Verschiedene Autoren Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen soweit die deutsche Zunge klingt Auswahl für die Jugend von J. Baß. Inhalt Vorwort. Bernhard Bader Der Grafensprung. Karlsruhes Ursprung und Name. Der Titisee. Ludwig Bechstein Die getreue Alte. Das Bernsteinrecht. Die Braut vom Kynast. Bremer Roland. Der Drache und der Ritter von Frankenstein. Doktor Faust in Auerbachs Keller. Von dem kleinen Gleichberge bei Hildburghausen. Die schwarze Gret und das Danewerk. Götzens Turm. Herrgottstritte. Der fliegende Holländer. Hünenspiel. Ida von der Toggenburg. Junker Jörg. Kaiser Karl im Brunnen und im Berge. König Watzmann. Das heilige Land. Von der Münchner Frauenkirche. Die Münsteruhr. Nibelung von Hardenberg und der Zwerg Goldemar. Ratten vertrieben. Regiswindis. Schätze der Luchsburg. Schweppermanns Eier und Grab. Drei heilige Schwestern. Die Seeräuber. Siegenheim. Spottnamen und Schildbürger im Norden. Stavorens Untergang. Sankt Sebaldus. Der eiserne Tisch. Vineta. Woher die »blinden Hessen« und die »Mühlhauser Pflöcke« kommen. Die Wunder der Marienburg. Der Ziegel vom Waldstein. Der alte Zoller. Der Zweikampf. Berger Die Walpurgisnacht auf dem Blocksberg. Moritz Bermann Die Bärenmühle. Der Baumeister von St. Stephan. Gevatter Tod. Alle neun Kegel. Der eiserne Landgraf und sein Arzt. Das Lebenslicht. Die Löwenbraut. Der Volkssänger Augustin in der Pestgrube. Heinrich Hermann Adolf Fick Die Entdeckung der Salzquelle zu Halle. Die Entstehung des Siebengebirgs. Jan und Griet. Der Rüde an der Wupper. Schelm von Bergen. Siegfried und Mimer. Johann Georg Theodor Gräße Der Drache auf Drachenfels. Die Entstehung der Porta Westfalica. Der starke Hermel. Brüder Grimm Die wilden Frauen im Unterberge. Der ewige Jäger. Des Rechenbergers Knecht. Die Maultasch-Schutt. Sage vom Schüler Hildebrand. Schwarzkopf und Seeburg am Mummelsee. Der Tannhäuser. Hessisches Jahrbuch Romeias. Der große Rosenstock am Dom zu Hildesheim. Hunkler Die Legende der heiligen Odilia. Sagen aus der Vorzeit des Harzes Der Finkenherd in Quedlinburg. Scharlach und Haupt Das Bild des großen Christoph im Dom zu Erfurt. Aloys Wilhelm Schreiber Baden und das Wildbad. Die Belagerung von Neueberstein. Die beiden Brüder. Der Burggeist auf Rodeck. Die Clemenskirche. Die Felsenhöhle. Die silberne Glocke. Das Himmelreich. Die Jungfrau auf dem Lurlei. Kaiser Friedrich der Rotbart. Die Kapelle auf dem Stromberg. Die Mainau. Peter von Staufenberg. Der Raubritter. Rolandseck. Die sieben Schwestern. Die Speckermönche zu Düsseldorf. Sankt Goar. Treuenfels. Trifels. Der Yberg. Die Zerstörung von Hohenkrähen. August Stöber Die Erfindung der Buchdruckerkunst. Der Freier auf Freundstein. Die Geißler in Straßburg. Kaiser Sigismund und die Straßburger Edelfrauen. Der Kampf der Helden auf dem Wasgenstein. Der Kinderkreuzzug. Die Weiber von Ruffach. Eine alte Weissagung von Straßburg. August Witzschel Faust kommt plötzlich von Prag nach Erfurt zu einem Abendessen. Doktor Faust muß die Stadt Erfurt verlassen. Die Eichelsaat zu Dünwald. Elisabeth kommt als vierjährige Braut auf die Wartburg. Elisabeths Mantel. Elisabeths Rosen. Elisabeth speist die Armen. Die heilige Elisabeth wird von der Wartburg vertrieben. Der im Berge schlafende Kaiser. Kämpfe der Thüringer mit den Franken. Das Kind mit dem Tränenkruge. Der eiserne Landgraf und sein Arzt. Sage von Möbisburg. Warum die Blankenburger sonst Eselsfresser genannt worden sind. Vorwort. Bist du, mein lieber junger Freund, nicht auch schon in unserem schönen Vaterlande umhergewandert? Und da standest du an den Stätten, die durch große geschichtliche Ereignisse geweiht sind; davon erzählt dir die Weltgeschichte. Aber das Volk hat auch noch andere Quellen, aus denen Geschichten und Sagen hervorquellen, die lebendige Überlieferung, wie sie von Mund zu Mund getragen wird. Da ist keine bedeutende Stadt in ganz Deutschland, kein durch natürliche Schönheit ausgezeichneter Fluß, kein merkwürdiger Berg, der nicht von dem dichterischen Volksmund von einem Kranz von Sagen umsponnen worden wäre. Aber wer kennt sie alle heute noch? Die Sagen haben aufgehört, im Munde des Volkes lebendig zu sein, und du mußt schon viel Glück haben, wenn es dir einmal so gut geht wie dem Herausgeber dieser Sammlung, der im sagenreichen Fichtelgebirge aus dem Munde eines biederen Alten die Geschichte von der Luxburg (jetzt Luisenburg) erzählt bekam. Auch die Reiseführer und Geographiebücher enthalten nur wenig Sagenstoffe. Deshalb habe ich hier aus dem reichen Schatze deutschen Sagengutes einen reichen Kranz zusammengestellt, der meine Auswahl der Grimmschen Sagen aufs glücklichste ergänzt. Greife gerne nach dieser gefunden Kost, deutsche Jugend; denn der Geist unseres Volkstums spricht aus diesen wertvollen Überlieferungen. Und eine große Wahrheit wird dir bei dieser Lektüre aufgehen: Es gibt ein großes Deutschland, Alldeutschland wird es genannt, das reicht »so weit die deutsche Zunge klingt« und geht weit hinaus über die schwarzweißroten Grenzpfähle. Unser wertvolles Sagengut ist allen Stämmen deutscher Zunge eigen, und deshalb wirst du auch aus den deutschen Ländern unserer Nachbarreiche manch wertvolles Stück in dieser Sammlung finden. Nimm und lies! Der Herausgeber. Ludwig Bechstein Die getreue Alte. Zu Husum sollte einst auf dem Eise ein Winterfest gefeiert werden; denn das Eis war fest. Zelte wurden aufgeschlagen auf der herrlichen blanken Fläche zwischen dem Ufer und der Insel Nordstrand; wer konnte, lief Schlittschuh, Stuhlschlitten flogen dahin, Musik und Tanz, Lied und Becherklang verherrlichten den schönen Tag und die nahe lichthelle Mondnacht, die den Jubel noch vermehren sollte. Alle waren hinaus aufs Eis und machten sich lustig, nur ein steinaltes Mütterlein war zurückgeblieben, das hatte die Weltlust hinter sich, und wenn es ja wollte, konnte es hinaus und hinab aufs Eis sehen, denn ihr Häuslein stand auf dem Damm. Und sie tat's, sie sah gegen Abend hinaus und sah im Westen ein Wölkchen über die Kimmung heraufziehen. Da befiel sie große Angst; denn sie war eines Schiffers Witwe und kannte die See und die Zeichen von Wetter und Wind. Sie rief, sie winkte – niemand vernahm sie, niemand blickte nach ihr – aber das Wölkchen wuchs zusehends und war ein Bote der Flut und des schnell umspringenden Windes von Nord nach West. Und wenn die auf dem Eise nur noch eine halbe, eine Viertelstunde zögerten, so war es um sie getan, so stand Husum menschenleer. Wie die Wolke wuchs, zusehends, riesengroß, schwarz – wie sie schon den lauen Windhauch spürte, wuchs der Alten unsägliche Angst – und sie war allein, krank, halb gelähmt, machtlos! Dennoch ermannt sie sich, kriecht auf Händen und Füßen zum Ofen, nimmt einen Brand, zündet das Stroh ihres eigenen Bettes an und kriecht zur Türe des Häuschens hinaus. Bald schlägt die Flamme aus dem Fenster, hinauf zum Dach, des Sturmes Odem facht hellodernde Glut an, und: »Feuer! Feuer!« schreit es auf dem Eise. Die Zelte werden verlassen, die Schlittschuhläufer fliegen dem Strande zu, die Schlitten lenken sich heimwärts. Und da faucht schon der Wind über die Eisfläche, da pocht's schon drunten und poltert's, und wie Kanonendonner kracht das Eis in der Ferne. Die schwarze Wolke überzog den Mond und den ganzen Himmel, wie ein Leuchtturm flammt das Haus der Witwe und zeigt den Heimwärtseilenden die sichere Bahn. Wie die Letzten am Strande sind, rollt die Flut ihre Wogen über das Eis und reißt Zelte und Tonnen, Wagen und Zechgeräte in ihre rauschenden Wirbel. Die arme Alte hatte ihr Häuschen geopfert, die Bewohner ihrer Stadt zu retten. Es wird ihr ja wohl nicht unvergolten geblieben sein. Aloys Wilhelm Schreiber Baden und das Wildbad. Einst hüteten Hirten ihr Vieh in der Nähe des Herrnwieser Sees. Da stieg ein schwarzer Stier aus demselben hervor und gesellte sich zu den andern Rindern. Aber alsbald kam ein kleines Männlein nach, in Rattenpelz gekleidet, um den Stier zurückzuholen. Dieser wollte nicht gehorchen; da bat das Männlein zwei von den Hirten, sie möchten ihm doch den Stier in den See treiben helfen. Diese waren dazu bereit; es gelang ihnen, den Stier bis an den Rand des Sees zu treiben, von wo er sich augenblicklich in das Wasser stürzte und nicht mehr gesehen wurde. Das Männlein im Rattenpelz aber sagte zu den Knaben: »Hier schenke ich jedem von euch einen Stein; wohin ihr ihn werfen mögt, da entspringt auf der Stelle ein warmer Quell, der heilsame Kräfte besitzt für manches Leiden der Menschen.« Die Knaben nahmen die Steine und bewahrten sie lange auf. Zufällig kam später einer derselben in das Tal, wo jetzt Baden liegt, und ruhte sich aus auf dem Hügel, auf welchem die meisten und wärmsten der Heilquellen Badens entspringen. Da gedachte er plötzlich des Steins, den er vom Seemännlein erhalten, nahm ihn aus der Tasche, ließ ihn den Felsen, auf welchem er saß, hinabkollern, und siehe, da wo der Stein den Felsen berührte, öffnete sich eine Spalte, aus welcher heißes Wasser quoll. So entstanden der Ursprung, die Höllenquelle und die Klosterquelle in Baden. Der andere Hirt aber warf, seinen Stein in dem Tale nieder, wo das Wildbad hervorsprudelt. Moritz Bermann Die Bärenmühle. In der Umgegend von Gundershofen im Elsaß soll eine Mühle stehen, die den Namen »Bärenmühle« führt. Der Name kommt auch sonst vor, zum Beispiel in der Nähe von Wien. Von dieser Mühle wird folgendes Abenteuer erzählt: Damals gehörte die Mühle dem Meister Johann Wachtel. Es war demselben aber unmöglich, seine Müllerburschen länger als zwei Tage zu behalten, denn ein Bär besuchte jede Nacht die Mühle und jagte ihnen großen Schrecken ein. Da kam einmal ein starker und beherzter Bursche, namens Andreas Luftig, ein Mann, der durch seine außerordentliche Stärke in den Fäusten in der ganzen Gegend berühmt war, so daß kein Bursche mit ihm zu raufen wagte. Der hatte auch von dem Bärenspuk gehört und bot um guten Lohn und Kost dem Müller seine Dienste an. Er trat auch alsbald bei ihm ein und sollte schon in der nächsten Nacht mahlen. Nun kam an diesem Abend der Müllermeister spät vor seinem Hause an, als ihn plötzlich der Bär überfiel. Wachtel war ein kräftiger Mann, der sich rüstig und mutig gegen seinen zottigen Gegner zur Wehr setzte; aber Meister Petz war ein gewaltiger Kumpan, der ihn bald überwältigt und zu Boden geworfen hatte. Als nun der Meister aus Leibeskräften um Hilfe rief, öffnete sich ein Fenster im ersten Stockwerk des Mühlengebäudes und heraus sah der neue Knecht des Müllers, Andreas Luftig. Der erkannte die gefährliche Lage, in welcher sein Herr sich befand; über die Stiege zu laufen oder die sämtlichen Knechte zu wecken, um dem Meister Beistand zu bringen, war des Zeitverlustes wegen nicht ratsam. Er besann sich daher nicht lange, sondern sprang flugs zum Fenster hinaus, hinab auf die Straße. Der Sprung brachte ihn aber zufällig auf den Bären selbst, auf dem er wie auf einem Pferde zu reiten kam. Der Knecht schlang sogleich seinen rechten Arm um den Hals des Tieres und schnürte ihn mit seiner Riesenkraft dergestalt zusammen, daß Meister Petz den Müller losließ, da ihn das ungewohnte Halsband furchtbar einschnürte. Aber so leichten Kaufes sollte er nicht davonkommen. Luftig nahm auch seine andere Faust zu Hilfe, und in diesen beinahe eisernen Klammern erstickte endlich das Untier. Der Müllermeister war gerettet und umarmte dankbar den wackeren Knecht, ihm jede Belohnung, die er haben wollte, zusagend. Der bescheidene Müllerbursche erbat sich indes nur die Haut des Bären zum Lohne, aus welcher er sich einen Pelz machen ließ, den er beständig am Leibe trug, mit dem Unterschiede, daß derselbe im Sommer an einer Stahlkette befestigt über die Schulter herabhing. Von diesem Schmucke erhielt er denn auch den Beinamen »Bärenhäuter« und trug denselben bis an sein seliges Ende. Der Müller aber ließ den Bären an seiner Mühle abbilden, welche davon die Benennung »Bärenmühle« erhielt. Moritz Bermann Der Baumeister von St. Stephan. Der St. Stephansdom zu Wien, dieses herrliche Denkmal altdeutscher Baukunst, ist die vorzüglichste gotische Kirche in ganz Österreich. Mit Liebe und Innigkeit blickt das lebende Geschlecht auf den stolzen, altersgrauen Zeugen der Vergangenheit. Mitunter allerdings durchfröstelte die alte Zeit das graue Gebäude; es löste sich eine verwitterte, längst abgeblühte Rosette von dem Gemäuer und zerfiel zerstäubt auf das Pflaster herab; ja der alte Turm selbst hat sich schon wie zur Ruhe geneigt, und es schien, als sei ihm der Sturm in den heitern Höhen zu arg und als sehnte sich der Riese nach der längst vermißten Mutter Erde. Aber da kam ihm die Gegenwart zu Hilfe. Ein »Dombauverein« entstand, neue Giebel haben seine Seite geschmückt, die Spitze wurde ihm neu aufgesetzt, und die Baumeister der Gegenwart haben nach Jahrhunderten dort wieder gewaltet und geschaltet, wo die Baumeister aus alter, großer Zeit ihr unsterbliches Werk gegründet und vollbracht hatten. Besonders berühmt ist der hohe, schlanke Turm zu St. Stephan, das eigentliche Wahrzeichen von Wien. Von ihm sagt ein altes Sprichwort: »Wien hat viele Türme, aber nur einen St. Stephan«. Von welcher Weltgegend immer, Süd und Südwest ausgenommen, der Reisende kommen mag, so wird er, bevor er von der Stadt nur das geringste wahrnehmen kann, doch schon den grauen Turm erblicken, der ihm den Platz ankündet, wo Wien liegt. Der Wiener kann sich seine Vaterstadt ohne Stephansturm, auf den er so stolz ist, gar nicht denken, und sie schien ihm verwaist, als die baufällig gewordene Spitze zweimal im vorigen Jahrhundert, 1839 und 1860, abgetragen werden mußte. Wie freute sich aber jeder Wiener, als die erneuerte Spitze nach den alten Plänen wieder vollendet war! Es ist daher an der dankbaren Nachwelt, des Meisters zu gedenken, der den Turm erbaut hat, des Baumeisters Hans Puchsbaum. Am Orgelfuß ist er im steinernen Brustbild zu schauen; er blickt herab mit edlen, gedankenvollen Zügen. Die großen Augen muß einst ein tiefes, leuchtendes Feuer erfüllt haben, in den Wangen liegen die Falten des Grams, der Arbeit; lang und schlicht wallt das Haar herab und kräuselt sich über der Stirne; das malerische Gewand der alten Tage liegt kleidsam um die wohlgebauten Glieder. Wie man ihn auch des Ruhmes entkleiden wollte, als sei er nicht der Begründer des unausgebaut gebliebenen Turmes, wie man ihm seinen Anteil auch bestreiten wollte an der Vollendung des Langhauses als leitender Werkmeister – Hans Puchsbaum ist für das Volk und seine Sage doch die volkstümliche Gestalt des Domes und seiner Geschichte bis zum heutigen Tage geblieben. Hans Puchsbaum, genannt Hennslein der Wurmitzer, Werkmeister am Dome zu Stephan, war der Gehilfe des Baumeisters Peter von Prachatitz, der den Bau bis zum Jahre 1429 leitete. Er mochte damals 29 Jahre alt sein und war Wohl in der Jugend ein schöner, schmucker, liebreizender Geselle, voll Anstand und Kraft, voll feinen Wesens. Seinem Herrn war er ein treuer Diener. Es lag ihm das Werk am Herzen, und er schuf und wirkte daran mit treuem Fleiß und reger Ausdauer. Da starb der geliebte Meister, und es kam ein anderer nach, genannt Hans von Prachatitz, und dieser warf grimmigen Haß auf den strebsamen Gehilfen. Er sah in ihm einen Nachfolger, der seinen Ruf verdunkeln könnte, und beschloß in seiner schwarzen Seele sein Verderben. Hans von Prachatitz, der düstere Mann, hatte eine wunderliebliche Tochter, Marie mit Namen, die oft und viel den Bau zu beschauen kam und mit ihm den eifrigen Gesellen, der an ihm wirkte und schuf. Puchsbaum warb um ihre Hand beim Vater, aber dieser setzte höhnisch dem Gesellen die Aufgabe, er müsse in kürzest angegebener Frist auch den zweiten Turm erbauen, dann würde Marie seine Gattin. Dem Puchsbaum brach ob dieser Antwort schier das Herz; aber er faßte sie als ernste Wahrheit auf. Sinnend und trübsinnig, ratlos schlich er umher. Da nahte sich ihm der Böse, der damals in Wien und in der Welt noch in menschlicher Gestalt umherging, wie man meinte, und Hans Puchsbaum, in der Sinne Verwirrung, in des Herzens Gram, verschrieb sich ihm. Es war die einzige Bedingung, die der Böse dem Puchsbaum auferlegt hatte, nie den Namen des Herrn, der heiligen Jungfrau oder eines aus der Schar der Heiligen auf dem Bau zu nennen. Darauf war Hans Puchsbaum eingegangen, alsbald förderten unsichtbare Hände den Bau, daß er bald seiner Vollendung nahe war. Da, an einem heitern, stillen Abende beschlich den Puchsbaum der Stolz über sein Werk; er stieg hinauf auf die oberste Spitze des Gerüstes und blickte auf den mächtigen Bau. Tief unten war es dämmerig, einsam, der Platz wie verlassen, ringsum lagen die Steine, lagen Baugeräte, und aus der fernen Bauhütte tönte vollstimmiger Gesang. Da war es dem Puchsbaum, als träte aus dem Schachte eine schlanke, weiße Gestalt, die langsam näher käme, und er vermeinte seiner geliebten Braut Maria holde Züge zu erkennen. Mit erhobenen Armen, in jubelndem Selbstvergessen rief er den Namen, rief er »Maria« in die Lüfte – da war das Wort gebrochen, hinter ihm erhob sich dunkel, glühend die Gestalt des Bösen und warf zürnend den Puchsbaum vom neuerbauten Turme auf den Platz hinab. An dem Turme aber ward nicht fortgebaut, und die Sage erhielt sich bis auf die neueste Zeit, wenn auch andere Meinungen sich kundgaben, nach denen es der neidische Bauherr Hans von Prachatitz selbst gewesen sein soll, der die düstere Tat vollbrachte. Aloys Wilhelm Schreiber Die Belagerung von Neueberstein. Im Jahre 1357 geriet Graf Eberhard von Württemberg mit dem Grafen Wolf von Wunnenstein, der gleißende Wolf genannt, in eine schwere Fehde, in welche auch Wolfs Bruder, Graf Wilhelm auf Neueberstein, verwickelt wurde. Der Württemberger zog mit großer Heeresmacht vor Alteberstein und zerstörte die Burg. Fast zu derselben Zeit entstand aber auch eine große Unzufriedenheit unter dem schwäbischen Adel, und dieser errichtete einige Jahre später einen Bund unter dem württembergischen und benachbarten Adel, welcher der Bund der Schlegler oder Martinsvögel genannt wurde. Haupt desselben war Graf Wolf von Wunnenstein, der mit einigen Fehdegenossen einen Anschlag auf Graf Eberhard machte. Letzterer hielt sich damals mit seinem Sohne in Wildbad auf, und die Verschworenen hatten so gute Kundschafter, daß ihr Plan auf Vater und Sohn kaum mißlingen konnte. Beide wurden jedoch, als das Städtlein bereits in den Händen der Feinde war, durch einen Hirten gerettet, der sie schleunigst unbekannte Gebirgswege führte. Eberhard klagte die Ebersteiner und ihre Mitverbündeten bei dem Kaiser als Landfriedensbrecher an; dieser ernannte den Grafen von Öttingen als Richter, und der Graf lud die von Eberstein und ihre Helfer vor seinen Richterstuhl, aber niemand erschien. Jetzt wurde vom Kaiser die Acht gegen sie ausgesprochen, und es erging an einige Herren, an Straßburg und die Reichsstädte in Schwaben der Befehl, mit ihren Truppen zu Graf Eberhard zu stoßen, dem man gestattete, die Reichsfahne zu führen. Aber Markgraf Rudolf von Baden begünstigte heimlich seine Vettern, die Ebersteiner, und Pfalzgraf Ruprecht von der Pfalz erklärte, die Grafen von Eberstein seien verurteilt worden, ohne daß man sie gehört habe; außerdem sei Graf Wilhelm von Eberstein sein Lehensmann und er müsse diesen schützen. Unterdessen zog Graf Eberhard mit Truppen der Reichsstädte vor Neueberstein; der Pfalzgraf schlug einen Vergleich durch Schiedsrichter vor und begab sich selbst in das Lager vor Eberstein. Eberhard wollte aber keinen der vorgeschlagenen Schiedsrichter annehmen. Auf Neueberstein führte Wolf von Wunnenstein den Befehl. Von ihm war der erste Gedanke zur Stiftung des Bundes der Martinsvögel ausgegangen, und Eberhard hatte deshalb seine Burg im Vottwartale niedergebrannt. Er besaß eine Tochter, Ida mit Namen, die er mit sich nach Eberstein nahm, weil er sonst nirgends Sicherheit für sie wußte. Graf Wilhelm von Eberstein hatte sich nach Baden geflüchtet und ihm die Verteidigung der Burg anvertraut, weil er ein einsichtsvoller, tapferer Krieger war. Unter den Belagerungstruppen des Grafen Eberhard befand sich auch ein Fähnlein aus Heilbronn, welches von einem jungen, in der Reichsstadt angesessenen Edelmanne, Georg vom Stein, angeführt wurde. Der junge Rittersmann hatte längst für die schöne Ida eine heftige Leidenschaft gehegt und auch Gelegenheit gefunden, ihr seine Liebe zu erklären. Ida war gegen ihn nicht gleichgültig; das wußte ihr Vater, und darauf baute er einen Plan zur Rettung von Eberstein. Er ließ Graf Eberhard wissen, wie er geneigt sei, eine Kapitulation abzuschließen; man möge ihm daher den Ritter vom Stein als Unterhändler schicken, denn nur mit diesem allein werde er einen Vertrag schließen. Eberhard willigte ein, und Georg, nachdem er vorher die feierliche Zusicherung freien Geleites erhalten, begab sich nach der Burg. Der Wunnensteiner stellte ihm jetzt vor, wie Graf Eberhard ebensowohl der Feind der Reichsstädte als des Adels sei, wie er nach und nach beide sich unterwürfig machen werde. Nur um ihrer Freiheit willen hätten ja die Schlegler sich verbunden, und ihr Bund sei ebensowohl zum Frommen der freien Städte als des Adels geschlossen. Georg schien das einzusehen, denn in der Tat war Eberhard ebensowenig ein Freund der freien Städte als der Ritterschaft. Während der Unterredung trat Fräulein Ida ins Gemach. »Ihr hier, Herr vom Stein?« sagte sie errötend. »Ihr hättet mich wohl nicht hier erwartet,« bemerkte der Ritter. »Wenigstens nicht unter unseren Feinden,« erwiderte das Fräulein. Der Ritter geriet in die größte Verlegenheit. Er beteuerte, daß er noch immer sein Leben einsetzen werde zur Erhaltung des ihrigen. »Das sind eitle Versicherungen,« versetzte Ida. »Sagt, was wird meines Vaters Los und das meinige sein, wenn vielleicht Eberstein durch Sturm genommen werden sollte?« »Neueberstein soll nicht gestürmt werden!« rief Georg, »und Ihr, Ida, und Euer Vater sollt nicht in die Hände Eurer Feinde fallen!« »Wie wollt Ihr Eurem Worte Kraft geben?« fragte der Wunnensteiner. »Wie? Das ist meine Sache,« entgegnete der Anführer, »aber laßt mich die Hoffnung mit mir nehmen, daß, wenn Ihr wieder frei seid, Ida meiner noch in Liebe gedenken wird.« »Rechnet auf die Dankbarkeit des Vaters und der Tochter,« erwiderte der Wunnensteiner, und Georg schied, von dem Liebreiz des Fräuleins noch fester gefesselt als zuvor. Bei seiner Zurückkunft ins Lager gab er Graf Eberhard Nachricht von dem Erfolg seiner Sendung. »Die Belagerten,« sagte er, »suchen nur Zeit zu gewinnen, und scheinen auf Hilfe vom Pfalzgrafen und Markgraf Rudolf von Baden zu rechnen!« Gegen die Führer der reichsstädtischen Fähnlein dagegen führte er eine andere Sprache. Er machte sie aufmerksam auf die wachsende Macht des Württembergers, der auch die freien Städte unterjochen werde, wenn er erst den Adel bezwungen hätte. »Wir arbeiten,« setzte er hinzu, »an unserem eigenen Untergange und opfern unsere besten Kräfte für einen gefährlichen Feind, dessen ehrgeizige Absichten keinem von euch verborgen sein können.« Diese Worte wirkten umso stärker auf die reichsstädtischen Führer, je unzufriedener sie schon über den langsamen Gang der Belagerung waren, und da ohnehin schon längst unter vielen ein Mißtrauen gegen den Grafen von Württemberg herrschte. Georg suchte zugleich die Nachricht zu verbreiten, der Pfalzgraf bereite einen Einfall in Schwaben vor. Dies alles hatte denn auch zur Folge, daß eines Morgens sämtliche Anführer des reichsstädtischen Zuzugs in sein Zelt traten und ihm ihren Entschluß erklärten, mit ihren Truppen heimzuziehen, wenn er sich ihnen anschließen wolle. Nach einigen unbedeutenden Einwürfen, unter welchen Georg seine Freude über die gelungene List zu verbergen suchte, wurde beschlossen, diesen Beschluß zuerst dem Grafen und dann ihren Truppen zu eröffnen und am nächsten Morgen abzuziehen. Eberhard bat und zürnte und tobte, versprach und drohte, alles war umsonst, zumal als die Soldaten erfuhren, was vorging. Alles schrie: »Nach Hause, nach Hause!« und dem Grafen von Württemberg blieb nichts anderes übrig, als ziehen zu lassen, was er nicht zurückhalten konnte. Am andern Morgen, vor Anbruch der Dämmerung, verließen die Truppen der Städte Augsburg, Heilbronn, Eßlingen, Straßburg, Ulm, Nördlingen und anderer das Lager und zogen in tiefer Stille ab, um die Belagerten nicht aufmerksam zu machen. Diese erfuhren aber bald, was vorgegangen war, und machten häufige Ausfälle, so daß sich Graf Eberhard zu schwach fühlte, die Belagerung mit Erfolg fortzusetzen. Wenige Tage nach dem Abzuge der Hilfstruppen hob er die Belagerung auf und kehrte in sein Land zurück. Georg vom Stein vergaß seiner Geliebten nicht. Als Eberstein wieder frei war, begab er sich selbst dahin, und seine Werbung wurde vom Vater und der Tochter freundlich aufgenommen, denn er hatte ja Wort gehalten. Ludwig Bechstein Das Bernsteinrecht. Am Gestade des Frischen Haffs war vor Zeiten das edle Naturgeschenk des Bernsteins überaus reich. Aber der Menschen Habgier schmälert gar oft den Gottessegen. Sonst konnte den Bernstein, den die See an den Strand warf, auflesen wer wollte, aber das ist schon lange her. Als der Marienorden in das Samland kam, eignete er sich den Alleinbesitz des Bernsteins zu, und Bruder Anselmus von Losenberg, der Vogt auf Samland, machte ein neues Recht und Gesetz, daß jeden Sammler, der nicht vom Orden Erlaubnis oder Auftrag habe, die Strafe des Stranges treffen sollte. Das ging dem Volk schwer ein, daß es nicht aufheben sollte, was verstreut am Boden lag und keines Menschen Eigentum war, insonderheit dem Volke der Fischer, denen es leicht geschehen konnte, daß eine Meereswelle ihnen ein Stück oder mehrere in Boot und Nachen warf. Aber der Vogt hielt unerbittlich auf seinem Gesetze, und wer zur Anzeige kam und geständig war, daß er Bernstein aufgehoben, ward ohne Gnade am nächsten besten Baum aufgehenkt. Als aber Anselmus, der Vogt, gestorben war, hat es nicht gut um die Ruhe seiner Seele gestanden. Man hat seinen irren Geist in Sturmnächten, in denen die See den meisten Bernstein auswarf, am Strande wandeln sehen und ihn rufen hören: »O mein Gott! Bernstein frei! Bernstein frei!« Und seit so viele Menschen um des Bernsteins willen eingekerkert, gequält und hingemordet worden sind, ist des Bernsteins viel, viel weniger geworden, und die See wirft nicht den tausendsten Teil so viel mehr aus als früher. Es war eine Zeit, da baute und bildete man aus Bernstein Altäre, Heiligenstatuen, große Prunkschreine und kostbare Gefäße, hoch und weit und voll köstlichen Zierates, was heutzutage nur noch selten gemacht werden kann, man bildet nur allerlei kleines Geräte und Tand daraus. Bisweilen sehen die beutesüchtigen Strandreiter und Wächter große, herrliche Stücke in Ufernähe herumschwimmen, wenn man aber mit den Gezeugen hinrudert und sie einfischen will, ist's ein Blendwerk und ein Schaum. Scharlach und Haupt Das Bild des großen Christoph im Dom zu Erfurt. An einer Wand der Domkirche zu Erfurt ist in Riesengröße der große Christoph dargestellt, wie er das Jesuskind durch den Fluß trägt. Nach der Sage war der große Christoph ein starker, wilder Riese, der jedem, den er auf seinem Wege traf, zu Leibe ging, und immer siegte. Nun wollte er zwar gern dienen, aber nur einem solchen Herrn, der mächtiger und stärker sei als die andern alle, und den fand er immer nicht. Er diente einem mächtigen Könige, der fürchtete den Teufel; er diente dem Teufel, der aber fürchtete das Zeichen des Kreuzes. Da nahm er sich vor, dem Herrn Christus seine Dienste anzubieten; aber wo sollte er ihn finden? So stellte er sich an das Ufer eines großen Flusses und trug die Menschen, die hinüber wollten, durch das Wasser. Das war sein Tagewerk. Da kam einst ein Kind an den Fluß und bat ihn, daß er's auch hinübertrüge. Und da er's auf den Rücken nahm und in das Wasser schritt, da wurde ihm die Last immer schwerer, daß er fast zusammenbrach. Und als er sich darüber verwunderte, sprach das Kind: »Wundere dich nicht, denn du trägst Christum, den Herrn des Himmels und der Erde.« Da beugte sich sein stolzer Sinn; er diente fortan diesem Herrn und ward ein frommer Christ. Ludwig Bechstein Die Braut vom Kynast. Auf der Burg Kynast über Hermsdorf saß ein Ritterfräulein, Kunigunde genannt, das war eine grimme Männerfeindin. Allen Bewerbern um ihre Hand legte sie eine Mutprobe von so gefahrvoller Art auf, daß ihr Bestehen schier unmöglich war; sie sollten auf der hohen und schmalen Burgmauer rings um die Burg reiten; wenn sie es versuchten und es ging noch so gut, sobald sie an die Stelle der Mauer kamen, die man noch heute die Hölle nennt, wo der Abgrund zu steiler Tiefe sich jäh absenkt, schwindelten Roß und Mann und stürzten zerschmettert in die Tiefe. Das eben, und nichts anderes, wollte Kunigunde. Viele Ritter hatten schon auf diese grausame Weise ihr Leben verloren, doch hatte der Ruf davon noch nicht alle Freier abgeschreckt; angezogen von Kunigundens stolzer Schönheit und vielleicht mehr noch vom kalten Mammon in ihren Kisten und Kästen, mehrte sich die Zahl der betörten Opfer. Da geschah es, daß ein Landgraf von Thüringen – einige sagen Albert, andere nennen dessen Sohn Friedrich den Freudigen – daheim auf seinem Wartburgschloß ein gefährliches Kunststück übte; er umritt die Mauer seines Schlosses täglich einmal und gewöhnte sein treues und kluges Roß an sichern Blick und Tritt; denn hoch über Felsenabgründen hebt sich der Wartburg alter Bau. Endlich ritt der Landgraf von Thüringen mit einem reisigen Zuge nach Schlesien zum hohen Kynast hinan und ließ sich als ein Ritter aus Thüringen melden. Als Kunigunde den herrlichen Mann sah, wurde ihr wunderbar zu Sinne, ihr starres Gefühl ward weich, sie liebte den noch jugendlichen Ritter und beschwor ihn flehend, den Ritt nicht zu versuchen. Allein er ließ sich nicht davon abbringen, er wagte den Ritt und bestand glücklich das gefährliche Abenteuer. Jubelnd flog ihm Kunigunde entgegen, all ihr Sehnen war gestillt, ihm allein wollte sie angehören, gern und freudig, ihm wollte sie ein liebendes Weib sein. Aber mit Ernst und Strenge im Blick wehrte der Landgraf ihr Umfangen von sich ab und sprach Worte zu ihr, die sie in ihrem Gemüt aufs tiefste erschütterten. Darunter war die Nachricht, daß er bereits glücklich vermählt sei, für sie das härteste Wort. Wie er als Rächer so vieler Opfer stolz von dannen ritt, da soll Fräulein Kunigunde die Mauer erklommen und ihm nachgesehen haben, so lange als ihr nur möglich, dann habe sie sich freiwillig in die Hölle hinabgestürzt. Andere haben die ernste Sage scherzhaft gewendet und sagen, Kunigunde habe sich vor Schrecken in das häßliche Holzbild verwandelt, das noch heute als »Braut vom Kynast« den Reisenden zum Kusse angeboten wird; wer es aber nicht küssen will, dieweil es statt der Haare und Augenbrauen mit der Haut eines Stacheligels aufwartet, der muß sich mit kleinem Gelde lösen. Ludwig Bechstein Bremer Roland. Auf dem großen und weiten Marktplatz zu Bremen steht eine uralte Rolandsäule, die ist das Zeichen der Freiheit dieser Stadt, die nimmer vergehen soll, so lange das alte Heldenbildnis steht. Die Sage geht, daß für den Fall, daß je ein Naturereignis den Roland niederstürze, im Ratskeller noch ein zweiter Roland als Ersatzmann aufbewahrt werde; es müsse solcher jedoch innerhalb 24 Stunden aufgestellt werden, sonst sei es getan um die Bremer Freiheit. Am Rolandbilde steht diese Schrift: Friheit do ick ju openbar Da Carl on mannig Fürst vorwar Deser Stadt gegefen hat Deß danket Got ist min Rat. Unten aber am Rolandbilde wird die Figur eines Krüppels erblickt als ein Wahrzeichen, an welches diese Sage geknüpft ist: Es war eine Gräfin von Lesmon, die war reich an Land und Gütern und besaß eine ausgedehnte, stattliche Weidefläche. Da es nun dem Stadtrat an einer solchen gebrach, ward sie angegangen durch des Rates Abgeordnete, ihm ein Stück davon kauf- oder lehensweise abzutreten. Da nun darüber die Gräfin mit den Herren Gesprächs im Freien pflog, kroch ein elender Krüppel heran und bat die reiche Gräfin um ein Almosen. Dieses dem Krüppel darreichend, sprach die Gräfin lächelnd zu den Ratsverwandten: »Ich will der guten Stadt Bremen von meiner Weide so viel zum Geschenk machen, als dieser Lahme in einem Tag umkriechen kann.« Sie meinte damit nicht allzuviel zu verschenken, und der Rat meinte auch nicht zu viel zu erlangen, denn das Kriechen des armen Krüppels war gar jämmerlich anzusehen. Aber als ihm nun guter Lohn verheißen ward, fing der Krüppel an so munter und rasch zu kriechen, daß jedermann sich verwunderte; denn er war, obschon lahm, doch stark von Knochen und von rüstiger Kraft, und so umkroch er die ganze große Bürgerweide, die noch heute der Stadt Eigentum ist. Der hohe Rat bedankte sich bei der Gräfin aufs beste, verpflegte den Krüppel lebenslänglich und ließ zum ewigen Andenken dessen Bild unter dem Bilde der Stadtfreiheit, am Roland, anbringen. Aloys Wilhelm Schreiber Die beiden Brüder. Unter Hirzenach liegen auf jähen, mit Reben bewachsenen Felsen die zerfallenen Burgen Liebenstein und Sternenfels , welche insgemein die Brüder genannt werden. In den alten Zeiten der deutschen Tapferkeit und Minne lebte hier ein Ritter, der zwei Söhne hatte, die er sorgsam erzog. Mit den beiden Knaben wuchs ein Mägdlein heran, das elternlos war, aber reich an Besitztümern. Ihre Jugend ging in herrlicher Blüte auf, und beide Brüder liebten sie, aber ein jeder trug seine Liebe stillverschwiegen in sich. Die Jungfrau kam nun in das Alter, in dem sie sich verheiraten sollte; und der Vater machte ihr den Vorschlag, unter seinen Söhnen zu wählen. Es war ihr nicht verborgen geblieben, daß in beiden dieselbe Neigung glimme, und sie wollte daher durch ihre Wahl keinen betrüben. Da bat sie der ältere Bruder, der sie dem jüngern geneigter glaubte, selbst, sich für diesen zu entscheiden. Der alte Ritter segnete seine Kinder und legte ihre Hände ineinander, doch sollte der Tag der Trauung noch auf eine gewisse Zeit hinaus verschoben werden. Der ältere Bruder sah das Glück des jüngeren ohne Neid, aber die Ruhe war aus seinem Herzen gewichen, und die Jungfrau kam ihm seit ihrer Verlobung nur noch liebenswürdiger vor. Er faßte daher den Entschluß, sich zu entfernen, und ging nach Rense zu dem Fürsten, der ihn gern in sein Gefolge aufnahm. Um diese Zeit kam der heilige Bernhard an den Rhein und predigte das Kreuz. Fast von allen Burgen zogen Edle nach Frankfurt, wo Kaiser Konrad den frommen Abt dem Volke vorstellte, und ließen sich mit dem Kreuze bezeichnen. Bald wehte von allen Schlössern am Rhein die Fahne mit dem Zeichen des Erlösers, und täglich sah man zu Wasser und zu Land fröhliche Scharen wandern, die nach dem gelobten Lande zogen. Auf den jüngeren Bruder wirkte dies Beispiel mit unwiderstehlicher Gewalt, und er beschloß, gleichfalls nach Palästina zu ziehen und erst bei seiner Heimkehr seine Verlobte zum Altare zu führen. Der alte Vater schüttelte den Kopf, die Jungfrau suchte Tränen zu verbergen; aber der junge Ritter blieb bei seinem Vorhaben, sammelte ein Fähnlein und führte es nach Frankfurt zum Kaiser. Der Vater starb bald darauf, und jetzt kehrte der ältere Sohn von Rense auf seine väterliche Burg zurück. Seine Liebe wollte wiederkehren in ihrer ganzen Stärke, aber er meisterte sie dadurch, daß er die Jungfrau gewissenhaft als seine Schwester betrachtete. – Zwei Jahre waren bereits vorübergegangen, als die Nachricht kam, daß der jüngere Bruder aus Palästina zurückkehre und eine schöne Griechin mit sich bringe, die ihm angetraut sei. Seine Verlobte versank in stillen Kummer und faßte den Entschluß, in ein Kloster zu gehen. Der ältere Bruder aber entbrannte in edlem Zorn; er warf dem Boten, den der jüngere vorausgesandt hatte, den Handschuh vor die Füße und sagte: »Dies ist meine Antwort.« Zugleich rief er seine Mannen auf und traf Anstalten zum ernstlichen Kampfe. Der Kreuzfahrer langte mit der Griechin auf der benachbarten Burg Sternenfels an, welche sein Vater für ihn erbaut hatte. Alsbald begann zwischen den beiden Brüdern eine blutige Fehde, und sie forderten sich schließlich zum Zweikampf heraus. Da trat die Jungfrau mit der Milde eines Engels zwischen sie und versöhnte sie miteinander. Hierauf schied sie aus dem friedlichen Aufenthalt ihrer Kindheit und nahm den Schleier. Stille Trauer schwebte von nun an über den Zinnen von Liebenstein, aber auf Sternenfels war der Sitz lärmender Freude. Die Schönheit der Griechin und die Anmut ihres Umgangs zogen alle jungen Ritter der Gegend an, und sie ließ sich ihre Huldigungen gern gefallen. Der ältere Bruder sah das Unglück des jüngern, ehe es dieser selbst erkannte, und verschaffte ihm Gelegenheit, sich von der Untreue seiner Gattin zu überzeugen. Der junge Ritter schnob Rache und wollte die Griechin ermorden, aber sie entfloh noch zur rechten Stunde. Jetzt schloß der Ältere den Verzweifelnden in seine Arme und sprach zu ihm: »Laß uns miteinander ehelos leben und dadurch den Schmerz der edlen Jungfrau ehren, die ihre Jugend im Kloster vertrauert.« Sie gaben sich die Hände darauf und blieben unverehelicht und ungetrennt bis an ihr Ende. Mit ihnen erlosch ihr Stamm. Traurig blicken die Trümmer ihrer Burgen ins Tal herab und heißen noch heute » die Brüder «. Aloys Wilhelm Schreiber Der Burggeist auf Rodeck. Ungefähr eine Stunde von der Stelle, wo Türennes Denkmal steht, zieht sich im Gebirge ein wildes, stark bevölkertes Tal hin, das von einem kühnen, mutigen Menschenschlag bewohnt wird. In diesem Tale steht auf einer Höhe das Schloß Rodeck, von welchem sich folgende Sage erhalten hat: Zur Zeit des Bauernkrieges wohnte auf dem Schloß ein Burggeist. Es war ein gutmütiger Knirps, der es nur übelnahm, wenn man über seine Gestalt spottete oder irgend etwas Unrechtes tat. An der Familie auf Rodeck hing er mit großer Liebe. Als der unselige Bauernkrieg sich auch über den Schwarzwald verbreitete, sah der Edelmann auf Rodeck wohl ein, daß er sein Schloß nicht werde verteidigen können, und wußte keinen Rat. Gattin und Kinder jammerten, und das treue Gesinde nahm warmen Anteil an ihrem Kummer. Da kam eines Tages der Zwerg und berichtete dem Ritter, er habe im Gebirge eine unbekannte Reihe unterirdischer Felsenkammern entdeckt, der Eingang sei mühevoll und kaum auszuspähen. Dahin sollte sich der Rodecker mit seiner Familie und seinen Kostbarkeiten flüchten, auch die nötigen Lebensmittel nicht vergessen. Der Vorschlag wurde mit Freuden angenommen. Die meisten Knechte und Mägde hatten bereits das Schloß verlassen und waren den Bauern zugelaufen, auf die Treue der wenigen, die zurückgeblieben, konnte der Rodecker zählen. Die Wanderung ins Gebirge geschah in der Nacht; nur der Zwerg wollte nicht mit und verlangte, man sollte ihm die Hut des Schlosses anvertrauen. Der Edelmann willigte ein, denn er mußte erwarten, daß es ohnedies von den Bauern niedergebrannt werden würde. Kaum hatten die Auswanderer die Mauern von Rodeck hinter sich, als der Zwerg eiligst die Gräben mit Wasser füllte und die Brücke aufzog. Nach wenigen Tagen erschien ein Haufen bewaffneter Bauern, die das Schloß aufforderten, sich zu ergeben. Als aber keine Antwort erfolgte und doch alles im Verteidigungszustand war, ahnten sie eine Hinterlist und beschlossen, das Wasser aus den Gräben abzuleiten und dann zu stürmen. Es wurde alsbald Hand ans Werk gelegt, und schon wurden Leitern herbeigebracht, als man plötzlich aus den benachbarten Tälern den Lärm von Trommeln und Pfeifen vernahm. Zu gleicher Zeit erschien der Zwerg auf der Warte und schlug ein gellendes Gelächter auf. Die Bauern überfiel eine tödliche Angst; sie wähnten, es seien Truppen des schwäbischen Bundes, die herannahten, und zerstreuten sich nach allen Seiten. Als sich aber später herausstellte, daß die Gegend weit umher völlig frei von den Truppen der Städte und Fürsten war, entstand in den Bauern der Glaube, die Burg Rodeck sei verzaubert, und keiner wagte sich mehr in ihre Nähe. So blieb sie in den Schrecknissen des Bauernkriegs verschont, und die Familie fand bei ihrer Rückkehr alles unversehrt, wie sie es verlassen. Aloys Wilhelm Schreiber Die Clemenskirche. Wenn man durch den schauerlichen Felsenschlund bei Bingen an Hattos gespenstigem Turme vorübergeschifft ist und Aßmannshausen hinter sich hat, macht der Rhein eine starke Krümmung, und das linke Ufer tritt wie eine Halbinsel hervor. Dicht am Strome unter Walnußbäumen liegt die verlassene Clemenskirche, und hinter derselben erheben sich Rheinstein und Reichenstein, welche Rudolf der Habsburger als Raubnester brechen ließ. Von der Stiftung dieser Kirche hat sich folgende Sage erhalten: Auf einer Burg im benachbarten Sauertale lebte ein schönes, züchtiges Fräulein. Der Ritter von Rheinstein warb um die Hand des Mägdleins, wurde aber abgewiesen. Da faßte er den Entschluß, sich ihrer mit Gewalt zu bemächtigen, und es gelang ihm auch, sie zu rauben und auf ein Schiff zu bringen. Aber plötzlich entstand auf dem Rhein ein gewaltiger Sturm, desgleichen die Steuerleute nie erlebt hatten, und jedermann auf dem Schiffe verzweifelte an seiner Rettung. Da tat die Jungfrau ein Gelübde, dem heiligen Clemens eine Kirche am Ufer zu bauen, wenn er sie aus der Gefahr des Todes und aus den Händen ihres schändlichen Entführers befreien würde. Jetzt sah man plötzlich den Heiligen in seinem bischöflichen Anzuge auf dem Wasser erscheinen. Er reichte der Jungfrau die Hand, und sie wandelte mit ihm so sicher über die schäumenden Wogen hin ans Ufer, als wär's auf dem festen Lande. Das Schiff aber mit den Menschen, die sich noch darauf befanden, wurde vom Abgrund verschlungen. Johann Georg Theodor Gräße Der Drache auf Drachenfels. Während das linke Rheinufer durch die Römerherrschaft bereits dem Christentum zugeführt war, behaupteten auf dem rechten noch heidnische Horden ihre Unabhängigkeit, machten auch häufig Einfälle auf das andere Ufer und kehrten beutebeladen von da in ihre Heimat zurück. Bei einem dieser Raubzüge hatten sie auch eine christliche Königstochter entführt. Der Sohn des heidnischen Beherrschers der Löwenburg sah sie und entbrannte in Liebe zu ihr. Allein sie wollte, mochte man ihr auch noch so viel versprechen, ihre Hand einem Götzendiener nicht reichen. Nun wohnte damals auf einem der sieben Berge , welche mit ihren steilen Höhen die Ufer des Rheines umgrenzen, ein grimmiger Drache, der Schrecken des weiten Landes. Kein Krieger, kein Ritter wagte mit ihm den Kampf aufzunehmen. Um den Drachen zu befriedigen, beschlossen die Heiden im Rate der Großen, ihm die schöne Jungfrau zu opfern. Am frühen Morgen des folgenden Tages, während der Drache noch in seiner Höhle schlief, schleppte man die Christin auf den Felsen und fesselte sie in der Nähe der Höhle an einen Baum. Rundum am Fuße des Felsens harrte eine Menge Neugieriger, auch der Königssohn von der Löwenburg. Gern hätte er sein Rachegefühl bezwungen, gern wäre er hinaufgeeilt, der Jungfrau Leben mit dem eigenen zu schirmen, allein im Rate der Großen war sie dem Tode geweiht worden, und ihm durfte er sich nicht widersetzen. Ruhig und unerschrocken stand die Jungfrau da; sie zog aus ihrem Busen ein Kruzifix, und auf das Bild des Gekreuzigten heftete sie ihren vertrauensvollen Blick. Plötzlich trat der Drache aus seiner Höhle hervor, und wachsamen Auges spähte er ringsumher nach Beute. Kaum hatte er das für ihn bestimmte Opfer erblickt, so eilte er wütend und schäumend auf dasselbe zu, allein – o Wunder! als er in der Hand der Jungfrau das Kruzifix erblickte, ergriff ihn Schreck und Betäubung; er stürzte zu Boden und rollte vom steilen Felsen in den hochbrausenden Strom, wo er in den tobenden Wellen sein Grab fand. Der Gekreuzigte hatte gesiegt. Die Heiden eilten herbei und fielen der Jungfrau zu Füßen, den preisend, der ihr solche Macht verliehen. Alsdann ließ die Jungfrau aus ihrer Heimat Priester kommen, das Evangelium Christi zu verkündigen, und als bei der ersten Taufe auch der Königssohn unter den Bekehrten erschien, reichte sie ihm zu unverbrüchlichem Bunde die Hand. Noch heute zeigt man an der westlichen Seite des Drachenfelsens jene Höhle, und wenn in gesegnetem Herbst die Weinlese dem fleißigen Winzer lacht, dann sammeln die Bewohner von Königswinter des Drachen feuriges Blut, das alljährlich am steilen Rücken des Felsen hervorsprießt. Ludwig Bechstein Der Drache und der Ritter von Frankenstein. Vor Zeiten, als noch die herrliche Stadt Tribur stand, hielt sich in den Sümpfen und Mooren, womit damals ein großer Teil der jetzt so blühenden Rheinebene bedeckt war, ein ungeheurer Drache auf und erfüllte die ganze Gegend mit Schrecken. In Haufen flohen die Landbewohner, um hinter den Mauern der wohlverwahrten Stadt ihr Leben zu fristen. Bald aber wußte man sich auch dort nicht mehr vor dem Ungetüm sicher. Da beschlossen die Bürger von Tribur im gemeinsamen Rat, dem Drachen freiwillig alle Tage zwei Schafe zu geben, damit er nicht in ihre Stadt eindränge. Als aber alle Schafe dahin waren, mußten sie sich entschließen, ihm alle Tage einen Menschen, wen eben das Los traf, zu opfern. Das war nun schon viele Tage geschehen, da fiel das Los auf des Königs Tochter. Da es nicht anders sein konnte, kleidete dieser sein Kind in königliche Gewänder, umfing sie mit Weinen und Klagen und sprach: »Ach, weh, mir armem Manne! Deine Hochzeit gedachte ich in Pracht und Herrlichkeit auszurichten, du solltest Lust und Freude haben, nun muß ich dich dem grausen Drachen geben. Ach, wollte Gott, ich stürbe vor dir, daß ich nicht dein rotes Blut fließen sähe!« Mit Küssen und Tränen bedeckte er ihr liebes Gesicht; die Jungfrau fiel ihm zu Füßen und sprach: »Lebt wohl, lebt wohl, mein Herr Vater! Gerne sterb' ich für des Volkes Erlösung.« Man führte sie vor die Stadt hinaus; sie kniete zum Gebet auf dem Steine nieder und wartete ihres Endes. Da kam der Ritter von Frankenstein des Weges und sah die Jungfrau in ihrem Schmerze. Voll Erbarmen fragte er sie: »Zarte Jungfrau, sage mir, warum stehst du in solchem Leid?« Die Jungfrau antwortete: »Frage nicht, fliehe eilends von dieser Stätte, daß du nicht mit mir sterben müssest.« Er sprach: »O, sorge dich nicht um mich, gib mir vielmehr kurzen Bescheid, was ich dich frage. Was bedeutet's, daß ich dich allein weinen sehe, und viel Volks steht gaffend umher?« Die Jungfrau erwiderte: »Was wollt Ihr mit mir zugrunde gehen? Für mich ist keine Hilfe!« Dann sagte sie ihm, welch schrecklich Verhängnis ihr bestimmt sei. Aber der gute Ritter ließ sie kaum zu Ende reden. »Seid getrost,« sprach er, »habe freien Mut, ich will mit Gottes Hilfe Euch ritterlichen Beistand tun,« und wie dringend sie ihn bat und warnte, er blieb fest dabei. Da kam der greuliche Drache dahergebraust! »Flieht, Ritter, schont Euer junges Leben,« sprach sie; aber der Ritter saß geschwind zu Rosse. Gar christlich und ritterlich segnete er sich mit dem heiligen Kreuze, dann rannte er mit seinem Spieß den Drachen an und stieß ihm den Schaft so tief in den schuppichten Leib, daß er jählings zur Erde sank. Alsbald zog der Ritter sein breites Schwert und machte dem Ungeheuer ein Ende. Da sagte er Gott dem Herrn Dank, eilte zur Jungfrau zurück, schwang sie vor sich auf sein Roß und ritt mit ihr vor den Palast des Königs. Der König saß betrübt in seinem Gemach; die Königin stand am Wasser: »Was ist das?« rief sie plötzlich voll Freuden, »wer bringt uns unser liebes Kind zurück?« – »Ich bin der Ritter von Frankenstein,« sprach der Fremde, »Gott hat geholfen, danket ihm und freuet euch seiner Gabe.« Der König schloß ihn mit Inbrunst in die Arme und rief: »Mein halbes Königreich will ich dir geben und dazu mein Töchterlein auch.« Aber der Ritter sprach erbleichend: »Nicht das halbe Königreich mag ich und auch das Mägdlein nehm' ich nicht. Mein Leben ist am Ziel; der greuliche Drache hat mich verwundet. Damit sank er zur Erde und war tot. Der König setzte ihm ein schönes Grabmal; das ist heute noch zu sehen bei Nieder-Beerbach am Kirchentor. Da steht der Ritter im Harnisch, mit Schwert und Streithammer auf dem Lindwurm, der den Schweif nach seiner Kniekehle richtet. Engel umschweben den Helden und krönen ihn und vervollständigen so das Bild, das wir uns von seinem großen Vorbild, dem christlichen Märtyrer und Heiligen, Sankt Georg, machen. August Witzschel Faust kommt plötzlich von Prag nach Erfurt zu einem Abendessen. In der Schlossergasse zu Erfurt ist ein Haus, zum Erker genannt. Darin hat damals ein Stadtjunker gewohnt, bei welchem sich Doktor Faust die ganze Zeit über, so er in Erfurt gewesen, am meisten aufhielt. Nun trug es sich zu, daß dieser Junker auf eine Zeit, als Faust in Prag war, viel guter Freunde zum Abendessen zu sich berief. Da waren sie nun bei der Mahlzeit lustig und fröhlich, der Junker aber wünschte, daß Faust auch gegenwärtig wäre, dann würden sie noch fröhlicheren Mutes sein. Einer unter ihnen nahm ein Glas, streckte es mit der Hand in die Höhe und sprach: »O guter Freund Faust, wo steckst du heut, daß wir dein entbehren müssen? Wärest du da, wir wollten unsere Fröhlichkeit anders zubringen; weil es aber nicht sein kann, so will ich dir dennoch eins gebracht haben, kann es aber geschehen, so komm zu uns und säume dich nicht.« Darauf hat er einen Jauchzer getan. Indem klopft jemand an der Haustüre stark, und ein Knecht läuft an das Fenster, zu schauen, wer da wäre. Da stieg Doktor Faust von seinem Pferd ab, hatte sein Roß beim Zügel und gab sich zu erkennen, daß er der wäre, den man gerufen hätte. Der Knecht zeigte dem Junker an, Faust stehe vor der Tür, sei von dem Pferd abgestiegen und begehre Einlaß. Der Junker spricht: »Was sagst du? Bist du toll oder närrisch? Ich weiß wohl, wo Faust ist, und er kann nicht unten an der Türe stehen.« Es klopft nochmals; der Junker geht nun selber zum Fenster, schaut hinaus und wird Faust gewahr. Sogleich ward die Tür geöffnet und Faust von allen Wohl empfangen; des Junkers Sohn nahm das Pferd, führte es in den Stall und gab ihm Futter, Faust aber setzte sich zu Tisch. Als man ihn nun fragte, wie er so bald wiederkäme, antwortet er: »Da ist mein Pferd gut dazu; Weil mich die Herren Gäste so sehr wünschten und begehrten und mich gerufen, habe ich ihnen willfahren und bei ihnen erscheinen wollen, wiewohl ich nicht zu lange bleiben darf, sondern noch vor Tag zu Prag sein muß.« Also fingen sie wieder ihre fröhliche Mahlzeit an, Faust aber trieb allerlei Possen und fragte sie auch, ob sie nicht einen fremden Wein versuchen wollten, es sei gleich, ob es Rheinfall, Malvasier, spanischer oder Franzwein sein sollte. Und da sie lachend antworteten: »Sie sind alle gut,« fordert Faust einen Bohrer, macht damit in das Tischblatt vier Löcher, stopft sie mit Pfröpflein wieder zu, nimmt frische Gläser, zapft aus dem Tisch die genannten Weine hinein und trinkt mit der Gesellschaft lustig fort. Inzwischen kommt der Sohn des Junkers in die Stube und spricht: »Herr Doktor, wie soll ich das verstehen? Euer Pferd frißt ganz unersättlich, es hat schon etliche Scheffel Hafer verschluckt, steht aber und siehet stets, wo dessen mehr sei; nun will ich aber noch einmal hingehen und ihm von neuem Futter geben, daß es satt habe, und sollt' ich auch etliche Malter Hafer anwenden.« – »Laßt das bleiben,« spricht Faust, »es hat genug bekommen, es fräße euch alles Futter vom Boden, ehe es voll würde.« Es war aber dieses Pferd sein Geist Mephistopheles . Mit diesen und andern kurzweiligen Possen brachten sie den Abend hin bis Mitternacht. Da tat das Pferd einen hellen Schrei, daß man es durch das ganze Haus hörte. »Ich muß fort,« sagte Faust, »ich bin zitiert,« und wollte gute Nacht geben, aber sie hielten ihn auf. Faust knüpft einen Knoten an seinen Gürtel und sagt ihnen noch ein Stündlein zu; als aber das Pferd zum zweitenmal anfing zu schreien, da wollt' er wieder fort, ließ sich jedoch von der Gesellschaft abermals bewegen und blieb noch eine Stunde; beim dritten Schrei aber, den das Pferd tat, ließ er sich nicht weiter aufhalten, nahm seinen Abschied, und die Gäste gaben ihm das Geleit bis zur Haustür, ließen ihm sein Pferd vorführen und Faust setzte sich darauf. Wie er nun die Schlossergasse hinaufreitet, schwingt sich das Pferd mit ihm in die Luft, so daß seine Freunde ihn bald nicht mehr sehen konnten. So kam Faust noch vor Tagesanbruch gen Prag. Ludwig Bechstein Doktor Faust in Auerbachs Keller. Da Doktor Faustus, den man als Verfasser des Höllenzwanges nennt, welches Buch so viel Unglück angerichtet, so viele Menschen um den Verstand und um ihr Seelenheil betrogen hat, zu Wittenberg war, hatte er gute Kundschaft mit adeligen Studenten, welche viel Geld aufgehen ließen, fuhr mit ihnen da- und dorthin, und so auch einstmals auf einem schnellen Wagen nach Leipzig, allwo gerade Messe war, und brauchten zu dieser Fahrt nur wenige Stunden. Andern Tages besahen sie die Stadt und ihr Meßgewühl und sahen da gegenüber ihrem Wirtshaus einen Keller, aus welchem die Weinschröter, auch Weißkittel genannt, etwa ihrer vier oder fünf ein volles Achteimerfaß heraufzuschroten sich bemühten, selbiges aber nicht vermochten, sondern abließen, bis ihrer mehrere dazukommen und helfen würden. Da sprach Faustus fast höhnisch zu den Schrötern: »Wie stellt ihr euch doch so täppisch zu dem Faß? Könnt es nicht zwingen und seid doch eurer so viel? Könnt' es doch wahrhaftig einer allein, wenn er Geschick hat!« – Diese Schröter nun waren handfeste Gesellen, mit dem Maul so derb wie mit ihren Fäusten, die kannten Faustum nicht und blieben ihm auf seinen Hohn die Antwort nicht schuldig. »Was kümmert der Herr sich um unsere Arbeit?« fragten sie. »Ist der Herr so überstudiert, daß er ein solches Faß heben und die Treppe allein hinaufbringen kann, ei, so lasse er seine Kunst sehen, so schrote er es hinauf in aller Teufel Namen!« – Indem Faustus also mit der Höflichkeit der Schröter bedient wurde, kam der Wirt vom Auerbachskeller, wo sich dies Abenteuer zutrug, vernahm des Scheltens Ursache und sprach im Unwillen: »Seid ihr so starke Riesen, daß einer von euch sich vermißt, dieses Faß allein hinaufzubringen, der mag es tun! Wer es kann, dem soll es eigen sein!« – Unterdessen waren noch mehrere Studenten hinzugekommen und stehen geblieben, und Faustus rief diese zu Zeugen von des Weinkellerwirtes Rede an, stieg hinab, setzte sich auf das Faß, gleich als auf einen Bock, und sagte: »Marsch!« – und ritt daß Faß die Treppe herauf zu jedermanns Verwunderung. Am meisten verwunderte sich der Wirt und schrie: »Das geht nicht natürlich zu!« – Das half ihm aber nichts, und es ging hernach um so natürlicher zu, als Faustus und die Studenten das Faß anstachen und davon zechten, so lange noch ein Tropfen aus dem Zapfen rann. August Witzschel Doktor Faust muß die Stadt Erfurt verlassen. Weil nun aber Faust der Possen so viele machte, daß Stadt und Land von ihm schwatzte und manche vom Adel auf dem Lande ihm gen Erfurt nachzogen und die Sorge überhandnahm, es möchte der Teufel die zarte Jugend und andere Einfältige verführen, daß sie auch zur schwarzen Kunst Lust bekämen, so wurde Anleitung gegeben, daß sich doch der benachbarte Barfüßermönch Doktor Klinge an ihm versuchen möchte, ob er ihn vom Teufel reißen und bekehren könne. Dieser kommt herbei und redet erst freundlich mit ihm, sodann hart und scharf, erklärt ihm Gottes Zorn und ewige Verdammnis, so auf solchem Wesen stünde, zuletzt aber sagt er, er wäre ein fein gelehrter Mann und könne sich mit Gott und Ehren sonst wohl ernähren, darum möchte er solche Leichtfertigkeit, dazu er sich vielleicht in seiner Jugend vom Teufel habe bereden lassen, abtun, Gott seine Sünden abbitten und also Vergebung derselben erlangen, die Gott keinem noch verschlossen hätte. Faust antwortete: »Mein lieber Herr, ich erkenne, daß Ihr es gern gut mit mir sehen möchtet, weiß auch das alles wohl, was Ihr mir jetzt vorgesagt habt; ich habe mich aber so hoch verstiegen und mit meinem eigenen Blut dem Teufel verschrieben, daß ich mit Leib und Seele ihm ewig zugehören will. Wie kann ich denn nun zurück oder wie kann mir geholfen werden?« – »Das kann wohl geschehen,« entgegnete Doktor Klinge, »wenn Ihr wahre Reue und Buße tut, der Zauberei und aller Gemeinschaft mit dem Teufel Euch enthaltet und niemand ärgert noch verführt; wir wollen auch in unserem Kloster für Euch Messe halten, daß Ihr wohl des Teufels sollt loswerden.« »Mess' hin, Mess' her,« sprach Faust, »meine Zusage bindet mich zu hart. Ich habe Gott mutwillig verachtet, bin meineidig und treulos an ihm geworden, habe dem Teufel mehr geglaubt und getrauet als ihn:, darum ich zu ihm nicht wiederkommen noch seiner Gnade, die ich verscherzet, mich trösten kann. Zudem wäre es nicht ehrlich, noch mir nachzusagen rühmlich, daß ich meinem Brief und Siegel, so doch mit meinem Blute gestellet ist, widerlaufen sollte. Hat mir der Teufel redlich gehalten, was er mir zugesagt, so will ich auch wieder redlich halten, was ich ihm zugesagt und verschrieben habe!« »Ei,« sagte der Mönch, »so fahre immer hin, du verfluchtes Teufelskind, wenn du dir nicht helfen lassen und es nicht anders haben willst.« Von da ging der Barfüßermönch zum Rektor der Universität und zeigte es ihm an. Dieser berichtete es an den Rat und es ward Verschaffung getan, daß Faust den Stab weitersetzen mußte. So ward Erfurt den bösen Menschen los. August Witzschel Die Eichelsaat zu Dünwald. Die Mönche zu Dünwald waren gar pfiffige Herren. Sie lagen fleißig dem Gebete ob; da sie aber wohl erkannten, daß das Gebet allein nicht reich macht, so suchten sie solches auf andere Weise zuwege zu bringen. Einst zeigte sie dem Junker Hall zu Schlebusch ein altes Schriftstück vor, nach dem ein großer Landstrich dem Kloster zugehöre. Das schien dem Junker unglaublich; denn er hatte das Land als alten Besitz geerbt und manche Ernte darauf gezogen. Zwischen dem Junker und den Mönchen kam es nun zu ernsten Reibereien, und endlich sollte der Handel vor Gericht ausgetragen werden. Scheinbar des langwierigen Haders überdrüssig, gelobte der Junker, das Land den Mönchen zu überweisen; doch möchten die ihm noch eine Ernte gestatten. Da wurden die Mönche gar fröhlich und gestanden das gerne zu. Der Vergleich wurde rechtmäßig beschworen und verbrieft. Alles schien zufrieden, vor allen Dingen die Mönche. Aber ihre Freude sollte bald in Grimm verkehrt werden. Zur Hagelfeier war es in jener Zeit üblich, die Felder mit Fahnen und Prozession zu umgehen und das Gedeihen der Saaten zu erflehen. Neugierig drängten sich die Mönche zu dem Gegenstand des langen Haders, um zu sehen, was der Junker auf den Acker gesät habe. Aber was war da zu schauen! Eichelsaat deckte zart sprossend die weite Fläche. Nun klagten sie über Betrug und Gewalt. Aber der Junker von Hall legte den verbrieften Vergleich vor, und die Mönche mußten trotz des vergilbten Pergaments von ihren Ansprüchen abstehen. Die Saat gedieh trefflich und gestattete dem Junker von Hall noch, in ihrem Schatten nach Rehen zu jagen. Als aber die Eichen über das Klosterdach schaueten, da sahen sie auf grüne Gräber, drinnen Abt und Mönche längst ruhten; und als die graue Rinde der hohen Stämme barst und sich verkrustete, da schüttelten die gewaltigen Baumkronen ihre fahlen Blätter auf die Ruinen des Klosterzwingers herab. August Witzschel Elisabeth kommt als vierjährige Braut auf die Wartburg. Als man schrieb nach Christi Geburt 1211 Jahre und das edle, hochgeborene Mägdlein Elisabeth vier Jahre alt war, da sandte der Landgraf Hermann eine edle und würdige Botschaft aus nach Ungarn, des Königs Tochter Elisabeth in das Thüringer Land zu bringen, seinem Sohne zum künftigen Ehegemahl. Bei dieser Botschaft waren Graf Meinhart von Mühlberg und der ehrbare Herr Walther von Vargila und Frau Bertha, die Witwe des Ritters Egilolf von Bendeleben. Die zogen dahin mit großem Gefolge und in herrlicher Ausrüstung, wie es solcher werten Botschaft und so vornehmen Leuten wohl ziemet. Unterwegs ward ihnen überall große Höflichkeit und Ehre erwiesen von Fürsten und Herren, Edlen und Prälaten, durch deren Land sie zogen, auf der Hinfahrt und auf der Rückfahrt. So kamen sie nach Preßburg, wo sie in dem königlichen Schlosse empfangen wurden. Der edle König von Ungarn, Andreas, der heiligen Elisabeth Vater, war ein gütiger, friedsamer Herr. Seine Wirtin, die Königin, war tugendsam, und bei weiblicher Zucht hatte sie gar einen männlichen, freudigen Mut, daß sie ausrichtete und regierte alle Geschäfte des Königreichs. Darum war sie besorgt, wie sie ihre Tochter reich und königlich hersenden möchte in das Land zu Thüringen. Als sie nun alle Dinge geschickt und besorgt hatte zu der Heimfahrt und die Boten auch reichlich mit Silber, Gold und köstlichen Kleinoden begabt hatte, da übergab sie ihnen ihre Tochter, die liebe, heilige Elisabeth, in einer silbernen Wiege mit köstlichen, seidenen Tüchern. Auch sandte sie zugleich unzählig viel goldene und silberne Trinkgefäße mit, viel Schmuck an Ringen und Spangen, mit Edelsteinen reich besetzt, viel Paare Buntwerk und Gewänder von schwerer und leichter Seide mit anderem edlem und teurem Hausrate, den niemand zählen mag, dazu noch besonders tausend Mark an feinem Silber und eine silberne Badewanne, darin das Mägdlein baden sollte. Solch großer und reicher Schatz und so seine Kleinode, als die Königin ihrer Tochter mitgab, sind im Thüringer Lande nicht mehr gesehen worden. Und die Königin rühmte es laut und mit stolzer Freude, daß ihr Kind Elisabeth des edlen jungen Fürsten von Thüringen, des Landgrafen Ludwig Ehegemahl werden sollte. »Saget eurem Herrn,« sprach sie beim Abschied zu den Boten, »daß er sich wohl gehabe und guten Mutes sei und diese kleinen Gaben nicht verschmähen möge; lässet Gott mich leben, so will ich dieselben noch um vieles reichlich bessern. Das sage ich euch in Wahrheit.« So schieden sie von dannen und kamen mit der Königstochter nach Thüringen. Sie waren sehr willkommen und wurden wohl empfangen. Da ward das kleine Jungfräulein dem jungen Fürsten in Kindes Weise zugelegt, eine Bedeutung der zukünftigen Hochzeit, wenn dazu die Zeit gekommen wäre. Und Elisabeth ward in ihrer Jugend mit großem Fleiße erzogen, wie das wohl billig war. August Witzschel Elisabeths Mantel. Der Landgraf Ludwig hatte auf der Wartburg ein besonderes Fest veranstaltet und zu demselben viele Gäste, Grafen, Ritter und andere vornehme Leute mit ihren Frauen und Töchtern geladen. Als nun die Zeit kam, daß man zu Tische sitzen wollte, war die heilige Elisabeth noch nicht da. Sie war zu erscheinen verhindert worden, und das war so geschehen: Als sie zu dem Saale ging, worin die Gäste versammelt waren, trat ein armer, gebrechlicher Mann an sie heran und bat um ein Almosen. Sie sprach: »Es gebricht mir jetzt an Zeit, auch habe ich nichts bei mir, was ich geben könnte.« Da bat aber der Arme noch viel mehr und rief, als sie von ihm gehen wollte, ihr gar flehentlich zu, daß sie Mitleid haben und sich seiner erbarmen möchte. Sie gab ihm nun den kostbaren seidenen Mantel, den sie trug, und der arme Mann nahm ihn und ging davon. Viele Diener hatten aber gesehen, daß die heilige Elisabeth dem Armen ihren Mantel gegeben und daß dieser ihn hinweggetragen hatte. Da nun der Landgraf und alle Gäste auf die heilige Elisabeth warteten, trat der Küchenmeister zu seinem Herrn und sprach in Gegenwart der ganzen Ritterschaft: »Nun erkenne, mein gnädiger Herr, ob es sich wohl gebührt, daß unsere gnädige Frau Elisabeth zu dieser Zeit so lange ausbleibt und Euch das Mahl verzieht, und diesen edlen Frauen die Fröhlichkeit. Jetzt hat sie nun einen Armen gekleidet und ihm ihren kostbaren Mantel gegeben.« Da ging der tugendsame Fürst selber nach ihr und fand sie in ihrer Kammer und sprach: »Liebe Schwester, wollet Ihr nicht mit uns zu Tische gehen?« Sie antwortete: »Ich bin bereit dazu.« Nun fragte der Landgraf nach ihrem Mantel. »Er ist auf dem Ricke ,« gab sie zur Antwort. Da ging eine von ihren Dienerinnen hin und fand den Mantel auf dem Ricke. Sie tat ihn um und ging mit dem Landgrafen zu Tische. Dieses Wunder hatte der allmächtige Gott selbst bewirkt. Dieser Mantel, sagt der Chronist Rothe, ist nun ein Meßgewand in der Zelle der heiligen Elisabeth unter der Wartburg. August Witzschel Elisabeths Rosen. Der Landgraf war in der Stadt Eisenach gewesen und ging wieder zurück nach der Wartburg. Unterwegs sah er die heilige Elisabeth mit einer ihrer liebsten Jungfrauen stehen; beide kamen von der Burg herab mit allerlei Speisen und Nahrungsmitteln sehr beladen, die sie in Krügen und Körben unter ihren Mänteln mit sich trugen und den Armen bringen wollten, die ihrer unten im Tale harrten. Der Landgraf hatte das alles wohl bemerkt und sprach, indem er ihnen die Mäntel zugleich zurückschlug: »Laßt sehen, was ihr da traget!« Dabei wurden aber die Speisen alsbald zu Rosen. Die heilige Elisabeth war darüber so heftig erschrocken, daß sie ihrem Gemahl auf seine Frage und Rede nichts zu sagen vermochte. Dem Landgrafen tat der Schrecken, den er seiner lieben Elisabeth verursacht hatte, gar leid, und schon wollte er freundlich und mit guten Worten ihr zusprechen, als ihm auf ihrem Haupte ein Bild des gekreuzigten Heilands als ein Kopfschmuck erschien, den er vorher nie gesehen hatte. Da wollte er die heilige Elisabeth nicht länger aufhalten; er ließ sie ihren Weg gehen und den Armen und Kranken nach ihrem Gefallen Gutes tun und ging weiter nach der Wartburg. Am Wege, nahe unter dem Kniebrechen, wie die Leute sagen, stand ein Baum, in den ein Kreuz gehauen war. Dieser wurde später umgehauen und zum Zeichen und ewigen Gedächtnis an jenes hohe Wunder an die Stelle, wo es geschehen, ein steinernes Bild gesetzt. August Witzschel Elisabeth speist die Armen. In vielen deutschen Ländern und auch in Thüringen war eine allgemeine Hungersnot, und diese währte schon bis in das dritte Jahr, Auch strafte Gott die Menschen um ihrer Sünde willen mit Krankheit und bösen Seuchen, und großes Wasser ergoß sich, wie es seit vielen Jahren nicht gesehen worden war. In dieser Zeit der Trübsal und Angst war der Landgraf Ludwig fern von seinem Lande; er verweilte in Geschäften an des Kaisers Hof in Italien. Aber die heilige Elisabeth war daheim in aller Weise bedacht, die Not und das Unglück der armen und kranken Leute zu lindern und zu mildern. Sie erbaute unter der Wartburg ein Spital und nahm achtundzwanzig hilfsbedürftige Menschen darin auf, und wenn einer derselben starb, trat sogleich ein anderer an seine Stelle. Auch ließ sie unter ihrer Aufsicht an vierhundert Arme täglich Almosen und milde Gaben durch ihre Dienerschaft verteilen. Als nun der Landgraf von seiner Reise wieder heimgekehrt war, so suchten einige von seinen Amtleuten und der Dienerschaft, welche die Milde und Barmherzigkeit der edlen Fürstin ungern sahen und mit scheelen Augen betrachtet hatten, dieselbe bei ihrem Herrn und Gemahl übel zu bereden und klagten über ihre Unwirtschaftlichkeit und große Freigebigkeit. Aber der tugendsame Fürst antwortete ihnen: »Lasset sie um Gottes willen nur geben und armen Leuten nach ihrem Gefallen Gutes tun, wenn uns nur die Wartburg und die Neuenburg verbleiben. Ich weiß Wohl aus der Heiligen Schrift, daß Gott dem Herrn drei Dinge besonders wohlgefällig sind und auch bei den Menschen gut bestehen: Einträchtigkeit unter Brüdern, Liebe und Treue unter den Nebenmenschen und Mann und Frau, die beide einträchtig sind.« August Witzschel Die heilige Elisabeth wird von der Wartburg vertrieben. Als der Landgraf Heinrich erfuhr, daß sein Bruder Ludwig gestorben war, nahm er Rat von den Seinen, wie er sich nun verhalten sollte. Die Ratgeber erteilten aber einen untugendlichen Rat, der Wider Gott und Recht, wider Zucht und Ehre war. Weil sein Bruder, so rieten sie, keinen Sohn hinterlassen hätte, auf den das Land übergegangen wäre, so sollte er Wartburg und Eisenach nun selber einnehmen und für sich behalten, dazu auch die Schlösser im Lande, die heilige Elisabeth aber mit ihren Kindern, dieweil sie noch jung wären, von der Wartburg ausweisen, so behielte er die Besitzungen; auch sollte er selbst freien und Kinder gewinnen, auf die er das Land forterbte. Diesem bösen Rate gab der Landgraf Gehör. Deshalb wurde die heilige Elisabeth mit ihren Kindern unbarmherzig von der Wartburg gewiesen; zugleich hatte der Landgraf den Leuten in Eisenach sagen lassen, daß man ihm nicht Gefallen und Liebe täte, wenn man Elisabeth mit ihren Kindern aufnähme und beherbergte. So kam es, daß in der Stadt Eisenach niemand sie in sein Haus nahm und sie in ein gemeines Schenkhaus ging, worin sie den Tag über mit ihren Kindern verweilte; des Nachts aber wollte der Mann sie nicht austreiben, und so blieb sie fröhlich und geduldig darin. Des Morgens in der Frühe ging sie mit ihren Kindern in die Barfüßer Kirche und bat, daß man den Lobgesang »Te deum Iaudamus« sang. So ging die liebe, heilige Elisabeth, die arme Leute oft geherberget und gespeist hatte, in Eisenach umher, bat um Herberge und hatte Mangel an Speise und Trank. Und als sie wohl in drei Herbergen gewesen und in keiner lange geblieben war, erbarmte sich ihrer ein Priester und wagte den Zorn des Landgrafen Heinrich, nahm sie in seine Wohnung und hatte Mitleid mit ihr und tat ihr Gutes, soviel er vermochte. Die heilige Frau versetzte Pfänder, um sich zu nähren, und spann und arbeitete, was sie konnte. In dieser Zeit geschah es auch, daß die gottselige Frau über die hohen Schrittsteine gehen wollte, die damals in einer langen Reihe wegen des tiefen Kotes gesetzt waren, und in der Mitte des Wegs ein altes Weib ihr begegnete, eine Bettlerin, der sie oft Almosen gegeben hatte. Dieses Weib stieß die unglückliche Fürstin, die ihr nicht ausweichen konnte, in den tiefen Kot, daß sie alle ihre Kleider waschen mußte. Auch dieses ertrug sie in Geduld und dankte Gott mit lächelndem Munde, daß sie um seinetwillen vor allen Leuten wäre verschmähet worden. Heinrich Hermann Adolf Fick Die Entdeckung der Salzquelle zu Halle. Schon seit uralten Zeiten befindet sich zu Halle ein berühmtes Salzwerk. Die hier zu Tage strömende Sole ist so dick, daß sie des Gradierens nicht bedarf und gleich gesotten werden kann. Das Sieden derselben besorgen die Halloren , Nachkommen eines keltischen Volksstammes, welche sich in Tracht und Sitte noch immer von den andern Einwohnern der Stadt unterscheiden. Über die Entdeckung der Salzquellen zu Halle, denen die Stadt ihre Entstehung verdankt, berichtet die Sage folgendes: Noch vor der Geburt unseres Herrn Jesu Christi hütete eines Tages ein Hirt in jener Gegend die Schweine. Es war sehr heißes Wetter und deshalb suchte eins der Tiere eine daselbst befindliche Pfütze auf, um sich, darin abzukühlen. Als es nun darauf wieder trocken geworden war, bemerkte der Hirte, daß seine Borsten in der Sonne hell wie Silber glänzten. Das fiel ihm auf; er untersuchte das Wasser, in dem sich das Schwein herumgewälzt hatte, und fand zu seiner großen Verwunderung, daß es Salz enthielt. Davon hatten also die Borsten des Schweins den hellen Glanz erhalten. Der Hirt teilte seine Entdeckung andern Leuten mit, und nun ward an der Stelle der erste Brunnen zur Ansammlung des Solwassers gegraben und Gut-Jahrbrunnen genannt. Deutsche und slawische Stämme kämpften um die Salzquellen; die Sorben blieben Sieger und gründeten hier das Dorf Dobresol oder Gutsalz. Der Name Halle kommt erst 806 vor, als Karl der Große an der Saale ein festes Schloß gründete. Er entstand aus Hala, das ist Salzstätte. Auch die Saale hat ihren Namen von den Salzquellen erhalten. Johann Georg Theodor Gräße Die Entstehung der Porta Westfalica. Einst in uralten Zeiten quälte der Teufel die Bewohner des Wesertales, ihm zu dienen; aber sie wollten nicht. Da dämmte er die Wallücke unweit Bergkirchen in der zum Kreis Herford gehörigen Herrschaft Vlotho, durch welche die Weser ihr Wasser in die Ebene nach Norden ergoß, zu, und nun schwoll der Strom im Tale an und stieg fast bis zur Krone des Gebirges. Die Leute retteten sich auf die Berge, aber immer höher wurde das Gewässer und immer größer die Not der armen Menschen. Schon hielt der Teufel sein Rachewerk für vollendet und alle Menschen für verloren, da kam plötzlich ein Gewitter und ein gewaltiger Sturm, ein Blitzstrahl spaltete das Gebirge und bildete eine Schlucht, durch die Bergscharte floß das Wasser ab, und die Täler und Tiefen wurden nach und nach frei. Als der Teufel sah, daß ihm das Spiel verdorben war, geriet er in Wut, erhob sich in die Luft, eilte in die Höhe, packte einen ganzen Berg, nahm ihn auf den Rücken und wollte ihn in die Schlucht stopfen und so die Bergscharte zudämmen. Doch die Last wurde ihm unterwegs zu schwer; an der Grenze des heutigen Lippischen Landes fiel er mit seiner Bürde zu Boden, und die Masse begrub ihn. Die Höhe heißt jetzt noch der Bohnstapel oder Bohenstapel, und noch soll der Teufel dort sitzen und von Zeit zu Zeit rumoren. Die Bergschlucht aber ist die Porta Westfalica. Nach einer andern Sage ist das ganze Wesertal früher ein gewaltiger See gewesen, bis Gott ein Erdbeben geschickt hat, wo sich dann die Gewässer bei Hausberge Bahn gebrochen haben und zum Meere hinabgeströmt sind. Als dann das Land frei geworden ist, da hat man es zu bebauen angefangen und hat zuerst Ahe, dann Fischbeck, beide an der Weser, und dann Deckbergen am Fuße des Süntel gebaut; das sind die ersten Dörfer der Gegend gewesen. Heinrich Hermann Adolf Fick Die Entstehung des Siebengebirgs. Wo jetzt die Berge Drachenfels und Rolandseck liegen, war einst das Rheintal abgeschlossen. Ein gewaltiger See breitete sich oberhalb Königswinter aus. Die Leute, die damals die Eifel und den Westerwald bewohnten, faßten den Plan, den See abzuleiten und zu diesem Zwecke das Gebirge zu durchstechen. Da sie sich aber der gewaltigen Arbeit nicht gewachsen fühlten, sandten sie zu den Riesen und verhießen ihnen großen Lohn. Sieben Riesen waren sofort bereit, solcher verlockenden Botschaft zu folgen. Jeder nahm einen gewaltigen Spaten auf die Schulter, und bald waren sie emsig an der Arbeit. In wenigen Tagen hatten sie eine tiefe Lücke ins Gebirge gegraben, das Wasser drang in diese ein und vergrößerte sie zusehends, so daß der Strom bald abfloß. Die Leute freuten sich des errungenen Vorteils und schleppten die Gaben herbei, die sie verheißen hatten. Die Riesen teilten brüderlich, und jeder schob seinen Anteil in den Reisesack. Dann schickten sie sich zur Heimkehr an. Vorher jedoch klopften sie ihre Spaten ab, daß das Felsgebröckel und die anhaftende Erde zu Boden falle. Davon entstanden die sieben Berge, die noch bis auf den heutigen Tag am Rheine zu sehen find. August Stöber Die Erfindung der Buchdruckerkunst. Außer Straßburg macht auch Harlem in Holland der Stadt Mainz den Ruhm streitig, als Ort der Erfindung der Buchdruckerzunft zu gelten; Mainz hat aber trotzdem recht. Im Jahre 1440, nachdem der Münsterturm vollendet worden war, wurde zu Straßburg die herrliche Kunst der Buchdruckerei erfunden durch Johann Mentelin, am Fronhof zum Tiergarten. Sein Schwager, Peter Schöffer und Martin Flach verlegten seine Werke. Aber Mentelins Diener, Johann Gensfleisch, nachdem er seinem Herrn die neue Kunst genugsam abgestohlen hatte, entfloh nach Mainz, seiner Heimat. Dort brachte er sodann durch den Gutenberg, der sehr reich war, alles noch besser in Ordnung. Wegen dieser schändlichen Untreue seines Dieners bekümmerte sich Mentelin so sehr, daß er starb vor Leid. Zu Ehren seiner Kunst wurde er im Münster begraben und eine Druckpresse auf seinem Grabstein ausgehauen. Hernach aber »strief« Gott des Mentelin Diener, den Gensfleisch, für die an seinem Herrn begangene Treulosigkeit, daß er des Lichtes beraubt wurde und blind war bis an sein Ende. Lange Zeit bewahrte man noch zu Straßburg die erste Druckpresse des Erfinders samt den ersten Buchstaben, deren er sich bedient hatte. Daniel Specklin, der berühmte Baumeister und Geschichtschreiber, erzählt, daß beide noch zu seiner Zeit vorhanden gewesen und daß er sie mit eigenen Augen gesehen. »Ich habe,« sagt er, »die erste Preß, auch die Buchstaben gesehen, wahren von Holtz geschnitten, auch ganze Wörter von Sylaba; hatten Löchlen und faßte man an ein Schnur nacheinander mit einer Nadel, zöge sie dann, nach den Zeillen, in die Lenge. Es ist Schad das man solches Werk (welches das allererste in aller Welt gewessen ist) hatt lassen verloren werden.« Aloys Wilhelm Schreiber Die Felsenhöhle. Nach der ehemaligen Abtei Allerheiligen geht von Oberachern aus der Weg durch ein wildes Tal. Nicht weit davon liegt an einer einsamen Waldstelle ein mächtig großer Fels, der durchaus wie eine alte Kirche gestaltet ist. Nach einer dunklen Sage war dies eine der ersten christlichen Kirchen der Gegend und von einem edlen Alemannen gestiftet worden. Er hinterließ sieben Töchter, welche ebenso schön als fromm waren und auf der väterlichen Burg in Stille und Eingezogenheit lebten. Es war um die Zeit, als der Hunnenkönig Attila mit seinem furchtbaren Heere an den Rhein kam, um nach Gallien zu gehen. Er ließ eine Menge Flöße verfertigen, auf welchen der Rheinübergang geschehen sollte. Von den Scharen, die ausgeschickt wurden, das nötige Holz zu beschaffen, kam eine durch Zufall auf die Burg, auf welcher die sieben Schwestern wohnten. Diese rauhen Krieger ehrten ebensowenig die Tugend als die Wehrlosigkeit und ließen ihren frechen Begierden freien Zügel. Die Jungfrauen sahen hier nur die Wahl zwischen Tod und Schande; auch waren sie im Augenblick entschlossen, den ersteren vorzuziehen, als ein alter, treuer Diener ihnen riet, gegen Abend durch einen unterirdischen Gang nach der Kirche zu flüchten, welche ihr Vater erbaut hatte. Er wollte bis dahin die ungeschlachten Gesellen beim Trunke festhalten und meinte, sie würden's doch nicht wagen, das Haus des Herrn zu entweihen. Die sieben Schwestern nahmen den guten Rat dankbar an und erreichten auch glücklich die heilige Stätte; aber ein treuloser Knecht, der ihre Flucht entdeckt hatte, verriet den Hunnen das Geheimnis. Diese stürzten voll Wut nach der Kirche; als sie aber die Tür verschlossen fanden, fällten sie im Wald eine junge Tanne und hieben, um mit dem Stamme die starke eichene Pforte zu sprengen, die Krone und die Äste davon ab. Diese Arbeit war in einer Stunde vollendet, und mit wildem Hohngeschrei eilte die freche Rotte, das ruchlose Vorhaben in Ausführung zu bringen. Sie kamen bald an Ort und Stelle, allein der Eingang in die Kirche war nirgends zu finden. Auch die Fenster und überhaupt jede Öffnung war verschwunden. Wohl stand die Kirche noch da, aber als ein dritter Fels, und leis und schauerlich tönte daraus ein Sterbegesang hervor. Noch vernimmt bisweilen der einsame Bergbewohner in stillen Nächten liebliche Stimmen, die aus dem Stein zu kommen scheinen; aber diese Töne erregen keine Furcht, sondern erfüllen das Gemüt mit einem frommen Sehnen. Sagen aus der Vorzeit des Harzes Der Finkenherd in Quedlinburg. Wenn man in Quedlinburg durch die große hohe Straße nach dem Schloßplatz gehen will, so erblickt man fast am Ende des Zieles zur rechten Seite ein Nebengäßchen, welches ebenfalls nach dem Schloßplatz führt. Dieses Nebengäßchen erweitert sich in der Mitte zu einem kleinen und unregelmäßigen Platze, welcher seit undenklichen Zeiten den Namen Finkenherd führt und an welchen sich folgende Sage knüpft: Kaiser Konrad I. verfiel in eine tödliche Krankheit, als man eben von ihm Hilfe gegen die wilden Hunnenschwärme erwartete, welche das Deutsche Reich bedrängten. Da ließ er seinen Bruder Eberhard, den Herzog der Franken, zu sich nach Limburg kommen, wo er krank lag, und sagte zu ihm: »Lieber Bruder, ich fühle, daß ich sterben werde. Laß dir also deine eigene Wohlfahrt und das Beste deiner Franken empfohlen sein. Wir find imstande, Heere zu stellen, haben Städte und Waffenvorrat, nur Glück und Geschicklichkeit haben wir nicht, das aber besitzt in vollem Maße Heinrich, der Sachsenherzog; auf dem Sachsen allein beruht das Wohl des Reiches! Nimm diese Kleinodien und Kleider, nimm auch Lanze und Schwert und Krone der alten Könige, gehe damit zu Heinrich und mache ihn dir zum Freunde für immer. Melde ihm, daß ich ihn auch zum Nachfolger empfohlen habe.« Kaum hatte der Kaiser die Augen geschlossen, als sein Bruder mit den Reichskleinodien nach dem Harze ging, um dem Herzog Heinrich die unverhoffte Botschaft zu bringen. Er fand den Sachsenherzog mit dem Vogelfang beschäftigt und zwar, wie man in Quedlinburg behauptet, an der Stelle, welche noch heutigestags der Finkenherd genannt wird. Zwar maßen sich noch mehrere Orte auf dem Harze die Ehre an, daß auf einem nahen Platze, welcher in der Regel der Finkenherd heißt, Heinrich I. seine Wahl zum deutschen Kaiser angenommen habe. Allein so viel steht fest, daß derselbe als Gründer der Stadt zu betrachten ist und sich sehr gern auf dem dortigen Schlosse aufhielt, welches jedoch nicht an demselben Platze gestanden zu haben scheint, wo das jetzige Schloß steht. Der Ort selbst soll nach einer andern Sage von dem Hunde Heinrichs, Quedel, seinen Namen erhalten haben; das Grabmal dieses Hundes zeigt man noch jetzt neben dem Heinrichs und seiner Gattin Mathilde in der alten Krypta auf dem Schlosse zu Quedlinburg. In einem uralten Gewölbe, die Zither genannt, neben der Sakristei der Quedlinburger Schloßkirche, zeigt man noch jetzt unter vielen andern sehenswürdigen Altertümern auch einen alten Kamm von Elfenbein, welcher der Bartkamm Heinrichs I. genannt wird, sowie auch einen Reliquienkasten, der des großen Kaisers Eigentum gewesen sein soll. Brüder Grimm Die wilden Frauen im Unterberge. Die Grödicher Einwohner und Bauersleute zeigten an, daß zu diesen Zeiten (um das Jahr 1753) vielmals die wilden Frauen aus dem Unterberge zu den Knaben und Mägdlein, die zunächst dem Loche innerhalb Glanegg das Weidvieh hüteten, herausgekommen und ihnen Brot zu essen gegeben. Mehrmals kamen die wilden Frauen zu der Ährenschneidung. Sie kamen frühmorgens herab, und abends, da die andern Leute Feierabend genommen, gingen sie, ohne die Abendmahlzeit mitzuessen, wiederum in den Wunderberg hinein. Einstens geschah es auch nächst diesem Berge, daß ein kleiner Knabe auf einem Pferd saß, das sein Vater zum Umackern eingespannt hatte. Da kamen auch die wilden Frauen aus dem Berg hervor und wollten diesen Knaben mit Gewalt hinwegnehmen. Der Vater aber, dem die Geheimnisse und Begebenheiten dieses Berges schon bekannt waren, eilte den Frauen ohne Furcht zu und nahm ihnen den Knaben ab mit den Worten: »Was erfrecht ihr euch, so oft herauszugehen und mir jetzt sogar meinen Buben wegzunehmen?« Die wilden Frauen antworteten: »Er wird bei uns eine bessere Pflege haben und es wird ihm besser bei uns gehen als zu Haus; der Knabe wäre uns sehr lieb; es wird ihm kein Leid widerfahren.« Allein der Vater ließ seinen Knaben nicht aus den Händen, und die wilden Frauen gingen bitterlich weinend von dannen. August Stöber Der Freier auf Freundstein. Ein junger Graf von Geroldseck war von dem Liebreize des Fräuleins von Freundstein also ergriffen worden, daß er um ihre Gunst warb; allein er erhielt von ihr keinen günstigen Bescheid. Nun wandte er sich an ihren Vater; aber auch von diesem ward ihm eine abschlägige Antwort gegeben. Außer sich ob des gekränkten Ehrgeizes beschloß er, nun durch Gewalt zu erringen, was man ihm auf sein dringendes Begehren verweigerte. An der Spitze einer Schar von Kriegsleuten rückte er vor das Schloß und griff dasselbe an. Die überraschte Besatzung war zu schwach, dem gewaltigen Andrang der Stürmer auf längere Zeit Widerstand zu leisten und mußte sich ergeben. Schon ritt der Sieger laut jubelnd im Gefühl seiner baldigen Rache mit seiner Schar über die Fallbrücke, da preßte der greise Vater in wilder Verzweiflung seine Tochter in die Arme, bestieg mit ihr sein Streitroß und stürzte sich also über die Brustwehr des Burgwalls ins tiefe Tal hinab. Noch ragen die Schloßtrümmer von Freundstein, dem gewaltigen Bölchenkopfe gegenüber, empor und zeugen von der Macht seiner einstigen Bewohner. Aber in stillen Nächten hört man oft um die öden Mauern Pferdegetrapp und Hufschlag ertönen; das ist der Ritter von Freundstein, der mit seiner Tochter um das Schloß reitet; der Geroldsecker springt hinter ihnen her, unermüdlich, und kann die Braut nicht erreichen. August Stöber Die Geißler in Straßburg. Der Schluß der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts war für den größten Teil von Europa mit vielfältigen Schrecknissen erfüllt. Den 25. Januar 1348 erschütterte ein furchtbares Erdbeben alle Lande: Berge stürzten ein, Städte und Dörfer versanken, die Erde spaltete sich, Wasserfluten drangen daraus hervor, und giftige Dünste verpesteten die Luft. Unzählige Heuschreckenschwärme hatten sich auf die Gefilde niedergelassen und alle Saat aufgefressen, wodurch Mißwachs und Hungersnot und andere Leiden erzeugt wurden. Zudem kam auch noch, zum Teil durch jene außerordentlichen Naturerscheinungen bewirkt, eine große Pest, der schwarze Tod genannt, die sich schon im Jahre 1347 in einzelnen Seehäfen des Mittelmeers gezeigt hatte, und raffte Millionen von Menschen in unserem Weltteile dahin. Sie wütete namentlich in den Jahren 1348 und 1349 und verschwand erst drei Jahre nachher völlig, nachdem ihr noch in der einzigen Stadt Thorn im Jahre 1352 über 4000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Als Ursache des schwarzen Todes wurden die Juden beschuldigt, sie hätten, lautete die allgemeine Sage, die Brunnen vergiftet und angesteckt und somit die Pest in die Christenheit gebracht; denn ihrerseits starben verhältnismäßig weit weniger. Die Juden wurden nun überall verfolgt, eingezogen, gefoltert und zu Tausenden verbrannt. Obgleich der schwarze Tod Straßburg erst im Sommer des Jahres 1349 traf, so war doch schon das Jahr zuvor von verschiedenen Seiten die Aufforderung an den Rat gemacht worden, gegen die in der Stadt ansässigen Juden mit Feuer und Schwert zu verfahren. Die Lauheit, womit derselbe jedoch nach der Meinung der Judenfeinde gegen sie verfuhr, bewirkte einen Aufruhr in der Bürgerschaft und infolgedessen eine Änderung im Stadtregiment. Unter der Verwaltung des neuen Rates nun wurden den 14. Hornung am St. Valentinstag 1349 auf ihrem eigenen Kirchhof an der nördlichen Grenzseite der Stadt 2000 Juden verbrannt. Am Johannistag desselben Jahres erst brach der schwarze Tod in Straßburg aus. Vierzehn Tage darauf kamen mehrere hundert Geißler aus Brabant, Flandern und dem Hennegau den Rhein herauf ins Elsaß und nach Straßburg. Sie trugen auf ihren Mützen und Schultern rote Kreuze. Vor dem Zuge her, der sich unter Glockengeläute durch die Straßen bewegte, wurden mehrere Fahnen aus kostbaren Seidenstoffen getragen. Sie sangen durch die Straßen, in den Kirchen fielen sie auf die Knie, geißelten sich selbst und wurden von dem Meister auf den Rücken geschlagen, während ein Vorsänger die Worte sang: »Nu hebent uf die üweren hende, Daß got dis grosze sterben wende. Nu hebent uf uwer arme, Daß sich got über uns erbarme.« Nachdem je einer vom Meister gegeißelt worden, rief dieser ihm zu: »Stant uf durch der reinen martel ere Unn hüte dich vor der sünden mere.« In einer Predigt, von der sie vorgaben, daß sie von einem Engel in Jerusalem auf eine Marmortafel geschrieben worden sei, haben sie die Sünden der Menschen, namentlich die Entheiligung der Sonn- und Feiertage, als Ursachen der Erdbeben, der Teuerung und der Pest angegeben und alles Volk zur Buße aufgefordert. Ueberall strömten die Leute ihnen zu, ließen sich von ihnen bekehren, beherbergten und beschenkten sie. In Straßburg wuchs ihre Zahl zuletzt auf über tausend Mitglieder an, die in zwei Scharen das Land auf und ab zogen. Die Geißler gaben auch vor, mancherlei Wunder zu vollbringen. Nach und nach erkaltete jedoch der Eifer für die Geißler, geistliche und weltliche Behörden sprachen wider sie, und endlich machte ein päpstliches Verbot dem Unwesen ein Ende. Moritz Bermann Gevatter Tod. Im Städtchen Deggendorf im Kreise Straubing in Bayern lebte im Jahre 1478 ein armer Weber. Bereits viele Jahre war derselbe verheiratet gewesen, und elf Kinder schrien täglich um Brot, welches die bitterste Armut kaum zu geben vermochte. Jetzt stand gar ein zwölftes zu erwarten, dessen Ankunft mit großer Bangigkeit entgegengesehen wurde. Als es das Licht der Welt erblickte, quälte die Eltern nebst allen andern Sorgen auch noch der Gedanke, daß sie keinen Gevatter für das Kind hätten. Alle wohlhabenden Nachbarn des Städtchens und der Umgebung waren bereits für die früheren Sprößlinge angegangen worden, wo sollte man für den neuen Ankömmling, ein hübsches Knäblein, einen Paten hernehmen? Dem Weber fiel ein, daß in einem benachbarten Orte ein Freund wohne, der reich genug sei, diese Stelle zu vertreten. Mit frischem Mute machte er sich auf den Weg. Vergebliche Hoffnung! Der reiche Freund schlug mit dürren Worten und spöttischem Lachen über den unwillkommenen Segen diesen Liebesdienst ab. Mit hoffnungsvoller Erwartung hatte der arme Vater den Weg angetreten, mit trostloser Verzweiflung machte er sich auf zur Heimkehr. Was für eine Zukunft hatte er zu erwarten? Der Weg führte ihn durch einen kleinen Wald, in dessen Dunkel er seinen Klagen Luft machte. Sein Leben hielt er für eine unerträgliche Last, und er rief flehentlich nach dem Tode, damit derselbe ihn von seinem Leid erlöse. Da tippte ihm jemand auf die Achsel. Der Weber sah sich um und bemerkte einen ungewöhnlich langen, hageren, ganz in Grau gekleideten Mann, dessen Gesicht von erschreckend fahler Farbe war. Er trug einen langen Überrock, und seine Knochengestalt zeigte ein Bild wie des leibhaftigen Todes. Es war auch wirklich »Freund Hein«. Wie konnte der Weber ihn verkennen! Todesangst beschlich ihn, und ermattet fiel er zur Erde. »Was fehlt dir, daß du mich so inbrünstig gerufen hast?« begann der Tod das Gespräch. »Ich liebe für gewöhnlich die Leute nicht, die so flehentlich nach mir verlangen; mir ist es größere Lust, unerwartet gerade diejenigen zu küssen, denen es vor meiner Umarmung graut, allenfalls eine Braut, den Jüngling, den schwelgenden Prasser! Da genieße ich mit Freuden, wie kaum Freund Satan in seinem Glutofen! Du hast mich daher ganz vergebens gerufen!« »Vielleicht doch nicht,« antwortete der Weber und erhob sich, vom Schrecken sich erholend. »Da du nun schon einmal da bist, könntest du mir einen Dienst erweisen, den mir die harten Menschen verweigern. Ich brauche einen Gevatter für mein eben angekommenes Knäblein, und ich muß aufrichtig sagen, einen mächtigeren Herrscher als dich könnte sich der arme Weber hierzu nicht erbitten.« »Ei, wahrhaftig, solch ein Antrag ist mir noch nie gemacht worden,« erwiderte der Tod. »Dein Zutrauen überrascht und freut mich; es sei, wie du wünschest; ich will bei deinem Kinder Gevatter stehen!« Der Weber unterrichtete den Tod über den Ort und die Zeit der Taufe, und Freund Hein versprach, pünktlich zu erscheinen. Freundschaftlich schieden beide voneinander. Fröhlichen Herzens setzte der Weber seinen Heimweg fort. Als er zu Hause ankam, suchte er seinem Weibe vorsichtig die Nachricht von dem sonderbaren Gevatter beizubringen. Statt zu erschrecken, ärgerte sie sich bloß über die Ungefälligkeit so vieler guter Freunde und wunderte sich über die Bereitwilligkeit des gefürchteten Menschenwürgers. Die Taufe fand bald darauf statt. Die Verwandten waren versammelt, feierlich erschien der sonderbare graue Herr Gevatter und wurde von den Anwesenden, obwohl sie nicht wußten, mit wem sie es zu tun hatten, mit nicht geringem Schauer betrachtet. Da er aber freundlich mit allen sprach und sich ganz ruhig und ehrbar benahm, so verlor sich diese Empfindung. Als nach geschehener Taufhandlung das Kind in den Händen der Verwandtschaft herumging und die üblichen Küsse empfing, kam auch die Reihe an den Herrn Gevatter. Er warf einen fragenden Blick auf die Mutter, und als diese mit tränenden Augen bittend die Hände faltete, begnügte er sich, den kleinen Weltbürger auf die Wange zu tätscheln und ihm zum Ärgernis der ganzen Sippschaft den Kuß der Weihe zu versagen. Die guten Leute wußten freilich nicht, daß damit dem Kinde das Leben erhalten worden sei, denn wo der Tod hinküßt, blüht kein Leben mehr. Als sich alle entfernt hatten, rief der Tod den Weber an einen einsamen Ort und sagte zu ihm: »Mein lieber Freund, du bist in dem Glauben befangen, von einem so mächtigen Gevatter ein kostbares Patengeschenk zu empfangen; du hast dich getäuscht, denn ich besitze weder Gold noch Silber. Dein braves Weib hat echt mütterlich um Schonung für das Leben eures zwölften Kindes gebeten, dessen sie sich durch mich leicht hätte entledigen können, wenn sie gewollt hätte. Zum Lohne dafür will ich dir mit dem, was ich besitze, ein Geschenk machen; und wenn das elende Metall euch glücklich machen kann, so wirst du es dadurch in Fülle erwerben. Merke also wohl auf, was ich dir jetzt entdecke. Gott hat mich zum Vollstrecker seines Willens über Leben und Tod aller Menschen eingesetzt. Bei jedem Kranken bin ich zugegen; ist es bestimmt, ihm das Leben zu erhalten, so sitze ich – unsichtbar für jedermann – am Bette zu seinen Füßen, muß er sterben, sitze ich oben an seinem Kopfe. Dir, Gevatter, verleihe ich nun als Patengeschenk die Gabe, mich am Bette eines Kranken, zu dem du eintrittst, erblicken zu können. Mach' guten Gebrauch von diesem Geheimnis und vergiß im Glücke nicht die Redlichkeit und Tugend, die bisher streng von dir geübt wurden.« Mit stummem Handgruß entfernte sich der Mächtige. Der Weber war erfahren genug, um einzusehen, daß das Geschenk des Paten mehr Wert habe als Kisten voll Goldes, und er beschloß, mit dem Gebrauche desselben nicht zu zögern. Als Probe begab er sich sogleich zu einem reichen Gutsbesitzer in der Nähe, der, wie er wußte, schwer krank daniederlag. Er ließ sich bei ihm als Arzt melden. Gleich beim Eintritt ins Krankenzimmer sah er den Tod zu Füßen des Kranken. Die Familie umgab weinend das Krankenbett; denn die gelehrten Doktoren hatten alle Hoffnung aufgegeben. Kühn trat der Weber hinzu, fühlte den Puls und erklärte mit ruhiger Sicherheit in einfachen Worten, daß er durch seine Mittel den Kranken herstellen werde. Er eilte nach Hause, las einige Mittel aus einem alten Rezeptbuche aus und wählte das unschädlichste, welches er dem Kranken eingab. Bald war derselbe genesen, und eine von Gold strotzende Börse bildete den Lohn für seine Hilfe. Zu einem andern Kranken gerufen, dem die Ärzte alle Hoffnung auf Besserung gegeben, sah er leider seinen Gevatter am Kopfe des Bettes; er erklärte die Doktoren für Leute, die nichts verstünden, denn der Kranke sei nicht zu retten. Richtig starb er noch dieselbe Nacht. Nun war sein Ruf als Wunderdoktor gesichert. Er machte noch ähnliche Kuren in der Umgegend und wurde ein vermögender Mann. Seine durchaus unschuldigen Rezepte wurden wie Heiligtümer aufbewahrt, und weit und breit wurde sein Name berühmt. Aloys Wilhelm Schreiber Die silberne Glocke. Im Breisgau, bei dem Dorfe Hecklingen, sieht man noch die Ruinen der Burg Lichteneck. Einst lebte auf der Burg eine fromme Witwe, die ließ eine Kapelle bauen auf der Stelle, wo in alter Zeit ein heidnischer Tempel gestanden. Beim Graben der Fundamente entdeckten die Arbeiter viele silberne Münzen und Gefäße. Davon ließ die Witwe ein silbernes Glöcklein gießen und verordnete, daß es nie geläutet werden sollte als in der Christnacht. Bei einem Kriege näherten sich die Feinde auch der Burg Lichteneck, da wurde das Glöcklein in den Schloßbrunnen geworfen, damit es nicht geraubt werden möchte. Aber die Feinde zerstörten die Burg und verschütteten den Brunnen. Seitdem hört man noch in der Christnacht das Glöcklein aus der Tiefe heraufklingen. Ludwig Bechstein Von dem kleinen Gleichberge bei Hildburghausen. Zwei Stunden von Hildburghausen liegen gegen Westen zwei nicht unbedeutende Berge mit Namen Gleichen. Sie sind an Gestalt und Form einander gleich, nur ist der eine größer als der andere. Beide grenzen aneinander, stehen aber in keiner Verbindung mit dem nahen Thüringer Waldgebirge und sind in der ganzen Gegend umher sichtbar. Den Landleuten dienen sie als Wetterzeichen. Sind beide in Nebel gehüllt und der große wird zuerst hell, so verkündet er gutes Wetter, wird aber der kleine zuerst hell, so bedeutet es Regen. Daher kommt das alte Sprichwort: Wenn der kleine dem großen nimmt den Hut, So wird das Wetter gut; Nimmt aber der große dem kleinen die Kappen, So wird dich das Wetter ertappen. Beide sind Basaltberge, und zwar kommt der Basalt darauf nicht in regelmäßigen Säulen, sondern in unzähligen Trümmern und Stücken von verschiedener Größe vor. Auf dem kleinen Gleichberge liegen diese Basalttrümmer in drei verschiedenen Schichten und umziehen den Berg gleichsam als drei verschiedene Gürtel, zwischen welchen Gras und Holz gewachsen ist. Diese besondere Anlagerung des Basalts hat zu folgender Sage Veranlassung gegeben: Vor alter Zeit hatte ein Graf auf diesem Berge eine Burg gebaut, dieselbe aber gegen feindliche Angriffe nicht hinlänglich geschützt und gesichert. Er sieht den Fehler erst ein, als er mit einem seiner Nachbarn in eine Fehde verwickelt und mit einem feindlichen Überfall bedroht war. Voll Unmut und in tiefen Gedanken über das drohende Unglück geht er eines Tages am Abhange des Berges umher; da erscheint ihm auf einmal der Teufel und fragt ihn nach der Ursache seines Kummers. Als er sie erfahren hat, erbietet er sich sogleich, dem Ritter noch vor dem ersten Hahnenkrat eine dreifache Mauer um den Berg zu ziehen, wenn er sich verbindlich machen wolle, ihm als Lohn seine einzige schöne Tochter zu verschreiben. Der Graf geht den Vertrag ein. Aber kaum ist er in seine Burg zurückgekehrt, so reut ihn der Handel, und er wird noch trauriger und mutloser als vorher, so daß endlich die Tochter, die den Kummer des Vaters in seinen Mienen liest, in ihn dringt und ihm endlich durch gute Worte und Bitten das schreckliche Geheimnis entlockt. Weinend und voll Verzweiflung über das ihr bevorstehende Geschick wirft sie sich in die Arme ihrer alten Amme und fleht sie um Hilfe und Rettung aus den Klauen des Bösen an. Die Alte bedenkt sich die Sache und verspricht Hilfe. Der Teufel kommt zur bestimmten Zeit mit seinen Gesellen und Gehilfen und baut und wirtschaftet die ganze Nacht, um die dreifache Mauer zustande zu bringen. Schon ist das Werk fast vollendet, da tritt das kluge Mütterchen vor den Hühnerstall, patscht auf ihre Schürze und – der Hahn kräht zum erstenmal, ehe der Teufel fertig geworden. Er merkt sogleich, daß er betrogen ist, und aus Rache und Ärger wirft er den ganzen Bau über den Haufen und verschwindet. Die Steine von der dreifachen Mauer liegen noch bis auf den heutigen Tag da. Bernhard Bader Der Grafensprung. Vergl. auch Belagerung von Neueberstein . Wolf von Wunnenstein, der den Grafen Eberhard von Württemberg im Wildbad überfallen hatte, wurde in die Reichsacht getan. Nun suchte er eine Freistätte auf dem Schloß Neueberstein, wo man ihn freundlich aufnahm. Sein Aufenthalt daselbst blieb jedoch nicht lange verborgen, und er mußte sein Heil in der Flucht suchen. Um die Morgendämmerung wollte er das Schloß verlassen; er hatte ein rasches Pferd und war gut bewaffnet. Allein die Feinde hatten in der Nacht alle Ausgänge am Fuße des Berges besetzt bis an die Murg, die unten an der jähen Felswand vorüberrauscht. Jetzt wußte der Geächtete keinen Rat, doch sagte er endlich zu sich selbst: Ich will lieber sterben, als lebendig in die Hände meiner Widersacher geraten, die ihren Spott mit mir treiben würden. Er lenkte sein Pferd auf die über den Fluß hinausragende Felsenkuppe, gab dem Roß die Sporen und sprengte hinab in die Tiefe. Glücklich erreichte er das andere Ufer und nahm seinen Weg zu dem Pfalzgrafen. Die Stelle auf dem Felsen oben heißt noch jetzt der Grafensprung. Eine andere Sage erzählt: Ein Graf von Eberstein hatte eine wunderschöne Tochter. Es kamen viele Herren, die um sie freiten; da lud sie der Graf zu einem Gastmahle, wobei wacker gezecht wurde. Hierauf sagte er zu seinen Gästen: »Wer von euch die Felsenwand an der Murg hinabreitet, der soll meine Kunigunde heimführen und einen reichen Brautschatz erhalten.« Die Herren sahen einander an, und jeder dachte, ich will den Hals nicht brechen. Nur ein junger, kecker Edelknabe unternahm das Wagestück, aber sein Pferd stürzte, und er fand seinen Tod in dem Strome. Ludwig Bechstein Die schwarze Gret und das Danewerk. König Christoph I. von Dänemark hatte zur Gemahlin des Pommernherzogs Sambor Tochter, das war ein arges Zauberweib; sie hieß nur die schwarze Gret und hatte den Beinamen Springhest, Sie ist die Urheberin des berühmten Danewerks, jenes riesigen und weiten Walls. Den zu erbauen, schloß sie einen Bund mit dem Teufel und gebot ihm, in einer Nacht den Wall fertigzumachen, nur ein einziges, und zwar eisernes Tor solle hineinkommen, dafür solle dem Teufel gehören, was zuerst durch das vollendete Werk schreite. Da stellte der Teufel ein zahlloses Heer von Arbeitern in das Feld, davon füllte jeder nur dreimal seinen eisernen Hut voll Erde, so war der Wall fertig, und der Teufel stellte sich hinter dem Torflügel auf die Lauer, sah auch schon einen gutgekleideten Reiter auf der Landstraße daherkommen und freute sich auf den Fang. Aber zufällig hatte der Reiter einen Pudel bei sich, der lief vornweg nach Hundeart, und der Teufel riß ihn wütend in Stücke. Da nun die wilde schwarze Gret überhaupt ein gottloses, unseliges Leben führte, so ward ihr zur Strafe ihrer schrecklichen Sünden von Gott geboten, allnächtlich über ihr Teufels- und Danewerk als Geist zu reiten. Da haben viele Leute sie gesehen. Ihr Anzug ist ganz schwarz, aber ihr Pferd ist weiß, und sein Odem ist Feuer. Zwei Geister in weißen Kleidern folgen ihr, und da rennen und sprengen die drei wie der wilde Jäger von Hollingstede bis Haddebye. Dieses Gespenst leidet nicht, daß auf seinem Walle etwas angebaut werde. In der Nähe von Haddebye heißt ganz besonders eine Stelle im Danewerk nach der Springhest Margretenwerk, da läßt sie sich am häufigsten sehen. Einstmals erschien sie armen Fischern vom Schleswiger Holm, die traurig waren, daß sie nach einer arbeitsvollen Nacht nichts gefangen hatten, in all ihrer königlichen Pracht, mit Perlen und Demanten geschmückt, – wie man ihr Bild im Schlosse zu Husum sah, und gebot ihnen, die Netze noch einmal auszuwerfen, aber den besten Fisch, den sie fingen, den sollten sie wieder ins Wasser werfen. Die Fischer taten den glücklichsten Zug, der seit St. Petri Zeiten getan worden, und der beste Fisch, der hatte Flossen von Smaragd, Schuppen von gemünztem Gold, und seine Nase war mit Perlen besetzt. Der eine Fischer wollte dieses Prachtstück gleich wieder in die Flut werfen, dem andern aber fraß die Habgier am Herzen, und er verbarg den Fisch gegen den Willen des andern, seines Gefährten. Rasch wurde fortgerudert, aber da begannen alle andern Fische auch Schuppen von gemünztem Gold zu bekommen und Perlen am Oberkiefer, und Edelsteine statt der Flossen, und da wurde der Kahn so schwer, so schwer, und sank, und der Habgierige mußte ertrinken, der andere aber konnte nur mit genauer Not sein Leben retten. Ludwig Bechstein Götzens Turm. Die Stadt Heilbronn hat ihren Namen vor grauen Zeiten von den heilsamen Wasserquellen erhalten, die Kaiser Karl der Große selbst entdeckt haben soll. Nach alten Urkunden ward der Name Heilicobrunn im neunten Jahrhundert einer Königspfalz allda zuteil, deren Grundbau in einem Haus am Markt noch erkenntlich sein soll. Nach der Sage ist der schönste Brunnen in der St. Kilianskirche, und unterm Hochaltar hört man noch den Siebenrohrbrunnen rauschen, dessen Röhren längst versiegten; am hohen Kirchturm aber ist gar wunderliches, phantastisches Bildwerk in Stein gehauen, Menschen, die im Schatten ihres einen großen Fußes ruhen, Menschen mit Augen auf der Brust, ohne Kopf, und sonstiges abenteuerliches Gebilde mehr. Dort zu Heilbronn steht an der Mauer, hart am Zwinger, ein viereckiger Turm, der heißt Götzens Turm, darum, weil der biedere Ritter Götz von Berlichingen einige Zeit darin gefangengehalten wurde. Dies war ihm darum widerfahren, weil er treulich zu seinem Herzog Ulrich hielt, den seine Untertanen genötigt hatten, landflüchtig zu werden. Aber der tapfere Ritter wurde von dem schwäbischen Bunde zu Möckmühl gefangengenommen und in die Herberge zu Heilbronn geschleppt. Da sollte Götz dem Bunde Urfehde schwören, das heißt schwören und geloben, gegen ihn keine Waffen zu tragen, erlittene Unbill und Verstrickung nimmer zu rächen, das Land zu meiden, aller Orten und Enden aber auf jede an ihn ergehende Vorladung des Bundes sich zur Haft und zum Verhör zu stellen. Solches alles hatte eine Urfehde auf sich, die jeder, der sie beschwor, noch dazu mit seinem adeligen Wappen besiegeln mußte. Götz tat's aber nicht, schlug das Begehren stracks ab und sagte: »Da will ich eher ein Jahr im Turme liegen.« – Da schickten sie die Weinschröter, die sollten Götzen anfassen, doch da zog Götz vom Leder und zückte seine Wehre, die ihm gelassen war; da schnappten die Küfer wieder hinter sich und baten, nur die Klinge wieder einzustecken, sie wollten ihn nicht weiter führen als auf das Rathaus. Vom Rathans aber ward er doch in den Turm geführt und mußte eine Nacht darin liegen, vom Pfingstabend bis auf den Pfingstmontag. Danach kam ihm Hilfe zu von seinen Freunden, Herrn Franziskus von Sickingen und Georg von Frundsberg, die erwirkten ihm ehrliche Haft, die währte bis ins vierte Jahr, da löste er sich mit zweitausend Goldgulden. Das war jedoch noch lange nicht so viel Lösegeld, als der biedere Götz dem Grafen Philipp II. zu Waldeck abnahm, als er ihm unterhalb der Wetterburg aufgelauert hatte und die Raubwölfe seine lieben Gesellen nannte. Aloys Wilhelm Schreiber Das Himmelreich. Siegbert, ein edler Alemanne, lebte in überrheinischen Landen zu der Zeit, als Attila, der sich die Geißel Gottes nannte, mit seinen wilden Scharen das schöne Rheintal überflutete. Siegbert war alt und unvermögend, die Waffen zu führen, darum nahm er seine Hausfrau und Tochter und einige treue Knechte und floh mit ihnen in die Berge am Neckar und wählte da eine einsame Gegend zu seinem Aufenthalt. Seine Tochter Friedehild war schön und züchtig und von sehr einnehmendem Wesen. Sie pflegte liebreich ihres kranken Vaters und besorgte die Wirtschaft, wie es Sitte war bei den Frauen jener Zeit. Eines Tages stieg sie in das Tal herab, um heilsame Kräuter zu suchen, aus denen sie einen Trank bereiten wollte für ihren Vater. Am Ufer des Flusses begegnete ihr ein Jüngling von edlem Ansehen, der sich auf der Jagd verloren hatte von seinem Gefolge. Er grüßte die Jungfrau freundlich und erkundigte sich nach dem Wege. »Ich bin noch fremd in der Gegend,« sagte Friedehild, »denn wir wohnen erst seit einigen Monaten im Neckartale; wollt Ihr aber mit mir kommen zu meinem Vater, so wird er Euch gern als Gast aufnehmen.« Der Jüngling ließ sich das gern gefallen, und während er an der Seite der Jungfrau den Hügel hinanstieg, konnte er sein Auge nicht abwenden von ihrer Gestalt. Siegbert empfing den Fremden mit einem treuherzigen Händedruck und ließ ihm Brot und Wein vorsetzen; denn der Weinstock blühte damals schon an der Bergstraße und im oberen Rheingau. Erst nachdem sich der Jüngling erquickt hatte, fragte Siegbert nach seinem Namen und seiner Heimat. »Ich heiße Griso,« antwortete der Fremde, »und meine Hofmark liegt im fruchtbaren Kraichgau. Mein Vater kam um auf einem Heerzug gegen die Franken, und seit einem Jahre ist auch meine Mutter tot. Jetzt leb' ich mehr in den Wäldern als zu Hause; denn wenn das Haus keine Frau hat, so ist es dem Mann eine Einöde.« Siegbert und Griso redeten noch mancherlei von den Begebnissen der Zeit und von dem, was sie selbst anging, und trennten sich als Gastfreunde. Der Jüngling nahm Friedehildens Bild mit in seinem Herzen und ließ das seinige zurück in ihrem Herzen. Sie schaute jetzt öfter aus dem Fensterbogen des Erkers als vorher und flocht sorgfältiger ihre schönen blonden Haare, und die Mutter mußte sie manchmal erinnern, daß es Zeit sei, dies oder jenes zu tun, was sie sonst immer getan hatte ohne Mahnung. Nach einigen Tagen kam Griso wieder. Friedehild stand eben am Brunnen und wusch sich das blühende Antlitz mit dem frischen Quellwasser. »Edle Jungfrau,« sagte der Jüngling, »seit ich Euch gesehen, ist der Friede von mir gewichen, und mein Haus kommt mir vor wie ein Ort der Verbannung. Darf ich bei Euren Eltern um Eure Hand werben?« Das Mädchen errötete und schlug den Blick schamhaft zur Erde. »Darf ich?« wiederholte Griso mit flehender Stimme. Sie erhob ihr Auge ein wenig und flüsterte ein Ja, aber so leise, daß nur die Liebe es verstehen konnte. Griso faßte sie bei der Hand, ging mit ihr zu den Eltern und trug ihnen seinen Wunsch vor. »Wenn meine Tochter will,« versetzte Siegbert, »so gebe der Himmel seinen Segen dazu.« Die Mutter nickte Beifall und faltete die Hände zu einem stillen Gebet. Da zog der Jüngling eine kunstvoll gearbeitete goldene Kette hervor und reichte sie Friedehilden dar. »Diese Kette,« sagte er, »hat früher schon einen schönen Nacken geschmückt, meine Schwester trug sie und schenkte sie mir zum Andenken, als sie in den Hain der Hertha geführt wurde, um der Göttin geopfert zu werden im stillen, tiefen See.« Bei diesen Worten ging ein Schauer durch die Seele Friedehildens, und beide Eltern erblaßten. »Ihr seid also kein Christ?« fragte die Mutter mit zitternder Stimme. »Nein,« erwiderte der Jüngling unbefangen. Friedehild stand da wie eine zerknickte Lilie. »Wir sind Bekenner des Kreuzes,« hub Siegbert nach einer kurzen Stille an, »und so Ihr Euch nicht taufen laßt, könnt Ihr nie der Gatte meiner Tochter werden.« »Ich liebe diese Jungfrau mehr als mein Leben,« antwortete Griso, »aber ich kann den Zorn der Götter nicht auf mich laden und auf mein Geschlecht.« »Es ist nur ein Gott,« rief Siegbert, »und der heißt weder Wodan noch Thor. Geh, Jüngling, und bedenke dich! Hebe deine Hände auf zum Himmel, auf daß er dir sein Erbarmen sende!« Griso wandelte traurig nach Hause. In seinem Innern war ein großer Kampf, und schon schien seine Liebe siegreich zu werden über seinen Glauben, da führte ihn sein Weg an Wodans heiliger Eiche vorüber, und ein Grauen kam in sein Gemüt. Bei Eintritt in seine Hofmark fiel sein Blick auf das Bild des Grenzgottes, welches jährlich um die Flur getragen wurde. »Soll ich das Bild umwerfen und das Kreuz an seine Stelle setzen?« sagte er bei sich. Aber plötzlich kam es ihm vor, als sähe er den Geist seines Vaters in dem Abendgrau daherschreiten und sich zur Hut vor den Grenzgott stellen, und von Herthas geweihtem Haine schien eine warnende Stimme auszugehen. Er flüchtete ängstlich in seine Wohnung und gelobte, noch ferner den Göttern seiner Väter treu zu bleiben. Um Friedehildens blühende Jugend zogen sich jetzt viele trübe Wolken zusammen. Mit hoher Ergebung brachte sie ihre Liebe zum Opfer, aber ein verzehrendes Weh blieb in ihrem Herzen. In kurzer Zeit begrub sie ihren Vater und ihre Mutter, und nun beschloß sie, ihre Tage dem Herrn zu weihen. In der Wildnis des nahen Gebirges ließ sie sich eine Klause und eine Kapelle errichten und zog dahin und legte ein rauhes Gewand an. Die wilden Tiere des Waldes ehrten ihren Aufenthalt und taten ihr nie etwas zuleide. Die Vögel nisteten gern in den Bäumen vor ihrer Hütte, und die Hirsche lagerten sich traulich um das hölzerne Kreuz vor ihrer Klause her, wo sie zu beten pflegte. Vier Jahre brachte die fromme Dulderin in dieser Abgeschiedenheit zu, da fühlte sie ihr Ende herannahen. Mühsam schleppte sie sich an einem Sommerabend aus ihrer Zelle zu dem Kreuz und sagte: »Hier will ich sterben.« Sie ließ sich auf einen Stein nieder, und der Docht ihres irdischen Lebens war am Erlöschen. Da kam ein alter Priester daher, der sich im Gebirge verirrt hatte. Friedehild lächelte ihm entgegen. »Vater,« sagte sie, »dich schickt der Herr, daß du mich einsegnest zum Tode.« Der Priester legte ihr die Hände auf das Haupt und sprach ein Gebet über sie. Die Jungfrau bat ihn, sie unter dem Stein am Kreuz zu begraben und eine Schrift auf ihr Grab zu setzen. Gleich darauf verschied sie, aber in ihrem Antlitz war kein Kampf des Todes, sondern die Ruhe eines schlummernden Kindes. Des andern Tages rief der Priester einige Bewohner der Gegend, um ein Grab zu machen. Die Tiere der Wildnis liefen in Menge herbei und sahen traurig zu, wie der Leichnam in das Grab gelegt und der Stein darauf gewälzt wurde. Auf den Stein schrieb der Priester die Worte: »Hier ruht Friedehild, die ihre Liebe zum Opfer brachte, damit sie ihre Seele retten möge. So stark macht nur der Glaube des Kreuzes.« Im Spätherbst desselben Jahres kam Griso auf den Berg, wo Friedehildens Klause stand. Ein Hirsch, welchen er verfolgte, hatte seine Zuflucht dahin genommen und blieb furchtlos am Grabe der Dulderin stehen. Das befremdete den Jäger, und er trat hinzu und las die Schrift. Jetzt fiel es wie ein Himmelsstrahl in die Nacht seiner Seele. Er warf sich mit Tränen zur Erde und gelobte, den Glauben seiner Geliebten anzunehmen. Er ließ sich taufen und baute auf der Stelle ein Kloster und nannte es Himmelreich. In dem Kloster lebte er viele Jahre, und sein Ende war wie Friedehildens Ende. Nach seinem Tode wurde er neben ihr beigesetzt. Johann Georg Theodor Gräße Der starke Hermel. Vor alten Zeiten kamen große Heidenheere den Rhein herabgezogen, nahmen das Land am Ufer ein und sahen es als ihr Eigentum an. So kamen sie auch in die Berge des Bergischen Landes, und da sie bessere Schilder und Schwerter hatten, zwangen sie die Bewohner, ihnen zu dienen. Das ging aber nur so lange, als es eben ging; denn endlich wurden sie wieder mit Schimpf zum Lande hinausgetrieben. Das geschah auf folgende Weise. Es lebte in jenen Bergen ein junger Bursche, den sie alle den starken Hermel nannten. Er war von hoher Gestalt, wohl sechs Ellen lang, breitschultrig, und hatte gewaltige Kräfte. Dabei war er aber so gutmütig, daß er keinem Kind etwas zuleide getan hätte. Seine Geduld war so groß, daß man ihn kaum zum Zorn reizen konnte, und in seiner Einfalt tat er alles, was ihm seine Herren befahlen. Als er zwanzig Jahre alt war, sollte er den fremden Heiden dienen. Die freuten sich sehr des kräftigen Gesellen und meinten, daß er ihnen manch schönes Stück Arbeit verrichten solle. Das tat er denn auch, aber viel besser, als den Herren lieb war. Als der Tag kam, wo er seine Arbeit beginnen sollte, da schlief er, bis die Sonne hoch am Himmel stand, und es kümmerte ihn wenig, daß die andern Dienstleute schon lange in der Scheune gedroschen hatten. »Fauler Tagedieb,« sprach man zu ihm, »du wirst wohl dein Tagewerk nicht mit andern fertig bekommen.« Da sah er sich um nach dem, was die andern schon gedroschen hatten, und nach dem, was noch übrig war, und sprach dann ruhig: »Um so geringer Arbeit willen hättet ihr mich wohl nicht so frühe in meinem Schlaf zu stören brauchen, mit dem ganzen Vorrat mag ich noch vor Mittagszeit fertig werden, wenn man mir nur danach genug Bier und Fleisch zur Mahlzeit und Stroh zum Lager geben will.« Dies wurde ihm versprochen. Darauf ging der starke Hermel in den Wald und zog einen mannshohen Eichenstumpf aus der Erde, wie man eine Rübe aus dem Felde zieht, hierauf riß er eine der längsten Tannen aus und befestigte daran den Eichenstumpf mit einem tüchtigen Seil. »So,« sprach er, »nun hab' ich einen guten Dreschflegel.« Damit ging er zur Scheune, deckte vorsichtig das Dach ab, wie man einen Deckel nimmt, und stellte es beiseite, daß es keinen Schaden litt beim Dreschen. Wer hat jemals solch Dreschen gesehen? Das Stroh stob umher nicht anders, als habe es ein Wirbelwind ergriffen. So war er denn in einer halben Stunde mit dem ganzen Vorrat zu Ende. Darauf kehrte er das Dach um, schüttete das gesamte Korn in die Höhlung desselben und schüttelte es wie eine Futterschwinge, indem er mit vollen Backen hineinblies, daß die Spreu davonstob. Zuletzt trug er das Getreide in großen Säcken auf den Speicher und schüttete es dort auf. Solange ihn die Heiden so arbeiten sahen, freuten sie sich über den wackeren Knecht. Doch als er jetzt einen Wagen mit Stroh belud, wie er sich ausgedungen hatte, und zwar so voll, daß die Ochsen ihn nicht zu ziehen vermochten, da fingen sie an, sich untereinander böse Blicke zuzuwerfen. Der starke Hermel aber kümmerte sich wenig darum, stieß die Ochsen mit den Köpfen zusammen, warf sie dann oben auf den Wagen und sagte, indem er ihn selbst zog: »Für Fleisch wäre nun ja gesorgt, jetzt fehlt mir nur noch das Brot.« Das war den Heiden denn doch zu viel. Sie sprachen: »Wenn der starke Hermel also mit Bäumen, Häusern, Ochsen und Wagen umspringt, so kann er uns am Ende wohl mehr schaden als nützen. Es ist Zeit, daß wir ihn los werden.« Sie hielten also Rat, wie sie ihn am besten aus dem Wege räumen könnten. Unterdessen aber gaben sie ihm einige Malter Mehl, damit er daraus für sich und seine Genossen Brot backen möge. Als man hinkam, es abzuholen, da lag der starke Hermel wieder auf seinem Stroh und schnarchte laut. Der Ofen war längst erkaltet und weder Brot noch Mehl zu finden. Man weckte ihn endlich auf und fragte danach. Er rieb sich die Augen und die Stirn und sagte nach langem Besinnen: »Ihr hattet mir keine Zuspeise zu meinem Ochsenbraten gegeben, da habe ich das Brot, wie es aus dem Ofen kam, zu dem Fleisch verspeist. Für solche Mahlzeit will ich euch wohl alle Tage arbeiten, so viel ich vermag.« Da meinten die Heiden, daß es Zeit sei, ihren Plan auszuführen, und einer sprach zum starken Hermel: »Komm hinunter in den Hof, Hermel, dort sollst du einen Brunnen reinigen, der ist fünfzig Klafter tief; wenn du das getan, so magst du dein Nachtmahl bekommen, wie du es gern hast.« Der starke Hermel stieg getrost in den tiefen Brunnen und füllte unten den Eimer mit Schlamm, der alsdann heraufgezogen wurde. Unterdessen wälzten die Heiden hinterlistig eine Menge großer Steine an den Rand des Brunnens und stürzten sie dann plötzlich hinab, um den starken Hermel zu zerschmettern. Der sang aber ein lustiges Lied zur Arbeit und ließ sich darin gar nicht durch die stürzenden Steine stören. Nur zuletzt, als immer gewaltigere Blöcke fielen, rief er hinauf: »So jagt doch die Hühner dort oben vom Brunnenrande hinweg, die scharren mir soviel Kieselsteine und Staub in die Augen, daß ich nicht mehr arbeiten kann.« »Ei,« dachten die Heiden, »wenn du das Kieselsteine nennst, so wollen wir dich schon etwas anderes lehren.« Da mußten zehn Mann mit Hebebäumen einen gewaltigen Mühlstein an den Brunnenrand rollen und ihn endlich hineinstürzen. »Jetzt wird er nicht mehr spotten,« jubelten die feigen Männer. Aber da lachte der starke Hermel recht herzlich aus der Tiefe des Brunnens herauf und rief: »Tausend Dank, ihr lieben Herren, für den schönen, dauerhaften Halskragen, den ihr mir da heruntergeworfen habt.« Da schauten sie erstaunt hinab, und siehe da, der Hermel arbeitete ruhig fort und trug den Mühlstein um seinen Hals, wie ein Knabe ein feines Sonntagskräglein. Das war den Heiden denn doch zu arg, und sie beschlossen, das letzte zu versuchen. Acht Pferde wurden an einen Lastwagen gespannt und mußten eine gewaltige Turmglocke herbeischleppen. Diese stürzten sie in den Brunnen und dachten: »Nun hat er endlich seinen Teil.« Der starke Hermel hörte auf zu singen, aber er rief hinauf: »Tausend Dank, ihr lieben Herren, für die schöne Kappe, die ihr mir da heruntergeworfen habt.« Da sahen sie wieder hinab und erblickten den starken Hermel, wie er die Glocke auf seinem Kopfe trug und lustig darunter hervorguckte. Da schien es ihnen Zeit, davonzulaufen. Er aber hatte seine Arbeit vollendet, stieg aus dem Brunnen heraus und sagte: »Ich nehme euch den kleinen Spaß nicht übel, nur müßt ihr mir die schönen Dinge, die ihr mir heruntergeworfen habt, zum Geschenk lassen.« Da waren sie froh, also mit heiler Haut davonzukommen. Er aber bat sie, ihm doch noch ein Stück Arbeit bis zum Sonnenuntergang aufzutragen, da ihm sonst das Abendbrot nicht recht schmecke, wenn er vorher nicht recht tüchtig gearbeitet habe. Da berieten sie unter sich und schickten ihn endlich in die Teufelsmühle, damit er dort so viel Korn mahle, als er zu seinem Nachtessen brauche. Die Teufelsmühle war aber ein alter, verwünschter Bau, wohin niemand mehr zu gehen wagte, da der Teufel jedem, der sich dort sehen ließ, den Hals umdrehte. So stand denn das alte Mahlwerk still, und das Haus war seit langen Jahren unbewohnt. Der starke Hermel nahm einige Säcke voll Korn auf die Schulter und ging zur Mühle hinab. Er fürchtete sich gar nicht; denn er hatte noch niemals vom Teufel und von Gespenstern gehört. Unten schüttete er sein Getreide auf und setzte den Mahlgang in Bewegung. Kaum aber hatte es angefangen zu knarren und zu klappern, so kroch auch schon ein Ungetüm heran und griff mit ellenlangen Klauen nach dem Hermel. Der aber faßte ohne sonderliche Mühe den Unhold und setzte ihn auf den Mahlstein. Da fing er an jämmerlich zu schreien, denn das Feuer sprühte aus seinen Knochen, und bat um Freilassung. Der Hermel hielt ihn aber so lange fest, bis das ganze linke Bein abgerieben war; dann ließ er den Bösen los. Mit Schreien und Wimmern sprang er davon und drehte sich wie ein Kreisel auf seinem einzigen Bein. Danach schüttete der Hermel das fertige Mehl in die Säcke und kehrte fröhlich zu seinen Herren zurück. Wie wunderten sich diese, als sie ihn wohlbehalten zurückkehren sahen, und noch mehr, als sie vernahmen, wie er den bösen Geist gebändigt habe. Es blieb ihnen also nichts übrig, als ihm wieder zwei Ochsen zur Abendmahlzeit zu geben. Diese verzehrte er wohlgemut, rückte sich sein Steinkrägelchen und seine Glockenhaube zurecht und legte sich sodann aufs Ohr zum Schlafen nieder. Bei Tagesanbruch riefen die Heiden Hermel wieder und sprachen zu ihm: »Hermel, du machst uns zu armen Leuten, wenn du noch länger bei uns bleibst; geh also in die Hölle zum Teufel und sag' ihm, er möge dir einen Sack mit Geld geben, so groß und schwer, wie du ihn tragen kannst. Den bring uns herauf, dann sollst du gute Tage haben.« Der Hermel war's zufrieden und bat nur, daß sie ihm einen Wegweiser mitgäben, der ihn bis ans Tor der Hölle führe. Da gaben sie ihm einen Jungen, der führte ihn bis zum Heidenkeller bei Vollberg. Dort stieg der Hermel hinab, und der Bursche kehrte zurück und erzählte das den Herren, da jubelten sie wiederum und sprachen: »Nun endlich sind wir ihn los, jetzt ist es ganz gewiß um ihn geschehen. Nirgends ist der Hahn so frech als auf dem Mist, und den Teufel in der Hölle wird auch der Hermel nicht unterkriegen.« Der Hermel hatte unterdessen saure Arbeit. Er arbeitete sich stundenlang unter dem Berge in langen, dunklen Gängen durch, wohin niemals ein Sonnenstrahl gefallen war. Endlich stand er vor einem eisernen Tore. Er pochte und rüttelte daran, aber lange Zeit vergebens. Da tat er einen gewaltigen Fußtritt dagegen, daß die Tür mit Krachen zusammenbrach. Nun blickte er tief unten in einen großen Raum, der von unzähligen Feuern erhellt war, um die sich seltsame Gestalten bewegten, wie er sie nie gesehen hatte. Er stieg nun die große Treppe in die Tiefe hinab und verscheuchte mit dem Sacke, den er mitgenommen, die großen Fledermäuse, die seinen Kopf umschwärmten. Da hüpfte ihm das Teufelchen entgegen, dem er gestern das linke Bein abgerieben hatte. Es hatte den Einsturz des Tors vernommen und wollte sehen, was es gäbe. Wie es aber den starken Hermel erblickte, da hielt es sich ängstlich sein einziges Bein fest und sprang mit Geheul so schnell davon, wie es nur vermochte. Der Hermel wurde nun zu dem Höllenfürsten selbst geführt. Der saß auf einem feurigen Thron und fragte ihn, wer er sei und was er hier wolle. Da erzählte der Hermel ihm treulich, wie seine Herren ihn nicht mehr auf der Erde ernähren könnten, und wie sie ihn deshalb in die Hölle geschickt hätten, um Geld zu holen. Der Teufel lächelte und sagte: »Du bist ein wackerer Bursche, ich will dir drei Stücklein vorschlagen, die wollen wir um die Wette ausführen. Wenn du sie mir nachmachen kannst, so sollst du das Geld haben, wo nicht, so bist du mein eigen.« – »Nur heraus damit, Herr Teufel,« sagte der Hermel. Da holte dieser ein großes Jagdhorn, das unten so weit wie die größte Weintonne war, und sprach: »Nun laß uns sehen, wer am stärksten blasen kann!« Der Teufel setzte zuerst an und blies einen Ton, so gewaltig, daß der Berg erbebte und sechs der nächtlichen Feuer erloschen. Als aber der starke Hermel ins Horn stieß, gab es einen Knall, das Horn zerplatzte, und ein Stück flog dem Teufel an den Kopf, daß ihm die Hörner wackelten und das Blut aus der Nase floß. Ringsum aber waren wohl hundert Feuer erloschen, und die beiden Bläser standen fast im Dunkeln. Darauf holte der Teufel einen Stein, so groß wohl wie ein Backhaus, und warf ihn gerade in die Höhe, daß er wohl den Wipfel eines Pappelbaumes erreicht hätte. Nun sollte der Hermel werfen. Er wog den Stein lange in der Hand und sagte dann: »Ich will, ehe ich werfe, doch hinausgehen in den Wald und einige Eichbäume holen, die stärksten, die ich finden kann.« – »Was willst du denn damit?« fragte der Teufel. »Das Gewölbe stützen,« antwortete der Hermel, damit es nicht über uns zusammenbricht, wenn ich den Stein dagegen werfe.« Da wurde dem Teufel angst und bange, er wollte sich nicht wieder besiegen lassen und machte sich unter einem Vorwande, woran er allzeit Überfluß hat, still davon. Der starke Hermel aber packte seinen Sack voll Geld und ging damit zu seinen Herren, die ihren Augen nicht trauten, als sie ihn kommen sahen. Sie hatten ihre Freude über den erworbenen Schatz und gedachten nicht, dem treuen Hermel ihr Wort zu halten, vielmehr sannen sie sogleich auf einen neuen Anschlag, wie sie den wackern Burschen aus der Welt schafften. Eines Tages schickten sie ihn in den Wald, um dort Holz zu fällen. Nachdem er hier viele Bäume geschlagen und aufeinandergeschichtet hatte, legte er sich nach seiner Gewohnheit hin, um ein Mittagschläfchen zu machen. Rings um ihn her waren viele Haufen gefällten Holzes aufgeschichtet, in deren Schatten er lag. Da schlichen die hinterlistigen Heiden heran und steckten an vielen Stellen zugleich das Holz in Brand. Bald war rings um den starken Hermel eine einzige Flamme. Anfangs hörte man ihn noch schnarchen, allein endlich vernahm man nichts mehr als das Geprassel der Flammen und des Holzes. Da erhoben die feigen Männer ein Jubelgeschrei und sprangen lustig um das Feuer, denn sie glaubten, nun sei es endlich vorbei mit dem starken Knaben. Mit einem Male aber fing er an zu husten und rief: »Was ist das für ein Rauch, und wie ist meine schöne Kappe so warm geworden?« Und sogleich sprang er über die brennenden Holzhaufen hinweg, schrecklich anzusehen in seinen versengten Haaren und Kleidern, und ergriff, als er die Verräter erblickte, einen Eichbaum, riß ihn mit den Wurzeln aus der Erde und schlug sie tot, wo er sie traf. Die erschlagenen Menschen steckte er, als wären es kleine Vöglein, an eine lange Stange und hing sie über seine Schultern. Nur wenige Heiden entkamen über den Rhein, und sie haben sich seit dieser Zeit in unsern Landen nicht wieder sehen lassen. Ludwig Bechstein Herrgottstritte. In der schwäbischen Alb im Aalbuch über Heubach liegt die Burgruine Rosenstein auf einem steilen und schroffen Felskegel, der dennoch von wildem Rosengesträuch dicht überwachsen ist. In ihrer Nähe ist eine tiefe Höhle, die Scheuer geheißen, die sich eine halbe Stunde durch den Berg hindurch erstrecken und mit der Burg in Verbindung stehen soll. Auf dem nahen Hochberge soll eine Stadt, Hochstadt oder Hochstädt, vordessen gestanden haben, die mit der Burg durch eine lederne Brücke verbunden war, gerade wie auch die Burg Kalenberg und Burgstall bei Friedingen an der Donau. Auf Burg Rosenstein gegenüber dem Scheuelberg hat Christus der Herr gestanden; der Teufel zeigte ihm von da alle Herrlichkeit der Welt und wollte, daß Christus niederfalle und ihn anbete – also geht die Sag'. Aber Christus warf den Versucher in die nahe Teufelsklinge und trat von dem Burgberg hinüber auf den Scheuelberg (Schauelberg) hoch über das Tal von Heubach hinweg, und prägte seiner Fußtritte Spur beiden Felsen tief ein. Zu diesen Tritten ist hernachmals häufig gewallfahrt worden, auch ward ein Marienbild nahebei aufgestellt, aber die württembergische Regierung verbot in einem strengen Edikt vom 8. Juni 1740 das Wallen und ließ den Hergottstritt auf Rosenstein mit Pulver wegsprengen, das gipserne Marienbild aber einziehen, um Aberglauben zu verhüten. In der Teufelsklinge mußte der Teufel tausend Jahre gefesselt liegen und grimmige Tränen weinen, die als trübes Wasser aus ihr zutage flossen, nunmehr aber ist er schon längst wieder los und spaziert hin, wohin es ihm beliebt. Auf dem Scheuelberg wachsen nahe dem Hergottstritt Wetterkräutlein, vor denen scheuen sich die Gewitter und zerteilen sich an seinem Scheitel. Ludwig Bechstein Der fliegende Holländer. Im Lande Limburg liegt ein altes Schloß, das ist Falkenberg genannt, darin es spukt und umgeht. Eine Stimme ruft gegen die vier Wände den Klageruf: »Mörder! Mörder!« – Zwei kleine Flämmchen flackern vor der Stimme her, aber den Rufer sieht keiner. Und das ist also seit sechshundert Jahren. Damals, vor so langer Zeit, stand das Schloß noch in seinem Glanze, zwei Brüder von Falkenberg wohnten darin, die hießen Waleram und Reginald, und sie liebten beide die schöne Tochter eines Grafen von Cleve, Alix. Waleram war der Glückliche, den die Jungfrau erkor, und feierte mit ihr glänzende Hochzeit. Dem verschmähten Reginald aber wandte der Rachegeist das Herz im Busen, und er ging hin und ermordete die Liebenden in ihrem Brautbette. Im Todeskampf griff Waleram in des Bruders Mordwaffe, schlug ihm die blutende Hand ins Gesicht und sank dann tot zurück. Der Mörder schnitt vom Haupte der von ihm erdolchten Braut eine Locke, war auch nirgends zu finden, als man die Toten fand und bejammerte und den Mörder ahnte. Es lebte dazumal nicht allzu weit vom Schlosse Falkenberg ein frommer Einsiedler, dessen Klause neben einer kleinen Kapelle stand. Bei dem klopfte es an um Mitternacht und begehrte Einlaß im Namen des Himmels. Reginald war's, den die Reue marterte und auf dessen Gesicht die Spur einer blutigen Hand unaustilgbar sichtbar war, ein Wahrzeichen, das kein Wasser abwusch. Reginald beichtete dem Einsiedler seine schwere Schuld, und der hieß ihn mit ihm gehen, führte ihn in die Kapelle, kniete mit ihm am Altare und betete mit ihm die ganze Nacht. Am andern Morgen gebot der Einsiedler dem Grafen Reginald von Falkenberg: »Wandelt als büßender Pilger gen Norden und immer gen Norden, bis Ihr keine Erde mehr unter den Füßen habt, dann wird Gott Euch durch ein Zeichen offenbaren, was Ihr weiter beginnen sollt.« Da sprach Reginald kein weiteres Wort als Amen! verbrannte an der ewigen Ampel des Altars Alixens Locke und ging von dannen gen Norden und immer gen Norden und büßte und betete. Und da gingen zwei Gestalten mit ihm, eine Weiße zu seiner Rechten und eine schwarze zu seiner Linken; die zur Rechten bestärkte ihn im Büßen und Beten, die zur Linken aber flüsterte ihm zu, davon abzulassen und den Freuden der Welt zu leben. Und so kämpften sie um seine Seele, und dieser Kampf, den er im Herzen fühlte und mitkämpfte, war seine Buße. So ging er Tage lang und Wochen lang und Monden lang, bis er am Meere stand und kein Erdreich mehr vor sich sah, darauf er seinen Fuß hätte setzen können. Aber da fuhr ein Nachen heran, darin saß einer, der winkte Reginald und sprach: »Exspectamus te!« das heißt: »wir erwarten dich.« Das war das Zeichen, Reginald stieg in den Kahn und die zwei Gestalten mit ihm. Der Mann im Nachen stieß ab und fuhr nach einem großen Schiffe hin, das im Meere lag, alle Segel aufgespannt und alle Flaggen aufgezogen. Da stiegen die drei an Bord, der Mann samt dem Nachen verschwand, und das Schiff segelte durch das Meer. Reginald aber ging unter das Verdeck des Schiffes, das ganz menschenleer war und ohne alle Bemannung; da stand eine Tafel und Stühle; die drei setzten sich, die schwarze Gestalt legte drei beinerne Würfel auf den Tisch und sprach: »Jetzt wollen wir um deine Seele Würfeln bis zum Jüngsten Tag.« Und das tun sie noch heute. Ohne Ruder und ohne Steuer fährt das Schiff durch den Ozean im Norden, zur Nacht wabern Flammen auf seinen Masten und tanzen auf den Rahen. Seine Segel sind grau wie Erde, seine Flaggen find fahl wie abgebleichte Bänder an Totenkränzen. Sein Bord ist leer, und am Steuer steht kein Steuermann. Sein Gang ist Flug und sein Begegnen ist Fluch, Unheil verheißend dem Fahrzeug, dem es begegnet. Mancher Schiffer hat es schon gesehen, und es hat ihm Grausen erregt. Selbst bei Windstille fliegt es wie ein Pfeil über die Meeresfläche, und die Seeleute nennen es den » fliegenden Holländer «. Ludwig Bechstein Hünenspiel. Bei Höxder, zwischen Godelheim und Ameluxen, liegen der Brunsberg und der Wiltberg, auf welchen die Sachsen im Kampf mit Karl dem Großen ihre Burgen gehabt haben sollen. Nach der Sage des Godelheimer Volks wohnten dort ehedem die Hünen, die so groß waren, daß sie morgens, wenn sie aufstanden, aus ihren Fenstern grüßend die Hände herüber und hinüber reichten. Sie warfen sich als Ballspiel Kugeln zu und ließen sie hin und her fliegen. Einmal fiel eine solche Kugel mitten ins Tal herab und schlug in den Erdboden ein gewaltiges Loch, das man noch heute sieht. Die Vertiefung heißt die Knäuelwiese. Die Riesen herrschten im Lande, bis ein mächtiges kriegerisches Volk kam und mit ihnen stritt. Da gab es eine ungeheure Schlacht, daß das Blut durchs Tal strömte und die Weser rot färbte. Alle Hünen wurden erschlagen, ihre Burgen erobert, und das neu angekommene Volk schaltete von nun an in der Gegend. Nach einer andern Erzählung sandte der Riese von Brunsberg dem von Wiltberg täglich einen Brief, der in ein großes Knäuel Garn gewunden war, und so warfen sie es hinüber und herüber. Eines Tages fiel das Knäuel im Lauh, einem Holz unter dem Brunsberg, nieder, und da ist's ein großer Teich geworden, wo lauter Weiße Lilien aufwachsen und wo noch zu dieser Stunde alle Jahre am Ostermontag die Weiße Frau kommt und sich wäscht. Hünengräber und Hünenbetten, aus gewaltigen Steinen machtvoll aufgetürmt, zeugen noch heute von dem mächtigen Geschlecht. Bei Sievern ruht noch unangetastet ein Hünengrab, das Pülzenbette geheißen, von besonderer Art und Größe. Es ist nicht gut, die Hünengräber zu durchwühlen und die längst Begrabenen in ihrer Ruhe zu stören. Ein Kanonikus zu Rammelsloh grub nach an einem Riesendenkmal bei Steinfeld; dem erschienen in der Nacht drei Männer, von denen der eine einäugig war, mit drohenden Blicken, und sprachen zu ihm mit wunderbaren Lauten in uralter Stabreimweise: Heldentod haben hier wir erlitten. Für das Vaterland fochten und starben wir. Störern unsres Staubes strahlt Glücksstern nimmer. Brüder Grimm Der ewige Jäger. Graf Eberhard von Württemberg ritt eines Tages allein in den grünen Wald hinaus und wollte zu seiner Kurzweil jagen. Plötzlich hörte er ein starkes Brausen und Lärmen, wie wenn ein Weidmann vorüberkäme. Er erschrak heftig und fragte, nachdem er vom Roß gestiegen und auf eines Baumes Zweige getreten war, den Geist, ob er ihm schaden wolle. »Nein,« sprach die Gestalt, »ich bin gleich dir ein Mensch und stehe vor dir ganz allein; vordem war ich ein Herr. An dem Jagen hatte ich aber solche Lust, daß ich Gott anflehte, er möge mich jagen lassen bis zum Jüngsten Tag. Mein Wunsch wurde leider erhört, und schon fünfthalb hundert Jahre jage ich an einem und demselben Hirsch. Mein Geschlecht und mein Adel sind aber noch niemand offenbart worden.« Graf Eberhard sagte: »Zeig' mir dein Angesicht, ob ich dich etwa erkennen möge.« Da entblößte sich der Geist; sein Antlitz war kaum faustgroß, verdorrt wie eine Rübe, und gerunzelt als ein Schwamm. Darauf ritt er dem Hirsch nach und verschwand; der Graf kehrte heim in sein Land. Heinrich Hermann Adolf Fick Jan und Griet. Auf dem alten Markte zu Köln erhebt sich ein schöner Laufbrunnen, dessen Spitze die Bildsäule eines keck blickenden Kriegsmannes krönt. Die Figur stellt den berühmten Reitergeneral Johann von Werth dar, der im Dreißigjährigen Krieg auf seiten der Kaiserlichen focht. Was es mit diesem für eine Bewandtnis hatte, weiß wohl jeder Kölner. Für die fremden Beschauer jedoch und nicht minder für die holden Beschauerinnen sei noch einmal erzählt, was im Volksmunde lebt von Jan und Griet. Denn ein Mädchen, »Griet« (Grete) gehört auch zu der Geschichte, und ihr steinernes Bildnis ist zum ewigen Andenken ebenfalls an dem Brunnen angebracht. Früher lag in Köln der »Kümpchenshof«, dessen Haus und Scheunen dichtbelaubte Bäume beschatteten. In den Ställen und auf den Äckern und Wiesen versahen rüstige Knechte und lustige Mägde den Dienst. Der munterste und tüchtigste unter den Knechten war Jan (Johann), die flinkste und schönste Dirne die braunäugige Griet. Aber daß sie hübsch und begehrenswert war, das wußte Griet nur zu genau, und ihr Herz war darum voll Hochmut. Einst an einem hellen Sommertage, als man auf der Wiese am Heu beschäftigt war, trat Jan an Griet heran und erzählte ihr, wie lieb er sie habe und wie er getreulich für sie arbeiten und schaffen wolle, wenn sie nur einwillige, sein Weib zu werden. Da aber lachte Griet gar spöttisch und sprach: »Laß dir deine Lust nach mir vergehen, Jan! Ein Knecht, so wie du einer bist und dein Leben lang bleiben wirst, der paßt mir schlecht zum Manne! Ich meine wohl, daß ich mit meinem Gesicht alle Tage einen Bauernsohn kriegen kann und nicht zu warten brauche auf solch einen armseligen Freier!« Jan war nicht der Bursche, sich lange aufs Bitten zu legen, wo er einmal ungünstigen Bescheid bekommen hatte. Er drehte sich kurz um und pfiff ein überlustiges Stücklein. Innerlich aber wurmte es ihn doch mächtig, daß die Griet ihn abgewiesen hatte; denn er war ihr von ganzem Herzen gut gewesen. Und allgemach war ihm der Kümpchenshof, auf dem sie beide dienten, verleidet, und die Arbeit, die er sonst gern tat, und die ganze Stadt Köln dazu. Er nahm Handgeld und ging unter die Soldaten. Nun steht ein rechtes Kölner Kind niemals gern hinten in der letzten Reihe, wenn vorn die Feinde sind, und Jan gerade erst recht konnte keiner von denen genannt werden, die man zu treiben brauchte, wenn es hieß: »Vorwärts!« Pünktlich, brav und gehorsam war er von Natur, und seit Griet ihn verschmäht hatte, war es ihm überdies gleichgültig, ob man ihm heute oder morgen das Grab machen werde. Darum verrichtete er auch Wunder der Tapferkeit, und weil dazumal nach Gelehrsamkeit nicht viel gefragt wurde, sondern Mut, Tapferkeit und einiges Glück genügten, um selbst den gemeinen Soldaten zum Range eines Befehlshabers emporsteigen zu lassen, so wurde aus dem armen Knechte Jan vom Kümpchenshofe ein Kapitän, ein Oberst und zuletzt ein General, dessen Name Johann von Werth einen gar guten, bei den Feinden aber einen gefürchteten Klang hatte. Und weil Jan daneben auch stattlich von Gestalt war und ein bescheidenes, treues Wesen hatte, bekam er sogar ein schönes, adliges Fräulein zum Ehegemahl. Der Griet war es mittlerweile nicht so ganz nach Wunsch gegangen. Den Knecht hatte sie verschmäht, der Bauer aber, der sie heimführen sollte, fragte nicht nach der armen Magd, die kein anderes Gut hatte als blanke Augen und rote Wangen. So kam es denn, daß Griet ledig blieb. Die roten Wangen wurden fahl und runzlig, und die braunen Augen verloren ihr übermütiges Blinken. Als ein altes, krummes Weiblein hielt sie kümmerlich unter dem Severinstore Äpfel und geröstete Kastanien feil und sah die Bauern aus und ein fahren, von denen keiner sie gefreit hatte. Und eines Tages, da war ganz Köln auf den Beinen und strömte nach dem Severinsviertel. Denn ein siegreicher Heerhaufe sollte in die Stadt einziehen, und der ihn führte, das war der berühmte Feldmarschall Jan von Werth, der in so vielen Schlachten Sieger geblieben, vor dem kein Feind standhielt, der ein Kölner Stadtkind war und vor Jahren auf dem Kümpchenshofe Knechtesdienste getan hatte. In der schattigen, kühlen Ecke aber, im Bogen vom Severinstor saß Griet, verkaufte ihre Ware und schaute blöde die Straße hinauf. Und da kamen sie heran, die wuchtigen stolzen Reiter, und der auf dem prächtigen Streitroß ganz vorne mit dem wallenden Federschmuck auf dem breitrandigen Hute, mit dem kühnen, sonnengebräunten Antlitz – das war der Jan ! Gerade vor dem Apfel- und Kastanienkram hielt er das reichgeschirrte Tier an, schaute nieder zu dem verhutzelten Weiblein und sprach mit leichtem Lächeln vom Roß herunter: »Ja, ja, Griet, wer's getan hätt'!« Und die alte Griet blinzelte wehmütig hinauf zu dem großen Manne, den sie als junge Griet einst so spröde verschmäht hatte. »Ja, Jan, wer's gewußt hätt'!« war alles, was sie seufzend erwiderte. Jan von Werth aber ritt durchs alte Tor in seine Heimatstadt und das Volk jauchzte ihm entgegen. Ludwig Bechstein Ida von der Toggenburg. Rheinaufwärts vom Bodensee liegt die Toggenburg, der uralte Stammsitz der nach ihr genannten Grafen. Darinnen wohnte eine fromme Gräfin, Ida geheißen, aus dem Stamme derer von Kirchberg. Da geschah es eines Tages, daß sie ihren Brautring unter das offene Fenster legte, und die Sonne schien darauf, daß er hell blitzte. Ein Rabe sah den Ring, schoß daher, erfaßte ihn mit seinem Schnabel und trug ihn fort in sein Nest. Wohl vermißte die Gräfin ihren Ring, doch fürchtete sie den Zorn ihres heftigen Gemahls, wenn sie ihm den Verlust melde, und daher schwieg sie. Nach einiger Zeit fand ein Jäger oder sonst ein Diener im Wald des Raben Nest und in dem Nest den Ring der Herrin. Ohne daß er wußte, wem der Ring gehörte, steckte er ihn an seinen Finger und trug ihn ohne Scheu. Bald sah und erkannte der Graf seiner Gemahlin Ring, den er ihr selbst gegeben, am Finger des Knechts, glaubte sie treulos, ließ alsbald den unschuldigen, jungen Gesellen am Schweif eines wilden Pferdes den felsigen Burgweg hinab zu Tode schleifen und warf die ebenso unschuldige Gemahlin vom Söller des Palastes hinab in den waldigen Felsenabgrund. Aber Engel schirmten die Unschuld; sanft sank Ida, von unsichtbaren Händen getragen, durch schützendes Gezweig auf weiches Moos. Inbrünstig dankte sie den Heiligen für ihre wunderbare Rettung und wandelte weit von der Burg hinweg in eine unwegsame Wildnis. Dort erbaute sie sich eine Hütte von Gezweig und lebte als Einsiedlerin nur dem Gebete und der Andacht. Wasser war ihr Getränk, Waldbeeren und Wurzeln waren ihre Nahrung. Bald darauf erzählte ein Diener dem Grafen, wie ein Mitgesell im Rabennest den Ring gefunden habe; und nun lastete seine Tat schwer auf des Grafen Seele. Einstmals verirrte sich unversehens ein Jäger des Grafen in die Waldeinöde, in der die einsame Gräfin hauste. Er erkannte sie sogleich, und schnell trug er diese Kunde zu seinem Herrn, der längst jene übereilte Tat des doppelten Mordes ohne Verhör und Richterspruch bereute. Der Graf eilte zu der Einsiedlerin, wollte sie wieder hinauf in sein Schloß führen und erflehte ihre Vergebung. Aber Ida ließ sich nimmer bewegen. Der Graf von Toggenburg nahm das Kreuz, entbot seine Dienstmannen rings im Schweizerlande und zog mit ihnen zur Büßung und Entsühnung seiner Tat nach dem heiligen Lande, um dort gegen die Ungläubigen zu fechten. Dort kämpfte er in großen Schlachten mit und machte seinen Namen gefürchtet, – aber es zog ihn die mächtige Sehnsucht im Busen immer wieder nach der Heimat zurück; immer noch hoffte er, Ida werde sich wieder mit ihm vereinigen; denn nie hatte er sie so geliebt, als seit er sie wieder gefunden. Und nach einem Jahre schiffte er wieder der Heimat zu. Aber da er nach Ida fragte, ward ihm die Kunde, daß sie im Kloster Fischingen den Schleier genommen und dort lebe, still und heilig. Da tat der Graf allen ritterlichen Schmuck ab, hing Wehr und Waffen in seine Kapelle und pilgerte hinab gen Fischingen als armer Einsiedler, erkor sich einen Platz in der Nähe des Klosters und lebte, büßte und betete daselbst, bis er starb. Aloys Wilhelm Schreiber Die Jungfrau auf dem Lurlei. In alten Zeiten ließ sich manchmal auf dem Lurlei um die Abenddämmerung und beim Mondschein eine Jungfrau sehen, die mit so anmutiger Stimme sang, daß alle, die es hörten, davon bezaubert wurden. Viele, die vorüberschifften, gingen am Felsenriff oder im Strudel zugrunde, weil sie nicht mehr auf den Lauf des Fahrzeuges achteten, sondern zur Höhe hinaufstarrten und, sich selbst und das Schiff vergessend, den himmlischen Tönen der wunderbaren Jungfrau lauschten. Niemand hatte die Jungfrau noch in der Nähe geschaut als einige junge Fischer. Zu diesen gesellte sie sich bisweilen im letzten Abendrot und zeigte ihnen die Stellen, wo sie ihr Netz auswerfen sollten. Jedesmal, wenn sie den Rat der Jungfrau befolgten, taten sie einen reichlichen Fang. Die Jünglinge erzählten nun, wo sie hinkamen, von der Huld und Schönheit der Unbekannten, und die Geschichte verbreitete sich im ganzen Land umher. Ein Sohn des Pfalzgrafen, der damals in der Gegend sein Hoflager hatte, hörte die wundervolle Mär und faßte eine innige Zuneigung zu der Jungfrau. Unter dem Vorwand, auf die Jagd zu gehen, nahm er den Weg nach Wesel (Oberwesel), setzte sich dort in einen Nachen und ließ sich stromabwärts fahren. Die Sonne war eben untergegangen, und die ersten Sterne am Himmel traten hervor, als das Fahrzeug sich dem Lurlei näherte. »Seht ihr sie dort, die verwünschte Zauberin? Das ist sie gewiß!« riefen die Schiffer. Auch der Jüngling hatte sie bereits erblickt, wie sie am Abhang des Felsenberges saß und einen Kranz für ihre goldenen Locken wand. Jetzt vernahm er auch den Klang ihrer Stimme und war bald seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er nötigte die Schiffer, am Fels anzufahren, und noch wenige Schritte davon wollte er ans Land springen und die Jungfrau festhalten. Aber er nahm den Sprung zu kurz und versank in dem Strome, dessen schäumende Wogen schauerlich über ihm zusammenschlugen. Die Nachricht von dieser traurigen Begebenheit kam schnell zu den Ohren des Pfalzgrafen. Schmerz und Wut zerrissen die Seele des armen Vaters, der auf der Stelle den strengsten Befehl, erteilte, ihm die Unholdin tot oder lebendig einzuliefern. Einer seiner Hauptleute übernahm es, den Willen des Pfalzgrafen zu vollziehen; doch bat er sich aus, die Hexe ohne weiteres in den Rhein stürzen zu dürfen, damit sie sich nicht vielleicht durch lose Künste aus Kerker und Banden befreie. Der Pfalzgraf war dies zufrieden. Der Hauptmann zog gegen Abend aus und umstellte mit seinen Reisigen den Berg in einem Halbkreis vom Rheine aus. Er selbst nahm drei der Beherztesten aus seiner Schar und stieg den Lurlei hinan. Die Jungfrau saß oben auf der Spitze und hielt eine Schnur von Bernstein in der Hand. Sie sah die Männer von fern kommen und rief ihnen zu, was sie hier suchten. »Du sollst einen Sprung in den Rhein hinunter machen, Zauberin,« antwortete der Hauptmann. – »Ei,« sagte die Jungfrau lachend, »der Rhein mag mich holen.« Bei diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in den Strom hinab und sang mit schauerlichem Ton: »Vater, geschwind, geschwind, Die Weißen Rosse schick' deinem Kind! Es will reiten mit Wogen und Wind!« Urplötzlich rauschte ein Sturm daher. Der Rhein erbrauste, daß ringsum Ufer und Höhen von weißem Gischt bedeckt wurden; zwei Wellen, welche fast die Gestalt von zwei Weißen Rossen hatten, flogen mit Blitzesschnelle aus der Tiefe auf die Kuppe des Berges und trugen die Jungfrau hinab in den Strom, wo sie verschwand. Jetzt erst erkannten der Hauptmann und seine Knechte, daß die Jungfrau eine Undine sei und menschliche Gewalt ihr nichts anhaben könne. Sie kehrten mit der Nachricht zu dem Pfalzgrafen zurück und fanden dort mit Erstaunen den totgeglaubten Sohn, den eine Welle ans Ufer getragen hatte. Die Lurleijungfrau ließ sich von der Zeit an nicht wieder hören, obgleich sie noch ferner den Berg bewohnte und die Vorübergehenden durch das laute Nachäffen ihrer Reden neckte. Ludwig Bechstein Junker Jörg. Eines Abends ward ein Mann auf die Wartburg gebracht, als schon keine Landgrafen mehr droben wohnten, sondern ein Hauptmann und Amtmann, der hieß Hans von Berlepsch. Dieser brachte den gefangenen Mann selbst zur Wartburg und mit ihm ein Ritter, Burkhard Hund von Wengkheim, der hatte seinen Burgsitz auf dem Altenstein jenseits des Thüringer Waldes, war aber des Kurfürsten zu Sachsen Amtmann zu Gotha. Die beiden hatten Befehl von ihrem gemeinschaftlichen Herrn, dem Kurfürsten, erhalten, einen Mann, der von Möhra her über den Wald beim Altenstein die Straße nach Sachsen ziehen werde, mitten im Walde aufzuheben, um ihn wohlbewacht, doch ungefährdet auf die Wartburg zu bringen, ihn dort gut zu halten und zu Pflegen, auch statt des mönchischen Gewandes, das selbiger Mann trug, ihm ein ritterlich Gewand und ein Schwert zu geben, und der gefangene Mann sollte sich Junker Jörg nennen. Junker Jörg tat aber droben auf der Wartburg die größte Ritterfahrt des Geistes, die je ein Mann getan, er übertrug das Wort Gottes, das alleinige Wort des Heils, die Bibel, in die deutsche Sprache. Solche Arbeit ärgerte und verdroß den Teufel gewaltiglich, und er umsummte und umbrummte den gelahrten Ritter und Doktor gar arg und wollte ihn irremachen, ließ ihm auch des Nachts keine Ruhe, sondern rasselte und rappelte in den Nüssen, die der Doktor in einem Sack unter dem Bette hatte, polterte auch auf dem Boden und auf dem schmalen Gang im Ritterhause vor der Zelle herum; aber der Doktor sprach bloß: »Bist du's, so sei es!« – Aber endlich hat doch einmal der Doktor aus Zorn, als er wieder recht eifrig arbeitete, und der Teufel in Gestalt einer Hummel oder Hornauspe recht eifrig um ihn herumsummte, das Tintenfaß genommen und es nach ihm geworfen, daß ein großer Tintenfleck an der Wand worden, und von da ab hat ihn der Teufel auf Wartburg in Ruhe gelassen. Der Fleck ist aber zum Andenken geblieben, und wenn die Wand überstrichen worden, ist er wieder zum Vorschein gekommen, und endlich hat jeder, der's gesehen, davon ein Bröcklein zum Wahrzeichen mit sich davontragen wollen, da hat er freilich verschwinden müssen, und ist jetzt eher ein Loch in der Wand als ein Fleck. August Witzschel Der im Berge schlafende Kaiser. Von dem Kyffhäuser wissen die Leute in der Umgebung gar vielerlei zu erzählen. Die bekannteste Sage ist, daß wie Kaiser Karolus Magnus zu Nürnberg auf der Burg sich in einen sehr tiefen Brunnen verwünscht habe, so wohne Kaiser Friedrich, der Rotbart genannt, mit seinem Hofgesinde in dem Kyffhäuser. Er sitze darin auf einer Bank an einem Steintisch, halte den Kopf in die Hand gestützt und ruhe oder schlafe, dabei nicke er aber stets mit dem Kopfe und zwinkere mit den Augen, als ob er nicht recht schliefe oder bald wieder erwachen wolle; sein roter Bart sei ihm durch den Tisch hindurch bis auf die Füße gewachsen. Auch stehen die Leute in dem Glauben, daß derselbe vor dem jüngsten Tage wieder aufwachen und sein verlassenes Kaisertum aufs neue antreten und wieder bestätigen werde. Wenn er dann hervorkomme, werde er seinen Schild hängen an einen dürren Baum, davon werde der Baum grünen und eine bessere Zeit werden. Andere sagen, sein Bart sei um den Tisch gewachsen, dergestalt, daß er dreimal um die Rundung des Tisches reichen muß bis zu seinem Aufwachen, jetzt aber geht er erst zweimal darum. Einst pfiff ein Schäfer auf dem Kyffhäuser ein Liedchen. Das gefiel dem Kaiser so wohl, daß er den Schäfer durch einen Zwerg zu sich rufen und ihm aus Dankbarkeit von seinen reichen Schätzen, die in dem Berge vergraben sind, viel Gold geben ließ. Dabei fragte er den Schäfer, ob die Raben noch um den Berg flögen, und da dieser die Frage bejahte, sprach der Kaiser: »Nun muß ich hier noch hundert Jahre schlafen.« Die Landleute in der Gegend sagen: »Solange die Raben den Kaiser-Friedrichsturm umflattern, so lange ist Kaiser Friedrich noch im Innern des Berges und beizt mit dem Falken; sobald aber diese Vögel wegbleiben, ist er erlöst und nicht mehr in dem Berge, sondern die Verwünschung hat ihr Ende erreicht, und der Kaiser ist nun im Himmelssaale.« Aloys Wilhelm Schreiber Kaiser Friedrich der Rotbart. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts baute Kaiser Friedrich der Rotbart zu Lautern im Wasgau aus roten Sandsteinen eine Pfalz, welche auf der einen Seite mit einer starken Mauer, auf der andern mit einem Fischweiher umgeben war. In dem Weiher pflegte der Kaiser manchmal zu fischen. Einstmals setzte er zwei Karpfen hinein, die mit einer goldenen Kette verbunden waren. Sie wurden lange nach des Kaisers Tod gefangen, und die Stadt Lautern nahm sie in ihr Wappen auf. Nach einer Sage, die sich lange erhalten und auch allgemein verbreitet hat, soll Friedrich nicht in Palästina gestorben, sondern beim Baden im Wasser verschwunden sein und in einer tiefen Berghöhle bei Kaiserslautern sitzen. Um den Berg fliegt beständig ein Schwarm krächzender Raben, und wenn diese von dannen ziehen, wird der Kaiser wieder aus dem Berge hervorgehen zur Hilfe der durch die Sarazenen bedrängten Christenheit. Ein Ritter von der benachbarten Burg Beilstein ließ sich's einst gelüsten, in die Höhle hinabzusteigen. Friedrich saß im Purpurmantel an einem steinernen Tisch, um welchen sein Bart schon zweimal herumgewachsen war; neben ihm lagen Schwert, Reichsapfel und Krone. An der Wand lehnte sein Schild, darauf war ein blutrotes Herz abgebildet, von einem weißen Pfeil durchstochen. Als der Ritter eintrat, schaute der Kaiser auf wie aus schwerem Traum und fragte: »Sind die Raben fort?« Als der Ritter es verneinte, versank er wieder in eine Art Schlummer. Sein Enkel, Friedrich II., liebte gleichfalls den Aufenthalt bei Kaiserslautern. Im Jahre 1230 setzte er einen Hecht in den Kaiserswog oder Teich; an den Fisch steckte er vorher einen breiten goldenen Ring mit griechischer Inschrift. Dieser Ring war von gar kunstreicher Arbeit, denn er dehnte sich aus nach dem Wachstum des Fisches. Im Jahr 1479 soll Kurfürst Philipp den Hecht gefangen und auf seine Tafel nach Heidelberg haben bringen lassen. Der damalige Kanzler des Kurfürsten, Johann Cämmerer von Worms, Freiherr von Dalberg, übersetzte die Inschrift wie folgt: »Ich bin unter allen Fischen der erste, welcher durch die Hände Kaiser Friedrich II. in diesen Wog gesetzt worden, den 5. Oktober 1230.« Dieser Fisch, welcher demnach 267 Jahre lang in dem Weiher gesessen, soll 19 Fuß lang und 350 Pfund schwer gewesen sein. Zum Gedächtnis wurde derselbe im Schlosse zu Lautern abgemalt. Ludwig Bechstein Kaiser Karl im Brunnen und im Berge. Eine Fürstin unter den Städten ist Nürnberg, sie war der deutschen Kaiser liebste Tochter, des fränkischen Reiches Krone und Thüringens Vormauer. Nürnberger Hand ging durch alle Land. So klang und klingt der alten freien Reichsstadt Lob von einer Zeit zur andern. Auf dem Markt zu Nürnberg steht der schöne Brunnen mit herrlichem Bildwerk geziert und vom künstlichsten Gitter umgeben. Der Brunnen soll 1600 Schuh tief sein, nach andern jedoch nur 300, die Kette, an der die Eimer hangen, wiegt 3000 Pfund. In dieses Brunnens Tiefe hat Kaiser Karolus Magnus sich verwünscht, um da drunten der Welt Ende zu erwarten. Einst liehen die Herren von Nürnberg einen Verbrecher in die Tiefe des Brunnens hinab, der sah Karolum drunten sitzen an einem Steintisch, wie den Barbarossa im Kyffhäuser. Der Bart war durch den Tisch hindurch gewachsen und reichte schon zweimal um denselben herum. Wann er zum drittenmal herumgeht, wird der Welt Ende vor der Türe sein. Nicht weit von Nürnberg erhebt sich der Kaiser Karlsberg, auch in diesem soll der Kaiser Karl sitzen und auf der Welt Ende warten mit allen seinen Wappnern. In früheren Zeiten ward aus dem Berge oft ein schöner Gesang vernommen – da waren die Zeiten noch gut – jetzt hört man aus ihm nur noch klagendes Weinen, weil die Zeiten so schlecht sind. Damit das Weltende nicht allzu schnell herbeirücke, was schrecklich und sehr störend wäre, so muß des Kaisers Bart siebenmal um den Tisch wachsen, und da sich nun die Leute darüber gestritten und noch streiten, ob der Bart des verzauberten Kaisers dreimal oder siebenmal um den Tisch wachsen müsse, so ist davon das Sprichwort entstanden, wenn über unausgemachte Sachen nutzlos gestritten wird: Es ist ein Streit um des Kaisers Bart . Die Sage geht, ein Bäckerjunge aus Fürth habe einst durch einen Gang Brot in den Karlsberg gebracht, und als er das Geheimnis zu entdecken gezwungen worden, sei er vom letzten Mal nicht wiedergekehrt, und nur seine Kleider seien zerstückt außen am Berge gefunden worden. Aus dunkler Mythenzeit schon klingt die Sage herein, daß ein König Nero im Berg verzaubert sitze, der habe der Stadt ihren alten Namen verliehen; NorimBerg , woraus allmählich Nürnberg geworden; denn mit dem römischen Kaiser dieses Namens hat Nürnberg nichts zu tun. August Stöber Kaiser Sigismund und die Straßburger Edelfrauen. Sigismund , König von Ungarn und Böhmen, welcher den 21. Juli 1411 zu Frankfurt von den Kurfürsten auf den deutschen Kaiserthron erhoben wurde, hatte sich 1413 und 1414 die Gunst Straßburgs dadurch erworben, daß er ihr nicht nur das Recht, jährlich eine große Messe zu halten, bestätigte, sondern dieselbe auch vierzehn Tage vor und ebenso viele Tage nach Johannis verlegte, zudem erhöhte er auf ihr Begehren den Rheinzoll, was ebenfalls für sie von bedeutendem Gewinn war. Dafür empfing ihn auch die Stadt auf das glänzendste, als er von Italien zurückkehrend aus der Schweiz kam und durch den Rheingießen in ihre Mauer einfuhr. Es geschah dies den 7. Juli 1414 abends. Sowie der Magistrat die Kunde erhielt, daß der Kaiser auf zwei Stunden von Straßburg entfernt war, ließ er mit allen Glocken läuten; zahlreiche Schiffe fuhren ihm entgegen und begleiteten ihn bis an die neue Brücke, wo er landete, zu Pferd stieg und von der ganzen Geistlichkeit, dem Adel, dem Magistrat und den Zünften mit lautem Jubel empfangen wurde. Vor ihm her und hinter ihm trug man Stangkerzen. Er ritt nun mit seinem zahlreichen Gefolge, in welchem sich auch Amadeus, Graf von Savoyen, der bei sechshundert Pferde mit sich führte, befand, dem Münster zu, und so groß war die Menschenmenge, welche sich auf dem Platze vor demselben versammelt hatte, daß er, wie Bernhard Herzog versichert, »vor dem getreng des Volcks nicht in das Münster kommen konnte, sondern in seine Herberge, den Lohnherrenhof, oder den jetzigen Luxhof in der Brandgasse begleitet wurde. Erst nach dem Nachtimbiß, nachdem die Menge sich verlaufen hatte, führte man ihn sodann in das Münster.« Die Stadt schenkte dem Kaiser »drey fuder Weins, ein rottes und zwey weiß fuder, ein silbern übergült Gießfaß, zweihundert Gulden wehrt.« Der Bischof, der Magistrat, die Bürgerschaft und der Adel stritten sich um die Ehre, dem Kaiser seinen Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Damals lag Bischof Wilhelm mit dem Domstifte und der Stadt in Streit, und Sigismund hatte während seines Verweilens in Straßburg vollauf zu tun, beide Teile von ihren Feindseligkeiten abzubringen und zur Aussöhnung zu bereden. Ebenso dauerten die Zwistigkeiten, welche schon lange zwischen den beiden angesehenen adeligen Familien Zorn und Mühlnheim herrschten, noch immer fort und ließen unruhige Auftritte befürchten. Dies alles machte, daß der Magistrat an den Toren und auf den Türmen strenge Wacht zu halten befahl; auch ließ er durch zwei Scharen Kriegsleute von je sechzig Mann zu Pferd und hundert zu Fuß mit brennenden. Schwefelringen vor und hinter dem Zug jede Nacht die Straßen bewachen. Allein ungeachtet dieser Spaltungen, die in der Stadt herrschten, und der Aufregung, welche dieselben mit sich brachten, war Sigismund heitern, manchmal sogar ausgelassenen Sinnes. Die schönen Frauen und Jungfrauen besonders hatten sich seiner Huld und Liebenswürdigkeit zu erfreuen. Schon hatte sich der Kaiser auf dem Mühlstein, der Trinkstube derer von Mühlnheim, bei Gelag und Tanz weidlich vergnügt, als eine Deputation der Frauen der Zornschen Familie ihn für den folgenden Tag auf ihre Stube im Hohenstege einlud. Gerne, gab er ihnen scherzend zur Antwort, wolle er kommen, allein er wisse den Weg nicht, und sie müßten ihn Wohl abholen und dahin geleiten. Diese Worte ließen sich die Edelfrauen nicht umsonst gefügt sein. Des folgenden Morgens, »zu Primen zeitt« (um sechs Uhr), pochte es plötzlich an des Kaisers Schlafzimmer in des Lohnherren Hofe. Sigismund erwachte davon, sprang auf und stand bald, nachdem er schnell einen Mantel um sich geworfen hatte, barfuß vor einer festlich geschmückten Schar von bei hundert der schönsten Frauen und Jungfrauen, die ihn, an sein gestern gegebenes Versprechen mahnend, einluden, ihnen zum Hohenstege zu folgen. Der galante Kaiser empfing die Damen mit freundlichem Lächeln, und um sie nicht warten zu lassen, eilte er mit ihnen in dem Aufzuge, in welchem er sie eben empfangen, barfuß und mit dem leichten Mantel bedeckt, die Treppe hinab. Beim Klange der Pfeifen und Trommeln bewegte sich der lustige Zug, der Kaiser voraus, umgeben von seinen lieblichen Begleiterinnen, singend und tanzend durch die Brandgasse und die Münstergasse zum Münster. In der benachbarten Korbergasse kauften die Frauen dem Kaiser ein Paar Schuhe »um 7 Creutzer«, zogen sie ihm an, hörten dann mit ihm die Frühmesse und brachten ihn endlich auf die Stube zum Hohenstege, wo er sich erst völlig ankleiden konnte. Sieben Tage hatte Kaiser Sigismund in Strasburg zugebracht, in welchem damals ein außerordentlicher Zusammenlauf von Fremden war. Beim Abschied schenkte der Kaiser den Frauen, welche ihn so gastlich empfangen hatten, zum Andenken hundertfünfzig goldene Fingerringe, so viel nämlich, als er damals in der Stadt aufkaufen lassen konnte. Da aber diese Zahl nicht hinreichte, um sie alle damit zu beglücken, so versprach er, die fehlenden nachzuschicken, was er auch getreulich hielt. Die adeligen Frauen hatten, wie es scheint, so großes Wohlgefallen an dem galanten Kaiser gefunden, daß sie stets um ihn waren, wenn er nicht gerade in Geschäften war; sie hatten ihn noch zu Schiff, eine Meile weit unterhalb Straßburg, begleitet, und mit ihm auf einer grünen Au, wo man hielt, ein Abschiedsmahl genossen. Seinerseits war ihnen aber auch der Kaiser noch lange nachher huldvoll und freundlich zugetan. Denn als Sigismund im Jahre 1416 in Angelegenheiten der Kirche nach Frankreich reiste und eben feit dem 1. März in Paris anwesend war, kam der Stadtschreiber von Straßburg, Ulrich Meiger von Wasenecke, am 3. desselbigen Monats zu ihm, um vor ihm, der Angelegenheiten mit dem Bischof wegen, im Namen der Stadt einen Vortrag zu tun. Nicht ohne Absicht gab Herr Meiger zuerst einen Brief ab, den die Straßburger Damen an den Kaiser geschrieben hatten. Sogleich wurde Sigismund heiter, ließ ihn den Brief laut vorlesen und bezeugte sein Wohlgefallen an demselben. Dann überreichte ihm der Stadtschreiber, ebenfalls in der Frauen Namen, eine reich verzierte goldene Kette, die sich Sigismund sogleich um den Hals hing. Hierauf ließ der Kaiser seine Gesellschaft in der Kammer tanzen und versprach, den Geberinnen aus England, wohin er sich begeben werde, allerlei hübsche Dinge zu schicken oder selbst zu überbringen. Jedermann sagte, man hätte den Kaiser auf der ganzen Fahrt noch nicht so lustig gesehen. August Stöber Der Kampf der Helden auf dem Wasgenstein. Die Kunde, daß der grimme Heunenkönig Etzel (Attila) sich mit einem zahlreichen Heere vom Donaustrand aufgemacht habe, um gegen den Rhein zu ziehen, erfüllte die Lande mit Schrecken. Um die Greuel der Verwüstung, welche überall dem Zuge des Siegers folgten, von ihren Völkern abzuwenden, beschlossen die Könige, denen die Lande untertan waren, Etzeln Schätze und Geiseln entgegenzuschicken. So schickte der Frankenkönig Gibich von Worms als Geisel seinen Dienstmannen, den aus einem elsässischen Geschlechte entsprossenen Hagen von Tronje ; König Herrich von Burgund , der zu Chalons seinen Sitz hatte, sandte seine Tochter Hildegund , und Alpker , der über die Goten im Wasgenlande gebot, seinen Sohn Walter als Geisel dahin. König Etzel nahm die Geiseln nebst den reichen Schätzen, welche ihm dieselben mitbrachten, an, und zog wieder in sein Reich zurück. Die beiden jungen Recken, Walter und Hagen, hielten sich an Etzels Hof so gut, daß sie der Heunenkönig wert bekam und sie zu Scharmeistern in seinem Heere machte. Auch wußte die schöne Hildegund, Herrichs blühendes Kind, die Gunst der Königin Helke zu gewinnen; sie wurde von ihr mit dem Amte einer Kämmererin betraut und war als solche im Besitz der Schlüssel zu allen Gemächern und Schreinen. Die Nachricht von dem Tode König Gibichs in Worms, dem sein Sohn Gunter nachgefolgt war, hatte in Hagen von Tronje ein unwiderstehliches Heimweh erregt. Er entfloh heimlich von Etzels Hofe mit Hilfe Walters, seines Jugendfreundes und Bundesgenossen. Auch diesem wäre es ein leichtes gewesen, seine Heimat wieder zu gewinnen, wenn ihn nicht die Liebe zu Hildegund, mit welcher er schon als Kind verlobt worden war, noch bei Etzel zurückgehalten hätte. Trotz der Warnung seiner Gemahlin Helke, nun ein wachsameres Auge auf Walter zu haben, und dem Rate, den sie Etzel gab, den jungen Königssohn mit einer heunischen Fürstentochter zu vermählen, um ihn also für immer an seinen Hof zu fesseln, wußte Walter durch listige Reden und durch den Glanz seiner Waffentaten Etzel zu betören und alles Mißtrauen aus seinem Sinne zu verbannen. Inzwischen verabredeten die Liebenden, als sie sich eines Tages nach einem Siege, den Walter über ein mächtiges Grenzvolk davongetragen hatte, allein im Königssaale befanden, ihre baldige Flucht aus dem Heunenlande. Die Gelegenheit dazu stellte sich bald ein. Um Walters glänzenden Sieg zu feiern, hatte Etzel ein großes Fest veranstaltet, wobei der listige Walter dem König und sämtlichen Gästen so tüchtig einschenkte, daß sie vom Übermaß berauscht schnarchend im Saale lagen. Nun schlich sich Walter davon, waffnete sich aufs beste, belud den Leuen, ein herrliches Streitroß, mit Gold und Edelsteinen, die er in zwei Schreinen wohl verwahrte, und floh mit der Geliebten. Sie suchten die einsamsten wildesten Gegenden auf und fristeten sich das Leben mit wilden Vögeln und Fischen. Nach zwei Wochen standen sie am Rheine, Worms gegenüber. Dem Fergen, der sie übergesetzt hatte, gaben sie einen Fisch, den Walter noch in der Donau gefangen hatte. Dieser Fisch kam des folgenden Tages auf König Gunters Tisch und erregte dessen Erstaunen, da dieser Art Fische nicht im Rheine gefunden werden. Der Fischer wurde gerufen und erzählte, wie er denselben von einem stattlichen Helden, den er nebst einer wunderschönen Maid über den Fluß gesetzt, erhalten habe. Beide hätten ein mit schweren Reiseschreinen beladenes Streitroß mit sich geführt, und in diesen Schreinen hätte es geklungen wie eitel Gold und Edelsteine. Hagen erkannte alsobald in den Reisenden seinen Freund Walter und dessen Braut Hildegunde, die mit ihrem Horte aus dem Heunenlande entflohen seien. Kaum hatte der habsüchtige Gunter diesen Bericht vernommen, als er sich, vergebens von Hagen gewarnt, an die Spitze von zwölf seiner besten Helden setzte, um den Flüchtigen nachzueilen und ihnen ihre Schätze zu entreißen. Hagen, der unter der Zahl der Zwölfe sich befand, folgte ihnen mit dem Vorsatze, nicht gegen den Genossen seiner Jugend zu kämpfen, sondern den König vom Kampfe abzumahnen. Der kühne Weigand war unterdessen mit seiner holden Jungfrau landeinwärts geflohen. Da fand er eine Wildnis, der Wasgau genannt, Der fehlt es nicht an Tieren, es ist ein tiefer Wald, Von Hunden und von Hörnern wird sie schaurig durchhallt. Da ragen in der Öde zwei Berge einander nah, Und eine enge Höhle liegt zwischen ihnen da. Von zweier Felsen Gipfeln ist überwölbt die Schlucht, Anmutig, grasbewachsen, doch oft von Räubern besucht. Hier, unter dem schützenden Felsentor, der Wasgenstein genannt, beschloß Walter, von der langen, beschwerlichen Wanderung ermüdet, Rast zu halten und neue Kräfte zu sammeln, um gegen jeden Überfall gerüstet zu sein. Die Stunde des Kampfes erschien nur zu bald. Gunter war dem Helden auf die Spur gekommen und hielt mit seinen Kriegsleuten am Fuße des Wasgensteins. Vergebens warnte Hagen, vergebens bot Walter dem Könige einen Teil der Schätze an. Gunters Habsucht verlangte den ganzen Hort, und er schickte einen seiner Begleiter nach dem andern zum Kampfe. Walter besiegte und erschlug, jedesmal auf andere Weise und gegen andere Waffen streitend, elfe dieser Krieger. Hagen, der sich fern vom Kampfe haltend auf seinen Schild gelehnt, zugesehen hatte, ließ sich endlich auf Gunters dringende Bitten, besonders aber durch den Fall seines Neffen Patafried von Schmerz und Wut erfüllt, bewegen, gemeinschaftlich mit Gunter Walter zu bekämpfen. Der Streit begann mit Heftigkeit auf beiden Seiten. Neunmal griffen sie einander an, bevor ein entscheidender Streich gefallen war, bis endlich Walter Gunters Schild wegschlug und dem Könige mit gewaltigem Schwerthieb den ganzen Schenkel ablöste. Nun sprang Hagen wider den Jugendgenossen auf und hieb ihm die rechte Hand ab. Mit der Linken kämpfend, spaltete dieser nun Hagens Lippe, durchschnitt ihm die rechte Schläfe, hieb ihm sechs Backenzähne aus und entstieß ihm ein Auge. Aber des Kämpfens war jetzt genug. Die tapfern Helden schlössen Frieden. Auf Walters Wink eilte die zitternde Jungfrau herbei, die Verwundeten mit linden Linnentüchern zu verbinden und ihnen zur Sühne den kühlen Labewein zu kredenzen. Trotz der blutigen Wunden und grausamen Verstümmelungen, welche die Kämpfer davongetragen, neckten sich Walter und Hagen bevor sie schieden, noch mit heiteren Scherzworten. Hagen lud nun den hinkenden König auf sein Pferd und zog mit ihm wieder nach Worms, während sich Walter mit Hildegunde nach Langers an den Hof seines Vaters begab, um sich die geliebte Braut antrauen zu lassen. Nach Alpkers Tod bestieg Walter den Thron und gebot während dreißig Jahre über das Volk der Goten im Wasgenlande und vollbrachte noch viele Taten der Kraft und Tapferkeit. August Witzschel Kämpfe der Thüringer mit den Franken. Der König der Franken war gestorben und hatte außer seiner Tochter Amalberga , die mit Irminfried , dem Könige der Thüringer, vermählt war, einen rechtmäßigen Erben nicht hinterlassen. Das Volk der Franken aber wählte ans Anhänglichkeit und Dankbarkeit gegen den verstorbenen König, der gütig und mild gewesen war, seinen unehelichen Sohn Theadrich oder Dietrich , den Halbbruder der Amalberga, zum König, der nach den Gesetzen kein Recht auf den Thron hatte. Dietrich schickte sogleich eine Gesandtschaft an Irminfried, um Frieden und Eintracht zu sichern. Der Gesandte sprach zu Irminfried: »Mein Herr und König hat mich zu dir gesandt und wünscht dir Gesundheit und lange Herrschaft über dein weites und großes Reich. Er will nicht dein Herr, sondern dein Freund, nicht dein Gebieter, sondern dein Verwandter sein und das Recht und die Treue der Verwandtschaft bis an sein Ende unverbrüchlich bewahren; nur bittet er dich, die Freundschaft mit dem Volke der Franken nicht aufzuheben und in ihre Eintracht nicht Zwietracht zu bringen, weil sie sich einen König nach ihrer Wahl erkoren haben.« Irminfried erwiderte gnädig und freundlich, er sei mit dem Beschlusse der Franken einverstanden, auch er wolle nicht die Zwietracht sondern den Frieden, über die Sache der Thronfolge aber müsse er den Rat seiner Freunde hören und darum die Antwort noch verschieben. Die Gesandten blieben eine Zeitlang am Hofe des Königs und wurden gar ehrenvoll gehalten. Die Königin Amalberga aber meinte, daß ihr das Frankenreich mit Recht zugehöre und zugestorben sei, denn sie sei eine Tochter des Königs und der Königin, Dietrich hingegen ein geborener Knecht, da er eine Sklavin zur Mutter gehabt habe. Nun lebte auch am Hofe des Königs ein kühner und tapferer Mann, Iring genannt, kräftigen Geistes, scharfsinnig, klug und geschickt in allem Ratgeben, und deshalb stand er auch in großem Ansehen beim Könige und hatte sein Vertrauen. Diesen rief die Königin zu sich und bat ihn, dem Könige einzureden, daß es sich für ihn nicht gezieme, einem Sklaven die Hand zu reichen und ihm zu huldigen. In der Beratung, welche der König zusammenrief, brachte ihn Iring um der Königin willen von dem Frieden mit Dietrich ab, wozu die andern Räte sehr geraten hatten. Irminfrieds Sache sei gerechter, sein Reich weit und groß, und in der Zahl der Krieger, der Waffen und anderem Kriegsbedarf sei zwischen ihm und Dietrich eben kein Unterschied. Seine Worte gefielen dem Könige und er erwiderte den Gesandten, er wolle zwar Dietrich seine Freundschaft und Vetterschaft nicht verweigern, doch müsse er sich wundern, wie Dietrich eher ein Reich als seine Freiheit zu gewinnen trachte, da er, ein geborener Sklave, königliches Recht und Eigentum billigerweise nicht verlangen könne. Bekümmert und tiefbewegt sprach der Gesandte: »Lieber wollte ich mein eigenes Haupt dir zu Füßen legen, als solche Worte hören; denn ich weiß, daß sie mit vielem Blute der Franken und Thüringer gesühnt werden müssen.« Dann reiste er zu seinem Herrn zurück. Als Dietrich diese Worte vernahm, verbarg er seinen übergroßen Zorn hinter einer heitern Miene. »Es tut not,« sprach er, »daß wir eiligst unsern Dienst bei Irminfried antreten, damit wir, der Freiheit beraubt, wenigstens das nackte Leben behalten.« Er sammelte aber alsbald ein gewaltiges Heer und zog mit demselben an die Grenzmarke der Thüringer, wo ihn sein Schwager bei Runinbergun bereits erwartete. Zwei Tage währte der heiße Kampf ohne Entscheidung, am dritten wurde Irminfried besiegt und floh mit seinem Heere in seine Burg Scithingi , welche an dem Flusse Unstrode gelegen war. Nach der Flucht der Thüringer rief Dietrich seine Feldherren und Hauptleute und fragte sie um ihre Meinung, ob er Irminfried weiter verfolgen oder ins Vaterland zurückkehren solle. Unter diesen war einer namens Waldrich, der sprach: »Ich bin der Meinung, daß wir heimkehren, die Toten begraben, die Verwundeten pflegen und ein größeres Heer zusammenziehen, da wir nach so großem Verluste nicht mehr stark genug sind, den gegenwärtigen Kampf zu beendigen. Denn wenn die umwohnenden Völkerschaften sich mit Irminfried verbinden und ihm beistehen, mit welcher Macht willst du dann siegen?« Es hatte aber Dietrich noch einen andern gewandten Diener, dessen Rat er schon öfters als tüchtig und nützlich erfunden hatte. Auch diesen fragte der König um seine Meinung. »Ich halte dafür,« sprach dieser, »daß in ehrenvollen Dingen Beharrlichkeit sich ziemt, welche auch unsere Vorfahren so hochhielten, daß sie begonnene Unternehmungen selten oder nie aufgaben. Unsere Mühen sind aber den ihrigen nicht zu vergleichen; denn sie haben mit geringer Mannschaft die Ungeheuern Heere anderer Völker überwunden. Jetzt ist das Land in unserer Gewalt; wollen wir durch unsern Abzug den Besiegten Gelegenheit geben, sich zu kräftigen und zu siegen? Es ziemt den Siegern nicht, den Besiegten den Kampfplatz zu überlassen. Und sind wir nicht zahlreich genug, um jeder Burg eine Besatzung zu geben? Auch diese würden wir alle verlieren, wenn wir abziehen und zurückkehren. Dazu könnten wir leicht die alten Feinde der Thüringer, die Sachsen, zu unseren Bundesgenossen gewinnen.« Diese Rede gefiel dem König und allen, die nach Siegesruhm begierig waren. Man blieb im Lager, und eine Botschaft ging sogleich zu den Sachsen mit dem Erbieten, wenn sie dem König Dietrich Hilfe brächten wider Irminfried und die Thüringer, ihre alten Feinde, sie besiegten und die Burg nähmen, wolle er ihnen dann Land und Reich als ewiges Besitztum überlassen. Die Sachsen säumten nicht und schickten je neun Heerführer mit je tausend Mann. Diese Führer traten in das Lager der Franken jeder mit hundert Mann, während die übrigen draußen vor dem Lager blieben, entboten dem König Dietrich Gruß und Frieden und sprachen also: »Das Volk der Sachsen, dir ergeben und deinem Befehle gehorsam, hat uns zu dir gesendet, und wir sind bereit auszuführen, was dein Wille von uns fordert, entweder deine Feinde zu besiegen oder für dich zu sterben; denn die Sachsen haben keinen größeren Wunsch, als den Sieg zu gewinnen oder das Leben zu lassen. Wir können unsern Freunden keinen größeren Dienst erweisen, als daß wir für sie den Tod verachten, und daß du dieses erfahren mögest, ist unser Wunsch.« Während die Führer so sprachen, bewunderten die Franken diese an Geist und Leib gleich ausgezeichneten Männer, ihre neue Tracht, ihre Bewaffnung, das die Schultern umwallende Haupthaar, besonders aber die Festigkeit ihres Mutes. Sie waren bekleidet mit langen Kriegsröcken, bewehrt mit langen Lanzen, standen gestützt auf kleine Schilde und trugen an der Seite lange Messer. Einige der Franken aber meinten, solche Freunde seien ihnen wenig nützlich, es sei ein unbändiges Volk, und wenn sie das, Land erst innehätten, würden sie das Reich der Franken bald vernichten. Der König Dietrich aber dachte nur an den augenblicklichen Nutzen, deshalb nahm er die Männer als Bundesgenossen auf und gebot ihnen, sich zum Sturme gegen die Stadt vorzubereiten. Die Sachsen steckten nun ein Lager ab südlich von der Stadt auf Wiesen, die an den Fluß stießen, und am folgenden Tage griffen sie mit den ersten Morgenstrahlen zu den Waffen, stürmten die Vorstadt und steckten sie in Brand. Dann stellten sie dem östlichen Tore gegenüber eine Schlachtreihe auf. Die Thüringer machten einen verzweifelten Ausfall, stürmten in blinder Wut auf ihre Gegner los, und eine grimmige Schlacht begann. Auf beiden Seiten wurden viele zu Boden gestreckt, denn die Thüringer kämpften für ihr Vaterland, für ihre Weiber und Kinder und für das eigene Leben, die Sachsen aber für ihren Ruhm und den Erwerb des Landes. Erst die einbrechende Nacht trennte den Kampf. In dieser Not wurde Iring von Irminfried mit einer unterwürfigen Botschaft und allen Schätzen an Dietrich gesendet, Frieden zu erbitten und freiwillige Unterwerfung zu geloben. Iring trat vor den König der Franken und richtete unter Tränen seinen Auftrag aus. Als er gesprochen hatte, traten Dietrichs Räte, die zuvor mit Gold bestochen waren, mahnend herzu und rieten, das Gebot nicht abzuweisen, der König möge auch ihrer Verwandtschaft nicht ganz vergessen, und es sei nützlicher, denjenigen als Bundesgenossen anzunehmen, der geschwächt und besiegt sei, als jenes unbezähmbare und jeder Anstrengung gewachsene Volk der Sachsen, welches dem Frankenreiche nur gefährlich werden könne. Darum sei es ratsam, die Thüringer wieder anzunehmen und jene mit vereinten Kräften zu vertreiben. Durch diese Rede ließ sich Dietrich, obwohl mit Widerstreben, bestimmen, seinen Schwager am folgenden Tage wieder zu Gnaden anzunehmen und den Bund mit den Sachsen zu brechen. Als Iring diese Zusage erhalten hatte, fiel er dem Könige zu Füßen, lobte seine königliche Milde und schickte an seinen Herrn sogleich eine Botschaft, um ihn und die Thüringer zu erfreuen und zu beruhigen. Er selbst aber blieb im Lager der Franken, damit nicht die Nacht die Gesinnungen ändern möchte. Da durch diese Meldung die belagerte Stadt ruhig und des Friedens sicher geworden war, ging ein Thüringer mit seinem Falken vor das Tor, um am Ufer der Unstrut zu beizen. Der Vogel flog an das jenseitige Ufer und wurde von einem Sachsen gefangen. Der Thüringer forderte den Falken zurück, der Sachse aber verweigerte beharrlich dessen Rückgabe. »Laß ihn zurückfliegen,« sprach endlich der Thüringer, »und ich will dir ein Geheimnis offenbaren, das dir und deinen Leuten von großem Nutzen sein wird.« – »Sprich,« entgegnete der Sachse, »und du sollst deinen Vogel erhalten.« – »Die Könige,« fuhr jener fort, »haben miteinander Frieden gemacht und verabredet, daß ihr morgen im Lager gefangen oder, wenn ihr Widerstand leistet, niedergehauen werden sollt.« – »Sagst du das im Ernst oder im Scherz?« fragte der Sachse. »Die zweite Stunde,« erhielt er zur Antwort, »wird dir morgen kundtun, daß es euch gilt, Ernst zu zeigen. Deshalb sorgt für euch und sucht die Flucht.« Der Sachse ließ sogleich den Falken los und brachte seinen Genossen die Nachricht. Die Sachsen, darüber ganz aufgebracht und ganz erschüttert, wußten anfangs nicht, was sie in dieser Sache tun sollten. Es war aber im Lager der Sachsen ein Krieger, zwar hoch betagt, doch ungeschwächt an Körperkraft. Er wurde aber gewöhnlich Vater der Väter genannt. Dieser ergriff der Sachsen heiliges Feldzeichen, das Bild eines Löwen und Drachen mit einem darüber fliegenden Adler, und sprach in stattlicher Haltung und festen Sinnes also: »Bis jetzt habe ich unter den Sachsen gelebt, bin unter ihnen alt und grau geworden, habe sie aber niemals fliehen sehen. Wie kann ich nun jetzt tun, was ich nicht gelernt habe? Ich verstehe zu kämpfen aber nicht zu fliehen, will es auch nicht lernen. Gestattet mir das Schicksal nicht, länger zu leben, so will ich mit meinen Freunden fallen. Beispiele väterlicher Tapferkeit sind mir die hingestreckten Leichen unserer Freunde, welche lieber sterben als besiegt werden, lieber die ungebeugte Seele aushauchen, als dem Feinde das Feld räumen wollten. Doch wozu viele Worte über die Verachtung des Todes? Haben wir es doch nur mit Sorglosen zu tun und ziehen nicht zum Kampfe, sondern nur zum Morden aus. Denn wegen des verheißenen Friedens und unseres schweren Verlustes ahnen sie kein Unheil, auch bleiben sie, vom heutigen Kampfe ermüdet, ohne Wachen. Darum laßt uns heute in der Nacht über die sichere Stadt herfallen und sie überwältigen. Folgt mir als eurem Führer und ich gebe euch mein Haupt zum Pfande, daß geschehen wird, was ich behauptet habe.« Ermutigt durch diese Worte, verwendeten die Sachsen den übrigen Tag darauf, sich zu stärken und zu erfrischen, und mitten in der Nacht griffen sie zu den Waffen, stürmten die Mauern und drangen mit gewaltigem Geschrei in die unbewachte Stadt. Die Thüringer suchten ihr Heil in der Flucht, andere irrten wie Trunkene in den Straßen und Festungswerken umher, andere fielen den Sachsen in die Hände, indem sie dieselben verkannten und für die Ihrigen hielten. Die Sachsen aber töteten alle erwachsenen Männer, die jüngeren sparten sie zur Beute und Knechtschaft auf. Es war eine Nacht voll Geschrei, Mord und Plünderung, und kein Ort ruhig in der ganzen Stadt, bis die Morgenröte den blutigen Sieg der Sachsen beleuchtete. Durch Irminfrieds Tod oder Gefangenschaft wäre der Sieg vollendet gewesen, aber man fand, daß er sich mit Frau und Kindern durch die Flucht gerettet hatte. Frühmorgens stellten die Sachsen am östlichen Tor einen Adler auf, errichteten einen Siegesalter und verehrten ihre Götter nach der Väter Weise. Drei Tage feierten sie dieses Siegesfest, verteilten die Waffenbeute, erwiesen den Gefallenen die kriegerischen Ehren und priesen ihren Führer über alle Maßen. Darauf kehrten sie in das Lager der Franken zu Dietrich zurück und wurden von ihm freundlich aufgenommen, um ihrer Tapferkeit willen höchlich belobt, Freunde und Bundesgenossen der Franken genannt und mit dem ganzen Lande der Thüringer begabt. Sie bewohnten zunächst die Stadt, welche sie mit Feuer verschont hatten. Als aber Dietrich Irminfrieds Flucht vernommen hatte, ersann er eine List, ihn zu töten. Er ließ ihn zu sich rufen und ging zu Iring, der noch als Gast im Lager der Franken verweilte, und suchte ihn durch trügerische Verheißungen zu bereden, daß er seinen Herrn und König so ums Leben brächte, daß niemand merken könnte, Dietrich habe dabei seine Hand im Spiele gehabt. Iring weigerte sich anfangs lange, endlich gab er nach und versprach, den Auftrag auszuführen. Irminfried kam ins Lager der Franken und warf sich dem Könige zu Füßen, Iring aber, der als Dietrichs Waffenträger mit entblößtem Schwerte danebenstand, tötete seinen Herrn, den König Irminfried, als er kniend am Boden lag. Sobald dieses geschehen war, rief ihm König Dietrich zu: »Da du durch solche Greueltat ein Abscheu aller Menschen geworden, so weiche von uns, der Weg steht dir offen, wir wollen an deiner Freveltat weder Teil noch Schuld haben.« – »Mit Recht bin ich allen Menschen ein Abscheu geworden,« entgegnete Iring, »weil ich deinen Ränken gedient habe; bevor ich jedoch von dannen gehe, will ich mein Verbrechen damit sühnen, daß ich meinen Herrn räche.« Und mit demselben Schwerte, das er noch in der Hand hielt, stieß er den König Dietrich nieder, nahm den Leichnam seines Herrn und legte ihn über die Leiche des Königs der Franken, damit der im Leben Besiegte wenigstens im Tode die Oberhand hatte, bahnte sich den Weg mit dem Schwerte und ging von dannen. Diese Tat hat solche Berühmtheit erhalten, daß die Milchstraße am Himmel noch heutigestags mit Irings Namen bezeichnet und Iringsweg oder Iringsstraße genannt wird. Bernhard Bader Karlsruhes Ursprung und Name. Markgraf Karl Wilhelm wollte sein Schloß und dessen Garten in Durlach vergrößern, die Stadt gegen Grötzingen erweitern und sie durch gerade Straßen verschönern; allein die Durlacher verweigerten sowohl die Abtretung der erforderlichen Grundstücke, als auch die Umänderung ihrer krummen Gassen. Da selbst eine Drohung wegzuziehen, sie nicht umstimmte, wurde er sehr ungehalten, und in dieser Stimmung ging er nachmittags in den Hartwald auf die Jagd. Beim Verfolgen des Wildes kam er von seinen Leuten ab und setzte sich zuletzt ermüdet auf den Stumpf einer Eiche. An die Verlegung seines Wohnsitzes denkend, fiel er in Schlaf, woraus er erst nach mehreren Stunden erwachte. Sein Gefolge, das ihn endlich nach langem Suchen gefunden hatte, stand um ihn und wurde von ihm mit folgenden Worten angeredet: »So gut wie jetzt habe ich in meinem Leben nicht geschlafen! Zum Andenken will ich hier meinen Wohnsitz bauen, welcher Karlsruhe heißen soll, und über dem Stumpfe die Kirche errichten und einst darin begraben werden.« Sogleich mußten die Jäger durch Bezeichnung mehrerer Bäume den Platz kenntlich machen, und bald wurde daselbst die Stadt Karlsruhe mit geraden Straßen erbaut und ihr Schloß vom Markgrafen bezogen. Auf die Stelle des Eichstümmels kam der Altar der Kirche und darunter eine kleine Gruft, worin Karl Wilhelm seit seinem Tode beigesetzt ist. Über ihr steht jetzt, wo die Kirche abgerissen und deren Platz dem Markte beigeschlagen ist, eine steinerne Pyramide mit folgender Inschrift: Hier, wo Markgraf Karl einst im Schatten des Hartwalds Ruhe suchte und die Stadt sich erbaute, die seinen Namen bewahrt, auf der Stätte, wo er die letzte Ruhe fand, weiht ihm dies Denkmal, das seine Asche verschließt, in dankbarer Erinnerung Ludwig Wilhelm August, Großherzog, 1823. Abweichend wird von vielen so erzählt: Karl ließ da, wo er geschlafen, den Bleiturm des Schlosses aufführen, der bekanntlich zuerst gebaut ward und im Mittelpunkt der ganzen Stadt- und Waldanlage liegt. Unter dem Turme steht noch der Eichenstumpf mit den Wurzeln im Boden. Aloys Wilhelm Schreiber Die Kapelle auf dem Stromberg. Unfern des Siebengebirges wohnte in alten Zeiten ein Ritter, Diether von Schwarzeneck mit Namen. Er wollte den Kreuzzug nach dem gelobten Lande machen und ging nach Speier, wo sich damals der heilige Bernhard befand. Unterwegs kehrte er auf Argenfels ein und wurde von dem Burgherrn gastfreundlich aufgenommen. Es war dies ein betagter Mann, der zwei Töchter hatte. Berta, die jüngere, gewann in der ersten Stunde Diethers Herz durch ihre Schönheit und ihr holdes, gemütvolles Wesen. Sie schien auch den jungen Rittersmann mit Wohlgefallen zu bemerken und sah beim Abschied fast traurig aus. Diether ging von Argenfels nicht so leichten Herzens weg, wie er dahin gekommen, und das Bild der Jungfrau begleitete ihn nach Palästina, und unter den Palmen Asiens gedachte er der Palmen am Rhein und der schönen Berta auf Argenfels. Bei einem Ausfall der Sarazenen wurde Diether verwundet und gefangen und gelobte in seiner Bedrängnis, der Mutter des Herrn ein Kirchlein zu erbauen, wenn er seine Freiheit erhalten und das Land seiner Heimat wiedersehen würde. Nach einer langwierigen Belagerung wurde die Stadt den Sarazenen im Sturme abgenommen und Diether von seinen Banden erlöst. Er wünschte jetzt nichts sehnlicher als sein Gelübde zu erfüllen und die sanfte Berta wiederzusehen. Mit dem ersten Schiffe ging er nach Venedig und von da nach Deutschland. Mit freudiger Rührung betrat er die blühenden Ufer des Rheins, und sein erster Weg war nach Argenfels. Aber schon in einiger Entfernung gewahrte er statt der hohen Warten und Mauern eingestürzte Trümmer. Mit ängstlich pochendem Herzen stieg er den Berg hinauf und fand alles verwüstet und menschenleer. Auf dem umliegenden Gemäuer wuchs schon Gras, und einige Raubvögel flogen aus den Ruinen hervor. Ein alter Hirt gesellte sich zu ihm und erzählte, die Burg sei von Feinden des Burggrafen eingenommen und angezündet worden. Er selbst habe im Gefecht den Tod gefunden, wo aber seine beiden Töchter hingekommen, wisse niemand zu sagen. Das war ein Schwert in Diethers Herz. Er zog nach seiner Burg, die ihm jetzt fast trauriger vorkam als die Trümmer von Argenfels, und er konnte sich manchmal des Wunsches nicht erwehren, daß er doch in Palästina seinen Tod gefunden haben möchte. Endlich beschloß er, eine wilde, einsame Gegend aufzusuchen und daselbst ein Kirchlein zu bauen, wie er gelobt hatte, und daneben eine Klause, wo er seine Tage in frommer Abgeschiedenheit zubringen wollte. Am frühen Morgen durchstreifte er in diesen Gedanken die Gegend, und kam, ohne zu wissen wie, auf den Stromberg, den damals ein düsterer Wald bis nahe an den Gipfel bedeckte. Tief in der Waldnacht stand eine Klause und daneben ein steinernes Kreuz. Vor dem Kreuze kniete eine Einsiedlerin, in Gebet und Betrachtung verloren. Es war Berta. Die Wonne des Wiedersehens läßt sich nicht mit Worten ausdrücken. Die Jungfrau und ihre Schwester hatten sich während der Belagerung von Argenfels auf Bitten ihres Vaters mit einem alten, treuen Knecht durch einen unterirdischen Gang geflüchtet und bei einem Köhler Zuflucht gefunden. Als sie Kunde erhielten von dem Tode ihres Vaters sowie von der Zerstörung der Burg, beschlossen sie, die Kleinodien, welche sie bei ihrer Flucht mit sich genommen, zu Geld zu machen und sich eine Zelle zu bauen und ein Gärtchen und als Einsiedlerinnen zu leben. Durch Diethers freundliche Zusprache wurde Berta bald bewogen, ihr rauhes Gewand wieder abzulegen und ihm als Hausfrau auf seine Burg zu folgen. Ihre Schwester aber wollte durchaus nicht in die Welt zurückkehren. Diether ließ ihr eine bequemere Wohnung errichten und ein Kirchlein, wo auch ihre Gebeine begraben liegen. Moritz Bermann Alle neun Kegel. Es ist gar wenigen in Wien bekannt, daß sich auf dem Stephansturm eine Kegelschiebstatt befindet. Diese ist noch heute in dem kleinen Zimmer neben der Wohnung des Turmwächters, und dahin kamen vor einigen Jahrhunderten an Sonntagnachmittagen die Gesellen, um sich da zu unterhalten. Diese Kegelbahn ist sehr kurz, man muß sich beim Ausschieben bücken und die Kugel, zwischen den Beinen durchsehend, von hinten nach vorn auswerfen. Von dieser Schiebstatt hat sich eine lehrreiche Sage erhalten, die ich euch erzählen will. An einem heiteren Septemberabend unterhielten sich auf dem Berghofe nach dem Abendbrot einige lustige Männer aus Wien bei Geigenspiel, Becherklang und Kegelschieben. Unter ihnen war einer, der das Spiel vollständig beherrschte; denn bei jedem Ausschube traf er alle neun Kegel; und er war es daher auch, welcher immer den Sieg davontrug. Die Gäste hatten sich in der Abenddämmerung bis auf den einen bereits verloren. Dieser stand aber noch immer da, ein Mann von hoher, kräftiger Gestalt, jedoch verliederlicht im Anzug, den Ausdruck tierischer Leidenschaft in den durch Trunk und andere Laster unschön verzerrten Zügen, und schob Kegel ohne Ruhe und Rast. Wie gewohnt, warf er stets alle neun, und er begleitete diese seine Geschicklichkeit mit lautem Beifallsgeschrei. Nebenbei goß er einen Becher Wein nach dem andern in den nimmersatten Schlund, weshalb ihn auch die Wiener den »Ewigtrunk« hießen. Konrad der Ewigtrunk spielte und zechte so eine gute Weile fort, als der Wirt des Berghofes zu ihm trat. »Nun, Konrad,« sagte er freundlich, »habt Ihr noch nicht genug gespielt? Es wäre Zeit, davon abzulassen. Ich begreife überhaupt nicht, wie es Euch Vergnügen machen kann, da so allein fortzukegeln.« »Kümmert Euch nicht darum, sondern bringt lieber noch Wein her, mich dürstet fieberisch.« Der Wirt entfernte sich kopfschüttelnd, brachte den verlangten Wein und nahm die ihm trotzig hingeworfene Zeche in Empfang. Konrad ergriff neuerdings die Kugel und schob aus; aber diesmal verfehlte er sein Ziel; denn es hatte sich eine Hand, wie Blei so schwer, auf seine Schulter gelegt. Zornig blickte er nach rückwärts – er sah da ein Männchen, ganz in Grau gekleidet, mit schneeweißem Gesichte, das einem Totenschädel glich und das den Wüstling aus hohlen, tiefliegenden Augen unheimlich stechend anstarrte. Die Haare Konrads begannen sich zu sträuben, so schreckenerregend war das Aussehen des kleinen Mannes, in dessen Nähe ihn ein kalter Schauer überlief. Indessen ermannte er sich, stürzte einen Becher Wein hinunter und rief zornig: »Was wollt Ihr denn von mir? Ihr treibt sehr dumme Narrenspossen; laßt mich in Ruhe!« – Dann ergriff er die Kugel wieder und wollte sein Spiel fortsetzen, aber die Gegenwart des unheimlichen Gefährten lastete auf ihm – er schob abermals ein Loch. »Das ist zu arg, bei allen Höllenkünsten!« fluchte Konrad. »Treibt meine Geduld nicht aufs Äußerste. Geht fort und stört mich nicht länger!« Da erscholl es mit eintöniger Stimme, die wie aus einem Grabe kam: »Laß ab, ewiger Trunkenbold, laß ab von dem Spiele! Wie lange willst du noch schieben im Mondenschein und Sternenschimmer?« »Spare deine weisen Lehren,« erwiderte Konrad. »Folge mir lieber zur Stephanskirche, wenn du willst, denn mich gelüstet, oben auf der Schiebstatt im Turme zu spielen. Dort, wenn du willst, spiele ich mit dir bis um Mitternacht, so daß die frommen Wiener glauben sollen, der böse Feind sei losgelassen.« Da flüsterte beinahe tonlos der Graurock: »Nun, so komm, du unverbesserlicher Wüstling; wenn du Mut hast, kannst du oben mit mir eine Kegelpartie machen.« Konrad stürzte den letzten Rest seines Weines hinunter und machte sich mit seinem Begleiter auf den Weg. Sie gingen durch die menschenleeren Gassen, aber nur die schweren Tritte des Säufers waren zu vernehmen, das Graurücklein schien über dem Boden zu schweben, denn seine Schritte gaben keinen Nachhall. Wie Blei hing es sich an Konrads Schuhe, und als sie auf dem Turme oben angelangt waren, triefte der Wüstling von Schweiß. Aber er bemeisterte sein Grauen und fragte übermütig und höhnisch: »Wirfst du auch auf jeden Schub alle neun Kegel um?« »Auf jeden Schub alle neun,« erwiderte der Unheimliche; »ich wette darauf, und verliere ich, so zahle ich auf der Stelle jede Summe, die du begehrst.« »Angenommen. Merke aber auf, was ich sage; du mußt dich mit dem Rücken gegen die Kegel aufstellen, zur Erde bücken und zwischen den ausgespreizten Beinen die Kugel nach dem Ziele werfen. Kannst du das?« »Laß es gut sein. Gib die Kugel her!« »So wirf denn alle neun!« rief hohnlachend Konrad und warf einen der Kegel zum Turmfenster hinab auf die Straße. »Erst du, dann ich!« donnerte ingrimmig der Graurock. Die Kleider fielen von ihm ab und ein Entsetzen erregendes Totengerippe von riesiger Höhe, Sense und Stundenglas schwingend, zeigte sich den Blicken des vor Schreck halbtoten Trunkenbolds. »Also vorwärts!« rief es, »vorwärts, der Tod wartet nicht. Gelingt es dir aber nicht, alle neun Kegel zu treffen, so bist du mir verfallen und kommst nicht lebend vom Turme herunter. Höre, eben fängt die Stunde meiner Herrschaft zu schlagen an.« Es schlug gerade zwölf Uhr. Zentnerschwer fiel die Geisterstunde auf das Herz des Liederlichen, Gottvergessenen. Das Fieber rüttelte ihn dergestalt, daß er nicht stillhalten konnte, er suchte mit klappernden Zähnen nach dem neunten Kegel, aber der lag unten auf dem Platze. Todesschweiß bedeckte seine Stirne. »Ich muß den neunten Kegel haben,« stöhnte er und kratzte heulend die Hände an der Wand blutig. Er stieß wütende Flüche aus, kniete neben die Kegel, zählte sie mehreremal, aber ach! es fehlte immer der neunte. »Ich muß den neunten haben!« schrie er in ohnmächtiger Verzweiflung. Da rief der Tod: »Nun, du toller Bursche, glaubst du etwa, ich brauchte den neunten Kegel? Der Tod trifft auch neune, selbst wenn es nur acht sind!« Darauf warf der schreckliche Menschenwürger die Kugel gewaltig vorwärts, die Kegel stürzten mit Geprassel zusammen, und Konrad, der Ewigtrunk, sank neben ihnen leblos zu Boden. So fand ihn am andern Morgen der Turmwächter. Noch einige Jahrhunderte nachher war es Sitte, daß die Besucher dieser Kegelschiebstatt auf die Erlösung der armen Seele des Verunglückten einen Schub tun mußten. Der Schlemmer hatte sich wahrscheinlich in seinem trunkenen Übermute auf den Kirchturm begeben und da, nachdem er im Rausche einen der Kegel aus dem Turmfenster geworfen, sich wie wütend auf die übriggebliebenen Kegel gestürzt, wobei ihn die von der Wand abprallende Kugel an den Kopf getroffen und getötet haben mag. Der fromme Sinn unserer Vorfahren unterlegte der Tatsache den sagenhaften Grund, um auch hier vor Übermaß der Leidenschaftlichkeit, die nur Schaden bringt, zu warnen. August Witzschel Das Kind mit dem Tränenkruge. Einer jungen Frau in Wilhelmsdorf war das einzige Kind gestorben. Sie weinte über alle Maßen und konnte sich nicht zufrieden stellen. Jede Nacht lief sie hinaus auf das Grab und jammerte, daß es die Steine hätte erbarmen mögen. In der Nacht vor dem heiligen Dreikönigfeste sah sie Perchtha nicht weit vor ihr vorüberziehen, da gewahrte sie, den andern Kindern hinterdrein, ein kleines mit einem ganz durchnäßten Hemdchen angetan, das in der Hand einen Krug mit Wasser trug und matt geworden, den übrigen nicht folgen konnte. Ängstlich blieb es vor einem Zaun stehen, den Perchtha überschritt und die andern Kinder überkletterten. In diesem Augenblick erkannte die Mutter ihr Kind, eilte hinzu und hob es über den Zaun. Während sie es so in den Armen hielt, sprach das Kind: »Ach, wie warm sind Mutterhände! Aber weine nicht so sehr, du weinst mir meinen Krug sonst gar zu schwer und voll, da sieh, ich habe mir mein ganzes Hemdchen schon damit beschüttet.« Von jener Nacht an, so erzählt man in Wilhelmsdorf, habe die Mutter aufgehört zu weinen. Zu Bodelwitz erzählen die Leute, das Kind habe gesagt: »Ach, wie warm ist Mutterarm,« und seiner Bitte: »Mutter weine nicht so sehr,« dann noch die Worte beigefügt: »Ich muß ja jede Zähre, die du weinest, in meinem Krug sammeln.« Da weinte sich die Mutter noch einmal herzlich aus und weinte dann nicht mehr. August Stöber Der Kinderkreuzzug. Im Jahre 1212 erschien in mehreren Teilen Frankreichs und Deutschlands ein schöner, unbekannter Knabe, der saß auf einem mit glänzenden Fahnen geschmückten Wagen, durchfuhr die Lande und rief überall die Kinder auf, nach Jerusalem zu ziehen und das heilige Grab aus den Händen der Ungläubigen zu retten. Allenthalben schlossen sich die Kinder an, wie sehr auch Eltern, Verwandte und Obrigkeit sich widersetzten. Sie behaupteten, Gott habe sie dazu berufen, und wenn sie in stets wachsenden Scharen durch Stadt und Land zogen, sangen sie das Kreuzfahrerlied, daraus eine Strophe lautete: Nu wallet hin geliche, Daz wir das Himmelriche Erwerben sicherliche Bei duldiglicher Zehr. Gott will mit Heldes Handen Dort rächen seinen Anden Sieh Schar von mannigen Landen Den heilig Geist hehr. Auch ältere Personen gesellten sich zu ihnen. Aus Straßburg allein zogen über 1600 mit, die sich um ein bei dieser Gelegenheit aufgerichtetes Kreuz versammelt hatten. Die deutsche Kinderschar zog über die Alpen nach Italien, um sich daselbst einschiffen zu lassen. Unter der Anführung eines Knaben waren auf diese Weise, Männer und Weiber mitgerechnet, 7000 in Genua angelangt. Viele waren schon während der beschwerlichen Reise über die Schweizerberge umgekommen; andere wurden in der lombardischen Ebene von den Bewohnern als Knechte und Mägde zurückbehalten. In Rom sahen sie das Zwecklose und Törichte ihres Unternehmens ein; die Kinder und Greise wurden von ihrem Gelübde losgesprochen und zogen elendiglich in ihre Heimat zurück. Die Erwachsenen mußten jedoch ihr Versprechen halten. Von denen, die das Meer erreicht hatten, sah keines sein Vaterland wieder, Schiffer nahmen sie zwar auf, um sie angeblich nach Palästina zu führen, schifften aber mit ihnen nach Afrika und verkauften sie dort als Sklaven. Brüder Grimm Des Rechenbergers Knecht. Es sagte im Jahre 1520 Herr Hans von Rechenberg im Beisein Sebastian Schlicks und anderer viel rechtlicher und ehrlicher Leute, wie seinem Vater und ihm ein Knecht zur Zeit, da König Matthias in Ungarn gegen die Türken gestritten, treulich und wohl gedienet hätte viel Jahr, also daß sie nie einen besseren Knecht gehabt. Auf eine Zeit aber ward ihm eine Botschaft an einen großen Herrn auszurichten vertraut, und da Herr Hans meinte, der Knecht wäre längst hinweg, ging er von ohngefähr in den Stall, da fand er den Knecht auf der Streu bei den Pferden liegen und schlafen, ward zornig und sprach, wie das käme. Der Knecht stand auf und zog einen Brief aus dem Busen, sagte: »Da ist die Antwort.« Nun war der Weg ferne und unmöglich einem Menschen, daß er da sollte gewesen sein. Dabei ward der Knecht erkannt, daß es ein Geist gewesen wäre. Bald nach diesem wurde er auf eine Zeit bedrängt von den Feinden, da hob der Knecht an: »Herr, erschrecket nicht, gebt eilends die Flucht; ich aber will zurückreiten und Kundschaft von den Feinden nehmen.« Der Knecht kam wieder, klingelte und klapperte feindlich in seinen vollgepfropften Taschen. »Was hast du da?« sprach der Herr. »Ich habe allen Pferden die Eisen abgebrochen und weggenommen, die bring' ich hier.« Damit schüttelte er die Hufeisen aus, und die Feinde konnten Herrn Hansen nicht verfolgen. Herr Hans von Rechenberg sagte auch, der Knecht wäre zuletzt weggekommen, niemand wüßte wohin, nachdem man ihn erkannt hätte. Ludwig Bechstein König Watzmann. Südöstlich von Salzburg streckt, mit ewigem Schnee bedeckt, hoch über sieben niederen Zinken ein Berg zwei riesige Zackenhörner gen Himmel, das ist der über 2700 Meter hohe Watzmann . Von ihm erzählt das umwohnende Volk aus grauer Vorzeit diese Sage: Einst in undenklicher Frühzeit lebte und herrschte in diesen Landen ein rauher und wilder König, welcher Watzmann hieß. Er war ein grausamer Wüterich, der schon Blut getrunken hatte aus den Brüsten seiner Mutter. Liebe und menschliches Erbarmen waren ihm fremd, nur die Jagd war seine Lust. Zitternd sah sein Volk ihn durch die Wälder toben mit dem Lärm der Hörner, dem Gebell der Rüden, gefolgt von seinem ebenso rauhen Weibe und seinen Kindern, die zu böser Lust auferzogen wurden. Bei Tag und bei Nacht durchbrauste des Königs wilde Jagd die Gefilde, die Wälder, die Klüfte, verfolgte das scheue Wild und vernichtete die Saat und mit ihr die Hoffnung des Landmanns. Gottes Langmut ließ des Königs schlimmes Tun noch gewähren. Eines Tages jagte der König wiederum mit seinem Troß und kam auf eine Waldestrift, auf welcher eine Herde weidete und ein Hirtenhäuslein stand. Ruhig saß vor der Hütte die Hirtin auf frischem Heu und hielt mit Mutterfreude ihr schlummerndes Kindlein in den Armen. Neben ihr lag ihr treuer Hund, und in der Hütte ruhte ihr Mann, der Hirte. Jetzt unterbrach der tosende Jagdlärm den Frieden der Waldeinsamkeit; der Hund der Hirtin sprang bellend auf, da warf sich des Königs Meute alsobald auf ihn, und einer der Rüden biß ihm die Kehle ab, während ein anderer seine scharfen Zähne in den Leib des Kindleins schlug und ein dritter die schreckensstarre Mutter zu Boden riß. Der König kam indes nahe heran, sah das Unheil und stand und lachte. Plötzlich sprang der vom Gebell der Hunde, dem Geschrei des Weibes erweckte Hirt aus der Hüttentüre und erschlug einen der Rüden, welcher des grausamen Königs Lieblingstier war. Darüber wütend, fuhr der König auf und hetzte mit teuflischem Hussa Knechte und Hunde auf den Hirten, der sein ohnmächtiges Weib erhoben und an seine Brust gezogen hatte und verzweiflungsvoll erst auf sein zerfleischtes Kind am Boden und dann gen Himmel blickte. Bald sanken beide zerrissen von den Ungetümen zu dem Kinde nieder; mit einem schrecklichen Fluchschrei zu Gott im hohen Himmel endete der Hirte, und wieder lachte und frohlockte der blutdürstige König. Aber alles hat ein Ende und endlich auch die Langmut Gottes. Es erhob sich ein dumpfes Brausen, ein Donnern in Höhen und Tiefen, in den Bergesklüften ein wildes Heulen, und der Geist der Rache fuhr in des Königs Hunde, die fielen ihn jetzt selbst an und seine Königin und seine sieben Kinder und würgten alle nieder, daß ihr Blut zu Tale rann, und dann stürzten sie sich von dem Berge wütend in die Abgründe. Aber jener Leiber erwuchsen zu riesigen Bergen, und so steht er noch, der König Watzmann, eisumstarrt, ein marmorkalter Bergriese, und neben ihm eine starre Zacke, sein Weib, und um beide die sieben Zinnen, ihre Kinder – in der Tiefe aber, hart am Bergesfuß, ruhen die Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der grausamen Herrscher floß, und der große See hat noch den Namen Königssee, und die Alpe, wo die Hunde sich herabstürzten, heißt Hundstod. So gewann König Watzmann mit all den Seinen für schlimmste Taten den schlimmsten Lohn, und sein Reich hatte ein Ende. Ludwig Bechstein Das heilige Land. Hoch aus der Nordsee Fluten hebt sich die Insel Helgoland, deren Namen noch im vorigen Jahrhundert gar nicht anders als Heilgeland geschrieben wurde, insula sancta, weil sie vor grauen Zeiten ein Götterheiligtum gewesen. Schon damals mochte der Reimspruch seine Geltung haben: Grün ist das Land, Rot ist der Rand, Weiß ist der Sand: Das sind die Zeichen von Helgoland. August Witzschel Der eiserne Landgraf und sein Arzt. Als das Heidentum verschwunden war, hatten auf dieser Insel sieben ausgedehnte Kirchspiele Raum. Noch im Jahr 1530 ernährte die Insel, nachdem die Meeresflut längst des Landes größten Teil verschlungen, noch über zweitausend Bewohner fast ausschließlich durch den Heringsfang. Da kam es einigen Übermütigen bei, die nur geringen Fang taten, einige Heringe mit Ruten zu peitschen, da schwand auch dieser Segen hinweg, die Insel wurde immer kleiner und immer ärmer, und was vor dem Tausende genährt, nährte nun nur noch Hunderte. Die Sage geht, daß das Heilgeland von alters her kein giftiges Tier auf sich dulde. Wegen der Heringe, sagen andere, sei es also gewesen, daß die Helgoländer oft nicht Tonnen und Salz genug für den reichen Segen gehabt, die Heringe seien sogar den Strand hinauf gelaufen, da habe eine alte Helgoländerin, darüber ärgerlich, einmal einen Besen genommen und sie hinuntergefegt, von dieser Zeit an seien sie ausgeblieben. Moritz Bermann Der eiserne Landgraf und sein Arzt. Der eiserne Landgraf wurde in seinem Leben von jedermann gefürchtet, er selbst aber hatte vor niemand Furcht. Auch war er um das Heil seiner Seele wenig bekümmert, drückte und schatzte seine Untertanen hart und brachte viele Besitzungen der Kirchen und Klöster an sich. Wenn ihn fromme und ehrbare Männer deshalb tadelten und ihn in der Beichte an die künftige Vergeltung erinnerten, ihm die Strafe der Gottlosen und die himmlische Seligkeit der Auserwählten vor Augen stellten, antwortete er: »Bin ich zur Seligkeit bestimmt, so werden keine Sünden mir das Himmelreich entreißen können; bin ich aber zur Hölle verurteilt, so werden auch gute Werke mir den Himmel nicht bringen.« Und weil er im Wort Gottes wohl Bescheid wußte, so verhärtete und verstockte er sich noch mehr und mehrte seine Verderbnis damit, daß er gegen die, welche ihm Vorwürfe machten, das Wort des Psalmisten im Munde führte: »Er gab den Himmel dem Herrn des Himmels, die Erde aber den Söhnen der Menschen.« Sprachen nun gottesfürchtige Männer: »Herr, schonet Eurer Seele, höret auf zu sündigen, damit nicht Gottes Gerechtigkeit, durch Eure Sünden gereizt, den Sünder in seinen Sünden töte und zuletzt in die Tiefen der Hölle werfe,« so entgegnete er: »Ist mein Todestag gekommen, so werde ich sterben, ich werde ihn weder durch frommes Leben hinausschieben können noch ihm durch Sündigen zuvorkommen.« Gott wollte ihn aber nach seiner Barmherzigkeit von so großem Wahn bekehren und zur Erkenntnis führen, darum schlug er ihn mit einer gefährlichen Krankheit, wenn auch nicht ihm selber, so doch andern zur guten Lehre. Man rief seinen Arzt, einen rechtschaffenen und auserwählten Mann, der nicht allein in der Kenntnis der Natur, sondern auch in der Theologie mehr als gewöhnlich erfahren war. Zu diesem sprach der Fürst: »Ich bin sehr schwach, wie du siehest, darum wende deine Kunst an, daß ich genesen mag.« Der Arzt antwortete: »Herr, wenn der Tag Eures Todes kommt, so wird meine Kunst Euch nicht dem Tode entreißen können; wenn Ihr aber an dieser Krankheit nicht sterben sollt, so wird meine Arznei überflüssig sein.« Erstaunt über diese Worte, sprach der Landgraf: »Wie magst du so reden?« Wenn mir die Sorgfalt deiner Behandlung nicht zuteil und die vorgeschriebene Lebensweise nicht eingehalten wird, so werde ich von mir selbst und von andern aus Unkenntnis vernachlässigt werden und vor der Zeit sterben können.« Als der Arzt dieses gehört hatte, wurde er heiter und froh und antwortete also: »Herr, wenn Ihr meint, daß durch die Kraft der Arzneimittel Euer Leben verlängert werden könne, warum wollt Ihr nicht glauben an die Buße und an die Werke der Gerechtigkeit, welche Heilmittel der Seele sind? Ohne diese stirbt die Seele, und man gelangt nicht zur Gesundheit des künftigen Lebens.« Der Landgraf überdachte den Wert und Ernst dieser Worte, und weil jener gut und verständig geredet hatte, sprach er zum Arzte: »Fortan sollst du der Arzt meiner Seele sein, da mich Gott durch deine Zunge von einem großen Wahn und Irrtum befreit hat.« Moritz Bermann Das Lebenslicht. Im bildlichen Ausdruck unserer Sprache wird häufig das Leben mit einem Lichte verglichen, und der Tod erscheint als derjenige, der das Lebenslicht ausbläst oder zum Verlöschen bringt. Diesem Sprachgebrauch liegt folgende Sage zugrunde: Es lebte einst ein mächtiger Doktor, der alle seine Zeitgenossen an Berühmtheit übertraf. Er hieß Paul Urssenbeck und wurde gewöhnlich der »Totendoktor« genannt, so wie man das Haus, in dem er wohnte und das sein Eigentum war, nur das »Totendoktorhaus« hieß. Als Grund dieser Benennung diente, daß er der einzige unter allen Ärzten war, welcher stets mit Gewißheit anzugeben wußte, ob bei dem Kranken, der sich seiner Behandlung anvertraute, sein Bemühen erfolgreich sein werde oder ob der Patient sterben müsse. Da diese Prophezeiungen nie verfehlten, einzutreffen, so war er das Orakel seiner Kollegen; denn gegen Tatsachen konnte selbst der Neid nicht aufkommen. Man munkelte freilich viel von einem Bündnisse mit geistigen Mächten, aber wußte doch nichts Gewisses. In Wahrheit hatte sich Urssenbeck durch seine hohe Kunst die Freundschaft des Todes errungen, so daß ihm dieser manchen Gefallen erwies. Der Tod hatte ihm aber strenge Redlichkeit und edle Gesinnung zur Bedingung gemacht, wenn ihre Freundschaft Bestand haben sollte. Lange Zeit ging alles ganz gut; des Doktors Ruhm stieg von Tag zu Tag, und die mächtigsten Fürsten sowie die reichsten Adligen und Bürger nahmen seine Kenntnisse in Anspruch. Daß sich Paul Urssenbeck auf seinem Golde wälzen konnte, ist nicht zu verwundern. Mit diesem Golde war aber auch die Redlichkeit des Doktors verschwunden. Stolz, Übermut, Geiz und die niedrigste Habsucht herrschten in seinem Herzen. Der Arme wurde hohnlachend von der Türe seines Hauses fortgestoßen. Mit einem Worte, er wurde ein so schlechter Mensch, als er nur immer sein konnte. Bisher hatte er sich begnügt, seine Ansprüche zu stellen und seinem grauenhaften Beschützer nicht entgegenzuhandeln. Als er aber sah, daß er noch zehnmal mehr Schätze gewinnen würde, wenn er den zum Tode bestimmten Reichen das Leben erhalten könnte, versuchte er es bei seinem strengen Freunde, manches Leben zu retten. Sein inständiges Flehen half aber nichts, der Tod ließ sich kein Jota von seinem Rechte nehmen. Alle Bitten waren umsonst, und schließlich befahl er dem Doktor ein für allemal, über diesen Gegenstand kein Wort mehr zu verlieren, bei augenblicklichem Verluste seines Lebens, Urssenbeck getraute sich daher auch nicht mehr, diesen Wunsch zu erwähnen. Am 21. April des Jahres 1487 geschah es, daß er zum reichen Grafen Wilhelm dem Awrsperger (Auersperg), kaiserlichem Kämmerer, gerufen wurde. Gleich beim Eintritt bemerkte er den Tod beim Haupte des Kranken und erklärte, daß der Graf unrettbar verloren sei und daß seine Kunst ihm nicht aufzuhelfen vermöge. (Siehe Sage Seite 39, Gevatter Tod.) Mit Bitten und Tränen von der Familie bestürmt, von einer fürstlichen Belohnung, die man ihm versprach, verführt, blickte er bittend auf seinen Freund, der sich aber mit furchtbar drohendem Gesicht abwandte. Urssenbeck bestand infolgedessen auf seinem Ausspruche. Da stellte man endlich drei Säcke mit dreißigtausend ungarischen Goldgulden zu seinen Füßen und versprach ihm die als Geschenk, wenn der Graf gesund würde. Dieser Versuchung konnte sein Geiz nicht widerstehen. Er dachte nach, wie er den Tod vom Kopfe des Kranken entfernen könnte, und verfiel auf eine List. Er ging hinaus, holte vier der stärksten Männer aus der Dienerschaft des Grafen und ließ blitzschnell, bevor sich der Tod zu fassen vermochte, das Bett des Grafen umkehren, so daß Freund Hein nun zu den Füßen des Kranken saß. Der Graf war gerettet. Mit zögernden Schritten entfernte sich der Tod. Urssenbeck sah es ihm an, daß er seine Beute ungern fahren ließ, und der fürchterliche Drohblick, den er noch nach ihm warf, machte den Doktor innerlich erbeben. Er tröstete sich jedoch damit, daß er ihn schon versöhnen wolle, packte die Goldstücke in seine Sänfte und ließ sich heimtragen. Als er durch einen sehr schlechten Hohlweg kam, stieg er aus und ging zu Fuße. Plötzlich stand der Tod neben ihm und grüßte ihn vornehm. Urssenbecks Herz schlug gewaltig, als er sich mit dem tief Beleidigten so einsam sah. Nichtsdestoweniger bot er allen Mut auf, grüßte ihn höflich und bat demütigst um Verzeihung, daß er sich einen solchen Eingriff in seine Rechte erlaubt habe. So entrüstet der Tod anfangs sich zeigte, so wurde er doch nach und nach besänftigt und sagte bloß, ihm mit schrecklicher Miene drohend: »Ich hoffe, Doktor, daß du mir einen solchen Streich zum ersten und zum letzten Male gespielt hast.« Urssenbeck versprach es feierlich und entschuldigte sich mit der hohen Belohnung, die man ihm angeboten habe. Sie versöhnten sich vollends und der Tod begleitete den Doktor noch ein Stück Weges. Auf diesem Wege fragte ihn Urssenbeck, wo er denn eigentlich hingehe, da er dies schon längst gern gewußt hätte. Der Tod antwortete, er wohne unweit von hier, und es würde ihm ein Vergnügen sein, wenn er ihn in seiner Behausung besuchen wollte. Sie gingen einige Schritte weiter, bis sie zu einem Hügel kamen, auf den der Tod mit den Füßen stampfte. Dieser öffnete sich sogleich, und es zeigte sich ein Tor von schwarzen Marmor. Sie traten ein und kamen durch einen dunklen Gang, der nur allmählich heller wurde. So beklommen sich auch der Doktor fühlte, folgte er doch seinem Führer und war überrascht, als sie durch mehrere Gänge kamen, die von oben bis unten mit Millionen Kerzen besetzt waren. »Ich bin wirklich erstaunt über diese Lichter,« sagte der Doktor. »Was bedeuten sie denn? Warum sind sie so ungleich? Einige frisch angezündet, viele Stümpchen schon dem Erlöschen nahe, manche nur noch bloßer Docht, den der leiseste Luftzug verwehen könnte!« »Die Sache ist ganz einfach. Jedes Licht, das hier brennt, ist das Leben eines Menschen. Wo noch viel Brennmaterial, noch viel Leben, wo das Stümpchen, baldiger Tod.« »Brennt da auch meine Lebensflamme?« fragte Urssenbeck. »Freilich. Willst du sie sehen?« »Sei so gefällig, sie mir zu zeigen.« Der Tod führte den Doktor in einen Gang und zeigte ihm sein Lebenslicht. Wie vom Blitze getroffen stand Urssenbeck, denn das Stümpchen flackerte matt und war dem Erlöschen nahe. Zitternd fiel er vor dem Tode nieder. »Hab' Erbarmen mit mir! Noch so kräftig und schon sollte ich sterben? Was wird aus meinen Reichtümern werden? Gestrenger Freund, du sollst mein Flehen erhören und mir ein neues Licht aufstecken!« »Das ist eine sonderbare Bitte, die du an mich richtest. Das habe ich noch niemand getan. Ein neues Licht aufstecken, was fällt dir ein?« »Sei barmherzig, wie du schon einmal gegen mich warst. Gewähre meine Bitte, siehe, ich umfasse deine Knie und flehe dich bei allem, was dir heilig ist, an, mich zu schonen!« »Wohlan, es sei!« Der Tod griff nach dem Stümpchen, um es wegzunehmen und ein längeres Licht aufzustecken. Da er aber über die Neuheit eines solchen Vorschlages lachen mußte, so glitt durch die Erschütterung das Stümpchen aus seiner Hand und fiel zu Boden. Es erlosch alsbald. Mit ihm lag auch Doktor Urssenbeck auf der Erde und war verschieden. Trauernd blickte Freund Hein auf den Toten. Er hatte ja nicht die Macht, ihn aufzuwecken. So war es Geiz und Habsucht, die dem Krösus zur Vernichtung halfen, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß der Tod seinen Groll auf diese Weise an ihm ausgelassen hat. Moritz Bermann Die Löwenbraut. Außerhalb Simmerings, gegenüber dem großen Leichenfelde Wiens, liegt das sogenannte Neugebäude, ein umfangreicher Bau, welcher jetzt als Pulvermagazin und Niederlage für Kriegsbedarf benutzt wird. An dieser Stelle soll während der ersten Türkenbelagerung der Stadt (1529) das kostbare Zelt des Sultans Soliman gestanden haben. Als steinerne Nachbildung desselben ließ Kaiser Rudolf II. im Jahre 1587 mit vielem Aufwand ein Lustschloß bauen, welches samt dem umgebenden Garten von einer hohen Mauer eingeschlossen war, die zehn in weiten Abständen stehende niedere Türme unterbrachen. Im Mittelteil der rückwärts liegenden Hauptseite befand sich ein dreitürmiges Gebäude, umgeben von einer gewölbten Galerie, an deren Enden abermals turmähnliche Anbauten angebracht waren, welche durch einen bedeckten Gang auf der Oberseite miteinander in Verbindung standen. Außer dem zierlichen Lustgarten gab es hier auch einen Tiergarten mit den seltensten und reißendsten Tieren, welche in stark vergitterten Zwingern gehalten wurden. Im Nebengebäude fanden manche glänzende Festlichkeiten und Lustbarkeiten statt. An einem schönen Maientag versammelten sich in den ebenerdigen Hallen die Mitglieder der kaiserlichen Familie, umgeben von ihren Edelleuten, um das Geburtsfest eines holden Prinzeßleins zu feiern. Nach mancherlei prächtigen Aufzügen und Maskeraden erschien ein Gesangschor, welcher ein Lied vortrug. Hierauf trat aus einer Rosenlaube ein vierjähriges Mädchen, Berta, die Tochter des Schloßverwalters Georg Glüheisen, hervor; sie war gekleidet als Schutzgeist von Österreich; in den Armen ein Füllhorn tragend, nahte sie dem Thronhimmel und sprach einen Glückwunsch. Dann jubelten Trompeten und donnerten Kanonen, als plötzlich all das Getöse durch herzzerreißende Schreckensrufe übertäubt wurde. Es war nämlich ein gelbweißer Berberlöwe, das wunderbarste Exemplar des ganzen Tiergartens, durch den Lärm zur Wut gebracht, aus seinem Käfig gebrochen, stürzte sich windesschnell in die Laubgänge des Gartens, kam zum Lustschloß und in den Tempelsaal, wo er verdutzt die Versammlung anstarrte. Die Wachen eilten mit den Feuerrohren herbei, die Edelleute zogen ihre Degen und drangen auf den König der Tiere ein. Da warf sich der kleine Schutzgeist, Berta, an den Hals des Tieres, umschlang es mit seinen Ärmchen und rief flehend: »Nichts tun, meinem guten Hans, nichts tun, geht schon wieder nach Haus mit mir!« Der Löwe ließ ein sanftes Grollen hören, schmiegte sich demütig zu den Füßen des Kindes und ließ sich dann ruhig in denselben Käfig zurückführen, dessen starken Bau er wutentbrannt zertrümmert hatte. »Ein merkwürdiges Beispiel, wie Milde die Kraft zu bezähmen vermag!« rief der Kaiser aus. »Wir sehen darin eine glückliche Vorbedeutung für unser schönes Land, das Wohl vom stürmischen Wogendrange bedroht werden kann, doch der Schutzgeist des Landes wird alle Stürme beschwichtigen. Dem holden Mägdlein sei der Löwe geschenkt und sie führe – bis in späteren Jahren ein wackerer Jüngling sie nach Hause nimmt – von nun an den Beinamen: »die Löwenbraut«. – Jahre vergingen, Berta war inzwischen eine reizend erblühte Jungfrau geworden, ohne daß das zärtliche Freundschaftsbündnis mit dem Löwen aufgehört hätte; ja es war, wenn möglich, noch inniger geworden; denn das Tier duldete nicht, daß ein männlicher Begleiter mit Berta seinem Käfig nahte, ohne durch dumpfes Brüllen seine Eifersucht zu erkennen zu geben. Da wurden aber auf einmal die Besuche des Mädchens am Käfige seltener. Ein wackerer Jüngling, ihr Jugendgespiele Hans Rechberger, der Sohn des vermöglichen Gastwirtes auf dem Salzgries – die Väter waren alte Freunde – hatte um ihre Hand geworben und sowohl bei den Eltern als bei dem Mädchen gute Aufnahme gefunden. Die Hochzeit wurde bestimmt; da gab es viel zu schaffen, so daß die Braut ihren Löwen immer seltener zu besuchen kam. Das Tier merkte dies genau, denn es zeigte bei jedesmaligem Erscheinen ungewöhnliche Traurigkeit in seinen Gebärden und Liebkosungen, welche Berta oft bis zu Tränen bewegten. Es kam die Stunde der Vermählung. Im weißen Brautkleide, das Haupt mit Myrten bekränzt, erschien sie noch zuvor beim Käfig, um Abschied von dem treuen Tiere zu nehmen. Der Wärter schloß die Türe auf, Berta trat ein, und der Löwe schmiegte sich sogleich huldigend zu den Füßen derjenigen, die bisher sein alles gewesen und die er so lange schmerzlich vermißt hatte. Die »Löwenbraut« beugte sich über das treue Tier, schloß die Arme um das Mähnenhaupt und sprach bewegt einige Worte des Abschiedes zu ihrem Liebling, den sie nie wiedersehen sollte. Der Löwe mußte sie verstanden haben. Seine Augen erglühten in unheimlichem Feuer, die Rute machte einen Halbbogen und ein drohendes Gebrüll verkündete nahe Zornesausbrüche. Der Tierwärter sah die Abschiedsszene, ihm bangte für das Mädchen, und er ermahnte dasselbe, sich zu entfernen. Berta drückte den letzten Kuß auf die majestätische Stirne und wollte gehend da erhob sich der zürnende Löwe in aller Majestät und trat vor den Ausgang, ihr den Weg verbietend. Nicht Schmeichelkünste, nicht Drohungen bewogen den Löwen, sich zu entfernen, er wollte seine untreue Braut nicht ziehen lassen zum Ehebund mit einem anderen. Der Wächter rief Hilfe herbei. Mit Blitzesschnelle kam der junge Rechberger, sein Bräutchen mit bewaffneter Faust zu holen; einen Dolch, den er in der Eile aufgerafft, in der Hand, so stürzte er zu dem Käfig. Der Löwe erblickte ihn, mochte sein Vorhaben instinktmäßig ahnen, sprang mit einem Satze auf die Jungfrau los, schlug sie mit der Tatze machtvoll zu Boden und riß ihr eine tiefe Wunde am Herzen, so daß ihr Lebensstrom mit einem letzten Seufzer entfloh und das weiße Brautkleid sich zum dunkelroten Totengewand färbte. Widerstandslos ließ er sich dann von des Jünglings Dolch durchbohren und sank blutend auf den Körper seiner Braut hin. Hans Rechberger küßte den letzten Atemzug von den Lippen der teuren Braut und leistete den Schwur ewigen treuen Angedenkens. Sein Haus, worin sie als glückliche Frau hätte einziehen sollen, nannte er »zur Löwenbraut«, welche Bezeichnung erst im siebzehnten Jahrhundert in die »zum Weißen Löwen« umgewandelt wurde. Dieses Gasthaus ist eines der ältesten der Stadt Wien. Dem Dichter Chamisso hat aber die hier erzählte Geschichte den Stoff zu seiner schönen Ballade »Die Löwenbraut« geliefert. Aloys Wilhelm Schreiber Die Mainau. Auf dem lieblichen Eiland Mainau im Bodensee stand die schöne, züchtige Jungfrau von Bodmann am Ufer und harrte ihres Verlobten, des wackern Herrn von Langenstein; denn um diese Stunde pflegte er sie täglich zu besuchen. Das Fräulein hatte die anmutige, blühende Insel zum Erbe erhalten und träumte sich hier den Sitz stiller, häuslicher Freuden. Diesmal kam der junge Ritter später als gewöhnlich, auch sah er nicht freundlich aus wie sonst, sondern düster und niedergeschlagen. Besorgt forschte sie nach der Ursache und erfuhr, der alte Herr von Langenstein sei plötzlich von der Gicht heimgesucht worden und unvermögend, den Zug nach dem gelobten Lande mitzumachen; darum müsse er gehen, um das Gelübde des Vaters zu lösen. Die Jungfrau erschrak anfangs, faßte sich aber bald und sagte: »Der Himmel hat uns eine Prüfung zugedacht, und wir dürfen uns ihr nicht entziehen. Liebe und Vertrauen sei unser Wahlspruch.« Der junge Ritter wußte sich nicht so leicht zu fügen als seine Verlobte, und er schied mit bitterm Weh im Herzen. Glücklich kam der Heerhaufe, unter welchem er sich befand, in Palästina an, und der Herr von Langenstein tat Wunder der Tapferkeit; aber in einem Scharmützel wurde er von den Türken gefangen und in einen finstern Kerker geworfen. Hier schmachtete er viele Monde lang, ohne andere Hoffnung auf Erlösung als durch den Tod. Oft streiften seine Gedanken ans dem öden, düstern Gefängnis nach der heitern, üppigen Mainau hin, dann füllten heiße Tränen sein Auge, und er tat mancherlei Gelübde, doch schien der Himmel taub gegen seinen Jammer. Einst in einer stürmischen Nacht träumte ihm, es trete ein Engel zu seinem Lager und rede zu ihm mit freundlichen Worten: Gelobe, dich dem Dienst der Kirche zu weihen, und du wirst deine Heimat wiedersehen. Er tat das Gelübde, erwachte darüber und sah mit Erstaunen die Türe seines Kerkers offen stehen. Er floh und erreichte unangefochten die Küste, wo er ein venetianisches Schiff traf, welches ihn aufnahm. Je näher ihm die Berge der Heimat zuwinkten, desto härter wurde der Kampf in seinem Innern. Er dachte der Geliebten, die seiner in treuer Sehnsucht harrte, der lange geträumten Freude des Wiedersehens, zugleich aber auch des Gelübdes, welches zu halten jedoch sein fester Vorsatz war. Jetzt erhebt sich das liebliche Eiland vor seinen Blicken, er sieht am Ufer eine weibliche Gestalt wandeln und glaubt in ihr seine teuere Verlobte zu erkennen. Ein Zittern durchläuft seine Glieder, aber bald ermannt er sich und befiehlt dem Schiffer, seinen Kahn seitwärts zu wenden. Kaum ans Land gestiegen, eilt er zu dem Landkomtur des deutschen Ordens, der in der Nähe seinen Sitz hat, und bittet um Aufnahme, die ihm auch auf der Stelle gewährt wird. Dann sendet er einen Boten nach der Mainau, meldet der Verlobten, was sich begeben, und sagt ihr Lebewohl für diese Welt. Die Jungfrau vernahm die Botschaft mit stummer Ergebung; Nachdem sie mit sich selbst zu Rate gegangen, wie sie ihr Leben künftig einrichten wolle, trug sie die liebliche Mainau dem deutschen Orden als Geschenk an unter der Bedingung, daß Herr von Langenstein daselbst Komtur werden sollte. Der Großmeister willigte ein, und die Jungfrau entließ jetzt ihre Diener und Dienerinnen, nachdem sie unter sie verteilt hatte, was sie an Geld und Kostbarkeiten besaß. Nie hat man erfahren, was aus ihr geworden; wahrscheinlich begrub sie sich in die Einsamkeit eines Klosters und erfreute sich dort in trüben Stunden an dem Gedanken, daß der Geliebte auf dem freundlichen Eiland lebe, wo ihn alles an sie erinnern müßte. Brüder Grimm Die Maultasch-Schutt. Wie das Schloß Dieterichsstein von der Frau Margarete Maultasch (im Jahre 1334) belagert und verwüstet worden, sind viele Herren und Landleute aus Kärnten mit Weib und Kind in eiliger Flucht gen Osterwitz gekommen, einer Burg, dem edlen und gestrengen Herrn Reinher Schenk zugehörig, von dem sie dann mit großen Ehren empfangen worden sind. An diesem Orte als von Natur überaus stark und unbezwingbar, hatten sie alle gute Hoffnung, mit den Ihren vor der Tyrannin sicher zu bleiben. Es liegt aber Osterwitz eine Meile Wegs von St. Veit auf einem starken und sehr hohen Felsen, der an keinem Ort weder gestürmt noch angelaufen werden mag. Nun zog aber Frau Maultasch mit ihrem Kriegervolk stracks auf Osterwitz zu, besonders, nachdem sie erfahren, daß allda ein großer Adel beisammen wäre; mit dem Vorhaben so lange davor zu liegen, bis sie das Schloß in ihre Gewalt bringen und der schon erwähnten Herren und Frauen habhaft sein würde. Wie solches dem Herrn Reinher Schenk von seinen Kundschaftern angekündigt worden, hat er hierauf unverzüglich seine Kriegsleute, deren Zahl nicht viel über dreihundert gewesen, mit großem Fleiß auf die Wehren und Mauern und allenthalben auf dem hohen Berge geordnet und gar nichts unterlassen, was zu ihrem Schutz gedienet. Inzwischen kam die Frau Maultasch so weit heran, daß sie mit den Ihren das Feld weit und breit eingenommen, auch das Schloß ringsum also umringt hatte, daß schier niemand zu den Belagerten kommen oder aus der Festung entweichen konnte. Und weil die Tyrannin gesehen, daß es unmöglich, Osterwitz zu überwältigen, hat sie demnach in der Zeit der Belagerung den armen Bauersleuten in den Dörfern mit Brennen, Rauben, Morden und andern Gewalttätigkeiten nicht geringen Schaden zugefügt, wie die zerbrochenen Schlösser und Burgen noch heutigestags genugsam davon Zeugnis geben. Doch als sie zuletzt gesehen, daß sie sich die ganze Zeit umsonst und vergeblich bemüht hatte, auch mit all ihrer Gewalt wenig ausrichten würde, hat sie soviel im Rat beschlossen, ihre Gesandten an Reinher Schenk zu verordnen mit dem Befehl, daß sie ihn mit vielen und reichen Verheißungen dazu bewegen sollten, das Schloß Osterwitz ihr zu übergeben und mit den Seinen frei abzuziehen. Auf solche Werbung ließ Herr Reinher Schenk abschlägig antworten und sagen, er müßte ein Kind sein, wenn er darauf horchen und nach ihren Drohungen fragen wollte. Die Gesandten kamen mit betrübtem Herzen in das Lager zurück und alle rieten ihr, den Ort, da mit Gewalt nichts auszurichten wäre, auszuhungern und mit solchem Mittel den kärntischen Adel zum Brett zu treiben. Diesem treuen Rat wollte auch Frau Maultasch nachkommen, weil doch keine andere Gelegenheit vorhanden war, ihren Willen durchzusetzen. Weil dann nun diese Belagerung ziemlich lange gewährt hatte, entstand inzwischen in dem Schlosse Osterwitz nicht allein unter den gemeinen Knechten, sondern auch unter denen vom Adel, sonderlich aber bei den Frauen, ein großer Mangel an allen Sachen, vornehmlich aber an Wasser, daß auch täglich viel umkamen. Von den dreihundert Knechten waren kaum hundert übriggeblieben, die sich notgedrungenerweise mit abscheulicher Speise, als Katzen-, Hunde- und Roßfleisch sättigen mußten. Indem sich nun etliche vornehme Herren und vom Adel deswegen miteinander beratschlagten, was zu tun wäre, erfanden sie endlich einen trefflich guten und erwünschten Weg. Sie gingen sämtlich zu Herrn Reinher Schenk und sagten ihm, wie sie diesmal nur durch eine List zu erretten wären, weil sie keine Hilfe von Erzherzog Otto zu erwarten hatten. Dieweil sie nun gesehen, daß alle Speisen und des Leibes Notdurft nun verzehrt und nichts mehr in ihrer Gewalt wäre, als ein dürrer Stier und zwei Vierling Roggen, so wäre ihr getreuer Rat, Gutdünken und Meinung, man sollte den Stier abschlachten, in dessen abgezogene Haut den Roggen einschütten und sie hierauf, wohl vermacht, den Berg hinabwerfen. Wenn die Feinde dann solches sähen, würde es ihnen Ursache geben, zu denken, wir wären mit allerlei Notdurft und Lebensmitteln noch reichlich versehen und könnten die Belagerung noch eine gute Zeit aushalten. Dann würden sie ohne Zweifel aufbrechen und mit dem ganzen Kriegsheer abziehen. Diesem Rat kam Herr Reinher Schenk alsbald nach, ließ den Stier abziehen, den Roggen dareintun und solchen damit den Berg abstürzen, wobei jedermann mit großer Verwunderung zugesehen. Als aber Frau Maultasch solches erfahren, tat sie hierauf einen lauten, hellen Schrei und sagte: »Ha, das sind die Klaus-Rappen, die eine gute Zeit ihre Nahrung in die Kluft zusammengetragen und auf dem hohen Felsen versteckt haben; wir werden sie nicht so leicht mit unsern Klauen fassen können, weshalb wir sie in ihrem tiefen Nest sitzen lassen und andere gemästete Vögel suchen wollen.« Von Stund' an hat sie darauf ihren Kriegsleuten befohlen, daß ein jeder insonderheit seine Stirnhaube voll Erde fassen und solche auf einem ebenen Felde gleich bei Osterwitz gegenüber ausschütten sollte. Als solches geschehen, ist aus derselben Erde ein ziemlich großes Berglein geworden, das man lauge Zeit im Land zu Kärnten die Maultasch-Schutt genannt hat. Noch im Jahre 1580 hat Herr Georg Kevenmüller, Freiherr zu Aichelberg, als Landeshauptmann von Kärnten, der Frau Maultasch Bildnis in schönem, weißem Stein aushauen lassen, welche Säule das »Kreuz bei der Maultasch-Schutt« genannt worden. August Witzschel Sage von Möbisburg. Am nördlichen Ende des Dorfes Möbisburg erhebt sich eine runde, mäßige Anhöhe, teils von der Natur, teils von Menschenhänden so gebildet und geschaffen. Oben, wo jetzt die Kirche und der Gottesacker liegt, stand vor alten Zeiten eine Burg, daher den Hügel bis heute noch das Volk den Burgberg nennt. Auf dieser Burg, erzählt die Sage, wohnte in uralten Zeiten ein mächtiger Fürst, dem das ganze Land weit und breit umher gehörte. Aber er haßte den Frieden, führte das ganze Jahr Krieg, und je mehr er Feinde hatte, desto lieber war es ihm. Lange war er glücklich in diesen Kriegen, zuletzt aber zogen der Feinde zu viele gegen ihn, schlugen ihn überall aus dem Felde und belagerten endlich seine Burg. Der Burgberg ragte damals aus einem See empor, der das ganze Tal bedeckt hat und erst später durch Mönche abgeleitet worden ist. Der belagerte Fürst hielt sich sicher vor den Feinden auf seiner Burg im See; aber der Hunger zwang ihn endlich, die Burg den Feinden zu übergeben. Die Feinde wollten niemand freien Abzug gestatten, nur die Fürstin sollte frei abziehen mit so viel ihrer Habe, als sie zu tragen vermöchte; doch sollte nichts Lebendiges dabei sein. Da versteckte sie ihren Gemahl in eine Lade und trug die Last zur Burg hinaus über die Brücke und durch die Feinde hindurch. Noch war sie in der Nähe der letzten Krieger, als der Fürst an den Deckel der Lade klopfte und ihr zurief: »Mach' auf, mir fehlt es an Luft.« »Ich darf noch nicht,« flüsterte die brave Frau zurück, »die Feinde sind noch ganz nahe.« Abermals nach einer Weile pochte der Fürst an die Lade, und abermals erwiderte sie: »Ich darf noch nicht, die Feinde schauen uns nach; harre noch ein Weilchen, bald sind wir im Walde.« Endlich schirmt sie der dichte Wald, da setzt sie, Gott dankend, die schwere Last ab, öffnet die Lade und findet ihren Gemahl tot in derselben. Jammernd hebt die Fürstin die Lade noch einmal auf ihre Schultern, um der Leiche ein ehrliches Grab zu verschaffen; aber als sie nach Riechheim kam und die Bauern, denen sie früher Gutes getan, um eine kurze Rast und ein Grab für ihren Gatten bat, erlaubten ihr diese nicht einmal niederzusitzen, sondern jagten sie fort über die Grenze. Schweigend und bitter weinend geht die Fürstin weiter mit ihrer Bürde. Im Walde ruht sie die Nacht unter einer Eiche, die man noch lange gezeigt hat, und dann kommt sie nach Osthausen. Die Osthäuser Bauern nehmen die arme Frau gutherzig auf, begraben ihren Gemahl in geweihter Erde und helfen ihr weiter nach Osten fort. Wo sie geblieben, darüber ist alle Kunde verschollen, aber zum Dank hat sie den Osthäusern und den Bauern der andern Dörfer, die ihr Obdach und Hilfe gewährt, Waldungen geschenkt auf ewige Zeiten. So ist es gekommen, daß Osthausen und die meisten Dörfer von da nach Tannroda und Kranichfeld hin Gemeindewaldung bis auf den heutigen Tag haben, nur Riechheim nicht, obgleich es fast im Holze liegt. Noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts war es Brauch, daß die erwachsenen männlichen Einwohner jener Dörfer alljährlich an einem bestimmten Tage gemeinschaftlich auf einen nahen Berg, der Königsstuhl genannt, zogen, um das Andenken an ihre frühere Gemeinschaft zu erneuern. Ludwig Bechstein Von der Münchner Frauenkirche. In der Liebfrauenkirche zu München gibt es mehr als ein Wahrzeichen und geht mehr als eine Sage von ihr. Es ist ein herrliches, stattliches Gebäude, zu dessen Grund und Aufbau man den Mörtel mit bayerischem Wein bereitete. Die Kirche erhielt dreißig prächtige, hohe Fenster, die zum Teil mit den herrlichsten Glasmalereien verziert sind. Als der Teufel einst voll Ärgernis über den neuen, schönen Tempel durch das Portal unterm Tore hineintrat, kam er auf eine Stelle zu stehen, wo er kein einziges von den Fenstern erblickte, und murmelte: »Kein Fenster? Kein Licht? Daran erkenn' ich meine Münchner sehr gut!« – wandte zufrieden um und brannte zum freundlichen Andenken in den Boden nur seine Fußstapfe, die noch heute zu sehen. Hatte sich aber stark geirrt, der dumme Teufel. So lang die Kirche ist, fast so hoch sind ihre Türme, 333 Fuß. Auf dem linken, südlichen Turme ist es nicht geheuer, er wird nur selten betreten. – Jörg Gankoffen von Halspach (Haselbach bei Moosburg, wo noch sein Geburtshaus bezeichnet wird), hieß der Kirche Erbauer; er vollführte, wie eine Inschrift besagt, den ersten, den mittleren und den letzten Stein; zwanzig Jahre währte der Bau, und als der fromme Maurermeister den letzten Stein vollführt hatte, da starb er. Sein getreues Bildnis ist noch innerhalb der Kirche zu sehen, neben ihm das Bildnis des Zimmermanns, der den Dachstuhl baute. Es wurden dazu nicht minder als 1400 Flöße, jedes aus fünfzehn bis sechzehn Bäumen bestehend, auf der Isar herabgeflößt. Da der Bau vollendet war, fand sich ein zugerichteter, noch unverwendeter Balken, und dennoch fehlte nirgends auch nur eine Latte. Der Meister soll selbst den Balken aus dem Gerüst genommen und gesagt haben: »Nun komme her wer da wolle und sage mir, wo der Balken fehle und wo er füglich hingehört.« – Aber nach wie vor hat sich niemand gemeldet, und ist ein Jahrhundert um das andere vorübergegangen, und der überflüssige Balken ist noch immer vorhanden. Außer dem Hochaltar hat die Frauenkirche dreißig Altäre, einer derselben ist Sankt Benno geweiht, der nächst der Himmelskönigin Münchens und der Kirche Schutzpatron ist. Der heilige Leichnam Bennos ward aus Meißen, wo er gelebt und manches Wunder vollbracht, gen München geführt, und als er von da in bedrohlicher Zeit nach Salzburg geborgen wurde, übte der Heilige ein neues Wunder; denn alsbald hörte mit seinem Eintreffen die grimmige Pest auf, welche damals zu München wütete; darum ward diesem Heiligen vorzugsweise der Name Wundertäter, Thaumaturgos , beigelegt. Ludwig Bechstein Die Münsteruhr. Zu Straßburg im Münster ist ein kostbares und bewunderungswürdiges Uhrwerk, das seinesgleichen in der ganzen Welt nicht hat. Hoch und stolz, ein wundersames, figurenreiches Gebäu, steht es da vor Augen; aber leider steht es eben und geht schon längst nicht mehr. Am Fuß des Kunstwerks zeigt sich neben einem Himmelsglobus ein Pelikan, darüber erhebt sich ein Kalender, in dessen Mitte die Erdkugel ersichtlich ist, zu beiden Seiten stehen der Sonnengott und die Mondgöttin, welche mit ihren Pfeilen Tages- und Nachtstunden zeigen. Schildhalter an den vier Wänden des Kalendariums lassen Wappen erblicken. Darüber fahren in Wagen, von verschiedenen Tiergespannen gezogen, die sieben Planetengötter als Tagesboten; jeden Tag zeigt, sich sanft vorrückend, ein anderes Gespann, steht in der Mitte zur Mittagsstunde und gibt dann allmählich dem nachfolgenden Raum. Darüber ist ein großer Viertelstundenzeiger, und zur Seite sind vier Gebilde, die Schöpfung, Tal Josaphat, jüngstes Gericht und Verdammnis. Zur Rechten des Beschauers steht ein freier Treppenturm am Uhrgebäu, zur Linken ein ähnlicher von anderer Form mit Göttergestalten, auf der Spitze ein großer Hahn, welcher die Stunden kräht und mit den Flügeln schlägt. Am Sockel der Türme halten zwei große, aufrecht sitzende Löwen je einer den Helm mit dem Kleinod, der andere das Wappenschild Straßburgs. Rechts in der Mitte ist das riesig große, mannigfach verzierte und mit kunstvollem Triebwerk versehene Zifferblatt, umgeben von den Bildern der vier Jahreszeiten, darüber steht: Dominvs lvx mea-qvem timeo . Den Zeiger bildet ein geschlängelter Drache, dessen Zungenpfeil auf die Stundenzahl deutet. Über dem Zifferblatte zeigt ein kleinerer Kreis mit der Mondscheibe genau des Mondes wechselnde Zeiten. Darüber erscheinen zwischen Schildhaltern und Wappenfiguren wandelnde Gestalten der Menschenalter, welche an die offen hängenden Viertelstundenglocken anschlagen, über ihnen hängt die Stundenglocke; nach jedem Viertelstundenschlage tritt der Tod hervor, die Stunde zu schlagen, aber da begegnet ihm die Gestalt unseres Heilands und wehrt ihm; erst wenn die Stunde voll ist, darf der Tod sein Stundenamt üben. Hoch empor über allem diesem hebt sich noch eine gotische Krone mit den freistehenden Gestalten der vier Evangelisten, die Tiere der Offenbarung neben sich, und über diesen stehen zwei musizierende Engel, dahinter aber birgt sich gar ein schönes, klangvolles Glockenspiel. Auch ist noch manch anderes künstliches Bilderwerk an der Münsteruhr zu sehen, und sind auch gedankenvolle Sprüche daran zu lesen. Dieses herrlichen Werkes Meister hieß Isak Habrecht, der hatte gar lange gesonnen Tag und Nacht und gearbeitet unermüdlich, bis er es vollendet und bis es durch seinen lebendigen Gang alle Welt zum Erstaunen hinriß. Da es nun vollbracht war, so gedachte der Meister auch anderswo seine unvergleichliche Kunst zu üben. Da blies der böse Feind dem Rate der Stadt Straßburg bösen Neid in das Herz; denn es sollte ihre Stadt solch Wunderwerk nur einzig und allein haben. Und weil die Herren im Rate auch glaubten, wenn sie dem Meister Habrecht auch verböten, der Stadt Weichbild zu verlassen, werde er Straßburg dennoch den Rücken kehren, so wurden sie miteinander eins, ihn des Augenlichts zu berauben. Das ward dem Meister angesagt, und wie er es vernahm, schauderte ihn und er sprach: »Nur einmal noch möcht' ich mein Uhrwerk sehen, möchte noch etwas daran verbessern, denn ich vermag es später nicht mehr, wenn ich nicht sehend bin.« Das wurde ihm vergönnt, und dann stieg der Meister zu seinem künstlichen Bau hinauf und trat hinein und schaffte was darin, eine kurze Weile. Und hernach haben sie ihn auf dem Rathaus des Augenlichts beraubt. Aber siehe, da stockte mit einem Male das Uhrwerk. Christus und der Tod und die Alter der Menschen wandelten nicht mehr, das Glockenspiel verstummte, der Hahn krähte nicht, die Uhrglocken tönten nicht, der Zeigerdrache zeigte nicht, die Götter fuhren nicht mehr – alles stand. Bald aber nach der grausamen Tat wurden Meister Habrechts geblendete Augen aufgetan zum ewigen Licht. Vergebens sandte der Rat nach Künstlern umher, die das Uhrwerk wieder in Gang bringen sollten. Viele kamen, viele probten und pösselten daran und darin herum, keiner bracht's in Gang, von alter Zeit zu neuer Zeit, immer wieder – sie verdarben mehr als sie gut machten, und so steht im Münster das Uhrwerk heute noch; wunderbar anzuschauen, aber ungangbar, und die Zeiger zeigen noch Tag und Stunde, an denen so grausenhafte, undankvolle Untreue an dem kunstreichen Meister verübt ward. Ludwig Bechstein Nibelung von Hardenberg und der Zwerg Goldemar. Im Jülicher Lande saß ein Edler, des Namens Nibelung von Hardenberg, dem gehörten die Schlösser Hardenberg, Hardenstein und Rauental, und bei ihm wohnte ein Zwergkönig oder Elbe, der hieß Goldemar. Der war dem Nibelung von Hardenberg und nicht minder dessen schöner Schwester sehr zugetan, gab Ratschläge und war hilfreich in allen Sachen. Obschon der Elb Goldemar sich nicht sehen ließ, vielmehr stets unsichtbar blieb, so ließ er sich doch deutlich wahrnehmen; er trank Wein mit dem Ritter, spielte mit ihm und seiner Schwester Brett und selbst mit Würfeln und spielte auch die Harfe gar wundersam, daß kein Mensch auf Erden ihr solche Töne entlocken konnte. Wollte Nibelung sich überzeugen, ob der Elbe wirklich bei ihm sei, so fühlte er nach dessen Hand, und die war sehr klein, zart, weich und warm. Dieser Elbe trieb es so drei Jahre lang auf Hardenbergs Schlössern und beleidigte niemand. Da geschah es, daß er beleidigt wurde; denn die Hausgenossen, denen seine Anwesenheit unverborgen war, wurden von Neugierde geplagt, ihn zu sehen und zu erfahren, wie der Elbe aussehe. Da streuten sie heimlich Asche auf den Fußboden und Erbsen. Goldemar der Zwerg kam, sich nichts versehend, in den Saal und trat auf die Erbsen, glitt aus und fiel, und seine Gestalt drückte sich in der Asche ab. Die war aber gestaltet wie eines sehr jungen Kindes Gestalt, und die Füße waren ungestaltet. Da kam der Elbe Goldemar nimmer auf des Hardenbergs Schlösser. Er wandte sich anderswohin und entführte eine Königstochter, die hieß Hertlin. Die Mutter dieser Königstochter starb vor Leid über den Verlust ihrer Tochter; letztere aber ward durch den sieghaften Helden Dietrich von Bern, den alte Lieder feiern, befreit und von ihm geehelicht. Manche sagen, daß dieses Bern, wovon der Held Dietrich den Namen geführt, nicht das Bern in der Schweiz, auch nicht das welsche Bern, Verona, gewesen, sondern das rechte Dietrichs-Bern sei Bonn gewesen; der älteste Teil dieser Stadt habe auch Verona oder Bern geheißen. Da in dieses rheinische Land und Gefilde so viele Taten Dietrichs von Bern fallen, von denen in alten Heldenbüchern viel zu lesen ist, so dürfte wohl etwas Wahres an der Sage sein. Der Gezwerg Goldemar aber hat, nachdem ihm Dietrich die Beute abgedrungen, die Riesen zu Hilfe gerufen und Berge und Wälder ringsum schrecklich verwüstet. Die Stadt Elberfeld soll ihren Namen von nichts anderem tragen, als von den Elben, auf deren Felde sie gegründet ward. Hunkler Die Legende der heiligen Odilia. Patronin des Elsasses. Zu den Zeiten des Königs von Frankreich Hildericus oder Childerichs II. wurde (um das Jahr 666 oder nach andern 670) das Elsaß zu einem Herzogtum erhoben, und zum Herzog wurde Adalrich , gewöhnlich Attich , oder nach älteren Urkunden Etticho , ein austrasischer Edelmann, ernannt. Herzog Attich vermählte sich mit Bereswinde und lebte mit ihr teils auf seinem Schlosse zu Oberehrheim, teils aber, und wie es scheint vorzugsweise, auf Hohenburg . Beide Gatten wünschten sehnlich, einen Erben zu erhalten; Attich, um ihm einst seine Würden und Güter zu hinterlassen, die fromme Bereswinde, um ihn zur Ehre Gottes zu erziehen. Endlich gebar die Herzogin eine blinde Tochter. Als dies der Vater vernahm, ward er darüber so erzürnt, daß er das Kindlein zu töten begehrte, und sprach zur Mutter: »Nun erkenne ich, daß ich sonderlich wider Gott muß gesündigt haben, daß er mir widerfahren läßt, was noch keinem meines Geschlechts geschehen ist.« Da sprach Bereswinde: »Herr, du sollst dich um diese Sache nicht so sehr betrüben; denn du weißt wohl, daß Christus von einem Blindgeborenen sprach: ›Dieser ist blind geboren nicht durch seiner Vordern Missetat willen; er ist blind geboren, daß Gottes Gewalt an ihm erscheinen solle.‹« Diese Worte beruhigten jedoch des Herzogs wilden Sinn nicht; all seine Begierde ging darauf, daß das Kind getötet würde, und er sprach abermals zu seiner Frau: »Schaffe, daß das blinde Kind von unsrer Freunde einem getötet werde oder so ferne von uns komme, daß wir sein vergessen, anders werde ich nimmer froh.« Dieses Gebot betrübte Bereswinde gar sehr, und sie bat Gott mit Andacht um Rat und Hilfe in dieser Sache. Da gab ihr Gott in den Sinn, daß sie an eine Frau gedachte, die war ihre Dienerin gewesen. Nach dieser sandte sie und sagte ihr des Herzogs Anschlag wider das blinde Töchterlein. Da tröstete sie die Dienerin und sprach: »Ihr sollt Euch nicht so sehr darum betrüben; denn Gott, der dem Töchterlein diese Plage geschickt, vermag es auch wieder sehend zu machen.« Damit aber der Anblick des Kindes nicht fürder des Herzogs Zorn reize, sandte die Mutter alsbald die Dienerin in Begleitung treuer Knechte mit dem blinden Kinde weit, weit von dannen, gen Palma, das liegt jenseits der Alpenberge in Friaul; dort war ein Frauenmünster, und dorthin wurde Herrn Attichs Töchterlein gebracht. Die Klosterfrauen erzogen das Kind mit vieler Zärtlichkeit und unterwiesen es in der heiligen Schrift. Im Bayerlande aber war ein Bischof mit Namen Erhardus ; der hörte im Traum eine Stimme: »Mache dich auf gen Palma in das Stift; dort findest du ein blindes Mädchen, das sollst du taufen und Odilia heißen.« Erhardus folgte ohne Weilen der Stimme des Herrn, so er im Traume vernommen, zog gen Palma in das Stift und fand das Kind, taufte und segnete es, und siehe, da gingen über der Taufe dem Kinde die Augen auf, und es ward sehend. Da nun Sankt Erhardus in sein Land gekommen war, schrieb er dem Herzog Attich alle diese Geschichten und bat ihn, er möge das Kind wieder in seine Gnaden empfangen, das ohne seine Schuld in seine Ungunst gefallen war. Darauf antwortete aber der Herzog nicht. Nun erfuhr Odilia, da sie zu einer ebenso frommen als überaus schönen Jungfrau herangewachsen war, daß sie einen Bruder mit Namen Hugo habe, der an seines Vaters Hofe in Hulden war. Dem schrieb sie einen Brief und bat ihn, er möge ihr Gnade erwerben bei ihrem Vater, damit sie ihn doch einmal mit Freuden ansehen dürfe. Da der Bruder diesen Brief empfing, trat er vor seinen Vater und sprach: »Gnädiger Vater, ich begehre, daß du die Bitte deines Sohnes wollest erhören.« – Herzog Attich antwortete darauf: »Bittest du unziemliche Dinge, so ist es unbillig, daß ich dich erhöre.« – Da sprach der Sohn: »Es ist eine geziemende Bitte, denn ich begehre nichts anderes, als daß deine Tochter, meine Schwester, die in dem Elende lange ohne Trost gewesen ist, nun wieder zu deinen Hulden empfangen werde und deine gnädige Gegenwart genieße.« – Darauf gebot ihm der Vater zu schweigen. Allein Hugo hatte großes Mitleiden mit seiner Schwester und ließ heimlich ein Wäglein bereiten mit allem Nötigen und sandte es seiner Schwester. So geschah es denn eines Tages, daß der Herzog mit seinem Sohne und seiner Ritterschaft auf Hohenburg saß und einen gezierten Wagen daherkommen sah. Als er nun fragte, wer da komme, sagte der Jüngling frei heraus, daß es seine Tochter Odilia sei. Darüber ergrimmte Attich dergestalt, daß er rief: »Wer ist so frevelhaft und töricht, daß er sie ohne mein Geheiß dahergerufen?« Hugo, welcher wohl sah, daß es nicht möchte verhohlen bleiben, antwortete: »Herr, ich, dein Sohn und Diener, hielt es für große Schande, daß sie in solcher Armut lebe, und habe sie aus großem Mitleid hierher berufen und bitte um deine Gnade.« Da hub der Vater vor Zorn seinen Stab auf und schlug den Jüngling so sehr, daß er siech ward und starb. Herzog Attich erschrak alsbald über seine Missetat, ging in sich, sandte nach seiner Tochter Odilia und nahm sie freundlich auf. Odilia wuchs immer mehr an Weisheit und Frömmigkeit, und der Ruf ihrer Schönheit, sowie des Glanzes, welcher an ihres Vaters Hof herrschte, drang nach allen Landen. Bald kamen angesehene Freier von allen Seiten herbei, welche um die Hand der edlen Fürstentochter warben. Allein so sehr auch ihr Vater und seine Höflinge in sie drangen, daß sie sich vermähle, blieb sie bei ihrem Gelübde, allein Gott zu dienen und dem Bräutigam ihrer Seele, ihrem Heiland und Erlöser Jesu Christo. Diese Treue und Standhaftigkeit in ihrem Vorsatze erbitterte den Vater aufs neue wider sie; und endlich wollte er sie mit Gewalt zwingen, einem reichen und angesehenen Fürstensohne aus Deutschland ihre Hand zu reichen. Da nun die fromme Jungfrau sah, daß ihr Vater unwiderruflich auf seinem Willen beharre, gedachte sie aus dem Schlosse zu entfliehen. Sie entkam durch ein Pförtchen der Burg, stieg ins Tal hinunter, legte ihre fürstlichen Kleider ab und vertauschte sie mit einem ärmlichen Pilgergewande und floh zu Fuß bis an den Rhein, wo sie ein Schiffer alsobald in seinem Nachen ans andere Ufer brachte. Von da floh sie dem Gebirge zu. Allein Herzog Attich hatte ihre Flucht bemerkt und stieg mit dem jungen Fürstensohne, Odilias Freier, und mit einem Gefolge von Rittern und Knechten zu Pferde, um der Flüchtigen nachzueilen. Er hatte auch bald durch die Kundschafter, die er im ganzen Lande umhergesandt, erfahren, welchen Weg sie eingeschlagen, und folgte ihr in starkem Ritte auf dem Fuße nach. Von der beschwerlichen Wanderung in einer unbekannten, dicht mit Wäldern bedeckten Talgegend ermüdet, hatte sich die heilige Pilgerin einige Augenblicke niedergelassen, um auszuruhen. Da hörte sie von ferne das Getrabe von Pferden und Klirren der Waffen ihrer Verfolger. Eilig raffte sie sich zusammen und eilte den Berg hinauf, ein Versteck gegen ihre Dränger zu suchen. Sie fiel aber endlich vor einem Felsstück kraftlos nieder, als dieselben schon hart hinter ihr waren. In ihrer Verzweiflung und voll lebendigen Glaubens an den Schirmer der Unschuld breitete sie ihre Arme gen Himmel und flehte ihn um Erbarmen an. Siehe, da öffnete sich die Felswand, nahm sie auf und schloß sich alsbald wieder zu. Von diesem Wunder ergriffen, rief sie der reuevolle Vater bei ihrem Namen und gelobte ihr, daß er ihr nun vollkommene Freiheit gestatten wolle, ihrem heiligen Berufe zu leben. Hierauf tat sich der Fels auf und Odilia trat im Glanze ihrer Unschuld und Heiligkeit vor die Schar der sie bewundernden Reiter. Die Felsenhöhle blieb aber von Stund' an offen, und aus derselben sprang eine klare Quelle ins Tal herab, die noch jetzt heilkräftig auf kranke Augen wirkt. Über derselben erhebt sich eine der Heiligen geweihte Wallfahrtskapelle, welche der Stadt Freiburg gehört und von den Gläubigen und von allen Freunden der Einsamkeit und der schönen Natur fleißig besucht wird. Herzog Attich schenkte nun seiner Tochter sein Schloß Hohenburg und gab ihr alles, was sie zur Stiftung eines Klosters brauchte, deren erste Äbtissin sie wurde. Bald darauf starb der Herzog. Da erkannte Odilia in ihrem Geiste, daß ihr Vater im Fegfeuer in großer Pein wäre um seiner Sünden willen, die er auf Erden noch nicht ganz abgebüßt hätte. Und sie empfand darob viele Schmerzen und hielt mit Wachen, Beten und Fasten so lange um die Seligkeit ihres Vaters an, bis sie einst einen lichten Schein gewahrte und eine Stimme vernahm, die sprach: »Odilia, du auserwählte Dienerin Gottes, peinige dich nicht mehr um deinen Vater; denn der allmächtige Gott hat dich erhört, und die Engel fuhren mit deines Vaters Seele in den Himmel.« Da rief sie dankbar und reichliche Tränen vergießend aus: »Herr, ich danke dir, daß du mich Unwürdige erhöret hast durch deine milde Güte und nicht durch mein Verdienst!« Die Kapelle im Klostergarten, in welcher Odilia Tag und Nacht um die Seele ihres Vaters geweint und gebetet hatte, heißt noch jetzt die Zährenkapelle ; vor dem Altar auf dem Stein war eine Vertiefung zu sehen, welche, nach dem Vorgeben der gläubigen Pilger, die Spur ihrer Knie zurückgelassen hatte. Odilia war das Vorbild ihrer Klosterfrauen, nicht nur durch ihre Heiligkeit, sondern auch durch ihren einfachen und strengen Wandel. Später, als die Zahl der Klosterfrauen zugenommen hatte, gründete Odilia in der Nähe des Spitals ein zweites Kloster, welches sie Niederhohenburg oder Niedermünster nannte und teilte ihm die Hälfte der zur obern Abtei gehörigen Güter mit, behielt aber solange sie lebte die Oberaufsicht über beide Stifte. Da Odilia, so erzählt die Sage, um diesen Bau bekümmert war, kam zu ihr ein Mann, der brachte ihr drei Zweige von einer Linde , damit sie dieselben vor das Kloster setze, zu ihrem Gedächtnisse. Also hieß sie drei Gruben machen und setzte mit eigener Hand den ersten Zweig im Namen Gottes des Vaters, den zweiten im Namen des Sohnes, den dritten im Namen des Heiligen Geistes. Die drei Zweige wuchsen zu mächtigen Bäumen heran, deren Stämme stets geblieben seien und immer von neuem ausgeschlagen haben sollen. Noch jetzt stehen drei uralte Linden an demselben Orte. Odilia starb wahrscheinlich bald nach dem Jahre 720 und wurde in der Sankt Johanniskapelle begraben. Ihr Festtag, 13. Dezember, befindet sich schon im alten Märtyrerbuch mit jenen aufgezeichnet, welche im achten Jahrhundert im Straßburger Bistum feierlich begangen wurden. Aloys Wilhelm Schreiber Peter von Staufenberg. Peter Dirminger, der auf seiner Burg Staufen in der Ortenau wohnte und auch Herr von Staufen hieß, kehrte einstmals von der Jagd heim. Es war schon gegen die Abenddämmerung, als er gegen das Dorf Nußbach kam, und da er müde und durstig war, ging er zu einem Brunnen, der seitwärts vom Wege stand und von alten Eichen beschattet wurde. An der Quelle saß eine schöne Jungfrau in weißen Gewändern, die seinen Gruß sittsam erwiderte und ihn beim Namen nannte. Der Ritter war verwundert, fragte sie, wer sie sei und woher sie ihn kenne. »Ich wohne ganz nahe,« antwortete sie, »und habe Euch manchmal gesehen, wenn Ihr mit Euren Jägern hier an der Quelle einen Trunk schöpftet, und da hörte ich denn auch von Euren Begleitern Euren Namen nennen.« Der Ritter von Staufen, der noch jung und unverheiratet war, fand Gefallen an der schönen Jungfrau und an ihrem klugen Gespräche, und die Liebe bemeisterte sich seines Herzens. Die folgenden Tage um dieselbe Stunde ging er jedesmal zu dem Brunnen, aber die Unbekannte ließ sich nicht sehen. Am Abend des vierten Tages, als er fast schwermütig an derselben Stelle saß und sich mit dem Rücken an eine Eiche lehnte, vernahm er einen ungemein lieblichen Gesang, der aus dem Brunnen zu kommen schien. Er stand auf und sah sich sorgfältig nach allen Seiten um, konnte aber niemand entdecken, und auch die Stimme schwieg. Eben wollte er seinen Platz unter der Eiche wieder einnehmen, da sah er die Jungfrau auf dem Stein sitzen, auf welchem er zuvor gesessen hatte. Sie schien fröhlichen Mutes; denn auf alle seine Fragen gab sie ihm keinen rechten Bescheid, sondern antwortete jedesmal mit einem Scherz, wodurch der Ritter in nicht geringe Verlegenheit geriet. Dabei war sie aber so einnehmend, daß er seinem Herzen keine Gewalt mehr tun konnte, sondern ihr seine Liebe gestand. Sie wurde nachdenklich und beschied ihn auf den nächsten Morgen vor Sonnenaufgang an den Brunnen. Der Ritter fand sich an dem bestimmten Ort ein, als kaum die Sterne zu erblassen anfingen. Mit dem ersten Morgenlicht trat die Jungfrau aus dem Gebüsch hervor in aller Huld und Schönheit, so daß der Ritter meinte, es stehe ein überirdisches Wesen vor ihm. Um ihre blonden Locken, die vom Tau feucht schienen, hing ein Kranz von blauen Kornblumen, und ihre Brust schmückten zwei Rosenknospen. Sie sah den Ritter mit dem hellen, reinen Blick der Unschuld an; er aber wußte kein Wort hervorzubringen. Endlich ergriff er doch ihre Hand und redete von seiner Liebe. Da bat sie ihn, sich neben sie zu setzen, und sagte: »Ich bin keine von den Töchtern der Menschen, sondern eine Wasserjungfrau, die man auch Mummelchen oder Wasserfeen nennt. Merkt wohl auf, Herr Ritter! Wenn Ihr Euch mit mir verbindet, so muß Eure Treue rein bleiben wie diese Quelle und fest wie der Stahl Eures Schwertes. Untreue brächte Euch den Tod und mir unendlichen Jammer; denn wie unsere Liebe immer dauert, so auch unser Schmerz.« Der Ritter schwur hoch und teuer, daß es ihm ebenso unmöglich sei, ohne sie zu leben, als ihr je untreu zu werden. Die Jungfrau reichte ihm jetzt einen kostbaren Ring dar, und er drückte sie liebevoll an seine Brust und sprach von der anmutigen Lage seiner Burg und wie sie dort leben wollten in Friede und Freude. Es wurde der Tag verabredet, an welchem er sie heimführen wollte als seine Hausfrau. Der Morgen dieses Tages erschien. Als der Ritter aus seinem Schlafgemach in den Saal trat, erblickte er auf einem Tische drei kunstreich geflochtene Körbchen, das eine mit Gold, das andere mit Silber und das dritte mit Edelsteinen mancher Art angefüllt. Es war die Morgengabe seiner Braut. Diese erschien bald darauf, von mehreren Gespielinnen begleitet, und die Trauung sollte vor sich gehen. Die Jungfrau verlangte den Ritter noch einmal allein zu sprechen, sie führte ihn in ein Nebengemach und sagte: »Bedenkt noch einmal, Herr Ritter, was Ihr tut. Wenn Euer Herz gegen mich erkaltet und warm wird für eine andere, so seid Ihr verloren, und es wird ein Zeichen geschehen Eures nahen Verderbens. Von mir werdet Ihr nichts mehr zu sehen bekommen als diesen meinen rechten Fuß.« Der Ritter fiel ihr um den Hals und wiederholte die Beteuerungen trunkener Liebe. Die Trauung geschah jetzt, und dieser Tag, sowie viele folgende gingen in Lust und Heiterkeit vorüber. Die junge Frau schien mit jedem Morgen herrlicher aufzublühen, und es war noch kein Jahr verflossen, als sie den Ritter mit einem schönen Knaben beschenkte. Bald darauf entzündete sich ein schwerer Krieg im Frankenreiche. Peter von Staufenberg besaß Mut und Ehrbegier, und er wollte neben der Liebe auch Ruhm gewinnen. Die Gattin hielt es nicht für geziemend, ihn von der Waffenbahn zurückzuhalten; doch ließ sie ihn in der Scheidestunde mit schwerem Herzen aus den Armen los und beschwor ihn weinend, ihrer und des Säuglings an ihrer Brust nicht zu vergessen. Peter zog nun mit einem Haufen Reisiger über den Rhein und begab sich unter die Fahnen eines fränkischen Herzogs. Schon im ersten Treffen zeigte er die Kraft seines Armes und seine Klugheit auf eine Weise, die ihm die Gunst des Herzogs erwarb; in einer Feldschlacht rettete er diesem das Leben und hatte großen Anteil an dem Siege, der zum schnellen Frieden führte. Der Herzog bewies sich dankbar, er bot dem wackern deutschen Ritter die Hand seiner jüngsten und schönsten Tochter an. Peter war nicht gleichgültig gegen ihre Reize und noch weniger gegen die Ehre, mit einem Fürstenhause in Verwandtschaft zu kommen; doch war er auch nicht unredlich genug, seine Verheiratung zu verschweigen. Er erzählte offenherzig, wie alles dabei zugegangen. Der Herzog schüttelte den Kopf und sagte, hier habe der böse Geist sein Spiel, der Ritter sei mit einem gespenstigen Wesen verbunden, und um seiner Seele willen müßte er sich von einem solchen Bande zu trennen suchen. Der Hofkaplan, der jetzt gerufen wurde, erklärte dasselbe und versicherte, sobald der Ritter den Segen der Kirche und eine christliche Gattin von der Hand des Priesters empfange, werde der Zauberspuk verschwinden. Peter ließ sich leicht bereden und verlobte sich mit der schönen Fürstentochter. Die Trauung sollte nach vierzehn Tagen stattfinden. Den Abend zuvor langte einer seiner Knechte von Staufen an und brachte ihm die Botschaft, seine Gattin und sein Kind seien plötzlich von der Burg verschwunden. Peter erkundigte sich nach den Umständen und erfuhr, daß dies am nämlichen Tage und zur nämlichen Stunde geschehen, da er seine neue Verlobung gehalten. Nun wurde er noch in dem Glauben an eine gespenstige Täuschung bestärkt und ging des andern Tages mit ziemlich leichtem Herzen zur Trauung, die auf einem Lusthause geschah. Als die Gesellschaft fröhlich bei der Tafel saß und auch der Ritter guter Dinge war, sah er von ungefähr nach der Wand des Zimmers, und in diesem Augenblick kam ein niedlicher Frauenfuß aus der Wand hervor. Der Ritter rieb sich die Augen, ob er auch recht sehe, doch die Erscheinung blieb eine geraume Zeit. Da überlief es ihn kalt und warm, und große Schweißtropfen hingen an seiner Stirne, denn er gedachte der Warnung, welche ihm die Wasserjungfrau gegeben. Er tat sich Gewalt an und leerte eifrig den Becher, um seiner Bangigkeit Herr zu werden, welches ihm etwas gelang. Gegen Abend brach die Gesellschaft aus dem Lusthause nach dem herzoglichen Schlosse auf; der Weg ging über eine Brücke; aber Peter, der zu Pferd war, ritt durch den sehr seichten Fluß. Kaum befand er sich in der Mitte, da kochte und schäumte das Wasser wie beim Meeressturm, haushoch schlugen die Wellen empor und über dem Haupte des Ritters zusammen, sein Roß fing an zu scheuen und sich zu bäumen, wild warf es seinen Reiter ab und sprang ans Ufer. Furchtbar tobte jetzt der Strom noch einen Augenblick lang; aber plötzlich wurde er ruhig, wie von unsichtbarer Macht gebändigt; das Wasser floß still und klar dahin, der Ritter von Staufen war verschwunden, und auch sein Leichnam konnte nicht mehr gefunden werden. Ludwig Bechstein Ratten vertrieben. Zu Neustadt-Eberswalde gibt es keine Ratten; früher waren sie dort zahllos und fraßen fast die ganze städtische Kornmühle auf. Da kam ein fremder Mann, der erbot sich, dieses Ungeziefer für immer zu bannen, er wollte erst nach Jahr und Tag den Lohn für seine Kunst; nur zwei Taler wollte er vorweg und acht Taler übers Jahr. Über solchen Vorschlag war der Rat von Neustadt-Eberswalde gar Wohl zufrieden, und derselbe Mann versuchte nun seine Kunst. Er setzte sich unfern der Mühle in einen Nachen und fing an, ein wundersames Lied auf seiner Pfeifersflöte zu blasen. Und siehe da, die Ratten zu Neustadt-Eberswalde verließen in Haufen die Mühle und sprangen in die Finow, in welcher sie allzumal ertranken, und nie kam eine einzige wieder. Aber der Mann kam wieder, als das Jahr herum war, und heischte seinen rückständigen Lohn. Da gedachte der Rat weislich an den Ausgang der Kinder zu Hameln und vergnügte den Rattenfänger bei Heller und Pfennig mit Freuden. Nachher sind niemals wieder weder in der Stadt noch in der Stadtmühle Ratten verspürt worden. Aloys Wilhelm Schreiber Der Raubritter. Am schroffen Abhang des Niederwalds hängt wie das Nest eines Raubvogels die zerfallene Burg Ehrenfels , einst von den Kurfürsten von Mainz erbaut. Da lebte in alter Zeit ein Burgvogt, Hans von Ehrenfels genannt, der eine einzige Tochter, Uta, hatte, deren Schönheit am ganzen Rheinstrom gerühmt wurde. Ein Edelmann aus Mainz, der ein steinreicher Mann war, warb um sie, aber Uta gestand ihrem Vater offen, ihr Herz sei bereits versagt, und sie würde ihre Hand nie einem andern Manne geben, als dem jungen Ritter von Reichenstein. »Wie, einem Räuber?« brüllte der Vater. »Reichenstein ein Räuber?« stammelte Uta, und alles Blut wich aus ihren Wangen. »Ja,« versetzte Hans von Ehrenfels, »der Alte und sein Sohn sind Raubritter, und der Kaiser hat geschworen, alle Raubnester am Rhein zu zerbrechen und keinen Stein auf dem andern zu lassen.« »Nein, nein, es ist unmöglich!« rief Uta. »Der Vater mag ein Räuber sein, aber der Sohn teilt gewiß seine Schuld nicht.« Der Burgvogt sah wohl ein, daß es in diesem Augenblick unmöglich sei, die Gesinnung seiner Tochter zu ändern, und entfernte sich. Es war eine späte Abendstunde, Uta saß wie vernichtet in ihrem Gemach, und neben ihr stand teilnehmend ihre Dienerin Elsbeth, die ihr Trost einzusprechen suchte. Aber das Fräulein hörte nicht auf ihre Worte; da trat Elsbeth ans Fenster, öffnete es und schaute hinaus in den Rhein. »Ach Gott,« rief sie plötzlich, »da drüben an Hattos Turm schreitet eine hohe, schwarze Gestalt, und unter dem Felsenloch bei Aßmannshausen leuchtet es wie der Widerschein von Flammen.« Plötzlich sprang Uta vom Sessel auf und ans Fenster. Als sie die Helle gewahrte, zuckte plötzlich ein Gedanke wie ein Blitz durch ihre Seele: »Wenn es Reichenstein wäre, das brennt! Wenn die Soldaten des Kaisers die Feste schon genommen hätten!« Sie bat Elsbeth, auf den Turm zu steigen, der eine weite Aussicht gewährte, und sich dort umzusehen. »Ich kann dich nicht begleiten,« setzte sie hinzu, »denn meine Knie brechen unter mir.« Elsbeth tat, wie ihr befohlen war, und kam bald mit der Nachricht zurück, es scheine, daß Rheinstein und Reichenstein wirklich in Flammen stünden. Uta hielt sich mühsam an der Lehne eines Sessels. Elsbeth trat jetzt wieder ans Fenster, sie hörte Ruderschlag und bemerkte jetzt einen Nachen, der unter der Burg anlegte. Eine hohe Gestalt schwang sich auf die schmale Felsenterrasse, die sich am Fuße des Ehrenfels aus den Fluten erhob, und rief: »Uta! Uta!« Die Jungfrau erkannte die Stimme ihres Geliebten. Mit dem Ausruf: »Heinrich! Heinrich! du hier?« trat sie ans Fenster. »Uta, komm herab zu mir, nur auf einige Augenblicke!« flehte der Ritter. »Reichenstein brennt, mein Vater ist tot, ich bin geächtet! Aber ich kann, ich kann nicht von dieser Gegend scheiden, ohne dich noch einmal an mein Herz gedrückt zu haben.« Uta befahl Elsbeth, ihr zu folgen. Sie ließ sich durch den Torwart ein kleines Pförtchen öffnen, welches an den Rhein hinabführte, und wenige Minuten nachher lag sie in des Ritters Armen. »Uta,« sagte er, »ich habe Geld und Kostbarkeiten gerettet, folge mir. In einem fremden Lande wollen wir uns ankaufen.« »Ich liebe dich, wie meine Seele,« antwortete Uta, »und wäre ich deine Gattin, dann sollte keine Gewalt mich von dir trennen. Aber die Tochter darf das Haus des Vaters nicht ohne seinen Segen verlassen und die Jungfrau nicht dem Geliebten folgen, ohne den Segen des Priesters.« »Ich kann, ich kann nicht von dir scheiden!« rief der Ritter, indem er sie krampfhaft in seine Arme schloß. »Es muß geschieden sein, Heinrich, leb' wohl, leb' ewig wohl!« In diesem Augenblicke verließen sie ihre Lebensgeister; sie hing leblos in den Armen des Ritters, da ergriff diesen der Wahnsinn; er umklammerte sie und stürzte mit ihr in die Fluten des Rheins. Am andern Morgen fand man ihre Leichname am Ufer. Ludwig Bechstein Regiswindis. Zwei Stunden von Heilbronn neckaraufwärts liegt die Stadt Lauffen mit einem vormals berühmten Kloster. Der Name soll dem raschen Laufe des vorbeiströmenden Neckars entnommen sein. Im Jahre 814 empfing ein tapferer Ritter aus dem Nordgau, des Namens Ernst, den Grund und Boden zum Geschenk und gewann von seiner Gemahlin Frideburg ein Töchterlein, welchem man den Namen Regiswindis gab. Das Kind erhielt eine Amme, welche die Schwester eines der Dienstmannen des Ritters Ernst war; und das Unglück wollte, daß dieser Knecht einst wegen übler Aufführung von seinem Herrn sehr hart behandelt wurde. Da er nun seiner Schwester sein Leid klagte, wurde diese so von Zorn bewegt, daß sie an dem unschuldigen Kinde, ihrem Säugling, Rache zu nehmen beschloß, und die Gelegenheit wahrnehmend, daß ihre Herrschaft einen Ausflug machte, drehte sie dem Kinde das Hälschen um und warf es in den Neckar. Der Strom trug aber die kleine Regiswindis nicht von dannen, sondern setzte sie auf einem nahen Werder ab, und so wurde die Untat schnell offenbar; Ritter Ernst ließ die Amme in einem Turm am Neckar einmauern und darin verhungern, und der Papst sprach das ermordete Kind heilig. Der kleinsten aller Heiligen zu Ehren wurde nun eine Kirche erbaut, zu der so viele Wallfahrten geschehen, daß man sie Heiligreich oder Kirchreich nannte. Darin war der silberne Sarg der Regiswindis hinter dem Altar in einem schönen Zenotaph aufgestellt und der Jahrtag der kleinen Heiligen am 15. Juli begangen, und es kam die Sitte auf, zur Erinnerung an jenes treulose Gesinde an diesem Tag das Gesinde zu wechseln. Aloys Wilhelm Schreiber Rolandseck. Roland , der mannhafte Neffe Karls des Großen, streifte einst von Ingelheim am Rhein hinab, um die schönen Gegenden im Frühlingsschmuck zu sehen. Abends kam er auf eine Burg, wo er um ein Nachtlager bat und mit treuherziger Gastfreundschaft aufgenommen wurde. Der Burgherr schüttelte ihm freundlich die Hand wie einem alten Bekannten, und seine Tochter holte alsbald Wein und Brot herbei und füllte einen schönen, gläsernen Pokal, worauf das Wappen des Burgherrn gar künstlich in Farben zu sehen war. Als nun die Jungfrau vor ihm stand in aller Schönheit und Anmut, und mit züchtigem Erröten ihm den Pokal darreichte, da ergriff es ihn gar sonderbar, und seine Hand zitterte, indem er das Glas nahm, und er wurde darob glühend rot. Da dachte er bei sich: Das ist dir nie vor dem Feinde geschehen und selbst unter den Säbeln der Sarazenen nicht; und schnell ermannte er sich wieder und wußte dem Burgherrn auf alles recht gut Bescheid zu geben. Aber die ganze Nacht durch stand das Bild der Jungfrau vor ihm, und er schlief nur wenige Stunden. Des Morgens beim Abschied fragte ihn der Burgherr nach seinem Namen. Roland schämte sich fast, ihn zu sagen; denn es war damit gar großer Ruhm verbunden, und das Volk sang viele Lieder von seinen Taten. Der alte Ritter war höchlich erfreut, einen solchen Gast bei sich zu haben, und bat ihn, noch einen Tag zu bleiben. Die sittsame Hildegunde sagte kein Wörtlein dazu, aber man mochte ihr's wohl ansehen, daß ihr der Fremde nicht ungelegen war. Roland blieb gern, und seiner Liebe wuchsen die Schwingen so schnell, daß sie mutig wurde. Bald gab es auch eine günstige Gelegenheit. Roland ging in den Schloßgarten und fand dort die Jungfrau, wie sie unter einem Apfelbaum saß, die Hände faltete, als ob sie betete. Ein frommer, freundlicher Traum mußte in ihrer Seele sein, das sah man an der Huld ihres Mundes und an der Sinnigkeit ihrer Gebärde. Roland ging auf sie zu und wußte nicht recht ein Gespräch anzuknüpfen. Die schöne Hildegunde sah eine Rosenknospe am Boden liegen und hob sie auf. Roland bat sie darum. »Bis jetzt,« sagte er, »schmückt meinen Helm noch kein Zeichen eines lieben Andenkens, und wenn meine Kampfgefährten von der Schönheit und Tugend ihrer Fräulein sprechen, muß ich die Augen niederschlagen und schweigen.« Die Jungfrau errötete, schaute ihn an, überrascht und ergriffen. Sie machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte sie ihm die Rose geben, ließ aber schnell den Arm wieder sinken. Rolands Auge flehte so innig und doch so bescheiden, daß sie ihm die Rose darreichte mit den Worten: »Das Schöne vergeht schnell.« Roland wagte es jetzt, von seiner Liebe zu reden, und Hildegunde gestand ihm, mehr mit Blicken als mit Worten, daß er ihr nicht gleichgültig sei. Sie gelobten sich ewige Treue, und Roland versprach, gleich nach dem bevorstehenden Feldzug wider die Ungläubigen an den Rhein zurückzukehren und sie heimzuführen als seine Hausfrau. Der Abschied der Liebenden war still und schmerzlich. Sie schieden mit einem Händedruck, und was sie sich hatten sagen mögen, lag in ihren Blicken. Die Jungfrau lebte von nun an in gänzlicher Zurückgezogenheit und harrte täglich auf Nachricht von dem Geliebten. Bald kam die Kunde von neuem Ruhm, den er sich erworben, und die Schiffer, die auf dem Rheine fuhren, sangen seine Waffentaten. Ein Jahr war nun bald verflossen, und die Nachricht von einem Frieden verbreitete sich allgemein. Eines Abends kam ein Ritter in das Schloß und bat um Herberge. Er hatte in Karls Heer gedient, und Hildegunde erkundigte sich, nicht ohne bange Ahnung, nach Roland. »Er fiel neben mir,« antwortete der Ritter, »bedeckt mit Ruhm und mit Wunden.« Die Jungfrau konnte kein Wort hervorbringen und hatte auch keine Tränen. In stummem Schmerz saß sie da wie ein Marmorbild auf einem Grabmal. Nach acht Tagen bat sie ihren Vater, den Schleier nehmen zu dürfen, und ging in das Kloster aus den Frauenwörth, Der Bischof, in dessen Sprengel das Kloster gehörte, war ein Verwandter ihres Hauses und gestattete ihr, das Prüfungsjahr abzukürzen und schon nach drei Monaten das Gelübde abzulegen. Einige Zeit darauf kam Roland auf die Burg ihres Vaters, um sie als Braut heimzuführen. Er war für tot auf der Walstatt liegen geblieben, aber doch wieder zu sich gekommen und durch sorgsame Pflege von seinen Wunden genesen. Als er hörte, was vorgegangen, warf er seine Waffen von sich und ließ eine Klause bauen auf dem Fels, der seitdem Rolandseck heißt, an dessen Fuß der Frauenwörth im Rheine liegt. Da saß er nun tagelang vor der Türe seiner Einsiedelei und sah herab auf das Kloster, in welchem seine Geliebte wohnte. Früh, wenn die Glocke zur Mette rief, stand er auf vom Lager, ging hinaus, den Chorgesang der Jungfrauen zu hören, und oft wähnte er Hildegundes Stimme unterscheiden zu können. Spät in der Nacht, wenn er noch ein einsames Licht in einer Zelle schimmern sah, glaubte er, es sei Hildegunde, die für ihn bete. Zwei Jahre gingen so vorüber, und der Gram hatte bereits die beste Kraft seines Lebens aufgezehrt. An einem trüben Herbstmorgen schaute er herab auf das Kloster wie gewöhnlich und sah auf dem Kirchhof ein Grab auswerfen; da kam es ihm vor, als ob eine Stimme neben ihm flüstere: Es ist für Hildegunden! Er schickte einen Boten in das Kloster und erfuhr, daß sie vollendet habe. Er sah sie einsenken in die kühle Ruhestatt und hörte das schauerliche Requiem singen, den letzten Abschied der Lebenden von den Toten. Der Schmerz überwältigte sein Leben, man fand ihn vor seiner Klause sitzen, starr und tot, die Augen nach dem Kloster gewendet. Romeias. Hessisches Jahrbuch Beinahe vor vierhundert Jahren lebte in Villingen ein Riese, der Romeias hieß, gewöhnlich aber Romäus genannt wird. Er war dort auf dem Käferberg geboren, sein Vater nicht groß, seine Mutter eine Zwergin. Wenn er auf der Gasse ging, konnte er in den zweiten Stock der Häuser sehen, und drei hohe Pfauenfedern, die er auf dem Hute zu tragen pflegte, ließen ihn noch größer scheinen. Eines Tages hatte er auf einen Wagen, der mit einem Paar Ochsen bespannt war, zwei schwere Baumstämme geladen, aber jene konnten die große Last nicht fortbringen. Da lud er die Ochsen zu den Stämmen auf den Wagen und zog denselben dann allein nach Hause. Als er, zu einer andern Zeit, Rottweil besuchte, wollten die Einwohner ihn gefangennehmen und schlossen die Stadttore. Er aber hob die Flügel eines derselben aus den Angeln, nahm den einen auf die Achseln, steckte den andern, mittelst dessen Henkels, an den Zeigefinger und eilte damit gegen Villingen. Drei Viertelstunden von da blieb er auf einem Hügel stehen und schaute zurück, gewahrte aber keine Verfolger. (Davon hat der Hügel den Namen Guckenbühl.) Alsdann brachte er die Torflügel in seine Vaterstadt, wo sie zum ewigen Andenken an dem dazu erbauten obern Torturm eingesetzt wurden. So groß die Stärke des Romäus war, so groß war auch seine Eßlust. Einst kam er in eine Stube, worin niemand war, aber das Essen für sieben Personen auf dem Tische stand. Unverweilt machte er sich darüber her, aß alles rein aus, und als die Leute kamen, fragte er, ob nichts mehr zu essen gebracht werde. Nachdem er im Kriege viel ritterliche Taten vollbracht hatte, ließ er sich durch Übermut verleiten, seine Obrigkeit zu schelten. Da niemand sich an ihn wagen wollte, ersann der Stadtrat eine List, um ihn gefangenzunehmen. Es wurde ihm der Auftrag gegeben, aus dem tiefen Grunde des Michelsturms etwas zu schaffen, und ihm dafür eine gute Belohnung versprochen. Arglos stieg er hinab, aber sobald er von der Leiter sich entfernt hatte, zog man sie schnell hinauf und schloß ihn in den Turm ein, der seitdem auch Romäusturm heißt. Zur Aßung des Riesen wurde dann täglich ein Kalb oder ein Schaf in das Verlies geworfen. Als er genug Knochen beisammen hatte, steckte er sie in die Ritzen und Löcher der Mauer, stieg auf ihnen wie auf einer Treppe hinauf, durchbrach die Balkendecke und gelangte bis unter das Dach des Turmes. Daselbst fand er eine Menge Stroh, drehte daraus ein starkes Seil und ließ sich daran in der Nacht zu einer Öffnung hinaus auf die Ringmauer. Auf deren Umlauf kam er in die Freistätte von Sankt Johann, wo er einen der ausgebrochenen Balken im Chor zum Danke niederlegte. Nachdem er sich einige Tage dort aufgehalten, gelang es ihm, abends während eines starken Gewitters über die Ringmauer aus der Stadt zu kommen. Stracks begab er sich vor das feste Schloß Kusenberg und belagerte es ganz allein so lange, bis es sich ihm ergeben mußte. Auf dieses hin nahmen die Villinger ihn wieder zu Gnaden an und begabten ihn mit einer guten Pfründe in ihrem Spital. Daselbst ist er bis zu seinem Tode geblieben und wurde auch dort begraben. Sein lebensgroßes Bild, das Wahrzeichen der Stadt, war Jahrhunderte lang an der nun abgebrochenen Mauer am oberen Tore zu sehen. Der große Rosenstock am Dom zu Hildesheim. Hessisches Jahrbuch An der Domkirche zu Hildesheim steht ein merkwürdiger Rosenstock, der aus der Zeit Ludwigs des Frommen (814 bis 843) stammen soll und demnach schon über tausend Jahre alt ist. Über seinen Ursprung erzählt man sich folgendes: Der Kaiser Ludwig, der ein frommer Mann war, trug stets einen Rosenkranz zum Gebet bei sich. Als er einst auf der Jagd war im Walde Hils , von dem die Stadt Hildesheim ihren Namen erhalten haben soll, verlor er denselben. Das verursachte dem Kaiser großes Herzeleid; alle seine Diener mußten das verlorene Kleinod suchen, und er gelobte und sprach: »Wo der Rosenkranz wieder gefunden wird, da will ich eine Kapelle bauen lassen zur Ehre Gottes, meines Herrn.« Endlich fand man ihn an dem Zweige eines wilden Rosenstocks, der stand in voller Blüte, obgleich es mitten im Winter war und hoher Schnee die Gegend bedeckte. Der Kaiser sprach: »Dies ist Hildeschnei« (heiliger Schnee), »den mir der Himmel als Zeichen sendet, und Hildeschnei soll fortan die Stätte hier heißen!« Der Kaiser hielt sein Gelübde und ließ an der Stelle eine Kapelle bauen, die war das erste Gebäude von Hildesheim; auch verlegte er den Bischofssitz, den sein Vater Karl der Große zu Elze errichtet hatte, hierher. Wo der Rosenstock gestanden hatte, war jetzt der Altar des Gotteshauses. Die Wurzeln aber trieben unter dem Mauerwerk einen neuen Schößling hervor, und der wuchs fröhlich und blieb auch verschont, als die spätere Domkirche durch eine Feuersbrunst eingeäschert wurde. An der nördlichen Mauer des neuen Domes ist er wie ein Weinstock emporgewachsen; seine Krone ist gegen neun Meter hoch, während sie sich zehn Meter nach den Seiten hin ausbreitet. Alljährlich prangt er im vollsten Blütenschmuck, und niemand sieht ihm sein hohes Alter an. Manche Leute schreiben seinen Blättern und Blüten heilsame Kräfte zu und glauben, durch dieselben Zahnschmerzen und Gicht vertreiben zu können. Die Fremden, die nach Hildesheim kommen und den prächtigen Dom besehen, versäumen nicht, sich auch den berühmten Rosenstock zeigen zu lassen, der in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat. Heinrich Hermann Adolf Fick Der Rüde an der Wupper. Nicht weit von Solingen liegt an einer der schönsten Stellen des Wuppertales in der Gemeinde Höhscheid die Ortschaft Rüden . Laß dir erzählen, woher der Name kommt! Es war in der Christwoche des Jahres 1424, da rief das Hifthorn des Herzogs Adolf die bergischen Ritter zur Jagd hinaus in den Wald. Ein herrlicher Wintertag war's. Dicht lag der Schnee, die helle Wintersonne spiegelte sich in den Eiszapfen, die an den Bäumen hingen, daß sie glänzten und glitzerten gleich tausend und abertausend Diamanten. Die Jagd war ergiebig, und der laute Ruf der Jäger klang jubelnd aus den Gründen wider. Als indes am Abend die Ritter und Knappen zu gemeinsamer Heimkehr sich zusammenfanden, fehlte Robert, der Sohn des Herzogs. Lauter und lauter erklang der Hornruf zum Sammeln, allein vergebens, des Herzogs Sohn blieb fern, und die Jäger mußten ohne ihn den Heimweg antreten. Nicht fern vom Wupperhofe jedoch, dort, wo sich die Berge steil erheben, stürzt plötzlich aus dem Dickicht der Hund des Prinzen hervor. Er umkreist die Ritter mit kläglichem Gebell, eilt zurück, kommt wieder, zerrt an ihren Kleidern und gibt auf jede mögliche Weise zu verstehen, daß sie ihm folgen möchten. Die Ritter fürchteten zuerst, der Hund sei toll geworden und wollten ihn töten. Der alte Heinrich von Horst aber rief: »Nein, nein, der Rüde ist nicht toll! Kommt, laßt uns ihm folgen! Mir ahnt, daß seinen Herrn ein schweres Unglück getroffen hat!« Mit diesen Worten drangen sie seitwärts durch das Gestrüpp, woher der Hund gekommen war. Dieser sprang den Jägern voran und führte sie laut bellend dorthin, wo der Fels zur Tiefe abfällt. In gewaltigen Sätzen stürzte er hier, den ihm folgenden Männern weit voraus, den steilen Abhang hinunter. Als die Ritter auf Umwegen in das Tal gelangten, fanden sie am Fuße des Felsens den Prinzen schwer verwundet am Boden liegen. Er war bei der Verfolgung eines Hirsches den jähen Abhang hinabgestürzt. Unter ihm lag zerschmettert sein Roß und neben ihm sein Rüde, der seine Wunden leckte und mit seinem heißen Atem den Halberstarrten wärmte. So ward durch die Treue seines Hundes der Fürstensohn vom sichern Tode gerettet. Als er unter der sorgfältigen Pflege der Seinigen genesen war, ließ er hoch oben auf dem Felsen einen riesengroßen Rüden aus Stein aufstellen, damit alle, die vorübergingen, des treuen Tieres gedenken möchten. »Längst stürzt' der Stein des Danks hinab die Felsenwand, Doch heißt noch heut am Rüden die Stelle, wo er stand.« Ludwig Bechstein Schätze der Luchsburg. Von keinem der felsengekrönten Hochgipfel des Fichtelgebirges, die fast alle Ritterburgen trugen, welche nun in Trümmern liegen, gehen mehr Schätze- und Schatzgräbersagen, als von der Luchsburg, Lugsburg, Luxburg, Loosburg – über dem Alexanderbade bei Wunsiedel. Unter einer großen Stufe im verfallenen Keller liegt ein ungeheurer Schatz in einem kupfernen Kessel, der eine Elle hoch und eine Elle breit ist; der ist voll gemünzter Goldgulden. Auf dem Kessel steht ein kupfernes Gefäß, das umschließt eine goldene Königskrone, die mit den größten Perlen und wertvollsten Edelsteinen geschmückt ist. Die Raubritter, die einst in dieser Burg hausten und das Gebirge beherrschten, trugen diesen Schatz zusammen, bargen und versetzten ihn so, daß er nicht gefunden werden kann. Die Krone nahmen sie einem Könige und machten sie unsichtbar. Nur durch ein Mönchlein von zwerghaftem Wuchs in schwarzer Kutte, einäugig und hinkend, kann die Krone in der Luchsburg und der Goldkessel dereinst gefunden und der Schatz gehoben werden, und dies kann nur am Feste Epiphanias, dem goldenen oder Trinitatissonntag, an welchem sich das Mönchlein Sonntagskindern sehen läßt, durch ein golden Sonntagskind geschehen. Unzähligemal haben Schatzgräber und Bergleute die Klüfte unter der Luchsburg durchwühlt, aber ganz vergebens. Seit Königin Luise von Preußen im Anfang des vorigen Jahrhunderts die Luchsburg besucht hat, wird sie von dem Volke die Luisenburg genannt. Alljährlich veranstalten die Bewohner des Städtchens Wunsiedel Volksschauspiele, die des Berges Sagen und Geschichten anmutig darstellen. Heinrich Hermann Adolf Fick Schelm von Bergen. Zur Karnevalszeit fand einst im herzoglichen Schlosse zu Düsseldorf ein großes Mummenspiel statt. Die Fürsten und Edlen waren in nicht geringer Zahl zu dem Feste zusammengeströmt und tummelten sich in bunten Kleidern und mit verhüllten Gesichtern durcheinander. Auch die Herzogin nahm an Tanz und Mummereien teil. Ein Tänzer, der sie öfters aufgefordert hatte, zog vor allen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Niemand von allen Anwesenden war ihm zu vergleichen an schönem Wuchse sowie an Geschicklichkeit und Kraft. Eben zu dem Zeitpunkte, wo die Masken abgelegt werden mußten, tanzte er wieder mit der Herzogin und bat nun um die Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen. Aber die Herzogin bestand darauf, daß er erst sein Angesicht zeigen müsse. Er bat, ihm dies zu ersparen. Da drang die Herzogin immer lebhafter in ihn; er aber weigerte sich standhaft, und endlich brach er in die Worte aus: »Laßt ab, Herzogin; denn mein Anblick bringt Schrecken und Tod!« Da riß sie ihm mit Gewalt die Maske vom Gesicht, und alle Umstehenden riefen: »Der Scharfrichter von Bergen!« Die Herzogin stürzte zu ihrem Gemahl und verlangte Rache für den angetanen Schimpf. Der Herzog musterte den kecken Gesellen, hieß ihn dann niederknien, zog sein Schwert und sprach: »So schlage ich dich hiermit zum Ritter, und weil du ein Schelm bist, so soll dein Geschlecht heißen: ›Die Schelme von Bergen!‹« Und die Schelme von Bergen sind wackere Ritter geworden, und ihr Stamm hat lange geblüht in den Landen am Rhein. Brüder Grimm Sage vom Schüler Hildebrand. Als Kaiser Heinrich III. zu Rom war, wo er drei Päpste entsetzt und ins Elend geschickt hatte, wohnte ein Zimmermann in der Stadt, der hatte ein kleines Kind. Das Kind spielte auf dem Zimmerplatz mit den Spänen und legte sie in Buchstabenweise zusammen. Da kam ein Priester hinzu und las das. Das Kind hatte mit den Spänen in lateinischer Sprache einen Spruch gelegt, der zu deutsch heißt: »Ich werde Herr vom Meer bis zu Meer.« Der Priester wußte wohl, daß dies Kind Papst werden sollte und sagte es seinem Vater. Der Vater ließ das Kind lehren. Da es Schüler war, kam es an des Kaisers Hof und ward den Schreibern viel lieb. Aber des Kaisers Sohn Heinrich, der nachher auch Kaiser ward, tat dem Schüler viel Leides und spielte ihm ungefüge mit; denn es ahnte ihm in seinem Herzen wohl, was ihm von dem Schüler aufstehen sollte. Der Kaiser spottete des Spiels seines Sohns und des Schülers. Der Kaiserin aber war es leid, und sie schalt ihren Sohn darum. Dem Kaiser träumte eines Nachts, wie sein Sohn zu Tisch gesessen wäre und wie dem Schüler Hildebrand zwei Hörner bis in den Himmel wüchsen und wie er mit diesen Hörnern seinen Sohn aufhübe und ihn in den Kot würfe. Diesen Traum sagte der Kaiser der Kaiserin, die deutete ihn also, daß der Schüler Papst werden und ihren Sohn von dem Reiche werfen würde. Da hieß der Kaiser den Hildebrand fangen und ihn zu Hammerstein in einen Turm werfen und wähnte, daß er Gottes Willen wenden möchte. Die Kaiserin verwies ihm oft, daß er eines bloßen Traumes willen an dem armen Schüler so schändlich täte; und über ein Jahr ließ er ihn wieder ledig. Er ward ein Mönch, fuhr mit seinem Abt nach Rom hin, ward zu Hof lieb und zuletzt Papst. Brüder Grimm Schwarzkopf und Seeburg am Mummelsee. Der Mummelsee liegt im tiefen Murgtal rings von ehemaligen Burgen umgeben; gegeneinander stehen die Überreste der ehemaligen Festen Schwarzkopf und Seeburg. Die Sage erzählt, daß jeden Tag, wann Dämmerung die Bergspitzen verhüllt, von der Seite des Seeburger Burghofes her dreizehn Stück Rotwild zu einem Pförtchen herein über den Platz und zu dem entgegengesetzten flügellosen Burgtore hinauseilen. Geübte Wildschützen bekamen von diesen Tieren immer eins, aber nie mehr, in ihre Gewalt. Die andern Kugeln gingen fehl oder fuhren in die Hunde. Kein Jäger schoß seit der Zeit auf ein anderes Tier als das in diesem Zug lief und sich durch Größe und Schönheit auszeichnete. Von diesem täglichen Zug ist jedoch der Freitag ausgenommen, der deshalb den noch jetzt üblichen Namen Jägersabbat erhielt und an welchem niemand die Seeburg betritt. Aber an diesem Tage um Mitternacht wird eine andere Erscheinung gesehen. Zwölf Nonnen, in ihrer Mitte ein blutender Mann, in dessen Leib zwölf Dolche stecken, kommen durch die kleine Waldpforte in den Hof und wandeln still dem großen Burgtore zu. In diesem Augenblick erscheint aus dem Portale eine ähnliche Reihe, bestehend in zwölf ganz schwarzen Männern, aus deren Leib Funken sprühen und überall brennende Flecken hervorlodern. Sie wandeln dicht an den Nonnen und ihrem blutigen Begleiter vorüber; in ihrer Mitte aber schleicht eine weibliche Gestalt. Dieses Gesicht erklärt die Sage auf folgende Weise. In der Seeburg lebten zwölf Brüder, Raubgrafen, und bei ihnen eine gute Schwester, auf dem Schwarzkopf aber ein edler Ritter mit zwölf Schwestern. Es geschah, daß die zwölf Seeburger in einer Nacht die zwölf Schwestern vom Schwarzkopf entführten, dagegen aber auch der Schwarzkopfer die einzige Schwester der zwölf Raubgrafen in seine Gewalt bekam. Beide Teile trafen in der Ebene des Murgtales aufeinander, und es entstand ein Kampf, in welchem die Seeburger bald die Oberhand erhielten und den Schwarzkopfer gefangennahmen. Sie führten ihn auf die Burg und jeder von den zwölfen stieß ihm einen Dolch vor den Augen seiner sterbenden Geliebten, ihrer Schwester, in die Brust. Bald darauf befreiten sich die zwölf geraubten Schwestern aus ihren Gemächern, suchten die zwölf Dolche aus der Brust ihres geliebten Bruders und töteten in der Nacht sämtliche Mordgrafen. Sie flüchteten nach der Tat, wurden aber von den Knechten ereilt und getötet. Als hierauf das Schloß durch Feuer zerstört war, da sah man die Mauern, in welchen die Jungfrauen geschmachtet, sich öffnen, zwölf weibliche Gestalten, jede mit einem Kindlein auf dem Arm, traten hervor, schritten zu dem Mummelsee und stürzten sich in seine Fluten. Nachher hat das Wasser die zertrümmerte Burg verschlungen, in welcher Gestalt sie noch hervorragt. Ein armer Mann, der in der Nähe des Mummelsees wohnte und oftmals für die Geister des Wassers gebetet hatte, verlor seine Frau durch den Tod. Abends darauf hörte er in der Kammer, wo sie auf Spänen lag, eine leise Musik ertönen. Er öffnete ein wenig die Türe und schaute hinein und sah sechs Jungfrauen, die mit Lichtlein in den Händen um die Tote standen. Am folgenden Abend waren es ebensoviel Jünglinge, die bei der Leiche wachten und sie sehr traurig betrachteten. Ludwig Bechstein Schweppermanns Eier und Grab. Unweit Amberg in der bayrischen Oberpfalz im Kloster Castel ruht der fromme Schweppermann, der war Feldmarschall Kaiser Ludwigs des Bayern, tapfer und bewährt, und half ihm vornehmlich zum Siege wider seinen Gegenkönig, Friedrich den Schönen von Österreich. Da nun die Siegesschlacht geschlagen war, darin Friedrich der Schöne gefangen worden, so sprach der Sieger zu dem Besiegten: »Seid Gott willkommen, Herr Vetter! Wir sehen Euch gerne« und behandelte ihn mild und gütig. Wie es nun an des Königs Tafel wenig zum besten gab, denn die Kriegsgurgeln hatten allen Vorrat aufgezehrt, wurde nur ein Körbchen mit Eiern beigebracht. Der Kaiser überzählte die Eier und fand, daß deren nur ein einziges mehr war als Personen an der Tafel saßen. Da nahm der Kaiser zwei Eier, legte diese auf Schweppermanns Teller und sprach: Jedem ein Ei, Dem frommen Schweppermann zwei . Als nun Schweppermann gestorben und begraben war, da wurde ihm diese schöne Grabschrift gesetzt: Hie liegt begraben Herr Seyfried Schweppermann Alles thuns wandel an Ein ritter keck vnde fest Der czu Grundersdorf thät das best Er ist nu tod Dem genate got Jedem eyn ey Deme frommen Schweppermann zwey. Aloys Wilhelm Schreiber Die sieben Schwestern. Von einem Berge hinter Wesel blickt die Burg Schönberg still und einsam in den Rhein hinab. Hier lebten einst sieben Schwestern, welche man die sieben schönen Gräfinnen nannte. Der Ruf ihrer Schönheit verbreitete sich allenthalben, und aus der Nähe und Ferne strömten edle Jünglinge herbei, um sie zu sehen. Wer sie aber sah, der mußte auch einer von ihnen sein Herz lassen, und so geschah es, daß auf Schönberg die Freier aus und ein zogen, wie bei einem stattlichen Hoflager. Die sieben Schwestern hatten ihr Wohlgefallen an den Bewerbungen der vielen stattlichen Ritter; denn es war dabei so heiter und lebendig auf dem Schlosse, daß sie sich kein schöneres Leben wünschten. Die halben Nächte hindurch hatten sie einander zu erzählen, was ihnen den Tag hindurch begegnet war, denn jede hatte ihre eigenen, neckischen Einfälle, denen sich die Liebhaber bequemen mußten. So trieben sie's einige Jahre lang, ohne daß sie ihre Herzen der Liebe geöffnet hätten, und wenngleich mancher Jüngling des losen Spiels überdrüssig wurde und sich zurückzog, so kamen doch bald wieder viele andere, die sich's wohl zutrauten, die listigen Jägerinnen selbst am Ende noch zu umgarnen. In der Tat wurden diese auch zuletzt gar sehr in die Enge getrieben; denn die Jünglinge wollten sich nicht mehr länger zum besten haben lassen und gaben sich das Wort, die Burg samt und sonders auf immer zu meiden, falls die sieben schönen Schwestern sich nicht entschließen würden, binnen längstens vier Wochen sich für eine gleiche Zahl aus den Bewerbern zu erklären. Zugleich taten sie den Schwur, jedem andern Freier, den es in der Folge gelüsten könnte, seine Blicke nach Schönberg zu wenden, mit gewaffneter Hand in den Weg zu treten. Die Schwestern vernahmen diese Botschaft nicht ohne sichtbare Bestürzung; sie gingen alsbald unter sich zu Rate und beschlossen, die Zumutung, welche sie als einen Schimpf betrachteten, auf eine fast boshafte Weise zu rächen. Es wurde hierauf eine schöne Zofe an die Freier abgeschickt mit der Nachricht, die sieben Gräfinnen hätten sich entschlossen, Bräute zu werden, sie wollten es jedoch bei der Wahl auf das Los ankommen lassen. Tag und Stunde wurden nun anberaumt, und die Jünglinge fanden sich zur gehörigen Zeit in dem großen Rittersaale ein. Die Zofe erschien jetzt, mit einem silbernen Teller in der Hand, worauf zwanzig Lose lagen; denn so groß war die Anzahl der versammelten Freier. Die Lose bestanden aus zusammengerollten Pergamentstückchen, die mit den verschiedenen Farben der gegenwärtigen Ritter bezeichnet waren und wovon sieben die Namen der sieben Schwestern enthielten. Was die Gräfinnen vorausgesehen hatten, geschah. Jeder Ritter langte nach der Rolle mit seiner Farbe, und so fielen die Namen der sieben Schwestern in die Hände der sieben mißgestaltetsten unter den Rittern. Freude und Gelächter, Spott und Ärger durchhallten in lauten Ausbrüchen den Saal. Die Zofe bedeutete nun den Rittern, welche die Treffer gezogen, die Bräute harrten ihrer in dem Gartensaal. Diese eilten, die trefflichen Preise, welche ihnen das Glück beschieden, in Empfang zu nehmen; aber sie machten große Augen, als sie in die freundliche Rotunde traten und dort nichts fanden als die lebensgroßen Konterfeie der sieben schönen Schwestern. Verdutzt sahen sie einander an, und in diesem Augenblick schallte ein Gelächter vom Rheinufer herauf, die losen Jungfrauen stiegen soeben in einen mit grünen Zweigen ausgeschmückten Nachen und schifften über den Strom, setzten sich jenseits auf Maultiere und nahmen den Weg nach ihrer Burg an der Lahn. Als kurze Zeit hernach (seit Menschengedenken zum erstenmal) die sieben Felsenspitzen sichtbar wurden, welche noch jetzt gleich unter Wesel aus dem Rheine hervorragen, da nannten die Schiffer zum Andenken dieser Begebenheit diese Felsen die sieben Jungfrauen , und der Name hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Ludwig Bechstein Drei heilige Schwestern. Ein Raubritter auf der Burg Mönchenstein hatte drei schöne Töchter, welche Chrischona, Ottilia und Margareta hießen. Um dieselben freiten drei Brüder von Reichenstein, die in der Nachbarschaft ihren Sitz hatten. Da der Ritter mit ihnen in Fehde lag, so wies er ihre Bewerbung zurück und ließ seine Töchter, weil sie ihre Freier liebten, einkerkern und in Ketten legen. Den Reichensteinern aber paßte er mit seinen Reisigen in einem Hinterhalte auf und nahm sie alle drei gefangen. Als er bald darauf hörte, daß seine Töchter sich im Kerker durch Gesang trösteten, ward er so aufgebracht, daß er die drei Ritter auf den Burghof schleppen und vor den Augen ihrer Geliebten enthaupten ließ. Kaum war diese Schandtat ruchbar geworden, so zogen die Freunde der Gemordeten mit ihren Mannen vor Mönchenstein und erstürmten und zerstörten es. Den Fräulein taten sie nichts zuleide, sondern sie wollten für deren Glück in der Welt alle Sorge tragen; allein dieselben beschlossen, Gott ihr Leben zu weihen. Zu diesem Zwecke erbauten sie sich am Ausgang des Wiesentals in das Rheintal auf drei unbewohnten Berggipfeln drei Kirchlein mit Klausen, deren jedes eine starke Stunde von den beiden andern entfernt war. Hier lebten sie in großer Heiligkeit und gaben sich zu den verschiedenen Tageszeiten mit ihren Glöcklein das Zeichen zum Gebete; auch winkten sie sich mit großen weißen Tüchern, redeten miteinander durch lange Sprachrohre und sagten sich abends durch hinausgestellte Lichter gute Nacht. Alles dies setzten nach Margaretens Tode Chrischona und Ottilia fort, bis auch diese letztere von hinnen schied. Gottergeben trug Chrischona ihre Verlassenheit und folgte endlich ihren Schwestern in das Himmelreich nach. Jede dieser Heiligen liegt in ihrem Kirchlein begraben, von denen das eine noch jetzt Sankt Chrischona, das zweite Sankt Margareta und das dritte samt dem dazu gehörigen Dorfe nach Ottilias Namen Tüllingen heißt. An allen müssen zum Andenken an die Jungfrauen große Sprachrohre gehalten werden. Nach anderer Überlieferung waren die drei Schwestern Töchter eines heidnischen Fürsten, der sie, weil sie Christinnen geworden, von seinem Haus verbannte. Sie siedelten sich dann an den erwähnten Stellen an und lebten so heilig, daß Gott ihnen verlieh, einander zu verstehen, wenn sie von ihren Klausen aus mit gewöhnlicher Stimme sich unterredeten. Ludwig Bechstein Die Seeräuber. Es waren zwei Seeräuber, die auf der Elbe ihr Wesen trieben, von denen hieß der eine Klaes Störtebecker (Stürzebecher) und der andere Göde (Götke, Godeke) Michel, die waren zu Wasser und zu Lande gleich gefürchtet, und es gibt von ihnen sehr viele Lieder und Geschichten, wie von allen berühmten Räubern. Den Störtebecker brachte eines Blankeneser Fischers schnöder Verrat samt seiner Bande in Gefangenschaft. Alle wurden nach Hamburg geführt und dort auf dem Graasbrook geköpft, es waren ihrer nicht weniger denn siebzig. Das Blut floß so hoch auf dem Richtplatz, daß der Scharfrichter bis an die Knöchel darin watete. Da riefen ihn einige Ratsherren an: »Nun, Meister, wie war Euch zumute bei dem vielen Köpfen?« Der Meister mochte wohl einen guten Trunk getan haben, er schwang sein Richtschwert hoch im Kreise überm Haupt und rief: »Hoho, ganz Wohl zumute, ihr gestrengen Herren! Ich könnte so fortköpfen, und wäre mir eine Lust, wenn der ganze hochweise Senat vor meine Schneide müßte!« – Solche Antwort nahm der hochweise Senat der Stadt Hamburg gar krumm und übel und mißfiel ihm so, daß er den kecken Schwätzer in Ketten legen und ihm darauf sein Haupt nach Spruch und Urteil abschlagen ließ. Da nun die Hamburger den Störtebecker und seine Leute gefangen hatten, durchsuchten sie sein Schiff nach Schätzen, fanden aber nichts, und da sie nicht wollten, daß ein solches Raubschiff wieder in See steche und auf dem Meere oder der Elbe sich zeige, so verkauften sie es an einen Zimmermann als Wrack zum Zerschlagen und zur Alltagsnutzung. Wie nun der Zimmermann den großen Mast fällen wollte und ihn unten abzusägen begann, da stieß er auf etwas Hartes, wovon der Säge die Zähne stumpf wurden. Und siehe da, das Innere des Mastbaumes war Metall, eitel Kupfer. Der Zimmermann zeigte seinen Fund beim Magistrat an, und dieser unterzog nun den Dreimaster näherer Untersuchung. Siehe, da war der größte Hauptmast innen von gediegenem Kupfer, der zweite von Silber, der dritte von Gold. Das war ein guter Fang, und in den Rahen und Bramsegelstangen steckte auch noch allerlei Gutes verborgen. Der Zimmermann ward reichlich belohnt, und aus dem Golde wurde eine Krone verfertigt, die reichte um den Sankt Katharinenturm herum, so groß war des Goldes Fülle. In der Franzosenzeit und -herrschaft, an welche Hamburg nur mit einem Fluche denken kann, ist auch dieser Goldschatz vom Feinde genommen und vermünzt worden. Auf Jasmund in Rügen hatten Störtebecker und Göde Michel tiefe Höhlen. Noch werden in Hamburg vier Richtschwerter gezeigt, mit denen diese beiden und ihre ganze Bande enthauptet wurden. Ludwig Bechstein Siegenheim. Nahe der Stadt Mannheim, an der Straße von da nach Heidelberg, liegt das Dorf Seckenheim, früher Siegenheim, so genannt von einem großen Siege, den Pfalzgraf Friedrich I., Kurfürst, genannt der Sieghafte, im Jahr des Herrn 1462 in Siegenheims Gefild erfochten. Damals ward ein steinernes Kreuz auf der Walstatt errichtet mit einer Gedenkschrift, welche Kurfürst Friedrichs Sieg verkündete. Da gewann der junge mutige Sieger alle seine Gegner, den Markgrafen Karl von Baden, den Herzog Ulrich von Württemberg, den Bischof Georg von Metz und nicht weniger als zweihundertundvierzig Grafen und Herren nebst einer großen Schar reisigen Volkes zu Gefangenen, ohne das Volk, welches erschlagen ward und die blutige Walstatt deckte. Da konnte man wohl vom Siege reden. Alle Gefangenen ließ der Pfalzgraf gen Heidelberg führen, und mit den Fahnen, die er den Feinden abgenommen, die Heilige Geist-Kirche daselbst ausschmücken. Die gefangenen Fürsten wurden indes standesgemäß behandelt und ehrlich gehalten, und des Abends rüstete man ihnen eine stattliche Mahlzeit. Da gab es Wild und Fisch und Beiessen und Wein im Überfluß, und nichts mangelte bis auf eins. Und der Kurfürst trat zu den Gefangenen und munterte sie auf, doch zuzulangen und wacker zu essen, es werde ihnen doch schmecken nach so heißem Tage. Aber sie aßen nicht, und einer sprach: »Gnädigster Herr Kurfürst, es mangelt uns an Brot.« – »Ha so,« entgegnete der Kurfürst, »das tut mir leid, da ergehet es euch gerade so wie meinen Untertanen, denen ihr und euer Volk alle Brotfrucht geraubt und verbrannt und nicht einmal der Früchte auf dem Feld verschont habt. Wo soll dann Brot herkommen?« Mit großen Summen mußten die Gefangenen sich lösen, und sie dachten all ihr Lebtag an den Tag bei Siegenheim und an das Gastmahl zu Heidelberg. Heinrich Hermann Adolf Fick Siegfried und Mimer. An einem frischen Morgen zog Jung Siegfried, dem es in der väterlichen Burg zu Xanten nicht mehr behagte, fort in die Ferne. Er wanderte rheinaufwärts und kam zum Siebengebirge. In den wilden Bergschluchten und Felsklüften gefiel es ihm gar wohl; denn Furcht kannte Jung Siegfried nicht. Als er munter voranschritt, sah er an einer Stelle Rauch emporwirbeln. Er ging darauf zu und stand bald vor einer Schmiede, in deren Esse ein lustiges Feuer loderte. Hier wohnte Mimer, ein gewandter und berühmter Waffenschmied, aber auch ein sehr arger Mann. Siegfried trat ein und sagte, er wolle auch ein Schmied werden. Da lachten die Gesellen, als sie den jungen Fant sahen. Siegfried, darüber erzürnt, fuhr mit seinem Stecken drein, daß die Burschen bald gegen die Wände und in die Ecken flogen. Nun erschrak Mimer und nahm Siegfried in seine Schmiede auf. Als dieser aber zum Amboß trat und den schweren Hammer in die Hand nahm, schlug er mit einem Streiche die schwerste Eisenstange entzwei, und der mächtige Amboß fuhr tief in den Grund. Von nun an fürchteten Mimer und seine Gesellen den gewaltigen Jüngling sehr, und sie sannen auf ein Mittel, ihn los zu werden. Darum sprach der arglistige Mimer eines Tages zu Siegfried: »Die Kohlen sind uns zu Ende gegangen, du mußt heute nach der hohen Wand am Rheine ausziehen und Kohlen brennen.« Siegfried tat, wie ihm geheißen war. Bald war er an der Stelle, die ihm Mimer bezeichnet hatte; er riß eine junge Eiche aus, um sie als Schürbaum zu gebrauchen. Dann schichtete er einen Meiler und zündete ihn an. Als er nun so im Schatten einer Linde lag, um ein wenig zu ruhen, da schoß ein greulicher Lindwurm auf ihn zu. Siegfried, nicht faul, wehrte sich tapfer mit seinem Schürbaume, so daß er das Untier zuletzt erschlug. Da riefen ihm die Vögel von den Wipfeln zu: »Bade dich in seinem Blute und Fett, Jung Siegfried, so wirst du hörnern sein!« Siegfried tat, wie ihm geheißen war; indem er aber badete, fiel ihm ein Lindenblatt auf die linke Schulter, darum wurde er an dieser Stelle nicht hörnern. Als er mit dem Baden fertig war, riß er dem Ungetüm das Haupt ab und kehrte wohlgemut zu der Schmiede zurück. Als Mimers Gesellen ihn von weitem ankommen sahen, wußten sie nicht, wohin sie sich vor Angst verkriechen sollten. Mimer selbst trat dem Drachentöter mit gleisnerischer Freundlichkeit entgegen. Siegfried jedoch harrte nicht seines Grußes, sondern erschlug den Falschen und alle seine Knechte. Darauf schmiedete er sich Schild und Schwert und zog von dannen. Aloys Wilhelm Schreiber Die Speckermönche zu Düsseldorf. Die Speckermönche in Düsseltal bei Düsseldorf hatten auf ihrem Kloster die Inschrift: »Wir leben ohne Sorgen!« Nun stattete eines Tages der Kurfürst von Köln dem Kloster zu Düsseltal einen Besuch ab. Er sah die Aufschrift, und um dem Abt einen Schrecken einzujagen, legte er ihm folgende drei Rätsel vor: 1. Was ist nicht krumm und auch nicht gerade? 2. Was ist nicht im Wege und nicht daneben? 3. Wo ist der Mittelpunkt der Erde? Der Abt fand trotz allen Kopfzerbrechens die Lösung der Rätselfragen nicht. Traurig schlich er umher, bis er eines Tages dem Schweinehirten des Klosters begegnete. Diesem fiel die Traurigkeit des hohen Herrn auf. Er faßte sich ein Herz und fragte um den Grund seiner Betrübnis. Der Abt vertraute dem Hirten seinen Kummer. Dieser gab ihm die Lösungen: 1. Kegelkugel; 2. Karrengleis; 3. hier, wo ich stehe, ist der Mittelpunkt der Erde. Da wurde der Abt hocherfreut. Er bewog den Hirten, an seiner Stelle nach Bonn zum Kurfürsten zu gehen, um diesem die Antworten zu sagen. Doch nötigte er ihn, in seiner, des Abtes Tracht die Reise anzutreten. Der Schweinehirt gab dem Kurfürsten die Lösungen der Rätsel und erbot sich zum Schluß, seine geheimsten Gedanken zu erraten. Als ihn der verwunderte Kurfürst dazu aufforderte, sprach er: »Ihr glaubt mit dem Abt zu reden und sprecht doch nur mit dem Schweinehirten.« Ludwig Bechstein Spottnamen und Schildbürger im Norden. Im inneren Deutschland denken wir Wunder was für weise Lalenburger wir im Schwaben- und Frankenland, in Schilda und Schöppenstedt, in Wasungen und Ummerstadt und so weiter haben. Da schaut einmal hinauf nach Dithmarschen und Schleswig-Holstein, da ist des Volkes Neckelust lebendig über alle Maßen. Da sind die Jagler bei Schleswig, die heißen die tollen Jagler; die wollten einen Balken partout die Quere durch ihr Tor schaffen, bis sie einen Spatzen mit einem Strohhalm fliegen sahen, der den Halm der Länge nach in sein Nest zog. Die Hottstrupper haben eine Scheuer, in der sie alle Dummheiten einheimsen und aufspeichern, daher das Sprichwort gilt: Geh nach Hottstrupp und laß dir die Narrheit verschneiden. Zu Gabel kauften sie eine Katze zum Mäuseausrotten für dreihundert Taler. Als der Handelsmann fort war, fiel den Gablern erst ein, was denn dieses Tier fresse? Dem reitenden nacheilenden Boten aber rief der Händler zu: »Milch und Mäuse!« – Nun pfiff gerade der Wind etwas stark, und der Bote verstand: Milch und Menschen! und brachte im Galopp diese Antwort zurück. Welch ein Schreck! Wie da zu raten und zu helfen? Im äußersten Haus war schon die Katze, sie sollte von da reihum gehen wie der Dorfspieß. Man wagte sich nicht an das menschenfressende Untier, man steckte das Haus in Brand, da sollte es verbrennen. Als das Haus im schönsten Brennen war, wurde es der Katze zu warm darin, sie sprang daher geschwinde heraus und lief in das nächste. Das wurde auch angesteckt; die Katze sprang von da, weil es wieder zu warm wurde, in das dritte Haus, und immer so fort, bis kein Haus mehr da war, da lief sie über Feld und kam nicht wieder. Die Gabler aber waren froh, daß sie die Katze und zugleich auch ihre Hausmäuse losbekamen. Die Romöer sind auch eine kluge Sorte. Sie wollten gern ihre Kirche zwei Ellen weiterschieben und meinten, da nur wenige Leute diese erbaut, so würden viele Leute die Kirche doch leicht fortschieben können. Damals trug man allgemein zu Romöe rote Jacken; alle hatten welche, nur Paul Moders, ein armer Robbenfänger, hatte keine. Da fügte er, alle Romöer sollten sich an der Nordseite zum Schieben anstellen, an der Südseite aber eine Jacke zwei Ellen weit von der Kirche legen, damit man richtig sehen könne, ob die Kirche weit genug geschoben sei. Der Vorschlag gefiel, die Jacke ward hingelegt, und alles schob. Jetzt kam Paul Moders und schrie: »Genug! Genug! Haltet ein! Ihr habt die Kirche schon über die rote Jacke hinübergeschoben, ihr Simsone, ihr!« – Da waren die Romöer froh, daß es ihnen so wacker gelungen war. Am nächsten Sonntag wunderte sich jedermann, daß auch Paul Moders mit einer roten Jacke in die Kirche kam. Sie konnten gar nicht begreifen, wie, der arme Transchlucker zu einer roten Jacke gekommen war. Die Büsumer an der See, die sind auch von den Pfiffigen. Einstmalen gingen ihrer neun zu baden und schwammen wie die Enten. Jetzt hob sich der Vordermann und sagte: »Mine Jongens, ik mutt doch würftig mal tellen, ob ay noch all dohopen sünt.« Nun zählte er: »Einer, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, ich bin ich, es muß beim Donner einer versoffen sin!« – »Stille, laßt mich einmal zählen!« rief ein anderer, und zählte gerade wieder so. »Ach Gott! Ach Gott! Einer von uns muß versoffen sin!« – Jetzt schwammen alle traurig zum Ufer, ein Fremder kam, dem klagten sie ihr Herzeleid, und der riet ihnen, sie sollten sich niederlegen, ihre Nasen in den Sand stecken und hernach die Löcher zählen. Selbiges taten sie. Hurra! Da gab es neun Löcher, und keiner war versoffen. Den Mond wollten die Büsumer aus dem Brunnen schneiden, einen Hummer haben sie für einen Schneider angesehn, auf ein Feld säten sie Kuhplapper, meinten, von selbigen Eiern sollten Kühe wachsen. Ein Mann stahl ihnen einen weißen Mühlstein, lange zogen sie ihm nach, folgten seiner Spur bis nach Hamburg, taten sich dort viel zugute auf Gemeindeunkosten, gingen auch in die St. Michaelskirche und erhoben auf einmal einen Heidenspektakel, indem sie überlaut schrien: »Unser Mühlstein! Unser Mühlstein! Der Herr Pastor hat ihn, hat sin Köpken durchgesteckt!« – Sie hielten den großen und breiten Halskragen von Batist, den die Mode den Geistlichen um den Hals gelegt, für ihren großen, weißen Mühlstein. Die Bishorster leitete ein Schalk an einem Seil in einen tiefen Brunnen, als sie nach gewohnter Weise die Christnachtmette besuchen wollten und sich an dem Seile, das sie ausgespannt hatten, um in der Nacht des Weges nicht zu fehlen, forthalfen. So erzählten die Haseldörfer, Bishorst aber hat die Elbe nach und nach ganz hinweggeflutet. Die Kisdorfer haben eine Sense, die ein Grasdieb liegen ließ, für ein gefährliches Tier angesehen und eilends eingezäunt. Auch sie trugen, wie ihre witzigen Brüder in Deutschland, den Tag in Säcken in ein neugebautes Haus. Die Fockbecker haben einen Teich mit eingesalzenen Heringen besetzt, meinten, übers Jahr reichliche Brut davon zu haben. War aber gefehlt; als der Teich abgelassen ward, war kein Hering darin, nur ein großer Aal. – »Das ist der Heringsfresser; der muß sterben!« rief der klügste Fockbecker. »Wir wollen ihn essen, wie er unsere Heringe gegessen hat,« – schlug einer vor. »Das ist nicht Strafe genug,« – rief ein zweiter, der sich einmal verbrannt hatte. »Verbrennt ihn!« – »Nein,« schrie ein dritter, der einmal fast ertrunken wäre. »Brennen ist sehr schlimm, aber versaufen ist schlimmer. Wir wollen ihn in die Au schmeißen und ihn ersäufen!« – Alle stimmten dem letzten bei, zumal er am meisten schrie, und wie der Aal nun im Wasser fröhlich schnalzte und sich krümmte und schlängelte, da rief der letzte Weise: »Seht ihr, wie er sich quält! Ja, das ist der schlimmste Tod, das Versaufen.« – »Wenn das Verdursten nicht noch schlimmer ist, rief einer,« der gern das letzte Wort haben wollte. Ludwig Bechstein Stavorens Untergang. Die Einwohner der groß und reich gewordenen Stadt Stavoren führten ein üppiges Leben und kannten ihres Übermutes nicht Maß noch Ziel. Da war eine reiche und übermütige Jungfrau, die hatte viele Schiffe in See, und des Gutes so viel, daß sie nicht wußte, wie viel. Die beauftragte einen Schiffer zur Zeit, wo große Hungersnot im Lande war, ihr das Kostbarste und Wertvollste, was er in fremden Landen nur immer zu finden vermöge, mitzubringen. Und der Schiffer fuhr hinweg und kam bald wieder, und als die Jungfrau fragte, was er Köstliches für sie mitbringe, da er so bald zurück sei, sie habe ihn noch nicht erwartet – da sprach der Schiffer: »Meine Jungfrau, das Köstlichste ist jetzt, was der Mensch zum Leben braucht, ich bringe den schönsten Weizen.« – Die Jungfrau aber hatte reichen Schmuck, Gold, Perlen und, Diamanten erwartet und zürnte: »Weizen! Was soll mir dieses elende Zeug? Gleich über Bord damit!« – Das hörte eine Schar hungernder Armen, die flehten die Jungfrau kniefällig an, doch ihnen das Getreide zu geben, es nicht verderben zu lassen! – Aber die stolze Jungfrau blieb bei ihrem harten Sinn. Der Schifführer sprach: »Meine Jungfrau, bedenket Euch Wohl, es könnte Euch reuen! Gott hört und sieht Gutes und Schlimmes, er lohnt und rächt. Ein Tag könnte kommen, wo Ihr, hungrig und arm gleich diesen Elenden, gern die Körnlein einzeln aufläset, die Ihr jetzt in das Meer wollt schütten lassen!« – »Frecher Knecht!« zürnte da die Jungfrau und schlug ein satanisches Gelächter auf. »Gleich wirf den Weizen ins Meer, und diesen goldenen Ring werfe ich hinterdrein. So wenig werde ich verarmen, so wenig ich diesen Ring jemals wiedersehe!« Und so geschah die gottlose Tat. Die ganze Ladung des Schiffes und aller Weizen, der darauf war, wurde in die See ausgeschüttet. Was geschieht? Einige Tage darauf ging der Koch dieser Frau zu Markt, kaufte einen großen Fisch und übergab ihn dem Diener zum Heimtragen. Im Maule des Fisches fand der Koch einen kostbaren Ring, den er sogleich der Frau zeigte. Wie ihn diese sah, erkannte sie ihn für ihren Ring, den sie ins Meer geworfen hatte; sie erschrak und dachte an ihren Frevel. Und siehe, am andern Tage traf die Jungfrau die Nachricht, daß viele ihrer Schiffe auf der Heimfahrt aus dem Morgenland gescheitert seien; am zweiten Tage kam die weitere Botschaft, daß ihre übrigen Schiffe von den Seeräubern genommen feien; am dritten Tage verbreitete sich die Kunde, daß ihr sonstiges Vermögen, das sie einem reichen Handelshause anvertraut hatte, durch den Fall dieses Hauses verloren sei. Noch ein Jahr verging, da sah man das vordem so stolze Weib betteln gehen von Haus zu Haus, und auf dem Felde Ähren lesen, um sein elendes Leben zu fristen. Auch dieses Zeichen der Warnung, das der Herr tat, hinderte die Einwohner von Stavoren nicht, ihr üppiges Leben fortzusetzen. Da geschah es mit einem Male, daß man in allen Ziehbrunnen Butten und Schellfische und Heringe fand, daß das Wasser stieg und das Land sank. Mehr als drei Vierteile der reichen Stadt verschlang die Flut, die fort und fort am Lande nagt, und aller Segen war hinweg, und der Rest der Stadt verarmte mehr und mehr. Aloys Wilhelm Schreiber Sankt Goar. In dem schauerlichen Felsentale, welches noch jetzt seinen Namen trägt, baute sich im Jahre 575 der heilige Goar seine Zelle. Diese Gegend wurde von armen Fischern bewohnt und war sehr gefährlich für die Schiffenden. Der fromme Mann nahm hier seinen Wohnsitz, um denen, die Schiffbruch gelitten, beizustehen und die Fischer in der Lehre des Evangeliums zu unterrichten. Auch fand jeder müde Wanderer in seiner Zelle ein Obdach und ein Pilgermahl; kein Wunder, daß der Name des wohltätigen Eremiten weit und breit bekannt wurde. Auch König Siegbert hörte von ihm, rief ihn an seinen Hof und wollte ihn zum Erzbischof von Trier machen; aber der demütige Goar schlug es aus und kehrte zu seinen armen Fischern zurück. Als er alt und siech auf dem Sterbebette lag, schickte ihm König Siegbert zwei Priester und ließ später ein Kirchlein auf dem Grabe des heiligen Goar bauen, welches bald mit Gütern und Opfern reichlich beschenkt wurde. Wunder geschahen an seinem Grabe, seine Zelle blieb nach wie vor der Sitz der Gastfreundschaft; und wer kalt und gleichgültig vorüberging, dem begegnete gewiß etwas Schlimmes. So geschah es Karl dem Großen, als er auf einer Rheinreise gleichgültig an der Zelle des Heiligen vorüberfuhr. Er wurde plötzlich von einem so dicken, finstern Nebel umgeben, daß er zwischen Sankt Goar und Koblenz auf offenem Feld übernachten mußte. Seine Söhne Karl und Pippin, welche tödlichen Haß gegeneinander trugen, fanden sich am Grabe des Einsiedlers; plötzlich war aller Groll in ihnen geschwunden, sie sanken sich versöhnt in die Arme. Auch Karls geliebte Gemahlin, Fastrade, suchte und fand hier Genesung von einer schmerzlichen Krankheit. Räuber zerstörten später das Grab des heiligen Goar und verbrannten die Kirche, in welcher manches kranke Herz Linderung, und die Zellen, in denen viele müde Wanderer gastliche Aufnahme gefunden hatten. Ludwig Bechstein Sankt Sebaldus. Es ist eine alte Sage, daß der heilige Sebaldus zu Ende des achten oder zu Anfang des neunten Jahrhunderts nach Christo nach Nürnberg gekommen. Dieser Heilige war eines Königs von Dänemark Sohn und hatte in Paris studiert; aber er verließ seines Vaters Palast heimlich und wurde Einsiedler, wälzte sich auf Dornen und Disteln und kreuzigte sein Fleisch, daß sein Leib davon ganz armselig und mager wurde. Darauf pilgerte er samt seinem Schüler Dionysius barfuß gen Rom, traf auch auf seinem Wege die heiligen Männer Wilibald und Wunibald und nahm sie in seine Gesellschaft auf, gab ihnen Speise, die er aus Engelshand empfing, hatte auch ein kleines Fäßchen, das immer voll Weins war, wann auch die Gesellschaft ihn ausgetrunken, und wenn etwa ein Glas zerbrach, so machte Sankt Sebaldus es wieder ganz, und lehrte und predigte hin und her auf seinem Wege allem Volk die sanfte Lehre unseres Herrn und Heilandes. Über die Donau schwamm Sankt Sebald auf einem groben Mantel, den er über seinem härenen Hemde trug und auf das Wasser breitete, stehenden Fußes, weil kein Nachen vorhanden war. Da kam der Heilige in den Norgau, da hatte ein Bäuerlein seine Ochsen verloren und jammerte, denn es war Nacht, und es wußte nicht, wo es die Ochsen suchen sollte. Da schuf Sankt Sebald durch sein Gebet, daß des Bauern Finger leuchteten und großen Schein warfen wie ein Kronleuchter, und da fand und fing er seine Ochsen wieder. Der heilige Sebaldus kam nach Nürnberg und nahm seine Herberge bei einem Wagner. Selbiger Wagner aber hatte nicht einmal Holz zum Einheizen, geschweige denn zum Wagenbauen. Da heizte der heilige Sebald mit Eiszapfen ein, die brannten, daß es knitterte und knatterte, er wärmte sich, und der Wagner und sein Weib lobten Gott für so billiges Brennmaterial. Eines Tages wünschte Sebaldus Fische zu speisen, es war aber durch die Herrschaft, die auf der Burg wohnte, bei Verlust des Augenlichtes allen verboten, vor ihr Fische zu kaufen. Da nun Sebaldus' Wirt das dennoch tat, so ward er ergriffen und geblendet. Dieses tat Sebaldo leid, er betete zu Gott, und dieser gab dem Wirt sein Augenlicht wieder. Bei dem guten Wagner und dessen Weibe blieb Sebaldus bis zu seinem seligen Ende, vor welchem er noch verordnete, daß zwei Ochsen seinen auf einen Wagen gelegten Leichnam ohne Lenker dahin ziehen sollten, wo er bestattet sein wolle; und die Ochsen zogen den Wagen bis zu Sankt Peters Kapelle und keinen Schritt weiter, trotz allen Zwanges und heftiger Geißelhiebe. Da ruhte und rastete Sankt Sebaldus gnädiglich, und es ward über ihn ein hölzernes Kapellchen erbaut, welches aber hernachmals der Blitz entzündete und einäscherte. Später kam er in sein eigenes Münster und in einen silbernen Sarg. Allda ruhend, war es Sebaldi Segen, der Nürnberg groß und reich und blühend machte, als der Stadt sonderlicher Patron und Hauptherr, und fortwährend tat er hohe Wunder. Blinde machte er sehend, Pilgrime errettete er von Straßenräubern, Kranke machte er gesund, Tote lebendig. Einst sandte in Nürnbergs Nähe eine fromme Bäuerin Sankt Sebaldo einen großen Käs zum Opfer; der Nachbar aber, dem sie den Käse mitgab, dachte: »Der liebe Gottesheilige ißt doch keinen Käs, sondern im Paradiese das himmlische Manna, es tut's also auch ein kleiner, den großen willst du für dich behalten.« Da machte Sankt Sebald den kleinen Käse zu Stein und auf dem Heimwege des Bauern auch den großen. – Da nun zu Nürnberg der unübertreffliche Rotgießermeister Peter Vischer lebte, so bekam derselbe den Auftrag, mit seinen fünf verheirateten Söhnen Peter, Hermann, Hans, Paul und Jakob, die alle bei ihm im Hause wohnten und in seiner Gießhütte arbeiteten, Sankt Sebald ein neues, schönes Grabmal zu fertigen, auf dem der Silbersarg mit den heiligen Gebeinen ruhen sollte. Dieses fertigten die Meister so herrlich und kunstvoll schön, mit frommem Sinn und hohem Geist, daß es als Nürnbergs größte Zier dasteht. Und von den vielen Tausenden, die von Jahr zu Jahr dieses herrliche Zenotaph anstaunen, denkt kaum einer noch an den Heiligen, der darinnen ruhet, und an dessen Wunder, sondern nur an die Wunderwerke deutscher Kunst, die Nürnbergs unsterbliche Söhne, ein Peter Bischer, ein Albrecht Dürer, ein Adam Kraft bewirkt und vollbracht, durch den schaffenden, wunderwirkenden Gottesgeist in der Menschenseele. Brüder Grimm Der Tannhäuser. Der edle Tannhäuser, ein deutscher Ritter, hatte viele Länder durchfahren und war auch in Frau Venus' Berg zu den schönen Frauen geraten, das große Wunder zu schauen. Und als er eine Weile darin gehaust hatte, fröhlich und guter Dinge, trieb ihn endlich sein Gewissen, wieder herauszugehen in die Welt und begehrte Urlaub. Frau Venus aber bot alles auf, um ihn wanken zu machen: sie wolle ihm eine ihrer Gespielinnen geben zum ehelichen Weibe und er möge gedenken an ihren roten Mund, der lache zu allen Stunden. Tannhäuser antwortete, kein ander Weib begehre er, als die er sich in den Sinn genommen, er wolle nicht ewig in der Hölle brennen, und gleichgültig sei ihm ihr roter Mund; er könne nicht länger bleiben; denn sein Leben wäre krank geworden. Und da wollte ihn die Teufelin in ihr Kämmerlein locken, der Minne zu pflegen; allein der edle Ritter schalt sie laut und rief die heilige Jungfrau an, daß sie ihn scheiden lassen mußte. Reuevoll zog er die Straße nach Rom zu Papst Urban, dem wollte er alle seine Sünden beichten, damit ihm Buße auferlegt würde und seine Seele gerettet wäre. Wie er aber beichtete, daß er auch ein ganzes Jahr bei Frau Venus im Berg gewesen, da sprach der Papst: »Wann dieser dürre Stecken grünen wird, den ich in der Hand halte, sollen dir deine Sünden verziehen sein und nicht anders.« Der Tannhäuser sagte: »Und hätte ich nur noch ein Jahr leben sollen auf Erden, so wollte ich solche Reu' und Buße getan haben, daß sich Gott erbarmt hätte.« Und vor Jammer und Leid, daß ihn der Papst verdammte, zog er wieder fort aus der Stadt und von neuem in den teuflischen Berg, ewig und immerdar drinnen zu wohnen. Frau Venus aber hieß ihn willkommen, wie man einen lang abwesenden Freund empfängt. Danach wohl auf den dritten Tag hub der Stecken an zu grünen, und der Papst sandte Botschaft in alle Lande, sich zu erkundigen, wohin der edle Tannhäuser gekommen wäre. Es war aber nun zu spät; er saß im Berg und hatte sich sein Lieb erkoren; daselbst muß er nun sitzen bis zum jüngsten Tag, wo ihn Gott vielleicht anderswohin weisen wird. Ludwig Bechstein Der eiserne Tisch. Da Libussa eine Zeitlang als Königin über das Volk der Böhmen geherrscht hatte, wünschte ihr Volk, daß sie sich einen Gemahl wähle; da sagte sie in einer Versammlung, die sie berief, viele Worte der Weissagung und mahnte ab von des Volkes Begehren. Aber das Volk wie die Edeln blieben auf ihrem Willen und begehrten einen König. »Wohlan!« sprach sie, »so machet euch auf, gehet zum Wasser, die Bila, da werdet ihr im Gefilde des Dorfes Stadicz einen besondern Acker finden und darauf einen Mann pflügen sehen mit zwei scheckigen Ochsen. Dieser wird euer König sein!« Darauf erkor sie dreißig Männer, die besten des Landes, gebot ihnen, mit sich zu nehmen einen königlichen Rock und einen Mantel und den neuen Herrn zu suchen. Die Gesandten baten, nähere Zeichen von dem Manne zu erfahren, daß sie den rechten fänden, da sprach Libussa: »Nehmet mit euch mein weißes Roß, das ich reite, laßt es frei vor euch herlaufen, das wird den Mann erspähen und euch durch Wiehern und sonstige Zeichen verkündigen, daß er der rechte ist. Finden werdet ihr euren König speisend auf eisernem Tische, und die friedsamen Götter werden eure Bahn behüten!« – Darauf fuhren die dreißig Männer von dannen und ließen Libussens Roß vorangehen, das lief dem Mittelgebirge zu, nach dem Dorfe Stadicz, und am dritten Tage fanden sie einen Mann auf dem Felde, pflügend mit zwei scheckigen Ochsen, dem nahten sie mit heilbietendem Gruß, den er jedoch nicht erwiderte. Und daß Roß begann zu wiehern und zu schreien, und fiel vor dem Bauern nieder, dessen Name Przemisl war. Die Boten Libussens zeigten ihm nun das fürstliche Gewand und richteten ferner ihre Sendung aus; da stieß Przemisl die Haselgerte, welche er in der Hand trug, in den Boden und spannte die Ochsen aus dem Pfluge, indem er sprach: »Gehet hin, woher ihr gekommen seid.« – Darauf erhoben sich die Ochsen beide in die Luft und schwebten in der Wolkennähe, doch senkten sie sich wieder und fuhren gegen einen Felsen, der sich auftat, da hinein in die geöffnete Kluft fuhren die Ochsen, und der Fels schloß sich sobald; zur Stunde aber rieselte aus ihm ein Wässerlein hervor, gleich aus einem Stalle und von solchem Geruch. Die haselne Rute aber, die der Bauer in den Boden gesteckt, trieb sogleich grüne Blättlein und drei Zweige, auch einige Nüsse. Mit Staunen sahen das alles die Boten der Königin, noch mehr aber wuchs ihr Verwundern, als der Bauer den Pflug umstürzte und auf die Schar ein schimmlig Stück Brot legte und ein Stück Käse, sein Mittagmahl zu halten, wozu er auch die Fremdlinge einlud. Da sahen sie den eisernen Tisch, davon Libussa gesprochen hatte. Von den Zweigen der Rute verdorrten zwei, der dritte grünte aufwärts. Als Przemisl sah, wie sich die Sendboten verwunderten, fragte er: »Was wundert ihr euch? Viele meines Geschlechtes werden anheben zu regieren, immer aber wird nur einer König sein. Eure Herrin hätte nicht solche Eile vonnöten gehabt. Wäret ihr später gekommen, daß ich dieses Stück Acker ganz umgepflügt, dann hätte dieses Land immer und ewig vollauf Brot gehabt, und diese Zweige wären nicht verdorrt. So wird nun bisweilen Hungersnot einfallen.« Als die Boten ihn fragten, warum er auf dem Eisen speise, erwiderte er: »Mein Geschlecht wird euch mit Ruten von Eisen züchtigen!« – Nach der Mahlzeit legten die Boten Przemisl das lange Kleid an, den schönen Mantel und neue Schuhe; er aber nahm seine alten Schuhe, die er selbst aus Lindenrinde gemacht und mit Lindenbast genäht hatte, mit sich, zum Gedächtnis der Abkunft des ersten Fürsten. Dem Kommenden zog Libussa, herrlich geschmückt, mit ihren Schwestern, Räten und Rittern und allem Volke entgegen, begrüßte ihn freundlich und erkor ihn zu ihrem Ehegemahl. Von diesem ersten Könige Böhmens schreibt sich der Gebrauch, daß bei jeder nachherigen Königskrönung vor dem zu Krönenden eine Metze Haselnüsse ausgeschüttet wurde, welche die Bewohner des Dorfes Stadicz, die außerdem von allen Abgaben befreit waren, liefern mußten; dann zeigte man auch jedesmal dem Fürsten die Bauernschuhe von Lindenrinde, welche heilig von Geschlecht zu Geschlecht aufbewahrt wurden, um ihm symbolisch anzudeuten, er möge in die Fußstapfen seines Urahnherrn treten. Im Hussitenkriege erst kamen diese Schuhe abhanden. Die Haselgerte aber grünte fort und fort, und ihr Stamm wird noch heute als ein Wahrzeichen im Dorfe Stadicz gewiesen. Bernhard Bader Der Titisee. Unterhalb der Seesteige stand in alter Zeit eine reiche Stadt mit einem Kloster. Als die Üppigkeit ihrer Bewohner so groß geworden war, daß sie die Weißbrotlaibe aushöhlten, die Brosamen dem Vieh verfütterten und in der Kruste, wie in Schuhen, umhergingen, versank die Stadt in die Erde, und an ihrer Stelle entstand der Titisee. In dessen Tiefe ist bei hellem Wetter die Turmspitze des Klosters noch sichtbar, das, wann jenes zu Friedenweiler versinkt, wieder aus dem Wasser emporsteigt. Vor vielen Jahren begann der See an der Schanze an der Höllensteige auszubrechen. Da kam in der Nacht eine alte Frau, verstopfte, indem sie etwas sprach, die Öffnung mit ihrer weißen Haube und verhinderte dadurch den Ausfluß. Von der Haube verfault jedes Jahr ein Faden, und wenn der letzte verwest ist, bricht der See heraus und überschwemmt das ganze Dreisamtal. Einige sagen, daß zur Abwendung dieses Unglücks in dem Freiburger Münster täglich eine Messe gelesen wurde. Nachdem schon manche vergebens gesucht hatten, die Tiefe des Sees zu ergründen, nahm einer sich vor, dieselbe schlechterdings auszumitteln. Er fuhr mit einem Kahn in die Mitte des Sees und warf an einer fast endlosen Schnur das Senkblei aus. Schon waren achtzehn Spulen Faden im Wasser und noch genug zum Nachlassen vorhanden, da rief aus den Wellen eine fürchterliche Stimme: »Missest du mich, So fresse ich dich!« Oder, wie andere sagen: »Willst du mich messen, So werd' ich dich fressen!« Voll Schreck ließ nun der Mann von seinem Unternehmen ab, und seitdem hat niemand mehr gewagt, nach der Tiefe des Sees zu forschen. In einem Sumpf bei Hinterzarten, eine Stunde von dem See, ist einmal ein Paar zusammengejochter Ochsen versunken und ihr Joch einige Jahre nachher im See an der Wutachbrücke gefunden worden. Aloys Wilhelm Schreiber Treuenfels. In einem wilden, unwegsamen Tal nicht weit vom Rheine sieht man auf einer jähen Felswand wenige, mit Gras und Brombeerhecken bewachsene Überreste eines alten Gemäuers und zwischen dem Gemäuer einen geborstenen Granstein, auf welchem der Name Liba deutlich zu lesen ist. Von der übrigen Schrift des Steins sind nur noch halbverwischte Züge zu erkennen. Treuenfels heißt die Talwand, und die Kapelle, welche da gestanden, war dem Andenken der sterbenden Jungfrau geweiht. Die Geschichte ihrer Erbauung will ich euch erzählen. In der Nähe des Siebengebirgs lebte ein bejahrter Ritter, Balther mit Namen, der hatte eine noch junge Tochter, die Liba genannt wurde. Das Mägdlein war schön und fromm, daß sich keine andere mit ihr vergleichen mochte, und viele Ritter warben um ihre Hand; aber ihr Vater hatte sie bereits dem wackeren Schott von Grünstein zugesagt, und Liba machte gegen diese Wahl wohl auch keine Einwendung; denn der Jüngling war edel von Gestalt und Sitte, mannhaft und biederherzig. Der Frühling der ersten Liebe blühte in reicher Fülle um das beglückte Paar, und weder der Ritter noch die Jungfrau bemerkten die schwarze Gewitterwolke, die hinter ihnen aufstieg. Der alte Balther nährte lange schon einen tiefen Groll gegen den frommen, aber strengen Bischof Engelbert von Köln, dessen Dienstmann er war, und als einst einige seiner Nachbarn zu ihm kamen, die sich ebenfalls gar heftig über den Bischof beschwerten, da zog er die Augenbrauen zusammen und sagte: »Könnt' ich noch ein Schwert führen, wie in den Tagen meiner Kraft, ich wollte wahrlich den pfäffischen Übermut nicht dulden. Behandelt er uns nicht wie seine Eigene, und sind wir von minder edler Geburt als er?« »Was können wir tun?« sagten jene. Da nahm Balther einen Becher mit Wein, der vor ihm stand, und rief: »Auf den Tod unseres Erzfeindes! Wer von euch ein Mann ist, der wird mich verstehen.« Mit diesen Worten leerte er den Becher. – »Das trinken wir mit,« schrien die Ritter und schwuren, den Bischof aus dem Weg zu räumen. Das geschah auch bald nachher; aber der Kaiser ließ die Täter ergreifen und schmählich hinrichten. Vor ihrem Tod bekannten sie, daß Balther sie zu dem Frevel angemutet. Der Kaiser ergrimmte darob und befahl, seine Burg zu verbrennen und alles, was darin sein möchte. Ein Heerhaufe wurde stracks ausgesandt und umzingelte Balthers Schloß, noch bevor er einen Argwohn geschöpft hatte. Es war in einer finstern, stürmischen Nacht, und er lag in tiefem Schlaf, als Liba, im leichten Nachtkleid, mit fliegenden Haaren, in sein Gemach stürzte und ihn durch ihr Jammergeschrei weckte. Balther geriet außer sich vor Angst; denn die Burg brannte schon, und jeder Weg zur Flucht war versperrt. Er stand eine Weile betäubt und sprachlos, dann riß er sein Schwert aus der Scheide und wollte sich das Leben nehmen. Liba fiel ihm in die Arme. »Wir wollen durch den unterirdischen Gang entfliehen,« sagte sie, und zog ihn mit sich fort, die Treppe hinab. Von beiden Seiten schlugen schon die Flammen ihnen entgegen und sengten Balthern das Haar und die Augenbrauen. Liba blieb unberührt, als ob eine unsichtbare Macht sie schützte. Der Gang zog sich unter einem Waldbach hin und führte in eine ferne Bergschlucht, welche dicht mit Gesträuch bewachsen war. Ermattet sanken die Flüchtlinge dort in einen kurzen Schlummer, aus welchem das frühe Gezwitscher der Waldvögel sie erweckte. Liba brach einige wilde Beeren von den Hecken, um sich etwas zu erquicken. Ihr Vater, dem seine versenkten Augen heftigen Schmerz verursachten, wurde von einem schrecklichen Durst gequält und lechzte nach einem Trunk Wassers. Schüchtern wagte sich die Jungfrau aus dem Gestrüpp hervor und erspähte in der Nähe eine kleine Quelle. Sie machte aus Baumrinde eine Art Schale, füllte sie mit Wasser und brachte es dem leidenden Greis. – Sie verweilten an dieser Stelle bis zur Abenddämmerung und setzten dann ihren Weg weiter fort durchs einsame, wilde Geklüft und kamen endlich zu einer Höhle am Fuß der Felsenwand, wo die Trümmer der Kapelle liegen. »Hier wollen wir bleiben,« sagte Liba, »denn in diesen schauerlichen Aufenthalt mag wohl selten ein Mensch sich verirren.« »Was soll hier aus uns werden?« seufzte der Greis. »Was Gott will,« versetzte Liba mit schönem Vertrauen und küßte die Hand ihres Vaters. Sie blieben einige Wochen in der Höhle, und Wurzeln und Kräuter waren ihre Nahrung. Balthers Augenübel vermehrte sich täglich, und er wurde zuletzt blind. Doch trug er alles mit großer Geduld und sagte oft: »Ich danke Gott, daß er mir noch Zeit läßt, mein Unrecht zu büßen.« Unterdessen nahmen die Lebensmittel immer mehr ab in der unfruchtbaren Wüste, und Liba mußte sich schon eine ziemliche Strecke weit von der Höhle entfernen, um ein kleines Körbchen, das sie sich aus Binsen geflochten, mit Himbeeren und Erdbeeren zu füllen. Bei einer solchen Wanderung erblickte sie einst einen Jäger, der etwa hundert Schritt von ihr unter einem Baume saß und sein Haupt müde oder traurig mit der Hand stützte. Neben ihm lag ein Jagdspieß und ruhten ein Paar Weiße Doggen. Nach einer Weile stand der Jäger auf, und die Hunde sprangen um ihn her, Liba erkannte ihn, es war Schott von Grünstein, ihr Verlobter. Unwillkürlich streckte sie ihre Arme nach ihm aus und wollte ihn beim Namen rufen; aber das Wort erstarb ihr auf der Lippe. Soll ich ihn auch in unser trauriges Verhältnis ziehen? sagte sie bei sich. Er würde uns nötigen, eine Zuflucht auf seiner Burg zu nehmen, und dadurch ebenfalls in die Acht geraten, und ich hätte nicht nur ein Leiden mehr, sondern auch einen Vorwurf auf meiner Seele. Nein, ich muß büßen mit meinem Vater und für meinen Vater, damit die Strafe des Richters dort oben früher von ihm genommen werde. In diesem hohen Entschluß, der ihrer Seele wunderbare Stärke gab, kehrte sie zur Höhle zurück. Sie fand ihren Vater ruhiger als sonst, und er sagte, indem er ihre Hand ergriff: »Ich weiß nicht, mir ist heute so leicht ums Herz, und es würde mir noch leichter werden, wenn ich nur einen Augenblick den Himmel da oben sehen könnte. Nicht wahr, Liba, er ist ganz heiter?« »Er ist heiter,« antwortete die Jungfrau, »bis auf eine schwarze Wolke, aber diese scheint vorüberzuziehen.« »Könntest du mich nicht in die Sonne führen? Ich möchte mich einmal wieder wärmen an ihrem Strahl.« Liba sah sich allenthalben um. »In diese Schlucht herab kommt die Sonne nicht,« sagte sie, »aber ein bequemer Pfad führt auf die Felsenwand, da will ich Euch hinaufhelfen.« Sie führte ihn auf die Höhe auf einen bemoosten Stein, wo der Greis sich niedersetzte und an den dürren Stamm einer abgelebten Eiche lehnte. »Liba,« rief er, »ich sehe den Himmel, ich sehe die Sonne.« »Ihr seht wieder, Vater?« »Mit diesen toten Augen nicht, die sind vertrocknet, aber in mir steht ein Himmel und eine Sonne.« Liba warf sich auf die Knie und betete mit gefalteten Händen: »Richter dort oben, gib ein Zeichen der Versöhnung!« Balther faltete seine Hände gleichfalls und sagte: »Amen!« Da plötzlich rollte der Donner und zuckte der Blitz herab und tötete den Greis und seine Tochter. Balthers Leib war in Asche verwandelt, aber Liba lag neben der Asche, unversehrt und ohne ein Zeichen gewaltsamen Todes. In ihrem Antlitz war die Ruhe einer Schlummernden und der Friede der Unschuld. Schott von Grünstein hatte den Schlag gehört und den Strahl gesehen, wie er auf die Felsenwand herabfuhr. Neugierde trieb ihn, die Spuren zu betrachten, die er zurückgelassen haben mochte, und er erstieg die Höhe. Da fand er seine Verlobte und die Asche ihres Vaters. Sein Schmerz war groß. Er ließ auf der Stelle eine Kapelle bauen und weihte sie der sterbenden Mutter des Erlösers. Der Fels aber heißt seitdem Treuenfels, zum Andenken frommer, kindlicher Treue. Aloys Wilhelm Schreiber Trifels. Am überrheinischen Gebirge, in der Nähe von Annweiler, liegt die ehemalige Reichsburg Trifels , wovon noch ein mächtiger Turm und einiges Gemäuer vorhanden sind. Hier wurden früher die Reichsinsignien und der Krönungsschmuck der deutschen Könige aufbewahrt. Aber herrlicher noch als in der Geschichte glänzt Trifels in der deutschen Sage, weil in seinem Turm der ritterliche König Richard Löwenherz gefangen saß und durch die Klugheit und mutige Treue eines Sängers daraus befreit wurde. Als Herzog Leopold von Österreich gezwungen war, seinen hohen Gefangenen, Richard Löwenherz, an den deutschen König Heinrich VI. auszuliefern, ließ ihn dieser nach Trifels bringen. In England wußte man, daß Richard aus Palästina zurückgekehrt, aber nicht, wohin er geraten sei. Die wahrscheinlichste Vermutung war, daß er irgendwo als Gefangener schmachte. Da faßte Richards Freund, der Minnesänger Blondel, den Gedanken, in den festen Burgen Frankreichs und Deutschlands zu spähen, wo er vielleicht aufbewahrt werden möchte. Richards Mutter, die Königin Eleonore, gab ihm fünfzig Reisige und zwei tapfere Ritter mit, um den König allenfalls mit Gewalt zu befreien, außerdem wurde er reichlich mit Geld versehen, um es nötigenfalls zu jenem Zwecke anzuwenden. Auf seinem Zuge kam Blondel auch in das Tal von Annweiler und sah hier die Feste Trifels. Er verbarg seine Begleiter im Gebirge und näherte sich als Sänger den Mauern. Er fragte einige Hirten, die in der Nähe ihre Schafe weideten, ob auf der Burg wohl Gastfreundschaft zu Hause sei und man einen wandernden Harfner nicht unfreundlich abweisen werde. Die Hirten versicherten ihn aber, die Burg werde streng bewacht; der Burgvogt sei ein harter, mürrischer Mann und werde ihn gewiß schnöde behandeln. Blondel setzte sich in kleiner Entfernung von dem Hirten auf einen Stein, betrachtete den hohen Turm und die mit Gräben umgebenen Mauern und dachte an Richard. Da sang plötzlich ein kleines Hirtenmädchen in seiner Nähe: »Der Pfeil von meinem Bogen Bringt bittern Todesschmerz, Der Pfeil aus deinen Augen Dringt schmeichelnd in das Herz.« Blondel schrak freudig zusammen, als er den Gesang hörte. Es war die erste Strophe eines Liedes, welches er für Richard gedichtet. Hastig ging er auf die Hirtin zu und fragte, wer sie das Lied gelehrt? »Niemand,« antwortete das Mädchen etwas verlegen, »niemand, ich hörte es aus dem Gitterfenster des Turmes singen, den Ihr hier sehet, und da blieben mir einige Zeilen im Gedächtnis.« »Es ist also wohl ein Gefangener in diesem Turme?« fragte Blondel weiter. »Freiwillig wird sich wohl niemand da einsperren lassen,« erwiderte die Hirtin. Blondel sann nach. Er wartete, bis der Schleier der Nacht alles umher bedeckt hatte, dann schlich er sich unten an dem Turm hin und sang zur Harfe: »Der Pfeil von meinem Bogen Bringt bittern Todesschmerz, Der Pfeil aus deinen Augen Dringt schmeichelnd in das Herz.« Im Augenblick antwortete eine Stimme aus dem Turme: »Ich habe mir erfochten Wohl manchen Warenpreis. Nun darf ich auch wohl suchen Ein blühend Myrtenreis.« »Richard!« rief jetzt Blondel, und »Blondel!« rief Richard, beide wie mit einer Stimme. »Zählt auf mich, mein König; ich verlasse diese Gegend nicht ohne Euch.« Mit diesen Worten entfernte sich der Sänger. Tag und Nacht war sein einziger Gedanke, wie er den Gefangenen befreien möge. Mit Gewalt? – Dazu war das Kastell zu fest und hatte eine Besatzung von wenigstens sechzig Mann. Also mit List! Der Zufall begünstigte einen solchen Plan. Es nahte der Tag, an welchen! Heinrich zum König der Deutschen gewählt worden war, und an diesem Tag wurden den Reisigen der Burg Brot und Wein ausgeteilt. Dies geschah in einer Schenke, welche ganz in der Nähe von Trifels lag. Blondel ging zu dem Wirt und sagte: »Ich bin ein wandernder Sänger und komme vom Hoflager des Kaisers, der mich mehr als kaiserlich beschenkt hat. Übermorgen ist sein Wahltag, da möchte ich den treuen Burschen, so seine Burg bewachen, ein Gutes tun. Gebt ihnen das Doppelte an Wein, was sie sonst erhalten und das Beste aus Eurem Keller. Ich zahle voraus.« Der Wirt zeigte sich über diese Freigebigkeit höchst vergnügt und versprach auch, reinen Mund zu halten, bis das Gelage vorüber sein würde. Nun ging Blondel auch mit den beiden Rittern zu Rate, die seine Reisigen anführten, und verabredete mit ihnen das Nähere. Der Tag des Festes kam heran. Nachmittags versammelte sich die ganze Besatzung, bis auf wenige Wachtposten, in der Schenke. Die Soldaten waren überrascht, diesmal einen so trefflichen Wein zu erhalten, und ließen sich ihn aufs beste schmecken. Als die Dämmerung nachgerade hereinbrach, machten sich die englischen Ritter mit ihren Reisigen in größter Stille aus ihrem Versteck im Walde auf und marschierten eilig nach der Burg. Die Torwache wurde leicht überwältigt, und als der Schloßvogt auf den Lärm herbeieilte, zwang man ihn mit vorgehaltenem Schwert, das Gefängnis des Königs zu öffnen. Blondel folgte ihm dahin, Richard streckte dem Eintretenden die Hand entgegen mit den Worten: »Wenn ich deine Treue vergesse, so soll mein Name vergessen werden in der Geschichte. Aber jetzt ein Schwert, ein Schwert, denn zum zweiten Male will ich nicht mehr in die Hände meiner Feinde fallen.« Inzwischen war das Gerücht von dem, was auf Trifels vorgefallen, auch in die Schenke gekommen. Die Reisigen eilten in Scharen nach der Burg, da zeigte sich Richard mit Blondel und dem Burgvogt auf dem Schloßaltan. »Gebiete diesen, sich augenblicklich in ihre Gemächer zu verfügen und mich und die Meinigen ruhig abziehen zu lassen, oder mit einem Schlage fliegt dein Haupt in den Hof hinab.« Der Burgvogt gehorchte zitternd, und König Richard zog ungehindert mit den Seinen von dannen. Ludwig Bechstein Vineta. Bei der Insel Usedom ist eine Stelle im Meer, eine halbe Meile von der Stadt gleichen Namens; da ist eine große, reiche und schöne Stadt versunken, die hieß Vineta. Sie war ihrer Zeit eine der größten Städte Europas, der Mittelpunkt des Welthandels zwischen den germanischen Völkern des Südens und Westens und den slawischen Völkern des Ostens. Überaus großer Reichtum herrschte allda. Die Stadttore waren von Erz und reich an kunstvoller Bilderei, alles gemeine Geschirr war von Silber, alles Tischgeräte von Gold. Endlich aber zerstörte bürgerliche Uneinigkeit und der Einwohner ungezügeltes Leben die Blüte der Stadt Vineta, welche an Pracht und Glanz und der Lage nach das Venedig des Nordens war. Das Meer erhob sich und die Stadt versank. Bei Meeresstille sehen die Schiffer tief unten im Grund noch die Gassen, die Häuser eines Teiles der Stadt noch in schönster Ordnung, und der Rest Vinetas, der hier sich zeigt, ist immer noch so groß als die Stadt Lübeck. Die Sage geht, daß Vineta drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor seinem Untergange gewafelt habe , da sei es als Luftgebilde erschienen, mit allen Türmen und Palästen und Mauern, und kundige Alte haben die Einwohner gewarnt, die Stadt zu verlassen; denn wenn Städte, Schiffe oder Menschen wafeln und sich doppelt sehen lassen, so bedeute das vorspukend sichern Untergang oder das Ende voraus – jene Alten seien aber verlacht worden. An Sonntagen bei recht stiller See hört man noch über Vineta die Glocken aus der Meerestiefe heraufklingen mit einem trauervoll summenden Ton. Moritz Bermann Der Volkssänger Augustin in der Pestgrube. »Ei du lieber Augustin, Geld ist hin, all's ist hin!« Wer von euch kennt nicht dies volkstümlichste aller Wiener Lieder? Ihr wißt aber nicht, von wem es stammt: der Verfasser und Komponist desselben ist der erste Volkssänger, den Wien aufzuweisen hat, der lustige Augustin. Leider ist über die Geburt und Abstammung dieses Mannes nichts zu erfahren, nur in einer späteren Chronik wird berichtet, daß er als Sohn einer Gastwirtsfamilie im Jahre 1643 zu Wien geboren worden sei, und sein Humor würde allerdings für die Richtigkeit dieser Angabe sprechen. Max Augustin lebte in größter Armut; dies hinderte ihn aber nicht, die köstlichste Laune von der Welt zu entfalten und – zum Nichtstun geneigt – es vorzuziehen, viel eher das Geschäft eines wandernden Musikanten zu ergreifen, als durch Arbeit sein Brot zu verdienen. Die einzige Beschäftigung Augustins bestand darin, mit einem Dudelsack versehen abends in den Wirtshäusern umherzugehen und da, wie in späteren Zeiten die sogenannten Volkssänger, den von ihren Beschwerden sich erholenden Bürgern Späße vorzumachen und Lieder vorzusingen. Dieses Amt verstand er ganz vorzüglich. Ein wenn auch komisches Überbleibsel der alten Reimchronisten und Meistersänger, richtete er sein Augenmerk besonders auf die Begebenheiten und Erlebnisse seiner Zeit, die er, von seinem trefflichen Gedächtnisse unterstützt, in Reime brachte, eine volkstümliche Weise dazu komponierte und sie so dem Publikum vortrug. Augustin, der erste Volkssänger in der vollen Bedeutung des Wortes, wurde bald weit und breit gesucht, und bei seinen Liedern ging es gar stürmisch zu; denn die von Zuhörern überfüllten Stuben konnten nicht alle sich herandrängenden Gäste fassen. Er spielte nicht an einem Orte allein, sondern trieb seine Possen jeden Tag in einem andern Wirtshaus. Diese, soweit sie urkundlich ausfindig gemacht werden konnten, waren einige gewöhnliche Bierschenken im »Kroatendörfel« (später Sankt Ulrich) und im »Schöff« (heute Mariahilf), dann beim »roten Hahn« auf der Landstraße, im »gulden Kapaunen« auf der Wieden, im »gulden Lampel« in der Leopoldstadt, »bei den drei Hasen« in der Kärtnerstraße, beim »Klepperer« am Kohlmarkt, zum »gelben Adler« im Auwinkel (heute Postgasse), besonders jedoch in der Bierschenke »zum roten Dachel«, beim Eingang des Hafnersteigs vom alten Fleischmarkt (später das Gasthaus zum »goldenen Engel«, welches heute nicht mehr besteht). Herr Konrad Ulrich Puffan, Besitzer der letztgenannten Schenke, wußte ihn durch kluge Schmeicheleien und zeitweise auch durch Zechfreiheit derart für sich zu gewinnen, daß er wöchentlich zweimal – Donnerstag und Sonntag – bei ihm musizierte. Die Freigebigkeit des Wirtes hatte aber großen Einfluß auf Augustins frohe Laune, und er tat meist des Guten so viel, daß er nur durch die bereitwillige Hilfe einiger Begleiter in seine Wohnung, ein Dachkämmerchen in der Hahngasse auf der Landstraße, gebracht werden konnte. So ging es Tag für Tag; bald jedoch sollte ihn diese Lebensweise in eine schreckliche Gefahr bringen. Das verhängnisvolle Jahr 1679 war gekommen, es brach in Wien die Pest aus. Wer nur irgend konnte, verließ die Stadt, Reiche und Arme, Hohe und Niedere. Innerhalb dreier Monate fielen dieser gräßlichen Seuche Tausende von Menschen zum Opfer. Die ganze Stadt glich, wie der bekannte Kanzelredner Pater Abraham a Santa Clara sagt, einem Klagehause oder Gottesacker. Wer hätte da an eine Schenke denken sollen? Diejenigen, welche Lust und Mut zu Saus und Braus hatten, fanden keinen Gefallen an Augustins Liedern und Späßen, welche, des strengen Verbotes gegen alle Lustbarkeit halber, ohnedies nur verstohlen gesungen werden konnten; er selbst, durch sein stark vermindertes Einkommen unwillig gemacht, zeigte sich zuweilen mürrisch und eigensinnig, und da hatte es eigentlich mit seiner Herrlichkeit ganz ein Ende. Nun ergab er sich dem doppelten Genusse von Bier und Branntwein. Kredit hatte er vollauf beim Besitzer der roten Dachelschenke, da dieser Schlauberger die künftigen Zeiten und Augustins Brauchbarkeit im Auge behielt; ferner, weil er seinen Wohlstand zumeist dem Sänger verdankte, und endlich, weil es in diesen Trauertagen sehr angenehm war, wenigstens einen lustigen Gast zu haben, der nicht fortwährend klagte. Es war am neunzehnten September. Die Pest wütete in ihrer ganzen Gewalt; selbst Augustin wagte an diesem Tage keinen Spaß zum besten zu geben. Mißmutig und niedergedrückt saß er in der Dachelschenke, die wie ausgestorben schien. Der einzige anwesende Gast eilte davon, als er hörte, daß soeben ein Herr beim Schottentor einem Bettler ein Almosen zugeworfen habe, dabei sei ihm ein Brief zur Erde gefallen, den der Bettler aufhob und ihm zurückgab, worauf beide in kurzer Frist Opfer der Pest geworden. Augustin suchte nun im Bier Trost und nahm davon in so reichlichem Maße zu sich, daß es des Branntweins nicht bedurft hätte, um seine Sinne vollends zu verwirren. Als es dunkel geworden, erhob er sich und wankte halb besinnungslos seiner Wohnung zu. Gänzlich unvermögend, sich zurechtzufinden, stolperte er den nächstbesten Weg fort. Die freie Luft trug noch mehr zur Verdüsterung seines Verstandes bei; so taumelte er denn im Halbschlafe umher, wobei er sein Lieblingslied – natürlich jetzt mit verändertem Texte – sang: »O du lieber Augustin, 's Geld ist hin, d' Freud' ist hin; O du lieber Augustin, Alles ist hin! »Wär' schon des Lebens quitt, Hätt' ich nicht noch Kredit, Doch folgt mir Schritt für Schritt Noch der Kredit. »Ach, selbst das reiche Wien Arm ist's wie Augustin, Seufzt nun mit trübem Sinn: Alles ist hin! »Täglich war sonst ein Fest, Jetzt hab'n wir die Pest! Ein großes Leichennest: Das ist der Rest! »O du lieber Augustin, Leg' nur ins Grab dich hin, O du herzliebes Wien, Alles ist hin!« Er gedachte, immer fortschwankend, die letzte Strophe des Lieds zu wiederholen, und er hatte auch wirklich bereits die Worte: »Leg' nur ins Grab dich hin!« mit schon schwer gewordener Zunge mehr gestammelt als gesungen, als er – nach Art der Betrunkenen – entweder in die Höhe oder nach allen Seiten, nur nicht gerade vor sich hinblickend, plötzlich den Boden unter sich weichen fühlte. Er fiel darauf eine starke Höhe hinab, fand sich ziemlich weich gebettet und schlief gemütlich ein, ohne zu fühlen, daß ihm später noch mehrere Körper nachstürzten. Als er durch die kühle Morgendämmerung aus seinem Schlafe geweckt wurde, sah er sich in einer noch nicht zugeschütteten Pestgrube vor dem Burgtore unter den Leichen liegen. Aus voller Kehle um Hilfe schreiend, machte er die Pestknechte, welche neuen Transport brachten, aufmerksam, und sie zogen ihn aus seinem entsetzlichen Schlafgemach. Man sollte nun glauben, daß Augustin ein Opfer dieses unglücklichen Ereignisses geworden sei; aber im Gegenteil, es schadete seinen starken Nerven nicht im mindesten. Er erzählte sein Abenteuer überall mit lachendem Munde, und das Mitleid der Zuhörer trug ihm reichliche Spenden ein. Augustin überlebte die Pestzeit mit frohem Mute, war übermäßig im Genusse wie sonst, und als im Dezember die Seuche erlosch, fing er seine Vorträge wieder an. Das nächtliche Abenteuer brachte er in wohlklingende Verse, erfand eine Melodie zu der Ballade und sang sie unter jubelndem Beifall in allen Schenken ab. Noch lange Jahre lebte Augustin gesund und voll köstlichen Humors, bis ihn am 10. Oktober 1705 der Tod ereilte. Nach gewohnter Weise hatte er eine Nacht durchschwelgt, war nach Hause gewankt, und da traf den bereits über sechzig Jahre alten Mann in seinem Kämmerlein der Schlag. Er wurde auf dem großen Nikolausgottesacker vor der Rochuskirche auf der Landstraße begraben. Berger Die Walpurgisnacht auf dem Blocksberg. Wenn der Monat April mit seinen Schneeschauern und letzten Resten des Winters vorüber ist, in der Nacht vom letzten April zum ersten Mai (Walpurgisnacht), eilen von allen Seiten und Richtungen die Hexen zum Blocksberg. Da ist ein großes Gedränge, und weil es der Eile bedarf, so tragen sie die Füße nicht schnell genug; sie kommen also durch die Luft zum Berge herangezogen, von oben und auch von unten, auf Ofen- und Heugabeln, Streichbesen und Ziegenböcken, aus dem Walde und hinter den Bergen hervor. Wahrscheinlich führen sie die Ofengabeln, um das Feuer anzuschüren, die Streichbesen aber, um den Schnee wegzukehren, der am ersten Mai den Brocken noch bedeckt. Wie schwarze Wolken verdunkelt ihre Schar noch mehr die dunkle Nacht. Die Luft selbst wird unruhig und jagt im Wirbelwinde das Gewölk von Berg und Tal. Bald flackert aber ein lustiges Feuer hoch empor. Der Teufel besteigt dann seine Kanzel und predigt vor der glänzenden Versammlung der Hexen und Zauberer. Diese führen nun um ihn einen wilden Tanz auf und schwingen hoch die flammenden Feuerbrände bis zur Ermattung. Währenddem hat der Teufel ihnen auf dem Hexenaltar ein Mahl bereitet, und aus dem Hexenbrunnen trinken sie. Wenn die Morgenröte sich naht, so verschwindet der Hexenspuk allmählich wieder, und wie die Hexen und Zauberer gekommen sind, so reiten sie wieder von dannen, und bald ist ihre Spur verloren. So lautet im Munde des Volkes am Harz im allgemeinen die Sage, an die sich sagenhafte Berichte einzelner Personen anreihen, wie beispielsweise folgende: Ein preußischer Soldat aus Wernigerode kam nach Flandern . Im Quartier wird er gefragt, wo er her sei. Er sagt: »Ich bin am Blocksberg zu Hause.« Da sagt jemand: »Nun, im Drübeckschen« (Ort am Harz) »ist ein Pfeiler, daran steht mein und meines Bruders Name. Wir hüteten als Jungen die Schafe und unterhielten uns oft, wie viele Hexen es in unserem Orte wohl geben möchte. Am Walpurgistag machten wir einen Kreis von Drachenschwanz oder Schlangenkraut, auch Hörnkenkraut genannt, um uns her. Um elf Uhr kamen die Hexen auf Besen und Heugabeln an, zuletzt aber fuhr unsere Nachbarin auf einem Fuder Heu ohne Pferde daher. ›Nawersche, nehmt uns midde‹ (Nachbarin, nehmt uns mit), riefen wir. ›Ja, Jungens, sett üch opp‹ (setzt euch auf), riefen sie. Das taten wir, nahmen aber den Kranz mit auf das Fuder und steckten ihn um uns her. ›Jungens,‹ sagte sie, ›nu sett üch wiß!‹ (fest). Und dann ging's davon, wie ein Vogel fliegt. Als wir wieder zur Besinnung kamen, waren wir auf einem hohen Berge, da waren große Feuer, um welche sich viele Gäste auf Gabeln und Ziegenböcken versammelt hatten; es wurde getanzt und war allda die schönste Musik. Einer, der Satan, hatte zwei große Hörner auf dem Kopfe, er ordnete die lustigsten Tänze an uud spielte darauf selbst mit. Die Alte war abgestiegen, wir Jungen aber zogen auf dem Heuwagen unsere Schalmei heraus und spielten auch mit. Nun kam der mit den Hörnern zu uns und sprach: ›Jungens, ihr könnt ja prächtig spielen; ich will euch ein besseres Instrument leihen.‹ Da warf er uns eine andere Schalmei in den Kreis; auf der spielte es sich ganz prächtig, und die alten Hexen sprangen so hoch wie die Stube vor Freude. »Als wir nun so eine halbe Stunde gespielt hatten, winkte uns der Gehörnte, wir mußten einhalten, und alle knieten vor dem Hexenaltar. Dann nahm der Teufel aus dem Hexenbrunnen Wasser, goß zwei Eimer in das Hexenwaschbecken, darin sie sich alle waschen mußten, worauf er sie mit demselben Wasser besprengte. Darauf fing der Tanz von neuem an; doch um ein Uhr war alles verschwunden; wir Jungen saßen plötzlich in unserem Kranze von Kraut auf der platten Erde. Da kam der Anführer und fragte, was wir für unser Spiel haben wollten; wir aber baten nur um die Schalmei. ›Die sollt ihr behalten,‹ sagte er. Am andern Morgen jedoch sahen wir, daß es eine Katze war, das Mundstück war der Schwanz, den wir kurz und klein gekaut hatten. Jetzt gingen wir vom Blocksberg hinunter und kamen erst nach Drübeck, wo wir unsere Namen an die Säule schrieben. Meinen Bruder tötete die Hexe, weil er in unser Dorf zurückkehrte; ich aber hütete mich vor ihr und ging hierher.« – Die Säule hat mit den Namen im Kreuze zu Drübeck gestanden, bis dort ein großer Bau vorgenommen wurde, bei dem sie entfernt werden mußte. August Witzschel Warum die Blankenburger sonst Eselsfresser genannt worden sind. Das erzählt die Chronik ihres ehemaligen Stadtschreibers Ahasverus Philipp Theuring folgendermaßen: In Blankenburg wurde vor Zeiten die Feier des Palmsonntags also begangen: Der Pfarrer führte an diesem Sonntag die versammelte Bürgerschaft aus der Stadt an einen Brunnen unweit des sogenannten Steingrabens. Hier wurde die Vorbereitung, den Einzug des Heilands nach Jerusalem vorzustellen, getroffen. Man weihte den Brunnen und das auf einem hölzernen Esel sitzende Bild, besteckte es mit grünen Zweigen und verkündete Ablaß. Auch die Gemeinde wurde mit geweihtem Brunnenwasser besprengt, weshalb diese Quelle den Namen Jesusborn bekommen und bis heute behalten hat. Von Sünden gereinigt, ging nun der ansehnliche Zug, welchem die Gläubigen aus der ganzen Umgegend sich angeschlossen hatten, in möglichster Stille durch Weinberge und Felder bis auf die Höhe des Ölbergs, eines Hügels am untern Tore der Stadt. Auf diesem Ölberg wurde in einer dazu errichteten Kapelle Messe gelesen, dann zog man mit dem Palmesel den Berg hinab, das Volk streute grüne Zweige und rief: »Hosianna in der Höhe! Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn!« und begleitete seinen Palmesel und hölzernen Heiland mit Jauchzen und Frohlocken zum unteren Tore herein durch alle Gassen der Stadt bis zur Kirche, in welche die Versammlung einzog und den damals gewöhnlichen Gottesdienst verrichtete. Schmausereien und Trinkgelage beschlossen das Fest, das man »Eselsfresserei« nannte, und daher mögen auch die Blankenburger den Spottnamen »Eselsfresser« erhalten haben. Die guten Leute waren aber für ihr Fest dermaßen eingenommen, dass sie sich für dasselbe sogar in einen blutigen Handel mit der Gemeinde Schwarza eingelassen haben. Graf Heinrich von Schwarzburg, welcher mit dem Kaiser Friedrich in das gelobte Land gezogen war, hatte bei seiner Rückkehr zum Tragen seines Heergerätes und seiner Beute einen Esel aus dem gelobten Lande mitgenommen und auf seine Burg Greifenstein gebracht. Dieses Tier wurde nachmals in den herrschaftlichen Stall nach Schwarza, wovon die Gegend noch heut der Tiergarten heißt, getan. Der Tierwärter, welcher bei dem Kauf des Esels zugegen gewesen war und das Tier genau kannte, erzählte dies einigen Bekannten als etwas ganz Besonderes. Seine Erzählung breitete sich unter den Leuten aus und gelangte auch zu den Ohren des damaligen Pfarrers in Schwarza, welcher sich bewogen fand, den Wärter darüber weiter zu befragen und das Tier selbst in Augenschein zu nehmen. Bald hatte sich bei ihm auch die Überzeugung gebildet, daß dieser Esel kein gewöhnlicher Esel sei, sondern in gerader Linie von der Eselin abstamme, auf der unser Heiland seinen Einzug in Jerusalem gehalten habe, wovon das Evangelium am Palmsonntag zeuge. Des Pfarrers Glauben teilten natürlich auch die Pfarrkinder, ja männiglich war weit und breit von dieser Überzeugung erfüllt und begierig, ein so merkwürdiges, herrliches Tier zu sehen. Groß war der Zulauf nach dem heiligen Esel. Man brachte ihm Geschenke und legte Opfer zu seinen Füßen, und der wackere Pfarrer gab den frommen Leuten reichen Segen mit nach Hause. Dabei verspürte auch das Kirchlein einigen Nutzen von dieser neuen Wallfahrt. Während die Bewohner der ganzen Gegend das herrliche Tier bewunderten, sahen allein die Blankenburger mit scheelen Augen auf das große Glück des benachbarten Dorfes. Der Geistliche bestärkte den Neid seiner Beichtkinder, weil er den erheblichen Nutzen und Vorteil, welchen jener Esel der Kirche und den Leuten in Schwarza brachte, seiner Kirche und seiner Stadt zuzuwenden gedachte. Daher sprach er einmal also zu seiner Gemeinde: »Weit schicklicher ist es, meine Lieben, dass der heilige Esel, dieses köstliche Kleinod, zu uns gebracht werde, da ich ein Stadtpriester bin. Was will ein mir so weit nachstehender Dorfpfaffe einem so köstlichen und verehrungswürdigen Tiere vorstehen! Unsere Stadt ist die Residenz unseres regierenden Herrn, wir halten alljährlich einen festlichen Umgang mit dem hölzernen Palmesel. Würden wir aber mit jenem lebenden Esel die heilige Prozession nicht ansehnlicher und feierlicher, den Einzug des Heilandes nicht natürlicher und erbaulicher vorstellen? Und hat unsere alte, ehrwürdige Stadt nicht ein größeres Recht zu dieser Wallfahrt als ein schlechtes Dorf? Darum laßt uns mit Eifer bemüht sein, des Esels habhaft zu werden, es geschehe nun durch List oder Gewalt. Unsere St. Cyriaxkapelle umgeben die schönsten Wiesen, dahin wollen wir ein Häuslein bauen und dem Tiere solches nebst den Wiesen zu seiner Wohnung und zu seinem Unterhalt anweisen. Ja, schaffet das heilige Tier zur Stelle und empfanget dazu meinen priesterlichen Segen.« So redete der eifrige, für das Wohl und die Ehre der Stadt sorgsame Priester. Die Zuhörer aber gingen höchlich erbaut und voll Begeisterung aus der Kirche. In nicht geringer Aufregung befand sich fortan die Stadt. Ein wohlhabender Bürger verehrte schon jetzt zum Unterhalt des noch zu gewinnenden Esels das vom Pfarrer bezeichnete Grundstück, welches noch heute einen Teil des Blankenburger Pfarrgutes bildet und die Cyriaxwiese heißt. Die Bürgerschaft suchte beim Grafen einen Befehl zu erwirken, daß das Tier von Schwarza nach Blankenburg gebracht und daselbst ernährt werde. Allein der Graf schlug das Gesuch ab. Der Pfarrer suchte aber dennoch zu seinem Esel zu kommen. Er beredete dem Grafen zum Trotze die erhitzte und glaubenseifrige Gemeinde, mit Gewalt auszuführen und durchzusetzen, was in Güte und mit Bitten nicht zu erreichen war. Mit Waffen aller Art ausgerüstet und mit den Fahnen der Stadt und der Kirche trat die Bürgerschaft, angeführt und ermutigt von ihrem Geistlichen, den Kriegszug nach Schwarza an. Dort hatten aber die Einwohner die Anschläge der Blankenburger bereits erfahren, und sie stellten sich ihnen zahlreich und männlich mit Dreschflegeln, Sensen und Heugabeln entgegen, den Besitz des Esels zu behaupten. Auch ihnen sprach der Ortspfarrer Mut ein und ermunterte sie zur Tapferkeit. Zwischen Blankenburg und Schwarza beginnt der Kampf an einem Platze, der davon den Namen Streitau erhielt. Von beiden Seiten wird mit großer Tapferkeit und mit noch größerer Erbitterung gefochten; hinter den Reihen schüren unermüdlich die beiden Seelenhirten den entbrannten Streit; kein Teil wankt und weicht, und auf beiden Seiten fällt mancher Tapfere im Kampf um den heiligen Esel. Inzwischen schleichen sich einige Blankenburger listig ab, ergreifen den Esel, da dessen Wärter neugierig dem Kampfe zugeschaut, und eilen mit ihrer Beute auf Abwegen hinter den Bergen herauf nach der Stadt. Von dieser Eroberung heimlich benachrichtigt, ziehen sich die Blankenburger vom Kampfplatz zurück; als aber die Schwarzaer den Raub erfahren, eilen sie sofort ihren Feinden bis an die Flurmarken nach, können sie aber nicht mehr erreichen; und weil es ihnen untunlich erscheint, dieselben in ihrer wohlbefestigten Stadt zu belagern, ziehen sie mit Schimpfen und Fluchen nach Schwarza zurück. Erhitzt und von Schweiß triefend wird der Esel in seinen Stall gebracht und gegen einen Überfall durch eine starke Wehr geschützt; die Blankenburger sind überglücklich über den guten Ausgang der Sache, der Pfarrer segnet die Gemeinde und den Esel, und fast hätte man in der Siegesfreude den ambrosianischen Lobgesang angestimmt. Doch Freude und Glück kann nur zu schnell in Leid und Trauer übergehen. Am andern Morgen sollte eine feierliche Messe gelesen und die Wallfahrt eingeweiht werden; viele Leute aus der Stadt und Umgebung gedachten der Einweihung dieser wichtigen Wallfahrt in Andacht beizuwohnen und ihre Opfer darzubringen; aber der mit so vielen Schlägen und Blut errungene Esel war eine Leiche, hingestreckt vom blassen Tode. Die Entführung hatte ihn allzusehr ermüdet und aufgerieben. Da wollte nun jedermann noch eine Reliquie von diesem Wundertier mit nach Hause nehmen und zum ewigen Gedächtnis aufbewahren. Der Esel wurde zerstückt und ein jeder nahm, was er eben erhalten konnte. Ich will nicht behaupten, daß die Blankenburger allzu begierig danach gewesen wären und die Auswärtigen verdrängt hätten, aber etwas Absonderliches und leicht dabei vorgekommen sein. Noch andere Begebenheiten sollen sich in Blankenburg zeitweilig zugetragen haben, welche den Übernamen der Blankenburger nicht leicht in Vergessenheit und Abgang kommen ließen. Doch es ist besser, derselben nicht weiter zu gedenken. August Stöber Die Weiber von Ruffach. Nachdem Kaiser Heinrich IV. sich für den Gegenpapst Clemens erklärt hatte, wollte er alle Bischöfe des Reichs zwingen, denselben anzuerkennen; denjenigen aber, die sich des weigerten, nahm er ihre Bistümer weg. Dies geschah nun auch dem Bischof zu Straßburg. Auf kaiserlichen Befehl wurde ihm Ruffach, die Hauptstadt des oberen Mundats, weggenommen, eines der ältesten Besitztümer der Bischöfe von Straßburg. Das Schloß wurde mit Truppen besetzt und die Einwohner auf die grausamste Weise gedrückt. Diese Gewalttaten nahmen nur noch zu unter der Regierung Heinrichs V., welcher ein starkes Heer rings um die Stadt zusammenzog. Zu dieser Zeit (1105) trieb besonders der kaiserliche Schloßvogt sein böses Spiel mit den Bewohnern von Ruffach, die, unmächtig sich zur Wehr zu stellen, alle Unbill über sich ergehen lassen mußten. Allein die Stunde der Rache sollte nicht ausbleiben. Am Ostertag hatte der Vogt eine schöne Bürgerstochter, die mit ihrer Mutter eben in die Kirche gehen wollte, überfallen und ins Schloß bringen lassen. Die Verzweiflung der Mutter kannte keine Gefahr. Sie beschwor die Männer, zu den Waffen zu greifen, ihre Tochter von der Schmach zu erretten und endlich das schmähliche Joch der fremden Herrschaft zu brechen. Allein die Männer wagten es nicht, sich der Übermacht des Feindes entgegenzusetzen. Da wandte sich die bange Mutter an die Frauen und beschwor sie bei der Liebe zu ihren eigenen Kindern, die, ja ebenfalls der Wut des Tyrannen ausgesetzt seien, ihr in diesem Jammer beizustehen. Ihre Worte fanden Widerhall in den Herzen der Mütter. Sie bewaffneten sich; drangen ins Schloß, sprengten die Türen, und ehe die Wache, die auf einen solchen Angriff nicht gefaßt war, zu den Waffen greifen konnte, schlugen sie die heldenmütigen Weiber zusammen. »Sie waren,« sagt Herzog, »vor Zorn eitel Mann.« Nun wuchs auch den beschämten Männern der Mut. Die ganze Bevölkerung erhob sich. Die kaiserlichen Truppen fielen überall unter den Streichen der siegreichen Bürger. Der Kaiser selbst entkam mit Mühe und floh nach Kolmar. Die Frauen brachten Krone, Zepter und Mantel, die er zurückgelassen hatte, im Triumph zur Kirche und legten sie auf den Altar der heiligen Jungfrau nieder. Von dieser Zeit an hatten die Ruffacher Frauen bei allen öffentlichen Feierlichkeiten und Aufzügen den Vorrang über die Männer. Derselbe besteht noch heutzutage darin, daß sie in der Kirche die Stühle auf der rechten Seite des Altars innehaben. August Stöber Eine alte Weissagung von Straßburg. Uralten Prophezeiungen zufolge, deren Nachklänge bis auf uns gekommen, soll einmal bei Straßburg eine furchtbare, blutige Schlacht geschlagen werden. Bestimmter lautet eine andere Sage, daß es der König von Frankreich sei, der einst bei Strasburg in einer äußerst blutigen Schlacht besiegt werden wird. Dieser alten Weissagung geschieht Meldung in Doktor Martin Luthers Tischreden, wenn daselbst von der Stadt Straßburg also stehet: »Dies und dergleichen Stätten sind Vorbereiter und Vordraber zum Schlachtbanck, entweder durch den Türken oder den Kayser.« Da sprach Magister Philipp Melanchthon: »Es ist eine sehr alte Prophezeiung, daß der König von Frankreich bei Straßburg soll geschlagen werden, und dies ist sehr wahrscheinlich, denn diese Statt ligt an der Gräntz und im ersten Anlaufs, ist eine Vestung, dieselbige wird der Kayser und Franzoß zum ersten angreiffen.« Bekannt ist auch die Kaiser Karl V. zugeschriebene Rede Straßburgs halber. »Wenn,« so soll der politisch weit aussehende Monarch sich einst geäußert haben, »wenn er zu gleicher Zeit die Nachricht erhielte, der Türke belagere Wien und der Franzose überziehe Straßburg, so würde er für den Augenblick Wien seinem Schicksal überlassen und Straßburg schleunigst Hilfe bringen.« Und wahrlich, Karl V. urteilte nicht unrichtig: Die Geschichte hat seine Ahnung als richtig bewiesen. Es ist bemerkenswert, daß jene alte Weissagung, die große Völkerschlacht betreffend, die einst bei Straßburg geschlagen werden soll, sich noch hie und da im Lande erhalten hat. Noch lebt sie namentlich bei dem Landvolk in der Pfalz, und sonderbarerweise ist Melanchthon, welcher derselben in seinen Unterredungen mit Luther gedenkt, in der Gegend geboren, in Bretten im Badischen, wo noch jetzt diese Sage geht. Ludwig Bechstein Woher die »blinden Hessen« und die »Mühlhauser Pflöcke« kommen. Die Stadt Mühlhausen war einst mit einigen hessischen Rittern in harter Fehde begriffen. Die Hessen versuchten zum öftern die Stadt bei nächtlicher Weile zu überrumpeln, aber die Bürgerschaft war immer wachsam, verließ niemals die Mauern, um der Ruhe zu pflegen, und schickte jedesmal die Feinde mit blutigen Köpfen heim. Nun geschah es einmal, daß in der Stadt ein lustiges Bankett gefeiert wurde. Da bezeigten denn wenig Bürger große Lust, die alten Stadtmauern zu hüten, während ihre Freunde und Nachbarn weidlich zechten oder am Reihentanze sich vergnügten; und doch war man keine Nacht vor dem Überfall der Feinde sicher. Was war da zu tun? Der Frauen List und Klugheit half auch hier mit einem guten Rate aus. Es wurden Schanzpfähle zugehauen und diese, angetan mit Kleidern und Pickelhauben, und versehen mit blinkenden Waffen, rings auf der Stadtmauer aufgestellt. Während nun unten in der Stadt beim Bankett männiglich sich erfreute und vergnügte, sei es im Weine und in fröhlicher Unterhaltung mit guten Freunden, oder im raschen, lustigen Tanze mit schönen Frauen und Jungfrauen, siehe, da erschienen wirklich die Hessen kampfgerüstet und kampfbegierig vor der Stadt. Als sie aber die zahlreiche und wohlbewehrte Besatzung erblickten, wurde es ihnen doch unheimlich zumute, und sie machten sich schnell wieder aus dem Staube, ohne einen Angriff unternommen zu haben. Die Mühlhauser frohlockten gar sehr über das Gelingen ihrer List und nannten fortan einen jeden, der seine Augen nicht recht zu gebrauchen versteht, einen blinden Hessen, dagegen mußten sie sich den Ehrennamen Wühlhauser Pflöcke gefallen lassen. Ludwig Bechstein Die Wunder der Marienburg. Als die Kreuzherren in dem heiligen Lande waren und in Jerusalem wohnten, da war alldort ihre Burg dasselbe Haus, darin der Heiland mit seinen Jüngern zuletzt geweilt und das Nachtmahl eingesetzt hatte. Da nun die Ritter nach Deutschland heimkehrten, nahmen sie von diesem Hause einen behauenen Stein mit sich über das Meer und weihten ihn zum Grundstein des Ordenshaupthauses Marienburg. Darum segnete der Herr diesen Bau, daß er so groß und fest und herrlich wurde, und in all seiner alten Pracht und Schönheit noch steht bis ans den heutigen Tag, während tausend und abertausend Schlösser in Trümmer sanken. Zahlreiche Wunder haben sich im Schlosse Marienburg begeben, wie die Sage geht. So steht noch weit in der Ferne sichtbar und leuchtend außerhalb der Schloßkirche das riesighohe Marienbild, welches der Hochmeister Konrad von Jungingen setzen ließ. Ein frommer Meister fertigte dieses zwölf Ellen hohe Bild und setzte daran die Arbeit seines ganzen Lebens. Als das Bild nun vollendet war und an seine Stelle gebracht werden sollte, da tat es dem Meister weh, sich von dem lieben Bilde zu trennen, und er zündete vor ihm geweihte Kerzen an und betete vor ihm und weinte bitterlich. Da war ihm, als sähe die Mutter aller Gnaden ihn strahlend an und als hebe das Bild gegen ihn winkend die Hand, und er ging vor dem Bilde ein zum ewigen Frieden. Nach der Schlacht bei Tannenberg, welche die Kraft des Ordens brach, war Marienburg der Ritter letzte Stütze und Schirmhut, wurde aber von den Polen hart belagert und umdrängt. Da ärgerte einen Polenfürsten das herrliche, im Glänze seiner Goldmosaik strahlende Marienbild, das gleichsam wie das Symbol des ewigen Sieges des Christentums gegen das Heidentum hoch erhoben über dem wilden Toben und Drängen stand, und er wollte es vernichten oder doch wenigstens verhöhnen und schänden. »Schieße nach der Maria! Schieße ihr die Augen aus!« gebot der Polenfürst einem seiner Söhne, und der Sohn spannt die Armbrust, legt den schweren Bolzen auf und zielt nach des Bildes Augen. Aber plötzlich senkt er die Armbrust und ruft: »Vater, wo ist denn das Bild? Ich sehe es ja nicht mehr! Mir wird so schwarz vor den Augen!« – Der junge Polenprinz war plötzlich erblindet. Darüber ergrimmt der Fürst, er nimmt selbst die Armbrust, zielt gut und trifft – beinahe, denn vor dem Bilde wendet sich rückprallend der Pfeil und fliegt dem Fürsten blitzschnell mitten durch das Herz. Einst waren auf Marienburg zwei Liebende. Da aber das Haus des Ordens ein Ort der Entsagung von irdischer Lust sein sollte, so duldete es nicht dergleichen Gefühle, und die Liebenden wurden in Steine verwandelt. Lange hat man auf Marienburg diese Steine gezeigt und wahrgenommen, daß sie aus Schmerz heute noch salzige Tränen weinen. Aloys Wilhelm Schreiber Der Yberg. Von wenigen Ruinen mögen so mancherlei Sagen im Munde des Volkes sein als von der Burg Yberg . Zwei Stunden von Baden, auf einem gegen die Ebene vorspringenden Bergkegel, erheben sich ihre grauen Türme, deren einer von oben bis unten vom Blitz gespalten wurde. Außer diesen und dem allmählich auch einstürzenden vorderen Torbogen liegt alles Gemäuer in Trümmern. Das Geschlecht, welches einst hier wohnte, ist ganz erloschen. Der letzte Besitzer der Burg führte, wie die Sage geht, ein wüstes Leben, und kam dadurch in mancherlei Bedrängnisse. Seine Güter waren verpfändet, und er zehrte eine Zeitlang von dem, was sein Schwert ihm erwarb, bis er in einem Gefecht seinen rechten Arm verlor und seine meisten Knechte ihn verließen. Jetzt saß er voll düsteren Unmuts auf seiner einsamen Burg und brütete über allerlei bösen Anschlägen. Da kehrte eines Abends ein Pilger bei ihm ein, der vorgab, er wisse verborgene Schätze zu finden und wolle ihn von aller Not befreien. Der Ritter war darüber höchlich erfreut und fagte: »Ich habe von meinen Eltern gehört, daß unser Urgroßvater während einer Belagerung des Schlosses, die ihm das Leben gekostet, einen großen Reichtum an Gold und Edelsteinen vergraben hat. So Ihr mir zu dem Schatze verhelfen könnt, werde ich mich dankbar beweisen.« »Mir ist das wohl bekannt,« erwiderte der Fremde, »denn ich war dabei, als Euer Ahn, den man den Isegrim nannte, den Schatz in Sicherheit brachte.« »Ihr?« fragte der Yberger und sah ihn mit großen Augen an. »Der Mann, von dem Ihr redet, ist seit hundert Jahren tot.« »Und doch,« fuhr der Pilger fort, »hab' ich mehr als einmal mit ihm gezecht. Aber forscht nicht nach Dingen, die Euch unbegreiflich vorkommen, und folgt meinem Rat. Heute ist Walpurgisnacht. Sobald die Glocke zwölf geschlagen hat, geht in die Kapelle, wo Eure Väter in einer Gruft beigesetzt sind, öffnet ihre Särge und traget die Gebeine hinaus ins Freie, damit der Mond sie bescheine. Sobald das geschehen, mögt Ihr die Kostbarkeiten in den Särgen heben, über die niemand Gewalt hat, solange die Toten dabei ruhen.« Den Ritter kam ein Grauen an bei diesem Vorschlage, aber seine Begierde nach Reichtum und Genuß war so groß, daß sie seine Furcht überwog. Um Mitternacht ging er in die Kapelle und bat den Pilger, ihn zu begleiten. Dieser blieb jedoch am Eingang stehen und weigerte sich beharrlich, das Gotteshaus zu betreten. Der Ritter öffnete die Särge und trug die Gebeine hinaus auf eine Stelle, welche vom Mond beschienen wurde. Im letzten Sarg, an den er trat, lag der noch unverweste Leichnam eines Kindes. Als er es zu den übrigen gesellen wollte, standen diese aufgerichtet da und riefen mit hohler, dumpfer Grabesstimme: »Bring uns wieder zu unserer Ruhe, damit wir nicht umgehen müssen auf dieser Burg.« Zu gleicher Zeit erschien der Pilger; das Gewand fiel ihm vom Leibe, und die Gestalt wuchs empor, daß das Haupt, dessen Haare wie Flammen brannten, den Mond zu berühren schien. Er wollte eben die gespreizten Krallen nach dem Ritter ausstrecken, dessen Blut zu Eis gerann, da regte sich der Leichnam des Kindes in seinen Armen, eine Glorie umgab das holdselige Antlitz und es rief mit gebieterischer Stimme: »Entfliehe, Geist des Abgrunds, dieser da soll leben und Buße tun!« Im härenen Gewand verließ der Ritter die Burg seiner Väter, nachdem er ihre Gebeine wieder zur Ruhe gebracht hatte, und wallte von einer heiligen Stätte zur andern, bis man ihn einst an den Stufen eines Altares tot fand. Seine Burg wurde zertrümmert, aber sein Geist soll noch unter den Trümmern umherirren. Aloys Wilhelm Schreiber Die Zerstörung von Hohenkrähen. Unfern des Bodensees, eine Stunde von der Feste Hohentwiel, sieht man auf einem Bergkegel die Ruinen der einst starken, fast unüberwindlichen Burg Hohenkrähen , an die sich jetzt eine freundliche Meierei anlehnt. Von dem Untergang dieser Burg hat sich folgende, wohl meist begründete historische Sage erhalten: In der freien Reichsstadt Kaufbeuren lebte zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts ein angesehener Mann, namens Johannes Guttenberg , der sich im Handel große Reichtümer erworben hatte. Seine Tochter Margarete , das einzige Kind einer glücklichen, aber kurzen Ehe, war von der Natur nicht stiefmütterlich begabt worden, und sowohl ihr liebenswürdiges Wesen als der Reichtum ihres. Vaters machten sie zum Gegenstande vieler Hoffnungen und Bewerbungen. Sie schien dabei ziemlich gleichgültig, aber im stillen hatte sie ihr Herz einem jungen Edlen, Otto Kreßling , zugewendet, dessen Vater in Kaufbeuren von den Überresten eines durch Kriege und andere Unglücksfälle zerstörten, einst beträchtlichen Vermögens lebte. Die Stadt feierte den Jahrestag ihrer Gründung, und diesmal sollte es mit ungewöhnlicher Pracht geschehen und unter anderm auch ein Stechen dabei statthaben. Manche Ritter fanden sich darum in Kaufbeuren ein; aber es waren nur solche, die vom Steigbügel lebten oder daheim auf ihren verfallenen Burgen in schmählicher Untätigkeit und unter Entbehrungen aller Art vom Ruhme ihrer besseren Ahnen zehrten. Das Mittelalter mit seinen ritterlichen Tugenden neigte sich zum Untergang; viele der berühmtesten Geschlechter waren erloschen, und wie in Frankreich König Franz I., so standen in Deutschland Kaiser Max, Franz von Sickingen, Götz von Berlichingen und wenig andere als die letzten Vertreter des Rittertums da und gleichsam als Hüter an der Grenze zwischen einer alten und einer unter bedenklichen Anzeichen beginnenden neuen Zeit. Unter den Edlen, welche zu dem Feste nach Kaufbeuren zogen, war auch Stephan Hausner aus dem Hegäu. Ein baufälliges Schloß und einige größtenteils öde liegende Ländereien mit verarmten Zinsleuten machten seine ganze Habe aus, an trotzigem Mut und waghalsiger Tapferkeit mochten es ihm aber wenige zuvortun. Auch trieb er sich beständig im Lande umher und nahm an allen Fehden teil, wobei, wenn auch nicht Ehre, doch reiche Beute zu gewinnen war. Hausner hörte in Kaufbeuren von der schönen Tochter des reichen Guttenbergs sprechen, und bald bot sich ihm auch auf einem Balle, den die Stadt gab, eine bequeme Gelegenheit, sie zu sehen. Da kam ihm plötzlich der Gedanke, um sie zu freien. Er meinte, der Vater und die Tochter würden sich eine solche Verbindung zur hohen Ehre rechnen, und säumte darum auch nicht, dem alten Guttenberg einen Besuch zu machen und ihm seinen Wunsch vorzutragen. Der Alte sah den Ritter verwundert an und sagte: »Ich erkenne die Ehre, welche Ihr mir erzeigen wollt; doch kann ich sie nicht annehmen; denn der Adler soll auf dem Felsen bleiben, und die Lerche in der Furche des Ackers; und damit Gott befohlen!« Hausner ergrimmte höchlich über diesen kurzen Bescheid, und sein Zorn entbrannte noch mehr, als er vernahm, Guttenberg habe seine Tochter dem jungen Kreßling zugesagt, um sich alle unangenehmen Freier vom Halse zu schaffen. Er verließ Kaufbeuren auf der Stelle und ritt nach Hohenkrähen zu seinem Waffenbruder Friedingen. Dieser schritt eben, über düstere Gedanken brütend, im Saale seines Schlosses auf und ab, als Hausner zu ihm trat. »Wie geht's in diesen schlechten Zeiten?« fragte er den Freund. »Ich nehme sie, wie sie sind,« entgegnete der Ritter von Hohenkrähen; »darum siehst du die Bilder meiner Ahnen hier alle verkehrt an der Wand hängen, damit sie die Schmach ihrer Abkömmlinge nicht sehen.« Hausner meinte, es gebe noch wackere Männer genug, die dürften nur fest zusammenhalten und dann fuhr er fort: »Wenn du Lust hast zu einer mannhaften Fehde, so ist jetzt Gelegenheit; denn ich komme eigentlich mit der Bitte, du möchtest mir deine Burg leihen. Mein altes Uhunest dort drüben hält keinen Steinwurf mehr aus.« »Meine Burg ist dein,« antwortete der Ritter von Hohenkrähen und reichte dem Gaste die Hand, »aber gib mir näheren Bericht.« Hausner erzählte nun, wie er in Kaufbeuren sich einen Korb geholt und darum der Stadt einen Absagebrief senden wolle. Ein Strahl wilder Freude flog über Friedingens finsteres Gesicht, und ein großer Gedanke schien zugleich in seiner Seele aufzugehen. »Komm,« sagte er, »ich schreibe den Absagebrief in deinem Namen, und du kritzelst dein Handzeichen darunter.« Der Brief wurde ohne Verzug abgeschickt, und Friedingen traf alsbald Anstalten, Hohenkrähen in Verteidigungsstand zu setzen. Durch ihre Kundschafter erhielten die Ritter bald darauf Nachricht, daß einige Handelsleute aus Kaufbeuren auf der Heimkehr aus der Schweiz begriffen seien. Hausner legte sich mit einem Haufen Reisiger in einen Hinterhalt, überfiel die sorglos Reisenden, welche von einer Fehde nichts wußten, und schleppte sie auf Hohenkrähen. Unter den Gefangenen befand sich auch Georg Kreßling, der Vater des jungen Otto, welchen Guttenberg seiner Tochter zum Gatten bestimmt hatte. Er kam von Sankt Gallen und war unterwegs zufällig mit den Kaufleuten zusammengetroffen. Diese wurden von Hausner noch ziemlich milde behandelt, nur forderte er von ihnen ein bedeutendes Lösegeld, welches die Stadt Kaufbeuren für sie bezahlen sollte; den alten Kreßling aber ließ er in Ketten schlagen und schwur hoch und teuer, der Ritter müsse sein Gefangener bleiben, bis sein Sohn ihm die schöne Margareta als Braut abtrete. Als das Begebnis in Kaufbeuren ruchbar wurde, entstand große Unruhe in den Gemütern. Die Stadt konnte nicht so viele Leute aufbringen, um einen Kriegszug gegen Hohenkrähen zu unternehmen, und nach langer Beratschlagung entschloß man sich endlich, eine Botschaft an Kaiser Max zu senden, der sich damals in Nürnberg aufhielt. Otto Kreßling erbot sich, mit den Abgeordneten des Rats dahin zu gehen. Sein Oheim, Kunz von der Rosen, hatte dem Kaiser so glänzende Beweise großen Mutes und unerschütterlicher Treue gegeben, daß Max nicht leicht eine seiner Bitten zurückwies; der sollte ihr Fürsprecher sein. Der Kaiser war höchlich entrüstet, als ihm Kunz von dem frevelhaften Beginnen Hausners und Friedingens Nachricht gab. Er versprach den Abgeordneten auf der Stelle Genugtuung und erteilte alsbald seinem Feldobristen, dem berühmten Georg von Frundsberg, Befehl, gegen Hohenkrähen aufzubrechen und die Friedensstörer zu züchtigen. Frundsberg galt mit Recht für einen trefflichen Kriegsmann; aber die Lage der Burg Hohenkrähen machte eine Belagerung sehr schwierig und langwierig. Auch war die Feste hinreichend mit Mannschaft und Geschütz versehen, und man konnte gewiß sein, daß die beiden Ritter das Äußerste wagen würden, weil für sie alles aus dem Spiele stand. Frundsberg sah zur Bezwingung des Schlosses kein Mittel als den Hunger, und er schloß sich darum aufs engste ein. Die Belagerung dauerte bereits einige Wochen, als Friedingen eines Tags, wie er gewöhnlich tat, auf einen der Türme stieg, um zu erspähen, ob die Belagerer in ihrer Stellung keine Veränderungen vorgenommen. Da erblickte er einen jungen Ritter, der ganz nahe an die Burg heransprengte, als wolle er etwas auskunden. Friedingen riß der Wache neben ihm die Büchse aus der Hand, legte an und drückte los; aber das Gewehr zersprang und zerschmetterte ihm den Arm. Der Schmerz, den er umsonst zu meistern suchte, und der starke Blutverlust zogen ihm eine Ohnmacht zu, und er wurde durch einige Soldaten, die die Wache herbeilief, auf sein Gemach gebracht. Der Wundarzt erklärte, der Ritter könne nur durch Abnahme des Arms vom Tode gerettet werden; aber Friedingen warf ihm einen furchtbaren Blick zu. »Geh,« zürnte er, »geh und übe deine Kunst an den Memmen, die das Leben als ein Almosen haben und es darum in seiner zerlumptesten Gestalt noch immer als eine köstliche Gabe in Ehren halten.« Er ließ hierauf Hausner an sein Lager rufen und sagte zu ihm: »Ich bin ein Stamm, der fällt, nicht weil seine Wurzeln abgefault sind, sondern durch die Hand des Schicksals, das mir diesmal feindlich entgegentritt; denn länger kann sich die Burg doch nicht halten, unsere Lebensmittel reichen kaum noch auf vierzehn Tage. Nimm deine Leute und auch alle von den meinigen, die ihre Haut in Sicherheit bringen wollen, und ziehe diese Nacht durch den unterirdischen Gang ab, der euch über die Linie der Belagerer hinausbringt.« »Wie?« rief Hausner, »ich sollte dich verlassen, meinen Waffenbruder? Wenn ich meine Schmach auch in den Mantel der Nacht hülle, so wird sie der Tag doch bald bescheinen.« »Willst du, als Landfriedensbrecher, durch den Strick endigen?« »Und was wird dein Los sein?« fragte Hausner. »Ein ehrenvolles Grab.« In diesem Augenblick trat ein Knecht herein mit der Nachricht, es sei ein Herold vor dem Tor mit einer Aufforderung. Friedingen hieß Hausner hinabgehen, um den Antrag zu vernehmen. Dieser kehrte bald zurück und rief mit grimmigem Lachen: »Freien Abzug bietet Frundsberg dir und deinen Leuten an, wenn du mich auslieferst.« »Habe ich nicht einen prophetischen Geist?« sagte Friedingen. »Geh und sag' dem Herold, ich würde morgen früh einen Ritter ins Lager schicken zur gütlichen Verhandlung. Du aber tue diese Nacht, wie ich dir geraten, oder die Raben singen dir das Totenlied.« Hausner sah in der Tat keine andere Wahl vor sich als Flucht. Er verließ die Burg eine Stunde vor Tagesanbruch, und ihm folgten nicht nur seine Leute, sondern auch die meisten Knechte und Reisigen Friedingens, so daß dieser mit einem alten, treuen Ritter namens Bridinger und sieben Knechten allein auf Hohenkrähen zurückblieb. Der unterirdische Gang, durch welchen Hausner seinen Weg nahm, führte in einen abgelegenen Talgrund. Dort verließen ihn, wie verabredet, alle seine Begleiter; denn sie fürchteten, als Friedensstörer ergriffen und hingerichtet zu werden. Hausner war lange unentschlossen, wohin er sich wenden sollte. Aber während er langsam und in tiefem Nachsinnen durch das Tal ritt, sah er plötzlich einen jungen Ritter mit einigen Reisigen auf sich zusprengen. Es war Otto Kreßling, den Frundsberg um Lebensmittel ausgesandt hatte. Beide erkannten sich augenblicklich; Hausner sprang vom Pferd und suchte Zuflucht in einer Kapelle, die am Wege stand. Otto folgte ihm mit gezogenem Schwert, und nicht achtend der geweihten Stätte, stieß er ihn am Altar nieder. Unterdessen war der Morgen angebrochen, und im ersten Frühschimmer ritt Bridinger ins Lager und wurde nach kurzem Verweilen vor den Feldobristen geführt. »Wie lautet Euer Antrag?« fragte Frundsberg. »Er ist kurz,« antwortete der Ritter; freien Abzug für Friedingens Leute und ihm ein ehrenvolles Grab unter den Ruinen seiner Burg.« »Ist Friedingen tot?« »Dann könnt' ich ja nicht in seinem Namen kommen,« entgegnete Bridinger. »Aber der Knochenmann hat ihm die dürre Hand entgegengestreckt, und der Ritter hat sie gefaßt und will sie nicht mehr lassen.« »Ihr sprecht rätselhaft.« »Der Ritter ist verwundet; ein herzhafter Schnitt des Arztes konnte ihn retten, aber er will sterben, weil er seine Zeit überlebt hat, und sein Grabmal sollen die Ruinen seines Stammsitzes sein.« Frundsberg wurde nachdenkend. »Ich habe diesen Friedingen immer geachtet,« sagte er nach langem Schweigen, »so trotzig er sich auch dem Gesetz entgegenstemmte. Er wollte die Ehre der Vergangenheit festhalten in der Schmach der Gegenwart, und er war der einzige unter den Raubrittern, der nicht den Raub suchte, sondern den Kampf. Eure Bedingungen sind gewährt: Ihr, Bridinger, zieht mit Friedingens Leuten frei ab und liefert uns die niedergeworfenen Gefangenen aus. Den Ritter lasse ich ehrenvoll bestatten und dann sein Schloß abbrechen.« Friedingen lebte nur noch wenige Stunden. Als Frundsberg in die Burg eingezogen war und an sein Lager trat, war er bereits eine Leiche. Er wurde in der Schloßkapelle neben seinen Ahnen begraben und die Feste hierauf zerstört. Ludwig Bechstein Der Ziegel vom Waldstein. Die schönste Ruine auf und zwischen den ungeheuern Felsenriesen im Fichtelgebirge ist der WaIdstein, ehemals ein Sitz der Herren von Sparneck, die ringsum ihre Spartöpfe hatten, in denen sie fremder Leute Geld aufhoben, bis ihrem Treiben ein Ende mit Schrecken gemacht ward. Ein alter Taglöhner hieb einstmals Holz ganz nahe beim alten Gemäuer, das von der Burg Waldstein noch übrig ist, da trat zu ihm ein kleines Männlein, das war gar freundlich und reichte ihm einen Ziegelstein, indem es dem Manne durch Gebärden zu verstehen gab, den Ziegel mit nach Haufe zu nehmen. Der Holzhauer war verdutzt und stand wie Butter an der Sonne; er sperrte das Maul auf und die Augen, drehte den Stein langsam in der Hand und beguckte ihn, und es fiel ihm endlich die große Frage ein: »Warum soll ich den Backstein mit nach Hause nehmen?« Und da sein hausbackener Verstand zu deren Beantwortung nicht ausreichte, so wollte er diese Frage an den Geber richten. Aber siehe da – das Männlein war verschwunden. Noch einmal wandte der Holzhauer den Backstein um und um und murmelte: »Wenn's ein Backsteinkäs wäre, ließ ich mir's eher gefallen. Aber so schmiert man sich Hand und Gewand an dem Dingrich rot und hat nichts davon, geh mir einer mit solchen Narrenspossen!« – Und damit warf er den Ziegel in die Büsche. Als er nach Hause kam, schrie ihn seine Frau ganz verwundert an: »Jo Mo! Du gleißest jo schier wie a Speckschwart'n! Host dich öpper im Feuer vergulden lassen?« – Und da war aller Ziegelstaub, der an den Händen und Kleidern haften geblieben war, purer Goldstaub. Hui, wie fix war jetzt der Holzhauer, wie lief er wieder zum Waldstein hinauf! Wie suchte er im Gebüsch bis in die sinkende Nacht nach dem goldenen Ziegel! – aber Prosit die Mahlzeit, er fand ihn nimmer. Ludwig Bechstein Der alte Zoller. Der alte Zoller – so heißt im Volke die weitberühmte Stammburg des Geschlechtes der Hohenzollern, deren Stamm zu Preußens Königseiche erwuchs im Laufe der Jahrhunderte – eine feste Burg, auf gewaltigem Felsengrunde aufgetürmt. Das männliche Geschlecht, das diesen hohen Ahnensitz gründete, ragt weit hinauf in der Zeiten Frühe, und je weiter es hinausragte, um so höher hinauf führten es die Sagen der früheren Geschichtschreiber. Vom König Pharamund, vom welschen Hause Coronna und dessen Schloß Zagarolo , vom Grafen Isebart von Altdorf, an den und dessen Gemahlin die so häufig wiederholte Welfensage sich ebenfalls knüpft, und von noch andern ward des hohen Stammes Ursprung abgeleitet; auch der berühmte Bayernherzog Tassilo wird als Ahnherr des Geschlechts genannt. Der erste erweisliche Graf von Zolre hieß Burchard und starb 1061. Dessen Urenkel war Friedrich I., Burggraf von Nürnberg im Jahre 1192; und dieser ist der unumstößliche Ahnherr aller Burggrafen von Nürnberg, Markgrafen und Kurfürsten von Brandenburg, Kurfürsten und Königen von Preußen. Friedrichs I. Bruder, auch Burchard geheißen, ward der Fürsten von Hohenzollern Ahnherr. Einer seiner Nachkommen, Friedrich VII., zubenamt der Öttinger , war Rat eines Grafen Eberhard von Wirtemberg; da dieser aber starb, vertrug er sich nicht mit dessen Witwe, Henriette von Mömpelgard, und tat ihr einige Kränkungen an. Da sie nun heftig wieder schalt, warf er die Frage hin: »Kann mich wohl ein giftig Weib verschlingen?« – Da schrie die Gräfin voller Zorn: »Hab acht, ob ich nicht all dein Gut, dein Schloß und dein Leben verschlinge!« – Und von dem Augenblick an sann sie auf nichts, als den Zoller zu schädigen und zu verderben. Da er mit den Reichsstädten in Fehde kam und hart belagert war, kam die Gräfin von Wirtemberg seinen Feinden zu Hilfe mit zweitausend Streitern, die umlagerten ihn fest und fester und schnitten ihm alle Zufuhr ab und verzehrten ihm all sein Gut. Und die von Ulm brachen sein Schloß, und die Wirtemberger nahmen ihn gefangen, und die Gräfin ließ ihn in einen finstern Turm werfen, und so hatte sie sein Leben täglich und stündlich in ihrer Hand. Sie nahm es ihm nicht, Wohl aber nahm ihr der Tod das ihrige, und der Graf ward frei und tat eine Bußfahrt ins gelobte Land und jubelte, daß sie sein Leben doch nicht verschlungen habe. Aber wie er den Strand von Joppe küßte, da ward ihm weh in der Brust und im Herzen, und die Kerkerschauer, die er so lange ertragen, erwachten mit aller Macht und schlugen ihn mit dunklen Fittichen – und da seufzte der alte Zoller: »So hat sie doch auch mich verschlungen« – und sank in seiner Knappen Arme und starb. Ludwig Bechstein Der Zweikampf. In der Reichsstadt Worms wurde ein Turnier ausgeschrieben. Dabei fand sich auch der Herr von Grevenstein ein mit seiner Tochter Bilhild, die den Preis austeilen sollte. Der Ritter von Wolfseck liebte die schöne Bilhild und hoffte auch den Dank aus ihrer Hand zu erhalten; denn an Leibesstärke und Gewandtheit mochten ihm wenige gleichkommen. Auch hatte er beim ersten Stechen bereits alle Gegner aus dem Sattel gehoben, als Kolb von Wartenstein in die Schranken ritt und den Wolfsecker in den Sand warf. Dieser ergrimmte über den Schimpf, welcher ihm widerfahren, und gab vor, der Wartenberger habe Zauberei gebraucht. Kolb forderte den Gegner zum ehrlichen Zweikampf. Der Tag, welcher dazu anberaumt war, erschien, und alle in Worms anwesenden Herren, sowie eine zahllose Menge Volkes versammelten sich auf dem Platze. Der Ritter von Wolfseck hielt in den Schranken, allein der Wartenberger blieb aus, auch wollte ihn den Tag zuvor niemand in Worms gesehen haben. Ein lautes Gemurmel erhob sich, und die Kampfrichter waren schon bereit, das Urteil nach den Kampfesgesetzen zu sprechen und den Angeklagten für schuldig zu erklären, als ein Ritter in ganz schwarzer Rüstung mit geschlossenem Visier dahersprengte. An dem Wappen auf seinem Schild und an seiner Feldbinde, sowie an der edlen, hohen Gestalt glaubte jedermann den Herrn von Wartenberg zu erkennen. Er ritt in die Schranken, jedoch sein Gegner schien zu zaudern, und die ihm nahestanden, glaubten ein Zittern an ihm zu bemerken. Endlich mußte er sich zum Kampfe bequemen. Als aber beide die Lanzen eingelegt hatten und aufeinander losritten, bäumte sich Wolfecks Pferd und warf seinen Reiter mit solchem Ungestüm ab, daß ihm die Rippen zerbrachen. Der schwarze Ritter aber jagte mit Blitzesschnelle davon. Der Niedergeworfene gestand nun, daß er seinen Gegner tags zuvor, als dieser spät durch den Wald geritten, habe ermorden lassen. Kaum war das Geständnis abgelegt, als seine Sinne sich verwirrten und er in wilder Raserei seine Seele aushauchte.