Herren.« Er hielt die Kohle, vor Naimes stehend, und blies die aufspringende Flamme gegen des Bayernherzogs langen, weißen Bart, daß der Feuer fing. »Nun ist's an dir,« sprach er. Naimes hatte solches Spiel noch nie gesehen, aber sein Bart war verbrannt bis an die Haut: da geriet er in Zorn, sprang an den Kamin, riß einen Feuerbrand heraus und stieß ihn wie einen Speer gegen Lukafer, der schrie und wich zurück, aber Naimes packte ihn und warf ihn in das große Feuer, wo er sogleich erstickte. Roland lachte laut auf: »Meiner Treu, Naimes, du verstehst das neue Spiel gut! gesegnet sei dein Arm, der solche Stöße tut.« »Laß die Späße, der Narr wollte uns verhöhnen, nun hat er's bezahlt.« Floripas aber rief: »Nicht nur euch verspotten, er hatte wohl Böseres im Sinn: es war Lukafer; wohl mir, daß Ihr ihn ins Feuer warft, Herzog: denn mein Vater wollte mich ihm vermählen.« Sie umarmte den alten Naimes zum Dank und fuhr fort: »Nun aber tut, was getan sein muß, um die Burg zu gewinnen, ehe Balan Lukafers Tod erfährt.« Floripas ging, wie sie stets tat, zu ihrem Vater, als er in seinem Saal beim Abendmahle saß. Niemand sprach von Lukafer, keiner kannte sein Schicksal. Da stürmten die wohlgewaffneten Paladine in die Halle: sie schwangen die scharfen Schwerte: wer nicht eilig davonlief, wurde erschlagen. Oliver verfolgte Balan, der sprang vor dem Grafen durch ein Bogenfenster hinab ins Meer. Es war Ebbe, mühsam entkam er aus den Fluten aufs Land; da schwur er: »bei Mohammed, die Franken an den Galgen und Floripas, die Verräterin, sterbe den Feuertod!« Die Paladine ließen nicht einen lebendigen 380 Saracenen in der Burg, dann zogen sie die Brücke über den Graben auf und versperrten das Tor. »Seid frohen Mutes, Barone,« sprach Floripas, »der Turm ist fest, heut Nacht sind wir hier gut geborgen, an Speis' und Trank fehlt's hier auch nicht, deshalb laßt uns niedersitzen zum Mahle.« Sie rief ihre Mägdlein herbei, die mußten den Tafelnden dienend zur Hand sein. »Morgen,« hub sie dann wieder an, »sollt ihr auf den Zinnen stehen und eure Burg verteidigen mit Pfeilschüssen, Wurfspeeren und Steinen: ich und meine Mägdlein wollen euch alles hinauftragen; denn zweifelt nicht, mein Vater wird den Turm bestürmen.« Und so geschah's. Balan hatte noch in der Nacht seine Boten entsendet und ein Heer gesammelt: vor Agremore ließ er die Lagerzelte aufschlagen. Am Morgen begann der Sturm. Tapfer schlugen die Paladine ihn ab, Balan mußte zurück ins Lager. »Mohammed, Mohammed,« schrie er wild, »wach' auf und hilf mir! Weißt du nicht, daß mein ganzer Schatz in dem Turm liegt? Hilf mir oder ich sage ab, dir und deinem Gesetz.« Oliborn beriet seinen Herrn besser: »Der Turm ist fest und reich versehen mit Lebensmitteln, die Franken können sich lange darin behaupten: sende darum Agolafer Befehl, daß er niemand über die Brücke lasse, dann können sie keinen Entsatz von Kaiser Karl erhalten und müssen doch endlich Hungers sterben.« Espiard schwang sich aufs Roß und trug den Befehl zu Agolafer, dem Brückenwart. Der war ein Riese aus Äthiopien, sein Kopf glich dem eines Leoparden. Er rollte die Augen, fletschte die Zähne, schlug mit seiner Eisenkeule auf die Brücke, zog sie auf, sperrte sie mit 381 vierundzwanzig Ketten und sprach: »Espiard, melde Balan: Agolafer hält die Brücke, lebend kommt keiner herüber.« Balan rief Mavon den Werkmeister und sprach: »Schaff' eine Mange herbei und schleudere Steinblöcke auf den Turm.« Mavon richtete die große Schleuder her, belud sie mit schwerem Felsblock, eine Schar Sklaven zog die Winde auf: »los,« befahl Mavon. Die Winde ward freigegeben, die Kurbel schnellte drehend zurück: der Schleuderkorb schwang sich im Bogen durch die Luft, der Felsblock flog heraus und schlug dröhnend auf den Turm: krachend fiel eine Mauerzinne nieder. Roland und Oliver standen daneben, sie sprangen zurück und riefen: »nun wird's ernst.« Da ritt auf feurigem Hengst der Berberkönig Marsedag an den Graben und rief: »Verräter, ergebt euch: oder ich verbrenne euch in dem Bau bei Termagant, meinem Gott!« Herr Guy stand auf der Mauer, hielt einen afrikanischen Rohrspeer in der Hand, hob ihn und schoß ihn dem Heiden mitten ins Herz. Der König flog aus dem Sattel ins Gras. »Das war ein guter Schuß, Sir Guy,« triumphierte Floripas und gab ihm einen Kuß. Balan aber ließ abblasen vom Sturm. Der tote Marsedag wurde ins Lager getragen und nach Saracenenbrauch balsamiert und verbrannt. Sieben Tage und Nächte beklagten sie ihn und sangen Sprüche des Koran. Dann aber umschloß Balan die Burg enger. Bald hatten die Belagerten ihre Vorräte aufgezehrt. Die Paladine verbissen den Hunger. Bleich und müde saßen die Jungfräulein im Saal: das schnitt Roland ins Herz, er klagte: »Karl, teurer Ohm, hast du uns denn ganz vergessen? Wir müssen hier elend Hungers sterben.« 382 »Das fürchte nicht, stolzer Graf, ich helfe euch allen,« sprach Floripas. Sie band ihren Gürtel ab, einer nach dem andern mußte ihn anlegen: da schwanden Hunger und Durst, sie fühlten sich gekräftigt wie nach dem besten Mahl und gewannen ihren frohen Mut wieder. Balan wunderte sich sehr, wie so lang die Belagerten aushielten, bis ihm Floripas' Zaubergürtel in den Sinn kam. »Das ist's,« dachte er, rief Malpi, einen listigen Mauren herbei und sprach: »Meine Tochter besitzt einen gefeiten Gürtel aus bunten Tierhaaren, den muß ich haben. Du lerntest in Toledo die schwarze Kunst, du siehst bei Nacht so gut wie bei Tag. Schaff' mir den Gürtel, du findest ihn in ihrem Gemach, und tausend Pfund Goldes sollen dein Lohn sein.« Um Mitternacht schwamm Malpi durch den Wassergraben an die Burgmauer, erkletterte den Turm und stieg durch den Kamin in Floripas Gemach. Neben ihrem Lager, in einem zierlichen Schrein, fand Malpi den Gürtel, nahm ihn heraus und band ihn sich um. Darüber erwachte Floripas, sah den Mann und schrie: »Helft, helft, ein Dieb, ein Räuber, ein Mörder ist hier.« Die Paladine sprangen auf, allen voran stürmte Roland, Durendal in der Hand haltend, ins Gemach. Von Schrecken gelähmt stand Malpi vor Floripas' Lager. Roland spaltete ihm den klugen Kopf, packte ihn am Arm und schleuderte ihn durchs Fenster in die See. Floripas durchsuchte ihren Schrein und rief: »Mein Gürtel ist fort! Er hatte ihn gestohlen! Roland, was hast du für eine Torheit begangen? Du warfst den Gürtel mit dem Dieb hinaus. Nun müssen wir Hungers sterben.« Aber Roland antwortete: »Ei, tröste dich, schöne Herrin, morgen wollen wir einen Ausfall wagen und uns von Balans Tisch Speise holen.« 383 Früh am Morgen, ehe die Lerche sang, ritten die Paladine aus. Sie überrumpelten die Lagerwachen: die schlaftrunkenen Köche flohen schreiend und ließen Weine und Wildbret, Obst und Brot in Stich. Sieben Barone rafften davon an sich, soviel sie tragen konnten, während die andern eine Schar erwachter Saracenen abwehrten: »Montjoie,« rief Roland, »Barone, schlagt zu ums liebe Essen.« Jeder tat sein Bestes und so entkamen sie mit ihrer Beute nach Agremore. Da waren die Belagerten froh. Balan aber ward gar zornig, und als auch Malpi nicht wiederkam, maß er seinem Gott die Schuld bei: »Allah, versagst du mir in der Not?« rief er, »hilf! Oder ich räche mich, verbrenne dein Bildnis und sage dir ab.« Fortinbrace und Oliborn sprachen: »Laß die Rede, Herr: Allahs Zorn könnte über dich kommen, gib lieber das Zeichen zum Sturm.« Da stürmten viele Scharen zugleich gegen die Burg. Die Paladine warfen mit Steinen: wie Hagelschauer prasselten sie nieder, erschlugen und zerquetschten die Anstürmenden: bald lagen die Gräben voller Toten. Die übrigen zogen zurück, frisches Wehrvolk trat an ihre Stelle, Fortinbrace an der Spitze: Kriegshörner gellten und Zuruf. Besorgt blickte Naimes hinab: »Sie stürmen von neuem, wir können den Turm nicht halten, wir haben keine Steine mehr.« Floripas antwortete: »Deshalb verzagt nicht! In meines Vaters Schatzkammer liegt Gold und Silber zu Haufen, das werft hinab.« Roland lachte hell: »Das ist ein lustiger Rat.« Sie eilten in das Gewölbe. »Welche Mengen Goldes!« rief Guy, »hätt' es Herr Karl, er könnte allen Mannen Halsketten schenken.« »Und noch Sankt Peter in Rom damit vergolden,« fügte 384 Naimes bei. Da standen auch der ungläubigen und heidnischen Völker Götterbilder. »Das sind unnütze Götzen,« sprach Roland und warf eines nach dem andern um. »Seht, nicht einer steht wieder auf.« Alle Mägdlein halfen den Schatz auf den Turm tragen. Die Paladine warfen mit eifrigem Ungestüm das gleißende Gut auf die Anstürmenden. Hier flog eine Handvoll Goldmünzen und Silberschillingen herab, dort schwere Erzbecken und Goldschalen, steinverzierte Silberkrüge, Schüsseln, Becher, Halsberge, Schilde, goldene Schachbretter, Fackelständer, ganze Götterbilder: wie's ihnen vor die Hände kam. Mit Schaudern sah's der Admiral, mit wilder Gier das Kriegsvolk: es raffte die leuchtende Beute auf, schlug und erschlug sich darum und ließ vom Sturm. »Blast ab,« befahl Balan grimmig, »zurück ins Lager, eh' mein ganzer Schatz verloren ist.« Eilig trieb er die Säumigen fort, zürnend schritt er in sein Zelt. »Termagant, Julian, Apolin! Falsch bist du, Allah! und falsch ist Mohammed! Hielt ich darum dein Gesetz, Prophet? Fluch euch!« rief er und schlug mit der Faust nach einem Bildnis Mohammeds; das fiel, das Antlitz nach unten, auf die Erde. Mit aufgehobenen Armen lief der Imam, der Vorbeter, herbei und sprach: »Balan, was beginnst du? Der Preis ist Gottes, des Herrn der Welten! Allah, dich beten wir an, führ' uns auf den Pfad jener, die nicht in der Irre gehen. Falle nieder, Admiral, tu' Buße, ehe Gott, der Rächer, dich verderbe!« Da entblößte Balan seine Füße, warf sich nieder auf sein Antlitz und betete: »Kein Gott ist außer Allah und 385 Mohammed ist sein Gesandter. Dir zu Diensten, o Allah, dir zu Diensten!« Und er opferte hundert Gold-Besanten zur Buße. In Agremore berieten die Paladine ihr Schicksal. Naimes begann: »Die Vorräte werden bald zu Rande gehen, der Turm ist geborsten, wir müssen dem Kaiser Botschaft senden.« Dietrich antwortete: »Das ist Torheit: das Land ist voller Heiden, jeder Bote fällt ihnen in die Hände.« »Dann laßt uns lustig leben, so lang's noch dauert,« rief Herr Guy und küßte die weißen Hände seiner Geliebten. Aber Oliver sprach: »Naimes Rat ist besser.« »Er ist gut,« fuhr Ogier fort, »wer soll der Bote sein?« »Ich,« rief der stolze Roland. »Das geht nicht,« sprach Naimes, »das greuliche Volk der Ungläubigen fürchtet zumeist dich: du bist hier unser bester Schutz.« Herr Guy sprang auf und rief: »Laßt mich reiten.« Doch Floripas umschlang ihn, aufschreiend, mit den Armen: »Nein, nein, bleibe bei mir: wie sollt' ich leben, verlör' ich dich?« Da sprach Richard: »Ich will der Bote sein: mein Haar ist weiß, mir lebt daheim ein tapferer Sohn, der wird mein Erbe sein, fall' ich hier. Widerredet mir nicht, auch du nicht, Däne, ihr sollt mir diesen Ehrendienst vertrauen. Morgen bei Tagesgrauen macht ihr einen Ausfall ins Lager der Feinde, ich reite zur Seite und finde meinen Weg.« Sie fügten sich seinem Willen. Als die Nacht wich, – ein matter Lichtschimmer flutete von Osten her über den Himmel, der Nachttau lag schwer 386 auf Strauch und Stein, – da öffneten die Paladine die Turmpforte, ließen die Brücke nieder und ritten hinüber. Floripas mit ihren Mägdlein stand daneben. Roland war der letzte; als sein Hengst den Fuß auf die Brücke setzte, legte Floripas ihre Hände leise auf des Grafen Schwertarm und flüsterte: »Edler Graf, behüte du Sir Guy, daß er nicht gefangen oder getötet wird: gedenke, wie ich euch mit eigner Lebensgefahr errettet und beschützt habe.« Sie blickte ihn an, in den lichten, lachenden Falkenaugen standen Tränen. »Wahrlich, ich will's nicht vergessen, schöne Herrin,« antwortete der stolze Roland und stieß seinen Hengst mit dem Sporn. Floripas und die Mägdlein zogen die Brücke wieder auf und verriegelten das Tor. Richard lenkte sein Roß gleich seitwärts und jagte nach Montrible; die Paladine ritten bis dicht ans Lager und brachen mit Speeresstoß und Schwerthieb unter die überraschten Saracenen. Aber hurtig fuhren die auf von Schlaf und Ruhe und in die Waffen. Graf Oliver wollte neue Vorräte gewinnen und hielt dahin, wo des Admirals Köche lagerten. Doch hier standen Balans Babylonier, die schossen Pfeile und Rohrspeere entgegen, Graf Oliver mußte zurück. Herr Guy sah ganz nah Balan selber und traf ihn mit scharfem Hieb, ohne ihm groß Leids zu tun: da fuhren die Babylonier grimmig auf ihn ein, umringten ihn, im Nu war er den Blicken seiner Genossen entschwunden, die Feinde rissen ihn aus dem Sattel, zogen ihm den Helm ab und banden ihn. »Fort mit ihm, zu Balan und dann an den Galgen.« »Das hoff' ich, lügt ihr,« sprach Herr Guy dazu. Er kam vor Balan. »Wer bist du?« fragte der. 387 »Herr Guy von Burgund und Floripas' Verlobter,« antwortete trotzig der Gefangene. »Elender Christ,« schrie der Sultan, »um deinetwillen also hat meine verworfene Tochter ihr Volk und ihren Gott verraten? Du sollst's am Galgen büßen.« Graf Roland hatte Guy befreien wollen: die Paladine konnten sich aber nicht halten gegen die Übermacht der Feinde, sie mußten zurückfliehen nach Agremore. Dort fanden sie die Brücke von Saracenen besetzt, die ihnen den Zugang wehrten. Der Markgraf rief hell: »Montjoie, Karl!« Das gab ein greulich Schlachten. Durendal sauste auf und nieder, Roland schonte nicht Mann noch Tier. An seiner Seite schwang Oliver Alteclär. Naimes und der grimme Dietrich rangen und kämpften wie wütende Bären, der starke Ogier schlug breite Hiebe: wen er mit Curtaine traf, dem stand das Herz still. Da durchbohrte Herrn Bernard von Montdidier ein Pfeil das Herz: »Montjoie,« rief er noch, vom Roß taumelnd. Roland und Oliver wurden wild vor Weh: sie schlugen zu wie Dämonen. Da flohen von dem Türkenvolk so viele noch heile Glieder am Leibe hatten und liefen schreiend ins Lager: »Das sind nicht menschengeborene Männer, Ungeheuer sind's, der Hölle entstiegen, uns zu quälen. Gott und Mohammed, errette uns vor ihnen.« Die Paladine hoben den toten Bernard auf und trugen ihn mit in die Burg, um ihn zu begraben. Als Roland vom Rosse sprang, trat Floripas auf ihn zu und fragte: »Wo ist Guy, mein Geliebter?« Er antwortete traurig: »Schöne Herrin, er ist dir verloren: gefangen.« Da schwanden ihr die Sinne, sie fiel nieder auf die Steine. Graf Roland hob sie empor, sie schlug die lichten 388 Augen auf und klagte: »Wehe, weh' mir! Ich kann nicht leben ohne Guy. Liefert den Turm aus, ihn zu lösen! Nein, tut es nicht, – – tut, was ihr wollt, aber rettet ihn: ich kann nicht leben ohne ihn. Gott schütze mich! Ich komme von Sinnen vor Schmerz!« Sanft redete Roland ihr zu: »Tröste dich, schöne Floripas, morgen bring' ich dir Guy zurück oder lasse mein Leben dabei.« Balan befahl am nächsten Morgen dem Emir Tamper, dicht vor der Burg einen Galgen zu bauen, an dem Guy sterben sollte. »Lege dich mit starker Schar in Hinterhalt, die Franken werden den Gefangenen befreien wollen, laß sie herauskommen, dann brich vor und überwältige sie.« Bald stand der Galgen aufgerichtet, Guy wurde, gebunden wie ein Dieb, hingeführt. Roland sah's vom Turmfenster herab: »Genossen, zu den Waffen!« rief er, »wir müssen Guy retten.« Naimes sprang auf und blickte hinab: »Bei Herr Karls Zorn, sie wollen ihn hängen. Vorwärts! Ihr Mädchen, behütet das Tor.« Schon saßen die Barone auf ihren Hengsten, Roland rief: »Wir sind zehn gegen ein Heer! Trefft gut und nun drauf.« Und ungestüm sprengten sie über die Brücke dem Galgen zu. Da brach Tamper hervor, Oliver spaltete ihm gleich den Schädel bis auf die Schultern. Roland durchspeerte einen indischen Königssohn auf edlem Hengst und warf ihn rücklings in den Sand. Dann riß er ihm das Schwert aus dem Gurt, faßte des Rosses Zügel und ritt damit unter den Galgen, die Wächter flohen vor ihm, rasch hieb er nun des Freundes Bande durch, half ihm in den Sattel, drückte ihm das Schwert in die Faust und sprach: »Halte dich zu mir.« Die führerlosen Türken 389 liefen bald vor den Paladinen in wilder Unordnung davon. Die Franken verfolgten sie nicht weit. Als sie zurückkehrten, sahen sie einen Zug von fünfzehn Maultieren, beladen mit Vorräten für des Sultans Küche, auf der Heerstraße ziehen. Balans Wesir, sein Bannerträger und wenige Bewaffnete geleiteten den Zug. »Sie sollen mit uns teilen,« dachte Roland und rief sie an: »He, laßt uns freundlich von eurem Reichtum ab, wir können hier nirgend etwas kaufen.« Der Wesir antwortete: »Ihr bekommt von uns nichts, es seien denn Hiebe.« »Dann nehmen wir uns, was wir brauchen,« rief Roland und schlug ihm gleich den harten Kopf ab. Graf Oliver stieß mit der Schwertspitze dem Bannerträger mitten ins Herz. Die andern Franken jagten die Troßknechte mit Hieb und Stoß davon und führten die Beute in den Burghof, wo Floripas ihrer harrte: ihr roter Mund dankte Roland, ihre lachenden Augen grüßten den Geliebten. Graf Richard jagte inzwischen, sein Roß unablässig spornend, über Weg und Wiese, Feld und Flur einem Hügel zu: als er die Höhe erreicht hatte, brach sein Hengst erschöpft unter ihm zusammen. Ratlos stand der Graf im Strahl der aufgehenden Sonne. Da erspähten ihn feindliche Wachen: sofort entsandte Balan Clairon, seinen Neffen, mit einem Zug. Weit voran allen ritt Clairon auf arabischem Hengst. Der war weiß auf der einen, rot auf der andern Seite, buntgefleckt war der hochgestellte Bug, lang und voll der Schweif, die wallende Mähne mit Goldbändern geziert. Aus breiten Nüstern blies er schnaubend, spitzte die kleinen Ohren und blickte aus klugen Augen. Mit seinen Fesseln 390 und starken Schenkeln sprang er dahin, wie Blitz oder Windstoß fahren, und lieblich klangen dazu goldene Glöcklein, die allerorten an dem reichen Zaumzeug hingen. »Beim Barte des Propheten, Franke, jetzt mußt du sterben,« rief Clairon, den schnaubenden Hengst dicht vor Richard zum Stehen zwingend. »Weshalb?« fragte der Normann. »Weshalb?« rief Clairon lachend, »weil's Balan und mir gefällt.« Und er warf den Rohrspeer auf Richard, der rasch den Schild vorschwang. Der Schild barst am Buckel, der Speer durchstach den Halsberg und ritzte den Franken an der Seite. Richard säumte nicht und schoß seinen Eschenspeer auf Clairons Helm, aber der wollte nicht bersten, da riß er sein Schwert heraus und schlug ihm einen zornigen Hieb unter die Nase: das halbe Haupt flog ab ins Gras, der Rumpf fiel zur Erde. Rasch griff Richard das herrliche Roß und schwang sich ihm auf den Rücken. Traurig blickte er seinen müden Hengst an, strich ihm liebkosend über den Nacken und sprach: »Du hast mich aus mancher Not gerettet, nun Gott befohlen, er führe dich in eines Christen Hand.« Dann jagte er auf dem Schecken davon. Als Clairons Saracenen auf dem Hügel anlangten, fanden sie seinen Leichnam und Richards Roß. Sie wollten es einfangen, aber es wehrte sich mit seinen Hufen, entkam ihnen und lief davon nach Agremore an den Turm. Die Paladine ließen es ein, hielten Richard für erschlagen und wurden gar traurig. Die Ungläubigen trugen den toten Clairon in Balans Zelt: der Sultan fiel klagend an der Bahre nieder. Im ganzen Lager schallte Jammerschreien, feierlich wurde der Tote begraben. Daran erkannten die Franken ihren Irrtum und dankten Gott. 391 Als Richard bei Montrible angekommen war, fand er die Brücke aufgezogen und gesperrt. Agolafer stand davor, drohte mit seiner Keule und blies in sein Horn. Da eilten aus den Brückenhäusern Speerträger herbei zur Verteidigung. Richard lenkte zur Seite an den Fluß: zwischen steilen Felsufern schoß tief unten das Wasser hin. Hüben hinabspringen, drüben hinaufklettern, – beides war unmöglich und dennoch rief Richard: »Ich will's versuchen. Waltender Himmelsherr, behüte mein Leben!« Da schwoll das Wasser an, und stieg, bis es die Felsufer erreicht hatte, und eine weiße Hinde sprang auf dicht vor Richard und in den Strom. Der spornte seinen Schecken und ließ ihn schwimmen, der Hinde folgend. Die führte ihn ungefährdet ans andre Ufer. Die Brückenwärter kamen nun über die Brücke gelaufen und verfolgten den Grafen, aber der feurige Hengst trug ihn, dem Sturmwind gleich, davon. Kaiser Karl saß in seinem Zelte voller Gram, der ihm Kraft und Mut gelähmt hatte. »Laß uns heimfahren,« riet Ganelon, »die zwölf Barone sind längst umgekommen und unser Volk ist entmutigt. Biete zu Paris oder Aachen den ganzen Heerbann auf gegen Balan und räche dann Roland und seine Leidensgefährten.« Eifrig stimmten dem Vorschlag Ganelons Verwandte zu: Macarius, Hardrat und Griffon von Hautefeuille. Rainer von Genua aber rief: »Feige seid ihr oder allzu lässig im Dienst eures Kaisers.« Ganelon zog sein Schwert gegen Rainer, seine Vettern taten's ihm nach, aber zürnend trat Karl dazwischen: »Frieden gebiet' ich euch! Dir, Ganelon, antwort' ich: besser ist's, das Leben lassen, als fliehen vor dem Feind.« 392 »Nicht fliehen sollst du, großer Kaiser,« entgegnete Ganelon, »nur jetzt der Übermacht weichen, um bald desto gewaltiger wiederzukommen.« Schon überlegte Herr Karl im weisen Sinn Ganelons Rat: er ließ die Heerhörner blasen zum Abbrechen des Lagers. Da schallten von der Lagergasse her eiliger Hufschlag und freudiges Rufen. Der Kaiser horchte auf: »Das ist gute Botschaft,« rief er, den Zeltvorhang zurückschlagend: da hielt vor ihm auf dem schnaubenden Schecken Graf Richard. »Bei Gottes Ruhm, Freund Richard,« sprach Karl, »was ist's mit Roland, was mit den andern?« »Sie leben im Turm zu Agremore,« antwortete Richard und gab Bescheid von allem, »und heil mir,« schloß er, »daß ich dein Antlitz wieder schaue! Nun wirst du Balan vernichten und deine Getreuen erretten.« Zürnend blickte Karl auf Ganelon und sprach: »Bei Saint Denis, Ganelon, schlecht hast du mich beraten! Auf, nun laßt die Hörner gellen: vorwärts nach Montrible. Haltet aus! Nur noch kurze Frist, ihr meine Getreuen, dann räche und befreie ich euch.« Das ganze Heer brach auf. Durch eine List wollten sie die Brücke gewinnen, ohne viel Blutvergießens. In einem Hügeleinschnitt nahe Montrible ließ Karl Halt machen. Die Scharen standen kampfbereit, vor den Feinden durch Baum und Strauchwerk verdeckt. Auf ein Hornzeichen Richards sollten sie hervorbrechen. Der wählte zwölf Degen aus, sie warfen Kappenmäntel, wie sie Kaufleute trugen, über ihre Rüstungen, hielten die Schwerter darunter verborgen und ritten mit einigen bepackten Saumtieren an die Brücke. Beim Anblick der Befestigung erschraken die Franken, aber Richard mahnte sie: »Tapfer wollen wir sein und nicht verzagt. Laßt mich reden, und 393 sind wir jenseits der Brücke, dann fort mit den Kappen und die Schwerter heraus.« Sie stiegen ab. Agolafer stand am nördlichen Brückentor, die Brücke dahinter war aufgezogen und mit Ketten befestigt, seine Keule hielt er auf der Schulter. Das Eisen daran war vier Fuß breit, am Stiel flatterte ein rotes Wimpel. »Was wollt ihr und wer seid ihr?« fragte er. Richard antwortete: »Wir sind Kaufleute und wollen zum Sultan reisen mit Zobelfellen und persischem Grauwerk. Nenne den Zoll, wir zahlen ihn gern.« Agolafer schüttelte seinen zottigen Kopf und sprach: »Das hilft euch nichts! Ich lasse meine Brücke nicht herunter: erst neulich haben mich zehn Franken betrogen, ich werde euch gefangen nehmen und zu Balan führen lassen.« Herr Riol, einer der Degen, rief: »Nieder mit dem Heiden,« riß sein Schwert heraus und schlug nach Agolafer; den schützte eine Brünne aus Schlangenhaut, und wild auflachend schwang er seine Axt gegen Riol, der rasch zur Seite sprang: das Hammereisen fuhr in den Brückenstein. Richard sprach zürnend: »Riol, du wirst uns verderben! Was nützt die Kraft, die sich nicht fügen lernte!« Er stieß ins Horn, das gab einen guten, schrillen Klang: Kaiser Karl hörte ihn und eilte herzu. Agolafer aber schrie: »Räuber seid ihr und verfluchte Franken,« und er hob wieder seine Keule. Richard sah eine Eisenstange liegen, er ergriff sie mit beiden Händen, schwang sie empor, und mit gewaltigem Schlag zerbrach er dem Riesen die Beine. Agolafer stürzte nieder, aufschreiend vor Schmerz: »Mohammed, nun hilf mir,« waren seine letzten Worte: denn rasch faßten ihn vier der stärksten Recken und warfen ihn in den Fluß. 394 Sein Schrei war bis in die Stadt gedrungen, und schon kamen einige Bewaffnete aus dem Tor herbeigelaufen. Graf Richard riß und zerrte an den Ketten, bis sie nachgaben und die Brücke sich senkte. »Montjoie,« rief er hell, »Genossen, nun haltet euch die dort vom Leibe, bis Karl kommt.« In der Mitte der Brücke stießen Franken und Saracenen zusammen. Fest standen die Barone und wichen keines Fußes Breite, da hörten sie hinter sich Karls Heerhörner schallen, und die erste Reiterschar sprengte auf die Brücke mit gesenkten Speeren: in geschlossenem Anprall drängten sie die Saracenen zurück bis Montrible. Fränkische Speerträger besetzten die gewonnene Brücke. Kaiser Karl ließ sogleich zum Sturm auf die Stadt blasen. Deren Mauern waren aus schwarzen Marmelsteinen geschichtet, mit dicken Eisenklammern zusammengehalten. Auf den Wällen standen die Saracenen: sie schossen mit Pfeilen, Rohrspeeren und Steinen auf die Belagerer. Gewaltig war das Kriegsgetöse. Die Riesin Amiote, des erschlagenen Agolafer Weib, trat unter das äußere Mauertor, eine große Sichel in der Hand, und mähte nieder, wen sie erreichen konnte: kein Krieger wagte sich bald mehr in ihre Nähe. »Wo ist nun der große Karl mit dem stolzen Antlitz?« rief sie, »ich will ihm das Haupt abschneiden!« »Hier bin ich!« antwortete der Kaiser und ritt an das Tor: »Häßliche Teufelin, willst du mir meine Männer sicheln wie Gras?« Er riß einem Bogenschützen die Waffe aus der Hand, zielte gut und schoß ihr einen Pfeil zwischen die Augenbrauen mitten durch ihr blödes Hirn. Tot stürzte sie vornüber auf die Erde. Karl spornte seinen Hengst, fünfzehn Barone ritten ihm zur Seite, mit gewaltigen Hieben erzwangen sie das 395 Tor und ritten ein. Doch rasch löste der Torwärter die Kette des Fallgitters, und dröhnend fiel es herunter: Karl und seine Gefolgen waren eingeschlossen zwischen den äußern und innern Mauerwällen. Graf Richard an des Kaisers Seite rief: »Verzage nicht! Gott verdamme den, der sich lebend greifen läßt: nun können wir dir unsern Mut erweisen.« Im wirren Gedränge verteidigten die Franken ihr Leben und ihren Kaiser. »Montjoie!« tönte Karls Stimme bis vor die Mauern hinaus. »Hautefeuille!« rief von draußen Ganelon zurück; er scharte seine Gesippen um sich und versuchte das Tor zu erstürmen. Ein Steinregen prasselte auf sie nieder: er mußte zurück, das Blut sickerte ihm aus mancher Wunde. Finster sprach er: »Wir sind Toren, hier länger unser Leben zu wagen: gefallen ist Karl, und gefallen sind alle, die mit ihm hineinritten. Laßt uns abziehen.« Da kam Ferabras hinzu und fragte: »Wo ist Karl?« Ganelon antwortete: »Hinter diesen Mauern eingeschlossen.« »Was zögert ihr dann? Seid ihr Verräter?« rief Ferabras, »zu mir, wer Herr Karl die Treue halten will, Montjoie, mir nach!« Da folgte ihm das Heervolk, Ganelon scharte die Edelinge wieder zusammen und schloß sich an. Ferabras schwang seine Axt und mit gewaltigen Schlägen erbrach er das Tor. Zu rechter Zeit: denn schwer rangen Karl und seine Gefolgen wider die Saracenen. Die Franken griffen nun von allen Seiten an, erstiegen die Wälle, erschlossen die Tore und schonten keines Saracenen. Karl hatte die Stadt bald gewonnen und reiche Beute an Kriegsgerät, Gold und Silberschätzen. Er ließ Graf Richard mit einem Heerhaufen in Montrible zurück, Stadt 396 und Brücke ihm zu hüten, während er weiter zog nach Agremore. Nur ein Saracene war aus der Stadt entkommen, er floh zum Sultan mit der Unglücksbotschaft: »Dein Brückenwart ist erschlagen, Karl hat Montrible genommen.« Balan war's, sein Herz müsse bersten vor Entsetzen, er sprach: »Allah, soll mein Unglück niemals enden! Mein eigner Sohn reitet an Karls Seite gegen mich. Auf, Wesir, versammle mein Kriegsvolk! Beim Barte des Propheten, die Franken sind im Unrecht, wir werden sie vernichten. Fangt mir Herrn Karl lebend, ich werde ihm die Haut abziehen lassen.« Karl zog heran. Vom Turme herab sah Herzog Naimes zuerst die Oriflamme flattern: »Nun kommt uns Hilfe!« rief er, »hei, wie Herr Karls Bannerträger reitet.« »Nun sind wir gerettet,« jubelten die Paladine. Am Abend trafen die anrückenden Franken im Tal von Agremore ein: sie verbrachten die Nacht auf freiem Feld, in Helmen und Brünnen, nicht einmal die Sporen banden sie ab. Am frühen Morgen stellte Balan seine Heerhaufen in Schlachtordnung auf. Er saß auf einem schwarzen Streithengst, seine Waffen waren mit Gold eingelegt, sein weißer Bart wallte über die Brünne nieder bis an den Gürtel, drohend blickten seine braunen Augen. Er ließ die Banner entrollen: rot, grün, gelb flatterten sie auf, fünfhundert Hörner ergellten von Türken, Parthern, Äthiopen, Arabern: ungläubiges und heidnisches Heervolk. Gefolgt von parthischen Bogenschützen auf raschen Rossen ritt Balan voran in die Schlacht. Da war des Hasses und Mutes genug auf beiden Seiten, und keiner wollte die Kraft sparen. Die Franken erschlugen so viele Feinde, 397 daß schier nicht Mann noch Roß über die Toten steigen konnte. Rainer von Genua traf Fortinbrace: der biternische Speer fuhr durch Schild und Brünne dem klugen Türken in den Leib. Der Speerschaft zerspaltete, Fortinbrace flog tot aufs Feld. Der stolze Genuese zog nun das Schwert und gebrauchte es tapfer: »Wer ihn erwartet, bezahlt's mit dem Leben!« schrien des Fortinbrace Türken und wichen zurück. Balan hatte seinen Speer verschossen, er riß sein Schwert heraus und mit dem Schrei: »Rache für Fortinbrace!« führte er die Weichenden wieder in den Kampf. Da traf er auf Ganelon und seine Gesippen: er schlug ihm auf den Helm, der war stark, das Schwert glitt ab und schnitt in des Rosses Nacken, daß es mit Ganelon stürzte. Der Sultan sprang ab, faßte den Grafen mit beiden Fäusten am Halsberg und wollte ihn gefangen nehmen. Aber die Gesippen umringten die zwei, zerrten Ganelon empor und zückten die Schwerter auf Balan, der sich kaum ihrer erwehren konnte. Seine Babylonier retteten ihn: sie warfen Feuer unter die Barone, die Parther schossen wohlgezielte Pfeile, Balan kam wieder auf seinen Hengst und drang mit wildem Grimm auf seine Feinde ein. Die Franken mußten zurück. Da machten die im Turm gefangenen Paladine einen Ausfall und ritten den Saracenen in den Rücken: nun brachen krachende Schilde, Helme barsten, Speere zerspellten. »Montjoie!« rief Roland, hielt Durendal in der starken Faust und trieb, manchmal hell dazu lachend, ein Häuflein nach dem andern vor sich her: bald ward das Weichen ein Fliehen. Als der Sultan Rolands Stimme schallen hörte, rief er: »Mohammed, wie hast du mich verlassen!« Er ließ die Fliehenden laufen, er blutete aus fünfzehn Wunden und ritt vorwärts in den Feind. Da kam Herr Karl 398 heran auf einem lilienweißen Roß, sein langer Eisenspeer traf Balan mitten auf den Schild von Krokodilhaut, der barst in zwei Stücke, der Sultan stürzte aus dem Sattel. Rasch sprang er auf und stieß sein zweischneidiges Schwert dem lilienweißen Hengst in die Brust. Der Kaiser sprang ab, ehe noch das Tier zur Erde fiel, hielt den Schild vor und schwang Joyeuse auf Balans Helm. Steine und Federzimier flogen weg, aber der gute Helm von Tudela barst nicht. »Admiral,« rief Karl und senkte sein Schwert, »entsage Mohammed, und ich lasse dir Leben und Reich um deiner Tapferkeit willen.« Als Antwort versetzte ihm Balan einen Streich: aber das Schwert glitt an Karls Helm ab, und, einen Sporn vom Fuße schneidend, fuhr es tief in die Erde und brach an der Helze ab. Rasch zog der Admiral einen Dolch aus dem seidenen Wehrgehänge und wollte Karl erstechen. Aber da packten ihn von rückwärts Rolands und Olivers kräftige Fäuste und banden ihn. Ferabras war dazugekommen, ihn schmerzten die Fesseln an seines Vaters Händen, sanft sprach er: »Teurer Vater, willfahre Herrn Karl.« Balan blickte ihn finster an und rief: »Verräter an deinem Gott und deinem Volk! Mir aus den Augen.« Traurig ging Ferabras zur Seite. Sobald die Ungläubigen ihren Sultan gefangen sahen, hielten auch die Treuesten nicht mehr stand: sie flohen, verfolgt von den Franken, bis in die ferne Küstenstadt Belmarine. Stadt und Burg von Agremore besetzten die Franken. Karl ritt ein, Balan neben sich führend. Floripas kam und grüßte ihren Vater, der aber blickte sie zornig an und sprach. »Pfui über dich, Mohammed verdamme dich.« Da neigte Floripas sich vor dem Kaiser und reichte ihm den aus 399 Rom geraubten Reliquienschrein. Karl küßte das Weihtum und übergab es seinen Kaplänen. Dann dankte er der schönen Saracenin für die Errettung seiner Paladine. Vor der Burg stand ein weites, tiefes Marmorbecken, dahinein pflegten die Heiden den Wein zu schütten bei Festgelagen. Am nächsten Morgen befahl Karl Erzbischof Turpin, in dem Becken das heilige Wasser zu bereiten, und sprach zu Balan: »Noch einmal frag' ich dich, Admiral, willst du Christ werden? Nicht um Fußesbreite nehm' ich dir dann von deinem Reiche.« Balan antwortete: »Allah, dich bet' ich an, kein Gott ist außer dir, Mohammed ist dein Gesandter! Und nicht der Tod, Franke, soll mich Allah untreu machen.« Zornig faßte Karl Joyeuse, ihm das Haupt abzuschlagen, aber Ferabras fiel dem Kaiser in den Arm und bat: »Gnade! Milder Karl, töte mir nicht den Vater, habe Geduld mit ihm.« Der Kaiser stieß das Schwert zurück in die Scheide und schritt hinweg. Ferabras ließ nicht ab mit Bitten, bis Balan es schweigend – ohne ja oder nein – geschehen ließ, daß er ihn an das Becken führte. Karl mit seinen Paladinen sollten Zeugen sein. Freudig segnete Turpin das Quellwasser und fragte: »Entsagst du, Balan, dem Teufel und bekennest den dreieinigen Gott?« Da faßte den Admiral unüberwindlich Zorn und Haß, er spie in das Taufwasser, packte den Erzbischof und wollte ihn hineinwerfen. Ogier befreite Turpin und hielt Balan umklammert, der verfluchte Karl und die ganze Christenheit und schrie: »Und Fluch euch Floripas und Ferabras, ihr habt alles Unglück über mich gebracht. Mohammed möge euch ewige Verdammnis bereiten.« Da rief Kaiser Karl: »Ich habe genug von seinen 400 Flüchen und Freveln, Herzog Naimes, schlag' ihm das Haupt ab.« Ferabras sprach voll Schmerz: »Karls Recht mag ich nicht schelten;« er verhüllte sein Haupt und weinte. Herzog Naimes führte Balan hinweg und tat, wie Karl befohlen. Nun trat Herr Guy, Floripas an der Hand führend, vor den Kaiser und begehrte sie zum Weibe. Da taufte sie der Erzbischof mit all ihren Mägdlein, legte ihre Hand in die Herrn Guys und vermählte sie miteinander. Die Hochzeit wurde acht Tage gefeiert. Das gewonnene Land teilte Karl in zwei Teile und setzte Guy und Ferabras als Grafen ein. »Lebt wohl,« sprach er beim Scheiden, »haltet zusammen wie treue Brüder und helft einander in der Not.« Mit reicher Beute zog er nach Francien zurück, legte in Saint Denis die Reliquien nieder und fuhr heim nach Aachen in seine Pfalz, Pfingsten zu feiern. 9. Der Hund des Alberich. Es war um die Herbstzeit in Paris, da ging Macarius, des Kaisers treuloser Marschalk, in den Baumgarten, wo die Kaiserin saß, schön, züchtig und bescheiden. Ihre Augen waren blau wie der Sommerhimmel, ihr Blondhaar floß gleich einem Mantel über ihre hohe Gestalt nieder. Mit den weißen, schmalen Fingern schlang sie bunte Fäden in den Saum eines kleinen Hemdchens. Macarius war in Liebe zu ihr entbrannt und begehrte ihre Gegenliebe. Zürnend wies die Kaiserin ihn fort, sie 401 sprach: »Schweig und geh, Verräter, ehe ich dich bei Herrn Karl verklage.« »Dann verlör' ich Ehr' und Leben,« dachte Macarius, »warte, stolze Herrin, der Verräter wird sich rächen.« Nun hatte der Kaiser die Gepflogenheit, daß er oft früh am Morgen aufstand und in den Wald ritt zu jagen, indessen seine Gemahlin noch schlafend lag. So tat er auch am Tage danach, als Macarius die Kaiserin im Baumgarten beleidigt hatte. Während Karl durch das Tor seiner Pfalz ritt, schritt Macarius dem kaiserlichen Schlafgemache zu. Dem Marschalk durfte kein Türwart den Eintritt verweigern: so sehr vertraute Karl dem Falschen. Macarius fand im Saal vor dem Gemach den er suchte, den häßlichen Zwerg des Kaisers, in tiefem Schlafe. Sanft hob er den Buckligen aus seine Arme, daß der Kleine nicht erwache, und trug ihn in das leere Bett des Kaisers an die Seite der Kaiserin, die da friedlich schlafend lag und nichts davon merkte. Macarius schlich hinaus, niemand hatte sein Tun beobachtet, er warf sich auf ein Roß und ritt dem Kaiser nach. Sobald er ihn erblickte, rief er: »Laß Birsch und Beize, Karl, kehr' um, deine Kaiserin hat dich betrogen.« »Was bedeutet das?« fragte Karl, und winkte hastig den Jägern und ritt zurück. Er fand die Kaiserin noch schlafend und so den Zwerg an ihrer Seite. Zornig riß er ihn von den Decken empor und schleuderte ihn an die Wand: da starb der Kleine und war doch schuldlos. Die Kaiserin erwachte von dem Lärm und fragte: »Herr, was schafft dir solchen Zorn?« »Du fragst und weißt es doch recht gut,« antwortete Karl. »Weib, um des häßlichen Zwerges Liebe hast du mich betrogen.« 402 »Dessen bin ich nicht schuldig,« antwortete sie schlicht. »Widerrede mir nicht; denn ich habe dich falsch befunden, du mußt den Feuertod sterben.« Da kam Herzog Naimes gegangen, er hörte des Kaisers Urteil und sprach: »Herr Karl, meine Herrin ist unschuldig, nur durch Verrat kann der elende Zwerg an ihre Seite gekommen sein.« Aber finster antwortete Karl: »Noch heute laß ich den Holzstoß schichten.« Naimes sprach: »Das sollst du nicht! Gedenke, daß die Kaiserin dir bald ein Kindlein gebären wird! Gönne ihr Frist bis dahin: dann mag sich's auch finden, wer sie und dich betrogen hat.« Karl blickte auf sein Gemahl und seufzte: »Ich liebte dich sehr! – Nun ist's vorbei: wohl, ich schenke dir dein Leben, doch verlaß mein Reich! Geh', Herzog, rufe meinen Kämmerling Alberich von Montdidier in den Saal.« Karl schritt hinaus, der Gerufene wartete schon seiner. Karl sprach: »Alberich, du bist aus dem Geschlechte Morants, ihr seid all' von treuem Blute. Nimm mein verstoßenes Weib in deine Hut und geleite sie nach Rom, dort mag sie ihr Leben in Buße vollenden; das Kindlein aber, das sie gebären wird, bringe mir: ich will dir den Dienst lohnen.« Als Alberich hinauseilte, zu der traurigen Reise zu rüsten, folgte ihm Naimes und sprach: »Du bist ein ehrlicher Mann, darum gelobe mir, daß du der Kaiserin kein Leid antun wirst: sie ist schuldlos.« Alberich antwortete: »Herzog, das will ich Euch gern geloben, aber auch ohne diesen Eid würde ich mein Leben für sie hingeben; denn ich glaube an ihre Reine und Treue.« 403 Er hob die Kaiserin auf einen Zelter, faßte die Zügel und führte sie aus der Pfalz: Karl stand auf seinem Söller, blickte ihr nach und weinte. Alberich schritt dahin, ungerüstet, nur ein kurzes Schwert an der Seite, ihm folgte sein treuer Hatzhund. Alberich mied die menschenreichen Straßen und lenkte über die Seinebrücke in den Wald vor Paris. Hier ruhten sie unter einem schattigen Baum: er hob die Herrin aus dem Sattel und eilte an eine nahe Quelle, ihr Wasser zu holen. Da schallten eilige Hufschläge durch den Wald, ein Kämpe in Eisen gekleidet sprengte heran. Macarius war's und rief: »Alberich, überlasse mir das verstoßene Weib, und geh' deiner Wege, wenn dir dein Leben lieb ist.« »Marschalk, Ihr seid ein Schuft,« antwortete Alberich, »ich schütze Leben und Ehre meiner Kaiserin.« Er sprang zurück und zog sein kurzes Schwert. Doch der Kampf war ungleich: wehrloser Mann zu Fuß, gegen Speerstoß, Schwerthieb, Harnisch, Schild und Rosseshufe. Er wandte das Haupt nach dem schattigen Baum und rief: »Rettet Euch, Herrin, ich kann nur für Euch sterben.« Er wehrte sich lange und geschickt, das Blut floß von ihm nieder: da stieß Macarius mit dem zweischneidigen Schwert ihm mitten ins Herz: tot sank er ins Moos. Der Marschalk saß ab und verscharrte den Ermordeten unter Laub und Gras, dann sah er sich nach der Kaiserin um: sie war verschwunden, der Hund sprang heulend in den Wald, aber auch der Zelter war verschwunden. Macarius folgte den Hufspuren, er dachte die Gesuchte so bald zu finden: doch der Zelter leitete ihn irre; denn die Kaiserin war zu Fuß in das Walddickicht geflohen und hielt sich verborgen. Fluchend kehrte der Marschalk am Abend heim. 404 Der Hatzhund war aber bald zurückgelaufen und hatte nach seinem Herrn gesucht: er fand die Stelle, wo er versteckt lag, und scharrte ihn mit den Pfoten wieder aus. Er leckte ihm liebkosend die Hände, stieß sanft mit der Schnauze an seine Wange, und da sein Herr die Augen nicht aufschlug, starr, mit Blut beschmutzt, dalag, streckte er sich winselnd neben den Leichnam nieder. So lag er drei Tage und Nächte, am vierten Tage trieb ihn der Hunger auf. Er lief den Weg zurück nach Paris, in die Pfalz und geradewegs in des Kaisers Saal. Der saß eben zu Tische mit geistlichen und weltlichen Herren. Der Marschalk schritt durch den Saal, als der Hund hereinsprang: der fiel ihn von hinten an und biß ihn in die Wade. Wütend schlug Macarius mit seinem goldenen Stabe nach dem Hund, der aber sprang auf den Tisch, packte mit den Zähnen ein Brot, rannte hinaus und wieder in den Wald zu dem toten Alberich. Am nächsten Tage kam er wieder, kroch unbemerkt unter eine Bank und als Macarius zum Essen niedersaß, biß er ihn unter dem Tische so grimmig in die Beine, daß das Blut niederrann. Der Marschalk fuhr schreiend auf, der Hund packte wieder ein Brot und wollte hinaus, doch die Tür war verschlossen und Macarius rief: »Das Vieh ist toll, erschlagt es!« Karl gab den Dienern einen Wink, der Hund aber lief zu Naimes und legte Pfote und Kopf in des Herzogs Schoß. Der ergriff ihn am Halsband, streckte abwehrend die Hand gegen die Diener aus und sprach: »Herr Kaiser, das ist Alberichs Hatzhund, er nahm ihn mit auf seine Fahrt: gebt dem Tiere Frieden: der Hund zeugt für seinen Herrn gegen den Marschalk: Macarius, ich klage dich an: du hast Alberich ermordet!« »Alter Graukopf, wäge deine Worte besser,« schalt der 405 Angeklagte, »ein bissiges Vieh kann deine Lügen nicht beweisen. Was schwatzest du von Alberichs Tod? Traun, der zieht längst in Burgund auf der Heerstraße dahin.« Naimes sah ihn mit kaltem Blick an und sprach: »Herr Kaiser, laßt dem Hunde das Tor öffnen, uns aber ihm folgen.« Da sprangen des Macarius Gesippen drohend von den Bänken auf: Herr Ganelon, Galeran und Hardrat, aber Karl gebot: »Macarius, gib mir dein Schwert, du bist gefangen, bis ich hier das Recht gefunden.« Er winkte vier Palastwächtern, die nahmen den Marschalk in Gewahrsam. Herzog Naimes, Roland, Oliver, Wilhelm von Orange und Richard, begleitet von einigen Speerträgern, schritten hinter dem Hunde her; der führte sie in den Wald an die Leiche seines Herrn: alle sahen, daß da Mord begangen war. Sie flochten eine Bahre aus Laubzweigen, hoben den Toten darauf, Herzog Naimes spreitete seinen blauen Mantel über ihn, und sie trugen ihn nach Paris in die Pfalz. Im Hofe setzten sie die Bahre nieder, der Hund legte sich daneben. Kaiser Karl schritt aus seinem Saal herzu: er schlug den Mantel zurück und schaute den mit Blut bedeckten Toten: »Wehe, du vielgetreuer Alberich,« rief er, »wehe! Und was ward aus ihr, die du schützen wolltest?« Freunde und Gegner des Macarius kamen herbeigelaufen, da sprach der Kaiser: »Paladine, der Mord ist erwiesen, nun findet den Mörder.« Herzog Naimes faßte den Hund am Halsband, führte ihn vor Karl und antwortete: »Alberichs Hund klagt Macarius des Mordes an: ein Gottesurteil mag entscheiden. Der Marschalk leugnet die Tat, so muß er seine Unschuld im Kampfe gegen den Hund erweisen.« 406 »Der Marschalk kämpfe mit dem Hunde!« riefen die Paladine drohend Ganelon und seinen Gesippen zu. Kaiser Karl sprach: »Sage mir, Naimes; der du so weise bist, wie soll Mann gegen Hund kämpfen?« »Dem Manne gebe man einen Stab, armesdick und ellenlang, dem Hunde seine Zähne zur Wehr. Weiß jemand besseren Rat, so sag' er ihn.« Alle schwiegen und Karl gebot: »Morgen früh soll Gottesurteil geschehen. Herzog, hüte den Hund; Barone, hebt den Toten auf und begrabt ihn: du, Ganelon, bringe Macarius das Urteil.« Ganelon hatte Macarius getröstet: die jungen Vettern sollten bewaffnet in der Nähe halten und in äußerster Gefahr ihm beispringen. Vor den Toren der Stadt war der Kampfplatz abgesteckt und mit Speerträgern umstellt, die das herzudrängende Volk abwehrten. Herzog Naimes stand schon im Kreis, den Hund am Bande haltend, Macarius auf der andern Seite, von Schwertmännern bewacht. Da kam Kaiser Karl mit seinen Paladinen geschritten, Zeuge des Ausgangs zu sein. Er sprach: »Ich gebiete Frieden: niemand rede ein Wort, oder mische sich in den Kampf: wer's wagt, bei meinem Bart, stirbt am Galgen!« Da war keiner so keck, daß er Macarius helfen wollte. Erzbischof Turpin schritt eilig auf den Angeklagten zu, er trug eine Reliquie des heiligen Eustachius in Händen, hielt sie Macarius hin und sprach: »Küsse dieses Weihtum, daß Gott dich schütze, so du im Recht bist.« Finster antwortete der Marschalk: »Laß mich, Bischof, ich brauche weder Gott noch seine Heiligen gegen einen 407 Hund.« Das Volk murrte, Turpin trat aus dem Kreis und der Kaiser gab das Zeichen. Herzog Naimes sprach: »Nun bittet alle Gott, daß er dem Recht den Sieg verleihe.« Darauf ließ er den Hund los. Der sprang zähnefletschend gegen Macarius, der Marschalk schlug ihn zu Boden unter grimmen Schlägen, aber plötzlich sprang der Hund mit einem Satze ihm an die Gurgel, biß sich fest und riß den Marschalk nieder, ein Blutstrom färbte den gelben Sand rot, der Hund aber ließ nicht los, wie sehr Macarius ihn auch schlug; da warf er den Knüttel fort, reckte die Hände zum Himmel und rief: »Errettet mich, ich bin schuldig.« Karl winkte, Herzog Naimes sprang hin, packte den zerschlagenen Hund und zog ihn weg von dem Mörder. Dann trat der Kaiser in den Kreis und sprach: »Macarius, bekenne mir deine ganze Schuld.« Da beichtete der Marschalk, wie er den Verrat an der Kaiserin und danach den Mord an Alberich begangen. Karl aber klagte: »Wehe, welch' Herzleid hab' ich mir bereitet, da ich meiner reinen Frau solch ungerechtes Urteil sprach! Macarius, ich kann dir nicht verzeihen, du hast dein Leben verwirkt. Fort mit ihm aufs Rad.« Die Henkersknechte führten ihn hinweg, Rücken und Gebeine wurden ihm rasch zerstoßen: so starb er, sein Leichnam ward aufs Rad geflochten, wilden Vögeln zum Fraß. Der treue Hund kroch auf Alberichs Grab, streckte sich und starb. Karl ließ ihn neben seinem Herrn einscharren. In alle Lande aber entsandte er Boten, nach der Kaiserin zu forschen. 408 Als die Kaiserin sich vor Macarius ins Walddicht geflüchtet hatte, blieb sie die Nacht über in ihrem Versteck. Am Morgen wanderte sie weiter, immer tiefer in den Forst: mit Moosbeeren und Wildwurzeln stillte sie ihren Hunger. So kam sie an eine Hütte, in welcher Waroch, ein Köhler, einsam hauste. Haar und Bart hingen ihm struppig ums rauhe Antlitz, die lichten Augen schauten aber gar ehrlich in die Welt. Die Kaiserin bat ihn um Aufnahme. Waroch schaute sie staunend an, sah ihre blauen Augen, ihr langes Blondhaar und sprach: »Ihr seht aus wie Herr Karls Frau. die ich einmal zu Paris sah.« Sie antwortete: »Die bin ich auch, nun aber elender als die ärmste Bettlerin in des Kaisers Reich.« Und sie erzählte ihm alles. »Herrin,« sprach Waroch, »wollt Ihr bei mir bleiben in meiner armen Hütte, ohne Magd, bei karger Speise, so werd' ich Euch beherbergen, Euch dienen und schützen, so lang ich atme und Euer Geheimnis bewahren.« Da blieb sie dort. Sie gab ihm zwölf Goldgulden, all' ihre Habe, und hieß ihn, dafür in Paris Speisevorräte und bunte Seide kaufen; denn sie wollte nicht müßig leben. Waroch brachte ihr alles. Und die Kaiserin saß, wie einst Bertha Gänsefuß, im Walde und wirkte bunte Borten, die dann der Köhler einer Krämerin in Paris umtauschte gegen allerlei, dessen sie in der Einöde bedurften. Und bald gebar die Kaiserin ein schönes Knäblein; das gedieh. Um die Zeit, als es in lichten Locken lustig ihr ums Knie sprang und sie mit blauen Augen – wie die Herr Karls – anblickte, um Pfingsten war's, ging Waroch zum zweiten Mal mit dem Gewirk seiner Herrin nach Paris. Die Krämerin betrachtete nun argwöhnend 409 die feine Arbeit in des schmutzigen Köhlers Händen und bat ihn, ein wenig zu warten. Eilend lief sie in die Pfalz und gerade vor den Kaiser, zeigte ihm die Borten und rief: »Herr, ein einfältiger Köhler brachte mir das: sah man je Köhlerweiber solches wirken? Kommt selber und befragt ihn, ob er nicht etwa von unsrer verlorenen Herrin zu melden weiß?« Karl erkannte an dem Gewirk seines Weibes Arbeit, vor Freuden küßte er die Krämerin und von Naimes begleitet ging er an ihren Laden. Da stand Waroch und schaute sich den Kram an. Karl hielt die Borten in der Hand und sprach zu ihm: »Gesell, woher hast du dieses kostbare Zeug gebracht?« Waroch antwortete in seiner einfältigen Art: »Aus England, Herr.« »Das ist meines Weibes Arbeit, wo weilt sie? Sagst du mir nicht die Wahrheit, mußt du sterben. Ich bin Kaiser Karl.« Waroch traten Tränen in die Augen, Kummer und Angst bedrängten ihn, endlich antwortete er: »Herr Kaiser, schwört mir zuvor, daß Ihr meiner Herrin kein Leid antun wollt, sonst laßt mich nur gleich sterben.« Karl sprach: »Das gelob' ich bei Saint Denis.« Naimes rief: »Und mich, des Kaisers Herzog, nimm noch dazu als Bürgen.« »Dann folgt mir nur,« sagte Waroch, »sie lebt bei mir im Wald: sie geht in grauen Gewanden und betet täglich für ihn, den ihr Gott zum Eheherrn gegeben hat. Eines schönen Knäbleins ist sie genesen, das hab ich gepflegt, so gut es ein Köhler vermag.« Kaiser Karl ließ gleich in Pfalz und Stadt verkünden, daß die Kaiserin wiedergefunden sei, und zog in stolzem Geleite mit Waroch in den Wald. Der aber bat den 410 Kaiser, er solle allein, voraus den Hofherren ihm folgen, damit nicht die Kaiserin erschrecken und wieder entfliehen möchte. In der Nähe der Hütte wies Waroch ihm den Weg und blieb zurück bei dem Gefolge. Als Karl die Hütte erblickte, saß die Kaiserin im Sonnenschein davor; das Knäblein sah den Kaiser zuerst und rief: »Mutter, was will der stolze Mann?« Die Kaiserin erschrak, ohne umzublicken faßte sie den Knaben und wollte aufspringen, aber Karl stand schon vor ihr. Er beugte das Knie und sprach mit harmvoller Stimme: »Du vielreines Weib, ich habe dir Unrecht getan, kannst du verzeihen?« Und er netzte ihre Füße mit Tränen. Die Kaiserin beugte sich nieder, umarmte ihn und küßte ihn auf den Mund. »Selig preis ich diese Stunde, da ich dich wiedergefunden habe,« rief Karl. Er saß neben ihr, umschlang sie mit den Armen und küßte ihr Augen, Wangen und Mund, und setzte das Knäblein auf seine Kniee und herzte es wieder und wieder. Da kam das Hofgeleite geritten. Unter Jubelruf wurde die Kaiserin auf den weißen Zelter gehoben, das Knäblein nahm sie in ihren Schoß, Karl hing ihr den hermelingesäumten Mantel um die Schultern, Waroch mußte die Zügel fassen. Der Kaiser ritt ihr zur rechten, Herzog Naimes zur linken Seite. Vor den Toren von Paris und in den Straßen lief das Volk zu Hauf und rief huldigend der Kaiserin zu. Und Karl setzte einen Hoftag an zu ihren Ehren: da wurde der Knabe Ludwig getauft; Waroch hielt ihn über das geweihte Wasser; und reich wurde da des Köhlers Treue gelohnt: denn der Kaiser erhob ihn in den Herrenstand und gab ihm Burg und Stadt zu Lehen. 411 10. Kaiser Karls Kriegsfahrt nach Spanien. Von noch gar vielen Schlachten und Siegen Kaiser Karls und seiner Paladine singen alte Lieder: Avaren, Bayern, Langobarden, Beneventaner, Burgunden, Aquitanier, Vasconen, Normannen, Bretonen, Dänen, Sachsen, Friesen – sie alle hatten des Kaisers Schwert gefühlt und nannten ihn ihren Herrn. Brach auch bald hier, bald dort ein trotziger Vasall, ein starkes Volk Frieden und Recht: flugs war Karl da und zwang zur Unterwerfung; oder er entsandte einen seiner Paladine, der nimmermüden, der stets zu Schwert und Botendienst Bereiten. Nun hatte Karl Frieden gehabt in seinem weiten Reiche: fünf, fast sechs Jahre – geht die Sage – da, in Friesland weilte er gerade, da erschien dem Kaiser im Traum der Erzengel Gabriel und sprach: »Steh auf, großer Karl, rüste dein Heer und ziehe nach Spanien. Nicht mehr beten fromme Franken an Sankt Jakobs Grab: und schon streckt der Saracene seine Hand über die Pyrenäen und nimmt Stadt und Land der Christen. Auf nach Spanien!« Sofort zog Karl nach Aachen, versammelte die Paladine, erzählte seinen Traum und sprach: »Nun laßt mich euren Rat vernehmen.« »Heerfahrt!« scholl's freudig aus vieler Mund, aber Ganelon sprach: »Halte Frieden, großer Karl! Laß dir's genug sein der Eroberungen.« Und manche nickten beifällig zu seinen Worten. Da fuhr Roland auf: »Wie lange wollt ihr denn ruhn? Schon rosten unsre Waffen! Schon allzulange ertrugst du, Kaiser, Marsils, des Saracenen, Keckheit. 412 Bordeaux ist in der Ungläubigen Macht, Arles, Narbonne, Nobles ( Grénoble ) und wohl noch mehr der Städte haben sie genommen. Stets kämpfen wider sie deine Vasallen in Aquitanien: Herr Haimerich mit seinen Söhnen Arnold, Bernard und Wibelin, der Herzog Sansun und Wilhelm von Orange.« »Zum Kampf wider die Ungläubigen!« rief mit mächtiger Stimme Herzog Naimes im grauen Bart. »Auf, Kaiser Karl! Ein Markgraf ist Held Roland, ein Königreich müssen wir ihm erobern! Auf, nach Spanien!« »Auf nach Spanien!« sprach da Karl sich erhebend, und seine Stimme hallte wie Donner durch die Pfalz, seine blauen Augen leuchteten wie Blitze. Zwei Jahre rüstete der Kaiser, dann brach er auf mit gewaltigem Heer. Als er an die Gironde kam, fand er nicht Brücke noch Schiff; da kniete Karl nieder, betete zu Gott und wieder sprang eine weiße Hinde auf, durchschritt den Strom und zeigte so dem Heer die Furt. Bordeaux hatten die Saracenen genommen, Salatrap befehligte darin. Einst am frühen Morgen ritt Roland am Meeresstrand nahe der Stadt und traf mit Salatrap zusammen. Der Saracene saß auf andalusischem Hengst in Wehr und Waffen und Roland erschlug ihn im ritterlichen Kampfe. Dann legte er des Toten Kursit an, den ärmellosen, geschlitzten, mit Wappenbild verzierten, über der Brünne getragenen Seidenrock, steckte Salatraps Helmzier auf seinen Helm, nahm dessen Lederschild und ritt nach Bordeaux. »Sei willkommen, Herr,« grüßte ihn der Torwart; denn er hielt ihn für Salatrap und ließ ihn ein. Da erkundschaftete Roland, wie die Stadt am besten zu 413 gewinnen war. Als er aber eine Schar Saracenen zum Tor hinausziehen sah, ritt er ihnen nach. »Bist du Salatrap, mein Herr?« fragte nun der Torwart, aufmerksam das Roß betrachtend. Roland gab Veillantif den Sporn, der Hengst sprang durch die Pforte, der Reiter wandte sich und rief: »Ich bin Roland, Kaiser Karls Markgraf, Montjoie!« Und schon hatte er die Saracenen vor sich eingeholt. Ein König aus Nubien rannte mit ihm zusammen und zerbrach ihm den Schild; aber Roland zog Durendal und mit einem Hieb spaltete er dem Nubier Helm und Haupt. Zwanzig Ungläubige drangen zugleich auf ihn ein mit Speeren, Pfeilschüssen und Schwerthieben, und ihr Geschrei und Allahruf lockte neue Haufen aus der Stadt. Da ließ Roland Veillantif rennen, was er konnte, zurück zu seiner Heerschar. Am nächsten Morgen aber hielt er mit seinen Reitern vor Bordeaux. Mit dem ersten Speerwurf traf er den Torwart auf der Zinne: die Eisenspitze fuhr dem Mann durch die Brust und spießte ihn an die Mauer. Mit Grauen flohen seine Genossen von der Zinne, Roland erbrach das Tor, drang in die Stadt und jagte die führerlosen Saracenen hinaus. Wer sich Herrn Karl ergab, der blieb verschont, und der stolze Markgraf steckte Karls Banner auf Salatraps höchste Palastzinne. Als Kaiser Karl bei Perigord Lager schlug, fand er neben einer Quelle einen Mann der Landschaft: er fragte ihn: »Freund, hast du Wein? und willst du mir davon geben?« »Herr, ich habe keinen Wein, aber gutes Wasser,« antwortete der Mann, ging an den Brunnen, schöpfte seinen Becher voll und bot ihn dem Kaiser. Der nahm 414 ihn und trank; denn ihn dürstete sehr, dann reichte er den Becher zurück und sagte mit frommem Schaudern: »Freund, das ist der beste Wein, den ich je getrunken habe.« Der Mann schritt schweigend hinweg, Karl aber in sein Zelt. Er steckte seinen Speerschaft in die Rasenerde, und als er sich am nächsten Morgen erhob, fand er den Eschenschaft grünend und blühend. Dem Himmelsherrn dankend, betrachtete er das verheißungsvolle Siegeszeichen. Später ließ er dort eine Kirche erbauen. In Carcassonne hielt Anchises des Kalifen Banner hoch. Karl lag vor der Stadt und ließ die festen Wälle vergebens berennen: Anchises stand auf der Mauerzinne und höhnte sein. Der Kaiser lenkte Tencendur herum: er wollte zum Abzug blasen lassen. Da bewegte sich einer der vorspringenden Mauertürme vorwärts gegen Karl und verneigte sich vor ihm; von einem zweiten stürzte die Bedachung herab und fiel dicht vor Karls Hengst zur Erde, als wolle er den Hut abnehmen vor seinem Herrn. Daran erkannte Karl, daß Gott ihm Sieg verheiße. Von neuem berannten seine Sturmböcke die Stadt: wenige Tage danach öffnete Anchises die Tore, von Hunger gezwungen, und überreichte demütigen Blickes dem großen Kaiser die Schlüssel von Carcassonne. Karl lag mit Kriegsscharen vor Montmeillant; ein dichter Wald trennte der Franken Heer von dem der Ungläubigen. Allerlei jagdbar Getier, vornehmlich Wildeber, hausten in dem Forst und Kaiser Karl ritt aus, sie zu jagen. Lange verfolgte er in wildem Ritt einen Eber, längst hatte er sein Geleite verloren, – da, endlich kam 415 er dem Wild nahe: er schoß den Jagdspeer und verendend sank der Eber um. Vergnügt stieg der Kaiser ab, blies sein Hiefhorn und harrte seiner Jäger. Statt ihrer kam Flambador, der Saracene, mit vielen Reisigen. Sie umringten Karl und nahmen ihn gefangen. Er gab sich für Karls Falkner aus. Flambador führte ihn seinem Vater Marc von Montmeillant zu. Der erstaunte über des Gefangenen Größe und Schönheit, berief Anselm, einen landverwiesenen Franken, den er angenommen hatte, und sandte ihn ins Gefängnis, ob er den Gefangenen kenne. Anselm erschrak, da er Karl erblickte, und ward gar traurig. »Blicke heiter und sage, ich sei des Kaisers Falkner,« sprach Karl zu ihm in fränkischer Zunge. Und Anselm sprach zu Marc: »Der ist ein wackrer Edeling, des Kaisers Falkner.« Da kümmerte der Saracene sich nicht weiter um den Gefangenen; Anselm aber ritt in der Nacht ins fränkische Lager und verkündete alles Naimes und den Tischgenossen Karls. Sofort machten sie sich auf, Naimes, Roland, Oliver allen voran, schlichen auf einem Wildpfad durch den Wald nach Montmeillant und gelangten in Saracenenmänteln in die Stadt. Da zogen sie ihre Schwerter hervor, drangen in die Burg, brachen Herrn Karls Gefängnis auf und trieben alle Ungläubigen aus Montmeillant. Marc und Flambador fielen im Kampf. Narbonne beherrschte der Emir Borel: er zog vor die Stadt gegen Karl zu Felde. Tapfer focht da Herr Haimerich, Garins Enkel, mit seinen Söhnen Arnold von Girone, Bernard von Brabant. Wibelin, der dritte, erschlug Borels kühnen Sohn, und nach wenigen Tagen erstiegen die Franken die Wälle, erbrachen die Tore: 416 Borel fiel, und Kaiser Karl belehnte Haimerich mit der Stadt: seitdem hieß er Haimerich von Narbonne. Arles widerstand lange Zeit Karls Angriffen; die Arleser verlachten die Franken und lebten vergnügt hinter ihren Mauern: denn durch einen unterirdischen Gang erhielten sie täglich Zufuhr an Wein, Brot und allem, was ihr Lebensbedarf war. Karl entdeckte diesen Gang und ließ ihn geschickt verschütten und zerstören. Da zwang die Not die Arleser zum Kampf. Sie zogen vor die Tore ins offene Feld und stritten mit Todesmut und fielen alle in einer Schlacht. Bei Najera trabte der Riese Ferragut vor der Christen Lagerzelten einher und rief überlaut: »Wo ist der große Karl? Wo sind seine mutigen Recken?« »Dir stopfen wir bald den großen Mund, du langer Gesell,« antworteten zweiundzwanzig Barone lachend und nahmen die Waffen. Aber Ferragut packte einen nach dem andern, band alle und warf sie in ein leeres Zelt. »Ich fürchte den langen Lümmel doch nicht!« rief Roland, sprang auf ein erbeutet Saracenenroß und ritt gegen ihn. Ferragut zog ihn vom Hengst und setzte ihn vor sich in den Sattel: Roland griff ihm in den Bart und zupfte so sehr daran, daß sie beide herabfielen. Sie sprangen wieder auf ihre Tiere und schlugen wie wütend mit den Schwertern. Kein Hieb Durendals wollte den Riesen verwunden, der aber schlug Rolands Hengst mit der Faust tot. »Ein Stein taugt wohl mehr für dich als eine gute Klinge,« rief Roland und griff nach einem. Das Spiel 417 hatte schon lange gedauert und der Riese war müde geworden: »Höre, kleiner Held, laß mich jetzt erst ein wenig schlafen,« bat er. Roland rückte ihm noch einen Stein unter den dicken Kopf, damit er besser liegen sollte. Als er wieder erwachte, fragte er ihn: »Wie kommt's denn, daß mein Schwert dich gar nicht verletzt?« »Ei, weil ich gefeit und nur am Nabel verwundbar tun,« antwortete der dumme Riese noch schlaftrunken und streckte seine langen Gliedmaßen behaglich. Da mahnte ihn Roland: »Nun steh' auf: bald liegst du für immer am Boden.« Ferragut erhob sich, Roland zu packen, doch behend entwischte der ihm. Endlich hatte der Riese ihn doch, er drückte ihn nieder und wollte ihn binden, Roland aber faßte des Riesen Schwert und stach es ihm unter dem Harnisch in den Nabel hinein, zum Rücken hinaus. »Mohammed, nimm meine Seele,« hauchte Ferragut noch und starb. Roland befreite die Gebundenen und fröhlich gingen sie ins Lager zurück. So nahm Karl den Saracenen Städte und Festen. Von einer wird erzählt, als er sie lange belagert hatte, rief er Gott um Hilfe an: da zertrümmerte ein Erdbeben die trotzigen Mauern und die Christen zogen siegreich in die Stadt. Nun belagerte Karl vereint mit Roland und Oliver Nobles. Lange lagen sie davor, Tag um Tag stürmten die Franken. Der Saracenen Beg schlug jeden Sturm ab: er ließ Feuer und Steine schießen auf Karls hölzerne Sturmböcke, Widder, Mangen und Schutzdächer. 418 Da kam ein Bote geritten vom Rhein, er hielt vor des Kaisers Zelt und rief: »Herr, komm' und hilf! Die Sachsen sind aufgestanden, sie haben den Treueid gebrochen: ›erzwungen‹ schelten sie ihn; Widukind, ihr Herzog, ist zurückgekehrt aus Dänenland: er ist über den Rhein gedrungen, er hat Köln eingeäschert, er hat deinen Erzbischof erschlagen und Opfer entzündet Herrn Woden und Sassenot! Bis an und über den Strom leuchtet der Flammenschein.« Zornig blitzte des Kaisers blaues Auge: »Die Meineidigen! Warte, Widukind! – Auf, Roland, trauter Neffe, nimm Olifant und blase deinen Scharen: du ziehst mit mir und hilfst dieser trotzigen Sachsen starken Nacken wieder ins fränkische Joch drücken.« Aber unmutig antwortete Roland: »Widukind im Sachsenland läuft dir nicht davon: bald sind wir mit den Saracenen hier fertig, dann kommen die Sachsen dran.« »Hörtest du nicht?« grollte Karl, »die Opferfeuer Wodens – dem Herrn ein Greuel – leuchten bis in den fränkischen Gau!« »Laß sie brennen und ersticken in den Nebeln der sächsischen Sümpfe und Heiden! Hier leuchtet die goldene Südsonne: auch hier hallt – dem Herr ein Greuel – der Ungläubigen Allahschrei, und der Engel rief dich, hier zu kämpfen. Nein, Ohm, ich bleibe hier.« Mit steigendem Groll hatte Karl seine Rede vernommen, er fand kein befreiendes Wort, und der heiße Zorn riß ihn hin: er hob die gepanzerte Hand und schlug dem Ungehorsamen ins Gesicht. Drei Tropfen Blutes flossen aus Rolands Nase. Er fuhr ans Schwert, da traf sein Blick Karls klares Auge: er mußte Sutris gedenken, und seiner Eltern, und wie ihn Karl in seinen Palast genommen, erzogen und allezeit geliebt hatte, mehr als seine eignen Söhne, und seine Hand zitterte an der Schwerthelze: 419 »Ohm,« sprach er, »du selbst hast mir dies Schwert gegeben, für dich, nicht gegen dich eidete ich, Durendal zu führen! Zieh' mit dem ganzen Heer nach Sachsen, laß aber mich und Oliver nur noch so lange hier zurück, bis ich Nobles genommen habe!« »Wohlan, Neffe, das mag geschehen,« sprach der Kaiser, winkte ihm, zu gehen, und sofort gebot er Herrn Naimes: »Entsende Boten an alle Herzoge nah und fern: alle sollen sie mir folgen nach Köln gegen die Sachsen.« 11. Der Sachsenkrieg. Um Weihnachten traf Karl mit seiner Heerschar bei Köln ein. Die Sachsen hatten sich in ihre Wälder zurückgezogen. Der Winter war milde: da gelüstete es Herrn Karl, über den Rhein zu fahren und in den weiten Wäldern Hirsch und Vogel zu jagen. Herzog Naimes mahnte ihn: »Herr, willst du allein mit deinen Jägern reiten? Das ist allzugefährlich, die wilden Sachsen könnten dich erschlagen: gedulde dich, bis das ganze Heer beisammen ist, dann geleitet dich der Paladine Schar.« »Bis dahin, Freund, hat mir der Sachse das edelste Wild längst abgejagt. Du reitest mit mir, und von den Baronen folge, wer im Lager ist und Lust zu jagen hat.« So ritt er allein gen Osten, von einem kleinen Gefolge junger Edelknaben und von Jägern begleitet, immer tiefer in den Sachsengau. Bald hatte Widukind davon Kunde bekommen und er eilte mit einer Schar Streitmänner herzu, den Kaiser zu bekämpfen. Am vierzehnten Tage, auf einer Waldwiese war's, sah Karl die Sachsen aus dem Gehölz 420 kommen; er hielt den Hengst an und sprach zornig: »Freund Naimes, reiche mir einen Langspeer, nun kommt Widukind und fordert sein Wild zurück.« Widukind saß auf einem friesischen Rapphengst; sobald er den Kaiser vor seinem Gefolge erblickte, jagte er den Seinen weit voran, den Schild auf den Rücken werfend, mit geschwungenem Schwert auf Karl zu. Der saß im Sattel, hielt den runden Schild vor und ließ den Ungestümen mit der Brust auf seinen Langspeer prallen. »Hilf Woden!« rief der Herzog und fiel rückwärts aus dem Sattel, und schon sprangen einige Franken ab und griffen nach ihm, aber da war Widukinds Schar zur Stelle: hundert Sachsen hieben mit Schwertern und Schlachtbeilen ein auf die fränkischen Herren, die, meist nur in Jagdkleidern, mit Jagdwaffen ausgerüstet, nichts tun konnten, als den Herzog freigeben und ihres Kaisers und ihr eignes Leben verteidigen. Und das schien verloren: aber Naimes erspähte einen alten Turm und riet seinem Herr, dorthin zu fliehen. Das gelang, sie fanden das Tor offen, Herzog Naimes warf es krachend zu und schob den Riegel ein, gerade als Widukind davor ankam. Der Sachse ließ den Turm umstellen, entsandte Boten und in wenigen Stunden lagerte ein kleines Heer vor dem Bau und begann zu stürmen. Die Burg, eines fränkischen Edelmanns Eigen, der wohl vor den Sachsen hatte fliehen müssen, war gar eng und barg nur wenige Vorräte an Lebensmitteln und Waffengerät. Der Kaiser und seine Paladine schossen mit Pfeilen auf die Belagerer und warfen Steine auf sie hinab. Die Sachsen stürmten Tag um Tag; am sechsten gingen die Lebensmittel im Turm zu Ende. Da bot Karl Widukind ein Lösegeld, aber der Sachse antwortete: »Behalte dein Gold! – Willst du dich lösen, so geschieht's nur mit deinem Haupte.« 421 Schweigend wendete der Kaiser ihm den Rücken und trat von der Zinne hinweg, dann sprach er: »Auf, Barone, wer eine Brünne mitgeführt hat auf diesem Ritt, der lege sie an: dann sitzt auf, wir müssen uns Speise schaffen. Sechs von euch Jägern hüten den Turm.« Sie machten einen Ausfall, die Sachsen waren dessen so wenig gewärtig, daß die Franken bis in Widukinds Lager dringen und reichliche Vorräte erbeuten konnten. Sie mußten blutig darum streiten: bis ans Tor verfolgten und bedrängten sie die Feinde. In der Nacht entsandte Karl seinen kühnsten Jäger mit einer Botschaft nach Köln. »Melde dem Erzbischof,« sprach er, »daß Kaiser Karl wohlauf im Sachsenlande haust. Keiner meiner Herzöge, – wenn sie schon eintrafen – wage sich mit seinem Heer in diese Sachsensümpfe: in Köln sollen sie mich erwarten! Du aber, reite weiter auf der Heerstraße nach Nobles zu Roland, und ihm sage, was du hier gesehen.« Der Jäger war treu, listig und verschlagen: er kam durch der Sachsen Lager und nach Köln. Des Kaisers Kriegsheer war noch nicht beisammen. Der Bote tat seine Meldung und ritt davon. Und wo er auf der Fahrt ein besser Roß antraf als seines, da sprang er drauf mit dem Rufe: »Ich bin Herrn Karls Bote!« und ließ das wegmüde zurück. Bald hatte er Nobles erreicht, jagte durch die Lagergassen vor des stolzen Roland Zelt und tat seine Meldung. Der Markgraf erbleichte und rief: »Auf, Freund Oliver! Vorwärts Genossen! Noch heute erstürmt mir Nobles; denn ich muß Herrn Karl, meinen Ohm, befreien.« Da begann grimmer Sturm: die Mauern barsten, die Tore sprangen krachend auf, Roland ritt zuerst in die Stadt und erschlug mit Durendal den Befehlshaber der 422 Saracenen. Er legte starke Besatzung in die Stadt und zog in Eilreisen nach Sachsen. Oliver, Turpin und Herr Reginhar ritten mit ihm. Reginhar wollte mit dem Vortrab über den Rhein, er wurde aber von Sachsen überfallen und zurückgeworfen, er selber ertrank dabei. Die Sachsen hielten ihn für Roland, meldeten Widukind den Sieg und brachten einige abgeschnittene Frankenhäupter als Wahrzeichen mit. Da ritt der Herzog vor den Turm: unter dem Helm hervor quoll ihm dichtes, gelbes Haar auf die breiten Schultern, gleichfarbiger Bart umwogte das lange Kinn und den trotzigen Mund, scharf spähten seine graublauen Augen auf die Zinne, bis sie den Kaiser fanden. Er hielt eines der Totenhäupter empor und rief: »Sieh dies als Wahrzeichen: deine Franken sind geschlagen, der stolze Roland ist ertrunken in den Fluten des Rheins! Kaiser Karl, nun ergib dich meiner Gnade!« Zornblickend befahl Karl: »Schießt mit Speer und Pfeil und vertreibt mir den Sachsen aus meinem Angesicht!« »Herr, sorge nicht,« sprach Naimes, »ich glaube nichts von alledem, was der Heide da spricht! Getrost, uns kommt's wieder besser.« Und so kam's. Roland und Oliver waren über den Rhein gekommen, hatten der Sachsen Verschanzungen erstürmt, viele hundert Männer erschlagen und jagten das letzte Häuflein vor sich her. Die Flüchtigen trafen bei Widukind ein und riefen: »Alles ist verloren, Herzog! Roland lebt! Er kam mit neuen Scharen über den Rhein und hat uns geschlagen: wir allein entrannen vor ihm mit dem Leben zu dir. Horch! da klingt schon fernher sein schreckliches Horn.« »All' die Sachsen tot! Und der Markgraf lebt!« rief 423 Widukind, »dann rasch auf, Genossen, mir nach! In die Waldverstecke!« Mit grollendem Schweigen gehorchten sie: drohend hob noch hier und dort einer die Axt oder das Schwertmesser gegen den Turm, dann zogen sie ohne Hasten ab nach Nordosten. »Hilf Woden, hilf Sassenot!« hörte der Kaiser es noch aus ihren Reihen schallen. Da befahl er: »Jeder waffne sich, so gut er's kann. Sitzt auf, alle! Wir reiten nach!« Er war der erste im Sattel, er stieß das Tor auf: »Dem Herr die Ehre!« rief er, schwang den Speer und Tencendur flog in gewaltigen Sprüngen über die Waldheide. Naimes ritt ihm zunächst und hielt ihn zurück: denn das Gefolge kam nicht so rasch vorwärts. Aber doch rasch genug, daß sie aus der Sachsen Nachhut noch manchen Mann, der sich Herrn Christus und Herr Karl nicht ergeben wollte, tot niederstreckten. Der Kaiser wollte den Fliehenden immer weiter folgen, aber Naimes sprach: »Nicht länger jage dieses Wild, Herr; es ist auch gut, heimzukehren in heiler Haut: wann der Wolf gehetzt wird, wendet er sich oft und beißt.« Da hörten sie einen hellen Hornklang vom Westen her; der Kaiser hielt Tencendur an, sein Auge leuchtete, er rief: »Das ist der stolze Roland, er bläst mir zum Gruße! Zurück zu ihm, zu meinem Heervolk!« Und er lenkte den schnaubenden Hengst westwärts. In Köln waren mit dem Frühling alle Herzoge, die nicht zur Besatzung im Süden Franciens zurückbleiben mußten, eingetroffen. Aber auch Widukind kam von Osten wieder heran. »Nun laßt uns zuerst eine breite Brücke 424 bauen,« sprach der Kaiser, »dann ziehen wir mit allem Heervolk gegen die Sachsen.« »Dazu mußt du erfahrene Steinmetzen und Zimmerleute berufen,« antwortete die Pfaffheit. Und Roland sprach heimlich zu Turpin: »Zum Stillliegen und Brückenbauen bin ich nicht hergezogen. Komm, Freund, wir suchen eine Furt.« Sie ritten aus, den Rhein entlang, mit einer auserlesenen Schar und kamen an eines Einsiedlers Klause vorüber: »He, frommer Mann, weißt du eine Stelle, wo wir durch den Strom reiten können?« fragte Roland. Der Gefragte hob weisend die Hand: »Frühmorgens sah ich dort unten ein Rudel Hirsche und Hindinnen durch den Rhein schreiten, und das Wasser ging ihnen nicht über die Lenden.« Turpin segnete die Flut und ritt zuerst hinein: ihm folgten Roland und seine Reiter. »Freund,« sprach der Erzbischof, als der letzte aufs Ufer klomm, »laß nun Herr Karl diese Furt anzeigen.« »Zuvor, Bischof, reiten wir zu Widukind und schlagen ihm eine Wunde, und Herrn Karl einen Sieg, davon die Kunde fliegen soll bis in den fernsten Sachsenhof.« Eskland war ein Sachsenführer; er lag mit seinem Häuflein in den Rheinwäldern und hielt sich verborgen. Ruhig ließ er die Franken dahintraben. »Geduldet euch, Leute,« sprach er, »wir besetzen die Furt: der stolze Markgraf kommt nicht darüber zurück.« In der Nacht überrumpelte Roland Widukinds Lager: mancher Sachse erwachte da – im Mondlicht blitzte ihm Francisca und Schwert entgegen – um zu sterben. Viele wurden von den stampfenden Hengsten zertreten; dennoch gelang es Widukind, seine fliehenden Krieger zu sammeln. 425 »Hilf, Woden! Hilf, Sassenot!« riefen sie und gingen zum Angriff vor. Sie waren in der Überzahl, fochten zu Fuß, schwangen den Speer, stießen mit dem Sachs den Rossen in den Bug, daß diese, sich überschlagend, zu Boden stürzten, die Reiter zerquetschend. Der stolze Roland mußte weichen; er blies in sein Horn, und der Franken Renner flogen auf der mondhellen Straße zurück an die Furt. Doch da stand Eskland mit seinen Mannen. »Mich dünkt, wir sind verraten!« rief Turpin, die grimmen Feinde schauend. »Das dünkt nur solchen, die keinen Mut haben!« antwortete Roland. »Freund Bischof, jetzt müssen wir scharfe Hiebe hauen!« Und er schoß seinen Wurfspeer dem vordersten mitten durch die Brust. Eskland wies auf Turpin: »Seht Herrn Karls Friedenspriester! Sie schwingen das Schwert und taufen mit Blut! Erschlagt ihn, Herrn Woden zum Opfer.« Da wäre der Erzbischof schier erlegen, doch der tapfere Markgraf half ihm heraus, nicht achtend der Wunden, die er dabei empfing: denn von rechts, von links und vom Rücken her drangen die Sachsen nun auf ihn ein. Die fränkischen Speerreiter spornten die Hengste, überritten die zu Fuß Kämpfenden, befreiten ihre Führer, jagten mit ihnen davon und wateten durch die erzwungene Furt über den Rhein. Da glitt noch hier und dort mit grellem Aufschrei ein Mann aus dem Sattel in den Strom, getroffen von einem nachfliegenden Stein oder Speer der Sachsen. Rolands Wunden waren so viele, daß er tatlos in seinem Zelt liegen mußte. Karl sandte ihm seinen Arzt Wintar, der pflegte ihn Tag und Nacht. Unterdes bauten die Werkleute an der breiten Brücke; doch die Sachsen überfielen sie plötzlich, zerstörten, was sie 426 gebaut hatten, erschlugen viele der Wehrlosen und jagten die übrigen davon. Der Kaiser drohte den Entlaufenen mit Landesverweisung: da kehrten sie zurück und begannen aufs neue den Bau unter Schutz fränkischer Wehrmannen. Abermals kamen die Sachsen: und während die einen mit der fränkischen Waffenschar fochten, fielen die andern über die Bauleute her und zertrümmerten abermals ihr Werk. Unwillig rief der Kaiser: »Wäre nur Roland wieder heil! Dann würde die Brücke bald fertig stehen.« Da meldeten sich zwei Baumeister, die waren aus Spanien, die konnten tauchen und im Wasser aushalten, wie ein Lachs darin springt. Sie sprachen: »Herr Kaiser, gebt uns Holz und alles, was man zu einem Bau bedarf, dann bauen wir Euch die Brücke.« So geschah's: sie zimmerten ein Schiff, das mit dem Vordersteven an das östliche, mit dem Achtersteven an das westliche Ufer stieß. Dann mauerten sie eine Pfeilerbrücke und setzten darauf Karls Bild aus Stein gehauen: in der Bildsäule war hohler Raum für einen Mann, der mußte darin stehen und seine Hand in die Rechte des Bildes legen, einen Königsstab drohend gegen die Sachsen schwingen und ihnen entgegenrufen, wann sie anstürmten. Sie hatten den Bau nicht hindern können, und sie glaubten, Karl selber stehe auf der Brücke. Mit Speer und Stein schossen sie auf das Bildnis und konnten es nicht zertrümmern, da hielten sie das Bild und Herrn Karl für göttergleich und meldeten ihrem Herzog: »Kaiser Karl steht auf der Brücke und schwört bei seinem Bart: ›Widukind, nicht eines Spornes Wert soll dir bleiben von deinem Land.‹« Zornig sprang der Herzog auf seinen Rapphengst, ritt auf die Brücke vor das Steinbild und rief laut: »Du da, 427 großer Karl! Dein eigner Gott strafe deinen Hochmut und verderbe dich! Mit welchem Recht willst du mein Vaterland von mir nehmen?« Der Mann im Bilde antwortete: »Mit dem Recht, das Gott der Herr mir gab über die Heidenschaft! Sachsen ist mein!« »Niemals, solang ich lebe, sollst du es gewinnen!« antwortete Widukind: »Landgierig und hochfährtig bist du, großer Karl! Ich rufe Herrn Christus an und bete zu Herrn Woden, daß sie beide dich verlassen und verderben mögen! Laß dir's genug sein, daß dich dein Gott nach gefahrvoller Jugend zum Frankenkönig erhob, und begehre nicht nach andrer Fürsten Reiche.« »Mein Vater Pippin bekriegte den deinen, da er nicht Christ werden wollte: und wärst du, Widukind, mächtiger noch als er war, und du willst nicht lassen von deinem falschen Gott, so bekämpf' ich dich.« »Wohlan,« rief der Sachse drohend, »dein Sack soll dir in meiner Mühle gemahlen werden: auf zum Kampf! Ich räche mein Volk und schlage dir das weiße Haupt ab!« Er wandte den Rappen herum, hielt den Schild vor den Mund und rief, den Franken uuverständliche Worte, nach Osten. Da sprangen aus Busch und Gestein bewaffnete Sachsen empor und eilten an ihres Herzogs Seite; mit geschwungenen Schwertern griffen sie die Brückenwache an; dazwischen hallten Axtschläge unter der Brücke und krachend splitterten die Planken des Schiffes. Bald war die Brücke gewonnen. Roland lag in seinem Zelt, bei ihm saß Balduin; der war sein Halbbruder: denn nachdem Herr Milon im Kampfe gegen Bretonen gefallen war, hatte Karl die Witwe Ganelon vermählt; er war gerade im Lager eingetroffen, da hörten sie den Lärm: rasch hatten sie die 428 Ursache erfragt. »Vorwärts, Bruder, gegen die Heiden!« rief der Markgraf, sprang auf, waffnete sich trotz mancher unvernarbten Wunde und ritt stracks mit seinem Volk auf die Brücke. Roland warf Widukind zurück über den Rhein und schützte die Brücke. Balduin griff Estland an, versetzte ihm einen schweren Speerstoß und verfolgte den Fliehenden. Der kühne Jüngling tat einen verwegenen Ritt – mitten durch fliehende und kämpfende Sachsen. Die Brücke war nun fertig: Kaiser Karl zog hinüber mit seinem ganzen Heer und schwur bei Saint Denis: »Nun unterwerf' ich mir ganz Sachsen oder sterbe darüber.« Sobald Widukinds Späher den Anmarsch der Franken meldeten, machte er sich kampfbereit. Eskland lag in einem Wald in Hinterhalt, den Feinden in den Rücken zu fallen, während der Herzog sie von vorn angriff. Roland hatte die List erkundschaftet und legte sich in denselben Wald. Karl zögerte nicht: sobald er die Sachsen erblickte, sprengte er allen voran in den Kampf. Da kam Widukinds Bannerträger geritten und rief laut: »Wo bist du, Roland, den Woden verderbe? Heut' mußt du sterben!« Balduin antwortete: »Hier ist Rolands Bruder!« Und er warf zornig seinen Speer auf den Bannerträger: durch den Hals getroffen fiel der ins Gras. Und Widukind rief: »Wo bist du, großer Karl? Dein Haupt bring' ich Herrn Woden zum Opfer!« Karl hatte ihn gehört, er rannte ihn an und warf ihn mit einem Speerstoß ins Gras, aber heil sprang der Sachse auf und wieder in den Sattel. Ein alter Heide ritt da, er war aus dem fernsten Norden gekommen: sein Hengst war von einem Lindwurm 429 gesäugt: er fraß nicht Hafer noch Heu, sondern Fleisch, auf der einen Seite war er grau, auf der andern schwarz, über den Rücken weiß, und der Nordmann tat grimme Hiebe: rechts und links fielen vor ihm die Franken, bis er vor Balduin kam: der stach ihm mit der Schwertspitze mitten ins Herz. Der Alte war tot, saß aufrecht im Sattel, und das Roß jagte mit dem Toten davon über die blühende Heide nach Norden. Da brach Eskland hervor aus dem Wald: aber dicht neben ihm kam auch Roland heraus und ritt ihn an zum Einzelkampf. Das war scharfes Streiten: von Rolands Helm flogen die Steine weg, seine Brünne barst, eine tiefe Wunde klaffte ihm auf der Brust, sein Roß ward wund, er sprang ab und hieb dem Sachsen mit Durendal auf die linke Achsel und schlug ihm den Arm ab, und noch einmal schwang er das Schwert: und weithin flog Esklands schönes, trotziges Haupt. Als Widukind seinen Freund fallen sah und einen Sachsen nach dem andern, floh er mit den letzten in ferne Waldverstecke. Kaiser Karl aber unterwarf die Sachsen und ließ sie taufen mit Befehl und Gewalt, und wer von Herrn Woden nicht lassen wollte, dem ließ der große Karl das Haupt abschlagen. Von Herzog Widukind geht die Sage, daß er sich in der Osterwoche als Bettler verkleidet in Karls Lager schlich, um zu kundschaften. Er kam gerade, als der Kaiser eine Messe singen ließ. Da nun der Priester bei der Wandlung die heilige Hostie emporhielt, erblickte der Sachse darin ein Knäblein von niegesehener Schönheit. Nach der Messe schritt er mit den andern Bettlern vor Karl hin, einen Silberheller zu empfangen. Er streckte die Hand aus und blickte empor, da sprach Karl, seine 430 Hand fassend: »Dies trotzige Auge kenn' ich, du bist Widukind!« Der antwortete: »Ich bin's, und Wunderbares hab' ich gesehen.« Er erzählte sein Gesicht. Karl selber belehrte ihn und ließ nicht ab, bis Widukind die Taufe nahm. Und der Herzog sandte Botschaft aus in alle Sachsengaue: »Widerstrebt nicht länger dem übermächtigen Karl!« So endete der Sachsenkrieg. 12. Das Rolandslied. Nun zog Kaiser Karl mit seinem Heere wieder nach Spanien, stieg über die Pyrenäen und belagerte Pampelona. Das verteidigte Malceris und sein Sohn Isores. Lang lagen die Franken davor. Die Ungläubigen ritten täglich vor die Tore zu wildem Kampf. Der stolze Roland mußte selbst einmal, schwer verwundet, mit seinen Reitern zurück ins Lager flüchten. Am nächsten Tag, als Isores geritten kam, wurde die Scharte ausgewetzt. Roland lag in seinem Zelt, der kriegerische Naimes tat Wunderdinge, schrecklich schüttelte Karl seinen Speer gegen die Feinde: – das ward ihnen allemal zum Verderben! Tapfer und treu ritt Ganelon in den Streit, Murglies, sein Schwert, in der Hand, Herr Oliver rannte dem feurigen Isores entgegen, Alteclair hochschwingend: da hagelte es Hiebe: betäubt sank der Saracene aus dem Sattel, Ansëis der Alte nahm ihn gefangen, aber der edle Jüngling wollte sich nur Roland ergeben, oder gleich sterben. Da führte Ansëis ihn zu dem Markgrafen. Die 431 nimmermüden Paladine erstürmten das Tor, drangen in die Stadt, nahmen Malceris gefangen, pflanzten die Oriflamme auf und riefen laut: »Heil Karl, dem Herrn von Pampelona.« Und der milde Kaiser wollte den Gefangenen Stadt und Leben lassen, wenn sie die Taufe nähmen. Isores schaute Karls stolzes Antlitz und in seine leuchtenden Augen und rief: »Großer Karl! Lehre mich, dir und deinem mächtigen Gotte dienen.« Da antwortete Malceris: »Dein Bischof mag mir vom Christenglauben erzählen.« Aber in der Nacht schritt der Sarazene an seines Sohnes Lager. Der lag in tiefem Schlaf. »Armer, doppelt gefangener Knabe!« murmelte Malceris, »du sollst nicht abtrünnig werden Mohammeds Gesetzen.« Er hielt einen Dolch in der Rechten und wollte ihn erstechen; da fiel das Mondlicht auf Isores schönes Antlitz: der Vater schaute den geliebten Sohn. Er schob den Dolch wieder in den Gürtel: »Sei gesegnet! Allah ist groß: er schenke dir Gnade!« Und leise glitt er hinaus, und gefolgt von einigen Getreuen verließ er auf Schleichwegen Palast und Stadt. Erst am nächsten Morgen entdeckten die Franken seine Flucht und verfolgten ihn. Er aber entkam bis Toledo, dort fiel er, als die Franken die Stadt erstürmten. Isores wurde getauft. Sieben Jahre heerfahrtete nun Karl in Spanien: keine Burg widerstand seiner Hand: Logroño, Estrella, Quarion, Astorga waren bezwungen, das Land von Valtern, Balasgued, Tuele, Sicilie, Prine und Commibles hatte Roland erobert; nur Saragossa, das König Marsil beherrschte, widerstand noch dem großen Karl. 432 Zu Saragossa schritt Marsil in seinen Garten, ihm folgten Räte, Emire und Scheichs. Sorgenschwer begann er: »Kaiser Karl kam in dies Land, uns zu knechten. Jetzt liegt er vor Cordova: fiel das, zieht er heran. Ihm folgt der Sieg! Ich habe nicht Heer noch Volk, das ihn bezwänge; darum ratet mir: wie sollen wir uns retten?« Alle schwiegen, nur Blancandrin von Valfunde im weißen Haare sprach: »Laßt die Sorgen fahren: entbietet Eure Freundschaft dem übermütigen Karl, sendet ihm Geschenke und versprecht, ihm zu huldigen, daß er heimziehe nach Aachen. Ist er erst dort, löst sich sein Heer auf, und wir sind hier die Kriegsplage los. Und heischt er Bürgen, so senden wir ihm unsre Söhne. Den meinen biet' ich Euch zuerst, würd es auch sein Tod; denn besser acht' ich, für König und Volk sterben, als leben in Knechtschaft.« »Also gescheh's!« sprachen alle. Und Marsil wählte sogleich die Boten: zehn der grimmsten Sarazenen; Blancandrin sollte der Sprecher sein. »Geht zum großen Karl,« befahl der König, »tragt Ölzweige in den Händen, seid listig: und verschafft ihr mir durch euren Witz Ruhe vor diesem Karl, werd' ich euch lohnen mit Gold und Silber und schönen Weibern.« Zehn weiße Maultiere ließ er da vorführen: golddurchwirkt war das Zaumwerk, die Sättel silberbeschlagen. Die Boten saßen auf und Ölzweige in Händen ritten sie nach Cordova. Das lag in Trümmern: die Franken hatten es erstürmt und große Beute gemacht. Wer von den Einwohnern nicht sterben wollte, mußte sich taufen lassen. Frohgemut saß Karl in einem großen Garten, um ihn seine Paladine und Barone: auf weißen Decken saßen sie bei Brettspiel und allerlei Kurzweil. Unter einer Fichte, neben einem Weißdorn thronte Kaiser Karl auf seinem goldenen 433 Faltestuhl. Weiß war sein langer Bart, blütenweiß nun auch sein Scheitel: die Boten erkannten ihn ohne Fragen. Sie stiegen ab und grüßten ihn demütig, und Blancandrin begann: »Gott segne dich! Mich sendet Marsil mit ehrerbietigem Gruß: reiche Gaben bietet er dir: Windspiele, Löwen, Bären, siebenhundert Kamele, tausend Jagdfalken, vierhundert Maultiere mit Schätzen beladen: Goldbesanten, genug, deine Krieger zu löhnen. Dann gib ihm Frieden, und kehre heim nach Aachen: dorthin wird dir mein Herr folgen zum Michaelsfeste.« Sinnend neigte Karl sein Haupt, dann fragte er streng: »Das klingt wohl gut, doch was bürgt mir für Marsils Treue?« »Geiseln, großer Kaiser: zehn, ja zwanzig der edelsten Jünglinge unsres Volkes; mein Sohn ist auch darunter. Du magst sie alle töten, kommt Marsil nicht, dir zu huldigen: denn er begehrt Christ zu werden.« »Bis morgen, ihr Boten, geduldet euch,« sprach Karl und wies den Sarazenen Herberge an. Am nächsten Morgen versammelte Karl seinen Rat in demselben Garten. »Barone,« begann er, »ihr habt Marsils Botschaft gehört: doch ich weiß nicht, was er im Sinn führen mag?« Roland sprang auf vom Sitz: »Traue nicht Marsil! Er ist ein Verräter! Einst kamen auch Boten von ihm, die sprachen gerade so wie diese: Basan und Basil, unsre edlen Genossen, sandtest du darauf zu ihm, – er ließ sie köpfen! Nein, Krieg gegen den Heiden! Auf, führe uns nach Saragossa! Wir erstürmen dir die Stadt und rächen deine Grafen.« »Roland redet mehr Übermut als Weisheit,« sprach Ganelon, »höre nicht auf ihn! Denk' an deinen Vorteil: 434 Frieden und Unterwerfung, ganz Spanien wird dir geboten! Wer da zum Krieg rät, ist ein Tor.« »Herr, mir deucht, in Ganelons Rat ist Weisheit,« sprach der alte Naimes, sich erhebend, »ganz Spanien hast du bezwungen, Marsil kann dir nicht länger widerstehn und bittet um Schonung. Er stellt Bürgen für seine Treue: Sünde wär's, ihm nicht willfahren. Es war genug des Kriegs: schick ihm einen der Barone, die Zeichen seiner Unterwerfung zu empfangen.« Da riefen alle: »Weise sprach der Herzog!« »Wohlan,« fragte der Kaiser, »wer soll der Bote sein?« Und Naimes antwortete: »Ich will gehn.« »Bei meinem weißen Barte, Freund Naimes, du bist ein weiser Mann: – und bleibst bei mir, setze dich.« »So laß mich reiten, Ohm!« rief Roland. Doch Oliver sprang rasch auf und entgegnete: »Nein, Freund, du nicht! Dein Sinn ist allzu stolz und zornmütig: mischest du dich drein, verdirbst du, fürcht' ich, alles: Herr Kaiser, ich will Euer Bote sein, wenn's Euch gefällt.« »Schweigt, Herr Oliver, und schweige, trauter Neffe: ihr werdet beide nicht gehen, und keiner von euch jungen Paladinen.« Da erhob sich Erzbischof Turpin: »Laßt Eure Franken im Lager bleiben, Herr! Gebt mir Stab und Handschuh und ich will zu dem Saracenen reiten und ihn mir einmal betrachten.« »Bischof, setzt Euch! Und redet nicht weiter bis ich's Euch befehle,« sprach Karl, »ihr Herren, wählt mir einen Boten!« »Dann ist keiner tauglicher dazu als Ganelon, mein Stiefvater,« antwortete Roland, und alle Barone riefen: »Ja, er soll es sein.« 435 »So tretet heran, Ganelon, nehmt Stab und Handschuh aus meinen Händen: Ihr seid der Bote! So wollen's die Franken.« »Das will nur Roland! Schlecht taug' ich zu solchem Dienst! Ich will des Markgrafen Freund nicht länger sein: ich sag ihm ab und allen seinen Genossen!« rief Ganelon. »Schweigt! Und zieht: weil ich's befehle!« sprach der Kaiser. Aber Ganelon fuhr fort: »Ich gehe nach Saragossa und weiß, daß ich nicht zurückkomme von dort: Marsil wird mich töten! Land und Lehen laß ich Balduin, meinem schönen Sohne. Herr Kaiser, seid ihm dann ein huldreicher Herr.« »Ganelon, du bist zu zärtlich: du quälst dich mit unnötiger Sorge,« tröstete der Kaiser den Grafen. Der aber riß das marderverbrämte Obergewand von den Schultern und stand da im feinen Unterkleid: mit hellen Augen, stolzen Angesichts. Die dichten blonden Hare hingen ihm nieder auf die breiten Schultern; sein Leib war schlank, er war schön: mit Wohlgefallen sahen's die Franken. Ganelon kehrte sich zu Roland: »Was erbost dich gegen mich, deinen zweiten Vater? Du rätst, mich zu Marsil und in den sichern Tod zu schicken? Komm ich – wenn es Gott gefällt – mit dem Leben zurück, so will ich dir ein Leid antun, daran du für's ganze Leben tragen sollst. Ich gehe, aber ich sinne mir etwas aus, gegen dich meinen Mut zu kühlen.« Hell auf lachte Roland: »Daß ich kein Drohen fürchte, wissen alle Franken!« Aber Ganelon ward nur noch zorniger: »Gerechter Kaiser,« sprach er, »hier steh' ich, Euren Befehl zu erfüllen.« 436 Da hielt ihm Karl den Handschuh hin; als der Graf ihn nehmen wollte, ließ er ihn zur Erde fallen. »Das bedeutet uns Unheil,« murmelten die Franken. Dann reichte der Kaiser ihm Stab und Brief, segnete ihn und hieß ihn ziehen. Ganelon ging in seine Herberge, rüstete sich aufs beste, gürtete Murglies um seine Hüfte, schwang sich auf sein Kampfroß Tachebrun, Guinemer, sein Oheim, hielt ihm den Bügel; seine Gesippen und Lehnsmänner standen dabei, weinten und klagten: »Schmach über Roland! Herr, Ihr reitet in Euer Unglück. Nehmt uns mit!« »Nein, ihr Freunde: 's ist besser, ich sterbe allein. Wenn ihr heimkommt ins süße Frankenreich, dann grüßt mein Weib und Pinabel, den Getreuen, und haltet zu Balduin als eurem Herrn.« Darauf ritt er hinaus, gesellte sich den Saracenenboten und zog mit ihnen des Wegs nach Saragossa. Bald begann Blancandrin: »Der große Karl ist ohne Ruh und Rast! Was trieb ihn, uns in Spanien heimzusuchen?« »So ist einmal sein Sinn! Und es lebt kein Mann, der ihm widerstände,« antwortete der Graf. »Weshalb drängen und treiben ihn die fränkischen Barone unablässig zu Kriegsfahrten und zu andrer Verderben?« »Ich weiß nur von einem, der das tut: das ist Roland! Der ist voll Übermut, spielt mit dem Tode; fällt der einmal, da haben wir alle Ruhe.« »Ja, der stolze Roland ist der Schlimmste. Alle Völker will er sich unterwerfen; in allen Landen weckt er den Krieg auf! Mit welchem Recht?« fragte Blancandrin wieder. Ganelon antwortete: »Die Franken lieben ihn, und 437 lassen niemals von ihm. Mit offenen Händen gibt er Gold und Schätze hin: ja selbst der Kaiser tut, was Roland will. Und Roland ruht nicht, bis er die Welt erobert hat.« So ritten die zwei nebeneinander hin und tauschten Reden, der Franke voll Zorn und Rachedurst, der Saracene voll Arglist, bis sie sich ihr Wort darauf gaben, Roland in den Tod zu schicken. In Saragossa fanden sie den König in einem Garten unter einem Eichenbaum auf Purpurdecken sitzend, und um ihn geschart seine Saracenen. Blancandrin führte Ganelon an der Hand vor Marsil und sprach: »Dich segne Mohammed! Ich habe deine Botschaft an Kaiser Karl ausgerichtet: er hob die Hände schweigend zum Himmel und schickt dir hier einen seiner edelsten Barone, von ihm vernimm die Antwort.« »Er rede,« erwiderte der König, »ich höre.« Stolzen Blickes hub Ganelon an: »Euch segne Gott, den wir verehren! Dies entbietet Euch Herr Karl: die heilige Taufe sollt Ihr empfangen und halb Spanien aus des großen Kaisers Hand. Wollt Ihr das nicht, so wird er Saragossas Mauern brechen und Euch gebunden wegführen nach Aachen. Dort werden fränkische Richter Euch das Urteil finden: zu sterben mit Schimpf und Schmach.« Auf sprang der König von seinen Polstern, er faßte seinen Rohrspeer und hätte den Franken durchstoßen, hätten ihn nicht seine Saracenen zurückgehalten. Er erbleichte vor Zorn und schüttelte den erhobenen Speer gegen Ganelon. Der hatte sein Schwert gezogen und rief: »Sterb ich hier, sollen zuvor die Besten mit ihrem Blut bezahlen.« Die Saracenen besänftigten ihren König, daß er wieder niedersaß, und Ganelon fuhr fort: »Kaiser Karls Botschaft will ich ausrichten! Um nichts in der Welt verschweig ich, was er mir zu sagen gebot.« Zornig warf er seinen 438 Mantel ab,.– Blancandrin nahm ihn auf, – Murglies wollte er nicht aus Händen geben. »Edel ist sein Wesen!« murmelten die Ungläubigen. Und der Graf fuhr fort: »Ihr zürnt sehr mit Unrecht! Halb Spanien gibt Herr Karl Euch, die andre Hälfte Roland, seinem Neffen: an dem habt Ihr einen stolzen Teilgenossen. Gefällt Euch das nicht, so sagt ich schon, was Euch geschieht! Hier, diesen Brief noch schickt Euch mein Herr.« Zürnend nahm Marsil den Brief, erbrach das Siegel, warf es auf die Erde und las was in dem Schreiben stand: »Ha, ha,« lachte er, »Karl gedenkt Basans und Basils, daß ich sie köpfen ließ! Und meinen Oheim, den Kalifen, sollt ich ihm als Geisel geben, wollt' ich mein Leben behalten.« Da rief Jurfaret, des Königs Sohn: »Der Franke da redete Torheit, Vater, gib ihn mir, er muß sterben.« Ganelon stellte sich mit dem Rücken an den breiten Fichtenstamm und schwang Murglies empor, Marsil aber erhob sich und ging hinweg in seinen Garten, Jurfaret, der Kalif und die Vornehmsten mußten ihn begleiten, und Blancandrin sprach: »Herr, rufe den Franken zu dir: er hat mir sein Wort verpfändet für unsre Sache.« »So führ' ihn her,« befahl Marsil, und als der Graf, von Blancandrin geleitet, vor ihm stand, begann er: »Lieber Ganelon, ich wäre töricht, da ich dich im Zorne töten wollte. Deinen kostbaren Zobelpelz hab ich dir zerrissen, ich gebe dir reichen Ersatz. Erzähle mir vom großen Karl. Er ist alt, mich dünkt, zweihundert Jahre bleichten seinen Scheitel! So viele Länder hat er durchzogen, Völker unterworfen und Herrscher in den Staub gestoßen! Wann will er endlich ruhen von seiner Heerfahrt?« »Karl ist ein Held, und Helden ruhen nicht! Wie viel 439 ich Euch von ihm rühmte, es bliebe stets noch mehr zu preisen. Solange Roland lebt und Oliver und seine Paladine, ist Karl so wohl behütet, daß er vor niemand sich fürchtet,« antwortete der Graf. »Du sahst mein Heervolk: glaubst du, daß ich mit ihm Karl besiegen kann?« fragte der Saracene. »Nein, König Marsil! Steht davon ab: sendet Karl reiche Geschenke, das verblendet die Franken, schickt ihm die zwanzig Geiseln, dafür zieht er heim nach Francien. Die Nachhut seines Heeres werden dann – so mein' ich – Roland und Oliver führen. Die Grafen werden fallen – so mein' ich – und mit ihnen fällt des Kaisers Stolz und sein Gelüsten nach Kriegsfahrt.« »Wie kann ich Roland töten?« fragte mordgierig Marsil. »Wann Karl den Paß von Sizer übersteigt und dem Grafen seine Nachhut anvertraut hat, dann schickt nacheinander zwei Heere gegen sie: es werden böse Kämpfe sein: im ersten werdet Ihr unterliegen, im zweiten fallen auch die letzten Franken: dann fällt auch Roland.« Da umarmte und küßte der Saracene den Franken, tat seinen Schatz auf und reichte ihm Gold. Dabei sprach er: »Der Rat taugt nichts, macht er mich nicht ganz sicher: darum schwöre mir, Roland also zu verraten.« »Wie Ihr wollt,« antwortete Ganelon, und er beschwor den frevlen Verrat auf sein Schwert Murglies. Marsil ließ die Gesetzbücher Mohammeds und Termagants bringen und schwur darauf: daß er mit seinem ganzen Volk Roland bekämpfen wolle und töten, wenn's gelinge. »Mög's gelingen,« sprach Ganelon. Da eilte Valdabrun, Marsils Waffenmeister, herzu, ein Schwert in der Hand: »Nimm hier mein Schwert, Franke: 440 Mangunen zieren die Hetze. Ich biet' es dir aus Freundschaft: du sorgst, daß wir Roland in der Nachhut finden.« »Verlaß dich drauf,« antwortete Ganelon. Der Heide Climorin schenkte ihm seinen schönen Helm, die Königin Braimunde reichte ihm zwei Amethyst- und Jacchant-bespängte Mantelschließen für sein Weib. Der Schatzmeister Maldui mußte die Geschenke bereiten: siebenhundert Kamele, schwer mit Gold beladen; und zwanzig Jünglinge aus den edelsten Geschlechtern folgten als Geiseln. Beim Scheiden sprach Marsil zu Ganelon: »Bei deinem Gott, Franke, laß dir den Sinn nicht wenden. Ich lohne dir's alljährlich mit dem feinsten Gold Arabiens, soviel zehn Mäuler davon tragen können.« Der Graf schwang sich auf Tachebrun und sprengte davon. Um die Morgenstunde, als Karl mit den Paladinen im Garten versammelt war, traf Ganelon dort ein und begann mit großer List: »Seid gesegnet, großer Kaiser! Ich bring' Euch die Schlüssel von Saragossa; mir folgen die edlen Geiseln und reiche Geschenke. Das alles sendet Euch Marsil: um seinen Ohm, den Kalifen, dürft Ihr nicht mit ihm rechten! Ich selbst sah, wie ihm dreitausend saracenische Krieger zum Meer auf die Schiffe folgten; sie flohen, weil sie Mohammeds Gesetzen nicht entsagen wollten; doch ich sah auch, wie auf dem Meere sich ein Sturmwind erhob und alle ertranken. Marsil aber wird sich Euch stellen in Aachen wie er's gelobt hat, mit zusammengelegten Händen.« »So sei Gott gepriesen!« rief da Karl, »der Krieg ist aus! laßt die Hörner gellen durch alle Lager: die Franken ziehen heim nach dem süßen Francien.« Frohen Sinnes bereiteten sie sich zum Aufbruch. In der Nacht träumte Karl, er stehe auf dem Paß 441 Sizer, halte den Eschenspeer in der Faust, Ganelon entreiße ihm den Schaft und schleudere ihn so gewaltig, daß er zerspelle und die Splitter gen Himmel flögen. Und wieder hatte er ein Traumgesicht: er war zu Aachen in der Kapelle, ein Bär biß ihn in den rechten Arm: und aus den Ardennen rannte ein Eber daher und hieb auf seinen Leib ein. Da kam ein Jagdhund gerannt, biß dem Bären ins rechte Ohr und bekämpfte den Eber. Doch das Ende sah er nicht. Beim frühesten Tageslicht brach er auf und ritt bis an das Tal von Ronceval. Dort hielt er Rat mit seinen Baronen: »Sehet die Engpässe und die krummen Wege! Wem sollen wir die Nachhut anvertrauen?« Rasch antwortete Ganelon: »Roland, er ist dein tapferster Held!« Grimmig blickte der Kaiser ihn an: »Mordlust und Haß wohnen in deinem Herzen! Wer soll dann unserm Heere vorreiten?« Und wieder antwortete Ganelon: »Ogier: keiner könnte es besser.« Und alle Barone stimmten dem Grafen zu. »Dank, Stiefvater!« rief Roland, »kein Roß, keinen Zelter, kein Maultier soll Kaiser Karl verlieren, ohne daß darum Blut flösse. Nun gib mir, Herr Karl, den Bogen, den du in Händen hältst: ich werde ihn nicht fallen lassen, wie Ganelon tat, als er deinen Handschuh empfing.« Karl senkte sein Haupt und weinte: da flüsterte Naimes ihm ins Ohr: »Sie haben Roland nun einmal erwählt: er ist der Tapferste! Wohlan, laß ihm die besten Kriegsscharen zurück.« Karl blickte auf und sprach: »Trauter Neffe, nimm hier den Bogen, und mein halbes Heervolk, damit du sicher seiest.« 442 »Nimmermehr,« rief Roland, »gib mir nur zwanzigtausend Franken und ziehe ruhig über die Pässe: solang ich lebe, fürchte niemand.« Er schwang sich auf Veillantif; da gesellten sich ihm all seine Genossen und Freunde: Oliver, Sansun, Ansëis der Alte, Garin und Gerer, Otto, Berengar und Engeler; Erzbischof Turpin sprach: »Ich bleib' bei Roland,« und Walter von Leon rief: »Ich bin Rolands Mann, ich darf nicht fehlen!« und zwanzigtausend Grafen, Barone und Edelknechte wählten sich selber in des stolzen Roland Nachhut. Der berief Walter von Leon: »Nimm tausend Franken und besetze die Pässe und Hügel und wenn du den Notruf unsrer Hörner hörst, dann steigst du mit siebenhundert zu uns herab.« »Ich dien' Euch gern,« antwortete Walter und trennte sich von dem Markgrafen. Durch düstre Täler, über hohe Berge zog der Kaiser dahin: fünfzehn Meilen weit hörte man das Getöse der fränkischen Heerscharen. Als sie die Gascogne erblickten, ward ihnen das Herz froh: denn sie gedachten ihrer Weiber und Kinder daheim. Kaiser Karl aber gedachte Rolands in den Tälern von Ronceval, er verhüllte sein Antlitz mit dem Mantel und weinte. Herzog Naimes ritt neben ihm, er sah's und fragte: »Was bekümmert dich so sehr?« »Freund,« antwortete Karl, »ich sah ein böses Traumgesicht: Ganelon zerbrach mir den Speer: von Ganelon, fürcht ich, kommt uns Unheil: er wies mir Roland in die Nachhut! Wenn ich ihn verlöre!« Er konnte die Tränen nicht hemmen, alle Franken sahen's und sorgten mit ihm um den Markgrafen. Marsil berief inzwischen seine spanischen Kriegsscharen: 443 in vier Tagen hatte er vierhunderttausend beisammen. An ihrer Spitze zog er in raschem Ritt durch Täler und Berge nach Ronceval, bis er die Nachhut erspähte. Da sprengte sein Neffe Adalroth heran und bat: »Lieber Ohm und König, gib mir heut' ein Lehen: den ersten Hieb auf Roland: ich will ihn töten.« Willfahrend nickte der König, der Neffe fuhr fort: »und deine vornehmsten Kämpen wähle mir aus: wir wollen Herrn Karls Paladine bezwingen.« Da waren genug bereit, ohne Wahl: Falsaron mit der breiten Stirn, Marsils Bruder; der schlimme Berber Corsalis sprach: »ich bin der dritte: wer will der vierte sein?« »Ich,« rief laut Malprimis von Brigal, der schneller lief als ein Roß, »und wo ich Roland treffe, erschlag' ich ihn.« Ein Admiral, hieß Balaquer, hoch gewachsen, mit hellem Antlitz, ein ganzer Held, sprach: »Ich gehe mit: dem Tod verfallen sind Roland und Oliver.« Der Almasur von Moriane prahlte: »Meine Speerträger führ' ich nach Ronceval: seh ich Roland, wird er fallen.« Graf Turgis von Tortelosa rief: »Mehr gilt als Sankt Peter Mahum! Seht hier mein Schwert: mit Durendal soll sich's kreuzen: und Karl soll darob klagen.« Ihm folgte Escrimis von Valterne, ein Saracene: »Ich werde Rolands Stolz beugen: er kommt nicht heil davon und keiner seiner Freunde.« Dann kamen der Heide Esturgans und Estramaris, sein Waffenbruder: »Unsre Schwerter sind scharf: wir treffen Roland und Oliver.« Der ritterliche Margaris von Sibilien, dem die Frauen zulächelten wegen seiner Schönheit, schwur: »Ich zieh nach Ronceval, Roland zu töten: mein Schwert röt' ich 444 in edlem Frankenblut, ihr Land wird unser, und Marsil soll thronen im Schlosse von Paris.« Nach ihm trat vor Chernuble von Valneire: dem wallten Bart und Haar bis zur Erde, leicht trug er schwerere Last als vier Maultiere vermochten. In dem Land. wo er geboren, schien keine Sonne, wuchs kein Korn, nicht Regen fiel, noch Tau, und alle Steine. die dort lagen, waren schwarz: Teufel sollten dort wohnen. Er sprach: »Treff' ich den stolzen Roland und erschlag' ihn nicht, so glaube nie mehr meinem Wort.« Und mit diesen Kämpen zogen hunderttausend Saracenen. Dreifachgedoppelte Brünnen von Saragossa umschlossen ihnen die Brust, Speere von Valencia trugen sie in der Faust, und sie ritten auf starken Schlachtrufen dahin. Blau, weiß und grün flatterten ihre Banner. Hell war der Tag und voller Sonnenschein: tausend Hörner gellten durch die Luft, weithin erglänzte das Rüstzeug, schallte das Getöse. Das hörten die Franken in Ronceval. »Freund Roland,« begann Oliver, »mich dünkt, wir müssen eine Schlacht schlagen!« »Mag's so kommen!« antwortete der stolze Roland, »für seinen Kaiser muß jeder alles tun: für ihn stehen und fallen! An mir sollt ihr kein böses Vorbild haben! Nun denke jeder seiner besten Hiebe: daß kein schlechtes Lied von uns gesungen werde.« Oliver stieg auf einen Hügel, von wo aus er weit in Spanien hineinblicken konnte, sah das Heidenvolk heranziehen und rief hinunter: »Ich seh' ein Meer von Brünnen und Helmen: Ganelon hat uns verraten! Er ist ein Schurke!« »Zügle deine Rede!« antwortete Roland, »er ist mein Stiefvater.« 445 Aber Oliver sah immer mehr Helme, Speere und Banner; eilends stieg er den Hügel hinab und berichtete den Franken: »Mehr Heiden sah ich nie beisammen! Sie ziehen gegen uns. in Halsbergen, die Helme festgebunden, die Speere hoch im Arm: wir werden eine Schlacht haben. Franken, steht fest, daß wir den Sieg gewinnen.« »Schande dem, der flieht, und geh's in den Tod!« rief das Heervolk. Oliver wandte sich zu Roland: »Wir Franken sind wenige, der Heiden sind viele: Freund Roland, blas deinen Olifant, damit Herr Karl dich hört und mit dem Heer umkehrt.« »Da wär' ich ein Narr!« antwortete der Markgraf, »ich würde meinen Ruhm verlieren im süßen Francien! Lieber schlag' ich Todeshiebe mit Durendal: bis an die goldne Helze soll's triefen von Blut. Die Heiden reiten all' in den Tod.« »Blas dennoch dein Horn, lieber Gesell!« mahnte Oliver. »Daß man mich und mein ganz Geschlecht feige schelte, und Franciens Ruhm sänke! Das verhüte Gott!« »Freund Roland,« drängte Oliver, »blas dein Horn! Der Kaiser hört's und kehrt um.« »Damit sie sagten: um der Heiden willen blies Roland Not und Sturm? Nein! Tausendundsiebenhundert Hiebe will ich diesen Verrätern schlagen! Ihr Franken werdet wacker dreinhauen: die Saracenen rennen in den Tod.« Noch einmal hub Oliver an: »Tal und Hügel sind bedeckt von Heiden, wir haben nur ein kleines Heer voll!« »Freund, mein Sinn ist gar grimmig! Francien soll 446 nicht seinen Ruhm verlieren durch mich: lieber den Tod als die Schande!« Roland war stolz, Oliver war klug, von wunderbarer Kühnheit waren beide. Ging's zum Tod, sie fürchteten nichts: stolz saßen sie auf ihren Hengsten. Die Saracenen kamen näher, allen Franken sichtbar. »Sieh sie an,« sprach Oliver. »Du willst dein Horn nicht blasen? Wir werden keine Nachhut mehr halten nach dieser.« Aber Roland wurde nun grimmer als Leu und Leopard: er antwortete: »Lieber Freund, sprich nicht so! Kaiser Karl gab mir diese zwanzigtausend, und unter ihnen ist kein Feigling. Ich will die Heiden treffen! Und sterb' ich, soll man sagen: der Durendal getragen, war ein Held!« Erzbischof Turpin ritt vor die Heerreihen und rief laut: »Für unsern Kaiser ziemt sich's, freudig zu sterben! Die Schlacht steht uns bevor, darum betet zu Gott und bereuet eure Sünden: ich will euch ihrer ledig sprechen. Wer hier fällt, gewinnt einen Sitz im Paradiese.« Da knieten alle nieder: der Erzbischof segnete sie und legte ihnen zur Buße auf, drein zu schlagen. Und rasch sprangen sie auf ihre Rosse und waren bereit, zu kämpfen. Roland ritt voran auf Veillantif, in der Rechten schüttelte er den Speer, daran ein weißes, goldgesäumtes Wimpel flatterte. Herrlich war er zu schauen: mit den hellen Augen und dem lachenden Angesicht! Grimmig blickte er nach den Feinden, freundlich auf die Franken. Er rief: »Nun haltet kurzen Schritt, ihr Herren Barone: die Heiden holen sich den Tod!« Dicht hinter ihm kam Oliver, der sprach: »Barone, nun haltet euch im Feld: seid wohl bedacht, gut zu treffen 447 und gut abzuwehren Stoß wie Hieb. Und vergesset nicht Karls Schlachtruf!« Da hallte es brausend durch die Täler und Bergen »Montjoie Karl!« Und im raschen Schritt sprengten sie vorwärts in den Feind. Marsils Neffe jagte seinem Heer weit voraus und rief: »Wer euch die Nachhut vertraute, hat euch verraten! Karl ist ein Narr! Heut' wird er seinen Ruhm verlieren.« Als Roland den Schreier hörte, rannte er ihn an mit gesenktem Speer, durchstieß den Schild, zerriß die dreifach gedoppelte Brünne, durchbohrte ihm die Brust und warf ihn tot aufs Gefild, eine Speerlänge weit und rief dabei: »Herunter, Schurke! Karl ist kein Narr und kein Verräter! Haut ein, Franken, unser ist der erste Schlag!« Falsaron sah den Neffen fallen und brach sich Bahn durchs Kampfgetümmel mit wildem Schlachtschrei und rief: »Heut' verliert Francien seinen Ruhm!« Das erzürnte Oliver: er lenkte Falsaron entgegen, prallte mit dem Speer auf dessen Schild, zerriß ihm das Kettenhemd, durchbohrte ihm den Leib und warf ihn aus dem Sattel. Stolz blickte er den Sterbenden an und rief: »Schlagt zu, Barone! Wir werden siegen. Montjoie Karl!« Corsalis der Berber sprach zu seinen Leuten: »Der Sieg ist unser: die Franken sind zu wenige, sie müssen alle hier fallen.« Aber schon sprengte gegen ihn Turpin mit dem Langspeer: des Berbers Schild barst, die Ringe rasselten aus seinem Halsberg nieder, und tief in die Brust drang ihm der Stoß. Mit zornigem Ruck warf ihn der Bischof ins Gras und rief: »Heidenhund. du hast gelogen! Wie dir 448 betten wir hier all deinen Genossen. Gott sei die Ehre, unser der Sieg! Montjoie Karl! Barone, trefft gut!« Und Engeler traf Malprimis von Brigal: speerdurchschossen fiel dessen Leib mit dumpfem Krach zur Erde, die Seele fuhr zum Teufel! Den Admiral von Balaquer ersah sich Gerer, und sein Genoß Garin gab dem Saracenen den Todesstoß mitten ins Herz. »Herrlich geht die Schlacht!« rief Oliver. Herzog Sansun traf mit dem Almasur zusammen: des Spaniers goldbemalter Schild zerschellte, die geflochtene Brünne wehrte dem Stoß nicht: des Franken Speer durchstach ihm Herz, Lunge und Leber. »Das war ein guter Stoß, wem er auch mißfällt!« lachte Turpin. Ansëis der Alte ließ seinen Hengst rennen und bohrte seines Speeres Eisenspitze Turgis von Tortelosa durch Schild, Harnisch und Herz. Der Gascogner Engeler stieß mit Escrimis von Valterne zusammen. Des Saracenen Schild zerbrach, der Halsberg ward ihm heruntergerissen und mit speerdurchbohrter Brust stürzte er aus dem Sattel. Walter von Leon traf den Heiden Estorgant mitten auf den Schildbuckel: der ganze Schild, rot und weiß, zerbarst, aus des Heiden Harnisch rasselten die Ringe, auf seiner breiten Brust klaffte eine Wunde, daraus ein Strahl Blutes sich ergoß. Tot fiel er vom Roß. »Dir hilft niemand wieder auf!« rief Walter. Graf Berengar durchspeerte Estramaris und schleuderte den Sterbenden mitten unter seine Saracenen. Margaris hielt auf Oliver. Schön, stark und gewandt war der Spanier: sein Speer durchstieß des Franken Schild unter dem Buckel und streifte seine Hüfte, ohne 449 ihn zu verletzen. Margaris ließ den zersplitternden Speer fahren, blies in sein Horn, sammelte sein Volk und stürmte weiter in die Schlacht. Und gewaltig ward diese Schlacht. Roland tat fünfzehn Todesstöße, da brach sein Eschenschaft in Stücke. Er schwang Durendal auf Chernuble und spaltete ihm den karfunkelbesetzten Helm, und das Haupt, und den Leib, von weißringiger Brünne umspannt, und den goldbeschlagenen Sattel, und erst in des Rosses Rücken blieb die gute Schneide stecken. Lautlos sank Chernuble aufs Feld. »Du wirst den Sieg nicht gewinnen; du kamst zu deinem Unheil her!« rief Roland und ritt mitten durch die Feindesreihen, sein Schwert schwingend. Er türmte Leichen auf Leichen, das Blut rieselte davon übers Feld. Von Blut gerötet waren ihm Arm und Brünne, blutbespritzt seines Hengstes Hals und Bug. Die Franken standen gut im Feld und gedachten ihrer besten Hiebe. Rings fielen die Saracenen; freudig rief Turpin: »Heil eurer Tapferkeit! Montjoie Karl!« Olivers Speer war zerbrochen, er führte nur noch den Stumpf; damit zerspellte er dem Mauren Nialun den goldbespängten Schild und stieß ihm zwischen beide Augen: mitten in die Kämpfenden flog der kopflose Leib. Da begegnete Roland seinem Genossen und sprach: »Freund, was willst du mit dem Stumpf? Wo ist Alteclair?« »Ich fand noch keine Zeit, es zu ziehen,« antwortete Oliver, warf nun den Speerstumpf fort, riß sein Schwert aus der Scheide, schwang es und spaltete Justin von Val Ferree den Helm, das Haupt und die Brust mit dem reichgeschmückten Harnisch, den Sattel samt der golddurchwirkten Decke, und des Hengstes Rücken: tot stürzten Roß wie Reiter. 450 »Um solche Hiebe liebt uns Karl!« sprach Roland. Und ringsum riefen die Franken: »Montjoie Karl!« Auf fahlem Roß ritt Garin, sein Genosse Gerer ihm zur Seite. Zusammen trafen sie Timozel, den Araber: der eine zerhackte ihm den Schild, der andre zerhieb ihm das Kettenhemd und beider Speere durchbohrten seinen Leib. Der Erzbischof erschlug noch einen toledaner Zauberer, Siglorel geheißen: der sollte in der Hölle gewesen sein durch schwarze Kunst. »So fahre nun wieder zurück zu Satanas!« sprach der Bischof dabei. Grimmiger wurde das Kämpfen: blutig und zerspellt wurden Speere, Banner zerrissen und ins Gefild gestampft, Ächzen und Stöhnen und wilder Schlachtschrei klangen dazwischen und weh, mancher Franke fiel. Turpin tat mehr als tausend Hiebe mit Almace, keiner der Paladine säumte: haufenweis lagen Saracenen und Heiden erschlagen, wer nicht floh, mußte sterben. Und von all den Hunderttausend entkam nur einer, der war Margaris. Vier Speere hatten ihn getroffen, bluttriefend, mit zerhacktem Schild, zerschlitztem Harnisch und blutigem Schwert kam er zu Marsil gesprengt und rief: »Die Franken haben all unser Heervolk erschlagen, die Hälfte von ihnen ist dabei gefallen, die andern sind wund oder ermattet, ihre Speere sind zerbrochen, ihr Rüstzeug ist geborsten. König Marsil, nun reite rasch nach Ronceval, willst du Spanien zurückgewinnen.« Dann sank er tot aus dem Sattel. Und während dieser Schlacht tobte in ganz Francien ein greuliches Unwetter mit Regen, Hagel, Wind: Donner rollten, Blitze fuhren nieder und die Erde bebte, Mauern barsten, und gen Süden lag Finsternis im Land. und niemand wußte das zu deuten. 451 Die Franken in Ronceval aber beklagten ihre Gefallenen, der Freund küßte den Freund mit weinenden Augen; da rief Roland: »Auf! Marsil kommt mit einem zweiten Heer.« Die Feinde kamen mitten durchs Tal geritten in dreißig Scharen, die Helme glühten von den funkelnden Steinen daran, hell glänzten die weißen Brünnen, wild gellten die krummen Heerhörner. »Bruder Oliver,« sprach da Roland, »Ganelon hat uns verraten! Aber Karl wird uns rächen!« Die Franken erschraken beim Anblick der vielen Feinde, doch Turpin rief: »Denke keiner an Flucht! Besser ist's, hier kämpfend zu sterben: denn diesen Tag überleben wir nicht! Aber im Paradies werden euch die Sitze schon bereitet!« Da ermannten sich alle und riefen: »Montjoie Karl!« Die ersten Saracenengeschwader drangen an; die andern blieben mit Marsil zurück. Climorin, der Ganelon in Saragossa geküßt und ihm einen Helm geschenkt hatte, – er floh niemals, – saß auf seinem Roß Barbamusche, das eine Schwalbe im Flug überholte: er berannte Engeler, durchbohrte ihn mit seinem Speer und warf ihn aufs Feld. »Seht Saracenen,« rief er, »die Feinde sind leicht zu schlagen.« »Weh um Engeler, den Tapfern!« sprach Roland. »Ich muß ihn rächen!« antwortete voll Zornes Oliver, spornte seinen Hengst, schwang das blutige Schwert und schlug Climorin tot aus dem Sattel. Dann warf er sieben Araber von ihren Mähren, daß sie für immer liegen blieben. »Mein Waffenbruder ist mir voran in Kühnheit,« rief Roland freudig. 452 Der Christen schlimmster Feind, ein reicher Heide, war Valdabrun; er hatte Ganelon sein Schwert geschenkt. Er trieb sein Roß Gramimund gegen Sansun, den Herzog von Burgund, und durchbohrte mit seinem scharfen Speer Schild und Brust des tapfern Mannes. Hei! wie ergrimmte Roland, als er Sansun fallen sah! Wie ein Sturmwind jagte er dahin, wo er Valdabrun fand, und spaltete ihm Helm, Haupt und Leib und tötete auf einen Schlag Roß wie Reiter. Mit Grausen sahen's die Saracenen. »Das ist uns zuviel,« riefen sie. »Ihr sollt noch mehr solcher Hiebe haben! Ich haß euch und will euch den Weg zeigen in die Hölle!« antwortete der stolze Roland. Eines Königs Sohn aus Afrika ritt daher in goldenen Wehrkleidern; vor allen erglänzte er. Sein Roß nannte er Salt-Perdut: so schnell wie das lief keines. Er begegnete Ansëis dem Alten, zerhieb ihm den rot und blauen Schild und schoß ihm den spitzen Wurfspeer durch den Leib. »Weh um unsern Grafen!« schrieen die Franken, als er aus dem Sattel sank. Da kam Turpin gesprengt und rief: »Gott verdamme dich, du Heide! Du hast mir einen Freund erschlagen!« Und er traf mit Almace den von Gold starrenden Afrikaner, daß er mit gespaltenem Schädel klirrend neben Ansëis fiel. »Solch ein Bischof sang nie die Messe!« jubelten die Franken. Der Saracene Grandonie aus Kappadocien war ein Held. Er ritt Marmorie, das rasche Roß, durchrannte mit seinem eisenspitzigen Speer Garin und schleuderte ihn an einen Felsen. Dann zog er sein Schwert, und da 453 fielen vor ihm Gerer und Berengar und viele wackre Barone. Sein Volk jauchzte ihm zu, die Franken wehklagten. Aber Roland sprach: »Du sollst sie mir teuer bezahlen!« Und sie trafen zusammen. Grandonie hatte Roland nie zuvor gesehen; doch er erkannte den Markgrafen gleich an seinem schönen Leib und seinem stolzen Blick. Er war ein Held, und er erschrak doch: gern wär' er ausgewichen; umsonst: schon schlug ihn Roland mit furchtbarem Hieb, oben beim Helm hinein, und in zwei Hälften gespalten stürzten Herr wie Hengst! »Der ist ein Schirmherr!« riefen die Franken. Die Schlacht war wild: das Blut rieselte übers Gras. »Das Frankenvolk ist allzukühn! hilf uns, Marsil!« schrieen die Saracenen. Sie hielten es nicht mehr aus und wichen zurück. Aber die Franken jagten nach und trieben sie bis zu Marsil. Der ließ alle Hörner blasen und ritt mit dem versammelten Heervolk gegen den Paß. Allen voran flog Abisme, ein dunkelhäutiger Äthiope. Er lachte nie, aber mutig war er und tollkühn; er trug seinem Zug ein Drachenbild voraus. An seinem linken Arm hing ein wunderbarer Schild, Amethyste, Karfunkel und Topase waren darauf eingelegt, ein Geschenk König Galafers, der sollte ihn vom Teufel bekommen haben. Als Turpin den Äthiopen erblickte, verlangte er sehr, ihn zu töten, und leise sprach er bei sich: »Feiger Sinn ist mir verhaßt: ich will sterben oder diesen Heiden erschlagen!« Darum spornte er seinen Hengst vorwärts, ein dänisch Streitroß, mit feinen Fesseln, starken Schenkeln, weißem Schweif, Mähne und Kopf waren falbfarben. Der Erzbischof zögerte nicht: er schlug mit Almace auf den funkelnden Schild, daß er krachend zersprang und durchhieb 454 Abisme von der einen Rippe zur andern. Tot lag der Schwarze. »Wollte Gott, Karl hätte mehr solche Bischöfe!« sprachen die Barone. Da begann erneutes Streiten: hei, schwangen die Paladine ihre Schwerter! In vier Stürmen obsiegten sie, im fünften waren sie gefallen bis auf sechzig. Als Roland seine Degen also erliegen sah, rief er Oliver an: »Ach Freund, daß Karl hier wäre! Ich will Olifant blasen, damit er's hört!« »Das wäre Schande für dein ganz Geschlecht! Zur rechten Zeit hast du es nicht gewollt: nun ist's zu spät, und du sollst nicht blasen: man könnt's für Feigheit nehmen!« »Sieh, Oliver, wie schwer die Unsern ringen, ich werde blasen!« »Nein, Markgraf! Untadelig laß uns sterben! Blase nicht! Oder nie mehr soll dir Alda im Arme ruhn, kehr' ich zurück.« »Weshalb erzürnst du dich so sehr?« fragte Roland. »Gib dir selber die Schuld; Kühnheit mit klugem Maß gepaart ist weiser, als stolzer Übermut! Durch dich sterben hier des Kaisers Degen. Hättest du mir gefolgt! Karl wäre hier, gewonnen die Schlacht und Marsil tot. Auch wir, Freund, müssen noch vor Abend Abschied nehmen.« Da gesellte sich ihnen Turpin und rief: »Ihr Grafen, hadert nicht miteinander. Rolands Blasen nützt uns nichts mehr, doch Karl wird es hören, umkehren und uns rächen. Die Saracenen werden besiegt, wir aber, statt von wilden Tieren gefressen, christlich begraben werden. Darum blase, Roland.« Da setzte der stolze Markgraf Olifant an den Mund 455 und blies gewaltig hinein: weithin drang der Schall und der Widerhall, über Pässe und Berge. Kaiser Karl hörte ihn, hielt Tencendur an und sprach: »Meine Barone stehen im Kampf.« Und wieder blies der Markgraf: das Blut sprang ihm aus dem Mund, und die Adern barsten an den Schläfen. – Kaiser Karl hörte den Klang und sprach: »Das ist Rolands Horn, es hat einen grimmen Ton, ihn zwingt die Not, zu blasen!« »Was Not und Kampf!« rief Ganelon, »Ihr seid alt geworden und weich wie ein Kind, Herr Kaiser! Wir alle kennen Rolands Übermut, er bläst um einen Hasen einen ganzen Tag lang. Was stehen wir still, vorwärts!« Und zum drittenmal blies Roland – mit Schmerz und Pein. Kaiser Karl hörte es und sprach: »Das Horn hat langen Atem!« Und alle Franken hörten es, und Naimes sprach: »Roland bläst, er ist in der Schlacht! Wers anders deutet, ist ein Verräter. Wendet die Rosse, ruft den Schlachtschrei, Roland ist in Not!« Da ergellten jäh der Franken helle Hörner, rasch waffneten sich Herren und Knechte, stiegen auf die Kampfrosse, schwangen die Oriflamme empor und sprengten zurück über die Pässe nach Ronceval. Gar grimmig war Karl, er ließ Ganelon ergreifen und übergab ihn Besgun dem Küchenmeister: »Bewach ihn gut, er hat Roland verraten!« Hundert Köche liefen herbei, unter vielen Schlägen wurde Ganelon schmachvoll auf ein Saumtier gebunden und mit fortgeführt. 456 Karl ritt dahin in grimmigem Zorn, sein weißer Bart wallte auf seine goldene Brünne. – In Ronceval sah Roland übers Kampffeld und die Hügel und sah seine Franken erschlagen: »Ihr Tapfern!« klagte er, »habt Dank für all eure treuen Dienste! Ich konnte euch nicht erretten! Freund Oliver, komm wieder in die Schlacht, mit unsern letzten zu sterben.« Und er schwang Durendal und erschlug einen Feind um den andern, sie flohen vor ihm wie die Hirsche vor der Rüde. Marsil war selbst in den Streit geritten, nun streckte er den Grafen Gerhard nieder. »Gott soll dich verdammen, König!« rief Roland gegen den Spanier ansprengend und hieb ihm die rechte Hand, die Schwerthand, ab, und mit dem zweiten Schlage das Haupt Marsils Sohne Jurfalu. »Hilf Mohammed!« schrieen die Saracenen, »diese Franken weichen nur dem Tod.« Marsil aber riß seinen Hengst herum und floh und mit ihm ein ganzer Schwarm. Doch des Königs Oheim Marganic mit seinen Scharen blieb im Feld: Äthiopen, Mauren, lauter dunkelhäutig Volk. Wild schreiend stürmten sie ein auf das kleine Häuflein Franken. »Nun geht's zu End' mit uns,« sprach Roland, »Barone, schlagt zu! Gedenkt der Ehre, daß Karl, wann er kommt, auf einen Christen fünfzehn Heiden erschlagen findet. Er wird uns danken!« Marganic sprengte mit arger List Oliver in den Rücken und durchstieß ihm von rückwärts die kühne Brust. »Nimm das!« rief er, »an dir hab' ich genug Rache!« Doch Oliver faßte Alteclair fest und traf den Neiding mitten auf den Helm, ihm das Haupt spaltend, bis in die Zähne. 457 »Schmach über dich!« rief er dabei, »du wirst dich nirgends rühmen, daß du Oliver getroffen hast!« Aber der Graf war zum Tode getroffen, da schlug er noch gar grimmig um sich, rief hell: »Montjoie Karl!« und dann: »Freund Roland, komm, nun müssen wir Abschied nehmen!« Das Blut rann ihm über Leib und Beine, Roland schaute, wie sein Antlitz sich verfärbte, und klagte: »Weh dir, süßes Francien, nun verlierst du deinen kühnsten Helden!« Und besinnungslos sank er auf Veillantif zusammen. Oliver flimmerte es vor den Augen, er sah nichts mehr, aber er schwang immerfort Alteclair, da traf er Roland auf den Helm und zerhieb den bis an die Nasenstange. Roland fuhr auf aus seiner Betäubung, sah seinen Freund an und fragte: »Bruder, warum tust du mir das? Ich bin ja der Roland, der dich so sehr liebt!« »Weh mir!« antwortete Oliver, »nun erkenn ich dich an deiner Stimme: sehen kann ich dich nicht mehr: verzeih mir's, Genoß.« »Gern! Du hast mich nicht verletzt!« tröstete ihn Roland, und sie neigten sich zueinander, küßten sich und schieden: denn der Tod ergriff Oliver. Er stieg vom Roß und legte sich auf die Erde. »Sei gesegnet, Heimatland! Gesegnet, großer Karl! Gesegnet vor allem du, Roland! Freund, nun fahr' wohl!« Da stockte das kühne Herz, das schöne, kluge Haupt sank vornüber, der erstarrte Leib streckte sich aufs Graf: Herr Oliver war tot. Laut jammernd weinte der stolze Roland: »Fahr' wohl, Genoß! Du hast mich nie gekränkt! Wie liebte ich dich so sehr! Was gilt mir mein Leben, nun du tot liegst!« 458 Und abermals schwanden ihm die Sinne: er saß auf Veillantif, seine Füße staken in den goldenen Bügeln, die hielten ihn, daß er nicht vom Sattel glitt. Als er aus seiner Ohnmacht erwachte, waren alle Franken erschlagen, außer Turpin und Walter von Leon. Der hatte tapfer auf den Hügeln gestritten, bis der letzte seines Zuges fiel, da floh er ins Tal und rief: »Roland, wo bist du? Schild und Speer sind mir zerbrochen, mein Kettenhemd ist zerschlitzt, mein Leib durchspeert, ich sterbe, doch ich rächte mich zuvor.« Der Markgraf lenkte sein Roß dahin, wo er sich rufen hörte, sein Herz ward unfroh, zwanzig Saracenen fielen von seinem Schwert. Walter von Leon erschlug noch sechs, Turpin spaltete noch fünfen die Schädel. Und die Heiden sprachen: »Das ist schlimmes Volk, keiner darf lebend entkommen.« Und mit wildem Schlachtschrei gingen sie gegen die drei. Sie wagten sich nicht mehr heran, von fern schossen sie Rohrspeere, Pfeile und zugespitzte Keile. Die ersten Geschosse trafen Walter, tot sank er um. Des Erzbischofs Schild wurde ganz zerbrochen, seine Brünne zerrissen, zerschmettert sein Helm, sein Haupt verwundet, und vier Speere trafen seinen Leib. Sein Scheck stürzte, von einem spitzen Keil in den Bug getroffen, unter ihm. Turpin raffte sich auf: »Noch leb ich und bin nicht besiegt!« rief er und sprang an Rolands Seite, Almace in der Hand; und die Sage singt: da fielen die Heiden vor dem Bischof in Haufen. Roland ermattete nicht im Zuschlagen; er troff von Schweiß, im Kopf brannte ihm fürchterlicher Schmerz: da setzt er noch einmal Olifant an den Mund – er wollte wissen, ob Herr Karl käme – und blies: das gab einen schwachen Klang. 459 Aber der Kaiser hörte ihn und sprach: »Das bedeutet Unheil: Roland stirbt, ich hör's am Blasen. Nun laßt alle Hörner gellen und rückt rasch vorwärts!« Der Abend war klar, die Sonne ging zur Rüste. Die Berge erdröhnten von dem Schall der Frankenhörner: er hallte bis ins Tal von Ronceval. Die Heiden hörten es mit Schrecken. »Karl ist da!« riefen sie, »der Kaiser kommt zurück! Hört die Frankenhörner! Allah beschirme uns! Ganz Spanien ist verloren und wir alle sind's, wenn Roland am Leben bleibt.« Vierhundert ihrer Mutigsten scharten sich zusammen und wollten dem Markgrafen ans Leben. Als der sie kommen sah – keine Wunde hatte er am Leibe – ergrimmte er in wilder Kampflust: er spornte seinen Hengst, rannte sie an und hieb nieder, wer ihm nicht auswich. Turpin schritt neben ihm her und rief: »Hörst du Karls Hörner? Er kommt, hau zu, Freund!« »Ich sitze zu Roß, du bist zu Fuß, Bischof,« sprach Roland, »ich bleibe an deiner Seite, wir teilen Sieg und Tod!« »Nur zu! Karl kommt und wird uns rächen!« antwortete Turpin. Schon hallte es tausendfach von den Bergen »Montjoie Karl!« Die Saracenen gerieten in große Angst: »Das war ein unheilschwerer Tag für uns,« sprachen sie, »Roland ist wie ein Dämon an Kraft und Wildheit: kein Lebender von Fleisch und Blut kann den besiegen. Schießen wir noch einmal auf ihn und dann zurück nach Saragossa.« Da flog prasselnd und schwirrend ein Schauer von Pfeilen, Speeren und Steinen auf Held Roland! Sein Schild wurde ganz zermalmt, aus seiner Brünne rasselten die Ringe allerorten, zerschlitzt hing sie an seiner Brust: – 460 aber unversehrt blieb sein Leib. Veillantif stürzte tot nieder, getroffen an zwanzig Stellen. Die Spanier flohen. Roland stand auf dem Feld und konnte sie nicht verfolgen. Da half er Turpin, die zerschossenen Wehrkleider ablegen und verstopfte ihm die Wunden mit dem weichen Unterkleid, das Blut zu stillen. Dann umarmte er ihn und legte ihn sanft aufs Gras. »Freund Bischof,« sprach er, »nun will ich alle meine lieben Bankgenossen suchen und sie hier neben dich betten.« »Geh, Markgraf, du hast gesiegt, Gott sei die Ehre!« Der stolze Roland schritt allein übers Schlachtfeld und suchte und fand, die er suchte. Er trug sie, einen nach dem andern, vor den Bischof und legte sie in eine Reihe. Turpin weinte, hob die Hände und segnete sie: »Euch bettet Gott im Paradies! Nun naht auch mir der Tod, ich werde Herr Karl nicht mehr schauen.« Als den letzten brachte Roland Oliver: zärtlich umschloß er ihn mit den Armen und legte ihn nieder auf einen Schild und sprach: »Es war kein besserer Mann und Held auf Erden!« Und vor Gram und Weh rannen ihm die Zähren über die Wangen und er sank in Ohnmacht. Turpin raffte sich auf, nahm Olifant und wollte aus einem Quell Wasser für den Betäubten schöpfen. Wie er hinschritt, floß ein Strom Blutes aus seinen Wunden, kaum einen Speerwurf weit kam er, da fiel er vornüber in die Kniee. Roland erwachte, schaute umher und sah den Bischof liegen, wie er aufblickend, die gefalteten Hände zum Himmel reckte und Gott anrief; dann sah er ihn umsinken: die schönen weißen Hände auf der Brust gekreuzt lag er tot da. »Sei Gott befohlen!« sprach Roland, »keiner diente 461 ihm besser als du, darum wird er dir sein Himmelstor auftun.« Nun fühlte auch er den Tod nahen: es brauste ihm in den Ohren, das Gehirn quoll aus seinen geborstenen Schläfen. Er nahm seinen Olifant in die eine, Durendal in die andre Hand, schritt einen Pfeilschuß weit gegen Spanien hin auf einen Hügel, wo ein Baum grünte zwischen dunklen Marmorblöcken, dort sank er betäubt ins Gras. Ein Saracene, der leicht verwundet unter den Gefallenen lag, hatte sich tot gestellt und ihn belauert, nun sprang er auf und lief auf den Hügel. Er war stark und keck, tödlicher Haß glühte ans seinen schwarzen Augen, er griff nach Durendal und rief: »Nun ist der stolze Roland bezwungen, fortan trag' ich sein Schwert!« Er zog an Durendal, es aus des Betäubten Hand zu reißen, darüber erwachte Roland, sah den Saracenen und sprach: »Mich dünkt, du bist kein Franke, wie wagst du's mich anzurühren?« Und er schwang den Olifant mit der Linken und schlug ihm aufs Haupt, Helm und Hirn zerschmetternd. Tot rollte der Kecke vor des Markgrafen Füße. Der blickte sein Horn an und sprach: »Ach schöner Olifant, du bist darüber zersprungen, Steine und Gold liegen hier zerstreut.« Nun faßte er Durendal fester und schlug auf einen der Marmorsteine, es zu zerbrechen, aber die gute Klinge bekam nicht einmal eine Scharte. »Ach gutes Schwert,« rief er, »wie soll ich dich bewahren vor feigem Mann?« Und wieder hieb er auf den Stein, das Schwert brach nicht. »Du gutes Schwert, Durendal, wie glänzest und funkelst du im Abendschein! Herr Karl hat dich mir umgegürtet, ich nahm mit dir so viele Länder, die nun Herr 462 Karl beherrscht: Durendal, ich gönne dich nicht den Heiden!« Und zum drittenmal hieb er in den dunklen Marmelblock und schlug ein großes Stück davon ab, doch Durendal brach nicht; und Roland sprach: »Du schöne Schneide, durch dich wurde Herr Karl stark und mächtig. Er gab dich mir, nur ihm geb' ich dich zurück.« Nun fühlte er den Tod seinem Herzen nahen. Er schritt unter den Fichtenbaum, legte sich nieder ins Gras, das Angesicht Spanien zugewandt, Karl zu verkünden, daß er als Sieger gestorben; unter sein Haupt legte er Olifant und hielt mit der Rechten Durendal gefaßt. Er gedachte der Heimat, Herr Karls, seiner Siege und aller süßen Dinge: da seufzte der stolze Roland und weinte. »Gott des Himmels,« sprach er, »sei mir gnädig!« Und er reichte seinen rechten Handschuh zu Gott empor und starb. Und Gott der Herr schickte den Engel Gabriel hinab, der nahm den Handschuh aus Rolands Hand. Der Cherub Michael stieg nieder mit seiner Engelschar und sie trugen Rolands Seele ins Paradies. Kaiser Karl kam geritten in den Paß von Ronceval und fand keinen fußbreit frei von Toten. »Wo bist du, Roland? Wo seid ihr, meine Paladine? Ihr stolzen Genossen meiner Siege?« rief er und raufte sich den weißen Bart, und mit ihm weinte das ganze Heer. Sie klagten laut, suchten ihre Freunde und Gesippen. Naimes ermannte sich zuerst, er sprach zum Kaiser: »Sieh dorthin, siehst du den Staub aufwirbeln hinter den entfliehenden Saracenen? Laß uns hinterdrein reiten und Rache nehmen!« 463 »Auf!« rief Karl, »sind sie auch weit voraus.« Er winkte vier Grafen: »Bewachet mit eurem Häuflein das Gefild, laßt alle Toten ruhn, sorget, daß nicht wilde Tiere sich hinschleichen – keiner rühre die Gefallenen an, bis ich zurückkomme.« Dann sagte er mit dem ganzen Heervolk hinter den Fliehenden her. Aber schon sank die Sonne, die Nacht drohte, ihm die Rache zu vereiteln, da stieg Karl ab, kniete nieder und rief Gott zu Hilfe. Und der Engel Gabriel erschien an seiner Seite und sprach: »Reite zu, Karl, lieber, an Licht wird dir's nicht fehlen, räche dich!« Und vorwärts zogen die Geschwader im raschen Ritt: die Sonne stand still in ihrem Lauf. Im Tal Tenebre erreichte Karl die Heiden und trieb sie vor sich her bis Saragossa an den Ebro. Weder Fähre noch Fährmann waren da zur Hand und die Saracenen, vor dem Schwerttod fliehend, sprangen in den reißenden Strom, ihre schweren Wehrkleider zogen sie hinab: die nicht von den Franken erschlagen wurden, ertranken und fuhren in die Hölle. Da stieg Kaiser Karl vom Roß, kniete hin und dankte Gott für den Sieg. Als er sich erhob, war die Sonne gesunken. »Wir können heut nicht mehr zurückkommen nach Ronceval,« sprach er, »sattelt ab und laßt uns hier die Nacht verbringen.« Er legte sich auf die Wiese, die Brünne um die Brust geschnallt, Joyeuse an die Seite gegürtet, ihm zu Häupten ruhte sein langer Eschenspeer. Der Mond stieg auf, die Rosse lagen ermattet hingestreckt, und alle Franken lagen schlafend! Nur Karl wachte vor Schmerz um Roland, bis ihn die Müdigkeit übermannte. Da sandte Gott ihm den Engel Gabriel, 464 der stand an seiner Seite und behütete seinen Schlaf und zeigte ihm in Traumgesichten künftige Geschehnisse. Marsil hatte zu Beginn des großen Krieges gegen Karl um Hilfe geschrieben an den Admiral von Babylon, den uralten Baligant. Lange hatte der gerüstet und ein unabsehbares Heer in Alexandrien zusammengeschart, das aus vielen starkkieligen Schiffen über die Salzflut geschwommen war und um diese Zeit in den Ebro einlief. Als die Heerführer die Moscheen von Saragossa erglänzen sahen, gingen sie ans Land und schlugen Zelte im freien Gefild. Unter einem Lorbeerbaum auf weißer Decke sitzend, schwur da Baligant, daß er nach Aachen ziehen und nicht eher rasten wolle, bis der große Karl tot oder ihm unterworfen sei. Er gab seinen golddurchwirkten Handschuh zweien Boten und sprach: »Bringt ihn Marsil und sprecht, ich sei gekommen, ihn aufs neue mit Spanien zu belehnen und Karl die Krone vom Haupt zu reißen.« Die Boten fanden in Saragossa ein bekümmertes Volk. Wehschrei und Fluchen hallten durch die Straßen, sie schritten mit freundlichem Gruß in den säulengetragenen Palast: da fanden sie Marsil von großem Blutverlust erschöpft auf seinen Polstern liegend. Braimunde saß davor und weinte um ihn und beantwortete der Boten Gruß mit traurigen Klagen. »Fasse dich, Weib,« sprach Marsil und erzählte den Boten alles was in Ronceval und am Ebro geschehen und daß der Kaiser dort im freien Feld nächtige. Ganz verstört kamen die Boten zurück zum Admiral, der hörte sinnend ihren Bericht, dann rief er: »Auf! Laßt alle 465 Krieger von den Schiffen ans Land steigen und zu Roß, wir reiten noch heut Nacht nach Saragossa.« Dort eilte er in den Palast zu Marsil, der sprach: »Gesegnet sei dein Kommen, ich habe mich und mein Volk verloren. Ganz Spanien übergeb' ich dir, beschirme du es vor Karl!« »Ich darf nicht länger zögern, sonst entwischt er mir! Die Mitternacht ist lang vorbei,« antwortete Baligant und schritt hinaus, sprang auf Bestbrun sein Roß, ritt seinem Heervolk voran und rief: »Auf! Karl darf mir nicht entrinnen.« Beim ersten Frührot war Karl erwacht und er ritt mit seinen Franken rasch zurück nach Ronceval. Einen Steinwurf weit von den andern langte Karl auf dem Hügel an, wo Roland lag. Da waren alle Blumen rot gefärbt, Tränen rannen in des Kaisers blütenweißen Bart. Da erblickte er seinen Neffen, er sprang vom Roß, eilte hin, schloß ihn fest in seine Arme und ohnmächtig sank er so über ihn hin. Naimes und vier edle Grafen kamen hinzu und richteten ihren Herrn wieder auf. Der hub an zu klagen: »Weh um dich, trauter Neffe, sei gesegnet, liebster Roland, nun tot wie lebend einst. Nie sahen Menschen solchen Mann! Du warst Gottes und der Tapfern Freund.« Er küßte den Toten und wieder schwanden ihm die Sinne, die Grafen hielten ihn aufrecht bis er wieder zu sich kam. Sein Antlitz war verfärbt, seines Auges Glanz getrübt, er blickte den Toten an: »Kein Tag wird vergehen, an dem ich dich nicht beweine! Freund Roland, du Held, du schöne Jugend, tot 466 liegst du. Wer führt nun mein Heer? Oh, daß ich sterben dürfte und neben dir liegen.« Er raufte sich das weiße Haar und den blütenweißen Bart und weinte, und alle Franken weinten mit ihm. »Armer Kaiser!« seufzte Naimes. »Fasset Euch, Herr!« sprach Ogier, »lasset uns die Toten bestatten.« Und der Herzog schritt hin und wollte Durendal aus Rolands Hand nehmen, aber er konnte es nicht, der Tote hielt es fest. Karl befahl zwei starken Baronen: »Löst die Hetze aus seiner Faust;« sie vermochten es nicht und nicht ihrer fünf zusammen. Da sprach der Kaiser: »Tot wie einst lebend, stolzer Held, fest hältst du dein Schwert,« und er faßte Durendal und des Toten Finger taten sich auf. Keinem Geringern, als er war, gönnte der stolze Roland sein Schwert. Karl aber hat es in die See geworfen, wo es noch heute ruht. Nun trugen Herren und Knechte, Mönche wie Kapläne die fränkischen Toten zusammen und begruben sie unter Singen, Beten und Weihrauchschwingen alle in einem großen Grabe. Nur Roland, Oliver und Turpin ließ Karl aufheben. Ihre Leiber wurden mit Wein gewaschen, gesalbt und balsamiert und in frische Hirschhäute genäht, auf drei Wagen gebahrt, alexandrinische Decken darüber gebreitet, sie mitzuführen in die süße Heimat. Als die Franken sich zur Heimkehr anschickten, wurde des Admirals Vorhut sichtbar, und zwei Boten ritten vor Karl hin: »Was entfliehst du vor Baligant?« riefen sie, »er führt ein gewaltiges Heervolk daher, mit dir um Spanien zu streiten.« 467 Kaiser Karl ergrimmte, er gedachte seiner erschlagenen Paladine und Barone, er strich seinen blütenweißen Bart und rief mit heller Stimme: »Zu den Waffen! meine Franken!« Vor allen saß er auf Tencendur, kampfbereit. Er rief herbei Naimes und Jozerant von der Provence und sprach: »Liebe Freunde, nun wollen wir erst Roland und alle Gefallenen rächen, ordnet mein Wehrvolk!« »So helfe uns Gott zu einer guten Rache!« antwortete Naimes und ging ans Werk. Die ersten Scharen bildeten die fränkischen Jungherren. Dann kamen die starken Bayern; nach seinen Franken liebte Karl kein Volk mehr als dieses. Ihnen folgten die Alamannen, die starben lieber, als daß sie geflohen wären. Die fünfte Schar waren Normannen auf schnellen Rossen, die waren gewaltig im Streit, der alte Richard führte sie selbst. Nun kamen die Bretonen mit bunt bemalten Speerschäften, daran farbige Wimpel flatterten. Sie kannten Heldensitte. Dahinter ordnete sich ein Zug aus Poitou und Auvergne: Jozeran führte sie, und Karl segnete sie mit eigner Hand. Im achten Haufen ritten Brabanter und Friesen, die taten ihrem Kaiser guten Kriegsdienst. Lothringer und Burgunden folgten, mit kurzen Speeren und festen Brünnen. In der zehnten Schar ritten die fränkischen Barone mit weißem Scheitel und weißem Bart, mit wildem Antlitz, doppelte Brünnen um den stolzen Leib geschnallt, spanische Schwerter in der starken Faust. Ihre bunten Schilde glänzten und glühten im Sonnenschein. Mit ihnen ritt Kaiser Karl. »Montjoie!« riefen sie hell und trugen die Oriflamme in ihrer Mitte. 468 Und Kaiser Karl kniete nieder vor dem Heer und betete laut: »Herr Gott, nun hilf uns Roland rächen.« Dann schwang er sich aufs Roß, Naimes und Jozerant hielten ihm den Bügel; er gab das Zeichen zum Aufbruch und ritt vorwärts. Weithin ergellten die Frankenhörner. Bald kamen sie aus den Bergen in eine weite Ebene, wo die Saracenen ihrer warteten. Die zwei Boten waren ihnen voran geeilt zu Baligant: »Herr,« sprachen sie, »bereite dich zur Schlacht, der große Karl blickte uns zornig an, sein Heervolk ist kampfbegierig!« Der Admiral sprang auf, gürtete sein Schwert Preciuse um die Hüfte, nahm den goldgebuckelten Schild, faßte den Speer Maltet und schwang sich auf sein Roß: fest saß er im Sattel, mit starken Schenkeln den feurigen Hengst bändigend. Auf seine breite Brust wallte lang hernieder der schneeweiße Bart, schneeweiße Locken umrahmten sein stolzes Haupt. Die Heiden jubelten ihm zu: »Heil dir! Schirmherr von Spanien!« Er musterte sein Heer, das aus dem Abend- und Morgenlande zusammengeschart war. Dickköpfige Micener, auf dem Rücken mit Schweinsborsten bewachsen, Armenier, Mauren, häßliche Kananäer, Perser, dann ein Wüstenvolk mit eisenharter Haut, das trug nicht Helm noch Brünne, Berber, Spanier, Türken, Araber und Riesen von Malperse: ein unabsehbar Völkerheer. Ein Drachenbanner wurde ihnen vorangetragen und Bildnisse ihrer Götter. Wild schrieen sie ihren Schlachtschrei »Preciuse!« als Baligant seinen Speer schüttelte. »Montjoie!« antworteten die fränkischen Barone. »Mir nach!« rief Kaiser Karl, vorwärts rannte Tencendur, und da begann die furchtbare Schlacht. Die Heiden schlugen tapfer zu: Schilde zerschellten, Speere splitterten, Helme zersprangen, Brünnen barsten, 469 Rosse wieherten, Gefallene stöhnten; das grüne Gras ward von Blut rot. Und als die Speere verschossen waren, gab's einen freislichen Schwerterschwang. Ungestüm rief Baligant: »Haut ein! Ich geh' euch Gold und schöne Weiber!« »Schlagt zu, Barone,« rief Kaiser Karl mit heller Stimme, »rächt eure Freunde und Gesippen! Schlagt zu! Land und Lehen werd' ich euch geben!« Des Admirals Sohn ritt auf milchweißem Roß durch die Reihen und schlug die Franken nieder. Grimmig blickte Herzog Naimes auf ihn, rannte den Jüngling an und durchspeerte ihm das Herz. Des Gefallenen Oheim heischte Rache, er hieb dem alten Naimes gewaltig auf den Helm und eine tiefe Wunde in den Kopf: betäubt umklammerte der Herzog seines Hengstes Hals, und schon holte der Saracene aus zum Todesschlag, – da fuhr ihm mitten durchs Antlitz Karls wuchtiger Speerstoß, tot fiel er aus dem Sattel. »Freund Naimes,« sprach der Kaiser, als der Herzog sich erholte, »für diesmal ging's noch gut, bleibe nun an meiner Seite.« Der Admiral führte grimmige Streiche, er erschlug mit seinem Schwert den tapfern Richard vom Normannenland. Doch kein Franke wollte fliehen, wieviel ihrer auch niedersanken. Bis zum Abend dauerte das Stürmen, Tosen und Morden. Als Baligant die Kunde kam von seines Sohnes Tod, befragte er Zangleu, seinen kühnsten Kämpen, um den Sieg. »Admiral,« antwortete der, »deine Götter können dich nicht schützen gegen Karl, nie sah ich solchen Helden! Besende rasch die Scharen, die noch im Rückhalt stehen: Türken, Araber und Riesen, daß sie in die Schlacht gehen.« Da kamen die Gerufenen: mit gräßlichem Geschrei und 470 Geheul zogen sie aufs Feld und brachen der Franken geschlossene Reihen. Ogier, dem Dänen mißfiel das. »Mir nach, ihr starken Bayern!« rief er, »rächen wir die Schmach!« Und vorwärts rannte sein Streitroß und geradewegs auf das Drachenbanner zu. Der Herzog schwang Curtaine und schlug den Bannerträger mit gespaltenem Haupt zur Erde. Den Drachen zerstampften die Gäule der Bayern, die nicht hinter ihrem Führer zurückblieben. Die Araber flohen schon. Baligant erschrak, doch unentmutigt rief er: »Preciuse!« Und ihm entgegen hallte Karls »Montjoie!« Daran erkannten sich die beiden und stießen zusammen inmitten des Schlachtgetümmels. Beim ersten Anprall brachen ihre Speere, die Gurte ihrer Sättel platzten, daß sie beide auf die Erde fielen. Rasch waren sie wieder auf und schwangen die Schwerter: Joyeuse und Preciuse. Sie zerhackten einander die Schilde, zerschlitzten die Brünnen. Feuer sprang von ihren Helmen. »Großer Karl,« sprach Baligant, »du hast mir den Sohn erschlagen und willst mir Spanien nehmen! Steh ab, ich will dein Freund sein, bekenne Mohammed und diene mir!« »Ich diene Gott dem Himmelsherrn! Entsage deinen Götzen, dann will ich dich lieben und mit Spanien belehnen.« Statt der Antwort traf Baligant mit furchtbarem Schlag auf des Kaisers Haupt und schlug, den Helm zerspaltend, ihm durch die weißen Haare eine böse Wunde ins Haupt. Karl wankte und wäre erlegen; doch da stand der Engel Gabriel an seiner Seite und sprach: »Ermanne dich, Karl, lieber! Schlag zu: nimm deine Rache.« Da kehrten Kraft und Zorn Herrn Karl zurück, er schwang Joyeuse 471 auf Baligants steinfunkelnden Helm, zerspaltete ihn und das weiße Haupt darunter auf einen Hieb. Tot stürzte der gewaltige Recke zu Boden. Herzog Naimes führte Tencendur herbei. Der Kaiser saß auf. »Montjoie! Nun freut euch, Franken,« rief er, »und tröstet euch der Tränen, die ihr heute Morgen geweint habt.« Und alle Ungläubigen flohen vor ihm nach Saragossa. Königin Braimunde stand auf dem Söller des Palastes und sah sie kommen. »Weh uns, Marsil!« rief sie, »der Admiral ist erschlagen! Karl gewann den Sieg!« Da kehrte sich der König auf seinem Krankenlager mit dem Antlitz gegen die Wand und starb vor Gram. Niemand bewachte Saragossas Tore, die Franken ritten ein und besetzten die Stadt. Und noch in derselben Nacht, – hell leuchtete der Mond, – durchsuchten sie alle Bethäuser und zerschlugen der Saracenen Götzenbilder. Bischöfe segneten die Moscheen und weihten das Wasser: wer gefangen, wurde getauft. Nur Braimunde ließ Karl mitführen ins Frankenreich, dort sollte sie, von Priestern unterrichtet, aus eigner Wahl Christin werden. Nachdem der Kaiser tapfere Grafen in Saragossa eingesetzt hatte, zog er heim, nach Francien. In Bordeaux legte er Olifant gefüllt mit Gold nieder auf Sankt Severins Altar. Rolands und Olivers Leiber führte er nach Blaye; und in weißen Marmorsärgen wurden sie beigesetzt in der Gruft zu Sankt Romanus; und neben ihnen Erzbischof Turpin. Dann zog Karl, Tag und Nacht reitend, nach Aachen. Und als er in seine Pfalz schritt, trat ihm Alda entgegen, grüßte ihn und fragte: 472 »Wo ist Roland, mein Gemahl?« Da weinte Karl und sprach: »Kind, du fragst nach einem Toten. Ich will ihn dir ersetzen, ich gebe dir Ludwig, meinen Sohn und Erben, zum Gemahl.« »Wie sollt' ich leben, da Roland tot liegt!« rief sie und fiel jäh erbleichend vor des Kaisers Füßen nieder. Der zog sie empor bei den Händen: ihr Haupt sank auf seine Schulter, die schöne Alda war tot. Karl weinte, alle Umstehenden weinten mit ihm. Er befahl die Tote vier Gräfinnen, die trugen sie in die Muttergotteskapelle: neben dem Altar wurde sie begraben. Und alsogleich ließ Kaiser Karl Richter laden, aus allen Stämmen seines Reiches, Urteil zu sprechen über Ganelon. Am Sankt Silvestertag saßen sie zu Gericht, zu Aachen in der Pfalz. Der Verräter wurde in Ketten vor sie geführt. Dreißig seiner Gesippen waren dahingekommen. Kaiser Karl saß auf seinem Faltestuhl. »Barone,« hub er an, »nun sprecht dem Grafen Ganelon sein Recht: er hat meine Nachhut in den Tod gebracht, verraten hat er Roland und meine Paladine!« »Halt!« rief der Angeklagte, »ich sagte ihnen die Treue auf! Herr Kaiser, Ihr habt es selbst mit angehört, ich habe mich gerächt, das ist nicht Verrat! Gesippen, helft mir.« Pinabel von Sorence, sein Freund, antwortete: »Verlaß dich auf uns, Vetter: will man dir ans Leben, so stehe ich hier und fordre Gottesurteil.« Die Richter besannen sich und baten Karl, Ganelon zu begnadigen. »Ihr seid alle Verräter!« sprach der Kaiser finster und senkte traurig sein Haupt. Da schritt Dietrich von Anjou, noch ein Jüngling mit schwarzem Haar und braunen Augen vor ihn hin und 473 sprach: »Lieber Herr, Ganelon ward zum Schuft, da er Roland verriet, ihm gebührt der Galgen. Hier steh ich mit dem Schwert mein Urteil zu verfechten, will's einer schelten.« »Das will ich!« rief Pinabel und trat vor. »Pinabel, ich heische sichre Bürgen!« sprach Karl. Da erboten sich die neunundzwanzig andern Gesippen. »Ich nehme die Bürgen an,« antwortete der Kaiser. »Dietrich und Pinabel ihr sollt kämpfen um Ganelons Recht.« Vor der Pfalz wurde ihnen der Platz abgedeckt. Herr Pinabel war stark und kampferfahren: er schlug Dietrich mitten auf den Helm und ritzte ihm die Wange, daß das Blut niederrann. Da faßte der Jüngling sein Schwert, faßte es gut und spaltete dem Gegner das Haupt in zwei Hälften. »Ganelon werde sein Recht!« riefen da Richter und Franken. Kaiser Karl schritt hin, umarmte Dietrich und wischte ihm selbst das Blut ab. Ganelon ward mit Händen und Füßen an die Schweife vier rascher Hengste gebunden, die sprengten unter den Geiselstreichen der Knechte auseinander und zerrissen den Verräter. Braimunde hörte fleißig eifriger Priester Lehren und wurde eine fromme Christin. 474 13. Ogiers Entrückung. Eine alte Mär singt von Herzog Ogier, daß er über See fuhr ins Morgenland, gegen die Heiden zu kämpfen. Er kam bis Babylon, von wo aus er nach vielen Heldentaten und Gefahren, in denen ihm sein Freund Caraheu getreulich beistand, wieder zu Schiff ging und nach Indien steuerte. Er lag auf dem Vorderdeck, als ein Sturm kam: heftiger Wind riß an den Rahen und Segeln und warf den Drachen in den rollenden und brüllenden Wellen umher. Das Segelvolk griff lärmend zu mit allen Händen, der Steuermann stand sorgend am Achter-Steven, Nebel und Regen machten ihm den Ausblick schwer. Nur Ogier lag sorglos und schaute in die Wetterwolken. Wie ein Traum kam's über seine Sinne: das Brett, auf dem er lag, löste sich vom Deck und trug ihn über die tobende Meerflut dahin. Er sah noch, wie ein Windstoß sein Schiff weit hinaus in die See warf. Des Dänen Schiffsvolk aber lief nach langer Fahrt in Francien ans Land. »Unsern Herzog,« so erzählten sie traurig, »haben die Meereswellen vom Deck gespült und verschlungen.« Da klagten um den tapfern Recken Kaiser Karl und alle Völker seines Reiches. Aber das Brettlein trug Ogier nach Avalon ins Feenreich. Dort sah er viel Volkes, das ihn ehrerbietig begrüßte: man führte ihn in einen Palast, – wer will den schildern! – Auf der Schwelle schritt ihm ein wunderholdes Weib entgegen und sprach: »Sei willkommen in meinem Hans, ich bin Morgane, deine Pate.« »Wie wäre das möglich!« rief Ogier, »du bist jung gleich dem Frühling. 475 Sie lächelte und winkte mit dem Finger: »Folge mir und teile meine Jugend.« Sie führte ihn in einen Saal, da wuchsen Lorbeersträuche, Myrten und süßduftende Rosen. Inmitten auf einem Marmeltisch lag eine zierliche Goldkrone, von Edelsteinen funkelnd und glühend. »Herrsche nun hier und trage diese Krone,« sprach sie und drückte ihm den funkelnden Reifen in sein ergrauendes Haar. Da schwand ihm die Erinnerung an alle irdischen Dinge: er fühlte nur Glück und Liebe zur schönen Morgane. Nun lebte er im Feenreich und alterte nicht, und alle Wunder der Elfenwelt schaute sein Auge, und er merkte nicht, wie die Zeit verrann. 14. Kaiser Karls Heimritt aus dem Ungarland. Avaren und Bulgaren erhoben sich wider Kaiser Karl und brachen die beschworene Treue. Da rüstete er ein Heer, sie zum Gehorsam zu zwingen. Scheidend sprach er zu seiner Gemahlin Hildigard: »Kehr' ich nicht heim in zehn Jahren, dann beweine meinen Tod. Sende ich dir aber einen Boten mit meinem goldenen Fingerring, so vertraue allem, was der dir meldet.« Nun war der Kaiser schon über neun Jahre ausgeblieben. Da gingen die fränkischen Herren nach Aachen zur Kaiserin und forderten: »Nehmt Euch einen andern Eheherrn, der das Reich steure.« »Nimmermehr,« antwortete sie, »wie sollte ich Karl, meinem geliebten Herrn, die Treue brechen! Noch hat er mir nicht unser verabredetes Wahrzeichen gesandt.« 476 »Der Bote mag verdorben sein auf der Reise, lang tot ist Karl! Ohne Recht und ohne Herrn wird das Reich verderben, und Euer Söhnlein Ludwig ist noch zu jung. Frau, Ihr müßt Euch fügen und einen von uns zu Eurem Eheherrn erkennen.« Und sie drangen so lange in sie, bis sie nachgab. »Wie sehr es mich auch grämt, Ihr Herren, so will ich, um des Landes willen, Euch willfahren.« Da wählten sie ihr einen reichen König, und nach drei Tagen sollte sie ihm vermählt werden im Dom zu Aachen. Das wollte aber Gott nicht: er sandte einen Engel ins Avarenland, wo Karl im Felde lag. »Fahr heim, Karl,« sprach der Engel, »damit du nicht Krone und Eheweib verlierst: in drei Tagen wird sie einem andern König vermählt.« »Wie will ich heimkehren in drei Tagen und hundertfünfzehn Wegrasten zurücklegen?« fragte Karl. »Bei Gott ist kein Ding unmöglich: geh' zu deinem Schreiber, der hat ein starkes Roß, das kaufe ihm ab, welchen Preis er auch fordere. Das Roß wird dich tragen in einem Tag über Heiden, Moor und Felder bis nach Raab. Das sei deine erste Tagreise. Am andern Morgen früh reite die Donau aufwärts bis gen Passau, das sei deine zweite Tagreise. In Passau sollst du dein Roß lassen; dort wirst du einen Wirt finden, der hat einen jungen Hengst, den sollst du kaufen, der wird dich den dritten Tag nach Aachen tragen.« Karl ließ Herzog Naimes zurück und tat nach des Engels Geheiß: er handelte dem Schreiber das Roß ab und ritt den ersten Tag aus der Bulgarei nach Raab. Dort rastete er die Nacht und kam am zweiten Tag noch bei Sonnenschein nach Passau zu dem Wirt. Als abends dessen Viehherde heimtrieb, sah der Kaiser darunter das 477 Füllen, er fing es bei der Mähne und sprach zum Wirt: »Verkaufe mir diesen Hengst, ich will ihn morgen über Feld reiten.« »Nein Herr,« antwortete der Wirt, »er ist noch zu jung und Ihr seid zu schwer, er kann Euch nicht tragen.« Karl bat abermals. »Ja, wenn er schon gezäumt und geritten wäre, solltet Ihr ihn haben.« Aber Karl bat zum dritten Male; da sprach der Wirt: »Wenn Euch das Roß so sehr lieb ist, will ich's Euch verkaufen.« Und Karl zahlte ihm soviel er dafür verlangte, auch gab er ihm zum Darangeld noch das Reiseroß, das er zwei Tage geritten hatte. Auf dem jungen Hengst ritt der Kaiser am andern Frühmorgen fort. Unaufhaltsam trug das Roß ihn dahin, durch Länder und über Flüsse bis Aachen vor das Burgtor. Bei einem Weinwirt kehrte er ein. Aus der Stadt drang heller Schall von Singen und Tanzen: was das bedeute, fragte Karl. »Eine große Hochzeit, die morgen geschehen soll,« beschied ihn der Wirt, »da wird unsre Frau, die Kaiserin, einem reichen König angetraut. Gute Kost und Wein wird Armen wie Reichen gespendet und das Futter ungemessen vor die Rosse gestreut.« » Der Speise kann ich entraten,« antwortete Karl, »ich tafle in deiner Herberge. Hier, nimm diese Goldgulden und kaufe, was du bedarfst, schaffe mir viel und genug.« Als der Wirt die Goldstücke sah, dachte er: »das ist ein echter Edeling, desgleichen sah ich nie.« So saß Karl zu Tische und speiste herrlich, den Wirt und sein ganzes Haus ließ er mit genießen. Nach der Mahlzeit forderte er vom Wirt einen Wächter, der seinen 478 Schlaf behüten sollte. Als er sich aufs Lager streckte, sprach er zu dem Wächter: »Merk auf: wann sie im Dom die Frühmette läuten, sollst du mich wecken: diesen güldenen Fingerring geb ich dir dafür zum Lohn.« Da hatte der Wächter wohl acht dieweil Karl schlief, und als er früh am Morgen die Glocken läuten hörte, trat er an des Gastes Lager und rief: »Wachet auf, edler Herr, und gebet mir meinen Lohn: im Dom läuten sie die Frühmette.« Eilend stand der Kaiser auf, legte reiches Gewand an, ging zum Wirt und bat, daß er ihn begleiten wolle. Sie kamen vor das Burgtor, das war mit starken Riegeln gesperrt, der Wirt entdeckte ein Schlupfloch und sprach: »Hier unten müßt Ihr durchschlüpfen, Herr, wenn Ihr hineinwollt, aber Euer Gewand wird dabei schmutzig.« »Des acht ich nicht,« sprach Karl, »und wenn es auch ganz zerrisse.« Er ließ den Wirt heimkehren und schlüpfte durch die Torlücke: er eilte nach dem Dom hin, trat ein, setzte sich auf den Königsstuhl, zog sein Schwert Joyeuse und legte es bloß über seine Knie. Da kam der Meßner gegangen und wollte die Bücher herbeitragen: als er den alten Mann schweigend auf dem Königsstuhl sitzen sah, ergriff ihn Furcht und er lief zu den Priestern: »Da ich zum Altare schritt, hab' ich Schreckliches gesehen: ein greiser Mann mit langem Bart saß auf dem gesegneten Stuhl, das bloße Schwert über den Knieen.« Die Domherren glaubten ihm nicht: einer faßte eine Fackel und ging selber zu dem Stuhl, da sah er den Mann sitzen: weit weg warf er die Fackel und lief davon zum Bischof und meldete ihm was er gesehen. Der Bischof hieß zweien Knechten, ihm Fackeln vortragen, und schritt 479 in den Dom zu dem Königsstuhl hin und sah den greisen Mann sitzen im langen, weißen Bart, das nackte Schwert über den Knieen. Er erschrak, furchtsam sprach er: »Ich beschwöre dich bei Gott, du sollst mir sagen wes Mannes du bist? Bist du geheuer oder ungeheuer? Oder wer hat dir ein Leid angetan, daß du an dieser Stelle sitzest?« Da antwortete der Kaiser: »Ich war dir gut bekannt, da ich Kaiser Karl hieß: gewaltiger war keiner als ich.« Der Bischof trat näher hin, erkannte Karl und rief: »Sei willkommen, lieber Herr, gesegnet sei deine Heimkunft!« Er umarmte den Kaiser und führte ihn in sein Bischofshaus und ließ alle Glocken läuten. Die Hochzeitsgäste fragten, was das Läuten bedeute? »Kaiser Karl ist wieder da!« rief es ihnen entgegen aus allen Straßen. Da stoben sie auseinander, der Bräutigam, wie seine Gäste; sie sprangen auf die Rosse und ritten aus den Toren davon, und wer kein Roß hatte, sprang über die Stadtmauer. Der Bischof bat den Kaiser, seiner Gemahlin nicht zu zürnen, weil sie schuldlos sei an allem. Karl willfahrte dem Fürsprecher und war der Kaiserin wieder hold wie zuvor. Bald ritten Eilboten aus der Bulgarei in Aachen ein und meldeten den Sieg: »Aber, fügten sie traurig bei, gefallen ist, von einem Avarenpfeil durchschossen, unser Herzog Naimes!« Da neigte der große Karl sein Haupt und weinte: und leise flüsterte er: »Fahr wohl, du treuester Freund, Dank sei dir!« 480 15. Wilhelms von Orange Tod. Graf Wilhelm war ein gewaltiger Kämpe geworden, und Karl liebte ihn sehr. Einst weilte er zu Paris in der Pfalz: einsam war's da um den großen Kaiser. Sein Gemahl Hildigard lag in der Gruft, seine Freunde waren gefallen in seinem Dienst. Deren Söhne saßen nun auf den Stühlen ihrer Väter. Karl schaute umher und sprach scherzend: »Wilhelm, du wirst auch alt: ich sehe graue Haare auf deinem Haupt.« Hastig sprang der Graf auf und antwortete: »Du mahnst mich zur rechten Zeit. Ich habe dir so lange gedient, daß mein Haar darüber die Farbe verlor, nun will ich noch Gott dienen. Entlaß mich, gerechter Kaiser.« Da mochte Karl ihn nicht halten, traurig sah er den letzten Genossen seiner Schlachten und Siege scheiden. Graf Wilhelm ritt nach Orange, küßte Weib und Kinder und ging in ein Kloster im Langobardenland, und niemand gab er sich zu erkennen. Und bald darauf erschien dem Kaiser im Traum der Engel Gabriel und sprach: »Karl, rüste ein Heer, fahre nach Libia in Spanien gegen den Heidenkönig Madul, der die Christen bedrängt.« »Gott,« seufzte Karl erwachend, »welch mühselig Leben hast du mir bereitet!« Er ließ in seinem Reich alle Wehrpflichtigen aufbieten und nach Wilhelm suchen. Der hatte gerade seine Kutte wieder abgelegt. »Euch Mönchen fehlt die wahre Demut: ich mag nicht länger unter euch bleiben,« sagte er zum Abt und ging hinweg. 481 So kam er an ein Gehöft, Grymer hieß der Eigner, er saß an der Haustür, sein junges Weib neben ihm. »Sei gegrüßt,« sprach Wilhelm, »was blickst du so finster?« Unmutig antwortete der Gefragte: »Vor drei Monden hielt ich Hochzeit, morgen muß ich fort zu hartem Kriegsdienst! Jeden pflichtigen Mann ruft Herr Karl ins Heer.« Und er erzählte, wie Madul die Saracenen rächen wolle an Karl. Und er schloß: »Der Kaiser ist alt, seine erprobten Herzoge liegen tot: weh' uns Heermännern! Wär' ich nur ein Graf.« »So leih' mir deine Waffen und deinen Hengst: ich will statt deiner in den Krieg ziehen!« Da gab Grymer Waffen und Roß gern hin. Wilhelm zog fort und stellte sich dem Banner, welchem der Mann zugehörte; er hielt den Helm geschlossen und redete mit niemand. Madul war über See gefahren, nördlich vom Ebro ans Land gegangen und verwüstete Karls Gebiet. Kaiser Karl musterte seine Scharen in der spanischen Mark und sprach: »Der Kampf wird schwer: meine besten Kämpen liegen tot! Wer mir Wilhelm von Orange bringen könnte, den wollte ich reich belohnen, und wer Madul erschlüge, noch reicher: ich mache ihn zum Grafen, Herzog oder König.« Wilhelm hörte ihn wohl; er schwieg und band seinen Helm fester. Dann begann die Schlacht. Der Graf ritt allen weit voran, er traf zuerst den Bannerträger und warf das Banner nieder: dann fällte er die kühnsten Heiden, bis er endlich mit dem König zusammentraf. Hei, hieb ihm der fromme Graf das turbangeschmückte Haupt von den Schultern, er faßte es und zeigte es den Ungläubigen: da flohen die 482 schneller, als sie gekommen waren, und Karl gewann den Sieg. Wohl hatte er Wilhelm reiten sehen und geglaubt ihn zu erkennen; aber Wilhelm ritt gleich vom Schlachtfeld weg zu Grymer in den Wald und brachte ihm Maduls Haupt. »Waffne dich, reite auf deinem Hengst mit diesem Haupt zu Karl und fordere dafür die Grafenwürde, wie er's gelobt,« sprach er und schritt tiefer fort in den Wald. Grymer fand den Kaiser in Paris; dahin waren aber viele mit abgeschlagenen Saracenenköpfen gekommen und jeder sagte, er bringe den rechten. Aber Karl glaubte keinem. Da ritt Grymer in den Burghof und hielt das Haupt empor mit den Abzeichen der Königswürde daran. »Wer bist du, Mann?« fragte Karl. »Ich heiße Grymer.« »Deinen Hengst sah ich wohl in der Schlacht,« antwortete Karl, »aber ein stolzer Kämpe saß darauf.« »Kein andrer als ich. Mich dünkt, du willst nicht halten, was du versprochen, Kaiser!« »Was ist's, danach du so begehrst?« forschte Karl. »Die Grafenwürde.« »Die will ich dir verleihen, dem Helden zu Ehren, der dieses Haupt abschlug und dir gab: das tat Graf Wilhelm! Und du sollst sein Mann werden.« So wurde Grymer Graf. Aber Karl wußte wieder nicht, wohin sein Freund geschwunden. Einige Zeit danach erschien Wilhelm seinem Grafen Grymer im Traum und sprach: »Suche im Walde: dort, wo ich von dir geschieden bin, wirst du meinen Leib finden: schaff' ihm ein Grab.« Da ritt Grymer zum Kaiser und bekannte ihm alles. 483 Im Walde an der bezeichneten Stelle fanden sie Wilhelm tot liegen: sein Leib war unverwest, und süßer Duft erfüllte die Waldwiese. Karl ließ ihn dort begraben und ein Kloster darüber erbauen. Das Grafenamt aber nahm er Grymer und setzte ihn zum Vogt über die Stiftung. 16. Herrn Karls Ende. Herr Karl war alt: er saß in Aachen auf seinem goldenen Faltestuhl. »Das Ende kommt,« sprach er, »mein Sohn Ludwig soll mein Erbe sein. Folgt mir in die Kapelle, und helft ihn krönen.« Da lag die goldene Krone auf dem Hochaltar, und Karl faßte den Jüngling an der Hand und sprach: »Sohn Ludwig, sieh dort die Krone! Brich nie das Recht, und begehe niemals Verrat. Den Waisen wahre ihr Erbe. Nach unrechten Dingen darfst du nicht begehren. Sohn Ludwig! Sieh da die Krone, wenn du sie nimmst, wirst du König und Kaiser sein; an der Spitze deines Heeres sollst du dann reiten und die Heiden bekämpfen zu Land und zu Wasser. Willst du das?« Da beugte Ludwig das Knie, und Kaiser Karl setzte ihm die Krone aufs blonde Haupt und segnete ihn. Bischof und Priester sangen ein Danklied und schwangen die Weihrauchfässer, das Volk aber jubelte seinem neuen Herrn zu. 484 Bald danach erkrankte der große Karl, er lag auf seinem Lager zu Aachen, und er faltete die Hände auf der Brust und sprach: »Waltender Himmelsherr, in deine Hände befehl' ich mich!« Und er streckte seinen Leib und starb. Da kamen die Bischöfe, beteten über ihn und trugen ihn, auf seinem Faltestuhl sitzend, hinab in die Gruft der Kapelle. Joyeuse legten sie auf seine Kniee, die goldene Krone setzten sie auf sein blütenweißes Haupt. Und die Sage geht um, daß Kaiser Karl entrückt sei in den Untersberg bei Salzburg. Der Berg ist hohl, Gärten und Wiesen birgt er, und Zwerge hüten seine Schätze. Dort sitzt Kaiser Karl schlafend auf goldenem Stuhl am Marmeltisch, das nackte Schwert auf den Knieen, die Krone auf dem Haupt, und sein weißer Bart wallt ihm über die Brust und wächst um den Tisch. Und zuweilen schüttelt er sein stolzes Haupt wie im Traum. Und rings um ihn sitzen im Zauberschlaf seine Paladine. Und wann der Bart dreimal um den Tisch gewachsen sein wird, dann wacht er auf und stößt in sein Hiefhorn; da springen seine Helden empor und nehmen die Waffen. Der Berg tut sich auf, Herr Karl hängt seinen Schild an den dürren Baum in der Walser Heide, der Baum wird wieder grünen, und Kaiser Karl schart alle Guten um sich und schlägt eine gewaltige Schlacht und gewinnt den Sieg seinem Volk in höchster Not. 485 17. Ogiers Ende. Zweihundert Jahre waren verronnen, seit Ogier Krone trug in Avalon. Da beugte er sich einst über einen Quell, und die Krone löste sich aus seinem Haar und fiel ins Wasser und versank. Vergebens suchte Morgane nach ihr; und Ogier erwachte aus dem Zauberbann, all sein Erinnern kehrte ihm zurück: er gedachte Herr Karls, und große Sehnsucht ergriff sein Herz. Als Morgane erkannte, daß sein Erdenheimweh unheilbar war, gab sie ihn frei: »Freund,« sprach sie, »zweihundert Jahre trugst du hier Krone. Karl und alle deine Freunde sind lang verstorben.« »Das glaub' ich nicht! Kaum einen Sommer lang, deucht mir, weilt' ich bei dir. Ich muß fort und sehen, wie's in der Welt steht.« »Schlecht,« antwortete sie, »Normannen bedrohen Francien. Zieh' hin und hast du's genug da unten, dann kehre zurück zu mir.« Sie steckte ihm einen goldenen Ring an den Finger: »Behüte ihn wohl, Liebster: solang du ihn trägst verleiht er dir Leben und Jugendkraft; streifst du ihn ab, dort auf der armen Erde, dann mußt du sterben.« Darauf gab sie ihm Helm und Brünne und umgürtete ihn mit Curtaine. Papilio, ein Elbe, wandelte sich in Hengstesgestalt und nahm Ogier auf seinen Rücken. Der Elbenkönig Oberon gab ihm einen Knecht mit: »Nenn' ihn Bernhard, er ist der treueste und klügste meiner Luftgeister.« Am Ufer der seligen Insel lag ein Schifflein bereit, das trug sie, ohne Steuermann und Ruder, über weite 486 Wasserwege auf die Erde: nördlich der Loire stiegen sie ans Land. Der Nachen floß rückwärts in die See und entschwand ihren Blicken. Ogier ritt nun mit Bernhard nach Paris: da fand er in der Pfalz andre Sitten, andre Sprache, und nicht Herr Karl saß auf goldenem Faltestuhl, sondern König Hugo thronte dort. »Wer seid Ihr?« fragten staunend die Höflinge, »man geht nicht in Waffen zu Hof.« »Ich gehe zu Hof, wie ich es stets getan; ich bin Ogier der Däne und will zum großen Karl, dem König der Franken und Kaiser von Rom!« »Die liegen tot seit zweihundert Jahren: der Herzog im Meer, der große Karl in seiner Gruft zu Aachen,« sagte König Hugo. »Du Schelm,« rief Ogier, »es ist nicht lange her, da nahm ich hier Abschied von meinem Herrn, ins Morgenland zu ziehen: von dort geriet ich ein wenig ins Feenreich.« Da hielten ihn alle für einen Narren: nur ein Edelknabe gedachte alter Mären, die ihm seine Großmutter erzählt hatte, und sprach: »Ja, so hat Ogier der Däne ausgesehen! Er ist's!« »Dann hat ihn uns Gott vom Himmel gesendet zur Hilfe gegen die Normannen!« rief König Hugo erschauernd; »zieh' hin, Ogier, nach Beauvais, dort steht mein Heer: führ' es gegen die räuberischen Normannen.« Schnurstracks schritt der Däne hinaus und ritt nach Beauvais. Da sangen die Kriegsknechte ein Lied von Roland: da wurde des Herzogs Sinn schwer. Die Hauptleute liefen herbei und wußten nicht, warum ihnen der König den seltsamen Befehlshaber geschickt hatte. »Wie sollen wir die Schlacht schlagen?« fragten sie. 487 »Bei Karls Zorn,« antwortete Ogier, »immer vorwärts! Haut alles nieder, was euch widersteht, und nun fort mit euch ins Feld.« Und der Däne gewann den letzten Sieg. Eilboten beriefen ihn vom Schlachtfeld weg nach Paris: Ehren und Feste sollten ihm bereitet werden, die Königin Constanze wollte seine Abenteuer hören. Aber unheilbare Sehnsucht ergriff Ogier: er streifte den Ring vom Finger, reichte ihn Bernhard und sprach: »Grüße Morgane, meine Pate: – ich fahre zum großen Karl.« Er sank vom Rosse und war tot. Dem Hengst wuchsen Flügel, Bernhard sprang auf seinen Rücken, und durch die Luft rauschte das Roß mit dem Reiter nach Avalon. Ogier wurde zu Meaux begraben, den Schild auf der Brust, Curtaine in der Faust.