Jean Jaques Rousseau Emil oder Ueber die Erziehung – Erster Band Frei aus dem Französischen übersetzt von H. Denhardt. Vorrede Diese Sammlung von Betrachtungen und Beobachtungen, ohne Ordnung und fast ohne strenge Reihenfolge, wurde einer guten denkenden Mutter Frau von Chenonceaux zu Liebe begonnen. Anfänglich hatte ich nur eine Abhandlung von wenigen Seiten beabsichtigt; da mich mein Gegenstand jedoch wider Willen fortriß, so schwoll diese Abhandlung allmählich zu einem förmlichen Werke an, das unzweifelhaft zu umfangreich ist, wenn man sein Augenmerk nur auf den Inhalt richtet, aber im Hinblick auf den Stoff, den es behandelt, trotzdem nicht ausführlich genug. Ich habe lange geschwankt es zu veröffentlichen, und bei der Ausarbeitung hat mich oft das Gefühl überschlichen, daß die Abfassung einiger Broschüren noch keine hinreichende Bürgschaft für den Beruf darbietet, ein Buch zu schreiben. Nach vergeblichen Bemühungen etwas Besseres zu leisten, glaube ich es so, wie es ist, vorlegen zu müssen, überzeugt, daß es von Wichtigkeit ist, die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand zu lenken, und daß, sollten sich auch meine Gedanken als falsch herausstellen, ich doch meine Zeit nicht völlig verloren habe, wenn auf meine Veranlassung hin bei Anderen richtige rege werden. Ein Mann, welcher seine Blätter aus seiner Zurückgezogenheit unter das Publikum streut, ohne empfehlende Reclame, ohne Partei, welche ihre Verteidigung übernimmt, ja selbst ohne zu wissen, was man darüber denkt oder spricht, braucht nicht zu fürchten, daß man, wenn er sich irrt, seine Irrthümer ohne strenge Prüfung für wahr anerkennen werde. Ueber die Wichtigkeit einer guten Erziehung werde ich wenig Worte verlieren, auch werde ich mich nicht bei dem Beweise aushalten, daß die jetzt übliche nur einen schädlichen Einfluß ausübt. Tausend Andere haben es vor mir gethan, und es ist nicht nach meinem Geschmacke, ein Buch mit allbekannten Dingen anzufüllen. Ich werde lediglich darauf hinweisen, daß sich gegen die eingeführte Praxis längst ein allgemeiner Schrei erhoben hat, ohne daß Jemand sich dem unterzieht, mit Reformvorschlägen hervorzutreten. Die Literatur und Wissenschaft unsres Jahrhunderts läuft weit mehr darauf hinaus zu zerstören als aufzubauen. Man kritisirt mit dem absprechenden Tone eines Meisters; um Vorschläge zu machen, muß man jedoch einen andern anschlagen, an welchem die philosophische Erhabenheit weniger Gefallen findet. Trotz so vieler Schriften, welche alle vorgeblich den allgemeinen Nutzen bezwecken, ist doch gerade die Kunst, welche den größten Nutzen gewährt, die Kunst Menschen zu bilden, noch immer vergessen. Mein Thema war trotz Lockes Buch völlig neu und ich befürchte sehr, daß dasselbe es auch noch nach dem meinigen bleiben wird. Man kennt und versteht die Kinderwelt durchaus nicht; je weiter man die falschen Ideen,, welche man von derselben hegt, verfolgt, desto weiter verirrt man sich. Die Weisesten behandeln mit Vorliebe das den Menschen Wissenswürdigste, ohne dabei auf die Lern- und Begriffsfähigkeit der Kinder Rücksicht zu nehmen. Sie suchen stets schon den Mann im Kinde, ohne an den kindlichen Zustand zu denken, aus dem der Mann sich erst allmählich entwickelt. Und gerade das Studium dieses Zustandes habe ich mir am angelegensten sein lassen, damit, wenn auch meine ganze Methode wunderlich und falsch sein sollte, man doch immer aus meinen Beobachtungen Nutzen schöpfen könnte. Ich kann vielleicht über das, was zu thun ist, unklare Vorstellungen haben, allein den Körper, an dem zu operiren ist, glaube ich gut gesehen und beobachtet zu haben. Fangt also an eure Zöglinge besser zu studiren, denn ganz sicher kennt ihr sie noch gar nicht. Wolan denn, leset ihr dies Buch von diesem Gesichtspunkte aus, so wird, wie ich glaube, die Lectüre für euch nicht ohne Nutzen sein. Was nun den Theil anlangt, den man den systematischen nennen wird und der hier nichts Anderes als den Gang der Natur schildert, so wird gerade dieser das Kopfschütteln des Lesers am meisten hervorrufen. Von hier aus wird man auch unzweifelhaft die Angriffe auf mich richten, und vielleicht hat man nicht Unrecht. Man wird weniger eine Abhandlung über Erziehung als die Träumereien eines Phantasten über Erziehung zu lesen glauben. Was ist dabei zu thun? Ich schreibe ja nicht über die Ideen Andrer, sondern über die meinigen. In meinen Augen erscheint Alles anders als in denen anderer Leute; schon längst hat man mir das vorgeworfen. Aber hängt es etwa von mir ab, mir andere Augen zu geben und mir andere Ideen anzueignen? Nein. Es hängt von mir ab, nicht eigensinnig auf meinem Kopfe zu bestehen, mich allein nicht für klüger als die ganze Welt zu halten; es hängt von mir ab, nicht etwa meine Ansicht zu wechseln, wol aber der meinigen nicht unbedingt zu trauen: das ist Alles, was ich thun kann, und was ich wirklich thue. Wenn ich bisweilen einen absprechenden Ton annehme, so geschieht das keineswegs, um den Leser damit zu blenden, es geschieht vielmehr, um mit ihm so zu sprechen, wie ich denke. Warum soll ich meine Ideen, an deren Wichtigkeit ich für meinen Theil nicht im Geringsten zweifle, unter der Form des Zweifels zur Prüfung vorlegen? Ich schreibe genau, was in meinem Geiste vorgeht. Indem ich meine Ansicht freimüthig darthue, bin ich so weit davon entfernt dieselbe von vornherein als eine ausgemachte Wahrheit hinzustellen, daß ich stets meine Gründe hinzufüge, damit man dieselben erwäge und mich danach beurtheile: aber obgleich ich meine Ideen durchaus nicht hartnäckig vertheidigen will, so halte ich mich doch nicht weniger für verpflichtet, sie zur Prüfung vorzulegen, denn die Grundsätze, hinsichtlich deren ich von den Ansichten Anderer völlig abweiche, sind durchaus nicht gleichgiltig. Sie gehören zu denjenigen, deren Wahrheit oder Unrichtigkeit zu kennen von höchster Wichtigkeit ist, und welche das Glück oder Unglück des menschlichen Geschlechts begründen. Bringe nur Ausführbares zum Vorschlag, wiederholt man mir unaufhörlich. Das ist dasselbe, als ob man zu mir sagte: Schlage vor das zu thun, was man thut, oder schlage wenigstens etwas Gutes vor, das sich mit dem bestehenden Schlechten vereinigen läßt. Ein solches Project ist in Bezug auf bestimmte Gegenstände noch weit wunderlicher als meine Vorschläge, denn in dieser Vermischung verschlechtert sich das Gute, während sich das Schlechte nicht bessert. Ich würde lieber die einmal eingeführte Methode im Ganzen unverrückt beibehalten, als mir eine gute nur halb aneignen: es würde im Menschen dadurch ein geringerer Widerspruch hervorgerufen werden, weil er nicht nach zwei entgegengesetzten Zielen zu streben vermag. Väter und Mütter, das Ausführbare wollt ihr ja ausführen. Darf ich für euch einstehen? Bei jedem Plan ist Zweierlei zu erwägen: erstens die absolute Güte des Plans und an zweiter Stelle die Leichtigkeit der Ausführung. In ersterer Hinsicht genügt, um die Zulässigkeit und Ausführbarkeit des Plans an und für sich darzuthun, daß das in ihm vorhandene Gute in der Natur der Sache liegt, hier zum Beispiel, daß die vorgeschlagene Erziehung dem Menschen entsprechend und dem menschlichen Herzen völlig angemessen ist. Die zweite Erwägung hängt von den in bestimmten Lagen gegebenen Verhältnissen ab, von in Bezug auf die Sache zufälligen Verhältnissen, welche mithin nicht nothwendig sind und bis ins Unendliche variiren können. So kann eine Erziehungsweise in der Schweiz ausführbar sein und in Frankreich nicht; eine andere kann sich bei den Bürgern bewähren und wieder eine andere unter den höhern Classen. Die mehr oder weniger große Leichtigkeit der Ausführung hängt von tausenderlei Umständen ab, die sich unmöglich anders als in einer besonderen Anpassung der Methode auf dieses oder jenes Land, auf diesen oder jenen Stand genau beschreiben lassen. Nun, alle diese besondern Variationen, die zu meinem Thema nicht wesentlich gehören, habe ich in meinem Plan nicht ausgenommen. Mögen sich Andere damit befassen, wenn sie wollen, Jeder mit Rücksicht auf das Land oder den Staat, welchen er im Auge hat. Mir genügt, daß man überall, wo Menschen geboren werden, aus ihnen das, was ich vorschlage, machen kann, und daß, wenn man aus ihnen das, was ich vorschlage, gemacht, man das ihnen selbst wie Anderen Heilsamste gethan hat. Wenn ich dies Versprechen nicht erfülle, dann habe ich unzweifelhaft Unrecht; wenn ich es aber erfülle, würde man auch Unrecht haben mehr von mir zu, verlangen; denn ich verspreche nur dieses. Erstes Buch Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; Alles entartet unter den Händen des Menschen. Er zwingt ein Land die Producte eines andren hervorzubringen, einen Baum die Früchte eines andern zu tragen; er vermischt und vermengt die Klimata, die Elemente, die Jahreszeiten; er verstümmelt seinen Hund, sein Pferd, seinen Sklaven; er stürzt Alles um, er verunstaltet Alles; er liebt das Unförmliche, die Mißgestalten; nichts will er so, wie es die Natur gebildet hat, nicht einmal den Menschen; man muß ihn wie ein Schulpferd für ihn abrichten; man muß ihn wie einen Baum seines Gartens nach der Mode des Tages biegen. Sonst würde aber Alles noch schlechter gehen, und unser Geschlecht ist ein Feind alles halben Wesens. In dem Zustande, in welchem sich die Dinge nunmehr befinden, würde ein von seiner Geburt an sich unter den andern selbst überlassener Mensch der verunstaltetste und verderbteste von allen sein. Die Vorurtheile, der äußere Einfluß, der Zwang, das Beispiel, alle die socialen Verhältnisse, in welche wir uns versunken befinden, würden die Natur in ihm ersticken, ohne ihm einen Ersatz dafür zu bieten. Es würde ihr wie einem jungen Baume ergehen, den der Zufall mitten auf einem Wege aufschießen läßt und den die Wanderer bald zum Welken bringen, indem sie ihn von allen Seiten stoßen und nach allen Richtungen biegen. An dich wende ich mich, zärtliche und vorsorgliche Mutter, Die erste Erziehung ist am wichtigsten, und diese erste Erziehung gebührt unstreitig den Frauen. Wenn der Schöpfer der Natur gewollt hätte, daß sie den Männern zukäme, würde er ihnen Milch zur Ernährung der Kinder gegeben haben. Redet deshalb in euren Abhandlungen über Erziehung immer vorzugsweise zu den Frauen; denn außer daß sie Gelegenheit haben die Kinder aus größerer Nähe als die Männer zu überwachen und daß sie auf diese stets einen größeren Einfluß ausüben, so ist auch der Erfolg für dieselben von ungleich größerer Wichtigkeit, da fast der größte Theil der Wittwen von dem guten Willen ihrer Kinder abhängig ist und deshalb im Guten oder im Schlechten von der Wirkung ihrer Erziehungsweise am empfindlichsten berührt wird. Die Gesetze, die sich beständig in so hohem Grade mit dem äußern Besitzstand und so wenig mit den Personen befassen, weil sie den Frieden und nicht die Tugend bezwecken, räumen den Müttern nicht die gebührende Gewalt ein. Gleichwol ist die Mutterschaft unbestrittener als die Vaterschaft; die Pflichten der Mütter sind mühseliger, ihre Sorgen und Mühwaltungen sind von höherem Gewicht für den geordneten Zustand der Familie; überhaupt haben sie mehr Zuneigung zu den Kindern. Es gibt Umstände, um derenwillen ein Sohn, der es an Ehrfurcht vor seinem Vater fehlen läßt, einigermaßen zu entschuldigen ist; wenn aber ein Kind, aus was für Veranlassung auch immer, so entartet wäre, seiner Mutter gegenüber die Ehrfurcht zu verläugnen, ihr, die es unter ihrem Herzen getragen, die es mit ihrer Milch genährt, die sich Jahre lang nur aus Sorge für dasselbe selbst vergessen hat: ein solches verworfenes Wesen sollte man schleunigst ersticken, wie ein Ungeheuer, unwürdig das Tageslicht zu sehen. Die Mütter verziehen, wie man sagt, ihre Kinder. Darin haben sie ohne Zweifel Unrecht, aber vielleicht in nicht so hohem Grade als ihr, die ihr sie verderbt. Die Mutter will ihr Kind glücklich sehen, will es sogleich glücklich sehen. Darin hat sie Recht: wenn sie sich in der Wahl der Mittel irrt, muß man sie belehren. Der Ehrgeiz, die Habsucht, die Tyrannei, die falsche Vorsorge der Väter, ihre Nachlässigkeit, ihre harte Gefühllosigkeit sind den Kindern hundert Mal unheilvoller als die blinde Zärtlichkeit der Mütter. Uebrigens bleibt mir noch zu erläutern übrig, welchen Sinn ich dem Namen Mutter beilege; und das soll weiter unten geschehen. die du dich von der großen Straße fern zu halten und das wachsende Bäumchen vor dem Widerstreit der menschlichen Meinungen zu bewahren verstandest! Pflege, begieße die junge Pflanze, ehe sie abstirbt; ihre Früchte werden dereinst deine Wonne sein. Bilde frühzeitig einen Schutzwall um die Seele deines Kindes; ein Anderer kann den Umfang desselben bestimmen, du selber aber mußt die Schranken setzen. Man versichert mir, Herr Formey, habe sich eingebildet, ich wollte hier von meiner Mutter reden, und habe dies in einem seiner Werke ausgesprochen. Das heißt denn doch mit Herrn Formey, oder mir einen grausamen Scherz treiben. Man veredelt die Pflanzen durch die Zucht und die Menschen durch die Erziehung. Wurde der Mensch gleich groß und stark geboren, so würde ihm seine ausgebildete Gestalt und seine Kraft jedenfalls so lange unnütz sein, bis er gelernt hätte sich ihrer zu bedienen; sie würden ihm sogar schädlich sein, indem sie die Anderen abhielten an seinen Beistand zu denken; Aeußerlich ihnen gleich, und der Sprache sowie der Ideen, welche dieselbe ausdrückt, beraubt, würde er außer Stande sein, ihnen das Bedürfniß ihrer Hilfe verständlich zu machen, und nichts an ihm würde ihnen dies Bedürfniß kund thun. und sich selbst überlassen, würde er in Elend dahinsterben, bevor er seine Bedürfnisse kennen gelernt hätte. Man klagt über den Zustand der Kindheit; man begreift nicht, daß das menschliche Geschlecht schon ausgestorben wäre, hätte der Mensch nicht als Kind das Leben begonnen. Wir werden schwach geboren und deshalb sind uns Kräfte nöthig; wir werden, von Allem entblößt, geboren, und deshalb ist uns Hilfe nöthig; wir werden mit unentwickelten Anlagen geboren, und deshalb ist uns Verstand und Urtheilskraft nöthig. Alles, was uns bei unserer Geburt fehlt, und was uns, wenn wir erwachsen sind, nöthig ist, wird uns durch die Erziehung gegeben. Diese Erziehung geht von der Natur, oder von den Menschen, oder von den Dingen aus. Die innere Entwickelung unsrer Fähigkeiten und unsrer Organe ist die Erziehung der Natur; die Anwendung, welche man uns von diesen entwickelten Fähigkeiten und Organen machen lehrt, ist die Erziehung der Menschen; und in dem Gewinne eigner Erfahrungen in Bezug auf die Gegenstände, welche auf uns einwirken, besteht die Erziehung der Dinge. Jeder von uns wird also durch dreierlei Lehrer gebildet. Der Schüler, in welchem sich ihre verschiedenen Lehren entgegen arbeiten, wird schlecht erzogen, und wird nie zu einer inneren Harmonie gelangen. Derjenige dagegen, bei welchem sie alle auf die nämlichen Punkte gerichtet sind und die nämlichen Zwecke erstreben, erreicht allein sein Ziel und lebt in voller Harmonie. Dieser allein ist gut erzogen. Herr Petitain bemerkt, daß sich diese Idee einer dreifachen Erziehung im Plutarch »Ueber die Erziehung der Kinder«, Kap. 4 wiederfindet. Nun aber hängt von diesen drei verschiedenen Erziehungsarten die der Natur gar nicht, die der Dinge nur in gewisser Hinsicht von uns ab. Die der Menschen ist die einzige, die wirklich in unsrer Gewalt steht, indeß ist auch dies nur voraussetzungsweise der Fall, denn wer kann wol die Hoffnung hegen, die Gespräche und Handlungen aller derer, die ein Kind umgeben, ganz und gar zu leiten? Insofern also die Erziehung eine Kunst ist, kann sie fast unmöglich zu einem günstigen Resultate führen, weil das zu ihrem Erfolge notwendige Zusammenwirken in Niemandes Gewalt steht. Höchstens kann man sich dem Ziele durch viel Mühe und Sorgfalt mehr oder weniger nähern, um es aber wirklich zu erreichen, dazu gehört viel Glück. Was ist das für ein Ziel? Es ist das der Natur selbst; das ist soeben bewiesen. Da das Zusammenwirken der drei Arten zu einer vollkommenen Erziehung nothwendig ist, so muß man nach derjenigen, zu welcher wir nichts beizutragen vermögen, die beiden andern richten. Allein vielleicht knüpft sich an das Wort Natur ein zu allgemeiner Sinn; ich will ihn deshalb hier festzustellen suchen. Natur, sagt man uns, ist nur Gewöhnung. Herr Formey versichert uns, daß man dies nicht mit solcher Bestimmtheit behauptet. Trotzdem scheint es mir in dem folgenden Verse, auf welchen ich mir zu antworten vornahm, auf das allerbestimmteste ausgesprochen: »Natur, glaub' mir, ist lediglich Gewohnheit.« Herr Formey, welcher seine Mitmenschen nicht stolz machen will, gibt uns bescheidener Weise den Maßstab seines eigenen Gehirns statt dessen der menschlichen Vernunft. Was heißt das? Gibt es nicht etwa Gewohnheiten, welche man nur gezwungen annimmt und welche die Natur niemals ersticken? So verhält es sich zum Beispiel mit der Gewöhnung der Pflanzen, deren aufrechte Richtung man gewaltsam verändert. Die wieder ihrer Freiheit zurückgegebene Pflanze behält zwar die Neigung, die sie gezwungener Weise angenommen hat; aber der in ihr kreisende Saft hat deshalb seine ursprüngliche Richtung nicht aufgegeben, und wenn die Pflanze zu wachsen fortfährt, so kehren die neuen Triebe zu der senkrechten Richtung zurück. Eben so verhält es sich mit den Neigungen der Menschen. So lange man in den nämlichen Verhältnissen verharrt, kann man diejenigen, welche der Gewohnheit entspringen, selbst wenn sie unsrer innersten Natur widerstreben, bewahren, sobald aber die Lage wechselt, schwächt sich die Gewohnheit ab und das natürliche Wesen kommt wieder zum Vorschein. Die Erziehung ist sicherlich nur Gewöhnung. Gibt es nun aber nicht Leute, welche ihre Erziehung vergessen und verlieren, und andere, welche sie bewahren? Woher kommt dieser Unterschied? Muß man die Benennung Natur auf die der Natur conformen Gewöhnungen beschränken, so kann man sich dieses Hinundhergerede ersparen. Mit Empfindungsvermögen werden wir geboren und von unsrer Geburt an sind wir den Einwirkungen der Gegenstände, die uns umgeben, in verschiedener Weise ausgesetzt. Sobald wir uns der erhaltenen Eindrücke, so zu sagen, bewußt werden, bildet sich in uns die Neigung die Gegenstände, welche sie hervorbringen, aufzusuchen oder zu fliehen, zuerst je nachdem sie angenehm oder unangenehm sind, später je nach der Uebereinstimmung oder dem Mangel an Uebereinstimmung, die wir zwischen uns und diesen Gegenständen finden, und endlich je nach den Urtheilen, die wir über dieselben nach der Vorstellung von Glück und Vollkommenheit fällen, welche uns die Vernunft gibt. Diese Neigungen oder Abneigungen erweitern und verstärken sich in dem Maße, wie wir empfänglicher und aufgeklärter werden; aber durch unsre Gewohnheiten beschränkt, werden sie sich unseren Ansichten mehr oder weniger anschließen. Vor dieser Aenderung sind sie das, was ich in uns die Natur nenne. Auf diese ursprünglichen Neigungen müßte man also Alles zurückführen; und das würde möglich sein, wenn unsere drei Erziehungsarten nur verschieden wären: was aber soll man thun, wenn sie widerstreitend sind, wenn man, anstatt einen Menschen für sich selbst zu erziehen, ihn für die andren erziehen will? Dann ist die Uebereinstimmung unmöglich. Gezwungen, die Natur oder die socialen Einrichtungen zu bekämpfen, hat man sich zu entscheiden, ob man einen Menschen oder einen Bürger bilden will; denn beides kann man nicht zugleich thun. Jede nur einen Theil umfassende Gesellschaft sondert sich, wenn sie strenge und fest geeinet ist, von der großen ab. Jeder Patriot ist gegen die Fremden abstoßend: in seinen Augen sind sie nur Menschen, sind sie nichts. Deswegen sind auch die Kriege der Republiken grausamer als die der Monarchien. Wenn aber der Krieg der Könige gemäßigt ist, so ist ihr Friede schrecklich: es ist besser ihr Feind als ihr Unterthan zu sein. Dieser Uebelstand ist unvermeidlich, ist aber ohne Bedeutung. Die Hauptsache ist, den Leuten, mit welchen man zusammen lebt, eine freundliche Gesinnung zu beweisen. Dem Auslande gegenüber war der Spartaner ehrgeizig, habgierig, ungerecht; aber Uneigennützigkeit, Billigkeit, Eintracht herrschten innerhalb seiner Mauern. Nehmt euch vor diesen Kosmopoliten in Acht, die in ihren Schriften aus weiter Ferne Pflichten herholen, deren Erfüllung sie in Bezug auf ihre eigne Umgebung verächtlich zurückweisen. Ein solcher Philosoph liebt die Tartaren, um dessen überhoben zu sein, seine Nachbarn zu lieben. Der natürliche Mensch ist ein Ganzes für sich; er ist die numerische Einheit, das absolute Ganze, das nur zu sich selbst oder zu seines Gleichen in Beziehung steht. Der bürgerliche Mensch ist nur eine gebrochene Einheit, welche es mit ihrem Nenner hält, und deren Werth in ihrer Beziehung zu dem Ganzen liegt, welches den socialen Körper bildet. Die guten socialen Einrichtungen vermögen den Menschen am ehesten seiner Natur zu entkleiden, ihm seine absolute Existenz zu rauben, um ihm dafür eine relative zu geben, und das Ich in die allgemeine Einheit zu versetzen, so daß sich jeder Einzelne nicht mehr für eine Einheit, sondern für einen Theil der Einheit hält und nur noch in dem Ganzen wahrnehmbar ist. Ein römischer Bürger war nicht Cajus, nicht Lucius, er war ein Römer; sogar das Vaterland liebte er mit Ausschluß seiner eigenen Persönlichkeit. Regulus gab sich für einen Karthager aus, als ob er das Eigenthum seiner Besieger geworden wäre. In seiner Eigenschaft als Fremder weigerte er sich seinen Sitz im römischen Senate einzunehmen; ein Karthager mußte es ihm erst befehlen. Er wurde unwillig darüber, daß man ihm das Leben retten wollte. Seine Ansicht drang durch, und jubelnd kehrte er zurück, um einen qualvollen Tod zu sterben. Das scheint mir freilich den Menschen, die wir kennen, nicht sehr ähnlich zu sehen. Der Lacedämonier Phedaretes bewirbt sich um Aufnahme in den Rath der Dreihundert; er wird verworfen; voller Freude, daß es in Sparta dreihundert bessere Männer als ihn gibt, geht er wieder nach Hause. Plut. dict. not. des Lacéd. §. 60. Ich nehme diese Aeußerung für wahr an, und es ist alle Ursache vorhanden, sie dafür zu halten. Fürwahr, ein echter Bürger! Eine Spartanerin hatte fünf Söhne bei dem Heere, und harrte auf Nachrichten über die Schlacht. Ein Helote langt an; zitternd fragt sie ihn darnach. »Deine fünf Söhne sind gefallen.« »Verächtlicher Sklave, habe ich dich danach gefragt?« »Wir haben den Sieg erfochten!« Die Mutter läuft zum Tempel und danket den Göttern. Id. ibid. §. 5. ] Fürwahr, eine echte Bürgerin! Wer in der bürgerlichen Ordnung den Naturgefühlen den Vorrang einräumen will, der weiß nicht, was er will. Stets im Widerspruch mit sich selbst, stets zwischen seinen Trieben und Pflichten hin und her schwankend, wird er nie ein echter Mensch noch ein echter Bürger sein. Er wird weder sich noch Andern zum Vortheil gereichen. Er wird einer dieser Dutzendmenschen unserer Tage, ein Franzose, ein Engländer, ein Spießbürger, er wird nichts sein. Um etwas zu sein, um stets sich selbst treu und in sich eins zu sein, muß man handeln wie man spricht, muß man stets über die Partei, die man zu ergreifen, laut zu ergreifen hat, entschieden sein und beständig zu ihr halten. Ich erwarte, daß man mir ein solches Wunderkind zeige, um zu erfahren ob es ein Mensch oder ein Staatsbürger ist, oder wie dasselbe es anfängt, um Beides zugleich zu sein. Aus diesen einander nothwendig entgegengesetzten Zielen ergeben sich zwei sich widersprechende Erziehungsweisen: eine öffentliche oder staatliche und gemeinsame und eine besondere und häusliche. Wollt ihr euch eine Vorstellung von der öffentlichen Erziehung machen, so leset die Republik Plato's. Es ist kein politisches Werk, wie die sich einbilden, welche die Bücher nur nach den Titeln beurtheilen: es ist vielmehr die beste Abhandlung über Erziehung, die je geschrieben ist. Wenn man auf ein Utopienland aller möglichen Träumereien hinweisen will, so führt man regelmäßig Plato's Erziehung an. Hätte aber Lykurg die seinige nur zu Papier gebracht, so würde sie mir noch wunderlicher vorkommen. Plato hat nur das Herz des Menschen geläutert. Lykurg hat ihn seiner Natur beraubt. Die öffentliche Erziehung existirt nicht mehr und kann nicht mehr existiren, weil da, wo es kein Vaterland mehr gibt, es auch keine Bürger mehr geben kann. Diese beiden Wörter »Vaterland« und »Bürger« müssen aus den modernen Sprachen gestrichen werden. Den Grund kenne ich sehr wohl, will ihn aber nicht aussprechen, es ist für mein Thema von keiner Bedeutung. Diese lächerlichen Anstalten, welche man Collegien Es gibt an mehreren Schulen, und namentlich an der Pariser Universität Professoren, welche ich liebe, welche ich hochachte und welche ich für sehr befähigt halte, der Jugend einen vortrefflichen Unterricht zu ertheilen, wenn sie nicht genöthigt würden, sich dem leidigen Herkommen anzuschließen. Ich fordere einen von ihnen hiermit auf, das Reformproject, welches er verfaßt hat, zu veröffentlichen. Man wird sich doch vielleicht endlich versucht fühlen, dem Nebel abzuhelfen, wenn man erst zur Einsicht gelangt ist, daß es Heilmittel gibt. nennt, kann ich nicht als öffentliche Erziehungsanstalten anerkennen. Eben so wenig rechne ich die Erziehung der Welt zu der öffentlichen, weil diese Erziehung dadurch, daß sie nach zwei entgegengesetzten Zielen strebt, beide verfehlt. Sie ist nur im Stande Zwitterwesen zu bilden, die Alles beständig auf Andere zu beziehen scheinen und doch nur Alles auf sich allein beziehen. Nun aber täuschen diese Gaukeleien, weil sie ein Gemeingut Aller sind, Niemanden. Es ist lauter verlorene Mühe. Aus diesen Widersprüchen entsteht leider auch der, welchen wir unaufhörlich in uns selbst empfinden. Fortgerissen von der Natur und von den Menschen nach entgegengesetzten Richtungen, gezwungen uns zwischen diesen verschiedenen Antrieben zu theilen, schlagen wir einen Mittelweg ein, der weder zu dem einen noch zu dem anderen Ziele führt. Auf diese Weise während unseres ganzen Lebens in ununterbrochenem Kampfe mit uns selbst und hin und her schwankend, beschließen wir es, ohne es zu einer innern Harmonie gebracht und uns oder Anderen zum Nutzen gereicht zu haben. Es bleibt nur noch die häusliche Erziehung oder die der Natur übrig. Aber was soll ein Mensch, der einzig und allein für sich erzogen ist, den andern werden? Wenn sich vielleicht das doppelte Ziel, welches man sich vorsetzt, in ein einziges zusammenziehen ließe, so würde man durch Beseitigung der Widersprüche in dem Menschen ein großes Hinderniß zu seinem Glücke aus dem Wege räumen. Man müßte, um darüber zu urtheilen, ihn ganz ausgebildet sehen; man müßte seine Neigungen beobachtet, seine Fortschritte gesehen, seinen Lebensgang verfolgt haben; mit einem Worte: man müßte den natürlichen Menschen kennen. Ich glaube, daß man nach Lectüre dieser Schrift einen guten Anfang zu diesen Forschungen gemacht haben wird. Was haben wir nun zu thun, um diesen ausgezeichneten Menschen zu bilden? Unzweifelhaft viel: nämlich zu verhüten, daß etwas geschieht. Wenn es sich nur darum handelt, gegen den Wind zu segeln, so lavirt man; ist aber das Meer bewegt und man will auf der Stelle bleiben, so muß man den Anker auswerfen. Nimm dich wol in Acht, junger Pilot, daß dein Ankertau nicht nachlasse und dein Anker nicht schleppe und das Schifflein nicht forttreibt, ehe du dich dessen versiehst. In der gesellschaftlichen Ordnung, wo alle Stellen genau bestimmt sind, muß Jeder für die seinige erzogen werden. Wenn ein für seine Stelle gebildetes Individuum dieselbe aufgibt, taugt es zu nichts mehr. Die Erziehung ist nur in so weit von Vortheil, als das Vermögen der Eltern mit dem Berufe in Übereinstimmung steht, zu welchem sie ihr Kind bestimmen; in jedem anderen Falle ist sie dem Zögling nur schädlich, und wäre es auch nur durch die vorgefaßten Meinungen, welche sie ihm eingeflößt hat. In Aegypten, wo der Sohn genöthigt war, sich dem Stande seines Vaters zu widmen, hatte die Erziehung wenigstens ein sicheres Ziel; unter uns jedoch, wo nur die Rangstufen bleiben und die Menschen unaufhörlich wechseln, weiß Niemand, ob er nicht, wenn er seinen Sohn für die seinige erzieht, demselben schadet. In der natürlichen Ordnung, in der die Menschen alle gleich sind, ist ihr gemeinsamer Beruf, zuerst und vor Allem Mensch zu sein und wer für diesen gut erzogen ist, kann diejenigen, welche mit demselben in Einklang stehen, nicht schlecht erfüllen. Ob man meinen Zögling für die militairische, kirchliche oder richterliche Laufbahn bestimmt, darauf kommt wenig an. Bevor die Eltern ihn für einen Beruf bestimmen, beruft die Natur ihn zum menschlichen Leben. Die Kunst zu leben soll er von mir lernen. Qui se totam ad vitam instruxit, non desiderat particulatim admoneri, doctus in totum, non quomodo cum uxore aut cum filiis viveret, set quomodo bene viveret. Senec. ep. 94. Wenn er aus meinen Händen hervorgeht, wird er freilich, das gebe ich zu, weder Richter, noch Soldat, noch Priester sein, er wird zuerst Mensch sein. Alles, was ein Mensch sein muß, das Alles wird er, wenn es darauf ankommt, eben so gut wie irgend Jemand sein können, und das Schicksal wird ihn vergeblich seinen Platz wechseln lassen, er wird immer an dem seinigen sein. Occupavi te, fortuna, atque cepi; omnesque aditus tuos interclusi, ut ad me aspirare non posses. Cic. Tuscul. V. cap. 6 Unser wahres Studium ist das der menschlichen Natur. Wer unter uns die Freuden und Leiden dieses Lebens am besten zu ertragen versteht, der ist meines Erachtens am besten erzogen, woraus folgt, daß die wahre Erziehung weniger in Lehren als in Uebungen besteht. Wir beginnen unsere Bildung mit dem Beginn unseres Lebens. Unsere Erziehung beginnt zugleich mit uns; unser erster Lehrer ist unsere Amme. Auch hatte das Wort »Erziehung« bei den Alten einen anderen Sinn, als den wir damit verbinden. Es bedeutete die Aufziehung. Educit obstetrix , sagt Varronius; educat nutrix, instituit paedagogus, docet magister. Daher sind die Aufziehung, die Erziehung, der Unterricht drei in ihrem Ziele eben so verschiedene Dinge, wie die Wärterin, der Erzieher und der Lehrer. Aber diese Unterscheidungen gereichen zu keinem Vortheile und um gut erzogen zu werden, darf das Kind nur einem einzigen Führer folgen. Wir müssen unsere Gesichtspunkte deshalb verallgemeinern und in unserm Zögling lediglich den Menschen an sich, den allen Wechselfällen des menschlichen Lebens ausgesetzten Menschen betrachten. Wenn die Menschen durch die Geburt an den Boden eines Landes gefesselt wären, wenn die nämliche Jahreszeit das ganze Jahr hindurch dauerte, wenn Jeder im unveränderlichen Besitze seines Vermögens bliebe, so würde die eingeführte Methode in gewisser Hinsicht gut sein; das für seinen besonderen Stand erzogene Kind würde, da es denselben niemals aufgäbe, auch nie den Schwierigkeiten eines andern ausgesetzt sein. Aber kann man wol, in Anbetracht der Wandelbarkeit der menschlichen Dinge, in Anbetracht des unruhigen und nivellirenden Geistes dieses Jahrhunderts, welcher in jeder Generation einen allgemeinen Umsturz herbeiführt, kann man wol, frage ich, eine thörichtere Methode ersinnen als die, ein Kind so zu erziehen, als ob es einst nie aus der Thüre zu kommen brauchte, als ob es unaufhörlich von den Seinigen umgeben sein würde? Wenn der Unglückliche sich nur einen Schritt über den Boden erhebt, wenn er eine einzige Stufe hinabsteigt, ist er verloren. Dadurch lehrt man ihn nicht den Schmerz ertragen, sondern übt ihn vielmehr denselben zu empfinden. Man denkt nur an die Erhaltung seines Kindes; das ist nicht genug; man muß es auch lehren sich erhalten, wenn es ein Mann geworden ist; die Schicksalsfrage ertragen, sich über Ueberfluß und Mangel hinwegsetzen und im Nothfalle auf Islands Eisfeldern oder auf dem brennenden Felsen Maltas leben. Vergebens wendet ihr Vorsichtsmaßregeln an, um es gegen den Tod zu schützen, es wird doch einmal sterben müssen; und wenn sein Tod auch nicht das Werk eurer Pflege und Verzärtelung sein sollte, so würden sie gleichwol schlecht angewandt sein. Longa est vita, si plena est. Impletur autem cum animus sibi bonum suum reddidit, et ad se potestatem sui transtulit. Quid illum octoginta anni iuvant per inertiam exacti? Non vixit ille, sed in vita moratus est... Actu illam metiamur, non tempore! Seneca, Ep. 93. Es kommt nicht sowol darauf an, es gegen den Tod zu schützen, als vielmehr darauf, ihm die Kunst zu leben beizubringen. Leben heißt nicht athmen, sondern handeln, es heißt sich unsrer Organe, unsrer Sinne, unsrer Fähigkeiten, kurz sich aller derjenigen Theile von uns zu bedienen, die uns die Empfindung unseres Daseins verleihen. Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höchsten Jahre zählt, sondern derjenige, welcher sein Leben am meisten empfunden hat. Mancher stieg erst im Alter von hundert Jahren in die Grube, der seit seiner Geburt wie todt war. Besser wäre es für ihn gewesen, er wäre in früher Jugend gestorben und hätte wenigstens bis zum Eintritt seines Todes gelebt. Unsre ganze Weisheit besteht darin, daß wir uns von sclavischen Vorurtheilen leiten lassen; alle unsere Gewohnheiten legen uns nur Zwang, Beschränkung und Fesseln auf. Jeder Bürgerliche wird in der Knechtschaft geboren, lebt und stirbt darin: bei seiner Geburt schnürt man ihn in ein Wickelband; bei seinem Tode sperrt man ihn in einen Sarg; so lange er die menschliche Gestalt bewahrt, ist und bleibt er durch unsere Einrichtungen gefesselt. Man erzählt sich, daß sich manche Hebammen nicht scheuen, dem Kopfe der neugeborenen Kinder durch Zusammenpressen eine angemessenere Form zu geben: und man gestattet es! Unsere Köpfe sollten so, wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sind, nichts taugen! Man müßte sie äußerlich erst durch die Hebammen und innerlich durch die Philosophen modeln! Die Caraiben sind um die Hälfte glücklicher als wir. »Kaum hat das Kind den Schooß der Mutter verlassen und kaum genießt es die Freiheit seine Glieder zu bewegen und zu dehnen, so fesselt man es von Neuem. Man wickelt es in Windeln, man legt es mit unbeweglichem Kopfe und ausgestreckten Beinen hin, während die Aermchen an den Körper angedrückt sind; es wird in Linnen eingehüllt und in alle mögliche Wickelbänder eingeschnürt, daß es seine Lage nicht verändern kann. Noch glücklich, wenn man es nicht bis zu dem Grade zusammengeschnürt hat, daß es dadurch am Athemholen behindert ist, und wenn man die Vorsicht beobachtet hat, es auf die Seite zu legen, damit das aus dem Munde fließende Wasser von selbst hinabfließen kann, denn es würde nicht die freie Bewegung haben, den Kopf auf die Seite zu wenden, um das Ausfließen zu erleichtern.« Buffons Histor. natur. Bd. IV. Das neugeborene Kind hat das Bedürfniß seine Glieder auszustrecken und zu bewegen, um sie aus der Erstarrung zu reißen, in der sie sich, in einen Knäuel zusammengezogen, so lange befunden haben. Man streckt sie aus, das ist wahr, aber man verhindert sie, sich zu bewegen; sogar den Kopf steckt man in Kinderhäubchen: man scheint zu befürchten, daß es Lebenszeichen verrathen könne. Auf diese Weise findet der Trieb der inneren Theile eines Körpers, welcher im Wachsthum begriffen ist, an den Bewegungen, welche er von demselben verlangt, ein unübersteigliches Hinderniß. Das Kind macht fortwährend vergebliche Anstrengungen, welche seine Kräfte erschöpfen oder ihre Zunahme aufhalten. Im Mutterschooße war es weniger beengt, eingeschränkt, zusammengepreßt als in seinen Windeln. Ich sehe den Vortheil nicht ein, den es durch seine Geburt gewonnen hat. Die Unthätigkeit und der Zwang, worin man die Glieder eines Kindes erhält, haben den einzigen Erfolg, daß sie den Kreislauf des Blutes und der Säfte stören, die Kräftigung und das Wachsthum des Kindes hemmen und seine Gesundheit untergraben. In den Gegenden, wo dergleichen überspannte Vorsichtsmaßregeln nicht zur Anwendung kommen, sind die Menschen sämmtlich groß, stark und wohlgebildet. Vgl. die 2. Anmerkung auf S. 58. Die Länder, in denen man die Kinder einzuwickeln pflegt, wimmeln förmlich von Bucklichen, Hinkenden, Krummbeinigen, Skrophulösen, Verkrüppelten, kurzum von Mißgestalten jeglicher Art. Aus Furcht, die Körper durch freie Bewegung Verkrüppelungen auszusetzen, beeilt man sich, dieselben Verkrüppelungen durch Einschnürung und Zusammenpressung hervorzurufen. Lieber möchte man die Kinder gleich lähmen, um sie nur ja abzuhalten, selbst die Schuld an ihrer Verkrüppelung zu tragen. Läßt sich nicht annehmen, daß ein so grausamer Zwang einen bedeutenden Einfluß auf ihr Gemüth, wie auf ihr Temperament ausüben muß? Ihre erste Empfindung ist eine schmerzliche und peinliche; selbst an den nöthigsten Bewegungen finden sie sich behindert; unglücklicher als ein in Fesseln liegender Verbrecher, machen sie vergebliche Anstrengungen, werden allmählich böse und schreien. Mit Thränen, sagt ihr, erblicken sie das Licht der Welt. Ich glaube es wol; von ihrer Geburt an tretet ihr der natürlichen Entwicklung derselben entgegen; Fesseln sind die ersten Gaben, die ihr in ihre Wiege legt; nur Qualen bereitet ihr ihnen mit der Sorge, die ihr für sie tragt. Sollten sie, da ihnen nur der freie Gebrauch ihrer Stimme übrig geblieben ist, sich derselben nicht bedienen, um ihre Klagen auszudrücken? Ihr klägliches Geschrei verkündet euch das Leid, das ihr ihnen zufügt. Wäret ihr in ähnlicher Weise geknebelt, dann würdet ihr fürwahr ein noch weit lauteres Geschrei erschallen lassen. Woher stammt diese unvernünftige Sitte? Von einer unnatürlichen Mode. Seitdem die Mütter, ihrer ersten Pflicht uneingedenk, ihre Kinder nicht mehr selbst stillen wollten, mußte man sie Miethlingen, bezahlten Frauenzimmern überlassen, in denen selbstverständlich die Stimme der Natur den fremden Kindern gegenüber, zu deren Müttern man sie auf solche Weise bestellt, schwieg, und die daher nur darauf ausgingen, sich so viel Mühe wie möglich zu ersparen. Ein seiner Freiheit überlassenes Kind würde unaufhörliche Überwachung erheischen, ist es jedoch wohl eingebunden, so wirft man es in einen Winkel, ohne sich um sein Geschrei zu kümmern. Sind nur keine offenbaren Beweise für die Nachlässigkeit der Amme vorhanden, bricht sich nur der Säugling nicht Arme und Beine, was kommt dann im Uebrigen darauf an, ob er umkommt oder sich siech und elend durchs Leben schleppt? Zum Unheil seines ganzen Körpers schützt man seine Gliedmaßen, und was auch immer geschehen mag, die Amme steht völlig schuldlos da. Wissen jedoch diese liebenswürdigen Mütter, welche sich, der Last der Kindererziehung überhoben, fröhlich den Vergnügungen des Stadtlebens hingeben, wissen sie wol, welcher Behandlung das Kind in seinem Steckkissen auf dem Lande ausgesetzt ist? Bei der geringsten Abhaltung hängt die Amme es wie einen Bündel Flicken an einen Nagel, und so lange dieselbe, ohne sich zu überstürzen, ihr Geschäft besorgt, so lange muß das unglückliche Wesen in dieser qualvollen Lage ausharren. Alle, die man in diesem Zustande traf, hatten ein dunkelrothes Gesicht; da die stark zusammengepreßte Brust die nöthige Circulation des Blutes nicht zuließ, stieg es nach dem Kopfe. Wenn man das arme gemißhandelte Kind für sehr ruhig hielt, so lag das allein daran, daß es nicht mehr Kraft zu schreien hatte. Mir ist unbekannt, wie viel Stunden ein Kind, ohne zu sterben, in diesem Zustande zu bleiben vermag, aber ich bezweifle, daß es lange geschehen kann. Darin liegt, sollte ich meinen, einer der größten Vortheile des Einschnürens. Man behauptet, die ihrer Freiheit überlassenen Kinder könnten ihnen schädliche Lagen einnehmen und unwillkürlich Bewegungen machen, die die Kraft und schöne Form ihrer Glieder zu gefährden im Stande wären. Das sind nichts wie hohle Redensarten unserer heutigen Afterweisheit, welche noch nie in der Erfahrung ihre Bestätigung gefunden haben. Unter jener Menge von Kindern, welche bei Völkern, die sich rühmen können verständiger als wir zu handeln, in dem freien Gebrauche ihrer Glieder aufgezogen werden, sieht man kein einziges, welches sich Schaden thäte oder durch eigene Schuld verkrüppelte; bei ihrer zarten Jugend fehlt es ihren Bewegungen noch an jener Kraft, die sie allein gefährlich machen könnte, und nehmen sie auch auf kurze Zeit eine unnatürliche Lage ein, so zwingt sie doch der Schmerz, dieselbe bald wieder zu ändern. Wir sind noch nie auf den Einfall gerathen, die jungen Hunde oder Katzen in ein Stechkissen einzuschnüren: zeigt sich aber wol, daß diese Vernachlässigung irgend einen Nachtheil für sie herbeiführt? Die Kinder sind schwerfälliger, das stelle ich nicht in Abrede; dafür sind sie aber auch verhältnißmäßig schwächer. Sie vermögen sich ja kaum zu rühren, wie sollten sie sich also Schaden zufügen können? Legte man sie auf den Rücken, so würden sie, außer Stande sich umzuwenden, in dieser Lage wie die Schildkröte sterben müssen. Aber noch nicht zufrieden damit, daß sie ihre Kinder nicht mehr stillen, gehen die Frauen in ihren Wünschen sogar so weit, gar keine Kinder mehr zu bekommen: die Folge davon ist nur zu natürlich. Sind der Mutter ihre Pflichten erst lästig, dann findet man auch bald Mittel, sie gänzlich von sich abzuschütteln. Man wünscht seine eheliche Pflicht so zu erfüllen, daß man keine Frucht zu befürchten braucht, um sich beständig dem Genusse hingeben zu können, und mißbraucht den zur Vermehrung des Geschlechts eingepflanzten Trieb. Diese Unsitte, an welche sich noch andere Ursachen der Entvölkerung reihen, deutet uns das Schicksal an, welches Europa bevorsteht. Die Wissenschaften, die Künste, die Philosophie und die Sitten, welche es hervorruft und erzeugt, werden es früher oder später in eine Wüste verwandeln. Es wird von wilden Thieren bewohnt werden: der Unterschied hinsichtlich seiner Bevölkerung wird nicht sehr in die Augen fallen. Zu wiederholten Malen habe ich Gelegenheit gehabt die kleinen Kunstgriffe junger Frauen zu beobachten, welche sich stellen, als ob sie ihre Kinder selbst stillen wollen. Sie verstehen es so vortrefflich einzurichten, daß sie nur dem Zwange nachzugeben scheinen, wenn sie von ihrem Vorhaben abstehen; unendlich fein wissen sie es so zu drehen, daß die Gatten, die Aerzte, besonders aber die Mütter, Einspruch dagegen erheben müssen. Wehe dem Manne, der es wagen sollte zu gestatten, daß seine Frau ihr Kind selbst stillte; er wäre ein verlorener Mann! Man würde ihn überall als einen Mörder verschreien, der sie aus dem Wege räumen wolle. Kluge Gatten, ihr müßt die väterliche Liebe dem Frieden zum Opfer bringen. Ein glücklicher Umstand ist es, daß man auf dem Lande doch Frauen findet, die enthaltsamer als die eurigen sind. Ein noch glücklicherer Umstand würde es für euch sein, wenn eure Frauen die Zeit, welche sie dadurch gewinnen, nicht mit Anderen vertändeln. Die Pflicht der Frauen ihren Kindern gegenüber ist keinem Zweifel unterworfen; weil sie sich derselben jedoch entziehen, so läßt sich die Frage auswerfen, ob es für die Kinder einerlei sei, von der mütterlichen Milch oder der einer anderen Frau genährt zu werden. Da die Entscheidung über diese Frage einzig und allein den Aerzten Der eigenthümliche Bund der Frauen und Aerzte ist mir immer als eine der auffallendsten Sonderbarkeiten von Paris vorgekommen. Den Frauen verdanken die Aerzte ihren Ruf und durch die Aerzte setzen die Frauen ihrerseits ihre Wünsche durch. Es läßt sich daraus leicht schließen, was für eine Art Geschicklichkeit ein Pariser Arzt bedarf, um seinen Ruhm zu begründen. zukömmt, halte ich sie für endgiltig und offenbar zu Gunsten der Frauen entschieden. Auch meiner Ueberzeugung nach ist es unbestritten besser, daß das Kind die Milch einer gesunden Amme, als die einer verdorbenen Mutter trinkt, sobald sich nur irgend wie die Entstehung eines neuen Uebels aus dem Blute, dem es sein Dasein zu verdanken hat, befürchten ließe. Soll denn aber diese Frage nur von der physischen Seite aus betrachtet werden? Und bedarf denn das Kind weniger der treuen Pflege einer Mutter als ihrer Brust? Andere Frauen, Thiere sogar, werden ihm die Milch, welche sie ihm entzieht, geben können, für die mütterliche Sorgfalt findet sich jedoch kein Ersatz. Wer ein fremdes Kind statt seines eigenen nährt, kann nur eine schlechte Mutter sein; wie sollte eine solche nun eine gute Amme sein? Sie wird es werden können, aber freilich nur langsam; die Gewohnheit wird allmählich die Natur verändern müssen, und das schlecht gepflegte Kind wird hundertmal umkommen können, ehe seine Amme die Zärtlichkeit einer Mutter für dasselbe empfindet. Aber sogar wenn diese günstige Wendung endlich eintritt, dient sie nur zur Quelle eines neuen Uebelstandes, der allein schon jeder fühlenden Frau den Muth rauben sollte, ihr Kind von einer andern säugen zu lassen, der nämlich, daß sie das heilige Mutterrecht theilen oder vielmehr ganz auf dasselbe verzichten muß, mit ansehen muß, wie ihr Kind eine fremde Frau eben so sehr oder gar noch mehr liebt als sie; empfinden muß, daß die Zärtlichkeit, welche es seiner eigenen Mutter bewahrt hat, nur eine Art Gnade ist, während die, welche es seiner Pflegemutter erzeigt, mehr den Charakter einer schuldigen Dankbarkeit an sich trägt: denn schulde ich, wo ich mütterliche Sorgfalt erfahren habe, nicht kindliche Anhänglichkeit? In eigentümlicher Weise sucht man diesem Uebelstande abzuhelfen; man flößt nämlich den Kindern Geringschätzung gegen ihre Ammen ein, indem man dieselben auf die Stufe gewöhnlicher Mägde herabdrückt. Wenn die Dienste der Amme nicht mehr erforderlich sind, so entzieht man das Kind ihrer Pflege oder verabschiedet sie. Man nimmt sie schlecht auf, um sie von einem öfteren Besuche ihres Säuglings zurückzuschrecken. Nach Verlauf weniger Jahre sieht er sie nicht mehr, kennt er sie nicht mehr. Die Mutter, welche glaubt, den Platz derselben im Herzen des Kindes einnehmen zu können und sich einbildet ihre frühere Vernachlässigung durch ihre Grausamkeit wieder gut zu machen, gibt sich einer Täuschung hin. Anstatt einen verdorbenen Säugling in ein zärtliches Kind zu verwandeln, übt sie ihn vielmehr in der Undankbarkeit; sie hat ihm ein Beispiel gegeben, woraus er lernen wird, dereinst diejenige, welche ihm das Leben gab, mit derselben Geringschätzung zu behandeln, wie diejenige, die ihn mit ihrer Milch genährt hat. Gern würde ich bei diesem Punkte noch länger verweilen, wenn es nur nicht so entmuthigend wäre, nützliche Gedanken immer und immer vergeblich zu wiederholen. Weit mehr, als man denkt, steht damit im engsten Zusammenhange. Wollt ihr, daß Jedermann wieder seiner ersten und heiligsten Pflicht eingedenk sei, nun dann beginnt bei den Müttern; ihr werdet über die Veränderungen erstaunen, welche ihr damit bewirkt. Aus dieser ersten Verderbniß ist nach und nach alles übrige Unheil hervorgegangen: alle sittliche Ordnung leidet darunter; die Natürlichkeit erlischt in Aller Herzen, das Innere der Häuser verliert an Leben, das ergreifende Schauspiel einer heranwachsenden Familie vermag keine Anziehung mehr auf die Männer auszuüben, flößt den Fremden keine Achtung ein; man erweist der Mutter, deren Kinder man nicht sieht, weniger Rücksicht. Das innige Familienleben lockert sich; die Gewohnheit verstärkt die Bande des Blutes nicht mehr; es gibt keine Väter, keine Mütter, keine Kinder, keine Brüder, keine Schwestern mehr; kaum kennen sich alle untereinander, wie sollten sie sich also lieben? Jeder denkt nur an sich. Wenn das Haus nur eine traurige Einöde ist, dann muß man seinen Vergnügungen wol außerhalb desselben nachgehen. Wenn sich jedoch die Mütter dazu verstehen, ihre Kinder selbst zu nähren, so werden sich die Sitten von selbst bessern, werden die natürlichen Gefühle in Aller Herzen wieder erwachen; der Staat wird sich wieder bevölkern; schon diese erste Folge, diese Folge allein, wird Alles wieder vereinigen. Der Reiz des Familienlebens ist das beste Gegengift gegen den Verfall der Sitten. Der fröhliche Lärm der Kinder, den man für störend und lästig hält, wird mit der Zeit angenehm; er macht Vater und Mutter einander unentbehrlicher, einander lieber; er knüpft das eheliche Band, das sie vereinigt, enger und fester. Wenn ein Geist gegenseitiger inniger und lebhafter Zuneigung die Familienglieder aneinander kettet, dann bilden die häuslichen Sorgen die liebste Beschäftigung der Frau und den angenehmsten Zeitvertreib des Mannes. Auf diese Weise würde schon die Beseitigung dieses einzigen Fehlers bald eine allgemeine Besserung herbeiführen, würde die Natur bald wieder in alle ihre Rechte eintreten. Mögen die Frauen nur erst wieder Mütter werden, dann werden die Männer auch bald wieder Väter und Gatten sein. Aber leider sind das verlorene und überflüssige Worte! Nicht einmal der Ueberdruß an den weltlichen Vergnügungen führt zu den geschilderten Freuden zurück. Die Frauen haben aufgehört Mütter zu sein und werden es nie wieder werden, weil sie es nicht mehr sein wollen. Schon wenn sie es wollten, würden sie es kaum im Stande sein. Da heute zu Tage einmal die grade entgegengesetzte Sitte die Oberhand gewonnen hat, würde jede, die den Versuch wagte, den Widerspruch aller derer zu bekämpfen haben, mit denen sie in Berührung kommt, sind sie doch Alle gegen ein Beispiel verbündet, das die Einen nicht gegeben haben und die Andern nicht befolgen wollen. Gleichwol finden sich bisweilen noch junge Frauen von unverdorbener Natur, die in diesem Punkte der Herrschaft der Mode und dem Geschrei ihres Geschlechts zu trotzen wagen und mit tugendhafter Unerschrockenheit diese so süße Pflicht erfüllen, die ihnen die Natur auferlegt. Wären doch die verlockenden Güter, die denen zu Theil werden, welche sich dieser Pflicht hingeben, im Stande ihre Zahl zu vermehren! Unter Hinweis auf Schlußfolgerungen, die sich schon aus dem geringsten Nachdenken ergeben, und auf Beobachtungen, deren Nichtigkeit mir bisher Niemand hat in Abrede stellen können, wage ich es, diesen ihren Mutterberuf so treu erfüllenden Frauen eine aufrichtige und beharrliche Zuneigung ihrer Männer, eine wahrhaft kindliche Zärtlichkeit ihrer Söhne und Töchter, die allgemeine Hochachtung und Wertschätzung, glückliche Niederkünfte ohne Unfälle und Folgen, eine feste und kräftige Gesundheit und endlich das Glück zu verheißen, sich dereinst von ihren eigenen Töchtern nachgeahmt und als Vorbild für die anderer Eltern hingestellt zu sehen. Keine Mutter, kein Kind! Zwischen ihnen sind die Pflichten gegenseitig, und werden sie von der einen Seite schlecht erfüllt, so werden sie auch von der anderen vernachlässigt. Das Kind muß seine Mutter lieben, noch ehe es weiß, daß ihm dies die Pflicht gebietet. Wird die Stimme des Blutes nicht durch Gewährung und treue Abwartung gestärkt und gesteigert, so erlischt sie schon in den frühesten Jahren, und das Herz stirbt, so zu sagen, noch ehe es geboren wird. Schon von den ersten Schritten an sagen wir uns von der Natur los. Zu demselben Resultate gelangen wir jedoch auch auf dem entgegengesetzten Wege, dann nämlich, wenn eine Frau ihre Muttersorgen, anstatt sie zu vernachlässigen, übertreibt, wenn sie ihr Kind vergöttert, wenn sie seine Schwäche vermehrt und nährt, um es nicht zum Gefühle derselben gelangen zu lassen, und wenn sie in der Hoffnung es den Naturgesetzen entziehen zu können, alle schmerzlichen Berührungen von ihm fern hält, ohne zu bedenken, daß sie dasselbe grade dadurch, daß sie es für den Augenblick vor geringem Ungemach behütet, für die Zukunft nur um so größeren Unfällen und Gefahren aussetzt, und wie barbarisch eine Vorsicht ist, die nur den Erfolg haben kann, ihm auch unter den Mühen und Arbeiten, die das Mannesalter erheischt, die Schwäche des Kindesalters zu erhalten. Thetis tauchte, nach der Sage, ihren Sohn, um ihn unverwundbar zu machen, in die Fluten des Styx. Diese Allegorie ist schön und deutlich. Die grausamen Mütter, von denen ich rede, handeln anders: dadurch daß sie ihre Kinder in die Weichlichkeit eintauchen, härten sie sie nicht gegen die Leiden ab, sondern machen sie erst recht empfänglich für dieselben, öffnen ihre Poren allerlei Uebeln, denen sie sicherlich als Erwachsene zum Opfer fallen werden. Hierbei muß bemerkt werden, daß ein Jahr vor Veröffentlichung des Emil ein berühmter Arzt, Desessarts, eine Abhandlung über die körperliche Erziehung der Kinder in den ersten Lebensjahren in Paris bei Th. Hérissaut hatte erscheinen lassen, in welcher er mit großem Nachdruck und sogar mit glänzender Beredtsamkeit auf die Gefahren des Einwindelns für die Kinder, sowie auf die der übertriebenen Vorsichtsmaßregeln, welche man trifft, um dieselben auch vor dem geringsten Schmerz zu bewahren, und überhaupt auf alle die traurigen Folgen einer verweichlichenden Stubenerziehung hinweist. Er stützt sich ungefähr auf die nämlichen Thatsachen und Beobachtungen, die Rousseau im Emil anführt. Noch früher hatte schon Buffon, sowol über das Stillen seitens der Mütter, als auch über die schädlichen Folgen des Einwindelns durchaus dieselben Ideen entwickelt. Kurz, dieses ganze System der ersten Erziehungsweise ist nicht weniger genau festgestellt und hat sogar in einem ziemlich hervorragenden dichterischen Werke Ausdruck gefunden, nämlich in einem lateinischen Gedichte des Heil. Saint-Marthe, welches im Jahre 1698 erschien und den Titel Paidotrophia führte. Aber, wie Buffon selbst sagte: » Es ist wahr, gesagt haben wir das Alles, aber Rousseau allein befiehlt es und erzwingt sich Gehorsam.« Uebrigens scheinen zu der Zeit, in welcher Rousseau seinen Emil schrieb, alle Fragen, welche mit der Erziehung im ersten Kindesalter in Verbindung stehen, die besten Geister beschäftigt und zu demselben Ergebnisse ihres Nachdenkens geführt zu haben. Die Harlemer Akademie der Wissenschaften hatte auf die Lösung dieser Fragen einen Preis ausgesetzt, welcher einem Genfer Namens Ballexerd zuerkannt wurde, dessen Werk unter dem Titel »Dissertation über die physische Erziehung der Kinder« in Paris veröffentlicht wurde und im nämlichen Jahre wie der Emil erschien. Die völlige Uebereinstimmung der Ansichten und Grundsätze ließ in Rousseau den Verdacht entstehen, daß man es hier lediglich mit einem Plagiat seines eigenen Werkes zu thun hätte, und scheute sich nicht, ihn in dem elften Buche seiner Bekenntnisse (Bd. I. S. 304) unumwunden auszusprechen. Wir haben die Nichtigkeit dieser Vermuthung durchaus nicht bestätigen können, denn mag die Uebereinstimmung auch noch so groß sein, so läßt sie sich doch auch noch anders als durch ein Plagiat erklären, da auch sonst schon andere Werke zuvor durchaus die nämlichen Ideen verfochten. Anm. des H. Petitain. Die erste Regel ist, die Natur zu beobachten und dem Wege zu folgen, den sie vorzeichnet. Sie übt stetig und ununterbrochen die Kinder; sie härtet ihren Körper durch die mannigfaltigsten Prüfungen ab; sie macht sie schon früh mit Schmerzen und Beschwerden vertraut. Das Zahnen setzt sie fieberhaften Erscheinungen aus, heftiges Leibschneiden ruft bei ihnen krampfartige Zufälle hervor, anhaltender Husten droht sie zu ersticken; die Würmer quälen sie; Vollblütigkeit verdirbt ihre Säfte, Magensäure belästigt sie und ruft gefährlichen Ausschlag hervor. Fast das ganze erste Lebensalter ist eine Reihe von Krankheiten und Gefahren; die Hälfte aller Kinder, die geboren werden, stirbt noch vor dem achten Lebensjahre. Im Kampfe mit diesen Prüfungen gewinnt aber das Kind Kräfte, und versteht es erst einmal das Leben richtig anzuwenden, so wird auch der Lebensgrund fester und gesicherter. So lautet die einfache Regel der Natur. Warum handelt ihr derselben zuwider? Begreift ihr nicht, daß ihr in dem vergeblichen Wahne, sie zu verbessern, ihr Werk zerstört, daß ihr den Erfolg ihrer Bestrebungen vereitelt? Auch äußerlich das thun, was sie innerlich thut, haltet ihr für eine Verdoppelung der Gefahr, und doch ist es gerade im Gegentheil eine Ablenkung, eine Abschwächung derselben. Die Erfahrung lehrt, daß von den verzärtelten Kindern eine ungleich größere Anzahl stirbt als von den übrigen. Wenn man nur nicht über das Maaß ihrer Kräfte hinausgeht, so läuft man bei entsprechender Anstrengung derselben weniger Gefahr als bei übertriebener Schonung. Uebt sie also mit Rücksicht auf die Schicksalsschläge, welche sie einst zu ertragen haben werden. Härtet ihre Körper gegen die Rauheit der Jahreszeiten, der Klimate, der Elemente, gegen Hunger, Durst und Strapazen ab; tauchet sie in die Fluten des Styx. Vor Annahme einer andern festen Gewohnheit kann man den Körper gefahrlos an das, was man wünscht und bezweckt, gewöhnen; hat sich jedoch erst eine gewisse Festigkeit herausgebildet, dann ist jeder Wechsel, jede Veränderung mit Gefahren verknüpft. Ein Kind vermag Veränderungen zu ertragen, die ein Mann nicht ertragen könnte: die noch weichen und geschmeidigen Fibern des Erstern nehmen ohne große Mühe jede beliebige Biegung an, die des Mannes dagegen verändern, da sie steifer geworden sind, nur noch mit Anwendung von Gewalt die einmal angenommene Richtung. Man kann deshalb wol ein Kind abhärten und stark machen, ohne sein Leben und seine Gesundheit auf das Spiel zu setzen, und selbst wenn eine Gefahr mit unterlaufen sollte, so dürfte man nicht den geringsten Anstand nehmen. Da es nun einmal dem menschlichen Leben unauflöslich anhaftende Gefahren sind, kann man da wol besser thun, als sie grade der Lebensperiode vorzubehalten, wo sie am wenigsten schädlich sind? Je älter das Kind, desto kostbarer wird sein Leben. Zu dem Werthe seiner eigenen Persönlichkeit tritt noch der der Sorgen und Pflege, die es gekostet hat, hinzu. Ein je größerer Theil seines Lebens schon verstrichen ist, desto lebhafter erwacht in ihm das Todesgefühl. Der Gedanke an die Zukunft des Kindes muß demnach bei der Sorge für seine irdische Erhaltung hauptsächlich vorherrschend sein, man muß, ehe es so weit gelangt ist, dasselbe gegen die Uebel der Jugend waffnen; denn wenn sich der Werth des Lebens bis zu dem Alter erhöht, wo man dasselbe nutzbar zu machen versteht, welche Thorheit ist es dann nicht, der Kindheit einige Uebel zu ersparen, da man sie im Alter der Vernunft dadurch vermehrt? Sind das die Lehren des Meisters? Das Loos der Menschheit bringt es nun einmal mit sich, daß uns jede Lebenszeit Leiden auferlegt. Sogar die Sorge für die bloße Erhaltung ist mit Mühseligkeiten verbunden. Von Glück hat zu sagen, wer in seiner Jugend nur die physischen Uebel kennen lernt, Uebel, die weit weniger qualvoll sind, weit weniger schmerzen als die übrigen, und auch weit seltner uns zum Lebensüberdruß treiben. Nicht um den Schmerzen der Gicht zu entfliehen, tödtet man sich; schwerlich vermögen andere als Seelenleiden uns zur Verzweiflung zu bringen. Wir beklagen das Loos der Kindheit und sollten eher unser eigenes beklagen. Unser größtes Uebel bereiten wir uns selbst. Mit Weinen tritt das Kind in die Welt; unter Weinen verfließt seine erste Kindheit. Bald wiegt, bald liebkost man es, um es zum Schweigen zu bringen. Entweder thun wir ihm den Willen, oder wir verlangen, daß es uns den Willen thut; entweder unterwerfen wir uns seinen Launen oder wir unterwerfen es den unsrigen; einen Mittelweg scheint man nicht zu kennen; es muß Befehle ertheilen oder annehmen. Auf diese Weise eignet es sich zuerst die Begriffe von Herrschaft und Knechtschaft an. Noch ehe es sprechen kann, gebietet es schon; ehe es handelnd auftreten kann, gehorcht es, ja bisweilen züchtigt man es, noch ehe es seinen Fehler einzusehen, oder vielmehr, ehe es solche zu begehen im Stande ist. Dadurch flößt man seinem jungen Herzen schon frühzeitig Leidenschaften ein, die man nachher der Natur zur Last legt, und nachdem man sich förmlich Mühe gegeben hat, das Kind unartig zu machen, beschwert man sich darüber es so zu finden. In dieser Weise bringt ein Kind sechs oder sieben Jahre unter den Händen der Frauen zu, ein Opfer ihrer und seiner eigenen Launenhaftigkeit, und nachdem man ihm dies und das beigebracht hat, das heißt nachdem man sein Gedächtniß mit Worten, die ihm unverständlich geblieben sind, oder mit allerlei nichtsnutzigen Dingen, überladen, nachdem man sein natürliches Wesen durch Leidenschaften, die man künstlich in ihm geweckt und genährt, völlig erstickt hat, überläßt man dies Kunstproduct einer verschrobenen Erziehung den Händen eines Lehrers, der sich alle Mühe gibt die vorgefundenen künstlichen Keime zu entwickeln und auszubilden, der es Alles lehrt, nur nicht sich selbst zu erkennen, nur nicht seiner selbst Herr zu sein, nur nicht die Kunst zu leben und sich glücklich zu machen. Wenn nun endlich dieses Kind, Sklave und Tyrann in einer Person, voller Wissen und doch verstandesschwach, eben so kraftlos an Körper wie an Geist, in die Welt hinausgeschleudert wird, wenn es in derselben seine Verschrobenheit, seinen Stolz und alle seine Fehler offen zur Schau trägt, so erfüllt uns ein solcher Anblick mit aufrichtiger Trauer über das menschliche Elend und die menschliche Verkehrtheit. Aber man täuscht sich: das ist lediglich der Mensch unserer Einbildung; der Mensch, wie er aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, zeigt uns ein anderes Bild. Verlangt ihr nun, daß er seine ursprüngliche Form bewahre, so erhaltet sie gleich von dem Augenblicke an, wo er zur Welt kommt. Unmittelbar nach der Geburt müßt ihr euch seiner bemächtigen, und verzichtet ja auf seine Erziehung nicht, bevor er erwachsen ist. Wie die Mutter die eigentliche Amme ist, so ist der Vater der eigentliche Lehrer. Sie müssen in Bezug auf das Ineinandergreifen ihrer Thätigkeiten, so wie in Bezug auf das zu befolgende System in völligem Einverständnis sein; aus den Händen des Einen muß das Kind in die des Andern übergehen. Es wird von einem vernünftigen, wenn auch, was die Kenntnisse anlangt, etwas beschränkten Vater besser als von dem geschicktesten Lehrer der Welt erzogen werden, denn der Eifer wird das Talent eher als das Talent den Eifer ersetzen. Allein die leidigen Geschäfte, die amtlichen Obliegenheiten, die Pflichten – – – Ach, die Pflichten! Die Vaterpflicht ist also gewiß die allerletzte? Wenn man im Plutarch liest, daß der Censor Cato, der Rom mit so großem Ruhme regierte, seinen Sohn von der Wiege an selbst erzog und zwar mit einer solchen Sorgfalt, daß er Alles verließ, um zugegen sein zu können, wenn die Amme, das heißt die Mutter, ihn wickelte und badete; wenn man im Sueton liest, daß Augustus, der Herr der Welt, die er erobert hatte und selbst regierte, seine Enkel selbst schreiben, schwimmen und die Elemente der Wissenschaften lehrte und sie beständig um sich hatte, so beschleicht Einen die Lust, über die guten Leutchen jener Zeit, die sich in dergleichen Possen gefielen, herzlich zu lachen; selbstverständlich waren sie viel zu beschränkt, um sich mit den großen Angelegenheiten der großen Männer unserer Tage befassen zu können. Es setzt uns durchaus nicht in Erstaunen, daß ein Mann, dessen Frau es verschmäht hat, die Frucht ihrer Vereinigung zu nähren, es nun auch seinerseits verschmäht, dieselbe zu erziehen. Es gibt kein fesselnderes Bild als das der Familie; aber ein einziger häßlicher Zug entstellt alle übrigen. Wenn die Mutter sich mit Rücksicht auf ihre wankende Gesundheit außer Stande fühlt, ihren Kindern die Brust zu geben, so wird den Vater die Ueberlast von Geschäften abhalten, ihr Lehrer zu sein. Die Kinder, aus der Heimath entfernt, in Erziehungsanstalten, in Klöstern, in Schulen untergebracht, werden die Liebe zum väterlichen Hause auf Andere übertragen oder, um mich richtiger auszudrücken, ohne eine Spur von Anhänglichkeit und Zuneigung für irgend Jemand zurückkehren. Brüder und Schwestern werden sich kaum kennen. Bei besonderen feierlichen Zusammenkünften werden sie sich zwar mit ausgesuchtester Höflichkeit entgegenkommen, aber sich doch fremd gegenüberstehen. Sobald zwischen den Eltern keine aufrichtige Zuneigung mehr besteht, sobald der Familienkreis nicht mehr die Würze des Lebens ausmacht, muß man wol in lockren Sitten seinen Ersatz suchen. So geistesschwach ist gewiß Niemand, daß er nicht den logischen Zusammenhang aller dieser Uebelstände einsehen sollte! Durch Zeugung und Ernährung seiner Kinder kommt ein Vater nur dem dritten Theile der an ihn herantretenden Pflichten nach. Seinem Geschlechte schuldet er Menschen, der Gesellschaft schuldet er gesellige und umgängliche Menschen, dem Staate schuldet er Bürger. Wer diese dreifache Schuld abzutragen vermag und es nicht thut, macht sich schuldig und noch schuldiger vielleicht, wenn er sie nur zur Hälfte abträgt. Wer die Pflichten eines Vaters nicht zu erfüllen vermag, hat auch kein Recht es zu sein. Keine Armuth, keine Arbeit, keine menschliche Rücksicht irgend welcher Art kann ihn davon lossprechen, seine Kinder zu ernähren und sie selbst zu erziehen. Schenket mir Glauben, liebe Leser! Ich sage es einem Jeden, der noch Gefühl hat und so heilige Pflichten verabsäumt, voraus, daß er seine Fehler lange bitterlich wird beweinen müssen, ohne je Trost zu finden. Vgl. die »Bekenntnisse«, 12. Buch, Bd. I. S. 314. Was thut nun aber dieser reiche Mann, dieser so mit Geschäften überladene Familienvater, daß er sich, wie er überall vorgibt, leider abgehalten sieht, seinen Kindern seine volle Fürsorge zu widmen? Er bezahlt einen andern Mann, um die Pflichten, die ihm selbst zu beschwerlich sind, zu übernehmen. Feile Seele! Bildest du dir ein, deinem Sohne für Geld einen zweiten Vater geben zu können? Täusche dich nicht; nicht einmal einen Lehrer gibst du ihm auf diese Weise, es ist nur ein Knecht. Bald wird er einen zweiten aus ihm machen. Man spricht viel über die Eigenschaften eines guten Erziehers. Als die erste und vornehmlichste, welche allein schon die Voraussetzung vieler andrer ist, würde ich verlangen, daß er kein bloßer Miethling ist. Es gibt Berufsarten, die so edel sind, daß man sich, wenn man sie zum Lohnerwerb herabwürdigt, ihrer unwerth macht: ein solcher ist der Beruf des Vaterlandsvertheidigers und eben so der des Erziehers. – Wer soll also mein Kind erziehen? – Ich habe es dir schon gesagt, du selbst. – Ich kann es nicht! – Du kannst es nicht! Nun, so suche dir einen Freund zu erwerben; ich wüßte sonst nicht, wie dir zu helfen ist. Ein Erzieher! O welch eine erhabene Seele! Fürwahr, um einen Menschen zu bilden, muß man entweder Vater oder mehr als ein Mann sein. Und ein solches Amt vertrauet ihr ruhig Miethlingen an! Je mehr man darüber nachdenkt, auf desto mehr neue Schwierigkeiten stößt man. Der Erzieher hätte für seinen Zögling, die Diener hätten für ihren Herrn erzogen werden müssen, Alle, die ihm nahe kommen, hätten die Eindrücke, welche sie ihm mittheilen sollen, empfangen müssen. Von Erziehung zu Erziehung müßte man bis zu den frühesten Uranfängen zurückgehen. Wie ist es möglich, daß ein Kind von Jemandem gut erzogen wird, der selbst nicht gut erzogen ist? Sollte sich ein solcher seltener Sterblicher nicht auffinden lassen? Ich weiß es nicht. Wer will sich vermessen zu bestimmen, bis zu welcher Höhe der Tugend sich selbst in dieser Zeit der Erniedrigung eine menschliche Seele emporzuschwingen vermag? Allein nehmen wir einmal an, dieser Wundermann sei entdeckt. Bei der Erwägung und Feststellung seiner Obliegenheiten werden wir einsehen, was er sein soll. Im Voraus halte ich es für selbstverständlich, daß ein Vater, der den ganzen Werth eines guten Erziehers zu schätzen wüßte, sich dazu entschließen würde, auf einen solchen zu verzichten; denn er würde mehr Zeit und Mühe daran setzen müssen, ihn sich zu verschaffen als selbst einer zu werden. Will er sich deshalb nach einem Freunde umsehen, so möge er lieber seinen Sohn dazu erziehen; dann ist er der Mühe überhoben, ihn anderwärts zu suchen, und die Natur hat schon die Hälfte des Werkes ausgerichtet. Jemand, von dem mir nichts weiter als sein Rang bekannt ist, hat mir die Erziehung seines Sohnes anvertrauen wollen. Unstreitig hat er mir dadurch eine große Ehre erwiesen; allein anstatt sich über meinen ablehnenden Bescheid zu beschweren, hat er vielmehr alle Ursache mir über die gehegten Bedenken seine volle Zufriedenheit zu erkennen zu geben. Hätte ich sein Anerbieten angenommen und meine Methode hätte sich als irrthümlich herausgestellt, so wäre meine Erziehung mißlungen gewesen; hatte ich dagegen glückliche Resultate erzielt, so wäre es noch schlimmer gewesen. Sein Sohn hätte auf seine Titel verzichtet, er hätte nicht mehr Prinz sein wollen. Ich bin von der Größe der Pflichten eines Erziehers zu sehr durchdrungen und fühle meine Unfähigkeit in zu hohem Grade, um je ein solches Amt anzunehmen, von welcher Seite es mir auch immer angetragen werden möge, und selbst das Interesse der Freundschaft würde für mich nur ein neuer Beweggrund der Ablehnung sein. Ich bin überzeugt, daß sich nach Lectüre dieses Buches nur Wenige versucht fühlen werden, mir ein solches Anerbieten zu machen, und ich bitte diejenigen, welche sich etwa doch dazu verstehen könnten, sich keine vergebliche Mühe zu geben. Der Versuch, den ich in früherer Zeit mit der Erziehungskunst gemacht, hat mir den genügenden Beweis geliefert, daß ich mich nicht für dieselben eigne, und meine äußere Lage würde mir die Ausübung desselben auch dann unmöglich machen, wenn es mir an der nöthigen Befähigung nicht gebräche. Diese öffentliche Erklärung glaubte ich denen schuldig zu sein, welche eine zu geringe Meinung von mir zu liegen scheinen, um mich für aufrichtig und fester Entschlüsse fähig zu halten. Außer Staude die schwerere Aufgabe zu lösen, will ich mich wenigstens an die leichtere heranwagen; nach dem Beispiele so vieler Anderer will ich nicht die Hand ans Werk legen, sondern an die Feder, und anstatt das Erforderliche zu thun, will ich mich es zu sagen bemühen. Ich weiß recht wohl, daß die Verfasser bei ähnlichen Unternehmungen in ihren Systemen, mit deren praktischer Ausführung sie sich nicht zu befassen brauchen, mit der größten Seelenruhe und in der oberflächlichsten Weise viel prächtig klingende, aber ganz unpraktische Vorschriften zu machen pflegen, und daß, weil sie es an der Besprechung der Einzelheiten und an den nöthigen Beispielen fehlen lassen, selbst das Ausführbare so lange ohne Nutzen bleibt, bis sie die Ausführbarkeit gezeigt haben. Um mich nun nicht ähnlichen Vorwürfen auszusetzen, bin ich auf den Ausweg verfallen, mir einen imaginären Zögling zu geben, mich selbst mit dem Alter, der Gesundheit, den Kenntnissen und allen Fähigkeiten ausgerüstet zu denken, die dazu gehören seine Erziehung zu leiten, und endlich dieselbe von seiner Geburt an bis zu dem Augenblicke fortzuführen, wo er, in der Vollkraft seines Mannesalters, im Stand ist ohne fremde Führung durch das Leben zu schreiten. Diese Methode halte ich für ganz besonders geeignet, einen Schriftsteller, der seiner selber nicht ganz sicher ist, davon zurückzuhalten, sich in utopistische Träumereien zu verlieren; denn sobald er von der herkömmlichen Erziehungsweise abweicht, braucht er nur die seinige an seinem Zöglinge der Probe zu unterwerfen. Dann wird er, oder der Leser statt seiner, bald herausfühlen, ob er der stetigen Entwickelung der Kindheit und dem natürlichen Gange des menschlichen Herzens folgt. Und das zu thun bin ich unter allen Schwierigkeiten, die sich mir entgegenstellten, aufrichtig bestrebt gewesen. Um mein Buch nicht unnützerweise noch umfangreicher zu machen, habe ich mich damit begnügt, diejenigen Grundsätze aufzustellen, deren Wahrheit unanfechtbar ist. Was dagegen die Regeln anlangt, die noch erst des Beweises bedürfen, so habe ich sie alle auf meinen Emil oder auf andere Beispiele angewandt und die Ausführbarkeit meiner Behauptungen an Einzelheiten weitläufig nachgewiesen. Diesen Plan habe ich mich wenigstens inne zu halten bemüht, in wie weit es mir gelungen ist, möge der Leser selbst beurtheilen. Der Grund, weshalb ich anfangs wenig von Emil gesprochen habe, liegt darin, daß meine Hauptgrundsätze der Erziehung, in so schroffem Gegensatze sie auch zu den jetzt giltigen stehen, so klar überzeugend sind, daß ihnen schwerlich ein vernünftiger Mensch seine Zustimmung wird versagen können. Allein je weiter mein Werk fortschreitet, desto unähnlicher wird mein Zögling, der ja ganz anders als die einigen geleitet ist, einem gewöhnlichen Kinde: er bedarf einer ganz besonderen, nur für ihn bestimmten Leitung. Fortan erscheint er aber häufiger auf dem Schauplatze und zuletzt verliere ich ihn auch nicht einen einzigen Augenblick aus dem Gesicht, bis er schließlich, was er auch dazu sagen möge, meiner nicht im Geringsten mehr bedarf. Ich will hier nicht von den Eigenschaften eines guten Erziehers reden: ich setze sie stillschweigend voraus, so wie, daß ich mich ihres Besitzes zu erfreuen habe. Der Leser dieses Werkes wird sehen, mit welcher Freigebigkeit ich mich bedacht habe. Der allgemeinen Ansicht entgegen will ich mir nur die einzige Bemerkung erlauben, daß der Erzieher eines Kindes jung, und sogar so jung sein muß, als ein verständiger Mann nur immer sein kann. Ich wünschte, daß er womöglich selbst ein Kind wäre, daß er der Kamerad seines Zöglings werden und sich durch Theilnahme an seinen Spielen und Belustigungen sein Vertrauen erwerben könnte. Die Kindheit und das reife Alter haben zu wenig Gemeinsames, als daß sich bei diesem Abstande je eine echte und innige Zuneigung entwickeln kann. Die Kinder sind wol gegen Greise bisweilen zärtlich, nie werden sie dieselben aber lieben. Diese Idee theilte auch der Abbé Fleury, welcher verlangte, daß der Lehrer nach seiner äußeren Erscheinung wohl gebildet sei, gut rede und ein freundliches Gesicht habe. Anm. des Hl. Petitain. Man pflegt den Wunsch zu hegen, daß ein Erzieher schon früher eine Erziehung geleitet habe. Allein das ist zu viel; ein und derselbe Mensch kann nur eine einzige Erziehung übernehmen; bedürfte es, um zu einem glücklichen Resultate zu kommen, erst der Erfahrungen einer früheren, mit welchem Rechte würde man die erste zu übernehmen wagen? Im Besitze einer größeren Erfahrung würde man es freilich besser anzugreifen verstehen, aber man würde sein reicheres Wissen gar nicht mehr verwerthen können. Wer sich einmal dieser Mühwaltung mit solcher Hingebung unterzogen hat, daß er alle Lasten und Beschwerden derselben empfunden hat, der läßt sich zur Uebernahme dieses Amtes gewiß nicht zum zweiten Male gewinnen, und hat er das erste Mal keine günstigen Erfolge erzielt, so ist das ein schlimmes Vorzeichen für das zweite Mal. Es ist ein gewaltiger Unterschied, das will ich gern einräumen, einen jungen Menschen vier Jahre lang unter Augen zu haben oder ihn fünfundzwanzig Jahre lang zu leiten. Ihr überlasset euren Sohn erst dann einem Erzieher, wenn seine Entwicklung schon eine bestimmte Richtung angenommen hat; ich dagegen will ihm einen schon vor seiner Geburt geben. Euer Erzieher kann alle paar Jahre einen neuen Schüler erhalten; der meinige wird nie mehr als einen haben. Ihr macht zwischen Lehrer und Erzieher einen Unterschied: eine neue Thorheit. Macht ihr denn etwa zwischen Schüler und Zögling einen Unterschied? In einer einzigen Wissenschaft braucht man die Kinder zu unterweisen, in der Wissenschaft von den Pflichten des Menschen. Diese Wissenschaft bildet eine völlig in sich abgeschlossene Einheit, und was auch immer Xenophon von der Erziehung der Perser gesagt hat, sie läßt sich nicht theilen. Uebrigens nenne ich den Lehrer dieser Wissenschaft weit lieber Erzieher als nur Lehrer, weil es sich für ihn weniger um Unterrichtsertheilung als um angemessene Leitung handelt. Er soll nicht blos Regeln geben, sondern seinen Zögling daran gewöhnen, sie selbst aufzufinden. Wenn man aber bei der Wahl eines Erziehers mit so großer Vorsicht zu Werke gehen muß, so wird es diesem wol ebenfalls gestattet sein müssen, sich seinen Zögling zu wählen, besonders wenn man sich die Aufgabe gestellt hat, ein Muster aufzustellen. Aus diese Wahl vermögen weder die Anlagen noch der Charakter des Kindes einen bestimmenden Einfluß auszuüben, da sie sich ja erst nach Vollendung des Werkes ganz erkennen lassen, und ich mir meinen Zögling schon vor seiner Geburt wähle. Wenn mir die Wahl frei stände, würde sie auf ein Kind fallen, das sich durch keine hervorragenden Anlagen auszeichnet, und so stelle ich mir auch meinen Zögling vor. Nur gewöhnliche Menschen bedürfen der Erziehung, ihre Erziehung allein kann für diejenige, welche bei allen ihnen an Begabung Gleichstehenden beobachtet werden muß, zum Muster dienen. Die Andern erziehen sich aller Gegenbemühungen ungeachtet allein. Das Land ist für die Bildung der Menschen ebenfalls von wesentlichem Einfluß. Nur in den gemäßigten Himmelsstrichen können sie die höchste Entwickelungsstufe erreichen. Der schädliche Einfluß der extremen Klimate läßt sich deutlich nachweisen. Ein Mensch wird nicht wie ein Baum in ein Land gepflanzt, um beständig darin zu bleiben, und wer von einem Extrem zum andern gelangen will, ist gezwungen einen doppelt so großen Weg wie derjenige zurückzulegen, der vom Mittelpunkte aus demselben Ziele entgegeneilt. Selbst in dem Falle, daß der Bewohner eines gemäßigten Himmelsstriches die beiden klimatischen Extreme nach einander durchreist, ist er offenbar im Vortheile; denn obgleich er den klimatischem Temperaturwechsel in gleich hohem Grade wie derjenige ausgesetzt ist, welcher von einem äußersten Endpunkte zum andern geht, so entfernt er sich dennoch um die Hälfte weniger von den ihm zusagenden und gewohnten Verhältnissen! Ein Franzose ist eben so gut im Stande in Guinea wie in Lappland zu leben, aber ein Neger wird nicht eben so gut in Tornea, noch ein Samojede in Benin auszuhalten vermögen. Uebrigens scheint auch die Organisation des Gehirnes innerhalb der beiden äußersten Zonen weniger vollkommen zu sein. Weder die Neger noch die Lappen können sich an Verstand mit den Europäern messen. Hege ich also den aufrichtigen Wunsch, daß mein Zögling sich überall auf Erden aufzuhalten vermag, so werde ich ihn mir aus einer der beiden gemäßigten Zonen wählen, aus Frankreich z. B. lieber als anderswoher. Im Norden bedürfen die Menschen auf ihrem unergiebigen Boden viel Nahrungsstoff, im Süden dagegen auf fruchtbarem Boden nur wenig. Daraus ergibt sich eine neue Verschiedenheit, indem erstere zur rastlosen Thätigkeit gezwungen werden, während letztere ein mehr beschauliches Leben führen. Ein Bild dieser Verschiedenheit bietet uns die heutige Gesellschaft an einem und demselben Orte in den Armen und den Reichen dar. Jene bewohnen den unergiebigen Boden, diese den fruchtbaren. Der Arme hat keine Erziehung nöthig; die für seinen Stand ausreichende wird ihm schon durch die Verhältnisse aufgezwungen: er wäre nicht in der Lage sich eine andere zu verschaffen. Im Gegentheil ist die Erziehung, welche der Reiche von seinem Stande erhält, sowol ihm selbst als auch der Gesellschaft am wenigsten dienlich. Außerdem muß eine naturgemäße Erziehung nicht einen einzigen Stand ins Auge fassen, sondern einem Menschen die Fähigkeit mittheilen, sich in allen Lebenslagen bewegen zu können. Nun ist es aber offenbar weniger vernünftig, einen Armen mit Rücksicht auf die Möglichkeit, dereinst reich zu werden, als einen Reichen mit Rücksicht auf seine mögliche Verarmung zu erziehen; denn es steht fest, daß die Zahl der Verarmten die der Emporgekommenen überwiegt. Unsere Wahl soll deshalb auf einen Reichen fallen; wenigstens werden wir dann zu der befriedigenden Gewißheit gelangen, einen Menschen mehr gebildet zu haben, wohingegen ein Armer durch sich selbst ein Mensch zu werden vermag. Aus demselben Grunde würde es mir nicht unlieb sein, wenn Emil von vornehmer Abkunft wäre. Immer würde dadurch dem Vorurtheile ein Opfer entrissen werden. Ich betrachte Emil als Waise, wenn er auch noch Vater und Mutter hat. Durch Uebernahme ihrer Pflichten trete ich auch in alle ihre Rechte. Seinen Eltern soll er Ehrerbietung erweisen, Gehorsam dagegen nur mir allein. Das ist meine erste oder vielmehr meine einzige Bedingung. Freilich muß ich noch eine hinzufügen, die jedoch nur eine notwendige Folge derselben ist, daß man uns nämlich ohne unsere ausdrückliche Zustimmung nie von einander trennen darf. Diese Bedingung ist durchaus nothwendig, und ich wünschte sogar, der Erzieher und der Zögling betrachteten sich in so hohem Maße unzertrennlich, daß ihr Lebensloos eine ihnen gemeinsame Aufgabe bildete. Sobald ihnen ihre dereinstige Trennung stets vor Augen schwebt, sobald sie den Augenblick voraussehen, von dem an sie sich wieder fremd entgegentreten werden, so sind sie es schon; jeder schmiedet seine besonderen Pläne, und Beide, stets mit der Zeit beschäftigt, wo sie nicht mehr beisammen sein werden, bleiben es nur noch widerwillig. Der Schüler sieht in dem Lehrer nur noch den Aufpasser und den Quälgeist seiner Kinderjahre; der Lehrer erblickt dagegen in dem Schüler nur noch eine drückende Last, nach deren Abnahme er sich herzlich sehnt; beide sehnen sich gleich sehr nach dem Augenblick, der sie von einander erlösen soll, und da unter ihnen nie eine aufrichtige Zuneigung geherrscht hat, wird es der Eine eben so sehr an Wachsamkeit wie der Andere an Gelehrigkeit fehlen lassen. Wenn sie dagegen ihre Lebenswege als unzertrennlich mit einander verbunden betrachten, wird Jeder sich die Liebe des Andern zu gewinnen suchen, und schon durch dieses Streben allein werden sie einander werth. Der Zögling fühlt sich nicht beschämt, in seiner Jugend den Ratschlägen eines Freundes folgen zu müssen, der ihm auch, wenn er erwachsen ist, seine Freundschaft nicht entziehen wird, und der Erzieher gibt sich mit ganzer Seele Sorgen und Mühen hin, deren Frucht er pflücken soll; alle die Verdienste, die er sich bei der Erziehung seines Zöglings erwirbt bilden ein Capital, das ihm in seinem Alter zu Gute kommt. Ein solcher schon im Voraus abgeschlossener Vertrag setzt natürlich eine glückliche Niederkunft, ein wohlgebildetes kräftiges und gesundes Kind voraus. Ein Vater darf keine Vorliebe haben und kein Glied der Familie, die Gott ihm schenkt, auf Kosten der Andern bevorzugen; alle seine Kinder sind in gleicher Weise seine Kinder; allen ist er die nämliche aufmerksame Pflege schuldig. Ob sie verkrüppelt sind oder nicht, ob sie siech sind oder kräftig, jedes von ihnen ist ein anvertrautes Gut, über welches er dermaleinst dem, aus dessen Hand er es empfängt, wird Rechenschaft ablegen müssen; und die Ehe ist ein Vertrag, der nicht weniger mit der Natur als zwischen den Eheleuten abgeschlossen wird. Wer sich aber nun freiwillig einer Pflicht unterzieht, welche ihm die Natur keineswegs auferlegt hat, muß sich vorher auch der Mittel, sie zu erfüllen, versichern, sonst macht er sich für die ungenügende und mangelhafte Erfüllung selbst verantwortlich. Wer sich mit der Sorge für einen schwächlichen und kränklichen Zögling belastet, vertauscht seinen Erzieherberuf mit dem Dienste eines Krankenwärters; er verliert seine Zeit damit ein unnützes Leben zu pflegen, anstatt er sie einzig und allein der Aufgabe widmen sollte, den Werth eines Menschenlebens zu erhöhen. Er setzt sich selbst der Gefahr aus, daß ihm eines Tages eine trostlose Mutter den Tod ihres Sohnes, welchen er ihr lange Zeit künstlich erhalten hat, zum Vorwurf macht. Ich würde gewiß nicht die Last der Erziehung eines kränklichen und durch und durch ungesunden Kindes auf mich nehmen, und sollte es auch sein Dasein bis zum höchsten Greisenalter fristen. Ich will nichts von einem Zögling wissen, der weder sich noch Andern Nutzen schaffen kann, der sein ausschließliches Augenmerk auf seine leibliche Erhaltung richtet, und dessen eigener Körper der Erziehung der Seele hinderlich in den Weg tritt. Durch die vergebliche Verschwendung meiner Sorgen an denselben würde ich nur den Verlust der Gesellschaft verdoppeln und ihr statt eines Menschen gleich zwei entziehen. Ich habe nichts dagegen, wenn sich statt meiner ein Andrer mit diesem Schwächlinge befaßt, und ich kann seinem Liebeswerk meine Billigung nicht versagen, allein mir ist diese Fähigkeit versagt; ich verstehe mich nicht darauf, Jemanden leben zu lehren, der nur unaufhörlich darauf sinnt, den Tod von sich abzuwehren. Der Körper muß notwendiger Weise Kraft besitzen, wenn er anders der Seele gehorchen soll; ein guter Diener muß stark sein. Ich weiß, daß die Unmäßigkeit die Leidenschaften weckt; auf die Länge schwächt sie auch den Körper; aber umgekehrt bringen auch Kasteiungen und Fasten durch entgegengesetzte Ursachen oft dieselbe Wirkung hervor. Je schwächer der Körper ist, desto gebieterischer tritt er auf; je stärker er ist, desto gehorsamer ist er. Alle sinnlichen Leidenschaften wohnen in verweichlichten Körpern; je weniger dieselben sie zu befriedigen vermögen, desto mehr leiden sie unter ihren Einflüssen. Ein kraftloser Körper schwächt auch die Seele. Daher entspringt die Herrschaft der Arzneikunst, einer Kunst, welche den Menschen jedenfalls gefährlicher ist als alle Uebel, die sie sich zu heilen rühmt. Ich meinestheils kenne wenigstens die Krankheit nicht, von welcher uns die Aerzte zu heilen vermögen; so viel aber weiß ich, daß sie die Schuld an den unheilvollsten Leiden tragen, welche die Menschheit beunruhigen, nämlich an der Feigheit, dem Kleinmuthe, der Leichtgläubigkeit und der Furcht vor dem Tode; während sie den Körper heilen, ertödten sie den Muth. Was kann es darauf ankommen, wenn sie doch nur wandelnden Leichnamen scheinbares Leben einhauchen? Menschen sind uns nöthig, aber solche sieht man aus ihren Händen nicht hervorgehen. Das Mediciniren ist unter uns Mode geworden, und das kann nicht anders sein. Es gehört zu dem Zeitvertreibe geschäftsloser Müßiggänger, welche nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen und sie deshalb nur in der Sorge für ihre leibliche Erhaltung vergeuden. Hätten sie das Glück gehabt, als Unsterbliche in die Welt zu treten, so würden sie die elendesten Wesen sein. Ein Leben, dessen Verlust sie nie zu befürchten brauchten, würde ihnen werthlos erscheinen. Dergleichen Leute müssen durchaus Aerzte haben, die ihnen den Gefallen thun, sie in ewiger Todesfurcht zu erhalten, und die ihnen täglich das einzige Vergnügen, für das sie noch empfänglich sind, bereiten, das Vergnügen, noch nicht gestorben zu sein. Es liegt nicht in meiner Absicht, mich hier weitläufig über die Nichtigkeit der Arzneikunst zu verbreiten. Mein Zweck ist nur, sie von der sittlichen Seite zu betrachten. Gleichwol kann ich die Bemerkung nicht zurückhalten, daß sich die Menschen über ihren Nutzen genau denselben Trugschlüssen hingeben, wie über die Erforschung der Wahrheit. Sie gehen beständig von der Voraussetzung aus, daß der Kranke, welcher sich in ärztlicher Behandlung befindet, auch Heilung erhält, und daß das Suchen nach der Wahrheit auch zum Finden führt. Sie wollen nicht begreifen, daß man den Vortheil einer Heilung, welche man wirklich einmal dem Arzte zu verdanken hat, gegen den Tod von hundert Kranken, welchen er auf dem Gewissen hat, und den Nutzen einer neuentdeckten Wahrheit gegen den offenbaren Schaden abwägen muß, welchen die sich stets gleichzeitig daran knüpfenden Irrthümer hervorrufen. Die Wissenschaft, welche unterrichtet und die Arzneikunst, welche heilt, sind unzweifelhaft sehr nützlich; aber die Wissenschaft, welche uns Täuschungen aussetzt, und die Kunst, welche den Tod herbeiführt, sind schädlich. Könnte man uns wenigstens den Nachweis führen, wie sie sich unterscheiden lassen. Das ist die Hauptschwierigkeit. Wenn wir nicht so lüstern darauf wären, beständig neue Wahrheiten zu entdecken, so würden wir uns nicht so oft von der Lüge hinter das Licht führen lassen; wenn wir nicht darauf ausgingen, gegen die Natur Genesung zu suchen, so würden wir niemals unter den Händen des Arztes sterben. Jedenfalls würde es Klugheit verrathen, in diesen beiden Punkten eine gewisse Entsagung zu beobachten; durch Unterwerfung unter die Gesetze der Natur würde man augenscheinlich gewinnen. Ich bestreite also keineswegs, daß nicht die Arzneikunst einzelnen Menschen vorteilhaft sein könne, aber das behaupte ich entschieden, daß sie dem menschlichen Geschlechte im Allgemeinen unheilvoll ist. Man wird mir, wie man ja nicht müde wird unaufhörlich zu thun, den Einwand machen, daß die begangenen Fehler lediglich den einzelnen Aerzten zur Last gelegt werden müssen, daß indeß die Arzneikunst an sich untrüglich sei. Ist dies in der That der Fall, dann nahe sie sich wenigstens den Kranken ohne Vermittlung eines besonderen Arztes, denn sobald sie zusammen erscheinen, werden wir von den Irrthümern des Künstlers hundertmal mehr zu befürchten, als von seiner Kunst Hilfe zu hoffen haben. Bernardin de Saint Pierre erzählt in der Vorrede seines Werkes »Arcadien«, daß Rousseau eines Tages zu ihm sagte: »Wenn ich eine neue Ausgabe meiner Werke veranstalten sollte, würde ich mein Urtheil über die Aerzte mildern. Es gibt keinen Stand, welcher so gründliche Studien erfordert, wie der ihrige. In jedem Lande werden sie zu den gelehrtesten und gebildetsten Männern gehören.« Anm. des G. Petitain.] Diese trügerische Kunst, die offenbar mehr gegen die Uebel des Geistes als gegen die des Körpers gerichtet ist, schafft gegen die einen eben so wenig Nutzen als gegen die andern; sie heilt uns weniger von unseren Krankheiten, als daß sie uns vielmehr Schrecken vor denselben einflößt; sie hält den Tod weniger auf, als daß sie uns denselben im Gegentheile schon im Voraus fühlen läßt; sie schwächt das Leben, anstatt es zu verlängern, und wenn sie es verlängerte, so würde selbst dies doch nur unserm Geschlechte zum Schaden gereichen, weil sie uns durch die stete Sorge für unser Wohl, zu der sie uns unablässig anspornt, der Gesellschaft entzieht, und durch die unaufhörliche Todesfurcht, in der sie uns erhält, uns von der Erfüllung unserer Pflichten abhält. Die Kenntniß der Gefahren flößt uns Furcht vor denselben ein; wer sich für unverwundbar hielte, würde vor nichts Furcht empfinden. Indem der Dichter den Achill gegen die Gefahr waffnet, raubt er ihm das Verdienst der Tapferkeit; um denselben Preis wäre jeder Andere an seiner Stelle ebenfalls ein Achill gewesen. Nur an den Orten kann man Männer von wahrem Muthe antreffen, wo es keine Aerzte gibt, wo man nicht fortwährend über die Gefahr der Krankheiten grübelt und nur wenig an den Tod denkt. Im Naturzustande versteht der Mensch standhaft zu leiden und ruhig zu sterben. Erst die Aerzte mit ihren Recepten, die Philosophen mit ihren Vorschriften, die Priester mit ihren Ermahnungen rauben ihm den Muth und lassen ihm keine Ruhe, bis er zu sterben verlernt. Entweder muß der Zögling, den man mir anvertraut, aller dieser Leute entbehren können, oder ich weise ihn zurück. Ich will nicht, daß mir Andere mein Werk verderben; entweder will ich ihn allein erziehen oder gar nichts mit ihm zu schaffen haben. Der gelehrte Locke, welcher sich eine lange Zeit dem Studium der Medicin gewidmet hatte, empfiehlt angelegentlich, den Kindern weder aus Vorsorge noch wegen leichter Unpäßlichkeit Arznei zu geben. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und erkläre hiermit, daß ich den Arzt, welchen ich meinetwegen so wie so niemals rufe, auch nie wegen meines Emils rufen werde, es müßte denn sein Leben in augenscheinlicher Gefahr schweben, denn dann kann er ihn schlimmsten Falls ja auch nur tödten. Ich weiß recht wohl, daß der Arzt nicht verfehlen wird, aus dieser scheinbaren Saumseligkeit Vortheil zu ziehen. Stirbt das Kind, nun, so hat man ihn zu spät gerufen; kommt es davon, so wird die Rettung sein Werk sein. Mag es sein: möge der Arzt einen Triumph feiern; aber vor allen Dingen werde er nur in der äußersten Gefahr gerufen. Das Kind muß, weil es ja doch nicht versteht, sich selbst zu heilen, zunächst lernen krank zu sein; diese Kunst ersetzt die erstere und führt oft weit glücklichere Erfolge herbei, sie ist die Kunst der Natur. Ist das Thier krank, so leidet es still und verhält sich ruhig, und gleichwol sieht man nicht mehr sieche und kraftlose Thiere als Menschen. Wie viel Leute hat Ungeduld, Furcht, Aufregung und vor allen Dingen die Arznei getödtet, welche ihrer Krankheit sicher nicht erlegen wären, sondern durch die Zeit allein Heilung gefunden hätten. Man wird mir einwenden, daß die Thiere wegen ihrer naturgemäßeren Lebensweise auch weniger Leiden als wir unterworfen sein müssen. Sehr richtig, und darum will ich gerade diese Lebensweise meinem Zöglinge zur zweiten Natur machen; er wird den nämlichen Nutzen daraus ziehen. Der einzige wirklich nützliche Theil der Arzneiwissenschaft ist die Gesundheitslehre; überdies ist sie weniger eine Wissenschaft als eine Tugend. Mäßigkeit und Arbeit sind die beiden wahren Aerzte des Menschen: die Arbeit reizt den Appetit und die Mäßigkeit verhindert die mißbräuchliche Befriedigung desselben. Um mit Sicherheit festzustellen, welche Lebensweise dem Leben und der Gesundheit am meisten zusagt, braucht man nur zu erforschen, welche Lebensweise die Völker beobachten, welche am gesundesten und kräftigsten sind und es bis zum höchsten Alter bringen. Wenn sich durch die allgemeinen Beobachtungen nicht nachweisen läßt, daß die Ausübung der Arzneikunst dem Menschen eine festere Gesundheit und ein längeres Leben verleiht, so ist diese Kunst schon einfach in Folge des Umstands, daß sie keinen Nutzen gewährt, schädlich, weil sie sich Zeit, Menschen und Dinge ohne allen Erfolg dienstbar macht. Nicht allein muß man die Zeit, welche man mit der leiblichen Erhaltung des Lebens verschwendet, die deshalb für den Genuß und die Anwendung desselben verloren ist, von der ganzen Lebensdauer in Abzug bringen, sondern sie ist sogar, da sie nur zu unserer Qual angewendet wird, noch schlimmer, als wenn sie gar nicht dagewesen wäre, sie ist geradezu negativ, und will man bei der Rechnung billig verfahren, so muß man sie eigentlich auch noch von unserem Lebensreste abziehen. Ein Mensch, welcher zehn Jahre der Aerzte nicht bedarf, lebt sowol für sich als auch für Andere länger als derjenige, der dreißig Jahre seines Lebens ihr Opfer ist. Da ich beide Zustände aus eigener Erfahrung kenne, so halte ich mich mehr als sonst irgend Jemand für berechtigt, obigen Schluß daraus zu ziehen. Das sind die Gründe, aus denen ich nur einen kräftigen und gesunden Zögling will, und die Grundsätze, durch deren Anwendung ich ihn so zu erhalten gedenke. Ich werde mich nicht dabei aufhalten, erst weitläuftig den Nutzen der Handarbeiten und der körperlichen Uebungen für die Kräftigung des Körpers, die Entwickelung des Charakters und die Gesundheit zu beweisen; Niemand stellt ihn in Abrede; Beispiele eines langen Lebens finden sich fast nur bei solchen Menschen, die sich am meisten Bewegung gemacht, am meisten Anstrengung und Arbeit ertragen haben. Ich kann nicht umhin, hierbei ein englischen Zeitschriften entlehntes Beispiel anzuführen, da es reichliche Gelegenheit darbietet, auf meinen Gegenstand bezügliche Betrachtungen anzustellen: »Ein Privatmann, Namens Patrik Oneil, geboren 1647, verheirathete sich 1760 zum siebenten Male. Vom 17. Regierungsjahre Karls II. an diente er bis 1740, wo er verabschiedet wurde, unter den Dragonern, so wie sonst noch in verschiedenen anderen Truppentheilen. Er hat alle Feldzüge des Königs Wilhelm und des Herzogs von Marlborough mitgemacht. Dieser Mann hat nie anderes als einfaches Bier getrunken; seine Nahrung bestand ausschließlich aus Vegetabilien und nur bei einigen Festmahlzeiten im Kreise seiner Familie hat er Fleisch gegessen. Er pflegte mit Sonnenaufgang aufzustehen und mit Sonnenuntergang zu Bett zu gehen, falls ihn seine Pflichten nicht daran hinderten. Gegenwärtig steht er in seinem 113. Lebensjahre, hört vortrefflich, befindet sich wohl und geht ohne Stock. Trotz seines hohen Alters ist er keinen Augenblick unthätig und jeden Sonntag geht er in Begleitung seiner Kinder, Enkel und Urenkel nach seiner Pfarrkirche.« Eben so wenig werde ich mich umständlich auf Einzelheiten hinsichtlich der Sorgfalt einlassen, die ich einzig und allein auf diesen Gegenstand zu verwenden gedenke. Man wird sehen, daß dieselben von meiner Methode untrennbar sind, so daß man, hat man nur erst den Geist erfaßt, keiner anderen Erklärung bedarf. Gleichzeitig mit dem Leben beginnen die Bedürfnisse. Das neugeborene Kind muß eine Amme haben. Wenn die Mutter damit einverstanden ist, selbst ihre Pflicht zu erfüllen, desto besser, nur wird man ihr dann schriftliche Anleitung geben müssen, denn diesem Vorteil wird dadurch die Wage gehalten, daß er den Erzieher in etwas größerer Entfernung von seinem Zöglinge hält. Indeß läßt sich annehmen, daß das Wohl des Kindes, sowie die Achtung vor demjenigen, dem sie ein so theures Gut anvertrauen will, die Mutter bewegen werden, den Rath des Lehrers zu beachten, und außerdem kann man mit Sicherheit voraussetzen, daß sie ihre gefaßten Pläne auch besser als jede andere ausführen wird. Ist aber eine fremde Amme einmal nöthig, so ist eine glückliche Wahl derselben die erste Hauptsache. Zu den Unannehmlichkeiten, welchen reiche Leute ausgesetzt sind, gehört besonders der Umstand, daß sie bei Allem betrogen werden. Darf man sich daher wundern, wenn sie eine schlechte Meinung von den Menschen haben? Der Reichthum verdirbt sie, und als gerechte Vergeltung fühlen grade sie zuerst die Unvollkommenheit des einzigen Werkzeugs, welches ihnen bekannt ist. Was sie nicht selbst thun, wird bei ihnen Alles schlecht ausgeführt; leider thun sie fast nie etwas. Die Auswahl einer Amme überläßt man dem Geburtshelfer. Was ist die Folge davon? Daß stets die für die beste gilt, welche demselben den größten Vortheil zugewandt hat. Ich werde mir deshalb wegen Emils Amme bei keinem Geburtshelfer Rath einholen; ich werde mich der Mühe, sie auszusuchen, selbst unterziehen. Freilich werde ich vielleicht die Gründe, welche mich zu meiner Wahl bestimmt haben, nicht so beredt wie ein Arzt entwickeln können, aber sicherlich kann ich mehr Treu und Glauben für mich beanspruchen, und mein Eifer wird mich weniger täuschen als seine Habsucht. Um eine solche Wahl treffen zu können, braucht man sich keineswegs erst einen Schatz geheimnißvoller Kenntnisse angeeignet zu haben; die Regeln dazu sind bekannt; indeß weiß ich nicht, ob man nicht dem Alter so wie der Beschaffenheit der Milch noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Die junge Milch der Wöchnerin ist noch völlig wässerig; sie muß beinahe eine auflösende und abführende Kraft besitzen, um die Eingeweide des neugeborenen Kindes von dem letzten Rest des zähen meconium zu reinigen. Nach und nach nimmt sie an Dichtigkeit zu und gibt dem Kinde, dessen Verdauungsvermögen schon stärker geworden ist, eine kräftigere Nahrung. Gewiß verändert die Natur nicht ohne Ursache bei den Weibchen aller Thiergattungen die Dichtigkeit der Milch nach dem Alter des Säuglings. Ein neugeborenes Kind müßte demnach auch eine erst vor Kurzem entbundene Amme haben. Ich weiß nur zu wohl, welche Hindernisse dem entgegentreten; weicht man aber einmal von der Ordnung der Natur ab, so stößt man überall auf Hindernisse, wenn man seine Sache gut machen will; der bequemste Ausweg bleibt immer seine Sache schlecht zu machen und den ergreift man auch gewöhnlich. Eine Amme sollte an Geist und Körper gleich gesund sein; zügellose Leidenschaften können ihre Milch eben so wie schlechte Säfte verderben. Uebrigens faßt man, wenn man hierbei ausschließlich das Physische in Betracht zieht, den Gegenstand nur zur Hälfte ins Auge. Die Milch kann gut und die Amme gleichwol schlecht sein; ein guter Charakter ist nicht weniger nothwendig als eine gute Körperbeschaffenheit. Ich will zwar nicht behaupten, daß, wenn die Wahl auf eine lasterhafte Frau fällt, ihr Säugling ihre Laster annehmen werde, aber so viel behaupte ich wenigstens, daß er darunter leiden werde. Soll sie ihm nicht außer der Milch, die sie ihm reicht, auch Pflege erweisen, welche Eifer, Geduld, Sanftmuth und Reinlichkeit erfordert? Ist sie naschhaft, ist sie unmäßig, so wird sie binnen Kurzem ihre Milch verdorben haben; ist sie nachlässig oder aufbrausend, wie wird es dann einem armen unglücklichen Wesen ergehen, daß ihrer Willkür völlig Preis gegeben ist und sich weder vertheidigen noch beschweren kann? Niemals werden die Schlechten etwas Gutes auszurichten im Stande sein, was es auch immer sein möge. Die Wahl der Amme ist um so wichtiger, als ihr Säugling keine andere Wärterin als sie haben soll, wie er auch keinen anderen Lehrer als seinen Erzieher haben soll. So erheischte es die Sitte bei den Alten, die weniger Worte machten und doch verständiger waren als wir. Nachdem die Ammen die Kinder ihres Geschlechts gesäugt hatten, verließen sie dieselben nie mehr. Das ist auch die Ursache, weshalb in ihren Theaterstücken die meisten Vertrauten Ammen sind. Es ist ja auch unmöglich, daß ein Kind, welches nach und nach durch so viele verschiedene Hände geht, gut erzogen werden kann. Bei jedem Wechsel stellt es im Geheimen Vergleichungen an, die stets darauf hinauslaufen, seine Achtung von seinen Erziehern und folglich auch ihre Autorität über dasselbe zu schwächen. Wenn sich erst einmal der Gedanke in ihm bildet, daß es Erwachsene gibt, die nicht mehr Vernunft haben als Kinder, so ist alles Ansehen des Alters sofort verloren und die Erziehung gescheitert. Ein Kind darf keine anderen Vorgesetzten als seinen Vater und seine Mutter kennen oder, in deren Stellvertretung, seine Amme und seinen Erzieher, ja sogar diese zwei sind schon um eins zu viel. Leider ist aber diese Theilung unvermeidlich, und nur dadurch läßt sich diesem Uebelstande einigermaßen abhelfen, daß die Personen beiderlei Geschlechts, welche das Kind erziehen, in Bezug auf ihre verantwortliche Aufgabe so vollkommen übereinstimmen, daß sie in den Augen desselben gleichsam nur ein einziges Ganze bilden. Die Amme muß etwas bequemer leben, bedarf einer kräftigeren Kost, aber sie darf ihre Lebensweise nicht vollständig ändern, denn eine plötzliche und gänzliche Aenderung ist stets, sogar dann, wenn sie etwas Besseres an die Stelle des Schlechteren setzen sollte, der Gesundheit nachtheilig; und da ihre bisherige Lebensweise ihr die Gesundheit erhalten oder gegeben und sie derselben ihre kräftige Constitution zu verdanken hat, welchen Nutzen würde sie durch eine Aenderung gewinnen? Die Bäuerinnen essen weniger Fleisch und mehr Gemüse als die Städterinnen, und diese vegetabilische Kost scheint ihnen und ihren Kindern eher zuträglich als schädlich zu sein. Erhalten sie nun aber städtische Säuglinge, so setzt man ihnen fortwährend Suppen vor, fest überzeugt, daß kräftige Fleischbrühen sie zu dem Ernährungsgeschäft geeigneter machen, und ihnen mehr Milch geben. Ich bin durchaus nicht dieser Meinung, und auf meiner Seite habe ich die Erfahrung, welche uns lehrt, daß die auf diese Weise ernährten Kinder weit mehr als andere von Leibschmerzen und Würmern zu leiden haben. Das ist auch gar nicht zu verwundern, da die animalische Substanz bei eintretender Fäulniß von Würmern wimmelt, was bei der vegetabilischen nicht in gleicher Weise stattfindet. Obgleich sich die Milch im thierischen Körper erzeugt, ist sie doch eine vegetabilische Substanz. Die Frauen essen Brod, Gemüse, Milchspeisen: die Hündinnen und Katzen gehen derselben Nahrung nach; sogar die Wölfinnen grasen. Diese Nahrung gibt ihnen die vegetabilischen Säfte zu ihrer Milch. Es bleibt noch die Milch derjenigen Thierarten zu untersuchen übrig, welche einzig und allein auf Fleischnahrung angewiesen sind, falls es, was ich bezweifle, überhaupt solche gibt. Ihre Analyse weist dies nach; sie geht leicht in Säure über, und anstatt auch nur irgend eine Spur flüchtigen Laugensalzes zu liefern, wie es bei allen animalischen Substanzen der Fall ist, gibt sie vielmehr ein in hohem Grade neutrales Salz. Die Milch der Grasfresser ist lieblicher und gesünder als die der Fleischfresser. Aus einer der ihrigen gleichartigen Substanz gewonnen, bewahrt sie ihre Natur besser und ist dem Verderben weniger ausgesetzt. Jedermann weiß, daß Mehlspeisen mehr Blut bilden als Fleischspeisen; also müssen sie auch mehr Milch geben. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Kind, welches man nicht zu frühzeitig entwöhnte und dann nur bei einfacher Pflanzenkost aufzog und dessen Amme sich ebenfalls mit Pflanzenkost begnügte, je an Würmern leiden sollte. Es ist möglich, daß Pflanzenkost eine Milch gibt, die eher in Säure übergeht; aber ich bin gar weit davon entfernt saure Milch für ein ungesundes Nahrungsmittel zu halten; ganze Völker, die nur darauf angewiesen sind, befinden sich sehr wohl dabei, und mir kommen alle diese Säure verzehrenden Mittel wie reine Charlatanerie vor. Es gibt Naturen, welchen die Milch nicht zuträglich ist, und dann wird kein absorbirendes Mittel sie in ein denselben dienliches Nahrungsmittel verwandeln; andere vertragen sie ohne dergleichen Mittel. Man befürchtet von der dicken oder geronnenen Milch üble Folgen. Das ist eine Thorheit, da es eine altbekannte Thatsache ist, daß die Milch immer im Magen gerinnt. Weil sie dabei ihren flüssigen Zustand verliert, wird sie grade zur Ernährung der Kinder und der Jungen der Thiere erst recht geeignet; wenn sie nicht gerönne, würde sie durch den Körper, ohne ihn zu ernähren, hindurchgehen. Obgleich sich die Säfte, die uns ernähren, in flüssigem Zustande befinden, so müssen sie doch erst aus festen Nahrungsmitteln herausgezogen werden. Ein Arbeiter, welcher ausschließlich von Fleischsuppe leben würde, müßte sehr bald zu Grunde gehen. Weit besser könnte er sich mir Milch erhalten, weil dieselbe gerinnt. Umsonst verdünnt man die Milch auf tausenderlei Art, umsonst wendet man tausenderlei absorbirende Mittel an: wer Milch genießt, verdaut doch Käse; das ist eine Regel, von der es keine Ausnahme gibt. Der Magen besitzt die Fähigkeit, die Milch gerinnen zu lassen, in so hohem Grade, daß man sich des Kälbermagens als Käselab bedient. Ich halte deshalb dafür, daß man den Ammen keine andere Kost als ihre gewöhnliche zu geben braucht, und daß es vollkommen genügt, ihnen dieselbe reichlicher und schmackhafter zu bereiten. Es liegt nicht in der Natur der ohne Fleisch gekochten Speisen, daß sie erhitzen; lediglich ihre Zubereitung macht sie ungesund. Reformirt eure Küchenrecepte, verlangt nicht viel Gebackenes und Gebratenes; laßt weder Butter, noch Salz, noch Milch ans Feuer kommen; würzt die in Wasser gekochten Gemüse nicht eher, als bis sie heiß auf den Tisch kommen. Ohne Fleisch zubereitete Speisen werden die Amme nicht erhitzen, sondern ihr im Gegentheile reichliche und vortreffliche Milch geben. Diejenigen, welche sich noch weiter mit den Vortheilen und Nachtheilen der pythagoreischen Lebensweise bekannt zu machen wünschen, mögen sich in den Abhandlungen Raths erholen, welche die Doctoren Cocchi und sein Gegner Manchi über diesen wichtigen Gegenstand veröffentlicht haben. Hat man die vegetabilische Kost einmal als die dem Kinde zuträglichste anerkannt, wie wäre es dann möglich, die Fleischkost für die der Amme angemessenste zu halten. Es läge ein schreiender Widerspruch darin. In den ersten Lebensjahren übt vorzüglich die Luft einen entscheidenden Einfluß auf die Körperconstitution des Kindes aus. So lange die Haut noch zart und weich ist, dringt dieselbe durch alle Poren und ist bei der Entwickelung der jungen im Wachsthum begriffenen Körper von größter Wichtigkeit; sie hinterläßt an denselben Eindrücke, die sich nicht verwischen. Ich würde mich deshalb nicht dafür entscheiden, daß man eine Bäuerin ihrem Dorfe entzöge, um sie in der Stadt in ein Zimmer zu sperren und das Kind im elterlichen Hause zu nähren; ich würde es für besser halten, das Kind die reine Landluft statt der verdorbenen Stadtluft einathmen zu lassen. Es muß den Stand seiner Pflegemutter annehmen, ihr ländliches Haus bewohnen, und sein Erzieher muß ihm dahin folgen. Der Leser wird sich dessen wol noch erinnern, daß dieser Erzieher sein Amt nicht um des Lohnes willen verrichtet; er ist der Freund des Vaters. Wenn sich nun aber ein solcher Freund nicht findet, wenn sich der Aufenthalt auf dem Lande nicht so leicht bewerkstelligen läßt, wenn alle diese Rathschläge sich als unausführbar erweisen, was in aller Welt, wird man mir entgegnen, ist dann zu thun? Ich habe es euch schon gesagt: thut was ihr wollt; da hat mein Rath ein Ende. Die Menschen sind nicht dazu geschaffen, um wie in einem Ameisenhaufen zusammengepfercht zu leben, sondern sollen die Erde füllen und bebauen. Je enger sie zusammenwohnen, desto mehr verderben sie sich. Körperliche Gebrechen so wie geistige Mängel sind die unfehlbare Folge jedes zu zahlreichen Zusammenlebens. Der Mensch ist unter allen lebenden Wesen dasjenige, welches am wenigsten heerdenweise zu leben vermag. Menschen, die wie Schafe zusammengepfercht wären, würden in kürzester Zeit zu Grunde gehen. Der Odem des Menschen wirkt tödtlich auf seines Gleichen; das ist im eigentlichen Sinne durchaus eben so wahr wie im bildlichen. Die Städte sind der Abgrund des menschlichen Geschlechts. Nach Verlauf weniger Menschenalter gehen die Stämme unter oder entarten; man muß sie wieder verjüngen, und stets ist es das Land, von dem diese Verjüngung ausgeht. Schicket deshalb eure Kinder ins Freie, damit sie sich, so zu sagen, selbst verjüngen und inmitten der Fluren die Vollkraft wiedergewinnen, welche man in der ungesunden Luft übervölkerter Orte verliert. Schwangere Frauen, die sich auf dem Lande aushalten, kehren zeitig in die Stadt zurück, um daselbst niederzukommen; sie sollten grade das Gegentheil thun, die vor allen Dingen, welche ihre Kinder selbst zu stillen beabsichtigen. Sie würden es weniger bedauern, als sie vielleicht denken, und die Freuden, welche uns die treue Erfüllung der natürlichen Pflichten gewährt, würden ihnen während eines Aufenthalts, der unserem Geschlechte weit natürlicher ist, bald den Geschmack an leeren Vergnügungen benehmen, die diesen Pflichten zuwiderlaufen. Unmittelbar nach erfolgter Geburt wäscht man das Kind mit lauem Wasser, dem man Wein beizumischen pflegt. Diese Beimischung von Wein erscheint mir gerade nicht nöthig. Da die Natur selbst nichts Gegohrenes hervorbringt, so läßt sich nicht gut annehmen, daß die Anwendung einer künstlichen Flüssigkeit für das Leben ihrer Geschöpfe von Wichtigkeit sei. Aus demselben Grunde ist die Vorsicht, lauwarmes Wasser anzuwenden, nicht unbedingt nothwendig; und in der That baden nicht wenige Völker ihre neugeborenen Kinder ohne Weiteres in den Flüssen oder im Meere; allein unsere, welche durch die Verweichlichung der Väter und Mütter schon vor ihrer Geburt ebenfalls verweichlicht sind, bringen, wenn sie auf die Welt kommen, schon eine verderbte Körperconstitution mit, so daß man sie nicht gleich all' den Versuchen und Experimenten, welche ihre Wiederherstellung bezwecken, aussetzen darf. Nur stufenweise kann man sie zu ihrer ursprünglichen Lebenskraft zurückführen. Für den Anfang empfiehlt es sich deshalb die bestehende Sitte beizubehalten und nur allmälich dieselbe aufzugeben. Häufiges Baden ist nothwendig, ihre Unreinlichkeit liefert den Beweis. Durch bloßes Abwaschen und Abtrocknen kann man sie leicht verletzen; aber mit der zunehmenden Erstarkung derselben muß man nach und nach die Wärme des Wassers vermindern, bis man sie zuletzt Sommer und Winter mit kaltem, ja sogar mit eiskaltem Wasser baden darf. Da es, um ihre Gesundheit keiner Gefahr auszusetzen, von Wichtigkeit ist, daß diese Verminderung langsam, allmählich und unmerklich vor sich gehe, so kann man sich zur genaueren Messung derselben eines Thermometers bedienen. Diese Sitte des Badens darf nun, wenn sie einmal eingeführt ist, nie wieder unterbrochen werden, und es ist von äußerster Wichtigkeit, sie lebenslänglich beizubehalten. Ich schätze sie nicht allein vom Gesichtspunkte der Reinlichkeit und dem augenblicklichen Gesundheitszustande aus, sondern erblicke darin auch eine heilsame Vorsichtsmaßregel, um das Zellengewebe und das Muskelsystem geschmeidiger zu machen und sie dahin zu bringen, ohne Anstrengung und Gefahr jeden Temperaturwechsel zu ertragen. Zu gleichem Zwecke wünschte ich auch, daß man sich mit zunehmendem Alter nach und nach daran gewöhnte, sich abwechselnd bald in warmem Wasser von allen nur erträglichen Hitzegraden, bald in kaltem Wasser jeglicher Temperatur zu baden. Auf diese Weise würde man, wenn man sich erst daran gewöhnt hätte, jeglichen Temperaturwechsel des Wassers zu ertragen, gegen den der Luft fast unempfindlich sein, da das Wasser, welches eine dichtere Flüssigkeit als letztere ist, uns an viel mehr Punkten berührt und deshalb eine größere Wirkung auf uns ausübt. Man dulde nicht, daß man dem Kinde in dem Augenblicke, wo es von seiner natürlichen Hülle befreit wird und zu athmen beginnt, andere gebe, die es noch mehr beengen. Keine Kinderhäubchen, keine Wickelbänder, keine Steckkissen! Gebrauchet nichts weiter als lockere und breite Windeln, die dem Kinde den freien Gebrauch seiner Glieder gestatten und weder so schwer sind, dasselbe in seinen Bewegungen zu behindern, noch so warm, um die Einwirkungen der Luft von ihm abzuhalten. Man erstickt die Kinder in den Städten dadurch, daß man sie eingesperrt hält und warm anzieht. Diejenigen, welchen ihre erste Leitung anvertraut ist, sollten doch wissen, daß die kalte Luft ihnen nicht schädlich ist, sondern sie im Gegentheile stärkt, und daß die warme Luft sie schwächt, sie in fieberhaften Zustand versetzt und geradezu tödtet. Legt es in eine nicht zu enge, gut gepolsterte Wiege, Ich bediene mich des Ausdruck »Wiege«, um anstatt eines andern ein allgemein übliches Wort zu gebrauchen; denn was die Sache selbst anlangt, bin ich vollkommen überzeugt, daß es ganz unnöthig ist, die Kinder zu wiegen, und daß ihnen diese Sitte sogar oft nachtheilig ist. wo es sich bequem und gefahrlos bewegen kann. Beginnt es dann kräftiger zu werden, so laßt es im Zimmer umher kriechen; laßt es seine kleinen Glieder dehnen und strecken, und ihr werdet sehen, wie sie sich von Tage zu Tage kräftiger entwickeln. Wenn ihr es dann mit einem wohleingewindelten Kinde desselben Alters vergleicht, werdet ihr über die Verschiedenheit ihrer Fortschritte erstaunt sein. »Die alten Peruaner bedienten sich eines sehr breiten Stechkissens und ließen den Kindern in demselben die Arme frei; sobald sie aber demselben entwachsen waren, so stellten die Eltern sie frei in eine mit Decken ausgelegte Grube in der Erde, in welche sie bis zu den Hüften hinabreichten. Auf diese Weise hatten sie die Arme frei und konnten nach Belieben ihren Kopf bewegen und ihren Körper drehen, ohne zu fallen und ohne sich zu beschädigen. Sobald sie im Stande waren einen Schritt zu thun, bot man ihnen in einiger Entfernung die Brust, um sie durch dieses Lockmittel zum Gehen zu bewegen. Die kleinen Neger befinden sich bisweilen, wenn sie die Brust nehmen wollen, in einer noch viel beschwerlicheren Stellung. Sie umklammern nämlich eine der Hüften ihrer Mutter mit ihren Knieen und Füßen und schmiegen sich so fest an, daß sie sich ohne Hilfe der Mutter in dieser Lage erhalten. Sie ergreifen die Brust mit ihren Händen und saugen beständig, ohne sich, trotz der verschiedenen Bewegungen der Mutter, die inzwischen ihre gewöhnliche Arbeit verrichtet, stören zu lassen und ohne zu fallen. Diese Kinder beginnen schon vom zweiten Monat an zu laufen, oder vielmehr auf Knien und Händen zu rutschen. Diese Uebung verleiht ihnen für die Zukunft die Gewandtheit, in dieser Stellung sich fast eben so schnell als auf ihren eigenen Füßen fortzubewegen.« Buffon, allgem. Naturgesch. Bd. IV, S. 192. Diesen Beispielen hätte Buffon noch das hinzufügen können, welches uns jetzt England liefert, wo die lächerliche und barbarische Sitte des Einwindelns von Tage zu Tage mehr außer Gebrauch kommt. Man vergleiche auch la Loubere's Reise nach Siam, le Beau's Reise nach Kanada etc. Ich könnte zwanzig Seiten mit Citaten anfüllen, wenn es noch der Bestätigung durch Tatsachen bedürfte. Man muß sich dabei natürlich auf den entschiedensten Widerspruch seitens der Ammen gefaßt machen, denen ein fest eingepacktes Kind bedeutend weniger Mühe macht als ein solches, welches eine unaufhörliche Überwachung erheischt. Außerdem wird die Verunreinigung desselben bei einem offenen Kleidchen in die Augen fallender, und die Amme muß sich deshalb öfter der Mühe unterziehen, das Kind zu reinigen. Endlich wird auch noch die bestehende Sitte vorgeschützt, ein Grund, der in gewissen Ländern in den Augen aller Volksklassen völlig unwiderlegbar scheint. Die Ammen muß man nicht mit Vernunftgründen zu widerlegen suchen; gebt bestimmten Befehl, überwachet die Ausführung und lasset kein Mittel unversucht, durch welches die wirkliche Beobachtung der von euch vorgeschriebenen Wartung und Pflege erleichtert werden kann. Warum sollte man dieselbe nicht theilen? Bei der herkömmlichen Erziehungsweise, bei der man lediglich das Physische berücksichtigt, erscheint, wenn nur das Kind leben bleibt und nicht dahinsiecht, alles Uebrige von geringer Bedeutung; allein hier, wo die Erziehung mit dem Eintritt in das Leben beginnt, ist das Kind schon von Geburt an Schüler, zwar nicht des Erziehers, aber der Natur. Die Aufgabe des sogenannten Erziehers besteht nur in einem ununterbrochenen Studium dieser ersten und wichtigsten Lehrmeisterin, und in der unausgesetzten Bemühung Alles aus dem Wege zu räumen, wodurch die Wirksamkeit derselben vereitelt werden könnte. Er überwacht den Säugling, er beobachtet ihn, er läßt ihn nicht aus den Augen; er sucht mit gespannter Wachsamkeit den ersten schwachen Schimmer der aufdämmernden Vernunft zu erspähen, wie die Muhamedaner beim Herannahen des ersten Viertels den Augenblick des Mondaufganges zu erspähen suchen. Wir werden zwar mit der Fähigkeit zu lernen, aber ohne irgend ein Wissen, ohne irgend eine Kenntniß geboren. Die an unvollkommene und erst halbfertige Organe gebundene Seele besitzt noch nicht einmal das Bewußtsein ihrer eigenen Existenz. Die Bewegungen und das Geschrei des neugeborenen Kindes sind wie mechanische Wirkungen, ohne Bewußtsein und freien Willen. Nehmen wir einmal an, daß ein Kind bei seiner Geburt die Größe und Kraft eines erwachsenen Menschen besäße, daß es so zu sagen völlig ausgerüstet aus dem Schooße seiner Mutter wie Pallas aus dem Haupte des Jupiter, hervorginge: nun, ein solches Mannkind würde ein Bild vollkommener Geistesschwäche, ein Automat, eine unbewegliche und fast unempfindliche Natur sein. Es würde nichts sehen, nichts hören. Niemanden erkennen, ja es würde nicht einmal die Fähigkeit besitzen, die Augen dahin zu richten, wohin es blicken sollte. Es würde nicht allein keinen Gegenstand außer sich gewahren, sondern auch nicht im Stande sein, ihn auf das Sinnesorgan wirken zu lassen, welches die Wahrnehmung allein zu vermitteln vermag. Die Farben würden sich in seinen Angen, die Töne in seinen Ohren nicht unterscheiden lassen, die Berührung fremder Körper würde es nicht empfinden, es würde nicht einmal ein Bewußtsein davon haben, daß es selbst einen Körper besitzt; das Tastgefühl seiner Hände würde sich allein in seinem Gehirne wahrnehmen lassen; alle seine Empfindungen würden sich in einem einzigen Punkte vereinigen; es würde sich seine Existenz nur in einer ganz allgemeinen Empfindungsfähigkeit (sensorium) äußern, es würde nur eine einzige Vorstellung, die des eigenen Ich besitzen, auf welche es alle seine Empfindungen bezöge, und diese Vorstellung, oder vielmehr dieses dunkle Gefühl, würde es einzig und allein von einem gewöhnlichen Kinde unterscheiden. Ein solcher körperlich ganz ausgebildeter Mensch würde sich trotzdem nicht einmal auf seinen Füßen aufzurichten vermögen; lange Zeit würde er gebrauchen, ehe er nur lernte sich im Gleichgewichte zu erhalten; vielleicht würde er nicht einmal den Versuch machen, und man könnte das Schauspiel genießen, diesen großen starken und vierschrötigen Körper wie einen Stein auf seinem Platze liegen bleiben oder gleich einem jungen Hunde kriechen und rutschen zu sehen. In unbehaglicher Weise würden sich die Bedürfnisse bei ihm regen, ohne daß er sie noch kenne und ohne daß er ein Mittel zu ihrer Befriedigung ausfindig zu machen vermöchte. Es gibt keine unmittelbare Communication zwischen den Muskeln des Magens und denen der Arme und Beine, welche denselben, selbst wenn er von Nahrungsmitteln umgeben wäre, dazu bewegen könnte, auch nur einen Schritt zu thun, um sich ihnen zu nähern, oder auch nur die Hand auszustrecken, um sie zu ergreifen, und da sein Körper dem Wachsthum nicht mehr unterworfen, seine Glieder bereits völlig entwickelt wären, und da er folglich weder die Unruhe der Kinder besäße, noch sich gleich diesen in fortwährender Bewegung befände, so würde er Hungers sterben können, bevor er sich bewegen ließe, sich selbst nach seiner Nahrung umzusehen. Wie geringe Untersuchungen man auch bisher über den Gang und den stufenmäßigen Fortschritt unserer Erkenntniß angestellt hat, so läßt sich doch das wenigstens nicht in Abrede stellen, daß dieser fast primitive Zustand der Unwissenheit und Stumpfsinnigkeit des Menschen naturgemäß ist, bis derselbe durch die Erfahrung oder durch seine Mitmenschen etwas gelernt hat. Man kennt also den Anfangspunkt oder man kann ihn wenigstens kennen, von dem ein Jeder von uns auszugehen hat, um nach und nach das gewöhnliche Maaß der geistigen Entwickelung zu erreichen; aber wer vermag anzugeben, wo derselben Grenzen gesetzt sind? Jeder macht größere oder geringere Fortschritte je nach seinen natürlichen Anlagen, seinem Geschmacke, seinen Bedürfnissen, seinem Talente, seinem Eifer und der Gelegenheit, die sich ihm darbietet, sich weiter auszubilden. Mir ist kein Philosoph bekannt, der so vermessen gewesen wäre, die Behauptung aufzustellen: das ist die Grenze, welche der Mensch erreichen kann, aber nimmermehr zu überschreiten vermag. Wir wissen nicht, bis zu welcher Höhe uns unsere Natur emporzusteigen gestattet; Niemand von uns hat den Abstand gemessen, der sich möglicher Weise zwischen diesem und jenem Menschen auffinden läßt. Wer hegte wol eine so niedrige Gesinnung, daß ihn dieser Gedanke nie erwärmte und der nicht bisweilen mit Stolz zu sich selber sagte: Wie Viele habe ich bereits übertroffen, wie Viele werde ich noch einholen! Warum sollte einer meines Gleichen nicht weiter kommen als ich? Ich wiederhole es: die Erziehung des Menschen beginnt von dem Augenblick seiner Geburt an; bevor er noch sprechen kann, bevor sein Verständniß geweckt ist, unterrichtet er sich schon durch die Erfahrung. Letztere geht dem eigentlichen Unterrichte voraus. Viel hat schon das Kind mit dem Augenblick gewonnen, wo es seine Amme erkennt. Man würde über die Kenntnisse selbst des ungebildetsten Menschen in Erstaunen gerathen, wenn man seine Fortschritte von dem Augenblicke seiner Geburt an bis zu dem grade erreichten Lebensabschnitte verfolgen wollte. Theilte man das ganze menschliche Wissen in zwei Theile, deren einer die allen Menschen gemeinsamen Kenntnisse, der andere das Wissen umfaßt, welches sich allein die Gelehrten anzueignen vermögen, so würde letzterer im Vergleiche mit dem ersteren äußerst beschränkt sein. Leider aber pflegen wir die gemeinsamen Errungenschaften kaum zu beachten, weil wir sie unbewußt und sogar noch vor Eintritt in das Alter machen, in welchem sich die Vernunft allmählich entwickelt, weil sich überhaupt das Wissen nur durch die gar sehr verschiedenen Stufen desselben bemerkbar macht, und weil, genau wie in den algebraischen Gleichungen, die gemeinschaftlichen Größen sich gegenseitig aufheben und deshalb keine Geltung haben. Selbst bei den Thieren lassen sich große Fortschritte wahrnehmen. Sie haben Sinne und müssen sie erst gebrauchen lernen; sie haben Bedürfnisse und müssen dieselben befriedigen lernen; sie müssen fressen, laufen, fliegen lernen. Die vierfüßigen Thiere, die sich von Geburt an auf ihren Füßen halten, können trotzdem noch nicht laufen. Ihre ersten Schritte zeigen, wie unsichere Versuche es sind. Vögel, die ihren Käfigen entronnen sind, können nicht fliegen, weil sie noch nie geflogen haben. Alles ist für beseelte und empfängliche Wesen Unterricht. Wenn die Pflanzen eine fortschreitende Bewegung hätten, so müßten sie auch Sinne haben und sich Kenntnisse erwerben, sonst würden die Gattungen bald zu Grunde gehen. Die ersten Eindrücke, welche die Kinder erhalten, sind ausschließlich äußerlicher Natur. Nur für angenehme und für schmerzliche Empfindungen sind sie empfänglich. Da sie weder zu gehen noch etwas zu ergreifen vermögen, so gehört viel Zeit dazu, ehe sie sich allmählich die Begriffe bilden, welche ihnen die Gegenstände außer ihnen in ihrer wahren Gestalt zeigen. Während sich aber diese Gegenstände für sie mehr und mehr erweitern, sich, da das Kind die Entfernungen unterscheiden lernt, so zu sagen mehr und mehr von ihren Augen entfernen und bestimmte Dimensionen und Gestalten annehmen, unterwirft die fortwährende Wiederkehr derselben äußeren Eindrücke diese der Macht der Gewohnheit. Man sieht, wie sie ihre Augen unaufhörlich dem Lichte zuwenden, und wie dieselben, wenn es von der Seite kommt, unbewußt diese Richtung annehmen, so daß man ihr Gesicht beständig nach dem Lichte kehren muß, damit sie nicht schielen lernen. Auch muß man sie von früh auf an die Finsterniß gewöhnen, sonst weinen und schreien sie, sobald sie sich im Dunkeln befinden. Eine zu genaue Regelung der Nahrung und des Schlafes macht ihnen dieselben nach Ablauf der gewohnten Zwischenzeiten zu einem Bedürfnisse, und bald entspringt das Verlangen darnach nicht mehr dem Bedürfnisse, sondern der Gewohnheit, oder vielmehr fügt die Gewohnheit dem natürlichen Bedürfnisse ein neues hinzu, und diesem Uebelstande muß man vorbeugen. Keine Gewohnheit zu haben muß des Kindes einzige Gewohnheit sein. Man trage es sowol auf dem einen wie auf dem andern Arme; man gewöhne es nicht daran eine Hand lieber als die andere zu geben oder sich derselben öfter zu bedienen, zu bestimmten Stunden zu essen, zu schlafen, zu wachen, oder weder bei Tage noch bei Nacht allein zu bleiben. Schon von früh auf muß man es für die dereinstige selbstständige Benutzung seiner Freiheit und Anwendung seiner Kräfte dadurch vorbereiten, daß man dem Körper seine natürliche Gewohnheit läßt, es in den Stand setzt, stets Herr seiner selbst zu sein und seinen Willen, sobald es erst einen haben wird, überall zur Ausführung zu bringen. Sobald das Kind die Gegenstände zu unterscheiden beginnt, ist es von Wichtigkeit, unter denen, welche man ihm zeigen will, eine sorgfältige Auswahl zu treffen. Alle neue Gegenstände interessiren natürlicher Weise den Menschen. Er fühlt sich so schwach, daß er alles Unbekannte fürchtet. Die Gewohnheit, neue Gegenstände zu sehen, ohne sich davon unangenehm berührt zu fühlen, zerstört diese Furcht. Die Kinder, welche in sauberen Häusern, in denen man keine Spinnen leidet, aufgezogen sind, fürchten sich vor den Spinnen, und diese Furcht bleibt ihnen oft, wenn sie erwachsen sind. Niemals habe ich jedoch Bauern oder Bäuerinnen gesehen, welche sich vor Spinnen gefürchtet hätten. Warum sollte also die Erziehung eines Kindes nicht beginnen, bevor es zu sprechen und zu begreifen im Stande ist, zumal da schon die Auswahl der Gegenstände, die man demselben zeigt, geeignet ist, es furchtsam oder beherzt zu machen? Mein Wunsch ist, daß man es an den Anblick neuer Gegenstände, häßlicher, widerlicher, auffallender Thiere gewöhne, freilich nur nach und nach, erst von Weitem, bis es sich daran gewöhnt hat, und es endlich wagt, wenn es gesehen hat, wie Andere sie berühren, sie selbst anzufassen. Wenn es in seiner Kindheit den Anblick von Kröten, Schlangen, Krebsen ohne Entsetzen zu ertragen vermochte, dann wird es auch, wenn es erwachsen ist, jedwedes Thier ohne Grauen ansehen können. Wer täglich Schrecken erregende Gestalten vor Augen hat, für den verlieren sie alles Grauen. Alle Kinder fürchten sich vor Masken. Zuerst werde ich Emil eine Maske zeigen, die ein freundliches und hübsches Gesicht darstellt. Darauf muß Jemand dieselbe in seiner Gegenwart vor das Gesicht nehmen; ich fange zu lachen an, Alle lachen und das Kind fällt endlich in das Gelächter der Uebrigen ein. Nach und nach gewöhne ich es an weniger freundliche Züge der Masken und endlich an geradezu abstoßende Gesichter. Habe ich dabei die rechte Stufenfolge inne gehalten, so wird das Kind so weit davon entfernt sein, sich vor diesen zu entsetzen, daß es vielmehr über sie eben so sehr wie über die erste Maske lachen wird. Dann brauche ich nicht mehr zu befürchten, daß man ihm durch Masken Furcht einzujagen vermag. Homer erzählt, daß bei Hektors Abschied von der Andromache der kleine Astyamax vor dem flatternden Federbusche auf dem Helme seines Vaters erschrocken sei, denselben nicht erkannt und sich schreiend an die Brust seiner Amme geschmiegt habe, was seiner Mutter ein mit Thränen vermischtes Lachen entlockt hätte. Was läßt sich nun thun, um ein Kind vor solchem Schrecken zu bewahren? Genau dasselbe, was Hektor thut, der den Helm auf die Erde stellt und nun erst das Kind liebkost. In einem ruhigeren Augenblick dürfte man es nicht dabei bewenden lassen: man müßte sich dem Helme nähern, man müßte mit den Federn spielen, man müßte das Kind dazu bewegen, selbst sie anzufassen. Endlich müßte die Amme den Helm nehmen und ihn sich lachend auf den Kopf setzen, wenn es überhaupt die Hand einer Frau wagen dürfte, irgend ein Stück von Hektors Kriegsrüstung zu berühren. Beabsichtige ich Emil an den Knall der Feuergewehre zu gewöhnen, so brenne ich zuerst das Zündpulver in der Pfanne einer Pistole ab. Diese plötzlich auflodernde und schnell wieder verlöschende Flamme, diese blitzartige Erscheinung ergötzt ihn. Ich wiederhole dasselbe Experiment unter Anwendung einer größeren Pulvermenge, nach und nach lade ich die Pistole ganz regelrecht mit alleiniger Fortlassung des Pfropfens, darauf lade ich sie stärker, und schließlich gewöhne ich ihn an Flinten-, Büchsen- und Kanonenschüsse, ja an die furchtbarsten Detonationen. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß sich die Kinder selten vor dem Donner fürchten, vorausgesetzt, daß die Schläge nicht zu heftig sind und dem Ohre nicht wirklich wehe thun. Diese Furcht bildet sich in ihnen erst dann, wenn sie eingesehen haben, daß der dem Donner vorausgehende Blitz Schaden anrichtet oder sogar hin und wieder tödtet. Wenn ihr merkt, daß ihnen die gewonnene Einsicht Furcht erweckt, so gebet euch Mühe, sie durch die Gewohnheit wieder zu beruhigen. Durch eine allmähliche und behutsame Steigerung kann man einem Erwachsenen wie einem Kinde eine sich nie verleugnende Unerschrockenheit einflößen. Während der ersten Lebensstufe, wo Gedächtniß und Einbildungskraft noch völlig ruhen, ist das Kind nur auf das aufmerksam, was unmittelbar auf seine Sinne wirkt. Da seine Sinneseindrücke nun das erste Material seiner Kenntnisse ausmachen, so muß man es sich angelegen sein lassen, ihm dieselben in einer zweckentsprechenden Reihenfolge darzubieten, denn dadurch bereiten wir sein Gedächtniß vor, sie dereinst seinem Verstande in derselben Reihenfolge zu übergeben. Weil es nun aber eben nur auf seine Sinneseindrücke aufmerksam ist, so genügt es für den Anfang, ihm den Zusammenhang derselben mit den Gegenständen, welche sie verursachen, recht anschaulich nachzuweisen. Es will Alles berühren, Alles betasten; widersetzt euch dieser Unruhe nicht; es verdankt ihr höchst notwendige Kenntnisse. Auf diese Weise lernt es die Wärme und Kälte, die Härte und Weichheit, die Schwere und Leichtigkeit der Körper kennen, lernt sich über ihre Größe, ihre Gestalt und ihre wahrnehmbaren Eigenschaften ein Urtheil bilden, indem es dieselben anschaut, betastet, behorcht, Unter allen Sinnen entwickelt sich bei den Kindern der des Geruchs am spätesten. Bis zum Alter von zwei oder drei Jahren scheinen sie gegen angenehme wie unangenehme Gerüche gleich unempfindlich zu sein. In dieser Hinsicht besitzen sie die Indifferenz oder vielmehr die Unempfindlichkeit, welche man bei verschiedenen Thieren bemerkt. vor allen Dingen aber die Wahrnehmungen seines Gesichtssinnes mit denen seines Tastsinnes vergleicht und sich gewöhnt, mit dem Auge schon im Voraus die Wirkung abzuschätzen, welche sie auf seine Finger ausüben müßten. Nur durch die Bewegung lernen wir, daß es außer uns noch andere Dinge gibt, während wir wieder nur durch unsere eigene Bewegung die Vorstellung des Raumes gewinnen. Weil dem Kinde diese Vorstellung noch fehlt, so streckt es nach allen Dingen, die es ergreifen will, mögen dieselben so nahe sein, daß es sie fast berührt, oder sich in einer Entfernung von hundert Schritt befinden, ohne Unterschied die Hand aus. Die Mühe, welche es sich dabei gibt, erscheint euch vielleicht als ein Zeichen der Herrschsucht, als ein Befehl an den Gegenstand sich zu nähern, oder an euch, ihm denselben herbeizubringen und gleichwol liegen ihm solche Gedanken ganz fern; die Ursache liegt lediglich in dem Umstände, daß es die nämlichen Gegenstände, welche es zuerst in seinem Gehirn, darauf vor seinen Augen sah, jetzt in Armeslänge vor sich erblickt, und daß es sich nur die räumliche Ausdehnung vorzustellen vermag, von der es sich durch seinen Tastsinn überzeugen kann. Laßt es deshalb recht oft umhertragen und von einem Platz zum andern bringen und sorget vor Allem dafür, daß es auch die Ortsveränderung wahrnehme, damit es dadurch die Entfernungen beurtheilen lerne. Sobald es jedoch dieselben richtig zu schätzen beginnt, müßt ihr die Methode ändern und es nicht mehr nach seinem, sondern nur nach eurem eigenen Gefallen umhertragen, denn sobald es keinen Sinnestäuschungen mehr unterliegt, läßt es sich auch von anderen Beweggründen leiten. Diese Veränderung ist so bemerkenswerth, daß sie eine weitläufigere Erläuterung erfordert. Das Unbehagen, welches die sich einstellenden Bedürfnisse erregen, äußert sich, sobald sich zu ihrer Befriedigung fremde Hilfe nöthig macht, in gewissen Zeichen. Daher rührt das Schreien der Kinder; sie weinen viel und das muß so sein. Alle Eindrücke rufen bestimmte Erregungen hervor; sind dieselben angenehmer Natur, so erfreuen sich die Kinder derselben stillschweigend, sind sie dagegen schmerzlicher Natur, so geben sie es in ihrer Sprache zu erkennen und verlangen Linderung. So lange sie wach sind, können sie deshalb in keinem indifferenten Zustande verharren; entweder schlafen sie oder sind gewissen Erregungen unterworfen. Alle unsere Sprachen sind künstlich entstanden. Man hat weitläufige Untersuchungen angestellt, ob es eine natürliche und allen Menschen gemeinsame Sprache gebe. Unzweifelhaft gibt es eine solche, nämlich die, welche die Kinder sprechen, ehe sie reden können. Diese Sprache ist zwar unarticulirt, aber trotzdem accentuirt, klangvoll, leicht verständlich. Die Gewöhnung an die übliche Sprache der Erwachsenen hat sie uns bis zu dem Grade vernachlässigen lassen, daß wir sie völlig vergessen haben. Durch ein sorgfältiges Studium der Kinder werden wir sie ihnen bald wieder ablernen. Die Ammen können uns als Lehrerinnen dieser Sprache dienen; sie verstehen Alles, was ihre Säuglinge ihnen sagen, sie antworten ihnen und halten die lebhaftesten und zusammenhängendsten Zwiegespräche mit ihnen. Obwol sie dabei Worte aussprechen, tragen dieselben zum Verständnisse doch nicht das Geringste bei, denn nicht den Sinn der Worte fassen die Kinder auf, sondern den Ton und Ausdruck, mit dem sie ausgesprochen werden. Zu der Sprache der Stimme gesellt sich nicht weniger ausdrucksvolle Geberdensprache. Letztere wird nicht von den kraftlosen Händen der Kinder vermittelt, sondern steht leserlich auf ihren Gesichtszügen geschrieben. Es ist wunderbar, eines wie großen Ausdrucks schon diese wenig entwickelten Physiognomien fähig sind; jeden Augenblick verändern sich ihre Züge mit unbegreiflicher Geschwindigkeit. Blitzartig sieht man Lächeln, Verlangen, Schrecken auf denselben entstehen und wieder verschwinden; jedesmal glaubt man ein anderes Gesicht zu sehen. Unstreitig haben sie beweglichere Gesichtsmuskeln als wir, während dafür ihre glanzlosen Augen fast ausdruckslos sind. In einem Alter, wo man nur leibliche Bedürfnisse hat, kann es aber nur derartige Zeichen geben. Die äußeren Eindrücke spiegeln sich auf den Gesichtszügen, das Seelenleben in den Augen ab. Da Noth und Schwäche den ersten Zustand des Menschen kennzeichnen, so sind seine ersten Laute auch Klagetöne und Weinen. Das Kind fühlt seine Bedürfnisse und kann sie nicht befriedigen; es ruft durch sein Geschrei fremde Hilfe herbei. Wenn es hungert oder durstet, so weint es, wenn es an Kälte oder Hitze leidet, vergießt es ebenfalls Thränen; wenn es sich nach Bewegung sehnt und man es ruhig liegen läßt, müssen Thränen seinen Wunsch zu erkennen geben; wenn es schlafen will und man es in fortwährender Bewegung erhält, redet es wieder durch Thränen zu uns. Je weniger es sich selbst zu helfen weiß, desto unruhiger ist es. Es hat nur eine einzige Ausdrucksweise, weil es, so zu sagen, nur eine einzige Art des Unbehagens kennt; bei der Unvollkommenheit seiner Organe vermag es die verschiedenen auf sie ausgeübten Eindrücke nicht zu unterscheiden. Alle Leiden bereiten ihm nur eine einzige Empfindung, die des Schmerzes. Aus diesen Thränen, die man für so wenig der Beachtung werth halten möchte, entsteht die erste Beziehung des Menschen zu seiner ganzen Umgebung. Hierdurch wird das erste Glied dieser langen Kette geschmiedet, aus der die sociale Ordnung gebildet wird. Wenn das Kind weint, so leidet es; es fühlt irgend ein Bedürfnis welches es nicht zu befriedigen vermag. Man sieht nach, man sucht zu entdecken, was ihm fehlt, man findet die Ursache, man entfernt sie. Wenn man sie aber nicht findet oder nicht zu entfernen vermag, so hält das Weinen an. Da dies lästig ist, so liebkost man das Kind, um es allmählich zu beruhigen und einzuschläfern; will dies aber nicht gelingen, und das Weinen hört nicht auf, so verliert man endlich die Geduld und versucht es mit Drohungen, ja rohe Ammen schlagen selbst das Kind bisweilen. Fürwahr eine sonderbare Erziehungsmethode bei seinem Eintritt ins Leben! Nie in meinem Leben werde ich vergessen, wie ich einmal Augenzeuge gewesen bin, als eine Amme einen dieser unbequemen Schreihälse auf diese Weise mißhandelte. Er schwieg sofort, weshalb ich ihn für eingeschüchtert hielt. Das wird einst, sagte ich mir, eine knechtische Seele werden, von der man Alles nur durch Strenge wird erhalten können. Aber ich hatte mich getäuscht; das unglückliche Kind drohte zu ersticken, der Athem war ihm ausgegangen, ich sah, wie es immer röther wurde. Einen Augenblick darauf brach es in ein durchdringendes Geschrei aus. Alle Zeichen des Unwillens, der Wuth, der Verzweiflung dieses Alters gaben sich in diesen Tönen zu erkennen. Ich befürchtete, daß es bei dieser heftigen Aufregung den Geist aufgeben würde. Hätte ich sonst daran gezweifelt, daß das Gefühl für Recht und Unrecht dem Menschen angeboren wäre, dieses einzige Beispiel würde mich eines Besseren belehrt haben. Ich bin völlig überzeugt, daß diesem Kinde ein glühender Feuerbrand, welcher demselben zufällig auf die Hand gefallen wäre, weniger Schmerzen verursacht hätte, als dieser nur ganz leichte, aber in der unverkennbaren Absicht, es empfindlich zu strafen, gegebene Schlag. Diese Neigung der Kinder zur plötzlichen Aufwallung, zum Aerger und zum Zorne erheischt die äußerste Schonung. Boerhave stellt die Behauptung auf, daß die Kinderkrankheiten größtenteils krampfartiger Natur sind, weil das Nervensystem der Kinder, da es verhältnißmäßig ausgedehnter und der Kopf größer und dicker als bei den Erwachsenen ist, auch eine größere Reizbarkeit besitzt. Mit der größten Sorgfalt muß man deshalb alle Dienstboten von ihnen fern halten, welche sie reizen, erzürnen und ungeduldig machen; sie sind ihnen hundertmal schädlicher und unheilvoller als die nachtheiligen Einwirkungen der Witterung und der Jahreszeiten. So lange die Kinder nur an den Dingen und niemals an den Launen ihrer Umgebung Widerstand finden, so lange werden sie weder eigensinnig noch zornig werden und sich einer dauerhafteren Gesundheit erfreuen. Darin liegt auch eine der Ursachen, weshalb die Kinder der niederen Volksklassen, die von Geburt an in größerer Freiheit und Unabhängigkeit aufgezogen werden, im Allgemeinen weniger schwächlich, weniger weichlich, sondern im Gegentheile kräftiger als diejenigen sind, welche man dadurch, daß man ihrem eigenen Willen beständig entgegentritt, angeblich besser erzieht. Aber man sollte stets bedenken, daß es ein großer Unterschied ist, den Kindern nicht zu gehorchen und ihnen nicht entgegenzutreten. In dem ersten Weinen der Kinder liegt eine Bitte, so wie man aber die Vorsicht außer Acht läßt, verwandelt sie sich in einen Befehl. Haben sie sich anfänglich nur beistehen lassen, so wollen sie sich schließlich bedienen lassen. So entsteht grade aus ihrer Schwäche, der zunächst das Abhängigkeitsgefühl entspringt, später die Vorstellung des Befehlens und Herrschens. Da jedoch diese Vorstellung weniger durch ihre Bedürfnisse als durch unsere Dienstleistungen hervorgerufen wird, so beginnen sich hier die moralischen Wirkungen zu zeigen, deren unmittelbare Ursache keineswegs in der Natur zu suchen ist, und man sieht ein, weshalb es schon in diesem frühesten Lebensalter von Wichtigkeit ist, der geheimen Absicht nachzuforschen, welche die Kinder zu einer Geberde oder einem Schrei veranlaßt. Wenn das Kind die Hand hastig und ohne etwas zu sagen ausstreckt, so steht es in dem Wahne den gewünschten Gegenstand erreichen zu können, weil es nicht im Stande ist die Entfernung richtig zu schätzen. Es befindet sich im Irrthum. Wenn es aber beim Ausstrecken der Hand klagt und weint, so täuscht es sich über die Entfernung nicht mehr, es befiehlt vielmehr dem Gegenstande, sich zu nähern, oder auch, ihm denselben zu bringen. Im erstern Falle muß man es langsam und mit kleinen Schritten zu dem Gegenstande hintragen; im zweiten Falle darf man es durchaus nicht thun, sondern muß sich stellen, als ob man es gar nicht verstehe; je mehr es schreit, desto weniger darf man darauf hören. Es ist wichtig, es schon früh daran zu gewöhnen, nicht commandiren zu wollen, weder den Menschen, denn es ist nicht ihr Herr, noch den Dingen, denn sie verstehen es nicht. Wenn deshalb ein Kind etwas, was es sieht, zu haben wünscht, und man es ihm geben will, so ist es besser, das Kind selbst zu dem Gegenstande hinzutragen, als umgekehrt den Gegenstand dem Kinde zu bringen. Aus dieser Handlungsweise zieht es einen seinem kindlichen Alter entsprechenden Schluß, und es gibt kein anderes Mittel ihn dazu anzuleiten. Der Abbé de St. Pierre nannte die Menschen große Kinder; umgekehrt würde man die Kinder kleine Menschen nennen können. Als Sentenzen haben dergleichen Sätze ihre Wahrheit, als Grundsätze bedürfen sie einer Erläuterung. Allein als Hobbes den Bösen, den Teufel, ein kräftiges Kind nannte, enthielt diese Bezeichnung einen offenbaren Widerspruch. Jede Bosheit ist die Folge von Schwäche; das Kind ist also nur boshaft, weil es schwach ist; kräftigt es, so wird es gut sein. Wer Alles vermöchte, würde nie etwas Böses thun. Magnitudo cum mansuetudine; omnis enim ex infirmitate feritas est. Seneca, de vita beata, cap. 3. Unter allen Attributen der allmächtigen Gottheit ist die Güte diejenige, ohne welche man sich dieselbe am wenigsten vorstellen kann. Alle Völker, welche an das Dasein zweier göttlichen Wesen glaubten, haben das böse stets dem guten für untergeordnet gehalten, sonst hätte ihre Annahme völlig widersinnig erscheinen müssen. Man vergleiche damit das Glaubensbekenntnis des savoischen Vikars, welches ich weiter unten anführen werde. Die Vernunft allein lehrt uns das Gute und das Böse erkennen. Das Gewissen, welches uns Liebe zu dem Ersteren und Haß gegen das Letztere einflößt, kann sich, trotzdem es von der Vernunft unabhängig ist, doch nicht ohne dieselbe entwickeln. Vor dem Alter der Vernunft thun wir das Gute wie das Böse, ohne es zu kennen, und es ist folglich mit unseren Handlungen keine Moralität verbunden, obgleich wir dieselbe bei den Handlungen Anderer, die uns in Mitleidenschaft ziehen, bisweilen herausfühlen. Ein Kind will Alles, was es sieht, aus einander nehmen; es zerbricht und zerschlägt, was es nur immer ergreifen kann; es packt einen Vogel, wie es einen Stein anpacken würde, und tödtet ihn, ohne zu wissen, was es thut. Weshalb das? Die Philosophie wird sich diese Thatsache sofort aus den uns angeborenen Mängeln erklären; der Stolz, die Herrschbegierde, die Eigenliebe, die Bosheit des Menschen, wozu man noch das Gefühl seiner Schwäche fügen könnte, flößen dem Kinde die Sucht ein, Gewaltthaten zu verüben und sich von seiner eigenen Kraft zu überführen. Aber man betrachte jenen gebrechlichen und altersschwachen Greis, der im Kreislaufe des menschlichen Lebens wieder zur Schwäche der Kindheit zurückgeführt ist, er bleibt nicht allein selbst unbeweglich und ruhig, er verlangt sogar, daß Alles um ihn her so bleibe; die geringste Veränderung stört und beunruhigt ihn; er möchte eine allgemeine Stille herrschen sehen. Wie könnte nun die nämliche mit denselben Neigungen verbundene Ohnmacht so verschiedene Wirkungen in diesen beiden Lebensaltern hervorbringen, wenn nicht entgegengesetzte Ursachen zu Grunde lägen. Und worin kann man diese Verschiedenheit der Ursachen wol anders suchen als in dem physischen Zustande der beiden Individuen? Der Beiden gemeinsame Thätigkeitstrieb beginnt sich bei dem Einen zu entwickeln, während er bei dem Andern zu erlöschen droht; der Eine ist im Bildungs-, der Andere im Auflösungsprocesse begriffen, der Eine hat ein langes Leben vor sich, der Andere steht an der Schwelle des Grabes. Die halberloschene Thätigkeit concentrirt sich im Herzen des Greises, im kindlichen Herzen zeigt sich der Thätigkeitstrieb von überschäumender Kraft und macht sich nach außen Luft. Das Kind fühlt sich gleichsam so voller Leben, daß es seine ganze Umgebung beleben möchte. Ob es schaffe oder vernichte, darauf kommt es ihm nicht an, es ist schon damit zufrieden den Zustand der Dinge zu verändern und jede Veränderung bedeutet für dasselbe Thätigkeit. Der scheinbar größere Zerstörungstrieb desselben ist nicht die Folge einer angeborenen Bosheit, sondern läßt sich daraus erklären, daß die schaffende Thätigkeit stets eine langsame ist, und die zerstörende gerade um deswillen der Lebhaftigkeit des Kindes mehr entspricht, weil sie schnellere Resultate herbeiführt. Während der Schöpfer der Natur den Kindern diesen Thätigkeitstrieb einpflanzt, trifft er aber auch gleichzeitig Sorge, daß derselbe nur in geringem Grade schädlich wirken kann, indem er ihnen nur wenig Kraft zur Bethätigung desselben verleiht. Können sie jedoch die Personen ihrer Umgebung als Werkzeuge betrachten, deren Verwendung nur von ihrem Gefallen abhängt, so bedienen sie sich derselben zur Befriedigung dieses Triebes und zur Ergänzung ihrer eigenen Schwäche. Dann werden sie lästig, tyrannisch, herrisch, boshaft, unbändig, kurzum ihre Entwickelung schlägt Bahnen ein, auf die sie nicht durch eine natürliche Herrschsucht gedrängt werden, die sie aber zu derselben führen, denn es bedarf keiner langen Erfahrung um zu fühlen, wie angenehm es ist, durch Anderer Hände zu handeln und nur die Zunge bewegen zu brauchen, um das Weltall in Bewegung zu setzen. Mit der körperlichen Entwickelung nehmen die Kräfte zu, man wird weniger unruhig, weniger beweglich, man zieht sich mehr in sich selbst zurück. Leib und Seele setzen sich gleichsam ins Gleichgewicht, und die Natur verlangt von uns nur die zu unserer Erhaltung notwendige Bewegung. Aber die Lust zu commandiren erlischt nicht mit dem Bedürfniß, welches sie hervorgelockt hat; die Ausübung einer gewissen Herrschaft erweckt die Eigenliebe und schmeichelt ihr, und die Gewohnheit nährt und kräftigt sie. Auf solche Weise tritt bloße Launenhaftigkeit an die Stelle des ursprünglichen Bedürfnisses; auf diese Weise nisten sich Vorurtheile und Befangenheit schon frühzeitig ein. Haben wir das Princip nun einmal erkannt, so sehen wir auch den Punkt deutlich, wo man von dem Wege der Natur abweicht. Lasset uns nachsehen, was wir thun müssen, um uns auf demselben zu erhalten. Weit davon entfernt, überschüssige Kräfte zu besitzen, haben die Kinder für die vielen Anforderungen der Natur nicht einmal genug. Man muß sie also in dem ungestörten Gebrauche aller Kräfte lassen, die ihnen die Natur verleiht und die sie nicht mißbrauchen können. Erster Grundsatz. Man muß sie bei Allem, was das physische Bedürfniß erheischt, unterstützen und ihnen überall, wo es ihnen an Verständniß oder Kraft fehlt, ergänzend zur Seite stehen. Zweiter Grundsatz. Bei der Hilfe, die man ihnen leistet, muß man sich ausschließlich auf das wirklich Nützliche beschränken, ohne ihrer Launenhaftigkeit oder ihrem unvernünftigen Verlangen im Geringsten nachzugeben, denn die Launenhaftigkeit wird sie nicht quälen, wenn man sie nicht selbst groß gezogen hat, da sie keine Mitgift der Natur ist. Dritter Grundsatz. Sorgfältig muß man ihre Sprache und ihre Zeichen studiren, damit man in einem Alter, wo sie sich nicht verstellen können, bei ihren Wünschen unterscheide, was unmittelbar der Natur und was ihrer Launenhaftigkeit entspringt. Vierter Grundsatz. Der Geist der hier aufgestellten Vorschriften geht darauf aus, den Kindern mehr wahre Freiheit und weniger Herrschaft zu gestatten, sie mehr an Selbstthätigkeit zu gewöhnen und von dem Verlangen nach fremder Hilfe zu entwöhnen. Indem sie sich auf diese Weise schon frühzeitig gewöhnen, ihre Wünsche mit ihren Kräften in Einklang zu bringen, werden sie die Entbehrung dessen, was zu erlangen nicht in ihrer Macht steht, nur wenig empfinden. Darin liegt denn ein neuer und sehr wichtiger Beweggrund, die Körper und Glieder der Kinder vollkommen frei zu lassen, mit der einzigen Vorsichtsmaßregel, die Gefahr des Fallens von ihnen fern zu halten und ihnen keine Gegenstände in die Hände zu geben, an denen sie sich verletzen könnten. Unfehlbar wird ein Kind, dessen Körper und Arme frei sind, weniger weinen, als ein in ein Stechkissen eingeschnürtes Kind. Wer nur physische Bedürfnisse kennt, weint auch nur, wenn er leidet, und das ist ein sehr guter Fingerzeig, denn dann weiß man rechtzeitig, wenn es der Hilfe bedarf, und man darf, wenn es möglich ist, keinen Augenblick zögern, sie ihm zu gewähren. Kann man die Schmerzen des Kindes jedoch nicht lindern, so verhalte man sich ruhig und verschwende keine Liebkosungen an dasselbe, um es dadurch zu beruhigen; eure Schmeicheleien werden sein Leibschneiden nicht heilen; allein es wird in seiner Erinnerung behalten, was es nur zu thun braucht, um geliebkost zu werden, und wenn es erst einmal weiß, wie es euch um seinetwillen nach Belieben in unaufhörlicher Geschäftigkeit erhalten kann, dann ist es euer Herr geworden, dann ist Alles verloren. In ihren Bewegungen weniger behindert, werden die Kinder weniger weinen; durch ihr Weinen weniger belästigt, wird man sie weniger peinigen, um sie zur Ruhe zu bringen; weniger häufig bedroht und gehätschelt, werden sie weniger furchtsam oder halsstarrig werden und in ihrem natürlichen Zustande besser verharren. Die Kinder können sich weniger durch anhaltendes Weinen als durch unsere unausgesetzten Beruhigungsmittel einen Bruch zuziehen, und zum Beweise will ich nur den Umstand anführen, daß gerade die vernachlässigtsten Kinder weniger häufig, als andere, mit diesem Uebel behaftet sind. Ich bin weit davon entfernt deshalb zu wünschen, daß man sie vernachlässige; es ist im Gegentheile von Wichtigkeit, daß man ihnen zuvorkomme und sich nicht erst durch ihr Geschrei auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen lasse. Aber ich will eben so wenig, daß die Sorgfalt, die man ihnen erweist, am unrechten Platze sei. Warum sollten sie sich des Weinens enthalten, wenn sie erst einsehen, welche Vortheile sie durch ihre Thränen erreichen können? Gar gut mit dem Preise bekannt, welchen man auf ihr Stillsein setzt, hüten sie sich, allzu verschwenderisch damit zu sein. Sie steigern ihn endlich in dem Maße, daß man ihn nicht mehr zu zahlen vermag, und dann tritt die Gefahr ein, daß sie sich durch vergebliches Weinen übermäßig anstrengen, erschöpfen, ja selbst tödten. Unausgesetztes Weinen eines Kindes, welches weder eingeschnürt, noch krank ist und welchem man es an nichts fehlen läßt, rührt nur von Gewohnheit und Eigensinn her. Die Schuld trägt nicht die Natur, sondern die Amme, welche, weil sie sich nicht Mühe geben will, die kleine Unannehmlichkeit desselben zu ertragen, es lieber vermehrt, ohne zu bedenken, daß man das Kind gerade dadurch, daß man es heute zum Schweigen bringt, erst recht anstachelt, morgen desto mehr zu weinen. Das einzige Mittel dieser schlechten Gewohnheit abzuhelfen oder ihr von vorn herein vorzubeugen, besteht darin, gar nicht darauf zu merken. Niemand unterzieht sich gern einer vergeblichen Mühe, nicht einmal die Kinder. Sie hören freilich in ihren Versuchen nicht sogleich auf, besitzt man indeß nur mehr Beharrlichkeit als sie Hartnäckigkeit, so ermüden sie bald und wiederholen dieselben nicht mehr. Auf diese Weise erspart man ihnen Thränen und gewöhnt sie, sie nur dann zu vergießen, wenn der Schmerz sie ihnen wirklich auspreßt. Will man übrigens Kindern, die aus Launenhaftigkeit oder Eigensinn weinen, abhalten, darin fortzufahren, so ist ein sicheres Mittel, sie durch einen hübschen und in die Augen fallenden Gegenstand, der sie ihre Absicht zu weinen vergessen läßt, zu zerstreuen. Die meisten Ammen glänzen in dieser Kunst, und behutsam und nicht zu häufig angewandt, ist sie von großem Nutzen; dabei ist es jedoch von äußerster Wichtigkeit, daß das Kind nicht die Absicht, es zu zerstreuen, merke, daß das Kind sich unterhalte, ohne zu glauben, daß man es beobachte. Nun sind aber gerade in letzterer Hinsicht alle Ammen höchst ungeschickt. Man entwöhnt die Kinder ohne Ausnahme zu früh. Der naturgemäße Zeitpunkt der Entwöhnung wird durch den Durchbruch der Zähne angezeigt, welcher gewöhnlich mit Schmerzen und mit Beschwerden verbunden ist. Instinctmäßig führt dann das Kind Alles, was es in den Händen hält, öfters nach dem Munde, um daran zu kauen. Man denkt dem Kind das Zahnen zu erleichtern, wenn man ihm irgend einen harten Körper, wie Elfenbein oder Wolfszähne, zum Spielzeug gibt. Meiner Ansicht nach täuscht man sich. Anstatt das Zahnfleisch zu erweichen, machen diese harten Körper dasselbe vielmehr schwielig, verhärten es und erhöhen die Schmerzen und Beschwerden des Durchbruchs. Nehmen wir uns nur immer den Instinct zum Muster. Man sieht nie, daß junge Hunde ihre hervorbrechenden Zähne an Kieselsteinen, Eisen oder Knochen üben, sondern an Holz, Leder, Lumpen und weichen nachgibigen Stoffen, in welche sich der Zahn eindrücken kann. Auf allen Gebieten ist die Einfachheit verschwunden, selbst aus der Kinderstube. Schellen von Silber, von Gold, von Korallen, von geschliffenem Kristall, Klappern von jedem Preise und jeder Gattung, was für unnützes und verderbliches Zeug! Fort mit all' diesem Krame! Fort mit den Schellen! Fort mit den Klappern! Kleine Baumzweige mit ihren Früchten und Blättern, ein Mohnkopf, in welchem man die Samenkörner klappern hört, ein Stück Süßholz, an dem es saugen und kauen kann, werden es in eben so großes Entzücken versetzen als all diese prächtigen Schnurrpfeifereien, und sind vor allen Dingen nicht mit dem Uebelstande verbunden, es schon von Geburt an den Luxus zu gewöhnen. Man hat allgemein anerkannt, daß Brei keine allzu gesunde Nahrung ist. Abgekochte Milch und Mehl in noch halbrohem Zustande sagen dem Magen nicht zu und verderben ihn. Im Brei ist das Mehl weniger zubereitet und durchgekocht als im Brode und hat außerdem den Gährungsproceß nicht durchgemacht; meines Erachtens sind Brodsuppe und Reisschleim vorzuziehen. Will man aber durchaus Brei kochen, so ist es rathsam, das Mehl vorher ein wenig zu rösten. In meinem Lande bereitet man aus solchem gedörrten Mehle eine sehr angenehm schmeckende und gesunde Suppe. Bouillon und Fleischsuppen sind ebenfalls für Kinder keine sehr empfehlenswerthe Nahrungsmittel, deren Genuß man so viel als möglich beschränken muß. Man muß sein Augenmerk darauf richten, daß sich die Kinder sogleich ans Kauen gewöhnen; das ist das eigentlichste und richtigste Mittel den Durchbruch der Zähne zu erleichtern. Beginnen sie erst das Gekaute hinunterzuschlucken, so befördert der sich mit den Speisen mischende Speichel wesentlich die Verdauung. Ich würde sie deshalb sogleich an trockenen Früchten und Brodrinden kauen lassen und ihnen zum Spielen Stückchen harten Brodes oder Zwieback geben, ähnlich dem in Piemont gebräuchlichen Brode, welches dort unter dem Namen Grisse bekannt ist. Während sie dieses Brod in ihrem Munde erweichen, würden sie auch ein wenig davon verschlucken; ehe man sich dessen versähe, wären die Zähne durchgebrochen und die Kinder entwöhnt. Die Landleute haben gewöhnlich einen sehr guten Magen, und man hat sie nur auf die beschriebene Weise entwöhnt. Die Kinder hören von ihrer Geburt an sprechen; man spricht nicht allein zu ihnen, bevor sie verstehen, was man ihnen sagt, sondern selbst bevor sie die Laute, welche sie vernehmen, wiederzugeben vermögen. Ihr noch in einer Art Erstarrung liegendes Sprachorgan gebraucht geraume Zeit, bis es die Fähigkeit erlangt, die vorgesprochenen Töne nachzuahmen, und es ist noch nicht einmal sicher, ob das kindliche Ohr sie von Anfang an eben so deutlich vernimmt wie das unsrige. Ich mißbillige es keineswegs, daß die Amme das Kind durch Lieder und durch fröhliche Töne zu erheitern sucht; aber das mißbillige ich, daß sie es durch einen Schwall überflüssiger Worte, von denen es nichts als den darauf gelegten Ton versteht, unablässig betäubt. Ich wünschte, daß die ersten Laute, welche man das Kind vernehmen läßt, genau articulirt, leicht faßbar und deutlich wären, häufig wiederholt würden, und daß die Worte, die sie bezeichnen, sich nur auf sichtbare Gegenstände bezögen, welche man sogleich dem Kinde zeigen könnte. Die nicht genug zu beklagende Leichtfertigkeit, uns mit leidigen Worten abzuspeisen, die uns doch unverständlich bleiben, beginnt früher als man denkt. Der Schüler hört in der Klasse das Gespräch seines Schulmonarchen an, wie er in den Windeln das Geplauder seiner Amme anhörte. Mir kommt es so vor, als ob es sehr weislich sein würde, ihn so zu erziehen, daß er für dergleichen gar kein Verständniß hätte. Unwillkürlich werden sich uns vielfache Betrachtungen aufdrängen, wenn wir uns mit der Entstehung der Sprache und ersten Gespräche der Kinder beschäftigen. Wie man es auch immer anstellen möge, sie werden stets auf die nämliche Weise sprechen lernen, und alle philosophischen Speculationen sind hierbei völlig überflüssig. Von Anfang an haben sie gleichsam eine besondere Grammatik für ihr Alter, deren Syntax weit allgemeinere Regeln hat als die unsrige, und wenn man seine Aufmerksamkeit darauf richten wollte, würde man sich über die Genauigkeit wundern, mit welcher sie sich nach gewissen Analogien richten, allerdings sehr fehlerhaften, wenn man will, die aber trotzdem sehr regelrecht sind und uns nur wegen ihrer Härte oder weil sie gegen den Sprachgebrauch verstoßen, mißfallen. Neulich hörte ich, wie ein armes Kind von seinem Vater ausgescholten wurde, weil es zu ihm gesagt hatte: Mein Vater, soll ich gehen hin? (Mon père, irai je-t-y?) Nun kann man aber gerade daraus ersehen, daß dieses Kind der Analogie weit besser folgte als unsere Grammatiker; denn da man zu ihm sagte: »Gehe hin! (vas-y!) warum sollte es nun nicht auch sagen: »Soll ich gehen hin?« Dabei lasse man nicht außer Acht, mit welcher Geschicklichkeit es den Hiatus von irai-je-y? oder y irai-je? zu vermeiden wußte. Ist es nun etwa die Schuld des armen Kindes, daß wir ganz unnöthiger Weise das bestimmende Adverbium »hin« aus dieser Phrase fortgelassen haben, weil wir damit nichts anzufangen wußten? Es ist eine unausstehliche Pedanterie und völlig überflüssige Mühe, sich darauf zu steifen, bei den Kindern unaufhörlich alle die kleinen Sprachschnitzel zu verbessern, die sie mit der Zeit unfehlbar schon selbst verbessern werden. Sprecht in ihrer Gegenwart nur immer selbst richtig, sorget dafür, daß sie sich bei euch am wohlsten fühlen, und ihr könnt dann sicher sein, daß sich ihre Sprache nach eurem Vorbilde allmählich reinigen wird, ohne daß ihr je ihre Fehler habt zu rügen brauchen. Allein ein Mißbrauch von ungleich größerer Wichtigkeit und dem sich eben so leicht vorbeugen läßt, besteht darin, daß man die Kinder zu früh zum Sprechen bringen will, als ob man besorgte, sie würden es nicht von selbst lernen. Dieser rücksichtslose Eifer bringt gerade die entgegengesetzte Wirkung hervor. Sie sprechen in Folge dessen später und unzusammenhängender. Die übertriebene Aufmerksamkeit, die man Allem schenkt, was sie sagen, überhebt sie der Mühe gut zu articuliren, und da sie sich kaum dazu bequemen den Mund zu öffnen, so behalten viele lebenslänglich eine fehlerhafte Aussprache und eine unzusammenhängende Redeweise, die sie fast unverständlich macht. Ich habe lange unter den Bauern gelebt und nie Jemand, weder Mann noch Frau, weder Knaben noch Mädchen mit der Zunge anstoßen hören. Woher kommt das? Sind die Organe der Landleute anders gebildet als die unsrigen? Nein, aber sie sind anders geübt. Gerade meinem Fenster gegenüber liegt ein Hügel, auf welchem sich die Kinder des Orts zum Spielen zusammenzufinden pflegen. Obgleich die Entfernung nicht unbedeutend ist, unterscheide ich doch Alles, was sie sagen, auf das Genaueste, und verdanke ihnen für dieses Werk manche schätzenswerthe Fingerzeige. Täglich täuscht mich mein Ohr über ihr Alter; ich glaube die Stimmen zehnjähriger Kinder zu vernehmen, und blicke ich auf, so sehe ich der Größe und den Zügen nach nur drei- bis vierjährige vor mir. Aber dieser Täuschung bin ich etwa nicht allein unterworfen; die Städter, welche mich besuchen und welche ich darüber zu Rathe ziehe, verfallen alle in den nämlichen Irrthum. Die einfache Erklärung liegt darin, daß die Stadtkinder, welche bis zu ihrem fünften oder sechsten Lebensjahre im Zimmer und unter den Flügeln einer Wärterin erzogen werden, nur einige abgerissene Töne hervorzustoßen brauchen, um sich sofort verständlich zu machen; sobald sie nur den Mund öffnen, bemüht man sich ihnen die Worte von den Lippen abzulesen; man spricht ihnen Worte vor, welche sie schlecht nachsprechen, und nur wegen ihrer steten Aufmerksamkeit vermögen diese nämlichen Leute, welche ja fortwährend um sie sind, mehr zu errathen, was sie haben sagen wollen, als was sie wirklich gesagt haben. Auf dem Lande verhält sich die Sache ganz anders. Eine Bäuerin befindet sich nicht beständig um ihr Kind; es ist daher gezwungen, das, was es ihr verständlich machen will, sehr deutlich und sehr laut sprechen zu lernen. Wenn die Kinder, vom Vater, von der Mutter und den übrigen Kindern entfernt, sich allein auf dem Felde befinden, üben sie sich darin, sich schon in einiger Entfernung vernehmbar zu machen und die Kraft der Stimme nach dem Abstande abzumessen, der sie von denen trennt, welchen sie sich hörbar machen wollen. Das ist die rechte Weise, wie man deutlich sprechen lernt, aber dadurch, daß man einer achtsamen Wärterin einige Laute ins Ohr lallt, wird man es gewiß nicht dahin bringen. Es kann zwar vorkommen, daß ein Dorfkind zu schüchtern ist, auf eine Frage zu antworten, was es aber sagt, sagt es gewiß laut und vernehmlich; statt dessen muß bei dem Stadtkinde die Bonne die Dolmetscherin spielen, sonst vermag Niemand zu verstehen, was es vor sich hin brummt. Das gilt freilich nicht ohne Ausnahme, und oft machen gerade die Kinder, welche zuerst am stillsten waren, später, wenn sie einmal anfangen ihre Stimme zu erheben, den meisten Lärm. Wollte ich aber auf alle diese Einzelheiten näher eingehen, würde ich kein Ende finden. Jeder verständige Leser muß einsehen, daß jedem Zuviel wie jedem Zuwenig, die sich ja beide von demselben Fehler herleiten durch meine Methode in gleicher Weise abgeholfen wird. Ich betrachte die beiden Grundsätze »Immer genug« und »Niemals zu viel« für untrennbar. Wird der erstere richtig angewandt, so ergibt sich der andere daraus mit Notwendigkeit. Wenn die Kinder heranwachsen, sollten die Knaben diesen Fehler eigentlich in den Instituten und die Mädchen in den Klöstern ablegen, und in der That sprechen diese wie jene auch gewöhnlich weit deutlicher als solche, welche ihre Erziehung allein in dem väterlichen Hause empfangen haben. Die Schuld, daß sie sich trotzdem nie eine so verständliche Aussprache wie die Landkinder aneignen, liegt darin, daß sie gezwungen werden, so Vielerlei auswendig zu lernen und das Gelernte ganz laut aufzusagen. Beim Lernen gewöhnen sie sich nämlich an ein eintöniges Geschnatter, und beim Aufsagen geht es noch schlimmer zu, sie suchen förmlich die Worte mühselig zusammen und ziehen und dehnen die einzelnen Silben. Kein Wunder deshalb, daß, wenn das Gedächtniß in Stich läßt, die Sprache ins Stammeln geräth. Auf diese Weise wird eine fehlerhafte Aussprache angewöhnt und erhalten. Weiter unten wird man sehen, daß mein Emil an dergleichen Fehlern nicht zu leiden hat oder daß sie wenigstens nicht von denselben Ursachen hervorgerufen sind. Ich gebe zu, daß das niedere Volk und die Landleute in den entgegengesetzten Fehler verfallen. Sie sprechen fast immer lauter als nöthig ist, ihre Sprache klingt in Folge ihrer zu übertriebenen Articulation hart und barsch, sie betonen zu viel Wörter und sind in der Wahl derselben nicht sehr glücklich u.s.w. Aber zunächst erscheint mir dieser Fehler verzeihlicher als der andere, da, wenn das erste Gesetz jeder Rede die allgemeine Verständlichkeit derselben ist, jedenfalls der größte Fehler, den man begehen kann, darin besteht, unverständlich zu reden. Wer darauf ausgeht, ohne alle Betonung zu reden, geht damit zugleich darauf aus, die Rede ihrer Anmuth und ihrer Kraft zu entkleiden. Der Ton ist die Seele der Rede, er gibt ihr das Gefühl und die Wahrheit. Der Ton lügt weniger als das Wort; eben deshalb scheuen ihn vielleicht die Leute von sogenannter guter Erziehung in so hohem Grade. Aus dieser Gewohnheit, Alles in gleichem Tone zu sagen, ist die Unsitte hervorgegangen, sich über die Leute, ohne daß sie es merken, lustig zu machen. An Stelle der verschmähten Betonung treten allerlei völlig lächerliche, gezierte und der Mode unterworfene Manieren der Aussprache, wie man sie besonders bei den jungen Hofleuten wahrnehmen kann. Gerade dieses gezierte Wesen in Worten und in der Haltung, macht uns Franzosen anfangs den fremden Völkern so unleidlich und unangenehm. Den wahren Sinn unserer Worte verräth leichter unser Mienenspiel als unsere Rede. Das ist nicht das Mittel, eine günstige Meinung für sich hervorzurufen. Alle diese kleinen Sprachmängel, die man von den Kindern so ängstlich fern zu halten sucht, sind unwesentlich; man beugt ihnen mit der größten Leichtigkeit vor oder stellt sie eben so leicht wieder ab; allein diejenigen, an deren Angewöhnung man selber die Schuld trägt, weil man ihnen leise, undeutlich und mit ängstlicher Stimme zu reden gestattete, ihren Ton unaufhörlich bekrittelte und an allen ihren Worten etwas auszusetzen hatte, vermag man nie wieder abzulegen. Wer nur im Umgange mit Damen sprechen gelernt hat, wird vor der Front eines Bataillons kein kräftiges Commandowort erschallen lassen können, und dem Pöbel bei einem Aufruhr keine besondere Scheu und Furcht einzuflößen vermögen. Lehret die Kinder zuerst mit Männern reden, dann werden sie, wenn es sich einmal nöthig macht, auch schon mit Frauen zu reden wissen. Auf dem Lande in bäuerlicher Einfachheit erzogen, werden eure Kinder eine klangvollere Stimme bekommen; sie werden sich eben so wenig das unverständliche Geschnatter der Stadtkinder wie die ländliche Ausdrucksweise und den bäuerischen Ton angewöhnen, oder werden wenigstens diese Untugenden leicht wieder ablegen, da der Lehrer, der von ihrer Geburt an mit ihnen zusammenlebt und von Tage zu Tage immer ausschließlicher nur für sie lebt, durch seine eigene correcte Sprache den Einwirkungen der ländlichen Sprache vorbeugen oder sie verwischen wird. Emil wird ein eben so reines Französisch wie ich sprechen, aber er wird es deutlicher sprechen und es bedeutend besser articuliren als ich. Das Kind, welches zu sprechen beginnt, darf nur solche Worte hören, welche es verstehen kann, und nur solche nachsprechen, die es zu articuliren im Stande ist. Die Mühe, welche es sich dabei gibt, bringt es unwillkürlich dazu die Silben zu wiederholen, als ob es sich darin üben wollte sie deutlicher auszusprechen. Wenn es zu stammeln beginnt, so zerbrecht euch nicht den Kopf damit zu errathen, was es sagen will. Wer beansprucht, daß man auf alle seine Worte lausche, maßt sich dadurch eine Art Herrschaft an, und das Kind darf keine ausüben. Es genüge euch, für das Notwendige mit aller Achtsamkeit zu sorgen. Es ist seine Sache, euch mit dem, was ihm nicht nothwendig ist, bekannt zu machen. Noch weit weniger darf man es zu früh zum Sprechen anhalten; je mehr es den Nutzen davon einsieht, desto mehr Mühe wird es sich geben, von selbst sprechen zu lernen. Man hat die allerdings richtige Bemerkung gemacht, daß diejenigen, welche zu spät zu sprechen beginnen, niemals so deutlich wie andere sprechen; allein nicht ihr spätes Sprechen trägt die Schuld an dem Fehler des Organs, sondern eben des angeborenen fehlerhaften Organs wegen beginnen sie so spät zu sprechen, denn warum sollten sie sonst später als die übrigen sprechen lernen? Haben sie etwa weniger Gelegenheit zum Sprechen, und regt man sie weniger dazu an? Im Gegentheile, gerade wegen der Besorgniß, welche jene Verspätung, so bald man sie bemerkt, hervorruft, müht man sich bei ihnen weit mehr ab als bei solchen, die schon früh deutliche Laute hervorgebracht haben, sie zu Sprechversuchen zu bewegen, und dieser übel angewandte Eifer kann freilich viel dazu beitragen, ihr Sprechen unverständlich zu machen; bei weniger Ueberstürzung würden sie hinreichend Zeit gefunden haben, es zu vervollkommnen. Solche Kinder, die zu früh zum Sprechen angehalten werden, haben weder Zeit, das, was sie sagen sollen, richtig aussprechen, noch auffassen und verstehen zu lernen. Ueberläßt man sie aber hierbei sich selbst, so schlagen sie den naturgemäßen Weg ein, üben sich zunächst in der Aussprache der leichtesten Silben, und geben euch dann, indem sie allmählich einen Sinn damit verknüpfen, den man freilich erst aus ihren Geberden errathen muß, ihre eigenen Worte, ehe sie von euch die eurigen lernen. Deshalb lernen und eignen sie sich dieselben auch erst an, nachdem sie sie verstanden haben. Da sie nicht fortwährend aufgefordert werden, sie sogleich anzuwenden, so werden sie erst genau aufmerken, welchen Sinn ihr damit verbindet, und erst, wenn sie dessen sicher sind, sie sich aneignen. Der größte Uebelstand der Ueberstürzung, mit welcher man die Kinder, ehe sie noch das erforderliche Alter erreicht haben, zum Sprechen anhält, liegt nicht darin, daß die ersten Gespräche, die man mit ihnen hält, und die ersten Worte, welche sie sprechen, keinen Sinn für sie haben, sondern daß sie einen andern Sinn als wir hineinlegen, ohne daß wir es zu merken vermögen, so daß, während sie uns völlig genau zu antworten scheinen, wir uns in Wirklichkeit gegenseitig nicht verstehen. Aus diesem Umstande, daß Jeder demselben Worte einen anderen Sinn unterlegt, schreibt sich gewöhnlich die Ueberraschung her, in die uns nicht selten die Aeußerungen der Kinder versetzen, aus denen wir Vorstellungen herauslesen, die sie durchaus nicht damit verbunden haben. Ich halte diese unsere geringe Achtsamkeit auf den wahren Sinn, den die Worte für die Kinder haben, für die Ursache ihrer ersten Irrthümer, und diese Irrthümer üben selbst dann, wenn die Kinder sie schon als solche erkannt haben, immer noch einen bestimmenden Einfluß auf die Richtung des Geistes ihr ganzes Leben lang aus. Beschränket deshalb so viel als möglich den Wörterschatz des Kindes. Es kann ihm nur zum großen Nachtheile gereichen, wenn es mehr Wörter als Begriffe hat und wenn es mehr Dinge mit Namen nennen, als Begriffe mit denselben zu verbinden vermag. Ich bin überzeugt, daß einer der Hauptgründe, weshalb die Bauern mehr Mutterwitz besitzen und geweckter als die Städter sind, in dem geringeren Reichthum ihres Wortvorraths beruht. Sie haben zwar nur wenig Begriffe, aber dieselben stehen im Einklange mit einander. Die ersten Entwickelungen der Kindheit geschehen fast alle gleichzeitig. Das Kind lernt beinahe in derselben Zeit sprechen, essen und gehen. Diese Entwickelungsperiode bildet so recht eigentlich die erste Epoche seines Lebens. Vor derselben ist es nichts mehr und nichts weniger, als was es im Mutterschooße war; es hat kein Gefühl, keine Vorstellung, ja kaum Empfindungen kann man ihm zuschreiben: es fühlt nicht einmal sein eigenes Dasein. Vivit, et est vitae nescius ipse suae. Ovid, Trist., lib. I. Zweites Buch. Mit Beginn der zweiten Lebensperiode, in welche jetzt das Kind eintritt, hat eigentlich die Kindheit schon ihr Ende erreicht, denn die Wörter infans und puer sind nicht gleichbedeutend. Das erstere ist unter dem zweiten mit einbegriffen und bedeutet ein Kind, welches noch nicht sprechen kann, weshalb auch der Ausdruck des Valerius Maximus » puer infans « seine volle Berechtigung hat. Allein ich werde mich unserem Sprachgebrauche anschließen und mich des Wortes Kindheit nach wie vor bis zu dem Lebensalter bedienen, für welches unsere Sprache bezeichnendere Benennungen hat. Wenn die Kinder zu sprechen beginnen, weinen sie weniger. Dieser Fortschritt ist natürlich; eine Sprache verdrängt die andere. Warum sollten sie wohl, wenn sie mit Worten auszudrücken vermögen, daß sie leiden, zum Schreien ihre Zuflucht nehmen, falls ihre Schmerzen nicht zu heftig sind, als daß sie sich durch Worte ausdrücken lassen? Fahren sie dann doch noch zu weinen fort, so liegt die Schuld an den Personen ihrer Umgebung. Hat Emil erst einmal gesagt: »Mir ist unwohl«, so werden ihm fortan nur die heftigsten Schmerzen Thränen auszupressen im Stande sein. Wenn das Kind schwächlich und empfindlich ist, so daß es von Natur um nichts in Geschrei ausbricht, so suche ich diese ewige Thränenquelle dadurch zu verstopfen, daß ich es sich vergeblich abschreien lasse. So lange es weint, gehe ich unter keinen Umständen zu ihm; ich eile aber zu ihm, sobald es sich beruhigt hat. Bald wird es sein Betragen ändern und mich durch Schweigen oder höchstens dadurch rufen, daß es einen einzigen Schrei ausstößt. Nur nach der wahrnehmbaren Wirkung beurtheilen die Kinder die Bedeutung der Zeichen, für sie gibt es keine andere Art und Weise. Mag sich ein Kind noch so wehe thun, so wird es doch, wenn es allein ist und keine Hoffnung hat gehört zu werden, in höchst seltenen Fällen weinen. Wenn es fällt, sich den Kopf stößt, Nasenbluten bekommt oder sich in die Finger schneidet, werde ich ihm durchaus nicht mit bestürzter Miene sofort zu Hilfe eilen, sondern mich wenigstens eine Zeit lang ruhig verhalten. Das Uebel ist einmal geschehen, das Kind muß den Schmerz aushalten; all mein Eifer würde nur dazu dienen, es noch mehr zu erschrecken und seine Empfindlichkeit zu vermehren. Im Grunde genommen wird der Schmerz, den man bei einer Verletzung empfindet, weniger von der Wunde als von der Furcht erregt, die uns der Anblick derselben einflößt. Diese letztere Bangigkeit werde ich ihm wenigstens ersparen; denn sicherlich wird es sich in der Beurtheilung seines Schadens nach mir richten. Sieht es mich unruhig herbei eilen, um es zu trösten und es zu beklagen, so wird es sich für verloren halten; sieht es mich dagegen meine Kaltblütigkeit bewahren, so wird es auch die seinige bald wieder gewinnen und den Schaden für geheilt halten, sobald es den Schmerz nicht mehr empfindet. Unter solchen Erfahrungen entwickelt sich schon in diesem Alter in der Brust des Kindes Muth und Unerschrockenheit; durch furchtloses Ertragen leichterer Schmerzen lernt man stufenweise auch die großen ertragen. Weit entfernt, meinen Emil sorgfältig vor jeder Verletzung, die er sich zufügen könnte, zu behüten, würde es mir vielmehr höchst unlieb sein, wenn er sich niemals wehe thäte und aufwüchse, ohne den Schmerz kennen zu lernen. Leiden und dulden ist das Erste, was er lernen muß, und was zu verstehen ihm am nöthigsten sein wird. Es hat fast den Anschein, als ob die Kinder nur klein und schwach wären, um diesen wichtigen Unterricht ohne Gefahr erhalten zu können. Fällt das Kind der ganzen Länge nach hin, so bricht es sich doch nicht das Bein; schlägt es sich mit einem Stocke, so bricht es sich doch nicht den Arm, greift es nach einem scharfen Messer, so packt es doch nicht fest zu und verwundet sich deshalb auch nicht tief. Mir ist kein Beispiel bekannt, daß man je ein sich selbst überlassenes Kind sich hat tödten, zum Krüppel machen oder einen erheblichen Schaden zufügen sehen, vorausgesetzt, daß man es nicht leichtsinniger Weise an erhöhte Plätze oder ohne Aufsicht in die Nähe des Feuers gesetzt oder gefährliche Instrumente in seinem Bereiche gelassen hat. Was soll man wol zu diesem Arsenal künstlicher Mittel sagen, mit denen man ein Kind umschanzt, um es auf alle Weise gegen den Schmerz zu waffnen, und durch die man nichts Anderes erreicht, als daß es, wenn es erwachsen ist, demselben ohne Muth und ohne Erfahrung Preis gegeben ist, sich beim ersten Nadelstich schon für eine Beute des Todes hält und ohnmächtig wird, sobald es einen einzigen Blutstropfen vergießt? Ein Beleg für unsere pedantische Lehrwuth ist der leidige Umstand, daß wir uns nicht einmal enthalten können, den Kindern selbst das beizubringen, was sie aus sich selbst weit besser lernen würden, und daß wir darüber das verabsäumen, was wir allein sie lehren können. Gibt es wol etwas Thörichteres als die Mühe, die man sich gibt, sie gehen zu lehren? Hat man etwa schon je einen Erwachsenen gesehen, der deshalb nicht hätte gehen können, weil ihn seine Wärterin einst vernachlässigt hatte? Wie viele Leute sieht man dagegen, die lebenslang einen schlechten Gang behalten, den man ihnen schon am Gängelbande beigebracht hat. Emil wird weder Fallhüte, noch Laufkörbe, noch Kinderwagen, noch solche Gängelbänder bekommen; von dem Augenblicke an, wo er einen Fuß vor den andern setzen kann, wird man ihn nur noch an gepflasterten Stellen halten und ihm schnell darüber hinweghelfen. Es gibt nichts Lächerlicheres und Unsichereres als den Gang solcher Leute, welche man zu lange am Gängelbande geführt hat. Dies ist ebenfalls eine von den, gerade wegen ihrer allgemein anerkannten Richtigkeit, als trivial bezeichneten Beobachtungen, welche aber trotzdem in mehr als einem Sinne richtig sind. Anstatt ihn in ungesunder Stubenluft verkümmern zu lassen, wird man ihn täglich mitten auf eine Wiese führen. Dort mag er laufen und sich lustig umhertummeln; meinetwegen mag er alle Tage hundertmal dabei hinfallen, das ist nur desto besser, denn dadurch wird er um so eher wieder aufstehen lernen. Das wohlthuende Gefühl der Freiheit wiegt viele Wunden auf. Mein Zögling wird sich gewiß oft stoßen, aber gleichwol wird er immer fröhlich und guter Dinge sein. Wenn die Eurigen sich weniger oft wehe thun, so sind sie dafür auch nie Herren ihres eigenen Willens, sind stets gefesselt, fühlen sich stets gedrückt. Ich zweifle, daß der Vortheil auf ihrer Seite liegt. Auch noch ein anderer Fortschritt, nämlich die Entwickelung und Zunahme ihrer eigenen Kräfte, nöthigt sie jetzt weniger oft zum Weinen. Da sie jetzt mehr durch sich selbst vermögen, bedürfen sie fremder Hilfe desto weniger. Mit ihrer Kraft entwickelt sich gleichzeitig die Einsicht, die ihnen die Fähigkeit verleiht, dieselbe richtig zu leiten. Auf dieser zweiten Stufe beginnt eigentlich erst das individuelle Leben; nun erst gelangt das Kind zum Bewußtsein seiner selbst. Die Erinnerung erweitert die Empfindung der Identität über alle Augenblicke seines Daseins; es wird nun in Wirklichkeit ein einheitliches Wesen, das sich stets als dasselbe fühlt, und wird folglich jetzt erst des Glückes und Elendes fähig. Es ist deshalb von Wichtigkeit, daß man es von nun an als ein moralisches Wesen betrachte. Obgleich man über das äußerste Ziel des menschlichen Lebens, so wie über die Wahrscheinlichkeit, die man in jedem Lebensalter hat, dieses Ziel zu erreichen, annähernde Berechnungen besitzt, so ist doch nichts ungewisser als die Lebensdauer jedes einzelnen Menschen; dieses höchste Lebensziel erreichen nur sehr wenige. Gerade bei seinem Beginne ist das Leben den größten Gefahren ausgesetzt; je kürzere Zeit man gelebt hat, desto weniger darf man hoffen, sein Leben zu erhalten. Von allen Kindern, die geboren werden, erreicht höchstens die Hälfte das Jünglingsalter, und euer Zögling wird also wahrscheinlich das Mannesalter nicht erreichen. Was soll man also von der jetzigen barbarischen Erziehung denken, welche die Gegenwart einer ungewissen Zukunft opfert, die einem Kinde allerlei Fesseln anlegt und es gleich vom ersten Augenblicke an unglücklich macht, um ihm in weiter Ferne ich weiß nicht was für ein vermeintliches Glück zu bereiten, das es vermuthlich nie genießen wird? Wie könnte man, selbst für den Fall, daß diese Erziehung hinsichtlich ihres Zweckes vernünftig wäre, es ohne Unwillen mit ansehen, wie diese armen unglücklichen Wesen einem unerträglichen Joche unterworfen und gleich Sträflingen zu ununterbrochenen Arbeiten verurtheilt sind, ohne sich der sicheren Hoffnung hingeben zu können, daß sie dereinst aus diesen vielen Mühen auch Nutzen ziehen werden? Die Jahre des Frohsinnes vergehen ihnen unter Thränen, Züchtigungen, Drohungen, kurzum in voller Sklaverei. Man peinigt das unglückliche Kind um seines Wohles willen und will nicht einsehen, daß man dadurch den Tod herbeiruft, dessen Beute es mitten unter diesen traurigen Vorkehrungen werden wird. Wer vermag zu berechnen, wie viel Kinder als Schlachtopfer der überspannten Weisheit eines Vaters oder eines Lehrers dahinsterben? Glücklich sind alle zu preisen, welche solcher Grausamkeit entgehen! Der einzige Vortheil, den sie aus den ihnen zugefügten Leiden ziehen, liegt darin, daß sie sterben, ohne den Verlust eines Lebens zu beklagen, von dem sie nur die Qualen kennen gelernt haben. Menschen, seid menschlich, das ist eure erste Pflicht; seid es gegen alle Stände, gegen alle Lebensalter, gegen Alles, was der menschlichen Natur eigen ist. Kennt ihr noch eine Weisheit außer der Humanität? Liebet die Kindheit, begünstigt ihre Spiele, ihre Vergnügungen, ihren liebenswürdigen Instinct. Wer von euch hätte sich nicht bisweilen nach diesem glücklichen Alter zurück gesehnt, wo das Lächeln stets auf den Lippen schwebt und Ruhe und Frieden die Seele erfüllt? Weshalb wollt ihr diese kleinen Unschuldigen um den Genuß einer Zeit, die so flüchtig ist und eines so kostbaren Gutes, das sie nicht mißbrauchen können, rücksichtslos bringen? Weshalb wollt ihr ihnen diese ersten, so schnell entfliehenden Jahre, die ihnen nie wiederkehren werden, um deswillen mit Bitterkeit und Schmerzen vergällen, weil sie euch nicht wiederkehren können? Väter, kennt ihr den Augenblick, wo der Tod eurer Kinder wartet? Hütet euch, daß ihr nicht einst bereuen müßt, ihnen die kurzen Augenblicke, welche die Natur ihnen schenkt, geraubt zu haben; traget Sorge, daß sie die Freude des Daseins, sobald sie dieselbe empfinden können, auch unverkürzt genießen; traget Sorge, daß sie, zu welcher Stunde Gott sie auch abberufen möge, nicht sterben, ohne das Glück des Lebens gekostet zu haben. Wie viele Stimmen werden sich gegen mich erheben! Ich höre schon von Weitem den Schrei der Entrüstung, den jene falsche Weisheit ausstoßen wird, welche uns unaufhörlich nur außer uns liegende Ziele vorsteckt, die Gegenwart beständig für nichts achtet und unablässig einer Zukunft nachjagt, die bei jedem Fortschritte, den wir machen, nur desto weiter vor uns flieht. Sie hat es stets mit Verhältnissen zu schaffen, die den unsrigen ganz fremd sind, und macht uns nur mit solchen vertraut, in denen wir uns nie befinden werden. Man wird mir dagegen einwenden, daß gerade diese Lebensperiode die richtige Zeit sei, die bösen Neigungen des Menschen zu verbessern; in dem Alter der Kindheit, wo die Strafen weniger fühlbar seien, müsse man sie gerade vervielfältigen, um ihrer im Alter der Vernunft überhoben zu sein. Allein wer bürgt euch denn dafür, daß die Ausführung dieses Planes auch völlig euren Wünschen entspricht, und daß alle diese schönen Lehren, mit denen ihr den schwachen Geist eines Kindes überladet, ihm dereinst nicht mehr Schaden als Nutzen bereiten werden? Wer bürgt euch dafür, daß ihr ihm durch all das Weh, das ihr ihm so häufig zufügt, irgend etwas erspart? Weshalb bereitet ihr ihm mehr Leiden, als sein Zustand zuläßt, ohne sicher zu sein, daß diese gegenwärtigen Leiden den zukünftigen vorbeugen? Und wie wollt ihr mir beweisen, daß diese bösen Neigungen, von denen ihr es heilen zu wollen vorgebt, sich bei ihm nicht gerade erst durch eure übel angebrachten Sorgen herausgebildet haben, anstatt eine Mitgift der Natur zu sein? Unheilvolle Fürsorge, die ein Wesen in der wohl oder übel gegründeten Hoffnung es einst glücklich zu machen, es für die Gegenwart unglücklich macht! Wenn diese oberflächlichen Schwätzer jedoch Zügellosigkeit mit Freiheit, und ein Kind, das man glücklichen machen strebt, mit einem Kinde, welches man verzieht, verwechseln, so will ich ihnen die Unterschiede nachweisen. Um nicht Hirngespinnsten nachzujagen, dürfen wir nicht vergessen, was uns in unserer Eigenschaft als Menschen zusagt und dienlich ist. Die Menschheit hat ihren Platz in der Ordnung der Dinge; die Kindheit hat wieder den ihrigen in der Ordnung des menschlichen Lebens. Man muß den Mann im Manne und im Kinde das Kind betrachten. Jedem seinen Platz anweisen und auf demselben befestigen, die menschlichen Triebe in Bahnen lenken, die der Natur des Menschen nicht zuwider laufen, ist Alles, was wir für sein Wohlsein zu thun vermögen. Das Uebrige hängt von Zufälligkeiten ab, die nicht in unserer Gewalt stehen. Absolutes Glück oder Unglück kennen wir nicht. Alles ist in diesem Leben gemischt; man genießt in demselben kein Gefühl ganz rein, verharrt nicht zwei Augenblicke in demselben Zustande. Geistig wie körperlich befinden wir uns in fortwährenden Schwankungen. Gutes wie Böses ist unser gemeinsames Erbtheil, wenn auch in verschiedenem Maße. Der Glücklichste ist derjenige, welcher am wenigsten Noth und Sorgen zu erfahren hat, der Unglücklichste, wer am wenigsten Freude empfindet. Trotz aller Verschiedenheit des Erdenlooses ist es doch darin bei Allen gleich, daß wir mehr bittere als freudvolle Stunden durchzumachen haben. Hienieden ist deshalb das Glück des Menschen nur ein negativer Zustand; man kann es lediglich nach der geringeren Anzahl der zu erduldenden Uebel bemessen. Von jedem Schmerzgefühl ist der Wunsch, davon erlöst zu werden, unzertrennlich; mit jeder Vorstellung eines Vergnügens geht der Wunsch, dasselbe zu genießen, Hand in Hand. Jeder Wunsch setzt eine Entbehrung voraus, und alle Entbehrungen, deren man sich bewußt wird, sind schmerzlich; aus diesem Grunde besteht unser Unglück in dem Mißverhältniß zwischen unseren Wünschen und unserer Fähigkeit, dieselben zu befriedigen. Ein empfindendes Wesen, das die Fähigkeit besäße, alle seine Wünsche zu erfüllen, würde ein absolut glückliches Wesen sein. Worin besteht also die menschliche Weisheit oder der Weg zum wahren Glück? Nicht etwa darin, unsere Wünsche herabzustimmen; denn wenn dieselben nicht bis zu unserem Vermögen, sie zu befriedigen, gingen, würde ein Theil unserer Kräfte müßig bleiben, und wir würden uns unseres Seins nicht nach jeder Richtung hin erfreuen können; auch nicht darin, unsere Fähigkeiten zu erweitern; denn wenn sich damit gleichzeitig unsere Wünsche in noch höherem Grade steigerten, würden wir nur desto elender werden; sondern darin, daß wir unsere Wünsche, wenn sie das gehörige Maß zu überschreiten beginnen, ganz unserer Fähigkeit, sie zu befriedigen, anpassen und unser Wollen mit unserem Können in völligen Einklang bringen. Deshalb wird die Seele nur dann ruhig bleiben und der Mensch sich wohl befinden, wenn alle Kräfte gleichmäßig in Thätigkeit sind. So hat es die Natur, die Alles aufs Beste macht, von Anfang an eingerichtet. Unmittelbar flößt sie uns nur die zu unserer Erhaltung nothwendigen Triebe ein und rüstet uns mit den zu ihrer Befriedigung hinreichenden Kräften aus. Alle übrigen hat sie im Grunde unserer Seele gleichsam als Reserve aufgestellt, um sie sich dort je nach Bedürfniß entwickeln zu lassen. Nur in diesem primitiven Zustande stehen Wollen und Können im richtigen Gleichgewichte. Sobald indeß die virtuellen Kräfte des Menschen allmählich in Thätigkeit treten, erwacht die Einbildungskraft, die lebhafteste und thätigste von allen, und eilt ihnen allen vorauf. Die Einbildungskraft erweitert für uns im Guten wie im Bösen die Grenzen der Möglichkeit und erregt und unterhält folglich die Begierden durch die Hoffnung ihrer Befriedigung. Aber das Ziel derselben, das man anfangs schon erfassen zu können glaubt, flieht schneller, als man ihm zu folgen vermag; sobald man es erreicht zu haben glaubt, verwandelt es sich unter den Händen und zeigt sich in noch weiterer Ferne. Der durchmessenen Strecke schenken wir, da sie sich unseren Blicken entzieht, keine Beachtung, und die, welche wir noch zurückzulegen haben, vergrößert sich und dehnt sich unaufhörlich weiter aus. So muß man sich erschöpfen, ohne je das Ziel erreichen zu können, und je mehr wir der Genußsucht fröhnen, desto mehr flieht uns das wahre Glück. Je weniger sich dagegen der Mensch von seinem natürlichen Zustande entfernt hat, desto geringer ist der Unterschied zwischen seinen Wünschen und seinen Fähigkeiten, dieselben zu befriedigen und desto weniger ist er folglich von dem wahren Glück entfernt. Er wird nie weniger unglücklich sein, als wenn er von Allem entblößt scheint, denn nicht im Mangel an sich besteht das Unglück, sondern darin, daß man sich des Mangels bewußt wird. Die wirkliche Welt hat ihre Grenzen, die nur in der Einbildung bestehende ist unbegrenzt. Da wir nun die erstere nicht zu erweitern vermögen, so laßt uns die letztere einengen, denn allein aus dem zwischen ihnen herrschenden Zwiespalte entstehen alle die Leiden, die uns wahrhaft unglücklich machen. Mit Ausnahme der Kraft, der Gesundheit und eines guten Gewissens beruhen alle Güter dieses Lebens auf Ansichten; mit Ausnahme der körperlichen Schmerzen und der Gewissensbisse beruhen alle Uebel in der Einbildung. Das ist, wird man sagen, ein allgemein allerkannter Satz; ich räume es ein; allein die praktische Anwendung desselben ist nicht allgemein, und gerade um die praktische Verwerthung handelt es sich hier ausschließlich. Was will man mit der Behauptung sagen, der Mensch sei schwach? Das Wort Schwäche bezeichnet eine Beziehung, eine Beziehung des Wesens, auf welche man es anwendet. Dasjenige Wesen, dessen Kraft größer ist als seine Bedürfnisse erheischen, ist stark, und wäre es nur ein Insect oder ein Wurm; dasjenige dagegen, dessen Bedürfnisse größer sind als die zu ihrer Befriedigung erforderliche Kraft, ist ein schwaches Wesen, und wäre es ein Elephant oder ein Löwe, ein Eroberer oder ein Held, ja wäre es sogar ein Gott. Der abtrünnige Engel, welcher seine Natur verkannte, war schwächer als der glückliche Sterbliche, der seiner Natur gemäß in Frieden lebte. Der Mensch ist sehr stark, sobald er sich damit begnügt, nur das zu sein, was er ist; er ist sehr schwach, wenn er sich über die Menschheit erheben will. Bildet euch deshalb nicht etwa ein, daß ihr durch Ausbildung eurer Fähigkeiten auch gleichzeitig eure Kräfte erhöht; ihr schwächt sie im Gegentheile, wenn sich euer Stolz höhere Ziele steckt, als sie zu erreichen vermögen. Lasset uns den Radius unseres Kreises genau abmessen und im Mittelpunkte desselben wie eine Spinne in der Mitte ihres Netzes bleiben; dann werden wir uns immer selbst genug sein und uns nicht über unsere Schwäche zu beschweren brauchen, weil wir sie nie empfinden werden. Alle Thiere haben genau die zu ihrer Erhaltung nötigen Fähigkeiten; der Mensch allein ist mit höheren Kräften ausgerüstet. Ist es nicht eigenthümlich, daß gerade diese höhere Begabung die Wurzel seines Unglücks ist? Noch in jedem Lande haben die Arme eines Menschen mehr als die notdürftigsten Subsistenzmittel zu erwerben vermocht. Wäre der Mensch weise genug, diesem Ueberschuß gar keinen Werth beizulegen, so würde er stets das Notwendige haben, da er niemals zu viel hätte. Die großen Bedürfnisse, behauptet Favorin, seien eine Folge der großen Besitzthümer, und oft sei das beste Mittel sich das, woran man Mangel leide, zu verschaffen, daß man das wieder hingebe, was man besitze. Noct. Attic. Lib. IX, cap. 8. Dadurch, daß wir uns ewig abmühen, unser Glück zu erhöhen, verwandeln wir es selbst in Unglück. Jeder Mensch, der nur den Wunsch zu leben hätte, würde glücklich leben, und folglich würde er auch gut und rechtschaffen sein, denn welchen Vortheil könnte es ihm wol bringen, schlecht zu sein? Wären wir unsterblich, würden wir höchst unglückliche Wesen sein. Es ist unzweifelhaft hart, zu sterben, allein süß ist es, die Hoffnung hegen zu dürfen, daß man nicht ewig leben werde, und daß ein bessres Leben die Leiden des gegenwärtigen enden werde. Wer Man wird begreifen, daß ich hier nur von solchen Menschen, die Ueberlegung haben, nicht aber von allen Menschen rede. würde wol, wenn man ihm die Unsterblichkeit auf Erden anböte, dieses traurige Geschenk annehmen wollen? Welche Hilfe, welche Hoffnung, welcher Trost würden uns wol gegen die Härte des Schicksals und gegen die Ungerechtigkeiten der Menschen noch bleiben? Der Unwissende, dem es an Voraussicht fehlt, fühlt den Werth des Lebens wenig und fürchtet eben so wenig es zu verlieren; der aufgeklärte Mensch kennt werthvollere Güter, welche er um deswillen dem Leben vorzieht. Nur die Halbwisserei und Afterweisheit stellen uns den Tod, indem sie unsere Blicke nur auf ihn, aber nicht auf das lenken, was hinter ihm liegt, als das größte aller Uebel dar. Die Notwendigkeit zu sterben ist für den Weisen nur ein Grund, die Leiden des Lebens zu ertragen. Wenn man nicht sicher wäre es einmal zu verlieren, so würde seine Erhaltung fürwahr den Preis nicht werth sein, den man dafür zu zahlen hat. Unsere moralischen Uebel beruhen alle, ein einziges, das Laster, ausgenommen, auf Einbildung, und dieses eine hängt von uns ab. Unsere physischen Uebel zerstören entweder sich selbst oder sie zerstören uns. Die Zeit oder der Tod sind unsere Heilmittel dagegen; aber wir leiden um so mehr, je weniger wir zu leiden verstehen, und wir bereiten uns durch das Bestreben unsere Krankheiten zu heilen mehr Qualen, als uns die ruhige Erduldung derselben zuzufügen im Stande wäre. Lebe naturgemäß, sei geduldig und lasse dich nicht mit Aerzten ein! Du wirst dadurch zwar dem Tode nicht entfliehen, wirst aber auch nur einmal seine Schrecken empfinden, während jene deine Einbildungskraft täglich beunruhigen und ihre lügnerischen Künste dir allen Lebensgenuß rauben, anstatt deine Tage zu verlängern. Ich muß mir immer wieder die Frage vorlegen, welch wahres Gut die ärztliche Kunst dem Menschen eigentlich bereitet hat. Einige von denen, die sie heilt, würden sterben, das ist eine ausgemachte Wahrheit; dafür würden aber auch Millionen, die sie tödtet, am Leben bleiben. Mensch, spiele, wenn du gescheidt bist, nicht in dieser Lotterie, wo dir alle Aussichten fehlen! Leide, stirb oder genese, vor Allem aber lebe bis zu deiner letzten Stunde. Alle menschliche Einrichtungen sind voller Narrheit und Widersprüchen. Je mehr unser Leben an Werth verliert, desto mehr beunruhigen wir uns über dasselbe. Die Greise beklagen die Flüchtigkeit desselben mehr als die jungen Leute; sie wollen die Früchte der Vorbereitungen nicht verlieren, welche sie getroffen haben, um es recht zu genießen. Es ist freilich ein grausames Schicksal mit sechzig Jahren zu sterben, wenn man eigentlich noch gar nicht zu leben angefangen hat. Man ist der Ansicht, daß der Mensch einen lebhaften Erhaltungstrieb besitze, und das ist unleugbar; aber man will nicht begreifen, daß dieser Trieb, in der Weise wie wir ihn fühlen, großenteils das Werk der Menschen ist. Von Natur bemüht sich der Mensch um seine Erhaltung nur in so weit, als die Mittel dazu in seiner Macht stehen; sobald ihm dieselben ausgehen, wird er dagegen gleichgültig und gefühllos und stirbt, ohne sich vergeblich zu quälen. Die Natur selber predigt uns als erstes Gesetz die Ergebung in unser Schicksal. Die Wilden sträuben sich eben so wie die Thiere nur im geringen Grade gegen den Tod und erdulden ihn fast ohne Klage. Ist dieses Gesetz aufgehoben, so entwickelt sich daraus ein anderes, welches wir mit unserer eigenen Vernunft daraus herleiten können; aber nur Wenige verstehen die richtigen Schlüsse zu ziehen, und diese erkünstelte und unnatürliche Resignation ist niemals so völlig und entschieden als die erste. Vorsorge! O diese Vorsorge, die uns unaufhörlich in uns fremde Bahnen leitet und uns oft für Lebensstellungen vorzubereiten sucht, die wir nimmermehr erreichen werden, sie ist gerade die wahre Quelle aller unserer Leiden. Welch' eine Sucht für ein so vergängliches Wesen, wie der Mensch, beständig in die Ferne zu schauen, in eine Zukunft, die sich nur selten wirklich so gestaltet, und darüber die Gegenwart zu vergessen, deren er doch sicher ist! Diese Sucht ist aber um so trauriger, als sie mit dem Alter stetig wächst, und die beständig mißtrauischen, vorsorglichen und geizigen Greise lieber für den Augenblick auf das Notwendige verzichten, als in einem Alter von hundert Jahren das Überflüssige entbehren. Deshalb hat Alles in unseren Augen Werth, deshalb klammern wir uns an Alles an. Zeiten und Orte, Menschen und Dinge, kurz, Alles, was ist, und Alles, was sein wird, hat für Jeden von uns eine gewisse Wichtigkeit. Die Folge davon ist denn, daß unser eigenes Ich nur den kleinsten Theil unseres Selbst bildet. Jeder dehnt sich gleichsam über die ganze Erde ans und wird im Verhältnisse zu dem Umfange dieser ganzen großen Oberfläche entsprechend reizbar und empfindlich. Ist es deshalb zu verwundern, wenn sich unsere Leiden auf allen verletzbaren Punkten vervielfältigen? Wie viele Fürsten gerathen doch über den Verlust eines Landes, welches sie niemals gesehen haben, fast in Verzweiflung! Wie viele Kaufleute braucht man nur in Indien anzurühren, um in Paris ein allgemeines Klagegeschrei hervorzurufen! Ist es etwa die Natur, welche den Menschen ihrem Wesen so fremde Bahnen vorzeichnet? Ist sie es, welche will, daß Jeder sein Schicksal von Anderen erfahre und es bisweilen erst zuletzt erfahre, so daß schon Mancher glücklich oder elend gestorben ist, ohne je gewußt zu haben, daß er es war? Ich sehe einen frischen, heitern, kräftigen, gesunden Mann vor mir; man fühlt sich in seiner Gegenwart froh und glücklich; Zufriedenheit und Wohlsein lacht uns aus seinen Augen entgegen, als ein verkörpertes Bild des Glückes steht er da. Plötzlich langt ein Brief mit der Post an; der glückliche Mann betrachtet ihn; der Brief trägt seine Adresse, er öffnet, er liest ihn. Mit einem Male verändern sich seine Mienen; er erblaßt, er fällt in Ohnmacht. Wieder zu sich gekommen, weint, tobt, seufzt er, reißt sich die Haare aus, bricht in lautes Klagen aus und scheint von krampfartigen Zuckungen befallen. Thörichter, welches Leid kann dir dieses Papier bereitet haben? Welches Gliedes hat es dich beraubt? Zu welchem Verbrechen hat es dich verführt? Kurz, welche Veränderung hat es in dir bewirkt, um dich in den Zustand, in welchem ich dich erblicke, versetzen zu können? Wenn dieser Brief sich verirrt, wenn eine wohlmeinende Hand ihn in das Feuer geworfen hätte, so würde meiner Ansicht nach das Schicksal dieses zugleich glücklichen und unglücklichen Menschen ein eigenthümliches Problem sein. Sein Unglück, werdet ihr sagen, war ein wirkliches. Nun gut, aber er fühlte es nicht. Worin bestand es also? Sein Unglück, wendet ihr ein, war ein eingebildetes. Ich verstehe; nach eurer Meinung sind also Gesundheit, Heiterkeit, Wohlsein, Seelenfrieden nichts als Gebilde der Phantasie! Dann freilich ist die Wirklichkeit aus unserm Dasein verbannt und wir stehen nur unter der Herrschaft des Scheins. Verlohnt es sich dann der Mühe, sich in so hohem Grade vor dem Tode zu fürchten, vorausgesetzt, daß das bleibt, worin wir leben und weben? O Mensch, suche dein wahres Glück in dir selbst, und du wirst dich nicht mehr elend fühlen! Halte an dem Platze aus, den dir die Natur in der Kette anweist, dann wird nichts dich aus demselben zu entfernen vermögen. Sträube dich nicht gegen das harte Gesetz der Notwendigkeit und erschöpfe nicht im thörichten Versuche, derselben Widerstand entgegenzusetzen, die Kräfte, die dir der Himmel nicht zur Erweiterung und Verlängerung, sondern nur zur Erhaltung deines Daseins, wie es ihm gefällt und so lange es ihm gefällt, gegeben hat. Deine Freiheit und deine Macht erstrecken sich nur über das Gebiet deiner natürlichen Kräfte und nicht darüber hinaus, alles Uebrige ist nur Sklaverei, Illusionen, Blendwerk. Sogar die Herrschaft trägt einen knechtischen Charakter, sobald sie sich auf Vorurtheile gründet, denn dann hängst du wieder von den Vorurtheilen derer ab, die du durch Vorurtheile beherrschest. Um sie nach deinem Gefallen zu lenken, mußt du dich auch von ihrem Gefallen und Bedünken lenken lassen. Sie brauchen nur einmal ihre Denkweise zu ändern, und du wirst dann sofort deine Handlungsweise ändern müssen. Die Personen, welche in deiner Nähe leben, brauchen nur zu verstehen, die Meinungen des Volkes, welches du beherrschen sollst, oder der Günstlinge; die dich wirklich beherrschen, oder die deiner Familie, oder deine eigenen zu leiten, und diese Veziere, diese Höflinge, diese Priester, diese Soldaten, diese Diener, diese Klatschschwestern, ja die ganze Stufenleiter bis zu den Kindern hinab, werden dich, und wenn du an Geist ein Themistokles wärst, Dieser kleine Knabe, den ihr dort seht, sagte Themistokles zu seinen Freunden, ist der Gebieter Griechenlands, denn er regiert seine Mutter, seine Mutter regiert mich, ich regiere die Athener, und die Athener regieren die Griechen. O welche kleinliche und unbedeutende Staatslenker würde man oft in den größten Reichen nachweisen können, wenn man vom Fürsten stufenweise bis zur ersten Hand hinabsteigen wollte, welche die Staatsmaschine in Bewegung setzt. inmitten deiner Legionen wie ein Kind leiten. Trotz aller Anstrengungen wird deine wirkliche Autorität nie weiter als deine wirkliche Macht reichen. Sobald du durch die Augen Anderer sehen mußt, so muß sich auch folgerecht dein Wille in ihren Willen fügen. Meine Völker sind meine Unterthanen, sagst du stolzen Gefühls. Aber was bist denn du? Der Unterthan deiner Minister. Und was sind deine Minister ihrerseits? Die Unterthanen ihrer Beamten, ihrer Maitressen, die Diener ihrer Diener. Erobert Alles, raubet Alles und streuet dann das Geld mit vollen Händen aus, lasset Batterien auffahren, errichtet Galgen und Räder, erlasset Gesetze und Verordnungen, vermehrt die Spione, die Söldlinge, die Henker, die Gefängnisse und die Ketten, – und doch, wozu nützt euch dies Alles, ihr armen Menschenkinder? Ihr werdet deshalb nicht besser bedient, noch weniger bestohlen oder hintergangen, nicht unumschränkter werden. Ihr werdet beständig sagen: »Wir wollen«, und trotzdem beständig das thun, was Andere wollen. Der allein führt seinen Willen aus, welcher sich zur Vollstreckung desselben nicht fremder Arme zu bedienen braucht, woraus folgt, daß das höchste aller Güter nicht die Autorität, sondern die Freiheit ist. Der wahrhaft freie Mann will nur, was er vermag, und handelt nach eigenem Gefallen. Das ist mein Fundamentalgrundsatz. Es handelt sich dabei nur darum, ihn auf die Kindheit anzuwenden, und alle Regeln der Erziehung lassen sich daraus ableiten. Die Gesellschaft hat die Schwäche des Menschen vergrößert, nicht allein dadurch, daß sie ihm das Verfügungsrecht über seine eigenen Kräfte entzogen hat, sondern vor Allem dadurch, daß dieselben durch ihre Schuld unzulänglich für ihn geworden sind. Aus diesem Grunde vermehren sich seine Wünsche mit seiner Schwäche, und dies ist es auch, was die Schwäche der Kindheit, mit dem Mannesalter verglichen, so grell hervortreten läßt. Wenn der Mann ein starkes und das Kind ein schwaches Wesen ist, so liegt die Ursache nicht etwa darin, daß ersterer mehr absolute Stärke als letzeres besitzt, sondern einfach darin, daß jener sich natürlich selbst genug sein kann, dieses aber nicht. Der Mann muß demnach mehr Willen, das Kind mehr Phantasie haben, unter welchem Worte ich alle Wünsche verstehe, welche nicht auf wahren Bedürfnissen beruhen, sondern sich nur mit fremder Hilfe befriedigen lassen. Ich habe die Ursache dieses Schwächezustandes angedeutet. Hier greift nun die Natur durch die Liebe der Eltern ein; allein diese Liebe tritt sehr verschieden auf; bald zeigt sie sich in übertriebener, bald in ungenügender, bald in verkehrter Weise. Eltern, welche in bürgerlichen Verhältnissen leben, versetzen ihr Kind vor dem dazu geeigneten Alter in dieselben. Dadurch daß sie es an Bedürfnisse gewöhnen, die ihm noch fremd sind, unterstützen sie nicht seine Schwäche, sondern vermehren sie. Sie vermehren sie ferner dadurch, daß sie Leistungen von dem Kinde fordern, welche die Natur noch keineswegs verlangte, daß sie die geringe Kraft, welche es besitzt, um nach seinem Willen zu leben, dem ihrigen unterwerfen, daß sie die gegenseitige Abhängigkeit, in der sie beiderseits durch die kindliche Schwachheit, wie durch die elterliche Liebe von einander erhalten werden, in Sklaverei des einen oder des andern Theiles verwandeln. Der vernünftige Mann versteht sich in seiner Stellung zu behaupten; das Kind jedoch, welches die seinige nicht begreift, würde sich nicht durch sich selbst in derselben erhalten können. Es findet unter uns tausend Wege, sich aus ihr zu entfernen. Es ist nun die Aufgabe derer, die seine Leitung unternommen haben, es darin zu erhalten, und diese ist fürwahr nicht leicht. Es soll weder einen thierischen, noch einen männlichen Charakter zeigen, sondern es soll ein Kind sein; es muß seine Schwäche fühlen, und darf doch nicht darunter leiden; es muß abhängig sein und doch frei von knechtischem Gehorsam, es soll bitten und nicht befehlen. Es ist Andern nur in Folge seiner Bedürfnisse unterworfen und weil sie eine bessere Einsicht von dem besitzen, was ihm dienlich oder schädlich, für seine Erhaltung zuträglich oder nachtheilig ist. Niemand, nicht einmal der Vater, hat das Recht, dem Kinde zu befehlen, was nicht zu seinem Besten dient. Bevor die Vorurtheile und die menschlichen Einrichtungen unsere natürlichen Neigungen verderbt haben, besteht das Glück der Kinder eben so wie das der Erwachsenen in dem unbeschränkten Genusse der Freiheit; allein diese Freiheit wird bei den ersteren durch ihre Schwäche beschränkt. Wer thut, was er will, ist glücklich, sobald er sich selbst genug ist; das wird stets bei dem Menschen der Fall sein, welcher im Naturzustande lebt. Wer dagegen thut, was er will, während doch seine Bedürfnisse seine Kräfte übersteigen, der ist nicht glücklich; das ist bei dem Kinde der Fall, trotzdem es sich in dem nämlichen Zustande befindet. Sogar im Naturzustande genießen die Kinder nur einer unvollkommenen Freiheit, derjenigen ungefähr ähnlich, welche ein Erwachsener im bürgerlichen Leben genießt. In dieser Beziehung verfällt jeder von uns, da wir einander einmal nicht entbehren können, wieder in Schwäche und Elend. Wir sind geschaffen, Männer zu werden; die Gesetze und die Gesellschaft haben uns aber wieder in den Zustand der Kindheit zurückversetzt. Die Reichen, die Großen, die Könige, sie sind alle nichts weiter als Kinder, welche, da sie sehen, daß sich Jeder bemüht, auch die kleinste Unannehmlichkeit von ihnen fern zu halten, dadurch allmählich wahrhaft kindisch eitel werden, und die förmlich stolz auf Dienstleistungen sind, die man ihnen, wenn sie echte Männer wären, nimmermehr erweisen würde. Diese Betrachtungen dürfen nicht unterschätzt werden; sie sind ganz dazu geeignet, alle Widersprüche der socialen Ordnung zu lösen. Es gibt zwei Arten von Abhängigkeit: die von den Dingen herrührende oder die natürliche, und die von den Menschen ausgehende oder die gesellschaftliche. Da die Abhängigkeit von den Dingen den sittlichen Charakter unberührt läßt, so erwächst der Freiheit daraus kein Nachtheil, noch erzeugt sie Laster; dagegen bilden diese sich sämmtlich aus der Abhängigkeit von den Menschen, weil dieselbe an keine bestimmte Regel geknüpft ist, In meinen Grundsätzen des politischen Rechts habe ich nachgewiesen, daß in der socialen Ordnung der Einzelwille irgend welcher Persönlichkeit niemals zur Geltung kommen darf. und durch sie allein verderben sich Herren und Knechte gegenseitig. Wenn es überhaupt ein Mittel gibt, diesem Uebel in der Gesellschaft abzuhelfen, so kann es nur darin gefunden werden, daß man ohne Rücksicht auf den einzelnen Menschen allein das Gesetz walten läßt und den allgemeinen Willen mit einer wirklichen Gewalt ausrüstet, die der Aeußerung jedes Einzelwillens überlegen ist. Besäßen die Gesetze der Völker gleich den Naturgesetzen eine Unbeugsamkeit, welche keine menschliche Kraft je zu überwinden vermöchte, so würde die gesellschaftliche Abhängigkeit wieder der natürlichen ähnlich werden; man würde dann im Staate alle Vortheile des Naturzustandes mit denen des bürgerlichen Lebens vereinigen; man würde mit der Freiheit, die den Menschen von Lastern frei erhält, die Sittlichkeit verbinden, welche ihn zur Tugend erhebt. Erhaltet das Kind lediglich in der Abhängigkeit von den Dingen, dann werdet ihr bei seiner Erziehung die Gesetze der Natur befolgen. Setzet den launenhaften Kundgebungen seines Willens nur physische Hindernisse oder solche Strafen entgegen, die als Folgen seiner Handlungen zu betrachten sind, und deren es sich bei gegebener Gelegenheit wieder erinnert. Haltet euch nicht lange mit dem Verbote etwas Böses zu thun auf; es genügt, es daran zu verhindern. Seine Erfahrung oder seine Ohnmacht muß ihm als alleiniges Gesetz dienen. Erfüllet seine Wünsche nicht deshalb, weil es nach den verbotenen Gegenständen Begehren trägt, sondern nur weil es ihrer bedarf. Weder sei es sich bei seinem eigenen Thun des Gehorsams, noch bei den Bemühungen Anderer um seinetwillen des Rechtes zu befehlen bewußt. Es empfinde seine Freiheit bei seinen wie bei euren Handlungen. Fehlt es ihm an Kraft, so ergänzet sie ihm nur so weit, als es derselben bedarf, um frei zu sein, nicht aber, um sich zu eurem Herrn zu machen. Möge es dadurch, daß es eure Dienstleistungen mit einer gewissen Demuth annimmt, zu erkennen geben, wie sehr es den Augenblick herbeisehnt, wo es derselben wird entbehren können, und wo es die Ehre haben wird, sich selbst zu bedienen. Zur Kräftigung des Körpers und zur Beförderung seines Wachsthums besitzt die Natur Mittel, welchen man nicht hinderlich in den Weg treten darf. Man darf ein Kind, wenn es gehen will, nicht zum Stillsitzen, noch, wenn es ruhig auf seinem Platze bleiben will, zum Gehen zwingen. Ist der Wille der Kinder nicht durch unsere eigene Schuld verdorben, so äußern sie denselben nie unnützerweise. Sie müssen springen, laufen, schreien dürfen, so oft sie Lust dazu verspüren. Bei allen ihren Bewegungen folgen sie den Bedürfnissen ihrer Natur, die sich zu stärken sucht; sehr achtsam muß man aber sein, sobald sich bei ihnen Wünsche regen, die sie nicht selbst zu befriedigen vermögen, sondern bei deren Erfüllung sie auf fremde Hilfe angewiesen sind. Alsdann muß man zwischen dem wahren, dem natürlichen Bedürfnisse, und dem eingebildeten Bedürfnisse, welches sich zu regen beginnt, oder jenem, welches in der strotzenden Lebensfülle seine Wurzel hat, wovon bereits die Rede gewesen ist, sorgfältig unterscheiden. Ich habe mich oben schon darüber geäußert, was man zu thun hat, wenn ein Kind weint, um dadurch dies oder jenes zu erlangen. Ich will hier nur noch hinzufügen, daß man ihm, sobald es sein Begehren auszusprechen vermag und trotzdem zu Thränen seine Zuflucht nimmt, sei es nun, um seinen Zweck schneller zu erreichen, oder sei es um eine Weigerung zu besiegen, unter allen Umständen seine Bitte abschlagen muß. Hat ihm eurer Ueberlegung nach das Bedürfnis seine Bitte entlockt, so müßt ihr sein Begehren sofort erfüllen; aber seinen Thränen gegenüber den Nachgiebigen spielen, heißt ihn nur zu immer erneuten Thränengüssen anspornen, heißt ihm Zweifel an eurem guten Willen und den Glauben einflößen, daß bei euch Ungestüm wirksamer als Freundlichkeit sei. Hält es euch nicht für gütig, wird es bald unartig werden; erscheint ihr ihm schwach, werdet ihr bald unter seinem Eigensinn zu leiden haben. Hierbei ist es von Wichtigkeit, daß man ihm das, was man ihm nicht versagen will, regelmäßig auf das erste Zeichen gewährt. Haltet im Verweigern Maß, lasset euch aber nie dazu bewegen eine einmal ausgesprochene Weigerung wieder zurückzunehmen. Vor Allem hütet euch, das Kind an leere Höflichkeitsformeln zu gewöhnen, deren es sich nötigenfalls als Zauberworte bedienen könnte, um seine ganze Umgebung seinem Willen zu unterwerfen und augenblicklich seine Wünsche befriedigt zu sehen. Bei der nur auf den äußern Schliff angelegten Erziehung der Reichen begeht man stets den Fehler, ihnen ein gebieterisches Wesen einzuimpfen, welches auch unter den feinen und höflichen Formen stets hervortritt. Man schreibt ihnen die Ausdrücke vor, die sie anwenden müssen, damit ihnen Niemand zu widerstehen wage. Bei den Kindern der Reichen stehen deshalb Mienen und Ton nie mit ihren bittenden Worten in Einklang; bei ihren Bitten treten sie mit gleicher, ja noch mit größerer Anmaßung als bei ihren Befehlen auf, da sie dessen völlig sicher sind, unbedingten Gehorsam zu finden. Man fühlt sofort hindurch, daß die Ausdrücke: »Wenn es Ihnen gefällig ist« und »Ich bitte Sie«, in ihrem Munde: »Es ist mir gefällig« und »Ich befehle es Ihnen« bedeuten. Eine vortreffliche Höflichkeit, die bei ihnen nur darauf hinausläuft, den Worten einen andern Sinn unterzulegen und stets gebieterisch zu reden. Ich meinestheils, der ich bei meinem Emil einen geringeren Uebelstand darin erkennen würde, wenn er sich unhöfliche Formen als ein anmaßendes Wesen aneignete, würde es lieber sehen, daß er bittend sagte: »Thue das,« als befehlend: »Ich bitte Sie.« Nicht die angewendeten Worte, sondern der damit verbundene Sinn ist von Wichtigkeit. Es gibt sowol in der Strenge wie in der Nachsicht eine Grenze, die man nicht überschreiten darf. Lasset ihr die Kinder leiden, so gefährdet ihr ihre Gesundheit, ja ihr Leben, und macht sie dadurch wirklich elend; haltet ihr dagegen mit zu übertriebener Vorsicht jede Art von Unbehaglichkeit von ihnen fern, so legt ihr dadurch den Grund zu großen Leiden, verhätschelt und verzärtelt sie und entfremdet sie dem menschlichen Standpunkte, auf den sie wider euren Willen doch eines Tages wieder zurückkehren werden. Um sie möglicher Weise vor einigen Leiden zu behüten, die aus der Natur hervorgehen, schafft ihr ihnen künstliche, die nicht in derselben ihre Wurzel haben. Ihr werdet mir dagegen einwenden, daß ich in den Fehler jener schlechten Väter verfalle, welchen ich den Vorwurf machte, daß sie das Glück der Kinder der Rücksicht auf eine ferne Zukunft, welche vielleicht nie eintreten wird, opferten. Allein mit Unrecht, denn die Freiheit, die ich meinem Zöglinge einräume, entschädigt ihn reichlich für die leichten Unbequemlichkeiten, denen ich ihn bloßgestellt lasse. Ich sehe kleine Jungen im Schnee spielen, förmlich dunkelroth, vor Kälte erstarrt und kaum im Stande, die Finger zu bewegen. Sie brauchen nur hineinzugehen und sich zu wärmen, aber sie thun es nicht. Zwänge man sie dazu, würden sie die Strenge des Zwanges hundertmal härter als die der Kälte empfinden. Worüber beklagt ihr euch also? Werde ich etwa euer Kind elend machen, indem ich es nur solchen Unannehmlichkeiten aussetze, welche es gern leiden will? Dadurch, daß ich ihm die Freiheit lasse, gründe ich sein Glück nicht nur für die Gegenwart, sondern befestige es auch für die Zukunft, indem ich es gegen die Uebel waffne, welche es ertragen muß. Wenn ihm die Wahl frei stände, mein oder euer Zögling zu sein, meint ihr wol, daß es einen Augenblick schwanken würde? Glaubt ihr, daß irgend ein Wesen außerhalb den seiner Natur entsprechenden Verhältnissen wahrhaft glücklich sein kann? Und heißt es nicht den Menschen diesen seinen Verhältnissen entfremden, wenn man alle Uebel seines Geschlechtes gleichmäßig von ihm fern halten will? Ja, ich behaupte geradezu, er muß, um die großen Güter würdigen und genießen zu können, vorher die kleinen Uebel kennen lernen; das liegt in seiner Natur begründet. Wenn es uns in physischer Beziehung zu wohl geht, werden wir in sittlicher Beziehung rückwärts schreiten. Ein Mensch, den nie ein Schmerz berührt hätte, würde weder die Regung der Menschenliebe, noch die Wonne des Mitgefühls kennen; sein Herz würde gegen alle Eindrücke unempfindlich sein; ein Feind aller Geselligkeit, wäre er ein Ungeheuer unter seines Gleichen. Wißt ihr, welches das sicherste Mittel ist, euer Kind unglücklich zu machen? Daß ihr es daran gewöhnt, Alles zu erlangen; denn seine Wünsche werden in Folge der Leichtigkeit ihrer Befriedigung unaufhörlich wachsen, und deshalb wird euch wider euren Willen euer Unvermögen früher oder später zwingen, seinen Bitten eine Weigerung entgegenzusetzen; und diese ungewohnte Weigerung wird ihm mehr Pein verursachen als die Entbehrung des ersehnten Gutes selbst. Anfangs wird es nur den Stock verlangen, den ihr gerade in der Hand habt; bald darauf wird es eure Uhr haben wollen; dann wird es den Vogel begehren, der vorüberfliegt, und nun wieder den Stern, den es leuchten sieht, kurz es wird Alles verlangen, worauf sein Blick fällt. Wie werdet ihr es nun zufrieden stellen können, wofern ihr nicht Gott seid? Der Mensch besitzt von Natur die Neigung, Alles, was in seiner Gewalt ist, als sein Eigenthum zu betrachten. In diesem Sinne ist der Grundsatz Hobbes: »Vermehrt zugleich mit unsren Wünschen auch die Mittel zu ihrer Befriedigung, und ein Jeder wird sich zum Herrn von Allem machen«, bis zu einem gewissen Grade wahr. Dennoch hält sich das Kind, das nur zu wollen braucht, um sofort zu erhalten, für den Besitzer des Weltalls; es betrachtet alle Menschen als seine Sklaven, und wenn man sich schließlich einmal genöthigt sieht, ihm irgend etwas zu verweigern, ihm, welches Alles für möglich hält, sobald es seine Befehle ertheilt, so faßt es diese Weigerung als einen Act von offener Auflehnung gegen seinen Willen auf; alle Gründe, die man ihm in einem Alter, das noch einer vernünftigen Anschauung verschlossen ist, entgegenhält, gelten in seinen Augen nur als Vorwände. Es sieht überall nur den bösen Willen, und da das Gefühl einer vermeintlichen Ungerechtigkeit sein Gemüth verbittert, so faßt es gegen alle Welt Haß, und während es jede Gefälligkeit ohne den geringsten Dank hinnimmt, erregt jeder Widerstand seinen Unwillen. Wie ließe sich nun denken, daß ein derartig vom Zorne beherrschtes und von unzähmbaren Leidenschaften verzehrtes Kind je glücklich sein könnte? Glücklich! Ein solches Kind! Es vereinigt in sich einen Despoten und zugleich den verächtlichsten Sklaven und die elendeste Kreatur! Ich habe so erzogene Kinder gesehen, welche in allem Ernste verlangten, man sollte das Haus umstoßen, ihnen den Wetterhahn holen, den sie auf einem Thurme wahrnahmen, ein Regiment im Marsche aufhalten, um die Trommel länger zu hören, und welche, ohne auf Jemand zu hören, ein durchdringendes Geschrei erhoben, sobald man ihnen zu gehorchen säumte; Alles beeiferte sich vergeblich um sie, und da die Leichtigkeit, mit der sie bisher alle ihre Wünsche hatten erfüllen sehen, ihre Begehrlichkeit nur immer mehr gesteigert hatte, so bestanden sie hartnäckig auf unmöglichen Dingen, und stießen überall nur auf Widerspruch, Hindernisse, Sorgen und Schmerzen. Beständig zänkisch, beständig eigensinnig, beständig ärgerlich, schrieen und klagten sie tagelang. Waren das etwa glückliche Wesen? Schwäche mit Herrschaft vereint erzeugt nur Thorheit und Elend. Von zwei verzogenen Kindern schlägt das eine den Tisch und das andere läßt das Meer geißeln; sie werden viel zu geißeln und zu schlagen haben, ehe sie zufrieden leben. Wenn dergleichen Anschauungen von Herrschaft und Tyrannei sie schon in früher Jugend elend machen, was wird dann erst geschehen, wenn sie heranwachsen und ihre Beziehungen zu den andern Menschen sich zu erweitern und zu vervielfältigen beginnen? Welche Ueberraschung für sie, die daran gewöhnt sind, sich Alles vor ihnen beugen zu sehen, bei ihrem Eintritte in die Welt wahrzunehmen, daß sie überall auf Widerstand stoßen, und sich von der Wucht dieses Weltalls, welches sie nach Belieben in Bewegung zu setzen gedachten, niedergeschmettert zu fühlen! Ihr übermüthiges Benehmen und ihre kindische Eitelkeit ziehen ihnen nur Demütigungen, Spott und Verachtung zu; überall sehen sie sich Kränkungen ausgesetzt. Peinliche Erfahrungen bringen sie nur zu bald zu der Einsicht, daß sie weder ihre Stellung noch ihre Kräfte kennen. Da sie nicht Alles vermögen, bilden sie sich schließlich ein gar nichts zu vermögen. So viele ungewohnte Hindernisse entmuthigen sie, so viele ihnen an den Tag gelegte Verachtung raubt ihnen alles Selbstvertrauen; sie werden feige, furchtsam, kriechend und sinken um so tiefer, je mehr sie sich überhoben hatten. Kommen wir jedoch wieder auf unsere Grundregel zurück. Die Natur hat sie so geschaffen, daß sie sich auf unsere Liebe und Pflege angewiesen sehen; oder hat sie sie etwa dazu bestimmt, daß wir ihnen gehorchen und sie fürchten sollen? Hat sie ihnen ein Achtung gebietendes Aussehen, einen strengen Blick, eine barsche und drohende Stimme gegeben, um uns Furcht einzuflößen? Ich finde es verständlich, daß das Brüllen eines Löwen den Thieren Schrecken einjagt, daß sie Zittern überfällt, wenn sie seinen entsetzlichen Kopf erblicken; allein will man je ein die Gefühle empörendes, verächtliches und lächerliches Schauspiel genießen, so betrachte man sich eine Schaar Beamten, wie sie, den Vorsteher an ihrer Spitze, in vollem Galaanzuge sich vor einem Wickelkinde niederwerfen und an dasselbe eine feierliche Ansprache in den schwülstigsten Ausdrücken richten, auf die es keine andere Antwort als Schreien und Geifern findet. Gibt es wol, wenn wir die Kindheit an und für sich selbst betrachten, auf der Welt ein schwächeres, elenderes, von der Willkür seiner Umgebung abhängigeres Wesen als ein Kind, ein Wesen, das in so hohem Grade des Mitleids, der Pflege und des Schutzes bedarf? Scheint es nicht, als ob es nur deshalb eine so zarte und liebliche Gestalt und so rührende Züge erhalten habe, damit Jeder, der in seine Nähe kommt, ihm in seiner Schwäche beispringe und sich beeifere ihm zu helfen? Gibt es etwas Abstoßenderes und Unnatürlicheres, als den Anblick eines gebieterischen und eigensinnigen Kindes, welches seiner ganzen Umgebung Befehle ertheilt und denen gegenüber, die es nur zu verlassen brauchen, um es umkommen zu lassen, ungescheut den Ton des Herrn annimmt? Wer wollte andererseits nicht einsehen, daß die Schwäche des ersten Alters die Kinder schon dergestalt hemmt und behindert, daß es wahrhaft barbarisch wäre, diesem Zwange noch den unserer Launen hinzuzufügen, indem wir ihnen eine so beschränkte Freiheit entziehen, die sie so wenig mißbrauchen können und deren Entziehung ihnen eben so wenig Vortheil bringt als uns? Wenn es nichts gibt, was mehr unsern Spott herausfordert, als ein hochmüthiges Kind, so gibt es auch nichts, was so sehr unser Mitleid erregt, als ein eingeschüchtertes. Warum wollen wir, da mit dem Alter der Vernunft doch schon die bürgerliche Sklaverei beginnt, derselben noch die Privatsklaverei vorausgehen lassen? Wir wollen es ruhig mit ansehen, daß von diesem Joche, das die Natur uns nicht auferlegt hat, doch ein Augenblick des Lebens befreit sei, und den Kindern den Gebrauch der natürlichen Freiheit gestatten, welche sie wenigstens eine Zeit lang von den Lastern fern hält, die man unter der Sklaverei annimmt. Mögen doch diese strengen Lehrer, mögen doch diese ihre Kinder in knechtischer Furcht erhaltenden Väter mit ihren kleinlichen und nichtigen Einwürfen hervortreten und einmal die Methode der Natur kennen lernen, bevor sie ihre eigenen herausstreichen. Ich kehre zur Praxis zurück. Ich habe bereits ausdrücklich gesagt, daß euer Kind nie deshalb etwas erhalten darf, weil es dasselbe verlangt, sondern nur, weil es dessen bedarf, Es ist leicht einzusehen, daß, wie der Schmerz oft eine Notwendigkeit, so das Vergnügen bisweilen ein Bedürfniß ist. Deshalb gibt es eigentlich nur ein einziges Verlangen der Kinder, dem man entgegentreten muß, nämlich das, sich Gehorsam zu verschaffen. Daraus folgt denn, daß man bei allen ihren Forderungen vor Allem auf den Beweggrund, der sie zu ihren Wünschen getrieben hat, achten muß. Bewilligt ihnen, so weit es irgend möglich ist, Alles, was ihnen ein wirkliches Vergnügen gewähren kann; schlaget ihnen jedoch stets das ab, was sie nur aus launischen Gelüsten, oder um ihren Willen durchzusetzen, verlangen. ferner daß es nichts blos aus Gehorsam thun soll, sondern weil es die Notwendigkeit erheischt. Deshalb müssen die Wörter gehorchen und befehlen und noch mehr die Ausdrücke Pflicht und Schuldigkeit aus seinem Wörterbuche gestrichen werden; dagegen muß den Wörtern Kraft, Notwendigkeit, Ohnmacht und Beschränkung darin ein großer Platz eingeräumt werden. Vor dem Alter der Vernunft vermag man mit Ausdrücken wie »moralische Wesen« oder »gesellschaftliche Beziehungen« keinen richtigen Begriff zu verbinden. Man muß deshalb die Anwendung solcher Wörter, die dergleichen Ideen ausdrücken, möglichst vermeiden, weil zu befürchten ist, daß das Kind denselben anfangs falsche Ideen unterlege, die später wieder auszurotten es uns an Einsicht und Macht gebricht. Die erste falsche Idee, die es in sich aufnimmt, bildet in ihm den Keim des Irrthums und des Lasters; gerade auf diesen ersten Schritt muß man demnach vorzugsweise sein Augenmerk richten. Sorget dafür, daß, so lange es nur unter den Eindrücken sinnlicher Gegenstände steht, sich auch alle seine Ideen nur in der Sinnenwelt bewegen; sorget, daß es rings um sich her, nach allen Richtungen hin, nur die physische Welt wahrnehme; sonst könnt ihr dessen sicher sein, daß es entweder gar nicht auf euch hören oder sich von der moralischen Welt, von der ihr zu ihm redet, völlig phantastische Vorstellungen machen wird, Vorstellungen, die ihr nie wieder bei ihm werdet verwischen können. In der Forderung, durch Vernunftgründe auf die Kinder einzuwirken, gipfelt sich Lockes Hauptgrundsatz, welchem ! man heut zu Tage vielfach huldigt. Der Erfolg desselben scheint mir jedoch wenig zu seinen Gunsten zu sprechen; und mir wenigstens ist nie etwas Einfältigeres vorgekommen, als ein in dieser Weise erzogenes Kind. Von allen Fähigkeiten des Menschen entwickelt sich die Vernunft, die gleichsam nur der Inbegriff aller anderen ist, am schwierigsten und spätesten, und nun will man sich dieser bedienen, um die ersteren zu entwickeln! Das Meisterstück einer guten Erziehung besteht in der Bildung eines vernünftigen Menschen, und trotzdem vermeint man das Kind durch die Vernunft erziehen zu können! Das heißt beim Ende anfangen, das heißt das Werk zum Werkzeuge machen wollen. Wenn die Kinder auf vernünftige Vorstellungen hörten, brauchten sie nicht erzogen zu werden; da man aber von ihrem zartesten Alter an mit einer ihnen unverständlichen Sprache zu ihnen redet, gewöhnt man sie daran, sich mit Worten abspeisen zu lassen, an Allem, was man ihnen sagt, zu mäkeln, sich für eben so weise als ihre Lehrer zu halten, streitsüchtig und eigensinnig zu werden, und bei allem dem erlangt man, was man bei ihnen durch Vernunftgründe zu erlangen denkt, doch nur durch Erregung ihrer Lüsternheit, ihrer Furcht oder ihrer Eitelkeit, ohne welche Mittel man nicht zum Ziele kommt. Ich füge hier ein Formular bei, auf welches sich fast alle moralische Belehrungen, die man den Kindern gibt oder geben kann, zurückführen lassen. Der Lehrer . Das darf man nicht thun. Das Kind . Und warum darf man es nicht thun? Der Lehrer . Weil es unrecht ist. Das Kind . Unrecht? Was heißt unrecht thun? Der Lehrer . Thun, was man dir verbietet. Das Kind. Welchen Nachtheil kann es mir bereiten, wenn ich thue, was man mir verbietet? Der Lehrer. Du erhältst Strafe, weil du ungehorsam gewesen bist. Das Kind. Ich werde es schon so einrichten, daß man es nicht erfährt. Der Lehrer. Man wird dich beobachten. Das Kind. Ich werde mich verstecken. Der Lehrer. Man wird dich ausfragen. Das Kind. Ich werde lügen. Der Lehrer. Man darf nicht lügen. Das Kind. Weshalb darf man nicht lügen? Der Lehrer. Weil es unrecht ist, u.s.w. In diesem unvermeidlichen Cirkel wird man sich stets bewegen müssen. Sobald ihr euch aus demselben entfernt, versteht euch das Kind nicht mehr. Sind das nicht sehr nützliche Lehren? Ich wäre in der That gespannt zu erfahren, was man an die Stelle dieses Gesprächs setzen könnte? Sogar Locke würde dabei unfehlbar in Verlegenheit gerathen sein. Das Gute und das Böse zu unterscheiden, den Grund der menschlichen Pflichten zu erkennen, übersteigt die Fähigkeiten eines Kindes. Die Natur will, daß die Kinder, ehe sie Männer werden, Kinder sein sollen. Wenn wir diese Ordnung umkehren wollen, so bringen wir vorzeitige Früchte hervor, denen es an der gehörigen Reife wie an dem rechten Geschmacke fehlt und die in Kurzem verdorben werden. Die Kindheit hat eine nur ihr eigene Art und Weise zu sehen, zu denken, zu empfinden; nichts kann ungereimter sein, als das Bemühen, ihr dafür die unsrige unterzuschieben; ich könnte von einem zehnjährigen Kinde eben so gut verlangen, daß es fünf Fuß groß wäre, als daß ich von ihm ein richtiges Urtheil begehrte. Wozu sollte ihm denn auch die Vernunft in diesem Alter dienen? Sie ist der Zügel der Kraft, und das Kind bedarf dieses Zügels nicht. Indem ihr eure Zöglinge von der Pflicht des Gehorsams zu überzeugen sucht, begnüget ihr euch doch mit dieser angeblichen Ueberzeugung nicht, sondern nehmet noch zu Gewalt und Drohungen, oder was schlimmer ist, zu Schmeicheleien und Versprechungen eure Zuflucht. Obgleich sie also eigentlich nur ihr eigenes Interesse dabei im Auge haben oder durch Gewalt gezwungen werden, stellen sie sich gleichwol, als ob sie sich durch Vernunftgründe hätten überzeugen lassen. Sie sehen sehr wohl ein, daß ihnen Gehorsam vorteilhaft und Widersetzlichkeit nachtheilig ist, sobald ihr das Eine oder das Andere bemerkt. Allein da ihr nichts von ihnen verlangt, was ihnen nicht unangenehm wäre, und da es außerdem immer peinlich ist, sich nach dem Willen Anderer richten zu müssen, so führen sie den ihrigen im Geheimen doch aus, in der vollen Ueberzeugung recht zu handeln, wenn ihr Ungehorsam nur verschwiegen bleibt, aber auch zugleich bereit, im Falle der Entdeckung ihr Unrecht einzugestehen, aus Furcht, sonst eine härtere Strafe zu erhalten. Da sich in ihrem Alter die Pflicht nicht durch Vernunftgründe klar machen läßt, so wird es auch keinen Menschen auf der Welt geben, dem es gelingen würde, sie in Wahrheit für dieselbe empfänglich zu machen. Trotzdem wird ihnen die Furcht vor Strafe, die Hoffnung auf Verzeihung, fortwährendes Bestürmen mit Fragen, Verlegenheit beim Antworten jedes Geständniß entreißen, das man nur verlangt, und man glaubt sie überzeugt zu haben, während man sie nur ermüdet oder eingeschüchtert hat. Was folgt daraus? Zunächst flößt ihr ihnen dadurch, daß ihr ihnen eine Pflicht auferlegt, die sie als solche nicht empfinden, Widerwillen gegen eure Tyrannei ein, und verscherzet ihre Liebe; sodann lehrt ihr sie heucheln, lügen und trügen, um dadurch von euch Belohnungen zu erpressen oder sich Strafen zu entziehen; endlich liefert ihr ihnen dadurch, daß ihr sie gewöhnt, einen geheimen Beweggrund durch einen scheinbaren zu verdecken, selbst das Mittel, euch unaufhörlich zu hintergehen, euch in Unkenntniß ihres wahren Charakters zu erhalten und euch und Andere gelegentlich mit leeren Worten abzuspeisen. Die Gesetze, werdet ihr entgegnen, üben, obgleich sie für das Gewissen verbindlich sind, bei den Erwachsenen ebenfalls einen Zwang aus. Das räume ich ein. Aber was sind denn diese Menschen anders als durch die Erziehung verdorbene Kinder? Und das ist es gerade, was man verhüten muß. Kindern gegenüber geziemt sich Gewalt, Männern gegenüber Vernunft; das bringt die Ordnung der Natur mit sich; der Weise bedarf keiner Gesetze. Behandelt euren Zögling, wie es sein Alter verlangt. Weiset ihm von Anfang an seine Stellung an, und haltet ihn so fest darin, daß er nicht einmal den Versuch wagt, aus derselben herauszutreten. Bevor er weiß, was Weisheit heißt, wird er dann schon die wichtigste Lehre derselben ausüben. Befehlet ihm nie etwas, was in aller Welt es auch sein möge, durchaus gar nichts. Laßt nicht einmal die Vorstellung in ihm aufkommen, daß ihr beanspruchtet, irgend eine Autorität über ihn zu besitzen. Er braucht nur das Bewußtsein zu haben, daß er schwach ist und ihr dagegen stark seid, daß er in Folge seiner, von der eurigen so wesentlich verschiedenen Lage notwendiger Weise von euch abhängig ist. Dies muß er wissen, muß er lernen, muß er empfinden. Frühzeitig schon fühle er auf seinem stolzen Haupte das schwere Joch, welches die Natur dem Menschen auferlegt, das drückende Joch der Nothwendigkeit, unter welches sich jedes endliche Wesen beugen muß. Er erblicke diese Nothwendigkeit aber in den Verhältnissen, nie in den Launen der Menschen; Man darf sicher sein, daß das Kind jeden Willen, der mit dem seinigen nicht übereinstimmt und dessen Grund es nicht erkennt, als Laune betrachten wird. Von Allem aber, was den Einbildungen eines Kindes zuwiderläuft, wird es nie den Grund begreifen. zum Zügel, der ihn in Schranken hält, diene die Kraft, nicht die Autorität. Verbietet nicht erst lange, was er unterlassen soll, sondern hindert ihn einfach an der Ausführung desselben ohne weitläuftige Auseinandersetzungen und Erörterungen. Was ihr ihm erlaubt, erlaubet ihm auf sein erstes Wort, ohne euch erst dazu auffordern und bitten zu lassen, vor Allem aber ohne sie an Bedingungen zu knüpfen. Er merke es euch an, daß ihr ihm eine Erlaubniß mit Freuden ertheilt, ihm aber nur mit Widerstreben etwas abschlagt. Alle eure Verweigerungen müssen jedoch unwiderruflich sein; keine unausgesetzte Bestürmung mit derselben Bitte darf euch schwankend machen; das einmal ausgesprochene Nein muß dem Kinde als eine eherne Mauer gelten, welche es, hat es dagegen seine Kräfte erst fünf- oder sechsmal erschöpft, nicht mehr niederzureißen versuchen wird. Auf diese Weise werdet ihr es geduldig, sanft, gelassen und ruhig machen, selbst wenn es seinen Wunsch nicht erfüllt sieht; denn es liegt in der Natur des Menschen, zwar die durch die Verhältnisse bedingte Nothwendigkeit, nicht aber den Eigenwillen Anderer geduldig zu ertragen. Die Erklärung: »Es ist nichts mehr da«, ist eine Antwort, der gegenüber sich ein Kind noch nie widerspenstig gezeigt hat, falls es dieselbe nicht etwa für eine Lüge hielt. Uebrigens gibt es dabei keinen Mittelweg: entweder muß man gar keine Anforderungen an das Kind stellen, oder es von Anfang an an unweigerlichen Gehorsam gewöhnen. Die schlechteste Erziehung besteht in der gewährten Freiheit, zwischen seinem und eurem Willen zu schwanken, und in einem unaufhörlich zwischen ihm und euch stattfindenden Kampfe um die Herrschaft. Hundertmal lieber würde es mir sein, wenn das Kind dieselbe beständig ausübte. Sehr eigentümlich ist es, daß man, seitdem man sich mit der Erziehung der Kinder beschäftigt, noch kein anderes Mittel zu ihrer Leitung gefunden hat, als den Wetteifer, die Eifersucht, den Neid, die Eitelkeit, Erregung der Begierde, knechtische Furcht, lauter höchst gefährliche Leidenschaften, die ihre Seele in fortwährender Gährung erhalten und sie zu verderben vermögen, sogar noch ehe der Körper sich vollständig entwickelt hat. Mit jeder vorzeitigen Belehrung, mit der man die Köpfe der armen Kinder beschweren will, pflanzt man ein Laster in den Grund ihrer Herzen. Unverständige Lehrer glauben Wunder zu leisten, wenn sie alle möglichen Unarten in ihnen hervorrufen, um ihnen den Begriff des Gutseins beizubringen, und dann sagen sie uns gravitätisch: »So ist der Mensch!« Ja, so ist der Mensch, welchen ihr gebildet habt! Man hat alle Mittel versucht, eins ausgenommen, und zwar gerade das einzige, welches im Stande ist ein glückliches Resultat herbeizuführen: die zweckmäßig geregelte Freiheit. Man darf nicht das Amt, ein Kind zu erziehen, übernehmen, wenn man nicht versteht, es durch die bloßen Gesetze des Möglichen und Unmöglichen zu leiten, wohin man will. Da ihm die Grenze des Einen eben so unbekannt ist wie die des Anderen, so kann man sie rings um sich her nach Belieben erweitern oder verengern. Man fesselt es, treibt es vorwärts, hält es zurück allein durch das Band der Nothwendigkeit, ohne daß es darüber murrt; durch die bloße Macht der Verhältnisse macht man es fügsam und willig, ohne daß je ein Laster Gelegenheit fände, in ihm emporzukeimen; denn nie entzünden sich die Leidenschaften, wenn sie erfolglos bleiben. Ertheilet eurem Zöglinge keine Art mündlicher Belehrung, die Erfahrung allein muß sie ihm geben; belegt ihn mit keiner Art Strafe, denn er weiß nicht, was es heißt, ein Versehen begangen zu haben; laßt ihn niemals um Verzeihung bitten, denn er vermag euch nicht zu beleidigen. Sich keines moralischen Gesetzes bei seinen Handlungen bewußt, kann er auch nichts thun, was moralisch schlecht wäre und Strafe oder Verweis verdiente. Ich sehe schon, wie der erschreckte Leser dieses Kind nach den unsrigen beurtheilt. Er irrt sich. Der fortwährende Zwang, in welchem ihr eure Zöglinge erhaltet, erregt ihre Lebendigkeit noch mehr; je gezwungener sie sich unter euren Augen fühlen, desto wilder sind sie von dem Augenblicke an, wo sie sich selbst überlassen sind; sie müssen sich doch für den harten Zwang, in welchem ihr sie haltet, wenn sie irgend können, entschädigen. Zwei Stadtkinder werden auf dem Lande mehr Schaden anrichten, als die ganze Dorfjugend. Schließet ein junges Herrchen und einen Bauerjungen zusammen in ein Zimmer ein; bevor sich noch letzterer von der Stelle bewegt hat, wird der erstere schon Alles auf die Erde geworfen, Alles zerbrochen haben. Der Grund kann nur darin liegen, daß der Eine sich beeilt, den seltenen Augenblick völliger Freiheit zu mißbrauchen, während der Andere, der seiner Freiheit stets sicher ist, keine Ursache findet, sofort davon Gebrauch zu machen. Und gleichwol sind die Bauerkinder, bei deren Erziehung Liebkosungen und Härte wechseln, noch weit von dem Zustande entfernt, in welchem man, wenn es nach mir geht, die Kinder halten muß. Stellen wir als unbestreitbaren Grundsatz auf, daß die ersten natürlichen Triebe stets gut sind; es gibt im menschlichen Herzen keine angeborene Verderbtheit; kein einziger Fehler findet sich darin, von dem sich nachweisen ließe, wie und wodurch er in dasselbe eingedrungen ist. Die einzige Leidenschaft des Menschen, welche als eine Mitgift der Natur betrachtet werden kann, ist die Selbstliebe oder die Eigenliebe im weiteren Sinne. Diese Eigenliebe an sich oder in Beziehung auf uns ist gut und nützlich, und da mit ihr durchaus keine nothwendige Beziehung auf Andere verbunden ist, so ist sie in dieser Hinsicht von Natur indifferent. Nur durch die Anwendung, welche man von ihr macht, und durch die Beziehungen, welche man ihr gibt, wird sie gut oder böse. Bis zu dem Momente, wo der Führer der Eigenliebe, nämlich die Vernunft, hervorzutreten vermag, ist es folglich von Wichtigkeit, daß ein Kind nichts deshalb thue, weil es gesehen oder gehört werden kann, mit einem Worte nichts aus Rücksicht auf Andere thue, sondern lediglich das, was die Natur von ihm verlangt, und dann wird es nur Gutes thun. In den Augen des Geizes gewinnt Manches einen bösen Anstrich, was in den Augen der Vernunft nicht böse ist. Läßt man der Ausgelassenheit der Kinder völlig freien Lauf, so ist es freilich rathsam, alles aus ihrer Nähe zu verbannen, wodurch sie theuer zu stehen kommen könnte, und nichts Zerbrechliches und Kostbares in ihrem Bereiche zu lassen. Ihre Stube muß mit starken und dauerhaften Möbeln ausgestattet sein; kein Spiegel, kein Porcellan, keine Luxusgegenstände darf man darin antreffen. Was meinen Emil anlangt, den ich auf dem Lande erziehe, so wird sein Zimmer nichts enthalten, was es von einer Bauernstube unterscheiden könnte. Zu welchem Behufe es mit so großer Sorgfalt ausschmücken, da er sich nur so wenig Zeit darin aufhalten darf? Allein ich irre mich; er wird es selbst ausschmücken, und wir werden bald sehen womit. Hat das Kind, aller eurer Vorsichtsmaßregeln ungeachtet, einige Unordnung hervorgebracht oder irgend ein nützliches Stück zerbrochen, so straft es nicht für eure eigene Nachlässigkeit und scheltet es nicht aus; kein einziges Wort des Vorwurfs darf es von euch vernehmen; laßt es nicht einmal ahnen, daß es euch Verdruß bereitet hat; thut gerade so, als ob das Geräth von selbst zerbrochen wäre; mit einem Worte, seid überzeugt viel gethan zu haben, wenn ihr euch überwinden könnt, nichts zu sagen. Soll ich es wagen, an dieser Stelle die erste, wichtigste und nützlichste Regel aller Erziehung auseinander zu setzen? Sie besteht nicht darin, Zeit zu gewinnen, sondern Zeit zu verlieren. Verzeiht mir, ihr oberflächlichen Leser, meine Paradoxien; unwillkürlich muß man bei reiflichem Überlegen welche machen, und was ihr auch dazu sagen mögt, ich will lieber für einen paradoxen Mann gelten, als ein Mann voller Vorurtheile sein. Die gefährlichste Zeit des menschlichen Lebens ist die von der Geburt bis zu dem Alter von zwölf Jahren. Das ist die Zeit, in welcher Irrthümer und Laster emporkeimen, ohne daß man bis dahin ein Mittel besäße, sie wieder auszurotten, und wenn sich das Mittel dann endlich findet, so wurzeln dieselben schon so tief, daß man sie nicht mehr herauszureißen vermag. Wenn die Kinder plötzlich von der Brust der Mutter in das Alter der Vernunft hinübersprängen, dann könnte die Erziehung, die man ihnen heute zu Tage gibt, angemessen sein; nach dem natürlichen Entwickelungsgange bedürfen sie aber eine gerade entgegengesetzte. Erst wenn ihre Seele im Vollbesitze aller ihrer Kräfte wäre, sollten die Kinder eine Bethätigung derselben verlangen; denn unmöglich kann sie, so lange sie noch blind ist, den Schein der Fackel, die ihr derselben darbietet, wahrnehmen, und in dem unermeßlichen Reiche der Ideen einen Weg verfolgen, den die Vernunft nur so flüchtig andeutet, daß kaum die schärfsten Augen im Stande sind ihn zu erkennen. Die erste Erziehung muß demnach rein negativ sein. Sie besteht nicht in Belehrungen über Tugend und Wahrheit, sondern in der Bewahrung des Herzens vor Lastern und in der Abwehr aller dem Verstande nachtheiligen Irrthümer. Wenn ihr bei der Erziehung nichts thätet und auch Andere nichts thun ließet, wenn ihr euren Zögling gesund und kräftig bis zum zwölften Jahre bringen könntet, ohne daß er im Stande wäre seine rechte Hand von der linken zu unterscheiden, so würden sich ihm vom Beginn eures Unterrichtes an die Augen seines Verständnisses der Vernunft öffnen. Da er ohne Vorurtheile, ohne angenommene Gewohnheiten wäre, würde er nichts an sich haben, was dem Erfolge eurer Bemühungen hinderlich entgegentreten könnte. Bald würde er unter euren Händen der Weiseste der Menschen werden und obgleich ihr anfänglich nichts gethan hättet, würdet ihr trotzdem in erziehlicher Hinsicht ein wahres Wunder gethan haben. Thut das gerade Gegentheil der herkömmlichen Erziehung und ihr werdet fast immer das Richtige treffen. Da man aus einem Kinde nicht ein Kind, sondern einen Gelehrten bilden will, so meinen Väter und Lehrer nicht früh genug damit anfangen zu können es auszuschelten, zu bekritteln, zu tadeln, zu liebkosen, zu bedrohen, ihm Versprechungen zu geben, Lehren zu ertheilen und Vernunft zu predigen. Macht es besser. Seid vernünftig und suchet euren Zögling nicht mit Vernunftgründen zu überreden, vor Allem nicht um ihm Gefallen an dem einzuflößen, was ihm mißfällt; denn wenn man in solcher Weise in alle Angelegenheiten, welche ihn unangenehm berühren, stets die Vernunft mit hineinzieht, so macht man sie ihm dadurch schließlich langweilig und lästig und schwächt ihr Ansehen schon frühzeitig bei einem Geiste, der noch nicht im Stande ist, sie zu verstehen. Uebet seinen Körper, seine Organe, seine Sinne, seine Kräfte, aber seine Seele erhaltet so lange wie möglich in Unthätigkeit. Hütet euch ihn mit Ansichten bekannt zu machen, ehe er Verstand genug besitzt, sie zu würdigen. Tretet fremden Eindrücken entgegen und haltet sie von ihm fern, und suchet, um der Entstehung des Bösen vorzubeugen, das Wachsthum des Guten nicht allzusehr zu beschleunigen, denn das kann erst dann erreicht werden, wenn die Vernunft ihn erleuchtet. Haltet jeden Aufschub für einen Vortheil; es ist ein großer Gewinn, wenn man sich ohne zu straucheln dem Ziele nähert. Lasset die Kindheit in den Kindern erst die volle Reife erreichen. Kurz, welche Belehrung sich auch immer bei ihnen herausstellen wird, hütet euch sie ihm heute zu geben, wenn ihr sie ohne Gefahr bis morgen aufschieben könnt. Eine Bestätigung der Nützlichkeit dieser Methode ergibt sich aus der weiteren Betrachtung der besonderen Geistesanlagen des Kindes, welche man entschieden kennen muß, um bestimmen zu können, welche moralische Überwachung und Führung ihm angemessen sei. Jeder Charakter hat seine eigenthümliche Haltungsweise, nach der er gelenkt werden muß, und es ist im Hinblick auf den glücklichen Erfolg der Mühe, die man aufwenden muß, von Wichtigkeit, daß er gerade in dieser und keiner andern Weise gelenkt werde. Als ein verständiger Mann mußt du deshalb lange Zeit die Natur belauschen, mußt deinen Zögling genau beobachten, bevor du das erste Wort zu ihm sprichst. Laß erst den Keim seines Charakters in voller Freiheit sichtbar werden, lege ihm nach keiner Richtung hin einen Zwang auf, damit du ihn von Grund aus kennen lernst. Denkst du etwa, diese Zeit der Freiheit sei für ihn verloren? Völlig im Gegentheil, so wird sie am besten angewandt werden, denn nur so wirst du lernen in einer weit kostbareren Zeit nicht einen einzigen Augenblick zu verlieren. Statt dessen wirst du, wenn du zu handeln beginnst, ehe du dir klar bist, was zu thun ist, dich blindlings vom Zufall leiten lassen; mancherlei Täuschungen ausgesetzt, wirst du stets von Neuem anfangen müssen und weiter vom Ziele entfernt sein, als wenn du gesucht hättest es mit weniger Eile zu erreichen. Handle deshalb nicht wie der Geizhals, der, weil er nichts verlieren will, Alles verliert. Bringe im frühesten Alter eine Zeit zum Opfer, welche du in einem vorgerückteren Alter mit Zinsen wiedergewinnen wirst. Ein verständiger Arzt gibt nicht gleich beim ersten Anblick des Kranken in unüberlegter Hast Arzneien, sondern er studirt erst die Natur desselben, bevor er ihm etwas verordnet. Er läßt sich mit der Behandlung Zeit, heilt ihn aber auch dafür, während der zu schnell einschreitende Arzt ihn tödtet. Wohin in aller Welt sollen wir aber dies Kind versetzen, um es gleichsam als ein unempfindliches Wesen, als eine Art Automaten zu erziehen? Sollen wir es auf den Mond, auf eine wüste Insel bringen? Sollen wir es von allen menschlichen Wesen entfernt halten? Wird es in der Welt nicht unausgesetzt den Anblick und das Beispiel der Leidenschaften Anderer vor Augen haben? Wird es niemals andere Kinder seines Alters sehen? Wird es nicht seine Eltern, seine Amme, seine Wärterin, seinen Diener, vor Allem seinen Erzieher sehen, der doch schließlich auch kein Engel sein wird? Dieser Einwurf ist nicht zu unterschätzen. Habe ich euch denn aber gesagt, daß eine natürliche Erziehung ein so leichtes Unternehmen sei? O ihr Menschen, liegt die Schuld denn etwa an mir, wenn ihr Allem, was an sich gut ist, Schwierigkeiten hinzugefügt habt? Ich kenne dieselben wohl, ich gebe sie zu; vielleicht sind sie unübersteiglich; aber so viel steht doch immer fest, daß man bei dem ernsten Streben, sie zu überwinden, sie auch in der That bis zu einem gewissen Punkte besiegt. Ich zeige nur das Ziel, das man sich stellen muß, ich behaupte nicht, daß derjenige, welcher ihm am nächsten kommt, das glücklichste Resultat erzielt hat. Fenelon hat in seiner Abhandlung über die Erziehung der Töchter sich dahin geäußert: »Wenn man ein Werk in der Absicht schreibt, eine bessere Erziehung anzubahnen, so geschieht es natürlich nicht, um wieder nur unvollkommene Regeln zu geben. Wahr ist es zwar, daß in der Praxis nicht Jeder wird so weit gehen können als unsere Gedanken auf dem Papiere. Indeß wenn man auch das Vollkommene nicht zu erreichen vermag, so ist es dennoch nicht unnütz es kennen gelernt und sich Mühe gegeben zu haben, es zu erreichen. Das ist das beste Mittel sich ihm zu nähern.« Kap. 13. Anm. des H. Petitain. Seid dessen eingedenk, daß man, ehe man wagen darf die Bildung eines Menschen zu übernehmen, sich erst selbst zu einem Menschen gebildet haben muß. Man muß in sich selbst das Muster finden, das jener sich stets vorhalten soll. So lange das Kind noch ohne Bewußtsein ist, hat man hinreichend Zeit, Alles, was in seine Nähe kommt, zuzubereiten, damit seine ersten Blicke nur auf solche Gegenstände fallen, deren Anblick ihm dienlich ist. Macht euch in Aller Augen achtungswerth, sucht euch zuerst die allgemeine Liebe zu erwerben, damit sich Jeder bemüht, euch zu gefallen. Ihr werdet nicht des Kindes Vorbild und dadurch sein Meister sein, wenn ihr nicht zugleich Vorbild und Meister seiner ganzen Umgebung seid und dazu wird euer Ansehen nie hinreichend sein, wenn es nicht auf die der Tugend gebührende Hochachtung gegründet ist. Es ist nicht die Rede davon, seine Börse zu erschöpfen und Geld mit vollen Händen auszustreuen, ich habe noch nie gesehen, daß sich Liebe erkaufen ließe. Vor Geiz und Härte muß man sich hüten und das Elend, welches man zu lindern vermag, darf man nicht blos beklagen; aber vergeblich werdet ihr eure Kästen öffnen, denn öffnet ihr nicht zugleich auch euer Herz, so werden die Herzen Anderer euch immer verschlossen bleiben. Eure Zeit, eure Sorgen, eure Zuneigung, euch selbst müßt ihr geben, denn sonst wird man, was ihr auch immer thun möget, doch stets herausfühlen, daß an dem Geldgeschenke euer Herz keinen Antheil hat. Es gibt Beweise von Theilnahme und Wohlwollen, die eine größere Wirkung hervorbringen und in der That mehr Nutzen stiften als alle Geschenke. Wie viele Unglückliche, wie viele Kranke bedürfen weit eher Trost als Almosen! Wie viele Unterdrückte gibt es, denen mit einem wirksamen Schütze mehr gedient ist als mit Geld! Versöhnet Alle, die in Unfrieden leben; beugt Processen vor; haltet die Kinder zur Pflicht, die Väter zur Nachsicht an; begünstigt glückliche Heirathen; wehret den Verfolgungen, bedienet euch des Ansehens, in welchem die Eltern eures Zöglings stehen, überall zu Gunsten des Schwachen, welchem man Gerechtigkeit verweigert und den der Mächtige bedrückt. Erklärt euch laut für den Beschützer der Unglücklichen. Seid gerecht, menschlich, wohlthätig! Gebet nicht nur Almosen, sondern verrichtet auch Liebeswerke; die Werke der Barmherzigkeit lindern mehr Leiden als das Geld. Liebet die Anderen, und sie werden euch lieben, dienet ihnen, und sie werden euch dienen; tretet ihnen als Bruder entgegen und sie werden eure Kinder sein. Das ist zugleich ein neuer Grund, aus dem ich Emil auf dem Lande zu erziehen gedenke, fern von dem Bedientenpack, den niedrigsten Creaturen nach ihren Herren; fern von jenen abscheulichen Sitten der Städter, deren gleißnerischer Firniß, mit dem man sie übertüncht, sie für die Kinder verführerisch und ansteckend macht, während auf der andern Seite die Laster der Bauern, die in ungeschminkter Nacktheit und Rohheit auftreten, eher geeignet sind abzustoßen als zu verführen, sobald nicht etwa ihre Nachahmung irgend einen besonderen Vortheil verschafft. Auf dem Lande wird ein Erzieher in weit höherem Grade Herr der Gegenstände sein, welche er dem Kinde vorzeigen will; sein Ruf, seine Unterredungen, sein musterhaftes Beispiel werden ihm ein Ansehen verschaffen, das sie ihm in der Stadt nicht würden verleihen können. Da er auf Jedermanns Vortheil bedacht ist, so wird sich auch wiederum Jeder beeifern, sich ihm gefällig zu erweisen, nach seiner Achtung zu streben und sich dem Schüler gegenüber so zu zeigen, wie man nach dem Wunsche des Lehrers wirklich sein sollte; und selbst wenn man seine Fehler nicht ablegt, wird man sich doch vor jedem öffentlichen Aergerniß hüten, und das ist ja Alles, was wir zur Erreichung unseres Zweckes bedürfen. Höret auf, Andere für eure eigenen Fehler verantwortlich zu machen; das Böse, welches die Kinder sehen, verdirbt sie weit weniger als das Böse, welches ihr selbst ihnen einimpft. Denn gerade ihr unvermeidlichen Sittenprediger, Moralisten und Pedanten flößt ihnen für eine Idee, die ihr für gut haltet, gleichzeitig zwanzig andere ein, die schädlich sind. Erfüllt von den Gedanken, die euren Kopf durchkreuzen, bemerkt ihr die Wirkung nicht, welche ihr in dem ihrigen hervorbringt. Denkt ihr, daß unter dem langen Strom von Worten, mit dem ihr sie unaufhörlich langweilt, nicht ein oder das andere mit unterläuft, das sie falsch auffassen? Denkt ihr, daß sie eure langathmigen Erklärungen nicht in ihrer Weise auslegen, und daß ihnen nichts darin aufstößt, woraus sie sich ein ihrer Fassungskraft entsprechendes System bilden können, das sie euch bei gegebener Gelegenheit entgegenstellen werden? Höret einmal ein Jüngelchen, welches man so dressirt hat! Laßt es plaudern, Fragen stellen, alle seine Faseleien nach Belieben auskramen, und ihr werdet euch über die sonderbaren Verdrehungen wundern, welche eure Reden in seinem Hirn erfahren haben. Ein solcher Knabe verwechselt Alles, dreht Alles um, langweilt euch und kann euch bisweilen durch seine unvorhergesehenen Einwürfe wahrhaft zur Verzweiflung bringen. Er zwingt euch zu schweigen oder ihm Schweigen zu gebieten. Und was muß er dann wol über das Schweigen seitens eines Mannes denken, der sich ihm gegenüber nur immer redselig gezeigt hat? Erringt er je diesen Vortheil über euch und wird er seines Sieges inne, dann ist es mit der weiteren Erziehung vorbei; von diesem Augenblicke an ist Alles zu Ende; er sucht sich nicht länger zu unterrichten, sondern euch nur noch zu widerlegen. O ihr übereifrigen Lehrer, seid einfach, maßvoll, vorsichtig; beeilt euch niemals handelnd einzugreifen, es sei denn, daß es darauf ankommt, das unberechtigte Handeln Anderer zu verhindern. Ich werde es immer von Neuem wiederholen: schiebt, wenn es möglich ist, einen guten Unterricht auf aus Besorgniß, einen schlechten zu geben. Bebet vor dem Gedanken zurück, auf dieser Erde, welche die Natur zum ersten Paradiese des Menschen gemacht hatte, dadurch die Rolle des Versuchers zu spielen, daß ihr der Unschuld die Erkenntniß des Guten und Bösen beibringen wollt! Da ihr doch nicht verhindern könnt, daß sich das Kind durch Beispiele, welche ihm vor Augen treten, belehre, so beschränket eure ganze Wachsamkeit darauf, diese Beispiele seinem Geiste unter dem Bilde einzuprägen, welches demselben am wenigsten Nachtheil bereitet. Die heftigen Leidenschaften machen auf das Kind, das Zeuge der von ihnen hervorgerufenen wilden Scenen ist, einen gewaltigen Eindruck, weil die Symptome, in denen sie sich zu erkennen geben, sehr in die Augen fallen und deshalb die Aufmerksamkeit desselben auf sich lenken. Namentlich machen sich die Aufwallungen des Zorns in einer so lärmenden Weise Luft, daß man unbedingt etwas davon bemerken muß, wenn man sich in der Nähe befindet. Man braucht nicht erst lange zu fragen, ob sich hier für einen Pädagogen eine Gelegenheit zeigt, eine hübsche Rede zu halten. Aber nur beileibe keine solche feierlichen Reden! Gar nichts, auch nicht ein einziges Wort darf darüber fallen! Lasset das Kind selbst kommen! Verwundert über die lärmenden Scenen, wird es nicht ermangeln euch zu fragen. Die Antwort ist einfach: es muß sie aus seinen Wahrnehmungen folgern. Es sieht ein erhitztes Gesicht, blitzende Augen, drohende Geberden, es vernimmt heftiges Geschrei, lauter Zeichen, das sich der Mensch nicht in seinem gewöhnlichen Gemüthszustande befindet. Saget ihm ernst, ohne Übertreibung, ohne Geheimnißkrämerei: der arme Mann ist krank, er hat einen Fieberanfall. Ihr könnt dabei die Gelegenheit benutzen ihm, indeß nur in kurzen Worten, eine Idee von den Krankheiten und ihren Wirkungen beizubringen, denn auch diese ruft ja die Natur hervor und sie bilden eines der Bande der Nothwendigkeit, welchen es sich unterworfen fühlen muß. Wird sich nicht des Kindes bei dieser durchaus richtigen Vorstellung wahrscheinlich schon frühzeitig ein gewisser Widerwille bemächtigen, sich den Ausbrüchen der Leidenschaften, welche es als Krankheiten betrachten wird, zu überlassen? Und glaubt ihr nicht, daß eine solche bei passender Gelegenheit ihm beigebrachte Vorstellung eine eben so heilsame Wirkung hervorrufen wird als die langweiligste Moralpredigt? Und nun machet euch die Folgen dieser Vorstellung für die Zukunft klar! Ihr erlangt dadurch die Berechtigung, falls ihr je dazu gezwungen werdet, ein eigensinniges Kind als ein krankes zu behandeln, es sein Zimmer, ja wenn es nöthig ist, sein Bett hüten zu lassen, ihm Diät vorzuschreiben, es durch seine sich bildenden Fehler in Schrecken zu setzen und sie ihm verhaßt und furchtbar zu machen, ohne daß es je die Strenge, die ihr vielleicht zu seiner Heilung anwenden müßt, als Strafe ansehen kann. Ja, wenn es euch selbst einmal in einem Augenblicke der Hitze begegnet, eure Kaltblütigkeit und Mäßigung, deren ihr euch befleißigen müßt, zu verlieren, so gebet euch keine Mühe, euren Fehler zu verhehlen, sondern sagt ihm freimüthig, mit einem sanften Vorwurfe: Mein Lieber, du hast mich krank gemacht! Außerdem ist es von Wichtigkeit, daß die naiven Aeußerungen, welche ein Kind bei den einfachen Vorstellungen, über die es verfügt, mitunter zum Vorschein bringt, niemals in seiner Gegenwart gelobt, noch in einer Weise erwähnt werden, daß dasselbe es wieder erfahren kann. Ein dem Kinde grundlos erscheinendes Gelächter kann die Arbeit von sechs Monaten vernichten und einen Schaden anrichten, der im ganzen Leben nicht wieder gut zu machen ist. Ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß man, um des Kindes Meister zu sein, sich selbst bemeistern muß. Ich stelle mir meinen kleinen Emil vor, wie er sich mitten in einem Streite, der zwischen zwei Nachbarinnen stattfindet, der wüthendsten nähert und im Tone des höchsten Mitleids zu ihr sagt: Meine liebe Frau, Sie sind krank, es thut mir sehr leid! Unfehlbar wird dieser glückliche Einfall nicht ohne Wirkung auf die Zuschauer bleiben, ja ihn vielleicht auch auf die streitenden Parteien nicht verfehlen. Ich aber werde ihn dann, ohne zu lachen, ohne ihn auszuschelten, ohne ihn zu loben, mit oder ohne Anwendung von Gewalt hinwegbringen, ehe er die erzielte Wirkung wahrzunehmen vermag oder wenigstens ehe er darüber nachdenkt, und werde mich beeilen seine Gedanken durch andere Gegenstände, die es ihn schnell wieder vergessen lassen, davon abzulenken. Es liegt nicht in meinem Planes auf alle Einzelheiten einzugehen, sondern nur die allgemeinen Grundsätze darzulegen und sie in schwierigen Fällen durch Beispiele zu erläutern. Ich halte es für unmöglich, daß man ein Kind im Schooße der Gesellschaft bis zum Alter von zwölf Jahren bringen kann, ohne ihm eine Vorstellung von den Beziehungen des Menschen zum Menschen und von dem sittlichen Werthe der menschlichen Handlungen beizubringen. Es genügt, daß man sich Mühe gibt, es mit diesen nothwendigen Begriffen so spät wie möglich bekannt zu machen, und daß man sie, wenn sie unvermeidlich werden, auf das beschränkt, was für den Augenblick vorteilhaft ist, nur damit es sich nicht für den Gebieter über Alles halte und Anderen nicht gewissenlos oder unwissend Böses zufüge. Es gibt sanfte und ruhige Charaktere, die man ohne Gefahr lange in ihrer kindlichen Unschuld erhalten kann: aber es gibt auch heftige Naturen, deren Wildheit sich schon früh entwickelt und deren Ausbildung man beschleunigen muß, um nicht gezwungen zu werden, sie mit Gewalt in Unterwürfigkeit zu halten. Unsere ersten Pflichten sind Pflichten gegen uns selbst. Auf uns selbst laufen unsre ersten Gefühle und Empfindungen zurück; alle unsere natürlichen Triebe beziehen sich zunächst auf unsere Erhaltung und auf unser Wohlsein. Demnach regt sich das erste Gerechtigkeitsgefühl in uns nicht in Folge der Gerechtigkeit, die wir unserer Umgebung schuldig sind, sondern in Folge der, die man uns schuldig ist, und es gehört ebenfalls zu den Verkehrtheiten unserer gewöhnlichen Erziehung, daß man mit den Kindern zuerst immer von ihren Pflichten und nie von ihren Rechten spricht, daß man also damit beginnt, ihnen das gerade Gegentheil von dem, was nöthig wäre zu sagen, Dinge, die sie nicht verstehen und welche ihnen kein Interesse einflößen können. Wenn ich also ein solches Kind, wie ich es mir denke, zu leiten hätte, so würde ich mir sagen: Ein Kind vergreift sich nie an Personen, Man darf nie dulden, daß sich ein Kind an erwachsenen Personen wie an Untergebenen oder auch nur wie an seines Gleichen vergreife. Wenn es wagen sollte, Jemanden im Ernste zu schlagen, wäre es auch nur seinen Diener, ja wäre es selbst der Henker, so sorget, daß man ihm seine Schläge regelmäßig mit Wucher und zwar dergestalt wiedergebe, daß ihm die Lust zu einem neuen Versuche vergeht. Ich habe gesehen, wie unverständige Wärterinnen ein Kind erst eigensinnig machten, es zum Schlagen reizten, sich selbst von ihm schlagen ließen und dann über seine schwachen Schläge lachten, ohne daran zu denken, daß der kleine Wütherich eigentlich damit Todtschläge beabsichtigte, und daß derjenige, welcher als Kind schlagen will, als Erwachsener wird tödten wollen. sondern nur an Dingen, und bald lernt es durch die Erfahrung Jeden achten, dem es an Alter und Kraft nachsteht; aber die Dinge vertheidigen sich nicht selbst. Die erste Idee, die man in ihm erwecken muß, ist deshalb nicht sowol die der Freiheit als die des Eigenthums, und damit es sich diese Idee aneignen könne, muß es selbst etwas besitzen. Ihm nur zu sagen, daß dies seine Kleidungsstücke, sein Hausgeräth, seine Spielsachen seien, ist völlig bedeutungslos, da es, trotzdem es über alle diese Sachen frei verfügt, doch weder weiß warum, noch wie es sie bekommen hat. Ihm zu sagen, daß es sie besitze, weil man sie ihm geschenkt habe, ist auch nicht viel besser, denn um zu verschenken, muß man sich seines Besitzes bewußt sein. Es gibt also ein Eigenthumsrecht, das sich aus früherer Zeit, als das seinige, herschreibt, und doch will man ihm gerade den ersten Beginn und den Grund des Eigenthumsrechtes erklären. Dazu rechne man noch, daß das Schenken ein Vertrag ist, und daß das Kind doch unmöglich wissen kann, was ein Vertrag ist. Aus diesem Grunde wollen die meisten Kinder das, was sie erst verschenkt haben, wieder bekommen und weinen, wenn man es ihnen nicht zurückgeben will. Das lassen sie sich aber nicht mehr einfallen, sobald sie recht begriffen haben, was ein Geschenk ist; alsdann sind sie beim Verschenken nur bedachtsamer. Leser, erseht, ich bitte euch, aus diesem und hunderttausend anderen Beispielen, wie man sich stets einbildet, die Kinder gut erzogen zu haben, trotzdem man ihnen nur den Kopf mit Wörtern vollstopft, welche bei ihrem dermaligen Fassungsvermögen gar keinen Sinn für sie haben. Es gilt also, bis auf den Ursprung des Eigenthums zurückzugehen; denn daraus muß sich die erste Idee desselben entwickeln. Das Kind, welches auf dem Lande lebt, wird sich einen Begriff von den ländlichen Arbeiten gebildet haben. Es bedarf dazu nur der Augen und einiger Muße; beides wird es haben. In jedem Alter, vor allen Dingen aber in dem seinigen regt sich die Lust zu schaffen, nachzuahmen, hervorzubringen, Proben seiner Kraft und Thätigkeit zu geben. Ehe es einen Garten zweimal hat bestellen, besäen und die Gemüse aufgehen und wachsen sehen, wird es seinerseits Gartenbau treiben wollen. Den bereits entwickelten Grundsätzen zufolge kämpfe ich gegen diese Neigung nicht an; ich begünstige sie im Gegentheile, theile sein Interesse, arbeite mit ihm, nicht ihm, sondern mir zu Liebe; wenigstens glaubt es das Kind. Ich werde sein Gärtnergehilfe: bis es seine eigenen Arme gebrauchen lernt, bestelle ich für dasselbe das Land. Es nimmt darauf Besitz davon, indem es eine Bohne pflanzt; und sicherlich ist diese Besitznahme heiliger und ehrwürdiger, als die Besitzergreifung von Südamerika durch Nunez Balbao, welcher im Namen des Königs von Spanien seine Fahne an der Küste der Südsee aufpflanzte. Täglich kommen wir nun, die Bohnen zu begießen, und sehen sie mit innigster Freude aufgehen. Ich erhöhe diese Freude noch dadurch, daß ich zu ihm sage: »Dies ist dein Eigenthum«; und indem ich ihm dabei den Ausdruck Eigenthum erkläre, rufe ich in ihm das Bewußtsein hervor, daß es seine Zeit, seine Arbeit, seine Mühe, ja selbst seine Person daran gewendet habe, daß in diesem Lande also gleichsam etwas von ihm selbst liege, das es gegen Jeden, wer es auch immer sei, mit demselben Rechte für sich in Anspruch nehmen könne, wie es seinen Arm aus der Hand eines Andern, der diesen wider seinen Willen zurückhalten wolle, zurückziehen dürfe. Eines schönen Tages kommt Emil wieder ganz eilfertig an, die Gießkanne in der Hand. O, welch ein Anblick bietet sich ihm dar! Welch ein Schmerz erfüllt seine Seele! Alle Bohnen sind ausgerissen, das ganze Beet ist umgewühlt; kaum ist der Platz noch wiederzuerkennen. »Ach, was ist aus meiner Arbeit, meinem Werke, was aus der süßen Frucht meiner Mühen und meines Schweißes geworden? Wer hat mir mein Gut geraubt? Wer hat mir meine Bohnen genommen?« Das junge Herz empört sich. Das erste Gefühl erlittenen Unrechts hat seine Seele in bitteren Schmerz versenkt. Stromweise rinnen ihm Thränen über die Wangen. Das trostlose Kind erfüllt die Luft mit Seufzen und Wehgeschrei. Man nimmt Antheil an seiner Trauer und Entrüstung, man forscht nach, zieht Erkundigungen ein, stellt genaue Untersuchung gen an. Endlich entdeckt man, daß der Gärtner den Streich verübt hat. Man läßt ihn kommen. Aber hier haben wir die Rechnung ohne den Wirth gemacht! Kaum erfährt der Gärtner den Grund unserer Klage, als er noch weit gewaltiger als wir zu klagen beginnt. »Wie, meine Herren, Sie sind es also, die alle meine Arbeit vereitelt haben? Ich hatte hier ein Beet maltesischer Melonen angelegt, deren Kerne mir als ein kostbarer Schatz geschenkt worden waren, und mit deren Früchten ich Sie, wenn sie reif sein würden, zu bewirthen gehofft hatte. Aber nun sehen Sie, was Sie angerichtet haben! Blos um ihre elenden Bohnen zu pflanzen, haben Sie mir meine Melonen, die schon aufgegangen waren, und die ich nie wieder ersetzen kann, zerstört. Sie haben mir einen unersetzlichen Schaden zugefügt und sich selber des Vergnügens beraubt, ausgezeichnete Melonen zu essen.« Johann Jacob . Entschuldige uns, mein armer Robert. Du hast deine Arbeit, deine Mühe darauf verwendet. Ich sehe ein, daß wir Unrecht gethan haben, dein Werk zu vernichten; indeß wollen wir dir andere Kerne aus Malta kommen lassen, und kein Stück Land wieder bearbeiten, bevor wir erfahren haben, ob nicht schon vor uns irgend ein Anderer Hand daran gelegt hat. Robert. Nun, meine Herren, dann werden Sie sich für immer der Ruhe hingeben können, denn unbebautes Land gibt es nirgends mehr. Ich bearbeite das, was mein Vater urbar gemacht hat; Jeder handelt seinerseits eben so, und alle Ländereien, die Sie sehen, befinden sich längst in festem Besitz. Emil. Gehen Ihnen denn oft, Herr Robert, Melonenkerne auf solche Weise verloren? Robert. Bitte um Verzeihung, junger Herr; es gerathen nicht oft solche Herrchen darüber, die so unbesonnen sind wie Sie. Niemand vergreift sich an dem Garten seines Nachbars; Jedermann nimmt auf die Arbeit Anderer Rücksicht, damit seine eigene verschont bleibe. Emil. Aber ich habe keinen Garten! Robert. Was geht mich das an? Wenn Sie in dem meinigen Schaden anrichten, so werde ich Ihnen nicht mehr erlauben, in demselben spazieren zu gehen, denn, sehen Sie, ich will den Lohn meiner Mühe nicht verlieren. Johann Jacob. Könnten wir mit dem guten Robert nicht einen Vergleich abschließen? Vielleicht überließe er uns, meinem kleinen Freunde und mir, einen Winkel seines Gartens unter der Bedingung zur Bearbeitung, daß er die Hälfte des Ertrages erhält. Robert. Darauf gehe ich ohne Bedingung ein. Seien Sie dessen aber eingedenk, daß ich Ihnen ihre Bohnen umwühlen werde, sobald Sie noch einmal Hand an meine Melonen legen. Aus dieser Probe hinsichtlich der Art und Weise, den Kindern die ersten Begriffe beizubringen, sieht man, wie der Begriff des Eigenthums naturgemäß auf das Recht des zuerst durch seine Arbeit davon Besitz Ergreifenden zurückführt. Das ist klar, bestimmt, einfach und stets dem kindlichen Fassungsvermögen entsprechend. Von hier bis zu dem Eigenthumsrechte und dem Austausche desselben ist dann nur noch ein Schritt, über welchen man nicht hinausgehen darf. Man wird ferner begreifen, daß eine Erklärung, die ich hier auf zwei Druckseiten zusammenfasse, bei der praktischen Ausführung vielleicht ein ganzes Jahr verlangt, denn bei der stetigen Entwickelung sittlicher Ideen kann man nicht langsam genug fortschreiten, damit man bei jedem neuen Schritte auch immer festeren Grund und Boden unter sich fühlt. Ihr jungen Lehrer, schenket, ich bitte euch darum, diesem Beispiele eure Aufmerksamkeit, und seid dessen eingedenk, daß jedweder Unterricht mehr in Handlungen als in Reden bestehen muß, denn die Kinder vergessen gar leicht, was sie selbst gesagt haben und was man ihnen gesagt hat, aber nicht, was sie gethan haben und was man ihnen gethan hat. Aehnliche Belehrungen müssen, wie ich schon auseinandergesetzt habe, früher oder später ertheilt werden, je nachdem die ruhige oder stürmische Natur des Zöglings Beschleunigung oder Verzögerung erforderlich macht. Ihr Nutzen ist einleuchtend. Um aber bei so schwierigen Sachen nichts Wichtiges zu verabsäumen, will ich noch ein Beispiel hinzufügen. Euer eigensinniges Kind verdirbt Alles, was es berührt. Werdet darüber nicht böse, sondern entfernet nur Alles aus seiner Umgebung, was es verderben könnte. Zerbricht es die Geräthe, deren es sich stets bedient, so beeilt euch nicht, ihm andere anzuschaffen; laßt es die nachtheiligen Folgen des Entbehrens fühlen. Zerbricht es die Fenster seines Zimmers, so laßt es Tag und Nacht ruhig vom Winde umwehen, ohne danach zu fragen, daß es sich dadurch vielleicht den Schnupfen zuzieht, denn es ist besser, daß es den Schnupfen bekommt, als daß es ein Narr bleibe. Beklaget euch nie über die Unbequemlichkeiten, die es euch verursacht, sorget aber dafür, daß es dieselben zuerst empfinde. Endlich laßt, ohne das geringste Wort darüber zu äußern, die Scheiben wieder einsetzen. Zerschlägt es sie jedoch abermals, dann ändert sofort die Methode. Saget ihm ganz trocken, aber ohne jegliche zornige Aufregung: »Die Fenster gehören mir, auf meine Kosten sind sie eingesetzt worden; ich werde sie vor künftiger Beschädigung schützen.« Sperret es hierauf in eine dunkle, fensterlose Kammer ein. Bei diesem gänzlich neuen Verfahren beginnt es zu schreien und zu lärmen. Niemand achtet darauf. Bald wird es dessen überdrüssig und schlägt einen andren Ton an: es klagt und seufzt. Ein Diener erscheint, der Trotzkopf bittet, ihn zu befreien. Jener erwidert, ohne irgend einen anderen Grund vorzuschützen: »Ich habe auch Fenster zu schützen!« und geht seiner Wege. Endlich, nachdem das Kind einige Stunden darin zugebracht hat, lange genug also, um sich zu langweilen und es nie aus der Erinnerung zu verlieren, bringt es Jemand auf den Gedanken, euch einen Vergleich anzubieten, laut welchem ihr es wieder in Freiheit setzet und es hinfort keine Scheiben mehr zerbrechen darf. Es wird nichts Besseres verlangen und die Bitte an euch richten lassen, zu ihm zu kommen. Ihr kommt. Es wird euch nun seinen Vorschlag machen, und ihr nehmt ihn augenblicklich an, indem ihr zu ihm sagt: »Das ist ein glücklicher Gedanke von dir, wir werden alle Beide dabei gewinnen. Weshalb bist du nicht früher auf diesen glücklichen Einfall gerathen!« Und darauf werdet ihr es, ohne von ihm eine neue Betheuerung und Bekräftigung seines Versprechens zu verlangen, voller Freude umarmen und es sofort auf sein Zimmer zurückführen. Vor Allem aber müßt ihr diesen Vertrag für eben so heilig und unverletzlich ansehen, als wäre er durch einen Eid bekräftigt. Welch' eine Idee von der Verbindlichkeit übernommener Verpflichtungen und des Vortheils derselben muß sich nicht das Kind nach einem solchen Vorgange bilden! Ich müßte mich sehr täuschen, wenn es auf der Erde auch nur ein einziges, noch nicht völlig verdorbenes Kind gäbe, welches nach Anwendung dieser Methode sich je wieder beikommen ließe, absichtlich eine Scheibe zu zerbrechen. Lasset die Verkettung und den Zusammenhang alles dessen nicht außer Acht! Der kleine Uebelthäter dachte, als er ein Loch grub, um seine Bohne zu pflanzen, wol schwerlich daran, daß er sich damit zugleich das Fundament zu einem Gefängnisse ausgrübe, in welches ihn seine dabei erlangte Erkenntniß bald einschließen sollte. Sollte übrigens die Pflicht, seine Verbindlichkeiten zu erfüllen, in der Seele des Kindes auch nicht durch das Gewicht des dadurch erzielten Nutzens befestigt sein, so würde doch bald das innere Gefühl, das nun zu erwachen beginnt, sie ihm als ein Gesetz des Gewissens, als eine angeborene Grundwahrheit auferlegen, die zu ihrer Entwickelung nur die Kenntnisse erwartet, an welche die Anwendung desselben geknüpft ist. Dieser ursprüngliche Zug ist in unsere Herzen nicht durch Menschenhand gezeichnet, sondern durch den Vater aller Gerechtigkeit eingegraben. Hebet das ursprüngliche Gesetz der Verträge und die Verbindlichkeit auf, welche es auferlegt, und Alles in der menschlichen Gesellschaft ist dann illusorisch und eitel. Wer sein Versprechen nur um seines Vortheils willen hält, ist nicht viel mehr gebunden, als wenn er gar nichts versprochen hätte; oder höchstens wird es sich mit der Möglichkeit, es zu verletzen, eben so verhalten wie mit dem Vorgeben einiger Points Seitens der guten Spieler, welche nur darum zögern, ihre Ueberlegenheit an den Tag zu legen, um den richtigen Moment abzuwarten, wo sie daraus einen größeren Vortheil erzielen können. Dieser Grundsatz ist von der äußersten Wichtigkeit und verdient gründlich untersucht zu werden; denn gerade hier beginnt der Mensch sich mit sich selbst in Widerspruch zu setzen. Damit sind wir denn nun in der moralischen Welt angekommen, damit ist auch dem Laster die Thür geöffnet. Mit den Verträgen und Pflichten entstehen gleichzeitig Betrug und Lüge. Sobald man thun kann, was man nicht thun darf, sucht man zu verbergen, was man nicht hätte thun sollen. Sobald uns ein Interesse ein Versprechen entlockt, kann uns ein größeres Interesse dazu bewegen, das Versprechen zu brechen. Nun handelt es sich nur noch darum, es straflos zu thun; das Mittel, welches sich dazu darbietet, ist sehr natürlich: man begeht sein Vergehen im Geheimen und lügt. Dadurch, daß wir das Laster nicht zu verhüten vermochten, sind wir nun schon in die Lage gerathen, es bestrafen zu müssen. Das sind die Leiden des menschlichen Lebens, welche gleichzeitig mit den Irrthümern beginnen. Ich habe schon zur Genüge darauf hingewiesen, daß man über die Kinder keine Strafe als solche verhängen soll, sondern daß dieselbe sie stets als eine Folge ihrer bösen Handlungen ereilen müsse. Ihr dürft deshalb auch nicht gegen die Lüge declamiren, dürft auch nicht lediglich aus dem Grunde die Strafe eintreten lassen, weil eine Lüge ausgesprochen ist; aber ihr müßt es so einrichten, daß alle schlimmen Folgen der Lüge, wie z. B. die, daß man dem Lügner nicht glaubt, selbst wenn er die Wahrheit spricht, daß man ihn einer schlechten That zeiht, trotzdem er sie nicht gethan hat und sich dagegen vertheidigt, über sie hereinbrechen, sobald sie gelogen haben. Indeß bleibt uns noch zu erörtern übrig, was in Bezug auf die Kinder lügen heißt. Es gibt zwei Arten von Lügen: eine, welche Thatsachen betrifft und damit in die Vergangenheit zurückweist, und eine andere, bei welcher es sich um Versprechungen für die Zukunft handelt. Die erstere findet Statt, wenn man läugnet, das gethan zu haben, was man doch wirklich gethan hat, oder wenn man behauptet, das gethan zu haben, was man eben nicht gethan hat, überhaupt also, wenn man in Betreff bestimmter Thatsachen wissentlich die Unwahrheit sagt. Die letztere dagegen findet Statt, wenn man ein Versprechen abgibt, welches man nicht zu halten beabsichtigt, überhaupt, wenn man eine andere Gesinnung zur Schau trägt, als man wirklich hegt. Beide Arten von Lügen können sich bisweilen in einer und derselben vereinigen Wenn z. B. der einer schlechten That mit Recht Beschuldigte sich damit vertheidigt, daß er sich für einen rechtschaffenen Mann ausgibt. Er lügt sodann sowol in Betreff der Thatsache als auch in Betreff der nun für die Zukunft übernommenen Verpflichtung. , indeß behandele ich sie hier nur in Bezug auf ihre Unterschiede. Wer das Bedürfniß fremder Hilfe fühlt und unaufhörlich die Beweise des Wohlwollens seiner Umgebung erfährt, hat kein Interesse dieselbe zu täuschen, im Gegentheile hat er ein sehr fühlbares Interesse, daß sie die Dinge sieht, wie sie sind, aus Besorgniß, sie könne sich zu seinem Nachtheile täuschen. Es ist demnach klar, daß die Lüge in Bezug auf Thatsachen den Kindern nichts Natürliches ist; sondern das Gesetz des Gehorsams ruft bei ihnen die Notwendigkeit zu lügen hervor. Weil nämlich der Gehorsam etwas Lästiges ist, so sucht man im Geheimen die Fesseln desselben so viel wie möglich abzustreifen. Das nahe liegende Interesse, der Strafe oder einem Verweise zu entgehen, erhält die Oberhand über das entferntere, die Wahrheit zu sagen. Weshalb sollte euch euer Kind bei einer natürlichen und freien Erziehung belügen? Was hat es euch wol zu verbergen? Ihr macht ihm ja keine Vorwürfe, bestraft es nicht, verlangt nichts von ihm. Weshalb sollte es euch nicht Alles, was es gethan hat, mit derselben Offenherzigkeit wie seinem kleinen Spielkameraden sagen können? Bei diesem Geständnisse kann es auf der einen Seite keine größere Gefahr laufen als auf der anderen. Die Lüge bei Versprechungen ist noch weniger natürlich, weil die Versprechungen etwas zu thun oder etwas zu unterlassen conventionelle Acte sind, welche vom Naturzustande entfernen und die Freiheit schmälern. Ja noch mehr, alle von Kindern eingegangenen Verbindlichkeiten sind an und für sich null und nichtig, da ihr beschränkter Blick nicht über die Gegenwart hinausreicht, und sie folglich bei der Uebernahme von Verpflichtungen gar nicht wissen, was sie thun. Man kann deshalb nicht füglich den Ausdruck Lüge anwenden, wenn ein Kind sich verpflichtet; denn da es nur darauf sinnt, sich für den Augenblick aus der Verlegenheit zu ziehen, so gilt in seinen Augen jedes Mittel, welches keine augenblickliche Wirkung hervorruft, gleich viel. Indem es ein Versprechen für die Zukunft ablegt, verspricht es im Grunde genommen nichts: seine noch schlummernde Einbildungskraft vermag noch nicht zu fassen, daß es mit seinem Wesen zwei verschiedenen Zeiten angehört. Wenn es der Ruthe entgehen oder eine Zuckerdüte dadurch erlangen könnte, daß es das Versprechen ablegte, sich morgen aus dem Fenster zu stürzen, so würde es keinen Augenblick Bedenken tragen, es zu leisten. Aus diesem Gründe nehmen auch die Gesetze auf die Verbindlichkeiten der Kinder keine Rücksicht, und wenn strengere Väter und Lehrer dieselben dennoch verlangen, so darf sich dies doch nur auf solche Dinge erstrecken, die das Kind auch ohne abgelegtes Versprechen thun müßte. Da demnach das Kind nicht weiß, was es thut, wenn es eine Verbindlichkeit übernimmt, so kann es auch bei Ablegung eines Versprechens nicht lügen. Etwas Anderes ist es, wenn es sein Versprechen nicht hält, was auch eine Art rückwirkender Lüge ist, denn es erinnert sich seines gegebenen Versprechens sehr wohl. Allein die Wichtigkeit, es zu halten, leuchtet ihm nicht ein. Außer Stande in der Zukunft zu lesen, kann es die Folgen seiner Handlungsweise nicht vorhersehen. Hält es seine Versprechungen nicht, so thut es nichts gegen die Einsicht seines Alters. Hieraus folgt, daß die Lügen der Kinder allein der Erziehung der Lehrer zuzuschreiben sind, und daß die Anleitung, die man ihnen gibt, nur die Wahrheit zu sagen, eigentlich eine Anleitung zur Lüge ist. Bei dem Eifer, den man entwickelt, sie zu bevormunden, zu leiten, zu unterrichten, findet man nie Mittel genug, um zum Ziele zu gelangen. Man will ihren Geist durch unbegründete Regeln und unvernünftige Vorschriften immer mehr beherrschen, und hält es für besser, daß sie ihre Aufgaben lernen und lügen, als daß sie unwissend und wahr bleiben. Was uns dagegen betrifft, so unterrichten wir unsere Zöglinge nur auf praktischem Wege und wollen sie lieber zu guten als zu gelehrten Menschen erziehen, wir verlangen nicht ausdrücklich von ihnen Wahrheit, weil wir Besorgniß hegen, sie möchten dieselbe zu umgehen suchen, und nehmen ihnen kein Versprechen ab, das sie sich versucht fühlen könnten nicht zu halten. Wenn in meiner Abwesenheit irgend etwas Unrechtes vorgefallen ist, dessen Thäter ich noch nicht kenne, so werde ich wol auf meiner Hut sein, Emil zu beschuldigen, oder zu ihm zu sagen: »Bist du es gewesen?« Nichts ist unbesonnener als eine solche Frage, besonders wenn das Kind wirklich schuldig ist. Wenn es alsdann glaubt, ihr wüßtet schon, was es gethan hat, wird es dieselbe nur für eine ihm gestellte Falle halten, und diese Ansicht wird nicht verfehlen, es mit Bitterkeit gegen euch zu erfüllen. Glaubt es dies jedoch nicht, wird es sich sagen: Weshalb soll ich meinen Fehler entdecken? Und mithin liegt die erste Anreizung zur Lüge in eurer unvorsichtig gestellten Frage.« Denn was würde ich damit Anderes thun, als daß ich selbst ihn geradezu zum Läugnen aufforderte? Zwingt mich etwa sein eigensinniger Charakter, mit ihm irgend eine Uebereinkunft abzuschließen, so werde ich meine Maßregeln dergestalt treffen, daß der Vorschlag dazu stets von ihm, nie von mir ausgeht, damit er, sobald er sich einmal zu etwas verpflichtet hat, nun auch stets ein nahe liegendes und fühlbares Interesse habe, seine übernommene Verbindlichkeit zu erfüllen, und damit ferner, wenn er es je verabsäumt, diese Lüge ihm solche Uebel zuzieht, die er aus dem natürlichen Laufe der Dinge selbst hervorgehen sieht und nicht als einen Racheact seines Lehrers betrachten kann. Aber weit davon entfernt, zu so grausamen Mitteln meine Zuflucht zu nehmen, halte ich es fast für eine unumstößliche Gewißheit, daß Emil erst spät lernen wird, was lügen heißt, und daß er nach dieser gewonnenen Einsicht sehr überrascht sein und nicht begreifen wird, wozu das Lügen frommt. Es ist völlig einleuchtend, . daß ich, je unabhängiger ich ihn, sei es nun von dem Willen, sei es von den Urtheilen Anderer mache, desto mehr auch das Interesse am Lügen in ihm ertödte. Wenn man sich mit dem Unterrichte nicht übereilt, so übereilt man sich auch nicht Anforderungen zu stellen, sondern wartet seine Zeit ab, um nichts Unbilliges zu verlangen. Alsdann geht die Entwickelung des Kindes vor sich, ohne daß es verdorben wird. Wenn aber ein ungeschickter Lehrer, der es nicht zu behandeln versteht, ihm jeden Augenblick bald dieses, bald jenes Versprechen abnimmt, ohne Unterschied, ohne Wahl, ohne Maß, so wird das Kind, gelangweilt und mit solchen Versprechungen förmlich überladen, dieselben vernachlässigen, vergessen, ja sie endlich sogar verabscheuen, und da es sie nun als leere Formeln betrachtet, sein Spiel damit treiben, sie zu geben und zu brechen. Wollt ihr, daß es treu und ehrlich sein Wort halte, nun, so seid vorsichtig im Fordern von Versprechungen. Die Einzelheiten, die ich hier in Bezug auf die Lüge weitläufig erörtert habe, können in vieler Beziehung auch auf alle übrige Pflichten Anwendung finden, welche man den Kindern in einer Form vorschreibt, daß sie ihnen nicht nur verhaßt, sondern auch unausführbar werden. Unter dem Scheine ihnen die Tugend zu predigen, flößt man ihnen Liebe zu allen Lastern ein. Man impft sie ihnen ein, während man sie vor denselben warnt. Um sie fromm zu machen, müssen sie sich in der Kirche langweilen. Dadurch, daß man sie unaufhörlich Gebete hermurmeln läßt, zwingt man sie, sich nach dem Glücke zu sehnen, nicht mehr zu Gott beten zu brauchen. Um ihnen Mildthätigkeit einzuflößen, läßt man sie Almosen geben, als ob man verschmähe, sie selbst zu geben. Nein, nicht das Kind muß sie geben, sondern der Lehrer! Wie lieb er seinen Zögling auch immer haben möge, diese Ehre muß er ihm doch streitig machen. Er muß ihm begreiflich machen, daß man in seinem Alter derselben noch nicht würdig sei. Almosengeben gebührt dem Manne, der den Werth seiner Gabe und das Bedürfniß seines Nächsten kennt. Da das Kind weder das Eine noch das Andere zu ermessen versteht, kann es beim Geben auch kein Verdienst für sich in Anspruch nehmen; es gibt ohne Mildthätigkeit, ohne Wohlthätigkeitssinn; es schämt sich fast zu geben, wenn es, auf sein und euer Beispiel gestützt, zu dem Wahne kommt, daß es sich nur für Kinder zieme Almosen zu spenden, aber nicht für Erwachsene. Erwäget auch, daß man durch das Kind immer nur solche Dinge verschenken läßt, deren Werth es nicht kennt, Stückchen Metall, die es nur zu diesem Zwecke in seiner Tasche trägt. Ein Kind würde lieber hundert Goldstücke als einen Kuchen fortgeben. Fordert aber einmal einen solchen freigebigen Almosenvertheiler auf, Dinge wegzuschenken, die ihm lieb sind, Spielzeug, Bonbons, sein Vesperbrod, und wir werden bald zu sehen bekommen, ob es euch in der That geglückt ist, das Kind freigebig zu machen. Man bedient sich in diesem Punkte auch wol noch eines anderen Auskunftsmittels; man erstattet nämlich dem Kinde das, was es fortgegeben hat, schleunigst wieder. Auf diese Weise gewöhnt es sich freilich daran, wenigstens das zu verschenken, wovon es weiß, daß es dasselbe wieder erhalten wird. Ich habe bei Kindern kaum je eine andere als eine von diesen beiden Arten von Freigebigkeit gefunden, das nämlich fortzuschenken, was für sie keinen Werth hat, oder das, wovon sie sicher sind, es wieder zu erhalten. Sorget dafür, sagt Locke, sie durch die Erfahrung davon zu überzeugen, daß der Freigebigste stets den größten Lohn davonträgt. Das heißt denn doch nichts Anderes, als das Kind nur scheinbar freigebig, in Wahrheit aber geizig machen. Er fügt hinzu, daß den Kindern dadurch die Freigebigkeit zur zweiten Natur werden würde. Unstreitig, aber nur jene wucherische Freigebigkeit, die ein Ei hingibt, um ein Rind dafür zu erhalten. Gilt es jedoch einmal im Ernste zu geben, dann fahre hin, Gewohnheit! Sobald man aufhören wird, ihnen für das Verschenkte Ersatz zu leisten, werden sie auch aufhören zu spenden. Darauf muß man sein Augenmerk richten, daß die Freigebigkeit eher der Gewohnheit der Seele als der der Hände entspringe. Aehnlich wie mit dieser Tugend verhält es sich mit allen übrigen, welche man die Kinder lehrt. Gerade dadurch, daß man ihnen diese ächten Tugenden nur fortwährend predigt, verbittert man ihnen ihre jungen Jahre. Ist das nicht eine weise Erziehung? Lehrer, unterlasset dergleichen Firlefanzereien! Seid tugendhaft und gut, damit euer Beispiel sich dem Gedächtnisse eurer Zöglinge einpräge, bis es in ihre Herzen dringen kann. Anstatt mich zu beeilen, von dem meinigen Werke der Mildthätigkeit zu verlangen, halte ich es für geeigneter, selbst solche in seiner Gegenwart zu thun und ihm sogar die Mittel zu entziehen, nur darin nachzueifern, damit er darin eine Ehre erkenne, die seinem Alter noch nicht gebührt, denn es ist von Wichtigkeit, daß er sich nicht daran gewöhne, die Menschenpflichten nur als Kinderpflichten aufzufassen. Sieht mich mein Zögling Arme unterstützen und befragt mich darüber, so werde ich, falls es an der Zeit ihm zu antworten ist, Selbstverständlich antworte ich auf seine Fragen nicht, wenn es ihm, sondern wenn es mir beliebt; sonst würde ich mich seinem Willen unterwerfen und in die gefährlichste Abhängigkeit gerathen, in welche ein Erzieher seinem Zöglinge gegenüber kommen kann. zu ihm sagen: »Mein Freund, als die Armen gestatteten, daß es Reiche gäbe, haben die Reichen alle diejenigen zu ernähren versprochen, welche sich weder durch ihren Besitz noch durch ihre Arbeit Unterhalt zu verschaffen vermögen.« »Haben Sie es denn auch versprochen?« wird er entgegnen. »Unzweifelhaft; nur unter dieser Bedingung, die an jeden Besitz geknüpft ist, bin ich Herr der Güter, die meiner Verwaltung anvertraut sind.« Ein Anderer als Emil würde, wenn er diese Unterredung verstanden hätte, – und man wird sich dessen noch erinnern, wie man nach meiner Methode ein Kind zum Verständnisse bringen kann – sich versucht fühlen, mir nachzuahmen und sich als reicher Herr zu gebahren. In diesem Falle würde ich mich wenigstens zu verhindern bemühen, daß es in prahlerischer Weise hervortrete. Da würde mir noch angenehmer sein, daß er sich mein Recht anmaßte und heimliche Geschenke machte. Es wäre ein in seinem Alter liegender Betrug, und auch der einzige, den ich ihm verzeihen würde. Ich weiß, daß alle diese durch den Nachahmungstrieb hervorgerufenen Tugenden weiter nichts als Affentugenden sind, und daß eine gute That nur dann sittlich gut genannt werden kann, wenn man sie um ihrer selbst willen vollbringt, und nicht, weil Andere sie thun. Indeß in einem Alter, wo das Herz noch nichts empfindet, muß man die Kinder wol Handlungen nachahmen lassen, die ihnen zur zweiten Natur werden sollen, bis sie dieselben später aus eigener Ueberlegung und aus Liebe zum Guten zu vollbringen vermögen. Dem Menschen, ja selbst dem Thiere ist der Nachahmungstrieb angeboren. Diese Sucht zur Nachahmung ist von der Natur weislich geordnet. Der Affe ahmt dem Menschen nach, welchen er fürchtet, nicht aber den Thieren, welche er verachtet; er erkennt das für gut an, was ein höher stehendes Wesen thut. Unter uns dagegen ahmen die Lustigmacher jeglicher Gattung das Schöne nach, um es herabzuwürdigen und es lächerlich zu machen. In dem Gefühle ihrer Niedrigkeit suchen sie das, was besser ist als sie, zu sich herabzuziehen, oder man erkennt, wenn sie sich die Gegenstände ihrer wirklichen Bewunderung nachzuahmen bemühen, an der Wahl der Gegenstände den schlechten Geschmack der Nachahmer. Sie gehen weit mehr darauf aus, Andere zu täuschen oder ihre Talente bewundern zu lassen, als besser und weiser zu werden. Der tiefere Grund der Nachahmung unter uns entspringt der Sucht, beständig aus sich herauszutreten. Gelingt mir die Erziehung Emils, so wird derselbe sicherlich diese Sucht nicht theilen. Wir wollen deshalb auf das scheinbar Gute, was sie möglicher Weise hervorbringen könnte, gern verzichten. Wenn ihr alle eure Erziehungsregeln einmal gründlich untersuchen wolltet, würdet ihr sie alle gleich widersinnig finden, besonders aber in wie weit sie Tugend und Sittlichkeit betreffen. Die einzige sittliche Lehre welche für die Kindheit geeignet und gleichzeitig für jedes Lebensalter von höchster Wichtigkeit ist, lautet: Füge niemals irgend Jemand etwas Böses zu. Selbst die Vorschrift, Gutes zu thun, ist, wenn sie jener nicht untergeordnet wird, gefährlich, falsch und voller Widerspruch. Wer thäte denn durchaus nichts Gutes? Jedermann kann sich wenigstens auf einzelne gute Handlungen berufen, der Böse eben so gut wie alle Uebrigen. Er macht aber auf Kosten von hundert Unglücklichen nur einen Einzigen glücklich, und eben daher stammt all unser Elend. Gerade die erhabensten Tugenden sind negativer Natur und außerdem auch die schwierigsten, weil sie die Oeffentlichkeit nicht lieben und sogar über das dem menschlichen Herzen so süße Vergnügen erhaben sind, unsern Nächsten befriedigt von uns scheiden zu sehen. O, zu wie größerem Segen muß nicht derjenige seinen Mitmenschen gereichen, der ihnen nie etwas zu Leide thut, wenn es überhaupt einen solchen gibt! Welcher Unerschrockenheit der Seele, welcher Charakterstärke bedarf er zu diesem Zwecke! Aber nicht durch Anstellung gelehrter Untersuchungen über diesen Grundsatz, sondern durch den Versuch, ihn zur Ausführung zu bringen, lernt man erst, wie groß und schwer es ist, hierin Erfolge zu erzielen. Die Vorschrift, nie Jemandem zu schaden, schließt die andere in sich, sich so wenig als möglich zur menschlichen Gesellschaft zu halten, denn in der gegenwärtigen socialen Lage bringt das Glück des Einen nothwendig das Unglück des Andern hervor. Dies beruht im Wesen der Sache und nichts läßt sich daran ändern. Nach diesem Principe möge man beurtheilen, wer der bessere Mensch ist, der sich in der Gesellschaft bewegt, oder der der Einsamkeit den Vorzug gibt. Ein berühmter Schriftsteller behauptet, nur der Böse suche die Einsamkeit auf; ich dagegen stelle den Satz auf: nur der Gute lebe für sich allein. Wenn dieser Satz auch weniger geistreich klingt, so ist er dafür desto wahrer und vernünftiger, als der erstere. Welches Böse könnte der Schlechte in der Einsamkeit anstiften? In der Gesellschaft schmiedet er seine schädlichen Pläne. Will man etwa dieses Argument auf den Guten anwenden, so antworte ich darauf mit der Erörterung, der ich diese Anmerkung beigefügt habe. Das sind einige flüchtige Andeutungen über die Vorsicht, welche ich bei Ertheilung solcher Verhaltungsregeln für Kinder berücksichtigt zu sehen wünschte, die man zuweilen nicht umgehen kann, ohne sie der Gefahr auszusetzen, sich oder Anderen Schaden zuzufügen, und vorzüglich schlimme Gewohnheiten anzunehmen, die man späterhin nur mit Mühe würde wieder ausrotten können. So viel können wir uns aber versichert halten, daß sich diese Nothwendigkeit bei Kindern, die erzogen sind, wie sie sein sollen, nur selten herausstellen wird, da sie unmöglich eigensinnig, boshaft, lügnerisch, habsüchtig werden können, wenn man die Laster, die sie dazu machen, nicht selbst in ihre Herzen gesäet hat. Demnach bezieht sich das, was ich über diesen Punkt gesagt habe, mehr auf die Ausnahmen als auf die Regeln, aber diese Ausnahmen werden um so häufiger sein, je mehr Gelegenheit die Kinder haben, aus ihrem Kreise herauszutreten und die Laster der Erwachsenen anzunehmen. Nothwendiger Weise bedürfen solche Kinder, die ihre Erziehung inmitten der großen Welt erhalten, eines früheren Unterrichts als diejenigen, welche man in der Einsamkeit erzieht. Diese Erziehung in stiller Zurückgezogenheit würde demnach schon aus dem Grunde den Vorzug verdienen, weil sie der Kindheit die zur Reife nöthige Zeit gewährt. Es gibt aber auch noch eine andere entgegengesetzte Art von Ausnahmen hinsichtlich derjenigen, welche glückliche Anlagen über ihr Alter befähigen. Wie es Menschen gibt, die nie das kindliche Wesen ablegen, so gibt es umgekehrt wieder andere, die so zu sagen niemals Kinder gewesen, sondern beinahe unmittelbar von der Geburt an in das männliche Alter getreten sind. Leider sind diese letzteren Ausnahmen sehr selten und sehr schwer zu erkennen, und ein weiterer Uebelstand ist, daß fast jede Mutter, in der Einbildung es gebe Wunderkinder nicht im Geringsten daran zweifelt, das ihrige gehöre zu denselben. Ja, noch mehr, sie halten die ganz alltäglichen und gewöhnlichen Erscheinungen, wie Lebhaftigkeit, glückliche Einfälle, Flatterhaftigkeit, fesselnde Naivetät, für etwas ganz Außerordentliches, während es doch nur die charakteristischen Merkmale dieses Alters sind, welche es am augenscheinlichsten beweisen, daß ein Kind eben nichts als ein Kind ist. Ist es wirklich etwas so Bewundernswerthes, wenn derjenige, den man unaufhörlich reden läßt, welchem man Alles zu sagen erlaubt, welcher sich um keine Rücksicht, um keine Anstandsregel zu kümmern braucht, zufälliger Weise auch einmal einen guten Einfall hat? Es würde im Gegentheile weit bewundernswerter sein, wenn es nicht so wäre, gerade wie es dasselbe Staunen erregen müßte, wenn der Astrolog unter tausend Lügen nicht auch einmal eine Wahrheit vorhersagte. Sie werden noch so lange lügen, sagte Heinrich IV., bis sie endlich einmal die Wahrheit sagen werden. Wer nach Witzen hascht, braucht nur recht viele Albernheiten zu sagen. Gott beschütze die armen Gecken, die keinen anderen Verdiensten ihre Bewunderung zu verdanken haben! Wie die kostbarsten Diamanten in die Hände der Kinder, so können auch die glänzendsten Gedanken in das Gehirn, oder vielmehr die witzigsten Worte in den Mund derselben kommen, ohne daß darum die Gedanken oder die Diamanten ihnen angehören. In keiner Beziehung gibt es für dieses Alter ein wahres Eigenthum. Mit den Worten, die ein Kind spricht, verbindet es nicht dieselbe Bedeutung, die sie für uns haben; es legt ihnen nicht dieselben Begriffe unter. Diesen Begriffen, wenn es überhaupt solche hat, fehlt es in seinem Kopfe an logischer Ordnung und Zusammenhang; in allen seinen eigenen Gedanken findet sich nichts Festes, nichts Bestimmtes. Prüfet einmal euer vermeintliches Wunderkind. In gewissen Augenblicken werdet ihr bei ihm allerdings den gewaltigsten Thätigkeitstrieb, eine Geistesschärfe finden, welche die Wolken durchdringt; gewöhnlich aber wird euch derselbe Geist schlaff, matt und wie von dichtem Nebel umhüllt erscheinen. Bald eilt er euch vorauf, bald bleibt er unbeweglich. In dem einen Augenblicke möchtet ihr ausrufen: »Es ist ein Genie!« und in dem nächsten: »Es ist ein Einfaltspinsel!« Ihr würdet euch beide Male täuschen; es ist eben nur ein Kind. Es ist ein junger Adler, der sich in einem Augenblicke in die Lüfte emporschwingt, und im nächsten wieder in sein Nest zurücksinkt. Behandelt es deshalb, wie es euch auch in euren Augen erscheinen mag, seinem Alter gemäß, und hütet euch, seine Kräfte durch zu große Uebung und Anspannung derselben zu erschöpfen. Wenn sich das junge Gehirn erhitzt, wenn ihr gewahrt, daß es überzuschäumen beginnt, so lasset es Anfangs in Freiheit ausgähren, stachelt es aber niemals an, weil ihr sonst befürchten müßtet, daß es sich sonst ganz verdunste; und wenn nun die überschüssigen Dünste verdampft sein werden, dann haltet den übrig gebliebenen Geist zurück, zügelt ihn, bis daß mit den Jahren Alles in belebende Wärme und wirkliche Kraft übergeht. Andrenfalls werdet ihr Zeit und Mühe umsonst verschwenden, euer eigenes Werk zerstören, und nachdem ihr euch unbesonnen an all diesen entzündlichen Dünsten berauscht habt, wird euch nichts übrig bleiben als ein kraftloser Bodensatz. Vielversprechende, sich bemerkbar machende Kinder pflegen gewöhnliche Menschen zu werden, das ist ein anerkannter und richtiger Erfahrungssatz. Nichts ist schwieriger, als bei den Kindern die wirkliche Beschränktheit von der nur scheinbaren und trügerischen, welche das Anzeichen starker Seelen ist, zu unterscheiden. Es scheint anfänglich befremdend, daß diese beiden Extreme einander so ähnliche Kennzeichen haben, indeß ist dies gar nicht anders möglich; denn in einem Alter, in welchem der Mensch noch keine wahren Ideen hat, besteht der ganze Unterschied zwischen dem Begabten und dem Beschränkten darin, daß sich der Letztere nur falsche Ideen aneignet, der Erstere dagegen, da sich ihm keine andern darbieten, lieber auf alle verzichtet. Sie ähneln einander also insofern, daß der Eine zu nichts fähig ist, während dem Andren nichts gut genug scheint. Das einzige Kennzeichen, welches ihre Verschiedenheit hervortreten läßt, hängt vom Zufall ab. Er macht den Letzteren vielleicht mit irgend einer seine Fassungskraft nicht übersteigenden Idee bekannt, während der Erstere beständig derselbe bleibt. Der junge Cato galt während seiner Kindheit in seiner ganzen Familie für einen Schwachkopf. »Er ist schweigsam und starrköpfig,« lautete das einstimmige Urtheil. Erst in dem Vorzimmer des Sulla lernte ihn sein Onkel recht kennen. Wäre er nicht in dies Vorzimmer gekommen, so hätte er vielleicht bis zum Alter der Vernunft für einen Dummkopf gegolten. Hätte kein Cäsar gelebt, so hätte man vielleicht diesen nämlichen Cato, welcher das unheilvolle Genie desselben durchschaute und alle seine Pläne, wenn sie auch noch so weit ausgesponnen waren, voraussah, immer für einen Träumer gehalten. O wie leicht kann sich doch Jeder täuschen, der so vorschnell über die Kinder aburtheilt! Er ist oft mehr ein Kind als diese selbst. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ein Mann Der Abbé de Condillac. in schon vorgerückterem Lebensalter, der mich mit seiner Freundschaft beehrte, bei seiner Familie wie bei seinen Freunden in dem Rufe eines beschränkten Kopfes stand; in der Stille reifte hier aber ein ausgezeichneter Geist heran. Plötzlich enthüllte er sich als hervorragender Philosoph, und ich zweifle nicht, daß ihm die Nachwelt einen ehrenvollen und glänzenden Platz unter den tüchtigsten Philosophen und tiefsten Metaphysikern seines Jahrhunderts anweisen wird. Achtet die Kinder und urtheilt nicht vorschnell über sie, weder im Guten noch im Bösen. Glaubt ihr, daß ihr es mit Ausnahmen zu thun habt, so laßt sich dieselben erst lange zeigen, bewähren und bestätigen, ehe ihr ihrethalben zu einer besonderen Methode greift. Gewähret der Natur einen langen Spielraum, bevor ihr an ihrer Stelle handelnd auftretet, und hütet euch, ihre Wirkungen zu verhindern. Ihr behauptet, den Werth der Zeit zu kennen, und wollt keine Zeit verlieren. Ihr sehet aber nicht ein, daß eine schlechte Anwendung der Zeit ein weit größerer Zeitverlust ist, als eine vollkommene Unthätigkeit, und daß ein schlecht unterrichtetes Kind der Weisheit weit ferner ist, als ein solches, welches man noch gar nicht unterrichtet hat. Ihr fühlt euch beunruhigt, wenn ihr es seine frühesten Jahre in voller Unthätigkeit hinbringen sieht! Wie? Dünkt euch glücklich sein nichts? Haltet ihr es für nichts, daß ein Kind den ganzen Tag fröhlich umherspringt, läuft und spielt? In seinem ganzen Leben wird es nicht wieder so beschäftigt sein. Plato erzieht in seiner Republik, deren Bestimmungen man gewöhnlich für so hart und streng hält, die Kinder unter lauter Festlichkeiten, Spielen, Gesängen und Zeitvertreib. Man könnte sagen, daß er Alles gethan zu haben glaubt, wenn er sie in der Kunst, sich zu belustigen, unterrichtet hat; und Seneca sagt an der Stelle, wo er von der alten römischen Jugend redet: »Sie war unaufhörlich auf den Beinen, man lehrte sie nichts, was sie hätte sitzend lernen müssen.« Nihil liberos suos docebant, quod discendum esset i(?)centibus. Epist. 88. Hatte dieselbe aber deshalb einen geringeren Werth, wenn sie das männliche Alter erreicht hatte? Heget also keine Furcht wegen dieses sogenannten Müßiggangs. Was würdet ihr wol von einem Manne sagen, der, um das Leben völlig auszunützen, niemals schlafen wollte? Ihr würdet sagen: »Dieser Mann ist ein Thor; er gewinnt dadurch nicht an Zeit, sondern beraubt sich derselben vielmehr; um dem Schlafe zu entfliehen, läuft er dem Tode entgegen.« Bedenket nun, daß es sich hier um denselben Fall handelt, indem die Kindheit die Zeit ist, in welcher die Vernunft noch im Schlafe liegt. Aus der scheinbaren Leichtigkeit, mit welcher Kinder lernen, entspringt für dieselben ein offenbarer Nachtheil. Man übersieht, daß eben diese Leichtigkeit der Beweis dafür ist, daß sie nichts lernen. Ihr glattes und noch ungetrübtes Gehirn wirft wie ein Spiegel die Objecte, die man ihm vorhält, wieder zurück; aber nichts haftet, nichts dringt ein. Das Kind behält nur die Worte; die Ideen werden zurückgestrahlt. Wer nun das Kind diese Worte wiederholen hört, versteht sie, das Kind allein versteht sie nicht. Obgleich Gedächtniß und Urtheilskraft zwei wesentlich verschiedene Fähigkeiten sind, so entwickelt sich in Wahrheit die eine doch nur mit der andren. Vor dem Alter der Vernunft nimmt das Kind keine Ideen, sondern nur Bilder auf, und der Unterschied zwischen beiden besteht darin, daß die Bilder nur absolute Abbildungen sinnlich wahrnehmbarer Gegenstände, die Ideen dagegen Begriffe der nach ihren Beziehungen bestimmten Gegenstände sind. Ein Bild kann sich in dem Geiste, der es sich vorstellt, ganz allein vorfinden, aber jegliche Idee setzt andere voraus. Wenn man sich etwas vorstellt, sieht man nur; wenn man dagegen begreift, vergleicht man. Die Eindrücke, welche wir empfangen, sind lediglich passiver Natur, während sich alle unsere Begriffe oder Ideen aus einem activen urtheilenden Principe bilden. Dies werde ich weiter unten beweisen. Ich behaupte demnach, daß die Kinder, da in ihnen die Urtheilskraft noch nicht geweckt ist, auch kein wirkliches Gedächtniß haben. Sie behalten Töne, Figuren, Eindrücke, aber selten Ideen, noch seltener Ideenverbindungen. Man wird meinen, mich durch den Einwand, daß sie doch einige Elemente der Geometrie lernen, widerlegen zu können; aber gerade dieser Umstand spricht für die Wahrheit meiner Behauptung; man beweist damit nur, daß sie, weit davon entfernt, sich selbst ein Urtheil zu bilden, nicht einmal die Schlüsse Anderer zu behalten vermögen, denn wenn ihr die Methode dieser kleinen Mathematiker aufmerksam beobachtet, werdet ihr bald bemerken, daß sie nur den genauen Eindruck der Figur und die Ausdrücke des Beweises behalten haben. Bei dem geringsten neuen Einwurfe wissen sie nicht aus und ein; drehet die Figur um, und sie wissen sich eben so wenig zu helfen. Ihr ganzes Wissen besteht aus aufgenommenen Eindrücken, nichts ist Eigenthum ihres Verstandes geworden. Selbst ihr Gedächtnis ist nicht vollkommener und entwickelter als ihre übrigen Fähigkeiten, denn fast immer müssen sie als Erwachsene die Dinge noch einmal lernen, von denen sie sich in der Kindheit nur die Worte angeeignet haben. Trotzdem bin ich weit davon entfernt, mich dem Wahne hinzugeben, daß den Kindern jede Art von Urtheilskraft fehle. Ich habe beim Schreiben hundertmal die Bemerkung gemacht, daß es bei einem größeren Werke unmöglich ist, mit denselben Worten auch stets denselben Sinn zu verbinden. Es existirt keine Sprache, die eine solche Fülle von Ausdrücken, Wendungen und Redensarten besäße, als die Ideen Modificationen erleiden können. Die Methode, alle Ausdrücke zu definiren und unaufhörlich die Definition an die Stelle des Definirten zu setzen, ist schön, aber unausführbar. Denn wie ist es möglich, den Zirkel zu vermeiden? Die Definitionen hätten schon ihr Gutes, wenn man sich zu ihrer Bestimmung nur nicht der Worte bedienen müßte. Trotzdem bin ich überzeugt, daß man sich bei aller Armuth unserer Sprache doch klar ausdrücken kann, freilich nicht dadurch, daß man den nämlichen Worten auch immer den nämlichen Sinn beilegt, sondern in der Weise, daß bei jeder Anwendung eines Wortes die damit verbundene Bedeutung durch die Ideen, welche sich darauf beziehen, zur Genüge bestimmt wird, und daß demnach jeder Satz, in welchem sich das in Rede stehende Wort vorfindet, gleichsam die Definition bildet. Bald sage ich, den Kindern fehle die Urtheilskraft, und bald lasse ich sie wieder mit ziemlicher Schärfe urtheilen. Ich glaube mich hierbei in Bezug auf meine Ideen keines Widerspruches schuldig zu machen; allein ich kann nicht in Abrede stellen, daß meine Ausdrücke oftmals den Schein des Widerspruches annehmen. Im Gegentheil habe ich die Bemerkung gemacht, daß sie über Alles, wovon sie ein Verständniß haben, und was sich auf ihr augenblickliches und fühlbares Interesse bezieht, sehr richtig urtheilen. Man täuscht sich nur über ihre Kenntnisse, indem man ihnen solche zutraut, die sie nicht besitzen, und sie über Dinge urtheilen läßt, die sie nicht zu fassen vermögen. In einen gleichen Irrthum verfällt man, wenn man ihre Aufmerksamkeit auf Betrachtungen lenken will, die sie noch in keiner Weise berühren, wie z. B. auf ihr einstiges Interesse, auf ihr Glück, sich zur Menschheit zählen zu dürfen, auf die Achtung, in der sie als Erwachsene stehen werden, lauter Redensarten, die, weil sie an Wesen verschwendet werden, denen jegliche Voraussicht mangelt, völlig bedeutungslos für dieselben sind. Nun erstrecken sich aber alle erzwungene Lernversuche dieser armen Unglücklichen auf Gegenstände, die ihrem Geiste völlig fremd sind. Man möge nun selbst beurtheilen, wie viel Aufmerksamkeit sie denselben werden schenken können. Die Pädagogen, welche uns die Kenntnisse, die sie ihren Schülern beibringen, mit großer Prahlerei vorzählen, werden bezahlt und sind deshalb gezwungen, eine andere Sprache zu führen, indeß läßt ihre eigene Handlungsweise durchblicken, daß sie genau wie ich denken. Denn was bringen sie ihnen am Ende bei? Worte, nichts als Worte, und immer wieder Worte. Unter den verschiedenen Wissenschaften, in denen sie sich zu unterrichten rühmen, hüten sie sich diejenigen auszuwählen, welche den Schülern zu einem wirklichen Nutzen gereichen würden, weil es sich bei diesen um ein sachliches Wissen handelt, was sie ihnen niemals mitzutheilen im Stande sind. Deshalb wählen sie nur solche, mit denen man vertraut zu sein scheint, wenn man sich ihre äußere Terminologie angeeignet hat, als Wappenkunde, Geographie, Chronologie, Sprachen u. s. w., alles Studien, die dem Menschen überhaupt, und nun vorzüglich erst dem Kinde, so fern liegen, daß es ein Wunder wäre, wenn ihnen auch nur ein Gegenstand derselben ein einziges Mal im Leben zum Nutzen gereichte. Man wird sich wundern, daß ich das Studium der Sprachen in die Zahl der für die Erziehung unnützen Gegenstände rechne. Indeß möge man sich erinnern, daß ich hier nur vom Lernen in dem ersten Lebensalter rede, und was man auch immer sagen möge, so glaube ich nicht, daß, die Wunderkinder natürlich ausgenommen, je ein Kind vor dem Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren wirklich zwei Sprachen gelernt habe. Ich räume ein, daß das Studium der Sprachen, wenn dasselbe nur in dem Erlernen von Worten, d. h. von einzelnen Wortbildern und Klängen bestände, für die Kinder angemessen wäre; da indeß die Sprachen sich verschiedener Bezeichnungen bedienen, so modificiren sie damit auch zugleich die Ideen, welche jene ausdrücken. Der Geist bildet sich nach der Sprache; die Gedanken nehmen unwillkürlich die Färbung des Idioms an. Die Vernunft allein ist etwas Gemeinsames, der Geist jeder Sprache prägt sich dagegen in einer besonderen Form aus, eine Verschiedenheit, welche wenigstens theilweise recht wohl die Ursache oder auch die Wirkung der einzelnen Nationalcharaktere sein könnte. Was diese Vermuthung zu bestätigen scheint, ist der Umstand, daß die Sprache bei allen Völkern der Welt dem Wechsel der Sitten folgt und sich in Übereinstimmung mit diesen erhält oder verändert. Von diesen verschiedenen Formen wird durch den fortwährenden Gebrauch nur eine das ausschließliche Eigenthum des Kindes, und diese allein bewahrt es sich bis zum Alter der Vernunft. Um zwei gleichzeitig zu beherrschen, müßte es die Ideen vergleichen können. Wie sollte es dieselben aber vergleichen, wenn es kaum im Stande ist, sie zu fassen? Jeder Gegenstand kann für das Kind tausend verschiedene Kennzeichen, aber jede Idee nur eine einzige Form haben; es kann demnach auch nur eine Sprache sprechen lernen. Man wird mir einwenden, daß es trotzdem mehrere lernt. Ich stelle dies durchaus in Abrede. Ich habe freilich selbst solche kleine Wunderkinder gesehen, welche fünf oder sechs Sprachen zu sprechen glaubten. Ich habe sie nach einander in lateinischen, französischen und italienischen Ausdrücken – aber immer nur deutsch reden hören. Sie waren in der That in fünf oder sechs Wörterbüchern zu Hause, was sie aber redeten, blieb stets deutsch. Mit einem Worte, gebt den Kindern so viel Synonymen, als euch beliebt; ihr werdet ihnen wol andere Worte beibringen, aber keine andere Sprache; sie werden stets nur eine einzige verstehen. Um ihre Unfähigkeit nach dieser Richtung hin zu verbergen, treibt man mit ihnen vorzugsweise die todten Sprachen, in denen man jeden Richter im Nothfalle verwerfen kann. Da dieselben schon lange aufgehört haben als Umgangssprachen zu dienen, begnügt man sich mit der Nachahmung der in den auf uns gekommenen Werken ausgebildeten Schriftsprache, und das nennt man dieselben sprechen. Ist nun schon das Griechische und Lateinische der Lehrer so beschaffen, so bilde man sich danach über das der Kinder ein Urtheil. Kaum haben sie die Anfangsgründe, für die ihnen alles Verständniß fehlt, rein mechanisch auswendig gelernt, so richtet man sie ab, ein französisches Gespräch mit lateinischen Worten zu führen; haben sie dann wieder noch einige Fortschritte gemacht, so müssen sie Ciceronianische Redensarten zu Prosa und Bruchstücke des Virgils zu Versen zusammenschweißen. Nun bilden sie sich ein lateinisch zu sprechen, und wer wird sich darauf einlassen, ihnen zu widersprechen? Bei jedem Studium, wie beschaffen es auch immer sein möge, sind die stellvertretenden Zeichen ohne den Begriff der durch sie dargestellten Dinge bedeutungslos. Dennoch beschränkt man das Kind beständig auf diese Zeichen, ohne ihm jemals auch nur eines der Dinge, welche sie bezeichnen, verständlich machen zu können. Während man es mit der Erdkunde vertraut zu machen glaubt, lehrt man es nur die Karte kennen; man lehrt es die Namen von Städten, Ländern, Flüssen, welche nach seiner Auffassung nirgends anders als auf dem Papiere existiren, auf dem man sie ihm zeigt. Ich erinnere mich, irgend wo ein Geographiebuch gesehen zu haben, welches mit der Frage begann: »Was ist die Erde?« Antwort: »Sie ist eine Kugel von Pappe.« Genau so verhält es sich mit der Geographie der Kinder. Für mich gilt es als eine ausgemachte Thatsache, daß kein zehnjähriges Kind nach einem zweijährigen Unterrichte in der mathematischen und physischen Geographie sich nach den ihm ertheilten Regeln auch nur von Paris bis nach St. Denis zu finden weiß. Ja, noch mehr, ich bin völlig sicher, daß es kein einziges Kind gibt, welches im Stande wäre, nach einem Plane von dem Garten seines Vaters, ohne sich zu verirren, die Wege zu finden. So ist es mit diesen Gelehrten bestellt, die mit größter Genauigkeit anzugeben wissen, wo Peking, Ispahan, Mexiko und alle Länder der Erde liegen. Es ist mir auch die Behauptung zu Ohren gekommen, man müsse die Kinder nur mit solchen Studien beschäftigen, zu denen sie blos ihrer Augen bedürfen. Dies würde etwas für sich haben, wenn es irgend eine Wissenschaft gäbe, zu der die Augen ausreichten; aber ich kenne keine solche. Aus einem noch lächerlicheren Irrthume hält man sie zum Studium der Geschichte an. Man meint, sie entspreche ihrem Fassungsvermögen, weil sie nur eine Sammlung von Thatsachen ist. Allein was versteht man unter diesem Worte Thatsachen? Glaubt man, daß die Beziehungen, welche die historischen Thatsachen hervorrufen, so leicht faßbar sind, daß sich die Vorstellungen von denselben im kindlichen Geiste ohne Mühe bilden? Glaubt man, daß die wahre Kenntniß der Begebenheiten von der Kenntniß ihrer Ursachen und Wirkungen getrennt werden könne, und daß der Historiker so wenig von der Moral abhänge, daß man ohne dieselbe zum Verständniß der Geschichte gelange? Wenn ihr in den Handlungen der Menschen nur äußere und zwar rein physische Bewegungen seht, welche Lehre könnt ihr dann aus der Geschichte ziehen? Auch nicht eine einzige. Und dieses, auf solche Weise jedes Interesses entkleidete Studium wird euch eben so wenig Vergnügen als Belehrung gewähren. Wenn ihr indeß diese Handlungen nach ihren moralischen Beziehungen würdigen wollt, so versuchet einmal, euren Zöglingen diese Beziehungen anschaulich zu machen, und ihr werdet alsdann erkennen, ob die Geschichte ihrem Alter angemessen ist. Die Leser mögen immer eingedenk sein, daß der, welcher hier zu ihnen spricht, weder ein Gelehrter, noch ein Philosoph ist, sondern ein schlichter Mann, ein Freund der Wahrheit, ohne Partei, ohne System, ein Einsiedler, welcher, da er nur im geringen Verkehre mit den Menschen steht, auch weniger Gelegenheit hat, ihre Vorurtheile anzunehmen, jedoch um so mehr Zeit, über das nachzudenken, was ihm im Umgange mit denselben auffällig erscheint. Meine Schlußfolgerungen gründen sich weniger auf Principien als auf Thatsachen, und ich glaube meine Leser nicht besser in den Stand setzen zu können, sich selbst darüber ein Urtheil zu bilden, als indem ich ihnen öfter Beispiele von Beobachtungen mittheile, denen ich sie zu verdanken habe. Ich brachte einst einige Tage auf dem Lande bei einer braven Hausmutter zu, welche sich im hohen Grade ihre Kinder und deren Erziehung angelegen sein ließ. Als ich eines Morgens dem Unterrichte des ältesten Knaben beiwohnte, besprach sein Lehrer, der ihm in der alten Geschichte einen guten Unterricht ertheilt hatte, bei der Wiederholung der Geschichte Alexanders des Großen jenen bekannten Vorfall mit dem Arzte Philipp, welchen man schon öfter bildlich dargestellt hat und der auch sicherlich diese Ehre verdient. Quintus Curtius, lib. III, cap, 6. Alexander a Parmenione litteras accipit, quibus denunciabat, ne salutem suam Philippo committeret: mille talentis a Dario et spe nuptiarum sororis eius esse corruptum. Ingentem animo sollicitudinem litterae incusserant. – – – Et ille cum poculo, in quo medicamentum diluerat, intravit. Quo viso, Alexander, levato corpore in cubitum, epistolam a Parmenione missam sinistra manu tenens, accipit poculum et haurit interritus. Der Lehrer, im Uebrigen ein recht verdienstvoller Mann, knüpfte einige Betrachtungen über die Unerschrockenheit Alexanders an, die mir nicht gefielen, die ich jedoch zu bekämpfen Bedenken trug, um den Lehrer nicht in den Augen seines Zöglings herabzusetzen. Bei Tische ließ man nach französischer Sitte das kleine Männchen unaufhörlich schwatzen. In der natürlichen Lebhaftigkeit seines Alters und in der Erwartung sicherlich nicht ausbleibenden Beifalls trug er tausenderlei Dummheiten vor, wobei denn von Zeit zu Zeit auch einige glückliche Einfälle zum Vorschein kamen, die das Uebrige in Vergessenheit brachten. Zuletzt gab er auch noch die Geschichte vom Arzte Philipp zum Besten. Er erzählte sie recht geläufig und mit großer Gewandtheit. Nachdem er die gewöhnlichen Lobsprüche eingeerntet hatte, zu denen die Mutter förmlich das Zeichen gab und die der Sohn allem Anscheine nach erwartete, wurde das Vorgetragene weiter besprochen. Die Mehrzahl tadelte Alexander's Verwegenheit, einige bewunderten, dem Lehrer beipflichtend, seine Festigkeit, seinen Muth, woraus ich erkannte, daß auch kein Einziger der Anwesenden begriff, worin eigentlich die wahre Schönheit dieses Zuges besteht. »Was mich anlangt,« ergriff ich das Wort, »so scheint es mir, daß, wenn sich in der Handlung Alexanders der geringste Muth, die geringste Festigkeit kund gäbe, sie nur einen hohen Grad von Ueberspanntheit verriethe.« Sofort stimmten mir Alle bei und räumten ein, es wäre eine Überspanntheit gewesen. Ich wollte antworten und begann schon in Hitze zu gerathen, als eine Frau, die an meiner Seite saß und den Mund noch nicht geöffnet hatte, sich gegen mein Ohr neigte und mir leise zuflüsterte: »Schweige, Johann Jacob, sie werden dich doch nicht verstehen.« Ich schaute sie an, stutzte und schwieg. Da ich in Folge mehrerer Umstände den Argwohn hegte, daß mein junger Gelehrter von der so schön erzählten Geschichte gar nichts verstanden hätte, so nahm ich ihn nach Tische bei der Hand, promenirte mit ihm durch den Park und fand, nachdem ich ihn nach meiner Weise ausgefragt hatte, daß er mehr als irgend Jemand den so gepriesenen Muth Alexanders bewunderte. Aber wißt ihr wol, worin dieser Muth in seinen Augen bestand? Einzig und allein darin, daß jener einen widerlich schmeckenden Trank in einem Zuge, ohne abzusetzen und ohne den geringsten Widerwillen zu zeigen, verschluckte. Das arme Kind, welches vor noch nicht vierzehn Tagen hatte Arznei nehmen müssen, wozu es sich nur mit unendlicher Mühe verstanden hatte, fühlte den üblen Nachgeschmack noch immer auf der Zunge. Der Tod, die Vergiftung galten in seinem Geiste nur für unangenehme Empfindungen, und es konnte sich noch kein anderes Gift als Sennesblätter vorstellen. Indeß muß ich gestehen, daß die Festigkeit des Helden einen großen Eindruck auf sein junges Herz hervorgebracht hatte, und daß es fest entschlossen war, bei der ersten Medicin, die es wieder einnehmen müßte, sich Alexanders würdig zu zeigen. Ohne mich weiter auf Erklärungen einzulassen, die augenscheinlich seine Fassungskraft überstiegen hätten, bestärkte ich es in seinem lobenswerthen Entschlusse und trat den Rückweg an, während ich bei mir selbst die hohe Weisheit der Väter und Lehrer belächelte, welche sich einbilden, den Kindern Geschichte lehren zu können. Es ist nicht schwer, den Kindern die Wörter »Könige, Reiche, Kriege, Eroberungen, Revolutionen, Gesetze« in den Mund zu legen, wenn es dann aber in Frage kommt, mit diesen Wörtern klare Ideen zu verbinden, so werden diese Erläuterungen mehr Mühe erfordern, als wir sie uns bei der Unterhaltung mit dem Gärtner Robert haben geben müssen. Einige Leser, die mit dem »Schweige, Johann Jacob!« unzufrieden sind, werden mich, wie ich voraussehe, fragen, was ich denn nun eigentlich so Schönes in der Handlung Alexanders finde? Unglückliche! Wenn man es euch erst sagen muß, wie wollt ihr es dann begreifen? Das ist das Schöne, daß Alexander an die Tugend glaubte, daß er auf Gefahr seines Kopfes, auf Gefahr seines Lebens an sie glaubte, daß seine große Seele fähig war, daran zu glauben. O, welch ein schönes Glaubensbekenntniß spricht sich in der Anwendung dieser Arzenei aus! Nein, kein Sterblicher hat je ein erhabeneres abgelegt. Wenn unsere moderne Welt einen Alexander hervorgebracht hat, so möge man ihn mir an ähnlichen Zügen zeigen. Ce prince, dit Montaigne à ce sujet, est le souverain patron des actes hazardeux; mais je ne sçay s'il y a traiet en sa vie qui ait plus de fermeté que cettuy-ci, ny une beauté illustre par tant de visages. Liv. I, chap. 23. Wenn es keine Wissenschaft gibt, die nur aus Wörtern besteht, so gibt es auch kein für Kinder geeignetes Studium. Wenn sie keine wirklichen Begriffe haben, so haben sie auch kein eigentliches Gedächtniß, denn mit diesem Namen vermag ich nicht die bloße Fähigkeit zu bezeichnen, erhaltene Eindrücke zu bewahren. Was für Nutzen bringt es, ihrem Kopfe einen ganzen Katalog von Zeichen einzuprägen, mit denen sie keine Vorstellung verbinden? Werden sie nicht, wenn sie erst die Dinge selbst lernen, auch gleichzeitig die Zeichen lernen? Wozu ihnen die unnütze Mühe machen, sie zweimal zu lernen? Und was für gefährliche Vorurtheile stößt man ihnen außerdem nicht gleich von Anfang an ein, wenn man ihnen Wörter, welche für sie keinen Sinn haben, für Wissenschaft ausgibt! Mit dem ersten Worte, mit dem das Kind sich abspeisen läßt, mit der ersten Sache, die es, ohne selbst den Nutzen einzusehen, auf das Wort Anderer hinnimmt, ist seine eigene Urtheilskraft dahin. Es wird lange in den Augen der Thoren glänzen müssen, ehe es einen solchen Verlust wieder zu ersetzen vermag. Der größte Theil der Gelehrten unterscheidet sich hierin wenig von den Kindern. Ihre umfassende Gelehrsamkeit ist weniger das Ergebniß einer Menge von Ideen, als einer Menge von Bildern. Daten, Eigennamen, Orte, alle für sich allein bestehenden Gegenstände, an die sich keine Ideen knüpfen, behält das Gedächtniß durch die Erinnerung an ihre Bezeichnungen, und selten erinnert man sich eines dieser Dinge, ohne sich gleichzeitig die Vorder- oder Rückseite des Blattes, auf welchem man es gelesen, oder auch die Gestalt, unter welcher man es zum ersten Male gesehen hat, mit vor die Seele zu rufen. Diese Richtung ungefähr herrschte in der Wissenschaft der letzten Jahrhunderte. In unserem Jahrhundert hat sie eine andere Richtung eingeschlagen. Man studirt nicht mehr, man beobachtet nicht mehr, man träumt und bietet uns die Träume einiger bösen Nächte in vollem Ernste als Philosophie an. Man wird mir einwenden, daß ich ebenfalls träume. Ich will es einräumen. Aber wovor die Uebrigen sich hüten, das thue ich: ich gebe meine Träume als Träume, indem ich es dem Leser überlasse, selbst zu untersuchen, ob sie für Wachende etwas Nützliches enthalten. Nein, wenn die Natur dem Gehirne des Kindes solche Elasticität verleiht, die dasselbe befähigt, allerlei Eindrücke aufzunehmen, so liegt es sicherlich nicht in ihrer Absicht, daß man dasselbe mit Königsnamen, Daten, Bezeichnungen aus der Heraldik, der Sphärik, der Geographie und mit all' jenen Wörtern belasten soll, die für sein Alter keinen Sinn haben und überhaupt für jedes Alter ohne irgend einen Nutzen sind, und wodurch man die Kindheit nur traurig macht und ihr die besten Kräfte raubt. Es liegt vielmehr in ihrer Absicht, daß alle Ideen, die das Kind zu fassen vermag und welche ihm zum Nutzen gereichen können, alle diejenigen, welche sich auf sein Glück beziehen und es eines Tages über seine Pflichten aufklären sollen, sich ihm frühzeitig mit unauslöschlichen Zügen eingraben und ihm dazu dienen, sich während seines ganzen Lebens dergestalt zu betragen, wie es seinem Wesen und seinen Fähigkeiten angemessen ist. Ohne jegliches Bücherstudium bleibt doch die Art von Gedächtniß, welche ein Kind überhaupt besitzen kann, deswegen nicht müßig. Alles, was es sieht, Alles, was es hört, fällt ihm auf und es erinnert sich dessen später. Es führt über die Handlungen, über die Reden der Menschen ein förmliches Register, und seine ganze Umgebung bildet das Buch, aus welchem es, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, sein Gedächtniß unaufhörlich bereichert, bis seine Urteilskraft dereinst im Stande ist, daraus Nutzen zu ziehen. In der Wahl der Gegenstände, in der Bemühung stets nur diejenigen in seine Nähe zu bringen, die es aufzufassen vermag, und ihm diejenigen fern zu halten, die ihm unbekannt bleiben sollen, besteht die wahre Kunst, diese erste Fähigkeit in ihm auszubilden. Gerade hierdurch muß man ihm einen Schatz von Kenntnissen zuzuführen suchen, die zu seiner Erziehung in der Jugend und zu seinem Verhalten zu allen Zeiten beitragen werden. Diese Methode, das gestehe ich offen, bildet allerdings keine kleine Wunderkinder und gibt den Gouvernanten und Lehrern keine Gelegenheit zu glänzen; dafür bildet sie aber verständige, kräftige, an Leib und Seele gesunde Menschen, welche, trotzdem daß sie in der Jugend keine Bewunderung erregen, sich als Erwachsene Ehre und Ansehen erwerben werben. Emil wird nie etwas auswendig lernen, nicht einmal Fabeln, selbst die von Lafontaine nicht, so naiv, so reizend sie auch sind, denn die Worte der Fabeln sind eben so wenig die Fabeln selbst, als die Worte der Geschichte die Geschichte selbst sind. Wie kann man bis zu dem Grade verblendet sein, daß man die Fabeln die Moral der Kinder nennt, wie kann man übersehen, daß die Fabel dieselben täuscht, während sie sie ergötzt; daß sich die Kinder, durch Lügen verführt, die Wahrheit entgehen lassen, und daß gerade das, was man hervorsucht, ihnen den Unterricht angenehm zu machen, sie verhindert, aus ihm Nutzen zu ziehen? Die Fabeln können den Erwachsenen zur Belehrung dienen; Kindern dagegen muß man die nackte Wahrheit sagen. Sobald man dieselbe mit einem Schleier verhüllt, bemühen sie sich nicht mehr, denselben zu lüften. Man läßt alle Kinder Lafontaine's Fabeln lernen, und doch versteht sie kein einziges. Wenn sie sie verstünden, würde es noch schlimmer sein, denn die Moral derselben ist so eigentümlich und ihrem Alter so wenig angemessen, daß sie die Kinder weit eher dem Laster, als der Tugend zuführen würden. Das sind, wird man einwenden, abermals Paradoxien. Ich bestreite es nicht; aber laßt uns zusehen, ob es Wahrheiten sind. Ich behaupte, daß ein Kind die Fabeln, welche man es lernen läßt, nicht versteht, weil trotz aller Bemühungen sie zu vereinfachen, doch die Lehre, welche man daraus ziehen will, unwillkürlich dazu nöthigt, sich auf Ideen zu berufen, die es nicht zu fassen im Stande ist, und weil sogar die dichterische Form, obgleich sie ihm das Behalten erleichtert, ihm die Auffassung erschwert, so daß man der gefälligen Form zu Liebe die Klarheit Preis gibt. Ohne die Menge von Fabeln anzuführen, die für Kinder weder verständlich noch nützlich sind, und die man sie unbedenklich mit den übrigen lernen läßt, weil sie mit ihnen einmal in demselben Buche stehen, wollen wir uns auf diejenigen beschränken, welche der Verfasser ausdrücklich für Kinder gedichtet zu haben scheint. Ich kenne in der ganzen Lafontaineschen Sammlung nur fünf oder sechs Fabeln, aus denen kindliche Naivität in besonders hohem Grade hervorleuchtet. Von diesen fünf oder sechs wähle ich die erste Es ist jedoch, wie Herr Formey sehr richtig bemerkt, die zweite und nicht die erste. als Beispiel, weil ihre Moral noch am meisten jedem Alter angemessen ist, die Kinder sie am leichtesten begreifen und am liebsten lernen und weil sie deshalb der Verfasser wol vorzugsweise an die Spitze seines Buches gestellt hat. Wenn man bei ihm wirklich die Absicht voraussetzt, sich den Kindern verständlich zu machen, ihnen zu gefallen und sie zu belehren, so ist diese Fabel sicherlich sein Meisterwerk. Man gestatte mir deshalb, sie Satz für Satz durchzugehen und einer kurzen Prüfung zu unterwerfen. Der Rabe und der Fuchs. Eine Fabel. »Meister Rabe, auf einem Baume sitzend,« Meister! Welche Bedeutung verbinden wir mit diesem Worte an und für sich? Was bedeutet es vor einem Eigennamen? Was hat es hier für einen Sinn? Was ist ein Rabe? Was soll das heißen: auf einem Baume sitzend? Man sagt doch nicht: »Ein Rabe, auf einem Baume sitzend,« sondern ein auf einem Baume sitzender Rabe. Folglich muß man auf die abweichende Wortstellung in der Poesie aufmerksam machen, muß erklären, was Prosa und was Verse sind. »Hielt in seinem Schnabel einen Käse.« Was für einen Käse? War es ein Schweizer-, Brier- oder Holländischer Käse? Hat das Kind bisher keinen Raben gesehen, was werdet ihr dann mit euren Erzählungen über einen solchen gewinnen? Hat es jedoch schon welche gesehen, wie wird es sich dann zusammenreimen können, daß sie einen Käse in ihrem Schnabel halten? Die Bilder müssen stets aus der Natur genommen sein. »Meister Fuchs, durch den Geruch herbeigelockt,« Wieder ein Meister! Für diesen ist der Titel jedoch gut gewählt; er ist in der That ein mit allen Kunstgriffen seines Handwerks vertrauter Meister. Man muß nun wieder auseinandersetzen, was ein Fuchs ist, und seine wahre Natur von dem Charakter unterscheiden, den man ihm hergebrachtermaßen in den Fabeln beilegt. »Herbeigelockt.« Dies Wort ist im Französischen wenig gebräuchlich. Eine Erklärung kann deshalb nicht umgangen werden. Man muß darauf aufmerksam machen, daß man sich desselben nur in Versen zu bedienen pflegt. Das Kind wird fragen, weshalb man denn in Versen eine andere Sprachweise anwendet als in Prosa? Was wollt ihr ihm darauf antworten? »Durch den Geruch eines Käses herbeigelockt!« Dieser Käse, den ein auf einem Baume sitzender Rabe im Schnabel hält, muß wirklich einen sehr starken Geruch haben, um noch von dem Fuchse in einem Dickicht oder in seinem Bau gerochen werden zu können! Wollt ihr auf diese Weise in eurem Zöglinge den Geist einer verständigen Kritik hervorrufen und nähren, der sich nicht so leicht blenden läßt und in den Erzählungen Anderer Wahrheit und Lüge wohl zu unterscheiden weiß? »Hielt ungefähr folgende Anrede an ihn:« »Folgende Anrede!« Die Füchse sprechen also? Sie sprechen demnach die nämliche Sprache wie die Raben? Weiser Lehrer, sei auf deiner Hut! Wäge deine Antwort, ehe du sie ertheilst, wohl ab; sie ist wichtiger, als du glaubst. »Ei! Guten Tag, Herr Rabe!« Herr! Ein Titel, den das Kind hier spottweise anwenden hört, noch ehe es weiß, daß es ein Ehrentitel ist. Diejenigen, welche, wie in den meisten Ausgaben steht, »Herr von Rabe« lesen, würden sich noch weit mehr abmühen müssen, ehe es ihnen gelänge, dieses »von« nur einigermaßen zu erklären. »Wie hübsch du bist! Wie schön du mir erscheinst!« Ein Flickwort, ein überflüssiger Wortschwall! Dadurch, daß das Kind die nämliche Sache nur mit anderen Worten wiederholen hört, gewöhnt es sich selber eine nachlässige Sprache an. Wenn ihr den Einwurf macht, daß in dieser Weitschweifigkeit eine Kunst des Verfassers liege, daß er die Absicht des Fuchses hervorheben wolle, durch Anhäufung der Worte seine Schmeicheleien zu verstärken, so würde dies wol für mich, aber nicht für meinen Schüler als Entschuldigung gelten können. »Ohne zu lügen, wenn dein Gesang« u. s. w. »Ohne zu lügen!« Man lügt also mitunter? Was für Begriffe wird sich aber das Kind bilden, wenn ihr ihm erklärt, daß der Fuchs gerade aus dem Grunde sagt »ohne zu lügen«, weil er lügt? »Deinem Gefieder entspricht.« »Entspricht!« Was bedeutet dieses Wort? Lehret einmal das Kind, so verschiedenartige Eigenschaften wie Stimme und Gefieder mit einander zu vergleichen, und ihr werdet bald bemerken, ob es euch versteht. »Du mußt der Phönix unter den Gästen dieses Waldes sein.« »Der Phönix!« Was ist ein Phönix? Plötzlich sehen wir uns durch diesen Ausdruck in das verlogene Alterthum, beinahe in die Mythologie versetzt. »Die Gäste dieses Waldes!« Welche bildliche Redeweise! Der Schmeichler veredelt seine Sprache und gibt ihr, um sie verführerischer zu machen, mehr Würde. Wird ein Kind diese Feinheit herausfühlen? Weiß es nur, ja kann es überhaupt nur wissen, was ein edler und ein niederer Stil ist? »Bei diesen Worten kennt sich der Rabe vor Freude nicht.« Man muß schon sehr heftige Leidenschaften empfunden haben, um diese sprichwörtliche Redensart richtig aufzufassen. »Und um seine Stimme zu zeigen,« Vergesset nicht, daß das Kind, wenn es anders diesen Vers und die ganze Fabel verstehen soll, schon wissen muß, wie es mit der schönen Stimme des Raben bestellt ist. »Sperrt er seinen Schnabel weit auf und läßt seine Beute fallen.« Dieser Vers verdient in der That Bewunderung; schon der Klang der Worte allein gibt ein anschauliches Bild. Ich sehe im Geiste diesen großen häßlichen Schnabel weit aufgerissen vor mir, ich höre, wie der Käse prasselnd durch die Aeste hindurchfällt; allein für Kinder sind dergleichen Schönheiten verloren. »Der Fuchs erhascht ihn und spricht: Mein guter Herr!« Hier bedeutet also schon das »Gutsein« des angeredeten Herrn nichts weiter als »Dummsein«. Sicherlich wird man hierbei keine Zeit verlieren, um dies den Kindern deutlich zu machen. »Lerne, daß jeder Schmeichler« Eine allgemeine Regel; das ist eine allbekannte Sache. »Auf Kosten dessen lebt, der ihm Gehör schenkt.« Noch nie hat ein zehnjähriges Kind diesen Vers verstanden. »Unzweifelhaft ist diese Lehre einen Käse werth.« Dies ist verständlich, und der Gedanke ist sehr gut. Gleichwol wird es wol nur höchst wenige Kinder geben, die einen Käse mit einer Lehre zu vergleichen vermöchten und die nicht den Käse der Lehre vorzögen. Man muß ihnen daher verständlich machen, daß dies nur ein scherzhafter Ausdruck ist. Was für eine Feinheit für Kinder! »Der Rabe, beschämt und bestürzt,« Wieder ein Pleonasmus, und noch dazu ein unverzeihlicher. »Schwor, allein etwas spät, daß man ihn nie wieder überlisten sollte.« Schwor! Welcher Lehrer könnte so thöricht sein, daß er einem Kinde zu erklären wagte, was ein Schwur ist. Das sind eine Menge Einzelheiten, aber noch lange nicht genug, um alle Begriffe dieser Fabel zu analysiren und sie auf die einfachen und elementaren Urbegriffe zurückzuführen, aus denen jeder derselben wieder zusammengesetzt ist. Aber wer hält solche Analyse wol für nothwendig, um sich der Jugend verständlich zu machen? Keiner unter uns ist Philosoph genug, um sich ganz auf den Standpunkt eines Kindes versetzen zu können. Laßt uns jetzt aber auch noch auf die Moral der Fabel übergehen. Ich frage, ob man wol schon sechsjährige Kinder darauf aufmerksam machen darf, daß es Menschen gibt, welche um ihres Vortheils willen schmeicheln und lügen? Höchstens dürfte man ihnen mittheilen, daß es Spaßvögel gebe, die die kleinen Knaben aufziehen und sich im Geheimen über ihre thörichte Eitelkeit lustig machen. Indeß der Käse verdirbt Alles. Man lehrt sie weniger, ihn nicht aus ihrem eigenen Schnabel fallen zu lassen, als vielmehr, wie sie es anzustellen haben, daß er Anderen aus dem Schnabel falle. Das ist hierbei mein zweites Paradoxon, welches von nicht geringerer Wichtigkeit ist. Gebet ihr auf die Kinder beim Lernen ihrer Fabeln Acht, so werdet ihr bemerken, daß ihre Deutung derselben, wenn sie überhaupt im Stande sind, sie auszulegen, fast regelmäßig eine der Absicht des Schriftstellers zuwiderlaufende ist, und daß sie, anstatt vor dem Fehler, von dem man sie heilen oder vor dem man sie bewahren will, auf der Hut zu sein, mehr Neigung verrathen, gerade das Laster lieb zu gewinnen, durch welches man aus den Schwächen Anderer Vortheil ziehen kann. Bei der obigen Fabel werden die Kinder den Raben verhöhnen, dem Fuchse dagegen ihr ganzes Interesse zuwenden. In der nächsten Fabel beabsichtigt ihr ihnen die Heuschreckengrille als Muster aufzustellen; vergebliche Mühe, alle werden die Ameise wählen. Niemand demüthigt sich gern; sie werden deshalb stets die schöne Stelle für sich in Anspruch nehmen. Die Eigenliebe trifft hier die Wahl, und deshalb ist es eine natürliche Wahl. Aber, aber – welch' eine entsetzliche Lehre für die Kinderwelt! Ein habsüchtiges und hartherziges Kind, welches wüßte, um was man es bittet, und es abschlägt, trotzdem die Erfüllung in seiner Hand liegt, wäre das hassenswertheste aller Ungeheuer. Die Ameise thut noch mehr, sie lehrt es seine Weigerung in Spott und Hohn zu kleiden. In allen Fabeln, in welchen der Löwe eine Rolle spielt, die gewöhnlich die glänzendste ist, wird das Kind nie verfehlen, sich an seine Stelle zu versetzen, und hat es nun einmal eine Theilung vorzunehmen, so trägt es, durch sein Vorbild gut geschult, lediglich Sorge, sich des Ganzen zu bemächtigen. Wenn jedoch die Mücke den Löwen zu Falle bringt, dann ist es eine ganz andere Sache, dann ist das Kind nicht mehr Löwe, sondern Mücke. Dadurch lernt es einst diejenigen mit Nadelstichen zu tödten, die es festen Fußes nicht anzugreifen wagt. Aus der Fabel von dem mageren Wolfe und dem fetten Hunde lernt es nicht Mäßigung, die ihr ihm darin ans Herz legen wollt, sondern Zügellosigkeit. Nie werde ich vergessen, wie bitterlich ich einst ein kleines Mädchen weinen sah, welches man durch diese Fabel in halbe Verzweiflung gebracht hatte, weil man ihm nach Anleitung derselben immer nur von der Folgsamkeit vorpredigte. Man konnte sich Anfangs gar nicht die Ursache dieser Thränen erklären, bis man endlich dahinter kam. Das arme Kind hatte sich so in die Rolle des Hundes hineingelebt, daß es endlich überdrüssig wurde, beständig an der Kette zu liegen; es fühlte seinen Hals schon förmlich wund; es weinte, daß es nicht der Wolf sein durfte. Sonach liegt also in der Moral der zuerst angeführten Fabel für das Kind eine Anleitung zu der niedrigsten Schmeichelei; in der der zweiten eine Aufforderung zur Herzlosigkeit, in der der dritten eine Anpreisung der Ungerechtigkeit, in der der vierten eine Unterweisung in der Kunst zu spotten und in der der fünften ein Ansporn zur Unabhängigkeit. Diese letztere Anregung ist für meinen Zögling eben so überflüssig wie für die eurigen ungeeignet. Wenn ihr ihnen Vorschriften ertheilt, die sich unter einander widersprechen, was für Früchte hofft ihr dann wol aus euren Bemühungen hervorsprießen zu sehen? Indeß liegt vielleicht gerade in der Moral, um derentwillen ich die Fabeln verwerfe, für euch der Grund sie beizubehalten. Man braucht im gegenseitigen Verkehr eine Moral für seine Worte und eine für seine Handlungen und diese beiden sind durchaus von einander verschieden. Die erstere steht im Katechismus, worin man sie ruhig läßt; die andere dagegen steht in Lafontaines Fabeln für die Kinder und in seinen Erzählungen für die Mütter. Der nämliche Schriftsteller reicht für Alles aus. Vergleichen wir uns mit einander, Herr von Lafontaine! Ich für meine Person verspreche, Sie mit Auswahl zu lesen, Sie zu lieben und mich aus Ihren Fabeln zu belehren; denn ich hoffe mich über Ihre Absichten nicht zu täuschen; was aber meinen Zögling anlangt, so müssen Sie mir gestatten, daß ich ihn nicht eine einzige lernen lasse, bis Sie mir den Beweis geliefert haben, daß es für ihn gut ist, Dinge zu lernen, von denen er nicht den vierten Theil versteht; daß er ferner für diejenigen, die er begreifen kann, auch wirklich das richtige Verständniß zeigt und sich nicht etwa den Betrüger zum Vorbild nimmt, anstatt sich den Betrogenen zur Warnung dienen zu lassen. Indem ich die Kinder mit allen solchen Arbeiten verschone, halte ich auch die Werkzeuge ihrer größten Plage, nämlich die Bücher, von ihnen fern. Das Lesen ist die Geißel der Kindheit, und fast die ausschließliche Beschäftigung, die man ihr zu geben weiß. Kaum in seinem zwölften Jahre soll Emil wissen, was ein Buch ist. Aber, wird man einwenden, er wird doch wol wenigstens lesen lernen müssen. Das gebe ich zu, aber er soll erst dann lesen können, wenn ihm das Lesen Nutzen bringt; bis dahin kann es ihm nur Langeweile bereiten. Wenn man nicht verlangen darf, daß die Kinder etwas nur aus Gehorsam thun, so folgt hieraus, daß sie auch nichts lernen können, dessen wirklichen und augenblicklichen Vortheil sie nicht einsehen, bestehe derselbe nun in Vergnügen oder Nutzen; was sollte sie wol sonst für ein Beweggrund zum Lernen antreiben? Die Kunst, mit Abwesenden zu reden und sie zu verstehen, die Kunst, ihnen aus der Ferne unsere Empfindungen, unsere Willensmeinungen, unsere Wünsche ohne jegliche Mittelsperson mitzutheilen, ist eine Kunst, deren Nutzen jedem Lebensalter einleuchtend gemacht werden kann. Durch welches Wunder ist denn nun diese so nützliche und angenehme Kunst für die Kindheit zu einer Plage geworden? Dadurch, daß man sie zwingt, sich dieselbe wider ihren Willen anzueignen, und sie einen Gebrauch davon machen läßt, von dem sie nichts begreifen. Ein Kind ist wenig bedacht darauf, das Werkzeug zu vervollkommnen, mit dem man es peinigt; sorget ihr jedoch dafür, daß dieses Werkzeug ihm Freude bereitet, so wird es sich auch bald ohne euren Antrieb mit demselben beschäftigen. Man bemüht sich unablässig, die besten Methoden für den Leseunterricht aufzufinden; man erfindet Lesemaschinen, Lesewandtafeln, ja man verwandelt die Kinderstube in eine Buchdruckerwerkstatt. Locke wünscht sogar, man solle sich beim Leseunterrichte der Würfel bedienen. Ist das nicht eine klug ausgesonnene Erfindung? Es ist ein wahres Elend! Ein weit sichreres Mittel als alle die angegebenen, welches aber immer wieder in Vergessenheit geräth, ist der Lerntrieb. Flößet ihr dem Kinde diesen Trieb ein, dann bedarf es eurer Lesemaschinen und Würfel nicht mehr, dann wird jede Methode gut sein. In dem augenblicklichen Interesse liegt die große Triebfeder, aber auch die einzige, welche sicher und weit führt. Emil erhält bisweilen von seinem Vater, seiner Mutter, seinen Verwandten, seinen Freunden Einladungsbriefchen zu einem Mittagsessen, zu einem Spaziergange, einer Wasserfahrt oder zur Theilnahme an einer öffentlichen Feierlichkeit. Diese Briefchen sind kurz, deutlich, reinlich, schön geschrieben. Nun muß er erst Jemanden suchen, der sie ihm vorliest. Dieser Jemand läßt sich nun aber nicht immer zur rechten Zeit auftreiben, oder beweist sich heute gegen das Kind gerade eben so ungefällig, wie es sich gestern ihm gegenüber gezeigt hat. So geht die Gelegenheit wie die rechte Zeit vorüber. Endlich liest man ihm das Briefchen vor, aber nunmehr ist es zu spät. Ach, wenn es doch selbst hätte lesen können! Nun erhält Emil abermals Briefe. Sie sind so kurz, ihr Inhalt ist so interessant! Wie gern möchte er den Versuch machen, sie zu entziffern! Bald findet er Hilfe, bald verweigert man ihm dieselbe. Er bietet alle seine Kräfte auf und entziffert endlich die Hälfte eines Briefchens. Es handelt sich um eine Einladung auf morgen zur frischen Milch. Er hat aber nicht herausgebracht, wohin und mit wem? Wie viel Anstrengungen läßt er es sich kosten, um auch das Uebrige herauszubuchstabieren! Ich glaube nicht, daß Emil einer Lesemaschine bedürfen wird. Soll ich etwa auch noch vom Schreibeunterricht reden? Nein, ich würde mich schämen, in einer Abhandlung über Erziehung die Zeit mit solchen Nichtigkeiten zu vergeuden. Ein einziges Wort will ich noch hinzufügen, welches einen wichtigen Grundsatz ausspricht. Es lautet: Man erhält gewöhnlich das am sichersten und am schnellsten, was man ohne Ueberstürzung zu erlangen sucht. Ich bin fast überzeugt, daß Emil schon vor dem zehnten Jahre wird vollkommen lesen und schreiben können, gerade weil ich wenig Werth darauf lege, ob er es vor dem fünfzehnten lernt. Lieber aber wollte ich, er lernte nie lesen, als daß er diese Wissenschaft auf Kosten alles dessen, was sie ihm nützlich machen kann, erkaufte. Wozu soll ihm das Lesen dienen, wenn man es ihm völlig unleidlich gemacht hat? Id imprimis cavere oportebit, ne studia, qui amare nodum potest, oderit, et amaritudinem semel perceptam etiam ultra rudes annos reformidet. Quintil. lib. I, cap. 1. Je angelegentlicher ich für die Wahrheit meiner die Unthätigkeit verlangenden Methode eintrete, desto deutlicher sagt mir mein Gefühl, daß sich die Einwürfe gegen dieselbe verstärken werden. »Wenn dein Zögling nichts von dir lernt, wird er doch von Andern lernen, wenn du dem Irrthume nicht durch die Wahrheit vorbeugst, wird er Lügen lernen; die Vorurtheile, die du dich ihm einzuflößen scheust, wird ihm das Beispiel seiner ganzen Umgebung beibringen; durch alle seine Sinne werden sie in ihn eindringen. Entweder werden sie auf seine Vernunft, sogar noch ehe sie sich entwickelt hat, den schlimmsten Einfluß ausüben, oder sein durch lange Unthätigkeit erschlaffter Geist wird sich in der Materie verlieren. Die unterlassene Ausbildung der Denkkraft in der Jugend rächt sich in der ganzen übrigen Lebenszeit.« Ich glaube, ich würde leicht darauf antworten können. Aber wozu sollen diese fortwährenden Antworten dienen? Ertheilt meine Methode selbst auf die Einwürfe die richtige Antwort, so ist sie gut; vermag sie aber nicht darauf zu antworten, so taugt sie nichts. Ich fahre deshalb fort. Wenn ihr nach dem Plane, den ich zu entwerfen angefangen habe, Regeln befolgt, die im völligen Gegensatze zu den herkömmlichen stehen; wenn ihr, anstatt den Geist eures Zöglings in weiter Ferne umherschweifen, ihn unaufhörlich in anderen Gegenden, in anderen Himmelsstrichen, in anderen Jahrhunderten, an den äußersten Enden der Erde, ja selbst in dem Himmel umherirren zu lassen, wenn ihr, sage ich, statt dessen darauf hinwirkt, daß er sich sammelt und seine Aufmerksamkeit auf das lenkt, was ihn unmittelbar berührt: dann werdet ihr ihn auch zum Auffassen, Behalten, ja selbst zum Urtheilen fähig finden; so bedingt es die Ordnung der Natur. Je nach der Thätigkeit, der sich ein empfindendes Wesen hingibt, erwirbt sich dasselbe auch eine seinen Kräften entsprechende Urteilskraft; und nur mit dem Ueberschusse der Kraft, die nicht mehr zu seiner Erhaltung nöthig ist, entwickelt sich in ihm diese speculative Fähigkeit, welche geeignet ist, diesen Kraftüberschuß noch zu andrem Gebrauche zu verwenden. Wollt ihr also den Geist eures Zöglings ausbilden, so bildet die Kräfte aus, welche jener beherrschen soll. Uebt unablässig seinen Körper, macht euren Zögling stark und gesund, um ihn klug und vernünftig machen zu können. Er arbeite und sei thätig, er laufe und schreie, kurz, er sei beständig in Bewegung. Erst sei er an Kraft ein Mann, dann wird er es auch bald an Verstand sein. Wolltet ihr ihm nun beständig jeden Tritt und Schritt vorschreiben und ihm unablässig zurufen: »Gehe, komme, bleibe, thue dies, unterlasse jenes,« dann könntet ihr ihn, das ist richtig, durch diese Methode freilich verdummen. Wenn euer Kopf beständig seine Arme lenkt, wird ihm schließlich der seinige unnütz. Erinnert euch jedoch unseres Uebereinkommens: Seid ihr nur Pedanten, dann lohnt es sich nicht der Mühe mich zu lesen. Es ist ein sehr beklagenswerter Irrthum sich einzubilden, daß körperliche Uebung der geistigen Thätigkeit schade; als ob sich diese beiden Thätigkeiten nicht gleichzeitig betreiben ließen, und die eine nicht immer die andere leiten müßte. Es gibt zwei Classen von Menschen, deren Körper sich in unaufhörlicher Uebung befindet, und von denen sicherlich die eine eben so wenig als die andere daran denkt, ihren Geist zu bilden, nämlich die Landleute und die Wilden. Die Ersteren sind ungeschlacht, plump, ungeschickt; die Letzteren sind wegen der Schärfe ihrer Sinne und in noch höherem Grade wegen der Gewandtheit ihres Geistes bekannt. Im Allgemeinen gibt es nichts Unbeholfeneres als einen Bauer und nichts Schlaueres als einen Wilden. Woher kommt dieser Unterschied? Daher, daß Ersterer, weil er beständig nur das thut, was man ihm befiehlt, oder was er seinen Vater hat thun sehen, oder was er von Jugend auf gethan hat, nie aus dem alten Schlendrian herauskommt, und daß bei ihm, der sich in seinem fast maschinenmäßigen Leben unaufhörlich mit den nämlichen Arbeiten beschäftigt, Gewohnheit und Gehorsam allmählich an die Stelle der Vernunft getreten sind. Völlig anders verhält es sich mit dem Wilden. Nicht an die Scholle gebunden, zu keinem vorgeschriebenen Tagewerke verpflichtet, zu keinem Gehorsam gezwungen, durch keine Schranke des Gesetzes in seinem Willen behindert, sieht er sich genöthigt, jede Handlung seines Lebens zuvor sorgfältig zu überlegen. Er macht keine Bewegung, thut keinen Schritt, ohne die Folgen vorher erwogen zu haben. Je mehr sich daher sein Körper übt, desto aufgeklärter wird sein Geist; seine Kraft und seine Vernunft wachsen gleichzeitig und bilden sich gegenseitig aus. Weiser Lehrer! Laß uns abwarten, welcher von unsren beiden Zöglingen dem Wilden und welcher dem Bauer gleichen wird. In Allem einer stets meisternden Autorität unterworfen, thut der deinige nichts ohne dein Geheiß; er wagt nicht zu essen, wenn ihn hungert, nicht zu lachen, wenn er fröhlich, oder zu weinen, wenn er traurig ist, nicht eine Hand statt der andern zu reichen, oder einen Fuß anders zu setzen als man es ihm vorschreibt; bald wird er nur nach deinen Regeln zu athmen wagen. Woran soll er wol denken, wenn du für ihn an Alles denkst? Weshalb braucht er, da er sich auf deine Vorsicht verlassen kann, selbst vorsichtig zu sein? Da er bemerkt, daß du die Sorge für seine Erhaltung, für sein Wohlbefinden übernimmst, fühlt er sich von derselben frei. Sein Urtheil gründet sich auf das deinige, weshalb er Alles, was du ihm nicht verbietest, ohne Bedenken thut, weil er wohl weiß, daß ihm keine Gefahr dabei droht. Weshalb braucht er die Vorzeichen des Regens kennen zu lernen? Er weiß ja, daß du an seiner Statt den Himmel beobachtest. Weshalb braucht er für seinen Spaziergang bestimmte Zeiten festzusetzen? Er braucht nicht zu besorgen, daß du ihn das Mittagsessen werdest versäumen lassen. Er ißt, so lange du ihm nicht zu essen verbietest, verbietest du es ihm aber, so ißt er nicht mehr. Er gehorcht nicht dem Winke seines Magens, sondern dem deinigen. Verweichliche seinen Körper immerhin durch Unthätigkeit; dadurch wird sein Verstand keineswegs an Gewandtheit gewinnen. Im Gegentheile wirst du dadurch in seinem Geiste der Vernunft erst vollends allen Werth rauben, da du ihn den geringen Theil, den er davon erhalten hat, nur auf Dinge verwenden lassest, die ihm bisher vollends nutzlos erschienen. Da er ihren Nutzen nie wahrnimmt, so urtheilt er endlich, daß sie überhaupt keinen Nutzen bringen. Das Schlimmste, dem er sich bei einem falschen Urtheile aussetzte, wäre ein Verweis, und den erhält er so oft, daß er darauf nur noch wenig Rücksicht nimmt. Eine so gewöhnliche Gefahr vermag ihn nicht mehr zu schrecken. Dennoch wirst du finden, daß es ihm an Geist nicht fehlt. Freilich besitzt er nur so viel, um in dem Tone, von dem ich bereits oben geredet habe, mit den Frauen zu schwatzen. Kommt er aber einmal in die Lage, mit seiner eigenen Person eintreten zu müssen, in einer schwierigen Angelegenheit Partei zu ergreifen, so wirst du ihn hundertmal beschränkter und alberner finden, als den Sohn des gröbsten Bauern. Mein Zögling dagegen, oder vielmehr der der Natur, der schon frühzeitig angehalten ist, sich so viel als möglich selbst zu genügen, ist nicht daran gewöhnt worden, zu Anderen seine Zuflucht zu nehmen, noch weniger vor ihnen sein großes Wissen auszukramen. Dafür beweist er aber Urtheil, Vorsicht und Ueberlegung bei Allem, was sich unmittelbar auf ihn bezieht. Er schwatzt nicht, sondern handelt; er weiß kein Wort von dem, was in der Welt vorgeht, versteht aber das, was ihm dienlich ist, gar wohl zu thun. Da er in beständiger Bewegung ist, so sieht er sich genöthigt, vielerlei zu beobachten und viele Wirkungen kennen zu lernen. Er erwirbt sich frühzeitig eine große Erfahrung; er erhält seinen Unterricht von der Natur und nicht von Menschen; er unterrichtet sich um so lieber, da er nirgends die Absicht gewahrt, ihn unterrichten zu wollen. So wird sein Körper und sein Geist gleichzeitig geübt. Da er stets seinem eigenen Sinne und nicht dem Anderer folgt, so geht die körperliche wie geistige Anstrengung beständig Hand in Hand. Je stärker und kräftiger er wird, desto verständiger und urteilsfähiger wird er. Das ist der richtige Weg, dereinst das zu besitzen, was man für unvereinbar hält, und was dennoch fast alle große Männer gleichmäßig besessen haben, nämlich Kraft des Körpers und der Seele, die Vernunft eines Weisen und die Stärke eines Athleten. Junger Erzieher, ich predige dir eine schwierige Kunst; du sollst lernen ohne Vorschriften die Erziehung zu leiten, und deine Aufgabe durch Nichtsthun zu erfüllen. Ich gebe zu, daß diese Kunst für dein Alter Schwierigkeiten hat; sie ist nicht geeignet, deine Talente von vorn herein glänzen zu lassen, noch dir bei den Vätern ein großes Ansehen zu verschaffen, aber sie ist die einzige zum Ziele zu gelangen. Nie wirst du im Stande sein, Weise zu bilden, wenn du sie nicht vorher in ihrer natürlichen Wildheit hast aufwachsen lassen. Dieser Erziehung huldigten die Spartaner. Anstatt die Kinder an die Bücher zu fesseln, hielt man sie zuerst an, ihr Essen zu stehlen. Waren deswegen etwa die Spartaner, wenn sie erwachsen waren, geistig unbefähigt? Wer kennt nicht die Kraft und das Salz ihrer Erwiderungen? Zu allen Zeiten für die Erringung des Sieges herangebildet, vernichteten sie ihre Feinde in jeder Art der Kriegsführung, und die redseligen Athener fürchteten ihre schlagfertigen Worte nicht weniger als ihre Hiebe. Bei der mit so großer Sorgfalt geleiteten Erziehung befiehlt der Lehrer und meint deshalb zu herrschen; in der That herrscht aber das Kind. Es bedient sich der Zumuthungen, die du an dasselbe stellst, um von dir das zu erlangen, was ihm gefällig ist, und läßt dich stets eine Stunde Fleiß mit acht Tagen Nachgibigkeit bezahlen. Jeden Augenblick mußt du mit ihm einen Vertrag eingehen. Diese Verträge, die du nach deiner Weise vorschlägst, und die es nach der seinigen ausführt, wenden sich stets zu Gunsten seiner Launen, besonders wenn man sich die Ungeschicklichkeit zu Schulden kommen läßt, zu seinem Vortheile das als Bedingung aufzustellen, was es zu erlangen sicher ist, möge es nun die Bedingung, welche man ihm dafür auferlegt, erfüllen oder nicht. Gemeiniglich liest das Kind weit besser in der Seele des Lehrers, als der Lehrer in dem Herzen des Kindes. Und das muß so sein; denn allen Scharfsinn, welchen das sich selbst überlassene Kind zur Erhaltung seiner Person angewendet hätte, bietet es nun auf, seine Freiheit aus den Banden seines Tyrannen zu retten, während es für diesen, der kein so dringendes Interesse hat, das Kind zu durchschauen, oft vorteilhafter ist, es aus seiner Faulheit oder Eitelkeit nicht aufzurütteln. Schlage mit deinem Zöglinge den entgegengesetzten Weg ein; möge er immerhin glauben, der Herr zu sein, wenn du es nur stets in der That bist. Keine andere Unterwürfigkeit ist so vollkommen, als diejenige, welche den Schein der Freiheit bewahrt; dadurch nimmt man den Willen selbst gefangen. Steht das arme Kind, welches nichts weiß, nichts kann, nichts kennt, nicht völlig in deiner Gewalt? Verfügst du nicht vermöge des Verhältnisses, in welches du zu ihm getreten bist, über seine ganze Umgebung? Hängt es nicht von dir ab, in jeder Weise auf dasselbe bestimmend einzuwirken? Liegen nicht seine Arbeiten, seine Spiele, seine Vergnügungen, seine Strafen ohne sein Wissen sämmtlich in deinen Händen? Allerdings soll es nur thun, was es selbst will; aber es darf nur das wollen, was mit deinem Willen übereinstimmt; es darf nicht einen einzigen Schritt thun, den du nicht vorausgesehen hast; es darf den Mund nicht öffnen, ohne daß du weißt, was es sagen will. Alsdann wird es die körperlichen Uebungen, welche sein Alter erfordert, betreiben können, ohne daß sein Geist darunter leidet; alsdann wirst du sehen, wie es nicht seine Schlauheit darauf richtet, sich einer unbequemen Herrschaft zu entziehen, sondern wie es sich vielmehr ausschließlich damit beschäftigt, aus seiner ganzen Umgebung den größten Vortheil für sein augenblickliches Wohlsein zu ziehen; alsdann wirst du dich über die Feinheit seiner Erfindungsgabe wundern, mit der es sich alle ihm erreichbaren Gegenstände anzueignen und sich von ihnen einen wahrhaften Genuß zu verschaffen sucht, ohne erst der Beihilfe seiner Phantasie zu bedürfen. Dadurch, daß du ihm auf diese Weise seinen freien Willen lässest, nährst du seine Launenhaftigkeit keineswegs. Da es nur das thut, was ihm dienlich ist, wird es bald auch nur das thun, was es thun soll, und obgleich sich sein Körper in fortwährender Bewegung befindet, so wirst du doch da, wo es sich um sein augenblickliches und fühlbares Interesse handelt, sich die ganze Vernunft, deren es fähig ist, viel besser und auf eine ihm weit entsprechendere Weise entfalten sehen, als bei reinen Verstandesübungen. Da es folglich nie sieht, daß du darauf ausgehst, ihm entgegenzutreten, da es kein Mißtrauen in dich setzt und dir nichts zu verbergen hat, so wird es dich auch nicht hintergehen und belügen; es wird sich ohne Bedenken so zeigen, wie es ist. Du wirst es ganz nach deinem Gefallen studieren und die Lehren, die du ihm geben willst, in volle Uebereinstimmung mit seiner ganzen Umgebung setzen können, ohne daß es auf den Gedanken kommt, man wolle es belehren. Eben so wenig wird es ihm einfallen, deine Sitten mit neugieriger Mißgunst auszuspähen, noch wird es sich ein heimliches Vergnügen daraus machen, dich auf einem Fehler zu ertappen. Der Uebelstand, dem wir dadurch vorbeugen, ist wahrlich nicht zu unterschätzen. Eine der ersten Bemühungen der Kinder ist, wie schon gesagt, darauf gerichtet, die Schwächen ihrer Erzieher zu entdecken. Diese Neigung führt zur Bosheit und hat nicht etwa ihre Quelle in derselben; sie entspringt vielmehr dem Bedürfnisse, sich einer Autorität zu entziehen, die ihnen lästig fällt. Der schwere Druck des Joches, welches man ihnen auflegt, flößt ihnen den Wunsch ein, dasselbe abzuschütteln, und die Fehler, die sie an ihren Lehrern finden, verschaffen ihnen dazu die besten Mittel. Hierdurch entsteht nun bei ihnen die leidige Gewohnheit, die Menschen um ihrer Fehler willen zu beobachten, und am Auffinden derselben ihre Lust zu haben. Es liegt auf der Hand, daß dadurch wieder eine Quelle des Lasters in Emil's Herzen verstopft wird. Da er kein Interesse daran hat, Fehler an mir zu entdecken, so wird er sich auch nicht versucht fühlen sie an mir, und noch weniger an Andern aufzufinden. Diese vorgeschlagene Methode scheint schwierig, weil man ihr zu wenig Aufmerksamkeit schenkt; aber sie sollte es im Grunde nicht sein. Mit Recht darf man bei euch die Einsichten voraussetzen, welche euch befähigen, den von euch erwählten Beruf auszuüben; man darf annehmen, daß ihr mit dem natürlichen Entwickelungsgange des menschlichen Herzens vertraut seid und daß ihr nicht nur den menschlichen Charakter im Allgemeinen, sondern auch den jedes einzelnen Menschen zu erforschen vermögt, daß ihr im Voraus wißt, worauf sich der Wunsch eures Zöglings richten werde, sobald ihr ihm alle die Gegenstände vor Augen vorüberführt, welche seinem Alter Interesse darbieten. Macht uns nun aber der Besitz der Werkzeuge und die Kenntniß ihres Gebrauches nicht zu Herren des Erfolges? Ihr beruft euch zur Begründung eures Einwandes auf den Eigensinn der Kinder; allein mit Unrecht. Der Eigensinn der Kinder ist niemals eine Mitgift der Natur, sondern das Ergebniß einer schlechten Zucht. Die Ursache liegt in ihrer Gewohnheit zu gehorchen oder zu befehlen, und ich habe schon hundertmal gesagt, daß sie weder das Eine noch das Andere thun dürfen. Den Eigensinn habt ihr also eurem Zöglinge lediglich selbst beigebracht, und es ist also ganz recht, daß ihr die Strafe eurer Fehler tragt. Aber, werdet ihr sagen, wie läßt sich diesem Uebel abhelfen? Bei besserer Leitung und vieler Geduld ist es noch möglich. Ich hatte einst in Stellvertretung einige Wochen lang die Erziehung eines Kindes übernommen, welches nicht nur gewohnt war beständig seinen Willen durchzusetzen, sondern auch seine ganze Umgebung zwang, sich demselben zu fügen, und das folglich voller Grillen und Launen war. Das Kind war der Sohn der Frau Dupin. Vergl. die »Bekenntnisse«, 7. Buch. Anmerkung des Herrn Petitain. Gleich am ersten Tage wollte es, um meine Nachgibigkeit auf die Probe zu stellen, um Mitternacht aufstehen. Während ich ruhig im tiefsten Schlafe liege, springt es aus seinem Bette, zieht seinen Schlafrock an und ruft mich. Ich stehe auf und zünde Licht an. Weiter wünschte es nichts. Nach einer Viertelstunde stellt sich der Schlaf wieder bei ihm ein und es legt sich, mit dem Resultate der angestellten Probe zufrieden, wieder hin. Zwei Tage darauf wiederholt es dieselbe mit dem gleichen Erfolge und ohne das geringste Zeichen von Ungeduld meinerseits. Als es mich aber, bevor es sich wieder niederlegte, umarmte, sagte ich ganz trocken zu ihm: »Mein lieber Freund, das ist zwar recht schön, versuche es jedoch nicht noch einmal.« Diese Warnung erregte seine Neugier, und schon am nächsten Tage verspürte es wahrscheinlich Lust zu sehen, ob ich es wol wagen würde, mich seinem Willen zu widersetzen, und unterließ deshalb nicht, wieder um die nämliche Stunde aufzustehen und mich zu rufen. Ich fragte, was es wünschte. Es schützte vor, nicht schlafen zu können. »Das ist schlimm!« versetzte ich und verhielt mich darauf ganz ruhig. Es bat mich Licht anzuzünden. »Weshalb?« entgegnete ich und beobachtete wieder Schweigen. Der lakonische Ton meiner Antworten begann es in Verlegenheit zu setzen. Es tappte im Finstern nach dem Feuerstahl umher und machte einige ungeschickte Versuche, Feuer anzuschlagen. Ich konnte mich des Lachens nicht erwehren, als ich hörte, wie es sich dabei auf die Finger schlug. Als es sich endlich überzeugt haben mochte, daß es nicht zum Ziele kommen würde, brachte es mir den Feuerstahl an das Bett. Ich sagte ihm jedoch, es sollte mich in Ruhe lassen und drehte mich auf die andere Seite. Nun fing es an, wie unsinnig im Schlafzimmer auf und ab zu laufen, wobei es schrie, sang, Lärm machte und Tischen und Stühlen Stöße versetzte, allein sorgfältig bemüht war, sich nicht wehe zu thun, obgleich es nicht unterließ, bei jedem laut aufzuschreien, da es sich wol der Hoffnung hingeben mochte, mich dadurch zu beunruhigen. Aber alles dies war vergeblich, und ich begriff recht wohl, daß es sich gerade deshalb, weil es auf schöne Ermahnungen oder auf Zornausbrüche gerechnet hatte, in meine Kaltblütigkeit nicht finden konnte. Indeß entschlossen, meine Geduld durch Halsstarrigkeit zu überwinden, setzte es seinen Lärm mit solchem Erfolge fort, daß ich endlich doch in Harnisch gerieth. Da mir mein Gefühl jedoch sagte, daß ich durch Jähzorn und Hitze Alles verderben würde, schlug ich einen anderen Weg ein. Ich stand ohne ein Wort zu sagen auf, suchte den Feuerstahl und fand ihn nicht. Ich frage meinen Zögling danach und er gibt ihn mir mit unverkennbarer Freude, endlich über mich triumphirt zu haben. Ich schlage Feuer, zünde das Licht an, nehme den kleinen Trotzkopf an der Hand und führe ihn ruhig in eine Nebenkammer, deren Fensterladen fest verschlossen waren und in welcher sich keine zerbrechlichen Gegenstände befanden. Hier lasse ich ihn ohne Licht, verschließe die Thüre und gehe, ohne ihm ein einziges Wort zu sagen, wieder zu Bett. Man braucht nicht erst zu fragen, ob ein tüchtiger Lärm losbrach; darauf hatte ich mich gefaßt gemacht und ließ mich deshalb auch dadurch nicht aus meiner Ruhe bringen. Endlich legt sich der Lärm; ich lausche und höre, wie er sich in das Unvermeidliche findet. Das gibt auch mir meine volle Ruhe wieder. Am andern Morgen trete ich schon bei Tagesanbruch in seine Kammer ein und finde meinen kleinen Eigensinn auf einem Ruhebette liegend in tiefsten Schlummer versenkt, der für ihn nach den aufregenden Anstrengungen gewiß ein großes Bedürfniß war. Damit war die Sache freilich noch nicht abgethan. Die Mutter erfuhr, daß ihr Kind zwei Drittel der Nacht außer seinem Bette zugebracht hätte. Nun war Alles verloren; in ihren Augen war das Kind schon so gut wie todt. Da diesem die Gelegenheit günstig schien, sich zu rächen, so stellte es sich krank, ohne vorauszusehen, daß es dabei nichts gewinnen würde. Der Arzt wurde gerufen. Zum Unglück für die Mutter war derselbe ein loser Schelm, der, um mit ihrer Angst seinen Scherz zu treiben, Alles aufbot, sie zu vermehren. Mir flüsterte er jedoch ins Ohr: »Lassen Sie mich nur machen; ich verspreche Ihnen, daß das Kind auf lange Zeit von seiner Lust den Kranken zu spielen geheilt werden soll.« In der That wurde nun eine strenge Diät und sorgfältiges Hüten des Zimmers angeordnet und dem Apotheker ein reicher Verdienst zugewendet. Mit Seufzen sah ich, wie diese arme Mutter, mich allein ausgenommen, von ihrer ganzen Umgebung getäuscht wurde, und wie sie mich gerade um deswillen mit ihrem Hasse verfolgte, weil ich mich nicht dazu verstehen konnte, sie zu betrügen. Nach ziemlich harten Vorwürfen erklärte sie mir, ihr Sohn wäre schwächlich und der einzige Erbe seiner Familie; man müßte ihn um jeden Preis zu erhalten suchen und es wäre deshalb ihr Wille, daß man ihm nicht entgegenträte. Darin war ich mit ihr nun völlig einverstanden, allein sie meinte unter dem »nicht entgegentreten«, daß man sich ihm in allen Beziehungen fügen sollte. Ich sah ein, daß ich gegen die Mutter denselben Ton wie gegen den Sohn anschlagen müßte. »Gnädige Frau,« sagte ich ziemlich kalt zu ihr, »ich verstehe mich nicht auf die Erziehung eines Erben, und was noch mehr ist, ich will es auch nicht lernen. Treffen Sie also danach Ihre Einrichtungen!« Man bedurfte meiner noch einige Zeit, der Vater schlug sich ins Mittel, die Mutter schrieb an den Lehrer, er möchte seine Rückkehr beschleunigen, und das Kind faßte, da es zur Einsicht gekommen war, daß ihm weder die Störung meines Schlafes noch seine simulirte Krankheit einen Vortheil brächte, endlich den Entschluß, selbst zu schlafen und wieder gesund zu werden. Man kann sich nicht vorstellen, mit wie vielen ähnlichen wunderlichen Einfällen der kleine Tyrann seinen unglücklichen Erzieher gequält und sich endlich völlig unterworfen hatte, denn die Erziehung geschah unter den Augen der Mutter, die eine Auflehnung gegen den Willen des Erben nicht gestattete. In welcher Stunde er auch immer auszugehen wünschte, stets mußte sein Erzieher bereit sein, ihn zu führen, oder vielmehr ihm zu folgen, und mit großer Umsicht wählte er regelmäßig den Augenblick, wo er diesen am meisten beschäftigt sah. Er wollte sich nun dieselbe Herrschaft über mich anmaßen und sich am Tage für die Ruhe rächen, welche er mir gezwungener Weise des Nachts gewähren mußte. Ich gab mich gutmüthig zu Allem her, und lieferte ihm zunächst den augenscheinlichen Beweis, welche Freude es mir bereitete, mich ihm gefällig erweisen zu können; als aber nachher die Frage, ihn von seinen Grillen zu heilen, an mich herantrat, schlug ich ganz andere Wege ein. Zunächst mußte ich ihm sein Unrecht fühlbar machen, und das ließ sich unschwer erreichen. Da ich aus Erfahrung wußte, daß die Kinder stets nur das Gegenwärtige ins Auge fassen, so verschaffte mir meine Voraussicht leicht einen Vortheil über ihn. Ich selbst trug Sorge, daß ihm zu Hause ein Vergnügen bereitet wurde, welches seinem Geschmacke außerordentlich zusagte, und in dem Augenblicke, wo ich sah, daß er sich demselben mit voller Lust hingab, schlug ich ihm einen Spaziergang vor. Er weigerte sich mit aller Entschiedenheit; ich bestand darauf, aber er hörte gar nicht mehr auf mich; ich mußte nachgeben, und er merkte sich genau dieses Zeichen meiner Unterwerfung. Am folgenden Tage kam nun die Reihe an mich. Diesmal hatte ich dafür gesorgt, daß er sich langweilen mußte, während ich äußerst beschäftigt schien. Das war mehr als genügend, ihn nach meinem Plane zu bestimmen. Er ermangelte nicht den Versuch zu machen, mich von meiner Arbeit loszureißen, damit ich sofort mit ihm spazieren gehen möchte. Ich weigerte mich; er bestand darauf. »Nein,« sagte ich zu ihm, »dadurch daß du mich zwangest, gestern deinem Willen nachzugeben, hast du mich auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, den meinigen zu behaupten; ich will nicht ausgehen.« »Nun gut!« erwiderte er lebhaft, »so werde ich ganz allein gehen.« »Wie du willst,« versetzte ich und nahm meine Arbeit wieder auf. Er kleidet sich an, etwas beunruhigt zu sehen, daß ich es geschehen lasse, ohne eine Miene zu machen, mich gleichfalls anzuziehen. Endlich ist er fertig und kommt, von mir Abschied zu nehmen; ich empfehle mich ihm ebenfalls. Nun sucht er mir durch Beschreibung der Wege, die er einzuschlagen gedenke, Besorgniß einzuflößen. Nach seinen Worten hätte man glauben sollen, er wollte bis ans Ende der Welt laufen. Ohne mich zu rühren, wünsche ich ihm eine glückliche Reise. Seine Verlegenheit verdoppelt sich. Indeß zeigt er doch eine leidliche Fassung und befiehlt beim Weggehen seinem Diener, ihm zu folgen. Dieser, welchem seine Rolle schon vorgeschrieben ist, erwidert, er habe keine Zeit, er sei durch Arbeiten für mich in Anspruch genommen und müsse mir mehr gehorchen als ihm. Das war für den Knaben ein wahrhaft vernichtender Schlag. Es mußte ihm unbegreiflich erscheinen, daß man ihn allein gehen ließ, ihn, der sich in seinem Kreise für die wichtigste Persönlichkeit hielt und der Ansicht war, daß Himmel und Erde an seiner Erhaltung Antheil nähmen. Allmählich beginnt er zum Bewußtsein seiner Schwäche zu kommen; es beschleicht ihn die Ahnung, daß er sich inmitten von Leuten, die ihn nicht kennen, allein fühlen werde; er sieht die Gefahren voraus, welche er laufen wird. Nur der Trotz läßt ihn sein Unrecht nicht eingestehen. Langsam und sehr betroffen steigt er die Treppe hinab. Endlich tritt er auf die Straße hinaus, während er sich über das Schlimme, das ihm zustoßen kann, durch die Hoffnung tröstet, daß man mich dafür verantwortlich machen werde. Darauf hatte ich gerechnet. Alles war schon im Voraus vorbereitet, und da es sich hierbei um eine Art öffentlichen Auftritts handelte, so hatte ich die Einwilligung des Vaters erbeten und erhalten. Kaum hatte er einige Schritte gethan, als er schon rechts und links allerlei Worte vernahm, die ihm galten. »Nachbar, sieh' den hübschen jungen Herrn, wo mag er so allein hingehen? Er wird sich verlaufen; ich werde ihn lieber einladen, bei uns einzutreten.« – »Nachbarin, seid wohl auf eurer Hut! Seht ihr nicht, daß es ein lockeres Bürschchen ist, welches man aus dem Hause seines Vaters gejagt hat, weil es nicht hat gut thun wollen? Taugenichtse muß man sich aufzunehmen hüten. Laßt ihn laufen, wohin er will!« – »Nun gut! Gott geleite ihn! Es würde mir doch leid thun, wenn ihm ein Unglück zustieße.« Ein wenig weiter trifft er auf Gassenjungen, die mit ihm in ungefähr gleichem Alter stehen, ihn necken und sich über ihn lustig machen. Je weiter er geht, in desto größere Verlegenheiten stürzt er. Er bemerkt, daß ihn, der allein und schutzlos dasteht, alle Welt zur Zielscheibe ihres Spottes macht, er erfährt zu seiner großen Ueberraschung, daß seine Achselschleife und seine goldenen Aermelaufschläge nicht hinreichen, ihn in allgemeine Achtung zu setzen. Inzwischen folgte ihm einer meiner Freunde, welchen er nicht kannte und dem ich seine Überwachung anvertraut hatte, Schritt für Schritt, ohne daß er es gewahrte, und trat rechtzeitig an ihn heran. Diese Rolle, welche der des Gelegenheitsmachers Strigani in dem Molière'schen Lustspiele »Der Herr von Pourceaugnac« ähnlich war, erforderte einen Mann von Geist und wurde mit vollendeter Kunst durchgeführt. Ohne dem Kinde Furcht einzujagen und es dadurch einzuschüchtern, brachte er es doch zu so vollkommener Einsicht seines unbesonnenen Streiches, daß er es schon nach Verlauf einer halben Stunde folgsam und so beschämt zurückbrachte, daß es die Augen nicht aufzuschlagen wagte. Um das Mißgeschick, das über dem abenteuerlichen Zuge schwebte, zu vollenden, kam gerade in dem Augenblicke, in welchem mein Zögling heimkehrte, sein Vater die Treppe hinab, um auszugehen, und traf auf derselben mit ihm zusammen. Er mußte diesem erzählen, wo er her käme und weshalb ich nicht bei ihm wäre. n einem solchen Falle kann man von einem Kinde ohne Gefahr die Wahrheit verlangen; denn alsdann weiß es sehr wohl, daß es dieselbe nicht verhehlen kann, und daß es, wenn es eine Lüge zu sagen wagte, augenblicklich überführt werden würde. Das arme Kind hätte hundert Fuß in die Erde versinken mögen. Ohne sich darin zu gefallen, ihm einen langen Verweis zu ertheilen, sagte der Vater weit trockener, als ich erwartet hatte, zu ihm: »Wenn du wieder allein ausgehen willst, so ist dir das freilich unbenommen; da ich jedoch keinen Landstreicher in meinem Hause dulde, so sorge, wenn der Fall wieder vorkommen sollte, auch dafür, daß du nicht wieder zurückkehrst.« Ich meinerseits empfing ihn ohne Vorwurf und ohne Spott, jedoch ernster als gewöhnlich. Um allem Argwohne desselben vorzubeugen, daß der ganze Vorgang etwa nur ein verabredeter Scherz gewesen sei, wollte ich ihn auch an demselben Tage nicht spazieren führen. Zu meiner großen Freude gewahrte ich am folgenden Tage, daß er mit triumphirender Miene an den nämlichen Leuten vorüberschritt, welche sich Tags zuvor über ihn lustig gemacht hatten, weil sie ihm allein begegnet waren. Man wird es begreiflich finden, daß er mir seitdem nicht mehr drohte, ohne mich auszugehen. Durch diese und ähnliche Mittel setzte ich es in der kurzen Zeit, die ich bei ihm war, durch, daß er Alles that, was ich wollte. Ich brauchte ihm dazu nichts vorzuschreiben und nichts zu verbieten, bedurfte keiner Predigten, keiner Ermahnungen, keiner langweiligen Belehrungen. So lange ich mit ihm sprach, war er heiter und zufrieden, allein mein Stillschweigen beängstigte ihn; er merkte dann, daß irgend etwas nicht in der Ordnung war, und immer hatte er die Berichtigung der Sache selbst zu verdanken. Aber laßt uns wieder auf unseren Gegenstand zurückkommen. Diese fortwährenden, der Leitung der Natur allein überlassenen Uebungen stumpfen demnach, während sie den Körper kräftigen, den Geist nicht nur nicht ab, sondern bilden in uns im Gegentheile die einzige Art von Vernunft, deren das Kindesalter fähig und die jeglichem Alter am nöthigsten ist. Sie lehren uns den rechten Gebrauch unserer Kräfte, die Beziehungen unseres Körpers zu den uns umgebenden Körpern und den Gebrauch der natürlichen Werkzeuge kennen, welche sich in unserem Bereiche befinden und unseren Organen entsprechen. Gibt es wol eine ähnliche Dummheit wie die eines beständig im Zimmer und unter den Augen seiner Mutter erzogenen Kindes, welches, ohne etwas von der Schwere und der Widerstandsfähigkeit erfahren zu haben, einen starken Baum ausreißen oder ein Felsstück aufheben will? Als ich zum ersten Male aus Genf herauskam, wollte ich ein galoppirendes Pferd einholen. Ich warf mit Steinen nach dem Berge Salève, der zwei französische Meilen von mir entfernt war. Alle Dorfkinder machten mich zur Zielscheibe ihres Spottes und schienen mich für einen wahren Idioten zu halten. Die Lehre vom Hebel lernt man im achtzehnten Jahre auf höheren Schulen; es gibt aber sicherlich keinen zwölfjährigen Bauernknaben, der mit einem Hebel nicht besser umzugehen wüßte, als der erste Mechaniker der Akademie. Was die Schüler auf dem Hofe des Gymnasiums von einander selbst lernen, ist ihnen hundertmal nützlicher als Alles, was man ihnen je im dumpfen Schulzimmer beibringen wird. Betrachtet nur eine Katze, wenn sie zum ersten Male in ein Zimmer kommt. Sie untersucht, schaut umher, beriecht Alles, überläßt sich keinen Augenblick der Ruhe, traut keinem Dinge, bis sie Alles geprüft, Alles erforscht hat. Eben so benimmt sich ein Kind, wenn es zu gehen anfängt und dadurch gleichsam in die Welt eintritt. Der ganze Unterschied besteht darin, daß sich das Kind wie die Katze außer dem Gesichtssinne, welcher Beiden gemeinsam ist, noch eines andern Sinnes zur genauen Beobachtung bedienen, das Erstere des Tastsinnes, mit welchem es die Natur ausstattete, Letztere dagegen des ihr verliehenen feinen Geruchsinnes. Diese Anlage ist es gerade, welche je nach ihrer guten oder schlechten Ausbildung die Kinder gewandt oder unbeholfen, schwerfällig oder behend, leichtsinnig oder überlegend macht. Da also der Mensch mit seinen ersten natürlichen Bewegungen den Zweck verfolgt, sich mit seiner ganzen Umgebung zu messen, und an jedem Gegenstande, den er gewahrt, alle die sinnlichen Eigenschaften zu prüfen, die auf ihn Bezug haben können, so ist sein erstes Studium eine Art Experimentalphysik, welches lediglich seine eigene Erhaltung im Auge hat und von dem man ihn durch speculative Studien abzieht, bevor er noch seine Stellung hienieden erkannt hat. So lange noch seine zarten und geschmeidigen Organe im Stande sind, sich nach den Körpern zu richten, auf welche sie einwirken sollen, so lange noch seine klaren Sinne von Illusionen frei sind, ist es die rechte Zeit, beide in den ihnen eigenthümlichen Functionen zu üben; ist es die rechte Zeit, die sinnlich wahrnehmbaren Beziehungen, in welchen die Körperwelt zu uns steht, kennen zu lernen. Da Alles, was in den menschlichen Verstand eindringt, durch die Sinne in ihn gelangt, so ist der erste Verstand des Menschen ein sinnlicher Verstand. Unsere ersten Lehrer der Philosophie sind unsere Füße, unsere Hände, unsere Augen. An Stelle derselben Bücher setzen, heißt nicht, uns vernünftig urtheilen lehren, es heißt vielmehr uns anhalten, uns auf den Verstand Anderer zu verlassen, heißt uns anleiten, viel zu glauben und nie etwas zu wissen. Um eine Kunst zu üben, muß man damit anfangen, daß man sich die dazu nöthigen Werkzeuge anschafft, und um diese Werkzeuge nützlich anwenden zu können, muß man sie so haltbar machen, daß sie beim Gebrauche nicht zerbrechen. Um denken zu lernen, müssen wir folglich unsere Glieder, unsere Sinne, unsere Organe üben, welche die Werkzeuge unseres Verstandes sind, und um aus diesen Werkzeugen den größtmöglichen Vortheil zu ziehen, muß der Körper, der sie zur Verfügung stellt, kräftig und gesund sein. Weit entfernt also, daß sich der wahre Verstand des Menschen unabhängig vom Körper entwickelt, macht gerade erst die gute Constitution des Körpers die Operationen des Geistes leicht und sicher. Indem ich mich nachzuweisen bemühe, wozu man die lange Muße der Kindheit anwenden soll, lasse ich mich auf Einzelheiten ein, die vielleicht lächerlich erscheinen werden. Ein seltsamer Unterricht, wird man mir einwenden, der sich nach deiner eigenen Kritik darauf beschränkt, das zu lehren, was Niemand erst zu lernen braucht! Weshalb die Zeit mit Belehrungen verschwenden, die doch regelmäßig von selbst kommen und weder Mühe noch Sorgfalt verlangen? Welches zwölfjährige Kind weiß nicht alles das, worin du das deinige unterrichten willst, und außerdem noch das, was es dem Unterrichte seiner Lehrer zu verdanken hat? Sie irren sich, meine Herren! Ich lehre meinen Zögling eine sehr zeitraubende und schwierige Kunst, die den ihrigen sicherlich fremd ist, nämlich die Kunst nichts zu wissen, denn der Wissensschatz desjenigen, der nur das zu wissen glaubt, was er wirklich weiß, beschränkt sich auf gar wenige Gegenstände. Sie behaupten, Wissenschaft mitzutheilen. Ich will mir das gefallen lassen. Ich dagegen beschäftige mich nur mit dem zur Erwerbung derselben geeigneten Werkzeuge. Man erzählt sich, daß, als die Venetianer einem spanischen Gesandten einst ihren Schatz von Sanct Marcus unter Entfaltung einer großen Pracht zeigten, sich dieser jedes Beifallswortes enthielt, statt dessen unter den Tisch blickte und zu ihnen äußerte: » Qui non c'é la radice. « (Hier ist aber seine Wurzel nicht.) So oft ich einen Lehrer sehe, der seinen Schüler sein geringes Wissen auskramen läßt, vermag ich kaum der Versuchung zu widerstehen, ihm dasselbe zuzurufen. Alle diejenigen, welche über die Lebensweise der Alten nachgedacht haben, schreiben ihren gymnastischen Uebungen jene körperliche und geistige Gewandtheit zu; durch welche sie sich vor der heutigen Menschheit so sichtlich auszeichnen. Die Art und Weise, wie Montaigne diese Ansicht unterstützt, beweist, in wie hohem Grade er von ihrer Wahrheit erfüllt war; unaufhörlich und auf tausenderlei Weise kommt er darauf zurück. Bei Besprechung der Erziehung eines Kindes sagt er: »Um seinen Geist zu kräftigen, muß man seine Muskeln stärken. Durch Gewöhnung an die Arbeit gewöhnt man es an den Schmerz; man muß es mit den ermüdenden Anstrengungen der Leibesübungen vertraut machen, um es gegen die Schmerzen der Verrenkungen, der Kolik und aller sonstigen Leiden abzuhärten.« Der weise Locke, der treffliche Rollin, der gelehrte Fleury, der pedantische de Croupas stimmen Alle, wie verschiedenen Grundsätzen sie auch im Uebrigen huldigen, doch in diesem einen Punkte überein, daß die körperliche Ausbildung der Kinder unter keinen Umständen vernachlässigt werden darf. Dies ist die verständigste ihrer Vorschriften, und trotzdem diejenige, welche am meisten übersehen wird und immer übersehen werden wird. Ueber ihre Wichtigkeit habe ich mich schon zur Genüge ausgesprochen, und da man darüber keine bessern Gründe und keine verständigern Regeln geben kann, als die Locke in seinem erwähnten Buche aufführt, so begnüge ich mich, auf dasselbe zu verweisen, während ich mir gleichzeitig die Freiheit nehme, seinen Beobachtungen noch einige eigene hinzuzufügen. Die Glieder eines noch im Wachsthume begriffenen Körpers dürfen nur von bequemen und weiten Kleidungsstücken bedeckt sein; nichts darf ihre Bewegung und ihr Wachsthum stören; nichts darf zu eng sein, nichts zu fest an den Körper anschließen, nichts durch Binden znsammengepreßt werden. Ist die französische Kleidung schon für Erwachsene unbequem und ungesund, so ist sie für Kinder geradezu verderblich. Die stockenden und in ihrer Circulation gehemmten Säfte bleiben fast stehen, was vor allen Dingen bei einer unthätigen und sitzenden Lebensweise die größten Leiden hervorruft, ja sie verderben und erzeugen den Scorbut, eine Krankheit, die unter uns von Tage zu Tage häufiger auftritt, während sie den Alten fast ganz unbekannt war, da ihre Art sich zu kleiden und zu leben sie dagegen schützte. Die jetzt so häufige Husarenkleidung hilft diesem Uebelstande nicht ab, sondern vermehrt ihn eher; dafür daß sie den Kindern einige Bänder erspart, schnürt sie ihnen den ganzen Körper zusammen. Am meisten empfiehlt sich, sie so lange als möglich in einem Kinderröckchen gehen zu lassen, ihnen alsdann recht weite Kleidungsstücke zu geben und nicht darauf auszugehen, ihren schlanken Wuchs bemerkbar zu machen, was nur zu ihrer Entstellung beiträgt. Ihre leiblichen wie geistigen Mängel wurzeln fast alle in einer und derselben Ursache: man will sie vor der Zeit zu Erwachsenen machen. Es gibt heitere Farben und düstere Farben; erstere sagen dem Geschmack der Kinder mehr zu; sie stehen ihnen auch besser, und ich sehe nicht ein, weshalb man einen so natürlichen Zug nicht beachten sollte. Allein von dem Augenblicke an, wo sie einem Stoffe nur um deswillen den Vorzug geben, weil er reicher ist, haben sich ihre Herzen schon dem Luxus und allen Launen eingesogener Vorurtheile ergeben, und dieser Geschmack hat sich sicherlich nicht in ihnen selbst gebildet. Man darf wahrlich den Einfluß nicht unterschätzen, welchen die Wahl der Kleider und die Motive zu dieser Wahl auf die Erziehung ausüben. Nicht nur versprechen blinde Mütter ihren Kindern allerlei Putzsachen als Belohnung, sondern man hört sogar, wie unverständige Erzieher ihren Zöglingen mit einem groben und einfachen Gewande wie mit einer Strafe drohen: »Wenn du nicht besser lernst, wenn du deine Kleidungsstücke nicht besser schonst, wird man dich wie jenen kleinen Bauerburschen anziehen.« Das ist eben so viel, als ob man ihnen sagte: »Wisse, daß der Mensch nur durch seine Kleider etwas gilt, und daß dein Werth von den deinigen abhängig ist.« Darf man dann in Erstaunen gerathen, wenn solche weise Lehren bei der Jugend einen dankbaren Boden finden, wenn in ihren Augen nur der Putz Werth verleiht, und sie das Verdienst nur nach dem Aeußeren beurtheilen? Wenn ich einem in dieser Hinsicht verdorbenen Kinde den Kopf wieder zurecht zu setzen hätte, so würde ich dafür Sorge tragen, daß seine reichsten Kleider zugleich die unbequemsten wären, und daß es sich in denselben stets beengt, eingezwängt und auf tausenderlei Weise behindert fühlte. Ich würde es so einrichten, daß Freiheit und Frohsinn vor seiner äußeren Pracht fliehen müßten. Wollte es sich in die Spiele anderer, einfacher gekleideter Kinder mischen, müßte Alles aufhören, Alles sofort verschwinden. Kurz ich würde es so langweilen, ihm seinen Putz so verekeln, es in so hohem Grade zum Sklaven seines goldbetreßten Rockes machen, daß ihm derselbe wie eine Geißel seines Lebens erschiene und daß es das dunkelste Gefängniß mit weniger Schrecken als seinen glänzenden Putz erblicken sollte. So lange wir dem Kinde unsere Vorurtheile noch nicht eingeimpft haben, besteht sein Hauptwunsch stets darin, unbehindert und frei zu sein. Die einfachste, die bequemste Bekleidung, eine solche, die es am wenigsten beengt, hat in seinen Augen dann stets den Vorzug. Der Körper läßt sich an Bewegung und noch mehr an Unthätigkeit gewöhnen. Bei letzterer Gewöhnung, die eine gleichmäßige und einförmige Circulation der Säfte gestattet, muß man den Körper vor ungünstiger Witterung bewahren; bei ersterer hingegen, die einen fortwährenden Uebergang von Bewegung zur Ruhe und von Hitze zur Kälte bedingt, muß man ihn gegen alle Witterungsverhältnisse abhärten. Daraus folgt, daß sich alle durch ihre Geschäfte an das Zimmer gefesselten und zu einer sitzenden Lebensweise verurtheilten Leute jederzeit warm kleiden müssen, um den Körper in einer in allen Jahreszeiten und in allen Tagesstunden fast gleichmäßigen Temperatur zu erhalten. Solche Leute dagegen, die in Wind und Wetter, in Regen und Sonnenschein gehen und kommen, in unausgesetzter Bewegung sind und den größten Theil ihrer Zeit unter freiem Himmel zubringen, müssen stets leicht gekleidet sein, um sich ohne Nachtheil an jeden Temperaturwechsel und an alle Wärmegrade zu gewöhnen. Ich würde den Einen wie den Anderen rathen, nicht besondere Kleider für die verschiedenen Jahreszeiten zu tragen. Bei meinem Emil werde ich wenigstens streng nach diesem Grundsatze verfahren. Damit will ich jedoch nicht gesagt haben, daß er wie die Stubenhocker im Sommer seine Winterkleider, sondern vielmehr, daß er wie die ächten Arbeitsleute im Winter seine Sommerkleider tragen soll. So kleidete sich Newton während seines ganzen Lebens und hat es dabei auf ein Alter von achtzig Jahren gebracht. Eine dünne oder noch besser gar keine Kopfbedeckung in jeder Jahreszeit! Den alten Aegyptern war eine Kopfbedeckung völlig fremd; die Perser bedeckten ihr Haupt mit schweren Tiaren und bedecken es noch jetzt mit dicken Turbanen, welche Sitte nach Chardin das Klima des Landes unumgänglich nöthig macht. An einer anderen Stelle Brief an Herrn d'Alembert über die Schauspiele. habe ich auf den Unterschied aufmerksam gemacht, welchen Herodot auf einem Schlachtfelde zwischen den Schädeln der Perser und denen der Aegypter herausfand. Da also viel davon abhängt, daß die Knochen des Kopfes härter, fester, weniger zerbrechlich und porös werden, um das Gehirn nicht allein gegen Verletzungen, sondern auch gegen Erkältung, Entzündung und alle Einwirkungen der Witterung zu schützen, so gewöhnt eure Kinder daran, Sommer und Winter, Tag und Nacht stets in bloßem Kopfe zu bleiben. Wollt ihr ihnen jedoch der Reinlichkeit wegen und um ihre Haare in Ordnung zu halten während der Nacht eine Kopfbedeckung geben, so darf dieselbe nur in einer dünnen, feinen Mütze bestehen, ähnlich dem Netze, welches die Basken um ihre Haare schlingen. Ich bin mir wohl bewußt, daß bei der Mehrzahl der Mütter Chardin's Beobachtungen mehr Anklang als meine Gründe finden und sie deshalb auch glauben werden, überall persisches Klima zu entdecken, ich habe aber nicht deshalb einen Europäer zu meinem Zöglinge gewählt, um einen Asiaten aus ihm zu bilden. Im Allgemeinen kleidet man die Kinder zu warm, besonders im frühesten Lebensalter. Es wäre besser, sie gegen die Kälte als gegen die Wärme abzuhärten. In Folge großer Kälte werden sie nie erkranken, wenn man sie derselben nur von früh auf aussetzt, während sie die jedes richtige Maß überschreitende Wärme unvermeidlich erschöpfen muß, da das noch allzu zarte und lockere Hautgewebe der Ausdünstung einen zu freien Durchgang gestattet. Deswegen sterben auch, wie man beobachtet hat, im August mehr Kinder als in jedem anderen Monat. Uebrigens geht aus einer Vergleichung der nordischen Völker mit denen des Südens unzweifelhaft hervor, daß das Ertragen heftiger Kälte ungleich mehr kräftigt als das Ertragen großer Hitze. Je mehr das Kind aber heranwächst und je stärker seine Fibern werden, desto mehr müßt ihr es auch nach und nach daran gewöhnen, den Strahlen der Sonne zu trotzen. Geht ihr dabei stufenweise zu Werke, so werdet ihr es ohne Gefahr selbst gegen die tropische Hitze abzuhärten vermögen. Locke verfällt inmitten der männlichen und verständigen Vorschriften, die er uns ertheilt, in Widersprüche, die man von einem so überlegenden Denker nicht erwarten sollte. Derselbe Mann, welcher den Wunsch ausspricht, daß sich die Kinder im Sommer in eiskaltem Wasser baden mögen, verbietet ihnen, etwas Kaltes zu trinken, wenn sie erhitzt sind, oder sich an nassen Stellen auf den Boden zu legen. Als ob die Bauernkinder sich zum Setzen oder Hinlegen auch stets trockene Stellen aussuchten, und als ob man je gehört hätte, daß die Feuchtigkeit des Bodens einem von ihnen geschadet hätte! Hört man die Aerzte darüber reden, so sollte man freilich die Wilden sämmtlich für mit Rheumatismus behaftet halten. Gleichzeitig verlangt er auch, daß ihre Schuhe zu allen Seiten Wasser durchlassen sollen; wird das nicht ebenfalls geschehen, wenn das Kind erhitzt ist? Und kann man nicht von den Füßen dieselben Schlüsse auf den Körper ziehen, die er von den Händen auf die Füße und von dem Gesichte auf den Körper zieht? Wenn du verlangst, würde ich ihm entgegnen, daß der Mensch ganz Gesicht sei, weshalb willst du mich tadeln, wenn ich verlange, daß er ganz Fuß sein soll. Um die Kinder vom Trinken abzuhalten, sollen wir sie nach seinem Rathe daran gewöhnen, vor allen Dingen ein Stück Brod vor dem Trinken zu essen. Es ist doch in der That sehr befremdend, daß er einem durstigen Kinde zu essen geben will. Mit demselben Rechte könnte ich einem hungrigen Kinde zu trinken geben. Niemals wird man mich davon zu überzeugen vermögen, daß unsere ersten Bedürfnisse so regellos seien, daß man sie nicht befriedigen könnte, ohne sich einer Todesgefahr auszusetzen. Verhielte dies sich wirklich so, dann wäre das Menschengeschlecht hundertmal zu Grunde gegangen, ehe es gelernt hätte, was zu seiner Erhaltung erforderlich wäre. So oft Emil Durst haben wird, soll man ihm zu trinken reichen. Man soll ihm reines Wasser geben, und zwar ohne alle Zubereitung, ja sogar ohne es erst verschlagen zu lassen, und wenn er über und über schwitzte, und wenn es mitten im Winter wäre. Nur in Bezug auf die Beschaffenheit des Wassers werde ich die höchste Sorgfalt anempfehlen. Flußwasser gebe man ihm sofort, wie es aus dem Flusse kommt; Quellwasser muß man aber erst einige Zeit an der Luft stehen lassen, ehe er dasselbe trinken darf. In der warmen Jahreszeit sind auch die Flüsse warm; anders verhält es sich mit den Quellen, die nicht mit der Luft in Berührung gestanden haben. Man muß deshalb so lange warten, bis das Wasser die Temperatur der Luft erreicht hat. Im Winter ist hingegen das Quellwasser in dieser Beziehung weniger gefährlich als das Flußwasser. Indeß ist es weder natürlich, noch ereignet es sich häufig, daß man im Winter, namentlich im Freien, in Schweiß geräth. Denn die kalte Luft, welche die Haut unaufhörlich berührt, treibt den Schweiß nach Innen zurück und verhindert die Poren sich weit genug zu öffnen, um ihm einen freien Durchgang zu gestatten. Nun liegt es durchaus nicht in meiner Absicht, daß Emil im Winter seine Kräfte beim warmen Kaminfeuer übe; sondern draußen, auf freiem Felde, mitten unter Eis und Schnee soll er sich Bewegung machen. So lange er sich nur durch Schneeballen erhitzt, mag er trinken, sobald er Durst empfindet; nachdem er getrunken hat, soll er nur fortfahren, sich zu bewegen, und man braucht dann keinen Nachtheil zu besorgen. Auch wenn er in Folge einer anderen Anstrengung in Schweiß geräth und Durst empfindet, trinke er selbst in dieser Jahreszeit kalt. Nur sorge man dafür, daß er sich sein Wasser selbst und zwar langsamen Schrittes aus einiger Entfernung holen muß. Durch die voraussichtliche Kälte wird er, wenn er beim Wasser ankommt, hinreichend abgekühlt sein, um es ohne Gefahr trinken zu können. Die Hauptsache aber bleibt, daß man diese Vorsichtsmaßregel trifft, ohne daß er etwas davon merkt. Ich wünschte lieber, daß er bisweilen krank wäre, als daß er fortwährend auf seine Gesundheit Acht gäbe. Die Kinder müssen lange schlafen, weil sie sich außerordentlich viel Bewegung machen. Eines dient als Correctiv des Andern; auch lehrt die Erfahrung, daß sie ein Bedürfniß nach Beiden haben. Die Zeit der Ruhe ist die Nacht; die Natur selbst hat sie dazu bestimmt. Es ist eine völlig zuverlässige Beobachtung, daß der Schlaf ruhiger und süßer ist, so lange sich die Sonne unter dem Horizonte befindet, und daß wir uns bei der durch ihre Strahlen erhitzten Luft nicht einer eben so tiefen Ruhe erfreuen. Daher ist es gewiß eine sehr ersprießliche Gewohnheit, sich mit der Sonne schlafen zu legen und wieder aufzustehen. Daraus folgt, daß in unserem Klima der Mensch so wie alle Thiere im Allgemeinen das Bedürfniß haben, im Winter länger zu schlafen als im Sommer. Da nun aber einmal das bürgerliche Leben nicht einfach und natürlich genug, nicht frei genug von Veränderungen und Zufällen ist, darf man freilich den Menschen nicht bis zu dem Grade an diese Gleichmäßigkeit gewöhnen, daß sie ihm zur Notwendigkeit würde. Unstreitig muß man bestimmten Regeln folgen, aber als Hauptregel muß doch gelten, daß man sie, wenn es die Notwendigkeit erfordert, ohne Gefahr verletzen kann. Gehet deshalb unbedachter Weise auch nicht so weit, euren Zögling dadurch zu verweichlichen, daß sein ruhiger Schlaf niemals gestört werden darf. Ueberlaßt ihn Anfangs getrost dem Gesetze der Natur, vergeßt aber dabei nicht, daß er, der einmal unseren Kreisen angehört, über diesem Gesetze stehen muß, daß er ohne große Mühe im Stande sein muß, sich spät zur Ruhe zu begeben, früh aufzustehen, plötzlich zu erwachen und Nächte schlaflos zuzubringen. Wenn man hiermit schon früh beginnt und stets allmählich und stufenweise fortschreitet, so bildet man den Körper durch dieselben Mittel aus, durch die man ihn zu Grunde richten würde, wollte man sie erst nach seiner vollendeten Entwicklung auf ihn anwenden. Es ist ebenfalls von Wichtigkeit, sich von früh auf an ein hartes Lager zu gewöhnen. Darin liegt das Mittel, stets gut gebettet zu sein. Im Allgemeinen vervielfältigt eine harte Lebensweise, wenn sie uns einmal zur zweiten Natur geworden ist, die angenehmen Empfindungen, während uns eine weichliche eine ununterbrochene Reihe von Unannehmlichkeiten bereitet. Weichlich erzogene Leute finden nur auf Daunenbetten Schlaf; wer sich aber gewöhnt hat, auf Bretern zu schlafen, findet ihn überall. Für den, welcher sofort einschläft, wenn er sich niederlegt, gibt es kein hartes Bett. Ein weiches Bett, in welchem man sich förmlich in Federn oder Eiderdaunen vergräbt, erschlafft und löst den Körper gleichsam auf. Die allzu warm eingehüllten Nieren erhitzen sich. Daraus bildet sich der Stein oder andere Beschwerden, und unfehlbar wenigstens eine zarte Natur, die den Keim zu allen Krankheiten enthält. Das Bett ist unstreitig das beste, welches den erquickendsten Schlaf gewährt. Ein solches werden wir, Emil und ich, uns während des Tages bereiten. Man braucht uns keine persische Sklaven zu schicken, um uns unsere Betten zu machen. Der Landbau, den wir treiben, wird schon dafür sorgen, daß wir unsere Matratzen weich finden. Ich weiß aus Erfahrung, daß man es bei einem gesunden Kinde fast ganz in seiner Gewalt hat, dasselbe nach Belieben einzuschläfern oder wach zu erhalten. Wenn das Kind in sein Bett gelegt ist und es die Wärterin mit seinem Geplauder langweilt, so sagt sie zu ihm: »Schlaf!« Das ist gerade so, als wenn sie im Falle seiner Erkrankung zu ihm sagen wollte: »Sei gesund!« Das rechte Mittel, es in Schlaf zu bringen, besteht darin, es selbst zu langweilen. Sprecht so viel, daß es sich zu schweigen gezwungen sieht, und es wird binnen Kurzem einschlafen. Predigten sind immer zu etwas nutz; es in Schlaf reden ist besser als es einwiegen. Wollt ihr jedoch dieses Einschläferungsmittel trotzdem des Abends anwenden, so hütet euch wenigstens vor demselben bei Tage. Ich werde Emil bisweilen wecken, nicht sowol aus Besorgniß, daß er ein Langschläfer werden könnte, als vielmehr um ihn an Alles, selbst an eine plötzliche Störung seines Schlafes zu gewöhnen. Uebrigens würde ich wenig Fähigkeit für die mir gestellte Aufgabe besitzen, wenn ich ihn nicht dahin zu bringen vermöchte, von selbst zu erwachen und gleichsam nach meinem Belieben aufzustehen, ohne daß ich ihm erst ein einziges Wort sagte. Schläft er nicht lange genug, so deute ich an, daß der nächste Morgen sehr langweilig zu werden verspreche, und er selbst wird dann jeden Augenblick, den er davon verschlafen kann, als Gewinn betrachten. Schläft er dagegen zu lange, so stelle ich ihm ein Vergnügen nach seinem Sinne in Aussicht, welches seiner beim Aufstehen warte. Beabsichtige ich, daß er zu einer bestimmten Zeit erwache, so sage ich: »Morgen früh um sechs Uhr geht es auf den Fischfang«, oder »ich habe einen Spaziergang nach diesem oder jenem Orte vor. Willst du daran Theil nehmen?« Er erklärt sich dazu bereit und bittet mich, ihn zu wecken. Ich verspreche es, oder verspreche es auch nicht, wie es mir gerade am besten scheint. Erwacht er zu spät, so erfährt er, daß ich mich schon auf den Weg gemacht habe. Es sollte mich Wunder nehmen, wenn er nicht bald lernt, von selbst aufzuwachen. Sollte es übrigens vorkommen, ein Fall, der freilich sehr selten eintritt, daß ein träges Kind die Neigung verriethe, ganz in Faulheit zu verkommen, so darf man es diesem Hange, durch welchen es völlig erschlaffen würde, unter keinen Umständen überlassen, sondern muß irgend ein Reizmittel anwenden, das es aufzurütteln vermag. Selbstverständlich kann nicht die Rede davon sein, es durch Gewalt zur Thätigkeit anzuspornen, sondern es handelt sich nur darum, es durch irgend eine Neigung dazu anzutreiben. Und wird diese Neigung richtig aufgefaßt und nach der natürlichen Ordnung geleitet, so führt sie uns gleichzeitig zwei Zielen entgegen. Ich kann mir nichts vorstellen, wofür man nicht bei einiger Geschicklichkeit den Kindern Geschmack, ja sogar Leidenschaft einflößen könnte, ohne ihre Eitelkeit, ihren Wetteifer und ihre Eifersucht zu erregen. Ihre Lebhaftigkeit, ihr Nachahmungstrieb genügen; vor Allem bietet ihr natürlicher Frohsinn ein sicheres Mittel dar, auf dessen Benutzung jedoch noch nie ein Lehrer verfallen ist. Bei allen Spielen, von denen sie sich überzeugt halten können, daß es nur Spiele sind, erdulden sie ohne Klage, ja selbst unter munterem Gelächter Schmerzen, die sie sonst nie ertragen würden, ohne Ströme von Thränen zu vergießen. Langes Fasten, Schläge, Brandwunden, Strapazen jeglicher Art gelten in den Augen junger Wilden für Belustigungen, ein Beweis, daß selbst der Schmerz seine Würze hat, welche ihm seine Bitterkeit zu benehmen vermag. Indeß darf man freilich nicht allen Lehrern die Kenntniß zutrauen, solche würzhafte Speisen zuzubereiten, und vielleicht verstehen auch nicht alle Schüler sie ohne Grimassen recht zu genießen. – Doch halt! Ich gerathe, wenn ich mich nicht in Acht nehme, aufs Neue in Gefahr, mich in Ausnahmen zu verirren! Was indeß keine Ausnahme erleidet, ist die leidige Erfahrung, daß der Mensch dem Schmerze, den Uebeln seines Geschlechts, allerlei Unglücksfällen und Lebensgefahren und endlich dem Tode unterworfen ist. Je vertrauter man ihn mit diesen Ideen machen wird, desto mehr wird man ihn auch von der bedrückenden Empfindlichkeit heilen, die zu dem Uebel an sich noch die Ungeduld im Ertragen hinzufügt; je vertrauter man ihn mit den Leiden macht, welche ihn treffen können, desto mehr benimmt man denselben, wie Montaigne gesagt haben würde, den Stachel ihrer Fremdartigkeit, und desto unverwundbarer und abgehärteter wird man dadurch auch seine Seele machen; sein Körper wird der Panzer sein, an dem alle Pfeile abprallen, die sein Leben bedrohen könnten. Da die Annäherung des Todes noch nicht der Tod selbst ist, so wird er diesen auch schwerlich als solchen empfinden; er wird gleichsam nicht sterben: er wird lebendig oder todt sein, und weiter nichts. Von ihm hätte der oben erwähnte Montaigne sagen können, was er von einem Kaiser von Marocco gesagt hat, daß kein Mensch so vollkommen bis an die Grenzscheide des Todes gelebt habe. Die Liebe zur Beständigkeit und Festigkeit wie zu allen übrigen Tugenden wird in der Kindheit eingeflößt; aber das geschieht nicht dadurch, daß man die Kinder mit ihren Namen bekannt macht, sondern daß man sie Gefallen an denselben finden läßt, ehe sie sie noch kennen. Da aber einmal vom Sterben die Rede ist, welches Verhalten wollen wir unseren Zöglingen gegenüber hinsichtlich der durch die Blattern drohenden Gefahr beobachten? Wollen wir sie ihm gleich im frühesten Lebensalter einimpfen lassen, oder abwarten, ob er die natürlichen bekomme? Ersteres, was der heutigen Sitte entspricht, schützt dasjenige Lebensalter vor der Gefahr, in welcher das Leben den höchsten Werth hat, während es das, in welchem es weniger kostbar ist, der Gefahr geradezu aussetzt, wenn überhaupt eine richtig ausgeführte Impfung eine Gefahr genannt werden kann. Man darf nicht außer Acht lassen, daß Rousseau hier nicht die heutigen Tages übliche Kuhpockenimpfung meint, sondern die zu seiner Zeit vielfach angewandte Einimpfung der Menschenblattern. Der Uebersetzer Letzteres steht jedoch mehr mit unseren allgemeinen Grundsätzen in Einklang, die darauf ausgehen, überall die Natur bei ihren Zwecken ihre eigenen Wege gehen zu lassen, von denen sie sich bei menschlicher Einmischung nur zu leicht zurückzieht. Der Mensch der Natur ist beständig vorbereitet. Möge diese große Meisterin selbst die Impfung übernehmen. Sie wird den richtigen Augenblick besser als wir zu wählen wissen. Man ziehe hieraus jedoch nicht den Schluß, daß ich das Impfen mißbillige; denn der Grund, aus welchem ich meinen Zögling damit verschonen will, würde auf die eurigen keine Anwendung finden. Eure Erziehung bereitet sie nicht vor, die Blattern, wenn sie von ihnen befallen werden, glücklich zu überstehen. Wenn ihr den Ausbruch derselben dem Zufalle überlaßt, werden sie wahrscheinlich daran sterben. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß man sich in den einzelnen Ländern dem Impfen um so mehr widersetzt, je mehr sich die Notwendigkeit dazu herausstellt; und der Grund dieser Erscheinung ist leicht begreiflich. Um meines Emils willen brauchte ich diese Frage kaum in Anregung zu bringen. Er wird geimpft werden oder nicht, ganz wie es Zeit, Ort und Umstände erfordern; für ihn ist es beinahe gleichgiltig. Impft man ihm die Blattern ein, so hat man jedenfalls den Vortheil, seine Krankheit voraus zu wissen und zu erkennen; das hat immer einen gewissen Werth; wird er indeß von den natürlichen Blattern befallen, so haben wir ihn vor dem Arzte bewahrt, und das hat ungleich mehr zu bedeuten. Eine exclusive Erziehung, welche lediglich den Zweck verfolgt, diejenigen, welchen sie zu Theil geworden ist, vor dem Volke auszuzeichnen, zieht beständig den kostspieligsten Unterricht dem gewöhnlichen und eben um deswillen nützlichsten vor. Aus diesem Grunde lernen auch die mit größter Sorgfalt erzogenen jungen Leute sämmtlich reiten, weil dies mit vielen Geldausgaben verbunden ist; aber fast Keiner von ihnen lernt schwimmen, weil es keine Geldkosten verursacht, und weil ein Handwerker eben so gut schwimmen lernen kann, wie jeder Andere. Trotzdem besteigt ein Reisender, ohne zuvor die Reitschule durchgemacht zu haben, ein Pferd, hält sich darauf und bedient sich desselben, so weit es seine Bedürfnisse erheischen; kann man aber nicht schwimmen, so ertrinkt man im Wasser, und ohne es gelernt zu haben, kann man sicherlich nicht schwimmen. Endlich ist man ja durch nichts gezwungen die lebensgefährliche Reitkunst zu betreiben, während Niemand sicher ist, ob er sich nicht durch Schwimmen wird einer Gefahr entziehen können, der man so oft ausgesetzt ist. Emil wird sich im Wasser eben so sicher fühlen wie auf dem Lande. Wären wir nur im Stande, in allen Elementen zu leben! Könnte man lernen, sich in die Lüfte emporzuschwingen, so würde ich einen Adler aus ihm machen, einen Salamander dagegen, wenn man im Feuer zu leben vermöchte. Man fürchtet, daß ein Kind beim Schwimmenlernen ertrinken könnte; mag es nun aber beim Lernen ertrinken oder deshalb, weil es nicht schwimmen gelernt hat, immer werdet ihr die Schuld tragen. Einzig und allein die Eitelkeit macht uns tollkühn; man ist es nicht, wenn man von Niemandem gesehen wird; Emil würde es nicht einmal sein, wenn er auch Aller Augen ausgesetzt wäre. Da die Uebung nicht von der Gefahr abhängt, so wird er in einem Kanale im Parke seines Vaters den Hellespont durchschwimmen lernen. Ein Kind kann sich mit einem Erwachsenen noch nicht messen; es besitzt weder seine Kraft noch seine Vernunft; aber es sieht und hört eben so gut oder beinahe so gut als dieser. Es hat einen eben so feinen, obgleich weniger verwöhnten Geschmack, und unterscheidet die Gerüche mit eben so großer Schärfe, obgleich seine sinnliche Begierde dadurch nicht in gleich hohem Grade erregt wird. Die ersten Vermögen, die sich in uns bilden und vervollkommnen, sind die Sinne. Diese sollte man deshalb auch zuerst pflegen; leider sind sie aber gerade die einzigen, die man vergißt oder wenigstens am meisten vernachlässigt. Die Sinne üben heißt aber nicht nur von denselben Gebrauch machen, sondern auch durch sie richtig urtheilen lernen, es heißt gleichsam wahrnehmen lernen, denn wir verstehen nur so zu fühlen, zu sehen, zu hören, wie wir es gelernt haben. Es gibt eine rein natürliche und mechanische Uebung, welche dazu dient, den Körper zu kräftigen, ohne dabei irgend einen Einfluß auf die Urtheilskraft auszuüben. Schwimmen, laufen, springen, mit dem Kreisel spielen, mit Steinen werfen, das ist zwar Alles recht gut, aber haben wir denn nur Arme und Beine? Besitzen wir nicht auch Augen und Ohren? Und sind diese Organe beim Gebrauche der ersteren etwa überflüssig? Uebt deshalb nicht nur die Kräfte, sondern auch alle Sinne, welche sie leiten. Zieht aus jedem derselben den größtmöglichen Vortheil und vergleicht die Eindrücke mit einander, die ihr von jedem einzelnen empfangt. Meßt, zählt, wägt, prüft! Wendet die Kraft erst an, nachdem ihr den Gegendruck abgeschätzt habt; seht bei allen euren Handlungen darauf, daß stets die Abschätzung der Wirkung der Anwendung der Mittel vorhergehe. Gewöhnt das Kind daran, nie unzureichende oder überflüssige Kraftanstrengungen zu machen. Wenn ihr es anhaltet, in dieser Weise die Wirkung aller seiner Bewegungen vorauszusehen und seine Irrthümer durch die Erfahrung zu berichtigen, ist es dann nicht einleuchtend, daß es um so urteilsfähiger werden wird, je tätiger es ist? Nehmen wir an, es handele sich darum, eine Masse fortzubewegen. Nimmt das Kind eine zu lange Hebestange, so wird es zu viel Bewegung aufwenden, nimmt es dagegen eine zu kurze, so wird es ihm an Kraft fehlen. Die Erfahrung wird es lehren, genau die Stange zu wählen, die erforderlich ist. Diese Einsicht ist für sein Alter nicht zu hoch. Ein anderes Beispiel: eine Last soll fortgetragen werden. Will nun das Kind eine seinen Kräften angemessene Last tragen, und versucht es vorher nicht sie zu heben, wird es dann nicht gezwungen sein, das Gewicht nach dem Augenmaße zu schätzen? Versteht es erst Massen von gleichem Stoffe und verschiedener Größe zu vergleichen, dann lerne es auch unter Massen von gleicher Größe aber von verschiedenem Stoffe eine richtige Auswahl zu treffen; dabei wird es sich notgedrungen Mühe geben müssen, ihre spezifischen Gewichte zu vergleichen. Ich habe einen sehr gut erzogenen jungen Mann gekannt, der sich erst nach angestelltem Versuche überzeugen ließ, daß ein Eimer voll eichener Hobelspäne leichter sei, als derselbe Eimer voll Wasser. Der Gebrauch unserer Sinne steht nicht bei allen in gleicher Weise in unserer Gewalt. Einer derselben nämlich, das Gefühl, befindet sich, so lange wir wach sind, in ununterbrochener Tätigkeit. Es ist über die ganze Oberfläche unseres Körpers verbreitet, um uns gleichsam wie ein beständiger Wachtposten von Allem, was ihn verletzen könnte, in Kenntniß zu setzen. Zugleich ist es der Sinn, durch dessen beständige Tätigkeit wir uns wohl oder übel die erste Erfahrung erwerben und dem wir folglich weniger eine besondere Pflege zu schenken brauchen. Wir gewahren jedoch, daß die Blinden ein sichreres und feineres Gefühl als wir besitzen, weil sie der Leitung des Gesichtes entbehren und deshalb gezwungen sind, einzig und allein aus dem ersteren Sinne die Urteile schöpfen zu lernen, welche wir dem anderen zu verdanken haben. Weshalb übt man uns also nicht wie jene, im Dunkeln zu gehen, die Körper, welche wir erreichen können, im Finstern zu erkennen und die Gegenstände, welche uns umgeben, richtig zu beurtheilen; kurz des Nachts und ohne Licht alles das zu thun, was jene am Tage ohne Augenlicht thun? So lange die Sonne scheint, sind wir im Vortheil über sie; im Finstern sind sie jedoch unsere Führer. Wir sind auch unser halbes Leben lang blind, nur wolle man den großen Unterschied nicht außer Acht lassen, daß sich die wirklichen Blinden stets zurecht zu finden wissen, während wir in der Nacht nicht einen einzigen Schritt zu thun wagen. Dafür hat man ja Licht, wird man mir einwenden. Wie? Immer verlaßt ihr euch auf Maschinen? Wer bürgt euch denn dafür, daß sie stets vorhanden sein werden, sobald sich das Bedürfniß nach ihnen zeigt? Ich meinerseits sehe es lieber, daß Emil seine Augen an den Fingerspitzen als im Laden eines Lichtziehers habe. Seid ihr mitten in der Nacht in einem Gebäude eingeschlossen, so klatschet in die Hände; an dem Wiederhall werdet ihr abnehmen können, ob der Raum groß oder klein ist, ob ihr euch in der Mitte oder in einer Ecke befindet. Einen halben Fuß von einer Wand entfernt, erregt die dünnere, aber deshalb auch stärker zurückgeworfene Luftsäule vor euch eine andere Empfindung im Gesicht. Bleibet auf der Stelle stehen und dreht euch allmählich nach allen Seiten um; eine offene Thür verräth sich durch einen leisen Luftzug. Fahrt ihr auf einem Schiffe, so könnt ihr aus der Art und Weise, wie die Luft euer Gesicht berührt, nicht allein erkennen, nach welcher Richtung es sich bewegt, sondern auch, ob euch die Strömung des Flusses langsam oder schnell fortreißt. Diese und tausend ähnliche Beobachtungen kann man mit Erfolg nur des Nachts anstellen; trotz aller Aufmerksamkeit, welche wir uns am hellen Tage darauf zu verwenden bemühen, werden sie uns doch entgehen, da wir durch das Auge eben sowol zerstreut als unterstützt werden. Bis jetzt habe ich noch nicht einmal auf die Dienste hingewiesen, die Hände und Stab dabei zu leisten vermögen. Wie viele Kenntnisse, die wir dem Gesichtssinne verdanken, kann man sich durch das Gefühl aneignen, selbst ohne etwas zu berühren. Viele Spiele zur Nachtzeit! Dieser Rath ist wichtiger, als es scheinen möchte. Die Nacht erschreckt natürlicher Weise den Menschen und bisweilen sogar die Thiere. Dieser Schrecken zeigt sich sichtlich schon bei totalen Sonnenfinsternissen. Vernunft, Kenntnisse, Geist und Muth befreien nur Wenige von dieser Schwäche. Ich habe gebildete Männer, Freigeister, Philosophen und Soldaten, die bei hellem Tage ganz furchtlos waren, Nachts beim Rauschen eines Blattes wie Weiber zittern sehen. Man schreibt diese Furcht den Ammenmärchen zu; indeß täuscht man sich; sie hat eine natürliche Ursache. Wie heißt sie? Es ist dieselbe, welche Taube mißtrauisch und die niedrigen Stände abergläubisch macht, nämlich die Unbekanntschaft mit den Dingen, die uns umgeben, und mit dem, was um uns vorgeht. Ich erlaube mir hier noch eine andere Ursache anzuführen, die von einem Philosophen, dessen Werk ich öfter citire und dessen großartige Anschauungen mich noch häufiger belehren, vortrefflich auseinandergesetzt ist. Wenn wir in Folge besonderer Verhältnisse uns keine rechte Vorstellung von der Entfernung bilden und deshalb die Gegenstände nur nach der Größe des Sehwinkels oder vielmehr des Bildes, welches sie in unseren Augen hervorbringen, beurtheilen können, so täuschen wir uns nothwendiger Weise über die Größe dieser Gegenstände. Jeder hat wol schon auf Reisen die Erfahrung gemacht, daß man Nachts einen Strauch, in dessen Nähe man sich befindet, für einen großen Baum in der Ferne oder auch umgekehrt einen großen entfernten Baum für einen nahen Strauch hält. Mit gleicher Nothwendigkeit täuscht man sich, wenn man die Gestalt der Gegenstände nicht zu erkennen vermag und man sich folglich auch keine Vorstellung von der Entfernung bilden kann. Eine Fliege, die nur einige Zoll weit in raschem Fluge an unseren Augen vorüberschwebt, wird uns wie ein Vogel in großer Entfernung vorkommen. Ein Pferd, welches mitten auf einem Felde regungslos dastände und vielleicht zufällig eine Stellung einnähme, die den Schafen eigenthümlich ist, würde uns bis zu dem Augenblicke, wo wir wirklich erkannt hätten, daß es ein Pferd ist, nur so groß wie ein Schaf erscheinen; sobald wir es aber einmal als ein Pferd erkannt haben, wird es uns auch sofort so groß wie ein solches erscheinen und wir werden augenblicklich unser erstes Urtheil berichtigen. So oft man sich Nachts an unbekannten Orten befindet, wo man die Entfernung nicht zu beurtheilen und der Dunkelheit wegen die Gestalt der Dinge nicht zu erkennen vermag, läuft man Gefahr, bei der Beurtheilung der sich darbietenden Gegenstände unaufhörlich in Irrthümer zu verfallen. Daher entspringt der Schrecken und jene innere Furcht, welche die nächtliche Finsterniß fast allen Menschen einjagt. Hierauf gründet sich auch die Erscheinung von Gespenstern und riesenhaften, Grauen erregenden Gestalten, welche so viele Leute gesehen haben wollen. Man pflegt ihnen zu erwidern, daß diese Gestalten nur in ihrer Einbildung beständen; sie könnten aber sehr wohl in ihren Augen wirklich vorhanden gewesen sein, und es ist leicht möglich, daß sie in der That gesehen haben, was sie gesehen zu haben behaupten; denn so oft man einen Gegenstand nur nach dem Sehwinkel abzuschätzen vermag, muß dieser unbekannte Gegenstand sich selbstverständlich ausdehnen und vergrößern, je mehr man sich nähert. Ist dem Beobachter, welcher den erblickten Gegenstand weder zu erkennen noch seine Entfernung zu beurtheilen vermag, derselbe Anfangs, als er noch zwanzig oder dreißig Schritte entfernt war, nur einige Fuß hoch erschienen, so muß er ihm folglich, sobald er sich demselben bis auf einige Fuß genähert hat, mehrere Klafter hoch erscheinen. Dies muß ihn doch fürwahr in Erstaunen und Schrecken versetzen, bis es ihm endlich gelingt, den Gegenstand zu berühren oder zu erkennen, denn in demselben Augenblicke, wo ihm klar wird, mit wem er es zu thun hat, wird der Gegenstand, der ihm zuerst so riesenhaft erschien, sich plötzlich bis zu seiner natürlichen Größe verkleinern. Ergreift man jedoch die Flucht oder wagt sich nicht zu nähern, so wird man sich von dem Gegenstande gewiß keine andere Vorstellung machen, als die das Bild in unsrem Auge hervorruft, und man wird tatsächlich eine riesenhafte oder durch ihre Größe und Figur Grauen erweckende Gestalt gesehen haben. Der Glaube an Gespenster ist folglich in der Natur begründet, und Gespenstererscheinungen hängen nicht, wie die Philosophen annehmen, ausschließlich von der Einbildungskraft ab. ( Buffon, Hist. nat. tome VI, page 22, in 12. ). Ich habe mich im Texte nachzuweisen bemüht, daß der Gespensterglaube doch immer theilweise von derselben abhängt; und was die in dieser Stelle entwickelte Ursache betrifft, so ist klar, daß die Gewohnheit des Nachts zu gehen uns lehren muß, die Erscheinungen richtig zu unterscheiden, welche die Aehnlichkeit der Gestalten und die Verschiedenheit der Entfernungen in der Finsterniß von den Gegenständen in unseren Augen hervorbringen; denn selbst wenn die Luft noch hell genug ist, um uns die Umrisse der Gegenstände erkennen zu lassen, so müssen wir, da sich bei einer größeren Entfernung auch eine größere Luftschicht dazwischen befindet, diese Umrisse doch immer weniger deutlich wahrnehmen, wenn uns eine weitere Entfernung von dem Gegenstande trennt. Und dieser Umstand allein schon ist, in Folge der erlangten Gewohnheit, ausreichend, uns vor dem Irrthume zu bewahren, den Herr von Buffon hier erörtert hat. Welcher Erklärung man aber auch den Vorzug geben möge, so ist meine Methode jedenfalls stets erfolgreich, was die Erfahrung vollständig bestätigt. Gewohnt, die Gegenstände schon aus der Ferne wahrzunehmen und sich über ihre Eindrücke schon im Voraus Rechenschaft abzulegen, wie sollte ich, wenn ich von meiner Umgebung nichts mehr zu unterscheiden vermag, mir nicht tausend Wesen, tausend Bewegungen vorstellen, welche mir zu schaden im Stande sind und vor denen ich mich unmöglich schützen kann? Ich mag immerhin wissen, daß ich an dem Orte, an welchem ich mich befinde, in völliger Sicherheit bin, so gut, als wenn ich es mit Augen sähe, weiß ich es doch nicht; es bleibt mir also immer eine Ursache zur Furcht, die am hellen Tage nicht vorhanden war. Freilich weiß ich, daß ein fremder Körper kaum auf den meinigen einzuwirken vermag, ohne sich schon vorher durch irgend ein Geräusch zu verrathen. Wie wachsam ist deshalb auch unaufhörlich mein Ohr! Bei dem geringsten Geräusch, dessen Ursache ich nicht erkennen kann, läßt mich das Interesse für meine Erhaltung sofort Alles annehmen, was mich auf meiner Hut zu sein nöthigt, und was folglich gerade am meisten geeignet ist, mich in Schrecken zu setzen. Vernehme ich auch durchaus nichts, so bin ich deshalb doch nicht völlig ruhig; denn am Ende kann man mich auch ohne jegliches Geräusch überraschen. Ich bin zu der Annahme gezwungen, daß sich die Dinge noch in demselben Zustande wie vorher befinden, bin gezwungen mir vor Augen zu stellen, was ich doch nicht sehen kann. Da mich dies nöthigt, meiner Einbildungskraft freien Spielraum zu gewähren, so bin ich ihrer bald nicht mehr Herr, und gerade das, was ich zu meiner Beruhigung that, dient nur dazu, mich noch mehr in Unruhe zu versetzen. Höre ich Geräusch, so muß es von Dieben herrühren; höre ich nichts, so sehe ich Gespenster. Die Wachsamkeit, welche mir der Trieb der Selbsterhaltung einflößt, zeigt mir nur Furcht erregende Gegenstände. In der Vernunft allein liegt Alles, was mich beruhigen soll; jedoch der Instinct, der stärker ist als sie, führt eine ganz andere Sprache mit mir. Was kann der bloße Gedanke helfen, daß man nichts zu fürchten habe, wenn man sich fortwährend mit ihm beschäftigt? Hat man indeß nur erst die Ursache des Uebels gefunden, so weist sie uns von selbst auf das Heilmittel hin. Ueberall ist die Gewohnheit die siegreiche Bekämpferin der Einbildungskraft; nur neue Gegenstände rufen sie wieder wach. Bei solchen Dingen, die man täglich erblickt, tritt nicht mehr die Einbildungskraft, sondern das Gedächtniß in Thätigkeit. Es ist deshalb ein richtiger Grundsatz: ab assuetis non fit passio (Gewohntes wird nicht zur Leidenschaft); denn nur am Feuer der Einbildungskraft entzünden sich die Leidenschaften. Die Furcht vor der Finsterniß läßt sich nicht durch Vernunftgründe vertreiben; ohne sich auf dieselben zu berufen, führe man vielmehr den, welchen man davon befreien will, oft ins Finstere. Ihr könnt davon überzeugt sein, daß alle Beweisgründe der Philosophie nicht so viel ausrichten werden, als diese Gewohnheit. Auf den höchsten Dächern werden die Dachdecker nicht vom Schwindel ergriffen, in ähnlicher Weise wird sich Jeder, welcher daran gewöhnt ist, furchtlos im Finstern aufhalten. Hierdurch hat sich also zur Empfehlung unserer nächtlichen Spiele noch ein zweiter Vortheil herausgestellt. Damit diese Spiele aber in der That mit Erfolg gekrönt werden, kann ich Fröhlichkeit dabei nicht angelegentlich genug empfehlen. Es gibt nichts, was in so hohem Grade zur Traurigkeit stimmt, als Finsterniß; deshalb sperrt euer Kind auch niemals in einen gefängnißgleichen finsteren Raum. Lachend muß es in die Finsterniß treten und lachend aus derselben zurückkehren. So lange es sich im Finstern aufhält, muß der Gedanke an die Unterhaltung, die es verläßt, und an die Zerstreuungen, die es nachher aufsuchen wird, die phantastischen Einbildungen von ihm abwehren, die es dort vielleicht sonst beschleichen könnten. Es gibt eine Grenze im Leben, über welche hinaus man trotz zunehmendem Alter wieder rückwärts geht. Ich fühle, daß ich diese Grenze überschritten habe; ich beginne nun, so zu sagen, eine umgekehrte Laufbahn. Die Leere des reifen Alters, die sich mir fühlbar macht, führt mir die süße Zeit der Jugend wieder vor Augen. Indem ich altere, werde ich wieder ein Kind, und ich erinnere mich lieber dessen, was ich im zehnten, als was ich im dreißigsten Jahre gethan habe. Verzeiht mir deshalb, lieben Leser, wenn ich bisweilen meine Beispiele meinen eigenen Erlebnissen entlehne; denn um dies Werk gut zu schreiben, muß ich mich ihm auch mit Lust und Liebe widmen können. Ich war auf dem Lande bei einem reformirten Pfarrer, Namens M. Lambercier, in Pension. Zum Kameraden hatte ich einen Vetter, der reicher als ich war, und den man als Erben behandelte, während ich, der von dem Vater getrennt lebte, wie eine Art armer Waise betrachtet wurde. Mein großer Vetter Bernhard war durch und durch ein Feigling, besonders des Nachts. Ich machte mich über seine Furchtsamkeit so lange lustig, bis Herr Lambercier, der meiner fortwährenden Prahlereien überdrüssig wurde, sich vornahm, meinen Muth auf die Probe zu stellen. An einem sehr dunklen Herbstabende gab er mir den Kirchenschlüssel und befahl mir die Bibel zu holen, die er auf der Kanzel hatte liegen lassen. Um mich bei der Ehre zu fassen, fügte er einige Worte hinzu, die mich in die Unmöglichkeit versetzten, mich seinem Ansinnen zu entziehen. Ich ging ohne Licht; hätte ich ein solches gehabt, würde es vielleicht noch schlimmer gewesen sein. Ich mußte über den Kirchhof und durchschritt denselben dreist, denn im Freien hatte ich noch nie des Nachts Furcht gehabt. Als ich die Thüre öffnete, vernahm ich in dem hohen Kirchengewölbe einen Wiederhall, der mir wie Stimmen vorkam und meine römische Festigkeit schon bedenklich zu erschüttern begann. Nach Oeffnung der Thüre wollte ich nun eintreten. Kaum hatte ich jedoch einige Schritte gethan, so blieb ich stehen. Als ich die tiefe Finsterniß gewahrte, welche in diesem weiten Räume herrschte, wurde ich von einem so gewaltigen Schrecken erfaßt, daß sich mir die Haare sträubten. Ich ziehe mich zurück, springe hinaus und ergreife zitternd die Flucht. Auf dem Pfarrhofe finde ich einen kleinen Hund, Namens Sultan, dessen Liebkosungen mich wieder mit Muth erfüllen. Mich meiner Furcht schämend, kehre ich wieder um, während ich mich jedoch bemühe, Sultan, der mir nicht freiwillig folgen will, mitzuschleppen. Rasch gehe ich durch die Thür und trete in die Kirche ein. Kaum bin ich aber eingetreten, als mich von Neuem ein so heftiger Schrecken ergreift, daß ich völlig den Kopf verliere; und obgleich sich die Kanzel, wie ich sehr wohl weiß, auf der rechten Seite befindet, suche ich sie dennoch, da ich, ohne es zu merken, eine Wendung gemacht habe, lange Zeit auf der linken. Dabei verirre ich mich zwischen den Bänken und weiß schließlich nicht mehr ein und aus. Da ich weder die Kanzel noch die Thüre zu finden vermag, gerathe ich in eine unbeschreibliche Verwirrung. Endlich gewahre ich die Thüre, ich komme glücklich aus der Kirche heraus und entferne mich wie das erste Mal mit dem festen Entschlusse, dieselbe niemals, außer am hellen Tage, allein zu betreten. Ich komme wieder bis an das Pfarrhaus. Im Begriffe einzutreten, höre ich, wie Herr Lambercier in ein lautes Gelächter ausbricht. Ueberzeugt, daß es mir gelte, und bestürzt, mich lächerlich gemacht zu haben, zögere ich, die Thüre zu öffnen. In dem kurzen Augenblicke, der darüber verfließt, vernehme ich, wie Fräulein Lambercier, die über mein langes Ausbleiben unruhig zu werden beginnt, der Magd befiehlt, die Laterne zu nehmen, und wie Herr Lambercier sich anschickt, mich abzuholen, von meinen beherzten Vetter begleitet, dem man nachher sicherlich alle Ehre des Wagestückes zuerkannt haben würde. Augenblicklich ist alle meine Furcht verschwunden; die Besorgniß allein erfüllt mich, auf meiner Flucht ertappt zu werden. Ich laufe, ich fliege fast nach der Kirche; ohne mich zu verirren, ohne lange umherzutappen, gelange ich bis an die Kanzel, steige hinauf, ergreife die Bibel und stürze die Treppe wieder herunter. Mit drei Sätzen befinde ich mich außerhalb der Kirche, deren Thüre ich sogar in der Eile zuzuschließen vergesse. Außer Athem trete ich in das Zimmer und lege die Bibel auf den Tisch, allerdings etwas verstört, aber doch mit freudig erregtem Herzen, daß ich der Hilfe, die man mir hatte bringen wollen, zuvorgekommen bin. Man wird mich fragen, ob ich diese Anekdote aus meinem Leben etwa als nachahmenswerthes Vorbild oder als Beispiel jener Fröhlichkeit aufstelle, die ich für alle dergleichen Uebungen fordere. Keineswegs; aber ich theile sie als Beweis dafür mit, daß nichts geeigneter ist, Jemanden, der durch die Schatten der Nacht in Schrecken gesetzt ist, wieder zu ermuthigen, als das fröhliche Lachen und die ruhige Unterhaltung einer Gesellschaft, die aus einem Nebenzimmer herüberklingen. Ich wünschte deshalb auch, daß man sich des Abends nicht mit seinem Zöglinge allein unterhielte, sondern gerade viel Kinder von heiterem Temperamente versammelte; daß man sie Anfangs nicht einzeln, sondern stets mehrere zusammen ausschickte, und den Versuch mit einem allein nicht eher anstellte, als bis man schon im Voraus völlig sicher wäre, daß es sich nicht allzu sehr fürchten werde. Ich kann mir nichts vorstellen, was so angenehm und zugleich so nützlich wäre, als solche Spiele, vorausgesetzt, daß man sie geschickt anzuordnen versteht. Ich würde in einem großen Saale aus Tischen, Sesseln, Stühlen, spanischen Wänden eine Art Labyrinth einrichten. In die Irrgänge desselben würde ich unter acht bis zehn leeren Schachteln eine andere, ihnen durchaus ähnliche hinstellen, die ganz mit Bonbons gefüllt wäre. Nun würde ich mit klaren, aber kurzen Worten genau die Stelle bezeichnen, an der sich die richtige Schachtel befände. Ich würde diese Auskunft in solcher Weise ertheilen, daß sie für Leute, welche aufmerksamer und weniger voreilig als Kinder Um sie in der Aufmerksamkeit zu üben, dürft ihr nur solche Dinge mit ihnen besprechen, für deren richtiges Verständniß sie ein fühlbares und augenblickliches Interesse haben. Vor Allem vermeidet jede Weitschweifigkeit; nie komme ein überflüssiges Wort über eure Lippen! Eben so wenig darf in euren Reden etwas Dunkles oder Zweideutiges vorkommen. wären, vollkommen ausreichte. Nachdem ich darauf die kleinen Helden, welche auf die Eroberung der Schachtel ausziehen wollten, hätte loosen lassen, würde ich sie nach einander hineinschicken, bis die richtige Schachtel gefunden wäre, was ich ihnen nach ihrer geringeren oder größeren Geschicklichkeit zu erleichtern oder zu erschweren suchen würde. Stellt euch nun einen dieser kleinen Herkulesse vor, wie er mit einer Schachtel in der Hand voller Stolz auf seine Heldenthat ankommt. Die Schachtel wird auf den Tisch gestellt und feierlich geöffnet. Ich höre hier schon im Geiste das Gelächter und das spöttische Aufjauchzen der lustigen Schaar, wenn man anstatt des ersehnten Zuckerwerks, hübsch zierlich auf Moos oder Baumwolle gelegt, einen Maikäfer, eine Schnecke, ein Stück Kohle, eine Eichel, eine gelbe Rübe oder irgend einen ähnlichen Leckerbissen findet. Ein anderes Mal hängt man in einem frisch geweißten Zimmer dicht an der Wand irgend ein Spielzeug oder ein kleines Geräth auf, welches es zu holen gilt, ohne dabei die Wand zu berühren. Kaum ist der, welcher sich aufgemacht hat es zu holen, zurückgekehrt, so wird, wenn er die gestellte Bedingung auch nur im Geringsten übertreten hat, der weiß gefärbte Rand seiner Kopfbedeckung, seine Schuhspitze, sein Rockschooß, sein Aermel seine Ungeschicklichkeit verrathen. Doch genug und übergenug, um euch mit dem Geiste dieser Art Spiele vertraut zu machen. Wenn man euch erst Alles sagen muß, dann leset mich lieber nicht. Wie sehr wird nicht ein so erzogener Mensch des Nachts anderen Menschen überlegen sein! Da seine Füße gewöhnt sind, auch im Dunkeln fest und sicher aufzutreten, und seine Hände die nöthige Uebung besitzen, alle Gegenstände, die ihn umgeben, durch Tasten leicht zu erkennen, so werden sie ihn selbst in der dichtesten Finsterniß ohne Mühe leiten. Seine Phantasie, die noch von den nächtlichen Spielen seiner Jugend erfüllt ist, wird ihm schwerlich Schrecken erregende Gegenstände vorgaukeln. Meint er Gelächter zu vernehmen, so wird ihn dasselbe nicht an Poltergeister mahnen, sondern an seine alten Jugendgespielen; malt ihm seine Einbildungskraft eine Gesellschaft vor, so wird er sich nicht in einen Hexensabbath, sondern in das Zimmer seines Erziehers versetzt wähnen. Da die Nacht in ihm nur heitere Ideen wach ruft, so wird sie ihm niemals Grauen erregen; anstatt sie zu fürchten, wird er sie lieben. Handelt es sich um ein militärisches Unternehmen, so wird er, sei es nun allein oder mit seinem ganzen Corps, stets auf dem Posten sein. In Saul's Lager wird er sich schleichen, es, ohne sich zu verirren, nach allen Seiten auskundschaften, wird, ohne Jemand zu erwecken, in des Königs Zelt dringen und zurückkehren, ohne bemerkt zu sein. Sollen Rhesus Rosse geraubt werden, so wendet euch dreist an ihn. Unter Leuten, die eine andere Erziehung erhalten haben, werdet ihr schwerlich einen Ulysses finden. Ich bin Zeuge gewesen, wie Leute die Kinder durch überraschende Angriffe gewöhnen wollten, des Nachts vor nichts zu erschrecken. Diese Methode ist sehr schlecht; sie bringt gerade die umgekehrte Wirkung hervor, und dient nur dazu, die Kinder noch furchtsamer zu machen. Weder die Vernunft noch die Gewohnheit sind im Stande, die Vorstellung einer vorhandenen Gefahr, deren Umfang und Art man nicht zu erkennen vermag, noch auch die Furcht vor überraschen Angriffen, die man schon so oft erfahren hat, völlig zu verscheuchen. Wie könnt ihr euch denn aber versichern, daß euer Zögling von dergleichen Unfällen befreit bleibe? Das beste Mittel, durch welches man diesem Uebelstande vorbauen kann, scheint mir in Folgendem zu bestehen. »Du befindest dich dann,« würde ich zu meinem Emil sagen, »im Falle einer berechtigten Nothwehr; denn der Angreifer gibt dir nicht Gelegenheit zu beurtheilen, ob er dir Böses zufügen oder dich nur in Schrecken setzen will, und da er sich von vorn herein seinen Vortheil ersehen hat, so kannst du nicht einmal in der Flucht dein Heil suchen. Packe also unerschrocken den, der dich des Nachts überfällt, gleich viel ob Mensch oder Thier; drücke und halte ihn mit Aufgebot aller deiner Kräfte; sträubt er sich, so schlage ohne geringste Schonung zu; und was er auch immer sagen oder thun möge, laß deinen Fang niemals los, bevor du genau weißt, mit wem du es zu thun hast. Sobald du Aufklärung erhalten hast, wirst du wahrscheinlich einsehen, daß nicht viel zu befürchten war.« Jedenfalls wird diese Behandlungsweise die Spaßvögel abschrecken, ihren Versuch zu erneuern. Obgleich das Gefühl unter allen Sinnen derjenige ist, den wir in unausgesetzter Uebung erhalten, so bleiben doch, wie bereits erwähnt, seine Urtheile stets unvollkommener und oberflächlicher als die irgend eines anderen, weil wir bei seiner Anwendung beständig auch noch das Gesicht zu Hilfe ziehen. Da nun das Auge den Gegenstand eher als die Hand erreicht, so urtheilt der Verstand fast stets ohne die Ermittelung des Tastsinnes abzuwarten. Indeß sind dafür die Urtheile des letzteren gerade aus dem Grunde auch die sichersten, weil sie die beschränktesten sind; denn da sie sich nur so weit erstrecken, als unsere Hände reichen können, so berichtigen sie die voreiligen Schlüsse der andern Sinne, die nur aus der Ferne ihren Maßstab an Gegenstände legen, welche sie kaum gewahren, während der Tastsinn Alles, was er wahrnimmt, auch richtig wahrnimmt. Berücksichtigt ferner, daß wir, da wir der Thätigkeit der Nerven auch die Muskelkraft beliebig beigesellen können, durch eine gleichzeitige Empfindung mit der Beurteilung der Temperatur, der Größe und Gestalt auch noch die Beurtheilung des Gewichtes und der Dichtigkeit verbinden. Weil uns demnach der Tastsinn von allen Sinnen am richtigsten über den Eindruck belehrt, welchen fremde Körper auf unsren eigenen auszuüben vermögen, so ist er derjenige, der am häufigsten angewendet wird und uns am unmittelbarsten die zu unserer Erhaltung nothwendigen Kenntnisse vermittelt. Wenn nun ein geübtes Gefühl den Gesichtssinn ergänzt, weshalb sollte es nicht auch bis zu einem gewissen Grade das Gehör ergänzen können, da doch die Töne in den klingenden Körpern Schwingungen hervorbringen, die sich durch das Gefühl wahrnehmen lassen. Legt man die Hand auf ein Violoncello, so kann man ohne Beihilfe des Auges oder Ohres, nur an der Art und Weise, wie das Holz vibrirt und schwingt, unterscheiden, ob der Ton, den es hervorbringt, tief oder hoch ist, ob er von der Quinte oder der Baßsaite herrührt. Man möge den Sinn nur auf diese Unterschiede einüben, und unser Empfindungsvermögen wird, wie ich nicht zweifle, mit der Zeit so weit ausgebildet werden können, daß wir vermittelst der Finger ganze Lieder vernehmen. Bewährt sich diese Annahme, so ist auch klar, daß man sich Tauben leicht durch Musik verständlich machen könnte, denn da die Töne und das Tempo nicht weniger regelmäßiger Zusammenstellungen fähig sind, als die Aussprache und die Stimme, so können dieselben eben so als Elemente der Sprache gebraucht werden. Es gibt Uebungen, welche den Tastsinn abstumpfen und schwächen, dagegen auch andere, welche ihn schärfen und zarter und feiner machen. Da die ersteren zu der beständigen Einwirkung harter Körper noch starke Bewegung und viel Kraftaufwand hinzutreten lassen, so machen sie die Haut rauh und schwielig und berauben sie ihres natürlichen Empfindungsvermögens; letztere hingegen erregen dieses Empfindungsvermögen beständig durch leichte und sich oft erneuernde Berührungen, so daß der Verstand, der seine ganze Aufmerksamkeit auf diese sich unaufhörlich wiederholenden Eindrücke richtet, sich dadurch die Fähigkeit erwirbt, alle ihre Modificationen richtig zu beurtheilen. Dieser Unterschied macht sich namentlich beim Spielen musikalischer Instrumente fühlbar. Das harte und feste Aufdrücken beim Violoncello, beim Contrabasse und selbst noch bei der Violine macht zwar die Finger geschmeidiger, verhärtet aber dafür die Spitzen derselben. Die leisere Berührung der glatten Tasten des Klaviers macht sie dagegen gleichzeitig geschmeidiger und empfindlicher. In dieser Hinsicht muß man demnach dem Klavier den Vorzug einräumen. Da die Haut den ganzen Körper schützen muß, so ist es von Wichtigkeit, daß sie sich gegen die Einwirkungen der Luft abhärte und dem Wechsel derselben zu trotzen vermöge. Obgleich ich dies vollständig zugebe, möchte ich jedoch nicht, daß sich die Hand, weil man sie nöthigte, allzu knechtisch stets dieselben Arbeiten auszuführen, geradezu verhärtete, oder daß ihre fast hornartig gewordene Haut das feine Gefühl verlöre, welches uns die Körper, über die man mit der Hand streicht, erkennen läßt. Ist dies Gefühl abgestumpft, so kann es uns bisweilen je nach der Art, wie sich die Körper für uns anfühlen, bei Nacht manchen Schrecken einjagen. Weshalb soll mein Zögling gezwungen sein, stets Rindsleder unter seinen Füßen zu tragen? Was für ein Unglück sollte es wol sein, wenn ihm seine eigene Haut im Nothfalle als Schuhsohle dienen könnte? Es ist augenscheinlich, daß an diesem Theile die Zartheit der Haut nie einen Nutzen stiften, wol aber oft Schaden bereiten kann. Als die Genfer mitten im Winter um Mitternacht in ihrer Stadt vom Feinde geweckt wurden, langten sie eher nach ihren Flinten, als nach ihren Schuhen. Hätte Keiner von ihnen barfuß gehen können, wer weiß, ob Genf dann nicht erobert worden wäre. Laßt uns den Menschen stets gegen unvorhergesehene Unfälle waffnen. In jeder Jahreszeit darf Emil mit bloßen Füßen im Zimmer, die Treppe herab und im Garten umher laufen. Statt darüber zu zürnen, werde ich seinem Beispiele folgen; ich werde lediglich dafür Sorge tragen, alles Glas aus dem Wege schaffen zu lassen. Die Arbeiten und Spiele, zu deren Ausführung wir uns der Hände bedienen müssen, werde ich ebenfalls bald besprechen. Uebrigens soll er seine Füße in allen Bewegungen üben, die der körperlichen Ausbildung förderlich sind und sich in allen Stellungen eine leichte und sichere Haltung zu erwerben suchen; er soll lernen weit und hoch springen, auf einen Baum klettern, über eine Mauer steigen und dabei stets das Gleichgewicht bewahren. Alle seine Bewegungen und Geberden sollen nach den Gesetzen der Schwerkraft schon lange zuvor geregelt sein, ehe die Statik sich einmischt, sie ihm zu erklären. Aus der Art, wie sein Fuß auftritt und wie sein Körper auf den Beinen ruht, muß er merken, ob seine Haltung gut oder schlecht ist. In einer sicheren Haltung liegt stets eine gewisse Anmuth, und in der festesten drückt sich auch stets die größte Feinheit aus. Wäre ich Tanzlehrer, so würde ich die äffischen Kunststücke des Marcel, Ein berühmter Tanzlehrer zu Paris, welcher, da er seine Leute sehr gut kannte, sich in seiner Kunst aus Schlauheit wie ein Ueberspannter geberdete und ihr eine Wichtigkeit beilegte, die man vorgeblich lächerlich fand, trotzdem man ihm gerade wegen derselben in Wahrheit die höchste Ehrfurcht bewies. In einer anderen nicht minder frivolen Kunst sieht man noch heute einen gewöhnlichen Marktschreier in der Rolle eines einflußreichen Mannes und zugleich Narren erscheinen, und ebenfalls mit nicht geringerem Erfolge. In Frankreich wird diese Methode stets sichere Erfolgs erzielen. Das wahre, und deshalb anspruchslosere und weniger aufschneiderische Talent macht dort kein Glück. Die Bescheidenheit ist daselbst die Tugend der Dummköpfe. die nur für das Land, in welchem er sie zum Besten gibt, gut sein mögen, gewiß nicht machen lassen, sondern ich würde meinen Zögling, anstatt ihn mit Luftsprüngen zu beschäftigen, an den Fuß eines Felsens führen. Hier würde ich ihm zeigen, welche Stellung er nehmen, wie er Körper und Kopf halten, welche Bewegung er machen, in welcher Weise er sich bald des Fußes, bald der Hand bedienen müsse, um ohne Mühe einen schroffen, unebenen und rauhen Pfad verfolgen und beim Hinauf- und Hinabsteigen stufenweise vorwärts kommen zu können. Lieber will ich ihn mit einer Gemse als mit einem Ballettänzer wetteifern lassen. Während das Gefühl seine Thätigkeit auf die nächste Umgebung des Menschen concentrirt, dehnt das Gesicht die seinige nach außen hin aus; darin liegt eben die Ursache, daß wir durch dasselbe so oft getäuscht werden. Mit einem einzigen Blicke umfaßt der Mensch die Hälfte seines Gesichtskreises. Wie sollte er sich nun unter dieser Menge gleichzeitiger Eindrücke und der Urtheile, die sich auf diese gründen, in keinem einzigen irren? Deshalb können wir uns auf das Gesicht unter allen unsren Sinnen am wenigsten verlassen, gerade weil es am meisten in die Ferne gerichtet ist, und weil seine Thätigkeit, die der aller übrigen Sinne weit vorauseilt, zu schnell und zu ausgedehnt ist, um durch dieselben berichtigt werden zu können. Ja noch mehr, die perspektivischen Täuschungen sind uns sogar nothwendig, um den Raum beurtheilen und seine Theile unter einander vergleichen zu können. Würden sich die erblickten Gegenstände unserem Auge nicht so falsch darstellen, so vermöchten wir in der Entfernung nichts zu unterscheiden. Ohne die Abstufungen hinsichtlich der Größe und Beleuchtung könnten wir gar keine Entfernung abschätzen, oder würde es vielmehr gar keine für uns geben. Wenn uns von zwei gleichen Bäumen derjenige, welcher hundert Schritt von uns entfernt ist, eben so groß und deutlich wie der nur zehn Schritt entfernte erschiene, so würde die Vorstellung in uns erweckt werden, sie stünden unmittelbar neben einander. Wenn wir alle Dimensionen der Gegenstände in ihrer wirklichen Größe erblickten, so würden wir keinen Raum unterscheiden, und Alles müßte uns so erscheinen, als ob es sich unmittelbar auf unserem Auge befände. Der Sinn des Gesichts hat zur Beurteilung der Größe der Gegenstände und ihrer Entfernung nur ein einziges Maß, nämlich den Winkel, welchen sie in unserem Auge bilden; und da dieser die einfache Wirkung einer zusammengesetzten Ursache ist, so läßt das Urtheil, welches er hervorruft, jede besondere Ursache unbestimmt oder wird nothwendiger Weise unrichtig. Denn wie soll ich durch das bloße Sehen unterscheiden, ob der Winkel, unter welchem ich einen Gegenstand kleiner als einen anderen erblicke, seine Entstehung der größeren Kleinheit oder der größeren Entfernung desselben zu verdanken hat? Deshalb muß man hier einer der vorigen entgegengesetzten Methode folgen; anstatt den Eindruck des Gesichtes zu vereinfachen, muß man ihn verdoppeln, ihn beständig durch einen anderen berichtigen, muß das Organ des Gesichtes dem Organe des Gefühls unterwerfen und die Heftigkeit des ersteren durch den schwerfälligen und geregelten Gang des letzteren gleichsam zurückhalten. Lassen wir dieses Verfahren außer Acht, so bleiben unsere Abschätzungen vermittelst des Auges sehr ungenau. Es fehlt unserem Blicke an Genauigkeit und Sicherheit, die Höhen und Tiefen, Längen und Entfernungen richtig zu beurtheilen. Zum Beweise jedoch, daß nicht sowol der Sinn selbst als vielmehr seine Verwendung die Schuld trägt, braucht man nur auf die Erfahrung hinzuweisen, daß die Ingenieure, Feldmesser, Architekten, Maurer, Maler im Allgemeinen einen sichreren Blick als wir haben und die Größe des Raumes richtiger abschätzen. Weil ihnen ihr Geschäft eine Erfahrung gibt, die wir uns leider zu erwerben verschmähen, so hat für sie der Sehwinkel durch die ihn begleitenden Erscheinungen, welche in ihren Augen das Verhältniß der beiden Ursachen dieses Winkels genauer bestimmen, durchaus keine Zweideutigkeit mehr. Alles, was dem Körper Bewegung verschafft, ohne ihn Zwang anzuthun, ist von den Kindern leicht zu erhalten. Es gibt tausenderlei Mittel, um ihnen für das Messen und die Distanzenschätzung Interesse einzuflößen. Hier steht ein sehr hoher Kirschbaum; wie sollen wir es anstellen, um Kirschen abzupflücken? Sollte wol jene Leiter an der Scheune groß genug sein? Da ist ein sehr breiter Bach; wie werden wir hinüber kommen? Sollte vielleicht eines der Breter auf dem Hofe von einem Ufer bis zum andern reichen? Wir haben Lust von unseren Fenstern aus im Schloßgraben zu angeln; wie viel Faden muß unsere Schnur lang sein? Ich möchte zwischen diesen beiden Bäumen eine Schaukel anbringen; wird ein Seil von zwei Klaftern ausreichen? Man erzählt mir, daß in dem anderen Hause unser Zimmer fünfundzwanzig Fuß im Quadrat enthalten wird; glaubst du, das es für uns passen werde? Wird es größer sein als unser jetziges? Wir haben großen Hunger; da sehen wir zwei Dörfer. Welches werden wir zuerst erreichen können, um daselbst unsern Hunger zu stillen? U.s.w. Es war mir einmal die Aufgabe gestellt, ein träges und faules Kind im Laufen zu üben, welches von selbst weder zu dieser noch zu irgend einer andren Körperbewegung Neigung hatte, obgleich man es für den Soldatenstand bestimmt hatte. Es hatte sich einmal, ich weiß nicht aus welchem Grunde, die fixe Idee in ihm festgesetzt, daß ein Mensch seines Ranges nichts zu thun noch zu wissen brauchte, und daß ihm sein Adel Arme und Beine, so wie jede Art von Verdienst vertreten müßte. Um aus einem solchen Junker einen schnellfüßigen Achill zu machen, dazu würde selbst Chiron's Geschicklichkeit schwerlich hingereicht haben. Die Schwierigkeit war um so größer, da ich ihm durchaus keinen Befehl ertheilen wollte. Ich hatte auf Erziehungsmittel, als da sind Ermahnungen, Versprechen, Drohungen, Wetteifer, den Wunsch zu glänzen und ähnliche, zu denen ich allerdings berechtigt war, ein für alle Mal verzichtet. Wie konnte ich nun demselben, ohne ihm etwas zu sagen, Lust zum Laufen machen? Selbst zu laufen wäre, von der damit verbundenen Unannehmlichkeit ganz abgesehen, ein wenig Erfolg verheißendes Mittel gewesen. Außerdem kam es auch noch darauf an, diese Uebung zugleich als Lehrmittel zu benutzen, damit sich die Thätigkeit der Urteilskraft daran gewöhnte, mit der des Körpers Hand in Hand zu gehen. Ich will erzählen, wie ich es angestellt habe; ich, d.h. derjenige, welcher in diesem Beispiele das Wort ergreift. Wenn ich meinen nachmittäglichen Spaziergang mit ihm antrat, steckte ich bisweilen zwei Kuchen von der Sorte, welche er am liebsten aß, in die Tasche; auf dem Spaziergange Einem ländlichen Spaziergange, wie man sogleich sehen wird. Die öffentlichen Promenaden in den Städten sind für die Kinder beiderlei Geschlechts gefährlich. Hier bildet sich in ihnen der Keim zur Eitelkeit und die Sucht, sich bemerkbar zu machen. Im Luxembourg, in den Tuilerien, vorzüglich aber im Palais royal gewöhnt sich die Pariser Jugend jenes unverschämte und läppische Wesen an, welches sie dem Gelächter Preis gibt und dem Spotte und der Verachtung von ganz Europa aussetzt. aß jeder von uns einen und recht zufrieden und vergnügt kehrten wir nach Hause zurück. Eines Tages bemerkte er, daß ich drei Kuchen bei mir hatte. Er hätte sechs essen können, ohne sich den Magen zu verderben; schnell verzehrte er den seinigen, um sich den dritten zu erbitten. »Nein,« sagte ich zu ihm, »ich hätte Lust ihn selbst zu essen, oder ihn mit dir zu theilen; aber ich verspreche mir noch mehr Vergnügen davon, einen Wettlauf zwischen diesen beiden kleinen Knaben hier um denselben anzusehen.« Ich rief sie, zeigte ihnen den Kuchen und erklärte ihnen, unter welcher Bedingung ihn einer von ihnen erhalten sollte. Das hieß ihren Wünschen entgegenkommen. Der Kuchen wurde auf einen großen Stein, welcher das Ziel vorstellte, gelegt; die Rennbahn wurde bestimmt; wir setzten uns. Auf ein gegebenes Zeichen rannten die Knaben ab. Der Sieger erbeutete den Kuchen und aß ihn vor den Augen der Zuschauer und des Besiegten ohne Gnade auf. Dies Vergnügen war mehr werth als der Kuchen; aber Anfangs hatte es keinen durchschlagenden Erfolg und brachte keine Wirkung hervor. Allein deshalb verlor ich weder die Hoffnung noch ließ ich mich zu überstürzender Eile verführen. Erziehung der Kinder ist ein Geschäft, bei dem man verstehen muß, Zeit zu verlieren, um solche zu gewinnen. Wir setzten unsere Spaziergänge fort; oft nahm ich drei, mitunter auch vier Kuchen mit, und von Zeit zu Zeit wurde davon einer, auch wol zwei für die Läufer bestimmt. War der Preis auch nicht groß, so waren dafür auch die, welche um denselben kämpften, nicht ehrgeizig; wer ihn indeß davontrug, wurde gelobt und gefeiert; Alles ging dabei sehr festlich zu. Um es nicht an Abwechselung fehlen zu lassen und das Interesse zu erhöhen, steckte ich eine längere Rennbahn ab und gestattete, daß mehr Bewerber an dem Rennen Theil nahmen. Kaum waren sie am Ablaufspunkt angetreten, so blieben dann alle Vorübergehenden stehen, um zuzuschauen. Der Beifall, den dieselben spendeten, ihre lauten Zurufe, ihr Händeklatschen feuerten die Läufer an. Zuweilen sah ich jetzt schon, wie mein Jünkerlein vor Aufregung zitterte, sich erhob und aufschrie, wenn einer im Begriff stand den anderen einzuholen oder gar hinter sich zu lassen; für ihn waren es olympische Spiele. Indeß wendeten die Wettläufer zuweilen auch kleine Kriegslisten an; sie hielten sich gegenseitig fest, oder warfen einander zu Boden, oder schleuderten sich einander Steine in den Weg. Dies gab nur Veranlassung, sie zu trennen und von verschiedenen, jedoch vom Ziele stets gleich weit entfernten Punkten aus laufen zu lassen. Man wird sogleich den Grund dieser Vorsicht begreifen; denn ich muß diese wichtige Angelegenheit bis auf die kleinsten Nebenumstände erörtern. Verdrießlich, vor seinen eigenen Augen regelmäßig Kuchen verzehren zu sehen, auf deren Genuß er selbst lüstern war, merkte der Herr Junker doch endlich, daß auch das Schnelllaufen Vortheil bringen könnte, und da er gewahrte, daß es ihm ebenfalls nicht an zwei Beinen fehlte, begann er sich heimlich im Laufen zu üben. Ich hütete mich natürlich, ihm zu erkennen zu geben, daß ich es bemerkte; aber ich gewann daraus schon die Ueberzeugung, daß meine Kriegslist gelungen war. Als er sich für hinreichend geübt hielt (und ich las seinen Entschluß in seinen Gedanken, noch ehe er sich desselben ganz klar geworden war), stellte er sich, als ob er mir den letzten Kuchen abquälen wollte. Ich weigere mich; er besteht darauf und sagt endlich mit unwilliger Miene zu mir: »Nun gut! Legen Sie ihn auf den Stein, stecken Sie die Rennbahn ab, und dann werden wir ja sehen!« – »Gut!« erwidere ich lächelnd, »kann denn aber ein Junker auch laufen? Du wirst dir dadurch nur größeren Appetit verschaffen, aber nichts erhalten, denselben zu stillen.« Durch meine spöttische Bemerkung nur noch mehr gereizt, strengt er sich auf das Aeußerste an und trägt den Preis um so leichter davon, da ich nur eine sehr kurze Bahn gewählt und den besten Läufer absichtlich ausgeschlossen hatte. Man wird begreifen, daß es mir, nachdem er einmal diesen ersten Schritt gethan hatte, leicht wurde, ihn in Athem zu erhalten. Bald fand er an dieser Uebung einen solchen Geschmack, daß er, ohne daß ich ihm eine besondere Begünstigung zu Theil werden ließ, fast sicher war, meine Straßenjungen im Laufen zu besiegen, wie lang auch immer die Bahn sein mochte. Der Vortheil, den ich auf diese Weise erreicht hatte, war noch mit einem anderen verknüpft, den ich keineswegs vorausgesehen hatte. So lange er den Preis nur selten davontrug, aß er den Kuchen fast stets allein, wie es seine Mitbewerber machten. Als er sich jedoch an den Sieg gewöhnte, wurde er großmüthig und theilte oft mit den Besiegten. Dies war für mich eine wichtige moralische Beobachtung, und ich lernte hieraus das wahre Princip der Großmuth kennen. Indem ich fortfuhr, mit ihm an verschiedenen Stellen die Punkte zu bestimmen, von denen gleichzeitig ausgelaufen werden sollte, machte ich, ohne daß er etwas merkte, die Entfernungen ungleich, so daß der Eine, welcher, um das Ziel zu erreichen, eine größere Strecke als der Andere zu durchlaufen hatte, augenscheinlich benachteiligt war. Obgleich ich indeß meinem Zögling die Wahl überließ, verstand er doch keinen Nutzen daraus zu ziehen. Ohne sich um die Entfernung zu kümmern, zog er regelmäßig den besten Weg vor, so daß ich, da seine Wahl leicht vorauszusehen war, es so ziemlich in meiner Hand hatte, ihn ganz nach meinem Belieben den Kuchen verlieren oder gewinnen zu lassen, und dieser Umstand war ebenfalls in mehr als einer Hinsicht nützlich. Da es indeß in meiner Absicht lag, daß ihm die Ungleichheit auffiele, so bemühte ich mich, sie ihm recht bemerklich zu machen. Obgleich er nun im Allgemeinen bequem und träge war, so war er doch bei seinen Spielen so lebhaft und hegte so wenig Mißtrauen gegen mich, daß ich die größte Mühe hatte, es so einzurichten, daß er meinen Betrug merken mußte. Trotz seines Leichtsinnes erreichte ich doch endlich meinen Zweck. Nun machte er mir Vorwürfe. Ich versetzte jedoch: »Worüber beklagst du dich? Darf ich etwa bei einem Geschenke, welches ich machen will, nicht die Bedingungen bestimmen, unter welchen allein der Empfänger es erhält? Wer zwingt dich denn zur Theilnahme am Wettlaufe? Habe ich dir versprochen, gleiche Bahnen zu machen? Hast du nicht die Wahl? Suche dir also die kürzeste aus, Niemand wird dich daran hindern. Wie ist es nur möglich, dich gegen die Einsicht zu verschließen, daß ich dich dadurch gerade begünstige, und daß die Ungleichheit, über welche du Beschwerde führst, völlig zu deinem Vortheile ausschlägt, wenn du nur sie dir zu Nutzen zu machen verstehst.« Das war deutlich; er begriff es vollkommen; um indeß richtig zu wählen, mußte er sich die Sache genauer ansehen. Zuerst wollte er die Schritte zählen, allein mit den Schritten eines Kindes läßt sich nur langsam und noch dazu unrichtig messen. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, die Zahl der täglichen Wettläufe zu vermehren, und sollte nun etwa dadurch das Vergnügen einen leidenschaftlichen Charakter annehmen, so mußte man die zum Laufen bestimmte Zeit ungern mit dem Abmessen der Rennbahnen verlieren. In ein so langsames Verfahren vermag sich die Lebhaftigkeit der Kindheit nur schwer zu finden. Er übte sich deshalb, besser zu sehen und eine Entfernung nach dem Augenmaße richtiger abzuschätzen. Seitdem hatte ich wenig Mühe, diese Neigung zu erhöhen und zu nähren. Einige Monate reichten hin, um durch fortwährende Versuche und durch stete Verbesserung der Irrthümer das Augenmaß bei ihm dergestalt auszubilden, daß, wenn ich einen Kuchen für ihn absichtlich auf einen etwas entfernten Gegenstand legte, sein Blick fast eben so sicher war als die Kette eines Feldmessers. Da das Gesicht unter allen Sinnen derjenige ist, von dem man das Urtheil des Verstandes am wenigsten trennen kann, so gehört viel Zeit dazu, um richtig sehen zu lernen. Wir müssen die Eindrücke des Gesichtssinnes lange mit denen des Gefühls verglichen haben, um den ersten dieser beiden Sinne daran zu gewöhnen, uns einen treuen Bericht über die Gestalten und Entfernungen abzustatten. Ohne das Gefühl, ohne die fortschreitende Bewegung vermöchten uns auch die schärfsten Angen von der Welt keine Idee vom Raume beizubringen. Für eine Auster muß das ganze Weltall nur ein Punkt sein, und es würde derselben auch nicht anders erscheinen, selbst wenn eine menschliche Seele sie unterrichtete. Nur durch Gehen, Tasten, Zählen, Messen lernt man die Ausdehnungen schätzen; aber wenn man auch beständig Messungen vornähme, so würde doch der Sinn, falls er sich nur auf das Instrument verließe, sich keine Sicherheit und Genauigkeit erwerben. Das Kind muß auch nicht sofort vom Messen zum Abschätzen übergehen; zum Anfange muß es, während es fortfährt das, was es nicht im Ganzen zu vergleichen vermag, theilweise zu vergleichen, an die Stelle der Theile, welche es durch Messung erhalten hat, solche setzen, welche ein Ergebniß seiner Abschätzung sind, und sich, anstatt das Maß immer mit der Hand anzulegen, daran gewöhnen, sich dabei lediglich seiner Augen zu bedienen. Indeß wünschte ich, daß man die ersten Versuche desselben durch wirkliche Messungen prüfte, damit es seine Irrthümer verbessern könnte, und daß es, wenn in dem Sinne etwa noch eine Täuschung vorhanden ist, dieselbe durch ein besseres Urtheil berichtigen lernte. Man hat natürliche Maße, die sich fast überall gleich bleiben, nämlich die Schritte eines Mannes, die Spannweite seiner Arme, seine Größe. Wenn das Kind die Höhe eines Stockwerks schätzt, so kann ihm sein Hofmeister als Maßstab dienen; schätzt es dagegen die Höhe eines Thurmes, so berechne es ihn nach der Höhe der Häuser; will es die Meilenzahl eines Weges wissen, so gehe es von der Zahl der Stunden aus, die man auf Zurücklegung desselben verwenden muß. Vor allen Dingen thue man dabei nichts für das Kind, sondern lasse es Alles selbst thun. Ueber die Ausdehnung und Größe der Körper kann man nicht richtig urtheilen lernen, wenn man nicht auch ihre Gestalten kennen und sogar bildlich wiedergeben lernt; denn im Grunde beruht diese Nachbildung schlechterdings nur auf den Gesetzen der Perspective, und man ist nicht im Stande, die Ausdehnung nach dem bloßen äußeren Scheine abzuschätzen, wenn man nicht ein gewisses Verständniß von diesen Gesetzen hat. Die Kinder, die von einem starken Nachahmungstrieb beseelt sind, versuchen Alles zu zeichnen. Ich wünschte, daß mein Zögling diese Kunst eifrig triebe, nicht gerade um der Kunst selbst willen, sondern um einen sicheren Blick zu erlangen und seine Hand geschmeidig zu machen. Im Allgemeinen kommt es sehr wenig darauf an, ob er diese oder jene Kunst versteht, wofern er sich nur die Schärfe des Sinnes und die körperliche Gewandtheit erwirbt, welche uns diese Uebung zu verleihen vermag. Ich werde mich deshalb auch sehr hüten, ihm einen Zeichenlehrer zu geben, welcher ihn nur Nachbildungen nachbilden und Zeichnungen abzeichnen lassen würde. Mit meinem Willen soll er keinen anderen Lehrer als die Natur, keine andere Vorbilder als die Gegenstände selbst haben. Er soll das Original selbst vor Augen haben und nicht das Papier, auf welchem es dargestellt ist. Ein Haus soll er nach einem Hause, einen Baum nach einem Baume, einen Menschen nach einem Menschen zeichnen, damit er sich gewöhne die Körper und die Gestalt, unter welcher sie uns erscheinen, genau zu beobachten und nicht falsche und herkömmliche Abbildungen für richtige Darstellungen anzusehen. Ich werde ihn sogar abhalten, etwas, ohne den Gegenstand vor Augen zu haben, rein aus dem Gedächtnisse zu zeichnen, bis zu dem Augenblicke, wo sich die Umrisse desselben durch häufige Beobachtungen seiner Einbildungskraft fest eingeprägt haben, aus Besorgniß, er könne dadurch, daß er bizarre und phantastische Figuren an Stelle der wahren Formen der Dinge setze, die Kenntniß der Verhältnisse und den Geschmack an den Schönheiten der Natur verlieren. Ich bin mir dessen sehr wohl bewußt, daß er auf diese Weise viel Papier verderben wird, bevor er einen Gegenstand erkennbar darzustellen im Stande ist; daß er sich erst spät die Eleganz der Contouren und den leichten Pinselstrich des Malers erwerben und es vielleicht niemals zu der Fähigkeit bringen wird, die malerischen Effecte richtig zu beurtheilen, ja daß es ihm vielleicht stets an dem guten Geschmack im Zeichnen fehlen wird; dafür wird er indeß sicherlich einen schärferen Blick, eine sichrere Hand, die Kenntniß der wahren Größen– und Formenverhältnisse der Thiere, Pflanzen und Naturkörper, sowie eine richtigere Behandlung der Perspective erlangen. Und gerade darauf war ich ausgegangen; meine Absicht ist nicht sowol, daß er die Gegenstände nachbilden, als daß er sie vielmehr kennen lerne. Ich will zufrieden sein, wenn er im Stande ist, mir eine Akanthuspflanze zu zeigen, und will ihm dann gern vergeben, wenn er die Akanthusblätter am korinthischen Säulenkapitäl auch nicht vollendet schön zeichnen kann. Uebrigens verfolge ich dabei keine andere Absicht, als daß diese Uebung wie alle übrigen meinem Zöglinge nur Vergnügen bereiten sollen. Ich will sie ihm dadurch nur noch um so angenehmer zu machen suchen, daß ich unausgesetzt daran Theil nehme. Er soll keinen anderen Nebenbuhler als mich haben; werde ich es auch ununterbrochen sein, so wird es ihm dennoch nicht zum Nachtbeil gereichen; dies wird seinen Beschäftigungen ein gewisses Interesse einflößen, ohne Eifersucht zwischen uns zu erregen. Ich werde den Bleistift gerade so wie er halten und Anfangs eben so ungeschickt führen. Und wäre ich ein Apelles, so würde ich mich ihm gegenüber doch nur als einen elenden Farbenkleckser zeigen. Zuerst werde ich einen Mann zeichnen, wie ihn wol die Diener an die Wände malen: ein Strich stellt jedes Bein, ein Strich jeden Arm vor, und die Finger übertreffen die Arme an Dicke. Erst lange nachher fällt dem Einen oder dem Andern von uns dieses Mißverhältniß auf. Wir bemerken, daß ein Bein eine gewisse Dicke hat und daß diese Dicke nicht überall gleich ist; daß die Länge des Armes in einem ganz bestimmten Verhältnisse zu dem Körper steht u.s.w. Bei diesen Fortschreiten werde ich höchstens gleichen Schritt mit ihm halten oder ihn doch nur in geringem Grade übertreffen, daß es ihm stets leicht werden wird, mich einzuholen oder mich wol gar zu überflügeln. Darauf nehmen wir Farben und Pinsel; wir bemühen uns das Colorit der Gegenstände und ihre ganze äußere Erscheinung eben so gut wie ihre Gestalten wieder zugeben. Wir werden austuschen, malen, sudeln; aber bei allen unseren Sudeleien werden wir nicht aufhören, die Natur zu belauschen; wir werden nie anders als unter den Augen dieser Meisterin arbeiten. Wir waren um Ausschmückung unseres Zimmers in Verlegenheit; jetzt fehlt es uns nicht mehr daran. Ich lasse unsere Zeichnungen einrahmen, lasse sie mit schönem Glase bedecken, damit sie nicht berührt werden können, und damit Jeder von uns, da er sieht, daß sie unverändert in dem Zustande bleiben, in welchem sie unter unserer Bleifeder oder unserem Pinsel hervorgegangen sind, ein Interesse daran habe, seine Arbeiten nicht zu vernachlässigen. Ich hänge sie in bestimmter Ordnung im Zimmer ringsherum auf, jede Zeichnung zwanzig-, dreißigmal wiederholt und an jedem Exemplare den Fortschritt seines Zeichners von dem Augenblicke an nachweisend, wo das Haus fast nur ein unförmliches Viereck war, bis dahin, wo seine Façade, seine Seitenansicht, seine Verhältnisse, seine Schatten in vollster Wahrheit hervortreten. Es ist nicht anders möglich, als daß diese Abstufungen uns stets solche Bilder vorhalten, die für uns selbst interessant, für Andere sehenswerth sind und uns zu immer regerem Wetteifer anspornen. Die ersten, ungeschicktesten dieser Zeichnungen erhalten sehr prächtige, reich vergoldete Rahmen, durch welche sie hervorgehoben werden; sobald aber die Abbildung genauer wird und die Zeichnung wirklich gut ist, so gebe ich ihr nur einen ganz einfachen schwarzen Rahmen. Jetzt ist sie sich selbst der höchste Schmuck und bedarf keiner anderen Verzierung mehr; es würde Schade sein, wenn die Einfassung die Aufmerksamkeit, welche der Gegenstand allein verdient, zum Theil auf sich lenkte. Deshalb strebt Jeder von uns nach der Ehre eines schmucklosen Rahmens; und wenn Einer von uns über die Zeichnung des Anderen seinen Tadel aussprechen will, so verurtheilt er sie zur Strafe des goldenen Rahmens. Vielleicht werden diese goldenen Rahmen eines Tages unter uns zum Sprichwort, und wir werden uns wundern, wie viele Menschen sich Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem sie solche Rahmen für ihre Gemälde wählen. Ich habe oben die Behauptung aufgestellt, daß die Geometrie für das Verständniß der Kinder zu hoch sei; allein das ist unsere eigene Schuld. Wir berücksichtigen nicht, daß ihre Methode nicht die unserige ist, und daß das, was für uns die Kunst zu schließen bildet, für sie nur die Kunst zu sehen sein darf. Anstatt ihnen unsere Methode aufzuzwingen, sollten wir uns lieber entschließen die ihrige anzunehmen; denn unsere Art und Weise, die Geometrie zu lernen, nimmt unsere Einbildungskraft in eben so hohem Grade in Anspruch wie unser Urtheilsvermögen. Sobald der Lehrsatz genannt ist, muß man den Beweis mit Anstrengung seiner Einbildungskraft ausfindig machen, d. h. man muß finden, aus welchem bereits bekannten Satze er sich folgern läßt, und muß aus allen Folgerungen, die man aus diesem Satze ziehen kann, gerade diejenige wählen, um die es sich handelt. Bei dieser Methode wird sich auch der schärfste Denker, wenn er nicht erfinderisch ist, nicht zu helfen wissen. Was ist nun die Folge davon? Daß man uns die Beweise dictirt, anstatt sie uns selbst finden zu lassen; daß der Lehrer, anstatt uns denken zu lehren, für uns denkt und nur unser Gedächtniß übt. Zeichnet genaue Figuren, combinirt sie, legt sie auf einander, prüft ihre Verhältnisse. Ihr werdet auf diese Weise, indem ihr stufenweise von Beobachtung zu Beobachtung fortschreitet, die ganze elementare Geometrie entwickeln, ohne daß von Definitionen, Problemen oder einer anderen Beweisform, als der durch einfache Deckung die Rede ist. Ich für mein Theil beanspruche durchaus nicht, Emil die Geometrie zu lehren, er soll vielmehr mich darin unterrichten. Ich werde die Verhältnisse suchen, und er wird sie finden, denn ich werde sie dergestalt suchen, daß ich ihm Gelegenheit gebe, sie zu finden. Anstatt mich z. B. zum Beschreiben eines Kreises eines Zirkels zu bedienen, werde ich ihn mit einem am Ende eines Fadens befestigten Stifte, der sich um einen festen Punkt dreht, zeichnen. Wenn ich darauf Anstalten treffe, die Radien unter einander zu vergleichen, so wird mich Emil verspotten und mir begreiflich machen, daß derselbe fortwährend gleichmäßig gespannte Faden unmöglich ungleiche Abstände vom Mittelpunkt mit seinem Stifte gezeichnet haben kann. Will ich einen Winkel von sechzig Graden messen, so beschreibe ich von seinem Scheitelpunkte aus nicht einen Kreisbogen, sondern einen ganzen Kreis, denn bei Kindern darf man nie etwas stillschweigend voraussetzen. Ich finde nun, daß der zwischen den beiden Schenkeln des Winkels liegende Theil des Kreises genau den sechsten Theil desselben bildet. Hierauf beschreibe ich von dem nämlichen Scheitelpunkte aus einen anderen größeren Kreis und ich finde, daß dieser zweite Kreisbogen wiederum der sechste Theil seines Kreises ist. Ich ziehe einen dritten concentrischen Kreis, an dem ich die gleiche Probe mache, und stelle an immer neuen Kreisen so lange dieselbe Probe an, bis Emil, aufgebracht über meine Beschränktheit, mir klar zu machen sucht, daß jeder zwischen den Schenkeln desselben Winkels liegende Bogen, er sei nun groß oder klein, immer den sechsten Theil des zugehörigen Kreises bilden müsse u. s. w. Damit ist uns sofort die Anwendung des Transporteurs oder Winkelmessers ermöglicht. Um zu beweisen, daß Nebenwinkel zwei Rechte betragen, beschreibt man einen Kreis. Ich richte es im Gegentheil so ein, daß Emil es zuerst im Kreise selbst bemerkt, und darauf sage ich zu ihm: »Wenn man nun den Kreis wegwischte und nur die geraden Linien stehen ließe, würde dadurch in der Größe der Winkel eine Aenderung eintreten?« u. s. w. Man vernachlässigt die Genauigkeit der Figuren, man setzt sie voraus und richtet sein Hauptaugenmerk auf die Beweisführung. Bei uns wird hingegen von Beweisführung niemals die Rede sein; wir werden es für unsere wichtigste Aufgabe halten, recht gerade, recht genaue, recht gleiche Linien zu ziehen, ein vollkommen richtiges Quadrat und einen ganz runden Kreis zu zeichnen. Um die Richtigkeit der Figuren zu prüfen, werden wir sie nach allen ihren wahrnehmbaren Eigenschaften untersuchen, was uns gleichzeitig Gelegenheit geben wird, täglich an ihnen neue zu entdecken. Wir biegen nach dem Durchmesser die beiden Halbkreise und nach der Diagonale die beiden Hälften des Quadrats zusammen; wir vergleichen nun unsere beiden Figuren, um zu sehen, bei welcher sich die Ränder am genauesten decken und die Zeichnung also am richtigsten ist. Daran knüpft sich eine Erörterung der Frage, ob sich auch bei Parallelogrammen, Trapezen u. s. w. diese gleiche Theilung ergeben müsse. Bisweilen werden wir uns bemühen, den Erfolg des Versuches, noch ehe er angestellt ist, im Voraus zu bestimmen, die Gründe dafür aufzufinden u. s. w. Für meinen Zögling ist die Geometrie nur die Kunst, sich des Lineals und Zirkels richtig zu bedienen. Er soll dieselbe nicht etwa mit dem Zeichnen verwechseln, bei welchem er weder das Eine noch das Andere dieser Hilfsmittel anwenden darf. Lineal und Zirkel müssen unter Verschluß gehalten werden, und ich werde ihm den Gebrauch derselben nur selten und auch dann nur auf kurze Zeit gestatten, damit er sich nicht etwa an das Sudeln gewöhnt. Aber wir werden unsere Figuren hin und wieder mit auf einen Spaziergang nehmen und von dem, was wir gemacht haben oder machen wollen, plaudern. Es wird mir unvergeßlich bleiben, wie ich in Turin die Bekanntschaft eines jungen Mannes machte, welchem man in seiner Jugend das Verhältniß des Umfangs zu dem Flächeninhalte dadurch beigebracht hatte, daß man ihm täglich unter Waffelkuchen in allerhand geometrischen Figuren, aber dabei von gleichem Umfange, mit andren Worten unter isoperimetrischen Man nennt solche Figuren isoperimetrisch, die einen gleich großen Umfang haben. Es hat sich herausgestellt, daß unter all diesen Figuren der Kreis die größte Oberfläche enthält. Das Kind hat demnach Waffeln von kreisrunder Gestalt wählen müssen. Anmerkung des Herrn Petitain. Kuchen die Auswahl freigestellt hatte. Das kleine Leckermaul hatte die Kunst des Archimedes erschöpft, um herauszufinden, bei welcher Figur es am meisten zu essen gäbe. Wenn ein Kind mit dem Federballe spielt, so übt es gleichzeitig Auge und Arm und erhöht die Sicherheit und Gewandtheit derselben; peitscht es jedoch einen Kreisel, so nimmt zwar seine Kraft zu, da es von derselben Gebrauch machen muß, aber ohne daß es dabei etwas lernt. Ich habe mehrmals die Frage aufgeworfen, warum man den Kindern nicht dieselben Geschicklichkeitsspiele gestattet, welche die Erwachsenen haben: das Ballspiel, das Laufspiel, das Billard, das Bogenschießen, den Windball, die musikalischen Instrumente. Man hat mir erwidert, daß einige dieser Spiele ihre Kräfte überstiegen, während für die anderen ihre Glieder und Organe noch nicht die nöthige Ausbildung besäßen. Ich vermag diese Gründe nicht als richtig anzuerkennen. Ein Kind hat nicht die Statur eines Erwachsenen und trägt nichts desto weniger fortwährend Kleider, die denselben Schnitt wie die älterer Personen zeigen. Ich will nicht, daß es mit unseren gewöhnlichen Billardstöcken auf einem drei Fuß hohen Billard spiele, ich will nicht, daß es unsere Ballhäuser besuche und seine kleine Hand mit dem Ballnetze des Ballmeisters beschwere; sondern ich wünsche nur, daß es in einem Saale spiele, dessen Fenster man wohl verwahrt hat, und sich anfänglich nur weicher Bälle bediene. Seine ersten Raketten oder Ballnetze sollen von Holz, später von Pergament und zuletzt erst von Darmsaiten sein, welche nach Maßgabe der fortschreitenden Zunahme seiner Kräfte gespannt sind. Ihr zieht den Federball vor, weil er weniger ermüdet und das Spiel mit ihm ungefährlich ist. Ihr habt aber aus zwei Gründen Unrecht. Der Federball ist ein Spiel für Frauen; ihr werdet indeß nicht eine einzige finden, die nicht vor einem auf sie zufliegenden Balle die Flucht ergriffe. Ihre weiße Haut darf keine blaue Flecke erhalten, und ihr Gesicht erwartet etwas anderes als Quetschungen. Können wir aber wol, die wir geschaffen sind, stark zu sein, uns dem Wahne hingeben, daß wir es leicht und mühelos erreichen werden? Und wie sollen wir uns wol die Fähigkeit erwerben, uns ernstlich zu vertheidigen, wenn wir niemals angegriffen werden? Die Spiele, bei welchen man sich, ohne Gefahr zu laufen, ungeschickt benehmen kann, spielt man stets mit einer gewissen Schlaffheit und Trägheit. Ein Federball, welcher herabfällt, thut Niemandem wehe; aber nichts verleiht den Armen eine größere Gelenkigkeit als die Nothwendigkeit, den Kopf zu schützen, nichts schärft den Blick in so hohem Grade als die Nothwendigkeit, die Augen zu behüten. Von einem Ende des Saales zum andern springen, den Flug eines noch die Luft durchschneidenden Balles richtig berechnen und ihn mit starker und sicherer Hand zurückschleudern; solche Spiele sind zwar geeignet, Männer heranzubilden, passen aber später nicht mehr für dieselben. Die Fibern eines Kindes, wendet man dagegen ein, sind noch zu weich. In der That haben sie weniger Schnellkraft, sind aber dafür desto geschmeidiger; ihr Arm ist schwach, aber es ist und bleibt doch immer ein Arm; man muß mit demselben verhältnißmäßig alles das ausrichten können, was man mit jeder anderen ähnlichen Maschine auszurichten vermag. Den Händen der Kinder fehlt freilich noch jegliche Geschicklichkeit, aber gerade aus dem Grunde wünsche ich, daß man sie geschickt mache. Ein Mann, der nur eben so wenig Uebung gehabt hätte wie sie, würde ihnen sicherlich in diesem Punkte nicht überlegen sein. Den richtigen Gebrauch unserer Organe lernen wir erst durch ihre Anwendung kennen. Nur eine lange Erfahrung lehrt uns, aus uns selbst Vortheil zu ziehen, und diese Erfahrung ist das wahre Studium, an das man uns nicht früh genug gewöhnen kann. Alles, was geschieht, ist ausführbar. Nun ist aber nichts gewöhnlicher als der Anblick geschickter und wohlgestalteter Kinder, die an Gewandtheit der Glieder mit jedem Erwachsenen wetteifern können. Fast auf allen Jahrmärkten sieht man solche junge Künstler auftreten, auf den Händen gehen, springen und auf dem Seile tanzen. Wie viele Jahre lang haben nicht Kindertruppen durch ihre Ballettänze Zuschauer in das italienische Schauspiel gezogen! Wer hat in Deutschland und Italien nicht von der Pantomimentruppe des berühmten Nicolini gehört? Hat wol irgend Jemand bei diesen Kindern weniger vollendete Bewegungen, weniger anmuthige Stellungen, ein weniger scharfes Ohr, einen weniger leichten Tanz als bei völlig ausgebildeten Tänzern bemerkt? Mögen auch anfänglich ihre Finger dick, kurz und wenig beweglich, ihre Hände fleischig und zum Anfassen wenig geschickt sein, hindert dies denn etwa, daß manche Kinder in einem Alter, wo andere noch nicht einmal den Bleistift oder die Feder zu halten im Stande sind, schreiben und zeichnen können? Ganz Paris erinnert sich noch der kleinen Engländerin, welche in einem Alter von zehn Jahren wahre Wunderwerke auf dem Klaviere verrichtete. in kleiner siebenjähriger Knabe hat später in derselben Kunst noch Erstaunlicheres geleistet. Im Hause eines höheren Beamten bin ich einst Augen- und Ohrenzeuge gewesen, wie der Sohn desselben, ein kleines achtjähriges Bürschchen, den man beim Dessert wie eine Bildsäule mitten unter die Tafelaufsätze auf den Tisch stellte, auf einer Violine, die fast eben so groß als er selbst war, so ausgezeichnet spielte, daß er selbst Künstler durch die vorgetragenen Stücke in Erstaunen setzte. Alle diese und noch hunderttausend andere Beispiele beweisen, wie mir scheint, daß die Untüchtigkeit, die man bei Kindern für die Leibesübungen der Erwachsenen voraussetzt, nur eingebildet ist, und daß, wenn man sie in einigen durchaus nicht weiter kommen sieht, der Grund lediglich darin liegt, daß man sie nie recht darin geübt hat. Man wird den Einwand machen, daß ich hier hinsichtlich des Körpers in den Fehler der zu frühzeitigen Ausbildung verfalle, den ich hinsichtlich der geistigen Entwicklung der Kinder oben selbst gerügt habe. Es waltet hierbei jedoch ein großer Unterschied ob, denn der eine dieser Fortschritte ist nur scheinbar, der andere ist wirklich. Ich habe nachgewiesen, daß die Kinder den Verstand, den sie zu haben scheinen, nicht besitzen, während sie Alles, was sie zu thun scheinen, auch wirklich thun. Ueberdies muß man dabei immer im Auge behalten, daß dies Alles nichts weiter ist oder sein soll als Spiel, als eine leichte und freiwillige Leitung der Bewegungen, welche die Natur von ihnen verlangt, als eine Kunst, ihnen ihre Vergnügungen durch Abwechselung angenehmer zu machen, ohne daß ihnen je der geringste Zwang den Anschein einer Arbeit verleihe; denn mögen sie sich nun diesem oder jenem Zeitvertreibe hingeben, wo wäre der, aus dem ich nicht am Ende einen Gegenstand der Belehrung für sie machen könnte? Und sollte ich es nicht vermögen, nun, so ist ihr Fortschritt, wofern sie sich nur ohne Nachtheil belustigen und die Zeit vertreiben, augenblicklich in keiner Sache von Wichtigkeit. Sollen sie aber durchaus dies oder jenes lernen, so ist es, möge man es anfangen, wie man will, völlig unmöglich, ohne Zwang, Aerger und Langeweile zum Ziele zu gelangen. Was ich über die beiden Sinne, deren Anwendung am häufigsten und am wichtigsten ist, gesagt habe, kann zugleich als Beispiel für die Uebung der anderen Sinne dienen. Der Gesichts- wie der Tastsinn können eben so wohl auf ruhende wie auf in Bewegung befindliche Körper angewandt werden; da indeß nur eine Erschütterung der Luft einen Eindruck auf den Sinn des Gehörs hervorbringen kann, so vermag auch nur ein Körper, der sich in Bewegung befindet, ein Geräusch oder einen Ton hervorzurufen, und wenn Alles in Ruhe wäre, so würden wir auch nie etwas hören. Des Nachts, wo wir uns nur so viel bewegen, als es uns beliebt, und wo uns nur solche Körper Besorgniß einflößen können, die sich bewegen, ist uns deshalb ein wachsames Ohr sehr vorteilhaft, um aus dem Eindrucke, der auf uns ausgeübt wird, beurtheilen zu können, ob der ihn verursachende Körper groß oder klein, entfernt oder nahe, ob seine Bewegung stark oder schwach ist. Die in Schwingung gerathene Luft findet einen Widerstand, wird zurückgeworfen und bildet dadurch ein Echo, welches den Eindruck wiederholt und uns den schallenden oder klingenden Körper an einem anderen Orte vernehmen läßt als dort, wo er sich wirklich befindet. Wenn man auf einer Ebene oder in einem Thale das Ohr auf den Boden legt, so hört man die Stimme der Menschen und den Tritt der Pferde schon aus weit größerer Entfernung, als wenn man aufrecht stehen bleibt. Wie wir das Gesicht mit dem Gefühl verglichen haben, so ist es gut, es in gleicher Weise mit dem Gehör zu vergleichen und zu untersuchen, welcher von den beiden Eindrücken, vorausgesetzt daß sie beide gleichzeitig von dem nämlichen Körper ausgehen, am frühsten bei seinem Organe anlange. Gewahrt man den Blitz einer Kanone, so kann man dem Schusse noch entgehen, hört man jedoch den Knall, so bleibt dazu keine Zeit mehr übrig, die Kugel ist schon da. Die Entfernung eines Gewitters läßt sich nach der Zeit, die zwischen Blitz und Donner verstreicht, bestimmen. Richtet es so ein, daß das Kind mit allen diesen Erfahrungen vertraut werde; daß es diejenigen, die ihm zugänglich sind, selbst mache und die übrigen durch Folgerungen finde. Es wäre mir jedoch hundertmal lieber, wenn es sie gar nicht kennen würde, als daß ihr sie ihm erst sagen müßtet. Wir haben ein Organ, welches dem Gehöre genau entspricht, nämlich das Sprachorgan; dagegen besitzen wir kein dem Gesichtssinne entsprechendes und sind deshalb nicht im Stande die Farben wie die Töne wiederzugeben. Dadurch ist uns ein weiteres Mittel an die Hand gegeben, den ersteren Sinn auszubilden, indem wir das active und passive Organ sich gegenseitig üben lassen. Wir können beim Menschen dreierlei Stimmen unterscheiden, nämlich die sprechende oder articulirte, die singende oder melodische und die pathetische oder accentuirte, welche den Leidenschaften als Sprache dient und den Gesang und die Rede beseelt. Das Kind besitzt diese dreierlei Stimmen eben so gut wie der Erwachsene, obgleich ihm das Vermögen fehlt, sie in gleicher Weise zu vereinen; es hat, wie wir, das Lachen, das Schreien, die Klage, den Ausruf und das Seufzen, allein es versteht nicht, die Modulationen der beiden anderen Stimmen damit zu verbinden. Diejenige Musik wird die vollkommenste sein, welche diese drei Stimmen am besten vereinigt. Zu solcher Musik sind die Kinder unfähig; ihrem Gesange fehlt es immer an Seele. In gleicher Weise fehlt es ihrer Sprache bei der sprechenden Stimme an dem Accente. Sie schreien, aber accentuiren nicht, und da in ihrer Rede die Betonung zurücktritt, so entbehrt ihre Stimme des Nachdrucks. Unser Zögling wird noch schlichter, noch einfacher reden, weil die Leidenschaften in ihm noch nicht erwacht sind und also auch ihre Stimme nicht mit der seinigen vermischen können. Verlangt deshalb nicht von ihm, daß er Rollen aus Trauerspielen oder Lustspielen vortragen soll, noch unterrichtet ihn im sogenannten Declamiren. Er wird viel zu vernünftig sein, um Dinge, die er nicht verstehen kann, zu betonen, und um danach zu streben, Gefühle, die sich noch nie in ihm geregt haben, zum Ausdruck zu bringen. Haltet ihn an, einfach und deutlich zu reden, richtig zu articuliren, genau und ohne Ziererei auszusprechen, lehrt ihn den grammatikalischen Accent und die Prosodie kennen und befolgen, beständig laut genug sprechen, um verstanden zu werden, aber nie lauter, als durchaus nöthig ist, ein Fehler, der bei den in öffentlichen Anstalten erzogenen Kindern sehr häufig vorkommt: kurz, duldet nach jeder Richtung hin nichts Überflüssiges. Lasset euch ferner angelegen sein, beim Gesange seine Stimme rein, gleichmäßig, geschmeidig und wohlklingend, sein Ohr für Tact und Harmonie empfänglich zu machen, aber auch nicht mehr. Die die Naturlaute nachahmende und theatralische Musik ist für sein Alter noch nicht geeignet; ich wünschte nicht einmal, daß er Worte sänge; wollte er solche durchaus singen, so würde ich mich bemühen, besondere Lieder für ihn zu dichten, die für sein Alter interessant und eben so einfach wie seine Ideen wären. Hatte ich wenig Eile, ihm die Buchstabenschrift lesen zu lehren, so kann man sich wol denken, daß ich mich eben so wenig beeilen werde, ihn in die Kunst, Noten zu lesen, einzuweihen. Wir wollen seinem Gehirne jede allzu mühsame Aufmerksamkeit ersparen und uns nicht beeilen, seinen Geist an conventionelle Zeichen zu fesseln. Ich will einräumen, daß dies mit Schwierigkeit verbunden zu sein scheint; denn wenn die Kenntniß der Noten zum Singen zunächst auch nicht nothwendiger erscheint als die der Buchstaben zum Reden, so ist hierbei doch der Unterschied vorhanden, daß wir beim Reden nur unsere eigenen, beim Singen dagegen nur fremde Ideen zum Ausdruck bringen, und um letztere richtig wiederzugeben, muß man sie doch lesen können. Indeß kann man sie erstens auch hören, anstatt sie zu lesen, und ein Gesang haftet im Ohre noch weit treuer als im Auge. Zum richtigen Verständniß der Musik reicht es ferner nicht aus, dieselbe nur wiederzugeben, man muß auch componiren können; und lernt man beides nicht zu gleicher Zeit, so wird man sie nie gut verstehen. Uebt euren kleinen Musiker zunächst in der Composition ganz regelmäßiger und tactmäßiger Tonsätze, darauf laßt sie ihn durch einen höchst einfachen Uebergang unter einander verbinden und endlich ihre verschiedenen Verhältnisse zu einander durch correcte Eintheilung bezeichnen, was durch die richtige Wahl des Rhythmus und der Pausen geschieht. Vor Allem aber verschont ihn mit gekünstelten, leidenschaftlichen und zu gefühlvollen Gesängen. Stets sei die Melodie einfach und singbar, stets werde sie aus den Haupttönen der betreffenden Tonart gebildet und stets klinge der Grundton derartig hindurch, daß er ihn hindurchzuhören und ohne Mühe zu begleiten vermag, denn um Stimme und Ohr zu bilden, darf er nie ohne Klavierbegleitung singen. Um die Töne besser zu markiren, articulirt man sie bei der Aussprache; daher stammt die Sitte, die Noten beim Singen durch gewisse Silben zu bezeichnen. Um die einzelnen Töne zu unterscheiden, muß man ihnen und ihren Intervallen bestimmte Namen geben; daher die Namen der Intervalle und auch die Buchstaben des Alphabets, mit denen man die Tasten des Klaviers und die Noten der Tonleiter zu bezeichnen pflegt. C und A bezeichnen feste, unveränderliche, stets durch dieselben Tasten hervorgebrachte Töne. Mit ut und la ist es schon anders. Ut ist regelmäßig der Grundton einer Durtonart oder der Mittelton einer Molltonart. La jedoch ist beständig der Grundton einer Molltonart oder die Sexte einer Durtonart. So bezeichnen demnach die Buchstaben die unveränderlichen Grenzen der Verhältnisse unseres musikalischen Systems, während die Silben die homologen Grenzpunkte der ähnlichen Verhältnisse in den verschiedenen Tonarten markiren. Die Buchstaben bezeichnen die Tasten des Klaviers und die Silben die Intervallen der Tonleiter. Die französischen Musiker haben sich sonderbarer Weise an diese strenge Unterscheidung nicht im Geringsten gekehrt; sie haben die Bedeutung der Silben mit der Bedeutung der Buchstaben vermischt und verschmolzen, und indem sie dadurch die Zeichen der Tasten unnützer Weise verdoppelten, haben sie keine übrig gelassen, welche nur zur Bezeichnung der Töne der Tonleiter dienen könnten. So ist es gekommen, daß für sie ut und C stets eins und dasselbe ist; und doch sind es nicht identische Begriffe und dürfen es nicht sein, denn wozu sollte dann C dienen? Auch bereitet ihre Art zu solfeggiren erhebliche Schwierigkeiten, ohne irgend welchen Nutzen zu schaffen oder dem Geiste irgend eine klare Idee zu geben, da nach dieser Methode z.B. die beiden Silben ut und mi eben sowol eine große als auch eine kleine, eine übermäßige oder verminderte Terz bedeuten. Welch seltsamer Unstern trägt wol die Schuld, daß das Land, in welchem man in der ganzen Welt die schönsten Bücher über Musik verfaßt, gerade dasjenige ist, in welchem man sie am schwersten lernt? Laßt uns bei unserm Zöglinge eine einfachere und klarere Methode zur Anwendung bringen. Für ihn sollen nur zwei Tonarten existiren, deren Verhältnisse stets die nämlichen sind und stets durch dieselben Silben bezeichnet werden. Ob er nun singe oder irgend ein Instrument spiele, so soll er seine Tonleiter von jedem der zwölf Töne aus, die ihm als Grundton dienen können, zu bilden verstehen, und ob man nun aus D oder C oder G u.s.w. modulire, so soll, je nach der Tonart, das Finale stets ut oder la sein. Auf diese Weise wird er auch immer verstehen. Die für einen richtigen Gesang und ein richtiges Spiel wesentlichen Verhältnisse der Tonart werden seinem Geiste stets gegenwärtig, sein Vortrag wird richtiger und sein Fortschritt schneller sein. Es gibt nichts Sonderbareres, als was die Franzosen Solmisiren nach der Natur nennen; das heißt weiter nichts als die eigentlichen Begriffe von der Sache trennen, um völlig fremdartige an ihre Stelle zu setzen, die nur zu verwirren im Stande sind. Nichts ist natürlicher, als in Folge einer Transposition zu solmisiren, sobald die Tonart transponirt wird. Aber nun genug über Musik! Unterrichtet euren Zögling in derselben, wie ihr wollt; vorausgesetzt, daß sie ihm nie etwas Anderes als ein Vergnügen sei. Wir sind jetzt bereits über die Beschaffenheit der fremden Körper durch ihre Beziehungen zu dem unsrigen hinreichend unterrichtet; wir kennen ihre Schwere, ihre Gestalt, ihre Farbe, ihre Dichtigkeit, ihre Größe, ihre Entfernung, ihre Temperatur, ihre Ruhe oder Bewegung. Wir sind über diejenigen belehrt, deren Annäherung oder Entfernung uns vorteilhaft ist, so wie über die Art und Weise, die wir beobachten müssen, um ihren Widerstand zu besiegen oder ihnen selbst einen Widerstand entgegenzusetzen, der uns vor ihren schädlichen Einwirkungen bewahrt. Aber das ist freilich noch nicht genug. Unser eigener Körper erschöpft sich unaufhörlich und muß deshalb unaufhörlich wieder erneuert werden. Obgleich wir die Fähigkeit besitzen, fremde Substanzen in unsere eigene Substanz zu verwandeln, so ist die Wahl derselben doch keineswegs gleichgiltig. Nicht Alles eignet sich für den Menschen als Nahrungsmittel, und unter den Stoffen, die dazu tauglich sind, gibt es wieder mehr oder weniger zuträgliche. In wie fern sie das sind, hängt von der Körperbeschaffenheit seines Geschlechts, von dem Klima, das er bewohnt, von seinem besonderen Temperament und der Lebensweise ab, die sein Stand ihm vorschreibt. Wir würden vor Hunger oder an Gift sterben, wenn wir behufs Wahl der uns dienlichen Nahrungsmittel so lange warten müßten, bis uns die Erfahrung sie kennen und wählen gelehrt hätte; aber der Allgütige, welcher das Vergnügen der empfindungsfähigen Wesen zu einem Mittel ihrer Erhaltung gemacht hat, gibt uns dadurch, daß etwas unserm Gaumen zusagt, zugleich zu erkennen, daß es auch unserm Magen zuträglich ist. Im Stande der Natur gibt es für den Menschen keinen zuverlässigeren Arzt als seinen eigenen Appetit; und ich zweifle keinen Augenblick daran, daß, so lange derselbe in seinem ursprünglichen Zustande verharren würde, die wohlschmeckendsten Speisen ihm auch die gesündesten wären. Ja noch mehr. Der Schöpfer der Dinge sorgt nicht allein für die Bedürfnisse, die er uns eingepflanzt hat, sondern auch noch für diejenigen, die wir uns selbst bereiten. Damit unsere Begierde mit dem Bedürfnisse stets Hand in Hand gehe, hat er Fürsorge getroffen, daß zugleich mit unserer Lebensweise auch unser Geschmack wechselt und sich verändert. Je mehr wir uns von dem Naturzustande entfernen, desto mehr verlieren wir unseren natürlichen Geschmack, oder wird vielmehr die Gewohnheit in uns zur zweiten Natur, welche die ursprüngliche so vollständig verdrängt, daß diese Niemand von uns mehr kennt. Hieraus ergibt sich, daß der natürlichste Geschmack auch der einfachste sein muß, denn dieser verwandelt sich am leichtesten, während er bei Ueberreizung und Aufregung durch die Einwirkungen unserer Phantasie eine unveränderliche Form annimmt. Ein Mensch, der nicht immer an der Scholle klebt, wird sich ohne Mühe in die Lebensweise jedes Landes schicken; wer sich aber nur in einem bestimmten Lande einheimisch fühlt, wird sich nie mit den Sitten eines fremden Landes befreunden können. Dies scheint mir in jedem Sinne seine Wahrheit zu haben, vorzüglich aber auf den Geschmack im eigentlichen Sinne des Wortes seine Anwendung zu finden. Milch ist unsere erste Nahrung; nur sehr allmählich gewöhnen wir uns an Speisen von schärferem Geschmacke. Anfänglich flößen sie uns geradezu Widerwillen ein. Obst, Gemüse, Kräuter und endlich auch noch etwas gebratenes Fleisch ohne Gewürz und Salz bildeten die Gastmahle der ersten Menschen. Hor., lib. 1. ep. 2. Trinkt ein Wilder zum ersten Male Wein, so verzieht er sicherlich das Gesicht, und sein Magen vermag ihn nicht zu vertragen; und selbst unter uns wird sich Jeder, dem der Genuß gegohrener Getränke bis zu seinem zwanzigsten Jahre fremd geblieben ist, nie mehr an dieselben gewöhnen können. Keinem von uns würde es in den Sinn kommen, Wein zu trinken, wenn man ihn uns nicht schon in jungen Jahren gegeben hätte. Je einfacher unser Geschmack ist, desto allgemeiner ist er; zusammengesetzte Speisen erregen am häufigsten und am allgemeinsten Widerwillen. Sieht man wol je, daß sich Jemand von Wasser oder Brod angeekelt fühlt? Darin liegt ein unverkennbarer Wink der Natur, darin ist auch uns eine Richtschnur vorgezeichnet. Laßt uns deshalb dem Kinde seinen ursprünglichen Geschmack so lange als möglich erhalten; seine Nahrung sei einfach und natürlich, sein Gaumen gewöhne sich nur an wenig gewürzte Speisen und bilde sich keinen besonderen Geschmack. Ich will hier nicht erst untersuchen, ob diese Lebensart gesunder ist oder nicht; das gehört nicht zu der Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Um ihr den Vorzug zu geben, ist für mich die Ueberzeugung hinreichend, daß sie die naturgemäßeste ist und sich jeder andern am leichtesten anzubequemen vermag. Diejenigen, welche behaupten, man müsse die Kinder an solche Nahrung gewöhnen, welche sie später als Erwachsene genießen werden, gehen meinem Dafürhalten nach von einer falschen Voraussetzung aus. Weshalb soll ihre Nahrung die gleiche sein, während sich in ihrer Lebensweise so große Verschiedenheiten zeigen? Ein von Arbeit, Sorgen und Anstrengungen erschöpfter Mann bedarf nahrhafter Speisen, die seinem Gehirn neuen Lebensgeist zuführen; ein Kind indeß, welches sich nur fröhlich umhertummelt und dessen Körper noch einem steten Wachsthum unterworfen ist, verlangt eine reichliche Nahrung, aus dem es unaufhörlich Nahrungssaft ziehen kann. Außerdem hat der völlig ausgebildete Mann bereits seine Stellung, seinen Beruf, seinen festen Wohnsitz; wer aber will mit Sicherheit voraussehen, was das Schicksal dem Kinde aufgespart hat? Nach keiner Richtung hin dürfen wir Letzterem eine so ausgeprägte Form geben, daß es für dasselbe mit zu großer Mühe verbunden ist, sie nach Bedürfniß zu ändern. Laßt uns nicht die Schuld tragen, daß es in fremden Ländern Hungers sterbe, wenn es nicht in seinem Gefolge überallhin einen französischen Koch mit sich schleppt, oder daß es eines Tages versichere, man verstehe nur in Frankreich zu essen. Beiläufig gesagt, wirklich ein schmeichelhaftes Lob! Ich meinerseits möchte gerade umgekehrt sagen, daß die Franzosen allein nicht zu essen verstehen, da es erst einer ganz besonderen Kunst bedarf, ihnen die Speisen schmackhaft zu machen. Unter unsern verschiedenen Sinneswahrnehmungen berühren uns die, welche sich auf den Geschmack beziehen, im Allgemeinen am unmittelbarsten. Auch muß uns ungleich mehr daran gelegen sein, uns über diejenigen Substanzen, die in unsern eigenen Körper übergehen sollen, ein richtiges Urtheil zu bilden, als über solche, die sich nur in unserer Umgebung befinden. Tausenderlei Dinge sind dem Gefühle, dem Gehöre und dem Gesichte gleichgiltig, während es für den Geschmack fast nichts Gleichgiltiges gibt. Ferner ist die Thätigkeit dieses Sinnes eine rein physische und materielle. Er ist der einzige, welcher die Einbildungskraft niemals erregt, wenigstens derjenige, an dessen Wahrnehmungen sie am wenigsten betheiligt ist. Wie oft findet man dagegen, daß die Nachahmung und die Einbildungskraft den Eindrücken aller übrigen etwas Geistiges beimischen! Auch sind weichliche und wollüstige Herzen, leidenschaftliche und wirklich reizbare Charaktere, die sich durch die übrigen Sinne leicht erregen lassen, gewöhnlich wenig geneigt, diesem zu huldigen. Aber gerade aus dieser Erfahrung, die den Geschmack unter die übrigen Sinne zu stellen scheint und die Neigung, ihm zu fröhnen, so verächtlich macht, möchte ich den Schluß ziehen, daß es sich als das zweckmäßigste Mittel empfiehlt, die Kinder durch die Bedürfnisse ihres Mundes zu leiten und zu regieren. Will man einmal eine äußere Triebfeder in Anwendung bringen, so will ich mich immer noch lieber auf die Leckerhaftigkeit als auf die Eitelkeit stützen, da erstere ein natürlicher Trieb ist, der es nur mit dem Sinne selber zu thun hat, letztere jedoch ein Erzeugniß der Einbildungskraft, welches den Launen der Menschen und jeglichem Mißbrauche unterworfen ist. Leckerhaftigkeit ist die Leidenschaft der Kindheit, die verschwindet, sobald sich andere zeigen; sie vermag keiner Concurrenz gegenüber Stand zu halten. Ja, glaubt es mir, das Kind wird nur zu früh aufhören, an das, was es genießt, zu denken, und wenn sein Herz erst allzu sehr beschäftigt ist, wird ihn sein Gaumen schwerlich noch beschäftigen. Sobald es erwachsen ist, werden tausend stürmische Gefühle die Lebhaftigkeit mit einem Male verscheuchen und erst die Eitelkeit recht anstacheln, denn letztere Leidenschaft zieht allein von allen anderen Gewinn und verschlingt sie endlich alle. Ich habe bisweilen solche Leute, denen gute Bissen über Alles gingen, die schon beim Erwachen an nichts als an die Tafelgenüsse im Laufe des Tages dachten und eine Mahlzeit mit größerer Genauigkeit beschrieben als Polybius ein Gefecht, genau beobachtet und dabei stets gefunden, daß alle diese angeblichen Männer nichts weiter als vierzigjährige Kinder ohne Kraft und Festigkeit waren, fruges consumere nati. Hor., lib. 1. ep. 2. Das Laster der Gefräßigkeit kann nur bei solchen vorkommen, denen aller geistiger Gehalt abgeht. Die Seele des Feinschmeckers ist mit seinem Gaumen identisch, die Schöpfung hat ihn nur zum Essen bestimmt. In seiner beschränkten Unfähigkeit ist er nur bei Tische an seinem Platze; sein Urtheil geht über die Schüsseln nicht hinaus. Gönnen wir ihm diese Rolle im Leben; er führt sie besser durch als eine andere, besser für uns und für sich. Es verräth große Unerfahrenheit, wenn man sich der Besorgniß hingibt, daß die Leckerhaftigkeit bei einem befähigten Kinde einwurzeln könne. In der Kindheit denkt man freilich nur an die Speise, die man ißt, im Jünglingsalter nehmen indeß die Gedanken eine andere Richtung; da sind alle Speisen gleich gut, da ist man von ganz anderen Dingen in Anspruch genommen. Fern liegt mir indeß der Gedanke, daß man eine so niedrige Triebfeder in unverständiger Weise in Anwendung bringen oder zu der Ehre, eine gute Handlung zu vollbringen, durch einen guten Bissen anspornen solle. Da aber einmal die ganze Kindheit nur Scherz und Spiel ist und sein soll, so sehe ich auch nicht ein, weshalb man nicht auf rein körperliche Uebungen einen materiellen und für den Genuß bestimmten Preis setzen dürfte. Wenn ein Knabe auf Majorka im Gipfel eines Baumes einen Korb hängen sieht und ihn mit seiner Schleuder herabwirft, ist es dann nicht mehr als billig, daß er davon einen Vortheil habe, und ihm ein gutes Frühstück die Kraft wieder ersetze, die er zur Erlangung des Korbes hat anwenden müssen? Dieser Gebrauch hat sich bei den Majorkanern schon seit vielen Jahrhunderten verloren; er stammt aus jenen Zeiten, wo sie als Schleuderer im Rufe standen. Wenn sich ein spartanischer Knabe auf die Gefahr hin, hundert Peitschenhiebe zu erhalten, gewandt in eine Küche schleicht, einen lebendigen jungen Fuchs stiehlt, ihn unter seinem Gewände davonträgt, trotzdem er zerkratzt, zerbissen und mit Blut überströmt wird, wenn er sich sogar, um sich nicht der Schande der Entdeckung auszusetzen, die Eingeweide zerreißen läßt, ohne auch nur das Gesicht zu verziehen, ohne einen einzigen Schrei auszustoßen, ist es dann nicht billig, daß er das schwer Erbeutete zu seinem Nutzen verwende und es verzehre, nachdem er von demselben beinahe selbst verzehrt worden ist? Niemals darf eine gute Mahlzeit als eine Belohnung gelten; weshalb sollte sie aber nicht mitunter die Frucht der Mühe sein, der man sich zu ihrer Erlangung hat unterziehen müssen? Emil sieht in dem Kuchen, den ich auf den Stein gelegt habe, nicht eine Belohnung für seinen Schnelllauf; sondern er ist sich nur dessen bewußt, daß das einzige Mittel, den Kuchen zu erhalten, darin besteht, schneller als ein Anderer das Ziel zu erreichen. Dies widerspricht keineswegs den Grundsätzen, die ich vorhin über die Einfachheit der Speisen ausgesprochen habe; denn bei Befriedigung des Appetits der Kinder handelt es sich nicht um Erregung ihrer Sinnlichkeit, sondern um Stillung eines Naturtriebes, und dies läßt sich durch die gewöhnlichsten Mittel von der Welt erzielen, wenn man nicht absichtlich auf die Verwöhnung ihres Gaumens ausgeht. Ihr durch stetes Wachsthum erregter Appetit ist für sie eine sichere Würze, die ihnen viele andere ersetzt. Obst, Milchspeisen, irgend eine Backwaare, die das gewöhnliche Brod an Wohlgeschmack übertrifft, in Verbindung mit der Kunst, dies Alles sparsam zu vertheilen, reichen vollkommen aus, Heere von Kindern bis ans Ende der Welt zu führen, ohne daß man ihnen Geschmack an gaumkitzelnden Speisen einflößt oder Gefahr läuft, ihren Gaumen abzustumpfen. Zu den Beweisen, daß der Geschmack an Fleisch dem Menschen nicht natürlich ist, gehört die Gleichgültigkeit der Kinder gegen alle Fleischspeisen, so wie die Vorliebe, welche sie für vegetabilische Kost, wie Milchspeisen, Gebackenes, Obst u. s. w. an den Tag legen. Es muß nun vor allen Dingen darauf Gewicht gelegt werden, diesen ursprünglichen Geschmack nicht in andere Bahnen zu lenken und die Kinder nicht zu Fleischessern zu machen, denn wenn auch ihre Gesundheit nicht darunter leiden sollte, so wäre es doch mit Rücksicht auf ihre Charakterbildung bedenklich. Denn wie man auch immer diese Erfahrung erklären mag, so steht doch so viel fest, daß die starken Fleischesser im Allgemeinen grausamer und wilder als andere Menschen sind. Die englische Barbarei ist bekannt. Ich weiß sehr wohl, daß die Engländer ihre Humanität und den gutmüthigen Charakter ihrer Nation, die sie good natured people nennen, im hohem Grade rühmen. Aber mögen sie es auch, so viel sie wollen, ausschreien, so findet diese Behauptung doch nirgends einen Wiederhall. Die persischen Feueranbeter, die Gebern, sind dagegen die sanftesten Menschen. Die Banianen, welche sich noch strenger als die Gebern jeglicher Fleischspeise enthalten, sind fast eben so sanft als diese; da indeß ihre Moral weniger rein und ihr Cultus weniger vernünftig ist, so können sie sich mit jenen an Rechtschaffenheit nicht messen. Alle Wilden sind grausam; aber nicht ihre Sitten tragen die Schuld, sondern ihre Grausamkeit ist lediglich die Folge ihrer Nahrungsmittel. Sie ziehen in den Krieg, als ginge es auf die Jagd, und treten gegen die Menschen auf, als hätten sie Bären vor sich. In England dürfen sogar die Schlächter, und selbst die Wundärzte, nicht als Zeugen zugelassen werden. Einer der beiden englischen Uebersetzer dieses Buches hat mir hier einen Irrthum nachgewiesen, und Beide haben ihn verbessert. Schlächter und Wundärzte werden als Zeugen angenommen; aber Erstere werden nicht als Geschworene oder Pairs bei Criminalfällen zugelassen; Letztere dagegen haben auch diese Berechtigung. Große Bösewichter härten sich durch den Genuß von Blut zum Morden ab. Homer schildert die Cyklopen, die Fleischesser waren, als entsetzliche Menschen, die Lotophagen dagegen als ein so liebenswürdiges Volk, daß man, sobald man mit ihnen in Verkehr getreten war, sogar sein eigenes Vaterland vergaß und nur den Wunsch hatte, unter ihnen leben zu können. »Du fragst mich,« sagt Plutarch, »weshalb sich Pythagoras des Genusses der Fleischspeisen enthielt. Aber ich frage dich statt dessen, welchen Muth der erste Mensch besessen haben muß, der Fleisch von einem gemordeten Thiere an seinen Mund brachte, der mit seinen Zähnen die Knochen eines so eben erst gestorbenen Thieres zermalmte, der sich todte Körper, Leichen, zum Genusse vorsetzen ließ und Glieder von Geschöpfen in seinen Magen hinabschlang, die noch einen Augenblick zuvor geblökt, gebrüllt, gesehen hatten und umhergesprungen waren. Wie vermochte seine Hand nur einem empfindenden Wesen ein Eisen in das Herz zu stoßen? Wie waren seine Augen im Stande, den Anblick eines Mordes auszuhalten? Wie konnte er ein armes wehrloses Thier schlachten, abhäuten und zerstückeln sehen? Wie vermochte er den Anblick noch zuckenden Fleisches zu ertragen? Wie war es nur möglich, daß ihm nicht schon der bloße Geruch desselben Uebelkeit erregte? Wie ging es zu, daß er sich nicht angeekelt, zurückgestoßen und von Schauder ergriffen fühlte, wenn er den Schmutz dieser Wunden berührte und sie von dem schwarzen geronnenen Blute, mit dem sie bedeckt waren, reinigte?« »Am Boden wand sich noch die abgestreifte Haut, Beim Feuer brüllt am Spieß das blut'ge Fleisch noch laut; Nicht ohne Schaudern kann der Mensch der Eßlust fröhnen, Denn deutlich hört er noch aus seinem Schooß es stöhnen.« »Ja, das mußte er denken und empfinden, als er zum ersten Male seine Natur überwand, dieses entsetzliche Mahl herzurichten, als ihn zum ersten Male nach einem lebenden Wesen gelüstete, als er sich von einem Thiere, das noch harmlos weidete, zu nähren verlangte, und der Gedanke in ihm aufstieg, wie er das Schaf, das ihm die Hand leckte, erwürgen, zerschneiden und kochen könnte. Ueber diejenigen müssen wir uns gerechter Weise wundern, die mit solchen grausamen Mahlzeiten den Anfang gemacht haben, aber wahrlich nicht über diejenigen, welche sich derselben enthalten; und doch vermöchten erstere ihre Barbarei wenigstens einigermaßen durch Gründe zu entschuldigen, auf welche wir uns nicht mehr stützen können, und gerade deshalb sind wir noch hundertmal größere Barbaren als sie.« »Ihr sterblichen Lieblinge der Götter, würden jene ersten Menschen uns zurufen, vergleichet einmal die Zeiten; erwäget, wie glücklich ihr seid und wie elend wir waren! Die noch jungfräuliche Erde und die mit Dünsten erfüllte Luft entzogen sich noch dem Einflusse der Jahreszeiten; der ungeregelte Lauf der Flüsse durchbrach die Ufer nach allen Richtungen hin; Teiche, Seeen, tiefe Moräste nahmen drei Viertheile der Erdoberfläche ein; das letzte Viertel war mit Gehölz und unfruchtbaren Wäldern bedeckt. Noch brachte die Erde keine wohlschmeckenden Früchte hervor, noch hatten wir keine Ackergeräthschaften und verstanden auch die Kunst nicht, uns ihrer zu bedienen, und keine Erntezeit brach für uns, die wir nicht gesäet hatten, heran. Deshalb wurden wir stets vom Hunger gefoltert. Moos und Baumrinde bildeten im Winter unsere gewöhnliche Speise. Frische Quecken- und Heidekrautwurzeln waren ein Festschmaus für uns, und hatten wir sogar Bucheckern, Nüsse oder Eicheln gefunden, so tanzten wir freudetrunken unter dem Klange unserer rohen Gesänge um eine Eiche oder Buche herum und nannten die Erde unsere Ernährerin und unsere Mutter. Das war unser einziges Fest, das waren unsere einzigen Spiele. Unser ganzes sonstiges Leben war Schmerz, Mühe und Elend.« »Als uns endlich das entblößte und kahle Land gar nichts mehr darbot, wurden wir gezwungen, zu unserer Erhaltung die Natur zu verletzen und die Genossen unseres Elends lieber zu verzehren, als mit ihnen zu Grunde zu gehen. Aber ihr, grausame Menschen, wer zwingt euch Blut zu vergießen? Seht, welch ein Ueberfluß an Gütern euch umgibt! Welche Fülle von Früchten erzeugt die Erde für euch! Welche Reichthümer bieten euch eure Felder und Weinberge dar! Wie viel Thiere ernähren euch mit ihrer Milch und kleiden euch mit ihrer Wolle! Was verlangt ihr noch mehr von ihnen? Welche Wuth treibt euch, trotzdem ihr mit Gütern überschüttet und von einer Ueberfülle von Lebensmitteln umringt seid, so viele Mordthaten zu begehen? Warum klaget ihr eure Mutter lügnerischer Weise an, daß sie euch nicht zu ernähren vermöge? Warum versündiget ihr euch an Ceres, der Erfinderin der heiligen Gesetze, und an dem freundlichen Bacchus, dem Tröster der Menschen? Als ob ihre verschwenderischen Gaben zur Erhaltung des menschlichen Geschlechtes nicht hinreichend wären! Woher nehmet ihr nur das Herz, außer mit ihren süßen Früchten eure Tische auch noch mit den Gebeinen der Thiere zu beladen, und mit der Milch zugleich das Blut der Thiere zu trinken, die sie euch geben? Panther und Löwen, die ihr Raubthiere nennt, folgen gezwungen ihrem Instincte und tödten andere Thiere, um zu leben. Allein ihr, die ihr in Wahrheit hundertmal wilder seid als jene, bekämpfet ohne Noth den Instinct, um euch euren grausamen Lüsten zu überlassen. Die Thiere, welche ihr esset, gehören nicht zu denjenigen, die sich von anderen nähren; ihr verzehret nicht die fleischfressenden Thiere, sondern ahmet ihnen nach. Ihr seid nur nach unschuldigen und sanften Thieren lüstern, die Niemandem ein Leid zufügen, die sich voller Anhänglichkeit an euch schließen, die euch dienen und die ihr dann zum Lohne für ihre Dienste verschlinget.« »O, unnatürlicher Mörder! Wenn du wirklich an der Ueberzeugung hartnäckig festhältst, daß dich die Natur dazu geschaffen habe, Deinesgleichen, Wesen von Fleisch und Bein, voller Empfindung und Leben wie du, zu verzehren: nun, dann ersticke auch das Grauen, daß sie dir vor solchen gräßlichen Mahlzeiten einflößt, tödte die Thiere selber und zwar mit deinen eigenen Händen, ohne Eisen und Messer; zerreiße sie mit deinen Nägeln, wie du es bei den Löwen und Bären siehst; greife den Stier mit deinen Zähnen an und zerfleische ihn; schlage deine Krallen in seine Haut; friß dieses Lamm noch lebendig, verschlinge sein Fleisch, wenn es noch warm ist und trinke seine Seele mit seinem Blute. Du zitterst, du wagst nicht, das noch lebende Fleisch unter deinem Zahne zucken zu fühlen! Erbärmliches Wesen! Erst tödtest du das Thier und dann ißt du es, um es gleichsam zweimal sterben zu lassen! Noch nicht genug! Das todte Fleisch erregt noch deinen Widerwillen, deine Eingeweide können es nicht vertragen. Du mußt es erst durch das Feuer verwandeln, mußt es kochen, braten und mit allerlei Kräutern würzen, die seinen Geschmack verdecken. Du bedarfst erst der Fleischwaarenhändler, der Köche und Garköche, kurz solcher Leute, die dem Getödteten das Schreckenhafte benehmen und die todten Körper so umhüllen, daß der durch diese Zubereitung getäuschte Geschmackssinn das nicht zurückweise, was ihm ungewöhnlich und abstoßend ist und sich mit Vergnügen an Leichnamen labe, deren bloßen Anblick das Auge kaum zu ertragen vermöchte.« Obgleich diese Stelle nicht völlig zu meinem Gegenstande gehört, so habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen können, sie abzuschreiben, und bin ich überzeugt, daß nur wenige Leser es mir nicht Dank wissen werden. Welche Lebensordnung ihr übrigens für eure Kinder auch einführen möget, wobei ich freilich voraussetze, daß ihr sie nur an gewöhnliche und einfache Kost gewöhnt, laßt sie essen, sich umhertummeln und spielen, so viel es ihnen gefällt; dann könnt ihr versichert sein, daß sie niemals zu viel essen und niemals an Verdauungsbeschwerden leiden werden. Laßt ihr sie aber die halbe Zeit hungern und finden sie dann Mittel, sich eurer Wachsamkeit zu entziehen, so werden sie sich aus allen Kräften schadlos zu halten suchen; sie werden essen, bis sie sich den Magen überladen haben, ja bis zum Platzen. Unser Appetit verleitet uns nur deshalb zur Unmäßigkeit, weil wir ihm andere Regeln als die der Natur aufzwingen wollen. Indem wir fortwährend regeln, vorschreiben, hinzufügen oder wegnehmen, thun wir nichts, ohne schon vorher abzuwägen, wie viel unser Magen zu vertragen vermag; aber wir wägen es nach unserer Einbildung und nicht nach den Anforderungen unseres Magens ab. Ich komme immer wieder auf meine Beispiele zurück. Bei den Landleuten stehen der Brodschrank und der Obstgarten immerwährend offen, und doch wissen dort die Kinder eben so wenig wie die Erwachsenen, was ein verdorbener Magen ist. Sollte es jedoch wirklich einmal vorkommen, daß ein Kind zu viel äße, was ich übrigens bei Befolgung meiner Methode geradezu für unmöglich halte, so ist es durch Belustigungen, die seinem Geschmacke zusagen, so leicht zu zerstreuen, daß man es bis zur Erschöpfung hungern lassen könnte, ohne daß es ans Essen dächte. Wie ist es nur möglich, daß so sichere und zugleich so leichte Mittel allen Lehrern entgehen können! Herodot erzählt im 94. Kapitel des ersten Buches, daß die Lydier zur Zeit einer anhaltenden Hungersnoth auf den Einfall gerathen seien, Spiele und anderen Zeitvertreib zu erfinden, bei welchen sie ihren Hunger vergessen und ganze Tage zugebracht hätten, ohne an das Essen zu denken. Die alten Geschichtschreiber enthalten außerordentlich viele Ansichten, von denen man selbst dann Gebrauch machen könnte, wenn die Thatsachen, auf denen sie fußen, falsch sein sollten. Aber leider verstehen wir nicht aus der Geschichte den rechten Vortheil zu ziehen; wir beschäftigen uns zu sehr mit der sogenannten gelehrten Kritik. Wenn man einer Thatsache eine nützliche Lehre entnehmen kann, braucht man auf den Nachweis ihrer Wahrheit doch wahrlich kein zu großes Gewicht zu legen. Verständige Menschen müssen die Geschichte als ein Gewebe von Fabeln betrachten, deren Moral für das menschliche Herz vorzüglich geeignet ist. Eure gelehrten Erzieher haben diese Stelle vielleicht schon hundertmal gelesen, ohne zu begreifen, wie gut sie auf die Kinder angewandt werden kann. Vielleicht wird mir der Eine oder der Andere derselben den Einwand machen, daß kein Kind gern sein Mittagbrod verläßt, um seine Lection zu lernen. Ja, mein bester Lehrer, du hast vollkommen recht: an diese Belustigung hatte ich freilich nicht gedacht. Der Geruchssinn ist für den Geschmack, was das Gesicht für das Gefühl ist. Er kommt ihm zuvor, macht ihn darauf aufmerksam, wie diese oder jene Substanz auf ihn wirken werde und bewegt ihn, dieselbe je nach dem Eindrucke, den er schon im Voraus empfängt, zu suchen oder zu meiden. Ich habe mir erzählen lassen, daß der Geruchssinn der Wilden in ganz anderer Weise als der unserige afficirt werde, und das Urtheil derselben über angenehme und unangenehme Gerüche von dem unserigen wesentlich abweiche. Ich meines Theils bin sehr geneigt, es zu glauben. Die Gerüche an und für sich bringen nur schwache Eindrücke hervor; sie reizen mehr die Einbildungskraft als den Sinn, und afficiren nicht sowol durch das, was sie wirklich gewähren, als vielmehr durch die Erwartung, die sie rege machen. Ist diese Voraussetzung gegründet, so werden auch die Menschen, deren Geschmack in Folge ihrer verschiedenen Lebensweise von dem anderer Menschen abweicht, ebenfalls über die Gerüche, welche den Geschmack ankündigen, ganz entgegengesetzte Urtheile fällen müssen. Ein Tartar muß ein stinkendes Pferdeviertel mit eben so großem Genuß riechen wie einer unserer Jäger ein halbverfaultes Rebhuhn. Rein äußerliche Sinneseindrücke, wie sie z. B. von dem Wohlgeruche eines Blumenbeetes ausgehen, müssen sich solchen Menschen, die viel zu viel laufen, um an dem Spazierengehen noch Freude zu haben, oder solchen, die nicht genug arbeiten, um die Süßigkeit der Ruhe empfinden zu können, kaum bemerkbar machen. Leute, die fortwährend hungrig wären, könnten an Wohlgerüchen, welche keine Speise ankündigten, schwerlich ein großes Vergnügen finden. Der Geruch ist der Sinn der Phantasie; da er den Nerven eine größere Kraft verleiht, so muß er auch das Gehirn lebhaft erregen. Diesem Umstände ist es zuzuschreiben, daß er zwar für einen Augenblick belebt, aber auf die Länge erschöpft. Seine Wirkungen in der Liebe sind allgemein bekannt. Der süße Duft eines Toilettenzimmers ist keine so schwache Schlinge, wie man annimmt, und ich weiß nicht, ob man den weisen Mann, der so wenig empfänglich ist, daß ihm der Geruch der Blumen, die seine Geliebte am Busen trägt, niemals in Wallung brachte, beglückwünschen oder beklagen muß. Der Geruch darf deshalb im ersten Lebensalter, wo die bisher erst von wenigen Leidenschaften belebte Phantasie kaum für eine Erregung empfänglich ist und wo man noch nicht genügende Erfahrung besitzt, um vermittelst des einen Sinnes das voraussehen zu können, was uns ein anderer verspricht, nicht sehr thätig sein. Diese Folgerung hat auch durch die Erfahrung ihre vollständige Bestätigung gefunden; es ist eine anerkannte Thatsache, daß dieser Sinn bei der Mehrzahl der Kinder noch schwach, ja fast völlig stumpf ist. Nicht etwa als ob bei ihnen die Empfindung nicht eben so fein, ja vielleicht noch feiner als bei den Erwachsenen wäre; sondern weil sie aus dem Grunde, daß sie noch keine andere Ideen damit verbinden, weder freudig noch schmerzlich afficirt werden und sich mithin auch nicht wie wir angenehm erregt oder verletzt fühlen können. Ich bin überzeugt, daß man bei strenger Festhaltung dieses Systems nicht erst nöthig hat, zu der vergleichenden Anatomie der beiden Geschlechter seine Zuflucht zu nehmen, um mit Leichtigkeit den Grund aufzufinden, weshalb die Frauen von den Gerüchen im Allgemeinen lebhafter als die Männer afficirt werden. Man behauptet, die Wilden Canadas bilden von ihrer frühesten Jugend auf ihren Geruch bis zu dem Grade von Feinheit aus, daß sie, obgleich sie Hunde besitzen, es unter ihrer Würde halten, sich derselben auf der Jagd zu bedienen, weil sie eine eben so große Spürkraft haben. Es ist mir in der That einleuchtend, daß man, hielte man die Kinder dazu an, ihre Mahlzeit eben so aufzuspüren, wie der Hund das Wild, es vielleicht dahin bringen könnte, ihren Geruch in gleicher Weise zu vervollkommnen; aber im Grunde genommen sehe ich auch nicht ein, welchen in die Augen fallenden Vortheil ihnen dieser Sinn verschaffen könnte, wenn es nicht etwa der wäre, daß er ihnen seine Beziehungen zum Geschmackssinne nachwiese. Die Natur hat schon dafür gesorgt, daß wir uns gezwungen sehen, uns mit diesen Beziehungen vertraut zu machen. Sie hat die Thätigkeit beider Sinne fast unzertrennlich mit einander verbunden, indem sie ihre Organe zu Nachbarn machte und im Munde eine unmittelbare Verbindung beider in der Art herstellte, daß wir nichts schmecken, ohne es gleichzeitig zu riechen. Ich wünschte nur, daß man diese natürlichen Beziehungen nicht aufhöbe, um ein Kind zu hintergehen, indem man es beispielsweise durch ein angenehmes Arom über den schlechten Geschmack einer Arzenei zu täuschen suchte, denn der Zwiespalt zwischen den Eindrücken der beiden Sinne ist viel zu groß, als daß es sich alsdann noch hinter das Licht führen ließe. Da der thätigste Sinn die Wirkung des andern aufhebt, so nimmt es die Arzenei keineswegs mit geringerem Widerwillen. Dieser Widerwille erstreckt sich auch auf alle Eindrücke, welche gleichzeitig auf dasselbe ausgeübt werden. So oft nun der schwächste von ihnen wiederkehrt, ruft ihm seine Phantasie auch die anderen zurück; selbst der angenehmste Duft verwandelt sich nun für ihn in einen widerlichen Geruch, und auf diese Weise vergrößern gerade unsere unüberlegten Vorsichtsmaßregeln die Summen der widerlichen Eindrücke auf Kosten der angenehmen. Es bleibt mir nun noch übrig, in den folgenden Büchern von der Pflege einer Art sechsten Sinnes zu reden, der gewöhnlich der Gemeinsinn (sens commun, sensus communis) genannt wird, weniger wol deshalb, weil er allen Menschen gemeinsam ist, als vielmehr aus dem Grunde, weil er aus dem richtig geordneten Gebrauche der übrigen Sinne entsteht und uns über die Natur der Dinge durch die Gesammtauffassung aller ihrer einzelnen Erscheinungen belehrt. Diesem sechsten Sinne fehlt in Folge dessen ein besonderes Organ, er zeigt sich nur im Gehirne, und die rein innerlichen Wahrnehmungen desselben werden Vorstellungen oder Ideen genannt. Nach der Zahl dieser Ideen läßt sich der Umfang unserer Kenntnisse feststellen. Ihre Deutlichkeit und Klarheit läßt die Schärfe des Verstandes erkennen; die Kunst, sie unter einander zu vergleichen, nennt man die menschliche Vernunft. Folglich besteht das, was ich sensitive oder kindliche Vernunft nenne, in der Bildung einfacher Ideen durch Zusammenfassung mehrerer Eindrücke; während das, was ich intellectuelle oder menschliche Vernunft nenne, in der Bildung zusammengesetzter Ideen durch Zusammenfassung mehrerer einfacher besteht. Setzen wir also voraus, daß meine Methode die der Natur sei und ich mich in ihrer Anwendung nicht geirrt habe, so haben wir unseren Zögling nun durch das Land der sinnlichen Wahrnehmungen bis an die Grenzen der kindlichen Vernunft geführt; der erste Schritt darüber hinaus muß ein Mannesschritt sein. Bevor wir uns jedoch mit diesem neuen Wege beschäftigen, laßt uns noch einen Augenblick auf den zurückschauen, den wir bis hierher zurückgelegt haben. Jedes Alter, jeder Zustand des Lebens hat eine Vollkommenheit, die nur ihm entspricht, eine Art Reife, die nur ihm eigenthümlich ist. Wir haben oft von einem »fertigen« Manne reden hören; aber laßt uns nun auch einmal ein »fertiges« Kind betrachten. Dieses wird uns neuer und vielleicht nicht weniger angenehm sein. Das Dasein aller endlichen Wesen ist so arm und so beschränkt, daß wir, sobald wir nur das, was ist, ins Auge fassen, niemals innerlich bewegt werden. Unsere Phantasie zeigt uns die Gegenstände in einer schöneren Gestalt, als sie in Wirklichkeit haben, und wenn sie dem, was auf uns einwirkt, nicht einen Reiz verleiht, so beschränkt sich das geringe Vergnügen, welches uns daraus bereitet wird, auf das Organ und läßt das Herz dabei fortwährend kalt. Wenn die Erde mit den Schätzen des Herbstes geschmückt ist, breitet sie einen Reichthum vor uns aus, den unser Auge bewundern muß, aber diese Bewunderung vermag uns nicht innerlich zu bewegen, sie hat ihre Quelle mehr in der Reflexion als in dem Gefühl. Im Frühling dagegen, wo das kahle Feld fast noch jedes Schmuckes entbehrt, wo die Wälder noch keinen Schatten darbieten und das Grün erst hervorzusprossen beginnt, wird das Herz beim Anblick der Natur ergriffen. Wenn man sieht, wie die Natur wieder erwacht, fühlt man sich selbst wieder neu belebt. Ein Bild der Freude umgibt uns. Die Begleiterinnen jeglicher Lust, die süßen Thränen, die stets bereit sind, sich mit jedem Wonnegefühle zu vereinen, hängen schon an unsern Wimpern. Mag der Anblick der Weinlese indeß noch so belebt, noch so fröhlich und angenehm sein, so wird man sich ihm doch stets mit trockenem Auge hingeben können. Woher rührt dieser Unterschied? Daher, daß zu dem Anblicke des Frühlings die Phantasie noch den der darauf folgenden Jahreszeiten hinzufügt. Mit den zarten Knospen, welche sich dem Auge darbieten, verbindet sie sofort die Blüten, die Früchte, die Schatten, mitunter auch wol die Geheimnisse, die letztere bedecken. In einem einzigen Momente vereinigt sie Zeiten, die erst auf einander folgen sollen, und steht die Gegenstände weniger, wie sie wirklich sein werden, als wie sie dieselben wünscht, weil es lediglich von ihr abhängt, sie zu wählen. Im Herbste kann man dagegen über das, was vorhanden ist, nicht weiter hinausblicken. Will uns die Phantasie etwa das Bild des Frühlings vorgaukeln, so tritt uns der Winter hemmend entgegen, und die erstarrte Einbildungskraft erstirbt im Schnee und Reif. Deshalb hat es auch für uns einen ungleich größeren Reiz, eine schöne Jugend als die Vollkommenheit des reifen Alters zu betrachten. Wann bereitet uns eigentlich der Anblick eines Menschen ein wirkliches Vergnügen? Dann, wenn die Erinnerung an seine Handlungen sein ganzes Leben an unseren Augen vorüberführt und ihn vor uns gleichsam verjüngt. Sehen wir uns dagegen genöthigt, ihn in dem Zustande zu betrachten, in welchem er gerade ist, oder ihn uns etwa gar so vorzustellen, wie er im Alter sein wird, so vernichtet die Vorstellung seiner sich ihrem Ende zuneigenden Natur unsere ganze Freude. Der Anblick eines Menschen, der schnellen Schrittes seinem Grabe zueilt, vermag keine freudige Erregung in uns hervorzurufen, denn das Bild des Todes gibt Allem einen häßlichen Anstrich. Stelle ich mir nun aber ein zehn- oder zwölfjähriges gesundes, kräftiges und für sein Alter wohlgestaltetes Kind vor, so ruft dasselbe keinen Gedanken in mir wach, der nicht angenehm wäre, gleichviel, ob er auf die Gegenwart oder auf die Zukunft gerichtet ist. Ich sehe es aufbrausend, lebhaft, munter, sorglos, ohne lange und peinliche Voraussicht, nur für die Gegenwart lebend und im Genusse einer Lebensfülle, die auch auf seine ganze Umgebung scheint übergehen zu wollen. Ich stelle es mir dann in einem etwas höheren Lebensalter vor und sehe schon voraus, wie es seine Sinne, seinen Geist und seine Kräfte üben wird, die sich in ihm von Tage zu Tage mehr entfalten und von denen es jeden Augenblick neue Beweise liefert. Ich betrachte es als Kind und es erwirbt sich mein ganzes Wohlgefallen; ich stelle es mir als Mann vor, und mein Wohlgefallen steigert sich noch. Sein heißes Blut scheint mein eigenes wieder zu erwärmen; es kommt mir vor, als ob von seinem Leben neues Leben auf mich überströmte, und sein lebhaftes Wesen macht mich wieder jung. Die Stunde ist abgelaufen, die Glocke schlägt; welche Veränderung! Augenblicklich trübt sich sein Blick, seine Fröhlichkeit verschwindet. Lebe wohl, Freude, lebt wohl, ihr munteren Spiele! Ein ernster und verdrießlich ausschauender Mann ergreift es bei der Hand, sagt zu ihm strenge: »Kommen Sie, junger Herr!« und führt es fort. In dem Zimmer, in welches sie hineintreten, erblicke ich Bücher. Bücher! Welch trauriger Zimmerschmuck für sein Alter! Das arme Kind läßt sich fortschleppen, wirft noch einen schmerzlichen Abschiedsblick auf seine Umgebung, schweigt und geht mit Thränen im Auge, die es nicht zu vergießen wagt und mit einem Herzen voller Seufzer, die es sich furchtsam zurückzuhalten bemüht. O du, der du nichts Aehnliches zu fürchten hast, du, für den keine Zeit des Lebens eine Zeit der Marter und der Langenweile ist, du, der du den Tag ohne Unruhe und die Nacht ohne Ungeduld nahen siehst, und die Stunden nur nach deinen Zerstreuungen zählst, komm, du mein glücklicher, mein liebenswürdiger Zögling, und tröste uns durch deine Gegenwart über den Fortgang jenes Unglücklichen; komm .... er kommt in der That, und bei seinem Nahen empfinde ich eine Regung der Freude, die er augenscheinlich theilt. Es ist ja sein Freund, sein Kamerad, es ist ja der Genosse seiner Spiele, an den er herantritt. Mein Anblick verkündet ihm mit Sicherheit, daß er nicht mehr lange ohne Zeitvertreib sein wird. Niemals hängen wir von einander ab, aber wir fühlen uns beständig in voller Übereinstimmung und sind am liebsten unter uns allein. Seine Gestalt, seine Tracht, seine Haltung verkündigen Sicherheit und Zufriedenheit. Sein Gesicht strotzt von Gesundheit; sein fester Schritt verleiht ihm ein Ansehen von Kraft. Seine Gesichtsfarbe, die bei aller Zartheit doch nichts Kränkliches an sich hat, verräth keine weibische Schlaffheit. Luft und Sonne haben ihr bereits das ehrenvolle Gepräge seines Geschlechts aufgedrückt; seine noch gerundeten Muskeln fangen allmählich an festere Gesichtszüge zu zeigen. Seine Augen, die zwar noch nicht vom Feuer des Gefühls belebt sind, haben wenigstens noch ihre ganze ursprüngliche Heiterkeit; noch hat sie kein langanhaltender Gram verdüstert, noch haben keine endlosen Thränen seine Wangen gefurcht. In seinen schnellen, aber sicheren Bewegungen drückt sich die Lebhaftigkeit seines Alters, seine unerschütterliche Entschlossenheit und seine durch vielfache Hebungen erworbene Erfahrung aus. Trotz seines offenen und freien Wesens ist er weder anmaßend noch eitel. Sein Kopf, den man nicht gezwungen hat, sich fortwährend über Bücher zu bücken, sinkt ihm nicht bis auf die Brust hinab; man braucht ihn nicht beständig zu erinnern: »Hebe den Kopf in die Höhe!« da er ihn weder aus Scham noch aus Furcht je hat senken müssen. Räumen wir ihm einen Platz in der Gesellschaft ein! Prüfen Sie ihn, meine Herren, fragen Sie ihn ohne Scheu. Sie können unbesorgt sein, er wird Sie weder mit Zudringlichkeit, noch mit Schwatzhaftigkeit, noch mit unbescheidenen Fragen belästigen. Fürchten Sie nicht, daß er sich Ihrer bemächtigen und verlangen werde, Sie sollten sich ausschließlich mit ihm allein beschäftigen, und daß sie ihn nicht wieder los werden könnten. Erwarten Sie aber von ihm auch keine schönen Redensarten, oder daß er Ihnen zum Besten gebe, was ich ihm in den Mund gelegt habe; erwarten Sie nur naive und einfache Wahrheit, ohne Ausschmückung, ohne Künstelei, ohne Eitelkeit. Er wird Ihnen das Böse, das er begangen oder gedacht hat, mit demselben Freimuth eingestehen, mit welchem er Ihnen seine guten Handlungen und Gedanken erzählt, ohne sich auch nur im Geringsten um den Eindruck zu kümmern, den seine Mittheilungen auf Sie machen könnten. Er wird in die Worte denselben einfachen Sinn hineinlegen, der ihnen Anfangs beigelegt ist. Man hegt gewöhnlich voll den Kindern eine günstige Meinung und muß es bei den zahllosen Albernheiten, die fast immer die Hoffnungen wieder zerstören, welche man an einige zufällig ihnen entschlüpfte glückliche Gedanken geknüpft hatte, beständig bedauern. Wenn nun mein Zögling selten zu solchen Hoffnungen berechtigt, so wird er dafür auch niemals dieses Bedauern hervorrufen, denn niemals sagt er ein unnützes Wort und erschöpft sich nicht in einem Geschwätz, von dem er doch weiß, daß Niemand darauf hört. Seine Ideen sind beschränkt, aber klar. Weiß er nichts auswendig, so weiß er dafür viel aus Erfahrung; liest er unsere Bücher weniger gut als ein anderes Kind, so versteht er desto besser in dem Buche der Natur zu lesen. Sein Geist liegt nicht auf seiner Zunge, sondern wohnt in seinem Kopfe. Er besitzt weniger Gedächtniß als Urtheilskraft; er spricht nur eine einzige Sprache, versteht aber auch, was er sagt, und wenn er es auch nicht so gut sagt wie Andere, so ist er dafür im Thun gewandter als sie. Er weiß, nicht, was Routine, Herkommen, Gewohnheit ist. Was er gestern gethan, hat keinen Einfluß auf sein heutiges Thun. Der Reiz der Gewohnheit entspringt der dem Menschen angeborenen Trägheit, und diese Trägheit steigert sich, sobald man sich ihr überläßt. Was man schon einmal gethan hat, geht leichter von Statten. Auf gebahntem Wege kommt man schneller vorwärts. Auch kann man bemerken, daß die Herrschaft der Gewohnheit über alte und träge Leute ungemein groß ist, während sie über die Jugend und lebhafte Menschen nur eine geringe Macht ausübt. Nur für schwache Seelen eignet sich diese Herrschaft, die sie noch dazu von Tage zu Tage mehr schwächt. Die einzige Gewohnheit, welche den Kindern nützlich ist, besteht darin, daß sie sich ohne Mühe der Vernunft zu unterwerfen lernen. Jede andere Gewohnheit ist ein offenbarer Fehler. Er folgt nie einer Formel, gestattet weder der Autorität noch dem Beispiele einen Einfluß und handelt und spricht nur nach eigenem Gefallen. Erwartet deshalb von ihm weder eingelernte Reden noch einstudirte Manieren, aber beständig den treuen Ausdruck seiner Ideen und ein Betragen, welches in seinen Neigungen wurzelt. Ihr werdet finden, daß er nur eine geringe Zahl moralischer Begriffe besitzt, die sich auf seinen gegenwärtigen Zustand beziehen, dagegen keine über das gegenseitige Verhältniß der Menschen unter einander; wozu sollten ihm dieselben auch dienen, da ja ein Kind noch kein thätiges Glied der Gesellschaft ist? Redet mit ihm von Freiheit, Eigenthum, sogar von Verträgen, bis dahin geht noch sein Verständniß. Er weiß, weshalb das Seinige ihm gehört, und weshalb das, was nicht das Seinige ist, ihm nicht gehört. Darüber hinaus weiß er aber nichts mehr. Redet zu ihm von Pflicht, von Gehorsam, so weiß er nicht, was ihr damit sagen wollt; befehlt ihm etwas, so wird er euch nicht verstehen. Sagt ihr jedoch zu ihm: »Wenn du mir diesen Gefallen erwiesest, würde ich dir bei passender Gelegenheit Gleiches mit Gleichem vergelten«, so wird er sich sofort beeilen, euerer Aufforderung nachzukommen, denn er kennt keinen höheren Wunsch, als sein Machtgebiet auszudehnen und sich Rechte an euch zu erwerben, die in seinen Augen unverletzlich sind. Vielleicht ist es ihm auch gar nicht unlieb, eine gewisse Stellung einzunehmen, mitgezählt zu werden und etwas zu gelten. Bestimmt ihn indeß dieser letztere Beweggrund in der That, so hat er freilich die Grenzen der Natur bereits überschritten, und ihr habt ihm vorher die Thore der Eitelkeit nicht gut genug versperrt. Bedarf er seinerseits irgend eines Beistandes, so wird er ihn vom ersten Besten, der ihm in den Wurf kommt, erbitten; er würde ihn vom Könige eben so gut wie von seinem Diener verlangen. Noch sind in seinen Augen alle Menschen gleich. An der Form seiner Bitte bemerket ihr sogleich, daß er sich dessen bewußt ist, Niemand habe ihm gegenüber eine Verpflichtung; er weiß, daß die Erfüllung seines Verlangens eine Gefälligkeit ist. Er weiß aber auch, daß die Menschlichkeit zur Bewilligung seiner Bitte drängt. Seine Ausdrücke sind einfach und lakonisch. Seine Stimme, sein Blick, seine Geberden verrathen, daß er sowol an Erhörung als an Verweigerung gewöhnt ist. Es spricht sich in seinem Benehmen weder die kriechende und knechtische Unterwürfigkeit eines Sklaven aus, noch redet er in dem gebieterischen Tone eines Herrn, sondern es prägt sich in ihm ein bescheidenes Zutrauen zu seines Gleichen, die edle und rührende Güte eines freien, aber empfindenden und schwachen Wesens aus, welches den Beistand eines eben so freien, aber starken und wohlwollenden Wesens erbittet. Wenn ihr seine Bitte erfüllt, so wird er euch nicht danken, aber er wird fühlen, daß er in eurer Schuld steht. Schlaget ihr sie ihm ab, so wird er sich nicht beklagen, nicht darauf bestehen, weil er doch weiß, daß dies vergeblich wäre. Er wird nicht zu sich sagen: »Man hat mir meine Bitte verweigert«, sondern er wird sich sagen: »Es konnte nicht sein«, und wie ich schon gesagt habe, man lehnt sich gegen eine Nothwendigkeit, die man einmal als richtig erkannt hat, nicht auf. Laßt ihn in der Freiheit allein; sehet zu, wie er handelt, ohne ihm etwas zu sagen; beobachtet, was er thun und wie er sich dabei benehmen wird. Da er nicht erst den Beweis zu liefern braucht, daß er auch wirklich frei ist, so thut er auch nichts aus bloßem Leichtsinne und nur zu dem Zwecke, einmal einen Act seines freien Willens auszuüben, weiß er es doch sehr wohl, daß er stets sein eigener Herr ist. Er ist munter, gewandt, behend; in seinen Bewegungen drückt sich die ganze Lebhaftigkeit seines Alters aus, aber ihr werdet keine einzige bemerken, welche zwecklos wäre. Was er auch immer thun mag, nie wird er etwas unternehmen, was seine Kräfte überstiege, da er sie erprobt hat und genau kennt. Seine Mittel werden sich stets seinen Zwecken anpassen, und selten wird er handeln, ohne des Erfolgs gewiß zu sein. Sein Auge ist aufmerksam und scharf; er wird nicht rathlos zu den Anderen umherlaufen und sie über Alles, was er erblickt, befragen, sondern er wird es selbst untersuchen und sich, ehe er danach fragt, Mühe geben, das, was er wissen will, selbst zu finden. Geräth er in unvorhergesehene Verlegenheiten, so wird er sich weniger als ein Anderer beunruhigen; ist Gefahr damit verbunden, so wird er ebenfalls weniger erschrecken. Da seine Einbildungskraft noch in Unthätigkeit verharrt, und man nichts gethan hat, dieselbe zu erregen, so sieht er nur, was wirklich vorhanden ist, schätzt die Gefahr richtig und behält immer kaltes Blut. Die Nothwendigkeit hat ihm zu oft ihre Gewalt gezeigt, als daß er noch gegen sie ankämpfen sollte. Er trägt ihr Joch von seiner Geburt an, ist deshalb vollkommen daran gewöhnt und ist stets auf Alles gefaßt. Ob er sich beschäftigt oder belustigt, gilt ihm gleich. Seine Spiele sind seine Beschäftigungen; er kennt zwischen ihnen keinen Unterschied. An Alles, was er unternimmt, geht er mit einem Interesse, welches uns ein Lächeln abnöthigt, und mit einer Freiheit, die uns wohlthuend berührt, da sich uns darin zugleich die Richtung seines Geistes wie der Umfang seiner Kenntnisse kund gibt. Ist nicht der Anblick dieses Alters ein liebliches Schauspiel? Ist es nicht reizend, ein hübsches Kind zu sehen mit lebhaftem und munterem Auge, zufriedener heiterer Miene, offenem lachendem Gesichte, das unter seinen Spielen die ernstesten Sachen verrichtet oder unbedeutende Spielereien mit dem größten Eifer betreibt? Habt ihr Lust, ihn nun auch nach einem Vergleiche mit Anderen zu beurtheilen? Bringet ihn in einen Kreis anderer Kinder und laßt ihn gewähren. Ihr werdet bald sehen, welches das wahrhaft gebildetste ist und sich der Vollkommenheit dieses Alters am meisten nähert. Unter den Stadtkindern ist keines gewandter als er; aber er übertrifft sie Alle an Stärke. Mit den Bauernkindern nimmt er es an Stärke auf, während er ihnen an Gewandtheit überlegen ist. Ueber Alles, was nicht über die kindliche Fassungskraft hinausgeht, schließt, urtheilt und sieht er besser voraus als sie Alle. Gilt es, etwas zu unternehmen, zu laufen, zu springen, schwere Gegenstände aus dem Wege zu schaffen, Massen aufzuheben, Entfernungen zu schätzen, Spiele zu erfinden, Preise davonzutragen, dann gewinnt es fast den Anschein, als ob sich die Natur seinen Befehlen füge, so leicht weiß er Alles seinem Willen zu unterwerfen. Er ist zur Leitung und Führung seiner Spielgefährten wie geschaffen; das dazu nöthige Recht und die Autorität werden bei ihm durch Talent und Erfahrung ersetzt. Gebt ihm jedes beliebige Kleid, jeden beliebigen Namen, darauf kommt wenig an, er wird sich doch überall zum Führer, zum Haupte der Anderen aufwerfen; sie werden stets seine Überlegenheit herausfühlen. Ohne befehlen zu wollen, wird er der Herr sein; und sie werden, ohne sich darüber klar zu werden, gehorchen. Er ist zur Reife der Kindheit gelangt; er hat das Leben eines Kindes gelebt und seine Vollkommenheit nicht auf Kosten seines Glückes erkauft; sie haben sich vielmehr beide mit einander und durch einander entwickelt. Während seine Verstandeskräfte allmählich bis zu dem Grade, der seinem Alter angemessen ist, ausgebildet sind, war er so glücklich und frei, wie seine Lage es gestattete. Sollte die Blüte unserer auf ihn gesetzten Hoffnungen durch die Sichel des Todes dahingerafft werden, so werden wir nicht gleichzeitig sein Leben und seinen Tod zu beweinen haben und unsere Schmerzen nicht noch durch die Erinnerung an diejenigen erhöhen müssen, die wir ihm bereitet haben; wir werden uns sagen können: »Wenigstens hat er seine Jugend genossen; durch unsere Schuld ist ihm nichts von Allem entzogen, was ihm die Natur verliehen hatte.« Diese erste Erziehung führt freilich den großen Uebelstand mit sich, daß nur scharfblickenden Menschen der Vorteil derselben einleuchtend ist, während gewöhnliche Augen in einem mit so großer Sorgfalt erzogenen Kinde nur einen Schlingel erblicken. Ein Lehrer hat sein eigenes Interesse stets mehr im Auge als das seines Schülers. Er läßt es sich angelegen sein, den Nachweis zu führen, daß er seine Zeit nicht verliere, und daß er das Geld, welches man ihm zahlt, wohl verdiene. Die Kenntnisse, welche er ihm beibringt, lassen sich leicht auskramen und, so oft man will, in Parade vorführen; es verschlägt dabei wenig, ob das, was er ihn lehrt, auch nützlich ist, wenn es sich nur leicht bemerkbar macht. Ohne Wahl und Unterschied häuft er hunderterlei Dummheiten in seinem Gedächtnisse auf. Handelt es sich dann um eine Prüfung des Kindes, so läßt man es seine Waare auskramen; es prunkt mit seinem Wissen, man ist zufrieden, und dann packt es seinen Ballen wieder zusammen und geht. So reich ist mein Zögling freilich nicht, er kann keine Waaren zur Schau auslegen, er hat nichts aufzuweisen als sich selbst. Allein ein Kind läßt sich eben so wenig als ein Erwachsener in einem einzigen Augenblicke durchschauen. Wo wären wol die Beobachter, welche die Züge, die es gerade charakterisiren, auf den ersten Blick aufzufassen vermöchten? Es gibt solche, aber nur wenige; und von hunderttausend Vätern gehört vielleicht noch nicht ein einziger in diese Classe. Ein endloses Ab- und Ausfragen ist Jedermann, vorzüglich jedoch den Kindern langweilig und widerwärtig. Schon nach Verlauf weniger Minuten ermattet ihre Aufmerksamkeit, sie hören schließlich gar nicht mehr auf das, wonach ein hartnäckiger Examinator fragt und antworten nur noch auf gut Glück. Diese Art, sie zu prüfen, ist unnütz und pedantisch; oft enthüllt uns ein einziges, ihnen unwillkürlich entschlüpftes Wort ihren Verstand und Geist besser, als es lange Unterredungen thun könnten; indeß muß man darauf Acht geben, daß ihnen dieses Wort nicht blos in den Mund gelegt oder etwas Zufälliges ist. Man muß selbst eine feine Urtheilskraft besitzen, um die eines Kindes richtig schätzen zu können. Ich habe den verstorbenen Lord Hyde erzählen hören, daß einer seiner Freunde, der nach einer Abwesenheit von drei Jahren aus Italien zurückgekehrt war, die Fortschritte seines Sohnes, eines neun- bis zehnjährigen Knaben, prüfen wollte. Eines Abends gehen sie mit demselben und seinem Lehrer auf einem ebenen Felde, auf dem sich Schüler damit belustigen, Papierdrachen steigen zu lassen, spazieren. Plötzlich sagt der Vater ganz beiläufig zum Sohne: »Wo mag wol der Drachen stehen, dessen Schatten wir hier sehen?« Ohne zu stocken, ohne nur den Kopf zu erheben, antwortet das Kind: »Ueber der Landstraße.« Und in der That, setzte Lord Hyde hinzu, befand sich die Landstraße zwischen der Sonne und uns. Auf dieses Wort umarmte der Vater seinen Sohn und ging, indem er damit die Prüfung schloß, ohne ein Wort zu sagen, fort. Am folgenden Morgen schickte er dem Erzieher eine Anweisung auf eine lebenslängliche Pension außer seinem festen Gehalte. Was für ein Mann, dieser Vater! Und zu welchen Hoffnungen berechtigte solch ein Sohn! Der Graf von Gisors, der einzige Sohn des Marschalls von Belle-Isle. Die so eben angeführte Frage ist gewiß dem Alter ganz angemessen, und die Antwort ist sehr einfach, aber man erwäge, welche Klarheit der kindlichen Beurtheilungskraft sie voraussetzt! In ähnlicher Weise bändigte der Zögling des Aristoteles jenes berühmte Pferd, welches kein Bereiter hatte zügeln können. Drittes Buch. Obgleich die ganze Lebensperiode bis zum Eintritt in das Jünglingsalter eine Zeit der Schwäche ist, so gibt es doch während der Dauer dieses ersten Lebensalters einen Zeitpunkt, wo deshalb, weil die Zunahme der Kräfte die der Bedürfnisse überstiegen hat, das heranwachsende Wesen trotz der absoluten Schwäche doch verhältnißmäßig stark ist. Da seine Bedürfnisse noch nicht alle entwickelt sind, so reichen die wirklich vorhandenen Kräfte des Kindes vollkommen aus, um diejenigen zu befriedigen, die es fühlt. Als Mann würde es sehr schwach sein, als Kind ist es sehr stark. Woraus entspringt die Schwäche des Mannes? Aus der Ungleichheit, welche zwischen seiner Kraft und seinen Wünschen vorhanden ist. Unsere Leidenschaften sind es, die uns schwach machen, weil ihre Befriedigung mehr Kräfte erfordern würde, als uns die Natur verliehen hat. In der Verminderung unserer Wünsche würde also eine Erhöhung unserer Kräfte liegen; wer mehr vermag, als er verlangt, hat deren übrig und ist folglich ein sehr starkes Wesen. Dies zeigt sich besonders in der dritten Periode der Kindheit, welche ich jetzt zu behandeln habe. Ich bediene mich noch immer des Ausdrucks Kindheit, weil es keine eigene Bezeichnung für dieselbe gibt, denn obwol sich dieses Alter schon dem Jünglingsalter nähert, ist es doch noch nicht das der Mannbarkeit. Im zwölften oder dreizehnten Jahre entwickeln sich die Kräfte des Kindes ungleich schneller als seine Bedürfnisse. Das heftigste, das schrecklichste Bedürfniß hat sich ihm noch nicht fühlbar gemacht. Selbst das Organ desselben hat noch nicht seine völlige Ausbildung erreicht und scheint, um aus seinem unvollkommenen Zustande hervorzutreten, nur darauf zu warten, daß der Wille es dazu zwingt. Wenig empfindlich gegen die Ungunst des Wetters und der Jahreszeiten, trotzt ihnen das Kind mit Leichtigkeit; seine zunehmende innere Wärme dient ihm als Kleid, sein Appetit als Würze. Jeder Nahrungsstoff ist seinem Alter dienlich. Ist es schläfrig, so legt es sich auf die Erde und schläft. Allenthalben sieht es sich von dem, was ihm nöthig ist, umgeben. Noch quält es kein eingebildetes Bedürfniß; noch richtet es sich nicht nach fremder Meinung. Seine Wünsche reichen nicht weiter als seine Arme. Es ist nicht nur im Stande sich selbst zu genügen, sondern besitzt sogar noch mehr Kräfte, als es bedarf. Dies ist aber auch die einzige Zeit seines Lebens, wo es der Fall sein wird. Ich kann mir schon denken, welchen Einwurf man machen wird. Man wird zwar nicht behaupten, daß das Kind mehr Bedürfnisse habe, als ich ihm beilege, aber man wird läugnen, daß es die Kraft besitze, die ich ihm beimesse. Man wird unbeachtet lassen, daß ich eben von meinem Zöglinge rede und nicht von jenen umherwandelnden Puppen, die keinen größeren Marsch als von einem Zimmer in das andere kennen, die in Blumentöpfen Ackerbau treiben und papierne Lasten mit sich umherschleppen. Man wird mir einwenden, daß sich männliche Kraft auch nur im Mannesalter zeigen könne, daß nur die Lebensgeister, welche in den geeigneten Gefäßen bereitet sind und sich durch den ganzen Körper verbreiten, den Muskeln jene Festigkeit und Thätigkeit, jene Kraft und Elasticität mitzutheilen vermögen, welche die Quelle einer wahren Kraft sind. Das ist indeß nur die Sprache der Stubenphilosophie; ich meinerseits berufe mich auf die Erfahrung. Ich sehe auf euren Landgütern große Jungen das Land bestellen, hacken, pflügen, Weinfässer aufladen, den Wagen lenken, ganz wie ihre Väter. Verriethe sie der Ton ihrer Stimme nicht, so könnte man sie für Männer halten. Sogar in unseren Städten sind junge Arbeiter, wie Grob-, Zeug- und Hufschmiede fast eben so stark als ihre Meister, und würden kaum weniger geschickt sein, wenn man sie bei Zeiten geübt hätte. Wenn es einen Unterschied gibt, und ich räume ein, daß es einen solchen gibt, so ist derselbe, ich wiederhole es, doch weit geringer, als der zwischen den wilden Begierden eines Mannes und den beschränkten Wünschen eines Kindes. Uebrigens ist hier nicht etwa blos von den physischen Kräften die Rede, sondern ganz besonders von der Kraft und Fähigkeit des Geistes, die erstere ersetzt und leitet. Dieser Zeitraum, in welchem das Individuum mehr Kraft entwickelt, als seine Begierden erfordern, ist, wie ich schon gesagt habe, zwar nicht die Zeit seiner größten absoluten Kraft, aber doch die seiner größten relativen Kraft. Er bildet die kostbarste Zeit des Lebens, eine Zeit, die nur einmal erscheint; eine sehr kurze Zeit, und, wie man aus dem Folgenden sehen wird, um so kürzer, je mehr auf eine gute Anwendung derselben ankommt. Was soll mein Emil nun mit diesem Überschusse an Fähigkeiten und Kräften anfangen, der jetzt seine Bedürfnisse übersteigt und ihm im späteren Alter fehlen wird? Er soll sich angelegen sein lassen, ihn zur Erwerbung alles dessen anzuwenden, was ihm dereinst im Augenblicke des Bedürfnisses nützlich sein kann. Er soll gleichsam den Ueberfluß seines gegenwärtigen Zustandes für die Zukunft aufheben. Das kräftige Kind soll Vorräthe für den schwachen Mann anlegen. Aber es soll dieselben nicht etwa Kasten anvertrauen, welche man ihm stehlen kann, noch sie in Scheuern aufspeichern, die ihm nicht gehören. Nein, um sich seinen Erwerb im wahren Sinne zu seinem Eigen zu machen, muß es ihn in seinen Armen, in seinem Kopfe, kurz in sich selbst ansammeln. Das ist demnach die Zeit der Arbeit, des Unterrichts, des Strebens; und lasset dabei nicht außer Acht, daß die Wahl derselben nicht von mir willkürlich getroffen ist, sondern daß die Natur selber sie uns als solche bezeichnet. Die menschliche Fassungskraft hat ihre Grenzen; ein Mensch kann nicht allein nicht Alles wissen, er kann sich nicht einmal das Wenige, was die übrigen Menschen wissen, vollständig aneignen. Da der Gegensatz jeder falschen Behauptung eine Wahrheit ist, so ist die Zahl der Wahrheiten eben so unerschöpflich wie die der Irrthümer. Es kommt folglich darauf an, eben sowol in Bezug auf die Gegenstände, welche den Unterrichtsstoff bilden sollen, wie in Bezug auf die Zeit, welche zum Lernen derselben am geeignetsten ist, eine Wahl zu treffen. Unter den unserer Fassungskraft angemessenen Kenntnissen sind einige falsch, andere unnütz, und wieder andere dienen nur dazu, den Stolz dessen, der sie sich erworben hat, zu nähren. Die kleine Zahl derjenigen, welche in Wahrheit zu unserem Wohlsein beiträgt, verdient allein, daß ein weiser Mann nach ihnen strebt, und folglich muß auch nur zu ihrer Erwerbung ein Kind, welches man zu einem solchen machen will, angehalten werden. Es gilt nicht, Alles, was ist, zu kennen, sondern nur das, was nützlich ist. Von dieser kleinen Anzahl muß man ferner noch diejenigen Wahrheiten in Abzug bringen, deren Verständnis schon einen völlig ausgebildeten Verstand erheischt, sowie diejenigen, welche die Kenntniß der Beziehungen der Menschen unter einander voraussetzen, die ein Kind noch nicht erlangen kann, und endlich diejenigen, welche, so wahr sie auch an und für sich sind, ein unerfahrenes Gemüth veranlassen können, sich über andere Gegenstände ein falsches Urtheil zu bilden. Im Verhältniß zu den Dingen, die überhaupt existiren, sind wir dadurch auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt; aber trotzdem bildet dieser Kreis noch immer ein unermeßliches Feld für die Fähigkeit des kindlichen Geistes. O du Finsterniß des menschlichen Verstandes, welche verwegene Hand wagte deinen Schleier zu berühren? Welche Abgründe sehe ich sich durch unser eiteles Wissen rings um diesen unglücklichen Knaben öffnen! O du, der du ihn auf diesen gefährlichen Pfaden leiten und den heiligen Vorhang der Natur vor seinen Augen hinwegziehen willst, erzittere! Versichere dich zuerst ernstlich seines Kopfes und des deinigen; bleibe in steter Besorgniß, daß er dem Einen oder dem Andern, oder vielleicht auch allen Beiden schwindeln werde. Fürchte den gleißnerischen Reiz der Lüge und die berauschenden Dünste des Stolzes. Sei immer, aber auch immer eingedenk, daß Unwissenheit noch niemals Schaden angerichtet hat, daß einzig und allein der Irrthum verderblich ist, und daß man nicht durch das in Irrthümer verfällt, was man nicht weiß, sondern durch das, was man zu wissen glaubt. Die Fortschritte eures Zöglings in der Geometrie könnten euch als zuverlässiger Prüfstein und Maßstab für die Entwickelung seines Geistes dienen. Sobald er jedoch das Nützliche vom Unnützen zu unterscheiden vermag, so kommt es nun darauf an, ihn unter Aufgebot aller möglichen Behutsamkeit und Kunst in die speculativen Studien einzuführen. Verlangt ihr z.B. von ihm, daß er eine mittlere Proportionale zwischen zwei Linien suche, so stellet es so an, daß ihr ihn zuerst auf den Gedanken bringt, ein Quadrat zu construiren, welches einem gegebenen Rechtecke gleich ist. Wäre ihm die Aufgabe gestellt, zwei mittlere Proportionalen zu finden, so müßte man ihm zuerst die Aufgabe von der Verdoppelung des Kubus recht interessant machen, u.s.w. Beachtet, wie wir uns stufenweise den moralischen Begriffen nähern, welche uns Gutes und Böses unterscheiden lehren. Bis zu diesem Augenblicke haben wir nur das Gesetz der Notwendigkeit gekannt; jetzt wenden wir auch schon dem Nützlichen unsere Aufmerksamkeit zu und bald werden wir auch das Schickliche und Gute in den Kreis unserer Betrachtung ziehen. Ein und derselbe Naturtrieb belebt die verschiedenen Fähigkeiten des Menschen. Der Thätigkeit des Körpers, welcher sich zu entwickeln bemüht ist, reiht sich jetzt die Thätigkeit des Geistes an, der sich zu unterrichten sucht. Anfangs sind die Kinder nur in fortwährender Bewegung, sodann werden sie neugierig, und diese Neugierde ist, sobald sie gut geleitet wird, die Triebfeder in dem Alter, bei welchem wir jetzt angelangt sind. Laßt uns nur stets die der Natur entspringenden Neigungen von denen, die in Vorurtheilen ihre Quelle haben, unterscheiden. Es gibt eine Wißbegierde, die sich nur auf den Wunsch gründet, für gelehrt zu gelten; es gibt indeß auch eine andere, die aus einer dem Menschen angebornen Neugierde entsteht und sich über Alles, was ihn nah oder fern interessiren kann, erstreckt. Die angeborne Sehnsucht nach Wohlsein und die Unmöglichkeit dieselbe völlig zu befriedigen, treiben den Menschen an, unaufhörlich neue Mittel zur Stillung derselben aufzusuchen. Dies ist das erste Princip der Wißbegierde, ein dem menschlichen Herzen natürliches Princip, dessen Entwickelung indeß mit der Entfaltung unserer Leidenschaften und unserer Einsichten stets gleichen Schritt hält. Stellt euch einen Philosophen vor, der mit seinen Instrumenten und Büchern auf eine wüste Insel verbannt ist und mit Sicherheit weiß, daß er daselbst den Rest seiner Tage einsam zubringen muß. Er wird sich schwerlich noch um das Weltsystem, um die Gesetze der Anziehungskraft oder um die Differenzialrechnung kümmern. Vielleicht wird er in seinem ganzen Leben kein einziges Buch wieder aufschlagen; aber nie wird er es unterlassen, seine Insel auch bis auf den letzten Winkel zu durchsuchen, wie groß sie auch immer sein möge. Laßt uns deshalb von unserm ersten Unterrichte solche Kenntnisse fern halten, an denen der Mensch von Natur kein Interesse findet, und uns auf diejenigen beschränken, deren Aneignung uns der Naturtrieb wünschenswerth macht. Für das menschliche Geschlecht kann die Erde als eine solche Insel gelten. Der uns am meisten in die Augen fallende Gegenstand ist die Sonne. Sobald wir aufhören, uns ausschließlich mit uns selbst zu beschäftigen, werden sich unsere ersten Beobachtungen auf Beide richten müssen. In der That hat es auch die Philosophie fast aller wilden Völker lediglich mit imaginären Einteilungen der Erde und mit der Gottheit der Sonne zu thun. Welch ein Sprung! wird man vielleicht sagen. So eben waren wir nur mit dem beschäftigt, was uns berührt, mit dem, was uns unmittelbar umgibt; und auf einmal durchfliegen wir den ganzen Erdkreis und durchmessen das Weltall bis zu seinen äußersten Enden! Dieser Sprung ist die Wirkung der Zunahme unserer Kräfte und der Neigung unseres Geistes. Im Zustande der Schwäche und Ohnmacht concentrirt uns die Sorge der Selbsterhaltung auf uns selbst; im Zustande der Macht und der Stärke drängt uns das Verlangen, uns auszudehnen, aus uns heraus und läßt uns so weit wie möglich davoneilen. Da uns jedoch die intellectuelle Welt noch unbekannt ist, so schweift unser Denken nicht weiter als unsere Augen reichen, und unser Verstand dehnt sich nur mit dem Raume aus, den er durchmißt. Laßt uns unsere sinnlichen Wahrnehmungen in Begriffe verwandeln, laßt uns aber nicht plötzlich von sinnlichen Objecten auf übersinnliche überspringen. Vermittelst der ersteren müssen wir zu den letzteren gelangen. Bei den ersten Functionen des Geistes müssen die Sinne seine Führer sein. Kein anderes Buch als die Welt; kein anderer Unterricht als Thatsachen. Ein Kind, welches liest, denkt nicht, seine ganze Thätigkeit beschränkt sich auf das Lesen; es unterrichtet sich nicht, sondern lernt nur Worte. Lenket die Aufmerksamkeit eures Zöglings auf die Erscheinungen in der Natur, dann werdet ihr ihn bald wißbegierig machen; um jedoch seine Wißbegierde zu nähren, dürft ihr euch nicht beeilen, sie zu befriedigen. Legt ihm seiner Fassungskraft angemessene Fragen vor und laßt ihn selbst die Antwort finden. Sein Wissen darf er nicht eurem Unterrichte zu verdanken haben, sondern es muß das Ergebniß seiner eigenen Beobachtung und Ueberlegung sein; er darf die Wissenschaft nicht lernen, sondern muß sie von Neuem auffinden. Wenn ihr je in seinem Geiste die Autorität an die Stelle der Vernunft setzt, so wird er nie mehr selbst überlegen; er wird sodann lediglich der Spielball fremder Ansichten sein. Ihr beabsichtigt das Kind in der Geographie zu unterrichten und holt ihm zu dem Zwecke einen Globus, Karten des gestirnten Himmels und Atlanten herbei. Was für künstliche Apparate! Wozu denn alle diese bildlichen Darstellungen? Weshalb laßt ihr es nicht euer Erstes sein, ihm den Gegenstand selbst zu zeigen, damit es wenigstens begreife, wovon ihr mit ihm redet! An einem schönen Abende macht man einen Spaziergang nach einem günstig gelegenen Orte, wo es uns der völlig freie Horizont möglich macht, den Untergang der Sonne genau zu beobachten, und merkt sich die Gegenstände, an welchen man den Ort ihres Untergangs wieder aufzufinden vermag. Am folgenden Morgen kehrt man, um sich in der erquickenden Morgenluft zu erfrischen, noch vor Aufgang der Sonne an den nämlichen Ort zurück. Feurige Pfeile, welche sie vor sich her schleudert, verkünden ihr Nahen. Röther und röther flammt der Himmel, der ganze Osten erscheint wie ein einziges Flammenmeer. Bei dieser Glut erwartet man das Tagesgestirn lange, bevor es sich zeigt. Jeden Augenblick glaubt man es auftauchen zu sehen; endlich bietet es sich den Blicken dar. Ein strahlender Punkt bricht blitzartig hervor und erfüllt alsbald den ganzen Raum; der Schleier der Finsterniß erbleicht und senkt sich. Der Mensch erkennt seine Heimat hienieden wieder und findet sie verschönert. Das Grün hat während der Nacht neue Frische erhalten; der anbrechende Tag, der es erhellt, die ersten Strahlen, welche es vergolden, zeigen es mit einem Netze funkelnden Thaues bedeckt, das Licht und Farben zurückstrahlt. Die Vögel versammeln sich in Chören und begrüßen gemeinschaftlich den Vater des Lebens mit ihren Jubelliedern. In diesem Augenblicke schweigt auch nicht ein einziger; ihr noch leises Gezwitscher ist süßer als im Laufe des Tages; die Sehnsucht eines friedlichen Erwachens klingt durch dasselbe hindurch. Diese mannigfaltigen Genüsse bringen auf die Sinne einen Eindruck von Frische hervor, der bis in die Seele zu dringen scheint. Die kurze halbe Stunde, welche das wunderbare Schauspiel währt, übt einen Zauber aus, dem Niemand zu widerstehen vermag: ein so großes, so schönes, so liebliches Schauspiel kann Niemanden kalt lassen. Das Entzücken, welches der Lehrer empfindet, wünscht er nun auch in dem Kinde wach zu rufen; er glaubt, daß es ebenfalls ergriffen werden wird, wenn er es auf die Empfindungen aufmerksam macht, von welchen er selbst bewegt wird. Reine Thorheit! Im Herzen des erfahrenen Mannes liegt das Leben dieses Naturschauspiels; um es recht zu sehen, muß man es empfinden können. Das Kind gewahrt wol die Gegenstände, allein die Beziehungen, in welchen sie zu einander stehen, vermag es nicht aufzufinden, vermag die süße Harmonie ihres Zusammenwirkens nicht aufzufassen. Um den Gesammteindruck zu empfinden, der das Ergebniß aller diesen einzelnen Eindrücke ist, bedarf es einer Erfahrung, die das Kind sich noch nicht erworben, bedarf es Gefühle, die es noch nicht empfunden hat. Hat es noch keine dürre Ebene lange durchwandert, hat noch kein glühender Sand seine Füße verletzt, hat es noch nicht die erstickende Hitze der von den Felsenwänden zurückgeworfenen Sonnenstrahlen darnieder gedrückt: wie soll es dann die erquickende Frische eines schönen Morgens genießen können? Wie soll dann der Wohlgeruch der Blumen, der Zauber des frischen Grüns, der feuchte Duft des Thaues, der weiche und elastische Gang auf einem Rasenteppiche seine Sinne entzücken? Wie vermag der Gesang der Vögel ein Gefühl der Wollust in ihm zu erregen, wenn ihm die Töne der Liebe und der Lust noch unbekannt sind? Wie soll es den Anbruch eines so schönen Tages mit Entzücken willkommen heißen, wenn ihm seine Phantasie noch nicht die Freuden auszumalen vermag, mit denen man ihn ausfüllen kann? Und wie soll es sich endlich von der Schönheit eines Schauspiels der Natur ergriffen fühlen, wenn es die Hand nicht kennt, welche Sorge getragen hat, dieselbe so herrlich zu schmücken. Haltet dem Kinde keine Reden, die ihm unverständlich sind. Fort mit allen Beschreibungen, mit aller äußeren Beredtsamkeit, mit bloßen Redefiguren und poetischem Schmucke! Jetzt handelt es sich noch nicht um Bildung des Gefühls und Geschmacks. Bleibet nach wie vor klar, einfach und kalt. Nur allzu früh wird die Zeit kommen, wo ihr eine andere Sprache führen müßt. Erzogen im Geiste meiner Grundsätze, gewöhnt, alle seine Hilfsmittel in sich selbst zu finden und zu Anderen nicht eher seine Zuflucht zu nehmen, als bis er sein eigenes Unvermögen erkannt hat, wird Emil jeden neuen Gegenstand, den er erblickt, lange prüfen, ohne etwas zu sagen. Er ist an eigenes Denken gewöhnt und nicht geneigt, Anderen mit Fragen lästig zu fallen. Begnügt euch also damit, ihm die Gegenstände im rechten Augenblicke vorzuweisen; erst wenn ihr seine Wißbegierde ausreichend beschäftigt seht, sucht ihn durch irgend eine hingeworfene lakonische Frage auf den rechten Weg zu bringen, sie zu befriedigen. Nachdem ihr nun bei jener Gelegenheit mit ihm den Aufgang der Sonne genau betrachtet, nachdem ihr ihn auf der Ostseite die Berge und die andern benachbarten Gegenstände habt anschauen und darüber ungestört plaudern lassen, so beobachtet, wie Jemand, der in tiefes Nachdenken versunken ist, einige Augenblicke Stillschweigen, und sagt dann zu ihm: »Ich überlege eben, daß gestern Abend die Sonne doch dort drüben untergegangen ist, während sie heute Morgen hier aufgeht. Wie ist das nur möglich?« Weiter fügt jedoch nichts hinzu. Legt er euch Fragen vor, so antwortet gar nicht darauf. Redet von andren Dingen. Ueberlaßt ihn sich selbst und seid versichert, daß er darüber nachdenken wird. Damit ein Kind sich an Aufmerksamkeit gewöhne, und damit es von einer äußerlich wahrnehmbaren Wahrheit tief ergriffen werde, muß ihm letztere einige Tage lang Unruhe bereiten, bevor man es sie finden läßt. Wenn es dieselbe auf die angegebene Weise trotzdem nicht genügend begreift, so gibt es ein Mittel, sie ihm noch in die Augen fallender zu machen, und dieses Mittel besteht darin, die Frage umzukehren. Weiß es nicht, wie die Sonne von ihrem Untergangspunkte zu ihrem Aufgangspunkte gelangt, so weiß es wenigstens, wie sie den Weg von letzterem zu ersterem zurücklegt; schon seine Augen belehren es darüber. Sucht ihm also die erste Frage durch die zweite zu verdeutlichen. Ist euer Zögling nicht völlig schwachsinnig, so kann ihm die Analogie, die ja auf der Hand liegt, unmöglich entgehen. Dies ist seine erste Lection in der Weltkunde. Da wir immer nur langsam von einem sinnlichen Begriffe zum andern fortschreiten und uns stets lange mit jedem einzelnen vertraut machen, bevor wir zu einem andern übergehen, und da wir endlich unsern Zögling nie zur Aufmerksamkeit zwingen, so vergeht von dieser ersten Lection bis zur Kenntniß des Laufes der Sonne und der Gestalt der Erde eine gar lange Zeit. Da aber alle scheinbaren Bewegungen der Himmelskörper von derselben Ursache herrühren, und da die erste Beobachtung zu allen übrigen führt, so ist weniger Anstrengung, obgleich möglicher Weise mehr Zeit erforderlich, um von der täglichen Umdrehung zur Berechnung der Finsternisse zu gelangen, als um die Entstehung von Tag und Nacht zu begreifen. Da sich die Sonne um die Erde bewegt, so beschreibt sie einen Kreis, und jeder Kreis muß, wie wir bereits wissen, einen Mittelpunkt haben. Dieser Mittelpunkt ist freilich nicht sichtbar, weil er sich im Innern der Erde befindet, aber man kann auf der Oberfläche zwei einander entgegengesetzte Punkte bezeichnen, die ihm entsprechen. Ein Stab, der durch diese drei Punkte ginge und nach beiden Richtungen hin bis an den Himmel verlängert wäre, würde die Achse der Welt und der täglichen Bewegung der Sonne veranschaulichen. Ein sich auf seiner Spitze drehender runder Drehwürfel stellt den Himmel dar, wie er sich um seine Achse dreht; die beiden Spitzen des Drehwürfels bilden die Pole. Dem Kinde wird es jedenfalls eine große Freude machen, einen dieser Weltpole kennen zu lernen. Ich zeige ihm denselben im Schwanze des kleinen Bären. Von jetzt an fehlt es uns auch nicht an einem Zeitvertreibe für die Nacht. Nach und nach machen wir uns mit den Sternen vertraut, und hieraus bildet sich die erste Lust, die Planeten kennen zu lernen und die Sternbilder zu beobachten. Wir haben den Sonnenaufgang am Johannistage betrachtet, wir wollen ihn auch zu Weihnachten oder an irgend einem anderen schönen Wintertage sehen, denn, wie bekannt, sind wir nicht träge und machen uns ein Spiel daraus, der Kälte zu trotzen. Ich sorge dafür, daß diese zweite Beobachtung an demselben Orte stattfindet, an welchem wir die erste angestellt haben, und bei nur einigem Geschick in Vorbereitung derselben kann es nicht ausbleiben, daß der Eine oder der Andere ausruft: »Ei, wie seltsam! Die Sonne geht nicht mehr an der nämlichen Stelle auf! Hier sind noch unsere alten Kennzeichen, und jetzt ist sie dort aufgegangen«, u.s.w. Der Ort des Sonnenaufgangs im Sommer ist also von dem im Winter verschieden, u.s.w. – Jetzt, mein junger Lehrer, bist du auf dem richtigen Wege. Diese Beispiele werden ausreichend sein, um dich auf die beste Methode aufmerksam zu machen, die Himmelskunde in richtiger Weise zu lehren, nämlich so, daß du die Kenntniß der Welt aus der Welt selbst und die Kenntniß der Sonne aus der Sonne selbst schöpfest. Halte überhaupt den Grundsatz fest, nie das Zeichen an Stelle der Sache zu setzen, falls es nicht unmöglich ist, sie selbst vorzuweisen; denn das Zeichen beschäftigt die volle Aufmerksamkeit des Kindes und läßt es die durch dasselbe dargestellte Sache gänzlich vergessen. Das Planetarium oder die Armillarsphäre scheint mir ein schlecht construirtes und in ungenauen Verhältnissen ausgeführtes Lehrmittel zu sein. Dieser Wirrwarr von Kreisen und die sonderbaren Figuren, welche man darauf anbringt, verleihen ihm das Ansehen eines Zauberkastens, der den Geist der Kinder abschrecken muß. Die Erde ist zu klein, die Kreise sind zu groß und zu zahlreich; einige derselben, wie die Jahreszeitenkreise, sind vollkommen unnütz. Jeder Kreis ist breiter als die Erde; die Dicke der Pappe gibt ihnen ein Ansehen des Körperlichen, was leicht die falsche Vorstellung hervorrufen kann, als ob sie wirklich vorhandene ringförmige Massen vorstellten; und sagt ihr dem Kinde, daß man sich diese Kreise nur denke, so fehlt ihm das Verständniß für das, was es sieht, und es begreift gar nichts mehr. Wir verstehen nie, uns an die Stelle der Kinder zu versetzen; statt auf ihre Ideen einzugehen, leihen wir ihnen die unsrigen, und indem wir beständig unseren eigenen Schlüssen nachgehen, häufen wir mit all den Reihen von Wahrheiten nur verschrobene Ansichten und Irrthümer in ihrem Kopfe auf. Man streitet sich über die Vorzüge der analytischen oder synthetischen Methode beim Studium der Wissenschaften. Nicht immer hat man aber nöthig, unter ihnen eine Wahl zu treffen. Bisweilen lassen sich bei einer und derselben Untersuchung beide Methoden mit einander verbinden, und man kann ein Kind unter Benutzung der lehrenden Methode anleiten, während es selbst nur zu analysiren meint. Wenn man auf diese Weise Beide gleichzeitig zur Anwendung brächte, würden sie sich gegenseitig als Beweis dienen. Ginge das Kind zu gleicher Zeit von zwei entgegengesetzten Punkten aus, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß es denselben Weg zurücklegte, so würde es beim endlichen Zusammentreffen völlig überrascht werden, und diese Ueberraschung könnte nur sehr angenehm sein. In der Geographie würde ich z.B. von ihren beiden Endpunkten ausgehen und mit dem Studium der Bewegungen der Erdkugel die Lehre von dem Verhältnisse ihrer einzelnen Theile verbinden, wobei ich mit der Heimat den Anfang machte. Während das Kind die Himmelskunde studirt und sich auf diese Weise gleichsam bis in den Himmel versetzt, müßt ihr es auch wieder zur Erde und ihrer Einteilung zurückführen und es zunächst mit seinem Wohnorte bekannt machen. Die beiden ersten geographischen Anhaltspunkte, die es genau kennen lernen muß, werden die Stadt, in welcher es wohnt, und das Landhaus seines Vaters sein; hieran reihen sich die zwischen beiden liegenden Orte, darauf folgen die Flüsse in der Nachbarschaft, endlich der Stand der Sonne und die Art und Weise, sich zu orientiren. Hierin liegt der Vereinigungspunkt. Es muß sich nun selbst eine ganz einfache Karte entwerfen, welche zunächst nichts als jene erwähnten zwei Ausgangspunkte enthält, und denen es nach und nach die übrigen nach der Reihenfolge hinzufügt, wie es ihre Lage und Entfernung erfährt oder selbst abschätzt. Ihr könnt daraus schon sehen, welch einen Vortheil wir ihm bereits früher verschafften, als wir uns sein Augenmaß auszubilden bemühten. Trotz alle dem wird man das Kind ohne Zweifel ein wenig leiten müssen, aber ja nur sehr wenig und vor allen Dingen so, daß es demselben nicht fühlbar wird. Irrt es sich, so laßt es ruhig geschehen, verbessert seine Fehler durchaus nicht; wartet es still ab, bis es im Stande ist, sie selbst einzusehen und wieder gut zu machen, oder richtet es bei günstiger Gelegenheit höchstens so ein, daß es durch dieselben empfindlich berührt werde. Wenn es sich niemals einer Täuschung hingäbe, würde es sicherlich nicht gut auffassen lernen. Uebrigens kommt es durchaus nicht darauf an, daß es mit voller Genauigkeit die Topographie des Landes, sondern darauf, daß es das Mittel kenne, sich über dieselbe zu unterrichten. Es verschlägt wenig, ob es die Karten im Kopfe habe, wenn es nur gründlich versteht, was sie darstellen, und wenn es nur einen deutlichen Begriff von der Kunst hat, sie zu entwerfen. Daran könnt ihr schon den Unterschied zwischen dem Wissen eurer Zöglinge und der Unwissenheit des meinigen bemerken. Jene kennen die Karten, und er entwirft sie. Dadurch gewinnen wir wieder neue Ausschmückungen für sein Zimmer. Bleibet stets eingedenk, daß der Geist meines Unterrichts nicht darin besteht, dem Kinde vielerlei Dinge beizubringen, sondern darin, sich niemals andere als deutliche und klare Begriffe in seinem Kopfe festsetzen zu lassen. Wenn Emil auch gar nichts wüßte, würde es doch wenig verschlagen, vorausgesetzt, daß er sich nicht irrthümlichen Anschauungen hingäbe; und ich suche seinen Geist nur deshalb mit immer neuen Wahrheiten bekannt zu machen, um ihn vor Irrthümern zu bewahren, die sich sonst an ihrer Stelle einnisten würden. Die Entwickelung der Vernunft und Urtheilskraft geht nur langsam vor sich, während sich die Vorurtheile massenhaft herbeidrängen; und gerade vor diesen muß man ihn bewahren. Wenn ihr indeß die Wissenschaft an und für sich ins Auge fasset, so fahret ihr in ein Meer ohne Grund, ohne Ufer und voller Klippen hinaus, aus dem ihr euch nie wieder zurückfinden werdet. Wenn ich einen Menschen sehe, der, voll heißer Liebe zu den Wissenschaften, sich durch den Reiz derselben verführen läßt und, unvermögend sich zu beherrschen, von einer zu der andern eilt: so kommt es mir vor, als sehe ich ein Kind, welches am Meeresufer Muscheln sammelt und sich mit ihnen gleich Anfangs beladet, darauf jedoch, durch den Anblick immer neuer in Versuchung gebracht, einige wieder wegwirft und andere aufhebt, bis es schließlich, von ihrer Menge überbürdet und außer Stande noch eine Wahl zu treffen, alle wegwirft und leer zurückkehrt. Während des ersten Lebensalters verstrich die Zeit langsam; aus Besorgniß, sie übel anzuwenden, gingen wir nur darauf aus, sie zu vertreiben. Jetzt tritt das Gegentheil ein, denn wir haben nicht Zeit genug, um Alles auszuführen, was ersprießlich sein würde. Erwäget, daß die Leidenschaften im Anzuge sind, und daß euer Zögling, sobald sie an die Thüre klopfen, ihnen seine Aufmerksamkeit ausschließlich schenken wird. Das friedliche Alter des erwachenden Verstandes dauert so kurz, vergeht so schnell, muß zu so viel andern notwendigen Dingen ausgenützt werden, daß es geradezu eine Thorheit wäre, zu verlangen, sie solle auch noch hinreichend sein, das Kind gelehrt zu machen. Es kommt weniger darauf an, es in den Wissenschaften zu unterrichten als darauf, ihm Geschmack an denselben einzuflößen und ihm die Methoden beizubringen, sie zu erlernen, sobald sich dieser Geschmack erst mehr entwickelt haben wird. Dies ist sicherlich ein Hauptgrundsatz jeglicher guten Erziehung. Jetzt ist auch die rechte Zeit gekommen, in der man das Kind nach und nach daran gewöhnen muß, einem und demselben Gegenstande eine ununterbrochene Aufmerksamkeit zu schenken; aber diese Aufmerksamkeit darf nie etwa erzwungen werden, sondern muß stets aus eigener Lust und Liebe hervorgehen. Sorgfältig muß man darüber wachen, daß sie dem Kinde nicht zur Last falle oder ihm gar Langeweile verursache. Haltet deshalb beständig das Auge offen, und stehet, was auch immer die Folge davon sein möge, von Allem ab, noch ehe es eine Beute der Langenweile wird; denn es ist durchaus nicht so wichtig, daß es etwas lerne, als vielmehr daß es nichts mit Widerwillen verrichte. Legt euch das Kind Fragen vor, so antwortet nur gerade so viel als nöthig ist, seine Wißbegierde rege zu erhalten, nicht aber sie völlig zu befriedigen. Vorzüglich beobachtet aber augenblicklich die größte Zurückhaltung, wenn ihr wahrnehmt, daß es nicht fragt, um sich zu unterrichten, sondern nur um zu faseln und euch mit albernen Fragen zu belästigen, denn dann steht so viel fest, daß es ihm nicht mehr um die Sache, sondern lediglich darum zu thun ist, euch durch seine Fragen zu tyrannisiren. Man muß dabei weniger die Worte, die es spricht, als vielmehr den Beweggrund beachten, der es zum Sprechen treibt. Diese Warnung, welche bisher weniger nöthig war, wird von der äußersten Wichtigkeit, sobald das Kind selbst zu urtheilen beginnt. Es gibt eine Kette von allgemeinen Wahrheiten, vermittelst welcher alle Wissenschaften von gemeinsamen Principien ausgehen und sich erst nach und nach aus denselben entwickeln. An diese Kette halten sich die Philosophen; um sie handelt es sich jedoch hier nicht. Es gibt indeß noch eine andere, wesentlich von dieser ersteren verschiedene, durch welche jeder einzelne Gegenstand nothwendig einen anderen nach sich zieht und auf den, der ihm folgt, hinweist. Letztere Ordnung nun, welche durch eine ununterbrochene Neugier die Aufmerksamkeit, die alle diese Gegenstände erfordern, wach erhält, ist es, der die meisten Menschen folgen, und die vorzugsweise den Kindern vorteilhaft ist. Damit wir uns beim Entwurfe unserer Karten zu orientiren vermochten, mußten wir Mittagslinien ziehen. Zwei Durchschnittspunkte zwischen den am Morgen und Abend gleich großen Schatten liefern für einen dreizehnjährigen Astronomen eine ausgezeichnete Mittagslinie. Aber diese Mittagslinien verwischen sich immer wieder; es erfordert Zeit, sie stets von Neuem zu ziehen. Sie nöthigen uns dazu, beständig an dem nämlichen Orte zu arbeiten. So viel Mühe, so viel Zwang müßten dem Kinde endlich langweilig werden. Wir haben es vorausgesehen und treffen deswegen schon im Voraus Vorkehrungen. Da habe ich mich wiederum auf weitschweifige und kleinliche Einzelheiten eingelassen. Ich höre, lieber Leser, schon dein Murren, allein ich trotze ihm. Ich kann es nicht über mich gewinnen, deiner Ungeduld den nützlichsten Theil dieses Buches zum Opfer zu bringen. Fasse deinen Entschluß, wie du dich meiner Weitschweifigkeit gegenüber zu verhalten gedenkst, denn was mich anlangt, so habe ich den meinigen hinsichtlich deiner Klagen schon gefaßt. Bereits seit langer Zeit hatten wir, mein Zögling und ich, die Wahrnehmung gemacht, daß Bernstein, Glas, Siegellack und verschiedene andere Körper, sobald sie gerieben werden, Strohhalme anziehen, während anderen diese Eigenschaft fehlt. Zufällig finden wir einen, dem eine noch merkwürdigere Kraft inne wohnt, nämlich die, in einiger Entfernung, und noch dazu ohne erst gerieben zu werden, Eisenfeilspäne und andere Eisenstückchen anzuziehen. Wie lange gewährt uns diese Eigenschaft Zeitvertreib, ohne daß wir irgend etwas Weiteres darin erblicken. Endlich entdecken wir aber auch, daß sie sich dem Eisen selbst mittheilt, wenn es in einer bestimmten Richtung mit einem Magnete gestrichen wird. Eines Tages besuchen wir den Jahrmarkt Ich habe mich des Lachens nicht enthalten können, als ich des Herrn Formey feine Kritik über diese kleine Erzählung las. »Dieser Taschenspieler,« sagt er, »der die Nacheiferung eines Kindes übelnimmt und seinem Lehrer deshalb in allem Ernste Vorwürfe macht, ist ein Geschöpf aus der Welt des Emil.« Der geistreiche Herr Formey hat sich nicht vorstellen können, daß diese kleine Scene abgekartet und der Taschenspieler über die Rolle, die er zu spielen hatte, unterrichtet war; denn das hatte ich allerdings nicht ausdrücklich hinzugesetzt. Aber wie oft habe ich dagegen nicht schon erklärt, daß ich nicht für Leute schreibe, denen man Alles sagen muß! Ein Taschenspieler zieht mit einem Stückchen Brod eine Ente von Wachs an, welche auf einem Wasserbecken schwimmt. Trotz unserer großen Ueberraschung glauben wir doch nicht, daß wir es mit einem Hexenmeister zu thun haben, denn wir wissen gar nicht, was ein Hexenmeister ist. Da uns schon oft Wirkungen, deren Ursachen wir nicht kennen, Verwunderung abgenöthigt haben, so übereilen wir uns nicht, ein Urtheil zu fällen, sondern bleiben ruhig in unserer Unwissenheit, bis sich uns eine Gelegenheit darbietet, von derselben frei zu werden. Nach Hause zurückgekehrt, verfallen wir, da sich das Gespräch immer wieder von Neuem um die Ente auf dem Jahrmärkte dreht, endlich auf den Gedanken, das Kunststück nachzumachen. Wir nehmen eine taugliche Nadel, die stark magnetisch ist und umhüllen sie mit weißem Wachs, dem wir, so gut wir es vermögen, die Gestalt einer Ente zu geben suchen, so daß die Nadel durch die ganze Länge des Körpers geht und die Spitze den Schnabel bildet. Nun setzen wir die Ente auf das Wasser, halten einen Schlüsselring in einiger Entfernung von dem Schnabel, und sehen mit leicht begreiflicher Freude, daß unsere Ente dem Schlüssel gerade eben so folgt, wie die auf dem Jahrmarkte dem Stücke Brod folgte. Nach welcher Richtung hin die Ente auf dem Wasser Halt macht, wenn man sie in Ruhe läßt, das zu beobachten wird sich ein anderes Mal Gelegenheit darbieten. Da wir augenblicklich mit unserem Gegenstande vollauf beschäftigt sind, verlangen wir nichts weiter. Noch an dem nämlichen Abende kehren wir mit einem Stücke gut präparirten Brodes in der Tasche auf den Jahrmarkt zurück, und sobald der Taschenspieler sein Kunststück gemacht hat, sagt mein kleiner Gelehrter, der kaum noch an sich zu halten vermag, zu ihm, daß dies Kunststück nicht schwierig sei und er es eben so gut machen könne. Er wird beim Worte genommen. Sofort zieht er das Brod, in welchem das Stückchen Eisen verborgen ist, aus der Tasche. Während er sich dem Tische nähert, klopft ihm das Herz. Fast zitternd hält er der Ente das Brod hin; sie kommt und folgt ihm. Das Kind jauchzt vor Wonne auf und hüpft vor Freude. Bei dem Händeklatschen und den Beifallsäußerungen der versammelten Menge schwindelt ihm den Kopf; es ist außer sich. So betroffen der Gaukler auch scheint, so nähert sich ihm derselbe doch, um es zu umarmen und zu beglückwünschen. Er bittet es, ihn auch am folgenden Tage mit seiner Gegenwart zu beehren, indem er hinzufügt, er werde dafür Sorge tragen, eine noch größere Menschenmenge um sich zu versammeln, um seiner Geschicklichkeit Beifall zu spenden. Mein kleiner Naturforscher, dessen Stolz erwacht ist, macht Miene, sein Geheimniß auszuplaudern; aber augenblicklich verschließe ich ihm den Mund und führe ihn, von Lobsprüchen überhäuft, hinweg. Das Kind zählt mit lächerlicher Ungeduld die Minuten bis zum nächsten Tage. Alle, die ihm begegnen, ladet es ein. Es wünschte, die ganze Menschheit könnte Zeuge seines Ruhmes sein. Es kann kaum die Stunde erwarten und möchte die Uhr vorstellen. Wir fliegen förmlich nach dem Orte des Zusammentreffens; der Saal ist bereits gefüllt. Beim Eintreten zieht Freude in sein junges Herz ein. Andere Taschenspielerkunststücke sollen vorhergehen; der Künstler übertrifft sich selbst und macht wahrhaft überraschende Dinge. Das Kind steht von allem dem nichts. Es ist in fortwährender Unruhe, schwitzt und vermag kaum zu athmen. Es vertreibt sich die Zeit damit, sein Stückchen Brod in der Tasche mit vor Ungeduld zitternder Hand unaufhörlich zu betasten. Endlich kommt sein Kunststück an die Reihe, und mit einer gewissen Feierlichkeit kündigt es der Künstler dem Publicum an. Etwas verlegen tritt Emil hervor und zieht sein Brod heraus. .... Doch welch ein Wechsel der menschlichen Dinge! Die gestern so zahme Ente ist heute völlig wild geworden. Anstatt den Schnabel dem Brode zuzukehren, dreht sie ihm den Schwanz zu und entflieht. Sie weicht dem Brode und der Hand, die es darbietet, mit derselben Sorgfalt aus, mit der sie ihnen zuvor gefolgt war. Nach tausend vergeblichen und regelmäßig belachten Versuchen fängt das Kind sich zu beschweren an, klagt, man suche es zu täuschen, man habe der ersten Ente eine andere untergeschoben; und richtet an den Taschenspieler die Aufforderung, diese an sich zu locken. Ohne ein Wort zu erwidern, nimmt der Taschenspieler ein Stück Brod und hält es der Ente hin. Augenblicklich folgt die Ente dem Brode und schwimmt hinter der Hand her, die es zurückzieht. Jetzt nimmt das Kind dasselbe Stück Brod, aber weit entfernt zu einem besseren Resultate als zuvor zu gelangen, muß es vielmehr mit ansehen, wie die Ente seiner gleichsam spottet und rings um den Rand des Beckens flieht. Ganz verlegen entfernt es sich endlich und wagt sich dem Gelächter nicht länger auszusetzen. Jetzt nimmt der Taschenspieler das Stück Brod, welches das Kind mitgebracht hatte, und gelangt durch dasselbe zu dem nämlichen Resultate wie durch das seinige. Vor Aller Augen zieht er sogar das Eisen hervor; ein neues Gelächter auf unsere Kosten! Darauf zieht er sogar die Ente mit dem bloßen Brode eben so gut wie zuvor an. Dieselben Dienste leistet ihm ein in Aller Gegenwart von dritter Hand abgeschnittenes Stück Brod, ja selbst sein Handschuh und seine Fingerspitze. Endlich tritt er mitten in das Zimmer und kündigt in jenem feierlichen Tone, wie er dergleichen Leuten eigen zu sein pflegt, an, daß die Ente seiner Stimme eben so gut wie seinen Bewegungen gehorchen werde. Er redet sie an und die Ente ist folgsam; er befiehlt ihr nach rechts zu schwimmen, und sie schwimmt nach rechts, zurückzukommen, und sie kommt zurück, sich umzudrehen, und sie dreht sich um. Befehl und Ausführung der Bewegung sind eins. Der erhöhte Beifall erhöht nur unsere Beschämung. Unbemerkt schleichen wir uns fort und schließen uns in unser Zimmer ein, ohne aller Welt, wie wir uns doch vorgenommen hatten, unsern Erfolg auszuposaunen. Am nächsten Morgen klopft es an unsere Thür. Ich öffne, und der Taschenspieler steht vor mir. In bescheidenen Worten beschwert er sich über unser Benehmen. Was hätte er uns gethan, das uns hätte Veranlassung geben können, seine Kunststücke herabzusetzen und ihn dadurch möglicher Weise um seinen Broderwerb zu bringen? Welche große Merkwürdigkeit läge denn in der Kunst, eine Ente von Wachs anzuziehen, um diese Ehre auf Kosten des Unterhalts eines ehrlichen Mannes erkaufen zu wollen. »Fürwahr, meine Herren, hätte ich irgend etwas Anderes gelernt, um mir dadurch meinen Lebensunterhalt zu verdienen, so würde ich meinen Ruhm schwerlich in dieser Kunst suchen. Sie konnten sich doch leicht vorstellen, daß ein Mann, der sein ganzes Leben damit zugebracht hat, sich in diesem elenden Gewerbe zu üben, etwas mehr davon verstehen muß als Sie, die Sie sich verhältnißmäßig nur wenige Zeit damit beschäftigen. Wenn ich Ihnen meine Meisterstücke nicht sofort von Anfang an gezeigt habe, so liegt der Grund einfach darin, weil man sich nicht beeilen muß, unbesonnener Weise gleich Alles, was man weiß, aufzutischen. Stets trage ich Sorge, meine besten Kunststücke für eine besondere Gelegenheit aufzusparen, und außer diesen hebe ich noch immer einige andere auf, um der vorwitzigen Jugend damit entgegentreten zu können. Uebrigens, meine Herren, will ich Sie mit dem Geheimnisse, welches Sie in so große Verlegenheit setzte, herzlich gern bekannt machen, muß Sie indeß bitten, es nicht zu meinem Nachtheile zu mißbrauchen und ein anderes Mal zurückhaltender zu sein.« Darauf zeigt er uns seine Maschine, und wir gewahren zu unserer äußersten Ueberraschung, daß sie nur aus einem starken und gut armirten Magnet besteht, welchen ein unter dem Tische verborgenes Kind unbemerkt hin und her bewegte. Der Mann steckt seine Maschine wieder ein, und nachdem wir ihm unsern Dank und unsere Entschuldigungen ausgesprochen haben, wollen wir ihm ein Geschenk einhändigen. Er lehnt es ab. »Nein, meine Herren, Sie haben sich mir gegenüber nicht so tadelfrei gezeigt, daß ich Geschenke von Ihnen annehmen könnte. Sie sollen sich mir wider Ihren Willen verpflichtet fühlen; das sei meine einzige Rache. Mögen Sie daraus lernen, daß es in allen Ständen Edelmuth gibt. Ich lasse mir wol meine Kunststücke bezahlen, nicht aber die Lectionen, die ich ertheile.« Beim Weggehen wendet er sich noch direct an mich und ertheilt mir ganz laut einen Verweis. »Gern,« sagt er, »will ich dieses Kind entschuldigen; es hat nur aus Unwissenheit gefehlt. Sie jedoch, mein Herr, der Sie seinen Fehler einsehen mußten, weshalb haben Sie ihn denselben begehen lassen. Da Sie zusammen leben, so liegt Ihnen, als dem Aelteren, die Pflicht ob, ihm mit Rath und That zur Seite zu stehen. Ihre Erfahrung muß ihm als Autorität gelten, so daß es sich durch dieselbe leiten läßt. Sollte es sich dereinst, wenn es erwachsen ist, über seine Jugendfehler Vorwürfe machen, so wird es unzweifelhaft die Schuld derer, auf welche Sie es nicht aufmerksam gemacht haben, Ihnen zuschieben.« Habe ich wol einen Leser voraussetzen dürfen, der so beschränkt wäre, bei dieser Unterredung nicht zwischen den Zeilen herauszulesen, daß der Erzieher selbst ihm diesen Verweis Wort für Wort und in ganz bestimmter Absicht vorgeschrieben hatte? Hat man Ursache mich für so beschränkt zu halten, daß ich im Stande wäre, einem Taschenspieler diese Sprache als die ihm natürliche in den Mund zu legen? Ich glaubte den Beweis geliefert zu haben, daß mir wenigstens das doch ziemlich dürftige Talent nicht abgeht, die Leute in dem Geiste ihres Standes reden zu lassen. Man vergleiche noch das Ende des folgenden Abschnittes. Hieß dies nicht für jeden Andern als Herrn Formey Alles sagen? Er geht und läßt uns Beide in größter Bestürzung zurück. Ich tadle mich meiner weichlichen Nachgibigkeit willen, ich gelobe dem Kinde, dieselbe ein anderes Mal seinem Besten zum Opfer bringen zu wollen und es vor seinen Fehlern zu warnen, bevor es dieselben begehe. Denn nun nähert sich die Zeit, wo in unseren gegenseitigen Verhältnissen eine Aenderung eintreten und der Ernst des Lehrers an die Stelle der kameradschaftlichen Nachgibigkeit treten muß. Diese Veränderung darf nur stufenweise vor sich gehen. Alles muß man voraussehen, und zwar schon aus weiter Ferne voraussehen. Am nächsten Tage begeben wir uns abermals auf den Jahrmarkt, um uns das Kunststück, dessen Geheimniß wir erfahren haben, noch einmal anzusehen. Mit tiefer Ehrfurcht nähern wir uns dem Sokrates der Taschenspieler; kaum wagen wir die Augen zu ihm aufzuschlagen. Er überhäuft uns jedoch mit Artigkeiten und weist uns unsern Platz in so auszeichnender Weise an, daß wir uns nur noch mehr gedemüthigt fühlen. Darauf macht er seine Kunststücke wie gewöhnlich, nur verweilt er mit offenbarem Vergnügen bei der Ente, wobei er uns öfter mit ziemlich stolzer Miene anblickt. Wir wissen Alles, verrathen uns aber auch nicht durch das leiseste Zeichen. Wenn mein Zögling auch nur den Mund zu öffnen wagte, so wäre er werth, vernichtet zu werden. Alle Einzelheiten dieses Beispiels sind von ungleich höherer Wichtigkeit, als es den Anschein haben möchte. Wie viel Lehren sind in dieser einzigen enthalten! Welche demüthigenden Folgen zieht die erste Regung der Eitelkeit nach sich! Junger Lehrer, sorge dafür, daß dir diese erste Regung nicht entgeht! Verstehst du es so einzurichten, daß für deinen Zögling daraus gleichfalls Demüthigungen und Unannehmlichkeiten hervorgehen müssen, Diese Demüthigungen und Unannehmlichkeiten sind also von mir und nicht von dem Taschenspieler ausgegangen. Da Herr Formey sich noch bei meinen Lebzeiten meines Buches bemächtigen und es drucken lassen wollte, wobei er ohne Weiteres meinen Namen wegnahm und den seinigen an dessen Stelle setzte, so hätte er sich doch wenigstens die Mühe nehmen sollen, ich will nicht gerade sagen es selbst zu verfassen, aber doch es zu lesen. dann kannst du versichert sein, daß sobald keine zweite folgen wird. »Aber was für künstliche Vorkehrungen!« wird man einwenden. Ich räume es ein, und dies Alles nur – um uns eine Boussole zu verschaffen, die uns die Mittagslinie vertreten kann. Nachdem wir uns davon überzeugt haben, daß der Magnet auch durch andere Körper hindurchwirkt, haben wir nichts Eiligeres zu thun, als eine Maschine zu construiren, die der, welche wir gesehen haben, ähnlich ist: einen ausgeschnittenen Tisch, ein in die Höhlung passendes ganz flaches Becken, welches einige Linien hoch mit Wasser gefüllt ist, eine mit etwas größerer Sorgfalt gearbeitete Ente u.s.w. Nachdem wir den Bewegungen derselben rings um das Becken oft unsere Aufmerksamkeit geschenkt haben, machen wir endlich auch die auffallende Beobachtung, daß die Ente, sobald sie sich in Ruhe befindet, fast immer nach der nämlichen Richtung schaut. Diese Beobachtung beschäftigt unser Nachdenken, wir untersuchen die erwähnte Richtung und kommen zu dem Ergebniß, daß sie von Süden nach Norden geht. Mehr bedarf es nicht; unser Kompaß ist gefunden oder doch so gut wie gefunden. Damit haben wir uns den Weg zur Physik gebahnt. Es gibt auf der Erde verschiedene Himmelsstriche und in denselben wieder verschiedene Temperaturen. Je mehr wir uns dem Pole nähern, desto auffallender wird uns der Wechsel der Jahreszeiten. Alle Körper ziehen sich in der Kälte zusammen und dehnen sich in der Wärme aus. Diese Wirkung läßt sich an Flüssigkeiten am besten messen und fällt bei Spirituosen am meisten in die Augen. Dieser Erscheinung hat der Thermometer seine Entstehung zu verdanken. Der Wind trifft das Gesicht: die Luft ist folglich ein Körper, ein Fluidum; man fühlt sie, obgleich man kein Mittel besitzt, sie dem Auge sichtbar zu machen. Stellt man ein umgedrehtes Glas ins Wasser, so wird es das Wasser nicht völlig ausfüllen, wenigstens so lange man der Luft keinen Ausgang gestattet. Folglich ist die Luft widerstandsfähig. Drückt man das Glas noch tiefer hinein, so wird das Wasser zwar steigen, ohne jedoch den Raum völlig ausfüllen zu können. Die Luft kann demnach bis zu einem gewissen Punkte zusammengepreßt werden. Ein mit comprimirter Luft gefüllter Ball springt höher als ein mit irgend einem anderen Stoffe gefüllter; die Luft ist deshalb ein elastischer Körper. Erhebt man, wenn man ausgestreckt im Bade liegt, den Arm horizontal aus dem Wasser, so wird man den Eindruck erhalten, als ob ein ungeheures Gewicht auf demselben laste. Die Luft ist folglich auch ein schwerer Körper. Setzt man die Luft mit anderen Flüssigkeiten ins Gleichgewicht, so ist man im Stande ihr Gewicht zu messen; daher schreibt sich der Barometer, der Heber, die Windbüchse, die Luftpumpe. Alle Gesetze der Statik und der Hydrostatik können aus ganz alltäglichen Erfahrungen hergeleitet werden. Ich verlange durchaus nicht, daß man deswegen ein Cabinet für Experimentalphysik besuche; all dieser Apparat von Instrumenten und Maschinen behagt mir nicht. Der gelehrte Anstrich tödtet die Wissenschaft. Entweder schrecken alle diese Maschinen ein Kind nur zurück, oder ihre Gestalt theilt die Aufmerksamkeit desselben, welche sich allein auf die Experimente richten sollte. Mein Wunsch ist, daß wir uns alle unsere Maschinen selbst verfertigen; mit der Construction eines Instruments will ich jedoch nicht eher vorgehen, als bis uns eine hinreichende Erfahrung zur Seite steht. Haben wir nun wie zufällig eine Erfahrung gemacht, so wünsche ich, daß wir auch das Instrument, welches uns dieselbe bestätigen soll, nach und nach erfinden. Lieber als die vollkommensten und genauesten Instrumente sind mir unsere hier und da vielleicht etwas mangelhaften, sobald nur unsere Ideen von dem, was sie sein sollen, und von den Wirkungen, die sie hervorbringen sollen, klarer und genauer sind. Behufs meines ersten Unterrichts in der Statik lege ich, anstatt erst nach einer Wage umherzuschicken, einen Stab quer über die Stuhllehne, messe, wenn sich der Stab im Gleichgewichte befindet, die Länge der beiden Arme desselben und hänge auf beide Seiten bald gleiche, bald ungleiche Gewichte, und finde dadurch, daß ich ihn nach Bedürfniß hin und her ziehe und schiebe, endlich, daß das Gleichgewicht durch das wechselseitige Verhältniß zwischen der Größe des Gewichtes und der Länge der Hebelarme hergestellt wird. Dadurch hat mein kleiner Physiker schon die Fähigkeit erhalten, Wagen zu berichtigen, noch ehe er solche gesehen hat. Es erleidet keinen Widerspruch, daß die Begriffe von den Dingen, welche man sich auf diese Weise selbst erwirbt, viel deutlicher und zuverlässiger sind als diejenigen, welche man sich durch die Unterweisung Anderer aneignet. Man gewöhnt dadurch seine Vernunft nicht nur nicht, sich knechtisch einer fremden Autorität zu unterwerfen, sondern man macht sich auch fähiger, Beziehungen aufzufinden, Ideen zu associiren, Instrumente zu ersinnen, als wenn man Alles, so wie es dargeboten wird, hinnimmt und den Geist in Trägheit versinken läßt, wie ja auch der Körper eines Mannes, der sich von seinen Leuten von Kopf bis zu Füßen anziehen und von seinen Pferden fahren läßt, schließlich die Kraft und den Gebrauch seiner Glieder verliert. Boileau pflegte sich damit zu rühmen, daß er Racine die Kunst, schwer zu reimen, beigebracht hätte. Bei so vielen meisterhaften Methoden, die die Erleichterung des Studiums der Wissenschaften bezwecken, wäre es wahrlich außerordentlich nothwendig, daß uns Jemand auch eine zur Erschwerung desselben an die Hand gäbe. Der klarste und sichtbarste Vortheil dieser langsamen und mühseligen Untersuchungen beruht darin, daß man bei all den speculativen Studien den Körper in seiner Thätigkeit und die Glieder in ihrer Geschmeidigkeit erhält und die Hände unablässig zur Arbeit und zu einem dem Menschen nützlichen Gebrauche ausbildet. Die vielen Instrumente, welche zu dem Zwecke erfunden sind, uns bei unseren Experimenten zu leiten und unseren Sinnen da, wo es ihnen an der nöthigen Genauigkeit gebricht, ergänzend zur Seite zu treten, haben den Uebelstand hervorgerufen, daß wir die Uebung der Sinne nun erst recht vernachlässigen. Der Winkelmesser befreit uns von der Mühe, die Größe der Winkel abzuschätzen. Das Auge, welches ganz gut im Stande wäre, die Entfernungen mit Genauigkeit zu bestimmen, verläßt sich auf die Kette, die sie statt seiner mißt; die Schnellwage, durch welche ich das Gewicht kennen lerne, erspart es mir, dasselbe mit der Hand abzuschätzen. Je sinnreicher unsere Werkzeuge sind, desto unausgebildeter und ungeschickter werden unsere Organe. Weil wir darauf ausgehen, uns äußerlich mit Hilfsmitteln zu umgeben, finden wir dieselben nicht mehr in uns selbst. Sobald wir jedoch zur Herstellung dieser Maschinen die Geschicklichkeit aufbieten, die bisher für jene eintrat, sobald wir zu ihrer Anfertigung den Scharfsinn anwenden, der uns ihre Entbehrung bisher nicht fühlbar machte, so gewinnen wir, ohne daneben irgend einen Verlust zu haben, wir verbinden die Kunst mit der Natur und werden scharfsinniger, ohne an unserer Geschicklichkeit eine Einbuße zu erleiden. Wenn ich ein Kind, anstatt es fortwährend über den Büchern sitzen zu lassen, in einer Werkstatt beschäftige, so arbeiten seine Hände zum Vortheile seines Geistes: es wird ein Philosoph, trotzdem es sich nur für einen Handwerker hält. Endlich bringt diese Uebung auch noch andere Vortheile, deren ich weiter unten erwähnen werde; und man wird sehen, wie man sich von philosophischen Spielereien zu den wahren menschlichen Tätigkeiten zu erheben vermag. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß sich die rein speculativen Kenntnisse für die Kinder selbst dann nicht eignen, wenn sie sich schon dem Jünglingsalter nähern. Indeß muß man, ohne sie gerade sehr weit in die systematische Physik eindringen zu lassen, darauf hinzuwirken suchen, daß sich alle ihre Erfahrungen durch eine Art von Deduction an einander reihen, damit sie sie mit Hilfe dieser Verkettung in ihrem Geiste zu ordnen und, so oft es das Bedürfniß erheischt, in ihre Erinnerung zurückzurufen vermögen; denn es ist sehr schwer, daß nicht im Zusammenhange stehende Thatsachen und selbst Schlußfolgerungen lange im Gedächtnisse haften bleiben, sobald es an einem Anknüpfungspunkte fehlt, von dem aus man sie stets wieder in der Erinnerung wach rufen kann. Bei dem Aussuchen der Naturgesetze beginne man beständig mit den gewöhnlichsten und sinnlich wahrnehmbarsten Erscheinungen und gewöhne seinen Zögling, diese Erscheinungen nicht für Gründe, sondern für Thatsachen zu halten. Ich nehme einen Stein und stelle mich, als ob ich ihn in die Luft legen wolle. Nun öffne ich die Hand, und der Stein fällt. Ich bemerke, daß Emil Alles, was ich thue, aufmerksam verfolgt und frage ihn: »Weshalb ist dieser Stein gefallen?« Welches Kind würde diese Frage unbeantwortet lassen? Keins, selbst Emil nicht, wenn ich es nicht habe meine Hauptsorge sein lassen, ihn so vorzubereiten, daß er sich seines Unvermögens, eine Antwort geben zu können, bewußt ist. Sämmtliche werden sagen, daß der Stein fällt, weil er schwer ist. Was ist denn nun aber schwer? Das, was fällt. Der Stein fällt also, weil er fällt? Hier sitzt mein kleiner Philosoph ernstlich fest. Das ist seine erste Lection in der systematischen Physik, und möge er nun aus ihr für letztere einen directen Nutzen ziehen oder nicht, jedenfalls wird sie für die Ausbildung seines richtigen Urtheils vorteilhaft sein. Je mehr die geistige Entwickelung des Kindes zunimmt, desto mehr zwingen uns andere wichtige Erwägungen, zu seinen bisherigen Beschäftigungen noch neue hinzutreten zu lassen. Sobald das Kind dahin gelangt, sich wenigstens in dem Umfange zu kennen, daß es begreift, was sein Wohlbefinden ausmacht, sobald es auch ausgedehntere Beziehungen in dem Grade zu fassen vermag, daß es das beurtheilen kann, was ihm ersprießlich ist, und was nicht, so ist es auch im Stande, den Unterschied zwischen Arbeit und Vergnügen herauszufühlen und letzteres nur als eine Erholung von der Arbeit zu betrachten. Alsdann können Gegenstände, welche einen wirklichen Nutzen gewähren, in den Kreis seiner wirklichen Studien hineingezogen werden, und nun tritt die Verpflichtung an dasselbe heran, ihnen einen beharrlicheren Fleiß zu widmen, als es bisher auf die bloßen Vergnügungen verwandte. Das Gesetz der Nothwendigkeit, welches sich immer wieder geltend macht, lehrt den Menschen schon früh, das zu thun, was ihm nicht gefällt, um dadurch einem Uebel vorzubeugen, daß ihm noch mehr mißfallen würde. Darin besteht der Vortheil der Voraussicht, und aus dieser gut oder schlecht geregelten Voraussicht entspringt alle menschliche Weisheit sowie alles menschliche Elend. Jeder Mensch will glücklich werden; um aber dies Ziel zu erreichen, müßte er zunächst wissen, was das Glück denn eigentlich bildet. Das Glück des Naturmenschen ist eben so einfach wie sein Leben; es besteht in Gesundheit, Freiheit, Besitz des Notwendigen, mit einem Worte in dem Freisein von Leiden. Das Glück des moralischen Menschen trägt einen anderen Charakter; aber von diesem ist hier nicht die Rede. Ich kann nicht oft genug wiederholen, daß nur rein physische Gegenstände den Kindern Interesse einzuflößen vermögen, namentlich solchen, deren Eitelkeit noch nicht erweckt ist und welche nicht bereits durch das Gift der Meinung verderbt sind. Wenn die Kinder ihre Bedürfnisse, noch ehe sie dieselben empfinden, voraussehen, so ist ihr Verstand schon weit vorgeschritten; sie beginnen den Werth der Zeit zu erkennen. Jetzt ist es von hoher Wichtigkeit, sie daran zu gewöhnen, diese auf nützliche Dinge zu verwenden. Freilich muß der Nutzen derselben ihrem Alter bemerkbar und ihrem Verstande einleuchtend sein. Alles, was auf die moralische Ordnung und auf das gesellschaftliche Herkommen Bezug hat, darf ihnen nicht so bald vorgeführt werden, weil sie noch nicht im Stande sind, es zu verstehen. Es ist eine leidige Thorheit, von ihnen zu verlangen, daß sie sich Dinge aneignen sollen, von denen man ihnen ganz im Allgemeinen sagt, daß sie zu ihrem Besten seien, ohne daß sie wissen, worin denn dies Beste bestehe, und von denen man ihnen die Versicherung ertheilt, sie würden als Erwachsene Vortheil davon haben, ohne daß sie für diesen angeblichen Vortheil, welchen sie noch gar nicht zu begreifen vermögen, gegenwärtig irgend ein Interesse fühlen. Das Kind darf nie etwas auf das bloße Wort thun; nichts ist demselben gut, als das, wovon es selbst fühlt, daß es gut ist. Indem ihr euch beständig bestrebt, das Kind über die Grenzen seiner Einsichten hinauszudrängen, glaubt ihr mit großer Voraussicht zu verfahren, während es euch gerade an derselben gebricht. Um es mit einigen unnützen Werkzeugen auszurüsten, die es vielleicht niemals anzuwenden Gelegenheit haben wird, beraubt ihr es des Universalhilfsmittels des Menschen, nämlich der gesunden Vernunft, gewöhnt es, sich stets leiten zu lassen und stets nur eine Maschine in den Händen Anderer zu sein. Ihr verlangt, es soll gelehrig sein, so lange es noch klein ist; damit verlangt ihr aber nur, es soll leichtgläubig und ein Einfaltspinsel sein, wenn es groß ist. Ihr wiederholet ihm unaufhörlich: »Alles, was ich von dir begehre, ist zu deinem eigenen Besten, allein du bist noch nicht im Stande es einzusehen. Was kann es mir verschlagen, ob du meiner Aufforderung nachkommst oder nicht? Du arbeitest lediglich für dich allein.« Mit all diesen schönen Predigten, die ihr ihm jetzt haltet, um es weise zu machen, erreicht ihr nichts weiter, als daß ihr es den Geistersehern, Alchimisten, Marktschreiern, Betrügern und Narren aller Art leichter macht, es dereinst in ihren Schlingen zu fangen und auf ihre Thorheiten eingehen zu lassen. Allerdings ist es für einen Mann von Belang, viele Kenntnisse zu besitzen, deren Nutzen ein Kind nicht zu begreifen vermag; aber muß denn durchaus und kann überhaupt ein Kind Alles lernen, was einem Manne zu wissen vorteilhaft ist? Versucht es, dem Kinde alles das beizubringen, was für sein Alter nützlich ist, und ihr werdet euch überzeugen, daß seine ganze Zeit damit mehr als ausgefüllt ist. Weshalb wollt ihr es zum offenbaren Nachtheil der Studien, die sich gerade gegenwärtig für dasselbe eignen, zu denjenigen eines Alters zwingen, von dem es so wenig sicher ist, ob es dasselbe erreichen wird. Aber, werdet ihr sagen, wird es denn noch Zeit sein, das, was man wissen muß, zu lernen, wenn der Augenblick gekommen ist, wo Alles auf die Anwendung desselben ankommt? Das weiß ich freilich nicht; aber so viel weiß ich wenigstens, daß es unmöglich ist, es früher zu lernen; denn unsere wahren und eigentlichen Lehrmeister sind die Erfahrung und das Gefühl, und der Mensch sieht deshalb auch nur in Bezug auf die Verhältnisse, in denen er sich schon befunden hat, richtig ein, was ihm dienlich und ersprießlich ist. Ein Kind weiß, daß es die Bestimmung hat, ein Mann zu werden; alle Begriffe, die es von dem Stande des Mannes haben kann, geben für dasselbe Gelegenheit zum Unterrichte; aber über diejenigen Begriffe dieses Standes, die über seine Fassungskraft hinausgehen, muß es in völliger Unwissenheit bleiben. Mein ganzes Buch ist nichts als ein fortlaufender Beweis dieses Erziehungsgrundsatzes. Sobald wir dahin gelangt sind, unserem Zöglinge einen Begriff des Wortes »nützlich« zu geben, gewinnen wir ein nicht zu unterschätzendes Mittel mehr ihn zu leiten, denn dies Wort macht einen starken Eindruck auf ihn, selbstverständlich nur in der Voraussetzung, daß er damit einen seinem Alter entsprechenden Sinn verbindet und die Beziehung desselben auf sein gegenwärtiges Wohlbefinden deutlich einsieht. Auf eure Kinder macht dies Wort dagegen keinen Eindruck, weil ihr es euch nicht habt am Herzen liegen lassen, ihnen davon einen ihrer Fassungskraft angemessenen Begriff beizubringen, und weil sie sich schon aus dem Grunde, daß sich stets Andere damit beschweren, für Alles, was ihnen nützlich ist, zu sorgen, niemals genöthigt sehen, selbst daran zu denken, und folglich gar nicht wissen, was Nutzen ist. »Wozu nützt das?« Das ist fortan das heilige Wort, das zwischen ihm und mir bei allen Handlungen unseres Lebens allein entscheidende Wort; das ist die Frage, welche meinerseits unfehlbar auf alle seine Fragen folgt, und welche mir zur Abwehr jener Menge alberner und langweilender Fragen dienen soll, mit denen die Kinder unaufhörlich und ganz zwecklos ihre Umgebung ermüden, mehr um über dieselbe eine Art Herrschaft auszuüben, als um einen wirklichen Nutzen davon zu haben. Derjenige, welchem man als wichtigste Lehre den Grundsatz eingeimpft hat, nichts Anderes als Nützliches wissen zu wollen, fragt wie Sokrates; er stellt keine Frage, ohne sich vorher über den Grund seiner Frage klar zu werden, weil er sehr wohl weiß, daß man ihn, bevor die Antwort erfolgt, darnach fragen wird. Seht, was für ein mächtiges Werkzeug ich euch damit in die Hände gebe, um einen Einfluß auf euren Zögling auszuüben! Da er von nichts die Gründe kennt, so hängt es fast ganz von eurem Belieben ab, ihn zum Schweigen zu bringen. Welchen Vortheil verleihen euch dagegen eure Kenntnisse und eure Erfahrungen, da sie euch in den Stand setzen, ihm den Nutzen alles dessen, was ihr ihm vorschlagt, nachzuweisen. Das ist aber auch nöthig; denn gebet euch darüber keiner Täuschung hin: dadurch, daß ihr diese Frage an ihn stellt, lehrt ihr ihn auch gleichzeitig, sie seinerseits an euch zu stellen. Mit Sicherheit könnt ihr deshalb darauf rechnen, daß er künftighin, eurem Beispiele folgend, nicht verfehlen wird, bei Allem, was ihr ihm vorschlagt, stets zu fragen: »Wozu nützt das?« Hierin liegt vielleicht der Fallstrick, welchen der Erzieher am schwersten zu vermeiden vermag. Sucht ihr euch in Beantwortung der Frage des Kindes nur aus der Sache zu ziehen und gebet ihr ihm dabei auch nur einen einzigen Grund an, den es nicht zu begreifen im Stande ist, so wird es, da es ihm nicht entgeht, daß ihr bei eurem Urtheil nur euren und nicht seinen Maßstab anlegt, sich auch dem Glauben hingeben, daß das, was ihr ihm sagt, zwar für euer Alter, aber nicht für das seinige gut sei; es wird euch kein Vertrauen mehr schenken, und damit ist Alles verloren. Aber wo ist der Lehrer, der die Antwort schuldig bleiben und seinem Zöglinge sein Unrecht eingestehen möchte? Alle machen es sich zum Gesetze, auch nicht einmal ihre offenbaren Fehler einzugestehen. Ich hingegen würde es mir zum Gesetz machen, mich selbst da, wo ich mich unstreitig im Rechte befinde, eines Irrthums schuldig zu bekennen, sobald ich meinem Zöglinge meine Gründe nicht klar machen könnte. Auf diese Weise würde ihm mein Verhalten, da es vor seinem Geiste beständig fehlerlos dasteht, nie verdächtig sein, und ich würde mir gerade dadurch, daß ich mir Fehler beilege, ein größeres Vertrauen bewahren, als es jenen gelingt, welche die ihrigen verdecken. Zunächst bedenkt wohl, daß es nur selten eure Aufgabe sein darf, ihm vorzuschlagen, was er lernen soll. Es ist eine Sache, das Verlangen auszusprechen, den Stoff zu suchen und zu finden; eure Pflicht besteht nur darin, denselben seinem Verständniß näher zu bringen, jenes Verlangen geschickt in ihm zu erwecken und ihm die Mittel an die Hand zu geben, dasselbe zu befriedigen. Daraus ergibt sich, daß eure Fragen nicht allzu häufig, aber gut gewählt sein müssen, und daß ihr, da er weit öfter als ihr in die Lage kommen wird, Fragen zu stellen, euch auch weit seltener Blößen geben und weit öfter Gelegenheit bekommen werdet, ihm zu sagen: »Wozu ist das, wonach du mich fragst, zu wissen nütze?« Da ferner wenig darauf ankommt, daß er dies oder jenes lernt, wenn er nur das Gelernte richtig begreift und anzuwenden versteht, so gebet ihm, falls ihr ihm über das, was ihr ihm mittheilt, keine befriedigende Erklärung geben könnt, lieber gar keine. Sagt unbedenklich zu ihm: »Ich kann dir hierauf keine genügende Antwort ertheilen; ich hatte Unrecht; laß uns nicht weiter davon reden.« War eure Belehrung wirklich übel angebracht, so schadet es gar nichts, sie völlig fallen zu lassen; war sie dagegen nicht am unrechten Orte, so werdet ihr bei einiger Umsicht bald wieder Gelegenheit finden, ihm den Nutzen derselben bemerkbar zu machen. Lange Erläuterungen in förmlichen Reden haben durchaus nicht meinen Beifall; die jungen Leute achten wenig darauf und behalten sie selten. Auf die Sache, die Sache kommt es an! Ich kann nicht oft genug wiederholen, daß wir den Worten einen viel zu großen Spielraum gewähren. Mit unserer schwatzhaften Erziehung bilden wir nur Schwätzer. Nehmen wir einmal an, daß mich mein Zögling, während ich mit ihm den Lauf der Sonne und die Kunst sich zu orientiren studire, plötzlich mit der Frage, wozu denn das Alles eigentlich diene, unterbreche. Was für eine schöne Rede ließe sich da halten! Wie hübsch könnte ich da die Gelegenheit ergreifen, ihn bei Beantwortung seiner Frage über allerlei Dinge zu belehren, zumal wenn wir bei unserer Unterredung Zeugen hätten. Ich habe häufig bemerkt, daß man bei dem gelehrten Unterrichte, den man den Kindern ertheilt, weniger daran denkt, sich diesen verständlich zu machen, als vielmehr darauf ausgeht, sich den Beifall der anwesenden Erwachsenen zu erwerben. Ich bin von der Richtigkeit dieser Behauptung vollkommen überzeugt, denn ich habe die Beobachtung an mir selbst gemacht. Ich könnte mit ihm von dem Nutzen des Reisens reden, von den Vorteilen des Handels, von den unter jedem Himmelsstriche vorkommenden Producten, von den Sitten der verschiedenen Völker, vom Gebrauche des Kalenders, von der für die richtige Betreibung des Ackerbaues nöthigen Berechnung der Wiederkehr der Jahreszeiten, von der Kunst der Schifffahrt, von der Kunst, sich auf dem Meere, ohne daß man weiß, wo man sich befindet, zurecht zu finden und seine Fahrt genau zu verfolgen. Politik, Naturgeschichte, Astronomie, sogar Moral und Völkerrecht ließen sich dergestalt in meine Rede verweben, daß ich meinem Zöglinge eine hohe Idee von allen diesen Wissenschaften und ein lebhaftes Verlangen, sie zu lernen, einflößen könnte. Hätte ich mich aber in dieser Weise geäußert, so würde mein Vortrag doch nichts weiter als die prahlerische Auskramung eines wahren Pedanten sein, von der mein Zögling auch keinen einzigen Begriff wirklich verstanden hätte. Er hätte große Lust, mich abermals zu fragen, welchen Vortheil die Kunst sich zu orientiren brächte, würde es aber aus Furcht, mich dadurch zu kränken, nicht wagen. Er würde es für vorteilhafter finden, sich zu stellen, als ob er das, was er gezwungener Weise hat anhören müssen, verstände. So geht es bei dieser schönen Erziehungsweise zu. Aber unser Emil, der eine mehr bäuerische Erziehung erhalten hat, und den wir mit vieler Mühe dahin zu bringen suchen, schwer zu begreifen, wird das Alles gar nicht anhören. Bei dem ersten Worte, das er nicht versteht, wird er davonlaufen, sich ausgelassen im Zimmer umhertummeln und mich meine hochtrabende Rede allein halten lassen. Wir müssen uns nach einer drastischeren Lösung umsehen. Mein wissenschaftlicher Apparat hat in seinen Augen keinen Werth. Als mich mein Zögling durch die ungelegene Frage: »Wozu dient das?« unterbrach, untersuchten wir gerade die Lage des Waldes nördlich von Montmorency. »Du hast Recht,« versetzte ich; »wir wollen in Muße darüber nachdenken, und finden wir, daß diese Arbeit keinen Vorteil bringt, so wollen wir sie nicht wieder aufnehmen, denn es fehlt uns keineswegs an nützlichem Zeitvertreibe.« Wir beschäftigen uns darauf mit etwas Anderem, und während des übrigen Theils des Tages ist von Geographie nicht weiter die Rede. Am folgenden Morgen schlage ich ihm, noch ehe wir unser Frühstück eingenommen haben, einen Spaziergang vor. Mit Freuden geht er darauf ein; zum Laufen sind Kinder stets bereit, und Emil ist namentlich gut zu Fuße. Wir begeben uns nach dem Walde, durchwandern Auen und Wiesen, verirren uns jedoch dabei und wissen schließlich nicht mehr, wo wir uns befinden. Als wir uns nun zur Rückkehr entschließen, können wir unsern Weg nicht wiederfinden. Die Zeit verstreicht, es wird heiß, wir empfinden Hunger. Wir beeilen uns und irren vergeblich bald in dieser, bald in jener Richtung fort. Ueberall stoßen wir auf nichts als Wald, Steinbrüche, hier und da auch wol auf eine ausgerodete Stelle, aber nirgends entdecken wir etwas, wonach wir uns zu orientiren vermöchten. Schweißtriefend, abgemattet und ausgehungert verirren wir uns trotz unseres Hin- und Herlaufens nur noch mehr. Endlich setzen wir uns, um ein wenig auszuruhen und zu überlegen. Emil, von dem ich einmal annehmen will, daß er wie ein anderes Kind erzogen sei, ist nicht zu Ueberlegungen aufgelegt, sondern weint. Er weiß nicht, daß wir uns dicht vor dem Thore von Montmorency befinden, welches uns nur ein einfaches Gebüsch verbirgt. Aber in seinen Augen bildet dieses Gebüsch einen förmlichen Wald; ein Kind seiner Größe ist schon in einem bloßen Gebüsche wie begraben. Nach einem kurzen Stillschweigen sage ich mit unruhiger Miene zu ihm: Mein lieber Emil, wie in aller Welt sollen wir es nur anstellen, um hier herauszukommen? Emil (schweißtriefend und heiße Thränen vergießend). Ich weiß es nicht. Ich bin müde; mich plagt Hunger und Durst; ich kann nicht mehr weiter. Johann Jacob. Glaubst du etwa, daß mir besser zu Muthe ist? Und meinst du nicht, daß ich auch weinen würde, wenn ich von meinen Thränen satt werden könnte? Weinen kann uns nichts helfen; es kommt darauf an, daß wir uns zurecht finden. Sieh nach deiner Uhr. Wie spät ist es schon? Emil. Es ist Mittag, und ich bin noch nüchtern. Johann Jacob. In der That, es ist schon Mittag, und ich bin noch nüchtern. Emil. Ach, was für Hunger Sie haben müssen! Johann Jacob. Leider wird mich mein Mittagbrod hier nicht aufsuchen. Mittag! Das ist gerade dieselbe Stunde, in welcher wir gestern von Montmorency aus die Lage des Waldes beobachteten. Wenn wir nun im Stande wären, in ähnlicher Weise von dem Walde aus die Lage von Montmorency zu beobachten, so .... Emil. Ja; aber gestern sahen wir den Wald, während wir von hier aus die Stadt nicht zu erblicken vermögen. Johann Jacob. Das ist freilich ein Uebelstand ... Wenn wir nun aber die Stadt, um ihre Lage zu finden, gar nicht zu sehen brauchten! Emil. O, mein Freund, wie sollte das zugehen? Johann Jacob. Sagten wir nicht, der Wald läge ... Emil. Nördlich von Montmorency. Johann Jacob. Demnach muß auch Montmorency ... Emil. Südlich vom Walde liegen. Johann Jacob. Wir haben ja, dächte ich, ein Mittel, Mittags den Norden zu finden. Emil. Gewiß, durch die Richtung des Schattens. Johann Jacob. Wie sollen wir nun aber den Süden auffinden? Emil. Ja, wie läßt sich das anstellen? Johann Jacob. Der Süden ist doch dem Norden entgegengesetzt. Emil. Das ist wahr. Es kommt blos darauf an, daß wir die Richtung, welche dem Schatten entgegengesetzt ist, aufsuchen. Ja, da ist der Süden, da ist der Süden! Sicherlich liegt Montmorency nach dieser Richtung hin. Wir wollen es auf dieser Seite suchen. Johann Jacob. Du kannst Recht haben; wir wollen diesen Fußpfad durch das Gehölz einschlagen. Emil (in die Hände klatschend und ein Freudengeschrei ausstoßend). Ach, ich sehe Montmorency! Es liegt ganz frei und offen gerade vor uns. Lassen Sie uns zu unserm Frühstück und Mittagsessen eilen! Die Astronomie ist doch zu etwas gut. Sollte er letzteres Bekenntniß auch nicht in dürren Worten ablegen, so könnt ihr euch doch davon überzeugt halten, daß er es bei sich denken wird. Darauf kommt übrigens wenig an, wenn ich es nur nicht in Worte kleide. Ihr könnt versichert sein, daß er die Lection dieses Tages sein Leben lang nicht vergessen wird, während meine Rede, sobald ich ihm über dies Alles nur in seinem Zimmer einen Vortrag gehalten hätte, schon am nächsten Tage wieder vergessen wäre. Man muß sich so viel als möglich durch die That zu reden bestreben und nur das sagen, was zu thun unmöglich ist. Der Leser wird mich nicht im Verdacht haben, daß ich eine so geringschätzende Meinung von ihm hege, um ihm über jeden Wissenszweig ein besonderes Beispiel zu geben; um was es sich aber auch immer handeln möge, so kann ich dem Lehrer nie dringend genug an das Herz legen, seine Beweise stets mit der Fassungskraft seines Zöglings in Einklang zu bringen; denn, noch einmal sei es gesagt, der Uebelstand beruht nicht darin, daß derselbe etwas nicht versteht, sondern darin, daß er es sich zu verstehen einbildet. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie ich einst einem Kinde, dem ich Liebe zur Chemie einflößen wollte, erst einige metallische Niederschläge zeigte und darauf die Bereitung der Tinte erklärte. Ich sagte ihm, daß ihre Schwärze von sehr fein zertheiltem Eisen, welches durch Vitriol aufgelöst und durch eine alkalische Flüssigkeit niedergeschlagen wäre, hervorgerufen würde. Mitten in meiner gelehrten Erklärung unterbrach mich hinterlistiger Weise der kleine Bursche auf einmal mit der erwähnten Frage, die ich ihn zu stellen selbst angehalten hatte und setzte mich dadurch in nicht geringe Verlegenheit. Nach kurzer Ueberlegung verfiel ich auf folgenden Ausweg. Ich ließ eine Flasche Wein aus dem Keller des Hausherrn und eine andere zu acht Sous von einem Weinhändler holen. In ein kleines Fläschchen goß ich eine Lösung von Kali und sagte darauf, nachdem ich erst noch zwei Gläser mit diesen beiden verschiedenen Weinsorten vor mich hingestellt hatte, Bei jeder Erläuterung, welche man dem Kinde geben will, dient eine vorausgehende etwas umständliche Vorbereitung im hohen Grade dazu, seine Aufmerksamkeit zu erregen. zu ihm: »Man verfälscht verschiedene Lebensmittel, um sie besser erscheinen zu lassen, als sie sind. Diese Verfälschungen täuschen das Auge und den Geschmack; aber sie sind schädlich und machen die verfälschte Sache ungeachtet ihres schönen Aussehens schlechter, als sie vorher war.« »Namentlich verfälscht man die Getränke und hauptsächlich die Weine, weil bei ihnen der Betrug schwerer zu erkennen ist und dem Betrüger einen größeren Gewinn einbringt.« »Die Verfälschung der herben oder sauren Weine geschieht durch Glätte; die Glätte ist aber ein Bleipräparat. Blei, welches mit Säuren verbunden ist, bildet ein sehr süßes Salz, das dem Geschmack die Säure des Weines weniger bemerkbar macht, aber gleichzeitig für diejenigen, welche ihn trinken, ein Gift ist. Es ist also von großer Wichtigkeit, daß man, ehe man verdächtigen Wein trinkt, sich davon überzeuge, ob er mit Glätte versetzt sei oder nicht. Und nun gib Obacht, wie ich es mache, um dies zu entdecken!« »Der Saft der Weintraube enthält nicht nur einen brennbaren Weingeist, wie du aus dem Brantwein abnehmen kannst, den man daraus bereitet, sondern er enthält auch eine Säure, wie du aus dem Weinessig und Weinstein, welche man gleichfalls daraus gewinnt, erkennen kannst.« »Diese Säure hat mit metallischen Substanzen Verwandtschaft, löst sie auf und bildet in Verbindung mit ihnen ein zusammengesetztes Salz. So ist zum Beispiel der Rost nichts Anderes als Eisen, das durch die in der Luft oder in dem Wasser enthaltene Säure aufgelöst ist, und eben so ist der Grünspan durch Essig aufgelöstes Kupfer.« »Aber diese nämliche Säure hat mit den alkalischen Substanzen noch mehr Verwandtschaft als mit den metallischen Substanzen, so daß vermittelst der ersteren die Säure in den zusammengesetzten Salzen, deren ich so eben Erwähnung gethan habe, gezwungen wird, sich von dem Metalle, mit dem sie verbunden ist, zu lösen, um sich mit dem Alkali zu verbinden.« »Jetzt setzt sich die metallische Substanz, nachdem sie von der Säure, die sie gebunden hatte, befreit ist, und macht die Flüssigkeit trübe.« »Wenn also eine von diesen beiden Weinsorten hier mit Glätte versetzt ist, so hält seine Säure die Glätte gebunden. Sobald ich nun aber von unserer alkalischen Flüssigkeit etwas hineingieße, so wird dieselbe die Säure zwingen, ihre Beute wieder frei zu lassen; das Blei, welches nicht länger in gebundenem Zustande verharrt, wird wieder als solches erscheinen, die Flüssigkeit trüben und endlich auf dem Boden des Glases einen Niederschlag bilden.« »Ist jedoch im Weine weder Blei Obgleich nicht alle Weine, welche man flaschenweise bei Weinhändlern in Paris kauft, mit Glätte versehen sind, so sind sie dessenungeachtet selten ganz von Blei frei, weil die Gefäße dieser Kaufleute mit diesem Metalle belegt sind, und weil der in ein solches Maß gegossene Wein dadurch, daß er über das Blei hinwegläuft oder sogar längere Zeit über demselben stehen bleibt, stets einen Theil davon auflöst. Auffallend ist es, daß ein so offenbarer und so gefährlicher Mißbrauch von der Polizei geduldet wird. Aber freilich ist es ja wahr, daß die wohlhabenden Leute, die solche Weinsorten nicht leicht trinken, nur im geringen Grade der Gefahr ausgesetzt sind, vergiftet zu werden. noch irgend ein anderes Metall enthalten, so wird sich das Alkali ruhig Die vegetabilische Säure übt eine schwache Wirkung aus. Wenn es mineralische und noch dazu wenig verdünnte Säure wäre, so würde die Vereinigung nicht ohne Aufbrausen vor sich gehen. mit der Säure verbinden; Alles wird in aufgelöstem Zustande bleiben und es wird sich kein Niederschlag bilden.« Hierauf goß ich etwas von meiner alkalischen Flüssigkeit nach einander in die beiden Gläser; der dem Keller des Hausherrn entnommene Wein blieb hell und klar, der andere wurde dagegen auf der Stelle trübe, und nach Verlauf einer Stunde konnte man den Niederschlag des Bleies auf dem Boden des Glases deutlich gewahren. »Hier kannst du es nun selber sehen,« fuhr ich fort, »dieser Wein ist natürlich und rein und man darf unbesorgt von ihm trinken, jener aber ist verfälscht und enthält Gift. Dies läßt sich eben vermittelst der Kenntnisse nachweisen, nach deren Nutzen du mich fragst. Wer die Bereitung der Tinte versteht, vermag auch die verfälschten Weine zu erkennen.« Ich war mit meinem Beispiele sehr zufrieden, und nichts desto weniger fiel es mir auf, daß es auf das Kind nicht den geringsten Eindruck hervorgebracht hatte. Ich brauchte einige Zeit, um zu der Einsicht zu gelangen, daß ich doch nur eine Thorheit begangen hatte; denn ganz abgesehen davon, daß es einem Kinde im Alter von zwölf Jahren völlig unmöglich sein mußte, meiner weitläufigen Erklärung zu folgen, so konnte ihm auch der Nutzen dieser Erfahrung nicht zum Verständniß kommen, weil es beide Weinsorten gekostet, beide für gut befunden hatte und deshalb auch nicht im Stande war, mit dem Worte Verfälschung, welches ich ihm so gut erklärt zu haben meinte, irgend einen Begriff zu verbinden. Die anderen Wörter »ungesund« und »Gift« hatten für dasselbe ebenfalls keinen Sinn. Es befand sich dabei in dem Falle des erwähnten Kindes, welches die Geschichte von dem Arzte Philippus vortrug, und so wird es allen Kindern ergehen. Das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung, deren Verkettung wir nicht wahrnehmen, die Güter und die Uebel, von denen wir keine Vorstellung haben, die Bedürfnisse, welche wir noch nie empfunden haben, existiren für uns nicht. Es ist unmöglich, uns dazu zu vermögen, etwas zu thun, was auf sie Bezug hat. Im Alter von fünfzehn Jahren betrachtet man das Glück eines Weisen wie mit dreißig Jahren die Herrlichkeit des Paradieses. Hat man von dem Einen eben so wenig ein rechtes Verständniß wie von dem Andern, so wird man es sich auch wenig angelegen sein lassen, sie zu erwerben; ja sogar wenn man mit ihnen eine richtige Vorstellung verbände, würde man sich ihre Erlangung doch wenig Anstrengung kosten lassen, wenn man kein Verlangen nach ihnen hätte, wenn Einem nicht das Gefühl sagte, daß sie ihm dienlich wären. Es ist leicht, in einem Kinde den Glauben zu erwecken, daß das, worüber man es unterrichten will, nützlich sei; aber eine solche blos äußerliche Ueberredung ist werthlos, man muß es zu überzeugen verstehen. Vergebens nöthigt uns die ruhige Vernunft Beifall oder Tadel ab, zum Handeln treibt uns erst die Leidenschaft; und wie kann man für Dinge, für welche noch kein Interesse in uns erwacht ist, in Leidenschaft gerathen? Lenket die Aufmerksamkeit des Kindes nie auf etwas, was es nicht einzusehen vermag. So lange ihm die Menschheit noch beinahe völlig fremd ist, könnt ihr es nicht auf den Standpunkt des Mannes erheben und deshalb müßt ihr ihm zu Liebe den Mann auf den Standpunkt der Kindheit stellen. Obwol ihr das, was ihm in einem späteren Alter nützlich sein kann, nicht aus den Augen lassen dürft, so redet dennoch mit ihm nur von dem, dessen Nutzen es schon jetzt einsieht. Uebrigens nie Vergleichungen mit anderen Kindern, keine Rivalen, keine Nebenbuhler, nicht einmal im Laufen, sobald es mit Vernunft zu handeln beginnt! Hundertmal lieber ist es mir, daß es das, was es doch nur aus Eifersucht oder Eitelkeit lernen würde, gar nicht lernt. Ich werde nur alljährlich die Fortschritte andeuten, die es gemacht hat, und sie mit denen des folgenden Jahres vergleichen. Ich werde zu ihm sagen: »Du bist jetzt wieder um so und so viel Linien gewachsen; über diesen Graben konntest du springen, eine so große Last vermochtest du zu tragen, einen Stein so weit zu werfen, eine so große Strecke in einem Athem zu laufen, u.s.w. Laß jetzt aber einmal sehen, was du nun zu leisten im Stande bist.« Auf diese Weise sporne ich es an, ohne seine Eifersucht gegen irgend Jemand zu erregen. Es wird sich selbst übertreffen wollen, und das soll es. Ich vermag keinen Nachtheil darin zu erblicken, daß es sein eigener Nebenbuhler sei. Ich hasse die Bücher; sie lehren uns nur über Dinge reden, die man nicht versteht. Es wird erzählt, daß Hermes die Elemente der Wissenschaften auf Säulen eingegraben habe, um seine Entdeckungen vor einer neuen Sündflut zu schützen. Wenn er sie jedoch den Köpfen der Menschen richtig eingeprägt hätte, so würden sie sich durch mündliche Überlieferung erhalten haben. Gut vorbereitete Gehirne bilden die Monumente, auf welchen sich die menschlichen Kenntnisse am sichersten eingraben lassen. Sollte denn kein Mittel vorhanden sein, die große Anzahl der in so vielen Büchern zerstreuten Lehren zusammenzustellen und so zu vereinen, daß sie einem gemeinsamen Zwecke dienen, der leicht kenntlich und interessant zu verfolgen wäre und selbst dieses Alter anzuspornen vermöchte? Könnte man eine Lage ausfindig machen, in welcher alle natürlichen Bedürfnisse des Menschen in einer auch dem Geiste eines Kindes wahrnehmbaren Weise klar hervorträten, und in welcher sich gleichzeitig die Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse nach und nach mit derselben Leichtigkeit entwickelten, so müßte man an einer lebendigen und ungekünstelten Schilderung dieses Zustandes seine Einbildungskraft gleich zuerst zu üben suchen. Feuriger Philosoph, ich sehe schon, wie die deinige sich entzündet. Doch gib dir keine vergebliche Mühe! Diese Lage ist schon gefunden, sie ist geschildert und, ohne dir Unrecht zu thun, weit besser, als du selbst sie würdest zu schildern vermögen, wenigstens mit mehr Wahrheit und Einfachheit. Müssen wir denn durchaus einmal Bücher haben, nun, so gibt es eins, welches uns meinem Erachten nach die vorzüglichste Abhandlung über naturgemäße Erziehung an die Hand gibt. Dieses Buch soll mein Emil zuerst lesen; allein soll es lange Zeit hindurch seine ganze Bibliothek bilden und stets einen hervorragenden Platz in derselben behalten. Es wird der Text sein, welchem alle unsere Unterhaltungen über naturwissenschaftliche Stoffe nur als Commentar dienen sollen. Es wird bei unseren Fortschritten den Prüfstein unserer Urtheilskraft abgeben und, so lange unser Geschmack nicht verdorben ist, wird uns seine Lectüre beständig Unterhaltung gewähren. Und wie heißt nun dieses Wunder von Buch? Ist es Aristoteles? Ist es Plinius? Ist es Buffon? Nein, es ist Robinson Crusoe. Robinson Crusoe, auf seiner Insel, allein, des Beistandes seiner Mitmenschen beraubt, von allen künstlichen Werkzeugen und Hilfsmitteln entblößt, und trotzdem für seinen Unterhalt und seine Erhaltung sorgend, ja sich sogar eine Art Wohlbefinden verschaffend: das ist sicherlich ein Gegenstand, der jedem Alter Interesse einflößen muß und den man den Kindern durch tausenderlei Mittel anziehend machen kann. Hier finden wir die wüste Insel, auf die ich Anfangs nur gleichnißweise hinwies, verwirklicht. Dieser Zustand ist, wie ich gern einräume, freilich nicht der des gesellschaftlichen Menschen und wird auch wahrscheinlich nicht der Zustand Emils werden, aber derselbe soll ihm als Maßstab zur Beurtheilung aller übrigen dienen. Das sicherste Mittel, sich über Vorurtheile zu erheben und sein Urtheil von den wahren Verhältnissen der Dinge leiten zu lassen, besteht darin, daß man sich an die Stelle eines völlig auf sich allein angewiesenen Menschen versetzt und über Alles so urtheilt, wie dieser Mensch mit Rücksicht auf seinen eigenen Nutzen selbst darüber urtheilen muß. Dieser Roman, von allen nebensächlichen Zuthaten befreit, mit Robinson's Schiffbruche in der Nähe seiner Insel beginnend und mit der Ankunft des Schiffes, welches zu seiner Rettung erscheint, schließend, wird Emil während des ganzen Zeitabschnittes, von welchem hier die Rede ist, zugleich Unterhaltung wie Belehrung verschaffen. Ich will, daß ihm der Kopf darüber schwindele, daß er sich unaufhörlich mit seinem Schlosse, seinen Ziegen und Pflanzungen beschäftige; daß er, nicht aus Büchern, sondern an den Dingen selbst, Alles, was man in einem ähnlichen Falle wissen muß, bis ins Einzelne lerne; daß er sich selbst für einen zweiten Robinson halte, daß er sich in Felle gekleidet, mit einer großen Mütze auf dem Kopfe, einem furchtbaren Säbel an der Seite, kurz in dem ganzen grotesken Aufzuge der Figur erblicke, nur den Sonnenschirm ausgenommen, dessen er nicht bedürfen wird. Ich will, daß er sich über die Maßregeln, welche etwa ergriffen werden könnten, wenn sich dieser oder jener Mangel bei ihm einstellte, beunruhige, daß er das Verfahren seines Helden prüfe und untersuche, ob derselbe nichts unterlassen habe und ob er nichts hätte besser machen können; daß er seine Fehler genau bemerke und sich dieselben zu nutze mache, damit er in einer ähnlichen Lage nicht auch in dieselben verfalle; denn unzweifelhaft wird er sich mit dem Gedanken tragen, einst eine ähnliche Niederlassung zu gründen. Das ist das einzig richtige Luftschloß in diesem glücklichen Alter, in welchem man kein anderes Glück kennt als die Erlangung des durchaus Nothwendigen und die Freiheit. Was für eine Hilfsquelle eröffnet diese thörichte Leidenschaft doch einem geschickten Manne, der es verstanden hat, sie nur hervorzurufen, um Nutzen aus ihr zu ziehen! Das Kind, voller Begierde sich ein Magazin für seine Insel anzulegen, wird beim Lernen größeren Eifer entfalten als der Lehrer beim Unterrichten. Es wird Alles, was nützlich ist, wissen wollen, aber auch nur dies wissen wollen. Ihr werdet jetzt nicht mehr nöthig haben, es anzuleiten, sondern werdet es vielmehr beständig zurückhalten müssen. Laßt uns übrigens Eile anwenden, es auf dieser Insel einzurichten, so lange sich sein Glück noch darauf beschränkt, denn schon nahet der Tag, wo es, wenn es überhaupt dort noch leben will, doch nicht allein wird auf ihr leben wollen, und wo Freitag, welcher ihm jetzt noch kein großes Interesse einflößt, ihm nicht mehr lange genügen wird. Die Ausübung der natürlichen Künste, welche nur einen einzigen Menschen bedingt, führt uns dazu, uns auch mit den Künsten der Industrie bekannt zu machen, welche das Zusammenwirken mehrerer Hände erfordern. Erstere können durch Einsiedler, durch Wilde betrieben werden; letztere können dagegen nur der Gesellschaft ihre Entstehung verdanken und machen dieselbe nothwendig. So lange man nur das physische Bedürfniß kennt, ist sich jeder Mensch selbst genug, allein die Einführung des Überflüssigen erheischt unbedingt Theilung und Vertheilung der Arbeit; denn während ein Mensch, welcher für sich allein arbeitet, auch nur den Unterhalt für einen einzigen Menschen verdient, werden hundert Menschen, sobald sie ihre Arbeit gemeinschaftlich betreiben, einen Gewinn erzielen, der zum Unterhalte von zweihundert Personen ausreichend ist. Sobald sich also ein Theil der Menschen dem Müßiggange hingibt, muß die Vereinigung der arbeitenden Arme die Unthätigkeit der Feiernden ersetzen. Mit größter Sorgfalt müßt ihr euch bemühen, von dem Geiste eures Zöglings alle Begriffe von socialen Verhältnissen fern zu halten, für die seine Fassungskraft noch nicht entwickelt genug ist. Nöthigt euch indeß die Verkettung der Kenntnisse, ihm die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen von einander nachzuweisen, so lenket, anstatt ihm dieselbe von der moralischen Seite zu zeigen, seine ganze Aufmerksamkeit sofort auf die Industrie und die mechanischen Künste, durch welche sich die Menschen gegenseitig Nutzen schaffen. Während ihr ihn von Werkstatt zu Werkstatt führt, dürft ihr dabei niemals dulden, daß er irgend welche Arbeit sehe, ohne selbst die Hand ans Werk zu legen, noch daß er aus derselben scheide, ohne den Grund von Allem, was hier gemacht wird, oder doch wenigstens von Allem, was er beobachtet hat, vollkommen zu kennen. Deshalb müßt ihr auch selbst arbeiten und ihm überall mit gutem Beispiele vorangehen. Um ihn zum Meister zu machen, spielet überall den Lehrling, und seid überzeugt, daß er aus einer Stunde Arbeit mehr Lehren schöpfen wird, als aus tagelangen Erläuterungen. Der Werth, welchen man den verschiedenen Künsten gewöhnlich beilegt, steht in umgekehrtem Verhältnisse zu ihrem wirklichen Nutzen. Dieser Werth hängt sogar geradezu von der Unnützlichkeit derselben ab, und so muß es sein. Die nützlichsten Künste sind diejenigen, welche den geringsten Gewinn abwerfen, weil sich die Zahl der Arbeiter nach dem Bedürfnisse der Menschen richtet, und weil die Arbeiten, die Jedermann bedarf, notwendiger Weise einen Preis behaupten müssen, den auch der Arme zu bezahlen vermag. Jene wichtigen Leute dagegen, die nicht Handwerker, sondern Künstler heißen, setzen, weil sie eben einzig und allein für die Müßiggänger und Reichen arbeiten, einen völlig willkürlichen Preis auf ihre Spielereien. Da der Werth dieser nichtigen Arbeiten nur in der Einbildung besteht, so bildet selbst ihr Preis einen Theil dieses Werthes, und man schätzt sie nach Maßgabe der darauf verwandten Kosten. Der Werth, den der Reiche darauf legt, wird nicht durch ihren Nutzen bestimmt, sondern durch den Umstand, daß der Arme sie nicht bezahlen kann. Nolo habere bona, nisi quibus populus inviderit. (Ich will nur Güter besitzen, um welche mich das Volk beneidet.) Was wird aus euren Zöglingen werden, wenn ihr zugebet, daß sich dieses thörichte Vorurtheil in ihnen einnistet, wenn ihr dasselbe sogar begünstigt, wenn sie zum Beispiel sehen, daß ihr in den Laden eines Goldschmiedes mit größerer Achtung eintretet als in die Werkstätte eines Schlossers? Welches Urtheil werden sie sich über das wahre Verdienst der Künste und den wirklichen Werth der Dinge bilden, wenn sie überall wahrnehmen, daß der Preis, den die Einbildung festsetzt, mit dem im Widerspruche steht, der dem wirklichen Nutzen entspricht, und wenn sie dadurch zu der Einsicht gelangen, daß eine Sache desto mehr kostet, je weniger sie werth ist? In dem nämlichen Augenblicke, wo ihr solche Ideen sich in ihrem Kopfe festsetzen laßt, könnt ihr nur gleich ihre weitere Erziehung aufgeben; wider euren Willen werden sie doch nur wie alle Uebrigen erzogen werden; ihr habt vierzehn Jahre Arbeit verloren. Emil, der nur darauf sinnt, seine Insel gut auszustatten, wird die Dinge mit anderen Augen ansehen. Robinson würde dem Laden eines Zeugschmiedes einen weit höheren Werth beigemessen haben, als allen Schnurrpfeifereien des Saïde. Ersterer wäre ihm als ein sehr achtbarer Mann, letzterer als ein erbärmlicher Charlatan erschienen. »Mein Sohn ist bestimmt, einst in der Welt zu leben; er wird sich nicht unter Weisen, sondern unter Thoren zu bewegen haben; er muß folglich ihre Thorheiten kennen, da sie sich nur durch diese leiten lassen. Die wirkliche Kenntniß der Dinge kann unstreitig vortheilhaft sein, aber die Kenntniß der Menschen und ihrer Urtheile hat einen noch ungleich höheren Werth. In der menschlichen Gesellschaft ist der Mensch einmal das wichtigste Werkzeug des Menschen, und der wird der Weiseste sein, welcher sich dieses Werkzeuges am besten zu bedienen versteht. Wozu kann es dienen, die Kinder mit der Idee einer nur imaginären Ordnung der Dinge bekannt zu machen, die der herkömmlichen, in welche sie wirklich eintreten und nach der sie sich richten müssen, völlig entgegengesetzt ist? Zunächst lehrt sie weise sein, und später könnt ihr sie dann auch lehren, sich ein richtiges Urtheil zu bilden, in welchen Punkten die Anderen Thoren sind.« Das sind die Scheingründe, durch welche sich die Afterweisheit der Väter bestimmen läßt, ihre Kinder zu Sklaven der Vorurtheile, die sie ihnen selber erst einimpfen, und sogar zu Spielbällen der unvernünftigen Menge zu machen, die sie als willenloses Werkzeug ihrer Leidenschaften zu brauchen gedenken. Wie vieles muß man vorher kennen lernen, bis man zur rechten Menschenkenntniß gelangt! Der Mensch ist das letzte Studium des Weisen, und ihr verlangt, es müsse bei Kindern das erste sein! Ehe ihr sie über unsere Empfindungen belehrt, müßt ihr sie befähigen, dieselben recht zu würdigen. Heißt das etwa eine Thorheit kennen, wenn man sie für Vernunft hält? Um weise zu sein, muß man es von dem zu unterscheiden vermögen, was es nicht ist. Wie soll denn euer Kind die Menschen kennen, wenn es weder ihre Meinungen zu beurtheilen noch ihre Irrthümer zu erkennen versteht? Es ist ein Unglück, die Gedanken der Menschen zu kennen, wenn man nicht weiß, ob diese Gedanken richtig oder falsch sind. Lehrt es deshalb zuerst, was die Dinge an sich sind; später könnt ihr es dann auch damit bekannt machen, was sie in unsern Augen sind. Nur auf diese Weise wird ihm ein Vergleich zwischen vorgefaßter Meinung und Wahrheit möglich sein, und wird es sich über den großen Haufen erheben können; denn sobald man die Vorurtheile annimmt, kennt man sie eben nicht, und leitet das Volk nicht, wenn man ihm gleicht. Beginnt ihr indeß damit, es über die öffentliche Meinung zu unterrichten, ehe ihr es angehalten habt, sie zu würdigen, so könnt ihr euch versichert halten, daß es dieselbe, was ihr auch immer dagegen thun mögt, annehmen wird, und daß ihr sie nie wieder werdet ausrotten können. Ich ziehe daraus den Schluß, daß man, um einen jungen Mann verständig zu machen, sein Urtheil bilden muß, anstatt ihm das unserige aufzudrängen. Ihr seht, daß ich mit meinem Zöglinge bis jetzt noch nicht über die Menschen geredet habe; er hätte zu viel gesunde Vernunft besessen, um mich verstehen zu können. Seine Beziehungen zu seiner Gattung sind ihm noch nicht wahrnehmbar genug, um im Stande zu sein, Andere nach sich selbst zu beurtheilen. Außer sich kennt er noch kein menschliches Wesen; ja er ist sogar noch weit davon entfernt, sich selbst zu kennen. Wenn er aber auch nur wenige Urtheile über seine Person fällt, so sind dieselben dafür wenigstens immer richtig. Es ist ihm unbekannt, welche Stellung Andere einnehmen, aber seine eigene kennt und behauptet er. Nicht durch die socialen Gesetze, die er nicht kennen kann, haben wir ihn eingeschränkt, sondern durch die Fesseln der Notwendigkeit. Er ist bis jetzt fast nur noch ein physisches Wesen; wir wollen fortfahren, ihn als ein solches zu behandeln. Emil soll alle Naturkörper und alle Arbeiten der Menschen nach ihren wahrnehmbaren Beziehungen auf seinen Nutzen, seine Sicherheit, seine Erhaltung und sein Wohlbefinden schätzen. Deshalb muß das Eisen in seinen Augen einen weit höheren Werth haben als das Gold, und das Glas einen höheren als der Diamant. Eben so steht bei ihm ein Schuhmacher und ein Maurer in weit höherer Achtung als ein Lempereur, ein le Blanc und alle Juweliere Europas; vor Allem aber ist ein Kuchenbäcker in seinen Augen eine höchst wichtige Persönlichkeit, und er würde keinen Anstand nehmen, die ganze Academie der Wissenschaften für den geringsten Zuckerbäcker der Rue des Lombards dahin zu geben. Goldarbeiter, Graveure, Vergolder, Sticker sind nach seinem Dafürhalten nur Faulenzer, die mit völlig unnützen Spielereien die Zeit verlieren; selbst der Uhrmacherkunst legt er keinen sonderlichen Werth bei. Das glückliche Kind genießt die Zeit, ohne ihr Sklave zu sein; es wendet sie nützlich an, obwol es ihren Werth nicht kennt. Das Schweigen der Leidenschaften, in Folge dessen ihm die Zeit stets gleichmäßig verfließt, ersetzt ihm ein Kunstwerk, durch welches er dieselbe nach Bedürfniß messen und eintheilen kann. Die Zeit verliert für uns ihr Maß, wenn unsere Leidenschaften ihren Lauf willkürlich regeln wollen. Die Uhr des Weisen ist sein Gleichmuth und sein Seelenfriede. Jede Stunde ist für ihn die rechte, und er kennt dieselbe stets. Als ich von Emil's Uhr redete, und eben so als ich erzählte, er hätte geweint, stellte ich ihn mir, um Nutzen zu stiften und mich verständlich zu machen, als ein gewöhnliches Kind vor; denn mein wirklicher Emil, der ein von allen übrigen so verschiedenes Kind ist, würde mir in keiner Beziehung als Beispiel dienen können. Es gibt eine nicht weniger natürliche und außerdem noch vernünftigere Ordnung und Reihenfolge, bei welcher man die Künste nach ihren notwendigen Beziehungen zu einander betrachtet, indem man den unabhängigsten den ersten, und denjenigen, welche von einer größeren Anzahl anderer abhängen, den untersten Rang einräumt. Diese Ordnung, welche uns zu wichtigen Betrachtungen über die in der allgemeinen menschlichen Gesellschaft herrschende Veranlassung gibt, ist der vorigen ähnlich und muß sich dieselbe Verdrehung in der Schätzung der Menschen gefallen lassen, so daß also die Verarbeitung der Rohstoffe in den Händen solcher Gewerke liegt, denen dafür keine Ehre zu Theil wird und die dadurch nur geringen Gewinn erzielen, während jede Handarbeit desto mehr Ehre und Gewinn einerntet, je mehr Hände daran betheiligt sind. Ich will hier nicht untersuchen, ob es wirklich wahr ist, daß der Gewerbefleiß bei den feineren Künsten, welche an diese Stoffe die letzte Feile legen, mehr Geschicklichkeit voraussetzt und eine höhere Belohnung verdiene, als bei der ersten Bearbeitung, welche sie zum Gebrauche der Menschen tauglich macht; aber so viel behaupte ich, daß die Kunst, deren Erzeugnisse am verbreitetsten und am unentbehrlichsten sind, unstreitig in jeder Beziehung die höchste Achtung verdient, und daß diejenige, welche am wenigsten auf die Unterstützung anderer Künste angewiesen ist, sie in noch höherem Grade verdient als die untergeordneten, weil sie freier und nahezu unabhängig ist. Dies sind die wahren Regeln zur Würdigung der Künste und des Gewerbefleißes; alles Uebrige beruht auf Willkür und ist von Vorurtheilen abhängig. Die erste und ehrwürdigste aller Künste ist der Ackerbau; der Schmiedekunst würde ich den zweiten Rang, dem Zimmerhandwerke den dritten einräumen, und so fort. Ein Kind, welches durch die allgemeinen Vorurtheile noch nicht verführt ist, wird genau eben so urtheilen. Zu welchen wichtigen Betrachtungen in Bezug auf diesen Punkt wird unser Emil nicht in seinem Robinson Veranlassung finden! Zu welchen Gedanken wird er angeregt werden, wenn er sieht, daß sich die Künste nur dadurch vervollkommnen, daß sie sich theilen und ihre Werkzeuge nach allen Richtungen hin bis ins Unendliche vervielfältigen? Er wird sich sagen: »In den Erfindungen aller dieser Leute spricht sich eine große Thorheit aus; fast scheint es, sie fürchteten sich, von ihren Armen und Fingern Gebrauch zu machen, so viel Werkzeuge klügeln sie aus, um jener entbehren zu können. Um eine einzige Kunst zu betreiben, sehen sie sich auf die Unterstützung tausend anderer angewiesen. Jeder einzelne Handwerker hat eine ganze Stadt nöthig. Was meinen Kamerad und mich dagegen anlangt, so bieten wir alle unsere Geisteskräfte nur zur Erhöhung unserer Geschicklichkeit auf. Wir verfertigen uns Werkzeuge, welche wir überall bei uns tragen können. Alle diese Leute, welche hier in Paris so stolz auf ihre Talente sind, würden auf unserer Insel nichts vermögen und gezwungen sein, bei uns erst in die Schule zu gehen.« Lieber Leser, halte dich hier nicht dabei auf, dir die körperlichen Uebungen und die Geschicklichkeit der Hände unseres Zöglings zu betrachten, sondern bringe in Anschlag, welche Richtung wir seiner kindlichen Wißbegierde geben, berücksichtige seinen Verstand, seinen erfinderischen Geist, seine Voraussicht; überlege, was für einen Kopf wir aus ihm machen wollen. Bei Allem, was er sieht, bei Allem, was er thut, wird er stets Alles bis ins Kleinste wissen und den Grund von Allem erfahren wollen. Er wird von Werkzeug zu Werkzeug bis auf das erste zurückgehen wollen. Nichts wird er auf bloße Voraussetzung hin annehmen. Er würde unweigerlich die Erwerbung von Kenntnissen ablehnen, die Vorkenntnisse voraussetzten, welche ihm fehlten. Wenn er eine Stahlfeder verfertigen sieht, so wird er wissen wollen, wie der Stahl aus dem Bergwerke gewonnen wird; sieht er, wie eine Kiste aus den einzelnen Stücken zusammengesetzt wird, so wird er wieder wissen wollen, wie der Baum gefällt worden ist; arbeitet er selbst, so wird er nicht unterlassen, sich bei jedem Werkzeuge, dessen er sich bedient, zu fragen: »Wie müßte ich es anfangen, um mir, falls ich dieses Werkzeug nicht hätte, ein ähnliches zu machen, oder um ohne dasselbe auszukommen?« Ein für den Lehrer schwer zu vermeidender Irrthum besteht übrigens darin, daß er bei solchen Beschäftigungen, für die er sich selbst in hohem Grade interessirt, nur zu häufig auch bei dem Kinde die gleiche Vorliebe voraussetzt. Seid ja auf eurer Hut, daß sich dasselbe nicht etwa, während euch die Freude an der Arbeit mit fortreißt, inzwischen langweile, ohne daß es wagt, euch dies bemerkbar zu machen. Das Kind muß ganz bei der Sache, ihr aber müßt ganz bei dem Kinde sein, müßt es beobachten, müßt es, ohne daß es auffällig wird, unablässig belauschen, alle seine Empfindungen im Voraus ahnen und es von denen, die es nicht haben soll, ablenken, kurz, ihr müßt es derart beschäftigen, daß es nicht allein fühlt, es sei bei der Arbeit von Nutzen, sondern daß es auch an derselben Gefallen habe, weil es genau einsieht, wozu das, was es thut, dienlich ist. Die Genossenschaft der Künste besteht in dem Austausch der gewerblichen Erzeugnisse, die Genossenschaft des Handels im Austausch der Waaren und die der Banken im Austausch von Werthzeichen und Geld. Alle diese Ideen stehen mit einander im Einklange, und die Elementarbegriffe sind schon gewonnen. Den Grund zu alledem haben wir mit Hilfe des Gärtners Robert schon in Emils frühester Jugend gelegt. Jetzt bleibt uns nur noch übrig, diese nämlichen Begriffe zu verallgemeinern und auf mehr Beispiele auszudehnen, um ihm den Handel an sich begreiflich zu machen. Wird er nun noch mit Einzelheiten aus der Naturgeschichte, die sich auf die einem jeden Lande eigenthümlichen Producte beziehen, und mit Einzelheiten aus dem Gebiete der Künste und Wissenschaften, welche die Schifffahrt betreffen, bekannt gemacht, schildert man ihm auch endlich noch die größeren oder geringeren Schwierigkeiten des Transportes, die durch die Lage der Länder, Meere, Flüsse u. s. w. bedingt werden, so ist ihm damit ein völlig anschauliches Bild gegeben. Keine Genossenschaft kann ohne Austausch, kein Austausch ohne gemeinsames Maß und kein gemeinsames Maß ohne Gleichheit bestehen. Das erste Gesetz in jeder gesellschaftlichen Vereinigung muß deshalb irgend eine, auf dem allgemeinen Uebereinkommen beruhende oder conventionelle Gleichheit sein, gleichviel, ob in Bezug auf die Menschen oder in Bezug auf die Dinge. Die conventionelle Gleichheit unter den Menschen, die sich von der natürlichen Gleichheit wesentlich unterscheidet, macht das positive Recht nothwendig, d. h. Regierung und Gesetze. Die politischen Kenntnisse eines Kindes müssen klar und begrenzt sein. Deshalb darf es hinsichtlich der Regierung im Allgemeinen nur über das belehrt werden, was sich auf das Eigentumsrecht, wovon es ja bereits einen gewissen Begriff hat, bezieht. Die conventionelle Gleichheit unter den Dingen ist die Veranlassung zur Erfindung des Geldes gewesen, denn das Geld ist nur ein Begriff zur Vergleichung des Werthes verschiedenartiger Dinge, und in diesem Sinne ist das Geld das wahre Band der Gesellschaft. Indeß kann Alles als Geld dienen. Ehemals galt das Vieh als solches, und noch heutigen Tages spielen Muschelschalen bei mehreren Völkern die Rolle desselben. In Sparta schlug man aus Eisen Geld, in Schweden aus Kupfer; wir verwenden dazu Gold und Silber. Wegen der Leichtigkeit ihres Transportes sind die Metalle allgemein als Tauschmittel gewählt worden, und um sich beim Tausche das jedesmalige Messen oder Abwägen zu ersparen, hat man sie zu Münzen ausgeprägt; denn in dem Gepräge der Münzen ist gleichsam nur eine Bescheinigung ausgesprochen, daß das in vorliegender Form ausgeprägte Stück das vereinbarte Gewicht wirklich besitzt. Das Münzrecht steht nur dem Fürsten zu, da er allein zu verlangen das Recht hat, daß sein Zeugniß unter einem ganzen Volke keinem Zweifel unterliegt. Auch der Beschränkteste wird den Nutzen dieser Erfindung einsehen, wenn er ihm in der angegebenen Weise erklärt wird. Es ist außerordentlich schwierig, Dinge von ganz verschiedener Natur, z.B. Tuch und Getreide, unmittelbar mit einander zu vergleichen; sobald man jedoch ein gemeinsames Maß, wie das Geld, gefunden hat, so fällt es dem Fabrikanten wie dem Landmanne leicht, den Werth der Gegenstände, die sie eintauschen wollen, nach diesem gemeinsamen Maße zu berechnen. Kostet eine gewisse Ellenzahl Tuch eine gewisse Summe Geldes, und gilt wiederum eine bestimmte Quantität Getreide eben so viel, so läßt sich daraus der Schluß ziehen, daß der Kaufmann, welcher dies Getreide für sein Tuch in Empfang nimmt, einen dem wirklichen Werthe entsprechenden Tausch macht. Vermittelst des Geldes werden auf diese Weise die verschiedenartigsten Güter meßbare Größen und können mit einander verglichen werden. Ueber diesen Punkt geht jedoch nicht hinaus, und laßt euch namentlich nicht auf eine Auseinandersetzung der moralischen Wirkungen dieser Einrichtung ein. Bei jeder Sache ist es von Belang, erst ihren Gebrauch zu erklären, ehe man auf ihren Mißbrauch aufmerksam macht. Wenn ihr im Sinne habt, den Kindern zu erläutern, wie die Werthzeichen die Ursache gewesen sind, daß den Sachen selber eine geringere Beachtung geschenkt wird, wie das Geld die Schuld an allen wunderlichen Einbildungen trägt, wie die an Geld reichen Länder an allem Uebrigen arm sein müssen, so würdet ihr diese Kinder nicht allein als Philosophen, sondern auch als Weise behandeln, und euch zutrauen, ihnen Dinge faßlich zu machen, die sogar wenige Philosophen verstanden haben. Auf welche Fülle interessanter Gegenstände läßt sich doch die Wißbegierde eines Zöglings lenken, ohne daß man Gefahr läuft, die wirklichen und materiellen Verhältnisse, die ihm verständlich sind, verlassen oder gestatten zu müssen, daß sich in seinem Geiste auch nur eine einzige verworrene Vorstellung bilde! Die Kunst des Lehrers muß sich darin zeigen, daß er sich bei seinen Betrachtungen niemals in unwesentlichen Kleinigkeiten erschöpft, sondern daß er seinen Schüler beständig in den Mittelpunkt großer Verhältnisse versetzt, von denen er einst Kenntniß haben muß, um sich über gute oder schlechte Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft ein richtiges Urtheil bilden zu können. Dem Lehrer darf auch die Kunst nicht fehlen, die Gespräche, mit denen er das Kind unterhält, der Geistesrichtung anzupassen, die er ihm gegeben hat. Manche Frage, die die Aufmerksamkeit eines Andern nicht einmal oberflächlich berührt haben würde, wird meinen Emil ein halbes Jahr quälen. Wir haben von einer reichen Familie eine Einladung zu Tische erhalten. Derselben Folge leistend, finden wir Vorbereitungen zu einem Festmahle, viel Gäste, eine zahlreiche Dienerschaft, eine Menge Schüsseln, elegantes und feines Tafelgeräth. Alle diese Anstalten, um uns durch ein glänzendes Fest Freude und Genuß zu bereiten, haben etwas Berauschendes, das Jemandem, welcher an dergleichen nicht gewöhnt ist, wol zu Kopfe steigen kann. Ich sehe voraus, welche Wirkung dies Alles auf meinen jungen Zögling ausüben wird. Während sich nun die Mahlzeit in die Länge zieht, während ein Gang nach dem andern folgt, während rings an der Tafel tausenderlei lärmende Gespräche geführt werden, nähere ich mich seinem Ohre und sage leise zu ihm: »Was denkst du wol? Durch wie viele Hände mag dies Alles, was du auf der Tafel siehst, gegangen sein, ehe es dieselbe schmücken konnte?« Welch eine Menge von Ideen rufe ich durch diese wenigen Worte in ihm wach! Augenblicklich sind alle nebelhaften Dünste seiner begeisterten Aufregung verscheucht. Er grübelt, denkt nach, berechnet und wird unruhig. Während die Philosophen, die sich durch den Wein und vielleicht auch durch ihre Nachbarinnen aufgeräumt fühlen, allerlei Narrheiten schwatzen und sich wie Kinder benehmen, bleibt er, in philosophische Betrachtungen versenkt, ganz allein in seinem Winkel sitzen. Er legt mir Fragen vor, deren Beantwortung ich jedoch ablehne, indem ich ihn auf spätere Zeit verweise. Er wird ungeduldig, vergißt Essen und Trinken und sehnt sich nach Aufhebung der Tafel, um sich mit mir in aller Ruhe aussprechen zu können. Was für ein Gegenstand für seine Wißbegierde! Was für ein Stoff für seine Belehrung! Was wird er bei seinem gesunden Urtheile, das noch nichts zu verderben im Stande war, über den Luxus denken, wenn er sich davon überzeugen wird, daß alle Weltgegenden dazu haben beisteuern müssen, daß zwanzig Millionen Hände vielleicht lange daran gearbeitet haben, daß es vielleicht Tausenden von Menschen das Leben gekostet hat, und dies Alles nur, damit ihm des Mittags das mit großer Pracht aufgetafelt werden konnte, was er am Abende dem geheimen Gemache wieder übergeben wird. Bemühet euch mit aller Sorgfalt, die geheimen Folgerungen in Erfahrung zu bringen, welche er in seinem Herzen aus allen diesen Beobachtungen zieht. Habt ihr mit weniger Treue über ihn gewacht, als ich voraussetze, so kann er sich leicht versucht fühlen, seinen Gedanken eine ganz andere Richtung zu geben, und sich für eine sehr wichtige Persönlichkeit in der Welt zu halten, wenn er sieht, wie viel Mühe auf die Bereitung seiner Mahlzeit verwandt wurde. Seht ihr solche Schlußfolgerungen voraus, so könnt ihr leicht verhindern, daß er sie zieht, oder ihren Eindruck wenigstens sofort wieder verwischen. Da er sich die Dinge bis jetzt nur durch den materiellen Genuß anzueignen weiß, so vermag er über ihre Angemessenheit oder Unangemessenheit für ihn auch nur nach ihren sinnlich wahrnehmbaren Eindrücken zu urtheilen. Der Vergleich eines einfachen ländlichen Mahles, welchem als Vorbereitung Leibesübungen vorangegangen sind und das im Hunger, in der Freiheit und in der Freude seine Würze gefunden hat, mit seinem so prächtigen und steifen Festmahle, wird hinreichen, um ihm das Gefühl einzuflößen, daß es, da ihm der ganze Verlauf des prächtigen Festes keinen wirklichen Vortheil gebracht hat und sein Magen von dem Tische des Landmannes mit eben so großer Befriedigung wie von der Tafel des reichen Mannes scheidet, an dieser nicht mehr als an jenem gibt, was er in Wahrheit sein nennen könnte. Suchen wir uns einmal klar zu machen, was ein Erzieher in einem ähnlichen Falle seinem Zöglinge sagen könnte. »Rufe dir die beiden Mahlzeiten noch einmal recht deutlich ins Gedächtniß zurück und entscheide bei dir selbst, welcher du mit größerem Vergnügen beigewohnt hast. Bei welcher hast du mehr Frohsinn bemerkt? Bei welcher hast du mit größerem Appetite gegessen, heiterer getrunken und herzlicher gelacht? Welche hat am längsten gedauert, ohne daß je Langeweile eintrat und ohne daß sie durch immer andere Gänge erst gleichsam wieder erneuert werden mußte? Und nun laß auch folgenden Unterschied nicht außer Acht: Dieses Schwarzbrod, das dir stets so gut mundet, kommt von dem Korn, welches jener Landmann selbst geerntet hat; sein trüber und herber, aber den Durst löschender und gesunder Wein ist ein Gewächs seines eigenen Weinberges; das leinene Tischzeug hat sein eigener Hanf geliefert, den seine Frau, seine Töchter, seine Mägde im Winter selbst gesponnen haben. Keine anderen Hände als die seiner Familie haben zu den Vorbereitungen für diese Mahlzeit beigetragen. Die nächste Mühle und der benachbarte Marktflecken bilden für ihn die Grenzen des Weltalls. Kannst du wol in Wahrheit behaupten, daß du von allem dem, was darüber hinaus die entfernten Länder und die zahlreichen Menschenhände auf die andere Tafel geliefert haben, einen wirklichen Genuß gehabt hast? Wenn also durch dies Alles deine Mahlzeit nicht wesentlich besser geworden ist, was für einen Gewinn hast du dann diesem Ueberflusse zu verdanken? Was hat dir denn so ganz besonders dabei gefallen? Und wärst du nun,« könnte der Erzieher auch noch hinzufügen, »der Herr des Hauses selbst gewesen, so würde dir Alles noch weit fremder geblieben sein, denn die Bemühung, mit deinen Genüssen vor den Augen der Gäste rechten Prunk zu treiben, würde dir schließlich den eigenen Genuß geraubt haben. Du hättest die Mühe, und jene das Vergnügen gehabt.« Diese Rede mag zwar sehr schön sein, aber meinem Emil gegenüber ist sie werthlos, da sie seine Fassungskraft übersteigt, und er sich auch seine Betrachtungen nicht vorschreiben läßt. Führt deshalb ihm gegenüber eine einfachere Sprache. Nachdem er nach diesen beiden Richtungen hin in die Tafelgenüsse eingeweiht ist, werde ich ihn eines Morgens fragen: »Wo wollen wir heute unser Mittagbrod einnehmen? Vor diesem wahren Silberberge, der drei Viertheile der ganzen Tafel bedeckt, und diesen Beeten von Papierblumen, die man beim Nachtisch auf spiegelhellem Glase aufträgt, unter diesen Frauen mit den gewaltigen Reifröcken, die dich nur als Spielpuppe behandeln und dir vorreden, du habest von Dingen geredet, welche du gar nicht einmal kennst, oder lieber in dem Dorfe, zwei Meilen von hier, bei jenen guten Leuten, die uns immer mit so großer Freude aufnehmen und uns so gute Sahne vorsetzen?« Emil's Wahl ist nicht zweifelhaft, denn er ist weder schwatzhaft noch eitel. Aller Zwang ist ihm verhaßt, und alle Künsteleien unserer Kochkunst sind ihm zuwider. Aber stets ist er zu einem Ausfluge auf das Land bereit und von gutem Obst, gutem Gemüse, guter Sahne und guten Leuten hält er ungemein viel. Die Vorliebe für das Landleben, die ich bei meinem Zöglinge voraussetze, ist eine natürliche Frucht seiner Erziehung. Da er übrigens von diesem albernen und gezierten Wesen, welches den Frauen in so hohem Grade gefällt, auch keine Spur an sich hat, so wird er von ihnen auch weniger verhätschelt. Selbstverständlich wird er sich deshalb auch unter ihnen weniger gefallen und in ihrer Gesellschaft, deren Reiz er noch nicht zu würdigen im Stande ist, weniger verdorben werden. Ich habe mich ernstlich gehütet, ihn dazu anzuhalten, ihnen die Hände zu küssen und fade Schmeicheleien zu sagen, ja ich habe ihn nicht einmal gelehrt, ihnen die rücksichtsvollen Aufmerksamkeiten zu beweisen, die ihnen von den Männern allgemein zugestanden werden. Ich habe es mir zum unverbrüchlichen Gesetze gemacht, nichts von ihm zu verlangen, dessen Grund über seinen Gesichtskreis hinausgeht; und für ein Kind gibt es keinen vernünftigen Grund, das eine Geschlecht anders als das andere zu behandeln. Wie von selbst wird sich ihm unterwegs der Gedanke aufdrängen: »Ich sehe ein, daß die vielen Leute, welche sich solche Mahlzeiten große Mühe und zahlreiche Ungelegenheiten kosten lassen, sich ganz umsonst abplagen, oder daß sie es dabei nicht auf unser Vergnügen absehen.« Meine Beispiele, die vielleicht für einen Fall gut sein mögen, werden für tausend andere geradezu schlecht sein. Hat man jedoch den Geist derselben erfaßt, so wird man sie je nach Bedürfniß sehr wohl umzuändern verstehen. Ihre Wahl ist durch die Kenntniß der Individualität eines jeden einzelnen Kindes bedingt, und diese Kenntniß hängt von der Gelegenheit ab, die demselben dargeboten wird, sich zu zeigen. Man darf sich nicht dem Wahne hingeben, daß wir im Stande wären in einem Zeitraume von drei bis vier Jahren, die diese Periode in Anspruch nimmt, auch dem begabtesten Kinde nur einen Begriff von allen Künsten und allen Naturwissenschaften zu geben, der ihm die Fähigkeit verleihen könnte, dieselben dereinst selbst zu erlernen; indem wir jedoch auf diese Weise alle Gegenstände, die es nothwendig wissen muß, an ihm vorüberführen, setzen wir es in den Stand, seinen Geschmack und sein Talent zu entwickeln, die ersten Schritte nach dem Gegenstande, auf den sich seine Neigung richtet, zu thun, und uns den Weg zu zeigen, den wir ihm eröffnen müssen, der Natur behilflich zu sein. Ein anderer Vortheil dieses Zusammenhanges eingeschränkter, aber richtiger Begriffe liegt darin, daß wir dem Kinde ihre Verbindungen und Beziehungen zu einander nachzuweisen vermögen, daß wir ihnen allen den ihnen zukommenden Platz in seiner Wertschätzung einräumen und dadurch vorbeugen, daß sich in ihm etwa ähnliche Vorurtheile festsetzen, wie sie die meisten Menschen für diejenigen Talente hegen, die sie besonders pflegen, und von denen sie gegen diejenigen erfüllt sind, die sie vernachlässigen. Wer die Ordnung des Ganzen völlig überschaut, kennt auch die Stelle, die jeder einzelne Theil einzunehmen hat; wer dagegen einen Theil völlig überschaut und aus dem Grunde kennt, kann zwar ein sehr gelehrter Mann sein; ersterer ist dafür aber ein Mann von gesundem Urtheil, und ihr werdet eingedenk sein, daß wir nicht sowol auf die Erwerbung der Wissenschaft als auf die eines gesunden Urtheils ausgehen. Wie dem auch immer sein mag, meine Methode ist von meinen Beispielen unabhängig; sie stützt sich auf das Maß der Fähigkeiten des Menschen in seinen verschiedenen Lebensperioden und auf die Wahl der Beschäftigungen, die diesen Fähigkeiten angemessen sind. Ich glaube, es würde sich auch leicht eine andere Methode auffinden lassen, mit der man scheinbar noch günstigere Erfolge erzielen könnte; allein wenn sie sich weniger nach der Individualität, dem Alter und dem Geschlechte richtete, so bezweifle ich, daß sie gleiche Resultate aufzuweisen vermöchte. Beim Beginne dieser zweiten Periode haben wir uns, um uns aus uns selbst heraus zu versetzen, den bedeutenden Ueberschuß unserer Kräfte über unsere Bedürfnisse zu Nutze gemacht. Wir haben uns bis zum Himmel emporgeschwungen, haben die Erde ausgemessen, haben uns mit den Gesetzen der Natur bekannt gemacht, mit einem Worte, wir haben unsere ganze Insel durchstreift. Jetzt halten wir wieder bei uns selber Einkehr, wir nähern uns unmerklich unserer eigenen Wohnung. Ein Glück für uns, wenn wir sie bei unserem Eintritte nicht schon im Besitze des Feindes finden, der uns bedroht und sich rüstet, sich ihrer zu bemächtigen! Was bleibt uns nach der sorgfältigen Beobachtung unserer ganzen Umgebung nun noch zu thun übrig? Daß wir Alles, was wir uns davon aneignen können, richtig anwenden lernen, und zum Besten unseres Wohlseins Vortheil aus unserer Wißbegierde ziehen. Bisher haben wir uns mit Werkzeugen jeglicher Art versehen, ohne eigentlich zu wissen, welche wir davon nöthig haben werden. Obgleich die unsrigen vielleicht für uns selbst unnütz sind, können doch Andere sie vorteilhaft verwenden, während umgekehrt wir vielleicht die ihrigen gebrauchen können. Wir würden deshalb bei einem Tausche Alle unsere Rechnung finden. Um indeß auf einen solchen einzugehen, müssen wir unsere gegenseitigen Bedürfnisse kennen, muß Jeder wissen, wie viel für ihn Brauchbares Andere besitzen, und was er ihnen seinerseits dafür zu bieten im Stande ist. Stellen wir uns zehn Menschen vor, von denen jeder zehn verschiedene Bedürfnisse hat. Um sich nun das Nöthige zu verschaffen, muß sich Jeder von ihnen auf zehn verschiedenartige Arbeiten verstehen. In Anbetracht der Verschiedenheit ihrer Anlagen wird aber bei dem Einen diese, bei dem Anderen jene Arbeit unvollkommen ausfallen. Trotz ihrer verschiedenen Befähigung werden sie sämmtlich die nämlichen Arbeiten vornehmen und in Folge dessen schlecht bedient sein. Nun laßt uns aus diesen zehn Menschen eine Gesellschaft bilden. Jeder treibe, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die neun Uebrigen, diejenige Beschäftigung, für die er die meiste Befähigung zeigt. Auf diese Weise wird Jeder von den Talenten der Anderen denselben Vortheil haben, als ob er sie alle selbst besäße. Jeder wird außerdem das seinige durch die unausgesetzte Uebung vervollkommnen, und so wird es dahin kommen, daß die zehn Personen, nachdem sie selbst vollständig mit Allem versehen sind, noch einen Ueberschuß für Andere übrig behalten werden. Auf diesem Principe beruhen augenscheinlich alle unsere Institutionen. Es gehört nicht zu der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, hier die weiteren Folgen zu untersuchen; dies habe ich bereits in einer anderen Schrift gethan. In der Abhandlung über die Ungleichheit. Nach diesem Principe würde ein Mensch, der sich in den Sinn kommen ließe, sich als ein isolirtes Wesen zu betrachten, sich an gar nichts anzuschließen und sich selbst zu genügen, nur ein elendes Wesen sein können. Ja, es wäre ihm sogar unmöglich, sein Dasein zu erhalten; denn da er die ganze Erde schon vertheilt fände und außer seinem Körper nichts sein Eigen nennen könnte, wo sollte er wol seinen nöthigen Unterhalt hernehmen? Sobald wir aus dem Naturzustande heraustreten, zwingen wir dadurch auch unseres Gleichen, ihn ebenfalls aufzugeben. Gegen den Willen der Anderen kann Niemand in demselben verharren; und schon das Verlangen in demselben zu bleiben, trotzdem es keine Möglichkeit gibt, darin sein Leben zu erhalten, käme einem tatsächlichen Verlassen desselben gleich. Denn das erste Gesetz der Natur ist die Sorge der Selbsterhaltung. So bilden sich nach und nach in dem Geiste des Kindes die Vorstellungen von den socialen Verhältnissen, sogar ehe es noch wirklich ein thätiges Mitglied der Gesellschaft sein kann. Emil begreift recht wohl, daß er, wenn er Werkzeuge zu seinem eigenen Gebrauche erhalten will, auch solche haben muß, die Andere gebrauchen können, durch deren Eintausch er dann im Stande ist, die ihm notwendigen Dinge, welche sich im Besitze Jener befinden, zu erlangen. Mit Leichtigkeit kann ich ihn dahin bringen, daß er die Nothwendigkeit eines solchen Austausches einsieht und sich in den Stand setzt, Vortheil daraus zu ziehen. »Gnädiger Herr, ich muß leben,« sagte ein unglückseliger satyrischer Schriftsteller zu einem Minister, der ihm das Ehrlose dieser Beschäftigung vorhielt. »Ich sehe die Nothwendigkeit davon nicht ein,« lautete die kalte Antwort des Staatsmannes. So ausgezeichnet diese Antwort auch im Munde eines Ministers klingt, so barbarisch und unrichtig würde sie doch in dem Munde eines jeden Anderen gewesen sein. Jeder Mensch muß leben. Gegen diesen Satz, der für Jeden mehr oder weniger Beweiskraft haben wird, je nachdem er mehr oder weniger menschlich gesinnt ist, scheint mir derjenige, der ihn auf sich selbst anwendet, nichts entgegnen zu können. Gegen so viele Dinge die Natur uns auch Widerwillen eingeflößt hat, so zeigt sich doch derselbe gegen nichts stärker als gegen den Tod. Daraus folgt, daß sie uns, sobald wir kein anderes Mittel mehr besitzen, unser Leben zu fristen, Alles gestattet. Die Grundsätze, die dem Tugendhaften gebieten, sein Leben gering zu schätzen und es der Pflicht zu opfern, sind von dieser ursprünglichen Einfachheit weit entfernt. Glücklich die Völker, bei denen man ohne Anstrengung gut und ohne Tugend gerecht sein kann! Sollte es aber in der Welt irgend einen Staat geben, der so erbärmlich wäre, daß Niemand, ohne böse zu handeln, darin leben könnte, und dessen Bürger notgedrungen Spitzbuben wären, so sollte in demselben nicht der Missethäter, sondern derjenige gehängt werden, der die Schuld trüge, daß er es werden müßte. Sobald Emil wissen wird, was das Leben ist, wird es meine erste Sorge sein, ihn in der Kunst zu unterrichten, dasselbe zu erhalten. Bis jetzt habe ich zwischen den Ständen, Rangstufen und Glücksgütern noch keinen Unterschied gemacht, und denke auch in der Folge eben so zu verfahren, weil der Mensch ja in jedem Stande doch immer nur Mensch ist und bleibt, weil der Reiche keinen größeren Magen und keine bessere Verdauung als der Arme hat, weil der Herr keinen längeren und stärkeren Arm als der Knecht besitzt, weil ein Großer an Stellung und Würden darum noch um keine Haupteslänge über dem Manne aus dem Volke hervorragt, und weil endlich, da sich die natürlichen Bedürfnisse überall gleich zeigen, auch die Mittel zu ihrer Befriedigung überall gleich sein müssen. Die Erziehung des Menschen stehe mit dem in Einklang, was der Mensch ist, und nicht mit dem, was er nicht ist. Begreift ihr denn nicht, daß ihr ihn dadurch, daß ihr nur darauf ausgeht, ihn einseitig für einen einzigen Stand zu bilden, für jeden anderen unbrauchbar macht, und daß ihr, sobald ihm das launische Glück den Rücken kehrt, nur daran gearbeitet habt, ihn erst recht unglücklich zu machen? Gibt es etwas Lächerlicheres als einen vornehmen Herrn, der verarmt ist und sich auch in seinem Elende von den Vorurtheilen seiner Geburt nicht lossagen kann? Gibt es etwas Verächtlicheres als einen zum Bettler herabgesunkenen Reichen, der sich in Erinnerung der Verachtung, unter der die Armuth zu seufzen hat, als den Elendesten der Menschen fühlt? Dem Ersteren bleibt kein anderer Ausweg übrig, als ein offenkundiger Dieb zu werden, der Letztere wird sich mit der Rolle eines kriechenden Dieners trösten, und dies Alles unter der Devise des schönen Wortes: »Ich muß leben.« Ihr verlaßt euch auf die augenblicklich bestehende gesellschaftliche Ordnung, ohne zu berücksichtigen, daß diese Ordnung unvermeidlichen Revolutionen ausgesetzt ist, und daß ihr euch in der Unmöglichkeit befindet, diejenige, welche über eure Kinder hereinbrechen kann, vorherzusehen oder zu verhindern. Der Große wird klein, der Reiche wird arm, der Monarch wird Unterthan. Sind diese Schicksalsschläge etwa so selten, daß ihr zuversichtlich darauf rechnen könnt, von ihnen verschont zu werden? Wir nähern uns sichtlich einer Krisis und dem Jahrhunderte der Revolutionen. Ich halte es für eine Unmöglichkeit, daß die großen Monarchien Europas noch lange bestehen können. Alle haben schon ihre Glanzepoche gehabt, und jeder Staat, welcher glänzt, geht seinem Untergange entgegen. Ich kann mich für meine Ansicht freilich auch noch auf speciellere Gründe als blos auf diese allgemeine Wahrheit berufen, aber es ist hier nicht der Ort davon zu reden, und Jeder kennt sie auch nur allzu gut. Wer kann euch dafür bürgen, was dann aus euch werden wird? Was Menschen geschaffen haben, können Menschen auch wieder zerstören. Unauslöschlich sind nur die Charaktere, welche die Natur ihren Schöpfungen aufprägt, und sie schafft weder Fürsten noch Reiche, noch vornehme Herren. Was wird dann dieser Satrap, den ihr nur zur Pracht und Herrlichkeit erzogen habt, in seiner Niedrigkeit beginnen? Was wird das Loos dieses Generalpächters, der nur vom Golde zu leben versteht, in seiner Armuth sein? Was wird, von Allem entblößt, das Ende jenes schwelgerischen Schwachkopfes sein, der mit sich selbst nichts anzufangen weiß und beständig sein ganzes Wesen in etwas ihm völlig Fremdartiges versenkt? Glücklich alsdann derjenige, welcher den Muth besitzt, willig aus dem Stande, der ihm den Rücken wendet, herauszutreten und dem Schicksale zum Trotz ein ächter Mensch zu bleiben! Möge man jenen König, der, wenn er besiegt werden sollte, sich in trotzigem Muth unter den Trümmern seines Thrones begraben lassen will, immerhin rühmen und erheben, ich kann ihm nur meine Verachtung zollen; ich erkenne, daß seine Existenz nur an seine Krone geknüpft ist, und daß er nichts ist, wenn er nicht König ist. Wer sie aber verliert und auf sie zu verzichten weiß, der ist alsdann über die Krone erhaben. Von dem Range des Königs, den ein Feigling, ein Elender, ein Narr eben so wol wie ein Anderer einnehmen kann, steigt er zum Range des Menschen empor, dem nur Wenige Ehre zu machen wissen. Alsdann triumphirt er über das Schicksal, er trotzt demselben, er verdankt Alles nur sich allein; und wenn ihm nichts geblieben wäre, was er aufweisen könnte als sein eigenes Selbst, so ist er deshalb doch keine Null; er zählt mit, er ist ein Etwas. Fürwahr, hundertmal lieber ist mir jener König von Syrakus, der Schulmeister wurde, und der bekannte König von Macedonien, der in Rom sein Leben als Schreiber kümmerlich fristete, als ein unglücklicher Tarquin, der nicht weiß, was er anfangen soll, wenn ihm die Herrschaft genommen ist, oder als jener Erbe dreier Königreiche, Der Prinz Karl Eduard, der sogenannte Prätendent, Enkel Jacobs II., Königs von England, entthront im Jahre 1688. Anmerkung des Herrn Petitain. der als ein Spielball eines Jeden, welcher sich herausnimmt, seines Elendes zu spotten, von Hof zu Hof irrt, überall Hilfe sucht und überall mit beleidigender Kälte aufgenommen wird, weil er nichts als einen Beruf gelernt hat, dessen Ausübung nicht mehr in seiner Gewalt liegt. Der Mensch und der Bürger, wer er auch immer sei, vermag der Gesellschaft kein anderes Gut als Mitgift und Einlage zu überbringen, als sich selbst; alle seine übrigen Güter sind ohnehin schon ihr Eigenthum. Besitzt ein Mensch Reichthum, so braucht er sich zwar von demselben keinen Genuß zu verschaffen, thut er es aber, so genießt ihn die Gesellschaft gleichzeitig mit. Im ersteren Falle entzieht er Anderen das, dessen er sich selber beraubt, und im zweiten gibt er ihnen nichts. So lange er also nur mit seinen äußeren Gütern bezahlt, hat er der Gesellschaft noch immer die volle Schuld zu entrichten. »Aber,« wendet vielleicht Jemand ein, »mein Vater hat ja damals, als er das Vermögen erwarb, der Gesellschaft Dienste geleistet ....« Es mag sein, indeß hat er nur seine Schuld abgetragen, nicht die deinige. Du schuldest gerade deswegen, weil du bei deiner Geburt begünstigt worden bist, den Anderen mehr, als wenn du in dürftigen Verhältnissen geboren wärest. Es liegt eine Unbilligkeit darin, daß das, was ein Mensch für die Gesellschaft gethan hat, einen Anderen von seiner Schuld, die er derselben zu entrichten hat, entbinden soll. Denn da Jeder verpflichtet, sich ganz und gar und in jeder Beziehung in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, so kann er auch nur seine eigene Schuld abtragen, und kein Vater vermag auf seinen Sohn das Recht zu vererben, seinen Nebenmenschen nutzlos zu sein. Das thut er jedoch in der That, wenn er, nach deiner Behauptung, ihm seine Reichthümer, die den Beweis und den Lohn seiner Arbeit bilden, hinterläßt. Wer im Müßiggange verzehrt, was er nicht selbst erworben hat, verübt geradezu einen Diebstahl, und ein Rentner, den der Staat für sein unthätiges Leben in der Form von Zinsen bezahlt, ist in meinen Augen kaum von einem Straßenräuber verschieden, der auf Kosten der Reisenden lebt. Dem außerhalb der Gesellschaft stehenden, isolirten Menschen steht, da er gegen Niemanden Verpflichtungen zu erfüllen hat, deshalb auch das Recht zu, ganz nach seinem Gefallen zu leben; allein innerhalb der Gesellschaft, wo er nothwendiger Weise auf Kosten der Anderen lebt, muß er ihnen durch seine Arbeit einen Ersatz für seinen Unterhalt gewähren. Hierin darf keine Ausnahme stattfinden. Arbeiten ist demzufolge eine unerläßliche Pflicht des sich in der Gesellschaft bewegenden Menschen. Ob reich oder arm, ob mächtig oder schwach, jeder müßige Bürger ist ein Spitzbube. Von allen Beschäftigungen nun, welche dem Menschen seinen Unterhalt verschaffen können, ist die Handarbeit diejenige, welche sich dem Naturzustande am meisten nähert; unter allen Ständen kann deshalb auch der Stand des Handwerkers als derjenige bezeichnet werden, der vom Glückswechsel und von den Menschen am unabhängigsten ist. Der Handwerker hängt lediglich von seiner Arbeit ab. Er ist frei, in demselben Grade frei, in welchem der Landmann Sklave ist, denn Letzterer ist an die Scholle gebunden und der Ertrag seines Feldes ist zum Theil fremder Willkür anheimgegeben. Der Feind, der Fürst, ein mächtiger Nachbar, ein Proceß ist im Stande ihm dieses Feld zu entreißen; vermittelst desselben kann man ihm auf tausenderlei Weise Verdruß verursachen; aber überall, wo man darauf ausgeht, den Handwerker zu belästigen, ist sein Ränzel bald geschnürt; seine Arme kann man ihm nicht nehmen, die nimmt er mit und geht seiner Wege. Dennoch ist und bleibt der Ackerbau die erste Beschäftigung des Menschen; sie ist die ehrenvollste, die nützlichste und folglich auch die edelste von allen, die er betreiben kann. Ich brauche Emil nicht erst aufzufordern: »Lerne den Ackersbau«; er kennt ihn schon. Alle ländlichen Arbeiten sind ihm von Grund aus bekannt. Mit ihnen hat er sich zuerst beschäftigt, zu ihnen kehrt er unaufhörlich wieder zurück. Ich brauche deshalb nur zu ihm zu sagen: »Bebaue das Erbe deiner Väter. Aber was sollst du wol anfangen, wenn du nun einst dieses Erbe verlierst, oder wenn dir gar keines zufällt? Dann lerne ein Handwerk!« »Mein Sohn soll ein Handwerk lernen! Mein Sohn ein Handwerker! Mein Herr, wo denken Sie hin?« – Meine Gedanken gehen weiter als die Ihrigen, gnädige Frau, die Sie seiner Erziehung die Beschränkung auflegen wollen, daß er nie etwas Anderes werden kann als ein Lord, ein Marquis, ein Fürst und eines Tages vielleicht trotzdem weniger als nichts. Ich dagegen will ihn zu einem unverlierbaren Range erheben, zu einem Range, der ihn zu allen Zeiten ehrt. Meine Erziehung soll ihn zum Menschen machen, und was Sie auch sagen mögen, mit diesem Titel wird er weniger seines Gleichen haben, als mit allen denjenigen, die er als Erbschaft von Ihnen erhält. Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig. Es handelt sich weniger darum, ein Handwerk zur praktischen Ausübung desselben zu erlernen, als vielmehr darum, die Vorurtheile zu besiegen, die das Handwerk mit Geringschätzung behandeln. Sollte Jemand einwenden, du werdest nie gezwungen werden, des Lebensunterhaltes willen zur Arbeit zu greifen, nun, dann um so schlimmer, um so schlimmer für dich. Doch darauf kommt es auch nicht an. Arbeite also nicht aus Noth, arbeite um des Ruhmes willen! Laß dich zum Stande des Handwerkers herab, um über deinen eigenen erhaben zu sein! Um dir das Glück und die Verhältnisse zu unterwerfen, mußt du dich zuerst von ihnen unabhängig machen; um durch die Vorurtheile dereinst eine Herrschaft auszuüben, mußt du dieselben zuerst selbst beherrschen. Seid eingedenk, daß ich keineswegs ein Talent von euch verlange; ich verlange ein Handwerk, ein wirkliches Handwerk, eine rein mechanische Kunstfertigkeit, bei welcher die Hände mehr arbeiten als der Kopf, und die zwar nicht zu Vermögen führt, bei welcher man aber dasselbe füglich entbehren kann. In Häusern, die in keiner Weise der Gefahr ausgesetzt waren, daß je Brodmangel in ihnen eintreten könnte, habe ich Väter kennen gelernt, welche in ihrer Vorsicht so weit gingen, daß sie Sorge trugen, ihre Kinder nicht nur in den gewöhnlichen Fächern unterrichten zu lassen, sondern sie auch mit solchen Kenntnissen auszustatten, die ihnen die Befähigung gaben, sich ihren Lebensunterhalt, es mochte kommen, wie es wollte, selbst zu verdienen. Diese vorsorglichen Väter bilden sich ein, viel zu thun; allein eigentlich ist damit doch noch nichts gethan, weil die Hilfsquellen, die sie ihren Kindern zugänglich machen wollen, ebenfalls unter dem Einflusse des nämlichen Glückswechsels stehen, über welchen sie dieselben erheben wollen. Daher kann es kommen, daß derjenige, welcher mit all diesen schönen Talenten ausgestattet ist, eben so gut im Elende umkommen kann, als wenn er sie gar nicht besäße, sobald er sich nicht in der günstigen Lage befindet, von ihnen auch Gebrauch machen zu können. Wenn es auf Ränke und Schliche ankommt, so ist dabei kein Unterschied, ob man sich derselben bedient, um sich in seinem Ueberflusse zu erhalten, oder ob man sich im Schooße des Elends auf dieselben stützt, um das wieder zu gewinnen, was Jemanden in den Stand setzen kann, seine frühere Stellung wieder zu gewinnen. Wenn du dich einer Kunst widmest, deren Erfolg von dem Rufe des Künstlers abhängt, wenn du nach einer Lebensstellung strebst, die man nur durch Gunst zu erhalten vermag, was kann dir das Alles nützen, sobald du voller Ekel über das Treiben der Welt die Mittel verschmähst, ohne welche man nun einmal nicht im Stande ist, seinen Zweck zu erreichen. Du hast Politik und die monarchischen Institutionen studirt; damit kann man es freilich weit bringen; aber was sollen dir diese Kenntnisse helfen, wenn du dir nicht den Zutritt zu den Ministern, den Hofdamen, den Vorstehern der Staatsbehörden zu eröffnen verstehst, wenn du nicht in das Geheimniß, ihnen zu gefallen, eingeweiht bist, wenn sie nicht sämmtlich in dir den Schelm finden, der für sie paßt? Du bist Baumeister oder Maler. Gut. Aber dein Talent muß doch erst bekannt werden. Meinst du etwa, du könntest dies ohne Weiteres schon dadurch erreichen, daß du nur ein Werk öffentlich ausstellst? O nein, auf diesem Wege geht das nicht. Man muß ein Mitglied der Akademie sein, es darf Einem selbst in dieser Stellung nicht an Gönnern fehlen, um nur in irgend einem Winkel an der Wand auch nur ein dunkles Plätzchen zu erhalten. Stehe von deinem Lineal oder Pinsel auf! Nimm dir einen Wagen und fahre von Thür zu Thür: das ist die Straße, die zum Ruhme führt. Dabei darfst du aber auch nicht vergessen, daß vor den Portalen aller dieser glänzenden Häuser Schweizer oder Portiers stehen, die nur auf die Zeichensprache eingeübt sind und ihre Ohren in den Händen haben. Willst du deine Kenntnisse an den Mann bringen und Lehrer der Geographie, der Mathematik, der Sprachen, der Musik oder des Zeichnens werden, so mußt du selbst hierzu erst Schüler finden und dich folglich auf Empfehlungen verlassen können. Sei überzeugt, daß weit mehr darauf ankommt, ein Charlatan zu sein, als ein geschickter Lehrer. Ich sage dir vorher, daß du, wenn du keine andere Kunst als die deinige verstehst, immer für einen Ignoranten gelten wirst. Du wirst also begreifen, wie wenig verläßlich alle diese so glänzend erscheinenden Hilfsquellen sind, und wie viele andere erst wieder hinzutreten müssen, um aus ihnen Nutzen ziehen zu können. Vor Allem aber bedenke, was in dieser entehrenden Erniedrigung aus dir werden soll? Das Scheitern deiner Pläne wird dich entwürdigen, ohne dich zu belehren. Wie willst du, der du jetzt mehr als je der Spielball der öffentlichen Meinung bist, dich über die Vorurtheile erheben, von denen die Entscheidung deines Schicksals abhängt? Wie willst du Gemeinheit und Laster verachten, die dir zu deinem Unterhalte unbedingt nöthig sind? Hingest du früher vom Reichthume ab, so hängst du jetzt von den Reichen ab. Du hast deine Sklaverei nur schlimmer gemacht und zu ihrer schon so drückenden Last noch die Schwere deines Elends hinzugewälzt. Mit einem Worte: du bist arm, ohne frei zu sein; dies ist der elendeste Zustand, in den ein Mensch gerathen kann. Wenn du jedoch, statt zur Fristung deines Lebens zu solchen hohen Kenntnissen deine Zuflucht zu nehmen, die nur die Aufgabe haben, die Seele, aber nicht den Leib zu nähren, in der Noth lieber auf die Geschicklichkeit deiner Hände und auf den Ertrag deiner Arbeit vertraust, so verschwinden alle Schwierigkeiten und du hast nicht nöthig, dich durch Anwendung unerlaubter Kunstgriffe zu beflecken. Diese Hilfsquelle steht dir jeden Augenblick zu Diensten. Deine Rechtschaffenheit und der dir vorangehende gute Ruf sind dir dann auf deinem Lebenswege kein Hinderniß mehr. Du brauchst dich dann vor den Großen nicht mehr feig und lügnerisch, vor den Schelmen fügsam und kriechend und vor Jedermann als ein verächtlicher Augendiener zu zeigen, brauchst nicht mehr zu borgen und zu stehlen, was für den Besitzlosen ziemlich gleichbedeutende Begriffe sind. Fremde Urtheile kümmern dich nicht; du brauchst Niemandem den Hof zu machen, keinem Einfaltspinsel Schmeicheleien zu sagen, keinen Schweizer zu erweichen, keine Buhlerin zu bestechen und, was noch schlimmer ist, heuchlerisch ihre Tugenden zu rühmen. Ob Schurken das Staatsschiff lenken, wird dich wenig kümmern; alles das wird dich nicht hindern, in deiner Zurückgezogenheit als ein rechtschaffener Mann zu leben und dein sicheres Brod zu haben. Du trittst in die erste beste Werkstätte des Handwerks ein, welches du gelernt hast. »Meister, mir fehlt Arbeit!« – »Setzt euch an die Arbeit, Geselle!« Ehe noch die Mittagsstunde herangerückt ist, hast du dein Mittagessen verdient; und bist du fleißig und mäßig, so wirst du, ehe acht Tage verstrichen sind, so viel zurückgelegt haben, daß du weitere acht Tage davon leben kannst, und dabei ist dein Leben in Freiheit, Gesundheit, Wahrheit, Arbeitsamkeit und Rechtschaffenheit verflossen. Das kann man nicht nennen, seine Zeit verlieren, sondern auskaufen. Ich bestehe darauf, daß Emil ein Handwerk lerne. Aber doch wenigstens ein anständiges Handwerk, werdet ihr sagen. Was denkt ihr euch bei diesem Worte? Ist nicht jedes dem Gemeinwesen nützliche Handwerk ein anständiges? Ich will nicht, daß er ein Sticker, ein Vergolder, ein Lackirer werde wie Locke's Gentleman; auch soll er sich weder der Musik, noch der Schauspielkunst, noch der Schriftstellerei Aber, wird man mir entgegnen, du bist doch selbst ein Schriftsteller! Zu meinem eigenen Unglück bin ich es, ich gestehe es. Indeß sind doch meine Fehler, für die ich genug habe büßen müssen, für Andere noch kein Grund, in ähnliche zu verfallen. Ich schreibe ja nicht, um sie zu entschuldigen, sondern im Gegentheile, um meine Leser abzuhalten, sich an ihnen ein Vorbild zu nehmen. widmen. Mit Ausnahme dieser und ähnlicher Berufsarten soll ihm die Wahl vollkommen freistehen; ich werde ihm in keiner Weise hinderlich entgegentreten. Es ist mir lieber, daß er ein Schuster wird als ein Dichter, daß er die Straßen pflastert, als daß er Porzellanblumen macht. Aber, werdet ihr fragen, sind denn die Polizisten, die Spione, die Henker nicht auch nützliche Leute? Wenn sie es nicht sind, so liegt die Schuld nur an den Regierungen. Doch ich will noch weiter gehen, ich will mein Unrecht gestehen. Es genügt noch nicht, blos einen nützlichen Beruf zu wählen; derselbe darf auch von denen, die ihn betreiben, niemals gehässige und mit der Menschlichkeit unvereinbare Eigenschaften der Seele beanspruchen. Ich halte deshalb meinen ersten Ausdruck fest und sage: Laßt uns ein anständiges Handwerk wählen; laßt uns aber dabei nie vergessen, daß es nichts Anständiges gibt, was nicht zu gleicher Zeit nützlich ist. Ein berühmter Schriftsteller dieses Jahrhunderts, Der Abbé de St. Pierre. dessen Werke voll großer Entwürfe und kleiner Ansichten sind, hatte, wie alle Priester seines Glaubens, das Gelübde abgelegt, keine eigene Frau zu haben. Da er jedoch in Bezug auf den Ehebruch eine weit größere Gewissenhaftigkeit bewies als die übrigen, so suchte er sich, wie man sich erzählt, dadurch zu helfen, daß er sich immer hübsche Mägde hielt, mit welchen er nach bestem Vermögen die Schmach wieder gut machte, die er dem menschlichen Geschlechte durch dieses unbesonnene Gelübde zugefügt hatte. Er hielt es für die Pflicht eines jeden Bürgers, dem Vaterlande Bürger zu geben; und mit dem Tribute, den er demselben in dieser Weise entrichtete, bevölkerte er die Classe der Handwerker. Sobald diese Kinder das entsprechende Alter erreicht hatten, ließ er sie sämmtlich nach eigener Wahl ein Handwerk lernen. Lediglich die müßigen, nichtigen oder der Mode unterworfenen Gewerbe, wie z.B. das des Perrückenmachers, das niemals nothwendig ist und das, so lange die Natur nicht müde wird, uns Haare zu schenken, mit einem Male ganz unnütz werden kann, schloß er dabei aus. In dieser Handlungsweise spricht sich der Geist aus, der uns bei der Wahl eines Handwerks für Emil leiten muß; oder vielmehr, es steht nicht uns zu, diese Wahl zu treffen, sondern ihm allein; denn da sich in Folge der Grundsätze, die wir ihm eingeflößt haben, in ihm eine natürliche Verachtung für alles Unnütze erhält, so wird er seine Zeit niemals mit völlig werth- und nutzlosen Arbeiten verschwenden wollen, und er kennt keinen anderen Werth der Dinge, als ihren wirklichen Nutzen. Er kann seine Wahl nur auf ein Handwerk richten, das Robinson auf seiner Insel Nutzen bringen könnte. Wenn man die Erzeugnisse der Natur und der Kunst vor den Augen des Kindes vorüber ziehen läßt, wenn man seine Neugier erregt und beobachtet, wohin dieselbe es führt, so hat man den Vortheil, dabei seine Geschmacksrichtung, seine Neigung, seinen Hang studiren zu können und den ersten Funken seines Genies hervorleuchten zu sehen, wenn sich dasselbe in einer bestimmten Richtung geltend macht. Ein gewöhnlicher Fehler, vor dem man sich jedoch sorgfältig hüten muß, besteht darin, daß man eine durch bloßen Zufall hervorgerufene Leistung dem übersprudelnden Talente zuschreibt und den Nachahmungstrieb, welchen der Mensch mit dem Affen theilt und welcher Beide maschinenmäßig antreibt, Alles, was sie thun sehen, ebenfalls zu thun, ohne sich deutlich bewußt zu sein, wozu es nützt, für eine ausgesprochene Neigung zu dieser oder jener Kunst hält. Die Welt wimmelt von Handwerkern und namentlich Künstlern, welchen zu der Kunst, die sie betreiben, alle natürliche Anlage fehlt, zu der man sie jedoch schon von frühester Jugend auf angehalten hat, sei es nun, daß man sich dazu durch besondere Gründe bestimmen ließ, oder auch durch einen ihnen angeborenen augenscheinlichen Eifer getäuscht wurde, welcher sie indeß eben so gut zu jeder anderen Kunst, wenn sie dieselbe zu gleicher Zeit hätten ausüben sehen, getrieben haben würde. Mancher hört einen Tambour und sieht sich im Geiste schon als General; ein Anderer sieht bauen und will deshalb Baumeister werden. Jeder fühlt sich zu dem Berufe hingezogen, den er ausüben sieht, sobald er denselben für einen anständigen hält. Ich habe einen Diener gekannt, der seinen Herrn einmal malen und zeichnen sah und sich nun in den Kopf setzte, ein Maler und Zeichner zu werden. Von dem Augenblicke an, wo dieser Entschluß in ihm zur Reife gekommen war, nahm er den Bleistift, welchen er nur weglegte, um sofort nach dem Pinsel zu langen, den er wol sein Leben lang nicht wieder weglegen wird. Ohne Unterricht und ohne Kenntniß der ersten Regeln begann er Alles zu zeichnen, was ihm unter die Hände gerieth. Drei volle Jahre saß er wie angekettet über seinen Sudeleien; nur sein Dienst konnte ihn auf Augenblicke davon losreißen, und die geringen Fortschritte, die er bei seinen mittelmäßigen Anlagen machte, vermochten ihn nicht zu entmuthigen. Ich habe gesehen, wie er in einem glühend heißen Sommer sechs Monate lang in einem kleinen nach Süden zu gelegenen Vorzimmer, wo man beim bloßen Durchgehen ersticken zu müssen glaubte, den ganzen Tag auf seinem Stuhle saß oder vielmehr angeschmiedet war. Seine Beschäftigung bestand darin, einen vor ihm stehenden Globus wieder und wieder abzuzeichnen und mit unüberwindlicher Hartnäckigkeit stets neue Versuche zu machen, bis ihm die kugelförmige Figur zu seiner Zufriedenheit gelungen war. Durch Unterstützung seines Herrn und unter Leitung eines Künstlers ist er endlich so weit gekommen, die Livree ausziehen und von seinem Pinsel leben zu können. Bis zu einer gewissen Grenze ist Beharrlichkeit im Stande das Talent zu ersetzen, diese Grenze hat er erreicht und wird sie nie überschreiten. Die Ausdauer und der Eifer dieses ehrlichen Menschen sind jedenfalls anerkennenswerth; seinem Fleiße, seiner Treue und seinen Sitten wird nie die Achtung versagt werden, aber er wird es nie weiter als zum Schildermaler bringen. Wer würde durch seinen Eifer nicht getäuscht worden sein und ihn nicht für ein wahres Talent gehalten haben? Aber es ist doch ein großer Unterschied, ob man an einer Arbeit nur Gefallen findet, oder ob man auch Fähigkeit zu derselben besitzt. Es sind feinere Beobachtungen, als man im Allgemeinen annimmt, dazu nöthig, um sich von dem wahren Genie und der wahren Neigung eines Kindes zu überzeugen, welches weit häufiger seine Wünsche als seine Anlagen zu zeigen pflegt. Leider beurtheilt man es immer nur nach den ersteren, weil man letztere nicht zu studiren versteht. Ich wünschte, daß ein Mann, dem es nicht an der nöthigen Beobachtungsgabe fehlte, uns eine Abhandlung über die Kunst, die Kinder zu beobachten, schriebe. Diese Kunst ist wahrlich wissenswerth; aber die Väter und die Lehrer sind noch nicht einmal mit ihren Anfangsgründen bekannt. Aber vielleicht legen wir der Wahl eines Handwerks eine allzu große Wichtigkeit bei. Da es sich hier ja nur um eine Handarbeit handelt, fällt meinem Emil diese Wahl nicht schwer. Dazu kommt, daß er in Folge der Uebungen, mit denen wir ihn bis jetzt beschäftigt haben, seine Lehrzeit schon zur Hälfte zurückgelegt hat. Was für Ansprüche erhebt ihr an ihn? Er ist zu Allem geschickt. Er versteht mit Spaten und Hacke umzugehen, weiß mit der Drehbank, dem Hammer, dem Hobel, der Feile Bescheid, ist mit den Werkzeugen aller Handwerke vertraut. Jetzt ist nur noch nöthig, daß er eins derselben so leicht und sicher gebrauchen lerne, daß er es mit tüchtigen Arbeitern, die sich desselben bedienen, an Gewandtheit aufnehmen kann; und gerade in diesem Punkte hat er vor ihnen Allen durch seinen gewandten Körper und seine geschmeidigen Glieder, die ihn befähigen, ohne Mühe jede Stellung anzunehmen und ohne Anstrengung jegliche Bewegung längere Zeit aushalten zu können, einen großen Vortheil voraus. Damit noch nicht genug, sind auch seine Organe scharf und gehörig ausgebildet; die ganze Mechanik der Künste ist ihm schon bekannt. Zur Meisterschaft gebricht es ihm nur an der Fertigkeit, und diese ist lediglich eine Sache der Zeit. Auf welches der Handwerke, unter welchen uns noch die Wahl freisteht, wird er nun so viel Zeit verwenden, daß er sich darin die nöthige Geschicklichkeit erwirbt? Das ist die einzige Frage, um die es sich noch handelt. Gebt dem Manne ein Handwerk, welches seinem Geschlechte geziemt, und dem Jünglinge ein solches, welches seinem Alter ansteht. Jede sitzende an das Zimmer fesselnde Berufstätigkeit, die den Körper verweichlicht und entkräftet, spricht ihn nicht an und ist ihm nicht dienlich. Nie wird ein Knabe aus eigenem Antriebe das Geschäft eines Schneiders ergreifen. Man muß alle Kunst aufbieten, um das Geschlecht, welches die Natur nicht zu dieser Frauenarbeit Bei den Alten gab es keine Schneider; die Kleider der Männer wurden von den Frauen im Hause selbst angefertigt. bestimmt hat, zur Wahl derselben zu bewegen. Nadel und Degen sollten nicht von denselben Händen geführt werden dürfen. Wäre ich Monarch, so würde ich das Nähen und sämmtliche Nadelarbeiten nur den Weibern und den Lahmen gestatten, die auf eine ähnliche Beschäftigung wie jene angewiesen sind. Hätte die Annahme auch eine Berechtigung, daß Verschnittene ein nothwendiges Uebel wären, so verdenke ich es doch den Orientalen im höchsten Grade, daß sie sich solche erst auf künstlichem Wege verschaffen. Weshalb begnügen sie sich nicht mit denen, welche die Natur hervorgebracht hat, mit dieser großen Schaar elender Männer, denen sie gleichsam ein verstümmeltes Herz mitgegeben hat. Sie würden sie nicht einmal Alle gebrauchen können. Jeder schwächliche, verweichlichte, zaghafte Mann ist von der Natur zu einer sitzenden Lebensweise verurtheilt. Er ist dazu geschaffen, um mit Weibern und in weibischer Weise zu leben. Wenn ein Jeder den Beruf treibt, für den er sich besonders eignet, so habe ich gewiß nichts dagegen einzuwenden; und wenn es denn einmal durchaus wirkliche Verschnittene geben soll, so verwende man für diesen Stand solche Männer, welche ihr Geschlecht entehren, indem sie sich Beschäftigungen hingeben, die sich für Männer nicht schicken. Die Wahl, die sie hinsichtlich ihres Berufes treffen, verräth einen Irrthum der Natur; verbessert diesen Irrthum auf die eine oder die andere Weise, und ihr werdet dadurch nur Gutes stiften. Ich verbiete meinem Zöglinge die ungesunden, aber keineswegs die beschwerlichen, ja nicht einmal die gefährlichen Gewerbe. Letztere üben Kraft und Muth gleichzeitig. Sie taugen lediglich für Männer; die Frauen wollen mit ihnen nichts zu schaffen haben. Weshalb schämen sich die Männer nicht, sich in Berufszweige einzudrängen, die nur für die Frauen bestimmt sind? Luctantur pauca, comedunt coliphia paucae. Vos lanam trahitis, calathisque peracta refertis Vellara ... Juv.Sat.II.v.53. In Italien sieht man keine Frauen in den Läden; und man kann sich in der That nichts Traurigeres vorstellen als den Anblick, welchen die Straßen dieses Landes denjenigen darbieten, welche an das Straßenleben Frankreichs und Englands gewöhnt sind. Als ich sah, wie Modehändler den Damen Bänder, Kopfputz, Haarnetze und Seidenschnüre verkauften, erschien mir in den groben Fäusten, die dazu geschaffen sind, den Blasebalg zu ziehen und auf den Ambos zu hämmern, dieser zierliche Putz sehr lächerlich. Ich sagte mir: Zur Vergeltung sollten sich die Frauen in diesem Lande auf den Verkauf von Schwertern und anderen Waffen legen. Jeder sollte doch nur die Waffen seines Geschlechtes anfertigen und verkaufen. Um sie zu kennen, muß man sie brauchen. Junger Mann, drücke deinen Arbeiten den Stempel der Manneshand auf! Lerne mit starkem Arme Beil und Säge regieren, einen Balken behauen, einen Giebel besteigen, ein Haus richten, Trag- und Zugbalken befestigen, und dann rufe deiner Schwester zu, sie möge kommen, um dir bei deiner Arbeit zu helfen, wie sie ja auch von dir verlangt hat, du solltest ihr bei ihren Stickarbeiten Hilfe leisten. Ich fühle recht wohl, daß ich meinen freundlichen Zeitgenossen in meinen Forderungen zu weit gehe. Aber ich lasse mich bisweilen durch die Consequenzen fortreißen. Schämt sich irgend ein Mann, er mag sein, wer er wolle, im Schurzfelle mit dem Hobel in der Hand öffentlich zu arbeiten, so erblicke ich in ihm nichts als einen Sklaven der Meinung, der auch erröthen würde, eine gute Handlung zu thun, sobald es Mode würde, ehrliche Leute zu verlachen. Trotzdem wollen wir dem Vorurtheile der Väter in allen Stücken, die dem Urtheile der Kinder nicht nachtheilig sein können, nachgeben. Es ist durchaus nicht nothwendig, daß man, um seine Achtung gegen alle nützlichen Gewerbe zu beweisen, sie nun auch alle praktisch ausübt; es genügt, daß man keines derselben unter seiner Würde halte. Weshalb sollten wir uns, wenn die Wahl in unserer Hand steht und nichts Anderes bestimmend auf uns einwirkt, bei unserer Wahl unter den Beschäftigungen gleichen Ranges nicht von der Annehmlichkeit derselben sowie von unserer Lust und Neigung leiten lassen? Die Metallarbeiten sind nützlich, sogar die nützlichsten von allen; gleichwol beabsichtige ich nicht, falls mich nicht ein besonderer Grund dazu veranlassen sollte, einen Hufschmied, Schlosser oder Grobschmied aus eurem Sohne zu machen; ich möchte ihn nicht in der Gestalt eines Cyklopen in seiner Schmiede sehen. Eben so wenig gedenke ich einen Maurer und noch weniger einen Schuhmacher aus ihm zu machen. Allerdings ist die Betreibung aller dieser Professionen eine Notwendigkeit; wem aber die Wahl frei steht, der muß auf die Sauberkeit Rücksicht nehmen, denn diese kann man gewiß kein Vorurtheil nennen; über diesen Punkt entscheiden die Sinne. Endlich würde ich meine Wahl auch nicht auf eines dieser gedankenlosen Gewerbe lenken, in welchen die Arbeiter, wie z.B. Weber, Strumpfwirker und Steinmetze, ohne allen Kunstsinn und fast wie Automaten, immer nur die nämlichen Arbeiten vornehmen und an ihnen ihre Hände üben. Wozu nützt es, für diese Geschäfte mit Vernunft begabte Wesen zu verwenden? Bei ihnen ist der Arbeiter nur eine Maschine, der eine andere in Bewegung setzt. Alles wohl erwogen, würde es meinen Wünschen am meisten entsprechen, wenn mein Zögling Gefallen an dem Tischlerhandwerke fände. Es ist reinlich und nützlich, läßt sich im Hause betreiben, hält den Körper in hinreichender Bewegung und erfordert von dem Arbeiter Geschicklichkeit und Kunstsinn, denn obgleich die Form der anzufertigenden Gegenstände von dem künftigen Gebrauche derselben abhängt, so sind doch Eleganz und Geschmack nicht ausgeschlossen. Sollte sich zufällig der Geist eines Zöglings in entschiedener Weise den speculativen Wissenschaften zuwenden, so würde ich es nicht tadelnswerth finden, wenn ihr ihn für ein seinen Neigungen entsprechendes Geschäft bestimmtet; laßt ihn z.B. die Verfertigung von mathematischen Instrumenten, Brillen, Teleskopen u.s.w. lernen. Wenn Emil sein Handwerk lernt, so werde ich es mit ihm zusammen lernen, denn ich bin überzeugt, daß er nur das, was wir gemeinschaftlich betreiben, gründlich lernen wird. Wir werden deshalb alle Beide in die Lehre treten und keineswegs Anspruch darauf machen, als Herren behandelt zu werden, sondern wir wollen im Gegentheile als Lehrlinge gelten, die es nicht der Kurzweil halber sind. Und weshalb sollten wir es nicht wirklich in vollem Ernste sein? Der Czar Peter war Schiffszimmermann und diente in seinem eigenen Heere als Tambour. Meint ihr, dieser Fürst könne sich mit euch an Geburt und Verdienst nicht messen? Es ist selbstverständlich, daß ich dies nicht etwa gegen Emil äußere; an euch wende ich mich, wer ihr auch sein möget. Unglücklicher Weise können wir nicht unsere ganze Zeit an der Hobelbank zubringen. Wir sind ja nicht allein Tischlerlehrlinge, sondern auch Lehrling für das ganze menschliche Leben; und gerade die Lehrlingsschaft für diesen letzten Beruf ist schwieriger und zeitraubender als die erstere. Wie werden wir es also anfangen? Wollen wir uns etwa täglich eine Stunde lang einen Meister der Hobelkunst annehmen, in derselben Weise, wie man sich einen Tanzlehrer hält? Nein; dann würden wir nicht Lehrlinge, sondern Schüler sein; und unser Ehrgeiz besteht nicht sowol darin, das Tischlerhandwerk zu erlernen, als vielmehr darin, uns zum Stande des Tischlers zu erheben. Meiner Ansicht nach müßten wir jede Woche wenigstens ein- oder zweimal den ganzen Tag bei dem Meister zubringen, eben so früh wie er aufstehen, uns noch vor ihm zur Arbeit einfinden, an seinem Tische essen und nach seiner Anleitung arbeiten. Hätten wir dann die Ehre gehabt, mit seiner Familie zu Abend zu essen, so könnten wir, wenn wir wollten, nach Hause zurückkehren, um auf unserem harten Lager der Ruhe zu pflegen. Auf diese Weise lernt man mehrere Gewerbe auf einmal und bildet sich in den Handarbeiten aus, ohne daß die andere Lehrlingsschaft darunter zu leiden hat. Laßt uns recht handeln und dabei einfach bleiben; seien wir auf der Hut, durch Bekämpfung der Eitelkeit derselben nicht neue Nahrung zuzuführen. Man erzählt sich, daß der Großherr nach einer alten Sitte des ottomannischen Herrscherhauses verpflichtet ist, mit eigenen Händen mechanische Arbeiten zu machen, und es ist männiglich bekannt, daß die Werke einer kaiserlichen Hand Meisterwerke sind. Er vertheilt diese Meisterwerke deshalb unter Entfaltung einer festlichen Pracht an die Großen der hohen Pforte, und sie werden natürlich nach dem Range ihres Verfertigers bezahlt. Das Schlimme, was ich hierin erblicke, beruht nicht darin, daß der ganze Act doch nur auf eine Gelderpressung ausläuft, denn diese hat im Gegentheile ihre gute Seite. Indem der Fürst seine Großen zwingt, das, was sie dem Volke geraubt haben, mit ihm zu theilen, sieht er sich weniger in die Lage versetzt, das Volk unmittelbar plündern zu müssen. Diese Erleichterung muß nothwendig mit dem Despotismus verbunden sein, weil ohne sie diese entsetzliche Regierungsform gar nicht bestehen könnte. Das wirklich Schlimme einer solchen Sitte liegt in der hohen Vorstellung von seinem eigenen Verdienst, die sich dadurch in diesem armseligen Menschen festsetzt. Wie der König Midas sieht er Alles, was er berührt, sich in Gold verwandeln, aber er gewahrt die langen Ohren nicht, die ihm dabei wachsen. Um dafür zu sorgen, daß sie unserm Emil hübsch kurz bleiben, laßt uns seine Hände vor diesem Talente, welches so reiche Schätze abwirft, bewahren. Der Preis seiner Arbeiten soll nicht in Rücksicht auf die Person des Verfertigers, sondern auf die Güte des Werks bestimmt werden. Wir wollen niemals dulden, daß man an das seinige einen anderen Maßstab lege als an die Arbeiten bewährter Meister. Um ihrer selbst willen soll seine Arbeit geschätzt werden, und nicht deswegen, weil sie von ihm herrührt. Hat er etwas gut gemacht, so saget dreist: »Das ist eine gute Arbeit«, setzet aber nie hinzu: »Wer hat sie gemacht?« Sagt er etwa selbst mit stolzer und selbstzufriedener Miene: »Ich habe sie angefertigt«, so füget kalt hinzu: »Ob du oder ein Anderer, das ist gleichgiltig, es bleibt immer eine gute Arbeit.« Gute Mutter, schütze dich namentlich gegen die Lügen, die man für dich in Bereitschaft hält. Ist dein Sohn kenntnißreich, so mißtraue Allem, was er weiß. Hat er das Unglück, in Paris erzogen zu werden und außerdem noch Reichthümer zu besitzen, so ist er verloren. So viele geschickte Künstler es daselbst auch geben mag, so wird er doch alle ihre Talente besitzen; fern von ihnen werden sie indeß plötzlich versiegen. Diese Hauptstadt wimmelt von Dilettanten und besonders von Dilettantinnen, die ihre Werke anfertigen, wie Guillaume seine Farben erfand. Unter den Männern sind mir nur drei rühmliche Ausnahmen bekannt, obwol es deren auch noch mehr geben kann, unter den Frauen jedoch kenne ich keine einzige, hege auch Zweifel, daß es eine gibt. Im Allgemeinen erwirbt man sich einen Namen in den Künsten in derselben Weise wie in der gelehrten Welt. Man wird Künstler und Kunstrichter, wie man Doctor der Rechte und Bürgermeister wird. Würde man es also einmal als einen unanfechtbaren Satz gelten lassen, daß es schön sei, ein Handwerk zu verstehen, so würden eure Kinder gar bald ein solches betreiben, ohne es je gelernt zu haben. Sie würden es zum Meister bringen, wie man es in Zürich zum Rathsherrn bringt. Mit all diesen äußeren Rücksichten soll mein Emil verschont bleiben; kein Schein, immer nur Thatsachen! Man rede nicht von dem, was er weiß, sondern laß ihn im Stillen lernen. Er mache fortwährend sein Meisterwerk und erhalte doch nicht die Meisterwürde; nicht durch den Titel, sondern durch die Arbeit zeige er, daß er ein Arbeiter ist. Bin ich im Stande gewesen, mich bis hierher verständlich zu machen, so muß man eingesehen haben, wie ich meinem Zöglinge neben der Gewöhnung an körperliche Uebung und Handarbeit unmerklich zugleich Geschmack an Ueberlegung und Nachdenken einflöße, um in ihm der Trägheit, in die er in Folge seiner Gleichartigkeit gegen die Urtheile der Menschen und der noch ungestörten Ruhe seiner Leidenschaften verfallen könnte, ein Gegengewicht zu geben. Er muß arbeiten wie ein Bauer und denken wie ein Philosoph, damit er nicht das müßige Leben eines Wilden führe. Das große Geheimniß der Erziehung beruht darauf, daß man es so einzurichten versteht, daß sich die körperlichen und geistigen Uebungen stets gegenseitig zur Erholung dienen. Hüten wir uns jedoch, solche Belehrung, welche einen reiferen Verstand voraussetzt, zu früh zu ertheilen. Emil wird noch nicht lange Handwerker sein, so wird ihm auch schon die Ungleichheit der Stände auffallen, die er Anfangs kaum bemerkt hatte. Nach den Grundsätzen, die ich ihm nach Maßgabe seiner Fassungskraft eingepflanzt habe, wird er auch mich einer Prüfung unterwerfen wollen. Da er Alles ausschließlich von mir erhält und in seiner Lage eine Aehnlichkeit mit der der Armen erblickt, so wird er wissen wollen, weshalb sich die meinige so wesentlich davon unterscheidet. Ganz unversehens wird er vielleicht recht verfängliche Fragen an mich richten. »Sie sind reich, Sie haben es mir selbst gesagt, und ich nehme es auch wahr. Ein Reicher muß, weil er Mensch ist, ebenfalls für die Gesellschaft arbeiten. Aber was thun Sie denn für dieselbe?« Was würde wol einer unserer jetzigen so beliebten Erzieher darauf antworten? Ich weiß es nicht. Vielleicht würde er die Thorheit so weit treiben, das Kind auf die Sorgfalt hinzuweisen, die er ihm widmet. Was mich jedoch anlangt, so reißt mich die Werkstätte aus der Verlegenheit. »Ei, lieber Emil, das ist eine vortreffliche Frage, ich verspreche dir, daß du eine Antwort von mir erhalten sollst, sobald du selbst eine dir genügende gefunden hast. Inzwischen werde ich es mir angelegen sein lassen, dir und den Armen Alles, was ich zu viel habe, zu geben und wöchentlich einen Tisch oder eine Bank zu machen, um für das Ganze nicht völlig nutzlos zu sein.« Damit sind wir nun wieder auf uns selbst zurückgekommen. Unser Kind ist, noch unmittelbar vor dem Augenblicke, wo es aus der Kindheit heraustreten soll, zu seiner eigenen Person zurückgekehrt. Mehr als je fühlt es die Nothwendigkeit, mit welcher es an die Dinge gefesselt ist. Nachdem wir zuerst seinen Körper und seine Sinne geübt haben, sind wir zur Uebung seines Verstandes und seiner Urtheilskraft übergegangen. Schließlich haben wir den Gebrauch seiner Glieder mit dem seiner Geisteskräfte verbunden. Wir haben ein handelndes und denkendes Wesen aus ihm gebildet. Zur Vollendung des Menschen bleibt uns nur noch übrig, auch ein liebendes und fühlendes Wesen aus ihm zu machen, das heißt seine Vernunft durch das Gefühl zu vervollkommnen. Bevor wir jedoch in diese neue Lebensperiode eintreten, wollen wir noch einen Rückblick auf diejenige werfen, aus der wir jetzt scheiden, und uns darüber möglichst klar zu werden suchen, wohin wir gelangt sind. Anfangs hatte unser Zögling nur sinnliche Wahrnehmungen; jetzt hat er Begriffe; zuerst nahm er nur wahr, jetzt urtheilt er. Denn aus der Vergleichung mehrerer auf einander folgender oder gleichzeitiger Wahrnehmungen und aus dem Urtheile, welches man sich darüber bildet, geht eine Art gemischter oder zusammengesetzter Wahrnehmung hervor, welche ich Idee oder Begriff nenne. Die Art und Weise der Bildung der Begriffe verleiht nun dem menschlichen Geiste seinen besonderen Charakter. Derjenige Geist, welcher seine Ideen lediglich nach wirklichen Verhältnissen bildet, ist ein gründlicher Geist, während derjenige, welcher sich schon mit scheinbaren Verhältnissen befriedigt, ein oberflächlicher Geist ist; wer die Verhältnisse so auffaßt, wie sie sind, ist ein klarer, und wer sie unrichtig auffaßt, ein unklarer Kopf; wer eingebildete Verhältnisse, die weder in der Wirklichkeit existiren noch eine Wahrscheinlichkeit für sich haben, erdichtet, ist ein Narr, und wer gar seine Vergleichungen anstellt, ein Schwachkopf. Das größere oder geringere Geschick in der Vergleichung der Ideen und im Auffinden der Verhältnisse bildet Menschen von höherem oder niedrigerem Geiste. Die einfachen Begriffe sind weiter nichts als verglichene Sinneswahrnehmungen. Bei den einfachen Sinneswahrnehmungen kommen eben so gut Urtheile vor, als bei den zusammengesetzten, welche ich einfache Begriffe nenne. Bei den Sinneswahrnehmungen tritt das Urtheil rein passiv auf; es beschränkt sich auf die Bestätigung, daß man das, was man wahrnimmt, wirklich wahrnimmt. Bei dem Begriffe oder der Idee verhält sich das Urtheil dagegen activ; es stellt zusammen, es vergleicht, es bestimmt Verhältnisse, welche der Sinn nicht bestimmt. Darin besteht der ganze Unterschied, aber er ist freilich groß. Die Natur täuscht uns nie, die Täuschung geht stets von uns selber aus. Ich halte es für eine Unmöglichkeit, daß uns unsere Sinne täuschen, denn es ist unter allen Umständen wahr, daß wir das wahrnehmen, was wir wahrnehmen; und in dieser Beziehung hatten die Epikuräer Recht. Nur die Urtheile, die es uns beliebt mit den Sinneswahrnehmungen in Bezug auf ihre ersten Ursachen, oder in Bezug auf ihre gegenseitigen Beziehungen, oder in Bezug auf die Natur der Gegenstände, deren Wahrnehmung sie uns ermöglichen, in Verbindung zu setzen, tragen die Schuld des Irrthums. Und gerade hierin verfielen die Epikuräer in einen großen Irrthum, indem sie die Behauptung aufstellten, daß die Urtheile, die wir über unsere Sinneswahrnehmungen fällten, niemals falsch wären. Wir nehmen lediglich die sinnlichen Eindrücke, nicht aber unsere Urtheils wahr; diese bilden wir selbst. – Dieser Abschnitt, welcher zum ersten Male in der von Didot im Jahre 1801 veranstalteten Ausgabe abgedruckt wurde, befindet sich in der That in dem Manuscripte des Verfassers in der Form einer Randnote zum Texte, wobei jedoch zu beachten ist, daß in demselben die beiden vorhergehenden Absätze fehlen. Anmerk. des Herrn Petitain. Ich bin Zeuge, wie man einem achtjährigen Kinde Gefrorenes vorsetzt; es führt den Löffel nach dem Munde, ohne zu wissen, was man ihm gereicht hat, und von der Kälte empfindlich berührt, schreit es: »Ach, ich habe mich verbrannt!« Es wird ein sehr lebhafter Eindruck auf dasselbe ausgeübt; und da es keinen lebhafteren als den durch die Hitze des Feuers verursachten kennt, so meint es, diese zu empfinden. Dessenungeachtet täuscht es sich; der plötzliche Kälteschauer erregt ihm Schrecken; aber es verbrennt sich nicht. Außerdem haben auch beide Empfindungen keine Aehnlichkeit mit einander, denn wer beide schon wahrgenommen hat, wird sie gewiß nicht mit einander verwechseln. Nicht also die Empfindung hat die Täuschung hervorgerufen, sondern das Urtheil, welches das Kind über dieselbe fällt. Eine ähnliche Erfahrung macht derjenige, welcher zum ersten Male einen Spiegel oder einen optischen Apparat sieht, welcher mitten im Winter oder Sommer in einen tiefen Keller hinabsteigt, welcher seine Hand, wenn sie sehr heiß oder sehr kalt ist, in laues Wasser taucht, oder eine kleine Kugel zwischen zwei gekreuzten Fingern rollt. Begnügt er sich, das, was er wirklich wahrnimmt, wirklich empfindet, zu sagen, so ist, da sich sein Urtheil rein passiv verhält, eine Täuschung eine Unmöglichkeit. Läßt er sich bei seinem Urtheile dagegen durch den Schein leiten, so ist dasselbe activ; er vergleicht und stellt durch Schlüsse Verhältnisse fest, die er nicht wahrnimmt. Dann täuscht er sich oder kann sich wenigstens täuschen. Es gehört Erfahrung dazu, um den Irrthum zu verbessern oder ihm vorzubeugen. Zeigt ihr des Nachts eurem Zöglinge Wolken, die zwischen ihm und dem Monde vorüberziehen, so wird er sich dem Wahne hingeben, daß sich der Mond nach der den Wolken entgegengesetzten Seite bewege, während ihm diese still zu stehen scheinen. Diese Annahme bildet sich in ihm durch einen voreiligen Schluß, weil er aus Erfahrung weiß, daß die kleineren Körper gewöhnlich eine stärkere Bewegung als die großen haben, und weil ihm die Wolken größer als der Mond vorkommen, dessen Entfernung er nicht richtig zu schätzen vermag. Betrachtet er dagegen von einem auf den Wellen dahintreibenden Boote aus das etwas entfernte Ufer, so verfällt er in den entgegengesetzten Irrthum und glaubt eine Bewegung des Landes wahrzunehmen, weil er seine eigene Bewegung nicht merkt und folglich das Boot, das Meer oder den Fluß und die ganze Gegend, so weit er sie zu überschauen im Stande ist, für ein unbewegliches Ganzes hält, von dem ihm das Ufer, das er an sich vorüber ziehen steht, nur ein Theil zu sein scheint. Erblickt ein Kind zum ersten Male einen bis zur Hälfte ins Wasser getauchten Stock, so zeigt er sich dem Auge desselben zerbrochen. Die sinnliche Wahrnehmung ist vollkommen richtig und, selbst wenn wir uns den Grund dieser Erscheinung nicht erklären könnten, würde sie nicht aufhören, es zu sein. Fragt ihr es deshalb, was es sieht, so antwortet es: »Einen zerbrochenen Stock«, und es sagt die volle Wahrheit, denn es hat in der That den Eindruck eines zerbrochenen Stockes erhalten. Geht es jedoch, durch sein Urtheil irre geleitet, weiter und fügt es seiner Behauptung, es nehme einen zerbrochenen Stock wahr, auch noch die Behauptung hinzu, daß derselbe es in Wirklichkeit sei, dann sagt es etwas durchaus Falsches. Und weshalb? Weil das Urtheil dann activ auftritt und das Kind nicht mehr nach der sinnlichen Wahrnehmung, sondern in Folge eines Schlusses urtheilt und etwas behauptet, wovon es keinen sinnlichen Eindruck empfangen hat, nämlich daß das durch einen Sinn hervorgerufene Urtheil auch noch die Bestätigung eines anderen Sinnes erhalten werde. Da alle unsere Irrthümer lediglich aus unseren Urtheilen hervorgehen, so ist so viel klar, daß, brauchten wir niemals zu urtheilen, wir auch nicht zu lernen nöthig hätten. Wir würden uns dann niemals in dem Falle befinden, uns zu täuschen und in unserer Unwissenheit jedenfalls glücklicher sein, als wir bei unserem Wissen je sein können. Wer wollte läugnen, daß die Gelehrten wirklich tausenderlei Wahrheiten kennen, welche die Laien in der Wissenschaft niemals kennen lernen werden? Sind die Gelehrten aber deshalb schon der Wahrheit näher? Gerade im Gegentheil; je weiter sie fortschreiten, desto mehr entfernen sie sich nur von ihr, weil die Eitelkeit, Urtheile zu fällen, die Zunahme ihrer Einsichten weit überflügelt, und mit jeder Wahrheit, die sie finden, hundert falsche Urtheile Hand in Hand gehen. Mit unumstößlicher Gewißheit kann nachgewiesen werden, daß die gelehrten Gesellschaften Europas nur Brutstätten der Lüge sind, und sicherlich gibt es in der Akademie der Wissenschaften mehr Irrthümer als bei dem ganzen Stamme der Huronen. Da die Menschen desto mehr Irrthümern ausgesetzt sind, eine je höhere Wissensstufe sie einnehmen, so besteht das einzige Mittel, den Irrthum zu vermeiden, in der Unwissenheit. Urtheilt nie, so werdet ihr euch auch nie irren. Diese Lehre gibt uns sowol die Natur wie die Vernunft. Mit Ausnahme einer äußerst geringen Anzahl unmittelbarer und sich uns sehr fühlbar machender Beziehungen, in denen wir zur Außenwelt stehen, erfüllt uns von Natur eine tiefe Gleichgiltigkeit gegen alles Uebrige. Ein Wilder würde keinen Fuß in Bewegung setzen, um den Gang der vollkommensten Maschine und alle Wunder der Elektricität anzusehen. »Was kümmert mich das?« Diesen Ausruf hört man so häufig aus dem Munde der Ungelehrten, und doch würde er sich im Munde der Gelehrten am allerbesten ausnehmen. Unglücklicherweise paßt dies Wort nicht mehr auf unsere Verhältnisse. Seitdem wir von Allem abhängen, ist uns auch Alles wichtig; mit unseren Bedürfnissen muß sich auch nothwendig unsere Wißbegierde erweitern. Aus dem Grunde schreibe ich den Philosophen eine sehr große und den Wilden gar keine Wißbegierde zu. Letzterer bedarf Niemandes, Ersterer der ganzen Welt und namentlich der Bewunderer. Man wird mir entgegenhalten, daß ich mich damit von der Natur lossage; aber dies bestreite ich. Die Natur wählt und verwendet ihre Hilfsmittel nicht in planloser Weise, sondern nach dem eintretenden Bedürfnisse. Nun ändern sich aber die Bedürfnisse der Menschen nach ihrer Lebensstellung. Ein großer Unterschied macht sich zwischen einem naturgemäß im Naturzustande und einem naturgemäß in gesellschaftlichen Verhältnissen lebenden Menschen bemerkbar. Emil ist kein Wilder, der seinen Aufenthaltsort in den Wüsten suchen muß; er ist vielmehr ein Wilder, der bestimmt ist, in den Städten zu wohnen. In ihnen muß er seines Lebens Nothdurft und Nahrung zu finden wissen, von ihren Einwohnern muß er Nutzen ziehen und er ist gezwungen, wenn auch nicht wie sie, doch wenigstens mit ihnen zu leben. Da er nun inmitten so vieler neuer Verhältnisse, zu denen er in eine Art Abhängigkeit gerathen wird, er mag wollen oder nicht, Urtheile fällen muß, so ist es unsere Pflicht, ihn richtig urtheilen zu lehren. Als die beste Methode, richtig urtheilen zu lernen, kann die empfohlen werden, welche es sich zu ihrer Hauptaufgabe macht, unsere Erfahrungen zu vereinfachen, ja darauf ausgeht, dieselben ganz entbehrlich zu machen, ohne uns einem Irrthume auszusetzen. Daraus folgt, daß wir, nachdem wir längere Zeit hindurch die Eindrücke des einen Sinnes durch einen anderen Sinn berichtigt haben, nun auch noch lernen müssen, die Eindrücke eines jeden Sinnes durch sich selbst zu berichtigen, ohne erst nöthig zu haben, einen anderen Sinn zu Hilfe zu nehmen. Dann wird jeder sinnliche Eindruck für uns zu einem Begriffe werden, und dieser Begriff wird stets mit der Wahrheit in Einklang stehen. Zu dieser Art gehören die Erfahrungen, welche ich dieser dritten Periode des menschlichen Lebens zu verschaffen gesucht habe. Diese Methode verlangt eine Geduld und Umsicht, deren nur wenige Lehrer fähig sind, ohne welche indeß der Schüler niemals urtheilen lernen wird. Wenn ihr euch z.B., sobald sich derselbe durch den Anschein, als ob der Stock zerbrochen sei, täuschen läßt, sogleich beeilt, denselben aus dem Wasser zu ziehen, um ihn von seinem Irrthume zu überführen, so werdet ihr ihm denselben freilich benehmen, aber was werdet ihr ihn dadurch lehren? Nichts, als was er bald von selbst gelernt haben würde. Das ist wahrlich nicht die richtige Verfahrungsweise! Es handelt sich weniger darum, ihn mit einer Wahrheit bekannt zu machen, als vielmehr ihm zu zeigen, welches Verfahren er einschlagen müsse, um stets die Wahrheit zu finden. Um ihn gründlich zu belehren, muß man ihn nicht so bald aus seinem Irrthume reißen. Nehmt euch an Emil und mir ein Beispiel. Erstlich wird jedes auf die herkömmliche Weise erzogene Kind nicht verfehlen, auf die zweite der vorausgesetzten beiden Fragen sofort bejahend zu antworten. »Sicherlich,« wird es sagen, »ist das ein zerbrochener Stock.« Ich hege starken Zweifel, daß mir Emil die nämliche Antwort ertheilen wird. Da er die Nothwendigkeit nicht einsieht, gelehrt zu sein oder zu scheinen, so übereilt er sich mit seinem Urtheile nie; er urtheilt nur nach erlangter Gewißheit und ist weit entfernt, sie in dem vorliegendem Falle zu haben, da ihm nur zu wohl bekannt ist, wie leicht wir Gefahr laufen, uns bei unseren Urtheilen zu täuschen, sobald wir uns blos auf den Augenschein verlassen, und wäre es auch nur in Bezug auf die Perspective. Da er ferner aus Erfahrung weiß, daß auch meine unbedeutendsten Fragen regelmäßig einen ganz bestimmten Zweck haben, wenn ihm derselbe auch nicht sogleich deutlich ist, so liegt es gar nicht in seiner Gewohnheit, ins Gelag hinein zu antworten. Im Gegentheile setzt er Mißtrauen in sich, überlegt reiflich und prüft, bevor er antwortet, meine Fragen mit größter Sorgfalt. Niemals gibt er mir eine Antwort, die ihn nicht selbst befriedigt, und er ist schwer zufrieden zu stellen. Wir ereifern uns am Ende auch Beide nicht so sehr darum, durchaus die Wahrheit wissen zu wollen, sondern es kommt uns weit mehr darauf an, uns vom Irrthum fern zu halten. Wir würden uns weit unangenehmer berührt fühlen, wenn wir uns mit einem nicht genügenden Grunde zufrieden geben wollten, als wenn wir gar keinen fänden. »Ich weiß nicht« ist ein Ausdruck, welchen wir Beide so oft im Munde führen und so oft wiederholen, daß weder dem Einen noch dem Anderen seine Anwendung sauer wird. Ob ihm indeß eine unüberlegte Antwort entschlüpfen möge, oder ob er sie durch unser bequemes »Ich weiß nicht« zu vermeiden suche, immer wird meine Erwiderung gleich lauten: »Laß uns zusehen, laß uns untersuchen.« Jener bis zur Hälfte ins Wasser getauchte Stock hat eine senkrechte Richtung. Wie viel haben wir doch, um zu erfahren, ob er wirklich zerbrochen ist, wie es scheint, erst noch zu thun, bevor wir ihn aus dem Wasser ziehen oder auch nur mit der Hand berühren! 1. Zunächst betrachten wir uns den Stock von allen Seiten und machen die Wahrnehmung, daß der Bruch jeder unserer Stellungen folgt. Der Grund dieser Veränderung liegt also ausschließlich in unserem Auge, und doch sind die Blicke nicht im Stande, Körper in Bewegung zu setzen. 2. Darauf blicken wir in senkrechter Richtung auf das Ende des Stockes herab, welches aus dem Wasser hervorragt. Nun sieht er nicht mehr gebrochen aus; das unserem Auge zunächst liegende Ende deckt das untere genau. Ich habe mich seitdem durch eine genauere Untersuchung vom Gegentheil überzeugt. Die Strahlenbrechung wirkt kreisförmig, und der Stock erscheint an dem im Wasser befindlichen Ende dicker als an dem anderen; allein dies vermag nichts an der Beweiskraft meiner Folgerung zu ändern, und der Schluß ist deshalb nicht weniger richtig. Hat denn unser Auge etwa den Stock wieder gerade gerichtet? 3. Wir bringen die Oberfläche des Wassers in Bewegung. Sofort nehmen wir wahr, daß der Stock in mehrere Stücke zerbricht, sich im Zickzack hin und her bewegt und den Wellenbewegungen des Wassers folgt. Reicht demnach schon die Bewegung, in die wir das Wasser setzen, hin, den Stock zu zerbrechen, zu erweichen und in einen flüssigen Zustand zu verwandeln? 4. Endlich lassen wir das Wasser abfließen und sehen, wie sich der Stock in dem Maße, in welchem das Wasser sinkt, nach und nach gerade richtet. Ist dies nicht mehr als nöthig ist, um die Thatsache aufzuklären und sich daraus die Lehre von der Brechung des Lichtes zu entwickeln? Es beruht also nicht auf Wahrheit, daß das Gesicht uns täusche, da wir uns nur auf das Auge zu verlassen brauchen, um die Irrthümer zu berichtigen, deren Schuld wir ihm zuschreiben. Angenommen, das Kind wäre zu beschränkt, um das Resultat dieser Beobachtungen begreifen zu können. Gut, dann müßten wir zur Unterstützung des Gesichts auch noch das Gefühl aufbieten. Laßt den Stock, anstatt ihn aus dem Wasser zu ziehen, in seiner gegenwärtigen Stellung, und das Kind fahre nun mit der Hand von einem Ende bis zum anderen an ihm hinab. Nirgends wird es einen Winkel bemerken; der Stock ist also nicht zerbrochen. Ihr werdet mir einwenden, daß es sich hierbei schon nicht allein um Urtheile handle, sondern um förmliche Schlußfolgerungen. Ja, ich gebe es zu; aber seht ihr nicht ein, daß, sobald der Geist einmal bis zu den Ideen gelangt ist, jedes Urtheil eine Schlußfolgerung ist? Das sich Bewußtwerden jeder Sinneswahrnehmung ist ein Satz, ein Urtheil. Folglich schließt man auch, sobald man eine Sinneswahrnehmung mit einer anderen vergleicht. Die Kunst zu urtheilen und die Kunst zu schließen sind genau dasselbe. Nach meinem Willen soll Emil die Dioptrik an diesem Stabe lernen, oder er soll nie mit ihr bekannt gemacht werden. Er wird weder Insecten secirt noch die Sonnenflecken gezählt haben; er wird weder wissen, was ein Mikroskop noch was ein Teleskop ist. Eure hochgelahrten Zöglinge werden ihn wegen seiner Unwissenheit auslachen. Sie werden keineswegs Unrecht haben, denn ich verlange, daß er diese Instrumente, ehe er sich ihrer bedient, selbst erfinde, und ihr könnt euch wol vorstellen, daß dies Zeit erfordert. Hierin ist der Geist meiner ganzen Methode während dieser Periode zusammengefaßt. Wenn das Kind eine kleine Kugel zwischen zwei kreuzweise über einander gelegten Fingern rollen läßt und dabei deren zwei zu fühlen glaubt, so werde ich ihm nicht eher gestatten, daß es sich mit seinen Augen überführt, als bis es sich mit Schlüssen überzeugt hat, daß es wirklich nur eine Kugel ist. Diese Erklärungen werden, wie ich denke, genügen, um die Fortschritte, die mein Zögling bisher in seiner geistigen Entwickelung gemacht hat, sowie den Weg, auf welchem er sie erreicht hat, deutlich zu bezeichnen. Aber ihr seid vielleicht über die Menge der Gegenstände, die ich an ihm vorübergeführt habe, erschrocken; ihr hegt vielleicht Besorgniß, daß ich seinen Geist unter dieser Menge von Kenntnissen erdrücke. Es verhält sich gerade umgekehrt. Ich lehre ihn weit mehr die Kunst, sich ohne sie zu behelfen, als sich dieselben anzueignen. Ich zeige ihm den Weg der Wissenschaft, der zwar bequem zur Wahrheit führt, der aber lang, unendlich lang ist und auf dem sich nur langsam fortkommen läßt. Ich lasse ihn die ersten Schritte thun, damit er den Eingang kennen lerne, aber ich erlaube ihm nicht, allzu weit vorzudringen. Gezwungen, seine Kenntnisse sich selbst zu erwerben, stützt er sich auf seine eigene Vernunft und nicht auf die eines Anderen, denn um dem Vorurtheile kein Zugeständniß zu machen, darf er auch der Autorität keinen Einfluß gestatten. Für den größten Theil unserer Irrthümer tragen nicht wir die Schuld, sondern Andere. Diese unausgesetzte Uebung muß eine Stärke des Geistes hervorbringen, die derjenigen ähnlich ist, welche der Körper durch Arbeit und Anstrengung erlangt. Dazu tritt noch der Vortheil, daß man nur nach Maßgabe seiner Kräfte fortschreitet. Wie der Körper hält auch der Geist nur so viel aus, als er auszuhalten vermag. Eignet sich der Verstand die Dinge an, bevor sie Eigenthum des Gedächtnisses werden, so gehört ihm auch Alles, was er daraus herleitet. Ueberladet man sich dagegen das Gedächtniß mit unverstandenem Wissen, so setzt man sich der Gefahr aus, nie daraus eine Frucht zu gewinnen, die unser bleibendes Eigenthum werden könnte. Emil besitzt wenig Kenntnisse, aber diejenigen, welche er besitzt, sind wirklich sein Eigen; er weiß nichts halb. Unter dem Wenigen, was er weiß und zwar gründlich weiß, ist das Wichtigste, daß es Vieles gibt, was ihm unbekannt ist, was er aber später vielleicht wissen kann; daß es noch weit mehr gibt, was andere Leute wissen, und was er in seinem ganzen Leben nicht kennen lernen wird, und daß es endlich noch eine unendliche Menge von anderen Dingen gibt, die nie ein Mensch wissen wird. Er hat einen universellen Geist, nicht was seine Einsichten, wol aber was seine Fähigkeit anlangt, sich solche zu erwerben, ferner einen offenen, klugen, für Alles bereiten und, wie Montaigne sagt, wenn auch nicht unterrichteten, so doch unterrichtsfähigen Geist. Für mich ist es völlig ausreichend, daß er bei Allem, was er thut, das »Wozu nützt es«, und bei Allem, was er glaubt, das »Warum« zu finden weiß. Denn noch einmal, ich gehe nicht darauf aus, ihm die Wissenschaft selbst, sondern nur die Kunst beizubringen, sich dieselbe nach Bedürfniß zu erwerben, sie nach ihrem wahren Werthe zu schätzen und ihm eine solche Liebe zur Wahrheit einzuflößen, daß er sie höher achtet, als alles Uebrige. Bei dieser Methode macht man freilich nur langsame Fortschritte, thut dafür aber auch nie einen unnützen Schritt und ist nie genöthigt wieder zurückschreiten zu müssen. Emil besitzt nur Naturkenntnisse und zwar rein physische, Geschichte kennt er nicht einmal dem Namen nach, und eben so wenig weiß er, was Metaphysik oder Moral ist. Obwol er die wesentlichen Beziehungen des Menschen zu den Dingen kennt, sind ihm doch die moralischen Beziehungen des Menschen zum Menschen völlig unbekannt. Auf die Verallgemeinerung und Abstraction der Begriffe versteht er sich nur wenig. Er macht die Beobachtung, daß gewisse Körper gemeinsame Eigenschaften haben, ohne über diese Eigenschaften an sich Schlüsse zu ziehen. Er kennt vermittelst der geometrischen Figuren den abstracten Raum und vermittelst der algebraischen Zeichen die abstracte Größe. Diese Figuren und diese Zeichen sind die Träger seiner Abstractionen; auf ihnen fußen seine Sinne. Er bestrebt sich nicht die Dinge ihrem Wesen nach kennen zu lernen, sondern nur in Bezug auf die Verhältnisse, die sein Interesse erregen. Was ihm fremd ist, schätzt er nur nach der Beziehung desselben auf ihn selbst; aber diese Schätzung ist genau und sicher; phantastische oder vorurtheilsvolle Anschauungen finden darin keine Stelle. Auf das, was ihm nützlich ist, legt er den höchsten Werth, und da er von dieser Art zu schätzen nie abgeht, so läßt er sich auch durch die öffentliche Meinung nie bestimmen. Emil ist arbeitsam, mäßig, geduldig, stark und muthig. Seine Einbildungskraft, die bis jetzt noch in keiner Weise erhitzt ist, vergrößert ihm nie die Gefahren. Er ist gegen die meisten Uebel unempfindlich und weiß mit Standhaftigkeit zu leiden, weil er nicht gelernt hat, wider das Schicksal anzukämpfen. Was den Tod anlangt, so weiß er noch nicht recht, was derselbe ist; indeß gewöhnt, sich ohne Widerstand dem Gesetze der Notwendigkeit zu unterwerfen, wird er, falls ihm der Tod nahte, ohne Seufzen und Sträuben sterben, und das ist Alles, was die Natur in diesem von Allen verabscheuten Augenblicke zuläßt. Frei zu leben und sich so wenig wie möglich von menschlichen Dingen fesseln zu lassen, ist das beste Mittel, sterben zu lernen. Mit einem Worte, Emil besitzt von der Tugend Alles, was auf ihn selbst Bezug hat. Um sich auch die gesellschaftlichen Tugenden zu erwerben, fehlt ihm lediglich die Kenntniß der Verhältnisse, welche dieselben nothwendig machen. Folglich fehlen ihm einzig und allein solche Einsichten, zu deren Aufnahme sein Geist die nöthige Fähigkeit besitzt. Er betrachtet sich ohne Rücksicht auf Andere und ist ganz damit einverstanden, wenn sich Andere nicht um ihn kümmern. Er verlangt von Niemandem etwas und glaubt auch nicht gegen irgend Jemanden Verpflichtungen zu haben. Er steht allein in der menschlichen Gesellschaft da und rechnet nur auf sich allein. Und er ist auch mehr als jeder Andere berechtigt, auf sich selbst zu zählen, denn er ist Alles, was man in seinem Alter sein kann. Er hat keine Irrthümer, oder wenigstens nur solche, die wir Menschen nun einmal von uns nicht fern halten können. Er hat keine Fehler, oder doch nur solche, vor welchen kein Mensch sich hüten kann. Er besitzt einen gesunden Körper, gewandte Glieder, einen gesunden und vorurtheilslosen Geist, ein freies und leidenschaftsloses Herz. Die Eigenliebe, die erste und natürlichste aller Leidenschaften, hat sich noch kaum in ihm geregt. Ohne Jemandes Ruhe zu stören, hat er so zufrieden, glücklich und frei gelebt, wie es die Natur nur immer zuließ. Glaubt ihr, daß ein Kind, welches sein fünfzehntes Jahr in dieser Weise erreicht hat, die vorhergehenden Jahre verloren habe? Ende des ersten Bandes.