Johannes Daniel Falk Zur Jugendgeschichte des Johannes von der Ostsee AUS ORIGINALBRIEFEN AN SEINEN VETTER IN PREUSSEN, ZWISCHEN DEM DREIZEHNTEN UND SIEBZEHNTEN JAHR GESCHRIEBEN ERSTER BRIEF Danzig 1781, den 3. März, an der Lestadia, gegenüber den Schiffswerften Hochzuverehrender Herr Vetter! Verzeihen mir mein Schreiben; danke für gütige Erlaubnis, und daß orthografische Schnitzer darin, das kommt daher, weil mich mein Vater schon früh aus der Schul genommen, nämlich bei Herr Piler zu St. Petri und Pauli, kaum zehn Jahr alt, und mich zu sich in die Werkstatt getan, Künftiges Jahr, auf Tag Simon Judä, geliebt’s Gott, bin ich nun dreizehn Jahr und wachs alle Jahr ein Kopf höher, und wer mich sieht, freut sich daran, daß ich so groß bin – aber daß ich mich freute, wenn ich das sagte, so müßt ich lügen – denn ich denk so, ist mancher groß und ein Esel dazu, und was hilft mir, daß ich groß bin, da ich nicht studieren kann. – Wenn ich nun auch einer würde, nämlich ein Student, ach Gott! Herr Vetter, das wär meine Lust, aber mein Vater, der hat da kein Ohr dazu. Meine Mutter wohl; aber die kann auch nicht, wie sie will. Nun was hilft’s? Da heißt’s recht: Schick dich in die Zeit; bet und arbeit, und das übrige Gott befohlen. So sagt auch der Herr Pater Lambert zu Schwarz-München. Denn der Herr Vetter soll wissen, daß ich dort immer mit aufs Chor gehe und Musik mache, wenn große Meß ist, nämlich an der zweiten Violine, mit meinem Musikmeister Herr Dominikus. Als ich nun so einen Sonntag wie die übrigen Musizi auch am Kohlfeuer dastand und mich wärmte, so ist der Herr Pater an mich getreten und hat mich gefragt, wie ich heiße. Da hab ich ihm in meiner Einfalt zur Antwort gegeben: “Ich heiß Herr Johannes”, worauf mich die übrigen ausgelacht. Er aber hat mich bei der Hand genommen und in seine Zelle geführt, und wie wir dort hingekommen, so hat er erst mit mir gesprochen, und zuletzt, da hat er reich mit großem Ernst gefragt: “Herr Johannes, hättest du wohl Lust, zu firmeln und katholisch zu werden?” Ich aber erschrak heftig in meinem Herzen und sagte, wie man mich gelehrt hatte: “ Reverende Pater , nein! Ich bin auf Christum und Calvinum getauft – und so gedenke ich auch in diesem Glauben zu sterben”, wobei mir die Tränen über die Backen rollten. – Da er das sah und wohl merkte, daß für diesmal mit mir nichts auszurichten sei, wurde er sanfter und sprach: “Nun, nun, erschrick nur nicht, mein Sohn! Eine Frage steht ja frei, und die Kirche zwingt niemand.” Da er das sagte, stimmten die auf dem Chore die Violine; so wandte er sich zu mir um und fuhr fort: “Komm mit, die Meß ist angegangen!” Und das ist nicht bloß der Pater Lambert, liebwertester Herr Vetter, nein auch der Mennonit Mennonit: Angehöriger einer christlichen Sekte, die, den Wiedertäufern nahestehend, Gewalt, Krieg und Rache ablehnte. in der “Blauen Hand”, und der St. Petri-Kirchhof gegenüber den großen Schank hat, meint auch, wenn es nach Rechten ginge, so mußte ich Lateinisch und Französisch lernen und die hohen Schulen besuchen, denn Kopf hätte ich schon dazu für zehn andere. Ja, was hilft einem aber der Kopf, wenn man kein Geld hat? das ist nur ebensoviel. Zwar mein Großvater, Monsieur Chalion, der ein französischer Schweizer ist aus Genf und Französisch kann so perfekt wie Wasser, hat mir versprochen, wenn es erst so weit wäre, mir damit unter die Arm zu greifen. Ingleichen auch mein Onkel, Monsieur Grell, auch ein alter Schweizer aus Genf, der Kantor von der französischen Kirche, der gibt ebenfalls Lektion darin – da kann es mir also mit Gottes Hülfe nicht fehlen! Aber das Lateinische! Liebster Herr Vetter! Das Lateinische! Apropos, da hab ich gehört, daß zu Königsberg in Preußen ein Collegium-Fridericianum sein soll, wo arm und geringer Leute Kinder Latein lernten, soviel als sie wollten und mehr. Könnten es der Herr Vetter nicht bewirken, daß ich dahin käme? Wollte auch desfalls, wenn es notwendig wäre. selbst an den König schreiben – wo nicht, wäre mir noch lieber. Gehen mir der Herr Vetter doch mit einem guten Rat an die Hand; nur daß ich von dem verwünschten Metier loskomme. Der ich die Ehre habe mich zu nennen usw. ZWEITER BRIEF Danzig 1782, den 10. August Herr Vetter, wenn es nicht Gottes Wille ist, daß es bald mit mir zum Guten oder Schlimmen ausschlägt, so werde ich noch desperat werden und am Ende meinen Eltern davonlaufen. Der böse Feind versucht mich so zu allerlei, und oft wünsche ich sogar – Gott verzeihe mir den Wunsch! aber was kann ich davor, daß er mir von Herzen kommt? –, daß mir nur wieder einmal so ein schwer Unglück passierte, wie das war, was meine Eltern an mir erlebten, als ich Anno 78, zehn Jahr alt, auf St. Petri-Kirchhof, von einem Kutschwagen fiel und ein Bein brach. Aber so gut wird es mir nimmer, liebster Herr Vetter. Ach! das war eine schöne Zeit! Denn damals und solang ich in dem Verbande zubrachte, konnte ich lesen, was und soviel ich nur immer wollte und schnitt mir kein Mensch deshalb ein schief Gesicht. Jetzt, sobald ich nur ein weltlich Buch in die Hand nehme, heißt es gleich, ob mich der Satan schon wieder mit mein Historienbuch bei der Hand hätte, Und damit ist’s nicht genug, sondern steht auch gleich mein Vater oder Mutter hinter mir und nimmt es mir weg. Ach liebster Herr Vetter, das sind schwere Zeiten, die ich verlebe, und ist auch keine Hoffnung, daß mein Fortune je besser werden wird. Abends um Zwielicht und wenn die andern im Haus und in der Werkstatt Vesper halten, schleich ich mich fort und geh und hol mir irgendein Buch aus Herrn Brückners Lesebibliothek. Aber wo lesen? das ist die Kunst! Da trete ich dann im Winter auf die hohen Beischläge am Fischertor, wo die Laternen brennen, und lese, bis mir das Gesicht braunrot wird und meine erfrornen Hände die Blätter vor Kälte nicht mehr umschlagen können. Wenn ich darauf nach Hause komme, hab ich auch keinen gnädigen Herrgott; da zankt mein Vater und meine Mutter auf mich ein, da setzt es sauere Gesichter und oft wohl gar – nun was hilft’s? einmal ist man in der Welt und muß aushalten. Sehen Sie, liebster Herr Vetter, daraus mach ich mir auch im Grund nichts, weil ich’s von Jugend auf gewohnt bin; aber was mich mehr kränkt als die Schläge, ist, daß ich in keinem Stück weiterkomme. Da hab ich neulich von einem Autor gelesen, den Wieland aus der griechischen Zunge in das Deutsche übersetzt. Den gab mir der Brückner wegen der wunderbaren Geschichten, die darin enthalten sind.. Derselbe heißt, glaub ich, Lukian Der griechische satirische Dichter Lukian (um 120-um 180) stammte aus einer unbemittelten Handwerkerfamilie. 1788/89 erschienen seine Werke in der Übersetzung von Christoph Martin Wieland und schreibt sich aus Samasota: der ist auch arm und geringer Leute Kind gewesen, so wie ich, und ist in der Werkstatt gestanden, so wie ich, und ist doch nachher ein berühmter und gelehrter Mann geworden. Dabei ist mir, wie ich dieses so las, das Herz vor Freuden hoch aufgesprungen; aber so selig werd ich nicht, daß ich meinen Eltern die Freud an mir erleben laß. Nun, ich weiß, was ich tu; bis künftigen Sommer wart ich noch, und wenn es da nichts wird, so seh ich zu, daß ich ein Schiff kriege, und dann, liebster Herr Vetter, heißt’s: Auf und fort nach Batavia ! Der ich die Ehre habe usw. DRITTER BRIEF Danzig 1783, in der Karwoche, auf St. Petri-Pauls-Kirchhof Das einzige, was mich jetzt noch freut und tröstet, ist die Musik, und da muß ich dem Herrn Vetter doch ausführlich erzählen, wie es zugegangen, daß ich mich jetzt mit ganzem Fleiß auf sie legen kann. Nämlich: wir haben doch zwei Gesellen in unserer Werkstatt, einer ist von Danzig, mit Namen Herr Ebert, der zweite aus dem Reich ; und wir nennen ihn nur Monsieur Manheimer. Der erste ist ein verständiger und gesetzter Mensch, schon bei Jahren; .der zweite aber, nämlich der Manheimer, etwas leicht, wie auch sonst den Kopf voll allerlei Schelmstücke. Wie dieser nun gemerkt, daß ich an der Musik ein gar besonderes Wohlgefallen verspürt, so daß ich oft stundenlang vor dem Bohonschen Hause zur Winterszeit, wenn daselbst Konzert war, stehengeblieben und zugehört, hat er eines Abends, als wir allein in der Werkstatt waren, mir gesagt: “Wenn ich wüßte, Herr Johannes, daß Ihr Euren Eltern nichts wieder davon ausschwatzen wolltet, so könnt ich Euch schon einmal an einen Ort mitnehmen, wo nicht allein Musik, sondern auch eine Auflage von Wein, Kaffee und schönen Frauenzimmern wäre; da Ihr Dinge zu sehen kriegtet, wie Ihr sie all Euer Lebtage noch nicht gesehen habt.” Da ist mir vor Freuden das Herz aufgegangen, und sagte ich zu ihm: “Tut das ja, lieber Herr Manheimer!” Aber das sagte ich nur so in meiner Einfalt und ohne daß ich die Folgen, die das haben könnte, bedachte. Wie nun Weihnachten herbeikam, mahnt ich ihn an sein Versprechen. Und er trat zu meinem Vater und sagte: “Meister, wollt Ihr wohl erlauben, daß ich mit Eurem ältesten Sohn ein wenig auf dem Christmarkt gehe?” Und mein Vater, der ein gottesfürchtiger Mann, auch sonst in allen Stücken sehr streng war, sagte darauf: “Geht! seht aber wohl zu, daß ihr zu rechter Zeit wieder da seid, keinen Schaden nehmt und auch niemanden etwas Ungebührliches zufügt!” Somit gingen wir. Es war aber um die Zeit des zweiten Abends vor dem heiligen Christfest, und wir hatten just Schneelicht mit Mondschein, so daß das Gedränge von Menschen auf dem Christmarkt fast groß war. Und man konnte keinen Apfel auf die Erde fallen lassen, so dicht stand alles, Kopf an Kopf; so auch keinen Schritt weder vorwärts noch rückwärts tun, ohne entweder jemand auf die Füße zu treten oder von ihm getreten zu werden. Die Seilerburschen und Matrosen aber, deren eine große Menge auf dem Markte war und die jedesmal die Ausgelassensten und Schlimmsten sind, nahmen gleich von Anfang allerlei lustige Streiche vor. Denn bald nähten sie den Leuten, Frauenzimmern und Mannspersonen, ohne Unterschied, Kleider, Ärmel, Koller und Rockschöße mit Packnadeln zusammen, so daß sie nicht wieder auseinander konnten. Bald warfen sie wieder den alten Weibern vor dem Junkerhof ihre Körbe mit Walnüssen oder auch ihre mit Äpfeln, Pfefferkuchen, Lichtern und Laternen besetzten Christtische über den Haufen und freuten sich dann über den Hallo, den es gab, wenn die Jungen brav auflasen und die Weiber mit ihren Fäusten brav zuschlugen. Zuletzt hatten ihrer sogar einige vor dem Ratskeller, wo der Weinschank ist, Posto gefaßt, und wenn ein reputierlicher Bürgersmann, dem die frische Luft, bei dem Austritt aus dem Gewölbe, ein wenig den Kopf benahm, sich ungewisser wie gewöhnlich auf seinen Füßen zeigte, so drängten sie ihn so lang, bis er in eine Fischbutte fiel und die Karpfenweiber, die daselbst ihren Stand haben, mit ihren Fischnetzen und großen Wasserbehältern ihn wieder nüchtern machten. Wir sahen das alles so mit an wie jemand, der nichts Angelegentlicheres zu tun hat, und verweilten bald da, bald dort. Endlich und ebenfalls in der Gegend des Junkerhofes, vorn die Treppe herauf, gleich da am Eingang, wo die Zinngießer und die Leute, welche die großen Wachsstöcke verkaufen, ihre Buden haben, traten ein paar fremde Gesellen an uns, auch aus dem Reich. Der eine von ihnen sagte: “Guten Abend, Gesellschaft!”; der andere aber fragte, oh es erlaubt sei, mit uns Kompagnie zu machen. Wir antworteten: “Warum nicht?», aber mir ahnete gleich nichts Gutes, besonders von dem einen Kerl, der den Hut quer übers Ohr gesetzt hatte und recht desperat aussah. Er flüsterte dem Manheimer einige Worte ins Ohr, während er kein Auge von mir verwendete. Wie ihm dieser aber erwiderte: “Es hat nichts auf sich, es ist der Sohn meines Krauters ”, so gab er sich, wie es schien, zufrieden, und wir gingen weiter. Mittlerweile waren wir auch bei den Buchbinderläden vorbei, hinten herum, wo die Lotterie gezogen wird und die Tischler mit Schränken und Kommoden ihre Ausstellungen hatten, dem Ausgange des Junkerhofes ganz nahe gekommen. Weil nun hier die Passage sehr eng ist, der bösen Gesellen aber, die aus Mutwillen stopfen halfen, viel waren, so geschah es, obgleich die Wächter genug schrien und mit ihren Stangen Luft zu machen suchten, daß dennoch einige ansehnliche Leute im Gedränge steckenblieben, andere ihre Hauben und Hüte verloren. Mich hatte der Strom der Menge mit solcher Gewalt in den Rücken gefaßt, daß ich wie unbeweglich vor einem jungen, sehr schönen und wohlgekleideten Frauenzimmer stehenblieb, das darüber in keine geringe Verlegenheit zu geraten schien. Aber denke sich der Herr Vetter nur ja nichts Arges dabei, oder daß ich mir etwa ihre Verlegenheit, wie die übrigen, zunutz gemacht; nein, ich stand bloß dichte bei ihr und sah sie an, und sie mich auch. Und ich sprach kein Wort, und sie auch nicht, sondern alles, was ich tat, war, daß ich mit geballter Faust wehrte, daß von den übrigen sie niemand anrührte. Und ich konnte wohl merken, daß mein Betragen ihr gefiel; denn da das Gedränge schon angefangen hatte, sich zu verlaufen, blieb sie noch einen Augenblick stehen, und als sie wegging, sah sie sich noch einmal mit freundlichen Mienen nach mir um und wurde rot, und ich auch. Und so ist sie verschwunden und habe sie seitdem mit keinem Auge gesehen. Aber daß ich dem Herrn Vetter meine Historie zu End erzähle; als das junge Frauenzimmer kaum weggewesen, ist der Manheimer an mich getreten und hat mir gesagt, daß wir heut Abend bei Rekowskys auf der Altstadt zubringen wollten, und in der Konsternation hab ich ja gesagt und bin ihm gefolgt. Zum Glück aber sind wir bei der Nonnenkirche vorbeigegangen, und die Tür von der Kirche ist offengestanden, und mittendrin hing eine Lampe, die leuchtete hell und klar, und eine Stimme hat dazu oben vom Chor ganz fein und lieblich gesungen. Da ist mir allerlei eingefallen, von meinen Eltern, und was ich sonst von jenem Hause auf der Altstadt gehört hatte, das nichts Guts war, und der Spruch aus der Bibel Altes Testament, Sprüche Salomos, 1, 10 : “Wenn dich die bösen Buben locken”, und habe alles in meinem Herzen erwogen und dabei gedacht: “Geh doch lieber in die Kirche, es ist besser!” Und da ich diesen Schluß einmal fest in meine Seele gefaßt, so hat mir Gott auch die Gnade gegeben, ihn auszuführen; denn ich habe mich alsbald darauf zu meiner Gesellschaft gewandt und ihr adieu gesagt. Und wie ich fortging, hörte ich wohl, daß sie hinter mir her lachten, aber ich kehrte mich nicht daran. Und wie ich erst in der Kapelle war, wurde mir auf einmal das Herz wieder leicht, und weinte viel und laut, und wo ich hinsah, in den Kirchstühlen und überall, stand das junge Frauenzimmer von heut abend vor mir und sah mich still freundlich an. Und die Musik ging fort, und die Lampe schien dazu, wie der Mond, wenn Vollicht werden will, und mir war nicht anders zumut, als ob ich den Himmel offen säh und alle Engel niederstiegen und ihre Freude daran hätten, daß ich hier war. Und seitdem, liebster Herr Vetter, ist es, daß ich der Musik so gut geworden bin, und habe meinem Vater so lang und viel in den Ohren gelegen, daß er sie mich nun lernen läßt, nämlich bei Herr Dominikus, auf St. Petri-Kirchhof. Wiewohl das junge Frauenzimmer habe noch mit keinem Auge wieder gesehen und denke wohl, sie wird nicht von hier, sondern weit weg zu Hause sein. Aber wie sich doch alles in der Welt schicken muß! Der ich die Ehre habe usw. VIERTER BRIEF Danziger Reede, 1783, in der Dominikzeit Ich mache auch Verse, und Monsieur Wedel, der Buchdrucker, nämlich der Älteste, mit dem ich noch zusammen bei Herrn Engel in die Schule gegangen, hat vorigen Sonnabend, als ich für meine Eltern die “Danziger Erfahrungen” abholte, zu mir gesagt, daß sie gar nicht übel wären. Er meinte sogar, mit der Zeit könnte ich es noch weit bringen und ein ebenso berühmter Dichter aus mir werden, wie Herr B..., der Prediger zu Petershagen, der jetzo für unsere Stadt die vielen Gelegenheitsgedichte macht. Aber das glaube ich nun und nimmermehr – das sagt er nur so; gedenke aber doch mit Gottes Hülfe darin fortzufahren. Damit aber der Herr Vetter selbst einen Gustum davon hat, so nehme ich mir die Freiheit, eine Probe derselben beizulegen. Bitte aber nur gehorsamst zu exkusieren , wegen der falschen Reime und des uneigentlichen Gebrauchs der Worte, oder wenn sonst etwas nicht recht ist«, das bitte mir nur zu sagen, und will alles künftig besser machen. Und als sie einst bauten den Turm zu Babl Vgl. Altes Testament, 1. Mose, 1 , Da waren wir alle noch nicht in der Welt, Ich, der Patron und der Constabl, Und du, kleine Hexe, die mir gefällt. 's ist eine schöne lange Zeit, Vom Turmbau zu Babel bis auf heut; Tu mir die Tür auf, schöne Maid, Oder ich schlag sie in Stücken. Und als die Sündflut Vgl. Altes Testament, 1. Mose, 7-8 trocknete ein, Da kehrten eins, zwei, drei, viere, Zu Abram Vgl. Altes Testament, 1. Mose, 18 die heil'gen Englein ein, Sein Weib stand hinter der Türe, 's ist eine schöne lange Zeit, Von der Sündflut und Abram bis auf heut; Tu mir die Tür auf, schöne Maid, Oder ich schlag sie in Stücken. Und als mein Großmutter hat gefreit, So geschehen ist Anno Sieben, Da sind so Spielmann wie Hochzeitleut Noch alle nüchtern geblieben. 's ist eine schöne lange Zeit, Seit meine Großmutter hat gefreit, bis auf heut; Tu mir die Tür auf, schöne Maid, Oder ich schlag sie in Stücken. FÜNFTER BRIEF Hochwasser bei Danzig, den 1. Oktober 1783 Neulich war ich in der Münde , und da sah ich einen Schiffer, dessen Schiff segelfertig lag, und wollte bald an Bord gehen und hatte schon klargemacht. Da begab ich mich auf ihn zu und bat ihn, er möchte mich doch mitnehmen, aber er ging fort und ließ mich stehen, ohne mich auch nur anzuhören. Und das verdroß mich nicht so sehr, daß er mir es abschlug, als daß er mir kein Wort darüber sagte; denn das hätte ich doch wohl verdient. Und wie nun der Abend kam und ich so am Ufer des Meers mißmutig auf und ab ging und das hinwegeilende Schiff, mit seinen weißen Segeln, so lange mit meinen Augen verfolgte, als ich es nur immer im letzten Sonnenstrahl entdecken konnte, ist mir abermals ein Lied eingefallen, das ich auch dem Herrn Vetter lieber gleich, und eh ich es verliere, mitteilen will. Der Knabe an der Ostsee Danzig, den 28. August 1783 Am Strande der Insel Hela . Vögelein, Jahraus, jahrein, Seh ich an der Ostsee kommen; Keines hat mich mitgenommen In ein fremdes Land hinein, Vögelein, Vögelein! Vögelein! Jahraus, jahrein Sitz ich hier, ich armer Knabe; Auf der Welt ich niemand habe, Hier auf diesem harten Stein; Vögelein, Vögelein! Vögelein, Jahraus, jahrein Sollt ihr kommen, sollt ihr fliegen, Und ich werde schlafend liegen Unter diesem harten Stein; Vögelein, Vögelein! SECHSTER BRIEF Kloster Oliva bei Danzig, den 10.Juni 1784 Vorigen Donnerstag haben die Katholiken zu Schwarz-München groß Fronleichnam Das Fronleichnamsfest wird am zweiten Donnerstag nach Pfingsten mit einer feierlichen Prozession begangen. und einen Umgang gehabt, und weil ich das gern mit angesehn, so habe ich meinem Vater schon frühe darum das Wort gegeben. Der hat es mir auch erlaubt, nämlich, wenn ich den Tag über fleißig wär und brav arbeitete. Das habe ich auch getan; auf den Abend aber, und wie es dazu kam, daß ich gehen sollte, machte die Mutter allerlei Einwendungen, und hatten es mir doch beide versprochen. Und ich war recht aufgebracht und vergaß mich so in Worten, daß sie mich schlug und ich fortlief und bei mir selbst schwur, ich wollte nun nie wieder meiner Eltern Schwelle betreten. Und wie ich mit diesem Vorsatz auf die Straße kam, sah ich Herrn Gutfall, einen alten Nachbar von uns, der über der Tür lag und mich anrief und fragte, was ich vorhätte oder wohin ich so eilig wollte. Aber ich antwortete ihm nicht, sondern sturte bei ihm vorbei, als ob mir der Kopf brennte. Und er brannte mir auch, und die Füße dazu. Und ein paar Schritte von da traf ich auf ein alt Schifferweib, die hinkt’ auf einem Fuß; ihr Mann, der fährt auf Ostindien, und sie geht so in den Häusern von der Stadt herum, hausiert und verkauft ostindische Tücher. Und ich trat zu ihr und sagte: “Guten Abend, Mutter!” Und sie antwortete: “Schön’n Dank, mein Sohn!” Und ich fragte sie weiter, ob sie nicht jemand wüßte, der mich mitnähme nach Ostindien, weil ich große Lust hätte, zur See zu gehen. Und sie gab mir darauf zur Antwort: “Wohl, mein Sohn, wenn du das gedenkest; so komm du nur heut abend, zwischen acht und neun Uhr, wenn es finster wird, zu mir zwischen den Siegen, hinter den großen Kamelspeicher, wo meine Wohnung ist; da will ich dir schon einen Patron ausmachen und ein gut Handgeld dazu!” Und ich fragte sie noch ausführlicher, wie es werden sollte, wegen meiner Eltern und der Nachfrage, weil die nichts davon wissen sollten. Und sie antwortete: damit habe es keine Not, bis das Schiff aus dem Baum lege, wolle sie mich schon in ihrem Hause verbergen. Und wie die alte Hexe dies gesagt hatte, ging sie ihres Wegs das Fischertor herauf und zu dem Mernnonisten in die “Blaue Hand” hinein und ich mit Gott des meinigen, nach der Kirche zu Schwarz-Müncher Und wie ich in die Kirche kam, sah ich, daß die Prozession schon angegangen war. Und der Herr Pater Prior ging voraus mit dem Kreuz, und die andern Herrn Paters folgten ihm nach und schwenkten das Weihrauchfaß, so daß die Wolken blau bis an die Deck von der Kirche emporstiegen. Und dann kamen die singenden Brüderschaften, mit ihren Fahnen, und jeder eine geweihte Kerze in der Hand. Und der Zug ging in den Kreuzgang, und ich stand vor Herrn Pater Lamberts Zelle, wo gegenüber das schöne Gemälde von Lazari Vgl. Neues Testament, Lukas, 16, 19 f. Auferweckung von den Toten zu sehen ist. Und die Weiber, und was sonst eifrige Katholiken waren, die ihren Rosenkranz beteten, da sie merkten, daß ich wohl nicht ihres Glaubens, sondern ein Ketzer sein mochte, stießen sie mich mit dem Ellenbogen, weil ich stand, und nötigten mich so lange, daß ich auch niederknien mußte. Und indem ich kniete, zeigte sich in der Entfernung ein roter Baldachin, und es ging die Rede im Volk, daß darunter die Heilige Jungfrau kommen und vor ihnen erscheinen würde. Und als der Baldachin vor mir stand und ich meine Augen wieder aufschlug, ach! – Herr Vetter, liebster Herr Vetter! wie soll ich oder wie kann ich je zu Worten bringen, was in diesen Augenblicken mit mir vorgegangen ist! Ja, ich erkannte, in einem weißen Kleide und eine Myrtenkrone auf ihrem Haupt, dasselbe junge Frauenzimmer, das mir schon einmal, vor nunmehr einem Jahr, in dem Gedränge des Christmarktes erschienen war. Und sie sah mich wieder ebenso still aus ihren frommen, blauen Augen an, als ob sie mich fragen wollte, wo ich so lange gewesen sei. Und wie sie so langsam an mir vorüberging, da versagte mir, als ich aufstehen wollte, das Knie, und alle Lichter in der Kirche zitterten in dem blauen Weihrauch, und die Orgel erklang, wie eine Posaune, und das Singen von den Prozessionsleuten versetzte mir den Atem. So rührte mir Gott das Herz, und ich betete voll Inbrunst und gelobte ihm, nie meine Eltern heimlich zu verlassen, sondern alles, wie es auch kommen würde, gelassen zu erdulden. Und wie ich nach Hause ging, durch das Fischertor, lag Herr Gutfall, unser alter Nachbar, noch über der Haustür und rief mich an und warnte mich wiederholt vor dem alten bösen Schifferweibe: ihr Mann sei ein Seelenverkäufer, Hier: Menschenhändler, der durch List oder Betrug andere für Matrosendienste anwirbt. und sie hätten beide schon viele junge Leute unglücklich gemacht; deshalb ihnen auch ein Hochedler Magistrat, seit vergangenem Dominik,Hier: Menschenhändler, der durch List oder Betrug andere für Matrosendienste anwirbt. auf der Spur sei. Und ich danke ihm und noch mehr Gott, der mich nun zum zweiten Mal so sichtbarlich, durch einen seiner Engel, aus einer augenscheinlichen Gefahr errettet hatte. SIEBENTER BRIEF Aller Gottes-Engel bei Danzig, den 10. August 1784 Nein, Herr Vetter, daß das junge Frauenzimmer kein Engel gewesen, das laß ich mir nicht ausreden, nun und nimmermehr nicht. Herr Hutmacher John, in der Breitengasse, leugnet zwar, daß Engel sind, aber ich denke, wenn der liebe Gott sonst will, daß sie sein sollen, so werden sie nicht erst bei dem Hutmacher John um Erlaubnis fragen dürfen. Mir ist es immer noch in frischem Andenken, was meine Mutter mir erzählte, als ich noch ein klein Kind war, wenn wir zur Winterszeit abends um den Tisch saßen, die Mädchens spannen und wir ihr dabei etwas aus der Bibel vorlesen mußten. Da wurde sie einst von ihren Eltern, die auf Langgarten wohnten, nebst ihren zwei kleinen Schwestern nach Kloster Oliva zu einem Gärtner des alten Abts geschickt und sollte Blumen bei ihm holen, zu einem Bouquet und um eine Braut aus der Verwandtschaft damit anzuputzen. Und es war gerade um Weihnachten und hatte viel und großen Schnee gelegt. Und da die Kinder in den Wald kamen, verirrten sie sich und wußten weder Weg noch Steg. Da überfiel sie die Nacht, und von weitem hörten sie die Wölfe, die gefährlich heulten, weil sie hungrig waren. Und sie ängsteten sich sehr und weinten laut. Und jedesmal, daß unsere Mutter so weit in ihrer Erzählung gekommen war, klammerten wir uns an ihren Rock und hielten uns fest an sie an. Und das Licht auf dem Tische brennte ganz blau, und die ganze Stube schien uns voll Bäume und Wölfe zu sein. Aber der Herr sandte seinen Engel mit einem feurigen Schwert. Dieser stellte sich vor den Ausgang des Waldes und wehrte den Wölfen, daß sie den Kindern nichts anhaben konnten. Und der Herr geleitete ihre Schritte, daß sie glücklich aus dem Walde heraus und in die Abtei gelangten, und wie sie daselbst vor der Tür des Gärtners von Oliva standen und anklopften, hörten sie drinnen die Frau desselben sprechen und zugleich die Klosterglocke von drüben, die soeben eins schlug. Und sie lobten Gott mit heller Stimme, nach glücklich überstandener Gefahr, und daß er sie so wunderbar errettet hatte. Und so, lieber Herr Vetter, wie Gott einst meine Mutter aus dem Walde geführt, so ist er auch mir jetzo mit den Seelenverkäufern gnädig gewesen. Ich denke darum immer, daß das ein gut Zeichen ist und daß er noch irgend sonst etwas mit mir vorhat; denn warum sollte er sich sonst die viele Mühe mit mir geben? ACHTER BRIEF Danzig, den 25. Dezember 1784, am Vorstädtischen Graben Herr Drommert, der englische Informator, ist ein vortrefflicher Mensch und seine Mutter auch, die am grünen Tor sitzt und eine schwarze Samtkapuze trägt. Sie haben beide mit meinem Vater gesprochen und ihm gesagt, er müsse mich durchaus studieren lassen. Mein Vater ist auch schon halb und halb dazu entschlossen – nämlich, wenn ich ihm verspreche, daß ich auch, wenn ich studiere, ihm noch ein paar Stunden tags in seiner Werkstatt helfen will. Jetzt geh ich schon zweimal die Woche zu Herr Drommert; das hat er mir erlaubt; der gibt mir Lektion. Und weil ich kein Buch habe, so läßt er mich mit in seins einsehn; denn die reichen Patriziersöhne, die auch bei ihm das Englische lernen, sind viel zu vornehm dazu. Die denken schon, wenn ihr Vater im Rat oder im Schöppenstuhl sitzt, sie können die Nasen nicht hoch genug tragen. Besonders ist einer dabei mit einem weißen Federhut und einem Degen an der Seite, der wird jedesmal so rot wie ein Puter, wenn ich ihm mit meinem Rock zu nah komme, und weiß doch für ganz gewiß, daß mein Vater, um den seinen zu bestechen, weil er Ältermann und jener Gewerkspatron ist, nur noch neulich zwölf Dukaten hat einwickeln müssen. Das ist wahr und wahrhaftig wahr; denn ich habe selbst dabei geholfen und das Geld für meinen Vater unter dem Titel “Dem Gewerk zum Besten verunkostet” in Rechnung gebracht. Sehen Sie, liebster Herr Vetter, so geht es bei uns in Danzig zu. Aber was bekümmere ich mich um die großen Hansen! Ich denke so, daß es keine Kunst ist, fein Tuch zu seinem Rocke zu haben, wenn eines sein Vater sich bestechen läßt oder – ein – Der ich die Ehre habe usw. NEUNTER BRIEF Danzig an der Lestadia, Weihnachten 1784 Nunmehr geht es immer besser mit mir. Ich mache gute Fortschritte im Englischen, und neulich hat mir Herr Drommert eine Übersetzung aufgegeben. Das Buch heißt “Ossian”, Die 1761-1765 veröffentlichten Werke des schottischen Dichters James Macpherson (1736-1796), die dieser als Übersetzungen von Gesängen des sagenhaften keltischen Barden Ossian ausgab. , war auch leicht zu verstehen; aber ich besitze es nicht selbst. Indes hab ich es abgeschrieben und so mein Glück daran versucht. So soll mir meine Arbeit auch ziemlich geraten sein; denn, wie sie daran gekommen, hat mich Herr Drommert so dafür gelobt, daß ich darüber fast rot geworden bin. Vollends, wie er versichert’, ich hätt in Versen geschrieben und so, daß keiner von den übrigen es ebenso gut zu machen imstande wäre: da sind mir fast vor Freuden die Augen übergegangen; die Patriziersöhne aber haben geguckt, nicht anders, als ob sie mich mit ihren Blicken durchbohren wollten. Und dabei hat es mein Lehrer keineswegs bewenden lassen, sondern er ist auch spornstreichs und mit dem Aufsatz in der Hand zu Herrn M., dem ersten Pastor von St. Petri-Kirche, gelaufen; der hat mit meinen Eltern gesprochen, und nun heißt es für ganz gewiß, daß ich künftigen Johannis zu St. Peter in die Schule gehen und Theologie studieren soll. ZEHNTER BRIEF Lestadia, den 1. August 1785 Liebster Herr Vetter! Ich gehe nun schon ein Vierteljahr zu St. Peter, beim Herrn Rektor Payne, in die Schule. Es ist ein guter Mann, nur ein bißchen akkurat, besonders wenn das Schulgeld nicht auf dem Punkt da ist. Da rumort er auf dem Katheder wie nichts Guts und wirft die Bücher durcheinander, daß ich immer denke, er wird mir noch eins an den Kopf werfen. Für den überschickten Dukaten danke dem Herrn Vetter ergebenst. Er kommt mir recht zupaß. Johannis ist nicht weit und das große Examen zu St. Peter vor der Tür. Da müssen wir nun die Schule mit rotem Scharlachtuch ausschlagen lassen, auf unsere Kosten, und jeder Primaner muß sich noch einen blauen Mantel anschaffen, mit gesticktem Kragen und goldenen Lützen . Mir stehen die Haare auf dem Kopfe zu Berge, wenn ich daran denke, wo ich all das Geld dazu hernehmen soll. Apropos! jetzt hab ich schon selbst drei Informationen . Was ich bei Tag versäume, das hole ich bei Nacht wieder ein. Da trink ich Kaffee und stelle, um wach zu bleiben, die Füße in kalt Wasser, und da muß ich sagen, daß das ein recht probat Mittel ist, um wach zu bleiben. Der ich die Ehre habe usw. EILFTER BRIEF Lestadia 1785, am Tage Simon Judä Neulich begegnete ich auf dem großen Kirchsteig von St. Peter unserm Herrn Kirchvorsteher. Es war Sonnabend nachmittag, und die Herren von der Gemeinde sollten eben auf der Schule zusammenkommen. Da mein Vater nun, wie sie es nennen, Besucher ist, und was arme Kinder von der Gemeinde sind, für deren Kleidung zu sorgen hat, so kennt ihn der Herr Kirchvorsteher gar genau. Deswegen rief er mich an und tat die Frage an mich, ob es denn wahr sei, daß mich mein Vater Theologie studieren lasse. Und ich erwiderte ihm darauf geziemend, mit einem höflichen Bückling, auch mit entblößtem Haupte: “Ja, mit Ewr. gestrengen Herrlichkeit Wohlvernehmen.” Darauf fuhr er fort: “Wie? ohne Geld?” Und dann, nach einer Pause, setzte er vor Erstaunen und wie jemand, dem, weil er dick ist, das Reden sauer wird, die Worte hinzu: “Und nachher?” – “Da gedenk ich, mit Ewr. gestrengen Herrlichkeit Wohlvernehmen auf das hiesige Gymnasium zu gehen.” – “Und nachher?” – “Da will ich die Universität besuchen.” – “Und nachher?” – “Da will ich Kandidat werden.” – “Er ist ein einfältiger Mensch!” – “Ja, mit Ewr. gestrengen Herrlichkeit Wohlvernehmen; aber eben deshalb will ich studieren, um es nicht zu bleiben.” Ich konnte merken, daß den Herrn Kirchenvorsteher diese Antwort verdroß; denn er wandte mir alsbald den Rücken und ging davon. Ich aber blieb ganz verwirrt stehen und sah ihm mit betrübten Augen nach. Und der Junge des Totengräbers Balthasar, der am Kirchsteige wohnt, und, weil er über der Tür lag, alles mit angehört hatte, lachte mich laut aus, Und ich wußte nicht, vor Scham und Verdruß, wo ich mein Gesicht verbergen sollte. Aber, liebster Herr Vetter, wie kann man nur gegen jemanden, dem man nichts gibt, bloß deshalb, weil man selbst viel Geld und er keins hat, so übermütig sein? Dies Gespräch hat mich so in mich gekehrt, daß ich darüber, als ich zu Hause gekommen bin, die bittersten Tränen vergossen habe. Der ich die Ehre habe usw; ZWÖLFTER BRIEF Klosterhof von Grau-München 1785, am Tage der Heiligen Drei Könige Gestern, liebster Herr Vetter, kam der Famulus die Treppe vom Pilatium herunter und teilte unter Sekundanern und Primanern, im Kreuzgang, gedruckte ZetteI aus. Da ich mir auch einen ausbat und ihn auch erhielt, sah ich, daß es ein Lektions-Katalogus war. Darauf stand die Zahl der Kollegien, die Professoren, die sie lesen würden; wie, wo, wann; kurz, alles haarklein. Unter andern kündigte auch ein Herr Professor K, der sich als Professor poeseos unterschrieben hatte, für das künftige halbe Jahr ein Collegium Stili an. Das freuete mich nun über die Maßen, daß ich doch wieder was von der Dichtkunst hören sollte, auf die ich mich immer mit so großem Eifer gelegt hatte, besonders, da, wie es schien, Philosophie und Vernunftlehre in einem und dem andern Stücke mir wohl noch zu schwer sein möchte. Denn wie ich tags zuvor in Erfahrung gebracht, so hatte sich dem Herrn Professor S. die Kantische Philosophie, die er las, auf die Nerven geworfen, und die Ärzte versichern im ganzen Ernst, daß er daran gestorben sei. Wenn das nun dem Professor selber begegnet, so läßt sich an den Fingern abnehmen, was wir als Studenten zu erwarten haben. Doch wieder auf den Professor der Poesie zu kommen, so ging ich den andern Tag, früh um zehn Uhr, wie er die erste Stunde las, hin und hospitierte bei ihm. Ich hatte vor Freuden die Nacht kaum schlafen können; aber mir war wunderlich genug zumute, als mein Traum nun in Erfüllung ging und ein langer, hagerer Mann, während ich dasaß, in einem blauen Plüschrock ins Auditorium trat, sich aufs Katheder setzte und mit hohlen Augen und einer noch hohlern Stimme einiges aus seinem Hefte vorlas, wobei er beständig an seinem Stockknopfe sog. Schon hier dachte ich bei mir selbst: der sieht gar nicht aus wie ein Professor der Dichtkunst; aber ich faßte mir jedoch ein Herz und ging, da die Stunde aus war, zu ihm. Er bewohnt ein Haus auf dem Klosterhof, ganz zuletzt, und dem Wall zu. Nach einem höflichen, aber sehr trockenen und ernsten Empfang von seiner Seite entdeckte ich ihm von der meinigen erst die Freude meines Herzens, die ich darüber verspürte, daß er Professor der Dichtkunst sei, und dann die Hoffnung, der ich Raum gab, weil ich selbst einige Stärke in diesem Fach fühlte, unter seinen Auspizien gute Fortschritte darin zu machen. Aber hilf Himmel! was für ein Gesicht, das er bei diesen Worten aufzog! Er versicherte mich, daß er schon fünfzehn oder achtzehn volle Jahre Professor der Dichtkunst sei, aber Gott solle ihn bewahren, daß er je in seinem Leben einen Vers gemacht. Auch habe er seine Herren Zuhörer immer davor gewarnt, weil eine lange und vieljährige Erfahrung ihn gelehrt, daß aus Menschen, die sich dem Versemachen ergäben, in der Regel nichts als Taugenichtse würden. Ich stand vor ihm, wie vom Blitz gerührt, und seitdem ist es mir immer, wenn mich jemand frägt, ab ich auch Verse mache, nicht anders zumut, als ob ich ihm antworten müßte: “Gott behüte, so gemein habe ich mich nie gemacht!” Aber sagen Sie selbst, liebster Herr Vetter, ob es nicht kurios ist, ein Professor der Vernunftlehre, dem sich die Philosophie auf die Nerven wirft, und ein Professor der Dichtkunst, der die jungen Leute warnt, daß sie keine Verse machen! Der ich die Ehre habe usw. DREIZEHNTER BRIEF Alt-Fahrwasser bei Danzig 1785, in den Zwölfen Lieber Vetter! Ich bin soeben einer dritten und sehr großen Lebensgefahr entronnen. Den zweiten Weihnachtsfeiertag hatte ich mir nämlich schon frühe vorgenommen, mit meinem jüngern Bruder nach der Legan Schlittschuh zu laufen, und dieser Plan wurde, wie der Nachmittag kam, auch wirklich ausgeführt. Noch unter der Vesper liefen wir aus, und nah um drei Uhr waren wir schon durch die grüne Brücke durch, aus den spanischen Reitern hinaus und hinter dem Blockhause; die Gatter standen offen, und das Eis war, wie man sagte, sicher; denn es gingen schon starke Schlitten und Frachtfuhren auf Elbing und Thorn zu; auch machten sich viele Leute ein Vergnügen auf Schlittschuhen. Wie wir uns eine ganze Weile am Blockhaus aufgehalten, sah ich auf einmal hinter mich, wo mein jüngerer Bruder geblieben sei; denn da ich mit vollem Winde weniger lief, als segelte, so befürchtete ich, er möchte mir nicht nachkommen. Auch erblickte ich ihn in der Tat schon in einiger Entfernung. Ich wollte nun stehenbleiben und warten, bis er mich einholte; aber der Wind trieb mich so heftig, daß ich kaum Zeit genug hatte, ihm noch rückwärts mit meiner Hand einen Wink zu geben. Dies wäre mir indes bald teuer zu stehn gekommen; denn wie ich mich nun wieder mit dem Kopfe umwandte, sah ich, dicht zu meinen Füßen, eine Öffnung, aus welcher das Wasser ganz schwarz und klar hervorsprudelte. Und ich erschrak und wollte hinten mit den Schlittschuhen einsetzen und mich halten; aber ich konnte nicht. Und so Fuhr ich denn, mit aller Gewalt, in den offnen Schlund der Weichsel hinunter. Dabei verspürte ich ein solches Brausen in den Ohren, nicht anders, als wenn alle Kanonen von den Danziger Wällen vor denselben losgelassen würden. Und ich strebte mit Händen und Füßen, um womöglich wieder an die Wohne , wie sie es nennen, heraufzukommen; aber vergeblich, Und nach und nach verlor ich auch die Besinnung. Sollte es indes der Herr Vetter wohl glauben? Wie ich merkte, daß es mit mir zu Ende ging, und nachdem ich zuvor meine arme Seele Gott befohlen, stellte sich eine lebhafte Neugierde bei mir ein: was wohl aus derselben nach ihrem leiblichen Abscheiden werden möchte. Denn dieses war mein erster Gedanke unter dem Wasser. “So sollst du auf eine so klägliche Weise dein Leben einbüßen!” Mein zweiter: “Ach, meine armen Eltern, meine liebe Mutter, und mein herzlichster Vater, daß ich euch beiden in eurem Alter diese Betrübnis nicht ersparen kann!” Mein dritter: “Wenn nur Bruder Karl nicht auch auf dem Eise verunglückt!” Mein vierter: “Herr Jesu, dir leb ich, dir sterb ich, dein bin ich jetzt und in Ewigkeit! –” Wie ich amen sagen wollte, fühlte ich plötzlich eine Hand, die mich aus der Tiefe hervorzog. Und dies war mein jüngster Bruder Karl, der, als er das Unglück sah, das mich betraf, eilig herbeilief. Und obwohl die Fischer, die hier herumwohnen und die auf sein Geschrei aus ihren Hütten hervor und an das Ufer eilten, ihn laut genug warnten und winkten, weil es ein gefährlicher Fleck sei, daß er ja sich nicht zu nah hinwagen möchte – es ist nämlich eben da, wo sommerszeiten und wenn der Fischzug im Gange ist, oft ganze Schiffsladungen kleiner Fische von Polizei wegen in den Fluß geworfen werden, so daß von dem Öl, das sich daraus entwickelt, das Wasser eine so tranichte Beschaffenheit erhält, daß es im Winter nie zufriert –, so hat er sich dadurch doch nicht abhalten lassen, sondern ist bloß der Eingebung seines brüderlichen Herzens gefolgt und mir zu Hülfe geeilt. Und wie der Fluß mich wieder heraufbrachte – denn zum Glück war ich vom Blockhaus aufwärts, die Legane vorbei, gegen den Strom und das Fahrwasser gelaufen –, so ergriff er meine Hand und drückte sie so heftig, daß ich die blauen Male davon wohl noch viele Monden an meinem Leibe werde mit mir herumtragen müssen. Und wie ich ihm zu schwer wurde – denn meine Kleider hatten Wasser gezogen, und überdem bin ich ja viel größer und älter als er – und wie ich ihn zu mir nieder auf das Eis zog, so achtete er die Gefahr des Untergehens nicht, die ihn bedrohte, und obwohl er seinen Tod vor Augen sah, so ließ er meine Hand darum doch nicht los. Und als bei dem allmählichen Sickern des Eises und dem Zerbrechen der Tafeln die Stücken davon, die schärfer wie Glas waren, ihm Gesicht und Arm zerschnitten – ja als er schon mit dem halben Leib im Wasser lag und das Blut ihm warm aus den Kleidern drang, da schrie er laut und weinte heftig; aber seine heiße Bruderliebe hat mich darum doch nicht losgelassen. Endlich – und wie die Fischer mit dem ungestümen Zuruf: “Verwegner Blitzjunge, du siehst, daß du ihn nicht retten kannst! Laß ihn treiben, laß ihn treiben, auf Gottes Gnade!” von allen Seiten auf ihn eindrangen, so schrie er zwar noch lauter und betete und weinte noch heftiger zu Gott; aber er ist dennoch nicht von meiner Seite gewichen und hat Not und Tod recht brüderlich geteilt – bis zuletzt Haken und Stangen in Menge und von allen Seiten geschäftig herbeikamen und man uns beide, mich an den Händen, ihn aber an den Füßen, herausbrachte. Und wie man uns so allmählich ans Ufer zog, geschah es, daß, weil er auf dem Gesicht lag und mich so fest an der Hand hielt, sein Blut überall, wo unser Weg hinging, das Eis färbte. Und wie ich wieder am Ufer stand, ging alles mit mir um , und ich konnte mich kaum aufrecht halten; wußte auch lange nicht, ob ich im Himmel oder auf Erden, unter dem Eis oder auf dem Eis oder im Hause meines Vaters an der Lestadia war. Sie brachten mich aber in eine der Fischerhütten hinein, die nach der Münde zu, am Ausgang der Weichsel gelegen sind. Aber mein Bruder Karl, als ich, bei wiederkehrender Besinnung, ihn fragte, warum er so blutete, gab mir keine Antwort, sondern fiel mir weinend um den Hals, herzte und küßte mich und war nur froh, daß ich wieder lebte. Und so hat er’s denn die ganze ausgeschlagene Nacht getrieben und vor Unruhe kein Auge zugetan, sondern ist immerfort an mein Bett gelaufen und hat die Vorhänge hinweggezogen, um zu sehn, ob ich noch lebendig und nicht unten im Wasser bei den Fischen geblieben sei. Und sooft er dann, mit beständigem Hinhalten des Ohrs, sich überzeugt hatte, daß ich wirklich noch atmete, legte er sich wieder fröhlich in sein Bett und sagte zu meinen Eltern, die daneben in der Kammer schliefen: “Ja, er lebt noch!” Und wie ich mich wieder gänzlich erholt hatte, kamen alle unsere Gefreundete und Bekannte zu meinen Eltern und wünschten ihnen Glück zur Rettung ihres Sohnes. Und wir saßen zusammen und lobten und preisten Gott einmütiglich, daß er mich nicht einem elenden Tod zum Raube dahingegeben, sondern so wunder barlich durch die Hand meines guten. Bruders aus der Weichsel errettet hatte. Meine Muhme aber, Frau Anna Martens, die, welch an der Heiligen-Geist-Straße wohnt und mit Tuchen und englische Waren handelt (wie sie denn ein Mitglied der Brudergemeinden Herrnhuter Brüdergemeinen: eine 1722 entstandene pietistische Religionsgemeinschaft; bis heute existieren zahlreicheBrüder-Unitäten in allen Teilen der Welt. und auch sonst eine sehr gottesfürchtige Frau ist), legte mir die Hand aufs Haupt, segnete mich und sagte: “Johannes, Gott ist aber mal mit dir gewesen. Er wird dich nicht verlassen, noch versäumen, so du ihn nicht verlässest; denn ich weiß und bin dessen gewiß in meinem Geiste, daß dich der Herr zu seinem Dienst erkoren hat!” VIERZEHNTER BRIEF (Aus späterer Zeit) Halle, Steinstraße, 1788, 1. Mai O Vetter, liebster Vetter, wie oft habe ich gewünscht, noch ein Kind zu sein, wie damals, als die Hintertür in meiner Eltern Hause offenstand und ich hinaussprang in das Feld und auf die Schiffswerfte, die die Sonne bestrahlte, und mit andern Kindern Ball und Reifen spielte! Glückliche Zeiten, als rings die weißen Segel der Ostsee, in alle Weltgegenden einladend, vor mir lagen und jede jugendliche Hoffnung, mit einem flatternden Lüftchen, einnahmen! Wie oft habe ich, über den blauen Fluß gebogen, der in stolzer Abendruhe dahinzog, stundenlang zugehorcht, wenn alles ringsum, bis auf das Echo in den Speichern, still war und nur hier und da eine polnische Rohrpfeife Töne von sich gab oder über die Gewässer daher, die ihr mit sanftern Geplätscher antworteten, eine litauische Schalmei rief! Alles dies ist nun vorbei. Diese ungekünstelten Empfindungen lassen sich mit nichts mehr zurückkaufen. Weimar 1805. Aus meinem Tagebuch Schon als ein Knabe von zwölf bis dreizehn Jahren, wenn ich zu Grau-München in den Kirchstühlen saß und den Namen Kleist vor mir auf. den Ränken eingezeichnet fand und es dann zu mir sagte, daß sein Fuß einst diese nämliche Stätte betrat, daß seine Hand einst auf dem nämlichen Platz ruhte, wo ich jetzt die meinige hinlegte, wie hat mir schon damals das Herz geklopft, wie das Leben mit seinen schalen Umgebungen mich angeekelt! Zuweilen bin ich dann hinausgelaufen, auf die Berge, in die Wälder und an die Ufer des Meeres, um das verschwiegene Leid meines Herzens an dem Busen der Natur auszuweinen und ihr für meine immer offenen Wunden 'einen Balsam abzufordern. Jene ewig denkwürdigen Verse Kleists: Ewald Christian von Kleist (1715 - 1759): preußischer Major, Dichter empfindsamer Naturidyllen, starb an einer in der Schlacht bei Kunsdorf erlittenen Verwundung; besuchte ebenfalls das Gymnasium in Danzig. Ja Welt, Annähernd wörtliches Zitat aus Ewald von Kleists Gedicht “Sehnsucht nach Ruhe” (1744), 20. Strophe. du bist des wahren Lebens Grab. Oft reizet mich ein heißer Trieb zur Tugend, Vor Wehmut rollt ein Bach die Wang herab; Das Beispiel siegt, und du, o Feur der Jugend, Du trocknest bald die edlen Tränen ein: – Ein wahrer Mensch muß Fern von Menschen sein. Wie oft habe ich sie mir von dem Echo der Ostsee wiederholen lassen! Und wenn ich sie nun von Klippe zu Klippe erschallen hörte und die Sehnsucht in mir erwachte, daß es mir doch ein Gott schenken möchte, wie dieser zu wirken und nicht ganz ohne Spur auf der Erde vorüberzugehen, fühlte ich mich milder in dem Gefühl der Wehmut, das mich mit seinem Andenken umgab, und die Nacht kam, und die Sterne waren still, wie eine ewige Hymne, mir zu Haupten aufgezogen. Und als ich nun älter wurde und mein Beruf mir klärer und immer klärer vor den Augen lag, da wünschte ich mir wieder ein Schwert, um es zu führen, wie er, und im Kriege zu fallen, wie er. – Und ich kann es getrost und mutig sagen: der armselige Rechenpfennig des Lebens ist mir immer das wenigste gewesen, und ich hätte ihn getrost Für jede edle Tat, die sich mir auf meinem Wege dargeboten, hingeworfen. Ist es dennoch so, und regiert uns alle kein Traum, sondern eine Bestimmung ewiger Gestirne, die jedem Menschen sein Lebensziel anordnet, so wird auch mich die dunkle Leitung meines Schicksals früh oder spät auf die 'Bahn führen, die mir zukommt! Welch eine Zeit, in die wir gefallen sind! Die Kunst selbst im Widerspruch mit der Natur. Die Politik mit der Freiheit! Eine kleine Gegenwart, die mit einer größern Zukunft schwanger scheint! Was wird, was muß alles dieses für Resultate herbeiführen? Eins davon ist schon gekommen, und dieses heißt: Abschied der deutschen Reichsstädte Sie wurden durch Reichsdeputationshauptschluß (1803) und den Rheinbund (1806) größtenteils mediatisiert. Als sich zu ihrem Untergang Einst deutsche Freiheit neigte, Doch jede Mus im Hochgesang Noch ihren Priester zeigte. Als Goethe hinschritt zum Parnaß Von Frankfurts Traubenhöhen, Aus Biberach, wo Wieland saß, Und Klopstock war zu sehen: Da sprach betrübt die alte Kunst, Als sich die Künstler setzten: »Herr Albrecht Dürer, da mit Gunst, Schau her! Es sind die Letzten! Gib, Vater Holbein, ihnen Ehr, Im Tanz der Pieriden ! Nun klirren Waffen und Gewehr; Mein Reich ist nun verschieden! Sie wollen nur, was nutzt und frommt In Zukunft ihren Staaten: Geliebte Kinderchen, nun kommt, Fliehn wir vor den Soldaten! Kommt! Lasset uns auf andern Höhn Uns Lorbeerkränze winden! Die sollen scharfes Auges sehn, Die hier uns wiederfinden!”« Sag selbst, teuerste Freundin, ist es nicht so, als ob alle deutsche alte Reichsstädte beschlossen hätten, noch kurz vor Torschluß jegliche irgendeinen Abgesandten an den Parnaß zu schicken? So ist nur neulich wieder der ehrliche Meistersänger Grübel Johann Konrad Grübel (1736 – 1809), Nürnberger Mundartdichter, Klempnermeister. Seine “Gedichte”, 2 Bände, Nürnberg 1798/1800 wurden 1805 von Goethe in der “Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung” positiv rezensiert, zuvor (1798) in der “Allgemeinen Zeitung” aus Nürnberg eingetroffen – und mehrere. Und so habe ich mich denn auch in Gottes Namen auf den Weg gemacht und fast als ein Knabe das Haus meiner Eltern verlassen, und die dunkle Heimat, und die Werkstatt meiner Jugend, und stehe nun hier, in der Fremde, ohne weitere Freunde und Bekannte, als die mein Talent mir verschafft, mitten in einer ehrwürdigen und großen Versammlung und weiß ja selbst nicht, wie ich dahin gekommen bin; begehre auch dessen, was ich getan habe oder noch tun werde weder Lob noch Bewunderung; des Tadels aber ist mir ohnedies genug zuteil geworden – denn sofern einiges Verdienst dabei ist oder ein Makel, so ist beides ja nicht mir beizumessen, sondern lediglich meinem Schicksal, das mich wunderbar geführt von meiner Jugend an und in einer harten Schule erzogen hat, so daß ich wohl mit größerem Rechte als mancher von sich sagen kann: Ein Gott hat mich getrieben, und ich habe es nicht lassen können!