Verschiedene Autoren Lustige Geschichten aus Schwaben. Zweiter Teil Gott verhüte, daß das Necken unter den deutschen Landsleuten abkomme; es wäre dies ein übles Anzeichen, daß auch das Lieben unter ihnen abgekommen sei. Ludwig Aurbacher. Rottweiler Geschichten. I. Das lustige Turnier zu Rottweil. Wenn zu Rottweil unter freiem Himmel das alte Hofgericht abgehalten wurde, dann war die Stadt voll von Leuten, die über diese Zeit hier Kurzweil und Vergnügen suchten. Rennen und Lanzenstechen waren da zu schauen, und fast jeden Tag gab es wieder etwas Neues. Einmal kam zum Bürgermeister ein alter Dienstmann der Gräfin von Öttingen, hieß Hans von Praunen, ein zu allen Streichen aufgelegter und gar spaßhafter Mann. Der bat um die Erlaubnis, auf offenem Markte ein Lanzenstechen abhalten zu dürfen. Da ihm solches verwilligt wurde, bot er Hans Sättelin, ein altes Reiterlein, das einst sein Kriegsgesell gewesen war, zum Stechen aus. Sättelin nahm die Forderung an und rüstete zu, was er zum Stechen für nötig hielt. Hans von Praunen aber ließ insgeheim einen Mann aus Tuch machen. Den stopfte er mit Stroh aus und tat auch »etlich Blattern voller Schweiß« (Blut) darein, den er bei einem Metzger geholt hatte. Als nun der bestimmte Tag kam, war der Marktplatz mit Zuschauern dicht gefüllt. Die beiden Stecher in Harnisch und Waffen, begleitet von ihren Trabanten, ritten in die Bahn. Hans von Praunen aber ritt als Trabant verkleidet neben seinem Strohmann einher, der so künstlich gemacht war, daß jedermann meinte, Hans von Praunen säße auf dem Roß. Wie nun die Trompeter anfingen zu blasen, sprengten die beiden Stecher aufeinander los. Sie fehlten sich aber mit den Lanzen und rannten aneinander vorbei. Deshalb wurde das Stechen wiederholt, und nun traf Sättelin seinen Gegner, den Strohmann, so gut, daß er ihm etliche Blattern zerstieß und der Schweiß allenthalben aus dem Stechzeug hervorrann. Da schrie alles zusammen: Hans von Praunen ist erstochen! Hans von Praunen ist tot! Wie Sättelin das hörte, meinte er, es sei wahr. Und als er vollends den Schweiß in Menge auf den Boden fließen sah, ergriff ihn eine große Angst. Er floh mit verhängten Zügeln durch das Volk hindurch, die Stadt hinab zur St. Johanneskomturei, wo eine Freistatt für Totschläger war. Daselbst flehte er den Komtur um Gotteswillen an, er möchte ihn doch in die Freistatt aufnehmen, erzählte ihm auch alles, was in der Stadt geschehen war. Und obgleich etliche kamen und ihm sagten, es sei nur ein Scherz gewesen, so wollte er ihnen doch nicht glauben aus Sorge, sie wären von der Obrigkeit abgeschickt worden, um ihn aus der Freistatt zu locken und zu fahen. Deshalb floh er in die Kirche. Hier blieb er, bis endlich Hans von Praunen selbst mit etlichen Spottvögeln kam und ihn herausführte. In Rottweil war darüber ein großes Gelächter, und noch lange erzählte man von diesem lustigen Turnier. (Nach bei Zimmerschen Chronik von K. Rommel.) II. Die geheimnisvolle Truhe. Die Rottweiler wollten einst ihr Archiv auf dem Rathause neu ordnen. Da fanden sie unter anderem »ein Trüchlein, ist mit Wachs überzogen gewest und gar wohl verwahrt, dabei soviel Berichts, daß es nit soll geöffnet werden; hat auch von altersher niemand sagen können, was darin verschlossen und behalten«. Der Rat wußte nicht, was tun. Aber nach langem Hin- und Herreden wurde doch beschlossen, »sollich Trüchlein zu öffnen und heimlich zu erkundigen, was darin sei. So hat ein ganzer Rat fünf außer ihnen erkoren, die das tun sollen; doch ist ihnen ausdrücklich befohlen worden, haben auch dessen vor einem gesessenen Rat ein aufgehebten Eid schwören müssen, sobald sie das Trüchlein geöffnet und besehen, solches gleich wieder zuzutun und zu vermachen, auch was sie gefunden, keinem Rat oder niemanden zu offenbaren, sondern bis in ihren Tod zu verschweigen. Das haben die fünf auch vollstreckt, und weiß also ein Rat soviel als zuvor.« (Zimmersche Chronik.) III. Das Rottweiler Kaiserbild Die gute alte Reichsstadt Rottweil a. N. hing treu an Kaiser und Reich, bis sie 1803 württembergisch wurde. Zwar lag sie nahe der Südgrenze des heiligen römischen Reichs deutscher Nation, aber die Grenze von Vorderösterreich zog ziemlich nahe vorüber, und so war es klug, dem Reichsoberhaupt habsburgischen Geschlechts eine kleine Aufmerksamkeit zu erweisen. Das geschah einst – man sagt, es sei etwa 300 Jahre vor Einverleibung in den heutigen Staatsverband gewesen – durch Aufstellung des kaiserlichen Standbildes im städtischen Rathaus. Aber der damalige Kaiser starb zu Ende seiner Tage, und sein Nachfolger ward ein anderer, der auch ein Habsburger war, doch an Gestalt von dem Bilde abwich. Es galt nun, diesen zu ehren, und so stand der wohllöbliche Magistrat vor einer peinlichen Frage: Durfte man das alte Bild, das doch so schön war und auch ein gutes Geld gekostet hatte, in die Rumpelkammer stellen? Das wäre eine Schmach für das Andenken des guten Kaisers und eine Schande für die Stadt gewesen! Konnte man aber heute schon wieder so viel Geld aufwenden, da man nicht wußte, wie lang oder kurz der neue Kaiser am Ruder sein werde? Was würden die Bürger als Steuerzähler dazu sagen! Nach langem Für und Wider entschloß man sich für einen glücklichen und billigen Ausweg. Der Magistrat beschloß, das bisherige Kaiserbild im Gesicht entsprechend verändern zu lassen, so daß es dem neuen Kaiser ähnlich sah. Auch bei späteren Thronwechseln wurde so verfahren: das einemal genügte die bloße Überstreichung, das andremal mußte durch Aufklebung oder Abschabung die Gesichtsfülle ins richtige Verhältnis gebracht werden. Der Zweck aber ward erreicht: stets war das Bild des lebenden Kaisers im Ratssaale zu Rottweil zu sehen, und nie beschwerten sich die Bürger über allzugroßen Aufwand. (Nach der Rottweiler Oberamtsbeschreibung und einem brieflichen Bericht von A. H.) IV. Die »gewichtigen« Klosterbrüder Die Mönche im Predigerstifte zu Rottweil führten seinerzeit wie allerorten ihre Brüder ein recht ungeistliches Leben. Sogar die Seelenmessen, die von Rittern und Adeligen gestiftet waren, versäumten sie mehr und mehr. Das verdroß den Schirmherrn des Klosters, den gottesfürchtigen Freiherrn von Zimmern. Er befahl seinem Schreiber, dem Prior und Konvent darob einen Brief zu schreiben, in dem die Mönche weder gelobt noch gescholten würden. Als das Schreiben fertig war, ließ er's sich vorlegen. Da fand er, daß den Klosterleuten die Titel »ehrwürdig, würdig, geistlich, andächtig« und ähnliche zugelegt waren. Er strich sie alle aus und erklärte, die Mönche seien weder ehrwürdig, noch würdig, noch geistlich, noch andächtig, sondern von allem das Gegenteil. Wie nun der Schreiber fragte, welchen Titel er sonst den Kuttenträgern geben sollte, erklärte sein Herr: Nichts als den einen »gewichtig«; denn diesen verdienten sie in der Tat, und sie seien damit auch weder gelobt noch gescholten. – Und so ging der Brief nach Rottweil an die »gewichtigen« Herren ab. (Nach der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.) V. Der Jude auf der Geldtruhe Freiherr Johannes von Zimmern ließ ein altes Schloß in Benzenberg niederreißen und fand in dem steinernen Gemäuer eine beträchtliche Summe Geldes verborgen. Diesen Schatz ließ er zur größeren Sicherheit nach Rottweil bringen und dort im Kappelturm in einer Truhe verwahren. So oft er nun nach Rottweil kam, um aus der Truhe Geld zu holen oder darein zu legen, entfernte er sich von denen, die um ihn waren, mit der Ausrede, es komme ihn eine Not an – er müsse Geld bei einem Juden entlehnen. Und in der Tat hatte er das Bild eines Juden auf die Truhe malen lassen, in der sein Schatz verwahrt lag. – Wenn jemand ihn um Geld zu leihen anging, so pflegte er zu sagen, er habe keines, sonst wollte er es gerne geben. Er wisse aber einen Juden, der es ihm vorstrecke, wenn es genau auf die versprochene Zeit zurückbezahlt werde. Wenn nicht, so leihe ihm der Jude keinen Pfennig mehr. (Nach der Zimmerschen Chronik von Fr. Hummel.) Das Wilflinger Urteil. Am Heuberg, eine Meile von Rottweil entfernt, liegt das Dorf Wilflingen. Dort bestellten einst die Bauern einen Mann aus Rottweil, hieß Peter von Neufern, zu ihrem Schmalhirten, und er hatte als solcher die Kälber, Geißen, Schafe und das andere Kleinvieh zu hüten. Es wurde ihm auch genau gesagt, wohin er mit dem Vieh zu fahren habe. Ganz besonders streng wurde ihm verboten, einen unfern vom Ort gelegenen Berg und Wald zu betreten, dieweil es darinnen viel Wölfe hatte. Aber eben weil's Petern verboten war, gelüstete es ihn, die Herde dorthin zu treiben, und so geschah es denn eines Tages, daß die Wölfe herausbrachen und sechs Stück von den Schafen zerrissen und auffraßen. Peter gab sich zwar alle Mühe, die Wölfe zu verjagen; er schrie und schalt sie und warf nach ihnen mit Steinen. Aber alles war vergeblich. Der Bauer, dem die Schafe gehörten, war damit übel zufrieden. Er verklagte den unfolgsamen Hirten beim Dorfgericht und verlangte für die zerrissenen Schafe Schadenersatz. Peter wurde vorgefordert und von den Richtern ermahnt, sich einen Fürsprecher aus ihrer Mitte zu wählen. Peter sagte, er brauche keinen Fürsprecher, sondern könne selber genug reden. Darauf stellte er den Richtern vor, wie unbillig es wäre, wenn er die Schafe bezahlen müßte; hatte er doch gar keinen Nutzen von ihnen gehabt, sondern nichts als Angst und Sorge. »Nicht ich,« sagte er, »sondern der soll von Gott und Rechts wegen die Schafe bezahlen, der sie gefressen hat.« Die Richter konnten und wollten gegen diese klare Beweisführung nichts einwenden. Sie kamen einmütig zu dem Beschluß, daß Peter von der Klage freizusprechen sei, und daß die Schafe von denen bezahlt werden sollten, die sie gefressen hätten. Der Bauer wollte sich mit diesem Urteil nicht zufrieden geben und Berufung einlegen. Seine Freunde und Verwandten hielten ihn aber davon ab und stellten ihm vor, wie es ihm nur neue Unkosten machen und er ja doch nichts für die Schafe bekommen werde. Also blieb's bei dem gefällten Urteil. Doch entstand den Wilflingern daraus viel Spott, da niemand von ihnen wußte, welche und wieviel Wölfe die Schafe gefressen hatten und nun den Schaden bezahlen sollten. (Nach der Zimmerschen Chronik von N.) Schulzenberichte. I. Im Jahre 1824 ward eine Verordnung erlassen, daß man allüberall Anordnungen treffen solle zur Verhütung der Beerdigung scheintoter Personen. Einige Zeit nach Ausgabe des Kgl. Erlasses forderte daher ein Oberamtmann seine Schulzen auf zu berichten, ob in ihren Schultheißereien schon dem Kgl. Erlaß entsprechende Vorkehrungen getroffen worden seien. Darauf antwortete der Schultheiß Nockele: Kgl. Oberamt! Seit meiner Amtsführung hat sich kein Scheintoter im Ort blicken lassen; sobald ich aber einen aufgreife, werde ich ihn pflichtschuldigst ans Kgl. Oberamt transportieren lassen. (Griesinger, Schwäbische Familien-Chronik.) II. Jedermann weiß, daß unsere menschlichen Uhren in ihrem Gang nach der Himmelsuhr, der Sonne, gerichtet werden. Da nun nicht für jeden Ort auf der Erde die Sonne zu gleicher Zeit ihren höchsten Stand am Himmelsgewölbe einnimmt oder, wie die Gelehrten sagen, kulminiert, so können auch nicht alle Uhren der Welt zu gleicher Zeit mittags 12 Uhr haben. In der Tat gingen auch bis vor etwa einem Jahrzehnt die Uhren in München, damit die von ganz Bayern, gegenüber denen in Württemberg um einige Minuten voraus und diese wieder gegenüber denen von unseren westlichen Nachbarn, den Badenern. Das war nun namentlich für den Eisenbahnverkehr sehr hinderlich, und man beschloß, alle Uhren in Mitteleuropa einheitlich nach der Mittagszeit in Prag zu richten. So kam es, daß man in Württemberg alle Uhren auf einmal vorrichten mußte, um die Einheitszeit in Deutschland herzustellen. Einige Wochen, nachdem diese Änderung durchgeführt war, verlangte ein Oberamtmann des Schwarzwaldkreises von seinen Schultheißen einen Bericht darüber, wie es mit der Einheitszeit gehalten werde. Ein Schultheiß aber war offenbar noch ein Mann der alten Zeit; denn in seinem Bericht gab er den Bescheid: »Dem Kgl. Oberamt tut das Schultheißenamt kund und zu wissen, daß man hierorts wie früher immer dann einheizt, wann es rechtschaffen kalt ist.« III. Dieser Schulze, der in so netter Weise Einheizzeit und Einheitszeit verwechselt hat, wird wohl derselbe gewesen sein, der einstens auf die Anfrage hin, wieviel Geld seine Gemeinde zu Schulzwecken aufwende, berichtete: »Es ist anhero hier Sitte gewesen, denen Schulkindern, Knaben und Mädchen, nach stattgehabter Visitation einen Wecken zu spendieren; aber daß der Schulz auch Wecken anzusprechen hat, davon ist hierorts nichts bekannt.« Jokele, sperr! Bevor die Eisenbahn den Verkehr an sich zog, kamen auf dem Neckarflusse vom Schwarzwald her große Flöße geschwommen, die aus mächtigen Tannen zusammengefügt waren und von kräftigen Flößern geleitet wurden. In langen Stiefeln, die bis an die Hüften reichten, die lange Flößerstange in der Hand, standen sie auf den langsam dahingleitenden Stämmen, von Zeit zu Zeit einander mit heller Stimme rufend, zu sperren oder zu schieben, je nachdem die Strömung des Flusses es erforderte. Den Studenten in Tübingen war es immer ein großes Vergnügen, von der Brücke aus den Flößern zuzusehen und sich mit ihnen zu necken. »Jokele, sperr!« riefen sie – »sperrr ...« Und die Flößer blieben ihnen nichts schuldig. »Tätet ihr nur studieren, ihr Faulenzer!« war ihre stehende Antwort, der sie aber noch eine Reihe von Schimpfworten anfügten, die ich hier nicht wiedergeben kann. Je derber diese Schimpfworte ausfielen, desto größer war das Vergnügen der Studenten, die sich darüber vor Lachen oft ausschütten wollten. Auch die Studierenden im evangelischen Stift beteiligten sich gerne an dieser Neckerei. Sie hatten dazu auch eine besonders günstige Gelegenheit, denn verschiedene Fenster des Stifts gehen auf den Neckar hinaus. Der Vorstand des Stifts, ein alter, frommer Professor, war mit diesem Ulk gar nicht zufrieden. Ihm deuchte es für zukünftige Geistliche unpassend, an einem solch unfrommen Treiben Anteil zu nehmen, und er verbot es ihnen des öfteren. Die Stiftler entschuldigten aber jedesmal ihr Tun damit, daß sie sagten, die Flößer seien es, die zuerst anfingen und sie mit groben Redensarten bedienten, sobald sich nur ein Kopf am Fenster sehen lasse. Der Herr Professor wollte dies nicht glauben. »Wenn ihr die Flößer in Ruhe lasset, so halten sie auch Frieden mit euch,« sagte er. Um ihnen das auch zu beweisen, kam er eines Tages, als eben ein Floß in Sicht war, in das Arbeitszimmer einiger Studenten und stellte sich vor das geöffnete Fenster. Damals trugen aber die Professoren noch große Haarperücken auf dem Kopfe, so daß sie gar wundersam aussahen. Der Floß kam näher, und wirklich schienen die Flößer diesmal keine Lust zu haben, sich mit dem Stift zu necken. Der Professor triumphierte schon in seinem Herzen und gedachte, den Studenten eine ernstliche Strafrede ihrer unwahren Angabe wegen zu halten. Da hob hinter ihm ein Student einen langen Kanonenstiefel in die Höhe, ohne daß der Professor es merkte. Und die Flößer, als ob sie nur auf dieses Zeichen gewartet hätten, fingen nun an zum Fenster hinauf zu schimpfen, was sie vermochten. »Und seht doch,« rief einer, »das alte Schaf muß sein' dummen Grind au no zum Fenster raus g'streckt habe'!« Der Herr Professor hatte an dieser Probe genug. Er wandte sich entrüstet vom Fenster weg und sagte zu den Studenten, die einstweilen wieder die harmloseste Miene aufgesetzt hatten: »Sie haben recht, meine Herren, mit diesen Leuten kann auch der Frömmste nicht im Frieden leben!« Also durften die Stiftler ihre Neckereien fortsetzen, und die Flößer, die daran auch ihre Freude hatten, waren des zufrieden. (Mündlich. K. Rommel-R.) Die Faulheitsprobe zu Tübingen. Zu Tübingen wurde einmal ein Gewinst ausgesetzt demjenigen, so der Faulste wäre. Wie sich nun vor dem Tor Unterschiedliche einstellten und ihre Kunst beweisen wollten, sagte der Bürgermeister, man solle noch ein wenig verziehen, sein Stalljunge wäre noch nicht da, der würde wohl auch sein Bestes hierbei tun. Zugleich schickte er einen Boten nach Hause, ihn zu holen. Der Bote kam zurück und berichtete, daß der Junge nicht kommen wolle; er habe gesagt: »Was brauch' ich vor's Tor zu laufen? Will man mir den Preis geben, so kann man ihn mir auch hereinbringen.« Männiglich war darüber einig, daß ihm der Preis gebühre, da er so faul gewesen, daß er nicht einmal darnach gegangen sei. (Aus »Buch ohne Namen«.) Wo ist der Fisch? Die Schwaben gelten allgemein im Reiche draußen für starke Esser. Die Spottnamen »Suppenschwabe«, »Knöpflesschwabe«, »Spätzlesschwabe« hängen wohl damit zusammen. Daß es in Schwaben wirklich einen gesegneten Appetit gibt, hat ein Mann aus Lustnau bewiesen, dessen »Tat« nachfolgend berichtet werden soll. – Kamen da eines Tages nach Lustnau in eine Wirtschaft zwei Tübinger Studenten und verlangten etwas Apartes zu essen. Antwortete der Wirt: »Ihr kommt gerade recht, ihr Herren; soeben hat mir der Fischer einen wunderschönen Hecht gebracht, der wiegt gut seine acht bis zehn Pfund; das wäre was für Sie.« – »Wo denken Sie hin?« sagten die Studenten lachend, »acht bis zehn Pfund Hecht, das können zwei Mann unmöglich leisten.« – »Ei was,« entgegnete der Wirt, »das ist doch nichts Besonderes; wir haben hier in Lustnau einen Taglöhner, der zwingt den Hecht allein und noch mehr dazu.« Die Studenten hielten einen solchen Appetit für unmöglich und erboten sich, den Hecht zu bezahlen, falls der Mann ihn wirklich aufesse. »Doch«, sagten sie, »muß der Hecht in kleine Stücklein zerschnitten und als Suppe angerichtet werden, damit es eine recht große Portion gibt.« Der Wirt ließ den Taglöhner holen und teilte ihm mit, daß er einen Hecht essen müsse, der acht bis zehn Pfund wiege. Der Mann war des zufrieden und setzte sich an den Tisch, der zunächst der Küchentüre sich befand. Bald darauf ward auch der Fisch in einer mächtig großen dampfenden Schüssel hereingetragen, zubereitet wie die Studenten es angegeben hatten. Der Mann nahm den Löffel zur Hand und fing an zu essen. Er löffelte und löffelte, und richtig – er löffelte auch die ganze Schüssel aus, so daß auch kein Bröcklein mehr darin verblieb. Darauf legte er den Löffel weg und schaute nach der Küchentür, einmal, zweimal, sehnsüchtig und voll Erwartung. Als aber die Türe sich gar nicht auftun wollte, stand er endlich auf, streckte den Kopf zur Küche hinein und rief: »So, d'Supp' ist gessa, wo hänt ihr jetzt uiren Fusch?« (Mündlich. K. Rommel-R.) Der Gönninger Papagei. Ein Papagei, der in Reutlingen dem Käfig entflogen war, kam auf seinen Irrfahrten nach Gönningen, wo er sich müde und matt auf einen Apfelbaum nahe beim Ort setzte. Den Leuten, die vorbeigingen, fiel der große buntfarbige Vogel auf, und bald hatte sich eine große Schar Neugieriger um ihn versammelt. Niemand konnte aber sagen, was für ein Tier der Vogel war. Ein beherzter Bube stieg endlich auf den Baum und holte den Papagei herunter, obgleich er jämmerlich schrie und mit dem krummen Schnabel nach ihm biß. Alles lief nun mit dem Tier zum Schullehrer, ihn zu fragen. Aber der Schullehrer konnte diesmal auch nicht dienen, dieweil er auch noch keinen solchen Vogel gesehen hatte. Er glaubte aber, der Vogel sei gefärbt; »denn«, sagte er, »ein natürlicher Vogel hat kein so scheckiges Gefieder.« Den Gönningern leuchtete das ein, und sie beschlossen, den Papagei zu waschen, um zu sehen, was für ein Tier unter der Farbe herauskomme. Gesagt, getan! In einem großen Zuber mit kaltem Wasser wurde der Papagei gewaschen und gebadet. Da sich aber die Farbe nicht lösen wollte, so versuchten sie's mit warmem Wasser und mit Seife. So rieben und wuschen sie den Papagei, bis er den letzten Schnapper tat und ihnen tot in den Händen blieb. Von nun an wurden die Gönninger mit dem Papagei geneckt. Und wenn sie auch auf Ehr' und Seligkeit beteuerten, es sei kein Papagei, sondern eine gefärbte Taube gewesen, so glaubte ihnen das niemand, und das Lachen wurde nur größer, je mehr sie sich darob verstritten. (Nach Hermann Kurz von K. Rommel) Kurfürst Friedrich in Reutlingen Als am 4. August 1803 Kurfürst Friedrich von Württemberg vom Einsiedel aus die Nebelhöhle besuchte, kam er auch durch Reutlingen. Diese ehemalige Reichsstadt war kurz zuvor württembergisch geworden, und nun war jung und alt auf den Beinen, um den neuen Landesherrn, von dessen übergroßen Leibesfülle und merkwürdigen Gepflogenheiten man so vieles schon gehört hatte, mit eigenen Augen zu sehen. Am Tübinger und am obern Tor waren zum würdigen Empfang schöne Ehrenpforten errichtet und mit Musik besetzt worden; die Zünfte bildeten in den Straßen Spalier, und die Behörden samt dem Rat hatten vor dem Tor Aufstellung genommen, um den hohen Herrn zu bewillkommnen. Die Überlieferung aber, es sei am Tor auch ein Sängerchor bereitgestanden, um dem Fürsten ein extra für diesen Zweck gedichtetes und in Musik gesetztes Lied zu singen, dessen Anfang gelautet habe: »Hängt ihn auf – hängt ihn auf – hängt ihn auf den Ehrenkranz!« ist pure Erfindung und den Reutlingern von übelwollenden Nachbarn angehängt worden, um sie zu ärgern. Endlich donnerten die Kanonen und läuteten die Glocken, und der Kurfürst kam angefahren, den Wagen füllend, an dem sechs Pferde zogen, und begleitet von einer zahlreichen Dienerschaft, sowie von den uniformierten Reitern, die ihm die Reutlinger Zünfte entgegengeschickt hatten. Während nun der Oberamtmann und der Rat den Fürsten begrüßten, traten zwölf junge Weingärtner an den Wagen heran. Sie waren in den Farben ihrer Zunft gekleidet, trugen preußische Hüte auf dem Kopf und rote Schärpen um den Leib, und in den Händen hatten sie lange Stricke von grüner Farbe. Schnell schickten sie sich an, dem Kurfürsten die Pferde auszuspannen, um ihn im Triumphe durch ihre Stadt zu ziehen. Der Kurfürst, der nicht wußte, was da werden sollte, befragte den Oberamtmann, und als ihn dieser über die Absicht der jungen Leute aufgeklärt hatte, sagte er: »Nicht doch! nicht doch! Ich mag es nicht! Auch bin ich so schwer, daß sechs Pferde zu ziehen haben!« Der Oberamtmann geht hin, um es den Burschen zu untersagen, kommt aber sogleich wieder zurück und meldet: »Kurfürstliche Durchlaucht, sie wollen sich nicht abtreiben lassen!« – »Je nun, so mögen sie ihre Stricke an die Pferde befestigen,« erwiderte der Kurfürst. Und so geschah's denn auch. Die jungen Weingärtner banden ihre grünen Stricke an die Pferde des kurfürstlichen Wagens, und mit vereinten Kräften wurde nun der Wagen des neuen Landesvaters durch die Straßen der Stadt gezogen. So oft ein Halt gemacht ward, traten zwölf andere Bursche herbei, um ihre Kameraden abzulösen und teilzunehmen an der großen Ehre. Und alles Volk, das die Straßen füllte, rief: »Vivat! Es lebe unser Kurfürst!« Der Kurfürst aber soll sich geäußert haben, daß er einen solchen Empfang wie in Reutlingen noch nirgends in seinen Landen gefunden habe. (Nach Gayler, Denkwürdigkeiten.) Das Pfullinger Füllen. Die Stadt Pfullingen besaß in der guten alten Zeit ihre eigene Gerichtsbarkeit, die sie denn auch recht fleißig an ihren lieben Mitbürgern ausübte. Da man in Pfullingen die Landwirtschaft mit allem Eifer trieb und jeder Bürger seinen Obstgarten besaß, so konnte es nicht fehlen, daß bisweilen Feld-, besonders Obstdiebstähle vorkamen. Für solche Vergehen hatte der hochweise Rat eine sehr sinnreiche Strafe eingeführt. Man hatte ein kleines Häuschen bauen lassen, das sich auf einem Zapfen drehen ließ. In dieses sperrte man den Übeltäter, der auf frischer Tat ertappt worden war, und drehte oder »drillte« ihn darin mittelst einer kunstreichen Vorrichtung so lange, bis es ihm schwindlig vor den Augen wurde und er entweder freiwillig ein Geständnis ablegte oder sein Magen empört gegen ihn zeugte. Nun hatte der Feldhüter eines Tages – ein junges Füllen ertappt, wie es auf einem fremden Grasplatze sich gütlich tat. Was tun? Ungestraft konnte der Frevel mit Nichten bleiben! Also in den Driller mit dem Missetäter! Freilich hatte die Sache ihre Haken: Wie das Füllen hineinbringen? es würde sich ja gehörig sträuben und sperren. Doch es half nichts; es mußte hinein. Das Füllen wurde also »gedrillt«, so wacker gedrillt, daß es sich vornahm, nie wieder auf fremder Wiese zu grasen – ja überhaupt kein Gras mehr zu fressen, Denn als die Strafe vollzogen war, fand man das arme Tier tot im Driller liegen. Wer heute nach Pfullingen kommt, mag dort fragen, warum man die guten Leute die »Füllesdriller« heißt, und man wird ihm vorstehende Geschichte erzählen und – noch etwas dazu! (Nach Birlinger und Buck von F. H.) Der Ständerling zu Glems. Zu der Zeit, als in unseren Dörfern noch der Kuhhirte ausfuhr, begab es sich einmal in dem Dorfe Glems bei Metzingen, daß zwei Weiber ihre Kühe frühmorgens an die Stelle brachten, von wo aus der Hirte die Herde den Berg hinauf zur Weide führte. Wie's nun eben so geht: die zwei Weiber kamen ins Gespräch. »Ond moa no?« »Ond hosch au schau ghairt?« »Ond des ischt au ebbes Args« ... und so ging es fort. Immer eifriger wurde das Gespräch, und die zwei Schwatzbasen merkten nicht, daß die Sonne längst nicht mehr im Osten über dem Grünen Felsen stand. Sie konnten auch kein Ende in ihrer Unterhaltung finden, als die Sonne nun schon im Bogen über die Hochwiesen gelaufen war und schließlich von Westen über die Achalm herüberschaute. Da hörte man Herdengeläute. Es war Abend geworden, und der Hirte kam mit seiner Herde wieder zu Tal. Nun mußten die zwei Weiber wohl oder übel ihre Unterhaltung abbrechen und mit ihren Kühen heimgehen. Ehe sie aber auseinandergingen, sprach die eine zur andern: »I kann ders jo no morga voll saga.« Der Platz, auf dem die zwei Weiber standen, heißt heute noch der »Ständerling«. (Mündlich von Haußmann.) König Friedrich und der Schulze Friedrich pflegte sich von dem Zustand seines Landes stets selbst zu überzeugen und machte daher viele Reisen dahin und dorthin. Die Vorsteher der Oberämter und wohl auch der Ortschaften, durch die die Reise ging, waren dabei gewöhnlich seine Begleiter. Einst wich er nun mit seinem Gefährt von der guten chaussierten Landstraße ab und fuhr geradeaus einen Feldweg, der auf die Hochfläche der Alb hinaufführte. Der Weg war so steil und schlecht, daß die vorgespannten Pferde die königliche Kutsche kaum vorwärts brachten. Als nun der König gegen die ihn begleitenden Schultheißen über die schlechte Beschaffenheit des Weges ein paar mißliebige Worte fallen ließ, da sagte einer von den also Gemaßregelten: »Herr König, do gant suscht no d'Esel nuf!« Friedrich wandte sich zu seinem Gefolge und sagte: »Meine Herren, das ist aber sehr stark.« Dann lachte er laut auf und sagte kein Wort mehr über den schlechten Weg. (Aus bei Schwab. Familien-Chronik v. Griesinger.) Die Hasenropfer In einem Städtlein zwischen Friedrichshafen und Mergentheim, welches ich wohl nennen könnte, wenn alle Leute einen gutgemeinten Spaß verstehen würden, da ist vor Zeiten einmal ein echter und gerechter Schwabenstreich passiert, und dieser ist es wert, aufgezeichnet und der Nachwelt überliefert zu werden. Um das bewußte Städtlein her ward einst eine Treibjagd abgehalten. Als die Mittagszeit kam, war man eben im östlichen Jagdbezirke fertig geworden. Nun ging's in den westlichen, und die Jäger marschierten durch das Städtlein. Da kamen sie an einem Wirtshause vorüber, und einer von ihnen machte den Vorschlag, sie könnten sich auch bis zum Abend in diesem Wirtshause einen Hasen fertig braten lassen. Gedacht, getan. Sie gingen hinein in das Haus, »wo unser Herrgott einen Arm herausstreckt«, und zechten. Und ehe sie wieder weiter gingen, übergaben sie der Frau Wirtin einen Hasen zum Braten. Am Abend, sagten sie, wenn die Jagd vorüber ist, wollen wir wieder kommen und einen fröhlichen Jagdschmaus halten. Hernach gingen sie weiter und ihrem Weidwerk nach. Und nach etlichen Stunden, als bereits die Dämmerung hereinfiel und die Jagd geschlossen werden mußte, kamen die Jäger wieder zurück in das Städtchen und gingen nun in das bewußte Wirtshaus. Sie freuten sich alle auf den Hasenpfeffer, den die Wirtin ja nun fertig haben mußte. Aber diesmal hatten die Jäger die Rechnung ohne die Wirtin gemacht. Nicht nur, daß noch gar kein Gedeck zum Hasenessen bereit lag, das wäre das wenigste gewesen; aber es kam auch kein Mensch zu ihnen in die Wirtsstube herein. Da riefen die Jäger ins Haus hinaus: »Den Hasen rei!« Aber er kam nicht, und die Wirtin kam auch nicht, und niemand ließ sich blicken. Und als nun die Jäger in die Küche hinausgingen, was mußten sie da sehen und hören? Da saß die Frau Wirtin auf einem Schemel, den Hasen auf dem Schoße und zerste: »Schon vier Stond sitz i do und rupf am Hase rom und hente und vorne ischt koi fertig werre, so e Viech hot halt luedersmäßig viel Hor am Leib. Und i pfeif drauf; do, machet's selber voll fertig.« Damit warf sie den Hasen in eine Ecke der Küche. Die Jägersleute aber, als sie gehört hatten, daß die Wirtin den Hasen rupfen wollte, wie man eine Gans oder eine Ente vor dem Braten rupft, mußten lachen, und alle, die diese Geschichte hörten, mußten lachen, und das ganze Schwabenland lachte mit. Nur mir allein wird bald das Lachen vergehen; denn ich sehe es jetzt schon im Geiste voraus, daß die Bürger desselbigen Städtleins nach mir fahnden werden, und wenn sie mich erwischt haben, werden sie sich überzeugen wollen, ob ich keine Hasenlöffel habe und keine Hasenhaare zum Rupfen – die lieben Hasenropfer! (C. Schnerring-Kirchheim u. T.) Ein schwäbisches Dorf, das nicht zu Europa gehört In einem Dörflein auf der Schwabenalb, das zwischen Münsingen und Urach und zwischen Paris und dem Schwarzen Meer gelegen ist, ereignete sich vor vierzig und noch ein paar Jahren folgende anmutige und wahre Geschichte. Der Schulinspektor war ins Dorf gekommen und hatte die Mägdlein und die Burschen geprüft und loben können. Was er aber nicht loben konnte, das war die Knauserei der Gemeinderäte, die nicht einmal die für die Schule notwendigen Wandkarten angeschafft hatten. Er versammelte nun nach der Visitation den Gemeinderat samt dem Schultheißen um sich und sagte ihnen dieses und jenes, was sie für die Schule zu tun und nicht zu unterlassen hätten. Und zuletzt forderte er auch die Anschaffung einer Wandkarte von Europa. Darob war nun allgemeines Schütteln des Kopfes bei allen Gemeinderäten des Dorfes, und der Schulze erhob bedeutsam zuerst den Zeigefinger und dann die Stimme und sprach: »Ihr Herre, zu was auch? Eine Karte von Europa, sonst nix! I schätz, von alle onsre Kender kommt jo doch nie amol ois noch deam Europa. Also brauchet mer au koi Kart von Europa.« Sprach's, und die andern nickten. Und damit war der Erdteil Europa laut Gemeinderatsbeschluß von Dingsheim im Handumkehr um eine ganze Gemeindemarkung mit ungefähr zwölfhundert schwäbischen Morgen Land kleiner und um etliche 300 kluge Leute ärmer geworden. Und seit dieser Zeit ist das europäische Gleichgewicht gestört und die Erdachse läuft nun schief, dieweil die Dingsheimer keine Europäer sein wollen. (C. Schnerring-Kirchheim u. T.) Das gute Wetter von Ganslosen. Als zur Heuernte einmal schlechtes Wetter war, so daß man das Heu nicht einbringen konnte, war in Ganslosen großer Jammer. »Warum tut ihr denn nichts dagegen?« fragte ein durchreisender Handwerksbursche, der im Dorfwirtshaus abgestiegen und mit dem anwesenden Schulzen darüber ins Gespräch gekommen war. Der Schultheiß sah ihn erstaunt an und sagte: »Etwas dagegen tun? Was kann man denn gegen das Wetter tun? Beten? Das tun wir morgens und abends und am Sonntag in der Kirche; aber 's will nichts batten.« – »Ei,« sagte der Fremde, »ihr habt scheints noch nichts davon gehört, daß man jetzt das gute Wetter in der Apotheke kaufen kann, aber nur in einer rechten, in einer ganzen, und solche gibt es scheints hier zu Lande nicht viele. Bei uns hat das Mittel noch immer geholfen, und wir sind seitdem vom schlechten Wetter verschont geblieben.« Dem Schulzen ging der neue Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Und als das Wetter am nächsten Tage sich wieder nicht bessern wollte, berief er den Gemeinderat zusammen und teilte ihm mit, was er erfahren hatte. »Ich bin der Meinung,« sagte er, »daß wir den Büttel in die Apotheke nach Göppingen schicken. Gibt es dort kein gutes Wetter, so kann er gleich weiter gehen nach Stuttgart in die Hofapotheke, wo man ja alles haben kann.« Der Gemeinderat war wie gewöhnlich mit des Schulzen Vorschlag einverstanden, und der Büttel erhielt den Auftrag, nach Göppingen zu gehen und in der Apotheke nach gut Wetter zu fragen. Der Büttel wollte aber an diesem Tage seinen Mist auf den Acker bringen, und so kam ihm der Auftrag ungelegen. Er schickte daher seine Frau nach Göppingen. Der Apotheker aber war ein Schalk, und als er von der Frau sich das Nähere hatte berichten lassen, sagte er zu ihr: »Vorrätig habe ich das gute Wetter nicht, aber ich kann es Euch machen. Nehmet nur einstweilen Platz, bis ich fertig bin.« Dann ging er hinaus in seinen Garten, wo er ein Brummhummel-Nest wußte. Diesem entnahm er eine dicke Hummel, sperrte sie in ein Schächtelein, wickelte das Schächtelein sauber ein und gab es der Frau. Dabei schärfte er ihr ein, das Schächtelein auf dem Wege ja nicht zu öffnen, da er sönst für das gute Wetter nicht garantieren könne. Die Frau ging heimwärts und trug das Schächtelein vorsichtig in der Hand. »Wie kann in einem so kleinen Schächtelein,« dachte sie, »genug gutes Wetter für ein ganzes Dorf sein?« Sie betrachtete das Schächtelein von allen Seiten und hielt es auch ans Ohr. Da hörte sie darin etwas krabbeln. Ihre Neugierde ward dadurch aufs äußerste erregt, und sie konnte der Versuchung nicht länger mehr widerstehen, das Schächtelein zu öffnen. Vorsichtig wickelte sie das Papier auf und hob den Deckel etwas in die Höhe. Aber kaum hatte der gefangene Brummhummel einen Hauch von Freiheit verspürt, als er sich auch schon durch den offenen Spalt drängte. »Brum! brum!« und jetzt flog er davon. Die Frau stand zuerst starr wie ein Stein; dann aber lief sie ihm nach. Doch all' ihr Mühen war umsonst. Der Brummhummel nahm seinen Flug querfeldein und war bald darauf ihren Blicken entschwunden. Als die Frau sah, daß er nicht mehr einzuholen sei, rief sie ihm nach: »Gut Wetter! Ganslosen zu! Ganslosen zu! Mir hänt di kauft!« Der Schulze und die ganze Gemeinde waren voll Zorn über die Dummheit der Büttelsfrau und schalten sie tüchtig aus. Als aber schon am andern Tag das Wetter sich änderte und heller Sonnenschein über den Fluren lag, da war alles damit einig, daß das gute Wetter den Zuruf der Frau gehört und den Weg richtig nach Ganslosen gefunden habe. (Ähnliches wird von Mehrstetten erzählt.) (Mündlich. K. Rommel.) Woher Holzkirch seinen Namen hat. Nicht weit von dem überall bekannten Dorfe Ganslosen liegt auf der Alb das Dorf Holzkirch. Dieweil nun die Gansloser wegen ihrer Taten im ganzen heiligen römischen Reiche berühmt geworden waren, so wollten ihre Vettern, die Holzkirchener, auch nicht dahintenbleiben. Und das ist ihnen auch gelungen. Als sie nämlich vor Zeiten ihre Kirche, die sie am unrechten Ort gebaut hatten, an einen anderen, passenderen Platz stellen wollten, da machte sich die ganze Gemeinde, was laufen konnte, daran, die Kirche zu verschieben. Und solange sie an der Arbeit waren, mußte immer einer von Zeit zu Zeit hinter die Kirche gehen und nachsehen, ob diese noch keinen Rucker getan habe. Da schlug nun einer vor, man solle doch ein Stück Holz hinter die Mauer legen, sonst wisse man ja gar nicht, ob die Kirche von der Stelle komme oder nicht. Gesagt, getan! Dann ging es wieder an die Arbeit, und alle schoben an der Kirchenmauer aus Leibeskräften. Inzwischen aber hatte ein Schalk das Holz an der hinteren Mauer weggenommen. Und als nun der Schulze nachsah und die Scheite nimmer fand, da lief er eiligst zu den andern zurück und schrie: »Land's gau, land's gau! 's ischt schon lang gnueg, wir sind schon überm Holz drussa. 's ischt Holz unter der Kirch, Holz unter der Kirch!« Da nannten die Leute, die diese wahrhaftige Geschichte hörten, das Dorf nicht mehr anders als Holzkirch, und dieser Name ist ihm auch geblieben. (C. Schnerring-Kirchheim u. T.) Grobe Bauern. Als Kaiser Rotbart Herzog in Schwaben war, zogen die Bauern von einem Dorf in das andere auf die Kirchweihen nicht anders, als sollten sie in den Krieg ziehen, mit Spießen und Gewehren. Da ging es selten ohne Schaden ab. Denn wenn die Bauern voll Weins wurden, so schlugen sie einander, daß etliche tot liegen blieben. Der Fürst wollte diesem Schaden vorbeugen. Er machte daher eine Ordnung und verbot bei hoher Strafe, daß niemand mehr ein Gewehr in der Hand sollte tragen, weder auf der Kirchweihe noch sonst. Nur wer über Feld gehe, der dürfe ein Gewehr tragen wider die Räuber, Wölfe und Hunde. – Da erdachten die Bauern ein anderes Mittel. Sie ließen sich große Paternoster machen mit großen Ringen daran. Durch sie zogen sie ein großes Seil und hingen es um den Hals. Und wenn sie nun auf die Kirchweihen zogen, so wurden mit den Paternostern mehr Leute zu tot geschlagen als vordem mit den Gewehren. (Pauli, Schimpf und Ernst 1552.) Ein Brief von Daniel Schubart. Unterm 20. Oktober 1768 schrieb der bekannte Dichter Daniel Schubart von Geislingen aus, wo er damals Lehrer war, folgenden Brief an einen Freund: »Hier in Geislingen hat sich folgende Neuigkeit zugetragen. Ein Schäfer entdeckte auf dem Geiselstein ein Loch, und als er hineinstieg, so fand er eine eiserne Kiste, worinnen sich folgende Kostbarkeiten befinden: 1. Hundert geschnittene Federn, welche von selbsten schön und orthographisch schreiben können. 2. Eine Brille, durch welche der dümmste Mensch alles lesen kann. 3. Ein pulverisierter, guter, gesunder Menschenverstand, den man wie Schnupftabak in das Hirn hinaufziehen kann. 4. Etliche Gläser Gedächtnistropfen, womit sich diejenigen, welche ihren Katechismum, ihre Sprüche und Lieder nicht auswendig lernen wollen, alle Morgen die Schläfen schmieren müssen. 5. Drei Dutzend Feldteufel in Futteralen, welche die bösen Buben bei den Ohren schütteln, wann sie gottlose Streiche anstellen. 6. Zehn Pfund Schulgeruch vertreibende Salbe, womit sich die Buben schmieren müssen, die sich das ganze Jahr nicht waschen. 7. Ein Stimmhammer, womit man diejenigen Hälse stimmen kann, die rauhe Eselsstimmen haben. 8. Ein Hobel, womit man alle groben Flegel hobeln kann. 9. Ein Bügeleisen, das die krummen Füße grad bügelt. 10. Ein Hut, der vom Kopf fliegt, wenn man ihn nicht abziehen will. 11. Ein Eichhörnchen, welches sich von dem kleinen Wildbret der Kinder nährt. 12. Ein Zauberspiegel, worinnen man alle Tagdiebe, Prasser, Flucher, Unflätige und Dummköpfe erkennen kann. Diese und andre Raritäten sind allhier in Geislingen um billigen Preis zu haben. In meiner Schule könnte man sie wohl brauchen, wenn nur das Geld nicht so klein wäre.« (Aus der Schwäb. Familien-Chronik v. Griesinger.) Der Buttenlochschneider von Heubach. »Alles ist schon dagewesen« soll einst ein weiser Mann gesagt haben. Hätte er den Buttenlochschneider von Heubach gekannt und seine Abenteuer, gewiß er hätte diesen Ausspruch nicht getan oder wenigstens ihn eingeschränkt. Zwar sagte man in Heubach vom Buttenlochschneider, er sei nicht nur ein Schneider mit Nadel und Schere, sondern auch ein echter und gerechter Aufschneider. Den Buttenlochschneider kümmerten aber solche Reden nicht; er war von der Wahrheit seiner Erzählungen ganz durchdrungen und über das Wundersame daran selber so sehr erstaunt, daß er gewöhnlich seine Rede mit den Worten schloß: »Sollte man so etwas auch für möglich halten!« Uns Kinder ließ der Streit, ob der Buttenlochschneider die Wahrheit sage oder nicht, ziemlich kühl. Für uns war es ein Fest, wenn der Buttenlochschneider ins Haus kam zum Ausnähen oder im Herbst, um das Kraut einzuschneiden. Alles drängte sich dann um ihn und lauschte seinen Worten. Und je wunderbarer seine Geschichten waren, und je ärger uns dabei das kalte Grausen den Buckel hinauslief, desto schöner waren sie gewesen. Aus seiner Jugendzeit erzählte uns der Buttenlochschneider folgende merkwürdige Geschichte. Meine Lehrzeit als Schneider war aus, und ich wollte nun wie andere Burschen wandern. Ich nahm also das Felleisen auf den Rücken und den Knotenstock in die Hand und wanderte mutig der Sonne entgegen. Auf der Wanderschaft ging es mir gut. Kam ich in eine Stadt, wo es mir gefiel, so nahm ich Arbeit. Gefiel es mir nicht mehr, so sagte ich dem Meister und der Meisterin Ade und zog meines Weges weiter. Sorgen machte ich mir keine, und hatte ich einmal kein Geld in der Tasche: ein ordentlicher Handwerksbursche kann auch fechten. So verging die Zeit nur zu rasch, und ich kam immer weiter von der Heimat weg. Endlich sogar in ein Land, wo man mich nicht mehr verstand, und wo die Leute mit dem Kopf schüttelten, wenn ich sie etwas fragte. Doch gaben sie mir genug zu essen, wenn ich mit der Hand auf den offenen Mund zeigte, und am Trinken fehlte es mir auch nicht, denn Wein und Bier gibt es dort mehr als bei uns. Wer weiß, ob ich den Heimweg je wieder gefunden hätte, wäre mir nicht eines Tages etwas Merkwürdiges passiert. An diesem Tage nämlich wanderte ich durch ein weites, ebenes Land. Nirgends war ein Dorf oder ein Haus zu sehen. Wie ich nun in einen Wald biege, liegt vor mir ein ungeheuer großes Wasser. Es muß wohl das Meer gewesen sein, denn nirgends sah ich davon ein Ende. Ich folgte dem Weg, der auf einem schmalen Landstreifen weiterging, und stand plötzlich vor einer hohen Bretterwand, höher als ein Haus und links und rechts umgeben von Wasser. Der Weg hatte ein Ende, und ich lief an dem Bretterverschlag auf und ab, um eine Türe zu suchen; ich konnte aber nirgends eine finden. Nur ein kleines Spältlein war zu entdecken, durch das ich ein wenig schauen konnte, und denket euch mein Erstaunen: Hinter den Brettern war nichts, auch gar nichts zu sehen, und ich stand also offenbar am Ende der Welt. Um ein wenig auszuruhen, denn ich war müde geworden, warf ich mein Felleisen ins Gras und setzte mich darauf. Wie ich mir nun die Bretterwand, die das Ende der Welt bedeutete, näher anschaue, sah ich an ihr weit oben mehrere Luftlöcher; durch sie flogen die Schwalben aus und ein. Unter den Löchern aber standen in großen Buchstaben die Worte: »Tropf, kehr' um!« – Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich nahm mein Bündel wieder auf den Rücken und wandte meine Schritte rückwärts. Ich kam auch glücklich wieder in bewohnte Gegenden und auf langen Wegen endlich zurück nach Heubach. Hier kaufte ich mir im Buttenloch ein Haus und bin so der Buttenlochschneider geworden. Aber heute noch freut es mich, daß ich auf der Wanderschaft so weit gewesen und gar ans Ende der Welt gekommen bin, allwo man nicht mehr weiter kann, dieweil die Welt mit Brettern vernagelt ist. Von seinen Abenteuern als Jägersmann wußte der Buttenlochschneider eine Menge Geschichten zu berichten. Hier eine Probe davon. – Mein Nachbar im Buttenloch war der alte Feldmeier. Der klagte mir eines Morgens, daß in der Nacht ein Marder seinem Hühnerstall einen Besuch gemacht und seine beste Henne von den Eiern weggeholt habe. »Warte nur,« sagte ich, »dem wollen wir das Handwerk legen.« Ich nahm also eine Falle, tat ein Ei hinein und stellte sie vorsichtig beim Hühnerstall auf. Richtig, am andern Tag hing auch schon der Marder in der Falle. Es war ein großes, prächtiges Tier. »Weib,« sagte ich zu meiner Alten, »das gibt morgen ein saftiges Sonntagsbrätlein; ich will ihn abziehen und zurichten, daß du ihn nur noch in die Pfanne legen darfst.« Der Sonntag kam, und meine Alte briet den Marder schön braun und stellte ihn mittags auf den Tisch. Uns allen lief das Wasser im Munde zusammen, so prächtig roch der Braten. Wie ich mich nun mit Messer und Gabel hinter den Marder machen und ihn zerlegen will, da auf einmal springt das Tier auf, ist im Hui über dem Tisch drüben und zum offenen Fenster hinaus. Wir alle waren zuerst starr vor Schreck und Staunen. Dann aber sprang ich schnell zum Fenster, um den Flüchtling womöglich noch zu erhaschen. Aber was mußte ich sehen! Der Marder war drüben schon auf Feldmeiers Hof unter einer Schar Hennen, hatte eine am Kragen gepackt und lief jetzt mit ihr im Galopp davon. Sollte man so etwas für möglich halten? Wenn ich's nicht mit meinen eigenen Augen gesehen hätte, glauben würde ich's nicht. Noch eine andere Jägergeschichte des Buttenlochschneiders. – Eines Abends, als ich noch auf die Jagd ging, war ich droben am Scheuelberg auf dem Anstand. Ich hatte dort einen Rehbock auskundschaftet und gedachte ihn nun zu erlegen. Um von dem Tier nicht gesehen zu werden, setzte ich mich in eine kleine Felsenspalte und legte neben mich auf den Wasboden meine Jagdtasche, deren Deckel aus dem Fell eines jungen Rehkitzchens gemacht war. Wie ich nun so dasitze und warte, höre ich plötzlich einen Uhu rufen. »Donner!« dachte ich, der verscheucht mir gewiß meinen Rehbock!« Der Uhu kam näher und näher. Plötzlich rauscht sein Flügelschlag über mir, und jetzt stürzt das Tier herab auf meine Jagdtasche, die es wohl für ein schlafendes Rehkitzlein hielt, packt sie mit den Krallen und trägt sie hinauf in die Luft. Das ging aber alles so geschwind, daß ich weder Feuer geben noch mich von dem Riemen der Jagdtasche frei machen konnte. Also hange ich an meiner Tasche droben in der Luft, und der Uhu trägt mich vom Scheuelberg über Heubach hinweg zum Rosenstein hinüber, wo er sein Nest hatte. Glücklicherweise war der Riemen stark genug, um mich zu tragen, sonst wäre ich in die grausige Tiefe gefallen. Drüben auf dem Lärmfelsen, als der Uhu ganz nahe über der Erde flog, nahm ich mein Gewehr, das ich immer fest in den Händen gehalten hatte, wandte es gegen die untere Seite des Vogels und drückte ab. Mit einem schrillen Klageton fiel der Uhu langsam zu Boden. So war ich gerettet, ohne daß mir ein Haar gekrümmt worden wäre. Sollt' man so etwas glauben? An den Flug vom Scheuelberg bis hinüber zum Rosenstein werde ich aber meiner Lebtag gedenken. (Mündlich von K. Rommel-Reutlingen.) Von einem anderen Aufschneider. Heinrich Bebel, der schwäbische Humanist und Poet (1500), berichtet von einem schwäbischen Dorfpfarrer, der im Wirtshaus die Bauern mit seinen Spässen zu unterhalten wußte. Einmal, so erzählte der Pfarrer den Bauern, ging ich aufs Weidwerk. Ich wollte Reiher jagen und hatte bei mir einen Falken, der auf diese Jagd abgerichtet war. Wie ich nun an den Fluß kam, stieg alsbald ein Reiher mit lautem Geschrei auf. Ich nahm schnell meinem Falken die Kappe ab und ließ ihn steigen. Er hatte in hoher Luft bald den Reiher überholt, stieß auf ihn herab und ließ ihn nicht mehr los, so sehr er sich auch sträubte. Endlich fielen beide Vögel zusammen auf den Boden. In demselben Augenblick kam ein riesiges Wildschwein aus dem Walde gelaufen. Das war nicht faul und verschlang beide, den Reiher mitsamt dem Falken in einem Nu, ohne daß ich es hindern konnte. Ich war darob aufs heftigste erbost, nahm meinen Spieß, lief das Schwein an und stach es nieder. Als ich ihm aber daheim den Bauch aufschnitt, war ich nicht wenig erstaunt, als plötzlich der Falke unversehrt herausflog. Er hielt noch den Reiher in seinen Klauen, so daß mir jetzt nicht nur das Schwein, sondern auch der Reiher als gute Beute zufielen. Ein andermal, als die Bauern den Pfarrer fragten, wohin wohl im Herbst die Störche zögen, und woher sie im Lenz wiederum kämen, erzählte er ihnen folgende Geschichte. Ihr wißt, liebe Freunde, daß mich mein Vater Studierens halber in fremde Länder schickte. Auf meiner Fahrt kam ich auch nach Italien, nach Rom, Padua und Venedig. Als ich dort das Meer sah, erwachte die Begier in mir, noch mehr Neues zu sehen und fremde Länder und Nationen kennen zu lernen. Ich trat also in ein Schiff, gab Fährgeld und fuhr hinaus in das weite Meer. Nach etlichen Monaten landete ich an einer Insel im äußersten Indien, allwo eine sehr berühmte hohe Schule errichtet war. Als ich nun dort in das gemeine Bad ging, um mich nach der schweren Fahrt zu reinigen, begrüßten und bewillkommten mich verschiedentliche Bürger, wie wenn ich der beste Bekannte von ihnen wäre. Ich verwunderte mich darüber sehr, dankte ihnen aufs freundlichste, konnte mir aber nicht erklären, wie das also käme. Ich nahm mir aber ein Herz und fragte sie, woher sie mich denn kenneten, da ich doch fremd und erst seit kurzem aus fernen Landen Hieher gekommen sei. Da antwortete einer von ihnen: »Von Euren Eltern her, lieber Herr Johannes, seid Ihr uns wohl bekannt; haben sie mir und meinem Geschlecht doch seit langer Zeit viel Gutes erwiesen. Denn wisset, alljährlich im Frühling fängt hier auf unserer Insel eine gar große Kälte an. Alsdann werden wir unserer Natur nach in Störche verwandelt, damit wir uns aufmachen und ins Land Europa fliegen können, allwo es zu dieser Zeit wärmer zu werden anfängt. Sobald es dort aber wieder kalt wird, fliegen wir in unsere Heimat zurück und werden allhie wieder zu Menschen. Nun habe ich den Sommer über schon seit dreißig Jahren mein Nest auf dem Dache Eurer lieben Eltern; und so oft ich im Frühling anrücke, freut es mich sehr, daß sie das Nest geschont und nicht zerstört haben. Mit ein paar Rütlein und anderem Geäst ist es jedesmal bald wieder ausgebessert, und ich kann den ganzen Sommer über im Frieden und in guter Ruh darin leben. Daher ist es auch nur billig, wenn ich Euren Eltern Lob und Dank zolle und mich auch gegen Euch freundschaftlich und liebreich erweise.« – Die Bauern verwunderten sich sehr über diese Geschichte. Sie gelobten auch, in Zukunft den Störchen weniger Hindernis in den Weg zu legen, denn, sagten sie: Es ist nicht gleichgültig, was die Störche über einen denken; denn man weiß nicht, wohin man noch in seinem Leben kommen kann. (Nach Bebel und Wendunmut [1550] von R.) Der Eichele von Bopfingen. Ein Bopfinger Bürger, genannt der Eichele, verfeindete sich mit dem Stadt- oder Bürgermeister dermaßen, daß dieser schwur, ihn an den Galgen zu bringen. Der Stadtmeister wußte es auch einzurichten, daß Eichele eines schweren Verbrechens geziehen und vor das Gericht gestellt wurde. Seine Unschuld lag zwar klar zutage. Aber die Herren vom Rat, da sie sahen, daß der Stadtmeister von seinem Willen nicht lassen und dem Eichele an Leib und Leben gehen wollte, ließen der Sache ihren Lauf. Eichele hatte jedoch in der Stadt viele Freunde, die auf seine Unschuld schwuren und mit Gut und Blut zu ihm stehen wollten. Es war ohnehin eine Spaltung zwischen der Bürgerschaft und ihrem Rat entstanden. Denn die Zünfte, die bei den vielen Kriegen in Wehr und Waffen freisam geworden waren, wollten sich die Herrlichkeit der Geschlechter, die in Gericht und Rat saßen, nicht allewege mehr gefallen lassen. So verzog sich denn der Entscheid über Eichele geraume Zeit. Als aber endlich Friede ward und der Rat seine alte Macht wieder erlangt hatte, so wagte er's doch zuletzt und sprach das Todesurteil, daß Eichele wegen des Frevels zwischen Himmel und Erde an seinen Hals gehenkt werden solle. Da nun das Armensünderglöcklein grillte, machte sich alles Volk auf und zog zum Tor hinaus, um den Eichele auf seinem letzten Gange zu begleiten. Niemand unterstand sich, ihm zu helfen; aber sie riefen ihm Abschiedsgrüße zu und sahen ihn traurig an, denn er war ein treuer, kühner, fröhlicher Gesell. Fröhlich und aufrecht schritt er auch bei diesem sauren Gang einher, also daß sich männiglich über ihn verwunderte. Ja, es schien zuweilen, als ob er sich Gewalt antun müßte, um das Lachen zu verbeißen. Zu seiner Rechten ging ein Priester, zu seiner Linken sein Fürsprech und Rechtsanwalt, der seine Sache vor Gericht geführt hatte. Endlich, als sie zur Richtstätte gelangten, sah sich alles Volk um, still und verwundert. Aber bald brachen sie in ein großes Gelächter aus; denn es war ihnen auf einmal klar, warum ihr Freund solche fröhliche Zuversicht blicken ließ. Es war nämlich weit und breit kein Galgen zu sehen, dieweil ihn die Feinde während einer Fehde erbeutet und mit fortgenommen hatten. Nun erst, als sie ihn nicht mehr auf seinem Platz sahen, gedachten die Bopfinger daran. Die Gerichts- und Ratsherren waren sehr erbost und befahlen, daß alsbald ein neuer Galgen aufgerichtet werden solle. Da trat aber Eicheles Fürsprech hervor und sprach: »Mit nichten, edle Herren, das wäre gegen Recht und Gesetz. Habt Ihr den Galgen nicht mehr, so habt Ihr auch die Gerechtigkeit verloren; denn sonst könnte ein jeglicher, der etliche Balken aufeinander zu zimmern vermag, den Blutbann ausüben. Wollet Ihr aber henken nach wie vor, so müsset Ihr entweder den alten Galgen bei unseren Feinden holen oder Euch einen neuen Freibrief für Galgen und Stock und alles Hochgerichte, auch was das Blut und Leib und Gut betrifft, vom Kaiser erbitten und ausstellen lassen.« – Was der Anwalt gesprochen hatte, das wurde von dem ganzen Volke mit einer Stimme für Recht erkannt, und der Rat mußte sich, wiewohl mit widerhaarigem Herzen, darein fügen. Ja, er mußte sogar, da Eicheles Freunde eine große Sicherheit und Bürgschaft für ihn darbrachten, den Verurteilten aus der Haft entlassen und bis zum Austrag der ganzen Sache auf freien Fuß stellen. Nun wurmte es jedoch den Geschlechtern und Zünften und allem Volk und auch dem Eichele selbst, daß die Feinde ihren Stock und Galgen haben sollten. Sie schickten demnach zu ihnen und ließen ihr dreibeiniges Eigentum zurückfordern. Die Feinde lachten und antworteten, sie seien nicht gewohnt, ein geschenktes Gut wieder herauszugeben; wenn man den Galgen mit Gewalt holen wolle, so sei solches nicht verwehrt, in Güte werden sie ihn nun und nimmer lassen. Wäre es nun den Bopfinger Herren nach ihrem Sinn ergangen, so wäre abermals der Krieg entbrannt; aber die Zünfte wollten keinen neuen Krieg und sagten, der vorige sei nur aus Eigennutz der Herren angesponnen worden, die dabei ihr Schäflein geschoren hätten. Also waren die Herren genötigt, von ihrem Fürnehmen abzustehen. Sie wurden aber einig, an den Kaiser zu gehen und eine neue Galgengerechtsame zu erwirken. Denn der Kaiser war für alle Schäden gut, wenn man an ihn kommen konnte; nur war er nicht leicht zu finden, denn er zog das ganze Jahr im Reich umher und war bald da, bald dort. Also rüstete der Rat mit großen Kosten Gesandte aus; die zogen dem Kaiser nach und fragten allenthalben nach ihm. Es währte aber lang, bis sie ihn fanden. Und als sie ihn gefunden hatten, konnten sie nicht gleich vor ihn kommen; denn es waren Botschafter und Verordnete aus allen Landen da, und jeder wollte etwas von ihm und hatte ihm etwas zu klagen, also daß er viel zu richten und zu schlichten hatte. Da blieben sie einstweilen bei ihm, bis daß sie Gehör erlangen sollten, und zogen mit seiner Hofhaltung von Ort zu Ort durch das ganze Reich. Und weil sie auf solche Weise ihren Reisepfennig verzehrten, so mußten sie jeweils einen aus ihnen gen Bopfingen heimschicken, um neue Wegzehrung für sie zu holen. Auch mußten sie allen die Hände schmieren und salben, vom untersten Diener bis zu den obersten Erzämtern hinauf, um endlich zu dem Kaiser durchdringen zu können. Und auch vor dem Kaiser durften sie nicht mit leeren Händen erscheinen. Solches dauerte jahrelang, und die Bopfinger haben viel Geld und Gut dabei zusetzen müssen. Unter dieser Zeit begab sich's einmal, daß ein fremder Dieb zu Bopfingen auf frischer Tat ergriffen wurde. Da saßen sie über ihn zu Gericht, und er bekannte ihnen frei, daß er um dieser und anderer Taten willen den Galgen reichlich verschuldet habe. Sintemal sie aber nicht hatten, woran sie ihn henken konnten, schämten sie sich sehr, gaben ihm fünfzig Gulden und sagten, er solle sich anderswo einen Galgen suchen. Der Dieb meinte, sie hätten das aus Verachtung seiner getan und wollten ihren Galgen schonen, ward also sehr erbost, lief hin zu den Feinden und bot ihnen die fünfzig Gulden, so sie ihm zu seinem Recht verhelfen wollten. Diese aber pochten und sprachen: »Was bedürfen wir eines Fremden? Dieser Galgen ist für uns und unsere Kinder« – und ließen ihn mit diesen Worten wieder laufen. Der Dieb zog auch lang umher im Reich und konnte nicht zu seinem Rechte kommen, bis er zuletzt nach Westfalen geriet und der heiligen Feme in die Hände fiel. Dieselbige erbarmte sich sein, henkte ihn an den nächsten Baum, wie es ihre Weise, Handhabung und Gewohnheit war, und steckte ihr Messer dazu. Denn dieses Gericht übte großen Fleiß und nahm sich aller Missetaten an, die sonst in den Landen deutscher Zunge ihr Recht und ihren Strick nicht finden konnten. Nachdem nun die Gesandten der Bopfinger viele Jahre mit dem Kaiser umhergefahren waren, erdrangen sie endlich einen Brief von ihm, worin ihnen die Freiheit und Gewalt erteilt war, einen neuen Stock und Galgen aufzurichten und sich desselbigen zu gebrauchen. Und alsbald, da sie das Pergament mit dem kaiserlichen Siegel nach Hause brachten, ließ der Rat den Galgen zimmern und den Eichele hinausführen, um das vergilbte, aber noch rechtskräftige Urteil nunmehr durch die Hand des Meisters Hämmerling an ihm zu vollstrecken. Und abermals zog die Gemeinde traurig mit und getraute sich nicht, ihren Freund zu erretten. Der aber war betagt und lebenssatt. Und als sein Anwalt im Hinausziehen zu ihm sprach, diesmal werde ihm nicht mehr zu helfen sein, so antwortete er, es liege ihm nicht viel daran, und doch, so lange er noch nicht von der Leiter gestoßen sei, könne sein Heil noch blühen, und seine Feinde hatten keine Ursache, sich zu freuen. Da er nun auf der Leiter stund, so verlas ein Ratsherr mit lauter Stimme den kaiserlichen Freibrief vor der Gemeinde. Der Eichele hörte aufmerksam zu, und bei einer Stelle gab er seinem Anwalt einen Wink. Dessen Gesicht aber sah mit einmal ganz freundlich aus wie ein Herbsttag, wenn sich das Gewölke verzieht. Der Ratsherr, da er zu Ende war, wollte den Befehl zur Hinrichtung geben, und der Henker griff schon zu. Da trat aber der Anwalt hervor und sprach: »Edle, gestrenge, feste, wohlweise, fürsichtige Herren! Ihr habt zwar von kaiserlicher Majestät die Freiheit erlangt, Holz im Walde zu fällen und einen Galgen daraus zu zimmern, selbigen auch aufzurichten, nebst Bewilligung andern Zubehörs an Eisen, Klammern, Nägeln, Leiter und mehr. Aber die Hauptsache ist von kaiserlicher Majestät übersehen und vergessen worden, nämlich die Gerechtigkeit, einen Strick an dem Galgen zu haben, da doch sonsten in dem Privilegio aller Punkten gar besonders gedacht wird und kein Jota mangelt, nur allein den Strick ausgenommen. Bin derhalben gänzlich der Meinung, Ihr müsset den Kaiser noch einmal beschicken und des Stricks wegen um ein vollständiges Privilegium einkommen, anheute aber und bis auf weiteres Euch vorhabender dieser Exekution bemüßigen.« – Über solchen Protest entstand ein unermeßliches Frohlocken in der Bürgerschaft, und der Eichele ward mit lachendem Munde von der Leiter herabgeholt. Der Rat wollte sich zwar dagegen setzen, aber er mußte die Satzung und den Rechtsbuchstaben ungescholten lassen, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf ein oberstrichterliches Erkenntnis anzutragen, bis zu dessen Findung und Fällung der Eichele abermals gegen Bürgschaft seiner Freunde auf freien Fuß gesetzt werden mußte. Die Sache kam vor das löbliche Kammergericht, das jegliches Unrecht von Herzen scheute und darum ein Urteil in keinerlei Weise übereilte. Endlich erließ es aber doch seinen Spruch und erkannte, daß der Rat allerdings den Kaiser erst um ein besonderes Privilegium, sich des Stricks zu bedienen, bitten müsse, und daß er, bevor ihm sotanes Privilegium erteilt sein würde, sich eines peinlichen Halsgerichtes, wobei auf den Strick erkannt werde, in allwege zu enthalten habe. Da nun der Spruch, nach welchem der Verurteilte den »dürren Baum reiten« sollte, nicht mehr zu ändern war und seine Widersacher sich nicht unterstehen durften, ihn mit einer andern Strafe anzusehen, so zogen die Gesandten wieder dem Kaiser nach und mit dem Kaiser im Reich umher. Weil jedoch der Herr bei dem großen Drang des Regiments nicht gern von derselbigen Sache zweimal hören wollte, so hatten sie mit dem Strick noch viel mehr Kummer, Aufenthalt und Hindersal, denn sie zuvor mit dem Galgen gehabt hatten. Da sie aber zuletzt doch ihre Werbung vollbracht hatten und mit der Gerechtigkeit des Stricks als alte eisgraue Männer nach Hause kamen, da fanden sie die Geschlechter vertrieben, die Zünfte in Rat und Gericht eingesetzt und die ganze Ordnung umgekehrt. Sie legten der neuen Obrigkeit Rechenschaft von ihrer Sendung ab, überlieferten die besiegelte Urkunde und erlangten freien Abzug, worauf sie eilends weiter reisten, um ihre alten Freunde aufzusuchen. Auf solche Weise sind die Bopfinger endlich wieder zu ihrem Galgen und Strick gekommen. Der unversöhnliche Bürgermeister erlebte dies aber nicht mehr. Am Tage, wo die Zünfte über den Rat obsiegten, war er vor Leid und Unmut gestorben, und auch der Eichele schlief schon längst, aller Todesangst überhoben, unter einem schönen Grabstein, den ihm seine Freunde aus den Zinsen des Bürgschaftsgeldes hatten setzen lassen. Nach alter Sitte war auf dem Stein der Inschrift beigefügt: Ascensionem exspectans , und das heißt zu Deutsch: Er harret seiner Erhöhung. (Nach Hermann Kurz.) Heimgegeben. Als der Markgraf Albrecht, der in den Jahren 1440-1486 über die Länder Ansbach und Brandenburg herrschte, einmal eine Tochter bekam, da zeigte er die Geburt des Kindes dem Grafen Eberhard von Württemberg also an: »Zedula. Auch lassen wir dich wissen, daß unser Gemahl am Karfreitag glücklich durch die Gnade Gottes entbunden ist, und hat uns bracht eine Tochter mit einem großen Maul, als wie die von Wirtemberg. Albrecht.« Der Graf von Württemberg gab aber dem Ansbacher Markgrafen den Laib pünktlich und schwäbisch wieder heim. Als nämlich dem Markgrafen Albrecht später auch noch ein Sohn geboren wurde, da beglückwünschte ihn der Württemberger auf folgende anzügliche Weise: ... »als ich dann wohl hoff, Euer Sohn frommer werd', denn Ihr.« (C. Schnerring-Kirchheim/T.) Die beiden Postillione. Zwei Handelsleute reisten oft auf der Extrapost von Fürth nach Hechingen, oder von Hechingen nach Fürth, wie jeden sein Geschäft ermahnte, und gab der eine dem Postillion ein schlechtes Trinkgeld, so gab ihm der andre kein gutes. Denn jeder sagte: »Für was soll ich dem Postknecht einen Zwölfer schenken? ich trag ja nicht schwer daran.« Die Postillione aber, der von Dinkelsbühl und der von Ellwangen, sagten: »Wenn wir nur einmal den Herren da einen Dienst erweisen könnten, daß sie spendaschlicher würden.« Eines Tages nun kommt der Fürther Handelsmann in Dinkelsbühl an und will weiter. Der Postillion sagte zu seinem Kameraden: »Fahr du den Passagier.« Der Kamerad sagte: »Es ist an dir.« Unterdessen saß der Fürther schon ganz ungeduldig in seinem offenen Eliaswagen, und endlich setzte sich auch einer von den Postillionen auf den Bock. Am nämlichen Nachmittag nun fuhr auch der Hechinger Handelsmann von Ellwangen ab, und sein Postillion dachte bei sich selbst: »Wenn nur jetzt mein Kamerad von Dinkelsbühl mit dem Fürther auch auf dem Weg wäre, da ließe sich was machen.« Indem er fährt, bergauf und -ab und schon bald vom Württembergischen ins Bayrische kommt, sieht er richtig seinen Kameraden von Dinkelsbühl mit dem Fürther daherkommen. Insgeheim geben sich die beiden Postillione, die Schlingel, ein Zeichen, und nun will keiner dem andern ausweichen. Jeder sagt: »Ich führe einen feinen Herrn, keinen Pfennigschaber, wie du einen führst.« Endlich legte sich der Fürther Handelsmann auch in den Streit und schimpfte den Ellwanger Postillion, so daß ihm dieser mit der Peitsche einen Hieb ins Gesicht gab. Da sagte der Dinkelsbühler Postillion: »Du sollst meinen Passagier nicht hauen, er ist ein nobler Herr und zahlt fett. Oder ich hau den deinen auch.« – »Untersteh' dich und hau mir meinen Herrn!« sagte der Ellwanger. Also schlug der Dinkelsbühler Postillion dem Ellwanger seinen Passagier, und der Ellwanger Postillion schlug dem Dinkelsbühler seinen Passagier, und riefen einander in unaufhörlichem Zorn an: »Willst du meinen Herrn im Frieden lassen, oder soll ich dir den deinen ganz zu einem Lungenmus zusammenhauen?« Und je schmerzlicher der eine Ach und der andre Waih schrie, desto kräftiger hieben die Postillione auf sie ein, bis sie des unbarmherzigen Spasses selber müde wurden. Als sie aber wieder auseinander waren und jeder wieder seines Weges fuhr, sagten die Postillione zu ihren Reisenden so und so: »Nicht wahr? Ich habe mich Eurer rechtschaffen angenommen? Mein Kamerad wird's niemand rühmen, wie ich ihm seinen Herrn zerhauen habe. Aber diesmal kömmt's Euch auf ein gutes Trinkgeld nicht an. Wenn's der Fürst wüßte, es wäre ihm um einen Hirschgulden nicht leid. Er sieht darauf, daß man die Reisenden gut hält.« Solches ist geschehen ein paar Stunden hinter Crailsheim, und noch heute heißt man die Stelle, wo die pfiffigen Postillione sich so unverdrossen ein Trinkgeld herausgehauen haben, den Guldenfang. (Nach Hebels »Rheinischem Hausfreund« von C. Schnerring-Kirchheim/T.) Der Haller Mond. Auf der Kocherbrücke zu Hall stand einmal in später Abendstunde ein Fremder und betrachtete den Fluß und die Stadt, die vom Vollmond mit magischem Licht übergossen wurden. Da kam ein Haller Salzsieder über die Brücke gegangen, der wohl, wie sein Gang zeigte, ein Gläschen über den Durst getrunken hatte. In dem Fremden regte sich der Schalk, und er fragte den Haller: »Lieber Freund, können Sie mir nicht sagen, ob das der Haller Mond oder ein anderer ist?« Der Haller war aber nicht so dumm, wie er auszusehen schien, und antwortete: »'s tut mer laad, daß i net diene kau; wisset Se, i bi selwer net von hie!« (Mündlich.) Der Zimmergörgle von Hall. In Hall lebte ein Zimmermann mit Namen Georg, der in der ganzen Stadt wegen seiner dummen Streiche bekannt war und nur der Zimmergörgle genannt wurde. Wenn er's gar zu bunt trieb, so ließ ihn der Rat in den Turm legen, obgleich es nicht viel fruchten wollte. Eines Tages geschah es nun, daß einer der Ratsherren, ein wohlstudierter und gar vornehmer Mann, seines Amtes entsetzt und ins Gefängnis geführt wurde. Auf dem Wege dahin sah er unter den Gaffern auch den Zimmergörgle stehen, mit dem er manchmal seinen Spaß getrieben hatte. »O Zimmergörgle,« rief er schmerzlich aus, »heut' noch Bürgermeister, morgen nicht mehr!« Der Schalk antwortete ihm: »Das sei ferne, lieber Herr! Habt Ihr mich doch oft in den Turm gesetzt und bin ich doch der Zimmergörgle geblieben bis auf diesen Tag!« (Zinkgref, Apophthegmata [1693].) Nichts geht über Frauenlist. Die kluge Rebekka lebte mit ihrem guten Gottfried, dem Zunftvorsteher der Strumpfweber in Hall, von der Zeit an, als sie unversehens ein reiches Erbe eingetan hatten, in sorglosen Umständen. Doch mußte sie hie und da, wenn seine Gutmütigkeit zu weit ging, mit einiger Härte ihm entgegentreten, um ihren Wohlstand im Gleichgewicht zu erhalten. Denn der Gottfried hatte ein sehr schwaches Gedächtnis und war auch zu trag, seinem Kopf mit Aufschreiben zu Hilfe zu kommen. Er hatte nämlich viele Freunde, die ihn manchmal auf kurze Zeit um kleine oder große Anlehen ersuchten. So gab er einmal 50 Gulden einem Bekannten »nur über Mittag«. Dieser vergaß das Heimzahlen und der Gottfried den Schuldner, doch nicht das Anlehen selbst. Diese Unwissenheit machte ihn sehr besorgt, so daß er endlich seine Rebekka zu Rate zog. Und wirklich war sie auch bei der Hand; sie riet ihm: Geh alle Morgen früh durch die Stadt, und wenn dir ein Freund oder Bekannter einen guten Morgen wünscht, so gib du nur zur Antwort: Schön Dank! aber bar Geld wäre mir lieber. – So eingeschult, macht sich Gottfried gleich den andern Morgen auf den Weg, und da kriegt er einen guten Morgen um den andern, und er erwidert ebenso pflichtig: Schön Dank, aber bar Geld wäre mir lieber! Die Grüßenden dachten: Der Gottfried wird witzig, er fangt schon früh an, er wird habsüchtig, so oder so; aber keiner merkte, woher ihm der Witz kam und wohin er zielte, – bis endlich der, welcher die 50 Gulden »über Mittag« von ihm entlehnt hatte, sich durch das »alberne Geschwätz« des Gottfrieds sehr beleidigt fühlte und auf ihn losstürmte, weil er Gottfrieds Äußerung für eine plumpe Mahnung hielt. Er sagte pochend zu seinem Gläubiger: Es braucht die Anzüglichkeit nicht, Meister Gottfried; auf der Stelle werde ich die 50 Gulden zurückschicken; wer mir so grob auf der Straße fordert, dem möchte ich keinen Tag etwas schuldig sein. Gottfried erwiderte ebenso gelassen als zweideutig: So war's nicht gemeint; es galt ja nur über Mittag. Und so gehen sie auseinander, und während er seiner Rebekka Bericht erstattet, langen die 50 Gulden richtig an, jedoch ohne Zins, weil sie ja nur über Mittag hätten ausbleiben sollen. – Von dort an aber erhielt Gottfried eine andere Lehre von der Rebekka, die für alle Fälle passend war. So oft man ihn wieder um Geldhilfe ansprach, war seine Antwort: Tut mir entsetzlich leid, soeben habe ich mit meinem ganzen Vorrat einem Freunde ausgeholfen; vor einer halben Stunde noch wäre Ihnen mehr zu Diensten gestanden. Und auf diese Weise blieb Gottfrieds Gedächtnis stark genug, ohne aufzuschreiben. (Nach Nefflens Schwäbischem Feierabend, von A. Holder.) Peter Leu. 1. Wie Peter Leu Priester wurde und zwei Bauernmädchen beichten ließ. Peter Leu, »der andere Kalenberger«, Held eines mittelalterlichen Schwankgedichts. war gebürtig aus Hall. Seinen Namen erhielt er von seiner Löwenstärke, denn er konnte einen gewappneten Mann frei mit der Hand vom Boden aufheben und mit gestrecktem Arm auf den Tisch stellen. Zuerst trug er im Halhaus Blöcke, zog dann 1444 mit dem Edelmann von Morstein in den Krieg gegen die Armagnak, die das Elsaß verwüsteten. Doch der Krieg war bald aus. Weil das unstete Soldatenleben ihm nicht gefiel, beschloß er, die Priesterschaft zu erlangen. Obgleich schon 30 Jahre alt, ging er doch noch zu Hall und Feuchtwangen in die Schule und verschmähte es nicht, mit seiner Tafel zu den kleinen Schülern zu sitzen. Nach vier Jahren hatte er sein Ziel erreicht. In der Kapelle zu Weihenbronn bei Mainhardt wurde er zum Priester geweiht und dann in Rieden bei Hall, wohin damals eine große Wallfahrt ging, aushilfsweise als Priester verwendet. An einem Fastentag begab es sich, daß zu ihm zwei Bauernmädchen kamen, um zu beichten. Die Mädchen waren mit schneeweißen Hemden bekleidet. Während nun die eine sich an den Ofen lehnt, bemerkt sie in diesem einen Spalt und sagt: »Herr, jetzt glaub' ich wohl, daß Eure Stube so kalt ist: die Kachel hat ja ein Loch!« Peter, dem die priesterliche Weihe den Schalk nicht ausgetrieben hatte, erwiderte: »Ich mach's nicht zu, bis das Beichten ein Ende hat; denn wer meine Beichttochter will sein, muß in den Ofen da schlüpfen hinein. Auch geb' ich ihr eher keine Buße, sie beicht' denn durch's Loch in die Stube.« Die guten Mägde in ihren weißen Hemdlein schlüpften nun in den Kachelofen 'nein. Da die eine durchs Loch beichtet aus und schlüpfte von dem Ofen heraus, schlüpft die andere dagegen ein: sie meinten, es müßte also sein. Da er sie beid' hätt' absolviert, waren ihre Hemden geziert wie der Kaminfeger Kleider. Wer sie sah, fragte: »Wo seid ihr so in dem Ruß gesteckt? man meint, ihr habt Kamin gefegt.« Sie sagten, wie 's zugegangen wäre. Wer das hörte, fing an zu lachen und sagte: »Daß ihn der Teufel ritt! Kennt ihr Herrn Peters Possen nit?« – Also zogen die Mägd' nach Haus und wuschen ihre Hemden aus. 2. Wie Peter Leu Hunger litt und sich zu helfen wußte. Vierundzwanzig Gulden als Lohn hatte Peter Leu zu Rieden. Sie waren bald dahin, und so mußte er großen Hunger leiden. Ging er am Samstag in die Stadt, so kaufte er sich eine Ochsenzunge; die sott er in einem Kessel und hing sie in einem Gefäß hinter die Tür. Wenn ihn hungerte, trat er hinzu und aß davon ein Stück zum Brot. Als ihn einst der Pfarrer von Westheim besuchte und seine große Armut sah, nahm er ihn zum Helfer an. So kam Peter Leu nach Westheim am Kocherfluß. Doch hielt der Pfarrer nicht, was er versprochen. »Nämlich, wenn Peter nicht war zu Tisch, speist man gut Hühner und Fisch. Wenn aber des Pfarrers Köchin fein wußt', daß Peter auch da würd' sein, so ging's mit Milch und Molken zu.« Peter merkte bald diesen Schlich und richtete sein Gehen und Kommen danach ein. Wenn die Köchin dacht', er bleibe aus, kam er zum Nachtmahl in das Haus. So sie ob dem Tische saßen, Gesott'nes und Gebrat'nes aßen, Peter ungewarnt in die Stube tritt, setzt sich nieder und ißt auch mit.« Der Pfarrer ließ sich nun das Essen in die obere Stube bringen, wohin Peter nicht gehen durfte. Aber Peter wußte auch so Rat. Er ging jetzt dem Pfarrer über die Hennen im Hof und über die Fische im Weiher und sagte, die Bauern täten's. Der Pfarrer wollte es ihm nicht glauben; aber Peter wußte einen Beweis zu erbringen, den jedermann gelten lassen wußte. »Als nun anging der Kirschenmond, ein Kirschbaum bei dem See stund; Peter sägte den Baum halb ab. An einem Sonntag sich's begab, machten die Bauern den Bescheid, sie wollten nach alter Gewohnheit in die Kirschen geh'n nach Mittag: ›Kein Schaden uns das bringen mag.‹ Als sie nun auf den Baum gestiegen, da brach er ab; die Bauern liegen, eh' sie die Sach' recht wurden innen, zusammen in dem Teiche drinnen und zappelten recht, so wie die Frösche. Dann erst sich erhub ein wild Gehösche, als Peter kam mit einer Stangen und sprach: »Ihr Schalk', gebt euch gefangen! Euren Pastor habt ihr nicht lieb, ihr seid meines Herrn Fischdieb; mit Stehlen wollt ihr wieder davon, wie ihr ihm vormals habt geton.« Die Bauern als sie dies vernommen, sagten: »Haben wir doch keinen genommen, noch etwas andres Eurem Herrn; allein der Kirschen wir begehr'n.« – »Wenn ihr wollt in die Kirschen geh'n, so dürft ihr nicht im See steh'n,« so sprach Herr Peter zu den Bauern; die Kirschen wurden ihnen sauer. Wenn einer aus dem Teiche kam, Herr Peter seine Waschstang' nahm und gab ihm in die Ripp' ein' Stich, daß er fiel wieder hinter sich und in die Fischgrube sank, daß er schier darin ertrank.« Um ihrem Peiniger zu entgehen, mußten die Bauern wohl oder übel die Beutel ziehen und Mann für Mann einen halben Gulden erlegen für die Fisch', »die nie berührt hatten ihren Tisch«. 3. Wie Peter Leu des Mesners Birnen aß. Der Mesner in Westheim hatte einen Birnbaum, der stund allein auf einem Acker im Felde. Peter Leu fand guten Geschmack an den Birnen und holte sich Tag um Tag davon. Zu dem Mesner, der ihm klagte, wie die Birnen immer weniger würden, sagte er, es täten's die Bären. Der Mesner glaubte dem Schalk und stellte seinen Sohn, bewaffnet mit einem Schweinsspieß, bei Nacht an den Birnbaum hinaus, der Birnen zu hüten. »Peter wußt' nit der Birnen Hut, kam hergegangen, war wohlgemut, in langem Pelz, gefüttert schwarz und sieht so bei dem Baum dran, den Sohn mit einem Schweinsspieß stahn.« Peter ließ sich aber nicht schrecken. Er dachte: »Die Birnen will ich essen; der Spieß wird mich nicht fressen.« Schnell tat er seinen Mantel verkehrt an, kroch gegen den Baum auf allen vieren und brummte wie ein Bär. Als der junge Mann das Untier sah, befiel ihn große Furcht. Er ließ den Schweinsspieß fallen und nahm eilends Reißaus. »Peter kroch, bis er zum Baume kam, den Stamm in seine Arm' er nahm, stieg auf den Baum, grad wie ein Bär, die Birnen vom Baume schüttelt er, daß sie fielen auf das Gras. Darnach die Birnen er auflas, bis er voll hatte seine Sack', dann macht er sich vom Baume weg.« – Nach Mitternacht, erst gegen Tag, kam des Mesners Sohn nach Hause. Er erzählte von einem »großen ungeheuren Bär' und wie er ihm entlaufen wär', so nah sei er bei ihm gewesen, daß er hätt' sehn ihn Birnen lesen«. – »Sohn, du sollst fürder nicht wagen deinen Leib,« also zu ihm sagt des Mesners Weib; »laß du dem Bären sein' Willen ha'n, du sollst fürbaß sein müßig gah'n; es bringt uns nicht großen Schaden, wenn wir die Birnen nicht haben.« – Das gefiel Herrn Peter wohl, der aß die übrigen Birnen voll. 4. Wie Peter Leu Geld zu einer Zeche gewann. Die Westheimer Bauern waren sehr abergläubisch. Das wußte Peter Leu, und er gedachte sich ihre Furcht zunutze zu machen. Als die gefürchteten drei Donnerstagnächte vor Weihnachten kamen und die Bauernmädchen und Burschen beim Kirchbauern in der Kunkelstube saßen, von Berchtold und dem wütenden Heer und anderem Geisterspuk erzählten, setzte sich Peter Leu auf ein Pferdlein. »Das war weiß, gürtete um sich ein Leilach mit Fleiß, ein Horn am Hals, am Strick weiße Hund: so für's Bauernhaus er zu reiten begunnt.« An der Ecke im Mondenschein blieb er halten und blies kräftig in sein kleines Jagdhorn. In der Stube spitzten alle die Ohren. Neugierig schauten einige zum Fenster heraus, sahen aber von Peter, der um das Haus ritt, nur mehr den Schatten. Kaum hatten sie sich gesetzt, so kam er wieder und blies in sein Horn, ließ sich aber ebensowenig sehen wie das erstemal. Da zum drittenmal, als sein Hörnlein wiederum erscholl, »und alle guckten zum Fenster aus, ritt Herr Peter vornen um's Haus mit großem Seufzen und Klagen«. Die Bauern glaubten nicht anders, als daß es der Teufel sei. Des Mesners Frau wurde vor Schrecken krank, so daß sie zu Bette liegen mußte. Als Peter ihre Krankheit vernahm, suchte er sie heim und machte ihr weis, daß über kurz »der Geist wieder werd' erscheinen, helft Ihr ihm nicht aus seinen Peinen, und Euch wird alles Unglück geh'n an, wie ich's Eurem Sohn schon gesaget ha'n«. Die Frau sprach: »Ach, lieber Herre mein, von mir nehmt diesen Gulden ein; die Seel' laßt Euch befohlen sein in Eurem andächtigen Gebet, daneben für mich bittet stät.« Diese Worte gefielen Peter Leu gar wohl. Er sagte: »Das wird gern getan; ihr müßt eine gute Hoffnung ha'n, nehmet an jetzt einen leichten Mut, der Schreck einem gar wehe tut.« – Die Frau des Petern sehr bedankt; damit hat er eine Zech' erlangt. 5. Wie Peter Leu einen Bauern zahm machte. Ein Bauer in Westheim hatte einen Esel, den er alle Tage auf dem Kirchhof, wo viel Gras stand, weiden ließ. Peter Leu verbot es ihm öfters und sagte: »Wie magst du eine geweihte Stätte mit Eselsfeigen bestreuen? Gib acht, es kommt darob noch schweres Unglück über dich.« Der Bauer aber lachte und sprach: »Wem die Eselsfeigen nicht gefallen, der kann sie ja auflesen. Ihr habt eine Geschichte mit dem Kirchhof, als ob ihr das Gras meinem Esel nicht gönntet und es selber fressen wolltet.« Da der Bauer sich also an die Warnung nicht kehrte, so beschloß Peter, den Bauern auf eine andere Weise willfährig zu machen. Er nahm ein Balkenseil und eine Rolle und ging in den Kirchhof zu der Linde. An das Seil band er den Esel, und mit Hilfe der Rolle zog er ihn auf den Baum hinauf. Als er unten das Seil befestigt hatte, stieg er auf den Baum, band den Esel fest und machte sich dann mit Seil und Rolle wieder davon. Abends, als der Bauer vom Felde kam, wollte er seinen Esel im Kirchhof holen. Aber wie war er erstaunt, als er ihn dort nicht fand. Da auf einmal ertönte von der Linde herab ein klägliches: I–a, I–a! und mit Staunen sah nun der Bauer hoch droben auf dem Baume sein geliebtes Grautier zappeln. Andre Bauern liefen herzu, das ganze Dorf kam in Aufregung, und alles ratschlagte, wie dem Tiere zu helfen sei. Auch Herr Peter kam herbei. Er ließ sich die Mär' erzählen und sagte dann mit strengem Ton zu dem Bauern: »Bauer, du hast noch Glück gehabt! Wie oft hab' ich dich gewarnt, du sollest den Esel nicht auf geweihtem Boden weiden lassen; du hast aber nicht gehorcht und das Gebot der Kirche schmählich gebrochen. Weshalb hat der Teufel dir zur Strafe den Esel wegführen wollen, er ist aber noch glücklicherweise an einem Ast hängen geblieben. Bessere dich und nimm dich in acht, damit er am Ende nicht gar dich selber holt.« In tiefer Zerknirschung antwortete der Bauer: »Herr, ich sehe ein, daß ich mit meinem Esel schwer gesündigt habe. Deshalb nehmet diesen Gulden und bittet für mich um Gnade, daß ich dem bösen Feind entgehen möge; ich will die Sünde gewiß nicht mehr tun.« Mit Peters Hilfe wurde der Esel glücklich vom Baume gebracht. Der Bauer aber war von seinem Trotz kuriert für sein Lebtag. 6. Wie Peter Leu in Fichtenberg zu Leinwand kam. Als der Pfarrer zu Fichtenberg starb, erhielt Peter Leu vom Prälaten zu Murrhardt die Pfarre. Er hatte jetzt ein gutes Auskommen, wußte seine Einkünfte auch durch allerlei Schelmerei zu mehren. »Liebe Kind, ehrt Gottes Tempel,« pflegte er zu predigen; »ihr seht, ich hab' mit euch große Mühe, teilt darum mit mir Schaf und Kühe, beides, eu'r Kind, Gut und Weib. Ich muß versehen euren Leib und die Seel, daß sie nicht leide Pein; drum sollt ihr emsig mit Opfern sein; es wird euch tausendfach erstatt't, dort oben in der Himmelsstadt.« – Einmal im Herbst, als die Nebel von den waldigen Höhen zu Tale stiegen, kam ein altes Weib zu Peter und fragte ihn: »Mein lieber Herr, wie kommt's, daß fallen soviel Nebel und riechen wie Rauch und Schwefel?« Peter, der Schalk, antwortete: »Frau, es sind leidige Mär'n, welche ich Euch nicht sage gern.« – Die Frau neugierig: »Herr, hat sich einer selbst erstochen?« – »Nein,« erwidert Peter, »ein Loch ist in die Höll' gebrochen, daraus raucht dieses Nebels Gestank, der die alten Menschen macht lahm und krank. Wenn wir nicht Gnad' erwerben, müssen wir wahrlich alle sterben.« – Die Frau war drüber sehr erschrocken und erkundigte sich aufs angelegentlichste, ob dem nicht abzuhelfen wäre. Peter sagte: »Frau, einen guten Rat zu dieser Sach' man gegeben hat, wie ich es find' in diesem Buch: man solle nehmen Garn und flächsen Tuch und dieses Loch mit zudammen, so werden Gnad' erlangen all' zusammen, die hiezu geben Hilf und Steuer, damit gelöschet werd' dies Feuer.« – Das Weib nahm den Scherz für Ernst und brachte Petern dreißig Ellen Tuch, damit er es zum Zustopfen des höllischen Loches verwende. Die andern Leute, die davon hörten, wollten auch nicht zurückbleiben. Na war nun ein Laufen in Peters Haus von den Bäuerinnen auf den Wäldern, welche Petern viel Tuch gaben, »so daß er kam zu Leilach und Betten und endlich genug der Leinwand hat, damit sein Haus versah er satt«. – 7. Wie Peter Leu den Bauern predigte. »Auch sonst war Peter Leu in Fichtenberg auf seinen Nutzen bedacht, so daß er viel Geld zusammenbracht: Da wollt' er nicht mehr Pfarrherr sein, zog gen Hall in die Stadt hinein. Dort versah er einen Altar. Auch wenn ein Pfarrherr verhindert war, welcher saß im Dorf auf dem Lande und nach dem Herrn Peter sandte, zu versehen seine Pfarr' für ihn, zu ihm kam er ganz willig hin.« – Auf diesen Gangen trug Herr Peter aber stets sein eignes Meßbuch mit, »denn wo er dies nicht bei ihm hätt', keine Meß er sonst vollbringen tät'; seines Meßbuchs war er gewohnt, der andern war er ungewohnt«. Als er einst am Christtag auf einem Gang nach Steinbach sein Meßbuch im Schnee verlor und man es trotz alles Suchens nicht finden konnte, mußte Herr Peter »an diesem Tag und solang das Buch im Schnee lag« das Messelesen unterlassen. Erst als der Schnee ging, kam er wieder in den Besitz seines Kleinods. »Hätt' er sein Buch nicht gefunden, seine Kunst ihm wäre ganz entschwunden.« – Ergötzlich waren die Predigten, die er auf den Dörfern zu halten pflegte: kurz waren sie, ob auch gut, das soll der Leser an einer Probe selbst ermessen. Als im Dorfe Tullau Kirchweih' war, sollte Peter die Geschichte von Zachäus in der Predigt behandeln. Er las sie aus seinem Buch vor und sagte dann: »Ihr lieben Kind, damit den Text ihr recht verstah'n, meine Predigt ich geteilet ha'n in drei Punkten: den ersten werdet ihr nit verstahn, den andern werde ich nicht wissen, und den dritten, ich versehe mich, den verstehet weder ihr noch ich ; denn so tief werd' in die Schrift ich gah'n, daß ihr's noch ich werden verstahn. Demnach eracht' ich, es sei das Best', damit ihr nicht heimzieht wie ungespeiste Gäst', ich laß diesmal die drei Stücke gar anstehen bis aufs künftig' Jahr. Alsdann kommt etwas früher herzu, so will ich der Sachen recht tun und diese Stücke euch wohl erklären. Auf diesmal würd's zu lange währen, sich verziehen bis auf Mittag. Damit denn niemand über mich klag' und der Kirchweihbrei brenn' an, so woll' ein jeder zu Hause gahn, dahin er denn ist geladen, versuchen die Kirchweihfladen. Demnach wollet bitten für mich; dergleichen tun für euch will auch ich.« – Damit hatte die Predigt ein Ende. Die Bauern waren des zufrieden und sagten: »Ach, daß er unser Pfarrherr wäre, von wegen seiner kurzen Lehre.« Peter Leu wurde über 80 Jahre alt. Er starb 1496 zu Hall, wo er auch begraben wurde. Seine Taten, die von Mund zu Mund gingen, wurden von Achilles Jason Widmann, einem Haller, gesammelt und »in Reymen verfaßt« (wohl 1560). Nach diesem Gedicht ist die vorliegende Darstellung bearbeitet worden. (K. Rommel-Reutlingen.) Er kann nicht französisch. In den napoleonischen Kriegen einmal Franzosen in ein fränkisches Dorf kamen, da wurde den Bauern dieses Dorfes viel Eigentum weggenommen und fortgeführt. Und ein französischer Rittmeister kam eines Tages mit seinen Soldaten vor den Hof des Schulzenbauern und zeigte einen Schein vor, der auf drei Scheffel Haber lautete, die aber vom Schul bauern zu erheben waren. Der Schulzenbauer wies nun den Franzosen hinüber zu seinem Nachbarn, dem Schulbauern, er solle dort den Haber fassen, wie es auf dem Schein geschrieben stehe. Der Franzose aber wollte dies nicht gelten lassen und schalt und zankte fürchterlich. Da wandte sich der Schulzenbauer in seiner Bedrängnis an seinen Nachbarn, den Schulbauern, welcher auch gleich, als er den Schein gesehen hatte, zugab, daß er und nicht der Schulzenbauer die drei Scheffel Haber liefern müsse. Unterdessen aber trugen schon die Soldaten des Franzosen die drei Habersäcke aus dem Haus des Schulzenbauern heraus und luden sie auf ihre Gäule. Da bat der Schulzenbauer seinen Nachbarn, den Schulbauern, inständig und sprach: »Nachbar, wehr's ihm doch, er nimmt ja meinen Haber mit und nicht den deinen.« Dieser aber sagte gelassen: »Weißt Nachbar, sag's nur du ihm, ich kann nicht französisch,« lachte in sich hinein wie ein Spitzbube und sah die Franzosen schmunzelnd mit des Schulzenbauern Haber davongaloppieren. – Die beiden Braunen des Schulbauern wurden von dem Haber, den ihr Herr auf so schlaue Weise erspart hatte, rund und glatt. Im ganzen Dorfe waren keine so schöne Tiere zu sehen, und der Schulbauer hatte auf sie einen großen Stolz. Sie gefielen aber auch einem französischen Oberst, der eines Tages an der Spitze des französischen Fuhrwesens durch das Dorf kam. Ohne lange zu fragen, ob's erlaubt sei oder nicht, ließ er die schmucken Rößlein aus dem Stalle nehmen und dafür zwei alte abgeschundene Klepper hinstellen. Alles Bitten und Lamentieren des Schulbauern war umsonst; der Oberst tat, als ob er kein Deutsch und keine Tränen verstände. Als die Franzosen fort waren, kam der Schulbauer zu seinem Nachbarn, dem Schulzenbauern, herüber und klagte ihm sein Leid. »Nu hast recht,« sagte dieser, »'s ist schad um deine Gäul' wie um meinen Haber; aber so geht's halt, wenn man nicht französisch kann.« (C. Schnerring-Kirchheim/T.) Ein Frag- und Antwortspiel. In einer niederschwäbischen Stadt war ein Büttel aus dem hohenlohischen Gebiet angestellt, der seine fränkische Mundart, wie sich's ja von selbst versteht, mitgebracht hatte. Er ging schlecht und recht seiner Pflicht nach, hielt Ordnung, wie sich's gehörte, war aber im übrigen kurz angebunden. Eine heitere Gesellschaft, nicht groß an Zahl, aber desto zäher auf ihrer »heutigen Tagesordnung« verharrend, war über Gebühr einst sitzen geblieben. Unser Ordnungsmann wußte sonst »wohl zu unterscheiden«, ohne die Person anzusehen, und hielt es im richtigen Takt mit dem schönen Ausspruch: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht immer dasselbe. Diesmal ging es ihm aber doch etwas über die Schnur, und in schneidendem Ton bot er ab: Wöllts heim? so daß es erklang wie auf dem Bahnsteig die Stimme des Schaffners: »Welzheim«. Gelassen versetzte der Häuptling der Sitzung im selben Tone: »Mergentheim«, womit jener sich zufrieden gab, denn er hatte ihre glaubhafte Versicherung deutlich vernommen: Mer gehnt heim! (A. H.) Rüblinger Streiche. I. Warum bis Rüblinger keine Kirche haben. Rüblingen, das heute ein kleines Dorf im Hohenloheschen ist, scheint in früherer Zeit größer und der Mittelpunkt einer weiten Umgegend gewesen zu sein. Die Kirche trug die Jahreszahl 1452 und war die Mutterkirche der umliegenden Weiler und Höfe. Die Einwohner zeichneten sich durch besonderen Verstand und Frömmigkeit aus, so daß der Segen von oben nicht ausblieb und sogar auf dem Dach der Kirche Gras wuchs. Die Rüblinger wollten die edle Gottesgabe nicht zugrund gehen lassen und machten's nun so, wie's die Gansloser gemacht haben (s. W. Volksbücher III, 65): sie zogen den Gemeindehummel an einem Seil hinauf, damit er das Gras abweide. »Dös Groos mooch er gäre, er schleckt scho dernoch!« jubelten sie in ihrer kindlichen Freude, als das Tier beim Ersticken die Zunge heraushängte. Durch das Hinaufziehen des Hummels kamen die Rüblinger aber in großen Schaden. Turm und Kirchendach trennten sich voneinander, so daß das ganze Gebäude im vorigen Jahrhundert abgebrochen werden mußte. Rüblingen ist seitdem nach Eschental eingepfarrt. Böse Leute sagen den Rüblingern nach, ihre Kirche sei nicht abgebrochen worden, sondern abgebrannt. Und zwar habe sich die Sache folgendermaßen zugetragen. In der Rüblinger Kirche hatten sich so viele Ratten eingenistet, daß man kaum noch Gottesdienst darin halten konnte. Da versammelte sich der Rat des Dorfes, und die »Herren« zerbrachen sich die Köpfe, wie dem Übel abzuhelfen sei. Es wurde beschlossen, einen Rattenfänger anzuschaffen und in die Kirche zu sperren. Und glücklicherweise kam eben ein Schirmflicker durch das Dorf, der einen solchen Hund besaß. Der Handel kam zustande; die Rüblinger hatten ihren Rattenfänger, den sie sofort in die Kirche einsperrten. Der Schirmflicker zog pfeifend seines Weges. Da fiel es plötzlich den Ratsherren ein, daß sie vergessen hatten, den Mann zu fragen, was man dem Hunde zu fressen geben müsse. Rasch wurde der Büttel dem Fremden nachgeschickt. Der Schirmflicker war schon eine weite Strecke Kupferzell zu gegangen; da vernahm er hinter sich die Stimme des Rüblingers: »He! guter Mann; Ihr sollt mir sagen, was der Hund denn frißt.« – »Alles frißt er, was m'r em geit (= gibt),« rief der Fahrende zurück und schritt davon. Der Büttel, in hellem Lauf, eilt ins Dorf zurück, stürmt aufs Rathaus, wo die »Herren« seiner Antwort harren. »Was hat er gesagt?« ruft ihm der Schultheiß entgegen. »O weh,« stammelt atemlos der Bote; »alles frißt er, Tier und Leut'!« (Denn so hatte er die Worte des Schirmflickers verstanden.) Die Männer waren starr vor Schrecken. Unerhört! Ein so gefährliches Tier zu kaufen! Wer war da in Rüblingen noch seines Lebens sicher? Von dem schlimmen Rattenfänger mußte das Dorf befreit werden – um jeden Preis ... Aber wie? Wer wollte es tun? Wer sich der Gefahr aussetzen, von ihm gefressen zu werden? Lange rieten die Männer hin und her. Da dämmerte es in einem der Köpfe auf. »Ich weiß Rat! Wir legen Feuer an die Kirche, so wird das böse Tier nicht entrinnen können.« Das war ein Gedanke! Sofort ans Werk! Ganz Rüblingen kam auf die Beine, Männer und Weiber, Kleine und Große eilten mit Reisigbüscheln und Holzscheiten herbei, die sie um die Kirche aufhäuften und in Brand steckten. So verbrannte die Kirche und mit ihr der schreckliche Rattenfänger – und die Ratten wohl auch. Fortan hatten die Rüblinger keine Kirche mehr. II. Der pfiffige Büttel In Rüblingen war ein Brand ausgebrochen. Rasch war die Feuerwehr auf dem Platze. Die Spritze trat in Tätigkeit. Aber die Schläuche waren so trocken und dürr und so wenig wasserdicht, daß sie nicht zu benützen waren. Darüber machte der Schultheiß dem Büttel heftige Vorwürfe; er hätte die Schläuche verwahrlosen lassen, sagte er. Trotzig erwiderte der gekränkte Mann: »Da seid Ihr selber schuld; hättet Ihr mir's beizeiten g'sagt, daß es brennt, so hätt' ich die Schläuch' ein paar Tag vorher eingeweicht.« III. Der Gemeindegaul Um bequem in die Kirche des Mutterortes kommen zu können, wurde ein langer Gaul angeschafft, der jeden Sonntag die Gläubigen nach Eschental brachte. Seinen Platz auf der Schwanzwurzel dieses Gaules erhielt derjenige, der als der leichteste galt, nämlich der Schneider. Daher kam jeden Sonntag das Schneiderlein zuletzt in die Kirche, und dieses wurde infolgedessen häufig der Gegenstand des allgemeinen Spottes. Das listige Schneiderlein wußte sich aber zu helfen. Bei den späteren Kirchenbesuchen nahm der Schneider seine Nadel mit. Wenn der Gemeindegaul in der Nähe der Kirche war, stach ihn der Nadelheld wacker unter den Schwanz, wo es übel wehe tat. Vor Schmerz drehte sich das Tier mit raschem Ruck herum, so daß es immer mit dem Hinterteil zuerst an der Kirche ankam und der Schneider stets der erste war, der ins Gotteshaus eintrat. In der Waldabteilung Egel stand am Rande, da wo der Abfall ins Kochertal beginnt, eine Eiche, deren Stamm infolge hohen Alters hohl geworden war. Der schadhafte Baum sollte gefällt werden. Er wurde abgeästet, die meisten Wurzeln wurden freigelegt und abgehauen. Damit der lockerstehende Stamm auf die Rüblinger Ebene und nicht in eine fremde Markung den Berg hinunter falle, wurde er mit einem Seil angebunden. Dann wurde der Gemeindegaul darangespannt, der den Stamm vor versammelter Gemeinde nach oben ziehen sollte. Aber o weh! Der altersschwache Gaul hatte dazu nicht Kraft genug. Der Baum stürzte, den Gaul mit sich reißend, und zwar talabwärts. Das arme Rößlein wurde dabei in einem großen Bogen über das ganze Kochertal geschleudert und fiel in dem Garten der Schalhofbäuerin nieder, wo es sich nochmals gehörig sattfraß und dann jämmerlich verendete. Der Stamm blieb liegen, wo er hingefallen war. Nun hatte man keine andere Wahl, als ihn vollends ins Tal hinabzulassen. Man wollte aber auch wissen, wie lang der Weg dort hinab ins Tal sei. Daher sollte der, der am besten zählen konnte, in den hohlen Stamm hineinliegen und die Umdrehungen zählen, die der Stamm mache, bis er unten ankomme. Der Mann schlüpfte ein, und der Stamm wurde ins Rollen gebracht. Nachdem der Baum etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, wurde dem Insassen die Zeit und das Zählen zu lange. Er streckte den Kopf heraus, um zu sehen, wie lange die Fahrt noch dauere. In demselben Augenblick sauste der Stamm an einem Baumstumpf vorbei; der Kopf machte Bekanntschaft mit dem Stumpf und blieb daran hängen. Der Stamm dagegen kam glücklich unten an. Als die Leute hinabgestiegen waren, um das Ergebnis ihres klugen Meßverfahrens zu erkunden, sahen sie in der Baumhöhle einen kopflosen Rüblinger liegen. »Als er hineinschlüpfte, hat er doch einen Kopf gehabt,« sagten sie. Die anwesende Frau des Verunglückten wurde gefragt, ob ihr Mann, als er zu Hause weggegangen, auch seinen Kopf bei sich gehabt habe. Sie antwortete: »I will waale waale = rasch, schnell. hamm un seecha, seecha = sehen. ob meim Mou sei Koupf net in sanner Sunntichskappa drinn steckt!« IV. Der Fußhaber. An der Rüblinger Ortswette stand ein Weidenbaum, dessen Gipfel dürr zu werden schien. Um ihn vor dem Untergang zu bewahren, versammelten sich die Gemeindeväter an Ort und Stelle. Nach langen Beratungen wurde endlich ein Beschluß gefaßt. Der Burgermeister mußte zu dem kranken Baumgipfel sich erheben, ihn mit den Händen umfassen und sich an ihn hängen. Da aber das Gewicht des Ortsgewaltigen doch nicht ausreichte, den Gipfel soweit abwärts zu ziehen, daß dieser mit dem Wasser der Wette in Berührung kam, mußten auch noch die Gemeinderäte ihr Gewicht hergeben, indem sie sich an die Beine des Schultheißen anklammerten. Die also angehängte Last war aber zu schwer, die Hände des Schulzen drohten auszurutschen, und so rief er aus Leibeskräften seinem Gemeindekollegium zu: »Paßt uff, i muaß in d'Händ spucka!« und plötzlich ließ er los. Der Baumgipfel schnellte in die Höhe, und der weise Rat lag samt Oberhaupt als lebendiger Knäuel unter dem Baum. Als die Gemeindeväter sich nun wieder erheben wollten, konnten sie nicht, denn ihre Glieder hatten sich zu sehr ineinander verwickelt. Kein einziger fand mehr die Beine, die zu seinem Körper gehörten. Da war guter Rat teuer; doch bald fand sich ein Ausweg. Schnell wurde nach Döttingen geschickt und der dortige Rentamtmann geholt, der als welterfahrener und praktischer Mann bekannt war. In aller Eile kam er auf seinem Roß dahergesprengt. Und da er die wogende Menschenmasse sah, ergriff er kräftig seine Reitpeitsche, schwang sie und ließ sie auf das nächste Bein niedersausen mit dem Ausruf: »Wem gehört der Fuß?« Einer der sich Wälzenden, der einen Schmerz verspürte, rief: »Mei!« – »Nehm ihn zu dir!« befahl der Amtmann. Und so fuhr er fort, bis jedes Bein seinen Mann und jeder Mann seine Beine gefunden hatte. Nachdem alle Beine glücklich verteilt waren, wurde beim Amtmann nach der Schuldigkeit gefragt. Der Amtmann, ein dienstgefälliger Herr, verlangte für sich und seine Bemühungen nichts. Aber für sein Pferd, das in der größten Eile die steinige Steige hatte heraufrennen müssen, forderte er ein Simri Haber. Der Haber aber sollte nicht bloß einmal, sondern jedes Jahr bei der Wiederkehr des Rettungstages gereicht werden. Und daher kam es, daß die Rüblinger lange Zeit hindurch nach Döttingen an das dortige Schloß eine Steuer in Form von Haber entrichten mußten) unter dem Namen Fußhaber. V. Der Rüblinger Kuckuck. Ein Rüblinger mußte einmal wegen Vermehrung seiner Familie seinen Gevatterleuten ein Festessen veranstalten. Er wollte seinen Gästen zur Ankunft des ersten Stammhalters einen ganz besonderen Genuß bereiten und ging deshalb nach Künzelsau, um einen Kalbsbraten zu erwerben. Weil aber die Bäuerin noch niemals ein derartiges Gericht zubereitet hatte, befragte sich der junge Vater beim Metzger über die Zubereitung des Bratens und ließ sich die erhaltene Anweisung auf ein mitgebrachtes Papier aufschreiben und steckte es sorgfältig zu sich in die Tasche. Auf dem Heimweg hörte er den Etzlinsweiler Kuckuck rufen, der auf einer Eiche saß. Da dieser Vogel dem Bauern nicht laut genug seine Stimme erschallen ließ, wollte der Rüblinger ihm helfen. Der Bauer legte sein Säckchen mit dem Fleisch unten am Stamm nieder und kletterte auf die Eiche. Als der »Rüblinger Kuckuck« in den Ästen verschwunden war und nach Herzenslust kuckuckte, kam ein Fuchs vorbei, fand das Fleischsäckchen und trug es samt Inhalt davon. Der Bestohlene sah von oben herab und rief dem davonlaufenden Fuchse nach: »Dös Flasch hatt for di kann Wert, du kausts doch net kocha, 's Rezeept hob i in mam Mutza!« Mutza = schwarzer Rock mit langen Flügeln, den die Männer beim Kirchenbesuch oder bei Beerdigungen trugen. (Mündlich. Fr. Hummel.) Schülerrache. Hoch oben auf den Löwensteiner Bergen, mitten im Wald, liegt der kleine Weiler Stocksberg. Er gehört jetzt zur Schulgemeinde Neulautern, hatte aber früher selber eine Schule und einen Lehrer, der jedoch, wie die Bauern sagten, kein »studierter Schulmeister« war. Er war nämlich seines Zeichens ein Korbmacher und unterrichtete nebenbei die Kinder im Lesen und Schreiben, so wie er's einst selber in der Schule gelernt hatte. Zu diesem alten Schulmeister kam eines Tages der Dekan von Marbach zur Schulvisitation. Dieser Dekan war ein gar strenger Herr und auf den Fortschritt im Schulwesen mit großem Eifer bedacht. Vor kurzem hatte er es durchgesetzt, daß auch in der Stocksberger Schule das Volksschullesebuch eingeführt worden war, und nun wollte er sich bei der Prüfung überzeugen, ob dasselbe auch von den Schülern benutzt und gelesen werde. Er fragte also die Kinder allerlei, was im Lesebuch steht. Aber er mochte fragen, was er wollte: es war weder Stimme noch Antwort zu hören. Nicht einmal von ihrem württembergischen Vaterlande wußten ihm die Schüler etwas zu sagen. Der Herr Dekan ward darüber sehr böse, und er schalt die Kinder wegen ihrer Unkenntnis und ihrer Faulheit tüchtig aus. Nachdem die Prüfung zu Ende war, ließ sich der Dekan von den Dorfpotentaten und dem Lehrer den Weg nach Löwenstein beschreiben; denn dort wollte er noch auf dem Heimweg einen Besuch machen. Nachdem er sich orientiert hatte, nahm er Abschied und wanderte zum Weiler hinaus. Aber kaum war er in den Wald gekommen, so stand er schon vor einer Wegscheidung, bei der er nicht wußte, wohin er sich wenden solle; denn Wegzeiger waren dort oben noch unbekannte Dinge. Wie er nun ratlos dasteht, hört er im Walde etwas rascheln, und als er sich umschaut, erblickt er einen Schulbuben, der Reisig zusammenliest. »Hör, Kleiner,« redet ihn der Dekan an, »sag' mal, welches der Weg nach Löwenstein ist.« Der Knabe schaut den Herrn Dekan verwundert an, so als ob er ihn nicht recht verstanden hätte. Als aber der Herr Dekan zum zweitenmal und diesmal etwas energischer fragt, da platzt der Bube heraus: »Was? Heute morgen habt Ihr mich geschimpft, weil ich nicht gewußt habe, wo Heidenheim liegt, und jetzt wisset Ihr nicht einmal, wo Löwenstein ist. Euch zeig' ich den Weg nicht!« – sprach's und verschwand im Walde. Der Herr Dekan war zuerst ganz verdutzt über des Buben Rede. Dann aber brach er in ein herzliches Lachen aus, denn er war auch ein Mann von Humor. Kühnen Mutes nahm er geradeaus den Weg, den ihm die Nase zeigte, und kam glücklich auch nach Löwenstein ohne Wegzeiger. – Aus dem Dekan ist später ein Prälat geworden, in dessen Hände die Leitung des evangelischen Schulwesens im Lande Württemberg gelegt war. Wenn er da im geselligen Kreise weilte, wußte er sich manchmal auch seines Abenteuers im Stocksberger Walde zu erinnern und durch die Erzählung desselben die größte Heiterkeit bei den Zuhörern zu entfesseln. (Mündlich von K. Rommel-Reutlingen.) Der Klosterstorch zu Großbottwar. Der Eselsmüller von Großbottwar machte an einem Novembersonntag des Jahres 1672 spät Feierabend im Wirtshaus und durfte nachträglich noch recht froh sein, daß er glücklich heimgekommen war; denn nach Mitternacht fiel ein tiefer Schnee und des Morgens hatte man einen dichten Nebel, so daß man auf zehn Schritte einen Menschen nicht von einem Mehlsack unterscheiden konnte. Um halb Achte steht er auf, guckt zum Fenster hinaus und weiß wirklich nicht, ob's bei ihm noch dunkel sei oder draußen. Er schlupft deshalb vollends in seine Kleider und guckt sich den finsteren Tag noch genauer an. Bei dieser Betrachtung sieht er etwas in seinem Garten auf- und abwandeln, ganz langsam und den Schnee strampfen. »Was ist das für ein Tier?« dachte er; »mein Zaun ist doch gut verwahrt; es muß also ein Vogel sein, der darüber hereingeflogen ist – potz! das ist der Murrhardter Klosterstorch.« – Der geneigte Leser muß nun wissen, daß das Kloster Murrhardt in der Stadt Bottwar einen eigenen Hof mit großem Gebäude hatte, wo früher die Zehntfrüchte und andere Einkünfte aufbewahrt wurden. »Wart, Storch, du mußt bei uns bleiben! Deine Herrschaft ist unserem Städtlein so nicht hold und tut uns zum Schabernack, was sie kann.« Also sprach der Müller zu sich selber und machte sich schnell auf den Weg zum Stadtschreiber und sagte ihm, was für ein kostbarer Vogel in seinem Garten herumlaufe. Der Stadtschreiber ist herzlich froh, daß er einmal dem Kloster etwas wegfangen kann. Er läßt gleich den Herrn Vogt, den Pfarrer Matthias Hasenreffer und einige Herren vom Magistrat zu sich bitten, um zu ratschlagen, wie man das Ding angreifen solle. Die Herren kommen schnell herbei und werden darüber einig, daß vier gescheite Männer das Tier hinterlistigerweise fangen und ans Tor führen sollen, dort soll es die Schuljugend mit Gesang abholen und bis in die große Ratsstube geleiten, wo ein starkes Lösegeld festgesetzt werde, von dem dann der Müller vorweg 20 Pfund Heller erhalten solle. Der Beschluß ward zur Ausführung gebracht, und die wohlweisen Herren konnten es auf dem Rathaus kaum erwarten, bis der Vogel hergebracht wurde. Wie freuten sie sich, als der Kindergesang erklang und immer näher und näher kam! Nun war der Zug ins Rathaus eingetreten, und der Gesang verstummte. Auf einmal vernahmen die harrenden Herren einen Schrei von einem Tier, ganz anders schallend, als man es vom klappernden Storch gewöhnt ist. Was soll das sein? Dem Burgermeister wird ganz schrecklich zumute, er schnattert und zittert in der warmen Stube und denkt an den »bösen Feind«. Der Stadtschreiber aber spricht: »Nur nicht verzagt, da hilft kein Bitten und Beten, das Lösegeld ist uns gewiß, das Kloster kann's zahlen.« Nun öffnet sich die Saaltüre und – ein leibhaftiger Esel wird hereingeführt. Der Stadtschreiber fragt erstaunt: »Wo ist denn der Storch?« Da lachen die Sänger aus vollem Hals, und die Herren reißen die Augen weit auf und meinen, es gehe nicht mit rechten Dingen zu, daß aus einem Storch plötzlich ein Esel geworden sei. Der Müller aber spricht, wie aus einem Traum erwachend, das große Wort gelassen aus: »Ja, ja, es ist mein leibhaftiger Esel,« und der Esel bestätigt es mit einem lauten: Iah, iah – dann schweigt er. Dem Stadtschreiber erscheint der Fall nicht so einfach. Er untersucht ihn gründlich, kann aber zu keinem andern Resultat kommen, als daß der Esel dem Müller gehört und die Störche schon längst in wärmere Länder gezogen sind, also auch keiner mehr in des Müllers Garten spazieren gehen kann. Da er das Gespött der Nachbarn fürchtet, läßt er alle heilig und teuer geloben, von der Geschichte niemand etwas zu sagen; »denn«, sagte er, »sonst bleibt ein großer Schimpf an uns allen und an Kind und Kindeskindern hangen.« Die Schulkinder scheinen aber nicht reinen Mund gehalten zu haben, und so ist die Geschichte bekannt geworden. Doch haben die Großbottwarer keine Freude an ihr und werden sehr böse, wenn man sie daran erinnert. (Nach mündlicher Überlieferung erweitert aus Nefflens Vetter von Fs.) Zwei Geschichten von Robert Mayer. Robert Mayer hat als Naturforscher Großes geleistet. Eine sichtbare Anerkennung seiner Verdienste ist das sinnige Denkmal auf dem Marktplatz zu Heilbronn. Aber auch als angenehmer und witziger Gesellschafter ist Mayer in seiner Vaterstadt noch nicht vergessen. Gerne verkehrte er mit den Weingärtnern, die in Heilbronn auch unter dem Namen »Heine« bekannt sind. Einmal hatte sich Mayer in einer Besenwirtschaft – wenn die Weingärtner ihren eigenen Wein ausschenken, so zeigen sie dies durch einen am Hause angebrachten Besen an – wieder vortrefflich unterhalten. Der starke Wein löste die Zunge und entlockte Mayer die Behauptung, daß er bis zum nächsten Abend drei lebendige Tübinger Weingärtner in einem Zündholzschächtelchen herbeischaffen wolle. »Wann Se des fertig bringe däte,« meinte ein Weingärtner, »no däte drei Flasche Weî zahle.« – »Und ich,« versicherte Mayer, »stelle das doppelte Quantum zur Verfügung, wenn ich mein Versprechen nicht halte.« Ein kräftiger Händedruck besiegelte die Wette. Dabei entschlüpften dem Weingärtner die Worte: »Moriche Owed könne mr aa amol umsunst trinke, Herr Dokter.« Am andern Tag machte Mayer seinen gewohnten Spaziergang über den Wartberg. Unterwegs fand er leicht Gelegenheit, drei schöne Raupen des Wolfsmilchschwärmers in einem Schächtelchen mitzunehmen. Mit diesen erschien er abends in der Besenwirtschaft. Schon bei seinem Eintreten riefen ihm mehr als zehn Stimmen zu: »Herr Dokter, Se henn d'Wett' verlore, vunn Ihre Düwinger Wengerter sieht mr nix.« – »Nur langsam,« beruhigte sie Mayer und suchte sich noch ein bescheidenes Plätzchen an dem dichtbesetzten Tische aus. »Die Tübinger Weingärtner habe ich bei mir; hier sind sie!« Dabei öffnete er die Schachtel und ließ die drei Raupen auf den Tisch spazieren. »O, des senn norr Rauwe!« rief alles durcheinander. »Eben deshalb habe ich die Wette gewonnen,« lachte Mayer. »Wie man in Heilbronn d'Wengerter ›Heine‹ nennt, so heißen sie in Tübingen Raupen.« – »So, so,« summten die Anwesenden, »des isch gewiß e alter Studentewitz.« – »Awer drei Flasche Weî isch'r wert,« bestätigte der Weingärtner, der am Abend vorher gewettet hatte. Mit der Gesundheit war es bei Mayer nicht immer am besten bestellt. Öfters bereiteten ihm die überreizten Nerven trübe Tage. An gewissen Vorboten erkannte er das Nahen der Krankheit, und er suchte dann aus eigenem Antrieb eine Nervenheilanstalt auf. So hatte sich Mayer einst wieder nach Winnenden zurückgezogen. Gerne fügte er sich der Hausordnung und nahm auch an den gemeinschaftlichen Ausflügen der Kranken teil. Nur eines wollte ihm nicht gefallen. Wenn bei größeren Spaziergängen eine Erfrischung im Wirtshause gereicht wurde, so erhielt er gleich den andern ein Glas Most, während der Wärter mit Wohlbehagen Wein schlürfte. Seine Bitte, wenigstens dem Wärter gleichgestellt zu werden, erfüllte dieser nicht. Bei einem der nächsten Gänge ins Freie fand Mayer Gelegenheit, sich hiefür zu rächen. Zufällig hatte er erfahren, welcher Weg für diesen Tag in Betracht kam. Statt nun die ganze Wanderung mitzumachen, verzichtete er auf einen Teil derselben und traf etwas früher in der bestimmten Wirtschaft ein. Der Wirtin stellte er sich als Wärter vor, der für seine Pfleglinge Quartier zu machen habe. Die Frau nahm den Auftrag mit Freuden entgegen und schickte sich an, mit einem großen Krug in den Keller zu gehen. Mayer hielt sie aber noch einen Augenblick zurück und sagte: »Mit den Kranken wird auch einer kommen, der sich zuweilen für den Wärter ausgibt und ein Glas Wein verlangt. Für seine Gesundheit ist aber nur Most zuträglich. Mir können Sie einstweilen einen Schoppen Wein bringen.« Schon nach kurzer Zeit war der Wein da. Inzwischen trafen die angemeldeten Gäste ein. Der Wärter verwunderte sich nicht wenig, daß Mayer, den er als folgsamen Kranken kannte, heute gegen die Vorschrift handelte. Ohne ihm aber Vorwürfe zu machen, erteilte er seine Aufträge wie sonst: »Den Kranken bringen Sie ein Glas Most und mir dann einen Wein.« – »Ich weiß schon,« schmunzelte die Wirtin und – gab jedem Most. – »Sie verstanden mich wohl falsch,« meinte der Wärter in ruhigem Tone, »ich habe für mich ein Glas Wein bestellt.« – »Ich weiß schon,« erwiderte die Frau ebenso freundlich wie vorhin und – ließ den Wunsch unerfüllt. »Die Wirtin zählt mich zu den Kranken,« dachte der Wärter, »daher ist ein weiterer Versuch nutzlos. Wer mir aber diese Suppe eingebrockt hat, das ist auf dem stillvergnügten Gesicht Robert Mayers zu lesen.« (Mündlich von G. A. Volz.) Die patriotischen Schüler. Die großen Siege, welche im August und September des Jahres 1870 aufeinander folgten, wurden in Deutschland mit Jubel aufgenommen. Alt und jung freute sich über den Erfolg der deutschen Waffen. Für die Schüler lag ein besonderer Reiz darin, daß verschiedene Freudenbotschaften während der Unterrichtszeit einliefen und einen früheren Schulschluß herbeiführten. In Heilbronn verkündeten Böllerschüsse vom Götzenturm die telegraphisch gemeldeten Siege, und die Schüler gewöhnten sich rasch und gerne an diese Signale. Ein älterer Präzeptor, der im Rektoratsgebäude an der Allee unterrichtete, schloß, wenn der eherne Mund gesprochen, den Unterricht mit den Worten: »Den deutschen Waffen ist ein neuer Sieg geworden; wir wollen für heute die Arbeit ruhen lassen und uns mit den Fröhlichen freuen.« Eine längere Ansprache wäre nutzlos gewesen; denn die meisten Knaben stürmten schon beim ersten dumpfen Ton der Türe zu. Die beiden folgenden Monate, der Oktober und November, gaben der deutschen Schuljugend wenig außerordentliche Festtage. Die Buben im Rektoratsgebäude empfanden dies hart und grollten dem stummen Götzenturm. Ein Samstag im November brachte aber endlich die langersehnte Abwechslung. In der zweiten Unterrichtsstunde trugen die Lüfte die liebliche Musik: Bum, bum! ins Schulzimmer. Die Wirkung blieb nicht aus; in wenigen Augenblicken hatten die Schüler das Zimmer verlassen. Auch der Präzeptor schickte sich an, ihrem Beispiel zu folgen. Da merkte er, daß in den andern Klassen des Schulhauses der Unterricht ruhig weiter ging. Nichts Gutes ahnend, erkundigte er sich bei seinem Nachbarn, ob er denn die neueste Siegesbotschaft nicht vernommen hätte. »Vom Götzenturm her,« erwiderte dieser schelmisch, »ist nichts gemeldet worden. Ich glaube, daß die vermeintlichen Böller im Hause zu suchen sind.« Und so war es auch. Zwei Schüler des Präzeptors, Söhne eines Bierbrauers und Küfers, hatten morgens bemerkt, daß im Spitalkeller, der sich ebenfalls im Rektoratsgebäude befand, gearbeitet wurde. Bis der Unterricht begann, war ihr Plan geschmiedet. Fast gleichzeitig verließen sie mit Erlaubnis des Lehrers das Schulzimmer. Der Keller stand noch offen, und der dort beschäftigte Küfer sträubte sich keineswegs, wenigstens als Mitwisser der Dritte im Bunde zu sein. Mit seinen Werkzeugen entlockten die jungen Patrioten einem großen, leeren Faß in angemessenen Abständen die vermeintlichen Böllerschüsse. Der zweistündige Schulausfall hat den beiden Knaben im späteren Leben keinen Nachteil gebracht. Sie sind jetzt angesehene, vermögliche Bürger der einstigen freien Reichsstadt Heilbronn. (Mündlich von G. A. Volz.) Der Schwabe vor Bretten. Im pfälzischen Kriege anno 1504 belagerte Herzog Ulrich von Württemberg die Stadt Bretten. Die Bürger machten aber einen glücklichen Ausfall und schlugen die Württemberger zurück. Bei der Flucht fiel aus der Achse eines Kanonenwagens ein Nagel, so daß das Rad heraussprang. Weil man keine Zeit hatte, den Nagel zu suchen, steckte ein Soldat, ein getreuer Schwabe, seinen Zeigefinger in das Loch. Er wurde ihm aber alsbald abgedrückt. Da schrie er: »Au weih! Auh weih! Noch Bretta komm i nimme maih!« Diese Geschichte soll früher am Rathaus in Bretten abgemalt gewesen sein. (Aus Meier.) König Friedrich und sein Schimmel. In Freudental ging es hoch her, als König Friedrich im erneuerten Schloß der Gräfin Würben (Grävenitz) in den heißen Monaten des Sommers alljährlich seit 1810 Aufenthalt nahm. Man kannte den sonst so ernsten Mann kaum mehr in der Gesellschaft seiner lustigen Räte und – traurigen Hofleute. Pahl sagt mit Bezug hierauf in seinen Denkwürdigkeiten: »Es ist schwer zu begreifen, wie der König, der unstreitig ein Mann von reicher Kenntnis und Weltbildung war und das Interesse einer geistreichen Konversation vollkommen fühlte und gern genoß, des steten Umgangs mit diesen Menschen nicht überdrüssig wurde, mit denen er in der Tat kein ernsthaftes Wort reden konnte. Zu einer Menge von Hofanekdoten, die man sich täglich erzählte, boten sie durch ihre Bubenstreiche den Stoff.« Der Hofdichter Matthisson sieht den dortigen Aufenthalt des Königs freilich von einer anderen Seite an. Er singt: O Freudental, gewähr ihm du Mild, was dein Name spricht; Dein Äther glänz' ihm Wonne zu Und heitres Jugendlicht. Und in der Tat war das Leben des Königs im Bannkreis des »Schönebergs«, wo er ein Jagdschloß besaß, innerlich nicht ein vergebliches, vielmehr zum Teil ein recht gesegnetes. Er lernte das Leben des hartschaffenden Landmannes kennen, und sein Herz ist manchmal aufgetaut, um in den Häusern der Armen Sonnenschein zu verbreiten. Rührend war sein Verhältnis zu einem Reitpferde, das er um so lieber gewann, je älter es wurde. Es war für die Bedürfnisse des beleibten Herrn besonders abgerichtet und ließ sich augenblicklich auf die Kniee nieder, wenn er aufsteigen oder absteigen wollte. Das war seine Schimmelstute Helene. Als das Rößlein krank wurde, ließ der König sich tägliche Berichte über dessen Befinden erstatten. Es verdroß ihn, wenn er keine gute Auskunft erhielt, und er zeigte sich jedesmal empfindlich, so oft er etwas von einer Verschlimmerung im Zustand des kranken Tieres erfuhr. Als ein vermeintlich sicheres Mittel zur Bekämpfung der Krankheit desselben eben gar nicht anschlug, rief er entrüstet dem Berichterstatter zu: »Weh' dem, der mir die Nachricht von ihrem Tod bringt!« Diese Ahnung erfüllte sich nur zu bald; aber wer wollte dem Könige davon Mitteilung machen? Einer seiner Lieblingsdiener (im Volksmund der Hofnarr, den es aber damals in Württemberg nimmer gab) übernahm es, Seine Majestät von dem schmerzlichen Ereignis in Kenntnis zu setzen. »Majestät,« sagte er, »d' Helene liegt ebe grad so da..., se regt se net.« – »Sie ist eben noch schwach!« – »Majestät, se guckt oin nimme a'.« – »Ist freilich schwer krank.« – »Majestät, ich glaub', sie sieht nichts mehr.« – »Was?« – »Und hört nichts mehr.« – »Was? was?« – »Ma' hört koin Schnaufer...« – »Wa–s?« – »D' Füeß streckt se grad naus.« – »Dann ist sie hin!« donnerte der König. Ganz gelassen erwiderte der unglückliche Bote: »Majestät, ich hab's net gsagt, aber es sei so wie gewiß.« Der König war sprachlos, wandte sich um und ließ den Mann stehen; das Wetter war gnädig vorübergegangen. Das tote Rößlein ward feierlich beigesetzt im Freudentaler Wald. Es erhielt bald einen Grabstein mit der Inschrift:   Helene Schimmelstute geboren auf dem Dobel 1785 geritten von dem Herzog Friedrich Eugen und von dem König Friedrich gestorben den 20. Mai 1812 alt 27 Jahre.   Ein Schelm schrieb später auf den Stein: O Schimmel, Kommst net in Himmel! 's wird a' Frag' sei', Kommt dei' Herr drei'. Der Grabstein ist jetzt in Löchgau zu sehen und befindet sich an der Hofeinfahrt des Maurermeisters Ludwig Bothner. (A. Holder.) Der Handscherben. Als König Friedrich einmal seinen Sommeraufenthalt in Freudental auf dem Stromberg genommen hatte, machte er auch gelegentlich eine Ausfahrt nach Kirchheim am Neckar. Der Ort hatte damals noch seine eigenen Vorrechte und durfte stets auf eine gewisse Aufmerksamkeit des »Hauses Wirtemberg« rechnen. Er nahm den Freiherrn von Schütz auf Hohenstein als Begleiter mit. Es lag in dem schwäbischen Sprachgebrauch zu Anfang des 19. Jahrhunderts, von einem Besitztum, das man im Spaß oder Ernst verachten wollte, als einem »Handscherben« zu sprechen. Als der königliche Wagen eben an Schloß Hohenstein vorüber war, deutete Majestät mit der Rechten zurück und fragte neckisch, was dies für ein Handscherben sei? Baron Schütz, welcher im Hofwagen rückwärts fuhr, wehrte den Hieb mit guter Laune ab, indem er den Blick mit leichter Drehung des Kopfes nach Süden (links) richtete und mit einer verbindlichen Handbewegung die ebenso alleruntertänigste als boshafte Auskunft gab: »Eurer königlichen Majestät Handscherben Hofen.« Der König soll über die besonnene Antwort des schlagfertigen Landbaronen recht vergnügt gewesen sein, doch habe er es künftighin vermieden, dessen Witz auf die Probe zu stellen. (A. H.) Der höchste Berg im Schwabenland. Geographie ist wohl eine schöne Wissenschaft, das weiß jedermann, aber nicht jedermann kann sie. Was gilt's, Nachbar, du kannst mir nicht einmal den höchsten schwäbischen Berg nennen! Da weiß des Schulzen Lisebeth mehr als du. Diese wurde einmal in der Schule von ihrem Lehrer nach allen Bergen den Neckar hinauf und hinunter gefragt und alle wußte sie wie am Schnürte, alle. Und als der Lehrer nun auch noch nach dem höchsten Berg im Württemberger Lande fragte, da sagte die Lisbeth frischweg die Antwort: »Das ist der Asperg bei Ludwigsburg. Da hat mein Vater sechs Monate gebraucht, bis er wieder heruntergekommen ist.« Und ist zu dieser Antwort gar nichts hinzuzufügen, als daß der alte Schulze ein Ehrenmann durch und durch, aber ein strammer Achtundvierziger gewesen ist. Deshalb die sechs Monate. (Nach mündlichen Berichten von C. Schnerring-Kirchheim/T.) Briefe, die kein Porto kosteten. Oberamtmann Kerner von Ludwigsburg, der Vater unseres berühmten Justinus Kerner, hatte eine gar liebevolle Gattin. Als ihr Herr Gemahl einst auf 14 Tage verreisen mußte, war sie in nicht geringer Sorge um ihn, es möchte ihm ein Unglück zustoßen, oder er könnte krank werden u. dergl. Sie war nicht anders zu trösten, als daß ihr der Gatte versprach, er wolle ihr auf seiner Reise jeden Tag einen Brief zukommen lassen und Nachricht von seinem Befinden geben. Das geschah denn auch. Jeden Tag brachte der Posthalter von Ludwigsburg der Frau Oberamtmann einen Brief mit den frohesten Nachrichten von ihrem Manne, und glückstrahlend verkündigte sie den Bekannten und dem Posthalter selbst den Inhalt derselben. Als der Gemahl wieder wohlbehalten von seiner Reise zurückkehrte, ließ sie es an Lobsprüchen für seine Liebe und Aufmerksamkeit nicht fehlen. Da konnte der böse Mann nicht schweigen. Er gestand mit Lachen, daß er eine Stunde vor seiner Abreise die Briefe alle geschrieben und dem Posthalter von Ludwigsburg übergeben habe mit dem Auftrag, jeden Tag einen davon der Frau Oberamtmann zugehen zu lassen. Die gute Frau Kerner nahm den Scherz nicht übel und war froh, daß sie den Geliebten wieder hatte. (Nach Just. Kerner: »Bilderbuch aus meiner Knabenzeit« von Fr. H.) Etwas vom alten Flattich. Eine Erscheinung von eigenartiger Urwüchsigkeit war der schwäbische Landpfarrer Johann Friedrich Flattich, geboren als Sohn des Schertlinschen Amtmanns zu Beihingen a. N. den 3. Oktober 1713, gestorben zu Münchingen den 1. Juni 1797. Schon zu seinen Lebzeiten trug er den ehrenden Beinamen eines »schwäbischen Salomo«, und in der Überschrift eines Büchleins über ihn ward er als »ein Sokrates unserer Tage« bezeichnet. Er sagte mit Lachen die Wahrheit, und auch in seinen derben Scherzen offenbarte sich erzieherische Weisheit. Wir stellen hier einige Züge seines Bildes in zwangloser Reihenfolge zusammen. Die unguten Neigungen der Jugend suchte Flattich durch Übersättigung zu vertreiben und zu heilen. Einige seiner Zöglinge, deren er immer in seinem Hause hatte, überraschte er am Feierabend beim Kartenspiel. Sie wollten die Spielkarten geschwind verstecken, er aber rief ihnen zu: »Nur weiter gespielt, ich tue auch mit, her mit den Karten!« Er nahm sie, mischte das Spiel, teilte aus und begann zu spielen und schien gar nicht genug daran bekommen zu können. Die Essenszeit kam, er ließ die Jungen nicht fort. Es wurde immer später, sie durften nicht zu Bette; der Nachtwächter rief umsonst die zwölfte Stunde; und es ging dem Morgen zu, aber erst in der Dämmerung legte er die Karten weg, ermahnte sie lächelnd mit ein paar Worten, diesen Zeitvertreib zu unterlassen, und entließ die schlaftrunkenen Jungen zu einem kurzen Morgenschläfchen. – Sie haben nie wieder gespielt. Die ledigen Burschen von Münchingen freuten sich, daß das Geknall ihrer Peitschen am Pfarrhaus so kräftig widerhallte. Ein Verbot hätte wohl nicht viel gefruchtet, deshalb griff Flattich zu einer List. Einer knallte einst nach Herzenslust, als er gerade vor dem Pfarrhaus stand. Flattich rief ihn heran und sprach: »Ei, Hannesle, du kannst aber schön knallen; weißt du was? – ich geb' dir einen Sechsbätzner, wenn du in meinen Hof hereinkommst und mir so lang im Takt vorknallst, bis ich genug habe.« Das Lob aus diesem Mund reizte den Burschen zur Ausübung seiner vermeintlichen Kunst, und das versprochene Trinkgeld lockte ihn noch mehr. Er trat näher. Der Pfarrer zog sich in sein Stübchen zurück und schaute ihm vom offenen Fenster aus zu, freundlichen Beifall nickend und ihn fortwährend zu weiterem Tun ermunternd. Flattich war augenscheinlich ganz unersättlich in diesem Ohrenschmaus. Er verstand die fragenden und die bittenden Blicke des armen Geißelbruders nicht, der schon eine ganze lange Stunde seine Kraft dieser Unterhaltung geopfert hatte und müde wurde, sondern bat eindringlich um Fortsetzung. Erst nach zweistündiger Arbeit gab er dem getreuen Knechte seinen sauerverdienten Lohn. Unter dem Hohngelächter der gesamten Gassenjunkerschaft zog dieser ab, und von nun an knallte niemand mehr in der Nähe des Pfarrhauses. Unter seinen Zöglingen, deren er in Münchingen oft über ein Dutzend beisammen hatte, befand sich einer, den sein Vater bei der Übergabe als vollendeten Faulpelz bezeichnet hatte. Flattich ließ ihn, während die andern lernten, frei laufen, ohne ihn nur im geringsten zu hindern; selbst zu den Spielen der Alters- und Hausgenossen wurde er nicht eingeladen. Nach einigen Wochen fiel ihm seine Ausnahmestellung auf; sein zweckloses Leben wurde ihm unbehaglich, und endlich schlich er sich herbei und fragte, warum denn er allein nicht mittun dürfe? »Ei, du willst es ja so haben,« sagte Flattich. »Nein,« begann er zu flüstern, »es gefällt mir nicht mehr, lassen Sie mich doch auch mitlernen.« Der Anfang ward gemacht, und seine Lernarbeit wurde mit der Zeit von gutem Erfolge gekrönt. Einmal bekam Flattich ein verwöhntes Kind, das nicht schreiben lernen, sondern in launenhafter Anwandlung nur Tüpfeln machen wollte. Flattich gab ihm mehrere Schreibhefte, die es nun Seite für Seite mit lauter Tupfen und Tüpfeln anfüllen sollte. Das war dem Kind eine Freude – aber wie lang? Das ewige Einerlei entleidete ihm endlich, und es bat, nun doch auch einmal etwas Rechtes schreiben zu dürfen. Mit Vergnügen lernte das Knäblein Buchstaben machen und sie zu Silben und Wörtern zusammensetzen; das Schreiben nahm jetzt seinen ununterbrochenen Fortgang. Ein Oberamtmann übergab Flattich seinen Sohn, der sehr schwer lernte, zur Erziehung und bemerkte, daß er sich geradezu schämen müsse, einen so gering begabten Knaben zu haben. »Ei,« sagte Flattich, »trösten Sie sich, Herr Oberamtmann, unser Herrgott braucht nicht bloß Lichter, er muß auch Putzscheren haben.« Einer von Flattichs eigenen Söhnen war im Lernen etwas zurückgeblieben und kam im niederen Seminar (Denkendorf) anfangs nur schwer mit den andern Zöglingen voran. Darüber wunderten sich die Lehrer, welche ja aus Flattichs Hand schon manchen tüchtigen Jüngling überkommen hatten. Er zog sich aber rasch besonnen aus der Verlegenheit, indem er sich mit den Worten rechtfertigte: Do han i do jetzund – gerade weil ich den Herren schon so viele »Rechte« zugeschickt habe, will ich mit dem meinigen einmal eine Probe machen, ob Sie imstande sind, einen Rechten aus ihm zu machen. Großen Wert legte er auf gelegentliche Belehrung oder Warnung. Einige seiner jungen Leute kamen in einem unbewachten Augenblick auf den Einfall, ein Vogelnest auszunehmen, das sich am Vorsprung des Dachs vom Münchinger Pfarrhaus befand. Sie schleppten vom benachbarten Rathaus die lange Feuerleiter herbei, legten sie an, und einer stieg hinauf, um das schlimme Werk zur Ausführung zu bringen. Bei der unsicheren Stellung der Leiter war das Unterfangen ein waghalsiges Stücklein. Als der Knabe schon fast ganz oben war, fing die Leiter stark zu schwanken an, und er fiel herunter. Da kam Flattich dazu. »Du hast den armen Vögeln das Ausfliegen verwehren wollen, jetzt hast du zur Strafe selber fliegen müssen; do han i do – laß dir das zur Warnung sein!« Ein Schrecken der Verlegenheit war es für ein ungeschicktes Büblein, das in Münchingen mit seinem Schlitten etwas gedankenlos den Abhang hinunterfuhr und denselben nimmer seitwärts zu lenken vermochte, als der Geistliche plötzlich auf der Bildfläche erschien. Auch dieser dachte an nichts, und so kam's zu einem unangenehmen Zusammenstoß, bei welchem Flattich zu Boden fiel. Das Büblein war sprachlos vor Schrecken. Aber der leutselige Herr, ein geborener Kinderfreund, sagte, nachdem er wieder auf den Beinen stand: »O Büeble, wie bist du im Kreuz! Gelt, ich hätte dir besser aus dem Weg gehen sollen!« Mit seinen Dienstboten lebte Flattich in recht väterlichem Verhältnis; doch mußten sie vorher irgend eine verfängliche Probe bestehen, ehe er sie einstellte. Zu einem jungen Mann, den er auf einige Zeit für die Gartenarbeit brauchte, konnte er sagen: »Hau Er mir vorher den Baum um, er macht mir zuviel Schatten!« War der Mann sofort dazu bereit, so schickte Flattich ihn sogleich wieder fort; trug er aber Bedenken, ein solches Zerstörungswerk vorzunehmen, dann behielt ihn Flattich und schenkte ihm sein Vertrauen während der ganzen Zeit. Ein Mädchen, das sich bei ihm als Magd verdingen wollte, fragte er: »Folgst auch? gingst fünfzehnmal des Tages die Stiege hinauf und hinab, wenn ich's verlangen täte?« Sie antwortete freudig: »Ja, recht gerne, Herr Pfarrer.« Doch dieser erklärte kurzweg: »Dich will ich nicht, du bist nichts nutz und willst bloß den Lohn einnehmen; eine ehrliche Magd will auch Nutzen schaffen.« Wegen der unansehnlichen Kleider, die er gewöhnlich trug, ward er manchmal mit einem andern verwechselt. Im Dämmerschein des Abends wollte er sich einst noch etwas im Freien ergehen. Da sah ihn ein Mädchen, das einen Bündel Futter gesammelt hatte und die Last nicht allein auf den Kopf brachte. Sie hielt ihn für einen Juden und rief von ferne: »Mauschel, hilf mir doch auf!« Flattich gab sogleich Antwort: »'s ist recht, ich will kommen.« Aber wie erschrak sie, als es ihr Pfarrer war, den sie so angerufen hatte, und sie bat ihn deshalb um Verzeihung. Er beruhigte sie aber: »Do han i do jetzund, Mädchen, das hat nichts zu sagen, ich nehm dir's auch gar nicht übel; aber wenn du von einem Juden einen Liebesdienst brauchst, so mußt du ihn nicht schimpfen, sonst könnte er dir's abschlagen.« In Flattichs Haus kam eines Tages ein reisender Handwerksbursche und bat um ein Paar Strümpfe; er kehre, sagte er, von seiner Wanderschaft heim, sei bis an den Rhein gekommen, und jetzt habe er noch den Weg bis hinter Ellwangen vor sich – er wisse nicht, wie er mit diesen Fetzen bei seinen wehen Füßen vollends nach Hause kommen solle. Da geht der Pfarrer zum Kasten hin und holt ihm sein bestes Paar Strümpfe. Einige Tage hernach bemerkte die Hausfrau deren Abgang und fragte: »Lieber Mann, hast du das neue Paar Strümpfe aus dem Kasten herausgetan?« – »Ja,« sagte er, »ich habe sie einem armen Handwerksburschen geschenkt.« Sanft strafend entgegnete sie: »Warum hast du ihm gerade deine besten und nicht ein Paar geringere geschenkt?« – »Meine liebe Frau,« antwortete er, »do han i do jetzund – schlechte hatte der arme Mensch selber.« Von einem größeren Ausgang kam Flattich eines Abends ohne Schuhwerk heim und trat nur mit Strümpfen an den Füßen in die Wohnstube herein. Alles staunte, und seine Frau fragte in ängstlicher Aufregung: »Sag, lieber Mann, was hat es denn gegeben?« Flattich antwortete lächelnd: »Do han i do jetzund – der Weg, auf dem ich ging, war tief kotig. Auf einmal sank ich auf einer Seite so tief ein, daß der Schuh mir stecken blieb, und da ich ihn trotz aller Mühe nicht wieder herausbringen konnte, so dachte ich: Mein einer Schuh, den ich noch habe, hilft mir nicht viel, drum ist's das beste, ich ziehe ihn auch aus und stelle ihn neben dran – so hat der Finder doch zwei Schuhe und kann sie brauchen.« Flattich machte viele Besuche in den Häusern, um nach der Not der Leute zu sehen und ihnen mit Rat und Tat beizustehen. Auf einem solchen Weg stand er einst schon vor der Stubentüre eines Bauernhauses und hörte, daß drinnen laut gesprochen ward. Eben wollte er umkehren, da merkte er, daß es sich um ihn handle und man über ihn gar derb herfalle; die Hausfrau und ihre Nachbarin ließen kein gutes Fädelein mehr an ihm, als sie auf seine Eigentümlichkeiten zu reden kamen. Flattich hörte ihnen mit der größten Gelassenheit zu und ging dann, als sie auf einen anderen Gegenstand kamen, wieder nach Hause. Dort angekommen, sagte er zu seiner Magd: »Du mußt gleich zu der N. und ihr einen Laib Brot und eine Schüssel voll Mehl bringen und ihr einen schönen Gruß von mir ausrichten und da sei der Wäscherlohn« (das war zu selbiger Zeit der übliche Taglohn für eine tüchtige Wäscherin). Die Magd tat unbefangen, wie ihr befohlen war. Jenes Weib hielt die ganze Sache für ein Mißverständnis und begab sich eilends ins Pfarrhaus, um selbst auch etwas dazu beizutragen, daß die Sache ins rechte Haus komme, denn sie habe ja für das Pfarrhaus nichts gewaschen und könne also den Lohn auch nicht behalten. Flattich belehrte sie aber kurz und gut: »Freilich habt Ihr ihn verdient; ich bin mein Lebenlang noch nie so schön gewaschen worden als heute von Euch und Eurer Nachbarin.« Eine Frau, die einen Trunkenbold zum Mann hatte, kam öfter ins Pfarrhaus, um zu klagen, daß sie von ihm geschlagen werde, wenn er in später Nachtstunde wüst nach Hause komme. Flattich merkte wohl, woran es fehle, und sagte ihr geheimnisvoll: »Frau, ich will Ihr, weil sie es ist, einen guten Rat geben und ein Mittel sagen, das sicher hilft: Geh' Sie bei Sonnenaufgang hinunter an den Bach und hol' Sie dort einen Kieselstein, nicht zu breit und nicht zu schmal, nicht zu dick und nicht zu dünn, ganz glatt, und den leg' Sie unbesehen und unbeschrieen unter die Zunge, wenn Ihr Mann im Rausch nach Hause kommt – paß Sie auf, das hilft.« Das Weib glaubte ihm und folgte seiner Lehre. Sie kam gleich am ersten Tag ohne Streiche davon, so auch am zweiten und dritten. Der Mann wunderte sich nicht wenig über ihr nunmehriges Betragen und erzählte auch seinen Saufbrüdern davon, die begierig waren, die an ihr vorgegangene Veränderung auch mitanzusehen, weshalb sie ihn am vierten Tage nach Hause begleiteten. Das Weib hörte die Gesellschaft die Stiege heraufpoltern und wappnete sich mit dem Zauberstein. Als ihr Mann für sich und seine Genossen einen Trunk begehrte, ging sie ohne Widerrede unter den Boden und stellte dann den gefüllten Krug schweigend auf den Tisch. Das machte einen tiefen und unheimlichen Eindruck auf die Tafelrunde, und die Gäste gingen bald auseinander. Als sie fort waren, sagte ihr Mann: »O Weib, wie ganz anders bist du jetzt!« Dann bat er sie um Verzeihung und besserte sich selbst auch in sichtlicher Weise. Auch auf anderem Wege und in anderen Orten gelang es ihm ganz ungesucht, Frieden zu stiften und neues Glück in die Häuser zu bringen. Er wurde nach Stuttgart in ein vornehmes Haus (zu Präsident Georgii) eingeladen, doch ward ihm gleichzeitig von verwandtschaftlicher Seite der Wink gegeben, hiebei bessere Kleider anzulegen, damit er keinen Anstoß errege. Er ließ sich das sagen, und seine Tochter gab ihm zu diesem Zweck 30 Gulden mit. Unweit von Feuerbach hört er plötzlich ein klägliches Jammern und heftiges Weinen von der Seite her. Gleich ging er hin und fand eine arme Frau, die am Raine graste und dabei laut seufzte. Er fragte nach ihrem Kummer, und sie erzählte nach einigem Zögern, daß ihr trunksüchtiger Mann sie um Hab und Gut bringe, und heute werde ihre einzige Kuh verkauft, weil er wegen 30 Gulden eingeklagt sei. Da griff Flattich in seine Tasche und bot ihr sein Geld an. Sie wollte es nicht nehmen, er aber redete ihr zu, sie solle Gott dafür danken, ihm kindlich vertrauen, mit ihrem Mann Geduld haben und für ihn beten. Nach zwei Jahren erfuhr er, daß der Mann von seiner Rettungstat selbst sehr gerührt gewesen sei und sich von da an gründlich gebessert habe. In Münchingen war Flattich im Schloß des Edelherrn von Harling, der nach den Kriegszeiten seine alten Tage hier verlebte, stets willkommen. Harling hatte den witzigen Pfarrherrn aufrichtig lieb und war für seine Eigenart ganz eingenommen, wenn auch dann und wann eine kleine Meinungsverschiedenheit der beiden Männer zum Ausdruck kam. Auf einem gemeinsamen Gang ins Freie ließ der Herr General einst seinen Jagdhund allerlei Kunststücke ausführen, über welche sich Pfarrer Flattich recht wunderte, Harling fragte ihn, ob seine Zöglinge auch so auf den Wink folgten wie dieser Hund. Der rasche Gehorsam sei doch das erste und beste, was man bei der Kindererziehung anstreben müsse. Flattich stellte die Gegenfrage, wodurch er denn das Tier so weit gebracht habe, Harling antwortete: »Durch Schläge, welche Sie auch bei Ihren Zöglingen nicht ganz werden entbehren können.« »Do han i do jetzund,« sagte Flattich, »wenn ich meine Zöglinge bloß durch Schläge voran bringen wollte, so wäre das nur eine Hundezucht und keine Kindererziehung.« Man sprach einst über den Ehestand im allgemeinen und über den häuslichen Frieden im besonderen; auch die Gattin des Schloßherrn war anwesend. Harling fragte, wie die Händel im Ehestand zu vermeiden seien. Flattich bat um seine Ansicht darüber, ob denn der Mensch immer gleich gescheit sei. Harling antwortete: »Nein, es ist niemand zu allen Zeiten gleich gescheit; mag er noch so gescheit sein, so kommt doch auch zuweilen eine närrische Stunde an ihn.« – »Nun,« antwortete Flattich, »do han i do jetzund, gnädiger Herr, wenn die närrische Stunde an Ihre Frau kommt, so seien Sie so gescheit und geben Sie fein nach, und Sie, gnädige Frau, wenn die närrische Stunde an den gnädigen Herrn kommt, so geben Sie nach; nur wenn der Narr zusammenkommt, gibt's Händel.« An einem Regentag machte unser Pfarrherr auch einen Besuch im Harlingschen Schloß. Er brachte schmutzige Hosen mit; im Schloß aber saß bereits ein gar feiner Herr. Dieser wies unzart auf die Spuren der Straße an den Beinkleidern des Geistlichen hin. Flattich war nicht ängstlich und bezahlte mit gleicher Münze: »Do han i do jetzund, es kommt nur darauf an, wo man den Dreck hat – ich hab' ihn außen, die Edelleute haben ihn oft innen.« Pfarrer Flattich war auch auf einem andern benachbarten Edelsitz gerne gesehen. Leider fehlte es an der erwünschten Eintracht unter dem gnädigen Paare. Die Frau schmähte und schmälte ihren abwesenden Gatten, daß es fürwahr eine Schande war, und bezeichnete ihn namentlich als einen echten und gerechten Bärenhäuter. Flattich hatte eine Zeitlang schweigend zugehört, dann brach ihm aber der Geduldsfaden, und er platzte heraus: »Do han i do jetzund, hüten Sie sich, daß Sie das ja nicht mehr tun, daß Sie Ihres Mannes Fehler erzählen und ihn verkleinern; denn das Weib bekommt den Namen von dem Mann, und daher sind Sie, wenn Sie Ihren Mann zum Bärenhäuter machen, eben auch nur die Frau Bärenhäuterin.« Eine reiche und vornehme Stuttgarter Frau verehrte ihn hoch und sah ihn gern bei sich. Weil Flattich stets in so geringer Kleidung einherging, so erbot sie sich, ihm einen neuen seinen Rock zum Geschenk machen zu lassen. Flattich erwiderte, daß er für solches Wohlwollen von Herzen danke, aber er könne den Rock nur annehmen, wenn er ganz nach seinem Geschmack gefertigt sei. Auf die Frage, was denn sein Geschmack in dieser Hinsicht verlange, antwortete er: »No han i do jetzund – wenn Sie mir einen Rock aus feinstem Tuch und nach der neuesten Mode machen lassen wollen, so müßte er auf jeder Seite eine große Tasche haben, worin die eine beständig mit Sechsbätznern und die andere mit Dreibätznern gefüllt wäre; denn wenn ich in solchem schönen Rock gekleidet einherginge, so wären die Bettler nicht mehr zufrieden, wenn ich ihnen bloß einen ganzen oder halben Kreuzer schenkte.« Bei einem Gastmahl, an dem er teilnehmen mußte, hatte ein junger Herr vom Adel einen kostbaren Becher vor sich stehen, auf welchem die Worte eingegraben standen: Mit der Zeit! »Nicht wahr, Herr Pfarrer,« fing der adelige Herr an, Flattich zu foppen, »auf diesen Spruch finden Sie keinen Reim?« – »Doch, doch,« entgegnete Flattich, »Mit der Zeit – wird man g'scheit!« Als Flattich einst zu Stuttgart im »Hirsch« zu Mittag aß und vorher still nach seiner Gewohnheit für sich betete, fragte ihn ein junger Geck spöttisch: »Nicht wahr, bei Ihnen zu Haus betet wohl alles?« – »Nein,« sagte Flattich, »ich habe im Stalle ein paar Säue, die beten nicht.« Herzog Karl von Württemberg hielt sich damals oft auf der Solitude auf und lernte den froh-frommen Landpfarrer auch kennen. Durchlaucht liebte schlagfertige Antworten und nahm dabei auch derbe Wahrheiten mit in den Kauf. Am Geburtstag des Herzogs begegnete Flattich Seiner Durchlaucht ganz zufällig. Karl Eugen fragte gnädig vom Pferde herunter: »Was hat Er denn heute an meinem Geburtstag gepredigt?« Flattich entgegnete: »Do han i do jetzund, was werd' ich gepredigt haben? Fürsten sollen fürstliche Gedanken haben.« Auch zur herzoglichen Tafel wurde der Pfarrer von Münchingen gerufen. Flattich hatte es einst bei dieser Gelegenheit unterlassen, nach dem damaligen Brauch sein Haupthaar zu pudern. Als Durchlaucht fragte, warum er ungepudert komme, antwortete er: »Durchlaucht, ich brauch' mein Mehl zu de Knöpfle.« Flattich ward zuweilen aufgemuntert, die ihm lächelnde Gunst des Herzogs mehr zu benützen und Seiner Durchlaucht in Solitude häufiger seine, Aufwartung zu machen. Er aber entgegnete: »Do han i do jetzund – ich fürchte, die Hunde, die in großer Herren Hof herumlaufen, möchten nicht mehr von der Rasse sein, welche dem Lazarus seine Schwären leckten, sondern könnten mich auch beißen, wie sie so viele Leute schon gebissen haben.« Eine Art Narrenfreiheit hatte er aber dem Herzog gegenüber gleichwohl, wie aus folgender Begebenheit hervorgeht. Der Reiteroberst Naso auf der Solitude hatte den Pfarrer von Münchingen zu Gevatter gebeten und schickte seine Kutsche dorthin, um ihn abzuholen. Flattich aber ließ sie gleich wieder umwenden und leer zurückfahren. Er selbst machte sich zu Fuß auf den Weg – er danke Gott, daß er laufen könne, das Fahren überlasse er den Krüppeln und Elenden, ließ er dem Oberst sagen. Der Herzog hörte die Meldung und sagte: »Wenn Flattich nicht fahren will, so muß er reiten,« und sandte einen Reitknecht mit einem zweiten wohlgesattelten Pferd Flattich entgegen. Dem Bedienten war der gemessenste Befehl erteilt und ihm ein deutlicher Wink mit der Reitpeitsche gegeben worden, Flattich auf dem Pferde vorzuführen. Bei der Begegnung erklärte Flattich rundweg, daß er sein Leben keinem unvernünftigen Tier anvertraue, auch habe der Herr Jesus seinen Aposteln nicht gesagt: »Reitet in alle Welt«, sondern »gehet hin in alle Welt!« Als die eigentümliche Reisegesellschaft in die Nähe des Schlosses gelangte, bat der Reitknecht den Pfarrherrn inständig, er möchte doch nachgeben und aufsitzen – ihm sei recht bange vor dem Zorn und der Ungnade des durchlauchtigsten Herzogs. Allein es half nichts, und sie kamen in der bisherigen Ordnung ans Ziel. Droben stand der Herzog mit der Reitpeitsche in der Hand und ließ sie unter Zischen und Pfeifen durch die Luft streichen als bedenkliches Vorzeichen dessen, was der arme Knecht zu erwarten habe. Flattich legte sich ins Mittel: »Durchlaucht, das sind Narrenpossen; nehmen Sie mich lieber in Ihr Kabinett, wir haben von wichtigeren Dingen zu reden.« – Die Worte Flattichs: »Do han i do jetzund«, mit denen er regelmäßig seine Antworten, Gespräche und Predigten einleitete, haben wohl den Anlaß gegeben, daß er bei seiner Gemeinde in einen schlimmen Verdacht kam. Der Herzog, den einst die Jagd nach Münchingen geführt hatte, fragte die Bauern, wie sie mit ihrem Pfarrer zufrieden seien. »Er wäre schon recht,« meinte einer, »wenn er nur nicht jeden Sonntag das gleiche predigen würde.« Bei einer der nächsten Predigten hatte Flattich unter seinen Zuhörern den Herzog, der selbst ein Urteil gewinnen wollte. Nach Schluß des Gottesdienstes ließ Karl den Pfarrer und die Bauern zu sich kommen und sagte zu den letzteren: »Ihr habt mir unlängst verraten, daß euer Pfarrer jeden Sonntag dieselbe Predigt hält. Was hat er denn heute in seiner trefflichen Rede ausgeführt?« – »Jo, des wisse mir net!« ertönte es im Chor. Der Herzog drehte sich um und sagte lachend: »Flattich, noch einmal ein Jahr die gleiche Predigt!«   Hinter jedem Scherzwort Flattichs verbarg sich der tiefe Ernst des Mannes, der so hoch über dem Durchschnitt seiner Zeitgenossen stand und dennoch sich stets zum Diener jedermanns machte. Was er sprach und tat, war eine Art lustiger Frömmigkeit – wir nennen ihn den Pestalozzi einer häuslichen Lebensschule, einen Demokrit (lachenden Philosophen) der Erziehung. (Nach Ph. Paulus, Ledderhose, Barth, Ehemann, Schäfer, v. Schubert, »Schwabenland« 1895 von A. Holder, Volz und Hummel.) Schwäbische Rekruten. Zum schwäbischen Kreiskontingent kam im Jahr 1795 ein Rekrut, so ein schöner wohlgewachsener Mann war. Der Offizier fragte ihn, wie alt er sei. Der Rekrut antwortete: »Einundzwanzig Jahr. Ich bin ein ganzes Jahr lang krank gewesen, sonst wäre ich zweiundzwanzig.« (Hebel, Rheinl. Hausfreund.)   Ein junger Bauersmann aus dem Schwabenland ließ sich als Soldat anwerben. Der Hauptmann fragte ihn, ob er auch schießen könne. Da er bejahte, so gab er ihm eine Muskete in die Hand und hieß ihn auf ein Scheunentor schießen. Als er nun schoß, fehlte er des ganzen Tores. Der Hauptmann sagte: »Solch einen ungeschickten Schützen kann ich nicht brauchen. Fehlst du ein ganzes Tor, wie willst du denn einen einzelnen Mann treffen?« Der Schwabe antwortete: »Herr Hauptmann, ich denke, die Feinde werden nicht alle zum Tor herauslaufen; gewiß werden auch noch etliche daneben stehen.« Die Rede gefiel dem Hauptmann so wohl, daß er den Schwaben zum Soldaten annahm, obwohl er kein Scheunentor traf. (Nach J. C. Suter, Historisches Lustgärtlein 1666.)   Ein Rekrut zu Stuttgart konnte beim Exerzieren das Rechts- und Linksum nicht begreifen. Der Korporal wußte sich nicht zu helfen, denn immer wieder verwechselte es der gute Mann. Endlich kam der Korporal auf einen glücklichen Einfall. Er band ihm ein Büschlein Stroh an den rechten und ein Büschlein Heu an den linken Arm und kommandierte dann: »Heu um! Stroh um!« bis er's begriff und endlich gar gut lernte. (Nach Recueil 1720.)   Als im Kriege von 1790 der Rhein auf jener Seite von französischen Schildwachen, auf dieser Seite von schwäbischen Kreissoldaten besetzt war, rief ein Franzos zum Zeitvertreib zu der deutschen Schildwache herüber: » Filou! Filou !« Das heißt auf gut Deutsch: Spitzbube. Allein der ehrliche Schwabe dachte an nichts so Arges, sondern meinte, der Franzose frage: Wieviel Uhr? und gab gutmütig zur Antwort: »Halber viere.« (Hebel, Schatzkästlein.) Ende gut, alles gut. Zu einem Grafen von Württemberg, der sehr hoch gesinnt und trotzig war, sagte einst Kaiser Friedrich III.: »Wenn das Ende gut ist, so ist alles gut.« Der Graf ließ sich einen gemeinen Bauernkittel machen und ihn unten herum am Ende auf das köstlichste mit Gold und Edelsteinen einlegen und besetzen. So kam er in die Versammlung der Fürsten. Gefragt, was das bedeute, sagte er: »Wenn das Ende gut ist, so ist alles gut.« – Aber der Hochmut ist diesem Herrn nachher rechtschaffen gebrochen worden. Denn er wurde bald darauf in einer Schlacht gefangen genommen und lange in hartem Gefängnis gehalten. (Zinkgref, nach Ph. Melanchthon.) Der fatale Spittelbrei. Zwei Jahre vor seinem Tod besuchte Herzog Christoph den Bürgerspital in Stuttgart, um in demselben nach Kost, Wein und Lein zu schauen, ob alles nach Vorschrift bestünde. Es war den 20. April 1566. Gewöhnlich ging der Herzog in einem einfachen schwarzen Gewande, und seine Figur war schmächtig, sein Angesicht bleich und furchenvoll. Wer ihn nicht kannte, sah ihm seinen hohen Stand nicht an. Sein Begleiter war der Kirchenkastenknecht Schnell, den er auf dem Weg bei der Heuladgasse zum Mitgehen ansprach, und der eben nur sein Werktagswams anhatte. Es wurde deshalb wenig nach den unbekannten Zweien gefragt, als sie sich in der Küche und in den Zimmern umsahen; sie bekamen auch auf ihre Fragen über dieses oder jenes nur kurzen Bescheid. Endlich kamen sie auch in die Gemächer der sogenannten »reichen Pfründner«, d. h. solcher Spitalinsassen, welche von ihrem Vermögen lebten und gegen Bezahlung von der Anstalt Dach und Fach, Kost usw. hatten. Hier traf nun der Herzog eine alte Frau, welche eben einen Nudelteig knetete. Unwirsch schon über den ungebetenen und unzeitigen Besuch dankte die Alte den Eintretenden nicht auf ihren zweimaligen Gruß. Dies machte jedoch den gutgelaunten, allezeit gütigen Fürsten nicht irre. – »'s scheint, Mütterlein,« sagte er, »Ihr wißt es Euch hier recht weich und bequem zu machen; denn wenn man am Werktag Fladen (Kuchen) menget, so mag einem das Zwirnziehen (Spinnen) nicht gar anliegen.« Ob dieser Rede wurde das Weib, das den Herzog nicht kannte, entsetzlich bös und schrie: »So? Ist's etwa eine Sünde, wenn der nicht Spittelbrot frißt, der in reicher Pfründe sitzt? Versucht einmal jenen Hirsenstampf, der dort auf dem Ofeneck steht, von der Küche weder g'schmalzen noch g'salzen; es wird Euch ein eingeschlagen Ochsenaug auch besser munden!« Vergnüglich trat der Fürst hinan, nahm den Löffel und tat ein »Schüblein«. Kaum aber hatte er den Brei gekostet, so ließ er den Löffel darin stecken. »Ei, daß dich der Satan hol', du Schleckhans! Gelt, es wären gelbe Nudeln dir jetzt auch lieber!« schrie grimmig die erzürnte Alte. »So sei doch nicht so böse,« beschwichtigte Christoph, »Ihr seid schon so nahe an der Ewigkeit und habt vielleicht nur noch einen Schritt zum Grabe; darum befreundet Euch mit der Versöhnung Eurer Feinde und mit gottseliger Frömmigkeit.« – »Was Frömmigkeit!« gab die Alte zurück, »was Grab und Ewigkeit! Sorget nur erst für Euch selbst oder lasset Euch hängen; denn zu einem solch hohen Alter wie ich werdet Ihr es doch nicht mit Ehren bringen!« Darüber lachte der Fürst herzlich und wendete sich gegen die Türe. Plötzlich aber ergriff das erboste Weib die Schüssel mit dem Hirsenbrei und warf sie dem Herzog in den Nacken. – »Es tut mir nur leid um mein Feierkleid und um den Hirsenbrei,« sprach gelassen der Herzog, »aber man hole mir doch einmal den Vogt!« (den Vorsteher des Spitals). Nach kurzer Weile erschien der Gerufene zitternd vor dem Herzog, dessen Unglück er eben vernommen hatte. – »Habt Ihr eine Sperrstube für Ungebärdige in diesem Hause?« fragte gelassen Christoph, den das Weib immer noch nicht kannte. – »In allweg, Herzogliche Durchlaucht!« sagte der Vogt. »So sperrt dieses Weib,« befahl der Herzog, »welches dieses Hauses Atzung so schnöde ehret, drei Monde hinein mit der Aufgabe, daß sie jeden Werktag, den sie gesund ist, tausend Faden spinne; dabei sei ihr aber tagtäglich nur Hirsebrei zugedacht. Und sollte sie die Zahl der aufgegebenen Faden nicht zwirnen, so versage man ihr auch die Hirsensuppe und gönne ihr nur Spittelbrot nebst eitel Wasser.« – Es geschah dem Weib, wie der Fürst befohlen hatte. Anfangs wollte sie zwar ihrer Auflage nicht nachkommen, allein in einigen Tagen schon drillte sie die aufgegebenen Fäden. Nach Umfluß von drei Monaten wurde das Weib wieder befreit. Von jener Zeit an wurde die Strafstube »Spinnstube« genannt. (Nick, Stuttgarer Chronk und Sagenbuch) Das letzte Wort. Sonst sagt man: »Der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand.« Manchmal aber kann man auch sagen: »Der Schreiber an die Wand schreibt seine eigne Schand«, zum Beispiel der weiland Herr Kanzler Hans Kurz von Württemberg. Ob derselbe mit den Geschäften seiner Herren Räte und Schreiber zufrieden war oder nicht zufrieden, genug, er ergriff eines Tages ein Stücklein Kreide und schrieb an die Türe der Kanzleistube: Allhier geht's wunderlich zue. Bald darauf, als der Herzog selber diese Zeile erblickte, ob derselbe sonst mit dem Kanzler zufrieden war oder nicht zufrieden, genug, er suchte ebenfalls ein Stücklein Kreide und schrieb darunter die zweite Zeile: Hans Kurz hilft auch dazue. Bald darauf, als wieder diese Worte der Kanzler erblickte, ob er gemerkt hat, daß sie eine vornehmere Hand geschrieben hat, als die seinige war, oder ob er's nicht gemerkt hat, genug, er ließ es darauf ankommen, und setzte unter die zweite Zeile die dritte Zeile: Das hat eine ungewaschene Hand geschrieben. Und zum Trumpfaus schrieb er seinen Namen darunter: »Hans Kurz«. Jetzt komm! Als aber der Herzog wieder las, was der Kanzler geschrieben hatte, dachte er: Wart Kurz, diesmal sollst du das letzte Wort haben. Nämlich netzte er einen Finger und löschte nur die zweite Zeile, die er selber geschrieben hatte, wieder aus, also daß jetzt unter des Kanzlers eigener Schrift die Worte standen: »Das hat eine ungewaschene Hand geschrieben.« Als hernach der Kanzler wieder sah, was für eine Veränderung vorgegangen war, hatte er keine Wahl mehr, sondern er netzte ebenfalls einen Finger und löschte seine eigenen zwei Zeilen auch wieder aus, und hat nachgehends keiner zum andern gesagt: Das habt Ihr getan, oder das hab' ich getan, oder so. Aber der Kanzler hat dem Herzog nichts mehr an die Türe geschrieben. (Nach Kölle in Hebels Rheinl. Hausfreund 1813.) Guter Bescheid. Herzog Friedrich von Württemberg (1593–1608) verehrte einem Schweizerknaben, dessen Taufpate er geworden war, einen goldenen Becher, der aber keinen Deckel hatte. Mißvergnügt beguckte der Vater des Knaben das fürstliche Geschenk und sagte: »Jo, wenn's nur auch ein Deckeli hätt'!« Der Herzog lachte über die unverschämte Rede und sagte: »Wißt Ihr was? Deckt Eure Hand darüber. Fällt Euch dann eine Mücke hinein, so ist der Deckel ein Schelm!« (Zinkgreff, Apophthegmata [1693].) Wittleders Esel. Ein Spießgeselle des berüchtigten herzoglichen Ministers Montmartin war der Kirchenratsdirektor Wittleder, ein ehemaliger Gerbersgeselle aus Preußen. Um die Kasse des Herzogs Karl und auch die seinige zu füllen, verkaufte er Ämter und Würden an die Meistbietenden ohne Rücksicht auf ihre Tüchtigkeit. Ein Spaßvogel hing einmal einem Bruder Langohr einen Zettel mit der Inschrift: »Ich suche einen Dienst!« um den Hals und band ihn nachts vor dem Hause Wittleders fest. Als die Magd am Morgen vor das Haus trat, sah sie den sonderbaren Bittsteller und an der Haustüre ein angeheftetes Papier mit dem Reim: Ein dicker Gerbersgesell, sein Name heißt Wittleder, Direktor nennt er sich und ist nicht von der Feder, So, wenn ein Esel kommt und kann's mit Geld bezahlen, Bekommt er einen Dienst vor den Gelehrten allen. Die Magd ging zurück und überreichte des Bittgesuch ihrem Herrn, ohne zu sagen, daß es von einem Esel sei. Wittleder verlangte, daß man ihm den Besucher vorführe. Die schalkhafte Magd wollte nun den Esel holen. Aber dieser verführte ein schreckliches Geschrei und wollte nicht über die Schwelle, denn er war durch das Gelächter der umstehenden Leute ganz scheu und wild geworden. Wittleder kam jetzt selbst herab und merkte nun, welchen Streich man ihm gespielt hatte. Wütend drohte er mit seiner Rache. Aber es kam nicht heraus, wer der Schelm gewesen war. (Seytter, Unser Stuttgart.) Mein König. Ein schwäbischer Landmann kam eines Tages nach Stuttgart, um dem König Wilhelm I. eine Bittschrift zu überreichen. Er stellte sich vor das Schloß und wartete geduldig, bis der König seine Ausfahrt machte. Als nun die Pferde mit der Kutsche vorfuhren, kamen viele Neugierige herbei und stellten sich vor den Bauern hin, so daß diesem bange wurde, er möchte die Schrift nicht überreichen können. In seiner Herzensnot drängte er vorwärts, links und rechts saftige Rippenstöße austeilend, und sagte: »Weg do, des isch mei König so guat wie der uirig!« (Aus »Schwabenstreiche«,) Schnelle Arbeit. Als Herzog Karl sich einmal zu Hohenheim aufhielt, da bemerkte er unter den Arbeitern, die auf seinem Hofgut ernten mußten, einen Sträfling, welcher sich gar faul und bockbeinig anstellte. Der Herzog ärgerte sich über den Mann so sehr, daß er befahl, man müsse diesem 25 Stockschläge aufmessen. Und das ist nun keine lustige Geschichte gewesen. Der Ärmste wurde über eine Fruchtgarbe gelegt, und der Prügelmeister sollte nun zuschlagen. Dazu lachte ein anderer Sträfling. Wütend fuhr ihn der Herzog an: »Warum lachst du?« Der Gefragte war aber nicht auf den Kopf gefallen und entschuldigte sich: »Das habe ich noch nie gesehen, daß man zu gleicher Zeit schneiden, binden und dreschen kann.« Diese Schlagfertigkeit gefiel dem Herzog. Er mußte lachen, und damit wurde die Geschichte nun zu einer lustigen: dem Sträfling wurden die 25 Stockschläge geschenkt. (C. Scherring-Kirchheim u. T.) Der Röhrle von Häfner-Neuhausen. 1. Wer der Röhrle war, und wie er berühmt wurde. Wenn in Schwaben einer sich rühmt, daß er dies oder das fertig gebracht habe – etwas mehr, als man ihm eigentlich zutraut – so sagt man wohl zu ihm: » Du bist halt ein Röhrle. « Diese Redensart bezieht sich auf einen schwäbischen Bürgersmann, Gottlieb Rohr von Neuenhaus O/A. Nürtingen, allgemein der Röhrle von Häfner-Neuhausen genannt. Er hat als württembergischer Soldat die Feldzüge unter Napoleon I. mitgemacht, und als er nach Beendigung derselben wieder nach Hause kam, da wußte er gar vieles zu erzählen von den großen Heldentaten, die er in aller Herren Länder vollführt hatte. Man hörte ihm gerne zu, wenn es auch noch so bunt wurde, und manche seiner Erzählungen gingen noch lange nach seinem Tode von Mund zu Mund. Erst 17 Jahre alt, zeigte sich Gottlieb Rohr schon als ein tapferer und schlauer Bursche. Im Schönbuch hauste damals ein Räuber, der Lutzenhans genannt, mit seinem Weibe und 2 Kindern. Er war der Schrecken der ganzen Gegend, und trotz aller Anstrengung gelang es nicht, ihn zu fangen und unschädlich zu machen, bis der junge Rohr der Not ein Ende machte. Er fuhr eines Tages mit seinem Fuhrwerk in den Wald hinaus und traf glücklicherweise die Frau des Räubers allein an. Er war äußerst freundlich gegen sie und erkundigte sich namentlich auch nach ihren Kindern. Als sie ihm aber diese vorstellte, packte er schnell die Kleinen, setzte sie auf seinen Wagen und fuhr davon. Die Frau sprang hinten drein, und durch ihr Geschrei herbeigelockt, kam auch der Räuber und setzte dem Fuhrwerk nach. Rohr fuhr immer nur so schnell, daß die beiden noch hoffen konnten, ihn einzufangen. Die Liebe zu ihren Kindern ließ die Räubereheleute alle Gefahr vergessen, und so rannten sie auch noch nach, als das Fuhrwerk nun nach Neuhausen hineinfuhr. Rohr lenkte in des Schultheißen Hof ein, und als die Verfolger auch drin waren, schloß der Schultheiß das Tor zu, und die ganze Räuberfamilie war gefangen. Durch diese Tat wurde Gottlieb in der ganzen Gegend bekannt und bekam von da an den Ehrennamen »Röhrle«. 2. Wie Röhrle in den Krieg zieht. Natürlich konnte diese Heldentat auch dem damaligen Kurfürsten Friedrich von Württemberg nicht verborgen bleiben. Er ließ den Röhrle zu sich kommen, und da gerade wieder Krieg war, so wollte er ihn sogleich zum General machen. Röhrle aber hatte trotz seiner großen Berühmtheit auch die Bescheidenheit noch nicht verlernt und trug die untertänigste Bitte vor, man möchte von einer solch hohen Ehre zunächst absehen, er möchte den Krieg am liebsten als Marketender mitmachen, was ihm auch der Kurfürst gnädigst gewährte. 3. Wie Röhrle zum Stab Napoleons kommt. Seine Bescheidenheit sollte den Röhrle nicht reuen, denn bald kam er zu noch größerer Würde. In der Schlacht bei Austerlitz hatte er sich mit seinem Marketenderzelt ganz in der Nähe Napoleons aufgestellt. Als nun die Schlacht im schönsten Gange war, bekam plötzlich Napoleon dermaßen das Grimmen, daß es ihm nicht mehr möglich war, die Schlacht zu leiten. Es war nahe daran, daß sein Heer in große Unordnung gekommen und die Schlacht verloren gegangen wäre. Da reichte Röhrle dem Kaiser ein Gläschen Heidelbeergeist, einen feinen, den er aus Schwaben mitgebracht hatte. Im Nu war das Grimmen vergangen, und Napoleon konnte das Kommando wieder übernehmen. Natürlich war er sehr freundlich gegen Röhrle und ließ ihn sogar durch sein Fernglas schauen, weil Röhrle nie ein solches gesehen hatte. Da sah Röhrle, wie gerade die Russen über einen See gingen, der gefroren war. Er gab Napoleon den Rat, einfach durch Artillerie das Eis zusammenschießen zu lassen. Auf diese Weise kamen 3000 Russen ums Leben, und das trug nicht wenig dazu bei, daß Napoleon der Sieg zufiel. Zum Dank nahm Napoleon den Röhrle in seinen Generalstab auf und verlieh ihm eine prächtige Uniform. 4. Wie durch Röhrle Württemberg ein Königreich wird, und wie er die Schlacht bei Jena entscheidet. Als Napoleon den Feldzug gegen Preußen unternehmen wollte, bat er Röhrle, er möchte ihm doch wieder mit seinem Rate beistehen. Röhrle wollte es tun unter der Bedingung, daß Napoleon sein Vaterland Württemberg zu einem Königreich mache. Napoleon ging gerne auf diese Bedingung ein, und es sollte ihn nicht reuen. Die Schlacht bei Jena gewann Napoleon durchaus nicht so leicht, wie es gewöhnlich in der Weltgeschichte dargestellt wird. Wenn Röhrle nicht gewesen wäre, wäre es sogar höchst wahrscheinlich schief gegangen. Die kaiserlichen Soldaten fingen schon an verschiedenen Stellen an zu weichen. Da bemerkte Röhrle durch sein Fernglas bei den Preußen einen mit sechs Pferden bespannten Galawagen. Er wußte wohl, daß die Preußen in diesem Wagen den Krückstock Friedrichs des Großen als Palladium mit sich führten, und daß nichts sie mehr in Bestürzung bringen würde, als wenn man ihnen diesen Krückstock abnehme. Er bat sich von Napoleon eine Schwadron Husaren aus, stürmte los und eroberte richtig den Stock. Nach diesem Verlust flohen die Preußen sogleich in großer Verwirrung. So wurde nicht bloß die Schlacht bei Jena gewonnen, sondern auch in der gleichzeitig stattfindenden Schlacht bei Auerstedt wurde das Mißgeschick der Preußen bekannt und der Sieg zu ihren Ungunsten entschieden. 5. Wie Röhrle noch andere Schlachten entscheidet. In der Schlacht bei Eylau kämpften Napoleons Krieger gegen die Russen. Die Russen rückten an; aber auf einmal stand das ganze Heer still, es entstand eine Verwirrung, und die russischen Soldaten kehrten um. Was hatte Röhrle getan? Er hatte querüber auf das Feld das Insektenpulver »Laustod« gestreut. Als nun die Russen an diese Linie kamen, da ergriff ihre Läuse Todesschrecken, sie wollten durchaus nicht darüber weg, und so groß war ihre Zahl und ihre Gewalt, daß sie das ganze russische Heer zurückrissen. Die Schlacht an der Moskwa war eine der blutigsten, die je gekämpft wurde. An allen Punkten waren die Franzosen und ihre Verbündeten Sieger, nur auf einem Flügel wollten die Russen durchaus nicht weichen. Dort befehligte die Franzosen des Kaisers Stiefsohn, der Herzog von Leuchtenberg. Als der Röhrle die Schwierigkeiten merkte, sprach er: »Da helfen nur noch Schwabenstreiche!« Er ritt los und wütete derartig, daß die Köpfe der Russen, Arme und Beine nur so in der Luft herumflogen. Natürlich verging den Russen die Lust zu weiterem Widerstand. Nach dieser Schlacht ist es gewesen, daß Napoleon den siegreichen Röhrle mit den Worten empfing: »Röhrle, bitt Er sich eine Gnade aus!« Da hat sich Röhrle stramm hingestellt und geantwortet: »Keine Gnade, Majestät, es war meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit.« Über diese Antwort war der große Napoleon so erstaunt, daß er ausrief: »Röhrle, Röhrle, Er ist ein Himmelsakermenter!« – Napoleon sah wohl ein, daß er solchen Verdiensten gegenüber nicht mit kalten Orden kommen dürfe. Deshalb bot er dem Röhrle das brüderliche Du an. Mit verschränkten Armen tranken sie ein Glas Bier und nannten sich fortan Du. Natürlich war Röhrle auch der erste, der den Brand von Moskau roch, und nur ihm hatte es Napoleon zu danken, daß er mit heiler Haut herauskam. 6. Wie Röhrle ins Zivil zurückkehrt. In der Schlacht bei Leipzig wurde Napoleon gemeldet, die Schwaben seien nicht mehr zuverlässig. Da rief der Kaiser im Zorn aus: »Erschießt mir die Kerle!« Dieses unbedachte Wort sollte ihm schlecht bekommen. Der Röhrle konnte sich das nicht gefallen lassen, daß man von seinen Landsleuten per Kerle sprach. Er warf seinem Freund Napoleon den Säbel vor die Füße, setzte sich an die Spitze der Schwaben und kämpfte gegen die Franzosen. Mit Napoleons Macht ging es an diesem Tag zu Ende. Nun hatte aber Röhrle das Kriegsleben satt und begab sich der Heimat zu. Sein Einzug in Schwaben glich einem Triumphzug. Der König ließ ihn sogleich vor sich kommen. Er wußte schon, daß er den Röhrle nicht mit Orden und Ehrenzeichen belohnen dürfe. Deshalb hatte er ihm eine ganz besondere Ehre zugedacht: die Universität Tübingen sollte ihm den Doktorstitel verleihen. Allein Röhrle verzichtete auch auf diese Ehrung und ersuchte den König nur, ihm eine Wirtschaftsgerechtigkeit zu verleihen. Dies wurde ihm auch gewährt. So fing er denn in seiner Heimat eine Wirtschaft an. Von überall her kamen die Leute in das Wirtshaus »Zum Freund Napoleon« in Häfner-Neuhausen. Der Röhrle erzählte seinen Gästen die großen Taten Napoleons und seine eigenen, wie sie hier aufgeschrieben sind, aber auch noch viele andere, die leider nicht alle auf unsere Tage gekommen sind. (Nach Geßler von R. Haußmann.) Noch einige Streiche vom Röhrle I. Der Röhrle von Häfner-Neuhausen kam einst in der Nähe von Tübingen in eine Wirtschaft, in welcher einige Studenten waren, die sich durch lustige Geschichten und fröhliche Spässe unterhielten. Keck wie er war, setzte sich der Röhrle zu den jungen Herren, und bald griff er auch in ihre Unterhaltung ein. Und seine Spässe gefielen anfangs allgemein. Als er aber viel getrunken hatte, da wurde er anzüglich, und die Studenten wurden spitzig, und ein Wort gab das andere. Der Röhrle fragte einen der Herren nach der Ursache seiner Schmarre, die ihm vom Ohrläpplein nach dem Mundwinkel lief. Der Student sagte, das komme von einem hieb, und wenn der Röhrle jetzt sein keckes Mundwerk nicht halte, so könne er auch »haben«. Da stund der Röhrle auf und sagte: »Nein, denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe.« Und damit Hub er zu dreschen an, und die Hiebe fielen hageldicht. Da erhub sich ein anderer der Studenten, welcher ein Theologe war und die Schrift wußte. Dieser sprang auf den Röhrle zu und schrie: »Es stehet auch geschrieben: mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.« Und schlug zu, und die andern schlugen auch zu. Da kam der Wirt herbeigesprungen und wehrte ab. Der Röhrle aber beruhigte ihn: »Laß nur gut sein, Herr Wirt, wir haben einander nur die Heilige Schrift ausgelegt.« II. Der Röhrle traf einst im Schönbuch einige Studenten an, die eben von der Mensur nach Hause fahren wollten. Der Waffengang war gütlich und ohne Blutvergießen abgelaufen. Da verspottete der Röhrle die Studenten und sagte: »Ihr habt einander eben nach dem Hirn gezielt, und da habt ihr natürlich nichts getroffen .« Das nahmen ihm nun die Herren Studenten übel, und Röhrle mußte schleunigst Fersengeld geben. III. Für diese gottlose Redensart des Röhrle wollten die Studenten nun Rache an ihm nehmen. Sie fuhren deshalb nach Neuhausen und vor das Haus des Röhrle. Dort läutete einer von ihnen mit einer großen Kuhglocke und rief dann aus, wie die Büttel es auf den Ortschaften machen: »Der Röhrle hat den Verstand verloren, wer ihn findet« – aber weiter kam er nicht mit Ausrufen; denn schon hatte der Röhrle das Fenster aufgerissen und rief nun heraus: »der möge ihn abgeben bei den Studenten in Tübingen, die können ihn brauchen.« IV. Der Röhrle war in seiner Militärzeit Bursche bei einem Oberst gewesen. Einstmals war sein Herr ausgegangen und Röhrle war über eine Flasche seinen Weines gekommen, die einzige Sorte dieser Art, die sein Herr besaß, und sie war ein Geschenk des Königs. Der Röhrle hatte die Flasche Wein bald vollständig leer getrunken. Nach drei Tagen aber war der Geburtstag der Frau Obristin und der Oberst wollte seiner Gemahlin zu Ehren den köstlichen Wein aus des Königs Keller kredenzen. Aber der Wein wurde überall vergeblich gesucht. Da trat Röhrle vor seinen Oberst hin und sagte: »Herr Oberst, ist eine Sache verloren, wenn man weiß, wo sie ist?« – »Unsinn! Selbstverständlich nicht!« – »Herr Oberst, gottlob, dann ist der Wein nicht verloren, denn ich weiß, wo er ist.« – »Dann schaff' ihn her!« sagte der Oberst. – »Herschaffen kann ich ihn leider nicht,« erwiderte Röhrle; »ich habe ihn nämlich getrunken.« Der gute Witz half dem Röhrle aus der Not; der Oberst zankte seinen Burschen nur tüchtig aus, verhängte aber weiter keine Strafe über ihn. (C. Schnerring, Kirchheim u. T.) Der Pfarrer von Mauren. Im 16. Jahrhundert herrschte im guten Schwaben noch gar strenge Kirchenzucht. Es wurden sogenannte Sündenbüchlein geführt, welche es dem Geistlichen der kleineren Dorfgemeinde möglich machten, jeden, der die Kirche einmal versäumte, sofort anzumerken und vor dem Kirchenkonvent zur Strafe zu bringen. Erst wurde der Säumige um Geld gebüßt, im Wiederholungsfalle hatte er im »Häuslein« zu brummen. So kam es, daß die Kirchen am Sonntag landauf landab zum Drücken voll waren. Aber die Pfarrer mußten bald die Wahrnehmung machen, daß viele der Kirchenbesucher während Predigt sanft schlummernd den Kopf hängen ließen oder gar laut schnarchten. Da mußte Wandel geschaffen werden. Also wurde da und dort in den Ortschaften einer vom Gemeinderat aufgestellt, der, mit einem dicken Stecken bewaffnet, jeden Kirchenschläfer unbarmherzig mit dem spitzen Ende seines hölzernen Spießes zu stupfen hatte, daß ihm der Schlaf verging. Der Mann, der dieses Ehrenamt in der Kirche verwaltete, hieß in der Gemeinde der »Kirchendusler«, und zum erstenmal wurde ein solcher in Ingelfingen OA. Künzelsau angestellt. Wie die Kroniken aus alter Zeit berichten, hatten diese »Kirchendusler« ein gar schweres Amt. Denn dem Stachel und Stecken zum Trotz – schliefen, zumal an den Sonntagnachmittagen im Sommer, die geplagten Bauern in ganzen Reihen bankweise den Schlaf des Gerechten. – Gegen dieses Schlafen und Schnarchen in der Kirche hielt denn einst der Pfarrer von Mauren bei Ehningen OA. Böblingen eine gepfefferte Strafpredigt, indem er seinen Bauern von der Kanzel herab zurief: Wenn mich einst der liebe Gott am großen Gerichtstage fragen wird: »Pfarrer von Mauren, Wo sind deine Bauren?« was werde ich da anders antworten können, als: »Dort üben im Eck, Da schnarchen die Böck! Amen!« (Mündlich v. Fr. H.) Der kurzsichtige Dorfbader. Dem Hansjörg saß die Gicht schon längere Zeit in den Gliedern, ohne daß er auf seinen regelmäßigen Schoppen verzichtet oder ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hätte. Eines Tages trat aber der unsichtbare Quälgeist recht anmaßend auf. Hansjörg wollte von der Arbeit nichts mehr wissen und ließ es gerne geschehen, daß die kleine Marie den Dorfbader holte. Dieser traf den kranken Bauern im Bette an, das in dem dunkeln Alkoven seinen Platz hatte. Über die Art der Krankheit war keine lange Besprechung notwendig; auch das Mittel zur Abhilfe machte nicht viel Kopfzerbrechen. »Ein paar Blutegel oberhalb des rechten Knies werden dir bald deine Ruhe wieder geben,« meinte der Medizinmann; »ich habe die Schmerzensstiller in einem Glase zu Hause und werde sie gleich herbeiholen.« Nach einer kleinen Viertelstunde schon war einem Blutegel Gelegenheit gegeben, Nahrung aus dem Fuß des Bauern zu holen. Doch zeigte das Tier keinerlei Neigung sich festzusetzen. Die Kameraden, die nun ebenfalls das Glas verlassen durften, schienen auch nicht gewillt zu sein, dem Hansjörg seine Gicht abzunehmen. Dem Heilkünstler trat der Angstschweiß auf die Stirn. Den Blutegeln verdankte er die besten Erfolge, und jetzt war sein Ruhm durch sie gefährdet. Der Bauer bemerkte seine Verlegenheit und fragte endlich: »Ja, sollen denn die Blutegel auf der Haut festsitzen?« – »Natürlich sollen sie das, sonst kommt das schlechte nicht aus deinem Körper,« bestätigte der Bader. – Wenn die Sache so ist,« sagte der Bauer, »dann muß ich erst meine Lederhosen ausziehen.« Die kurzsichtige Dorfweisheit putzte gemächlich ihre großen Brillengläser und wartete, bis die Gichtstelle freigelegt war. (G. A. Volz.) Das schwierige Rätsel. Herzog Karl von Württemberg ritt einst durch die Stadt Calw und kam an dem Hause eines Rotgerbers vorbei. Der ehrsame Meister arbeitete eben in seinen Gruben. Der Herzog sah ihm eine Weile zu und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein. Im Laufe desselben fragte er ihn, ob er es denn so nötig habe, bei dieser Kälte – es war im Januar – im Freien und dazu noch im kalten Wasser zu arbeiten. Der als Witzbold bekannte Meister antwortete: »Jawohl, Durchlaucht, zwanzig könnten es wohl verleiden, wenn zweiunddreißig nicht wären.« Der Herzog, erstaunt über diese Antwort, fragte den Meister, welchen Sinn diese Worte eigentlich hätten. Nach einigem Zögern löste ihm der Meister das Rätsel folgendermaßen: »Jeder normale Mensch hat an seinen Händen 10 Finger und an den Füßen 10 Zehen, sind zusammen 20. Dazu kommen noch 32 Zähne. Die zwanzig Finger und Zehen, d. h. die Hände und Füße, ließen oft nur zu gerne das Arbeiten sein, wenn die 32 Zähne zur Erhaltung des Körpers nichts zu nagen und zu beißen fordern würden.« Höchst erfreut, für seine Hofgesellschaft eine harte Nuß zum Knacken zu haben, bat der Herzog den Gerber, keiner Seele eher etwas von dieser Unterredung mitzuteilen, als bis er ihn – den Herzog – 101 mal gesehen habe. Dies versprach ihm der Gerber gerne. Nach kurzer Zeit gab der Herzog bei guter Laune seiner Hofgesellschaft dieses Rätsel auf, und trotzdem er einen hohen Preis für die richtige Lösung aussetzte, fand niemand die Antwort. Der Herzog gab deshalb seinen Edelleuten nochmals eine Frist von acht Tagen. Sie benutzte einer der Herren, um nachzuforschen, wo und bei wem der Herzog sich in der letzten Zeit aufgehalten habe. Auf diese Weise gedachte er, des Rätsels Lösung zu erfahren. Nach langem Suchen fand er den besagten Gerbermeister und bat ihn um Mitteilung der zwischen dem Herzog und ihm gewechselten Worte. Der Meister antwortete aber dem Edelmann, er habe dem Herzog sein Wort gegeben und sei desselben erst entbunden, wenn er den Herzog 101 mal gesehen habe. Der Edelmann ließ sich nicht beirren. Er zog seinen hirschledernen Zugbeutel hervor und zählte dem Gerber 100 Guldenstücke, mit dem Bildnis des Herzogs Karl versehen, auf den Tisch. »So, den Herzog hat Er einmal in Person und nun 100 mal auf den Gulden, also 101 mal gesehen,« sagte er pfiffig, »und jetzt wird Er also wohl seines Wortes entbunden sein.« Der Gerber strich schmunzelnd die 100 Gulden ein und löste dem Edelmann das Rätsel. Befriedigt zog dieser heimwärts. Der Herzog war nicht wenig erstaunt, als ihm der Edelmann das schwierige Rätsel bei der nächsten Hoftafel löste, und er mußte ihm auch den ausgesetzten Preis, welcher 100 Gulden weit überstieg, ausbezahlen lassen. Erbost über den wortbrüchigen Gerber beschied er ihn in die Residenz. Unerschrocken trat aber der Gerber seinem Herzog gegenüber und erzählte ihm treuherzig, welche Weise ihn der Edelmann seines Wortes entbunden habe. Der Herzog lachte und sagte: »Hiergegen läßt sich allerdings nichts machen. Geh' heim, wackerer Mann, und trage das Bild deines Herzogs ebenso gerne im Herzen, wie du es in deinem Geldbeutel auf den Guldenstücken zu tragen liebst.« (Mündlich v. August Nestle.) Merkwürdiger Finderlohn. Herzog Karl jagte einsmals in den Wäldern um Zavelstein. Da verlor er einen kostbaren Hirschfänger. Er ließ in der ganzen Gegend bekannt machen, daß, wer ihm den Hirschfänger überbringe, solle eine gute Belohnung bekommen. Ein Bauer fand nun den Hirschfänger und brachte ihn nach Stuttgart. Die Schloßwache wollte aber den Bauern nicht zum Herzog hineinlassen. Ihr Hauptmann erbot sich jedoch, er wolle den Hirschfänger dem Herzog abliefern. Aber der Bauer war klug und sagte: »Nein, das kann ich selber tun.« Denn es war ihm um den Finderlohn zu tun. Endlich kamen sie überein, daß der Hauptmann für das Einlassen ins Schloß ein Drittel der Belohnung erhalten solle. Der Bauer ging also ins Schloß hinein. Aber gleich hielt ihn ein Lakai des Herzogs an und ließ ihn nicht eher weiter gehen, als bis er auch ihm ein Drittel der Belohnung versprochen hatte. Und das gleiche war der Fall bei dem Leibjäger des Herzogs, der vor den Gemächern des Fürsten die Wache hielt. Endlich aber durfte der Bauer vor den Herzog treten. Karl war über den Hirschfänger erfreut und fragte den Bauern, was er sich nun als Finderlohn wünsche. Da verlangte der Bauer 75 Prügel. Und als ihn nun der Herzog fragte, warum das? lachte der Bauer und erzählte dem Fürsten, daß sich der Leibjäger, der Lakai und der Wachehauptmann mit je einem Drittel darein zu teilen hätten. Da gab Karl dem Bauern eine gute Belohnung und versprach ihm noch überdies, daß er die 75 Prügel gewiß an ihre Plätze kommen lassen werde. – Im Schloßhof traf die Franziska, des Herzogs Gemahlin, den Bauern und fragte ihn: »Nun, Schwarzwälder, was hast du beim Herzog getan?« Der Schwarzwälder beschied aber die ihm Fremde zum Ergötzen des Herzogs: »Das geht dich nichts an, das sind keine Weibersachen!« – (C. Schnerring, Kirchheim u. T.) Der böse Kropf. Die Schilddrüse ist vielen Leuten nicht einmal dem Namen nach bekannt. Andere aber wissen über sie ein böses Liedlein zu singen. An diesem oder jenem Hals tritt sie nämlich aus ihrem bescheidenen Dasein heraus und erweitert sich zu dem verpönten Kropf. Neben den Ärzten haben sich zu allen Zeiten auch Laien auf diesem Krankheitsgebiet versucht. Noch im 18. Jahrhundert schrieb man den Königen von England und Frankreich die Kraft zu, Kröpfe durch Auflegen der Hand heilen können. Wie oft die fürstlichen Hände in Tätigkeit traten und welche Erfolge dabei erzielt wurden, meldet freilich die Kronik nicht. An Kranken hat es gewiß nicht gefehlt, und auch in Schwaben hatte es Arbeit gegeben; denn in gewissen Tälern soll der verrufene Halsschmuck besonders gut gedeihen. So darf ein romantisch gelegenes Städtchen auf den Spottnamen »Kropfberg« stolz sein. Zu dieser anzüglichen Bezeichnung hat ein biederer Handwerksmeister, der nebenbei noch etwas Landwirtschaft trieb, viel beigetragen. Ohne sein Verschulden mußte er den Kopf hoch halten, damit der Kropf unter demselben Platz hatte. An einem Sonntagmorgen führte er seine Kuh dem Marktbrunnen zu, wo sie ihren Durst stillen sollte. Gar zu gerne hätte der Besitzer ihr dabei zugesehen; aber – der Kopf konnte sich nicht senken, und die Augen erreichten den Wasserspiegel des Brunnens nicht. Da tauchte an einem Fenster des gegenüberstehenden Hauses der Kopf des Nachbars auf. Kurz entschlossen wurde ihm zugerufen: »Johannes, sauft mei Kuah?« – Wie die Sage geht, soll durch dieses Städtchen einmal ein Fremder gekommen sein, der von den Kindern verspottet wurde, weil er keinen Kropf hatte. Eine Frau verwies das den Kindern und sprach: »Danket Gott, daß ihr eure gesunden Glieder alle habt!« Bei Wählerversammlungen kann es zuweilen recht ungemütlich werden. In einem idyllisch gelegenen Badeort aber vertrieb eine kleine Kropfgeschichte in wenigen Augenblicken die drohenden Gewitterwolken. Der Hauptredner hatte geendet und, wie es oft zu gehen pflegt, nicht allgemeine Zustimmung gefunden. Die heftigen Entgegnungen, die nun folgten, konnten kein freundliches Echo erregen. Ein Bürger des Orts, den die Natur am Halse überreich bedacht hatte, wollte dem Kandidaten zu Hilfe kommen und stellte in seiner stockenden Rede mit steigendem Tone zweimal die unbestimmte Frage: »Was fehlt uns?« Ehe er aber in der Aufregung die richtige Antwort zu geben vermochte, rief ein Gegner im Hintergrund lachend: »Ein halber Zentner Kropfpulver!« (Mündlich von G. A. Volz.) Die Haberbreitaschen im Nagoldtal. In dem freundlich gelegenen Emmingen lebte einst der Steinbrecher Frieder, den die Unzufriedenheit auf Schritt und Tritt begleitete. Nichts konnte ihm seine Frau rechtmachen. Einmal war das Essen zu kalt, ein andermal zu heiß. Zuweilen hörte man ihn brummen: »I sag e mol, i iß net, d'Supp taugt net.« Das Mittagessen wurde ihm wie auch andern Steinbrechern in einem Topf zugetragen. Daß die Speisen dann nicht zu warm ankamen, ist leicht einzusehen. Während sich aber die übrigen Arbeiter zufrieden gaben, verlangte Frieder, daß ihm künftig die Suppe in einem Krug gebracht werde. Die Frau war damit einverstanden und schickte am folgenden Mittag einen Haberbrei. Als nun die Mahlzeit beginnen sollte, zeigte der dickgewordene Brei keinerlei Verlangen, aus der engen Öffnung in den hungrigen Magen zu wandern. Es blieb Frieder nichts anderes übrig, als dem Krug durch einen wohlgezielten Schlag den Kopf zu nehmen. Mit diesem Gefäß war es also nichts; daher wurde abends in unfreundlichem Tone die Losung ausgegeben: »Zum Essentragen eignet sich am besten die Handtasche. Das Strohgeflecht und das Lederfutter halten die Wärme zusammen.« Auch dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Statt aber den Haberbrei – dies gab es wieder – in einem Topf der warmen Umhüllung zu übergeben, schüttete die Frau die etwas dick zubereitete Speise in die Tasche. Wie der Steinbrecher mit seinem Mittagessen zufrieden war, wird nicht erzählt; aber der Name »Haberbreitaschen«, mit dem man die Emminger uzt, soll mit dieser Geschichte in engem Zusammenhang stehen. (Mündlich v. G. A. V.) Von einem Schwaben, der das Leberlein gefressen. Als unser lieber Herrgott noch von einer Stadt zur andern auf Erden gewandelt, das Evangelium gepredigt und viel Zeichen getan hat, ist einmal ein guter einfältiger Schwab zu ihm kommen und hat ihn gefragt: »Mein lieber Gesell, wo willst du hin?« Hat unser Herrgott ihm geantwortet: »Ich ziehe umher und mache die Leute selig.« Sagte der Schwabe: »Mein lieber Gesell, willst mich mit dir lassen?« – »Gern,« sagte unser Herrgott, »wann du fromm sein willst und gerne beten.« – »Ja,« sagte der Schwab. Nun als sie miteinander gingen, kamen sie zwischen zwei Dörfer, darinnen man läutete. Da der Schwab gerne schwatzte, fragte er unsern Herrgott: »Mein lieber Gesell, was läutet man da?« Unser Herrgott, der alle Dinge weiß, sagte: »In dem einen Dorf läutet man zur Hochzeit, in dem andern zu einem Begräbnis.« – »Geh' du zum Begräbnis, so will ich zur Hochzeit gehen,« sagte der Schwabe. Unser Herrgott ging in das Dorf und machte den Toten wieder lebendig. Na schenkte man ihm 100 Gulden. Der Schwabe machte auf der Hochzeit den Einschenker, und als die Hochzeit aus war, schenkten sie ihm einen Kreuzer. Des war der Schwabe wohl zufrieden; er machte sich auf den Weg und kam wieder zu unserm Herrgott. Als der Schwabe unseren Herrgott von weitem kommen sah, hob er sein Kreuzerlein in die Höhe und schrie: »Lueg, mein lieber Gesell! Ich habe Geld. Was hast du?« Machte also viel Aufhebens von wegen seines Kreuzerleins. Unser Herrgott lachte ihn aus und sagte: »Ich hab' wohl mehr als du.« Er machte den Sack auf und ließ den Schwaben die hundert Gulden sehen. Der Schwabe, nicht faul, warf sein armes Kreuzerlein unter die hundert Gulden und rief: »Gemein! gemein! Wir wollen gemein miteinander haben!« Das ließ unser Herrgott gut sein und sich gefallen und teilte also mit dem Schwaben. Als sie nun so miteinander gingen, begab es sich, daß sie zu einer Herde von Schafen kamen. Da sagte unser Herrgott zum Schwaben: »Geh' zu dem Hirten, Schwab, sag' er soll' uns ein Lämmlein geben, und koch uns das Gelüng' zum Mittagessen.« – »Ja,« sagte der Schwab, ging zum Hirten, ließ sich ein Lämmlein geben, zog's ab und bereitete das Gelüng' zum Essen. Und da er es sott, schwamm das Leberlein stets oben. Der Schwab drückte es mit dem Löffel wieder hinunter; es wollte aber nicht unten bleiben. Das verdroß den Schwaben sehr; er nahm ein Messer, schnitt die Leber voneinander und aß sie auf. Als nun das Essen auf den Tisch kam, fragte unser Herrgott, wo denn das Leberein hingekommen sei. Der Schwabe antwortete ihm: Es hat keins gehabt.« – »Ei,« sagte unser Herrott, »wie wollt' es gelebt haben, wenn es kein Leberlein gehabt hätte!« – »Es hat bei allen Heiligen keins gehabt!« schwur der Schwabe. Was wollte unser Herrgott tun? Wollte er haben, daß Friede war, mußte er sich mit dieser Antwort zufrieden stellen. Nun begab es sich, daß sie wiederum miteinander spazierten. Da läutete man abermals in zwei Dörfern. Der Schwabe fragte: »Lieber, was läutet man da?« – »In dem einen Dorf läutet man zum Begräbnis, in dem andern zur Hochzeit,« sagte unser Herrgott. »Ja,« sagte der Schwabe, »geh' du zur Hochzeit, so will ich dem Toten gehen.« Er meinte nämlich, er könne dabei auch hundert Gulden verdienen. Er fragte ihn weiter: »Lieber, wie hast du es gemacht, daß du den Toten auferwecken konntest?« – »Ja,« sagte unser Herrgott, »ich sagte zu ihm: ›Steh' auf im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!‹ da stund er auf!« – »Ist gut, ist gut,« sagte der Schwabe, »ich weiß wohl, wie man's macht.« Er zog hin und kam zum Dorfe, gerade als man den Toten heraustrug. Als das der Schwabe sah, schrie er mit heller Stimme: »Haltet, haltet! Ich will ihn lebendig machen! Und wenn ich ihn nicht lebendig mache, so sollt ihr mich ohne Urteil und Recht aufhenken!« Die guten Leute waren froh, verhießen ihm hundert Gulden und setzten den Sarg, darin der Tote lag, auf die Erde nieder. Der Schwabe machte den Sarg auf und rief: »Steh' auf im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« Der Tote wollte aber nicht aufstehen. Dem guten Schwaben wurde es angst und bang, und er sprach seinen Segen zum zweitenmal und zum drittenmal. Und als da der Tote noch immer nicht aufstehen wollte, sagte er: »Ei, so bleib' liegen in tausend Teufels Namen!« Als nun die Leute sahen, daß sie von dem Schwaben betrogen worden waren, ließen sie den Sarg stehen, eilten mit ihm zum nächsten Galgen, legten die Leiter an und führten den armen Schelmen hinauf. – Unser Herrgott zog aber alsgemach dem Schwaben nach; denn er wußte wohl, wie es diesem gehen werde, und er wollte nur sehen, wie er sich dazu stellen würde. Er kam gerade zum Hochgericht und sprach: »O guter Geselle, was hast du denn getan? In was für einer Gestalt sehe ich dich denn da?« Der Schwabe fing an zu schelten und sagte, er hätte ihn nicht recht belehrt. »Ich habe dich recht belehrt,« sprach unser Herrgott, »du hast es aber nicht recht gemacht. Dem sei aber, wie es wolle; willst du mir sagen, wo das Leberlein hingekommen ist, so will ich dich deiner Bande entledigen.« – »Ach,« sagte der Schwab, »es hat wahrlich keines gehabt. Warum zeihst du's mich?« – »Ei, du willst es also nicht sagen? Wohlan, sag's doch, dann will ich den Toten wieder lebendig und dich ledig machen.« Der Schwab fing an zu schreien: »Henket mich nur! Henket mich! Der will mich des Leberleins zeihen und hört wohl, daß es keines gehabt hat. Henket mich nur flugs!« Wie solches unser Herrgott hört, daß er sich eher wollt' henken lassen, als die Wahrheit bekennen, befahl er, ihn herabzulassen, und machte selbst den Toten lebendig. Nun zogen sie miteinander heim. Da sagte unser Herrgott zum Schwaben: »Komm her, wir wollen miteinander das gewonnene Geld teilen. Er nahm die zweihundert Gulden und teilte sie in drei Teile. Als dies der Schwabe sah, sagte er: »Ei, Lieber, warum machst du denn drei Teile? Wir sind doch nur zu zwei!« – »Ja,« sagte unser lieber Herrgott, »der eine ist mein, der andere dein, und der dritte ist dessen, der das Leberlein gefressen hat.« Als solches der Schwab hört, sagt er: »So hab ich's wahrlich bei Gott und allen Heiligen gegessen.« Wollte sich also der Schwabe eher henken lassen, als bekennen; da er aber das Geld sah, bekannte er's freiwillig. (M. Montanus, Wegkürzer 1557.) Wieviel Pulver die Fridinger zum Krieg brauchten. Die Fridinger befürchteten einmal einen feindlichen Überfall und beschlossen daher, für den Krieg zu rüsten. Da sie aber kein Pulver hatten, so schickten sie den Bürgermeister nach Rottweil, um Pulver zu holen. Der Bürgermeister setzte sich auf seine alte Mähre und ritt nach Rottweil hinüber. Dort ging er noch selbigen Abends zum Bürgermeister und trug ihm sein Anliegen vor. Der Rottweiler Bürgermeister aber meinte nicht anders, als daß es sich bei dieser ernsten Sache um einige Zentner Pulver handle, und sagte, er müsse darüber vorher den Rat hören. Also wurde am andern Tag eine Ratsversammlung abgehalten und darüber lange hin und her geredet, was zu tun sei. Man wollte den Fridingern, die stets gute Nachbarn gewesen, die Bitte nicht abschlagen, aber auch in den bösen Zeitläuften nicht so viel Pulver aus dem Zeughaus weggeben. Endlich wurde der Fridinger Bürgermeister vorgefordert und befragt, wieviel er denn Pulver begehre. Der Bürgermeister hielt eine lange Rede, in der er ausführte, wie nötig sie das Pulver brauchten. Dann schloß er: »Wenn ihr Herren uns zwei Pfund geben würdet, so könnten wir den Krieg wohl mit Ehren führen.« Über diese Antwort entstand ein großes Gelächter bei den Rottweilern, und ohne weiteren Anstand wurde den Fridingern das Pulver für ihren Krieg ausgefolgt. (Nach der Zimmerschen Chronik von K. Rommel.) Ein Osterspaß In Meßkirch lebte zu Anfang des 16. Jahrhunderts ein Bürger namens Paul Hebenstreit, ein solch eigener und streitiger Mann, wie es zur selbigen Zeit wohl einen mehr gab. Der saß einmal in der Fastnacht noch spät bei etlichen guten Gesellen im Wirtshaus. Es kam auch die Rede auf die Weiber, und wer das gehorsamste und folgsamste Weib von ihnen hätte. Hebenstreit rühmte die seine; doch wollt's ihm niemand glauben, dieweil sie als böses, ungezähmtes Weib allenthalben bekannt war. Man ging eine Wette ein, und Hebenstreit sandte hin zu seiner Frau und begehrte, sie solle ihm einen Zipfel von ihrem Bett schicken. Die Frau lag zu Bette. Sie stand aber sofort auf, schnitt einen Zipfel von ihrem Bett ab und sandte ihn ihrem Mann, er also die Wette gewonnen hatte. Damals war es Sitte, daß der Pfarrer am Ostertag nach der Predigt einen guten lächerlichen Schwank auf der Kanzel erzählte, um den Leuten eine Freude machen und das sogenannte Ostergelächter herbeizuführen. Die Gemeinde stimmte dann zum Schluß das Lied an, »Christ ist erstanden«. Der Pfarrer Adrian Dorfnagel in Meßkirch ließ sich nun dieses Vorkommnis nicht entgehen und predigte am nächsten Ostertag von Paul Hebenstreit und seiner Frau in der Kirche, wie gehorsam, wie folgsam sie ihm sei, darum er mit Recht als ein Meister in seinem Haus vor andern zu Meßkirch solle gerühmt werden. Auch sei es nur billig, daß er vor männiglich den herrlichen Lobgesang, das »Christ ist erstanden«, solle anfangen dürfen zu singen. Das verdroß den Mann gar sehr, so daß er überlaut in der Kirche anfing auf den Pfarrer zu schimpfen und zu sagen, er wolle, daß der Pfarrer alle Plagen hätt', ihm zu Gefallen singe er nicht. Damit ging er aus der Kirche hinaus, so daß jedermann lachte. Der Pfarrer forderte nun einen andern Mann auf, der in seinem Haus der Meister sei, das Lied anzustimmen; aber keiner wollte es tun. Hierauf sagte Herr Adrian, der Pfarrer: »Ist das nit zum Erbarmen? Ich hab' den Männern als dem edleren und würdigeren Geschöpf am heutigen Tag die Ehre zumessen wollen, daß sie Meister im Haus seien; aber keiner hat's annehmen wollen, auch der nicht, so sich dessen hätte billig und wahrhaftig rühmen können. Damit aber doch jemand im Haus die Meisterschaft habe, so soll den Lobgesang eine unter den ehrbaren Frauen anstimmen, wofern sie sie sich dünkt, daß sie in ihrem Haus die Meisterschaft hätte.« Der Pfarrer konnte das Wort nicht ausreden, so fingen ihrer bei den hundert zugleich an zu singen. Hernach ward von wegen dieses Singens unter der Bürgerschaft ein solches Gezänk, daß böse Folgen zu befürchten waren, weshalb verboten wurde, fernerhin solche Spässe auf der Kanzel zu treiben. (Nach der Zimmerschen Chronik von R.) Wie die Hayinger eine Vorstadt bekamen. Das Städtchen Hayingen auf der Alb wollte vorzeiten einmal eine Vorstadt haben, wie alle andern Städte auch. Weil aber die Hayinger kein Geld hatten, so konnte man keine solche Vorstadt bauen. Der Bürgermeister des Städtchens kam nun auf einen gescheiten Gedanken. Er nahm eines Tags Maurer und Zimmerleute zu sich und zog mit ihnen zur Stadtmauer. In diese ließ er ein großes, viereckiges Loch schlagen und außen an die Mauer einen Backofen bauen. Als das die Hayinger sahen, da murrten sie und schimpften. Aber der Bürgermeister rief sie auf einen bestimmten Tag alle zusammen und hielt eine herrliche Rede. Er übergab dann den Backofen der allgemeinen Benutzung und sagte, daß nun fernerhin jedermann im Städtchen in Wahrheit sagen könne, er habe sein Brot in der Vorstadt draußen gebacken. Als die Leute solches hörten, da priesen sie die Weisheit ihres Bürgermeisters. Und die Hayinger Frauen buken von nun an ihr Brot und ihre Kuchen nirgends anders mehr, als draußen »in ihrer Vorstadt«. (C. Schnerring, Kirchheim u. T.) Der Munderkinger Sonnen- und Mondfang. Vor langen, undenklichen Zeiten ist es im Schwabenland geschehen, daß die von Munderkingen die Sonne und den Mond haben fangen wollen. »Ihr wisset, Bürgermeister und Gerichtsmänner,« redete der Schultheiß die versammelten Väter an, »wie der Aisterberg neben dem Pflummenhölzle fast ganz öd ist. Es wächst auf dem halben Berg nicht einmal ein Bäumle. Ich bin schon so oft bös darüber worden, wenn ich den Nutzen betrachtet hab', den unser gemeines Wesen hätte, wenn man auch den Berg anbauen könnte. Man hat freilich nichts gespart bisher, es will aber immer nichts batten. Jetzt hab' ich denn auch nachgesucht, wo doch der Fehler stecken möchte, und endlich bin ich drauf kommen. Nacht zu Abend geh' ich in mein Feld hinaus und will denn auch gucken und lugen, wie die Sonne hinabgeht: ob's morgen schön Wetter oder Regen abgibt. Und da seh' ich nun, daß die Sonne gemächlich hinabgeht und grad mitten über den Aisterberg durch. He, gemach! hab' ich gesagt. Bist du der Kamerad, der uns den Berg so verbrennt, sag' ich. Aber sie hat mich nur schreien lassen, und ist dort hinab wie ein anderer Schelm. Und wie ich noch so dasteh', kommt der Mond auch noch. Ja, was willst jetzt du da? hab' ich gesagt; du willst gewiß auch über den Aisterberg nach, und was die Sonne nit verbrennt hat, das willst du gewiß verfrieren lassen, sag' ich. Und wie ich's gedacht hab', so ist's gegangen; denn das Mondmännle, der bucklete Teufel, weist mir noch die Zunge und lauft, was gibst, was hast! über den Aisterberg hinab. Hast du denn, hab' ich gesagt, kein anderes Loch offen gefunden, du Besenbinder, als den Aisterberg? Könntest jetzt nicht ein bitzle einen Umweg machen und im ebenen Land hinab marschieren? Muß denn der Donner dich über alle Bühel und Berg dahin führen? – Und das alles hab' ich mit meinen Augen gesehen. Jetzt aber schließet selbst, wo der Fehler steckt. Ich glaub', es ist leicht zu erraten; denn wo die größte Hitz und die größte Kälte zusammenkommen, da kann ja nichts wachsen. Na habt ihr die Sach'; und es braucht jetzt nichts mehr zu disputieren, als wie dem Ding abzuhelfen ist. Jetzt ratet, Männer!« Peter Enderle, einer der Gerichtsmänner, nahm zuerst das Wort und sagte: »Mich deucht's, man soll gelinde Mittel brauchen und die Sache im Frieden ausmachen. Wir wollen,« sagte er, »so ein Bildstöckle auf dem Berg machen und hinaufschreiben: Bei zehn Taler Strafe soll keiner darüberreiten noch fahren noch gehen, nicht einmal die Sonne und das Mondmännle. Wenn sie aber anders täten, so sollen sie des Landes verwiesen werden auf ewige Zeiten.« Beischen Jackel meinte: »Man sollt' ihnen Gerichtle legen wie den Vögeln, so täten sie's nicht merken.« Uris Hans sagte: »Wenn's brennt, was tut man? Löschen. Feuerkübel, Feuerhaken, Feuerleitern, Feuerspritzen her, so ist die Sonne bald gemeistert. Und dem Mond hängt man ein paar Pulversäckle an und sprengt ihn in die Lüfte. Das ist meine Meinung.« Der Bannwart, gefragt, was er meine, sagte: »Mein Gutachten ist dies: Man nehme Büchsen, Burfel (Pulver) und Böller und schieß den Teufel über den Haufen.« Nun kam die Reihe an den Bürgermeister; der sagte: »Mit reifem Bedacht ist mein folgender Schluß abgefaßt. Und zwar von der Sonne sag' ich, man soll ein paar Heuwägen voll Schnee hinausführen und ans Örtle legen, wo sie durchgeht. Was gilt's, die Hitz' vergeht! Was aber den Mond anlangt, so sag' ich, man soll ein rechtes Feuer aufmachen, so verbrennt er mit Haut und Haar.« Endlich gab der Schultheiß seine Stimme ab und sagte: »Meine wohlsehende Meinung ist, man soll an zwei Stangen ein Garn ausspannen und auf dem Berg heimlich hinlegen. Sobald die Sonne und der Mond kommt, so heben zwei Mann die Stangen auf. Nachher müssen sie mitten durchs Garn und bleiben hangen, und wir haben alle beide Brotdiebe.« Der Rat des Schultheißen ward von allen gutgeheißen. Nur stieg dem Bürgermeister der Zweifel auf, was sie mit Sonn und Mond anfangen sollten, wenn sie's hätten. Auch dafür wußte der Schultheiß Rat und Auskunft: »Man läßt zwei Kästle machen mit Fenster und Umhäng,« sagte er. »Da sperrt man Sonn und Mond hinein. Bei Tag läßt man die Sonn heraus und bei Nacht den Mond. Und daß auch die ganze Gemeinde den Nutzen hab', so lass' ich alle beide Kästle auf den Glockenturm hinaufmachen, eins dahinten, und das andere da vornen; es soll für zwei Knöpf gelten.« Damit waren die Bauern zufrieden. Aber des Schultheißen Student, der den Leuten insgeheim zugehört, und der wohl wußte, was an Sonne und Mond sei, und daß man sie nicht fangen könne wie etwa ein paar Lerchen oder Nachteulen, lachte sich den Buckel voll, und er dachte sich: Das wird einmal wieder einen rechten Schwabenstreich absetzen; ich freue mich schon drauf. Die Bauern gingen alsobald ans Werk. Feuerleitern wurden herbeigebracht, und Feuerspritzen und Feuerkübel, und ein Garn an zwei Stangen, und zwei Paar Pelzhandschuh für die, welche die Stange halten sollten, und die Kästle, darin sie Sonn und Mond einquartieren wollten. Uris Hans und Peter Enderle sollten die Stange halten; der Bürgermeister hatte den Feuerkübel zur Hand, wenn's etwa brennen sollte; Beischen Jackel hielt die Feuerleiter, und der Schultheiß hatte die zwei Kästle in Bereitschaft. Der Bannwart sollte Ordnung und Polizei halten. Und sie kam, die Sonne. »Die Stang in Höh',« rief er Schultheiß, »sie ist unser!« »Nix haben wir« – sagte Uris Hans, der gestolpert und gefallen war, just, wie sie so recht ins Garn gewollt; »hinabgewitscht ist sie hinter den Berg.« Also standen sie da und hatten nichts. Der Student aber, der das Spektakel mit angesehen, lachte sich heimlich in die Faust, und sagte zu ihnen: »Es hätte nicht fehlen können, wenn der Berg nicht gerutscht wäre, mitsamt der ganzen Erde. Und sie sollten sich nur frisch an den Mond machen, der könne ihnen wohl nicht auskommen.« Also, um einen gleichen Unfall zu verhindern, holten sie vor allem Ketten und Seile und Klammhaken und Nägel und Hammer und Deichelbohrer und Wagenwinden und nagelten den Berg an mit Pfählen und Bretternägeln. Der Schultheiß und der Bürgermeister sollten diesmal die Stange halten. Und der Mond kam. Aber er ging hoch über sie hin, und sie konnten ihn nicht fangen, obgleich der Berg nicht rutschte, und die beiden das Garn emporhoben über Manneslänge. Also ist aus dem Mondsfang auch nichts geworden. Der Student aber lachte insgeheim, und er sagte: »Der Berg sei plötzlich eingesunken mitsamt der Erde, und sie dürften nur einen Turm bauen, der bis an den Mond reiche, so könnte es ihnen nicht fehlen mit dem Fang.« Das ließen aber die Bauern bleiben, und darum geht noch heutigen Tags die Sonne und der Mond über den Aisterberg, und es kann sie niemand dran hindern. (L. Aurbacher, Volksbüchlein.) Das Geißtor zu Ulm. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts, als die Städte mit den Fürsten all fort in Händeln und Streit lagen, zog einmal ein starkes Kriegsvolk vor die feste Stadt Ulm und belagerte sie. Aber die Ulmer waren tapfer, und die Feinde konnten nichts gegen sie ausrichten. Sie beschlossen daher, die Ulmer auszuhungern. Die Not in der Stadt war groß. Da machte sich eines Tages ein Angehöriger der Ulmer Schneiderzunft, dem die Jahre den Bart schon völlig gebleicht hatten, auf, um am Albecker Tor durch eine Schießscharte nach dem Feinde auszugucken. Die Feinde sahen ihn wohl, konnten aber nicht nach ihm schießen. Am nächsten Morgen jedoch brachen sie die Zelte ab und zogen davon. Darob verwunderte sich nun jedermann in der Stadt. Erst später erfuhr man, daß die Belagerer den alten Schneider mit seinem weißen Barte für eine Geiß gehalten und daraus abgenommen hätten, daß sie die Stadt niemals durch Hunger bezwingen könnten, wenn sich da noch Geißen auf den Mauern herumtrieben. Das Tor aber, durch welches der Schneider hinausgeschaut hatte, wurde von nun an das Geißtor geheißen, und dieser Name ist ihm bis zum heutigen Tage geblieben. (C. Schnerring, Kirchheim u. T.) Der schiefe Turm zu Ulm. Zu Ulm, der Donaustadt, wurde in alten Tagen über Metzger und Bäcker eine gar strenge Aufsicht geführt, damit sie ihre Waren gut und billig und auch ein volles Gewicht geben sollten. Und wer von den Geschäftsleuten nicht reell war, der wurde ohne Gnad' und Pardon in den Turm geworfen. Einer dieser Türme war das ganze Jahr hindurch fast nur von den Metzgern besetzt. Man nannte ihn deshalb den Metzgerturm. Darob wurden die Ulmer von anderen Reichstädtern gar oft verspottet. Das wurde dem Rat der Stadt aber bald zu bunt. Er beschloß deshalb, daß man sämtliche Metzger der Stadt auf einen bestimmten Tag nach dem Metzgerturme führe. Dort auf der Höhe des Turmes solle ihnen ernstlich angedroht werden, daß sie in die Tiefe gestürzt würden, wenn die Betrügereien nicht aufhören sollten. Aber als nun alle Metzger auf dem Turme standen, siehe, da neigte sich dieser plötzlich ein wenig nach vorn, dahin wo die Metzger stunden, denn diese waren gewichtige Persönlichkeiten und in diesem Stück das gerade Gegenteil vom Schneider von Um. Dieweil sich nun der Turm so vornüber neigte, bekamen die Metzger Angst, schrieen Zeter und Mordio und flohen eilends die Treppe hinunter. Von da an hat aber keiner der Ulmer Metzger mehr die Würste zu früh zugebunden oder das Fleisch zu knapp gewogen, und die Ulmer haben seit dieser Zeit die solidesten und reellsten Metzgermeister im ganzen deutschen Reiche diesseits und jenseits der Donau. Aber als ein Wahrzeichen einer zu leichtwiegenden Vergangenheit steht zu Ulm der Metzgerturm wirklich und wahrhaftig noch schief bis zum heutigen Tag. (C. Schnerring, Kirchheim u. T.) Wie du mir, so ich dir. In einem ansehnlichen Orte herwärts Ulm lebte vor Jahren einmal ein Bauer, der alle Samstag frische Butter zum Torbäcker nach Ulm hineintrug. Ganz regelmäßig lieferte er da fünf Pfund Butter und erhielt dafür fünf Pfund Weißbrot und das weitere in Geld. So hielten es die beiden, der Bauer und der Torbäcker, jahrelang miteinander. Eines Tages jedoch sagte der Torbäcker: »Heute muß ich doch auch einmal meine frisch geeichte Wage prüfen,« legte in die eine Gewichtsschale 5 Pfundsteine und in die andere die Butter des Bäuerleins. Dieses sah vergnüglich zu. Aber siehe da, die Butter wog keine 5 Pfund, sie wog zu wenig. Da wurde nun der Torbäcker fuchsteufelswild und rief die Polizei, daß sie das Bäuerlein beim Schlawittich fassen solle. Diese kam sofort herbei und wollte den Bauern samt seiner Butter vor das Marktgericht bringen. Da sagte das Bäuerlein in aller Ruhe: »Nehmt nur auch gleich so ein Laiblein vom Torbäcken mit. Ich habe zu Haus keine Gewichtssteine, und da hab' ich meine Butter allemal mit so einem Fünfpfünderlein des Torbäcken abgewogen.« Die hohe Polizei lachte. Der Torbäck machte ein langes Gesicht; aber das Bäuerlein zog ungeschoren von dannen. (C. Schnerring, Kirchheim u. T.) Das Hexenbannen zu Langenau. Zu Langenau im Schwabenland saß ein Bauer, Klaus Ott genannt, der ungemein abergläubisch war und den alten Hexen zumaß, was ihm an Unglück auf Erden begegnete. Wurde ihm etwa ein Pferd hinkend oder gab eine Kuh weniger Milch, so schob er die Schuld den Hexen zu, und er war ihnen so herzensfeind, daß er sich an ihnen rächen wollte, hätte er nur gewußt, welche es wäre. Darum wollte er sie gerne kennen. Eines Tages spät, an einem Donnerstag, trat ein fahrender Schüler zu ihm ein, wie sie denn vor Jahren umgingen und lauter Bauernbetrüger waren. Der sagte große Wunderwerke her, wie er ein Meister der schwarzen Kunst wäre, und machte dem Bauern einen blauen Dunst vor. Der fing nun an, über die Hexen zu klagen, wie er ihnen so feind wäre, und sagte, er wollte sich gern an ihnen rächen. Da sprach der fahrende Schüler: »Mein Freund, ich kann dich gar wohl lehren, wie du alle Hexen im ganzen Lande zu bannen und zu beschwören vermagst, so daß sie alle zusammenkommen und du sie sehen und zählen kannst.« – »Einen Gulden gebe ich dir zum Lohn,« erwiderte der Bauer, »wenn du mich lehrst, sie zusammenzubannen auf einen Platz.« – »Ja, ich will dich's lehren,« sprach der Schüler, »doch es ist kein Kinderspiel, und wenn dir die Sache mißlingt, so darfst du mir keine Schuld geben. Es ist mit den Hexen gefährlich.« – Der Bauer sprach: »Ich will vorsichtig damit umgehen. Fang nur die Kunst an!« – Da begann der Student: »So nimm zwei Mann mit dir und geh' mit ihnen hinaus vor den Wald, wo im Feld die alte Eiche steht, gleich bei der dreifachen Wegscheide. Jeder von euch dreien halte ein bloßes Schwert in der Hand, damit macht auf der Erde einen Kreis um die Eiche, etwa auf dreißig Klafter weit. Sodann schürt in dem Kreis ein großes Feuer an, lauft dreimal rings um dasselbe und werft in die Flammen das Herz des Kalbes, das du neulich geschlachtet hast. Auch sprich diesen Segen dazu: Venite , ihr Unhuldibus Bringt Bengel her uns stultibus/ , die semper mit uns pentibus sub capite et lentibus! Sieh, wenn ihr das dreimal gesprochen habt, so kommen die Hexen mit großem Geschrei aus dem Walde und laufen um den Kreis, so daß ihr sie ansehen könnt. Dann sprecht den Segen wiederum, damit kein Ungewitter über euch komme. Doch wenn ihr an dem Segen ein einziges Wort fehlt, so wird der Teufel feurige Kohlen auf euch werfen, und die Hexen werden ohne Scheu ein Ungewitter über euch machen. Auch bleibt alle drei in dem Kreis; denn wenn einer sich herausbegibt, so wird es ihn sein Leben kosten. Das sag' ich dir vor allem; darum magst du es tun oder lassen.« – Der Bauer sprach: »Ich wag's; hab' ich's doch früher oft mit drei Mann aufgenommen. Sag mir noch, um welche Zeit muß ich heute mit den andern zwei hinausgehen?« – »Gleich um Mitternacht,« antwortete der Schüler. Der Bauer war überaus froh; der fahrende Schüler aber besann sich, wie er diesen Bauersmann äffen könne. Abends ging er im Dorf in die Rockenstube, bestellte neun Roßbuben und sagte ihnen, was sie tun sollten. Nachdem diese Frauenkleider angelegt hatten, als wären sie alte Hexen, führte er sie mit sich hinaus in den Wald, dort hieb sich jeder drei Prügel, um dann auf den Bescheid des Schülers zu warten. Dieser schlich sich von ihnen weg zur Wegscheide, setzte sich oben auf die Eiche, damit er alles sehen könnte, und hatte einen Hafen mit glühenden Kohlen bei sich. Um Mitternacht kam nun der Bauer mit zwei Nachbarn. Sie machten mit bloßen Schwertern den Kreis um die Eiche, der wohl dreißig Klafter reichte; dann schürten sie mitten im Kreis ein großes Feuer an; hierauf liefen die dummen dauern dreimal um das Feuer und warfen das Kalbsherz hinein. Sie konnten jedoch den Segen kaum halb sprechen; denn als die Roßbuben das große Feuer sahen, das ihr Zeichen und ihre Losung war, schlichen sie sogleich aus dem Walde und tanzten unter lautem Geschrei und schrecklichen Gebärden mit Spinnrocken, Gabeln, Besen, Schaufeln, Rechen und Ofenbänken um den Kreis herum. Die drei Bauern waren zu Tode erschrocken, vergaßen ihren Segen und zitterten an allen Gliedern. Jetzt nahm der Schüler seinen Kohlenhafen und warf ihn herab unter die drei Bauern. Da wurden diese erst recht furchtsam; sie meinten, der Teufel hätte die Kohlen herabgeworfen und würde sie alle holen. Als nun die Kohlen emporsprühten, fingen die Hexen an, ein Ungewitter zu machen und mit Prügeln in den Kreis zu werfen, so daß den dreien der Angstschweiß ausbrach. Die Hexen trafen sie oft, bald an den Beinen und Lenden, bald an den Köpfen, und doch wagte sich keiner aus dem Kreis. Als nun die Hexen ihre Prügel verworfen hatten, zerstreuten sie sich nach allen Seiten in den Wald. Darüber waren die drei alten Bauern froh; sie trotteten aus dem Kreis heraus und kamen hinkend heim, mit Beulen und blauen und schwarzen Flecken. Und es durfte keiner klagen und in drei Tagen darüber reden; aber sie schworen, fortan nie mehr Hexen zu bannen. – Doch zu dem Schaden mußten sie auch noch den Spott leiden; denn die Roßbuben sagten allen Leuten, wie die Sache verlaufen sei, und so wurde ihre Schande offenbar. Der fahrende Schüler aber hatte schon des Morgens früh seinen Lohn genommen und war davongezogen. (Nach Hans Sachs.) Über den Umgang mit Bauern. Man kann mit den Bauern schon zurechtkommen, wenn man's eben nur versteht... In Leipheim (ist ein Städtle nicht weit von Ulm) fiel der Jahrmarkt gerade auf den Tag, wo auch Holzmarkt war. Wie nun die Krämer ankamen mit ihren Waren und wollten ihre Stände aufrichten, da fanden sie die besten Plätze schon von den Holzwagen besetzt, und die Bauern machten eben keine Miene, daß sie weiterfahren wollten. Da trat ein Krämer unter sie und sagte in höflicher Weise: »Liebe Leute, seid doch so gut und macht uns hier Platz.« Die Bauern schwiegen und hielten aber still. Drauf ging ein andrer zu ihnen und schrie: »Ihr donnerschlächtigen Kerle! Wollt ihr weichen oder nicht?« Die Bauern lachten; sie wichen aber nicht. Zuletzt kam ein Dritter, ein stattlicher Mann, aus dem nächsten Wirtshause; der verstand die rechte Weise. Er fragte den nächsten Bauern, wie teuer er seine Fuhr gäbe bis vor das Haus. Der sagte ihm den Preis, und sie wurden sogleich eins; und der Mann sagte, er solle nur einstweilen vor das Tor hinausfahren; er werde gleich nachkommen und ihm den Platz bezeichnen, wo er abladen solle. Desgleichen handelte er einem zweiten, dritten, und allen übrigen ihre Fuhren ab, und er bestellte sie sämtliche vor das Tor. Die Bauern dankten und fuhren mit Freuden ab, und sie dachten, die große Bestellung sei gewiß für einen reichen Bräu in dessen Märzenkeller, und es könnte noch ein und das andere Mäßle gutes Bier statt des Trinkgeldes absetzen. – Als nun indessen die Marktstände alle geordnet und aufgeschlagen waren, kam der Käufer zu den Bauern, die vor dem Tor seiner harrten und sagte: »So, liebe Leute! Jetzt könnt ihr gemächlich fortfahren bis nach Hochstädt vor mein Haus. Es ist das dritte, links, wenn man zum Tor hineinfährt. ihr könnt nicht irren. Wenn ich dann abends nach Hause komm', werd' ich euch richtig bezahlen.« Die Bauern schimpften; aber sie hielten vor dem Tore, bis andere Käufer kamen, denen sie das Holz nicht so weit führen durften vor das Haus. (Aurbacher, Volksbüchlein I.) Warum die Bauern nicht gern Landsknechte beherbergen. In einem kalten Winter lief im Schwabenlande ein armer Landsknecht zerrissen und erfroren auf dem Bettel an einem Galgen vorüber. Er hörte die Raben sich balgen und sah einen Dieb dran hängen, der zwei gute Hosen anhatte. Da dachte der arme Landsknecht: »Die Hosen kommen mir gerade recht!« und streifte dem Dieb die Hosen ab. Nur an den Füßen wollten sie nicht herunter; denn sie waren fest angefroren. Der Landsknecht fluchte im Zorn und hieb dem Dieb beide Füße ab, die er samt den Hosen in seine weiten Ärmel schob. Nun war es etwas spät am Tag, und ein Dorf lag vor ihm. Da trabte er gar frostig hinein, um dort seine Nahrung zu suchen. Als er nun spät herumgebettelt hatte, hat er zuletzt einen Bauern um Herberge. Der sagte ihm's willig zu, gab ihm eine Schüssel voll warmer Milch und trug ihm eine Schütte Stroh in die Stube, worüber der Landsknecht sehr froh war. Nun hatte dem Bauern diesen Abend eine Kuh ein Kalb gebracht, und es war eine grimmig kalte Nacht, weshalb man das Kalb in die Stube brachte, damit es in der Kälte keinen Schaden nehme. Als nun jedermann schlafen ging und es im ganzen Hause stille ward, zog der Landsknecht die Hosen aus den Ärmeln, die er dem Diebe abgenommen hatte. Er machte die Füße ledig, zog des Diebes Hosen an und machte sich vor Tag davon, ganz still, daß es kein Mensch wahrnahm, und ließ die beiden Diebsfüße liegen. Wie nun früh die Bauernmagd aufstand, mit einem großen Spanlicht in der Hand hinein in die Stube ging und den Landsknecht nicht mehr sah und das Kalb dort in der Ecke laut schreien und blöken hört, meinte sie nicht anders, denn das Kalb hätte den Landsknecht gefressen. Sie war vor Schrecken außer sich, säumte nicht lang in der Stube und sprang zur Tür hinaus und schrie auf dem Hausflur Zeter und Mordio. Der Bauer hörte ihr Mordgeschrei, erschrak und rief aus der Kammer: »Was ist dir?« Sie antwortete: »Weh mir, Bauer! Unser Kalb hat den Landsknecht gefressen, mehr denn halb, nur seine Füße liegen noch da.« Der Bauer zuckte seinen Schweinspieß, schlüpfte in seinen rostigen Harnisch und wollte zum Kalb in die Stube hinein. Da rief die Bäuerin: »O lieber Mann, denk an mich und deine kleinen Kinder!« Der Bauer trat wieder zurück. Die Kinder weinten alle zusammen, und auch der Knecht kam aus der Scheune gelaufen. Jedes meinte, das Kalb hätte den Landsknecht gefressen, und es kam eine solche Furcht und ein solches Grausen in sie, daß sie alle aus dem Hause liefen. Der Bauer sagte dem Schultheiß die böse Mär, wie es des Landsknechts halber mit seinem Kalbe ergangen wäre. Darob wurde dem Schultheiß so heiß, daß ihm der Angstschweiß ausging und er sogleich die Sturmglocke läuten ließ. Die Bauern liefen alle erschrocken auf den Kirchhof, zitternd und fröstelnd, mit ihrer Wehr und ihrem rostigen Harnisch. Da erzählte ihnen der Schultheiß die Geschichte, wie ein grausames Kalb da wäre, das hätte einen großen Mord getan und einen Landsknecht schon bis an die Füße gefressen. »Auf diesen Wurm,« sagte er, »da müssen wir einen großen Sturm wagen, damit man es von dem Leben tue; denn würde das Kalb so groß wie eine Kuh, so fräße es uns einen nach dem andern.« Die Bauern erschraken und zogen vor das Haus. Der Schultheiß war ihr Hauptmann und sprach zu ihnen: »Stoßt die Türe auf!« Die Bauern standen alle zuhauf und blickten das Haus an; doch keiner wollte vorne dran; denn jeder fürchtete, das Kalb möchte ihn zerreißen. Da gab ein alter Bauer den Rat: »Wir ziehen lieber ab und fristen vor dem Kalb unser Leben. Laßt uns dem guten Mann sein Haus bezahlen, dann legen wir Feuer ans Haus und verbrennen es samt dem Ungeheuer von einem Kalb.« Die Bauern schrieen: »Ja, ja, fürwahr, das ist der beste Rat!« So zündeten die Bauern das Haus an und standen mit bewaffneter Hand lauernd darum, denn sie fürchteten, das Kalb möchte entrinnen und nicht im Feuer verbrennen. Doch das Kalb lag und konnte nicht gehen. Derweil kam aber ein Sturm, das Feuer nahm überhand, so daß das ganze Dorf abbrannte und die Bauern zu großem Schaden kamen. Seither finden die Landsknechte bei ihnen keine Gnade. Sie meinen, die Landsknechte seien unglückbringende Leute und beherbergen sie nicht gern, damit ihnen weiter kein Schaden erwachse von solchen Gästen. (Nach Hans Sachs.) Der Fußfall vor dem König. König Wilhelm I. von Württemberg war ein leutseliger und guter Herr und gestattete jedem seiner Untertanen, seine Beschwerden und Wünsche persönlich bei ihm vorzubringen. Zur damaligen Zeit bestand das Gesetz, daß der einzige Sohn einer Witwe militärfrei sein solle, d. h. nicht Soldat werden müsse. Nun lebte im Oberland eine Frau, deren einziger Sohn war zum Militär einberufen. Aber kaum war er einige Wochen unter den Soldaten, als plötzlich der Mann der Frau starb. Da faßte die Witwe den Entschluß, nach Stuttgart zu reisen und den König zu bitten, er möchte ihr den einzigen Sohn wiedergeben, da sie ohne dessen Unterstützung in die bitterste Not geraten würde. Ehe sie die weite Reise von Laupheim nach Stuttgart unternahm, ging sie in die Kirche und flehte vor dem Bilde der Gottesmutter recht innig um Beistand. »Heilige Maria,« betete sie, »du bischt jo au Muater gwea, ond sie hent dir dei' Kend weggnomme. Hilf mer, daß i 's meinig wieder krieg.« So gestärkt machte sie sich auf den Weg. Als sie in Stuttgart angekommen war, wurde sie bei dem leutseligen Fürsten ohne weiteres vorgelassen. Sie wußte aber nichts davon, daß man den König mit dem Titel »Majestät« anredet, sondern sie nannte ihn »Herr Jesus Chrischt von Württaberg«. Der König mußte über diesen seltsamen Gruß lächeln. Als nun die Frau ihr Anliegen vorgebracht hatte, da sagte der König: »Ja, liebe Frau, wir Württemberger Landeskinder müssen alle unsrem Vaterlande dienen. Mein einziger Sohn ist auch Soldat.« – »Jo,« erwiderte die gute Frau resolut, »des ischt ganz ebbes anders, Herr Jesus Chrischt von Württaberg! Dei Bua ka nex; aber mei ischt a Nagelschmied.« (Nach Maisch, Hausschatz.) Mädle 's ist Krieg. Als im Juli 1796 die vom Rhein zurückkehrenden schwäbischen Kreistruppen ihr Lager bei Biberach aufschlugen, kam ein Bauernmädchen aus der Umgegend in die Stadt, um ihre Butter auf dem Markte zu verkaufen. Weil sie nicht genug dafür lösen konnte, ging sie mit ihrer Ware ins Lager. Ein Soldat fragte, was das Pfund koste. – »Einen Gulden,« antwortete das Mädchen. – »Das ist aber viel,« meinte der Soldat. – »Es ist wahr,« räumte das Mädchen ein, »aber 's ist halt Krieg!« – »Nun, so gib her,« sagte der Soldat und bezahlte der jungen Bäurin den verlangten Gulden. Als sie vergnügt einige Schritte sich entfernt hatte, kam ihr der Soldat nach und nahm ihr das Geld wieder ab. Das Mädchen schrie entsetzlich. Aber der Soldat ließ sich nicht schrecken und lachte: »Ja, Mädle, 's ist halt Krieg!« (Pflug, Erinnerungen eines Schwaben.) Der Bürgermeister von Buchau auf dem Reichstag. Wie bekannt, war die Stadt Buchau am Federsee ehemals eine freie Reichsstadt, wenn auch die kleinste im schwäbischen Kreis, da sie nicht mehr Einwohner zählte als heute ein gewöhnliches Dorf im Königreich Württemberg. Und da die Bürgermeister der freien Städte ebensogut als die zahlreichen weltlichen und geistlichen Fürsten des Reiches Sitz und Stimme im Reichstag hatten, so wollte auch Buchau nicht minder als Augsburg, Ulm oder Straßburg sein Recht und seine Ehre behaupten und im Rate des Reiches nicht fehlen. Bisher hatte es sich immer durch andere Städte dabei vertreten lassen. Als nun aber im Jahre 1529 der mächtige Kaiser Karl V. einen Reichstag nach Speier ausschrieb, da beschlossen die Buchauer, diesmal einen eigenen Vertreter ihres Gemeinwesens dorthin zu senden. Sie erwählten dazu ihren Bürgermeister, seines Zeichens ein Fischer. Er sollte auf Kosten der Stadt nach Speier reisen und sehen und hören, wie es da zuging und was da ausgemacht werde. Da nun der gute Mann seinen Mitbürgern die Auslagen ersparen wollte, machte er sich auf, nahm ein Säcklein mit Wegzehrung unter den Arm, den Stock in die Hand und wanderte zu Fuß den weiten Weg von Buchau am Federsee nach Speier am Rheinstrom. Daselbst zog er in seiner schlichten Weise als wandernder Reichsbote ein, während die Abgesandten der andern Reichsstädte hoch zu Roß mit prunkvollem Wesen ihren Einzug hielten. Und man wollte sich kranklachen über den braven Mann, der treuherzig an seine vornehmen Kollegen sich anschloß, indem er ja als Bürgermeister von Buchau so gut als jene vor Kaiser und Reich zu erscheinen berechtigt war. Ja, man nannte ihn in Speier nur den »Apostel«, weil er zu Fuß die weite Reise gemacht hatte. Als nun die Fürsten des Reiches und der Kaiser so lange auf sich warten ließen und Wochen vergingen, bis die Reichstagversammlung vollzählig beisammen war, wurde dem Buchauer Bürgermeister die Zeit zu lang, da es mit seinem Beutel ohnehin knapp bestellt war. Er machte sich also eines schönen Tages unbemerkt davon und pilgerte die Straße, die er gekommen, wieder zurück. Müde und mit Staub bedeckt kam er glücklich wieder in seiner Vaterstadt an und hatte, weil es so warm war, die Strümpfe und Hosen ausgezogen und über die Schulter gehängt. Vom Reichstag hat er nichts gesehen, und es gelüstete ihn auch nicht mehr darnach. (Aus der Zimmerschen Chronik von F. Hummel.) Der Wurzacher Krebs. Die Stadt Wurzach in Oberschwaben hat in ihrem Wappen einen Krebs. Wie er zu dieser Ehre gekommen ist, erzählt folgende Sage. Einmal zogen aus Wurzach und der Umgegend alle Tiere fort. Warum? Das kann ich nicht sagen, denn es ist schon viele, viele Jahre her. Die Wurzacher kannten daher weder Vogel noch Frosch, weder Hase noch Fisch. Nun geschah es aber einsmals, daß sich ein Krebs nach Wurzach verirrte. Auf einer Wiese vor der Stadt spazierte er auf und ab, und jung und alt sammelte sich um das wunderliche Ding, das sie in ihrem Leben noch nie gesehen hatten. Ganz besonders merkwürdig war ihnen, daß der Krebs rückwärts zu gehen schien. Die Wurzacher meinten nicht anders, als er wolle tanzen und sich im alten Achtertanz üben, der bald vorwärts bald rückwärts ging. Wie aber der Krebs immer nur rückwärts kroch, riefen sie ihm zu: »Jetzt auch einmal vorwärts, nit immer rückwärts!« So wollten sie den Krebs tanzen lernen. Der aber tanzte trotz all' ihren Bemühungen nicht. Doch war von nun an der Krebs in Wurzach ein hochgeachtetes Tier, und als die Stadt ein Wappen erhielt, war es eine ausgemachte Sache, daß der Krebs das Wappentier sein solle. (Nach A. Birlinger.) Wie der Leutkircher Bürgermeister eine Wette verloren hat. Die Reichsstadt Leutkirch wollte sich einmal einer wichtigen Angelegenheit willen Rats erholen und sandte darum ihren Bürgermeister nach Ulm. Den Bürgermeister begleitete aber ein Stadtknecht namens Thoma Frick, ein durchtriebener und zu allen Schalkheiten aufgelegter Mann. Wer fragte unterwegs seinen Herrn, was er denn zu Ulm so Notwendiges zu verrichten hätte. Antwortet ihm der Bürgermeister: »Thoma, Thoma, das gebührt mir nicht dir zu sagen, viel weniger dir, daß du mich das fragst oder zu wissen begehrst; ich werd's dir darum auch nicht sagen.« Sagt darauf der Knecht: »Wohlan, Herr Bürgermeister, verhehlet vor mir die Sache, soviel Ihr wollet; ich wette aber, daß ich Eure Geschäfte erfahre, bevor Ihr Ulm wiederum verlassen habet.« Der Bürgermeister wollte es nicht glauben und ging die Wette ein, und zwar sollte der, welcher verliere, dem andern eine gute neubackene Mutschel kaufen, wie man sie in Ulm schon damals in hervorragender Weise zu backen verstand. Wie sie nun nach Ulm in ihre Herberge kamen, schickte der Bürgermeister alsbald seinen Knecht zum Ulmer Bürgermeister, um ihn fragen zu lassen, wann er bei ihm vorsprechen könne. Thoma Frick ging hin, und nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet und Bescheid erhalten hatte, sagte er vor dem Weggehen zum Ulmer Bürgermeister: »Ach, Herr, ich muß Ew. Weisheit noch eins ansagen: Mein Herr hört nit wohl und muß man gar laut mit ihm reden, sonst versteht er's nicht; zudem schreit er sehr laut beim Reden. Damit weiß sich Ew. Weisheit wohl darnach zu halten.« Der Ulmer Bürgermeister sprach: »Wohlan, guter Gesell, du hast wohlgetan, daß du mir solches hast angezeigt. Ich will mich darnach richten und ihn zu mir allein in mein oberes Stüblein nehmen.« Damit ging der Thoma Frick zu seinem Bürgermeister und sagte ihm, was er ausgerichtet. Aber des letzten Punktes geschwieg er. Und zum Beschluß sprach er: »Weiser Herr, ich kann Ew. Weisheit nit verbergen: Der Bürgermeister allhie hört gar übel, daß es schade ist um den stattlichen Mann. Ich hab' ihm laut zuschreien müssen, auch hat er selber sehr laut gesprochen; das wollen sich Ew. Weisheit nit irren lassen.« Der Leutkircher Bürgermeister sprach: »Es ist recht, daß du mich dessen hast unterrichtet, will ihm laut und hell genug reden.« Damit gingen die beiden über Tisch, waren fröhlich und guter Dinge, legten sich darauf auch friedlich zu Bette. Des Morgens um die bestimmte Stunde ging der Leutkircher Bürgermeister zu dem von Ulm. Es wartet auch sein Knecht, der Thoma Frick, bei dieser wichtigen Staatsaktion ganz geflossen auf. Also empfingen beide Bürgermeister, Ihre Weisheiten, einander aufs stattlichste. Sie redeten auch beide so laut miteinander, daß ein Zuhörer dessen würde gelacht haben. Und nach langem Gepränge gingen sie miteinander in das obere Stüblein. Der Frick folgte ihnen ganz heimlich nach und blieb vor dem Stüblein stehen. Also zeigt der Bürgermeister von Leutkirch seinen Auftrag dem andern an, und der Ulmer gibt ihm darauf den Bescheid. Das geschah aber mit so lauten Reden, daß Thoma ganz gut alle Worte vor dem Stüblein hören konnte, wiewohl er nicht tat, als ob er horche. – Als die zwei Leutkircher nun wieder in die Herberge kamen und zu Mittag gegessen hatten, auch auf den Abend wieder nach Hause reiten wollten, sprach der Bürgermeister zu dem Fricken: »Wohlan, Thoma, sag' mir nun, was ich allein zu schaffen gehabt habe, oder du hast die Wette verloren.« Der Knecht tat zuerst, als ob er darüber nicht übel entsetzt wäre und nichts davon wüßte, ließ auch den Bürgermeister eine gute Weile auf dem Wahn. Zuletzt aber rückte er heraus und konnte ihm schier von Wort zu Wort sagen, was von den beiden Bürgermeistern im Stüblein war geredet worden. Dessen konnte ich der Leutkircher Bürgermeister nicht genug verwundern, noch viel weniger sich denken, wie er's erfahren hatte. Er mußte darum bekennen, daß er die Wette verloren habe, und die Mutschel bezahlen. Die nahmen sie mit auf den Weg und teilten sie brüderlich miteinander, als sie Hunger hatten. Also kamen die beiden in gutem Frieden wieder heim, wo auch der Bürgermeister mit großem Verwundern den Seinen eröffnet hat, was zu Ulm geschehen war. (Nach der Zimmerschen Chronik von R.) Buchhorner Geschichten. I. Einst kam der Kaiser Friedrich III. vom Welschland heraus über die Alpen an den Bodensee. Die Städte am See rüsteten sich gewaltig, den Herrn ehrenvoll zu empfangen. Der Kaiser kam auch nach Buchhorn (jetzt Friedrichshafen). Da hatte der Rat der Stadt lange hin und wieder beraten, wie sie Seine Majestät würdig aufnehmen wollten. Zum guten Ende wurden sie einig, der Bürgermeister der Stadt solle eine Ansprache an den Herrscher halten und dabei die Worte recht zierlich setzen. Dazu war der Mann von Herzen gern bereit. Wie nun der Kaiser sich nahte, ging ihm Rat und Gemeinde in festlichem Zuge entgegen; der Bürgermeister überreichte die Schlüssel der Stadt und hielt folgende Ansprache: »Allergnädigster Kaiser! Meine Herren von Buchhorn heißen Ihre Majestät willkommen sein und schenken derselbigen hiemit zehn Gulden Gold zu einer Verehrung in diesem Hüdelin (Tüchlein) verknüpft. Wenn Ihr's nit glauben wollt, mögt Ihr's auftun und zählen lassen!« Mit diesen Worten hat er dem Kaiser das Hüdelin überreicht und in die Hand gegeben. Der hat es ganz gnädig von ihm angenommen und »der guten Leute wohl lachen mögen«. II. Als Kaiser Maximilian I. in Konstanz weilte, wollte er auch seiner getreuen Stadt Buchhorn einen Besuch abstatten. Er ließ es den Buchhornern anzeigen, und sie waren darüber hochgeehrt und gedachten den Kaiser mit etwas Besonderem zu erfreuen. »Gold, Silbergeschirr, Wildbret, Fische und ähnliche Dinge bekommt er überall die Menge,« sagten sie, »wir wollen ihm etwas geben, was er noch nirgends bekommen hat.« Aber was? Darüber waren sie nicht im klaren, und sie zerbrachen sich darob die Köpfe lange Zeit. Endlich sagte der oberste Zunftmeister: »Liebe Herren! In meinem Garten steht ein Ömlibaum (Sauerkirschenbaum) voll mit Ömli. Wenn wir den Baum dem Kaiser schenken, wird er seine helle Freude daran haben.« Den Ratsherren gefiel der Vorschlag gar sehr. Sie ließen den Kirschbaum mit Grund und Wurzeln ausgraben und aufrecht in ein Schiff stellen. So fuhren sie dem Kaiser auf dem See entgegen. Und als sie ihn bewillkommt hatten, schenkten sie ihm den Baum mitsamt den Kirschen daran, und der Kaiser bekannte selbst mit lachendem Munde, daß er wahrlich ein solch seltsames Geschenk noch nirgends erhalten habe. III. Ein andermal war Kaiser Maximilian wiederum zu Besuch in Buchhorn. Vor seiner Abreise ließ er den Bürgermeister und die Ältesten der Stadt zu sich bescheiden, um ihnen mündlich etwas zu befehlen. Die Herren sammelten sich auf dem Rathaus, und da es sehr heiß war, beschlossen sie, vorher eine gute Knollenmilch zu essen und damit den Durst zu löschen. Während sie im besten Geschäft waren, kam Botschaft von dem Kaiser, sie möchten sofort kommen. Darüber erschraken die Herren nicht wenig und eilten, so schnell sie konnten, ins kaiserliche Quartier. Der Kaiser war sehr verdrießlich, daß sie ihn hatten warten lassen. Doch als er sie sah, verging ihm der Zorn, und er mußte hell auflachen. In der Eile hatten nämlich die Herren sich nicht Zeit genommen, die Bärte zu säubern. Ganz besonders die Bürgermeister, die vorn stunden, hatten den Bart voll mit Knollenmilch. Der älteste Bürgermeister nahm das Wort, um das lange Ausbleiben zu entschuldigen, aber der Kaiser sagte mit Lachen: »Ja, ja, es bedarf der Entschuldigung nicht, sehe ich doch, daß ihr im Brett gespielt habt, denn es hängen euch ja die Steine noch in den Bärten.« Die guten Leute erschraken noch mehr und wurden ganz wirr. Als sie aber in ihre Bärte griffen, fanden sie, daß der Kaiser recht gehabt hatte, denn die Milch blieb ihnen in den Händen hängen. Dieweil aber der Kaiser besorgte, daß die Umstehenden darüber ein Gelächter und ihren Spott möchten treiben, begann er schnell über das zu sprechen, warum er sie hergefordert hatte, und entließ sie hernach mit allen Gnaden. IV. Ale der Bürgermeister von Buchhorn einst auf den Reichstag nach Augsburg ritt, begleitete ihn ein Ratsherr und ein Ratsdiener, die beide gut befreundet und ganz gemein mit ihm waren. Sie fanden unterwegs Gesellschaft: mehrere Edelleute und Herren, die ebenfalls auf den Reichstag zogen und mit den Buchhornern wohl umzugehen wußten. Mit ihnen kehrten sie des öfteren ein. Es wurde wacker getrunken und gezecht, und da geschah es, daß die Buchhorner nicht nur ihre Kappen und Handschuhe, sondern auch die Sporen verloren. Dem Bürgermeister allein verblieb noch ein Sporn am Stiefel. Wie sie nun so dahinritten, wurde des Ratsdieners alter Gaul störrisch und wollte nicht mehr weiter. Der Bürgermeister aber hatte ein junges mutiges Pferd, und da er ein schlechter Reiter war, richtete er mit ihm gar oft große Verwirrung unter der Reiterschar an. Der Ratsdiener ritt also zum Bürgermeister hin und sagte: »Mein Herr Bürgermeister, dieweil Ihr mit einem Sporn den Gaul so wohl tummeln könnet und Euch gar so ritterlich haltet, so stechet auch einmal in meine alte Mähre; denn ich weiß sie sonst nicht weiter mehr fortzubringen.« Alles lachte zusammen über diese Rede. Und obwohl es dem Bürgermeister nicht gefiel, wurde er doch darüber gar oft geneckt. Die Buchhorner »hören's noch heutiges Tags nit gern, und wer diese Histori bei ihnen sollt zum Schlaftrunk erzählen, wird bald fremde Händ' im Haar überkommen.« (Nach der Zimmerschen Chronik.) Der Lindauer Seewein. Eines Abends spät kamen Christus und Petrus auf Ihrer Wanderung nach Lindau am Bodensee und suchten eine Herberge, wurden aber von den Bürgern der Stadt überall abgewiesen. Vor der Stadt wohnte ein armer Taglöhner mit seinem Weibe in einem kleinen Häuschen. Diese Leute nahmen die Gäste willig auf, setzen ihnen Speise, wie sie eben versehen waren, vor und bereiteten ihnen ein Lager von Stroh. Als Christus und Petrus das spärliche Mahl genossen hatten, gaben sich den armen Leuten zu erkennen, und der Herr sprach: »Weil ihr so gute Leute seid, so dürft ihr einen Wunsch aussprechen, und der wird euch gewährt werden.« Sie besannen sich nicht lange und meinten, wenn sie um ihre Hütte nur ein Gärtchen und dabei ein kleines Gütchen hätten, so wären sie zufrieden. »Euer Wunsch sei euch gewährt!« sprach der Herr. Ehe noch die armen Leute aus dem Schlafe erwacht waren, hatten die Gäste ihre Wanderung am frühen Morgen angetreten. Als der Taglöhner und sein Weib erwachten, war ihr erstes, sich vor ihrer Haustüre umzusehen. Wie groß war ihr Erstaunen und ihre Freude, als sie um ihre Hütte einen schönen Garten mit fruchttragenden Bäumen und dabei Wiesen und Äcker mit schweren Ähren erblickten! Eben kam einer der reichen Bürger der Stadt, welchem sie alles erzählten. Dieser eilte in die Stadt zurück; der Rat versammelte sich und faßte den Beschluß, den göttlichen Wanderern eine Deputation nachzusenden und den Herrn auch um die Erfüllung eines Wunsches zu bitten. Als die Abgeordneten die Wanderer erreicht hatten, machten sie viele Bücklinge, brachten Entschuldigungen vor und beteuerten, daß sie ihnen gewiß Nachtquartier würden gegeben haben, wenn sie gewußt hätten, wer sie wären. Ihre Gegend sei schön und fruchtbar, wenn sie nur auch Reben hätten. »Sie seien euch gewährt!« sprach der Herr. Als die Abgeordneten mit vielen Bücklingen ihren Rückweg angetreten hatten, fragte Petrus unwillig: »Herr, wie magst du den groben Kerln, die uns kein Nachtlager gönnten, Wein wachsen lassen?« Der Herr aber schmunzelte vor sich hin und sprach: »Beruhige dich nur, Peter, und gib dich zufrieden! Ich habe den Lindauern zwar Reben versprochen, und so wird ihnen Wein wachsen; aber frage mich nur nicht, was für einer!« – Und als die Leute nun im Herbst ihren Wein kelterten und tranken, da nannten sie ihn »die Tränen Petri«; denn Petrus weinte einst in Reue – »bitterlich«. (Reiser, Sagen des Algäus.) Drei Stücklein des Spiegelschwaben. I. Im Blauen Bock zu Konstanz. Nachdem die sieben Schwaben ihre Heldentat vollführt und das Untier am Bodensee erlegt hatten, Siehe Band I. der W. Volksbücher, Sagen und Geschichten trennten sie sich. Nur der Algäuer und der Spiegelschwab' blieben beisammen; denn der Spiegelschwab sagte: »Lieber zu des Teufels Großmutter, als heim zu meinem Weib!« – »Wir gehen in meine Heimat, dem Bodensee nach,« sagte der Algäuer, dann kommen wir ans Gebirg, und dann können wir nimmer fehlen.« – »Horch, Brüderle, was ich dir sagen will,« sagte drauf der Spiegelschwab; »was meinst, wollen wir nicht vorerst noch ein bißle auf und über das deutsche Meer? Die Gelegenheit ist gar geschickt, und wir haben sie nicht alle Tag. Auch sagt der Seehas, es liege dort jenseits eine Stadt, die heiße Kostnitz, da dürfe man nur fragen: Maul, was willst? so habe man's wie im Schlaraffenland, und was die Hauptsache sei, sagte er: es kost nits, wovon eben die Stadt den Namen habe.« – »Bygost!« sagte der Algäuer, »recht wär's schon, wenn's nur auch wahr wär.« – »Probieren können wir's ja,« versetzte der Spiegelschwab, »das Probieren kost nits.« – Also fuhren sie mit dem Marktschiffe über den Bodensee nach Kostnitz; und das erste Wirtshaus, das ihnen in die Augen fiel, war der Blaue Bock, und siehe da! auf dem Schilde stand geschrieben: Morgen ist alles zechfrei. »Bygost!« sagte der Algäuer, »diesmal hat der Seehas nicht gelogen.« – »'s ist nur schad,« sagte der Spiegelschwab, »daß wir um einen Tag zu früh gekommen.« Also kehrten sie beim Blauen Bock ein. Abends, als sie die kleine Zeche bezahlten, fragte der Spiegelschwab den Wirt: »Mit den Worten auf Eurem Schild hat's doch seine Richtigkeit?« – »Ja,« sagte der Wirt, »ein Mann, ein Wort!« So saßen sie denn wie angepicht den ganzen folgenden Tag und zechten bis in die Nacht hinein, der Worte eingedenk, die auf dem Schilde zu lesen waren. Und der Wirt und die Wirtin gingen fleißig zu und von und hatten ihre Freude an den Zechbrüdern und zumal auch an des Spiegelschwaben Schnaken und Schnurren. Des andern Tags in der Früh, nachdem sie noch ein paar Seideln zu Gemüt genommen, schickten sie sich endlich zum Aufbruch an, und sie sagten zum Wirt: »Schönen Dank für die höfliche Bewirtung!« – »Ist meine Schuldigkeit gewesen,« sagte der Wirt. »Aber, mit Verlaub!« setzte er hinzu, »laßt nun sehen, was eure Schuldigkeit sei.« Und er ging zur Schreibtafel und rechnete. »He!« rief der Spiegelschwab, »was wär' denn dies? Was steht denn auf Eurem Schild?« – »Ein Bock,« sagte der Wirt lachend, »der die Leute blau anlaufen laßt.« – »Aber die Worte drunter?« – »Ich steh' zu meinen Worten: Morgen ist alles zechfrei – aber nicht heute, nicht nächten und vornächten. Verstanden?« – »Bygost!« sagte der Algäuer, »merkst du nun, was die Kreide gilt?« Der Spiegelschwab aber dachte sich: Schalk muß mit Schalk gefangen werden, und er hatte alsbald seinen Einfall, den er dem Algäuer ins Ohr raunte. Beide nahmen sofort ruhig ihre Beutel heraus und klapperten damit, als hatten sie was; und der Spiegelschwab sagte zum Algäuer: »Laß! ich will schon bezahlen.« – »Bygost!« sagte der Algäuer, »die Ehre laß ich mir nicht nehmen – ich will bezahlen.« So stritten sie eine Weile miteinander. Da sagte endlich der Spiegelschwab zum Wirt, der ihnen die Schuldtafel wies: »Ihr seht schon, wir beide können uns nicht vertragen, allein von wegen der Ehre; da wird's nun schon besser sein, daß das Los entscheide. Wißt Ihr was? Um zum Kehraus noch einen Jux zu haben, wollen wir blinde Mäusle spielen, wen Ihr ertappt, der zahlt – damit Punktum!« Der Wirt ließ sich den Spaß gefallen und die Augen verbinden. Die beiden zogen ihre Schlarfen aus, und nun ging's in der Stube husch auf und ab, 'rum und 'num. Bald war der Algäuer zur offenen Tür' hinaus, und der Spiegelschwab, nachdem er noch ein und den andern Schuß getan, schlich ihm nach, lugte aber noch zum Guckerle hinein, um zu sehen, welche Sprüng' und Griff' der blaue Bock mache. Indem trat die Wirtin zur Tür' herein. Der Wirt rannte auf sie zu und rief: »Du mußt bezahlen!« – Der Schwabenstreich ward nun kundbar. Der Wirt wollte den Strolchen nach, aber die Wirtin sagte: »Laß die hungrigen Schwaben laufen! Haben sie uns doch von dem Hasen befreit, dem Untier, das zuletzt noch unsere Kinder und Rinder aufgefressen hätte.« So kamen beide ohne Kosten aus Kostnitz und fuhren mit dem Marktschiff wohlgemut nach Lindau über. II. Der Lindauer Fuchsschwanz. Lindau heißt das deutsche Venedig. Stadt und Wasser sind zwar um vieles kleiner als die welschen; aber lieblich ist's doch dorten, und schön und groß. Absonderlich wenn man am Hafen steht, da wimmelt's von Menschen, und es kommen hier Leute zusammen aus allen Weltgegenden, sogar aus der Schweiz. Da dachte der Spiegelschwab: Hier wäre gut sein, wenn man nur Geld hätte! – Not macht erfinderisch, und so kam ihm der Einfall, einen Wurmdoktor zu spielen, um Geld zu verdienen. Der Algäuer, dem er seinen Plan anvertraute, schüttelte zwar den Kopf und meinte, man könnte sie ertappen auf dem Betrug. Jener aber sagte: »Dafür solle er nur ihn sorgen lassen; und kurzum: Die Welt will betrogen sein,« sagte er; »glaub's mir nur, Algäuer!« – »Ich muß wohl,« sagte der Algäuer, indem er in seinem leeren Täschle herumstierte. Also sammelten sie auf der Straße fleißig, was sie da geeignet zu Pillen und Pulver fanden, und verteilten es in kleine Paketlein. Des andern Tages wurde dann die Bühne auf dem Hafendamm aufgeschlagen. Der Spiegelschwab zeigte sich als ein Doktor in Mantel und Barett und mit einem Knebelbart geziert, den er einem schwarzen Bock ausgerauft hatte. Der Algäuer aber, der den Hanswurst spielte, war mit einem groben Kotzen angetan wie ein Fätschenkind und sah schier aus wie der steinerne Steffel von Ulm. So bestiegen sie beide die Bühne, und der Hanswurst schrie aus: »Allhier sind zu haben allerlei wunderbarliche Mittel!« und sagte dann eine ganze Litanei von Wehtagen und Lahmtagen her, die der Doktor, sein Herr, heilen könne. Und die Leute kamen herbei und kauften, und wenn sie ihn fragten wofür? so antwortete er: für alles, nur könne er nicht aus alten Weibern junge machen; sonst, sagte er, wäre er freilich ein steinreicher Mann. »Dumm sind die Leute genug,« dachte sich der Spiegelschwab, »also kann man's schon weiter treiben mit ihnen.« Er rief also aus, daß er auch wahrsagen und einem die Planeten stellen könne. Der muß aber wissen, daß er dies Handwerk schon längst getrieben hatte und zwar mit dem besten Erfolg; er hatte einen ganz einfachen Kunstgriff dabei: er prophezeite nichts Gutes. Wenn nun das Böse eintraf, so war's richtig; traf es aber nicht ein, so war's um so mehr recht. Und also setzte er sich weit und breit in den Ruf des besten Wahrsagers, und man ging zwar mit Zittern und Zagen hin, aber man kam doch. Die Lindauer, wie sie denn neugierige Leute sind, ließen sich auch hierin zum besten haben, und wie sie sahen, daß einer um den andern mit einem bedenklichen Gesicht wegging und den Kopf hängen ließ, so wurden sie immer mehr und mehr in der Meinung bestärkt, daß er's auf ein Haar treffe. Und nach und nach kamen alle Lindauer und brachten ihm ihre Bärenbatzen. Endlich dauerte es ihm zu lange – denn sein Säckle war gefüllt – und er stand auf und sagte zu der Menge, die umherstand: »Eigentlich, liebe Leute, nutzt euch all mein Wahrsagen nichts; denn binnen heut und drei Tagen geht ohnehin die ganze Stadt Lindau zugrund mit Mann und Maus. Wollt ihr ein Zeichen haben? Das will ich euch geben. Ihr sollt's am Himmel sehen, und kein gewöhnliches; nicht etwa Feuer und Schwert, sondern, liebe Leute, einen leibhaftigen Fuchsschwanz.« Die Lindauer rissen Augen und Ohren auf und wußten nicht, was sie denken sollten. »Kommt nur,« sagte der Doktor, indem er von der Bühne herabstieg, »ihr sollt Wunder sehen.« Sie folgten ihm nach. Er blieb vor dem Hause eines Kürschners stehen, der einen Fuchsschwanz statt eines Schildes aushängen hatte. »Jetzt schaut,« sagte er zu den Umstehenden, »seht ihr nicht den Fuchsschwanz am Himmel?« Die Umstehenden schauten; es drängten sich andere nach, immer mehr und mehr, und sie sahen alle – daß sie gefoppt seien, und lachten einander aus. Inzwischen hatten sich der Spiegelschwab und der Algäuer fein weggeschlichen und aus dem Staube gemacht. – Die Lindauer aber sehen noch heutigen Tags den Fuchsschwanz am Himmel und halten für gewiß, daß ihre Stadt einmal zugrunde gehen wird. III. Drei Vögel. Auf seiner Wanderung durchs Bayerland kehrte der Spiegelschwab einmal in einem Wirtshause ein. Da traf er den Tiroler, der mit Theriak und Schneeberger durchs Land handelte. Nachdem sie sich begrüßt und nach dem Woher und Wohin befragt hatten, ging das Hänseln an, wie's denn gute Gesellen zu tun pflegen. Indessen trat der Wirt herein, ein grober, dickleibiger Bayer, der, sobald er den Schwaben witterte, sogleich anschlug wie ein Jagdhund. Beim Spiegelschwaben hatte es aber keine Not, denn der blieb keine Rede schuldig und auch keine Grobheit. Der Wirt, nach der Gewohnheit der Bayern, fing gleich an den Schwaben aufzuziehen von wegen der »Sprauch«. Da sagte der Spiegelschwab: »Wißt ihr was? Weil ihr Euch so proglet mit Eurer Sprach', so soll's eine Wette gelten um die doppelte Zeche; wer drei Vögel am geschwindesten nennt, der soll gewinnen, der langsamste muß bezahlen. Der Tiroler da soll den Ausspruch tun, und kann umsonst mittrinken.« Der Tiroler sagte, er tue selbst mit, vermeinend er werde gewinnen. Also wurden sie der Wette eins. Und der Schwab fing an und sagte so geschwind er konnte: »Zeisle, Meisle, Fink.« Darauf sagte der Tiroler, bedächtig und langsam: »Eppermal ein Alster, eppermal ein Amsel, eppermal ein Nachtigall.« Der Wirt sagte: »Tiroler, du mußt bezahlen.« Darauf der Tiroler: »Ich muß echterst hören, was du noch vorbringst.« Der Wirt fing an und sagte: »Ein Da'l, ein Sta'l. Dohle, Star. Da fiel ihm aber der dritte Vogel nicht ein, und er besann sich lange; endlich sagte er: »und ein' Spansau.« Darob lachten die beiden andern Gesellen, und der Tiroler sagte, der Wirt müsse bezahlen, als der am langsamsten gewesen sei. Und der Schwab fragte ihn, ob denn die Bayern die Spansau zum Federvieh zählten. Der Wirt aber stand auf, ärgerlich, und sagte auf gut Hochdeutsch: »Küßt mich am Buckel!« – Und also zechten die drei wacker miteinander, und der Spiegelschwab war nicht der letzte zum Krug. Als sie alle drei satt hatten, obwohl noch lange nicht genug, fragte der Wirt nach der Zech und zahlte sie dem Spiegelschwaben aus, und der strich sie ein, als wäre er der Wirt und der andere der Gast. Und er sagte: »Dank für die Bezahlung.« Drauf, als er Abschied nahm, sagte er zum Wirt, er wolle ihm noch ein Rätsel zum besten geben, damit er sich bei andern die doppelte Zeche wieder abverdienen könne. Das war dem Wirt recht, und der Spiegelschwab sagte: »Was ist das für ein Ding: Es hat keine Augen und sieht doch; es hat keine Ohren und hört doch; es hat keine Nase und riecht doch; es hat keinen Mund und ißt doch; es hat keine Hände und greift doch; es hat keine Füße und geht doch? Jetzt ratet!« Der Wirt wußte es nicht und gab sich gefangen. Der Spiegelschwab sagte, es sei dies ein Bayer. Denn die Bayern hätten keine Augen sondern »Göckel«; sie hätten keine Ohren sondern »Loser«; sie hätten keine Nase sondern »Schmecker«; sie hätten keinen Mund sondern eine »Goschen«; sie hätten keine Hände und Füße sondern »Bratzen und Haxen«. – Es war ein Glück für den Spiegelschwaben, daß er die Türschnalle schon in der Hand hatte und hinauswitschte. Er hätte sonst einen tüchtigen Guß mit auf den Weg bekommen. (L. Aurbacher, Volksbüchlein.) Zwei Schwabenstreiche. I. Ein Schwabe von der Ulmer Alb kam einstmals vor Jahren ins Preußische hinein. Und dieweil er redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war, so merkte es bald jedermann, was für ein Landsmann er war. Da fingen nun die Preußen an, ihn zu rätzen und zu hänseln, und dazu haben sie ja dort drinnen das richtige Mundstück. Der Hannes aus Schwaben aber verstand einen Spaß, wie alle seine Landsleute auch. Und als die Preußen ihn nun einmal foppten: »He, Schwäble, ist es wahr, daß bei euch daheim die Leute erst mit dem vierzigsten Lebensjahr gescheit werden?« da lächelte der Schwabe nur ein wenig und sagte: »'s ist währle wohr, i kann's nit leugna. Meine Landsleut' werden erst mit dem vierzigsten g'scheit! Aber se müsset scharf aufpasse, daß sie's richtig Minütle nit verpasse, sonst bleibet se dumm, grad so dumm wie die Leut im Preußischen und um des Berlin 'rum.« (C. Schnerring, Kirchheim u. T.) II. Ein preußischer Offizier reiste einst durch Schwaben und stellte, da ihn ein Regen überfiel, im Wirtshaus eines kleinen Dorfes ein. Während der Hausknecht das Pferd in den Stall brachte, geleitete der Wirt den Herrn in die Gaststube. Nachdem der Offizier die nassen Kleider gewechselt hatte, fragte ihn der Wirt: »Und nun, Herr Offizier, mit was darf ich jetzt aufwarten?« Der Preuße, einer von denen, die die Nase hoch tragen und klüger sind als andere Leute, wollte den »dummen Schwaben« uzen und sagte, indem er dem Wirt seine durchweichten Reitstiefel reichte: »Bitte, ein Paar Pantoffeln und – einen Schwabenstreich.« Der Wirt, der nicht so dumm war, wie er auszusehen schien, dachte: »Wart', du sollst einen Schwabenstreich haben, an den du noch lange denken wirst.« Er ging hinaus, nahm ein Messer und schnitt an den Stiefeln die Vorderfüße ab. Diese trug er sodann in die Stube hinein und stellte sie dem Herrn als Pantoffeln zu Füßen. »Um Gottes willen!« rief dieser aus, was habt Ihr da gemacht?« – »Nichts weiter,« entgegnete ruhig der Wirt, als einen Schwabenstreich, wie Ew. Gnaden es mir befohlen haben.« (Nach Pegeus u. Webers Demokritos v. K. Rommel.)